Kajus Rungholt Erzählung aus dem siebzehnten Jahrhundert von Charlotte Niese 7 I. »Noch einmal erzähle mir vom grimmen Waldstein, vom Schwedenkönig Gustav Adolf und von der Schlacht, in der du mitgekämpft!« rief eine junge bittende Stimme, und eine sonnverbrannte kräftige Knabenhand legte sich schmeichelnd einem ältlichen Manne auf die Schulter. Der Angeredete, der auf einem rohbehauenen Steinbänkchen saß und mit der Ausbesserung einer alten Wolljacke beschäftigt war, schüttelte den kurzgeschorenen Kopf. »Geht nicht, Junkerlein!« sagte er kurz; »wißt Ihr doch selbst, daß die edle Frau mir bereits zweimal zehn Peitschenhiebe hat verabreichen lassen, weil ich mit Euch gar zu umständlich gesprochen und an den Schweden mancherlei ausgesetzt habe, was Eure Mutter in Harnisch brachte. Denn ob sie schon aus mecklenburgischem Hause ist, liebt sie doch die schwedischen Völker, als wären es ihre Brüder.« »Weshalb tut sie das, Hinnerk?« »Weiß ich's, junger Herr? Die edle Freifrau gönnt mir nur das Wort, wenn sie mich schilt. Aber geht, Junker Kai! Sie möchte Euch hier in meiner Nähe erblicken, und dann muß mein alter Rücken für Eure Neugier büßen.« Der Junker ballte zornig die Hand. 8 »Bei meiner Seele, Hinnerk, wenn Holleby erst mein ist, werde ich dich niemals schlagen lassen!« Der Knecht pfiff leise vor sich hin, und über seine wetterharten Züge flog ein gutmütiges Lächeln. »Ihr habt ein gutes Herz, Junker Kai, aber wenn Ihr Herr über Holleby sein werdet, dann seid Ihr stolz und herrisch wie die andern Edelleute. Das liegt euch Großen im Blute: ihr müßt schlagen, und das Volk muß den Nacken beugen. Mir will freilich das Bücken nicht schmecken; wir von Fehmarn sind freigeboren und kennen keine Edelleute über uns. Daher werde ich wohl bald in meine Heimat reisen und euch allen Valet sagen!« Kai faßte den Arm des Knechtes mit festem Griff. »Das darfst du nicht!« rief er fast angstvoll. »Bedenke, was der Vater sagen wird, wenn er kommt und dich nicht hier findet! Was willst du auf Fehmarn? Hast du mir nicht selbst gesagt, daß dies Inselein flach und häßlich ist? Kein Baum wächst dort, seit König Erich den Wald abgebrannt hat. Bleib doch auf unserm schönen Seeland, bei unseren Buchenwäldern! Du wirst ja Heimweh nach unserem Lande bekommen!« »Glaubt Ihr?« fragte Hinnerk halb spöttisch. »Was gehen mich die Buchenwälder an, wenn ich sie nicht durchschreiten kann, ohne stolzen Herren zu begegnen, die mich mit der Reitpeitsche schlagen, sobald ich ihnen nicht weit genug ausbiege, und die mich in den Turm werfen lassen, wenn ich mir ein armseliges Stück Wild in dem herrlichen Walde fange? Nein, junger Herr, für euch Junker mag die Insel Seeland ein gelobtes Land sein – für freie Bauern gibt's bessere Plätze, und daher sage ich Euch noch einmal, Junker, wundert 9 Euch nicht, wenn ich auf mein kahles Eiland gehe. Aber kommt Ihr einmal nach Holstein, so segelt über den Sund und besucht mich. Vielleicht findet Ihr auch Gefallen an meiner Heimat. Nun geht aber, Junker. Vorhin sah ich ein dunkles Gewand hinter der Dornenhecke; es war wohl die Frau Rungholt, die stets ein scharfes Auge über uns offen hält. Da ist sie wieder! Duckt Euch hinter den Steinwall! O weh, es ist zu spät!« »Ja, es ist zu spät, alter Sünder!« sagte eine scharfe Stimme, und eine hagere Frauengestalt stand vor dem Knecht, der sich erhoben hatte und demütig seine Kappe vom Kopfe riß. »Ich habe deine gottlosen Reden angehört, und ich werde dir zeigen, daß du noch nicht auf deinem elenden Eilande bist, wo du nach Belieben Rehe stehlen und andere Schandtaten verüben kannst. Doch vorläufig kannst du im Turm über deine törichten Worte nachdenken.« Hinnerk hob seine kleinen grauen Augen langsam zu der Sprecherin empor und sah sie starr an. Es mochte etwas in dem Blick liegen, was der Freifrau von Rungholt nicht gefiel; sie wandte sich kurz um und schritt dem Herrenhause zu, mit herrischem Wink ihren Stiefsohn Kajus an ihre Seite befehlend. Die edle Frau von Rungholt mochte einst eine stattliche Erscheinung gewesen sein; jetzt war sie ältlich und verblüht. Ihr Gesicht zeigte noch feine Züge, doch farblose, runzelige Haut bedeckte dieselben, und ihre graublauen, mit spärlichen Wimpern umrandeten Augen sahen mürrisch vor sich hin. Ihr Anzug war dunkel und einfach; nur ein großes rotes Rubinkreuz, das sie über dem glatten Leinenkragen trug, und der 10 feingearbeitete silberne Schlüsselhaken an ihrer Seite zeugten von Wohlstand, wenn nicht von Reichtum. Jetzt wandte sie sich plötzlich gegen Kajus, der einige Schritte hinter ihr herging. »Habe ich dir nicht oft verboten, mit Hinnerk, diesem unzufriedenen Burschen, zu reden? Auch dich werde ich strafen, und zwar wirst du heute abend ohne Nachtessen schlafen gehen. Solltest du noch einmal mein Gebot übertreten, so lasse ich deinen Ungehorsam dem Herrn Prädikanten vermelden, damit dieser an dir die Rute nicht spare!« Das scharfgeschnittene Gesicht des Knaben rötete sich bei diesen keifend gesprochenen Worten, und seine dunklen Augen blitzten zornig, aber er bezwang sich und sagte ruhig: »Das Nachtessen werde ich schon verschmerzen, Frau Mutter, was aber den Herrn Prädikanten betrifft, so ist er ein guter Mann und wird mich nicht schlagen. Und wer mir sonst mit einer Rute naht, dem zerbreche ich sie auf seinem eigenen Rücken!« Frau Rungholt wandte sich ihrem Stiefsohne zu und faßte nach dem Schlüsselbunde, als wenn sie dasselbe gegen ihn gebrauchen wolle, aber ein Blick auf Kais kräftige junge Gestalt ließ sie sich eines andern besinnen. Noch einmal drohte sie ihm; dann verschwand sie ebenso rasch, wie sie gekommen war, und der Knabe sah ihr kopfschüttelnd nach. »Die Frau Mutter wird alle Tage wunderlicher,« sagte er halblaut vor sich hin; »ob sie wohl eine Hexe ist, wie Hinnerk sagt? Gestern abend lief eine große schwarze Katze mir nach, die mich böse ansah; sie hatte viel Ähnlichkeit mit der Frau Mutter; doch denke ich 11 mir kaum, daß der Prädikant zu uns kommen würde, wenn eine Hexe im Hause wäre!« Langsam war Kai auf den Garten zugeschritten, welcher sich hinter dem Herrenhause hinzog. Es war kein Ziergarten, in den er jetzt durch eine Holztür eintrat, sondern ein großes Stück Gemüseland mit abgeernteten Beeten. Nur einige Herbstblumen fristeten hier und da ein kümmerliches Dasein, und dicht am Hause stand eine große, mit Flieder und Jasmin bewachsene Laube; sonst war nichts vorhanden, was den Namen Garten gerechtfertigt hätte, weder Gebüsch noch Rasen oder Zierpflanzen. Aber der Junker Kajus Rungholt schien dieses Stück Erde nicht reizlos zu finden. Er warf einen raschen Blick um sich, und als er weder im Garten noch hinter den kleinen Fensterscheiben des Herrenhauses einen Menschen sah, eilte er an ein großes Beet und zog mit vieler Geschicklichkeit eine Menge von gelben Wurzeln aus, von denen er den größten Teil in sein stark verschlissenes Tuchwams steckte, während er den Rest flüchtig von der Erde befreite, um sie dann flugs hinter seinen weißen Zähnen verschwinden zu lassen. »Sie sind nicht mehr so schön wie im Sommer,« meinte er dann, »aber zum Abendbrot noch immer gut genug!« »Kai! Kai!« rief eine helle Kinderstimme, und ein etwa zehnjähriger Knabe kam eilig über die Beete gelaufen. Lange goldene Locken flogen um sein rosiges Gesicht, und große blaue Augen mit dunklen Wimpern sahen mit einem merkwürdig beobachtenden Blick zu dem älteren Bruder empor, 12 der mit möglichster Geschwindigkeit den Rest der Wurzeln hinuntergeschluckt hatte. »Was willst du, Klemens?« fragte er dann nicht unfreundlich. »Ich habe noch zu tun und kann nicht mit dir spielen.« »Du sollst mir Bogen schnitzen, Kai!« sagte der andere im Tone des verwöhnten Kindes. »Ich will morgen nach der Scheibe schießen, und du sollst mir immer den Bogen spannen!« »Bolzen werde ich dir vielleicht schnitzen, wenn du artig bist, aber zum Bogenspannen mußt du dir einen Hofjungen nehmen.« »Keiner von den Hofjungen ist so stark wie du!« rief der Kleine weinerlich. »Auch sind sie alle dumm und lachen, wenn ich ihnen etwas befehle.« Ein gutmütiges Lächeln ging über das Gesicht des Älteren, und er strich liebkosend über das weiche Haar des Bruders. »Wenn ich dir einen Jungen zum Bogenspannen bringe, dann befehle ich ihm auch, dir zu gehorchen,« sagte er tröstend. »Jetzt aber geh ins Haus, die Frau Mutter wird nach dir verlangen, und ich habe noch im Hofe zu tun!« Er wandte sich kurz um und trat, nachdem er den Garten durchschritten hatte, aus einer am Hause befestigten Tür auf den Hofplatz. Der Edelhof Holleby gehörte dem deutschen Freiherrn von Rungholt, der seit einer Reihe von Jahren dem dänischen König Christian dem Vierten diente. Er lag im Nordosten der großen Insel Seeland und war eine der schönsten Besitzungen der Gegend. Große Buchenwaldungen, herrlicher 13 Weizenboden, üppige Wiesen erstreckten sich viele Morgen weit um den Edelhof, und schon mancher dänische Ritter hatte dem Freiherrn große Summen Geldes für den Besitz geboten. Doch der deutsche Edelmann, obgleich er wohl wußte, daß seine dänischen Standesgenossen ihn seines Gutes wegen scheel ansahen, hatte bis jetzt alle Anerbietungen abgelehnt und erklärt, daß er den Edelhof seinem ältesten Sohne bestimmt habe. Der Freiherr selbst konnte nicht oft die Freuden des ländlichen Lebens genießen. Er war dem Könige lieb geworden und durfte ihn daher selten verlassen, oder er wurde von ihm in seine Provinzen gesandt, um bald als Staatsmann, bald als Krieger seinem Herrn zu nützen. So kam es, daß Monate, ja sogar Jahre verstrichen, ehe der Freiherr in Holleby seine Familie besuchen konnte. Es gab am dänischen Hofe böse Zungen, die behaupteten, daß der König dem Freiherrn oft Urlaub angeboten, um heimzureiten, daß letzterer aber selten Lust verspüre, sein Ehegemahl, die Freifrau, aufzusuchen, und niemand wollte ihm sein Sträuben verdenken. Denn Frau Rungholt galt für eine herrschsüchtige und geizige Frau, die ihren Stiefsohn Kajus schlecht behandelte, wogegen sie ihren leiblichen Sohn Klemens abgöttisch liebte. Allerdings war auch bei Junker Kajus ein Häkchen, und mancher hochmütige dänische Edelmann schüttelte darüber bedenklich den Kopf. Seine Mutter war nämlich keines Adeligen, sondern eines Kaufmanns Tochter gewesen, und wenn man auch nicht wagte, offen seine Ritterbürtigkeit zu bezweifeln, – König Christian konnte über solchen Hochmut sehr böse werden, – so bedauerte man doch von Herzen den 14 armen Junker, der außer dem Mißgeschick einer bösen Stiefmutter noch das einer zweifelhaften Geburt besaß und eigentlich nicht fähig war, einen dänischen Edelhof zum Eigentum zu haben. Von allen diesen Dingen wußte Junker Kajus nichts. Er stand jetzt wohlgemut auf dem Hofplatz und sah den Kühen zu, die durch das Torhaus dem Stalle zugetrieben wurden, denn es war Ende September und des Nachts zu kalt für sie, um auf der Weide zu bleiben. Man sah es den Tieren an, daß sie sich auf den warmen Stall freuten; sie brüllten freudig und drängten sich hastig der geöffneten Tür zu. Nur einige Stücke Jungvieh schienen Lust zu verspüren, die goldene Freiheit noch zu genießen, und galoppierten schwerfällig auf dem weiten Hofplatz umher, verfolgt von einem großen weißen Schäferhunde, dem sie aber mutig die Hörner zeigten. Die untergehende Herbstsonne beleuchtete ein freundliches Bild: der stattliche Herrenhof mit seinen alten Bäumen, seinem gutgebauten, wenn auch niedrigen Herrenhause, den Scheuern auf beiden Seiten und dem Torhause mit dem Glockentürmchen darauf schien belebt und heiter, wozu das brüllende Vieh, die treibenden Knechte und die bellenden Hunde ihr Teil beitrugen. Doch schien kein Mensch auf dem Hofe zu sein, dem dieser Anblick Freude machte; es war für alle etwas Alltägliches, Altgewohntes. Nachdem die Kühe in den Stall getrieben, trat Kajus in ihn ein. »Sind die Tiere schon gemolken?« fragte er eine mit schwerem Eimer bewaffnete Stallmagd. Diese knickste ehrerbietig. 15 »Nein, Junker; die Frau will immer, daß wir im Stall melken, obgleich es nicht gut für die Milch ist. Es ist wohl Mecklenburger Mode!« setzte sie in ihrem spitzigen Seeländer Dänisch hinzu, als sie merkte, daß Kai sich prüfend umsah. Dann zog er einen zinnernen Becher hervor. »Melk' mir diesen Becher voll!« befahl er. »Aber rasch, damit die Frau Mutter mich nicht hier ertappe. Und nimm die schwarze Kuh mit dem weißen Stern vor! Sie gefällt mir am besten!« Das Mädchen gehorchte behend, und der Junker trank drei Becher von der schäumenden Milch der schwarzen Kuh, ehe die Stalltür sich öffnete, um die Freifrau einzulassen. Sie kam immer, um das Melken zu beaufsichtigen. Kajus aber schlich leise aus der Hintertür und nickte zufrieden. »Mein Abendessen habe ich nun doch weg, Frau Mutter, und es schmeckte mir ebensogut, als wenn ich mit Euch Buchweizengrütze und Dünnbier gespeist hätte!« Gemächlich schlenderte er dem Herrenhause zu und trat dann in die Tür desselben, die in einen großen Raum, Halle genannt, führte. Diese machte einen hohen, freundlichen Eindruck schon dadurch, daß die Wände mit dunklem Holzwerk bekleidet, während Decke und Estrich hell gestrichen waren. Das Licht fiel von zwei Seiten hinein, und die Fenster waren hoch und spitz wie Kirchenfenster, auch wie diese mit farbigen Malereien bedeckt. In der Mitte stand ein schwerer Eichentisch; einige geschnitzte Stühle, ein Kredenztisch mit Zinnkrügen und einige Bänke an der Wand bildeten die Ausstattung der Halle, an 16 deren einer Seite ein mächtiger Kamin für den Winter gute Wärme versprach. Die Sonne schien mit ihren letzten Strahlen goldig durch die bunten Fenster, als Kajus eintrat, und er hob unwillkürlich seine Augen zu der im vollen Farbenglanz strahlenden Malerei. Dann stellte er sich andächtig mit gefalteten Händen vor das Kunstwerk, das den triumphierenden David darstellte, der mit lächerlich kleinen Ärmchen Goliaths Schwert schwang, um dem unglücklichen Riesen das große Haupt abzuschlagen. Der Junker betrachtete die Malerei, bis die Farben der Bilder verblaßten und die Sonne eine andere Darstellung bestrahlte. Auf diese warf Kajus aber nur einen halb verächtlichen Blick. Der singende David, der dem Judenkönig Stückchen auf der Harfe vorspielte, war ihm unbegreiflich. Er haßte das fahrende Volk der Sänger, und es blieb ihm unverständlich, wie man erst einen Riesen töten und dann noch Harfe klimpern mochte. Darauf streckte sich der Junker gemächlich auf eine der Holzbänke, die durch den großen, wie eine Hütte vorspringenden Kamin fast verdeckt wurden. Er wußte, daß seine Stiefmutter noch längere Zeit im Kuhstall zu tun hatte, und das gab ihm ein angenehmes Gefühl der Sicherheit, denn er liebte nicht, viel mit ihr zusammen zu sein. Nachdenklich betrachtete er noch einmal die bunten Scheiben und blickte auf, als plötzlich die schwere Haustür sich öffnete und die Freifrau eintrat. Rasch drückte er sich dann an das dunkle Holzgetäfel der Wand; er hielt es nicht für nötig, daß sie ihn erblickte, besonders als er merkte, wie ein Fremder ihr folgte. 17 In der halbgeöffneten Tür erschien eine große, starke Gestalt, und mit einem scharfen Blick musterte Kajus die ganze Erscheinung. Ein ledernes, ziemlich vertragenes Koller, schwere Reiterstiefel und ein großer grauer Schlapphut mit Federn bildeten den Anzug des Fremden, der an der Seite noch einen großen Degen trug, den er klirrend auf den Fußboden fallen ließ, während er sich schwerfällig auf einen der am Tische stehenden Stühle setzte. »Lasset nur nicht zu lange mit dem Labetrunk warten, Frau Cousine,« sagte er mit heiserer Stimme. »Der verwünschte Staub auf der Landstraße hat meine Kehle gedörrt wie ungegerbtes Leder, so daß ich mich nicht imstande fühle, ein längeres Wort mit Euch zu reden!« Frau Rungholt nahm von der Kredenz einen der blanken Zinnkrüge und ging hinaus. Der Fremde knöpfte unterdessen sein Koller auf, streckte die Beine von sich und stöhnte zufrieden. »Sie scheint mir hier recht gut zu sitzen!« sagte er dann halblaut und wendete sein Gesicht nach dem offen gebliebenen Eingang, so daß Kajus ein verschwommenes Gesicht mit strohgelbem Knebelbart und hervortretenden graublauen Augen erkennen konnte. Jetzt trat die Freifrau wieder ein und schenkte schäumendes Bier in einen Steinkrug, den sie vor ihren Gast hinstellte. Dieser murmelte einige Worte, von denen man das Wort Wein verstehen konnte; doch trank er in durstigen Zügen und wischte sich dann mit der Hand den Schnurrbart. 18 »Kein übler Trunk!« sagte er herablassend. »Bin freilich den Wein mehr gewohnt in Deutschland –« »Dann hättet Ihr in Deutschland bleiben müssen!« unterbrach ihn spitzigen Tones seine Wirtin. »Hier in Dänemark gibt man den Gästen nicht mehr, als man hat!« »Nun, nun,« begütigte der andere, »seid doch nicht gleich so hitzig, werte Frau Base! Man sollte meinen, Ihr wäret noch das schnippische Jungfräulein, das mit mir, dem Junker von Zoppelow, manch tollen Tanz am Hofe zu Güstrow aufführte. Damals konntet Ihr antworten! Es war eine Lust, Euch zu hören, und ich gedenke noch manchmal Eurer witzigen Rede, der ich so gern lauschte!« Das mürrische Gesicht der Hausfrau legte sich in freundlichere Falten bei der Schmeichelei des Ritters, und sie füllte noch einmal den Krug des Sprechers, was dieser mit listigem Lächeln bemerkte. Dann setzte sie sich ihm gegenüber. »Ihr habt recht, Herr von Zoppelow,« sagte sie seufzend, »unsere Jugendzeit war eine herrliche, und ich gedenke ihrer mit Wehmut. Es ist mir bitter hart, daß der böse Krieg auch unser armes Mecklenburg so arg mitgenommen hat und daß unsere regierenden Herren in der Fremde einen Unterschlupf finden müssen. Ich wäre auch gern einmal in die Heimat gereist, um mir alles anzusehen; doch mein Eheherr ist ein strenger Gebieter, der es nicht duldet, wenn ich mich vom Hofe entferne!« »Ist auch besser so!« rief der Landsmann rauh. »Weibsvolk tut besser, daheimzubleiben und Suppe zu kochen, als sich in Kriegsgefahr zu begeben. Ihr 19 würdet Eure Heimat nicht wiedererkennen. Der Waldstein ist übel mit ihr verfahren, und manches Herrenschloß, in dem Ihr den Reigen lustig tanztet, liegt als Trümmerhaufen da.« Die Freifrau hörte dem Sprecher aufmerksam zu. »Wollte Gott, es gäbe weder Kaiserliche noch Schweden!« seufzte sie. »Ich halte von beiden Teilen gar nichts, seit Gustav Adolf bei Lützen gefallen ist, und mich bedünkt, daß die Krieger, die jetzt unter seinen Fahnen kämpfen, ebenso grausam und beutegierig sind, wie die katholischen Heere!« Herr von Zoppelow räusperte sich. »Ihr seid falsch berichtet, werte Cousine,« sagte er dann mit Nachdruck. »Die Schweden sind freilich auch nicht säuberlich gegen ihre Feinde losgezogen, aber ihre Sache war gerecht, und sie durften sich etwas gegen die Papisten und gegen alle, die es mit diesen halten, erlauben. Glaubt mir,« fuhr er lebhafter fort, als die Freifrau den Kopf schüttelte, »ich verstehe es zu beurteilen. Bin ich doch selbst schwedischer Rittmeister und habe mein Reiterfähnlein bei Lützen gut geführt.« Diese Mitteilung machte auf die Hausherrin keinen großen Eindruck. »So, so!« sagte sie kurz, und warf einen mißtrauischen Blick auf den Mecklenburger, der beide Arme auf den Tisch gelegt hatte und sie erwartungsvoll anblickte. »Was wollt Ihr denn auf Seeland?« fragte sie nach einer Weile. Herr von Zoppelow zwirbelte den gelben Schnurrbart zwischen den Fingern und setzte sich fester hin. 20 »Seht, Frau Cousine,« rief er mit seiner krächzenden Stimme, »ich will Euch mein Kommen offen erklären. Wenn ich auch der schwedischen Fahne treu diene, so hat sie mir bislang blutwenig Glück gebracht, dagegen mancherlei Blessuren, am Arm, am Bein, am Halse, der Teufel weiß, wo sonst noch. Weil aber in Deutschland kein sicher Leben ist, habe ich an meine liebwerteste Frau Cousine gedacht, die einen armen Vettersmann sicherlich gut aufnehmen und verpflegen wird. Ist es nicht so, Frau Mathilde?« Die Züge der Freifrau waren bei seinen Worten immer härter und strenger geworden; jetzt stand sie auf und bemerkte kurz: »Es wird mir eine Ehre sein, dem Herrn von Zoppelow ein Nachtquartier zu geben, wenn ich ihn auch nicht zum langen Bleiben einladen kann. Denn eine einzelne Frau muß wohl auf ihren Ruf achten und kann nicht wochenlang einen Ritter bei sich aufnehmen, der kaum mit ihrer Großmutter und noch viel weniger mit ihr selbst blutsverwandt ist.« Die Rede der Freifrau schien dem Gaste nicht sonderlich zu gefallen; er versuchte mehrfach ein begütigendes Wort einzuschieben; aber als sie geendet hatte, blieb er ruhig sitzen und überhörte auch die Aufforderung seiner Wirtin, sich auf das Gastzimmer geleiten zu lassen. »Wo ist Euer Gemahl?« fragte er. »In Kopenhagen, in Kronenburg, in Norwegen und Jütland; überall, wohin ihn der Wille Christians ruft.« »Kommt er bald wieder hierher?« »Erst kürzlich war er auf Holleby, und da es ihm 21 hier niemals sonderlich gefallen will und er sich stets nach des Königs Hof und seinem bunten Treiben sehnt, so wird er wohl vor dem nächsten Jahre nicht wiederkommen!« rief die Freifrau, ungeduldig mit den Schlüsseln klirrend. »Hattet Ihr nicht einen Stiefsohn, werte Frau?« fragte Zoppelow unbekümmert weiter. »Gott sei's geklagt, ja!« versetzte die Gefragte geärgert. »Der Bursch wird alle Tage größer und ißt wie ein Landsknecht!« »Laßt ihn doch einen werden!« rief Zoppelow, und Kajus, der bis jetzt teilnahmlos auf der Bank gelegen, richtete sich aufmerksam auf. Es war im Hintergrunde der Halle ganz dunkel geworden, und der Rest des Tageslichtes beschien nur den dicken Mecklenburger und seine Wirtin. »Schickt ihn fort!« riet Zoppelow noch einmal. »Ich weiß einen Hauptmann, der ihn gern nehmen würde, und dann –« er lachte spöttisch, »mancher kommt nicht wieder, der in den Krieg gezogen!« Frau Rungholt setzte sich wieder. »Der Gedanke ließe sich hören,« sagte sie dann halblaut; »indessen muß dazu noch mancherlei überlegt werden. Wenn Ihr ihn und meinen Klemens erblickt, so werdet Ihr sehen, was für ein Unterschied zwischen beiden ist! Der eine ein Herrenkind, der andere ein häßlicher Bube, dem jedermann das bürgerliche Blut ansieht!« »Also seine Mutter war eine Bürgerliche?« rief Zoppelow überrascht, während er langsam aufstand. »Nun, liebe Frau, dann ist's nicht zu verwundern, wenn er anders ist denn Euer Kind. Art läßt nicht 22 von Art. Doch darüber wollen wir morgen weitersprechen. Führet mich gefälligst in mein Gemach und sendet mir etwas Nachtessen hinein; morgen früh wird mein stets waches Gehirn für Euch und Euer Söhnchen einen guten Plan geschmiedet haben, der Eurer Seele wohltun wird!« Frau Rungholt öffnete ohne ein Wort der Erwiderung die Tür, die nach dem Innern des Hauses führte, und ging hinaus, gefolgt von dem schweren Schritt des Gastes. Als beide verschwunden waren, richtete Junker Kai sich langsam empor. »Was wollte der Mann?« fragte er sich nachdenklich. »Er scheint mir übel gesinnt zu sein, obgleich ich ihm nichts tat. Zum Landsknecht lasse ich mich aber nicht machen. Ich will ein Reitersmann werden!« Geräuschlos schlüpfte er aus der Halle. II. Neben dem Herrenhause stand unter dem Schatten knorriger Ulmen ein verfallener, mit Efeu umrankter Turm, vielleicht der Überrest einer früheren Befestigung. Aus unbehauenen Felssteinen lose aufeinandergeschichtet, mit Backsteinen und Kalk ausgebessert, sah er aus, als könnte er täglich zusammenbrechen. Doch mancher Sturm war über das altersgraue Gemäuer dahingebraust, ohne seine Grundfeste zu erschüttern, und er stand auch nicht als Erinnerung an vergangene Tage. Hart über dem Erdboden war eine Tür aus dicken eichenen Bohlen, mit einem riesigen Hängeschloß versichert, und auf diese Tür warfen die Knechte von Holleby oft ängstliche Blicke. Es war nicht 23 angenehm, hinter derselben im feuchtkalten Turm zu sitzen, und jedermann wußte, daß die Freifrau öfters ihre Leute einsperrte, wenn sie Anlaß zur Unzufriedenheit gaben. Selten nur war das Gefängnis unbewohnt und auch jetzt wieder besetzt durch den fehmarnschen Knecht Hinnerk, dessen Äußerung, er möchte nicht auf Holleby sein, durch Frau Rungholt auf frischer Tat bestraft wurde. Der Aufenthalt in den alten Mauern war für einen älteren Mann wie Hinnerk, der dazu von der Gicht geplagt wurde, nicht angenehm, und der Knecht saß gekrümmt und leise stöhnend auf einem Haufen halbvermoderter Blätter. Aber er war nicht allein: vor ihm stand der Junker Kai. Das Gesicht des Knaben trug einen finsteren Ausdruck, während seine Blicke an den nassen, grünlich schimmernden Wänden hingen, und er lauschte nur mit halbem Ohre den Worten des Gefangenen. »Eine Hexe ist sie!« stöhnte dieser grimmig. »Darauf möchte ich meinen Kopf verpfänden! Wie könnte sie sonst so unbemerkt an uns herangekommen sein? Aber ich sah, als ich mit Euch sprach, ein Eichkätzchen an dem weißen Birkenstamme sitzen, das mich schon an jemand erinnerte, und ich Narr gedachte nicht der Freifrau. Nun habe ich dafür meine Strafe!« »Wenn sie eine Hexe wäre, würde der Prädikant doch nicht zu uns kommen!« wandte Kajus ein. Hinnerk schüttelte den Kopf. »Meint Ihr, daß die Frau den geistlichen Herrn nicht betören kann? Pah! Ich weiß von einer Hexe, die war des Bischofs Schwester. Sie wohnte bei ihm vier Jahre im Hause und würde noch länger ihr Wesen 24 getrieben haben, aber eines Tages lag sie mit abgehauener Hand im Bette. Ein Ritter, dem sie als weiße Katze auf den Nacken gesprungen war, hatte ihr eine Pfote abgehauen!« »Du hast mir diese Geschichte schon oft erzählt,« sagte der Junker ungeduldig. »Es mag wohl sein, daß die Frau Mutter hexen kann, und ich werde darüber mit dem Herrn Vater sprechen, wenn er einmal wieder heimkommt. Vielleicht geht sie dann in sich und tut Buße, ehe es zu spät ist. Aber wundern muß ich mich dann, daß sie sich den Herrn von Zoppelow nicht vom Halse schafft. Sie scheint ihn nicht gern hier zu sehen.« »Wen?« fragte Hinnerk in einem so scharfen Tone, daß Kai befremdet aufsah. »Ich meine den Herrn, der gestern abend bei uns eintraf, auch mit Bier bewirtet ward, obgleich es der Frau Mutter sauer abging. Er wollte lange hier bleiben, doch glaube ich kaum, daß die Mutter dies gestatten wird.« Hinnerk war aufgestanden und ging langsam hin und her. Er schien in Aufregung zu sein, denn er murmelte unverständliche Worte und schüttelte drohend die Faust. »Kennst du Herrn von Zoppelow?« fragte Kai, erstaunt über die Erregung des sonst so phlegmatischen Knechtes. »Ob ich ihn kenne?« schrie Hinnerk. »Habe noch eine Rechnung mit ihm abzuschließen und schon oft zu Gott gebetet, er möge mir Gelegenheit geben zum Bezahlen!« »Sprich nicht so laut!« rief Kai ängstlich. 25 »Bedenke, daß man dich hören könnte, denn die Turmmauer hat viele Spalten!« Hinnerk setzte sich mit einem Seufzer wieder auf seinen Platz. »Ihr habt recht, Junker,« sagte er leiser, aber mit grimmigem Blick, »das laute Schelten nützt zu nichts. Dann kommen die großen Herren und hängen einen, ehe man's sich versieht. Aber wenn Ihr etwas für mich zu essen hättet, edler Junker,« setzte er mit veränderter Stimme hinzu, »so würde Gott es Euch lohnen. Ich habe seit gestern mittag nichts in den Magen gekriegt, und die Frau wird mich sicherlich noch ein Weilchen versäumen.« Kajus zog aus seinem Wams einige Wurzeln und ein großes Stück Brot hervor. »Verzeih,« sagte er freundlich, »daß ich vergaß, weshalb ich kam. Brot und Wurzeln müssen dir genügen, aber ich hoffe, dir am Abend Milch zu bringen. Hilf mir aber aus dem Turm, ehe du anfängst zu essen!« Hinnerk erhob sich, und während er einige Dankesworte murmelte, stellte er sich gegen die Mauer und krümmte seinen Rücken, damit der Junker diesen als Stütze brauchen konnte. Kajus kletterte einige Fuß an der Innenseite des Turmes hinauf und zwängte seinen schlanken Körper durch einen Mauerspalt ins Freie. Hier stand eine Ulme, deren knorriger Ast fast in den Turm wuchs. Diesen ergriff Kajus, und nach wenigen Augenblicken saß er in dem Blätterwerk des Baumes, das trotz des Herbstes noch immer dicht genug war, um ihn vollständig zu verdecken. Er wollte an dem Stamm niedergleiten, als 26 er Stimmen hörte, die sich diesem Platze näherten. Hastig drückte er sich in die Blätter zurück und warf einen scharfen Blick nach unten. Hier näherten sich langsam und in eifrigster Unterhaltung die Freifrau und ihr Gast aus Mecklenburg. Es war ein sonniger, milder Herbsttag, und Frau Rungholt hatte dem schönen Wetter, vielleicht auch ihrem Besuch zu Ehren ein hellgraues, mit kirschrotem Tuch besetztes Gewand angelegt, das ihrem ältlichen Gesicht gut stand. Ein schöner Kragen aus gelblichen Spitzen verdeckte dabei ihre Magerkeit. Ein Häubchen aus grauem Tuch bedeckte ihren Scheitel, und breite Bänder von derselben Farbe rahmten das Gesicht ein. Kajus, dessen Falkenaugen nichts entging, mußte sich sagen, daß er seine Stiefmutter noch niemals so hübsch gesehen hatte, und er schämte sich, unfreundlich über sie gesprochen zu haben. Herr von Zoppelow sah heute nicht anders aus wie gestern. Der Staub war von seiner Kleidung verschwunden, aber sie erschien im hellen Sonnenlicht noch abgeschabter als gestern abend. Die schweren Stiefel waren schiefgetreten, der Koller vielfach ausgebessert und die Federn des Hutes kahl und verregnet. Trotzdem drehte sich der Mecklenburger mit siegesgewisser Miene den langen Schnurrbart und blickte um sich, als wäre er Besitzer des schönen Holleby. Jetzt waren beide dicht am Turme angekommen, und während Frau Rungholt ein auf die Erde gefallenes Stück Kalk wieder zwischen zwei Steine einzufügen versuchte, lehnte Zoppelow sich behaglich an den Ulmenstamm, in dessen Krone Kajus saß. »Ich merke schon, werte Cousine,« sagte er mit 27 leicht gedämpfter Stimme, »Ihr seid der Sache nicht ordentlich zu Leibe gegangen, sonst müßte alles anders sein. Aber es ist wahr, Ihr seid ein Weib und habt keine männliche Stütze gehabt, ohne die Ihr nichts ausrichten könnt. Euer Gemahl begeht einen Übergriff, wenn er sich verleiten lassen sollte, seinen ältesten, unebenbürtigen Sohn zum Erben seines Besitzes einzusetzen. Der Freiherr mag ein stattlicher Kriegsheld sein, aber wer einmal ein bürgerlich Weib nahm, der verliert für viele Dinge das Verständnis. Laßt mich nur machen, werte Frau Cousine, und Ihr werdet den Tag segnen, da Albrecht Zoppelow den Fuß auf die Schwelle Eures Hauses setzte!« Die Freifrau schüttelte ungläubig den Kopf. »Ihr habt gut reden!« sagte sie dann. »Mein Herr ist ein Querkopf, der tut, was ihm wohlgefällt. Auch habe ich von Beispielen gehört, wo König Christian Knaben, die eine bürgerliche Mutter hatten, durch öffentliches Schreiben für ritterbürtig erklärte und in großen Zorn geriet, wenn man an seinem Wort hat zweifeln wollen. Nein, es wird schwer halten, meinem geliebten Sohne den Hof zu verschaffen, und manche schlaflose Nacht verbrachte ich in Kummer und Gram über das Schicksal des süßen Kindes!« Zoppelow räusperte sich. »Es gibt doch noch mancherlei Wege, zum Ziele zu kommen!« meinte er, sich vorsichtig umschauend. »So haltet damit nicht hinter dem Berge!« rief Frau Mathilde ärgerlich. Bis jetzt flößte der Vetter ihr noch nicht viel Respekt ein. Dieser warf ihr einen schlauen Blick zu. 28 »Wenn Seeland schwedisch würde!« sagte er bedeutungsvoll. »Seeland schwedisch? Lieber Gott, was redet Ihr da!« rief die Freifrau unmutig. »Wollen denn die Schweden das ganze Erdreich besitzen?« »So weit ist's noch nicht!« lächelte Zoppelow überlegen. »Ich weiß wohl, daß man mit Frauen eigentlich keine Politik treiben soll, weil sie doch nichts davon verstehen und meistens Verwirrung anrichten, aber erzählen muß ich Euch doch, daß man in Stockholm schon lange wünscht, Schonen, Bleckingen und Seeland einzuverleiben. Ihr müßt das auch begreiflich finden, da Schonen und Bleckingen in Südschweden liegen und Seeland nur durch den schmalen Sund von diesen Ländern getrennt ist. Es ist offenbar Gottes Wille, daß dies einst alles schwedisch wird, und die Dänen müssen sich darein finden. Behalten sie doch noch die übrigen Inseln: Norwegen, Jütland, Schleswig und Holstein, wahrlich ein weites Reich, wie sie es besser nicht verlangen können!« »Hat Euch dieses Herr Oxenstirn alles selbst gesagt?« fragte die Freifrau, als Zoppelow schwieg und mit einem zerlumpten Tüchlein sich die Stirn trocknete. Der kühle Ton ihrer Frage behagte ihm nicht, und er warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. »Wäre ich ein Diplomatikus und in Oxenstirns Vertrauen, dann stünde ich wohl nicht hier,« erwiderte er unwirsch. »Aber ich weiß, was man in Stockholm redet, und daß es ein gut Stück Geld zu verdienen geben wird, wenn man dem Kanzler Nachricht über Seelands Armierung und Befestigung bringt. Auch habe ich erfahren, daß es hier mancherlei 29 Leute gibt, die lieber unter der blaugelben Fahne als unter dem Danebrog leben möchten!« »Ich verstehe aber nicht, was meine Angelegenheit mit diesen Sachen zu tun hat,« bemerkte Frau Rungholt, prüfend in das aufgedunsene Gesicht Zoppelows sehend. »Nun, das ist doch ganz einfach!« rief dieser laut und ärgerlich. »Dann würden die schwedischen Gesetze mit aller Strenge hier eingeführt werden, und nimmer würde es dem Junker Kajus verstattet sein, einen Edelhof sein eigen zu nennen!« »Wißt Ihr das gewiß?« fragte die Freifrau schnell. »So gewiß, wie ich hier stehe!« beteuerte Zoppelow. »Nun, wir können noch einmal über die Angelegenheit reden,« meinte die Dame, ihr Kleid aufraffend, um weiterzuschreiten. »Wenn Ihr auch nicht unrecht haben möget, daß Frauen wenig von der Politik verstehen, so weiß ich doch, daß mir die Schweden lieber sind als die Dänen. Erstere habe ich sogar zu einer Zeit sehr geliebt, ehe sie so grausam in Deutschland wüteten; aber die Dänen sind falsch und hochmütig, so daß schlecht mit ihnen zu leben ist. Doch laßt uns weitergehen, – an unserem Gefängnis ist für Euch nicht viel zu sehen!« »Dies ist Euer Gefängnis?« Zoppelow wandte sich noch einmal um und klopfte mit dem Finger an die Mauer. »Nun, ein alter Bau; aber so morsch, daß er bald zusammenbrechen wird!« »Er sieht wohl so aus,« versetzte seine Begleiterin, »aber ich kann Euch versichern, daß er noch viele Jahre seine Dienste tun wird!« 30 »Benutzt Ihr ihn fleißig?« »Gewiß!« seufzte die Gefragte. »Das Volk ist widerspenstig und aufsässig, so daß fast immer einer hier drin sitzt. Jetzt sitzt hier ein Knecht, der mir davonzulaufen drohte. Er mag fein nachdenken über seine rebellischen Gedanken.« »Solche Leute darf man nicht erst einsperren!« rief Zoppelow rauh. »Man muß sie auf frischer Tat aufhängen lassen – dann hat man nicht mehr nötig, sie zu füttern, und die andern mögen sich ein Beispiel daran nehmen!« Er lachte roh auf und eilte der davonschreitenden Freifrau nach, während Kai mit schmerzenden Gliedern noch immer auf seinem Aste saß und nachdenklich vor sich hinblickte. Was wollte dieser fremde Mann hier, und weshalb sprach er so viel und so unfreundlich von ihm? Kai hatte ihm doch nie etwas zuleide getan; weshalb wollte der Fremde ihn seines Erbteiles berauben? Ein Gefühl des Unbehagens, wie er es noch niemals gekannt, bemächtigte sich des Knaben; langsam glitt er vom Baum herunter und ging schweren Schrittes zum Hofplatz. Er hätte am liebsten laut weinen mögen, und nur der Gedanke, daß dies nicht mehr für ihn schicklich sei, hielt ihn zurück. Junker Kai war von der eben gehörten Unterhaltung so hingenommen gewesen, daß er auf nichts anderes geachtet hatte. So war es ihm entgangen, daß ein Lauscher den Kopf aus der Maueröffnung gestreckt und gleichfalls kein Wort Zoppelows verloren hatte. Jetzt noch sah er heraus, und seine kleinen Augen funkelten vor Wut. »Also hängen wolltest du mich, du 31 Landesverräter? Nun, lieber Gott im Himmel! Sie sagen ja immer, daß du auch ein Gott für die Armen und für die Knechte bist; dann zeige mir einmal deine Gnade und laß mich ihn aufhängen, wenn seine Stunde geschlagen hat!« Junker Kajus hatte nicht viel Zeit, seinem Kummer nachzuhängen; auf dem Hofplatz kam ihm Klemens entgegen, der einen Papierdrachen steigen ließ und die Hilfe des Bruders beanspruchte. Dann waren auch noch Bolzen für den Kleinen zu schnitzen – kurz, Kai vergaß bald, weshalb er hätte weinen mögen, und dachte nur daran, wo der schönste Wind für den Drachen sei. Er beschloß, hinter den Garten auf eine kleine Wiese zu gehen, und Klemens, die Schnur des Drachens haltend, während ein Hofjunge das papierne Ungetüm trug, folgte ihm jubelnd. Nicht lange dauerte es, und der Drachen erhob sich langsam, von Kajus sorgsam in die richtige Windrichtung gebracht. Beide Knaben standen dann still und schauten aufmerksam in die Höhe, während die Schnur, an der ihr Spielzeug befestigt war, sich immer schneller abwickelte. Endlich gab es einen kleinen Ruck – der Bindfaden hatte sein Ende erreicht, und der Drachen stand unbeweglich über ihnen. »Er will weiter fort!« rief Kajus. »Sieh nur, wie er an der Schnur reißt! Ach, wäre sie doch doppelt so lang!« »Gib mir das Band, damit ich den Drachen lenken kann!« bat Klemens, die Hand nach dem Stückchen Holz ausstreckend, um das das Ende des Bindfadens gebunden war und das Kajus in der Hand hielt. Der ältere Bruder schüttelte den Kopf. 32 »Nein, mein Kleiner,« sagte er freundlich. »Du würdest den Burschen niemals halten können. Sieh, wie er sich bäumt und wie er vorwärtsdrängt! Er will weit weg fliegen, und er tut es sogleich, wenn er deine schwache Hand fühlt!« Aber der Kleine hatte sich in den Kopf gesetzt, den Drachen selbst zu halten, und seine rosigen Lippen baten so inständig um diese Vergünstigung, daß Kai einige Schritte fortlief, um dem Drängen des Bruders zu entgehen. Als aber dieser, nach Art eines verwöhnten Kindes, zu weinen begann, ging er auf ihn zu und legte ihm gutmütig die Handhabe des Drachens in die Hände. Er selbst steckte die Hände in die Taschen und verfolgte die Bewegungen des Bruders mit Spannung. Mit zufriedenem Lächeln übernahm Klemens die Leitung des Drachens, und er biß kräftig die Zähne zusammen, als der scharf angespannte Bindfaden die Haut seiner Finger rieb, aber lange hatte er nicht die Kraft, dem Zerren des ungebärdigen Spielzeuges zu widerstehen. Plötzlich fuhr ein schärferer Windstoß daher, der Drachen tat einen Ruck, und mit einem Aufschrei ließ Klemens das Stück Holz fahren, das sofort in die Luft gerissen ward. Der befreite Drachen fuhr mit stürmischer Eile vor dem Winde davon; langsam sinkend verschwand er hinter dem entfernten Walde. Beide Brüder standen schweigend und sahen in die Höhe, bis der Drachen gänzlich ihren Blicken entschwunden war; dann sagte Kajus: »Siehst du wohl, daß du ihn nicht halten konntest?« »Mein Drachen, mein Bindfaden, mein Papier, 33 mein Stück Holz!« schluchzte Klemens, dessen Tränen ungehindert flossen. »Ja, alles ist verloren!« bestätigte Kajus. »Der Drachen fliegt vielleicht nach Schweden und bekommt ein großes Stück von der Welt zu sehen!« Diese Bemerkung schien für Klemens nichts Tröstliches zu haben; er weinte noch stärker. »Du bist an allem schuld!« schrie er Kajus an. »Ich wollte auf dem Hofplatze spielen, und dann hätte ich meinen Drachen noch! Du bringst mich um alles, um den Drachen und um meinen Edelhof!« Kai, der tröstend seinen Arm um den Bruder legen wollte, trat einen Schritt zurück. »Was sagst du da?« fragte er scharf, während dasselbe Gefühl des Unbehagens, das er soeben abzuschütteln versuchte, sich seiner wieder bemächtigte. »Herr von Zoppelow sagt es!« schrie Klemens triumphierend, den Eindruck seiner Worte gewahrend. »Er sagt, daß du mir den Edelhof nehmen willst, obgleich er mir gebührt, denn du bist kein rechter Edelmann.« Da fiel die Hand des älteren Junkers schwer auf den Rücken seines Bruders, und während dieser ein gellendes Jammergeschrei ausstieß, rief der andere, vor Zorn bebend: »Ich will dich lehren, deinem Bruder so unnützes Zeug zu sagen! Ich bin der erstgeborene Junker Rungholt und werde es bleiben, solange ich lebe!« Kai hatte kaum die Worte ausgesprochen, als er einen schweren Schlag auf den Nacken erhielt. Mit einem kurzen Schmerzenslaut sich umwendend, erblickte er vor sich den mecklenburgischen Herrn und 34 seine Stiefmutter. Herr von Zoppelow hob den wuchtigen Knotenstock, den er in der Hand hielt, bereits zum zweiten Male. »Ihr scheint ein sauberes Früchtchen zu sein, Kajus Rungholt,« sagte er mit seiner heiseren Stimme, »und ich will Euch zeigen, –« ehe er den Satz vollendet, taumelte er mit einem Fluch zurück; Kai war mit einem wilden Sprunge gegen ihn vorgestürzt und hatte den überraschten Edelmann so heftig auf den Oberarm geschlagen, daß diesem der Stock entfiel. Junker Rungholt griff rasch darnach und drohte zornig damit. »Ihr wagt es, mich zu schlagen?« fragte er, seine blitzenden Augen auf den erschreckten Mecklenburger richtend. »Wahrlich, wäret Ihr nicht der Gast der Frau Mutter, Ihr müßtet bitter für Eure Verwegenheit büßen! Die Rungholts lassen sich nicht schlagen wie Knechte!« »Ihr schluget auch den Kleinen!« brummte Zoppelow, scheu einige Schritte zurücktretend und seinen Arm reibend. »Wenn ich meinen jüngeren Bruder für seine ungebührlichen Reden züchtige, so ist das mein Recht, und Euch geht das nichts an!« rief Kajus, den der Zorn wider seine Gewohnheit redselig machte. »Laßt uns gehen!« rief jetzt die Freifrau scharf, die bis dahin schweigend gestanden und Klemens zärtlich gestreichelt hatte. »Ihr seht, werter Herr, daß ich Euch recht berichtete. Kajus ist ein böser Bube, mit dem nichts anzufangen ist, und dem es besser wäre, er käme in scharfe Zucht, als daß er sich einbildet, den adeligen Herrn hier spielen zu wollen. 35 Im nächsten Brief an meinen Gebieter werde ich von ihm melden, und dann wird er, will's Gott, seiner Strafe nicht entgehen!« Sie ging davon, noch einen giftigen Blick auf Kai werfend, und Zoppelow folgte ihr eiligst. Er brummte allerhand Drohworte in den Bart, hütete sich jedoch, sie laut werden zu lassen. Kajus, der unbeweglich mit dem Stock in der Hand stand, sah nicht aus, als wenn er viel Federlesens mit dem Herrn machen würde. Nur Klemens blieb bei dem Bruder. Er hatte niemals Furcht vor ihm empfunden und war jetzt zufrieden, da der fremde Herr für ihn Partei ergriffen hatte. »Du mußt mir Bolzen schneiden!« rief er, den andern am Arme fassend, denn seine Strafe hatte er bereits vergessen. Aber zum ersten Male in seinem Leben schlug Kai ihm diese Bitte ab. »Geh und lauf zu deiner Mutter und zu dem Herrn mit der knarrigen Stimme!« rief er, sich ungeduldig abwendend. »Ich bin nicht dein Diener und habe nicht Lust, für dich etwas zu tun!« Er ging eilig davon, während Klemens wieder in lautes Geheul ausbrach und dann wütend nach dem Hofjungen schlug, der ein stummer Zeuge des ganzen Vorganges gewesen war und sich jetzt herausnahm, über den kleinen Junker zu lachen. 36 III. Im Schlosse zu Kopenhagen saßen in einem kleinen, prächtig eingerichteten Gemach zwei Männer beim Schachspiel. Die goldige Herbstsonne fiel durch buntgemalte Fenster und wob einen strahlenden Schein um das Gesicht des einen, der sich nachlässig in seinem reichgeschnitzten Stuhle zurücklehnte und mit prüfendem Blick auf das Brett vor sich sah. Er war ein älterer Mann, dessen scharfgeschnittenes Gesicht den Ausdruck großer Willenskraft und Entschlossenheit trug. Dichtes, leicht ergrauendes Haar bedeckte den starken Kopf und legte sich auf der einen Seite, zum Zopf geflochten, um das linke Ohr; ein starker Knebelbart verdeckte den etwas aufgeworfenen Mund, über den sich eine scharfgebogene Nase streckte. Die dunkelbraunen Augen hatten einen stolz gebietenden Ausdruck; man konnte es ihnen ansehen, daß ihr Besitzer nicht gewohnt war, Widerspruch zu ertragen. Sein Mitspieler war gleichfalls ein stattlicher dunkler Herr mit ausgeprägten Gesichtszügen und ernsthaftem Ausdruck. König Christian der Vierte, denn er war es, richtete seine stattliche Figur auf und setzte mit rascher Bewegung einen Turm vor seinen König. »Ihr bringt mir meinen König arg ins Gedränge, lieber Freiherr,« sagte er dann in fließendem 37 Deutsch. »Wißt Ihr denn nicht, daß derartiges Benehmen für einen Hofmann unvorsichtig ist?« »Und doch müssen in dieser Zeit selbst die Könige vor ihren Feinden fliehen!« versetzte der Angeredete und rückte seinen Springer so geschickt, daß der feindliche König mattgestellt ward. König Christian schob das Schachbrett von sich. »Ihr habt recht,« sagte er dann finster, »mit Königen und Prinzen geht man heutzutage übel um, und der Respekt mangelt vor den Gesalbten des Herrn. Doch tut Ihr nicht gut, Herr Freiherr, mich an meine Sorgen zu gemahnen, wenn ich im Spiel derselben vergessen will!« Der Freiherr neigte das Haupt. »Eure Majestät müssen mir in Gnaden meine Äußerung verzeihen, wußte ich doch nicht, daß Dieselben der Trübsal, die an die Pforten des Reiches klopft, vergessen wollten!« Christian runzelte die Stirn. »Wäret Ihr nicht ein so treuer Mann, Freiherr Rungholt, ich könnte Euch zürnen! Meint Ihr, daß mir nicht die Ohren vollgesprochen werden von der Politik aller Reiche? Wenn mein dänischer Kanzler Friis mich verläßt, kommt Reventlow, der Deutsche, und mit den Uhlfelds rede ich gleichfalls dasselbe: Politik und Politik – es ist das einzige, worüber meine Reichsräte sprechen können, und doch gibt es der Arbeit genug in meinem eigenen schönen Lande, daß ich die Händel der andern mit Freuden vergessen möchte!« »Eure Majestät verstehen es ja, beides, die Wohlfahrt des dänischen Reiches und das Interesse an 38 dem Auslande, miteinander zu vereinigen,« erwiderte Rungholt. Der König blickte freundlicher. »Ei, ei, mein lieber Freiherr,« sagte er mit gutmütigem Spott, »daß Ihr in so wohlgesetzten Worten schmeicheln könntet, habe ich nicht erwartet!« Der Freiherr lächelte, wodurch sein ernstes Gesicht sich angenehm verschönte. »Ich bin gestern abend bei der holdseligen Gräfin Eleonore in die Schule gegangen, und das liebliche Fräulein hat mir erzählt, daß ich ein deutscher Bär sei, der noch Anstand lernen müßte!« Über Christians Züge flog ein behaglich freundlicher Ausdruck. »Eleonore Christiane ist eine Zauberin und vom Höchsten mit herrlichen Gaben ausgestattet!« meinte er dann. »Korfiz wird ihr ein guter Eheherr sein!« »Herr Korfiz Uhlfeld liebt seine Auserwählte mit leidenschaftlicher Inbrunst!« »Das ist es gerade, was mir manchmal Sorge macht!« nickte der König, den mit kostbarem Pelz besetzten Samtrock über seine Knie legend. »Wisset, beide Menschen sind mir zu sehr erfüllt von leidenschaftlicher Liebe, die in der Ehe oft zum Unglück führt. Habe ich doch selbst diese Erfahrung machen müssen!« Der Freiherr antwortete nicht gleich. Seitdem Christian seine zweite Gemahlin, die ihm morganatisch angetraute Frau Christine Munk, Mutter vieler Kinder, wegen vermeintlicher Untreue verstoßen hatte, wagte seine Umgebung nicht, ihn mehr als nötig an diese traurige Angelegenheit zu erinnern, obgleich er öfters 39 selbst davon sprach. Alle Kinder der Frau Christine lebten am Hofe des Königs und standen fast in demselben Ansehen, wie die königlichen Prinzen. Christian liebte sie auf das zärtlichste und suchte seine Töchter, die Gräfinnen von Schleswig und Holstein hießen, mit den vornehmsten Edelleuten des Landes zu vermählen. Aber es gehörte dennoch eine große Gewandtheit dazu, über die Familienverhältnisse des Königs so zu sprechen, daß er, der sehr aufbrausend sein konnte, nicht beleidigt wurde, und da der Freiherr von Rungholt diese Gewandtheit nicht hatte, so begnügte er sich damit, seinen großen Schnurrbart zu streichen und sich verschiedene Male zu räuspern. Doch König Christian schien keine besondere Antwort zu erwarten. Er zog einen eingelegten Kasten zu sich, um die zierlich geschnitzten Schachfiguren in ihn zu legen, als sich die Tür öffnete und ein Page eintrat. »Nun, mein Freund,« rief der König dem Eintretenden scherzend entgegen, »bringst du mir wichtige Nachricht, daß du es wagst, mich bei meinem Spiel zu stören?« Der kleine Page blickte erschreckt den König an. »Königliche Majestät werden verzeihen,« stotterte er in gebrochenem Dänisch, »aber der Herr Korfiz Uhlfeld hat mir befohlen –« Christian lachte über das possierliche Dänisch des Kleinen. »Sprich nur Deutsch, kleiner Holsteiner,« sagte er dann gutmütig, sich derselben Sprache bedienend, 40 während er den Pagen erst dänisch angeredet hatte. »Also, was hat dir Korfiz Uhlfeld befohlen?« »Er verlangte nach dem Freiherrn von Rungholt!« bestellte der Page jetzt ganz geläufig. »Es ist ein Knecht vom Gute des Freiherrn gekommen mit wichtigen Nachrichten!« »Nun, dann geht, werter Herr!« sagte der König mit entlassender Handbewegung. »Ihr könnt mich morgen wieder mit Eurem Besuche beehren, und ich hoffe dann, mich für die heutige verlorene Schlacht zu rächen!« Der Freiherr beugte seine hohe Gestalt tief vor dem Könige, ehe er das Gemach verließ. Dann folgte er langsamen Schrittes dem Boten, der eilig einen langen Korridor hinablief und sich öfters nach dem Herrn umsah, obgleich dieser sich nicht beeilte, ihm zu folgen. »Der Herr Uhlfeld wartet schon recht lange auf Euch!« wagte er endlich schüchtern zu sagen, als der Freiherr vor einem Bogenfenster stehen blieb und durch die kleinen Scheiben auf die Dächer der Stadt Kopenhagen blickte, aus denen die schlanken Türme der Frauen- und der Dreifaltigkeitskirche hoch aufragten. Der Freiherr sah sich ärgerlich nach dem kleinen Mahner um, aber das bittende Kindergesicht verfehlte seinen Eindruck nicht. »Der meint noch, daß es nichts Schöneres gibt, als von Haus zu hören. Scheint keine keifenden Weiber zu kennen!« brummte er zwischen den Zähnen; dann holte er mit so langen Schritten aus, daß der Page Mühe hatte, hinter ihm zu bleiben. Am äußersten Ende des andern Flügels lagen die 41 Gemächer der Gräfin Eleonore Christine, und dort, wußte Freiherr von Rungholt, würde der Reichshofmeister, Herr Korfiz Uhlfeld, zu finden sein, der in wenig Tagen mit der lieblichen Königstochter vermählt werden sollte. Jetzt öffnete der Page eine Tür, und Freiherr von Rungholt trat in ein Vorzimmer, in dem ein Kammerfräulein sich erhob, um den Freiherrn nach seinem Begehr zu fragen. Doch schon trat von der andern Seite Korfiz Uhlfeld ein und streckte mit großer Freundlichkeit dem Gerufenen beide Hände entgegen. »Verzeiht, Freiherr, daß ich Eure Mußestunde zu unterbrechen wagte, aber Euer Knecht bringt so wunderliche Kunde von Eurem Hofe, daß ich notwendig mit Euch sprechen mußte!« Beide Herren traten bei diesen lebhaft gesprochenen Worten in das Gemach der Gräfin Eleonore und der Freiherr küßte eine kleine, schöngeformte Hand, die sich ihm freundlich entgegenstreckte. »Mein zukünftiger Herr und Gebieter spürt überall Verrat und Menschenschlechtigkeit, Herr von Rungholt,« sagte die klare Stimme Eleonorens, während ihre lachenden dunklen Augen sich mit dem Ausdruck der größten Liebe auf das männlichschöne Gesicht ihres Verlobten richteten. Der Freiherr sah mit väterlicher Freundlichkeit auf die junge Gestalt der Sprechenden. »Herr Korfiz wird wohl seine Gründe zu diesen argwöhnischen Gedanken haben, werte Gräfin,« sagte er dann, »und Ihr wißt, daß ich volles Vertrauen in ihn setze!« 42 »Alle Menschen müssen Vertrauen zu ihm und seiner Klugheit haben!« rief Eleonore stolz, und besänftigend legte Korfiz seine Hand auf die Schulter der Gräfin, um ihr leise etwas ins Ohr zu sagen. Es war ein schönes Paar, das zusammen in dem hohen Gemach der Königsburg stand, und es gab wohl keinen Mann im dänischen Reiche, dem alle Gaben des Geistes und des Leibes in so reichem Maße zufielen, wie dem stolzen Reichshofmeister. Groß, schlank und elastisch gebaut, mit feinem, geistreichem Gesicht, dazu mit umfassenden Kenntnissen und kühnem staatsmännischem Blick ausgestattet, war er wohl würdig, Schwiegersohn eines Königs zu sein und eine Braut heimzuführen, die nicht allein durch ihren Rang, sondern auch durch seltene Begabung die Zierde des dänischen Hofes war. Eleonore Christine hatte augenblicklich, es war im Jahre 1636, ihr sechzehntes Jahr nicht ganz vollendet und besaß noch nicht die anziehende Schönheit späterer Jahre, aber es lag in ihrem ganzen Auftreten eine Anmut und geistvolle Frische, die jeden, dem sie nahte, entzücken mußte. Sie trug ein leichtgebauschtes, veilchenfarbiges Seidenkleid, dessen eckiger Ausschnitt mit kostbaren Spitzen besetzt war, und auch Herr Korfiz Uhlfeld hatte sich in die Farbe der Lieblingsblume seiner Braut gekleidet. Jetzt winkte Eleonore dem Freiherrn, sich zu setzen, und fragte dann lebhaft: »Aber Ihr seid gar nicht neugierig, zu erfahren, weshalb mein Korfiz Euch herbestellt hat.« »Ihr habt dem Freiherrn wenig Zeit zum Fragen 43 gelassen!« scherzte Uhlfeld. Dann wandte er sich rasch Freiherr von Rungholt zu. »Ihr müßt wissen,« sagte er, ernst werdend, »daß die Gräfin und ich heute auf die Falkenbeize ritten und auf dem Heimwege einem Manne begegneten, der lebhaft nach Euch fragte. Und zwar richtete er seine Worte an mich und nicht an meine Diener, was mich verwunderte, denn ein gemeiner Bauersmann verkriecht sich eher im Graben, als daß er mit uns Herren redet. So suchte ich ihn denn auszufragen, um zu erkunden, was er bei Euch wollte. Zuerst sah er mich mißtrauisch an; nachdem ich aber freundlich mit ihm redete, ist ihm manch bedenklich Wort entfahren, das darauf deutet, daß Wichtiges sich auf Eurem Hofe zuträgt; Wichtiges, das nicht allein Euch, sondern das ganze Reich angeht. Da habe ich den Mann mit mir ins Schloß genommen, und Ihr müßt mir gestatten, daß die Gräfin und ich Eurer Unterredung beiwohnen, weil wir beide über die Maßen neugierig geworden sind!« Er rührte an eine Schelle, auf deren silbernen Ton eine Seitentür aufging, aus der, geführt von einem Diener, der fehmarnsche Knecht Hinnerk trat. Er war abgerissen und verstaubt, aber seine scharfen Augen blickten unbefangen umher, und sein verbittertes Gesicht trug einen gleichmütigen Ausdruck, während der Freiherr ihn mit unangenehmer Überraschung erkannte. Die vornehme Überlegenheit des Reichshofmeisters, mit der dieser erklärte, Zeuge der Mitteilung sein zu wollen, die Hinnerk dem Freiherrn zu machen habe, war verletzend für Rungholt, der, obgleich ein Anhänger Uhlfelds, doch nicht 44 geneigt war, sich willenlos dessen Herrschsucht zu unterwerfen. Zornig fuhr er daher den Knecht an und schalt, daß er gewagt hatte, nach ihm zu fragen, ohne Rücksicht auf die Gegenwart der jungen Gräfin zu nehmen, die ängstlich zu dem gestrengen Herrn hinüberblickte, während Uhlfeld keine Miene verzog. Auf Hinnerk schien der Zorn des Freiherrn wenig Eindruck zu machen. Als dieser schwieg, sagte er kaltblütig: »Ich meinte, Ihr solltet mir dankbar sein, daß ich Euch aufsuchte, und mir nicht mit Scheltworten begegnen, da ich ein freier Mann und kein Höriger bin und nur aus Liebe zum Junker Kai ein Wörtlein mit Euch reden möchte!« Eleonore brach über diese kühne Rede in helles Lachen aus, und der Diener entfernte sich leise. Korfiz Uhlfeld aber fragte Hinnerk: »Wo bist du her?« »Ich bin von Fehmarn!« entgegnete der Gefragte, seine gebückte Gestalt etwas aufrichtend. »Nun, du siehst auch so halsstarrig aus wie ein Fehmarnscher!« lachte Uhlfeld belustigt. »Ihr seid ein trotzig und eigenwillig Bauernvolk, das keinen so guten Herrn wie unsern König verdient!« »Wenn du jetzt nicht bald erzählst, was dich hergeführt, so magst du zum Teufel gehn!« rief der Freiherr, seinen Ingrimm nur mühsam bekämpfend. Hinnerk wandte sein Gesicht, das er mit spöttischem Grinsen dem Reichshofmeister zukehrte, dem Freiherrn wieder zu. »Es ist ein Herr auf Holleby, der Schonen und Seeland dem Schweden verraten und dem Junker 45 Kai sein Erstgeburtsrecht nehmen will!« sagte er rasch und geläufig. Diesen Satz hatte er sich mühsam eingeprägt und lächelte triumphierend, als er den Eindruck seiner Worte bemerkte. Seine drei Zuhörer waren wie mit einem Schlage in die Höhe gefahren, und Freiherr von Rungholt stellte sich drohend mit erhobener Hand vor ihn hin. »Du lügst, Schurke!« knirschte er. »Auf meinem Hofe nisten keine Landesverräter!« »Er ist ein Vetter der Freifrau und nennt sich von Zoppelow!« rief Hinnerk, ängstlich zurücktretend, denn der Freiherr sah aus, als hätte er Lust, den Knecht niederzuschlagen. Uhlfeld faßte Rungholts Arm. »Beruhigt Euch,« bat er freundlich, aber bestimmt. »Ich hatte eine Ahnung, daß dieser Mann wichtige Nachricht brächte. Wir wollen ihn ausfragen, damit er uns Genaues berichte.« Alle setzten sich wieder, und Korfiz Uhlfeld, der Hinnerk freundlich zuredete, erfuhr bald von ihm, was dieser gehört hatte, als er im Turm saß und die Unterhaltung Zoppelows mit der Freifrau belauschte. Natürlich blieb Hinnerk nicht ganz bei der Wahrheit und übertrieb die Worte Zoppelows auf das äußerste, so daß es den Anschein hatte, als wenn die Schweden in den nächsten Tagen in die dänischen Provinzen einfallen würden. Als er nichts mehr zu berichten hatte, saß Uhlfeld eine Weile mit zur Erde gesenktem Kopf, ehe er den Freiherrn anredete. »Was meint Ihr zu dieser Affäre?« fragte er 46 dann. Freiherr von Rungholt runzelte finster die Stirn. »Ich glaube nicht, daß die Schweden augenblicklich böse Gelüste zu unserem Lande haben, wenn auch Banners Sieg bei Wittstock, den er soeben erfocht, sie wieder übermütig gemacht hat,« sagte er mit tiefem Groll in der Stimme und einem drohenden Blick auf Hinnerk. Denn der berichtete Böses von Holleby, und das machte den Freiherrn zornig. »Eurer Ansicht neige auch ich mich zu,« meinte Uhlfeld, »aber Ihr tut doch sicher besser, einmal auf Euren Hof zu reiten und Euch diesen Menschen dort anzuschauen. Er verdient harte Strafe für seine bösen Absichten. Ich werde noch heute Seiner Majestät über diesen Fall berichten, und Höchstdieselbe wird Euch vermutlich einen Befehl zugehen lassen, was Ihr mit diesem schwedischen Parteigänger anzufangen habt.« Der Freiherr erhob sich. »Ich werde dem Gebot Seiner Majestät Folge leisten,« sagte er steif. »Gestattet, daß ich mich Euch empfehle!« Da hielt die Gräfin Eleonore den verstimmten Mann freundlich zurück. »Der Knecht sprach auch manches von Eurem Sohn,« sagte sie sanft. »Könnte es wirklich möglich sein, ihm sein Erstgeburtsrecht zu nehmen, weil seine Mutter nicht von Adel war?« Rungholt blickte betroffen drein. In seinem Zorn über die Anwesenheit des Fremden auf Holleby hatte ihn die Erwähnung Kais nur oberflächlich berührt. 47 »Der König wird eine solche Ungerechtigkeit, wie mein zweites Ehegemahl sie wünscht, nicht dulden!« meinte er dann. »Sicherlich nicht!« rief Uhlfeld, dem der Ärger des Freiherrn über seinen vornehmen Ton nicht entgangen war. »Meine holde Braut muß ein gut Wörtlein bei ihrem hohen Vater einlegen, damit Seine Majestät etwas für den armen Junker tue. Wie alt ist er?« »Vierzehn Jahre müssen vergangen sein seit seinem ersten Geburtstage!« erwiderte Rungholt. »Dann muß er auf die Ritterakademie zu Sorö geschickt werden!« rief Eleonore, die sich lebhaft für die Wissenschaften interessierte; aber der Freiherr schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ich danke Gott, wenn er richtig lesen und schreiben kann, da er niemals viel Freude am Lernen verspürte!« »Nun, so muß er Page werden und später in die Kavaliergarde treten!« entschied Uhlfeld freundlich, und Gräfin Eleonore setzte huldvoll hinzu: »Auf alle Fälle soll es ihm nicht an unserer besonderen Gunst fehlen!« Noch einmal verneigte sich der Freiherr förmlich und schritt dann hocherhobenen Hauptes davon, ohne auch nur einen Blick auf Hinnerk zu werfen, der noch immer in einer Ecke stand und gespannt der Unterhaltung zuhörte. 48 IV. Im Garten zu Holleby saßen die Freifrau Mathilde von Rungholt und der edle Herr von Zoppelow einträchtig nebeneinander. Es war ein warmer, sonniger Herbstnachmittag, und behaglich dehnte sich der Gast in einem hochlehnigen Stuhl, der mit lederüberzogenen Kissen ausgepolstert war. Er trug nicht mehr seinen verschabten Anzug, sondern einen weichgefütterten Hausrock, der ihm fast bis auf die Füße reichte, die in gestrickten wollenen Schuhen steckten. Auf einem Tischchen vor ihm stand ein dickbäuchiger Krug und ein Trinkbecher, den er fleißig an die Lippen führte und ebenso häufig wieder füllte. Frau Rungholt warf öfters einen scharfen Blick auf Herrn von Zoppelow, wenn er zu häufig den Becher wieder füllte, aber sie äußerte ihre Unzufriedenheit nicht anders als durch einen tiefen Seufzer und stichelte eifrig an einer feinen Leinenarbeit. Jetzt zog Zoppelow ein kurzes Tonpfeifchen hervor, und nachdem er es mit Tabak gefüllt, sagte er: »Könntet Ihr mir eine durchgeglühte Holzkohle verschaffen, werteste Frau, so würde ich Euch tief dankbar sein, da ich mit einer solchen den Tabak am ehesten entzünde!« Die Freifrau wies mit der Hand auf das Herrenhaus. 49 »Bemüht Euch selbst in die Küche, mein Freund,« sagte sie kurz. »Vielleicht ist noch ein Fünkchen auf dem Herd zu finden.« Zoppelow machte ein etwas verdutztes Gesicht, erhob sich aber bald und holte sich schwerfälligen Schrittes die gewünschte glühende Kohle. Als er wiederkam, leuchtete sein Gesicht zufrieden. Hatte er doch dem drallen Küchenmädchen in aller Geschwindigkeit einen Kuß geraubt, was diese in lachender Ehrerbietung hinnahm. »Es ist wirklich ein köstlich Leben hier, Frau Cousine,« schmunzelte er, sich wieder hinsetzend, »und ich kann meinen Gedanken, Euch zu besuchen, nicht genug loben!« »Schafft nur, daß mein Klemens Herr dieses Gutes wird, dann sollt Ihr stets herzlich willkommen sein!« erwiderte Frau Rungholt, einen prüfenden Blick auf ihren Vetter richtend. Sie hatte scharfe Ohren, und sein lautes Lachen in der Küche war ihr nicht entgangen. Zoppelow legte die Hand aufs Herz. »Jeder Blutstropfen soll Euch gewidmet sein!« schwur er. »Selbst, wenn es mir schwer wird, Eure Gegenwart lange zu ertragen! Fühle ich doch, daß mein Herz noch jung ist und daß ich vor Amors Pfeilen bei Euch nicht sicher bin!« Die letzten Worte sagte er mit süßlicher Betonung und richtete seine hervortretenden Augen starr auf die vor ihm sitzende Edelfrau. Diese verzog die dünnen Lippen zu einem grämlichen Lächeln. »Es wird wohl besser sein, Ihr vertretet meine 50 Angelegenheit bei einflußreichen Männern, als daß Ihr lange hier bleibt!« meinte sie dann. »Ein ungelehrtes Weib kann Euch nur schlechte Gesellschaft sein, und da Ihr, wie Ihr sagt, Bekanntschaft mit den Höchsten im Lande habt, so wäre es ja eine Torheit, viele Tage bei mir Eure kostbare Zeit zu verträumen, da Euch Banner gewißlich bald rufen wird.« »Nun, er hat keine großen Verluste bei Wittstock gehabt und wird sich ohne mich noch ein Weilchen behelfen müssen!« sagte Zoppelow, ärgerlich seinen Bart streichend. Es war ihm wenig angenehm, daß Frau Mathilde seine schöne Redensart so wörtlich nahm. »Ihr werdet am besten wissen, wohin Ihr Euch jetzt zu wenden habt!« sagte die Freifrau gleichmütig. »Wenn Ihr alles gut geordnet habt, dann wird ein guter Lohn nicht auf sich warten lassen, und auf einige hundert Kronen soll es mir dann nicht ankommen!« Sie betonte das dann sehr stark, und Zoppelow zuckte mißmutig die Achseln. »Großmut scheint eben nicht eine Eigenschaft von Euch zu sein!« sagte er mit spöttischem Lachen. »Sonst würdet Ihr mir vielleicht einen Vorschuß anbieten, den ich, bei meiner Seele, gut gebrauchen könnte. Oder meint Ihr, daß ich in meinem alten Koller und in durchlöcherten Stiefeln dem dänischen Ambassador in Stockholm, Herrn Peter Wiebe, meine Reverenz machen soll?« »Auf diese Dinge verstehe ich mich nicht!« rief Frau Rungholt, indem sie ihre magere Gestalt steif 51 aufrichtete und den Vetter mit stechendem Blick ansah. »Wenn Euer Habit gut genug war, um es vor meine Augen zu bringen, so wird Herr Wiebe, der meines Wissens bürgerlicher Herkunft ist, sicherlich auch keinen Anstoß daran nehmen!« Zoppelow öffnete eben den Mund zu einer zornigen Entgegnung, als Klemens atemlos zu seiner Mutter geflogen kam. Seine langen Locken hingen ihm in die vor Erregung leuchtenden Augen, und ohne viel Umstände stieß er so gegen den Mecklenburger an, daß dieser fast von Stuhl gefallen wäre. »Der Hinnerk ist davon!« keuchte er. »Schon vorgestern abend!« »Laß ihn laufen, wohin er will!« brummte Zoppelow, während er einen derben Fluch über des Knaben Ungeschicklichkeit hinzusetzte. Aber die Freifrau stand hastig auf. »Wer hat ihn entspringen lassen?« fragte sie zornig. »Kajus hat ihm geholfen, ein großes Loch in die Mauer zu machen, und Peter, der Stallknecht, der ihm immer das Essen brachte, durfte es nicht verraten!« berichtete Klemens, zufrieden über den Eindruck, den seine Mitteilung auf die Mutter machte. In höchster Erregung ging die Freifrau auf den Hof und rief schrill nach dem Vogt, der zögernd, die Mütze in der Hand, erschien. Die edle Dame eilte auf ihn zu und schlug ihn mit einem vom Wege aufgelesenen Stock ins Gesicht. »Du sollst im Turm sitzen,« schrie sie, »damit du lernst, auf deine Leute zu achten! Du bist ein ungetreuer Knecht, dem ich die Faulheit schon 52 austreiben werde! Und nun schaffe mir den Peter und zwei Knechte mit Lederpeitschen herbei, damit der Bube lerne, was auf sein Verbrechen steht!« Sie wandte sich Herrn von Zoppelow zu, der ihr langsam gefolgt war und mit behaglichem Lächeln ihren Zornausbruch beobachtet hatte. »Hinnerk war ein guter Arbeiter, der mir schwer ersetzt wird!« rief sie aufgeregt. »Aber Peter soll sein Hehlen büßen!« »Und der edle Junker Kai?« fragte Zoppelow. »Trägt er nicht die größte Schuld?« Ein Ausdruck des Hasses trat in die Züge der Gefragten, der ihr etwas Megärenhaftes verlieh. »Einer nach dem andern!« rief sie drohend, die knochigen Hände ballend, während Zoppelow mit einem gemurmelten »Alle Hagel, wie sieht die Hexe aus!« von ihr zurücktrat und sich an die Hauswand lehnte, um die beginnende Exekution bequem übersehen zu können. Da brachten zwei gefühllos und stumpf blickende Gesellen den Stallknecht herbei, der durch das Verschweigen der Flucht Hinnerks zu so harter Strafe verurteilt war. Er war ein großgewachsener junger Mensch, auf dessen offenen, nicht unschönen Zügen jetzt ein Ausdruck von Angst und Entsetzen lag; denn das Auspeitschen war fürchterlich und konnte den dazu Verdammten für Jahre siech und elend machen. Aber keine Bitte um Erbarmen kam über die Lippen des Knechtes; er kannte die Freifrau zu gut und wußte, daß Bitten niemals Gehör finden würden. Wortlos ließ er sich seiner Oberkleider entledigen und von den Henkern auf ein schräggestelltes Brett hinlegen, als 53 plötzlich der Junker Kai auf dem Hofe erschien und mit einem raschen Sprunge vor dem Vogt stand. »Befiehl den Knechten, daß sie Peter loslassen!« sagte er. Seine Stimme klang ruhig, aber seine Augen flammten so gebieterisch, daß der Vogt zusammenfuhr. »Gnädiger Junker –« murmelte er und warf einen ängstlichen Blick zu der Freifrau hinüber, die bei Kais Erscheinen kreideweiß vor Wut geworden war. »Entferne dich, mißratener Bube!« kreischte sie in den schrillsten Tönen, »oder es ergeht dir ebenso wie deinem Kumpan!« Kajus lächelte gleichmütig und hob ein schweres Reiterpistol so, daß alle dasselbe erblicken konnten. »Wer Peter anrührt, dem schieße ich eine Kugel vor den Kopf!« sagte er. Die Wirkung seiner Worte war eine augenblickliche. Die Knechte sowie der Vogt zogen sich sofort auf eine respektvolle Entfernung zurück, und sogar Zoppelow machte mit einigen kernigen Flüchen mehrere Schritte rückwärts, um in den Schutz einer breitstämmigen Linde zu kommen, während Frau Mathilde einen lauten Wutschrei ausstieß. Sie schien nicht übel Lust zu haben, sich auf ihren Stiefsohn zu stürzen, um ihm die gefährliche Waffe zu entreißen, als eine laute, ärgerliche Stimme ertönte, bei deren Klang alles zusammenfuhr. »Was geht hier vor?« fragte Freiherr von Rungholt, der plötzlich mitten auf dem Hofe stand, »und was bedeutet dieser halbnackte Mensch?« Er wies mit der Hand auf Peter, der sich von seinem Brett 54 halb erhoben hatte, um mit Spannung den Streit über seine Bestrafung anzuhören. Mit lautem Freudenschrei stürzte Kajus auf den Vater zu und umfaßte mit beiden Armen seine hohe Gestalt. »Gut, daß Ihr da seid, Herr Vater!« rief er aufgeregt. »Ihr müßt die Ungerechtigkeit verhindern, die man an Peter begehen will!« »Du kannst mir nachher davon berichten!« rief der Freiherr mit abwehrender Handbewegung. »Auf jeden Fall schickt es sich nicht, daß ein Knecht vor aller Welt Augen gestraft wird!« Er warf einen unzufriedenen Blick auf seine Gemahlin, die, unbeweglich, mit zusammengekniffenen Lippen, nicht von ihrem Platz gewichen war. »Führt ihn in den Turm!« befahl er dann, »aber legt ihn an die Kette, sonst möchte er es machen wie Hinnerk!« »Das weiß der Herr Vater schon!« rief Kajus erstaunt, aber der Freiherr beachtete ihn nicht weiter. Er schritt in aufrechter Haltung auf Herrn von Zoppelow zu, der in unangenehmster Überraschung auf den Ankömmling geblickt und sich vergebens nach einem verborgenen Winkel des Hofes umgesehen hatte. Er nahm sich in dem langen wollenen Hausrock und den gestrickten Schuhen auch nicht sehr ritterlich aus, und ein spöttisches Lächeln flog bei seinem Anblick über das ernste Gesicht des Freiherrn von Rungholt. »Ich finde hier einen Gast meines Hauses, den ich nicht kenne!« sagte er dann, seinen breitkrempigen grauen Hut mit den Fingerspitzen berührend. »Darf ich fragen, ob Ihr der Magister seid, dem ich alle Jahr ein Röcklein verehren muß?« 55 Zoppelows rotes Gesicht wurde bei dieser Anspielung des Fragers auf seinen geborgten Rock noch röter, aber er richtete sich unwillkürlich straffer auf. »Ich bin der Herr von Zoppelow, aus altem Mecklenburger Hause,« begann er, aber schon kam die Freifrau ihm zu Hilfe. »Albrecht von Zoppelow ist mein Vetter mütterlicher Seite, mein Herr Gemahl!« sagte sie scharf; »auch hoffe ich, daß meine Freundschaft Euch stets willkommen sein wird, da ich ein einsam und verlassen Weib bin, das nicht viel Freude am Leben hat!« Freiherr von Rungholt zog unwillig die Brauen zusammen, aber er besaß höfische Manier genug, seiner Gemahlin in Gegenwart Fremder keine Unart zu sagen. Er wandte sich kurz von ihr, nachdem er ihr befohlen, einen Trunk Würzwein herzurichten, und dann schritt er auf den Vogt zu, um sich von diesem Bericht über den Hof geben zu lassen, während seine Troßknechte, die mit ihm gekommen waren, die Pferde abschirrten und zur Tränke führten. Rungholt war vor dem Hofe abgestiegen und hatte einen Richtweg durch den Garten eingeschlagen, so daß er auf diese Weise unbemerkt Zeuge der Szene auf dem Hofplatze wurde. Nach einer Weile ging er langsam auf das Herrenhaus zu und winkte mit einer unmerklichen Bewegung der Augen Kajus zu sich heran, der sich immer in seiner Nähe gehalten hatte und das Pistol noch in der Hand trug. »Was soll das Pistol?« fragte er streng. »Willst du schon Menschen totschießen, weil sie deinen Willen nicht tun?« »Es ist nicht geladen,« entschuldigte sich Kai, die schwere Waffe vergnügt betrachtend. »Sie hatten 56 alle Angst,« setzte er triumphierend hinzu, »auch der dicke Mecklenburger; aber wenn Ihr nicht bald gekommen wäret, Herr Vater, dann hätte die Frau Mutter ihren Kopf doch durchgesetzt.« »Hast du Hinnerk laufen lassen?« fragte der Vater weiter. Kai errötete stark, antwortete aber ruhig mit »Ja.« »Und weshalb?« »Weil er Euch holen sollte!« »Konntest du nicht allein mit dem Mecklenburger fertig werden?« Der Ton des Freiherrn klang spöttisch. »Dein Erbteil kann er dir nicht leicht nehmen, wie sehr die Freifrau es auch wünschen mag, und dann bin ich selbst noch da und denke noch lange in meinen Schuhen zu bleiben!« Er richtete sich strammer auf, schlug mit der Reitpeitsche gegen die schweren Stiefel und sah herausfordernd auf seinen Sohn, dessen schmächtige Gestalt auch in die Höhe schnellte. »Ich sandte Hinnerk nicht, damit Ihr mir helfen solltet, Herr Vater!« erwiderte er mit trotzigem Blick. »Obgleich es nicht schön ist, alle Tage zu hören, man wäre unedler Geburt. Ich sandte ihn, weil ich meinte, der Fremde würde Seeland an Oxenstirn verraten!« »Dummheit!« murmelte Rungholt. »Meinst du, dieser dicke Saufaus, dem die Gemütlichkeit aus jeder Falte seiner Fratze spricht, würde ein solch Geschäft übernehmen, selbst wenn es ihm angeboten wäre, was ich noch nicht glaube? Oxenstirn nimmt schlauere Füchse als ihn. Du aber,« sagte er lauter, »bringst mich in eine üble Lage, da ich den Vetter meiner 57 Gemahlin als Gefangenen mitnehmen muß, was diese mir niemals verzeihen wird!« Kajus machte ein etwas betroffenes Gesicht und folgte seinem Vater schweigend. Dieser trat jetzt in die Halle. Hier stand bereits eine große Kanne dampfenden Weines und ein silberner Becher aus schöner getriebener Arbeit auf dem Eichentisch, und der Freiherr setzte sich mit einem Seufzer. Ihm war der Auftrag, Zoppelow nach Kopenhagen zu führen, sehr unangenehm, obgleich König Christian ihm einen eigenhändig geschriebenen Befehl dazu übersandt hatte. Aber er wußte, daß Korfiz Uhlfeld diese Order ausgewirkt hatte, und sein hochmütiger Sinn beugte sich ungern vor dem jungen ehrgeizigen Reichshofmeister. Deshalb sah er auch ziemlich milde auf den Herrn von Zoppelow, der jetzt auch in der Halle erschien, und zwar wieder in seinem eigenen Kostüm. Er entschuldigte sich mit vielen Worten, daß er die Freiheit genommen hatte, ein Gewand anzulegen, das ihm nicht gehöre, aber auf Reisen wäre man ja nicht mit allem versehen. Dann stieg ihm der Duft des gewürzten Weines in die Nase, und er setzte sich mit behaglichem Lächeln. Offenbar schien er nicht zu ahnen, daß der Besuch des Freiherrn ihm galt. Dieser hatte seine ganze Rede mit Ruhe angehört und schien keine Lust zu verspüren, auf sie zu antworten. Er trank schweigend einige Becher des heißen Weines, ohne dem Mecklenburger davon anzubieten, dessen Gesichtsausdruck kummervoll wurde. Endlich begann der letztere: »Noch nie sah ich so schöne bunte Fenster in einem Herrenhause, als 58 in dem Euren, Herr Freiherr! Ihr habt sie sicher teuer bezahlen müssen!« Der Angeredete hob flüchtig die Augen zu den gemalten Scheiben, auf denen das Sonnenlicht wieder magisch erglänzte. »Ich nahm sie den Mansfeldschen Scharen ab, die sie samt der Kirche, in der sie sich befanden, verbrennen wollten. Das Herschaffen hat mich viel Geld gekostet und der Kauf auch, denn die Burschen tranken viele Fässer Bier auf meine Rechnung, nachdem sie mir die bunten Scherben herausgelöst!« »Es war wohl im Hannöverschen?« fragte Zoppelow, und Freiherr von Rungholt nickte. »Da gab es gewiß manche gute Kriegsbeute,« seufzte der andere. »Ich habe nie Glück damit gehabt; überall, wohin ich kam, waren schon andere gewesen, und was ich hervorsuchte aus alten Spinden und Betten, konnte ich niemals wieder loswerden, und der Trödler wollte es kaum geschenkt haben.« »Ihr kämpftet bei den Schweden?« »Schon vier Jahre, edler Herr; doch haben die gelbblauen Farben mir kein Glück gebracht, und ich möchte wohl in dänischen Dienst treten!« versetzte Zoppelow möglichst unbefangen, obgleich ein eigentümlicher Ausdruck in des Freiherrn Gesicht ihn erschreckte. Dieser stand auf, nahm zwei Zinnbecher von der Kredenz und stellte sie vor Zoppelow und vor Kajus, der bescheiden unten am Tische stand. Der Freiherr winkte seinem Sohne, sich hinzusetzen, und während er einschenkte, sagte er leichthin: »Ihr dürft Eure Wünsche bald dem König 59 Christian selbst sagen, werter Herr, da ich Befehl habe, Euch vor Seine Majestät zu führen!« Der Becher, den Zoppelow soeben an den Mund führen wollte, wäre fast aus seiner Hand geglitten, und er wurde so blaß, wie es sein dunkel gefärbtes Gesicht erlaubte. »Ich zu König Christian!« stammelte er. »Was hätte ich dort bei dem großen Fürsten zu tun? Ich bin ein armer deutscher Edelmann, der keine Bekanntschaft bei Hofe hat. Ihr treibet Scherz mit mir, edler Freiherr!« Sein Schreck und seine Angst waren so ersichtlich, daß sich Rungholts Mißtrauen, dem er kaum Raum gegeben hatte, steigerte. »Wenn Ihr ein rein Gewissen habt, tut Euch der König nicht weh!« erwiderte er. »Seine Majestät ist ein gerechter Herrscher!« Zoppelow erhob sich hastig. »Verzeiht, edler Herr,« sagte er demütigen Tones, »aber mir fällt ein, daß ich zu übermorgen abend bei Banner erwartet werde, der mich ob meiner Lässigkeit arg schelten wird. Ich –« er stand schon an der Tür, aber die starke Hand des Freiherrn legte sich so gewichtig auf seine Schulter, daß seine Knie zu zittern anfingen. »Wenn Ihr Euch vom Fleck rührt, muß ich Euch binden lassen!« sagte er gebieterisch. »Kommt, seid ein Mann und gebt Euer Ehrenwort, mir nicht zu entlaufen!« Aber der Mecklenburger sank vernichtet, keines Wortes mächtig, auf seinen Stuhl, und der Freiherr betrachtete den dicken, furchtsamen Mann mit einer Art spöttischen Mitleids. Als aber seine 60 nochmalige Aufforderung, sich als Gefangener zu betrachten und sein Ehrenwort zu geben, daß er nicht entfliehen werde, von Zoppelow nicht beantwortet wurde, wandte er sich achselzuckend ab und gab Kajus einen leisen Befehl in dänischer Sprache. Dieser verschwand eilig, um bald darauf mit zwei Knechten wiederzukehren, die, nachdem Zoppelow der Degen abgenommen war, den Widerstrebenden in ihre Mitte nahmen, um ihn in sein im Obergeschoß liegendes Gastgemach zu führen. Dort setzten sie sich behaglich auf eine hölzerne Bank und stellten es dem fremden Herrn frei, ob er sich mit ihnen unterhalten wollte oder nicht. Der Freiherr sollte unterdessen auch erfahren, daß sein Auftrag, den Mecklenburger gefangenzunehmen, in mehr als einer Beziehung unangenehm war, denn kaum hatte sich die Tür hinter Zoppelow geschlossen, als seine Gemahlin aus einer anderen hervorstürzte und ihn mit Verwünschungen überhäufte. Frau Rungholt liebte es durchaus nicht, Gäste zu beherbergen, schon aus Sparsamkeit nicht; aber ihr Vetter, den sie gleichfalls mit scheelen Blicken empfing, hatte sie nicht allein in ihrer Abneigung gegen Kajus bestärkt, sondern ihr auch Hoffnung gemacht, daß Klemens doch noch einmal Herr auf Holleby werden könne. Für ihren Sohn aber erduldete sie alles, und der Gedanke, daß Zoppelow nun nichts für Klemens tun könne, erfüllte sie mit solchem Zorn, daß sie jede Scheu vor ihrem Herrn und Gebieter vergaß und fast zu Tätlichkeiten übergegangen wäre. Der Freiherr bemühte sich vergebens, ihr vorzustellen, daß auch ihm die Gefangennahme Zoppelows sehr unangenehm 61 gewesen wäre, daß er sich aber dem königlichen Befehle nicht entziehen konnte. Aber Frau Mathilde fuhr mit beiden Händen auf Kajus los und hätte ihn gekratzt, wenn ihr Gemahl sie nicht gefaßt und auf ihr Zimmer getragen hätte. Dort hörte man sie noch lange schreien und jammern. Verdrießlich saß der Freiherr nachher hinter seinem Wein; Kajus aber stand neben den Troßknechten des Vaters und ließ sich von der Pracht des dänischen Hofes und seinen stolzen Rittern berichten. V. Schon am nächsten Morgen standen die Pferde, die den Freiherrn von Rungholt, seine Knechte und den Gefangenen nach Kopenhagen bringen sollten, zeitig vor dem Hause, und freudestrahlend machte Kajus sich an einem leichten Rößlein russischer Art zu schaffen. Er fühlte sich glücklich wie noch niemals, hatte ihm doch sein Vater am gestrigen Abend die Mitteilung gemacht, daß er beabsichtige, ihn mit an den dänischen Hof zu nehmen. Seine dunklen Augen hatten so geleuchtet, daß der ernste Freiherr ihn erstaunt ansah und dann mit kurzen Worten in seine Schlafkammer sandte. Aber Kajus konnte vor Aufregung nicht schlafen. Nur eins war ihm leid: daß Klemens daheim blieb; aber der Vater hatte auf seine Bitte, ihn mitzunehmen, kurz erklärt, daß Klemens noch einige Jahre bei dem Prädikanten Unterricht nehmen und dann auf die Akademie nach Sorö solle, weil er mehr Neigung zu den Wissenschaften 62 hatte als Kajus. Letzteres war nur zu wahr. Konnte der ältere Bruder auch kunstvoll mit dem Degen stechen, Bolzen schießen und ein Pferd tummeln, so hatte Klemens ihn doch schon im Lesen und Schreiben überholt, und während Kai noch immer armselige Buchstaben auf den Schiefer krakelte, malte der Kleine schon artige Lettern auf Papier und begann auch lateinische Verba zu konjugieren. Deshalb durfte er auch bei seiner Mutter bleiben, was ihn augenblicklich mit großer Empörung erfüllte. Weinend stand er in der Haustür und sah zu, wie Kais Mantelsack auf das Pferd eines der Knechte geschnallt wurde. Während Zoppelow auf sein Pferd stieg, nahm der Freiherr im Wohngemach seiner Gattin Abschied von ihr. Frau Rungholt sah jetzt demütig in das strenge Antlitz ihres Gatten, der ihr gemessenen Tones einige Anweisungen über die Bewirtschaftung des Hofes gab. »Auch wünsche ich,« setzte er hinzu, »daß Ihr Euch befleißigt, möglichst wenig Strafen zu verhängen und besonders das Auspeitschen vermeidet, welches das Gemüt der Leute verdirbt. Nur bei schweren Vergehungen dürft Ihr dasselbe anwenden, da es dann heilsam für die Seele sein kann!« Die Freifrau war rot geworden; aber sie senkte die Augen und versicherte leise, daß die Gebote ihres Herrn befolgt werden sollten. Dann küßte sie die große Hand des Freiherrn, die sich ihr zum Abschiede entgegenstreckte, und winkte dem Mecklenburger, der ihr trübselig zunickte, mit dem Taschentuche. Kai nickte sie gleichgültig zu, während Klemens sich aufschluchzend in die Arme des Bruders und Spielgefährten warf. Doch nicht lange Zeit durften alle auf den Abschied 63 verwenden; als der Freiherr im Sattel saß, stieß er ein kurz befehlendes Wort aus, und die Reiterschar sprengte klappernd vom Hofe. Wald und Feld waren noch in weißlichen Herbstnebel gehüllt, aber schon zitterten die ersten Sonnenstrahlen auf dem rötlich schimmernden Laube der Bäume und glitten dann über die kahl gewordenen Felder und Raine. Zum ersten Male in seinem Leben empfand Kai ein fast leidenschaftliches Heimatgefühl, und als er auf die Dächer und Bäume von Holleby zurückblickte, das hell im Morgenschein erglänzte, stieg es ihm heiß in die Augen. Er blickte gerade vor sich hin auf den sandigen Weg und achtete nicht des munteren Geplauders der Leute, die dicht hinter ihm ritten, während sein Vater und Zoppelow die Spitze des kleinen Zuges bildeten. Aber nicht lange hing er seinen Gedanken nach. Als Peter, der Stallknecht, den er sich zur Begleitung ausgebeten hatte, ein Reiterliedchen anstimmte und die andern lustig einfielen, da war es auch mit Junker Kais Trauer vorbei, und bald erklang seine Stimme im fröhlichen Chor. Der Freiherr und sein Gefangener schienen weniger zum Singen geneigt. Der erstere hing ernsthaften Gedanken nach, ohne viel auf den Mecklenburger zu achten, der das Aussehen hatte, als wäre sein Schlaf in der vergangenen Nacht kein guter gewesen. Seine Wangen waren bleich und der Ausdruck der Augen trübe. Von Zeit zu Zeit warf er einen verstohlenen Blick um sich, als spähe er nach einer Gelegenheit, mit seinem Pferde querfeldein zu jagen auf Nimmerwiedersehen; da aber sein Tier 64 ein alter, steifbeiniger Klepper war, so sah er wohl selbst ein, daß die flinken Rosse der andern ihn mit geringer Mühe einholen würden, und mit mancher grimmigen Verwünschung seines Schicksals ergab er sich darein. Nach einem mehrstündigen scharfen Ritt wurde bei einem Wirtshause an der Landstraße haltgemacht. Alles stieg von den Pferden, die getränkt und gefüttert wurden, und der Freiherr nahm mit Zoppelow und Kajus ein einfaches Mittagbrot ein. Nachdem er darauf die Überwachung des Gefangenen seinen Knechten übergeben hatte, rief er seinen Sohn zu sich in den kleinen Garten, der seitwärts vom Hause lag. »Wie alt bist du eigentlich?« begann der Freiherr seine Unterhaltung. »Vierzehn Jahre!« lautete die rasche Antwort, und der Vater nickte. »Ja, ja, so lange muß es wohl her sein, daß deine Mutter zu Gott ging!« Er seufzte. »Des Allmächtigen Wege sind unerforschlich, jedoch für mich wäre es besser gewesen, wenn sie noch lebte. So schön und gut wie sie war keine Jungfrau im holsteinischen Lande!« Kajus, dem die Mutterliebe sein ganzes Leben fremd geblieben war, den niemand jemals geliebkost hatte, fühlte nur dunkel, daß es auch für ihn heilsam gewesen wäre, wenn seine Mutter noch lebte. Er hatte von ihr nur als ›Bürgermädchen‹ von der jetzigen Freifrau sprechen gehört, so daß er es eigentlich als persönliches Unrecht gegen sich selbst betrachtete, daß sein Vater zu seiner Mutter keine Adelige wählte. 65 »Sie muß wohl schön gewesen sein, daß Ihr eine Kaufmannstochter zur Edelfrau erhobet!« sagte er zögernd. Der Freiherr, der sich auf ein Holzbänkchen gesetzt hatte und gedankenvoll seinen Bart strich, schaute erstaunt auf. »Also dies Lied singt der Junker auch schon!« rief er halb unwillig, halb belustigt. »Nun, du hast am Ende mancherlei darüber hören müssen, daß deine Mutter eine Bürgerliche gewesen ist, und das Klatschmaul, der Hinnerk, wußte zu berichten, daß die edle Frau von Rungholt und ihr vortrefflicher Vetter ein Komplott schmiedeten, dir Holleby abspenstig zu machen. Aber daß ich nur mit dem Gelde der Kaufmannstochter jenes Gut kaufte, das wird dir niemand erzählt haben. Und doch ist es so, und mancher Ritter hätte sich gern in der Klosterkirche zu Kiel an die Seite meiner Herzallerliebsten gestellt, als der Pastor über uns den Segen sprach; denn sie war nicht allein schön und gut, sondern auch ein Goldfischlein, das mir Reichtum und manch schönes Geschmeide in die Ehe brachte. Die jetzige Freifrau war dagegen arm wie eine Kirchenmaus, als ich sie auf Zureden des Herzogs von Pommern zu meiner Gemahlin erhob, und daher ist sie so stolz auf ihren Adel. Denn etwas muß der Mensch haben, um stolz darauf sein zu können, und weil sie weder schön noch verständig ist, so ist das einzige, das ihr bleibt, ihr Name!« »Ein edler Name ist doch sicherlich ein großes Ding?« fragte Kajus, der gespannt und erleichterten Herzens dem Vater lauschte. Dieser nickte. »Ganz gewiß, aber da es jetzo so 66 viele Leute mit edlem Namen gibt, daß man Kopenhagen mit ihnen pflastern könnte, ohne daß der Welt ein großer Schaden geschähe, so muß ein jeglicher sich bemühen, tüchtig und brav zu sein, damit er sich vor den andern auszeichne. Ich sage dir, daß König Christian nicht viel nach dem Adel fragt, und daß mancher Bürgersohn bei ihm zu hohen Ehren gekommen ist, weil er ihn besser gebrauchen konnte als die stolzen Junker, die von der Welt nichts mehr kennen als ihre Vetterschaft und ihren Stammbaum. Doch alles dieses kannst du selbst mit eigenen Augen sehen und darüber nachdenken; wenn ich dich hierher rief, so geschah es, um dir einiges von Christian und seinen Kindern zu sagen.« Der Freiherr blickte eine Weile starr in den hellblauen klaren Himmel, ehe er fortfuhr. »Ich habe dir schon einmal erzählt,« sagte er dann, langsam jedes Wort abwägend, »daß Königin Anna Katharina, des brandenburgischen Markgrafen Tochter, seit vielen Jahren verstorben ist, und daß die zweite Gemahlin Seiner Majestät von dänischem Adel war, aber bereits vor sechs Jahren die Gunst des Königs verscherzte und jetzt in Jütland auf ihrem Hofe Boller lebt. Doch werden ihre Kinder wie königliche Prinzen und Prinzessinnen gehalten, obgleich Frau Christine Munk dem Könige nur zur linken Hand angetraut und ihre Ehe keine ebenbürtige ist. Doch hüte dich, dem Grafen Waldemar, Frau Christinens Sohn, anders als mit Devotion zu begegnen; er gilt bei Seiner Majestät ebensoviel wie Prinz Christian, und auch den jungen Gräfinnen mußt du schuldigen Respekt erweisen. Ich denke, Frau Karen 67 Sehestedt, ihre Oberhofmeisterin, zu bitten, daß sie dich mit Gräfin Helwig spielen lasse, da du dann lernen wirst, dich höfisch zu bewegen!« »Mit einem Mädchen soll ich spielen?« fragte Kajus enttäuscht. »Gibt es denn keine Knaben am Hofe?« »Mehr als genug!« erwiderte der Freiherr, aufstehend. »Du wirst dänische, norwegische, schleswigsche und holsteinische Junker in Hülle und Fülle treffen und genug Zeit finden, dich mit allen zu raufen. Es gibt wackere Burschen unter ihnen, aber gar mancher wird dich scheel ansehen, weil sie mich als deutschen Edelmann nicht zu den Ihren rechnen. Doch steh nur fest in deinen Schuhen und laß dir keine Schmährede gefallen, dann werden sie schon von dir ablassen.« Langsam schritt der Sprecher dem Ausgange des Gartens zu, und sein Sohn folgte ihm schweigend. Die kurze Mitteilung des Vaters, von der er so manches nicht verstand, gab ihm das dunkle Gefühl, daß der Eintritt in die neue, sich ihm öffnende Welt mit mancherlei Gefahren verknüpft wäre, deren Tragweite er noch nicht ermessen konnte, und wenn er an das eben verlassene Landleben zurückdachte, überkam ihn leises Bedauern. Bald setzte sich die Reiterschar wieder in Bewegung und ritt in raschem Trabe auf Kopenhagen zu, dessen Türme nach einigen Stunden am Horizonte aufstiegen. Kajus betrachtete sie neugierig; außer der mit Holz gedeckten Kirche seiner Heimat kannte er keine größeren Bauwerke, und die schlank aufragenden Spitzen der Gotteshäuser erfüllten ihn mit Bewunderung. Auf Herrn von Zoppelow schien die 68 Nähe der Stadt keinen angenehmen Eindruck zu machen; er saß gebeugt auf seinem Pferde und murmelte Worte vor sich hin, die bald wie Gebete, bald wie Flüche klangen. Freiherr von Rungholt beachtete ihn kaum, aber Kajus blickte mitleidig auf den Mann, der sich ihm so unfreundlich erwiesen und zu dessen Gefangennahme er selbst beigetragen hatte. Jetzt hätte der Junker ihm mit Freuden Gelegenheit gegeben, zu entwischen, aber die Furcht vor seinem Vater hielt ihn zurück. Schon begann die Sonne zu sinken, als die Reiter in einen Wald einbogen, der dicht vor Kopenhagen lag. Eine glänzende Kavalkade sprengte ihnen plötzlich entgegen und begrüßte die Ankommenden mit lautem Zuruf. Allen voran ritt ein schönes, stolzes Paar; der Herr, ein hochgewachsener, dunkeläugiger Mann, mit äußerster Pracht gekleidet, neben ihm in himmelblauem Samt ein reizendes Mädchen, das ihren weißen Zelter mit fester Hand dicht vor dem Freiherrn parierte und ihm mit liebreizendem Lächeln die Hand bot. »Willkommen, stolzer Ritter!« rief sie fröhlich. »Ihr schaut finster drein, und doch scheint mir, als wenn Ihr Euer Geschäft gut ausgerichtet hättet!« Und mit dem goldenen Griffe ihrer Reitgerte zeigte sie lachend auf Zoppelow, dessen behäbige Gestalt wunderlich genug mit seinem vor Angst und Erregung fahlen Gesicht kontrastierte. »Also dies ist der Vogel, den Ihr gefangen habt?« fragte jetzt Uhlfeld. Er lehnte sich im Sattel zurück und musterte hochmütig den Mecklenburger. »Nun, er mag im stillen Kämmerlein darüber nachdenken, 69 daß es nicht gut ist, seine Haut für andere zu Markte zu tragen!« Gleichgültig wandte er sich ab, während seine Begleitung näher heransprengte und den Ankömmling ebenfalls neugierig betrachtete. »Was hat er eigentlich verbrochen?« fragte Ebbe Uhlfeld, der Bruder des Reichshofmeisters, ein ganz junger, flaumbärtiger Mann. »Seine Majestät will ihn in die Erbsen stellen, damit die Spatzen nicht hineinkommen!« rief eine kecke Stimme in gebrochenem Dänisch. Alles lachte, selbst der Freiherr verzog den Mund zu einem Lächeln, und Kajus, auf den niemand bis jetzt geachtet hatte, sah voll heimlicher Bewunderung auf den blonden Pagen, der diese Worte sprach. Gräfin Eleonore drohte dem Kleinen scherzend mit der Peitsche. »Brockdorff ist der vorlauteste Page im Schlosse,« rief sie, »obgleich er die dänische Sprache lallt wie ein Säugling!« »Das kommt daher, weil ich stets Deutsch mit Euch spreche, damit Ihr diese schöne Sprache nicht verlernt!« erwiderte der Angeredete schlagfertig auf deutsch. Während Eleonore weiter mit ihrem Pagen scherzte, ritt Korfiz Uhlfeld dicht an den Freiherrn heran. »Glaubt Ihr, daß Euer Fang ein wichtiger ist?« fragte er. »Nein,« entgegnete der Freiherr kurz. »Habt Ihr etwas bei ihm gefunden?« »Ich habe ihn nicht durchsuchen lassen,« erwiderte 70 Rungholt kühl. »Meine Order lautete dahin, den fremden Edelmann, der sich auf meinem Gut aufhielt, sicher nach Kopenhagen zu geleiten und ihn dort in Verwahrsam zu geben. Letzteres denke ich noch zu tun, und dann ist die Sache für mich abgetan.« Korfiz Uhlfeld zuckte leicht die Achseln, dann fragte er weiter: »Aber er hat Euch doch gestanden, welche Absichten er hegte, als er Euer Gut besuchte?« »Sicherlich nicht, Herr Korfiz! Denn davon stand kein Wort in meinem Befehle. Auch glaube ich kaum, daß Herr von Zoppelow mir viel anderes als Lügen gesagt haben würde. Alles Verhören und Durchsuchen überlasse ich klügeren Leuten, die mehr davon verstehen denn ich!« In Uhlfelds dunklen Augen flammte es zornig auf, und der Ausdruck seines Gesichtes wurde ein drohender. Doch bezwang er sich mit großer Willenskraft. »Ihr seid verstimmt, edler Freiherr,« sagte er höflich, »sonst würdet Ihr anders antworten. Aber ich begreife, daß es Euch nicht recht war, einen Gast Eurer Gemahlin aufzugreifen und hierherzubringen. Doch des Landes Wohl erheischt Opfer, und die Dankbarkeit des Königs ist Euch gewiß!« Während Uhlfeld so sprach, hatte er mit seiner Begleitung kehrtgemacht und ritt mit dem Freiherrn in die Stadt. Eleonore lenkte ihr Pferd an seine rechte Seite, horchte auf seine Worte und betrachtete ihn stolz. Plötzlich wandte sie sich dem Freiherrn zu. »Wo ist Euer Sohn?« Auf einen Wink des Gefragten ritt Kajus näher, um sich mit dem Hute in der Hand tief zu verneigen. 71 Die Gräfin sah freundlich auf den Knaben. »Hübsch bist du nicht,« sagte sie in ihrer aufrichtigen kindlichen Weise, »aber deine Stirn ist hoch und dein Mund fest; ich mag dich leiden, und wir wollen gute Freunde sein!« Jetzt klapperten die Hufe der ermüdeten Pferde auf dem holprigen Straßenpflaster Kopenhagens, und lauter Zuruf begrüßte die Gräfin Eleonore, denn die Bürger liebten die holdselige Tochter ihres tapferen Königs und zeigten ihr Wohlgefallen, wo sie nur konnten. Auch Uhlfeld wurde oft gegrüßt. Er dankte mit großer Höflichkeit und rief manches Scherzwort den ihm begegnenden Leuten zu. Aber auch manchen finsteren Blick fing der stolze Günstling und baldige Schwiegersohn des Königs auf; selbst drohende Worte klangen dort hinter ihm her, wo seine Braut begrüßt wurde. Doch kein Zug seines schönen Gesichts veränderte sich, und seine Freundlichkeit blieb dieselbe. Er wußte wohl, daß er Feinde hatte, aber er fühlte sich so sicher in der Gunst seines Herrn, daß er ihnen keine Gedanken schenkte. Als die Reiterschar in den Schloßhof einbog, drängte Zoppelow, der bis dahin in dumpfem Schweigen verharrte, sein Tier an Uhlfelds Rappen. »Ich will alles gestehen!« flüsterte er mit erstickter Stimme, »nur bitte ich um ein ritterlich Gefängnis. Meine Schuld ist nicht groß, und Ihr werdet gnädig mit mir verfahren, Herr Uhlfeld!« Der Angeredete maß den Sprecher mit verächtlichem Blick. »Woher kennt Ihr mich?« fragte er dann kalt. »Jedermann in Stockholm kennt Eure Gnaden 72 und weiß von Eurem Edelsinn zu erzählen!« murmelte der Mecklenburger. Der Reichshofmeister lächelte spöttisch. »Wollt Ihr durch Schmeichelei mein Herz milde stimmen?« fragte er verächtlich. Zoppelow senkte den Kopf. »Ihr seid ebenso mächtig wie der König,« sagte er dann weinerlich. »Weshalb wollt Ihr nicht Gnade üben wie ein Fürst? Mein Vergehen ist nicht so groß, daß Ihr mich arg bestrafen könnt; ich aber wüßte Euch mancherlei zu erzählen, was Ihr vielleicht noch nicht kennt –« Jetzt hielt der Zug auf dem Schloßhofe, und Freiherr von Rungholt sprengte auf Uhlfeld zu. »Ist Seine Majestät geneigt, noch heute meinen Gefangenen zu vernehmen, oder soll ich ihn noch weiter bewachen lassen?« »Der König wird heute keine Zeit mehr haben, Euch zu sprechen, edler Freiherr!« rief Uhlfeld rasch. »Aber,« setzte er artig hinzu, »übergebt mir den fremden Kavalier! Ich werde Sorge tragen, daß er meinen Trabanten nicht entkommt, und Ihr könnt Euch von dem anstrengenden Ritt ausruhen und Euer Söhnlein« – leicht neigte er den Kopf gegen Kajus – »bei Hofe einführen!« Der Freiherr war es zufrieden. Da ihm die Verhaftung Zoppelows im höchsten Grade zuwider war, fühlte er auch kein Bedürfnis, sich länger mit dem Fremdling abzugeben. Mit ehrerbietigem Gruße gegen die Gräfin ritt er mit seinen Leuten davon, den Mecklenburger bei Uhlfeld lassend. Auch Kajus neigte sich tief vor der anmutigen Braut des 73 Reichshofmeisters, die ihm gnädig das zierliche Händchen zum Kusse reichte, ehe sie ihr edles Tier leicht mit der Gerte berührte, um Herrn Uhlfeld zu folgen. Rungholt und seine Begleitung trabten in einen Torweg des Schlosses, wo alle von den Pferden sprangen und die Diener das Gepäck losschnallten. Nachdem der Freiherr noch einige Befehle gegeben hatte, winkte er seinem Sohne, und Kajus folgte ihm eine dunkle hölzerne Treppe hinauf in ein hohes, einfach eingerichtetes Zimmer. »Hier, bei mir, wirst du wohnen, bis ich dich dem Pagenmeister und der Frau Sehestedt übergebe,« sagte der Freiherr. Der Junker setzte sich auf den Rand des dunklen geschnitzten Bettes und sah nachdenklich um sich. Ein ihm bisher fremdes Gefühl stieg in ihm auf, als er bedachte, wie weit Klemens von ihm entfernt sei und wie lange es wohl noch dauern könne, ehe er wieder Holleby sehen würde. Dann fiel ihm die Gräfin Eleonore ein; niemals hatte er gemeint, daß eine Frau so reizend sein könnte, und wie schön und stolz war der Reichshofmeister! Müde sank sein Kopf zur Seite; er merkte es nicht, daß sein Vater ihn leise auf das Lager bettete, und bald träumte er von Holleby, Klemens, seiner Stiefmutter, die sich in eine Katze verwandelte, und von der Gräfin Eleonore. – Der Reichshofmeister saß um diese Stunde in seinem Gemach, und vor ihm, sehr demütig, stand Zoppelow. »Eure Gnaden mögen mich mit dem Schwerte 74 hinrichten lassen, wenn ich die Wahrheit nicht rede!« rief er, die Hand auf die Brust legend. Der Graf achtete nicht auf ihn. Mit gespannten Blicken durchflog er einen Brief, den der Mecklenburger ihm gegeben hatte. »Also dies schreibt Herr Oxenstirn mir heimlich, durch Euch?« fragte er dann scharf. Zoppelow neigte sich zur Erde. »So ist es, gnädigster Herr!« »Weshalb kamet Ihr denn nicht gleich zu mir und bezeigtet solche Furcht?« »Glaubte ich nicht, daß Seine Majestät mich durchsuchen lassen würde?« erwiderte der andere kläglich, und Uhlfeld maß ihn mit seinen durchdringenden Augen. »Vielleicht kann ich Euch später brauchen,« sagte er nachlässig; »fürs erste wird ein längerer Aufenthalt im Gefängnis Euch gut tun!« VI. Sieben Jahre waren verstrichen, seitdem der Freiherr von Rungholt seinen Gefangenen an den dänischen Hof brachte, und noch immer tobte der Krieg im deutschen Lande. Sein verheerender Pestodem flog über Holstein, und drohend streckte er die glühenden Arme nach der Zimbrischen Halbinsel aus, aber bis jetzt hatte er seinen Einzug noch nicht wieder gehalten, und während in Hannover und Mecklenburg die Dorfschaften in Rauch aufgingen, konnte der 75 schleswig-holsteinische Bauer sein Feld bestellen und das Haupt friedlich zum Schlafe niederlegen. Auch der Bürger, dem die Wallensteiner die Silbertaler nahmen, hatte schon wieder Freude am Sparen und betrachtete wohl in heimlicher Stunde einen kleinen Schatz, den er im verborgensten Winkel seines Hauses verwahrte. Handel und Gewerbe, die nach Wallensteins Einfall in Schleswig und Holstein gänzlich darnieder lagen, hatten sich etwas gekräftigt, und König Christian wie der Herzog Friedrich von Gottorp waren eifrig bestrebt, den gesunkenen Wohlstand ihrer Länder wieder zu heben. Die dänischen Inseln hatten lange keinen Krieg gesehen, sie waren unter Christians Regierung emporgeblüht, und auf ihnen lebte der zahlreiche dänische Adel, der stolz auftrat und mit vielem Aufwande den Königshof zierte. Eifersüchtig sah er auf die schleswigschen und holsteinischen Herren, von denen er fürchtete, daß diese ihn in der Gunst Christians verdrängen könnten, und diese Furcht war nicht unbegründet. Der König hielt große Stücke auf die edlen Geschlechter der Herzogtümer, deren Sprache er sich gern bediente, wie denn am Hofe fast ebensoviel Deutsch wie Dänisch gesprochen wurde. Aber häufig hielt sich der schleswigsche und holsteinische Adel fern vom König und kam nur, ihm seine Ehrerbietung zu beweisen, wenn er das Land besuchte. Gewöhnlich wollte der König dann Geld von den Ständen haben für seine starken Rüstungen, und meistens zeigten sich ihm die Deutschen willfähriger als sein dänischer Reichsrat, was Christian ihnen hoch anrechnete und durch Freundlichkeit zu vergelten suchte. 76 Christian des Vierten Hof war um diese Zeit ein glänzender, denn der König hatte es meisterhaft verstanden, sich mit klugen Männern zu umgeben. Bei seinem lebhaften Interesse für die Wissenschaften war es erklärlich, daß die bedeutendsten Gelehrten Dänemarks sich um ihn scharten, mit deren Hilfe er der Universität in Kopenhagen ein großes Ansehen verlieh und die Ritterakademie zu Sorö gründete und erhielt. Auch deutsche Professoren waren von ihm ins Land gerufen, und oft unterhielt der König sich mit seinen gelehrten Freunden in fließendem Latein, zum Staunen der fremden Gesandten, die nicht begreifen konnten, daß ein so lebhafter Herr wie Christian, der die See als sein Element betrachtete und in allen ritterlichen Künsten Meister war, noch immer Zeit für das Studium fremder Sprachen fand. Gegen das Ende seiner Regierung war der König nicht ganz glücklich in seinen Unternehmungen, wie er denn überhaupt mit einem herrschsüchtigen Reichsrat und einem auf seine Vorrechte fußenden Adel zu kämpfen hatte, die manche seiner guten Absichten vereitelten. Auch der Herzog Friedrich von Gottorp, sein schleswigscher Vetter, suchte sich der dänischen Oberhoheit gänzlich zu entziehen und erbitterte den König dadurch; dazu kamen fortgesetzte kleine Streitigkeiten mit Schweden, das die Eroberungspolitik seines großen Königs fortsetzte, und so war es begreiflich, daß Christian und seine Staatsmänner ernsten Blickes der Zukunft entgegenschauten. – Vor dem Schlosse zu Kronenburg, das, hart am dänischen Sunde, das Meer und die Küsten von 77 Seeland und Schonen zu beherrschen scheint, standen zwei Männer in halblautem Gespräch. Der ältere, dessen verstaubte, wenn auch reiche Kleidung darauf deutete, daß er soeben von einer Reise kam, hatte die Arme über der Brust verschränkt und sah nachdenklich in das freundliche Gesicht seines Gefährten, der sich an eine niedrige Brüstung lehnte und die dunklen Augen auf das glitzernde Wasser richtete. Es war ein junger Mann mit scharfgeschnittenem, nicht schönem Gesichte, dem ein ruhig freundlicher Zug etwas Angenehmes verlieh. Er trug die reichgestickte Kleidung eines königlichen Kavaliers, und das feurige Rot seines enganschließenden Rockes stand gut zu dem gebräunten Gesicht. »Dann werde ich Seine Majestät heute wohl nicht sprechen können?« fragte jetzt der Ältere, seinen mächtigen Schnurrbart durch die Finger gleiten lassend. »Schwerlich, Herr Vater!« entgegnete der Gefragte, seine schlanke Figur aufrichtend. »Er hat das Zipperlein, und nur Frau Eleonore darf sich ihm nahen!« »Er sollte sich die Weiber vom Halse halten!« murmelte der andere. »Sie haben glatte Zungen; aber meistens vergrößern sie alles Leiden durch ihr Geschwätz und ihre Unruhe!« Der Kavalier warf einen raschen Blick um sich. »Sprecht nicht so laut, Herr Vater!« sagte er dann lächelnd. »Eure Worte könnten belauscht und Frau Eleonore überbracht werden. Sie hat ein gutes Gedächtnis für jedes harte Urteil und weiß es einem immer zu entgelten.« 78 »Mag sie es hören!« rief der Freiherr von Rungholt unmutig. »Ich bin nicht gewohnt, leiser zu sprechen!« »Sie ist aber sehr holdselig und ein schönes und gelehrtes Weib, vor dem sich alles mit Freuden beugt!« besänftigte Kajus den Vater. »Und Herr Korfiz Uhlfeld? Liebt er seine Gemahlin noch ebenso zärtlich wie damals, als er sie heimführen durfte?« »Er liebt sie mehr!« versicherte Kajus eifrig. »Habt Ihr nicht gehört, daß beide ihr Blut miteinander mischten? Nun sind sie unauflöslich verbunden, und stirbt der eine, muß der andere an demselben Tage gleichfalls abscheiden. Frau Hellwig, Ebbe Uhlfelds Gemahlin, erzählte es mir; auch, daß sie dem Beispiel ihrer Schwester nicht folgen will, weil sie geträumt hat, daß Ebbe nach zwei Jahren sterben würde.« »Wohl, wohl!« nickte der Freiherr. »In Gottorp bei Tafel erzählte Seine Hoheit der Herzog von diesen Possen, und er wußte fein darüber zu spotten, wie er überhaupt auf artige Weise böse Dinge sagen kann.« »Ihr seid lange in Schleswig gewesen, Herr Vater! Habt Ihr auch nach Holstein den Fuß gesetzt?« Der Freiherr schüttelte den Kopf. »In Flensburg, Schleswig und Rendsburg bin ich lange im allerhöchsten Auftrage gewesen und mußte dann eilends nach Jütland, daß ich keine Zeit fand, zum Herzog Joachim Ernst nach Plön zu gehen, der mich freundlich zur Jagd einlud.« »Nach Plön?« wiederholte Kajus. »Ei, das wäre mir lieb gewesen, Euch dort zu wissen, da ich mancherlei vom Städtlein erfahren habe!« 79 Er war beim Sprechen rot geworden, während der Vater leicht lächelte. »Ich ritt eine Weile in Fünen mit Henning Brockdorff, der mir auch erzählte, daß du plötzlich anfingst, Holstein zu lieben!« sagte er freundlich. »Wie heißt das Jungfräulein denn, das du dir auserwählt hast?« »Gude von Thienen, aus dem Wittmolder Hause,« versetzte Kajus etwas verlegen. »Ein guter Name!« sagte der Freiherr wohlgefällig. »Wittmold liegt bei Plön, an einem der vielen Gewässer, und das Fräulein wird dir gewiß mancherlei erzählt haben von der Schönheit Holsteins. Davon reden die holsteinischen Frauen am liebsten. Ich weiß es von meiner ersten Gemahlin, die nie wissen wollte, daß Seeland schöner wäre als Holstein. Nun, ich freue mich, daß du dir bald ein Weib nehmen willst! Möge es besser sein als das meine, das sich in stetem Ärger verzehrt! Du könntest ja später nach Holleby ziehen und nach dem Rechten sehen!« »Ihr macht weite Pläne, Herr Vater!« erwiderte Kajus mit schwachem Lächeln. »Aber so vorgeschritten bin ich noch nicht mit meiner Werbung, daß ich meiner Sache bei dem edlen Fräulein sicher wäre. Weiß ich doch nicht, ob sie mich erhören wird, da ich mit keinem Worte ihr von Liebe sprach und erst Eure Zustimmung abwarten wollte.« Der Freiherr faltete die Stirn. »Also du hast noch nicht mit ihr gesprochen?« sagte er etwas enttäuscht. »Heutzutage geht ihr Herrlein so behutsam an eure Auserwählte, daß diese euch manchmal unter den Händen entschlüpft und einen minder vorsichtigen Kavalier vorzieht. Ich hätte 80 dir's nicht verargt, wenn du sie eher fragtest als mich! Doch,« setzte er freundlicher hinzu, »die Versäumnis ist noch nicht groß, und wenn das Fräulein an den Hof kommt, kannst du flugs alles in Ordnung bringen. Auch ist es wohl besser, ich spreche mit ihrem Vater ein Wörtlein –« »Er ist in Holstein,« schaltete Kajus ein; »Fräulein Gude ist Kammerfräulein am Hofe und der Gräfin Eleonore zugewiesen. Auch glaube ich –« »Daß du deine Sache besser allein führst?« lachte der Freiherr. »Nun gut, tu wie du willst; nur schaffe mir bald eine Schwiegertochter aus edlem Blute ins Haus! Und nun berichte mir, ob du von Holleby hörtest!« »Gar nichts, Herr Vater! Seit einem Jahre vernahm ich nichts von dort und konnte auch nicht Zeit finden, hinzureiten, da Prinz Christian mich eine Zeitlang in seinen Hofdienst nahm und in Nyköping festhielt. Nur Herr von Zoppelow hat mir erzählt, daß alles dort gut stände.« »Herr von Zoppelow?« wiederholte Freiherr von Rungholt erstaunt. »Habe ich den nicht verlassen, wie er als Gefangener im Turm saß?« Kajus nickte. »Zwei Jahre lang saß er, dann kam heraus, daß man ihm nichts beweisen konnte, und er durfte gehen, wohin es ihm beliebte. Da ist er wieder in Deutschland bei dem schwedischen Heer gewesen, aber vor vier Wochen kam er urplötzlich nach Kopenhagen und ist auch artig von dem Reichshofmeister aufgenommen worden. Als Uhlfeld ihn fragte, wo er sich zuletzt aufgehalten, nannte er Holleby, und weil ich bei dieser Frage zugegen war, habe ich 81 mich nach der Frau Mutter und nach Klemens erkundigt, aber nicht viel erfahren. Der Mecklenburger hegt einen tiefen Groll auf mich und täte mir gern ein Leids an.« Während Junker Kajus sprach, war der Freiherr ernst geworden. »Wenn ich morgen bei Seiner Majestät Bericht über meine Reise erstattet habe, wollen wir heimwärts reiten, mein Kai!« sagte er plötzlich. »Es ist nicht recht von mir gewesen, lange Jahre mich fernzuhalten von meinem Eigentum, und nun überkommt mich die Sorge –.« Er hielt inne, denn eine klare Frauenstimme sagte hinter ihm: »Da steht der ernsthafte Freiherr im Reisehabit und hat weder Blick noch Lächeln für alte Freunde. Ist er fremd geworden am dänischen Hofe, weil er so lange in der Ferne weilte?« Der Freiherr verbeugte sich tief vor der königlichen Erscheinung der Gräfin Eleonore, die jetzt vor ihn trat und ihm freundlich die Hand entgegenstreckte. »Ich sah Euch hier mit dem Junker stehen, und da mußte ich Euch schelten, daß Ihr noch keine Zeit gefunden habt, zu mir zu kommen!« fügte sie lächelnd hinzu. »Wie geht es in Schleswig? Was macht unser Vetter Friedrich? Ist er noch immer falsch und ränkesüchtig wie ehedem?« »Seine Durchlaucht waren sehr gnädig gegen mich!« versetzte Freiherr von Rungholt, im stillen denkend, daß Herzog Friedrich nicht sehr erbaut sein würde, von Frau Eleonore ›Vetter‹ genannt zu werden. Diese machte eine ungeduldige Bewegung, daß die Goldketten an ihrem Gelenk klirrten. 82 »Ihr müßt Euch diese diplomatischen Antworten mir gegenüber abgewöhnen, Freiherr!« sagte sie stolz. »Ich bin kein Kind mehr, und mein königlicher Vater wie mein Gemahl wissen, daß jedes Staatsgeheimnis bei mir wohlverwahrt ist. Also redet! Habt Ihr mit Eurer langwierigen Mission Gutes erreicht? Ich werde Seiner Majestät heute abend noch Bericht erstatten!« Eleonore Uhlfeld war damals im Vollbesitz ihrer Macht und ihrer Schönheit, und wie sie jetzt vor dem Freiherrn stand, die eine Hand befehlend erhoben, die andere auf die Steinbrüstung der Schloßmauer gelegt, mußte er sich gestehen, daß er noch niemals ein fürstlicheres Weib sah. Der Herbstwind, der von der See herüberkam, lockerte ihr goldbraunes Haar, daß es auf ihr schwarzes Samtkleid niederfiel, während die dunklen Augen gebieterisch blitzten. »Ihr zögert?« fragte sie jetzt, und ihre Stimme nahm einen tiefen Ton an. Dem Freiherrn war es in der Seele zuwider, Politik mit Frauen zu besprechen, und besonders eine Botschaft, die nur an den König ging, seiner Tochter zu bestellen. Aber er sah ein, daß er im Falle der Weigerung in Eleonore eine gefährliche Feindin haben dürfte, und er war erfahren genug im dänischen Hofleben, um zu wissen, daß er dann in seiner Existenz bedroht wäre. So lenkte er also ein. »Verzeiht, Frau Gräfin, wenn ich Euch nicht sofort antwortete, aber da ich Euch zuletzt vor vier Jahren sah, müßt Ihr mir nicht verargen, daß mich Euer Anblick bestürzte. Ihr seid so wunderschön geworden und Eurem Herrn Vater so ähnlich, daß ich 83 mich erst fassen muß, ehe ich Euch von trockenen Staatsgeschäften rede.« Die schöne Frau lächelte. »Ihr seid ein Schmeichler, Freiherr; aber weil Ihr Eure Worte gut zu setzen wißt, will ich Euch verzeihen, wenn Ihr mir nun rasch Auskunft auf meine Frage gebt!« »In Schleswig sagten sie, daß Korfiz Uhlfeld der glücklichste Mann unter der Sonne wäre!« berichtete der Freiherr. Ein Ausdruck strahlender Freude ging über Eleonorens Gesicht. »Sagten sie das?« rief sie fast triumphierend mit einer Stimme, aus der jeglicher Unmut verschwunden war. »O Freiherr, sagtet Ihr den Leuten dort nicht, daß ich das seligste Weib sei, das der Allmächtige schuf? Sagtet Ihr ihnen nicht, daß Korfiz mein Leben, mein Stern, mein alles ist, daß ich mich nur des Daseins freue, weil er es mit mir teilt? O, geht hin und sagt es ihnen! Sagt ihnen, daß Korfiz wohl glücklich wäre, daß er mich aber tausend- und abertausendmal glücklicher machte, als ich verdiene!« Die Gräfin sprach mit Inbrunst und Innigkeit. Über ihre stolzen Züge legte sich der Schmelz holder Weiblichkeit, und der Freiherr betrachtete sie mit Teilnahme. Er selbst hatte kein Verständnis für diese heiße Liebe, wenn er auch seiner ersten Frau mit Wärme gedachte; aber sie rührte ihn, obgleich er sich vornahm, die weiche Stimmung Eleonorens für sich zu benutzen. »Gott verleihe meinem Kajus ein ähnliches Eheglück wie Euer Gnaden!« sagte er warm. »Ach, gnädige 84 Frau, könntet Ihr ihm nicht dazu verhelfen? Ich hörte Gutes reden von dem Fräulein Thienen –« Frau Uhlfeld unterbrach ihn, indem sie lächelnd mit der Hand seitwärts wies. Dort stand der Junker Kajus, stützte sich auf seinen langen Hofdegen und redete eifrig und ernsthaft mit einem zarten blonden Mädchen, das, vom Freiherrn unbemerkt, Eleonore gefolgt war. Sie trug ein dunkelblaues Oberkleid über einem tiefroten Rock, dazu breite Spitzen an Hals und Armen, und der reiche Anzug stand dem feinen Wuchs und der zarten Hautfarbe des Fräuleins gut. Mit großen blauen Augen sah sie den Junker so freundlich an, daß der Vater befriedigt nickte. »Ein artig und liebes Geschöpfchen!« flüsterte er der Gräfin zu. »Glaubt Ihr, daß sie meinem Kajus gut ist?« »So will mich's bedünken!« versetzte diese. »Doch Euer Sohn ist schüchtern den Damen gegenüber, und Gude Thienen hat ein ruhig Gemüt, das geduldig warten kann!« Der Freiherr hörte nicht die leise Schärfe in ihrer Stimme und ward noch zufriedener. »Ein ruhig, verträglich Gemüt ist die Hauptsache in der Ehe, holde Frau, und kommt noch Leibesschönheit dazu, wie bei Eurem Fräulein, so sollte ich meinen. daß nichts mehr zu wünschen übrig wäre!« »Ihr habt recht,« erwiderte Eleonore lächelnd, »und ich will Eurem Sohn wünschen, daß er bald eine fröhliche Hochzeit feiern möge! Gebt mir Euren Arm, ich kann Euch noch etwas Genaueres über mein liebes Fräulein berichten!« Langsam schritten beide an der einen Seite des 85 Schlosses entlang, und während die schöne Frau eifrig von den holsteinischen Adelsfamilien erzählte, mit denen das Fräulein Thienen verwandt wäre, dachte der Freiherr triumphierend, daß der Mann, der sagte, jegliches Weib könnte man von jedem andern Gedanken abbringen, wenn man mit ihm über Liebe und Heiraten spräche, ein wahres Wort gesprochen hätte. Unterdessen stand Kajus vor dem lieblichen Fräulein Thienen, erzählte ihr, daß er mit seinem Vater zu verreisen gedenke, und spürte eine große Freude, als er den erschreckten Ausdruck im Antlitz der Geliebten wahrnahm. »Bleibt Ihr lange fort, Herr Junker?« fragte sie und richtete ihre Augen voll gespannter Erwartung auf ihn, so daß dem Junker ein übermütiger Gedanke kam. »Ich weiß nicht, was mein Vater über mich bestimmt!« sagte er mit angenommenem Ernste. »Denkt Euch, edle Jungfrau, er will mich verheiraten, und zwar flugs. Was meint Ihr dazu?« Gude von Thienen errötete. »Darüber kann ich nichts sagen,« entgegnete sie, die Augen niederschlagend und mit ihrer Halskette spielend. »Wenn Ihr treu und wahrhaftig liebt, auch Eure Liebe in Versen ausdrücken könnt, dann –« »Verse!« unterbrach sie Kajus erschreckt. »Ist das zu der Liebe notwendig?« »So sagt der Hofprediger Wind, der so schöne Carmina dichtet!« erwiderte Gude ganz erstaunt. »Es ist leicht!« setzte sie tröstend hinzu, als sie die Betroffenheit ihres Verehrers sah. »Man braucht 86 ein altes Liedlein nur ein wenig umzugestalten, dann paßt es meistens.« Aber der Junker war verstimmt. »Ich danke Gott, wenn ich ein leidlich Brieflein verfassen kann,« meinte er trübselig, »und das Dichten ist ein üble Sache!« »Und doch dichten fast alle Junker des Hofes!« rief Gude etwas spitzig. »Henning Brockdorff, Gosche Krogh, Benedikt Wedel, ja selbst der dicke Buchwald, alle diese Herren und manche mehr wissen zierliche Verse zu drechseln, und ihre auserkorenen Jungfrauen haben mich viel lesen lassen, was mir das Herz rührte.« Kajus seufzte tief. »Ich will mir Mühe geben, ein Poem zu finden, das ich auf die Dame meines Herzens anwenden kann!« sagte er kummervoll. »Vielleicht finde ich eins in Holleby!« Gude sah ihn schelmisch an und lachte. »Sucht nur eifrig, edler Junker, da kann Euch doch ein glücklicher Fund nicht fehlen!« Sie sah reizend aus in diesem Augenblick, so daß sich der Junker ernsthaft versucht fühlte, sie kräftig zu umarmen, aber der Gedanke an das verlangte Liebesgedicht hielt ihn zurück. »Ihr seid grausam, holde Jungfrau,« begann er; aber da winkte Frau Eleonore ihrem Kammerfräulein, und das junge Mädchen wandte sich eilig zum Gehen. Lachend grüßte sie den armen Kajus und eilte leichten Schrittes davon. Aber ihr Anbeter stieß einen sehr wenig dichterischen Fluch aus, so daß sein Vater ihn erstaunt ansah. 87 VII. Am nächsten Mittag ritt der Freiherr von Rungholt mit seinem Sohne dem heimischen Gute zu. Es war ein düsteres Novemberwetter, und schwere Wolken lagen über der stahlfarbenen See, an deren Strand der Weg eine Weile führte; ein scharfer Wind blies den Reitern um die Ohren, so daß sie Mühe hatten, mit ihren Pferden vorwärts zu kommen. Schweigend ritten sie Seite an Seite; nachdenklich sah der Freiherr auf den Öresund, dessen kurze Wellen dumpf an den Strand schlugen, und blickte scharf nach den Schiffen hinüber, die hier und dort vor Anker lagen und sich mit den Wellen hoben und senkten. »Es liegt kein fremdes Schiff hier vor Anker!« sagte er endlich zu seinem Sohne. Dieser fuhr aus tiefem Sinnen auf. »Die fremden Fahrzeuge kommen seltener, seitdem der Sundzoll erhöht ist,« antwortete er. Freiherr von Rungholt schüttelte den Kopf. »König Christian ist nicht gut beraten, wenn er jetzt den Fremden Schwierigkeiten bereitet. Auch der Kaiser grollt ihm wegen der Grafschaft Pinneberg, in die der König und der Herzog von Gottorp sich geteilt haben, ohne ihn zu fragen, und wenn die Schweden nichts mehr in Deutschland zu plündern finden, werden sie zu uns kommen.« 88 »Wir stehen sehr gut mit Schweden!« versicherte Kajus, »das wird Euch jeder am Hofe versichern. Früher mag's anders gewesen sein, aber seitdem Uhlfeld das Regiment führt, benimmt sich Oxenstirn mit großer Freundlichkeit.« »Nun, mag es wahr sein!« murmelte Freiherr von Rungholt und versank wieder in Schweigen, während Kajus leise vor sich hinsprach: »Phyllis wohnet mir im Herzen, Und ihr süßer Nam' macht mir Manches Mal gar arge Schmerzen, Daß ich mich darin verlier. Soll ich sie nicht wiedersehn, So ist es um mich geschehn!« Er sagte das Verschen wohl zwanzigmal. »Ich hab's von Gosche Krogh abgeschrieben,« dachte er vergnügt, »aber meine holdselige Jungfrau wird es nicht kennen, da keiner der Junker es bisher geliehen hat. Auch veränderte Gosche etliche Worte, und ich finde es jetzt hübscher, als da, wo es gedruckt steht!« Der Freiherr warf manchen nachdenklichen Blick auf seinen Sohn. Nach den Jahren ihrer Trennung fand er ihn nicht allein äußerlich, sondern auch innerlich verändert. Aus dem scheuen, ernsthaften Knaben, der die ersten Jahre am Hofe mit viel Heimweh zu kämpfen hatte, war ein stattlicher, freundlicher Mann geworden, der das Leben sorglos auffaßte und genoß. Korfiz Uhlfeld und seiner Gemahlin treu ergeben, ließ er sich von dem mächtigen Ehepaar ganz beeinflussen, ihre Anschauungen waren die seinen, und 89 getragen von ihrer Gunst, kam es ihm selbst vor, als stände er über vielen andern. Frau Eleonore war ihm immer gewogen geblieben und hatte ihn schon als Pagen zu manchen schwierigen Missionen benutzt, die er, dank seiner Treue und Verschwiegenheit, immer gut ausführte. Auch der Reichshofmeister würdigte ihn seines Vertrauens, sandte ihn bald hier-, bald dorthin in wichtigen Sachen zu den Häuptern des dänischen Adels, und so hatte Kajus in seinem Auftreten eine Sicherheit erlangt, die ihm von manchem Kameraden beneidet wurde. Nur im Verkehr mit Frauen war er schüchtern, fast blöde, und mancher kecke, geistig unbedeutende Junker errang mehr Erfolge bei den lieblichen Hoffräulein als er. Früher war ihm dies sehr kränkend gewesen, seit aber Gude von Thienen kam und ihm ihre Gunst zuwendete, fühlte er sich unbeschreiblich glücklich, denn er liebte sie mit der ganzen Glut eines jungen reinen Herzens, und wie er dahinritt, die Rechte in die Seite gestemmt, vom Winde umbraust, hörte er im Hufschlag seines Pferdes, im Rauschen der Wellen Gudes Stimme und ihr Lachen, er sah ihre blauen Augen, ihr goldenes Haar. »Sollt' ich sie nicht wiedersehn, so ist es um mich geschehn!« flüsterte er wieder und wieder und spornte sein Tier so heftig an, daß der Freiherr sich Mühe geben mußte, an seiner Seite zu bleiben. Doch der ältere Rungholt ertrug diese Windeseile mit Ruhe. Das Wesen seines Sohnes gefiel ihm, weil es ihn an seine eigene Jugend erinnerte, und war ihm auch noch manches fremd an dem zum Manne Gereiften, so kümmerte ihn das nicht viel. Man war damals nicht gewohnt, sich eingehend mit anderen zu 90 beschäftigen; die eigene Existenz war immer die Hauptsache. Die Sonne wollte untergehen, als Vater und Sohn durch den blätterlosen Buchenwald ritten, der zum Gute Holleby gehörte, und Kajus verspürte, daß sein Herz vor Freude klopfte, als das moosbewachsene Ziegeldach des Herrenhauses von einer Lichtung aus sichtbar wurde. Ein lange unterdrücktes Heimatsgefühl erhob sich in ihm, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Er dachte, wie schön es sein würde, mit seiner Gude einst hier zu wohnen, im Frieden des Landlebens, und wie gut und liebevoll er gegen seinen Bruder sein wollte. Er sollte es nie spüren, daß er nicht der Herr auf Holleby sei; einig und treu wollten sie miteinander leben. Geräuschlos schritten die Pferde dahin auf dem weichen Waldboden, die letzten Sonnenstrahlen glitten über die dürren, am Boden liegenden Blätter, und ein verlassenes Vögelchen zirpte halb verwundert die Reiter an, als diese plötzlich die Tiere anhielten. Sie mochten etwa noch eine Viertelstunde von Holleby entfernt sein, aber, den Wind übertönend, der in den Bäumen rauschte, zitterte es klagend durch die Luft. Ein, zwei, drei Schläge, dann rascher werdend, und jetzt klang es deutlich herüber: es war die Sterbeglocke von Holleby! Wortlos sahen sich die beiden Rungholt an; beide wußten, daß diese Glocke nur für die Mitglieder der freiherrlichen Familie geläutet wurde, und Kajus kannte den Klang; nur einmal, als ein eben geborenes Schwesterchen wieder gestorben war, hatte er ihn gehört, um ihn niemals wieder zu vergessen. 91 Einen Augenblick schien es, als wenn der Freiherr seinem Pferde die Sporen geben und dem Hofe zujagen wollte, doch er besann sich eines andern. Er sprang aus dem Sattel, kniete auf die feuchte Erde und betete laut ein Vaterunser für die Seele, die vor ihren Gott trat, und Kajus warf sich mit gefalteten Händen neben ihn. Aber seine Gedanken weilten nicht bei dem Gebet, in seinem Herzen schrie es nur: »O Gott, laß nicht meinen Bruder gestorben sein!« und verwirrten Blickes sah er auf, als mit schwerem Flügelschlag ein Rabe hart über seinem Kopfe dahinstrich, um mit heiserem Krächzen im Walde zu verschwinden. Erschreckt barg der Junker sein Antlitz in den Händen; hatte Hinnerk doch recht gehabt, und war die Mutter im Bündnis mit dem Bösen gewesen, daß ihre Seele jetzt in Gestalt jenes düsteren Vogels in die Ferne flog? Er betete noch hastig ein Vaterunser, ehe er sein Pferd wieder bestieg, aber im Grunde seines Herzens fühlte er sich beruhigt, da er fest davon überzeugt war, daß seine Stiefmutter gestorben war. Als wenige Minuten später die dampfenden Rosse auf dem Hofplatz zu Holleby hielten und der Vogt mit gesenktem Kopfe seinem Herrn die Mitteilung machte, daß die Freifrau nach längerer Krankheit soeben verschieden wäre, durchschauerte es den jungen Mann unwillkürlich, und er blickte ängstlich zu einer Schar Raben empor, die sich mit großem Geschrei auf den First des Herrenhauses niederließen. Der Freiherr, der keine Ahnung davon hatte, daß seine Frau krank war, blieb in tiefe Gedanken verloren stehen, ehe er das Herrenhaus betrat. Er war nicht der Mann, Gefühle 92 zu zeigen, wo er deren nicht empfand, aber diese plötzliche Todesbotschaft erschütterte ihn. Er hatte seine zweite Gemahlin nur vorübergehend geliebt, aber er mußte sich gestehen, daß er in den letzten Jahren die Pflichten gegen sie vernachlässigt und wenig Geduld mit ihren Fehlern gezeigt hatte. Während Kajus achtungsvoll neben seinem Vater stehen blieb und nur verstohlene Blicke um sich warf, trat aus der Tür des Herrenhauses ein schlanker junger Mann in kostbarer Kleidung, der sich langsam dem Freiherrn näherte. Er hatte ein feines, hübsches Gesicht, und lange blonde Locken fielen ihm auf den gestickten Kragen. Leicht und gewandt verneigte er sich vor Rungholt. »Verzeiht, edler Herr,« sagte er in sanftem lispelndem Dänisch, »daß ich Euch nicht eher entgegenkam, doch erwartete ich Euch erst morgen, da ich heute den Eilboten nach Kronenburg sandte, Euch von dem traurigen Zustande hier zu melden!« Erstaunt blickte Rungholt den Sprecher an; vielleicht wollte er ein Wort über die Zungengeläufigkeit desselben äußern, aber Kajus ließ ihn nicht dazu kommen. Mit einem nur mühsam unterdrückten Freudenschrei schlang er beide Arme um den Hals des Bruders. »Klemi, wie schön und groß du geworden bist!« Aber schon entwand sich Klemens seiner Umarmung. »In sieben Jahren kann man schon ein Stücklein wachsen, Herr Bruder!« entgegnete er kühl, »das ist nicht weiter verwunderlich! – Darf ich Euch nicht ins Haus führen?« wandte er sich wieder seinem Vater zu. 93 »Sage mir erst, wie deine Mutter so rasch hat sterben können!« rief dieser, und seine Stimme klang rauh. »Sie kränkelte schon seit langer Zeit, und der Medikus, den wir öfters holen ließen, meinte, es käme von der Leber. Auch ist sie in den letzten Jahren immer sehr gelb gewesen!« berichtete der Junker ruhig, ohne eine Spur von schmerzlicher Erregung. »Du warst ihr Augapfel!« sagte der Freiherr, und in seinem Tone lag Verachtung, als er sich von seinem jüngsten Sohne abwandte und dem Hause zuschritt. Dieser zuckte zusammen, und eine scharfe Röte flog über sein schönes Gesicht, aber er erwiderte kein Wort. Schweigend folgten die Brüder dem Vater, der die Halle des Herrenhauses mit dem Hut in der Hand betrat und durch das daranstoßende Wohngemach in das Schlafzimmer der Freifrau ging. Die Vorhänge der Fenster waren herabgelassen, nur zwei Wachslichter brannten in dem dunklen Raum, in dessen Mitte das große geschnitzte Bett seiner Gemahlin stand. Die dichten Gardinen desselben waren zurückgeschlagen, und der bleiche Kerzenschein fiel auf die regungslose Gestalt der Toten. Düster und hart waren die erstarrten Züge, kein Ausdruck des Friedens lag auf ihnen, und mit leisem Schauder trat Kajus an die Seite seines Vaters, der sich anschickte, am Totenbette niederzuknien, als ein Geräusch in der äußersten Ecke des Zimmers ihn emporblicken ließ. Rasch nahm der Freiherr eine Wachskerze vom Tische, um dorthin zu leuchten, und mit einem gedämpften Ausruf des Erstaunens trat er einige Schritte zurück. 94 »Ihr hier, Herr von Zoppelow?« rief er, seine Gestalt hoch aufrichtend. »Was habt Ihr zu suchen im Zimmer der Toten?« Es war in der Tat Herr von Zoppelow, der sich mühsam aus einer von einem Eichenschrank und der Fensterwand gebildeten Ecke herauszwängte. Da er in den letzten Jahren bedeutend an Leibesfülle zugenommen hatte, so war es fast ein Wunder, daß er in diesem kleinen Raum Platz gefunden, und Kai unterdrückte kaum ein Lächeln, als er das dicke rote Antlitz des Mecklenburgers mit einem schwer zu beschreibenden Ausdruck der Verwirrung in den Lichtschein treten sah. Aber der Freiherr bewahrte seinen ruhigen Ernst. Mit ausgestreckter Hand, ohne ein Wort zu äußern, deutete er auf die Tür, und Zoppelow verschwand, augenscheinlich erleichtert, so guten Kaufes davongekommen zu sein. Dann wandte sich Freiherr von Rungholt Kajus zu. »Du mußt später hier dein Gebet verrichten,« sagte er rasch und leise. »Jetzt sorge, daß der Eindringling die Halle nicht verläßt, ehe ich mit ihm redete.« Mit fast unhörbaren, aber geflügelten Schritten huschte Kajus dem Davongehenden nach. Er war nicht unzufrieden, aus dem Sterbezimmer entlassen zu sein, da er doch die feste Überzeugung besaß, daß Gebete für die Seele seiner Stiefmutter nichts nützen würden. Als er die Halle betrat, wollte Zoppelow sie gerade verlassen; er trug einen Mantelsack in der Hand und schien die Absicht zu haben, im nächsten Augenblicke auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Ein böser Zug legte sich auf sein Gesicht, als der Junker 95 ihn höflich aufforderte, bis zur Ankunft seines Vaters bei ihm zu verbleiben. »Ich brauche Euern Vater nicht!« rief er heftig. »Die Frau von Rungholt war meine Cousine, und da ihr Gemahl sie schmählich vernachlässigte, so drückte ich ihr die Augen zu. Der Allmächtige wird mir mein Tun segnen!« »Wir wollen's hoffen,« erwiderte Kajus. »Und nun, lieber Herr, setzt Euch ruhig hierher, – bald wird der Freiherr erscheinen, um mit Euch zu sprechen!« Zoppelow schien nicht übel Lust zu haben, sich Kais Aufforderung zu widersetzen, aber ein Blick auf dessen kräftige Gestalt ließ ihn dann widerstrebend gehorchen. Brummend warf er sich auf einen hochlehnigen Stuhl, zog seinen Mantelsack unter die Füße, und verharrte dann in hartnäckigem Schweigen, obwohl Kajus verschiedene Male ein Gespräch anzuknüpfen versuchte. Es dauerte lange, ehe Rungholt und Klemens, der mit dem Vater im Sterbezimmer geblieben war, zurückkehrten; endlich trat der Freiherr allein ein. »Verzeiht, werter Herr,« sagte er mit leichtem Kopfneigen, »wenn ich Euch habe warten lassen, aber es gibt der Obliegenheiten viele, wenn ein Familienmitglied die Augen schließt.« Zoppelow neigte den Oberkörper nach vorn, ohne sich indes von seinem Sitz zu erheben. »Sicherlich habt Ihr viel Trauriges zu tun, Herr Freiherr,« sagte er, und seine Stimme klang heiserer als je. »Daher dürft Ihr Eure kostbare Zeit auch nicht mir widmen, und Ihr müßt gestatten, daß ich mich empfehle. Mein Pferd wird gesattelt, und Ihr werdet 96 verstehen, daß auch mir ein einsames Nachdenken erwünscht sein muß. Wer, wie ich, an dem Sterbelager einer frommen Cousine gestanden und ihr mit Liebe die Augen zudrückte, der empfindet das Bedürfnis, mit seinen Gedanken allein zu sein.« Der Freiherr stellte sich dem Sprecher gegenüber und musterte scharf dessen ganze Erscheinung. Dann meinte er gleichmütig: »Fern sei es von mir, Herr von Zoppelow, Eure frommen Betrachtungen stören zu wollen, auch biete ich Euch dazu mein Gastgemach an, in dem Ihr voraussichtlich schon manche Nacht geschlafen habt. Einen Verwandten der verstorbenen Freifrau kann ich nimmer an ihrem Sterbetage von dannen ziehen lassen, besonders nicht Euch, der Ihr mir doch noch erzählen sollt, weshalb Ihr Euer Angesicht in Dänemark wieder zeigen dürft!« »Ich besitze eine Schrift mit Herrn Uhlfelds Namen und Siegel, die mir die Erlaubnis gibt, mich überall im dänischen Reiche aufzuhalten, und solltet Ihr Lust verspüren, noch einmal Hand an mich zu legen, so würde Euch das recht übel bekommen!« rief Zoppelow tückisch, die Füße unwillkürlich fester auf seinen Mantelsack setzend. In des Freiherrn Gesicht stieg eine dunkle Röte empor. »Schlimm genug,« entgegnete er, »daß die Zeiten in Dänemark sich so geändert haben; wäre ich Reichshofmeister, dürften solche Herren wie Ihr nicht über die Grenzen unseres Landes. Nicht, daß ich Euch für sehr gefährlich hielte; aber Herren, die im Mantelsack 97 fremdes Geschmeide mit sich führen, können dem Ansehen des adeligen Namens nicht förderlich sein.« Zoppelow war leichenblaß geworden, und seine fleischigen Lippen bebten. Aber er nahm sich mühsam zusammen und wandte sich an Kajus, der neben der Tür stand und ein schweigender Zeuge dieser Unterhaltung war. »Junker Rungholt,« sagte er mit zitternder Stimme, »Ihr seid Zeuge gewesen, wie der Reichshofmeister und seine Gemahlin vor wenigen Wochen mir ihre Huld bewiesen, Ihr wißt –« »Gebt den Sack heraus!« unterbrach ihn der Freiherr zornig, und als der Mecklenburger, anstatt zu gehorchen, mit lauten Verwünschungen antwortete, trat Rungholt an die Haustür, um seine Knechte zu rufen. Kaum näherten sich einige Gestalten, als Zoppelow allen Widerstand aufgab und seinen Mantelsack hervorzog. »Eure Gemahlin war eine Ilewitz von Krassow,« rief er weinerlich, »meiner Urgroßtante leibliches Enkelkind. Konnte ich da nicht ein Halskettlein mit mir nehmen, das die Verstorbene mir stets versprach? Sie war geizig, sonst hätte sie es mir schon lange mit warmer Hand gegeben. Aber schlecht bin ich für meine Treue belohnt worden!« Der Freiherr achtete nicht auf seine Worte; nachdem er den Knechten gewinkt, daß sie sich entfernen sollten, machte er eine befehlende Handbewegung, und Zoppelow mußte den Sack öffnen. Beim Anblick seines Inhalts konnte Kajus ein helles Auflachen nicht unterdrücken, und selbst über seines Vaters ernstes Gesicht flog ein unwillkürliches Lächeln. Lauter Kleidungsstücke, wie sie zum Anzuge 98 einer vornehmen Frau gehören, seidene Gewänder, Hauben, Mäntel, Schürzen, ja sogar Unterkleider aus feinem Leinen waren in den Sack gepreßt und quollen in buntem Durcheinander aus ihm hervor. Zwischen ihnen, ungeschickt verborgen, lag ein Kästchen aus Ebenholz, und Rungholt ergriff es eilig. Als er es öffnete, blitzten ihm rote Steine entgegen, und er nickte leicht. »Eure Liebe zu der eben verstorbenen Freifrau hat Euch verleitet, den Rubinschmuck meiner ersten Gemahlin an Euch zu nehmen; auch die Seidengewänder dort,« er wies auf den Inhalt des Sackes, »gehörten meiner vielbeweinten Marie, die, aus gutem Kieler Bürgerhause, mir eine stattliche Aussteuer ins Haus brachte. Ihr habt Euch also in Eurer Zuneigung getäuscht, Herr von Zoppelow, und außerdem vergessen, daß die Insel Seeland nicht das unglückliche Deutschland ist, wo jeder Glückssoldat nach Belieben stehlen kann.« Ehe der Freiherr weiterreden konnte, wurde er durch den hastigen Eintritt seines jüngsten Sohnes unterbrochen, der sich mit großer Höflichkeit seinem Vater näherte. »Verzeiht, edler Herr, daß ich Euch zu stören wage!« sagte er mit anmutiger Verneigung. »Draußen vor der Tür erlauschte ich einige Worte von Euch, die mir beweisen, daß Ihr im Begriffe seid, eine Ungerechtigkeit zu begehen. Diese Sachen sind allerdings von meiner im Herrn verstorbenen Mutter für Herrn von Zoppelow bestimmt gewesen, und es war sein gutes Recht, sie mitzunehmen.« Des Freiherrn Gesicht ward sehr strenge. 99 »Wenn du an den Türen horchtest, dann wirst du auch erfahren haben, daß deine Mutter keine Befugnis hatte, diese Gegenstände, die von Rechts wegen Kajus gehören, zu verschenken!« »Ganz recht, Herr Vater,« versetzte Klemens sanft mit niedergeschlagenen Augen, »die teure Frau Mutter ist im Unrecht gewesen; mit Schmerzen muß ich dies zugestehen; doch meine ich, daß sich Herr von Zoppelow nur aus Unwissenheit eines Versehens schuldig machte, wenn er Geschenke, die er in guter Meinung empfangen, mitnahm. Zürnet ihm deswegen nicht, edler Herr, er hat in dieser schweren Zeit treu zu uns gestanden.« Es entstand eine Pause, und unentschlossen sah der Freiherr von seinem Sohn auf den Mecklenburger, dessen fettes Gesicht Erstaunen, gemischt mit unverhohlener Befriedigung, ausdrückte. Er schien zweifelhaft, ob er Klemens' Worten Glauben schenken sollte, als Kajus freundlich dazwischentrat. »Es wird sich gewißlich so verhalten, wie mein teurer Bruder berichtet,« rief er, »und Herr von Zoppelow ist unschuldig an diesem Mißverständnis. Hab' ich doch selbst nicht einmal gewußt, daß meine selige Mutter so viel Schmuck und Tand besaß! Nun, ich hoffe, der werte Herr wird es mir nicht übel deuten, wenn ich die Erbstücke an mich nehme; vielleicht habe ich mehr Verwendung dafür als er!« Auch der Freiherr mochte einsehen, daß es jetzt besser war, in höflichen Worten sein Bedauern über den Irrtum der soeben Verstorbenen auszusprechen 100 und Zoppelow aufzufordern, noch einige Tage auf Holleby zu verweilen. Aber auf seiner Stirn lag eine düstere Wolke, und als das Abendessen gebracht wurde, dem Kajus kräftig zusprach, aß er, seiner Gewohnheit entgegen, wenig, und seufzte öfters tief auf, so daß Zoppelow, dem die gute Laune bald wiederkehrte, sich bewogen fühlte, ihm tröstende Worte über den Verlust seiner Gattin zu sagen. Nach dem zweiten Becher Wein deutete er unverblümt darauf hin, daß es in Mecklenburg viele ledige Fräulein in seiner Familie gäbe, die sicherlich geneigt sein würden, den betrübten Witwer in seiner Einsamkeit zu trösten. VIII. Eine düstere Stimmung lag in den folgenden Tagen über dem Herrenhause zu Holleby, und mit ernsten Mienen ging die Dienerschaft aus und ein in den großen dunklen Räumen. Es war viel zu tun, und der Freiherr, der seinem ältesten Sohne das Gut übergeben wollte, hatte manche ernste Unterredung mit Kajus, der sich mit großem Interesse den Gutsgeschäften zuwendete. Jeder im Hause ging seinen eigenen Weg; Klemens und Zoppelow waren wenig sichtbar, Kajus hatte draußen zu tun, und der Freiherr ging oft in Gedanken versunken die schmalen Wege im Gärtchen auf und ab. Es war nichts Erfreuliches, was ihn bewegte. Mit scharfem Blick hatte er sofort erkannt, daß zwischen seinem jüngsten Sohne und Zoppelow ein geheimes Einvernehmen herrschte, das den Mecklenburger veranlaßte, mit auffallender Keckheit 101 aufzutreten. Er begriff nicht, daß dieser, dem er seinen Diebstahl damals auf frischer Tat nachwies, – er hatte, als er aus dem Zimmer der Freifrau fortgewiesen wurde, in der Eile sämtliche Spinde und Schränke offen gelassen, – noch wagte, weiter auf Holleby zu bleiben. Er verstand auch nicht, daß Klemens sich auf die Seite des Fremden schlug; war er denn nicht ein Rungholt, dem jedes Gemeine, Unadelige verhaßt sein mußte? Am liebsten hätte er Zoppelow aus dem Hause gewiesen; aber dieser hatte ihm bald nach seiner Ankunft, wie zufällig, den Geleitsbrief Uhlfelds gezeigt, mit dem er sich brüstete, und der Freiherr, so ungern er sich fügte, wußte doch, daß es für ihn gefährlich war, den mächtigen Staatsmann zu erzürnen. Nachdem die Freifrau die übliche Zeit auf ihrem Totenbette ausgestellt war, damit ein jeder sie noch sehen konnte; nachdem alle Frauen des Gutes bei ihr Wache gehalten und für ihre Seele gebetet hatten, brach der Tag des Begräbnisses an. Es war ein düsterer Novembertag, der Wind fegte über den Hof, rüttelte an den Türen und dem Leiterwagen, der die Tote zu ihrer letzten Ruhe in die Kirche zu Holleby bringen sollte. Bis zur Kirche fuhr man fast eine Stunde, und langsam ging es durch die aufgeweichten Wege. Zuerst folgte nur das Hofgesinde, den Freiherrn und die Seinigen an der Spitze, im Laufe des Weges schlossen sich jedoch alle Edelleute der Nachbarschaft mit Begleitung an; denn ein Begräbnis und der damit verbundene Leichenschmaus war eine Feier, die jeder gern mitmachte. Als endlich nach langsamer, ermüdender Fahrt 102 der Zug vor der Kirche anlangte, wurde der reichverzierte Metallsarg vom Wagen gehoben und vor der Tür des Grabgewölbes niedergesetzt. Alle Häupter entblößten sich, als jetzt der Magister von Holleby, Prädikant Lauritzen, vortrat und mit zitternder Stimme zu sprechen begann. Denn er war eben von der Schule zu Sorö gekommen und hatte Furcht vor den vielen Edelleuten, die nicht immer sanft mit ihren Geistlichen umgingen. Langsam begann er die Tugenden der Verstorbenen aufzuzählen, wie es ihm geboten war, aber allmählich vergaß er die vornehme Versammlung und gedachte der armen Seele, die jetzt vor Gottes Thron stand. Er bat für sie um Barmherzigkeit und Vergebung, und man merkte ihm an, daß er es wahrhaftig meinte. Stockstill standen die Edelleute. Einer oder der andere räusperte sich wohl, denn eigentlich war es unbescheiden von dem Magister, so frei von einer Edelfrau zu reden, für die der Allmächtige doch sicherlich ein gutes Plätzchen in seinem Himmel hatte; aber als der Prädikant nun auch für die Anwesenden, die Lebenden betete und für sie um ein sanftes Sterben und um Vergebung der Sünden bat, da wurden die Gesichter ernst, und die Köpfe neigten sich. Es war nicht angenehm, ans Sterben zu denken, wenn man mitten im Leben stand und es lange noch nicht verlassen wollte; aber der Magister sprach im ganzen verständig, und nachher konnte man die Rede auch wieder vergessen. Klemens Rungholt weinte zuerst ganz laut; dann merkte er, daß er nicht sehr beachtet wurde, und er trocknete seine Augen. Die Blicke der Edelleute suchten den stattlichen Junker im roten Hofkleide, 103 dessen ehrliches Gesicht aufrichtige Betrübnis verriet. Was man ihm um so höher anrechnete, als jedermann in der Gegend wußte, wie schlecht die Verstorbene ihren Stiefsohn behandelt hatte. Es war allerdings bedauerlich, daß seine Mutter nicht adelig gewesen war, aber man wußte, wie der König darüber dachte, und man wußte auch, daß Rungholts Vermögen aus dem Kieler Kaufhaus stammte. Also war's besser, diesen Umstand zu vergessen. Nach ernstem Gebet ward der Sarg in die Gruft gesenkt, der Stein darübergelegt, und alles eilte dem Edelhofe zu. Die Edelleute zu Pferd und zu Wagen, die Bauern und Knechte zu Fuß. Und alle vergaßen die Tote und dachten an den Leichenschmaus. Auf einem schwerfälligen offenen Wagen saß der junge Magister, und zu ihm stieg Zoppelow. Der Mecklenburger hatte versucht, einige Tränen zu vergießen; es war ihm nicht gelungen, und nun war er verdrießlich. Denn kein Mensch hatte sich um ihn bekümmert. »Warum redetet Ihr so lang und so fromm?« murrte er. »Von der Toten und ihren Tugenden sagtet Ihr gar nichts, und dann machtet Ihr uns die Hölle heiß. Wißt Ihr nicht, daß sich dies nicht schickt? Der Graf Trolle machte ein ganz böses Gesicht; der wird Euch noch was sagen!« »Ich spreche, wie mir mein Amt gebietet!« entgegnete Lauritzen einfach, und Zoppelow sah ihn von der Seite an. »Ihr seid nicht vorsichtig, junger Mann. Ihr hättet von Klemens mehr reden sollen. Hat der Euch 104 gestern nicht zwei Gänse vom Hof geschickt, damit Ihr ihn recht beklagen solltet? Und kein Wort sagtet Ihr!« »Die Gänse schickte ich bereits zurück. Sie gehören dem Junker ja gar nicht. Er ist nicht der Herr von Holleby!« Zoppelow wollte fluchen, dann sah er das feste Gesicht des Geistlichen und hob die Schultern. »Ihr seid töricht, Magister. Kajus Rungholt ist ein schlimmer Mann, und wenn Ihr den zum Patron erhaltet, wird's Euch schlecht ergehn. Klemens hingegen würde sanft sein wie eine Taube, und manchen Goldgulden würde er Euch schicken, wenn Ihr dafür sorgtet, daß er der Herr hier würde.« »Dafür kann ich nicht sorgen,« rief der Magister, »und ich will's auch nicht. Der Junker Klemens ist, wie seine Frau Mutter, geizig, falsch und hinterlistig. Meint Ihr, ich wüßte es nicht?« »Aber er ist von edler Geburt, während Kajus der Sohn einer Bürgerstochter ist!« rief Zoppelow ärgerlich. »Und wenn Ihr recht übel von Kajus reden wollt und ihn vielleicht in der Predigt ein wenig schlecht machen, – Ihr könnt ja die Worte geschickt setzen, – dann verspreche ich Euch –« Aber der Magister sah ihn zornig an, so daß er die letzten Worte brummend verschluckte und nachher, beim Leichenschmaus, seinen Ärger in sehr viel Wein und Bier ertränkte. 105 IX. Die Begräbnisfeierlichkeiten waren vorüber, und der Freiherr rüstete sich mit seinen Söhnen zur Abreise nach Kopenhagen. Auch Herr von Zoppelow mußte wohl oder übel das Gut verlassen und dachte mit einigem Grauen daran, daß er eigentlich nicht wußte, wohin er sein Haupt legen sollte. Er hatte einem trinkfesten Edelmann aus der Nachbarschaft nahegelegt, ihn für einige Zeit einzuladen; der aber fragte nur, welchem schwedischen Korps er sich in Deutschland anschließen wolle. Aber der Mecklenburger liebte den Krieg nicht. Ja, die Nachhut bilden und die Dörfer plündern, das hätte sich schon ertragen lassen, aber seitdem er einmal bei Lützen im Kugelregen stand, wurde es ihm klar, daß er nicht für das Kriegshandwerk bestimmt wäre. Da versuchte er lieber auf anderem Wege sein Leben zu fristen, und die zwei Jahre Gefängnis in Kopenhagen abgerechnet, war es ihm auch nicht schlecht ergangen. Und was das Gefängnis anbetraf, so gab es schlimmere Kerker als das behagliche Zimmer, in dem er gelebt, und elendere Gefangenenkost, als die, die er erhalten hatte. Während Zoppelow diese Betrachtungen anstellte, saß er vor dem großen Kamin in der Halle und blickte nachdenklich in die Flamme des knisternden Feuers. Ein feiner Schnee schlug an die hohen Fenster, 106 und draußen legte sich eine weiße Decke über Erde und Dächer, so daß es drinnen doppelt behaglich war. Der Freiherr war mit Kajus in dem einige Stunden entfernten Städtchen Hilleröd, und daher wagte es Zoppelow, den besten Platz in der Halle einzunehmen. Sonst hielt er sich in einer gewissen Entfernung von den älteren Rungholts, wenn er sich auch bemühte, in seinem Auftreten eine sorglose Sicherheit zu zeigen. Eine Tür ging auf und Klemens trat ein, ließ seinen schweren Mantel von den Schultern gleiten und warf ein dickes Buch auf den Tisch, das er unter dem Mantel getragen hatte. »Was bringst du da?« fragte Zoppelow neugierig. Der hübsche Junker warf ihm einen unzufriedenen Blick zu. »Nichts für dich, werter Vetter!« versetzte er kalt, und stellte sich dann so vor den Kamin, daß er die behagliche Feuerwärme von Zoppelow fortnahm. »Du stehst mir im Wege!« brummte dieser. »Setze dich doch so hin, daß meine Knie mir nicht wieder kalt werden.« Aber der andere rührte sich nicht. »Ja, ja,« sagte er spöttisch, »die schönsten Plätze an fremden Kaminen einnehmen, das mag der Herr Vetter! Aber daß er etwas tun muß, um sich diesen warmen Platz zu verdienen, das scheint er nicht zu wissen!« »Habe ich nicht immer genug für dich gestrebt? Als du noch ein kleines Bürschchen warst, bin ich es gewesen, der deiner Mutter zuredete, alles zu versuchen, dir das Gut zu erhalten. Wo ich auch war, stets gedachte 107 ich deiner, und manches ernste Wort redete ich mit hohen Männern zu deinem Vorteil!« rief Zoppelow. Aber Klemens zuckte die Achseln. »Deinen Reden schenke ich keinen Glauben! Was hat dein Bemühen, von dem du so viele Worte machst, genützt? Wo ist ein vornehmer Mann, der Anteil an mir und an meinem traurigen Geschick nähme? Ich weiß von keinem. Ich weiß nur, daß ich morgen mit den andern nach Kopenhagen muß, um als armer jüngster Junker elende Dienste zu verrichten. Wo ist dein Dank dafür, daß ich stets freundlich gegen dich war? Wo der Dank, daß ich sagte, die Goldsachen und alles andere hätte die Mutter dir gegeben, obgleich ich wußte, daß diese sich lieber selbst mordete als kostbare Dinge verschenkte? Vor schlimmem Verdacht und großer Schande schützte ich dich, und noch manches andere könnte ich von dir berichten, was den Freiherrn schwer erzürnen würde; aber ich schweige. Und der Lohn für alles? Du sitzest hier am Feuer, dich zu wärmen, denkst nur an Essen und Trinken, niemals aber an meine Angelegenheiten!« Heftig, mit flammenden Augen sprach der Jüngling, während Zoppelow unbehaglich hin und her rückte. »Bald spreche ich mit dem Reichshofmeister über dich und deine Sache!« begütigte er den Aufgeregten. »Man muß persönlich mit ihm reden, dann –« »Diese Worte sagst du mir immer!« unterbrach ihn der Junker zornig. »Ich glaube ihnen nicht mehr! Auch wird Uhlfeld bald an anderes zu denken haben, als an einen armen Enterbten. Das hast du selbst mir vor nicht langer Zeit angedeutet. Oho! Sieh mich 108 nicht so erschrocken an; ich habe deine Worte nicht vergessen und auch die Augen hübsch offen gehalten, wenn die fremden Leute dich zu besuchen kamen. Der Schwede will in Dänemark einfallen, und du hast manche Botschaft von hier nach Stockholm gesandt. Mich geht's nichts an. Laß sie kommen und brennen und morden wie in Deutschland, was kümmert's mich! Von mir können sie nicht viel nehmen!« Zoppelow war aufgesprungen und bemühte sich vergebens, Klemens zum Schweigen zu bringen. »Um Gottes willen, rede nicht so laut!« rief er, am ganzen Leibe zitternd. »Was willst du gesehen und gehört haben? Nichts, gar nichts! Ich bin ein unschuldiger Ehrenmann, der mit Uhlfeld gut steht, und du nur ein törichter Knabe! Die Schweden sollten in Dänemark einfallen? Pah! Niemals war größere Freundschaft zwischen Dänen und Schweden als jetzt!« Er hatte hastig, überstürzt gesprochen, und Klemens lachte laut über seine Fassungslosigkeit. »Sei kein Narr!« sagte er kalt. »Ich verstehe zu schweigen, und ich sagte dir schon, daß ein Krieg mir nur Nutzen, niemals Schaden bringen könnte. Zu verlieren habe ich nichts, zu gewinnen manches!« Zoppelow warf dem Sprechenden einen lauernden Blick zu, dann trocknete er den Schweiß von der kahlen Stirn, setzte sich wieder, sagte aber nichts, während Klemens ihn unablässig beobachtete. Eine Pause entstand, die großen Holzscheite prasselten im Kamin, und der Wind fuhr stöhnend durch den Schlot, drückte die Flammen zusammen und trieb den Rauch in die Halle, so daß Herrn von Zoppelow ein lang andauernder Husten befiel. Aber er sagte nichts, 109 sondern wischte sich schweigend die Tränen aus den Augen und stöhnte leise. Klemens lächelte sonderbar bei diesem Gebaren, endlich meinte er: »Der Rauch muß dir in den Hals geschlagen sein, teurer Vetter, aber es ist doch besser, hier behaglich zu sitzen, als draußen freundlos umherzuirren und nicht zu wissen, wo man sein Haupt hinlegen soll.« Er hielt inne. Zoppelow stöhnte noch lauter, während der feine Schnee gegen die Scheiben knisterte. »Ein schlechtes Wetter, um für lange Zeit auf Reisen zu gehen!« bemerkte Klemens freundlich. Der Mecklenburger fuhr mit einem wilden Fluch auf. »Himmel und Hölle!« schrie er. »Meint der Gelbschnabel, einen alten Mann verspotten zu können? Was hast du mir versprochen, du Satansbrut? Sollte ich nichts stets einen Unterschlupf bei dir haben? Und nun höhnst du mich wie einen Bettler! Reize mich nicht weiter, Junge, oder Albrecht von Zoppelow verliert die Geduld!« »Aber, Vetter!« rief Klemens ganz erstaunt, »wer hat dich denn reizen wollen, und wie sollte es mir in den Sinn kommen, deiner zu spotten! Natürlich habe ich dir versprochen, dich auf Holleby zu beherbergen wie meinen eigenen Vater; aber wird der Edelhof mir denn jemals gehören? Freilich gibt es ein Gesetz,« er wies auf das dicke Buch auf dem Tisch, »das sagt, daß einer, der eine bürgerliche Mutter hatte, niemals einen Edelhof besitzen sollte, aber der Amtsvogt in Holleby sagt, daß der König sehr zornig würde, wenn man ihn an dieses Gesetz erinnerte. Auch weiß ich jetzt, daß Holleby mit dem Gelde der Kieler Bürgerstochter bezahlt ist. Mir kann also nur einer helfen –« 110 starr blickte er den Mecklenburger an. »Du kennst ihn, hast ihm vielleicht auch schon einmal ins Angesicht geschaut, wenn du ihn auch nicht zu lieben scheinst. – Wenn der uns beisteht, dann sitzen wir vielleicht in Jahresfrist fröhlich hier in der Halle; ich als Erbsohn, du als lieber Gast!« Rasch flossen ihm die Worte von den Lippen, in seinen Augen blitzte es düster, und die schlanke weiße Hand des Jünglings erhob sich beschwörend, während Zoppelow leise nickte. »Du hast recht!« murmelte er. »Es ist das Einzigste, Sicherste! Dein Vater würde nimmer hier wohnen und du stets der Herr auf Holleby sein. Aber wie sollte es geschehen? Selbst wenn der Feind ins Land käme, königliche Kavaliere schickt man ihm nicht sogleich entgegen. Solch feines Blut wird geschont. Erst kommen die jüngeren Söhne ins Gefecht, die Erbsöhne bleiben hübsch daheim!« »Sprich mit Uhlfeld!« drängte Klemens. Der andere machte eine verneinende Bewegung. »Von ihm hörte ich lange nichts, und glaube nur, daß er mit Oxenstirn zürnt. Auch habe ich kein Geld, standesgemäß vor ihm erscheinen zu können. Die hohen Herren sind schlechte Bezahler!« Klemens dachte einen Augenblick nach. »Ich habe noch etwas Geld und will es dir wohl geben, wenn du schwörst, mir treu zu bleiben. Wenn nicht, wenn ich merke, daß du nach anderer Seite schwankst, dann sage ich allen, die es hören wollen, daß du ein Spion im schwedischen Sold bist, der bald Uhlfeld, bald Oxenstirn Nachrichten überbringt.« »Ich weiß noch nicht, was du von mir verlangst!« 111 versetzte Zoppelow unwirsch, während er sich ängstlich umsah. »Er soll auf einen Posten gestellt werden, wo die feindlichen Kugeln ihn finden müssen, und treffen sie ihn nicht –« er hielt inne und der andere seufzte. »Schon gut! Vielleicht finde ich jemand, der das häßliche Geschäft übernimmt!« »Tue es dann nur selbst, lieber Vetter!« lächelte Klemens, »es wird deiner Seele nicht mehr schaden!« Er hatte den Satz kaum vollendet, als die Tür der Halle sich öffnete, um dem Freiherrn und Kajus Einlaß zu gewähren, die weißbeschneit eintraten. Der erstere grüßte die beiden Herrn, die fassungslos aufstanden, nur mit kurzem Wort, während Kajus den Bruder freundlich anredete. Er konnte sich noch immer nicht darein finden, daß dieser sich ihm so fremd gegenüberstellte, und schrieb die Kälte seines Benehmens dem Einfluß Herrn von Zoppelows zu, weshalb er dem genannten Herrn recht hochfahrend begegnete. Konnte er doch auch nicht vergessen, unter welchen Umständen dieser einst mit ihm vom Edelhofe geritten und dann unter schwerer Anschuldigung gefangengesessen hatte. Freilich war die damalige Zeit gegen manches toleranter, und Kajus hatte schon öfters erlebt, daß ein Ritter, der im Kerker gewesen, später mit Ehren bei Hofe wieder aufgenommen wurde. Aber mancherlei erschien ihm bei Zoppelow so unritterlich, daß er ihn im stillen verachtete. »Sind wir nicht eilig heimgekehrt?« fragte er jetzt den Bruder. »Nur eine Stunde waren wir in Hilleröd, und dann ging's wieder davon! Der Vater fürchtete immer, daß wir einschneien könnten, denn 112 die Wege sind schmal und die Hecken hoch! – – –« Er wollte weitersprechen, als eine kurze Bewegung des Vaters ihn daran hinderte. Dieser legte die Hand auf die Schulter seines Ältesten und schaute prüfend in sein lebendiges Gesicht, das, vom Schein der Flamme erhellt, einen warmen, glücklichen Ausdruck trug. Dann wandte er die Augen dem zweiten Sohne zu, der einige Schritte entfernt stand und düster vor sich hinstarrte, während Zoppelow scheu auf die Seite getreten war. »Lieber Sohn Klemens!« sprach jetzt die ruhige Stimme des Vaters, »ich habe dir zu berichten, daß ich in Hilleröd mein Testament niedergelegt habe, in dem mein Sohn Kajus zum Erben von Holleby erwählt ist!« Es entstand eine Pause, und fast atemlos blickte Zoppelow auf Klemens, der die Augen zum Vater erhob und kühl entgegnete: »Eure Nachricht überrascht mich nicht, Herr Vater. Fast möchte ich fragen, weshalb Ihr mir dieselbe feierlich verkündet. Ich habe niemals etwas anderes erwartet.« Der Freiherr schien den spöttischen Ton seines Sohnes zu überhören. »Dann wundert's mich freilich,« versetzte er mit gleicher Gelassenheit wie vorhin, »daß du den Amtsvogt in Hilleröd einen Brief an den König hast schreiben lassen, in welchem Seine Majestät angefleht wird, dir und nicht Kajus Holleby zu verschaffen. Ein törichtes Schreiben war es, mein Sohn, und ich rate dir, dich niemals wieder mit solch einer Angelegenheit zu befassen. Schon einmal habe ich dir gesagt, daß deinem 113 Bruder das Erbe gebührt, weil mein Wohlstand von seiner Mutter herstammt. So ist es denn keine Ungerechtigkeit, wenn er mehr empfängt als du. Auch ich war ein armer Junker, als ich nach Dänemark kam, und mußte durch eine harte Schule, ehe ich wurde, was ich bin. Du mußt einen ähnlichen Weg wandern, doch werde ich dir die helfende Hand nicht versagen und dich hoffentlich zu hohen Ehren bringen!« Kajus war auf Klemens zugetreten und faßte ihn bei beiden Händen. »Sieh nicht so bös drein!« bat er. »Weißt du doch, daß wir Brüder sind, die alles teilen müssen. Habe ich mehr, so gebe ich dir, und bist du dereinst reicher geworden, so nehme ich von dir.« Aber Klemens entzog sich ihm unsanft, während sein Gesicht sich rötete und seine Augen zornig blitzten. »Du hast gut reden!« rief er schneidend. »Es ist leicht, mit schönen Worten alles zu versprechen und nichts abzugeben! Wenn ich als dein Bruder dir so teuer bin, dann gib mir Holleby. Dann gib mir dein Gold, das deine Vorfahren mit Wucher sich erwarben; in meiner adeligen Hand wird es besser bewahrt sein, als in deiner, du Halbblut, der du nicht Fisch noch Fleisch, weder Edelmann noch Bürger bist! Was soll ein Herr hier auf Holleby, der keinen Stammbaum hat und der in jedem Krämer einen nahen Blutsverwandten fürchten muß? Ich beklage den König, der solche Kavaliere um sich duldet, und ich will lieber –« er vollendete nicht. Die breite Hand seines Vaters legte sich ihm auf den schmähenden Mund. »Noch ein Wort, Knabe, und du wirst meine 114 Reitpeitsche kosten!« sagte er, sich mühsam beherrschend. »Jetzt geh hinaus und besinne dich!« Er drängte ihn zur Tür hinaus und wandte sich dann an Zoppelow. »Woher hat er diese schlimmen Gedanken?« fragte er zornig. »Wagt Ihr es, ihm diese Flausen in den Kopf zu setzen?« Aber auch über Zoppelow kam ein Geist der Empörung. »Ihr solltet ihm das Gut nicht entziehen!« entgegnete er trotzig. »Laßt Euren ältesten Sohn bei Hofe, und dem Klemens gebt den ihm gebührenden Edelhof!« Dem Freiherrn riß die Geduld. »Wenn dem Klemens der Hof gebührt, dann gebührt Euch gleichfalls eine andere Behandlung, als die, die ich Euch zuteil werden ließ!« Und ehe der erstaunte Mecklenburger sich von seinem Entsetzen erholen konnte, befand er sich auf dem kalten, beschneiten Hofplatz. Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht ganz klar, auch nicht, daß sein magerer Klepper neben ihm stand und er ihn besteigen mußte. Aber Tatsache war, daß er fortreiten mußte in die Winternacht hinein, mit schwerem Herzen und sehr leichtem Gepäck. »Sie sollen mir's entgelten!« murmelte er zähneklappernd, die Hand zum Schwur aufhebend, während sein Pferd langsam weitertrabte. »Weshalb tatet Ihr dies, Herr Vater?« fragte Kajus den Freiherrn, nachdem man den Schritt von Zoppelows Tier nicht mehr hörte. Beide standen in 115 der Haustür, von wo aus sie die auf des Freiherrn Befehl veranstaltete Abreise des Mecklenburgers angesehen hatten. »Wollte Gott, ich hätte es früher getan!« lautete Rungholts Erwiderung. Dann verließ er die Halle und Kajus blieb allein. Traurig blickte er vor sich hin. Alle Freudigkeit, aller Lebensmut waren ihm beim Anblick von Klemens' Zorn entschwunden, selbst der Gedanke an Gude konnte ihn nicht trösten. Was half alles Glück der Erde, wenn man es ihm mißgönnte? Immer stärker tobte draußen der Sturm, das Käuzchen schrie unter den Fenstern der Halle, und die Flamme im Kamin versank allmählich in der dicken heißen Asche. Der junge Erbe von Holleby legte beide Hände vors Gesicht und weinte wie ein Kind. X. Zwei Tage später stand Freiherr von Rungholt mit seinen beiden Söhnen im Saal des Kopenhagener Schlosses und harrte des Königs, der aus seinen Gemächern treten sollte, um die Huldigung seiner Getreuen zu empfangen. Es war ein ernster Tag. In der Nacht hatte ein keuchender Bote an das Tor der Stadt gepocht, um dem Könige die Nachricht zu überbringen, daß der schwedische General Torstenson in Holstein eingefallen war und ohne Kriegserklärung die Greuel der Verwüstung über das unglückliche Land verhängt hatte. 116 Kiel, Itzehoe, Rendsburg, die vornehmsten Plätze des Landes, waren in seiner Gewalt; nur in Glückstadt und Krempe hatte sich die dänische Besatzung gehalten. Es war eine Schreckensnachricht für König Christian gewesen, der immer noch hoffte, seinen Landen den Frieden zu erhalten, und dem es jetzt klar wurde, daß die Schweden seit Jahren auf eine Gelegenheit warteten, ihren Länderraub auch auf seine Staaten auszudehnen. Sie behaupteten, daß Christian ihre Schiffahrt hindere und mit den Spaniern unterhandle, um ihnen dann in Pommern in den Rücken zu fallen. Allerdings waren ihren Schiffen beim Passieren des Sundes Schwierigkeiten seitens der dänischen Regierung gemacht worden, und vielleicht hatte König Christian einmal daran gedacht, mit Hilfe anderer Mächte den unbequemen Nachbar zu schwächen; jedenfalls aber mußte ihm dieser Gedanke noch in weiter Ferne liegen, denn er hatte fast keine regulären dänischen Truppen. Die ganze Besatzung Holsteins bestand aus Deutschen, auch die Offiziere waren nur ausnahmsweise aus dänischen Familien. Nur die Flotte war stark und gut bemannt, aber seit dreißig Jahren hatte auch sie keinen Krieg erlebt. Der große Empfangssaal des königlichen Schlosses füllte sich mehr und mehr, denn jeder dem Hofe Nahestehende eilte, dem König seine Ergebenheit zu beweisen, und nur wenige waren nicht erschienen. Aber wohin man blickte, waren düstere Mienen. Hier stand der Admiral Galthe, ein weißköpfiger Herr, der lebhaft auf den Admiral Wind einredete, während neben ihnen der Feldoberst Buchwald mit rauher Stimme 117 den Schweden fluchte, die sein Familiengut geplündert und niedergebrannt hatten. In einer Fensternische drängten sich die schleswig-holsteinischen Kavaliere um einen Offizier, der ihnen mit trübseligem Gesicht von der Plünderung des Breitenburger Schlosses bei Itzehoe berichtete, wo der schwedische General Montaigne große Schätze raubte, und zornige Flüche, drohende Gebärden unterbrachen häufig seine Erzählung. »Haben die Schweden auch das Hexengold aus Breitenburg mitgenommen?« fragte ein dicker blonder Junker, als der Erzähler schwieg. Der Gefragte zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht, Junker Brockdorff! Jedenfalls erleiden die Rantzaus unermeßlichen Schaden!« »Nun, sie können's ertragen!« brummte der andere. »Und wenn das Hexengold mit geraubt ist, kehrt alles wieder zu ihnen zurück. Wir andern sind schlimmer daran. Bei uns wohnen keine Unterirdischen , die Gold und Silber verschenken!« Kajus war dem Kreise der Herren nähergetreten. »Haben dir die Unterirdischen Gold und Silber geschenkt?« fragte Kajus Rungholt den Sprecher lächelnd. Brockdorff wandte sich rasch um. »Ei, sieh da, Kai! Kommst du auch zu uns, um über die Schweden zu wettern? Meiner Treu, wenn ich der König wäre, dann säße ich schon mit allen Kavalieren auf dem Schiff! Der Wind ist gut – morgen abend landen wir bei Kiel, und dann zeigen wir den Schweden, was darauf steht, den Holsteinern in ihr Land zu fallen!« 118 Der Junker hob drohend die Arme, und seine Stimme klang so laut, daß die Admirale mißbilligend herübersahen. »Schrei nicht so laut!« flüsterte ein anderer. »Weshalb nicht?« Brockdorff erhob seine Stimme noch lauter und sah trotzig um sich. »Ich bin ein Holsteiner und spreche frei von der Leber. Potz Blitz! Die dänischen Herren mögen die Köpfe zusammenstecken und sich bedenken, ob sie den Degen für Holstein ziehen wollen; ich habe keine Lust, darauf zu warten. Ich will für mein Vaterland kämpfen und die Schweden hinausjagen, ehe sie von selbst gehen!« Seine helle Stimme klang über den ganzen gefüllten Saal, in dem es still geworden war, und als er geendet hatte, riefen die Holsteiner ihm lachend Beifall zu, während die Dänen finstere Blicke auf den vorlauten Junker warfen. Niemand bemerkte, daß der König die Tür seines Gemaches geöffnet hatte und plötzlich, gefolgt von Uhlfeld und dessen Gemahlin, inmitten der Versammlung stand und sich mit blitzenden Augen umsah. Seine Gestalt war in den letzten Jahren gebeugter geworden, sein dunkles Haar gebleicht, aber um den Mund lag der alte Zug von Entschlossenheit, und den Kopf hob er mit wahrhaft fürstlicher Gebärde. »Ihr scheint nicht zufrieden mit uns armen Dänen, lieber Junker!« sagte er mit leichtem Spott. »Mich wundert nur, daß Ihr noch auf dänischem Grund und Boden verweilt und nicht vorgezogen habt, Euch längst von hier zu entfernen. Vielleicht hättet Ihr den Einfall der Schweden in Holstein gehindert!« Junker Brockdorff, der sich gerade in die Höhe 119 gerichtet hatte, blickte unbekümmert in das strenge Gesicht des Königs. »Eure Majestät würde auch besser getan haben, den Ratschlägen unserer Ritterschaft Folge zu leisten!« versetzte er keck. Eine leise Bewegung ging durch die Versammlung. Jedermann wußte, daß die Schleswig-Holsteiner den König ernstlich gebeten hatten, dem stolzen Reichshofmeister nicht alle Gewalt einzuräumen, und manches Auge blickte mitleidig zu dem kecken Jüngling hinüber, der sich soeben einen Todfeind gemacht hatte; denn Uhlfeld vergaß niemals eine Beleidigung. Er stand gerade und hochaufgerichtet hinter dem König, die eine Hand auf seinen mit Diamanten besetzten Degengriff gelegt, in der andern Papiere haltend. Kein Zug seines schönen Gesichtes veränderte sich bei den Worten des Junkers, er streifte nur mit den Augen das Gesicht des Königs, der diesen Wink zu verstehen schien. Er wandte sich von Brockdorff und sagte: »Ich bin nicht gekommen, um mit Knaben zu sprechen, sondern mit Männern! Die Schweden stehen in Holstein, bald werden sie bis Jütland streifen. Unsere Pflicht ist, tapfer für unser Vaterland zu streiten!« Dann setzte er mit Ruhe und Klarheit die Stellung der Schweden auseinander, räumte ein, daß er sich habe überraschen lassen, aber auf seine Flotte rechne, die stärker wäre als die schwedische. Lautlos folgte die Versammlung seinen Worten, und als er zum Schluß den Obersten Buchwald beauftragte, mit seinen Reitern nach Jütland überzusetzen und dem Feinde entgegenzugehen, brachen 120 alle in lautes Jubelgeschrei aus. War auch das Reiterfähnlein klein, das Buchwald befehligte, und waren die Leute auch fast alle Deutsche, so fühlte sich doch das dänische Nationalgefühl befriedigt, daß der König, statt schmachvolle Friedensunterhandlungen anzuknüpfen, sofort auf Gegenwehr bedacht war. Jetzt drängte sich alles an den Monarchen, ihn neuer Treue und Hingebung zu versichern, und freudig redete der König mit jedem einzelnen. Von seinem Gesicht war der Ausdruck der Sorge verschwunden, leichten Schrittes ging er durch den Saal, um bald hier, bald dort gütige Worte zu sprechen, während Uhlfeld sich zurückhielt und nur manchmal flüchtig einige Worte mit seiner Gemahlin wechselte. Gräfin Eleonore stand an einem der hohen Fenster und ließ achtlos den Blick auf der versammelten Höflingsschar ruhen. Ihre Augen waren gerötet, und auf ihren Wangen brannten zwei dunkle Flecke. Sie sah düster und drohend aus; mehrere Reichsräte, die sich der schönen Frau nähern wollten, zogen sich wieder zurück. Es war nicht gut Kirschen essen mit Frau Uhlfeld, wenn sie übler Laune war. »Was sie nur hat!« sagte jetzt Brockdorff zu Kajus, der noch immer neben den holsteinischen Herren stand. »Sie macht ein Gesicht, als wollte sie Feuer speien wie der Hekla auf Island!« »Der Krieg bekümmert sie!« flüsterte Kajus, bewundernd seine Augen auf der stolzen Frau ruhen lassend; aber Brockdorff, der bis vor kurzem ein Günstling der Uhlfelds war, schüttelte den Kopf. »Ihrem Mann wird etwas widerfahren sein, das sie schwer ärgert. Du weißt doch, daß sie alles, was Korfiz 121 verdrießt, doppelt empfindet. Das kommt vom Blutvermischen und ist die gerechte Strafe für solch Teufelswerk! Sieh, wie ihre Augen funkeln! Jetzt geht es los!« Die schöne Frau bewegte sich langsam durch den Saal; ihre lange rubinfarbene Schleppe rauschte hinter ihr her, und Kajus hatte das Gefühl, als knistere der kostbare Samt drohend, als er bei ihm vorüberfegte. Unwillkürlich blickte er zu seinem Vater hinüber, der soeben Klemens dem Könige vorgestellt hatte, und eilig trat er einige Schritte näher, als er gewahrte, daß die Gräfin vor dem Freiherrn den Schritt anhielt. »Der Name meines Gemahls scheint Euch nicht sehr viel wert zu sein, Herr Freiherr,« sagte sie mit klingender Stimme, »daß Ihr einen Ritter, der einen Geleitsbrief von ihm besitzt, aus Eurem Hause werft!« Die Stirn des Angeredeten zog sich unmutig zusammen. »Ihr wißt selbst, edle Frau, wie sehr ich Euren Gemahl ehre; aber verzeiht mir, wenn ich in meinem Hause das tue, was ich am richtigsten finde!« Er wandte sich unhöflich ab, und die Gräfin sah ihm mit einem Blicke zornigen Hasses nach. »Diese Antwort wird dein Vater bereuen!« murmelte Brockdorff, der den kleinen Vorgang ebenso genau beobachtet hatte wie Kajus, und dieser seufzte bekümmert. Er liebte die Gräfin Eleonore, denn sie hatte ihr Wort gehalten und war dem aufwachsenden Knaben stets gütig begegnet, aber er wußte nur zu gut, daß Frau Uhlfeld, seitdem sie sich mit 122 Leidenschaft an den Geschäften des Staates beteiligte, nicht mehr das sanfte, liebende Mädchen, sondern ein willensstarkes Weib war, dessen Feindschaft gefährlich für jedermann werden konnte. Und man sagte von ihr, daß sie niemals eine Beleidigung vergäße. XI. »Böser Junker, zweimal schon seid Ihr kalten Blickes und achtlos an mir vorübergegangen! Ist das Eure Liebe, von der Ihr mir neulich in einem langen Schreiben Wunderdinge sagtet?« Gude von Thienen sprach mit leiser Stimme Kajus Rungholt an, der in Gedanken versunken an ihr vorübergeschritten war. Der König hatte seinen Hofstaat entlassen, und Kajus wollte zu seinem Vater gehen, als das Fräulein ihm in einem der Vorzimmer entgegentrat. Entzückt ergriff der Junker beide Hände der Geliebten. »Also habt Ihr mein Brieflein erhalten?« fragte er strahlend. »Und was sagtet Ihr zu dem Verslein?« Vergessen war alle Sorge des Augenblicks über den blauen Augen Gudes, und er versuchte, sie leise zu umfassen. Aber diese wehrte ihm sanft. »Das Verslein war herzlich schlecht,« sagte sie dann flüchtig lächelnd, »und noch dazu gar nicht Euer eigen Machwerk. Auch heiße ich nicht Phyllis, sondern Gude, und wenn Ihr dichtet, könnt Ihr ebensogut meinen Namen gebrauchen!« 123 »Ihr seid also nicht zufrieden?« fragte Kajus bestürzt. »Nein,« lautete die lachende Antwort, die den Junker so empörte, daß er das junge Mädchen in seine kräftigen Arme nahm und so herzhaft auf die roten Lippen küßte, daß sie kein Wort des Widerstandes äußern konnte. »Ihr seid zu streng mit mir, holdselige Jungfrau,« sagte er endlich hochaufatmend in ganz kläglichem Ton. »Ihr seht, ich bin ein wilder, ungebärdiger Gesell, der nur mit viel Sanftmut regiert werden kann.« Aber die Jungfrau schien ob seiner Kühnheit die Sprache verloren zu haben. Sie hatte den blonden Kopf an die breite Brust des Junkers gelegt und sagte kein Wort. Kajus sprach hastig weiter; obgleich ihm sonst die Worte nicht sehr zu Gebote standen, fand er jetzt Ausdrücke genug, seine innige Liebe auszusprechen, und er mußte es gut verstehen, denn Gudes Haupt ruhte noch immer auf derselben Stelle, und ihr vorhin trauriges Gesicht lächelte beglückt, als sie den Liebesworten lauschte, die der feurige Junker ihr ins Ohr flüsterte. Sie hatte ihn lange genug schmachten lassen und war geschickt seiner Werbung ausgewichen. Aber die Trennung von ihm, dann die Schreckensnachricht aus Holstein brachten der Jungfrau zum Bewußtsein, daß sie ohne des Junkers Liebe nicht mehr leben könne. Jetzt löste sie sich sanft aus seinen Armen. »Ach, wie mag ich nur fröhlich mit Euch scherzen, wenn meine Heimat vom Feinde verwüstet wird!« rief sie traurig. »Vielleicht legt der Schwede in diesem 124 Augenblick Feuer an unser Haus, und mein Vater, meine Brüder sind obdachlos!« Sie brach in Tränen aus, und Kajus suchte vergebens sie zu beruhigen. »Wir werden hinziehen, die Holsteiner zu beschützen!« tröstete er; aber Gude schüttelte den Kopf. »Hat Euch Herr Uhlfeld nicht gesagt, daß wir dem Feinde gegenüber machtlos sind, und daß die Kaiserlichen herbeigerufen werden sollen, unser armes Land zu schützen? Die Junker werden alle auf die Schiffe müssen, um mit der Flotte die Schweden zu bekämpfen!« Gespannt blickte Kajus in das erregte Gesicht der Jungfrau. »Mir hat Uhlfeld nichts gesagt,« sagte er dann; »er scheint uns zu zürnen.« »Auch davon hörte ich!« klagte Gude. »Weshalb hat doch Euer Vater das Geleitschreiben des Reichshofmeisters nicht geehrt? Ein Brief mit schwerer Anklage gegen den Freiherrn und Euch ist durch einen vermummten Knecht überreicht worden.« Kajus horchte auf. »Von wem kam dieser Brief?« Aber Gude wußte auf diese Frage keinen Bescheid zu geben. Gräfin Eleonore hatte ihr davon berichtet und manches böse Wort gegen die Rungholts ausgestoßen, was Gude so ängstigte, daß sie eine Gelegenheit suchte, den Junker zu sprechen, um ihn vor der Rache der Uhlfelds zu warnen. Diese Unterredung 125 war allerdings ganz anders ausgefallen, wie sie vielleicht erwartete, und ein liebliches Rot überzog ihr feines Gesicht, als sie die Augen zu Kajus aufschlug, der, aller Sorge zum Trotz, sie noch einmal heiß küßte. Aber ein Geräusch an der Tür ließ beide auseinanderfahren, und als im nächsten Augenblick der fromme Hofprediger Wind eintrat, der Vetter des Admirals gleichen Namens, fand er in dem leeren Gemach nur einen Stulphandschuh, den er aufhob, um ihn später dem jungen Herrn, dessen Name mit Silber daraufgestickt war, mit sanfter Ermahnung wegen seiner Nachlässigkeit wiederzugeben. XII. Als Kajus mit heißen Wangen und glückstrahlenden Augen die Mitteltreppe des königlichen Schlosses hinabstieg, sah er seinen Bruder Klemens in eifriger Unterhaltung mit einem Kavalier, den Kajus zuerst nicht erkannte. Als er jedoch in das Gesicht desselben sah, schoß ihm das Blut in die Stirn. Es war der holsteinische Junker von der Wisch, der einzige von allen Genossen, der ihm stets feindlich gesinnt war und mit dem er manchen Strauß ausgefochten hatte. Wie kam Klemens zu diesem? Mit seinem Bruder hatte er in den letzten Tagen, seitdem Zoppelow das Haus zu Holleby verließ, wenig Worte gewechselt; Klemens' bittere Reden waren ihm sehr nahe gegangen, und mühsam bekämpfte er sich, den aufkeimenden Groll zu ersticken, der anfing, in seinem Herzen die Bruderliebe zu verdrängen. Er war sich keines Unrechtes gegen den Bruder bewußt; daß er der Ältere und daher Erbe von Holleby 126 war, daß er Reichtum besaß, während der andere nichts hatte, konnte ihm doch nicht als Schuld angerechnet werden! Wenn er erst sein Vermögen in Händen hatte, wollte er mit Klemens teilen, das nahm er sich fest vor; und schon seit langem würde er ihm seine Absicht mitgeteilt haben, wenn er nicht stets mit Kälte bei jeder versuchten Annäherung zurückgewiesen worden wäre. Auf dem Herritt war Klemens kühl und schweigsam wie immer gewesen; bei ihrer Ankunft im königlichen Schloß verhielt er sich gleichgültig gegen alles Neue seiner Umgebung; auch die Vorstellung beim Könige schien eindruckslos an ihm vorübergegangen zu sein; jetzt erst sah Kajus ihn lebendig und frisch auf den Junker von der Wisch einreden, und hell klang sein spöttisches Lachen über den weiten Flur. Bei der Annäherung von Kajus schwieg er, und der holsteinische Junker warf aus kleinen, schiefgeschlitzten Augen einen tückischen Blick auf den älteren Rungholt. Geerd von der Wisch war ein langaufgeschossener, hagerer Mensch, mit Sommersprossen im blassen Gesicht und dünnen, rötlichblonden Haaren, die ihm struppig über die niedere Stirn hingen. Keiner seiner Landsleute verkehrte mit ihm, weil er beim Würfelspiel schon oft betrogen haben sollte und ein ausschweifendes Leben führte, so daß er sicher schon lange vom Hofe entfernt worden wäre, wenn nicht mächtige Verwandte ihn gehalten hätten. Ohne den Junker zu beachten, der spöttisch grinste, trat Kajus auf seinen Bruder zu. »Der Vater wird uns erwarten, willst du nicht mit mir kommen?« 127 Klemens maß den Fragenden mit verdrossenem Blick. »Geh du nur voran,« sagte er dann; »ich werde den Weg zum Vater allein finden können!« »Ihr seht, daß der Junker Eures Gängelbandes nicht mehr bedarf!« lächelte von der Wisch spöttisch. »Besser mein, als Euer Gängelband!« versetzte Kajus hochmütig und kehrte dem andern den Rücken. »Oho!« rief dieser und faßte mit der Rechten den Degengriff, »wollt Ihr mich beleidigen, stolzer Junker? Ich möchte mit Euch streiten, wenn mir mein Degen für Euer Halbblut nicht zu schade wäre!« Kajus wandte sich plötzlich um und stellte sich hart vor den Junker hin. »Was sagtet Ihr da?« fragte er, gelassen an seinem breiten Kragen zupfend, mit gleichgültigem Gesicht. Geerd von der Wisch trat einen Schritt zurück. »Nichts sagte ich!« murmelte er feige. Kajus Rungholt hob seine derbe Faust und schlug dem Junker so ins Gesicht, daß er laut aufschrie. »Himmel und Hölle! Junker Rungholt, Ihr mordet mich!« rief er wutbebend, ohne jedoch einen Arm zur Verteidigung zu erheben. »Nichts tat ich!« versetzte Kajus, ließ mit kühlem Lächeln von dem feigen Kavalier ab und schritt aus der Tür, während Klemens ihm hastig folgte. »Wage nicht noch einmal, meinen Freund zu schlagen,« rief er zornbebend, »oder ich vergesse, daß ich dein Bruder bin!« Kajus, im Begriff, über den weiten viereckigen Hofplatz zu schreiten, blieb überrascht stehen. 128 »Deinen Freund?« wiederholte er. »Ist es dir gelungen, in einem Tage den widerwärtigsten Gesellen am dänischen Hofe zum Freunde zu bekommen?« »Es kümmert mich wenig, wie du Geerd Wisch nennst!« versetzte Klemens heftig; »an deinem Beifall ist mir nichts gelegen! Er ist ein Junker von reinem Adel und guter Gesinnung.« Kajus blickte den Bruder traurig an. »Du sprichst wie ein Kind!« sagte er und legte freundlich den Arm auf des Bruders Schulter. »Glaube doch nicht immer, daß ich dir schlechten Rat gebe, und laß uns dem Hofe zeigen, daß wir uns wie Brüder lieben! Was werden die Leute denken, wenn sie bemerken, daß wir uns ausweichen und finstere Blicke wechseln. Spott und Verachtung werden uns nicht fehlen.« Die eindringlichen Worte des Bruders schienen nicht ohne Wirkung auf Klemens zu sein. »Ich glaube auch nicht alles Üble von dir,« begann er stockend; »wenn du mir nur das Gut lassen wolltest –« »Wer sagt dir Übles von mir?« fragte Kajus. »Wenn jemand es wagen sollte, in meiner Gegenwart dich zu verunglimpfen, ich traktierte ihn nicht besser, sondern schlechter als den von der Wisch!« Klemens wurde dunkelrot. »Mit der Faust bin ich nicht so rasch bei der Hand wie du –« sagte er grollend. »Auch läßt sich nicht jeder behandeln wie der Holsteiner!« »Leute, die hinter dem Rücken anderer Schlechtes von ihnen sagen und äußerlich dann freundlich tun, sind allemal feig!« rief Kajus mit Bestimmtheit. 129 »Er war aber niemals freundlich gegen dich!« erklärte Klemens erleichterten Tones. »Wer?« »Nun, Zoppelow!« Unentschlossen blieb er stehen und richtete die schönen, unsteten Augen auf Kajus' gutes Gesicht, als wäre er nicht abgeneigt, die dargebotene Hand zu ergreifen. Der Name kam nur zögernd von den Lippen des Jünglings, denn drüben an der Schloßmauer stand, in seinen dicken Mantel gehüllt, der Mecklenburger und machte mit dem Arm allerlei Zeichen gegen Klemens. Beide Brüder sahen ihn gleichzeitig, und während über Kajus' Gesicht ein Zug äußerster Verachtung ging, stampfte der andere ungeduldig mit dem Fuße. »Er folgt mir überall!« murmelte er, doch so, daß es Kajus nicht hörte. »Also der redet Böses von mir?« lachte dieser spöttisch. »Nun, wenn du dem vertrunkenen, lügenhaften alten Gesellen mehr traust als mir, dann ist dir nicht zu helfen!« Er wandte sich kurz ab. Wieder überkam ihn das Gefühl der Bitterkeit, das ihn schon auf Holleby erfaßt hatte, und während Klemens noch unschlüssig stand, war sein Bruder schon im Schloß verschwunden. – Zoppelow kam langsam näher und sah sich vorsichtig um. Bei Klemens angelangt, öffnete er seinen Mantel und zeigte sich in einem neuen blauen Tuchwams, dunklen, mit Spitzen besetzten Beinkleidern und niedrigen, hellgelben Stulpstiefeln. 130 »Was sagst du nun?« fragte er vergnügt. »Glaubst du nun nicht selbst, daß ich gut mit den großen Herren stehe? Alles dies hat mir Uhlfeld gegeben und noch zwei Goldkronen dazu, so daß ich als Kavalier auftreten kann und sich niemand meiner zu schämen braucht! Herr Uhlfeld ist voll Zorn auf deinen Vater, der mich so schmählich behandelte, und der Junker Kajus wird im Treffen gegen den Feind schon ein warmes Plätzchen finden, von dem er nur weggetragen werden kann! Von selbst wird er nicht mehr gehen können!« »Du bist betrunken!« rief Klemens zornig, während er sich ängstlich umsah, ob auch kein Lauscher in der Nähe wäre. Zoppelow wischte sich die Augen. »Mag sein!« sagte er kläglich. »Nicht alle Tage ward es mir so gut wie heute, und ein alter Reitersmann wie ich sucht dann in edlem Wein Beruhigung. Mißgönne mir den Trunk nicht, Knabe! Jetzt, mit dem Kriege, fängt unser gutes Leben an, und wenn wieder Frieden ist, sitzen wir beide am Kaminfeuer in Holleby!« Klemens sah wohl ein, daß mit dem Mecklenburger heute nichts anzufangen wäre; mit einer unterdrückten Verwünschung faßte er ihn am Arm und führte ihn in ein Zimmer des Schlosses, das ihm selbst zur Wohnung angewiesen war. »Uhlfeld hat mir versprochen, deinen vortrefflichen Bruder mit dem Obersten Buchwald zu schicken, und auch Frau Eleonore durfte ich sehen. Sie ist zwar sehr stolz, aber als ich ihr sagte, daß du ein treuer Diener und sehr nützlich werden könntest, da hat sie aufgehorcht, und dem Kajus schwur sie Rache. Das 131 beste wird nun sein, du sagst ihr, daß du etwas von den Schweden wüßtest, und daß du schweigen könntest; auch mußt du schmeicheln, dann –« Leise hatte Zoppelow diese Worte mit Aufgebot seiner letzten Kräfte gesprochen. Jetzt schwankte er einem Stuhl zu, und nachdem er vergebens versucht, den Satz seiner Rede zu vollenden, legte er seinen Kopf auf den Tisch und schnarchte nach wenigen Minuten. XIII. »Nein, ihr Herren, mit dem Obersten Buchwald in Kolding zu liegen, das war kein Spaß! Alle Tage Plänkeleien mit den schwedischen Reitern, deren täglich mehr wurden, schlechte Quartiere und nichts zu beißen für Mann und Pferd; dazu war's bitterlich kalt, und daß mir nicht Nase und Ohren abgefroren, ist ein halbes Wunder! Als endlich der Schwedenoberst Douglas kam, mit dreimal so viel Reiterei als wir selbst hatten, da fluchte der alte Buchwald, daß uns alle eine Gänsehaut überlief, und wir setzten nach Fünen über!« »Du berichtest uns eben nichts Besonderes, Henning Brockdorff!« rief eine Stimme. »Daß ihr vor den Schweden davongelaufen seid, ist schlimm genug. Was wollte Buchwald auch mit seiner Handvoll Reiter ihnen zuerst standhalten!« »Gemach, gemach!« lachte der holsteinische Junker. »Hüte deine Zunge, Junker Krogh, daß sie nicht mit dir durchgehe, und wenn du meinen Bericht nicht länger hören magst, so geh ins Schloß und kose mit 132 den Jungfräulein, denen jetzt manch treuer Ritter fehlt. Willst du aber mein Abenteuer bis zu Ende hören, darfst du mich nicht unterbrechen.« Ein milder Juniabend senkte sich auf den rosendurchdufteten Park des Rosenburger Schlosses. Im verglimmenden Abendrot lag der zierliche Bau, dessen ziegelfarbene Mauern wie Feuer glühten, während die Sandsteinlöwen vor der herabgelassenen Zugbrücke zornig und drohend den Eingang zu König Christians Lieblingsaufenthalt zu verwehren schienen. Aber niemand dachte daran, die Löwen großer Aufmerksamkeit zu würdigen. An den Sockel des einen gelehnt, stand Henning Brockdorff, der, seinem Äußern nach zu schließen, soeben von einer Reise gekommen zu sein schien, und um ihn herum saßen einige Kavaliere auf den schmalen Steinbänken, die unter den Rosenhecken des Eingangs aufgestellt waren. Von den Herren sah keiner noch so aus, wie am Ende des Jahres 1643. Verbrannt waren die vor sechs Monaten weichen, rosigen Wangen, und hier und dort zeigte eine flammendrote Narbe, daß ihr Eigentümer vor nicht langer Zeit Bekanntschaft mit den Säbeln der Schweden gemacht hatte. Gosche Krogh trug den linken Arm in der Binde, und Kajus Rungholt, der am äußersten Ende der Bank saß und gedankenvoll mit einer weißen Rose spielte, hatte ein weißes Tuch um den dunklen Kopf geschlungen. Henning Brockdorff schien der einzige zu sein, der unblessiert heimgekommen war, und dieser Umstand mußte ihm nicht angenehm sein, denn er fuhr jetzt eilig fort: »Kann mir schon denken, daß ihr meint, der 133 Henning Brockdorff habe sich vor den Kugeln der Schweden fortgemacht, weil ich keine Schramme davontrug; aber Kajus Rungholt, den ich in Fünen traf und der mich lange Zeit nicht verließ, kann mir bezeugen, daß ich den Buben nahe genug auf den Leib gerückt bin. Zum Kugelfutter scheine ich nicht gut genug!« »Wirst dir wohl einen Kugelsegen verschafft haben!« rief ein anderer Junker lachend, aber der dicke kleine Holsteiner schüttelte ernsthaft den Kopf. »Bin ein ehrlicher Christ und lasse mich nicht auf teuflisch Zauberwerk ein!« »Erzähl uns doch, wie es auf Fünen war!« sagte der Junker Krogh ungeduldig, und Brockdorff nickte ihm lustig zu. »Ja, ja, nun spitzt die Ohren, ihr böses Volk, und wenn ich auch nicht, wie ihr, in Norwegen und Schonen gewesen und mein Blut dort gelassen habe, so bin ich doch mit meinem Werk ganz zufrieden. – In Fünen war's langweilige Arbeit, ihr Kinder, wenn es auch schön von uns war, daß wir den Torstenson nicht auf die Insel kommen ließen; aber immer am Wasser stehen und in die Ferne gucken, ob der Feind nicht erscheint, das ist ein langweilig Stück Arbeit, und bald sehnte ich mich nach einer rechtschaffenen Schlägerei mit den Schweden. Als der Oberst merkte, daß ich ungeduldig wurde, hat er mich rufen lassen, mir ein flinkes Segelboot gezeigt und gesagt: ›Wenn Ihr mit diesem Ding ein wenig an die schleswigsche Küste fahren und nachsehen wollt, wie den Schweden unsere Heimat gefällt, so will ich Euch vier Wochen Urlaub geben, damit Ihr Muße 134 findet, das auszukundschaften, was Euch zu wissen nützlich sein könnte. Sollte Euch aber unterwegs ein Unglück zustoßen, so möge Euch der Teufel holen!‹ »Nun, Ihr könnt denken, wie froh ich war, vollends als der Junker Rungholt den Obersten bat, mit mir fahren zu dürfen. Auch ihm war's langweilig geworden, jeden Tag nur einige Schweden aus der Ferne zu betrachten und sein Pulver nutzlos zu verschießen. »Herr Buchwald war's zufrieden, denn er liebt kühne Abenteuer und wäre wohl selbst mit uns gefahren, wenn er gedurft hätte. Nur einen Ruderknecht nahmen wir mit und machten unsere Sache so gut, daß, nachdem wir mit Gegenwind ausgefahren waren, vier Tage später unser Schifflein in den Eckernförder Hafen einlief. Diesen Platz hatte ich mir erwählt, weil dort ein Edelhof liegt, auf dem einer meiner Vettern haust. Es war eine dunkle, stürmische Frühlingsnacht, und langsam glitt unser Boot an der Küste entlang, während wir vorsichtig nach allen Seiten spähten. Doch den Schweden waren die warmen Betten lieber als der kalte Strand: kein einzig Mal wurden wir angerufen, und ungefährdet gelangten wir durch eine schmale Straße von der See in das große Gewässer, das das Windebyer Meer genannt wird. Als der Morgen graute, lag das Schifflein hübsch versteckt unter alten Weiden, nicht weit vom Windebyer Herrenhause. Mein Vetter machte Augen, als er mich am nächsten Morgen sah, doch war seine Freude nicht groß, da er das Haus voll schwedischer Herren hatte. Zwar wies er uns ein verborgenes Kämmerlein in seinem Kuhstall an, versorgte uns auch reichlich mit Speise und Trank, redete uns aber bald aufs 135 eindringlichste zu, wieder unser Schiff zu besteigen und heimwärts zu fahren, weil der Feind uns leicht finden und alsdann sehr übel mit uns verfahren würde. Aber weder mein Freund Kajus noch ich verspürten Lust, ohne ein Abenteuer wieder nach Fünen zu gehen, und wir sind, nachdem wir dem vorsichtigen Vetter die Sorge für unser Boot aufgetragen, mit einem Lastwagen, der nach Rendsburg Korn brachte, quer durchs Land gefahren. Eine halbe Stunde vor der Stadt sprangen wir vom Wagen und haben uns dann zwei Tage und zwei Nächte auf der trostlosen Heide umhergetrieben, und hätte mein Vetter uns nicht einige Würste in unsern Ledersack gesteckt, wir wären gezwungen gewesen, die armen Heidebauern ihrer elenden Speise zu berauben. »Endlich gingen wir über die Eider nach Dithmarschen. Doch auch hier war alles voll Schweden, und nur der Treue meiner Landsleute verdanken wir, daß wir unser Leben in Scheunen und Heuschobern armselig fristeten, bis wir endlich nach Glückstadt gelangten, das der Feind bis jetzt nicht hat nehmen können. Die Dänen dort haben aber sich fast entsetzt, als wir drei, Kajus, der Ruderknecht und ich, uns zu erkennen gaben; und wir sahen auch bös aus, denn unsere Kleider waren zerrissen, Bart und Haare wuchsen wild und wir aßen wie die Wölfe. Ihr könnt euch denken, daß der Besatzung gleichfalls nicht gut zumut war, da der Feind ringsum lag und sie nur durchs Wasser frische Zufuhr und Nachricht erhielten. Aber sie nahm uns mit Freuden auf, und einen Tag wurden wir gehätschelt, als wären wir königliche Prinzen. Dann aber verspürten wir selbst keine Lust mehr, 136 unserm Herrgott die Zeit totzuschlagen, und weil wir auf unserer beschwerlichen Reise allerhand von den Räubern, die unser Land zerstören, erfuhren, so faßten wir einen Plan, der auch gern und fröhlich von den andern Genossen akzeptiert wurde.« Der Sprecher holte einen Augenblick tief Atem. »Tod und Teufel!« rief er dann; »ich bin kein Pfarrer, der das Reden gewohnt ist. Wollt ihr weiter hören, so verschafft mir einen kühlen Trunk, sonst mögt ihr euch nach einem andern umsehen, der euch die Geschichte weitererzählt. Kajus Rungholt könnte sie wohl auch berichten, weil er dabei war; aber er ist so verliebten Sinnes, daß er keinen ganzen Satz mehr zu Ende spricht.« Der so Herausgeforderte erhob sich lachend. »Hüte dich, Junker,« rief er scherzend, »daß ich dir deinen Bericht nicht vorweg nehme! Mache ich auch nicht so schöne Worte wie du, kann ich doch reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Also, ihr Gesellen, paßt auf!« Er machte eine Bewegung, als wolle er weitersprechen; aber der kleine dicke Junker stürzte eilig auf ihn zu. »Das wirst du mir nicht antun, Kajus!« rief er halb ängstlich, während die andern Herren laut lachten. »Hast du nicht gelobt,« setzte er bittend hinzu, »mir die Erzählung zu überlassen, da doch niemand wie ich so gut zu sprechen versteht?« »Nun gut,« lachte Kajus, sich wieder setzend, »ich will kein Wörtlein mehr sagen, aber auch du mußt nicht nach kühlem Labetrunk verlangen, ehe du deine Aufgabe gelöst hast!« 137 Noch einige Scherzreden flogen hin und her, bis Henning seinen Bericht fortsetzen konnte. »Mir scheint, daß ihr über mich spottet,« fuhr Brockdorff fort, »doch will ich euch nur sagen, daß euch jedes Lachen schlecht ansteht, denn ich bin ein ehrenwerter Junker, der seinen Degen zu führen versteht. Das haben die Schweden erfahren, als wir sie besuchten. Denn besucht haben wir sie, und das wollte ich euch gerade erzählen. Ein Mann aus Itzehoe berichtete Kajus und mir, wie sorglos die Schweden dort lebten, daß sie kaum die Wache bezögen, und daß ihr Kommandant nach Rendsburg gereist wäre. Als wir dies dem Hauptmann in Glückstadt mitteilten, ist er mit seinen Leuten und der Besatzung von Krempe, zusammen wohl an achthundert Mann, in einer dunklen Nacht bis vor Itzehoe gezogen und hat sich dort in einen Hinterhalt gelegt. Kajus, ich, vier andere Herren und einige Soldaten, wir haben uns schön ausstaffiert, zogen über unsere Koller bunte Frauenröcke und dicke Tücher, verhüllten uns den Kopf mit großen Mützen und sahen aus wie die Hexen, denen der Feuertod gebührt. Als der Morgen graute, hielten wir auf zwei Wagen vor dem Stadttore und begehrten Einlaß, um Kohl und Rüben, deren wir eine große Menge um uns gepackt hatten, zu verkaufen. Ich mußte im ersten Wagen sitzen, weil mein Gesicht ganz glatt war; mein Bärtlein war mir natürlich abgeschnitten; und wie ich nun mit sanfter Stimme den schwedischen Wächter bat, uns das Tor zu öffnen, ward dieser ganz weichmütig, schlang den Arm um mich und gab mir einen Kuß. Da wir noch nicht in der Stadt waren, so mögt ihr denken, daß mein Herz wie das eines 138 Mägdleins pochte, und in meiner Angst habe ich dem Schweden einen herzhaften Kuß wiedergegeben, ohne zu bedenken, daß ein sittsames Weib dieses wohl schwerlich tun würde. Aber mein Svenske war sehr zufrieden, nickte mir noch einmal freundlich zu und hat beide Torflügel so weit geöffnet, daß wir bequem in die Stadt einfahren konnten. Es geschah nun wie verabredet: der Wagen, auf dem Kajus saß, fuhr sich fest am Torflügel, so daß nicht geschlossen werden konnte, und wie nun die Wächter fluchend am Rad zogen, achteten sie nicht der Leute, die sich neben dem Gefährt in die Stadt drängten. Ehe sie sich versahen, waren fünfzig Dänen und darüber in der Stadt, so daß die Soldaten von der Wache gefesselt werden konnten, ehe daß ihre Kameraden in den Häusern davon aufwachten. Nur einer machte ein großes Geschrei, es war der Mann, der mir einen Kuß gab, und wenn es mir auch bitter leid tat, so habe ich ihm doch meinen Degen in den Hals gestoßen, daß er hinfüro keinen holsteinischen Junker mehr umarmen wird. Endlich gab's einen großen Lärm in den Gassen, und die Schweden, nachdem sie gewahr wurden, wer sie zu besuchen kam, wehrten sich wie die Löwen, und mancher von den Unsrigen mußte sein Leben lassen. Dem Junker Rungholt hieb ein Fähnrich fast das rechte Ohr ab, und viele seiner dicken schwarzen Haare hat Kajus lassen müssen; aber endlich ist der Sieg doch unser geblieben: zweihundert Schweden, sowie viele reiche Beute sind in unsere Hände gefallen. Unzählig aber sind die Toten, die die Schweden verloren, und Torstenson soll vor Wut geschäumt haben, als man ihm die Kunde brachte.« 139 »Dann ist also Itzehoe jetzt unser!« rief Gosche Krogh, und Junker Henning lachte triumphierend. »Es hat dänische Besatzung, und Seine Majestät ist hocherfreut gewesen über unsern Streich, hat den Wedel zu uns gesandt, der uns beiden, dem Kajus und mir, ein goldenes Gnadenkettlein überbrachte, so daß wir hoch und heilig geschworen, noch mehr solcher Gnadenzeichen zu verdienen.« »Schändlich, daß ich nicht mit dabei war!« rief jetzt ein Junker, und alle andern stimmten lachend in dieses Bedauern ein. Doch schüttelten sie beiden Abenteurern beglückwünschend die Hände und sprachen ihre Verwunderung aus, daß Kajus Rungholt bereits einen Tag auf Rosenburg wäre, ohne von seinem Erlebnis ein Wort zu berichten. Alle wichtigen Nachrichten gingen jetzt nämlich nicht nach Seeland, sondern folgten dem Könige, der in der Nordsee mit seiner Flotte kreuzte. Daher kam es, daß kein Bote den Junkern zuvorgekommen war. »Kajus gelobte mir, zu schweigen!« entgegnete Brockdorff jetzt auf das Erstaunen seiner Genossen. »Und endlich müßt ihr bedenken, daß er in heißer Liebe zu Jungfrau Gude entbrannt ist. Vor dem Glanz ihrer Augen verbleicht selbst unser Ruhm. Aber laßt mich euch nun berichten, wie wir wieder hierherkamen.« Doch die jungen Herren schienen nicht sehr begierig, die persönlichen Erlebnisse des Junkers zu erfahren. Die Einnahme von Itzehoe regte sie lebhaft auf, und ein Streit entspann sich über die Lage und die Befestigung dieser Stadt. Während Brockdorff noch einige Erklärungen gab, schritt Kajus unbemerkt davon, über die Zugbrücke dem Schlosse zu. 140 Die Sonne war ganz untergegangen, und ein leichtes Halbdunkel hatte noch nicht jenem klaren Himmel Platz gemacht, der den nordischen Sommernächten den eigenen Reiz verleiht; eine geheimnisvolle Ruhe lag über dem Garten mit seinen weißen Marmorfiguren, kaum unterbrochen durch das Rauschen der Bäume, das Flattern eines schlaftrunkenen Vögelchens. In den Rosenbüschen dicht am Schloßportal begann eine Nachtigall zu schlagen, und einen Augenblick blieb Kajus stehen, den süßen Tönen zu lauschen. Ihm war nicht fröhlich zumute wie dem Genossen, der noch weiter von seinen Abenteuern berichtete. Wohl liebte er das lustige Soldatenleben, wohl freute er sich des kecken Streiches, von dem Henning soeben erzählte, aber seine Gedanken weilten nicht allein bei Krieg und Kriegsgeschrei. Ihm erschien seine Gude verändert, als er heimgekehrt; nicht genau konnte er sich klarmachen, worin diese Veränderung bestand, aber er empfand sie. Kühl reichte sie ihm ihre Hand, ohne Freude über sein Erscheinen zu äußern. Nachdem er kurz von seinen Erlebnissen berichtet hatte, fragte sie nur, ob er ihr nicht ein Ringlein oder sonst ein Geschenk von den Feinden mitbrächte, und war ganz traurig gewesen, als er ihr versicherte, dies würde ihm nie einfallen. Sein Bruder Klemens aber, der dabei gestanden, lächelte spöttisch und meinte, Junker Kajus wäre kein Narr, der mühsam erworbene Kriegsbeute sogleich wieder verschenkte. Bei diesen Worten sahen Gudes schöne Augen den älteren Bruder so zornig an, daß er ganz bestürzt wurde. Noch immer stand Kajus vor dem Schloßportal 141 und lauschte dem Gesang des Vogels, während wirre Gedanken durch seinen Kopf gingen, als er hinter sich den Kies leise knistern hörte. Eine hohe Gestalt stand vor ihm, und Frau Eleonorens Augen flammten ihn durchdringend an. »Dichtet Ihr ein Madrigal, edler Junker?« fragte die Gräfin spöttisch, während sie die tiefe Verbeugung des jungen Mannes nachlässig entgegennahm. »Vielleicht auch wollt Ihr Verse machen über den großen Sieg bei Itzehoe, der doch nur ein Mummenschanz war!« »Das Dichten fällt mir zu schwer, gräfliche Gnaden,« versetzte Kajus ruhig. »Sonst hätte ich wohl Lust, den Mummenschanz bei Itzehoe in lustige Reime zu bringen. Doch ich lauschte nur dem Gesange der Vögel und dachte an mancherlei.« »Denkt nicht zu viel, edler Junker! Leute Eurer Art müssen handeln, ohne zu denken!« »Ich werde mich bemühen, den Rat Euer Gnaden zu beherzigen!« antwortete Kajus, und in dem Tone seiner Stimme mochte ein leises Staunen über die spöttische Art der Gräfin liegen, denn sie runzelte die Stirn und warf dem Junker einen strengen Blick zu. »Ich wünsche mit Euch zu reden!« sagte sie kalt und wandte sich dem Eingange des Schlosses zu. Schweigend folgte Kajus ihr eine enge Treppe hinauf, in ein mit künstlicher Täfelung ausgestattetes Gemach, dessen weitgeöffnete Fenster die laue Abendluft einließen. Frau Eleonore setzte sich auf eine mit rotem Brokatstoff überzogene Ruhebank, während der Junker in der Mitte des Zimmers stehen blieb. 142 Stillschweigend erwartete er die Anrede der stolzen Frau. Sie sah geringschätzig an seiner kräftigen Gestalt herunter. »Ihr seht aus, als erwartet Ihr noch einen Lobspruch wegen Eurer kindlichen Waffentat. Erlaßt mir, ich bitte Euch, mein Kompliment. Seine Majestät hat Euch geehrt, was mich in Verwunderung setzte; ich würde Euch eher ein Kinderspielzeug als eine Kette gegeben haben. Sie hat Euch bereits stolz gemacht: Ihr vergaßet gestern, Euch bei mir zu melden. Herr Junker, als Ihr an meines Herrn Vaters Hof erschienet, da waret Ihr ein törichter Knabe, und ich habe Euch manch gütiges Wort geschenkt. Ihr dankt mir schlecht, denn Ihr tut stets, als wäre ich eines gewöhnlichen Edelmanns Weib, nicht das Weib von Korfiz Uhlfeld, nicht die Tochter des Königs! Und Euer Vater wagte es, den Geleitbrief meines Gemahls zu mißachten! Herr Rungholt, seid Ihr meiner Gnade sicher, daß Ihr mich beleidigen könnt, ohne gestraft zu werden?« Die Worte der Königstochter klangen hart, und Kajus entsann sich, daß Prinz Friedrich, der zweite ebenbürtige Sohn Christians, ihn mit warmen Worten gelobt und dem Könige empfohlen hatte. Der aber war ein erbitterter Feind Eleonorens. Hatte sie erfahren, daß er dem Prinzen, der in Holstein weilte, in ehrerbietigen Worten dankte und ihn seiner treuen Anhänglichkeit versicherte? Er sollte darüber nicht lange im unklaren bleiben. »Ihr seid ein vorsichtiger Mann, lieber Junker,« begann die Gräfin wieder und unterdrückte mit einer 143 Handbewegung den Versuch Rungholts, sich zu rechtfertigen. »Obgleich die Sonne noch nicht am Untergehen ist, so wendet Ihr Euch schon einer neuen zu, – oder würdet Ihr Euch nicht sogleich zu Prinz Friedrich kehren, wenn der Allmächtige meinen königlichen Vater zu sich in sein himmlisches Reich nähme?« Kajus trat einen Schritt zurück. »Hohe Frau!« sagte er. »Gott schenke unserem gnädigsten König noch langes Leben, der Allmächtige ist mein Zeuge, daß ich noch niemals weiter dachte!« »Ihr redet schlau, aber ich glaube Euch nicht!« versetzte die Gräfin kalt. »Doch,« setzte sie gleichgültiger hinzu, »es ist nicht wert, länger darüber zu reden, ich weiß, daß Ihr mich nicht liebt, und das ist mir genug!« Die versteckte Drohung, die in ihren Worten lag, beachtete der Junker nicht. Er richtete sich höher auf, seine Finger schlossen sich fest um den Degengriff, und ernst richtete er die Augen auf das hochmütige Antlitz der Gräfin. »Eure Gnaden verfährt hart mit mir, und ich weiß nicht, weshalb ich Eure Huld verscherzte. War ich Euch nicht stets herzlich ergeben und treu zugetan, wie es einem Diener Eures erlauchten Herrn Vaters ziemt?« Er wollte noch mehr sagen, aber Frau Uhlfeld unterbrach ihn. »Ihr seid mir nur ergeben, weil ich die Tochter König Christians bin? Ihr liebt mich nicht um meiner selbst willen? Was aber wird geschehen, wenn er nicht mehr Euer Herrscher ist?« Ihr Ton sollte scherzhaft klingen, aber in ihren Augen funkelte es unheimlich. 144 »Meine Liebe und Ehrfurcht würde für Eure Gnaden unverändert bleiben!« erwiderte der Junker. »Würdet Ihr geneigt sein, in meinen Dienst zu treten?« fragte die Gräfin plötzlich. Kajus sah sie überrascht an. »Es ist kein Geheimnis,« setzte sie fort, »daß mein Interesse und das meines Gemahls sich in mancherlei Dingen von dem der königlichen Prinzen unterscheidet. Ihr müßtet schwören, den Uhlfelds treu zu sein! Wollt Ihr das? Ihr wißt, daß ich die mächtigste Frau in Dänemark bin, und treue Dienste belohne ich königlich!« Sie sprach rasch, ohne ihre Blicke von dem Gesicht des Junkers zu wenden. Dieser sah verwirrt zu Boden. Wohl wußte er, daß es zwei Parteien im Lande gab, die sich oft feindlich gegenüberstanden. Er wußte, daß die königlichen Prinzen Frau Uhlfeld haßten, weil sie willkürlich herrschte und die ebenbürtigen Kinder des Königs gern verletzte. Aber niemals hatte er daran gedacht, sich der einen oder der andern Partei zuzuwenden. Er diente seinem Könige, und über das andere machte er sich keine Gedanken. Jetzt empfand er, daß eine entscheidende Stunde für ihn gekommen war; aber keinen Augenblick war er unschlüssig, welchen Weg er einschlagen mußte. »Ich flehe Eure Gnaden an, mir eine Antwort auf diese Frage zu erlassen,« begann er zögernd; aber Eleonore unterbrach ihn. »Ja oder nein?« fragte sie kurz. »Für oder wider mich!« Der Junker sah ihr entschlossen in die Augen. »Von ganzem Herzen bin ich meiner gnädigen 145 Gräfin ergeben, aber sollte, was Gott verhüten möge, ein ernstlicher Streit zwischen den königlichen Prinzen und Herrn Uhlfeld entstehen, so kenne ich keinen anderen Platz für mich, als an der Seite der Söhne König Christians!« Ein flammender Zornblick der Gräfin traf den kühnen Sprecher, aber noch in demselben Augenblick lächelte sie. »Wie ernsthaft nehmt Ihr meinen Scherz!« spöttelte sie. »Glaubt Ihr wirklich, daß ich jemals eines ungeschickten, derben Junkers bedürfen sollte, ich, die ich nur einen Finger zu heben brauche, um edle Herren in Scharen um mich zu sammeln? Ihr legt Euch große Wichtigkeit bei!« Kajus, dessen gerader Sinn den plötzlichen Umschwung Frau Uhlfelds nicht verstehen konnte, stand der weltklugen Frau einen Augenblick fassungslos gegenüber, dann aber überkam ihn ein Gefühl der Erleichterung. »Ich konnte auch nicht anders denken, als daß Euer Gnaden scherzten!« rief er treuherzig. »Alle, die Dänemark lieben, dürfen den königlichen Prinzen den schuldigen Gehorsam nicht versagen!« Ein flüchtiges Lächeln spielte um die Lippen der schönen Frau, und halb mitleidig ruhte ihr Blick auf dem einfältigen Junker, der so harmlos offen aussprach, daß er niemals ihr seine Dienste zur Erreichung ihrer ehrgeizigen Pläne leihen würde. Er schien niemals vernommen zu haben, daß man Eleonore Uhlfeld nicht ungestraft beleidigen konnte, und obgleich sie sich vornahm, den jungen Mann aus dem Wege zu räumen und ein gefügigeres Werkzeug an seine 146 Stelle zu setzen, so war sie doch Weib genug, dem, der ihre Gnade so unwiederbringlich verscherzte, ein gewisses gleichgültiges Bedauern entgegenzubringen. »Also Ihr werdet Kopenhagen morgen bereits wieder verlassen?« fragte sie nach kurzem Nachdenken. Der Junker machte eine Bewegung des Schreckens. »Davon erfuhr ich noch nichts, Euer Gnaden, auch hoffe ich, daß –« »Was hofft Ihr?« In der Frage lag etwas, das einem schärferen Ohr, als Kajus hatte, gesagt haben würde, wie wenig er noch hoffen dürfte; aber er blieb unbefangen. »Ich hoffe, daß man mir einige Tage Rast vergönnen wird. Seit dem Winter sah ich meine holdselige Jungfrau Gude nicht, und am Hofe ist mancher Junker, der das Kriegsleben noch nicht gesehen hat!« »Euer Herz hängt sehr an meinem blonden Kammerfräulein?« Bei der klaren Dämmerung sah die Gräfin, wie Kajus errötete. »Ich liebe sie mehr als mein Leben!« erwiderte er leise, unwillkürlich an seine Brust fassend, wo eine goldglänzende Locke seiner Braut lag. »Und Ihr wünschtet hier zu bleiben?« »Für etliche Tage noch,« sagte der junge Mann halb bittend. »Eure Gnaden sind allmächtig, auch wisset Ihr selbst, wie schwer es fällt, getrennt von seiner Liebe zu sein!« Empört warf Eleonore den Kopf zurück. Er wagte es, sich mit ihr auf eine Stufe zu stellen? »Eure Worte sind mir unverständlich,« sagte sie 147 herbe, »Ihr könnt kaum erwarten, daß ich Eure Gefühle verstehen soll. Auch habe ich keine Zeit, mich mit Euch zu beschäftigen. Nur weiß ich, daß Ihr morgen nach der Insel Fehmarn gehen werdet.« Kajus verneigte sich schweigend. Obgleich ihn die Worte der Gräfin wie ein Donnerschlag trafen, so war er doch zu stolz, um eine Einwendung zu machen. »Ihr werdet erfahren haben, daß auf Fehmarn Soldaten liegen, um das Inselein vor den Schweden zu schützen, die es schon lange bedrohen. Junker Rosenkranz, ein wackerer Edelmann, dem ich von Herzen zugetan bin, war von Seiner Majestät ausersehen, den Oberbefehl dort zu führen. Doch hat einer der tückischen Bauern ihn heimlich getötet, was uns alle mit großem Zorn erfüllt. Ihr werdet zwei Aufgaben erhalten: die Insel vor dem Feinde zu bewachen und im Notfall tapfer zu verteidigen, und sodann den Mord zu rächen! Beides werdet Ihr; so hoffe ich, mit Geschick erfüllen und Euch des gezeigten Vertrauens würdig zeigen! Ihr werdet bei meinem Sekretarius Eure Order erhalten.« Wieder verneigte sich der Junker und erwartete die entlassende Handbewegung der Gräfin. Aber sie ließ noch auf sich warten. Eleonore stand auf und näherte sich einem kleinen Tische, auf dem Bücher und Papiere lagen. Sie blätterte in ihnen, ohne auf Rungholts Gegenwart zu achten. Dann wandte sie sich ihm wieder zu. »Was haltet Ihr von dem mecklenburgischen Herrn von Zoppelow?« 148 »Gutes traue ich ihm nicht zu!« lautete die entschiedene Antwort. »Er ist ein Freund Eures Bruders!« bemerkte die Gräfin. »Mein Bruder ist jung und nicht erfahren, sonst würde er sich hüten, mit einem Manne umzugehen, dem man so Übles nachsagt.« »Was erzählt man sich denn von ihm?« fragte Eleonore, mit einem Buche spielend. »Alle Welt sagt, daß er ein schwedischer Spion gewesen ist. Sicher ist, daß er seit Ausbruch des Krieges verschwunden ist; kein Mensch kennt seinen Aufenthalt, und so hoffe ich, daß mein Bruder ihm nie mehr begegnen wird.« »Dennoch handelte Euer Vater unrecht, ihn aus seinem Haus zu weisen!« rief die Gräfin streng. »Er stand im Schutze des Reichshofmeisters!« »Hätte Herr Uhlfeld gewußt, welcher Abscheulichkeit man den Mecklenburger zeiht, niemals würde er ihm ein Geleitschreiben gegeben haben!« erwiderte Kajus eifrig. »Solch giftiges Geschmeiß gehört nicht in das Dänenreich!« »Ihr könnt gehen!« versetzte Frau Uhlfeld kurz, und nachdem des Junkers schwere Schritte auf der Stiege verhallt, setzte sie sich wieder und versank in Nachdenken. Sie hatte nicht die Unwahrheit gesprochen, wenn sie Kajus sagte, daß sie ihm früher gewogen gewesen wäre, aber die Verhältnisse, unter denen sie ihm einstmals ihre Gunst zeigte, waren nicht mehr dieselben. Sie und ihr Gatte nahmen jahrelang mit des Königs Bewilligung die vornehmste und mächtigste Stellung im Reich nach Christian ein; aber wie lange 149 würden sie diese noch behaupten? Christian der Vierte war alt und sein ältester Sohn, Erbprinz Christian, hatte eine so schwache Gesundheit, daß er nach der Ärzte Ausspruch nicht mehr lange leben konnte. Der zweitgeborene Sohn, Prinz Friedrich, ein besonderer Liebling des Vaters, würde voraussichtlich die meiste Aussicht haben, die Krone des Dänenreiches auf sein Haupt zu setzen. Vor vielen Jahren hatte ein französischer Mönch ihm prophezeit, er werde einst König von Dänemark werden. Aber Eleonore Uhlfeld haßte ihren Stiefbruder, der ihr oft mit unverhohlener Mißachtung begegnete, und sie haßte noch mehr seine stolze junge Gemahlin, die Prinzessin Sophie Amalie von Lüneburg, die nur widerstrebend der hochmütigen Gattin des Reichshofmeisters die Rechte einer Verwandten einräumte und sich offen dahin aussprach, daß, sollte sie einst zur königlichen Macht kommen, Frau Uhlfeld Bescheidenheit lernen müßte, wolle sie es nicht bitter bereuen. Es war also für Uhlfeld und seine Gemahlin von äußerster Wichtigkeit, daß Prinz Friedrich niemals zur Regierung kam, aber beide wußten nur zu gut, daß sie fremder Hilfe bedurften, um ihre ehrgeizigen Pläne ausführen zu können. Daher hatte Uhlfeld schon seit Jahren, seitdem Zoppelow an den dänischen Hof gekommen war, geheime Beziehungen mit Schweden unterhalten und dem Kanzler Oxenstirn Dienste erwiesen, die dieser dann wieder vergalt. Den Krieg mit dem mächtigen Nachbar hatte der dänische Reichshofmeister nicht verhindern können, es vielleicht auch nicht gewollt, aber obgleich die Schweden in Holstein und Schleswig 150 standen, so unterhielten die leitenden Staatsmänner der kriegführenden Mächte noch immer einen lebhaften Briefwechsel miteinander, und während die dänischen Soldaten erbittert für ihr bedrohtes Vaterland stritten, beteuerten sich Axel Oxenstirn und Korfiz Uhlfeld gegenseitig ihre Freundschaft. Der dänische Reichshofmeister durchschaute indessen sehr wohl die Pläne seines schwedischen Kollegen. Er wußte, daß dieser begierig seine Hand nach dem dänischen Reiche ausstrecken würde, sobald sich dazu Gelegenheit bot, aber so weit sollte es niemals kommen. Hatte er erst nach Christians des Vierten Tode die erste Stelle im Reich erlangt, sei es mit oder ohne Krone, so wollte er schon stark genug regieren, um jede Einmischung in seine eigenen Angelegenheiten zurückzuweisen. Aber der Weg war noch lang, ehe er so weit gelangte, und bis dahin galt es geschickt zu lavieren und sowohl nach schwedischer, als auch nach dänischer Seite keinen Anstoß zu geben. Vor allem aber war es notwendig, treu ergebene Freunde zu haben, die in blindem Gehorsam sich ganz auf die Seite des herrschsüchtigen Paares stellten. Auf den Freiherrn von Rungholt konnten sie nicht rechnen; er war ein starrer Mann, der krumme Wege nicht liebte und treu zu Prinz Friedrich halten würde. Das wußte Frau Uhlfeld schon lange, und deshalb haßte sie ihn. Jetzt wußte sie, daß Kajus wie sein Vater dachte, während Junker Klemens ihr bereits verschiedene Male versichert hatte, treu zu ihr und ihrer Partei halten zu wollen. Klemens aber war ein armer Junker, der ihr wenig nützen konnte. Erhielt er indes das Erbteil seines Bruders, wurde er ein reicher Landbesitzer, so war 151 seine Freundschaft ihr bedeutend wertvoller, als die des andern, denn er hatte diplomatisches Geschick und weit mehr Kenntnisse als Kajus. Dieser also mußte fallen, um dem Jüngeren seinen Platz einzuräumen. Das war bei ihr jetzt beschlossen, und deshalb erhielt er einen Auftrag, der in Frau Eleonorens Augen einem Todesurteil gleichkam. Sie schellte und befahl dem eintretenden Pagen, Licht zu bringen. »Rufe mir den Junker Klemens Rungholt, sowie den mecklenburgischen Herrn!« setzte sie hinzu. Wenige Augenblicke später traten beide ein, während der Page zwei brennende Wachskerzen brachte und auf einen Tisch mit bunt eingelegter Marmorplatte setzte. Dann verschwand er auf einen Wink der Gräfin. Sie ergriff einen großen Fächer, mit dem sie sich das Gesicht vor dem Licht beschattete, und ihre Augen ruhten prüfend auf den Gesichtern der Herren, die in ehrfurchtsvoller Haltung in der Mitte des Zimmers blieben und die Anrede der hohen Frau erwarteten. Herrn von Zoppelows Gesicht zeigte deutlich die Vorliebe seines Besitzers für geistige Getränke; es war stärker aufgedunsen als je, und seine Augen tränten beständig; aber sein Schnurrbart war steif gedreht und sein Anzug deutete darauf hin, daß er sich augenblicklich in guten Verhältnissen befand. Vorteilhaft nahm sich neben ihm die Gestalt des jüngeren Rungholt aus, und der Blick Eleonorens ruhte wohlgefällig auf dem jungen Manne, dessen reichgesticktes Hofkleid sich tadellos dem schlanken Körper anschmiegte, und dessen blonde Locken und 152 tiefblaue Augen wohl auf manches Edelfräulein schon tiefen Eindruck gemacht hatten. Ein Zug hochmütigen Selbstbewußtseins stand seinem hübschen Gesicht nicht übel, und Frau Uhlfeld, die viel Sinn für äußere Schönheit hatte, wandte sich ihm gnädig zu. »Das Leben auf Rosenburg scheint Euch gut zu bekommen, Junker; Ihr seht vortrefflich aus!« »Es ist nicht das Leben auf Rosenburg, sondern die Nähe Eurer fürstlichen Gnaden, die mir das frohe Ansehen verleiht,« entgegnete Klemens mit sanfter Stimme. Die Gräfin nahm die Schmeichelei huldvoll auf. Auch liebte sie, fürstliche Gnaden genannt zu werden. Sie schenkte dem jungen Edelmann ein gütiges Lächeln und kehrte sich zu Zoppelow. »Wo steht der schwedische General Torstenson?« fragte sie ihn kurz. »Etliche Meilen von Kiel,« beeilte sich Zoppelow zu erwidern, »er hat in der Stadt eine Garnison zurückgelassen und – –« »Es ist gut!« unterbrach ihn Eleonore. »Ich sehe, daß Ihr gut unterrichtet seid. Ihr müßt noch heute abend ein Segelboot nehmen und suchen, sobald wie möglich nach Kiel zu kommen. Nehmt diesen Brief, er ist an Torstenson. Ihr steht mir mit Eurem Leben für die richtige Ablieferung. Herr Korfiz wird sonst wenig Umstände mit Euch machen. Solltet Ihr unterwegs von dänischen Schiffen angehalten werden, so ist hier Euer Geleitschein!« Sie reichte ihm über den Tisch ein in Seide 153 genähtes Schreiben, sowie einen offenen Brief. Beides nahm Zoppelow mit tiefer Verbeugung entgegen. »Noch eins,« setzte die Gräfin gleichgültigen Tones hinzu. »Ihr könnt dem General vermelden, daß die kleine Besatzung auf der Insel Fehmarn nicht vermehrt werden soll.« »Dann kann ich Herrn Torstenson sagen, daß die Schweden die Insel jeden Tag erobern mögen?« rief Zoppelow eifrig und mit rauher Stimme. Frau Uhlfeld blitzte ihn zornig mit ihren dunklen Augen an. »Ihr habt nicht mehr zu bestellen, als ich Euch auftrage, Herr Zoppelow,« sagte sie scharf, »und ich ersuche Euch, in meiner Gegenwart Eure laute Stimme zu mäßigen!« Der erschreckte Mecklenburger murmelte einige Worte der Entschuldigung, aber die Gräfin winkte ihm kurz, zu schweigen. »Ich habe Euch rufen lassen,« sprach sie wieder zu Klemens, »um Euch mitzuteilen, daß ich Euren Bruder nach Fehmarn senden werde.« Beide Herren machten eine unwillkürliche Bewegung, und Zoppelow unterdrückte nur mühsam einen Laut der Befriedigung. »Ihr werdet wissen,« fuhr Eleonore fort, »daß Junker Kajus sich mehrfach gegen uns vergangen hat. Er hat unsere Geleitschreiben nicht respektiert und soll sich auch unziemliche Äußerungen über mich und meinen Gemahl erlaubt haben. Wenigstens habt Ihr mir derartiges zum öfteren berichtet.« Sie hielt inne und sah Klemens an, der ihr in höchster Devotion erwiderte, daß sein unseliger Bruder 154 allerdings mehr als einmal unehrerbietig von Herrn Korfiz Uhlfeld und seiner erlauchten Gemahlin gesprochen und oft erklärt habe, er hasse jedes Weiberregiment. Der jüngere Rungholt sprach in wohlgesetzten, zierlichen Worten, und die letzte Äußerung deutete er nur mit unendlicher Zartheit an, aber eine böse Falte legte sich auf Frau Uhlfelds Stirn. »Genug!« sagte sie befehlenden Tones. »Es schmerzt mich um den Junker, der ehedem ein getreuer Diener zu werden versprach, aber ihm ist nicht zu helfen. Weil ich Eurem Namen aber wohlgesinnt bin, Junker Klemens, so habe ich beschlossen, daß Euer Bruder im ehrlichen Kampfe sein Leben lassen soll. Besser ein guter Soldatentod, als ein langes Leben im Gefängnis. Deshalb soll er nach Fehmarn; es entspricht unserem Vorteil, die Insel den Schweden zu überlassen, dort wird er, so Gott will, ein tapferes Ende finden.« Klemens Rungholt bog das Knie vor der Sprecherin und berührte mit seinen Lippen ihr dunkles Seidengewand. »Möge mein ganzes Leben dem Dienste Eurer fürstlichen Gnaden gewidmet sein!« murmelte er. »Es soll kein Blutstropfen in mir sein, den ich nicht für Euch und Euren Gemahl willig vergießen würde, um zu beweisen, welchen Abscheu der gottlose Bruder und sein Tun mir einflößt!« Eleonore neigte das Haupt. »Ihr müßt treu sein,« sagte sie, streng die Lippen zusammenpressend. »Ein Schritt aus der von mir gewiesenen Bahn – und auch Euer Schicksal ist besiegelt. Ich dulde keinen Verräter!« 155 Ihr Ton war hart, und ein leiser Schauer flog durch die Glieder des jungen Mannes, während Zoppelow sich halb verlegen räusperte. Er war so gewohnt, den Mantel nach dem Winde zu tragen, daß ihn das Wort Verräter immer unangenehm berührte. Jetzt machte Frau Uhlfeld eine kurze Handbewegung, und beide Herren verneigten sich zum Abschiede. Auf Zoppelows Gesicht erschien ein Ausdruck der Enttäuschung, den die scharfen Augen der Gräfin sofort bemerkten. »Ah, ich vergaß!« sagte sie im Tone äußerster Verachtung. »Einem Mann wie Euch, Herr von Zoppelow, muß man einen Teil seines Lohnes wohl im voraus bezahlen!« Und indem sie in ein an ihrem Gürtel hängendes Täschchen griff, warf sie eine Handvoll ungezählter Goldstücke auf die Marmorplatte des Tisches, auf dem sie laut klirrend umherrollten. Obgleich der Mecklenburger gierig nach dem Gelde griff, bedeckte doch eine glühende Röte sein aufgedunsenes Gesicht, und seine Stimme klang heiserer als je, als er einige Dankesworte zu sprechen versuchte. Frau Eleonore achtete nicht auf ihn. »Geht jetzt,« sagte sie gleichmütig, »und wartet vor der Tür auf den Junker Rungholt, mit dem ich noch ein Wort im geheimen zu reden wünsche!« Herr von Zoppelow gehorchte, und die Dame winkte Klemens näher zu sich heran. »Wie steht Ihr mit Jungfrau Gude?« fragte sie lächelnd. Das Gesicht des Jünglings erglühte. 156 »Ich liebe sie,« murmelte er, »aber bis jetzt will sie nicht von meinem Bruder lassen!« »Sie besitzt mehr Treue, als ich ihr zutraute,« sagte die Gräfin nachlässig; »indessen weiß ich, daß sie bereits für Euch in Liebe entbrannt ist.« »Ihr wißt es?« rief Klemens, einen Schritt vortretend, aber ein stolzer Blick Eleonorens ließ ihn sogleich seine ehrerbietige Haltung wieder annehmen. »Falls ich Euch treu und verschwiegen in meinem Dienste erfinde, werde ich dafür Sorge tragen, daß Gude Thienen Euer Weib wird,« erwiderte Frau Uhlfeld kühl. »Doch müßt Ihr versuchen, ihren Widerstand zu besiegen, damit Ihr schneller zum Ziele gelangt. Jeden Morgen werdet Ihr sie in jenem Vorgemach allein finden.« Sie wies auf eine Seitentür, und als Klemens danken wollte, unterbrach sie ihn: »Ich verlange nur von Euch, daß Ihr mir getreulich jede Äußerung der Hofkavaliere überbringt, damit ich meine Feinde von den Freunden unterscheide. Wer ist mir wohl ungünstig gesinnt?« Klemens bedachte sich nicht lange. Diese Frage gab ihm den Weg an die Hand, den Junkern, die ihn nicht liebten, zu schaden, und er antwortete nach kurzem Besinnen: »Henning Brockdorff und Gosche Krogh!« Die Gräfin schrieb einige Worte auf ein Pergamenttäfelchen. »Henning Brockdorff ist mir schon seit dem Ausbruche des Krieges ein Dorn im Auge gewesen,« bemerkte sie; »er hat eine böse Zunge, und das tut nicht gut. Von Gosche Krogh weiß ich nichts Übles zu sagen. 157 Doch will ich ein Auge auf ihn behalten. Jetzt aber müßt Ihr mich verlassen, meine Zeit ist gemessen.« Sie zog einen mit Silber beschlagenen Kasten an sich heran, den sie jedoch nicht öffnete, bis sie allein war. Gar wichtige Geheimnisse des Staates hütete Korfiz Uhlfelds Gattin, und ehrgeizige Pläne schmiedete sie, während sie bis tief in die Nacht hinein arbeitete und mit männlicher, fester Hand einen Bericht über das, was sie getan hatte, an ihren Gemahl schrieb. – Zoppelow erwartete den Junker Klemens, und beide stiegen eilig die schmalen Treppen des Turmes hinan, bis sie in ein kleines Zimmer kamen, das dem jüngeren Rungholt zur Wohnung diente. Hier machte der Mecklenburger seinem Herzen Luft. »Alle Hagel!« brummte er. »Das ist ein Teufelsweib, und hochmütiger als alle Königinnen der Erde zusammengenommen. Der Teufel hole mich, wenn ich nicht Lust verspürte, ihr das Sündengeld wieder vor die Füße zu werfen; habe doch manchmal mit hohen Herrn gesprochen und war kürzlich beim Oxenstirn, dem ich genauen Bericht über die dänische Flotte erstatten mußte. Er war stolz, aber doch nicht so wie diese Frau!« Er schüttelte den Kopf und murmelte wenig schmeichelhafte Worte vor sich hin. Klemens unterbrach ihn nicht. Auch er war nachdenklich. War ihm doch bei dieser Unterredung sehr klar geworden, auf welch gefährlichem Boden er stand, und beinahe wünschte er, nicht durch Zoppelow verführt worden zu sein, sich der Gräfin als Mitwisser der mit Schweden geführten Unterhandlungen 158 zu entdecken. Allerdings war dies der einzige Weg gewesen, zu einer näheren Beachtung seitens der Frau des Reichshofmeisters zu kommen, und vielleicht auch die sicherste Art, Kajus zu verderben. Aber es war kein gefahrloser Weg, und Klemens hatte Verstand genug, um einzusehen, daß selbst, wenn sein Bruder kein Hindernis mehr für ihn wäre, er doch nicht ungestört die Früchte seiner Mühe ernten würde. Ihm schwindelte, wenn er bedachte, daß er von dem geheimen Einverständnis Uhlfelds mit Oxenstirn wußte. Eine unvorsichtige Äußerung konnte ihm das Verderben bringen. Dann flogen seine Gedanken zu Gude, und seine Augen leuchteten, als er des Versprechens der Frau Uhlfeld gedachte, sie zu seinem Weibe zu machen. Er hatte sie auf den ersten Blick geliebt, und das Bewußtsein, daß sie seinem Bruder angehören sollte, verschärfte seine Leidenschaft. Denn er gehörte zu jenen Naturen, die sich das am meisten wünschen, was ihnen eigentlich versagt ist. Bis jetzt gab die Jungfrau seinem Liebeswerben kein Gehör; aber Frau Eleonorens Versprechen dünkte ihm eine glückliche Verheißung, unwillkürlich flüsterten seine Lippen den Namen Gudes, und er lächelte stolz, wenn er des Augenblicks gedachte, wo er mit seinem Weibe den Edelhof betreten würde, den er als armer Junker verließ. Herr von Zoppelow saß auf der mit Eisen beschlagenen Kiste des Junkers und beobachtete ihn scharf. »Scheinst mir angenehme Träume zu haben!« sagte er verdrießlich. »Du bist auch ein glücklicher Mensch: das Gut fällt dir in den Schoß ohne viele Mühe, und die Gunst der hochmütigen Frau scheint 159 dir zu lächeln. Wirst am Ende gar ein einflußreicher Mann und bestellst mich zum Verwalter von Holleby! Ohne mich wärest du noch nicht so weit!« setzte er mit einem lauernden Blicke hinzu. Klemens gab dies ohne weiteres zu. Wenn er auch allmählich einen tiefen Abscheu vor dem Manne bekam, mit dem er gemeinsame Sache machte, so wagte er doch nicht, ihn anders als freundlich zu behandeln. Er versprach sogar, ihm eine kleine, zum Edelhof gehörige Besitzung zu geben. Aber im stillen dachte er, daß es ja nicht nötig wäre, ein Versprechen zu halten. Zoppelow schien befriedigt. »Es ist nicht mehr als billig, daß du deinem Vetter und nahen Freunde, der dir zu deinem Glück verhalf, eine gute Heimstätte bereitest, wo er von den Mühsalen des Lebens ausruhen kann!« Er stand auf und ging schweren Schrittes in dem kleinen Raum hin und her. »Die Wasserfahrt nach Kiel will mir nicht gefallen!« setzte er dann unmutig hinzu. »Wenn mich ein dänischer Kreuzer auffängt und das Schreiben an Torstenson bei mir findet, so –«, er schnitt ein Gesicht und fuhr sich mit der Hand nach dem Halse. »Aber der Geleitbrief des Reichshofmeisters?« unterbrach ihn Klemens. Zoppelow lachte rauh. »Dein Herr Vater hat sich blutwenig aus Uhlfelds Namen gemacht, und es gibt noch mehr dänische Herren, die mir den Garaus machen würden!« »Du mußt nicht solch düsteren Gedanken nachhängen!« suchte der Junker den Mecklenburger zu 160 beruhigen. »Einem Unterhändler darf niemand ein Haar krümmen!« Zoppelow sah ihn mit eigentümlichem Blick an. »Unterhändler? Ich fürchte, wenn sie gewisse Papiere bei mir finden, werden sie mir einen anderen Namen geben! – Das einzige, was mich freut, ist, daß ich deinem Bruder manches heimzahlen kann, das ich auf seine Rechnung schrieb. Die Schweden sollen kurzen Prozeß mit ihm machen, und in seiner Todesstunde werde ich ihm erzählen, wer so eifrig zu seinem Verderben beitrug.« Er nickte bei diesen Worten Klemens zu, der blaß wurde und einen Schritt zurücktrat. »Tue das nicht!« bat er ernsthaft. »Kajus muß sterben, es ist einmal sein Schicksal; aber ich wünsche nicht, daß er mir in der Todesstunde noch flucht. – Das soll Unglück bringen!« setzte er scheuen Blickes hinzu. Zoppelow zuckte die Achseln. »Du hast ein abergläubisches Herz, mein Sohn; nun, ich werde tun, was mir in dem Augenblick zuerst einfällt. Jetzt muß ich gehen, um mir ein Segelboot für die Nachtfahrt zu suchen. Hoffentlich ist es zum letztenmal, daß ich so gefährliche Wege gehen muß. Später werde ich mich des ruhigen Landlebens auf Holleby freuen.« Er reichte dem jüngeren Rungholt die Hand zum Abschiede; dann ging er vorsichtig die Treppen hinunter, um aus einer Seitentür des Schlosses das Freie zu erreichen, während Junker Klemens noch lange in die laue Sommernacht starrte, ehe er sich zu unruhigem Schlafe auf sein Lager warf. 161 Kajus Rungholt hatte keine Ahnung davon, daß Zoppelow mit ihm unter demselben Dache war und in wenigen Stunden nach Kiel eilte, Verderben über das schuldlose Haupt des Erben von Holleby zu bringen. Er ging nach der Unterredung mit Frau Uhlfeld zu ihrem schönen Kammerfräulein, um ihr die traurige Botschaft seiner neuen Entfernung vom Hofe mitzuteilen. Er fand Gude von Thienen in ihrem Privatgemach, mit einer feinen Stickerei auf Leinen beschäftigt, zu der eine Kerze ihr nur spärlich Licht spendete. »Ihr dürft die Strahlen Eurer Augensterne nicht trüben durch vieles Arbeiten bei Kerzenschein!« sagte der Junker halb scherzend, nachdem er seine Braut mit ehrerbietiger Zurückhaltung begrüßt und kaum gewagt hatte, ihre weiche Wange mit seinen bärtigen Lippen zu berühren. Die Jungfrau warf ihre Arbeit in ein zierlich geflochtenes Körbchen und lachte gezwungen. »Was wisset Ihr von den Strahlen meiner Augensterne, Junker!« sagte sie leicht aufseufzend. »Habt Ihr sie jemals ordentlich betrachtet? Ich glaube kaum, wenigstens sagtet Ihr mir noch niemals ein freundliches Wort darüber!« »Will meine teuerste Gude Schmeichelworte hören, wie jeder Fant am Hofe sie ihr schon hundertmal sagte?« Kajus setzte sich neben das junge Mädchen und sah sie voll Liebe an. Sie warf den Kopf zurück, und um ihre rosigen Lippen zuckte ein spöttisches Lächeln. »Es sind nicht allein die dummen Kavaliere, die 162 fein und zierlich zu reden wissen,« versetzte sie etwas spitzig. »Ich kenne manchen klugen Herrn, dessen Worte auch für ungelehrte Ohren, wie die meinen, lieblich klingen. Ihr freilich achtet es nicht der Mühe wert, zu zeigen, was Ihr bei Hofe gelernt habt!« Kajus stützte den Kopf in die Hand, und seine dunklen Augen ruhten mit einem Anfluge von Trauer auf seiner Braut. »Es ist für mich auf Schloß Rosenburg nicht gut sein,« sagte er mit einem Versuche, zu scherzen. »Meine geliebte Gude ist unzufrieden mit ihrem rauhen Kriegsmann, der seine sanften Worte im Lagerleben vergaß, und Frau Uhlfelds Gnadensonne ist für mich untergegangen, so daß sie mich auf eine Insel in die Verbannung schickt!« Gude machte eine ungeduldige Bewegung. »Das ist es gerade, was mich bekümmert, Junker Kajus! Weshalb bestrebt Ihr Euch nicht, das Wohlgefallen der Frau Gräfin mehr und mehr zu erringen, anstatt es immer mehr zu verscherzen? Sie war Euch einst gewogen, jetzt nennt sie Euch einen steifnackigen Junker, dem eine Lektion in guter Lebensart fromme.« »Soll ich diese auf Fehmarn bei den Bauern lernen?« fragte Kajus mit leichtem Spott. »Mag sein, daß ich steifnackig bin, ich mag mich nicht unters Weiberregiment beugen und habe es nicht nötig. König Christian ist mein Herr, und er versteht das Regieren so gut, daß weder Herr Uhlfeld noch Frau Eleonore ihm zu helfen brauchen. Das Herrschen gebührt dem Manne, einem Weibe steht die schwere Krone schlecht zu Gesicht!« »So redet Ihr?« zürnte Gude. »Wahrhaftig, 163 ich muß Eurem Bruder recht geben, der Euch einen Tyrannen nennt. Euer Weib wird schlechte Tage haben, wenn Ihr so üble Meinung von unserem Geschlecht hegt, daß Ihr nicht einmal einer fürstlichen Frau gehorchen wollt!« Kajus lachte unwillkürlich über die Empörung seiner Braut, wenn es ihn auch unangenehm berührte, daß sein Bruder versucht hatte, ihm zu schaden. Er beschloß jedoch, sich nicht darüber zu äußern, und versuchte Gudens Mißstimmung, die er dem bevorstehenden Abschied von ihm zuschrieb, zu verscheuchen. Es schien ihm auch zu gelingen. Das Fräulein mochte einsehen, daß ihr Verlobter nicht mit unfreundlichen Worten zu behandeln wäre, sie lächelte plötzlich liebevoll und beklagte lebhaft des Junkers Fortgang, den Frau Eleonore ihr noch nicht mitgeteilt hatte. »Ich habe einen gar trüben Brautstand,« seufzte sie, die kleinen Hände in den Schoß legend; »nur wenig Tage sind wir beisammen gewesen, und keinem Menschen hier kann ich meine Sorge sagen. Ein jeder trägt an seinen Gedanken. Dazu seid Ihr, teurer Junker, ein herzlich schlechter Briefschreiber, und gar spärlich laufen die Nachrichten von Euch ein. Es ist mir immer, als gedächtet Ihr meiner nicht viel!« Kajus, dem trotz seines warmen Empfindens die glühenden Liebesschwüre nur schwer über die Lippen kamen, wollte die Sprecherin statt aller Antwort in die Arme schließen, aber das schöne Fräulein wehrte ihn kühl ab. »Euer stürmisch Umfangen zu erdulden ziemt 164 sich nicht für eine züchtige Jungfrau, auch ist es schon spät, und Ihr müßt mich verlassen!« »Wollt Ihr mir nicht sagen, ob Ihr mich noch liebt wie ehedem, wo Ihr Euer Haupt an meine Brust legtet und mir sagtet, daß Euer Herz mein sei?« fragte der Junker. Er war aufgestanden; ernst und prüfend ruhten seine Augen auf dem Gesicht seiner Braut, deren zarte Gesichtsfarbe sich vertiefte. Unruhig wandte sie den Kopf zur Seite, aber ihre Stimme klang fest, als sie erwiderte: »Mein Herz ist nicht veränderlich, Herr Junker, und meine Liebe gehört nur einem; dieser eine aber seid Ihr!« Jetzt umschlangen sie trotz alles Widerstrebens des jungen Mannes Arme, und ehe sie zornig werden konnte, war sie allein. Einen kurzen Augenblick lächelte sie, dann aber brach sie in Tränen aus. Kajus hatte keine Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen, es gab für ihn viel zu bedenken und zu besorgen. Nur wenige Stunden ruhte er, um dann noch vor Sonnenaufgang wieder aufzustehen und in die Stadt zu eilen, wo er für sich und seinen Diener verschiedene Ausrüstungsgegenstände kaufte und dann an den Hafen ging, um ein Schiff aufzutreiben, das ihn nach Fehmarn bringen sollte. Nachdem er einen kleinen Schoner ausfindig gemacht und gemietet hatte, kehrte er wieder ins Rosenburger Schloß zurück, um seine Order in Empfang zu nehmen, die ihm vom Privatsekretär des Reichshofmeisters, Herrn Güldenstern, ausgehändigt ward. Dieser, ein älterer, freundlicher, den Uhlfelds blind ergebener Herr, den Korfiz, sobald er sich von seiner Gemahlin trennte, immer 165 zu ihrer Disposition zurückließ, konnte sich nicht enthalten, dem jungen Kavalier einige wohlgemeinte Ratschläge zu geben. »Ein übles Geschäft für Euch, Junker,« sagte er, seinen breiten Spitzenkragen vorsichtig glattzupfend. »Wenn ich in Eurer Lage wäre, würde ich, statt nach Fehmarn zu gehen, ein wenig auf der Ostsee umherkreuzen, und dann versuchen, unserer Flotte zu begegnen, die schon bei Skagen sein soll!« »Meint Ihr, daß ich die Insel nicht werde halten können?« rief Kajus bestürzt. Der Edelmann wiegte bedächtig den ergrauenden Kopf und sah den Junker prüfend an. »Eleonore ist Euch augenblicklich nicht gnädig gesinnt, und Herr Korfiz, der sie manchmal zur Vernunft redet, ist auf Fünen,« sagte er, indem er Kajus ein versiegeltes Papier überreichte; »aber Ihr solltet sehen, wieder in ihre Gunst zu kommen. Sie ist mächtiger und stolzer denn je, und ich fürchte –« er brach ab und sah sich ängstlich um. »Nehmt meinen Rat an,« setzte er dann leiser hinzu, »geht nicht nach Fehmarn und versucht durch Jungfrau Gude die gnädigste Frau wieder günstig zu stimmen. Ihr wißt es noch nicht so genau, aber verlaßt Euch auf meine Erfahrung: Frauen sind unberechenbar!« Er lachte unhörbar bei diesen Worten. Dann wandte er dem Junker den Rücken und vertiefte sich in ein dickes Buch. Kajus verließ in Gedanken versunken die Kanzlei. Er hatte jetzt die feste Überzeugung, daß Frau Uhlfeld, um sich an seinem Vater zu rächen, ihn auf einen der schwierigsten Posten, ja vielleicht in den sicheren Tod sandte, aber er nahm sich zugleich vor, durch kein Wort 166 seine Empfindung über diese Behandlung zu verraten. Sie sollte nicht den Triumph haben, zu sagen, er fürchte sich vor dem Tode. Zwar stieg es ihm heiß in die Augen, wenn er seiner Braut gedachte, von der er jetzt ging, Abschied zu nehmen, vielleicht auf Nimmerwiedersehen, aber das war ja das Los des Soldaten, und außerdem fühlte er so viel Kraft und Lebensmut in sich, daß es ihm unmöglich erschien, bald sterben zu müssen. Er trat hastig in das Vorzimmer der Frau Uhlfeld, wo er Gude zu finden hoffte. Sie saß auch dort am Fenster, in lichtblauem Gewande und mit reichem Silberschmuck in den blonden Haaren, aber neben ihr stand der Junker Klemens. Mit schmachtendem Blick sah er sie an und schien durchaus nicht erfreut über das Eintreten seines älteren Bruders. Auch dieser runzelte leicht die gebräunte Stirn, als er des geputzten Hofjunkers ansichtig wurde, aber er nickte ihm gleichmütig zu und setzte sich neben das Fräulein, das heftig errötete und jetzt eifrig an ihrer Arbeit stickte. Beide Brüder hatten sich nur flüchtig gesehen während des kurzen Aufenthaltes von Kajus auf Schloß Rosenburg, und Klemens versuchte die durch Kajus' Eintritt entstandene Pause in der Unterhaltung auszufüllen, indem er sich teilnehmend nach der Wunde des Bruders erkundigte. Dieser fuhr sich an seinen noch immer leicht verbundenen Kopf. »Pah, ich vergesse immer, daß der Schwede mir die Hirnschale ritzte! Nun, diese Schramme wird wohl nicht die einzige bleiben, wenn der Feind nach Fehmarn kommt!« 167 »Erwartet Ihr ihn bald?« fragte Gude erschreckt, die Arbeit sinken lassend. Kajus zuckte die Achseln. »Man kann's nicht wissen,« versetzte er ruhig; »ich muß auf vieles gefaßt sein und freue mich, einmal wieder den Feind zu sehen. Geht es ans Sterben, so werde ich mein Leben teuer genug bezahlen!« »O, sprecht nicht so!« bat Gude ängstlich, während Klemens das Zimmer verließ. »Ihr müßt bald wiederkommen und mich auf Euer Gut führen, fern vom Hofe und den vielen bösen Menschen!« Sie begann zu schluchzen, und Kajus tröstete sie, so gut er es vermochte. Er bat sie, jeden Abend für ihn zu beten und seiner in Liebe zu gedenken, was Gude unter Tränen versprach. Es war ein schwerer Abschied, als Kajus sich endlich von seiner traurigen Braut losreißen mußte, aber er nahm sich zusammen und wollte sich nicht schwach zeigen. Endlich, nach einem tiefen Blick in ihre feuchten Augen, einer innigen Umarmung verließ er sie, um vor der Tür des Gemaches mit seinem Bruder zusammenzutreffen, der nicht rasch genug verschwinden konnte. »Weshalb belauschest du mich?« fragte Kajus unwillig. Die Züge des anderen waren von Haß entstellt. »Du sollst sie nicht küssen!« zischte er. »Du –« Kajus blickte ihn wie versteinert an – dann hob er zornig die Hand, um sie ebensorasch wieder sinken zu lassen. »Du bist noch mehr Knabe als ich dachte,« sagte er kühl, »aber weil es zum Abschied geht, so will ich Geduld mit dir haben. Schade, daß du noch nicht im 168 Kugelregen standest, manche Torheit würdest du vergessen!« Klemens sah ihn finster an. »Schon lange bin ich ein Mann,« sagte er grollend, »und gern kämpfte ich gegen die Schweden, wenn mir Gelegenheit geboten würde, aber –« »Nun, dann,« unterbrach ihn Kajus ungeduldig, »dann horche nicht an den Türen und gönne mir die Braut!« Er lachte unwillkürlich; ihm kam es unglaublich vor, daß sein um vier Jahre jüngerer Bruder schon Liebesgedanken haben sollte. »Mit der Zeit wirst auch du ein liebes Schätzchen erringen!« setzte er freundlicher hinzu. Dann streckte er dem Bruder die Hand entgegen. »Gehab dich wohl!« sagte er, fest in das umwölkte Gesicht des anderen blickend. »Sei treu und ehrlich, und vor allem, vergiß nicht, daß du ein Diener deines Königs bist!« Zögernd legte Klemens seine wohlgepflegten Finger in die starke Rechte des Bruders. Eine trotzige Antwort drängte sich ihm auf die Lippen, aber er unterdrückte sie aus geheimer Scheu vor dem, von dem er sicher wußte, daß er nicht wiederkehren würde. Es tat ihm nicht leid, sich vielleicht auf ewig von seinem Bruder zu trennen, aber eine rechte Freude über dessen Schicksal wollte nicht in ihm aufkommen. Verstohlen hob er die Augen zu den männlichen Zügen und sah dann, als Kajus im Schloßhofe erschien, noch so lange aus dem geöffneten Fenster, bis die hohe Gestalt des älteren Junkers Rungholt unter den Bäumen des Rosenburger Parkes verschwand. 169 XIV. Am Nordoststrande der kleinen, an der äußersten Spitze von Holstein liegenden Insel Fehmarn standen einige Männer und sahen scharf auf die nur leicht bewegte See. Sie trugen grobe bäuerliche Kleidung, und ihren derben Gestalten sah man die angestrengte Arbeit des Landmannes an. Der eine von ihnen schien bereits sehr alt zu sein, er war von Gicht gekrümmt, und den Kopf trug er halb auf die Brust gesenkt. Seine Augen funkelten jedoch spähend aus dem verwitterten Gesicht und zeigten, daß ihr Besitzer noch volle Geisteskraft hatte. »Es ist nichts zu sehen, Klaus Rauert!« wandte er sich zu dem, der ihm am nächsten stand, einem auffallend großen Manne, dessen langer dunkler Bart ihm halb über die Brust reichte. Der Angeredete nickte schweigend, während ein dritter Bauer unmutig rief: »Sie lassen lange auf sich warten! Der Junker wird sich ärgern, wenn er hört, daß kein schwedisches Segel zu sehen ist!« Klaus Rauert zuckte die Achseln. »Der Junker hat tapferes Blut in den Adern; aber er ist zu ungeduldig, es fließen zu sehen. Was will er mit seiner Handvoll Soldaten machen, wenn die Übermacht der 170 Schweden hereinbricht? Er muß sich ergeben, oder er bringt viel Elend über uns.« Der Bauer sprach langsam, aber mit Nachdruck, und die andern hörten ihm aufmerksam zu. Dann schüttelte der ersterwähnte alte Mann heftig den Kopf. »Er wird sich nicht ergeben, Klaus Rauert. Er ist ein echter Kriegsmann wie sein Vater, der Freiherr, und er wird eher sterben, als sich ergeben!« »Dann muß er sterben,« lautete die gleichmütige Entgegnung, und der Alte seufzte. »Es ist schade um ihn. Ein so junges, tapferes Blut; aber –«, er hielt plötzlich inne und zog die Mütze, daß seine spärlichen grauen Haare im Seewinde flatterten. Neben ihm, auf kräftigem dunkelbraunem Pferde, hielt der Junker Rungholt, leicht mit der Hand den ihn ehrerbietig begrüßenden Bauern zuwinkend. »Nun, ihr Leute!« rief er mit kräftiger Stimme, »wer von euch hat ein schwedisches Segel erblickt?« Klaus Rauert trat einen Schritt näher. »Keiner von uns, edler Herr, und es ist gut so. Denn Ihr werdet in arge Bedrängnis geraten, wenn der mächtige Feind landen sollte und Ihr Euch nicht sogleich ergeben wollt!« Kajus richtete sich höher im Sattel auf. »Ihr wagt es, von ergeben zu sprechen? Habe ich Euch nicht schon gestern verboten, dies Wort in den Mund zu nehmen?« rief er unwillig. Der Bauer strich verlegen seinen Bart. »Verzeiht, Herr, daß ich Euer Gebot übertrat,« versetzte er, »aber wir sind arme Bauern und können unser Hab und Gut verlieren. Ihr seid ein lediger 171 Mann, habt weder Weib noch Kind; da stirbt sich's leichter; auch seid Ihr im Waffenhandwerk groß geworden –« »Hört mich an!« unterbrach Kajus den Sprecher. »Ich verlange von euch keinen Beistand; ihr mögt euch alle verkriechen, wenn der erste Schuß von den Schiffen gefallen ist, aber ihr sollt solche Worte nicht sprechen, daß meine Soldaten sie hören können. Es sind feige Jüten und zusammengelaufenes Volk, und ihr Mut ist nicht groß. Vernehmen sie noch dazu, daß Ihr, der große Klaus Rauert, dessen schwere Faust auf der ganzen Insel gefürchtet ist, sich vor dem Feinde verbergen will, dann sieht es schlimm aus um die Verteidigung der Insel!« Es lag ein offenbarer Spott in des Junkers Worten, und die Bauern steckten die Köpfe zusammen. Klaus Rauert behielt seine ruhige Haltung. »Wenn Ihr kämpft, edler Herr, dann werde ich Euch beistehen,« sagte er in seiner schwerfälligen Weise. »Aber ich sage Euch im voraus, daß der Streit übel für Euch enden wird!« »Das laßt meine Sorge sein!« versetzte Kajus, sich abwendend und den alten Bauern, der ihn unverwandt ansah, zu sich heranwinkend. »Führe mein Pferd, Hinnerk!« sagte er abspringend. »Ich bin den ganzen Morgen im Sattel gewesen, und der arme Gaul ist zum Umfallen müde!« Der so Aufgeforderte ergriff mit seinen gekrümmten Fingern die Zügel des Pferdes, und ein zufriedenes Lächeln überzog sein runzeliges Gesicht. Eilfertig humpelte er neben dem Tiere her und betrachtete verstohlen den Junker, der in tiefen 172 Gedanken einherschritt. Kajus wußte wohl, daß er sich in einer verzweifelten Lage befand. Als er von Kopenhagen ausfuhr, hatten seine Gedanken sich ausschließlich mit den schwedischen Kriegsvölkern beschäftigt, die in Holstein lagen und von denen er einen Überfall erwarten konnte. Er hoffte, ihren Angriff abwehren zu können, da sie nach seiner Ansicht nur an einer Stelle, von Holstein aus, landen konnten und er diesen Platz mit Aufgebot aller seiner Kräfte verteidigen wollte. Eine Karte, die ihm der Sekretär der Frau Uhlfeld noch in der letzten Stunde hatte zustellen lassen, bestätigte diese Hoffnung. Auf Fehmarn angelangt, erfuhr er, was ihm kein Mensch in Kopenhagen gesagt hatte, daß die schwedische Flotte seit einigen Tagen in den dänischen Gewässern war. Fehmarnsche Fischer hatten sie erblickt; einer von ihnen war sogar an Bord des schwedischen Admiralschiffes gewesen, um seine Fische anzubieten. Er war nicht unfreundlich aufgenommen und sogar vor den Admiral Flemming geführt worden, der ihm einen Silbertaler schenkte und ihm auftrug, seinen Landsleuten zu sagen, sie möchten die Schweden nur gut aufnehmen, da sie bald mit großer Übermacht auf der Insel sein würden. Daß man von leitender Stelle die Annäherung der schwedischen Flotte gewußt hatte, war außer aller Frage, und Kajus erkannte immer deutlicher, daß Frau Uhlfeld ihn offenkundig verderben wollte. Er konnte nichts anderes tun, als sich so lange wie möglich verteidigen, das übrige mußte Gott fügen. Unwillkürlich blickte er in den sonnigen Himmel und seufzte, dann wandte er sich dem Alten zu, der 173 sich bemühte, mit ihm gleichen Schritt zu halten. Außer seiner etwa hundert Mann zählenden Kompagnie schlechter Soldaten hatte Kajus einen alten Bekannten auf der Insel gefunden, den Knecht Hinnerk, der damals, nachdem er dem Freiherrn von den bösen Absichten Zoppelows berichtet, von diesem seines Dienstes entlassen worden war. Der Reichshofmeister hatte sich zuerst des Knechtes angenommen und ihm ein Amt in seinem Stall gegeben, doch den freigeborenen Inselbewohner litt es nicht mehr lange in der Dienstbarkeit; er war eines Tages verschwunden, und Herr Uhlfeld, der ihn schon lange vergaß, vermißte ihn nicht. Aber wenn Hinnerk auch nicht mehr dienen mochte, so bewahrte er doch eine gewisse Vorliebe für adeliges Wesen und ritterliche Kleidung, und als das Fähnlein dänischer Soldaten nach Fehmarn gelegt ward, suchte er sich dem Anführer, Herrn Rosenkranz, durch kleine Dienste bemerkbar zu machen. Aber der hochmütige junge Edelmann, einem der ältesten Geschlechter Dänemarks entsprossen, behandelte ihn mit so offenbarer Geringschätzung, daß der alte Mann sich scheu zurückzog und nur aus gemessener Entfernung zusah, wenn der reichgekleidete Kavalier sein edles Roß durch die ungepflasterten Straßen des Städtchens Burg tanzen ließ. Er war ein ungestümer Herr, hochfahrend gegen die Bauern, dreist und unverschämt gegen ihre Frauen und Töchter. Ein schönes Mädchen, die Tochter eines unbegüterten Mannes, zog besonders seine Aufmerksamkeit auf sich, und eines Tages ließ er sie mit Gewalt ihren Eltern entführen. Am andern Morgen fanden Arbeiter den Junker 174 Rosenkranz mit gespaltenem Schädel in einer Wiese. Niemand wußte seinen Mörder zu nennen, und das geraubte Mädchen blieb verschwunden. Es gehörte zu Junker Rungholts Auftrag, blutige Rache für diese Tat zu nehmen, aber bisher hatte er es für richtiger gehalten, angesichts der gefährlichen Lage der Insel seine Nachforschungen über diesen Mord zu einer mehr geeigneten Stunde aufzuschieben. Seinem ehemaligen Freunde Hinnerk begegnete er, als er soeben das Land betrat, und da er mit offenbarer Freude dem alten Knechte die Hand reichte und gütige Worte an ihn richtete, ging diesem das Herz auf. Er hatte im Grunde keine besondere Meinung von den edlen Herren; er schalt sie wegen ihrer Vergeßlichkeit für geleistete Dienste und gedachte auch nur grollend des Freiherrn von Rungholt, der ihn damals so hart entließ, als er ihm nur dienen wollte; aber als der gutmütige Kajus ihm auf die Schulter klopfte und ihn an die Erzählungen gemahnte, mit denen Hinnerk seine Kinderzeit belebte, da war es dem Alten, als könnte er getrost für den Junker sterben. Er ließ ihn seit dem Augenblick nicht wieder aus den Augen, besorgte sein Pferd trotz der Anwesenheit eines anderen Knechtes, und behauptete, kein anderer könne die schweren Pistolen und die Büchse des Junkers so schön in Ordnung halten, wie er. Kajus ließ ihn gewähren. Obgleich er es sich nicht eingestehen mochte, war es ihm doch ein tröstliches Gefühl, daß es einen Menschen auf der Insel gab, der ihm treu ergeben war und auf den er sich verlassen konnte. Er kannte die andern Bauern nicht, 175 auch flößte ihm ihre kurz abweisende Art wenig Vertrauen ein, und er war nicht sicher, ob sie ihm beistehen würden in der Stunde der Gefahr, obgleich Klaus Rauert es ihm soeben zusagte. Der Junker und sein Begleiter waren rüstig ausgeschritten, und die roten Ziegeldächer des Städtchens lagen dicht vor ihnen, als Kajus, um seinen Gedanken zu entgehen, ein Gespräch mit Hinnerk anknüpfte. »Ich war noch gar nicht in deinem Hause, Hinnerk, und du hast mir dein zweijähriges Fohlen noch nicht gezeigt, von dem du mir schon erzähltest. Glaubst du, daß es ein gutes Reitpferd werden könnte, so will ich es dir später abkaufen.« Hinnerk nickte. »Ihr sollt es besehen, Herr,« sagte er dann; »ein edler Goldfuchs, würdig für eines Edelmannes Stall. Ist auch aus feiner Zucht und so zahm, daß es meiner Tochter das Brot aus der Hand nimmt.« »Du hast eine Tochter?« rief Kajus erstaunt. »Von der erzähltest du mir nie! Und sie wohnt bei dir?« Hinnerk fuhr dem Pferde in die dichte Mähne und streichelte seinen glänzenden Hals, ehe er antwortete. »Ja, ja, Herr!« sagte er dann. »Als sie jung war, gab's nicht viel hübschere Mädchen als meine Kathrin; sie hatte dunkle Augen und goldgelbes Haar, und mancher edle Herr gab ihr süße Worte, wenn sie über die Straße ging. Jetzt ist sie alt, und die Kinder laufen vor ihr weg, wenn sie an den Brunnen geht, Wasser zu holen. Und ist doch nichts Unrechtes an ihr, nur daß sie stumm geworden ist, und daß ihre Augen jetzt finster blicken, wo sie einst lachten!« 176 »Sie ist stumm geworden?« Hinnerk fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Es ist eine alte Geschichte, Herr, und ich erzähle sie nicht gern; aber Ihr habt ein mitleidiges Herz, und deshalb könnt Ihr sie erfahren. Als die Kathrin siebzehn Jahre alt war, da besuchte sie eine alte Base in Mecklenburg und nahm dann einen Dienst in Doberan an. Sie war Kindsmagd bei einem Edelmann und hatte es gut, zu gut für sie, denn die Junker, die ihren Herrn besuchten, verdrehten ihr den Kopf, und sie wurde stolz, so daß die Edelfrau ihr harte Worte geben mußte, um sie zur Arbeit anzuhalten. Aber das Schelten nützte nicht viel, Kathrin dachte nicht ihrer Arbeit, sondern eines Junkers mit glattem Gesicht, der ihr schöne Worte sagte und ihr die Ehe versprach. Sie glaubte seinen Reden, und jeden Abend, wenn es dunkel wurde, stahl sie sich aus dem Hause, um mit ihrem Liebsten zu kosen. Sie trafen sich meistens hinter der alten Kirche, und der Junker hatte ihr gesagt, wenn er nicht dort wäre, möge sie nur wieder nach Hause gehen. Eines Abends, als es schon spät und sehr dunkel war, stand Kathrin wieder hinter der Kirche, ihren vornehmen Liebsten zu erwarten. Es regnete, und als er nicht kam, sie aber Licht in der Kirche sah, schlich sie sich hinein, in der Hoffnung, er könnte dort sein. Er war auch da, aber unten, im Grabgewölbe, wo er mit einem Genossen die Särge öffnete, um die Toten zu berauben. Kathrin, die sich nahe herzuschlich, schrie laut auf, als sie ihren Junker sah, wie er lachend Ringe und allerhand Geschmeide in einen Sack steckte und gotteslästerliche Reden dabei führte. Ihr Schrei war gehört worden, und bald 177 stand der Junker neben ihr mit drohender Gebärde und hieß sie einen entsetzlichen Eid schwören, kein Wort von dem zu verraten, was sie sah. Aber sein Kumpan, der die Treppe vom Gewölbe heraufkam, stieß den andern rauh zurück. »Das Mädchen muß sterben!« sagte er und zog sie mit sich die Treppe hinunter. Noch einmal stieß sie einen entsetzlichen Schrei aus, und da es sich draußen vor der Kirche zu regen begann, mußten die Buben fliehen. Vorher zückte der edle Räuber das Messer nach ihr, stieß es ihr in die Brust und schnitt ihr die Zunge ab. Dann ließen beide die Dirne zwischen den Leichen liegen und entkamen. »Meine Kathrin war nicht zum Tode verletzt, sie konnte sich noch bewegen, und als der Küster andern Morgens in die Kirche kam, fand er sie. Ihre Wunde ward geheilt, aber ihr Kopf ist schwach geblieben seit der Zeit, und nur unverständliche Laute kann sie lallen!« Kajus hatte der langsamen Erzählung aufmerksam zugehört. »Wie hat deine Tochter dir aber ihr grausiges Schicksal berichten können?« fragte er mit Schaudern. »Sie hatte mit den Kindern des Edelmannes zusammen Buchstaben malen gelernt, und als ihr allmählich die Erinnerung wiederkehrte, da schrieb sie auf, was ihr widerfahren war. Der Prädikant hier in der Stadt sagt, es ist krauses, wildes Zeug, was sie schreibt, und vieles unverständlich, aber diese Geschichte, meinte er, wäre wahr. Er hat sie mir viele Male vorlesen müssen, und ich habe sie der Kathrin ebensooft wiedererzählt. Dann nickt sie und 178 macht mir Zeichen, daß alles wahr ist, und wenn ich den Namen des Buben nenne, der ihr so Schändliches antat, dann schreit sie, daß es mich kalt überläuft!« »Ihr wißt seinen Namen?« fragte Kajus. Hinnerk blieb stehen, und seine Augen funkelten. »Ich weiß ihn, Herr, und es gibt keinen Abend im Jahr, wo ich den Herrgott nicht bitte, mir das Leben dieses Mannes in die Hand zu geben. Dann will ich ruhig sterben! Sechsundzwanzig Jahre bete ich so, und der Allmächtige hat mein Gebet noch nicht erhört. Aber der Prädikant sagt, Gott der Herr vergäße keine Missetat, und wenn sie auch sechsundzwanzig Jahre her wäre!« Drohend ballte er die Hand, schritt weiter, und Kajus folgte ihm schweigend. Sie kamen jetzt in die Stadt, und Hinnerk wies auf ein Häuschen, das seitwärts vom Wege unter Bäumen lag. »Das ist mein Haus, Junker, und wenn Ihr einen Trunk Bier unter meinem Dache nehmen wollt, so wird die Kathrin ihn Euch reichen!« Zögernd trat der Junker in ein kleines, zierlich bepflanztes Gärtchen und sah nicht ohne Scheu eine weibliche Gestalt aus der Tür des Häuschens treten, die nach einigen Worten Hinnerks sogleich wieder verschwand. Kajus setzte sich auf eine Steinbank, und nach wenigen Augenblicken kehrte Kathrin zurück, ihm einen blanken, mit kräftigem Bier gefüllten Becher zu überreichen. Sie mochte einst schön gewesen sein; jetzt waren ihre Züge welk und ihre dunklen Augen teilnahmlos. Kajus betrachtete sie mit leisem Grauen, während er den Becher an seine durstigen Lippen 179 setzte und in langen Zügen trank. Der Weg war lang und staubig gewesen, und die Erfrischung tat ihm wohl. Jetzt trat Hinnerk dicht an seine Tochter heran. »Geh und hole den Scherben, auf dem du dich immer im Schreiben zu üben pflegst!« sagte er ihr, und Kathrin verschwand im Hause. Sie kehrte nach wenig Augenblicken zurück, ein Stück Schiefer in der Hand. Hinnerk reichte es dem Junker, der es erstaunt betrachtete. Mit groben, unsicheren Zügen war dasselbe Wort wohl hundertmal auf beide Seiten geschrieben, ein Wort, das Kajus zuerst nicht entziffern konnte. Endlich rief er halb zweifelnd, halb überrascht: »Zoppelow?« Aber er trat zugleich erschreckt zurück, denn Kathrin stieß einen gellenden Schrei aus. »Entsetzt Euch nicht!« sagte Hinnerk ruhig. »Das ist der Name des Elenden, der meine Tochter zu dem gemacht, was sie ist, der kein Erbarmen kannte. Sie kann den Namen nicht hören!« setzte er hinzu und legte seiner Tochter beruhigend die Hand auf das wirre Haar, um sie dann sanft in das Haus zu schieben. »Wenn sie auf dem Schiefer schreibt, dann ist es immer sein Name!« sagte er zu dem Junker, der hastig zu seinem Pferde getreten war, das er an den Gartenzaun gebunden hatte. »Man sollte denken, der Herr von Zoppelow wäre ihr Liebster gewesen!« fügte er mit düsterem Lächeln hinzu, »aber den Namen des Junkers, den sie liebte, hat sie vergessen!« Nachdenklich betrat Kajus sein am Markte belegenes Quartier. Es gab doch mehr Elend auf der Erde, als er glaubte, und er murmelte eine Verwünschung vor sich hin, als er des Mecklenburgers 180 dachte, der sicherlich noch mehr Untaten auf dem Gewissen hatte. Der nächste Tag verging wieder mit Vorbereitungen auf den Empfang der Schweden; Kajus suchte seinen Leuten Mut einzusprechen, da er ihre Mißstimmung und ihre Unlust, zu kämpfen, wohl bemerkte. Auch galt es, ein scharfes Auge auf sie zu haben, da ihm sein Fähnrich berichtete, daß manche der Soldaten Bauernkleider anzogen und sich den Insulanern als Knechte verdingten, um dem Kampfe mit dem gefürchteten Feinde zu entgehen. Kajus war den ganzen Tag auf dem Pferde; überall sah er die Wachen nach und drohte den Deserteuren mit scharfen Strafen. Es gelang ihm, zwei von ihnen zu erwischen, und er ließ sie, mit Ketten beladen, in die Stadt bringen, um sie zum warnenden Beispiel für die andern hängen zu lassen. Zweimal noch ging die Sonne auf über der kleinen Insel; als sie sich am dritten Morgen aus dem rot leuchtenden Meere erhob, fielen ihre ersten Strahlen auf die schneeweißen Segel der stolzen schwedischen Flotte. In langer Reihe lag sie im Norden der Insel vor Anker; und bald donnerte der erste Kanonenschuß über den Puttgardener Strand, der von dem in der Nähe liegenden Dorfe so benannt wurde. Am Ufer stand Kajus mit seinem Fähnlein, und in einer kleinen Entfernung von ihm hatten sich etwa zweihundert Bauern aufgestellt, deren Führer der großgewachsene Klaus Rauert zu sein schien. Sie waren gut bewaffnet, und in ihren Mienen drückte sich trotzige Entschlossenheit aus. Die Augen des jungen Mannes leuchteten zufrieden, als er ihre 181 stattliche Schar musterte, und mit freundlichem Gruße trat er zu Klaus Rauert. »So wollt Ihr mir beistehen, den Feind abzuschlagen?« Der Angeredete sah den stattlichen Junker nicht ohne Wohlgefallen an. »Wir sind einmal des Königs Leute und müssen ihm Treue halten!« sagte er dann bedächtig. »Wenn ich lebend von hier komme, soll Seine Majestät Euer gutes Betragen erfahren!« rief Kajus. Ein Zug gutmütigen Mitleids zog über das bärtige Gesicht des andern. »Der Allmächtige möge Euch beistehen, Herr,« sagte er dann, »und uns gleichfalls!« Dann zeigte er mit der Hand aufs Wasser. »Dort kommt ein Boot, das fragen soll, ob Ihr Euch nicht gutwillig ergeben wollt! Bedenkt Euch noch einmal, Herr!« Aber Kajus wandte sich stolz von ihm, und als der schwedische Parlamentär sich dem Ufer näherte, rief er ihm eine abweisende Antwort zu, ehe sich dieser seines Auftrags entledigen konnte. Plötzlich fühlte er sich am Arm berührt. Hinter ihm stand Hinnerk mit wutverzerrten Zügen. »Wißt Ihr, wer neben dem Schweden im Boote saß? Der Herr von Zoppelow! Ich erkannte ihn an seinem Strohbarte. Wenn er sich noch einmal dem Strande nähert, dann hat seine Stunde geschlagen!« Kajus hatte nicht Zeit, die Flüche des Alten zu beachten. Von mehreren schwedischen Schiffen wurden jetzt Boote mit Soldaten ausgesetzt, die sich rasch dem Strande näherten, während von Zeit zu Zeit mächtige 182 Kanonenschüsse die Luft erzittern machten. Zwar lagen die Schiffe, des seichten Wassers wegen, in so großer Entfernung vom Ufer, daß die meisten Geschützkugeln in die See schlugen und keinen Schaden anrichteten, während jedoch von den Booten ein wohlgezieltes Musketenfeuer eröffnet wurde, das nicht ohne Wirkung blieb. Die dänischen Soldaten hielten besser stand, als Kajus erwartete, und aus den Reihen der Bauern traf mancher tödliche Schuß die Angreifer, so daß diese zurückruderten, um durch andere ersetzt zu werden. Endlich aber gelang es doch mehreren Booten, zu landen. Ein blutiges Handgemenge entstand, bei dem allen voran der Bauer Klaus Rauert sich durch seine riesige Kraft und seinen Mut auszeichnete, auch feuerte er mit lauten Worten seine Genossen an, die gleichfalls wacker kämpften. Immer heißer entbrannte der Kampf, immer neue Scharen der Feinde landeten, aber bisher errangen sie noch keinen Vorteil. Zwar lag mancher Bauer todeswund auf dem weißen Sande, und die Zahl der Soldaten verminderte sich; aber auch viele Schweden mußten ihr Leben lassen, und Klaus Rauert war es sogar gelungen, eine Fahne zu erobern, während sich dem Junker Kajus ein höherer schwedischer Offizier als Gefangener ergeben mußte. Vielleicht wäre es möglich gewesen, den Angriff des Feindes für diesmal ganz abzuschlagen, wenn nicht plötzlich um die Mittagsstunde ein Bote mit verhängten Zügeln auf schweißbedecktem Pferde die Schreckenskunde gebracht hätte, daß die schwedischen 183 Truppen, von Holstein kommend, auf der andern Seite der Insel gelandet waren. In demselben Augenblick, als Kajus diese Nachricht erhielt, traf ihn ein Streifschuß in die Hüfte, und er stürzte nieder. Es war, als wenn sein Fall das Zeichen zur allgemeinen Flucht gegeben hätte; seine Soldaten stoben auseinander, und auch die Bauern sahen die Nutzlosigkeit eines Widerstandes ein. Sie eilten davon, um nach Hab und Gut und ihren schutzlosen Frauen und Kindern zu sehen. Kajus richtete sich mühsam auf und versuchte, seine Leute zu sammeln; sie flohen aber landeinwärts, ohne seine lauten Worte zu beachten, und er fühlte sich aufgehoben und weggetragen. Verzweiflungsvoll blickte er in das Gesicht von Klaus Rauert, dessen starke Arme ihn wie ein Kind hielten . . . »Tötet mich,« stöhnte er, »damit ich diese Schande nicht überlebe! Laßt mich sterben, damit ich nicht in die Hand des Feindes falle!« Der Bauer nickte gutmütig. »Ein so braver Junker, wie Ihr seid, darf nicht sterben. Dafür wird Klaus Rauert sorgen!« Die Glocken der Kirchtürme begannen zu läuten, und dicker Qualm, der im Süden aufstieg, zeigte deutlich, wo der Schwede sich augenblicklich aufhielt. Klaus Rauert schüttelte drohend die Faust zum Himmel, dann ließ er nach einigen Schritten vorsichtig seine Last zur Erde gleiten und sah besorgt in des Junkers Gesicht. Totenblässe bedeckte es. Kajus Rungholt war zum ersten Male in seinem Leben ohnmächtig geworden. 184 Unterdessen spielte sich, nicht viele hundert Schritte entfernt, in dem Hofe eines einsam gelegenen Bauernhauses eine andere Szene ab. Dort stand Hinnerk und legte dem laut jammernden Herrn von Zoppelow einen Strick um den Hals. »Eigentlich sollte meine Kathrin Euch sehen, wenn Ihr am Aste gehängt werdet,« sagte er dazu; »aber sie ist schon verrückt genug, und das bißchen Verstand, das sie noch besitzt, darf sie nicht verlieren!« Laut aufheulend umfaßte der dicke Mecklenburger die Knie des Knechtes, aber dieser stieß ihn verächtlich zurück. »Ich sollte Euch traktieren, wie Ihr mein Kind behandelt habt,« rief er; »aber weil Gott mir Euch in die Hand gab, will ich ihn nicht erzürnen. Faßt an, Peter und Klaus!« Zwei kräftige Bauern griffen zu, und nach wenigen Augenblicken hing der Edelmann an dem starken Zweige einer breitästigen Linde, und Hinnerk sah starr zu ihm hinauf, bis eine fahle Totenfarbe das einst so rote Gesicht überzog. Dann winkte er den beiden andern Bauern, und nach Verlauf einer Stunde war Herr von Zoppelow unter demselben Baume eingescharrt, an dem er seine gerechte Strafe erlitten hatte. Als Kajus wieder zum Bewußtsein seiner Lage kam, war er in einem schmalen dunklen Raume, in den nur von oben einige Lichtstrahlen fielen. Neben ihm kniete Hinnerk, und ein Strahl der Freude brach aus den kleinen, scharfen Augen des Alten, als er die Hand des Junkers an seine Lippen führte. »Dem Allmächtigen sei Dank, daß Ihr mich wieder 185 ansehen könnt, gnädiger Herr! Ihr sahet aus wie ein Toter, obgleich Ihr ruhig atmetet.« »Ich habe fest geschlafen,« gab Kajus zu, seine Glieder streckend, wobei er plötzlich einen heftigen Schmerz verspürte. »Aber willst du mir nicht sagen, wo ich bin?« Statt aller Antwort suchte Hinnerk dem Junker zu helfen, aus seinem Versteck zu kommen. Als dies endlich gelungen war, sah sich Kajus erstaunt um. Er war auf einem großen, mit Felssteinen aller Größe bedeckten Felde, und in der Ferne lag die Ostsee, von der untergehenden Sonne bestrahlt. »Einstmals sollen die Heiden hier ihre Toten begraben haben!« sagte Hinnerk, auf die mächtigen Steine deutend. »Gar still und heimlich liegt es sich in ihren alten Grabkammern, und es war ein guter Gedanke von Klaus, Euch hierher zu bringen!« »Wo ist er?« murmelte Kajus, dem erst allmählich die Erinnerung wiederkehrte, »und wo sind die Schweden?« Er fuhr mit der Hand an die Seite. Sein Degen war nicht an seinem Platz, aber schon legte Hinnerk ihm die Waffe in die Hand. »Klaus Rauert bewacht seinen Hof, daß die Schweden bei ihm nicht sengen und morden. Die Fahne, die er gewann, hat er verborgen, und der Offizier, den Ihr finget, edler Herr, leistet ihm gute Dienste. Es scheint ein gar vornehmer Mann zu sein, und weil Klaus ihn fein säuberlich auslieferte, hat der Herr ein gut Wort für die Insel eingelegt, so daß die Soldaten nicht ärger hausen, als es Sitte ist!« Kajus hörte dem Alten aufmerksam zu, dann erhob er sich mühsam aus seiner liegenden Stellung 186 und versuchte zu gehen. Er biß vor Schmerz die Zähne zusammen, aber er konnte zur Not das verwundete Bein ansetzen. »Ich muß fort!« rief er hastig. »Was hilft es mir, auf dieser Insel zu verweilen? Schaffe mir ein Boot, daß ich zu entkommen versuche.« »Ein Boot ist schon aufzutreiben, Herr,« versetzte Hinnerk zögernd, »doch könnt Ihr nicht allein aufs Wasser, da Eure Verwundung Euch hindern würde, das Schifflein zu lenken. Einen Ruderknecht wüßte ich Euch aber nicht zu schaffen.« »So laßt mich allein fahren!« rief Kajus heftig. »Lieber im Wasser sterben, als dem Feinde in die Hände fallen!« Hinnerk fuhr sich einige Male über das faltige Gesicht, ehe er weitersprach. »König Christian soll mit seiner Flotte nicht weit von Fehmarn kreuzen,« sagte er dann, sich räuspernd, »und wenn Ihr keine Scheu habt, meine Tochter als Ruderknecht mitzunehmen, so würde ich sie Euch mit Freuden geben. Sie versteht mit dem Segel umzugehen wie ein Seemann, und auf dem Wasser ist sie sanft wie ein Kind.« Kajus antwortete nicht sogleich. Der Gedanke, mit einer Wahnsinnigen auf dem Wasser, im kleinen Boote zusammen zu sein, war ihm nicht sehr erfreulich, besonders, da er nicht frei von Aberglauben war. Ein echtes Kind seiner Zeit, glaubte er an Hexen und böse Geister. So glaubte er auch, daß die unglückliche Kathrin vom Teufel besessen wäre und eine Gelegenheit suche, Böses zu tun. Hinnerk merkte wohl, daß der Junker sich nur schwer entschließen würde, seine 187 Tochter als Begleitung anzunehmen, er setzte daher hinzu: »Seit der Zoppelow in der Erde liegt, ist sie auch viel stiller geworden, und ihre Augen sahen mich heute an, als hätte sie mich recht lieb!« Dann berichtete er dem aufhorchenden Junker von Zoppelows Ende und wie derselbe so spurlos vom Erdboden verschwunden sei, so daß die Schweden ihren Spion lange suchen könnten, ehe sie ihn fänden. Er sprach mit offenbarer Befriedigung, unterbrach sich aber plötzlich, als er gewahrte, daß die Sonne gänzlich verschwunden war. »Wollt Ihr noch diese Nacht fort, Junker, dann gilt's keine Zeit zu verlieren, denn morgen werden die Schweden hierherkommen, um nach Beute zu suchen. Oder würde es Euch behagen, noch einen Tag in der dunklen Grabkammer verborgen zu sein?« Aber Kajus machte eine verneinende Bewegung, und nachdem Hinnerk ihm noch einmal versicherte, daß sich wahrscheinlich kein Mann in der kurzen Zeit finden würde, der ihn begleitete, willigte der Junker darein, mit Hinnerks Tochter zu fahren. Dann kehrte er in sein Versteck zurück, um sogleich wieder in einen tiefen Schlummer zu fallen, während Hinnerk, so eilig er nur konnte, der Stadt zuschritt. – Die Mitternachtsstunde war schon vorüber, als ein schlankes kleines Segelboot sich so nahe wie möglich an das Ufer legte, wo Kajus, gestützt von seinem treuen Hinnerk, stand. Vorsichtig half dieser dem Junker einsteigen, wickelte ihn in eine Decke und legte endlich die kostbaren Waffen des Kavaliers, die er und Klaus Rauert aus der Schlacht bei Puttgarden gerettet hatten, neben den jungen Mann. Auch 188 ein großer Korb mit Lebensmitteln war nicht vergessen worden, und endlich fuhr der Alte noch in seine Brusttasche. »Dies nahm ich noch dem Zoppelow ab,« flüsterte er so leise, daß seine Tochter am Steuer es nicht vernehmen konnte. »Es sind Papiere, und der Junker wird sie vielleicht gebrauchen können.« Er überreichte Kajus eine Ledertasche, die dieser auf seiner Brust verbarg. Dann reichte er dem einstigen Diener die Hand. »Möge die Zeit kommen, da ich dir deine Treue vergelten kann,« sagte er mit bewegter Stimme; aber der Alte schüttelte den Kopf und drückte die Hand des Junkers an seine Lippen. »Wenn ich bisher alle Abende den Allmächtigen gebeten habe, mir Zoppelow in die Hände zu geben, so muß ich ihm nun noch danken. Ich habe erfahren, daß Gott auch das Gebet des gemeinen Mannes erhört, und das gibt mir Mut, ihn weiter zu bitten. Ich will für Euch beten, edler Herr, und wenn ich noch erlebe, daß Ihr glücklich werdet, dann soll der himmlische Herr Ruhe vor meinen Gebeten haben, und ich will ihm nicht weiter beschwerlich fallen!« Er sprach feierlich; noch einmal küßte er die Hand Rungholts, dann winkte er seiner Tochter. Diese löste das Boot, und wie ein Pfeil flog es vor dem Winde dahin. Wohin? Kajus wußte es nicht, er hatte keine Ahnung davon, wo die dänische Flotte war. Sein Geschick lag in den Händen der bleichen, dunkeläugigen Frau am Steuer, die die Augen fest auf das Wasser richtete und leise die Lippen bewegte. Kajus betrachtete 189 sie eine Weile mit leisem Schaudern; aber als der kühle Morgenwind über die See strich, wickelte er sich in seinen Mantel und legte sich auf den Boden des Schiffchens. Bald war er fest eingeschlafen, während die tolle Kathrin mit sicherer Hand sein Boot lenkte. XV. In der mit fürstlicher Pracht eingerichteten Kajüte des stolzen Orlogschiffes ›Dreifaltigkeit‹ saß König Christian von Dänemark, umgeben von den Reichsräten und seinem getreuen Adel. Er war alt geworden in den letzten Jahren; über seinem energischen Gesichte lag eine grämliche Wolke, und seine Augen blickten müde, während er dem Berichte eines Reichsrates lauschte, der ihm von der Einnahme Fehmarns genaue Meldung überbrachte. »Also das kleine Eiland mußte der Feind mir auch nehmen!« rief er, unmutig seinen schneeweißen Knebelbart streichend. »Am liebsten jagte Herr Oxenstirn mich aus meinen Landen und setzte sich selbst in das warme Nest. Aber, beim Allmächtigen, ich werde ihm zeigen, daß der vierte Christian keine Zierpuppe ist und nicht mit sich spielen läßt!« Er schlug dröhnend mit der Hand auf den Tisch. »Berichtet weiter, Herr Rosenkranz! Sagtet Ihr nicht, daß der Junker Rungholt auf unserem Schiffe angelangt wäre?« »Er ist hier, Eure Majestät,« erwiderte der Reichsrat, ein dürrer Mann mit hochmütigem Gesicht. »Diesen Morgen hat ein Boot den Junker 190 hierhergebracht, und er will einen Tag und eine Nacht unterwegs gewesen sein.« »Da er die Stellung unserer Flotte nicht kannte, so klingt diese Angabe nicht unwahrscheinlich!« entgegnete der König, dem der Ton des Zweifels in des Reichsrats Stimme nicht entging. »Führt den Junker her zu mir, ich werde ihn selbst befragen!« Bald trat Kajus Rungholt, etwas humpelnd, aber sonst in aufrechter Haltung, vor den König. Christian blickte den sich ehrfurchtsvoll Verneigenden prüfend an, dann nickte er ihm zu. »Ihr scheint Euch brav gehalten zu haben, Junker Rungholt, und daß Ihr zu mir auf die Flotte kommt, anstatt mit Eurem Boote nach einer meiner Inseln zu segeln, das gefällt mir von Euch. Aber weshalb hattet Ihr so geringe Mannschaft auf Fehmarn? Konntet Ihr nicht ein Fähnlein auf Seeland auftreiben?« »Es stand in meiner Order, daß ich allein auf die Insel gehen sollte, Eure Majestät,« versetzte Kajus bescheiden. Der König runzelte die Stirn. »Wer gab Euch die Order?« »Ihro gräfliche Gnaden die Frau Eleonore Uhlfeld!« »Zeigt mir das Papier!« Kajus, der das Schriftstück immer bei sich führte, kam dem Befehle des Herrschers nach. Dieser warf einen kurzen Blick auf das Papier, murmelte einen Fluch, sagte jedoch kein Wort weiter und verlangte 191 von Kajus einen ausführlichen Bericht von dem Kampfe auf Fehmarn. Als Kajus diesem Befehl entsprochen hatte, machte Christian eine gnädige Handbewegung. »Es ist gut, lieber Junker, Ihr könnt gehen, und ich will Eurer nicht vergessen!« Im Vorgemach des Königs stand der Reichsrat Rosenkranz und stellte sich Kajus in den Weg, als dieser an ihm vorüberschreiten wollte. »Wie habt Ihr den Mörder meines Sohnes bestraft, Junker Rungholt? Frau Uhlfeld teilte mir mit, daß sie Euch einen besonderen Auftrag gab, um nach dem Buben zu fahnden, dessen ruchlose Hand sich wider einen der Edelsten des Landes erhob!« Der Junker fühlte eine leichte Befangenheit. »Verzeiht, edler Herr,« sagte er zögernd, »aber über diese Sache kann ich Euch keinen guten Bescheid sagen. Fand ich doch keine Zeit, nach dem Täter zu forschen, der sein Verbrechen im Dunkel der Nacht verübte und dessen Spur verschwunden war.« Der stolze Reichsrat trat einen Schritt zurück und maß den Junker mit zornigem Blick. »Wisset Ihr nicht, was sich für einen Edelmann ziemt?« rief er laut. »Hättet Ihr nicht für meinen schuldlos gestorbenen Sohn zwanzig Bauern hängen lassen sollen, gleichviel, ob unter ihnen der Täter war oder nicht?« Kajus faßte unwillkürlich mit der Hand nach seinem Degen; aber er ließ sie wieder sinken. »Ihr seid ein älterer Herr, Herr Reichsrat, sonst wollte ich Euch andere Antwort geben als jetzt. Wisset denn, daß Euer Sohn sein Ende verdient hatte, und daß 192 ich nimmer einen schuldlosen Bauern seinetwegen gehängt haben würde!« »Elendes Halbblut!« zischte Herr Rosenkranz. Dem Junker stieg das Blut zu Kopf. Er trat auf den Reichsrat zu und sah ihm fest in die Augen. »Auf Fehmarn hängten die Bauern einen Herrn, der mit den Schweden auf die Insel gekommen war. Er führte Schreiben mit sich, in denen auch Euer Name steht. Hütet Euch, Herr Rosenkranz!« Er verließ das Vorgemach, und der vornehme Herr sah ihm mit fahlen Lippen nach. »Meinte er Zoppelow?« flüsterte er vor sich hin; dann sank er in einen Stuhl und brütete finster vor sich hin. Oben auf dem Verdeck ging es lustig zu. Dort saßen die Junker zusammen und machten ihre Späße, überschütteten Kajus mit Neckereien, daß ein Weib ihn an Bord gebracht hatte, und fragten ihn, ob sie sein Herz auch wieder mit nach Fehmarn genommen hätte. Die jungen Herren waren, einem königlichen Befehle folgend, erst seit einigen Tagen auf dem Schiffe, und das Leben auf dem Wasser schien ihre Herzen fröhlich zu machen. Kajus setzte sich neben seine beiden besten Freunde, den Junker Krogh und den Junker Brockdorff, die ihm die neuesten Nachrichten von Schloß Rosenburg bringen sollten, doch beide waren so begierig, von ihm zu hören, daß er ihnen erst umständlich seine Abenteuer erzählen mußte. Gosche Kroghs Augen leuchteten zornig, als er von der kleinen Zahl derer hörte, die die Insel hatten verteidigen müssen. »Es ist eine Schande,« rief er, sich aufs Knie 193 schlagend, »daß nicht mehr Junker mit dir gehen durften. Was sollten wir alle untätig in Kopenhagen? Ei, es wäre ein lustiger Waffentanz auf Fehmarn geworden!« Gosche warf spielend einen schöngearbeiteten Dolch in die Luft und fing ihn wieder auf, während Henning Brockdorff seinen weichen Filzhut vom Kopfe nahm und bedächtig die goldene Schnalle an ihm löste und in die Tasche steckte. Sein gutmütiges Gesicht war nachdenklich geworden. »Der Waffentanz wird auch für uns kommen, Freund Gosche,« sagte er, »und wer weiß, wie lange wir uns noch des schönen Sonnenlichtes erfreuen werden!« Krogh sah den kleinen Junker verwundert an. »Henning Brockdorff ist ein Kopfhänger geworden!« rief er lustig. »Ich freue mich meines Lebens, solange ich es habe; denke auch nicht mehr nach, als nötig!« »Euer weises Benehmen kann man nur loben!« schnarrte plötzlich eine Stimme neben ihnen. Sie kam vom Junker Geerd von der Wisch, von dem man sagte, daß er der Zuträger der Gräfin Eleonore wäre, und dem jeder Junker auswich. Er hatte nur einen Freund, das war Klemens Rungholt, und seitdem man dies erfahren hatte, gingen die Junker auch ihm aus dem Wege. Seit Kajus dem holsteinischen Junker einen Schlag gab, hatte er kein Wort mehr mit ihm gewechselt und sah jetzt hochmütig in das sommersprossige Gesicht des von der Wisch, der sich jedoch mit katzengleicher Freundlichkeit zu Kajus wandte. 194 »Erlaubt auch mir, Euch meinen Glückwunsch zu sagen. Fortuna muß Euch besonders hold sein, daß sie Euch den Scharen der Feinde entkommen ließ!« In seinem Ton lag versteckter Hohn. Kajus erhob sich langsam und schob seine breite Gestalt dicht vor die des Sprechers. »Fortuna ist mir nicht immer hold,« sagte er dann, jedes seiner Worte betonend. »Ich halte es für ein Unglück, mit einem Feigling wie Euch zusammen zu sein!« Von der Wisch wurde blaß und trat einen Schritt zurück, während ein tückischer Blick aus seinen Augen schoß. »Ihr seid unvorsichtig, Herr Rungholt, mir einen Namen zu geben, den Ihr für Euch behalten könnt. Eure Flucht von der Insel kann ein jeder nach seinem Wohlgefallen deuten!« Langsam zog Kajus den schweren Handschuh von seiner Rechten und schlug mit ihm mehrere Male in des andern Gesicht. »Dies ist meine Antwort!« rief er stolz und verächtlich. Der Junker Wisch stieß einen Wutschrei aus und legte die Hand an den Degen; aber er zog die Waffe nicht aus der Scheide, sondern stand bewegungslos und zitterte am ganzen Leibe. Die andern jungen Herren standen auf und stellten sich schweigend um die Streitenden; nur Henning Brockdorff rief halblaut: »Der Degen des Junkers scheint in der Scheide eingerostet!« Geerd von der Wisch heftete seine haßerfüllten Augen auf den Sprecher. 195 »Mein Stahl ist zu blank, um ihn mit dem Blute eines Halbblutritters zu beflecken!« Lautes Geschrei antwortete seinen Worten. »Schäme dich!« riefen mehrere Stimmen, und Henning Brockdorff fügte drohend hinzu: »Wenn Ihr den Vorwurf eines Feiglings und den Schlag ins Gesicht auf Euch sitzen lasset, so wird kein ehrlicher Edelmann Euch jemals wieder die Hand bieten, und der Vorstand unserer Ritterschaft soll Euer Benehmen nur zu bald erfahren!« Der Junker Wisch sah ein, daß ihm ferneres Ausweichen nicht mehr nützte. Finster drohend schüttelte er die Faust gegen Kajus, der die Arme übereinanderschlug und mit spöttischem Lächeln seinen feigen Gegner betrachtete. »Ich werde mit Euch den Degen kreuzen und Euch zeigen, wie ein holsteinischer Edelmann fremde Eindringlinge straft!« rief Wisch, noch bleicher werdend; »aber nicht hier,« setzte er hastig hinzu, als er bemerkte, daß die Junker einen Kreis um Kajus und ihn bildeten, »nicht hier. Wenn wir wieder nach Kopenhagen kommen, will ich dem Junker meinen Degen durch den Leib stoßen!« Kopfschüttelnd sahen sich die Herren an. So sprach einer, der ein Edelmann sein wollte? Während Kajus sich wieder achselzuckend an seinen Platz begab, flüsterten mehrere Junker lebhaft miteinander. Endlich trat einer von ihnen, ein Norweger, auf den von der Wisch zu. »Werter Herr,« sagte er in seinem singenden Dänisch, »ich bin beauftragt, Euch zu bitten, die Gesellschaft der Kavaliere mit Eurer Gegenwart zu 196 verschonen, bis Ihr durch einen Zweikampf mit Herrn Rungholt die Euch angetane Beschimpfung ehrenhaft zurückgewiesen habt!« Er trat mit steifer Verbeugung zurück, und Junker Wisch sah, wie seine Kameraden sich um den gehaßten Rungholt drängten, während er allein stand. Zähneknirschend und Verwünschungen ausstoßend wandte er sich endlich ab, um seinen Oheim, den mächtigen Reichsrat Rosenkranz, aufzusuchen und mit dem zu beraten, wie er sich am besten an allen rächen könnte. Noch einen Tag kreuzte die dänische Flotte auf dem Wasser umher, ohne ihres Feindes ansichtig werden zu können, aber am folgenden Morgen gab das Admiralschiff ›Die Patientia‹ ein Zeichen, welches die Nähe der Schweden ankündete. Eine Stunde später zählte Kajus zweiundvierzig Segel, die wie Schwäne über das Wasser dahinzogen und sich der dänischen Flotte schnell näherten. Er stand mit seinem Vater auf dem Hinterdeck der ›Dreifaltigkeit‹, die zum Gefecht klargemacht wurde. Der Freiherr, der eine Zeitlang auf dem Admiralschiff gewesen war, hatte erst heute einen Befehl des Königs erhalten, sich in seine Nähe zu begeben, und sah jetzt seinen Sohn wieder, von dem er längere Zeit nichts vernommen hatte. Der Sohn berichtete ausführlich von seinen Erlebnissen, und der Freiherr hörte ihm gespannt zu. Er sah stattlich und ernst aus, wie immer, nur manchmal flog ein kurzes Lächeln über sein verbranntes bärtiges Gesicht, und er nickte zufrieden, wenn das, was sein Sohn erzählte, ihm besonders zusagte. Aber nicht lange konnte er sich mit Kajus unterhalten; der König ließ ihn zu sich entbieten, 197 während der Junker seine Waffen untersuchte und seine Munitionstasche mit Pulver und Blei füllte. Da er seinen Diener auf Fehmarn hatte zurücklassen müssen, so war er auf sich selbst angewiesen. Während er, ein Liedchen vor sich hinsummend, das Schloß seiner Pistolen untersuchte, trat Henning Brockdorff zu ihm. Sein rosiges, unbekümmertes Gesicht trug heute einen auffallend ernsten Ausdruck. »Du bist guten Mutes, Kai,« sagte er, setzte sich auf einen Haufen zusammengerollter Stricke und stützte das Gesicht in die Hand. Beide Junker waren auf dem mittleren Deck, da Kajus, nachdem sein Vater gegangen, sofort das Hinterdeck verlassen hatte. Er putzte eifrig einen Rostfleck weg, der den eingelegten Schaft seiner Pistole verunzierte, und sah nur flüchtig auf. »Ich bin auch fröhlichen Herzens,« entgegnete er; »hat der Allmächtige mich nicht gnädig geführt? Zweimal schon sah ich dem Tode ins Auge, und beidemal habe ich nur leichte Blessuren davongetragen, und ich sage dir, Henning,« er legte seine Waffe nieder, »als ich im Boot bei der tollen Kathrin saß, da meinte ich, nicht lebendig über das Wasser zu kommen. Sie aber führte mich gut, und ich schäme mich jetzt meiner Furcht!« »Ist nicht vonnöten,« murmelte Henning. »Mit dem Teufel und seinen Hexen ist schlecht verkehren, und wenn auch der Zoppelow, wie du erzähltest, ganz niederträchtig an dem Mädchen handelte, so ist doch nicht gesagt, daß er allein die Schuld an ihrer Verstörtheit trägt. Der Teufel aber sucht sich oft die Weiber zu seiner Wohnung aus!« 198 Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wie um böse Gedanken zu verscheuchen, dann griff er in seine Tasche. »Ich habe noch eine Bitte an dich,« begann er zögernd, eine goldene Hutschnalle herausziehend, die im Sonnenschein funkelte. »Wenn ich fallen sollte, und ich glaub's beinahe, dann schicke diese Schnalle durch einen sichern Boten nach Holstein. Ich habe dort eine Base –«, er stockte, – »sie würde sich freuen, ein Andenken von mir zu besitzen.« »Gewiß werde ich deinen Auftrag ausrichten,« sagte Kajus, den Schmuck in die Hand nehmend. »Aber wie kommst du zu so ernsten Gedanken?« »Ich hatte einen Traum – und dann – ich weiß, Frau Uhlfeld will mir nicht wohl!« entgegnete Henning. »Trifft mich heute keine feindliche Kugel, so kommt's auf andere Weise. Sie steht mit dem Bösen im Bunde!« Sein gutes junges Gesicht war blaß geworden, und er sah sich ängstlich um. Kajus suchte ihm die Sorgen auszureden, aber es gelang ihm nicht. Der Holsteiner beharrte darauf, daß ihm Übles passieren würde und daß Frau Uhlfeld die Hand dabei im Spiele hätte. »Sie tut Böses, wo sie nur kann!« setzte er ingrimmig hinzu. »Auch mein Verderben hat sie gewollt,« entgegnete Kajus, »aber es ist anders gekommen, als sie dachte. Vielleicht läßt sie sich jetzt durch meiner Gude Fürsprache erweichen.« Brockdorff sah den Sprecher mitleidig an. »Die Herzen der Weiber drehen sich oft nach 199 dem Winde, wie der Hahn auf der Kirchturmspitze!« meinte er zögernd, und Kajus lachte. »Oft magst du recht haben, aber das Herz meiner Gude ist kein Wetterhahn. Sie gedenkt meiner in Liebe und Sehnen!« Er zog ein Päckchen mit goldenen Haaren aus seinem Wams und küßte es andächtig. Brockdorff schüttelte den Kopf, aber er sagte nichts weiter. »Vergiß meine goldene Schnalle nicht!« sagte er nach einiger Zeit. »Sie ist ganz hübsch mit Perlen besetzt, und eine Jungfrau kann sie wohl tragen. Ich hätte ihr gerne mehr Kleinodien geschickt,« fügte er gleichsam entschuldigend hinzu, »aber ich habe nie viel Tand gehabt. Dies ist mein schönstes Stück. Du kannst ihr auch sagen, daß ich ihrer heute immer gedacht habe! Du weißt, in Rosenburg gefiel mir einst das Fräulein Ingeborg sehr gut, und es mag schon sein, daß ich die blonde Agnete eine Zeitlang vergessen habe; aber das mußt du ihr nicht erzählen!« Kajus versprach alles, um den aufgeregten Junker zu beruhigen, erhielt auch ein Papier von ihm, auf dem der volle Name seiner Base geschrieben stand, und dann wurde er von ihm getrennt. Der Admiral Wind wies jedem der Junker seinen bestimmten Platz an, und nach wenigen Stunden begann die Seeschlacht auf der Kolberger Heide, am 3. Juli 1644. Es war ein heißer Kampf; aber nach vielen Stunden blutigen Ringens konnte die wackere dänische Flotte sagen, daß sie gesiegt hatte. Mit zerschossenen Segeln und zerbrochenen Masten eilten die Schweden, 200 um aus der Nähe des Feindes zu kommen, der zu sehr gelitten hatte, um an eine Verfolgung zu denken. Die Sonne versank als glühendrote Scheibe im Meer. Sie schien auf eine ruhige See, auf verkohlte Schiffstrümmer, zerschossene Planken und Masten, auf Leichen und Blut. König Christian lag ausgestreckt auf seinem Ruhebette in der Kajüte. Blutige Tücher bedeckten sein Gesicht und seinen Oberkörper; er hatte durch einen Holzsplitter sein rechtes Auge verloren und noch eine schwere Wunde an der Schulter davongetragen. Aber er schien seine Schmerzen nicht zu empfinden. Mit stolzem Lächeln hörte er den Bericht des Admirals Galthe über den Gang der Schlacht an und schob ungeduldig die Hand des Leibarztes zurück, der ihm einen kühlen Trunk bot. »Sprecht zu Ende, Herr Galthe!« rief er hastig. »Ich werde nicht eher Ruhe haben, bis ich alles genau erfahren. Also sechsundvierzig Schiffe, sagt Ihr, hatte der Schwede? Nun, so übertraf ihre Zahl die unsrige um sechs! Und meint Ihr, daß die Feinde viel Verluste an Mannschaft erlitten haben?« Der Admiral entgegnete, daß auf beiden Seiten viel edles Blut geflossen wäre, und Christian seufzte. »Meinen braven Admiral Wind sah ich mit eigenen Augen fallen; er war ein guter Seemann und verstand ein Schiff zu führen! Ihr versteht nicht halb so gut das Seegewerbe als er, und Ihr müßt Euch Mühe geben, seinen Platz auszufüllen!« Der alte Admiral senkte demütig den Kopf und murmelte, daß Seine Majestät mit ihm zufrieden sein solle. 201 »Der Freiherr von Rungholt soll auch gefallen sein, und die zwei Uhlfelds,« fuhr der König fort. »Sie sind die Brüder des Reichshofmeisters, und Herr Korfiz wird sie tief betrauern. Auch ich will ihnen ein treues Angedenken bewahren, und Rungholts Sohn soll meine Gnade empfinden! War er es nicht, der mich in seinen Armen auffing, als ich vor dem Maste umsank? Bei meiner Seele, ich würde mit dem Allmächtigen nicht gehadert haben, wenn er mir mein Auge gelassen hätte. Doch sein Wille geschehe!« Er legte den Kopf wieder zurück, und auf einen Wink des Leibarztes verließ der Admiral auf den Fußspitzen das Gemach. Oben auf dem Verdeck war es still geworden. Leise flüsternd standen hier und da wohl einzelne Gruppen von Matrosen oder Soldaten zusammen und besprachen den Kampf, aber die Rücksicht auf den schwerverwundeten König hemmte jede Äußerung der Fröhlichkeit. Von einem oder dem anderen Schiffe klang gedämpfter Gesang über das Wasser, aber die meisten von ihnen lagen zu dicht neben dem königlichen Fahrzeug, um ihrer Siegesstimmung lauten Ausdruck zu geben. Auch waren überall die Verluste zu groß gewesen, um nicht, besonders in den Herzen der Befehlshaber, die laute Freude zu dämpfen. Dänemark konnte nicht mehr viele von diesen Siegen vertragen. Auf dem Vorderdeck der ›Dreifaltigkeit‹ lagen die Leichen derer, die mit ihrem Leben den Sieg bezahlt hatten. Es war eine stattliche Reihe, und starr und tränenlos sah Kajus Rungholt auf das ernste Gesicht seines Vaters, der neben dem Admiral Wind 202 ausgestreckt lag. Er beugte sich nieder, um die erkalteten Finger, die noch den Degengriff umfaßt hielten, zu lösen und die Hände des Freiherrn über der Brust zu falten, dann schritt er weiter, um vor Henning Brockdorff stehen zu bleiben, dessen Ahnung ihn nicht betrogen hatte. Dunkel geronnenes Blut an der Halskrause zeigte, wo ihn die tödliche Kugel traf. Sein Gesicht trug einen heiteren Ausdruck; der Engel des Todes mußte gelächelt haben, als er seine Fittiche über ihn breitete. Auch ihm faltete Kajus die Hände. Ein Windstoß fuhr über das Deck, und die blonden, krausen Haare des Toten bewegten sich. Einen Augenblick zögerte Kajus, dann schnitt er mit seinem Dolchmesser eine Haarlocke von dem blassen Haupte und legte sie zu der goldenen Schnalle. Auch Gosche Krogh lag auf dem Verdeck, mit trotzig zusammengepreßten Lippen und einer tiefen Falte zwischen den dunklen Augenbrauen, und so fand Kajus noch manchen Genossen seiner Jugend. Sie waren alle einen tapferen Soldatentod gestorben, und des Junkers Blick verschleierte sich, als er daran dachte, wie einsam sie ihn zurückließen. Ihm war nur eine geblieben in der großen, kalten Welt: es war Gude; an sie gedachte er in seiner Trauer, als er im weißen Mondlicht die Totenwache hielt bei seinem Vater und bei seinen liebsten Freunden. Als am nächsten Tage die Sonne im Mittag stand, ward Kajus zu dem Könige befohlen, der eine gute Nacht verbracht hatte und sich trotz der Abmahnungen der Ärzte mit seinen Regierungssorgen beschäftigte und bereits neue Pläne zu einer zweiten Seeschlacht faßte. – Er redete Rungholt sehr gnädig an, belobte 203 ihn wegen seiner in der Schlacht bewiesenen Tapferkeit, sprach ehrende Worte über den Freiherrn und versprach dem jungen Manne, stets der ihm vom Vater geleisteten Dienste eingedenk sein zu wollen. »Und nun, mein lieber Freiherr,« fuhr der Monarch fort, »will ich Euch eine Zeitlang des Kriegsgetümmels entbinden und Euch ein anderes Amt auftragen. Mein Geheimschreiber wird Euch das Nähere mitteilen über den Inhalt des Briefes, den Ihr Seiner Durchlaucht dem Herzog Friedrich von Schleswig zu übergeben habt. Führt Eure Sache gut, und Euer König wird Euch hoch ehren!« Ohne eine Antwort abzuwarten, winkte der König huldreich, und der erstaunte Kajus mußte sich zurückziehen. Er hatte gehofft, in wenigen Tagen Kopenhagen wieder zu erreichen und seine geliebte Gude, nach der sein Sehnen stand, wiedersehen zu dürfen; jetzt verwendete ihn Christian zu einer diplomatischen Mission! Er begriff wohl, daß solche Sendung ehrenvoll war, aber sie konnte ihn nicht erfreuen, und der Zug stiller Trauer wich auch nicht aus seinem Gesichte, als der Admiral Galthe zu ihm trat und ihn glücklich pries, das Vertrauen seines königlichen Herrn zu besitzen. Während er noch nachdenklich im Vorgemach stand, kam der Reichsrat Rosenkranz auf ihn zu und begrüßte ihn mit Artigkeit. »Wenn ich Euch recht verstand, edler Herr,« sagte er, während er seine Stimme dämpfte und sich vorsichtig umsah, »so wollt Ihr ein Schreiben entdeckt haben, in dem mein Name genannt wird. Könnt Ihr mir nicht angeben, welcher Art dieses Schreiben ist und wie Ihr zu dessen Kenntnis gelangtet?« 204 Ängstlich sah er Kajus an. Dieser zuckte die Achseln. »Es sind mehrere Papiere in meinem Besitz, deren Inhalt ich noch nicht erforschen konnte, da mir die Ruhe zum Lesen fehlte!« »Und diese Papiere wurden einem schwedischen Spion abgenommen?« fragte Herr Rosenkranz lauernd. Kajus machte eine bejahende Gebärde, und der Reichsrat wechselte einen Augenblick die Farbe, lächelte aber sogleich wieder verbindlich. »Wollt Ihr mir nicht die Briefe anvertrauen?« sagte er dann leichten Tones. »Ich werde sie Euch gut aufheben, und ich kann Euch dann auch sofort überzeugen, daß, wie auch mein Name genannt sein möge, derselbe stets nur bestrebt gewesen ist, Seiner Majestät zu dienen.« Kajus hatte nur flüchtig die Ledertasche durchgesehen, die Zoppelow abgenommen war. Nun begriff er, von welcher Wichtigkeit diese Briefschaften für den Reichsrat sein mußten, daß er sich herabließ, seinen Groll gegen den jungen Freiherrn zu verbergen und ihn um einen Dienst zu bitten, dessen Tragweite Kajus selbst gar nicht verstand. Es war ihm anfänglich nicht eingefallen, daß Zoppelows Briefe Wert für ihn haben konnten, und nur zufällig hatte er einen davon gelesen. Er war in dänischer Sprache verfaßt und an einen hohen schwedischen Offizier gerichtet. Uhlfelds und Rosenkranz' Namen kamen öfters darin vor, allerdings nur in dunklen, umschriebenen Ausdrücken, und als Kajus dem Reichsrat mit dem Briefe drohte, hatte er nur eine unbestimmte Ahnung, daß dieser mit dem Feinde 205 in geheimnisvollem Einvernehmen stehen könnte. Diese Ahnung ward ihm jetzt zur Gewißheit. »Erst nachdem ich die Briefe genau geprüft habe, werde ich mich entscheiden, ob ich sie selbst behalten oder Seiner Majestät vorlegen werde,« entgegnete er mit Festigkeit. Herr Rosenkranz biß sich auf die Lippe, aber er gab den Versuch noch nicht auf. »Seine Majestät muß nicht mit solchen Sachen behelligt werden!« rief er hastig. »Außerdem darf er lange Zeit nicht lesen noch schreiben, und einem Schreiber werdet Ihr doch diese Papiere, die nur für mich von Wichtigkeit sind, nicht anvertrauen? Es sind Familienpapiere,« setzte er nach kurzem Besinnen hinzu, »und wenn einem jungen, lebenslustigen Herrn mit Geld gedient ist –«. Er fuhr erschreckt zusammen, denn Kajus schlug an den Degen, daß es klirrte, und verließ das Gemach, ohne den stolzen Herrn einer Antwort zu würdigen. Mit einem bösen Blicke sah Herr Rosenkranz ihm nach. Noch am Abend desselben Tages landete Kajus an der holsteinischen Küste, von zwei Dienern seines verstorbenen Vaters begleitet. Er trug ein königliches Schreiben wohlverwahrt an seinem Körper, um dasselbe persönlich in die Hände des Herzogs von Gottorp zu legen. Ehe er von der ›Dreifaltigkeit‹ fuhr, hatte er einen langen Bericht seiner Erlebnisse und der Trauer, die ihn betroffen, an seine geliebte Gude geschrieben und diesen Brief einem zuverlässigen Hofkavalier anvertraut, der mit Briefschaften nach Seeland ging. Auf demselben kleinen Kriegsfahrzeug, 206 das dem Boten des Königs diente, waren außer dem Kavalier noch der Reichsrat Rosenkranz und sein Neffe, der Junker von der Wisch. Beide hatten bei Seiner Majestät Urlaub erbeten und erhalten. XVI. Es war ein glühendheißer Tag Ende des Julimonates. Die engen Straßen Kopenhagens waren wie ausgestorben, und nur, wo der Wind vom Wasser her Kühlung brachte, sah man noch einiges Leben. Im Schatten der Häuser saßen einige Frauen, die Näharbeit oder den Strickstrumpf in der Hand; aber nur langsam wurde das Werk gefördert, und selbst die Lippen bewegten sich nicht so eifrig, wie es sonst wohl der Fall war. »Es ist eine böse Zeit!« seufzte die dicke Frau des Bäckermeisters Otzen und wischte sich mit der blauen Leinenschürze den Schweiß von der Stirn. »In den Straßen ist's so heiß wie im Backofen, und der Backofen ist das kühlste Plätzchen im Hause heutzutage. Die großen Herren, für die es so manchen Topfkuchen und täglich weißes Brot zu backen gab, sind auf dem Wasser und müssen altes Schwarzbrot essen. Oder sie sind in Holstein und geben den fremden Leuten etwas zu verdienen, oder sie sind tot!« Sie stöhnte laut bei diesen Worten, während ihre Nachbarin, zu der sie gesprochen wurden, gleichfalls einen tiefen Seufzer ausstieß. »Du hast recht, Nachbarin Otzen; seit dieser Krieg ausgebrochen ist, den der Teufel uns einbrockte, seitdem ist Kopenhagen eine arme Stadt. Es gibt keinen 207 Verdienst mehr und kein Vergnügen! Wohl zehn Paar Stiefel täglich hat mein Peter manchmal abliefern müssen, und ich habe schöne Spitzen darum gesetzt, denn die Herren Junker waren eigen, und es konnte ihnen nicht schön genug sein. Manchmal haben sie meinem Peter die hohen Stiefel wieder ins Gesicht geworfen, weil das Leder nicht blank war oder weil die Sohlen knarrten. Aber manchen harten Taler verdiente mein guter Mann, und das war die Hauptsache. Jetzt sitzt er müßig in der Werkstatt, die Gesellen sind weggeschickt, und kein Mensch hat ein Paar Schuhe nötig. Und mit dem Vergnügen ist es ebenfalls schlecht bestellt. Wie oft sahen wir sonst nicht den König und seine Herren durch die Straßen reiten, alle in bunten gestickten Röcken und mit Federhüten auf dem Kopfe! Und noch voriges Jahr wurde auf dem Neumarkt die Hexe verbrannt. Das war ein Gedränge, und die schöngeputzten Leute in den Fenstern lachten, als der Karren vorbeikam, auf dem die Person saß! Sie hatte rote, struppige Haare und kleine grüne Triefaugen, und jedermann konnte sogleich sehen, daß sie mit dem Teufel zusammen viel Böses getan hatte!« Die Schustersfrau schwieg erschöpft von ihrer langen Rede, lehnte sich auf dem Steinsitz zurück und strich die Falten ihres gestreiften Rockes glatt, während die andere bedächtig mit dem Kopfe nickte. »Ja, ja, Nachbarin Madsen,« erwiderte sie, »das Schauspiel mit der Hexe war wohl sehenswert, obgleich mir der Rauch vom Feuer in den Hals schlug, so daß er von innen dick anschwoll und ich zu ersticken meinte. Es wird wohl der Böse gewesen sein, der 208 seinen Schabernack mit den Frommen zu treiben versucht. Auch sehe ich lieber, wenn der Henker im roten Rock einem Missetäter den Kopf mit dem Schwerte abschlägt und ihn dann hoch in die Luft hebt. Daher freue ich mich auf nächsten Freitag, wo der vornehme Herr Galthe geköpft werden soll. Einen so feinen Kavalier habe ich noch niemals sterben sehen.« »Der Herr Galthe?« wiederholte Frau Madsen, die Hände zusammenschlagend. »Ei du meine Güte, was hat denn der getan, daß er sterben muß? Noch im Monat Mai hat mein Peter zwei Paar Stiefel für ihn machen müssen; ein Paar war mit rotem Saffian gar zierlich ausgenäht, und an dem andern nähte ich mit eigener Hand goldene Borten an die Schäfte. Und bezahlt hat er sie auch!« »Er hat uns niemals Kundschaft gegeben,« sagte Frau Otzen gleichmütig. »Es wird gewiß viel Volk am Rathaus sein, wo das Gerüst stehen soll, und ich will zu rechter Zeit hingehen, um einen guten Platz zu finden.« »Lieber Gott, ich hätte gar nicht geglaubt, daß der Herr Galthe ein Missetäter wäre!« rief Frau Madsen wieder. »Er war ein freundlicher alter Herr und ein großer Admiral. Was hat er doch verbrochen?« Frau Otzen schloß gelangweilt die Augen. »König Christian wird's wissen. Er hat ihn hierhergeschickt, damit er gerichtet würde, und sein Todesurteil ist schon unterschrieben. Mein Bruder Bartel hat das Gerüst aufzuschlagen. Doch seht – da kommen vornehme Herren und Damen!« Ehe die dicke Frau zu Ende sprach, erhob sie sich, 209 so schnell es ihre Körperfülle erlaubte, und Frau Madsen tat das gleiche. Langsam kam eine kleine Reiterschar die Straße herauf. Sie mochten von einem Jagdritt heimkommen, denn müde ließen die edlen Rosse die Köpfe hängen, und vier Bracken folgten ihnen mit weit heraushängender Zunge. Allen voran ritt Herr Uhlfeld mit seiner Gemahlin, und die zwei Bürgerfrauen knicksten ehrerbietig, als der gebietende Blick des Reichshofmeisters sie flüchtig streifte. Er grüßte herablassend mit der Hand und lächelte freundlich, als ein etwa sechsjähriger Bube in lautes Freudengeschrei beim Anblick seines reichgeschirrten Pferdes ausbrach und mit ausgestreckten Armen auf den stolzen Reiter zulief. Vorsichtig zügelte Herr Uhlfeld seinen schwarzen Hengst, daß er den kleinen dreisten Burschen nicht verletzte, und gab diesem einen leichten Schlag mit der Reitgerte, daß er erschreckt innehielt. »Wenn du groß bist und ein tapferer Reitersmann werden willst, dann komme zu mir!« lachte er dem Kleinen im Weiterreiten zu, und seine Mutter, Frau Otzen, knickste noch einmal, strahlend vor Freude über die Leutseligkeit des vornehmen Herrn. Frau Eleonore beachtete diese kleine Szene nicht. Sie ritt in tiefe Gedanken versunken und sah nicht, wie die Leute aus den Häusern kamen, um sie zu grüßen. Nur als ein Bettelweib sich ihr in den Weg warf und mit lauter Stimme ihre Barmherzigkeit anflehte, winkte sie dem Junker Rungholt, der dicht hinter ihr ritt, und dieser legte der Frau ein Silberstück in die Hand. Laut waren die Segenswünsche, die die Beschenkte auf das Haupt der hohen Geberin herabrief, 210 aber diese spornte ungeduldig ihr Pferd an, und bald war die stolze Kavalkade verschwunden. Frau Otzen stand noch immer vor ihrem Sitz und streichelte den blonden Kopf des Knaben, mit dem der Reichshofmeister gesprochen hatte. »Du bist ein mutiges Bürschchen, mein Andres,« sagte sie voll mütterlicher Freude, »und Herr Uhlfeld ist ein lieber, schöner Herr, fast so hoch wie der König. Er wird einen großen Mann aus dir machen!« Die Nachbarin hatte sich wieder gesetzt und sah neidisch zu der anderen herüber. »Er trug kleine Stiefel von russischem Leder, die ihm durchaus nicht gut saßen,« bemerkte sie. Frau Otzen lächelte spöttisch. »Kein edler Herr versteht sich so zu kleiden, wie der Reichshofmeister. Sahst du nicht, daß sein Wams von dunkelgrünem Samt war, reich mit Gold gestickt, und daß er einen kostbaren Spitzentragen trug, der wohl viele hundert Taler wert ist? Und nun erst Frau Uhlfeld! Wie schillerte ihr hellgrünes Kleid in der Sonne, und an den Federn des Hutes funkelten edle Steine! Ich habe den anderen vornehmen Herrschaften keinen Blick geschenkt, so mußte ich die Uhlfelds bewundern. Gott erhalte sie dem Lande zum Segen!« Die vorher so redselige Frau Madsen war still geworden und schüttelte den Kopf. »Mir will Frau Eleonore nicht mehr gefallen. Früher ritt sie holdselig grüßend durch die Straßen, jetzt sieht sie keinen mehr an. Sahst du denn nicht den zierlichen Junker, dicht hinter der Frau Gräfin? Die Stiefel mit hohen gestickten Schäften, die so hübsch sein Bein umschlossen, hat er von meinem Peter 211 gekauft, aber sie sind noch nicht bezahlt. Neben ihm ritt das Fräulein von Thienen aus Holstein. Die Muhme meiner Schwägerin, Knudine, ist Mädchen bei ihr, und das edle Fräulein hat sie noch niemals geschlagen!« Die Bäckerfrau nahm ihren Platz wieder ein. »Ich sah niemand anders als den Herrn Uhlfeld und sein schönes Gemahl. Möge der Himmel sie segnen!« – Unterdessen ritt der Reichshofmeister mit seiner Gemahlin und dem kleinen Gefolge noch durch mehrere Straßen Kopenhagens, bis die Pferde endlich in den schattigen Rosenburger Park einbogen. Als sie vor dem Portal des Schlosses hielten, half Korfiz Uhlfeld seiner Gemahlin vom Pferde und führte sie an seinem Arm in ihr Gemach. Dort berührte er flüchtig ihre Stirn mit seinen Lippen. »Mein teures Lieb darf nicht so düster aus ihren schönen Augen blicken!« sagte er halb scherzend. »Das Volk von Kopenhagen wird sonst denken, daß seine edle Königstochter ein trauriges Leben führt und daß Korfiz Uhlfeld nicht versteht, sein Weib glücklich zu machen.« Die schöne Frau legte beide Arme um den Hals ihres Gatten. »Ach, Geliebter,« flüsterte sie, sich an ihn schmiegend, »bin ich nicht seliger in deinem Besitz, als jemals nur ein fürstliches Weib war? Liebe ich dich nicht mehr als mein Leben? Aber es gibt Stunden, wo die Sorge mir am Herzen nagt und wo düstere Gedanken mir kommen!« Herr Uhlfeld lächelte. »Das ist die böse Politika, die nicht für 212 Weibergehirn paßt und die wie ein Gespenst dich verfolgt! Dein Blut ist zu heiß, um kaltblütig berechnen zu können, und ich tat unrecht, dich in alle Wirrsale der Staatskunst einzuweihen.« Er sprach gütig, doch das feine Ohr seiner Gemahlin empfand nur zu deutlich den leisen Tadel in seinen Worten. »Ich will mich bessern,« sagte sie und neigte demütig das Haupt. »Ich will lernen, kalt und ruhig nachzudenken, und will freundlich lächeln, wenn mein Gebieter es verlangt!« Korfiz drückte sein geliebtes Weib zärtlich an sich. »Dein hoher Sinn wird bald erkennen, daß du am klügsten handelst, je mehr du deine Gedanken verbirgst. Wir müssen auf der Hut sein, denn nicht alles Volk ist uns hold, und mächtige Feinde neiden uns die königliche Gunst. Auf unserem Wege wird noch mancher Dorn uns die Haut ritzen, ehe wir die Rosen brechen dürfen. Sprachst du heute morgen mit dem Reichsrat Rosenkranz?« setzte er anderen Tones hinzu, zog seine Gemahlin auf eine Ruhebank und setzte sich neben sie. Zornig flammten die Augen Eleonorens. »Er führt Klage über Kajus Rungholt, den die bösen Mächte beschirmen und der es verstanden hat, dem Feinde zu entwischen. Nimmer dachte ich, daß er leben würde, und nun steht er in des Königs Gunst und weilt in wichtiger Sendung am Gottorper Hofe. Aber ich werde ihn verderben, denn er könnte uns gefährlich werden!« »Ruhig, Geliebte!« mahnte der Reichshofmeister. »Gewiß, nicht lange soll Herr Rungholt sich der Gunst 213 Seiner Königlichen Majestät erfreuen; aber wir müssen langsam und bedächtig einherschreiten. Dann ist der Vorteil uns gewisser. Auch Herr Rosenkranz ist nicht so vorsichtig, wie es sein Alter erheischt; er ist durch Rungholt in Angst versetzt, und doch weiß ich gewiß, daß dieser gute Junker mit Zoppelows Papieren nicht viel beginnen kann. Möge er dieselben dem Könige vorlegen, ich werde Sorge tragen, daß Seine Majestät mit meiner Erklärung sich begnügt! Lieb ist mir, daß Zoppelow am Galgen endete, er war ein lästiger Gesell und uns widerlich.« Eleonore faßte spielend die Hand des Gatten. »Ich weiß nicht, was ich denken soll. Manchmal ist mir, als hingest du an dem rauhen Junker, der noch kürzlich trockenen Tones mir sagte, nimmer würde er zu uns stehen!« Herr Uhlfeld zog die Stirn kraus. »Wäre Herr Rosenkranz nicht, der auf Rache drängt und den ich nicht beleidigen will, ich versuchte noch einmal, den Trotzkopf zu gewinnen. Denn er steht im Schutze einer höheren Macht, ist ein tapferer, frischer Gesell, hat blinden Gehorsam gezeigt und sich auf Fehmarn gut benommen. Sein Bruder dagegen ist listig, und krumme Wege sind ihm die liebsten.« »Klemens Rungholt ist ein treuer Diener,« fiel Eleonore ein, »der mehr blinden Gehorsam zeigen wird als der andere. Kajus gehorcht nur, wo er glaubt, daß der König befiehlt. Er ist ein Starrkopf, der uns schaden kann, während Klemens, wenn er den Edelhof erhält, ein brauchbares Werkzeug in meiner Hand bleiben wird.« Uhlfeld spielte nachlässig mit der goldenen Kette, 214 die auf seine Brust herabhing. Dann zuckte er gleichmütig die Achseln. »Sei es drum! Räume den älteren Rungholt aus dem Wege, wenn es dir richtig erscheint; doch gehe vorsichtig vor, daß man niemals einen Verdacht auf uns werfen kann. Laß andere für dich arbeiten, du aber leite sie mit sicherer Hand und tue mit dem Junker, was dir gut erscheint! Ich habe andere Gedanken, die mir den Kopf erfüllen.« Er zog bei diesen Worten einen schweren Kasten zu sich heran und begann, demselben Papiere zu entnehmen, die er durchsah und ordnete. Auch Frau Eleonore zog einen Stuhl an den Tisch heran, und bald waren beide Gatten in eifrigster Beratung über die politische Lage des Landes. Korfiz Uhlfeld und seine Gemahlin verrieten schon seit Jahren ihr Vaterland an die Schweden. Nicht aus Haß gegen Dänemark, sondern weil sie hofften, es mit schwedischer Hilfe regieren zu können. Der älteste Sohn Christians, der Erbprinz Christian, hatte noch immer eine schwache Gesundheit, und man glaubte, daß er bald sterben würde, während der zweite Prinz, Friedrich, ein hochmütiger, aber kluger Herr war, von dem der Reichshofmeister wußte, daß er ihn keine Stunde in seiner Stellung lassen würde, sobald er die Regierung antrat. Korfiz aber wollte regieren, geradeso wie seine Gemahlin, die sich für klüger hielt als ihre königlichen Brüder, und die einen unbegrenzten Ehrgeiz hatte. War sie nicht auch eine Königstochter, und ihre Mutter nicht aus dänischem altem Adel? War sie nicht ebenso edel geboren wie die Prinzen, die eine Prinzessin zur Mutter hatten? 215 Sie haßte ihre Stiefbrüder, und diese gaben ihr den Haß mit Zinsen zurück. Nicht mit Unrecht; denn sie handelte willkürlich mit dem Staatsschatz des Reiches und wußte den König zu bewegen, ihr mehr zu geben, als ihr und ihrem Gemahl zukam. Und der König war alt. Wenn er die Augen schloß, mußte schon alles bereit sein, um den Prinzen die Thronfolge zu nehmen und sie Korfiz zu geben. Die schwedischen Staatsmänner wollten dem Ehepaar behilflich sein, sie wollten dafür sorgen, daß Eleonore Königin würde; dafür mußte sie natürlich versprechen, einige Provinzen des dänischen Reiches, vor allem Schonen, den Schweden abzutreten. Daher sollte jetzt schon das dänische Reich geschwächt werden, daß keine Stände, kein Reichsrat sich gegen diese Abtretung wehrte. Deshalb wußten die Schweden immer, wo sie die Dänen angreifen konnten, Holstein und Schleswig wurden jämmerlich verwüstet; laut drangen die Klagen der armen Provinzen an den Königsthron, aber die Uhlfelds blieben kalt, sie dachten nur an ihr eigenes frevelhaftes Ziel. – Im unteren Geschoß des Schlosses stand der Junker Klemens Rungholt und schlug ungeduldig mit der Reitpeitsche auf seine Stiefel. Sein Gesicht war bleich und trug die Spuren innerer Unruhe. Neben ihm lehnte an der getäfelten Wand sein Freund und Genosse, Herr von der Wisch, aufmerksam einen Schmetterling betrachtend, den er auf eine Nadel gespießt hatte und dessen Flügel im Tode zuckten. »Ganz leise schlich ich herzu, als ich das Tier fangen wollte, und ehe er die Flügel hob, waren sie in meiner Faust,« sprach Geerd von der Wisch leise 216 vor sich hin. »Man muß nur die rechte Gelegenheit erspähen, dann geht es den Feinden wie dem Falter!« Der Schmetterling schlug noch einmal mit den Flügeln, von denen der Staub gestreift war, dann bewegte er sich nicht mehr, und Geerd nickte zufrieden. Klemens sah unsicheren Blickes zu dem Sprecher hinüber, dann trat er heftig mit dem Fuße auf, daß es auf den Steinfliesen hallte. »Was nützt mir dein toter Schmetterling? Ruhe will ich haben und Sicherheit, daß ich des Nachts wieder schlafen kann und daß, wenn ich die Augen schließe, nicht böse Bilder vor mir aufsteigen. Verflucht sei er, den ich so sicher verloren wähnte, und der jetzt durch des Königs Vertrauen geehrt wird!« Der Junker Wisch lachte über diesen Zornausbruch. »Auch ich habe eine Rechnung mit ihm zu begleichen,« sagte er höhnisch, »aber ich gehe nicht umher wie ein Rasender und schreie, daß es jedermann hören kann. Meine Rache geht langsam, aber sicher ist ihr Schritt!« Klemens schien seine Worte nicht zu beachten. »Und geschrieben hat er der Jungfrau Gude! Ein langer Brief war es; sie weinte beim Lesen und wollte ihn mir nicht geben. Aber er soll mir die Jungfrau nicht wieder nehmen, und wenn ich sein Herzblut fließen sehen müßte!« Jetzt brach der andere in lautes Lachen aus. »Rede doch nicht wie ein Kind! Kajus wird wiederkommen und sein holdes Bräutlein heimführen. Es ist auch lange, seitdem auf dem Edelhof ein Herr war, und manchen Beutel mit harten Talern wird der sparsame Freiherr seinem Ältesten hinterlassen 217 haben. Dann wird das Haus schön ausgeschmückt werden, und die junge Freifrau –« »Halt ein!« schrie Klemens und faßte Geerd bei der Schulter. »Glaubst du, ich würde ruhig dies alles dulden? Eher will ich sterben!« Der Junker Wisch öffnete seine Augen, als erstaune er über den Zorn seines Freundes. »Nur nicht so hitzig!« sagte er. »Gut Ding will Weile haben, und sterben kannst du immer noch. Laß deinen Bruder nur einige Jahre sich seines Glückes freuen, dann wird's ihm um so schwerer, wenn ein Unglück ihn erreichen sollte!« Er sprach begütigend, aber Klemens schüttelte den Kopf. »Er darf nicht wieder nach Kopenhagen kommen, er darf nicht noch einmal Gude umfangen! Sie liebt mich, sie hat es mir gestanden, aber wenn sie ihn wiedersieht, neigt sich ihr Herz vielleicht ihm wieder zu –« »Hundert Goldgulden schuldest du mir auch!« sagte Geerd trocken. Klemens biß sich auf die Lippen. Im festen Vertrauen darauf, daß er in nächster Zeit Herr von Holleby sein würde, hatte er beträchtliche Schulden gemacht, die er jetzt nicht bezahlen konnte. Es war ein Donnerschlag für ihn gewesen, als er erfuhr, daß Kajus gesund von Fehmarn entkommen wäre, und daß er auch die Seeschlacht unversehrt überstand. Eine grenzenlose Aufregung bemächtigte sich seiner, und Herr von der Wisch bemühte sich, sie nach Kräften zu steigern. Als Klemens noch immer nicht antwortete, gähnte 218 der holsteinische Junker und setzte sich auf ein hölzernes Bänkchen. »Es ist fast zu warm heute, um über unerfreuliche Geschichten zu verhandeln, aber du könntest mir doch noch einen Rat geben. Mein Oheim Rosenkranz ist sehr erzürnt auf Kajus, weil er sich ihm gegenüber ungebührlich betragen hat. Auch ich möchte noch ein Wörtchen mit ihm reden, ehe er wieder heimkehrt, weiß es aber nicht anzufangen. Du kannst dir denken, daß der Reichshofmeister mit allem zufrieden sein wird, was Herr Rosenkranz bestimmt, und daher brauchen wir nicht zu fürchten, daß er dem Oheim oder mir etwas in den Weg legt.« Klemens hörte gespannt zu; jetzt seufzte er ungeduldig. »Tue, was du willst. Ich fürchte nur, daß dein Arm nicht lang genug ist, den Buben, der sich meinen Bruder nennt, zu treffen!« Der Junker Wisch schien ihn nicht zu hören. »Wenn man Urlaub erlangen könnte, um nach Schleswig zu reisen! Zwischen Flensburg und der Stadt Schleswig breitet sich die Heide aus, und wer darüber reitet, der mag sich wohl vorsehen. Ich bin einmal mit meinem Vater zwei Tage lang über die Heide geritten, und er erzählte mir viele grausige Geschichten!« Klemens war unruhig hin und her gegangen. Nun blieb er stehen. Die Blicke beider Junker begegneten sich. »Du würdest mir also beistehen?« Junker Rungholt fragte leise und zögernd. Geerd kicherte zufrieden. 219 »Komm mit mir zu meinem Oheim!« rief er und zog den halb Widerstrebenden mit sich. »Der wird dir sagen, welcher Lohn deiner harrt, wenn –« Seine Stimme verlor sich in Flüstern, und langsam folgte Junker Rungholt dem voranschreitenden Freunde. Zwei Tage später hatte Kopenhagen ein großes Schauspiel. Der Vizeadmiral Galthe, der einen Teil der schwedischen Flotte aus dem Kieler Hafen hatte entkommen lassen, wohin diese nach der Schlacht auf der Kolberger Heide flüchtete, ward dieses Vergehens wegen öffentlich hingerichtet. König Christian war in dieser schweren Kriegszeit nicht milde gestimmt. Herrn Peter Galthe half weder seine große Bildung noch sein Alter, er mußte sterben, und das Volk von Kopenhagen war's zufrieden. Sah man doch, daß die Strenge des Königs auch die Großen nicht verschonte, und dann verlangten die Leute einmal wieder nach einer Augenweide. Und eine solche gab es. Nicht allein, daß die Straßen seit dem Morgengrauen mit Menschen gefüllt waren, auch die Häuser in der Nähe des Rathauses, vor dem die Exekution stattfinden sollte, nahmen unzählige Neugierige auf, und die endlos lange Reihe der Fenster im Rathause selbst diente dem Adel und den Angestellten des Hofes zum Aufenthalt. Geputzte Herren und Damen standen hier in großer Anzahl zusammen, plauderten und lachten miteinander. Frau Otzen und Frau Madsen, die gleichfalls ein gutes Plätzchen fanden, hatten Gelegenheit, köstliches Geschmeide, Brokat, Seide und Spitzen zu bewundern. Frau Madsen, deren Redefertigkeit sonst nicht 220 klein war, schien tief in Gedanken. Sie wunderte sich, daß alle die vornehmen Herrschaften so fröhlich scherzen und plaudern konnten, wenn doch einer der Ihren den Tod auf dem Schafott erleiden mußte, und dann war sie auch gespannt, ob Herr Galthe wohl die Stiefel auf seinem letzten Gange tragen würde, die ihr Peter ihm gemacht hatte. Inzwischen flüsterte Frau Otzen ihrer Begleiterin allerhand Bemerkungen ins Ohr. Bald hatte sie an dieser, bald an jener Dame etwas auszusetzen, bald begrüßte sie eine Gevatterin mit behaglichem Kopfnicken oder blickte eifrig zu dem mittleren Fenster des Rathauses empor, das mit rotem Tuch ausgeschlagen war und wo der Reichshofmeister mit seiner Gemahlin und seiner Begleitung sitzen sollte. König Christian, der das Bett noch nicht verlassen durfte, hatte seinen Schwiegersohn beauftragt, ihn zu vertreten. Endlich zeigte sich die hohe Gestalt des ersten Würdenträgers im Fenster, und das Volk begrüßte ihn lärmend. Besonders Frau Otzen konnte nicht aufhören, »Lang lebe Herr Uhlfeld!« zu rufen und dabei mit dem Tuche zu winken, und ihrem Beispiel folgte eine große Anzahl von Leuten, während es wieder andere gab, die leise murrten. Herr Korfiz entblößte sein Haupt und verneigte sich nach allen Seiten, dann leitete er mit großer Ehrfurcht seine Gemahlin auf einen etwas erhöhten Platz und setzte sich an ihre Seite. Neben und hinter ihnen standen verschiedene Kavaliere des Hofes und einige Edelfräulein. Auch Gude von Thienen und Klemens Rungholt waren unter ihnen. Erstere war bleich, 221 doch errötete sie jedesmal, wenn der Blick des Junkers sie traf. Teilnahmlos sah sie auf die bewegte Menschenmenge unter ihr, und als einige Trompetenstöße erklangen und ein feierlich geordneter Zug sich dem mit schwarzem Stoff behangenen Schafott näherte, da schloß sie schaudernd die Augen. Herr Peter Galthe benahm sich so, wie es einem Christen und Edelmanne auch in der unangenehmsten Lage geziemt. Er hörte mit gefalteten Händen und entblößten Hauptes das Todesurteil an, das ihm noch einmal vorgelesen wurde. Dann verneigte er sich vor dem Volke, dem er nie ein Leids zufügte, küßte die ihm vorgehaltene Bibel und stieg festen Schrittes die Stufen zu dem Block hinauf, wo der Henker ihn erwartete. Wenige Minuten später und ein Kanonenschuß verkündete, daß des Vizeadmirals Haupt gefallen wäre. Wieder schmetterten die Trompeten; ein Herold ermahnte die Leute, ruhig nach Hause zu gehen, und die Menge verlief sich langsam. »Es war zu kurz!« sagte Frau Otzen mißmutig zu ihrer Begleiterin. »Eigentlich verlohnt es sich nicht der Mühe, nur einen Menschen hinzurichten. Lieber Gott, es gibt doch so viele Missetäter, daß es nicht schwer sein müßte, drei oder vier, dem Admirale zur Gesellschaft, um einen Kopf kürzer zu machen!« Frau Madsen antwortete nicht. Sie schluchzte laut, denn Herr Galthe hatte wirklich ein Paar Stiefel an seinen Füßen getragen, die ihr Mann gearbeitet hatte, und dieser Umstand rührte sie so, daß sie noch weinte, als sie schon lange zu Haus war. Frau Uhlfeld folgte der Exekution mit geringer 222 Teilnahme. Ihr war Herr Galthe stets gleichgültig gewesen, und sein Geschick bekümmerte sie wenig. Jetzt, nachdem alles vorüber war, winkte sie dem Junker Rungholt mit den Augen. »Ihr habt ein Schreiben an mich gerichtet, in dem Ihr um Erlaubnis bittet, eine längere Reise zu machen; ich gebe Euch diese.« Klemens verneigte sich, und Frau Eleonore blickte ihn durchdringend an. »Auch der Junker Wisch hat mir dasselbe Gesuch mitgeteilt, und ich hoffe, daß die Herren stets und zu jeder Stunde das Wohl des Staates im Auge behalten werden. Der König straft schnell und schrecklich!« Sie deutete mit leichter Handbewegung auf das noch von Neugierigen umlagerte Gerüst. Dann wandte sie sich noch einmal dem jungen Rungholt zu, neben den sich auch Geerd von der Wisch gedrängt hatte, und grüßte vornehm. »Gehabt Euch wohl, Ihr Herren, und möget Ihr eine gute Verrichtung haben!« Ihre lange Brokatschleppe rauschte über den Fußboden, und sie ging hoch aufgerichtet auf ihren Gemahl zu, der ihr den Arm bot und sie hinausgeleitete. Die Räume des Rathauses leerten sich schnell, und bald trat auch Klemens Rungholt, begleitet von dem Junker Wisch, aus einer der vielen Türen des langgestreckten Gebäudes, das erst von Christian dem Vierten erbaut war. »Mein Oheim sagte mir schon, alle Dokumente, die wir bei dem Verräter finden würden, sollten wir ihm ungelesen abliefern,« flüsterte Geerd und sah mißmutig zu dem Schafott hinüber. »Der Teufel 223 ist mein Zeuge, daß ich mich um Staatsgeschäfte blutwenig bekümmere und auch gar nichts davon verstehe. Die stolze Gräfin hatte nicht nötig, mir zu drohen. Gott erhalte sie, aber manchmal ist sie sehr übler Laune. Als ich ihr gestern erzählte, der saubere Kajus hätte den Tod des armen Zoppelow auf dem Gewissen, sagte sie kurz, sie fühle kein Mitleid mit elenden Spionen und freue sich, das vertrunkene Gesicht des Mecklenburgers nicht mehr zu sehen. Sie ist unberechenbar wie alle Weiber!« Nachdem der Junker also seinem Herzen Luft machte und noch verschiedentlich ängstlich nach dem Platz sah, wo Herr Galthe eben enthauptet worden war, versank er in ein tiefes Sinnen, und auch Klemens sprach kein Wort. Eilig schritten beide dem Rosenburger Schlosse zu, und nachdem der von der Wisch sich am Eingange des Parkes von Klemens trennte, ging dieser einen schattigen Baumgang entlang, der zu einer Muschelgrotte führte. Dort blies ein pausbäckiger Triton einen Wasserstrahl in die Luft, und das Plätschern der niederfallenden Tropfen übertönte jedes Geflüster. Hier stand Gude von Thienen in einen Mantel gehüllt. Als sie den Junker kommen sah, trat sie ihm hastig näher und faßte ihn an beide Hände. »Ihr wollt fort?« rief sie und unterdrückte mühsam ein Schluchzen. »Ihr wollt mich verlassen? Keine Ahnung hatte ich von Eurem Vorhaben, bis die Gräfin Euch eben Urlaub gab!« Sie brach in leises Weinen aus, und der Junker umfaßte sie leidenschaftlich. »Ich muß Euch für eine Zeitlang verlassen,« 224 flüsterte er und bedeckte das Gesicht des Fräuleins mit Küssen. »Fraget mich nicht, wohin ich gehe, mein teuerstes Kleinod! Wenn ich wiederkehre, sollt Ihr die Meine werden!« »Hat die Gräfin Euch dies zugesagt?« fragte Gude, ihre Tränen trocknend. »O, so geht, geliebter Junker; aber kehrt bald zurück. Ich bin traurig ohne Euch, und böse Gedanken verfolgen mich!« »Fürchtet nichts!« beruhigte Klemens sie. »Meint Ihr, meine Liebe wäre so schwach wie die meines Bruders?« Gude schüttelte das blonde Haupt und seufzte tief. »Auch Kajus sprach sanfte Worte, als er mich verließ, und sein Brief ist voll von Liebe. Wüßte ich nicht aus des Junkers Wisch eigenem Munde, daß er eine Liebste auf Fehmarn hatte, die ihn sogar übers Wasser fuhr, ich könnte es kaum glauben. Auch ein Mörder soll er sein! Und er durfte meine Hand berühren!« Sie schauderte zusammen, während Klemens erbleichte. Dann führte er die Hand der Jungfrau an seine Lippen. »Sprecht nicht von meinem Bruder!« bat er. »Sein Name ist es nicht wert, von Euch genannt zu werden. Niemals hat er Euch geliebt, wie ich es tat von dem ersten Augenblick an, wo meine Augen Euch erblickten, und auch Ihr sagtet mir, daß Ihr dem feigen Verräter niemals Euer ganzes Herz geschenkt! Ist es nicht so?« Das Fräulein errötete tief. »Es ist so,« sagte sie dann leise. »Der Kajus ist so ruhig; Ihr seid feurig; er ist reich und geehrt, Ihr 225 seid arm; er hat mich vergessen, sobald er mich nicht mehr sah – Ihr –« sie stockte einen Augenblick, und ihre Blicke suchten die Augen des Junkers. »Ihr werdet mich stets lieben, nicht wahr?« fragte sie sanft. »Ihr werdet niemals etwas Unrechtes begehen, daß ich immer stolz sein kann auf Euch und nicht nötig habe, die Augen niederzuschlagen, wenn Euer Name genannt wird? Meine Liebe zu Euch ist so heiß, daß sie mich fast verzehrt; ich würde sterben, wenn Ihr mich verrietet!« »Niemals!« flüsterte Klemens. »Wohin geht Ihr?« fragte Gude nach einer Pause. »Ein geheimer Auftrag führt uns vielleicht nach Schleswig!« lautete die zögernde Antwort. Gude hob überrascht die Augen. »Nach Schleswig? Werdet Ihr Euren Bruder sehen?« »Schwerlich!« versetzte Klemens, ein Käferchen, das über seine Hand lief, mit hastiger Gebärde fortschleudernd. »Die Gräfin trug mir auf, ihm zu schreiben, daß ich ihn verachte!« rief Gude mit geröteten Wangen. »Ich tat es, und ich wünsche ihn nimmer wiederzusehen!« Noch eine heiße Umarmung, dann ging Klemens Rungholt, und Gude blieb allein. Jungfrau Gude hatte Kajus Rungholt die Treue gebrochen, und sie glaubte sich berechtigt dazu, da sie den frechen Verleumdungen des von der Wisch nur ein zu williges Ohr geliehen. War sie doch halb berauscht von der glühenden Liebe, die Klemens ihr entgegentrug, und dachte mit leiser Verachtung an den ernsten Junker. Kaum konnte sie begreifen, 226 daß sie ihm einst Gehör schenkte. Sie hatte sich in ihm getäuscht. Nur seine dunklen Augen wollten ihr nicht aus dem Sinn. Vorwurfsvoll sahen sie sie an, und auch in diesem Augenblick war es ihr, als sähe sie sein gutes, ernstes Gesicht vor sich. Zornig schlug sie mit einer Rose, die ihr Klemens gegeben, in die Luft. »Hinweg!« rief sie so laut, daß der Trabant, der am Portale des Schlosses stand, sie erstaunt anblickte. Aber sie beachtete ihn nicht und schritt flüchtigen Fußes an ihm vorüber. XVII. In dem geräumigen Hofe des Schlosses Gottorp standen mehrere Kavaliere. Sie mußten soeben vom Ballschlagen gekommen sein, denn sie trugen noch die nach unten hin breit ausgeschweiften, mit Leder überzogenen Stöcke in den Händen, und einer von ihnen, dem ein Ball an den Kopf geflogen war, rieb sich verdrießlich die Stirn. »Wenn ich morgen zum Ballfest nicht kommen kann, weil eine rote Beule aus meinem Kopf herauswächst, so seid Ihr daran schuld,« murrte er, zu einem schlanken Herrn gewendet, der leicht die Schultern hob. »Ich will Eure Stelle bei dem schönen Fräulein Rumohr vertreten, Herr von Ahlefeld,« sagte er spöttisch, »und ich hoffe, sie wird sich trösten.« Die anderen Herren lachten, und der arme Junker Ahlefeld schaute vergebens nach einem teilnehmenden Gesicht aus. »Tröste dich mit mir, Johann,« sagte ein anderer Junker. »Vor kurzem, als wir das Lanzenstechen hatten, warf mich der dänische Freiherr mit solcher 227 Gewalt aus dem Sattel, daß ich einen Tag im Bett liegen mußte.« »Er ist kein Däne,« warf der große Herr ein, der dem Junker Ahlefeld den Ball an die Stirn geworfen hatte. »Sein Vater ist ein Deutscher, und seine Mutter war eine Kieler Bürgerstochter!« »Seine hochfürstliche Durchlaucht haben ihn auch neulich gefragt, ob er nicht in schleswigsche Dienste treten wolle –«, fiel ein dritter Junker dem Sprecher ins Wort. »Was erwiderte er?« fragte dieser, während sein schmales Gesicht einen gespannten Ausdruck annahm. »Er verneigte sich, ohne ein Wort zu sprechen.« »Hm. Er würde gut tun, unseres gnädigen Herrn Anerbieten nicht zurückzuweisen. Mit dem Reiche Dänemark geht's zu Ende. Der König ist alt und krank, die Schweden kommen von allen Seiten, und in Kopenhagen regiert Uhlfeld mit seinem stolzen Weibe. Es werden üble Zeiten für alle kommen!« Der Junker, aus dem alten Geschlecht der Reventlow, hatte mit großer Bedächtigkeit gesprochen, und seine schnarrende Stimme klang weit über den Hof. »Sprich nicht so laut!« mahnte ihn sein Freund, der dicke Herr Pogwisch; »du weißt, daß es der Herzog nicht liebt, wenn wir über Politik sprechen!« »Schon gut,« sagte der andere ungeduldig, »Seine Durchlaucht kann mit unserem Gehorsam zufrieden sein!« Er wollte noch mehr hinzusetzen, als die Erscheinung eines reichgekleideten jungen Herrn seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. »Seid mir gegrüßt, werter Freiherr!« rief er, dem Näherkommenden einige Schritte 228 entgegentretend. »Wir haben Eure Anwesenheit beim Ballspiel schmerzlich vermißt. – Doch, was führt Euch zu dieser Stunde in solchem Putz hierher? Hat eines unserer Fräulein Euch so in die Augen gestochen, daß Ihr ihm eine Erklärung machen wollt? Wahrlich, ich muß Euren Schneider loben; der Schnitt Eures Rockes ist vorzüglich!« Kajus Rungholt lächelte flüchtig. »Dem Schneider könnt Ihr persönlich Euer Lob wiederholen, denn er wohnt hier in Schleswig und scheint sich nach mehr Kundschaft zu sehnen. Doch verzeiht, daß ich Euch eilig verlasse: Seine Durchlaucht erwartet mich!« »Ihr geht zum Herzog!« rief Reventlow überrascht. »Wisset Ihr, was er Euch mitteilen wird?« Die Stirn des jungen Abgesandten umwölkte sich. »Es ist meine Abschiedsaudienz!« erwiderte er, mit höflichem Gruße weitergehend, und schweigend blickten die andern ihm nach. »Schade, daß er uns verläßt!« sagte der Junker Pogwisch, »aber der Herzog hat ihn schon lange genug auf Antwort harren lassen.« »Wird er des Dänenkönigs Bitte um Beistand erfüllen?« fragte Ahlefeld. Der Gefragte lachte behaglich. »Sicherlich nicht, Junkerlein,« entgegnete er. »Nicht umsonst hat Seine Durchlaucht mit großen Opfern erlangt, daß die Schweden in sein Land nicht einfallen; er wird seine teuer erkaufte Neutralität nicht preisgeben wollen, und seine Untertanen danken ihm aufrichtig dafür.« Unterdessen hatte ein Page den Abgesandten des 229 Königs in das mit reichem Schnitzwerk versehene Betzimmer geführt, wo der Herzog Friedrich sehr häufig Audienz gab, und Kajus stand an einem der Fenster und blickte durch die kleingefaßten Scheiben auf die roten Dächer der Stadt Schleswig. Kajus Rungholt hatte nicht viel Zeit gehabt, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Nach mühevoller Reise durch Holstein, wo er fast den Feinden in die Hände gefallen wäre, hatte Herzog Friedrich ihn gnädig aufgenommen. Auch die schleswigschen Junker kamen ihm freundlich entgegen, und bald fühlte sich der junge Freiherr sehr wohl im Kreise gleichaltriger Genossen. Die Tage vergingen ihm schnell, und er würde sich zufrieden gegeben haben, wenn ihn nicht der Gedanke an seine Mission beunruhigt hätte. Dem Herzog Friedrich von Gottorp gehörte ein großer Teil von Schleswig und Holstein. Zwar war der König von Dänemark sein Lehnsherr; aber dafür zahlte der Herzog schon hohe Abgaben. Jetzt verlangte Christian, daß Friedrich ihm Hilfstruppen stellte, damit er weiter gegen die Schweden kämpfen könnte, und Kajus merkte deutlich, daß der Herzog diesem Verlangen nicht entsprechen würde. Bei längerem Verweilen in den herzoglichen Landen mußte Kajus sich klarmachen, daß er dem Fürsten diese Zurückhaltung nicht verargen konnte. Überall herrschte Wohlstand, der Handel blühte trotz der Kriegszeiten, und durch seine Geschäftsträger in Stockholm war es Friedrich gelungen, mit schweren Opfern seine Neutralität zu behaupten. Wenn er sich auf die Seite der Dänen stellte, würden die schwedischen 230 Truppen keine Rücksicht üben, und des Landes Reichtum wäre verwüstet worden. Heute nun sollte der Freiherr, nachdem er öfters bescheidentlich darum gebeten hatte, die Antwort des Herzogs empfangen, und obgleich der junge Mann sich keinen trügerischen Hoffnungen hingab, so klopfte doch sein Herz, als sich die Tür öffnete und der Fürst eintrat. Friedrich von Gottorp, aus dem königlichen Geschlechte der Oldenburger, war eine fürstliche Erscheinung, dessen feingeschnittene Züge den Ausdruck liebenswürdigen Wohlwollens trugen. Er grüßte den jungen Freiherrn mit gütiger Handbewegung und ließ sich dann in einen hohen, mit goldgepreßtem Leder überzogenen Lehnstuhl nieder. »Wollet mein Sitzen entschuldigen,« sagte er höflich, »aber ich spüre die Beschwerde des Alters, und lieb würde es mir sein, wenn auch Ihr, Herr von Rungholt, Euch setzen wolltet!« Kajus gehorchte der Aufforderung, während der Herzog mit den kostbaren Ringen an seinen schöngeformten Händen spielte. Er sah nachdenklich aus, und ein müder Zug legte sich über sein Gesicht, als er fortfuhr: »Ich weiß, Herr Freiherr, daß Ihr schon lange einem Bescheide auf den Brief Seiner Majestät entgegenseht, und auch ich würde denselben Euch mit Freuden schon eher erteilt haben, wenn ich meinem königlichen Vetter eine gute Antwort hätte geben können.« Er hielt inne und blickte vor sich nieder, während Kajus gespannt den Worten des Fürsten lauschte. 231 Friedrich lehnte sich jetzt zurück und sah den dänischen Abgesandten mit seinen klugen grauen Augen an. »Als Torstenson im Anfang des Jahres in Holstein einfiel,« fuhr er dann fort, »sandte ich einen Boten zu ihm und einen anderen nach Stockholm. Nach vielem Schreiben und Ansuchen gelang es mir endlich, für mein Land die Neutralität zu erlangen. Ihr könnt denken, daß der Schwede sich hat gut bezahlen lassen, aber was konnte ich tun? Sollte ich mein geliebtes Land zur Wüstenei werden lassen? Wollte ich, daß alle meine Mühe und Arbeit, die ich seit achtundzwanzig Jahren mit Freuden meinem Reiche widmete, vergebens waren? Seit sieben Monaten habe ich mein Herzogtum vor der Wut der Schweden bewahrt; neige ich mich jetzt auf die Seite der Dänen, so kann ich erleben, daß von meinem Schloß Gottorp nach wenigen Tagen kein Stein auf dem andern bleibt, und daß ich elend fliehen muß. Des Königs Majestät vermag seinen Freunden nicht viel Schutz zu gewähren!« Kajus wagte zu bemerken, daß, sobald sein königlicher Herr wiederhergestellt wäre, er sich mit erneuter Kraft verteidigen würde, und daß er eine ihm jetzt geleistete Hilfe fürstlich belohnen wollte. Der Herzog schüttelte unmerklich das leicht ergrauende Haupt. »Seine Majestät wird mich seiner allerhöchsten Gnade versichern, und damit muß ich mich begnügen. Ich kenne die Versprechungen der dänischen Krone; ich aber bin deutscher Reichsfürst und habe die Hand meines königlichen Oberherrn nur zu oft schwer empfunden!« 232 »Sofern Eure Durchlaucht einen besonderen Wunsch haben, wird mein gnädiger Herr ihn mit Freuden erfüllen!« versicherte Kajus, aber Friedrich zuckte die Achseln. »Er wird es doch nicht tun,« sagte er bedächtig, »und ich muß das Wohl meines Landes bedenken. Auch ist Seine Majestät alt – wer wird ihm folgen?« »Prinz Christian!« entgegnete Kajus ohne Zögern. »Der Prinz hat ein schweres Körperleiden!« »Sein rechtmäßiger Erbe ist alsdann Prinz Friedrich,« versetzte der junge Freiherr. »Und wo bleibt Korfiz Uhlfeld?« fragte der Herzog nach einer Pause. Kajus antwortete nicht. »Herr Freiherr,« sagte der Herzog ernst, »der schwache Geist der Menschen vermag nicht in die Zukunft zu blicken, und des Allmächtigen Wege sind unerforschlich, aber ich bin des Glaubens, daß das dänische Reich traurigen Tagen entgegensieht. Es schmerzt mich um des Königs willen; er ist ein tapferer Fürst, dem ich ein friedliches Ende gönnte, aber es tut nicht gut, wenn zu viele regieren wollen!« »Gebe Gott, daß Eure hochfürstliche Durchlaucht zu schwarz sehen!« bemerkte Kajus bekümmert. Der Fürst sah wohlwollend auf den jungen Mann. »Wie steht Ihr mit Eleonore Uhlfeld?« fragte er dann plötzlich. Der Freiherr konnte kaum sein Erstaunen über diese Frage verhehlen. »Ihre gräfliche Gnaden waren mir einstmals gewogen,« erwiderte er. Der Herzog lächelte. 233 »Also sie ist es nicht mehr? Dann werdet Ihr keine Zukunft am dänischen Hofe haben! Wenigstens nicht, solange Christian der Vierte lebt!« setzte er hinzu. »Und wer weiß, was dann geschieht. Es werden viele Fäden gesponnen, und sie sind vielleicht zu fein für Euch!« »Ich gedenke, nachdem ich mich meines Auftrags entledigt habe, auf mein Gut zu gehen, falls Seine Majestät es gestattet.« »Wenn König Christian die Augen geschlossen hat, würde ich Euch raten, Dänemark zu verlassen,« sagte Friedrich, prüfend den jungen Mann ansehend. Während dieser nach einer Antwort suchte, erhob sich der Herzog. »Mein Kanzler wird Euch das Antwortschreiben an meinen königlichen Herrn Vetter überreichen. Vermeldet ihm meinen ehrerbietigen Gruß und teilt ihm von dem, was ich sagte, mit, was Ihr für gut findet. Es ist nicht viel!« setzte er lächelnd hinzu. Darauf reichte der Fürst dem Freiherrn die Hand, die dieser voll Ehrfurcht an seine Lippen zog. »In Eurer Wohnung werdet Ihr ein kleines Angebinde finden, das ich Euch als Zeichen meiner Huld anzunehmen bitte. Und solltet Ihr einmal des Rates und der Hilfe bedürfen, so wendet Euch getrost an mich!« Der Herzog sprach die letzten Worte mit mehr Wärme, als ihm sonst eigen war; auch hing er noch seinen Gedanken nach, nachdem sich die Tür bereits hinter dem Freiherrn geschlossen hatte. »Er ist ein tapferer Kavalier,« murmelte er dann, »aber sein Sinn ist zu gerade und schlicht für die 234 krummen Pfade der Staatskunst. Der ist nichts für die stolze Eleonore und ihre feinen Ränke.« Als Kajus wieder auf dem Schloßplatze erschien, fand er den Junker Reventlow dort allein. Er richtete einige gleichgültige Worte an ihn, aber der schleswigsche Herr merkte gleich, daß der Freiherr verstimmt und enttäuscht war. »Seine Durchlaucht scheint Euch nicht viel Gutes gesagt zu haben,« bemerkte er leichthin, während er neben Kajus herging. »Er war ausnehmend gnädig,« erwiderte dieser, »aber auf die Bitte meines königlichen Herrn hat er kaum geantwortet, und – – –« »Ihr zieht mit leeren Händen ab,« fiel der andere ein. »Ja, ja, unser gnädigster Herr ist ein vorsichtiger Regent, und mancher Herrscher könnte von ihm lernen. Ich kann seine Weigerung, Euch zu helfen, nicht tadeln. Es sind schwere Zeiten, und die Fürsten haben viel zu leiden. Erfuhret Ihr, daß die Schweden die Hansburg bei Hadersleben in die Luft gesprengt haben? Seine Durchlaucht waren heute morgen höchlichst entsetzt!« »Gott vernichte diese gottlose Bande!« rief Kajus erregt. »Und lasse sie alle im Wasser ersaufen!« setzte Reventlow hinzu, dann faßte er Kajus unter den Arm, um ihn zu begleiten. Herr Reventlow war einer der hochmütigsten Kavaliere des Gottorper Hofes und zeigte zuerst dem jungen Freiherrn wenig Entgegenkommen. Nachdem er aber erfahren hatte, daß sein Vetter Henning Brockdorff der Freund von Rungholt gewesen war, wurde sein Benehmen weniger zurückhaltend. Kajus erzählte ihm viel von seinen 235 Erlebnissen, und beide junge Herren fanden Gefallen aneinander. Ihm vertraute Rungholt jene kleinen Andenken an, die von Henning Brockdorff stammten, denn die Jungfrau Agnete, der sie gebracht werden sollten, war ebenfalls mit Reventlow verwandt. In eifrigem Gespräch schritten beide Junker die holprige Straße, die in die Stadt Schleswig führte, hinauf, und Reventlow suchte nach besten Kräften den Freiherrn über den geringen Erfolg seiner Sendung zu trösten. Es gelang ihm nicht besonders, und als die Herren in Kajus' Wohnung angelangt waren, warf dieser mißmutig seinen Hut auf den Tisch und fluchte derb. Das unglückliche Gefecht bei Fehmarn betrübte ihn nicht so, wie der schlechte Ausgang seiner diplomatischen Sendung. Doch er wurde bald in seinem Unmut unterbrochen. Herr Kielmann, der junge Rat und Kanzler des Herzogs, brachte ihm das Schreiben, das er Seiner Majestät zu übergeben hatte; auch überreichte er ihm einen schöngearbeiteten silbernen Becher zum Andenken an den Fürsten. Kajus nahm mit gebührender Ehrfurcht beides entgegen und sprach den Dank höflich aus, der ihm nicht aus dem Herzen kam. Über das lebhafte Gesicht des Herrn Kielmann flog ein leichtes Lächeln. »Es ist meinem gnädigen Herrn unlieb, Seiner Majestät nicht besseren Bescheid geben zu können,« sagte er; »indessen hat auch König Christian nicht immer seinen herzoglichen Vetter mit Liebe behandelt. Schon vor Jahren versprach er Seiner Durchlaucht die Abtretung des Amtes Schwabstedt und die eigene 236 Lehnshoheit; solange dies nicht geschieht, wird mein gnädiger Herr dem König nicht zu Willen sein können!« »Aber hiervon hat Seine Durchlaucht mir gar nichts gesagt!« rief Kajus überrascht. »Mein erhabener Fürst fand es richtiger, durch meinen armseligen Mund zu sprechen!« lächelte der Rat. »Auch in seinem Handschreiben an des Königs Majestät hat er diese Bedingungen nicht erwähnt. Weiß er doch, daß sie ihm jetzt nicht erfüllt werden. Besonders nicht, da er kein Freund von Korfiz Uhlfeld und seiner Gemahlin ist. Diese zwei wollen jetzt Dänemark regieren – bis ein anderer kommt!« Rungholt sah fragend in das kluge Gesicht des Staatsmannes. »Ich verstehe nicht viel von der Politik; aber ich möchte wohl erfahren, ob Frau Eleonore immer weiter regieren wird!« »Nein!« erwiderte Kielmann ruhig; wandte sich aber gleich ab und nahm höflich von dem Freiherrn Abschied, nachdem er erwähnte, daß Seine Durchlaucht befohlen hätten, dem Herrn Abgesandten ein sicheres Geleite bis an die Grenze seines Landes zu geben. Die Junker Pogwisch und Reventlow wären zu diesem Dienst ausersehen. Dann ging er, und auf seine Bitte begleitete ihn Reventlow, der ein schweigender Zeuge dieser Unterredung gewesen war. Als er allein war, begann Kajus seine Sachen zu einer baldigen Abreise zu ordnen und war nicht wenig überrascht, den Junker Reventlow sehr bald wieder vor sich stehen zu sehen. Das schmale Gesicht des letzteren trug den Ausdruck von Bestürzung, aber er suchte sich eine möglichst ruhige Miene zu geben, 237 als er dem Freiherrn erklärte, daß dieser in drei Stunden reisefertig sein müsse. Kajus konnte einen Ausruf des Staunens nicht unterdrücken. »Vor einer halben Stunde bedauertet Ihr meine schnelle Abreise und suchtet mich zu überreden, noch einen Tag länger hier zu bleiben, und nun verlangt Ihr meine Entfernung in so kurzer Zeit!« Der Junker trat vor den kleinen Spiegel, der Kajus' Zimmer zierte, und betrachtete sich aufmerksam. »Nehmt mir meine Eile nicht übel, werter Freund,« sagte er dann; »aber mir fiel erst vor zehn Minuten ein, daß in zwei Tagen der Geburtstag meiner Muhme ist, die auf dem Johanniskloster bei Schleswig wohnt. Sie würde mir niemals verzeihen, wenn ich an dem Tage ihr meine respektvolle Aufwartung schuldig bliebe, und da ich noch von ihr erben kann, so könnte ich mir vielleicht schaden durch diesen Mangel an Ehrfurcht!« »Ich kann mir kaum denken, daß Ihr so besorgt seid, zu erben!« sagte Kajus unwillkürlich lachend. Reventlow zog die Augenbrauen in die Höhe. »Ihr seid Herr eines großen Edelhofes und wißt nicht, wie es armen Junkern zumute ist. Ich will meiner Muhme nichts Böses wünschen, aber da sie alt und gebrechlich ist, so könnte ein sanfter Tod sie erlösen, und ich würde ihr lange nachweinen. Aber was rede ich lange! Packt Eure Sachen, Herr Freiherr, und laßt Eure Knechte die Pferde besorgen! Wir haben einen langen Ritt vor uns, und sie müssen bei Kräften sein!« Auf der Schwelle kehrte er noch einmal um. 238 »Diesen Brief gab mir Herr Kielmann für Euch. Er ist mit einem Boten, der lange unterwegs krank lag, an den Rat gekommen!« Während der schleswigsche Junker sporenklirrend davoneilte, griff Kajus hastig nach dem Briefe. Schon lange sah er voll Sehnsucht nach einem Lebenszeichen seiner Gude aus, und wenn er auch überzeugt war, daß sie seiner in Treue gedachte, so trug er doch Verlangen nach einem Zeichen der Liebe. Einmal nur hatte sie ihm wenige flüchtige Zeilen geschrieben, nachdem sie erfuhr, daß sein Vater in der Seeschlacht bei Fehmarn gefallen war. Dies war der zweite Brief, und eilig brach er das große Siegel des Umschlages. Sein Inhalt war nur kurz; er lautete: »Nachdem ich in Erfahrung gebracht, daß Ihr, Herr Freiherr, mich schändlich verraten und einer buhlerischen Dirne Eure Liebe schenktet, und daß Ihr heimlich den Herrn von Zoppelow ermordet habt, so sage ich mich hiermit von Euch los. Der allmächtige Gott hat mein Leid angesehen und mir in der Liebe Eures Bruders reichlichen Ersatz gegeben, so daß ich keine verlassene Braut bin. Der Herr, der gerecht richtet, möge am Jüngsten Tage Euch Eure Sünde verzeihen! Gude von Thienen.« Als die Junker Pogwisch und Reventlow, jeder gefolgt von zwei bewaffneten Knechten, vor die Wohnung des Freiherrn ritten, fanden sie ihn schon ungeduldig ihrer Ankunft harrend. Seine Augen lagen ihm tief im Kopfe, und ein düsteres Feuer brannte in ihnen. Schweigend bestieg er sein Roß, 239 und bald ritt die kleine Schar zum Nordtore der Stadt hinaus. Die Nachmittagssonne warf ihre schrägen Strahlen auf das hellblau schimmernde Wasser der Schlei und auf die grünen Waldhügel, die sie umgaben. Es war ein hübscher Anblick, und der Junker Pogwisch, der auf seine Heimat stolz war, veranlaßte den Freiherrn, öfters sein Pferd anzuhalten und die anmutige Umgebung der Stadt Schleswig zu bewundern. »Ihr müßt Euch Wasser und Wald recht betrachten, Herr Rungholt,« sagte er mit wichtiger Miene, »denn bald werden wir beides verlassen, und die schleswigsche Heide ist eine traurige Einöde, an der kein Mensch etwas Schönes sehen kann, es sei denn, er finde Gefallen an den Eiern, die der Kiebitz manchmal an den Moorgewässern legt!« Er lachte herzlich über diesen Satz, den er für sehr witzig hielt, während Kajus sich vergebens bemühte, auf seine Unterhaltung einzugehen. Aber seine Zunge konnte nur mühsam Worte formen, und es lag ihm wie Blei in den Gliedern. Einen Wunsch nur hatte er: mit Flügeln über Land und See zu fliegen, um Rechenschaft zu verlangen von dem, der ihm sein alles genommen. Ingrimmig biß er die Zähne zusammen; dann spornte er sein Pferd zornig an, so daß Junker Pogwisch kaum mit ihm gleichen Schritt halten konnte. Jetzt verließen die Reiter den zwischen Hecken führenden Weg, und nach wenig Minuten waren sie auf der Heide. Ein roter Schimmer lag über dem weiten Land, und die Hufe der Pferde versanken in dem hohen Kraut der Erika, die ihre feinen Blüten 240 öffnete. Unheimlich still war es; nur die Bienen summten über den Blumen, und ein Feldhuhn huschte mit seinen Küchlein über den Weg. Herr Reventlow ritt bald vorn, bald hinten bei den Knechten und war fast ebenso still wie Kajus, und nachdem er mit seinem Diener geflüstert hatte, versank er in tiefes Schweigen, nur Herr von Pogwisch versuchte die Unterhaltung aufrechtzuerhalten, indem er einige harmlose Schwänke erzählte. Als es aber dunkler wurde und endlich nur eine schmale Mondsichel falbes Licht über die Heide warf, wickelte er sich fester in seinen Mantel. »Zur Nachtzeit reite ich ungern hier,« wandte er sich halblaut zu Kajus, »und gar manches ist mir sehr unheimlich, denn König Abel, der Brudermörder, reitet allnächtlich auf einem schwarzen Hengst über die Schleswiger Heide, und wehe dem, der ihn erblickt! Vor Fleisch und Blut fürchte ich mich niemals; aber ein Gespenst könnte das Blut in meinen Adern erstarren machen!« Plötzlich hielt Reventlow vor den zwei anderen Herren. »Spannt die Hähne Eurer Pistolen!« flüsterte er hastig; »wir werden verfolgt!« Er hatte noch nicht ausgesprochen, als ein Schuß durch die Nacht dröhnte. Kajus hörte, wie eine Kugel bei seinem Ohr vorbeipfiff, und als er, sich umwendend, hinter sich einige dunkle Gestalten erblickte, schoß er aufs Geratewohl ein Pistol auf sie ab. Obgleich er keine Ahnung hatte, wem der Überfall galt, so war es ihm eine Erleichterung, einmal wieder kämpfen zu können, und ohne auf den Zuruf Reventlows zu 241 achten, wandte er sein Pferd und jagte den Angreifern entgegen. Mehrere Schüsse empfingen ihn; keiner derselben traf, und Kajus, der erfolglos sein zweites Pistol abschoß, griff zum Degen und hieb wütend um sich. Seine Begleiter folgten ihm, und einige Minuten hörte man nichts wie Waffengeklirr und dumpfe Flüche. Einer der feindlichen Reiter, der sich nicht ins Handgemenge begab, sondern sich abseits hielt, feuerte bedächtig in das Getümmel hinein, und Pogwisch, der soeben zum Schlage ausholte, sank stöhnend vom Pferde. Der andere stieß ein höhnisches Gelächter aus. Aber er triumphierte zu früh. Schon sprengte Kajus auf ihn zu, und ein mit aller Kraft geführter Hieb seines Degens warf ihn zu Boden. Reventlow und die Knechte taten das Ihrige, und die Angreifer, deren Zahl größer war als die der Schleswiger, schienen plötzlich den Mut zu verlieren. Eilig jagten sie über die Heide, in die Nacht hinein und überließen Kajus und Reventlow das Feld. Letzterer, der aus mehreren kleinen Wunden blutete, sprang vom Pferde und kniete neben Pogwisch, der regungslos im Heidekraut lag. »Er ist tot!« sagte er finsteren Blickes. Die Kugel hatte den guten Junker in den Kopf getroffen. Erschüttert kniete auch Kajus neben dem Toten, und beide Junker sprachen ein kurzes Gebet. Als sie sich wieder erhoben, trat einer der Knechte zu ihnen. »Es liegen drei Erschlagene dort. Was soll aus ihnen werden?« Ohne zu antworten, ging der Freiherr zu der Stelle. Das blasse Mondlicht fiel auf ein 242 blutüberströmtes, verzerrtes Gesicht, dessen verglaste Augen weit geöffnet waren, und mit einer Gebärde des Abscheus wandte sich Reventlow, der dem andern gefolgt war, ab, während Kajus düster auf den Gefallenen starrte. »Es ist der holsteinische Junker von der Wisch,« sagte er mit bedeckter Stimme, »und ich weiß jetzt, wem der Überfall galt!« »Der Herr dort,« bemerkte ein Knecht, »ist noch nicht tot. Ich habe gesehen, wie er atmete.« »Wage keiner ihm Beistand zu leisten!« drohte Reventlow. »Der Schuft soll hier wie ein Hund auf der Heide sterben!« Die andern beiden Toten schienen zwei gedungene Gesellen zu sein. Kajus kannte sie nicht; die schleswigschen Knechte erklärten sie für dänische Reiter, und der Freiherr mußte ihnen recht geben. Außer dem Junker Pogwisch hatte die kleine Schar keinen Toten verloren, und vor diesem stand noch lange sein Freund. »Bist einen schlechten Tod gestorben, und heimtückisch hat die Kugel dich getroffen. Aber der Allmächtige wird deine treue Seele mit Ehre annehmen und deinen Mörder elend sterben lassen!« Die Schatten der Nacht begannen zu entweichen, als Rungholt mit seinen Begleitern die Reise fortsetzte. Man hatte zwei Knechte zurückgelassen, die den Junker Pogwisch zurück nach Schleswig bringen sollten, während ihnen zugleich befohlen war, den Junker Wisch und seine Genossen auf der Heide liegen zu lassen. »Sie sollen den Raben zur Speise dienen!« setzte 243 Reventlow hinzu, noch einmal das stille Antlitz des Freundes liebevoll betrachtend. Dann ritten sie weiter. Stundenlang sprachen sie kein Wort. Endlich sagte Kajus: »Ihr wußtet von diesem Überfall?« Der andere nickte. »Rat Kielmann teilte mir mit, daß sich dänische Junker unter falschem Namen in Schleswig umhertrieben, die Böses gegen Euch im Schilde führten. Wir wollten sie überlisten; daher mahnte ich zur Abreise, aber sie hatten gute Kundschafter!« Kajus erinnerte sich jetzt, einen fremden Knecht gesehen zu haben, der mit seinen Dienern viel verkehrte. »Wer war der andere Junker?« fragte er nach einer langen Weile. Reventlow antwortete nicht. Er beugte sich zu seinem Pferde hinunter und schien die Frage überhört zu haben. »Ihr müßt Feinde am dänischen Hofe haben,« sagte er endlich, »und wenn Ihr geneigt seid, einen Rat zu hören, so ist es der, daß Ihr Euch für eine Weile von Kopenhagen entfernt haltet. Den Brief des Herzogs könnt Ihr mit sicherem Boten zum König senden. Bei meiner Mutter werdet Ihr Gastfreundschaft finden.« Kajus machte eine verneinende Bewegung. »Dringt nicht weiter in mich,« sagte er mit unterdrückter Heftigkeit. »Ihr wißt nicht, was mich zum Hofe treibt, – gar manche Rechnung habe ich auszugleichen, und nicht eher werde ich Ruhe finden, bis –« er hielt inne und preßte die Lippen aufeinander. Reventlow sagte nichts weiter, und als Apenrade 244 erreicht und damit seine Begleitung beendet war, nahm er freundlichen, fast herzlichen Abschied von dem Freiherrn, der sogleich mit einem Segelschiff weiterfahren wollte. »Es ist mir leid um ihn,« murmelte der Junker, der sein Pferd in die Herberge lenkte. »Der Ausdruck seines Gesichtes verkündete mir nichts Gutes, und er wird sich wohl seiner Haut wehren, aber –« Er schüttelte den Kopf. Als er eine Stunde später in der Wirtsstube vor einer kräftigen Mahlzeit saß, legte er plötzlich den Löffel nieder. »Ob er wohl wußte, daß es sein eigener Bruder war, der ihn hinterrücks, wie ein Strauchdieb, überfiel? Er sagte kein Wort darüber, doch glaubte ich, daß er mich verstand, als ich ihm nicht antwortete, denn sein Gesicht ward bleich wie der Tod, und seine Augen funkelten wie glühende Kohlen. – Der Himmel bewahre ihn in Gnaden!« – – Der Garten des Schlosses Rosenburg duftete nicht mehr von Rosen und von Jasminblüten. Der Lavendel duftete, gelber Fingerhut und blaue Astern schmückten, kunstreich geordnet, die Beete, von den hohen Bäumen flatterten gelbe Blätter auf die mit seinem Kies bestreuten Wege und kündeten das Nahen eines frühen Herbstes. Es hatte geregnet, und große Tropfen zitterten in den Kelchen der Blumen oder fielen von den schwer niederhängenden Zweigen. Grau und düster lag das sinkende Tageslicht über dem einst lachenden Garten, und düster blickten die Augen der schönen Jungfrau 245 Gude vor sich hin, als sie langsamen Schrittes den breiten Weg entlangging, der zur Muschelgrotte führte. Eine trostlose Zeit lag hinter ihr. Vor einem Monat schon hatte sie ihren Liebsten hier an dieser Stelle zum letztenmal umfangen, und noch immer war keine Kunde von ihm zu ihr gedrungen, noch immer wußte sie nicht die Stunde seiner Rückkehr. Ihr Herz verzehrte sich vor Sehnsucht nach dem, den sie mit einer fast sündhaften Leidenschaft liebte, und ihre Nächte verbrachte sie in Tränen. Wo sollte sie Trost finden? Frau Eleonore schenkte ihrem Kammerfräulein wenig Aufmerksamkeit, war sie doch von eigenen Sorgen in Anspruch genommen, auch hatte der Reichshofmeister sie verlassen, um im Auftrag des Königs nach England zu gehen, und Frau Uhlfeld, die schwer an der Trennung von ihrem Gemahl trug, war in ihrem Sehnsuchtsschmerz herrschsüchtiger und hochfahrender denn je. Dazu wurde die politische Lage des dänischen Reiches von Tag zu Tag bedenklicher; der König litt noch immer an den Folgen seiner Verwundung, und wohin man blickte, sah man ernste, trübe Gesichter. Gesenkten Hauptes schritt Gude durch die feuchte Abendluft. Plötzlich vernahm sie ein Geräusch; vor ihr stand Klemens. Mit einem lauten Ruf der Freude flog sie auf ihn zu, er aber gebot ihr hastig Stillschweigen. »Komm mit mir in die Grotte,« flüsterte er, »ich möchte nicht gesehen werden!« Gude gehorchte. »O Geliebter,« sagte sie leise; »wie selig bin ich, dich hier zu haben! Du glaubst nicht, wie elend ich ohne dich war!« 246 Aber Klemens schenkte den Worten seiner Braut kein Ohr. Mit auf der Brust gefalteten Händen stand er vor ihr. Sein Gesicht war bleich und seine Kleidung zerrissen. »Ich muß fliehen!« sagte er kurz und abgebrochen. »Auf heimlichen Wegen schlich ich mich her, dich zu fragen, ob du mich begleiten willst!« »Fliehen?« wiederholte Gude entsetzt. »Hast du dir Feinde gemacht?« Er schien sie nicht zu hören. »Noch in dieser Stunde muß ich fort,« rief er und sah sich scheu um. »Er verfolgt mich und will mir ans Leben. Aber er soll es mir büßen!« setzte er zähneknirschend hinzu. »Du bist krank, mein Lieb!« rief Gude, mit der Hand über sein verstörtes Gesicht fahrend. »Wer sollte dich verfolgen und dir ans Leben wollen? Laß uns zur Gräfin gehen, sie wird uns huldvoll beistehen, wenn wir ihres Schutzes bedürfen.« »Willst du mit mir fliehen?« fragte der Junker, ohne auf ihre Worte zu achten, und das Fräulein umfaßte ihn mit beiden Armen. »Ich gehe mit dir bis ans Ende der Welt!« Dann aber fuhr sie entsetzt zurück, eine eiserne Faust faßte sie und schob sie zur Seite. Kajus Rungholt stand vor dem Paar, mit von Leidenschaft entstellten Zügen, bald Klemens, bald Gude anblickend. Er wollte sprechen, doch seine zitternden Lippen versagten ihm den Dienst. Mit einem Wutschrei stürzte sein Bruder auf ihn zu, und blitzschnell fuhr sein Degen aus der Scheide. 247 »Jetzt soll kein Teufel dich mir entreißen!« rief er, fast sinnlos vor Wut. »Du sollst vor ihren Augen sterben!« Aber auch Kajus hatte den Degen gezogen, und die blitzenden Klingen kreuzten sich in rasender Schnelle. Der Kampf dauerte nur wenige Minuten, dann taumelte Kajus zur Seite und ein Blutstrom schoß aus seinem Arm. Frohlockend holte Klemens zum zweiten Stoß aus, da traf ihn der Degen des Bruders in die Brust, und mit einem dumpfen Laut brach er zusammen. * * * Im königlichen Schlosse zu Kopenhagen saß in einem freundlichen Gemache zu ebener Erde König Christian, müde in seinen Stuhl zurückgelehnt. Plötzlich fuhr er zusammen, ein schwerer Gegenstand flog durch das geöffnete Fenster; es war ein Paket mit Briefschaften. Überrascht griff der Monarch danach, aber mit einem Seufzer legte er es wieder hin. »Mein krankes Auge kann nicht lesen, und ich muß geduldig warten, bis Rosenkranz erscheint. Er wird mir sagen, was diese wunderliche Botschaft bedeutet!« XVIII. Es war Herbst geworden und die Blätter fielen von den Bäumen. Auf dem Edelhof Holleby waren die meisten Bäume schon kahl; einige standen noch in einem gelben Prachtgewand, und die Sonne funkelte in ihnen und in den Tropfen, die auf ihren 248 Blättern lagen. Den ganzen Morgen hatte es geregnet, und von Westen war der Sturmwind gekommen; nun wurde es ruhiger, und die Sonne schien lachend. Und doch gab es hier nicht viel zu lachen. Verfallen lag das einst stattliche Gutshaus; die Dächer waren schadhaft, und die Hütten der Hörigen schoben sich düster und freudlos zusammen, während das Hühnervolk mitten im Hof einherging und eine große Zahl von Enten und Gänsen im Gutsteich schnatterte. Prädikant Lauritzen trat aus einer der armseligen Hütten. Er hatte seine Bibel unter dem Arm und in der Tasche seines geistlichen Rockes die heiligen Abendmahlsgeräte. Soeben hatte er einer jungen leibeigenen Frau die letzte Wegzehrung gegeben und gesehen, wie sie sanft eingeschlafen war mit ihrem gestern geborenen Kinde im Arm. Nun suchte er dem Ehemann einige Trostworte zu sagen. »Du mußt dich in Gottes Willen schicken, Peter! Ich weiß, es ist schwer, und der Allmächtige verlangt auch nicht von dir, daß du nicht trauern sollst; aber du mußt an deine drei älteren Kinder denken und versuchen, ihnen ein guter Vater zu sein!« Der also Angeredete, ein großer Mann mit finsterem Gesicht, fuhr mit der Hand über sein kurzes, struppiges Haar. »Schon gut, Herr Prädikant, Ihr müßt mich ermahnen, ich weiß es, und das gehört zu Eurem Amt. Aber die Mühe des Predigens könnt Ihr Euch bei mir sparen. Ich freu mich, daß meine Karen tot ist und ihr Kleiner dazu, was würde sie noch vom Leben haben? Nach Holleby wird ein neuer Herr kommen, und wir werden es alle schlecht kriegen. Bei den 249 Rungholts hatten wir es gut, wenn sie auch den Hof arg vernachlässigten. Aber sie hatten was anderes zu tun, und Junker Kai ist immer unterwegs gewesen. Ich kannte ihn gut und bin ja lang mit ihm geritten, bis er mich nach Holleby schickte, weil ich den Schaden am Fuß kriegte und nicht mehr reiten konnte. Und nun haben sie ihn in Acht getan und ihm seinen Adel genommen. Der Amtsvogt von Hilleröd ist hier gewesen und hat es ausgeschrien. Auch, daß Holleby jetzt dem König gehört, oder natürlich Frau Uhlfeld. Und gleich ist ein neuer Verwalter hierher gesetzt, und wir Knechte sind versammelt worden und haben einen Eid schwören müssen, dem neuen Herrn gehorsam zu sein. Zwei von den Jüngsten sind schon ins Heer gekommen, um gegen die Schweden zu kämpfen, und wir andern kriegen wohl auch noch Musketen. Der König hat keine Soldaten und muß doch an allen Enden Krieg führen!« Peter sprach aufgeregt, und der Geistliche hörte ihm bekümmert zu. »Ich weiß, Peter, es ist eine harte Zeit,« sagte er dann. »Vielleicht sind die gut daran, die jetzt sterben, weil große Wolken über Dänemark heraufziehen und kein Mensch wissen kann, wie es werden wird. Darum aber darfst du doch den Mut nicht verlieren und zufrieden sein, weil dein Weib das Zeitliche segnete. Du wirst sie bitter genug entbehren und noch oft Gott um Trost bitten.« Aber Peter schüttelte trotzig den Kopf. »Das glaub' ich nicht, Herr. Ich bin's zufrieden, daß sie diese Welt verließ mit ihrem kleinen Buben, und wenn ich mich zu ihr legen könnte, würd' ich's mit Freuden tun.« 250 »Denke an deine drei Kinder!« rief der Prädikant, und Peter lachte kurz auf. »Das tu ich ja, Herr! Wenn die nicht wären, liefe ich davon! Dorthin, wo mein Junker ist, den sie in Acht und Bann taten! So ein guter Junker! Niemals hat er mich geschlagen oder mir böse Worte gegeben. Nun ist er friedlos geworden und hat doch nur das getan, was verständig war.« »Peter! Kennst du nicht Gottes Gebot?« rief der Geistliche entsetzt, aber der Knecht trat mit dem Fuß auf. »Junker Klemens hat nie was getaugt. Und Ihr wißt doch selbst, Herr Magister, daß bei den Großen nicht nach den zehn Geboten gehandelt wird. Einmal stechen sie sich tot, und niemand fragt danach, und dann gibt es wieder ein großes Gericht für nichts und wieder nichts!« »Peter! Peter!« Der Magister wußte nicht recht, was er sagen sollte, und der Knecht lachte noch einmal. »Ich bin doch mit meinem Junker bei Hofe gewesen und hab manches gesehen, was Ihr, Herr Magister, nicht ahnt. Und das sag ich: ein böses Regiment ist jetzt in Dänemark, und wenn das gottlose Weib –« Er hielt inne, denn der Magister faßte ihn am Arm und deutete nach dem Eingang des Hofes. Eine Schar von Reitern und Reiterinnen sprengte durchs Tor, und ein Trompeter auf einem Schimmel blies eine laute Fanfare. Dann rief eine helle Stimme: »Die erlauchte Frau Gräfin Eleonore Uhlfeld, fürstliche Gnaden, betritt zum ersten Male ihr Erb und Eigentum, den Edelhof Holleby!« 251 »Es lebe die erlauchte Gräfin!« riefen mehrere Stimmen durcheinander, und die Gräfin Eleonore ritt vor und verneigte sich nach allen Seiten. »Dank, edle Liebe und Getreue!« sagte sie mit klingender Stimme. »Ich nehme von diesem Hofe Besitz und werde ihn meinen Kindern und Kindeskindern erhalten!« Ein Page half ihr vom Pferde, und der neue Verwalter trat katzbuckelnd aus dem Herrenhause. »Möge Euer Eintritt gesegnet sein, hohe Frau!« Er öffnete die beiden Flügel der Haustür, und man sah, daß in der Halle ein großes Feuer brannte. Die Junker und Damen lachten und schwatzten durcheinander. »Hoffentlich hat der Mann genug Bier und Wein aufgefahren und etwas Ordentliches zu essen! Es war ein langer Ritt, und wir sind müde und hungrig!« Neugierig drängten sie sich ins Haus, und ein kleiner Page lief hinter den Enten und Gänsen her, während ein größerer einen Jungen erwischte und ihn in das schmutzige Wasser des Teiches warf, daß er mit lautem Geschrei in der schmutzigen Brühe versank. Da stieß der Magister einen Ruf der Empörung aus, und Peter sprang dem Jungen nach, um ihn gleich wieder aus dem Schlamm zu ziehen. Es war nicht ganz leicht, da der Teich tief und verschlickt war; aber der Magister holte eine lange Stange, und daran konnte sich Peter festhalten. Die Hofleute waren wieder aus dem Haus gekommen und sahen dem Rettungswerk zu. Ein Junker schrie laut: »Was soll sich Mühe um einen elenden Jungen gegeben werden!« Aber die Gräfin Eleonore 252 stand plötzlich vor ihm und schlug ihn mit der Reitpeitsche ins Gesicht. Sie war böse geworden; man sah es ihrem Gesicht an, als sie nun einen Befehl aussprach und gleich darauf der Magister vor sie geführt wurde. »Gut, daß du da bist, Schwarzrock!« sagte sie nachlässig. »Du kannst dem Junker, der den Bengel baden ließ, gleich zwanzig Hiebe aufzählen. Unser junges Volk ist zu übermütig geworden.« Der Pastor sah ihr gerade in die Augen. »Ihr habt recht, Frau Gräfin! Die Jugend kennt keine Ehrerbietung mehr. Aber woher soll sie kommen, wenn ihnen ein schlechtes Beispiel gegeben wird!« Eleonore sah ihn ungläubig an. »Was willst du damit sagen?« Nun richtete er sich auf. »Ich bin kein Höriger, den man du nennt; ich bin ein Diener des allmächtigen Gottes, den auch die Vornehmen achten müssen, wollen sie sich nicht selbst den Boden unter den Füßen abgraben!« Die Gräfin wurde rot, aber behielt ihre Fassung. »Ihr sprecht nicht übel, Herr Magister, und vielleicht seid Ihr im Recht. Es ist sonst eine Ehre, von der Gräfin Eleonore du genannt zu werden. Und nun laßt den Junker seine Hiebe kriegen. Ich stelle Euch meine Reitpeitsche zur Verfügung!« Sie reichte ihm die mit Steinen besetzte Gerte, aber Lauritzen nahm sie nicht. »Kleine Junker sollen von dem gezüchtigt werden, dem sie untergeben sind. Ich bin kein Profos und auch kein Pagenmeister!« 253 »Ich werde Euch wegen Ungehorsams verhaften und Eures Amtes entsetzen lassen!« rief die Gräfin zornig. Wieder sah er sie fest an. »Ich stehe zu Eurem Befehl. Aber bedenket, Frau Gräfin! In Seeland wird man viel von Eurem ersten Eintritt auf Holleby reden. Auf Holleby, das gerade jetzt in der Leute Mund ist!« »Holleby hat keinen Herrn mehr und ist mir von Seiner Majestät geschenkt worden!« erwiderte die Gräfin trotzig. Aber sie wandte sich gleich ab und ließ den Magister stehen. Einen Augenblick sah er ihr nach, wie sie im Hause mit ihrem Troß verschwand, dann ging er noch einmal in Peters Hütte, half ihm aus seinem nassen Zeug und tröstete seinen ältesten Jungen, der von dem Junker in den Teich geworfen war. »Laß das Weinen, Knud! Du hast weiter keinen Schaden genommen, und der kleine Junker wollte sich nur einen Spaß machen. Morgen kannst du zu mir kommen mit deinen Geschwistern, und meine Frau kocht Euch Haferbrei mit Pflaumen!« Der Junge freute sich über diese Aussicht, aber Peter fluchte ingrimmig. »Ja, Herr Magister, so sind die Großen, und besonders die Frau, die so stolz ist! Ich kriege sie noch einmal, und dann soll sie sich wundern!« Er erhob seine Fäuste gerade in dem Augenblick, als es an die Tür pochte. Ihre fürstliche Gnaden, die Frau Gräfin, wollte den Herrn Magister noch einmal sprechen. Mit dem Boten, einem älteren Edelmann, ging 254 Lauritzen in die Halle. Er sagte nichts auf dem kleinen Wege, aber der Edelmann suchte ihm Mut einzusprechen. »Sie wird Euch nichts tun, Magister!« sagte er leise. »Nur ein wenig ängstigen, glaube ich. Das ist so ihre Art, und Ihr solltet es kennen. Man muß ihren Willen tun, sonst fährt man schlecht!« Sie waren auf der Schwelle des Hauses angelangt, und Lauritzen warf den Kopf in den Nacken. »Ich tue den Willen des, der mich gesandt hat!« Der große Tisch in der Halle war mit Kannen und Bechern besetzt. Es funkelte von Silber, und große Wachskerzen brannten in hohen Leuchtern. Ein großer Silberschatz war im Hause, der den Rungholts gehört hatte. Jetzt betrachtete Frau Eleonore ihn mit Wohlgefallen. Ihre Stimmung war schon wieder besser geworden, und als der Magister eintrat, winkte sie ihn an ihre Seite. »Nun, frommer Mann, seid Ihr noch so kampflustig? Setzet Euch zu mir und nehmt einen Becher Wein! Und dann prediget einmal meinem faulen Troß von den Pflichten, die sie gegen ihre Herrin haben sollten und nicht erfüllen!« »Ja, ja, Herr Magister!« rief einer der Junker mit kläglicher Stimme. »Wir sind große Sünder und mangeln allen Ruhmes. Wollt uns einmal gehörig die Hölle heiß machen, damit wir weinen und Buße tun!« Da bemerkte der Magister, daß die vornehmen Herrschaften ihren Witz mit ihm treiben wollten. Gleichmütig sah er sich um und rührte den ihm gereichten vollen Becher nicht an. 255 »Mich dünkt, lieber Junker, daß Ihr keiner Bußpredigt bedürft, da Ihr Euch für einen armen Sünder haltet und auch von der heißen Hölle redet, die Euch erwartet, so Ihr nicht Buße tut und Euch bekehret. Mehr kann ich Euch auch nicht sagen.« »Wir kommen nicht in die Hölle!« riefen einige trotzige Stimmen. »Wir sind dänische Edelleute; der Allmächtige weiß, was wir zu verlangen haben!« »Dann braucht Ihr ja auch keine Buße zu tun! Und keine Rede zu hören!« entgegnete Lauritzen. »Dann lebt nur weiter, wie Ihr bis dahin lebtet!« Seine Stimme klang durchdringend, und die Gesellschaft ward still. Ein junges Hoffräulein erhob sich und beugte sich über den Tisch zu dem Magister. »Unser Magister zu Hause sagt, vor dem Allmächtigen gäbe es keine Edelleute, und im Himmel säßen die Hörigen mit ihnen an einem Tisch! Was sagt Ihr dazu, Herr Prädikant?« Lauritzen sah in ihr erregtes Gesicht, und seine Augen nahmen einen freundlicheren Ausdruck an. »Unser Herr Christus hat mit den Armen und Sündern an einem Tisch gesessen. Und er hat gesprochen: Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer!« »Wir wollen aber nicht arm sein!« rief ein Junker, und die Gräfin Eleonore, die bis dahin schweigend zuhörte, hob die Hand, damit Stille würde. »Ihr habt genug gepredigt, Magister. Es freut mich, daß Ihr reden könnt, und ich hoffe, daß Ihr den Hörigen und Bauern von Holleby Gehorsam gegen 256 ihre neue Herrschaft verkündigt und alle Strafen der Hölle, sofern sie unbotmäßig sind. Und wenn ich mit Euch zufrieden bin, mache ich Euch vielleicht zum Hofprediger. Denn auch den Vornehmen muß einmal der Kopf gewaschen werden. Das ist ihnen gesund. Aber natürlich mit Maß und Wohlanständigkeit!« Der Magister lächelte. »Ich würde ein unbequemer Mann am Hofe sein, Frau Gräfin. Besser, ich bleibe bei meinen Bauern und Hörigen und tröste sie über den Krieg und über alles, was mit dem Krieg kommt. Sie seufzen über die Steuern und darüber, daß ihre Söhne vor den Feind geschickt werden und nicht wiederkehren.« Die Gräfin hob die Schultern. »Das ist der Lauf der Welt! Wofür sind denn die Hörigen da, wenn sie dem Könige nicht dienen wollen? Sie haben's nicht schlecht als Soldaten. Sie dürfen den Feind plündern und in seinem Lande brandschatzen, soviel es ihnen beliebt. Wenn sie tot sind, dann sind sie für ihren König gestorben! Nun aber trinkt Euren Wein, und dann will ich Euch noch ein Wörtlein sagen!« Der Magister nippte vorsichtig an seinem Becher, und die Gräfin sah sich um. Ihr Hofgesinde unterhielt sich gut. Die Junker tranken große Mengen Weins, die Fräulein taten dasselbe, hatten rote Gesichter und lachten sehr laut. Abseits vom Herrentisch hatte der Verwalter Platz genommen und schenkte den Knechten eifrig Bier ein. Bratenduft erfüllte das Haus. Frau Eleonore hatte ihre Köche mitgebracht, und diese richteten die üppige Abendmahlzeit. Die Gräfin ließ sich Wein in einen kleinen 257 goldenen Becher schenken, den sie immer bei sich trug. Ein großer Karneol war sein Boden, und er sollte springen, wenn ihn Gift berührte. Langsam trank sie ein wenig und wandte sich wieder zum Magister. »Das Haus hier ist häßlich, und ich will ein neues bauen. Aber noch nicht. Ich habe Freunde, die hier wohnen dürfen, und sie werden vielleicht bald kommen. Ich selbst bleibe nur wenige Tage, um das mitzunehmen, was mir besonders gefällt, und dann gehe ich wieder zum Könige. Der Verwalter scheint gut zu sein, aber es wäre mir lieb, wenn Ihr mir manchmal Bericht erstattetet, wie alles hier geht. Viele Menschen sind jetzt unehrlich, und man kann nicht überall sein; wenn Ihr mir also öfters berichten wolltet, ob alles in Ordnung ist, so würde ich Euch meine Dankbarkeit beweisen!« Lauritzen antwortete nicht gleich, und die Gräfin schien auch keine Antwort zu erwarten. »Hörtet Ihr noch etwas von dem Rungholt, dem Brudermörder?« »Ich sah weder, noch hörte ich von ihm!« »Ihr sprecht die Wahrheit?« Die Gräfin sah forschend in das Gesicht des Prädikanten, und er sah sie mit klaren Augen an. »Ich spreche die Wahrheit!« »Es ist auch nicht geraten, mit ihm zu verkehren,« sagte Eleonore. »Seine Majestät hat ihn in die Acht erklärt, sein Gut eingezogen und ihn des Adels verlustig erklärt!« Sie hielt inne, weil der Prädikant eine Bewegung machte. »Was habt Ihr?« »Verzeiht, edle Frau, aber die Rungholts sind 258 ein deutsches Geschlecht und von deutschem Adel. Es steht nur beim Kaiser, Rungholt seines Adels verlustig zu erklären.« »So werde ich dem Kaiser schreiben, daß er ihm den Adel nimmt!« rief Eleonore heftig. »Weshalb haßt Ihr ihn so, edle Frau?« fragte Lauritzen. »Der junge Freiherr hat doch seinem König treu gedient. So lange, wie er dienen konnte. Schon als Knabe kam er an den Hof, Holleby hat ihn fast nie wiedergesehen, und er liebte doch so sehr seine Heimat. Weshalb hasset Ihr ihn so?« Die Gräfin machte eine hochmütige Bewegung. »Diese Frage ziemt sich nicht für Euch, Magister. Wenn ich hasse, so habe ich meine Gründe, und ich brauche sie niemand zu sagen. Aber ich will sie Euch sagen. Er war ein Brudermörder und hat seine Braut verraten! Ist das nicht Grund genug, um einen Menschen zu hassen?« »Wer seinen Bruder hasset, der ist auch ein Totschläger!« Sie fuhr auf. »Magister, wenn Ihr noch einmal solches sagt, dann lasse ich Euch einsperren! Ihr vergeßt, wen Ihr vor Euch habt!« Weil sie laut sprach, wurde es am Tisch still, und alle sahen auf den Mann, der so furchtlos mit der mächtigen Frau sprach. Er aber blieb ruhig sitzen. »Es ist der Herr Christus, der diese Worte sprach. Wollt Ihr ihn auch einsperren lassen?« Einen Augenblick kämpfte die Gräfin mit ihrem Zorn. Dann wandte sie dem Magister den Rücken. 259 »Ihr mögt gehen! Mit Euch werde ich nicht ferner reden!« Also durfte der Geistliche aufstehen und aus der Halle gehen. Die Knechte vor der Tür machten ihm Platz, und vom Herrentisch sah mancher ihm wohl mitleidig nach. Denn es war nicht gut, die hochmögende Tochter des Königs zu erzürnen, und mancher, der es getan, war urplötzlich verschwunden, und niemand wußte, wo er geblieben. Es war tiefe Nacht, als der Magister auf den Hof trat. Die Sterne aber funkelten am Himmel, und über dem Walde stand der zunehmende Mond. Als Lauritzen sich umsah und halb in Gedanken auf das Stimmengewirr im Hause hörte, dazu den Weindunst spürte und den Essensgeruch, huschte eine dunkle Gestalt an ihm vorüber. Sie mußte neben der Tür, dicht bei den Knechten der Gräfin gestanden haben; nun verschwand sie wieder im Schatten der Häuser. War es einer von denen, die im Sold der Gräfin standen, um ihre Feinde schnell und heimlich auf die Seite zu bringen? Das Volk begann sich Geschichten zu erzählen von der Rachsucht der einst so lieblichen Frau, und den Magister überlief es kalt. Aber dann sprach er vor sich hin: »Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: ›Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe!‹« Peter stand plötzlich neben ihm. »Ich bringe Euch ungefährdet durch den Wald!« flüsterte er. »Am Hoftor stehen Reiter, und eben ist ein Junker hinten aus dem Haus gelaufen, um ihnen 260 etwas zu sagen. Dieses Weib ist sehr böse!« setzte er grimmig hinzu. So gingen der Magister und er ums Haus von der andern Seite herum, am Turm vorüber und dann auf einem verschwiegenen Pfad durch den Wald. Sie sprachen kein Wort, nur, als der Magister heil vor seinem bescheidenen Pfarrhaus neben der Kirche angelangt war, gab er dem Knecht die Hand. »Vielen Dank, Peter; aber wenn Frau Uhlfeld mein Verderben will, wird sie mich auch hier zu finden wissen!« »Ich glaub's nicht, Herr! Sie geht lieber krumme, als gerade Wege, und viel von sich reden machen darf sie nicht mehr.« Er war im Dunkeln verschwunden, und der Magister trat über seine Schwelle und dann in sein kleines Studierstübchen, in dem eine Schale mit Milch und eine Brotschnitte auf ihn warteten. Seine Frau, die tagsüber hart arbeiten mußte, schlief schon bei ihren Kindern. Lauritzen schlug Feuer und entzündete das Talglicht. Dann setzte er sich und faltete die Hände. »In den Wein hatte sie mir auch etwas getan; ich merkte es an dem bittern Geschmack. Wollte sie mich trunken machen, daß ich ihr alles versprechen sollte, oder will sie eine ihrer Kreaturen in mein Amt setzen?« Leise klopfte es an das Fenster, und der Magister fuhr zusammen. »Sind Sie schon da?« Aber dann stand er auf und öffnete den Laden. »Wer ist da, und was will man von mir?« 261 »Kajus Rungholt!« kam die Antwort, und der Magister öffnete die Tür seines Hauses. »Tretet ein, Herr! Ihr seid friedlos, ich weiß es, und Ihr habt auch große Sünde begangen, aber ich will Euch den Schutz meines Daches nicht versagen, solange ich ein Dach über dem Kopfe habe!« Kajus trat ein. Er trug ein unscheinbares Gewand und einen alten Hut, der sein Gesicht bedeckte. Dazu hatte er sich den Bart stehen lassen, und niemand hätte ihn gleich erkannt. Lauritzen schob ihm einen Stuhl hin, und als er sah, daß die Augen des Friedlosen an der Milch und dem Brot hingen, schob er ihm beides hin. »Eßt, Herr Rungholt, Ihr seht aus, als hättet Ihr lange nicht gegessen!« Kajus legte seinen Hut ab und aß langsam, während der Geistliche ihn mitleidig betrachtete. »Ihr seid zur unglücklichen Stunde gekommen!« sagte er nach einer Weile. »Gerade heute nahm Frau Uhlfeld Euer Gut in Besitz!« »Ich weiß! Ich habe lange vor der Halle gestanden und hineingesehen. Ich war auch oben im Hause und holte mir etwas von meinem Eigentum.« Er nahm aus seinem Lederwams einen schweren Beutel und stellte ihn vor sich hin. »Sie hätten's doch nicht gefunden, da es in der Wand verborgen war!« setzte er hinzu. »Mein Vater sagte mir von diesem Versteck, eben vor seinem Tode, und ich kann Geld gut gebrauchen!« »Ihr waret in Lebensgefahr!« »Pah!« Kajus zeigte sein Pistol im Gürtel. »Es ist geladen und schießt gut; mein Leben hätte ich noch 262 eine Weile verteidigt und manchem einen Denkzettel geschrieben. Vielleicht auch der holdseligen Gräfin!« »Ihr seid in schlechter Gemütsverfassung, Herr Rungholt! Denkt Ihr nicht an die Blutschuld, die Ihr auf Euch ludet? Das Blut Abels schreit zum Himmel!« »Ich bin nicht Kain, und er war kein Abel!« entgegnete Kajus finster. »Er hat mich immer gehaßt und mir Übles getan, wo er nur konnte. Aber ich hätte ihn leben lassen, wenn es möglich gewesen wäre. Es ist aber nicht gegangen!« »Euer Leben muß eine immerwährende Buße sein!« sagte der Geistliche streng, aber Kajus zuckte die Achseln. »So redet Ihr, und das ist Euer Amt. Ich will Euch auch gestehen, daß ich schlecht schlafe und daß ich meinen Bruder manches Mal vor mir sehe, wie er ein Kind war und ich ihn mehr liebte als mein Leben. Aber ich bin hart geworden, und Ihr wollet es mir nicht verdenken!« Er zog einen Becher aus der Tasche und stellte ihn vor Lauritzen hin. »Vor nicht langer Zeit gab mir der Gottorper Herzog dies Geschenk, und ich stifte ihn der Kirche zu Holleby. Meine Hand war noch rein, als ich ihn faßte, und meine Lippen haben ihn nie berührt. Wollt ihn auf den Altar stellen, wenn Ihr das Abendmahl reichet. Vielleicht schüttet Ihr einmal Wein hinein, und eine arme Seele trinkt daraus Vergebung der Sünden!« Seine Stimme begann zu zittern, und er legte die Hand über die Augen. Es blieb lange still zwischen den Männern, dann fragte Lauritzen: 263 »Was gedenket Ihr zu tun? Hier im Lande könnt Ihr doch nicht bleiben?« »Ich kehre erst eben zurück!« entgegnete Kajus. »Nach meinem Strafgericht, denn ein solches war es, bin ich zu Schiff nach Norwegen geflohen. Bei den Fischern hab ich gelebt und manche gute Bekanntschaft gemacht. Jetzt kehrte ich nur zurück, weil ich das Geld haben wollte. Es ist mein Erbe, und Frau Uhlfeld nimmt mir schon genug.« »Und dann?« Der Magister fragte es, weil Kajus schweigend vor sich hinstarrte. Nun fuhr er auf wie aus schwerem Traum. »Und dann?« Er lachte. »Ich kann zu den Schweden gehen und dort Offizier werden. Aber ich bin nicht Korfiz Uhlfeld, der sein Vaterland verrät. Und ich kann nach Deutschland gehen, zum Kaiser. Er würde mich wohl aufnehmen, denn die Rungholts haben ihm immer treu gedient. Aber ich habe keine Lust mehr an höfischem Tand, an Falschheit und Intrige. Ich will frei sein und mich nicht mehr bücken vor einem König oder Kaiser. In Norwegen habe ich zwei Friesen gesehen. Sie kamen von den friesischen Inseln in der Nordsee. Die sagen: ›Lieber tot, als Sklav,‹ und sie nennen einen Sklaven den, der sich vor großen Herren bücken muß. Sie fahren auf das große Meer bis nach Island, und dann fangen sie Walfische. Jetzt habe ich Geld, mir ein Boot zu kaufen, und ich werde mich zu ihnen schlagen!« »Wenn Ihr nicht vorher den Spähern hier in die Hände fallt!« warnte Lauritzen, und Kajus griff an seinen Gürtel. 264 »Lebend kriegen sie mich nicht!« sagte er trotzig, und der Magister glaubte ihm. Eine Weile saßen die Männer schweigend, dann stand Kajus auf. »Ihr habt mich gespeist und mich bei Euch geduldet: ich danke Euch! Nun will ich weiterziehen!« »Ihr solltet bis morgen warten, Herr,« sagte der Magister. »Ihr könnt hier schlafen; ich gehe in ein anderes Gemach. Und dann noch eins. Auf Holleby sitzt Euer einstiger Knecht Peter. Dem ist das Weib gestorben, und wenn er hier bleibt mit seinen drei Kindern, dann fürchte ich, daß er ins Heer gesteckt wird und seine Kinder dem Elend verfallen. Laßt mich ihm sagen, wo Ihr morgen zu finden seid; er wird mit Freuden Euch begleiten, und für Euch ist es gut, nicht allein zu sein!« Kajus schüttelte zuerst den Kopf; als aber der Magister herzlich in ihn drang und ihm versprach, daß Peter niemals verraten sollte, wer sein Herr einst gewesen, da ließ sich der andere bereden. Er streckte sich müde auf ein Fell und schlief gleich ein, während der Magister in sein eigenes Schlafgemach ging, aber die ganze Nacht wachte. Es geschah aber nichts, und als die Sonne aufging, stand Kajus in der Kirche zu Holleby und im Grabgewölbe. Dort war der Sarg seines Vaters, und die Silberbeschläge waren noch nicht angelaufen. Der Sohn faltete die Hände und betete; dann wandte er sich zu einem schmucklosen Sarg, der anscheinend eilig hineingestellt war und nun in der dunkelsten Ecke stand. »Armer Klemi,« flüsterte er, »sie haben dir kein ordentlich Begräbnis gegeben und kein Lot Silber 265 an deinen Sarg gewandt; aber vielleicht schläfst du gerade so ruhig, als hättest du Samtdecken und Silberfransen. Vielleicht weißt du jetzt, daß ich es immer gut mit dir meinte, und vielleicht ist Gott dir gnädig!« Dann kniete er am Sarg seiner Mutter und legte auch die Hand auf den Sarg seiner Stiefmutter. »Besser, Ihr wäret nicht in dies Land gekommen!« dachte er und trat dann wieder hinaus in den Sonnenschein. Da stand Peter und beugte das Knie vor ihm. »Herr, darf ich mit Euch gehen? Wenn ich hier bleibe, werde ich ein Mörder und ein Aufrührer!« »Du gehst mit einem Mörder!« entgegnete Rungholt bitter, aber der Knecht strich liebkosend über sein armseliges Gewand. »Junker, sie haben's zu arg mit Euch gemacht, da muß man ärgerlich werden! Aber Ihr nehmt mich mit? Zwei Jungen hab ich und ein Mädchen, und die Dienstboten der Frau Uhlfeld machen sie schon aufsässig und schlecht. Ich muß sie mitnehmen, sonst wissen sie nicht mehr, was gut und was böse ist!« Lauritzen trat hinzu. »Nehmt sie nur mit, Herr Rungholt! Ihr könnt schon treue Menschen brauchen, und treu werden sie Euch sein!« – Um die Nachmittagsstunde war auf dem Edelhof großes Holla und Hussa. Der Reichshofmeister war gekommen, und er jagte den Hirsch mit seiner Frau Gemahlin und dem Hofgesinde. Laut klang Geschrei und Hörnerruf durch den Wald, und ein Reiter galoppierte bis an den Strand. In seinem Übermut griff er zu seinem Jagdgewehr und feuerte einen 266 Schuß auf das draußen schwimmende Fahrzeug. Er traf aber nicht. Dagegen schwirrte vom Wasser her eine Kugel, und er stürzte tot zu Boden. »Peter,« rief Kajus streng, »das war kein guter Anfang!« Aber Peter lachte zufrieden. »Herr Rungholt, dieser Junker warf gestern meinen Jungen ins Wasser, und heute war er hinter meinem kleinen Mädchen her. Solch Geschmeiß muß vernichtet werden. Sonst kann es noch mehr Schaden anrichten!« * * * Im Betzimmer zu Gottorp saß Herzog Friedrich und ließ sich von seinem Rat Kielmann Bericht erstatten über die Lage. Sie war übel genug. In Brömsebro saßen die dänischen und schwedischen Staatsmänner und berieten über den Frieden, und inzwischen ging das Kriegsleid seinen Gang weiter. Schweden verlangte viel Land von Dänemark, sein König wollte nichts abgeben. Also mußten immer neue Heere geschaffen werden, immer mehr Tränen fließen. Friedrich seufzte, während er zuhörte. Er saß zwischen zwei Stühlen: die Schweden wollten ihn zum Freunde, und der König von Dänemark war sein Lehnsherr. »Ich habe doch durch den Freiherrn Rungholt meine Antwort nach Kopenhagen schicken lassen!« sagte er unmutig, und Herr Kielmann entfaltete bedächtig ein Papier mit königlichem Insiegel. »Hier ist die Nachricht, daß besagter Freiherr Rungholt wegen Brudermords in die Acht erklärt, 267 seines Adels und seines Besitzes verlustig erklärt ist! Seine Majestät spricht den Wunsch aus, daß Seine Fürstliche Durchlaucht besagtem Frevler kein Unterkommen in seinen Staaten geben, ihn auch nicht unterstützen möge, sondern daß er, falls er hier befunden wird, sogleich nach Dänemark ausgeliefert werde, zur Vollstreckung des Gerichtes!« Der Herzog hörte aufmerksam zu. »Ward der Freiherr nicht auf der Schleswiger Heide, in meinem Lande, von zwei dänischen Junkern attackiert?« »Ganz recht, Eure Durchlaucht. Unser Junker Pogwisch hat dabei sein Leben lassen müssen, und der eine Angreifer soll der jüngere Rungholt, der Bruder des Freiherrn, gewesen sein. Es ist also anzunehmen, daß der Freiherr schwer gereizt gewesen ist, als er die Hand gegen den Bruder erhob. Auch –« er stockte und sprach erst weiter, als Friedrich ihn erwartungsvoll ansah. »Es ist wohl eine Liebesgeschichte mit im Spiel, Eure Durchlaucht. Eine Liebesgeschichte mit dem Fräulein von Thienen aus dem Hause Wittmoldt bei Plön. Sie war bei der Gräfin Eleonore, und von ihr hat sie wohl die Falschheit gelernt. Ihr Bruder hat sie neulich von Kopenhagen holen müssen, wo sie schwer krank darniederlag, und ich habe ihm einen Geleitbrief für die Schweden ausstellen müssen, so daß er rasch nach Holstein zurückkehren konnte.« Der Herzog neigte den Kopf vor und griff nach dem Schreiben des Königs. »Mit solchen Dingen darf Seine Majestät die Zeit ausfüllen?« 268 »Der Herr Uhlfeld hat geschrieben, Durchlaucht. Der König ist krank; viele Jahre werden ihm nicht mehr beschieden sein!« »Herr Uhlfeld sollte sich hüten!« Der Herzog war böse geworden, und sein Kanzler nahm den Brief an sich und legte ihn vorsichtig zusammen. »Solange König Christian lebt, hat er die Macht!« Schweigend saß Friedrich, dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und schloß die Augen. »Sollte der Freiherr Rungholt durch unsere Lande kommen, so soll er in anständige Haft kommen und zu mir geführt werden. Ich werde sodann mit ihm reden und – ihn jedenfalls nicht den Dänen ausliefern!« Der Kanzler verbeugte sich lächelnd. – Aber, ob man im gottorpschen Lande auch eifrig nach Kajus Rungholt aussah, so fand man ihn nirgends. Und weil so viel, so unendlich viel geschah, so vergaß man ihn, wie vieles andere mehr. Der dänische Erbprinz Christian starb noch vor seinem Vater, und als dieser sich zum Sterben legte, hieß der Dänenkönig Friedrich der Dritte. Derselbe, der die Uhlfelds haßte und gleich die Hand nach ihnen ausstreckte. Aber sie waren schon geflohen, und Korfiz Uhlfeld trat in die Dienste der Schweden. Er schürte das alte Feuer des Hasses zwischen Dänemark und Schweden, und er erlebte den Triumph, mit einer schwedischen Armee vor Kopenhagen zu stehen und den Dänen einen demütigenden Frieden zu diktieren. Aber die Österreicher, Brandenburger und Polen schlugen sich auf die Seite Dänemarks, und so wurden allmählich die Schweden vertrieben. Schleswig-Holstein blutete aus tausend Wunden, denn die 269 Polacken hausten wie die Teufel, und auch die Lande des Gottorpers wurden entsetzlich verwüstet; aber endlich war es wieder Frieden, und die unglücklichen Lande durften wieder aufatmen. Doch Kultur und feinere Sitte waren verschwunden. Rohes Faustrecht herrschte, und es dauerte Jahre, bis notdürftig geheilt war, was die Truppen elend zerstörten. Uhlfeld war in der Verbannung, und seine Gemahlin, die einst so mächtige Frau Eleonore, in der Gewalt des Dänenkönigs. Er war ihr Stiefbruder, aber sie hatte nicht schwesterlich an den Söhnen des Königs gehandelt; nun erhielt sie die Vergeltung. Lebenslänglich wurde sie in den großen runden Turm eingesperrt, der noch heute in Kopenhagen steht, und hatte Muße, über sich selbst und ihre Taten nachzudenken. König Friedrich hatte viele bittere Stunden erleben müssen, deshalb war er hart geworden. Er sorgte für sein ausgesogenes Land, so gut es ging, und suchte manche Wunde zu heilen; aber wer ihn einst beleidigt hatte, dem konnte er nicht vergeben. Und als er eines Sonntags von der Kanzel der Frauenkirche eine ernste Predigt über Barmherzigkeit und Vergebung der Sünden hörte, da war es ihm, als sähe sein Hofgesinde ihn verstohlen an, und als wäre die Predigt auf ihn gemünzt. Da ließ er den Hofprediger zu sich entbieten und fuhr ihn an: »Herr Lauritzen, ich habe Euch nicht von Holleby aus zum Hofprediger gemacht, daß Ihr mir die Leviten lesen sollt. Ein König weiß immer, was er zu tun hat! Habt Ihr mich verstanden? Und meine Frau Gemahlin 270 hat große Beschwer über die Predigt empfunden, daß sie noch jetzt weint!« Der Hofprediger sah den erzürnten Herrscher unerschrocken an. »Eure Majestät, ich habe nur so im allgemeinen gesprochen, wie es der Text des Sonntags mit sich bringt. Wer sich aber in seiner Seele beschwert fühlt, den hat's wohl getroffen. Dafür kann ich nichts. Das ist der Heilige Geist, der in der Bibel ist, und der seine Wirkung tut an jedermann, sei er ein König oder ein Höriger!« Der König räusperte sich. »Mit einem Hörigen braucht Ihr mich nicht in einem Atem zu nennen,« erwiderte er. »Aber ich will nicht mit Euch streiten, denn obgleich ich die Bibel gut kenne und mir meine Frau Gemahlin allabendlich ein Kapitel aus ihr vorliest, so bin ich doch nicht so spitzfindig wie Ihr, und kann meine Worte nicht so setzen. Das aber sage ich Euch: die Uhlfeld gebe ich nicht frei, auch nicht, wenn der Heilige Geist mir Unbehagen bereitet. Denn ich habe es meiner Frau Gemahlin gelobt, sie im Kerker zu halten, und seine Gelübde muß man halten.« Lauritzen erwiderte nichts. Er kannte den König und seinen Eigensinn; er wußte auch, daß das Volk niemanden so haßte, wie Frau Uhlfeld. Es wäre vom König gewagt gewesen, sie in Freiheit zu setzen. Das Schweigen des Hofpredigers befriedigte den König. »Schon gut, Herr Lauritzen!« sagte er freundlicher. »Ich weiß, daß Ihr ein rechter Mann Gottes seid und auch für die bitten müßt, die große Sünder sind. Also 271 will ich Euch verstatten, Frau Uhlfeld einmal zu besuchen und ihr von der Welt zu sprechen.« »Besser von der überirdischen Welt!« sagte der Prediger rasch, aber Friedrich achtete nicht auf ihn. Er zählte an den Fingern ab: »Wie lange sitzt sie schon? Acht Jahre, nicht wahr? Wir hatten lange auf sie gefahndet, und es war schwer, ihr beizukommen, aber endlich ist es uns gelungen, die Sünderin zu fassen. Wir sind auch gnädig gewesen; wir haben sie nicht aufs Schafott gesendet, in Konsideration, da sie eine Tochter unseres in Gott ruhenden Vaters ist, aber wir haben mit sanfter Strafe ihr Herz zu rühren gesucht, daß sie nicht weiter in ihren Missetaten dahin lebte. Aber es ist uns betrübend, daß wir den Uhlfeld nicht haben vierteilen können! Solches wäre uns eine große Freude gewesen! So Ihr mit der Gattin redet, könnt Ihr dies von uns bestellen!« Der Hofprediger war entlassen, und wie er traurig die Stufen des Königsschlosses hinabging, grübelte er darüber nach, wie schwer es war, das Herz der Großen dieser Erde milde und wahrhaft christlich zu machen. Aber er konnte sich nicht verhehlen, daß die Uhlfelds großes Elend über Dänemark gebracht hatten, und daß dem Herrscher dieses Landes nicht zu verdenken war, wenn er sagte: ›Auge um Auge, Zahn um Zahn!‹ Wenige Tage später stand er vor Eleonore Uhlfeld. Sie saß am Fenster ihres Kerkers und hielt eine feine Stickerei in der Hand. Bei seinem Eintritt hob sie unwillig den Kopf. »Wer seid Ihr? Was wollt Ihr? Ich habe Euch nicht gerufen!« 272 Er nannte ihr seinen Namen, und sie sah ihn gleichgültig an. »Ein Hofprediger seid Ihr? Nun, so redet zum König, daß er mich freiläßt. Ich bin das Kind seines Vaters wie er!« »Ich habe es schon getan,« entgegnete er, »aber es hat noch nichts geholfen!« »Und wird auch nicht helfen! Friedrich ist falsch und eitel, und sein Weib –« Sie sagte ein häßliches Schimpfwort und lachte, als Lauritzen es ihr zu verweisen suchte. »Ihr könnt gut predigen! Ihr seid frei und seht die Sonne, den Mond. Euch besucht keine Königin, die Euch auslacht, weil Ihr in ihrer Gewalt seid! Der Wind weht um Euer Angesicht, und der Regen macht Euch naß. Ich sehe ihn nur, und der Wind kühlt nicht meine Stirn!« Ihre Stimme ging in ein Schluchzen über, dann warf sie den Kopf zurück und trocknete ihre Augen. »Ich will nichts von Euch wissen!« murrte sie. »Gebt mir die Freiheit! Dänemark würde mich nie wiedersehen! Aber –« sie hob drohend die Hand. »– – Korfiz Uhlfeld würde mich rächen! Wo ist Korfiz? Sie geben mir nie ein Zeichen von ihm, und er ist doch mein angetrauter Gemahl!« Der Hofprediger wußte, daß der einst so mächtige Staatsmann friedlos von Land zu Land reiste. Jedermann fürchtete ihn und seine Gewissenlosigkeit. Und er wußte auch, daß er sich wieder verheiraten wollte. Aber er hütete sich, ein Wort zu sagen. Mitleidig sah er auf die einst so schöne stolze Frau. Sie hatte 273 schneeweiße Haare bekommen, und ihr Gesicht war finster und alt geworden. Als er schweigend vor ihr stand, betrachtete sie ihn etwas genauer. »Sah ich Euch nicht einmal? Es ist mir so.« »Das war zu Holleby, edle Frau!« »Zu Holleby!« Sie wiederholte den Namen. »Holleby war einst mein; der edle Bruder hat es an sich gerissen, wie er mir alles nahm!« »Es gehörte den Rungholts!« sagte Lauritzen ernsthaft, aber sie begann schon wieder zu sticken. »Den Rungholts – ja, ich entsinne mich. Der eine schlug den andern tot; da mußte er des Landes verwiesen werden. Er war ein guter Mann, nur reichlich dumm für einen Hofmann. Sagt dem König, daß er mir Holleby wiedergeben soll!« »Ihr würdet wenig Freude daran haben, edle Frau! Die Schweden haben das Gut bis auf den letzten Stein zerstört, und die Kirche ist niedergebrannt. Kaum gelang es mir, die heiligen Geräte zu retten, und ich durfte sie nicht behalten. Die Schweden nahmen sie mir!« »Dann will ich Holleby nicht haben!« erwiderte Frau Uhlfeld gleichgültig. »Meinetwegen kann der Rungholt das Gut wieder bekommen. Wo ist er nur? Oder ist er tot?« Lauritzen wollte etwas erwidern, aber Frau Uhlfeld sprach schon von andern Dingen. Sie deutete auf einen Seidenbeutel, der an ihrem Holzstuhl hing, und lachte dabei. »Wenn der König gnädig ist, darf ich wohl einen Brief erhalten. Dieser hier im Beutel ist zwei Jahre alt, und 274 jedermann am Hofe hat ihn gelesen. Aber ich freue mich doch, wenn ich aus der Welt höre und erfahre, daß ich nicht allein unglücklich bin. Gude von Thienen ist auch unglücklich geworden. Sie war ein dummes Frauenzimmer, eitel und flatterhaft. Einmal liebte sie den einen, dann den andern. Sie hat keinen gekriegt und sitzt nun im Kloster zu Preetz in Holstein. Dort, wo die adeligen Fräulein aus edlem Geschlecht Pfründen haben und ihr Brot essen, ohne zu arbeiten. Gude sollte zufrieden sein, aber sie scheint es nicht; sie hat mir geschrieben, daß sie mein gedächte, mir verziehe und viel für mich bete. Ich brauche kein Gebet. Sie soll die deutschen Fürsten bitten, daß ich wieder freikomme und mich an meinem Bruder rächen kann. Schreibt ihr das, Magister, denn ich darf nicht schreiben, und meldet auch, daß ich ihren Brief erst vor einem Monat erhalten habe. Und er ist vor zwei Jahren geschrieben.« Sie lachte wieder und hörte nicht mehr auf Lauritzens sanfte Ermahnungen. »Stolz ist sie und unbußfertig!« meldete er nachher dem König, als dieser ihn kommen ließ. »Aber sie sitzt in einem halbdunklen Zimmer, und ihre Nahrung ist schlecht!« »Glaubt Ihr, daß sie besser mit uns umspringen würde, wenn sie die Macht über uns hätte?« erkundigte sich der König, und der Geistliche wußte keine Antwort. Er bat nur noch einmal um eine mildere Behandlung der Gefangenen, und der König versprach, ihr einen Tag in der Woche Fleisch und Wein geben zu lassen, und auch einmal frische Wäsche. 275 Denn darin wurde sie kurz gehalten. Aber Lauritzen konnte nicht erfahren, ob der Dänenfürst sein Versprechen hielt. Als er noch einmal versuchte, bei Frau Uhlfeld vorgelassen zu werden, erhielt er die Antwort, daß sie wieder ein übles Betragen gezeigt habe und den Besuch nicht verdiene. XIX. Und weiter ging die Zeit. Rauh blieb sie, und grausam; immer wieder kam der Krieg und zerstörte, was eben in kurzer Friedenszeit aufgebaut war. Niemand wußte mehr, wie es war, Frieden zu haben und sich seines Lebens zu erfreuen. Denn freudlos war das Leben geworden, und in den Hütten der Armen war der Jammer so groß, daß die Vornehmen lieber nicht daran dachten und nur für sich sorgten. Auf den Dänenkönig Friedrich war sein Sohn Christian gefolgt. Ein hochmütiger Mann, dem es ein Dorn im Auge war, daß die Herzöge von Gottorp fast ebensoviel Macht in ihren Landen hatten als er. Sein Auge blieb begehrlich auf Schleswig-Holstein gerichtet, das er gern ganz besitzen wollte, und er versuchte alles mögliche, um seinen Willen durchzusetzen. Vor allem suchte er sich den Adel gefügig zu machen, indem er ihm Titel und Würden verlieh. Ehemals hatte es nur einfache Junker in Schleswig-Holstein gegeben, er aber schaffte Grafen und Freiherrn, dazu mehrere Orden und eine große Liste von schönen Titeln, die er sich teuer bezahlen ließ. Er war es auch, der Eleonore Uhlfeld aus dreiundzwanzigjähriger Kerkerhaft befreite und ihr eine kleine 276 Wohnung einräumte, wo sie nicht allein den Himmel, sondern auch einen Garten sehen konnte. Sie war alt und stumpf geworden, und die meisten Menschen hatten fast ihren Namen vergessen. Aber der König besuchte sie gelegentlich, fragte sie dieses und jenes und lachte jedesmal, wenn sie böse wurde, weil sie wohl noch Gedanken hatte, aber die rechten Worte nicht finden konnte. Nur, wenn er sie nach Christian dem Vierten, seinem Großvater, fragte, dann wurden ihre Augen lebhaft und ihre Worte klarer. Und dann hörte er manches, das er nicht wußte und doch gut gebrauchen konnte. Denn wenn er auch kein kluger Mann war, so hatte er eine gewisse Verschlagenheit, die manchmal besser war als Klugheit. Aber Christian Albrecht von Gottorp war sehr viel bedeutender als der König Christian, und da er vom Kaiser zum souveränen Herzog seines Landes ernannt worden war, fiel es ihm nicht ein, dem König mehr Macht zuzugestehen, als er verlangen konnte. Dieser Streit mit den zwei Fürsten, die noch dazu miteinander verschwägert waren, hat die Gemüter viel in Bewegung gehalten und den Schleswig-Holsteinern schon damals oft Kummer bereitet. Fremde Mächte mischten sich hinein: Schweden, Brandenburg und England wollten ein Wort mitreden und hielten ihre Hand über den Herzog von Gottorp. Es ist viel geredet und geschrieben worden über diese Frage, und König Christian ließ kein Mittel unversucht, um den schleswig-holsteinischen Adel auf seine Seite zu ziehen. Er verlieh ihm viele hohe Stellungen in seinem Lande und suchte seiner Eitelkeit 277 in jeder Beziehung zu schmeicheln. Der größte Teil von Holstein, wie auch fast die Hälfte des schleswigschen Landes gehörte ihm auch, und so war es für den Adel, der überall seine Güter hatte, nicht ganz leicht, sich mit dem König gut zu stellen und den Herzog nicht zu erzürnen. Schleswig-Holstein erholte sich nur langsam von den Verheerungen des Krieges. Ganze Dörfer waren verödet, die Güter der Adligen lagen in Trümmern, die Felder konnten nicht bestellt werden, weil es an Menschen für die Arbeit mangelte, und überall herrschte eine erschreckende Armut. Dazu drückte die Leibeigenschaft das Volk auf dem Lande, und das Los der Hörigen war ein erbärmliches. Denn es war ein häßlicher, hochfahrender Geist in die Ritterbürtigen gefahren, daß sie auf die untern Stände viel mehr herabsahen, wie vor etwa fünfzig Jahren. Das kam von den ewigen Kriegen, die Zucht, Gelehrsamkeit und seine Sitte mit sich nahmen; der gewöhnliche Junker war ein roher Mann geworden, der nur an sich dachte und an seinen eigenen Vorteil. Ewigen Streit gab es mit den Ritterbürtigen untereinander, die sich totschlugen, wenn es ihnen in den Sinn kam; aber noch schlimmer hatten es die Bauern und Bürger, die von den Junkern hochfahrend behandelt wurden, als wären es keine gleichberechtigten Menschen. Von allen Seiten klagte man über die gottlosen Streiche des jungen Adels. Auch die Städter wußten davon zu berichten, und mancher Bürgerssohn verschaffte sich heimlich sein Recht. Denn die Gerichte wagten nicht, die Vornehmsten des Landes anzufassen, so oft auch die Herzöge und der König sie dazu ermahnten. 278 Bei den Bürgern in den Städten gab es noch Wohlstand, wenn er auch verborgen wurde, um die Habsucht des Adels nicht herauszufordern, und die Herrscher des Landes wußten wohl, daß es geraten war, die Städte des Landes zu schützen und ihnen Vorteile zu verleihen. Aber grollend sah der Junker auf den Bürger, und dieser wieder tat dem Adel sicherlich keinen Gefallen, wenn er darum gebeten ward. König Christian aber schrieb eine Steuer nach der andern aus, in Dänemark sowohl, wie auch in den Teilen des schleswig-holsteinischen Landes, in denen er die Oberhoheit hatte. Auch verlangte er immer wieder Geld von dem Gottorper Herzog, der ihm natürlich alles verweigerte, und so kamen der Zank und die Unzufriedenheit niemals aus der Welt, und wenn man sich eben einig geworden zu sein schien, begann ein neuer Streit. So also war einer gegen den andern, und wenig Stätten gab es im Land, wo wirklich Frieden herrschte. Es waren aber doch einige zu finden, wenn auch nicht alle von ihnen wußten. Auf dem mit Fliesen belegten Flur eines großen Hauses saß und stand eine Anzahl ärmlich gekleideter Leute. Die meisten hatten die Hände gefaltet und lauschten andächtig der Stimme einer Frau, die auf einem Stuhle saß und klar und deutlich ein Kapitel aus der Bibel vorlas. Sie hatte den Kopf in die Hand gestützt, und das von der Seite her fallende Licht schien auf ihre ruhigfreundlichen Züge, während die andere Hand halb unbewußt auf einem kleinen goldenen Kreuz ruhte, das an einer Kette um ihren Hals 279 hing. Eine feierliche Stille herrschte in dem kleinen Raum, die auch dann nicht unterbrochen ward, als sie den schweren Deckel des heiligen Buches zugeschlagen und mit einem Vaterunser die Vorlesung beendet hatte. Nach einer Weile erhob sie sich und ging auf einen alten, grauköpfigen Mann zu, der sich ehrerbietig bei ihrer Annäherung erhob. »Du bliebst lange aus unserer Andachtsstunde weg, Michel Feddersen! Bist du krank gewesen?« »Unser Junker verbot mir, herzukommen,« lautete die zögernd gegebene Antwort. »Und weshalb?« »Er sagt, es zieme sich nicht für uns Hörige, in die Nähe der Frau Priörin zu treten. Es würde uns stolz machen und ungeschickt zur Arbeit!« Die Priörin des adligen Klosters Preetz lächelte flüchtig, dann aber überschattete großer Ernst ihr Gesicht. »Ich werde deinem Junker ein Wörtlein schreiben,« sagte sie ruhig; »er wird dein Kommen, so hoffe ich zu Gott, erlauben!« Dann wandte sie sich einem jungen Burschen zu. »Wie geht es deiner Mutter?« Der Angeredete fuhr sich über seine gelben Haare und stotterte einige verlegene Worte. »Sie liegt noch schwer darnieder? Sage ihr, daß ich nach ihr sehen werde, und hole morgen mittag einen Topf mit Krankensuppe für sie aus meiner Küche!« So sprach die Priörin mit jedem Anwesenden ein gütiges Wort, erkundigte sich teilnehmend nach ihren 280 Angelegenheiten und Kümmernissen, machte hier einer Frau ernste Vorwürfe über die Unordnung ihres Hauses, lobte dort eine Mutter, daß ihre Kinder reinlich und gut gekleidet seien. Die Leute verhielten sich verschieden ihr gegenüber. Auf einige schienen ihre Worte Eindruck zu machen, andere starrten gleichgültig vor sich hin, oder lachten blöde, als hätten sie nichts verstanden. Endlich winkte sie mit der Hand, und alles drängte mit scheuem Gruße nach der Tür. Bald war der Hausflur leer, nur hinter dem Stuhle der Priörin standen etwa zehn bis zwölf Damen, die schweigende Zeugen der ganzen Verhandlung gewesen waren. Einige von ihnen hatten schon weißes Haar, andere sahen lebensfreudig in die Welt; es waren die Klosterjungfrauen von Preetz. Als die Tür sich hinter dem letzten der Armen geschlossen, zuckte eine von ihnen etwas spöttisch die Achseln. »Diese Leute werden Eure Güte nimmer verstehen, hochwürdige Frau,« sagte sie, indem sie auf die Priörin zutrat. »Ich begreife nicht, daß Ihr Geduld haben könnt mit leibeigenem Volk.« Die Priörin blickte die Sprecherin mit ihren ruhigen Augen an und lächelte. »Ich bitte Gott täglich, daß er ihnen Verständnis gebe für seine heilige Schrift,« erwiderte sie, »dann wird das andere sich schon finden!« Die Klosterdame schüttelte eifrig den Kopf. »Verzeiht, daß ich wage, Euch zu widersprechen, aber Ihr seid zu kurz Priörin und überschätzet Eure Kraft und Geduld. In wenigen Jahren, wenn Ihr 281 die Hörigen unseres Klostergutes kennt, werdet Ihr das unverschämte Volk Euch vom Leibe halten!« Die Priörin seufzte. »Es schmerzt mich, Fräulein von Seehagen, daß Ihr so wenig Herz für unsere armen Brüder habt!« »Brüder?« wiederholte die andere und trat entsetzt zurück. »Da sei Gott vor, daß ich solch Volk meine Brüder nenne! Ich habe meine vollgezählten Ahnen, und mein Wappenschild ist rein!« Einige der anderen Klosterdamen, die sich bis dahin nicht in die Unterhaltung gemischt hatten, murmelten leise Worte der Zustimmung, was Fräulein von Seehagen veranlaßte, sich höher aufzurichten und ihre reichlich mit Grau gesprenkelten Locken kampfbereit hinter das Ohr zu streichen. Aber die Priörin schien nicht geneigt, sich länger mit ihr zu unterhalten. »Wenn die Damen mir in mein Gemach folgen wollen, so soll es mir angenehm sein, obgleich mich wichtige Geschäfte erwarten!« Die Fräulein schienen diese Worte zu verstehen, rüsteten sich zum Fortgehen und verneigten sich höflich vor ihrer Oberin. Diese erwiderte die Grüße artig und bemerkte zum Abschiede wie beiläufig: »Die nächste Andachtsstunde ist am Sonnabend!« »Befehlen Eure Hochwürden wirklich, daß wir wieder hier erscheinen?« fragte eine Dame mit weißen, ehrwürdigen Haaren. »Ich bitte alle Damen um diese Gunst!« erwiderte die Priörin freundlich, aber mit Nachdruck. Die Klosterdamen sahen sich betroffen an. »Auch,« setzte die Priörin hinzu, »möchte ich noch den Wunsch aussprechen, daß alle adligen Damen 282 unseres Preetzer Konventes sich eines stillen Lebenswandels befleißigen wollen, wie es ehrsamen Jungfrauen ziemt, daß sie nicht mit wildem Geschrei und Hundegebell auf die Jagd reiten, auch nicht nachts mit den Herren der Nachbarschaft tanzen, lustige Lieder singen und den Sabbat durch wüstes Treiben entheiligen. Eine jede, die meine Worte treffen, befleißige sich, dieselben zu Herzen zu nehmen; die andern mögen gleich mir darauf halten, daß das Kloster nicht in Unehre komme!« Sie kehrte sich schnell ab, in ihr Gemach tretend, während die Damen eilig das Haus verließen. Draußen angelangt, blieb das Fräulein von Seehagen stehen. »Ihr waret es, die uns empfahl, das stille Fräulein von Buchwald, von der kein Mensch sprach, und die alle für eine einfältige Person hielten, zur Priörin unseres Klosters zu erwählen!« Zornig blickte sie eine kleine verwachsene Frau an, die gleichmütig die Schultern hob. »Agnete Buchwald wird unser Kloster wieder zu Ehren bringen, nachdem es jahrelang in keinem guten Geruch stand!« Die andere blieb erstaunt stehen. »Also auch Ihr stellt Euch auf die Seite der frommen und schlauen Frau? Auch Ihr wollt aus dem fröhlichen Kloster, in dem sich so gut leben ließ, einen Altweiberkasten machen, in dem nur geseufzt und gebetet wird?« Verschiedene Stimmen antworteten ihr; einige klangen schrill und ärgerlich, andere ruhig und besänftigend. Die älteren Jungfrauen schienen sich fast 283 ohne Ausnahme für die Priörin zu erklären, obgleich sie an ihr verschiedene Ausstellungen zu machen hatten; während die jüngeren sich auf die Seite Fräulein von Seehagens stellten; und so gingen sie, lebhaft sprechend und gestikulierend, über die mit weißem Sande bestreuten Wege des Klostergartens, in dem die Häuser der Konventualinnen malerisch zerstreut lagen. Das adlige Fräuleinkloster zu Preetz war ein stilles, friedliches Plätzchen, und gar manche Jungfrau, die auf dem elterlichen Hofe ein unruhiges, kärgliches Leben geführt hatte, schätzte sich glücklich, in die Reihen der Konventualinnen aufgenommen zu werden, da diese ein sorgenloses, reichliches Dasein führten. Doch auch hier waren die unruhigen Zeiten nicht ohne Einfluß geblieben, nicht immer herrschte ehrbare Sitte in den edlen Familien, die das Recht hatten, ihre Töchter ins Kloster einschreiben zu lassen, und kamen diese nach Preetz, so scheuten sie sich nicht, mit leichtfertigen Zerstreuungen der Welt ein Ärgernis zu geben. Manche Dame ward noch in jüngeren Jahren Konventualin, und so kam es, daß sich kleine Liebeshändel in dem einstigen Nonnenkloster abspielten und wunderbare Geschichten geschehen konnten. Die frühere Priörin war eine steinalte Dame gewesen, die sich um das Leben der ihr unterstellten Damen nicht kümmerte, und der Propst, der die äußeren Geschäfte leitete, war meistens am dänischen Hofe, so daß auch die Finanzen des Klosters in einem zerrütteten Zustande waren. Dann, als die alte Priörin das Zeitliche segnete, erwählten sich die Konventualinnen zum Oberhaupt ein Fräulein, von dem niemand viel wußte. Man nahm aber an, daß Agnete von Buchwald 284 unbedeutend und furchtsam wäre und niemals wagen würde, dem lustigen Leben im Kloster ein Ende zu machen. Und nun war großes Staunen. Das stille, sanfte Fräulein ergriff mit fester Hand die Zügel der Regierung. Frau von Buchwald stand an ihrem schweren, mit Papieren bedeckten Eichentisch und blickte gedankenvoll auf einen Brief, den sie in der Hand hielt. »Mein Herr Vetter will kommen,« sagte sie, mit einem Seufzer ihr graues Haar glattstreichend, »und ich soll ihm Quartier in der Herberge vor dem Klostertore bestellen. Möge er mir gute Kundschaft bringen!« Sie wandte sich einer Frau zu, die wie sie in einfaches Schwarz gekleidet, am Fenster saß und mit Schreiben beschäftigt war. »Habt Ihr den Herren Pastoren eine freundliche Ermahnung geschrieben, daß sie den Leibeigenen mehr Sorgfalt zuwenden und aufmerken sollen, wenn ihnen Unrecht geschieht, und mir sodann Bericht zu erstatten?« »Ich schrieb an die vier geistlichen Herren, die Eurer Hochwürden untergeordnet sind. Die Briefe harren Eurer Unterschrift!« Die antwortende Stimme klang müde und bedeckt, und während die Priörin die ihr überreichten Schreiben las, warf sie dann und wann einen bekümmerten Blick in das stille Gesicht der Sprecherin. Sie sagte jedoch nichts, ehe sie mit kräftigen Zügen viermal ihren Namen unter die Schriftstücke gesetzt, dann schob sie einen hochlehnigen Stuhl herbei und ließ sich neben der andern nieder. »Ihr seid wieder in trüber Stimmung,« sagte sie 285 mit freundlicher Teilnahme, »und ich möchte Euch helfen! Kann ich es nicht?« »Eure Güte hilft mir vieles tragen,« versetzte die Gefragte, große, traurige Augen zu Frau Agnete aufschlagend; »aber helfen kann mir nur einer!« Die Priörin faltete unwillkürlich die Hände. »Ich weiß, ich weiß; der Allmächtige allein vermag Euch aufzurichten, aber kann er nicht mich zu seinem Werkzeug machen und durch meine Freundschaft Euch Linderung verschaffen? – Seht,« fuhr Frau Agnete fort, indem sie aufstand und an ihren Schreibtisch ging, »ich weiß wohl, was Ihr denkt. Ihr meint, ich könnte leicht versuchen, Euch mit Worten zu trösten, da ich doch niemals schweres Leid erfahren und daher ein Verständnis für das Eure nicht hätte, – denkt Ihr nicht so?« »Vielleicht!« sagte die andere, müde die Hände in den Schoß legend. »Ihr habt doch niemals erfahren, was es heißt, jemanden heiß zu lieben, und später –« Sie stockte, und ihre Lippen preßten sich wie im Schreck zusammen. Ein flüchtiges Rot stieg in das alte, freundliche Gesicht der Priörin, aber ihre Augen blickten ruhig vor sich hin, als sähe sie etwas wie in weiter Ferne. »Weshalb sollte ich es nicht erfahren haben?« fragte sie sanft. »Ich habe ihn vielleicht zu sehr geliebt; als er einen tapferen Soldatentod fand, dauerte es lange Zeit, ehe mein Herz die Bitterkeit des Schmerzes überwand und stille ward. Aber der Herr hat mir zum Frieden verholfen!« »Und habt Ihr denn niemals Gott gefragt, 286 weshalb er Euch gerade so Schweres zu tragen gab?« rief die Klosterdame heftig. »Habt Ihr niemals gedacht, daß Tausende von Menschen glücklich sind, und daß Ihr allein auserwählt wurdet, einsam und elend zu sein? Konntet Ihr Euch entschließen, an einen barmherzigen Gott zu glauben, wenn er Euch das Gegenteil bewies?« Die Priörin nahm einen schmalen Kasten aus der Lade ihres Tisches und öffnete behutsam seinen Deckel. »Er war so frisch und so lustig!« sagte sie halblaut vor sich hin, liebkosend mit den Fingern über eine blonde Haarlocke fahrend; »wenn ich allein sitze und an vergangene Zeiten denke, meine ich sein Lachen zu hören. Und so jung ist er gestorben, ohne das große Herzeleid und die Schmerzen dieser Welt zu kennen. Am letzten Tage seines Lebens hat er meiner in Liebe und Treue gedacht, mir diese Schnalle gesandt, und als der Herr ihn gerufen hatte, nahm sein Freund ihm noch die Locke vom Haupte –« Sie sprach leise und abgebrochen; als sie schwieg, fragte die andere: »Habt Ihr niemals mit Eurem Schicksal gehadert?« Frau Agnete schob den Kasten wieder in die Lade und schüttelte leicht das Haupt. »Ich bat den Allmächtigen wohl viele Male, auch mich zu sich zu nehmen, aber als ich merkte, daß er mich noch auf der Erde lassen wollte, da habe ich gesagt: ›Herr, nicht wie ich will, sondern wie du willst!‹« Nachdenklich senkte Gude von Thienen ihr Haupt auf die Brust. Die einfachen Worte Agnete Buchwalds klangen in ihr nach, und sie dachte daran, wie fest und 287 treu die Priörin ihr Amt verwaltete, welchen Segen sie schon in der kurzen Zeit ihrer Herrschaft gestiftet, und mit welcher erbarmenden Menschenliebe sie jeden empfing, der hilfeflehend zu ihr kam. Aber wiederum durchzuckte sie ein bitteres Gefühl. »Ihr empfandet einen reinen Schmerz, hochwürdige Frau,« sagte sie mit zuckenden Lippen. »Euch muß das Angedenken desjenigen, den Ihr liebtet, heilig sein, denn nichts tat er, was Ihr ihm hättet niemals verzeihen können. Habe ich Euch aber nicht berichtet, wie ich nachher erfahren mußte, daß mein Junker sich arger Missetat schuldig machte, daß er wohl Tod oder Gefängnis verdiente, wenn sein Bruder ihn nicht vor meinen Augen erstochen –« Sie sprang auf, die Hände ringend. »Und ich, die ich mein Teil an aller Schuld trug!« rief sie verzweiflungsvoll. »Gab es einen Menschen am dänischen Hofe, der Mitleid mit mir empfand; hatte Frau Uhlfeld ein Wort des Trostes für mich? Noch sehe ich ihr stolzes Gesicht, als ich mich jammernd zu ihren Füßen warf, noch höre ich ihre hohnvollen Worte: ›Wie man sich bettet, so liegt man, Jungfrau Gude. Ihr verstandet es nicht, einem Manne Treue zu halten!‹« Die Priörin legte beschwichtigend ihre Hand auf die des Fräuleins. »Sprecht nicht hart von Eleonore Uhlfeld,« sagte sie milde. »Bedenkt, wie die stolze Frau gebeugt ist und welche Leiden ihr auferlegt wurden.« Gude von Thienen ließ sich in einen Stuhl gleiten und sah mit glanzlosen Augen durch die kleinen Fensterscheiben. 288 »Die Blätter beginnen zu fallen, und die Luft ist so klar wie damals, als mein Leben anfing, für mich ein Entsetzen zu werden! Allmächtiger! Wenn ich sagte, daß nur einer mir zu helfen vermöchte, so meinte ich nicht dich, ich meinte den Tod!« »Ist denn dieser nicht der Diener seines großen Herrn?« fragte die Priörin. »Ach, Jungfrau Gude, lernt erst noch Gott lieben, ehe Ihr zu ihm gehen wollt!« Fräulein von Thienen achtete der Worte nicht. »Großer Gott!« murmelte sie, »wie habe ich ihn geliebt! Und er war ein Lügner! Später, als niemand Erbarmen mit mir fühlte, da vernahm ich, daß er mich getäuscht, daß sein Bruder mich niemals betrog; da sagte mir die Gräfin, daß sie den treuen Junker hatte verderben wollen. Ihr Wille geschah, der Brudermörder ward gebannt, sein Gut genommen, und ich trug die Schuld! Auch er steht vor mir und sieht mich drohend an –« »Genug!« rief jetzt die Priörin, mit freundlichem Ernst die Hand hebend. »Wohl weiß ich, wie schwer Ihr gelitten, wohl fühle ich inniges Mitleid mit Eurem armen zerrissenen Herzen, aber wenig frommt es, in seinem Schmerz zu wühlen und tatenlos die Zeit zu verträumen. Glaubt mir, dadurch schadet Ihr Euch mehr, als daß Ihr dem Andenken Eurer Lieben nützt. Habe ich Euch doch deswegen nicht zu meiner Handlangerin ernannt, daß Ihr vor mir weint, sondern Ihr sollt mir beistehen mit Rat und Tat! Bin ich doch nur ein armselig Landfräulein, das die große Welt nicht einmal von ferne sah; Ihr aber seid ein gereistes, hoferfahrenes Fräulein!« 289 Die Priörin griff wieder nach dem vorhin beiseite gelegten Brief. »Also, mein Herr Vetter, der neugebackene Graf, will unser Klösterlein besuchen, mir auch vom König eine Botschaft bringen. Ich danke Gott, daß Seine Majestät nicht in höchster Person hier erscheinen, wie unser königlicher Herr zuerst die Absicht hatte. Aber Ihr wißt, daß ich den Grafen ernstlich bat, unserm gnädigsten Fürsten alle Gedanken, uns zu besuchen, auszureden, und obgleich Herr Reventlow für seine Base niemals viel Freundschaft zeigte, so hat er mein Ersuchen dennoch erfüllt. Glaubt Ihr nun aber, Jungfrau Thienen, daß mein stolzer Vetter sich bequemen wird, in der Herberge vor dem Tor Wohnung zu nehmen? Zwar könnte ich ihm mein Haus anbieten, doch kommt er nicht allein. Ein anderer Herr, den er zum König führen soll, begleitet ihn, und für zwei Edelleute mit Knechten und Troßbuben ist es hier nicht groß genug; auch will der Graf nicht gestört sein!« »Wer ist der andere Herr?« fragte das Fräulein. Die Priörin räusperte sich und las bedächtig vor: »Auch vermelde ich meiner hochwürdigen Base, daß ich noch für einen zweiten Herrn Quartier erheische. Selbiger wird voraussichtlich etliche Stunden später kommen denn ich, und wir wollen ungestört des Gesprächs pflegen.« »Wenn Euch mit meiner Wohnung gedient wäre, hochwürdige Frau –« begann Fräulein von Thienen, aber eine kräftige, etwas spöttische Männerstimme unterbrach sie. 290 »Da sei Gott vor, daß ich so heilige Jungfrauen aus ihrer Behausung vertriebe! Mir ist die Herberge am Tor sehr gelegen, und ich würde es meiner hochwürdigen Base sehr verübeln, wenn sie Umstände machte meinetwegen!« Ein älterer Mann in reicher Hofkleidung, die Hand lässig auf den Griff seines Degens gestützt, stand vor den beiden Frauen. Er blickte sich einen Augenblick in dem kleinen einfachen Zimmer um, dann ging er auf die Priörin zu, erfaßte ihre Hand und berührte sie leicht mit den Lippen. »Verzeiht, wenn ich Euch erschreckte, aber da ich keine Magd fand, mich anzumelden, so mußte ich mir Eure Tür selbst öffnen!« Dann trat er einen Schritt zurück und richtete prüfend die Augen auf Frau Agnete. »Ihr habt noch dieselben Augen wie einstmals,« sagte er dann, »und Eure Stirn ist noch glatt. Das Leben hat Euch mit sanfter Hand erfaßt, Frau Base!« Die Priörin lächelte. »Sechzig Jahre sind über meinen Scheitel dahingezogen und haben ihn weiß gefärbt! Doch wollt Ihr Euch nicht setzen, Herr Graf?« Es lag eine ruhige Würde in ihrer Haltung, die auf den Hofmann ihre Wirkung nicht verfehlte. Keinen Augenblick war Frau Agnete erstaunt über den unvermuteten Eintritt des Grafen, und auch Fräulein von Thienen zeigte keine Überraschung in ihrem noch Spuren großer Schönheit tragenden Antlitz. Auf sie war der Graf jetzt zugetreten. »Darf ich nicht auch eine Verwandte begrüßen? Ihr seid doch Ulrika Brockdorff?« 291 »Ich heiße Gude von Thienen!« erwiderte die Dame, ihre noch immer schlanke Gestalt aufrichtend. Graf Reventlow unterdrückte hastig eine Bewegung des Staunens und verbeugte sich tief. »Euren Namen hörte ich viel nennen; Ihr waret lange der Gräfin Uhlfeld zugetan?« »Ganz recht, Herr Graf!« lautete die Antwort, und das Fräulein machte eine Gebärde, als sähe sie die Unterhaltung für beendet an. Der Graf setzte sich und zog die gestickten Handschuhe von den schlanken Fingern. Er war eine stattliche Erscheinung, doch manche Furche war vom Alter in sein schmales, vornehm geschnittenes Gesicht gezogen, und man sah ihm an, daß er viel erlebt hatte. »Welche Botschaft bringt Ihr vom Könige?« fragte Frau Agnete, die einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte und jetzt einen Platz am Fenster einnahm. »Seine Majestät läßt Euch seinen gnädigen Gruß vermelden und Euch sagen, daß Ihr auf dem begonnenen Wege fortfahren möget. Höchstderselbe ist erfreut, zu sehen, daß Ihr das Kloster zu heben versucht, daß Ihr keine Mühe scheut, Euch Ansehen zu verschaffen, und daß Ihr auch bestrebt seid, den Hörigen des Klostergutes eine christliche Behandlung angedeihen zu lassen. Zwar sind Seiner Majestät allerhand Klagen zu Ohren gekommen, denn trotz Eurer Sanftmut habt Ihr Euch Feinde gemacht, die behaupten, Ihr wäret zu milde gegen die Niedriggeborenen und zu streng gegen Eure adligen Genossinnen, doch will mein gnädigster Herr annehmen, daß diese Klagen nicht begründet sind.« 292 Es lag viel Hochmut in der Sprechweise des Grafen und ein gewisser Ton, der andeutete, daß ihm diese ganze Angelegenheit völlig gleichgültig sei. Immer wieder gingen seine beobachtenden Blicke zu der etwas abseits sitzenden Gestalt des Fräulein von Thienen, und er schien sich Zwang anzutun, nicht an sie einige Fragen zu richten. Doch jetzt trat ein sauber gekleidetes Mädchen ein und brachte auf silbernem Teller einen Becher und eine Karaffe mit Wein. Die Priörin schenkte ihm ein, und nachdem er in höflichen Worten gedankt, nippte er vorsichtig an dem Becher, ehe er einen tüchtigen Zug tat. Frau Agnete lächelte flüchtig. Sie merkte wohl, daß er in den Wein einer Klosterfrau kein Vertrauen setzte. »Was ich Euch soeben berichtete, hochwürdige Frau, steht auch hier geschrieben, und Seine Majestät hat eigenhändig seinen Namen darunter gesetzt, Euch zur Aufmunterung!« Nun zog der Graf einen umfangreichen Brief aus der Tasche. »Ihr geht zu Seiner Majestät?« fragte die Priörin. Reventlow neigte bejahend das Haupt. »Mein königlicher Herr weilt bei Pinneberg und wird vielleicht in ernsten Streit mit der übermütigen Stadt Hamburg geraten!« »Der allmächtige Gott bewahre uns vor einem neuen Kriege,« seufzte die Priörin; »doch hörte ich, daß Seine Majestät keinen großen Geldschatz besäße und deswegen sich vor Truppenwerbungen hüten müsse!« 293 »Ein so großer Herr schafft sich Geld mit geringer Mühe!« war die leichthin ausgesprochene Antwort. Dann kehrte sich der Graf zu Gude von Thienen. »Euren Namen, wertes Fräulein, hörte ich noch vor kurzem in Kopenhagen aus Frau Uhlfelds Munde. Ihr wißt doch, daß mein Herr ihr allergnädigst die Freiheit zurückgab, nachdem sie dreiundzwanzig Jahre im Kerker saß und viel Trübsal erlebte. Denn Herr Korfiz starb fern von ihr, und viele Schmach mußte sie erdulden, ehe sie wieder ihr enges Gefängnis verlassen durfte. An dem Tage, da sie dem blauen Turm Valet sagte, der ihr ein Menschenalter zur Behausung diente, hat sich viel Volks versammelt, sie zu sehen, so daß ihr Wagen kaum vorwärts kommen konnte. Denn die meisten Leute dachten, sie wäre lange gestorben – und nun war sie noch lebendig. Königliche Pikeniere mußten sie geleiten, und doch ereignete es sich, daß eine steinalte Frau mit Kot nach ihr warf und ihr laut fluchte.« »Welch schändliches Weib!« rief die Priörin entrüstet; während Gude schweigend zuhörte. Der Graf spielte mit den goldenen Knöpfen seines gestickten Rockes. »Sie war die Frau eines Bäckers und hatte auf die Uhlfelds einen Haß geworfen, weil ihr Sohn gegen die Schweden fiel! – Nun, Frau Uhlfeld hat die Gunst und den Abscheu des Volkes erfahren, und ihr ist beides gleichgültig geworden; Ihr würdet Eure einstige Herrin verändert finden, Fräulein von Thienen; klein und gebückt sitzt sie in ihrem Sorgenstuhl, und ihre Hände zittern, wenn sie spricht.« 294 »Sie nannte meinen Namen, sagtet Ihr?« fragte die Klosterdame leise. »Sie sprach von Euch und sagte, daß sie hoffte, Ihr gedächtet freundlich ihrer! Mehr sagte sie nicht; ihre Gedanken verwirren sich zuweilen; dann klagt und stöhnt sie laut, jammert nach ihrem Gemahl und wünscht sich den Tod. Aber es kann sich ereignen, daß, wenn der König, mein gnädiger Herr, zu ihr eintritt und mit ihr redet, sie verständig spricht. Sie ist immer für die Höchsten des Landes gewesen. Obgleich sie einmal heftig nach dem Hofprediger Lauritzen begehrte. Doch der weilt schon lange nicht mehr unter den Lebenden.« Der Graf stand auf. »Wollet mich entschuldigen, hochwürdige Jungfrauen, wenn ich Euch verlasse, da ein Fremder meiner harrt. – Ihr, hochwürdige Frau Base, werdet gestatten, daß ich morgen noch einmal nach Eurem Befinden mich erkundige, und auch Euch, wertes Fräulein, hoffe ich noch einmal zu sehen!« »Ich hoffte Euch und Euren Gast für heute abend bei mir zu bewirten!« sagte die Priörin, aber der Graf bedauerte mit höflichen Worten, diese Einladung nicht annehmen zu können. Als er gegangen war, weinte Fräulein von Thienen laut auf. »Ach, meine arme Herrin, was haben sie aus dir gemacht! Aus der königlichen Eleonore eine alte gebrochene Frau! Wie elend sind wir alle geworden!« Es war schon dunkel, als Graf Reventlow ins Freie trat, und mit raschen Schritten erreichte er das 295 Klostertor, vor dem eine kleine, freundlich gelegene Herberge stand. Vor der Tür standen zwei seiner Diener, die ihm Platz machten, und er wollte die enge Stiege hinauf in sein eigenes Gemach gehen, als sein Blick in das Gastzimmer fiel. Dort saß an dem festgearbeiteten Tische ein Mann, der beschäftigt war, bei dem Lichte einer qualmenden Öllampe einige Worte auf ein dickes Stück Papier zu schreiben. Das gelb scheinende Licht fiel auf seine scharfgeschnittenen Züge, auf seinen dichten weißen Bart, auf die große, ausgearbeitete Hand, und spiegelte sich in seinen dunklen Augen, die von Zeit zu Zeit aufblickten. Der Graf blieb unwillkürlich stehen und sah starr auf die mächtige Figur, die sich wunderlich in dem kleinen Gemach ausnahm. Es war, als wenn sie im Aufstehen mit dem Kopfe gegen die niedrige Decke stoßen müßte. Jetzt trat der Graf nach einem kurzen Zögern in die enge Stube, und der andere richtete seine scharfblickenden Augen auf den Eintretenden. Dann stand er auf, und die Augen beider Männer ruhten einige Minuten ineinander, bis Herr Reventlow höflich den flachen Hut vom Haupte nahm, seine Hand ausstreckte und lächelnd rief: »Beim Scheine dieser elenden Lampe erkennt man Euch schlecht, Herr Matthias! Wisset, daß ich Euch schon vorgestern mit Schmerzen erwartete und ganz mißmutig ward, als Ihr mich wissen ließet, erst heute könntet Ihr hier sein!« »Ihr müßt einem vielbeschäftigten Manne schon einiges nachsehen, edler Herr Graf!« lautete die mit volltönender Stimme gesprochene Erwiderung. »Meine 296 Zeit ist gemessen, und in Lübeck hatte ich viel zu tun. Wollet mein Säumen gütigst verzeihen!« Der Graf verneigte sich. »Ihr habt sicher schwerwiegende Gründe, Euer Ausbleiben zu entschuldigen!« Durch seine höflichen Worte klang eine leise Empfindlichkeit, und Herr Matthias lächelte verstohlen, während er auf einen Wink des Grafen diesem die enge Treppe hinauf folgte. Oben im Giebel des Hauses war ein Gastgemach für vornehme Reisende eingerichtet, und hierher wandten sich die Herren. »Euretwegen,« sagte der Graf im Eintreten, »machte ich mir ein Geschäft im Kloster Preetz, um mein anderes Vorhaben zu verheimlichen. Nicht gern begebe ich mich zu älteren Jungfrauen unseres Adels, denn sie sind oft unfreundlich und gönnen einander kein Gutes. Doch muß ich sagen, daß Frau Agnete Buchwald mir gefallen hat. Sie hat sanfte Augen und einen festen Mund, und das liebe ich an den Weibern!« Der Graf nahm unterdessen aus einer schweren Ledertasche ein kleines Paket, das er vor sich auf den Tisch legte. Und nachdem sein Diener eine Kerze gebracht hatte, wandte er sich zu Herrn Matthias: »Doch laßt uns von Geschäften reden. Der König, mein gnädigster Herr, der Euch einen Freipaß durch mich sandte, so daß Ihr ungehindert in seinen Landen zwei Monate verweilen könnt, will den Bann, den König Christian der Vierte wegen Brudermordes über Euch verhängte, gänzlich von Euch nehmen. Ja, er erbietet sich in seiner großen Gnade, noch mehr zu tun: er will Euch in Eure sämtlichen Ehren 297 wieder einsetzen und Euch Euren Adel, dessen Ihr durch königliches Dekret verlustig ginget, zurückerstatten –« »Auch mein Erbgut?« warf Herr Matthias ein. Der Graf zuckte die Achseln. »Ihr wißt selbst, daß Seine Majestät dies nicht kann. Durch Eure rasche Tat verscherztet Ihr Euer Erbe, und Frau Uhlfeld, die es einmal hatte, mußte es dem Feinde überlassen. Jetzt verkaufte der König Holleby an einen dänischen Edelmann, der es allmählich wieder in Ordnung bringt. Ich meine auch, daß Ihr reich genug seid, Euch ein anderes Gut wiederzukaufen. – Nun, Herr Matthias, was sagt Ihr zu unseres Königs Gnade?« »Was kostet sie?« fragte der andere. Herr Reventlow machte eine ungeduldige Bewegung. »Seine Majestät ist einer beträchtlichen Summe benötigt, welche höchstderselbe zum Besten seines Landes zu verwenden gedenkt!« Herr Matthias hatte sich gesetzt und zog die Enden seines langen Bartes durch die Finger. »Der König will Krieg führen mit Hamburg, und das ist nicht zum Besten seines Landes,« versetzte er rauh; »er treibt großen Prunk an seinem Hofe, und die meisten seiner Untertanen hungern! Verzeiht, edler Herr, wenn ich nicht rede wie ein Hofmann!« setzte er milder hinzu, als er den entsetzten Ausdruck in des Grafen Gesicht gewahrte. »Der Wind bläst kräftig auf den Westseeinseln, und seit mir das Salzwasser mehr als tausendmal in die Augen spritzte, 298 ist mein Blick scharf geworden, und ich sehe mancherlei, an dem ich einst blind vorbeiging. Mit hoher Freude erfüllt es mich, den Bann von mir genommen zu sehen, der vierzig Jahre schwer auf mir gelastet, und gern zahle ich dem König hartes Gold für seine Gnade; mehr aber verlange ich nicht von ihm!« »Ihr wollt Euren Adel nicht wieder annehmen?« fragte Reventlow überrascht. Kajus Rungholt schüttelte sein graues Haupt. »Nein, Herr; was sollte mir der stolze Titel? Die Friesen kennen ihn nicht; mein Weib, eine Föhringerin aus altem Geschlecht, würde von Euren Damen nicht als ebenbürtig angesehen werden, meine Söhne nenntet Ihr vielleicht Halbblut, wie ich es in manches Edelmanns Augen war – sie sollen es niemals wissen, daß ihr Vater einst anders hieß als Matthias!« Kajus hatte sich warm geredet, und der Graf sah ihn nachdenklich an. »Ganz tadeln will ich Euch nicht,« begann er langsam, »denn auch mir will das, was Ihr sagt, für richtig erscheinen. Doch der König wird anders denken. Er ist Euch gewogen, schon deshalb, weil Frau Uhlfeld Euch haßte. Auch ich erzählte Seiner Majestät von Euch, und er ist nicht abgeneigt, in der Affäre mit Eurem Bruder Euch recht zu geben. Ihr waret schwer gekränkt –« Herr Matthias stand unruhig auf. »Sprecht von etwas anderem, Herr!« sagte er, mit schweren Schritten auf und nieder gehend. »Ich kann von allem reden, nur von diesem nicht!« Aber Graf Reventlow ließ sich nicht unterbrechen. 299 »Wäre mein Bruder gegen mich verfahren, wie der Eurige gegen Euch, bei Gott, mich sollte es nicht gereuen, wenn mein Degen ihn getroffen hätte!« »Ihr habt's nicht probiert!« murmelte Herr Matthias. »Noch jahrelang klang es in meinen Ohren, wie mein Bruder mit Stöhnen niedersank, und das Wort ›Brudermörder!‹ verfolgt mich durchs Leben. Das Blut des Knaben schreit zum Himmel, Herr; ja, es schreit zum Himmel! Wird es dort Gnade für mich geben?« Seine starke Gestalt schauerte zusammen, und mit der Hand beschattete er die Augen. Graf Reventlow legte ihm die seine auf die Schulter. »Ihr seid ermüdet durch die Reise, Herr Matthias; daher blickt Ihr düster, und es war ein Fehler von mir, von dieser alten Geschichte anzufangen. Laßt uns von anderem reden. Seine Majestät ist gewillt, Euch zu empfangen, falls Ihr geneigt seid, seinen Wünschen ein williges Ohr zu schenken!« »Seine Majestät ist sehr gnädig, doch scheue ich mich, in seine erlauchte Nähe zu treten, da ich der Hofluft mich ganz entwöhnte. Wollet mir die Forderung des Königs mitteilen, Herr Graf; steht es in meinen Kräften, so soll sie Befriedigung finden!« Herr Matthias sprach mit einfacher Würde, und der Graf legte ihm schweigend ein Papier vor, das er dem kleinen Paket entnahm. Der andere las es aufmerksam durch, legte den Finger auf jedes Wort und sprach es leise vor sich hin. Dann hob er die Augen. »Seine Majestät verlangt viel!« bemerkte er bedächtig. 300 »Ich sagte Euch schon, daß mein gnädiger Herr Euch dafür große Gnade angedeihen lassen wollte!« lautete die scharfe Antwort. Über das ernste Gesicht des andern glitt ein Lächeln. »Ihr seid empfindlich geworden, Herr Reventlow, und doch müßtet Ihr wissen, daß ein Hofmann solche Eigenschaft nicht besitzen darf. Gestattet indessen, daß ich bis morgen den Vorschlag, den Seine Majestät mir durch Euch machte, überlege; ich hoffe Euch dann feste Antwort geben zu können!« Er machte eine leichte Verneigung und schritt der Tür zu, aber Graf Reventlow hielt ihn zurück. »Ihr wollt mich doch nicht allein in dieser verwünschten Herberge lassen? Kommt, wir wollen uns ein Nachtessen bestellen und dazu einige Becher edlen Weins, den ich mit mir führe, leeren!« Er rief aus der Tür nach einem seiner Diener und erteilte ihm rasch einige Befehle. »Was denkt Ihr doch von mir,« setzte er hinzu, wieder zu Herrn Matthias tretend, »daß ich Euch von mir lassen sollte wie einen Fremden! Bin ich Euch nicht zu ewigem Danke verpflichtet? Waret Ihr es nicht, der vor fünf Jahren die Schiffbrüchigen, die der Sturm an den Strand der Insel Sylt warf, aus der Hand der wilden Friesen rettete? Meiner Treu, Ihr sagt, sie hätten niemals Hand an uns, als die Diener des dänischen Königs, gelegt; aber sie blickten uns nicht freundlich an, und ich erzählte ihnen bereits zum hundertstenmal, daß ich in außerordentlicher Gesandtschaft nach England gereist wäre, ohne Glauben zu finden. Bis dann Ihr erschienet!« 301 Herr Matthias zuckte die Achseln. »Es ist ein rauhes Volk,« sagte er entschuldigend, »und sie betrachten den Strand als ihr Eigentum. Auch lieben sie nicht, wenn Schiffbrüchige kommen, die Anspruch machen auf das Strandgut. Daher die unfreundlichen Mienen!« »Der eine griff nach dem Messer,« brummte der Graf, »und noch segne ich die Stunde, da Ihr plötzlich hinter mir standet!« »Ich wollte ein Boot kaufen!« schaltete der andere ein. »Als Ihr hinter mir standet, mir die Hand auf die Schulter legtet und mit starker Stimme das Volk anherrschtet, daß es auseinanderstob. Bei meiner Seele, Rungholt! Obgleich viele Jahre vergingen, seitdem ich Euch sah, so fuhr es mir doch wie ein Blitzstrahl durchs Gehirn: Kajus Rungholt! Und dann nahmet Ihr mich mit, in Euer stattliches Föhringer Haus, in dem Frau Inge ernsthaft und fleißig waltet, Ihr pflegtet mich wie einen Bruder und brachtet mich endlich nach Lübeck. Wisset, diese Liebe vergesse ich Euch niemals!« Das etwas kalte Gesicht des Grafen bedeckte sich mit leichter Röte, und seine Stimme klang herzlich. Auch Herr Matthias sah ihn freundlich an. »Ich durfte Euch zeigen, daß ich noch mit Dankbarkeit Eures Geleites über die Schleswiger Heide gedenke!« sagte er ruhig. »Der Ritt über die Schleswiger Heide!« rief wieder der Graf. »Niemals entsetzte ich mich so, als damals, wo ich hörte, daß Ihr geächtet, daß Euer Gut Euch 302 genommen und daß Ihr in die Ferne geflohen waret. Oft gedachte ich Eures tückischen Bruders mit Empörung und gönnte ihm herzlich sein jähes Ende. Als Herzog Friedrich abschied, kam ein ander Leben für mich; ich trat in den Dienst der dänischen Krone. Da vergaß ich Euch! Bis ich Euch wiederfand als den größten Schiffsfahrer der Westküste; als den, der zuerst den Walfisch bis hierher brachte, und der von diesen Ungeheuern über dreihundert Stück erlegte!« Herr Matthias lachte unwillkürlich über den Eifer des Herrn, dann aber ward er ernst. »Viel Ungemach mußte ich erfahren, bis mein erstes Schiff die große Beute einbrachte,« sagte er sinnend; »auch sind Jahre vergangen, ehe ich empfand, daß der Kainsfluch von mir genommen war. Doch vieles habe ich durch Gottes Gnade überwunden, und sie nennen mich ›den Glücklichen‹.« »Ihr seid es auch!« rief Herr Reventlow, aber der Föhringer wiegte bedenklich das Haupt. »Zwei große Schiffe nahmen mir im Frühjahr die Franzmänner, und auf dem einen war mein ältester Sohn. Daß er lebt und gesund ist, habe ich erfahren, aber ein großes Lösegeld wollen sie mir abpressen. Daher begebe ich mich nach Hamburg, um mit dem französischen Ambassador Rücksprache zu halten, und wenn die Gnade des dänischen Königs mir behilflich sein könnte –« »Sicherlich!« unterbrach ihn der Graf; »obgleich Seine Majestät der Stadt Hamburg zürnt, wird er doch dem Vertreter König Ludwigs wohlgewogen sein, und ich will dafür sorgen –« 303 Ein Geräusch, das von unten kam, ließ ihn mitten im Satz aufhören, und auch Herr Matthias erhob lauschend den Kopf. »Die Knechte scheinen sich zu raufen!« sagte der letztere, und stirnrunzelnd erhob sich der Graf, um die Treppe hinunterzugehen, während der einstige Freiherr ihm folgte. Lautes Schelten und Rufen, untermischt mit kräftigen Flüchen, drang von der Küche her, und gerade als die Herren auf dem Flur angelangt waren, flog ein Mensch an ihnen vorbei durch die offene Haustür ins Freie, wo er unbeweglich liegen blieb. »Was geht hier vor?« herrschte der Graf einen seiner Knechte an, der soeben ein lautes, zufriedenes Lachen erschallen ließ. Aber die dicke Wirtin, die, ein dünnes Talglicht in der Hand, aus der Küche stürzte, ließ den Gefragten nicht zu Worte kommen, was ihm anscheinend nicht unangenehm war. »Was hier vorgeht, hochgebietende Herren?« kreischte sie in höchster Aufregung, das Licht wie eine Fackel schwingend, so daß es reichlich Fetttropfen verstreute. »Habe ich nicht den Herren zwei Hähnchen gebraten und Eier in der Pfanne gebacken, und stellte ich nicht alles auf den Küchentisch dicht ans Fenster, um noch die weiße Decke mit der roten Kante zu holen, die meine Mutter mit aus Kopenhagen brachte? Weiß ich denn, daß das Fenster nur angelehnt ist, und daß es so schlechte Menschen gibt, die den Geruch von Gebratenem in der Nase nicht fühlen können, ohne daß ihnen die Diebsfinger jucken! Allmächtiger Heiland! Meine Tochter ist in der Küche und der Diener des gnädigen Herrn; aber die zwei –« 304 »Wo sind die gebratenen Hähnchen?« unterbrach sie der Graf barsch. »Gott im hohen Himmel! Habe ich es nicht gesagt? Sind sie nicht weggestohlen, aufgegessen? Haben sie den Dieb nicht durchs Fenster hereingezogen und durchgebleut, und waren es nicht meine besten Hähnchen? Und waren die Eier nicht von der schwarzen Henne, die schon zweimal gebrütet hat?« Graf Reventlow seufzte tief auf, nachdem er diesen zweiten Fragenerguß mit der Fassung anhörte, die einem vornehmen Hofmanne ziemte. »Bringt so bald wie möglich ein anderes Essen!« befahl er dann, sich verdrießlich abwendend, während Herr Matthias in die Haustür trat und sich scharf umblickte. Nachdem seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt, entdeckte er einen dunklen Gegenstand, den er mit kräftiger Hand ergriff und in den Flur zog. »Wir wollen uns den Vogel, der unser Geflügel verspeiste, doch genau ansehen und ihn in das Klostergefängnis abliefern,« meinte er. Damit nahm er der Wirtin das Licht aus der Hand und leuchtete in das blöde Gesicht eines sehr alten Mannes, dessen Augen sich soeben öffneten. Er schien betäubt zu sein von dem kräftigen Stoße, durch den er auf die Straße flog, sonst war an ihm keine Verletzung zu entdecken. »Er soll gepeitscht werden!« rief der Graf drohend. Der Alte grinste ihn spöttisch an. »Braten schmeckt gut!« kicherte er, mit der Zunge sich die Lippen leckend. Schon hob Herr Reventlow die Hand zum Schlage, als die Wirtin über den zerlumpten Dieb herstürzte 305 und ihm eine kräftige Ohrfeige versetzte. Dann brach sie in einen Strom von Verwünschungen aus und schien auch Lust zu haben, die Schärfe ihrer Nägel an dem Gegenstand ihrer Wut zu versuchen, hätte Herr Matthias ihr nicht Einhalt geboten. »Laßt ab von dem Menschen, Weib!« rief er strenge. »Schickt ihn zum Klostervogt, damit er ernstlich bestraft werde, aber bezwingt Eure Leidenschaft!« Nur zögernd gehorchte die Frau seinem Wort und drohte dem Alten mit geballter Hand. »Sollte ich dich nicht kennen, verfluchter Dieb? Bist du nicht schon einmal hiergewesen und hast gesagt, du wärest ein Junker? Schöner Junker, du!« setzte sie spöttisch hinzu. »War meine Mutter nicht eine ehrsame Schuhmachersfrau in Kopenhagen, und habe ich nicht die geputzten Junker zu Dutzenden gesehen, ehe ich hierherkam, wo es nur Jungfrauen gibt?« »In drei Teufels Namen, haltet den Mund!« schrie jetzt der Graf, hochrot vor Zorn. »Schafft den Burschen da ins Gefängnis und verschont uns mit Eurer Mutter, die etwas Besseres hätte tun können, als Euch sprechen zu lehren!« »Kommt!« wandte er sich zu Herrn Matthias, »wir wollen das Stübchen wieder aufsuchen und uns nicht mit diesen gemeinen Dingen beschäftigen!« Reventlows Stimme klang so, als gäbe er sich Mühe, seine Heftigkeit zu bezwingen, und sein Begleiter blickte befremdet bald auf ihn, bald auf den Bettler, der noch immer am Boden saß und blöde vor sich hinstarrte, um durch verschiedentliches Streicheln seiner Magengegend zu zeigen, daß er durchaus 306 keine Ursache hätte, unzufrieden zu sein. Das flackernde Licht beleuchtete seine bunte, aus Flicken und Lumpen bestehende Kleidung, seinen kahlen Kopf und eine breite rote Narbe, die über die Stirn und einen Teil des Schädels ging. Kajus Rungholt betrachtete ihn aufmerksam. »Steh auf!« sagte er jetzt kurz, und der Bettler hob bei dem Klang der Stimme einen Augenblick den Kopf. »Ich kann nicht!« sagte er mit kläglichem Ton. »Mir sind die Beine abgeschossen in der Schlacht bei Fehmarn!« Lautes Gelächter der umstehenden Knechte antwortete ihm, und rauhe Hände halfen ihm, schneller als er gewollt, auf die Füße. Taumelnd lehnte er sich an die Wand, und ein tückischer Blick trat in seine Augen, während er mit der Hand unter den Rock fuhr. Noch immer hatte Herr Matthias den Blick nicht von ihm gewandt, und auch die kleinen zwinkernden Augen des Bettlers irrten immer wieder zu dem scharf ausgeprägten Gesicht des Föhringers zurück, aber dem Grafen ward die Zeit lang. »Laßt uns nach oben gehen, Herr Rungholt!« rief er, mühsam seine Ungeduld beherrschend. »Es ziemt uns nicht –« Er kam nicht weiter. Mit einem tierischen Gebrüll stürzte der Bettler auf Herrn Matthias, ein funkelndes Messer in seiner Hand schwingend. Er führte einen wütenden Stoß nach ihm, aber der so unvermutet Angegriffene war mit schneller Bewegung zur Seite getreten und erfaßte den Arm des andern, 307 so daß das Messer zur Erde sank. In demselben Augenblick sprangen zwei Knechte vor, den Wahnsinnigen zu binden, was ihnen jedoch erst nach verzweifelter Gegenwehr gelang. Dann ward er hinweggeführt, noch immer laute Flüche und Verwünschungen gegen alle Menschen ausstoßend. »Ihr seid doch nicht verletzt?« fragte Reventlow, als beide Herren wieder in ihrem Gemach saßen. Kajus Rungholt zeigte einen großen Riß in seinem seinen braunen Tuchrock. »Arbeit für den Schneider, nicht für den Chirurgus!« erwiderte er. »Er muß hängen!« murmelte der Graf, finster in seinen Becher blickend. »Wißt Ihr, daß es Geerd von der Wisch war?« fragte Herr Matthias. Der andere nickte. »Ich hatte schon von dem Patron gehört, daß er halb von Sinnen wäre und bettelnd im Lande umherstreifte. Man sagte, er täte niemand ein Leids! Wollte Gott, wir hätten uns nicht in diesen Küchenlärm gemischt!« schloß er ärgerlich. »Es kann ein schlimmer Handel werden, denn obgleich ihn alle verachten und keiner ihm ein Stück trockenen Brotes reicht, so ist er doch von der Ritterschaft, und wenn er am Galgen hängt, wird mancher ein großes Geschrei erheben!« »Laßt ihn meinetwegen laufen!« sagte Herr Matthias ruhig. »Der arme Irrsinnige kann mir nicht schaden, und sollte er es noch einmal versuchen, so stehe ich in Gottes Hand!« Der Graf erwiderte hierauf nichts und begann von anderen Dingen zu sprechen. 308 Am frühen Morgen des anderen Tages, als Herr Kajus Rungholt in das Gastgemach trat, kam Frau Lorenzen, die Wirtin, eilfertig zu ihm, um ihm mit vielen Knicksen und Händefalten das Entsetzliche zu erzählen, was in dieser Nacht geschehen war. Hatte doch der freche Dieb nicht seine gerechte Strafe in Demut erwartet, sondern es vorgezogen, mit einem spitzen Taschenmesser, das man ihm leider gelassen, sich den Hals abzuschneiden. Und Frau Lorenzen beschrieb den schrecklichen Akt mit einer Anschaulichkeit, als wäre sie dabei gewesen. »Er ist also tot?« fragte Herr Matthias ernst. Nein, er war noch nicht gestorben; man hatte ihn aus dem Gefängnis in ein kleines Armenhaus gebracht, wo die hochwürdige Frau Priörin Kranke hinschaffen ließ, um selbst für ihre Pflege zu sorgen. Dort würde der elende Mordgesell wohl seine sündige Seele dem Teufel übergeben. Frau Lorenzen sprach sich in große Erregung hinein, so daß sie im Zimmer umherfuhr und es zuerst gar nicht merkte, daß ihr Gast sie verlassen hatte. Dann schüttelte sie den Kopf, daß die langen Bänder ihrer weißen steifgestärkten Haube flogen, und sie murmelte ziemlich unehrerbietige Bemerkungen über die großen Herren, die sich nicht einmal um die wenigen Worte kümmerten, die eine unbescholtene Bürgersfrau mit ihnen redete. Herr Matthias war in den klaren, sonnigen Herbstmorgen und langsam durch das Tor in den Klostergarten getreten. Die kleinen freundlichen Wohnungen der Konventualinnen lagen noch schweigend da, und 309 die verhängten Fensterscheiben deuteten darauf hin, daß ihre Bewohnerinnen sich noch nicht vom Schlummer getrennt hatten. Herr Matthias wandte seine Schritte nach rechts; dort stand ein niedriges mit Stroh gedecktes Haus, und sein scharfes Auge entdeckte über der Tür einen mit bunten Lettern gemalten Spruch. Er näherte sich und blickte durch ein geöffnetes Fenster in ein kleines Zimmer. Dort lag sein einstiger Feind im Sterben. Er hörte sein dumpfes Röcheln, und unwillkürlich entblößte er sein Haupt, während er sich an die Hauswand lehnte. Dann vernahm er eine sanfte Stimme, die Bibelworte flüsterte, und er runzelte zuerst unwillig die Stirn: was sollten die heiligen Worte bei dem Lager des Sünders? Das Röcheln ward leiser, und als dieselbe Stimme begann, halblaut ein Sterbelied zu singen, da faltete Herr Matthias die Hände, und seine Lippen flüsterten das Lied nach. Ihm ward es andächtig und still zumute, und als er in den hellblauen Herbsthimmel blickte und das leise Zirpen eines Vogels vernahm, da kam es ihm vor, als wäre der strenge und gewaltige Gott, zu dem er in scheuer Ehrfurcht aufblickte, ihm noch niemals so nahe gewesen. Die Haustür ging auf, und zwei schwarzgekleidete Frauen traten langsam in das Freie. Forschend ruhten die dunklen Augen des Föhringers auf beiden; plötzlich stieß er einen halblauten Schrei aus. Auch Gude von Thienen stand vor ihm wie erstarrt. »Kajus Rungholt!« sagte sie mit bleichen Lippen. Er richtete seine mächtige Gestalt höher auf und warf den Kopf trotzig zurück; aber als er in das bleiche Gesicht der einstmals Geliebten blickte, ward seine Haltung milder. 310 Die Priörin war hastig weitergegangen, und Kajus Rungholt stand mit Gude allein im stillen Frieden des Klostergartens. Er fand zuerst seine Fassung wieder. »Ihr habt dem da,« er wies auf das Armenhaus, »ein selig Sterben bereitet. Er hatte es kaum verdient.« Sie neigte demütig das Haupt. »Sind wir nicht allzumal Sünder?« fragte sie leise, mühsam ihre Tränen zurückdrängend, und er sah sie nachdenklich an. »Ja,« sagte er dann; »Ihr habt recht; wir sind allesamt der Gnade benötigt, und es ziemt keinem von uns, Gericht halten zu wollen. Es hat eine Zeit gegeben, Jungfrau Thienen, da ich Euch fluchte, denn wäret Ihr nicht gewesen –« Er hielt inne. »Aber auch Ihr,« fuhr er hastig fort, »werdet mein Andenken verwünscht haben! Jetzt ist das Leben über uns dahingegangen, und unser Haar ist weiß geworden; laßt uns in Frieden scheiden!« Gude von Thienen hob ihre einst so schönen Augen zu dem gebräunten Gesicht des alten, ernsten Mannes. »Gott wird entscheiden, wessen Leid das schwerste war! Ich weiß nur, daß ich ihm bis an mein Lebensende danken werde, Euch noch einmal gesehen, Eure Verzeihung für alles, was ich an Euch gesündigt, erfleht zu haben!« Rungholts Lippen begannen zu zittern. »Jungfrau Gude,« sagte er endlich mit Anstrengung, »ich liebte Euch mehr wie mein Leben, und es ist mir viele Jahre gewesen, als wäre mein Herz kalt wie ein Stein geworden, seit Ihr mich verachtetet. Aber ich vergab Euch längst, wie auch 311 ich Eurer Vergebung harre, wenn auch der Allmächtige allein nur meine Schuld tilgen kann!« Ein Ausdruck des Friedens trat in das unruhige Antlitz der Klosterdame, und sie erfaßte die kräftige Hand des Herrn Matthias. »Gebe Gott uns die ewige Seligkeit!« murmelte sie. »Amen!« sagte er, das Haupt neigend. Kajus Rungholt war allein. Noch einmal wandte er den ernsten Blick auf den friedlichen, in buntem Laube schillernden Klostergarten, und seine Gedanken flogen weit zurück in die Vergangenheit. Er sah sich als lebensfrohen Junker, dann als gebannten Flüchtling. Er sah sich in der rauhen Hülle des Seemanns, und jetzt trat vor seine Seele das Bild seines stillen, liebenden Weibes, sein stattliches Haus voll blühender Kinder, und noch einmal neigte er das Haupt. Aber es war nicht Trauer, sondern ernste, tiefe Dankbarkeit. XX. Durch ganz Holstein zog der Föhringer Schiffsherr an der Seite des Grafen Reventlow, und beide Männer hatten einander viel mitzuteilen und gar mancherlei miteinander zu besprechen. Trotz ihrer verschiedenen Lebensstellung und den daraus entstandenen anderen Anschauungen fühlten sie füreinander aufrichtige Achtung und Zuneigung, so daß der Graf, als sich ihre Wege trennten, bekümmert ausrief: »Also nun soll es ans Scheiden gehen, und Ihr wollt nimmer wieder einer der Unsrigen werden? 312 Bedenkt Euch wohl, Herr Rungholt! Noch könnt Ihr Wappen und Helmzier wiedererlangen, noch ist Euer Name nicht vergessen; wollt Ihr ihn versinken lassen, daß er niemals wieder auferstehe?« Herr Matthias neigte bestätigend seinen grauen Kopf. »Scheltet mich nicht eigensinnig, Herr Graf; aber meinen Namen kann ich nicht wieder tragen. Ich meine, der Allmächtige hat mir selbst den Weg gewiesen, den ich wandern soll; fern sei es von mir, von ihm abzuweichen. Vermeldet Eurem Könige meinen ehrerbietigen Gruß und saget ihm, daß ich mit Freuden bereit wäre, ihm mit meiner Habe zu dienen!« Noch einmal schüttelte er die Hand des Grafen; dann wandte er sein Pferd dem Wege zu, der nach der freien Stadt Hamburg führte und von der man die schlanken Türme schon seit geraumer Zeit sah. Sein Diener folgte ihm, und kopfschüttelnd hielt Herr Reventlow eine Zeitlang am Wege, mit der Hand die Augen beschattend, um den beiden Reitern besser nachblicken zu können. Endlich war nur noch eine Staubwolke von ihnen zu sehen, und der Graf setzte seine Reise fort. König Christian der Fünfte befand sich nur einige Stunden von Hamburg, und zwar hatte er einige Regimenter Soldaten um sich versammelt, da er sich durch das übermütige Benehmen der freien Reichsstadt ihm gegenüber beleidigt fühlte und ernstlich an einen Krieg dachte, um den stolzen Hanseaten seine Macht zu zeigen. Leider hatte der König nicht die Mittel, 313 lange Zeit ein Heer auf den Beinen zu halten, und da die Unterhandlungen mit Hamburg noch immer fortdauerten, auch auswärtige Mächte sich in den Streit mischten, so mußte die dänische Majestät, um nicht zu erleben, daß die fremden Söldlinge ihm den Dienst kündigten, beträchtliche Anleihen machen. Herr Reventlow wußte daher sehr gut, welch angenehme Botschaft er dem Fürsten brachte, wenn er ihm berichtete, daß der vormalige Freiherr Rungholt, jetzt Schiffsreeder und Kaufherr Matthias auf der Westseeinsel Föhr, erbötig sei, Seiner Majestät eine große Summe ohne alle Zinsen vorzustrecken, und daß derselbe als Gegenleistung nur die gänzliche Aufhebung des Bannes über den Freiherrn von Rungholt, den Christian der Vierte verhängt hatte, beanspruche. Auch bat Herr Matthias untertänigst um gnädige Fürsprache des dänischen Königs beim französischen Hofe, damit sein ältester Sohn, der in Havre als Kriegsgefangener war, wieder in die Heimat zurückkehren könne. Beide Bitten, das wußte der Graf, würde der König mit Leichtigkeit bewilligen und sich höchstens wundern, daß er so billig davonkam. Reventlow hatte sich nicht getäuscht. Als er am folgenden Tage das Hauptquartier Christians erreicht hatte und eine Audienz bei seinem Herrn erhielt, war dieser von seinem Bericht äußerst befriedigt und sprach seine Anerkennung in gnädigen Worten aus. Der dänische Herrscher war eine vornehme Erscheinung, dem die Allongeperücke vortrefflich stand, und der es liebte, sich mit großer Pracht zu kleiden. Er saß jetzt, während der Graf ihm Bericht erstattete, 314 behaglich zurückgelehnt in seinem Lehnstuhl und hörte mit halbgeschlossenen Augen zu. »Also Ihr traft ihn in Preetz? Im adligen Fräuleinkloster? Habt Ihr auch der Priörin meine Gnade vermeldet?« Der König fragte langsam und betonte jedes Wort. »Ich handelte nach Eurer Majestät Befehlen,« lautete die Antwort des Grafen, der sich heimlich wunderte, daß der König sich des Klosters mit so viel Interesse erinnerte. »Frau von Buchwald ist eine brave Frau und eines Ordens würdig!« sagte der König mit Nachdruck. »Wenn sie fortfährt, das Wohl der Fräulein und des Klosters im Auge zu behalten, wollen Wir ihr ein Kreuz am blauen Bande verleihen!« Er schwieg, die Augen ganz schließend. Graf Reventlow verneigte sich, trotz der geschlossenen Augen des Monarchen, denn er wußte, daß Seine Majestät bei anscheinender Gleichgültigkeit doch alles bemerkte. Er war innerlich etwas betroffen, denn er hatte den kleinen Auftrag an die Priörin für eine Nebensache gehalten, die seinem Zusammentreffen mit Herrn Matthias als Deckmantel dienen sollte. »Das Klostergut ist reich?« fragte der König wieder. »Frau Agnete von Buchwald wird sich Mühe geben, die großen Güter wieder reich zu machen!« entgegnete der Graf. »So wollen Wir zum nächsten Jahr eine Klostersteuer erheben!« sagte der König, zufrieden die Augen aufschlagend, und der Graf murmelte, daß die Gedanken Seiner Majestät stets erhaben seien. 315 »Ihr möget mir ein Referat darüber schreiben,« entschied Christian, dem es ersichtlich eine Erleichterung war, sich eine neue Steuer ausgedacht zu haben. »Und was,« fuhr er fort, »den Herrn Matthias mit seinen Walfischen, mit seinem Reichtum und seinem Beinamen Fortunatus betrifft, so wünschen Wir den Mann zu sehen, der so mancherlei Wunderbares erfahren und der einst im Dienste Unseres Herrn Großvaters gestanden. Er möge vor Uns erscheinen und, weil er Uns in treuer Gesinnung gefällig ist, sich auch eine Gnade ausbitten.« Christian sprach lebhafter, als seine Gewohnheit war, und vergebens wagte der Graf zu bemerken, daß Herr Matthias in Hamburg weile und sich für zu gering halte, vor das Angesicht seines königlichen Herrn zu treten. Eine kurze, ungeduldige Handbewegung des Königs war die einzige Antwort, und der Hofmann wußte, daß er alles daransetzen müßte, des Kaufherrn wieder habhaft zu werden. Ein glücklicher Zufall sollte ihm zu Hilfe kommen. Als er am Abend desselben Tages, von einem Häuflein Reiter begleitet, sich der hamburgischen Grenze näherte, begegnete ihm eine Schar Kaufleute, der der alte Herr Matthias weit voranritt. Er blickte erstaunt auf, als der Graf eilig auf ihn zusprengte, aber nach kurzem Zögern erklärte er sich bereit, dem Willen des Königs zu gehorchen. »Ich komme aber nicht mehr allein mit Euch,« setzte er zufrieden hinzu. »Seht Ihr dort den kecken Reiter mit den blonden Haaren und den blauen Augen? Es ist mein Ältester, den mir die Franzmänner weggekapert hatten und um den ich in großen Sorgen 316 war. Doch mein werter Freund, Herr Marquards in Hamburg, hat sich's keine Mühe verdrießen lassen, ihn loszuhandeln, auch manches Brieflein drum geschrieben, und so ist Hans Christian denn vor wenigen Tagen wohlbehalten mit einem Hamburger Schiff heimgekehrt. Kein Härchen ist ihm gekrümmt worden, aber fünftausend Reichstaler haben die Schufte als Lösegeld verlangt und erhalten!« Er strich sich bei diesen Worten ingrimmig den Bart; doch helle Freude lachte aus seinen dunklen Augen, als er den stattlichen Jüngling fest und sicher auf dem lebhaften Pferde sitzen sah, an Kraft und Anmut alle anderen überragend. Als Herr Matthias vor den König geführt ward, betrachtete dieser eine Weile schweigend den gewaltigen Mann, ehe er gnädige Worte an denselben richtete. Dann sprach er ihm seine Anerkennung für den geleisteten Dienst aus, sagte ihm, daß er bereits eine Verfügung erlassen hätte, in der der Freiherr von Rungholt vom Banne gelöst wäre. Endlich fragte er ihn, ob er sich nicht entschließen könnte, den alten Namen wieder anzunehmen. Doch Herr Matthias verharrte ehrerbietig in seiner ablehnenden Haltung, und der König kam nicht wieder auf sein Anerbieten zurück. »Ihr seid unter den Friesen eigensinnig geworden, Herr Matthias,« sagte er lächelnd, »und Wir wollen Euch Unsere Gunst nicht aufdrängen. Doch auf eines machen Wir Euch aufmerksam. Uns ist berichtet worden, daß Ihr der mächtigste Mann der Westseeinseln seid, und daß Euer Wort bei dem Volke viel 317 gilt. Sagt den Leuten von Uns, daß sie zur dänischen Krone gehören, und daß, wenn auch Unsere hohen Vorfahren verabsäumten, strenge gegen Sylt und Föhr aufzutreten, Wir doch nicht gesonnen sind, Unser gutes Recht an diese Inseln zu vergessen!« Das Gesicht des Kaufherrn nahm einen befremdeten Ausdruck an. »Eure Majestät wollen sich erinnern, daß das Volk der Friesen sich als freien Stamm betrachtet und nicht gesonnen sein wird, die dänische Krone als ihre Herrin anzuerkennen.« Unwillig blickte Christian auf den kühnen Sprecher. »So werden Unsere Truppen den Inselbewohnern zeigen, wem sie untertan sind. Meint Ihr, ich wisse nicht, wie der Gottorper Herzog sich hinterlistig um die Gunst der Friesen bemüht, wie er auch diese Inseln zu sich ziehen will? Er ist ein schlechter Vasall geworden, verschlagen und schlau wie sein Vater, mit leiser Hand will er die Bande lösen, die ihn Uns untertan machen!« Der König war plötzlich aufgeregt geworden, aber er bezwang sich bald. »Es ist ein trotziges Geschlecht, die Gottorper,« sagte er, ruhiger werdend, »aber Wir wollen ihnen unsere Macht zeigen, und auch den Friesen werden Wir beweisen, wer ihr Herr ist. Euch aber, Herr von Rungholt, wollen Wir Unsere Huld beweisen. Wir haben vernommen, daß Euer Sohn ein stattliches Herrlein ist, der in Wittenberg und Kiel der Wissenschaft sich befleißiget. Daß er auch mit Walfischfang und Schiffahrt vertraut, ist Uns lieb zu hören, er wird ein gutes Urteil über mancherlei haben. So ernennen 318 Wir ihn denn zum Sekretarius in Unserm Ministerium, und erwarten, daß er sich dieser Gnade würdig zeige!« Herr Matthias war entlassen. Nachdenklich schritt er durch das Vorzimmer, dem fragenden Blicke des Grafen mit leisem Kopfschütteln antwortend. »Er nimmt mir meinen Sohn!« sagte er, und in seiner Stimme lag leise Klage. »Die Kinder gehen aus dem Elternhause in das Leben; so ist der Lauf der Welt!« versetzte der andere tröstend. »Bedenkt, daß Ihr noch mehr Söhne habt, und daß dieser zu hohen Ehren gelangen wird!« »Gott schütze ihn!« murmelte der Kaufherr, mit der Hand über die Stirn fahrend. Aber als er später in das fröhliche Gesicht seines Sohnes blickte, dessen heimlicher Wunsch plötzlich erfüllt ward, da glätteten sich seine sorgenvollen Züge. »Mag sein, daß du mehr Glück hast, mit den Großen dieser Welt zu leben, als dein Vater!« meinte er. »Laß mich aber jetzt heimziehen, denn ich habe Heimweh nach der Nordsee und nach den stillen Augen deiner Mutter!« Ehe er aber die Umgebung des Königs verließ, sandte ihm dieser noch eine Gabe: ein Wappen. Unten im Schilde schwamm ein Walfisch, einen Wasserstrahl hochwerfend, über ihm schwang die Fortuna auf der Kugel ein flatterndes Segel. Herr Matthias freute sich herzlich über diesen Beweis königlicher Gnade, dem das Kreuz des neugestifteten Danebrogordens beigefügt war, und zufriedenen Gemütes reiste er seiner Insel zu. So war nicht allein der Bann von ihm genommen, der ihn jahrelang die dänischen Lande meiden ließ, sondern 319 königliche Huld hatte ihm Ehren bewiesen, und konnte auch weder Ehre noch Huld alle düsteren Schatten verwischen, die sein Leben verfinstert hatten, so lag der Abend doch in mildem Scheine vor ihm. * * * Auf dem Kirchhofe zu Nieblum auf Föhr lag viele Jahre ein mächtiger Grabstein mit dem Walfischwappen und der Inschrift, daß unter ihm der Herr Matthias, genannt der Glückliche, den letzten Schlaf halte. Und der Glückliche hieß er, weil er dreihundertunddreißig Walfische auf hoher See fing. Und weiter erzählt der Stein, daß neben ihm sein geliebtes treues Weib, Frau Inge, sich ausruhe von des Lebens Arbeit und Mühe. In Schwärmen ziehen die Wasservögel über den einsamen Gottesacker, der scharfe Wind beugt die kleingewachsenen Bäume der Gräber, und aus der Ferne hört man das Rauschen der See. Das ist Kajus Rungholts letzte Ruhestätte, und sie paßt für ihn. * * * Der Priörin von Buchwald war es vergönnt, noch viele Jahre dem Kloster zu Preetz vorzustehen und großen Segen zu stiften. Sie blieb stets, trotz mancher Ehren und vielerlei Sorgen, dieselbe sanfte und demütige Frau, ohne Anspruch zu erheben auf die Anerkennung und Dankbarkeit der Menschen, und wer sie im einfachen Gewande einhergehen sah, konnte kaum begreifen, daß sie es war, die das Kloster wieder zu Ehren brachte und manche widerspenstige 320 Konventualin zu besserer Einsicht brachte. Sie war mehr in den Hütten der Armen, als in den stattlichen Häusern der Reichen zu finden, und kamen auch über ihre Seele die Stunden der Entmutigung, ohne die kein Menschenleben sich denken läßt, dann lenkte sie ihre Schritte nach dem stillen Klosterkirchhof. Dort ruhte Gude von Thienen, die der Tod, bald nachdem sie mit Kajus Rungholt gesprochen, gar sanft von ihrem Herzweh erlöst hatte. Sinnend konnte Frau Agnete lange Zeit an dem einsamen Plätzchen stehen und dem Gezwitscher der Vögel lauschen, und wenn sie sich abwandte, so sagte sie jedesmal: »Sie ruhe in Frieden!«