Friedrich Ludwig von Wachholtz Unter der Fahne des schwarzen Herzogs anno 1809 Erinnerungen des Generals von Wachholtz Aus vergilbten Pergamenten Eine Folge von Tagebüchern, Briefen und Berichten aus der napoleonischen Epoche Einleitung Hier liegt ein Memoirenband vor, der den Leser in die brodelnde Geschichte des Jahres 1809 führt. In Süddeutschland war das große Ringen zwischen dem bis an die Zähne gerüsteten Österreich und dem französischen Machthaber, in Norddeutschland flammten die »kleinen Vendéen« empor, die Unternehmungen der Dörnberg, Katt, Schill. Sie alle versagten, endeten zum Teil in erschütternder Tragik. Aber ein in der Geschichte einzig dastehendes Unternehmen glückte: der Zug Braunschweigs des Jüngern, des schwarzen Herzogs, der beispiellos ist in seiner Kühnheit. Wir haben den Bericht über diesen merkwürdigen Marsch von Böhmens Grenzen quer durch Deutschland bis zur Wesermündung, mitten durch eine Welt von Feinden, in den Erinnerungen eines Offiziers, der als junger Leutnant in das Korps eintrat, des späteren braunschweigischen Generals von Wachholtz. – Herr von Wachholtz verließ nach der Jenaer Niederlage gezwungen den preußischen Dienst und meldete sich, inzwischen auf kümmerlichen Erwerb angewiesen, als Braunschweigs Werbetrommel Anno 1809 erklang, zum Eintritt in das schwarze Korps. Er machte dann den ganzen Feldzug unter dem Herzog in Deutschland mit und diente innerhalb des braunschweigischen Kontingentes im englischen Solde weiter. So gibt der Verfasser ein lebendiges Bild jenes außerordentlichen Unternehmens und des besonderen Mannes, der es trug, des schwarzen Herzogs. Hier offenbart sich dem Geschichtsfreunde so recht, was in sturmbewegter Zeit Mannesmut vermag, wenn auch an ein Ziel gesetzt, welches dem nüchternen Beurteiler fast abenteuerlich erscheinen muß. Sehr fesselnd und intim sind auch die ersten Monate des englischen Dienstes wiedergegeben, das Leben auf den englischen Inseln, in den Baracken, in Irland und schließlich die Landung in Portugal. Von dem Führer des kühnen Zuges, dem schwarzen Herzog, sagte der Kaiser Napoleon als er die Kunde vernahm, bewundernd: »Ah, c'est un vaillant guerrier!« T. R. Öls ist von Brieg acht Meilen entfernt. Mich eines Wagens zu bedienen, erlaubten meine beschränkten Mittel nicht. Ich eilte zu Fuß dahin, meine Schritte beflügelte das Verlangen, dem Herzoge mich vorzustellen und ihm meinen Wunsch selbst vorzutragen. Schon am Nachmittage des zweiten Tages meines Abganges aus Brieg langte ich in Öls an; aber zu meiner Betrübnis erfuhr ich, daß der Herzog am nämlichen Morgen abgereist sei und nicht wieder zurückkehren werde. Ein Offizier, welchen der Fürst in Öls zurückgelassen hatte, bestätigte zwar die Errichtung des Korps, war aber außerstande, eine nähere Auskunft über die Organisation desselben zu geben. Er riet mir dringend, keine Zeit zu verlieren und nach Nachod, einem an der schlesisch-böhmischen Grenze gelegenen Städtchen, wohin der Herzog sich begeben habe, zu eilen, indem der Andrang von Offizieren zu der Freischar, wie er zuverlässig wisse, sehr stark sei. Diese Nachricht entmutigte mich; mißtrauisch blickte ich auf meine müden und wunden Füße und überlegte, was zu tun sei, denn der Weg von Öls nach Nachod beträgt einige zwanzig Meilen. Doch der Gedanke, unter Österreichs Fahnen gegen die Unterdrücker meines Vaterlandes zu kämpfen und vielleicht einer besseren Zukunft entgegenzugehen, befestigte meinen Entschluß und flößte mir neue Kräfte ein. Unverzüglich trat ich den Rückweg an. Nur einen Tag blieb ich, mich erholend, in Brieg, nahm von meiner guten Mutter Abschied und setzte dann meinen Wanderstab nach Nachod weiter. Das schönste Wetter begünstigte meine Pilgerfahrt, die über Strehlen, Frankenstein und Glatz ging, von welcher letzteren Stadt Nachod nur noch eine Tagereise entfernt liegt. Ziemlich erschöpft von der viertägigen Wanderung, kehrte ich in dem Wirtshause »zur Krone« in Glatz ein. Nach der Abendmahlzeit brachte mir ein Dienstmädchen den Nachtzettel, auf welchem ich meinen Namen eintragen sollte. – »Sie gehen wohl auch hin?« – fragte sie mich lächelnd. Ich stutzte. »Seit ein paar Tagen schon«, fuhr sie fort, »ist's bei uns nicht leer geworden, alle Nächte sind Offiziere hier, die hingehen. In der Stube unten ist eben schon wieder einer angekommen, der morgen früh weiter will.« Kaum hatte ich das von dem ebenso gutmütigen als neugierigen Mädchen gehört, als ich sie bat, mich zu dem fremden Offizier zu führen. Derselbe war ein Rittmeister von Fehrentheil, welcher zu dem Herzoge von einer ihm aufgetragenen Mission nach Nachod, wie er mir später erzählte, zurückkehrte. Bald wurden wir miteinander bekannt; bis tief in die Nacht saßen wir zusammen, unsere Gläser oft auf das Wohl des ritterlichen Herzogs und auf unser zukünftiges Kriegsglück leerend. Am folgenden Tage, dem 31. März, nahmen wir Postpferde, passierten hinter Reinerz die österreichische Grenze und fuhren am Nachmittage in Nachod ein. Überall erblickte ich in den Gassen und auf dem Marktplatze des Städtchens ein kriegerisches Treiben, da auch hier eine bedeutende Abteilung des böhmischen Landsturms organisiert wurde; aber das erste, was ich vernahm, war, daß die Anzahl der Offiziere für das Korps bereits vollzählig sei und schon einige von ihnen, ohne daß man ihre Dienste angenommen habe, nach Preußen zurückgekehrt wären. Diese Nachricht bestürzte mich in einem nicht geringen Grade, doch mein Reisegefährte flößte mir Vertrauen ein, in meinen Erwartungen nicht zu verzagen. Er versprach mir seinen Beistand und seine Fürsprache bei dem Herzoge. Noch an dem Nachmittage stellte er mich dem Adjutanten desselben, Kapitän von Sander, wie auch einem Kapitän von Herzberg, welcher letztere, wie er mir sagte, bei dem Herzoge viel gelte, vor. Beide kamen mir mit großer Freundlichkeit entgegen und gaben mir die Versicherung, daß der Herzog meine Dienste auf das Zeugnis des ihm wohlbekannten, so ausgezeichneten Oberstleutnants von Raumer annehmen werde. Nachdem von Fehrentheil seinen Rapport bei dem Fürsten abgestattet hatte, kam er eilends zu mir und setzte mich in Kenntnis, daß derselbe mich um 7 Uhr zu sprechen verlangte. Zu der bestimmten Zeit begab ich mich nach der Wohnung des Herzogs. An der Tür begegnete mir der Adjutant von Sander, der mich sogleich bei dem Herzoge meldete. Ich trat schüchtern in das Zimmer und stand vor einem Mann von mittlerer Größe, welcher eine einfache schwarze Kutka trug, und dessen Haupt eine kleine schwarze Mütze bedeckte, die er bei meinem Eintritte lüftete, aus einer kurzen Pfeife mit großem hölzernem Kopf rauchend. Unter einer hohen, schön gewölbten, mit einigen finsteren Falten durchfurchten Stirn glänzten, von sehr starken Augenbrauen tief beschattet, ein Paar lebhafte blaue Augen hervor, zwischen denen sich eine fein geformte Nase erhob; der untere Teil des Gesichts war von einem buschigen, äußerst starken Barte bewachsen, der keine Züge unterscheiden ließ. Freundlich, mit ungemeiner Höflichkeit und wohlklingender, sanfter Stimme fragte der Herzog nach meinem Begehren. Nicht ohne Befangenheit trug ich es ihm vor. »Ich werde«, erwiderte er, »Ihren Wunsch gewähren und Ihnen eine Leutnantsstelle bei der Infanterie geben, doch kann ich nicht umhin, Sie zu fragen, ob Sie den Schritt, den Sie zu tun im Begriff sind, reiflich überlegt haben. Das Korps geht manchem Ungemach, mancher Gefahr entgegen, ungewiß ist der Erfolg, für alles einzustehen bin ich nicht imstande, und was gedenken Sie dann zu beginnen, wenn das Unternehmen mißlingt, da Ihnen die Rückkehr in den preußischen Dienst verschlossen ist?« Bei diesen fast in einem väterlichen Tone gesprochenen Vorstellungen glättete sich seine Stirn, die Augen nahmen einen freundlichen und sanften Ausdruck an, sein ganzes Wesen wurde so einnehmend, daß ich Vertrauen faßte, meine Schüchternheit ablegte und dem Herzoge antwortete, daß ich jedenfalls unter den obwaltenden Verhältnissen nicht länger in meinem Vaterlande ausdauern könne und wolle, daß ich mich glücklich schätze, unter einem deutschen Fürsten für die Freiheit Deutschlands fechten zu können, und bereit sei, jedwedes Ungemach, jedwedes Schicksal in einem solchen Kampfe zu tragen. Der Herzog schien durch diese Erklärung befriedigt zu sein, er wiederholte nochmals meine Anstellung in dem Korps und gab mir zugleich Urlaub auf einige Tage, um meine Angelegenheiten zu Hause in Ordnung zu bringen. Er hatte die Gnade, mich für den Abend einzuladen. Das Zimmer füllte sich bald mit Offizieren, welche sämtlich im Überrock erschienen und ihre Pfeifen anzuzünden nicht lange zögerten. Auf einen Nebentisch wurden einige Teller mit Butterbrot und Braten und eine Bowle Punsch gestellt; ein jeder der Eingeladenen bediente sich nach Belieben. Die Unterhaltung war gleichfalls ohne Zwang, sie drehte sich natürlich um die nächste Zukunft; man politisierte, entwarf Operationspläne für die österreichische Armee und das Korps, äußerte fromme Wünsche für den Beitritt Preußens, reihte Siege und Erfolge aneinander und bemühte sich, freilich oft vergebens, die aufgestellten Behauptungen und Ansichten durch die Lage der Orte auf einer vor uns ausgebreiteten Landkarte zu beweisen. Aus den Gesprächen des Herzogs entnahm ich so viel, daß es der Hauptzweck des Korps sei, nach dem Norden Deutschlands, besonders nach den Erbstaaten des Fürsten vorzudringen, dort im Rücken der französischen Armee eine Insurrektion zu erregen oder vielmehr die, wie verschiedene Andeutungen mich vermuten ließen, schon vorbereitete und glimmende anzufachen und zum Ausbruch zu bringen; derselben sollte unsere Schar zum Kern und Anschluß dienen. Friedrich Wilhelm war der vierte Sohn des berühmten Herzogs von Braunschweig-Lüneburg Carl Wilhelm Ferdinand, des Neffen, Schülers und Kriegsgefährten Friedrichs des Großen, des Eroberers Hollands, des unglücklichen Führers der preußischen Armee 1806. Da die drei ältesten Söhne desselben an einer beinahe an Blindheit grenzenden Augenschwäche litten, so beruhte auf ihm die einzige Hoffnung des Vaters, durch dessen Fürsorge ihm schon zeitig die Erbschaft des Onkels, des Herzogs Friedrich August, welcher in Schlesien die Fürstentümer Öls und Bernstadt besaß, zugesichert worden und ihm auch nach dem Tode desselben (1805) zufiel. Im Jahre 1802 vermählte sich der Herzog mit der Prinzessin Marie von Baden, die ihm am 30. Oktober 1804 den Prinzen Karl und am 25. April 1806 den Prinzen Wilhelm gebar. Seine militärische Laufbahn hatte er in der preußischen Armee begonnen, sich in der Rheinkampagne, in welcher er bei Etsch am 27. November 1791 verwundet ward, durch Kühnheit und Mut ausgezeichnet und im Kriege 1806 das in Prenzlau garnisonierende Infanterieregiment als dessen Chef geführt. Sein ältester Bruder, der Erbprinz Karl Georg August, starb am 20. September desselben Jahres kinderlos auf dem Lustschlosse Antoinettenruh bei Wolfenbüttel, und wenige Wochen nachdem der Vater diese Trauerbotschaft in dem Hauptquartier zu Naumburg empfangen hatte, traf diesen selbst die tödliche Kugel bei Auerstädt. Nach Braunschweig getragen, fand er schon die Seinigen nicht mehr daselbst; sie waren vor dem daherbrausenden Sturme geflüchtet, seine Gemahlin, seine Schwester, die Äbtissin von Gandersheim, seine beiden Söhne Georg und August hatten nach Rostock, die Erbprinzessin nach Schwerin, die Herzogin Marie mit ihren Söhnen nach Stralsund sich eiligst begeben. Am 21. Oktober traf der Herzog auf dem Rückzuge den seines Augenlichts beraubten Vater in Braunschweig, der ungeachtet seiner Leiden doch die Sorge für das Land und den geliebten Sohn nicht vergaß und daselbst die Urkunde ausfertigen ließ, kraft welcher letzterem die Regierungsnachfolge überlassen wurde, welchen Vertrag seine Brüder durch zwei Entsagungsdokumente zu Rostock auch bestätigten. – Nach der Erstürmung Lübecks durch die Franzosen eilte der Herzog kriegsgefangen mit dem General Blücher zu seinem Vater nach Ottensen, einem Dorfe bei Altona, wohin man den Schwerverwundeten gebracht hatte. Aber es sollte ihm nicht vergönnt sein, denselben noch lebend anzutreffen. Zwei Tage vor seiner Ankunft, am 10. November, war der einundsiebzigjährige Greis entschlafen. Währenddessen hatten die Franzosen das Herzogtum besetzt und solches für ein erobertes Land erklärt. Napoleon dekretierte, daß das Haus Braunschweig aufgehört habe zu regieren. »La maison de Brunsvic a cessé de régner. Que le Général Brunsvic s'en aille chercher une autre patrie au delà des mers. Partout, où mes troupes le trouveront, ils le rendront prisonnier,« lautete der Befehl des französischen Kaisers. Nur von einer glücklichen Wendung des in Ostpreußen fortgesetzten Krieges ließ sich eine günstige Änderung für Friedrich Wilhelm hoffen, und in Erwartung dieser Zukunft lebte er, nachdem er auf sein Ersuchen von dem Könige von Preußen einen ehrenvollen Abschied aus dem Kriegsdienste erhalten, mit seiner Gemahlin auf einem Landhause unfern Ottensen. Mit dem Abschlusse des Tilsiter Friedens schwanden seine letzten Hoffnungen; die braunschweigischen Lande wurden dem neugeschaffenen Königreiche Westfalen einverleibt; nach Bruchsal in stille Eingezogenheit zog er sich mit seiner Gemahlin zurück. Da traf den edlen Fürsten der letzte Schlag des Schicksals: die Herzogin Marie starb am 20. April 1808 nach der Entbindung von einer toten Prinzessin. Dieser tiefgefühlte Verlust, welcher wohl nur als eine Folge jener von der Fürstin auf der Flucht erduldeten Mühseligkeiten und Beschwerden angesehen werden konnte, erfüllte den Herzog mit noch größerem Hasse gegen den Urheber seines Mißgeschicks, der ihm den Vater, sein Land und jetzt auch sein häusliches Glück geraubt hatte. Mit welcher Innigkeit er an der nur zu früh Dahingeschiedenen hing, mag folgender wenige Tage nach ihrem Tode an den Etatsrat von Zimmermann zu Braunschweig eigenhändig von ihm geschriebene Brief beurkunden: »Sie kannten das unaussprechliche Glück, welches mir meine Verhältnisse mit meiner seligen Frau in dieser Welt gewährten; sie war es, die so manches Unangenehme mit mir teilte; durch sie wurde mir das Herbe weniger empfindlich; sie gab mir Freude, beruhigte meine Empfindungen und war in allen Lagen meine Zuflucht. Dieses meinem Herzen so unendlich teuere Wesen habe ich verloren und mit ihm alles, was mich früher an diese Welt fesselte. Meine gute Marie ist tot, und damit mir alles übrige gleichgültig. Nach diesem schmerzhaften Ereignisse kann mir nichts mehr begegnen, was mein innerstes Gefühl so unglücklich machte. Unglück und Prüfungen sind gewiß oft in der Welt nötig, um uns zu einer besseren Zukunft vorzubereiten, sowie hier auf der Erde kälter und überlegter zu machen. Ob dieses letztere mir so nötig war, wage ich nicht zu beurteilen.« Das glühendste Rachegefühl gegen Frankreich entflammte seine Brust. Als daher im Frühjahr 1809 jener Krieg auszubrechen drohte, zu welchem sich Österreich, alles aufbietend gegen Napoleon, gerüstet hatte, mit neuem Mute jedes deutsche Herz belebend, ergriff der Herzog diese Gelegenheit begierig, wiederum das Schwert gegen Frankreich zu ziehen. Schon im Februar reiste er von Karlsruhe nach Wien, woselbst er eine Übereinkunft mit Österreich abschloß, vermöge welcher er als deutscher Reichsfürst auf eigene Kosten ein Korps von 2000 Mann zu stellen sich bereit erklärte, wofür ihm alle Zusicherungen eines Alliierten des Kaiserhauses gegeben wurden. Einen ihm vom Kaiser angebotenen Grad in der österreichischen Armee lehnte er ab, um die von ihm ausbedungene Unabhängigkeit fortwährend zu behaupten und sich keine Verantwortlichkeit aufzubürden. Um aber die Kosten bestreiten zu können, welche die Stellung und Ausrüstung der Schar notwendigerweise erforderte, sah er sich gezwungen, die Fürstentümer Öls und Bernstadt, deren dauernder Besitz für ihn, den Feind Napoleons, ohnedies zweifelhaft war, mit so bedeutenden Schulden zu belegen, daß von seiten Preußens eine Sequestrationskommission in Öls ernannt werden mußte. Die auf diese Weise erhaltenen Summen und einen großen Teil des väterlichen Erbes verwandte er auf die Errichtung des Korps, also fast sein ganzes Gut einsetzend, um entweder auf dem Felde der Ehre alles wieder zu gewinnen oder im Kampfe unterzugehen. Da jedoch unter solchen Umständen die Sicherheit seiner bei ihrer Großmutter, der Markgräfin Amalie, in Bruchsal weilenden Söhne in Deutschland gefährdet war, so ließ sie der Herzog im Monat April 1809 nach Öls kommen. Von dort aus folgten sie ihm nach Nachod, woselbst ich die beiden zarten Knaben zu verschiedenen Malen zu sehen das Glück hatte. Bei dem Aufbruche des Korps sandte er sie unter der Obhut des Majors von Nordenfels nach Kolberg, und erst am 14. Oktober drückte er sie im Hafen von Greenwich nach gefahrvoller Trennung wieder an sein väterliches Herz. Über den Etat und die Organisation des Korps hörte ich von mehreren Offizieren, welche der Herzog für sein Unternehmen schon in Öls gewonnen hatte, daß es aus einem in zwei Bataillone geteilten Infanterieregimente von acht Kompagnien, einem Husarenregimente zu sechs Eskadrons und einer reitenden Batterie bestehen sollte. Die Stärke eines jeden Regiments war vorläufig auf 1000 Mann bestimmt, doch beabsichtigte der Herzog bei einem glücklichen Erfolge des Unternehmens in Norddeutschland noch zwei Regimenter zu errichten, zu welchem Zwecke der Offizieretat schon jetzt sehr zahlreich angenommen war. Der Uniformrock der Infanterie bestand aus einer schwarzen Kutka (polnischem Rock) mit einfachem Besatz, hellblauen Aufschlägen und stehendem Kragen, der mit einer schwarzen Schnur eingefaßt war. Zu dem Rocke wurden schwarze, lange Beinkleider getragen; ein Tschako mit einem weißmetallenen Totenkopfe und schwarzem Federbusche, welcher später mit einem schwarzen Roßschweife vertauscht wurde, diente zur Kopfbedeckung. Die Uniform der Husaren glich im allgemeinen jener der Infanterie. Sie trugen statt der Kutka schwarze Dolmans mit hellblauem Kragen und dergleichen Aufschlägen, schwarzem Schnurbesatz und übersponnenen Knöpfen, eine gelbe Schnurschärpe mit hellblauen Knöpfen, schwarze Reitbeinkleider mit blauem Streif. An dem Tschako befanden sich gelbmetallene Sturmbänder, ein weißmetallener Totenkopf und ein Roßschweif zierte denselben; das Lederzeug war schwarz. Die Offiziere hatten indes Polenröcke und keine Dolmans. Der Herzog selbst trug während des Zuges für beständig gleichfalls einen nur einfachen, mit wenigen Schnüren besetzten schwarzen polnischen Rock mit hellblauem stehendem Kragen und Aufschlägen von gleicher Farbe, anliegende schwarze Tuchbeinkleider ohne Besatz, ungarische, mit schwarzer Schnur eingefaßte Stiefel und stählerne Anschraubesporen. Sein Haupt bedeckte stets eine kleine Feldmütze ohne Schirm von schwarzem Tuch mit schmaler blauer Einfassung von gleichem Stoffe. Seinen Säbel mit Stahlgriff und Korb, in lederner, mit Stahlblech beschlagener Scheide, trug er an einer schwarzlackierten, mit weißmetallenen Löwenköpfen gezierten Koppel. Das Material zu der Ausrüstung des Korps war bereits vorrätig und befand sich größtenteils in Nachod; doch waren die Gewehre der Infanterie schlecht; das schwarze Lederzeug aber hatte man dafür besser geliefert erhalten. Die Besoldung war reichlich; so bekam monatlich der Oberstleutnant 600 Gulden W. W. (200 Taler), der Major 450 Fl. (150 Taler), der Kapitän 300 Fl. (100 Taler), der Stabskapitän 180 Fl. (60 Taler), der Premierleutnant 150 Fl. (50 Taler), der Sekondeleutnant 120 Fl. (40 Taler), der Unteroffizier jeden fünften Tag 3 Fl. und der Jäger 1 Fl. Die Besoldung der Kavallerie und Artillerie war höher. Überdem wurden noch einem jeden der Infanterieoffiziere 150 Fl. Equipierungsgelder ausbezahlt und denen von der Kavallerie verhältnismäßig mehr. Diese Einrichtungen und Vorbereitungen zeugten von dem edlen Sinne und dem kühnen, mutigen Streben des Herzogs, aber es fehlte uns noch die Mannschaft selbst, denn so groß auch der Andrang von Offizieren war, so bestand doch das ganze Korps (in den ersten Tagen des Aprils) aus kaum zwanzig Soldaten. Vom Ersten jenes Monats fing die etatsmäßige Zahlung an, und ich erhielt sogleich das Gehalt für den laufenden Monat nebst den Equipierungsgeldern. Meine Mutter teilte innig mit mir die Gefühle der Wehmut und der Freude, welche die glückliche Ausführung meines raschen Entschlusses in mir erregt hatte; denn so angenehm es ihr sein mußte, daß ich den Weg einer neuen, ehrenvollen Tätigkeit betrat, so war es ihr äußerst schmerzlich, daß ich den preußischen Dienst verließ und nicht unter Preußens Adler eine solche Bahn wandeln konnte. Ihre Besorgnisse, mich vielleicht nicht wiederzusehen, wurden noch dadurch erhöht, daß während meiner Abwesenheit von Brieg ein königliches Edikt erschienen war, infolge dessen auf alle heimliche Werbung für das braunschweigische Korps streng vigiliert und jeder, der sich derselben verdächtig mache, sofort arretiert werden solle. Dieses stimmte freilich nicht mit jenen früheren Gerüchten von des Königs stillschweigender Zustimmung überein und schlug manche geheim genährte Hoffnung nieder. So trennte ich mich nach einem kurzen Aufenthalte von den Meinigen, nach Nachod zurückkehrend. Ich fand hier aber noch alles so, wie ich es verlassen hatte; Offiziere in Menge, aber keine Leute. Eine meiner Sorgen war jetzt, ein Quartier in dem kleinen Städtchen zu erhalten, mein Bemühen war aber vergeblich, da alle hierzu passenden Wohnungen schon eingenommen waren. Nur die Freundschaft eines Kameraden, der mich in sein Zimmer aufnahm, ersparte mir das Biwakieren auf dem eben nicht einladenden Kaffeehause des Orts. Dasselbe war das große Quartier der Offiziere, in welchem von einem Morgen zum andern manche Flasche geleert und ein großer Teil der empfangenen Equipierungsgelder verausgabt wurde. Ich hatte hier Gelegenheit, viele meiner künftigen Kameraden näher kennen zu lernen. Von ihnen fesselte mich besonders der österreichische Rittmeister Buchner vom Chevaulegersregimente Klenau, der dem Herzoge als Adjutant von seiten Österreichs beigegeben war, ein junger, schöner Mann, voll Kraft und Ausdruck und von gebildetem und empfehlendem Wesen; Kapitän Corfes, ein Braunschweiger, zum Kommandeur der Artillerie bestimmt; die Kapitäne von Rabiel und von Kessel, der Leutnant von Pröstler, der Kapitän und Brigadeadjutant von Lüder und mehrere andere. Von Bekannten aus früherer Zeit fand ich nur wenige; einen alten Freund erblickte ich, dessen Lebensweg ein besonderes Geschick eng mit dem meinigen zu vereinigen schien, den Leutnant von Wolffradt. Schon als derselbe vier Jahre zählte, waren wir in Breslau Nachbarn gewesen, und die Spiele der Kindheit hatten uns vereint. An ein tätiges Leben in der letzten Zeit gewöhnt, drückte mich hier der erschlaffende Müßiggang; meine Lebensweise in dem engen, schlechten Quartier und auf dem geräuschvollen Kaffeehause war höchst unbehaglich. Dienstgeschäfte gab es noch nicht; denn obwohl man auf einen bedeutenden Andrang der brotlosen preußischen Soldaten in dem benachbarten Schlesien gerechnet hatte, so belief sich die Stärke des Infanterieregiments noch nicht auf dreißig Mann. Der Herzog glaubte die Ursache dieser Teilnahmlosigkeit darin suchen zu müssen, daß die Errichtung des Korps noch nicht hinlänglich in Schlesien bekannt sei, und hielt es für zweckmäßig, einige Offiziere unter der Hand dahin abzuschicken, um die Kunde von seinem Vorhaben im Lande zu verbreiten und zugleich Leute anzuwerben. Auch mir wurde von ihm der Befehl, sofort nach Schlesien zurückzukehren und taugliche Subjekte für das Korps zu gewinnen. Um aber meinen Auftrag mit Erfolg auszuführen, bedurfte ich zuvörderst einiger Unteroffiziere als Unterhändler, doch konnte ich diese nur in meiner früheren Garnison finden. Ich schrieb deshalb aus Grottkau, wohin ich mich von Nachod begeben hatte, nach Brieg, und es gelang mir, drei tüchtige Leute zu diesem Zwecke zu engagieren. Indes mußte ich sehr behutsam und vorsichtig in meinem Geschäfte zu Werke gehen, da ein neues königliches Edikt erschienen war, durch welches, wegen Errichtung eines Freikorps in Nachod, alle heimliche Werbung streng verboten und jedermann gewarnt wurde, sich nicht in Verbindungen einzulassen, welche die Ruhe des Landes gefährden könnten; auch erhielten die Behörden in demselben die Weisung, besonders an den Grenzen die Aufsicht zu verdoppeln. Dessenungeachtet glückte es mir, Leute anzuwerben, und ich würde eine noch bedeutendere Anzahl zusammengebracht haben, wenn nicht die Geworbenen selbst zuviel von mir und ihrem neuen Engagement geplaudert hätten. Die Weiber von mehreren derselben kamen weinend zu mir und wollten Auskunft haben, was für sie von Seiten des Herzogs geschehen würde, wenn ihre Männer blieben oder in Jahr und Tag nicht zurückkämen. Die gerechte Besorgnis stieg daher in mir auf, daß die Sache noch bekannter werden könne und ein Einschreiten der Behörden wohl zu befürchten sei, weshalb ich es jetzt fürs beste hielt, nachdem ich die Geworbenen gehörig instruiert hatte, wie sie am sichersten über die Grenze gelangen könnten, das Österreichische eiligst zu erreichen. In Nachod waren mittlerweile verschiedene Einteilungen und Anordnungen für das Korps getroffen worden; von den acht Infanteriekompagnien, deren jede jetzt im Durchschnitt zehn Mann stark war, erhielten drei Nachod, drei Neustadt an der Mettau, eine Politz und eine Braunau zu ihren Standquartieren, in welchem letzteren Orte und dessen Umgebung auch der größte Teil der Kavallerie lag. Ich erhielt die Order, mich zur Kompagnie des Kapitäns von Scriver in Braunau zu begeben, der als Leutnant im preußischen Infanterieregimente Schimonsky gedient und sich den Ruf eines tüchtigen Offiziers erworben hatte. Ich ging sogleich dahin ab, und eine romantisch gelegene Mühle erhielt ich zum Quartiere. Scriver war ein Mann von hoher wissenschaftlicher und sehr feiner Weltbildung; eine kurze Zeit genügte, uns fest aneinanderzuketten und eine recht innige Freundschaft zwischen uns zu begründen. Da Braunau in einem von drei Seiten durch Schlesien begrenzten Winkel Böhmens liegt, so glückte es uns, einen ziemlich starken Zulauf von Rekruten zu bekommen. Diese wurden den Tag hindurch tüchtig einexerziert und von mir besonders im Tiraillieren geübt. * Ein Auftrag zum Empfang einiger Montierungsstücke führte mich auf eine kurze Zeit nach Nachod zurück. Ich fand, daß während meiner Abwesenheit von dort in verschiedene Zweige, welche die Organisation eines Korps in sich faßt, noch immer nicht die durchaus erforderliche Ordnung gebracht war. Man schickte mich von diesem zu jenem, keiner wußte Bescheid, wo sich die verlangten Sachen befanden. Als ich mich bei meiner Rückkehr nach Braunau wieder bei dem Herzog meldete, drückte er seine Ungeduld und Unzufriedenheit darüber laut aus, daß die Schwäche seines Korps ihm leider noch nicht gestatten wolle, auf dem schon eröffneten Kriegsschauplatze mit zu agieren. Der schnelle Anwuchs unserer Kompagnie erregte die Eifersucht der übrigen Abteilungen. Auf Befehl des Herzogs ward noch die Kompagnie des Majors von Kottulinsky nach Braunau verlegt und ich zu derselben versetzt. Die Werbung ging auch ferner gut vonstatten, denn beide Kompagnien zählten bald an 70 Mann, wogegen der Zuwachs der übrigen noch immer gering blieb. Diese langsame Komplettierung des Korps, die unseren feurigen Wünschen, an dem Kampfe sofort teilzunehmen, jetzt hindernd entgegentrat, war um so niederschlagender, als die Nachrichten über das Waffenglück der österreichischen Hauptarmee unter dem Erzherzog Karl nicht erfreulich lauteten; die Kunde von den blutigen Tagen von Abensberg, Landshut und Eckmühl und dem Rückzuge des Heeres nach Böhmen erfuhren wir nur zu bald. Der Herzog war über solche unerwartete Ergebnisse und über jene Hemmungen, welche sich dem Anfange seiner Operationen entgegenstellten, sehr mißmutig und unzufrieden. Die Nachricht von dem Abmarsche Schills von Berlin erhöhte noch mehr sein und unser Verlangen, in voller Tatkraft gegen die Unterdrücker des Vaterlandes denselben Schauplatz zu betreten, welchen der todesmutige Mann mit seinem Husarenregimente, wie uns berichtet wurde, gewählt hatte. Endlich nach langem Harren erschien die Marschorder. Zwei Kompagnien des Infanterieregiments gaben ihre sämtlichen Leute an die übrigen sechs Kompagnien desselben ab. Die Kapitäns der ersteren sowie ein Offizier von jeder Eskadron nebst den nötigen Unteroffizieren blieben auf Werbung in Braunau zurück. Es war am Morgen des 12. Mai, als die junge Freischar, in zwei Kolonnen geteilt, aus ihren Kantonierungen aufbrach. Die unsrige nahm ihren Marsch auf Trautenau; die Entfernung sollte nur drei Meilen betragen, aber es mochten gewiß fünf sein, denn die böhmischen Meilen sind gewaltig lang. Heiß schien die Sonne auf uns herab, der Weg war bergig und uneben, und die des Marschierens und Tragens ungewohnten Leute, unter denen sich viele von einem Alter von 16 bis 18 Jahren befanden, fingen schon nach zwei Stunden an, so zurückzubleiben, daß unsere kleine Kolonne einen Zug von einer halben Meile bildete. Vergebens waren alle Bemühungen, die Mannschaft zusammenzuhalten, kein Zureden, keine Drohungen halfen. So ging es bis abends fort. Vor Trautenau sammelte sich indes die Mannschaft nach und nach wieder, und wir konnten ziemlich vollzählig in das Städtchen einrücken. Den 13. Mai brachen wir nach Arnau auf; den 14. Mai, nachdem wir die dort kaum 30 Schritte breite Elbe passiert hatten, nach Komnitz; den 15. Mai nach Turnau, woselbst wir mit der anderen Kolonne der Schar, die ihren Weg über Königinhof und Gitschin genommen hatte, zusammenstießen. Der Herzog und der größte Teil des Korps lagen in Turnau, wo wir einige Tage rasteten. Am 16. Mai hielt der Herzog eine Spezialrevue, nach deren Beendigung er die Offiziere um sich versammelte und eine kräftige Anrede an uns hielt, in welcher er einige vorgefallene Unordnungen rügte, die strengste Subordination einschärfte und zuletzt noch erwähnte, jenen falschen Gerüchten, die sich unter den Soldaten, wie er wisse, verbreitet hätten, daß das Korps den Engländern und Österreichern verkauft sei, keinen Glauben zu schenken, vielmehr solchem Luge entgegenzuwirken und seinen Urhebern nachzuforschen, die sich nur bemühten, den Samen der Unzufriedenheit und Zwietracht auszustreuen. Nachdem wir am andern Tage scharfe Patronen erhalten hatten, ward uns der Befehl, jeden Augenblick eines schleunigen Marsches gewärtig zu sein; zugleich wurden zwei Kommandos von 90 Pferden und 100 Mann Infanterie unter Anführung des Rittmeisters von Wiese gegen die sächsische Grenze entsandt. Ich mußte hierzu 20 Mann stellen, so daß mir kaum 15 Mann in meinem Zuge blieben. Diese Anordnungen, verbunden mit der Nachricht, daß die Sachsen sich an 3000 Mann stark bei Dresden zusammengezogen hätten und unsere Annäherung erwarteten, ließen mit Recht den baldigen Anfang der Feindseligkeiten vermuten. Leider trafen den Herzog hier Nachrichten, welche ihn und uns alle erschütterten, den Glauben fast erweckend, daß der Zeitpunkt schon entschwunden sei, mit dem Korps in Norddeutschland erfolgreich aufzutreten. Schill, ward uns gemeldet, ringe mit großem Mißgeschick, sein Unternehmen sei gänzlich gescheitert, sein Unterliegen nicht zweifelhaft; wohin er von der Elbe sich gewandt, wisse man nicht. Das Unglück der österreichischen Waffen in Bayern, das Vordringen Napoleons auf Wien habe die Patrioten entmutigt; zu einem Aufstande im Königreich Westfalen sei fast jede Hoffnung entschwunden, und England zögere noch immer mit einer Landung an den Mündungen der Elbe und Weser. Auch hatte die Kunde von dem Mißlingen der hessischen Insurrektion der Oberst von Dörnberg bereits in Königinhof selbst überbracht, unter tausend Gefahren den Herzog dort erreichend. Es handelt sich hier um die sogenannten »kleinen Vendéen«, wie Napoleon sie knapp und schlagend nannte und – fürchtete. Es waren Aufstände in den einzelnen unterjochten Gebieten, die, nicht rechtzeitig unterdrückt, wie kleine Feuerbrände einen großen Brand verursachen konnten. Der westfälische Oberst Freiherr von Dörnberg wollte sich des Königs Jérôme bemächtigen und den hessischen Landesherrn zurückführen. Er hatte eine Verschwörung angestiftet und für seine Pläne ungefähr 8000 Bauern zusammengebracht, die aber dem Kartätschenfeuer der französisch-westfälischen Truppen nicht standhielten. Der Freiherr gelangte in der Verkleidung eines Bauern nach Böhmen, wo ihm sein Landesherr für das tollkühne Unternehmen eine – Tausendguldennote anbot. Dörnberg trat in das schwarze Korps ein. Auch der Handstreich des preußischen Leutnants von Katte auf Magdeburg, für den er eine Handvoll Bauern geworben hatte, mißlang infolge Verrates seines Planes. Um dieselbe Zeit begann auch Schill seinen ebenso tapferen wie unbesonnenen Zug, der in Stralsund scheiterte. Er fiel, und sein Kopf wurde, in Spiritus gesetzt, nach Leyden gebracht. Viele seiner Tapferen einten sich dem Braunschweiger. Ihm waren teils schon vorangeeilt, teils folgten ihm nach sein Bruder und andere Mitverbundene: die Gebrüder Karl und Wilhelm Berner, Gustav und Wilhelm von Girsewald, Schwarzenberg, von Weißen, Heusinger und Ernst von Eschwege, welcher, glücklicher als Gustav von Girsewald, nachdem er, um einen Paß zu erhalten, in Jena als Student sich hatte immatrikulieren lassen, unfern Magdeburg noch zu Schill gestoßen war und erst nach dem Blutbade von Stralsund zu dem Korps kam. Sie alle wurden sogleich angestellt. Auch der Rittmeister von Katte, dessen verwegener Plan, sich Magdeburgs durch einen Handstreich zu bemächtigen, bei Burg mißglückt war, hatte sich gleichfalls schon früher zu uns geflüchtet. Den 19. Mai verließen wir Turnau, woselbst das Korps, um die Werbung so schleunig als möglich zu betreiben, eine Kompagnie zurücklassen mußte. Wir waren wieder in zwei Kolonnen geteilt, von welchen jede nicht über 150 Mann stark war. In und bei Oschwitz übernachtend rückten wir, nachdem eine Abteilung nach Reichenberg detachiert worden, den folgenden Tag in das Städtchen Gabel, das ungefähr zwei Stunden von der sächsischen Grenze gelegen ist, ein. Der Weg zieht sich hier über einen bedeutenden Berg, der Hochwald genannt, nach der sächsischen Stadt Zittau und bildet einen schwierigen Paß. Der Ruf aber war dem Korps schon weit vorausgegangen, daß dasselbe, sobald es in Sachsen, einem mit Frankreich verbundenen Lande, dessen ganze Kriegsmacht an der Donau gegen Österreich kämpfte, eingedrungen sei, dort alles verheeren und plündern würde. Von einer Freischar findet ein solches Gerücht in der Regel bei vielen einigen Glauben, von unserem Korps aber war dies Gerücht bei dem Volke fast zur völligen Gewißheit geworden, da dasselbe in der schwarzen Uniform und in den an den Tschakos befestigten Totenköpfen mit kreuzweis gelegten Totenbeinen das Symbol der Rache und des Todes erblickte. Als der Herzog daher mit einer Abteilung des Korps am Morgen des 21. Mai – es war am Pfingstsonntage – in Zittau einrückte, waren die Einwohner voll Angst und Schrecken, für ihr Eigentum alles befürchtend. Die strengste Subordination und das gute Betragen unserer Leute, besonders aber die beruhigenden Versicherungen des Fürsten flößten indes bald Vertrauen ein und verscheuchten jedwede Besorgnis. Der Herzog nahm sein Quartier im Gasthofe »zum weißen Engel«, obgleich man ihm das Haus des Scabin Schwabe zur Wohnung anbot. In die Stadt wurden von den Husaren 3 Offiziere und 36 Mann, von den Jägern 4 Offiziere und 84 Mann gelegt. Die übrige Mannschaft, 125 Husaren, erhielt ihre Quartiere in Olbersdorf, einem mit der Vorstadt verbundenen Dorfe. Am Abend gegen 8 Uhr mußten wir uns auf dem Marktplatze versammeln, woselbst ein Parolebefehl des Herzogs bekanntgemacht wurde, in welchem er zur Disziplin ermahnte. »Die Überzeugung,« hieß es unter anderem darin, »daß meine Soldaten für die gerechte Sache streiten, hat sie zu disziplinierten Truppen gemacht. Ich erwarte, daß Ihr Euch jetzt auch auf deutschem Grund und Boden diesem entsprechend betragen werdet. Verletzung dieses meines Befehls wird Euch die härtesten Ahndungen zuziehen. Euer Betragen muß so sein, wie wir es unseren Landsleuten schuldig sind.« Der Schluß dieses Befehls enthielt die Nachricht über mehrere von den Österreichern über das französische Heer errungene Vorteile. Am folgenden Tage ließ der Herzog nachstehende Proklamation, welche er hier sogleich hatte drucken lassen, in der Gegend verbreiten und viele Exemplare derselben weithin verschicken. »An meine Landsleute! Welcher Deutsche sollte nicht mit mir das Unglück seines Vaterlandes fühlen? Welcher ist unter uns, der nicht vereint zu den Waffen greife? Jetzt oder nie ist der Zeitpunkt gekommen, wo wir Deutsche für unsere gesetzliche Freiheit kämpfen können. Wir sehen, daß bereits ein Teil unserer Landsleute im Kampfe begriffen ist, und wir sollten ruhig diesem zusehen, ohne auch unsererseits Hand ans Werk zu legen? Wenn wir Deutsche früher Schlachten verloren, so lag es darin, daß wir nicht vereint handelten, daß man unter uns Mißverständnisse erhielt und durch Ränke das über uns zu gewinnen wußte, was eine kraftvolle deutsche Nation vereint nie gestattet hätte. Jetzt trete daher alles zusammen, Ihr möget Nord- oder Süddeutsche, diesem oder jenem Fürsten untergeordnet sein, alles greife zu den Waffen! Ich bin bereit, auch nach meinen Kräften das Äußerste für mein Vaterland zu unternehmen, doch da man uns vielleicht nicht die Zeit läßt, uns ganz zu sammeln, um in Masse auf einen Punkt zu wirken, wie unsere Feinde es mit uns machen, so müssen wir in kleinen Abteilungen handeln. Der kleine Krieg ist derjenige, den ich meinen Landsleuten anempfehle; Ihr könnt mit schwachen Trupps wichtige Dinge leisten, Euch auf die Kommunikation des Feindes werfen, Kuriere, Rekrutentransporte, Magazine, Artillerie, mit einem Worte alles, was ihm gehört, wegführen oder vernichten. So handle jeder, welcher zu weit entfernt ist, um sich an mich anzuschließen, alle anderen aber fordere ich auf, zu mir zu eilen; ich werde jeden gern und willig aufnehmen, nur muß keiner auf einem Rang bestehen, insofern er nicht die Verdienste dazu hat oder durch Führung von Mannschaften sich dessen würdig macht. Für meine Truppen fordere ich nichts als Essen und Trinken; keine Gelderpressungen oder Mißhandlungen der Untertanen finden statt, sondern ich verspreche vielmehr, den Untertanen Abgaben zu erlassen, niemand aus seinem Amte zu setzen, und bleibt dies dem rechtmäßigen Besitzer der einzelnen deutschen Provinzen überlassen. Auf denn, zu den Waffen! Laßt uns zeigen, daß wir Deutsche sind, die für ihre Gesetze, Verfassung und gegen Bedrückung kämpfen. Welchem Deutschen kann es unbekannt sein, wie meine Familie ungerechterweise aus den Besitzungen meiner Voreltern vertrieben worden, und wer kann daher mehr Ursache finden, sich mit aller Wärme an Euch anzuschließen und Euch zum Beistande aufzufordern, als ich! Zittau, den 21. Mai 1809. Friedrich Wilhelm, Herzog von Braunschweig-Öls.« Aber leider fanden diese Worte des für deutsche Ehre und Freiheit hochbegeisterten Fürsten jetzt sowie späterhin auf dem Zuge nicht den gewünschten Anklang. Man las den Aufruf, aber man schritt nicht zur Tat. Der Kampf der Freiheit, die fränkischen Fesseln zu brechen, sollte da noch nicht siegreich gekämpft werden. Es fing der Herzog in seinen Erwartungen von dem Beitritt seiner deutschen Brüder zu der gemeinsamen Sache des Vaterlandes sich zu enttäuschen an. Stein sagt: man kann auf freiwillige, plötzliche, ausgebreitete, zugleich ausbrechende Insurrektion bei dem Phlegma der nördlichen Deutschen, der Weichlichkeit der oberen Stände, dem Mietlingsgeiste der öffentlichen Beamten nicht rechnen; man wird vielmehr, wofern es unter dem Schutze einer Armee geschehen kann, Volksbewaffnung, Bildung von Landwehrbataillonen, Rekrutenstellung befehlen und den Adel mit Degradation, den Beamten mit Totschießen, wenn sie Lauigkeit und Schlaffheit zeigen, bestrafen müssen. In Zittau blieb indes der Herzog nicht lange Zeit, er kehrte sehr bald nach Gabel zurück, wohin er auch die Abteilung der Jäger, welche die Stadt mit den Husaren besetzt hielt, wieder aufbrechen ließ. Am 27. feierten wir des Erzherzogs Karl errungenen Sieg von Aspern und Eßlingen. An den Sieg des Erzherzogs Karl bei Aspern (21./22. Mai 1809) knüpften sich die größten Hoffnungen. Der Kaiser Napoleon hatte hier seine erste Niederlage erlitten. – Wäre jetzt Preußen entschlossen aufgestanden, wie es all die Feuerköpfe Blücher, Gneisenau, Boyen usw. wünschten, so hätte Napoleon in eine schlimme Lage kommen können. Indessen widerstrebte Friedrich Wilhelm III. beharrlich und wohl mit Recht, denn seine Verantwortung war riesengroß: eine Niederlage Preußens hätte den Staat von der Landkarte fortgewischt, und was hätte aus 1813 ohne Preußen werden sollen? Der Herzog hatte den Parolebefehl, durch welchen unserer Mannschaft dieses so glückliche Ereignis verkündet ward, in Zittau drucken lassen, wo selbiger auch unter Trompetenschall auf dem Markt vorgelesen und an die Ecken der Straßen geheftet wurde. Nach dieser Feier mußte der größte Teil des dort befindlichen Husarenkommandos gleichfalls zurückkehren. * In Dresden war man von des Herzogs Plan, durch Sachsen vorzudringen, längst unterrichtet. Denn schon im April hatte der König dem Obersten Thielmann Der spätere General von Thielmann, der 1813 Torgau an die Verbündeten übergeben wollte und, als dies mißlang, sich selbst in das Lager des Kaisers Alexander begab. Damals aber war Thielmann noch ein glühender Napoleon-Anhänger. den Befehl über ein 1600 Mann starkes Korps, das bald zu der Stärke von 2500 Mann heranwuchs, übertragen, um mit diesem, würden wir in Sachsen eindringen, gegen uns zu agieren. Wenige Tage nach der Besetzung Zittaus fiel er daher in Böhmen ein, ohne auf das Korps zu stoßen. Der Rittmeister von Katte, welcher von Kamnitz aus mit einem Husarenkommando entsandt war, um einen, wie es hieß, für den König Jérôme von Westfalen bestimmten Transport arabischer Pferde an der Grenze zu nehmen, befand sich gerade, nicht ahnend die Nähe des Feindes, in dem Grenzorte Peterswalde, als die Avantgarde Thielmanns ihn daselbst plötzlich überraschte. Von der Übermacht umzingelt, ward sein aus einem Offizier, dem Leutnant von Schaper, und zehn Husaren bestehendes Kommando gefangengenommen, er selbst entging diesem Schicksale nur durch eine von glücklichen Zufällen begünstigte Flucht; verwundet und mit zerfetzten Kleidern kam er zu uns. Thielmann rückte hierauf mit seinem aus 200 Mann Kavallerie, einem Bataillon Infanterie und vier Kanonen bestehendem Streifkorps bis gegen Nollendorf vor, wo er auf einigen Widerstand von Seiten der Österreicher stieß. Obwohl diese sich nach einem geringen Verluste zurückzogen, so hielt er es dennoch für geratener, umzukehren und die sächsische Grenze wieder zu erreichen. Als er durch Peterswalde wieder kam, woselbst er auf die dort befindliche kaiserliche Kasse von nur geringem Bestände Beschlag gelegt hatte, erklärte er den Mautbeamten, »daß er weit davon entfernt sei, die kaiserlichen Kassen zu nehmen, daß seine Absicht nur gewesen wäre, die unberufenen Vaterlandsretter des braunschweigischen Korps zu züchtigen, und er einen jeden erneuten Besuch derselben zwiefach erwidern werde«. Er faßte nun den Entschluß, unser Korps in den demselben angewiesenen, ihm so nahen Kantonierungen zu überfallen, sein Augenmerk besonders auf Zittau richtend. Solches auszuführen, rückte er wenige Tage nachher mit einem Teile seiner Truppen bis Lohmen und sandte zugleich ein Detachement Kavallerie gegen das fünf Stunden von Zittau entfernt liegende böhmische Städtchen Rumburg, in welchem der Herzog nur einige Mannschaft postiert hatte, vor. Der kommandierende Offizier desselben, Rittmeister von Schrader, zog sich bei der Annäherung des Feindes seiner Instruktion gemäß langsam und vorsichtig zurück. Auf seine Meldung brach sogleich den 28. Mai nachmittags ein Bataillon mit einem Geschütz von Gabel, wo des Herzogs Hauptquartier sich befand, dahin auf. Wir marschierten bis ungefähr eine Stunde hinter das böhmische Städtchen Zwickau. Dort stellten wir Vorposten aus und biwakierten die Nacht hindurch. Es ließ sich aber kein Feind erblicken, und da derselbe sich, den eingegangenen Nachrichten zufolge, wieder zurückgezogen hatte, so gingen wir den 28. nach Gabel zurück. Doch schon am Morgen des 29. Mai mußten wir denselben Marsch auf Rumburg noch einmal antreten, denn unsere Vorposten meldeten dem Herzoge die Annäherung sächsischer Kavallerie. Wir erfuhren aber zwischen Gabel und Rumburg, daß es nur schwache Patrouillen feindlicher Reiterei gewesen seien, die sich, nachdem sie durch Rumburg gesprengt, ebenso schnell entfernt hätten. Wir traten demnach den Rückmarsch wieder an und trafen am Abend des 30. Mai in Gabel ein. Der Herzog hatte indes sehr richtig vermutet, daß der Oberst Thielmann unter diesen Demonstrationen einen andern Zweck zu verbergen suche; er ließ deshalb dem Rittmeister von Wiese, welcher mit einem Kommando von 60 Husaren Zittau noch besetzt hielt, die größte Vorsicht anempfehlen und gebot ihm, bei Annäherung des Feindes sogleich auf Grottau, ein böhmisches Städtchen, welches nur eine Stunde von Zittau entfernt liegt, sich zurückzuziehen, woselbst er Verstärkung finden würde. Leider befolgte dieser Offizier die ihm gewordenen Warnungen nicht. Thielmann hatte, wie Graf von Holtzendorff berichtet, am 30. seinen Marsch nach Zittau fortgesetzt, und schon mittags war eine Seitenpatrouille seiner Infanterie bei Seifhennersdorf auf einen kleinen Trupp braunschweigischer Husaren gestoßen, der sich mit dem Verluste von einem Pferde eilends zurückzog. Hiernach mußte er glauben, daß die in Zittau liegenden Braunschweiger von der Annäherung der Sachsen benachrichtigt wären. Aber auf eine halbe Stunde der Stadt genaht, wurde er vom Gegenteil überzeugt. Denn einige Mitglieder des dasigen Rats, welche zufällig dort zu einer Besichtigung anwesend waren und Zittau erst verlassen hatten, versicherten, in der Stadt wäre alles ruhig und sorglos, Vorposten hätten die Braunschweiger nicht ausgestellt, nur auf dem Turme der St. Johanniskirche befände sich ein Posten zur Beobachtung der Gegend. Als Thielmann diesen für sein Unternehmen so günstigen Umstand in Erfahrung gebracht hatte, ließ er die Husaren unter dem Oberstleutnant von Gablenz sich in Trab setzen, welchen in vollem Laufe die Schützen folgten. Als der auf dem Turme postierte Husar die der Stadt schon so nahen Sachsen plötzlich erblickt, eilt er schleunig hinunter. Er trifft auf dem Marktplatze den Rittmeister von Wiese, welcher, ungeachtet der vom Herzoge ihm gegebenen Warnung, unbekümmert mit zweien seiner Offiziere dort umherwandelt, während vor dem nicht fern gelegenen Gasthofe mehrere Husaren gemächlich rauchen. Kaum hat er von dem herbeistürzenden Posten die Worte: »Die Sachsen sind da!« vernommen, so befiehlt er zum Aufsitzen und sprengt, sich eiligst auf ein Pferd werfend, nach dem Webertore hin; mehrere Husaren folgen ihm nach. Aber bald werden von jenem Tore her Schüsse gehört, in vollem Galopp kehrt er, von sächsischer Reiterei verfolgt, über den Markt zurück. Den Andringenden setzen sich hier unsere Husaren zur Gegenwehr. Auf den Straßen, welche zum böhmischen Tore führen, kämpfen jetzt einzelne Trupps Mann gegen Mann, und noch einmal versucht Rittmeister von Wiese, die Seinigen vor dem äußersten böhmischen Tore zu sammeln. Doch vergebens. Seine Mannschaft wird auseinandergesprengt, viele werden gefangengenommen, und es eilen die übrigen in wilder Flucht nach Grottau, von mehreren Zügen sächsischer Kavallerie verfolgt. Der Verlust, welchen unser Husarenregiment durch diesen Überfall erlitt, war beträchtlich. Die Leutnants von Kleist und Rosentreter, beide sehr schwer verwundet, und der Leutnant Koesczeghy nebst 38 Mann gerieten in die Hände der Sachsen; außerdem erbeuteten diese noch einige 30 Pferde. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist nicht bekannt geworden. Zwei Husaren wurden gleich bei der ersten Attacke von den sächsischen Schützen niedergeschossen. Der Herzog, welchem sofort das Geschehene gemeldet wurde, war sogleich darauf bedacht, dem bösen Eindrucke, den dieser Verlust auf das ganze Korps hervorbringen mußte, schon im voraus zu begegnen, damit der Ruf desselben nicht gleich anfangs verunglimpft und der Mut seiner Krieger nicht niedergedrückt werde. Noch an demselben Tage erhielt der Major von Reichmeister den Befehl, mit 120 Mann Jäger, 40 Husaren und 2 Kanonen, koste es, was es wolle, Zittau noch in der nächsten Nacht wieder zu nehmen. Thielmann ließ indes nach dem so glücklich gelungenen Überfalle seine Schützen, Von welchen 20 Mann jedes Tor besetzen mußten, in der genommenen Stadt zurück, während die Kavallerie und Artillerie außerhalb derselben auf der Löbauer Straße ein Biwak bezogen. Nach einem in Zittau eingenommenen Mahle begab er sich gegen elf Uhr des Abends dahin. Und obwohl er vielfältig gewarnt wurde vor dem nimmer ruhenden, kampfesmutigen Herzoge, der den erlittenen Verlust zu rächen gewiß sich beeilen werde, so beging er dennoch durch Unterlassung der bestmöglichen Vorsicht den nämlichen Fehler, den sich Rittmeister Wiese erst vor wenigen Stunden hatte zuschulden kommen lassen. Denn durch die Aufstellung einiger Infanteriefeldwachen an der über die Neiße führenden Brücke und durch die Absendung einiger Kavalleriepatrouillen auf der Straße nach Grottau hätte die Ausführung jenes Befehls des Herzogs leicht vereitelt werden können. Es gelang daher dem Major Reichmeister, sich unbemerkt gegen Mitternacht Zittau zu nähern. Das böhmische Tor findet er verschlossen und mit Wagen versperrt. In wenigen Minuten ist dasselbe gesprengt. Tapfer verteidigen es gegen die Andringenden die sächsischen Schützen, doch bald müssen sie der Übermacht weichen, und mit einem Hurra stürzen sich jetzt unsere Jäger, die Wagen zur Seite räumend, in die Stadt, hinter ihnen die Husaren. Ein hitziges Straßengefecht entsteht. Am hartnäckigsten ist der Kampf innerhalb der Stadt bei dem Budissiner- und Webertore, wohin man auch eine Kanone heranzieht. Aus den Fenstern wird auf die Unserigen gefeuert, und zweifelhaft bleibt eine Zeitlang, wer den Sieg davontragen werde. Da ziehen die Sachsen, obgleich durch Reiterei unterstützt, sich zurück, und auch der Major Reichmeister sieht sich genötigt, behutsam beim Nachdringen zu verfahren, weil Thielmann Granaten über die Stadt auf den Weg, welcher nach Grottau führt, werfen läßt. Es mochte wohl drei Uhr sein, als die Sachsen, die Stadt gänzlich räumend, sich auf der Straße nach Löbau zurückzogen und bei Seifersdorf, eine halbe Stunde von Zittau, eine Stellung einnahmen. Thielmann schien uns hier erwarten zu wollen, doch gegen Abend verließ er dieselbe und marschierte nach Löbau. Unsere Leute hatten sich äußerst brav benommen; die Wiedereroberung Zittaus sollte für sie gleichsam das Vorspiel zu dem acht Wochen später so siegreich ausgeführten Sturme von Halberstadt sein. Wäre das zu dem Überfalle von dem Herzoge bestimmte Kommando stark genug gewesen, um das Tor, aus welchem die Sachsen ihren Rückzug nahmen, besetzen zu können, so würde deren Verlust bedeutend gewesen sein. Auch verlautete es, daß der Major von Reichmeister nach dem ersten Angriffe wenig Einsicht gezeigt, die Truppen sich selbst überlassen und so dem Feinde eine goldene Brücke gebaut habe. Unser Verlust betrug acht Tote, an Verwundeten zählten wir zwanzig; der Leutnant von Gillem hatte einen Schuß in den linken Arm und der Volontär Berner mehrere Wunden am Kopfe erhalten. Geplündert wurde nach der Vertreibung der Sachsen – mit Ausnahme weniger, bei solchen Gelegenheiten fast nicht zu hindernder ähnlicher Exzesse – zwar nicht, doch schlugen besonders die Jäger aus Rache gegen die Einwohner, denn sie wähnten, daß Thielmanns Überfall im Einverständnis mit denselben unternommen wäre, viele Fenster entzwei und flößten dadurch den Bewohnern großen Schrecken ein. Für die Verwundeten wurde im Gasthofe »zur Sonne« sogleich ein Lazarett eingerichtet. In demselben lagen nach dem Gefechte die Leutnants von Kleist – welcher bald nachher starb – und Rosentreter nebst vier Soldaten vom Korps wie auch sechs sächsische Schützen und ein sächsischer Husar. Die übrigen Verwundeten von uns hatte man schon in der Nacht auf Wagen nach Grottau transportiert. Noch an demselben Morgen, gleich nach dem Rückzuge Thielmanns, kam der Herzog in die Stadt. Er war in der Nacht dem Major von Reichmeister gefolgt und hatte mit einer Abteilung Jäger und Husaren in nicht weiter Entfernung von dem böhmischen Tore haltgemacht, um bei einem ungünstigen Ausgange des Unternehmens schnell herbeieilen zu können. Zittau mußte in die herzogliche Kriegskasse eine Kontribution von 6000 Talern bezahlen, doch ward der städtischen Gemeinde vom Herzoge die Versicherung erteilt, daß eine Besetzung durch seine Truppen nicht wieder stattfinden solle, »wenn sächsischerseits keine weiteren Schritte geschähen; im entgegengesetzten Falle würde man es aber bereuen und könnte ihn solches zum äußersten reizen«. Gleich hierauf – es war sieben Uhr des Morgens – räumten unsere Truppen die von Kriegsdrangsalen so oft heimgesuchte Stadt und gingen teils nach Gabel, teils nach Grottau zurück. Der Leutnant von Erichsen hatte von dem Herzoge den Befehl erhalten, mit 20 Husaren jene Kriegskontribution von dem Magistrate in Empfang zu nehmen und sie nach Olschwitz zu bringen. Zum Transport derselben ward eiligst eine mit zwei Pferden bespannte Postchaise herbeigeschafft. In dieselbe mußte sich ein alter Wachtmeister namens Strobel setzen, welchem das Geld in Beuteln zugezählt und übergeben wurde. Erst spät langte das Kommando mit dem Wagen in Oschitz bei dem Herzoge an, und ward das Geld durch Strobel, wie er solches empfangen, abgeliefert. Am anderen Morgen ließ der Herzog den Leutnant von Erichsen zu sich rufen. »Mein Kind,« redete er ihn an, »das Geld aus Zittau ist nicht richtig, es fehlen 400 Louisdor.« – Welch eine Nachricht für den armen Leutnant, der dem Herzoge genau den Hergang der Sache berichtete, wie das Geld dem Wachtmeister, welcher auf dem Wege stets in dem Wagen geblieben, nach Beutelzahl in Zittau übergeben worden, und, wenn keiner der empfangenen Beutel fehle, entweder in diesen die angegebenen Summen nicht enthalten gewesen sein oder möglicherweise das Fehlende Strobel herausgenommen haben müsse, dessen zu große Bereitwilligkeit zu diesem Geschäft ihm allerdings auffallend erschienen wäre. »Ich weiß es wohl,« erwiderte der Herzog sehr freundlich, »daß Sie das Geld nicht haben; aber der Wachtmeister soll bei dem Verdachte gegen ihn augenblicklich arretiert werden.« Dieses geschah. Ein Verhör wurde sogleich angestellt, welches aber kein genügendes Resultat ergab. Da schritt der Rittmeister von Otto, ohne Vorwissen des Herzogs, seinen Mann wohl kennend, zu einem Auskunftsmittel, das zwar jetzt aus der Mode gekommen, doch als äußerst praktisch sich bewährte. Er ließ nämlich dem Wachtmeister dreißig Hiebe aufzählen mit dem Bedeuten, daß deren noch mehrere erfolgen würden, wenn er nicht bekenne, wo er das fehlende Geld habe. Zuerst blieb derselbe hartnäckig beim Leugnen, als man aber Anstalten traf, die Zahl der Hiebe zu wiederholen, gestand er endlich, das Geld genommen und in einer Scheune vergraben zu haben, wohin derselbe auch geführt und wo das Gestohlene gefunden wurde. Der Dieb ward, nachdem man ihm die Uniform ausgezogen, augenblicklich weggejagt. Nur allein das Schwert muß die gegenseitige Erbitterung der feindlichen Parteien im Kriege dartun, nicht die Feder. In persönliche Schmähungen auszubrechen, des Feindes Ehre zu verunglimpfen, um dadurch die Scharte eines erlittenen Nachteils auszuwetzen, ist eines edlen Gemüts unwürdig. Dieses schien Thielmann nicht zu fühlen. Denn kaum hatte derselbe, berichtet Graf Holtzendorff, in seiner Stellung bei Seifersdorf die Erklärung des Herzogs über die Folgen einer von sächsischer Seite etwa auszuführenden abermaligen Besetzung Zittaus erfahren, als er seinem Adjutanten sogleich eine Proklamation gegen den Herzog diktierte, von welcher einige tausend Exemplare abgedruckt werden mußten. Auf dringendes Bitten des Zittauer Magistrats und auf die Vorstellungen einiger seiner Offiziere unterblieb für jetzt noch die förmliche Publikation dieses merkwürdigen Aktenstücks, welches heutzutage äußerst selten geworden ist, da ein bereits am 9. Juni eingegangener Befehl die höchste Mißbilligung des Königs über den in jener Proklamation herrschenden unschicklichen Ton gegen einen deutschen Fürsten aussprach und die sofortige Unterdrückung der schon ausgegebenen Exemplare gebot. Die vorhandenen wurden hierauf vernichtet und die in Umlauf gebrachten möglichst wieder eingefordert. Die gebrauchten unziemlichen Ausdrücke waren um so mehr zu tadeln, da der Herzog stets strenge Mannszucht gehalten und in der bei seinem Abmärsche von Zittau gegebenen Erklärung keineswegs vom Verbrennen der Stadt gesprochen hatte. Um aber wegen der in Zittau von uns eingeforderten Kontribution Repressalien zu gebrauchen, entsandte Thielmann ein Kommando von 40 Husaren nach Rumburg. Das Städtchen sollte eine Kontribution von 6000 Talern unter der Bedingung erlegen, das Geld sofort wiederzuerhalten, wenn der Stadt Zittau die nämliche Summe aus der herzoglichen Kriegskasse zurückgezahlt würde. Die dortige städtische Behörde mußte sich in das Gebot finden und stellte einen kurze Zeit nachher zahlbaren Wechsel über jene Summe aus, da die Zusammenbringung des Geldes wegen der Annäherung unserer Husaren nicht sogleich beschafft werden konnte. Am 1. Juni erhielt plötzlich unser ganzes Korps die Order, in und bei Oschitz sich zusammenzuziehen. Die durch den Überfall von Zittau ermutigten Leute hielten diesen Marsch für einen schimpflichen Rückzug. In der Schar herrschte deshalb eine Unzufriedenheit, die sich nicht eher beseitigen ließ, bis der wahre Grund des erlassenen Befehls bekannt wurde. * Von österreichischer Seite war endlich beschlossen worden, einen Einfall in Sachsen zu unternehmen, zu dessen Ausführung der General Am Ende an die Spitze eines Korps gestellt ward, welches bei Leitmeritz sich sammelte. Thielmanns Streifzug in Böhmen hatte hauptsächlich diesen Beschluß des kaiserlichen Generalissimus veranlaßt. An den Herzog war daher die Aufforderung ergangen, mit seiner Schar zu dem General Am Ende zu stoßen, um in Gemeinschaft mit ihm in Sachsen weiter vorzudringen. Eine solche Aufforderung wurde gern angenommen, sie erfüllte uns mit noch größerem Vertrauen, da es wohl keinem Zweifel unterworfen war, daß wir mit den Österreichern zusammen günstigere Erfolge erwarten durften. Mit uns zugleich sollte noch eine andere österreichische Heeresabteilung unter dem General Radiwojewich nach dem bayerischen Obermainkreise vorrücken. Der Herzog ließ jetzt, um für die beschlossene Operation das Korps instand zu setzen, die auf Werbung stationierten Kompagnien und Kommandos nebst allen Depots heranziehen, so daß unsere Stärke wohl tausend Mann betragen mochte. An Rekruten hatten wir in dieser Zeit genug Zuwachs. Ein jeder, der seine Dienste anbot, war er rüstig und tüchtig, ward angenommen, sogleich in Montierung gesteckt und bewaffnet. An Exerzieren konnte freilich nicht gedacht werden, man mußte zufrieden sein, wenn die eben Geworbenen das Gewehr auf- und abzunehmen, zu laden, zu schießen und in Sektionen zu marschieren durch die Gewohnheit selbst erlernten. Doch bildeten alte, erfahrene Soldaten, vereint mit den jungen, feurigen Volontären, in den Kompagnien einen gediegenen Kern, sie waren tüchtige Anlehnungspunkte für die junge Mannschaft, der es während des ganzen Feldzugs an Mut und Ausdauer niemals gebrach. Einen Übelstand gab aber die Menge von Weibern ab, denn viele der Unteroffiziere und Soldaten schleppten ihre Frauen oder wenigstens ihre Liebchen mit sich; die Güte des Herzogs wollte hier keine Strenge ausüben, und so zogen denn auf dem Marsche neben jeder Kompagnie eine Menge Weiber in den buntesten und verschiedensten Trachten mit. Die Komplettierung des Husarenregiments ließ sich noch immer nur langsam beschaffen, da man nicht, wie bei der Infanterie, einen jeden Geworbenen einstellen konnte, sondern zuerst darauf sehen mußte, ob man ihm ein Pferd anvertrauen könne und ob er schon einigermaßen mit dem Reiten und der Pferdewartung bekannt sei. Mangelte es bei der Kavallerie an Unteroffizieren und Soldaten, so war dagegen die Zahl der Offiziere bei derselben sehr beträchtlich, welches Veranlassung gab, daß von diesen eine Offizierseskadron gebildet wurde, in welcher dieselben das erste Glied, ihre Burschen aber das zweite formierten. Um die ankommenden Rekruten sogleich bekleiden zu können, führten wir einen bedeutenden Vorrat Waffen und fertige Montierungsstücke mit uns. Je größere Verwirrung und Unordnung früher in dem Equipierungswesen geherrscht hatte, desto größere Genauigkeit zeigte sich jetzt, seitdem von dem Herzoge dem Leutnant von Steinwehr die Aufsicht anvertraut worden war; derselbe unterzog sich diesem Geschäfte mit einer bewunderungswürdigen Pünktlichkeit. Wir brachen, um die Vereinigung mit den Österreichern baldmöglichst auszuführen, am 3. Juni von Oschitz auf und rückten nach Böhmisch-Leipa, einer kleinen, freundlichen und gutgebauten Stadt. Den folgenden Tag, einen Ruhetag, versammelte hier der Herzog das Korps, machte dasselbe mit den näheren Einzelheiten des Überfalls von Zittau bekannt, rügte einige Versehen und Exzesse und empfahl die allerstrengste Mannszucht. Zugleich ernannte er den jungen Volontär Karl Berner zum Offizier, verlieh auch noch einigen anderen Unteroffizieren das Portepee. Berner hatte in Zittau die größte Unerschrockenheit gezeigt; er war in der Dunkelheit der Nacht durch zu kühnes Voraneilen zwischen einen ganzen Trupp sächsischer Kavallerie geraten, hatte sich gegen denselben eine gute Viertelstunde lang, den Rücken an eine Haustüre gelehnt, tapfer mit seinem Gewehr verteidigt, mehrere der ihn Umringenden verwundet, dabei aber selbst eine Menge glücklicherweise nicht gefährlicher Blessuren, besonders am Kopfe, erhalten und würde endlich der Übermacht erlegen sein, wenn ihn nicht mehrere seiner herbeieilenden Kameraden befreit hätten. Den 5. Juni marschierte das Korps nach Kamnitz, woselbst es einige Tage rastete, welche Zeit auf die bessere Ausbildung der Rekruten und auf die Instandsetzung des Materials verwendet wurde. Den 8. Juni abends verließen wir Kamnitz; die Dunkelheit brach bald ein, in der schwärzesten Finsternis bewegten wir uns auf einem abscheulichen Wege, der durch Gebirgsschluchten in das Elbtal hinabführt, weiter, ein furchtbares Gewitter übergoß uns mit Strömen von Regen, und nur durch gegenseitiges Anfassen und öfteres Rufen vermochten wir uns zusammenzuhalten. So langten wir bis auf die Haut durchnäßt um Mitternacht in Tetschen an. Den 9. Juni morgens setzten wir den Marsch die Elbe entlang fort, deren Gestade die herrlichsten Aussichten darbieten. Unfern Außig setzten wir auf einer Fähre über den schönen Fluß und rückten dann in die Stadt ein. Hier fanden wir bereits den österreichischen General Am Ende, mit welchem vereint wir nun operieren sollten. Die Offiziere wurden demselben vorgestellt; seine Physiognomie, sein starker Bauch, kurz sein ganzes Äußere machten nicht den günstigsten Eindruck auf uns und stimmten unsere Erwartungen wohl etwas herab. Den 10. Juni, nachdem durch mehrere Mißverhältnisse und Uneinigkeit in dem Stabe des Herzogs verschiedene Offiziere der Kavallerie aus unseren Reihen geschieden waren, betraten wir bei Zinnwald, erschöpft durch die Hitze des Tages, die sächsische Grenze. Die Einwohner flohen bei unserer Annäherung; nur mit vieler Mühe gelang es, die von ihnen verlassenen Häuser vor Plünderung zu schützen. Die Gegend war bergig, der Weg schlecht, die Hitze wurde immer drückender; auf das äußerste ermattet zogen wir weiter und passierten die ärmlichen Flecken Bärenstein und Glashütte; da ward gemeldet, es zeige sich feindliche Kavallerie vor uns, eine Nachricht, die unsere Müdigkeit schnell verschwinden ließ und mit neuer Kraft uns belebte. Ich ward mit den Schützen vorangesandt; der Feind ließ sich aber nicht blicken. Ungehindert rückten wir kurz nach Mittag in das Städtchen Dippoldiswalde ein und lagerten auf dem Marktplatze, auf welchem unsere ermüdeten Leute mit Speise und Trank von den Einwohnern erfrischt werden mußten, welches aber wegen der Ungeduld vieler, die ersten bei der Verteilung der Lebensmittel zu sein, nicht ohne Unordnung ablief. Unser zweites Bataillon nebst dem Rest der Kavallerie war uns mit den österreichischen Truppen auf einem anderen Wege gefolgt und traf gleichfalls hier ein. Um den Feind aber über die Richtung unseres Marsches irrezuführen, schickte der Herzog ein starkes Detachement über Peterswalde gegen Pirna. Am Morgen des anderen Tages setzten wir uns mit den Österreichern gegen Dresden in Marsch. Das Bataillon, in welchem ich stand, das erste des Regiments, nebst einiger Kavallerie bildete die Avantgarde; jeden Augenblick erwarteten wir, auf den Feind zu stoßen. Je weiter wir vorrückten, desto mehr nahmen die Sicherheitsmaßregeln zu; aber ohne vom Feinde belästigt zu werden, erreichten wir die Barriere von Dresden. Der Oberst Thielmann hatte zwar ein Korps von beinahe 2200 Mann hier versammelt gehabt, es aber nicht ratsam erachtet, uns zu erwarten, sondern sich vielmehr bei unserer Annäherung auf dem Wege nach Wilsdruff zurückgezogen und somit die Absicht des Herzogs, ihn durch das gegen Pirna gesandte Detachement festzuhalten, während wir auf seiner Rückzugslinie marschierten, vereitelt. Ungehindert besetzten wir die Pirnaer Vorstadt; hier machten wir halt und formierten nun eine Gasse, zwischen welcher die nachfolgenden Österreicher unter unaufhörlichem Hurrarufen in die bestürzte Stadt einzogen, die keine Ahnung von einem solchen Besuche hatte. Der König war von Dresden nach Leipzig geflüchtet. Mittlerweile war es Abend geworden; unserm Korps wurden die Quartiere in der Wilsdruffer Vorstadt angewiesen, während die Österreicher in der Stadt lagen. Mein Quartier war das Haus des Oberappellationsrats F. Seine Familie empfing mich mit großen Armleuchtern in den Händen an der Haustür und führte mich zu einem wohlservierten Tische. Die Unterhaltung, welche besonders unseren kühnen Herzog und sein Korps betraf, dauerte bis in die Nacht hinein. Man wies mir ein elegantes Zimmer mit einem vortrefflichen Bett an. Bald schloß ich auf der weichen Ruhestätte die müden Augen zu und mochte wohl zwei Stunden geschlafen haben, als ich durch ein lautes Getöse geweckt wurde. Ich horchte auf. Ich vernahm Gewehrschüsse und zwar ziemlich nahe, denn sie hallten stark an den Häusern wider. Schnell sprang ich aus dem Bette; da erscholl auch schon der weithin tönende Ruf des halben Mondes unserer Jäger durch die öden Straßen. In wenigen Minuten war ich angezogen, in noch kürzerer Zeit mein Mantelsack gepackt, und mühsam tappte ich jetzt durch die dunklen Gänge des Hauses. Glücklicherweise geriet ich an das Kämmerchen der Köchin, die verschämt trotz alles Widerstrebens in dem leichtesten Negligé mir die Haustür öffnen mußte. Die Kompagnien unseres Regiments hatten schon bei meiner Ankunft auf dem ihnen bezeichneten Platze sich zu sammeln angefangen, doch währte dieses eine geraume Zeit, denn teils war die Mannschaft in der Dunkelheit in die Quartiere der weitläufigen Vorstadt gekommen und konnten nun viele in den Straßen sich nicht zurechtfinden, teils waren manche, wie ich nachher erfuhr, in Hintergebäude quartiert worden und dadurch vielfältig außerstand gesetzt, den Ruf der Trommeln und Hörner auf den Gassen zu vernehmen. Nicht wenige mochten sich gütlich getan haben und konnten die Efeuranken des Weingottes nicht so leicht abstreifen. – Die Ursache dieser nächtlichen Alarmierung war folgende. Der Herzog hatte wegen des auf der Straße nach Wilsdruff noch lagernden Feindes nicht unterlassen, die erforderlichen Sicherheitsmaßregeln anzuordnen. Zu diesem Zwecke war von ihm nicht nur die Barriere der Wilsdruffer Vorstadt mit Infanteriepiketts besetzt, sondern auch eine Husarenfeldwache auf dem Anger jenseits der Barriere so aufgestellt worden, daß deren äußerste Vedetten vor der Brücke, welche über die Weiseritz führt, zu stehen kamen. Außerdem hatte er noch spät in der Nacht eine Husarenpatrouille unter Anführung des Leutnants von Förster nach der Gegend entsandt, wo man Lagerfeuer der Sachsen zu erblicken wähnte, um sich von der Wahrheit dieser Angabe Überzeugung zu verschaffen. Leutnant von Förster kehrte gegen 3 Uhr morgens eilends mit der Meldung zurück, daß der Feind, wie es schiene, mit einer starken Kavallerieabteilung gegen die Stadt im Anzuge sei. Als der Herzog diese Nachricht vernommen, ließ er sogleich dem General Am Ende davon Mitteilung machen; er selbst aber setzte sich zu Pferde und begab sich in die Wilsdruffer Vorstadt, dort den Befehl erteilend, zum Ausrücken seines Korps zu blasen. Doch beinahe gleichzeitig wurde auch schon unsere Husarenfeldwache vor der Barriere von Kavallerie angegriffen, welches jene laut in der Vorstadt widerhallenden Pistolenschüsse kundtaten. Die Feldwache sah sich jetzt, ihrer Schwäche wegen, genötigt, bis an die Barriere unter dem Schutze des dort aufgestellten Infanteriepiketts sich zurückzuziehen. Indes wurde dieselbe vom Feinde nur bis hierher gedrängt, da der weithintönende Alarmruf unseres halben Mondes ihm zur Genüge bewiesen haben mochte, daß er uns wachsam und seiner gewärtig gefunden. Er kehrte hierauf zurück. Wir verloren einen Mann, der, unfern der Barriere auf Posten stehend, von einer Pistolenkugel getroffen wurde. Der Herzog war inzwischen mit dem Sammeln seines Korps beschäftigt gewesen, um einem etwa erneuten Angriffe des Feindes zu begegnen oder ihm nachzusetzen. Doch letzteres mit Erfolg auszuführen, war es notwendig, den General Am Ende zur Teilnahme hierzu aufzufordern. Aber leider erreichte der Herzog dieses nur insoweit, daß ihm jener zwei Eskadrons Ulanen, eine Kompagnie Tiroler Schützen und eine Abteilung der kurfürstlich hessischen Truppen zur Verfügung stellte. Denn der seines Landes beraubte Kurfürst von Hessen-Cassel hatte gleichfalls in Prag bei dem Ausbruche des Krieges ein Korps zu errichten angefangen. Seine Sparsamkeit aber ließ ihn die Werbung und Ausrüstung nicht mit dem Kostenaufwande betreiben, als es bei dem Herzoge der Fall war. Die Absicht des Kurfürsten ging nur dahin, nach Befreiung seines Landes sogleich einige Kaders verschiedener Truppengattungen in seine Residenz mitbringen zu können. Er hatte zu diesem Zwecke von jeder Waffengattung nur eine geringe Anzahl. Da gab es dunkelblaue Grenadiere mit Bärenmützen, apfelgrüne Jäger, weiße Kürassiere, hellblaue Dragoner, gelbe Husaren und andere mehrere, welche zusammen ein Korps von einigen hundert Mann bildeten. Alle waren nach dem alten preußischen Schnitt oder vielmehr nach des Kurfürsten eigenem Geschmacke gekleidet: gepudertes Haar, dicke Locken und lange Zöpfe sah ich bei ihnen wieder. – Es mochte wohl fünf Uhr morgens geworden sein, als der Herzog mit seinem Korps, zwei Eskadrons Ulanen und eine gleiche Anzahl Husaren an der Spitze, hinter ihnen zur Rechten der Straße eine Abteilung Infanterie, zur Linken die Tiroler Schützen, aus der Wilsdrufffer Vorstadt aufbrach. Wir rückten anfangs nur langsam vor, um die Nachrichten des Leutnants Grafen von Wedel, welcher mit einigen Husaren zum Erkunden des Feindes vorangeschickt worden war, entgegenzunehmen. Demselben hatte sich auch der Rittmeister von Steinwehr mit einem Detachement hessischer Husaren angeschlossen. Die Mannigfaltigkeit unserer Uniformen gab hier zu einem höchst traurigen Vorfall Veranlassung. Ich hatte mit mehreren Schützen und einer Abteilung Tiroler Schützen einen Seitenweg durch ein Getreidefeld einschlagen müssen, als auf uns plötzlich ein Trupp Kavallerie zugesprengt kam. Ich erkannte sie für Hessen; aber ohne daß ich es ahnte, gaben die Tiroler Schützen, welche sie für Sachsen hielten, auf die Herannahenden Feuer, und ihr Anführer sank tödlich verwundet vom Pferde. Es war dieses der Rittmeister von Steinwehr, welcher, zu uns zurückkehrend, nicht die Chaussee, sondern jenen Seitenweg eingeschlagen hatte. Er starb einige Tage nachher in Dresden. Während dieser so unglückliche Vorfall sich ereignete, kehrte Leutnant Wedel mit der Meldung zum Herzoge zurück, daß Thielmann auf Wilsdruff seinen Marsch genommen und noch nicht weit dahin vorgerückt sein könne, indem sein Korps in nicht großer Entfernung von Dresden auf der Chaussee die Nacht biwakiert habe. Diese Nachricht bewog den Herzog, die an der Spitze befindliche Kavallerie sogleich dem Feinde nachzuschicken. Rasch folgte er derselben mit der Infanterie, nachdem er zuvor dem Major von Reichmeister den Auftrag erteilt hatte, mit dem zweiten Bataillon, so schnell es sich ausführen lasse, die linke feindliche Flanke zu umgehen. Unsere Husaren und die österreichischen Ulanen holten noch vor dem Dorfe Bennerich des Feindes Nachhut, welche aus Reiterei bestand, ein. Sie griffen dieselbe sogleich an, warfen sie in das Dorf hinein, sahen sich aber genötigt, hier von weiterem Verfolgen abzustehen, da sie den Ort mit Infanterie besetzt fanden. Rittmeister von Steinemann, ein Unteroffizier und mehrere Husaren und Ulanen wurden durch das wohlangebrachte Feuer derselben verwundet. Indeß sie noch im Zurückweichen begriffen sind, langt der Herzog an; sogleich läßt er zwei Geschütze auffahren und sie gegen die auf dem Kirchhofe des Dorfes postierte feindliche Infanterie, welche in ihrer Stellung die durch den Ort gehende Heerstraße beherrschte, richten. Eine Abteilung unserer Jäger mit den Tiroler Schützen muß zugleich das Dorf angreifen, und es gelingt ihnen, die Sachsen aus demselben zu vertreiben. Jetzt dringt der Herzog durch das Dorf gegen den sich zurückziehenden Feind vor. Bald entspinnt sich zwischen allen beiderseitigen Waffengattungen ein hitziges Gefecht, welches sich bis nach dem zunächst liegenden Dorfe Steinbach ununterbrochen hinzieht. Während also gefochten wird, ist Thielmann auf das eifrigste bemüht, seine Truppen dem Kampfe zu entziehen, welchen aber der Herzog so lange als möglich zu unterhalten sucht, um dem Major von Reichmeister zur Umgehung der linken Flanke des Feindes Zeit zu verschaffen. Und wäre dieser gerade jetzt eingetroffen, so hätte für Thielmann das Gefecht eine äußerst ungünstige Wendung nehmen können. Aber Reichmeister erschien nicht; dem Herzoge fehlte es an Infanterie, mit welcher er, ohne sein Zentrum zu schwächen, gegen die linke Flanke der Sachsen mit Erfolg hätte operieren können. Er vermochte in dieser Lage daher nicht lange zu verhindern, daß der Feind seinen Rückmarsch schnell weiter fortsetze. Nur noch von unserer Kavallerie am Eingange des Dorfes Steinbach hart gedrängt, erlitt derselbe mehrfachen Verlust. Thielmann aber, auf einen schnellen und ehrenvollen Rückzug stets bedacht, ließ das Dorf nicht länger verteidigen, als erforderlich war, um alle seine gegen uns detachierten einzelnen Abteilungen aufzunehmen, welches ihm auch vollkommen gelang. Hierauf konzentrierte er seine Truppen hinter dem Dorfe und zog sich auf Wilsdruff zurück, wo eine die Höhen jenseits dieser Stadt besetzt haltende Reserve zu seiner Aufnahme bereitstand. Tiraillierend und plänkelnd folgten wir ihm. Der Herzog indes, vor Wilsdruff angekommen, beabsichtigte durch einen Hauptangriff dem schon so lange dauernden Gefechte Entscheidung und Ende zu geben. Während er zu diesem Zwecke das Korps sammelt, läßt er den Feind mit Granaten bewerfen. Thielmann jedoch, des Fürsten Absicht erratend, zieht sich abermals zurück, seinen Abzug durch Tirailleure deckend, auf welche wir stießen, als wir die hinter der Stadt liegenden Höhen erreicht hatten. Das wiederholte Zurückweichen Thielmanns überzeugte den Herzog, daß jener ein entscheidendes Gefecht sorgfältig zu vermeiden bemüht sei. Er ließ daher von seinem Vorhaben ab, noch mehr durch den Umstand bewogen, daß unsere Mannschaft, welche zehn Stunden hindurch gegen den Feind agiert hatte, äußerst ermüdet und erschöpft war. So endete ein Gefecht, das in seinen Resultaten zwar weder belohnend noch genügend für die Anstrengungen sich darstellte, welches aber einen sehr glorreichen Ausgang hätte nehmen können, wenn der Herzog von dem General Am Ende kräftig unterstützt worden wäre. Es verschaffte uns keinen weiteren Vorteil, als daß unser ganzes Korps endlich einmal Gelegenheit gefunden hatte, sich mit einem Feinde zu messen, von welchem uns schon zu verschiedenen Malen nicht unempfindliche Nachteile zugefügt waren. Die für den General Am Ende im Korps dadurch hervorgebrachte Stimmung fing schon jetzt an, ungünstig zu werden; wir ließen unserem Verdruß freien Lauf und sprachen uns über ihn gegen die österreichischen Offiziere laut aus, welche unsere Meinung gleichfalls teilten. Der Verlust des Korps an diesem Tage bestand in einem Toten und neun Verwundeten; jener der Sachsen muß weit beträchtlicher gewesen sein, da uns eine bedeutende Anzahl von Verwundeten in die Hände fiel, unter welchen sich ein Offizier vom Kürassierregimente Zastrow befand. Die Nacht brachten wir mit den inzwischen nachgekommenen Österreichern vor Wilsdruff biwakierend zu. Wilsdruff war bei der Verfolgung der Sachsen hart mitgenommen. Unsere Leute hatten viele Häuser aufgebrochen und geplündert, Türen und Fenster zerschlagen und den wildesten Unfug getrieben. In einem nahen Dorfe brach durch ihre Schuld sogar Feuer aus. Der Herzog war über diese Exzesse höchst aufgebracht. Er sah ein, daß es zur Aufrechterhaltung der strengsten Mannszucht durchaus notwendig sei, dem Korps ein Beispiel geben zu lassen, das für die Übertreter seines oft wiederholten Gebots nur warnend und abschreckend sein werde. Am anderen Morgen wurde ein Husar, welcher der Plünderung und arger Mißhandlungen der Einwohner auf das vollkommenste überwiesen war, nach abgehaltenem Kriegsgericht vom Leben zum Tode verurteilt und sofort vor der Front des Regiments füsiliert. Mehrere andere jener Plünderer wurden, nachdem man ihnen eine Anzahl Hiebe gegeben, sogleich aus den Reihen des Korps gestoßen. * Von der größten Wichtigkeit wäre es jetzt für den Erfolg unserer Waffen gewesen, dem sich so rasch zurückziehenden Feinde zu folgen. Wäre dieses geschehen, so hätten wir ohne bedeutenden Widerstand die in Weißenfels angefangenen Rekrutierungen auseinandergesprengt und die Vereinigung Thielmanns alldort mit einem anrückenden westfälischen Korps, welche zu unserem Nachteile alsbald erfolgte, verhindert. Die Sachsen würden dadurch außerstand gesetzt worden sein, von neuem gegen uns zu operieren; der Eindruck, welchen solche von österreichisch-braunschweigischer Seite ausgeführte kühne Operation auf die jungen westfälischen Truppen hätte machen müssen, würde Niederlagen vorbereitet und auch herbeigeführt und uns vielleicht ganz Norddeutschland in die Hände gegeben haben. Aber der General Am Ende blieb gegen die dringendsten Vorstellungen des Herzogs, dem Feinde nachzusetzen, taub und schien mit seinen Dispositionen auch am Ende zu sein. Unter dem Befehle des Generalgouverneurs von Böhmen, Graf Reisch, stehend, welcher gleich dem Hofkriegsrate zu Wien im Siebenjährigen Kriege von Prag aus die Operationen der entsandten Heeresabteilungen leiten wollte, war es ihm zur Pflicht gemacht, die Grenzen Böhmens zu verteidigen und dafür Sorge zu tragen, daß die Festungen dieses Landes mit Truppen hinlänglich versehen blieben, aus welchem Grunde er nur bedingungsweise das weitere Vorrücken in Sachsen unterstützen konnte. Am Ende weigerte sich deshalb, eher weiterzugehen, bevor er nicht neue Instruktionen vom Grafen Reisch eingeholt habe, und marschierte nach Dresden zurück. Der Herzog aber, leider noch zu schwach, um sich allein mit seinem noch nicht 1000 Mann starken Korps bis an die Saale wagen zu können, sah sich genötigt, ihm zu folgen und bei Meißen Kantonierungen zu beziehen, um dort das weitere abzuwarten. * Während dieser Zeit der Ruhe ward mir der Auftrag erteilt, mit einer Anzahl aus Böhmen angekommener Rekruten nach Dresden zu gehen, um dieselben dort einkleiden zu lassen. Ich ging mit ihnen dahin ab und setzte bei meiner Ankunft sogleich die österreichische Militärbehörde von dem mir gewordenen Befehle des Herzogs in Kenntnis. Aber die schwache Stimme eines nur subordinierten Leutnants verhallte ungehört neben den lauten, gewaltigen Requisitionen der Österreicher, und ich würde ungeachtet aller angewandten Bemühungen unverrichteter Sache zurückgekehrt sein, wenn nicht bald darauf der Kapitän von Herzberg mit dem Auftrage des Fürsten angelangt wäre, hier ein Werbedepot für das braunschweigische Korps zu bilden; zugleich war demselben die Errichtung einer Ulaneneskadron zu der Stärke von 300 Mann und einer Schützenkompagnie aufgetragen worden. Die Uniform der ersteren sollte die des österreichischen Ulanenregiments Schwarzenberg, die der Schützen ein grünes Kollett mit rotem Kragen und dergleichen Aufschlägen, grüne Beinkleider und Stutz- oder Tirolerhüte sein. Sofort wurden unter Autorisation des österreichischen Kommandanten Fürsten Lobkowitz, mit welchem der Herzog persönlich bekannt war, Montierungsstücke für 1000 Mann Infanterie und für eine gleiche Anzahl Kavallerie von der Stadt verlangt. Der Magistrat entgegnete auf solches Begehren, daß es ihm unmöglich sei, sowohl dieser als den von den Österreichern und Hessen zu gleicher Zeit ausgeschriebenen Requisitionen Genüge zu leisten, da die hierzu erforderlichen Geldmittel aufzubringen die Kräfte seiner städtischen Kommune nicht zuließen. Allein ungeachtet dieser nur vorgewandten Remonstrationen wurde er, obwohl die Österreicher weniger als die Hessen unsere Anforderung unterstützten und erstere durch Fortschaffung aller gefundenen Vorräte nach Theresienstadt nur für sich selbst angelegentlich sorgten, doch gezwungen, nach und nach eine bedeutende Anzahl fertiger Montierungsstücke an den Kapitän von Herzberg abzuliefern. Mit selbigen bekleideten wir die zahlreich ankommenden Rekruten, rüsteten sie mit den aus unserem Depot in Theresienstadt herbeigeschafften Armaturgegenständen aus, und gelang es uns, dem Korps verschiedene Abteilungen von mehreren 100 Mann (der einen wurde sogar eine Musikbande mitgegeben) zu senden. Auch an der von Seiten der Österreicher erhobenen Kontribution machte der Herzog seine Ansprüche geltend und empfing eine Summe von mindestens 12 000 Talern. Während das Korps um Meißen kantonierte und der Herzog daselbst sein Hauptquartier hatte, kam der Leutnant Butze von der ihm an Schill übertragenen Mission zurück. Derselbe war nämlich gleich nach unserem Aufbruche von Nachod zu Schill, welcher, wie die eingegangenen Nachrichten lauteten, unterhalb Magdeburg für die Sache deutscher Freiheit kämpfe, mit dem Auftrage vom Herzoge gesandt worden, den kühnen Mann zu einer Vereinigung mit dem Korps aufzufordern, ihm aber auch zugleich anheimzugeben, seine Operationen so einzurichten, daß er im schlimmsten Falle als Rückzugspunkt Sachsen sich offen behalte, wo er dann leicht imstande sein würde, sich dem Herzoge anzuschließen. Unter einem anderen Namen war Butze über Zittau, Buckau nach Brandenburg geeilt, um von dort aus, das Königreich Westfalen fortwährend meidend, in die Gegend von Magdeburg zu kommen. Allein in Brandenburg erfuhr er, daß Schill, in seinen Erwartungen getäuscht, über die Elbe zurückgegangen sei und durch das Mecklenburgische sich nach Pommern gewandt habe. Obgleich Butze den Hauptzweck seiner Mission jetzt verfehlt sah, so trieb es ihn dennoch an, Schill zu folgen. Er eilte, Pommern zu erreichen; doch in dem mecklenburgischen Städtchen Waren traf er auf einen holländischen Offizier, der ihm die Bewältigung des Schillschen Korps in Stralsund erzählte und der auch der Überbringer des Hauptes des Tapferen war, welches man als eine Siegestrophäe nach Cassel sandte. In der Absicht jedoch, die Mannschaft der aufgelösten Schar für den Dienst des Herzogs zu gewinnen, begab sich Butze nach der Insel Usedom, wohin jene von Stralsund ihren Marsch gesetzt hatte. Er kam aber leider zu spät; der größte Teil der Schar hatte sich bereits auf Gnade oder Ungnade ihrem Herrn, dem Könige von Preußen, ergeben. Den Rittmeister von Tempsky und die Leutnants von Hertell und von Lysniewsky führte er nach Meißen dem Herzoge zu. Von Prag war endlich die Genehmigung erfolgt, in Sachsen weiter vorzudringen; diesem nach brach der Herzog in Vereinigung mit den Österreichern am 19. Juni von Meißen auf. Das Korps, welches jetzt in Sachsen weiter vordrang, hatte eine Stärke von 6000 Mann. Dasselbe bestand aus dem Bataillon Erbach, dem Bataillon Mittrowsky, vier Landwehrbataillonen, aus unserem durch die in Dresden und Meißen errichteten Werbedepots jetzt wohl zu 1400 Mann herangewachsenen Korps, einer Kompagnie Tiroler Schützen, den wenigen hessischen Truppen, zwei Batterien und 600 Mann Kavallerie. Die übrigen Abteilungen des österreichischen Heerhaufens waren in Dresden zurückgeblieben. Den 20. Juni ging der Herzog nach Oschatz, den 21. setzte das Korps bei Grimma über die Mulde, und stieß die Avantgarde am 22. Juni bei Seistersheim auf feindliche Kavallerie. Es entspann sich ein lebhaftes Gefecht, in welchem wir durch zu hitziges Vordringen mehrere Leute verloren, welche gefangengenommen wurden. Die Sachsen zogen sich, der Übermacht weichend, auf Leipzig zurück. Als das Korps dieser Stadt sich nahte, räumten sie dieselbe und setzten den Rückzug auf der Straße nach Lützen fort, wo Thielmann seit dem 18. mit dem Gros seines Korps eine Stellung angenommen hatte. Vor dem Ranstädter Tore ward jedoch ihre Nachhut von uns eingeholt, ein Gefecht entstand, in welchem unsere Gegner geworfen und bis zwei Stunden hinter Lindenau verfolgt wurden. Der Herzog biwakierte vor diesem Dorfe, die Österreicher vor Leipzig. Den eingezogenen Nachrichten zufolge hatte der Feind Lützen verlassen und sich zwischen diesem Orte und Weißenfels aufgestellt; es ward beschlossen, ihn dort anzugreifen. Diesem nach rückte das Korps am Morgen des 23. Juni bis Lützen. Oberst Thielmann war indes schon bis Weißenfels zurückgegangen, um sich hier mit den anrückenden westfälischen Truppen zu vereinigen. Die dort über die Saale führende Brücke war von ihm verbarrikadiert und stark besetzt worden. Der Herzog ließ das Korps bei Lützen halten, um die nachrückenden Österreicher zu erwarten und mit ihnen entweder sogleich einen Angriff auf Weißenfels zu unternehmen oder, bei Merseburg die feindliche Stellung umgehend, die Saale zu überschreiten. General Am Ende war aber auf keine Weise zu dem einen oder dem andern zu vermögen, er kehrte vielmehr mit seinen Truppen nach Leipzig zurück. Der Herzog, welcher ohne Unterstützung auf einen glücklichen Erfolg nicht rechnen durfte, mußte jetzt, so niederschlagend es für ihn auch war, gleichfalls bis nach Lindenau wieder zurückgehen. In der Nacht vom 23. zum 24. Juni erhielt der Feind eine ansehnliche Verstärkung durch die Ankunft des westfälischen Generals d'Albignac, welcher mit einem Korps von 2700 Mann in Weißenfels eintraf. Den anderen Tag rückten die nun mit den Westfalen vereinigten Sachsen vor. Um eine Umgehung zu verhüten, nahm sogleich der Herzog eine Position hinter der Elster und ließ alle oberhalb des Flusses befindlichen Brücken abbrechen. Hierauf ging er mit vier Eskadrons des Husarenregiments dem Feinde entgegen, dessen Stärke und Absichten erforschend. Zugleich setzte er den General Am Ende von dem Anrücken der Westfalen und Sachsen in Kenntnis und forderte ihn auf, zur Unterstützung schleunigst herbeizueilen, da er der Meinung sei, daß man den Feind in der von uns jetzt eingenommenen so vorteilhaften Stellung erwarten und mit ihm sich schlagen müsse. Aber General Am Ende erwiderte am 24. Juni abends, daß er auf keine Unterstützung sich einlassen, vielmehr mit seinen Truppen aufbrechen und nach Dresden zurückgehen werde, da auch der König von Westfalen mit einem anderen Korps über Merseburg im Anzuge sei und er sich keinem Echec aussetzen dürfe. Der Herzog sah sich durch eine solche Weigerung abermals in dem Verwirklichen seiner kühnen Pläne gehemmt, er war gezwungen, sein Vorhaben aufzugeben und den Österreichern wiederum zu folgen. Abends 10 Uhr traten wir den Marsch nach Grimma an und erreichten den 25. nachmittags Hubertusburg. Von hier aus versuchte der Herzog auf die Gemüter der westfälischen Soldaten durch folgenden kräftigen Aufruf einzuwirken:   Westfälische Krieger! Ihr Deutsche wolltet gegen Deutsche fechten? Ihr, deren Eltern, Schwestern und Brüder von den Franzosen gemißhandelt wurden, und deren Hab und Gut von diesen Fremdlingen verschwelgt wird, Ihr wollt eben diese Franzosen mit Eurem Blute schützen? Und gegen wen? Euere Brüder sind es, Soldaten, gegen die Ihr zieht, die gekommen sind, Euere Fesseln zu zerbrechen, und Deutschlands Freiheit erkämpfen wollen! Auf denn, Hessen, Preußen, Braunschweiger, Hannoveraner und Ihr alle, die Ihr den hohen Namen Deutsche führt, eilt herbei, um mit uns Deutschlands Schmach an seinen Unterdrückern zu rächen und unser unglückliches Vaterland von dem schnöden Joche zu befreien, unter dem es schon lange seufzet! Der Augenblick ist gekommen; kein günstigerer erscheint wieder. Bonapartes stolze Macht ist bei Aspern durch Deutschlands Retter, den Erzherzog Karl, zertrümmert, Schwaben und Franken sind im Aufstande, Österreicher dringen gegen Frankfurt vor, Engländer sind gelandet, und Preußen werden heranrücken! Wollt Ihr die letzten sein, die als echte Deutsche handeln? Kommt zu uns, Ihr findet nur Brüder, die Euch mit offenen Armen empfangen und in Euer Vaterland zurückführen werden. Doch wer von Euch Sklav genug ist, für Franzosen fechten zu wollen, der mag dann auch mit seinem Tyrannen über den Rhein entfliehen und dort zu spät beweinen, gegen Deutschland gekämpft zu haben. Hauptquartier Hubertusburg, am 25. Juni 1809. Wilhelm, Herzog zu Braunschweig-Lüneburg.   Am 26. traf das Korps in Stauchitz ein. Der Feind zögerte indes, uns mit Nachdruck zu verfolgen; er begnügte sich hauptsächlich damit, durch besoldete Zeitungsschreiber ausposaunen zu lassen, daß er einen glorreichen Sieg errungen und die schwarze Räuberbande des Herzogs von Braunschweig-Öls, wie er uns zu nennen beliebte, gänzlich geschlagen und vernichtet habe.   Der Tagesbefehl, welchen der König von Westfalen infolge dieses Rückzuges der Österreicher an seine Soldaten ergehen ließ, möge hier einen Platz finden. Derselbe lautete: Soldaten! Die Schnelligkeit unserer Märsche und das glückliche Zusammentreffen unserer Bewegungen haben für den Feind dieselbe Wirkung gehabt, als hätte er eine Schlacht verloren. Noch vorgestern trotzte er unseren Verbündeten und drohte mit nichts Geringerem als mit Brand und Zerstörung unserer Städte und Dörfer! – Heute flieht er erschrocken vor uns! – Kaum hat er den Anblick unserer Vorposten ausgehalten. Ganzer acht Tage bedurfte er, um von Dresden bis Leipzig vorzurücken; dagegen hat er nun gefunden, daß es deren noch nicht zwei bedarf, um von Leipzig nach Dresden zu gelangen. Er glaubte uns noch an den Ufern der Fulda, als wir bereits über die Saale gingen. Er wußte nicht, daß wir weder Beschwerden noch Gefahr kennen würden, wenn es darum zu tun sei, unserem redlichen Alliierten, dem Könige von Sachsen, zu Hilfe zu eilen. Soldaten! Ihr habt Euch ein Recht auf die Achtung und Freundschaft der braven Sachsen erworben, und Ihr würdet im ähnlichen Falle ebenso gewiß auf sie rechnen können, als sie mit edlem Vertrauen auf Euch gerechnet haben. Königlich westfälisches Hauptquartier zu Leipzig, den 26. Juni 1809. Hieronymus Napoleon.   Man sieht, Jérôme hatte den pomphaften Bulletinstil des großen Bruders sich gut angeeignet. Vereitelt waren nun die Hoffnungen, welche wir von dem Beistande der Österreicher, als sie in Dippoldiswalde sich mit uns vereinigten, gehegt hatten. Und so unterblieb eine Operation, deren glückliche, erfolgreiche Ausführung nicht zu bezweifeln gewesen war. Das Korps hatte bisher bei allen Gelegenheiten Beweise von seinem Mute, seiner Entschlossenheit und Kühnheit gegeben, die an dem Gelingen keines noch so gewagten Unternehmens zweifeln ließen und für so junge, nicht ausgebildete Soldaten bewunderungswürdig waren. Dieser Geist beurkundete sich überall und zeigte sich auch in einem Wagestücke, dem wohl wenig ähnliche in der Kriegsgeschichte an die Seite gestellt werden können, und welches ich deshalb hier zu erzählen mich verpflichtet fühle. Als das Korps in Oschatz eingerückt war, erfuhr der Herzog durch einen seiner Adjutanten, den Grafen von Matuschka, daß eine Anzahl Pferde wie auch mehrere von Dresden nach Wittenberg gebrachte sehr bedeutende Geldsummen von dort durch die Lausitz nach Frankfurt a. O. ohne alle militärische Bedeckung, nur von wenigen Beamten begleitet, transportiert werden würden. Sogleich entstand bei allen denen, welchen der Herzog diese Nachricht mitteilte, der sehnliche Wunsch, einer solchen reichen Beute für das Korps teilhaftig zu werden. Da aber die Entfernung nach dem in jener Nachricht bezeichneten Orte der Niederlausitz, durch welchen die Wagen und Pferde kommen würden, von Oschatz ziemlich bedeutend war und das gewünschte Unternehmen die größte Eile erforderte, so beschloß man, dasselbe auf eigentümliche Art und Weise auszuführen. Der Kapitän von Sander, der Volontär Häusler nebst den Oberjägern Sauer, Richter und Stengel, nur mit ihren Waffen und so viel Patronen versehen, als sie irgend bei sich lassen konnten, setzten sich in eine Chaise und fuhren mit Extrapost nach Torgau. Sie erreichten die Stadt abends spät, wechselten alldort die Pferde und langten, über Herzberg eilend, am andern Morgen mit Tagesanbruch vor Schlieben an. Der Weg führt nicht durch das Städtchen, sondern läuft dicht neben dem Tore hin. Als sie bei demselben ankamen und in die nächste Straße hineinsahen, erblickten sie plötzlich sächsisches Militär. Dem Postillon donnern sie ein Halt zu, stürzen aus dem Wagen und stürmen, ohne zu zaudern oder irgendeine Abrede zu nehmen, die Straße hinauf, an deren Ende sie auf einen Trupp unberittener Dragoner stoßen, welche eben im Begriff sind, ihren Weitermarsch auf Wagen anzutreten. Mit gefälltem Gewehr dringen sie auf dieselben ein, entreißen ihnen die Säbel und Karabiner und machen in wenigen Minuten zwei Offiziere, siebzehn Soldaten, einen Arzt und einen Furier zu Gefangenen. Zwar will der schnell herbeieilende Kommandeur der Abteilung Gegenwehr leisten, da er aber sieht, daß seine Soldaten bereits entwaffnet sind, so ergibt er sich gleichfalls. Nachdem dieses alles geschehen, entstand bei den Siegern die Besorgnis, daß, wenn sich die Gefangenen von ihrer ersten Bestürzung erholt haben würden, sie leicht wahrnehmen möchten, daß die ganze Anzahl ihrer Besieger nur fünf Mann betrage, wodurch die Sache für sie leicht eine ungünstige Wendung nehmen könnte. Schnell läßt sich daher Kapitän von Sander von den gefangenen Offizieren das Ehrenwort geben, daß sie nichts Feindliches gegen ihn beginnen, auch ihre Mannschaft unter ihrem Befehl so lange behalten wollten, bis der Herzog über selbige verfügt haben würde. Um indes das die kleine Schar umgebende Volk einigermaßen in Respekt zu halten, befiehlt er zugleich mit lauter Stimme dem eiligst herbeigerufenen Magistrate, für 3000 Mann Quartier bereitzuhalten, indem der Herzog binnen einer Stunde an der Spitze seines Korps einrücken würde, und übergibt dann die sämtlichen Gefangenen dem Oberjäger Stengel mit dem Auftrage, sie zum Herzog zu geleiten. Als solches glücklich vollbracht, setzte das Kommando, welches nur noch vier Mann zählte, seine Reise nach Luckau weiter fort. Unterwegs ward in Erfahrung gebracht, daß daselbst eine wohl 150 Mann starke Besatzung sächsischer Dragoner liegen solle. Doch diese Kunde bringt die Kühnen nicht von ihrem Vorsatz ab; einstimmig beschließen sie, das Äußerste zu wagen und nicht auf halbem Wege umzukehren. In dem Dorfe Hohen-Buckow requiriert der Kapitän von Sander ein Reitpferd, schwingt sich auf dasselbe und bildet so die Kavallerie der Schar, die den ersten Angriff machen soll. Unbemerkt kommt er dicht vor Luckau an, einige hundert Schritt hinter ihm folgt die Infanterie in der Postchaise. Die am Tore stehende Schildwache sieht den Reiter kommen, nichts Arges ahnend. Aber plötzlich steht derselbe vor ihr, ergreift sie und entwaffnet sie sogleich. Der Volontär Häusler eilt jetzt herbei, kein Augenblick ist zu verlieren, er zwingt die Schildwache, ihm den nächsten Weg nach der Wache zu zeigen, dies geschieht. Der Gefangene führt ihn nach dem in dem Städtchen befindlichen großen Zuchthause, in welchem die Wache ist. Man pocht stark an die mit Eisen beschlagene Tür, sie wird geöffnet, und Häusler, den beiden anderen Unteroffizieren um einige fünfzig Schritte mutig vorausgeeilt, blickt in einen mit Dragonern angefüllten Hof. Ohne sich zu besinnen, stürmt er mit gefälltem Gewehr hinein, ruft den erschrockenen Sachsen zu, ob sie Pardon haben wollen, oder ob die hinter ihm stehende Kompagnie schonungslos sofort auf sie Feuer geben solle. Da erschallt von allen Seiten »Pardon!« – Häusler springt nun nach den Gewehrbänken, wirft die daran gelehnten Karabiner zur Erde und faßt den nächsten Dragoner kräftig bei der Brust. Währenddessen kommen auch die beiden anderen Unteroffiziere. Den noch immer verdutzten Dragonern strecken sie ihre Bajonette sogleich entgegen, und es gelingt den drei Braven, ohne Widerstand die ganze Wache von 18 Mann gefangenzunehmen. Die Züchtlinge, welche an den Fenstern ihrer Gefängnisse das Schauspiel mit angesehen hatten, jubelten laut: »Es leben unsere Befreier, die tapferen Österreicher,« als die gefangenen und entwaffneten Dragoner aus dem Hofe geführt wurden. Häusler und die beiden Unteroffiziere Richter und Sauer bringen dieselben nach dem Marktplatze, wo sich die Stadtbehörde und eine Menge Volk bereits versammelt hatten. Kapitän von Sander fordert von ersterer, daß sich sämtliche im Orte befindliche Truppen ergeben sollen, und droht, daß, wenn seinen Worten nicht Folge geleistet würde, die Stadt es bereuen werde, indem er den Herzog mit dem Korps jeden Augenblick erwarte. Der Magistrat willigt ein und bittet nur, die gefangenen Dragoner nicht wegzuführen, da es die Sicherheit erheische, das Zuchthaus bewachen zu lassen. Diesem gerechten Begehren wurde nachgegeben und bestimmt, daß bis zur Ankunft des Herzogs die Dragoner die nötigen Wachtposten in der Anstalt wieder besetzen sollten, jedoch ohne Waffen, welche auf dem Rathause deponiert werden mußten. Die Anzahl sämtlicher Gefangenen belief sich auf 2 Unteroffiziere und 32 Dragoner; der Offizier des Detachements war abwesend. Kaum anderthalb Stunden hatte dieser Vorgang gedauert; es war 10 Uhr morgens, als die Expedition Luckau verließ und mit frischen Pferden weiter nach Lübben eilte, woselbst den eingezogenen Erkundigungen gemäß die Wagen und Pferde um jene Stunde eintreffen sollten. Als die kleine Schar in dem Städtchen anlangte, fand sie zu ihrem größten Erstaunen den Magistrat auf ihre Ankunft schon vorbereitet. Derselbe bat vor allem um Schonung der Stadt. Doch auf das Verlangen des Kapitäns von Sander, ihm die von Wittenberg eben angekommenen Wagen und Pferde auszuliefern, erhielt er die niederschlagende Antwort, daß durch einen von Luckau nach Lübben heimlich abgesandten Boten die nahe Ankunft des braunschweigischen Korps gemeldet sei, worauf schleunigst vor kaum einer Stunde der Transport die Stadt verlassen habe. Nachdem zehn Dragoner, welche in dem Orte einquartiert lagen, für Gefangene erklärt und dem Magistrat übergeben waren, fuhr das Kommando dem Transport in aller Hast nach. Anfangs erblickten die Verfolgenden deutlich die Spuren der Pferde und Wagen, aber bald befanden sie sich im Spreewalde; jedwede Spur hörte hier auf, und ungewiß blieb es, welche Richtung des Weges jene genommen hatten. Vergebens bot Sander dem Postillon dreißig Dukaten und eine lebenslängliche Versorgung mit Weib und Kind, wenn er ihn auf den rechten Weg bringe. So jagte also die Schar 5 bis 6 Stunden fruchtlos in ihrem Wagen umher, doch endlich waren die Pferde erschöpft, zwei derselben mußten ausgespannt werden, und man sah sich genötigt, aus einem nahegelegenen Gehöfte andere zu requirieren. Die Bauern wollten jedoch solchen Anforderungen nicht Genüge leisten; es kam bei ihrem Widersetzen zu Tätlichkeiten, die damit endeten, daß die Bauern ihre Pferde in den Wald trieben. Das Kommando ward nun gezwungen, nach Lübben zurückzukehren, wo dasselbe zwischen 7 und 8 Uhr ziemlich erschöpft ankam. Aber jetzt stand den Kühnen das Schlimmste bevor. Die angekündigte Einquartierung des braunschweigischen Korps hatte natürlicherweise in Lübben nicht stattgefunden. Auf dem Marktplatze trafen sie den Landeshauptmann Grafen von Einsiedel von einer großen Menge Menschen umringt, welche, versammelt durch die in die Stadt geflüchteten Bauern, deren Pferde hatten in Anspruch genommen werden sollen, aufgereizt zu sein schienen; doch hielten die gespannten Hähne und die gefällten Bajonette der sorgsam umherspähenden beiden Unteroffiziere die zur Wiedervergeltung Aufgeforderten gehörig in Schranken. Der Landeshauptmann war von dem ganzen Vorgange unterrichtet und äußerte gegen Sander, wie er genau wisse, daß der Herzog mit seinem Korps nicht in der Richtung nach Lübben marschiere, sondern Leipzig in Verbindung mit den Österreichern bereits besetzt habe. Graf Einsiedel mochte aber, und auch wohl mit Recht, Besorgnis hegen, daß jede tätliche Maßregel gegen das Kommando für ihn und die Stadt nur nachteilige Folgen haben könnte. Die Menge blieb daher ruhig, den Zurückkehrenden wurde Speise und Trank gereicht, und bald eilten dieselben mit frischen Pferden noch in der Nacht Torgau zu, nachdem der Volontär Häusler von einem Einwohner erfahren hatte, daß die Wagen und Pferde ohne alle Bedeckung Lübben kurz vor der Ankunft des Kommandos daselbst auf der nach Frankfurt führenden kleinen Straße verlassen hätten und es ihnen zweifelsohne gelungen sein würde, wenn sie einen des Weges kundigen Boten gehabt, solche einzuholen und zu nehmen. Am 23. abends erreichten die Braven glücklich Leipzig, das Hauptquartier des Herzogs. Die in Schlieben gefangenen Dragoner hatte der Oberjäger Stengel daselbst schon eingebracht. Einfügung des Herausgebers. Mit seinem Freikorps schloß sich also der Herzog der österreichischen Armee an. Er kam in diesem Verband aber nicht recht zu Taten, wie er sie ersehnte. Der Kaiser Napoleon hatte gegen die Österreicher in Sachsen seinen Generaloberst Andoche Junot, Herzog von Abrantes, marschieren lassen, den der König Jérôme von Westfalen mit seiner Armee unterstützen sollte. Aber der Herzog von Abrantes wurde bei Berneck in Oberfranken am 8. Juli 1809 von den Österreichern angegriffen und geschlagen. In diesem Treffen zeichnete sich Friedrich Wilhelm mit seinen Braunschweigern besonders aus. Als Junot sich in übereilter Flucht zurückzog, faßte der Herzog Friedrich Wilhelm den Entschluß, den König Jérôme, der gerade in Schleiz angekommen war, zu überfallen. Es wäre ein dankbares Unternehmen gewesen, denn wie sah es im Hauptquartier und mit der Armee des Königs Jérôme Napoleon eigentlich aus? Wir haben ein treffliches Zeugnis von einem Zeitgenossen, der dabei war. »Nie wurde eine Armee schlechter geführt als diese. Des Morgens brach man mit Nachzüglern auf und kam abends mit Nachzüglern an. Alles gab Befehle, aber niemand bekam einen. Die Kriegskommissare plünderten, die Offiziere soffen, die Soldaten marodierten, die Generale spielten und balgten sich mit den Mädchen herum; man wußte nicht, wer eigentlich befahl. Der König ließ sich von einem Teil seines Hofstaates begleiten, und da kam eine ganze Menge Wagen, Pferde und unnützer Leute mit. Ich erinnere mich eines Biwaks nahe dem Gebirge von Böhmen und einer plötzlichen Unruhe, die alles in Bewegung brachte. Man sah die Kammerherren in ihren seidenen Strümpfen und gestickten Kleidern verzweifelt umherrennen. Der Schatten eines Braunschweigers hätte hingereicht, die ganze Armee zu zerstreuen.« Aber König Jérôme hatte es vorgezogen, das Prävenire zu spielen, und der Herzog fand das Nest in Schleiz leer. »Ich glaube, Jérôme läuft gleich nach Kassel,« spottete Friedrich Wilhelm. Doch die Entscheidung dieses großen Feldzuges war bei Wagram in zweitägiger Schlacht schon gefallen. Der Erzherzog Karl, der Sieger von Aspern, dem ein ganzes sehnendes Deutschland zugejubelt hatte, war nach Wagram kriegsmüde. Wie sollte auch dieser Erzherzog mit seiner Kriegstheorie von »der strategischen Linie«, von »den beherrschenden Punkten«, mit seiner ganz veralteten Kriegsanschauung dem korsischen Gewaltmenschen gewachsen sein, der von all dem Brimborium einer grauen Theorie nichts hielt, der es aber verstand, im rechten Moment Bukette von hundert Geschützen zusammenzuflechten und auf die schwächste Stelle des Gegners überlegene Gewaltmassen zu werfen! Am 12. Juli wurde der Waffenstillstand zu Znaim geschlossen, ein Waffenstillstand, dem der Frieden bald folgen mußte. Herr von Wachholtz erzählt weiter: Aber inmitten dieser günstigen Lage der Dinge traf uns, ein Blitzstrahl aus heiterer Himmelshöhe, die Nachricht von der am 6. und 7. Juli verlorenen Schlacht bei Wagram und dem im Lager von Znaim zwischen dem Erzherzoge Karl und dem Kaiser der Franzosen abgeschlossenen Waffenstillstände. Alle Hoffnungen, die der Herzog auf eine Dauer des Waffenglücks schon gebaut hatte, waren entschwunden, und unsere Verhältnisse zu den Österreichern ließen ernste Besorgnisse erwarten, da mit jener Nachricht zugleich der Befehl eintraf, daß die gesamte Heeresabteilung des Generals von Kienmayer bis zum 27. Sachsen und Bayern verlassen und sich nach Böhmen zurückziehen sollte. Folgte der Herzog dieser Weisung, so verlor er die von ihm ausbedungene Unabhängigkeit. Seine Kriegskasse war erschöpft, in Böhmen, einem befreundeten Lande, konnte er uns nicht lange unterhalten. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß der Krieg nicht fortgesetzt werden würde, vielmehr in dem Waffenstillstände nur die Präliminarien des Friedens zu erblicken wären. Welches Los erwartete uns? Der Krieg hatte alle Hilfsquellen Österreichs erschöpft, eine Verringerung seiner Heeresmacht war unzweifelhaft. Konnten wir unter solchen Umständen wohl erwarten, in den kaiserlichen Dienst aufgenommen zu werden? Nach Preußen durften wir nicht zurückkehren. Vertrauungsvoll blickten wir auf den Herzog, auf ihn allein unsere Zuversicht setzend. Aber der edle und kühne Fürst hatte schon beschlossen, seine Krieger nicht zu verlassen und ihr Schicksal zu teilen. Sobald er die Niederlage der Österreicher erfahren und gleichfalls die Anweisung erhalten, mit seinem Korps Kantonierungen in Böhmen zu beziehen, hatte er den Plan gefaßt, an der Spitze der Schar dennoch in Norddeutschland vorzudringen. Die Wahrscheinlichkeit des Gelingens dieses kühnen Unternehmens wurde durch das Gerücht erhöht, daß eine bedeutende Expedition von England abgegangen sei, um in Norddeutschland zu landen und die dort ausbrechende Insurrektion zu unterstützen. Der Oberst von Dörnberg und Kapitän von Oppen wurden, andere Namen annehmend, eiligst abgesandt, um den von dem Korps einzuschlagenden Weg näher zu prüfen, die Engländer aufzusuchen und, falls eine Landung nicht erfolgt sei, nach England zu gehen, um uns von dort jedwede Unterstützung entgegenzusenden. Schon überließen sich mehrere meiner Kameraden der Hoffnung, daß, bestätige, sich die Landung der Engländer, dadurch die Lage der Sachen vielleicht eine andere Gestalt gewinnen und der Waffenstillstand wieder zum Kriege führen könne. Jedoch ward alles so viel als möglich für unseren Zug vorbereitet. Zuvörderst mußte Zeit gewonnen werden, um den Soldaten einige Ruhe zu gönnen und sie für die baldigen Anstrengungen zu stärken. Das Korps marschierte daher den 21. Juli nach Zwickau, dem Anfangspunkte unserer neuen Operationslinie. Dieser Marsch konnte nicht auffallen, da uns die Gegend zur Kantonierung bis zum 27. Juli angewiesen war. Ich ließ jetzt Tag und Nacht sämtliche Schneider der Stadt bei verschlossenen, mit Wachen besetzten Türen arbeiten, sie vermochten aber nicht die erforderliche Anzahl von Montierungsstücken zu liefern. Viele der neu angeworbenen Soldaten mußten deshalb noch eine Zeitlang in ihrem buntscheckigen Anzüge einhergehen. Was in Böhmen an Mannschaft noch lag, und die Stämme vom Korps, welche zurückgeblieben, erhielten den Befehl, sich sogleich nach Zwickau zu verfügen. Unter ihnen befanden sich mehrere Offiziere, die teils verwundet, teils auch in Geschäften versandt waren. Der Herzog entwickelte für die möglichste Verstärkung und zweckmäßigste Ausrüstung des Korps hier eine nie rastende Tätigkeit: von des Tages Frühe bis zum späten Abend war er beschäftigt, nur wenige Stunden sich Ruhe gönnend. Die Nachrichten indes, welche von der Stellung der feindlichen Truppen einliefen, lauteten günstig. Thielmann war mit den Sachsen gegen Dresden gerückt, um General Am Ende, der sich nach dem Abzuge des Königs von Westfalen der Hauptstadt wieder bemächtigt hatte, aus derselben zu vertreiben; General Gratien war mit den Holländern nach Erfurt und König Jérôme mit seinen Garden nach Kassel gegangen. Der einzuschlagende Weg des Korps nach dem Norden Deutschlands schien also wenigstens für den Anfang vom Feinde frei, und da ein noch längeres Verweilen in Zwickau die Absichten des Herzogs nur verdächtigt hätte, so schien jetzt zur Ausführung des kühnen Wagnisses der Zeitpunkt gekommen zu sein. Wir erhielten den Befehl, am 24. nach Altenburg zu gehen. Bis dahin hatte der Herzog es noch nicht für ratsam gehalten, von seinem Vorhaben dem Korps Mitteilung zu machen; jetzt aber, in dem Augenblicke, in welchem er die gefährliche Bahn betrat, erachtete er es für notwendig, den Offizieren seinen Entschluß offen darzulegen, um sich von ihren Gesinnungen zu überzeugen und denen, die durch Verhältnisse und Rücksichten verhindert wären, ihm zu folgen, Gelegenheit zu einem ehrenvollen Rücktritte zu geben, sich selbst aber der Ergebenheit und der Treue derer zu versichern, die bei ihm ausharren würden, um nicht vielleicht in der Stunde der Gefahr verlassen zu werden. Als wir daher am Morgen des 24. Juli aus Zwickau marschiert waren, ließ er die Tore der Stadt sofort hinter sich verschließen, indem er zugleich den Befehl gab, unter keiner Bedingung irgendeinem Einwohner dieselben zu öffnen. Auf einer nahegelegenen Wiese ward haltgemacht, und redete er seine um sich versammelten Offiziere also an: »Sie wissen, meine Herren, den Zweck der Bildung des Korps, und es ist Ihnen bekannt, daß hauptsächlich die Absicht damit verbunden gewesen, nach Norddeutschland vorzudringen, dessen unglücklichen Bewohnern zu Hilfe zu eilen und uns mit ihnen zu verbinden, um die Freiheit unseres Vaterlandes wieder zu erkämpfen und die Unbilde zu rächen, die ein übermütiger Feind diesem zugefügt. Ich erkenne dankbar und mit Freuden die Gesinnungen an, welche Sie zu mir führten, um unter meinem Befehle für deutsche Freiheit und Unabhängigkeit zu fechten, und habe ich bis jetzt in dem Vertrauen, das Sie mir schenkten, und dem tapferen Benehmen, welches sie bei allen Gelegenheiten zeigten, einen hinlänglichen Lohn für die Opfer, die ich brachte, und für die Sorge, welche ich dem Korps widmete, gefunden. Jetzt ist bei der kaiserlich österreichischen Armee ein Waffenstillstand mit unserem Feinde abgeschlossen worden. Bei der Lage der Dinge kann – wenn ein Frieden die Folge davon sein sollte – derselbe Deutschlands Schmach und Erniedrigung nur vermehren. Ob ich und mein Korps in dem Waffenstillstand mit einbegriffen sind, ist mir zurzeit noch unbekannt; worüber ich aber heute schon in Gewißheit bin, ist der Entschluß, daß ich Bonaparte, dem Unterdrücker Deutschlands, niemals zu huldigen oder mich ihm zu unterwerfen willens bin. In der bei Errichtung des Korps mit Sr. Majestät dem Kaiser von Österreich abgeschlossenen Konvention habe ich mir unter gewissen Umständen die Unabhängigkeit des Korps vorbehalten; ein solcher ist jetzt eingetreten, und ich habe daher den Entschluß gefaßt, mir mit dem Korps Bahn nach Norddeutschland zu brechen, an dessen Küsten, wie es heißt, Engländer gelandet sind, mit welchen ich mich zu vereinigen beabsichtige. Eine zahlreiche englische Armee steht im Begriff, auf Hollands Grund und Boden Fuß zu fassen; es kann daher dieser Zug selbst für Österreichs Waffen glückliche Folgen noch mit sich führen; wenigstens sind wir es uns und der Sache, für die wir das Schwert gezogen haben, schuldig, dasselbe nicht ruhen zu lassen, solange noch irgendwo in und für Deutschland gekämpft wird. Und sollte endlich alles verloren gehen, so habe ich selbst für diesen Fall Bedacht genommen und vorbereitende Maßregeln eingeleitet, über welche mich schon heute auszusprechen es hier weder der Ort noch die Zeit ist. Ich hege das feste Vertrauen zu Ihnen, meine Herren, daß Sie von gleichen Gefühlen mit mir durchdrungen sind und mir auch dorthin folgen wollen. Jedoch glaube ich es nicht unterlassen zu dürfen, Sie auf die mannigfachen Schwierigkeiten und Hindernisse aufmerksam zu machen, welche ein kriegskundiger Feind uns in den Weg, den ich Sie zu führen gedenke, legen wird. Es ist möglich, daß mehrere unter Ihnen sich befinden, welche Rücksichten und Pflichten zu erfüllen haben, die sie verhindern, ferner bei mir auszuharren. Diejenigen daher, welche auszuscheiden sich veranlaßt finden möchten, entbinde ich hiermit ihres mir gegebenen Wortes; den anderen Herren aber, die mir weiter folgen werden, erteile ich hiermit die Versicherung, daß neben dem lohnenden Bewußtsein ihres, deutscher Männer würdigen Schrittes, ich es für immer mir werde angelegen sein lassen, ihr Wohlergehen an das meinige zu knüpfen.« Obwohl schon manche mit dem Entschluß des Herzogs vertraut gewesen waren, so machte doch diese Eröffnung, welche eine augenblickliche Entscheidung erheischte, einen tiefen Eindruck. Keiner von uns konnte sich die Gefahren eines solchen Unternehmens verhehlen. Aber diese Gefahren bestanden nicht allein in denjenigen, die den Soldaten im Felde gewöhnlich bedrohen, sie trugen noch einen eigentümlichen Charakter, wir wurden vom Feinde nicht als rechtmäßige Soldaten angesehen, sondern als Räuber, Rebellen, Insurgenten; das Völkerrecht sollte auf uns keine Anwendung finden. Wer gefangen in feindliche Hände fiel, konnte nicht auf eine Behandlung nach Kriegsgebrauch rechnen, Verräter ward er genannt, und als solchen traf ihn Gefängnis, Mißhandlung, ja vielleicht ein schimpflicher Tod. Ein gleiches Schicksal erwartete diejenigen, welche verwundet wurden und wegen Eile des Marsches nicht mitgenommen werden konnten. – Und wenn das Korps im blutigen Kampfe zersprengt wurde, welches Los fiel uns zu? – Aber dieses Los konnte nicht allein durch feindliche Übermacht, es konnte durch den Tod des Herzogs herbeigeführt werden, dessen Kühnheit und Mut, stets an der Spitze seiner Krieger zu fechten, keine Gefahr scheute. – Es war also ein Augenblick der ernstesten Art. Als der Herzog zu reden aufhörte, trat eine feierliche Stille in dem um ihn geschlossenen Kreise ein. Man las deutlich in dem Antlitze eines jeden das augenblickliche Nachdenken über das, was zu tun sei. Nach einer Weile entstand ein Flüstern, das zum Gemurmel heranwuchs. Da trat der Rittmeister von Otto zum Herzoge und bat um Erteilung des Abschiedes mit dem Hinzufügen, daß er glaube, der größte Teil seiner Kameraden werde ein gleiches tun. Und es folgten auch seinem Beispiele in der Tat die meisten der Offiziere des Husarenregiments; von denen der Infanterie jedoch nur wenige der jüngeren. Der Herzog gewährte auf der Stelle deren Ansuchen. Als er dieses getan, bestimmte er sofort das Avancement bei dem Husarenregimente, da sämtliche Stabsoffiziere und Rittmeister bis auf den Rittmeister Schrader aus demselben geschieden waren. Dieser avancierte sogleich zum Major und die Sekondeleutnants von Wulffen und von Erichsen, zwanzigjährige Jünglinge, zu Eskadronkommandeuren. Es sei fern von mir, die Offiziere, welche sich hier vom Korps trennten, zu tadeln; ich kenne ihre Verhältnisse nicht und bin überzeugt, daß allein in diesen der Beweggrund ihres Abschiedes zu suchen war; auch will ich gern einräumen, daß es für einen Mann, der seiner Familie Rücksichten schuldete, eines nicht gewöhnlichen Entschlusses bedurfte, um ihn zur Teilnahme an einem so gewagten Unternehmen zu bestimmen; auch will ich endlich gestehen, daß manche Unordnung und Verwirrung, welche nicht selten in die Angelegenheiten und den Gang des Dienstes beim Korps störend einwirkte, hier und da, besonders bei der Kavallerie, manche Unzufriedenheit erregt hatte und nicht den günstigsten Erfolg erwarten ließ, sie zu diesem Entschluß vermochte. Aber ich muß es tadelnswert finden, daß sich einige der Abgehenden bemühten, ihre Unteroffiziere und Husaren gleichfalls zum Austritt zu bewegen; Bemühungen, welche jedoch nur wenig Anklang fanden. Der edle Herzog, auf dessen gefurchter Stirn sich getäuschte Erwartungen und Unwillen deutlich malten, sah sich jetzt in der größten Verlegenheit; er hatte laut sein Vorhaben kundgetan und mußte, komme es, wie es wolle, dasselbe ausführen. Wenn aber jene scheidenden Offiziere ihre Bemühungen fortsetzten, ihr Zureden, ihre Vorstellungen mehr Eingang fanden und die von ihnen erweckten Gesinnungen sich vielleicht gar in die Reihen der Infanterie verbreiteten, so sah er sich von der Mehrzahl seiner Truppen verlassen, auf die Führung einer nur unbedeutenden Schar beschränkt, mit welcher nichts unternommen werden konnte; ja, endlich gar genötigt, seinen Plan aufzugeben und sich allein als einzelner Flüchtling nach England überzuschiffen. Es mußten deshalb sofort Maßregeln getroffen werden, um solchen Einflüsterungen vorzubeugen; den ausgeschiedenen Offizieren ward befohlen, sich augenblicklich vom Korps zu entfernen, und darauf der Marsch fortgesetzt. Nachdem wir wohl zwei Stunden marschiert waren, ließ der Herzog plötzlich wieder haltmachen. Die Kavallerie und Infanterie mußte sich um ihn scharen, und er eröffnete nun auch den Soldaten sein Vorhaben, doch hinzufügend, daß das Ausscheiden jener Offiziere, bei der wahrscheinlichen Beendigung des Krieges mit Österreich, nur allein die heimatlichen Verhältnisse derselben, nicht aber die Besorgnis vor den Gefahren des Unternehmens veranlaßt haben könne. »Ich halte mich überzeugt,« so endete er, »daß ihr selbige nicht scheuen, daß ihr mutig und kühn auf dem weiten Wege gegen den stets zahlreicheren Feind kämpfen werdet, damit wir das glorreiche Ziel, welches wir uns gesetzt, dann siegend erreichen!« – Diese in voller Kraft und Begeisterung gesprochenen Worte wurden durch den allgemeinen Ruf: »Wir bleiben bei dem Herzoge! mag es gehen, wie es will, wir wollen mit ihm leben und sterben!« – erwidert. Der Herzog befahl hierauf, um die Überzeugung zu gewinnen, daß die Soldaten sämtlich ihm gern folgten, einen jeden einzeln noch einmal zu fragen, ob er bei dem Korps bleiben wolle. Es fanden sich ungefähr 200 Mann, welche abzugehen wünschten. Sie wurden sogleich entlassen und mit Reisegeld versehen. Unsere Stärke betrug jetzt, nachdem eine Anzahl Rekruten in die Stelle der Ausgeschiedenen augenblicklich getreten war, 2010 Mann, nämlich: 2 Bataillone Jäger (Brigadier des Korps war Oberstleutnant von Bernewitz).     1. Bataillon (Komm. Major von Fragstein) 500 Mann 2. Bataillon (Komm. Major von Reichmeister) 500 " 1 Kompagnie Scharfschützen (Komm. Major von Scriver) 150 " das neuerrichtete freie Jägerbataillon (Komm. Major von Herzberg) 150 " 1 Regiment Husaren (Komm. Major von Schrader) 550 " 2 Eskadrons Ulanen (Komm. Rittmeister G. von Wedell) 80 " Artillerie: vier Geschütze (Komm. Kapitän Genderer) 80 "   _____     2010 Mann Chef des Stabes war Oberst von Dörnberg. Als der Herzog diese Angelegenheit beendet hatte, setzten wir den Marsch nach Altenburg fort, woselbst wir die Nacht biwakierten. Am 25. brachen wir zeitig auf. – Die Hauptkolonne des Korps ging nach Borna, das erste Bataillon, welches die Arrièregarde bildete, nach Lobstedt. Wir stießen hier auf sächsische Kavalleriepatrouillen, die sich bei unserer Annäherung schnell entfernten; dem Leutnant von Rochow von den Husaren glückte es, einen ansehnlichen Transport Militäreffekten der Sachsen zu ereilen und zu nehmen. Des Tages Hitze war groß, unter unseren schwarzen Röcken fühlten wir die Sonnenstrahlen doppelt, und erschöpft kamen wir in Borna an; hier ruhten wir bis gegen Abend. Beim Grauen des Morgens erreichte das Korps die Nähe Leipzigs. Vor der Stadt aber waren mehrere feindliche Kavallerievedetten, welche zu einem hier stehenden Kommando von fast 200 Pferden gehörten, das von unserem Anmarsche benachrichtigt sein mußte, uns entgegengestellt. Der Herzog ließ sofort die Husaren und die von dem Major von Scriver befehligte Kompagnie grüner Jäger sich formieren, um den mit seinem ganzen Haupttrupp anrückenden Feind zu vertreiben. Die Jäger waren im hohen Korn postiert, als ein Chok der feindlichen Kavallerie eine Eskadron unserer Husaren zurückwarf; Major von Scriver konnte wegen der noch herrschenden Dämmerung nicht sogleich seine exponierte Lage wahrnehmen, als sich auch schon der Feind zwischen den Jägern befand und auf sie einhieb. Die Kompagnie büßte 19 Mann ein, welche niedergehauen wurden, ehe die Husaren den Feind wieder verjagten. Auch mußten wir den Volontär von Helldorf, welcher schwer verwundet wurde, zurücklassen. Daß die sächsische Kavallerie ihre Säbel gegen unsere Jäger gebrauchte, um dieselben, solange sie noch Waffen trugen und sich wehrten, kampfunfähig zu machen, darin handelte sie recht; sie tat nur ihre Pflicht; daß sie aber mehrere von den Schützen, welche verwundet sich ergeben mußten und solchergestalt wehrlos geworden waren, mißhandelte, ja sogar einem derselben nachher noch die Hände abhieb und ihn so sich selbst überließ, ziemte sich wahrlich nicht und war wider allen Kriegsbrauch. Nach einem kräftigen Angriffe der Husaren mußten die Sachsen, der Übermacht weichend, sich zurückziehen. Als es Tag geworden, rückten wir in Leipzig ein. Die Einwohner der Stadt, von unseren Hörnern aus dem Schlummer geweckt, erstaunten, die Schwarzen durch die Gassen marschieren zu sehen, denn aus Leipzig hatten die Zeitungen verbreitet, daß wir gänzlich versprengt und von der Erde vertilgt wären. Da das Korps im Sturmmarsche einzog, so fielen in der Freude des Sieges einige Unordnungen vor, denen jedoch bald gesteuert wurde. Zwischen dem Halleschen und Grimmaschen Tore lagerten wir bis zum Abend. Mehreren an die städtische Behörde erlassenen Requisitionen wurde augenblicklich genügt. Dem Herzoge war jetzt vor allem daran gelegen, so bald als möglich Halle zu erreichen, teils um das linke Saaleufer zu gewinnen, damit der Übergang an irgendeinem anderen Orte nicht von einem anrückenden Feinde ihm streitig gemacht werden könnte; teils auch, um aus dem Bereich des Obersten Thielmann zu kommen, da, wie zu vermuten war, derselbe bei der Nachricht von unserem Marsche uns sogleich aufsuchen würde. Und wirklich geschah dieses auch. Thielmann, nachdem er auf die Kunde von unserem Einrücken in Leipzig am 25. Juli Dresden verlassen hatte, traf am 27. mit Infanterie und Kavallerie schon dort ein und verfolgte über Merseburg bis Lauchstedt den Herzog. Das Korps war schon zu weit voraus, vielleicht mochten auch die zwischen ihm und dem König Jerome obwaltenden Zerwürfnisse ihn von der Überschreitung der Grenze des Königreichs Westfalen abhalten. Er verfolgte uns von dort nicht weiter. In Halle kamen wir spät in der Nacht an. Man empfing uns mit Jubel, Herzlichkeit und Begeisterung; einige Studenten veranstalteten einen großen Kommers, überall zeigte sich die lebhafteste Teilnahme für unseren kühnen Herzog. In der ausgelassensten Freude über unsere Ankunft riß man die westfälischen Adler von den öffentlichen Gebäuden ab und bewarf sie mit Kot. Ein Kaufmann, in dessen Hause mir mein Quartier angewiesen war – denn der Herzog hatte bestimmt, daß das Korps hier einquartiert werden solle, da dasselbe seit dem Abmarsch von Zwickau stets im Biwak gewesen sei –, erzählte mir, wie im Monat Mai ein Kommando Schillscher Husaren auch seinen Einzug in Halle gehalten habe und unter denselben Ausbrüchen der lautesten Freude empfangen worden. »Halle ist ja keine westfälische, sondern eine preußische Stadt,« fügte er seinen Worten hinzu und bat mich, einen vor ihm stehenden, wohl mit einigen zwanzig Flaschen Wein gefüllten Korb anzunehmen, um denselben unter meine Leute zu verteilen. Das Korps bekam hier eine bedeutende Anzahl Rekruten, und hätten wir nicht selbst den Enthusiasmus der braven Einwohner gedämpft, so wäre wahrlich die halbe Stadt mit uns gezogen. Nachdem wir den 27. nachmittags 4 Uhr von Halle aufgebrochen waren, marschierten wir die Nacht und den folgenden Tag hindurch, kaum vier Stunden im ganzen rastend, und langten den 28. abends gegen 11 Uhr im Biwak bei Hettstedt, einem Städtchen im Mansfeldischen, an. Den 29. setzten wir den Marsch fort und erreichten noch vor Mittag Quedlinburg. Die Klugheit und Vorsicht geboten es, den Feind über die Richtung des Weges, welchen wir nahmen, möglichst irrezuführen, auch Nachrichten über den etwaigen Anmarsch desselben einzuziehen. Der Herzog entsandte deshalb stets von beiden Seiten des dahinziehenden Korps Kavalleriedetachements auf ziemlich weite Entfernung, welche an gewissen bestimmten Punkten wieder zu ihm stoßen mußten. Demgemäß war auch eine solche Patrouille von Halle aus gegen Bernburg entsandt worden, die in dieser Gegend Gerüchte von der Aufkündigung des Waffenstillstandes und dem Heranrücken von 20 000 Mann Österreicher und Braunschweiger verbreiten mußte, bei Könnern die Saale überschritt und in Quedlinburg sich wieder mit uns vereinigte. Gleichermaßen war eine andere in die Gegend von Merseburg und eine dritte unter dem Rittmeister von Wulffen nach Blankenburg abgeschickt, um dort die Ankunft eines österreichischen und braunschweigischen Korps, das auf Kassel rücken würde, zu verkünden. Gegen 1 Uhr nachmittags langte die über Könnern zurückkehrende Patrouille im vollen Trabe an und überbrachte dem Herzoge die Nachricht, daß das fünfte, beinahe 3000 Mann zählende westfälische Regiment, auf dem Marsche von Magdeburg nach der Weser begriffen, am Mittag bereits in Halberstadt eingerückt sei und dort die Nacht hindurch bleiben werde. Die Umgehung der Stadt von seiten des Korps war unmöglich; es würde selbige auch zu nichts geführt haben, da wir dann eine bedeutende Macht in unserer Flanke und zugleich dicht auf unseren Fersen zurückgelassen hätten. Ein mutiger Angriff blieb uns nur übrig. Doch solchen auszuführen, dazu war Eile nötig, damit die Westfalen nicht von unserem Anmärsche zu früh benachrichtigt würden und Zeit gewännen, sich in Verteidigungszustand zu setzen oder gar den Rückmarsch nach Magdeburg anzutreten, welcher uns gleichfalls die größte Gefahr bringen Konnte. Das Korps war außerhalb der Stadt auf dem Schützenhofe gelagert. Einige tausend Rationen, von der städtischen Behörde requiriert, wurden von den Einwohnern hierher geschafft, und unsere Leute benutzten die von dem eben beendeten Freischießen noch stehen gebliebenen Tische und Bänke bei dem einzunehmenden Mahle; laut herrschte die Freude in ihren Reihen. Eine Vergangenheit, eine Zukunft gab es für unsere am Augenblick hängenden Krieger nicht mehr. Das Ganze, ein schönes Bild des wahren Soldatenlebens, erinnerte lebhaft an Wallensteins Lager. Aber ach! wie so manchen unter euch, ihr Braven, der hier noch neckend eine schöne Quedlinburgerin umfing und sie kosend an sein Herz drückte, hielt nach wenigen Stunden der Tod in seiner kalten Umarmung. – Plötzlich mahnte der Ruf des Hornes zum Aufbruch; wir traten an, die Glieder wurden geordnet, und fort ging es, Halberstadt zu, welches wir gegen sechs Uhr erreichten. Anfangs schien es, daß man unsere Ankunft alldort nicht ahnte und wir den Feind überraschen würden. Als wir aber in die Nähe der Tore kamen, sahen wir, daß die Westfalen, welche, wie wir erfahren hatten, keine Artillerie mit sich führten, zur Gegenwehr die kräftigsten Anstalten zu machen schon beschäftigt waren. Die Mauer, welche die Stadt rings umgibt, und die auf jener befindlichen, ziemlich nahe voneinander liegenden Rondelle wurden mit Mannschaft besetzt, die Eingänge der noch mit Türmen aus den Zeiten früherer Jahrhunderte versehenen gewölbten Tore verbarrikadiert; auf einen entschlossenen Widerstand schien alles hinzudeuten. Einige Gensdarmen nahten sich uns zuerst; nachdem sie mehrere Schüsse gewechselt hatten, zogen sie sich wieder zurück, worauf der Kommandeur des westfälischen Regiments, Oberst Graf von Wellingerode, einige Kompagnien uns entgegenrücken ließ, vielleicht von der Meinung befangen, daß das ganze Korps noch nicht eingetroffen und nur die Avantgarde desselben erst im Anmarsch begriffen sei. Einige wohlangebrachte Granaten und Kartätschenschüsse trieben sie, von uns verfolgt, in die Tore zurück, deren Eingänge nun, so gut es die Eile gestattete, geschlossen und verrammelt wurden. Der Herzog ordnete hierauf das Korps, und kampfesmutig harrten wir des Befehls zum Angriff auf die Stadt. Eine Kolonne, unter Führung des Majors Korfes, aus dem ersten Infanteriebataillon, der Scharfschützen – oder der grünen Jägerkompagnie und der Artillerie gebildet, marschierte gegen das Kühlinger Tor und detachierte eine Kompagnie zur Beobachtung des nach Magdeburg führenden Breiten Tors; eine zweite Kolonne, vom Herzog selbst kommandiert, es war das zweite Infanteriebataillon, rückte gegen das Harsleber Tor und entsandte zwei Kompagnien unter dem Kapitän von Rabiel gegen das Johannistor. Des Korps drittes Bataillon beobachtete das nach Braunschweig führende Tor und bildete, auch die Bagage bewachend, zugleich die Reserve. Einer jeden Kolonne folgten Husaren und ein Zug Ulanen. Kavalleriedetachements waren gleichfalls auf den nach Magdeburg und Braunschweig führenden Heerstraßen aufgestellt. Der Sturm begann. Die Unerschrockenheit und der Mut unserer Soldaten zeigte sich bei jedem wiederholten Angriffe. Aber das mörderische Feuer von den Mauern und aus den über den Toren befindlichen Türmen kostete uns viele Tote und Verwundete; alle Anstrengungen, das Kühlinger Tor aufzubrechen, waren fruchtlos, und nur ein Mittel, in dasselbe dringen zu können, blieb übrig: es mit Geschütz zu sprengen. Sogleich wurde unsere halbe Batterie aufgefahren, die Kanonen gerichtet und das Feuern eröffnet. Doch vergebens sollten unsere Bemühungen sein. Schon sind die beiden ältesten Offiziere der Scharfschützenkompagnie schwer verwundet, ein großer Teil des übrigen Fußvolks und der Artillerie liegt tot auf dem Platze oder ist kampfunfähig geworden, und beinahe verlassen steht das Geschütz. Schon werden die Kämpfenden mutlos und verzweifeln an dem Gelingen, als Major Korfes, dem das Pferd unter dem Leibe getötet ist, einen zweiten Versuch macht und, durch sein Beispiel von neuem die Weichenden ermutigend, mit Hilfe der Offiziere die Geschütze selbst bedient und richtet. Ihm, einem erfahrenen Artillerieoffizier, gelingt es, durch den dritten Schuß das Tor zu sprengen. Sogleich stürzen die Jäger hinein, entfernen unter einem dichten Kugelregen die mit Dünger beladenen Wagen und andere Hindernisse und stürmen mit dem Rufe: »Sieg oder Tod!« in die Stadt. Die zweite Kolonne am Harsleber Tore hatte sich unter großem Verluste an Toten ebenfalls vergeblich bemüht, in dasselbe einzudringen, bis es endlich dem Leutnant von Hertell gelang, die zur Verbarrikadierung des Tores gebrauchten hölzernen Gerätschaften in Brand zu stecken, wodurch aber der Eingang sowohl als der Ausgang fortwährend versperrt wurde, da die Hitze des hell lodernden Feuers eine Annäherung nicht zuließ. – Glücklicher war der Kapitän von Rabiel, welchem es, obwohl nach einer äußerst bedeutenden Einbuße, gelang, eine Nebenpforte am Johannistore mit Äxten aufhauen zu lassen und nun in die Stadt zu dringen. Während man also voll von Erbitterung kämpfte, war die Nacht hereingebrochen. Der Herzog hatte sich sogleich an die Spitze der zuerst durch das Kühlinger Tor Stürmenden gestellt, denn es lag einmal in des Fürsten Natur, daß, je größer die Gefahr, auch um so größer sein Mut wurde. Seine Nähe inmitten des Kugelregens, sein Zureden, seine Ermahnungen feuerten unsere Soldaten zur Beharrlichkeit und Ausdauer in dem noch mehr zunehmenden Kampfe an. Sobald die Jäger die den Toren zunächst gelegenen Straßen vom Feinde ein wenig gesäubert hatten, brachen einige Züge Kavallerie in die Stadt ein und beförderten die Verbindung der durch das Johannistor jetzt eingedrungenen Kolonnen mit den ihnen vom Kühlinger Tore entgegenkommenden. Sie stießen zuerst auf einen Teil der feindlichen Reserve, deren Stärke wohl mehrere hundert Mann betragen mochte, die, in der Dunkelheit sich verloren achtend, nach einem schwachen Widerstande die Waffen wegwarf und sich ergab. Mit dem Eindringen der Unsrigen in die Stadt hatte ein hartnäckiges Kämpfen in verschiedenen Gassen begonnen. Aus vielen Häusern schossen die Westfalen auf uns herab; doch unsere Leute überwanden standhaft und entschlossen alle Hindernisse. Unter dem donnernden Rufe: »Es lebe unser Herzog! es leben die Schwarzen!« drangen sie unaufhaltsam vor, erbrachen die Häuser, aus welchen auf sie gefeuert wurde, und streckten die sich hartnäckig wehrenden Feinde mit dem Bajonett nieder. Freilich fielen einige Exzesse und Erpressungen hierbei vor, die indes bei Soldaten, welche sich in einem so aufgeregten Zustande befinden, wohl nicht zu streng zu rügen sind. Noch einmal versuchten mehrere westfälische Kompagnien, am Ausgange der Schmiedestraße vorzudringen. Ein blutiger Kampf begann, in welchem wir sowohl als unsere Gegner einen beträchtlichen Verlust an Toten und Verwundeten erlitten; ja, zweifelhaft blieb eine geraume Zeit hindurch, wer siegen werde. Da läßt der Major Korfes eine Haubitze auffahren; Unordnung und Verderben bringen die Kugeln in die feindlichen Glieder; die Westfalen, zurückgeworfen, weichen, verfolgt von der Kavallerie. In der Nähe des Domplatzes setzen sie sich von neuem, doch erliegen sie einem abermaligen Angriffe und werden genötigt, sich am Burcharditore zu ergeben. – Unsere Husaren unter dem tapferen Major von Schrader hatten kurz vorher den Chef des Regiments durch ein kühnes Wagstück der beiden Leutnants von Girsewald, welche denselben fast aus der Mitte seiner Leute gerissen, wie auch den Kommandanten der Stadt, Stockmayer, nach hartnäckigem Widerstande gefangengenommen. Einige Trupps der Westfalen warfen sich in die Häuser und fingen an, sich in denselben zu verteidigen; allein auch sie mußten bald kapitulieren. Am längsten hielten sich mehrere hundert Mann in einem an dem Breiten Tore gelegenen großen Hause, in dessen Besitz sie bis zum Morgen des nächsten Tages blieben. Ungefähr bis 2 Uhr des Nachts dauerte der Kampf; die Stadt war endlich unser, der Feind vernichtet; alle seine Offiziere, ungefähr 80 an der Zahl, und 2000 Mann befanden sich in unserer Gewalt; sein Verlust an Toten und Verwundeten mochte wohl über 600 Mann betragen; unter ihnen waren einige 20 Gensdarmen, auf welche man einen besonderen Haß und Groll hatte. Über 100 Mann entkamen durch eine unbewachte kleine Pforte in der Stadtmauer. Unser Verlust belief sich auf 400 Tote und Verwundete. Unter den vierzehn Offizieren, welche verwundet waren, zählte ich zu meiner innigsten Betrübnis meinen teuren Freund, den Major von Scriver, einen so ausgezeichneten Krieger, daß dessen Verlust für das Korps mit Recht unersetzlich genannt werden konnte. Bei dem ersten Angriffe auf das Kühlinger Tor traf ihn eine Kugel in den Leib; der Leutnant von Döbell von seiner Kompagnie wurde gleichfalls in die Hüfte geschossen. Außer diesen beiden wurden verwundet: die Kapitäne von Lüder, Genderer, von Kersten, von Radonitz und von Otto, die Leutnants W. Berner, Derselbe starb infolge der Verwundung während der Überfahrt des Korps nach der Insel Helgoland; die sterbliche Hülle des Tapferen ruht in den Fluten des Deutschen Meeres. G. von der Heyde, W. von Girsewald, von Dobschütz, von Normann, J. von der Heyde und C. Berner. Im Verhältnis der Stärke des Korps war allerdings unser Verlust – vier Offiziere blieben tot auf dem Platze – beträchtlich, doch in Berücksichtigung der Umstände, unter welchen das Gefecht stattfand, nur als gering zu achten. Und wenn man erwägt, daß der Feind bei weitem mehr Mannschaft wie wir zählte und durch hohe Mauern gedeckt war, so ist wohl dieser Sieg als eine wahrhaft kühne Waffentat anzusehen. Daß wir ihn hauptsächlich durch die beispiellose Bravour unseres Fußvolks errungen, ist außer allem Zweifel, was ihn indes mit erringen half, war die Artillerie, welche uns unsern Angriff gleichsam vorbereitete, wie auch die Kavallerie des Korps. Waren doch unter den toten Offizieren drei aus den Reihen der letzteren: die Leutnants Sperling, Hagemann und Weigand. Ersterer, der Sohn des Postmeisters in Nachod, büßte sein Leben dadurch ein, daß er im verwegensten Mute bei der Stürmung des Kühlinger Tors im heftigsten Kugelregen bis zu dem Tore selbst ritt und in eine der in der Mauer befindlichen Öffnungen sein Pistol abfeuerte. – Von der Infanterie blieb der Leutnant von Kessinger. Mehrere der verwundeten Offiziere waren in ein dem nach Braunschweig führenden Tore naheliegendes Haus gebracht worden. Es traf sich zufällig, daß es ein Domizil schmiegsamer Jungfrauen war, daher die Leidenden unter den weichen Händen dieser barmherzigen Schwestern eine sehr sorgfältige und sanfte Pflege fanden. – Die Nacht war weit vorgerückt, der Morgen begann schon anzubrechen, und Sieger und Besiegte sanken, vom heißen Kampfe erschöpft, in buntem Gemisch friedlich nebeneinander in tiefen Schlaf. Es war mir eine Anzahl Gefangener übergeben worden, welche die meiner Mannschaft wenigstens um das Dreifache überstieg. Sorgsam stellte ich einige Posten aus, ließ die übrigen ruhen und lagerte mich, die Zügel meines Pferdes um die Hand geschlungen, in einem Graben, mit dem festen Vorsatz, selbst zu wachen. Aber die Müdigkeit hatte mich überwunden. Schon schenkte die Sonne ihr goldenes Licht der Erde, und erst ihre Strahlen wurden die Wecker meiner müden Augen. Aus dem tiefen Schlummer fuhr ich erschrocken auf, während meine Schildwachen schlummernd neben den gleichfalls noch des Schlafes pflegenden Gefangenen lagen und mein Pferd seinen Hunger in einem nahen Kornfelde stillte. - * Der Leser dieser Darstellungen scheide noch nicht von dem blutigen Kampfplatze, noch einmal durchblicke er die Gassen Halberstadts, denn ein zweites Bild jener Nacht soll seinen Augen vorgeführt werden, das, von einem andern Standpunkte aufgenommen, ihm treu und wahr die Schrecknisse schildert, welche die in ihre Häuser geflüchteten Einwohner der erstürmten Stadt während des Kampfes erlebten. Das Bild ist von einem Geistlichen und ergänzt die obige Schilderung. Am 29. Juli, einem Sonnabend, rückte kurz vor Mittag das fünfte westfälische Infanterieregiment unter dem Befehl des Grafen von Wellingerode von Magdeburg hier ein. Wie beim Militär gewöhnlich, hielt es seinen Einzug mit allem ihm nur zu Gebote stehenden Glanz über den Breiten Weg und beide Marktplätze; es schien vollständig und im besten Stande zu sein, führte aber zu seinem großen Unglück gar keine Artillerie bei sich. Nachdem dasselbe am Domplatze sich aufgelöst hatte, um sich in die angewiesenen Quartiere zu begeben, erschienen auch in meiner Eltern Behausung, damals noch der meinigen, zwei Soldaten als Einquartierung, ziemlich kleine und schwachgebaute Leute, wie man sie ehemals in der preußischen Armee nur unter der leichten Infanterie antraf. Sie schienen indes doch der Sache, die sie bald verfechten sollten, so ziemlich ergeben zu sein, und mehr konnte man schwerlich verlangen unter einer Regierung, die, wie die damalige westfälische, bei ihren Untertanen in dem entschiedensten Mißkredit stand. Nachmittags vier Uhr, als auf den Straßen der Stadt alles still und ruhig war, nirgends ein sichtbarer Anschein zur Störung der Ruhe sich zeigte oder mir wenigstens nicht bemerklich wurde, mahnte mich die Zeit an meinen gewöhnlichen Spaziergang, der nach den zerstreuenden Arbeiten der Woche für mich das beste, ungern entbehrte Mittel zur Sammlung und Vorbereitung auf die sonntäglichen Arbeiten war. Ohne einer Bedenklichkeit Raum zu geben, ging ich an die Spiegelsberge, wo ich eine gute Stunde einsam zubrachte. Dann trat ich den Rückweg zur Stadt an, dessen erstere, kleinere Hälfte ich auch ruhig vollendete. Vor der Brücke aber, welche noch unterhalb der Ziegelhütte über den Goldbach führt, machte jemand – ich weiß nicht mehr, wer – mich, der ich nicht sonderlich in die Ferne sehe, aufmerksam, und ich erblickte nun von einer der dort befindlichen kleinen Erderhöhungen, in der Nähe des Dorfes Harsleben, eine kleine halbe Meile entfernt, einen langen Zug schwarzgekleideter Krieger zu Fuß und zu Pferde, welcher, von Quedlinburg herkommend, sich ohne Geräusch und dem Anschein nach in gemessener Ruhe auf die Stadt zu bewegte. Nachdem ich ein paar Minuten lang dem Marsch der kleinen Heeresmacht zugesehen hatte, setzte ich meinen Weg fort, um noch vor jenen die Tore zu erreichen. Als ich der Stadt näherkam, fand ich auf einer Erhöhung des sogenannten Landgrabens, dem Ende des dort sich abgesondert gegen die Spiegelsberge ins Feld hin erstreckenden Gartens östlich gegenüber, eine westfälische Feldwache aufgestellt und um dieselbe eine Anzahl Bürger, welche das Anrücken der Truppen des Herzogs von Braunschweig – denn das waren die schwarzen Krieger – beobachteten. Die gewisse Nachricht von diesem Anmarsch war wohl eine Stunde früher Schon zu Mittag war der westfälische Kommandeur durch eigene Boten aus Quedlinburg benachrichtigt worden, daß der Herzog von Braunschweig dort angelangt sei, sich auf dem sogenannten Cleers (einem weiten Anger dicht an der Stadt) gelagert habe und nachmittags nach Halberstadt aufbrechen werde. und zu ganz gelegener Zeit in die Stadt gekommen, als das westfälische Regiment um fünf Uhr abends eben zu dem Appell auf dem Domplatze versammelt stand. Alles war hastig auseinandergestoben, um in den Quartieren sich zu rüsten, und hatte sich binnen kurzer Zeit marschfertig gestellt. Im Harsleber Tor begegneten mir bereits einige Kompagnien, welche dem Feinde außerhalb der Stadt entgegeneilten. Meine Blicke hafteten auf einigen der dicht an mir hinziehenden Anführer, in deren Gesichtszügen eine feste Entschlossenheit, obwohl nicht ohne eine merkliche Spannung, zu lesen war. In der Stadt fand ich die Einwohner in wechselseitiger Mitteilung und Erwartung der Dinge zahlreich vor den Häusern versammelt. Ich verweilte bei einigen Bekannten in der Nähe der Martinikirche, auf deren Turm sich ebenfalls mehrere Personen begaben. Ehe ich aber noch diesem Beispiele nachfolgen mochte, hörte man schon das Geschütz der Angreifenden donnern und Kugeln über die Häuser hinwegpfeifen, worauf die Gruppen sich bald trennten und jedermann seine Wohnung aufsuchte. Die Westfalen, welche anfangs den Herzog von Braunschweig im freien Feld anzugreifen bereit schienen, hatten nämlich kaum ihren Feind und besonders dessen Reiterei und Geschütz näher ins Auge gefaßt, als sie ihr Vorhaben aufgaben und sich hinter den Mauern der Stadt zu verteidigen beschlossen. Halberstadt galt bekanntlich noch während und nach dem Dreißigjährigen Kriege für eine Festung; die Wälle waren zwar seit dem Siebenjährigen Kriege abgetragen, die Mauer aber befand sich in gutem Stande und hatte, außer mehreren Türmen, eine mannshohe, überall mit den gehörigen Schießscharten versehene, zur Verteidigung sehr geeignete Brustwehr. Mauern und Türme wurden von den Westfalen besetzt, und die Tore in Eile verrammelt, so daß dem Herzog von Braunschweig, wollte er anders nicht den Feind im Rücken lassen, nichts übrigblieb, als die Stadt mit Gewalt zu nehmen. Es war jetzt etwa sieben Uhr abends und also noch heller Tag; ich beobachtete aus meiner am Markt unfern des Schulhofs gelegenen elterlichen Wohnung die weiteren Ereignisse. Bei dem zunehmenden Kugelregen wurden die vorher belebten Straßen bald menschenleer; nur unserer Wohnung gegenüber verweilte noch eine kleine Zahl Bürger der geringeren Klasse, welche nicht abgeneigt schienen, dem westfälischen Anführer, der sich mehrmals auf dem Markt zeigte, über sein die Stadt dem Verderben aussetzendes Verfahren Vorstellungen zu machen. Doch unterblieben diese, das Feuer der Braunschweiger wurde immer stärker, und so zerstreuten sie sich unverrichteter Sache. Wie ausgestorben waren jetzt die vor einer halben Stunde noch so voll gedrängten Straßen. Nur der westfälische Anführer in seiner hellscheinenden, kurzen, weißen Uniform sprengte, sich von einem Punkt zum andern begebend, von Zeit zu Zeit vorüber. Gensdarmen jagten in wilder, verstörter Hast vorbei und verschwanden. Immer heftiger wurde der Angriff, und immer lauter erfüllte das eigentümliche Pfeifen und Zischen der Kugeln und Granaten die Lüfte über der so schrecklich überraschten, in ängstlichem Schweigen daliegenden Stadt. Was man in diesen unglücklichen Augenblicken am nächsten befürchten mußte, war Brand, und es gereichte daher zu einer Art von Trost, daß, als das Beschießen schon eine Weile fortgedauert hatte, die Wächter des Martiniturmes noch immer schwiegen und überall kein Zeichen einer Feuersbrunst zu bemerken war. Doch jetzt tönte hell und vernehmlich vom nahen Turm herab das gewohnte Feuersignal, ohne daß sich die Straßen nach sonst üblicher Weise beleben wollten. Mein Vater eilte an die Hauptwache, um Erkundigung einzuziehen und Vorkehrungen zu treffen; er kehrte nach einiger Zeit mit der Nachricht zurück, daß in einem Hause an der Schmiedestraße eine Granate gezündet habe, dem weiteren Schaden jedoch glücklich vorgebeugt sei. Nach einer neuen Weile ängstlichen, besorgten Harrens hörten wir bei eben sinkender Dämmerung, dem Anschein nach ganz in der Nähe, das dumpfe Gekrach von Kanonenschüssen, die aus sehr geringer Entfernung auf einen hohlen Gegenstand anschlugen. Es waren die hölzernen Flügel des Kühlinger Tores, welches die Braunschweiger zu sprengen beschäftigt waren. Als die sich ununterbrochen folgenden Salven nach einiger Zeit plötzlich einhielten, zweifelten wir nicht, daß das an sich nicht feste Tor erbrochen sei. Bald zeigte sich die Bestätigung, denn es ließen sich am Ausgange der Kühlinger Straße, in der Gegend der Kronenapotheke, einzelne schwarze Krieger, im Gefecht mit westfälischen Soldaten, blicken, von welchen letzteren ein kleines Kommando am andern Ausgange des Marktes, in der Gegend des Ratskellers, aufgestellt war. Ein einziger kühner Braunschweiger soll sich diesem etwa sechzehn Mann zählenden Trupp in der Mitte des Marktes gegenübergestellt und ihn durch seine Schüsse zum Rückzuge gezwungen haben. Ich erinnere mich dieses Umstandes nicht mehr, wohl aber, wie ein westfälischer Gensdarm, der von der Schuhstraße nach der Kühlinger Straße hinsprengen wollte, beim Umbiegen um die Ecke des Marktes einen Braunschweiger in schußfertiger Stellung, kaum fünfzig Schritte vor sich, erblickte, ganz außer sich vor Schrecken das Pferd herumwarf und sich, von mehreren Braunschweigern verfolgt, wieder in der Schuhstraße verlor. Die Dunkelheit wurde schon so stark, daß man zwar den Blitz der in einer Entfernung von hundert Schritten auf der südlichen Seite des Marktes abgeschossenen Gewehre sah, die Schießenden aber nicht deutlich erkannte. Um so mehr benutzten wir einen Augenblick, wo es ruhiger wurde, sämtliche Fensterläden nach der Straße in gewohnter Weise verschließen zu lassen. Jetzt also begann die an sich kurze, für uns aber lange und schreckliche Sommernacht, in welcher an Schlaf oder Niederlegen nicht zu denken war. Unser in der Tiefe des Hauses gelegenes Wohnzimmer ersparte uns indes die Unannehmlichkeit, gleich vielen Einwohnern, besonders kleinerer und stark ausgesetzter Häuser, die Nacht im Keller zubringen zu müssen. Ich trat einigemale an eines der unverschlossenen Fenster des zweiten Stockwerks; es war mondhell, aber die Gebäude warfen ihre langen Schatten über den Markt, und ich konnte nichts als ein verworrenes Menschengetümmel an dem entfernten Teile desselben wahrnehmen. Es war um so zweckloser, hier zu verweilen, da bereits mehrere Kugeln sowohl durch das Dach des Hauses als durch die Fenster des zweiten Stockwerks geflogen waren. Fast nur durch das Gehör habe ich daher die Ereignisse dieser Schreckensnacht in meiner Umgebung wahrgenommen; sie waren ungefähr folgende: Bald nach der eingetretenen Dunkelheit, und nachdem die braunschweigischen Truppen nicht allein durch das Kühlinger, sondern auch durch das Johannistor in die Stadt eingedrungen waren, füllte sich auch der Marktplatz unter schrecklichem Lärm immer mehr mit Kriegern an. Das Getöse und Stampfen der Reiterei sowie der ganz nah ertönende Schall der Signalhörner eines Jägerkorps verrieten, daß es die schwarzen Krieger waren, welche die Nacht hindurch den Markt behaupteten und von hier aus gegen andere Teile der Stadt vorrückten. Wenn die Truppen sich geordnet und zum Kampf ermuntert hatten – alles unter furchtbarem Getöse und lautem, wildem Zurufen –, wurde es wohl eine Zeitlang fast still, und man konnte aus der immer weiteren Entfernung der scharfen, weitschallenden Hörnertöne ihr Vorrücken abnehmen, auch das Knallen des kleinen Gewehrfeuers aus den entlegneren Teilen deutlich hören; bald aber erwachte das Getöse in der Nähe lauter und wilder als vorher, sei es nun, daß die Angreifenden zurückkehrten, oder daß andere Abteilungen den leeren Platz einnahmen. Ein andermal schien es, als handle es sich um das Leben eines Gefangenen, den eine Partei retten, die andere durchaus umbringen wollte. Hundert wilde Männerstimmen tobten mit so entsetzlicher Wut und Heftigkeit gegeneinander ein, daß keine Beschreibung es darstellen mag. Die Sache hat sich, soviel ich habe erfahren können, so verhalten: Ein westfälischer Gensdarm war von den schwarzen Kriegern auf der Westseite des Marktes umringt, welche ihm gebieterisch zuriefen, daß er um Pardon flehen solle, was jener aber hartnäckig verweigerte, worauf er unter greulichem Schimpfen und Toben endlich niedergemacht wurde. Es war ein schrecklicher Gedanke, nur durch eine Wand von solchen Wütenden geschieden und in ihrer Gewalt zu sein. Mir war nicht unbekannt, welchem Schicksal eine mit Sturm eingenommene Stadt gewöhnlich ausgesetzt ist, und daß die schwarzen Krieger das Feld oder hier vielmehr die Stadt behaupten würden, war vorauszusehen bei den schon von ihnen errungenen Vorteilen und bei dem Ungestüm und der Todesverachtung, womit sie zu Werke gingen, und der keine Gegenwehr auf die Länge zu widerstehen vermochte. Ein Umstand gereichte uns indes zu ziemlichem Vorteil. Der obere Teil des Breiten Wegs, in der Nähe des gleichbenannten Tores, war von einer bedeutenden Abteilung Westfalen besetzt, welche dort, hinter Wagen, Schränken und anderem aus den Häusern zusammengetragenen Gerät verschanzt, den angreifenden schwarzen Kriegern den hartnäckigsten und längsten Widerstand entgegensetzten. Ihre Kugeln flogen die ganze Nacht hindurch vor unserm Hause vorüber, nach dem Martinikirchhof zu, und wir hörten das Pfeifen derselben fast in so regelmäßigen Zwischenräumen als die Bewegungen eines Uhrwerks erfolgen. Niemand zeigte daher große Lust, sich dem ganzen, gegen den Breiten Weg hin offenen Teil des Marktes zu nähern; der Sammelplatz der schwarzen Krieger war vielmehr der uns entferntere, vom Breiten Wege nicht zu bestreichende Teil dieses öffentlichen Platzes, und wir blieben in unserer Wohnung meistens ungestört. Nur früherhin, ehe die fremden Truppen die Lage der Plätze und Straßen recht innehaben mochten, wurde einigemal flüchtig angeklopft, ohne daß wir öffneten, bis endlich, etwa um zehn Uhr, jemand sein Verlangen, eingelassen zu werden, so nachdrücklich kundgab, daß wir es für das beste hielten, ihm zu willfahren. Es war ein schwarzer Krieger, ein Husar, dessen Ansehen immer sehr roh und plump geblieben sein würde, wenn er auch der Branntweinflasche weniger stark zugesprochen gehabt hätte, als es wirklich geschehen war. Indem er völlig taumelnd eintrat, meldete er uns, daß ihm beim Angriff sein Pferd erschossen sei; er wolle sich nun bei uns ausruhn, da er doch, wie er meinte, brav mitgemacht habe. Noch genossener Ruhe sollten wir ihm dann etwas geben. Von den Gegenständen, die ihm beliebten, konnte er nur noch das Wort Kattun hervorbringen; die stammelnde Zunge versagte den weiteren Dienst, er sank wie tot in einen Stuhl und schlief ununterbrochen bis gegen den folgenden Mittag hin. So wenig erwünscht seine Gesellschaft an sich uns sein konnte, so war sie uns doch in einer Hinsicht nicht ganz unlieb; er hatte, wie gewöhnlich plumpe Menschen, gerade kein bösartiges Ansehn, und wir hofften, daß, im Fall wir härteren Angriffen ausgesetzt wären, seine Gegenwart uns dann zum Vorteil gereichen würde. Fünf Stunden lang hatte ununterbrochen, bald uns näher, bald entfernter, dies nächtliche Kampfgetöse angehalten, mit jeder neuen Stunde, die uns ohne persönlichen Unfall verschwand, waren wir ruhiger geworden und zuletzt vom Wachen abgespannt und eben nicht mehr allzu weit davon entfernt, diese neue Lage gewohnt zu werden, als es endlich noch vor zwei Uhr morgens ruhig wurde. Alles Schreien und Lärmen verstummte nach und nach gänzlich, alle Abteilungen des westfälischen Regiments waren von den schwarzen Kriegern besiegt und gefangen, einzig die am Breiten Tore ausgenommen, deren Schießen noch immer fortwährte. Der Morgen des 30. Juli fing an zu dämmern, und seine ersten Strahlen weckten in mir eine halb tröstliche, halb widrige Empfindung; letztere, als sich nun erst alles Vorgefallene und der weiteren Entscheidung noch Entgegenreifende als klare, gewisse Wirklichkeit aufdrängte; im ungewissen, täuschenden Dunkel der Nacht wird es der Seele leichter, zu zweifeln; Erscheinung und trüglicher Schein sind da minder scharf geschieden, und wohl mag man auf Augenblicke das eine für das andere nehmen. Nach dem anhaltenden Kampfe der Nacht erwartete ich, den nun vom Tage erhellten Marktplatz mit Leichnamen bedeckt zu finden. Er war leer – nur tote Pferde erblickte man in geringer Entfernung am Breiten Wege. Einige schwarze Krieger waren unserer Wohnung gegenüber beschäftigt, eine Kanone oder Haubitze gegen das Breite Tor zu richten, hielten sich aber so viel wie möglich hinter den Häusern, welche den Markt östlich begrenzen, außer der Schußlinie des Breiten Weges. Weiter den Breiten Weg hinauf waren ebenfalls zwei Geschütze aufgefahren und Häuser von den schwarzen Kriegern besetzt, welche nach dem Tore hinaufschossen, während die Westfalen noch immer ihre Kugeln heruntersendeten. Ein braunschweigischer Offizier, welcher sich auf den Damm (bei uns Fahrweg genannt) in die Schußlinie stellte, ward an beiden Beinen getroffen, sank laut schreiend um und wurde hinweggetragen. Eine andere vom Breiten Wege herkommende Kugel tötete einen Bäckerburschen, der sich unvorsichtig auf dem Martinikirchhofe dahin stellte, wo derselbe gegen den Breiten Weg zu offen ist. Um halb sechs Uhr endlich hörte das Schießen und aller Widerstand der Westfalen auf, und der Markt belebte sich mit Menschen, welche ihren Geschäften nachgingen. Es war Sonntag, und ich hatte schon früh um sechs Uhr in einer hiesigen Hospitalkirche zu predigen, wozu ich mich auch bereithielt, wiewohl es mir schwer geworden sein möchte. Ich wurde aber noch kurz vor Ablauf der Zeit benachrichtigt, daß für heute an keinen Gottesdienst zu denken sei. Er ist an diesem Tage in allen Kirchen der Stadt unterblieben, was am 19. Oktober 1806 beim Einrücken der Franzosen bloß in einigen Gemeinden der Fall war. Schwer möchte es mir werden, die Szenen dieses Tages in der eroberten Stadt zu schildern, die weit bunter und mannigfaltiger als am Tage des Angriffs waren. Hier wurden Tote zusammengefahren und begraben, Verwundete in die Hospitäler gebracht, westfälische Soldaten, die sich in den Häusern versteckt gehalten hatten, kamen zum Vorschein und überlieferten ihre Gewehre. Dort wurde auf dem Holzmarkt das Gepäck des westfälischen Regiments dem Volke preisgegeben, Kisten und Kasten mit Gewalt aufgeschlagen, wobei einige Einwohner im Wegtragen der Habseligkeiten, Uniformen usf. große Emsigkeit bewiesen und zum Teil sehr schwer bepackt einhergingen. Knaben bemächtigten sich vor allen Dingen des Pulvers, womit sie an den nächsten Sonntagen den Kampf der Westfalen und schwarzen Krieger von neuem aufführten, doch so vernünftig waren, das Schauspiel nicht in, sondern außer der Stadt zu geben. Anderwärts ging es nicht so vergnügt zu: schwarze Krieger drangen in die Häuser, erpreßten Geld, Uhren usf., sie stürmten aufs Rathaus, wo sie besonders dem damaligen Maire hart begegneten. An den westfälischen Gensdarmen, von denen einige geblieben, die anderen gefangen waren, ließen sie ihren Zorn mit heftigen Worten und mitunter tätlich aus. Im ganzen aber waren die begangenen Exzesse mit dem, was andere erstürmte Städte erfahren haben, nicht zu vergleichen, was man größtenteils der Pietät des Herzogs Friedrich Wilhelm von Braunschweig gegen seinen verstorbenen Vater verdankte, der für Halberstadt immer eine besondere Vorliebe gehabt hatte. Auch in unsere, dem Andrange ohnehin ausgesetzte Wohnung fielen von Zeit zu Zeit schwarze Krieger ein, von denen mehrere das erkaufte Tuch wie mitten im Frieden ruhig bezahlten, andere hingegen eigenmächtig Requisitionen machen wollten. Auf die bestimmte Erklärung jedoch, daß man die Gesinnungen ihres Herzogs wohl kenne und nur solchen Requisitionen Folge leisten werde, die von seiten der Stadt selber gemacht werden würden, entfernten sie sich zum Teil ruhig, zum Teil murrend, doch ohne irgend Gewalt zu versuchen. Andere verlangten und erhielten Kleinigkeiten: Hier hörte man offene Äußerungen: »Aus Rache«, sagte der eine, »bin ich zum Herzoge von Braunschweig gegangen; ich hatte mein schönes Eigentum in der Mark; Haus und Hof haben mir die Franzosen aufgefressen und mich zum Bettler und Landstreicher gemacht, ich habe ihnen Rache geschworen und werde es halten.« Ein anderer sagte: »Wir streiten fürs Vaterland, quälen uns bei Tage und liegen nachts auf bloßer Erde, und ihr könntet uns ein Hemd versagen, damit uns das Ungeziefer nicht verzehre?« Ein dritter von kleinem, aber gedrungenem Wuchs, mit schwarzen Augen und Mordlust kündenden Mienen sang ein bekanntes phantastisches Kriegslied, pochte auf seine Taten, rühmte: »Gestern war meine Lanze weiß, heute ist sie rot!« Er schien kein leerer Prahler, sondern wirklich durchs Kämpfen und Morden zum Kämpfen und Morden begeistert. Eine solche Kampf- und Mordlust nimmt sich in Werken der Dichtkunst und allenfalls auf dem Theater besser aus als im wirklichen Leben. Einen sehr wohltätigen Eindruck machte auf uns ein braunschweigischer Offizier, wie es schien – denn leider weiß ich seinen Namen nicht – einer der höheren, in dem sich der feste, entschlossene Krieger mit dem schlichten, anspruchslosen, zuvorkommenden Bürger vereinigte. Dieser war es auch, der seinen von uns über Nacht beherbergten Mitstreiter, welcher den ganzen Tag durchschlafen zu wollen schien, selbst aufweckte und nach genossenem Frühstück zu seinem Korps zurückschickte, ohne daß er von uns noch weiter Kattun begehrte. Gern verziehen wir es dem braven und überaus höflichen Manne, daß er der Wahrheit nicht getreu blieb; denn seiner Aussage nach wollte der Herzog geradezu auf Kassel marschieren, um den König Hieronymus davonzujagen, wozu er diesmal stark genug sei. Wir wußten recht gut, wie wenig hieran zu denken und in welcher gefährlichen Lage der Herzog von Braunschweig noch immer war, konnten es ihm aber um so weniger verübeln, daß er die Dinge anders und günstiger darzustellen suchte. Zufolge meines Grundsatzes, den Anblick des Widrigen, Zurückstoßenden und Empörenden im Leben nie ohne Not aufzusuchen, drängte ich mich auch jetzt nicht, die blutigen Leichname und andere Trauerszenen zu erblicken, wiewohl man in solchen stürmischen Lagen oft sich selber nicht mehr gleich und vom Schrecken zur Neugierde nur ein kleiner, fast unmerklicher Schritt ist; vielleicht; weil die Befriedigung der letzteren zu einer Art Entschädigung für den ersteren dient. Ich habe nur drei der Getöteten erblickt, sämtlich noch bekleidet und unfern der Stelle liegend, wo sie das Leben verloren hatten. Einer davon war derselbe Gensdarm, dessen in einer früheren Note gedacht ist; er lag (ohne Kopf) an der westlichen Seite des Marktes, wo man ihn von unserer Wohnung aus nicht erblicken konnte. Die anderen Toten in und außerhalb der Stadt waren schon weggeräumt. Große schwarze Blutflecken am Boden bezeichneten die Stellen; sie waren dicht vor dem Harsleber Tor am zahlreichsten; dort wie an anderen Toren war es leicht gewesen, die angreifenden schwarzen Krieger von der Stadtmauer, in einer Entfernung von wenigen Schritten, niederzuschießen. Die oberen Tore der Stadt standen ganz offen, die Flügel waren zertrümmert und zum Teil verbrannt; am Harsleber Tor zehrte die Flamme auch nachmittags noch immer fort. Haustüren, Fenster und andere Teile der Gebäude hatten mitunter sehr gelitten, besonders auf dem Breiten Wege, dem Weingarten, wo das Gefecht sehr lebhaft und der Herzog selber zugegen gewesen war, und in der Nähe des Kühlinger Tores; die unteren Gegenden der Stadt waren fast ganz verschont geblieben. Der Herzog, welcher das gesamte westfälische Regiment gefangen gemacht hatte, behielt nur den Chef desselben bei sich Den Obersten Graf von Wellingerode alias Meyronnet. Der Herzog, der niemals seine höflichen Formen verleugnete, trat, die Mütze ziehend, an den Franzosen heran und sprach ihm sein Bedauern über die Gefangennahme aus. Der Oberst aber gab sich sehr hochmütig und lüpfte seinen Federhut erst, als ihn derbe Bemerkungen der umstehenden Offiziere dazu zwangen. Nun glaubte der Herzog, es sei an der Zeit, dem Franzosen eine Lektion zu erteilen. Mit kalter Höflichkeit fragte er: »Herr Oberst, Sie heißen?« – »Graf von Wellingerode!« – »Wenn Sie erlauben, heißen Sie schon lange so?« – »Ein und ein halbes Jahr!« – »Was sind Sie?« – »Kommandeur des 5. französischen Linienregiments.« – »Wenn Sie erlauben, das waren Sie; jetzt kommandieren meine Schwarzen das Regiment. Aber wie hießen Sie, ehe Sie sich Wellingerode nannten?« – »Meyronnet.« – »Meyronnet? Doch nicht jener Schiffskapitän Meyronnet, der Jérôme von Amerika nach Frankreich brachte?« – »Durchlaucht aufzuwarten, so ist es!« – »Ach, das ist ja ganz charmant,« meinte ironisch der Herzog, »Sie sind ja ein erfahrener Seemann. Ich habe eine kleine Seereise nach England vor, und wenn Sie erlauben, so mache ich Sie zu meinem Schiffskapitän.« und entließ hier schon sehr viele Mannschaft. Er zog, um weitere Unordnungen zu verhüten, seine eigenen Truppen aus der Stadt zurück. Vor dem Kühlinger Tor sah man sie nachmittags teils im warmen Sonnenschein auf dem ebenen Boden gelagert und ausruhend vom Kampf, teils im bunten Gewühl und Verkehr, Sieger und Besiegte durcheinandergemischt, alle nur in den Geschäften des Lebens befangen, keiner, wie es schien, denkend an den Tod, dem sie alle eben erst entronnen waren und in kurzem aufs neue entgegengehen sollten. Immer bunter wurde das Leben in der Stadt, als seit Mittag besonders zahlreiche Fremde aus der Umgegend hereinströmten, um die Spuren des Kampfes zu sehen. * Der 30. Juli war angebrochen, unser Weg für den Tag geebnet und frei. Die schwerverwundeten Offiziere und Leute des Korps wurden mit Geld versehen und mußten, des Magistrats Obhut und Sorge empfohlen, leider zurückgelassen werden. Unter den ersteren befand sich ein sehr junger Mann, kaum neunzehn Jahre alt, der Leutnant von Normann, der einen so gefährlichen Schuß durch die Hüften und die dazwischenliegenden Teile erhalten hatte, daß an eine Heilung fast nicht zu denken war und die Ärzte ihn schon aufgaben. Ich ritt nach der Stadt, um meinem Freunde Scriver das letzte Lebewohl in dieser Welt zu sagen. Hoffnungslos lag der Schwerverwundete darnieder; seine frühere Ahnung, den Schlachtentod zu sterben, hatte ihn nicht getäuscht. Der Herzog war schon früh an jenem Morgen zu dem Sterbenden geeilt und hatte ihn gefragt, ob er vielleicht noch einen Wunsch hienieden habe. Scriver zögerte zuerst mit der Antwort, als aber der Herzog dringend die Frage wiederholte, bat er, ebenso brav als ehrlich, der Fürst möge seine Schulden, deren Verzeichnis unter seinen Papieren sich befände, zu bezahlen die Gnade haben. Der Herzog versprach es dem Scheidenden und reichte ihm zum letztenmal seine Rechte. Das Verzeichnis übersandte der Herzog unter dem 29. November 1810 von London an einen seiner vertrauten Geschäftsträger in Deutschland mit folgenden eigenhändigen Worten: »Beiliegende Liste sind die Namen der Gläubiger vom Major Scriver (es waren Schneider, Schuster, Sattler usw.), die Summe beträgt 1361 Taler preußisch Kurant. Ich habe diesem braven Manne versprochen, selbige zu bezahlen, und ersuche ich Sie, solche aufs baldigste zu berichtigen und mir in Anrechnung zu bringen. Der Justizrat Steinbeck in Schweidnitz wird die erwähnten Schulden des von Scriver arrangieren, daher ich bitte, demselben die erforderliche Nachricht zu geben und mit ihm die Zahlung zu berichtigen.« Gegen zwei Uhr verließen wir Halberstadt, die schöne, zahlreiche Janitscharenmusik der Westfalen an der Tête des Korps. Wir erreichten abends Hessen, in welchem Flecken wir die Nacht biwakierten, und kamen am anderen Morgen, den 31., gegen 11 Uhr bei Wolfenbüttel an. Der von seiner Sendung zurückkehrende Kapitän von Oppen traf den Herzog unfern der Stadt und überbrachte die Nachricht, daß allerdings in den ersten Tagen des Juli mehrere hundert Engländer bei Cuxhaven gelandet wären, sich jedoch bald wieder eingeschifft hätten; daß aber dagegen, wie er erfahren habe, eine englische Flotte ausgerüstet sei, um die holländischen Küsten an der Scheldemündung anzugreifen und dort zu landen. Der Oberst von Dörnberg habe sich dem erhaltenen Auftrage gemäß nach England begeben, um die Ankunft des Korps alldort vorzubereiten. Der Transport der Gefangenen, von welchen wohl 300 Mann mit ihren westfälischen, weißen, mit Gelb aufgeschlagenen Uniformen und ihren Waffen sogleich in unsere Infanterie getreten waren, fiel wegen ihrer bedeutenden Anzahl uns sehr zur Last, weshalb der Herzog dieselben in ihre Heimat mit der Warnung, sich nicht mehr fechtend gegen uns antreffen zu lassen, entließ. Unter tausendfachem dem Herzoge gebrachtem Lebehoch zogen die Konskribierten fröhlich von dannen. Mit unbeschreiblichem Jubel empfingen die Einwohner Wolfenbüttels ihren rechtmäßigen Fürsten; alles strömte nach dem Forsthause, um ihn zu sehen, ihn zu bewundern und zu begrüßen. Der Herzog weilte dort, nachdem er ein Bataillon und eine Abteilung Kavallerie in die Stadt hatte rücken lassen, bis zum anbrechenden Abend und zog dann an der Spitze seiner Schwarzen nach Braunschweig, der Stadt seiner Ahnen, woselbst er an dem Geburtstage seines Vaters auch das Licht der Welt erblickt hatte. Aber hier stieg der Jubel bei seinem Einzuge bis zum höchsten Grade; mit Freude und Wehmut ward der Fürst empfangen, welchen man kaum wiederzuerkennen vermochte. – Sein Antlitz war von der Sonne verbrannt, ein starker brauner Knebelbart und ein gleichmäßiger Backenbart bedeckten sein Untergesicht und bildeten mit den starken weißen Augenbrauen einen eigenen Kontrast. Sein Blick war finster, sein Gesicht ernsthaft; keine Spur mehr zeigte es von der ehemaligen Jovialität. Die Schule der Leiden, des herbsten Kummers hatte den Mann gebildet. Das blieb jedem, der ihn beobachtete, unverkennbar. Das Volk jauchzte freudetrunken dem Sohne des geliebten, unvergessenen Landesvaters entgegen, es vergaß das auf ihm lastende fränkische Joch und ließ ohne Rücksicht seinem Hasse gegen dasselbe freien Lauf. Die Behörden kamen indes in große Verlegenheit, wie sie ihre Bereitwilligkeit, dem Herzoge zu dienen, an den Tag legen sollten und dabei zugleich die Rügen, welche nach unserem Abzuge von seiten des westfälischen Gouvernements sie dafür treffen mußten, vermeiden könnten. Der Herzog erkannte selbst ihre schwierige Lage an, verlangte keine freiwilligen Leistungen, sondern gab durch schriftliche Requisitionen und Drohungen allem Erhaltenen den Anstrich des Erzwungenen. In der Stadt hielt der Herzog sich wenige Stunden auf; dem Drange seines Herzens folgend war er nach dem väterlichen Schlosse geeilt, um dort nur auf Augenblicke das Andenken einer früheren, glücklichen Zeit zu feiern. Schon vor dem Einmarsche waren Nachrichten eingelaufen, daß sich feindliche Patrouillen auf der Straße nach Celle bei Ohoff gezeigt hätten, welches den Herzog bewog, das Korps nicht in der Stadt einquartieren zu lassen. Dasselbe mußte am Petritore, woselbst jene Straße sich ausmündet, ein Biwak beziehen. Hier ruhte der Herzog auf einem Strohlager. Am folgenden Tage (1. August) erließ er nachstehende Proklamation, welche die Viewegsche Offizin durch militärisches Einlager sofort zu drucken gezwungen ward. Sie wurde sogleich an den Ecken der Gassen unter lautem Jubel des Volkes angeschlagen: Braunschweiger! Der Augenblick, Eure Fesseln zu zersprengen, ist erschienen! Ich komme als Euer rechtmäßiger Fürst, Euch der Tyrannei zu entreißen, die Euch zu Boden drückt. Ich komme mit siegreichen Waffen, unterstützt von mächtigen Bundesgenossen, mit festem Vertrauen auf die treue Anhänglichkeit meines Volkes, das unter der Regierung meiner Vorfahren so lange glücklich war; eines Volkes, das durch Treue und Biederkeit so sehr verdient, wieder glücklich zu werden. Braunschweiger! Ihr hattet einen Fürsten, der Euer und Deutschlands Stolz war. Ich schweige von seinem Ruhme, denn sein Andenken lebt in Eurem Herzen. Ich bin sein Sohn; Ich fühle, welche Verpflichtungen Mir dieser Namen auferlegt, und Ich tue vor Gott und der Welt das feierliche Gelübde, seiner wert zu sein, ja, Euer Freund und Wohltäter zu werden, wie er es war. Aber noch ist es mir nicht vergönnt, in friedlicher Ruhe die Wunden zu heilen, welche eine tyrannische Regierung Euch schlug; noch müssen wir kämpfen um das Glück unserer Wiedervereinigung und um die Dauer dieses Glücks. Braunschweiger! Indem Ich in Euere Mitte eile, rechne Ich auf Eueren Mut und Euere Vaterlandsliebe. Greift zu den Waffen! Jeder, der Kräfte in sich fühlt, und den andere bürgerliche oder häusliche Pflichten nicht binden, leihe seinen Arm unserer gerechten Sache; denn nur durch allgemeine Anstrengung kann der allgemeine Feind überwältigt werden. Aber vergeßt auch nicht die heiligen Pflichten des Bürgers. Jeder bestrebe sich, die öffentliche Ruhe und Ordnung, soviel er vermag, zu erhalten. Ehrt die jetzt angestellten Beamten und seid ihnen folgsam, denn es ist notwendig, daß sie vorläufig unter Meinen Augen ihre Geschäfte fortsetzen. Keiner fürchte eine Bestrafung deshalb, weil er in die Dienste einer unrechtmäßigen Regierung trat. Ich kenne die Gesinnungen Meiner Untertanen; auch weiß Ich, daß viele unter den jetzigen Beamten sind, welche sich große Ansprüche auf die Dankbarkeit Meines Landes erworben haben. Ich verzeihe selbst denen, die bis jetzt gegen Mich, ihren rechtmäßigen Fürsten, waren und die Waffen gegen Mich trugen; denn Ich weiß, daß sie dazu gezwungen wurden! Braunschweiger! Eine schöne Zukunft erwartet Euch. Vertraut nur auf Mich, auf Euch, auf Gott und die gerechte Sache, und Gott wird mit uns sein. Braunschweig, am 1. August 1809. Friedrich Wilhelm, Herzog zu Braunschweig. Der Herzog erhielt um Mittag die sichere Kunde von dem Anmarsche eines 5000 Mann starken Korps unter dem schon von Sachsen her uns nicht unbekannten westfälischen General Reubell, welcher bei Ohoff bereits eingetroffen sei. Dasselbe bestand aus dem ersten und sechsten westfälischen Linieninfanterieregimente, dem ersten westfälischen Kürassierregimente, einem Großherzoglich bergischen Infanterieregimente und zehn Geschützen. Dieselben Truppen hatten schon in Sachsen gegen den Herzog gefochten. Reubell war von der ihm übertragenen Expedition, eine nochmalige Landung der Engländer am Ausflusse der Elbe zu verhindern, zurückberufen und, wie dessen aufgefangene eigenhändige Briefe uns lehrten, beauftragt worden, sich dem Marsche unseres Korps mit allen Kräften entgegenzusetzen. Wenige Tage vorher hatte König Jérôme, auf Reubells Umsicht vertrauend, an Thielmann geschrieben: Au Général Thielmann! Vos deux lettres du 25 et celle du 26 me sont parvenues. Le Duc d'Oels ne doit point nous échapper. Le Général Reubell avec sa Division sera demain à Bronswick, par ce moyen il sera pris entre deux feux. Je Vous fais Mon compliment sur le nouveau grade, que le Roi Votre maître Vous a accordé; personne ne le méritait mieux que Vous; et si la guerre continue, ce n'est pas la dernière faveur, qu'il aura à Vous accorder. Napoleonshöhe, le 28 Juillet 11 heures du soir. Jérôme Napoléon. Zugleich erfuhren wir, daß General Gratien mit den Holländern von Erfurt aufgebrochen sei, in forcierten Märschen folge und uns zu ereilen alles aufbiete. So befanden wir uns jetzt inmitten zweier überlegener feindlicher Korps, die uns zu vernichten drohten. In dieser bedenklichen Lage blieb keine andere Wahl, als dem nächsten Feinde kühn entgegenzugehen und ihn siegreich aus dem Felde zu schlagen. Notwendig schien es aber, vorher die gefangenen westfälischen Offiziere, deren Bewachung uns sowohl lästig als das Verbleiben derselben unter solchen Umständen gefährlich war, auf ihr Ehrenwort, nicht gegen uns zu dienen, zu entlassen; nur Oberst Wellingerode und sein Adjutant, Kapitän Winkler, blieben als Geisel bei uns. Es mochte 2 Uhr nachmittags sein, als das Korps fertig zum Kampfe aus dem Petritore rückte, begleitet von einer Menge Menschen, die uns nicht verließ, vielmehr in geringer Entfernung den Ausgang des bevorstehenden Gefechts teilnehmend erwartete. Wohl zweihundert Einwohner schlossen sich jedoch uns an; der Herzog ließ sie mit den in Halberstadt erbeuteten Waffen ausrüsten, und mutig kämpften sie in unseren Reihen mit. Dem heranziehenden Feinde wurde eine Abteilung Kavallerie entgegengeschickt, das eine halbe Stunde von Braunschweig an der Oker liegende Dorf Ölper, durch welches sich die Straße von Ohoff zieht, mit zwei Kompagnien besetzt, die Infanterie hinter demselben aufgestellt, die Kavallerie auf den linken Flügel, sowohl zu dessen Deckung als zur Beobachtung der Straße nach Hannover, postiert. Zwei Geschütze wurden vor dem linken, zwei vor dem rechten Flügel, welcher sich an Ölper lehnte, und dessen rechte Flanke ein Morast deckte, aufgefahren. Der Herzog hatte vorher die Brücken bei Veltenhof, Eisenbüttel und an sämtlichen Toren der Stadt, mit Ausnahme der am Augusttore, welche von Stein gebaut ist, jedwede Umgehung so sichernd, abbrechen lassen und die in Wolfenbüttel zurückgelassene Mannschaft herangezogen, um alle Ausgänge zu besetzen und eine Reserve am Petritore zu bilden. Der Einzug des von Wolfenbüttel kommenden freien Jägerbataillons des Majors von Herzberg und der demselben folgenden Kavallerie erregte gleichfalls vielen Jubel in der Stadt. Wegen der von den übrigen verschiedenen Uniform, mit welcher dasselbe bekleidet war, hielt man die Einrückenden für Alliierte, für Hessen und Österreicher und jauchzte ihnen unaufhörlich zu. Wie man später erzählte, ward die Nachricht von ihrer Ankunft dem Feinde, der, wie wir wohl wußten, seine Kundschafter in der Stadt unterhielt, alsbald hinterbracht, welches, da derselbe, hierdurch vielleicht irregeleitet, unsere Stärke überschätzte, sein schwankendes und zaghaftes Benehmen gegen uns einesteils mit veranlaßt haben soll. Gegen 3 Uhr rückte der Feind über Watenbüttel an und machte zuerst einen Angriff auf Ölper, der jedoch von den Unsrigen abgewiesen wurde. Hierauf formierte er sich vor dem Pawelschen Holze, welches nahe dem Dorfe liegt, unsern linken Flügel bedrohend. Da es uns aber bei seiner uns so sehr überlegenen Truppenzahl unmöglich war, das in die Länge ausgedehnte Dorf Ölper zu behaupten und zugleich alle Punkte zu decken, so ward auf Befehl des Herzogs solches verlassen und eine konzentrierte Stellung vor demselben genommen, aus welcher, sobald der Feind debouchierte, man sogleich über ihn herfallen konnte. Reubell ließ sofort Ölper besetzen und versuchte sowohl hier als auf unserm linken Flügel vorzudringen; überall fand er die entschlossenste Gegenwehr. Da der Feind hierdurch unsicher in seinen Bewegungen geworden, befiehlt der Herzog, ihn jetzt anzugreifen. Ein hitziges Gefecht entspinnt sich; verderbenbringend wird den Westfalen unsere Artillerie; an der Spitze der aus dem ersten Bataillon und einer Kompagnie des zweiten Bataillons gebildeten Kolonne dringt der Herzog in das Dorf. Fast ist dessen Einnahme gelungen, als plötzlich eine Kugel sein Pferd tötet und er auf einige Augenblicke niederstürzt, bald darauf auch der tapfere Kapitän von Rabiel, tödlich getroffen, hinsinkt. Diese beiden Unfälle entmutigen unsere Soldaten, sie weichen fechtend zurück, und das Dorf bleibt in den Händen des Feindes. Und wäre jetzt dieser so günstige Zeitpunkt schnell von ihm benutzt worden, so hätte für uns das Gefecht vielleicht die schlimmste Wendung nehmen können; aber Scheu und Mißtrauen, welches er in seine eigenen Kräfte zu setzen schien, mußten seine Bewegungen lähmen. Aus dem Dorfe zurückgeworfen, sammelten wir uns dessenungeachtet bald wieder, aber währenddessen rückte der rechte Flügel der Westfalen gegen unser nicht vollzähliges zweites Bataillon. Der feindlichen, bei weitem zahlreicheren Artillerie gelang es, eins unserer beiden daselbst aufgefahrenen Geschütze zu demontieren, aber nichtsdestoweniger ging kühn das zweite Geschütz, welches der Leutnant Platz kommandierte, vor, ein glücklicher Schuß tötete den französischen Kommandeur der feindlichen Artillerie, und bald brachten wiederholte Kartätschenschüsse die sich eben zu einem Angriffe formierende Kavallerie so in Unordnung, daß eine unserer Eskadrons, den Augenblick schnell wahrnehmend, sie in das Holz zurückwarf. Ihr folgte – so groß war die Entmutigung unserer Gegner – die Infanterie gleichfalls. Die Artillerie blieb ohne Bedeckung stehen und wäre uns eine leichte Beute geworden, wenn Major von Reichmeister nicht zu pünktlich an den Buchstaben seiner Order festgehalten und Mut und Geistesgegenwart gezeigt hätte. Der Herzog beschloß einen neuen Angriff auf Ölper; die Nacht brach aber ein, und die Dunkelheit machte dem fast fünfstündigen Gefechte ein Ende. Wir kehrten nach unserem Biwak am Petritore zurück; die Westfalen hielten Ölper besetzt. Außer einem toten Offizier, dem Kapitän von Rabiel, und drei schwer verwundeten: den Leutnants von Wulffen, von Mosqua und dem Volontär Grüttemann, Leutnant von Wulffen starb wenige Tage nach dem Gefechte in der Blüte seines Lebens, kaum 18 Jahre alt. Ein Denkstein ziert seine Ruhestätte auf dem St. Andreas-Friedhofe zu Braunschweig. Leutnant von Mosqua mußte zurückgelassen werden und geriet in eine schmachvolle, lange Gefangenschaft. verlor das Korps an Mannschaft 22 Tote und zählte einige 60 Verwundete; dagegen soll der Feind über 300 Mann eingebüßt haben. Der Sieg war unentschieden geblieben und unsere Stellung keineswegs günstiger geworden; denn mit dem folgenden Morgen konnten wir einen neuen Angriff erwarten, und bei dem erschöpften Zustande, in welchem sich unsere Soldaten infolge der ununterbrochenen Märsche und jener Gefechte befanden, war die Entscheidung höchst zweifelhaft. Durch unser Zusammentreffen mit Reubell war der uns nacheilende General Gratien um einen ganzen Tagesmarsch nähergekommen. Gelang es ihm, sich mit den Westfalen zu vereinigen, so mußten wir von der feindlichen Übermacht erdrückt werden, und die Vernichtung des Korps war unvermeidlich. Der Herzog wagte daher alles, um alles zu gewinnen. Zu einem nächtlichen Überfalle ward das von dem Major von Herzberg befehligte Bataillon bestimmt, und schon war dasselbe im Begriff auszurücken, als die sichere Nachricht einlief, daß der Feind Ölper geräumt und sich nach Ohoff zu gewandt habe. Da jedoch die feindlichen Vorposten noch immer unfern Ölper standen, auch vielleicht dieser Rückzug nur ein Manöver sein konnte, um uns zu täuschen und uns vielleicht später auf dem Marsche in die Flanke zu fallen, so fanden jene Nachrichten bei mehreren Offizieren wenig Glauben. Viele derselben sahen schon des ganzen Korps Untergang vor Augen und ließen sich von Besorgnissen überwältigen, welche Pläne in ihnen hervorriefen, um sich aus dieser Lage zu ziehen. Der Herzog, meinten sie, müsse das Korps verlassen und sich nach England retten, worauf, argumentierten sie ferner, der Oberst von Bernewitz, als der Älteste im Korps, eine Kapitulation abschließen sollte, in welcher, da doch bei dem verzweiflungsvollen Zustande der Schar ein anderweites Gefecht dem Feinde großen Verlust zuziehen würde, vielleicht nicht ungünstige Bedingungen erlangt werden könnten. Es war noch nicht Mitternacht, als die Beratung stattfand. Der Herzog ward sogleich von dem gefaßten Entschluß dieser Offiziere in Kenntnis gesetzt. Von seinem Lager aufspringend erklärte er im höchsten Unwillen: den ihm gemachten Vorschlag weise er zurück, verachte ihn; keinen werde er fesseln, der ihm nicht weiter folgen wolle; er ziehe es vor und halte es für ehrenvoller, unterzugehen und zu sterben, als nur einmal vom Ergeben zu reden. Sein Korps in dem jetzigen Augenblicke zu verlassen, würde für ihn eine ewige Schande sein; alle Gefahren werde er stets mit demselben teilen. Dies war des mutigen Herzogs Erwiderung. Noch in der Nacht meldeten Patrouillen, daß der Feind seine Posten bei Ölper eingezogen und alldort viele seiner Schwerverwundeten zurückgelassen habe. Obwohl durch diese Nachrichten die Lage des Korps wenigstens für den Augenblick günstiger zu werden anfing, so konnten jene Offiziere die einmal von ihnen gehegten Vorurteile doch nicht überwinden. Sie verabredeten sich, aus dem Dienste des Herzogs zu scheiden. Als der Morgen anbrach, verließen sie uns; es waren 16 Kavallerie- und Infanterieoffiziere. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß der Oberst von Wellingerode, welcher gerade nicht sehr streng bewacht wurde, durch seine Gespräche mit mehreren von ihnen sowie durch andere in Bewegung gesetzte Triebfedern auf den Geist des Korps einzuwirken gesucht hatte, die Ursache zu dieser Abtrünnigkeit war; eine Mutmaßung, welche dadurch verstärkt ward, daß sich die Abgehenden von der Polizeibehörden in Braunschweig Pässe geben und solche von ihm zugleich kontrasignieren ließen. Schon früh hatte der Herzog seinen Stab zusammenberufen, um sich mit demselben über den Aufbruch der Schar zu beraten; denn bis Wolfenbüttel, wurde gemeldet, sei die Avantgarde der Holländer bereits vorgerückt. Es boten sich außer jener Richtung nach der Weser hin uns noch drei Wege dar: der erste nach Hessen, um in der Umgegend von Kassel eine neue Insurrektion zu erregen; der zweite nach dem Harze, in dessen Bergen wir uns eine Zeitlang halten konnten; der dritte durch die Altmark über die Elbe nach der Ostsee. Aber die beiden ersten führten bei näherer Beratung uns zum gewissen Untergange oder verzögerten doch denselben nur um wenige Tage; der letzte bot fast ebensowenig Hoffnung zum Gelingen; denn das Schicksal Schills und das Blutbad von Stralsund waren mahnende Warnungen. Inzwischen traf die sichere Kunde ein, daß Reubell über die Oker bei Schwülper zu gehen im Begriff sei und derselbe nun, wie es scheine, Braunschweig von der Ostseite anzugreifen beabsichtige. Fast gleichzeitig mit dem Eintreffen dieser Nachricht erhielt der Kapitän von Oppen aus dem Oldenburgischen die Botschaft, daß der Weg nach der Mündung der Weser frei sei und dort von dem Herzoge auf eine hinlängliche Zahl von Schiffen gerechnet werden könne. Diesem nach wurde sofort der Befehl zum Aufbruch gegeben und der Marsch über Peine und Burgdorf nach Hannover bestimmt. Gegen 8 Uhr verließen wir das Biwak am Petritore. Der Herzog befand sich an jenem Morgen in dem unfern des genannten Tores belegenen Schusterschen Hause. Bevor wir aufbrachen, entsendete er ein Detachement von einigen vierzig Husaren, welche der Arrièregarde Reubells folgen und zugleich denselben über die Richtung unseres Marsches irreführen sollten. Dem Leutnant von Erichsen war das Kommando dieses Detachements übertragen worden. Ohne Zeitverlust suchte derselbe den Feind zu erreichen, auf dessen aus Kürassieren gebildete Feldwache er erst bei dem zwei Stunden von Braunschweig entfernt liegenden Gasthause »zum neuen Kruge« stieß. Nach einigen gewechselten Schüssen zog sich diese zurück, ihrer Kolonne auf der nach Celle führenden Heerstraße folgend. Er schickte sogleich eine Meldung von dem Wahrgenommenen an den Herzog ab und fügte noch ein Papier bei, auf welchem die Worte: »Les blessés implorent l'humanité de Son Altesse Ducale,« geschrieben waren. Dieses hatte ihm ein Bauer unweit des Wirtshauses mit dem Bemerken, daß dort die Verwundeten lägen, überreicht. In der Gaststube desselben fand er auch einige dreißig, meist schwer verwundete westfälische Soldaten; in einer kleineren, an jene stoßenden Stube lag ein französischer Oberst der Artillerie, dem ein Stück einer geplatzten Granate das linke Knie zerschmettert hatte, auf einer Düngertragbahre in einem kläglichen Zustande. Sein Gesicht, seine Gebärden und Worte zeigten, wie er von uns das Schlimmste gewärtige. Bald jedoch wurde er durch freundliche Worte der Teilnahme vom Gegenteil überzeugt; das mit ihm angeknüpfte Gespräch ließ deutlich ersehen, daß er unser Korps für weit stärker hielt, als es wirklich war. Auf seinen Wunsch wurde sogleich der Wirt veranlaßt, Wagen herbeizuschaffen, um die sämtlichen Verwundeten nach Braunschweig zu bringen; dieses geschah auch. Der Oberst starb indes schon auf dem Wege dahin in dem Sudhofschen, jetzt Deneckeschen Gasthause zu Watenbüttel. Sein Name war Gueryot. Acht Wochen vorher hatte ihm noch Napoleon am ersten Tage der Schlacht bei Aspern, als einem geschickten und unerschrockenen Ingenieur, die schnelle Wiederherstellung der einen Donaubrücke übertragen. In Peine, welches Städtchen wir mittags erreichten, stieß Leutnant von Erichsen wieder zu dem Korps. Der Herzog ließ jedem Husaren des Kommandos eine Bouteille Wein verabreichen. Wir rasteten alldort nur wenige Stunden und erreichten spät abends das erst vor kurzem von einer Feuersbrunst beinahe gänzlich zerstörte Städtchen Burgdorf. Den andern Tag, den 3., ging es noch vor Sonnenaufgang weiter, und schon um 10 Uhr morgens rückten wir in Hannover ein, woselbst uns Quartiere angewiesen wurden. Einige Detachements französischer, holländischer und westfälischer Truppen, welche erst vor kurzem die Stadt verlassen hatten, ergaben sich unseren ihnen nachgesandten Husaren auf der Straße nach Hameln ohne Gegenwehr. Dem westfälischen General von Heldring glückte es indessen, sich durch eine zeitige Flucht zu retten; schon von Braunschweig war er hierher geflüchtet. Auch fielen uns vier Kanonen und mehrere Vorräte von Kriegsbedürfnissen in die Hände; allein die Eile des Marsches und die Kürze des Aufenthalts erlaubten nicht, die Beute für das Korps zu verwenden. So mußten wir auch die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lassen, die Bagage des Reubellschen Korps, die sich wenige Stunden von Burgdorf in der größten Flucht auf der Straße nach Celle befand, zu nehmen. Es wäre unmöglich gewesen, solche anhaltende Märsche in der heißesten Zeit des Jahres zurückzulegen, wenn nicht unsere Mannschaft sich einer sehr guten Verpflegung zu erfreuen gehabt hätte und durch Fuhren unterstützt worden wäre. Das erstere konnte mittelst Ausschreibungen oder Requisitionen leicht und ohne Kosten veranlaßt werden, auch geschah solches in der Regel ohne Zwang, da der Enthusiasmus, den unser Unternehmen überall, wohin wir kamen, hervorrief, uns reichlich mit allen Bedürfnissen versah. Was das letzte anbelangt, so erfolgten die Leistungen nicht so willig; auch fielen wohl hin und wieder Unordnungen dabei vor, die aber in jener Eile nicht vermieden werden konnten. Die bei dem Beginne des Marsches sehr geringe Anzahl der Wagen zum Transport der Kranken und Maroden, der Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenstände hatte sich aber mit jedem Tage verdoppelt. In den Ortschaften, die auf unserm Wege und unweit desselben lagen, wurden die für das Korps erforderlichen Fuhren requiriert, und so nahm dann zuweilen die Wagenreihe die Länge einer guten Viertelstunde ein. Hatten wir doch am Gestade der Nordsee noch sächsische Bauern mit ihrem Gespann. Damit aber dieser Troß vermindert werden würde, befahl mir der Herzog, auf den letzten Märschen die Gewehre, deren Anzahl durch die den westfälischen Gefangenen in Halberstadt abgenommenen bedeutend gewachsen war, zu zerstören, solche in nahe an der Straße liegende Sümpfe und Teiche zu werfen und die so ihrer Last entledigten Wagen augenblicklich zurückzuschicken. Die Vollziehung dieses Auftrags benutzte der uns nachfolgende Feind, welcher bald viele jener Gewehre fand und nun aussprengte, daß das Korps auf der eiligsten Flucht begriffen gewesen sei und sogar seine Gewehre weggeworfen habe. In Hannover ward verbreitet, daß der Herzog sein Korps nach Kassel führen werde, um dort eine neue Insurrektion zu erregen und mit Hilfe der dortigen Gutgesinnten dem Königreiche Westfalen ein Ende zu machen. Wir setzten abends unsern Marsch weiter fort, lagerten uns einige Stunden bei Neustadt am Rübenberge, wo wir um 10 Uhr abends angekommen waren, und trafen am 4. gegen Mittag in Nienburg ein. Somit hatten wir die Weser glücklich erreicht und damit auch viel gewonnen. Die Hoffnung des glücklichen Gelingens erstarkte in uns jetzt immer mehr, und die in mir erweckte frohe Stimmung wurde noch dadurch erhöht, daß mich der Herzog hier zum wirklichen Kapitän – er hatte mich bei Wolfenbüttel bereits zum Stabskapitän ernannt – beförderte und mir eine Kompagnie verlieh. Um 3 Uhr nachmittags marschierten wir aus Nienburg und erreichten um Mitternacht Hoya, woselbst wir Quartiere bezogen. Der Herzog erachtete es für nötig, die hier über die Weser führende Brücke abbrechen zu lassen. Den 5. mittags rasteten wir bei dem Marktflecken Altsyke. Aber das von der Demolierung jener Brücke zurückkehrende Kavalleriedetachement brachte uns die Nachricht, daß, als kaum das Abbrechen bewerkstelligt gewesen, auch schon die Avantgarde Reubells am jenseitigen Ufer erschienen sei. Dieser General hatte sich am 3. mit Gratien vereinigt, um uns bei Braunschweig mit der gesamten, über 8000 Mann betragenden westfälisch-holländischen Macht anzugreifen und aufzuheben. Denn sie wähnten den Herzog noch vor der Stadt, in welche Reubell schon am Nachmittag des 2. August, Gratien, von Wolfenbüttel kommend, gegen Mittag des andern Tages durch das Augusttor gezogen waren. Allein zu ihrem Erstaunen fanden sie ihn nicht. Aus Rache, daß die Braunschweiger unserm Korps bei Ölper Beistand geleistet, war sowohl den Westfalen als den Holländern von ihren Anführern die Plünderung der Stadt versprochen. Aber der Präfekt des Oberdepartements, Henneberg, wußte das böse Geschick glücklich abzuwenden. Beiden Generalen erklärte er, daß er sie für die Folgen einer solchen Handlung verantwortlich mache und er bereit sei, würden sie von ihrem Vorsatze nicht ablassen, durch die Sturmglocke die Bürger der Stadt zur Verteidigung ihres Eigentums unter die Waffen zu rufen. Die Plünderung unterblieb, und wenige Tage nach dem Abmarsch der beutesüchtigen Westfalen und Holländer erhielt Henneberg nachstehendes Schreiben aus Kassel: Kassel, den 5. August 1809. Mein Herr Präfekt! Se. Majestät der König, unser gnädigster Herr, haben mit vielem Wohlgefallen Ihr Benehmen und das Betragen der Einwohner Seiner guten Stadt Braunschweig bei der kurzen Anwesenheit des Herzogs von Öls daselbst vernommen. Allerhöchstdieselben haben mir befohlen, Ihnen Ihre Zufriedenheit deshalb zu bezeigen. Sie haben sich bei dieser Gelegenheit als ein rechtschaffener Beamter des Königs und als ein getreuer Untertan benommen. Ich übersende Ihnen hierbei die Kopie eines Dekrets, welches den guten Einwohnern von Braunschweig beweisen wird, mit welchem Unwillen Se. Majestät das unwürdige Versprechen vernommen haben, das man Ihren Truppen gegeben hat. Gewiß, jeder Offizier hätte mit seinem Kopf für das kleinste Übel büßen müssen, das man den Einwohnern zugefügt hätte. Soldaten beschützen und verteidigen die ruhigen Bürger. Nur Räuber erlauben sich eine schändliche Plünderung. Geben Sie, mein Herr Präfekt, den wohlwollenden Gesinnungen des Königs für seine gute Stadt Braunschweig die möglichst größte Publizität. Ich schätze mich glücklich, den Befehl erhalten zu haben, sie Ihnen bekanntzumachen und Ihnen persönlich die Zufriedenheit Sr. Majestät zu bezeigen. Ich erneuere Ihnen die Versicherung meiner vollkommensten Hochachtung. Der Minister des Innern. unterz. v. Wolffradt. Gratien und Reubell folgten auf das schnellste dem Herzoge und erreichten schon am 5., ersterer bei Nienburg, letzterer bei Hoya, die Weser. Der Herzog befand sich durch die Eile, mit welcher der Feind seinen Marsch ausgeführt hatte und es ihm gelungen war, uns so nahezukommen, von neuem in der größten Gefahr. Jeder Verzug konnte, obwohl wir beinahe am Ziele waren, Untergang bringen. Er fand es daher bei einer so mißlichen Lage am ratsamsten, den nachfolgenden Feind über die wahre Richtung seines Marsches irrezuleiten, aber er sah dabei zugleich ein, daß die Mannschaft, welche dieses Wagestück unternehme, als ein verlorener Posten, als aufgeopfert betrachtet werden müsse. Aber die Not erheischte ein solches Opfer. Major Korfes ward daher mit 60 Husaren, welche der Rittmeister von Hirschfeldt und die Leutnants Schulz und Adoneit führten, 60 Jägern unter dem Kapitän von Voß und den Leutnants von Wolffradt und Kunowsky, einer Haubitze und einem Sechspfünder, welche Leutnant Platz befehligte, von Altsyke nach Bremen entsendet, woselbst er sich für die Avantgarde des schon auf dem Wege dahin begriffenen Korps ausgeben und für dasselbe das Erforderliche requirieren sollte. Aus dem Husarenregimente hatte man jedoch nicht die beste Mannschaft zu diesem Unternehmen gewählt, vielleicht aus dem Grunde, weil man sie schon für verloren ansah; die Infanterie bestand größtenteils aus Freiwilligen, der nachherigen 12. Kompagnie des braunschweig-englischen Regiments. Korfes' Klugheit wurde es anheimgegeben, Bremen zur günstigsten Zeit zu verlassen und uns nachzukommen. Durch diese List einigermaßen gedeckt, marschierte das Korps weiter, kam während der Nacht in dem oldenburgischen Städtchen Delmenhorst an und erreichte den 6. morgens Huntebrück, wo es die Hunte passierte. Auf diesem Nachtmarsche fand ein lächerlicher Zufall statt, welchen zu erzählen ich nicht unterlassen kann. Fast bis zur Apathie erschöpft, bewegten sich Menschen und Pferde mechanisch in einer langen Kolonne fort; jeder folgte stumm seinem Vordermann, stand still, wenn dieser im Marschieren innehielt, und bewegte sich weiter, wenn derselbe wieder fortschritt. An der Spitze des Zuges ritt der Kommandeur, vom Schlummer überwältigt, hin- und herschwankend. Das müde Pferd ging immer langsamer und blieb, als es sich nicht mehr angetrieben fühlte, endlich stehen – der folgende tat dasselbe, und bald stand die ganze Kolonne still; ein jeder glaubte, daß an der Tete irgendein Hindernis eingetreten sei, welches den Marsch aufhalte. Hierzu kam die Dunkelheit der Nacht, welche kaum fünf Schritte vor sich zu sehen gestattete, weshalb wir nur blindlings fortzutappen vermochten. Auch ließ die Enge des Dammes, auf dem wir einherzogen, nicht zu, neben der Kolonne sich vorwärtszubewegen; ein jeder wartete daher in dumpfer Stille das Vorrücken geduldig ab. Als man aber eine kleine Weile schon haltgemacht hatte und die Müdigkeit in dieser Ruhe sich noch fühlbarer äußerte, sank einer nach dem andern platt auf den Weg hin und schlummerte ein. So mochten wir wohl eine halbe Stunde zugebracht haben, als glücklicherweise der Herzog, welcher vorangeritten war und unser Ausbleiben nicht begreifen mochte, zurückkehrte. Zu seinem großen Erstaunen fand er die lange Kolonne schlafend. Die an der Spitze Befindlichen rüttelte er sogleich auf, zürnte, lachte und ermunterte den einen und den andern der Soldaten, ihn bei Namen nennend, zur Beharrlichkeit und Ausdauer. Mit dem Übergang über die Hunte waren wir fast am Ziel. Denn bei dem nur zwei Stunden von Huntebrück an der Ausmündung jenes Flusses in die Weser liegenden Marktflecken Elsfleth, sollten Schiffe das Korps aufnehmen und dasselbe den auf dem Meere harrenden Engländern zuführen. Die sämtlichen auf dem Marsche requirierten Wagen befahl der Herzog jetzt zurückzuschicken. Fröhlich jagten die entlassenen Bauernburschen, ungeachtet der Müdigkeit ihrer Pferde, als ob sie fürchteten, daß uns ihr Entfernen reuen würde, von dannen. Ich erhielt den Auftrag, mit meiner Kompagnie und einer Kanone an der Fährstelle, bei welcher die Mannschaft über die Hunte gegangen war, stehen zu bleiben, um die in Elsfleth vorzunehmende Einschiffung zu decken. Bei dem durch die Zeitverhältnisse gehemmten Handel waren viele Schiffe nicht sogleich segelfertig und ohne Ballast, welches manche Verzögerung verursachte. Ich blieb den Tag über auf dem mir angewiesenen Posten, ohne jedoch den Feind zu erblicken. Bis zum Abend harrte ich des Befehls zum Nachkommen. Da ich durch mehrere Schiffer erfuhr, daß die Truppen bereits embarkiert und schon verschiedene Abteilungen die Weser hinaufgesegelt seien, und noch immer kein Befehl erschien, so schickte ich den Leutnant von Sternfeldt nach Elsfleth, um mir Verhaltungsmaßregeln über das etwaige Einziehen des mir anvertrauten Postens zu erbitten. Nachts 11 Uhr erhielt ich darauf die Order, mit meiner Kompagnie augenblicklich nach Elsfleth zu kommen, wohin ich sofort den Weg antrat und um Mitternacht den Ort erreichte. Der Herzog hatte sich noch nicht eingeschifft; ich fand ihn auf der Reede beschäftigt, weitere Anordnungen zu treffen. Als ich mich bei ihm meldete, klopfte er mich freundlich auf die Schulter und sagte: »Es ist gut, daß Sie kommen, mein Kind; aber für Ihre Mannschaft sind hier keine Schiffe mehr aufzutreiben; Sie müssen weiter nach Brake gehen; dort werden Sie noch einige finden. Kommen Sie ja bald nach Helgoland!« Er entließ mich sodann, und ich ging nach meiner Kompagnie, den Befehl ihr zu verkünden. Obgleich die Nacht hereingebrochen und ein großer Teil des Korps schon embarkiert war, so schien das Treiben und das Gewirre in der Nähe des Einschiffungsplatzes gar kein Ende nehmen zu wollen. Fuhrwerke und Pferde standen dort bunt durcheinander; Reitknechte, Marketenderweiber, Soldaten von jeder Waffe bildeten ein Chaos eigentümlicher Art. In demselben bemerkte ich viele Juden, welche herbeigeeilt waren, um die Pferde und Sachen, die wir nicht mitnehmen konnten, einzuhandeln. Mit der Laterne in der Hand musterten sie die Pferde vom Kopf bis zu den Füßen. Sie boten aber Spottpreise, welche angenommen werden mußten, indem keiner von uns auf langes Fordern und Ablassen eingehen konnte. Die Husarenpferde wurden mit Sattel und Zaumzeug hier und besonders in Brake im Durchschnitt zu einem Louisdor das Stück verkauft; freilich waren sie durch den Marsch gänzlich abgetrieben und die meisten derselben, da sie während der ganzen Zeit nur wenige Stunden abgesattelt gewesen, so stark gedrückt, daß ihre Nähe einen pestilenzialischen Gestank verbreitete, doch konnte einige Ruhe sie bald wiederherstellen und ihnen ein gutes Ansehen geben. Sie waren sämtlich, mit Ausnahme weniger, von guter polnischer Rasse. Selbst für die Pferde der Offiziere ward nicht viel mehr bezahlt; drei bis sechs Louisdor für ein solches zu bekommen, war schon ein hoher Preis. Für die zuletzt sich Einschiffenden fiel aber derselbe sehr, denn die Käufer benutzten die Eile, mit welcher die Einschiffung betrieben werden mußte, und die Unmöglichkeit, in den Fahrzeugen die Pferde mitzunehmen. So erhielt der damalige Leutnant Häusler für vier dem Major von Reichmeister zugehörige Pferde samt Wagen 10 Pfund Tabak; des Herzogs Marstall, welcher aus 16 Reitpferden und 4 schönen Kutschpferden bestand, mußte gleichfalls zurückgelassen werden. Dem Herzoge tat es weh, auch das Pferd, welches sein Vater in der Schlacht bei Auerstädt geritten hatte, nicht mitnehmen zu können; es führte den Namen Juno. Dem Befehle zufolge setzte ich mich früh am Morgen des anderen Tages (7. August) mit der Kompagnie in Marsch nach Brake, einem Marktflecken, woselbst die größeren Schiffe gelichtet werden, welche nicht nach Elsfleth kommen können. Dort gelang es mir nach langem Mühen, zwei große sogenannte Weserböcke aufzutreiben. Die Eigentümer versicherten zwar, daß die Fahrzeuge nicht in gehörigem Stande wären, besonders bei dem androhenden Wetter die Fahrt nach Helgoland zu machen; ich hielt diese Vorstellungen aber nur für Demonstrationen ihrer Unbereitwilligkeit und zwang sie, sofort die Schiffe zur Fahrt bereitzumachen. Dies geschah. Und als die Sonne kaum untergegangen und die Dämmerung anbrach, war ich mit meiner Mannschaft schon eine geraume Strecke von Brake auf den Fluten der Weser. Aber immer trüber und dunkler ward es gegen die Nacht. Ein mächtiger Sturm brauste plötzlich heulend daher und peitschte die Wogen des Stroms aufwärts. Unsere Schiffe fingen an, gewaltig zu schwanken; kaum mochten wir noch eine kleine Strecke weit gekommen sein, als das Steuerruder an einem der Fahrzeuge brach und wir schnell den Anker fallen lassen mußten. Eine dichte Finsternis umgab uns, mit jeder Minute wuchs der Sturm; die Wogen stiegen hoch; hin und her wurden wir geworfen, jeden Augenblick befürchtend, daß das Ankertau zerreißen würde. Das Frührot verscheuchte endlich die furchtbare, lange Nacht; der Sturm ließ gegen Morgen (8. August) nach; mit Mühe schleppten wir uns nach einem naheliegenden Dorfe, wo ich ein befrachtetes Schiff antraf, das ich ausladen ließ. Nachdem ich mehrere Matrosen, ihnen eine gute Belohnung zusichernd, für die Bedienung des Schiffes gewonnen hatte, auch mir die notwendigen Lebensmittel zum Unterhalt meiner Leute geliefert worden waren, schiffte ich mich von neuem mit der Hälfte der Kompagnie ein, dem andern Fahrzeuge, auf welchem die übrige Mannschaft derselben sich befand, jetzt rasch nachfolgend. Aber wir sollten, bevor wir das Meer erreichen würden, noch nicht allen Gefahren entgangen sein. Noch erwartete uns feindliches Geschoß. Der dänische General von Ewald, derselbe, welcher mit Gratien den tapferen Schill und seine mutige Schar erst vor wenigen Wochen in Stralsund durch Übermacht bezwungen hatte, war von Cuxhaven, woselbst die Engländer wieder zu landen versucht, auf die Nachricht von dem Anmarsch des Herzogs nach Bederkesa mit seinem Korps geeilt, wähnend, daß wir der Elbe zu unsere Richtung nehmen würden. Hier erhielt er von dem in Hamburg kommandierenden französischen General Dumas und dem westfälischen Gouvernement die Aufforderung, die gegen den Herzog unternommene Operation zu unterstützen und zur Vernichtung der Schar auf das kräftigste mitzuwirken. Diesem zufolge ging er, als ihm von unserer Einschiffung in Elsfleth und Brake Kunde geworden sein mochte, von Bederkesa nach Bremerlehe, einem am äußersten Ausflusse der Weser liegenden Marktflecken, bei welchem unsere Schiffe vorbeisegeln mußten, und errichtete dort an der Küste eine Batterie. Der Herzog, welcher bei der Einschiffung in Elsfleth der letzte gewesen, war noch vor Bremerlehe an Bord der amerikanischen Brigg The Shepherdess (die Schäferin) gegangen. Als nun dieses Schiff mit noch einigen anderen Fahrzeugen, welche gleichsam die Arrièregarde der kleinen Flotte bildeten, in die Nähe der von den Dänen errichteten Batterien kam, schossen dieselben auf das heftigste nach unseren Schiffen, besonders nach dem, auf welchem der Herzog sich befand. Die Kugeln taten aber nicht den gehofften Schaden, da die Batterie wohl noch 200 Schritte vom Strande entfernt lag. Als wir dieselbe passiert hatten, folgten uns die Dänen mit ihrem Geschütze längs der Küste und feuerten, wiewohl gleichfalls vergeblich, auf die dahinsegelnden Schiffe. Glücklich erreichten wir die Mündung der Weser; vor uns lag die Nordsee; die Freiheit war jetzt errungen. Napoleon rief aus, als man ihm von dem glücklichen Gelingen des kühnen Unternehmens des Herzogs in Schönbrunn berichtete: »Ah, c'est un vaillant guerrier!« Durch Nachlässigkeit der Schiffer gerieten indes zwei Fahrzeuge auf den Strand und fielen in die Hände der Dänen. Das eine derselben hatte die aus einem Kammerdiener, zwei Leibjägern und fünf Reitknechten bestehende Dienerschaft des Herzogs, wie auch dessen mit 6000 Talern gefüllte Schatulle und das Gepäck der meisten Offiziere an Bord; das andere war mit bedeutenden Vorräten an Fleisch, Brot und Wein befrachtet, und befand sich auf demselben ein Kommando von 3 Mann. Nicht nur diese, wie die schon früher in Gefangenschaft geratenen Soldaten des Korps, sondern auch die beiden Leibjäger und die Stallknechte des Herzogs wurden, obgleich nicht Militärs, nach den Galeeren von Cherbourg und Brest gebracht. Zwei der letzteren starben jedoch auf dem Transport dahin in Mainz und zwar in demselben Gefängnisse, in welchem Schinderhannes gesessen hatte. Am 9. gewahrten wir, noch in der Nähe der nördlichsten Küste Oldenburgs lavierend, ein kleines englisches Kriegsgeschwader, das der Gouverneur von Helgoland, welchen der Herzog durch den Leutnant Pott von unserer Ankunft hatte benachrichtigen lassen, unter dem Befehle des Lord George Steward uns entgegensandte. An der Spitze erschien die königliche Brigg Mosquido, auf welche der Herzog sich begab. Mit Kanonensalven empfingen die Schiffe den Helden und seine schwarze Schar. Am Morgen des 10. August erblickten wir die Insel Helgoland, einen Felsen, der mit seinem weiß und rötlichen Gestein sich immer majestätischer aus den dahinrollenden Wogen des Meeres erhebt, je näher der Schiffer ihm kommt, und dessen steile Abhänge von weitem hohen Festungswerken gleichen. Das felsige Eiland ist gleichsam der Wachtposten an der Ausmündung der Elbe und Weser, von welchem ab damals der Schleichhandel mit Kolonialwaren nach Deutschland und Nordholland in ungeheurer Ausdehnung betrieben wurde. Es war zugleich ein bedeutender Waffenplatz, von welchem die naheliegenden, mit französischen Douanen besetzten Küsten nicht selten alarmiert wurden, ein sicheres Asyl für so manchen Verfolgten, der Haß und Rache dem Welschtum im deutschen Vaterlande geschworen hatte. Freudig gingen wir dort vor Anker. Durch unsere Ankunft war die Lebhaftigkeit, welche auf dem untern Teile der Insel, dem Vorlande, herrschte, unendlich vermehrt. Süß war der gemeinschaftliche Genuß unseres errungenen Triumphs. In dem kurzen Zeiträume von 14 Tagen hatten wir 62 Meilen zurückgelegt und uns mitten durch weit überlegene feindliche Scharen siegreich einen Weg hierher gebahnt. – Noch an demselben Abend landete auch der Major Korfes, der durch seine Einsicht, Kenntnisse und Bravheit dem Korps die wesentlichsten Dienste geleistet hatte. Nicht besser und authentischer können die Begebnisse seines von Altsyke nach Bremen entsendeten Detachements, dessen bereits oben Erwähnung geschehen ist, geschildert werden, als es in einer Relation darüber der obengenannte damalige Leutnant, jetzt Oberstleutnant von Wolffradt getan. »Als wir uns Bremen«, berichtet derselbe, »bis auf einige hundert Schritt genähert hatten, vernahmen wir plötzlich zu unserm größten Erstaunen, denn wir wußten, daß in der nahen Stadt kein Feind sei, eine Kanonade. Es wies sich aber nachher aus, daß es Freudenschüsse über unsere Ankunft gewesen waren, welche man indes übel angebracht hatte, denn die Schüsse konnten ebensogut einem in der Nähe befindlichen Feinde zur Benachrichtigung dienen. Auf das herzlichste bewillkommneten uns die Bremenser als echte Deutsche und drückten ihre Freude, einmal Kämpfer für die gute Sache in ihren Mauern zu begrüßen, in Wort und Tat aus. Weniger angenehm mag unsere Ankunft dem hohen Senat gewesen sein. Das Stadtoberhaupt erklärte unserm Anführer, es wäre soeben das bevorstehende Eintreffen eines feindlichen Armeekorps von mehreren tausend Mann unter dem General Gratien vom rechten Weserufer her angemeldet. ›So muß ich den Herrn General notwendigerweise hier erwarten,‹ entgegnete Korfes und stellte uns mitten in der Stadt am linken Weserufer zu beiden Seiten einer Brücke auf. Die Nacht verging ruhig am Biwakfeuer, welches wir uns in den Straßen anzündeten. Die aufgehende Sonne verkündete einen heißen Sommertag; den Morgen rasteten wir noch in der Stadt, und als Korfes den Herzog weit genug vorgerückt und nichts mehr dessen Einschiffung Hinderndes zu befürchten glaubte, brachen wir am Nachmittage gegen 5 Uhr nach Delmenhorst auf, um dem Korps eiligst zu folgen. Kaum hatten wir auf dem durch hohe Hecken eingeschlossenen, dahin führenden Landwege, an zerstreuten Gehöften vorbei, eine Stunde zurückgelegt, als wir in unserer Front mehrere in kurzen Intervallen sich wiederholende Kanonenschüsse hörten. Wir waren auf die 2000 Mann starke Avantgarde des Generals Reubell gestoßen, denn das Eintreffen Gratiens in Bremen war nur ein Gerücht gewesen, da derselbe schon in Nienburg den Befehl erhalten, infolge der Landung der Engländer sich ungesäumt nach Holland zu wenden. Reubell war mit seinen Truppen bei Hoya, ungeachtet die dortige Brücke abgebrochen worden, über die Weser gegangen und, irrigerweise glaubend, daß der Herzog es sei, welcher mit dem ganzen Korps nach Bremen sich gewandt habe, dem Major Korfes gefolgt. Unser Häuflein machte halt. An der Infanterie vorbei zogen jetzt die Husaren auf dem Wege zurück, den wir gekommen waren. Eine in jenem Augenblicke uns allen unerklärliche Bewegung. Mit einem so überlegenen Feinde in einen ernstlichen Kampf sich einzulassen, wäre tollkühn gewesen. Korfes stellte inzwischen einige unserer Tirailleure auf einem vom Wege links liegenden Anger auf, welche mit den Westfalen, ohne sich jedoch zu weit vom Haupttrupp entfernen zu dürfen, sich sogleich engagierten. Mehrere Kartätschenschüsse des Feindes trafen auch nicht einen Mann der Unsrigen, denn die hohen Hecken verhinderten, uns gegenseitig zu erkennen. Unser Anführer ließ hierauf die Haubitze abprotzen und gleichfalls mit Kartätschen gegen den Feind feuern, welches zur Folge hatte, daß derselbe sein Feuer einstellte. Jetzt ließ Korfes in größter Eile wieder aufprotzen und uns den Rückzug antreten; die Geschütze mußten voran, dann die Infanterie sektionsweise im Trabe und in guter Ordnung. Wir richteten unsern Marsch, rechts von der Straße ablenkend, nördlich dem Ochumflusse zu und fanden bald einen Nebenweg, der, wie Korfes in Erfahrung gebracht hatte, zu einer Furt dieses kleinen Flusses führt. Ein auf dem Felde befindlicher großer, mit vier Pferden bespannter Leiterwagen, welchen wir nach etwa einer Viertelstunde antrafen, wurde sogleich in Beschlag genommen und mit so viel Fußgängern, als Platz auf demselben finden konnten, besetzt, um unsern Marsch zu beschleunigen. Glücklich waren wir so dem Feinde entschwunden, der uns auch zu unserer größten Verwunderung nicht weiter verfolgte und nur ein paar auf der Straße zurückgelassene Wagen erbeutete. Bald kamen wir an die aus ihren Ufern getretene Ochum, welche, obgleich sie sonst wohl für Fußgänger zu passieren sein mochte, doch an jenem Tage eine solche Höhe erreicht hatte, daß beim Durchfahren die Munition der Artillerie naß und unbrauchbar wurde. Doch brachte man die Geschütze und auch den Leiterwagen, ohne umzuwerfen, glücklich hindurch. Wer nicht auf dem Wagen oder dem Geschütz saß, half sich, so gut er konnte. Ich sah mich genötigt, einige 20 Schritt weit zu schwimmen, ehe ich festen Grund erreichen konnte. Beim Übergange sollen ein Volontär von Schnude aus Brieg in Schlesien und vier Mann ertrunken sein. Wir vermißten dieselben bald nachher; doch ist es auch möglich, daß sie, bevor wir den Fluß erreichten, zurückgeblieben sind. Man hat seitdem von ihnen nichts weiter gehört. Als wir den Fluß im Rücken hatten, durften wir auf einige Sicherheit rechnen. Korfes äußerte seine Freude, uns aller Wahrscheinlichkeit nach gerettet zu sehen. Man soll aber den Tag nicht vor dem Abend loben, wenngleich die sinkende Sonne uns dessen nahes Ende verkündet. Wir marschierten jetzt der Weser zu und gelangten nach völligem Einbruche der Nacht an ein ungefähr dreiviertel Meilen unterhalb Bremen gelegenes Dorf, Seehausen, vor dessen Eingange wir in einiger Entfernung hielten. Nachdem Korfes durch eine in das Dorf abgesandte Patrouille die Nachricht erhalten hatte, daß kein Feind alldort anzutreffen sei, beschloß er, in dasselbe einzurücken und die Nacht dort zu bleiben. Doch bevor wir hineinmarschierten, sollte uns leider noch ein Unfall treffen. Von Müdigkeit überwältigt, war der Spitzenreiter vor dem Sechspfünder während des Haltens auf dem Pferde eingeschlafen. Beim Wiederanziehen des Geschützes kam, in der tiefen Finsternis, dasselbe durch die Unachtsamkeit des noch schlaftrunkenen Reiters aus dem Gleise und stürzte in einen Pfuhl plötzlich hinab; ein Artillerist ward unter die Kanone geschleudert und büßte sein Leben ein. Nur wenige Minuten vorher hatte ich auf dem Protzkasten des Geschützes gesessen. Die in der Entfernung lodernden Wachtfeuer der Westfalen zeigten uns deutlich die Stellung Reubells an. Daß er uns nicht aufgegeben habe, sondern uns mit Anbruch des Tages nachsetzen werde, um das von ihm so sehr Versäumte einigermaßen wieder gutzumachen, konnten wir mit Recht vermuten. Ihm zu entgehen, blieb uns nur der Ausweg übrig, mittelst eines Schiffes auf der Weser so schnell als möglich aus seinem Bereiche zu kommen. Und diese Hoffnung hatte unsern Anführer nicht betrogen. Nachdem die notwendigen Posten ausgestellt waren, und während wir in einem geräumigen Bauernhause am Feuer unsere Kleider trockneten, mit Trank und Speise uns stärkend, hatte Korfes Erkundigungen eingezogen, wie weit die Weser von dem Dorfe entfernt sei, und ob nicht Schiffe in dessen Nähe anzulegen pflegten. Glücklicherweise lag gerade ein sogenannter Weserbock in der Mitte des nicht eine Viertelstunde entfernten Flusses. Kaum hatte Korfes dieses in Erfahrung gebracht, so bestieg er in Begleitung von zwei Mann ein Boot und ließ sich zu dem Fahrzeuge hinübersetzen; den Schiffer veranlaßte er durch Drohungen und Versprechungen, augenblicklich die Anker zu lichten, sein Schiff dicht an das Ufer zu legen und zu unserer Disposition zu stellen. Sobald der Tag anbrach, wurde zuvörderst die verunglückte Kanone, welche wir mitzunehmen doch nicht imstande waren, vernagelt und ein Rad von derselben abgezogen; sodann schiffte man die Haubitze samt dem verwaisten Protzkasten des Sechspfünders und Lebensmittel auf einige Tage ein und zuletzt die auf 60 bis 70 Köpfe geschmolzene Mannschaft, deren Stärke ich jedoch nicht ganz genau anzugeben vermag. Leider blieb die von uns abgeschnittene Kavallerie zurück, welche sich, wie ich später erfuhr, zerstreut hatte, und deren Anführer, Rittmeister von Hirschfeld, bald nachher Gelegenheit fand, mit mehreren seiner Leute nach England zu entkommen. Nachdem wir sämtlich eingeschifft waren, wurde das Fahrzeug von oben dergestalt geschlossen, daß die Mannschaft nicht gesehen werden konnte. So glitten wir – ein günstiger Wind schwellte die Segel – sanft die Weser hinab, am Montage den 7. August früh morgens gegen 5 Uhr. Ungeachtet unserer noch immer bedenklichen Lage und der Unbehaglichkeit des Aufenthalts in einem kleinen, zum Teil mit Frachtgütern beladenen Flußschiffe, dessen Raum so viele Menschen aufeinandergedrängt in sich faßte, brachten wir die Zeit mit Essen, Trinken, Kartenspielen und – bei der ungeheuren Erschöpfung aller – auch mit Schlafen hin. Nachts wurde mitten im Flusse geankert und die nötigen Wachen auf dem Schiffe ausgestellt. Mittwoch, den 9. August, um die Mittagszeit erblickten wir wenige Stunden südlich von Bremerlehe eine größtenteils aus Flußschiffen bestehende Flottille, unter derselben eine Brigg, welche vor uns gegen den Wind lavierte. Es waren unsere Kameraden, die sich zu Elsfleth und Brake glücklich eingeschifft hatten. Bald befanden wir uns mitten unter ihnen. Die Brigg trug unsern geliebten Herzog.« * Während der kurzen Zeit, in welcher wir auf Helgoland verweilten, waren von seiten des englischen Gouvernements zu unserer Überfahrt nach England Anstalten getroffen. Das Korps wurde auf Transportschiffe verteilt, deren Anzahl nur sehr gering war. Ich stellte unangenehme Betrachtungen über den so beschränkten Raum in dem mir angewiesenen Schiffe an, mit welchem ich mich begnügen sollte, und sann beim Anblick unserer Schlafstätte darüber nach, wo ich mein Haupt für die Nächte während der Überfahrt hinlegen sollte, als ein Seeoffizier an Bord sprang, mir mit freundlichem Händedruck das Anerbieten machend, mich, wenn es zu eng in dem kleinen Schiffe für uns alle sein würde, mit 30 Mann meiner Kompagnie auf seinem Kriegskutter aufnehmen zu wollen. Ich dankte dem braven Seemann herzlich, so gut ich mich in seiner Muttersprache nur auszudrücken vermochte, und willigte gern ein. Sofort verließ ich das enge Transportschiff und begab mich mit einer Abteilung meiner Leute an Bord des Kutters. Gegen Abend gingen wir mit günstigem Winde unter Segel, unser Schiff flog schnell wie ein Vogel auf den Wogen dahin, bald hatten wir Helgoland weit hinter uns. Aber in der Nacht erhob sich ein Sturm, der unser Schiff auf dem wild empörten Elemente mit furchtbarer Gewalt umherwarf. Am Morgen des folgenden Tages sahen wir uns von den andern Schiffen unserer kleinen Flotte getrennt. Außer mir nebst einigen andern Offizieren unseres Korps und meinen Leuten befand sich noch der Oberst von Wellingerode auf dem gleichfalls engen Fahrzeuge; an einen Platz in der Kajüte war leider nicht zu denken, und mußte ich den Tag auf dem Verdecke, die Nacht aber in dem großen Boote unter dem Maste zubringen. Zu dieser Unbequemlichkeit gesellte sich die Seekrankheit, welche mich zwei Tage lang auf das furchtbarste peinigte. Das stürmische Wetter legte sich am 12.; es hatte uns nach dem Texel hin verschlagen, dessen Sandbänke sich zeigten. Endlich am 13. erblickten wir die englische Küste. Wir segelten längs derselben, uns ihr nähernd, hin; mit jeder Viertelstunde wurden die Gegenstände auf derselben unsern Augen deutlicher; freundliche Dörfer, grüne Wiesen, dunkle Gebüsche flogen bald in wechselnder Mannigfaltigkeit an uns vorüber; die Glockenspiele der Kirchtürme hörten wir schon ertönen, und es drängte mich, den Boden zu betreten, nach welchem ich mich so oft gesehnt hatte. Aber wir konnten erst am 14. abends auf der Reede von Great Yarmouth die Anker werfen; der Kapitän begab sich sogleich ans Land und brachte mir die Weisung, mit meinen Leuten auf das Wachtschiff The Roebuck, eine alte, ausgediente Fregatte, zu gehen, um darauf so lange zu bleiben, bis weitere Befehle von London eingetroffen sein würden. Am 15. erfolgten dieselben; ich fuhr an das Land und betrat endlich den Boden von Großbritannien. Die Engländer maßen unsere abgetragenen schwarzen Uniformen mit sonderbaren Blicken; wir würden ihnen gleichgültig erschienen sein, wenn nicht der Ruf von unserm Zuge, von unserm fürstlichen, ihrem Königshause so nah verwandten Führer in ihnen viele Teilnahme erweckt und sie zu einer nicht ungastlichen Begegnung bewogen hätte. Von den andern Schiffen, auf welchen sich die übrigen Abteilungen des Korps befanden, liefen nur noch zwei im Hafen von Yarmouth ein; die übrigen derselben waren nach andern Häfen verschlagen worden. So landete der Herzog am 14. bei Great Grimsby, einer einst reichen Seestadt am Eintritte der Humber in das Meer. Er hatte sich von dort sogleich nach London begeben. Von daher kam bald die Order, welche uns sämtlich die Insel Wight im Kanal zum einstweiligen Standquartiere anwies. Wir wurden nun von neuem auf Schiffe verteilt, um dorthin zu gelangen. Zuerst ging ich mit einigen fünfzig Mann Infanterie und einer Anzahl Husaren an Bord der Kriegsbrigg The Vixen, allein dieselbe ward noch im Hafen von einem andern Schiffe, dessen Ankertau gerissen war, am Bugspriet so sehr beschädigt, daß sie zur Ausbesserung zurückgelassen werden mußte. Dieser Vorfall verzögerte unsere Abfahrt um einige Tage; erst am 24. konnten wir uns einschiffen, den 25. lichteten wir endlich die Anker. Das Fahrzeug, auf welchem ich mich befand, The Kingstown, ein großes Transportschiff, war nur für 300 Mann eingerichtet. Aber dessenungeachtet mußte es über 500 aufnehmen, so daß der Platz äußerst beschränkt wurde und die Leute nicht nur in den Zwischendecken gleich Heringen zusammengepackt lagen, sondern auch viele nicht einmal dort bleiben konnten und sich genötigt sahen, auf dem Verdeck zu biwakieren. Ebensowenig waren wir mit den zu unserer Verpflegung auf dem Schiffe erforderlichen Anordnungen hinlänglich bekannt. Auf dem Kutter hatte der Kapitän während der Fahrt von Helgoland freilich sparsam, doch freundlich die Offiziere bewirtet, und ich glaubte daher, daß solches auch hier stattfinden würde. Aber wie sehr hatte ich mich getäuscht! Niemand bekümmerte sich um uns auf dem Schiffe. Der Schiffskapitän nahm fast keine Notiz von unserm Dasein; der Steward warf morgens ein Stück rohes Fleisch und einen Haufen harten Schiffszwieback in die Kajüte, und damit war alles für den Tag geschehen. Wir konnten uns freilich selbst die Schuld beimessen, da es von uns leider versäumt worden, uns hierüber unterrichten zu lassen. Wir hatten daher keine Kenntnis davon, daß auf den Schiffen den embakierten Landtruppen nur die Rationen geliefert werden, sie aber für das Kochen selbst sorgen müssen. Die Offiziere pflegen deshalb einen Stock zu bilden, d. h. einen Fonds zusammenzuschießen, aus dem noch einige andere Vorräte angekauft werden, welche so wie die Führung der Menage einer unter ihnen dann verwaltet und besorgt. Unsere Soldaten hatte man in Deutschland daran gewöhnt, stets ihr Essen gekocht und fertig zu finden. Jetzt sollten sie die ihnen gelieferten Rationen erst selbst zubereiten. Küche und Kessel waren aber nicht groß genug, um für alle auf einmal kochen zu können; dieses gab oftmals unter der Mannschaft Veranlassung zu Streitigkeiten, die nicht selten einen gefährlichen Charakter anzunehmen drohten, welche zu schlichten und in der Geburt zu ersticken oft schwierig fiel. Denn es war, teils infolge der schnellen Einschiffung, teils durch die nachmaligen Verteilungen, nicht nur das Korps bunt durcheinander gekommen, sondern auch die Mannschaft mehrfach von ihren Offizieren getrennt; auch war überall während des Feldzuges gerade nicht die strengste Disziplin und Ordnung eingeführt worden, wozu noch kam, daß wir selbst im stillen die Klagen der Leute nicht mißbilligen konnten und ihre Beschwerden nicht ungerecht fanden. Ein lächerliches Schauspiel bot sich dar, wenn Mehl, Rosinen und Schmalz zum Pudding geliefert wurden. Es taten sich dann einige Soldaten zusammen, füllten mit den gelieferten Ingredienzien in Ermangelung eines andern Kochgeschirrs eine Nachtmütze, einen Geldbeutel oder auch wohl einen Strumpf und warfen den Teig, von einer solchen Form umgeben, in den großen Kessel, aus welchem dann nach einer Stunde eine Menge Puddings in den sonderbarsten Gestalten zum Vorschein kamen. Um indes den täglich zunehmenden Mißmut und das immer lauter werdende Murren unserer Soldaten so viel als möglich zu beschwichtigen, blieb nur das Mittel übrig, ihre Blicke auf die Zukunft zu richten, der Gegenwart trübe Wolken durch Versprechungen und Hoffnungen auf bessere Zeiten möglichst zu erhellen und das Unangenehme der Entbehrungen durch Hindeuten auf den erworbenen Ruhm zu mildern. Doch dieser Tröstungen bedurften wir selbst, denn wir waren nicht besser daran. Dreiundzwanzig Offiziere des Korps mußten in einer nicht großen Kajüte zusammen wohnen und schlafen; ich hatte mit meinem Freunde Brandenstein eine Fensternische in Beschlag genommen, auf welcher wir den ganzen Tag liegend zubrachten, die Nacht schliefen und Frühstück, Diner und Souper einnahmen, welches in nichts weiterem als Tee, Schiffszwieback, Pökelfleisch und Grog bestand. Am 27. August gingen wir auf der Reede von Deal wieder vor Anker, um günstigen Wind zur Einfahrt in den Kanal abzuwarten. Aber zu dem Verlangen, die so engen Räume des Schiffes zu verlassen und das Land, wenn auch nur auf wenige Stunden, zu betreten, gesellte sich bei mir und mehreren meiner Kameraden der Wunsch, die vor uns liegende Stadt zu sehen. Die Weigerung des Schiffskapitäns, ein Boot zur Überfahrt in Bereitschaft setzen zu lassen, seine pantomimische Hindeutung auf den Himmel und die See hielten wir für Unwillfährigkeit; wir drangen aber so lange in ihn, bis er unsere Bitte gewährte. Der Weg nach der Stadt betrug ungefähr vier englische Meilen; kaum waren wir eine Viertelstunde gefahren, als sich ein heftiger Wind erhob; die Wellen wurden von Minute zu Minute unruhiger, und trotz des kräftigen Ruderns der Matrosen warfen sie uns weit aus unserer Richtung, das schwache Boot nach der hohen See hintreibend. Nur mit großer Anstrengung glückte es uns, ein amerikanisches Schiff zu erreichen, das uns hilfreich aufnahm. Doch an Bord desselben konnten wir nicht bleiben; es ward also, nachdem der Wind nur einigermaßen sich gelegt hatte, ein zweiter Versuch gemacht, zu landen. Nach drei nicht ohne Gefahr verbrachten Stunden gelangten wir endlich in ziemlicher Entfernung von der Stadt an den Strand. Da jedoch unser Boot nicht bis dicht an denselben heranfahren konnte, so waren wir genötigt, entweder an uns zugeworfenen Tauen bis zur Mitte des Leibes im Wasser hinüberzuwandern oder von den Matrosen, gleich den Weibern von Weinsberg, uns »Huckepack« dahin tragen zu lassen. Wir wählten das erstere und kamen triefend in dem Wirtshause an; den andern Tag fuhren wir nach unserm Schiffe zurück. Am 30. gestattete uns endlich der Wind, unter Segel zu gehen; er war aber so schwach und unbeständig, daß wir noch einmal für einige Stunden zu ankern uns gezwungen sahen und erst abends in den Kanal einlaufen konnten. Den 31. hatten wir günstigeren Wind; wir fuhren bei Dover vorüber, erblickten links in der Ferne die französische, uns feindlich gesinnte Küste von Calais, rechts die englischen öden Kreidefelsen, und als ich am 1. September erwachte, hatten wir nachts Portsmouth passiert und vor Lowes, einem kleinen Flecken auf der Insel Wight, Anker geworfen. Schon am 2. September wurde das Korps ausgeschifft; die Kavallerie marschierte nach Freshwater, die Infanterie nach den Sandown Barracks am südöstlichen Gestade der Insel. Diese Baracken liegen dicht am Strande zwischen felsigen Vorgebirgen in einer baumlosen, nur mit dickem Farrenkraut bewachsenen Gegend, ungefähr tausend Schritt von einem kleinen Fort. Sie bestanden aus leichtgebauten Schuppen, in denen sehr dürftige Einrichtungen für die Unterbringung von Truppen vorhanden waren. In gleicher Weise enthielten die Stuben oder vielmehr die für die Offiziere bestimmten Räume nichts mehr als einen plumpen Tisch, zwei dergleichen Stühle und eine Bettstelle. Bei dem gänzlichen Mangel an Bagage und selbst den notwendigsten Utensilien bot uns dieser Aufenthalt nicht den geringsten Komfort, wie die Engländer es mit einem vielsagenden Worte zu nennen belieben, dar. Ich mietete mich, da noch alles, was unsere Unterbringung betraf, im Chaos lag, auch mehrere Schiffe bislang fehlten, in einem Wirtshause des dem Korps nahegelegenen kleinen Fleckens Brading ein, wo wenigstens ein ordentliches Obdach und ein Bett mir zuteil ward. Unsere Soldaten befanden sich jedoch in einer übeln Lage. Sie waren schlecht bekleidet und daher wenig gegen Wind und Wetter geschützt, von Menageeinrichtungen wußten sie nichts, und solche zu treffen, gestattete nicht einmal die noch herrschende Unordnung. Doch Not lehrt beten; die armen Leute behalfen sich so gut, wie sie es nur immer vermochten. Die Insel Wight wird der Garten Englands genannt, und sie verdient auch diesen Namen. Sie bietet, mit Ausnahme des Strandes, fast überall die üppigste Vegetation und den reizendsten Wechsel von Wald und Gebüsch, Feldern und Wiesen, Pachthöfen und kleinen, freundlichen Ortschaften, Villen und Parks dar. Ihre Größe beträgt neun Quadratmeilen; von dem festen Lande ist sie durch den Meeresarm Solent getrennt. Die Einwohner, deren Zahl auf einige 20 000 sich belaufen mag, waren, wie alle Engländer, kalt und unteilnehmend. Wegen ihrer vorteilhaften Lage und der Nähe von Portsmouth sind auf der Insel die Depots der meisten im Auslande befindlichen Regimenter stationiert. Erstere waren aus den neu angeworbenen Rekruten, welche in der Regel der Auswurf des Pöbels sind, gebildet, weshalb denn auch unter ihnen nicht selten grobe Exzesse vorfielen, welche die grausamsten körperlichen Strafen zur Folge hatten. Aber solche Vorgänge und solche Behandlung sind nicht geeignet, unserm Stande Achtung zu verschaffen, aus welchem Grunde man in England, besonders hier, auf den Soldaten nur mit Geringschätzung herabsieht, die um so mehr mit auf uns übertragen wurde, da unsere zerrissene, schäbige Bekleidung gegen die geschniegelte der englischen Soldaten bedeutend abstach. Und obwohl bei unserer Ankunft sogar mehrere vornehme Herren neugierig herbeieilten, um die famous fellows, die Napoleon eine Nase gedreht hatten, selbst in Augenschein zu nehmen, so ergriffen doch auch einige hämische Oppositionsblätter begierig die Gelegenheit, sich über unser zerlumptes Äußeres lustig zu machen. Wenn alle diese Verhältnisse uns manche trübe Gedanken verursachten und jene Untätigkeit, in welcher wir hier fortlebten, uns sehr lästig fiel, so drückte uns nicht weniger die Ungewißheit über das künftige Schicksal des Korps. Von Vereinigung der ganzen Mannschaft mit anderen Regimentern, von Ost- und Westindien ward sogar gesprochen. Zwar kam von London Oberst von Bernewitz an, aber er konnte uns nur wenige Hoffnungen geben, da, wie er berichtete, noch alles, was die zukünftige Stellung des Korps beträfe, von den Unterhandlungen abhinge, welche der Herzog mit dem englischen Gouvernement angeknüpft habe. Eine Angelegenheit, welche das Interesse des Offizierkorps in Anspruch nahm, war eine festzustellende Rangordnung. Während des Feldzuges in Deutschland hatten wir uns nicht viel um Anciennität bekümmert; wenig Gelegenheit fand sich, dieselbe geltend zu machen; viele Offiziere waren ohne weitere Bestimmung darüber, zwischen welche ihrer Kameraden sie im Dienstalter rangiert werden würden, in das Korps getreten. Von Seiten des Herzogs war auch wohl hin und wieder ein Offizier mündlich zu einem höheren Grade ernannt, ohne daß man solche Beförderung in der Order oder auf eine andere Art bekanntgemacht hatte. Jetzt aber kam viel auf den Entwurf einer Anciennitätsliste an, indem es nicht gleichgültig war, Kapitän oder Leutnant zu sein oder doch eine nähere Anwartschaft auf den Rang des ersteren zu haben und einen bedeutend höheren oder geringeren Gehalt zu beziehen. In der Mitte des Monats September traf der Herzog in Newport, der Hauptstadt der Insel, ein. Er eilte sogleich zu uns; wir empfingen ihn mit Jubel. Wenn er auch noch keine völlige Entscheidung über die zukünftige Stellung des Korps im englischen Heere uns mitzuteilen imstande war, so gab er uns doch die sichere Hoffnung, daß wir eine ungetrennte Aufnahme in demselben und eine fortdauernde Selbständigkeit, zu deren festerer Begründung Vorbereitungen zu treffen er gekommen sei, auf das bestimmteste zu erwarten hätten. Es waren jetzt sämtliche Transportschiffe, von denen, eins, auf welchem sich der Leutnant von Paczinsky befand, beinahe an die Grenze Schottlands der Sturm verschlagen hatte, angelangt und das Korps somit auf Wight vollzählig versammelt. Eine Spezialrevue, welche der Herzog abhielt, ergab die Gesamtstärke unserer Mannschaft mit Einschluß mehrerer in Deutschland zurückgebliebener Offiziere jetzt noch auf 1595 Kombattanten. Dem Befehle des Fürsten zufolge wurde die Infanterie vorläufig zu einem Regimente von zwei Bataillonen formiert. Dasselbe zählte 12 Kompagnien, von welchen jede aus 1 Kapitän, 3 Subalternoffizieren, 4 Sergeanten, 4 Korporalen, 2 Hornisten und 70 Mann bestand. Die Kavallerie, welche aus den 8 Eskadrons Husaren, den 2 Eskadrons Ulanen und der reitenden Artillerie zu einem Husarenregimente gebildet war, sollte anfangs 10 troops stark sein; da indes dann die Stärke eines jeden troop, von denen zwei in einem englischen Kavallerieregimente eine Eskadron formieren, nur 40 Mann betragen hätte, so mußte man sich auf sechs beschränken. Bei der Infanterie reichte die Anzahl der Offiziere, mit Ausnahme einiger überzähliger Stabsoffiziere, nicht ganz hin, um sämtliche Kompagnien zu besetzen, wogegen bei der Kavallerie fast von allen Graden Offiziere überkomplett waren. Der Herzog beabsichtigte jedoch, die überzähligen Offiziere dem Gouvernement zur Bewilligung von zwei Dritteilen pay bis zur demnächstigen Einrangierung vorzuschlagen, doch befürchtete er, daß eine solche Bewilligung nur für so viele stattfinden dürfte, als im ganzen, Kavallerie und Infanterie zusammengenommen, die festgesetzte Zahl der beiden Regimenter überstiegen, welche Rücksicht ihn bewog, einige Kavallerieoffiziere, die schon früher in der Infanterie gedient hatten, zu derselben zu versetzen. Diese wohlgemeinten Bestimmungen veranlaßten aber doch unter dem Offizierkorps Unzufriedenheit, Murren und Streitigkeiten, späterhin sogar verschiedene Duelle, welche indes noch ziemlich glücklich abliefen. Das Kommando des Infanterieregiments erhielt der zum Oberstleutnant beförderte Major Korfes, das des Kavallerieregiments, da Oberstleutnant von Steinemann verwundet in Deutschland zurückgeblieben war, der früher erwähnte Major von Schrader, welcher gleichfalls zum Oberstleutnant ernannt wurde. Der Herzog schien während seines Aufenthalts beim Korps mißgestimmt, ja niedergeschlagen zu sein, denn in manchen Erwartungen, die er sich von der Aufnahme und den Zugeständnissen des englischen Gouvernements gemacht, war er leider getäuscht worden. Bei seinem rastlosen, unternehmenden Geiste hatte ihn die Hoffnung belebt, daß dasselbe sein Korps sofort ausrüsten, in Sold nehmen und es unter seiner Leitung, mit andern Truppen verstärkt, zu einem neuen Feldzuge nach Deutschland senden werde. Man war aber auf seine Ratschläge nicht eingegangen. Das Gouvernement glaubte; daß es zweckmäßiger sei, über uns demnächst nach seinem Belieben anderwärts zu verfügen. Diese Verstimmung in dem Gemüte des Herzogs ward noch durch die bei ihm hier angebrachten Beschwerden vermehrt, welche die auf seinen Befehl festgestellte Anciennitätsliste veranlaßte. Viele Offiziere glaubten sich ungerechterweise zurückgesetzt und bestürmten ihn mit Vorstellungen mündlich und schriftlich, was ihn noch verdrießlicher und ärgerlicher machte. Nachdem das Korps neu uniformiert war, wurde des Morgens und Nachmittags unausgesetzt exerziert, denn das Äußere fehlte noch sehr unsern Leuten. Aber auf dem Exerzierplatze gab es Hindernisse und Schwierigkeiten mancherlei Art. Die Offiziere des Korps waren zwar, mit Ausnahme einiger, im preußischen Dienste gewesen; sie hatten jedoch in verschiedenen Regimentern gedient, welches denn veranlaßte, daß jeder einem eigenen Exerziersystem anhing. Oberstleutnant Korfes kannte nur das Artillerieexerzitium. Major von Herzberg war für den Exerzierplatz nicht geschaffen; Oberstleutnant von Fragstein huldigte nur dem Grawertschen Systeme, und er ließ es sich nicht nehmen, in Sandown Barracks alles danach zu regeln, die beweglichen, lebhaften Jäger auf einmal in die steifen Formen zu zwängen, so daß man sich auf den Holzplan bei Glatz während des Exerzierens versetzt zu sehen glaubte. Aber man war dabei nicht eingedenk, daß wir englische Truppen werden und uns deshalb bemühen sollten, das englische Exerzitium, besonders die englische Sprache zu erlernen. Freilich war noch immer über unsere künftige Stellung zur Armee nichts Bestimmtes entschieden. Die Verhandlungen, welche der Herzog angeknüpft hatte, schienen noch nicht zu einem festen Resultate führen zu wollen; das einzige jedoch, was uns hierzu noch einige Hoffnung gab, war, daß unsere Leute Schuhe und weiße Kasernenjacken wie auch alle sieben Tage nach dem englischen Etat den Gehalt und die Verpflegung empfingen. Diese aber wurden immer mißmutiger, denn nicht nur jenes strenge Einexerzieren, sondern auch die einförmige, in Brot und Fleisch bestehende Verpflegung, welche zu der von ihnen in Deutschland geführten Lebensweise einen schroffen Gegensatz bildete, gefielen denselben keineswegs; auch wollten sie sich nicht in die unbequeme, strenge Barackenordnung finden, welche das Eigentümliche hatte, daß jede Beschädigung in der Wohnung den Kapitänen an dem Gehalte abgezogen wurde, die sich aber dann dafür an die Soldaten ihrer Kompagnie hielten. So bekam z. B. ein Kapitän der Kavallerie einmal eine monatliche Rechnung für die in der Baracke seiner Husaren vorgefallenen Beschädigungen zu dem Betrage von 16 Pfund Sterling; selbst das Loch von einem eingeschlagenen Nagel wurde mit 6 Pence berechnet. Unter den Widerspenstigen des Korps zeichnete sich vorzüglich die grüne Jägerkompagnie aus; dieselbe hatte während des Feldzugs stets die Avantgarde gebildet und deshalb freier walten und schalten können. Solange Major von Scriver und Kapitän von Döbell in Deutschland sie geführt, war sie ziemlich in Ordnung gewesen; seitdem aber ein junger Offizier ihr Chef geworden, verwilderte sie immer mehr. Sie widersetzte sich offen dem Anziehen der mit schwarzen Kragen besetzten weißen Jacken, und zwar unter dem Vorwande, daß der Herzog versprochen habe, ihr die grüne Uniform stets zu lassen. Es kostete Mühe, die Jäger zu dem Umtausche zu bewegen, da man nicht, wie es für einen solchen Fall angemessen gewesen wäre, mit zu großer Strenge gegen die Widerspenstigen verfahren durfte; denn kam dem Gouverneur dieses subordinationswidrige Benehmen zu Ohren, so mußten wir mit Recht besorgen, daß solches zu einer nicht günstigen Beurteilung von Seiten der englischen Regierung Veranlassung geben könnte. * Nach und nach fing ich an, mich in Brading angenehm und wohnlich einzurichten; ich beschäftigte mich viel mit dem Exerzitium und dem Wohl meiner Kompagnie, die mir sehr ergeben war. Meine Mußestunden benutzte ich zur gründlichen Erlernung der englischen Sprache, las und schrieb viel, wanderte in der schönen Gegend umher, besuchte auch fleißig den wenige englische Meilen von Brading entfernten Badeort Pryde. Es fehlte mir nicht an Zeitvertreib; nur die Ungewißheit über die Zukunft und die Sehnsucht, Nachrichten von den Meinigen aus Schlesien, denen ich jetzt so weit entfernt war, endlich zu erhalten, betrübte mich oft. Zwar sagten noch immer Gerüchte, daß der Krieg von neuem losbrechen und Preußen sich mit Österreich vereinigen würde, aber sie verstummten allmählich. Die gänzlich gehemmte Kommunikation mit Deutschland ließ keinen Briefwechsel zu, und selten bot sich mir eine, wiewohl nur unsichere, Gelegenheit dar, den Meinigen zu schreiben. Die dem Korps Nachgekommenen erzählten, daß man in Deutschland von der kühnen Tat des Herzogs von Braunschweig begeistert sei, daß der Mut, die Beharrlichkeit seiner Schar bewundert werde, daß die Damen es nicht bei Worten bewenden ließen, sondern unser Gedächtnis sogar dadurch feierten, daß sie schwarze Spencer mit blauen Kragen à la Brunswic trügen, daß aber unsern Kameraden, welche in die Hände des Feindes kriegsgefangen gefallen wären, ein herbes Schicksal zuteil geworden sei, indem man viele mit den Tapfern Schills nach Brest und Cherbourg auf die Galeeren gebracht habe. Als eine sonderbare Erscheinung stellte sich General Reubell dar, welcher das für ihn so unglückliche Treffen bei Ölper gegen uns bestanden hatte und deshalb von seinem Könige entlassen worden war. Er bat den Herzog, für ihn zu sorgen, und erfrechte sich, an das englische Gouvernement sogar sich wendend, zu äußern, daß er uns absichtlich den Weg freigelassen und unser Entkommen begünstigt habe. Allerdings bleibt sein Verfahren unerklärlich, da es zweifelsohne in seiner Macht stand, uns mit seinem bei weitem zahlreichern Korps, wenn er richtig operiert und bei Ölper unsere linke Flanke bedroht hätte, den Weitermarsch zu versperren oder doch wenigstens durch Flankenstellungen und Parallelmärsche uns aufzuhalten, bis General Gratien herangekommen wäre. Sein Vorgeben erschien wirklich lächerlich, denn welche Motive konnten ihn zu dieser Rücksicht auf uns bewogen haben? Hätte er uns siegreich bekämpft, so konnte er gewiß auf Ruhm und Lohn von seinem Könige rechnen. Welchen Lohn dagegen konnte er vom Herzoge erwarten? Später begab er sich mit seiner Familie nach Amerika. Den 24. Oktober ward das fünfzigjährige Regierungsjubiläum des Königs Georg III. feierlich begangen. Das Regiment sammelte sich und gab im Vereine mit einer englischen Batterie und den Geschützen von Sandownfort eine dreimalige Salve. In Newport war zur Feier des Tages großes Diner, öffentliche Armenspeisung, Ball und Illumination. Nach Beendigung des Diners, an welchem wir teilnahmen, und nachdem das Tischtuch abgeräumt war, wurden viele lärmende Toaste getrunken und dann einige Lieder gesungen. Wir konnten nicht umhin, den dringenden Aufforderungen mehrerer englischer Kameraden nachzugeben, auch uns im Gesange hören zu lassen. Wir warteten mit Schillers Reiter- und Räuberlied auf, und so unvollkommen unser Gesang auch ausfiel, so ernteten wir doch großen Beifall ein und mußten ungeachtet unseres Widerstandes endlich auch das Braunschweiger Lied »Brüder, uns ist alles gleich«, welches unsere Leute selbst gedichtet und komponiert hatten, und das bei seiner Einfachheit doch oft auf dem Marsche, wenn die Kräfte zu erschlaffen anfingen, sobald es von einem angestimmt war und der Chorus sogleich einfiel, alle mit neuem Mut beseelte, Fröhlichkeit verbreitete und die Beschwerden vergessen machte. Den 2. November kam von London die Order, uns zur Einschiffung nach Guernsey, einer der normannischen, dicht an der Nordküste Frankreichs liegenden Inseln, bereitzuhalten, durch welchen Wechsel des Standquartiers wir nur auf eine Verbesserung unserer Lage hoffen konnten. Den 15. gingen wir bei Cowes, einem Städtchen auf Wight, an Bord mehrerer Transportschiffe und segelten den 16. nach Spithead, woselbst wir Portsmouth gegenüber ankerten. Das Regiment war auf vier Schiffe verteilt; das, auf welchem ich mich befand, hatte neun Offiziere und 250 Mann an Bord und führte den Namen Hebe, deren Arme mich aber nicht weich umfingen, denn nur vier Offiziere konnten Kojen (Schlafstellen) erhalten; die übrigen mußten sich mit einem Lager auf dem Fußboden der engen Kajüte begnügen. Obwohl wir durch eigene Erfahrung belehrt waren, daß man sich bei einer solchen Reise gehörig mit Lebensmitteln zu versehen habe, so war doch jetzt ein anderes Hindernis eingetreten, von diesen Erfahrungen Gebrauch zu machen, der gänzliche Mangel an Geld. Einige von uns hatten zwar Barschaft aus Deutschland mitgebracht, sie war aber mit dem hier ausgezahlten Gehalte, bei der Notwendigkeit, uns doch einigermaßen wieder zu equipieren, und bei den teueren Preisen aller Artikel und Lebensmittel daraufgegangen. Die Entfernung von der Insel Wight nach Guernsey ist nicht groß; wir glaubten deshalb, in einem bis zwei Tagen dort zu sein; das tröstete uns, aber wir irrten. Nachdem wir am 17. vergebens auf die Abfahrt geharrt hatten, erschien erst am 18. auf dem Kommandoschiffe das Signal dazu. Wir lichteten die Anker, allein nachdem wir zwei Stunden im Kanal bis gegen Cowes gekreuzt hatten, zwang uns der Wind, wieder nach Spithead zurückzukehren. Am 20. ward die Fahrt fortgesetzt; der ungünstige Wind nötigte uns den ganzen Tag hindurch, in dem engen Kanal zu lavieren und abends wieder in der Bai von Yarmouth auf Wight vor Anker zu gehen. Am 21. war uns endlich der Wind günstig, wir passierten die gefährlichen Klippen (Needles) zwischen Wight und Lymington, erreichten die hohe See, sammelten uns und hielten mit vollen Segeln den graden Strich nach Guernsey. Schon am dritten Tage war der dürftige Vorrat an Lebensmitteln, welchen wir mitgenommen hatten, verzehrt; wir sahen uns jetzt genötigt, mit gewöhnlichen Schiffsrationen vorliebzunehmen. Die Fahrt bot in keiner Hinsicht Annehmlichkeiten dar; nur mit Sehnsucht sahen wir ihrem Ende entgegen. Den 22. morgens lag die normannische Inselgruppe vor uns. Wir passierten, nachdem die Insel Alderney uns zur Linken liegen geblieben, den Petit Ruau, einen engen Kanal voller Klippen zwischen den Inseln Guernsey und dem Felseneiland Herm. Mit einiger Freude blickten wir nach den unsern Augen vorüberfliegenden lachenden Gestaden und ankerten mittags auf der Reede von St. Pierre. Gleich nach Mittag wurden wir ausgeschifft und rückten abends in die, wenige englische Meilen von St. Pierre entfernten, Delancey Barracks ein. Diese Baracken waren zwar auch nur sogenannte temporary barracks, aber bei weitem angenehmer, geräumiger und reinlicher als die verlassenen auf Wight. Sie bestanden aus ungefähr acht um einen großen Platz herumliegenden langen, hölzernen, einstöckigen Gebäuden, in denen auf jeder Seite zwei Reihen Schlafstellen wie in einer Kajüte übereinander angebracht waren. In der Mitte des Zimmers befanden sich Tische und Bänke, am Eingange ein paar kleine Verschläge für den Feldwebel. Jedes dieser Gebäude hatte ungefähr für 150–180 Mann Raum. Die Wohnungen der Offiziere waren mehrere massive zweistöckige Pavillons. Ein jeder von uns erhielt ein Zimmer; zu vier von denselben gehörte eine in einem Ausbau befindliche Bedientenstube. Um die Baracken hatten sich einige Handwerker und Schenkwirte angesiedelt, so daß das Ganze eine kleine Kolonie bildete, welche, isoliert, hart an dem öden Seeufer lag. Das Zimmer, welches ich bewohnte, gewährte eine weite, pittoreske Aussicht. Vor mir lag die Insel Sark, etwas entfernter Jersey und Alderney, und weit über die blaue Meeresfläche hin erblickte ich die am Horizonte aufdämmernde französische Küste, das Kap la Hogue bei Cherbourg. Bei starken Stürmen hatten wir viel zu leiden, der Wind, von dessen Wut und Macht man auf dem Kontinente keinen Begriff hat, drohte oft unsere Häuserchen um- und wegzublasen, den Regen bis in die Zimmer hineindrängend; die Baracken schwankten oft so stark, daß wir in den Betten hin und hergeschaukelt wurden. Die Größe von Guernsey beträgt ungefähr vier deutsche Quadratmeilen. Das Klima der Insel ist höchst angenehm; nur einmal im ganzen Winter trat ein gelinder Frost ein; die Bäume hörten nicht auf zu grünen. Schon im Februar tritt der Frühling ein. Die Einwohner, normannischer Abkunft, deren Zahl sich auf einige zwanzigtausend belaufen mag, sprechen ein schlechtes, unverständliches Patois, welches mit vielen kymmerischen Wörtern vermischt ist. Sie sind sehr gutmütig und zeigten sich gegen uns äußerst zuvorkommend. St. Pierre, die Hauptstadt der Insel, hat einen kleinen künstlichen Hafen und ungefähr 4000 Einwohner. Sie ist irregulär gebaut; ihre größtenteils engen Straßen verlieren sich nach allen Seiten zwischen Gärten und Gebüschen. Die übrigen Bewohner der Insel leben in mehreren kleinen Dörfern und einzelnliegenden Höfen. Ihr Hauptnahrungszweig war zur Zeit unseres Aufenthalts der Schmuggelhandel, welchen sie mit der so nahen französischen Küste treiben. Da überdem die Insel keine Zölle bezahlt, so sind die Lebensmittel auf derselben sehr wohlfeil. Außer einem Überflusse an allem, was das Meer darbietet, hatten wir auch die Kolonialwaren und französischen Erzeugnisse, besonders Weine, sogar Rheinweine zu billigen Preisen, welches mir um so erfreulicher war, als ich dem ohnehin so teuren Portwein keinen Geschmack abgewinnen konnte. Für unsere Leute und leider auch für manche Offiziere war aber die Wohlfeilheit der Spirituosa eine üble Versuchung. Wegen der Nähe der feindlichen Küste glich die ganze Insel einer Festung. An allen geeigneten Punkten des Strandes lagen größere und kleinere Batterien von schwerem Kaliber auf hinreichend beweglichen Lafetten. Die Bewohner waren in Milizregimenter formiert, und außer uns befanden sich noch zwei englische Regimenter hier. Unsere Kavallerie lag zum Teil in schlechten, nicht weit von den unsrigen entfernten Baracken bei dem Cornet Castle. Der Gouverneur der Insel, Generalleutnant Sir John Doyle, ein schon bejahrter Mann, kam uns stets mit ausnehmender Freundlichkeit entgegen. Er zeigte eine besondere Willfährigkeit, uns gefällig zu sein; jedwede Gelegenheit suchte er auf, den neuen Dienst unsern Leuten zu verannehmlichen und sie mit dessen Formen bekannt zu machen. Selbst so manche Beschwerde, welche über uns geführt wurde, und die Schlaffheit, mit der wir uns anfangs dem neuen Friedensdienste widmeten, schien dem Korps wenig von seiner Gunst zu rauben. Mit dem auf der Insel stationierten Admiral Herzog von Bouillon kamen wir nur selten in Berührung. * Große Freude erweckte es in uns allen, als wir gleich in den ersten Tagen nach unserer Ankunft auf Guernsey in der Hofgazette, einem offiziellen Blatte, lasen, daß wir in die englische Armee als eine für sich bestehende Abteilung aufgenommen worden wären. Durch diese Veröffentlichung, welche zugleich die Namen der Offiziere und die Reihenfolge ihrer Patente enthielt, ward uns die angenehme Beruhigung, daß die Unabhängigkeit des Korps gesichert sei; unter welchen Bedingungen aber die Aufnahme stipuliert worden, was wir von der Zukunft zu erwarten hätten, was im Falle eines Friedens aus uns werden sollte, blieb uns freilich noch unbekannt. Erst einige Wochen nachher erfuhren wir, daß die Aufnahme und Formation des Korps nach folgenden von dem Herzoge mit dem englischen Gouvernement abgeschlossenen Bestimmungen stattgefunden habe: 1. Das Korps wird in ein Infanterieregiment von 12 Kompagnien und in ein Husarenregiment von 6 troops nach dem unten angeführten Etat formiert. 2. Das Korps ist verbunden, an jedem Orte zu dienen, wo Se. Majestät der König es angemessen finden wird selbiges zu verwenden. 3. Die Offiziere sollen in der Armee nach den Patenten rangieren, die Se. Majestät einem jeden derselben erteilen wird. 4. Die zu dem Korps gehörige Mannschaft, welche sich gegenwärtig schon in England befindet und späterhin noch demselben einverleibt werden dürfte, soll nach den Vorschriften, welche die in Kraft stehenden Kriegsartikel für die Ordnung der in Sr. Majestät Diensten befindlichen fremden Korps vorschreiben, angeworben und attestiert, jedem ein Handgeld (bounty) von vier Guineen ausgezahlt werden, von welchem für ihn alle die necessaries (kleinen Montierungsstücke) und Bedürfnisse anzuschaffen sind, mit denen ein englischer Rekrut versehen wird. Sie sollen auf sieben Jahre und zwar für allgemeinen Dienst (general service) in jedem Weltteile engagiert werden und, im Fall Großbritannien bei dem Ablauf dieser Periode Krieg führen sollte, verbunden sein, ohne ein weiteres Handgeld bis sechs Monate nach der Ratifikation eines definitiven Friedensabschlusses zu dienen. 5. Diejenigen Offiziere, welche einen Zeitraum von fünf Jahren in Sr. Majestät Dienst gestanden haben, sollen im Falle einer Reduktion zu einer jährlichen Geldbewilligung (allowance) berechtigt sein, die jedoch nicht den half pay übersteigen kann, welcher britischen Offizieren von gleichem Range bewilligt wird; diejenigen aber, welche eine kürzere Zeit als fünf Jahre gedient haben, sollen nur auf eine im Verhältnis zu ihrer Dienstzeit passende allowance Anspruch haben. 6. Die zu dem Korps gehörigen Offiziere, welche durch Wunden und andere Gebrechen, die sie sich bei Verrichtung ihres Dienstes zugezogen haben, dienstunfähig geworden sind, sollen zu einer dem half pay gleichen allowance berechtigt sein; – die Unteroffiziere und Soldaten aber, welche auf solche Art dienstunfähig geworden, sollen vom Gouvernement eine jährliche allowance oder statt dessen eine Summe Geldes als Abfindung sowie eine Beihilfe zu den Reisekosten erhalten, um in ihre Heimat zurückkehren zu können. Alle Individuen, welche einen Anspruch auf die vorerwähnten allowances erhalten, sollen dieselben nicht beziehen können, wenn sie nicht in England wohnen oder von Sr. Majestät Erlaubnis erhalten, dieselben auf dem Kontinente verzehren zu dürfen, in welchem letzteren Falle sie allen den Vorschriften und Beschränkungen unterworfen sind, die für solche Zahlungen zu erlassen von Zeit zu Zeit für nötig erachtet werden möchten. 7. Das Korps soll vom 25. September 1809 an in Hinsicht der Zahlungen und allowances wie ein englisches angesehen, behandelt und von diesem Tage an auf den Etat der Armee gestellt werden, auch in jeder Hinsicht den Orders und Bestimmungen unterworfen sein, welche gegenwärtig in Kraft sind oder künftig für die Leitung der ausländischen Korps in Sr. Majestät Dienst gegeben werden. 8. Se. Majestät behalten Sich vor, das Korps zu jeder Zeit aufzulösen, sobald Sie dessen Dienstleistungen nicht mehr bedürfen. Diese Bedingungen mußten wohl um so mehr im Korps als höchst liberal anerkannt werden, da diejenigen Offiziere, welche zufolge des festgesetzten Etats nicht in den beiden Regimentern Anstellung fanden und somit eigentlich gar nicht in den Dienst traten, dennoch sogleich den half pay (zwei Dritteil des Gehalts) bewilligt erhielten. Auch ward uns gestattet, zur Ergänzung der Mannschaft zwei Offiziere nach Helgoland und Harwich auf Werbung schicken zu dürfen. Die schwarze Uniform der beiden Regimenter ward nicht verändert; nur die mit Büchsen bewaffneten Jäger (rifle company) erhielten grüne Kolletts mit blauem Kragen, die Offiziere der Infanterie silberne, die der Kavallerie goldene Abzeichen. Das Material zu der Bekleidung und neuen Armatur ward von London aus dem Korps gesandt, woher auch die Offiziere ihre Tschakos und Säbel, freilich zu einem hohen Preise, empfingen. Mein Gehalt betrug täglich eine halbe Guinee (ca. 10 Mark 50 Pf.); außerdem wurden uns jährlich noch 20 Pfund sogenannte non effective allowances ausgezahlt. Ich war im 27. Lebensjahre, bekleidete den Grad eines Kapitäns, hatte eine Kompagnie, und meine Zukunft war gleichfalls gesichert. Ich hätte jetzt mit meinem Lose zufrieden sein können, wenn nicht durch den Gedanken an mein unglückliches Vaterland und an die hilflose Lage der Meinigen im fernen Schlesien die sorgenfreie Gegenwart auf dem schönen Guernsey getrübt wäre. Wenn zuweilen die Musik ein altes, bekanntes Stück aus dem deutschen Vaterlande spielte, überfiel mich eine schmerzliche Sehnsucht nach der Heimat; Erinnerungen an dort so fröhlich verbrachte Stunden tauchten dann in mir auf und bewegten mein Herz. An öffentlichen Lustbarkeiten, welche in St. Pierre stattfanden, nahm ich wenig teil, denn große Gesellschaften hatten mich nie angezogen. Die Bälle waren dort nichts weniger als unterhaltend, die Musik erbärmlich, nur wenige der Damen anziehend, die Tänzer ließen viel zu wünschen übrig. Dabei war es Sitte, mit derselben Tänzerin zwei Tänze hintereinander zu tanzen. Die englischen Offiziere sprangen und hüpften unbeholfen ihre Touren in einer Art Kontertanz ab. Sie dünkten sich mit den drei langen, schwarzen Bändern, welche über den Kragen auf ihren Rücken herunterhingen und beim Tanze wie Schiffswimpel horizontal in der Luft flatterten, nicht wenig elegant. Das Walzen kannte man damals noch gar nicht. Vieles Interesse gewährte mir meine Aufnahme in den Freimaurerorden, wozu die hier befindliche altschottische Loge Gelegenheit gab. Mein Vater war ein eifriger Maurer gewesen; seine geheimnisvollen und ehrerbietigen Äußerungen über den Orden hatten schon früher das Verlangen in mir rege gemacht, in denselben aufgenommen zu werden. Den Eintritt hielt ich bei der Verbreitung des Ordens über den ganzen Erdball für ein passendes Mittel, mit rechtlichen Männern überall enger bekannt zu werden und in bedenklichen Lagen des Lebens dem Brüder Mithilfe zu leisten. Die Aufnahme erfolgte; ich erhielt in kurzem drei Grade. Mehrere meiner Freunde ließen sich gleichfalls aufnehmen, welche Verbrüderung bald zu einigen engeren, vertrauten Zusammenkünften unter uns Veranlassung gab. Aber hierdurch entstand bei vielen Offizieren der Verdacht, daß wir uns der Maurerei zur Erreichung unserer Zwecke bedienen und förmlich eine Partei dadurch konstituieren wollten, weshalb wir eine Zeitlang viele Anfeindungen zu erdulden hatten. So manche Mißverhältnisse, welche im Februar 1810 in den beiden Regimentern entstanden, machten es wünschenswert, den Herzog zu vermögen, nach Guernsey herüberzukommen, um selbige auszugleichen und eine strengere Ordnung und Disziplin einzuführen. Kapitän von Lüder, ein feingebildeter, angenehmer Mann, ward diesem gemäß nach London gesandt. Sein Bericht über den Zustand des Korps, welchen er dem Herzoge unumwunden abstattete, hatte den besten Erfolg. Schon am 2. März langte der Herzog im Hafen von St. Pierre an. Mit kräftiger Hand griff er sogleich ein, ordnete die dringendsten Angelegenheiten und schlichtete, Eintracht wiederherstellend, die obwaltenden Zwistigkeiten. Sein so sehr Liebe und Zuneigung erweckendes Benehmen beseelte uns alle mit neuem Mute und Vertrauen. Er hielt es für notwendig, mehrere Änderungen in der Besetzung verschiedener Kompagnien vorzunehmen, wodurch auch ich berührt wurde. Die grüne Jägerkompagnie war, wie ich schon oben erwähnt, verwildert, und da, wie wir wußten, ihr früherer Führer, Kapitän von Döbell, an seinen bei Halberstadt erhaltenen Wunden nicht gestorben, sondern geheilt und nach Frankreich gebracht war, so hatte der Herzog ihn mit in die Liste aufgenommen und ihm die Kompagnie belassen, welche inzwischen ein junger Leutnant kommandierte, der jedoch die erforderliche Strenge gegen die Mannschaft nicht zeigte. Der Herzog hielt es daher für angemessen, sie der Führung eines andern zu übergeben, und die Wahl fiel leider auf mich. So ehrend dies Vertrauen immer war, so schmerzte es mich recht, meine bisherige Kompagnie, deren Anhänglichkeit und Zuneigung ich durch eine stets angelegentliche Vorsorge für dieselbe gewonnen hatte, jetzt zu verlieren. Meine Gegenvorstellungen halfen nichts, ich mußte mich fügen und an das schwere Werk gehen, durch Festigkeit, Beharrlichkeit und Strenge die so verwöhnte Mannschaft wieder in Ordnung zu bringen. Der Herzog ließ während seiner Anwesenheit unser Regiment täglich exerzieren, wobei es denn oft tüchtige Zurechtweisungen gab. Eine Revue vor dem Gouverneur fand gleichfalls in dieser Zeit statt. Freilich erschien das Korps noch nicht völlig equipiert, da mehrere Kompagnien ihre neuen Montierungen sowie alle die neuen Tschakos bis dahin nicht erhalten hatten, doch bildete das Ganze keinen unimposanten Anblick. Die Kavallerie paradierte zu Fuß; die Form der Inspektionsabnahme war uns noch neu. Hinter einer Spitze von drei Dragoner- und drei Generalstabsoffizieren kam nach dem Platze der Gouverneur, von den übrigen Offizieren und einer Eskorte gefolgt, auf einem kleinen, feurigen, mit einem Halfter von breitem weißem Bande geschmückten Andalusier. Mit entblößtem Haupte hielt er vor der Front des Korps, bis der erste Teil des God save the King gespielt war; dann ritt er, nachdem geschultert, kurbettierend und traversierend auf 50 Schritt Entfernung ebenso längs der Linie hinunter und hinter der Front zurück, worauf im langsamen und geschwinden Schritt bei ihm vorbeimarschiert wurde. Als dieses geschehen, ließ er das Korps einen Kreis formieren und hielt eine Rede, die einer seiner Adjutanten, ein Deutscher, verdolmetschte, in welcher er uns einige freilich unverdiente Lobsprüche über die Fortschritte in unserm Exerzitium erteilte. Nachdem er die Leute gefragt, ob jeder seine kleinen Montierungsstücke (necessaries) und sein Traktament richtig erhalten, sich auch einige der ersteren hatte zeigen lassen, war die Revue beendet. Der Herzog besuchte uns in den Baracken sehr oft, es nicht verschmähend, mit an unserm frugalen Tische zu speisen, und gab selbst häufig Diners, bei welchen unsere Musikbande beliebte Stücke, besonders deutsche, spielen mußte. Die Gespräche des Fürsten bei diesen Gelegenheiten verrieten nur zu deutlich, daß er noch fortwährend hoffte, wieder einmal in Deutschland gegen Frankreich kämpfend aufzutreten. War während der Unterhaltung von einem solchen Kriege die Rede, so verklärte sich augenblicklich sein Antlitz; seine großen Augen glänzten dann hell und feurig, und in seinen Mienen und Worten sprach sich der Eifer, ja die Begeisterung aus, in welche er dadurch sogleich versetzt wurde. Nachdem er beim Korps vier Wochen verweilt hatte, reiste er im Anfange April nach London zurück, uns beim Abschiede auf das angelegentlichste zur Eintracht und zur Applikation für den englischen Dienst ermahnend. * Schon oft hatten uns Gerüchte verkündet, daß wir bald Guernsey verlassen würden, als den 21. April plötzlich eine Order erschien, durch welche der Infanterie befohlen ward, sich zur Einschiffung bereitzuhalten. Wohin unsere Fahrt gehen sollte, war nicht gesagt worden. Einige der Kameraden meinten, nach Sizilien, andere, um eine Expedition nach der Ostsee zu unterstützen, noch andere, nach Portugal zu Lord Wellingtons Armee. Die Nachricht weckte zwar in uns Freude, denn sehnlichst wünschten wir in Tätigkeit zu kommen; sie setzte uns zugleich aber in nicht geringe Verlegenheit, da wir, teils durch die Anschaffung der neuen Bekleidung, teils auch durch die dargebotenen wohlfeilen Genüsse verleitet, uns alle in Schulden gesteckt hatten, welche vor dem Abgange bezahlt werden mußten. Und in England bezahlt nicht, wie der deutsche Soldat zu sagen pflegt, der Tambour. Kann der Offizier seine Verpflichtungen nicht erfüllen, so klagt der Gläubiger; das Zivilgericht beauftragt den Konstabler, den Schuldner zu verhaften, und wenn dieser mit seinem Stäbchen in des Königs Namen jemanden, selbst den Offizier im Dienst, berührt, muß er gehorchen und folgen. Das Regiment nimmt von seiner Verhaftung keine Notiz, es führt ihn als absent without leave (ohne Urlaub abwesend) auf; findet er sich aber binnen Jahresfrist nicht wieder ein und rechtfertigt sich nicht, so wird er ohne weiteres; aus den Listen gestrichen und als nicht mehr zum Regimente gehörig angesehen. Das wäre für uns ein übles Schicksal gewesen. Aber wir trösteten uns doch damit, daß bei der Einschiffung nach einer auswärtigen Station den Offizieren ein bedeutendes Einschiffungsgeld (einem Kapitän 42 Pfd. 10 Sh., einem Subalternen 8 Pfd. 10 Sh.), auch wohl der Gehalt für ein paar Monate vorgeschossen wird, welches erstere Geld, wie wir erfahren hatten, für uns angewiesen war und zur Auszahlung bereitlag. Aber wie vom Schrecken waren wir gelähmt, als am 6. Mai eine andere Order erschien, welcher gemäß das Korps nicht getrennt, sondern die Infanterie und Kavallerie nach Irland nur übergeschifft werden sollte, um die letztere alldort beritten zu machen. Diese neue Bestimmung des Gouvernements zerstörte mit einem Male unsere Hoffnungen. Jetzt war, sprichwörtlich zu reden, Holland in großer Not, denn von embarcation-money konnte nicht mehr die Rede sein. In dieser Not gab es nur ein Auskunftsmittel: gemeinschaftlich eine solidarische Anleihe zu dem Betrage von 1600 Pfd. für das Regiment zu kontrahieren. Dies gelang uns glücklicherweise durch Mitwirkung des Herzogs bei dem Bankier Bishop gegen monatliche Rückzahlung von 100 Pfd., wodurch wir denn aus unserer Not befreit waren. In der Nacht vom 26. zum 27. Mai segelten wir ab, das liebliche Guernsey, auf welchem wir fünf Monate verweilt hatten, für immer verlassend. Das Regiment war auf die Transportschiffe Robert, The Brothers, Titus und Trafalgar verteilt, auf welchen dasselbe hinlänglichen Raum fand. Wir würden die Fahrt schnell beendet haben, wenn nicht eins jener Schiffe ein schlechter Segler gewesen und so zurückgeblieben wäre, daß wir oft die Segel einziehen, abends gar beilegen und auf dasselbe warten mußten. In der Stille der Nacht glitten dann die vier Riesenmassen hinter unserm Commodore, der Brigg Port Mahon, welche mit ausgehangenen Laternen die Bahn vorzeichnete, auf den dunklen Meereswogen langsam dahin. Den 28. fuhren wir in weiter Entfernung den Scillyinseln vorbei. Am Morgen des 30. erblickten wir die Küsten Irlands, und schon nachmittags liefen die Schiffe in den von zwei hohen Bergen eingeschlossenen engen Eingang des Hafens von Cork ein, welcher, von der Natur gebildet, einer der größten und tiefsten ist. Bei dem Flecken Cove Cork gingen wir vor Anker. So vielversprechend die pittoresken, reizenden Aussichten waren, die sich in steter Abwechselung vom Meere dem Auge darboten, so sehr wurden unsere Erwartungen herabgestimmt, als wir das Land betraten und in dem Flecken Cove neben einigen hübschen Häusern in schmutzigen Straßen einen Haufen von Lehmhütten fanden, deren hohläugige, abgerissene Bewohner mit Schweinen und Hühnern gemeinschaftlich in den unreinlichen Stuben lebten, Überraschungen, die schmerzliche Erinnerungen an das eben erst verlassene Guernsey erweckten. Nachdem den 31. morgens die Truppen ausgeschifft waren, traten sie noch an demselben Tage den Marsch nach der 21 englische Meilen entfernten Stadt Fermoy, ihrem Bestimmungsorte, an. Der Weg dahin wurde bald sehr einförmig; eine staubige Chaussee zog sich zwischen kahlen Bergen, langen Torfmooren und öden Steppen hin, in welchen ärmliche, mit Stroh bedeckte Lehmhütten ohne Fenster zerstreut lagen; nur selten erfreute uns der Anblick eines einladenden cottage oder gentleman-house mit seinem Parke. Die Ungewohnheit, der Staub und die Hitze, die Länge des Weges ließen den Marsch nur sehr langsam von statten gehen, so daß das Regiment erst gegen 11 Uhr abends in Fermoy anlangte. Die Stadt liegt in einem anmutigen Tale, an dem ziemlich breiten Flusse Blackwater. Sie besteht eigentlich nur aus einer einzigen gutgebauten Straße, um welche eine Menge Hütten herliegen. Auf dem nördlichen Ufer des Flusses, über den eine schöne, wohl über 100 Schritt lange steinerne Brücke führt, liegen auf einer Höhe die großartigen, dreistöckigen kings-barracks, ein offenes Karree bildend, dessen vierte Seite nach der Stadt zu durch eine Mauer geschlossen ist. Da aber dieselben noch englische Truppen innehatten, so mußten wir uns vorläufig wieder mit temporary barracks, d. h. schlechten und unbequemen Häusern, welche in der Stadt lagen, begnügen. Die Gegend längs dem Flusse ist hübsch und bietet einige romantische Partien und Spaziergänge dar, aber man durfte es nicht wagen, die Nähe der Stadt zu verlassen und weitgelegene Orte zu besuchen, da das Übelwollen der Einwohner Vorsicht erheischte. Selbst in der Stadt konnte man nicht ohne Gefahr die kleinen Straßen im Dunkeln betreten, in denen, wenn man sie am Tage durchschritt, die Bewohner lauernd und drohend aus ihren ärmlichen Hütten hervorglotzten; ward die Post doch beinahe in der Stadt angefallen. Diese so ungünstige Stimmung der Iren gegen das Gouvernement und Militär bewog mich, auch mein Vorhaben, weitere Ausflüge in das Land zu machen, besonders den reizendsten und romantischsten See Großbritanniens, den Cough Killarney, mit seinen vielen kleinen Eilanden zu besuchen, aufzugeben. Eine kleine Reise jedoch machte ich in Begleitung des Oberstleutnants Korfes, um dem Distriktsgeneral Graham zu Cork einen Besuch abzustatten. Cork ist eine ansehnliche, größtenteils schön gebaute Stadt, die zweite im irischen Königreiche, welche an 100 000 Einwohner zählt. Auch hier erregten wir durch unsere Kutkas, Bärte und Roßschweife das Staunen und den Humor von jung und alt; ein Schwarm von gaffendem Bettelvolk und schreienden Gassenjungen wich belästigend nicht von unseren Fersen. General Graham, Oberst Power, Major O'Brien zeigten sich uns äußerst zuvorkommend, ihre Bewirtung war vorzüglich. Ein anderer Ausflug war ein Ritt nach dem ungefähr 20 Meilen entfernten Mallow, woselbst der größere Teil unserer Kavallerie sein Standquartier hatte. Der Ort, welcher am Blackwater liegt, ist ein freundlicher, gutgebauter Flecken, der eine berühmte Heilquelle besitzt, die besuchteste in Irland. Das Regiment lag jetzt vollständig in ebenso geräumigen als schönen kings-barracks, in welchen Zwei Subalternoffiziere, ingleichen jeder Kapitän ein großes Zimmer, ein Stabsoffizier deren zwei bewohnten. Das Zusammenliegen daselbst mit englischen Truppen, das tägliche Exerzieren neben denselben veranlaßte den Oberstleutnant Korfes, den Dienst mit vielem Eifer zu betreiben, um nicht zu sehr gegen sie zurückzustehen. Aber man vermißte in der Führung des Kommandos eine hinlängliche Energie und Ausdauer; die Fortschritte, welche wir machten, waren nicht befriedigend, und ungeachtet alles Antreibens des Brigadiers, Generals von Bock, im Üben des Dienstes blieb die Ausbildung des Regiments nur unvollkommen. Die von jenem häufig angeordneten Paraden, Inspektionen und Revuen erwarben sich nicht immer den vollen Beifall des Generals. Leider zeigte sich die Mannschaft, obwohl sie geräumig und gut in den Baracken lag, auch sich ihre Verpflegung wohlfeil beschaffte, dennoch unzufrieden. Viele begingen so grobe Exzesse, daß wir uns endlich nach langem Widerstreben genötigt sahen, zu öffentlichen Stripsparaden unsere Zuflucht zu nehmen. Sogar Desertion fing an sich zu zeigen. Wohin jene Ausreißer in einem vom Meere ganz umgebenen, vom Kontinente damals völlig abgesperrten, ihnen in Sprache und Sitte fremden Lande sich begeben konnten, war beinahe unbegreiflich; wahrscheinlich gingen sie nach den Seehafen, um sich dort auf einem Schmuggelschiffe zu vermieten und von diesem bei günstiger Gelegenheit ihre Rückkehr nach Deutschland zu versuchen. Doch auch die englischen Regimenter litten in Irland viel durch Desertion; der Polizeianzeiger in Dublin (The Public Hugh and Cry) vom 8. September 1810 enthielt die Namen von 157 Soldaten, die vom Monat April bis August jenes Jahres desertiert waren. Und es schien das Leben vieler Offiziere sich wieder so wie auf Wight und Guernsey zu gestalten. Duelle waren an der Tagesordnung; sie hatten jedoch immer nur mehr oder minder schwere Verwundungen zur Folge. Ich wohnte anfangs mit einem Teile dieser meiner Kameraden in einer Baracke; unsere Zimmer lagen längs eines Korridors, nach welchem hin die Türen sich öffneten. Eine sonderbare Unterhaltung dieser Herren war, daß sie zuweilen des Abends bei einem Glase Wein in einem der größten Zimmer mit Pistolen nach einer Scheibe schossen, so daß die Kugeln durch die Tür über den Korridor flogen und man daher nur mit einiger Vorsicht zu seinem Zimmer gelangen konnte. Da ich nicht gern an solchen Vergnügungen teilnehmen mochte, so suchte ich bald eine andere Wohnung und trennte mich von der mir so wilden Welt. Die Nachsicht, welche Korfes zeigte, hatte aber auch auf die übrigen Dienstzweige keinen günstigen Einfluß. In den aufgestellten Listen, Eingaben, Berechnungen herrschte oft Verwirrung. Der Regimentsadjutant barg sein ganzes Bureau in einer alten, hölzernen Kiste ohne Deckel, die er, wenn er ein Papier suchte, umstürzte und unter der Masse von herauspolternden Dienstpapieren, Noten, Blumen, Spielkarten, Privatbriefen herumwühlte und nicht selten vergebens suchte. Einst vermaß er sich, da er glaubte, den Ort zu kennen, wohin die Deserteure ihren Weg nahmen, wenn wieder einer fortginge, ihn gleich zurückzubringen. Als sich dieses bald darauf ereignete, setzte er sich zu Pferde und ritt im Galopp von dannen. Nach einigen Tagen kehrte er erschöpft, ohne den Entflohenen eingeholt zu haben, zurück. Derselbe ward bald nachher eingebracht; bei seinem Verhör sagte er aus, daß er wirklich den Ort erreicht gehabt hätte, welcher von unserm Adjutanten als der Schlupfwinkel der Ausreißer bezeichnet worden war. Ersterer behauptete zwar, daß die Angabe unwahr sei, indem er den Weg dahin genau überwacht habe, auf welche Entgegnung der Deserteur erwiderte, daß es sich dennoch so verhalte, er habe ja vor der Tür des Wirtshauses gesessen, als der Herr Adjutant dort angekommen und abgestiegen sei und ihm sogar das Pferd zum Halten gegeben. Dieses erwies sich auch bald. – Der Zahlmeister Frotté war ein guter Kamerad und angenehmer Gesellschafter, aber höchst unordentlich und seinem allerdings weitläufigen und verwickelten Geschäfte nicht gewachsen. Er sprach das Französische gut, das Englische ziemlich, das Deutsche sehr schlecht. An die Stelle des Quartiermeisters O'Hehier kam ein junger Deutscher, Bayer, von der Insel Rügen gebürtig, welcher indes auch bald von uns schied. Eine niederschlagende Nachricht teilte der Herzog uns von London in dieser Zeit mit: daß das Gouvernement kein Avancement im Korps genehmigen wolle, bevor nicht alle auf half pay gesetzte« überzähligen Offiziere einrangiert seien; wir befanden uns diesem nach in der nicht angenehmen Erwartung, noch einige Kavallerieoffiziere, besonders Kapitäne, in die Infanterie eingeschoben zu erhalten; doch gab das Gouvernement endlich nach, und es avancierten zwei Leutnants zu Kapitänen, unter ihnen mein inniger Freund Wolffradt. Endlich, nach langem Harren, erhielt ich einen Brief von den Meinigen aus Schlesien, der mir eine nicht zu schildernde Freude gewährte. Freilich befanden sie sich noch in sehr bewegten Verhältnissen, aber sie waren doch wohl und hatten meine an sie von Wight und Guernsey abgesendeten Briefe und Spenden erhalten. Mein Bruder drückte den sehnlichsten Wunsch aus, mir nachkommen zu dürfen; gern würde ich ihm hierin gewillfahrtet haben, da sich bei uns genug Aussicht für sein Fortkommen darbot, wenn ich nicht Bedenken getragen hätte, die gute Mutter ganz allein zu lassen. Mit den Offizieren der englischen Truppen und selbst mit den deutschen der hier liegenden Dragonereskadrons der Legion kamen wir, ungeachtet des nahen Zusammenlebens, wenig in Berührung. Von den oft stattfindenden Bällen, die, soviel ich vernahm, sehr langweilig sein sollten, hielt ich mich teils aus Mangel an Neigung dazu, teils wegen der Kosten fern. Im Kreise einiger gleichgesinnter Freunde fühlte ich mich zufrieden. Unser Husarenregiment erhielt auch in dieser Zeit die ersten Pferde; da es aber immer noch ein Jahr dauern durfte, ehe dasselbe marschfertig sein konnte, und bei der fortdauernden Vereinigung mit selbigem auch uns ein so langer Aufenthalt hier bevorstand, so richtete ich mich recht wohnlich ein, kaufte Bücher und Zeichenmaterialien, studierte Mathematik und neuere Sprachen, um meine Zeit nützlich und angenehm hinzubringen. Aber ich hatte mich getäuscht, denn am 8. August erschien plötzlich der Befehl, daß das Infanterieregiment sich zur sofortigen Einschiffung nach Lissabon bereithalten sollte. Eine allgemeine Freude hierüber verbreitete sich unter uns allen, denn jener so sehnliche Wunsch, in ordentliche Tätigkeit uns wieder versetzt zu sehen, ging endlich, nach langem Hoffen, in Erfüllung. Die Nachricht von der Ankunft der Transportschiffe langte am 2. September an, und den 4. desselben Monats nachts 12 Uhr brachen wir in zwei Kolonnen geteilt nach Cove Cork auf, welches wir um 11 Uhr morgens des folgenden Tages erreichten. Die Boote warteten bereits auf uns; in einer halben Stunde war das Regiment auf vier Schiffen: Wolga, Francis and Eliza, Ellert und Voyager ziemlich bequem embarkiert. Wir hatten darauf gerechnet, die embarcation-allowances und einen zweimonatlichen Gehalt, wie es gebräuchlich ist, vor der Einschiffung zu empfangen, um von einem Teile dieser Summe einen Stock zum Einkaufe von Lebensmitteln zu bilden. Der Zahlmeister Frotté war deshalb kurz vor unserm Abmarsch aus Fermoy nach Cork zur Empfangnahme dieses Geldes gegangen, hatte aber, um solches zu erhalten, die dazu nötigen Vorschritte zu tun versäumt. Mit einer wahren Sehnsucht harrten wir seiner, als das Regiment in Cove Cork angekommen war. Er ließ sich indes nicht sehen, und erst in dem Augenblick der Abfahrt kehrte er mit der tröstlichen Nachricht zurück, daß wir in Lissabon das Geld noch empfangen würden. Wir konnten daher nur einen äußerst dürftigen Stock anlegen. Am 7. morgens lichteten unsere Transportschiffe die Anker, von der konvoyierenden Fregatte geführt. Ein frischer Südost begünstigte die Fahrt; schon am 10. abends kündeten die sich hochtürmenden, rollenden Wogen uns an, daß wir die Bai von Biscaya erreicht hatten, die selbst der Kapitän und Steuermann als eine very troublesome sea bezeichneten. Immer mehr nahm jetzt das Schwanken des Schiffes zu, endlich warf es sich fortwährend von einer Seite zur andern, so daß die Segelstangen jedesmal ins Meer tauchten. Diese Bewegung wird rolling genannt, wogegen die, wo Vorderteil und Hinterteil abwechselnd sich hoben und sanken, pitching heißt. Die ganze Nacht wurden wir in unseren Schlafstellen hin- und hergeworfen, und als ich am 11. morgens das Verdeck bestieg, bot sich mir ein grauenvoll-erhabener Anblick dar. Der Himmel war trübe, ein starker Wind heulte aus Westen, hohe Wogen türmten sich um uns her, auf deren schäumenden Flächen die Schiffe gleich Nußschalen tanzten. Alle Segel bis auf zwei waren eingezogen, und dennoch legten wir 9 bis 10 Meilen in der Stunde zurück. Zuweilen überfiel mich ein gewisses Bangen, wenn einer der hohen Wasserberge, die uns überall umgaben, wie eine senkrechte Wand auf das Schiff heranbrauste, dasselbe auf die Seite legte und darüber hinzustürzen drohte, aber im Augenblick der Berührung sich ebnete und das Schiff daran hinaufglitt; wir sahen dann von der schwindelnden Höhe hinab in die Abgründe und glitten auf der anderen Seite wieder in die Tiefe. Endlich am 12. morgens wurden Wind und Wellen schwächer, das Schaukeln geringer, und schon eine mildere Temperatur empfing uns. Den 14. morgens zeigte sich im Osten Land; vor uns lagen die kleinen, felsigen Borlingsinseln, zwischen denen und der Küste unsere Schiffe wegen der eingetretenen Windstille erst gegen Abend zu fahren imstande waren. Den 15. um Mittag hatten wir die Höhe des Kap Roca, eines unweit der Mündung des Tajo liegenden Vorgebirges, erreicht. Bei einem frischen Winde wären wir nun in drei Stunden im Hafen von Lissabon gewesen; aber nicht ein Lüftchen regte sich, das Meer war glatt wie ein Spiegel, das Schiff haftete mit schlaffen Segeln auf einer Stelle, und wir gaben die Hoffnung auf, noch vor Anbruch der Nacht einzulaufen und somit eine der prachtvollsten Ansichten der Welt, welche nach allen Beschreibungen jene Einfahrt in den Hafen der Hauptstadt des portugiesischen Königreichs darbietet, zu genießen. Mißmutig über diese getäuschte Erwartung, ordnete ich eben in der Kajüte meine Effekten zur Ausschiffung, als ich über mir ein Gepolter, Prasseln und Rufen vernahm. Ich eilte schnell aus der Kajüte. Auf dem Verdeck erfuhr ich, daß ein junger Offizier vom Regimente, Leutnant von Unruh, sich soeben von der Galerie, auf welcher er eine geraume Zeit gedankenvoll umhergegangen sei, plötzlich ins Meer gestürzt habe. Einige Matrosen sprangen sogleich dem Unglücklichen nach; ein Boot, in welchem leider ein großer Teil unserer Fayence sich befand, ward schnell herabgelassen. Kaum war aber der Lebensmüde im Wasser untergetaucht, als er wieder emportauchte und mit allen Kräften zu rudern anfing, welches unseren menschenfreundlichen Matrosen bei dem ruhigen Meere sehr zustatten kam. Es gelang ihnen, unseren Kameraden bald zu retten. Hätte er seiner Verzweiflung in der Bai von Biscaya Raum gegeben, so wäre der Vorsatz besser gelungen, denn dort gab es keine Rettung. Indessen hatte der Schrecken und die furchtbare Taufe bei ihm ein Delirium zur Folge, so daß ich ihn sorgfältig bewachen lassen mußte. Zu unserer Freude fingen nachmittags plötzlich die Wellen sich zu kräuseln an, ein frischer Nordwest schwellte die Segel, pfeilschnell umschifften wir jetzt den hart am Gestade liegenden Flecken Cascaes und liefen zwischen den beiden Forts Bugio und dem S. Julião in den von unzähligen Schiffen bedeckten Tajo ein, im Hintergrunde das amphitheatralisch gebaute Lissabon, von seinem Kastell überragt, erblickend. Ein tausendfacher Donner folgte den Salutschüssen unserer Fregatte und der Forts. Der deutsche Zuruf: »Willkommen, Braunschweiger!« erscholl von den Wällen S. Juliãos, dessen Kommandant ein Deutscher mit Namen Cleves war, und durchzuckte elektrisch unsere Brust. Das Gestade zeigte sich dem Auge in unendlicher Mannigfaltigkeit. Felsen und lange Küstenbatterien wechselten mit Weingärten, Lorbeeren-, Kastanien-, Myrten- und Orangengebüschen ab; Quintas (Villen), Gärten, Dörfer und Flecken, von dem magischen Lichte einer südlichen Sonne bestrahlt, belebten den wunderbaren Anblick. Um fünf Uhr warfen wir dicht unter dem Kastell Anker; eine Unzahl von Booten, in denen die schönsten Trauben, Melonen, Feigen, Pfirsiche aufgehäuft lagen, umschwärmten unsere Schiffe. Für einen Schilling erhielten wir eine große Menge dieser labenden Früchte. Sehnsüchtig eilte ich mit Kapitän von Hertell und Leutnant von Eschwege, welcher letztere seinen Bruder, den bekannten Geologen, aufsuchte, in die Stadt, von welcher wir wegen der schon eingebrochenen Dunkelheit zwar wenig sahen, doch durch die Geruchsnerven genug empfanden. Mit Mühe erfragten wir die Prada de S. Paulo und das in derselben gelegene Hotel Casa Allemanja, an welches von Eschwege adressiert war. Obgleich ich schon in Irland mich mit der spanischen und portugiesischen Sprache zu beschäftigen angefangen hatte, so wollte meine so schön auswendig gelernten Phrasen doch niemand verstehen. Auf alle Fragen erhielten wir nur das »No entiendo« zur Antwort. Ärgerlich hierüber beratschlagten wir in deutscher Sprache, was zu tun sei, als ein kleiner, neben uns stehender Junge rief: »Wenn Sie, meine Herren, Deutsch können, so sprechen Sie doch Deutsch; hier im Hause sind lauter Deutsche!« In demselben Augenblick trat der Wirt zu uns und präsentierte sich als Herr Lohmeyer aus Böhmen; seine Frau war gleichfalls eine Deutsche. Zur Rückkehr nach den Schiffen war es schon zu spät und finster geworden, wir beschlossen daher, bei unserm deutschen Gastwirt die Nacht zu bleiben. Nach einem reichlichen, schmackhaften Mahle glaubten wir in den guten Betten eine langentbehrte, sanfte Ruhe zu finden, aber das ungewohnte Geräusch auf dem Platze, die rasselnden Wagen, das Geklapper der Kavalleriepatrouillen, noch mehr aber die Blutgier einer Legion brauner, sechsfüßiger Springer ließ uns Müden keinen Frieden. Wir brachten die Nacht meist schlaflos zu. Mit Hilfe einer großen Anzahl von Booten der englischen Kriegsschiffe, welche im Tajo lagen, geschah die Ausschiffung des Regiments am Nachmittage des folgenden Tages an der Praça do Comercio binnen einer Zeit von kaum zwölf Minuten. Nachdem das Regiment sich formiert hatte, trat dasselbe bei der brennendsten Sonnenhitze den Marsch nach dem Kastell langsamen Schrittes an. Der Weg führte zuerst durch die schöngebaute, lange und gerade Rua aurea; unsere Uniform erregte viel Aufsehen; alle Balkons, deren entweder jede Etage einen fortlaufenden oder jedes Fenster seinen eigenen hat, waren mit Damen, welche bunte Sonnenschirme trugen, angefüllt. Ich durfte es aber nicht wagen, in die Höhe zu sehen, um ihre Reize zu bewundern, da ich die Augen zu sehr auf den Boden zu richten genötigt war, denn die unzähligen Kothaufen, die auf dem Wege lagen, mußten mit Anstand überschritten werden. Nachdem wir über die Rua aurea marschiert waren, ging es durch ein Labyrinth von engen, krummen, unebenen Gassen, in welchen uns die pestilenzialischen Gerüche in mannigfachen Abwechselungen aus allen Ecken entgegenströmten. Endlich erreichten wir das Kastell, welchen Namen jedoch dasselbe nicht mehr verdient, indem es durchaus weder Wälle noch Mauern hat, auch auf der einen Seite mit Häusern und Straßen dicht zusammenhängt und nur aus einem großen, alten, verfallenen Gebäude – wie es mir schien, einem königlichen Schlosse – und einigen hölzernen Schuppen besteht. Es liegt aber in einer bedeutenden, nach der Stadt hin beinahe senkrechten Höhe und gewährt eine entzückende Aussicht auf Stadt und Hafen und die ganze Umgegend, welche das gegenüberliegende Ufer und der Ozean umsäumen. An Wasser litt dasselbe sehr, daher eine Menge Gefangener, deren zwölf immer an eine lange Kette paarweise geschlossen waren, mit kleinen Tonnen auf den Schultern vom Morgen bis zum Abend solches hinaufschleppte. Unserer Mannschaft wurden in dem alten Gebäude lange Räume, welche weder mit Tischen noch Bänken oder anderen Gerätschaften versehen waren, angewiesen; eine jede Kompagnie erhielt vierzehn Decken, welche in Vereinigung mit Tornister und Mantel zur Lagerstätte dienten. Die Offiziere erhielten Quartierbilletts. Auf dem meinigen fand ich die brillanten Namen: Senhor Estaniello Francesco de Silva, Rua nova de Santa Manuele, Nro. 9. Mit Mühe kundschaftete ich die Straße aus. Es war ein kleines, schmutziges Gäßchen, aber alle Häuser in demselben trugen die Nummer 9. von einem ward ich zum andern gewiesen, nach langem Fragen fand ich das rechte. Mein Wirt, ein alter, gutmütiger Herr, wies mir ein freundliches Zimmer mit einem Bette an, und seine Töchter, deren er fünf hatte, bemühten sich, mir den Aufenthalt in ihrem Hause so angenehm als möglich zu machen. Mit Hilfe der Pantomimik und mehrerer spanischer, portugiesischer und lateinischer Brocken verständigten wir uns ziemlich miteinander. Die Verpflegung unserer Mannschaft mit Fleisch, Brot und Wein kam erst nach großen Weitläufigkeiten zustande und geschah oft höchst unregelmäßig. Der Hauptmangel in dem Regimente aber war das Geld, der pay-master general verweigerte die Zahlung, weil wir schon in England alles empfangen haben sollten, und wir mußten uns einstweilen mit kleinen Vorschüssen behelfen, die nicht hinreichten, unsere Feldequipage gehörig zu vervollständigen. Unser Zahlmeister Frotté hatte den Fehler begangen, in Irland einen Wechsel von 8000 Pfd., den ihm der Agent zur Zahlung der Feldzulagen und eines zweimonatlichen Gehalts für das Regiment gegeben, in dem Glauben zurückzuschicken, daß er auch hier das Geld werde empfangen können. Der Generalzahlmeister weigerte sich aber, ohne Vollmacht des Kommandanten irgendeine Zahlung zu leisten, und da letzterer die Zahlrollen zu fidemieren gleichfalls Anstand nahm, so mußte nach langen Diskussionen erst an Lord Wellington berichtet und um dessen Genehmigung zu der Auszahlung der Gelder nachgesucht werden. Diese Zögerung vermehrte den Mißmut der Mannschaft sehr, wozu noch das Liegen derselben auf dem bloßen Fußboden und das Aufrollen ihrer Mäntel an jedem Abend kam, welches schon Murren genug erzeugt hatte. Die Offiziere befanden sich in noch fast üblerer Lage, da sie, entblößt von allen Geldmitteln, es nicht vermochten, sich für das Feld einzurichten und Lasttiere anzuschaffen. Laut gaben sie ihr Mißvergnügen oft gegen Korfes und Frotté zu erkennen, und viele wollten letzteren hängen, köpfen, spießen und braten. Frotté blieb aber bei allen Vorwürfen in philosophischer Ruhe, jedem antwortend: »Ich wünschte, Sie wären Pechmeister!« (pay-master.) – Indes gelang es ihm zuletzt, eine Anleihe zu machen und uns einige Vorschüsse zu geben. Ich kaufte mir sofort einen vortrefflichen Esel für meine Bagage und einen behenden Pony für meinen Gebrauch. Endlich erschien die Order zum Aufbruch. Nachdem das Regiment am 5. Oktober noch eine Parade auf dem Inquisitionsplatze gehabt hatte, marschierte dasselbe von dort sogleich nach der Praça do Comercio, an deren Kai die Boote der englischen Schiffe bereitlagen, um uns auf dem Tajo nach Villafranca zu bringen. Am 10. wurden wir bei Sirol der leichten Brigade der vierten englischen Division, welche erstere General Packenham, letztere General Cole kommandierte, zugeteilt. Und jetzt beginnt mein Feldleben im englischen Kriegsdienst; ich scheide hier von dem freundlichen Leser.