Otto Gildemeister Essays – Zweiter Band Herausgegeben von Freunden. 1897 Inhalt Bürgermeister Johann Smidt. Lord Byron. Macaulay. Zwei Frauengestalten Shaksperes. Der Herzog von Saint-Simon. Napoleon und Taine. Napoléon intime. Josephine. Die Memoiren Talleyrands. Renans »Lose Blätter«. Bürgermeister Johann Smidt. Festrede, gehalten bei der Smidtfeier im Künstlerverein zu Bremen am 5. November 1873 von Bürgermeister Gildemeister. »Vor hundert Jahren!« das sagt man leicht über die Lippen weg. Aber je älter die Welt wird, desto mehr will das bedeuten. Von je her hat den Jahrhunderten die Macht innegewohnt, zahlloses Leben nicht allein zu zerstören, sondern auch das Gedächtniß des Zerstörten zu vertilgen. Immer war es die ungeheure Mehrzahl der Geborenen, welche im Laufe eines Säculum klanglos zum Orcus hinabsanken, und ihre Stätte kannte sie nicht mehr. Aber stets größer wird diese Sterblichkeit der Namen, je bewegter und rascher das Leben der Menschheit selbst wird, immer kleiner die Zahl derjenigen, deren Andenken festzuhalten das Zeitalter Zeit behält. Wenn der Name Johann Smidts dem gemeinen Loose des Vergessenwerdens entgeht, so kann man wahrlich nicht sagen, das Zeitalter, in welchem er lebte, habe es ihm leicht gemacht. Denn niemals, so lange die Welt steht, hat die Menschheit so bewegt, rasch und in gewaltigem Fortschreiten gelebt, wie in dem Jahrhundert, welches zwischen der Geburt des Mannes, dem unsere Erinnerungsfeier gilt, und diesem heutigen Tage liegt. Man sagt es leicht: »vor hundert Jahren,« aber die Phantasie muß sich anstrengen, wenn sie erfassen will, was alles in diesen Worten liegt. Wir lernen in den Schulen, daß die Welt ihr Angesicht veränderte, als die Buchdruckerkunst und das Schießpulver erfunden, das Studium des klassischen Alterthums erneuert, Amerika entdeckt und die Kirche reformirt ward. Aber die Veränderungen, welche das hinter uns liegende Jahrhundert bewirkt hat, und ganz besonders in Deutschland bewirkt hat, stellen selbst das Jahrhundert des Columbus und Luthers in Schatten. In viel höherem und weiterem Sinne können wir bei unserem Rückblicke sagen: es ist alles neu geworden. Jene Welt vor hundert Jahren ist der unsrigen kaum minder unähnlich, als das Zeitalter des Julius Cäsar oder Friedrich Barbarossas. Sie ist uns nur deshalb innerlich verwandter, weil aus ihrem Schoße die Kinder geboren wurden, die hernach als Männer den großen Umschwung vollbrachten. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß, mit einigen wenigen Ausnahmen, von alle demjenigen, was heute unser Leben erfüllt, unser Interesse bewegt, unsere Existenz trägt, vor hundert Jahren nichts war. Man bedenke nur, um von Eisenbahnen, von Dampfindustrie und Telegraphen zu schweigen und um von dem übrigen nur einiges herauszugreifen, daß es weder Goethe noch Schiller, noch einen deutschen Shakespeare gab, keine einzige Zeitung, wie wir sie gewohnt sind, keine deutschen Geschichtsschreiber und von der gigantischen Entwickelung der Naturwissenschaften erst – immerhin glänzende – Anfänge, ohne Effekt für die weite Laienwelt, welche heute auf Schritt und Tritt den mächtigen Einfluß ihrer Enthüllungen spürt. Man bedenke, daß von einem öffentlichen Leben nirgend die Rede war, daß selbst da, wo die Bürger sich einen gewissen Antheil an den allgemeinen Angelegenheiten bewahrt hatten, wie z. B. in unserer Stadt, doch alles in die engsten und steifsten Formen sich einschachtelte, die jeden frischen Luftzug hemmten, daß noch alle die treibenden Kräfte, welche heute in unaufhörlichem Ringkampfe unsere höchste Theilnahme in Haß und Liebe fesseln, gebunden lagen und alle die großen Losungsworte, welche seitdem von allen vier Enden der Welt wiederhallten, nur erst als prophetische Andeutungen, unverstanden von den meisten, hier und dort leise ertönten. Man bedenke, daß noch keine Vereinigten Staaten von Amerika, daß überhaupt noch keine transatlantischen Staaten, sondern nur eifersüchtig abgesperrte Colonien jenseits des Oceans existirten, gar nicht davon zu reden, daß Namen wie Indien, China, Japan mehr der Märchenwelt als der Wirklichkeit anzugehören schienen, oder – um mehr in der Nähe zu bleiben, – daß auf unserem Continent der Name New-York, man kann wohl sagen, unbekannt war. Es war eine andere, eine jetzt untergegangene Welt, in welche vor hundert Jahren der Sohn des alten würdigen Pfarrherrn zu St. Stephani in der kaiserlich freien Reichs- und Hansestadt Bremen eintrat. Und wenn irgendwo, so hatte das Alte, jetzt Untergegangene, gerade hier hinter den Festungswällen und den gesperrten Thoren der abgelegenen Kaufmannsstadt noch unerschütterte, von dem Hauche des philosophischen Jahrhunderts kaum berührte Geltung. Selbst von denjenigen geistigen Bewegungen, welche in günstiger gelegenen deutschen Städten bereits ein Publikum fanden, wie wir es aus Goethes »Dichtung und Wahrheit« von Frankfurt und Leipzig, wie wir es von Hamburg und Berlin wissen, gelangte in unsere nordwestliche Ecke nur ein kaum merklicher Wellenschlag; in einem kleinen Kreise von Gelehrten, in einigen gebildeteren Familien nahm man wohl lebhaften Antheil an den bedeutenden Erscheinungen der Leipziger Druckerpressen, der englischen und französischen Schriftstellerwelt, aber alles dies war viel zu vereinzelt, um an der Physiognomie der Stadt etwas zu ändern. Ich fürchte, wir thun unseren Vorfahren nicht Unrecht, wenn wir sie uns im Großen und Ganzen als eingerostetes Spießbürgerthum darstellen. Auch läßt sich zu ihrer Entschuldigung vieles anführen. Schon das eine erklärt vieles, daß an einen Reiseverkehr, wie er heutzutage die Menschen durcheinander schüttelt und den Horizont selbst des Philisters erweitert, auch nicht entfernt zu denken war. Die große Mehrzahl kam eigentlich niemals über die Grenzen der Heimath hinaus. Die Schiffer freilich gingen über See, aber selbst das stellte nicht viel vor; denn meistens fuhr das Schiff zwischen zwei Endpunkten Jahr aus Jahr ein hin und her, nahm immer die nämlichen Güter mit, brachte immer dieselben Artikel zurück. Die Handwerksgesellen gingen auf die Wanderschaft, wie die Zunftgesetze es geboten; der Musterreiter, damals noch seinen Namen mit Recht führend, ritt auf Kundschaft aus, die Pistolen im Halfter und manchmal den Compaß auf dem Sattelknauf, um in den weiten Einöden den Weg zu finden; der wohlhabendere Kaufmann sandte den hoffnungsvollen Sohn nach Holland oder Antwerpen, vielleicht gar nach London und Bordeaux, um ihn im Hause eines Geschäftsfreundes »die Handlung erlernen zu lassen;« sehr reiche Leute reisten wohl ein oder zweimal im Leben nach Paris oder Genf, nach Pyrmont oder Spa; endlich die jungen Schüler der Wissenschaft mußten natürlich eine Hochschule besuchen, um dermaleinst rite promoviren und daheim das prädestinirte Amt bekleiden zu können. Fremde kamen nach Bremen nur, wenn sie durch ein Geschäft dazu genöthigt wurden, und selten gehörten sie einer Kategorie an, von welcher man das Hereintragen befruchtender Kulturkeime hätte erwarten können; die gelehrten Aemter der Stadt wurden, so weit irgend thunlich, den Söhnen der eingesessenen Familien vorbehalten; höchstens zum Predigeramte und zum Syndicat berief man hin und wieder, wenn die eignen Kräfte nicht genügten, einen Auswärtigen. In der Hauptsache bestand die Gehirnarbeit aller darin, den von den Vätern ererbten Vorrath von geschäftlichen Fäden, sei es nun in Handel und Gewerbe, sei es in Verwaltung, Rechtspflege, Kirche oder Schule, einförmig und behaglich weiter zu spinnen und sie vorsichtig vor den Störungen und Schäden zu bewahren, mit denen injuria temporum , als kriegerische Zeitläufte, Gelüste mächtiger Nachbarn und die allgemeine Miserabilität der Reichsverhältnisse, sie bedrohte. In älteren Zeiten war die Stadt gezwungen gewesen und auch im Stande, mit dem Schwerte in der Hand ihre Rechte und ihre Interessen zu vertheidigen. Sie hatte gekämpft, erobert, neue Niederlassungen gepflanzt. Dies adelnde und erfrischende Geschäft hatte man von den Vätern nicht geerbt. Die kriegerische Macht und Tüchtigkeit war erloschen; der Spießbürger war geblieben, aber der Spieß verschwunden. Und für diesen Ausfall, diese Verarmung des Lebens bot sich nicht etwa der Ersatz, welcher später für die Wiedergeburt des deutschen Bürgerthums in den Seestädten sich so wichtig erweisen sollte, kein großartiges, von kühner Unternehmung beflügeltes, in gefährliche Fernen führendes Verkehrsleben. Wohl heißt Bremen in den alten Handbüchern der Geographie und in lokalpatriotischen Tractaten »berühmte Kauff- und Handelsstadt,« aber Handel und Kauffahrtei bewegten sich sowohl räumlich als nach dem Umfange des Umsatzes und nach der Art des Betriebes in Gleisen, welche von Großartigkeit nichts an sich hatten; sie vermochten nicht der Bevölkerung den Mangel an geistigen Anregungen zu ersetzen, den Geistern die Schwung- und Schnellkraft zu verleihen, welche, bei günstigem Stande der Gestirne, zu großen Dingen auch auf edleren Gebieten geschickt macht. Ich glaube, man übertreibt nicht, wenn man sagt, daß, was Handel und Verkehr und Industrie anlangt, die Kluft zwischen den Jahren 1873 und 1773 größer ist als die Kluft zwischen 1773 und dem Zeitalter der Phönicier. Vor hundert Jahren war es noch ganz allgemein Sitte, die Schiffe Winters im Hafen anzubinden; wären nicht die Barbareskenstaaten gewesen, welche die Meere unsicher machten, man würde kaum begreifen, weshalb man so gewissenhaft von den Kanzeln für wohlbehaltene Fahrt beten ließ. Im Binnenlande knüpfte sich der einigermaßen große Umsatz an die vorgeschriebenen Meßzeiten; außerhalb derselben war alles schläfriger Kramhandel. Ueberhaupt Schläfrigkeit war die Signatur der Zeit. Das alte Leben hatte sich so ausgelebt in den gewohnten Formen, daß es allmählich einzuschlummern begehrte; es war jene dunkelste und stillste Stunde der Nacht, welche dem neuen Morgen die nächste ist. Die Hähne hatten schon gekräht, an allen Ecken und Enden, aber die Schläfer lagen noch unaufgeschreckt im hochgethürmten altfränkischen Bette. Jeder Vergleich hinkt, also auch dieser; aber das Bild vom Schlafe hat meines Erachtens einen guten Platz hier. Denn es zeigte sich später, daß der Geist und die Kraft, welche in den großen Zeiten unserer Geschichte gewaltet hatten, nicht abgestorben, daß sie nur betäubt gewesen waren und nichts weiter bedurften als eines mächtigen Schüttelns und Rüttelns, um in alter Glorie zu erwachen. Woran es denn bekanntlich nicht gefehlt hat. Gerade an der Grenzscheide zwischen zwei Welten ward in unsrer Stadt Smidt geboren, in einer Familie, welche wir uns als Hüterin ehrbarster, reichsstädtischer Traditionen und strengreformirter Kirchlichkeit denken dürfen, angesehen sowohl auf dem Rathhause wie im Venerando Ministerio . Ohne sich dies zu vergegenwärtigen, ohne sich das Aussehen jener alten Welt klar zu machen, kann man weder Smidts Persönlichkeit noch seine Bedeutung für die vaterstädtische Geschichte recht begreifen. Denn sowohl jene, wie diese wurzelt ganz und gar in dem gewaltigen Umschwunge vom Alten zum Neuen, welcher schon in dem Jahre seiner Geburt einzusetzen begann und welcher, als der Knabe anfing mit Bewußtsein um sich zu blicken, bereits in sausende Bewegung gerathen war, wenn auch noch fernab von unseren Gegenden. Friedrich der Große vollendete damals die innerliche Auflösung des Reichs; in Frankreich bereitete sich die große Katastrophe des Königthums und der daraus folgende zwanzigjährige Weltkrieg vor; in Deutschland erhob sich am Horizont das Doppelgestirn einer allesumwälzenden Philosophie und einer alleserhebenden Dichtung. Die moderne Zeit kam mit Sturmeswehen, und sie drückte ihren vollen scharfen Stempel auf die Stirn des jungen Weltbürgers, ihn ganz hinnehmend in ihren Dienst. Smidt war ein moderner Mensch durch und durch, nicht allein in seinen Anschauungen und Sympathien, sondern auch in seinem Wesen, in Form, Sprache und Haltung, völlig frei von altfränkischer Steifheit und Schnörkelei, republikanisch bis in die Fingerspitzen, kühl und kritisch gegen Traditionen und Autoritäten, mit dem höchsten Interesse seines Geistes hingegeben an die Gegenwart und ihre mächtigen Fortschritte und Probleme. Diesem seinem modernen Interesse gereichte es zu besonderer Würze und Schärfung, daß er ja das dem Untergange verfallene Alte selbst noch mit Augen gesehen, seine stockige Atmosphäre gerochen, seine beengenden Formen empfunden hatte. Aber merkwürdig! Aus diesem scharfen lebendigen Gefühle eines so unermeßlichen Kontrastes zog er nicht die Konsequenz revolutionären Hasses, radikalen Hochmuths gegenüber dem Alten, sondern ihm entsprang auf dem Boden jener Gegensätze gerade umgekehrt der Quell einer patriotischen Liebe, welche sein Leben lang all sein Streben und Wirken beseelt, ja man kann sagen, es erzeugt und geboren hat. Und diese seine patriotische Liebe wirft rückwärts ein verklärendes Licht in die Vergangenheit, welche uns so engbrüstig und welk erscheint. In der steifen zopfigen Reichsstadt müssen trotz Zopf und Perrücken doch im Stillen Kräfte und Tugenden gewaltet haben, welche im Stande waren, das Herz des vorurtheilsfreien, aufstrebenden, geistvollen Jünglings mit leisem Zauber zu gewinnen und ihm jene unwandelbare Kindesliebe zu der engen Heimath einzuflößen, die man oft genug räthselhaft gefunden hat. Schwerlich hat Smidt selbst die Motive dieser Anhänglichkeit, ihr Zusammengehen mit kosmopolitischem Sinne mikroskopisch untersucht; in ihm war es eine naive Thatsache, welche sich zu erklären er kein Bedürfniß empfand; für uns ist es ein Problem, ohne dessen Verständniß uns der Schlüssel zu seinem Leben fehlen würde. Mit hellem Auge, mit klarem Bewußtsein, mit warmer Sympathie Zeuge des Um- und Aufschwunges ringsumher, die befruchtende Kraft der Stürme erkennend, aber auch ihre niederreißende Heftigkeit ermessend, fand er die ihm zukommende besondere Arbeit am sausenden Webestuhle der Zeit. Daß von diesem Umschwunge die liebe alte Vaterstadt nicht niedergeworfen werden, daß sie von dem Aufschwunge ihren vollen Antheil erlangen, daß sie im Sturme verjüngt in der jungen Zeit die alten Keime zu neuer Blüthe und Frucht entfalten möge, darin erkannte er von Anfang an die Aufgabe seines Lebens, und für diese Aufgabe hat er gelebt, mit unwandelbarer Treue, mit nie ermattendem Eifer, mit dem vollen Einsatz seiner Kräfte, bis zur letzten Stunde. Gewiß ist es echt deutsch zu nennen, dieses Zusammengehen weltüberschauender Geisteshöhe und gemüthvoller Versenkung in heimatliche Interessen, aber vielleicht nie berührte sich, wie in ihm, mit solcher Leidenschaft und Ausdauer, mit so gleich, ja eins gewordener Innigkeit diese Doppelnatur des deutschen Genius, der Gedanke, welcher weit hinaus, und der, welcher ins Enge blickt, der weltgeschichtliche Trieb und die liebevolle Arbeit am bescheidenen Herde, der Sinn für das Universelle und der für die vaterstädtische Eigenart, für die bremische Familie. Schien es, als sei nur diese ihm fest ans Herz gewachsen, so war es eben nur Schein; wie er nie an das Allgemeine dachte, ohne zugleich Bremens Platz im Allgemeinen sofort vor Augen zu haben, so auch umgekehrt war der Gedanke an Bremen ihm stets unzertrennlich verknüpft mit dem Bewußtsein, daß diese Stadt ihre natürliche Stelle und Aufgabe im Haushalt der Nation habe und behaupten müsse. Daß sie dazu die Anlagen und Kräfte besitze, eine besonders entwickelte bürgerliche Eigenart, fähig, – unter richtiger Leitung und unter dem Schutze der Freiheit – zu tüchtigem Aufstreben, das erkannte er, vielleicht richtiger, er fühlte es mit der Sicherheit des Instinctes schon damals, als noch Rath und Bürger sich genügen ließen, in dem überkommenen, brockfälligen Bau der früheren Jahrhunderte fortzuvegetiren, froh, wenn man sie nur in Ruhe ließ. Meines Wissens hat er nie, auch nicht im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, als seine Studien in Jena beendet waren, als er mit der feinsten Blüthe geistigen Lebens in persönliche Beziehung getreten war, nie hat er daran gedacht, für seine Talente eine größere Bühne, einen lohnenderen Markt zu suchen, einem anderen zu dienen als der Stadt, der er selbst im Geiste weit voraus war und mit dem Herzen gleichwohl so nahe blieb, wie in den Tagen seiner Kindheit. In dem Alten wurzelte seine Liebe; aus den Ruinen einer großen Katastrophe trug er rettend die ehrwürdigen Penaten mit sich in die neue Zeit, wie der fromme Aeneas die Hausgötter aus dem eingeäscherten Ilion. Weit entfernt, ein Lobredner des Vergangenen zu sein, vorurtheilsfrei wie nur irgend ein Radikaler, wenn es sich um den Fortschritt und das Heilsame handelte, hegte er doch im innersten Kerne des Herzens das, was ihn von den Radikalen weltweit schied, die Pietät. Wie ein genialer Sohn den braven, beschränkten, wunderlichen Vater lieben mag, zugleich mit lächelndem Humor und mit treuer Ehrfurcht, so liebte Smidt die alte Stadt mit ihren komischen Perücken und ihren rechtschaffenen Herzen, ihrer gravitätischen Steifheit und ihrer patriarchalischen Unschuld. Wir besitzen von seiner Hand ein idyllisches Gedicht in Vossischer Weise, welches behaglich und liebevoll die freundliche Beschränktheit des damaligen Familienlebens schildert; auf dem väterlichen Landsitze zur Dunge erscheint zum sonntäglichen »Kindertage« die wohlansehnliche Verwandtschaft aus der Stadt, unter ihr kein geringerer, als der hochgebietende Bürgermeister Pundsack, und die Verse bewahren noch jetzt, nach achtzig Jahren, den eigenthümlichen Hauch stiller frugaler Gemüthlichkeit, welchen ohne den Humor der Liebe der Dichter nicht hätte erfassen und wiedergeben können. Auch von Politik ist die Rede. Die alten würdigen Herren discurriren beim Kaffee und der Thonpfeife über die Händel der Welt, ganz wie die Bürger im Faust, über weitentlegene Kriegs- und Staatsaktionen, wenn auch nicht gerade in der Türkei, doch wenigstens in Spanien. Die Belagerung und Vertheidigung Gibraltars ist das große Ereigniß der Zeit; um solche, jetzt fast verschollene Dinge drehten sich die Gespräche der Kundigsten, welche der Knabe im Vaterhause vernahm. Als der Knabe ein junger Mann geworden war, wie entwachsen mußte er sich innerlich diesen Kreisen fühlen, wie ganz andere Welthändel erfüllten da den Schauplatz; wie viel ernstere Sorgen brachte die stürmische Zeit! Aber in der Liebe, welche der Knabe in sein Herz geschlossen hatte, fand der Mann die Kraft, diese ernsteren Sorgen zu tragen, und niemals, selbst nicht in den hoffnungslosesten Stunden, an der Vaterstadt zu verzweifeln. Man wird, fürchte ich, finden, daß ich allzu lange bei den Anfängen verweile. Aber was ich sagte, ist nur ein Echo dessen, was Smidt selbst in seinen Gesprächen hervorzukehren liebte, den Jüngeren zum Fingerzeige, aus welchem schwierigen Baugrunde heraus das Gebäude der verjüngten Stadt von ihm und den Mitstrebenden aufgeführt werden mußte, aus welchem Wuste und welcher Misère, und weshalb gleichwohl die Bauleute in ihrem treuen Eifer nicht müde wurden, nicht andere, bequemere Stätten für ihre Wirksamkeit aufsuchten. Auch scheint es mir, daß es dieser Stunde mehr entspricht, zurückzuweisen auf die treibenden Keime und die nährenden Wurzeln, als auf die äußeren Früchte dieses Lebens. So weit es erforderlich ist, auch an letztere zu erinnern, ist dies ja in würdigen Festschriften zur Genüge geschehen, und ich würde nur Bekanntes oder doch leicht Kennenzulernendes wiederholen, wenn ich die Reihe der einzelnen Erfolge aufzählen wollte, durch welche Smidt und seine Genossen das Ziel erreichten, das ihm vorgeschwebt hatte, aus der Stadt Bremen ein politisch und wirthschaftlich lebensfähiges Glied am Körper Deutschlands zu machen, zuvörderst sie und ihre Selbständigkeit aus dem zwiefachen Schiffbruche, einmal des deutschen, dann des Napoleonischen Reichs zu retten, danach aber ihr die freie Bewegung und die Lebensbedingungen zu verschaffen, ohne welche sie am großen Welthandel nicht Theil nehmen, zu frischer Blüthe als bürgerliches Gemeinwesen nicht gelangen konnte. Wie, mit unverwandtem Hinblicke auf dies Ziel, bei der Zertrümmerung des h. Römischen Reichs nicht allein der Mediatisirungslust der Mächtigen gewehrt, sondern die kleine Republik sogar besser consolidirt und abgerundet ward, wie nach der Leipziger Schlacht diese dringlichste Arbeit sofort mit energischem Eifer wieder aufgenommen und gegen furchtbare Chancen glücklich durchgeführt, wie im Innern das Regiment mit neuem Leben erfüllt und der mittelalterliche Hausrath durch wirklich leistungsfähige Staatseinrichtungen ersetzt, wie die Freiheit der Weserschiffahrt errungen, wie Bremerhaven gegründet und damit eine neue Aera für die Stadt eröffnet wurde, dies und was sonst noch zu diesem gehört, bedarf keiner vielen Worte, jeder Bremer weiß es, und jeder weiß, daß der Dank für alles dies »dem alten Smidt,« wenn nicht allein, doch vor allen anderen gebührt: daß wir in diesem Augenblicke die Bürger eines fröhlich gedeihenden, und noch größerem Gedeihen entgegenreifenden Gemeinwesens sind, daß wir unsere Angelegenheiten selbst verwalten, Herren im eigenen Hause sind, keinem unterthan als dem Reiche, das ist ohne Zweifel Smidts Werk, sein Vermächtniß. Wäre er nicht gewesen, Bremen würde jetzt, so weit man es übersehen kann, wahrscheinlich eine verfallende Landstadt sein, und die Rolle, die es im Weltverkehr spielt, würde theils ausgestrichen, theils von holländischen oder belgischen Häfen übernommen sein. Im neuerstandenen deutschen Reiche freilich hat manches, was früher von großem Werthe erschien, an Bedeutung eingebüßt. Die politische Selbständigkeit der drei Hansestädte zu vertheidigen, wiederzuerobern und neu zu befestigen, ein solches Programm hätte gegenwärtig einen anderen und sicherlich einen minder hohen Sinn als in Smidts Zeit. Die meisten Zwecke, um deren willen er seine Lebenskraft an dies Programm setzte, würden heute sich verwirklichen lassen, auch ohne daß es gerade schlechterdings nothwendig wäre, die Souveränität der drei städtischen Republiken aufrecht zu erhalten. Die Vertretung der commerciellen Interessen Deutschlands im Auslande, der Abschluß von Handels- und Schiffahrtsverträgen mit fremden Nationen, die Freiheit der deutschen Wasserstraßen von Raubzöllen, die Geltendmachung der Bedürfnisse des Verkehrs, alles dies und was damit zusammenhängt, hat im neuen Reiche mächtigere Bürgschaften und wirksamere Organe gefunden, als die Städte jemals seit dem Verfall der alten Hansa es gewesen sind. Aber in der Zeit, welche Smidt mit seinem Streben ausfüllte, war alles das völlig anders. Für ihn stand die Alternative nicht wie für uns. Keine einheitliche Reichsregierung nahm sich des deutschen Welthandels an, kein Reichstag, keine einflußreiche Presse, keine Reihe blühender Handels- und Industrieplätze im Innern Deutschlands bildete damals wie jetzt ein mächtiges Gegengewicht, im Interesse der wirtschaftlichen und bürgerlichen Entwickelung, gegen die Engherzigkeiten und Einseitigkeiten der bureaukratischen Routine und die Gleichgültigkeit der kleinen Fürstenhöfe. Berlin, heute einer der großen Börsenplätze der Welt, war damals nur ein etwas vergrößertes Potsdam; Hamburg unbestritten die mächtigste und vornehmste unter den deutschen Städten; Hannover, jetzt ein Sitz schwungreicher Industrie, eine kleine schläfrige Residenz ohne Sinn und Eifer für die großen Bewegungen der internationalen Märkte. Der Herzog von Cambridge, Vicekönig von Hannover, gestand es unserem Bürgermeister, daß es in Hannover geradezu unmöglich gewesen sein würde, den Ständen und den Beamten die Zustimmung zu einer Schöpfung wie die Bremerhavens abzuringen, und es war nicht bloß witzig, sondern auch wahr, wenn Smidt sagte: »So lange die Souveräne nicht handeln, muß der Handel souverän sein,« – ein Wort beiläufig, welches beweist, daß er der bloß relativen Berechtigung unserer Ausnahmestellung sich sehr wohl bewußt war, daß unser Privilegium für ihn nicht einen mystischen überweltlichen, sondern einen durchaus rationellen Charakter trug. Sollten die drei Städte, in denen fast allein noch etwas von dem wagenden und rührigen Geiste des alten deutschen Bürgerthums sich erhalten hatte, sollten sie unter die Vormundschaft der Amtleute, Kämmererdiener und Zöllner eines Mittelstaates gerathen, oder sollten sie ihre letzten Kräfte zusammenraffen, um die Selbstverwaltung zu retten, die allein ihnen freie Bewegung sichern konnte, die freie Bewegung, ohne welche sie den Wettkampf mit der Uebermacht Englands und Hollands nimmermehr hätten bestehen können? So lautete damals die Frage, so stand damals das Problem, und erst seit sieben Jahren stehen wir auf anderem Boden. Und daß wir auf den neuen Boden übertreten konnten in rüstiger Gesundheit und Kraft, nicht als verkümmerte historische Reliquien, sondern als lebendige Glieder am Leibe unseres Volks, daß Lübeck, Bremen und Hamburg auch in der Städtekrone des Reichs als glänzende Edelsteine leuchten, heller als die meisten Fürstensitze, das wäre doch wohl nicht geschehen, wenn am Steuer des gebrechlichen Schiffs in den Stürmen und in dem bösen Fahrwasser der Napoleonischen Periode und der Restaurationszeit ein minder trefflicher Pilot gestanden hätte, minder scharfen Blicks, minder fester Hand und minder treuen Herzens. Ja, und wer will ausrechnen, was über unser Weichbild hinaus, was für Deutschland dieses Mannes Wirksamkeit werth gewesen ist? Das läßt sich nicht mit der Elle messen und nicht mit der Wage wägen; aber will jemand es bestreiten, daß die gegenwärtige Macht des deutschen Handels und der deutschen Industrie, welche sich nunmehr stark genug zeigt, um die Gesetzgebung und die Verwaltung nach den Bedürfnissen des Verkehrs zu lenken, solche Stärke gewonnen hätte ohne die Impulse, welche fünfzig Jahre lang unablässig von den Hansestädten ausgingen, ohne den Sporn ihres Beispiels, ohne den Neid, den ihre Freiheit – mit Recht – erweckte, ohne die Hülfe ihrer Capitalkraft und ohne jenen Kranz kaufmännischer Kolonien, mit welchen sie alle Küsten der Erde umsäumten. Wie dem auch sei, die liebevolle Verehrung, welche Smidt im Leben und über das Grab hinaus bei seinen Mitbürgern gefunden hat, ist nicht das Facit einer bloßen Berechnung, sie ist nicht einmal vorzugsweise die Frucht der Dankbarkeit, sondern sie ist erwachsen aus der Freude an dem Wesen und der Trefflichkeit des Mannes. Die Menschen vergessen leicht die empfangene Wohlthat, sie verehren nicht die bloße Geistesschärfe und Geschicklichkeit, sie errichten nicht freiwillig der herzlosen Klugheit marmorne Standbilder. Und namentlich widmen die Menschen ihr nicht, wenn sie selbst erloschen, todt und begraben ist, eine Säcularfeier. Solches Gedächtniß wird nur dem Guten und Gerechten zu Theil. Freilich, um die Aufmerksamkeit zu fesseln, die Bewunderung zu entzünden, bedarf es seltener und glänzender Geistesgaben und großer Erfolge, aber nur das lautere Gemüth und das warme Herz erwirbt jene edlere Popularität, die den Tod überlebt. Nur von dem Gerechten sagt die Schrift, daß sein Andenken in Segen bleibe, und nur dem guten Bürger reichte einst Rom den Eichenkranz. In solchen ehren wir unsere eigenen Ideale. Und so ehren wir heute nicht den gewandten Staatsmann, den kundigen Piloten, den weisen Hafengründer, – alles das ist nur das Piedestal für die Statue, – sondern wir ehren den guten Bürger, die nimmer ermüdende, nimmer verzagende Liebe seines Herzens zu dem Gemeinwesen, die volle leidenschaftliche Hingabe an ein Allgemeines, Ueberpersönliches, die eine Tugend, von welcher wir wissen, auch wenn wir sie nicht üben, sie ist das Beste auf Erden! das Beste in Kunst und Wissenschaft, im hülfreichen Streben der Menschenliebe, im Dienste der Kultur, und wahrlich vor allem auch im Staate, in der Politik. Zu leben, nicht für sich, sondern für ein höheres, das Ich überragendes, das ist das Ideal, das Heil der Staaten und Völker, selten verwirklicht, aber nie genug zu preisen, wenn es einmal als lebendiges Beispiel zu uns tritt. In reiner Vollkommenheit es darzustellen, wird keinem gelingen: Gebrechen und Mängel haften dem Besten an. Aber von ihnen brauchen wir nicht zu reden: daß sie machtlos sind, das Bild des Gefeierten dauernd zu trüben, das ist hoher Ruhm. Sechzig Jahre lang stand dieser Mann, in oft höchst schwierigen, ja verzweifelten Zeitläuften, an hervorragender Stelle, den Blicken aller ausgesetzt, von der Eifersucht und der Verkleinerungssucht bewacht, aber nicht Eifersucht, nicht Verkleinerungssucht konnten dem Lobe widersprechen: daß in den sechzig Jahren kein Tag gewesen, wo dieser Mann mehr an sich und sein Wohl gedacht hätte als an das gemeine Beste, kein Tag, der nicht uneigennützigem Bürgerdienste geweiht war. Wo sind heute die Dissonanzen, die im irdischen Dasein ihm nicht erspart bleiben konnten? wer gedenkt heute der Schwächen und Einseitigkeiten, die dem Lebenden als unseres Fleisches Erbtheil mitgegeben waren? Vor unserm Auge steht das verklärte Bild, wie die Kunst es geschaffen, im idealen Gewande, die wohlverdiente Bürgerkrone in der Hand, entrückt den zufälligen Mängeln der Zeitlichkeit. Vor unserm Ohr lösen sich die vergänglichen Dissonanzen, und dem Gedächtnisse des Gerechten ertönt auch heute wieder jener uralte Accord, den vor zwei Jahrtausenden der Dichter zum Ruhme echter Bürgergröße anstimmte, der Hymnus, an welchem die Jahrhunderte nichts verändern, der Preis des wahren Patrioten, ausharrend und treu, derselbe in Glück und Unglück, rechtschaffenen Wandels, rein von Frevel, integer vitae, scelerisque purus ! Lord Byron. (1859.) Das Geheimniß plötzlicher litterarischer Erfolge liegt fast immer darin, daß Gedanken und Empfindungen, welche in den Massen dunkel und formlos schlummern, gerade in dem Augenblicke, wo sie ein Gefühl der Ungenüge, der Sehnsucht nach dem Erwachen hervorgebracht haben, von einem überlegenen Geiste in künstlerischer Klarheit und Bestimmtheit formulirt werden. Die ungeheure Sensation, welche seiner Zeit Rousseaus Schriften und Goethes Jugendwerke weit über die nationalen Sprachgrenzen hinaus erregten, ist nur zum Theil dem ästhetischen Werthe dieser Erzeugnisse zuzuschreiben; – der letztere, der ästhetische Werth, sicherte ihnen ihre dauernde Geltung in der Literaturgeschichte, aber ihren raschen Siegeszug verdanken sie ebenso sehr der besonders angeregten Empfänglichkeit des Publikums, dem sie zuerst vor die Augen kamen. Wenn der »Werther«, und »Faust«, die »Räuber« heutzutage erschienen wären, sie würden nicht verfehlt haben, jene eine hohe Bewunderung, diese ein lebhaftes Interesse zu erwecken, aber eine Aufregung, wie die war, welche im vorigen Jahrhunderte diesen genialen Offenbarungen eines schlummernden Weltdranges nachrauschte, würden wir schwerlich um ihretwillen erleben. Nur Dichter von der großartigen Objectivität eines Homer und eines Shakspere stehen nicht in einem so bedeutsamen Zusammenhange zu vorübergehenden subjectiven Stimmungen und Gedankenkreisen der Menschheit; das sterbliche Theil an ihnen ist wenig und leicht; und sie in ihrer Gesammtheit zu genießen bedürfen auch die nachgeborenen Geschlechter nur einen geringen Grad jener litterargeschichtlichen Voraussetzungen, ohne welche man Poeten wie Dante, Calderon und die Sänger des deutschen Mittelalters nicht völlig zu würdigen vermag. Wenn man jenen größesten Zwein aus der neueren Zeit einen Dritten hinzugesellen darf, welcher beispiellose Triumphe durch die bloße Gestaltungskraft errang, so ist es der Verfasser der Waverley-Novellen, in denen eine unmittelbare Beziehung zu den herschenden Ideen ihrer Entstehungsperiode zu entdecken schwer fallen würde. Gerade entgegengesetzt verhielt es sich mit den Dichtungen des jüngeren Zeitgenossen Walter Scotts, dessen blendender Ruhm ein Jahrzehnt lang alle übrigen Gestirne an einem damals besonders sternenhellen Dichterhimmel überstrahlte und welcher die gebildete Welt in einer Weise fesselte, wie sie in der ganzen Geschichte der Poesie kaum wieder vorkommt. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich Byron meine. Byrons Werke verbreiteten sich im Original und in Nachbildungen mit reißender Schnelligkeit über Großbritannien, über den europäischen Kontinent und über Nordamerika; sie wurden mit gleichem Eifer von Männern und Frauen, von Alten und Jungen, von den feinsten Kennern und von dem gewöhnlichen Publikum gelesen; die unvollkommensten Übersetzungen wurden mit Begierde verschlungen; das Bildniß des Dichters ward ebenso populär wie das Napoleons. Der letztere Umstand ist nicht ohne Bedeutung. So seltsam es klingt, so unzweifelhaft wahr ist es doch, daß ein guter Theil des fieberhaften Interesses, welches im Anfange das Publikum dem englischen Poeten entgegentrug, ganz äußerlicher Natur war. Man muß sich dies vergegenwärtigen, um Byrons Verhältniß zu der Ideenwelt seiner Zeitgenossen nicht falsch zu beurtheilen. Die Sache ist ohnehin interessant für die Psychologie. Als die Zaubertöne der ersten Gesänge des Childe Harold zu erklingen begannen, ging mit ihnen die Kunde durch alle Lande, daß der Dichter dieser hinreißenden, schwermuthvollen Poesien ein vierundzwanzigjähriger Jüngling von hellenischer Schönheit sei, und die Bildnisse welche dem Bande vorgeheftet waren, welche bald die Schaufenster aller Kunstläden zierten, bestätigten nicht allein diese Sage, sondern gaben dem Sänger noch einen anziehenderen Reiz als den eines klassischen Profils, – den Reiz des Interessanten. Wohl nie hat die Natur einem Dichter so vortrefflich für das Titelkupfer gesorgt wie diesem. Die Frauenherzen waren erobert, noch ehe sie zu lesen angefangen hatten, und auch männliche Augen mußte dies edle, von vornehmer Romantik überhauchte Antlitz fesseln. Dazu kamen nun die ungewöhnlichen persönlichen Verhältnisse des Poeten, theils wahre, theils erdichtete, die in den abenteuerlichsten Uebertreibungen mit wollüstigem Schauder gern geglaubt wurden. Ein englischer Lord galt damals auf dem Continent als das Ideal eines auf den Höhen der Menschheit stehenden Mannes, Crösus, Staatsmann, Cavalier, Mäcen in einer Person, und in England selbst ersetzte die angeborene Verehrung vor hohem Range reichlich den Mangel an solchen festländischen Illusionen. Dieser Lord hatte nun vollends ein wunderbares, geheimnißvolles Leben geführt; war Hausfreund bei Ali Pascha; hatte wie Leander den Hellespont durchschwommen; hatte ganz gewiß eine Liaison, wenn nicht mehrere, im Serail des Großtürken gehabt; hatte ohne Zweifel bereits sehr viele Mädchen, Frauen und Witwen unglücklich gemacht und hatte sich neuerdings in die altersgraue Burg seiner Ahnen zurückgezogen, allwo er sicherem Vernehmen nach mit einem großen schwarzen Neufundländer Hund und einem eisgrauen Diener in Gesellschaft von Todtenschädeln und vermodernden Mönchsgebeinen ein sonderbares Leben führte, fruchtlos gegen einen verborgenen, aber unermeßlichen Gram ankämpfend, von welchem man nicht behaupten wollte, daß er nicht mit irgend einem geheimnißvollen Verbrechen im Zusammenhange stehe, wenn man auch noch nicht darüber im Reinen war, ob der edle Lord in einem Anfalle von Eifersucht eine reizende Klephtentochter in Epirus erdolcht oder den Gatten einer Andalusierin aus Nothwehr erschlagen habe. Genug, Lord Byron war über alle Maßen pikant und interessant, der fleischgewordene Romanheld, wie er sein soll, ein anbetungswürdiger, abscheulicher, himmlischer, unwiderstehlicher Sünder, ein Inbegriff aller möglichen infernalen Reize, ein wahrer Rattenfänger von Hameln, Faust und Don Juan in Compagnie. Die Masse des Publikums las daher seine Gedichte nicht allein aus ästhetischem Interesse, sondern mit jener zärtlichen Hingebung und schwärmerischen Vertiefung, mit welcher ein Mädchen die Verse liest, die ihr Geliebter geschrieben hat und von denen sie nicht recht weiß, gelten sie ihr oder gelten sie einer anderen. Wäre Byron so häßlich gewesen wie Sokrates und dabei so tugendhaft wie Gellert und so bürgerlich einfach wie Uhland, wäre er über die Themse geschwommen anstatt über den alten Hellespont, und hätte er anstatt der Klephten seine Pächter in Lancashire durch Liebenswürdigkeit bezaubert, so wäre er immer einer der berühmtesten Männer des Jahrhunderts geworden, aber sein Ruhm hätte sich niemals zum Furore gesteigert; seine Leser hätten nichts von jenem süßen Grauen empfunden, mit welchem sie in den Versen des »Corsaren«, »Laras«, »Manfreds«, nach Spuren der mysteriösen Erlebnisse ihres Gefeierten spürten, nichts von jener reizenden Selbsttäuschung, mit welcher, wie historisch feststeht, gefühlvolle fromme Damen sich einredeten, sie seien berufen, den Dichter mit Gott und mit sich selbst auszusöhnen, – eine tugendhafte Begeisterung, welche sich sehr bald abgekühlt haben würde, wenn der Gegenstand des Rettungsdranges eine rothe Nase und triefende Augen gehabt hätte. Der Klumpfuß, dieses Angebinde der einen Fee, die man zur Taufe des Knaben einzuladen vergessen hatte, ward schon eher übersehen, wenn er nicht gar dazu diente, den dämonischen Nimbus zu erhöhen, welchen die geschäftige Phantasie um Byrons Gestalt wob. Die theils kindischen, theils verliebten Emotionen, welche in diesem Falle eine Rolle in der Literaturgeschichte spielen sollten, wie sie oft vorher und oft nachher dazu beigetragen haben, bei der Erschaffung eines Virtuosen- oder Bühnenruhmes mitzuwirken, mögen wie leichte Nebel erscheinen, die um den strahlenden Gipfel Byronscher Größe spielen. Aber die Nebel und Dünste verleihen den Farben der Dinge manchmal eine tiefere Gluth, als ihnen natürlich ist. Es mag übrigens bemerkt werden, daß das historische Privatleben Lord Byrons keineswegs so romantisch-pittoresk war, wie seine Verehrer und Verehrerinnen es sich auszumalen liebten. In seinem Thun und Lassen – das Versemachen natürlich ausgenommen – unterschied er sich nicht viel von anderen jungen Leuten seines Ranges. Auf der Universität, als Tourist, während des wilden Junggesellenlebens in London entwickelte er die nämlichen Eigenschaften und Leidenschaften, welche seit dem Anfange der Welt jungen kräftig organisirten Männern natürlich gewesen sind; zeigte er sich dabei als einen guten Kopf, witzig, geistreich, und voll sprudelnder Laune, als eine für schönes und großes empfängliche Natur, als einen hochherzig und edel angelegten Charakter, so kann man doch nicht sagen daß er sich in diesen Stücken so überaus von seinen Umgebungen unterschied, so als einzelner Berg in der Fläche dastand, wie man aus seinen Gedichten hat herauslesen wollen. Aus seinen Briefen gewinnt man wenigstens ein ganz anderes, minder flamboyantes, aber vielleicht nicht weniger interessantes Bild. In ihnen redet er durchaus die Sprache der Welt, in der er lebte, ohne sentimentalen Accent; er ist hin und wieder leidenschaftlich, ganz selten pathetisch, fast immer höchst anregend und angeregt, bisweilen hypochondrisch, aber vorzugsweise witzig im höheren und im niederen Sinne, witzig in Gedanken und in Worten. Alles das sind Leute vor und nach ihm gewesen, ohne daß der Weltkreis um sie sich viel kümmerte. Was sein Verhältniß zu dem weiblichen Geschlechte betrifft, so wird man der Wahrheit am nächsten kommen, wenn man ihn auch da der ausgefahrenen Route nicht allzu fern sich denkt. Daß er nicht keusch wie Josef war, ist gewiß, aber ein Don Juan war er durchaus nicht. Wenn er in einem seiner späteren Briefe beiläufig bemerkt: »Ich habe nie ein Mädchen verführt,« so darf man ihm darin wohl glauben, da er nicht gewohnt ist, seine Fehler zu verheimlichen, und da die englische Klatschsucht, diese unermüdlichste aller Lästerzungen, nicht im Stande gewesen ist, ihn hierin zu widerlegen. Als junger Mann folgte er seinen »bonnes fortunes« mit nicht mehr Scrupeln als andere; eine ernsthafte Liebe, welche er, fast noch Knabe, zu einem älteren Mädchen faßte, blieb bekanntlich unerwidert und erfüllte ihn mit jenem Ingrimm, der wie man sagt, sehr leicht einen Ausweg in Ausschweifungen sucht; eine zweite oberflächliche Liebe führte zu einer unglücklichen Ehe, die am Ende mit öffentlichem Skandal und Scheidung endigte und in welcher die Schuld wohl auf beiden Seiten gelegen haben wird, jedenfalls aber der Lord sich als das Opfer ansah und deren Auflösung er immer mit der tiefsten Erbitterung als das Werk der schwärzesten Bosheit, als eine Intrige berechnendster Feindseligkeit betrachtete. Von Wuth und Grimm erfüllt, noch nicht 29 Jahre alt, stürzte er sich in den Strudel venezianischer Zerstreuungen, daß er aber keineswegs in demselben unterging, beweist die Innigkeit und, wenn das Wort hier erlaubt ist, die Treue, mit welcher er nach dieser Verzweiflungsperiode sich dem Verhältnisse zu der Gräfin Guiccioli hingab, einer Liaison, die allerdings nach nordischen Begriffen nicht erlaubt war, die aber der Gemahl der Gräfin mit italienischem Anstande sich gefallen ließ, und die, von ihrem illegitimen Charakter abgesehen, wenig Tadel verdiente. Ich habe es versucht, mit einigen Strichen die äußerlichen Verhältnisse anzudeuten, welche den Hintergrund und theilweise die Grundlage der Byronschen Wirksamkeit bilden. Es mußte aber zu ihnen ein mächtiges innerliches Moment hinzutreten, um jener Wirksamkeit die außerordentlichen Erfolge zu sichern, deren sie sich zu rühmen hatte. Es ist nicht schwer, dies Moment aufzufinden, in welchem sich die Schöpferkraft des Dichters und die Empfänglichkeit des Publikums, gleich einer positiven und einer negativen Elektrizität, begegneten, Blitz und Donner erzeugend. Um es mit einem technisch gewordenen Ausdrucke gleich beim rechten Namen zu nennen: es ist der Weltschmerz . Der Weltschmerz ist ein Product der neuesten Zeit, d. h. der letzten hundert Jahre. Nicht als ob nicht schon aus den urältesten Zeiten Klänge einer tiefen Trauer über die Vergänglichkeit und Nichtigkeit des menschlichen Lebens zu uns herübertönten. Nicht allein die Psalmen und die Sprüche Salomons, auch die Litteraturen des Heidenthums enthalten tiefe Klagelaute über die Ungenüge dieser Welt, für welche sie einen Ersatz nicht recht zu finden wissen. Aber es sind immer besondere persönliche Veranlassungen, welche das Alterthum zu solchen trübsinnigen Betrachtungen hinreißen. Daß die Jungen, die Gesunden, die Glücklichen trauern, wäre den Griechen wie den Orientalen unfaßbar, unnatürlich erschienen. Der göttliche Achilleus wehklagt über den Tod in ganz egoistischer Naivetät; Salomo seufzt über die Eitelkeit aller irdischen Güter, weil er ihr Unzureichendes an sich persönlich erfahren hat; Hiob zerreißt seine Gewänder, weil ein fürchterliches Schicksal ihn mit unerbittlichen Schlägen verfolgt. Das Mittelalter kennt keinen Weltschmerz, weil es ganz in dem Glauben an eine Welterlösung lebt und webt, und aus einem analogen Grunde ist dem Islam diese Krankheitserscheinung fremd. Erst die Geisterbewegung des 16. Jahrhunderts, welche die einzelnen mit ihrem Glauben, ihren Ueberzeugungen, ihren Empfindungen auf ihr eigenes Innere anzuweisen begann, entwickelte die ersten vereinzelten Symptome des modernen Weltschmerzes. Und zwar in katholischen ebenso wohl wie in protestantischen Landen. Denn die absolute Autorität der Kirche war für jene ebenso erschüttert wie für diese, als es der Wahl des einzelnen anheimgestellt ward, die Autorität anzuerkennen oder zu verwerfen. Aus Cervantes' Schriften weht uns eine Stimmung entgegen, welche dem 18. und 19. Jahrhundert innigst verwandt ist, ein Gefühl der Wehmuth über den unlösbaren Widerspruch zwischen dem Ideal und dem Leben. Molières Misanthrop ist nichts anderes als ein am Weltschmerz erkrankter. Shakspere macht sich in König Johann über die französischen Herren lustig, welche geflissentlich die Trauer zur Schau tragen, um sich interessante Airs zu geben, – also zu dem wirklichen Gefühle schon die Caricatur. Hamlet, den man wohl als einen Vorläufer von Werther und Nachfolgern bezeichnet hat, möchte ich nur in beschränktem Sinne hieherziehen. Bei ihm ist doch die Quelle der Trauer in durchaus persönlichen, hinreichend furchtbaren Erlebnissen zu suchen, aber es läßt sich nicht leugnen, daß die Töne, in denen seine Trauer sich offenbart, eine wunderbare und fast prophetische Ähnlichkeit mit dem Grundtone der eigentlichen Weltschmerzpoesie haben, deren Motto die Verse des dänischen Prinzen sein könnten: Wie schal und flach und unersprießlich Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt. Gerade das Schale und Flache, nicht das wirklich Entsetzliche des Lebens, ist dasjenige, woran der Weltschmerz sich weidet. Die Langeweile hat mehr Antheil an ihm als das Unglück. Seine Blüthe muß daher in eine Periode fallen, wo die Geister tief angeregt, voll lebhaften Dranges, die äußeren Verhältnisse aber eng, einförmig und ohne Nahrung für das geistige Bedürfniß sind. In solchen Zeiten zieht der menschliche Geist sich aus der Wirklichkeit in ein selbsterschaffenes Reich von Idealen zurück, lebt in einer erträumten Welt ungetrübten Genusses, um jeden neuen Tag die bittere Erfahrung zu machen, daß die vorhandenen Umgebungen mit seinen Idealen in dem schreiendsten Widerspruche stehen, seinen Genüssen prosaische Schranken entgegensetzen, ihn mit seinem Lieben und seiner Sehnsucht lediglich auf die Phantasie anweisen. Aus dieser Erfahrung entsteht jener ohnmächtige und unfruchtbare Haß gegen die Wirklichkeit, welcher dieselbe als absolut schlecht betrachtet, die subjectiven Ideale als allein berechtigt anerkennt und, weil er ihr Recht doch nicht geltend machen kann, in Verwünschungen über die Welt und über seine eigene Schwäche ausbricht. Dies ist der moderne Weltschmerz. Er ist eine Ueberhebung der einzelnen über das ganze, der genialen Persönlichkeit über die ewige Weltordnung. Das Genie ist souverän, und selbst die gewöhnliche bürgerliche Sittlichkeit hat ihm gegenüber kein Recht. Daß man die Aufführung genialer Menschen nach einem aparten Moralgesetze beurtheilen müsse, ist eine Ansicht, die noch heute in vielen Köpfen spukt und die von den großen deutschen Dichtern des vorigen Jahrhunderts, wenigstens in ihren Jugendjahren, mit beredtem Feuer vertreten wird. Das 18. Jahrhundert war nun gerade ein solches, in welchem der hochstrebende Geist in unaufhörliche Conflicte mit den realen Verhältnissen gerathen mußte. Die öffentlichen Zustände waren erbärmlich oder doch jedem praktischen Eingreifen der begabten Männer der Litteratur hermetisch verschlossen. Das häusliche Leben war dürftig, eng, unschön. Der Geist wandte daher dem Realen verächtlich den Rücken und zog sich ganz in die Welt des abstracten Kunstgenusses und der Gefühlsschwelgerei zurück. Wilhelm Meister ist der klassische Typus dieser Richtung. Rousseaus Schriften sind ein Product derselben, denn obwohl sie sich mit Politik und Pädagogik beschäftigen, so erkennt man doch bald, daß die Lösung dieser Fragen mehr von einem ästhetischen als von einem um die Sache selbst bekümmerten Geiste gesucht wird. Die deutschen Romantiker vollends haben die weltverachtende ästhetische Abstraction bis zum Extrem und einige unter ihnen den daraus folgenden Ueberdruß am Wirklichen bis zum Wahnsinn und zum Selbstmorde entwickelt. Befremden könnte der Einfluß, den diese Richtung in dem praktischen, rastlos arbeitenden, politisch bewegten England zu gewinnen vermochte. Allein gegen dies Befremden ist folgendes zu bemerken. Einmal liegt in dem englischen Charakter eine Neigung zur einseitigen Vertiefung in sich selbst, jener Hang zum Grübeln, zur Ausbildung subjektiver Sonderbarkeiten, der mit einer starren Herrschaft äußerer Traditionen, mit einer Tyrannei der Mode, des Herkommens, der Autorität in unablässigem, oft komischem, oft tragischem Kampfe steht. Die Farbe, welche Shakspere seinem Timon, seinem Jacques, seinem Hamlet endlich gegeben, hat er nicht erfunden, sondern er hat sie den Gesichtern seiner Landsleute abgesehen. Im 18. Jahrhundert fand daher auch in England neben der religiösen und politischen Skepsis, welche in zahlreichen beredten Vertretern eine rücksichtslose Opposition gegen das Bestehende eröffnete, die leidenschaftliche oder sentimentale Verachtung der realen Zustände viele empfängliche Naturen. Das Schwelgen in subjectiven Emotionen, die Gefühlsseligkeiten, die wollüstige Versenkung in eine mikroskopische Selbstbetrachtung, in der Litteratur durch glänzende Talente, wie die Verfasser des Tristram Shandy und der Nachtgedanken, eingebürgert, griff auch in den gebildeten Klassen um sich und grassirte in empfindsamen Briefen, Stammbuchblättern und Tagebüchern. Das Wort »sentimental« in seiner jetzigen Bedeutung geht von England aus; dort hat der Roman in Briefen, den Goethes »Werther« hernach zu einem unsterblichen Genre erhoben hat, seinen Ursprung genommen; von dort ertönten zuerst die verschwommenen Klagemelodien Ossians, die so sehr zu der Mondscheinstimmung der damaligen gefühlvollen Seelen paßten. Die deutsche Litteratur, so weit sie dieser Stimmung Nahrung verschaffte, fand gegen das Ende des 18. und den Anfang des 19. Jahrhunderts auch in England viele Leser und Nachahmer, welche letzteren, wie es die Art der Nachahmer ist, durch Raffinement ersetzten, was ihnen an Originalität abging. Eine eigene Dichterschule, unseren Romantikern analog, fand einen zahlreichen Anhang, welche die Mystik eines abstracten Gefühlslebens, die phantastischen Wolkengebilde einer dem Leben entfremdeten ästhetischen Gourmandise als das eigentliche Lebenselement der Poesie ansah und welche merkwürdiger Weise genau wie die romantische Schule in Deutschland durch ihre Liebhaberei für litterarische Leckerbissen den höchst verdienstvollen Anstoß zu einem tieferen Studium mittelalterlicher Kultur und zu einem innigeren Eindringen in den Geist der Shakspereschen Litteraturepoche gab, dem eine spätere Zeit so reiche Früchte wissenschaftlicher Forschung verdanken sollte. Diese Dichterschule zählte einen Uebersetzer deutscher Dichtungen in ihrer Mitte, Coleridge, wie die deutschen Romantiker Schlegel, der durch seine Uebertragung Shaksperes einen großen Theil von seinen und seiner Freunde literarischen Sünden gesühnt hat. Die fragliche Schule, gewöhnlich die der Lakisten genannt, weil einige von ihnen an den Seen ( lakes ) von Cumberland wohnten, lebte in offener Fehde mit der nüchtern verständigen und allerdings etwas flachen Weltanschauung, welche die französische Litteratur vor Rousseau und die englische Litteratur in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vertreten hatte. Sie sahen auf die correcte Eleganz, die zierliche Weisheit eines Pope, eines Dryden mit der nämlichen Verachtung herab wie Schlegel und Novalis auf Ramler und Gleim. Sie verlangten von der Poesie eine allgewaltige Erfassung aller Tiefen und Höhen des Daseins, wobei sie denn freilich oftmals mystische Tändelei für Tiefe und fratzenhafte Leidenschaftlichkeit für Höhe hielten. Wie dem aber auch sein mochte, jedenfalls förderten sie das Publikum in jener schon vorhandenen Sehnsucht nach romantischen Emotionen, nach einer Poesie, welche nicht etwa das wirkliche Leben künstlerisch verklärt widerspiegeln, sondern eine hoch über diesem irdischen Jammerthal erhabene, selbständige Welt mit besonderen Gesetzen, mit besonderen Freuden, mit besonderen Schmerzen aus den vergoldeten Wolken der Phantasie herniedersteigen lassen sollte. So war die litterarische Atmosphäre Europas beschaffen, als – im Februar 1812 – die beiden ersten Gesänge des »Childe Harold« erschienen. Lord Byron selbst hatte nicht die geringste Ahnung von der Zündkraft dieses Gedichtes. Von seinem orientalischen Ausfluge nach England heimgekehrt, ward er von einem buchhändlerischen Freunde gefragt, ob er nichts zu drucken mitgebracht habe? Byron gab ihm eine Paraphrase der Ars poetia , des Horaz als das Beste, was er habe. Der Buchhändler hatte eine feinere Nase als der Dichter: er forschte nach mehrerem, und da fand sich denn in einem unausgepackten Koffer ein Manuskript vor, das Byron gleichgültig dem Buchhändler schenkte und das dieser, Horaz Horaz sein lassend, druckte und in Zehntausenden von Exemplaren rasch verkaufte. Das Publikum hatte plötzlich gefunden, was es wollte. Abstractesten Weltschmerz, ohne irgend welche psychologische Motivirung, eine ingrimmige, aber vornehm gehaltene Verachtung der wirklichen Welt, eine unermeßliche Trauer über die Nüchternheit des Alltaglebens, eine tiefe Sehnsucht nach einer poetisch verklärten Natur, die nirgend existirt, und nach einer schönen idealen Vorzeit, die nie existirt hat. Aber alles das ausgesprochen in so wohllautenden Melodien, mit einer so ergreifenden Inbrunst, mit einer solchen Schönheit und Energie der Sprache, wie man diesen Inhalt nie zuvor vernommen hatte. Und was die Hauptsache war, diesem abstractesten aller Gefühle, diesem unmotivirten Weltschmerze hatte der Dichter den unwiderstehlichsten Zauber dadurch verliehen, daß er ihm das Siegel einer anziehenden Individualität aufzudrücken verstand. Es war nicht mehr eine alte Empfindung, die in diesen wunderbaren Tönen nach Ausdruck rang, sondern es war der eine gewaltige Mensch, die eine außerordentliche Natur, in welcher der Weltschmerz sich verkörperte. Das war kein Tändeln und Spielen mehr, das war wirkliche lyrische Notwendigkeit, was den Ritter Harold zwang, in die Harfe zu greifen und in ewig neuer Fülle von poetischer Darstellung das endlose Wehe der Welt anzuklagen, daß alles, alles eitel sei! Selbst wir, deren Zeitalter reineren sittlichen und philosophischen Anschauungen einen höheren Grad innerer Befriedigung verdankt, selbst wir, so deutlich wir das Unwahre der Byronschen Weltanschauung erkennen, vermögen es nicht, uns dem Zauber zu entziehen, welchen sie in dieser Form und in dem Bunde mit völliger subjectiver Aufrichtigkeit ausübt. Sie ist und bleibt unwahr, aber sie erscheint wahr, weil ihr Betrug ein Selbstbetrug ist. Wir empfinden nicht einmal die tödtliche Monotonie, die in dem steten Wiederkehren einer einseitigen Grundstimmung sonst immer liegt; ein solcher Reichthum der mannichfaltigsten Formen und Bilder entzückt uns stets von neuem. Auch wird allerdings die Monotonie unterbrochen durch eine zweite Eigentümlichkeit des Dichters, – durch seine Kunst der Schilderung. In einer späteren Zeit, in einem der Gesänge des Don Juan sagt er von sich selbst: »Das Schildern ist meine starke Seite,« und wenn dies auch ungerecht gegen ihn selbst ist, da er in der That noch stärkere und bessere Seiten hat, so ist doch so viel wahr, daß in der Gabe, durch Worte den Leser recht in die Mitte einer Scenerie hineinzuversetzen, ihm einen Gegenstand recht unmittelbar vor die Augen zu führen, wenige ihn erreichen oder übertreffen. Das schwanengleich durch die Meerfluth gleitende Schiff, hinter welchem in blauem Dufte Englands Kreidefelsen versinken, die paradiesische Pracht der Ufer des Tejo, das von Waffenlärm erfüllte Spanien, Cadiz mit seinen Gelagen und Stiergefechten, die andalusischen Weiber, Tauben im Frieden, Löwinnen auf den zerschossenen Wällen Saragozas, – dann im zweiten Gesange der klassische Boden von Hellas, die heiligen Gewässer, welche der göttliche Dulder Odysseus auf ewige Zeiten der Poesie und dem Ruhme geweiht hat, die felsigen Gestade von Epirus mit ihren pittoresken Bewohnern, Ali Pascha von Janina endlich, umgeben von alttürkischem Pomp, – das war die blendende Reihenfolge von glänzenden Bildern, um die sich arabeskenhaft, grau in grau, aber in vollendeter Zeichnung, die düstere, schwermuthuolle Betrachtung des seltsamen Pilgers rankte. Und gleichwohl bilden diese beiden Gesänge nur den Anfang einer dichterischen Entwicklung: – denn was Byron vorher hat drucken lassen, kann billig in die Kategorie der Jugendversuche verwiesen werden. Schon der dritte Gesang, welcher 1816, nach einer Reise durch Belgien, Rheinland und die Schweiz geschrieben war, überstrahlte die ersten bei weitem, und vollends der vierte, welcher Venedig und Rom, diese erhabenen Grabstätten vergangener Größe, in nie gehörten Harmonien besingt, bezeichnete eine Entfaltung dichterischer Kraft, wie seit Shaksperes Tode die englische Muse sie nicht mehr gekannt hatte. Childe Harold gilt bei den Engländern für die größte Dichtung Byrons, denn diejenigen, welche den Don Juan höher stellen, behalten ihre Meinung für sich, aus Furcht für unmoralisch und ungläubig zu gelten. Auf seinem Grabsteine in der Dorfkirche zu Hucknall steht geschrieben: »Hier liegen die Gebeine von George Gordon Noel Byron, Lord Byron von Ruchdale, Verfasser von Childe Harolds Pilgerfahrt.« Jedenfalls ist der Verfasser der Grabschrift zu entschuldigen; denn ohne Zweifel ist das erste größere Werk des Dichters dasjenige gewesen, welches auf die Welt den mächtigsten Eindruck ausübte und welches auf die europäische Litteratur von dauerndstem Einflusse gewesen ist. Lamartine, Victor Hugo und ihre Genossen, eben so wie viele deutsche Poeten der letzten dreißig Jahre glänzen von Byronschen Reflexen und haben von seiner Art, zu malen und zu singen, manchen glücklichen Effect geborgt. Unglücklicher Weise hat sich mit der Form auch der Geist der Byronschen Dichtung den Zeitgenossen und Nachlebenden tief eingeprägt, und das, was erträglich, was selbst berechtigt war, so lange es in einer wahren und grandiosen Natur lebte, ist unausstehlich und am Ende lächerlich geworden, seitdem es in Manier und kokette Phrase ausartete. Goethe, welcher im 64. Lebensjahre stand, als der Childe Harold erschien, bewunderte Byron auf das aufrichtigste, aber er blieb dem inneren Wesen der Byronschen Poesie gegenüber ganz frei und objectiv. Er hatte den Weltschmerz künstlerisch überwunden und bewältigt; er stand demselben als Dramatiker gegenüber, Byron ging lyrisch ganz in ihm auf. Aber Goethe verleugnete nicht, daß zwischen seinem Faust und dem genialen Lord eine innere Beziehung vorhanden sei. Jenes titanenhafte Emporkrümmen des staubgeborenen Wurms unter dem Drucke einer beengten und nüchternen Welt, welches er im Faust mit dramatischer Freiheit geschildert hatte, fand er in Byron als persönliches Ringen wieder. Er erzählt uns, daß er mit eigentümlichen Gefühlen den Manfred gelesen habe, der eine wundersame Reproduktion des Faust, aber dabei eine ganz selbständige Schöpfung sei. Der Manfred war 1816 geschrieben, in der Schweiz. Er bezeichnet den Gipfelpunkt jener Weltverzweiflung, welche den Dichter verfolgt. Er ist dialogisch geschrieben, aber nichts weniger als ein Drama. Die Monologe sind die Hauptsache; alles andere ist nur Rahmen und Szenerie. Diese Monologe nun sind Ausbrüche einer so bodenlosen Verzweiflung, eines so düsteren Lebenshasses, einer so übermüthigen Menschenverachtung, daß wirklich alle Zauber einer wundervollen Diction dazu gehören, um nicht jeden Kunstgenuß zu zerstören. Weshalb Manfred so überaus elend ist, erfährt man gar nicht; nur einige grauenhafte Andeutungen, daß ein Motiv für seine Höllenqualen wirklich vorhanden sei, huschen gespenstisch dahin; alles andere ist düstere Wirkung ohne Ursache. Dabei ist die sprachliche Einkleidung von einer Erhabenheit, die ich gletscherhaft nennen würde, wenn nicht der Berliner Witz sich dieses Wortes zu anderen Zwecken bemächtigt hätte. Die großartigste Alpennatur, d. h. diejenige, welche noch in voller Wildheit starrt, die Natur der ödesten Eisfelder, der unbändigsten Sturzbäche, der schwärzesten Abgründe, spiegelt sich wie in einem unheimlichen einsamen See in dieser Dichtung. Childe Harold ist lustig neben Manfred. In einer ganzen Reihe erzählender Gedichte finden wir von nun an die beiden Grundelemente Byronscher Poesie wieder. Der Giaur, die Braut von Abydos, der Corsar, Lara, Parisina sind fast nur Variationen immer des nämlichen Themas; immer erblicken wir dasselbe halbgottähnliche, welthassende, schwermuthvolle Individuum, das mit seinem unermeßlichen, prometheischen Stolze, mit seinem vulkanischen Gefühlsleben in einer erbärmlichen Welt groß und pathetisch zu Grunde geht, von nuancirter Charakteristik keine Spur; die Begebenheiten, die Motive, die Handlung mehr oder weniger nebensächlich behandelt; den Schauplatz in pittoreske, den westeuropäischen möglichst fremde Umgebungen verlegt, – aber die Diction von großer, oft vollendeter dichterischer Schönheit, einzelne Beschreibungen und lyrische Ergüsse unübertrefflich. Diese Gedichte, weniger tief als der Harold, gefälliger als Manfred, haben bei dem großen Publikum das meiste Glück gemacht, obwohl sie an Kunstwerth der Mehrzahl der anderen Werke Byrons nachstehen. Charakteristisch ist noch die Erzählung »das Eiland,« welche das Leben meuterischer Seeleute auf einer idyllischen Insel der Südsee, inmitten der braunen Mädchen, unter dem Schatten der Palmen schildert. Charakteristisch, weil hier der Haß gegen die reale Welt sich auch einmal in das Idyll, in die phantastische Welt jener Unschuldparadiese flüchtet, von denen die Wirklichkeit nichts weiß, die Sehnsucht der Rousseaujünger aber desto mehr. Ein Schriftsteller der deutschen Sturm- und Drangperiode, Heinse, ließ ähnlich seine Helden sich auf eine aegeische Insel zurückziehen, nachdem sie freilich zuvor sich in dieser schlechten Welt ziemlich gut amüsirt hatten, wie im »Ardinghello« nachzulesen. In allen bis jetzt erwähnten Werken haben wir nur den großen Lyriker kennen gelernt. Aber wenn die Lyrik das vorwiegende Element zu sein scheint, so wäre es doch verkehrt, sie für das ausschließliche anzusehen. Die Lyrik war so mächtig in Byron, sie absorbirte seine Schöpfungskraft in einer so unaufhaltsamen Zuführung von Stoffen, daß die anderen Seiten seiner Begabung nicht zur Entwickelung gelangen konnten. Er hat etwa zwölf Jahre lang der litterarischen Oeffentlichkeit angehört, und diese kurze Zeit, so reich an außerordentlichen Erzeugnissen seiner Feder, dabei so erfüllt von äußerer und innerer Unruhe, ist offenbar nicht ausreichend gewesen, um den Genius zur vollen Entfaltung aller seiner Kräfte zu reifen. Aber es lagen Kräfte in ihm, welche über die lyrische Poesie hinausreichten. Dies ist nicht die Meinung derjenigen, welche sagen, Byron sei zu rechter Zeit gestorben. Ich finde im Gegentheil, daß sich aus einer aufmerksamen Verfolgung seiner poetischen Entwicklung wohl ein Fortschreiten zu höherer Freiheit und folglich zu größerer dichterischer Bedeutung nachweisen ließe. Mit vorrückendem Alter gewinnt offenbar die Gabe und der Drang unbefangener Darstellung mehr und mehr Boden; neben jenen tief subjectiv gefärbten Gedichten, von denen ich gesprochen habe, treten allmählich auch Erzählungen auf, in denen eine epische Stimmung sich mit einem gewissen Behagen geltend macht, in denen der Dichter sein eignes Ich auf längere Zeit vergißt und sich hinter den geschilderten Gegenständen verbirgt. Dies ist schon in dem 1816 geschriebenen »Gefangenen von Chillon« der Fall, einem historischen Genrebilde, welches man ein Juwel erzählender Peosie nennen kann und von dem man sagen möchte, es habe verstanden, der monotonen Dunkelheit eines Kellergewölbes die reichsten Farbenwirkungen abzugewinnen. Hier wird ein großes menschliches Wehe dargestellt, aber mit ganz klaren Motiven, mit ganz fester Zeichnung, und ein Wehe, das dem Dichter persönlich völlig fremd ist. – Ebenso ist der Mazeppa, welcher die bekannte Geschichte von dem aufs Pferd gebundenen polnischen Pagen behandelt, fast ganz frei von dem Hineinragen der dichterischen Persönlichkeit. Die Begebenheit wird einfach, natürlich und voll malerischer Anschaulichkeit erzählt; wir sehen nichts, als was zur Sache gehört, aber von dem auch alles, und ich zweifle, ob die menschliche Sprache etwas aufzuweisen hat, was dieser Jagd durch die Steppen der Ukraine an flüchtiger Lebendigkeit gleich käme. Das wilde Pferd ist wohl nie in schöneren Versen gefeiert worden. Es ist am Ende eine müßige Frage, ob diese sich zeigenden Keime einer allmählichen Abklärung reichere Früchte getragen hätten, wenn nicht Byron im 36. Lebensjahre der Fieberluft Missolunghis erlegen wäre; aber daß diese Keime vorhanden waren, daß Byron zwar wie Paganini auf einer einzigen Saite ein ganzes Concert spielen, daß er aber auch die anderen Saiten beherschen konnte, das nachzuweisen, darf eine gerechte Würdigung des Dichters nicht unterlassen. Schon daß er den Versuch machte, Dramen, und zwar historische Dramen zu schreiben, deutet auf eine allmähliche Emanzipation seines Genius von der lyrischen Selbstversenkung hin. Denn der dramatische Dichter muß sich selbst gänzlich vergessen, um sich in die Naturen der fremden Menschen hineinzuleben, die er vor uns auftreten läßt. Nun will ich zwar nicht behaupten, daß dem Dramatiker Byron diese Selbstverleugnung vollständig gelungen sei; im Gegentheil seine Bühnenhelden haben eine unverkennbare Familienähnlichkeit mit denjenigen seiner lyrischen Erzählungen; sie sind mehr abstracte Leidenschaften in menschlicher Maske als wirkliche Menschen mit Leidenschaften, und ihre vorwiegenden Eigenthümlichkeiten sind ziemlich die nämlichen, welche den Pilger Harold, den Corsaren und Lara charakterisiren, – düstere Schwermuth, grenzenloser Stolz, verschlossene Weltverachtung, fieberhaftes Selbstgefühl. Allein man kann diese Schwächen gern zugeben und doch anerkennen, daß im Marino Faliero, in den Foscari, im Sardanapal wenigstens der Vorzug lebt, daß der Dichter sich in die Situationen seiner Personen lebhaft hineinversetzt und sie diesen Situationen gemäß mit Sicherheit handeln und reden läßt. Die Conceptionen dieser Tragödien sind originell und kühn und schon an sich keinem unbedeutenden Kopfe zuzumuthen. Marino Faliero, der Doge, welcher seinen beleidigten aristokratischen Stolz durch eine plebejische Verschwörung gegen den Adel Venedigs zu rächen sucht, – Foscaro, welcher venezianischen Römersinn über venezianische Staatsgrausamkeit sittlich triumphiren läßt, – Sardanapal, welcher aus üppiger Weichlichkeit sich zu dem Bewußtsein königlicher Würde emporrafft und sich selbst gewissermaßen einer barbarischen, aber der Weltschmerzperiode sehr verständlichen Selbstvergötterung zum Opfer bringt, – das sind Themata, denen gegenüber schon der Versuch ein energisches Zusammenfassen des experimentirenden Genius bekundet. Bevor aber diese Versuche weiter gediehen, wurden sie in den Hintergrund gedrängt durch die ersten Schritte auf einer ganz verschiedenen Bahn, auf welcher Byron die höchsten Palmen ernten sollte. Während seines Aufenthalts in Venedig. 1819 und 1820, schrieb er die ersten Gesänge des Don Juan. Ihnen folgten in den nächsten Jahren von Zeit zu Zeit Fortsetzungen, und das Werk bot noch weite Aussichten in die Zukunft, als der Tod ihm ein zu frühes Ende machte. So wie dies Dichterleben vor uns liegt, ohne Kunde der in ihm noch verborgen ruhenden Keime, ist Don Juan seine köstlichste und großartigste Frucht. Die Vielseitigkeit des Byronschen Genius, die bis dahin hatte bezweifelt werden können, von der bisher nur schärfere Blicke einzelne Spuren entdecken mochten, faltete sich wie mit einem Schlage in überraschendem Reichthum auseinander. Eine ganz neue Welt, eine Welt voll Witz, Leichtigkeit, Grazie, und daneben eine Welt voll Pathos, Schrecken, bitterster Satire, that sich blendend auf, ganz und gar verschieden von den früheren Gebilden dieses Dichters. Wie Childe Harold die Welt, welche Byron nicht gekannt hatte, in Erstaunen setzte, so der Don Juan die Welt, welche Byron kannte. Urplötzlich gewahrte man, wie der Sänger, der bis dahin das Menschenleben nur als Gegenstand seiner Gefühle gekannt zu haben schien, jetzt plötzlich es in seiner Wirklichkeit zu packen und seinen persönlichen Idealen unmittelbar, Auge in Auge, gegenüberzusetzen verstand. In dieser unmittelbaren Nebeneinanderstellung des subjectiven Ideals und der wirklichen Welt, einer Nebeneinanderstellung nicht mehr der lyrischen Reflexion, sondern der epischen Erzählung und der an die Erzählung sich knüpfenden Glossen des Erzählers liegt die ungeheure Kluft zwischen dem Don Juan und dem Harold, liegt überhaupt das Charakteristische dieses modernen Epos. Daraus erklärt sich der fortwährende grelle Wechsel der Töne, welche von dem lieblichsten Moll der Idylle bis zu den grellsten Schreien der Wuth und Verzweiflung die ganze Scala menschlicher Wonne- und Schmerzenslaute durchlaufen; daher diese fortwährende Unterbrechung epischer Ruhe durch den Lärm der heftigsten Polemik; das Hereinziehen moderner Politica in einen galanten Roman des vorigen Jahrhunderts; die bunte Aufeinanderfolge von Lebensbildern verschiedenster Färbung. Und welche Bilder! Zuerst die spanische Ehebruchsgeschichte, mit dem Esprit eines Beaumarchais hingeworfen; dann unmittelbar Sturm, Schiffbruch und Hungersnoth auf See, mit einem so furchtbaren Pathos erzählt wie die Leidensgeschichte Ugolinos; dann das Idyll auf der griechischen Insel, angehaucht wie von dem Abendrothe hellenischer Anmuth, unvergleichlich außer mit dem Romeo Shaksperes an inbrünstiger und doch zarter Verherrlichung der aufkeimenden sinnlichen Liebe; dazwischen der griechische Pirat, ein Gemälde wie von Salvator Rosa selbst, und im nächsten Aufzuge die groteskeste Haremsgeschichte, von welcher wir den Blick abwenden, um plötzlich einem grandiosen Schlachtbilde gegenüberzustehen, der blutigen Erstürmung Ismails durch Suwarow, diese«Spottgeburt von Dreck und Feuer,»deren Portrait wir mitten durch den Pulverdampf deutlich erkennen; nach Ismail die Boudoirs der nordischen Semiramis, von dem betäubenden Parfüm einer gigantischen Ueppigkeit erfüllt, und dann endlich, in weiten Kreisen auf sein eigentliches Wild sich niederlassend, der Adler der satirischen Dichtung auf England herabfahrend, das fromme, anständige, moralische England, das Land der Pharisäer, welche bereits Zeter geschrieen haben über Julia, Haidee, Gulbeyaz, Dudu und Katharina und denen nun schonungslos gezeigt wird, wie wenig Ursache sie haben, Gott zu danken, daß sie nicht seien wie die anderen. Wie im Childe Harold und in den Gedichten der ersten Periode die Polemik gegen das Bestehende sich hauptsächlich in allgemeine, die menschliche Natur im großen und ganzen treffende Bitterkeiten und Klagen ergießt, so wird sie im Don Juan großentheils sehr concret und selbst persönlich in einem Grade, von welchem man wenig Beispiele hat. Die Komödien des Aristophanes enthalten kaum gröbere Invectiven als die polemischen Stellen des Don Juan, nur daß freilich der letztere eine gewisse Gattung von Koth, die der griechische Dichter freigebig genug verwendet, den Sitten unseres Jahrhunderts gemäß unberührt lassen mußte. Hierin dem Aristophanes nachzuahmen, war einem deutschen Dichter vorbehalten, der den Grafen Platen mit Schmutzwürfen verfolgte, welche anzuwenden der englische Lord wohl unter keinen Umständen die Kühnheit gehabt haben würde. Was nun den Inhalt dieser Polemik anlangt, so ist er für Byrons Standpunkt und Auffassungen von der größten Bedeutung. Seine Angriffe gegen die Personen sind nicht immer ganz gerecht, ebenso wie man es von des Aristophanes Anschuldigungen gegen den Sokrates sagen kann, und ihre Heftigkeit geht nicht selten über die Grenze des Erlaubten hinaus. Allein sie haben das für sich, daß sie niemals die Personen als solche, sondern immer nur in den Personen die Sache verfolgen. Es sind nicht kleinliche Privatfehden, sondern große öffentliche Interessen, denen zu Liebe der Dichter seine furchtbaren Pfeile stiegen läßt. Und da ist es denn vor allem die europäische Reactionspartei, der seine Waffen gelten. Byron ist mit lebhaftem Eifer Politiker, aber Politiker ganz im Sinne jenes romantischen Liberalismus, welcher bis in die vierziger Jahre Europa beherschte, dessen Verdienste um eine idealere Auffassung des menschlichen Lebens wir immer dankbar anzuerkennen haben, der aber durch seine Gleichgültigkeit gegen die gegebenen Verhältnisse, durch seine Geringschätzung der geschichtlichen Natur sich selbst zu dem unfruchtbaren Geschäfte der rhetorischen Declamation verdammte und der in seinen psychologischen Wurzeln ganz unmittelbar mit der allgemeinen Geistesrichtung seiner Periode zusammenhing, deren Strömungen wir in dem Weltschmerz und dem subjectiven Hochmuthe der Byronschen Muse erkennen mußten. Weil der feingebildete, ideal gestimmte einzelne es zu eigener persönlicher Befriedigung wünschenswerth findet, soll der politische Zustand der Völker, ohne Rücksicht auf deren Bildungsstufe oder auf den dafür zu zahlenden Preis, nach einer willkürlich angefertigten Schablone umgemodelt werden, und wenn dies unterbleibt, weil die Regierenden zu prosaisch und die Regierten nicht enthusiastisch genug denken, so hält der hochstrebende einzelne ganz logisch jene für lauter Schurken und diese für lauter Knechtsseelen, über welche er die vollen Schalen seines Grimms ausschüttet. Wie gesagt, die letzten Ziele dieses vormärzlichen Liberalismus, wenn auch nicht den Formen, doch dem Wesen nach, sind die nämlichen, welche den ewigen Gegenstand aller, auch unserer Fortschrittsbestrebungen ausmachen, und deshalb können wir seinen Phantasien nicht allein mit Geduld, sondern auch mit innerer Sympathie zuhören, sobald sie einen so beredten, so aufrichtigen und so geistvollen Dolmetscher finden wie Byron. Seine Illusionen über die Emancipation Italiens durch eine conspiratorische Organisation oder über die Auferstehung des alten Hellas brauchen wir ebenso wenig zu theilen wie seinen blinden Haß gegen den Herzog von Wellington, und wir können doch den Kern jener Illusionen, dieses Hasses mit voller Hingebung würdigen, nämlich eine edle Begeisterung für dasjenige, was auch unsere Sehnsucht erfüllt, für die Verwirklichung des Wahren, Guten und Schönen, oder, wenn man es so nennen will, für die Freiheit . Wenn Byron an Napoleon und an Wellington das Ansinnen stellt, sie hätten ihre Macht benutzen sollen, um das Menschengeschlecht frei zu machen, so erinnert uns diese Auffassung lebhaft daran, daß wir einer anderen Zeit angehören als der Dichter des Don Juan, der wie Schillers Posa noch einen so hohen Begriff von der Macht der Persönlichkeit und eine so äußerliche Idee von der Freiheit hatte, daß er glaubte, die Welt könne durch einen Federstrich neugeschaffen werden. Abgesehen von dieser Einseitigkeit sind viele der politischen Satiren Byrons, deren er auch einige selbständige geschrieben hat, z. B. eine fulminante gegen den Congreß von Verona, treffend genug. Der Mangel an Herz und Idealismus, welcher die Staatsmänner der Restaurationsepoche kennzeichnet, wird von ihm erbarmungslos gegeißelt und – was besser ist – lächerlich gemacht, und gegen die Heucheleien der heiligen Allianz richtet er die Keulenschläge eines Freimuths, wie ihn damals nur ein Engländer so rücksichtslos zur Schau tragen konnte. Minder verständlich als seine politischen sind seine litterarischen Antipathien, die im Don Juan einen breiten Platz einnehmen. Die Dichter der Seeschule, Wordsworth, Southey, Coleridge standen, wenn auch qualitativ weit unter ihm, doch auch auf dem nämlichen Boden subjectiv romantischer Weltanschauung. Gleichwohl verfolgt Byron sie mit unversöhnlicher Erbitterung. Er läßt kein gutes Haar an ihnen. Er sucht sie moralisch und ästhetisch todtzuschlagen. Das Geheimniß dieser Feindschaft ist wiederum ein politisches. Jene Dichter, in ihrer Jugend gleich ihm den subjectiven Impuls als einziges Gesetz anerkennend, mit ungebundener Freiheit Gott und der Welt gegenüber das Recht ihrer Persönlichkeit vertheidigend, waren später in das Heerlager der herschenden Autoritäten übergegangen, hatten Hof- und Staatsämter angenommen, sangen Oden auf den Helden von Waterloo und die heilige Allianz und schrieben in toryistischen Zeitschriften Artikel gegen die Jakobiner und die satanischen Poeten, wie sie Byron und Shelley betitelten. Byron blieb ihnen nichts schuldig; er tractirte sie als Apostaten und Judasse, und sein Haß gegen sie ging so weit, daß es ihm schwer ward, selbst in litterarischen Dingen mit ihnen gleicher Meinung zu sein. Ich wenigstens kann es mir nur so erklären, daß er eine so unbegreifliche Verehrung vor Pope zur Schau trägt, den die Lakisten vornehm bei Seite schieben wollten, und daß er Shaksperes Größe, welche die Lakisten von den Dächern ausposaunten, nur unter Vorbehalten anzuerkennen sich stellt. Offenbar wußte er ebenso gut wie wir, daß in Shaksperes kleinem Finger mehr Poesie steckt als in allen Dichtern der Popeschen Periode zusammen genommen. Aber er wollte die Lakisten ärgern. Byron war nämlich ohne Zweifel ein Mann von seinem natürlichem Kunstsinne. Seine litterarischen Urtheile sind, abgesehen von der eben erwähnten Grille, meist treffend, und in einem längeren Artikel, einer Antikritik über eine Pope herabsetzende Kritik, hat er mit viel Geist nachgewiesen, daß die Lehre der Romantiker, als sei die menschliche Kultur unpoetisch, ein radikaler Irrthum ist, daß vielmehr der Geist des Menschen der Ausgangs- und Endpunkt aller Poesie war, ist und immer sein wird und daß die Natur im engeren Sinne, nur insofern sie in eine Beziehung zum Menschen tritt, poetisch zu wirken vermag. Nichts ist mißlicher als Werke der bildenden Kunst mit Worten schildern zu wollen, aber auch darin zeigt Byron sein richtiges Kunstgefühl, daß er in solchen Fällen die Beschreibung vermeidet und eine kurze Andeutung, ein einziges pittoreskes Wort verwendet, welches in der Phantasie des Lesers die gemeinte Statue, das gemeinte Bild deutlicher reproducirt als eine ausführliche Schilderung es vermöchte. Beispiele sind die Statuen des Vatican im Childe Harold, oder die Gemäldegallerie in Norman-Abtei im Don Juan. Was die Musik, diese unenglische Kunst, anlangt, so ist wenigstens so viel zu bemerken, daß Byron es unbegreiflich fand, wie die Mode Rossini über Mozart stellen konnte. In seiner eigenen Kunst gehört Byron zu den epochemachenden und bahnbrechenden Geistern, welche neue Formen und neue Mittel auf den ersten Wurf zu dauernder Gültigkeit erheben. Sein Childe Harold, sein Don Juan gehören jeder einem Genre an, das vorher nicht existirte. Sein poetischer Stil, seine Diction ist bis in den tiefsten Kern originell und doch weder einseitig persönlich noch national, sondern populär, weltfaßlich. Ich will nicht behaupten, daß er rein von Incorrectheiten oder von Verstößen gegen den guten Geschmack sei, aber seine Fehler sind wie Sonnenflecke. Seine Herrschaft über die heiteren und finsteren, die neckischen und die furchtbaren Geister der Sprache ist wie die Salomons; er macht mit ihnen, was er will. Aber er verwendet sie fast immer mit sicherer Abwägung des künstlerischen Zweckes, und seine Kühnheiten erscheinen so naturgemäß, daß sie kein peinliches Gefühl aufkommen lassen. Seine poetische Macht bewältigt die sprödesten Stoffe; er bebt nicht davor zurück, einen Schiffbruch mit dem Detail der Wirklichkeit oder eine Schlacht mit uniformirten Soldaten zu einem Kunstwerke zu verwenden, und diese Hingabe an die Naturwahrheit, die ihn von den meisten zeitgenössischen Dichtern unterscheidet, ist eine dauernde Errungenschaft des poetischen Stils der modernen Zeit geblieben. Selbst Goethe und Schiller scheuten sich davor, gewisse Stoffe der Wirklichkeit poetisch darzustellen; oder, wenn sie es mußten, maskirten sie dieselben mit dem hergebrachten akademischen Putze, setzten anstatt des Tschako den Helm, anstatt der Fregatte die Barke, anstatt des modernen Menschen eine klassische Verkleidung. Seit Byron nennt die Poesie die Dinge beim rechten Namen, wie sie es zu Homers und Shaksperes Zeit gethan hat, und selbst in Frankreich ist die akademische Wortprüderie von seinem Einflusse besiegt worden. Es würde zu weit führen, dies an einzelnen Beispielen zu erläutern; wer aber die Diction der französischen Schriftsteller des letzten Menschenalters mit der hergebrachten Ausdrucksweise der früheren Zeit vergleicht, wer namentlich Victor Hugo, Alfred de Vigny, Musset, Barthélemy und Méry ins Auge faßt, wird zahlreiche Spuren Byronschen Stils wiederfinden, freilich allzuhäufig nur die Manier ohne den bedeutenden Inhalt, und in gleicher Weise sind manche Vorzüge der deutschen Epigonendichter, Grün, Lenau, Freiligrath, Herwegh, Geibel, ist namentlich die Kunst des frappanten Ausdrucks eine Nachwirkung der von Byron entdeckten neuen Tonarten. Daß Heine, obwohl unendlich origineller als die ebengenannten, eine bedeutende Anregung von der nämlichen Seite her empfangen hat, ist auf den ersten Blick deutlich und ist um so natürlicher, als Heine, in einem beschränkteren und niederen Sinne und ohne ein gleiches Gegengewicht angeborener Großherzigkeit, in der Litteratur das nämliche Princip wie Byron, den Uebermuth des Subjects, vertritt. Heines launenhafte Anstrengungen, auch seinerseits hin und wieder einen Weltschmerz im Byronschen Sinne zur Schau zu tragen, sind vielleicht der beste Maßstab der weiten Kluft, welche zwischen der sittlichen Natur der beiden Dichter liegt; denn Heine bringt es bei allem Aufwande von Talent nie dazu, daß man an seinen Ernst glaubt, während Byron selbst mit seinen frivolsten Spöttereien niemals den Glauben an einen edlen Kern seiner Natur bei dem Leser ganz untergräbt. Byron hat bei aller seiner eminenten lyrischen Begabung nie ein Lied gedichtet, welches mit den besseren Heineschen auch nur entfernt den Vergleich aushielte; aber diejenigen unter seinen kleineren Gedichten, in denen er seine wirklichen inneren Erlebnisse wiedergiebt, überstrahlen durch die bloße Energie des wahren Gefühls alles, was Heine ähnliches geschrieben hat, wie das Gestirn des Tages die schönste elektrische Sonne im »Propheten.« Es liegt in der Natur der Sache, daß vorzugsweise bei Gedichten der letztgedachten Art dem Leser sich die Frage aufdrängt: »Was für ein Mensch war der, welcher sie schrieb?« Aus diesem Grunde kann ich nicht die Ansicht Macaulays theilen, welcher meint, daß eine Zeit kommen werde, wo man die besten Gedichte Byrons lediglich mit dem litterarischen Gaumen genießen und sich völlig frei fühlen werde von jenem Interesse für seine Persönlichkeit, welches die Zeitgenossen oft über den wahren Werth seiner Poesien täuschte. Mir scheint vielmehr, daß ein bleibender Zauber diese Dichtungen durchweht, dessen Eigentümlichkeit zum Theil darauf beruht, daß wir so viel von der fesselnden und bedeutenden Persönlichkeit des Dichters wissen. Eine ähnliche Empfindung habe ich, wenn ich ein Liebesgedicht von Dante oder von Camoens lese, während ein Sonett Petrarcas oder Tassos mich nur literarisch interessirt. Macaulay schrieb vor nun achtundzwanzig Jahren seinen geistvollen Artikel über Byron im »Edinburgh Review.« Er sagte: »Einige wenige Jahre werden hinreichen, um den Rest jener magischen Macht zu zerstören, welcher einst dem Namen Byrons eigen war. Für uns (die Generation von 1831) ist er immer noch ein Mensch, jung, vornehm, unglücklich. Unseren Kindern wird er nur noch ein Schriftsteller sein, und ihr unparteiisches Urtheil wird ihm seinen Platz unter den Schriftstellern anweisen, ohne Rücksicht auf seinen Rang und auf sein Privatleben. Daß seine Poesie eine strenge Sichtung erfahren, daß vieles, was seine Zeitgenossen bewunderten, als werthlos verworfen werden wird, das bezweifeln wir nicht. Aber ebenso wenig bezweifeln wir, daß nach der schärfsten Durchsicht vieles stehen bleiben wird, was nur mit der englischen Sprache untergehen kann.« Seitdem sind die Kinder von 1831 Männer und Frauen geworden, und noch immer fragt ein jeder, welcher Byrons Werke kennen lernt: »Was für ein Mensch war der, welcher sie schrieb?« Die krankhafte Schwärmerei der vorangegangenen Generation ist allerdings geheilt, aber sie hat nicht einer Gleichgültigkeit gegen den Menschen Byron Platz gemacht. Er ist für uns beinahe ebenso sehr ein psychologisches wie ein poetisches Problem. Wir lesen seine Briefe mit dem nämlichen Interesse wie seine Gedichte, und von diesen letzteren ergreifen keine so sehr das Innerste unserer Seele, als diejenigen, welche mit seinen menschlichen Schicksalen in der engsten Beziehung stehen. Die Strophen im »Childe Harold,« in denen er sein Kind segnet, in denen er zu Rom an dem Altare der Nemesis seinen Feinden Vergebung zuruft, und ähnliche Stellen bezaubern uns nicht bloß durch ihre Kunstform, sondern sie setzen uns in ein persönliches Verhältniß zu dem Dichter; sein Kummer, sein Sehnen, seine Rührung interessiren uns wie die Empfindungen eines uns nahestehenden Menschen. Wir denken nicht mehr daran, daß wir es ja nur mit einem »Schriftsteller« zu thun haben, dessen Staub seit einem Menschenalter im Grabe ruht. Wir fühlen uns peinlich berührt, wenn wir Fehler, Verschuldungen, Sünden dieser verirrten und unglücklichen, aber im Kerne guten und liebenswürdigen Natur uns nicht verschweigen können, und es erfreut uns, wenn wir Züge seiner uneigennützigen Freundschaft, seiner heroischen Opferfähigkeit, seiner Leutseligkeit gegen Arme und Bedrängte finden. Es ist uns nicht gleichgültig, daß seine Bedienten für ihn begeistert waren, daß türkische Fischer, griechische Bauern und venezianische Gondeliere, die von seinem Dichterruhm keine Ahnung hatten, ihn verehrten und liebten, und wir lesen mit einem tröstlichen Gefühle die einzelnen, aber beredten Beweise, daß auch in dieses sturmdunkle Leben Strahlen der himmlischen Liebe fielen, »welche höher ist als alle Vernunft.« Vielleicht niemals ist ein Dichter so offenherzig über seine intimsten persönlichen Beziehungen gewesen wie Byron. Trotz dessen – und dieser Umstand ist höchst bemerkenswerth – empfinden wir bei seinen poetischen Expectorationen selten oder nie jenes verdrießliche Gefühl, mit dem wir uns gegen anderer Leute Wehklagen über ihr Unglück abzuschließen geneigt sind. Im Gegentheil, wir hören seinem Jammer mit einer Theilnahme zu, welche nicht allein durch den Genuß der schönen Form erklärt werden kann. Das Geheimniß liegt in der Energie, mit welcher, obwohl dichterisch verklärt, das Lebensunglück des Dichters sich ausspricht und uns gewissermaßen zum unmittelbaren Miterleben zwingt. Das poetische und das biographische Interesse fließen in einander, und das eine steigert immer das andere. Dazu kömmt, daß die Ereignisse des Privatlebens einen starken Schatten über die ganze poetische Entwicklung Byrons ausgebreitet haben. Seinem Genius, kann man sagen, hat das Unglück die Flügel verliehen. Eine unerwiderte Jugendliebe verfolgte ihn mit ihren unheilbaren Schmerzen bis an sein Lebensende, eine unglückliche Ehe zertrümmerte sein häusliches Glück und zerriß alle Bande, welche ihn an sein Vaterland knüpften. Aber beide Ereignisse gaben seiner Dichtung einen erhöhten Schwung. Sie wurden zur Grundlage für eine der schönsten Poesien aller Zeiten und Zungen, für jenen wunderbaren »Traum,« welcher in keuschester, vollendetster Kunstform den tiefsten Jammer eines gebrochenen Lebens aushaucht, bis wir am Ende nicht mehr wissen, ob wir mehr erschüttert oder mehr entzückt sind. Diese trauervollen Erlebnisse spiegeln sich in den unvergleichlichen Versen, welche der fliehende Lord seiner Schwester hinterließ ( When all around grew drear and dark und Though the day of my destiny's over ), wie Ruinen in dem Krystall eines abendlichen Sees wieder; sie breiten über das berühmte » Fare thee well « an die geschiedene Gattin einen Zauber hinreißender Trauer, die in ihrer eigenen Schönheit die Versöhnung mit sich zu tragen scheint. Sie sind nicht eben zahlreich, diese Kleinodien der Lyrik, aber gerade sie, welche den Menschen Byron in seinen tiefsten Lebensmomenten offenbaren, werden gelesen und bewundert werden, nicht so lange die englische Sprache dauert, sondern so lange es Herzen giebt, welche die Poesie zu begeistern und zu rühren vermag. Man hat wohl die Frage aufgeworfen, ob denn der Schmerz, welchen Byrons Muse an der Stirne trägt, nicht zum Theil gemacht gewesen sei. Gemacht ist vielleicht ein nicht ganz zutreffender Ausdruck, aber völlig grundlos ist die Insinuation nicht. Die allgemeine Richtung des Byronschen Gemüths auf die dunklen Seiten des Daseins war ein Erzeugniß seiner Natur und seiner Erlebnisse, aber daß er hernach mit der Willkür des Künstlers die Töne anschlug, die zu beherschen er sich bewußt war, unterliegt wohl keinem Zweifel. Nur haben diejenigen einen seltsamen Begriff von der poetischen Wahrheit, welche meinen, daß diese künstlerische Willkür gleichbedeutend sei mit spielender Affectation. Die einzelne Madonna, welche Rafael malte, war immer eine Frucht seiner freien Entschließung, daß er aber überhaupt in Madonnenbildern das Höchste erreichte, war ein Resultat seiner künstlerischen Individualität. Englische Kritiker sagen freilich, es sei unmöglich, wahr empfundene Schmerzen von solcher Tiefe, wie sie Byron den seinigen andichte, in Verse zu bringen und gar einem verehrungswürdigen Publikum zur Einsicht vorzulegen. Wie kann man, rufen sie, die zartesten Empfindungen und Verhältnisse, wenn man selbst von ihnen ergriffen ist, den Augen der Menge preisgeben? Wir betreten ein geheimnißvolles Gebiet, wenn wir diesen Punkt erörtern wollen. Ohne Zweifel sind diese Sätze für neunundneunzig Menschen unter hundert richtig. Wir, die wir nicht Poeten sind, werden um so schweigsamer, je lebhafter wir ein natürliches Gefühl in uns tragen. Wir schämen uns, unser Allerheiligstes zu enthüllen, oder wie Frau von Staël es schön ausdrückt: » Tous les sentiments naturels ont leur pudeur .« Aber die Kunst ist eben frei von dieser Scham; sie könnte mit ihr nicht existiren. Sie muß offenbaren, gestalten, zeigen, und gerade dasjenige, was die tiefsten Spuren in dem Herzen des Künstlers zurückgelassen hat. Ist der Künstler ein Maler, ein Bildhauer, gar ein Baumeister, so wird freilich wenig von seinem Gemüthsleben in seinen Werken mit allgemein verständlicher Unmittelbarkeit sich ausprägen; ist er ein Komponist, ein dramatischer oder epischer Dichter, so liegt ihm wenigstens die Versuchung ferner, den Hörer oder Leser ohne Weiteres in die Mysterien seines Innern einzuführen; ist er aber lyrischer Dichter, so wird es für ihn fast zur Nothwendigkeit, mit seinem eignen Ich an die Oeffentlichkeit zu treten. Das Ich ist sein künstlerischer Stoff, und die Oeffentlichkeit ist die Lebensluft jeder wahren Kunst. Der Dilettantismus mag sich auf das Arbeitszimmer und den Salon beschränken; die Kunst muß zum Volke reden. Und sie muß eben von allem reden, was die Menschenbrust bewegt, und wenn ihre Form die der Lyrik ist, so kann sie nicht anders als von dem Herzen, den Stimmungen, den Gefühlen des Lyrikers reden. Vergebens sucht schamhafte Zurückhaltung ihr die Lippen zu schließen, der schöpferische Enthusiasmus setzt sich unwiderstehlich über die Schranken hinweg, welche schüchterne Befangenheit den gewöhnlichen Sterblichen zieht. Und dieses Preisgeben des eignen Ich, welches uns verletzt und abstößt, wenn es ohne den zwingenden Trieb eines solchen Enthusiasmus uns entgegentritt, gewinnt sich einen Freibrief, wenn es im Dienste wahrer Kunst erscheint. Selbst das Allerempfindlichste, Allerzarteste, was es auf Erden giebt, dasjenige was am wenigsten die Oeffentlichkeit vertragen kann, selbst der Adel der Weiblichkeit vermag unverletzt an der Hand der Kunst, freilich nur der höchsten, die gefährliche Probe zu bestehen, welche das Zuschauen und Zuhören des Volks ihr auferlegt. Allerdings ist es selten, daß Frauen dieser Probe gewachsen sind, aber gerade die Seltenheit solcher Ausnahmen deutet darauf hin, daß in der Kunst ein Element enthalten ist, welches in den durchschnittlichen Fällen unweiblich ist und erst auf den Höhepunkten das Schneidende und Störende seines Eindrucks verliert. Dies ist denn auch der Grund, weshalb lyrische Gedichte nur dann erträglich sind, wenn sie den Gipfel der Vollendung erreichen. Bei keiner andern Kunstform ist dies in solchem Grade der Fall. Wo aber einmal die Kraft vorhanden ist, Vollendetes zu schaffen, da wird sie auch der heiligsten und innerlichsten Stoffe sich rücksichtslos bemächtigen und das Gefühl der dem Menschen angeborenen Scham vor seinem eigenen Herzen überwinden, wie die Flamme den leichten Schleier verzehrt. Dies ist das Privilegium des geborenen Dichters; wie Goethes Tasso es preist: »Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, Gab mir ein Gott zu sagen, was ich dulde.« Ich sehe, was Byron betrifft, keinen Grund, das Verhältniß zwischen seinen Dichtungen und seiner Person anders aufzufassen. Nicht jede einzelne seiner Lamentationen über Welt und Menschheit will ich für einen unmittelbaren Gefühlsausbruch ausgeben, aber der dunkle Strom der Verzweiflung und Schwermuth, welcher durch alle seine Werke fließt, nur hin und wieder unter Bäumen und Blumen sich versteckend, entspringt aus Quellen persönlicher Natur. Wer des Dichters Leben verfolgt, kann nur jedes Wort bestätigen, das Macaulay über diesen Punkt sagt. »Eine so traurige und dunkle Geschichte kann in einem Roman kaum gefunden werden, und den Moralisten möchten wir nicht beneiden, der sie ohne Rührung lesen könnte. Byron war für alles geboren, was Menschen wünschen. Aber mit jedem seiner glänzenden Vorzüge vermischte sich ein Element des Elendes und der Erniedrigung. Er stammte aus einem uralten Adelsgeschlecht, aber durch eine Reihe von Thorheiten und Verbrechen hatten seine Vorfahren dies Geschlecht in Armuth und Verruf gebracht. Der junge Pair besaß großes intellectuelles Vermögen, aber in seinem Geiste war eine ungesunde Stelle. Er hatte von Natur ein edles fühlendes Herz, aber sein Temperament war eigensinnig und reizbar. Er hatte einen Kopf, den Bildhauer zu copiren liebten, und einen Fuß, dessen Häßlichkeit die Bettler in den Straßen nachäfften. Ausgezeichnet zugleich durch die Stärke und die Schwäche seines Geistes, gefühlvoll, aber verschroben, ein armer Lord, ein schöner Krüppel, hätte er, wenn je ein Mensch, die festeste, umsichtigste Erziehung bedurft. Aber so launenhaft die Natur ihn ausgestattet hatte, die Mutter, welcher die Aufgabe oblag, seinen Charakter zu bilden, war noch launenhafter. Sie bewegte sich zwischen Fieberanfällen von Wuth und Fieberanfällen von Zärtlichkeit. Heute erstickte sie ihn mit ihren Liebkosungen, morgen insultirte sie sein körperliches Gebrechen. Er trat in die Welt, und die Welt behandelte ihn, wie seine Mutter es gethan hatte, bald mit Zärtlichkeit, bald grausam, nie gerecht. Alles, was die stärksten Triebe unserer Natur aufzuregen und zu befriedigen vermag, das Staunen hundert glänzender Salons, der Zuruf der ganzen Nation, der Applaus applaudirter Männer, die Liebe lieblicher Frauen, eine solche Welt mit allen ihren Herrlichkeiten wurde plötzlich einem Jüngling dargeboten, dem die Natur heftige Leidenschaften und dem die Erziehung keine Gewalt über sie gegeben hatte. Dann kam die Reaction. Die Gesellschaft, launenhaft in ihrer Entrüstung wie in ihrer Zärtlichkeit, überwarf sich mit ihrem verhätschelten Liebling. War er mit unvernünftiger Schwärmerei vergöttert worden, so ward er nun mit unvernünftiger Wuth verfolgt. Eine häusliche Angelegenheit, über deren wirklichen Sachverhalt das brittische Publikum damals ebenso wenig wußte wie jetzt, gab den Anlaß zu einem Ausbruche des öffentlichen Zorns gegen einen Mann, in dessen Person das tugendhafte Publikum, wie es schien, die Sünden Tausender bestrafen wollte. Das Verfahren gegen ihn war ein unerhörtes. Zuerst kam die Strafvollstreckung, dann die Untersuchung und zuletzt, oder vielmehr gar nicht, die Anklage. Das Publikum erfand Geschichten, um seinen Zorn zu rechtfertigen, und die Verleumdungen, denen er ausgesetzt war, waren der Art, daß sie wohl auch ein festeres Gemüth hätten erschüttern können. Die Zeitungen waren voll von Schmähungen, die Theater bebten von Verwünschungen; Kreise, in denen er bis dahin der Allgefeierte gewesen war, stießen ihn aus; all das kriechende Gewürm, das in der Verwesung edlerer Naturen schwelgt, eilte zum Schmause. Der unglückliche Mann verließ sein Vaterland auf immer. Das Geheul der Schmähung folgte ihm über die See, den Rhein hinauf, über die Alpen; allmählich ward es schwächer, dann erstarb es; die Schreier fingen an, einander zu fragen, was denn am Ende die Ursache ihres Lärms gewesen sei; man wünschte den Verurtheilten zurück, den man eben weggetrieben hatte. Seine Dichtung ward populärer, als sie je gewesen war, und seine Wehklagen wurden mit Thränen gelesen von Tausenden und Zehntausenden, die nie sein Antlitz gesehen hatten.« Byron selbst war sich des Einflusses wohl bewußt, welchen seine Lebensschicksale auf seine poetische Entwicklung geübt haben; er kannte sehr wohl den magischen Zusammenhang, welcher zwischen den Saiten seines Herzens und den Saiten seiner Harfe geheimnißvolle Beziehungen weckte. Niemand hat schöner als er selber es ausgesprochen, daß sein Unglück seinem Genius die Zaubertöne lehrte, mit denen er die Welt eroberte. – – »Qual mischte sich in alles, Was ihm credenzt ward, bis er sich gewöhnte, Gleich wie der Pontische Monarch der Vorzeit, Von Gift zu leben; und das Gift war machtlos, Ja, eine Art von Nahrung. Er durchlebte, Was mancher Menschen Tod gewesen war, Und schloß mit Bergen Freundschaft; mit den Sternen Und dem lebend'gen Geist des Weltalls hielt Er seine Zwiegespräch', und diese lehrten Ihn die Mysterien ihrer Zauberkraft. Ihm war das Buch der Nacht weit aufgeschlagen, Und Stimmen aus dem Abgrund offenbarten Ein Wunder und Geheimniß.« (Der Traum.) Macaulay. (1860.) I. Das Jahr 1859, das Todesjahr so vieler Heroen der Wissenschaft, hat noch in den letzten Tagen seines Scheidens, dem Pfeile des flüchtigen Parthers ähnlich, »den größesten englischen Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts,« wie die größeste englische Zeitung in ihrer Todtenklage Macaulay nennt, in den Staub gestreckt. Die Gräber in Westminster-Abtei sind um eines vermehrt worden, über dessen Würdigkeit (was bei solchen Gräbern nicht immer der Fall ist) die Zeitgenossen einig sind und die Nachwelt, das dürfen wir annehmen, einig bleiben wird. Thomas Babington Macaulay ist unbestritten und unbestreitbar, mag nun die Bezeichnung der »Times« überschwänglich sein oder nicht, eine hervorragende Größe auf zwei Gebieten menschlicher Thätigkeit, deren jedes einzelne genügt, um das Streben eines Lebens nach Ruhm und Auszeichnung vollauf zu beschäftigen, – auf zwei Gebieten noch dazu, welche höchst selten von einem und demselben Sterblichen mit gleichzeitiger Meisterschaft beherscht werden. Macaulay hatte als Schriftsteller einen dankbaren und bewundernden Leserkreis wie ihn wohl nie zuvor irgend ein Mann der Wissenschaft, auch Humboldt nicht, um sich versammelt hat. Macauley galt zu gleicher Zeit, seit dem Tode Cannings, für den ersten Redner des britischen Parlaments. So nahe verwandt die Erfolge der Feder und die Triumphe der Beredsamkeit mit einander zu sein scheinen, so selten, wie gesagt, finden sie sich in einem Namen vereinigt. Die größesten Künstler der Prosa-Darstellung waren Stammler, wenn sie sprechen mußten; die gewaltigsten Helden des Wortes sanken zu Schülern herab, wenn sie die Feder zu führen hatten. Cicero, Edmund Burke und Macaulay sind drei glänzende Ausnahmen dieser Regel. Alle Drei haben das mit einander gemein, daß ihre Reden den Eindruck vollendeter Schriften machen, ihre Schriften das Leben gesprochener Reden athmen. Bei allen Dreien war es nicht die Vereinigung zweier verschiedener Gaben, von denen die eine sich im mündlichen, die andere im schriftlichen Vortrage entfaltete, (etwa wie in Julius Cäsar das Talent des Feldherrn sich mit dem Talente des Geschichtschreibers begegnete), sondern Cicero, Burke und Macaulay besaßen eine besondere Gattung von Beredsamkeit, welche ebenso siegreich das Auge wie das Ohr gefangen nimmt, welcher es gleichgültig ist, ob sie Leser oder Hörer gegenüber hat, weil in ihr die rednerische und schriftstellerische Eloquenz sich zu einem neuen Ganzen eigentümlich und untrennbar verquicken. Es ist eine bekannte Erfahrung, daß manche Reden, von deren hinreißender und überwältigender Wirkung die Hörer erfüllt sind, hinterdrein beim Lesen lahm, ungelenk, langweilig erscheinen, und daß umgekehrt Reden, welche den Leser entzücken, an dem Ohre des Hörers ohne Eindruck und ohne Echo verhallen. Das bekannteste Beispiel der ersten Art sind die Reden von Charles Fox, denen das Haus der Gemeinen mit athemlosem Enthusiasmus lauschte, und die, soweit sie aufgezeichnet sind, wir trivial, voll von Wiederholungen, Folgewidrigkeiten, falschen Bildern und schwachen Argumenten finden. Umgekehrt kömmt es vor, daß man in den Zeitungen Reden rapportirt findet, deren lichtvoller Darstellung, nachdrücklicher Ermahnung, glänzender Beweisführung man bis zum Schlüsse mit lebhaftester innerer Befriedigung folgt und von denen man hernach zu seinem Erstaunen vernimmt, daß sie auf die Hörer nur eine sehr geringe Wirkung ausgeübt haben. Die dritte Gattung der Beredsamkeit, zu deren ausgezeichnetsten Vertretern Macaulay gehörte, ist von der Einseitigkeit dieser beiden Richtungen gleich frei. Laßt einen seiner Artikel im »Edinburgh Review,« z. B. den über die Emancipation der Juden, von einem des Sprechens kundigen Manne frei vortragen, und ihr werdet sagen: »Es war eine vortreffliche Rede.« Leset diesen selben Artikel einsam in eurem Cabinet, und ihr werdet erstaunen, wie man über ein so abgedroschenes Thema so fesselnd schreiben könne. Macht das nämliche Experiment mit Burkes »französischer Revolution« und mit seiner Rede gegen Warren Hastings oder mit Ciceros catilinarischer Rede, und ihr werdet das nämliche Ergebniß finden. Das Geheimniß dieser Doppelwirkung besteht darin, daß Macaulay, wenn er seine Gedanken in Worte kleidet oder wenn er die in seinem Innern lebenden Vorstellungen vor dem geistigen Auge eines Dritten heraufbeschwören will, durch innere Anlage getrieben stets solche Formen des Ausdrucks wählt, welche zugleich den Verstand und die Einbildungskraft beschäftigen. Er appellirt nicht einmal an die Logik und ein andermal an die Phantasie, sondern seine Sätze sind so gebaut, daß sie mit einem Schlage die Phantasie erregen und die Logik beschäftigen. Man kann, bei der vollständigen Durchdringung dieser beiden Elemente, nicht mehr sagen, ob es mehr darauf abgesehen sei, uns zu fesseln oder uns zu überzeugen; wir fühlen nur, daß wir gefesselt sind, und meistentheils fühlen wir auch, daß wir überzeugt wurden. Und selbst wenn letzteres nicht der Fall sein sollte, so ist doch dies Verfahren des Schriftstellers und des Redners an sich ein so reizendes, anmuthvolles, daß ihm zuzuhören, einen wahrhaften Kunstgenuß gewährt, sollte auch der Gegenstand, den er behandelt, uns innerlich unberührt lassen. Wenn es richtig ist, daß Macaulays litterarische Größe in der Verschmelzung schriftstellerischer und oratorischer Vortrefflichkeit zu einer besonderen, wenn nicht neuen, doch höchst seltenen Gattung der Prosakunst besteht, so würde in einer Besprechung dieses Mannes ein Blick auf seine Reden nicht fehlen dürfen. Denn durch diese eben bezeichnete Eigenthümlichkeit sind ja auch seine Reden, weit entfernt mit der flüchtigen Stunde zu verhallen, dauernde literarische Denkmäler geworden. Inzwischen hat die Sache ihre besonderen Schwierigkeiten. Denn obwohl eine Sammlung der Parlamentsreden Macaulays vorliegt und man daher der Mühe überhoben ist, die einzelnen aus den riesigen Jahrgängen der »Times« – » that Mississippi of printed matter « – herauszufischen, so bedarf es doch zu einer erschöpfenden Würdigung dieser oratorischen Triumphe jedesmal eines näheren Eingehens auf die Umstände, unter denen der Redner sprach. Namentlich muß man sich die Aeußerungen der Gegenpartei vergegenwärtigen, um das Verdienst des Sieges nach Gebühr anzuerkennen. Eine Darstellung Macaulays als Redners im Parlamente würde nicht viel weniger als eine Schilderung der Parlamentsdebatten im Anfange der dreißiger Jahre voraussetzen. Ich muß einräumen, daß ich zu einem solchen Eingehen mich nicht im Stande fühle. Die Zeiten des großen Kampfes um die Reformbill liegen vor denjenigen meiner persönlichen Erinnerung. Die Wortschlachten, welche damals geschlagen wurden, kenne ich nur aus historischen Berichten, nicht aus der gleichzeitigen Lectüre der Londoner Zeitungen. Ich kann nur constatiren, daß Macaulay in jenen Kämpfen sich den Ruhm erwarb, wenn nicht der größeste, doch der vollendetste Redner Englands zu sein. In der Blüthe der männlichen Kraft, ein angehender Dreißiger, ward er unter den Vorkämpfern der Partei gepriesen, welche nach einer unermüdlichen Agitation, nach vieljährigen heißen Debatten »die große Maßregel,« wie man sie nannte, einer mächtigen herschgewohnten Phalanx von Gegnern abrang, an deren Spitze Männer wie der Herzog von Wellington und Sir Robert Peel fochten. Mein Miterleben solcher Erfolge beschränkt sich auf Jahre, wo die tägliche Durchsicht englischer Zeitungen zu meinen Berufsgeschäften gehörte, eine Periode die mit dem Jahre 1845 begann. Damals ließ Macaulay sich nur höchst selten im Parlamente vernehmen, und die großen Debatten dieser Zeit, welche sich vorzugsweise um commercielle und wirthschaftliche Fragen drehten, boten seinem besonderen Talente wenig Gelegenheit zur Entfaltung. Eine große Rede hielt er aber doch noch, und diese über ein Thema, welches für ihn wie geschaffen war. Ganz England, Schottland und Irland war im Jahre 1846 in Bewegung über einen Antrag Sir Robert Peels, das katholische Priesterseminar zu Maynooth in Irland mit einem ausreichenden jährlichen Zuschüsse aus der Staatskasse zu dotiren. Die Maßregel war darauf berechnet, den römisch-katholischen Clerus Irlands in freundschaftliche Beziehungen zu dem Staate zu setzen und dem Einflusse der ultramontanen und jesuitischen Agitatoren zu entziehen. Sie ward daher von diesen letzteren und von den irischen Demagogen, denen jede wohlwollende Kundgebung der Regierung einen Strich durch die Rechnung machte, auf das heftigste bekämpft. Wie Judas den Herrn Jesus um dreißig Silberlinge verkauft habe, so wolle man jetzt, donnerte O'Connell, die Freiheit der allerheiligsten Mutter Kirche um lumpige 20 000 jährlich an die englische Regierung verhandeln. Weit gefährlicher aber als die katholische war die protestantische Opposition gegen die »Maynooth-Bill.« Die eigene Partei Sir Robert Peels erhob das lauteste Geschrei gegen dieses »Attentat auf die protestantische Verfassung des Reichs,« this signal ontrage on the feelings of the Nation, « und es fehlte nicht an solchen, welche behaupteten, Ihre Majestät würde das Recht auf den Thron verwirken, wenn sie dieser gottlosen, verfassungswidrigen Maßregel ihre königliche Genehmigung ertheile. Den Männern des bornirten Staatskirchenthums schloß sich der finstere fanatische Schwarm der dissidentischen Secten und der schottischen Presbyterianer an. Tausende von Petitionen mit Millionen Unterschriften gegen die Bill liefen beim Parlamente ein; protestantische Meetings folgten eins auf das andere und überboten sich gegenseitig in stürmischen Deklamationen; liberale Parlamentsmitglieder erhielten von ihren Wählern feierliche Mißtrauensadressen; die Zeitungen der hochkirchlichen und der dissidentischen Parteien flossen über von Citaten aus dem Propheten Daniel und von Hinweisungen auf das Weib der Apokalypse, welches gekleidet ist »scharlachen und rosinfarben.« Von einem Ende der Insel zum andern, ging ein ungeheurer Tumult darüber, daß die protestantischen Sovereigns und Banknoten der britischen Schatzkammer dienen sollten, um die Baalspfaffen der großen Babel, die Jünger des Antichristes, zu ernähren. In dieser Krisis stellten die Whigs, ihren liberalen Grundsätzen getreu, sich entschlossen auf die Seite ihres großen politischen Gegners, und mit ihrer Unterstützung brachte Sir Robert Peel die Bill glücklich durch beide Häuser des Parlaments. Aber ehe es soweit kam, concentrirte sich zuvor in den Debatten die ganze Wuth der bigotten Parteien gegen die Freunde der Bill. Nacht um Nacht erscholl in Westminsterhall das fanatische Concert der Invectiven und der Drohungen, abwechselnd mit den Gegenreden der Ministeriellen und der Whigs. Vor der zweiten Lesung der Bill nahm Macaulay das Wort. Er bekehrte natürlich die Widersacher nicht, aber seine glänzende Behandlung des Themas, funkelnd von Schönheit und Geist, gewappnet mit dem schimmernden Rüstzeug geschichtlichen Wissens, milder menschlicher Bildung und staatsmännischer Weisheit, wirkte etwas, was in öffentlichen Kämpfen ebenso wichtig ist wie Umstimmung der Feinde: sie erfüllte die Freunde mit dem Vertrauen, ohne welches nie ein dauernder Sieg errungen wird. Es handelte sich nicht mehr um eine jährliche Geldverwendung, sondern es handelte sich darum, die giftschwangere Frage nach dem Verhältnisse des Staates zu dem religiösen Glauben seiner Angehörigen einem höchst aufgeregten, einem in solchen Dingen sehr engherzigen Publikum gegenüber in dem Geiste der Vernunft, der Gerechtigkeit und der politischen Zweckmäßigkeit zu lösen. Wenige waren diese Aufgabe zu lösen so geeignet wie Macaulay. Seine genaue Bibelkenntniß und Kunde theologischer Streitigkeiten, ein Erbtheil seines schottischen Geblütes, befähigte ihn ganz besonders, mit Gegnern zu kämpfen, deren Argumente fast nur in mißverstandenen oder aus dem Zusammenhange gerissenen Schriftstellen bestanden. Sein geschichtliches Wissen, seine allgemeine Bildung befähigte ihn, die bestrittene Maßregel von einem höheren Gesichtspunkte aus, als die Regierung selbst es that, zu vertheidigen, sie nicht als eine Concession der Klugheit, sondern als einen Act der Gerechtigkeit und der Vernunft, als im Einklänge mit den ewigen Gesetzen, nicht als einen vorübergehenden Pact mit dem Teufel darzustellen. Die Schönheit der äußeren Form endlich kam gerade hier dem Redner sehr zu Statten; denn sie nöthigte selbst dem Geheul der Zeloten ein kurzes Stillschweigen ab und verschaffte bei der Masse der Unentschiedenen den Sätzen seiner Lehre ein Gehör, welches sie ohne den Zauber der Beredsamkeit, auf ihren eigenen inneren Werth allein angewiesen, nicht gefunden haben würden. Derartige Reden sind auf das Ergebniß der Abstimmungen nur in ganz seltenen Fällen von unmittelbarem Einflüsse: desto größer aber ist ihre mittelbare Bedeutung. Durch solche Kundgebungen des die Abstimmung der Mehrheit leitenden Princips wird der äußere Sieg erst zu einem wirklichen Triumphe, zu einer wirklichen Ueberwindung des feindlichen Gegensatzes. Nicht allein die Stimmen, auch die Ideen der Gegner erleiden dann eine Niederlage, und die Appellation an die Zukunft, der Trost der bloß überstimmten Minoritäten, wird ihnen abgeschnitten. Gegen die Maynooth-Bill hat sich nie wieder eine ernsthafte Opposition geregt. Von der Kunst des Redners gilt zu einem großen Theile, was Schiller von der Schauspielkunst sagt. Sie ist vergänglich. Wenn auch nicht ganz und gar, wie die mimische Darstellung, so doch in ihrem wesentlichsten Theile, in ihrem unmittelbaren, lebendigen, sinnlichen Eindrucke. Gerade dasjenige, was den Redner, wie keinen anderen Künstler, zum Beherscher der Stunde macht, geht mit der Stunde unwiederbringlich verloren. Keine Geschicklichkeit der Stenographen vermag die anschwellenden Donner seines Zorns, die gehobene Feierlichkeit seines Pathos, die Haltung seines Hauptes, den Glanz seines Auges, die Sprache seiner Hände auf das Papier zu bannen; keine noch so genaue Schilderung vermag die elektrische Spannung wiederzugeben, welche der Augenblick des Kampfes selbst erzeugt und welche Redner wie Hörer gleichsam mit einem höheren Nervenleben durchströmt. Alles das vergeht mit den letzten Tönen des Applauses; was der Redner sagte, haben die Schnellschreiber aufgezeichnet: wie er es sagte und wie es wirkte, davon bleiben nur unbestimmte, traumhafte Erinnerungen, abgerissene Anecdoten, halbmythische Überlieferungen über. Der Phantasie bleibt es überlassen sich auszumalen, wie Cicero den Catilina niederschmetterte, wie der sterbende Chatam sein Vaterland beschwor, die amerikanischen Kolonien nicht zum Aeußersten zu treiben, wie Mirabeau dem Ceremonienmeister des Hofes aus der Versammlung der Reichsstände heimleuchtete, wie Burke durch die Schilderung der Greuel eines Indianerkriegs ein Haus von Landjunkern und Roués zu Thränen und zum Entsetzen zwang, – die Wirklichkeit des Erfolges, wie die Wirklichkeit der Sixtinischen Madonna oder einer Shakspereschen Tragödie, erreicht die Einbildungskraft nie. Nach dem Zeugnisse Berufener war allerdings bei Macaulays Beredsamkeit der Inhalt und die sprachliche Form bei weitem das überwiegende Theil. Bei ihm war nicht die Gewalt der Rede eine unter mehreren Kundgebungen der ihn erfüllenden Lebensenergie, sondern sein geistiges Leben ging gänzlich auf in dieser einen Begabung. Er war nicht Redner nebenher, wie der Staatsmann oder der Feldherr es ist, um irgend einen bestimmten Zweck zu erreichen, sondern er war Redner um der Rede willen, er war mit einem Worte auf seinem Gebiete Künstler. Mit dem Worte künstlerisch zu schaffen, ein Argument, eine Auseinandersetzung zum Gegenstande ästhetisch befriedigender Sprachgebilde zu machen, das war der Trieb, welcher seinem geistigen Leben die besondere Richtung und Farbe gab. Daß eine solche Natur auch dem äußeren Vortrage die erforderliche Sorgfalt zuwende, könnten wir, auch wenn es an ausdrücklichen Zeugnissen fehlte, sicher annehmen, und ohne Frage ward der Reiz seiner vollendeten Diction außerordentlich erhöht durch den Wohlklang des Organs, durch die richtige Schattirung der Betonungen, durch die lebendige Gegenwart des schaffenden Künstlers und durch die Umgebungen, zu denen er sprach. Allein der Reiz selbst lag doch vornehmlich in dem unsinnlichen Theile der Rede, in der Gruppirung, Fülle und Gewandung der Gedanken, durch welche er seine Hörer – und noch jetzt seine Leser – nicht gerade zu stürmischem Beifall elektrisirte, wohl aber in ein tiefes Wohlgefallen einwiegte. Will man die Elemente dieses Zaubers zergliedern, so muß man sofort den Redner Macaulay und den Schriftsteller Macaulay in eins zusammenfassen. Denn die Vorzüge des einen sind die Tugenden des anderen. Vor allen bedeutsam unter ihnen aber, die eigentlichen Grundpfeiler seines Ruhmes, sind zwei: ein außerordentliches, man kann wohl sagen einziges Talent, die eigenen Gedanken anderen anschaulich zu machen, und eine ebenso außerordentliche Gewissenhaftigkeit in der Kultivirung dieses Talents. Welche unermeßliche Macht das Wort in seiner künstlerischen Behandlung sei, das kann man recht deutlich an dem Beispiele dieses Mannes sehen. Macaulay ward als der erste politische Redner seines Landes gefeiert, obwohl er nie ein Staatsmann war. Macaulay ist, nicht allein in England, sondern in der ganzen civilisirten Welt, der populärste, vom gebildetesten und vom Durchschnittsleser gleich eifrig studirte Schriftsteller über Gegenstände der Litteratur und der Geschichte, und doch ist er weder auf dem einen Gebiete noch dem andern an Tiefe der Auffassung, Höhe des Blicks und Reichthum der Forschung den Ersten gleich. Seine »Geschichte Englands« hat eine Aufnahme beim Publikum gefunden, wie sie selbst Werken der schönen Litteratur nur selten zu Theil wird, bei wissenschaftlichen Büchern aber wohl unerhört ist. Goethes »Werther« und Walter Scotts Romane haben kaum einen rascheren und weiter verbreiteten Absatz gehabt als diese vielbändige Erzählung von dem Uebergange Englands aus einem feudalen in ein constitutionelles Staatswesen. Und doch wird niemand behaupten können, Macaulay habe diese Begebenheiten richtiger als ein anderer dargestellt, oder es sei sein Verdienst, einen Stoff aufgefunden zu haben, welcher mehr als irgend ein anderer die Welt interessire. Wohl aber muß man sagen, daß niemals ein anderer gleich ihm es verstanden hat, durch die Behandlung des Gegenstandes dem Gegenstande selbst ein neues, hohes Interesse zu verleihen und die Darlegung von Ansichten, die Schilderung von Zuständen, Personen und Ereignissen als Darlegung, als Schilderung, ganz abgesehen von dem Inhalte und dem Stoffe, zu einer immer fließenden Quelle des Genusses für den Leser zu machen. Man kann ihn in dieser Beziehung mit Van Dyk vergleichen, dessen Portraits, bloß durch die wundervolle Beherschung der Aufgabe, uns entzücken, auch wenn ihre Urbilder uns völlig unbekannt und gleichgültig sein sollten. Und wie in Van Dyk der Portraitmaler ganz in den Hintergrund tritt gegen den Künstler, so in Macaulay der Gelehrte gegen den Darsteller. Für Van Dyk ist allerdings, die Aehnlichkeit zu treffen, Vorbedingung jedes Schaffens, aber die Aehnlichkeit ist ihm nur das Thema zu einem künstlerischen Menschengebilde, das an sich eine vollständige Berechtigung hat. Für Macaulay ist die geschichtliche oder philosophische Wahrheit nicht etwas gleichgültiges, aber sie ist nur insoweit sein Ziel, als es sich darum handelt, sie in sprachlicher Kunstform zu versinnlichen. Er wird nie die Unwahrheit oder das Gegentheil seiner wirklichen Meinung zum Gegenstande seiner Darstellung machen; aber er wird ebenso wenig sich befriedigt fühlen, bloß die Thatsache, bloß seine Meinung kunstlos und nackt hinzustellen. Der Wahrheit wirft er die reiche Draperie seines Stiles um, und die Meinungen kleidet er in fein ciselirte Rüstungen voll getriebener Gold- und Silberarbeit. Die Form allein ohne werthvollen Inhalt ist freilich bei einem Künstler, dessen Material nicht Ton, Erz, Marmor oder Farbe ist, sondern Wort und Gedanke , völlig undenkbar . Und wenn ich sage, Macaulay sei durch sein außerordentliches Formtalent groß geworden, so kann es doch nicht meine Meinung sein, dem abstracten Inhalte seiner Schriften einen sehr hohen Werth abzusprechen. Ich wollte nur hervorheben, daß er in letzterer Beziehung von manchen erreicht, von einigen übertroffen worden ist, während er erst durch die von ihm vollzogene Vermählung eines immerhin bedeutenden Inhalts mit einer Formvollendung ersten Ranges, durch die Verschmelzung des Geistes mit der Schönheit die hohe Stufe in der Litteratur einnimmt, welche ihm von dem übereinstimmenden Richterspruche des Zeitalters angewiesen worden ist. Dies läßt sich nicht besser erkennen als durch eine Betrachtung der Artikel, welche er von Zeit zu Zeit für das »Edingburgh Review« geschrieben hat, jener berühmten »Essays,« mit denen er, wenn nicht als der Schöpfer, doch als der Vollender eines neuen, wesentlich modernen Genres in der Litteratur auftrat, eines Genres, für welches gerade seine eigenthümliche Begabung die erforderlichen Eigenschaften im höchsten Maße vereinigte. II. Ein Banquier stellte seinen Gästen einen reichen jungen Mann mit der Bemerkung vor: »Künstler, – hat es aber nicht nöthig.« Thomas Babington Macaulay befand sich in dieser beneidenswerthen Situation, deren günstiger Einfluß auf die volle reife Entwickelung seines Geistes unverkennbar ist. Aus dem bisher Bemerkten hat vielleicht dem Leser das Ergebniß sich schon aufgedrängt, daß Macaulays Natur recht eigentlich für eine Gattung litterarischer Thätigkeit geschaffen war, welche ein Kind modernster Entwickelung, früheren Perioden gänzlich unbekannt, innerhalb kurzer Zeit zu einer unermeßlichen Bedeutung herangewachsen ist, – für die periodische Schriftstellerei. Gerade auf diesem Gebiete wird der Schriftsteller, weil er unmittelbar wirken, sein Wild gleichsam im vollen Laufe erlegen soll, mehr oder weniger die Gaben des Redners entfalten müssen. Ich habe bemerkt, wie in Macaulay schriftstellerische und oratorische Eloquenz sich zu einem neuen Dritten verschmolzen. Diese Vereinigung ist es, was den großen Journalisten macht. Macaulay würde der erste aller Leitartikelschreiber geworden sein, wenn seine Lebensverhältnisse ihm das Betreten einer journalistischen Laufbahn nahe gelegt hätten. Um deswillen ist es für die Literaturgeschichte von Wichtigkeit, zu wissen, daß er »es nicht nöthig hatte, Künstler zu sein.« Denn wer einen Begriff von der Zeitungsschriftstellerei höheren Ranges, namentlich inmitten eines großartigen Parteiwesens, hat, der wird mir Recht geben, daß in der heißen Atmosphäre dieser fieberhaften, rastlosen Betriebsamkeit die saftreichen, üppigen Früchte nimmer hätten gedeihen können, welche Macaulays Prosa-Muse in bequemer Sorgfalt gezeitigt hat. Glanz und Duft würden gewiß auch die journalistischen Früchte, hätte sie solche ziehen müssen, um sich verbreitet haben, – aber den Glanz eines Tages, den Duft einer Stunde. Erschöpft von dem nie ruhenden, hastigen, leidenschaftlichen Produciren würde sie wahrscheinlich nie im Stande gewesen sein, jenes Gleichgewicht maßvoller und doch energischer Schönheit sich anzueignen, welches ihren Werken dauernden Werth verleiht, auch wenn die Wichtigkeit ihres Gegenstandes längst veraltet ist. Der Journalist verausgabt in kleinen Summen, die, ohne Spur zu hinterlassen, durch die Finger rinnen, Mengen Goldes, welche der langsam sammelnde Schriftsteller in einem großen Posten zum Erwerbe dauerhaften Besitzes verwendet. Die englische »Review,« die Vierteljahrsschrift, wie wir es nennen würden, bietet sich dem Schriftsteller, der mehr begehrt, als für den Tag zu schreiben, und der doch unmittelbar an die Erscheinungen der wechselnden Gegenwart anknüpfen, unmittelbar an die gegenwärtigen Stimmungen und Interessen des Publikums sich wenden möchte, welchem daher die Zeitung zu flüchtig, das Buch zu schwerfällig ist, als willkommener Mezzo termine , in der Mitte stehend zwischen dem Gebiete des Journalismus und dem Felde strenger, erschöpfender Abhandlung. Hätte diese Art von Gedankenfuhrwerk nicht bestanden, Macaulay hätte sie erfunden. Als er den ersten Drang zur Schriftstellerei in sich empfand, stand die »Edingburgh Review,« die Vierteljahrsschrift der Whigpartei, auf dem Höhepunkte litterarischen Ansehens. Sie war der elegante Sammelplatz aller liberalen Vornehmheiten Großbritanniens, auf welchem der Staatsmann, der Gelehrte, der Kunstkenner sich begegneten, sich gegenseitig anregten, belehrten und unterhielten. Der Ton der Discussion war der der allgemeinen Bildung, gründlich, aber nicht technisch, ernsthaft, aber nicht pedantisch, – die Discussion selbst immer der nächsten Gegenwart zugewandt, aber nie die Vergangenheit und die Zukunft aus dem Auge verlierend. Man besprach eine Debatte der letzten Parlamentssession, aber man legte den Nachdruck auf ihre allgemeineren und bleibenden Ergebnisse; man berichtete über Memoiren einer entschwundenen Vergangenheit, aber man sammelte aus ihnen die Gesichtspunkte, welche das lebende Geschlecht anziehen konnten. Man gab eine Kritik über eine syrische Bibelausgabe, aber man that es, um den Leser über den Stand der wissenschaftlichen Bearbeitung des heiligen Textes zu orientiren. Man gab die Recension eines eben aus der Druckerpresse hervorgegangenen Gedichtes, um daran gemeinverständliche Untersuchungen über Wesen und Wirken der Poesie zu knüpfen. Der Staatsmann gab sich Mühe, den Gelehrten und den Litteraten zu fesseln und aufzuklären; der Litterat und der Gelehrte suchten den Politiker für die Probleme und Erscheinungen der Wissenschaft und der Kunst empfänglich und aufmerksam zu machen. Die bedeutendsten Männer aller Gebiete achteten es nicht für Raub, über die Gegenstände ihres besonderen Wissens in der Sprache der menschlichen Bildung zu reden. Derartige Besprechungen nennen die Engländer »Essays«, welches Wort zu unserem »Abhandlung« sich verhält wie ein gebildeter Mann von Welt zu einem gelehrten Pedanten. Die englischen Reviews sind reich an vortrefflichen Arbeiten dieser Art, und unter ihnen gehören die von Macaulay geschriebenen zu den besten, wie sie unbestritten die berühmtesten sind. Wenn wir diese kleinen Meisterstücke (und nur wenige verdienen die Bezeichnung nicht) lesen, so drängt sich uns die Frage auf: wie kömmt es, daß eine so geistreiche, so gebildete Nation wie die deutsche so wenig aufzuweisen hat, was jenen Essays an die Seite zu stellen wäre. Wir haben auch unsere Vierteljahrsschriften und Monatsschriften, und wir finden in ihnen viel Tüchtiges, Wissen und Gedanken in reicher Fülle, zusammengetragen. Aber wie selten sind Artikel, von denen man sagen möchte: »Das ist ein wirklicher Essay! « Es ist nicht ohne Interesse, auf diesen auffallenden Mangel etwas näher einzugehen. Niemand kann weiter entfernt sein als ich, das geistige Leben Englands über dasjenige Deutschlands zu stellen. Ich meine, daß wir, wenn nicht die nämlichen, doch eben so gute Gründe haben, auf unsere Nation stolz zu sein wie der Brite auf die seinige. Aber dies kann kein Grund sein, gegen einzelne Vorzüge einer fremden Entwickelung die Augen zu verschließen und die Untersuchung eigener Mängel zu verpönen. Auch das darf man mir nicht vorwerfen, daß ich die bedeutenden Fortschritte übersähe, welche die Kunst, populär im edleren Sinne zu schreiben, in neuerer Zeit in Deutschland gemacht habe. Ich räume diese Fortschritte bereitwillig ein, aber ich muß doch daran festhalten, daß, ich will nicht sagen, Macaulaysche Vortrefflichkeit, sondern einfache männliche Schönheit der Prosa in unserer Litteratur noch immer zu den seltenen Ausnahmen gehört, während sie jenseits des Canals fast zur unumgänglichen Voraussetzung jedes schriftstellerischen Erfolges geworden und vollends in den Essays der besseren Zeitschriften geradezu die Regel ist. Wie geht das zu? Der Ursachen sind mehrere. Das Genre des Essay selbst ist eine vortreffliche Schule für die formelle Ausbildung des Schriftstellers. Indem es existirt, wirkt es schon vortheilhaft auf die voluminöseren Zweige der Prosalitteratur zurück. Fast alle namhaften Gelehrten sind gelegentliche Mitarbeiter einer Review oder sind es doch einmal gewesen. Ihre Ansprüche an die Form erhalten hiedurch eine bestimmte Richtung; sie gewöhnen sich, von dem Gedanken eine anständige Erscheinung zu fordern, wie derjenige, welcher in reinlichen und geordneten Umgebungen lebt, sich gewöhnt, auch dem edelsten und weisesten Sterblichen saubere Kleidung und geziemendes Betragen anzusinnen. Das Genre des Essay steht und fällt mit einer gewissen formellen Vollendung. Ohne sie würde der Fachmann es verachten, der Laie es ungenießbar finden. Gerade darin aber, daß es Laien und Fachmänner auf dem Boden der allgemeinen Bildung vereinige, findet das Essay seine Aufgabe, hat es sie in England seit einem halben Jahrhundert gefunden. Das Bedürfniß einer solchen Vereinigung ist in England früher erwacht als in Deutschland, und man hatte dort, während wir kaum zu lernen anfingen, schon eine fünfzigjährige Schule hinter sich. Warum aber war dies heilsame Bedürfniß bei den Engländern ein früheres? warum ist es noch im gegenwärtigen Augenblicke stärker als bei uns? Warum können sie weniger als wir eine Kunst entbehren, welche die Ergebnisse des Denkens und des Forschens in wirksame Beziehung zu dem Leben der Gegenwart zu setzen versteht? Darum, weil das politische und sociale Leben Englands ein ungleich energischeres ist als das unsere; weil Staat und Gesellschaft in England durch die ihnen innewohnende ungeheure Schwerkraft alle Lebenskreise zwingen, in irgend ein bestimmtes Verhältniß zu ihnen zu treten. In Deutschland war es, und zum Theil ist es noch, ganz anders. Wie die Schachspieler in dem Café de la Régence zu Paris, unbeirrt durch die furchtbarsten Staatsumwälzungen, Tag für Tag, schweigend und taub, an ihrem Brette saßen, Tag für Tag über der Combination einer neuen Partie brüteten, und während die Guillotine mordete, während Bonaparte die Jacobiner niederkartätschte, während die Kosaken auf den Boulevards biwakirten, unter dem Gewehrfeuer der Julirevolution, in den Februartagen von 1848, bei den Kanonaden des Juniaufruhrs und am 2. December 1851, in unerschütterlicher Gelassenheit mit Läufern, Springern und Thürmen ihre strategischen Pläne auf den vierundsechzig Feldern verfolgten, – so, in gleicher Selbstgenüge und Selbstvertiefung hat der deutsche Gedanke Menschenalter hindurch Systeme aufgebaut und Systeme zerstört, Sterne berechnet, Infusorien beobachtet, ohne sich um die Schritte der Weltgeschichte zu kümmern, vor deren ehernem Klange doch selbst die Fenster der Studirstube erzitterten. Und umgekehrt hat das deutsche politische Leben lange Zeit wenig nach dem Geiste und dem Wissen der Gegenwart gefragt. Das politische Leben ward vertreten, monopolisirt von einer Kaste, die nicht im Traume daran dachte, daß der Staat sich zu erfüllen habe mit den nährenden Säften der nationalen Bildung. Der Beamtenstand regierte die deutschen Länder und Ländchen nach hergebrachter Schablone, mit dunklen Reminiszenzen an die in einer schöneren Zeit gehörten Collegia über Cameralia und Staatswissenschaft, respectirte übrigens die Gelehrsamkeit nach Gebühr, ahnte aber nicht im mindesten, daß auch sie schließlich für das Leben der Menschheit zu wirken berufen sei. Der Wahlspruch der Justiz war auch die Losung der Regierenden: Quod est in actis, non est in mundo. . Das Leben war eine Actenregistratur mit bequemen Fächern, aber die Fächer hatten bereits ihre Bestimmung, und für die Wissenschaft war kein Platz mehr da. Wie bedeutsam aber in England die innige Beziehung aller höheren Bildung zum öffentlichen Leben für die litterarische Darstellung dieser Bildung und dieses öffentlichen Lebens sei, das ergiebt sich leicht. Die populäre Prosa, als deren Blüthe wir den Essay vorfinden, entsteht von selbst, wo die Bildung sich darauf angewiesen sieht, die Politiker für sich zu interessiren, die Politiker der Bildung schon deshalb nicht entbehren können, weil die Staatsangelegenheiten in mündlicher Debatte und in einer freien Presse zum Austrage gebracht werden. Der Bedarf ruft überall die Production hervor, und die Production findet wieder Stoff und Nahrung durch den Bedarf. Auch in dieser letzteren Hinsicht ist der englische Essay -Schreiber vor dem deutschen Prosaisten bevorzugt. Das Genre, in welchem er produciren soll, erheischt die Möglichkeit, dem Stoffe, den er behandeln will, diejenige Seite abzugewinnen, welche allgemein interessirt, welche auf irgend einem Punkte sich mit irgend einer Seite des nationalen Lebens der unmittelbaren Gegenwart berührt. Es ist klar, je mehr Seiten das öffentliche Leben darbietet, um so leichter ist es, derartige Berührungspunkte den Stoffen abzugewinnen. Und wenn dies für eine streng wissenschaftliche Behandlung der Dinge gleichgültig, wohl gar schädlich wäre, für die populäre Prosa ist es von nicht genug zu würdigender Bedeutung. Der Deutsche kann vielleicht ebenso gut über Sanskritlitteratur und über altindische Religionssysteme schreiben, wie der Engländer; aber was kann ihn bewegen, diese Dinge einem größeren gebildeten Publikum klar zu machen? Das Publikum würde ihm vielleicht antworten: Was geht uns Sanskrit an? Der Engländer, wenn er Indologie popularisirt, hat ein Publikum vor sich, welches das Vaterland des Kalidasa und die Heimath Buddhas zu seinen Domainen rechnet. Seine Brüder und seine Söhne weilen in Calcutta und in Benares und regieren, richten, commandiren Menschen, deren Sprache eine Tochter des Sanskrit, deren Glaube der Niederschlag altindischer Religionen ist. – Welch ein Unterschied besteht nicht zwischen der Stellung eines deutschen und der eines britischen Philanthropen, wenn von der Negersklaverei und dem Sklavenhandel die Rede ist. Jener mag seine Argumente aus dem Naturrechte und der Tiefe des Gemüthes schöpfen und schließlich seine Leser einschläfern. Dieser redet zu Actionären westindischer Zuckerplantagen und zu Steuerpflichtigen eines Staates, der jährlich Millionen ausgiebt, um Kreuzer gegen die Menschenfrachten Afrikas auszusenden. Der britische Kunstkritiker hat es mit einer modernen Richtung der Malerei zu thun, die wir die »nazarenische,« die man jenseits des Canals die »prärafaelitische« nennt. Der Deutsche polemisirt gegen die Verirrung mit den Waffen der abstracten Aesthetik, und nur diejenigen, welche sich näher für die Kunstentwickelung interessiren, hören ihm zu. In England, wo alles an die Politik anschließt, sind die Prärafaeliten zugleich ein Gegenstand künstlerischen und liberalen Hasses. Die Prärafaeliten malen nicht allein magere Beine und verhimmelte Jammergesichter, sie malen auch mittelalterlichen Obskurantismus, priesterlichen Hochmuth, toryistische Romantik. Sie sind Puseyiten und Reactionäre, und das gesammte freisinnige Publikum applaudirt dem beredten Reviewer, der ihnen mit seiner scharfen Ruthe den Pinsel aus der Hand schlägt und ihre anspruchsvollen Staffeleien umstürzt.(Sie haben inzwischen gesiegt!) Derartige Beispiele bietet jede neue Nummer der ersten besten englischen Review. Die enge Verbindung zwischen dem öffentlichen Leben und dem allgemeinen Bildungsstoffe, welche sich in ihnen offenbart, mag für die Verarbeitung des letzteren ihre Schattenseiten haben, namentlich einer geistigen Vertiefung, wie wir in Deutschland sie fordern, hinderlich sein. Für die Kunst des Schreibens hat diese Verbindung unverkennbar ihre großen Vorzüge. Auch deshalb – und dies ist nicht gering anzuschlagen – weil in Folge ihrer Einflüsse die höheren Klassen der Gesellschaft in weit höherem Maße als bei uns in das literarische Treiben hineingezogen werden. Eine Litteratur, welche sich zum Maître des menus plaisirs der vornehmen Welt macht, trägt gewiß wenig Lebenskraft in sich; eine Litteratur aber, welche genöthigt ist, den Ansprüchen eines feingebildeten, fastidiösen Publikums Genüge zu leisten, wird einen bedeutenden Vortheil aus diesem Zwange gewinnen. Um ihren Lesern Aufmerksamkeit und Achtung abzugewinnen, sieht sie sich genöthigt, stets auf eigene Würde, auf geschmackvolle Erscheinung und auf Vermeidung alles dessen zu halten, was die gute Gesellschaft nicht duldet. Gewiß, der gute Ton ist »der Güter höchstes nicht,« aber er ist ein Vorzug, welcher wichtigere Dinge nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern unmerklich, durch die stille Macht der Gewöhnung fördert. Warum soll die Tugend nicht von den erlaubten Anziehungsmitteln Gebrauch machen, welche dem menschlichen Gefühle für Schönheit und dem menschlichen Wohlgefallen an angenehmen Empfindungen Rechnung tragen? Warum brauchen Recht und Wahrheit die Waffen zu verschmähen, welche die Grazien ihr darreichen? Haben nicht die Befreier Athens ihre Schwerter unter Rosen und Myrthen versteckt, als sie den Tyrannen erschlugen? Ist es nothwendig, daß die Weisheit in schmutziger Wäsche und die Moral mit ungekämmten Haaren einhergehe? Die deutsche Prosa, las ich vor kurzem in einem Artikel der vortrefflichen »Westminster Review,« – »die deutsche Prosa trägt manchen kostbaren Ring an ihren Fingern, aber ihre Nägel sind unsauber.« Das Urtheil ist selbst ein wenig unsauber, – aber ist nicht etwas wahres daran? Die Schuld liegt ebenso sehr an den Schriftstellern als an unseren vornehmen Klassen. Wären die vornehmen Klassen in Deutschland gebildeter, so würde auch die deutsche Bildung in vornehmeren Formen auftreten, – nicht in dem Sinne, wie die Gräfin Hahn und Fürst Pückler »vornehm« zu schreiben sich einbilden, sondern mit jener inneren Vornehmheit, von welcher Lessing, Gentz in seiner guten Periode, David Strauß in unseren Tagen Muster geliefert haben. Die Eleganz der deutschen Prosa soll nicht die eines lächelnden Höflings, sondern die eines Gentleman sein. Die Wechselwirkung zwischen der Aristokratie der Gesellschaft und der Aristokratie des Geistes, wie sie in England stattfindet, fehlt uns beinahe gänzlich. Unser hoher und niederer Adel kann, was Betheiligung an dem wissenschaftlichen und literarischen Leben der Nation betrifft, nicht entfernt den Vergleich mit der Nobility und Gentry von England aushalten. Unsere Aristokratie war litterarisch gebildet nur im Mittelalter. Seit der Reformation sind beinahe alle irgend bedeutenden Schriftsteller Deutschlands aus den Reihen des Bürger- und Bauernstandes hervorgegangen. Die einzelnen Edelleute, welche die Feder geführt haben, verschwinden gänzlich gegen die Milchstraße bürgerlicher Gestirne an unserem Himmel. Man kann alle »Herren,« bis auf drei oder vier, aus unserer Literaturgeschichte hinwegstreichen, ohne daß man ihre Abwesenheit bemerken würde. Und die wenigen Bedeutenderen unter ihnen, die Kleist, die Stolberg, die Haller, sind mehr zu den Bürgern herabgestiegen, als daß sie diese zu den Höhen der Gesellschaft hinaufgezogen hätten. Sie wußten wohl, wie öde es auf diesen Höhen aussieht. Die deutschen Aristokraten aber, welche als solche in der Literatur sich geltend machen wollten, haben es nur zu geckenhafter Glätte, nicht zu gediegenem Glänze gebracht. Man blicke dagegen nach England. Von Lord Bacon bis auf Lord Macaulay herunter, welche Fülle vornehmer Männer in den Reihen der geistigen Heroen des Volks, – wie viele Minister, hohe Beamte, Prälaten, Generale, welche wissenschaftliche Werke ersten Ranges oder ausgezeichnete Beiträge zu der schönen Litteratur ihres Landes geliefert haben! Schon die Lords, also diejenigen, welche unserem hohen Adel gleichstehen, nehmen einen bedeutenden Platz in der britischen Ruhmeshalle ein, und manche von ihnen, wie Bacon und Byron, den höchsten; unzählbar aber ist das literarische und gelehrte Kontingent, welches die edlen Grafschaftsgeschlechter, die Gentry, der niedere Adel, wenn man den Ausdruck anwenden darf, gestellt haben und fortwährend stellen. Da drängt ein berühmter Name den anderen. Und abgesehen von der Herkunft, wie zahlreich sind die ausgezeichneten Männer auf diesem Gebiete, welche zugleich hervorragende Mitglieder des Staates, der Kirche, der Armee, der Flotte waren oder doch eine anerkannte Stellung in der besten Gesellschaft des Landes einnahmen. Namen wie Raleigh, Locke, Addison, Swift, Gibbon, Sheridan, Canning, Shelley, Scott drängen sich von selbst auf, derer nicht zu gedenken, welche durch Reden, staatsmännische Schriften oder Memoiren geglänzt, oder der anderen, welche die strenge Wissenschaft bereichert haben. Noch unter den jetzt lebenden Staatsmännern finden wir litterarische Celebritäten dutzendweise. Lord John Russell, Lord Brougham, Lord Campbell, der Herzog von Newcastle, Gladstone, Lewis, Bulwer, Disraeli, – alle haben, mit mehr oder weniger Erfolg, ihre Muße zu schriftstellerischer Thätigkeit verwandt, manche von ihnen mit glänzendem Erfolge. Wollte man von diesem Gesichtspunkte aus eine Statistik der englischen Litteratur, der ernsten wie der belletristischen, zusammenstellen, man würde finden, daß die Namen von »guter Familie« beinahe ebenso häufig sind wie die Namen, welche den Mittelklassen und den unteren Standen angehören. Man wird ferner finden, daß die irgend Hervorragenden unter diesen letzteren fast immer solchen Männern angehören, die im Verlaufe ihres Lebens auch zu socialer Bedeutung, häufig zu Reichthum gelangten, die gewissermaßen »geadelt« wurden, d. h. welche die vornehme Gesellschaft (nicht zu verwechseln mit der fashionablen) unbefangen und zwanglos in ihre Kreise aufnahm. Daß der Verkehr in Lebenskreisen, wie die englische Aristokratie sie darbietet, unter Männern, welche Reiche regieren, Kolonien verwalten, Heere und Flotten befehligen, unter großen Feudalherren, unter reichen Gutsbesitzern, denen sich die Fürsten des Handels und der Industrie zugesellen, – daß ein solcher Verkehr nicht ohne nachhaltigen und tiefen Einfluß auf den Gelehrten, den Denker, den Dichter und den Künstler bleiben kann, bedarf nicht des Nachweises. Die Einseitigkeit der Beobachtung, die Enge des Blicks, die Unbeholfenheit der Form, – dies und manches andere schleift sich ab in der steten Reibung mit den gewaltigen Interessen, welche dem Forscher und dem Darsteller entgegentreten. Er sieht die Dinge selbst, von denen der deutsche Gelehrte und Schriftsteller oft nur liest, (wenn er ja davon liest), und er lernt das Publikum, zu welchem er dereinst reden soll, gleichsam von Angesicht zu Angesicht kennen. Der deutsche Schriftsteller denkt meistens nur an sein Thema, der englische denkt auch an sein Publikum, an jene vielbeschäftigten, unnachsichtigen, imponirenden Kritiker, die von ihm verlangen, daß er, wenn er zu ihnen sprechen will, gut, angenehm und klar spreche. Die vornehmen Deutschen lesen wenig oder gar nicht; man macht an den deutschen Schriftsteller gar nicht den Anspruch, daß er auch äußerlich, auch im Stile, die höchste Bildung seiner Nation vertrete, und der deutsche Schriftsteller macht es sich bequem und steht im Schlafrock und niedergetretenen Pantoffel vor den Säulenhallen der Wahrheit und der Schönheit. Er hat auch kaum die Zeit dazu, seine Muse mit würdigem Gewände zu bekleiden. Er ist fast immer Schriftsteller von Profession. Er schreibt um das liebe Brot. Oder er geht so in seinem Schriftstellerthume auf, daß er für die anderen Beziehungen des Lebens Sinn und Blick verliert. Namentlich die für ein allgemeines Publikum berechnete Litteratur liegt bei uns vorwiegend in der Hand des »abstracten Litteratenthums,« – eines Instituts, welches in England zwar auch existirt, aber dort fast nur die kleinere und ephemere Tagelöhnerarbeit der Presse wahrnimmt. Schon die Dichter zur Zeit der Königin Anna hielten sich und die ihnen ebenbürtigen Prosaiker strenge geschieden von jenen um Brot und Leben schreibenden Proletariern der Litteratur, den »Grubstreet«-Männern, welche ohne Stellung im wirklichen Leben, in rastloser Angstarbeit von den Producten einer stofflosen Phantasie und einer unkultivirten Geistreichigkeit ihr kümmerliches Dasein fristeten. Wollte »Grubstreet« einmal sich in die Kreise der ernsthaften, nationalen Litteratur eindrängen, so ward es alsbald mit Verachtung und Spott in seine Mansarden und schmutzigen Hinterstuben zurückgegeißelt. Es entspricht durchaus den englischen Litteraturzuständen und den englischen Anschauungen, wenn Byron sagt: »One hates an author that's all author,« und er trifft ganz genau den charakteristischen Punkt, wenn er dem abstracten Litteratenthum die besseren Schriftsteller seiner Nation gegenüberstellt, als »Men of the world, who know the world like men, Who think of something else besides the pen.« Eine große freie Lebensstellung und eine sorgsame, hastlose Kultur, das ist – um von diesem zu lang gerathenen Excurse zurückzukehren, – aus Macaulays schriftstellerischer Existenz nicht hinweg zu denken. Er ist der Sohn einer begüterten »guten« Familie, schon der Vater im öffentlichen Leben angesehen und würdig beschäftigt; der Knabe aufwachsend mit den jungen Gentlemen der besten Gesellschaft; der Jüngling, frei von den Sorgen des Alltaglebens, für die Laufbahn des Staatsmannes in den klassischen Schatten von Cambridge sich vorbereitend. Die seltenen Gaben seines Geistes werden von Anfang an mit consequenter Methode erzogen, und ein reicher Schatz des Wissens, systematisch geordnet, von außergewöhnlicher Mannigfaltigkeit, aber ohne Zersplitterung, wird als künftiges Betriebscapital für sein Darstellungs- und Erörterungstalent aufgeschichtet. Reisen durch die Länder uralter Kultur bereichern seine Anschauungen und veredeln seinen Geschmack; in Frankreich lernt er an dem Gegensatze einer glänzenden, fremdartigen Nationalität die Eigenartigkeit britischen Wesens deutlicher empfinden; in Italien erfüllt sich sein Auge mit den Wundern der bildenden Kunst und dem Zauber der klassischen Landschaften. Zum Manne herangereift, findet er den großen Senat des britischen Reichs seinem Eintritte geöffnet; die mächtigsten Männer des Landes würdigen ihn ihrer Freundschaft und ihres Vertrauens; er wird in die eleusinischen Mysterien der großen Staatsactionen eingeweiht; bedeutende Staatsämter, ohne ihn unter der Last der Geschäfte zu erdrücken, fordern seine Kräfte zu neuer Uebung heraus und schützen ihn vor einseitiger Beschaulichkeit und litterarischer Verweichlichung. Dann wird er nach Indien geschickt, um unter einem fabelhaften Himmel als Gesetzgeber zu wirken; er durchdringt sich dort mit neuen Erfahrungen und Anschauungen und kehrt mit Schätzen des Geistes zurück, welche er in den beiden unvergleichlichen Essays über Lord Clive und Warren Hastings zu Kunstwerken ausprägt; er nimmt seine englische Existenz wieder auf, als eine anerkannte Celebrität seiner Nation, als eine Zierde seiner Partei, umgeben von allen Privilegien eines leitenden Staatsmanns, ohne daß man ihm zumuthet, dessen mühevolle Tagesarbeit zu theilen. Seine Muße, das räumen alle ein, ist kostbarer als die Werktage der anderen sind. Ihm öffnen sich die Bibliotheken die Archive, die Familienpapiere der großen Geschlechter; ihm stehen Wellington, Guizot, Palmerston, Peel Rede und Antwort, wenn er Aufklärung über einen dunklen Punkt zeitgenössischer Geschichte wünscht; die größesten Männer der Wissenschaft rechnen es sich zur Ehre an, ihm die Belehrungen zuzutragen, deren er bedarf. Fast nur eine äußerliche Schlußdecoration in einem so glücklich durchgeführten Leben ist es, wenn den alternden Mann die Pairs des Reichs, den Todten die berühmten Gräber der Westminster-Abtei in ihrer Mitte aufnehmen. III. Macaulay gehörte zu den kenntnißreichsten Leuten unserer Zeit. Seine Belesenheit umfaßte Gebiete, von denen jedes einzelne das Studium eines Menschenlebens in Anspruch nehmen kann. Außer einer genauen Bekanntschaft mit der Litteratur des Alterthums hatte er sich eine ungewöhnliche Kunde selbst der entlegneren Schrifttümer des Mittelalters und der neueren Zeit angeeignet, so weit sie irgend von Interesse für die Erforschung menschlicher Kulturentwickelung sind. Die Litteratur des 18. und des 19. Jahrhunderts vollends überblickte er wie nur wenige. Was England, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Amerika an bemerkenswerthen Werken auf dem Gebiete der Geschichte, der Staatswissenschaften, der Memoiren, der Reisebeschreibungen und Ethnographie, der Kunstwissenschaften, der philosophischen und religiösen Polemik, der Dichtung hervorgebracht hatten, war ihm bekannt, theils hinreichend, um ihm jederzeit eine rasche Orientirung zu ermöglichen, theils so genau, daß er im Stande war, augenblickliche Rechenschaft darüber abzulegen. In Kenntniß der englischen Geschichte stand ihm, was einfache Bekanntschaft mit den Quellen und den Thatsachen anlangt, vielleicht keiner der Mitlebenden gleich. Die Chroniken und die Historiker ganz außer Rechnung gelassen, war das Studium, welches er den Urkunden, den Staatsschriften, den Familienpapieren, den Manuskripten der Bibliotheken, den litterarischen Denkmälern aller und jeder Art, bis zu heraldischen und alchymistischen Raritäten herab, zugewandt hatte, von wahrhaft schwindelerregender Ausdehnung. Die halbverschütteten Ruinen waren ihm ebenso genau bekannt, wie die unversehrten Prachtbauten; die Zinsrollen einer alten Abtei, die Bänkelsängerlieder über irgend eine Cause célèbre des 17. Jahrhunderts, die Stammtafeln verschollener Grafschaftsfamilien unterwarf er ebenso sorgfältig seiner Prüfung, wie die Journale des Hauses der Gemeinen oder die Protokolle des Königlichen Geheimen Rathes. Ein fabelhaftes Gedächtniß kam diesen Studien zu Hülfe und machte sie überhaupt möglich. Daß Macaulay, wie der ältere Scaliger, im Stande war, die Ilias und die Odyssee, von irgend einem beliebigen Verse an, aus dem Kopfe zu recitiren, daß die meisten lateinischen und griechischen Dichter ihm zu steten schlagfertigen Citaten zu Diensten standen, ist das geringste. Er hielt, was er einmal gelesen hatte, so fest, daß er es nie wieder vergaß. Er citirte wörtlich Stellen, oft ganze Seiten aus prosaischen Schriften, an die er vielleicht seit Jahren nicht mehr gedacht hatte. Ohne Vorbereitung vermochte er den genauen Text einer Stelle im Diodorus Siculus oder einer Schilderung der Frau von Staël, einer Betrachtung des heiligen Augustinus oder einer Voltaireschen Diatribe anzuführen. Er brauchte kein Buch nachzuschlagen, um das Sterbejahr irgend eines beliebigen Erzbischofs von Canterbury oder eines Reichskanzlers von England mit Sicherheit angeben zu können. Die chronologische Aufeinanderfolge der kleinsten Begebenheiten im Kriege der beiden Rosen, in der Regierungszeit der Tudors, in den Schicksalen der Stuarts stand so klar vor seinem Gedächtnisse wie die Stellung der 320 Figuren auf den zehn Schachbrettern vor den verbundenen Augen des Herrn Murphy steht. Das beseelende Interesse, welches diesen unermeßlichen Studien Leben einhaucht, ist einmal eine warme Theilnahme an der Kulturentwickelung zunächst der englischen, dann aber auch der europäischen Menschheit, und zweitens die Freude an der historischen Wiederbelebung des zusammengetragenen Stoffes zu solchen Bildern voll Farbe, Ausdruck und Bewegung, daß sich in ihnen irgend ein wesentliches Moment jener nationalen oder europäischen Entwickelung widerspiegele. Ersteres ist das Interesse des Gelehrten, letzteres das Interesse des Künstlers. Ohne das eine würde ein solcher Reichthum von Stoff nicht zusammengetragen worden sein, ohne das andere würde die Welt von diesem Reichthum wenig zu Gesichte bekommen haben. Macaulay hatte eine künstlerische Phantasie, welche ihn drängte, aus den fragmentarischen Spuren einer Vergangenheit, sei es einer ganzen Periode, sei es einzelner Menschen, sich ein Bild des Ganzen herzustellen, und er hatte eine künstlerische Begabung, welche ihn befähigte, dies Bild, wie es sich in seinem Inneren vollendet hatte, anderen so anschaulich zu machen, als hätte ihre eigene Phantasie es geschaffen. Oder er entdeckte, indem er forschend dem Gange menschlicher Entwickelung folgte, plötzlich ein auffallendes psychologisches Problem, ein Räthsel, das nur dem Tieferblickenden sich löst, und er schickte sofort sich an, aus dem Schatze seines Wissens, seines Nachdenkens alles herbeizuholen, was dazu dienen konnte, auch dem Publikum dies Räthsel klar, dies Problem durchsichtig zu machen. Und hier zeigt seine Kunst sich am größesten. Die subtilsten Fragen werden unter seinen Händen einfach und greifbar, und seine Antworten, nicht minder subtil als die Fragen, werden so kunstvoll beleuchtet, daß jeder Verstand sie begreifen kann. Schlag auf Schlag folgen da die bahnbrechenden Sätze, die fein ausführenden Bemerkungen, die treffenden Gleichnisse, die spannenden Wechselreden zwischen Zweifel und Ueberzeugung. Es ist nicht immer ausgemacht, daß die historischen Bilder, welche so entstehen, eine vollständige Portraitwahrheit haben; es ist nicht ausgemacht, daß in diesen Erörterungen geschichtlicher, philosophischer, litterarischer Probleme jederzeit das letzte erschöpfende Wort gesagt ist, aber man fühlt sich gleichwohl durch die innere Lebenskraft der Schilderung stets im großen und ganzen auf historischem Boden festgehalten, mag auch hie und da die Zeichnung mehr den Künstler als den Portraitmaler, das Colorit hin und wieder mehr den liberalen Whig des 19. Jahrhunderts als den Verwalter des Richteramts der Geschichte verrathen. Man fühlt sich von den Argumenten des Verfassers, wenn auch nicht immer überzeugt, doch allemal gefesselt, weil sie in so vollendeter Gruppirung und Beleuchtung auftreten, allemal angeregt, weil sie stets, auch wo sie das Ziel nicht erreichen oder am Ziele vorbeigehen, scharf und geflügelt einherklirren. Der berühmte Essay über Machiavelli (Edinburgh Review, März 1827), bietet vielleicht die beste Probe von der Art und Weise, wie Macaulay darstellt und wie er argumentirt. Machiavelli ist ein psychologisches Räthsel, an dessen Lösung sich der Scharfsinn von drei Jahrhunderten versucht hat. Dies Räthsel zu erklären ist die Aufgabe, welche der sechsundzwanzigjährige Reviewer sich setzt. Die erste Bedingung eines guten Essay ist die, den Leser sogleich zu interessiren, ihn festzubannen, daß er zuhören muß, was du ihm zu sagen hast. Was ist ihm an Machiavel und alten florentinischen Geschichten gelegen? Er hat keine Lust, gründliche Untersuchungen über die Moral eines Mannes zu lesen, dessen Leib längst in Asche zerfallen ist und dessen Bücher zwar berühmt, aber unbekannt sind. Macaulay hält ihn mit unwiderstehlichem Griffe fest. Er weiß, daß wir stehen bleiben, wenn jemand uns sagt: »Ich werde sogleich an einem Rasirmesser in die Höhe klettern.« Und er macht es, wie der Taschenspieler, wenn er uns auch unendlich mehr bietet als ein Stück Gaukelei. Er sagt uns zum Eingange, daß er uns beweisen wolle, was unglaublich sei. »Für jemanden, welcher die Geschichte und die Litteratur Italiens nicht genau kennt, ist es kaum möglich, die berühmte Abhandlung Machiavellis über den Fürsten ohne Grauen und Bestürzung zu lesen. Eine solche Entfaltung von Verruchtheit, nackt und doch ohne Scham, solche kaltblütige, überlegte, gelehrte Grausamkeit scheint mehr einem Teufel als dem entartetsten Menschen anzugehören. Grundsätze, welche der verhärtetste Bösewicht kaum seinem vertrautesten Spießgesellen andeuten, kaum seinen eigenen Gedanken, ohne die Verschleierung irgend eines beschönigenden Sophisma, eingestehen würde, werden ohne die geringste Umschreibung offen ausgesprochen und als das A und O aller Staatsweisheit aufgestellt. Und wir zweifeln, ob in den zahlreichen anderen Bänden, die Machiavelli geschrieben hat, auch nur ein einziger Ausdruck zu finden ist, aus dem man schließen könnte, daß Heuchelei und Verrath ihm unehrenhaft erschienen. Danach mag es lächerlich klingen, wenn wir sagen, daß wir wenig Schriften kennen, die so viel Hoheit des Gefühls, einen so reinen und warmen Eifer für das öffentliche Wohl und eine so richtige Auffassung bürgerlicher Rechte und Pflichten zeigen wie die Schriften Machiavellis. Und doch ist es so.« Meisterhafter kann nichts sein als diese Captatio lectoris . Meisterhafter nichts, ausgenommen die Grazie und Sicherheit, mit welcher nun die Argumentation an diesem Rasirmesser in die Höhe klettert. Sie beginnt mit einer an Kürze und Deutlichkeit unübertrefflichen Zerlegung der Charakterentwickelung des italienischen Volkes, bis zu der Zeit, wo Machiavel blühte. Es wird skizzirt, wie in Italien, während das ganze übrige Europa unter dem Drucke einer rohen Feudalaristokratie in Elend und Barbarei schmachtete, blühende städtische Republiken emporkommen konnten, die Sitze seiner Kultur, fürstlichen Reichthums, bürgerlicher Unabhängigkeit. Dann erhebt sich der Verfasser zu einer glänzenden Schilderung der mittelalterlichen Größe von Florenz, nicht um ein Prunkstück aufzuführen, sondern weil es für sein Argument von Wichtigkeit ist, daß unsere Phantasie sich recht deutlich ausmale, wie es in Italien damals aussah. Zu diesem Zwecke öffnet die antiquarische Gelehrsamkeit einem Strome goldener Beredsamkeit die Schleusen: »Johann Villani hat uns einen ausführlichen und genauen Bericht über den Zustand von Florenz im Beginne des 14. Jahrhunderts hinterlassen. Die Einkünfte der Republik beliefen sich auf 300 000 Gulden, – eine Summe, welche, die Entwertung der edlen Metalle in Anschlag gebracht, mindestens 600 000 Pfund Sterling aufwiegt, eine größere Summe als England und Irland vor zwei Jahrhunderten der Königin Elisabeth jährlich einbrachten. Die Verarbeitung der Wolle allein beschäftigte 200 Factoreien und 30 000 Arbeiter. Das jährlich angefertigte Tuch verkaufte sich durchschnittlich zu 1 200 000 Gulden, – eine Summe, die an Tauschwerth 2 ½ Millionen Pfund unseres Geldes reichlich begleicht. Jährlich wurden 400 000 Gulden geprägt. Achtzig Banken leiteten den Geldverkehr nicht allein von Florenz, sondern von Europa. Die Geschäfte dieser Anstalten erreichten manchmal einen Umfang, der auch die Zeitgenossen der Barings und der Rothschilds wohl in Erstaunen setzen mag. Zwei Häuser liehen Eduard III. von England über 300 000 Mark, zu einer Zeit, wo die Mark mehr Silber als fünfzig Shilling heutigen Werthes enthielt und wo der Werth des Silbers das vierfache dessen war, was er jetzt ist. Die Stadt mit ihren Umgebungen umfaßte 170 000 Einwohner. In den verschiedenen Schulen wurden 10 000 Kinder im Lesen unterrichtet; 1200 studirten Arithmetik, 600 erhielten eine gelehrte Bildung. »Mit dem Fortschritte der allgemeinen Wohlfahrt hielten elegante Litteratur und schöne Künste gleichen Gang. Unter den despotischen Nachfolgern des Augustus hatten alle Gefilde geistiger Bildung sich in dürre Wüsten verwandelt, noch immer mit förmlichen Grenzlinien abgesteckt, noch immer die Spuren alter Kultur bewahrend, aber weder Blumen tragend noch Früchte. Die Sündfluth der Barbarei kam. Sie fegte alle Landmarken hinweg. Sie verwischte alle Zeichen früheren Anbaus. Aber sie befruchtete, indem sie verwüstete. Als ihre Gewässer sich verliefen, war die Wildniß wie der Garten Gottes, voll Jubels überall, lachend, in die Hände klatschend, in zwangloser Fülle Glanz, Duft und Nahrung ausströmend. Eine neue Sprache, ausgezeichnet durch einfache Lieblichkeit und einfache Energie, hatte ihre Vollendung erreicht. Nie bot eine andere Zunge der Dichtung prachtvollere, lebhaftere Farben dar. Auch währte es nicht lange, bis ein Dichter erschien, der sie zu gebrauchen verstand. Frühe im vierzehnten Jahrhundert entstand die Göttliche Komödie, ohne Vergleich das größeste Werk menschlicher Einbildungskraft, welches seit den Gedichten Homers erschienen war. Das nächstfolgende Menschenalter erzeugte freilich keinen Dante: aber es ragte hervor durch allgemeine geistige Thätigkeit. Das Studium der lateinischen Schriftsteller war in Italien niemals völlig vernachlässigt worden. Aber Petrarca schuf eine tiefere, freiere, feinere Gelehrsamkeit und übertrug auf seine Landsleute jene Begeisterung für die Litteratur, die Geschichte und die Denkmäler Roms, welche sein eigenes Herz mit einer frostigen Geliebten und einer frostigeren Muse theilte. Boccaccio lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die erhabneren und anmuthreicheren Muster von Hellas. »Wenn wir die glänzenden Schilderungen des damaligen Italiens lesen, können wir uns kaum überreden, daß wir von Zeiten vernehmen, während welcher die Annalen Englands und Frankreichs uns nichts bieten als ein entsetzliches Schauspiel der Armuth, Barbarei und Unwissenheit. Von den Gewaltthaten ungebildeter Herren und dem Elende verkümmerter Bauern wenden wir mit Entzücken uns zu den reichen, aufgeklärten Staaten Italiens, den großen prächtigen Städten, den Häfen, Arsenalen, Villas, Museen, Bibliotheken, – Märkten angefüllt mit allen Gegenständen der Bequemlichkeit und des Genusses, Factoreien wimmelnd von kunstfertigen Arbeitern, den Appenninen, welche bis zur höchsten Spitze reicher Anbau bedeckt, dem Po, welcher die lombardischen Ernten in die Speicher Venedigs hinabträgt und dafür die Seidenstoffe Bengalens und das Pelzwerk Sibiriens den Palästen von Mailand zuführt. Mit besonderer Freude verweilt das Auge auf dem schönen, dem glücklichen, dem glorreichen Florenz, den Hallen, die von dem Gelächter Pulcis ertönten, der Zelle, wo Politians mitternächtige Lampe schimmerte, den Statuen, an denen das jugendliche Auge Michel Angelos mit dem Fieber wahlverwandter Begeisterung sich weidete, den Gärten, in welchen Lorenzo funkelnde Lieder für den Maientanz der etrurischen Jungfrauen ersann. Ach, die holdselige Stadt! Ach, Geist und Gelehrsamkeit, Genius und Liebe!« Nicht wahr, es ist ein Bild, wie mit Sonnenlicht getränkt? Aber das Bild bedeutet nichts für sich selber; es steht nur dazu da, um Machiavels geheimnißvolle Doppelnatur enträthseln zu helfen. Wir sind nun hinreichend erfüllt von dem Zauber, der sich über Italiens mittelalterliche Republiken ausbreitet, um das weitere nicht nur zu verstehen, sondern als eigenste Wahrnehmung zu empfinden. In kurzen, einleuchtenden Sätzen weist Macaulay nach, wie überall in der Geschichte das Uebergewicht städtischer Entwickelung die kriegerische Tüchtigkeit und die Lust am Kriege beeinträchtigt, namentlich in einer Zeit, wo die vorwiegende Bedeutung einer schwerbepanzerten Reiterei feldmäßige Brauchbarkeit von steter Uebung und Gewöhnung des Körpers abhängig machte. Diesseits der Alpen hatte der Adel, roh und unwissend, keinen anderen Zeitvertreib als Fehden, Jagd und Waffenspiel; die edlen Geschlechter Norditaliens hatten sich in den Städten niedergelassen, bauten Paläste, pflegten die Künste und trieben Handelsgeschäfte. Daher ward in Norditalien früher als irgendwo die Sitte allgemein, den Krieg geworbenen Söldnern zu überlassen. Und hiermit erreicht der Verfasser den entscheidenden Wendepunkt seines Arguments, den Satz, daß es zwei verschiedene Arten sittlicher Auffassung gebe, eine, welcher die kriegsgewohnten rohen Völker des Nordens huldigen, eine andere, welche in feingebildeten und verweichlichten Gemeinwesen wie Mailand und Florenz sich entwickelt. Der Nachweis selbst läßt sich nicht wohl abkürzen, und ich denke selbst diejenigen, denen der Essay bekannt ist, werden ihn mit Vergnügen noch einmal lesen. »Wenn der Krieg das Gewerbe einer besonderen Klasse wird, so ist für eine Regierung unter allen Wegen der wenigst gefährliche der, jene Klasse in ein stehendes Heer zu verwandeln. Es ist kaum möglich, daß Menschen ihr Leben in dem Dienste eines Staates hinbringen können, ohne an seiner Größe einen gewissen Antheil zu nehmen. Seine Siege sind ihre Siege. Seine Niederlagen sind ihre Niederlagen. Der Vertrag verliert etwas von seinem geschäftsmäßigen Charakter. Die Dienstleistungen des Soldaten erscheinen als Ausfluß eines patriotischen Eifers, sein Sold als ein Tribut öffentlicher Erkenntlichkeit. Die Macht, welche ihn verwendet, zu verrathen, ja auch nur lässig in ihrem Dienst zu sein, gilt in seinen Augen als das ärgste, ehrloseste Verbrechen. »Als die Fürsten und Republiken Italiens gemietete Truppen zu verwenden anfingen, hätten sie am weisesten gethan, besondere militärische Corps zu bilden. Unglücklicher Weise geschah dies nicht. Die Kriegssöldner der Halbinsel waren nicht an den Dienst bestimmter Mächte gefesselt, sondern wurden als Gemeingut aller angesehen. Das Verhältniß zwischen dem Staate und seinen Vertheidigern sank zu dem pursten, nacktesten Schacher herab. Der Abenteurer brachte sein Pferd, seine Waffen, seine Stärke und seine Erfahrung an den Markt. Ob der König von Neapel oder der Herzog von Mailand, ob der Papst oder die Signoria von Florenz den Handel abschloß, war ihm vollkommen gleichgültig. Er war für den höchsten Preis und den längsten Termin. War der Feldzug beendigt, für welchen er contrahirt hatte, so hinderten ihn weder Gesetz noch Ehre, auf der Stelle seine Waffen gegen seine bisherigen Herren zu kehren. Der Soldat ward gänzlich von dem Bürger und dem Unterthan geschieden. »Die natürlichen Folgen blieben nicht aus. Unter der Führung von Leuten, welche weder ihre Beschäftige liebten, noch die Gegenüberstehenden haßten, welche oft durch stärkere Bande an das Heer, das sie bekämpften, als an den Staat, dem sie dienten, geknüpft waren, welche durch die Beendigung des Streits verloren, durch die Verlängerung gewannen, änderte der Krieg seinen Charakter ganz und gar. Jedermann betrat das Schlachtfeld mit dem Bewußtsein, daß er möglicher Weise in wenig Tagen den Sold der Macht, gegen welche er geworben war, annehmen und an der Seite seiner Feinde gegen seine Genossen fechten werde. Die mächtigsten Interessen und die mächtigsten Gefühle trafen zusammen, um die Feindseligkeit derjenigen zu mildern, welche vor Kurzem Waffenbrüder gewesen waren und nächstens Waffenbrüder wieder werden konnten. Das gemeinsame Handwerk war ein Band der Einigung, welches nicht leicht vergessen ward, selbst wenn sie streitenden Parteien dienten. Daher geschah es, daß Operationen von unerhörter Lässigkeit und Unschlüssigkeit, Märsche und Gegenmärsche, Plünderungszüge und Blokaden, unblutige Capitulationen und ebenso unblutige Gefechte beinahe zwei Jahrhunderte hindurch die ganze Kriegsgeschichte Italiens bilden. Mächtige Armeen kämpfen von Morgen bis Abend. Ein großer Sieg ist gewonnen. Tausende von Feinden sind gefangen genommen, und kaum ein Menschenleben wird verloren. Eine regelmäßige Feldschlacht scheint wirklich minder gefährlich gewesen zu sein als ein gewöhnlicher Straßenauflauf. »Muth war nun nicht länger nothwendig, selbst nicht für militärische Ehre. Die Leute wurden alt in Feldlagern und erwarben höchsten Kriegsruhm, ohne auch nur einmal ernstlicher Gefahr die Stirn zu bieten. Die politischen Folgen sind nur zu wohl bekannt. Der reichste, gebildetste Theil der Welt war wehrlos den Angriffen jedes barbarischen Eindringlings preisgegeben, der Brutalität der Schweizer, der Unverschämtheit Frankreichs und der grimmen Raubgier Arragons. Die sittlichen Wirkungen, welche sich aus diesem Stande der Dinge ergaben, waren noch bemerkenswerther. »Unter den rohen Völkerschaften welche diesseits der Alpen wohnten, war Tapferkeit unbedingt nothwendig. Ohne sie konnte keiner ausgezeichnet sein, wenige sicher. Feigheit ward daher naturgemäß als der ärgste Schandfleck betrachtet. Bei den verfeinerten Italienern, reich geworden durch Handel, von Gesetzen regiert, leidenschaftlich der Litteratur ergeben, kam alles durch Ueberlegenheit des Geistes zu Stande. Selbst ihre Kriege, friedlicher als der Friede ihrer Nachbarn, erheischten mehr bürgerliche als militärische Tugenden. Während daher in anderen Ländern Muth den Ehrenpunkt bildete, wurde in Italien zum Ehrenpunkte Scharfsinn . »Aus diesen Prinzipien wurden, auf streng analogem Wege, zwei entgegengesetzte Systeme conventionaler Moral abgeleitet. In den meisten Ländern Europas sind die Laster, welche vorzugsweise schüchternen Charakteren eigen und die natürlichen Vertheidigungsmittel der Schwäche sind, Trug und Heuchelei, von je her die schimpflichsten gewesen. Die Ausschreitungen hochfahrender, kecker Naturen dagegen hat man immer mit Nachsicht, ja mit Achtung behandelt. Die Italiener beurtheilen mit entsprechender Milde solche Verbrechen, welche Selbstbeherschung und Geschick, schnelle Beobachtung, fruchtbare Erfindung und tiefe Kenntniß der menschlichen Natur erfordern. »Ein Fürst wie unser Heinrich der Fünfte würde der Abgott des Nordens gewesen sein. Die Thorheiten seiner Jugend, die ehrgeizige Selbstsucht seines Mannesalters, die an langsamen Feuern gerösteten Lollards, die auf dem Schlachtfelde niedergemetzelten Gefangenen, das schreckliche Vermächtniß eines grundlosen und hoffnungslosen Krieges an ein Volk, welches gar kein Interesse an dem Ausgange des Kampfes hatte, – alles ist vergessen, außer der Sieg von Agincourt. Franz Sforza dagegen war das Muster eines italienischen Helden. Er machte aus seinen Dienstherren und aus seinen Nebenbuhlern seine Werkzeuge. Er überwältigte zunächst seine offnen Feinde mit Hülfe treuloser Bundesgenossen; er bewaffnete sich dann mit den Spolien seiner Feinde gegen seine Verbündeten. Durch seine unvergleichliche Geschicklichkeit erhob er sich von der abhängigen, precären Stellung eines militärischen Abenteurers auf den ersten Thron Italiens. Einem solchen Manne ward viel vergeben, hohle Freundschaft, ungroßmüthige Feindschaft, gebrochene Treue. »Wir haben unsere Meinung durch ein Beispiel aus der Geschichte erläutert. Wir wollen der Dichtung ein anderes entlehnen. Othello ermordet sein Weib; er giebt Befehl zu Ermordung seines Lieutenants; er ermordet am Ende sich selber. Gleichwohl verliert er niemals die Achtung und die Theilnahme nordischer Leser. Sein tapferes warmes Herz macht alles gut. Das arglose Vertrauen, mit welchem er auf seinen Rathgeber hört, die Seelenqual, mit welcher er vor dem Gedanken der Schande zurückbebt, der Sturm von Leidenschaft, mit welchem er seine Verbrechen verübt, und die stolze Furchtlosigkeit, mit welcher er sie gesteht, verleihen seinem Charakter ein außerordentliches Interesse. Jago dagegen ist ein Gegenstand allgemeinen Abscheus. Viele meinen, Shakspere habe sich zu einer bei ihm ungewöhnlichen Übertreibung verleiten lassen und ein Ungeheuer gezeichnet, für welches die menschliche Natur keinen Typus darbiete. Wir vermuthen, ein italienisches Publikum im 15. Jahrhundert würde ganz anders gefühlt haben. Othello hätte ihm nichts als Widerwillen und Verachtung eingeflößt. Die Thorheit, womit er den Freundschaftsbetheuerungen eines Mannes vertraut, dessen Beförderung er gehindert hat, die Leichtgläubigkeit, mit welcher er unerwiesene Behauptungen und gewöhnliche Umstände als unwiderlegliche Beweise hinnimmt, die Heftigkeit, mit welcher er die Rechtfertigung zum Schweigen zwingt, bis die Rechtfertigung sein Elend nur verschlimmern kann, – alles das hätte die Zuschauer mit Abscheu und Ekel erfüllt. Jagos Handlungen hätten sie ganz gewiß verurtheilt, aber sie hätten ihn getadelt, wie wir Othello tadeln. In ihre Mißbilligung hätte sich ein gewisser Respect, eine gewisse Theilnahme gemischt. Die Schlagfertigkeit seines Witzes, die Klarheit seines Verstandes, die Geschicklichkeit, mit welcher er fremde Herzen enträthselt und das eigene versteckt, hätten ihm einen gewissen Grad von Achtung gesichert. »So groß war der Unterschied zwischen den Italienern und ihren Nachbarn. Ein ähnlicher Unterschied bestand zwischen den Griechen des Jahrhunderts vor Christus und ihren Herren, den Römern. Die Sieger, tapfer und entschlossen, treu dem gegebenen Worte, beherscht von religiösen Gefühlen, waren zugleich unwissend, tyrannisch und grausam. Bei dem besiegten Volke waren alle Kunst, Wissenschaft und Litteratur der westlichen Welt. In Poesie, Philosophie, Malerei, Baukunst und Sculptur hatte es keine Nebenbuhler. Seine Sitten waren verfeinert, seine Auffassung scharf, seine Erfindung lebhaft; es war duldsam, liebenswürdig, human, aber alles Muthes und aller Aufrichtigkeit bar. Jeder rohe Centurio mochte sich für seine geistige Inferiorität mit der Bemerkung trösten, daß Wissen und Geschmack nur geeignet scheinen, Männer zu Atheisten, Memmen und Sklaven zu machen. Der Bürger eines italienischen Gemeinwesens war der Grieche der Römerzeit. Wie dieser war er zaghaft und schmiegsam, verstellt und kriechend. Aber wie dieser hatte er auch ein Vaterland, dessen Unabhängigkeit und Wohlfahrt ihm theuer waren. War sein Charakter durch einige niedrige Laster entwürdigt, so war er auf der anderen Seite geadelt durch Gemeingeist und ruhmwürdigen Ehrgeiz. »Ein Laster, welches von der öffentlichen Meinung gutgeheißen wird, ist lediglich ein Laster. Das Unheil endet in sich selber. Ein Laster, welches die öffentliche Meinung verdammt, erzeugt verderbliche Wirkungen für den ganzen Charakter. Das erstere ist eine örtliche Krankheit, das letztere ein organisches Gift. Wenn die Ehre des Uebelthäters verloren ist, so wirft er allzu oft den ganzen Rest seiner Tugenden in Verzweiflung der Ehre nach. Der hochschottische Edelmann, der vor hundert Jahren von dem erpreßten Schutzgelde seiner Nachbarn lebte, beging das nämliche Verbrechen, für welches Wild unter dem Hurrah von zweimalhunderttausend Londonern gehenkt ward. Gleichwohl ist es ganz unzweifelhaft, daß er ein minder schlechter Mensch war als Wild. Die That für welche Frau Brownrigg am Galgen starb, verschwindet in nichts, wenn man sie mit der des Römers vergleicht, welcher das Publikum auf hundert Paar Gladiatoren tractirte. Und doch würden wir diesem Römer sehr Unrecht thun, wenn wir ihn für ebenso grausam wie Frau Brownrigg halten wollten. Bei uns zu Lande verwirkt ein Weib seine gesellschaftliche Ehre durch dasjenige, was einem Manne nur allzu gewöhnlich als ein Ruhm und schlimmsten Falles als verzeihlicher Fehltritt angerechnet wird. Die Folgen sind allbekannt. Das sittliche Leben eines Weibes wird durch eine einzige Verleugnung der Tugend allzu häufig mehr beschädigt, als das eines Mannes durch zwanzigjährige Liebeshändel. »Diesen Satz müssen wir auf den vorliegenden Fall anwenden. Ganz gewiß, Verstellung und Lüge brandmarken einen Mann unseres Zeitalters und Landes als durchaus werthlos und verworfen. Aber es folgt nicht im mindesten, daß ein ähnliches Urtheil einem Italiener des Mittelalters gegenüber gerecht sein würde. Im Gegentheil, wir finden sehr häufig diejenigen Fehler, welche wir als sichere Anzeichen eines ganz entarteten Gemüthes zu betrachten gewohnt sind, im Vereine mit großen und guten Eigenschaften, mit Großmuth, mit Wohlwollen, mit Uneigennützigkeit ... Der Charakter des italienischen Staatsmannes scheint auf den ersten Blick eine Sammlung von Widersprüchen, ein Phantom so ungeheuerlich, wie die Pförtnerin der Hölle bei Milton, halb Gottheit, halb Schlange, schön und majestätisch oben, kriechend und giftig unten. Wir sehen einen Mann, dessen Gedanken keine Verbindung mit seinen Worten haben, der nie vor einem Eide Bedenken trägt, wenn er zu verführen sucht, dem es nie an Vorwänden gebricht, wenn er verrathen will. Seine Grausamkeiten entspringen nicht aus der Hitze des Blutes, nicht als dem Taumel schrankenloser Macht, sondern aus tiefer, kalter Ueberlegung. Seine Leidenschaften, wohlgeschulten Truppen gleich, sind ungestüm nach Regeln und vergessen auch im wildesten Stürmen keinen Augenblick die Disciplin, an die sie gewöhnt worden sind. Seine ganze Seele ist mit weitaussehenden, verwickelten Anschlägen der Ehrsucht beschäftigt, aber sein Antlitz und seine Sprache zeigen nur philosophische Ruhe. Haß und Rachsucht fressen ihm ins Herz, aber jeder seiner Blicke ist ein herzliches Lächeln, jede Geberde eine zutrauliche Liebkosung. Nie erweckt er den Argwohn seiner Widersacher durch kleinliche Aufreizungen. Sein Vorhaben enthüllt sich erst, wenn es ausgeführt ist. Seine Stirn ist entrunzelt, seine Rede ist höflich, bis die Wachsamkeit eingeschläfert, bis ein edler Theil bloßgestellt, bis ein sicheres Ziel genommen ist; – dann stößt er zu, zum ersten und zum letzten Mal! Kriegerischen Muth, das Prahlstück des einfältigen Deutschen, des leichtfertigen, schwatzhaften Franzosen, des romantischen und hoffärtigen Spaniers, besitzt er nicht, noch schätzt er ihn. Er meidet die Gefahr, nicht weil er unempfindlich gegen Schande ist, sondern weil in der Gesellschaft, in welcher er lebt, Zaghaftigkeit nicht mehr für Schande gilt. Ein Unrecht offen zu begehen, ist in seinen Augen eben so sündlich wie ein Unrecht im Geheimen zu verüben, und dabei weit weniger vortheilhaft. Das ehrenvollste Mittel ist ihm dasjenige, welches das sicherste, rascheste und stillste ist. Er faßt nicht, wie man sich ein Gewissen daraus machen könne, denjenigen zu betrügen, den zu zerstören man sich kein Gewissen macht. Er würde es für Verrücktheit halten, einem Nebenbuhler offne Fehde anzusagen, wenn man ihn in einer freundschaftlichen Umarmung erdolchen, oder mit einer geweihten Oblate vergiften kann. »Dieser selbe Mann aber, schwarz von den Lastern, die uns als die scheußlichsten erscheinen, Verräther, Heuchler, Feigling, Meuchelmörder, war keineswegs selbst derjenigen Tugenden bar, die wir gewöhnlich als Zeichen von Charaktergröße betrachten. An bürgerlichem Muthe, an Ausdauer, an Geistesgegenwart standen jene barbarischen Krieger, die im Gefechte und in der Bresche die vordersten waren, tief unter ihm. Selbst die Gefahren, welche er mit beinahe memmenhafter Vorsicht vermied, verwirrten nie sein Beobachtungsvermögen, lähmten nie seine Erfindungsgabe, lockten nie ein Geheimniß von seiner glatten Zunge oder von seiner unerforschlichen Stirn. Obwohl ein gefährlicher Feind, und noch gefährlicher als Helfershelfer, konnte er ein gerechter und wohlthätiger Herscher sein. Bei aller Unehrlichkeit seiner Politik, lag in seinem Verstande eine außerordentliche Ehrlichkeit. Gleichgültig gegen die Wahrheit im Verkehr des Lebens, war er ihr in den Forschungen der Speculation auf das wärmste zugethan. Muthwillige Grausamkeit lag nicht in seiner Natur. Im Gegentheil, wenn kein politischer Zweck auf dem Spiele stand, war seine Gemüthsart sanft und menschlich. Die Reizbarkeit seiner Nerven und die Lebendigkeit seiner Phantasie machten ihn geneigt, mit den Gefühlen anderer zu sympathisiren und an den Barmherzigkeiten und Höflichkeiten des gesellschaftlichen Lebens Freude zu finden. Fortwährend zu Handlungen herniedersteigend, welche scheinbar einen völlig verpesteten Charakter verriethen, besaß er gleichwohl eine feine Empfänglichkeit für natürliche und sittliche Erhabenheit, für jede anmuthige und jede großartige Idee. Die Gewohnheit kleiner Ränke und Heucheleien hätte ihn vielleicht für große allgemeine Anschauungen unfähig gemacht, wenn nicht der seelenerweiternde Einfluß seiner philosophischen Studien der einengenden Richtung entgegengearbeitet hätte. Er hatte das lebhafteste Verständniß für Witz, Beredsamkeit und Poesie. Die schönen Künste zogen Vortheil zugleich aus der Strenge seines Urtheils und aus der Freigebigkeit seiner Gönnerschaft. Die Bildnisse mancher hervorragenden Italiener jener Zeiten stehen in vollem Einklänge mit dieser Schilderung. Ein breites, majestätisches Vorhaupt, die Brauen stark und dunkel, aber nicht finster, Augen, deren stiller voller Blick nichts sagt, aber alles zu merken scheint, die Wangen blaß von Gedanken und sitzender Lebensweise, die Lippen von weiblicher Feinheit, aber zusammengepreßt von mehr als männlicher Entschlossenheit, das alles bezeichnet Männer, zugleich unternehmend und zaghaft, Männer, ebenso geschickt die Pläne anderer zu entdecken wie die eigenen zu verbergen, Männer, welche gewiß furchtbare Feinde und unsichere Bundesgenossen waren, aber Männer zugleich, deren Sinn milde und gelassen war, die eine Weite und Schärfe des Verstandes besaßen, welche sie in einem thätigen wie in einem beschaulichen Leben ausgezeichnet machen und befähigen mußte, sowohl Beherscher als Lehrer der Menschen zu sein.« Das Argument ist zu Ende. Die Anwendung auf Machiavel ergiebt sich von selbst. Ob die psychologische Erklärung gerade auf diesen einen Mann zutrifft, darüber mag man streiten, daß sie aber in sich eine wundervolle Analyse sei, wird niemand leugnen. Wer nach diesen Erörterungen nicht versteht, was der Verfasser hat sagen wollen, dem ist nicht zu helfen; wer nicht fühlt, daß die Entstehung und die Wirkungen einer conventionellen Moral lichtvoller und zugleich anziehender nicht dargestellt werden können, der ist stumpf für alles, was Vortrefflichkeit des Stiles ausmacht. »Conventionelle Moral« ist ein abstracter Begriff, der Unzähligen undeutlich bleibt; der abstracte Begriff verwandelt sich unter der Hand des großen Schriftstellers in eine handgreifliche geschichtliche Thatsache, die dem gewöhnlichsten Verstande nahe tritt. Ob Machiavel ein Engel oder ein Teufel war, ist Tausenden gleichgültig; aber Tausende folgen der Argumentation des fesselnden Stilisten mit einer Spannung, als ob ein großes dramatisches Problem vor ihren Augen sich auflöse. Und so ist es mehr oder weniger mit allen Schriften Macaulays. Hierin liegt das große Geheimniß ihrer beispiellosen Popularität. Weitere Beispiele anzuführen, verbietet mir der Raum nicht minder als die Gerechtigkeit gegen den Künstler, der zwar in allen Einzelheiten ausgezeichnet ist, dessen Einzelheiten aber stets den größten Theil ihres Werthes verlieren, wenn man sie ihrem Zusammenhange mit dem Ganzen entzieht. Man kann die Fassung eines Diadems nicht veranschaulichen, wenn man einzelne Juwelen herausbricht. Vielleicht habe ich in dieser Besprechung unverhältnißmäßig viel Gewicht auf die Form und allzu wenig auf den Inhalt der Macaulayschen Werke gelegt. Aber der Fehler, wenn es ein Fehler ist, hat eine Entschuldigung für sich. Der Inhalt dieser Werke, so belehrend und anregend er sein mag, ist doch nicht dasjenige, worin Macaulays litterarische Individualität wurzelt. Die Ideen welche ihn leiten, sind nicht die seinigen ausschließlich, sondern sie sind die Ideen seiner Partei, die des englischen vornehmen Liberalismus. Religiöse und bürgerliche Freiheit ist seine Losung, wie es die Losung der Fox, der Grey, der Russell war und ist. Er glaubt an die fortschreitende Veredlung des Menschengeschlechts, und er gefällt sich darin, diesen Glauben gegen die Lobredner der Vergangenheit lebhaft zu verfechten. Seine Politik ist die eines wohlwollenden, gerechten Gentleman, der Willkürherrschaft verabscheut, der dem Volke von Herzen alles gute wünscht, der aber großen Werth darauf legt, die Herrschaft den gebildeten Leuten vorbehalten zu sehen. In Sachen der Religion ist er gegen alle und jede Einmischung des Staates. Die Religion soll lediglich Sache des einzelnen sein. Von einem »protestantischen Staate« zu reden erscheint ihm ebenso absurd, als wollte man von einer »protestantischen Kochkunst« sprechen. Wie er persönlich sich zu den Dogmen der Religion verhalte, ist aus seinen Schriften nicht zu ersehen. Er berührt sie beinahe ausschließlich als Gegenstände geschichtlicher und politischer Betrachtung. Ob er selbst glaubt oder zweifelt, verräth er nicht. Er spricht immer mit Ehrfurcht von der Kirche, aber er äußert sich nicht über ein innerliches Verhältniß zu ihr. Die römische Hierarchie hat er in einem seiner glänzendsten Essays mit einer Unbefangenheit gewürdigt, welche beweist, daß seine eignen dogmatischen Ueberzeugungen ihm den Blick für fremde Entwicklungen nicht verdunkelten. Seine Wähler in Edinburgh ließen ihn bei einer Neuwahl durchfallen, weil er ihnen nicht protestantisch bigott genug war, und schickten statt seiner einen frommen Papierfabrikanten ins Parlament. Seinen politischen Freunden erschien er häufig nicht hinlänglich orthodox whigistisch, seinen politischen Gegnern natürlich stets allzu parteiisch für die liberale Seite. Aber seine geschichtlichen Gestalten, mögen sie immerhin manchmal dem Künstler mehr verdanken als dem Historiker, leben, wie er sie malte, in dem Bewußtsein des großen Publikums nicht allein seines Landes. Macaulay, wie unser Lessing, hat darin seine große Bedeutung, daß er eine Menge der wichtigsten Fragen dem Bewußtsein weiter Kreise nahe brachte, ohne den Anforderungen strenger Wissenschaftlichkeit zu entsagen. Er ist an bahnbrechender Geisteskraft, an schöpferischer Gedankenmacht mit dem Verfasser des »Laokoon« und dem Gegner des Pastors Götz nicht zu vergleichen, aber er hatte auch nicht eine solche Herkulesarbeit zu verrichten, wie sie dem glorreichen Vater der deutschen Prosa oblag. Der Einfluß, welchen Macaulay durch sein Beispiel und seine Erfolge auf die Geschichtschreibung ausgeübt hat, ist ebenso erheblich als zu Tage liegend. Die besten unter den englischen, deutschen und französischen Historikern unserer Tage zeigen in ihrer Darstellung Vorzüge vor ihren Vorgängern, die Macaulay beinahe zu einer unerläßlichen Bedingung dieser Gattung gemacht hat. Indem er das Publikum verwöhnte, zwang er die Schriftsteller, ihm nachzueifern. Aber nicht allein auf die geschichtliche Darstellung, auch auf die geschichtliche Forschung wirkten seine Arbeiten anregend, fördernd und umgestaltend. Das künstlerische Element in ihm, welches immer nach innerer Ganzheit und Allseitigkeit drängte, nöthigte auch die Forschung zu einer entsprechenden Thätigkeit. Damit der Darsteller ein volles lebenathmendes Bild liefern könne, mußte der Historiker vielseitiger in der Herbeischaffung der Materialien werden und manche Gebiete der Vergangenheit aus dem Dunkel hervorziehen, welche die Gelehrten der alten Schule kaum eines Seitenblicks gewürdigt hatten. Den Ehrgeiz der modernen Geschichtschreibung und Geschichtsforschung, daß sie die Vorzeit nicht allein aus ihrem Grabe aufscharre, sondern sie auch wandeln und reden heiße, hat Macaulay zu erwecken und auf fruchtbare Bahnen zu leiten mächtig beigetragen. Das dritte Capitel seiner »Geschichte Englands« hat in dieser Beziehung Epoche gemacht. Ich habe von dem Dichter Macaulay nicht gesprochen. Nicht deshalb, weil seine Poesien mir der Rede nicht werth erschienen. Sondern deshalb, weil in seinen Prosaischen Schriften allein seine dauernde Bedeutung für die Litteratur der Welt umschlossen liegt. Neben den Essays und der Geschichte Englands und den Parlamentsreden erscheinen die Lays of ancient Rome wie Shaksperes »Lucrezia« und »Adonis« neben Hamlet, Romeo und Othello. Merkwürdig aber sind diese Gedichte Macaulays gleichwohl von einem psychologischen Gesichtspunkte aus. Sie lassen uns den Organismus dieses Geistes ahnen, welcher die Theorie Niebuhrs von der Entstehung der ältesten Geschichte Roms aus Heldenliedern sofort, nachdem er sie in sich aufgenommen hatte, in verkörpernden Beispielen der Phantasie deutlich zu machen strebte. Die Muse der Dichtkunst hat die Verse geschrieben, aber die Muse der Geschichte hat sie dictirt. Ich will zum Schlusse noch auf eine Eigentümlichkeit Macaulays aufmerksam machen, welche für die Kluft zwischen den englischen Schriftstellern seines Schlages und den Schriftstellern von Profession bezeichnend ist. Macaulay hatte eine Reihe der glänzendsten Reden gehalten, viele Dutzende klassischer Artikel für die Edinburgh Review geschrieben, ohne daß es ihm einfiel, diese Meisterwerke der Vergessenheit zu entreißen und aus den bald vergänglichen Rahmen der Zeitungen und Zeitschriften in den dauerhafteren Gewahrsam einer besonderen Sammlung zu retten. Er brauchte nur einen Wink zu geben, um seiner Nation eines der stattlichsten Denkmäler menschlichen Geistes zu schenken und seinen Ruhm über zwei Welttheile auszubreiten, aber er ließ seine Schätze unbekümmert und sorglos verstauben. Erst als amerikanische Nachdrucker seine Schriften und Reden in schlechten und ungenauen Ausgaben gesammelt herausgaben, trieb ihn der Aerger zu dem, was der Ehrgeiz nicht über ihn vermocht hatte. Die Welt verdankt der gewissenlosen Habgier speculativer Jankees eine Reihe von Bänden, welche vielleicht noch mit Entzücken werden gelesen werden, wenn, um mit einem Citate aus ihnen selbst zu schließen, »wenn irgend ein Reisender aus Neuseeland, inmitten tiefer Einsamkeit, auf einem gebrochnen Bogen der London-Brücke sich einen Platz sucht, um die Ruinen der Paulskirche zu zeichnen.« Zwei Frauengestalten Shaksperes. I. Desdemona. (1861.) Die Natur gleicht dem Bienenkorbe: sie ist voll nie ruhenden Schaffens, Wandels und Werdens und voll tiefer Dunkelheit. Wir sehen wohl das Schwärmen, Kriechen und Tummeln der rastlosen Insecten; wir erblicken den Honig und den Wachs, welcher die Frucht ihres Fleißes ist, aber das innere Getriebe des Bienenkorbes verhüllt sich unserem Auge in schwer zu durchdringender Finsterniß. Ist es nicht ähnlich mit dem menschlichen Leben um uns her? Wissen wir viel mehr von ihm, als daß es lärmend, rastlos, bunt in stetem Wechsel dahin jagt? Sehen wir etwas von den eigentlichen Kräften, welche es bewegen und erregen? Etwas wohl, – aber wie wenig! Wie oft gehen wir jahrelang neben einander hin und bilden uns ein, einer den anderen zu kennen, und keiner von uns ahnt im geringsten, was die Seele seines Nächsten am mächtigsten beherscht, was sein Herz Tag und Nacht erfüllt, was seine Gedanken quälend oder erhebend beschäftigt. Wir bemerken uns eine oder die andere Eigenschaft, welche sich in dem Thun und Lassen unseres Freundes oder unseres Feindes kundgiebt, und nach dieser einseitigen, fragmentarischen, vielleicht ganz zufälligen Offenbarung seines Wesens bilden wir unser Urtheil über ihn. Wir sagen dann: der Mann ist brav, oder er ist schlecht; er ist gutmüthig oder er ist hartherzig, – und die Acten werden geschlossen. Zu einem Einblicke in das Ganze eines menschlichen Wesens, zu einer Anschauung der vielfältigen, vielverschlungenen dunklen und hellen, feinen und derben, schwachen und zähen Fäden, aus denen das Gewebe eines Charakters entsteht und täglich neue Combinationen ansetzt, gelangen wir kaum jemals. Und weil keiner das Ganze, weil jeder nur Bruchstücke sieht, darum sind die Urtheile über einen und denselben Menschen so verschieden. Der eine erblickt einen dunklen, der andere einen lichten Faden, und der eine verdammt, der andere lobt. Beide haben Recht und beide haben Unrecht, und wer weise ist, erinnert sich des Spruches, daß wir »nicht richten« sollen. Wie nun menschliche Erfindung auf den Einfall gekommen ist, Bienenkörbe von Glas anzufertigen, um dem Beobachter Einsicht in das räthselhafte Treiben des Immenschwarms zu gestatten, so hat der große Baumeister dieser Welt einzelne Menschen mit der Gabe ausgestattet, Charaktere, Seelen und Herzen von Glas zu bilden, durchsichtige Individuen, in deren Inneren es genau so zugeht wie in unserem eigenen, nur mit dem Unterschiede, daß alle Welt zusehen kann, wie in ihnen gute und böse Gedanken, hohe und niedre Gefühle, edle und gemeine Eigenschaften mit rastlosem Bienenfleiße durch einander wühlen und arbeiten. Diese Menschen, die Dichter, die großen Dichter, erweitern auf solche Weise unseren menschlichen Horizont durch die Eröffnung eines Gebietes, welches ohne sie uns ewig verborgen bleiben würde und welches doch für uns interessanter ist als irgend ein anderes. Sie zeigen uns, was die Wirklichkeit uns niemals zeigt, den inwendigen Menschen als etwas ganzes, und sie machen uns zu Zeugen dessen, was in der Wirklichkeit nur das Auge Gottes sieht, zu Zeugen der Leiden und Freuden, der Kämpfe, Siege und Niederlagen im Verborgenen. Sie erheben uns über die Schranken der kurzsichtigen Sterblichkeit hinaus, daß wir »Herzen und Nieren prüfen« und damit gleichsam überirdische Attribute uns zu eigen machen. Darum hat man auch von jeher die Dichtkunst eine »göttliche« Kunst genannt. Der größeste unter diesen Propheten einer unsichtbaren Welt, ja, der einzige, welcher den Namen in vollem Maße verdient, ist Shakspere. Alle anderen vor ihm und nach ihm sind dem Ziele nur nahe gekommen, weniger oder mehr; er hat das Ziel erreicht. Seine Dramen sind wirkliche, vollständige Offenbarungen des inwendigen Menschen. Sie sind es in einem so hohen Grade und dabei in so strenger, objektiver Einfalt, daß die Welt, welche er uns sehen läßt, wiederum zu einem Gegenstande des Studiums, des Zweifels, der Meinungsverschiedenheiten wird, genau so wie die wirkliche Welt in unserem eigenen Innern es werden würde, wenn durch irgend ein Wunder sie dem Auge bloßgelegt wäre. Shakspere giebt uns einen ganzen, vollständigen Menschencharakter, dessen innere Wahrheit wir unmittelbar empfinden, aber er hält es nicht seines Amts, uns auch noch einen Commentar dazu zu geben; er verschmäht es, uns auseinander zu setzen, wie die Ingredienzien dieses Charakters sich zu einander verhalten, auf einander wirken, sich wechselseitig modisteiren und nothwendig gerade die Resultate herbeiführen müssen, die wir vor uns sehen. Das alles überläßt er unserem eigenen Nachdenken, wie der Mann, der den Bienenkorb von Glas machte, die Betrachtung der Bienen, die Schlußfolgerungen aus ihrem Treiben demjenigen überläßt, der sich belehren will. Freilich nicht alle beobachten gleich genau, nicht alle ziehen ihre Schlüsse mit gleicher Folgerichtigkeit. Der eine wird diesen, der andere jenen Umstand übersehen; der eine hält für wichtig, was dem anderen nebensächlich erscheint; der eine verbindet zu Folgerungen, was der andere zusammenhangslos findet. So geschieht es denn, daß, wie die Wirklichkeit, so auch die Dichtung Shaksperes auf verschiedene Menschen verschieden wirkt. Ihre wunderbare Wahrheit und Ursprünglichkeit feiert darin ihren merkwürdigsten Triumph, daß die Leute ebenso ernsthaft und ebenso abweichend über ihre Gestalten urtheilen wie über die Gestalten der Natur. Seine Charaktere erwecken Antipathien und Sympathien; sie werden gelobt, getadelt, in Schutz genommen, wie lebendige Menschen. Ob Hamlet neben seinem verstellten auch einen Anflug von wirklichem Wahnsinn in sich trage, darüber haben Aesthetiker und Psychologen, ja selbst Mediciner sich des weiteren vernehmen lassen. Ophelias Ehrbarkeit ist der Gegenstand kritischer Untersuchungen geworden. Ob Othellos Leichtgläubigkeit durch die Umstände entschuldigt werde oder ein Fehler seines geistigen Organismus sei, ist eine gründlich erörterte Streitfrage, und noch heute giebt es gefühlvolle Seelen, welche es quält, daß Cordelia ihrem alten Vater nicht ein freundliches Wort gönnen wollte, wodurch sie so viel entsetzliches Elend hätte abwenden können. Mit der fast überirdischen Hoheit, die solcher Schöpferkraft beiwohnen zu müssen scheint, bildet eine oft wiederholte und weit verbreitete Ansicht einen seltsamen Widerspruch, – die Ansicht, daß Shaksperes Frauencharaktere an psychologischer Tiefe und Wahrheit unter den männlichen Gestalten seiner Phantasie ständen. Indem man dies ausspricht, leugnet man dasjenige, worin seine Größe, vor jeder anderen dichterischen Vortrefflichkeit, besteht; man leugnet den prophetischen Blick, mit welchem er das menschliche Dasein in seiner Ganzheit und Harmonie vor sich schaute. Die Frauenwelt bildet die ganze Hälfte unserer Existenz; ja mehr als das: die andere Hälfte würde nicht sein, was sie ist, wenn man den steten, leisen, mächtigen Gegendruck hinwegnähme, den das Weib auf die Welt des Mannes ausübt. Sagen also, daß Shakspere dieser einen Hälfte anders gegenüberstehe als der anderen Hälfte, heißt behaupten, daß er das Ganze unvollkommen erfasse. Nun ist man in der That so weit gegangen, nach Erklärungen für diesen angeblichen Mangel des Dichters zu suchen. Man hat behauptet, Shakspere habe absichtlich seine weiblichen Charaktere im Hintergrunde gehalten, weil sie ja zu seiner Zeit von Knaben und Jünglingen gespielt werden mußten, also doch nicht vollkommen hätten dargestellt werden können. Oder man hat gesagt, sein Genius sei zu erhaben gewesen, als daß er sich in die engen Sphären des weiblichen Lebens hätte versenken können. Man könnte solche scharfsinnige Absurditäten bis zum jüngsten Tage fortspinnen, und man würde doch nie die Erklärung finden, aus dem einfachen Grunde, weil die Thatsache, die man erklären möchte, gar nicht existirt. Die Wahrheit ist, daß Shakspere in seinen Frauengestalten ebenso groß, reich und tief, ebenso einzig und unerreicht ist wie in seinen Männern. Es ist wahr, das Leben der Männer tritt breiter, mannichfaltiger, großartiger, glänzender in seiner dramatischen Welt auf als dasjenige der Frauen; die letzteren nehmen beinahe durchweg eine untergeordnete Stellung ein. Aber genau das nämliche Verhältniß wiederholt sich in der wirklichen Welt. Der Dichter hält auch in diesem Punkte der Natur den Spiegel vor. Weil im Leben die Sphäre des Mannes größere Verschiedenheiten zeigt als die des Weibes, weil folglich männliche Charaktere im Leben sich verschiedenartiger entwickeln, so entfaltet sich auch auf der Bühne Shaksperes eine reichere Formenmannichfaltigkeit, wenn er Männer als wenn er Frauen malt. Und nicht allein eine reichere Mannichfaltigkeit, auch eine lebhaftere Energie der Farbe. Auch dies ist der Natur angemessen. Das Weib ist nicht allein von Haus aus minder energisch in seinen Leidenschaften und folglich minder geneigt, seinen Leidenschaften nach außen hin einen möglichst deutlichen Ausdruck zu verleihen, sondern es kommt auch noch hinzu, daß die Macht der Sitte diese ohnehin vorhandene größere Stille des weiblichen Lebens mit den Schranken gewohnheitsmäßiger Zurückhaltung und Selbstbeherschung umgiebt. In dem nämlichen Verhältnisse wie die Schamhaftigkeit des Weibes größer ist als die des Mannes, in dem nämlichen Verhältnisse ist die Beredsamkeit ihrer Empfindungen geringer. In allen Frauencharakteren Shaksperes finden wir daher eine gewisse Abblassung der Tinten, im Vergleiche mit den Analogien, die seine Männerwelt darbietet. Allein weit entfernt, hierin einen Mangel dichterischer Kraft zu erkennen, sehen wir in solcher Abstufung des Colorits einen Ausfluß dichterischer Weisheit. Daß die Leidenschaft Julias, stürmisch wie sie ist, nicht die rasende Gewalt der Seelenerschütterungen Othellos erreicht, – daß Lady Macbeth neben Richard dem Dritten sanft und menschlich erscheint, – das Constanzes Wahnsinn bei dem Verluste ihres Kindes zu dem Toben König Lears sich verhält wie ein Gewitter zu einem Erdbeben, – das zu tadeln wäre eben so verkehrt, als wollte man einem Maler einen Vorwurf daraus machen, wenn er den Mondschein minder hell malt als den Glanz der Mittagssonne. Um gerecht gegen den Dichter zu sein, muß man freilich zwei Dinge nie vergessen. Einmal nicht, daß er für die Bühne schrieb, die er selber leitete, und daß er daher in seinem Texte oft nur andeutete, die Ergänzung dem Schauspieler überlassend, wo der heutige Dichter, welcher mehr den Leser als den Zuschauer vor Augen hat, wahrscheinlich seine Absichten in den Worten selbst breiter ausgeführt haben würde. Dies ist, – wiederum völlig naturgemäß, – in den weiblichen Rollen ganz besonders der Fall. Völlig naturgemäß, weil der weibliche Charakter unvereinbar ist mit einer geräuschvollen Entfaltung des inneren Lebens durch viel Reden und Argumentiren. Es ist erstaunlich, wie wenig manche von den wundervollsten Frauen- und Mädchengestalten Shaksperes im Stücke zu sagen haben. Desdemona, Cordelia, Ophelia sind lauter Rollen von sehr geringer räumlicher Ausdehnung. Gleichwohl, wenn wir sie aufmerksam studiren, realisiren wir, wenn ich so sagen darf, ihr Wesen vollständig. Das wenige, was sie sagen, ist hinreichend, um unsere Phantasie zu selbstschöpferischer Thätigkeit zu befruchten, oder mit anderen Worten, diejenige ergänzende Ausmalung vorzunehmen, welche Shakspere von den Darstellern der Rolle verlangte. Man darf freilich diese Dramen nicht wie einen Hackländerschen Roman durchblättern, – man muß sie lesen, wie man die Fresken Rafaels ansieht oder einer Symphonie Beethovens zuhört, mit voller Anspannung der empfänglichen Organe der Seele. Das zweite, was man nicht vergessen soll, ist dies, daß Shakspere, so hoch er auch über seine Zeitgenossen hinausragt, doch in vielen Stücken von der Zeit, in welcher er lebte, abhängig bleiben mußte. Dies ist für uns besonders auffallend, wenn wir den Ton, welchen seine Frauen anschlagen, mit demjenigen vergleichen, was nach unseren Begriffen wohlanständig ist. Nichts kann alberner sein als in den Unanständigkeiten des Shakspereschen Dialogs einen Beweis seiner Rohheit zu finden. Ebenso gut könnte man sagen, der Prophet Hesekiel oder der Apostel Paulus seien roh gewesen. Die Begriffe von Decenz und Indecenz in Worten wie in Handlungen wechseln wie die Begriffe von Wohlgeschmack und Wohlgeruch nach Ländern und nach Zeiten. Die einen haben mit der wahren Sittlichkeit so wenig zu schaffen wie die andern. Im Orient entblößt man die Füße, im Abendlande entblößt man das Haupt, wenn man geweihten Boden betritt, und wer will behaupten, daß der Hut und die Schuhe an sich mit der religiösen Ehrfurcht etwas zu schaffen haben? Unsere Urgroßmütter trugen Moden, die uns höchst anstößig vorkommen und unsere Urgroßmütter würden sich im Grabe umwenden, wenn sie sehen könnten, wie manche Regel der Ehrbarkeit, an welche sie wie an ein Evangelium glaubten, heutzutage für altfränkische Pedanterie gehalten wird. Allerdings, wenn die Sitte unserer Zeit gewisse Dinge als unziemlich verpönt, so haben wir diese Dinge zu vermeiden, nicht weil wir sie als an sich unsittlich anerkennen, sondern weil es unsittlich sein würde, wenn wir über den Ausspruch der Gesellschaft, in welcher wir leben, ohne daß eine höhere Pflicht uns dazu zwingt, eigenmächtig uns erheben wollten. Ein Dichter des 19. Jahrhunderts, welcher die Derbheiten des Shakspereschen Dialogs nachahmen wollte, würde sich nicht allein an der Wahrheit versündigen, weil eben solche Derbheiten in unserer Zeit in anständiger Gesellschaft nicht mehr vorkommen, sondern er würde auch den Vorwurf der Rohheit verdienen, weil er mit Bewußtsein ein Rebell gegen die gute Sitte seiner Zeit wäre. Die Frauen selbst haben alle Ursache, gegen den oberflächlichen Vorwurf der Rohheit, welchen man gegen den Shakspereschen Dialog erhoben hat, (– laut und öffentlich nicht mehr, aber leise und in Theezirkeln noch immer –) Verwahrung einzulegen. Wenigstens sollten sie nicht einstimmen. Und zwar nicht bloß deswegen sollten sie lieber schweigen als tadeln, weil eine übertriebene Prüderie gewöhnlich das Gegentheil von innerer Unschuld verräth, sondern namentlich auch deshalb, weil es von ihrer Seite der schwärzeste Undank wäre Shakspere zu verlästern. Denn Shakspere ist unter allen Dichtern aller Zeiten und aller Völker derjenige, welcher das Weib am glänzendsten verherrlicht hat. Diese Behauptung klingt vielleicht paradox, aber sie wird von jedem als wahr anerkannt werden, der sich die Mühe gegeben hat, die Gallerie von Frauenbildnissen, welche er gemalt hat, aufmerksam zu betrachten. Es ist wahr, an überschwenglicher Vergötterung des schönen Geschlechts, an galanter Schmeichelei gegen die Damen haben ihn andere weit übertroffen. Seine Frauen und Mädchen sind weder Göttinnen noch Engel; sie sind gebrechliche Wesen von Fleisch und Blut, behaftet mit Fehlern, verwirrt von Leidenschaften, oft befleckt von Lastern. Aber durch die Mängel der Zeitlichkeit, welche ihnen wie den Männern ankleben, leuchtet stetig und unverkennbar das heilige Feuer, welches die weibliche Natur, wo sie nicht völlig entartet oder abgestumpft ist, auch in ihren Verirrungen und in ihren Schwächen zum Gegenstande unserer Verehrung und Bewunderung macht. Der »rohe« Shakspere hat, wie kein anderer, den Adel weiblicher Tugend, nicht etwa bloß gepriesen, – das könnte jeder, – sondern mit so edlen Linien gezeichnet, mit so zarten Farben gemalt, daß man sagen möchte, während die Poeten des Mittelalters ihre Frauen aus dem Himmel, die Poeten der Renaissance ihre Frauen aus dem Olymp herunterholten, Shakspere durch bloße irdische Mittel die Frauen bis in den Himmel emporhob. Der Minnecultus des Mittelalters läßt sich mit den goldenen Heiligenscheinen vergleichen, welche die ältesten Maler um ihre Mariengesichter klebten, – prächtig, aber starr, kindisch, unnatürlich; Shaksperes Frauenverherrlichung mit den Glorien, welche die Madonnen Murillos und Guidos umfließen. Jener ist ein fremder Zierrath, der mit dem Antlitz selbst in gar keiner Beziehung steht; diese machen den Eindruck, als seien sie nur die Ausströmung einer angeborenen Herrlichkeit. Shakspere hat andere Begriffe von Schicklichkeit als Oberhofmeisterinnen, Stiftsfräulein und Vorsteherinnen von Pensionsanstalten für junge Damen. Aber er hat von dem, was weibliche Tugend ist, nicht allein sehr deutliche, sondern auch die allerhöchsten und allerstrengsten Begriffe. Wenn er das Laster schildert, wenn er mit der sittlichen Schwäche scherzend spielt, so giebt er doch nicht einen Augenblick die ewige Grenzscheide zwischen Gutem und Bösem, zwischen Leidenschaft und Pflicht auf. Er transigirt nicht mit dem Schlechten; er beschönigt nicht den Fehltritt; er macht nicht die sittliche Häßlichkeit schön und nicht die Verworfenheit liebenswürdig. Seine Lasterhaften haben ihre guten Seiten; seine Tugendhaften haben ihre sittlichen Gebrechen, aber niemals verwischt er durch verführerische Halbtinten, durch magische chiari oscuri die strenge Linie, welche Sünde und Nichtsünde trennt. Er schildert die böse Leidenschaft, aber er schmeichelt ihr nicht; er zeigt uns den Zweifler an Ehre und Tugend, aber er macht uns vor ihm schaudern; er verhehlt uns nicht, daß Rohheit und Verderbtheit den Glanz weiblicher Seelenhoheit mit Schmutz zu entstellen liebt, aber er läßt diesen Glanz wie einen Schwan aus den trüben Gewässern einer sündigen Welt leuchtend emportauchen. In diesen Dingen zeigt der Dichter einen großen und ernsten Trieb nach der Wahrheit. Er verschmäht die Traditionen der Komödie und der Tragödie, welche mehr den augenblicklichen Effekt als die Natur im Auge haben. So alt wie die Bühne sind gewisse Dogmen über Schwächen, Lächerlichkeiten und Verkehrtheiten des weiblichen Geschlechts, welche immer von neuem den dramatischen Dichtern Stoff zu mehr oder minder wirkungsvollen Darstellungen geliefert haben. Von Euripides bis auf unsere Tage ist die Neugier, Plauderhaftigkeit, Unverträglichkeit, Eifersüchtelei, Furchtsamkeit der Frauen ein unerschöpfiiches Thema für den Witz und die Entrüstung der Poeten gewesen. Shakspere läßt sich nie verführen, solche Traditionen, die in ihrer Allgemeinheit immer mehr Unwahrheit als Wahrheit enthalten, seinen Dramen zum Grunde zu legen. Er verschmäht es, ein Gelächter auf Kosten der Gerechtigkeit zu erregen. Wenn er die Frauen nicht besser machen will, als sie sind, so ist er noch viel weiter entfernt, sie schlechter zu schildern als die Wirklichkeit. Alles, was in ihnen gut, schön und liebenswürdig ist, läßt er zu voller Geltung kommen, mag es noch so sehr mit hergebrachter Bühnen-Routine im Widerspruche stehen. Um ein Beispiel anzuführen, – die Unfähigkeit der Frauen, unter einander eine wirkliche Freundschaft zu halten, ist unzählige Male im Ernste behauptet und im Scherze geschildert worden. Frauen, sagt man, empfinden die Vorzüge einer anderen Frau immer als eine eigene Demüthigung; ist eine andere schöner, geistreicher, gewinnender, so wird sie gerade deswegen um so mehr gehaßt. Da nun Freundschaft eben aus der Freude an fremden Vorzügen entspringt, so ist es klar, daß eine Frau nicht Freundin einer Frau sein kann, in dem Sinne wie Männer Freundschaft verstehen. Shakspere denkt anders. Ihm wird nicht entgangen sein; daß allerdings Mißgönnen persönlicher Vorzüge und persönlicher Erfolge bei engherzigen Weibern häufiger ist als bei engherzigen Männern, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Persönlichkeit für die Frau viel wichtiger ist als für den Mann, – aber er hütet sich wohl, aus dieser Beobachtung eine allgemeine Regel dahin zu formuliren, daß nun eben die Frauen überhaupt engherzig oder auch nur häufiger engherzig seien als Männer. Ebenso wenig wie er folgert, daß die Männer im ganzen weniger Selbstbeherschung haben als Frauen, weil allerdings gewisse Resultate der Selbstbeherschung, z. B. Mäßigkeit, bei letzteren häufiger sind als bei ersteren. Er hat daher edle Frauenfreundschaften nicht zu den Unmöglichkeiten gerechnet, – Freundschaften zwischen Personen gleichen Ranges, gleichen Alters, gleicher Ansprüche an das Leben, in solchen Lagen also, wo alle Elemente gegenseitiger Mißgunst vorhanden sind. Beatrice und Hero in »Viel Lärm um nichts,« Rosalinde und Celia in »Wie es euch gefällt,« selbst Helena und Hermina im »Mittsommernachtstraum« lieben einander mit der Liebe wahrer, neidloser Freundschaft. Ihre Freundschaft ist freilich ganz weiblich, ganz mädchenhaft, in Art und Geberde verschieden von der Freundschaft des Brutus und Cassius, Hamlets und Horatios, Romeos und Mercutios, aber nicht minder uneigennützig, aufopfernd und treu. Und auch abgesehen von eigentlichen Freundschaftsgefühlen, sind Shaksperes Frauen in ihrem Verhältnisse zu einander weit entfernt von jener gemeinen, vielbelachten Caricatur, welche alle Weiber darstellt als nur von einem Streben beseelt, die Gunst der Männer zu gewinnen, einem Streben, welches Eifersucht bei den jungen, neidischen Haß bei den alten erzeugt. Die anmuthige Gestalt Violas in »Was ihr wollt,« Julias Großmuth gegen ihre Rivalin Sylvia, Helenas Edelsinn gegen Diana, der alten Gräfin gegen Helena, das Mitleid der Königin Gertrud gegen Ophelia, – alles dies und manches andere beweist, wie erhaben Shakspere über der vulgären Weiberverachtung war, welche in den Litteraturen einen kaum minder breiten Platz einnimmt als das entgegengesetzte Extrem der Weibervergötterung. Weiber – als eine Regel – sind feige, Männer sind tapfer; wer bezweifelt es? Shakspere ganz gewiß. Er, mit seinem durchdringenden Blicke, welcher Schein und Wesen von einander trennt, sieht in dem weiblichen Herzen die nämlichen Anlagen zum Heldenmuth wie in dem männlichen. Er ist freilich nicht so ungereimt, gewisse Erscheinungen der Tapferkeit, z. B. Ruhe der Nerven und Kaltblütigkeit, Drang nach Kampf und Gefahr, Freude an gewagten Unternehmungen um ihrer selbst willen, welche der männlichen Natur eigen sind, seinen tapferen Frauen anzudichten. Ihr Heroismus ist ein weiblicher Heroismus, der um so größer ist, weil er mit erregbareren Nerven, mit dem Bewußtsein größerer Schwäche, mit zärtlicher Verwöhnung zu ringen hat. Der Muth des Mannes ist oft nichts weiter als eine körperliche Eigenschaft; eine Frau, um muthig zu sein, muß ihren Körper zuvor besiegen. Der Mann muß muthig sein, bei Strafe der Entehrung; es ist kein großes Verdienst, wenn er die Gefahr der Schande vorzieht. Eine Frau ist muthig, ohne diesen Sporn der Ehre; man verlangt von ihr nicht, daß sie tapfer sei. Wenn sie es ist, so ist sie tapfer von Herzen, und das ist die einzige Tapferkeit, welche den Namen verdient. Sie kann bleich vor Angst sein, ihre Kniee können schlottern, ihre Gebeine können beben, alle Symptome, daß das Fleisch feige ist, können hervorbrechen, und dieses erblaßte, zitternde, halbohnmächtige Weib, ein Bild memmenhaftester Furcht, kann doch in dem nämlichen Augenblicke eine Heldenthat vollbringen. Bei einem Manne wäre das, unmöglich will ich nicht sagen, aber höchst unwahrscheinlich. Denn ein Mann, indem er sich zu einem heldenhaften Entschlüsse zu erheben die Kraft hat, wird immer auch so viel Stärke haben, um zu vermeiden, was für ihn unschicklich sein würde. Wer nicht einmal im Stande ist, den äußeren Anstand der Tapferkeit aufrecht zu erhalten, der wird schwerlich innerlichen Heldenmuth besitzen. Für Frauen existirt das Gesetz dieses Anstandes nicht, es ist daher auch ganz in der Ordnung, daß sie sich nicht daran kehren, wenn ein schrecklicher Augenblick ihre ganze Seele erschüttert, mag diese Seele auch noch so stark sein. Julia ist halb wahnsinnig vor Angst, wenn sie an das Leichengewölbe denkt, in welches sie lebendig sich flüchten soll, um ihrem Gatten treu bleiben zu können; sie macht gar kein Hehl daraus; sie schwelgt gewissermaßen in Gefühlen anticipirten Entsetzens, aber sie schwankt darum nicht; sie thut, was sie für ihre Pflicht hält; sie trinkt ihren Kelch aus. Nur ein tiefer Erforscher des menschlichen Herzens konnte die Schlaftrunk-Scene so darstellen. Ihre Wahrheit überzeugt uns unmittelbar. Gerade so, denken wir uns sogleich, wird ein hochherziges Mädchen sich benehmen, welchem eine klar erkannte heilige Pflicht den dunkeln Weg des Schreckens anweist, – nicht mit pathetischen Declamationen, nicht mit stolzen Aeußerungen heroischer Erhebung, sondern schaudernd und zusammenbrechend, wird sie thun, was zu thun ist, – höchster Triumph des Geistes über das schwache Fleisch. – Julia ist übrigens nicht etwa eine vereinzelte Ausnahme; auch in Imogen, in Cordelia, in Hermione, ja beinahe in allen seinen edleren Frauencharakteren berührt der Dichter die Frage des weiblichen Muthes, sei es des duldenden, sei es des handelnden, um sie bald mit größerem, bald mit geringerem Nachdrucke zu bejahen. Weiblicher Muth ist freilich ein gar stilles Wesen, in der Natur und folglich auch bei Shakspere; bei Shakspere wie in der Natur springt er nicht in Stahl rasselnd, nicht unter Trompetenfanfaren ins Kampfgetümmel; hier wie dort schwebt er leise mit seinem Cherubschwerte dahin, und man muß lauschen, um das Wehen seiner Fittiche zu vernehmen. Selbst Desdemona hat Eisen in ihrem Blute; die kritische Chemie fördert das Metall unverkennbar zu Tage. Aber der Muth erscheint bei ihr mit einem so individuellen Antlitz, er ist so eng mit dem Ganzen ihres Charakters verwoben, daß man ihn erst bei genauem Zusehen – dann aber freilich sehr deutlich – bemerkt. Und ist es nicht in der Wirklichkeit mit den Aeußerungen weiblicher Tapferkeit meistentheils ebenso? Ist es nicht gewöhnlich erforderlich, sich in den Charakter einer lebenden Frau bis in die stillsten Tiefen zu versenken, ehe man die Perlen gewahrt, die auf dem Grunde schlummern, die erst ein Sturm empor an die Oberfläche treiben könnte? Betrachten wir also nicht eine einzelne Eigenschaft, sondern sie selbst, die Gemahlin Othellos, deren furchtbares und rührendes Schicksal den Stoff für die größeste Tragödie des größesten Dichters geliefert hat. Sie steht wie ein beseeltes Wesen vor unseren Augen, eine vollendete Gestalt, in greifbarem Relief und in voller Wärme lebendigster Färbung. Sie ist schön, wie sich von selbst versteht, und ihre Schönheit ist in vollkommner Harmonie mit ihrem Wesen. Wir brauchen nicht viel zu fragen, wie sie ausgesehen habe; wir wissen es, ehe es uns gesagt wird. Es ist die Schönheit der venezianischen Patrizierin, goldblondes Haar, dunkle Augen, zarte, aber reiche Farben, voll sinnlichen Reizes, aber zugleich voll vornehmer Stille. Selbst Jago, der wüste Cyniker, der Inbegriff schmutzigster männlicher Rohheit, greift unwillkürlich zu sanften, lieblichen Bildern, wenn er sie schildern will. Ein schwarzer Bock bezwingt euer weißes Lamm! ruft er dem Vater zu, dem der Mohr die Tochter abwendig machte. Die lockere Jugend Venedigs, als deren Vertreter Rodrigo auftritt, ist von ihrem Liebreize entzündet, aber so rein, so unschuldig ist die Besitzerin dieses Liebreizes, daß es undenkbar erscheint, eine Annäherung zwischen ihr und den üppigen, eleganten Cavalieren der lebenslustigen Stadt herbeizuführen. Der Vater, als er Rodrigo unter seinem Balkon erblickt, hat keinen Gedanken eher als »Meine Tochter ist nicht für dich.« Diese Tochter wohnt in seinem Paläste wie eine verborgene Blume, umgeben von aristokratischem Glanze, auf den Teppichen des Morgenlandes, unter den Gemälden Tizians und Paul Veroneses einherwandelnd, aber mit dem Dufte ihres Zaubers nur die Räume ihrer Häuslichkeit erfüllend. Nichts weniger als eine Salondame, durchaus nicht geistreich oder witzig; sie sagt im ganzen Verlaufe des Stücks nichts glänzendes; aber der Augapfel ihres Vaters, der Abgott ihrer Untergebenen, mit Lautenspiel und alten süßen Liedern und mit stillen Träumen von einem Mannesideal, einem Manne, welcher bis in die Fingerspitzen gut, tüchtig, ehrenhaft sei, ihre jungfräulichen Tage dahinlebend, von der Welt aus der Ferne bewundert, sie selbst der Welt völlig fremd, nicht aus Reflexion, nicht aus Menschenverachtung, – im Gegentheil, sie ist voll sanften Erbarmens gegen jedes ihr noch so ferne Unglück, – sondern weil ihre reine, ruhige Seele gar keinen Berührungspunkt mit der sie umgebenden lärmenden, funkelnden, ehrgeizigen, Zerstreuung und Macht erjagenden Gesellschaft findet. Nicht aus Tugend, sondern von Natur ist sie allen Lockungen sinnlichen Genusses verschlossen; die Schwärmerei ihres Herzens sehnt sich nach einer schönen männlichen Seele, nicht nach einer schönen männlichen Gestalt, und so innig ist diese Schwärmerei, daß sie gar nicht bemerkt, was Venedigs junger Adel an Anmuth und Feinheit des Aeußerlichen ihr zu Füßen legt. So schildert sie ihr Vater: »Ein Mädchen, so zärtlich, lieblich und glücklich, der Ehe so abgeneigt, daß sie die reichen lockigen Lieblinge unseres Volks vermied.« »Ein Mädchen niemals kühn, von Geist so still, so ruhig, daß jede Bewegung an ihr selbst erröthete.« Desdemona ist ihren Umgebungen eine verschlossene Welt. Ihr eigner Vater hat keine Ahnung von dem tiefen, sehnsuchtsvollen Leben, welches hinter dieser »lieblichen und glücklichen« Außenseite wohnt. Daß die schöne, sanfte, unschuldige Patrizierin eine innige Liebe, eine Liebe auf Leben und Tod zu dem schwarzen, häßlichen, rauhen Othello fassen könne, dünkt allen ein unerklärliches Räthsel. Brabantio, Rodrigo, der Senat wissen sich nicht anders zu helfen, als indem sie an Liebestränke und Zaubermittel denken; Jago, in seinem cynischen Atheismus, hält diese Liebe für eine krankhafte Ueberreizung der Sinne, die in dem Monströsen ihre Befriedigung sucht; Othello selbst betrachtet die Sache als eine Art von Wunder. Und doch ist gerade die Liebe Desdemonas zu Othello so sehr in Einklang mit ihrem still-enthusiastischen Wesen, daß keine andere als sie, von allen Frauen Shaksperes, an ihre Stelle gesetzt werden könnte, ohne der Geschichte den Stempel größter innerer Unwahrscheinlichkeit aufzudrücken. Porzia mit ihrer edlen Intelligenz und ihrem sicheren Urtheil würde Othello geachtet haben, wie sie den Kaufmann Antonio achtete; Julia, mit ihrem poetischen Frühlingsherzen, sich wiegend im Genüsse des süßesten Jugendrausches, hätte ihn kaum bemerkt neben dem schönen, ritterlichen Romeo; Miranda hätte sich angstvoll von ihm abgewandt; Desdemona allein konnte ihn lieben. Die Entstehung dieser vor den Augen so unbegreiflichen Liebe hat Shakspere in jener meisterhaften Rede geschildert, durch welche Othello sein Betragen vor dem venezianischen Senate rechtfertigt; – einer Rede, welche gleichzeitig Desdemonas Seele wie mit hellem Lichte beleuchtet und den Mann zeigt, dem solch ein Mädchen ihre Neigung schenken konnte, einen Helden in Krieg und Noth, bedeckt mit Ehren, aber unschuldig wie ein Kind, bescheiden, einfach ohne Falsch, voll rührender Selbstvergessenheit, fast in allen Stücken das Gegentheil von den jungen glänzenden Cavalieren, die Venedig mit ihrer Pracht und ihren Lastern erfüllten, welche zwar auch in ihrer Art tapfer waren, die aber vor Othello, wenn es auf große und schwere Thaten ankam, ehrerbietig und scheu zurücktreten mußten. In der Stille ihres väterlichen Hauses sieht Desdemona den berühmten, sieggekrönten Mohren zuerst; sie ist weit entfernt, sich in ihn zu verlieben, wie Julia in den jungen hinreißenden Montecchi sich verliebt, im ersten Augenblicke. Naturen wie die ihrige reifen ihre Neigung nur langsam, nur in der warmen Atmosphäre der Verehrung, nicht unter dem Gluthhauche der Leidenschaft. Verehrung aber setzt Kennen voraus; Leidenschaft kann auch Unbekanntes lieben. Desdemonas Neigung ist das Werk der Zeit. Der alte Brabantio bringt den gefeierten Feldherrn mit nach Hause und läßt sich oft von ihm aus seinem abenteuerlichen Leben erzählen. Man kann sich darauf verlassen, daß Othello nicht prahlte und aufschnitt, daß er nicht anfing, von sich selber zu sprechen. Der Alte drang in ihn, fragte ihm seine wundersamen Erlebnisse ab, und Othello erzählte schlicht und natürlich, was er durchgemacht hatte, Schlachten und Belagerungen, Siege und Gefangenschaften, Schiffbruch, Sklaverei, wunderbare Rettungen und gefahrvolle Reisen durch ferne Wunderländer. »Solchen Dingen zuzuhören,« sagt er, »pflegte Desdemona ernstlich sich zu neigen; die Geschäfte des Hauses zogen sie fortwährend von hinnen; aber diese besorgte sie hurtig, wie sie nur konnte, und kam dann zurück, und mit gierigem Ohr verschlang sie meine Rede. Ich, dies bemerkend, nahm einst eine gefällige Stunde wahr und fand Mittel, von ihr eine Bitte aus eifrigem Herzen zu gewinnen: daß ich ihr meine ganze Pilgerschaft ausführlich berichten wolle, von welcher stückweise sie einiges gehört habe, aber nicht mit voller Aufmerksamkeit. Ich willigte ein, und oft stahl ich ihr ihre Thränen ab, wenn ich von irgend einem Unglücksschlage sprach, den meine Jugend erduldet. Als meine Geschichte aus war, gab sie mir für meine Mühe eine Welt von Seufzern. Sie schwur, – wahrhaftig, es war seltsam, über die Maßen seltsam, es war rührend, wunderbar rührend, – sie wollte, sie hätte es nicht gehört! und doch wünschte sie, der Himmel hätte aus ihr einen solchen Mann gemacht. Sie dankte mir und sagte, wenn ich einen Freund hätte, der sie liebte, so sollte ich ihn nur lehren, meine Geschichte zu erzählen, und das würde sie gewinnen. Auf diesen Wink sprach ich. Sie liebte mich um der Gefahren willen, die ich bestand, und ich liebte sie, weil sie mit ihnen Mitleid hatte. Dies ist die einzige Hexerei, die ich gebrauchte.« So wie die beiden Wesen einander gefunden haben, entfaltet sich ohne Zwang und Kampf mit einem Schlage Desdemonas ganze weibliche Natur. Aus der stillen, sanften, nachgiebigen Tochter wird desselbigen Tages das in seiner Liebe völlig sichere und ruhige Weib, ganz Milde und Weichheit, aber ganz Unbeugsamkeit ihren neuen Pflichten gegenüber. Sie kämpft und ringt nicht gegen ihre Liebe, von der sie doch weiß, daß ihr Vater sie nie gutheißen wird; keine Spur von Zweifeln, Bedenken und Sorgen in diesem Konflikt zwischen Kindespflicht und ihrem Herzen. Ihr Weg liegt ganz klar und offen vor ihr; da ist der Mann, den sie liebt, der treue, edle, brave Othello, – häßlich, was kümmert es sie? schon hinabsteigend »in das Thal der Jahre,« was fragt sie danach? – der Theuerste, der Beste auf dem ganzen Erdenrund, und von ihm soll die ganze Welt sie nicht scheiden. Zu ihm muß sie stehen, mag kommen was da will; ohne Grübeln, ohne Sophismen trifft sie ihre Wahl, und ihr Gewissen ist frei von jeder Reue. So unbedingt, so grenzenlos ist ihr Gattenbewußtsein. Othello weiß es. Angeklagt vor dem Senate der Republik, dem reichen mächtigen Brabantio sein Kind geraubt zu haben, antwortet er ganz ruhig: »Schickt nach der Dame und laßt sie selber reden.« Er ist sicher, daß sie vor diesem hohen Rath nicht weibisch zusammensinken, ihn nicht verleugnen wird. Und nun beachte man, was dramatische Weisheit ist. Ein anderer Dichter hätte Desdemona vor dem Dogen und den Magnisicos eine schöne pathetische Rede halten lassen, voll rührender Schilderungen der allgewaltigen Leidenschaft, voll beredter Appellationen an die Herzen ihrer erlauchten Zuhörer und an die Thränendrüsen ihres Vaters. Die Desdemona Shaksperes denkt gar nicht daran, sich viel zu rechtfertigen oder andere zu rühren; sie hat das Recht auf ihrer Seite, und sie ist zufrieden, dies einfach zu bezeugen, – mögen die anderen sagen, meinen und thun, was sie wollen. Wie ihr Vater auf sie einstürmt und sie fragt, wem in dieser hohen Versammlung sie zumeist Gehorsam schulde, ist ihre ganze Antwort: »Mein edler Vater, ich sehe hier eine getheilte Pflicht. Euch bin ich verpflichtet für mein Leben und meine Erziehung. Mein Leben und meine Erziehung, beide lehren mich, Euch zu achten. Ihr seid der Herr des Gehorsams; ich bin so weit Eure Tochter. Aber hier ist mein Gemahl, und so viel Gehorsam meine Mutter Euch erwies, indem sie Euch vor ihrem Vater den Vorzug gab, so viel verlange ich zeigen zu dürfen dem Mohren, meinem Herrn.« – Und das ist alles; keine Bitten, keine Thränen, kein Kniefall. Auch ist der Alte nichts weniger als gerührt. Er stößt sie von sich, wie Lear Cordelia von sich stößt, unfähig, den edlen Stolz zu begreifen, der das Weib hindert, um Gnade zu flehen, wo ihr Gatte im Spiele ist. Aber wie Cordelia hat auch Desdemona keine Widerworte gegen ihren zürnenden Vater, so ungerecht er sein mag. Sie läßt schweigend über sich ergehen, was unabänderlich erscheint. Erst als die plötzliche Trennung von ihrem Manne sie bedroht, findet ihre schüchterne Bescheidenheit Worte, um dem Dogen selbst ihre schwere Lage vorzustellen. Othello soll gegen die Türken nach Cypern gesandt werden, sie soll allein in Venedig zurückbleiben, – gegen diesen Gedanken empört sich, nicht etwa ihre Zärtlichkeit, sondern ihr Zart- und Schicklichkeitsgefühl, dem es unerträglich erscheint, ohne den Schutz ihres Gatten ihre eigenthümliche Stellung der venezianischen Gesellschaft gegenüber zu vertheidigen. Nun läge es am nächsten, den Dogen zu bitten, er möge doch Othello daheim lassen und einen andern nach Cypern abordnen. Aber ein solcher weibischer Gedanke findet keinen Einlaß in eine Seele, welche liebt »um der Gefahren willen, die Othello bestand.« Nein, sie will ihren Gemahl in Krieg und Drangsal begleiten; die zarte Tochter patrizischer Opulenz, gewöhnt an alle Bequemlichkeit des Reichthums, an sanfte Gondelfahrten und schattige Marmorsäle, denkt keinen Augenblick an die Gefahren und Beschwerden der See, an Lärm und Getümmel des Krieges, wenn sie nur da bleiben kann, wo ihre Stelle ist, an der Seite ihres Mannes. Und er soll nicht darunter leiden; sie wird ihn nicht hindern, seine rauhe Pflicht zu thun. Sie weiß, wen sie geheirathet hat, und sie weiß, was einer Frau zukömmt, deren Gatte ein Kriegsheld ist. So sagt sie in ihrer Bedrängniß zum Dogen: »Daß ich den Mohren liebte um mit ihm zu leben, (d. h. um ihm eine echte, rechte Ehefrau zu sein,) das mag mein offener Gewaltschritt, mein stürmisches Schicksal der Welt ausposaunen; mein Herz hat sich unterworfen selbst unter den Stand meines Herrn. Ich sah Othellos Antlitz in seiner Seele, und seiner Ehre, seiner Tapferkeit hab' ich mein Herz und mein Geschick gewidmet. So daß, werthe Herren, wenn ich daheim bleibe, eine Motte des Friedens, und er in den Krieg zieht, der Preis, um dessen Willen ich ihn liebte, mir geraubt wird und ich ein schweres Interim zu tragen haben werde durch seine theure Abwesenheit. Laßt mich mit ihm gehen.« – Hier ist nichts von heroischen Phrasen, wie heldenmäßige Weiber sie auf den Bühnen auszukramen pflegen; man fühlt, daß Desdemona nicht recht wagt zu sagen, wie es ihr ums Herz ist, und doch spricht das Herz, gleichsam unwillkürlich, in jedem ihrer Worte. Es ist die wahre Sprache einer Frau, die von Männern bittet: »Erlaubt mir doch, daß ich meine Frauenpflicht thue.« Othello versteht dieses Herz. Er ist erhaben über falscher Scham, wo es gilt, ein gerechtes Begehren seiner Gattin zu erfüllen. Männer wie er sind feige vor dem Hohnlächeln der Welt, die sich aufhalten wird über die Zärtlichkeit des jungvermählten Paares, das sich gar nicht von einander trennen kann. Aber im offnen Rathe der Republik trotzt er dem Ridicüle, mit welchem der Neid der feinen Gesellschaft an der Schaustellung häuslichen Glückes sich rächt. Er bittet die Herren des Rathes, dem Willen seiner Frau einen freien Weg zu lassen. Der Himmel ist sein Zeuge, daß er dies nicht wünscht, um seinen eigenen Liebhabereien zu fröhnen, sondern lediglich, »um freigebig und milde gegen ihren Sinn zu sein,« und er verschwört sich, daß die großen und ernsthaften Geschäfte der Republik nicht darunter leiden werden, weil Desdemona bei ihm ist. Dies gehört zu der Kunst großer Dichter, daß sie uns Dinge, welche selbst keine Darstellung gestatten, errathen lassen aus dem Eindrucke, den sie auf andere machen, wie man uns die Sonne, welche unser Auge nicht erträgt, in dem Bilde zeigt, das sie in der Fluth abspiegelt. Othello ist von dem Zauber der edlen Persönlichkeit seines Weibes wie von einem Abglanze verklärt; die venezianischen Senatoren, ferner stehende und kühlere Zuschauer, sind ergriffen und überzeugt. Die kleine anmuthige Frau rührt die harten Staatsmänner, und einer derselben sagt bezeichnend: »Lebt wohl, tapferer Mohr; behandelt Desdemona wohl!« Nur der starre weltliche Vater, erfüllt von Ingrimm über das Wunder, das er nicht begreift, verkennt sie gänzlich und ruft ihr eine Schmähung nach: »Nimm sie in Acht, Mohr! Hab' ein offnes Auge zu sehen! sie hat ihren Vater betrogen und kann auch dich betrügen.« »Mein Leben für ihre Treue;« versetzt der Mohr. In dieser Rede und Gegenrede liegt die Dissonanz, deren Auflösung die Tragödie erfüllt. Das unbedingte Vertrauen eines treuen unerfahrenen Herzens zu einem anderen treuen Herzen, irre werdend, weil es sich verleiten läßt, die gemeinen Maßstäbe weltlichen Argwohns anzulegen, und in diesem furchtbaren Conflikte zu Grunde gehend. Wenn ich nicht allzu undeutlich gewesen bin, so glaube ich nachgewiesen zu haben, daß gerade zwei solche Charaktere wie Othello und Desdemona geschaffen werden mußten, um einen solchen Conflikt zugleich natürlich, entsetzlich und versöhnend, mit einem Worte tragisch wirken zu lassen. Denn »Othello« ist nicht eine Tragödie brutaler Eifersucht, jener Leidenschaft, welche auch die Thiere kennen, sondern sie ist eine Tragödie des zerstörten ehelichen Vertrauens in einer Ehe, welche nur darum nicht vollkommen ist, weil sie eine menschliche ist. Man bemerke wohl, daß kein eifersüchtiger Hauch ursprünglich Othellos Seele trübt. Keine vorandeutende Klänge bereiten in den ersten Akten auf den späteren Ausbruch der Leidenschaft vor. Seine ganze Seele ankert in felsenfester Sicherheit. Er ist seiner äußeren Häßlichkeit, seines reifen Alters sich wohl bewußt, aber er besinnt sich keinen Augenblick, Desdemona allein mit seinen Offizieren über See reisen zu lassen, während er in einem anderen Schiffe voraneilt. Sie liebt ihn, und das ist ihm genug, und daran zweifeln kann er eben so wenig wie an seinem eignen Dasein. »Mein Leben für ihre Treue.« Nachdem Jago ihm die ersten Tropfen Gift eingeträufelt und ihn heuchlerisch gewarnt hat, nicht der Eifersucht sich hinzugeben, antwortet er sehr charakteristisch: Glaubst du, Ich würd' aus Eifersucht ein Leben machen, Mit neuem Argwohn stets dem Mondeswechsel Zu folgen? Nein! einmal in Zweifel sein, Ist gleich entschlossen sein. Vertausch mich für 'ne Geis, Wenn ich die Arbeit meiner Seele wende An solche wind'ge, aufgedunsne Grillen, Wie du vermeinst. Mich macht's nicht eifersüchtig, Zu hören: mein Weib ist hübsch, wohlauf und liebt Gesellschaft, Ist frei von Rede, singt und spielt und tanzt gut: Wo Tugend ist, ist dies nur tugendhafter. Auch nicht aus meinen eignen Mängeln schöpf' ich Die kleinste Furcht und Argwohn ihren Abfalls. Sie hatte Augen und sie nahm mich. Nein: Sehn will ich, eh' ich zweifle. Wenn ich zweifle, Will ich Beweis, und ist's bewiesen, – dann Nur gleich hinweg mit Lieb' und Eifersucht! Aber es ist klar, daß eine solche Erhebung über die gemeine Eifersucht, eine Eifersuchtslosigkeit, die nicht auf Trägheit der Empfindungen, sondern umgekehrt auf voller Energie des Glaubens an die Tugend beruht, – es ist klar, daß dieses hohe Vertrauen der Seele sofort in die schrecklichste Seelenfolter umschlagen muß, wenn auch nur ein Stäubchen den Glauben trübt, aus dem es hervorging. Jago bewährt sich in diesem Punkte als ein tiefer Kenner. Um in die zarten Geheimnisse der Seele Desdemonas hinabzusteigen, ist er viel zu roh; um ihre Reinheit zu sehen, ist seine eigene Phantasie viel zu schmutzig, aber den Othello zu begreifen, reicht sein Scharfblick vollkommen aus, und gerade auf den inneren Adel dieses großen Herzens baut er seinen teuflichen Plan. »Daß Cassio sie liebt,« sagt er, »das glaub' ich gern. Daß sie ihn liebt, ist natürlich und von großer Wahrscheinlichkeit. Der Mohr (obschon ich ihn nicht ausstehen kann) ist von einer treuen, liebevollen, edlen Natur und wird, wie ich denke, sich für Desdemona als ein höchst vortrefflicher Ehemann erweisen. Wenn ich nun sie selber nicht verführen und mich dadurch rächen kann, (was er keineswegs für unmöglich hält,) dann will ich wenigstens den Mohren in eine so heftige Eifersucht versetzen, welche der Verstand nicht heilen kann. Ich will seinem Frieden und seiner Ruhe bis zum Wahnsinn mitspielen.« Der Bösewicht erkennt deutlich genug, daß es für Othello nur zwei Möglichkeiten giebt, entweder Sabbathruhe oder Orkan. Die erstere braucht nur aufzuhören, so ist der letztere da. Sein Eheglück ist so verwachsen mit seiner Existenz, daß, wenn man es ihm vergiftet, sein Leben in blinder wahnsinniger Wuth sich zu Tode schäumen muß. Shakspere hat geflissentlich der Annahme vorgebeugt, als ob Othello von Haus aus eine eifersüchtige Natur sei. Der ganze Sinn, die Seele der Tragödie ist dieser Annahme zuwider. Es giebt ohne Zweifel Herzen, welche zu gleicher Zeit lieben und zweifeln können. Othello kann es nicht. Seine Liebe und ein unbedingter, grenzenloser Glaube an Desdemona sind eins und dasselbe. Gerade daraus, gerade aus dieser Unmöglichkeit, ohne den unbedingten Glauben zu lieben, entspringt der tragische Keim. Desdemona hat nicht die geringste Furcht vor seinem Mißtrauen. Seine ersten Zornesausbrüche hat sie erlebt, ohne entfernt auf den Gedanken zu kommen, daß Zweifel an ihrer Ehre in der Seele ihres Gemahls Wurzel geschlagen haben. »Lieber als das Tuch,« sagt sie ihrer Kammerfrau, »hätt' ich meinen Beutel voll Zechinen verloren. Wäre nicht mein edler Mohr so echt von Seele, und nicht geformt aus solcher Gemeinheit wie eifersüchtige Geschöpfe, es wäre genug ihn auf böse Gedanken zu bringen.« Und als die Kammerfrau fragt: »Ist er nicht eifersüchtig?« antwortet sie: »Wer? er? Ich glaube, die Sonne seiner Heimath zog alle solche Dünste aus ihm heraus.« Othello liebt Desdemona, weil er in ihrem Wesen drei der edelsten Kleinode weiblicher Seelenschönheit findet: den Hang zu hingebender Verehrung, – selbstvergessenes Mitleid, – und vollkommene Einfalt bewußtloser Unschuld. »Ich liebte sie um ihres Mitleids willen,« sagt er vor dem venezianischen Senate. Jener stille Enthusiasmus des Mädchens für den großen und tapferen Kriegshelden, von dem die Republik als dem »alles in allem genügsamen« spricht, ist gerade solchen Naturen eigen, wie Desdemona, die an sich selbst nie denken, die von instinctmäßiger Güte gegen andere überwallen, ohne von eigner energischer Geistesthätigkeit abgezogen zu werden, und deren Herzenseinfalt gar kein Organ zu haben scheint, um das Schlechte auf dieser Welt zu bemerken. Daß ein solches Mädchen sich in eine, aller Welt unglaubliche, süße Schwärmerei für einen Mann wie Othello versenke, ist eben so naturwahr, wie umgekehrt, daß Othello alle Sehnsucht nach dem Schönen, dem Reinen, dem Guten, alle Sehnsucht nach dem Ewig-Weiblichen, welche er aus einem von Kampf und Sturm erfüllten Leben gerettet hat, vor einer Desdemona befriedigt und beruhigt fühlt. Selbst das Aeußerliche, ihre patrizische Feinheit, ihre häuslichen Fertigkeiten, das Blonde in ihrer Erscheinung hat gerade für ihn, den rauhen Sohn des Heerlagers, den sonnverbrannten Afrikaner einen doppelt süßen Zauber. Sie ist der liebliche Contrast alles dessen, was er in der Welt bisher gesehen hat, und bei ihr findet er daher die Stätte, wo er »sein Herz aufspeichert.« Mit einer wunderbaren Kunst hat Shakspere aus den Fäden, durch welche die Herzen der beiden Gatten an einander geknüpft sind, zugleich das Gewebe der tragischen Ereignisse gewirkt, von denen diese Herzen nicht besiegt, wohl aber zermalmt werden. Nicht Jagos Bosheit, sondern Desdemonas weibliche, Othellos männliche Liebe ist die Macht, welche den verhängißvollen Knoten schürzt. Desdemonas enthusiastische Liebe ist nahe verwandt mit der Hingebung religiöser Schwärmerei. Ihr Gatte ist in ihren Augen vollkommen und fleckenlos, und sie ist daher ihm gegenüber, als das Ungewitter losbricht, gänzlich wehrlos. Seine ersten, ihr völlig unerklärlichen Beleidigungen wirken auf sie wie die Donner des Himmels, welche betäuben, aber nie den Gedanken an Widerstand erwecken. Es ist ja Gott, welcher donnert. Es ist ja Othello, welcher zürnt. Sie beugt ihr Haupt, aber sie erhebt nicht die Hand, sie öffnet nicht die Lippen. Es fehlt ihr an jeglichem Maßstabe für ihre Lage. Ihre Unschuld selbst wird ihre gefährlichste Feindin. Sie vernimmt wohl des rasenden Mannes entsetzliche Vorwürfe, aber sie begreift ihren Sinn nicht. In ihrer Bedrängniß hat sie wohl eine dämmerhafte Ahnung von etwas schrecklichem, das sie bedroht, aber ihre angeborene Herzensreinheit ist blind für die Wirklichkeit. Als die weltkluge Emilia ihr auseinandersetzt, wie »das grünäugige Ungeheuer Eifersucht« von seinen eignen, aus dem Nichts geborenen Phantasien sich nähre, seufzt sie prophetisch: »Gott schütz' Othello vor dem Ungeheuer!« – aber sie denkt nicht daran daß man unter Umständen mit diesem Ungeheuer kämpfen müsse. Wie eine abgerissene Blume wird sie widerstandslos von den wilden Wassern dahingetrieben. Ihr erschüttertes Herz macht sich nur in halb traumhaften, rührenden, aber unwirksamen Bewegungen Luft. Man soll ihr Brautkleid auf ihr Bett legen, – wenn sie sterben sollte, in dem Kleide will sie begraben sein, – das alte Lied von dem Weidenbaume klingt ihr durch die Seele, – und dann sagt sie sich unterbrechend: »Mein Auge juckt mich: bedeutet das Weinen?« Unsinn! sagt die Kammerfrau. Aber Desdemona träumt weiter: »Ich habe es sagen hören. O diese Männer! diese Männer!« Und nun auf einmal, wie ein Kind, nach allen den schrecklichen Auftritten mit ihrem Gemahl, fragt sie: »Glaubst du wahrhaftig, – sag mir Emilie, – daß es Frauen giebt, die ihre Männer so gröblich betrügen?« Einige giebt es, ohne Zweifel, antwortet die Kammerfrau. »Würdest du so etwas thun für die ganze Welt?« Die Welt ist eine große Sache, meint die andere; es ist ein großer Preis für eine kleine Sünde. Und Desdemona versetzt: »Ganz gewiß, du würdest es nicht thun.« – Sehr schön! »Du würdest es nicht thun;« nicht etwa: »Ich würde es nicht thun.« Die frivolen Sophismen, mit denen Emilia die Leichtfertigen ihres Geschlechts in Schutz nimmt, prallen unbeachtet an Desdemonas Herzen ab. Sie bekämpft dieselben nicht, sie setzt ihnen keine begeisterte Vertheidigung der Tugend entgegen; sie sagt nur: Ich kann mir nicht denken, daß es solche Dinge giebt. Im zweiten Akt landet Desdemona in Cypern. Jago und Emilia geleiten sie. Othello ist noch auf See. Die junge Frau wird von den Kavalieren am Lande empfangen. Die erste Frage ist nach Othello. Aber sie benimmt sich wie eine venezianische Dame; sie läßt sich freundlich in ein Gespräch mit ihrer Umgebung ein. Die Sorge um ihren Gemahl bricht nur unwillkürlich durch die Phrasen der Höflichkeit hindurch. So, wenn sie mit Jago scherzt, die plötzliche Frage, ob auch wohl jemand zum Hafen geschickt sei? Dies Gespräch mit Jago ist höchst bezeichnend. Die vornehme Frau hält die Conversation im Gange; der Offizier benutzt die Gelegenheit zu sehr witzigen, aber sehr cynischen Sarkasmen über das weibliche Geschlecht. Desdemona ist nicht verletzt, sondern vollkommen gleichgültig, und es ist unmittelbar aus dem Leben gegriffen, wenn sie das Gespräch mit den Worten abbricht: »Lerne nicht von ihm, Emilia, obwohl er dein Mann ist. Was sagt ihr dazu, Cassio? ist er nicht ein recht profaner, ungezogener Rathgeber?« Der Zuschauer aber fühlt ein ahnungsvolles Grauen, wenn er den Abgrund sieht, an welchem, selbst ahnungslos, die lächelnde schöne Frau in ihrer Arglosigkeit, ganz ausgefüllt von einem einzigen Bewußtsein vollkommenen Glückes, dahin wandelt. Ihre Liebenswürdigkeit, ihre Freundlichkeit, die keinen Zwang kennt, weil sie von nichts argem weiß, wird von der gemeinen Weltmeinung, die nur niedere Motive, nur den äußeren Schein anerkennt, gegen sie ausgebeutet; sie selbst giebt der gemeinen Wahrscheinlichkeit die Waffen in die Hand gegen die Wahrheit. Selbst ihre Herzensgüte muß als Belastungszeugin wider sie dienen. Ihre eifrigen Bemühungen, die Begnadigung des Cassio, des schönen jungen Kavaliers, zu erwirken, werden als Eingebungen einer sträflichen Handlung angesehen, während sie in Wahrheit gerade durch ihre eheliche Zärtlichkeit zu so hartnäckiger Beredsamkeit angespornt werden. Mit großer Feinheit läßt Shakspere ihr allgemeines Mitleiden mit dem unglücklichen jungen Manne verfließen mit ihrer Sorge um Othello selbst. Cassio ist ein Verehrer ihres Mannes; darum interessirt sie sich so lebhaft für Cassio. Ein ächt weiblicher Zug! Die Argumente, mit welchen sie gegen die Strenge der militärischen Zucht plaidirt, sind alle dieser frauenhaften Auffassung entnommen. »Ihr liebt meinen Herrn,« sagt sie dem Cassio, »Ihr habt ihn lange gekannt und seid versichert, ich will Euch und ihn versöhnen. Er soll keine Ruhe haben; ich will ihn zahmmachen und seine Geduld todt sprechen; sein Bett soll eine Schule, sein Tisch ein Beichtstuhl scheinen; in alles, was er thut, will ich Cassios Gesuch einmischen.« Und so beginnt sie auf der Stelle: »Mein theurer Herr, wenn ich einige Gunst und Macht habe, Euch zu rühren, so nehmt Cassios Sühne jetzt augenblicklich. Denn, wenn er nicht einer ist, der Euch treulich liebt, der in Unwissenheit fehlt und nicht aus Arglist, so verstehe ich mich nicht auf ein ehrliches Gesicht. Ich bitte Euch, ruft ihn zurück.« Othello . Ging er eben von hier fort? Desd . Ja, und so zerknirscht, daß er einen Theil seines Grams mir hinterlassen hat. Ich leide mit ihm. Liebes Herz, ruft ihn zurück. Oth . Nicht jetzt, süße Desdemona: ein ander Mal. Desd . Aber bald? Oth . Bald, um deinetwillen. Desd . Heut Abend, beim Nachtessen? Oth . Nein, nicht heut Abend. Desd . Dann morgen zum Mittagessen? Oth . Ich speise nicht daheim. Ich bin bei den Hauptleuten in der Cidatelle. Desd. Gut, dann morgen Abend. Oder Dienstag Morgen. Oder Dienstag Mittag oder Abend. Oder Mittwoch Morgen. Ich bitte dich, nenne die Zeit. Aber laß sie nicht drei Tage überschreiten. Wirklich, er bereut. Und sein Vergehen, vor unsrer gemeinen Vernunft (außer daß sie sagen, daß der Krieg an seinen Besten ein Beispiel aufstellen muß) ist kaum ein Fehler, der einen vertraulichen Tadel verdient. Wann darf er kommen? Sag mir, Othello. Ich wundere mich in meiner Seele, was du wohl fordern könntest, daß ich es abschlüge. Wie! Michael Cassio! der mit dir werben kam! und manches Mal, wenn ich geringschätzig von dir sprach, deine Partei nahm, und nun so viel zu thun, um ihn wieder einzusetzen! Glaub mir, ich könnte viel thun ... Oth . Bitte, nicht mehr! Er mag kommen, wann er will. Ich will dir nichts abschlagen. Desd . Nein, dies ist kein Opfer. Es ist, als wenn ich dich bäte, deine Handschuhe zu tragen oder nahrhafte Speisen zu essen oder dich warm zu halten oder dir selber einen Vortheil anzuthun. Nein, wenn ich einmal eine Bitte habe, so soll sie voll Gewicht und Schwierigkeit sein und furchtbar zu gewähren. Wenn man diese kleine häusliche Scene, die unschuldige Schlauheit und harmlose Koketterie der jungen Frau, sich ergänzt durch den Zauber guten Spiels, so wird man es natürlich finden, daß Othello, entzückt, in den Ausruf ausbricht: »Vortreffliches Mädchen! Verdammniß packe meine Seele, wenn ich dich nicht liebe! Und liebt' ich dich nicht, dann ist das Chaos wieder da!« – Dies sind dramatisch wichtige Worte. Sie bezeichnen genau Othellos Seelenzustand; höchstes Glück inniger Liebe, begründet auf der Erkenntniß der inneren Vortrefflichkeit Desdemonas, – ohne diese Liebe Verdammniß und Chaos. Eins oder das andere. Kein Mittelding möglich. Es war schwierig, dem Zuschauer einen rechten Begriff von der Art und Natur dieser Liebe zu geben. Zärtliche und freundliche Scenen wären unzulässig gewesen, weil sie den Eindruck der ernsten, heldenhaften Männlichkeit, welchen Othello machen soll, geschwächt hätten. Eine solche Natur ist karg mit Worten und Kundgebungen ihrer tiefsten Gefühle. Aber das Drama fordert gleichwohl, daß, was im Innern des Menschen vorgeht, äußerlich an den Tag trete. Manches hat nun in dieser Beziehung der Schauspieler durch Ton und Haltung zu ergänzen, aber der Dichter hat ihn keineswegs ohne Anhaltepunkte gelassen. Die soeben angeführte Scene, in welcher Desdemona für Cassio bittet, zeigt, wenn auch nur in wenigen Strichen, Othello als den Ehemann, der mit ruhigem Bewußtsein sich dem gewinnenden Einflusse seines Weibes hingiebt, ohne stürmische wie ohne schwächliche Zärtlichkeit, vielmehr mit vollem Verständniß der ihm entgegentretenden Herzensgüte huldigend. In einem Augenblicke des Wiedersehens nach längerer Trennung schickt es auch wohl für den Feldherrn sich, seinem Herzen mit lebhafteren Worten Luft zu machen. Und so thut es Othello, als er nach der Seereise Desdemona in Cypern wiedersieht. »Mein Staunen ist so groß wie meine Freude, Vor mir dich hier zu sehn. – O, meiner Seele Glück! Wenn jedem Sturme solche Stille folgt, Dann mag der Wind wehn, bis er Todte aufweckt, Bis das gehetzte Schiff emporklimmt Seen Hoch wie Olymp, und wieder taucht, so tief Wie Hölle fern vom Himmel. – Jetzt zu sterben, Wär jetzt am glücklichsten: denn meine Seele Hat, fürcht' ich, jetzt so völlig ihr Genüge, Daß nie die unbekannte Zukunft andre Labsal Gleich dieser bieten wird ..... Ich kann von dieser Zufriedenheit genug Nicht sprechen; hier versagt's, – 's ist zu viel Freude. Und dann, als schäme er sich seines Entzückens, geht er plötzlich in den Ton des Feldherrn über, begrüßt die Hauptleute und ertheilt Befehle. Man sieht, das Glück empfindet er als eine Zufriedenheit, ein »völliges Genüge der Seele«, ein gänzliches Gleichgewicht zwischen Wunsch und Wirklichkeit, über welches hinaus die Zukunft nichts zu bieten vermag, ein Stück Unendlichkeit, angesichts dessen die Zeit verschwindet, und der Tod selbst gleichgültig wird. Einen tieferen Ausdruck für die über Zeit und Endlichkeit hinaus hebende Macht des Glücks in der vollkommenen Liebe giebt es nicht. Wohl aber hat Shakspere Othellos Liebe auch in flammende Beredsamkeit auflodern lassen, von dem Augenblicke an, wo sie ihre Lebensquelle, ihren Glauben an Desdemonas schöne Seele verliert, wo in dem Sturm der Leidenschaft alle Zurückhaltung, alle männliche Scham, alle Selbstbeherschung verweht, und nun das Herz unbekümmert um alles andere, zum Himmel schreit in seiner Qual. Die Raserei selbst, mit welcher er nun wüthet, ist nichts als der Umschlag seiner Liebe; grenzenlos, wie diese war, so grenzenlos ist nun der tobende Jammer seiner Seele. Nun das Haus in Flammen steht und die Mauern einstürzen, sieht man in der furchtbaren Beleuchtung, durch die klaffenden Spalten die köstlichen Schätze, die es im Innern barg. »Wenn sie falsch ist, o dann verhöhnt der Himmel sich selbst!« ist sein erster Ausruf, als er Desdemona sieht, und dann, wie der Zweifel wieder aufsteigt, kommt die deutliche Erkenntniß, daß mit ihm sein ganzes Dasein vernichtet ist. Alles geht unter, und er ruft: O nun, auf immer Lebwohl, zufriedner Sinn! Ruh', lebewohl! Lebtwohl, befiedert Heervolk, mächt'ger Krieg, Der Ehrgeiz macht zur Tugend! O lebtwohl! Lebwohl du wiehernd Roß und Kriegsdrommete, Muthweckende Trommel, ohrdurchbohrende Pfeife, Und königlich Panier und alle Ehre, Stolz, Pomp und Zubehör glorreichen Kriegs! Und du, tödtlich Geschütz, deß rauher Schlund Des ew'gen Jovis furchtbar Krachen nachahmt, Lebtwohl! Othellos Handwerk ist zu Ende! »Wenn du sie verleumdest und mich folterst,« sagt er zu Jago, »Dann bete nie mehr, aller Ren' entsage, Aufs Haupt des Grauens häufe Graun, thu' Dinge, Darob der Himmel weint, die Eid' erstarrt, Denn nichts kannst du hinzuthun zur Verdammniß Größer als dies.« Je mehr der Beweis Jagos wirkt, desto lebhafter wird Othello in Worten des Preises über seinen verlorenen Schatz. »Ein schönes Weib! ein holdes Weib! ein süßes Weib!« ruft er mitten in dem blutigsten Rachetaumel. »Mein Herz ist Stein geworden; ich schlage dran und es thut meiner Hand weh. O, die Welt hatte kein holdseliger Geschöpf!« Jago tadelt diese Rührung, und Othello fährt fort: »Häng sie auf! ich sage nur, was sie ist! – so zierlich mit ihrer Nadel! – eine wundervolle Sängerin! – o, sie würde die Wildheit aus einem Bären wegsingen. – Von so reicher und sprudelnder Laune und Erfindung.« – Jago . Sie ist um desto schlimmer. Oth . O, tausendmal, tausendmal! – Und dann von so freundlicher Art! Jago . Nur allzu freundlich! Oth . Ja, das ist gewiß. Aber doch, welcher Jammer darum, Jago! – O Jago! welcher Jammer darum! Und dann in der erschütternden Scene, in welcher Othello zuerst Desdemona mit voller Ueberzeugung des Ehebruchs beschuldigt und er unter der Last seines Strafamtes fast zusammenbricht: Hätt' es Gott gefallen, Mit Trübsal mich zu prüfen; hätt' er Krankheit Und Schmach geregnet auf mein nacktes Haupt, In Armuth mich getaucht bis an die Lippen, In Knechtschaft mich gethan und all mein Hoffen, Ich fänd' in meiner Seele irgendwo Ein Tröpfchen Fassung, – aber ach! aus mir Ein festes Bild zu machen, drauf der Hohn Den starren unbewegten Finger weist, – O! O! Doch das selbst könnt' ich tragen, – leicht, sehr leicht, Da aber, wo mein Herz ich aufgespeichert, Wo ich leben muß, oder kein Leben tragen, Der Born, aus dem mein Strom entspringen oder Vertrocknen muß, – von da verstoßen sein Oder als einen Pfuhl ihn halten müssen, Wo ekle Krötenzucht sich mengt und paart, Verwandle da dein Angesicht, Geduld! Du junger Cherub mit den Rosenlippen, Ja, da schau' grimm wie Hölle! In furchtbarster Schönheit offenbart sich diese verhängnißvolle Liebe in der entsetzlichen Mordscene. Ehe Othello Desdemona tödtet, schwelgt sein Herz noch einmal in allen Erinnerungen an das verlorene Glück. Er küßt die Schlafende. Er weint. Aber er ist unbeugsam, weil sein Zorn und seine Liebe in Wahrheit nur eins sind. Er weint, aber er sagt: »Dieser Gram ist göttlich: Er tödtet, wo er liebt!« Es wäre zu unerträglich grauenhaft, zu übermenschlich und unmenschlich zugleich gewesen, wenn Othello in dieser feierlichen Stimmung den physischen Akt der Tödtung vollzogen hätte. Die Leidenschaft muß von neuem aufflammen, um das Schrecklichste menschlich zu machen. Desdemona muß erwachen, und beide Gatten müssen noch einmal Aug' in Auge einander sehen. Wie in einem Tonwerke vor dem Finale noch einmal das musikalische Motiv des Ganzen mit höchstem Nachdrucke auszuklingen pflegt, so hier in der Tragödie vor der Katastrophe das psychologische Motiv. Othello läßt schon halb erweicht die rächende Hand sinken, – wie kann der starke Mann ein schwaches wehrloses Weib tödten? – da versetzt ihn Desdemonas kunstlose Unschuldbetheuerung, die ihm als feige Lüge, als letztes verächtliches Symptom moralischer Häßlichkeit erscheint, in neue blinde Wuth, welche sich noch steigert, als sie – selbst in dieser Stunde äußerster Noth – sich selbst einen Augenblick vergessend um Cassios Schicksal in plötzliche mitleidvolle Thränen ausbricht. »Weinst du um ihn mir ins Gesicht?« ruft der gereizte Gatte, und damit ist das Maß voll. Es wird schwarz und dunkel um ihn her, und die Schatten des Wahnsinns verhüllen die mörderische That. Desdemona verhaucht ihre Seele in einem Seufzer, der durch den Tumult der empörten Elemente wie ein Harfenklang schwebt. »Ich selbst habe dies gethan!« antwortet sie sterbend der hereinstürzenden Zofe. »Empfiehl mich meinem theuren Herrn. O lebewohl!« – Es ist in tragischer Verkörperung das Wort des Apostels. »Die Liebe höret nimmer auf.« Hölle und Tod haben keine Macht über sie. Die Katastrophe ist vorbei, Desdemonas Unschuld wird offenbar, und nun entfaltet sich Shaksperes Dichtergröße in ihrer ganzen Hoheit. Es kömmt nach dem ersten Entsetzen über seine Verblendung eine Ruhe über Othellos Seele, die nach und nach alle Zuckungen der Qual überwindet. Er hat eine gräßliche That verübt, er hat mit eigener Hand sein Glück zertrümmert, aber er hat seinen Glauben und seine Liebe wieder gefunden. Darum ist nun, neben der Leiche seines Weibes, seine Stimmung eine fast getröstete, verglichen mit der Pein, welche er neben der Lebenden erduldete. Als sie lebte, glaubte er sie schuldig; nun sie todt ist, weiß er sie rein. »Das Leben ist der Güter höchstes nicht:« er hat in diesen letzten Augenblicken mehr wiedergefunden als er verloren hatte. Darum machen die ersten Ausbrüche der Verzweiflung sehr bald Raum einer unwiderstehlichen Sehnsucht, durch den Tod mit Desdemona sich wieder zu vereinigen. Das Rachegefühl gegen Jago, welches die meisten Dichter gewiß grell und farbig gemalt haben würden, verblaßt vor der lichten Glorie, in welcher dem Helden nun sein gemordetes Weib erscheint. Auf Erden ist es für ihn Nacht geworden; und seine nach oben gerichteten Blicke streifen kaum mehr die Gestalt des Frevlers, der ihn so unheilbar verwundet hat. Er entläßt ihn mit den Worten: »Ich möchte dich leben lassen: denn in meinen Augen ist es Glück, zu sterben.« Ein Glück zu sterben, – das ist in Othellos Munde keine theatralische Redewendung; der Tod ist ihm gleichsam eine Erneuung seiner Ehe, deren er, wie er deutlich fühlt, durch seine That sich nicht unwürdig gemacht hat, deren ewiges Theil, über die Schrecken der Zeitlichkeit siegend, unversehrt geblieben ist. In diesem Sinne spricht er zu den entsetzten Venezianern: Ich bitte Euch, in Euren Briefen, Wenn Ihr die unglücksel'ge That erzählt, Sprecht von mir, wie ich bin. Beschönigt nichts, Noch auch in Bosheit schreibt. Dann müßt ihr sprechen Von Einem, der nicht weise liebte, sondern Der allzu sehr geliebt; von Einem, der Nicht leicht mißtraute, aber aufgehetzt Blind war aufs äußerste! von Einem der, Dem schnöden Juden gleich, ein Kleinod wegwarf, Reicher denn all sein Volk; Von Einem, dessen unbezwungne Augen, Sonst nicht gewöhnt an schmelzend Naß, nun Thränen Schnell träufeln wie die Bäum' Arabias Ihr heilsam Harz.« Und dann nichts als ein Dolchstoß und der Abschied: »Ich küßte dich, eh' ich dich tödtete! Nun bleibt kein andrer Schluß, Mich selber tödtend, sterb' auch ich im Kuß.« Das Irdische sinkt unter den Füßen hinweg; die vergängliche Form liegt zerschlagen am Boden, und das Unsterbliche, das Unendliche in der Liebe, welches mit feuriger Gluth die leibliche Hülle verzehrt hat, schwingt sich, unversehrt in seinem innersten Wesen, unversehrt noch durch die entsetzlichste Verirrung, triumphirend empor; denn die blutige Zerstörung selbst verwandelt sich in ein Zeugniß seiner Allgewalt und seiner Herrlichkeit. II. Lady Macbeth. (1863.) In der langen Galerie dramatischer Gestalten, welche Shakspere geschaffen, hat Lady Macbeth von je her einen hervorragenden Platz eingenommen. Der Eindruck, welchen diese düstere und furchtbare Schöpfung auf die Leser und die Zuschauer hervorruft, beurkundet immer von neuem den vollständigen Erfolg des kühnen Versuches, ein Weib als Trägerin und Urheberin des anscheinend unweiblichsten Verbrechens, des gewaltsamen Königsmordes, darzustellen. Lady Macbeth unterscheidet sich durch die Umstände der That von den anderen mit Blut befleckten Frauen, welche die tragische Bühne von ihren Anfängen an häufig genug uns vorgeführt hat. Das körperliche Grauen, welches der Mörder zu überwinden hat, ehe er sein Verbrechen begeht, der physische Abscheu vor dem Blute, das Beben der Nerven beim Anblicke des Sterbens, diese Schranke zwischen dem Vorsatze und dem Vollbringen der That ist von Natur stärker bei dem Weibe als beim Manne. Diese Schranke niederzuwerfen, ist mithin ein höherer Grad verbrecherischer Leidenschaft beim Weibe erforderlich als beim Manne. Das Weib muß, wenn es zu Messer und Schwert greift, viel tiefer und stürmischer erregt sein als der männliche Mörder. Und fast nur diejenigen Leidenschaften sind im Stande eine so tiefe, wilde Erregung hervorzurufen, daß sie ein Weib zum Blutvergießen hinreißen kann, – nur diejenigen Leidenschaften, welche an sich stärker im weiblichen als im männlichen Herzen leben, welche das weibliche Leben am mächtigsten und ausschließlichsten beherrschen, mit einem Worte diejenigen Leidenschaften, welche unmittelbar oder mittelbar auf dem Effekte der Liebe beruhen: Eifersucht und Rache. In der blinden Wuth der verrathenen und der beraubten Liebe mag selbst eine weibliche Hand fest und stark genug sein, um den tödtlichen Streich zu führen; Medea, so gräßlich ihre Handlungen sind, bleibt ein Weib in ihren Motiven; Chrimhilde, wenn sie in Blut förmlich schwelgt, denkt nur an ihren verlorenen Gatten; Elektra, in jener furchtbaren Scene des Sophokles, wo sie dem Orest zuruft, zuzuschlagen, der Mutter nicht zu schonen, kein Mitleid aufkommen zu lassen, bekundet durch dies Uebermaß des Grimmes doch nur ein Uebermaß kindlicher Liebe zu dem Heldenvater, der vor ihren Augen hingeschlachtet worden ist. Die Dichter, indem sie solchergestalt fast ausnahmslos den von den Weibern begangenen Morden ein Motiv der Liebe zu Grunde legten, haben damit nur die Erfahrungen des wirklichen Lebens anerkannt, welche lehren, daß Frauen ohnehin weit seltener als Männer gewaltsam tödten, daß sie aber, wenn es geschieht, gewöhnlich unter dem Einflüsse der größesten aller weiblichen Leidenschaften stehen. Frauen, welche so tödten, haben (so seltsam es klingt) gewiß viel Herz, und wenn man dagegen einwenden wollte, daß sowohl die politische wie die Criminalgeschichte von weiblichen Ungeheuern berichtet, deren Mordthaten in ihren Motiven die größeste Herzlosigkeit verrathen, so ist dazu zu bemerken, daß in diesen Fällen in der Regel nicht der tapfere Stahl, sondern das gemeine feige Gift eine Rolle spielt. Es erscheint auf den ersten Blick ziemlich gleichgültig, ob jemand einen Menschen vergiftet oder ihn ersticht; aber es ist in Wahrheit durchaus nicht gleichgültig. Die persönliche, körperliche Wirksamkeit des Verbrechers ist von großer Wichtigkeit für die Ausmessung seiner verbrecherischen Energie. Lady Macbeth nun, um auf sie zurückzukommen, hat auf den ersten Anblick bei ihrer That gar nichts von jenem Pathos weiblicher Leidenschaft, welches ihren unmittelbaren Antheil an dem Morde uns erklärlich machen könnte. Sie treibt nicht Eifersucht, nicht Wuth über gekränkte Liebe, zerstörtes Lebensglück, nicht der Durst nach Rache, weil ihr ein Kind oder ein heißgeliebter Vater entrissen worden wäre. Ihr einziges sichtbares Motiv ist der Ehrgeiz, die Begierde nach der Königskrone. Und der Dichter hat recht geflissentlich jedes gemüthlichere Motiv ausschließen wollen. Die Quelle, aus welcher er den Stoff für sein Drama schöpfte, sagt, daß Lady Macbeth die Tochter eines Häuptlings gewesen sei, welcher im Kampfe gegen König Duncan umkam, und um ihn zu rächen, habe sie ihren Gemahl angestachelt, den König zu erschlagen. Unter hundert Dichtern würden neunundneunzig diesen Wink benutzt und zu einem effektvollen Monologe der Lady, in welchem sie ihr Verbrechen mit rührenden Worten beschönigt hätte, verarbeitet haben. Es ist höchst bemerkenswerth, daß ein solches, auf den ersten Blick echt dramatisches Motiv von Shakspere vollständig verworfen wurde. Augenscheinlich wollte er nicht, daß in den Adern seiner Lady diese mildernde Beimischung fließe. In herber Einseitigkeit sollte sie vor uns erscheinen und ohne alle Kunstgriffe gerührsamer Rhetorik, in unverhüllter Furchtbarkeit dennoch uns tragisch fesseln und erschüttern, nicht einfach uns abstoßen und mit Abscheu erfüllen. Mit anderen Worten – denn nur so konnte dieser Eindruck erreicht, nur so der einfache Abscheu vermieden werden, – dies vorwiegend männliche Motiv, die Begierde nach Macht, sollte für sich allein, ohne die Einmengung von Nebenmotiven, ohne sentimentale Arabesken, als mächtig genug geschildert werden, um auch ein Weib, ein wirkliches Weib, nicht etwa ein naturwidriges Ungeheuer, in Blutschuld und tragische Selbstvernichtung fortzureißen. Daher auf der einen Seite Fernhaltung jedes Gedankens an eine persönliche Feindschaft der Lady gegen den König, der im Gegentheil als ein ehrwürdiger, leutseliger Herscher erscheint und der Macbeths Haus mit Ehren überhäuft; daher auf der anderen Seite die Aufbietung der feinsten Charaktermalerei, um uns keinen Augenblick vergessen zu lassen, daß es wirklich ein Weib ist, welches den Mittelpunkt der Tragödie bildet, weiblich nicht nur im Costüm, sondern in ihrer innersten Natur. Ein schwierigeres Problem hat nie ein Dichter gelöst. Hätte er es nicht gelöst, wäre es ihm nur gelungen, die Verbrecherin, nicht das Weib zu schildern, wir würden, ungeduldig über so viel aufgehäufte Greuel, uns von dem widerwärtigen Anblicke abwenden, anstatt daß wir jetzt mit lautloser Spannung, mit tiefer Theilnahme der ruchlosen Frau auf ihrem unheimlichen Wege folgen, bis er zuletzt sich in den undurchdringlichen Finsternissen verzweifelnden Wahnsinns verliert. Welches sind die Mittel, durch welche Shakspere dies erstaunliche Resultat erreicht? Wie fängt er es an, nicht allein den Abscheu, den ein kaltblütiger, grausamer, perfider Mord erregen muß, in tragische Sympathie mit den Mördern zu verwandeln, sondern sogar uns es als erträglich und natürlich erscheinen zu lassen, daß eine Frau die leitende Rolle dieser entsetzlichen Handlung spielt? Um uns dieses deutlich zu machen, müssen wir zunächst unser eigenes Gefühl bei dem Anschauen des Dramas, welches ich tragische Sympathie genannt habe, etwas näher ins Auge fassen. Ich brauche wohl kaum zu bevorworten, daß mit diesem Ausdrucke irgend welches Wohlgefallen an dem verübten Verbrechen nicht gemeint sein soll. Die Sympathie, von welcher hier die Rede ist, beruht zunächst auf der durch die Dichtung in uns erweckten Erkenntniß oder mindestens auf dem in uns hervorgerufenen Eindruck, daß die vor unseren Augen in Thätigkeit gesetzten treibenden Kräfte, böse und gute, Kräfte der menschlichen Natur, unserer eigenen Natur sind. Diese Sympathie kann nur dann Platz greifen, wenn der Dichter den Charakter der handelnden Personen uns so anschaulich macht, daß wir diesen Charakter als ein Stück Menschennatur, als ein Stück unserer eigenen Natur anerkennen, und wenn die dargestellte Handlung uns nicht als ein Werk des Zufalls, äußerer Umstände, übernatürlicher Fügungen, sondern als die notwendige Folge des Charakters der uns verständlichen, uns verwandten Menschen erscheint. Daß wir die Motive verstehen und nachfühlen können, ist also die erste Bedingung des dramatischen Erfolgs. Allein dies genügt noch nicht, um unsere ganze Seele zur sympathischen Theilnahme an dem, was auf der Bühne vorgeht, zu erregen. Dieser Theilnahme würde, wenn nicht ein höherer Reiz hinzukäme, unsere Eigenliebe entgegenwirken. Wir würden gegen das Ansinnen, die menschliche Natur in ihren frevelhaften Ausschweifungen als etwas allgemeines, als etwas uns verwandtes anzuerkennen, uns sträuben. Wer wird gern zugeben, daß seine Natur die nämliche ist, welche solche Greuel gebären kann? Oder wenn man auch bei ehrlichem Nachdenken einräumen muß, daß allerdings die verborgenen Keime zu aller Sünde ein allgemeines Erbtheil der Menschen sind und daß nur die Entwicklung dieser Keime je nach Gunst oder Ungunst der hinzutretenden Umstände höchst verschieden ausfällt, – wenn man dies auch einräumen muß, wer wird in einem Augenblicke, wo ihm diese schreckliche Wahrheit besonders einleuchtend gemacht wird, in der freien Stimmung beharren können, ohne welche ein Kunstwerk nicht genossen werden kann? Je meisterhafter die Darstellung des Dichters wäre, desto unglücklicher müßte sie den Zuschauer machen. Sie würde ihn nicht erschüttern und erheben, sondern erdrücken und zermalmen. Erheben kann der Anblick menschlicher Schuld nur, wenn er zugleich ein Anblick menschlicher Größe und menschlicher sittlicher Kraft ist. Nicht die fertige nackte Verruchtheit gehört auf die Bühne, sondern der Kampf zwischen dem guten und dem bösen Principe des menschlichen Lebens. Tragisch wird ein Schicksal nur in der einen oder in der anderen Weise: entweder wenn das gute Princip über alle Anfechtungen der Versuchung durch das Opfer des Irdischen den Sieg davon tragt und so im Untergange des Zeitlichen und Vergänglichen das Göttliche und Ewige, welches in uns ist, triumphirt, – oder wenn die mit hohen und edlen Kräften ausgestattete Persönlichkeit zwar der bösen Begierde erliegt, zwar ihre Tugenden selbst der Leidenschaft dienstbar macht, aber durch diese ihre Verschuldung selbst innerlich zu Grunde geht und in dem äußeren Siege nichts erringt als den Tod der eigenen Seele, dadurch bekundend, daß das Göttliche das Lebensprincip unseres Wesens ist und daß alle Herrlichkeit dieser Welt zur Verdammniß wird für den, welcher um ihretwillen vor dem Satan niederkniet. Diese letztere Weise ist diejenige, welche Shakspere im Macbeth angewandt hat. Die beiden Hauptfiguren des Stückes erfüllen genau alle Bedingungen, welche erforderlich sind, um tragisch in diesem Sinne zu wirken. Die bewegende Kraft ihrer Seele ist der Ehrgeiz, die Begierde zu herschen, die Lust an dem Machtbesitze. Diese Begierde ist eine der ursprünglichsten und tiefsten in der Menschenbrust, und in unzähligen Abstufungen können wir sie von der Kinderstube kleiner Mädchen bis zu dem Kaiserhofe eines Napoleon verfolgen. Den Willen eines Mitmenschen wie ein Werkzeug handhaben, wie ein Hausthier lenken, ist für den Menschen einer der höchsten Genüsse. Wäre nicht die Schranke so eng gezogen, stieße nicht das Streben nach Herrschaft auf den Widerstand jedes einzelnen, so würde die Erde wimmeln von Alexandern und Cäsaren. Aber um Herrschaft in weiteren Kreisen zu üben, bedarf es eines Maßes von Kraft, Muth, Ausdauer und Klugheit, welches nur wenigen beschieden ist. Die Millionen sind nicht dazu geschaffen, die schwere Rüstung hochfliegenden Ehrgeizes zu tragen, und deshalb tritt bei ihnen die Liebe zur Macht meistens zahm und schüchtern auf. Sie begnügt sich mit dem häuslichen Scepter, oder sie ist zufrieden, wenn sie den äußeren Schein anstatt die Sache selbst besitzt. Diese Selbstbescheidung ist nicht Tugend, sondern Unvermögen. Zu wahrer Leidenschaft entwickelt sich eine Begierde aber nur, wo das Vermögen vorhanden ist. Unter Leidenschaft verstehe ich diejenige Energie eines Triebes, welche den ganzen Menschen erfüllt und ihre Befriedigung ihm als höchsten, ja einzigen Lebenszweck, wenigstens in dem gegebenen Augenblick, erscheinen läßt. Der Ehrgeiz, oder ich will lieber sagen, die Herschbegierde wird gerade deshalb, weil sie zu befriedigen ein großes geistiges Vermögen voraussetzt, zu dämonischer leidenschaftlicher Gewalt gewöhnlich nur in reichbegabten außerordentlichen Menschen anwachsen, in Menschen, welche vor Widerstand nicht erschrecken, vor Schwierigkeiten nicht zurückweichen, welche in sich die Kraft fühlen, schwindelnde Höhen zu erklimmen und zu behaupten. Darum pflegt man auch die Herschbegier, obwohl sie mehr Unheil auf Erden anrichtet als alle Diebe und Spitzbuben zusammen, nicht so zu verabscheuen wie die Leidenschaften, deren Dienst minder schwierig und minder gefahrvoll ist. Die Bewunderung, welche großen Eroberern gezollt wird, beweist, wie allgemein verbreitet das Verständniß für die Lockungen der Macht ist. Aber die Bewunderung wird nur denen zu Theil, welche die Macht durch kühnes, gefährliches Wagen erringen, nicht den vorsichtigen Rechnern und Ränkeschmieden: ein Zeichen, daß der Mensch auch in verwerflichen Dingen noch nach den Spuren gottverliehener Tugenden wie Muth und Todesverachtung forscht. Vor dem Straßenräuber hat er im Grunde mehr Respect als vor dem Erbschleicher. Und er hat wieder mehr Respect vor dem Räuber, welcher eine Krone raubt, als vor dem, welcher Banknoten stiehlt. Denn eine Krone ist eines Verbrechens schon eher werth als schmutziges Geld; jene ist ein Mittel, um die höchsten Kräfte des Geistes glänzend zu bethätigen; die Banknoten können nur dienen, um gemeine Nothdurft oder Genußsucht zu befriedigen. So hat schon der Keim der Schuld, in welcher das schottische Paar zu Grunde gehen soll, obwohl ein Keim reiner Selbstsucht, einen Beisatz edlen Metalls. Das Verbrechen, das sie begehen werden, deutet auf großangelegte Naturen, der Preis des Verbrechens ist ein solcher, welcher Alltagsmenschen nicht einmal im Traume locken würde, welcher nur auf Helden mit verführerischem Zauber wirkt. Aber auf Frauen auch? könnte man fragen. Zugegeben, daß die Wollust der Macht den an Schlachten und Blut gewöhnten Macbeth wohl so weit bestricken konnte, daß er die Lehnspflicht, das Gastrecht und die Menschlichkeit vergaß, ist es wahrscheinlich, daß eine andere als eine ganz entmenschte, also tragisch nicht mehr zu verwendende Frau von dieser Leidenschaft so weit sich hinreißen lasse, um, nicht etwa für die Krone zu intrigiren, fremde Meuchler zu dingen, nach langen inneren Kämpfen vielleicht einmal Gift zu gebrauchen, sondern sofort, ohne Zögern einen schlafenden König in ihrem eigenen Hause zu ermorden? Mag die Sucht zu herschen bei Frauen immerhin eben so groß sein wie bei Männern, kann sie bei ihnen wohl jemals den Grad physischer Wildheit erreichen, ohne welche eine solche blutige That nicht wohl denkbar ist? Wird nicht eine Frau lange schwanken, ehe sie, ich will nicht sagen ihr Gewissen, sondern nur ihre Nerven, ihre körperliche Blutscheu zum Schweigen bringt? Denn wohlgemerkt, Lady Macbeth ist im ersten Augenblick entschlossen; sie führt zwar nicht selbst den tödtlichen Dolchstoß, aber sie ist persönlich bei der schauderhaften Katastrophe anwesend und thätig, und es ist klar, wenn es nöthig gewesen wäre, hätte sie sich auch nicht besonnen, selbst zuzustoßen. Alle physischen Schauder der Mordnacht erlebt sie eben so unmittelbar wie der stärkere Gemahl, und augenscheinlich erträgt sie dieselben weit gelassener als er. Ist es natürlich, ist es denkbar daß der Rausch der Leidenschaft, gerade einer solchen politischen Leidenschaft das Weib leichter als den Mann über die Schrecken der blutigen Stunde hinwegträgt? Ja, wenn sie aus blinder Rachsucht handelte, wenn sie in eifersüchtiger Wuth einen treulosen Geliebten erdolchte, wenn sie wie eine gereizte Tigerin ihre Kinder vertheidigte, dann ließe sich solche weibliche Wildheit denken, – aber aus dem Ehrgeiz allein schöpft eine Frau schwerlich diese Macht über sich selber. Man sieht leicht, daß dieser Einwand etwas für sich hat. Daß Weiber zu Hyänen werden können, wird damit nicht geleugnet, aber es wird behauptet, daß irgend ein Zustand des Rausches, irgend ein Fanatismus vorangehen müsse, bevor ein Weib, welches diesen Namen noch verdient, ihre angeborene Natur so weit verleugnen könne, und es wird behauptet, daß politischer Ehrgeiz, mächtig wie er immerhin wirken möge, doch schwerlich im Stande sei, diesen Rausch der Leidenschaft so urplötzlich zu voller Höhe zu steigern, wie es nothwendig wäre, wenn Lady Macbeths Handlungsweise begreiflich erscheinen solle. Nicht ihr böser Wille wird als unwahrscheinlich bezeichnet, wohl aber die Art und Weise wie dem bösen Willen sofort die entschlossene That folgt. Hierauf ist nun vor allen Dingen zu bemerken, daß Lady Macbeth nicht als eine Frau von politischem Ehrgeiz geschildert wird. Sie trachtet nicht, wie die russische Katharine, wie die englische Elisabeth, für sich nach der Herrschaft. Sie denkt ausschließlich an die Erhöhung ihres Mannes. Er soll König sein! Darin beginnt und endet ihr ganzes Denken und Streben. Diese Form nimmt weiblicher Ehrgeiz oft genug an, ohne deshalb frei von weiblicher Selbstsucht zu sein. Der Mann soll steigen in der Welt, damit die Frau durch ihn regieren könne, oder damit die Frau den Genuß habe, Exzellenz zu heißen und ihre Bekannten zu überstrahlen. Weder von jenem Haschen nach Einfluß noch von dieser kleinlichen Eitelkeit zeigt Lady Macbeth eine Spur. Mit keinem Worte verräth sie, daß sie an die Krone auf ihrem eignen Haupte denkt. Nie weidet sie sich an der Aussicht auf den äußeren Pomp des Thrones. Nach einmal vollbrachtem Werke verschwindet sie in dem Frauengemache, ohne jemals das Verlangen zu äußern, an der Regierung Theil zu nehmen. Sie beherscht ihren Mann nur da, wo sie um seinetwillen ihn beherrschen zu müssen glaubt. So wie er frei als König auftritt, läßt sie ihn gewähren, und sie erscheint nicht einmal als seine Mitwisserin und Vertraute. Ihr Ehrgeiz ist ganz und gar der Ehrgeiz der Ehefrau, aber ein Ehrgeiz in großem Stile, furchtbar in seiner Intensität, grandios in seiner verbrecherischen Einseitigkeit, und, wie gesagt, bis zu einem gewissen Grade selbstverleugnend. Sie geht vollständig auf in dem Gedanken an ihren Gemahl, und dieser Gedanke, ihn zum Könige zu machen, um seinetwillen, dieser urweibliche Gedanke erfüllt ihre Natur mit jenem Fanatismus, welcher sie zur Mörderin macht. Man kann es nicht genug, namentlich wo es sich um Frauencharaktere handelt, nicht genug betonen, daß Shakspere seine Stücke weniger für den Leser als für Schauspieler schrieb, und zwar für Schauspieler, die unter seiner unmittelbaren Anleitung standen. Wenn man daher ihn liest, muß man sehr oft die knappe Andeutung der psychologischen Entwicklung, um sie recht zu verstehen, durch das Spiel des sorgfältigen und orientirten Bühnenkünstlers sich ergänzt denken. Gleich in der ersten Scene, in welcher die Lady auftritt, muß die Schauspielerin die brennende, herzverzehrende Leidenschaft der Frau für ihres Gatten Erhöhung durchleuchten lassen als den eigentlichen Hintergrund des Charakters. Ein stiller, aber glühender Enthusiasmus für ihren tapferen Krieger, eine gewisse löwenartige Zärtlichkeit muß ihren ersten Monolog durchflammen. Wir haben ein wirkliches Ehepaar vor uns, das völlig eins in sich ist, und die Frau lebt und webt nur in dieser schrecklichen, aber innigen Ehe. Macbeth selbst, sobald die Zauberschwestern die verhängnißvolle Weissagung ihm zugerufen haben, denkt augenblicklich daran, den König aus dem Wege zu räumen; aber dieser Gedanke, so rasch und mühelos er in ihm entspringt, erfüllt ihn doch mit Grausen. Der ruchlose Wunsch ist sogleich lebendig in ihm, aber eben so schnell ergreift ihn die Furcht vor dem blutigen Werke, welches das Schicksal ihm anweist. Sein erster Schritt ist, daß er alles seiner Frau schreibt, der »theuersten Genossin seiner Größe,« wie er sie nennt, damit sie nichts von der Vorfreude auf die versprochene Hoheit verliere. Mit diesem Briefe in der Hand tritt die Lady auf, und sofort zeigt sie, daß sie dem Manne an Kühnheit der Wünsche und Hoffnungen gleich, an Sicherheit des Entschlusses ihm weit überlegen ist. Mit der Botschaft von der Hexenweissagung steht sofort, unbeirrt durch Furcht und Zweifel, deren Verwirklichung als unabänderlicher Entschluß vor ihr. Du sollst werden, was Sie dir verheißen ... Nur fürcht' ich dein Gemüth; Es ist zu voll der Milch menschlicher Milde, Den nächsten Weg zu fassen. Du möchtest groß sein, Nicht Ehrgeiz fehlt dir, nur die Bosheit, die Ihm dienen sollte. Was du eifrig willst, Das willst du heilig; möchtest nicht falsch spielen, Und doch unrecht gewinnen; möchtest haben, Was ruft: »Dies mußt du thun, wenn du es hast, Das, was du mehr dich scheust zu thun, als wünschest, Es bliebe ungethan.« Eile hierher, Daß ich ins Ohr dir meine Seele gieße Und mit der Kühnheit meiner Zunge strafe, Was von dem goldnen Reif dich ferne hält, Mit welchem Schicksal dich und Geisterhülfe So sichtlich krönen will. Noch hat ihr Anschlag gegen den König keine feste Gestalt angenommen; sie weiß noch nicht, daß Duncan in ihr Haus kommen wird; sie denkt noch nicht an einen Meuchelmord und noch weniger daran, daß sie selbst dabei thätig sein müsse; aber das eine steht sofort fest bei ihr: das Ziel soll erreicht werden und auf dem nächsten Wege. Dies ist die geistige Kraft, auf welcher die Laufbahn eines Napoleon beruht. Ein Ziel, ein Weg, nicht rechts, nicht links geschaut, alles bei Seite geworfen, was hemmen und hindern könnte, namentlich keine Skrupel, keine Milch menschlicher Milde, wenn es einmal ans Handeln geht. Consequent, gerade aus, mathematisch wie eine Kanonenkugel. Die Zweckmäßigkeit an sich erregt unseren Beifall, auch wenn der Zweck unsittlich ist; wir ergötzen uns an dem Scharfsinn, welchen ein Dieb entwickelt, auch wenn wir den Dieb verachten; wir bewundern die Genialität, mit welcher ein Usurpator sich eines Reichs bemächtigt, auch wenn wir seinen Treubruch verdammen. Nichts ist verächtlicher, als der verbrecherische Wille, welcher nur aus Feigheit und Unschlüssigkeit das Verbrechen unterläßt. Die Gewalt der Leidenschaft, welche alle Hindernisse besiegt, die Klugheit und Energie, welche sie bethätigt, sind selbst in ihrer Verirrung Kundgebungen der hohen Kraft, welche Gott der Seele und dem Geiste des Menschen verliehen hat. Hat einmal die Leidenschaft den verkehrten Weg eingeschlagen, so soll sie ihn auch gehen und nicht hinken oder taumeln. Diese Entschlossenheit und Festigkeit des Verbrechens wird uns um so mehr imponiren, je weniger sie aus Stumpfheit und Roheit des sittlichen Gefühls hervorgeht, je größere Anstrengung der Verbrecher nöthig hat, jene Festigkeit und Entschlossenheit sich selber abzuringen und abzutrotzen, je mächtiger in ihm die Möglichkeit des Guten ist, welche er durch Selbstbeherschung und Selbstentäußerung zu ersticken hat, wenn er sicher und siegreich auf das Ziel seines Willens losgehen will. Es verhält sich hiermit genau so wie mit dem umgekehrten Falle. Die tugendhafte That wird um so mehr gepriesen, je größere Schwierigkeiten innerer Versuchung ihr entgegenstanden. Ein Mensch interessirt uns nicht sonderlich, welcher Gutes thut, weil er von Natur ein Engel ist. Aber er interessirt uns, wenn er seiner schlechten Begierden in schwerem Kampfe Herr wird und auf solchem Wege zur Tugend gelangt. Weder die Sanftmuth der Taube noch die Wildheit des Tigers sind dramatische Motive; dramatisch ist nur die menschliche Freiheit, welche die Wahl zwischen dem Guten und dem Bösen offen und möglich läßt. Dieser Satz findet volle Anwendung auf Lady Macbeth. Sie hat, wie wir sahen, im ersten Augenblicke bei sich beschlossen; ihr Gatte soll den Thron besteigen. Nichts soll dies verhindern. Der nächste Weg soll eingeschlagen werden. Welcher Weg aber der nächste sein wird, steht noch dahin. Die Umstände werden es entscheiden müssen. Da tritt der Bote ein, welcher meldet: Der König kömmt zur Nacht hierher. Diese wenigen Worte sind nicht so schnell gesprochen, als auch im Geiste der Lady der ganze Mordplan fertig ist. »Du bist wahnsinnig, das zu sagen!« antwortet sie dem Boten. Ein unglaublich glücklicher Zufall liefert den König ihr ins Haus und in die Hand. Das schwierige Unternehmen erscheint schon halb gelungen, ehe es noch angefangen worden ist, – »Du bist wahnsinnig, das zu sagen!« Ein verhaltener Siegesjubel spricht aus diesen Worten zweifelnder Ueberraschung. Sie sieht sofort, daß nun das Einfachste und Klügste sein wird, den König unter ihrem Dache umzubringen, und das Einfachste und Klügste zieht sie vor. Freilich ist es auch das Schauerlichste und Verruchteste, und Lady Macbeth empfindet dies lebhaft und tief genug. Dies ist ein Punkt von entscheidender psychologischer Wichtigkeit, welchen die Schauspielerinnen regelmäßig übersehen. Lady Macbeth ist keine blutdürstige Furie, keine abgestumpfte Teufelin, welche kaltblütig und lachend über Leichen dahin schreitet. Im Gegentheil, es graut ihr vor dem unheimlichen Frevel, welchen ihre Leidenschaft und ihr Verstand ihr als nothwendig vorhalten. Allerdings schwankt sie deshalb in ihrem Entschlusse nicht; geschehen soll und muß es; sie überwindet ihre widerstrebende Natur; aber sie muß doch erst überwinden. Die Worte, welche der Dichter sie sprechen läßt, als der Bote sich entfernt hat, sind nicht ein rhetorischer Zierrath, sondern sie malen den Seelenvorgang, die gewaltsame Unterdrückung der menschlichen Regungen, die selbstbewußte Panzerung der schwachen Frauennatur für ein Unternehmen, gegen welches jede Faser und jeder Blutstropfen sich empört. Ruhig ihr Fasern und Blutstropfen, sagt sie gewissermaßen, stört mich nicht in meinem Werke: jetzt ist es nicht Zeit, euch zu gehorchen; Macbeth soll König sein! Kommt, Ihr Geister, die ihr blut'gen Plänen dient, Entweibt mich jetzt! füllt mich vom Schopf zur Zehe Mit grimmster Grausamkeit! Macht dick mein Blut! Verstopfet Weg und Zugang jedem Skrupel, Daß nicht Natur mit reuigen Heimsuchungen Den schlimmen Vorsatz umstürzt .... Kommt an meine Weiberbrüste, Nehmt meine Milch für Gall', ihr Geister des Mordes! Komm, dichte Nacht, Und hüll' dich in den schwärzesten Rauch der Hölle, Daß nicht mein scharfer Dolch die Wunde sehe, Daß nicht der Himmel durch das Dunkel spähe Und rufe: Halt! Halt! Diese Stelle darf natürlich nicht vom Proscenium aus ins Parterre hineingekreischt werden, sondern sie muß gesprochen werden wie ein inbrünstiges, ringendes Gebet, freilich ein Gebet an die Mächte der Finsterniß. Gerade wie eine gute fromme Frau vor einem gefährlichen Unternehmen, das ihr zu schrecklich scheint, Gott um Stärke und Mannhaftigkeit anflehen könnte, so sucht hier zu einem bösen Werke die Lady Schutz gegen das, was sie als weibliche Schwäche ansieht, gegen ihre Natur. Der Mord ist ihr nichts weniger als eine Bagatelle, er steht vor ihr als ein Schreckniß, welches zu besiegen, alle Geister der Nacht ihr beistehen sollen; aber freilich sie besiegt es am Ende. Ich will hier erwähnen, daß die große englische Schauspielerin Mrs. Siddons, welche vor fünfzig Jahren in Shakspereschen Tragödien glänzte, wie ich irgendwo gelesen habe, der Meinung war, Lady Macbeth müsse eine kleine feine blonde Frau sein, – eine Bemerkung, welche wohl nichts anderes sagen soll, als daß die Darstellerin recht sinnlich, recht malerisch den Contrast zwischen dem energischen Geiste und den weiblichen Nerven der Lady veranschaulichen müsse, Ueberhaupt wird die Darstellerin wohl thun, jeden Buchstaben der Rolle sorgfältig anzusehen. Sie geräth sonst in Gefahr, den Schlüssel dazu nie zu finden. Ein Beleg hiefür bietet sich sogleich. Unmittelbar nach der eben angeführten Beschwörung finsterer Mächte tritt Macbeth, aus dem Kriege heimkehrend, ins Haus. Die Lady begrüßt ihn mit den Worten: Großer Glamis! würd'ger Cawdor! Größer als beides durch das künft'ge »Heil! Dein Brief hat mich hinweggetragen aus Der dunklen Gegenwart, ich fühle jetzt In einem Augenblick die ganze Zukunft. Ein englischer Kritiker knüpft an diese Stelle die absurde Bemerkung: hier sehe man recht, was für ein herzloses verhärtetes Weib die Lady sei. Ihr Mann komme unversehrt aus einem blutigen Kriege, und sie empfange ihn ohne ein Wort der Zärtlichkeit und Freude, mit einer frostigen Aufzählung seiner Titel. An sich ist es absurd zu verlangen, daß eine Frau, deren Gehirn voll von einem Unternehmen auf Leben und Tod ist, die mit brennender Ungeduld, um einen Königsmord mit ihm zu verabreden, ihren Mann erwartet, sich zärtlich nach seinem Wohlbefinden erkundigen soll, zumal da sie aus seinem Briefe weiß, daß er mit heiler Haut davon gekommen ist. Noch absurder aber ist, es, in der eben angeführten Stelle eine frostige Auskramung von Titeln zu finden. Diese Stelle ist vielmehr ein enthusiastischer Ausbruch der tiefsten weiblichen Seelenregung, welche die Lady beherscht. Die Liebe zu ihrem Gatten, die bei ihr eins ist mit dem begeisterten Wunsche, ihn zu erhöhen, ihn groß und herrlich vor allen Männern zu sehen, diese Liebe findet, unter dem Eindrucke des furchtbaren Augenblicks, plötzlich bei seinem Eintreten Worte, gerade diejenigen Worte welche die Situation am nächsten legt. Sie begrüßt ihn mit dem prophetischen Gruße, den die Zauberschwestern an ihn gerichtet haben; alle Schrecken des bevorstehenden Verbrechens, mit denen sie eben noch in ihrer Einsamkeit gerungen hat, verschwinden bei dem Erscheinen ihres Helden; in der Extase ihrer weiblichen Leidenschaft fliegt sie ihm entgegen: Glamis, Cawdor, König dereinst! Die Gegenwart versinkt; die Zukunft mit allem ihren Glanze liegt strahlend vor ihrem Seherauge: mit einem Worte, gerade dies ist die Stelle, welche die Lady unserem menschlichen Verständnisse näher rückt, welche uns das Pathos ihrer Natur offenbart. Mit diesem Augenblicke weiblicher Begeisterung ist auch alle letzte Spur weiblicher Schwäche beseitigt. Von nun an geht sie stolz, sicher, unerschütterlich ihren Gang durch die furchtbarsten Stunden. In dem folgenden Zwiegespräch mit Macbeth ist sie schon, wie sie es gewünscht hatte, entweibt. Macbeth. Mein liebstes Herz, Duncan kommt her zur Nacht. Lady. Und wann geht er von hier? Macbeth , Morgen, so hat er's vor. Lady. O niemals soll Die Sonne den Morgen sehen. Macbeth versteht sogleich, was sie meint. Er erschrickt, und sein bleiches verstörtes Antlitz zeigt, daß er noch nicht gelernt hat, das Grauen zu überwinden, über welches sein Weib schon mit fester Selbstbeherschung gesiegt hat. Sie schilt ihn deshalb. Dein Angesicht, mein Than, ist wie ein Buch, Worin die Menschen Seltsam's lesen können. Die Welt zu täuschen, sieh aus, wie die Welt; Trag Willkommsgruß in Auge, Hand und Zunge; Gleich' der unschuld'gen Blume, aber sei Die Schlange unter ihr. Wir müssen sorgen Für ihn, der kommt; und du sollst dieser Nacht Großes Geschäft in meine Förd'rung stellen, Das alle unsre künftgen Nacht' und Tage Ausstatten wird mit Herschermacht und Hoheit. Macbeth . Wir sprechen noch davon. Lady . Nur blicke frei. Verstörtes Antlitz ist wie stete Angst. Mir überlaß das Weitere. Und damit nimmt sie die Zügel in die Hand. Man sieht, daß sie es nicht thut, weil Macbeth tugendhafter ist als sie; er geht in der Hauptsache unbedenklich auf ihren Plan ein; er will nur noch temporisiren, er will noch von der Sache sprechen. Sie thut es auch nicht, weil sie regieren will. Sondern sie thut es, weil ihrer geistigen Ueberlegenheit ganz von selbst die Leitung zufällt. Sie denkt keinen Augenblick daran, ihren Mann zu gängeln, um ihn ihr Uebergewicht fühlen zu lassen, sondern sie denkt nur an die Sache: die Sache fordert es, daß während der Krisis eine unbeugsame Hand das Ruder fasse. Nachher, wenn alles vorüber ist, läßt sie stillschweigend das Steuer fahren. Man muß beachten: sie fühlt durchaus keine Geringschätzung gegen ihren Mann; sie erhebt sich nie über ihn; sie kennt ihn als tapfer und fähig großer Thaten; was sie an ihm auszusetzen hat, ist nur seine Menschlichkeit, welche, an sich nicht verächtlich, nur in dem kritischen Augenblick störend und gefährlich werden kann. Darum richtet sie gegen diesen Punkt alle Energie ihrer Beredsamkeit. Die Sarkasmen, die furchtbare Rhetorik, die sie angewendet, um ihn zu sich auf gleiche Höhe heraufzuziehen, sind nicht ernsthaft gemeint, sondern nur Mittel des Augenblicks. Macbeth hat eine Anwandlung von Vasallentreue; er kann es nicht übers Herz bringen, einen so gnadenreichen Lehnsherrn zu verrathen; er will die Sache aufgeben. Mit erheucheltem Erstaunen versetzt darauf die Lady: War die Hoffnung denn betrunken, Die du dir anzogst? Hat sie jetzt geschlafen, Und wacht nun auf und schaut so grün und fahl Auf das, was sie so frei that? Von Stund' an Schätz' ich auch deine Liebe so. Du fürchtest, In deiner eignen tapfern That zu sein, Was du im Wunsche bist? Du möchtest haben, Was du ja achtest als die Zier des Lebens, Und doch als Memm' in deiner Achtung leben, »Ich darf nicht« folgen lassend auf »ich möchte,« Gleich wie die Katz' im Sprichwort? Macbeth . Bitte, still. Ich wage alles, was ein Mann vermag, Wer mehr wagt, ist kein Mann. Lady . War's denn ein Thier, Das mir dies Unternehmen hat eröffnet? Als du es wagtest, da warst du ein Mann: Um mehr zu sein, als was du bist, warst du Nur desto mehr der Mann. Nicht Zeit und Ort Traf damals zu; du wolltest beides machen: Nun machen sie sich selbst, und ihre Gunst Entmannt dich jetzt. Ich hab' gesäugt und weiß, Wie süß es ist, ein saugend Kind zu lieben: Ich würde, wenn es mir ins Auge lachte, Die Brust aus dem zahnlosen Munde reißen, Sein Hirn zerschmettern, hätt' ich so wie du Hiezu geschworen! Macbeth . Wenn's mißlingt? Lady . Mißlingt es. Schraub deinen Muth nur auf die feste Höhe, So wird es nicht mißlingen. Wenn Duncan schläft u. s. w. Der Anschlag gegen des Königs Leben wird von ihr mit kurzen, klaren Zügen vorgezeichnet, ohne viel überflüssige Redensarten, wie ein Feldherr seine Befehle ertheilt, und Macbeth ruft bewundernd aus: »Gebär nur Knaben! Dein unbeugsam Metall muß nichts als Männer erzeugen!« Die starke, unerschrockene Seele der Frau reißt ihn mit sich fort: »ich bin entschlossen,« ruft er, »und spanne jedes leibliche Organ an zu der Schreckensthat.« Die geistigen Organe anzuspannen, war das Werk der Lady. Während der eigentlichen Katastrophe fällt der Darstellerin der Lady Macbeth eine schwierige, aber wundervolle Aufgabe zu, welche, wenn ich den Charakter richtig gelesen habe, darin bestehen wird, durch die ruhige Haltung der Lady, durch welche allein sie in dem kritischen Augenblicke Entdeckung und Untergang von ihrem Gemahl abwenden kann, das innere Grausen durchblicken zu lassen, mit welcher in dieser schauerlichen Nacht auch ihre Seele zu ringen hat, welches sie aber, weil die Sache es gebietet, mit fast übermenschlicher Selbstbeherschung zu bändigen weiß, während Macbeth selbst unter diesem Grausen alle Fassung verliert. Der Dichter hat diesen Scenen eine düstere, nächtliche Färbung von unübertrefflicher Meisterschaft der Stimmung gegeben. Man hört förmlich die ahnungsvolle Stille des Schlosses, in welchem alles schläft außer der Mord. Nun ertönt die Glocke, zum Signal, daß der König und seine Kämmerer in wehrloser Bewußtlosigkeit liegen. Macbeth schleicht in das Schlafgemach des Duncan, um das Werk zu vollbringen, für welches die Lady alles vorbereitet hat. Sie hat die Kämmerer trunken gemacht, sie ist selbst drinnen im Schlafgemach gewesen, um zu sehen, daß alles in Ordnung sei. Nun tritt sie heraus, um nicht anwesend bei der Blutthat zu sein. Sie ist weit entfernt, unnöthiger Weise dem Greuel zuzusehen; sie hat auch so genug zu thun, die Last des entsetzlichen Augenblicks zu tragen. Schon in dieser Scene muß das Motiv anklingen, welches hernach sich in dem Schlafwandeln zu erschütterndster Wirkung entfaltet. Also keine stumpfe Unempfindlichkeit, noch weniger trotzige Freude an dem Verbrechen als solchem, sondern nur so viel Festigkeit, als erforderlich ist, um Meisterin ihrer selbst und der Situation zu bleiben. Sie hat selbst von dem Weine genommen, den sie den Kämmerlingen credenzt hat. Was sie berauscht gemacht hat, macht mich kühn; Was sie verlöscht hat, giebt mir Feuer, Ein charakteristischer Zug, welcher zeigt, daß die Haltung dieser Frau nicht Folge eines innern Mangels, sondern das Werk ihrer bewußten Anstrengung ist. Aber kaum hat sie sich ihrer Kühnheit berühmt, so schaudert sie zusammen. Durch die stille Nacht tönt ein Schrei. Die Verbrecherin erschrickt, aber sie faßt sich rasch. Das Grauen ist mächtig, aber sie ist stärker. »Es war nur die Eule, der unheimliche Wächter, der das schlimmste Gute Nacht ruft.« Nun horcht sie. »Jetzt ist er dabei.« Die Thüren stehen offen; sie hört das Schnarchen der trunkenen Diener. Wieder packt sie das Grauen. Aber sie erinnert sich, daß der Schlaftrunk stark gewürzt war; es ist nichts zu fürchten. Da ruft auf einmal Macbeth hinter der Scene, und sie fährt von neuem zusammen. Wenn sie erwachten! aber es ist unmöglich: sie hat alles zu sorgfältig vorbereitet. Nur der Versuch ist gefährlich, die That selbst kann nichts mehr schaden. Das einfachste wäre am Ende gewesen, sie selbst hätte der Sache ein Ende gemacht, ohne auf ihren Mann zu warten. Sie war ja vorhin im Gemache des Königs. Dann wäre diese tödtliche Angst vorüber. Warum hat sie es nicht gethan? Und nun kömmt, wie ein plötzlicher Mollaccord, das Bekenntniß: »Hätt' er nicht meinem Vater ähnlich gesehen, wie er schlief, ich hätt' es gethan!« Die tiefe Erschütterung ihrer Seele, dünkt mich, spricht auch in der nun folgenden wundervollen Scene. Die That ist vollbracht, das Ziel ist erreicht, das Diadem ist errungen. Aber kein Wort des Triumphes entfährt ihr, nicht einmal Triumph heucheln kann sie, um ihren fassungslosen Mann aufzurichten. Sie findet nur hohle, nichtssagende Redensarten, um ihm Muth zuzusprechen. Macbeth . Ich habe die That gethan. Hörtest du nicht ein Geräusch? Lady . Ich hörte Eulenschrei und Heimchen zirpen. Sprachst du nicht? Macbeth . Wann? Lady . Jetzt. Macbeth . Während ich hereinkam? Lady . Ja. Macbeth . Still! horch; Wer liegt in der zweiten Kammer? Lady . Donalbain. Macbeth . Dies ist ein trauriger Anblick! Lady . Thörichter Einfall, zu sagen: trauriger Anblick! Macbeth . Der eine lacht' im Schlaf, und einer schrie Mord! Daß sie einander weckten: ich stand und lauschte. Aber sie sagten ihr Gebet und legten sich Wieder zum Schlafen. Lady . Dann liegen zwei zu Bett. Macbeth . Einer schrie: »Gott seg'n uns!« und »Amen« der andre, Als sähn sie mich mit diesen Henkershänden. Lauschend auf ihre Furcht, konnt ich nicht Amen sagen, Als sie sagten: Gott segn' uns! Lady . Bedenk es nicht zu ernstlich! Macbeth . Aber warum konnt' ich nicht Amen sagen? Ich brauchte dringend Segen, und das Amen Stak mir im Halse fest. Lady . Solch eine That darf man nicht so bedenken; Es macht uns sonst verrückt. Macbeth . Mir war's, als schrie' 'ne Stimme: »Schlaft nicht mehr! Macbeth mordet den Schlaf!« – den unschuldigen Schlaf, Schlaf, der das wirre Knäul der Sorge löst, Tod jedes Lebenstages, Bad der Mühsal, Balsam der Seele, zweiter Gang der Natur, Hauptnährer bei des Lebens Fest ... Lady . Was meinst du? Macbeth . Und immer rief es: »Schlaft nicht mehr!« durchs ganze Haus; Glamis mordet den Schlaf, und drum soll Cawdor Nimmer schlafen, Macbeth soll nimmer schlafen, Lady . Wer war's denn, der so schrie? – Ei, werther Than, Du lockerst deine stolze Kraft, daß du So fieberhaft dran denkst. Geh, hole Wasser, Wasch diesen schmutz'gen Zeugen von den Händen! Was bringst du diese Dolche mit hierher? Die müssen drinnen sein: geh, bring sie weg, Beschmier' die schlafenden Kämmerer mit Blut. Macbeth . Ich geh' nicht mehr hinein. Mir graut an das zu denken, was ich that: Es wieder ansehn kann ich nicht. Lady . Wankelmüth'ger! Gieb mir die Dolche. Die Schlafenden und Todten Sind nur wie Bilder. Nur ein Kinderauge Fürchtet gemalten Teufel. Wenn er blutet, Will ich der Kämmerer Gesicht vergolden; Denn ihr Verbrechen muß es scheinen. Man sieht, erst die äußerste Noth, die dringendste Gefahr der Entdeckung treibt sie zu dem gräulichen Entschlüsse. Macbeth und sie sind verloren, wenn sie sich nicht über alles hinwegsetzt und in die Mordkammer zurückkehrt. Sie thut es, und sie benutzt ihre That sofort wieder, um den halbvernichteten Gatten zu ermuthigen. Meine Hände sind von deiner Farbe; aber ich verschmäh' es, Ein Herz zu tragen weiß wie deins ... Ich hör' ein Pochen Am Süderthor: – zurück in unsre Kammer! Ein wenig Wasser reinigt uns von dieser That: Wie leicht erscheint sie dann! – Dein fester Sinn Hat dich im Stich gelassen. – Horch', man pocht! Schnell, leg dein Nachtkleid an, daß nicht ein Anlaß Uns ruf' und wach uns zeige. Verlier dich nicht So kläglich in Gedanken. Mit diesem Auftritte haben wir den tragischen Höhepunkt erreicht; nun beginnt das allmähliche Versinken der in Frevel überreizten Frauenseele, ihr Versinken in dem qualvollen Rückblicke auf diese Nacht, welche, wie sich nun zeigt, nicht an einer gefühllosen Megäre, sondern an einem tiefster Erschütterung zugänglichen, bisher nur durch eiserne Willenskraft verschlossenen Herzen vorübergegangen ist. Den leisen, ahnungsvollen Schritt der herannahenden Nemesis hört man schon in Aeußerungen wie: »Solch eine That darf man nicht so bedenken; es macht uns sonst verrückt,« und »ein wenig Wasser reinigt uns von dieser That: wie leicht erscheint sie dann.« Denn das Grübeln über die That beginnt nun gerade für sie, und gerade sie lernt nun erkennen, daß Wasser die Blutschuld nicht abzuwaschen vermag. Gerade die furchtbare Tiefe der Seelenangst, welche sich ihrer bemächtigt, nachdem der Anreiz des Handelns, der Rausch der Leidenschaft vorüber sind, zeigt uns, wie mächtig in ihr das Gute hätte sein können, welche Stärke des bösen Willens erforderlich war, um ein Herz, das so verzweifeln kann, zu überwältigen. Eine Zeitlang hält noch bekümmerte Sorge um ihren Gatten sie aufrecht. Sie fühlt, daß sie ihm noch Hülfe und Stütze sein muß, und sie steht ihm inmitten schrecklicher Prüfungen standhaft und treu zur Seite. Schon ist sie selber gebrochen, schon ist ihr klar, daß alles verfehlt ist; sie gesteht sich selber: Nichts ist gewonnen, alles ausgegeben, Wenn ohne Freud' uns läßt gelungnes Streben. Aber ihrem Manne zeigt sie das heitre, sichre Antlitz; ihm gegenüber hält sie fest an den sophistischen Trostgründen, an deren Kraft sie selbst nicht mehr glaubt. Was geschehen, ist geschehen. Ueber unabänderliche Dinge soll man nicht nachgrübeln. Er soll vergnügt mit seinen Gästen tafeln, dann werden die finstern Gedanken ihn schon verlassen. Und noch einmal bei dem Banquette, bei welchem Banquos Geist erscheint und die blutigen Locken schüttelt, rafft sie all ihre Kraft zusammen, um das Verderben von ihres Mannes Stirne abzuwenden. Ihre Geistesgegenwart beschwichtigt die erstaunten Gäste, ihre Reden retten den Schein, ihr Zuspruch kämpft gegen die gespenstischen Schauer der Erscheinung; sie erschöpft Flehen und Spott, um Macbeth wieder zu sich zu bringen. Aber ihre Sarkasmen verstummen augenblicklich, so wie die Gäste sich entfernt haben und sie mit ihrem Gemahl allein bleibt. Kein Vorwurf kömmt über ihre Lippen; sie entschuldigt tröstend seinen Paroxismus mit dem Mangel an Schlaf, und sie geleitet ihn zärtlich besorgt zu seinem Lager. Von nun an trennen sich die Wege des Ehepaars. Macbeth erstarrt zu wildem Trotze; er betäubt seine innere Folter in schäumender eberartiger Wuth; er watet in Blut dem andern Ufer zu, bis das Blut über ihm zusammenschlägt. Einsam bleibt die Lady in dem Königsschlosse zurück. Sie erscheint nicht mehr als Theilhaberin seiner Unternehmungen; sie bleibt unberührt von den ziellosen Grausamkeiten, die er begeht; diese Grausamkeiten dienen nur dazu, ihre Seele noch schwerer zu bedrücken. Die tragische Sühne wird an ihrem eigenen Herzen vollzogen, und mit dem Meistergriffe des Genies hat der Dichter den einzigen möglichen Schluß ihres Lebens uns in unauslöschlichen Farben gemalt. Wie sollte er uns zu Zeugen so tiefinnerlicher Vorgänge machen? Ein Weib wie Lady Macbeth hat keine Vertraute, der sie ihr Herz ausschütten könnte; ihr Gatte ist der letzte, dem sie verrathen möchte, was sie martert; ein Monolog stimmte zu ihrem wortkargen, stets sich beherschenden Wesen nur schlecht. Sie hat solche Gewalt über sich, daß jede Klage von ihren Lippen unnatürlich klingen würde. Aber ein Mittel bleibt, um uns einen Blick in die Hölle dieses Busens thun zu lassen. Der hülflose Schlaf, der Schlaf, den Macbeth gemordet hat, wird zum Verräther und Herold ihrer unsäglichen Pein. Eine erhabnere und ungezwungnere Scene als diese ist nie gedichtet worden. Schauder und Genugthuung vermischen sich bei dem Anblick des wandelnden Schlafes, welcher aufgehört hat »Balsam der Seele, Bad der Mühsal« zu sein, welcher nur den Geist entwaffnet, um ihn wehrlos unwiderstehlichen Gedankenqualen zu überliefern. Jede Nacht lebt sie nun von neuem die Schrecken der Mordnacht durch, und wir erfahren jetzt, wie tief alle einzelnen Umstände damals, wo sie unerschüttert schien, in ihr Gedächtniß sich eingegraben haben. In ihrem Traume wäscht sie sich die blutigen Hände, aber der eine »verdammte Flecken« will nicht weichen. In ihrem Traume hört sie wieder die Uhr schlagen: »eins, zwei! nun ist es Zeit, es zu thun.« Sie hört wieder, wie ihr Mann sagt: »Die Höll' ist schwarz,« aber sie vermag nicht wieder mit Spott zu antworten. Und dann auf einmal jener Ausruf ergreifender Naturwahrheit: »Wer hätte gedacht, daß der alte Mann so viel Blut in sich gehabt hätte!« Jetzt kömmt es zu Tage, was die Verbrecherin in sich selber zu beschwichtigen, zu übertäuben, zu beherschen hatte, als sie »ihre kleine Hand« in Blut tauchte. Jedes Wort, das sie in ihrem Traume spricht, ist wie ein Licht ins Innere der Vase gesetzt, die wir bisher nur von außen beleuchtet sahen. Und merkwürdig, selbst in diesem Zustande gänzlicher Zerrüttung läßt ihre gequälte Seele die Sorge um den Gatten nicht los. Durch die blutigen Schatten hindurch sieht sie noch ihn, des Trostes und Zuspruchs bedürftig, und das Stöhnen tiefster Angst verstummt zuweilen, um ein abgerissenes Stück der alten trotzigen Weise durchklingen zu lassen: »Was brauchen wir zu fürchten, wer es weiß? Niemand kann unsere Macht zur Rechenschaft ziehen.« »Nichts mehr davon, mein Gemahl! nichts mehr davon! du verdirbst alles mit diesem Auffahren!« Aber diese Nachklänge der alten Entschlossenheit können sich nicht behaupten gegen den schrecklichen Gesang der erwachten Erinnyen: »Hier ist noch immer der Blutgeruch! alle Wohlgerüche Arabiens werden diese kleine Hand nicht wieder frisch machen.« Und dann ein Seufzer, abgrundtief, so tief, so erschütternd, daß selbst der bedächtige Arzt erschrickt und flüstert: »Welch ein Seufzer! Das Herz ist schlimm belastet.« Sie ist vernichtet, ehe sie leiblich stirbt, ehe sie irgend etwas von der ergeizten irdischen Hoheit eingebüßt hat. Auch dies ist ein Umstand, auf den wir achten müssen. Noch ist Macbeth König und unbesiegt; die persönliche Gefahr ist noch fern für sie und für ihn; es ist nicht eine gemeine Verzweiflung, welche durch äußere Unglücksschläge ihren Trotz und ihre Stärke bricht. Mit der Krone auf dem Haupte, mit dem Purpur auf den Schultern erliegt sie der Macht ihres eigenen besseren Ichs, welches um so unwiderstehlicher und furchtbarer sich an ihr rächt, je größer die Gewalt war, die ihm von der Leidenschaft angethan worden ist. Die Zerlegung eines solchen Charakters ist unzertrennlich von einem Mangel, welcher darin besteht, daß sie die einzelnen Bestandtheile nur von einander gesondert nachweisen kann, während im Drama selbst alle Bestandtheile zugleich in ihrer Gesammtheit, nur in immer wechselnder Beleuchtung, wirksam sind. Sie treten nicht immer alle gleich deutlich in jedem Augenblicke hervor, aber sie sind alle in jedem Augenblicke gegenwärtig, und die gleichzeitige Gegenwart aller uns fühlen zu lassen, ist die Aufgabe der Schauspielkunst. Auf der Bühne muß Lady Macbeth schon beim ersten Auftreten das Weib sein, welches ruchlos genug ist, das Verbrechen zu begehen, nicht ruchlos genug, das begangene zu ertragen. Dem Göttlichen im Menschen kann sie für einen Augenblick Schweigen gebieten, aber sie kann es nicht tödten, und, wie mit dem Speere des Erzengels, schleudert der auch in ihr waltende beleidigte Gott den schon triumphirenden Dämon zurück in die ewige Nacht. In den dreißiger oder Anfangs der vierziger Jahre war ein Buch von Mrs. Jamieson, »Female characters of Shakspere« oder ähnlich betitelt, populär. Ich las es als Primaner oder Student und empfing von ihm tiefen Eindruck. Wie es damals meine Art war, verarbeitete ich das Gelesene zu Aufzeichnungen, eigene Gedanken mit wörtlicher Übersetzung längerer Exzerpte und frappanter Einzelheiten vermischend, nur zu persönlicher Befriedigung. Aus dieser jugendlichen Arbeit sind lange Jahre nachher bei einer besonderen Veranlassung die beiden vorstehenden Essays (ursprünglich mündliche Vorträge) entstanden, in denen das Entlehnte von dem Eignen zu sondern, mir nicht mehr möglich ist. Der Herzog von Saint-Simon. (1892.) Wenn man im Gespräch und ex abrupto mich aufforderte, die Bücher, die mir am meisten Vergnügen gemacht hätten, aufzuzählen, so würde ich sicherlich schon im ersten oder zweiten Dutzend die Memoiren des Herzogs von Saint-Simon nennen. Als ich vor langen Jahren ihre Bekanntschaft machte, wußte ich noch nicht, daß man ihnen ein anderes als ein stoffliches Interesse abgewinnen könne; ein etwas banges Gefühl beschlich mich, als ich die zwanzig starken Bände vor mir liegen sah und mir sagte: das alles sollst du lesen! Was mich gelockt hatte, die ungeheure Masse mit aufs Land zu schleppen, war der Wunsch, über eine merkwürdige, glänzende und zugleich verhängnißvolle Periode der französischen Geschichte mehr zu erfahren, als ich wußte, und aus den zahlreichen Citaten, die man in den Werken über Ludwig XIV. und seine Zeit antrifft, hatte ich mir abstrahirt, daß es sich der Mühe verlohnen müsse, direkt sich an die Quelle, aus der so vieles geschöpft war, zu wenden. Freilich verlohnte es sich der Mühe, und in unendlich höherem Maße, als ich es mir gedacht hatte. Nicht allein eine Fülle des interessantesten Details, sondern ein von Leben strotzendes Gesammtbild des Versailler Hofs trat mir entgegen, eine Reihenfolge von Scenen, von Portraits, von charakteristischen Zügen, von scharfen Urtheilen, von fesselnden Reflexionen, die nur höchst selten (ich komme gleich darauf zurück) das Gefühl der Ermüdung aufkommen ließ und den zwanzigsten Band ebenso anziehend machte wie den ersten. Und noch mehr als das. In der Darstellung und Erzählung zeigte sich ein Meister, der ohne alle litterarische Schulung die höchsten und seltensten Wirkungen erzielte, mit anderen Worten, eine Persönlichkeit von einziger Originalität, der die Gabe verliehen war, alles, was beim Anblick der Welt, dieser Welt, in ihrem Innern sich bewegte, Liebe und Haß, besonders Haß, Bewunderung und Verachtung, besonders Verachtung, Anerkennung und Hohn, besonders Hohn, mit natürlich strömender Beredsamkeit auf das Papier zu projiciren. Ich wunderte mich nicht im mindesten, als ich bald nach Beendigung dieser Lektüre erfuhr, daß die Franzosen den Herzog zu ihren »großen Schriftstellern« rechneten, ihn neben Pascal, Bossuet, Madame de Sévigné, Madame de Lafayette, Vauvenargues und Larochefoucauld nannten, obwohl er allen diesen so unähnlich ist, wie nur Rembrandt dem Correggio unähnlich sein mag. Sainte-Beuve hat das Wort, das Buffon von der Natur im Frühling gebraucht, auf diese Memoiren angewandt: »Alles wimmelt da von Leben, tout y fourmille de vie. « Das große Werk, das die Librairie Hachette \& Co. unter dem Titel »Les Grands Ecrivains Français« schon seit Jahren mit Erfolg ausführt, hat neuerdings auch dem Herzog von Saint-Simon einen Band gewidmet, dessen Abfassung der Feder Gaston Boissiers (Mitglied der französischen Akademie) anvertraut wurde. Diese soeben erschienene, ganz vortreffliche Studie ist für mich der Anlaß geworden, einige Worte über den alten Franzosen zu sagen, der in Deutschland viel weniger bekannt ist, als er es verdient. Die kleine Schrift des Herrn Gaston Boissier lieferte mir einen Leitfaden, ohne den ich es nicht gewagt haben würde, mich nochmals in dem ungeheuren Labyrinthe des weitschichtigen Werkes umzusehen. Wenn ich vielleicht einen oder den anderen Leser, der die Memoiren nicht kennt, anreizen sollte, sich an diese Lektüre zu machen, so will ich, um meine Verantwortlichkeit einzuschränken, nicht unterlassen, eine Warnung hinzuzufügen. Um zu genießen, muß man über die Geschichte des geschilderten Zeitalters einigermaßen orientirt sein; der Memoirenschreiber, als Zeitgenosse, setzt natürlich eine Menge von Dingen und Personen als bekannt voraus; und man muß für das Zeitalter Ludwigs XIV. sich interessiren, einen deutlichen Begriff von seiner ganz eigenthümlichen Bedeutung, ein gewisses Wohlgefallen an seiner Physiognomie haben und sich mit sympatischer Phantasie in Details vertiefen können, die zu einem lebendigen Ganzen nur dann zusammenschießen, wenn man eine Idee von diesem Ganzen schon mitbringt. Sodann muß man sich auf einige wüste Strecken gefaßt machen, weitläufige und unersprießliche Abhandlungen über staatsrechtliche Fragen, über Rangverhältnisse und geschichtliche Legenden, in denen nicht einmal Belehrung zu finden ist. Solche Strecken muß man einfach überschlagen; der Werth des Buches hängt von ihnen so wenig ab wie der Werth der Ilias von dem Schiffskatalog. Vor deutschen Übersetzungen zu warnen ist wohl überflüssig; ich vermuthe, daß es keine giebt; der Umfang des Werkes wird es vor dieser Industrie geschützt haben. Jedenfalls muß man es entweder im Original lesen oder gar nicht. Ich als Nichtfranzose würde mir nicht herausnehmen, über die Sprache eines französischen Schriftstellers zu urtheilen, da aber die kompetenten Richter in Frankreich einig sind, Saint-Simon zu ihren ersten Prosaikern zu stellen, so darf ich mir die Bemerkung erlauben, daß er auch auf den deutschen Leser – immerhin nur annähernd – ebenso wirkt wie auf seine Landsleute, das heißt, daß auch der deutsche Leser unter dem Zauber dieser Sprache unmittelbar empfindet, weshalb die Franzosen ihn ein »unique phénomène de notre litterature« nennen. Er schreibt nicht wie ein Schriftsteller von Profession, sondern wie ein Weltmann, der, weil er keine Hörer findet, Leser sucht und nun mit diesen ganz in dem Tone redet, den er in der mündlichen Mittheilung anschlagen würde, ein Weltmann freilich, dem alle Hilfsquellen einer reichen Umgangssprache jeden Augenblick zu Gebote stehen, der ohne Anstrengung über die bequemen Wendungen, die malerischen Worte, die lebensvollen Ausdrucksweisen verfügt, die eine angeregte, geistreiche Gesellschaft zum täglichen Gebrauche für sich selbst prägt. Die Vortragsart ist das Gegentheil von akademisch; sie giebt uns einen Begriff von der Konversation der gebildeten Kreise im siebenzehnten Jahrhundert. Der Darstellung allein verdankt Saint-Simon freilich nur einen Theil seines Erfolgs; der Stoff, der sich ihm darbot, hat die Eigenschaft, seine Anziehungskraft über die Jahrhunderte, durch so viele Umwälzungen zu bewahren. Die Franzosen nennen das Zeitalter Ludwigs XIV. das große Jahrhundert, nicht mit Unrecht, wenn man den Begriff der Größe nicht allzu eng und streng nimmt. In diesem Jahrhundert und unter diesem König hat sich der monarchische Absolutismus, die erste Form des modernen Staats, zur höchsten Macht und Pracht entfaltet, und unter ihm und mit ihm ist Frankreich zum vollen Bewußtsein seiner nationalen Kraft, seines materiellen und seines geistigen Reichthums, zu einer Höhe der Civilisation im Staatsleben, in Handel und Gewerbe, in Künsten und Wissenschaften, in Feinheit und Freiheit des geselligen Verkehrs gelangt, die ihm den ersten Platz in Europa anwies und im Lande selbst eine Fülle bis dahin latenter Ideen und Gedanken weckte. Es ist charakteristisch, daß unter dem absolutistischen König zuerst solche Worte wie patriote und citoyen in ihrem modernsten Sinne Gemeingut der Schrift- und Umgangssprache wurden. Der Glanz des königlichen Hofes, der Ruhm der königlichen Armeen wurden als Besitzthümer der Nation aufgefaßt und dienten dazu, der Nation das Gefühl ihres eigenen Werths zu schärfen, ein Gefühl, das hernach dem Absolutismus den Untergang bereitete. Dazu kömmt, daß nie und nirgend das absolute Königthum, rein künstlerisch betrachtet, in einem so sinnfälligen, blendenden und formvollendeten Schauspiel sich dargestellt hat wie am Hofe Ludwigs XIV., namentlich während der Jahre, die in dem Riesenschlosse von Versailles verlebt wurden. Dort, in den Palasträumen und den Parkanlagen, verkörperte sich, jedem blödesten Auge erkennbar, in einem übersichtlichen Bilde, die Machtfülle des gekrönten Oberhauptes, keineswegs bloß in Pomp und Festen, an denen es ja nicht fehlte, sondern auch in dem Walten des Herschers, der hier, umgeben von seinen Ruthen und Feldherren, persönlich die Zügel des Regiments führte, dem Kaiser Fehde ansagte, dem Papste Trotz bot, das Reich erweiterte, die Provinzen regierte, die Gesetze und Ordnungen erließ, Aemter und Gnaden und Privilegien austheilte, oder auch je nach den Umständen als schrecklicher Richter Bann und Kerker und Tod verhängte. Eine wirkliche moderne Großmacht, nicht bloß der Monarch, residirte in Versailles, aber noch hatten die neuen Institutionen nicht durch Schreibwerk und Kanzleimechanismus das persönliche Element völlig in den Hintergrund gedrängt; die Ungebundenheit der feudalen Zeiten zuckte noch durch die straffen Fesseln der neuen Ordnung; die menschliche Komödie wurde noch nicht so ausschließlich wie später und wie in den deutschen Staaten hinter verschlossenen Thüren abgespielt. Die ungeheure Anziehungskraft dieses Mittelpunktes gereichte wohl dem Lande zum Schaden, aber ihm selbst verschaffte sie, so lange es dauerte, einen beispiellosen Glanz. Nach Versailles drängte sich alles, was Frankreich an Adel und Reichthum, an Talent und aufstrebendem Ehrgeiz besaß, und auch die Künste und Wissenschaften suchten ihre höchste Aufgabe darin, zur Verherrlichung des Thrones beizutragen. Der König verstand sich darauf, alle Mittel, die seinem Ruhme dienen konnten, in Bewegung zu setzen, auf allen Gebieten des französischen Lebens als das Oberhaupt zu scheinen; nicht nur Truppen und Flotten, Paläste und Marställe, sondern auch die feinsten Blüthen der Bildung und des Geschmacks sollten seine Größe verkünden und der Welt anschaulich machen. Racine und Molière arbeiteten für sein Theater, Lebrun ordnete seine Staatsceremonien, Le Notre legte seine Gärten an, und Bossuet predigte vor ihm. Alles um ihn stimmte zu einer einzigen Harmonie zusammen, deren Grundton er selbst angegeben hatte; nicht mit Unrecht hat man von einem Stile Louis quatorze gesprochen, der in Baukunst und Malerei, in Poesie und Litteratur, selbst in den Moden, das einheitliche Gepräge des Zeitalters trägt, wie ein Product innerer Notwendigkeit uns anmuthet und noch heute mit seiner barocken Majestät und gravitätischen Eleganz imponirt. Dem Maler, der an diesem Hofe seine Skizzen entwerfen wollte, kam nun ein Umstand besonders zu Statten, der sich meines Wissens so nirgend wiederholt hat, höchstens annähernd im Vatican. Die kleine Welt, deren Gott der König von Frankreich war, concentrirte sich nicht bloß, wie es auch anderswo vorkam, in einer einzigen Stadt, sondern gewissermaßen in einem einzigen Hause, einem ungeheuren Bau, in dem der Monarch, die Prinzen, die Hofstaaten, die Behörden, hohe und niedrige Diener, alle beisammen hausten und in dessen Räumen außerdem die ganze vornehme Gesellschaft, auch die außerhalb des Palastes wohnende, Tag für Tag zusammenkam, um zu huldigen, um zu intrigiren, um eine Gunstbezeugung zu erlangen, um ernsthafte oder frivole Interessen zu fördern, oder auch einfach, um sich zu amüsiren. Die vornehmsten, die Herren des hohen Adels, erschienen schon in der Frühe, um dem König bei seiner Morgentoilette aufzuwarten, beglückt, wenn sie ihm Waschbecken oder Handtuch reichen durften; ein größerer Schwarm begleitete ihn zur Messe, folgte ihm in ehrerbietiger Entfernung auf dem Spaziergange durch den Park, umstand andächtig die Tafel, an der Seine Majestät einsam speiste. Abends waren alle Säle von dem Salon de la guerre bis zur Kapelle geöffnet und erleuchtet und angefüllt von Gesellschaft; Tanz, Concert, Spiel vertrieben die Zeit und währten mitunter bis tief in die Nacht. Um zehn Uhr war das Souper des Königs, an dem die Prinzen und Prinzessinnen Theil nahmen, umringt von dem zuschauenden Kreise der Höflinge. Das tägliche Einerlei wurde unterbrochen durch Jagden auf Hirsch und Wolf – man traf noch Wölfe im Walde von Meudon und sogar im Boulogner Gehölz, – oder durch ein paar Wochen Sommerfrische in Compiègne, Fontainebleau und Marly. Zu diesen Partien eingeladen zu werden, war der Gipfel irdischer Glückseligkeit. Fünftausend Menschen wohnten damals unter dem Dache des Königs; um ihm nahe zu sein, begnügten sich die Besitzer großer Hotels und herrlicher Schlösser mit den engsten Quartieren, entsagten sie aller Freiheit und Behaglichkeit, setzten sie sogar ihre Gesundheit aufs Spiel. Denn in diesem ungeheuren Hause, das bis unters Dach vollgepfropft von Menschen war, fanden alle ansteckenden Krankheiten, wenn sie einmal ausbrachen, den günstigsten Nährboden und schonten dann weder Groß noch Klein. Erlag ihnen eine fürstliche Person, so munkelte man von Gift; das Gift war aber kein anderes, als das der verdorbenen Luft. Auch ein moralisches Gift sammelte sich an in Folge dieser übertriebenen Concentration: Streberthum, Intrigue, Rivalität wurden heftiger durch die täglichen persönlichen Berührungen, und es bildete sich innerhalb dieser kleinen Welt allmählich eine Atmosphäre, zu der die frische Luft von außen keinen Zugang fand, eine Abschließung gegen die Nation, der gegenüber das Königthum sich mehr und mehr isolirte, – man weiß, mit welchen Folgen. »Um Ludwig XIV. zu verstehen,« sagt Herr Boissier, »muß man Versailles besuchen. Zwar ist da nicht alles unversehrt; der Park wurde mehrmals verwüstet, das Schloß ist ungeschickten Restaurationen nicht entgangen. Man hat die Natur der beiden Flügel entstellt, aber die Gemächer des Königs sind noch vorhanden, und wenn man sie sieht, schimmernd mit ihren alten Vergoldungen, ihren Holzsculpturen, ihren Marmorwänden und Spiegelflächen, so ist es uns, als ob die Vergangenheit erwache. Leider ist das Haus leer, die Bewohner sind verschwunden. Die Gemälde, die man aufgehängt hat, geben uns einen leidlichen Begriff von ihren Zügen und ihren Trachten, aber die Menschen selbst sind nicht mehr da. Saint-Simon allein vermag es, die Oede wieder zu bevölkern. Auf seinen Wink steigen alle diese Personen in mächtigen Perücken und gestickten Röcken aus ihren Rahmen und wandeln durch die Säle. Er hat sie alle gekannt und ist erbötig, sie uns vorzustellen. Nicht nur redet er selbst die Sprache, in der sie einst sich unterhielten, sondern er giebt ihnen auch, so scheint es, das Wort zurück. Die Illusion ist vollständig; das ganze Zeitalter wird wieder lebendig.« Vermöge seines Ranges hatte Saint-Simon Zutritt zu dem Innersten des Heiligthums, und fast während eines Menschenalters verbrachte er den größten Theil seines Lebens damit, alles, was sich den Blicken darbot, zu beobachten, und alles, was sich den Blicken entzog, auszukundschaften. Nie gab es Späheraugen wie die seinen, nie eine unermüdlichere Neugier. Große und kleine Dinge, Ceremoniell und Staatsactionen, erregten seine gleiche Aufmerksamkeit, und nie unterließ er es, sich an den Platz zu drängen, wo etwas zu sehen war, die Leute zu cultiviren, von denen er etwas hören konnte. Obwohl er ein kleines Hotel in der Stadt Versailles besaß, quartierte er sich gern bei Freunden ein, die im Schlosse wohnten. Erst im Jahre 1710, fünf Jahre vor dem Tode des Königs, gelang es ihm, da seine Frau Ehrendame der Herzogin von Berry wurde, eine Wohnung im Schlosse zu beziehen, – zwei Zimmer und zwei Cabinette oder, wie er selbst sagte, Löcher, in die weder Licht noch Luft drang. An Muße zum Beobachten und zum Aufzeichnen gebrach es ihm nicht; eine amtliche Stellung erlangte er nicht, so lange Ludwig XIV. lebte; obwohl er aufs pünktlichste die Pflichten des Hofmanns erfüllte, scheint er dem König ein gewisses Mißtrauen eingeflößt zu haben. Und zeitraubende Leidenschaften, noble Passionen hatte er nicht, außer der Leidenschaft, alles zu erkunden und über alles zu richten. Er begnügte sich keineswegs, die Außenseite der Dinge zu betrachten, die Fäden, an denen alles hing, die verborgenen Zusammenhänge, das Innerste der handelnden Personen wollte er kennen lernen, und nicht minder lebhaft beschäftigte ihn die Frage, was denn die wundervolle und prächtige Maschinerie, deren Räderwerk vor seinen Augen sich so gigantisch bewegte, an nützlichen Fabrikaten für den Staat liefere, wie seine Kosten sich bezahlt machten, welche Bilanz das Geschäft der nächsten Generation hinterlassen werde. Und auf diese Frage ertheilte er sich selbst – wohl auch den wenigen Freunden, die er mit seinem vollen Vertrauen beehrte – eine sehr ungünstige Antwort. Wenn der König ihm mißtraute, so hatte der König einen richtigen Instinkt. Cäsar traute dem Cassius nicht, weil er einen hohlen Blick hatte, zu viel dachte, viel las, ein großer Prüfer war, »er durchschaut Das Thun der Menschen ganz, er liebt kein Spiel, Wie du, Antonius, hört nicht Musik Und lächelt selten.« Als Saint-Simon an den Hof kam, war freilich die Glanzperiode des großen Monarchen vorüber; im Jahre 1675 geboren, in der Mitte der neunziger Jahre, nach kurzem Kriegsdienst in Versailles sich etablirend, lernte er nur noch den alternden Ludwig, den Gatten der Frau von Maintenon, den Besiegten des spanischen Erbfolgekrieges kennen, und es war schon nicht mehr so viel Scharfblick nöthig, um unter der schillernden Hülle die tiefen Schäden des Reichs zu sehen. Aber immerhin war doch auch damals noch dieser Scharfblick nur wenigen eigen; in der ganzen Litteratur, namentlich auch in den Memoiren jener Zeit herschte, wenn die Rede auf den Monarchen kömmt, der Ton uneingeschränkter Bewunderung, ja Anbetung, vor. Saint-Simon im Gegentheil spricht vorwiegend als das, was man heute Nörgler nennt. Bei aller Empfänglichkeit für den äußeren Glanz läßt er sich nicht von diesem blenden; er sieht die Schattenseiten mehr als das Licht, bei den Personen sowohl als den Dingen. Man fährt mit ihm auf einer Prachtgaleere, die langsam, aber unaufhaltsam einem Katarakte zutreibt. Die Verschwendung des Hofes, die Menschen- und Geldopfer der Eroberungskriege, die Lockerung des Staatsgefüges erfüllen ihn mit schwerer Sorge; er spricht das Wort Revolution aus als das Ende dieser anscheinend so fest begründeten Monarchie; er weist hin auf das Elend des Volks, auf den unabwendbaren Bankrott der leichtsinnigen Wirtschaft, und er zermartert sein Gehirn mit Heilungsprojekten, für die vielleicht unter der nächsten Regierung noch Zeit sein möchte. Für diese Projekte einflußreiche Männer der Zukunft zu gewinnen, den Herzog von Burgund, den Herzog von Orleans, ist sein heißester Wunsch, sein ernstlichstes Bemühen. In den Fächern seines Schreibpults verwahrte er ganze Stöße von Reformvorschlägen, wie sie in der Einsamkeit einem unverantwortlichen Zuschauer leicht zu gelingen pflegen, Entwürfe zu einer ganz neuen Organisation des Reichs, Pläne einer vernünftigen Finanzwirthschaft, alle mehr oder weniger auf die Voraussetzung der Einberufung der Generalstände gestützt. Für den Zusammentritt, die Eröffnung, die Geschäftsordnung dieser erträumten Reichsvertretung hatte er alles bis ins kleinste, bis auf das Ceremoniell und die Einrichtung der Lokale vorbedacht und niedergeschrieben; es scheint, daß er den muthmaßlichen Thronfolger, den Herzog von Burgund, für seine Ideen gewonnen hatte und daß nach dessen plötzlichem Tode der künftige Regent, der leichtlebige Herzog von Orleans, ihm geneigtes Gehör schenkte; als es aber zum Klappen kommen sollte, scheute doch der Regent vor dem großen Schritte zurück, der vielleicht, wenn man ihn gethan hätte, der Weltgeschichte eine andere Wendung gegeben haben würde. Uebrigens wäre es grundfalsch, wollte man sich Saint-Simon als einen Vorläufer der Revolution, als einen verfrühten Liberalen und Anwalt der Rechte der Nation vorstellen. Aufgewachsen in dem Hause seines alten, mißvergnügten Vaters, der mit dem Leben abgeschlossen hatte, seit Ludwig XIII. im Grabe lag, hatte der junge Herzog gelernt, die Zeit vor Ludwig XIV. als den Höhepunkt und die Gegenwart als die beginnende Decadenz anzusehen. Bis an sein Lebensende ist er alljährlich am Todestage des dreizehnten Ludwig nach Saint-Denis gegangen, um dort an der Gruft des längst vergessenen Monarchen zu beten, »ich ganz allein,« schreibt er, »ich habe nie jemand dort angetroffen.« Damit also, daß der König von Frankreich mächtig sei, wie Richelieu ihn gemacht hatte, war er ganz einverstanden, aber er hatte sich ein Grundgesetz des Reichs construirt, wonach der König nicht absolut, wie Ludwig XIV., sondern nur innerhalb gewisser Schranken, nur im Einklänge mit seinen »geborenen Rathgebern«, nur mit Beachtung der geheiligten Ueberlieferungen zu regieren habe. Die geborenen Rathgeber der Krone waren ihm zufolge die großen Vasallen, die Pairs des Reichs, Herzoge und andere Grand Seigneurs , denen allein, wenn alles nach den Rechten gegangen wäre, Sitz und Stimme im Staatsrath und die Bekleidung der obersten Reichswürden, Statthalterschaften und militärischen Commandos gebührt hätte, während unter diesen les gentilshommes , die Familien des landsässigen Geschlechtsadels, die mittleren und unteren Stellen zu besetzen berufen gewesen wären, erst in dritter Linie, als ein nothwendiges Uebel gewissermaßen, les nobles , der Dienst- und Briefadel, Berücksichtigung verdienten. Der dritte Stand mochte in städtischen Obrigkeiten zur Geltung kommen, im Staate, im Heere mitbefehlen zu wollen, war von Seiten eines unedelgeborenen Mannes widernatürliche Anmaßung. Als Gesetzeskundiger, als Finanzmann, als Kanzleibeamter mochte der Bürgerliche dem hochgeborenen Chef an die Hand gehen und seine Ehre darin finden, diesem die Arbeit abzunehmen, die besondere Kenntnisse erforderte, aber nimmermehr durfte er an einen Platz gestellt werden, der ihm mehr Autorität verlieh als dem Edelmann. Von allen diesen schönen Regeln wurde in der Wirklichkeit, die den Herzog von Saint-Simon umgab, täglich und stündlich abgewichen, und nach seiner innigsten Ueberzeugung war diese »himmelschreiende Confusion«, diese »Wegschwemmung aller Grenzmarken«, diese »Verkennung aller Rechte« die Ursache der öffentlichen Leiden, die er beklagte. Denn man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er das öffentliche Wohl ernstlich und aufrichtig wollte, auch das der Bürger und Bauern; in einem wohlgeordneten Einflusse der mit eigenen Rechten ausgestatteten Aristokratie sah er nicht bloß eine Befriedigung seines Standesgefühls, nicht bloß eine Schranke gegen die Eigenmächtigkeiten der Krone, sondern auch die beste und sogar die für Frankreich allein mögliche Bürgschaft gegen Mißregierung. Er ist nie auf den Gedanken gekommen, daß man an der Wahrheit seiner Grundsätze zweifeln könne; nur Ruchlosigkeit, Eigennutz und frevelhaften Leichtsinn erblickt er in denen, die diese Grundsätze in der Praxis verleugneten; er begriff nicht, daß die Gleichmacherei, die Verwischung der auf Geburtsrecht beruhenden Rangunterschiede, über die er so empört war, die natürliche Wirkung des Absolutismus sein mußte, wie ihn Richelieu begründet und Ludwig XIV. consequent ausgebildet hatte. Der absolute Monarch verleiht die Macht entweder den brauchbarsten oder den ihm bequemsten Dienern, ohne viel nach ihrer Geburt zu fragen; die niedriggeborenen sind oft brauchbarer und fast immer bequemer. Ludwig XIV. machte nie einen Grand Seigneur zum Minister; ein solcher genirte ihn zu sehr. Wie unter diesem geschichtlichen Prozesse das Gemüth eines altmodigen Patrioten und Pairs leiden mußte, das ist in den Memoiren auf das anschaulichste dargestellt. Es wirkt zugleich tragisch und höchst ergötzlich, wie die Geschichte des Don Quijote, nur daß der herzogliche Schriftsteller selbst gar nicht ahnt, wie ergötzlich er ist. Die beiden hervorragendsten Portraits in der Galerie des Herzogs von Saint-Simon sind die des Königs und der Frau von Maintenon. Weder das eine noch das andere ist mit liebender Hand gemalt, aber der Unterschied ist groß zwischen ihnen. Man merkt, daß Saint-Simon den König gern in günstigerem Lichte gezeigt hätte; er sucht alles hervor, was dem Bilde zum Vortheil gereichen kann. Für die Virtuosität, mit der Ludwig XIV. die Krone trägt, Frankreich repräsentirt, ist er voll Bewunderung, aber die Bewunderung blendet ihn nicht, wie sie fast alle andern blendete. Die Frau von Maintenon dagegen haßt er mit allen Arten des Hasses; der Grand Seigneur ist empört über die Erhöhung der Abenteurerin ohne Ahnen, der Patriot über die verderbliche Rathgeberin des Monarchen, der Privatmann über seine persönliche Gegnerin, wofür er sie – vielleicht nicht ohne guten Grund – von Anfang an gehalten hat. Von Ludwig XIV. erkennt er an, daß er wie kein anderer es verstanden habe, »Höflichkeit und Galanterie mit Anstand und Majestät zu verbinden,« aber er findet ihn geistig unbedeutend, »unter der Mittelmäßigkeit,« und herzlos, – sécheresse du coeur ist sein Ausdruck, den unsere Sprache nicht wiederzugeben vermag. Die nicht einmal mittelmäßige intellektuelle Begabung des glänzenden Herrschers ist doch wohl nur cum grano salis zu verstehen; es ist schwer zu begreifen, daß ein ganz unbedeutender Kopf so viele Jahrzehnte hindurch die Rolle hätte durchführen können, die doch ohne Frage – ob zum Heil oder zum Unheil – dieser König an der Spitze des Hofs, des Reichs und – geraume Zeit – Europas gespielt hat. Man nennt noch heute die zweite Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts das Zeitalter Ludwigs XIV., was doch sicherlich mehr ist als ein Nachklang höfischer Schmeichelei. Wahr ist, daß der König sehr ungebildet war; seine Erziehung war höchst mangelhaft gewesen, und als er erwachsen war, las er nie ein Buch. Aber er verstand es gleichwohl, sich mit der geistreichen und boshaften Gesellschaft, die ihn umgab, abzufinden, nicht allein ohne sich Blößen zu geben, sondern mit dem positiven Erfolge, daß er als der leitende Mann anerkannt wurde. Manches erklärt sich aus dem angeborenen Gefühl der königlichen Würde, das leicht über die schwierigen Stellen des Weges hinwegtragen mochte; aber gewiß kam dazu auch viel natürlicher Takt und die Erkenntniß der eigenen Mängel, die es ihm möglich machte, alle Klippen klug zu umschiffen. Er versuchte nie zu glänzen, wo es die Natur ihm nicht erlaubte, zum Beispiel in der Unterhaltung. Im Gespräch war er zurückhaltend, kurz angebunden; wenn er aber durch die Situation genöthigt war, aus dem Schweigen herauszutreten, fand er doch das angemessene Wort, das man von einem Monarchen erwartet. Sein berühmtestes Wort » l'état c'est moi « hat er nie gesagt. Die Herzensbeschaffenheit hat der Beobachter wohl richtig charakterisirt, und er läßt es nicht an Illustrationen seines Urtheils fehlen. Er zeigt den König, wie er im Innern seines Palastes und überall das despotische Gesetz seines Beliebens, seines Geschmacks, seiner Bequemlichkeit der Umgebung auferlegt, rücksichtslos, nur an sich selbst denkend. Zum Beispiel auf der Reise, wenn er in einer seiner ungeheuren Karossen sitzt, umgeben von den höchsten Damen des Hofs: »Der König liebte die Luft und wollte alle Fenster offen; er hätte es sehr übel genommen, wenn eine Dame den Vorhang zugezogen hätte, gegen Sonne, Wind oder Kälte; man durfte so etwas nicht einmal bemerken, noch irgend eine andere Unbequemlichkeit. Sich unwohl fühlen war ein Vergehen auf Niewiederkommen.« (Wobei zu bedenken, daß in der Karosse Seiner Majestät zu fahren, als der Gipfel irdischer Glückseligkeit galt.) Die Prinzessinnen seines Hauses entgingen diesen Tyranneien nicht; ob krank, ob schwanger, ob kaum vom Wochenbett aufgestanden, sie mußten ihre Prunkgewänder anthun, alle Feste mitmachen, die Reisen nach Compiègne und Fontainebleau absolviren, ohne mit den Wimpern zu zucken. Einmal, am Karpfenteich zu Marly, mußte man dem König anzeigen, daß sein besonderer Liebling, die muntere kleine Herzogin von Burgund, die er trotz ihrer Schwangerschaft mitgeschleppt hatte, in Folge der Anstrengung fausse couche gemacht habe. Der König antwortete darauf mit einem so brutalen Wort, daß sogar die abgehärtetsten Hofschranzen betroffen dastanden. Es entstand eine Stille, erzählt Saint-Simon, »daß man eine Ameise laufen hören konnte. Ich, ich prüfte alle Anwesenden, mit Augen und Ohren, und ich wußte es mir Dank, seit langem geurtheilt zu haben, daß der König sich allein liebe, sich allein zähle und er selbst sein letzter Zweck sei.« Dies war einer von den höchst seltenen Fällen, wo der König durch seine üble Laune sich hinreißen ließ, vor seinem Hofe etwas unwürdiges zu sagen oder zu thun. Das Mißgeschick eines anderen seiner Lieblinge führte eine weit skandalösere Scene herbei. Einmal, bei feierlichem Mahle, erhob sich der König plötzlich von der Tafel, ergriff sein spanisches Rohr, rannte einem der Lakaien nach und prügelte ihn vor der erstarrten Hofgesellschaft höchst eigenhändig. Der Lakai hatte Kuchen oder dergleichen von der Schüssel in die Tasche praktizirt, der König hatte es gesehen und war in einen Wuthanfall gerathen. Kein Mensch konnte begreifen, wie eine solche Lumperei zu einem so unerhörten Auftritt führen konnte; aber Saint-Simon, der alles mit angesehen hatte, erspürte sehr bald die wahre Ursache. Der König hatte vor Tisch Depeschen von der Armee erhalten; sein und der Frau von Montespan Sohn, der junge Duc du Maine, machte seinen ersten Feldzug mit; der kommandirende General hatte Auftrag, dafür zu sorgen, daß der junge Herr Gelegenheit erhalte, sich hervorzuthun. Nun meldeten die Depeschen, daß der junge Herr zwar die Gelegenheit gehabt, aber sie nicht benutzt habe, – im Gegentheil. Der Lakai mußte dafür büßen, daß der König sich in seiner väterlichen Eitelkeit so tief verletzt fühlte und nun seinen Grimm an dem ersten Besten auslassen wollte. Der nämliche Mensch aber, der die Fassung verlor, weil er sich gedemüthigt fühlte, wußte unter weit schwereren Schicksalsschlägen seine königliche Haltung zu bewahren. Während der Niederlagen und des Elendes, die seine letzten Jahre verdüsterten, gestand Saint-Simon ihm willig zu, daß er »mit immer gleicher Sorge, so lange er konnte, das Steuer hielt, gegen alle Hoffnung hoffte, in allen Stücken das Aeußere desselben Königs zeigte. Dessen wären wenig Menschen fähig gewesen, und dies hätte ihm vielleicht den Beinamen des Großen, mit dem man so voreilig bei der Hand gewesen war, verdienen können.« Die unverzeihliche Sünde des Monarchen war in den Augen des Herzogs, daß er neben sich keinerlei selbständige Größe dulden, alles allein entscheiden, und weil das nicht möglich war, die wirkliche Macht lieber allerlei willkürlich gewähltem Gesinde, Kommis, Federfuchsern, Plebejern auf jederzeitigen Widerruf anvertrauen, als das Regiment mit den ihm von Gott beigeordneten Gehilfen, den Pairs des Reichs, den großen Häusern des Adels theilen wollte. »Er wollte keine Größe, die nicht von ihm ausfließe; alle andere war ihm verhaßt; alle ohne Unterschied brachte er unter dieselbe Kelter, und aus allen, großen und kleinen, machte er ein gemeines Volk, in völliger Gleichheit, un vil peuple en toute égalité « Daß man vor dem Gesalbten des Herrn sich bis zur Erde beuge, das war schön und recht, aber daß erlauchteste Häupter, deren Vorfahren unter Karl dem Großen die Krone als Nächste umstanden hatten, weniger gelten sollten als gens de robe, gens de plume , als die Legisten des Parlaments, als die Intendanten und Kanzleichefs, darin lag doch eine Umkehr aller göttlichen und natürlichen Ordnung, das war die Folge einer frevelhaften Ueberhebung des Königs, der seine vergängliche Person zur einzigen, ausschließlichen Quelle des Rechtes machen wollte. Freilich, wie konnte man sich über die Verletzung herzoglicher Privilegien wundern, wenn selbst die Heiligthümer des königlichen Hauses nicht sicher waren vor dem sacrilegischen Eigenwillen des Königs! Daß Ludwig XIV. seine Bastarde, »die Kinder seiner Person,« gleichzustellen versuchte »den Kindern Frankreichs,« jene mit diesen verheirathete, ihnen den Rang der Prinzen von Geblüt beilegte, ja sogar sie für thronfolgeberechtigt erklärte und einem von ihnen, dem Duc du Maine, testamentarisch die Regentschaft übertrug, das war in den Augen Saint-Simons das äußerste Maß der despotischen Gewissenlosigkeit, eine Versündigung, für die kein Wort der Entrüstung stark genug war. Die erste dieser Missethaten, die doch auch dem Hofe als etwas ungeheuerliches erschien, fällt in das Jahr 1692, als Saint-Simon siebenzehn Jahre zählte, trotz seiner Jugend aber schon ein schrecklicher Aufpasser war. Der König wollte der Tochter, die ihm Frau von Montespan geboren hatte, ein großes »Etablissement« dicht neben dem Thron verschaffen und beschloß, Mademoiselle de Blois (so wurde die junge Dame genannt) mit dem ältesten Sohn seines eigenen Bruders, des Herzogs von Orleans, dem Herzog von Chartres (dem späteren Regenten) zu vermählen. Die Nachricht versetzte den Hof in furchtbare Aufregung; man war gespannt darauf, wie das Haus Orleans sich gegen die unerhörte Zumuthung wehren würde. Zwar von dem schlaffen Oberhaupte der Seitenlinie erwartete man wenig, aber »Madame,« die deutsche Gemahlin des Herzogs von Orleans, Liselotte, von ihr sah man hartnäckigen Widerstand voraus. Sie wollte keine Bastarde in ihrem Hause, sie drohte mit einem offenen Eclat. Saint-Simon spitzte die Ohren und riß die Augen auf. »Da ich mir wohl dachte, daß es heftige Scenen geben werde, machte die Neugier mich sehr aufmerksam und beharrlich.« Natürlich war er nicht Zeuge der Unterredungen, die im Kabinet des Königs zwischen den fürstlichen Personen stattfanden, aber der öffentlichen Scene wohnte er bei, als am Abend die Säle des Schlosses sich der Hofgesellschaft aufthaten. Er sah, wie »Madame« wüthend in der Galerie promenirte, von einer vertrauten Palastdame begleitet, mit großen Schritten, das Taschentuch in der Hand, weinend, laut sprechend und gestikulirend, empört über die Nachgiebigkeit ihres Mannes und ihres Sohnes, »ein Bild der Ceres, die voll Wuth ihre entführte Tochter Proserpina sucht und von Jupiter zurückheischt.« Rings um sie, um ihren Gemahl und den unglücklichen Bräutigam ist alles stumm und verlegen; Zwang und Beklommenheit liegt auf der strahlenden Versammlung. Das Souper des Königs beschließt die peinliche Scene; unter allen aufgeregten und bedrückten Gesichtern zeigt nur das des Monarchen die gewohnte Heiterkeit. »Ich bemerkte, daß der König Madame fast von allen vor ihm stehenden Schüsseln anbot und daß sie fast alle stramm abwies, ohne die höfliche Aufmerksamkeit des Königs auch nur einmal zu erschüttern.« Hernach beim Aufbruch »machte er vor Madame eine sehr markirte und sehr tiefe Verbeugung, während deren sie eine Pirouette so richtig ausführte, daß der König, als er sich wieder aufrichtete, nur noch ihren Rücken vor sich fand.« Und Tags darauf, als Madame durch die Galerie sich zur Messe begab, »trat ihr Herr Sohn heran, um ihr, wie er's jeden Tag that, die Hand zu küssen. In diesem Augenblick versetzte Madame ihm eine so schallende Ohrfeige, daß man es mehrere Schritte weit hörte. Der arme Prinz war, Angesichts des Hofs, zerknirscht vor Scham, und die Zuschauer, unter denen ich war, wurden überwältigt von wunderlichem Erstaunen.« Die Ohrfeige änderte nichts; das Sacrilegium vollzog sich: »das reine Blut der Könige wurde vermischt mit dem Koth eines doppelten Ehebruchs.« Das Fräulein von Blois wurde Herzogin von Chartres und hernach von Orleans und blickte fortan hochmüthig herab auf die edelsten Töchter Frankreichs, als wäre sie im Purpur geboren. Dafür steht von ihr in den Memoiren geschrieben – ich wage es nicht zu verdeutschen – » elle se sentait petite-fille de France jusque sur la chaise percée. « Das tragische Pathos, mit dem der Herzog die einbrechende Auflösung der alten aristokratischen Weltordnung beklagt, die ingrimmige Energie, mit der er für seinen Theil die letzten Reste der Standeswürde vertheidigt, hat einen äußerst komischen Beigeschmack für den, der sich die Ursprünge des Hauses Saint-Simon etwas näher ansieht. Ein solches Haus existirte vor dem siebenzehnten Jahrhundert überhaupt nicht, und wenn irgend eins, so verdankte dieses einer königlichen Laune seine Entstehung. Der Vater unseres Herzogs Claude de Saint-Simon stammte von rechtschaffenem niederem Adel der Grafschaft Vermandois; er diente als siebenzehnjähriger Page am Hofe des Königs Ludwig XIII., dessen Gunst er, wie der Sohn selbst erzählt, zuerst in folgender Weise gewann: »Der König liebte leidenschaftlich die Jagd. Mein Vater, der seine Ungeduld beim Pferdewechseln bemerkte, kam auf den Einfall, ihm das frische Pferd mit dem Kopf an der Croupe des anderen Pferdes vorzuführen. Auf die Art konnte der König sich von dem einen auf das andere schwingen, ohne den Fuß auf die Erde zu setzen, und das geschah im Nu. Dies gefiel ihm; er verlangte immer denselben Pagen beim Umsteigen, er erkundigte sich nach ihm und nahm ihn nach und nach in Affection. Da der erste Stallmeister Baradat sich ihm unausstehlich machte durch Hoffart und Anmaßung, so jagte er ihn weg und gab das Amt meinem Vater.« Der neue Günstling stieg rasch von einer Staffel zur anderen, wurde mit Aemtern und Reichthümern überhäuft und schließlich, im Jahre 1635, mit der höchsten Würde des Reichs geehrt, der eines Herzogs und Pairs. Die Rangerhöhung war aber so außerordentlich und unverhältnißmäßig, daß es nöthig schien, sie ein wenig herauszustaffiren. In der königlichen Urkunde wurde daher der alte Adel der Familie pomphaft gepriesen und behauptet, daß sie in direkter Linie von den Grafen von Vermandois abstamme, die ihrerseits ihr Geschlecht auf Bernhard, König von Italien, Enkel Karls des Großen, zurückführten. Diese imaginäre Genealogie galt natürlich in dem neugebackenen herzoglichen Hause für unanfechtbare historische Wahrheit; unser Memoirenschreiber, der sich über die schwachen Seiten anderer Stammbäume mit überlegener Ironie lustig zu machen pflegt, hatte eher an dem Evangelium gezweifelt, als an seiner Abkunft von dem großen Kaiser. Herr Boisster bemerkt hierzu, daß noch der Großneffe des Herzogs, der revolutionäre Sektenstifter Graf de Saint-Simon, gern erzählte, wie während der Schreckenszeit, als er im Kerker lag, sein Ahnherr Kaiser Karl ihm im Traum erschienen sei und ihm prophezeit habe, daß er, der Graf, als Philosoph die Familie ebenso zieren werde, wie Karl sie als Regent geziert habe! Man kann es ihm nachfühlen, wie enttäuscht er sein mußte, als er bei seinem Eintritt in die Welt sah, daß die französische Monarchie von dem erlauchten Blut wenig Notiz nahm, sobald es sich um praktische Dinge handelte, z. B. um den Waffendienst. Es verstand sich für den Sohn eines Herzogs von selbst, daß sein Degen dem König zur Verfügung gestellt wurde. Mit siebenzehn Jahren trat Saint-Simon in die Armee ein, in ein vornehmes Regiment freilich, aber doch nur als gemeiner Soldat, als Mousquetaire . So forderte es die neumodische Heeresverfassung, die Louvois geschaffen hatte, die für die alten feudalen Herrlichkeiten keinen Raum mehr gewährte. Zwar kaufte man noch Kommandos über Regimenter und Kompagnien, aber man bedurfte, um dazu zu gelangen, eines vorgängigen Dienstes in Reih und Glied und der Genehmigung des Königs, und auch nachdem man Kapitän oder Oberst geworden war, konnte man nicht mehr wie vormals nach Belieben über seine Leute schalten. Die Verwaltung und die Ernennung der Offiziere hingen nicht mehr ausschließlich vom Inhaber des Regiments ab; alles wurde von den Inspektoren des Kriegsministers scharf überwacht, und diese Inspektoren waren meistens alte gediente Militärs von Profession, » gens de rien « die pedantisch und strenge die Aufsicht führten, ohne sich im geringsten um Stammbäume und Pairschaften zu kümmern. Rang und Adel spielten freilich auch in der modernen Armee noch eine Rolle, aber nur noch eine äußerliche; die Macht und der Einfluß konzentrirten sich in der Hand des Königs. Ein hochgeborener Jüngling wurde, wenn er in seine Laufbahn als »Avantageur,« wie wir es nennen, eintrat, mit zarteren Händen angefaßt, als ein gewöhnlicher Offiziersaspirant. Er absolvirte sein Lehrlingsjahr in der Leibgarde, la maison du Roi , und seinen Wachdienst lernte er durch Postenstehen vor den Gemächern in Versailles. Wenn er ins Feld rückte, gestattete man ihm, sich mit prinzlicher Bedienung und einem weitläufigen Train zu umgeben. Als unser junger Seigneur seinen ersten Feldzug mitmachte, hatte er zwei Edelleute zur Aufwartung, außerdem Bedienten und Stallknechte, und seine »Equipage« bestand aus fünfunddreißig Pferden und Maulthieren. Es spricht zu seinen Gunsten, daß ihn der bloße Pomp seines Ranges nicht befriedigte, wennschon in der Sache seine Nörgeleien über das System Louvois unbegründet waren. Uebrigens scheint er, obwohl er mit Ehren diente, nicht gerade von kriegerischem Feuer beseelt gewesen zu sein. Als er neunzehn Jahre alt war, kaufte er ein Reiterregiment und wurde Oberst, mestre de camp ; als er aber sah, daß der König nicht geneigt war, ihm ein höheres Kommando anzuvertrauen, nahm er, erst sechsunddreißig Jahre alt, unter dem Vorwande schwacher Gesundheit seinen Abschied und widmete sich fortan ganz dem Versailler Leben, am Tage den bitteren Honig seiner Beobachtungen sammelnd, den er am Abend in seinen Heften deponirte. Für die Nachwelt war es so besser. Ich habe schon im Vorübergehen von dem Hasse gesprochen, den Saint-Simon den Bastarden des Königs widmete, vor allen dem Herzog von Maine, den Ludwig XVI. nicht allein über die Pairs von Frankreich erhöht, nicht allein den Prinzen von Geblüt gleichgestellt, sondern schließlich sogar zum Regenten während der Minderjährigkeit des Thronfolgers designirt hatte, ohne Rücksicht auf agnatische Rechte, durch letztwillige Verfügung, die schrankenlose Willkür gleichsam über den physischen Tod hinaus verlängernd. Mit gleicher, wenn nicht noch heftigerer Inbrunst haßte der Herzog das Pariser Parlament, das heißt die juristischen Mitglieder dieses obersten Gerichtshofs, zu dem ja auch, wenn er in pleno saß, die Prinzen und die Pairs gehörten, dessen Funktionen und politischen Einfluß aber allmählich die Rechtsgelehrten, deren Aemter sich in gewissen Familien forterbten, vollständig an sich gerissen hatten, aus dem einfachen Grunde, weil sie die eigentliche Arbeit thaten, während die vornehmen Herren nur bei den außerordentlichen Galasitzungen sich einfanden, ähnlich wie noch heute, wenn das englische Haus der Lords als Appellhof fungirt, der Lordkanzler mit den juristischen Peers allein zu bleiben pflegt. Diese »Legisten«, diese » noblesse de robe «, erschienen dem Herzog von Saint-Simon als Usurpatoren, die sich frech an die Stelle der Seigneurs gedrängt hätten und nun in ihrem Uebermuthe, dank der sträflichen Nachsicht der Krone, sich als die Hauptperson geberdeten, während sie nach seiner Meinung eigentlich nur als subalterne Rathgeber, »zu unsern Füßen sitzend, den geborenen Räthen des Königs mit ihrer Gelehrsamkeit Beistand leisten sollten. Während langer Jahre sammelte sich in seinem Herzen unermeßlicher Groll an, wenn er ohnmächtig mit ansehen mußte, wie diese Legisten das Parlament beherschten, die Präsidentenstühle ausfüllten, die Pairs als ihres Gleichen behandelten, sich gewissermaßen als Inhaber einer Art von Souveränität betrachteten, die nur den Thron als etwas höherstehendes anerkannten. Wie gewöhnlich verschmolz sich bei ihm die Sache, das Wesen der Macht, mit dem äußeren Zeichen, das eben deshalb in seinen Augen die höchste Wichtigkeit hatte. Wenn in einer Plenarsitzung der Präsident des Parlaments Umfrage hielt, lüftete er vor den Prinzen von Geblüt das Barett; dieselbe Ehrenbezeugung kam, so behauptet wenigstens Saint-Simon, auch den Herzogen zu, aber die Präsidenten kehrten sich nicht mehr an diese altehrwürdige Regel. Diese » énorme usurpation du bonnet «, wie er es nennt, erschien ihm als die Krönung eines Systems heillosester Konfusion. Aber es kam ein Tag der Vergeltung, der freilich an der hereinbrechenden Konfusion nichts geändert, ihm persönlich aber Stunden der höchsten Wonne und die schönsten Erinnerungen seines Lebens verschafft hat. Der erste Triumph war, sofort nach dem Tode des Königs, die Vernichtung des königlichen Testaments, die Verdrängung des Bastards durch den Agnaten, eine Aktion, an der Saint-Simon mit Feuereifer Theil nahm und die er uns in allen Einzelheiten mit einem Strome von Beredsamkeit beschreibt, daß seine Leidenschaft uns ansteckt und wir schließlich ganz vergessen, wie fern uns doch diese Dinge liegen. Der zweite Triumph ward ihm zu Theil, als der Regent, zum Theil wohl von Saint-Simon inspirirt und gedrängt, sich entschloß, durch königliches Dekret den Bastarden ihre abnormen Vorrechte wieder zu entziehen und sie in die Reihe der gewöhnlichen Menschen zurückzuversetzen, auch dem Pariser Parlamente eine Ordnung aufzuerlegen, die den alten Rangverhältnissen wieder einige Geltung verschaffte und den Hochmuth der Legisten dämpfte. Durch ein Lit de justice – denn das Parlament weigerte sich, die königlichen Ordonnanzen einzuregistriren – wurde am 26. August 1718 der große Akt der Gerechtigkeit vollzogen, nach dem wenigstens ein Mann in Frankreich sich in jahrelanger Sehnsucht verzehrt hatte. Endlich sah er mit Augen die frechen Emporkömmlinge gedemüthigt, den Herzogen und Pairs ihre Ehre zurückgegeben, alle Ungeheuerlichkeiten zerstört, die Ludwig XIV. in der Abgeschlossenheit seiner letzten Jahre, »zwischen seinem alten Weibe und seinem Bastard«, sanktionirt hatte. Den Tag, an dem dies geschah, haben die Memoiren mit unvergänglichen Farben geschildert; die Aufregung des Erzählers theilt sich uns mit; mit einer Spannung, als ob es auch für uns sich um höchste Güter handelte, folgen wir dem Verlaufe der Aktion: wie am frühen Morgen Trommelschlag die Truppen versammelt; wie man ängstlich sich fragt, ob das Parlament der Ladung in die Tuilerien Folge leisten oder offnen Widerstand leisten wird; wie dann der lange Zug der Parlamentsräthe in Sicht kommt, paarweise, in rothen Roben, während Saint-Simon frohlockend am Fenster des Palastes steht; dann die ganze Scene des Lit de justice , deren Einzelheiten, Worte, Geberden, Gruppen, mit dem Entzücken befriedigter Rache wundervoll beschrieben werden, das Staunen der Unbeteiligten, die Freude der Sieger, die Vernichtung der Besiegten. Der erste Präsident, – »dieser Bösewicht«, wird er genannt, hatte er doch die »énorme usurpation du bonnet« begangen – knickt vor unseren Augen zusammen unter der Last der Vergeltung: »er fletschte die letzten ihm annoch verbliebenen Zähne,« sinkt über seinem Stabe zusammen, daß es aussieht, als ob das Kinn ihm auf seine Kniee gefallen wäre: – »ein minder malhonnetter Mensch wäre dran krepirt.« Er selbst muß sich Gewalt anthun, um ehrbar und bescheiden dreinzublicken und nicht laut zu jubeln; »er erstickt am Schweigen;« die Verlesung der Deklaration zu Gunsten der Pairs tönt seinem Ohr lieblicher als Musik. »Ich schwitzte (schreibt er) in der beklemmenden Gefangenschaft meines Entzückens, und diese Beklemmung selbst war eine Wollust, wie ich sie nie, weder vor noch nach diesem schönen Tage, genossen habe ... Ich empfand alle unaussprechlichen Wonnen, den Anblick dieser hochmüthigen Legisten, die uns den Gruß zu verweigern wagten ... meine Augen, eingebohrt, festgeklammert an diesen frechen Bourgeois, schweiften über diese große Bank Knieender oder Stehender und die weiten Falten von Pelzmänteln, die bei jeder langen oder verdoppelten Kniebeugung wogten und wallten, gemeines petit-gris , petit gris ist Pelzwerk von nordischen Eichhörnchen; der deutsche Name, wenn ein solcher existiert, ist mir nicht bekannt, Hermelinmäntel trugen die Herzoge an Galatagen, und Saint-Simon hat sich in diesem Schmuck malen lassen. das wie Hermelin aussehen sollte, und diese entblößten Köpfe, die sich bis zur Höhe unserer Füße demüthigten ... Ich mittlerweile starb vor Freude. Ich fürchtete, in Ohnmacht zu fallen; mein Herz fand keinen Raum mehr, sich auszudehnen. Die Gewalt, die ich mir anthat, um mich nicht zu verrathen, war maßlos, und trotzdem war die Folter süß. Ich triumphirte, ich rächte mich, ich schwamm in meiner Rache, ich genoß die volle Befriedigung der heftigsten, beharrlichsten Wünsche meines ganzen Lebens, ich war versucht, mich um nichts mehr zu bekümmern.« Es ist kein großes Verdienst, wenn wir die fundamentale Verkehrtheit der Idee durchschauen, die diesem feudalen furor zu Grunde liegt. Wir würden aber vielleicht doch irren, wenn wir den blinden Glauben an die Heiligkeit gewisser Erstgeburtsrechte für ganz erloschen in der modernen Gesellschaft hielten. Ihm fehlt aber, wenn er noch existirt, die Gabe, zu sagen, was und wie er empfindet, die hohe schriftstellerische Kraft, die, wie wir an diesem Beispiele wieder sehen, unabhängig ist von dem Werthe des Systems, zu dem sich einer bekennt. Auch dürften unsere Feudalen nicht immer die Entschuldigung für sich anführen können, die dem Franzosen zur Seite steht, die Ueberzeugung nämlich, die er hegte, daß die von ihm geträumte aristokratische Verfassung wirklich einmal bestanden und der Nation zum Segen gereicht habe. Er will aufrichtig das Wohl des Landes, auch der Bürger und der Bauern; er ist in der That nicht so verrückt, wenn er annimmt, dieses Wohl des Landes würde sich besser stehen, wenn der Monarch von einer wirklichen Geburtsaristokratie, als wenn er von einer gemischten Gesellschaft hungriger Streber umgeben wäre. Man sieht nicht, daß er für seine Person oder für seinen Stand Geldvortheile verlangt hätte; seine Pairs und Herzoge sollten, das verstand sich ihm von selbst, durch ererbten Reichthum über die gemeine Gier, die in Versailles sich nach Pfründen und Pensionen drängte, erhaben sein. Auch war sein Glaube nicht so blind, daß er nicht in lichten Augenblicken sich die Frage vorgelegt hätte, ob denn der Adel Frankreichs, der hohe und der niedere, einigermaßen der Rolle gewachsen sein werde, die er ihm zuertheilen wollte: Land und Heer gerecht und weise zu verwalten. Zürnend schreibt er einmal: »Unser Adel ist zu nichts mehr gut, als sich für den König todtschießen zu lassen.« Napoleon hat diesem Adel noch eine andere Qualität zugesprochen: Kammerherren ohne Gleichen zu liefern. Voltaire hat bekanntlich auch über »das Jahrhundert Ludwigs XIV.« geschrieben und es ist sehr interessant zu sehen, – Herr Boissier hebt es nach Gebühr hervor, – wie verschieden von Saint-Simon er die Dinge beurtheilt. Gerade das, was dem Herzog Ekel und Entrüstung einflößte, die Verwischung der feudalen Standesunterschiede, ist in Voltaires Augen ein Ruhmestitel für das Zeitalter des grand monarque . Denn aus diesem »Chaos,« wie Saint-Simon wehklagt, ist die Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts, in der Voltaire die Herscherrolle spielen konnte, hervorgegangen. »Vormals, sagt er, war jedermann eingepfercht in seinem Stande, und jeden Stand erkannte man an seinen Fehlern, den Militär an seinem ungestümen Wesen, den Mann des Rechts an einer abstoßenden Gravität. Nicht wenig trug dazu bei, daß jeder, selbst am Hofe, in der Tracht seines Standes erschien. Das hat sich alles geändert; mit der Tracht hat man auch den Geist der Kaste abgelegt. Alles rückt näher zusammen; die Vorzüge der höheren Klassen theilen sich den anderen mit; der feine Ton, der das Privileg weniger Hotels war, verbreitet sich bis in die Kaufläden. Die ungemeine Leichtigkeit des Umgangs, die Leutseligkeit, die Einfachheit, die Kultur des Geistes haben aus Paris eine Stadt gemacht, die, was Annehmlichkeit des Lebens betrifft, Rom und Athen in den Zeiten ihres Glanzes wahrscheinlich um vieles übertrifft. Die Reize eines zwanglosen Lebens, die Gesellschaften, in die keiner seinen Rang und die Vorurtheile seines Standes mitbringt, wo jeder nur durch sein Verdienst etwas gilt, diese sind es, die Frankreich zum Muster für alle Nationen gemacht haben!« Beide, der grämliche Lobredner des Alten und der fröhliche Verkünder des Neuen, haben Recht und haben Unrecht gehabt. Der eine erkannte die Auflösung einer alten Weltordnung, ohne zu gewahren, daß aus ihr eine höhere Entwicklung sich emporringe; der andere sah die höhere Entwicklung, ohne die Auflösung und ihre Gefahren unter der glänzenden Oberfläche zu bemerken. Jeder der beiden war bornirt in seiner Art, wie wir es alle sind, mehr oder weniger, aber diese beiden sind trotz aller Bornirtheit große Schriftsteller geworden. Napoleon und Taine. (1891.) Taines großes Werk » les Origines de la France Contemporaine « ist jetzt bis zu seinem vorletzten Bande vorgerückt. Auf die beiden ersten Abtheilungen, die das Ancien Régime und die Revolution behandeln, folgt die erste Hälfte der Schlußabtheilung, die neue Zeit, das Régime Moderne , oder, wie der Titel auch hätte lauten können, Napoleon . Der Eigenname des einen Menschen reicht aus, um dem Titel » la Révolution « das Gegengewicht zu halten. Taine hat es verschmäht, seinem neuen Bande die sonore Bezeichnung mit auf den Weg zu geben, aber der Inhalt des Buches ist nichts anderes als die Darstellung der gigantischen Persönlichkeit, die, indem sie sich selbst auslebte , das moderne Frankreich schuf. Es ist das eigentliche Thema des Buches, aufzuzeigen, wie die Institutionen, die politischen Richtungen, die gesellschaftlichen Zustände des Landes von der Eigenart des großen Despoten und gerade dieses Despoten bestimmt worden sind, von der besonderen Art seines Charakters, seiner Herschbegier, seines Wollens, seiner Phantasie und seiner Intelligenz. Im letzten Bande will Taine Kirche, Schule, Familie, »das moderne Milieu « beschreiben und erwägen, mit welchen günstigen und ungünstigen Faktoren die heutige Gesellschaft, die Erbin der Napoleonischen Aera, sich abzufinden hat, oder, mit seinen eigenen Worten, wie »das vollbrachte Werk sich fortsetzt in dem Werke, das vor unseren Augen sich entwickelt.« Im Sinne Taines heißt dies: wir werden sehen, wohin es führt, wenn ein Gemeinwesen seine mächtigsten Impulse und seine entscheidenden Lebensformen vom Despotismus empfängt. Nicht als ob er seiner Nation alle selbständigen Kräfte und Triebe absprechen wollte; aber der Despot hat diese Triebe und Kräfte, weil es so seinem Interesse entsprach, mit überlegener Klugheit, mit Benutzung aller Schwächen des Volkes und eine Zeit lang – mit so glänzendem Erfolge von oben herab reglementirt, kontrollirt und dirigirt, daß noch jetzt, nach achtzig Jahren, trotz Revolutionen, Preßfreiheit und suffrage universel , die bürgerliche Gesellschaft sich in die Bewegungen der vom Kaiser und vom ersten Consul aufgerichteten Maschinerie widerstandslos fügt. Das Wesen dieses verhängnißvollen Despotismus anschaulich zu machen, hat Taine alle seine seltenen Gaben in Thätigkeit gesetzt, seinen mikroskopischen Feinblick und seine Kunst, das Detail zu großen, allgemeinen Resultaten zusammenzufassen, seine eindringliche Beredsamkeit und seinen umsichtigen Bienenfleiß, der aus zahllosen Aktenstücken, aus einer kaum übersehbaren Masse von Thatsachen die charakteristischen Züge herbei- und säuberlich in die sorgfältig eingetheilten Blätter einträgt. Das Wesen des Despotismus ist vielleicht überall und immer dasselbe, aber niemals im ganzen Umfange der Geschichte hat es sich so vollkommen in einem Menschen verkörpert wie in Napoleon, oder wenigstens wissen wir von keinem anderen Despoten auch nur annähernd so viel wie von diesem. Die Schwierigkeit des Urtheils liegt hier nicht in der Dürftigkeit, sondern in der Fülle des Materials. In diesem Falle haben wir Einblick in das Gewebe unzähliger Fäden, natürlicher Anlagen, persönlicher Schicksale, localer und Familieneinflüsse, politischer Ereignisse, zufälliger Constellationen, berechneter Wirkungen, die alle zusammentreffen und genau so zusammentreffen mußten, um das erstaunliche Bild des schrankenlos waltenden Machthabers zu Stande zu bringen. Sein Werden und Wachsen, die allmähliche Entfaltung seiner angeborenen Eigenschaften, die Gunst der Umstände und den Antheil der eigenen Thätigkeiten, den im Rausche des Erfolgs immer riesiger anschwellenden Unternehmungsgeist, das Innere und das Aeußere dieser schwindelerregenden Laufbahn können wir an der Hand des sachkundigen Führers, der die tausend Zeugen in geordneter Reihe vorüberziehen läßt, überschauen und verfolgen. Der Ausgangspunkt ist der Charakter des Mannes, sein Charakter und seine Begabung. Wir wissen nicht, wie viele ähnliche Menschen die Natur geschaffen hat, die, ohne eine Spur ihres Daseins zu hinterlassen, ins Grab gesunken sind, weil Zeit und Umstände ihnen den Gebrauch ihrer Stärke und die Befriedigung ihrer Begierde nicht gestatteten. Napoleon wurde gerade zur rechten Stunde geboren, um eine unerhört günstige Conjunctur ausbeuten und die kühnsten Träume eines hochstiegenden Ehrgeizes verwirklichen zu können. Neben ihm gab es Hunderte und Tausende anderer ehrgeiziger Männer, reichbegabter, voll Muth und Unternehmungslust, aber keinem von ihnen trauen wir zu, daß er, wenn er das Feld für sich allein gehabt hätte, den zehnten Theil dessen vollbracht haben würde, was der junge corsische Offizier gegen die entfesselten Parteien Frankreichs und die Koalitionen der europäischen Großmächte durchgesetzt hat. Der unerhörten Conjunctur, die man am kürzesten mit dem Namen »Chaos« bezeichnet, mußte die beispiellose Natur des Individuums entsprechen, unter dessen Händen das Chaos sich zu einer imposanten und glänzenden neuen Ordnung der Dinge gestalten sollte. Das Individuum zu schildern, hat Taine sich in den beiden ersten Kapiteln zur Aufgabe gemacht; nachdem er den Menschen in seiner Blöße vorgeführt hat, erörtert er die Methoden, die Maßregeln, die Kunstgriffe, mittels deren es dem Ungeheuren gelang, das Ungeheure zu vollbringen, auf den Trümmern der alten Monarchie einen Despotismus ohne Gleichen aufzurichten, Europa zu unterjochen und im Schiffbruche noch dem Welttheil das Vorbild einer Regierungs- und Verwaltungskunst zu hinterlassen, das noch heutzutage allen Staaten des Festlandes, modificirt allerdings nach den veränderten Bedürfnissen, aber doch in den Hauptlinien unangetastet als Muster, wenigstens als Grundriß für Neubauten gilt. Die beiden ersten Kapitel des Taineschen Buches sind bereits vor einigen Jahren in der » Revue des deux mondes « abgedruckt worden und haben damals bei Bonapartisten und hochpatriotischen Franzosen ebenso heftigen Widerspruch erregt, wie vorher die drei Bände der »Revolution« mit ihrer erbarmungslosen Kritik der Jacobiner und vieler anderen Revolutionshelden die Wuth der Radikalen entstammt hatten. Die Bonapartisten und die Radikalen sprechen seitdem verächtlich von den » laborieux pamphlets de M. Taine. « Ich für meinen Theil bekenne, daß ich vor drei Jahren und jetzt wieder die Studie über Napoleon mit großer Bewunderung gelesen habe, daß ich sie im großen und ganzen für richtig halte, und daß ich zwar das Epitheton laborieux nicht anfechten will (eine mühsame Arbeit steckt in den Kapiteln, und sie verräth sich etwas störend in den zahlreichen Noten); aber ein »Pamphlet« ist diese Studie ganz gewiß nicht. Allerdings merkt man der Darstellung an, daß der Verfasser das Genie, das er zergliedert, für einen verderblichen Geist hält und für um so verderblicher, je genialer, aber zugleich hat man doch den Eindruck, daß diese Meinung auf einer sehr strengen und ernstlich wissenschaftlichen Forschung, auf der wohlerwogenen Abschätzung aller Gründe für und wider und schließlich auf einer Weltanschauung beruht, der die Schule der Freiheit für Völker wie für einzelne werthvoller dünkt als selbst die wohlgemeinteste Dressur. Ueber die Dressur in dem Napoleonischen System läßt sich meines Erachtens nicht streiten; einen schärferen und intelligenteren Drillmeister hat die Welt nie gesehen. Ueber die Wohlgemeintheit gönne ich jedem seine Ansicht, glaube aber meinerseits, daß Taine Recht hat, wenn er die unleugbaren großen Wohlthaten, die Frankreich dem Despoten verdankt, nicht auf Menschenliebe, sondern auf einen klarsichtigen und richtig rechnenden Egoismus zurückführt. In seinem Testamente spricht Napoleon von » la France que j'ai tant aimée. « Ja, sagt Taine, er liebte Frankreich, wie der Reiter ein werthvolles Pferd liebt, das ihn über Hindernisse stark und sicher dahin trägt, das ihm aber nichts mehr ist, wenn es mit gebrochenen Gliedern unter ihm fällt. Ein kolossaler Egoismus, der mit dem zunehmenden Erfolge sich immer rücksichtsloser, immer furchtbarer entfaltet, bis er schließlich alle Dinge dieser Welt nur noch auf das eigene Ich bezieht, sie alle nur noch nach dem Werthe, den sie als Mittel und Werkzeuge für den eigenen Willen haben, beurtheilt und sie unbedenklich zu vernichten sucht, sobald sie ihm auch nur mittelbar, auch nur möglicher Weise, auch nur in der Phantasie Schwierigkeiten machen könnten; ein Egoismus heroischer Färbung, der nicht in den kleinen Freuden der vulgären Naturen seine Befriedigung findet (wennschon er auch diese nicht verschmäht), sondern dessen Wollust der Alleinbesitz der Macht ist, die Unterjochung des Willens aller anderen, das souveräne Schalten über Leben, Streben und Schicksal der Nationen und der Millionen Individuen, mindestens in Europa – dieser so geartete, so kolossale Egoismus ist bei Taine der Boden, auf welchem das »moderne Regime« erwachsen ist und dessen Säfte er in dem Stamme, den Aesten und Zweigen des Gewächses chemisch nachzuweisen unternimmt. Mit der bloßen Größe des Egoismus ist es freilich nicht gethan; sie ist wohl häufiger als man sich denkt. Wahrscheinlich giebt es und gab es von je eine große Menge von Menschen, die ebenso wie Napoleon ihrer herschenden Leidenschaft alle Rücksichten geopfert haben würden, wenn sie es gekonnt hätten. Aber im gewöhnlichen Laufe der Dinge fehlen die Voraussetzungen, unter denen allein solche Selbstbefriedigung möglich ist. Die erforderliche Stärke oder Klugheit ist nicht vorhanden, die Werkzeuge bieten sich nicht dar, die Verhältnisse richten unüberwindliche Schranken auf, Furcht vor der Strafe erstickt den frevelhaften Entschluß, oder die leise Macht ererbter Ehrfurcht vor überlieferten Heiligthümern lähmt den Arm. Bei Napoleon treffen alle Voraussetzungen zu. Die Natur hat ihn mit einer unvergleichlichen körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit ausgestattet; eine Revolution hat das Feld vor ihm geebnet und die geschichtlichen Mächte, die dem Emporstrebenden Halt gebieten könnten, zerstört; eine kriegerische und talentvolle Nation bietet ihm eine Fülle junger Männer dar, die ihm zu dienen sich herbeidrängen; Vorurtheile und Traditionen hemmen ihn nicht, weder moralische und kirchliche, noch politische, noch nationale. Er fühlt sich erhaben über die Vorschriften der Moral, die für gewöhnliche Sterbliche bindend sind; er weiß nichts von dem Kultus des Königthums, der beim Ausbruch der Revolution seine Genossen, die jungen Offiziere und Edelleute hinderte, sich in die neue Zeit zu schicken; er bleibt innerlich unberührt von dem Enthusiasmus der Neuerer; er ist frei von dem Widerwillen, der vornehme Naturen abhält, mit wüsten Demagogen Fühlung zu gewinnen und, um sie zu benutzen, ihre Sprache zu reden. Er ist nicht Franzose von Geburt und Abstammung; er hat mit der französischen Kulturwelt, mit ihren Tendenzen, ihren Ideen, ihren Phrasen und Selbsttäuschungen keine innerliche Verwandtschaft; er beobachtet diese Welt, er durchschaut sie, er ergründet ihre reichen Hülfsquellen, aber er lebt und webt nicht in ihr; er bleibt außerhalb stehen, auf dem archimedischen Punkte, von dem aus der Hebel die Welt bewegt. Daß die Ideen des achtzehnten Jahrhunderts, die moderne Civilisation, die Empfindungsweise seiner Zeitgenossen über Napoleon keine Macht zu gewinnen vermochten, obwohl er alle diese Dinge sehr wohl kannte und sie nach Umständen zu politischen oder auch nur decorativen Zwecken gebrauchte – diese durchaus unfranzösische Erscheinung des einsamen, ungeselligen, für den Einfluß der Umgebungen unempfindlichen Gemüths hat Taine auf physiologischem Wege zu erklären oder wenigstens unserem Verständniß näher zu bringen versucht. Rasse und Geblüt und Vererbung gelten, wie man weiß, diesem Schriftsteller als wichtigste Faktoren alles menschlichen Geschehens; es kann nicht überraschen, daß er auch dem Napoleonischen Phänomen gegenüber zu seiner Lieblingsmethode greift, den verborgenen Naturkräften, die ein so wunderbares Gewächs erzeugt und genährt haben, nachzuspüren. Augenscheinlich, sagt er, war er weder Franzose noch ein Mensch des achtzehnten Jahrhunderts; er gehörte einer anderen Rasse und einem anderen Zeitalter an. Seine Familie stammt aus Toscana; sie hat vom zwölften Jahrhundert an bis zum ersten Drittel des sechzehnten in Italien gelebt, in allem Sturm und Drange mittelalterlicher Fehden und Parteiungen, in einer Schule, die nichts eindringlicher lehrte als die Kunst, mit List und Gewalt den eigenen Willen gegen den fremden zu behaupten und durchzusetzen. Und gerade um die Zeit, wo in Italien die Energie, der Ehrgeiz, der starke und freie Saft des Mittelalters schwindet, wo die spanische Herrschaft und die Verweichlichung Italien in den Staub ziehen, im Jahre 1529, siedelt die Familie Bonaparte nach Corsica über, einer zwar italienischen, aber beinahe noch barbarischen Insel, wo, fern von allen Einwirkungen europäischen Lebens, die Sitten und Leidenschaften des ersten Mittelalters sich frisch und lebendig erhalten hatten und der eingewanderten Familie die herbe Kraft des fünfzehnten Jahrhunderts, die sie vom Festlande mitbrachte, ungeschwächt bis ins siebente und achte Glied bewahrten. So erscheint der Sohn des Karl Bonaparte und der Lätitia Ramolino dem Auge Taines als Landsmann und Zeitgenosse der großen Italiener des Quattrocento, der gewaltigen Condottieri, kriegerischen Usurpatoren und klugen Tyrannen, die es verstanden, Staaten zu gründen, wenn auch nur zu persönlichem Gebrauch und auf Lebenszeit. Von ihrem Blut und ihrer »inneren Structur,« moralischer und intellectueller, hat er geerbt; das festländische Reis aber, das, als es nach Corsica kam, immerhin schon durch eine gewisse Kultur veredelt war, ist dort, durch wiederholte Heirathen mit Töchtern der Insel, auf Wildlinge gepfropft worden. Ich lasse es dahingestellt sein, wie viel oder wie wenig auf diese Descendenztheorie zu geben sei; sehr einleuchtend erscheint mir jedenfalls, daß die wilde einsame Insel ein außerordentlich günstiger Ort war, um den Geist des Knaben von allen mildernden und von allen abschleifenden und entnervenden Einflüssen der Bildung des achtzehnten Jahrhunderts, der Humanitären Ideen und der schulmäßigen Abstraktionen fernzuhalten, ihm die unabhängige Originalität zu bewahren, mit der hernach der junge Mann alle Dinge dieser Welt auf ihren substantiellen Gehalt, ohne Haß und ohne Liebe, lediglich nach dem Vortheil oder dem Schaden, den sie ihm bringen könnten, zu beurtheilen pflegte. Aber die Originalität selbst, die es zu bewahren galt, ist doch nicht ein corsicanisches Product, sondern etwas höchst Persönliches und, bei Lichte besehen, nichts anderes als was man sonst Genie nennt, was doch auch nur ein Name und keine Erklärung ist. Die Stelle, wo Taine die Eigenart der Napoleonischen Geistesthätigkeit schildert, ist im Grunde, mit wenigen Modificationen, anwendbar auf die geniale Intuition überhaupt. Wenn er Napoleon mit den hervorragenden Männern der italienischen Renaissance, mit Dante und Michelangelo, mit Julius II., mit Cäsar Borgia und Machiavel in eine Linie stellt (was übrigens schon Frau von Staël und Stendhal gethan haben), weil bei ihm, wie bei jenen »das geistige Werkzeug völlig unverkümmert war« ( l'intégrité de son instrument mental ), so trifft der Vergleich doch weniger die Beschaffenheit des Werkzeugs, wie die Natur es geliefert hat, als vielmehr den Vorzug, den Napoleon mit den Söhnen einer primitiven Culturperiode gemein hatte, keinen Theil seiner Kraft verbrauchen zu müssen mit der Aneignung und dem Wiederabschütteln eines todten Bildungsballastes, den drei Jahrhunderte um den modernen Menschen aufgestapelt haben. Das geistige Werkzeug dieses letzteren hat an Schneide und Biegsamkeit verloren durch die lange Abnutzung, durch die Spezialisirung der Thätigkeiten, durch die Vervielfältigung der fertiggeprägten Ideen und der angelernten Methoden, durch die übertriebene Anstrengung des Gehirns, durch die Verweichlichung eines friedlichen häuslichen Lebens. Von allen solchen Einflüssen war der junge Corse unberührt geblieben, als er die Weltbühne betrat. Der volle Contrast zwischen seiner und der gewöhnlichen Art entfaltete sich sofort, ohne Selbstüberwindung, ohne peinlichen Kampf mit schulmäßigen Gewöhnungen und Dressuren. Sehr des Nachdenkens werth sind die Worte, in denen Taine das zusammenfaßt; sie berühren eine der großen Gefahren der Massencivilisation, denen wir ausgesetzt sind. Er sagt: »Seit drei Jahrhunderten verlieren wir mehr und mehr die volle, unmittelbare Anschauung der Dinge; unter dem Zwange einer mannichfaltigen und langwierigen Stubenerziehung studiren wir statt der Gegenstände ihre Zeichen, statt des Terrains die Karte, statt der ums Dasein kämpfenden Thiere Nomenklaturen, Klassifikationen und bestenfalls todte Exemplare im Museum, statt fühlender und handelnder Menschen Statistiken, Gesetzbücher, Geschichte, Litteratur, Philosophie, kurz, gedruckte Worte, und, was noch schlimmer ist, abstrakte Worte, die von Jahrhundert zu Jahrhundert immer abstrakter werden, folglich immer weiter entfernt von der Erfahrung, schwieriger zu verstehen und zu handhaben, leichter irreleitend, zumal in menschlichen und sozialen Materien. Die Ausdehnung der Staaten, die Vervielfältigung der Dienstzweige, die Durchkreuzung der Interessen kömmt noch hinzu; der Gegenstand vergrößert und komplizirt sich unendlich und entschlüpft unseren Händen; unsere verschwommene, unvollständige, ungenaue Vorstellung entspricht ihm nur schlecht oder gar nicht; in neun Köpfen unter zehn, vielleicht in neunundneunzig unter hundert, ist sie nicht viel mehr als ein Wort, und die anderen brauchen, wenn sie sich die lebendige Gesellschaft vorstellen wollen, nach dem Unterricht der Bücher zehn Jahre, fünfzehn Jahre der Beobachtung und des Nachdenkens, um die Phrasen, mit denen sie ihr Gedächtniß bevölkert haben, umzudenken, zu übersetzen, ihren Sinn zu Präzisiren und zu verifiziren, in das mehr oder minder unbestimmte und hohle Wort die Fülle und Schärfe eines persönlichen Eindrucks zu legen. Gesellschaft, Staat, Regierung, Souveränität, Recht, Freiheit – man weiß, wie diese Ideen, die wichtigsten von allen, um das Ende des achtzehnten Jahrhunderts falsch zugestutzt waren, wie das bloße verbale Raisonnement sie für die meisten Köpfe in Axiomen und Dogmen zusammenkuppelte, welche Nachkommenschaft diese metaphysischen Simulacra , erzeugt haben, wie viele lebensunfähige, groteske Mißgeburten, wie viele ungeheuerliche, verderbliche Chimären. Für keine einzige dieser Chimären ist in Bonapartes Geiste Raum; da können sie weder entstehen noch eindringen; seine Abneigung gegen die substanzlosen Phantome abstrakter Politik geht über Verachtung hinaus, bis zum Ekel: was man in jener Zeit Ideologie nannte, ist recht eigentlich seine bête noir ; sie widert ihn an, nicht bloß in Folge eigennütziger Berechnung, sondern auch und noch mehr in Folge seines Wahrheitsbedürfnisses und Instinktes; als Praktiker, als Staatsoberhaupt erinnert er sich stets, wie die große Katharina, daß ›er nicht auf Papier arbeitet, sondern auf Menschenhaut, die äußerst kitzlich ist.‹ Alle Vorstellungen, die er von Menschenhaß hat, entspringen aus Beobachtungen, die er selbst angestellt hat, und werden kontrollirt durch Beobachtungen, die er selbst anstellt.« Mit dem genialen Blicke, der die Dinge und ihre Zusammenhänge nackt und unmittelbar, ohne die Einkleidung in Formeln und Systeme, vor sich liegen sieht, verknüpft sich eine Arbeitskraft, eine Fähigkeit, sich zu concentriren, und ein Gedächtniß, die über menschliche Grenzen hinauszugehen scheinen. Ohne sie hätte sein Genie nicht ausgereicht, in zwei Jahrzehnten die unübersehbare Menge von Geschäften, deren Seele er war, zu bewältigen. Jedesmal, wenn Taine dem Bilde dieser ungeheuren Leistungsfähigkeit einen neuen Zug hinzufügt, denkt man, dabei ist doch wohl etwas rhetorische Uebertreibung im Spiel: so außerordentlich erscheinen die berichteten Thatsachen. Aber die erstaunlichsten sind doch von unverwerflichen Zeugen beglaubigt. Drei große Atlasse, sagt Taine, trug Napoleon in seinem Kopfe, jeder von ihnen zwanzig starke Bände umfassend, jeder von Tag zu Tag ergänzt, berichtigt und auf dem Laufenden erhalten. Der eine Atlas bestand aus einer enormen Sammlung topographischer Karten und militärischer Etats; der zweite enthielt das Detail aller bürgerlichen Verwaltungszweige mit Einschluß sämmtlicher Einnahme- und Ausgabeposten des Reichsbudgets; der dritte war ein riesiges Personalregister, in welches alle irgendwie bedeutsamen Menschen des In- und Auslandes mit den für sie charakteristischen Notizen eingetragen waren. So märchenhaft das klingt, im wesentlichen ist es gewiß richtig. Man muß in Betracht ziehen, daß auch Durchschnittsmenschen alles, wovon sie eine deutliche Vorstellung haben und was ihnen wichtig ist, dem Gedächtniß ausnehmend fest einprägen. Napoleon aber hatte eben alle jene zahllosen Notizen über die ihm wichtigen Sachen und Menschen in der Form klarer, festumrissener Anschauungen in sich aufgenommen. Er kannte alle Details, weil die Details zu dem Gesammtbilde gehörten, das in seinen Kopf und in sein Gedächniß eingegangen war. Er hatte sie nicht eins nach dem anderen auswendig gelernt, sondern als Theile des Ganzen im Zusammenhänge erfaßt, wie der musikalische Virtuose die tausend Noten einer Composition in der Erinnerung sicher mit sich trägt. Er selbst sagte von sich, daß es im Kriegswesen nichts gebe, was er nicht ohne weiteres machen könnte. »Wäre niemand da, der Pulver zu fabriciren verstände, ich verstehe es, oder Lafetten, ich kann sie construiren; sind Kanonen zu gießen, ich werde sie gießen lassen; sind die Truppen in den Details des Manövers zu unterrichten, ich werde sie unterrichten.« Weil er alles durchschaute, konnte niemand ihm ein X für ein U vormachen, weder die Generale, noch die Minister, noch die Finanzleute, noch die Juristen im Staatsrath, noch der Stallmeister und der Intendant der kaiserlichen Küche. Er zahlte für seinen Hofstaat den zehnten Theil dessen, was Ludwig XVI. gezahlt hatte, und er wurde für die geringere Summe besser bedient. Sein Regiment war wörtlich und im vollen Wortsinne ein persönliches Regiment, im guten und im schlimmen; ohne den Besitz eines solchen geistigen Werkzeugs, wie er es besaß, war der Napoleonische Despotismus vielleicht en gros , nicht aber en détail (und im Detail war er am größten und furchtbarsten), durchführbar. Was mir mehr imponirt als die unermüdliche Arbeitskraft und das phänomenale Gedächtniß, das ist die Fähigkeit, die Gedanken jeden Augenblick ganz und gar auf den einen Gegenstand, der eine Entscheidung fordert, zu concentriren. Darin liegt mehr als Talent, nämlich Größe des Geistes, der alle Regungen der Seele souverän beherscht. »Niemals,« schreibt Roederer, »habe ich ihn zerstreut gesehen, niemals von dem eben discutirten Gegenstände abgezogen durch Gedanken an ein anderes Geschäft, das seiner Entscheidung harrte. Die guten oder schlimmen Nachrichten aus Aegypten haben ihn nie vom Code civil , der Code civil hat ihn nie von den Kombinationen abgelenkt, die das Heil Aegyptens erheischte. Nie war ein Mensch so ganz bei der Sache, unbeugsamer, jede Denkarbeit, die nicht zur gesetzten Stunde sich anmeldete, abzuweisen, eifriger sie aufzunehmen und abzuthun, sobald der rechte Augenblick gekommen war.« – Er selbst sagte auf St. Helena: »Die verschiedenen Gegenstände und Geschäfte lagen in meinem Kopfe wie in Schubfächern eines Schrankes. Wenn ich ein Geschäft unterbrechen will, schließe ich sein Fach und öffne ein anderes. Sie vermengen sich nicht, und nie stören oder ermüden sie mich. Wenn ich schlafen will, schließe ich alle Fächer und schlafe.« Solange er sich mit einem Gegenstande beschäftigt, existirt die übrige Welt nicht für ihn, mag dieser Gegenstand nun ein einzelner Mensch oder eine feindliche Armee sein. Wenn sein Kriegsminister ihm die Monatsrapporte seiner Heere einsendet, liest er sie die Nacht durch, mit demselben Vergnügen wie ein junges Mädchen einen spannenden Roman, und am Morgen schickt er dem Minister Bogen voll Correcturen und Rügen. So groß diese Kräfte seines Geistes sind, sie werden noch übertroffen von einer anderen, von derjenigen, die alle übrigen in eine bestimmte Bewegung versetzt und in feste Bahnen leitet: von seiner Phantasie, » l'imagination constructive. « Aus dieser Quelle steigen unablässig die Bilder zukünftiger Schöpfungen, noch zu vollbringender Thaten auf, nicht in traumhaften Umrissen, sondern ausgestattet mit allem concreten Detail der Wirklichkeit. So erstaunlich ist, was er gethan hat, so ist das, was er unternommen hat, doch noch weit mehr, und so viel er auch unternommen hat, so hat er doch noch weit darüber hinaus phantasirt. Diese poetische Gabe ist bei ihm die stärkste, sie ist zu stark für einen Staatsmann; in ihr steigert sich Größe zur Enormität, und die Enormität entartet in Wahnsinn. Was Talleyrand bei seiner ersten Begegnung mit dem jungen General auffiel, das war, wie wir in den endlich entsiegelten Memoiren lesen: » la fougue de son imagination « Die Expedition nach Aegypten befand sich im Stadium des Projects, und Talleyrand hörte mit Staunen zu, wie Bonaparte sich die Möglichkeit des Unternehmens ausmalte, Regeneration Syriens, Marsch nach Konstantinopel, Gründung eines großen Reichs im Orient, Vernichtung des Hauses Oesterreich, triumphirende Rückkehr nach Paris! Aus noch früherer Zeit stammt eine Aeußerung, die Bourienne von Bonaparte berichtet: »Europa ist ein Maulwurfshaufen; große Reiche und große Umwälzungen hat es immer nur im Orient gegeben, wo sechshundert Millionen Menschen leben.« Hernach, als sich die Aussicht eröffnete, »das Reich Karls des Großen herzustellen,« fand der Maulwurfshaufe Europa Gnade vor seinen Augen; Madame de Rémusat hat ihn darüber plaudern hören. »Das französische Reich muß das Mutterland aller anderen Souveränitäten werden. Ich werde jeden europäischen König anhalten, in Paris einen großen Palast zu seinem Gebrauch zu bauen; zur Kaiserkrönung werden alle Könige nach Paris kommen und diese große Ceremonie durch ihre Huldigungen verherrlichen.« Auch der Papst soll in Paris wohnen; Paris selbst soll sich bis Saint-Cloud ausdehnen und vier Millionen Einwohner umfassen; es soll »etwas Fabelhaftes, Kolossales, Niegesehenes« werden, mit öffentlichen Anstalten, die der Einwohnerzahl entsprechen. Im Jahre 1811 sagt der Kaiser zu de Pradt: »In fünf Jahren werde ich Herr der Welt sein; nur Rußland bleibt noch übrig, aber ich werde es zermalmen.« Man darf es als sicher annehmen, daß, wenn die Zermalmung Rußlands gelungen wäre, diese nie rastende Phantasie ihren Blick nach Indien und China gerichtet hätte. Europa wäre wieder ein Maulwurfshaufe geworden. Als die beiden ersten Kapitel des Taineschen Werkes, die den Menschen Napoleon darstellen, in der » Revue de deux mondes « erschienen, erregten sie viel Unzufriedenheit auch in Kreisen, die nicht bonapartistisch gesinnt waren. Jules Lemaitre, der die Kapitel sehr bewunderte, war erstaunt über das Urtheil seiner Zeitgenossen. »Man hat das Porträt falsch, übertrieben und unzeitgemäß gefunden; es fehlt wenig, daß man Herrn Taine Mangel an Patriotismus vorwürfe. Der Napoleon Bérangers zählt immer noch mehr Gläubige als ich mir gedacht hätte.« Was hat Taine am Ende denn so Neues und Unerhörtes gesagt: »Die erste Hälfte zeigt uns, daß Napoleon ein Mensch von erstaunlichem Genie gewesen ist, die zweite, daß dies Genie egoistisch und, wenn man das Facit der Rechnung zieht, unheilvoll war. Kein anderer hat das so eindringlich und so methodisch nachgewiesen, aber viele andere haben es vor ihm gesagt, und ich für meinen Theil habe es immer geglaubt. Woher kömmt denn nun diese Auflehnung gegen den neuen Historiker Napoleon Bonapartes?« Der französische Kritiker deutet den Grund nur indirekt an. Die Vergötterung des Kaisers ist längst einer kühleren Betrachtung gewichen; Lanfrey, Oberst Charras und Frau von Rémusat haben nicht umsonst geschrieben. Aber trotz alledem ist der Zauber des Namens Napoleon nicht völlig gewichen. Napoleon hat der Nation eine Fülle kriegerischen Ruhmes gegeben wie kein anderer, und wenn er Frankreich kleiner hinterließ als er es vorgefunden hatte, so hinterließ er es zugleich auch größer, als es je gewesen war, größer durch hundert Siegeserinnerungen. Zwanzig Jahre lang hat er Krieg geführt, hat er die Seele des französischen Volks zu ihrer vollen Höhe emporgehoben, seinen Muth, seinen Stolz, seine Opferfähigkeit gesteigert. Das gedenkt man ihm, das wünscht man nicht durch die Darstellung seiner wahren Natur und seiner schädlichen despotischen Politik verdunkelt zu sehen, denn im stillen (so schreibt Jules Lemaitre, der es besser wissen muß als wir), im stillen seufzt man: »Käme doch ein Ungeheuer wie dieser, uns zu schütteln und uns zu rächen!« Ideen dieser Gattung haben über den Philosophen keine Gewalt; sie sind seiner Darstellung völlig fremd geblieben; die militärische Größe ist natürlich auch ihm ein wichtigster Faktor des napoleonischen Erfolgs, aber sie hat nicht seine Sympathie, – im Gegentheil. – Denn die militärische Größe ist ja eben das Fundament gewesen, auf dem der napoleonische Despotismus sich aufbaute, alle Möglichkeiten gesunder Freiheit, bürgerlicher Selbständigkeit, natürlicher Gruppenbildung auf Generationen hinaus vernichtend. Diese verderbliche Wirkung des Genies und der Feldherrngröße nachzuweisen, ist gerade das Thema des Buchs, wie sollte es denen gefallen, die, wenn Lemaitre Recht hat, noch heute bereit sind, sich einem Despoten zu Füßen zu werfen, wenn er ihnen nur Waffenruhm und Rache verschafft? Ja, dieses Mißfallen der lebenden Generation wird zu einem Zeugnisse für den Schriftsteller, der uns deutlich zu machen sucht, wie vor neunzig Jahren der Despot dem damaligen Geschlechte als ein Erlöser, als ein Halbgott erschien und das Ruere in servitium der Menge dem Ehrgeize des einen auf mehr als halbem Wege entgegen kam. Den deutschen Leser werden die abfälligen Urtheile des französischen Chauvinismus nicht sonderlich stören. Mehr Beachtung verdienen die Einwendungen, die ein Beurtheiler wie Lemaitre, der im allgemeinen das von Taine aufgerichtete kolossale Bild zutreffend findet, gegen einzelnes erhebt. Er vermißt die Entwicklung; es zeigt sich nirgend ein Unterschied zwischen Anfang, Mitte und Ende; der Artillerielieutnant und der Kaiser sind dieselbe Figur, »ein unbeweglicher Riese.« Sollten in diesem Leben moralische Krisen gänzlich ausgeblieben sein? ist nicht solch eine Krisis eingetreten, als er den Herzog von Enghien erschießen ließ, und war er nach diesem Morde nicht ein anderer als vorher? Hierauf antworte ich, daß der Kritiker, weil er nur zwei Kapitel kannte, von einer irrigen Voraussetzung ausgegangen ist. Hätte er die folgenden acht Kapitel vor Augen gehabt, so würde er erkannt haben, daß es verfehlt war, Taine den Historiker Napoleons zu nennen, daß Taine nicht die Absicht hatte, den Charakter Napoleons in einem Lebensbilde zu schildern, sondern daß er ihn zergliedern, seine wichtigsten Bestandtheile bloßlegen und auch dies nur deshalb unternehmen wollte, weil mit diesen Charaktereigenschaften die Organisation des modernen Frankreich auf das innigste, nicht bloß historisch, sondern causaliter zusammenhängt. Die Entwicklung des Charakters würde sich nur in epischer Form veranschaulichen lassen, und für die vorliegende Aufgabe kam sie nicht sehr in Betracht. Als Bonaparte zu herschen begann, waren wohl die Hauptlinien des Bildes fertig und unverrückbar. Ohne Frage haben hernach Erfahrung, Selbstvertrauen, Uebermuth noch Fortschritte gemacht; aber das sind keine moralischen Krisen, sondern nur die unausbleiblichen Wirkungen eines so thätigen und so unerhört erfolgreichen Lebens, bei den einmal vorhandenen Geistesgaben und moralischen (oder unmoralischen) Anlagen. Was speziell die Ermordung des Herzogs von Enghien betrifft, so glaube ich nicht im mindesten an die moralische Krisis, die mit dieser Frevelthat verknüpft gewesen sein soll. Schon die äußere Geschichte des Verbrechens, die uns genau bekannt ist, deutet auf alles andere eher als auf Seelenkämpfe und innere Erschütterungen dessen, der die That beschloß und ausführen ließ. Der kaltblütigste Jäger, der ein Wild einfängt und tödtet, kann nicht prompter und sachgemäßer zu Werke gehen. Wir besitzen aber auch eine höchst glaubwürdige und höchst anschauliche Darstellung des persönlichen Eindrucks, den während der Ausführung des Verbrechens Bonaparte auf seine Umgebungen machte. Ich bedaure, daß ich nicht das ganze fünfte Kapitel der Memoiren der Frau von Rémusat hersetzen kann; wer es liest, wird überzeugt sein, daß der erste Consul, als er den unglücklichen Prinzen opferte, nicht in sich selber etwas zu überwinden hatte, sondern lediglich das Urtheil der Welt als eine Schwierigkeit, mit der er zu rechnen habe, betrachtete. Josephine, angestachelt von Frau von Rémusat, hatte ihren Gemahl angefleht, das Leben des Gefangenen zu schonen. Er wies sie heftig zurück. Frauen sollten sich nicht in solche Sachen mischen; die Politik fordere diesen Schlag, der den Verschwörungen ein Ende machen und ihn der Nothwendigkeit steter Verfolgungen überheben werde. Der Tod des Herzogs werde den Verdacht, als ob Bonaparte jemals mit den Bourbonen sich verständigen könnte, auf immer ersticken. Der Herzog bedrohe die innere Ruhe Frankreichs; sein militärischer Ruf könnte in Zukunft die Armee erregen; wäre er einmal todt, so hätten die Soldaten nichts mehr von der alten Dynastie zu hoffen. Josephine stellte ihm vor, daß er das Gehässige der Handlung noch erhöhte, indem er Coulaincort, dessen Eltern dem Hause Condé nahe gestanden hätten, als Werkzeug benutzte. Bonaparte erwiderte: »Das hab' ich nicht gewußt, aber was liegt daran? Wird Coulaincourt kompromittirt, so schadet's nicht viel: um so treuer wird er mir dienen. Die Jakobiner werden fortan es ihm verzeihen, daß er Edelmann ist.« Am Tage vor der Hinrichtung war Bonaparte bei Tafel sehr liebenswürdig und gesprächig; er plauderte über gleichgültige Dinge, trieb allerlei Spaß mit seinem kleinen Neffen, machte seiner Frau den Hof, »mit mehr Freiheit als Decenz,« neckte Frau von Rémusat, weil sie kein Rouge aufgelegt habe, »Schminke und Thränen stehen den Frauen so gut!« – und nöthigte sie, mit ihm Schach zu spielen. Er hatte an dem Spiel Geschmack gewonnen, aber, sagt die Verfasserin der Memoiren, spielte es nicht besonders gut, »weil er sich den Regeln für die Bewegungen der Figuren nicht unterwerfen wollte« – ein ausnehmend charakteristischer Zug, den zu meiner Verwunderung Taine sich hat entgehen lassen. Während der Schachpartie summte Bonaparte allerlei Melodien; ab und an citirte er abgerissene Verse aus Tragödien, » Soyons amis, Cinna « und anderes, was auf Gnadenabsichten sich deuten ließ. Plötzlich rollte ein Wagen, General Hullin wurde gemeldet – er war der Vorsitzer des sogenannten Kriegsgerichts, das die Erschießung des Prinzen in der nächsten Nacht verfügen sollte – der erste Konsul erhob sich rasch und zog sich zurück mit Hullin, Murat und Savary. Es mahnt wie an eine Scene in »Macbeth,« wenn die Mörder auftreten; nur daß hier Macbeth keine Spur von Gewissensbedenken zeigt. Am Tage nach der Hinrichtung herscht eine düstere Stimmung im Palaste; sogar Savary ist erschüttert; die Damen haben verweinte Augen. »Das ist ganz einfach,« sagt Bonaparte zu Josephinen, »Weinen ist euer Metier. Ihr anderen versteht nichts von meinen Geschäften; aber alles wird sich beruhigen, und man wird sehen, daß ich keineswegs was dummes ( une gaucherie ) gethan habe.« Bei Tafel – General Hullin speist mit – ist es sehr still: Bonaparte schien in Gedanken versunken, die anderen hatten keine Neigung sich zu unterhalten. Plötzlich, beim Aufbruch, spricht Bonaparte über den Tisch hin: »Sie werden wenigstens sehen, wessen wir fähig sind, und uns von jetzt an hoffentlich in Ruhe lassen.« Man begiebt sich in den Salon, der von Besuchern erfüllt ist; Bonaparte ergeht sich in belebtem Gespräche über litterarische, historische, militärische Themata; er nennt Friedrich den Großen. »Das ist ein Mann, über den ich ein gutes Buch lesen möchte, einer von denen, glaub' ich, die ihr Handwerk in allen Zweigen am besten verstanden haben. Diese Damen werden das nicht finden; er ist ihnen zu kalt und zu persönlich; aber ist ein Staatsmann denn dazu da; sich gefühlvoll zu zeigen? Steht er nicht völlig excentrisch da, er allein für sich, die Welt ihm gegenüber? ... Er hat sehr ungleiche Pferde vor seinem Wagen; da hat er nicht Zeit, alle die konventionellen Gefühle zu schonen, die für den gewöhnlichen Menschenschlag so wichtig sind. Kann er Bande des Bluts, Herzensneigungen, kindische Rücksichten der Gesellschaft in Betracht ziehen? Wie viele Handlungen kommen da vor, die man, vom ganzen getrennt, tadelt, obgleich sie mitwirken bei dem großen Werke, das die Menschen nicht wahrnehmen! Eines Tages aber vollenden diese Handlungen die Schöpfung des Kolosses, die von der Nachwelt bewundert werden wird. Bedauernswerthe, die ihr seid! Ihr haltet euer Lob zurück, weil ihr fürchtet, die Bewegungen der großen Maschine möchten euch zermalmen, wie Gulliver, wenn er ein Bein vorsetzte, die Lilliputaner. Blickt in die Ferne, vergrößert eure Phantasie, und ihr werdet sehen, daß die großen Männer, die ihr gewaltthätig, grausam, ich weiß nicht was nennt, einfach Politiker sind. Sie kennen sich, beurtheilen sich besser als ihr, und wenn sie geschickt sind, machen sie sich zu Meistern ihrer Leidenschaften; denn sie bringen es dahin, die Wirkungen ihrer eigenen Leidenschaft zu berechnen.« Die Wirkung, nicht die That, beschäftigt seine Gedanken; wie wird Paris, Frankreich, Europa afficirt werden? dies noch Ungewisse ist ihm das allein Wichtige. Dem Urtheil der Menschen eine seinem Interesse entsprechende Richtung zu geben, darauf ist er eifrig bedacht. Er läßt Bruchstücke aus den Akten des Prozesses gegen die letzte royalistische Verschwörung im Salon vorlesen; dann bricht er los: »Diese Beweise sind unwiderleglich. Man wollte Frankreich in Verwirrung stürzen und in mir die Revolution tödten. Ich mußte sie schützen und rächen. Ich habe gezeigt, wessen sie fähig ist. Der Herzog von Enghien konspirirte wie die andern; ich mußte ihn behandeln wie die andern. ... Ich habe Blut vergossen, ich mußte, ich werde vielleicht noch mehr vergießen, aber ohne Zorn, lediglich weil der Aderlaß zu den Kombinationen der politischen Medizin gehört. Ich bin der Mann des Staats, ich bin, das wiederhol' ich, die französische Revolution, und ich werde sie aufrecht halten.« Für mich fällt der Eindruck dieser Erzählung und dieser Selbstbekenntnisse ziemlich genau zusammen mit dem Eindruck, den Taines Theorie auf mich macht, – ein schrankenloser Egoismus, der ohne weiteres, gewissermaßen instinktmäßig, die eigene Person, das eigene Interesse, die eigene Politik gleich setzt mit der Welt, dem Weltinteresse und dem Weltgesetz. Zwar ist er nicht so blind, um nicht zu erkennen, daß die moralischen Regungen der Menschen, dasjenige Was er » certaines convenances de sentiment « nennt, eine Thatsache und eine Macht sind und daß er sie in seine Rechnung aufnehmen muß, aber Schwierigkeit machen ihm diese Regungen nur, weil sie für die anderen Bedeutung haben. Auch so imponiren sie ihm nicht; er ist überzeugt, mit ihnen fertig zu werden; er rechnet auf den Eigennutz, die Gemeinheit, die Furcht, den Zauber des Sieges, und er behält Recht. Die Ermordung des Herzogs von Enghien hindert die französische Nation nicht, ihm die Kaiserkrone anzubieten, hindert den französischen Adel nicht, sich zum Hofdienste in den Tuilerien zu drängen, und den Papst nicht, in Notredame den Mörder zu segnen. Im ersten Schrecken glaubten die Leute, ein neues Blutregiment werde beginnen; sie kannten Bonaparte noch nicht. Er war nicht grausam, es machte ihm keine Freude, andere Menschen zu quälen. Man athmete froh auf, als man sah, daß er nur aus Politik tödte, und man rechnete es ihm als Verdienst an, daß er kein Wütherich sei. Aber eins, sagt man, erklärt uns Taine nicht. Dies Ungeheuer hat seine Generation fascinirt, Millionen und Millionen haben ihn geliebt. Wer ihm nahe kam, wurde bezwungen von seiner Ueberlegenheit und gehörte ihm an. Seine Soldaten, wenn sie auf dem Rückzuge von Moskau ermattet in den Schnee gesunken waren und der Ruf »die Kosaken!« erscholl, rührten sich nicht; wenn aber einer rief »der Kaiser kömmt!« erhoben sich alle wie ein Mann. Das fehlt, die Silhouette des kleinen Korporals fehlt in der Studie Taines. Er hat den Napoleon der Legende vergessen, und diese Legende ist doch auch eine geschichtliche Thatsache. Wie konnte sie sich bilden, wenn ihr Held so beschaffen war, wie die Studie ihn uns zeigt? Wenn man so fragt, beweist man noch nicht, daß die Legende sich nicht bilden konnte, obgleich ihr Held so war, wie Taine ihn darstellt. Vielleicht läßt sich der Widerspruch zwischen Volkssage und geschichtlicher Wahrheit lösen, ohne daß man an dem Taineschen Werke einen Strich zu ändern braucht. Die Legende spiegelt nicht allein die richtigen Eindrücke, sondern auch die Täuschungen wieder, und die Täuschungen waren in vorliegendem Falle erklärlich genug. »Das Volk,« sagt Lemaitre, »ist ein großer Bewunderer der Stärke und der materiellen Größe.« Das ist eins, aber es ist nicht alles. Die Millionen, die den ersten Consul liebten und den Kaiser vergötterten, bis das Glück ihn verließ, verdankten ihm die größesten Wohlthaten. Man muß sich vergegenwärtigen, aus welcher Tiefe der Zerrüttung, welchem materiellen Elend, welcher Verwahrlosung, welchen auswärtigen Gefahren Bonaparte, als er von Aegypten zurückkam, Frankreich erlöste und wie er mit einem Zauberschlage alles das nicht allein beseitigte, sondern in das glänzendste Gegentheil verwandelte, die Zerrüttung in die vollkommenste Ordnung, die je in diesem Lande geherscht hatte, den Staatsbankerott in blühende Finanzen, die Verwahrlosung in sorgsame und großartige Pflege, die Trümmer in imposante Bauwerke, die Furcht vor der Invasion in Siegesjubel und Eroberung. Gerade diesen Umschwung hat Taine mit den lebhaftesten Farben geschildert; niemand, der das mit einiger reproduzirender Phantasie liest, wird die Erklärung vermissen, wie die unermeßliche Popularität des Helden und wie aus dieser die Legende entstand. Die große Menge des Volks empfand zehn Jahre lang nur die guten und glänzenden Seiten des neuen Regiments; es wäre seltsam gewesen, wenn sie mit kritischem Blicke die versteckten Fehler erkannt hätte, die achtzig Jahre später der scharfsinnige Forscher bloßgelegt hat. Für die feineren und höheren Interessen der Staatsentwicklung, der geistigen Freiheit, der menschlichen Bildung hatte Bauer und Bürgersmann wenig Empfänglichkeit; ihm lag nichts daran, wenn der Despot alle Domänen des höheren Lebens confiscirte, so lange er Säen und Ernten auf den Privatäckern gegen alle Störungen, Plünderungen und Brandschatzungen sicher stellte. Unter den Launen, Ansprüchen und Härten des Herschers hatte der gemeine Mann nicht zu leiden, so wenig wie der gemeine Soldat etwas von den Rücksichtslosigkeiten und Ungerechtigkeiten merkte, die der Feldherr an Marschällen und Generalen übte. Dem Soldaten war er der Führer zum Siege, der ihm Beute, gute Verpflegung, Beförderung verschaffte, der ihm »den Marschallstab in die Patronentasche« legte, der den militärischen Stand über alle anderen erhob, und vor dessen Augen kein Vorrang der Geburt, kein Unterschied der Klassen galt, sondern nur die persönliche Leistung, der Werth des Mannes. Dem Soldaten, mit einem Worte, war er »der Kaiser« und »der kleine Korporal« in einer Person. Die Höhergebildeten, die Urtheilsfähigeren, die in seine Nähe kamen und »bezwungen« wurden, standen zunächst doch auch unter dem Einflusse, der den gemeinen Mann und den gemeinen Soldaten gefangen nahm. Auch sie waren geblendet von so ungeheuren Erfolgen und, als Franzosen, erkenntlich für die Wohlthaten, die das Land in die Höhe richteten. Auch ihnen wäre es schwer gefallen, eine nüchterne Kritik zu üben, die selbst den Nachgeborenen noch einige Anstrengung kostet. Und vor allem standen sie, was den Jetztlebenden erspart ist, in dem Bannkreise des lebendigen Genies, das unmittelbar seine Ueberlegenheit auf sie wirken ließ, ihre Bewunderung entstammte, ihren Widerstand entwaffnete, ihnen das Gefühl einflößte, einem höheren Wesen zu dienen, dem Manne des Schicksals, dem unwiderstehlichen, indem sie ihm dienten. Solche wunderbare Wirkungen des Genies sind auch sonst vorgekommen; sie sind keineswegs auf diejenigen Fälle beschränkt, wo mit dem großen Geiste große Güte vereint war. Lamartine, den es peinigte, Napoleon verehren zu müssen, obwohl er keine Güte in ihm entdecken konnte, wußte sich nicht anders zu helfen als durch die Annahme, daß das Genie selbst eine Art Tugend sei: Et toi, fléau de Dieu, qui sait si le génie en toi n'était une vertu? Vielleicht kann man darin einen Mangel der Taineschen Studie erblicken, daß er das mystische Element, das in diesem wie in allen großen Schicksalsmännern vorhanden war, vernachlässigt hat. Allerdings ist auf diesem Gebiete der wissenschaftliche Forscher im Nachtheil gegen den Dichter. Die innersten Vorgänge des Seelenlebens gelangen selten in die Akten; poetisches Ahnungsvermögen aber vermag aus leisen und vereinzelten Strichen das Bild zu ergänzen, das, weil es von der Phantasie eingegeben zu sein scheint, darum nicht minder wahr sein kann. Ohne das Mystische, ohne den festen, wenn auch trügerischen Glauben an ein Höheres ist das Auftreten solcher Männer nie recht verständlich. Glaube an den besonderen Schutz der Götter oder Gottes, Glaube an die Sterne, Glaube an sich selbst als an etwas Uebermenschliches – in einer oder der anderen Form erscheint dieser mystische Fatalismus, der im Grunde höchstes Selbstgefühl, genährt vom Erfolge, ist, im Leben der berühmtesten Erderschütterer, als Quelle bald unbegreiflichen Wagemuths, bald ebenso unbegreifticher Verblendung. Alexander, Cäsar, Mahomed, Cromwell, Wallenstein gehören in diese Reihe, und mit Napoleon ist sie nicht abgeschlossen. »Wenn man keine irdische Stirn über sich erblickt, fühlt man das Unbekannte.« Es ist das Gefühl, das dem Cäsar Shaksperes die letzten Worte vor der Katastrophe eingiebt: »Doch ich bin standhaft wie des Nordens Stern, Des unverrückbar ewig stäte Art Nicht ihres Gleichen hat am Firmament. Der Himmel prangt mit Funken ohne Zahl, Und Feuer sind sie all' und jeder leuchtet. Doch einer nur behauptet seinen Stand, Vom Andrang unbewegt; daß ich der bin, u. s. w. und dasselbe Gefühl hat Schiller in dem Helden seines größten Dramas mit psychologischem Tiefsinn verkörpert, der vielleicht nicht so lebendig zum Ausdrucke gelangt wäre, wenn nicht die Gestalt Napoleons ihren Schatten, eben damals als der Wallenstein gedichtet wurde, über Europa geworfen hätte. Ohne Zweifel ist dieser mystische Glaube, wie ein Kind, so auch ein Vater großer Erfolge; nicht allein, daß er seinem Träger die sichere Ruhe, die über Abgründe hingeleitet, einflößt; er reißt auch die Umgebungen mit sich fort; auch sie theilen den Glauben ihres Führers und stellen ihm Kräfte und Hingebungen zur Verfügung, die ihm immer Größeres zu wagen gestatten. Wenn man erklären will, wie es zuging, daß die Gottesgeißel die Menschen fascinirte, darf man dies Element nicht vergessen. Auf die Poeten hat es mächtig gewirkt; Byron, Heine, Hugo, Lamartine, Manzoni und wie viele andere sind Zeugen des geheimnißvollen Zaubers, den die »Schicksalsidee,« die in Napoleon dunkel waltete, auf die Gemüther ausübte. Taine hat die sogenannten menschlichen Züge Napoleons (als ob Egoismus und Despotismus nicht menschlich wären), seine Liebenswürdigkeiten bei einzelnen Gelegenheiten, seine Vertraulichkeiten im Umgange mit Soldaten und Bauern, sein Spielen mit Kindern, sein musterhaftes Benehmen der Erzherzogin gegenüber, seine Zärtlichkeiten für Josephine, die ihn übrigens nicht abhielten, ihr fortwährend untreu zu sein und schließlich sie zu verstoßen, – diese und ähnliche Züge hat Taine nur ganz flüchtig, wenn überhaupt, skizzirt, und man hat auch darin Parteilichkeit und gewollte Einseitigkeit finden wollen. Mit Unrecht, meine ich. So interessant auch jene Details sein und zu psychologischen Betrachtungen in anderer Richtung anregen mögen, in der Richtung des Taineschen Gedankenganges liegen sie nicht; für das Werk Napoleons haben sie keine Bedeutung. Wer es unternahm, die europäische und französische Schöpfung Napoleons als Produkte seiner Persönlichkeit darzustellen, brauchte sich nicht um solche Charakterzüge zu kümmern, die in den aufgeführten Gebäuden, der halbfertigen Universalmonarchie und der vollendeten Organisation Frankreichs keine Spur hinterlassen haben. Das wissen wir ja ohnehin, daß, wie die Könige nicht mit Krone, Reichsapfel und Scepter spazieren gehen und sich zu Tische setzen, auch die weltgeschichtlichen Menschen nicht jede Stunde ihres Daseins in ihrem historischen Kostüm zubringen. Der Haupttheil des Taineschen Bandes läßt sich nicht auszugsweise charakterisiren. Wie der Architekt des modernen Despotismus den Bauplatz völlig nivellirt, aber mit Schutt und Unrath bedeckt, vorfindet, wie er ihn säubert, wie er den Bauplan ausarbeitet, mit klarstem Ueberblick über die Bedürfnisse, die Wünsche und die Vortheile der Menschen, die in dem neuen Hause wohnen sollen, mit der höchsten Zweckmäßigkeit in der Wahl der Mittel, der Anordnung der Räume und der Einrichtung der Communicationen, mit der grandiosen Symmetrie, die dem Geschmack und dem Rationalismus der Franzosen entspricht, vor allem mit einem imposanten Centrum, das alle Stockwerke, Säle, Treppen und Gänge überschaut und beherscht, das alles muß man in dem Buche selbst nachlesen, dessen meisterliche Zusammenfassung und Belebung unzähliger Einzelheiten zu einem erstaunlichen Ganzen mir wenigstens als eine neue Art von Kunstwerk erscheint, durch die Macht des einen leitenden Gedankens und des fesselnden Vortrags Massen von interessantem Detail zu einem noch interessanteren, anschaulichen Gesammtbilde verschmelzend, und auch ästhetisch betrachtet, in der Wirkung den spannendsten Werken der Dichtung gleichstehend. Das mag zum Theil am Stoffe liegen, der nicht nur an sich die höchste Anziehungskraft für Geist und Phantasie besitzt, sondern außerdem auch noch für die Gegenwart von unmittelbar empfunderer Bedeutung ist. Aber diesen überquellenden Stoff in die feste Form dieser glänzenden Studie gegossen zu haben, bleibt darum doch eine literarische Leistung ersten Ranges. Leroy Beaulieu, der soeben im »Journal des Débats« eine Serie von Artikeln über Taines Werk eröffnet, steht nicht an, zu erklären, daß er »das Bild ebenso erstaunlich finde wie das Modell.« Und dieser ausnehmend besonnene Schriftsteller findet das Bild ähnlich, unbeirrt durch alle Einwendungen, die Chauvinismus und Romantik erheben möchten. Im Schlußurtheil stimmt er mit Taine überein, vielleicht mit einem etwas stärken Accente der Bewunderung für den Bau, den Napoleon hinterlassen hat. Zerstört, meint er, sei eigentlich nur die kaiserliche Fassade; die großen Mauern sind aufrecht geblieben, die Gesetzbücher, die Verwaltung, das Finanzsystem, das Concordat, die Universität (Schulverfassung), und die Nation hat innerhalb dieser Mauern sich völlig eingewohnt. Ja, noch mehr, halb Europa, Spanien, Portugal, Italien, Belgien, hat für seine Staatseinrichtungen die napoleonischen Institutionen zum Muster genommen. Man kann noch weiter gehen und sagen, ganz Europa, der Kontinent, hat sich unter der mächtigen Nachwirkung dieses Vorbildes organisirt. Der politische Kampf unserer Tage beruht zum erheblichen Theile auf dem Bestreben, innerhalb der von dem unerbittlichen Administrator vorgezeichneten Mauern der Freiheit den ihr gebührenden Platz zu sichern oder wieder zu erobern. Für seine eigene Nation scheint Taine dies Bestreben für ziemlich aussichtslos zu halten: er schließt sein erstes Buch mit folgenden düstern Worten: »So beschaffen ist Napoleons politisches Werk, das Werk des vom Genie bedienten Egoismus. Seinen europäischen Bau wie seinen französischen Bau hat der souveräne Egoismus mit einem Constructionsfehler behaftet. In dem europäischen Gebäude ist der fundamentale Fehler gleich Anfangs zu Tage getreten und hat nach Ablauf von fünfzehn Jahren den jähen Zusammensturz herbeigeführt; in dem französischen Gebäude ist er ebenso schlimm, wennschon minder sichtbar; man erkennt ihn erst nach Ablauf eines halben oder gar eines ganzen Jahrhunderts, aber seine allmählichen, langsamen Wirkungen werden ebenso verderblich sein und sind nicht minder sicher.« Es ist vorteilhaft den Genius zu bewirthen, aber es ist gefährlich ihn zum alleinigen Herrn im Hause zu machen. Napoléon intime. Napoléon intime, par Arthur Lévy. Paris, Librairie Plon. 1893. (1893.) Die Zeitungen berichten, daß auf dem diesjährigen Pariser Salon die napoleonische Epopöe sich wieder einen breiten Raum verschafft habe wie nur je in den Tagen der Julimonarchie und des zweiten Kaiserreichs. Die Gemälde, die den bekannten dreieckigen Hut und die graue Redingote zum tausendsten Male reproduciren, die Scenen aus der Geschichte der großen Armee, die Marschälle und Grenadiere sind in überraschend großer Anzahl in den Sälen der Ausstellung erschienen, und das Publikum wird nicht müde sie anzustaunen. Die Litteratur bietet dazu ein Seitenstück. In den letzten Jahren und auch im laufenden folgen sich in raschem Tempo Geschichtswerke, Denkwürdigkeiten, Briefsammlungen, Untersuchungen, die alle den Zweck haben, zur genaueren Kenntniß oder zur besseren Beurtheilung des napoleonischen Zeitalters und seiner Hauptfigur beizutragen. Man kann nicht von einer Wiederkehr des alten Kultus, einer Neubelebung der Legende sprechen, aber ein sehr lebhaftes Interesse für die Person und die Thaten des Kaisers, und zwar ein mit Sympathie verwandtes Interesse, scheint sich geltend zu machen, das schon eine Art von Rückschlag bildet gegen die Wirkungen einer kritischen Auffassung, wie sie allmählich unter dem Einflusse solcher Schriftsteller wie Oberst Charras, Lanfrey, Taine, und der massenhaft gedruckten Memoiren in den gebildeten Kreisen die Oberhand gewonnen hat. Den abfälligen Urtheilen der eben genannten Historiker und den belastenden Zeugnissen der aus den Familienarchiven ans Tageslicht tretenden Aufzeichnungen zeitgenössischer Beobachter hatte die politische Entwicklung seit der Februarrevolution eine entgegenkommende Stimmung im Publikum vorbereitet: man hatte keinen Grund mehr, wie während der Restauration und zum Theil auch noch unter Louis Philippe, die Erinnerungen an das Kaiserreich als Waffe gegen Junker, Pfaffen und Juste-Milieu zu verwerthen, und die » Idées napoléoniennes ,« die in der Entfernung sich so imposant ausgenommen hatten, singen an die Leute stutzig zu machen, als sie plötzlich in der Person des Usurpators von 1850 Fleisch und Blut gewannen und sich auf den Thron Frankreichs setzten, mit rücksichtsloser Verachtung aller Ideen und Doctrinen, aller Institutionen und Personen, die bis dahin das öffentliche Leben des Landes beherscht und repräsentirt hatten. Vollends seit der furchtbaren » Débâcle « des zweiten Kaiserreichs leuchtete die neue These, daß der Bonapartismus das böse Prinzip sei, den Franzosen ein. Die Nation fand einen Trost in dem Gedanken, daß sie das Opfer, das unschuldige Opfer, eines von außen eingedrungenen fremden Elements geworden sei, dem sie in argloser Großmuth Aufnahme gegönnt und die besten Kräfte der Nation zur Verfügung gestellt habe, ohne zu ahnen, wohin das führen werde. Man identifizirte die Begriffe Bonapartismus und Invasion und ließ sich gern belehren, daß der Schöpfer des unheilvollen Systems, genau genommen, gar kein Franzose, sondern ein Italiener, sowohl von Geblüt als von Charakter, gewesen sei, für dessen Ruhm und Ehre einzutreten Frankreich nicht die mindeste Veranlassung habe. Auf die Dauer hält doch die neue Weisheit nicht Stand; die Rolle Napoleons in der Geschichte des Landes ist zu gewaltig gewesen, als daß die Wirkungen mittels einiger kritischer Glossen ausgelöscht werden könnten. Der Eindruck von Sedan wird allmählich schwächer, und in demselben Verhältniß wird die Bereitwilligkeit wieder größer, neben den schwarzen auch die lichten Seiten der Napoleonischen Zeit unbefangen anzuerkennen. Man fängt wieder an sich zu erinnern, daß der corsische Abenteurer doch nicht bloß die Namen Waterloo und Fontainebleau, sondern außerdem noch eine ganze Reihe unvergeßlicher Thaten in die Annalen Frankreichs und der französischen Armee eingetragen hat. Vielleicht daß die Erinnerung an Sedan dazu beiträgt, dem Bilde der Napoleonischen Zeit in den Augen der jetzt lebenden Generation erhöhten Glanz zu verleihen. Der Besiegte weidet sich an dem Gefühle, daß er doch einmal den Fuß auf den Nacken des heutigen Siegers gesetzt hat, und im stillen hegt er die Hoffnung, daß, was einmal geschehen sei, wieder geschehen könne: » nous l'avons eu, votre Rhin allemand! « Die Fülle von Trophäen, die sich im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts anhäufte, ist zu reich gewesen, als daß sie hinter den Ruinen der Invasion ganz verschwinden könnte: helle Farben leuchten weiter als trübe. Welcher Franzose erschaudert noch, was man wirklich erschaudern nennt, wenn er an die Kosaken auf dem Marsfelde und an Blücher im Palais Royal denkt? wie viel lebhafter erregt es ihn, wenn er sich die weltbeherschende Größe seiner Nation während der Zeiten vor der Katastrophe ausmalt! Nicht um von der Niederlage zu lernen, sondern um sich an den Triumphen der Vorzeit aufzurichten, kehrt das französische Publikum mit erneutem Eifer zu der Betrachtung der Bilder aus der heroischen Vergangenheit zurück, sicherlich nicht ohne mit den stolzen Erinnerungen leise Hoffnungen zu verbinden. Was einmal war, kann wieder werden. Der Zauber, den das Schauspiel auf eine nach Ruhm und Wohlleben dürstende Nation ausübt, ist begreiflich genug. Man muß nicht vergessen, daß nicht bloß Fahnen erobert wurden, sondern auch Beutestücke von soliderer Natur. Zu dem Gefühl des Stolzes, der ersten Nation der Erde anzugehören, gesellte sich für den Franzosen des Kaiserreichs die Befriedigung des Erwerbstriebes, dem die eroberten Länder zahllose neue Hülfsquellen darboten. Der Kaiser fügte dem alten Frankreich vierundvierzig neue Departements hinzu mit sechzehn Millionen Einwohnern, und auf diesem ungeheuren Gebiet wurden die Aemter fast nur mit Franzosen besetzt, – »für große und kleine Ambitionen ein neuer weiter Markt,« sagt Taine. Und – bemerkt derselbe Schriftsteller ferner – zu diesem neuen Markt kam noch ein nicht minder großer außerhalb Frankreichs hinzu; denn die unterworfenen Fürsten und die Vasallenkönige, Eugen, Ludwig, Jérome, Murat, Joseph, bringen jeder ein französisches Personal mit in ihre Staaten, Vertraute, Hofbeamte, Generale, Minister, Verwalter, sogar Kommis und Subalterne, wäre es auch nur, um die Eingeborenen in die Militärfächer und Civilfächer des modernen Systems einzuordnen und ihnen an Ort und Stelle Conscription, Administration, Code civil , Comptabilität nach Pariser Muster beizubringen. Auch in den selbständigen oder verbündeten Staaten, in Preußen, in Polen, im Rheinbunde schalteten und walteten, dauernd oder vorübergehend, Franzosen, die den Contingenten vorstanden, Festungen innehatten, Lieferungen abnahmen, Kriegscontributionen eintrieben. Bis herab zum Korporal und zum Zahlmeister am Strande von Danzig und von Reggio wog das Bewußtsein des eroberten Primats wie der Besitz eines Ranges; in seinen Augen waren die Landesbewohner Halbbarbaren, eingerostete, zurückgebliebene Menschen, die nicht einmal französisch sprechen konnten; er fühlt sich überlegen, wie weiland der Señor soldado des sechzehnten Jahrhunderts oder der Civis romanus . Seit der großen spanischen Monarchie und dem römischen Reich hat niemals ein erobernder und für ein neues System Propaganda machender Staat seinen Unterthanen solche Genüsse der Eigenliebe gewährt, allen ihren Ambitionen eine so weite Laufbahn geöffnet. Im Munde Taines ist diese Schilderung eine Strafpredigt. Um solcher weltlicher Herrlichkeit willen – das ist der Sinn seiner Rede – hat das französische Volk dem Dämon seine Seele verkauft, ist vor ihm niedergefallen und hat ihn angebetet. Aber es ist die Frage, ob seine Darstellung auf das heutige Geschlecht abschreckend wirkt. Ohne daß er es will, ja, indem er das Gegentheil will, mischt sich in seine abmahnenden Worte ein Klang patriotischen Stolzes, der auf minder philosophische Naturen eher berauschend als ernüchternd wirkt. Der durchschnittliche Franzose wird, wenn man so zu ihm redet, eher geneigt sein, dem Satan zuzurufen »komm wieder!« als »hebe dich von mir!« Es würde, wenn heute die Wahl ebenso stände wie vor neunzig Jahren, das Plebiscit wahrscheinlich eine ungeheure Stimmenmehrheit für Lucifer ergeben, und alle Gelehrsamkeit, mit der Taine seinen Landsleuten die infernale Natur des modernen Cäsar auseinandergesetzt hat, würde sich als Luft erweisen. Höchstens würde sie bewirken, daß man heute mit Bewußtsein thäte, was die Großväter unter dem Einflusse einer sehr natürlichen Verblendung gethan haben. Im allgemeinen sind die Völker doch geneigt, dem moralischen Helden den Vorzug zu geben; wenn der Held selbst unmoralisch gewesen ist, hilft die Volksphantasie seinen Mängeln liebevoll ab. Im Grunde ihres Herzens beklagen die Franzosen es, daß die Kritik ihnen die Gestalt des großen Imperators, die so eng mit der glänzendsten Periode ihrer Geschichte verknüpft ist, verdorben hat. Wenn sie, wie nicht wohl zu leugnen ist, von dem Gewaltigen sich mit Begeisterung haben unterjochen lassen, so ist es ein angenehmer Gedanke, daß der Unterjocher ein Halbgott gewesen sei, anbetungswürdig nicht bloß wegen seines Genies, sondern auch wegen seiner Güte. Aber diesen Gedanken zu hegen ist schwierig, wenn man sich in der einschlägigen Litteratur umgesehen hat. Jedenfalls gehört eine sehr hartnäckige Verliebtheit dazu. Nun haben, glaube ich, die Franzosen ein besonderes Talent zu solchem Eigensinn im Festhalten schmeichelhafter Illusionen, wennschon ich durchaus nicht behaupten will, daß wir Deutschen von dieser Schwäche frei seien. Wir haben in unserer Geschichte keinen Napoleon, aber an Beispielen unkritischer Heroenvergötterung fehlt es auch bei uns zu Lande nicht. Nomina sunt odiosa. Eigentlich ist es ein hübscher Zug in der menschlichen Natur, daß sie so eifrig bemüht ist, die Gegenstände ihrer Bewunderung mit verehrungswürdigen und liebenswürdigen Eigenschaften auszustatten. Die Kinder, das gemeine Volk, die naive Sage denken sich immer den gefeierten Helden als einen vortrefflichen Menschen: Achilleus, Siegfried, Roland sind in ihrem Kreise nicht nur die stärksten und tapfersten, sondern auch die edelsten und redlichsten. Auch der gereifte, welterfahrene Mann, wennschon er den kindlichen Glauben nicht ohne Weiteres theilen kann, würde doch beglückt sein, wenn er öfter, als es der Fall ist, den Wunsch erfüllt sähe, den Schiller ausspricht: »O, wären sie immer vereinigt, Immer die Güte auch groß, immer die Größe auch gut!« Man darf sich also nicht verwundern, nicht einmal sich beklagen, wenn die Menge, die weder reif noch weiterfahren ist, von den Zeugnissen der Geschichte sich nicht stören läßt in dem dichterischen Geschäfte, das aus den gemischten Erzen der Wirklichkeit lauteres Gold zu zaubern versteht. Seltsam dagegen ist es, wenn diese Alchymie sich mit der Methode der exakten Forschung verbindet, die Apparate der echten Chemie in ihren Dienst nimmt und vor das gebildete Publikum mit dem Anspruche tritt, als Wissenschaft angesehen und behandelt zu werden. Diese Seltsamkeit hat der Verfasser des Buches » Napoléon intime « zu Stande gebracht, mit einer Gelehrsamkeit und einer Naivetät, die beide höchst charakteristisch sind für den modernen Aberglauben, der zugleich das Fabelhafte und den Schein der Vernunft von seinen Magistern und Doctoren fordert. Aeußerlich macht das Werk des Herrn Arthur Lévy ganz den Eindruck einer vornehmen Ausgabe der besten französischen gelehrten Litteratur; eine angesehene Verlagshandlung hat den stattlichen Band aufs schönste ausgestattet; beim Durchblättern begegnet das Auge fast auf jeder Seite Auszügen aus Quellenwerken und unter dem Texte sorgfältigen Angaben über die benutzten Korrespondenzen, Aktensammlungen, Denkwürdigkeits- und Geschichtswerke. Der Verfasser behauptet nichts, ohne es mit Kapitel und Vers zu belegen, ungefähr in derselben Art, wie Taine es in seinen Origines de la France Contemporaine macht. Zu dem düsteren Napoleonsbilde dieses letztgenannten Schriftstellers ein lichtes Gegenbild zu liefern, ist es Herrn Lévy nützlich erschienen, die Methode seines Gegners, die mühsame Zusammenfügung von tausend Mosaiksteinchen, nachzuahmen. Und was behauptete er auf Grund seiner methodischen Analyse? »Napoleon war weder ein Gott noch ein Ungeheuer, sondern ganz einfach ein Mensch, dem, nach der berühmten klassischen Formel, nichts Menschliches fremd war. Hoher Familiensinn, Güte, Dankbarkeit, Herzlichkeit, das waren seine wesentlichen Eigenschaften.« – Ich will noch hinzufügen, daß diesem verblüffenden Satze der Vorrede das Buch selbst die nicht minder erstaunliche Thesis folgen läßt, daß Bonapartes Charakter recht eigentlich ein Typus der Bourgeoisie, der guten französischen Bourgeoisie, gewesen sei, guter Sohn, Bruder, Gatte, Vater, guter Geschäftsmann und Hauswirth, mäßig, sparsam, gemüthlich; sein Wahlspruch leben und leben lassen! Daß die kriegerische Laufbahn seines Helden dem ein wenig zu widersprechen scheine, vermag Herr Lévy freilich nicht zu leugnen; er findet auch nicht das Material, um die weit verbreitete Ansicht, daß sein Bourgeois von unersättlicher Eroberungsgier besessen gewesen sei, direkt zu widerlegen, aber er giebt zu verstehen, daß, wenn nur erst einmal die fremden Archive ihre Geheimnisse enthüllten, die vertrauliche Correspondenz der Souveräne gedruckt würde, dann sich zeigen dürfte, daß der Kaiser, weit entfernt der Anstifter des Krieges zu sein, immer nur von feindseligen Koalitionen genöthigt worden sei, zur Vertheidigung Frankreichs das Schwert zu ziehen. Für diese verschiedenen Behauptungen, abgesehen von der letzten, sind nun massenhafte Beweisgründe zusammengesucht, die im einzelnen wohl acceptirt werden mögen, die aber im ganzen nichts beweisen als das eine, daß der Mensch, wie Goethe sagt, ein sehr complicirtes Geschöpf ist. Die Charakteristik Taines, die sich nur mit den politischen Folgen der persönlichen Eigenschaften des Kaisers beschäftigt, hat manche Seiten seiner Natur als für den Zweck gleichgültig auf sich beruhen lassen; sie verweilt bei den großen Linien des Charakters, die sich in der Gestaltung des modernen Frankreich verhängnißvoll aus- und eingeprägt haben. Nachzuweisen, welchen maßgebenden Antheil an der Geschichte Europas und Frankreichs die Persönlichkeit dieses einen außerordentlichen Menschen gehabt hat, wie in seinem Falle eine unerhörte Gunst der Umstände und ein nicht minder unerhörtes Maß der Begabung zusammentrafen, einem schrankenlosen Egoismus und einer kolossalen Phantasie die Verwirklichung verwegenster Träume möglich zu machen und das Leben einer großen Nation dem einen Ziele der Selbsterhöhung dienstbar zu machen, mit solchem praktischen Verstande, solcher soliden Rechenkunst, daß die Spuren seiner verwaltenden und gesetzgebenden Thätigkeit noch heute, nach achtzig Jahren, die Fundamente des französischen Staats bilden, – dies nachzuweisen, nicht in allgemeinen Zügen, sondern im Detail und im steten engsten Zusammenhange mit der innersten Natur des Kaisers, seiner alles an sich reißenden und doch nie ersättigten Selbst- und Herschsucht, das ist die Aufgabe, die Taine sich gestellt hatte und deren Natur es mit sich brachte, daß er der Ausmalung des häuslichen Lebens, der Familienverhältnisse, der Freundschaften, der kleinen Liebhabereien des Kolosses keinen Raum gönnte. Daß es in dem Leben Napoleons an solchen »intimen« Partien nicht fehlte, hat Taine so gut wie jemand gewußt, – er streift sie gelegentlich, um zu zeigen, wie wenig sie an dem Hauptergebnisse der Analyse ändern, – und er würde vielleicht sie breiter behandelt haben, wenn er statt einer historisch-politischen Abhandlung eine Biographie hätte schreiben wollen. Denn auch die Kleinigkeiten und Nebendinge sind, wenn es sich um Napoleon handelt, interessant. Nichts zeigt dies deutlicher als das Buch des Herrn Lévy, das in seiner Tendenz und seinem leitenden Gedanken läppisch ist und trotzdem die Aufmerksamkeit des Lesers in hohem Grade fesselt, weil es durch seine Methode gezwungen ist, eine Masse napoleonischer Aussprüche, Briefe und Anekdoten in authentischer oder wohlverbürgter Fassung vorzuführen. Läppisch ist ein hartes Wort, aber paßt es nicht auf einen Schriftsteller, der von der kindlichen Meinung ausgeht, daß Napoleon unmöglich ein egoistischer Despot habe sein können, weil er bisweilen liebenswürdig, selbst gutmüthig, dankbar gegen seine Wohlthäter, leutselig gegen Niedrigstehende war? Wenn jemand behauptet hätte, der Kaiser sei ein entmenschter Wütherich, ein blutdürstiges Ungeheuer gewesen, allen menschlichen Regungen fremd, in Grausamkeit schwelgend, das Böse liebend um des Bösen willen, so würde Herr Lévy ihn widerlegt haben. Aber niemand denkt sich heutzutage den modernen Attila in so teuflischer Gestalt. Schon sein hoher Verstand würde diesen Tyrannen abgehalten haben, nutzlose Greuel zu begehen, selbst wenn sein Temperament, was nicht der Fall war, dazu geneigt hätte. Der Apologet stößt offene Thüren ein, wenn er uns aktenmäßig belehrt, daß Napoleon sich von Iwan dem Schrecklichen in einigen Stücken unterschied. Bezeichnend für diese Kindlichkeit der Auffassung ist die Verwunderung, die Herr Lévy fühlt und von uns erwartet, weil Napoleon in seinen Briefen an Josephine sich ungefähr so ausdrückt wie ein gewöhnlicher Mensch, der an seine Frau schreibt: »In dieser Korrespondenz erscheint nichts vom Consul oder Kaiser; man meint einen guten Familienvater auf einer Geschäftsreise vor sich zu haben: es sind dieselben Details über kleine Reisevorfälle, über mehr oder minder gute Nachtquartiere, dieselben hausväterlichen Ermahnungen, dieselben Plaudereien über die unbedeutendsten Gegenstände.« Erinnert das nicht ein wenig an das Erstaunen des Kindes, das den König zum ersten Mal sieht und die Mutter fragt, weshalb Seine Majestät ohne Krone, Scepter und Reichsapfel spazieren fahre. Der Egoismus ist, für sich allein genommen, das wenigst Merkwürdige an Napoleon. Unzählige mittelmäßige Menschen würden in diesem Punkte ihm ähnlich und gleich erscheinen, wenn ihnen die Gelegenheit und das Genie Napoleons verliehen wäre. Was ihn zu einem Gegenstande immer neuen Staunens macht, das ist die gigantische geistige Kraft, die es ihm möglich machte, die ausschweifendsten Gelüste, die bei Millionen gewöhnlicher Menschen nie über das Stadium dunkler Regungen hinaus gelangen, in Wirklichkeit zu übersetzen; und die Verwegenheit der Phantasie, die ungeheure Unternehmungen so behandelte, wie wir naheliegende und einfache Geschäfte ins Auge fassen und zur Ausführung bringen. Die gewöhnlichen Egoisten fühlen sich der Welt gegenüber viel zu schwach, um auch nur den tausendsten Theil ihrer geheimen Begierden ernsthaft zu kultiviren; Napoleon kannte diese Schranke nicht; er war sich einer allen überlegenen Kraft bewußt, und dies Bewußtsein gab ihm den Muth zu den äußersten Wagnissen. Darin liegt, daß er erst mit der Zeit, erst an der Hand des Erfolges zur vollen Entfaltung der ihm angeborenen despotischen Selbstsucht gelangen konnte. »Nichts macht so kühn wie der Sieg,« hat er selbst gesagt. Es beweist nichts für seine Anspruchslosigkeit, wenn man uns briefliche Aeußerungen von ihm citirt, aus denen erhellt, daß er als junger Brigadegeneral sich für seinen Bruder Joseph mit einem Konsulatsposten in Neapel begnügt hätte. Der Gedanke, nach Königskronen zu greifen, reifte nur allmählich, freilich schnell genug. Auch beweist es nicht viel, wenn man uns zeigt, daß die ersten Jahre des Consulats voll sind von Proben weiser Mäßigung; daß in dieser Zeit noch auf den Rath anderer gehört, bedeutenden Männern Einfluß auf die Geschäfte eingeräumt, von Kontinentalsperre und Unterjochung Europas noch nicht gesprochen wird. Die Cäsarennatur gleicht der Fama Virgils, – vires acquirit eundo . In ihrer ganzen Macht und Furchtbarkeit enthüllt sie sich erst, wenn sie die Welt zu ihren Füßen liegen sieht. Es ist kein Zufall, daß die Entlastungszeugen des Herrn Arthur Lévy vorzugsweise von den Jahren vor der Aufrichtung des Kaiserthrons reden. Weit entfernt, eine solche Despotennatur für unvereinbar mit menschlichen Regungen und liebenswürdigen Eigenschaften zu halten, kann ich mich bei Napoleon doch des Eindrucks nicht erwehren, daß sehr vieles von dem, was sein Anwalt preist, entweder mit politischer Berechnung oder mit seinem kolossalen Selbstgefühl eng zusammenhängt. – Von der Tugend der Sparsamkeit will ich nicht reden; sie war bei Napoleon wie bei Friedrich dem Großen staatsmännische Klugheit und hatte nur eine oberflächliche Aehnlichkeit mit der bürgerlichen Sparsamkeit, die auf freiwilligem Entbehren persönlicher Genüsse beruht. Die Dankbarkeit Napoleons, für die Herr Lévy viele Belege beibringt, hat ein starkes egoistisches Gepräge. Wer ihm gedient hatte, der sollte vor aller Augen wie ein Gesegneter der Gottheit dastehen, der wurde aus der Dunkelheit hervorgezogen und mußte den Leuten verkünden, welche reiche Zinsen es trage, wenn man für den Gewaltigen etwas, sei es auch noch so unscheinbares, gethan habe. Ein Compliment, das man ihm zur rechten Zeit gemacht hatte, konnte überraschende Früchte bringen. Josephine hatte Beziehungen zu jener Frau von Montesson, die als Witwe des Herzogs von Orleans, des Vaters von Philipp Egalité, die Revolution überlebt hatte, auf den Trümmern einer vormals glänzenden Existenz sitzend. Der alte Hof hatte ihr reichliche Pensionen ausgesetzt, die Revolution strich diese Jahrgelder, und die verwöhnte Dame mußte sich mühsam genug über Wasser halten. Als der General Bonaparte von Aegypten zurückkam, amüsirte er sich eines Tages damit, Josephinens Correspondenz durchzublättern, er fand einen Brief der Frau von Montesson und in dem Briefe die Stelle: »Sie dürfen nie vergessen, daß Sie die Gattin eines großen Mannes sind.« Als General Bonaparte Konsul geworden war, wurde Frau von Montesson in den Genuß ihrer Pension wieder eingesetzt. Dieser Fall ist typisch für viele andere. Die ›Gutmüthigkeit‹ Napoleons wird von einer der Damen Josephinens mit den Worten gezeichnet: »Er konnte sehr liebenswürdig sein, wenn man ihn nicht geärgert hatte.« Und andere bezeugen: »Er war unwiderstehlich, wenn er bezaubern wollte.« Nun lag ihm, aus guten Gründen, sehr viel daran, den gemeinen Mann, zumal den gemeinen Soldaten, zu bezaubern, und es ist ihm im höchsten Maße gelungen. Ohne ein gewisses Talent des Herzens, wenn ich mich so ausdrücken darf, wäre das schwer erklärlich; ohne alle Sympathie, sollte man meinen, ließe sich eine solche Rolle nicht achtzehn Jahre lang durchführen; aber man kann dies gern zugeben und doch erkennen, daß schließlich auch diese angeborene Bonhommie sich ganz und gar dem despotischen Willen unterordnen und ihm als Instumentum regni dienen mußte. Man findet übrigens die Kunst, in ähnlicher Weise sich populär zu machen, bei vielen anderen genialen Herschern und Feldherren. Auch die Energie des Familiensinns, die man Napoleon nachrühmt, trifft man nicht selten bei Gewaltmenschen an, namentlich in der Form eines patriarchalischen Souveränitätsgefühls. Das Interesse des Familienchefs umfaßt das der Angehörigen, wie der Kopf das Wohl und Weh der Glieder als seines empfindet. Ohne Zweifel waren in früheren, stürmischeren Zeiten die Bande der Blutsverwandtschaft stärker als heute, und in Corsica zumal hatten sie im vorigen Jahrhundert noch nichts von ihrer alten Festigkeit verloren. Dem Kanzler Pasquier, dessen Memoiren eben jetzt erschienen sind, erschien die Art, wie die Bonapartes sich zu einander verhielten, als etwas ganz eigenartiges, nichtfranzösisches. »Jedes Mitglied dieser erstaunlichen Rasse (sagt er) besaß den Familiengeist im höchsten Grade; die heiligsten Pflichten aber und die lebhaftesten Herzensneigungen verschwanden alsbald, wenn politische Kombinationen es zweckmäßig erscheinen ließen.« Napoleon war schon vor seiner Erhöhung ein eifriger Beschützer und Versorger seiner Geschwister; in den Tagen seiner Macht verlieh er ihnen Königreiche und Fürstenthümer, aber er verlangte zugleich von ihnen, daß sie sich seinem Willen blindlings und ohne Einschränkung unterordneten. Daß sie von Zeit zu Zeit sich dem furchtbaren Drucke dieses Willens zu entziehen versuchten und ein wenig auch an das Interesse der ihnen geschenkten Länder dachten, empfand Napoleon als schnödesten Undank, und Herr Lévy giebt ihm vollständig Recht. Die menschlichsten Seiten seiner Natur hat Napoleon in seinem Verhältniß zu Josephine gezeigt, das schon den Zeitgenossen, eben weil es so banalen Charakters war, so seltsam und räthselhaft vorkam. Man konnte sich nicht vorstellen, daß dieser Kriegsgott und Welterschütterer eine Frau, bloß weil er in sie verliebt war, hätte heirathen und hernach, als der Rausch verflogen war, bloß weil er sich an sie gewöhnt hatte und einen Bruch unbequem fand, neben sich auf dem Throne hätte dulden können. Man hat deshalb allerlei geheime Motive erfunden, die das Räthsel lösen sollten, einen Heirathsschacher, mittels dessen Barras seine Maitresse anständig untergebracht und Bonaparte das Commando in Italien erkauft haben soll. Die Fabel hat Herr Lévy zwar nicht zerstört, denn sie war schon vor ihm als Fabel erkannt worden, aber er hat sich das Verdienst erworben, durch Zusammenstellung der Urkunden, namentlich der Briefe an Josephine, diese Liebesepisode und das Eheleben des seltsamen Paars auch dem gewöhnlichen Leser höchst anschaulich zu machen. Der Eindruck ist für Napoleon günstiger als für die Frau; er ist aufrichtig und »bis über die Ohren verliebt,« was ihn doch nicht hindert, die österreichischen Heere zu besiegen; sie erscheint als eine frivole Kokette, die nur ein gutes »Etablissement« für sich und ihre Kinder im Auge hat und im Vertrauen auf die Macht ihrer Reize die Toleranz ihres Mannes auf die härtesten Proben stellt. Nicht zu bezweifeln ist, daß Napoleon mit Bewußtsein ein betrogener Ehemann war und daß er lieber mit dieser Rolle sich abfand, als einen Eclat herbeiführte. Er war schließlich zufrieden, wenn der Schein nur leidlich gewahrt blieb, und fühlte sich allmählich in dem nicht sehr würdigen Verhältnis auf seine Art sogar ganz behaglich. Vermuthlich erschienen ihm diese häuslichen Angelegenheiten um so unwichtiger, je olympischer er im Laufe der Zeit sich selbst vorkam. Man darf es ihm nicht allzusehr verargen; selbst wir, die wir dem Verehrungstaumel seiner Zeitgenossen entrückt sind, finden, daß die menschlichen Schwächen und die sittlichen Gebrechen, die dem Bilde anhaften, auch wenn man sie noch so scharf ins Auge faßt, der Größe des Bildes keinen Abbruch thun. Um so thörichter ist es, Schatten wegwischen zu wollen, die dem Gemälde erst sein lebendiges Relief geben. Josephine. (1893.) Von je her haben die Leute gefragt, weshalb Napoleon Josephine oder auch weshalb sie ihn heirathete und weshalb die Ehe zwischen beiden so lange dauerte, allen Umständen, die eine Trennung nahe legten, zum Trotz. Die Ungleichheit der beiden Gatten muß jedermann in die Augen gesprungen sein; man hat sich nie bei der einfachen Erklärung, die für andere Ehen auszureichen pflegt, – Vernunftheirath oder Heirath aus Neigung – beruhigen wollen. Im Alterthum und im Mittelalter hätte man vielleicht auf einen Zaubertrank geschlossen: dazu waren die Zeitgenossen des Generals Bonaparte zu aufgeklärt. Sie haben allerlei Fabeln ersonnen, die das Räthsel allenfalls erklären könnten, wenn sie nur nicht mehr oder weniger aus der Luft gegriffen wären. Die bekannteste dieser Fabeln macht den militärischen Ehrgeiz Bonapartes zum leitenden Motiv bei der Geschichte: er wollte durchaus den Oberbefehl in Italien haben, auf den er bei seiner Jugend und seinem Range nicht den geringsten Anspruch hatte; man sagte ihm, die Witwe Beauharnais vermöge über den allmächtigen Barras alles; sie solle er heirathen, und alles werde sich nach Wunsch machen. Daran ist nur das eine wahr, daß Bonaparte den Oberbefehl inbrünstig begehrte; aber Barras war keineswegs so allmächtig, daß er allein über die Armeen der Republik verfügt hätte, – sein College im Direktorium war Carnot – noch auch übte Madame Beauharnais den vorausgesetzten Einfluß über ihn aus. Er stand vielmehr um die Zeit, von der es sich handelt, ganz unter der Herrschaft der schönen Madame Tallien, mit der er öffentlich Haus hielt; es ist richtig, daß Madame Beauharnais in diesem Hause freundschaftlich und täglich verkehrte, aber es ist höchst unwahrscheinlich, daß Madame Tallien einer Nebenbuhlerin ihren Salon geöffnet hätte. Das läßt sich eher denken, daß die Geliebte des Directors ihre Freundin, die sich gern vortheilhaft etabliren wollte, rechtzeitig auf den jungen olivenfarbenen General aufmerksam machte und ihr zuflüsterte, daß das Directorium ihm eine große Stellung zugedacht habe. Warum sollte Barras seiner Dame nicht anvertraut haben, daß Carnot den jungen Bonaparte allen anderen Generalen vorziehe, und daß er, Barras, mit Carnot zu stimmen beabsichtige? Man war damals nicht sehr amtsverschwiegen. Carnot selbst hat in seinen Memoiren sich angeklagt, den Oberbefehl in Italien dem verschafft zu haben, der von diesem Sprungbette aus sich auf den Thron schwang. Man hat oft die Geschichte erzählt, daß General Bonaparte dem Directorium einen Plan für den italienischen Feldzug vorgelegt und daß das Directorium diese Denkschrift dem damals commandirenden General Schérer zugeschickt habe, worauf denn die Antwort erfolgt sei: »der Verfasser des Plans ist ein Narr; man sollte ihm zur Strafe die Ausführung übertragen.« Neuerdings finden wir eine interessante Ergänzung dieser Ueberlieferung in den » Souvevirs sur Napoléon « von Chaptal, dem Minister des ersten Konsuls, dessen Name durch die von ihm erfundene »Chaptalisirung« des Weins unsterblich geworden ist. Bonaparte, so erzählt er, hatte im Jahre 1793 ein Artilleriecommando in Nizza; er hatte eines Tags seinen Freund Volney und den Commissar des Wohlfahrtsausschusses Turreau zu Tische; das Gespräch kam natürlich auf die Kriegführung, und Bonaparte erging sich in herben Kritiken. Als man ihm Einwendungen machte, rief er aus: »Geben Sie Volney und mir morgen zu essen, so will ich Ihnen meinen Plan auseinandersetzen, wie man mit fünfundzwanzigtausend Mann Italien erobert.« Am folgenden Tage brachte Bonaparte seinen Plan, ein Schriftstück in siebenzehn Artikeln, das er zweimal vorlas und mit mündlichen Erläuterungen begleitete. Auf alle Einwendungen hatte er eine Antwort; er hatte an alles gedacht; er sprach mit der größten Sicherheit von den hypothetischen Erfolgen, und er schloß mit den Worten: »So, von Sieg zu Sieg, komm' ich vor die Thore Wiens und dictire den Frieden.« Er redete wie ein Begeisterter und machte auf Turreau einen solchen Eindruck, daß dieser sich anheischig machte, den Feldzugsplan an den Wohlfahrtsausschuß zu schicken. Bonaparte bedang sich aus, daß die Schrift an Carnot adressirt werde, und sagte, daß er ein ausführliches, in alle Einzelheiten eingehendes Memorandum beifügen werde. »Dieser Plan,« bemerkt Chaptal, »war der Ursprung der großen kriegerischen Laufbahn Bonapartes.« Volney hatte sich die siebenzehn Artikel gut eingeprägt; kaum nach Hause gekommen, brachte er sie zu Papier. Einige Jahre hernach, als er in den Vereinigten Staaten war, erwarb er sich bei seinen dortigen Freunden, den Waffengefährten Washingtons, den Ruf eines strategischen Propheten, weil er ihnen ziemlich genau vorauszusagen wußte, wie die Franzosen in Italien operiren würden. Aber ich wollte von Josephinen reden und sprach von Bonaparte: der Mann wirft einen gar zu breiten Schatten. Die Witwe Beauharnais war nach dem Urtheil aller Zeitgenossen reizend; selbst die Frauen waren entzückt von ihrer gewinnenden Liebenswürdigkeit, Grazie und Eleganz. Die Männer schwärmten für sie. Sie war sich ihrer Macht wohl bewußt und benutzte sie, um sich während der schlimmen Revolutionsjahre über Wasser zu halten. Als Aristokratin hatte sie alles zu fürchten; ihr Mann, der Marquis, war guillotinirt worden; sie selbst sah die Innenseite des Kerkers. Aber sie hatte überall Freunde, auch im Convent, und sie kam mit heiler Haut davon. Ich kann mir nicht helfen, aber sie erinnert mich immer an Philine im Wilhelm Meister, die aus der allgemeinen Plünderung ihren Reisekoffer zu retten versteht. Nach dem Thermidor erscheint die schöne Witwe lächelnd und lebenslustig in den allmählich sich wieder öffnenden Salons, immer in der Nähe der Machthaber, umgeben von einem Hofe von Anbetern. Die Gesellschaft in diesen Salons war sehr gemischt, die Sitten waren äußerst zwanglos, Madame Beauharnais besaß unter andern Gaben das Talent der Anpassung in hohem Grade, aber sie fühlte sich nicht sicher; die Revolution hatte ihr Vermögen zerstört; sie lebte ein wenig von der Hand in den Mund, und das Leben war kostspielig. Luxus zu treiben, Toilette zu machen, war ihr so natürlich wie Athmen, auch Geschenke zu machen und Almosen zu geben. Ihre Kinder wuchsen heran, Eugen wurde fünfzehn, man mußte ihm eine Carrière eröffnen, und Hortenses Verheiratung und Ausstattung tauchte als schwieriges Problem am Horizont auf. So leichtlebig und leichtsinnig die Frau war, so begriff sie doch die Nothwendigkeit, für ihre Existenz eine bessere Grundlage zu gewinnen als die losen Verbindungen, die man im Strudel der Geselligkeit knüpft. Sie mußte heirathen; das war klar. Aber wen? Natürlich mußte der Zukünftige ihr ein glänzendes Dasein in Aussicht stellen, Hotel, Equipagen, Diamanten. Sogenannte gute Partien mit sicherem Rentengenuß gab es im Jahre 1795 nicht mehr oder noch nicht wieder; man mußte auf die Zukunft speculiren und prüfen, welcher von den Freiern die beste Aussicht habe, reich und mächtig zu werden. An solchen Freiern fehlte es nicht. Da war Hoche, der gefeierte General, da war Caulaincourt, der es zum Herzog gebracht hat, da war, minder glänzend, aber nicht zu verachten, der junge Korse, von dem man viel sprach, seitdem er am 13. Vendémiaire die Kartätschen so erfolgreich hatte pfeifen lassen, – the whiff of grape , wie Carlyle sagt. Das Bonaparte in sie verliebt sei, merkte Josephine natürlich sofort; sie wußte auch, daß er eine Frau nehmen wolle, aber er war ihr nicht sympathisch. Er war mürrisch, ungelenk, heftig, in seinem Aeußern vernachlässigt, kein Mann, wie ihn solche Damen lieben. Sie fühlte sich nicht behaglich in seiner Nähe: » Bonaparte est si drôle, « kömmt in einem ihrer Briefe aus dieser Zeit vor. Aber sie hatte kluge Rathgeber; der Poet Lemercier, der berühmte Verfasser vergessener Tragödien, wurde nicht müde, der schwankenden die beiden Worte zu wiederholen: » Prenez Vendémiaire « Und, wie schon bemerkt, wird sie von Barras und Madame Tallien allerlei gehört haben, was sie schließlich überzeugte, daß General Bonaparte die beste Partie sei. Der Kanzler Pasquier schreibt in seinen (kürzlich erschienenen) Memoiren, daß der Kaiser Napoleon sich so schwer von Josephinen getrennt habe, hänge wohl zum Theil damit zusammen, daß er es ihr nicht habe vergessen können, wie sie ihn in den Tagen seiner Niedrigkeit vor andern ausgezeichnet habe. Pasquier kam aber erst später mit dem ersten Consul in Berührung und wußte nur von Hörensagen, was vor 1796 geschehen war. Allerdings hatte er schon bald nach der Schreckenszeit Josephinens Nähe gestreift, aber nur sehr oberflächlich. Sie bewohnte, so erzählt er, in der Umgegend von Paris unmittelbar neben seinem Unterschlupf eine Villa, wo sie manchmal Barras und dessen Freunde mit auserlesenen kleinen Diners »auf geborgtem Tafelgeschirr« bewirthete. Das malt eine ganze Situation. Bonapartes Rolle in der Komödie scheint mir ganz und gar nicht räthselhaft. Er war fünfundzwanzig Jahre alt; er war nicht blasirt; er wünschte lebhaft einen Hausstand zu begründen. Unverwöhnt in seinem bisherigen Garnisonleben, glaubte er in der schönen Kreolin den Inbegriff alles weiblichen Liebreizes zu finden. Er verliebte sich sterblich in sie. Im Anfange scheint er von ihr wenig Ermuthigung erfahren zu haben; sie war eben noch unentschieden, und zum bloßen Flirten fand sie ihn nicht geschaffen. Er seinerseits verschwendete nicht gern seine Mühe, wo er keinen Erfolg vor Augen sah. Er hielt sich im Hintergrunde und beschränkte seinen Verkehr mit ihr. Es existirt ein Billet Josephinens vom 28. October 1795, in welchem sie dem jungen General schreibt, er vernachlässige seine Freundin, die ihn liebe; das sei sehr unrecht, da sie ihm zärtlich zugethan, trendrement attachée , sei. Er möge doch morgen mit ihr frühstücken; sie fühle das Bedürfniß ihn zu sehen und mit ihm über seine Interessen zu plaudern. Vier Monate später waren die beiden Mann und Frau. Wie die Zwischenzeit von Josephinen benutzt wurde, um den General dauernd an sich zu fesseln, ahnt man leicht, wenn man folgenden Brief des Bräutigams liest. »Ich erwache, ganz erfüllt von Dir. Dein Bildniß und der gestrige berauschende Abend haben meinen Sinnen keine Ruhe gelassen. Süße, unvergeßliche Josephine, welche wunderliche Wirkung üben Sie auf mein Herz! Sind Sie mißmuthig, sehe ich Sie traurig, sind Sie unruhig, so vergeht meine Seele vor Schmerz, und es giebt keine Ruhe mehr für Ihren Freund; aber habe ich etwa mehr Ruhe, wenn ich mich der tiefen Empfindung, die mich überwältigt, hingebe und auf ihren Lippen, an ihrem Herzen Flammen fange, die mich verbrennen? O, in dieser Nacht habe ich gemerkt, daß Ihr Bildniß nicht Sie selbst ist! In drei Stunden werde ich Dich sehen. Bis dahin, mio dolce amor , eine Million Küsse, aber gieb mir keine, denn sie verbrennen mein Blut.« In demselben Stil sind die Briefe geschrieben, mit denen der junge Gatte mitten im Getümmel des Feldzuges die in Paris zurückgebliebene Frau bestürmte. Zwei Tage nach der Trauung war er zur Armee abgereist; sie sollte ihm folgen, sobald die Ereignisse es gestatteten. Aber so ungeduldig und leidenschaftlich er auf ihre Abreise drang, so wenig Neigung hatte sie, die Zerstreuungen von Paris mit den Aufregungen des Feldlagers zu vertauschen. Sie suchte nach Vorwänden; sie schützte Unpäßlichkeit vor; aber sie merkte bald, daß es schwer sei, diesem Manne blauen Dunst vorzumachen. Ihre zärtlichen Phrasen befriedigten ihn nicht; die Briefe aus Paris waren ihm immer zu kurz, zu kühl. Schrieb sie von Unwohlsein, so kam es vor, daß einige Tage hernach ein Courier aus dem Hauptquartier vor ihr stand, der angewiesen war, binnen sechs Stunden mit ausführlichen Nachrichten von ihr wieder abzureisen. »Der General Bonaparte,« schreibt Marmont in seinen Erinnerungen, »war während des Feldzugs unaufhörlich mit dem Gedanken an seine Frau beschäftigt; er verlangte nach ihr, wartete auf sie mit Ungeduld. Er sprach mir oft von ihr und seiner Liebe mit dem überfließenden Gefühl und der Illusion eines sehr jungen Menschen. Ihr fortwährendes Zaudern abzureisen folterte ihn, und manchmal überließ er sich Regungen der Eifersucht und abergläubischen Anwandlungen, die ihm eigen waren.« Eines Tages zerbrach das Glas auf dem Bildnisse Josephinens, das er immer bei sich trug: er wurde blaß und sagte: »Marmont, meine Frau ist sehr krank oder untreu!« Der Argwohn, daß seine Frau ihm untreu werden könnte, macht sich nicht selten schon in den ersten Briefen an sie vernehmlich. Auf die ungestümsten Liebesbetheuerungen folgt bisweilen ein Ausdruck des Zweifels, eine beleidigende Warnung: »Nimm Dich in Acht; um zwei Uhr Nachts fliegen einmal plötzlich die Thüren Deiner Schlafkammer auf, und ich bin da!« Trotz seiner Illusionen scheint der junge Menschenkenner den sittlichen Werth seiner Erkorenen nicht überschätzt zu haben. Er wußte ja, als er um sie warb, sehr wohl, in welcher Gesellschaft sie sich bewegte und sich gefiel und wie man in dieser Gesellschaft von ihr sprach. Das störte ihn weiter nicht, es waren vergangene Dinge, und Seelenadel verlangte er nicht von der Frau, die er liebte. Gerade der würde ihm vielleicht beschwerlich gefallen sein. Nun sie aber einmal sein Eigenthum geworden war, sollte sie ihm auch ausschließlich angehören, innerlich und äußerlich, und daß er dessen doch nicht sicher sein konnte, war seine stete Pein. Er glaubte nicht an Tugend, aber er hätte gern die Bürgschaften gehabt, die nur sie stellt. Daß dies nicht möglich war, hat ihm die erste Zeit seiner Ehe vergällt; sehr bald, nachdem er die Unmöglichkeit seiner Hoffnungen eingesehen hatte, resignirte er sich und acceptirte die Konsequenzen, die sich aus der unabänderlichen Natur der Frau ergaben, nunmehr ausschließlich darauf bedacht, die vorteilhaften Seiten des eingegangenen Verhältnisses für sich zu verwerthen, den schädlichen nach Kräften thunlichst enge Grenzen zu ziehen. Ihm war es durchaus möglich, neben einer Frau, deren geringen inneren Werth er durchschaute, sich ganz behaglich einzurichten, vergangene Dinge auch ferner auf sich beruhen zu lassen und nur das eine sich auszubedingen, daß seine Ansprüche auf Selbstbefriedigung nicht gekreuzt würden. Ich habe für mich den Verdacht, daß Napoleon unter anderem auch deshalb an Josephinen hing, weil es ihm bequem war, sie nicht als ein besseres und edleres Wesen achten zu müssen, weil er sich vor ihr nicht zu geniren brauchte. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber doch bezeichnend, daß beide Gatten, ohne vor einander zu erröthen, bei dem Heirathsakte eine Fälschung begingen, sie, indem sie ihren dreiunddreißig Jahren zwei abstrich, er, indem er seinen siebenundzwanzig Jahren eins hinzusetzte. Keiner von ihnen wird den anderen Theil getäuscht haben. Beiläufig bemerkt, wiederholt sich diese Art von Anhänglichkeit Napoleons an Personen, die er innerlich verurtheilt hatte, auch in anderen Verhältnissen, wo Verliebtheit keine Rolle spielte. Er brach nicht leicht vollständig selbst mit solchen Personen, die er des ärgsten Verraths für fähig hielt, sondern suchte, wenn es irgend anging, den gewohnten Verkehr mit ihnen fortzusetzen. Man denke an sein Verhalten zu Talleyrand und zu Fouché. Die Unsittlichkeit flößte ihm nicht den mindesten Widerwillen ein. Josephine, die schließlich dem ungestümen Willen ihres Gatten nachgeben mußte, trat im Juni ihre Reise ins Hauptquartier an, unter herzbrechenden Thränen, als ob es ins traurigste Exil gehe. Ihre Ausflüchte – sie hatte sich sogar für schwanger ausgegeben – hielten nicht Stand gegen einen Mann, der gewohnt war, den Dingen auf den Grund zu gehen, der Couriere und Berichterstatter zur Verfügung hatte und den man wohl vorübergehend, aber nicht auf die Dauer täuschen konnte. Sie acclimatisirte sich schnell genug in Italien: so glänzend und süß hatte sie sich das Leben an der Seite eines Soldaten nicht träumen lassen. Als Gemahlin nicht bloß eines Siegers, sondern eines Befreiers wurde sie von den Italienern empfangen; im Palast Serbelloni in Mailand, wo sie abstieg, sammelte sich um sie ein Hof von Anbetern und Strebern; niemand zweifelte daran, daß man durch ihre Gunst von Bonaparte alles erlangen könne. Rauschende Feste wurden ihr von allen Seiten angeboten; auch an dauerhafteren Vortheilen fehlte es nicht. Als sie nach Paris zurückkehrte, setzte sie ihre Bekannten in Erstaunen, wenn sie ihnen die Geschmeide, Juwelen und Kostbarkeiten zeigte, die sie als Geschenke italienischer Städte und Signori mitgebracht hatte. Ihre frühere Abneigung gegen das Leben im Feldlager schwand völlig nach diesen Erfahrungen: in späteren Jahren wollte sie stets dabei sein, wenn Napoleon zur Armee abreiste, und ihm fiel die Aufgabe zu, sie in Paris, Aachen oder sonst einem sicheren Orte zurückzuhalten. Für das große kriegerische und politische Drama zeigte sie bei solchen Gelegenheiten nicht das geringste Interesse; sie betrachtete das Unternehmen immer nur als eine Vergnügungsreise in größerem Stil. Während des Aufenthaltes in Italien kümmerte sie sich um ihren Gatten nicht viel mehr als vorher. Ihn riefen beständig seine Feldherrnpflichten bald hier- bald dorthin; dann wiederholte sich das alte Spiel: glühende Liebesbriefe von seiner, einsilbige Antworten von ihrer Seite; Warnungen und versteckte Drohungen des Argwöhnischen, sorgloses und leichtsinniges Dahinleben der Genuß- und Glanzsüchtigen. Es kam vor, daß er, sie zu überraschen, plötzlich im Palast Serbelloni erschien und das Nest leer fand. Die »Bürgerin Bonaparte« befand sich auf einer Rundfahrt durch die lombardischen Städte, Lustbarkeiten und Huldigungen entgegennehmend wie eine Königin. Der Verdacht, daß er betrogen werde, gewann in Bonapartes Herzen mehr und mehr Raum, aber noch stand er unter dem Banne der Verliebtheit, und sein Unmuth machte sich fast nur in zärtlichen Klagen Luft, aus denen Josephine entnahm, wie groß ihre Gewalt über ihn sei. Unmittelbar nach jener mißglückten Ueberraschung schreibt er ihr: »Ich komme nach Mailand, ich fliege in Deine Gemächer, ich habe alles verlassen, um Dich zu sehen, Dich ans Herz zu drücken, – Du warst nicht da, Du ziehst festlich von Stadt zu Stadt, Du entfernst Dich, wenn ich komme, Du kümmerst Dich nicht mehr um Deinen theuren Napoleon. Gewöhnt an Gefahren, kenne ich das Mittel gegen Leid und Weh des Lebens. Das Unglück, das ich fühle, ist unberechenbar; ich hatte das Recht, darauf nicht gefaßt zu sein. Ich bleibe bis zum 9. hier; laß Dich nicht stören, geh dem Vergnügen nach, das Glück ist für Dich geschaffen. Die Welt ist beglückt, wenn sie Dir gefallen kann, und Dein Mann allein ist sehr, sehr unglücklich.« – Und Tags darauf: »Ich begreife, daß Du keine Zeit hattest mir zu schreiben. Umringt von Spiel und Lust, thätest Du Unrecht, mir das geringste Opfer zu bringen. Meine Absicht ist nicht, daß Du irgend etwas in Deinen Plänen und den Dir angebotenen Zerstreuungen ändern sollst; ich bin solcher Mühe nicht werth; Glück oder Unglück eines Mannes, den Du nicht liebst, hat kein Recht Dich zu interessiren. Was mich angeht, so ist Dich allein lieben, Dich glücklich machen, nichts thun, was Dich stören könnte, das Schicksal, der Zweck meines Lebens. Von Dir eine Liebe zu fordern wie die meine, wäre unrecht; wie kann man wollen, daß Spitzengewebe so schwer sei wie Gold? Aber was ich von Josephinen verdiene, das ist Rücksicht und Achtung, denn ich liebe Dich bis zur Wuth und ganz ausschließlich. Lebe wohl, angebetete Frau, lebe wohl, meine Josephine! Möge das Geschick allen Schmerz und Kummer in meinem Herzen concentriren, Dir aber glückliche und gesegnete Tage schenken. Wer verdiente sie mehr als meine Josephine? Wenn es einmal bewiesen sein wird, daß sie nicht mehr lieben kann, werde ich mich in meinem tiefen Schmerz verschließen und zufrieden sein, ihr zu etwas nützlich sein zu können. Ich öffne meinen Brief wieder, um Dir einen Kuß zu geben. O »Josephine! Josephine!« Inzwischen führte Josephine ihr Leben so sorglos und unbekümmert weiter, daß ihr Gemahl auf die Dauer doch nicht dabei beharren konnte, sich in seinem Schmerz zu verschließen. Man sprach bald in der Armee davon, wie dieser und jener junge Offizier, der allzu deutlich von der Bürgerin Bonaparte bevorzugt wurde, plötzlich Befehl erhielt, ein entferntes Kommando zu übernehmen. Den Namen eines dieser Bevorzugten hat die Geschichte aufbewahrt: er hieß Hippolyt Charles und war Adjutant des Generals Leclerc. Ein Befehl des Oberfeldherrn schickte ihn nach Frankreich, konnte aber nicht verhindern, daß dort später die Intrige wieder aufgenommen wurde. Darüber kann kein Zweifel bestehen, daß die Illusionen, die Bonaparte über den Charakter Josephines hegen mochte, gründlich zerstört waren, ehe der Feldzug beendet war und er als Triumphator nach Paris zurückkehrte. Gleichwohl vermied er es, mit ihr zu brechen, bemühte sich vielmehr, nicht allein den Schein zu wahren, sondern auch ein friedliches Zusammenleben mit ihr aufrecht zu erhalten. Gewiß spielten dabei politische Erwägungen eine Rolle; in dem Augenblicke, wo er die ersten Stufen zur weltgeschichtlichen Größe emporstieg, wo Frankreich und Europa anfingen, in ihm den Hersteller der bürgerlichen Ordnung zu ahnen, mußte er sich scheuen, einen Eclat herbeizuführen, der ihn der Welt in der lächerlichen Situation des betrogenen Ehemannes gezeigt hätte – damals fand die Welt diese Situation immer nur lächerlich. Allein man sollte denken, es hätte Mittel genug gegeben, auch ohne Skandal eine Trennung herbeizuführen, wenn er sie ernstlich gewollt hätte. Meines Erachtens wollte er die Trennung nicht; Josephine hatte es ihm angethan, und er fand es möglich, das Verhältniß fortzusetzen, geschehene Dinge zu ignoriren und die Zukunft sich zu unterwerfen. Die schlimmste Probe stand diesem unverwüstlichen Eigenwillen noch bevor – während des Feldzugs in Aegypten. Aber auch sie endigte mit einer komödienhaften Lösung. Als Bonaparte in Aegypten war, erhielt er von seinen Pariser Korrespondenten Berichte über Josephinens Thun und Treiben, die ihn in helle Wuth versetzten und vielleicht, wenn nicht das Meer zwischen ihm und ihr gelegen hätte, die Scheidung herbeigeführt haben würden. Josephine war ihrem ehemaligen Anbeter, dem unwiderstehlichen Adjutanten Leclercs, Hippolyt Charles, wieder begegnet, und alsbald hatte sich die Liaison neugeknüpft. Nicht nur besuchte Charles sie häufig in Malmaison, sondern er wohnte geradezu dort, und in der Gesellschaft betrachtete man das Verhältniß als so ernstlich gemeint, daß man erwartete, Josephine werde die Scheidung verlangen, um Charles heirathen zu können. Daran dachte sie nun freilich ganz und gar nicht. So leichtsinnig und gedankenlos sie sich ihrer Leidenschaft hingab, so war sie doch weit entfernt, die Vortheile zu verschmähen, die ihr Bonapartes Stellung verschaffte. Sie war immer noch überzeugt, daß ihr Lächeln und ihre Thränen ausreichen würden, seinen Zorn, wenn er ausbrechen sollte, zu beschwichtigen. Als er in Frankreich gelandet war, reiste sie ihm eilends entgegen, um sich seiner zu bemächtigen, ehe er seine Brüder und seine Pariser Freunde spräche; aber sie verfehlte den richtigen Weg; ohne es zu wissen, reisten beide Gatten aneinander vorbei; Bonaparte fand in Paris ein leeres Haus, wie damals in Mailand, nur daß jetzt die Stimmung unheimlicher war als in den Tagen des ersten Liebesrausches. Schon hatte er äußerlich seine wiedergewonnene Freiheit verkündigt, indem er in Kairo eine schöne Offiziersfrau, Madame Fourès, öffentlich dem Hauptquartier aggregirt hatte, etwas, was während des italienischen Feldzugs undenkbar gewesen wäre. Als Josephine, achtundvierzig Stunden nach dem Gemahl, in ihrer Pariser Wohnung wieder eintraf, fand sie die Situation sehr verändert. Bonaparte war erbittert; drei Tage weigerte er sich, sie zu sehen; es bedurfte eines Fußfalls ihrer Kinder, ehe sie Zutritt zu ihm fand. Aufgelöst in Thränen, Eugen und Hortense an der Hand führend, flehte sie um Verzeihung, schwor sie ewige Treue und Zärtlichkeit, und die rührende Scene endete mit einer abermaligen Versöhnung. Bonaparte acceptirte die Lage der Dinge, wie sie einmal war, und beschloß, das gemeinsame Leben fortzusetzen, von nun an aber als wirklicher Herr und Gebieter, frei von den Fesseln, die ihm die Verliebtheit früher angelegt hatte, und zufrieden in dem Gefühl, daß seine Lebensgefährtin ihn nie durch einen Anspruch auf sittliche Ueberlegenheit werde geniren können. Man muß außerdem bedenken, daß gerade in den Tagen, da diese Familienkomödie sich abspielte, noch ganz andere Dinge die Seele des Ehemanns erfüllten; er stand wie Cäsar vor dem Rubicon; der achtzehnte Brumaire warf seinen Schatten voraus; sollte er daneben etwa noch Advocaten für einen Scheidungsproceß instruiren? Die Stellung der beiden Gatten zu einander war von jetzt an umgewandelt. Josephine hatte sich zu nahe am Abgrunde gefühlt, um nicht einzusehen, was für sie auf dem Spiele stehe, wenn sie Bonapartes ernstliche Unzufriedenheit errege. Und eben jetzt wurde das Loos, das er ihr bereitete, so glänzend, wie sie es nie hatte ahnen können, und entsprach so vollkommen ihren Neigungen, ihrem Begriff von Glück, daß sie anfing, eine Art von Leidenschaft, eine angstvolle, eifersüchtige Anhänglichkeit für den zu empfinden, der allein der Urheber und Erhalter ihrer Erhöhung, ihrer nunmehr fürstlichen Existenz war. Er seinerseits fühlte sich wohl in der Nähe der anmuthigen Frau, die ihn doch nicht mehr unterjochte, der gegenüber er sich keinerlei Zwang anzuthun brauchte (was von allen Dingen ihm das verhaßteste war), und erfreute sich in behaglicher Sicherheit aller Annehmlichkeiten, die dem Hausherrn im Verkehr mit einer schönen und liebenswürdigen, stets ihm unterwürfigen Hausfrau erwachsen. Man erwartet nach so heftigen Zerwürfnissen und einem so wenig motivirten Friedensschlusse eine gewisse Spannung in dem Umgange der Gatten; davon zeigt sich aber keine Spur: es herscht vielmehr in der Häuslichkeit des ersten Konsuls ein ungezwungener Ton, den man versucht wäre, gemüthlich zu nennen, wenn das Wort nicht zu sehr auf innerliches Wesen hinwiese. Zwar fehlte es auch fortan in dieser Ehe nicht an stürmischen Scenen, aber sie waren selten und hatten keine dauernden Folgen. Sie entstanden meistens aus Josephinens Unfähigkeit, ihr impulsives Naturell den Anforderungen des Gebieters so unbedingt, wie er es forderte, unterzuordnen, namentlich ihrer Eifersucht, zu der sie Ursache genug hatte, kluges Schweigen aufzuerlegen. Gepeinigt von der Sorge, daß sie altern und die Macht ihrer Reize allmählich verlieren müsse, erblickte sie in jeder vorübergehenden Liebschaft des Gemahls eine ernste Gefahr für ihre Stellung; sie hatte ihre Spione, und jedesmal, wenn diese ihr von einer neuen Liaison berichteten, gerieth sie in Verzweiflung und Aufregung, überschüttete den Ungetreuen mit Vorwürfen, ja unternahm es in einzelnen Fällen sogar, persönlich ihn in in flagranti zu überraschen. Er seinerseits fand es unsinnig, daß man ihm, dem Jupiter, derartige »Zerstreuungen« nicht gönnen wolle; wies ihre Klagen mit cynischer Gelassenheit oder mit derben Scheltworten zurück, und jagte ihr schließlich, als sie ihn wirklich bei einem Rendezvous überrascht hatte, durch einen furchtbaren Zornesausbruch einen solchen Schrecken ein, daß sie von Stund' an nicht wieder wagte, ihn zu behelligen, und ihre Pein im Stillen trug. Im Stillen ist zu viel gesagt; sie pflegte das, was sie bedrückte, mit ihren Damen zu besprechen und sich von diesen bestätigen zu lassen, daß man solche Dinge nicht zu genau nehmen dürfe. Ihre Eifersucht war nicht die Eifersucht der Liebe; so wenig er über sie, so wenig machte sie über ihn sich Illusionen. In den Stunden heftiger Aufregung und Furcht machte sie ihren Vertrauten Mittheilungen über den Charakter ihres Gatten, bei denen sich diesen die Haare sträubten. »Wenn man sie hörte,« erzählt Frau von Remusat, »so hatte er keinerlei Moral; er verbarg nur seine lasterhaften Neigungen, weil er besorgte, daß sie ihm schaden könnten; wenn man ihm ohne Widerstand seinen Willen ließe und sich nie beklagte, würde er sich den schändlichsten Leidenschaften hingeben. Hatte er nicht seine Schwestern eine nach der anderen verführt? Glaubte er sich nicht berechtigt, allen seinen Launen zu fröhnen?« Niemand wird in solchen von der Wuth eingegebenen Aeußerungen einen actenmäßigen Beweis für Bonapartes incestuose Neigungen erblicken, wohl aber werfen sie ein charakteristisches Licht auf Josephinen, mochte sie nun an die Wahrheit ihrer Worte glauben oder nicht. Im letzteren Falle verleumdete sie, um sich eine augenblickliche Erleichterung zu verschaffen; im ersteren verrieth sie, die doch für gewöhnlich mit dem cäsarischen Unhold ein mindestens ganz freundschaftliches Leben führte, einen seltenen Grad moralischer Stumpfheit. Schon die Offenherzigkeit, mit der sie von den intimsten Dingen mit ihrer Umgebung zu plaudern liebte, deutet auf eine Natur, die das Gegentheil von vornehm war. Als erster Consul theilte Bonaparte noch das Schlafgemach mit seiner Frau; sie hatte ihm den Glauben eingeredet, daß seine persönliche Sicherheit dabei gewinne, weil sie einen leichten Schlaf habe und bei etwaiger Gefahr sofort Lärm machen würde. Erst als er Kaiser war, scheint Napoleon es seiner Würde angemessen gefunden zu haben, das Zweikammersystem einzuführen. Dieses System änderte jedoch nichts an den Gewohnheiten Bonapartes; er liebte es, mit Josephinen zusammen zu sein, mit ihr zu plaudern, an ihrer Seite sich dem Genusse gründlichen Ausruhens hinzugeben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Seltsam ist nur, daß immer der ganze Hof über diese ehelichen Zusammenkünfte am nächsten Tage von der Kaiserin unterrichtet wurde; sie verfehlte nie, irgend jemand anzuvertrauen, daß sie wenig geschlafen habe, weil der Kaiser bei ihr gewesen sei. Ihr schien, daß sie durch eine solche Notiz ihre Herrschaft etwas fester mache. Wenn sie derartiges sagte, strahlte sie vor Freude. Jeder der beiden Gatten mißtraute dem anderen, belog ihn, umgab ihn mit heimlichen Kundschaftern, trug kein Bedenken, ihn dritten gegenüber bloßzustellen. Bei Napoleon, dessen cynische Menschenverachtung uns bekannt ist, fällt das nicht auf; das Bild der Frau leidet unter diesen nicht abzuweisenden Betrachtungen empfindlich. Von ihren Indiscretionen ist eben die Rede gewesen; um gerecht zu sein, muß ich anführen, daß wir ihnen eine der hübschesten und zugleich sehr charakteristischen Napoleons-Anekdoten verdanken, die niemand außer ihr der Nachwelt hätte erhalten können. Als der erste Consul zum ersten Mal mit seiner Frau in den Tuilerien schlief, rief er, im Bette liegend, ihr, die noch an der Toilette saß, vergnügt zu: » Venez, petite créole, mettez vous dans le lit de vos maîtres « Wohl nie hat ein ungeheurer geschichtlicher Umschwung eine so humoristische und zugleich prägnante Formulirung gefunden. Das berühmte » du sublime au ridicule « kann sich nicht entfernt damit messen. Alle Zeitgenossen sind einig in einem Punkte: daß Josephine eine reizende Frau war und daß sie eine bezaubernde Liebenswürdigkeit besaß. Alle Männer, die sie nur aus einer gewissen Entfernung sahen, waren entzückt von ihr und hielten sie nicht nur für den Inbegriff aller Grazien, sondern auch für einen Engel von Gemüth. Pasquier rühmt sie als eine immer gefällige Helferin, wenn es galt, dem ersten Consul oder dem Kaiser eine Gnade abzugewinnen, eine Streichung von der Liste der Emigrirten, die Unterstützung einer verarmten edlen Familie, die Aufhebung oder Milderung eines Strafbefehls, und was dergleichen kleine Dienste an dem Hofe eines Despoten mehr sind. Graf Chaptal nennt sie »un créature céleste« als Minister des Innern hat er aber wohl von dem Innern des Palastes keine tiefere Kenntniß gehabt. Aber auch Frau von Rémusat, die ein Jahrzehnt und länger im intimsten täglichen Verkehr mit ihr stand, gesteht ein, daß man ihr, so klar man ihre Fehler und ihre geistige Dürftigkeit erkannte, nie gram sein konnte. Die klassische Zeugin schildert ihr Aeußeres so: »Ohne eigentlich hübsch zu sein, besaß ihre ganze Person einen eigenthümlichen Zauber. Feinheit und Harmonie waren ihren Zügen eigen; ihr Blick war sanft; ihr sehr kleiner Mund verbarg geschickt schlechte Zähne; ihr etwas brauner Teint verschwand unter dem geschickt aufgelegten Roth und Weiß; ihr Wuchs war vollkommen, alle Glieder geschmeidig und reizend; jede Bewegung leicht und elegant; auf niemand paßte besser als auf sie der Vers La Fontaines: » Et la grâce plus belle encor que la beauté « Zu alle dem kam eine wohlklingende, sympathische Stimme, »a sweet thing in a woman« wie Shakspere sagt. Napoleon ließ sich gern von ihr vorlesen, namentlich wenn sie zusammen reisten. Sonst las sie nicht leicht etwas; jede geistige Beschäftigung war ihr langweilig; ihre Toilette, die Plaudereien im Salon, die Feste und die ewige Sorge, den Gatten festzuhalten, erfüllten ihr Leben. Wenig oder gar nicht erzogen, besaß sie doch einen feinen natürlichen Tact, der sie davor schützte, sich in der Unterhaltung zu compromittiren; sie verstand es, den Leuten Angenehmes zu sagen, und sie hatte ein vortreffliches Gedächtniß, ein unschätzbares Hülfsmittel der Popularität für gekrönte Häupter. Sie war in hohem Grade gutmüthig, das heißt, sie war immer bereit, anderen zu dienen und eine Freude zu machen, wenn es ohne schwere Opfer geschehen konnte; in ernsteren Fällen versagte diese Tugend. Um ihren Einfluß zur Rettung des Herzogs von Enghien oder des Herzogs von Polignac aufzubieten, bedurfte es der verzweifeltsten Anstrengungen ihrer Umgebung: die Angst vor Napoleons Zorn lähmte dann jede Kraft des Aufschwungs. Ihre Sanftmuth und eine seltene Gleichmäßigkeit der Stimmung und Laune waren das Geheimniß, das zu großem Theil Napoleons Anhänglichkeit erklärt: je mehr seine Geschwister ihn mit stürmischen Begehrlichkeiten und stetem Gezänk ermüdeten, desto werthvoller erschien ihm Josephinens sanfte Art, die nichts weiter zu wollen schien, als den Glanz, den er ihr verschaffte, heiter und dankbar zu genießen. Napoleon selbst hat sich Talleyrand gegenüber, als er mit ihm die Scheidungsfrage besprach, über Josephinens Vorzüge geäußert. »Wenn ich mich von meiner Frau trenne,« sagte er, »so verzichte ich zunächst auf allen Reiz, den sie meinem häuslichen Leben verleiht. Einer neuen und jungen Frau werde ich erst ihre Gewohnheiten und ihren Geschmack absehen müssen; diese fügt sich in alles und kennt mich ganz und gar. Dann werde ich ihr alles, was sie für mich gethan hat, mit Undank vergelten. Schon jetzt werde ich nicht sehr geliebt, und das wird schlimmer werden. Sie ist ein Band zwischen mir und vielen Leuten; sie verknüpft mit mir einen Theil der Pariser Gesellschaft, auf den ich werde verzichten müssen.« Napoleon wußte es sehr genau, daß es ein politischer Gewinn für ihn war, wenn an seinem Hofe die eisige Luft ein wenig von der Liebenswürdigkeit der Kaiserin, die ihm selbst so wohl that, erwärmt wurde. Wie alles, so berechnete er auch diese Wirkungen; er gab ihr Gelegenheiten, die Herzen des Publicums zu gewinnen, aber er sorgte dafür, daß sie die Ernte mit ihm theile. Wenn er sie allein reisen ließ, schrieb er ihr genau vor, mit wem sie sprechen solle und worüber, und immer mußte sie als die Spenderin seiner Wohlthaten erscheinen. Ohne Zweifel war seine Anhänglichkeit auch ein wenig vom Aberglauben beeinflußt. In seiner Erinnerung verschmolzen sich die ersten Freuden seiner jugendlichen Leidenschaft und der wunderbare Aufgang seines Glücksterns, der Honigmond und der Feldzug in Italien, die häusliche Versöhnung und der achtzehnte Brumaire. Alles war ihm gelungen, seitdem er mit ihr verbunden war; eine dunkle Ahnung hemmte seinen Entschluß, dies Band aufzulösen. Der Gedanke der Scheidung tauchte wohl schon in den Jahren des Consulats auf, aber immer wieder wurde er zurückgeschoben. Seine Abneigung gegen den Schritt ging so weit, daß er ernstlich daran dachte, Josephine solle eine Schwangerschaft simuliren und einen natürlichen Sohn des Kaisers für ihr Kind ausgeben. Sie ging mit Freuden auf den abenteuerlichen Plan ein, der nur deshalb unausgeführt blieb weil Corvisart, der Leibarzt, sich entschieden weigerte, bei der Entbindungskomödie die Rolle zu spielen, die doch unentbehrlich schien. Die Scheidung war die drohende Wetterwolke, die stets über Josephinens Haupte hing und deren Schatten ihr ganzes Dasein verdunkelt hätte, wenn sie dauernden Grams fähig gewesen wäre. Die Hoffnung, selbst durch die Geburt eines Erben die Katastrophe abwenden zu können, schwand natürlich mit jedem neuen Jahre; als sie Kaiserin wurde, stand sie im Anfange der Vierziger und hatte eine achtjährige Ehe hinter sich. Einen Lichtblick verschaffte ihr die Anwesenheit des Papstes bei Gelegenheit der Krönung. Ob auf ihre Einflüsterung oder aus eigenem Antriebe, genug, der heilige Vater forderte die kirchliche Einsegnung der kaiserlichen Ehe, wenn er bei der Krönung anwesend sein solle. Napoleon willigte unter dem Vorbehalt ein, daß die Trauung in den Formen des strengsten Incognito erfolgen müsse. Das geschah: Cardinal Fesch vollzog die Trauung in einem Gemach des Palastes; als Zeugen waren nur zwei Adjutanten anwesend. Der Kaiser schämte sich ein wenig dieser nachträglichen Ceremonie, die ihn in den Augen der alten Revolutionsmänner compromittiren, den Kirchlichen und den Indifferenten wie ein Act der Reue erscheinen konnte. Josephine aber traute ihm schlimmere Absichten zu. Um ganz sicher zu gehen, ließ sie sich von dem Oheim Fesch ein formelles Actenstück ausfertigen, das die wirkliche Vollziehung der Trauung bezeugte und jeder möglichen Anzweifelung, wie sie meinte, entzog. Diese Schrift verwahrte sie auf das sorgfältigste und verweigerte standhaft, es dem Kaiser zu zeigen oder gar auszuantworten. Bekanntlich täuschte sie sich in ihrem Vertrauen; das Wort unmöglich existirte für Napoleon nicht. Als er einige Jahre später seine eigene Abneigung gegen die Trennung des Bandes überwunden hatte und der Hand der Erzherzogin sicher war, hielt das unlösliche Sacrament ihn nicht zurück; da die Scheidung ausgeschlossen war, wurde die kirchliche Trauung von der gefälligen geistlichen Gerichtsbarkeit für nicht geschehen erklärt, trotz des Attestes mit der Unterschrift eines Cardinals. Man entdeckte, daß die von dem Tridentiner Concil vorgeschriebenen Formen nicht erfüllt worden seien; der Pfarrer des Kirchspiels, in dem die Tuilerien liegen, hätte mitwirken müssen, und das war nicht geschehen. Man sagt, Pius VII. habe den Nullitätsbeschluß des erzbischöflichen Stuhls von Paris nicht als richtig anerkannt; jedenfalls blieb sein Protest ohne Folgen, der gutkatholische Hof von Wien beruhigte sich bei der Lösung. Ehe es so weit kam, machte Napoleon verschiedene Versuche, Josephine zu einem freiwilligen Verzichte zu bewegen. Fouché und andere Vertraute mußten ihr von Zeit zu Zeit vorstellen, welche erhabene Rolle sie spielen würde, wenn sie dem Wohle Frankreichs, der Zukunft der kaiserlichen Dynastie das große Opfer brächte, das es dem Kaiser möglich machen würde, eine neue Ehe einzugehen und dem ersten Throne der Welt einen Erben zu geben. Er selbst redete ihr in den zärtlichsten Ausdrücken zu: »Ich habe nicht den Muth, zu einer letzten Entscheidung zu gelangen, und wenn du zu viel Kummer zeigst, wenn du nur mir gehorchst, so werde ich nie stark genug sein, dich zu zwingen, mich zu verlassen. Aber ich gestehe, daß ich sehr wünsche, du möchtest dich dem Interesse meiner Politik unterwerfen, du selbst möchtest die Schwierigkeiten dieser schmerzlichen Trennung beseitigen.« So redend, ließ er es an reichlichen Thränen nicht fehlen. Aber weder seine Zärtlichkeiten noch die Appelle an ihre Großmuth vermochten etwas gegen ihren Egoismus auszurichten: in diesem einen Punkte, der Vertheidigung ihres Platzes auf dem Throne, zeigte sie eine unerschütterliche Festigkeit. Sie sah ein, daß sie schließlich einem kategorischen Befehle werde weichen müssen, und sie erklärte sich bereit dazu. Ihre einzige Sicherheit, das war ihr klar, bestand in dem Widerwillen Napoleons gegen ein solches Machtwort, und um keinen Preis wollte sie ihm durch Entgegenkommen den Schritt, den er scheute, erleichtern. Sie richtete danach ihr Benehmen ein; sanft, unterwürfig, tactvoll, machte sie es dem Gemahl so schwer wie möglich, zu seinem Ziele zu gelangen, und wenn sie die Katastrophe nicht abwandte, verzögerte sie sie doch um Jahre. Es ist gewiß, daß die Welt Madame de Beauharnais längst vergessen hätte, wenn sie nicht den General Bonaparte geheirathet hätte. Nur als Gefährtin ihres Mannes lebt sie in der Geschichte fort. Aber damit ist nicht gesagt, daß sie zu dem Interesse, das sie in dieser ihrer Eigenschaft einflößt, nichts von ihrem Eigenen beitrage. Sie ist nicht bloß eine negative Größe, sondern sie bildet einen Gegensatz, der pikant und künstlerisch wirksam ist, zu dem Manne, an dessen Seite sie ihr wundersames Schicksal auslebte, ein zierlicher Egoismus neben einem kolossalen. Sie war doch in ihrer Art was man »eine Natur« nennt, und weil sie das war, wird sie immer den Psychologen interessiren. In ihr verkörpert sich der naive Wille zum Genußleben, ein weiblicher Wille, unbeengt durch andersartige Leidenschaften, nur oberflächlich gehemmt durch gesellschaftliche Gewöhnungen, kaum berührt von moralischen Schwierigkeiten und über irdische Hindernisse leicht hinweggehoben durch die Gaben der Natur und die reichen Mittel der Befriedigung, die das Schicksal ihr verschwenderisch zur Verfügung stellte. Wie es dem Vogel natürlich ist, sich in den Lüften zu wiegen, dem Fische, sich in den Fluthen zu tummeln, so natürlich war es ihr, sich im Glanze der Feste zu sonnen, ihre Schönheit zu schmücken, sich mit allen Schätzen des Luxus zu umgeben, mit dem, was sie war und was sie besaß, andere zu erfreuen und in dieser Freude der anderen das eigene Glück erhöht noch einmal zu genießen. Darin war nichts von Berechnung; ihre Koketterie, ihre Freigebigkeit, ihre Toilettenkunst, sogar das Schminken, waren bei ihr Funktionen des angeborenen Naturells, zwanglos, als könne es nicht anders sein. Daher auch ihre unverbesserliche Verschwendung, gegen die selbst der Zorn Napoleons, den sie doch so sehr fürchtete, nichts auszurichten vermochte. Ohne sich zu besinnen, gab sie weg, was sie hatte, um sich zu verschaffen, was ihr einen Augenblick Vergnügen machte, oder um einen Bittsteller, der sie rührte, zu trösten, und wenn die Kasse leer war, machte sie unbedenklich Schulden. Sie setzte sich dadurch einigen peinlichen Augenblicken aus. Der Kaiser war wüthend, wenn die Schulden an den Tag kamen, aber er bezahlte sie schließlich, und das Spiel begann von neuem. Die Größe hat ihr nie den Kopf verdreht; sie verzehrte ihr kaiserliches Nadelgeld und wohl auch das Doppelte mit derselben Unbefangenheit wie früher die schmalen Einkünfte ihres Witthums, als merke sie selbst den Uebergang nicht, einer Pflanze gleich, die man aus magerem in reicheren Boden versetzt. Das angeborene Talent, ganz dem Augenblick zu leben, ihm alles unterzuordnen, impulsiv, mit einer Art kindlicher Unschuld, half ihr über alle Schwierigkeiten der Repräsentation hinweg; sie gab sich, wie sie war, und bezauberte, erregte die Bewunderung der strengsten Kritiker. Selbst die aristokratischen Damen nannten es »vollendet,« wie sie in der Notre Dame hingekniet sei, um sich von Napoleon die Krone aufsetzen zu lassen, »mit solcher Eleganz und mit solcher Einfachheit.« Der Herzog Pasquier weiß keine Worte zu finden, um die Anmuth zu schildern, mit der sie zum letzten Mal, als das Scheidungsdecret schon an den Senat abgeschickt war, dem Hofe präsidirte und alle ihre zahlreichen Verehrer mit dem letzten, wie immer freundlichen Lächeln beglückte. Damals noch hatte sie feurige Anbeter. Zwei junge Prinzen aus Mecklenburg, die sich in Paris aufhielten, waren verliebt in sie, und einer von ihnen, so erzählt Frau von Rémusat, war nach der Scheidung bereit, sie zu heirathen, obwohl sie seine Mutter hätte sein können. Ihr Ende ist ihrem Leben entsprechend gewesen. Sie befand sich im letzten Stadium der Auflösung, als – im Mai 1814 – die Alliirten in Paris waren. Nicht die ungeheure Katastrophe des Kaiserreichs beschäftigte ihre letzten Gedanken, sondern der Besuch des Kaisers Alexander, den sie erwartete, und die Toilette, in der sie ihn empfangen wollte. In Diamanten, Spitzen und Blumen, geschmückt und geschminkt, harrte sie in ihrem Salon des erlauchten Besuchs, und so, ehe der Zar eintraf, überraschte sie ein stärkerer Imperator, der Tod. Die Demüthigung, sich mit der Gnade der Bourbonen abfinden zu müssen, blieb ihr erspart; wer weiß, ob ihr nicht auch das gelungen wäre! Die Memoiren Talleyrands. I. (1891.) Statt aller Einleitung will ich einen Auszug aus dem ersten Bande geben, die Stelle, wo Talleyrand von den Vorbereitungen für die Zusammenkunft der Kaiser in Erfurt erzählt. Man erinnere sich, daß damals, im Spätsommer 1808, Talleyrand bereits mit Napoleon auf gespanntem Fuße stand, daß er aus dem Ministerium des Auswärtigen ausgeschieden war und nur noch als Großkämmerer und Vizegroßwähler in Verbindung mit dem Hofe stand. Zu seinem Nachfolger im Ministerium hatte Napoleon Herrn de Champagny ernannt, einen guten Büreauchef, der aber für die in Erfurt zu lösende Aufgabe, den Zaren zu bezaubern, nicht ausreichte. »Mein Antheil an dem Vertrage von Tilsit (erzählt Talleyrand), das besondere Wohlwollen, das Kaiser Alexander mir bewiesen hatte, und die Verlegenheit, in der Napoleon sich mit Herrn de Champagny befand, der, wie er sagte, jeden Morgen mit feinem Diensteifer komme, um seine gestrigen Ungeschicklichkeiten zu entschuldigen, endlich meine persönliche Verbindung mit Herrn de Coulaincourt (Botschafter am russischen Hofe), alle diese Motive veranlaßten den Kaiser, das peinliche Gefühl mir gegenüber zu überwinden und die stürmischen Vorwürfe zu vergessen, die er mir gemacht hatte, weil ich sein Unternehmen gegen Spanien tadelte. Er schlug mir also vor, ihn nach Erfurt zu begleiten und die dort beabsichtigten Unterhandlungen zu übernehmen. Ich willigte ein. Das Vertrauen, das er mir in unserer ersten Unterredung zeigte, war für mich eine Art Genugthuung. Er ließ mir die ganze Correspondenz des Herrn de Coulaincourt geben, die ich vortrefflich fand. In wenigen Stunden orientirte er mich über alle in Petersburg geführten Sachen, und ich beschäftigte mich nur noch mit den Mitteln, um, so viel an mir liege, zu verhindern, daß der Unternehmungsgeist allzu sehr in dieser seltsamen Zusammenkunft vorhersche.« »Napoleon wollte sie sehr glänzend machen; es war ihm eigen, fortwährend mit seiner Umgebung von der ihn beschäftigenden Idee zu sprechen. Ich war noch Großkämmerer; jeden Augenblick schickte er nach mir, nach General Duroc, Großmarschall des Palastes, und nach Herrn de Rémusat, dem Intendanten der Schauspiele. Meine Reise muß sehr schön werden! wiederholte er uns täglich. Bei einem seiner Frühstücke, an dem wir drei theilnahmen, fragte er mich, welche Kammerherren den inneren Dienst versehen sollten. Mir scheint, sagte er, daß keine großen Namen da sind; die will ich; nur solche, die Wahrheit zu sagen, verstehen es, an einem Hofe zu repräsentiren; das muß man dem französischen Adel lassen, dazu ist er vortrefflich. – Sire, Sie haben Herrn de Montesquiou. – Gut. – Prinz Sapieha. – Nicht übel. – Zwei genügen wohl, da die Reise kurz ist, Ew. Majestät können sie immer bei sich haben. – Meinetwegen. ... Rémusat, ich muß täglich ein Schauspiel haben. Lassen Sie Dazincourt kommen; ist der nicht Director? – Ja, Sire. – Ich will Deutschland durch meine Pracht überraschen. – Ohne Zweifel, sagte Duroc, ist es Ew. Majestät Absicht, einige hohe Personen nach Erfurt einzuladen, und die Zeit drängt. – Einer von Eugens Adjutanten reist heute; man könnte ihm sagen lassen, was er seinem Schwiegervater insinuiren soll, und wenn einer von den Königen kömmt, werden sie alle kommen wollen. Aber nein, Eugen darf man dazu nicht gebrauchen; Eugen hat dazu nicht genug Esprit; er versteht genau zu thun, was ich will, aber zum Insinuiren taugt er nicht. Talleyrand taugt besser dazu; als Kritiker über mich, fügte er lachend hinzu, wird er sagen, daß man mir Freude mache, wenn man komme. Mir wird's hernach überlassen bleiben, zu zeigen, daß mir nichts daran liegt, ob man kömmt oder nicht, und daß es mich vielmehr belästigt hat.« »Tags darauf ließ der Kaiser Dazincourt beim Frühstück rufen. Dazincourt, Sie wissen, daß ich nach Erfurt gehe. – Ja, Sire. – Ich will die Comédie-Française dort haben. – Soll sie Lustspiel und Tragödie spielen? – Ich will nur Tragödien; unsere Komödien würden nichts nützen; jenseits des Rheins versteht man sie nicht. – Ew. Majestät wollen gewiß eine sehr schöne Aufführung? – Ja, unsere schönsten Stücke. – Sire, man könnte Athalie geben. – Athalie! pfui doch! der Mann versteht mich nicht. Gehe ich nach Erfurt, um diesen Deutschen einen Joas in den Kopf zu setzen? Athalie! zu dumm! Lieber Dazincourt, genug davon. Benachrichtigen Sie Ihre besten tragischen Schauspieler, daß sie sich für Erfurt bereit halten; wegen der Abreise und der Stücke werde ich Ihnen meine Befehle zugehen lassen. Gehen Sie. Was diese alten Leute dumm sind! Athalie! Freilich ist es auch meine Schuld; warum frag' ich sie? Ich sollte keinen Menschen fragen. Hätte er noch Cinna gesagt; da sind große Interessen in Bewegung, und dann eine Begnadigungsscene, was immer gut ist. Ich habe fast den ganzen Cinna auswendig gewußt, aber ich habe nie gut deklamirt. Rémusat, kömmt dies nicht im Cinna vor: Tous ces crimes d'etat qu'on fait pour la couronne, Le ciel nous en absout, lorsqu'il nous la donne? »Ich weiß nicht, ob ich gut Verse spreche? – Sire, das ist aus Cinna, aber es heißt, glaub' ich: Alors qu'il nous la, donne. [Napoleon machte einen metrischen Schnitzer.] – Wie geht es weiter? nehmen Sie einen Corneille. – Sire, es ist nicht nöthig, ich erinnere mich der Verse. Le ciel nous en absout, alors qu'il nous la donne, Et dans le sacré rang où sa faveur l'a mis, Le passé devient juste et l'avenir permis. Qui peut y parvenir ne peut être coupable; Quoiqu'il ait fait ou fasse, il est inviolable. »Das ist ausgezeichnet, besonders für diese Deutschen, die immer an denselben Ideen festhaften und noch von dem Tode des Herzogs von Enghien sprechen. Man muß ihre Moral größer machen. Ich denke dabei nicht an den Kaiser Alexander; einem Russen machen solche Dinge nichts aus; aber es ist gut für Leute von melancholischer Denkart, von denen Deutschland voll ist. Man wird also Cinna geben, das wäre ein Stück, und für den ersten Tag. Rémusat, Sie werden überlegen, welche Tragödien man die folgenden Tage geben könnte, aber berichten Sie mir, ehe Sie etwas anordnen.« Ex ungue leonem , aus solchen Proben erkennt man deutlicher als aus bogenlangen Abhandlungen, weshalb die Franzosen nach dem Erscheinen der Talleyrandschen Aufzeichnungen erklärten, daß ihre ohnehin so reiche Memoirenlitteratur um ein Werk bereichert sei, das sich den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon an die Seite stelle. Meines Erachtens steht das neue Werk dem alten doch insoweit voran, als die Ereignisse und die geistige Höhe des Verfassers in Betracht kommen. So wenig das Zeitalter Ludwigs XIV. sich mit dem der Revolution, so wenig der große Monarch sich mit Napoleon messen kann, so wenig läßt sich der mißvergnügte Chronikenschreiber des Versailler Hofes mit dem activen Minister vergleichen, der während der ereignißvollsten Zeiten mitten in den Geschäften der großen Politik gestanden hat, als einflußreichster Rathgeber und Unterhändler bald, und bald – in dem Jahre nach Napoleons Sturz – geradezu als Leiter der Geschicke Frankreichs. Saint-Simon ist fast immer nur Zuschauer, Talleyrand ist Mitspielender, und er spielt eine Hauptrolle. Das giebt seinen Aufzeichnungen einen Charakter natürlicher Ueberlegenheit, die ohne irgend eine Anstrengung dem Leser imponirt und ihn doch nie verdrießlich stimmt. Man beachte, wie diese stille Ueberlegenheit in dem Genrebilde, das ich extrahirt habe, sich bemerklich macht, wie der Erzähler, während er nur eine merkwürdige Frühstücksscene zu schildern scheint, zugleich mit nachlässig hingeworfenen Strichen seine eigene Stellung neben Zar und Kaiser, in gewissem Sinne sogar über ihnen, als des vernünftigen Moderators, wirksam hervortreten läßt, und wie er, ohne es zu sagen, die kleine Scene benutzt, um den Charakter des Despoten, den er zu bändigen umsonst versucht hatte, zu beleuchten. Der kleinen Scene möge eine große folgen, die Talleyrand mit Empfindungen angeblickt hat, wie man sie ihm vielleicht nicht zugetraut hätte. »Der Kaiser kam am 27. September 1808 in Erfurt an. Schon Tags zuvor umgab eine zahllose Menge die Anfahrt zu seinem Palais. Jeder wollte den sehen, dem sich nähern, der alles austheilte, Throne und Elend, Befürchtungen und Hoffnungen. Die drei Menschen, die auf Erden die meisten Lobeserhebungen empfangen haben, sind Augustus, Ludwig XIV. und Napoleon. Die Epochen und das Talent haben dem Lobe verschiedene Fassungen gegeben, aber die Sache bleibt dieselbe. Meine Stellung als Großkämmerer gab den erzwungenen, den geheuchelten und selbst den aufrichtigen Huldigungen, die man dem Kaiser darbrachte, weil ich sie in größerer Nähe sah, in meinen Augen monströse Verhältnisse. Die Gemeinheit hatte nie so viel Genie gehabt; sie lieferte den Gedanken, auf dem Terrain, wo der Kaiser die Schlacht bei Jena gewonnen hatte, eine Jagd zu geben. Eine Metzelei von Sauen und Rothwild diente dazu, in den Augen des Siegers die Erinnerung an jenen Waffenerfolg zu erneuern. Mehrere Male habe ich bemerken müssen, daß man, je mehr man dem Kaiser zu grollen Anlaß hatte, desto mehr seinem Glück lächelte, desto mehr den hohen Geschicken Beifall spendete, die ihm, wie man sagte, der Himmel bestimmt habe. »Ich bin versucht zu glauben, und der Gedanke ist mir in Erfurt gekommen, daß es Geheimnisse der Schmeichelei giebt, keinem offenbart als solchen Fürsten, die nicht vom Thron gestiegen sind, die aber ihren Thron einem immer drohenden Protektorat unterworfen haben. Sie verstehen es, den geschicktesten Gebrauch davon zu machen, wenn sie sich in der Nähe der Macht befinden, die sie beherscht und sie zerstören kann. Ich habe oft den Vers irgend einer schlechten Tragödie citiren hören: Tu, n'as su qu'obéir, tu serais un tyran . Ich bin in Erfurt keinem Fürsten begegnet, von dem ich nicht lieber gesagt hätte: Tu, n'as su que régner, tu serais un esclave . Und das erklärt sich. Mächtige Souveräne wollen, daß ihr Hof die Größe ihres Reiches veranschauliche; kleine Fürsten dagegen wollen, daß ihr Hof ihnen die engen Grenzen ihrer Macht verstecke. Um einen kleinen Souverän wird alles aufgebauscht, Etikette, Diensteifer, Schmeichelei; vornehmlich an den Schmeicheleien mißt er seine Größe; er findet sie nie übertrieben. Diese Gewöhnung seines Urtheils wird ihm natürlich, und er ändert sie nicht, wenn das Glück wechselt; führt der Sieg in seinen Staat, in seinen Palast einen Mann, vor dem er selbst nur noch ein Höfling sein wird, so stellt er sich zu dem Sieger so tief, wie er seine Unterthanen unter sich sehen wollte. Einen anderen Begriff hat er nicht von der Schmeichelei. Man kennt an den großen Höfen ein anderes Mittel, um sich selbst größer zu machen: man bückt sich; die kleinen Fürsten verstehen nur sich auf die Erde zu werfen, und da bleiben sie liegen, bis das Glück sie wieder aufrichtet. Ich habe in Erfurt keine einzige Hand die Mähne des Löwen mit Anstand streicheln gesehen.« Hiernach begreift man, mit welcher innerlichen Erquickung Talleyrand unserem trefflichen Wieland zugehört hat, als er in seiner edlen Unschuld dem Löwen die Wahrheit über Tacitus sagte. Alle Zeitungen haben mit Recht sich beeilt, den Bericht Talleyrands über diese denkwürdige und köstliche Scene mitzutheilen. Die Art, wie der Erzähler sich ausdrückt, verräth, allerdings nur mit Untertönen, nur dem aufmerksamen Ohr eine gewisse Freude an den besseren Seiten der menschlichen Natur, an unabhängiger Gesinnung, an vornehmer Haltung, und sogar eine starke Antipathie gegen den bornirten und frivolen Egoismus der Mächtigen, die mit dem Glück der Völker spielen, um sich angenehm zu erregen. Man fragt sich befremdet, ob der Mann, der jetzt spricht, derselbe ist, dessen Name wie der Name Machiavels beinahe gleichbedeutend geworden ist mit politischer Unsittlichkeit und vielleicht noch einen übleren Klang hat als der des Florentiners, weil die moralische Indifferenz des letzteren, die doch nur theoretisch sich kundgab, in Talleyrand zur Praxis geworden zu sein schien. Vielleicht ist das landläufige Urtheil doch ein wenig zu summarisch ausgefallen. Ueber Machiavel hat man bekanntlich günstiger zu denken gelernt, seitdem man außer dem Principe noch andere Werke seiner Feder zu lesen anfing und namentlich seit man sich gewöhnte, die Zeit, in der, und die Menschen, mit denen er lebte, in Betracht zu ziehen. Möglich, daß auch Talleyrands Leumund gewänne, wenn man sich mehr, als es zu geschehen pflegt, vergegenwärtigte, wo, wie und wann er heranwuchs, durch welche politische Schule er ging, unter welchen Ereignissen und Umständen er sein Tagewerk verrichtete. Die große Menge, wenn man sie nach Talleyrand fragt, wird antworten: er hat ein halbes Dutzend falscher Eide geschworen, er ist seiner Kirche abtrünnig geworden, er hat alle Regierungen, denen er diente, verrathen, er hat Deutschland und Preußen um den wohlverdienten Siegespreis geprellt, er hat ein kolossales Privatvermögen zusammengeraubt, er hat ein epicuräisches und galantes Leben geführt und er hat gelehrt, daß dem Menschen die Sprache gegeben sei, um seine Gedanken zu verbergen. Wie die Kirche, der er abtrünnig wurde, aussah; wie die Regierungen, die er verrieth, beschaffen waren; welche Verpflichtungen er gegen Deutschland und Frankreich hatte; welche Gewohnheiten und Anschauungen vor hundert Jahren hinsichtlich der Bereicherung der Staatsmänner bestanden; welchen Werth die Zeit- und die Standesgenossen auf Sittenstrenge legten, – diese und ähnliche wohl aufzuwerfende Fragen werden in der Regel nicht weiter erörtert. Es ist das merkwürdige Schicksal des merkwürdigen Mannes gewesen, mit seiner ausgezeichneten Intelligenz und Kaltblütigkeit lauter Regierungen zu dienen, die sich durch Verblendung, Unfähigkeit oder Leidenschaft ruinirten und zugleich das Land zu ruiniren drohten; bei jeder der fünf oder sechs Katastrophen hatte er den Bankrott kommen sehen und rechtzeitig sich eingerichtet, aus der Masse zu retten, was zu retten war, damit ein lebensfähiger Geschäftsnachfolger es möglich finde, die Firma Frankreich fortzusetzen, und die Folge ist gewesen, daß auf sein Haupt die sämmtlichen Bankrottirer, das Ancien Régime , die Republik, das Directorium, die Bonapartisten und die Restauration die Schalen ihres Zorns entleert haben. Unter den Geschichtsschreibern seines Landes hat er keinen Vertheidiger gefunden, der diesem Consensus der Parteien Trotz zu bieten gewagt hätte, und unter den deutschen Historikern hat keiner es vergessen können, daß Talleyrand auf dem Wiener Congresse mehr an die französischen als an die deutschen Interessen gedacht hat. Am gerechtesten und unbefangensten hat über ihn ein englischer Schriftsteller, Sir Henry Lytton Bulwer, geschrieben. Man erwartet natürlich in den Memoiren einen breiten Platz der Selbstvertheidigung angewiesen zu sehen, aber man sieht sich getäuscht. Nur ab und an fließt eine gelegentliche und gelassene Abwehr ein, da z. B., wo er erzählt, wie er als Minister unter dem Directorium eigentlich nur die ihm fertig zugestellten Schriftstücke zu expediren hatte, günstigsten Falls die Fassung etwas mildern konnte. »Ich adelte diese seltsame Stellung, indem ich den andern, ein bischen auch mir selbst sagte, daß jeder Fortschritt zur Ordnung im Innern unmöglich sei, solange man nicht draußen Frieden habe, und daß ich, einmal zur Mitarbeit berufen, darauf alle meine Bemühungen richten müsse. Ich weiß, daß einige Leute (nicht damals, aber seit der Restauration) gefunden haben, daß es Unrecht sei, in Revolutionszeiten, wo das unbedingt Gute unmöglich werde, ein Amt anzunehmen. Mir ist es immer so vorgekommen, als liege eine gewisse Oberflächlichkeit in dieser Art zu urtheilen. In den Geschäften dieser Welt darf man sich nicht allein an den Augenblick halten. Das, was ist, ist sehr wenig, wenn man nicht bedenkt, daß aus dem, was ist, entsteht, was sein wird . ... Es ist nicht immer persönliche Berechnung, was die Menschen veranlaßt, ein Amt anzunehmen, und ich könnte sagen, daß man ein sehr großes Opfer bringt, wenn man einwilligt, verantwortlicher Herausgeber der Werke anderer Leute zu sein. Egoismus und Furcht haben nicht so viel Entsagung; aber man muß sich sagen, daß, wer in Zeiten des Umsturzes seine Thätigkeit verweigert, der gewährt den Zerstörern eine Leichtigkeit mehr. Man übernimmt das Amt nicht, um Menschen und Dingen, die uns mißfallen, zu dienen, sondern damit sie zum Vortheil der Zukunft dienen.« In den meisten Fällen beschränkt der Verfasser sich darauf, die Dinge, wie sie ihm erschienen, darzustellen und dem Leser die Nutzanwendung zu überlassen. Zu viel von der eigenen Person zu reden, erlaubte dem Sohne des achtzehnten Jahrhunderts die gute Lebensart nicht. Den weitaus breitesten Raum nehmen die geschichtlichen Ereignisse ein; die Jugendzeit und die Jahre vor der Revolution werden mit kurzer Skizzirung abgefertigt. Diese Skizzen sind so gezeichnet, daß wir bedauern, nicht mehr ihrer Art zu finden. Die Memoiren beginnen so nüchtern und knapp wie Cäsars gallischer Krieg: »Ich bin 1754 geboren; meine Eltern hatten wenig Vermögen; sie hatten eine Hofstellung, die zu allem führen konnte, sie und ihre Kinder.« Sie hatten wenig Vermögen, das heißt, sie gehörten nicht zu den subalternen Familien, die schon seit Generationen sich zum Hofdienst gedrängt und die Gunst der Könige ausgemünzt hatten. Die »großen Häuser« kamen später, und zu ihnen gehörte das »Haus« Talleyrand-Périgord. Ihr Stolz machte sie dem Monarchen minder angenehm. Unter Ludwig dem Fünfzehnten hatten sie sich bereits vollständig an die Atmosphäre von Versailles gewöhnt: »sie begriffen keine Macht, keinen Glanz, die nicht vom König ausflossen.« Das war der Anfang der Laufbahn, die von ihrem Ursprunge so weit abführen sollte. Aber der Ursprung ist doch nicht ohne Nachwirkung geblieben: das Selbstgefühl und die überlegene Sicherheit des Grand seigneur, ohne die Talleyrands Erfolge und seine europäische Stellung kaum sich hätten erreichen lassen, sie stammen daher. Von Erziehung war damals in den vornehmen Häusern nicht viel die Rede: »man überließ sie ein wenig dem Zufall; die Hauptsache war, es so zu machen wie alle Welt. Viel Sorgfalt hätte man pedantisch, stark betonte Zärtlichkeit geschmacklos gefunden. Kinder waren Erben des Namens und des Wappens. Man glaubte für sie genug gethan zu haben, wenn man ihnen Beförderung, Stellen, Anwartschaften besorgte, sich mit ihrer Verheirathung beschäftigte, ihr Vermögen verbesserte. La mode des soins paternels n'était pas encore arrivée. Die Mode war vielmehr in meiner Kindheit das gerade Gegentheil.« Er verbrachte seine vier ersten Lebensjahre bei einer Wartefrau, die ihn eines Tages von einer Kommode fallen ließ und es verschwieg, daß der eine Fuß ausgerenkt war. Als man später den Schaden bemerkte, war es zu spät zur Heilung: »je suis resté boiteux.« Mit diesen vier Worten und keiner Silbe mehr resumirt der Verfasser den Unglücksfall, der über sein Schicksal entschied und den er achtzig Jahre lang täglich zu beklagen hatte. Das nenne ich guten Geschmack. »Man schickte mich nach Périgord zu meiner Großmutter Madame de Chalais, die nach mir verlangt hatte. Obgleich sie meine Urgroßmutter war, habe ich sie immer meine Großmutter genannt, ich glaube, weil dieser Name mich ihr näher rückte.« Diese alte Dame, eine Tochter des Herzogs von Mortemart, war in zweiter Ehe mit Talleyrand, Fürsten von Chalais, Granden von Spanien, verheirathet gewesen; sie scheint in dem Stammschlosse der Familie ihren Witwensitz gehabt zu haben. Ihr Geist, ihre Sprache, ihre Manieren, ihre Stimme, sagt der Verfasser, hatten einen großen Zauber. »Sie war die erste Person meiner Familie, die mir Herzlichkeit zeigte, die erste auch, die mich das Glück zu lieben kennen lehrte. Dank sei ihr! ... Jawohl, ich liebte sie sehr! Ihr Andenken ist mir noch theuer. Wie oft in meinem Leben hab' ich sie vermißt! Wie oft hab' ich es bitter empfunden, welchen Werth aufrichtige Herzlichkeit, die man in der eigenen Familie fände, besitzen müßte. Solche Herzlichkeit neben sich zu wissen, ist in den Mühen des Lebens ein großer Trost, und ist man getrennt, so bleibt sie eine Erquickung für Geist und Herz und ein Asyl für die Gedanken.« Dies ist siebenzig Jahre nach dem Besuche bei der »Großmutter« geschrieben; wie tief der Eindruck war, sieht man aus der Schilderung, die der Greis nach sturmbewegtem Leben von der Existenz seiner ehrwürdigen Ahnfrau entwirft. Was an liebenswürdigen Seiten mit der Feudalität verknüpft war, hatte sich unauslöschlich seinem Gedächtnisse eingeprägt. Alte Leute, deren Laufbahn beendigt war, zogen sich gern in die Provinz zurück, die einst die Größe ihrer Familie gesehen hatte. Die Erinnerungen des Landes, die Ehrfurcht der adlichen Familien geringeren Ranges schufen ihnen eine hervorragende Stellung. Sie ihrerseits, die Ersten in ihrer Provinz, »hätten sich für entehrt gehalten, wenn sie nicht höflich und wohlthätig gewesen wären.« Die angesehenen Nachbarn umgaben die alte Herrenfamilie wie ein freiwilliger Hof, die Bauern sahen ihre Herrschaft nur, wenn sie Hülfe und Trost brauchten. »Die Sitten des Adels in Périgord glichen seinen alten Schlössern; sie hatten etwas großes und dauerhaftes; das Licht drang nur wenig ein, aber es kam milde. Man schritt mit einer heilsamen Langsamkeit fort, einer helleren Civilisation entgegen.« Sonntags begab sich Madame de Chalais in seidenem Spitzenkleide, begleitet von den ergrauten Kavalieren der Nachbarschaft, zur Kirche; neben ihrem Betstuhle hatte der Urenkel sein Schemelchen. Nach der Messe begab sich die ganze adliche Gesellschaft ins Schloß zurück, um sich dem Krankendienste zu widmen. Ein großer Raum war als Apotheke eingerichtet; da thronte in einem grünen Sammetfauteuil hinter einem großen schwarzlackirten Tische die Schloßherrin: im Vorzimmer warteten die Kranken. Die älteste Kammerfrau ließ einen nach dem andern der Hülfesuchenden in die Apotheke; zwei barmherzige Schwestern fungirten als Sachverständige: nach ihren Angaben mußten die Kavaliere Töpfe und Flaschen, Charpie und Leinwand von den Gestellen und aus den Schränken herbeiholen. Die alte Dame schnitt selbst die Kompressen und Verbandstreifen, deren man bedurfte, und ließ dem Kranken allerlei Gutes, Kräuter, Wein, Drogen, mit auf den Weg geben. Und jedem gab sie ein gutes und freundliches Wort zum Abschiede. Manche Heilstätten für arme Leute, bemerkt Talleyrand, mögen von gelehrteren Aerzten verwaltet werden, »aber den meisten fehlen die großen Heilmittel für das Volk, Zuvorkommenheit, Achtung, Vertrauen und Dankbarkeit. Die Seele regiert den Leib; der Verwundete, in dessen Schaden man einigen Trost gießt, der Kranke, dem man die Hoffnung zeigt, ist bereit zur Genesung; sein Blut kreist besser, seine Säfte läutern sich, seine Nerven beleben sich, der Schlaf kömmt wieder, und der Körper gewinnt seine alte Kraft.« Bis zu seinem neunten Jahre blieb der Knabe auf dem alten Familiengute; überall begegneten ihm die Leute mit respectvoller Zutraulichkeit; fortwährend hörte er Worte wie »diese Kirche hat der Herr Großvater gebaut,« »er hat uns dies Land gegeben,« »unsere Familie hat von je her einem Mitgliede Ihres Hauses gedient,« »gute Bäume schlagen nicht aus der Art; Sie werden auch gut bleiben, nicht wahr?« Diesen ersten Jahren, meint Talleyrand (man stutzt ein wenig), verdanke er wahrscheinlich »l'esprit général de sa conduite.« »Wenn ich Gefühle des Wohlwollens, selbst der Zärtlichkeit, ohne viel Vertraulichkeit gezeigt, wenn ich in verschiedenen Umständen einige Höhe der Gesinnung ohne Hochmuth bewahrt habe, wenn ich die alten Leute liebe und ehre, so hab' ich das in Chalais gelernt, bei meiner Großmutter. Es giebt ein Erbgut an Gefühlen, das sich von Geschlecht zu Geschlecht mehrt, dessen Schönheit die neuen Größen noch lange Zeit nicht kennen werden. Die besten unter ihnen protegiren zu sehr.« Ich sage, man stutzt ein wenig, wenn man »den alten Sünder« so fein reden hört, aber ich kann mich nicht entschließen, das alles für Phrase zu halten. Direct von der Großmutter ward der Knabe nach Paris in die Schule, ins Collège d'Harcourt gebracht. Es war ein Alumnat; nur Sonntags speiste er bei den Eltern; nach Tische entließ man ihn regelmäßig mit den Worten: »sei artig, mein Sohn, und mache, daß der Herr Abbé mit dir zufrieden ist.« Ich sollte vielleicht übersetzen »mit Ihnen zufrieden,« denn damals gaben die Väter den Söhnen noch das Vous. Drei Jahre scheint der kleine Junker harmlos und heiter verlebt zu haben; dann bekam er die Blattern. Die Eltern schickten eine Sänfte und ließen ihn in ein Privatlazareth bringen. Hier ward er hinter dicht verklebten Fenstern, hinter doppelten Vorhängen, bei starkem Kaminfeuer mit hitzigen Getränken behandelt, aber er genas trotz alledem und trug nicht einmal eine Narbe davon. Aber die Krankheit hatte andere tiefe Wirkungen. »Während der Genesung erstaunte ich über meine Lage. Die geringe Theilnahme, die ich während der Krankheit gefunden hatte, mein Eintritt in die Schule, ohne meine Eltern gesehen zu haben, einige andere trübe Erinnerungen verwundeten mein Herz. Ich fühlte mich vereinsamt, ohne Stütze, stets auf mich selbst zurückgewiesen; darüber beklag' ich mich nicht, denn ich glaube, dies stete Einkehren in mich selbst hat meine Kraft nachzudenken schneller entwickelt. Den Schmerzen meiner Knabenjahre verdankte ich die Gewöhnung, tiefer zu denken, als ich es vielleicht bei mehr Zufriedenheit gethan hätte. Möglich auch, daß sie mich gelehrt haben, die Zeiten des Unglücks mit leidlicher Gleichgültigkeit zu ertragen, nur beschäftigt mit den Hülfsquellen, die ich in mir selbst zu finden zuversichtlich hoffte. Eine Art Stolz macht es mir angenehm, an diese ersten Zeiten meines Lebens zurückzudenken. Ich habe später begriffen, daß meine Eltern, als sie einmal im vermeintlichen Familieninteresse beschlossen hatten, mich einem Berufe, für den ich nicht die geringste Neigung zeigte, zuzuführen, sich den Muth, bei diesem Entschlusse zu bleiben, nicht zutrauten, wenn sie mich allzu oft sähen. Diese Besorgniß ist ein Beweis von Zärtlichkeit, für die ich ihnen gern Dank weiß.« Um ihm Geschmack an der geistlichen Laufbahn beizubringen, schickte man ihn nach Rheims, wo sein Oheim Alexander de Talleyrand als Coadjutor des Fürsterzbischofs eine prächtige und üppige Existenz führte. Man suchte ihn zu verführen, indem man ihm die Denkwürdigkeiten der großen Kardinale Richelieu, Retz, Ximenez in die Hand gab. Aber es half wenig; das Leben an dem weibischen Prälatenhofe war ihm unerträglich; »mit funfzehn Jahren, wo das Herz noch ehrlich ist,« begreift man nicht, »daß es eine höchst einfache Sache ist, in einen Beruf einzutreten, um einen andern auszuüben, die Rolle der Weltentsagung zu übernehmen, um desto sicherer der Laufbahn des Ehrgeizes zu folgen, ins Seminar zu gehen, um Finanzminister zu werden.« Ob einfach oder nicht, die Sache war nicht zu ändern, und wenn er kein Mittel des Widerstandes sah, hat Talleyrand sein Leben lang das Nachgeben vorgezogen: »ich konnte meinem Schicksal nicht entgehen, mein ermüdeter Geist ergab sich in das Unvermeidliche; ich ließ mich in das Seminar von Saint-Sulpice führen.« So wurde das Weltkind in den Bannkreis der Kirche genöthigt, knirschend und halbverzweifelt; es ist nicht so sehr zu verwundern, daß er die Gelegenheit, die ihm die Revolution bot, eifrig ergriff und benutzte, wieder ins Freie zu gelangen. Im Seminar erhielt Talleyrand seine erste »wahrhaft nützliche Erziehung.« Sie hatte sehr wenig Geistliches an sich, und sie wurde im wesentlichen von ihm selbst besorgt. Während der drei Jahre, vom siebenzehnten bis zum neunzehnten, die er in Saint-Sulpice verlebte, verbrachte er die Tage vorzugsweise mit Lesen. Die Bibliothek war reichhaltig und wohlgeordnet. Er lernte die großen Historiker, die Biographien der bedeutenden Staatsmänner, die Moralisten, einige Dichter kennen. Er verschlang die Reisebeschreibungen, namentlich wenn sie von Ländern sprachen, wo große Umwälzungen und Katastrophen stattgefunden hatten. »Dann schien meine Lage mir minder unwiderruflich.« Auch ihn konnte ja nur eine große Umwälzung aus den geistlichen Ketten befreien, deren Last ihn äußerst unglücklich machte und mit tiefem Groll erfüllte. Er glaubte, in den Augen der anderen zu nichts gut zu sein, während er in sich selbst mit großer Lebhaftigkeit die Kraft fühlte, gute und sogar edle Dinge zu vollbringen. Dies Gefühl erweckte manchmal Vorahnungen, die einen unerklärlichen Zauber hatten. Inmitten seiner Umgebungen blieb er einsam; seine Lectüre war immer »ein tête-à-tête mit dem Autor.« Aber das gedieh seiner geistigen Entwicklung zum Vortheil: »Da ich meinen Autor nur mit meinem eigenen Urtheil beurtheilen konnte, so begegnete es mir, wenn wir verschiedener Meinung waren, fast immer, daß ich dachte, ich hätte Recht. So blieben meine Gedanken meine; die Bücher haben mich aufgeklärt, aber nie unterjocht. Eine solche Erziehung, die man ganz aus sich selbst schöpft, muß einigen Werth haben. Wenn die Ungerechtigkeit unsere Fähigkeiten entwickelt, ohne sie allzu sehr zu verbittern, so wird man den starken Gedanken, den hohen Gefühlen, den Schwierigkeiten des Lebens gegenüber unbefangener.« Sollte in dieser beiläufigen Bemerkung nicht mehr pädagogischer Sinn stecken als unsere Schulweisheit sich träumen läßt? Die jugendlichen Bekenntnisse wären zu einseitig ohne das folgende, das mir, was Vortrag betrifft, ein Muster guten Geschmacks zu sein scheint. »Der Zufall führte eine Begegnung herbei, die auf meine damalige Stimmung von Einfluß war. Ich denke mit Vergnügen daran, weil ich wahrscheinlich es ihr verdanke, daß ich nicht alle Wirkungen tiefster Schwermuth zu kosten hatte. Ich hatte das Alter der geheimnißvollen Offenbarungen der Seele und der Leidenschaften erreicht, den Zeitpunkt des Lebens, wo alle Fähigkeiten thätig und überströmend sind. Mehrmals hatte ich in einer Capelle der Kirche Saint-Sulpice ein schönes junges Frauenzimmer bemerkt, dessen einfaches, sittsames Wesen mir ausnehmend gefiel. Mit achtzehn Jahren, wenn man unverdorben ist, wird man durch solche Eigenschaften gewonnen; ich wurde pünktlicher bei den großen Messen. Eines Tages, als sie die Kirche verließ, machte ein starker Regen mir Muth, ihr meine Begleitung anzubieten, wenn sie nicht zu weit entfernt wohne. (Zeigt sich nicht in dieser Klausel die Klugheit des künftigen Diplomaten, der sich im voraus gegen alle Eventualitäten zu sichern sucht?) Sie nahm die Hälfte meines Schirms an. Ich führte sie nach der Rue Férou, wo sie wohnte; sie erlaubte mir, miteinzutreten, und ohne alle Verlegenheit, wie ein ganz reines junges Frauenzimmer, forderte sie mich auf, wiederzukommen. Ich kam anfänglich jeden dritten oder vierten Tag, hernach öfter. Ihre Eltern hatten sie gegen ihren Willen gezwungen, auf die Bühne zu gehen, ich war gegen meinen Willen im Seminar. Diese Tyrannei des Eigennutzes und des Ehrgeizes, unter der wir beide litten, stiftete zwischen uns ein rückhaltloses Vertrauen. Alle meine Schmerzen und Verstimmungen, alle ihre Widerwärtigkeiten erfüllten unsere Gespräche. Man hat mir später gesagt, daß sie nicht sehr geistreich sei; obgleich ich sie zwei Jahre lang beinahe täglich sah, hab' ich es nie bemerkt. Durch ihren Einfluß wurde ich, selbst für das Seminar, liebenswürdiger oder wenigstens erträglicher. Die Oberen mußten wohl einigen Verdacht hegen, was mich dem gewöhnlichen Leben wieder näher brachte und mir sogar einige Fröhlichkeit einflößte. Aber der Abbé Couturier (der Chef des Seminars) hatte sie die Kunst, die Augen zu schließen, gelehrt; er hatte sie angewiesen, niemals einem jungen Seminaristen Vorwürfe zu machen, der nach ihrer Ansicht bestimmt sei, hohe Aemter zu bekleiden, Coadjutor von Reims zu werden, vielleicht Cardinal, vielleicht Minister, vielleicht Ministre de feuille (d. h. Verwalter der königlichen Patronatsrechte). Was kann man wissen?« Die erste Liaison Talleyrands ist die einzige, deren in den Memoiren Erwähnung geschieht; die junge Dame, von der er hier spricht (ich habe den Namen vergessen), gehörte zum Théâtre français; sie eröffnet eine lange Reihe schöner, liebenswürdiger, geistreicher Frauen, die in dem Leben des Verfassers eine mehr oder minder bedeutende Rolle gespielt haben, aber, so viel ich weiß, nie eine politische. Er nennt von ihnen allen nur diejenigen – und ihrer ist eine große Zahl – mit denen ihn eine reine Freundschaft verband, Damen der großen Welt, deren manche auf dem Schaffott heldenmüthig gestorben sind, andere das bittere Brot des Exils gegessen haben. Im Jahre 1775 trat der Seminarist in die Sorbonne. Uns klingt das Wort wie der Inbegriff finsterer scholastischer Grübeleien und fanatischer Theologeneifersucht, aber das leichtlebige Jahrhundert hatte selbst in diese dunklen Hallen seinen luftigen Kerzenschimmer geworfen. »Zwei Jahre verbrachte ich dort mit allem anderen als mit Theologie,« so berichten die Memoiren; »das Vergnügen nimmt im Tagewerk eines jungen Baccalaureus viel Platz ein, und auch der Ehrgeiz fordert einige Augenblicke; das Andenken des Cardinals Richelieu, dessen schönes Mausoleum in der Kirche der Sorbonne stand, war in dieser Beziehung nicht entmuthigend. Ich kannte den Ehrgeiz nur erst in der guten Bedeutung; ich wollte zu alle dem gelangen, was ich gut leisten zu können glaubte.« Auf die Sorbonne folgte die Freiheit. »Wer nicht die zwölf Jahre vor der Revolution in der Gesellschaft von Paris gelebt hat, der kennt das Glück nicht,« hat Talleyrand später einmal geäußert. Mit den eleganten Zerstreuungen einer raffinirten Civilisation vereinigte sich eine neue Trunkenheit der Geister, die einer unbekannten Zukunft hoffnungsvoll entgegenschwärmten. Der König verlieh dem jungen Abbé de Périgord die Abtei Saint-Denys in Reims und damit die Mittel, in Paris einen standesgemäßen Haushalt zu führen. Die glänzendsten Salons öffneten sich dem Neuangekommenen, der schnell den Ruf eines der geistreichsten Plauderer erwarb; um seinen Frühstückstisch versammelten sich die Koryphäen der adlichen Jugend, die den Genuß der Gegenwart durch den Traum der Zukunft würzten und verklärten. Choiseul, »der Mann, den ich am meisten geliebt habe,« Narbonne, der famose Lauzun, der Poet Delille, Chamfort, Mirabeau gehörten zu den Gästen der Tafel, an der Talleyrand präsidirte. »Man sprach ein wenig von allem und mit der größten Freiheit. Es gab Genuß und Belehrung für uns alle, in Wirklichkeit einigen Ehrgeiz in Perspective. Es waren ausgezeichnete Vormittage, für die ich noch heute (d. h. ich Siebenziger) Geschmack haben würde.« Man erörterte nicht allein die frivolen Interessen der Gesellschaft, die Hofgeschichten, die Theater, sondern auch Politik, Verwaltungsreform, Finanzen, den neuen Handelsvertrag mit England (1786). Auch in die Salons drang die Politik ein; die einen waren der Königin ergeben, die anderen huldigten »den neuen Ideen.« Wer die liberalen Salons vorzog, mußte auf das Lächeln Marie Antoinettes verzichten; Talleyrand gehörte zu denen, die in Versailles wie Luft behandelt wurden. Er war keineswegs einer von den Freiheitsschwärmern, wie sie damals unter den vornehmen Franzosen zahlreich waren, die sich an schönen Idealen ergötzten, ohne zu fragen, ob sie und wie sie sich verwirklichen ließen. Er erkannte, daß eine Reform an Haupt und Gliedern nothwendig sei, daß der Thron sich mit gewählten Körperschaften umgeben müsse, daß das Deficit zu beseitigen und eine solide Finanzordnung unentbehrlich sei. Aber er erkannte auch die ungeheuren Schwierigkeiten und Gefahren der Cur, und er sah mit klarem Blicke, wie die Maßregeln der Regierung die Krankheit von Jahr zu Jahr verschlimmerten. Seiner Eigenart, die sich später in großen Krisen wiederholt bethätigt hat, entsprach es, sich ohne Vorurtheil und Täuschung alle Schwächen der Situation zu vergegenwärtigen, dagegen die vorhandenen Hülfsquellen und Rettungsmittel zu berechnen und danach, unbekümmert um Tradition und Pietätsrücksichten, den Plan zu entwerfen: dies muß geschehen, wenn wir nicht dem Chaos verfallen wollen. Er arbeitete allerlei Projecte aus, z. B. wie die Reichthümer der Geistlichkeit, die man auf zwei Milliarden schätzte, für die Heilung der Staatsfinanzen nutzbar gemacht werden könnten, ohne doch das Eigenthumsrecht der Kirche anzutasten und den Cultus zu schädigen. Er arbeitete Denkschriften über den Getreidehandel und andere brennende Tagesfragen aus. Aber sein Einfluß reichte damals nicht weit genug, um solche Vorschläge in den entscheidenden Kreisen zur Annahme zur bringen. Regierung, Adel und Geistlichkeit trieben mit geschlossenen Augen in den Strudel, der sie verschlingen sollte. Talleyrand trat als Deputirter der Geistlichkeit (er war mittlerweile Bischof von Autun geworden), in die Versammlung der Generalstände ein. Es entging ihm nicht, daß die Reform in eine Revolution umschlagen müsse, wenn die Krone nicht mit Entschiedenheit dem dritten Stande, der mehr und mehr sich in die Rolle des Inhabers der Souveränität hineinlebte, entgegentrete. Er hielt einen solchen Widerstand selbst dann noch für möglich, nachdem der dritte Stand die beiden anderen Curien lahm gelegt und sich mit den Uebergängern der Geistlichkeit und des Adels in die constituirende Nationalversammlung verwandelt hatte. Zu den Uebergängern gehörte auch Talleyrand. Nachdem einmal die beiden ersten Stände vom Hofe preisgegeben waren, hielt er es für den einzigen vernünftigen Schritt, der noch übrig blieb, freiwillig zu thun, was sich nicht abwenden ließ, nachzugeben, so lange das Nachgeben noch als verdienstlich galt. »Dadurch konnte man verhindern, daß alles sogleich auf die Spitze getrieben werde, man zwang den dritten Stand, Rücksichten zu nehmen, man gewann Zeit, was oft so viel heißt, wie alles gewinnen, und wenn es überhaupt ein Mittel gab, Terrain zurückzuerobern, so war dies Mittel das einzige, das sich darbot.« Seine Meinung war, der König solle, unter Aufrechthaltung aller liberalen Zugeständnisse, die Nationalversammlung auflösen und an die Nation appelliren. Seine Ueberzeugung war, daß eine constitutionelle Erbmonarchie, obwohl neun Zehntel der Nation und der Versammlung selbst sie wollten, unvereinbar sei mit dem Gange, den die Verfassungsarbeiten nahmen. Mit der Versammlung über ihre angebliche Souveränität zu rechten, hätte nichts geholfen. Aber der König konnte sagen: »Ihr setzt als Princip, daß dem Volke die Souveränität gehöre, und ihr setzt als Thatsache, daß es euch die Ausübung der Souveränität ohne Einschränkung übertragen habe. Ich habe dabei meine Zweifel, um nicht mehr zu sagen. Diese Frage muß durchaus entschieden werden, ehe wir weitergehen. Ich verlange nicht, darüber Richter zu sein, und ebenso wenig könnt ihr es sein; das Volk aber ist ein Richter, den ihr nicht ablehnen könnt. Ich werde es befragen, seine Antwort soll unser Gesetz sein.« Alle Wahrscheinlichkeiten sprechen dafür, so meint Talleyrand, daß damals, wo die revolutionären Ideen noch nicht in die Massen eingedrungen, die revolutionären Interessen noch nicht entstanden waren, das Volk die Usurpation der Versammlung verleugnet haben würde. Nichts wäre dann leichter gewesen als sie aufzulösen; einmal verdammt, wäre die revolutionäre Doctrin für alle Zeit verdammt gewesen. Hätte dagegen das Volk sie gut geheißen, so war der Monarch frei von Verantwortlichkeit; die Folgen trafen mit Recht das Volk, das sich vor ihnen schützen konnte und es nicht wollte. Auch in diesem Falle wäre das Uebel nicht so groß geworden, wie es wurde; man hätte es in seiner wahren Natur erkannt, sich keinen Täuschungen hingegeben, es nicht mit verkehrten Maßregeln bekämpft und verschlimmert, und Europa hätte sich nicht in falsche Sicherheit einwiegen lassen. Man hätte dem Unheil seinen freien Lauf gelassen, bis es seine letzte Entwickelung erreicht hätte, und wäre erst dann mit Heilversuchen eingeschritten. Im Bunde mit einigen gleichgesinnten Freunden bemühte Talleyrand sich, den Hof für diese Ideen zu gewinnen. Er erklärte sich bereit, mit einem solchen Programm die Regierung zu übernehmen und alle Ruhestörungen zu unterdrücken. Es fanden verschiedene Unterredungen zwischen ihm und dem Grafen von Artois, den der König als seinen Vertrauensmann bevollmächtigt hatte, statt, aber sie führten zu nichts. In der zweiten Nacht nach dem Bastillensturm ließ Talleyrand den Grafen im Schlosse Marly aus dem Bette holen, um einen letzten Ueberredungsversuch zu machen, und er erreichte wenigstens, daß der Prinz sich zum Könige begab, um dessen letztes Wort einzuholen. Mit dem König war nichts anzufangen, er wollte keinen Widerstand, bei dem ein Tropfen Blut fließen könnte. »Was mich betrifft,« sagte der Graf von Artois, »so steht mein Entschluß fest; ich reise morgen früh ab und verlasse Frankreich.« Talleyrand versuchte, dem Prinzen diesen verhängnißvollen Entschluß auszureden; auszuwandern, in einem solchen Augenblicke, schien ihm das verderblichste, was geschehen könne. Endlich, da der Prinz unerschütterlich blieb, sagte er: »Dann also, Monseigneur, bleibt jedem von uns nur noch übrig, an seine eigenen Interessen zu denken, da der König und die Prinzen ihre Interessen und die der Monarchie im Stiche lassen.« »Freilich,« erwiderte der Prinz, »das rathe ich Ihnen; ich kann Sie nicht tadeln, was auch kommen mag, und auf meine Freundschaft können Sie zählen.« Als im Jahre 1814 der Graf von Artois nach Frankreich zurückkehrte, ließ Talleyrand ihn durch den Baron de Vitrolles interpelliren, ob er sich dieser Unterredung erinnere. Der Prinz, so berichtet Herr de Vitrolles, sagte mir, ohne auf Einzelheiten einzugehen, er habe den Vorfall nicht vergessen, und alles, was ich ihm vorgetragen habe, sei völlig der Wahrheit gemäß. Ob Talleyrand, wenn man auf ihn gehört hätte, die Revolution abgewendet haben würde, ist zweifelhaft; jedenfalls wäre es ein fesselndes Schauspiel geworden, ihn an der Arbeit zu sehen. Ich denke mir, wenn der König ihm carte blanche gegeben hätte, wäre Talleyrands erster Weg zu Mirabeau gewesen. Er schreibt, es seien unter den Führern des dritten Standes große Ehrgeizige anderen Standes gewesen, die man vielleicht ohne Mühe hätte lenken können. »Man fühlte das Bedürfnis erst, als es nichts mehr nützen konnte.« Mirabeau und Talleyrand, Arm in Arm das Jahrhundert in die Schranken fordernd, wer kann sagen, was sie im ersten Anfange der Revolution ausgerichtet hätten? Daß Talleyrand die alte Monarchie »verrathen« habe, ist allen Umständen nach eine ungereimte Behauptung. Nachdem die Monarchie sich selbst aufgegeben hatte, suchte er in dem Sturme das Staatsschiff, das ihn an Bord hatte, möglichst im Fahrwasser zu halten. Künftigen Geschlechtern, die noch einmal gegen revolutionäre Sturmfluth zu kämpfen haben möchten, stellt er sein Verhalten als Vorbild hin: »Ich beschloß, Frankreich nicht zu verlassen, bis eine persönliche Gefahr mich dazu nöthige; nichts zu thun, was sie provoziren könnte, nicht gegen einen wilden Strom zu kämpfen, den man vorübergehen lassen mußte, aber zur Stelle und in der Lage zu bleiben, wo ich mitwirken könne, zu retten was zu retten wäre, kein Hinderniß aufzurichten zwischen der Gelegenheit und mir und für sie mich zu erhalten.« Man weiß, daß dies nicht gerade heroische, aber, wie mir scheint, auch nicht sehr verbrecherische Programm von dem klugen Manne bis ans Ende durchgeführt worden ist. Es hat ihm einen schlechten Namen gemacht, weil es so erfolgreich war. Uebrigens so ganz passiv, wie die Worte besagen, war Talleyrands Rolle während der beiden ersten Revolutionsjahre doch nicht. Er betheiligte sich an den Arbeiten der Nationalversammlung in vielseitiger Thätigkeit und meistens in einem Sinne, den man damals konservativ nannte. Ordnung der Finanzen, Gründung einer Nationalbank, Einheit des Maßes und Gewichtes, Organisation des öffentlichen Unterrichts, Emanzipation der Juden beschäftigten ihn und verliehen ihm eine bedeutende Stellung in der Versammlung, die ihn sogar im Februar 1790 zu ihrem Präsidenten wählte. Unter den Maßregeln, die er beantragte, ist eine, die zu den großen Freveln der Revolution wenigstens von den Anhängern des alten Regime gerechnet wurde. Am 10. October 1789 brachte der Bischof von Autun eine Resolution in Vorschlag, die Güter der Geistlichkeit für Staatszwecke zu verwenden und die Besoldung der Geistlichen auf die Staatskasse zu übernehmen. Damit begann jene revolutionäre Kriegführung gegen die römische Kirche, die Einführung der »bürgerlichen Verfassung der Geistlichkeit,« nach der Pfarrer und Bischöfe vom Volke gewählt und als Staatsbeamte vereidigt werden sollten, die Verfolgung der renitenten Geistlichen, die Zerrüttung des Cultus, der Bürgerkrieg in der Vendée. Talleyrand war wohl nicht der Vater dieser weitergehenden Eingriffe der Staatsgewalt in religiöses Gebiet, aber er ist jedenfalls ihr Mitschuldiger gewesen; er theilte, wie sich von selbst versteht, die Geringschätzung kirchlicher Ideen, deren Stärke er nicht ahnte; er widersetzte sich nicht nur nicht, sondern bethätigte sein Einverständniß durch Ableistung des vom Staate geforderten Eides; er celebrirte bei dem ersten Föderationsfeste das Hochamt auf dem Marsfelde und bekannte sich damit öffentlich zu der vom Papste verdammten Sache. Er verfiel der Excommunication mit allen denjenigen, die für die revolutionäre Maßregel gestimmt hatten und mit allen eidleistenden Priestern; alsbald legte er seine bischöfliche Würde nieder und betrachtete sich hinfort als Laien. Ueber alle diese Vorgänge gehen die Memoiren flüchtig hinweg; nur gelegentlich wird einmal bemerkt: »Die Einführung der bürgerlichen Kirchenverfassung war der größte politische Fehler, den die Versammlung begangen hat; welchen Antheil ich selbst daran gehabt haben mag, muß ich es eingestehen.« Später, als Minister des ersten Consuls, hat er den Fehler durch eifrige Mitwirkung bei dem Concordat gutzumachen sich bemüht; die Kirche hat die Einziehung ihrer Güter nachträglich genehmigt, und ihre geistlichen Rechte ihr möglichst vollständig wiederzugeben, hat Talleyrand sich redlich bemüht. Dem ersten Consul gegenüber war er nicht selten der Anwalt Roms, und Pius VII. war ihm dankbar. Als einmal ein Prälat das Gespräch auf den excommunicirten Exbischof von Antun brachte, sagte der Papst: Talleyrand? que dieu ait son âme, ah, ah! mais je l'aime beaucoup. . Zur Belohnung heilte der Papst die etwas incorrecte Situation, in der sein geliebter Anwalt sich befand: er entband ihn durch ein Breve von den priesterlichen Weihen und nahm ihn als Laien wieder in den Schoß der Kirche auf. Wo es sich um die Anschuldigung eines an der Kirche begangenen Frevels handelt, haben wir wohl keinen Grund, strenger zu richten als der heilige Vater. »Nach dem Ausscheiden aus dem geistlichen Stande,« schreibt Talleyrand, »stellte ich mich den Ereignissen zur Verfügung, und vorausgesetzt, daß ich Franzose blieb, war mir alles recht. Die Revolution versprach der Nation neue Geschicke; ich folgte ihr in ihrem Gange und lief ihre Chancen. Ich widmete ihr alle meine Fähigkeiten, entschlossen, meinem Lande als solchem zu dienen, und ich setzte alle meine Hoffnungen auf die constitutionellen Prinzipien, die zu verwirklichen man sich so nahe glaubte. Dies erklärt, warum und wie ich zu wiederholten Malen in die Staatsgeschäfte eingetreten, ausgetreten und wieder eingetreten bin, und auch die Rolle, die ich in ihnen gespielt habe.« Auf Einzelheiten läßt er sich nicht ein. Die Jahre, welche nun folgten und alle schönen Hoffnungen schrecklich zu Schanden machten, hinterließen in ihm eine Erinnerung, bei der er ungern verweilte. Er spricht von ihnen, wie man von einem entsetzlichen Traume redet, in dem aller vernünftige Zusammenhang fehlt. Die Möglichkeit, dem Staate mit seinen Fähigkeiten zu dienen, verschwand, als die Macht in die Hände der extremen Parteien, der Clubs und der Commune von Paris überging. Der letzte Dienst, den er dem Staate leistete, bestand in einer diplomatischen Mission nach London, der ersten in seinem Leben; nach seiner Rückkehr aus England fand er, daß der Boden des Vaterlandes doch zu heiß für seine Füße werde. Er war Augenzeuge des »zehnten Augusts,« es wurde ihm klar, daß Leute seines Schlages ihres Lebens nicht mehr sicher seien. Unter dem Vorwande, daß es nützlich sei, wegen der Maß- und Gewichtsreform mit England sich zu verständigen, ließ er sich von dem Ministerium nochmals nach London schicken. Seine eigentliche Absicht war, Frankreich für einige Zeit zu verlassen, aber nicht als Emigrirter, sondern mit einem regelrechten Passe. Die Vorsicht half ihm nicht viel; der Convent erklärte ihn für vogelfrei. Erst nach vierjähriger Abwesenheit konnte er, nachdem Frau von Staël und andere Freunde die Aufhebung der Acht erwirkt hatten, nach Frankreich zurückkehren. Als er in den Vereinigten Staaten, wo er drittehalb Jahre zubrachte, die Nachricht von seiner Rehabilitirung empfing, war er eben im Begriffe, an Bord eines von ihm mit Waaren befrachteten Schiffes nach Ostindien zu segeln. Wenn ein gewandter Weltmann ein bestimmtes Thema von der Unterhaltung fern zu halten wünscht, bringt er einen anderen Gegenstand aufs Tapet und sucht, über diesen plaudernd, die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer von der interessanteren Sache abzulenken. So schiebt Talleyrand in seinen Memoiren an der Stelle, wo man Bilder aus der Revolutionszeit erwartet, sechzig Seiten ein, die den Herzog von Orleans schildern, und etwa ein Dutzend Seiten, die sich mit Amerika beschäftigen, »dem großen Lande, dessen Geschichte beginnt.« Ich kann mich bei diesen beiden Kapiteln nicht aufhalten, möchte aber niemandem empfehlen sie zu überschlagen. Ich will nur anmerken, daß der französische Exbischof sich recht wohl in die transatlantische Welt zu finden wußte und mit den ernsten Republikanern sich vortrefflich vertrug. Unter allen gefiel ihm General Hamilton, Washingtons Finanzminister, am besten; »er schien mir, selbst zu Lebzeiten der Herren Pitt und Fox, den ersten Staatsmännern Europas ebenbürtig.« Mit General Hamilton unterhielt er sich gern über Handelspolitik; der Amerikaner, nur auf das Praktische gerichtet, behandelte Talleyrands Ansichten, was ihm gewiß nicht oft begegnet ist, als Illusionen eines Philanthropen. Die Welt, meinte er, werde vielleicht einmal für allgemeine Verkehrsfreiheit reif werden, aber bis dahin brauche man sich mit diesen schönen Ideen nicht zu beschäftigen. »Ich vertheidigte die Ökonomisten nur schwach, aber es fiel mir schwer, den Gedanken aufzugeben, daß es keine liberale Combinationen geben könne, aus denen nicht ein Vortheil für alle Handelsvölker erwüchse. Die weltbeglückenden Ideen strömen einem in Fülle zu, wenn man in seinem eigenen Lande vogelfrei erklärt ist.« Mit dem Ende der Vogelfreiheit, mit der Rückkehr nach Paris (September 1796) traten in der That die akademischen Betrachtungen weit zurück; eine ganz praktische Aufgabe bot sich dem Heimkehrenden dar. Frankreich, erschöpft von den Fieberanfällen, die es überstanden hatte, tief zerrüttet im Innern, von unfähigen, liederlichen Politikern beherscht, sehnte sich nach dem Erlöser, der im Stande wäre, Ordnung und Autorität wiederherzustellen und mit starker Hand zu schützen. Der kluge Kopf neben und im Bunde mit dieser starken Hand zu sein, das war eine lockende Aussicht, das versprach eine glänzende Laufbahn, Macht und Reichthum, Ansehen und Wohlwollen dem Glücklichen, dem der Wurf gelang, und zugleich der Nation eine bessere Zukunft. Frau von Staël vermittelte es, daß Talleyrand mit Barras bekannt wurde; Barras bewirkte, daß das Directorium ihm das Ministerium des Auswärtigen übertrug; er hatte von nun an die Depeschen der Regierung an die im Auslande commandirenden Heerführer zu expediren; es lag ihm nahe, daß der neue Minister sich den Feldherren schriftlich vorstellte. So kam es, daß ein äußerst verbindliches Schreiben Talleyrands an den General Bonaparte in Italien gelangte, und daß zwischen den beiden ein sehr freundschaftlicher vertraulicher Briefwechsel sich entwickelte. Die starke Hand und der kluge Kopf hatten einander gefunden. In eine sehr schlechte Gesellschaft trat Talleyrand ein, als er dem Direktorium seine Dienste widmete. Aber, wenn er sich eine Laufbahn eröffnen wollte, hatte er keine Wahl, er mußte sich mit den unfähigen und unwürdigen Erben der Revolution zu vertragen suchen. Man fühlt es ihm nach, obwohl er sich aller starken Ausdrücke enthält, wie übel ihm in dieser Umgebung zu Muthe war. »Mit diesen Männern mußte der Versuch gemacht werden, Frankreich wieder in die europäische Gesellschaft einzuführen: ich warf mich in dies große Unternehmen.« Schon wenige Monate nach seinem Amtsantritt machten sie den Staatsstreich vom achtzehnten Fructidor, in dem die ganze Rechtlosigkeit und Grausamkeit der Schreckenszeit wieder auflebte, ohne Blutvergießen freilich: man half sich mit der Verbannung der Gegner nach dem mörderischen Klima von Cayenne, mit der »trocknen Guillotine,« wie der Volkswitz es nannte. Der Minister des Auswärtigen mußte in einer Depesche an die französischen Gesandten, den Staatsstreich vor den Höfen Europas rechtfertigen; Talleyrand hat sich der unsauberen Aufgabe nicht entzogen. Er selbst war sicherlich unbetheiligt bei dem Verbrechen, aber er lieh der Vertheidigung seine Feder. Davon steht in seinen Aufzeichnungen nichts, aber wir finden die Depesche in dem fast gleichzeitig mit den Memoiren erschienenen Werke G. Pallains: »le Ministère de Talleyrand sous le Directoire« , das uns das werthvollste Material für die Kontrolle der Memoiren liefert. An sich ist es ja nicht so unbedingt zu verdammen, wenn ein Minister des Auswärtigen einen Akt seiner Regierung, den er selbst verwerflich findet, vor dem Auslande thunlichst beschönigt; aber man muß sagen, daß in diesem Falle die Selbstverleugnung ein wenig weit ging. Nur darf andererseits auch die furchtbare Zerrüttung der Zeit nicht außer Ansatz bleiben. Während der Jahre 1789–1814 war es, wie Beugnot sagt: »viel schwerer, seine Pflicht zu kennen, als sie zu thun.« In Pallains Werk finden wir ein Seitenstück zu der Rechtfertigung des achtzehnten Fructidor, das einen noch tieferen Schatten zu werfen scheint. Als am 10. August 1792 die Tuilerien vom Pöbel erstürmt worden waren, überreichte Talleyrand, der damals nicht Minister war, dem provisorischen Exekutivausschusse den Entwurf einer an die Gesandten zu richtenden, das Blutbad beschönigenden Depesche, nicht weil er mit dem Pöbel sympathisirte, sondern weil er es für nützlich hielt, der »europäischen Gesellschaft« gegenüber den Schein zu retten. Jedenfalls kann man nicht sagen, daß erst der Umgang mit dem Direktorium ihn korrumpirt hätte. Eher mag dies auf einem anderen Gebiete zutreffen, auf dem der Selbstbereicherung. Als er in die Regierung eintrat, herschte in diesem Punkte die laxeste Moral. Daß man seinen amtlichen oder politischen Einfluß verwerthe, um sein Vermögen zu verbessern, galt fast für selbstverständlich. Aus Gesandtschaftsberichten wissen wir, daß es ganz üblich war, Geldgeschenke zu machen, um eine stockende Unterhandlung vorwärts zu bringen; nicht selten wurden solche Spenden geradezu gefordert, etwa durch Vermittlung eines Sekretärs, der dann seinen Theil abbekam. Die Praxis hat sich unter dem Kaiserreich fortgesetzt, nur mit dem Unterschiede, daß Napoleon seinen Generalen, Kommissaren und Präfekten genau auf die Finger paßte und ihnen nur in ausländischen Revieren die Jagd nachsah. Die öffentliche Meinung billigte diese Dinge nicht, aber sie nahm auch nicht sehr lebhaften Anstoß daran. Für uns ist es immer befremdlich, zu sehen, daß die Freunde Talleyrands, unter denen sich nicht wenige anständige Leute befanden, die ihnen wohlbekannte Thatsache seines übelerworbenen Reichthums auf die leichte Achsel nehmen, wie wir kleine Schwächen guter Freunde mit in den Kauf nehmen. Talleyrand selbst spricht nie von seinen Geldangelegenheiten, Frau von Rémusat aber, die sich doch später sehr mit ihm befreundete, behandelt es als ein öffentliches Geheimniß, daß er sein Vermögen seinem politischen Einflüsse verdankte. Sie amüsirt sich, wenn Talleyrand die schwache Seite gegen boshafte Spötter mit kaltblütiger Eleganz zu vertheidigen weiß. Der Kongreß von Rastatt, der unter französischem Vorsitze die Vertheilung der mediatisirten deutschen Lande und Städte unter die bevorzugten Fürsten besorgte, wurde für den Minister der Republik zu einer Goldquelle, aus der er um so unbedenklicher schöpfen mochte, als es sich um deutsches Gold handelte, und es nicht einmal nöthig war, politische Interessen zum Opfer zu bringen. Denn für Frankreich war es gleichgültig, ob ein deutscher Fürst einige Quadratmeilen mehr oder weniger erhielt. Der erste Konsul, dem es Vergnügen machte, die Leute in Verlegenheit zu setzen, richtete einmal an der Tafel vor zahlreichen Gästen die Frage an Talleyrand, woher eigentlich sein Vermögen stamme. Ohne mit den Wimpern zu zucken, antwortete der Gefragte: »Nun ich habe vor dem 18. Brumaire gekauft und nach dem 18. Brumaire verkauft.« Später, als Napoleon Kaiser geworden war, stattete er seinen Minister so reichlich aus, daß Nebeneinnahmen überflüssig wurden. Er machte ihn zum Vice-Großwähler mit 300 000 Francs, zum Oberkämmerer mit 50 000 Francs Einkommen und belehnte ihn mit dem Fürstenthum Benevent, das ihm jährlich 120 000 Francs abwarf. Dazu kam das Privatvermögen, das man auf achtzehn Millionen schätzte. Seine Thätigkeit als Minister des Direktoriums hat Talleyrand als äußerst unbedeutend dargestellt. Er habe seinen Namen unter die Schriften anderer Verfasser setzen müssen, höchstens einige Korrekturen anbringen können. Dies ist übertrieben. Pallain veröffentlicht eine Fülle zum Theil ausgezeichneter Depeschen und namentlich mehrere Denkschriften von Talleyrands Hand, der immer von neuem versuchte, die Direktoren zu einer maßvollen und consequenten auswärtigen Politik zu bekehren. Unter den Denkschriften befindet sich eine vom 10. Juli 1798, über die allgemeine Lage Europas, die man als ein klassisches Meisterwerk bezeichnen kann, auch von Seiten des Stils, der eindringliche Deutlichkeit mit höchster Einfachheit verbindet. Aus den Veröffentlichungen Pallains ersieht man auch, daß die Expedition nach Aegypten, die uns eher wie ein tolles Abenteuer vorkömmt, von Talleyrand wie von Bonaparte als ein aussichtsreiches Unternehmen angesehen und von ersterem eifrig gefördert wurde. Er hatte sich bereit erklärt, als Botschafter nach Konstantinopel zu gehen, sobald die Waffenerfolge in Aegypten den psychologischen Moment zu einer Verhandlung mit der Pforte herbeigeführt haben würden. So wenig war er auf den Mißerfolg vorbereitet, daß er mit Bonaparte vor dessen Abfahrt nach Aegypten verabredete, er wolle sich zu dem gedachten Botschafterposten ernennen lassen und dann sofort das Ministerium abgeben. Die Niederlagen der Franzosen auf dem europäischen Kriegsschauplatze, die das Direktorium veranlaßten, Bonaparte zurückzurufen, retteten diesen und Talleyrand aus der peinlichsten Lage. Die Memoiren verschweigen vieles, aber darüber, daß ihr Verfasser in alle Vorbereitungen für den Staatsstreich eingeweiht und mit seinen Rathschlägen dabei betheiligt war, sind sie ganz offenherzig. Von Anfang an will Talleyrand gewußt haben, daß Bonaparte nach der obersten Gewalt strebe, und er war ganz damit einverstanden. Er war der Meinung, daß nur die Monarchie, zunächst die lebenslängliche, Frankreich retten könne, und er glaubte, daß Bonaparte auch eine neue Dynastie zu gründen im Stande sein werde. »Man mußte die Monarchie herstellen, oder der 18. Brumaire war umsonst gemacht.« Zwar bedurfte es Zwischenstufen, aber die Aufrichtung des Throns mußte das Ziel bleiben. »Die Rückkehr zur alten Dynastie war, solange Frankreich sich nicht in der Gewalt fremder Mächte befand, unbedingt unmöglich; die Ermordung Ludwigs XVI. hatte ein unübersteigliches Hinderniß geschaffen.« An dem Umsturz der bestehenden Verfassung mitzuwirken, hat ihm augenscheinlich nicht das mindeste Bedenken gekostet; sein Gewissen macht ihm deshalb keine Vorwürfe; nicht daß er die Republik beseitigen half, erschien ihm in seinem Greisenalter als etwas, was der Entschuldigung bedürfe, wohl aber beklagte er, daß er einem Bonaparte zu viel Gutes zugetraut habe. Die Erfahrung, die er unter dem Direktorium gemacht hatte, daß die weisen Ermahnungen zu Mäßigung und Friedfertigkeit nichts ausrichten, wo Gewaltsamkeit und Eroberungsgier das entscheidende Wort führen, diese Erfahrung mußte er unter Bonaparte noch einmal machen, freilich mit dem Unterschiede, daß der neue Herr kein Unfähiger war und in den ersten Jahren seiner Herrschaft die Erwartungen, die Talleyrand von ihm hegte, glänzend zu erfüllen schien. Talleyrand hat ohne Zweifel von vornherein Bonaparte gegenüber das Gefühl der Ebenbürtigkeit und sogar der Ueberlegenheit gehabt, und er hatte ein gewisses Recht dazu. Auf seiner Seite war die größere Welterfahrung, die genauere Kenntniß der Verhältnisse Europas, die ruhige Besonnenheit, die nüchterne Verständigkeit, die Selbstbeherschung, das Bewußtsein, dem neuen Herscher ausgezeichnete, zum Theil unentbehrliche Dienste leisten zu können. Er durfte sich der Hoffnung hingeben, daß es ihm gelingen werde, die geniale Kraft des jungen Feldherrn, der vierzehn oder fünfzehn Jahre jünger war, wenn auch nicht zu seinem Werkzeuge zu machen, doch zu zügeln und auf guten Wegen zu halten. Es ist nicht etwa ein erst nachträglich zurecht gelegtes Schema, wenn der Verfasser der Memoiren sein Verhältniß zu Napoleon als den – allerdings an der dämonischen Leidenschaft des Kaisers gescheiterten – Versuch darstellt, diese gewaltige Naturkraft zum Besten des Landes einigermaßen zu reguliren. Unparteiische Berichterstatter bestätigen durchweg die Richtigkeit dieser Darstellung, und es liegen Staatsschriften Talleyrands vor, die beweisen, daß er von jeher ein entschiedener Gegner der Eroberungspolitik gewesen und immer geblieben ist. Schon im Jahre 1792 richtete er an die französische Regierung eine Denkschrift (abgedruckt in Pallains Werk »Talleyrands Mission in London«), die seine Idee, daß Frankreich sich am besten stehe, wenn es sich mit den Grenzen von 1792 begnüge und die Sicherheit seiner Nachbarn nicht bedrohe, mit Nachdruck begründet. Es versteht sich von selbst, daß im Jahre 1799 auf dies Programm nicht zurückgegriffen werden konnte; die Erwerbung Belgiens und des linken Rheinufers ließen sich nicht rückgängig machen, aber auch mit diesen bedenklichen Erweiterungen hätte Frankreich unter einer weisen Regierung sich behaupten können, ohne die Feindschaft aller Nationen gegen sich zu entfesseln. »Im Jahre 1807, als er Oesterreich, Preußen und Rußland besiegt hatte und die Geschicke Europas in der Hand hielt, konnte Napoleon die größeste, edelste Rolle spielen. Er war der erste und der einzige, der dem Welttheil ein seit Jahrhunderten umsonst gesuchtes, und heute (1820?) ferner als je liegendes Gleichgewicht hätte geben können. Dazu brauchte er nur 1. Italien zur Einheit zu berufen, unter Verpflanzung des Hauses Bayern dorthin; 2. Deutschland zu theilen zwischen dem Hause Oesterreich, das sich bis zur Donaumündung ausgedehnt haben würde, und dem Hause Brandenburg; 3. Polen wiederzuerwecken und es dem Hause Sachsen zu geben.« Wiederholt finden wir Warnungen vor der Gefahr, die im Osten Europas aufziehe, und vor der Sorglosigkeit, mit der man das Eingreifen russischen Einflusses in die westeuropäischen Verhältnisse behandle, die Hauptbollwerke gegen den halbasiatischen Staat, Oesterreich und Preußen, schwäche oder zerstöre. Polens Herstellung sollte auch zur Abwehr der Moskowiter dienen: aber schon 1814 erklärte Talleyrand sie für undenkbar. In der von ihm verfaßten Instruktion der Bevollmächtigten Frankreichs zum Wiener Kongreß, die er den Memoiren einverleibt hat, heißt es: »Die Herstellung des Königreichs Polen wäre ein Gewinn, ein großer Gewinn, aber nur unter folgenden drei Bedingungen: 1. daß es unabhängig wäre; 2. daß es eine starke Verfassung hätte; 3. daß es nicht nöthig wäre, Preußen und Oesterreich für die Herausgabe ihrer Antheile zu entschädigen. Bedingungen, die alle unerfüllbar sind und die zweite noch unerfüllbarer als die beiden andern.« Bei solchen Gesinnungen muß es keine angenehme Thätigkeit gewesen sein, die Talleyrand seit seiner Rückkehr nach Frankreich auszuüben hatte. Napoleon, wie vorher das Direktorium, nahm von ihm die Dienste an, die ihm paßten, und schlug die Rathschläge und Warnungen, die dem Ehrgeiz unbequem waren, in den Wind. Eine solche Existenz erinnert ein wenig an die Rolle der Kassandra; nur daß Talleyrand nicht tragisch gestimmt und nicht fatalistisch gesinnt war. Er zuckte die Achseln und that was ihm zuwider war. Der Minister predigte die Friedenspolitik, der Kaiser schlug die Schlachten von Austerlitz, Jena und Friedland, und der Minister unterzog sich der Redaktion der Verträge von Preßburg und Tilsit, wie der Uebermuth des Siegers sie ihm vorzeichnete. Die maßlose Grausamkeit, mit der Napoleon Preußen behandelte, beleidigte Talleyrands politischen Sinn, und warum sollte sich in ihm nicht auch menschliche Theilnahme geregt haben, als er die schreckliche Katastrophe einer ruhmreichen Monarchie in nächster Nähe vor Augen hatte? »Ich war empört von allem, was ich sah und hörte, aber ich mußte meine Empörung verbergen.« Die Höflichkeit des altfranzösischen Edelmannes mußte die Roheit, mit der Napoleon in Tilsit der Königin Louise begegnete, haarsträubend finden. Napoleon richtete eines Tages die brutale Frage an sie: »Wie konnten Sie Madame, mit ihren schwachen Mitteln es wagen, mit mir Krieg anzufangen?« Die Königin antwortete: »Sire, ich muß es Ew. Majestät sagen, der Ruhm Friedrichs II. hatte uns über unsere Macht irregeführt.« Diese Antwort fand Talleyrand »superbe«. Der Ruhm Friedrichs, im Salon Napoleons zu Tilsit so glücklich heraufbeschworen, – es entzückte ihn und er erzählte es so oft wieder, daß der Kaiser es übel nahm und ihm sagte: »Ich weiß nicht, was sie an dem Worte der Königin von Preußen so schön finden; Sie thäten ebenso gut, von etwas anderem zu sprechen.« Dafür belohnte ihn die schöne Königin, als er sie zum letzten Mal an ihren Wagen geleitete, mit einem freundlichen Abschiedsworte. »Mein Prinz,« sagte sie, »zwei Personen bedauern es, daß ich hierher gekommen bin, ich und Sie. Nicht wahr. Sie sind nicht ungehalten, wenn ich diese Meinung mitnehme?« »Unter den Rückblicken auf mein Leben,« fügt der Erzähler hinzu, »sind nothwendig viele peinliche, aber es beglückt mich, wenn ich an das denke, was diese Königin einer anderen Zeit mir zu sagen, mir fast anzuvertrauen die Güte hatte. Thränen der Rührung und des Stolzes waren meine Antwort auf ihre letzten Worte. Alle Bemühungen dieser edlen Frau blieben bei Napoleon nutzlos: er triumphirte, und dann war er unbeugsam.« Bald nachher schied Talleyrand aus dem Ministerium aus, freiwillig, wie er es darstellt. Der Kaiser verlieh ihm die glänzende Sinecure eines Vizegroßwählers, und diese Gelegenheit, sagt er, benutzte ich, meinen aktiven Dienst bei ihm zu beenden. Der Frage, warum erst jetzt? da er doch schon seit dem Frieden von Amiens die kaiserliche Politik als völlig maßlos erkannt haben will, begegnet er im voraus: »Ich hatte bis dahin Napoleon treu und eifrig gedient. Lange fügte er sich meinen Anschauungen, die diese zwei Punkte zur Richtschnur nahmen: für Frankreich Aufrichtung einer Monarchie, die innerhalb gerechter Schranken die Autorität des Souveräns verbürge; Europa schonen, damit es Frankreich sein Glück und seinen Ruhm verzeihe. Im Jahre 1807, das erkenne ich an, hatte Napoleon sich längst von dem Wege, in dem ich ihn festzuhalten mir alle Mühe gab, entfernt, aber ich hatte bis dahin meinen Posten nie verlassen können; es war nicht so leicht, wie man vielleicht denkt, daß Dienstverhältniß zu ihm abzubrechen.« Die Schwierigkeit des Abdankens wird wohl auch ein wenig in Talleyrand selbst gelegen haben, und es ist ebenso zu vermuthen, daß im Jahre 1807 der Herr bei der Auflösung des Verhältnisses nicht unbetheiligt war.. Der Diener war ihm unbequem geworden. In den ersten Jahren seines Regiments hatte Napoleon die Mitarbeit eines so geschickten, wohlunterrichteten und erfahrenen Ministers unentbehrlich, wenigstens sehr vorteilhaft gefunden; der Verkehr mit einem Manne, der seine unabhängige Meinung hatte und sie geistreich vertrat, war ihm eine Art Erquickung in der Oede einer Umgebung von lauter blinden Werkzeugen und Jasagern. Talleyrand behauptete dem ersten Konsul gegenüber den Ton und die Formen eines gesellschaftlich Gleichstehenden; dem Kaiser zeigte er sich zwar als Unterthan, aber immer mit dem Selbstgefühl des vornehmen Mannes und des eminenten Geistes. Er verstand es, dem Herscher unangenehme Wahrheiten zu sagen, ihm zu widersprechen; er hatte manchmal den Muth, Befehle unausgeführt zu lassen oder nur mit mildernden Modificationen zu vollziehen, sicher, daß nachträglich ihm Recht gegeben werde. »Talleyrand ist unter euch allen der einzige, mit dem man reden kann«, hat Napoleon einmal vor seinen versammelten Hofleuten erklärt. Aber mit der Zeit, mit der zunehmenden Machttrunkenheit verlor der Despot den Geschmack an geistreichem Widerspruch, und die Nähe eines Mannes belästigte ihn, von dem er fühlen mußte, daß dieser ihn durchschaue und sich nicht imponiren lasse wie Andere. Die Gründe, mit denen der Rathgeber die Lieblingsprojekte des Eroberungsdurstigen bekämpfte, waren um so widerwärtiger, je triftiger sie dem unbefangenen Urtheil erscheinen mußten. »Das denkwürdigste aller Attentate Napoleons,« die verrätherische Gefangennahme der spanischen Königsfamilie und die Verwandlung ihres Reichs in eine bonapartische Secundogenitur, beschleunigte den Bruch. Die Memoiren widmen dieser Angelegenheit ein besonderes Kapitel, obwohl ihr Verfasser nicht mehr aktiv dabei betheiligt war. »Der Kaiser,« heißt es, »hatte mir mehrmals von seinem Plane gesprochen; ich bekämpfte ihn mit allen meinen Kräften, indem ich die Unmoralität und die Gefahren des Unternehmens darlegte. Er verschanzte sich zuletzt immer dahinter, daß Spanien ihm einmal an der Pyrenäengrenze eine Diversion machen könnte, wenn er am Rhein oder in Italien auf Schwierigkeiten stieße.« Nun schlug Talleyrand vor, er möge sich begnügen, Katalonien als Unterpfand zu besetzen, mit dem Versprechen, es herauszugeben, sobald der Friede mit England zu Stande komme. Wer weiß, fügte er hinzu, ob in der Zwischenzeit Catalonien sich nicht an Frankreich gewöhnt und wir es dann endgültig behalten können. Der Kaiser wollte nicht davon hören; ihm kam es darauf an, die Bourbonen zu verdrängen und für seinen Bruder Joseph einen Thron frei zu machen. Sei es Bosheit, sei es Berechnung, er befahl Talleyrand, die gefangenen Prinzen vorläufig in seinem Schlosse Valencay zu beherbergen, bis ein dauerndes Unterkommen für sie eingerichtet sei. Die Prinzen waren junge Männer, aber Moderluft der Vergangenheit schien sie zu umgeben. Es war, als kämen sie aus vergangenen Jahrhunderten; als sie in Valencay vorfuhren, meinte der Schloßherr, eine Karosse Philipps V. komme daher. Talleyrand machte es sich zur Pflicht, vielleicht auch mit einiger Bosheit, seine Gäste mit höchster Auszeichnung zu behandeln. Dem Gendarmerieoffizier, den Napoleon ihnen mitgegeben hatte, bedeutete er, daß im Schlosse und Park von Valencay der Kaiser nichts zu sagen habe. Er schrieb vor, daß man nur im habit habillé vor den Prinzen erscheinen dürfe; das Leben im Schlosse wurde mit sorgfältigster Rücksicht ihren Gewohnheiten und Wünschen angepaßt. Jeden Abend beschloß eine feierliche Andacht, an der alle Hausgenossen, selbst die Gendarmen, Theil nehmen mußten, und dieser gemeinsame Gottesdienst hatte die schönste Wirkung: er beruhigte die Gefangenen, er machte die Wächter sanfter. Diese jungen Bourbonen waren in Spanien niemals ohne schriftliche Erlaubniß des Königs spazieren gegangen; sie hatten nie getanzt, nie geritten, nie eine Flinte abgeschossen. Talleyrand ließ ihnen Tanz- und Reitstunden geben, vertraute sie der Leitung eines erfahrenen Jägers, veranstaltete ihnen Ballfeste mit Guitarren und Rondos. Auch in seiner Bibliothek versuchte er sie einige Stunden täglich zu unterhalten, aber obwohl man bis zu Bilderbüchern hinabstieg, erwies sich dies Bemühen als ganz hoffnungslos. Napoleon war mit dieser Ausführung seines Befehls wenig zufrieden. Es kam zu gereizten Erörterungen zwischen ihm und Talleyrand. Eines Tages sagte er im spöttischen Tone, sich die Hände reibend: »Was ist nun aus Ihren prophezeiten Schwierigkeiten geworden? sie sind alle in mein Netz gegangen, und ich bin Herr der Lage in Spanien wie im übrigen Europa.« Diese Prahlerei (berichtet Talleyrand) ärgerte mich; und ich antwortete ruhig, daß er nach meiner Ansicht durch die Ereignisse von Bayonne mehr verloren als gewonnen habe. »Wie meinen Sie das?« – »Du lieber Himmel, das ist sehr einfach; ich will es an einem Beispiel klar machen. Wenn jemand in der Welt Thorheiten begeht, Maitressen hält, seine Frau schlecht behandelt, sogar sich gegen seine Freunde gröblich vergeht, dabei aber reich, mächtig und geschickt ist, so kann er noch auf die Nachsicht der Gesellschaft rechnen. Wenn derselbe Mann beim Spiel betrügt, so wird er auf der Stelle aus der guten Gesellschaft ausgestoßen und sie verzeiht ihm nie. Der Kaiser erblaßte und sprach an dem Tage nicht mehr mit mir; aber ich kann sagen, daß von diesem Augenblick der Bruch zwischen uns datirt.« Wie und weshalb trotzdem Napoleon sich nach Erfurt von Talleyrand begleiten ließ, haben wir schon gesehen. Daß die Zusammenkunft mit dem Zaren nicht den von Napoleon gewollten Erfolg hatte, schreibt Talleyrand sich zu, und er nennt es den letzten Dienst, den er bis zum Sturze des Kaisers Europa und, wie er hinzufügt, diesem selbst leisten konnte. Er gewann in Erfurt das Vertrauen Alexanders, er warnte ihn vor Napoleons Absichten, die dahin zielten, mit russischer Hilfe Oesterreich ebenso zu behandeln, wie er Preußen behandelt hatte, und er legte vor allem dort den Grund zu einer persönlichen Stellung, die es ihm, als die Alliirten in Paris einzogen, möglich machte, den vielleicht größesten diplomatischen Sieg, den die Geschichte kennt, zu erringen. Seit Erfurt, sagt Talleyrand, führte ich wieder das unbedeutende Leben eines Großwürdenträgers. Das heißt, er stellte sich wieder »den Ereignissen zur Verfügung.« Sein Glaube an die Dauer des napoleonischen Regiments schwand mehr und mehr; es galt, sich vorbereiten für den Tag der Katastrophe. Gewiß hat Talleyrand nicht konspirirt, aber ebenso gewiß hat er in Gedanken sich lebhaft mit dem, was eventuell zu thun sein werde, beschäftigt und seine persönlichen Verbindungen im Hinblick auf die Zukunft sorgfältig gepflegt. Mehr zu thun, hätte schon die scharfe Wachsamkeit der kaiserlichen Polizei gehindert. »Seit dem Zuge nach Moskau konnte jeder denkende Kopf den Sturz des besiegten Usurpators fast auf Tag und Stunde voraussehen; aber Frankreich – welche Gefahren drohten ihm alsdann? welche Mittel der Rettung blieben? welche Regierungsform sollte es annehmen? Seit mehreren Jahren beschäftigte mich der Gedanke; je näher die fürchterliche Lösung kam, desto aufmerksamer prüfte ich die Hilfsquellen, die uns noch zu Gebote stehen möchten.« Die Lage Frankreichs im Frühjahre 1814 war dunkler, als man sie sich gewöhnlich vorstellt; die verbündeten Mächte wußten selbst nicht, was sie an die Stelle des kaiserlichen Regiments setzen sollten. Einige dachten an eine Regentschaft Marie Louisens, andere an Bernadotte oder Eugen Beauharnais, noch andere wollten es den Franzosen überlassen, sich einzurichten, wie es ihnen beliebe, was nach Talleyrands Meinung Anarchie und Bürgerkrieg bedeutet hätte. Selbst die Möglichkeit einer Theilung des Landes beunruhigte die erregten Gemüther. Die Rückkehr der Bourbonen war noch im März sowohl von Alexander als von Metternich für unmöglich gehalten worden. Die Verbündeten zogen in Paris ein, ohne sich über ein Programm geeinigt zu haben. Der Kaiser von Rußland hatte in Talleyrands Hotel Quartier genommen. Zu seiner Ueberraschung vernahm er von seinem Wirthe, daß die Herstellung der Bourbonen mit einer freien Verfassung der Wunsch Frankreichs sei. Keine andere Lösung sei möglich; nur unter dem Hause Bourbon werde Frankreich die erlittenen Niederlagen verschmerzen, mit Würde in seine natürlichen Grenzen zurücktreten, Europa die gewollten Bürgschaften geben können. »Frankreich wird aufhören gigantisch zu sein, um wieder groß zu sein.« Der Zar fragte: wie kann ich erkennen, daß Frankreich die Bourbonen wünscht? Talleyrand antwortete, die einzige Körperschaft, die im Namen der Nation sprechen könne, sei der Senat, den möge man fragen. Der Zar willigte ein; Talleyrand berief unverweilt den Senat, und dieser decretirte alsbald die Absetzung des Kaisers, die Wiederaufrichtung der legitimen Monarchie mit konstitutionellen Bürgschaften und die Einsetzung einer provisorischen Regierung, die unter dem Vorsitze des Fürsten Talleyrand die Zügel ergriff, im Namen Ludwigs XVIII. Außerordentliches war damit gewonnen: nicht das Ausland, sondern die Vertretung der Nation, so gut man sie haben konnte, hatte den Thron aufgerichtet, und die Sieger fanden bei den nunmehr beginnenden Friedensverhandlungen nicht mehr den Mann, gegen den aller Haß und alle Rachsucht Europas sich angesammelt hatte, sondern den schuldlosen Märtyrer der beendigten Revolution, der aus dem Exil in sein rechtmäßiges Erbe zurückkehrte, sich gegenüber. Die unerwartete Wendung der Dinge übte auf die Stimmung der fremden Souveräne ihren Einfluß; Alexanders Unterstützung war sicher; es kam darauf an, die Gunst des Augenblicks auf das schnellste zu benutzen. Binnen drei Wochen brachte Talleyrand den Präliminarfrieden vom 23. April zu Stande, dem am 30. Mai der definitive folgte. Mit gerechtem Stolze schrieb er seiner Freundin, der Herzogin von Kurland: »Meine Freunde müssen mit mir zufrieden sein.« Er hatte das Unglaubliche erreicht. Frankreich behielt seine Grenzen von 1792, einschließlich Avignon, Savoyen, Landau und Mümptelgard; es behielt alle geraubten Kunstschätze; es hatte keine Kriegsentschädigung zu zahlen; die verlorenen Kolonien wurden zurückgegeben; die feindlichen Heere verließen sofort das Land; die in fremden Festungen blockirten französischen Truppen, über zweihunderttausend Mann, kehrten mit Waffen und Material in die Heimath zurück. Die Bedingungen wurden erlangt, während das Land völlig wehrlos und von zahllosen Armeen, racheschnaubenden Völkern besetzt war, die seit zwanzig Jahren von den Franzosen geplündert, gemißhandelt, gekränkt worden waren und nun endlich den Tag der Vergeltung gekommen glaubten. Gleichwohl gab der französische Staatsmann sich mit diesem Erfolge noch nicht zufrieden: »der Pariser Friede rettete Frankreich vom Untergange, aber er gab ihm nicht den ihm gebührenden Rang im europäischen System zurück. Mehrere leitende Bevollmächtigte hatten den geheimen Wunsch, es auf eine untergeordnete Rolle zu beschränken, und die geheimen Artikel zu dem Friedensvertrage setzten fest, daß die Theilung der Frankreich abgenommenen Gebiete von den Verbündeten, d. h. ohne Frankreich vorgenommen werden solle.« Nach Talleyrands Ansicht mußte Frankreich, wenn es sich nicht großen Gefahren aussetzen wollte, einer derartigen Ausschließung und Erniedrigung von vornherein auf das äußerste, schlimmsten Falls mit den Waffen sich widersetzen. Es sollte nichts für sich verlangen, aber im Rathe der Großmächte als Großmacht auftreten. Die Aufgabe war noch schwieriger als der Abschluß des Pariser Friedens; denn als der Wiener Kongreß zusammentrat, bereuten mehrere Mächte schon, Frankreich so wohlfeilen Kaufs entlassen zu haben, und auf die Unterstützung des russischen Kaisers war nicht mehr zu rechnen. Gerade ihn von der Weichsel zurückzudrängen und Preußen die sächsische Beute und Mainz zu entreißen, erschien damals dem Pariser Kabinet vor allem wichtig. Vor Preußen hat Talleyrand große Furcht. »Der Ehrgeiz ist für diese Monarchie nach ihrer physischen Beschaffenheit eine Art Nothwendigkeit. Die Verbündeten haben ihr versprochen, sie wieder mit zehn Millionen Unterthanen auszustatten; man lasse sie gewähren, und sie wird bald zwanzig Millionen haben, und ganz Deutschland wird ihr unterworfen sein. Man muß also ihren Besitzstand zuerst und dann, durch die Bundesverfassung, ihren Einfluß thunlichst einschränken.« Wir können heute mit Gelassenheit an diese Dinge zurückdenken, froh, daß Napoleon III. keinen Talleyrand zur Seite gehabt hat. Ein Deutscher, der nicht allzusehr an retrospectivem patriotischem Ingrimm leidet und sich in die Lage und die Seele eines Franzosen von 1814 zu versetzen vermag, kann mit ungetrübtem Vergnügen die Erzählung vom Wiener Kongreß lesen, die den zweiten Theil der Memoiren zum großen Theile ausfüllt. Wir wußten ja längst, wie in der Hauptsache alles verlaufen ist, wie der Bevollmächtigte Frankreichs, Anfangs isolirt, mißtrauisch bei Seite geschoben, allmählich den Bund der vier Großmächte sprengte, sich an die Spitze einer neuen Koalition emporarbeitete, der Mittelpunkt aller Verhandlungen wurde und dem Kaiser von Rußland den Ausruf entlockte: »Talleyrand tritt hier auf wie ein Gesandter Ludwigs XIV.!« Aber es im einzelnen von dieser Feder dargestellt zu lesen, ist ausnehmend ergötzlich, auch sehr lehrreich hin und wieder. Wie man auch sonst über den Mann urtheilen mag, man muß zugeben, daß er auf dem Boden Wiens zu einer gewissen Größe heranwächst. Er arbeitet mit großen Gesichtspunkten, mit kühner Zuversicht, ganz und gar im Dienste seines Landes und, was die Hauptsache ist, mit Erfolg. Denn dafür konnte er nichts, daß gerade in dem Augenblicke, wo er sein Werk vollendet hatte, die Rückkehr Napoleons von Elba alles wieder über den Haufen warf. Mit diesem Zusammenbruche seines stolzesten Werkes, den er ohne viel Wehklagen einfach einregistrirt, schließt der zweite Band. Von dem Inhalt der noch ausstehenden drei Bände weiß man nur, daß sie eine Darstellung der Ereignisse, die mit der Ermordung des Herzogs von Enghien zusammenhängen, bringen werden. II. (1892.) Vor Jahresfrist etwa durfte ich dem Genusse, mit dem ich die beiden ersten Bände der Memoiren Talleyrands gelesen hatte, Ausdruck geben; seitdem sind abermals zwei Bände erschienen. Sie unterscheiden sich nicht unerheblich von ihren Vorgängern, denen sensationsgierige Leser schon vorwarfen, daß sie zu wenig Enthüllungen, Anekdoten und Skandalosa enthielten. Die neuen Bände enthalten dergleichen so gut wie gar nicht. Die vor einem Jahre mehrfach ausgesprochene Ansicht, daß man der Feder Talleyrands ein Seitenstück zu dem berühmten Werke des Herzogs von Saint-Simon verdanke, muß als unrichtig aufgegeben werden. Einige Partien der ersten Bände, die Jugenderinnerungen, die Erfurter Tage, das Kapitel von den spanischen Prinzen, die erste Restauration, und noch einige andere Kabinetstücke, konnten den Glauben erwecken, daß wir in eine Sammlung feingezeichneter und feingefärbter geschichtlicher Bildnisse und Skizzen eingetreten seien. Jetzt, nachdem der größte Theil der Aufzeichnungen vor uns liegt, müssen wir einsehen, daß diese Skizzen nur Nebenwerk sind, daß die Bedeutung des Buches ganz anderswo liegt, nämlich in der Persönlichkeit des Mannes, der zu uns spricht. Niemand wird sich der Lektüre erfreuen, der nicht von vornherein das Außerordentliche dieser Persönlichkeit, ihrer seltenen intellectuellen Höhe, ihrer sittlichen Corruption und ihres fast beispiellosen Einflusses auf die Zeitgenossen sich vergegenwärtigt, und der den Reiz nicht empfindet, in den eigenen Worten des Darstellenden dem Geheimnisse seiner innersten Natur nachzuspüren, aus der allein das ganze als ein ganzes, als lebendiges Wesen, mit widerspruchsvollen Zügen allerdings, aber mit einheitlicher Physiognomie, angeschaut werden kann. Wem Talleyrand einfach ein schlauer Hallunke ist, der kann nicht ernstlich genug vor dem Lesen seiner Denkwürdigkeiten gewarnt werden. Wer dagegen ohne vorgefaßte Meinung das Buch liest, wird den Eindruck gewinnen, daß bloße Schlauheit und Abwesenheit aller sittlichen Empfindung nicht ausgereicht hätten, um so erstaunliche Erfolge zu erringen. Für unsere arme menschliche Natur ist es am Ende doch tröstlich zu sehen, daß selbst ein Talleyrand unmöglich seine große Rolle hätte spielen können, wenn er nichts anderes als ein Egoist von eminenter Klugheit gewesen wäre. Die abfälligen Urtheile über den Werth der Memoiren (und sie sind häufig genug) gehen fast alle von zwei unerfüllbaren Forderungen aus: der Verfasser soll sich als ein unanfechtbarer Biedermann darstellen, und er soll uns lauter unbekannte Dinge mittheilen. Weder das eine noch das andere geschieht, und nun meint man, die Herausgeber hätten sich ihre Mühe sparen können. Sogar das wird zum Vorwurf, daß die vier Bände eine große Menge von Briefen Talleyrands und seiner Correspondenten umfassen – und daß augenscheinlich der Verfasser der Memoiren in ihnen eine besonders werthvolle Gabe und zugleich die beste Beglaubigung für die Richtigkeit seiner Erzählung erblickt hat. Er hat natürlich nicht geahnt, daß einmal ein Herr Pallain alle diese kostbaren Briefe, oder die meisten, aus dem Archive des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten in die Druckerei befördern werde, ehe noch die Memoiren an die Oeffentlichkeit gelangen würden. Daß die von Pallain herausgegebenen Sammlungen den Memoiren viel von ihrer Wirkung vorweggenommen haben, ist richtig, aber es ist nur für den Leserkreis der Spezialisten, nicht für das gebildete Publikum richtig. Denn dieses liest keine archivalistischen Publicationen. Wohl aber kann es sich für die archivalistischen Texte interessiren, wenn sie im Zusammenhange einer Erzählung, unterbrochen von den Erläuterungen des kompetentesten Kommentators, mit Ausscheidung alles unwichtigen, ihm vorgeführt werden. Da hört man die Stimmen und Stimmungen längst vergangener und noch immer denkwürdiger Tage gleichsam ipsissimis verbis reden. Mit Recht, dünkt mich, hat Talleyrand bemerkt, daß nichts so lebhaft eine politische Situation veranschauliche, als der Brief, den er unter ihrer unmittelbaren Herrschaft, ehe er wußte, was die Zukunft bringe, im Bewußtsein schwerer Verantwortlichkeit, dem Könige oder dem Minister schrieb. Diese Methode der Darstellung gewährte ihm freilich auch eine besondere Befriedigung: mit ihrer Hülfe konnte er urkundlich und ohne Selbstlob zeigen, daß seine Beurtheilung der jedesmaligen Lage, seine Weisheit und Klugheit, seine Kaltblütigkeit und Standhaftigkeit, seine Mäßigung und Nachgiebigkeit nicht erst nachträglich im Lichte der vollendeten Thatsachen herausstaffirt worden sind, sondern mitten in Gefahr und Krisis, im Dunkel der schwierigsten Stunden sich geltend gemacht haben. Sich den Sittenrichtern gegenüber zu vertheidigen, hat Talleyrand bei der Abfassung seiner Memoiren nicht oder doch nur in geringem Maße beabsichtigt. Schon im ersten Bande spricht er von seiner Person und seinem Privatleben nicht viel, in den drei folgenden Bänden fast gar nicht. Wahrscheinlich ist mir, daß er einen Theil seiner sittlichen Gebrechen milde beurtheilt hat, als ein Grand seigneur der Zeit Ludwigs XV., der es natürlich fand, die Gunst der politischen Conjuncturen auch dazu zu benutzen, sich die Mittel zu einer fürstlichen Existenz zu verschaffen, wie Richelieu und Mazarin und viele minder Berühmte es ohne Bedenken auch gethan hatten; der ferner in einer Atmosphäre groß geworden war, die ungebundenem Lebensgenüsse volle Freiheit ließ, wenn nur ein gewisses Decorum und der Ehrencodex der vornehmen Welt gewahrt blieben; der endlich der Kirche, deren priesterliches Gewand er einige Zeit lang trug, niemals mehr als eine äußerliche Unterwerfung schuldig zu sein geglaubt hatte. Vorwürfe, die sich auf diese drei Punkte bezogen, abzuwehren, wird er nicht der Mühe werth gehalten haben; höchstens seine Betheiligung an der Zerstörung der alten Kirchenverfassung hat er mit einigem Ernste bedauert und zu beschönigen versucht. Von einer anderen Gattung von Vorwürfen hat er sich gesagt, daß er von ihnen am besten möglichst wenig rede. Das sind die Vorwürfe, die sich auf seine weitgehende Schmiegsamkeit gegenüber den revolutionären Factionen und den Männern des Direktoriums beziehen. Ueber diese Dinge, die schlimmsten in seiner Laufbahn, geht er schweigend oder mit einigen verächtlichen Sarkasmen hinweg. Daß er dies thut, gehört mit zu seinem Charakterbilde. Er schämt sich ihrer. Aber sie erdrücken ihn nicht; er hat das sehr lebhafte Gefühl, daß seine politische Thätigkeit ihr eigentliches und dauerndes Gepräge durch Leistungen erhält, die ihm Anspruch auf die Dankbarkeit seiner Nation gewähren und ein sehr starkes Gegengewicht gegen die Last seiner Sünden bilden. Diese seine politische Thätigkeit für große Interessen Frankreichs während des Kaiserreichs, während der Restauration und in den ersten drei Jahren nach der Julirevolution darzulegen, an der Hand der Urkunden die Thatsachen für sich und ihn reden zu lassen, und auf diese Weise den Vorwurf, der ihm am meisten zu Herzen gegangen ist, zu widerlegen, den Vorwurf nämlich, daß er allen Regierungen gedient und allen die Treue gebrochen habe, – dieser Gedanke und diese Absicht haben ihm, als er seine Aufzeichnungen redigirte, die Feder geleitet. Für die Napoleonische Zeit bedurfte es immer noch einer sorgfältigen Auswahl, der Unterdrückung verfänglicher, der Heraushebung günstiger Momente; vom Jahre 1814 an aber hat er nichts mehr zu verhüllen; um Reichthum, Ansehen, Macht braucht er nicht mehr zu ringen; seine gesicherte glänzende Stellung überhebt ihn der Anwendung kleinlicher und demüthigender Mittel; alle Kräfte sind ihm frei geworden und können in den Dienst der öffentlichen Sache gestellt werden. Mich dünkt, daß er den Beweis, den er führen wollte, erbracht hat. Nur muß man freilich nicht von ihm jene Vasallentreue erwarten, die nur das Wohl des Herschers im Auge hat und ihm das Schicksal der Unterthanen bereitwillig opfert. Von solcher Romantik war in ihm keine Spur; er fühlt sich gerechtfertigt, wenn er sagt: ich diente Napoleon, ich diente den Bourbonen getreulich, bis sie selbst sich ins Verderben stürzten; von dem Augenblicke an dachte ich nur noch daran, zu verhindern, daß sie Frankreich mit sich zögen. Dieser Patriotismus ist wahrscheinlich verstärkt worden durch die Erwägung, daß Frankreichs Verderben auch das Verderben des Fürsten Talleyrand und das Ende seines angenehmen Lebens gewesen wäre; aber ich finde nicht, daß diese Erwägung sich auf Kosten des Landes praktisch geltend gemacht hätte. Von seiner Regel, nicht von seinem Charakter und von seinen Sünden zu sprechen, macht Talleyrand zweimal eine Ausnahme. Im Jahre 1823 hatte Savary (Herzog von Rovigo) einen Auszug aus seinen Memoiren veröffentlicht, in dem er behauptete, Talleyrand sei der Anstifter der Ermordung des Herzogs von Enghien gewesen. Diese Anklage, von dem eingeweihtesten Helfer Napoleons ausgesprochen, konnte nicht vornehm ignorirt werden, wenn Talleyrand sich nicht aus der Gesellschaft ausgestoßen sehen wollte. Er richtete sofort ein Schreiben an den König und bat, ihm zu erlauben, den Fall vor der Pairskammer zum Austrag zu bringen und seinen Verleumder zur Rechenschaft zu ziehen. Der König ließ ihm durch den Minister Villèle antworten: »Seine Majestät hat gewollt, daß die Vergangenheit dem Vergessen übergeben bleibe, ausgenommen nur die Dienste, die Sie Frankreich und dem König geleistet haben. Der König könnte einen überflüssigen und ungewöhnlichen Schritt nicht billigen, der unliebsame Debatten entfachen und schmerzlichste Erinnerungen erwecken würde. Der hohe Rang, den Sie, mein Fürst, am Hofe sich erhalten haben, ist ein sicherer Beweis, daß die fraglichen Anschuldigungen auf Seine Majestät keinen Eindruck gemacht haben.« Die Blätter meldeten zugleich, daß der König dem Herzog von Rovigo den Eintritt in die Tuilerien verboten habe. Der Nachwelt gegenüber hat Talleyrand diese Genugtuung nicht für ausreichend gehalten; er legt, wie es scheint, höchsten Werth darauf, vor ihr nicht mit einem Blutfleck zu erscheinen. Er hat daher in einem besonderen Abschnitte den Beweis seiner Unwissenheit und Unschuld hinsichtlich des Verbrechens vom Jahre 1804 angetreten, einen Beweis, der natürlich immer nur negativ sein konnte, der aber wohl auch überflüssig war. Meines Wissens hat kein glaubwürdiger Zeitgenosse und kein Geschichtsforscher von Bedeutung dem Herzog von Rovigo Recht gegeben. Frevel wie jener Mord schienen in der That der ganzen Natur Talleyrands fern zu liegen, und seine Zeitgenossen würden, wenn sie es nicht gefühlt hätten, schwerlich gerade ihm den Ausspruch in den Mund gelegt haben: »c'est plus qu'un crime, c'est une faute.« Eine der seltenen Proben pathetischer Schreibweise hat uns Talleyrand geliefert, als er unter dem Eindruck dieser Anschuldigung stand. In seiner Eingabe an den König sagt er: »Während aller Stürme, die wir in den letzten dreißig Jahren durchlebten, hat die Verleumdung mich mit vielen Anklagen überschüttet, aber eine wenigstens hat sie mir bis jetzt erspart. Keine Familie hat sich berechtigt geglaubt, von mir das Blut eines Angehörigen zurückzufordern, und nun kömmt ein Wüthender auf den Einfall, daß ich, mit Verleugnung aller Milde und Mäßigung des Charakters, die selbst meine Feinde mir nicht abgesprochen haben, der Urheber, der Anstifter des fluchwürdigsten Meuchelmordes geworden sei! Ich, der niemals – und ich danke dem Himmel dafür – ein Wort des Hasses, einen Rath aus Rache gegen irgend jemand, auch nicht gegen meine erbittertsten Feinde, von mir gegeben habe, ich hätte eine einzige Ausnahme gemacht, mit wem? mit einem Prinzen aus der Familie meiner Könige, den mir als Opfer auszusuchen und so mein erstes Auftreten in der Laufbahn eines Meuchelmörders zu signalisiren!« Verächtlicher und gelassener verwahrt Talleyrand sich in demselben Anhange vom Jahre 1824 gegen eine Anklage des Marquis de Maubreuil, eines fahrenden Ritters, dessen Laufbahn von dem Aufstande der Vendée zur Würde eines Stallmeisters im Dienste König Jéromes lustigen Angedenkens geführt hatte. Er versicherte, daß im April 1814 ein Secretär der provisorischen Regierung ihn im Namen des Fürsten Talleyrand aufgefordert habe, den Kaiser Napoleon, der sich auf dem Wege nach Elba befand, zu ermorden, unter der Zusicherung, daß man ihn dafür mit »Pferden, Equipagen, dem Generallieutenantsrang, dem Herzogstitel und dem Gouvernement einer Provinz« belohnen werde. Mit Recht meint Talleyrand, daß diese Anklage durch ihre eigene Ungereimtheit widerlegt werde. Und welchen Nutzen hätte das Verbrechen gewährt? Napoleon galt nach seiner Abdankung in Fontaineblau auch so klugen Leuten wie Talleyrand »für einen niedergeworfenen Feind, dessen Leben niemand mehr gefährlich werden konnte.« Daß wirklich dies die Ansicht Talleyrands gewesen war, erkennt man aus der Korrespondenz während des Wiener Congresses zwischen ihm und Ludwig XVIII. Man denkt sich gewöhnlich, daß der Congreß auf die Nachricht von Napoleons Flucht aus Elba vor Schrecken erstarrt sei. Davon findet man in Talleyrands Briefen keine Spur. Die Nachricht, daß der Kaiser am 26. Februar Abends die Insel mit zwölfhundert Mann verlassen habe, erreichte Wien erst am 6. März; man erfuhr nicht, wohin er sich gewandt habe, glaubte aber, daß er in Italien etwas unternehmen wolle, in Verbindung mit König Murat. Talleyrand behandelt in seinem ersten Briefe an den König (vom 7. März 1815) die Sache zwar nicht als Bagatelle, aber doch nichts weniger als tragisch; er hält es für unwahrscheinlich, daß der Exkaiser etwas im Süden Frankreichs versuchen sollte; in diesem Falle müsse man ihn ganz als Räuberhauptmann behandeln; einige Vorsichtsmaßregeln seien immerhin anzuordnen. Vielleicht biete der Zwischenfall eine erwünschte Gelegenheit, Bonaparte des ihm thöricht belassenen kaiserlichen Ranges zu entkleiden und alle Mittel, neues Unheil über Europa zu bringen, ihm zu entziehen. Dann geht der Brief ruhig auf die sächsische Angelegenheit über. Noch am 12. März beginnt Talleyrand ein Schreiben mit einem ausführlichen Bericht über eine Zusammenkunft mit dem König von Sachsen und kömmt erst dann auf »Bonaparte« zu sprechen. Man weiß jetzt, daß er in der Bai von Jouan gelandet ist, hält jedoch die Sache für nicht sehr beunruhigend, wennschon man der Vorsicht halber militärische Anordnungen trifft, um im Nothfall die französische Regierung unterstützen zu können. Dies Anerbieten, meint der Botschafter, könne füglich nicht zurückgewiesen werden, es würde aber traurig sein, wenn Frankreich Gebrauch davon machen müßte, was nur in einem äußersten, hoffentlich nicht eintretenden Falle geschehen dürfe. Uebrigens bringe cet incident, d'ailleurs si désagréable , den Vortheil mit sich, daß er den Eifer aller Staaten, zum Abschlusse der Congreßgeschäfte zu gelangen, verdoppele. Seit sechs Monaten von Frankreich abwesend, war der Botschafter in Wien nicht hinreichend orientirt, um die Größe der Gefahr richtig zu beurtheilen. Er konnte sich nicht vorstellen, daß vor dem bloßen Erscheinen des Kaisers die Monarchie der Bourbonen wie ein Kartenhaus zusammenbrechen und die französische Nation keine Hand rühren werde, um dem Usurpator Widerstand zu leisten. Gleichwohl versäumte er nichts, was ängstlichste Vorsicht hatte gebieten können. Sofort war sein Augenmerk auf den schwärzesten Punkt der neuen Situation gerichtet, auf die verhängnißvollen Folgen, die das Abenteuer, wenn es einen nationalen Charakter annehme, für Frankreich haben werde. Um jeden Preis mußte die Sache Frankreichs von der Sache Bonapartes getrennt werden, wenn nicht alles wieder verloren gehen sollte, was eine fast wunderbare Gunst des Schicksals und die Kunst des Unterhändlers beim ersten Friedensschlusse gerettet und auf dem Congreß gewonnen hatte. Die Achterklärung der fünf Großmächte vom 13. März gegen Napoleon war von diesem Gesichtspunkte aus von Talleyrand abgefaßt und den anderen Botschaftern annehmbar gemacht worden. Der Exkaiser wurde in diesem Proclam in der That als ein Räuberhauptmann großen Stils behandelt, als Feind des menschlichen Geschlechts, der sich außerhalb der civilisirten Gesellschaft gestellt und die öffentliche Rache auf sein Haupt herabbeschworen habe. Zugleich wurde den Großmächten die feierliche Erklärung in den Mund gelegt, daß sie fest entschlossen seien, den Pariser Friedensvertrag vom 30. Mai 1814 unversehrt aufrecht zu erhalten und nötigenfalls dem König von Frankreich und der französischen Nation auf Verlangen jeden Beistand gegen den Störer der Ordnung Europas zu leisten. Der Nothfall trat bekanntlich sehr bald ein, und die Ereignisse machten es von Tag zu Tag schwieriger, den Standpunkt zu behaupten, den Talleyrand eingenommen hatte. Aber keine Schwierigkeit lähmte seine Anstrengungen, Ludwig XVIII. einerseits, die Großmächte andererseits auf der vorgezeichneten Linie zu erhalten. In Wien erhielt er das Ansehen der französischen Botschaft auf der Höhe, als ob sich nichts geändert hätte; dem bald eintretenden Geldmangel wußte er durch ein finanzielles Abkommen mit der englischen Regierung abzuhelfen; das entstehende politische Vacuum verhüllte er durch sicheres Auftreten und sinnreiche Combination imponirender Phrasen mit nützlichen Rathschlägen. Ein kritischer Augenblick war es, als die vier »Alliirten« ohne Frankreich sich über die militärischen Maßregeln verständigten, die zur Sicherheit Europas gegen das Abenteuer Napoleons zu ergreifen seien. Bereits hatte Ludwig XVIII. sein Reich verlassen, der Usurpator stand wieder an der Spitze einer Armee und Frankreich lag ihm zu Füßen. Aber selbst jetzt noch (25. März) gelang es Talleyrand, einen Artikel in den Vertrag der vier Mächte zu bringen, welcher besagte, daß es »der einzige Zweck des Vertrags sei, Frankreich gegen Bonapartes Unternehmung zu stützen, und daß daher Seine Allerchristlichste Majestät besonders eingeladen werden solle, ihm beizutreten« und die ihm noch verbleibenden Streitkräfte für die gemeinsame Sache zu verwenden. Diesen Beitritt erklärte der französische Botschafter natürlich sofort mit größter Behendigkeit. Unermüdlich schickte er von Tag zu Tag dem König Rathschläge, Warnungen, Mahnungen, immer in der nämlichen Richtung, unbeirrt durch die täglich schlimmer lautenden Nachrichten aus Frankreich. Wo möglich soll der Hof Paris nicht verlassen, wo möglich mindestens in Frankreich bleiben, jedenfalls in nächster Nähe der Grenze. Als der König sich nach Ostende begiebt, schreibt er ihm sofort, daß der Aufenthalt in dieser Küstenstadt einen schlechten Eindruck mache und den Glauben erwecke, Seine Majestät wolle über See sich in Sicherheit bringen. Nach der Schlacht bei Waterloo befindet er sich wieder in der Umgebung des flüchtigen Monarchen, und nun bietet er seine ganze Beredsamkeit auf, ihn zu einer selbständigen Rückkehr in sein Reich zu bewegen, um alles in der Welt den Schein zu vermeiden, als ob die fremden Bayonette ihn wieder einsetzten. Er soll nach Lyon gehen, dort seine Regierung organisiren und von da aus mit den fremden Heerführern verhandeln, als der Souverän, der mit ihren Souveränen gemeinschaftliche Sache gemacht hat. Solchem Rathe zu folgen, gebrach es dem Könige an Entschlossenheit; er kehrte »avec les bagages de l'armée anglaise« , wie Talleyrand sich ausdrückt, in seine Hauptstadt zurück, um bald genug die Erfahrung zu machen, daß die Franzosen ihn als den Schützling des Auslandes ansahen, die Fremden ihn als Besiegten behandelten, dem sie großmüthig seinen Thron ließen. Ob es anders gekommen wäre, wenn man das Programm Talleyrands durchgeführt hätte? Die völkerrechtliche Fiktion, die er ersonnen hatte, war zu fein und abstrakt, um in dem entfesselten Kriegssturm Stand zu halten. Er selbst beharrte unerschütterlich bei seiner legitimistischen Theorie, um den Siegern den geforderten Kampfpreis streitig zu machen, die Landabtretungen, die diesjährige Besetzung französischer Departements, die Entschädigung von achthundert Millionen, die Herausgabe der einst geraubten Kunstwerke. Wie könnt ihr, so fragte er die fremden Diplomaten, den Souverän, den ihr als Verbündeten anerkennt, auf solche Weise berauben? Es ist ein Rückfall in die schlimmsten Traditionen der Revolution und des Kaiserreichs! Aber die Thatsachen sprachen allzu gewaltig gegen die scharfsinnigsten Deductionen, und den fremden Diplomaten stand die öffentliche Meinung der Völker zur Seite, als sie Frankreich für die Friedensstörung verantwortlich machten und für die neue Situation eine Abrechnung forderten. Es ist merkwürdig genug, daß ein so kühler Beurtheiler menschlicher Dinge wie Talleyrand die unerbittlichen Konsequenzen dieser Lage nicht eingesehen hat; daß er sie während der Verhandlungen heftig abwies, lag in seiner Rolle, aber auch in den für die Nachwelt bestimmten Aufzeichnungen hält er hartnäckig daran fest, daß die Mächte ihren Sieg mißbraucht und der französischen Nation arges Unrecht angethan hätten. Er meint, man hätte allenfalls die Abtretung einiger Grenzplätze und einen Beitrag zu den Kriegskosten, etwa zwei- bis dreihundert Millionen, mit Ehren bewilligen können, und man hätte sich damit abgefunden, wenn man nur fest zu allem weiteren Nein gesagt hätte. Er erbot sich, diesen Widerstand zu leisten, aber der König wollte das hohe Spiel nicht wagen; der Minister erklärte sich darauf bereit, sein Amt niederzulegen, und der Monarch nahm das Erbieten an, »mit augenscheinlicher Erleichterung.« »Le Roi accepta ma démission de l'air d'un homme fort soulagé.« Mit diesem Abschlusse seiner öffentlichen Thätigkeit beendete Talleyrand ursprünglich seine Aufzeichnungen, im August 1816, »entschlossen, niemals die Leitung der Staatsgeschäfte wieder zu übernehmen,« »hinfort nur noch im Stande, mit meinen Wünschen dem Vaterlande und seiner Regierung zu dienen,« übrigens voll Zuversicht, daß die constitutionelle Monarchie, wenn richtig verstanden und aufrichtig angewandt, die beste Verfassung für die Nation sei und Frankreich bald wieder auf den Platz stellen werde, den es zur eigenen Ehre und zum Heil der Welt und der Civilisation einnehmen sollte. Ganz buchstäblich sind solche Aeußerungen nicht zu verstehen; sowohl jene Resignation als diese Zuversicht haben hernach anderen Stimmungen Platz gemacht. Nach der Ermordung des Herzogs von Berry war, worüber freilich die Memoiren schweigen, Talleyrand sehr bereit und sehr eifrig bemüht, die Leitung der Geschäfte zu übernehmen, aber Ludwig XVIII. wollte sich nicht zum zweiten Male von ihm retten lassen, sondern zog dem alten Meister einen jüngeren Mann von bescheideneren Gaben vor, Herrn de Villèle. Talleyrand blieb Zuschauer, manchmal besorgter Zuschauer, aber bis 1829 nie an eine neue Revolution glaubend. Erst als Karl X. seine »unsinnigen Entschließungen« faßte, konnte auch er nicht mehr zweifeln, daß der Abgrund sich öffne. Der Sturz der älteren Linie der Bourbonen rief den Zuschauer wieder auf die Bühne und zu einer mehrjährigen großen staatsmännischen Action, der letzten dieses merkwürdigen Lebens. Warum fühlte Ludwig XVIII. sich erleichtert, als Talleyrand ihm seine Entlassung anbot, als in gefahrvollstem Fahrwasser der erfahrenste Lootse das Staatsschiff zu verlassen sich erbot? Selten war ein Monarch einem Minister so großen Dank schuldig wie König Ludwig dem Manne, der ihn aus dem Elend und den Demütigungen eines zwanzigjährigen hoffnungslosen Exils auf den Thron erhoben, und diesem Throne selbst eine Stellung, die unwiederbringlich verloren schien, zurückerobert hatte. Ludwig dem Achtzehnten gebrach es nicht an Geist und Einsicht, um die Leistungen des Ministers würdigen zu können; unter den letzten Bourbonen war er ohne Vergleich der gescheiteste. Leopold Ranke, der vor fünfzig Jahren ein Publikum über neuere Geschichte las, behandelte ihn mit einer gewissen Zärtlichkeit. Nicht ohne Schwächen sei dieser Monarch gewesen; aber – der Dozent machte eine Kunstpause und lächelte uns Zuhörer schlau an, – »aber es ist ihm geglückt, als König von Frankreich in seinem Bette zu sterben.« Jedenfalls war dieser Monarch frei von den bigotten Vorurtheilen seiner Umgebung, die in dem Fürsten Talleyrand den abtrünnigen Bischof, das Mitglied der revolutionären Constituante, den Diener Bonapartes haßte. Hatte er doch sogar Fouché sich als Minister gefallen lassen, als die Staatsraison es zu fordern schien. Auch an dem Lebenswandel seines Retters wird er schwerlich sich gestoßen haben. Gleichwohl empfand er die Nähe des geistreichen, angenehmen Gesellschafters und gewandtesten Hofmanns als eine Pein, von der er sich bei erster Gelegenheit zu trennen suchte. Der Widerwille war stärker als alle Vernunftgründe. Worauf beruhte er? Etwas mag die revolutionäre Vergangenheit Talleyrands mitgewirkt haben, den König gegen ihn zu stimmen, aber sie hat sicherlich nicht den Ausschlag gegeben. Die Hauptschuld Talleyrands bestand in der unbezahlbaren Wohlthat, die er der Dynastie erwiesen hatte. Ihm verdankte das Königthum, daß es aus dem Nichts wiedererstanden war; das war unverzeihlich. Die zweite Schuld war seine Überlegenheit, seine Autorität, seine hohe Stellung in der europäischen Welt. Nach Napoleons Sturz war Talleyrand der erste Mann Frankreichs; neben seinem Glanze nahmen sich die Prinzen des Hauses Bourbon, die fast vergessen aus thatenloser Verborgenheit wieder auftauchten, etwas kümmerlich aus, und dieser Kontrast war unerträglich. Um so mehr war er es, als Talleyrand sich nicht damit begnügte, auf den erworbenen Lorbern auszuruhen und sich still an dem Schimmer seiner Erfolge zu sonnen, sondern seine Stellung benutzte, um die von ihm als nothwendig erkannte Politik, eine Politik der Versöhnung zwischen dem alten und dem neuen Frankreich, dem Monarchen vorzuzeichnen und gegen die blinden Leidenschaften der Royalisten zu vertheidigen. Ludwig XVIII. theilte wohl im Allgemeinen die Ansichten seines Mentor, aber stets einen Mentor neben sich zu haben, der jeden Mißgriff rügte, – und Mißgriffe kamen nur zu oft vor, – war ihm doch lästig, vielleicht gerade deshalb, weil der Mentor fast immer Recht hatte. Er erkannte die Nothwendigkeit der konstitutionellen Formen, »aber er fügte sich nur ungern in ihre Konsequenzen, in die Selbständigkeit der Minister, und er trug nur mit Mühe die Last des Dankes, den er Talleyrand schuldig zu sein erkannte.« Wie während der unheilvollen »hundert Tage« der Minister die Schritte des Monarchen von Wien aus zu lenken bemüht war, habe ich vorher angedeutet. Als die Lage kritischer wurde, der Hof über die Grenze floh, hielt Talleyrand den psychologischen Augenblick für gekommen, um dem zwar gescheiten, aber lässigen und bequemen König schärfer die Notwendigkeit liberaler Versöhnungspolitik, wenn er nicht seine Krone verspielen wolle, zu Gemüthe zu führen. In verbindlichster und ehrerbietigster Form sagte er die unangenehmsten Wahrheiten: man habe im ersten Probejahre der Restauration die zu lösende Aufgabe verfehlt, und man müsse sich gründlich bessern, wenn die Dynastie die Katastrophe überdauern solle. Gern benutzte er, um das stärkste zu sagen, eine indirekte Form; die herbsten Warnungen wurden dem russischen Kaiser, den fremden Staatsmännern in den Mund gelegt und so dem König berichtet, in einem Tone jedoch, daß kein Zweifel blieb, der Berichterstatter theile die vorgetragene Ansicht. In einem Briefe vom 23. April theilt er dem König mit, daß er keineswegs ohne weiteres auf die Unterstützung der Mächte rechnen könne; diese verlangten vor allem eine dauerhafte und feste Regierung für Frankreich, und nach den gemachten Erfahrungen fingen sie an zu zweifeln, ob die restaurirte Dynastie sich mit der Nation auf den richtigen Fuß zu stellen verstehe. Vor allem sei Kaiser Alexander mißtrauisch geworden. »Er hat wiederholt geäußert, daß er schon im vorigen Jahre während seines Aufenthalts in Paris befürchtet habe, die Regierung könne sich nicht halten; die Anschauungen der Prinzen schienen ihm unvereinbar mit denen einer Generation, die während ihrer Abwesenheit geboren wurde. Nun sei es aber unmöglich, im Widerspruch mit den Ideen seiner Zeit zu regieren. Seine Besorgniß steige, wenn er sehe, was für Männer Ew. Majestät in Ihren Rath beruft, sehr schätzbare Männer gewiß, die aber während der Revolution im Auslande gelebt haben, das Land nicht kennen und der Erfahrung entbehren, die selbst das Genie nicht zu ersetzen vermag .... Das schlimmste Übel sei die Macht, die Ew. Majestät den Prinzen eingeräumt habe; das Vorurtheil gegen diese sei ein unheilbarer Schaden, gefährlicher als die Feindseligkeiten, die sich gegen Ew. Majestät selbst richten, weil die Unzufriedenheit mit dem Herscher gedämpft werde durch die Hoffnungen, die man auf den Nachfolger setzt, während diese Hoffnungen fehlen, wenn es der Nachfolger ist, den man fürchtet. ... Ich habe die Genugthuung zu sehen, daß die Mächte Ew. Majestät ein aufrichtiges Interesse widmen; wie glücklich wäre ich, wenn ich hinzufügen dürfte, daß dies Interesse sich auch auf Monsieur und die Herren von Angoulême und von Berry erstreckte. Liegt aber die Staatsgewalt einmal ausschließlich in den Händen Ew. Majestät und verantwortlicher Minister, die das Vertrauen des Königs und des Landes genießen; so werden die übertriebenen Eindrücke, die begangene Fehler und Unvorsichtigkeiten hervorgerufen haben, sich allmählich verwischen.« Was aber in diesem selben Briefe den König am tiefsten berühren mußte, war folgendes. Kaiser Alexander hatte eine Unterredung mit Lord Cathcart, dem britischen Botschafter, gehabt. Er hatte ihm gesagt, daß zwar die nächste Aufgabe der Mächte sei, Napoleon unschädlich zu machen, daß man aber sich zu fragen habe, was nach Erledigung dieser Pflicht weiter geschehen solle. Er für seinen Theil wünsche die Wiedereinsetzung Ludwigs XVIII., wie aber, wenn es sich zeige, daß sie unausführbar sei, daß sie keinen Bestand verspreche? Solle Europa es darauf ankommen lassen, daß Frankreich zum zweiten Male Europa in Verwirrung stürze, wie in diesem Augenblicke? Was heute geschehe, könne morgen wieder geschehen. Man müsse sich also verständigen, was zu thun sei, wenn eine zweite Restauration auf unüberwindliche Hindernisse stoße. »Ich,« sagte der Kaiser, »sehe kein Mittel, alles zu versöhnen, außer den Herzog von Orleans. Er ist Franzose, er ist ein Bourbon, er hat Söhne, er hat als junger Mann der konstitutionellen Sache gedient, er hat die dreifarbige Kokarde getragen, die man, ich hab es oft in Paris gesagt, nie hätte ablegen sollen. Er würde alle Parteien vereinigen. Meinen Sie nicht auch, Mylord, und wie denkt England darüber?« Pillen von solcher Bitterkeit lassen einen Nachgeschmack zurück, der sich nicht leicht wieder tilgen läßt. Ludwig XVIII. hätte ein größerer König sein müssen, als er war, um nicht mit Begierde die Gelegenheit wahrzunehmen, einen Arzt, der ihm so unschmackhafte Arznei aufnöthigte, zu verabschieden. Immerhin hat er während der folgenden neun Jahre sich einigermaßen nach dem Rezepte, das Talleyrand verordnet hatte, der reaktionärsten Fieberanfälle zu erwehren gesucht. In gewissem Sinne war Talleyrand selbst ein Miturheber der Katastrophe, die sein Werk von 1814 theilweise zertrümmerte und ihn selbst von der Macht entfernte. Napoleon hätte nie daran denken können, von Elba in die Tuilerien zurückzukehren, wenn nicht der Friedensschluß im Mai 1814 so schnell und unter so günstigen Bedingungen zu Stande gekommen wäre. Dieser Friede brachte mehr als hunderttausend Soldaten aus der Gefangenschaft und den blockirten Plätzen nach Frankreich zurück, lauter Mißvergnügte, die den Kaiser sehnsüchtig erwarteten, und er befreite zugleich den französischen Boden von jeder fremden Besatzung. Wären die verbündeten Truppen in den nördlichen Provinzen und Grenzfestungen stehen geblieben, wie sie es nach dem zweiten Pariser Frieden thaten, so wäre die Episode der hundert Tage wohl nicht eingetreten. So gereichte der Triumph des französischen Unterhändlers dem Lande schließlich doch zu schwerem Schaden. Und dasselbe gilt von seinem zweiten Haupterfolge, den er auf dem Wiener Kongresse errang, als er den Dreibund Oesterreich-Frankreich-England gegen Rußland und Preußen stiftete. Der streng geheim gehaltene Vertrag der drei Verbündeten, vom 3. Januar 1815, war, als der Hof floh, im Archiv des auswärtigen Amtes liegen geblieben, und, wie es scheint, hat ein Beamter dem Kaiser Napoleon, sobald dieser in den Tuilerien abgestiegen war, das Aktenstück überbracht. Napoleon hatte nichts eiligeres zu thun, als dem russischen Monarchen eine Abschrift zu schicken, in der Hoffnung, damit die Mächte unter sich zu entzweien. Darin verrechnete er sich zwar, Alexander ließ sich nicht irre machen, aber mit seinem Wohlwollen für Frankreich, zumal für Talleyrand, war es doch seitdem nicht mehr so gut bestellt wie im Jahre vorher. Während damals Alexander die Liebenswürdigkeit selbst für das besiegte Land war, kehrte er nach der Schlacht bei Waterloo die rauhe Seite hervor. »Meine Entlassung.« schreibt Talleyrand, »war auch für den russischen Kaiser eine Erleichterung; er erwies mir die Ehre, mich zu hassen, nicht als den Freund der Engländer (denn er wußte sehr wohl, daß ich mir die Engländer zu Helfern erst dann machte, als er sich Hoffnung gemacht hatte, die Grenzen seines Reichs bis an die Oder vorzurücken, und daß ich nur so weit ihr Freund war, als die Interessen Europas und Frankreichs es forderten), sondern er haßte mich als den Mann, der ihn sehr in der Nähe, in den verschiedensten Lagen, im Glück und im Unglück gesehen hatte, der genau wußte, was von seiner Großmuth, von seinem früheren Liberalismus und von seiner neuen Frömmigkeit zu halten sei. Er brauchte eine dupe , und die konnte ich nicht sein.« Mérimée hat gesagt: »Ich liebe von der Geschichte nur die Anekdote.« Er hat gemeint, nur das, was mir die handelnden Personen lebendig macht, mir gestattet, mich in ihren Charakter, ihre menschliche Natur hineinzudenken. Der Reiz der Memoiren beruht großentheils darauf, daß sie dieser Liebe Mérimées entgegenkommen, mehr oder weniger. Die Bedingung ist aber, daß die Anekdote charakteristisch für die Person und daß sie authentisch sei, das heißt entweder wahr oder so erfunden, daß sie zeigt, wie die Person ihren Zeitgenossen, ihrer Umgebung erschien. Talleyrand hat diese Würze der Geschichte nur mit sparsamer Hand angebracht, zumal in den letzten Bänden; er hat auf eine andere Art des Interesses gerechnet. Wir finden bei ihm kein Wort von der ergötzlichen Geschichte, die Graf Beugnot uns erzählt, wie im April 1814 nach dem triumphirenden Einzuge des ersten Bourbon, des Grafen Artois, in Paris, im Kreise der provisorischen Regierung unter Talleyrands Leitung der Moniteurartikel redigirt wird, der dem Lande und der Welt das große Ereigniß berichten soll. Unglücklicher Weise hat der Prinz, als er auf seinem Schimmel in die jubelnde Stadt einritt und von huldigenden Deputationen begrüßt wurde, nur Dank gestammelt, nichts geantwortet, was der Situation angemessen gewesen wäre und im Moniteur sich gut ausnehmen würde. Man muß also für ihn eine gute Phrase erfinden, einfach und doch sonor, patriotisch, aber theatralisch. Allerlei Vorschläge werden von den offiziellen Konzipienten dem Conseil vorgelegt, aber Talleyrands Geschmack ist nicht zu befriedigen. Endlich bringt Beugnot die Worte: »Rien n'est changé, il n'y qu'un Français de plus,« Und Talleyrand sagt: »Voilà notre affaire.« Von diesem amüsanten Detail, wie gesagt, schweigen unsere Memoiren, und wenn das auch kein Grund ist, die Geschichte zu bezweifeln, so wird sie doch noch weniger dadurch bestätigt, was nicht überflüssig gewesen wäre. Denn Beugnot steht ein wenig im Verdachte der Aufschneiderei. Die bekannte Anekdote von dem Pont de Jéna , den Blücher in die Luft sprengen wollte und der nur gerettet wurde, weil König Ludwig hochherzig erklärte, er werde sich auf die Brücke setzen und mit in die Luft fliegen, wird zu meinem Erstaunen von Talleyrand als historische Thatsache behandelt. »Vor der Wuth und Plünderung der Preußen konnten wir nicht viele Depots bewahren, aber wir retteten die Jenabrücke, die sie ihres Namens wegen zerstören wollten. Ein herrlicher Brief des Königs erhielt sie uns. Man verhandelte, und die Brücke erhielt den Namen pont de l'Ecole militaire , einen Namen, der die rohe (sauvage) Eitelkeit der Preußen befriedigte, der aber durch das Wortspiel einen vielleicht noch pikanteren Sinn gewann als der ursprüngliche Name Jena.« Der herrliche Brief des Königs, der sogar im Facsimilie mitgetheilt wird, ist an Talleyrand gerichtet, der aufgefordert wird, alles aufzubieten, die Sprengung der Brücke zu hintertreiben, nötigenfalls den Herzog von Wellington, Lord Castlereagh anzurufen, die beide in der Kontributionssache sich sehr löblich benommen hätten, und er schließt mit den Worten: »Ich für meine Person werde mich, wenn es sein muß, auf die Brücke tragen lassen; man wird mich, wenn man will, in die Luft sprengen.« So gut beglaubigt sind solche Geschichten selten, und doch, was soll man für wahr halten, wenn man dagegen die Darstellung Beugnots liest, der als Talleyrands Sekretär die Brückengeschichte als nächster Zeuge miterlebte? Die Preußen unterminirten die Brücke, die französischen Minister waren in höchster Erregung; Talleyrand befahl dem Grafen Beugnot schleunigst zu Blücher zu eilen, um jeden Preis die Katastrophe abzuwenden. »Was soll ich denn sagen? welche Argumente, welche Drohungen soll ich anwenden? ich sehe kein Mittel, auf den preußischen General Eindruck zu machen; soll ich etwa sagen, der König werde sich mit in die Luft sprengen lassen?« So fragte der unglückliche Unterhändler, aber der Minister ließ sich nicht auf Instruktionen ein: »Sagen Sie, was Sie wollen; folgen Sie Ihren Inspirationen; nur retten Sie die Brücke.« Beugnot erzählt dann, wie er ins preußische Hauptquartier fuhr, wie man Blücher aus einer Spielhölle des Palais Royal herbeiholte, wie zwischen ihm und dem Marschall eine durch die Verschiedenheit der Sprachen nicht eben erleichterte Unterredung sich entspann und wie schließlich, nach langen Mühen, die Preußen sich mit der Umtaufung der Brücke zufrieden gaben, ohne daß von dem heroischen Entschlusse des Königs die Rede gewesen sei. Er, Beugnot, habe nie ernsthaft an so etwas gedacht und jene Wendung nur gebraucht, um Talleyrand zu zeigen, wie rathlos er sich fühle. Zu seiner Verwunderung habe er einige Tage später von Anderen gehört, daß Ludwig XVIII. sich dem Opfertode habe weihen wollen und daß er solches seinem Minister schriftlich erklärt habe. Nach abermals etlichen Tagen sei die Legende vom Hofe acceptirt worden; man habe dem Könige Huldigungen und Komplimente ob seiner Heldenhaftigkeit dargebracht, und der König habe sich die Schmeicheleien ohne Wimperzucken gefallen lassen und schließlich wohl selbst an die Fabel geglaubt. Welche der beiden Versionen die richtige ist, wird sich kaum mehr ermitteln lassen; ich neige mich, ehrlich gestanden, mehr auf die Seite Beugnots, dessen Erzählung nicht allein pikanter ist, sondern auch eine gewisse innere Wahrscheinlichkeit für sich hat. Der eigenhändige Brief Ludwigs XVIII. an den Fürsten Talleyrand kann sehr wohl geschrieben worden sein, als der kritische Augenblick vorüber war; Talleyrand mag dem König die Wendung, deren Beugnot sich im Gespräche bedient hatte, erzählt haben, und er oder der König oder beide mögen auf den Einfall gekommen sein, die heroische Phrase im Interesse der Popularität Seiner Majestät, die einige Aufmunterung sehr gut gebrauchen konnte, auszunutzen. Weit interessanter als dieser ist ein anderer Widerspruch, in dem Talleyrand sich mit Frau von Rémusat befindet. Es handelt sich um eine merkwürdige Stunde im Leben Napoleons, deren einzige Zeugen Herr von Rémusat und Talleyrand gewesen sind. Frau von Rémusat berichtet natürlich nach der Erzählung ihres Gatten, eines durchaus glaubwürdigen Mannes, aber sie schrieb dreizehn oder vierzehn Jahre nach dem Vorfall, während man annimmt, daß Talleyrand schon vor dem Sturze des Kaisers seine Erinnerungen aus der Napoleonischen Zeit aufzeichnete. Frau von Rémusat erzählt: »Im Begriffe, Mainz zu verlassen (um den Feldzug gegen Preußen zu eröffnen), gab der Kaiser meinem Manne das Schauspiel eines Auftritts, der diesen sofort höchlich frappirte. Talleyrand befand sich im Kabinet des Kaisers, Rémusat nahm die letzten Befehle entgegen; es war Abend, die Wagen waren angespannt; der Kaiser hieß meinen Mann Josephine holen; sie kam alsbald stark weinend. Der Kaiser, gerührt von ihren Thränen, drückte sie lange an sich, als könne er sich schwer von ihr trennen. Er war lebhaft bewegt, auch Talleyrand schien ergriffen. Der Kaiser trat, seine Frau in die Arme schließend, zu Talleyrand, reichte ihm die Hand, faßte sie beide in seine Arme und sagte zu Rémusat gewandt: Es ist doch sehr schmerzlich, die beiden Menschen zu verlassen, die man am meisten liebt! – Und während er diese Worte wiederholte, steigerte sich die Art nervöser Rührung, die er empfand, dermaßen, daß er in Thränen ausbrach und fast gleichzeitig von einigen Konvulsionen befallen wurde, die stark genug waren, ein Erbrechen zu verursachen. Man mußte ihn niedersetzen, ihm Orangenblüthenwasser geben; er vergoß Thränen. Das währte eine Viertelstunde. Dann faßte er sich, stand rasch auf, drückte Talleyrands Hand, küßte seine Frau und sagte zu Rémusat: Die Wagen sind da? benachrichtigen Sie die Herren; gehen wir!« Die Erzählerin fügt hinzu, daß sie eine Art Freude empfunden habe, als sie dies von ihrem Manne erfuhr. Daß natürliche Herzensregungen über Bonaparte ab und an so viel vermöchten, erschien ihr wie ein Sieg des Guten. Taine hat diese Stelle der Rémusatschen Memoiren nicht übersehen, als er seine großartige Analyse der Napoleonischen Psyche schrieb; er führt sie an als Zeugniß für die eigenthümliche Reizbarkeit der Nerven und die Heftigkeit ihrer Schwingungen, die auf das Gemüth des Despoten manchmal räthselhaften Einfluß gewannen. Als Taines Buch erschien, war Talleyrands Schrift noch nicht entsiegelt worden. Wie aber schildert dieser den Vorgang? Daß Ort und Zeit verschieden sind in jener und in dieser Lesart, fällt nicht ins Gewicht; daß beide Quellen von dem nämlichen Vorfalle reden, wird man nicht bezweifeln. Talleyrand schreibt (1. Band, Seite 295): »Ich erhielt den Befehl, den Kaiser nach Straßburg zu begleiten, um unter Umständen dem Hauptquartier folgen zu können (September 1805). Eine Gesundheitsstörung, die den Kaiser im Beginn dieses Feldzugs befiel, erschreckte mich eigentümlich. Am Tage seiner Abreise von Straßburg hatte ich mit ihm gespeist; von der Tafel war er allein zur Kaiserin Josephine gegangen, einige Minuten später kam er plötzlich zurück; ich war im Salon, er nahm mich beim Arm und führte mich in sein Schlafzimmer. Herr von Rémusat, der Oberkammerherr, trat zugleich mit uns ein, da er sich noch einige Befehle vor der Abreise des Kaisers zu erbitten hatte. Kaum waren wir drinnen, so fiel der Kaiser zur Erde; er hatte nur noch Zeit, mir zu sagen, ich solle die Thür zumachen. Ich riß ihm die Kravatte ab, weil er zu ersticken schien; er erbrach sich nicht; er stöhnte und geiferte. Herr von Rémusat gab ihm Wasser, ich übergoß ihn mit kölnischem Wasser. Er hatte verschiedene Konvulsionen, die nach einer Viertelstunde aufhörten; wir hoben ihn in einen Lehnstuhl; er fing an zu sprechen, ordnete seinen Anzug, empfahl uns Geheimhaltung, und eine halbe Stunde später war er auf dem Wege nach Karlsruhe. Gleich nach seiner Ankunft in Stuttgart schrieb er mir; der Brief endete mit den Worten; es geht mir gut u. s. w.« Man sieht, aus diesem Bilde ist alles verschwunden, was Frau von Rémusat gerührt und Taine interessirt hatte; ein rein körperlicher Vorfall bleibt über; die Gestalt Josephinens wird unsichtbar. Es ist undenkbar, daß Talleyrand es vergessen hätte zu erwähnen, wenn Napoleon ihn wirklich umarmt und zu seinen »liebsten Menschen« gerechnet hätte, Thränen vergießend. Andererseits kann man nicht glauben, Rémusat habe seine Darstellung völlig aus der Luft gegriffen oder seine Frau habe sie völlig falsch wiedergegeben. Es ist einer der Fälle, wo man mit Pilatus fragen muß: »Was ist Wahrheit?« Der letzte Abschnitt, »la Révolution de 1830« ist für den Referenten der sprödeste: man muß den Text selbst lesen, der großentheils aus Briefen von und an Talleyrand besteht, und der nur im Zusammenhange ein Bild giebt, ein Bild feiner, zäher diplomatischer Arbeit, die dem sechsundsiebenzigjährigen Greise den letzten und nicht den geringsten seiner politischen Erfolge eintrug, Erhaltung des europäischen Friedens, Einführung der Julimonarchie in die Gesellschaft der großen Höfe, engen Anschluß Frankreichs an England, Gründung eines kleinen neutralen Königreichs an der französischen Nordgrenze auf eben dem Boden, wo die Alliirten von 1814 und 1815 den niederländischen Festungsgürtel gegen Frankreich angelegt und einem leistungsfähigen Staate von sieben Millionen überantwortet hatten. Wie, unter welchen Schwierigkeiten und Wechselfällen das Werk der Londoner Konferenzen langsam vorrückte und schließlich zu Stande kam, wesentlich im Sinne des französischen Botschafters, gegen die Antipathien der nordischen Höfe, den Eigensinn Hollands, die revolutionären Unklugheiten der Belgier, die vielfachen Bedenken Englands und auch gegen die nervöse Hast und Ambition der eigenen Regierung sicher ans Ziel geführt wurde, das tritt in den veröffentlichten amtlichen und vertraulichen Schriftstücken anschaulich und noch heute spannend zu Tage. Für den Diplomaten, dünkt mich, muß diese Lektüre ungemein lehrreich sein; er sieht gewissermaßen vor Augen, wie fest zugleich und wie vorsichtig leise, wie frei von Aufregung die Hand des erfahrenen Meisters die Fäden leitet, scheinbar oft gar nicht eingreifend, der Zeit und dem Spiel der fremden Interessen die Hauptsache überlassend und doch immer im richtigen Augenblick die richtige Linie festhaltend oder herstellend. Ein halbes Dutzend Prinzen werden als Kandidaten für den neuen belgischen Thron aufgestellt, und zu diesen kömmt noch eine Partei, die Vereinigung mit Frankreich fordert, eine nicht einflußlose Partei, der, wie sich denken läßt, viele Herzen in Frankreich, einige sogar in den Tuilerien sympathisch entgegen schlagen. Talleyrand ist von Anfang an überzeugt, daß Leopold von Koburg der allein richtige Mann ist, aber er rührt keinen Finger für ihn, er scheint allen Bewerbern gleiches kühles Wohlwollen zu widmen; er erspart sich jedes Ankämpfen gegen die Vorurtheile, die seinem Bevorzugten im Wege stehen, in der Ueberzeugung, daß die anderen Kandidaturen ohne sein Zuthun scheitern und dem Koburger allein das Feld überlassen werden, – wie es denn schließlich auch geschieht; der Koburger, der sogenannte »englische Kandidat«, wird König und heirathet die Tochter Ludwig Philipps. Zu den Witzworten, die man Talleyrand in den Mund gelegt hat, gehört auch das bekannte Surtout pas de zèle! Ob er es je so kondensirt ausgesprochen hat, mag man bezweifeln, aber es ist in seinem Geiste erfunden, wenn es erfunden ist. Wohl zehnmal in dieser Londoner Korrespondenz kommen Stellen vor, wo er gegen den Eifer eifert, seinen Hof, seinen Minister und seine Agenten in der Kunst des Wartens unterrichtet. »Ich habe vielleicht (schreibt er) zu lange Auszüge aus meinen Depeschen gegeben, aber ich that es in der doppelten Absicht, die verschiedenen Punkte, auf die es bei meiner Verhandlung ankam, recht ins Licht zu stellen, zugleich den jungen Diplomaten, denen diese Erinnerungen einmal in die Hände fallen mögen, zu lehren, daß eins der ersten Elemente in der Kunst des Unterhandelns die Geduld ist.« Ich mußte lächeln, als ich diese Worte las: vor langen, langen Jahren sagte mir einmal ein sehr kluger, in Geschäften ergrauter deutscher Staatsmann, der alte Bürgermeister Smidt von Bremen: »In Unterhandlungen ist nichts so perniciös wie Ungeduld.« III. (1892.) Mit dem fünften Bande liegt nunmehr das posthume Werk Talleyrands abgeschlossen vor; diese letzte Portion, die uns aufgetragen wird, dürfte das Urtheil, das man über die vorhergegangenen gefällt hat, wenig ändern. Dem sensationslüsternen Leser bietet der fünfte Band wo möglich noch weniger als irgend einer der früheren; die Inedita, die für manche Fachleute allein Reiz haben, sind nur spärlich unter die Zahl bereits bekannter Briefe gemischt; Urtheile über Zeitgenossen finden sich nur selten eingestreut, und nie gehen sie über die leise Andeutung, den gedämpften Ausdruck höflichen Zweifels hinaus; noch weniger läßt sich der Verfasser zu jenen ausführlichen Erörterungen verführen, in denen memoirenschreibende Staatsmänner die eigene Weisheit und die Thorheit ihrer Gegner zu beleuchten lieben. Talleyrand begnügt sich, uns eine lange Reihe unanfechtbarer Urkunden, Briefe, die er geschrieben, Briefe, die er empfangen hat, Depeschen, Berichte, nur hier und da mit ganz kurzen Erläuterungen versehen, vorzulegen und es uns zu überlassen, die Rolle zu rekonstruiren, die er während der ersten vier Jahre nach der Julirevolution als Botschafter in London gespielt hat, die Gefahren, die zu beschwören, die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, die Mittel, deren er sich bediente, den Einfluß, den er nach allen Seiten hin geltend machte, die Resultate, die er erzielte: nämlich Einführung des revolutionären Frankreich in die europäische Familie, englisch-französische Entente als Gegengewicht gegen die drei osteuropäischen Höfe, Gründung des neutralen Königreichs Belgien, Stützung der konstitutionellen Throne in Spanien und Portugal, Verhinderung einer bewaffneten Intervention Rußlands zwischen dem Sultan und Mehmed Ali, endlich die Bewahrung des allgemeinen Friedens. Wer sich die Mühe nicht verdrießen läßt, aufmerksam den ihm vorgeführten Tages- und Momentbildern zu folgen, dem wird sich ein Schauspiel von Talleyrands diplomatischer Thätigkeit entfalten, das lebhaft an die Tage des Wiener Kongresses erinnert. Wie damals hat er bald die leitende Stellung, gruppirt er um sich alle hülfreichen Einflüsse, neutralisirt er die widerstrebenden Tendenzen, führt er gegen Mißtrauen, bösen Willen, Schwankungen auf allen Seiten mit unerschütterlicher Festigkeit und unermündlicher Geduld den Hauptgedanken, der ihn erfüllt, durch: die durch die Julirevolution erschütterte Stellung Frankreichs neu zu befestigen, ohne das Gleichgewicht und die Ruhe Europas in Gefahr zu bringen, die belgische Frage auf eine für Frankreich nützliche Weise zu lösen, ohne in Konflikt mit den Ostmächten zu gerathen, und – fünfzehn Jahre nach Waterloo – die englischen Staatsmänner in Bundesgenossen zu verwandeln. Wie in Wien handelt er als der eigentliche Führer der französischen Politik, nach Instruktionen, die er selbst entwirft, und wie damals Ludwig XVIII., so erscheint jetzt Ludwig Philipp als der gegängelte Theil, der zwar seine eigenen Pläne und Intrigen nicht ganz unterdrückt, aber am Ende doch immer sich dem besseren Ermessen seines Botschafters fügen muß. Die Regierung in Paris hängt mit ihrem steten Bedarf an auswärtigen Erfolgen völlig von ihrem Gesandten in London ab, der allein im Stande ist, ihr für Thronreden, Kammerdebatten und Polemik mit den Oppositionsblättern die unentbehrlichen Beweise von Frankreichs wieder empor steigendem europäischem Einfluß zu liefern. Soweit es seine Zirkel nicht turbirt, zeigt der greise Diplomat sich gefällig, meistens aber verweist er die begehrlichen Dränger zur Ruhe, ermahnt er sie, zu warten, die Hauptsache nicht dem Augenblicke zu opfern: »die Hauptfache ist, daß wir mit England zusammenhalten; alles andere ist untergeordnet.« Er ist in einer Lage, wie ein General, von dem man zu Königs Geburtstag einen Sieg verlangt, der aber schließlich nichts unternimmt, was militärisch bedenklich wäre. Casimir Périer und überhaupt die klügeren unter den Ministern sehen sehr wohl ein, daß es das zweckmäßigste ist, den alten General thun zu lassen, was er für gut findet: sie begreifen, daß er allein im Stande sein wird, die Aufgabe zu lösen, von der das Schicksal der Julimonarchie abhängt. Als nach Casimir Périers Tode der Herzog von Broglie ein neues Kabinet gebildet hatte, schrieben er und seine Kollegen zunächst Huldigungsbriefe an Talleyrand, als an ihr wirkliches Oberhaupt und den eigentlichen Lenker des Reichs. Der Herzog von Broglie schrieb: »Ich bitte um Ihren Rath und Ihren Beistand, wohl wissend, in wessen Händen gegenwärtig unsere Zukunft liegt.« Guizot beschwor ihn, der Regierung das zu geben, ohne das sie nicht bestehen könne, das Vertrauen des Auslandes. Admiral de Rigny drückte sich so aus: »Ohne dies (einen vernünftigen Abschluß der belgischen Frage) wird der parlamentarische Kampf uns hinwegreißen und mit uns den letzten Deich. Ihr hoher Einfluß, mein Fürst, kann allein uns helfen, und das Werk ist Ihrer würdig.« Thiers bleibt hinter den anderen nicht zurück: »Von allen Seiten muß man uns beistehen: Sie, mein Fürst, Sie können es besser als irgendwer ... Unterstützen Sie uns mit Ihrem ganzen Genie, Ihrem ganzen Einfluß.« Auch Madame Adelaide stimmt in diesen Ton ein; freilich ist sie im tiefsten Herzen überzeugt, daß ihr angebeteter Bruder, notre cher roi , wie sie ihn beständig nennt, der wahre Steuermann sei, aber so viel versteht sie doch von den Geschäften, um zu wissen, daß auch der beste Steuermann in gefährlichen Revieren des Lootsen bedarf, und als solchen behandelt sie Talleyrand in ihren zahlreichen Briefen mit der äußersten Zuvorkommenheit. Louis Philipp bediente sich der Feder der Schwester, um zwanglos seine Gedanken dem überlegenen Diener mitzutheilen, und Talleyrand antwortete ihr gern, weil er wußte, daß sie sofort alles dem Könige zutragen werde. »Ich sehe gern,« schrieb er z.B., »daß auch Ihnen der Gedanke, Familieninteressen auf politische Interessen zu pfropfen, ganz fern liegt; dadurch hat Napoleon seinen Thron gestürzt.« Er wußte sehr wohl, daß Louis Philipp für sein Leben gern das Haus Orleans mit Secundogenituren in Brüssel und Lissabon ausgestattet hätte; die versteckte Warnung war, wie später die Geschichte der spanischen Heirathen und der dadurch herbeigeführten Entzweiung der beiden Westmächte gelehrt hat, wohlangebracht, wennschon vergeblich. Man denke sich, Fürst Bismarck hätte im Verlauf der siebenziger Jahre, etwa nach dem Türkenkriege, als Botschafter in London fungirt und dort auf einem Kongresse Deutschland vertreten, so würde das Verhältniß zwischen ihm und dem auswärtigen Amte in der Wilhelmstraße vermuthlich sich ungefähr so gestaltet haben, wie es zwischen dem Pariser Kabinet und Talleyrand bestand. Der Botschafter hätte die Zügel geführt. In den dreißiger Jahren wurde die Selbständigkeit des Botschafters noch begünstigt durch die Langsamkeit der Kommunikationen; der Vorwand, man habe nicht auf Instruktionen warten können, war ungemein bequem, wenn es darauf ankam, vollendete Thatsachen zu schaffen. Heute stellen wir uns nur mühsam vor, was es in jenen telegraphen- und eisenbahnlosen Zeiten auf sich hatte, ein Einvernehmen auch nur zwischen Paris und London binnen weniger Tage herbeizuführen und nun gar mit Berlin und Wien, mit Petersburg und Konstantinopel Fühlung zu behalten. Es kömmt vor, daß Talleyrand verlangt, man solle – in irgend einer erheblichen Angelegenheit – die russische Regierung lieber gar nicht fragen, weil sie, wenn man es thäte, leicht erst nach Monaten sich zu einer Antwort herbeilassen könnte. Einmal unterbleibt eine große Staatsaktion, eine gemeinsame Englands und Frankreichs, die den Sultan hindern sollte, den Vertrag von Unkiar-Skelessi zu ratifiziren, bloß deshalb, weil man ausrechnet, daß der Kurier nicht früh genug in Konstantinopel eintreffen möchte. Nicht selten findet man in den Aktenstücken, daß Talleyrand »der Zeitersparniß wegen« den französischen Gesandten in Brüssel, im Haag, in Berlin und Madrid direkt Anweisungen ertheilt, auch wohl dem Admiral des französischen Kanalgeschwaders ohne Vermittelung seiner Regierung vorschreibt, was er thun und lassen soll. Freilich berichtet er hinterdrein dem Minister und hofft nachträglich Gutheißung, aber man merkt es ihm an, daß er im Grunde keinen Vorgesetzten über sich fühlt. So sehr er die korrekte Form beachtet, entschlüpft ihm doch in einzelnen Fällen eine Wendung, die das Bewußtsein seiner Selbständigkeit verräth. Als er den großen Coup, die Quadrupelallianz der vier konstitutionellen Königreiche, zu Stande gebracht hat, schickt er den soeben unterzeichneten Vertrag mit folgenden begleitenden Worten nach Paris: »Ich bin überzeugt, daß die Regierung des Königs die Vortheile des Vertrages würdigen wird; gleichwohl werden Sie mir erlauben, Ihnen kurz die Gründe darzulegen, die mich bestimmt haben , unseren Eintritt in die Allianz zu bewirken. Ich habe ihn unter seinen verschiedenen Gesichtspunkten ins Auge gefaßt, und ich bin nach reiflichem Nachdenken zu der Ansicht gelangt, daß er uns wirkliche Vortheile ohne irgend welche Gefahr biete, u. s. w.« Diese, im Munde eines Gesandten auffälligen Worte entsprechen vermuthlich dem Sachverhalt besser als das Kompliment, das Madame Adelaide dem Fürsten schrieb: »Unser lieber König ist zwar der Vater des Gedankens, Sie aber haben ihn aus der Taufe gehoben.« Taufpathen sprechen nicht so von den Kindern anderer Leute. Zu allem Ueberflusse wissen wir, daß der Gedanke der Quadrupelallianz, der nur eine andere Form des englisch-französischen Bündnisses bedeutete, keine Improvisation war. Schon im Jahre 1791 hatte Talleyrand den Anschluß an England als den Weg des Heils gepredigt, und im Jahre 1814 war es sein eifrigstes, nur durch die Rückkehr Napoleons vereiteltes Bemühen gewesen, auf diesem Wege, mit dem auch Oesterreich sich befreunden sollte, ein Gegengewicht gegen die »politique envahissante« Rußlands zu schaffen. Für Europa und insbesondere für Frankreich erblickte er die Hauptgefahr in dem Wachsthum dieser Macht, die unangreifbar bei sich zu Hause die unerschöpflichen Massen einer unterthänigen Barbarenbevölkerung für eine ebenso vorsichtige als konsequente Eroberungspolitik organisire und nur durch den einträchtigen Widerstand der civilisirten Nationen verhindert werden könnte, eine dominirende Stellung am mittelländischen Meer und im Herzen des Kontinents zu gewinnen. Seit dem Sturze Napoleons beschäftigte diese Sorge ihn unablässig; was würde er gesagt haben, wenn er hätte voraussehen können, daß einst seine Landsleute bemüht sein würden, die Schutzwälle Oesterreich und Deutschland zu zertrümmern und Konstantinopel preiszugeben! Die hundert Tage und die Schlacht bei Waterloo hatten den Allianzvertrag vom 3. Januar 1815, den Talleyrand in Wien mit Oesterreich und England abgeschlossen hatte, rettungslos hinweggefegt; jetzt, als der Julithron sich leidlich befestigt, als Frankreich sich stark genug gezeigt hatte, allein mit England den absolutistischen Höfen die Theilung der Niederlande abzunöthigen, jetzt schien der Augenblick gekommen, den Vertrag von 1815 wieder zu erwecken und zu versuchen, ob er Lebenskraft bewahrt habe. Im Sommer 1833 hatte Rußland zu Unkiar-Skelessi mit dem Sultan sich über eine Art von Sonderbund verständigt, der die Westmächte vom Orient ausschließen zu sollen schien; eine Zusammenkunft der drei Souveräne Osteuropas zu Münchengrätz wurde als eine bedrohliche Erscheinung aufgefaßt; man fühlte in Paris sich unbehaglich; Talleyrand, der in Valençay seine Ferien genoß, wurde vom König ersucht, sich in der Hauptstadt einzufinden. Der König, der Herzog von Broglie und der Fürst beratschlagten, was die Lage erfordern möchte: »nach reiflicher Erwägung,« so heißt es in den Memoiren, »schlug ich ihnen vor, zu versuchen, die englische Regierung zum Abschluß eines Allianzvertrags zu bewegen, der so allgemein zu halten wäre, daß er keins der beiden Kabinette in lästiger Weise binde, aus dem man aber je nach den Umständen die Folgerungen ziehen könne, die man wünsche.« Man willigte ein, und Talleyrand kehrte nach London zurück, den Versuch zu machen. Er wußte wohl, daß die Sache schwierig sei, und in der That fand er die englischen Staatsmänner abgeneigt, eine Allianz vertragsmäßig abzuschließen. Mit dem Gedanken befreundeten sie sich rasch, aber die Form widerstrebte ihren Traditionen und den Rücksichten, die sie auf das Parlament zu nehmen hatten. Aber im wesentlichen erreichte der Fürst doch seinen Zweck, der mehr auf den moralischen Eindruck als auf unmittelbare Erfolge gerichtet war; denn die sogenannte Quadrupelallianz, die er im nächsten Jahre zu Stande brachte, hatte, obwohl sie nur die Pacifikation der pyrenäischen Halbinsel zum Gegenstande hatte, doch eine viel weiter gehende Wirkung, indem sie der Welt das Zusammengehen der beiden Westmächte und ihren Gegensatz zur heiligen Allianz nachdrücklich vor Augen führte. Und in einer solchen Wirkung bestand nach Talleyrands Ansicht der eigentliche Werth solcher Allianzen. Mit einer Weisheit, die auch heute noch nicht veraltet ist, warnt er vor allen Allianzverträgen, die mehr als gemeinsame Abwehr im Auge haben; die Allianz mit England, sagt er, sollte lediglich den Sinn haben, daß beide Mächte entschlossen seien, den status quo , oder wie des Wohlklangs wegen der Herzog von Broglie lieber sagte, die Heiligkeit der Verträge gegen jeden Friedensstörer zu schützen. Freilich verstehe sich das im Grunde von selbst; ein Allianzvertrag sei aber nur ein Avis an lecteur , den Gegner zu warnen; er würde keinen Sinn haben, wenn nicht die Allianz an sich, auch ohne Vertrag, sich aus den gemeinsamen Interessen ergebe. Nun sei es ein großer Unterschied, ob die mit ehrgeizigen Plänen beschäftigte Macht sich zu Friedensstörungen hinreißen lasse, die die natürlichen Alliirten zur bewaffneten Abwehr nöthigen würden, oder ob sie, jene ehrgeizige Macht, schon im voraus die alliirten Wächter des Status quo einig und wachsam vor sich sehe. Sie werde sich dann zweimal besinnen, ehe sie einen Schritt vorwärts thue, und in der Regel werde die Wirkung einer solchen Defensivallianz die sein, daß der Casus foederis gar nicht eintrete. Dazu bedürfe es nur weniger allgemeiner Sätze; der englisch-französische Allianzvertrag brauche nur einen einzigen Artikel zu enthalten, dahin lautend, daß die beiden Souveräne bei eintretender Gefährdung des Status quo sich über die Anwendung der geeigneten Mittel verständigen würden, um dieser Gefahr gemeinsam entgegenzutreten. Alle Welt, mit Einschluß der russischen, österreichischen und preußischen Staatsmänner, werde fest glauben, daß geheime Artikel zu dem publizirten Vertrage gehörten, und dieser Glaube werde etwaige Eroberungsgelüste dämpfen. Er werde nicht minder alle schwächeren Staaten mit neuem Vertrauen erfüllen und sie zu Bundesgenossen der Westmächte machen. Der dritte im Bunde, Oesterreich, fehlte bei der neuen Kombination; Talleyrand hätte ihn gern auf seine Seite gezogen, aber er erkannte die Unmöglichkeit, Metternich, der sich ganz und gar von der Angst vor den deutschen und italienischen Liberalen beherschen ließ und zur Zeit den Kaiser Nikolaus als Hort der Legitimität verehrte, in dasselbe Boot mit dem Julikönig und Lord Palmerston zu bringen. Was er fürchtete, war dies, daß die drei Ostmächte, durch die gemeinsame Furcht vor der Revolution näher an einander gerückt, sich gegenseitig Konzessionen machen würden, die, wenn man sie gewähren ließe, zu sehr bedenklichen Machtverschiebungen führen könnten. Um dies den Engländern zu veranschaulichen, ließ er sich von Broglie einen ostensiblen Brief schreiben, der augenscheinlich von ihm selbst inspirirt worden ist und der zu den interessantesten Aktenstücken des fünften Bandes gehört. Ich übersetze folgende Stelle: »Zwischen den drei Nordmächten besteht eine ähnliche Solidarität wie zwischen Frankreich und Großbritannien, obwohl auf schnurstracks entgegengesetzte Prinzipien begründet. Diese Solidarität hält sie geeinigt, und wir sehen täglich Beweise dieser Einigung ... Diese Lage kann zwei Resultate herbeiführen. Das erste wäre ein augenblicklicher Verzicht auf alle Gedanken an Gebietserweiterung oder Steigerung des Einflusses, das Opfer jeder besonderen preußischen, österreichischen, russischen Politik zu Gunsten der europäischen Konservation. Dies ist 1830, 1831 geschehen, als die Revolutionsgefahr groß und dringlich war. Das zweite ist eine Art Kompromiß zwischen den Wünschen und Ansprüchen der drei Mächte, ein Handel, wodurch sie sich gegenseitig das und das Stück Europa ausliefern, gegen Entgelt von hüben und drüben. Dies geschieht heute (1833), wo die Sorgen geringer sind und die Hoffnungen auf Vergrößerung wieder ein wenig überwiegen können. Rußland sagt zu Oesterreich: ums Himmelswillen zanken wir uns nicht, bleiben wir einig gegen den gemeinsamen Feind; aber mittlerweile laß mich nach meinem Gutdünken über die Türkei verfügen. Oesterreich antwortet: einverstanden, zanken wir uns nicht; aber wenn ich dich in der Türkei gewähren lasse, so hilf du mir zu der Herrschaft, die ich in Italien einrichten will. Und der Handel wird geschlossen. Preußen sagt zu Oesterreich: ich will dir bei deinen italienischen Plänen gern Waffenhilfe leisten, aber laß du mich meinen Zollverein zu Stande bringen, meine Mautgrenzen bis an den Bodensee vorrücken, meine Tarife dem ganzen deutschen Bunde auferlegen, den Widerstand aller hartnäckigen Staaten unterjochen und den Grund zu einer deutschen Einheit legen, die ihre Früchte etwas später tragen wird. Und Oesterreich läßt Preußen gewähren. Vorläufig handelt es sich in der Türkei, in Italien, in Deutschland nur erst um Steigerungen des Einflusses, um Protektorate, Vormundschaften, Akte der Obmacht; aber wer die Geschichte gelesen hat, wer ein bischen Einsicht in den Gang der Ereignisse hat, der weiß, wohin das führt und was aus den Protektoraten wird.« Man sieht, daß Talleyrand Preußen keineswegs als eine quantítè négligeable ansah; wenn er an eine Allianz mit ihm nicht dachte, sondern Oesterreich für den werthvolleren Bundesgenossen hielt, so hatte das seinen Grund in der Ansicht, daß Preußen mit dem Status quo , um dessen Schutz es sich doch handelte, unmöglich zufrieden sein könne. In einer zwanglosen Causerie über den Herzog von Choiseul, die in dem fünften Bande mit abgedruckt ist, sagt er beiläufig, daß für eine Friedensallianz Preußen untauglich sei wegen seiner schlechten geographischen Verfassung, die es ihm unmöglich mache, nicht eroberungslustig und nicht abhängig zu sein. England könne jeden Augenblick seinen Seehandel ruiniren, Rußland könne Posen und Schlesien überziehen, ehe ein preußisches Heer sich versammelt habe. Das Gebot der Selbsterhaltung zwinge diesen Staat, den eine einzige unglückliche Schlacht in mehrere Stücke zertheilen könne, fortwährend nach einer Veränderung zu trachten; denn es scheine unvermeidlich, daß Preußen entweder binnen kurzem untergehen oder einen beträchtlichen Theil Deutschlands unter seine Herrschaft bringen müsse. Verdanke es seinem berühmtesten König einen erhöhten Glanz und Rang in der Reihe der Mächte, so verdanke es ihm doch keineswegs bessere Bürgschaften dauernder Sicherheit. In derselben Schrift über Choiseul finden sich Betrachtungen über Frankreichs Verhältniß zu Rußland, die in unseren Tagen ein von dem Verfasser vielleicht nicht geahntes Interesse gewonnen haben. Die erste freundschaftliche Annäherung der beiden Reiche, sagt Talleyrand, datirt von Tilsit, und ihr Motiv war die Begier nach neuen Eroberungen. Aus der Annäherung entwickelte sich der Zusammenstoß, dessen furchtbare Gefahren Frankreich erst eben (die Schrift ist 1816 verfaßt worden) überwunden hat. »Wir tragen gegenwärtig die Strafe für den Ehrgeiz, der uns Rußland annäherte. Nur dasselbe Motiv könnte in Zukunft die beiden Länder wieder zusammenführen; denn gemeinschaftliche Interessen haben sie nie gehabt, und alle Interessen, die sie früher getrennt haben, werden sie fortan womöglich noch mehr trennen. Und wenn trotzdem, allen Nachschlagen der Klugheit zuwider, Frankreich zum zweiten Mal diese Allianz suchen sollte, so würde die unfehlbare, unmittelbare Folge ein enges Bündniß Österreichs und Preußens sein (an Italien konnte Talleyrand natürlich nicht denken), und Frankreich würde sich dann in eine so falsche Stellung gebracht haben, daß es nichts so sehr zu fürchten hätte wie die Niederlage der beiden deutschen Mächte. Denn, träte das ein, so würden dieselben Ursachen, die schon einmal die unnatürliche Allianz in Feindschaft verwandelt haben, Russen und Franzosen von neuem entzweien, und der Ausgang des dann zwischen ihnen entbrennenden Kampfes würde noch viel weniger zweifelhaft sein als der jenes ersten, den Frankreich begann, als es unter seinen Fahnen die Truppen ganz Europas ins Feld schleppte. Die drei nordischen Mächte würden sicherlich sich unter einander auf Kosten Frankreichs verständigen, und man würde eine Wiederholung der Ereignisse von 1813 und 1814 erleben, wahrscheinlich mit noch schlimmeren Folgen.« Im einundachtzigsten Lebensjahre (November 1834) schied Talleyrand aus der großen europäischen Stellung aus, die er, begünstigt von den Ereignissen, sich geschaffen hatte. »Mein Werk ist vollbracht,« schrieb er dem König, »und ich habe wohl ein Recht auf die Ruhe, deren ich bedarf.« Und an Madame Adelaide: »Ich bin alt und gebrechlich, und es stimmt mich trübe, zu sehen, wie schnell meine Generation verschwindet. Ich bin der Mann einer anderen Zeit und fühle, daß ich der gegenwärtigen fremd werde .... Seit vier Jahren haben wir von England alles erlangt, was es uns nützliches bieten könnte; möge es uns nie Schädliches bringen! England hat sich merkwürdig verändert (es war die Zeit der Reformbill), und ich glaube nicht, daß es wird Halt machen können auf dem neuen Wege, den es beschreitet. Ich fühle mich, offen gestanden, nicht berufen, ihm zu folgen. ... Ich glaube übrigens, es der Stelle, die mir die Geschichte anweisen mag, schuldig zu sein, das Andenken an Dienste nicht zu kompromittiren, die ich während fünfzig wechselvoller Jahre Frankreich zu leisten das Glück gehabt habe. Setzte ich meine Thätigkeit fort, die jetzt gegenstandslos geworden ist, so würde ich meinem Lande nichts nützen und könnte ich nur meiner persönlichen Würde schaden.« Der König fand angemessene Worte des Abschiedes von seinem hervorragendsten Diener und des Dankes für die großen Verdienste, die sich dieser um Land und Thron erworben habe. Der Abschluß dieser in ihrer Art einzigen politischen Laufbahn vollzog sich in den einfachen Formen des guten Geschmacks und doch nicht ohne ein gewisses Pathos. Nicht volle vier Jahre überlebte Talleyrand seinen Rücktritt, und in diesen Jahren hat er die beiden letzten Bände seiner Denkwürdigkeiten zusammengestellt. Am 17. Mai 1838 ist er gestorben, bis zum letzten Augenblicke darauf bedacht, seine Rolle schicklich zu Ende zu spielen. Als der König ihm den letzten Besuch abstattete, verfehlte der Sterbende nicht, ihm zuvörderst die im Krankenzimmer anwesenden Personen vorzustellen. Am Tage seines Todes unterzeichnete er noch zwei Schriftstücke, die bereits seit dem 10. März fertig lagen und die bestimmt waren, sein bekanntlich etwas fragwürdiges Verhältniß zur Kirche richtig zu stellen. In dem einen, das die Überschrift führt »Widerruf des Fürsten von Talleyrand,« verdammt er aufrichtig die schweren Irrthümer, die während dieser langen Jahre die katholische, römische, apostolische Kirche betrübt und bedrückt haben und an denen ich das Unglück hatte, mich zu betheiligen.« Er erklärt »seine völlige Unterwerfung unter die Lehre und Zucht der Kirche und unter die Entscheidungen des heiligen Stuhls in den geistlichen Angelegenheiten Frankreichs;« er erinnert daran, daß er sich oft bemüht habe, der Religion und den katholischen Geistlichen zu nützen; er habe nie aufgehört, sich als einen Sohn der Kirche zu betrachten, der seine letzten Wünsche gölten. Das zweite Schriftstück ist ein Schreiben an Gregor XVI., dem er seine Hoffnung auf die Nachsicht der Kirche ausspricht, zwei »mildernde Umstände« für sich anführend, »die allgemeine Verwirrung der Zeit, der ich angehörte,« und »meine ganze Jugenderziehung, die mich einem Berufe zuführte, für den ich nicht geschaffen war.« Ein zerknirschtes Gemüth spricht sich in diesen Schriftstücken nicht aus; wahrscheinlich war das Auge dessen, der sie verfaßte, mehr auf diese Welt, Rücksichten des kirchlichen Anstandes, Traditionen des Hauses Talleyrand-Périgord, als auf die Ewigkeit gerichtet. Förmliche Verhandlungen mit dem Papste, vermittelt durch den Erzbischof von Paris, waren dem »Widerrufe« vorangegangen und hatten jeden Zweifel, ob die Schreiben in Rom gut aufgenommen werden würden, beseitigt: erst als er sicher war, daß alles sich in angenehmen Formen erledigen werde, entschloß der alte Weltmann sich zu dieser Abschiedshöflichkeit. Natürlich hatten die Damen seines Hauses, seine Nichte, die Herzogin von Dino, und deren junge Tochter, die Hand im Spiele gehabt; Talleyrand liebte sie sehr, und es ist sehr wohl möglich, daß er vor allem ihnen einen Gefallen thun wollte. Renans »Lose Blätter«. (1892.) Renan hat auf den Wunsch seines Verlegers Calmann Lévy seinen vielgelesenen und vielgekauften »Souvenirs d´enfance et de jeunesse« einen Nachtrag folgen lassen, einen stattlichen, herrlich gedruckten Band unter dem Titel »Feuilles d´etachées« lose Blätter, eine Sammlung kleinerer Gelegenheitsschriften und Gelegenheitsreden, wie sie in einem langen Gelehrtenleben von so ungemeiner Bedeutung, Vielseitigkeit und Popularität neben den ernsthaften großen Werken in reichlicher Fülle zu entstehen pflegen, zumal wenn der betreffende Gelehrte nicht nur Mitglied der französischen und etlicher anderen Akademien, sondern auch Lehrer an einer hohen Schule und Hausfreund der vornehmsten Pariser Revuen und Tagesblätter ist. Mag nun auch im vorliegenden Falle ein buchhändlerischer Gedanke den Anstoß zu der Sammlung gegeben haben, sie selbst hat gleichwohl ihre volle literarische Berechtigung: es wäre sehr bedauerlich gewesen, wenn diese kleineren Kabinetstücke, zerstreut in unübersehbaren Massen von Zeitungen und Zeitschriften, vom Staube der Jahre begraben geblieben wären. Bedauerlich nicht allein, weil sie – bei selbstverständlich ungleichem Werthe – eine Fülle von Geist und liebenswürdiger Anmuth darbieten, sondern auch deshalb, weil sie allerlei Licht werfen auf die höchst eigenthümliche Persönlichkeit des Mannes, der, wie vielleicht kein anderer Schriftsteller unserer Zeit, die Geister bewegt und gefesselt, entzückt und erbittert, angezogen und abgestoßen hat. Natürlich denke ich dabei nicht an Wirkungen auf die Masse, sondern auf den Einfluß, den Renan auf die Kreise der hohen Bildung ausgeübt hat. Diesen Einfluß verdankt er gewiß am wenigsten seiner Gelehrsamkeit. So groß diese sein mag, – ich vermag ihr Maß nicht anzugeben, – so wenig würde sie ausgereicht haben, einen Leserkreis um ihn zu versammeln, der sich über Europa und Amerika erstreckt, der nach Zehntausenden in Frankreich allein zählt, der seit vierzig Jahren immer mehr angewachsen ist. Ich denke mir, wennschon ich nur als Laie urtheilen kann, daß – abgesehen von den streng philologischen Disziplinen, über die ich gar kein Urtheil habe, – die Wissenschaft gegenwärtig auf dem Standpunkte, den sie erreicht hat, auch dann stehen würde, wenn Renan nie eine Zeile geschrieben hätte. Die Bibelkritik, die Theorien über die Ursprünge des Christenthums, die Geschichte des Volkes Israel, die Philosophie, die Religionswissenschaft verdanken ihm vielfache Bereicherungen, Anregungen, glänzende Kombinationen, aber kaum neue Grundlagen, neue Bahnen. Weder seine Methode, noch die Kühnheit ihrer Anwendung gehört ihm eigentlich an; beide sind Produkte einer geistigen Entwicklung, die Renan gereift und fertig vorfand, als er, vor einem halben Jahrhundert, die große Wandelung durchmachte, die aus dem frommgläubigen Seminaristen den großen Skeptiker entstehen ließ. Die sichersten Resultate der modernen Wissenschaft, nämlich die negativen, sind von anderen ohne ihn oder von anderen neben ihm gefunden worden; die Versuche Renans, an die Stelle der Lücken neue positive Konstruktionen zu setzen, sind weit entfernt, allgemeine Anerkennung gefunden zu haben, und auch im günstigsten Falle bezeichnen sie keine neue Aera der Wissenschaft in dem Sinne etwa wie Niebuhrs römische Geschichte und Darwins Ursprung der Arten. Sie folgen mehr oder minder originell, mehr oder minder glücklich, den großen Linien, die von Vorgängern, zumal deutschen, gezogen worden sind. Nur soviel wird man zugeben müssen, daß die Gelehrsamkeit die nicht hinwegzudenkende Grundlage der Wirksamkeit Renans ist; ohne sie und ohne die Autorität, die sie ihm verleiht, wäre er vielleicht ein glänzender Feuilletonschreiber, ein ausgezeichneter Essayist geworden, aber nicht der Großmeister einer internationalen Gemeinde hochkultivirter Männer und Frauen, als der er heute, bewundert und gefeiert, in Paris thront. Um sein Reich zu erobern, konnte er des Rüstzeugs moderner Erudition nicht entbehren, aber dies Rüstzeug allein konnte ihm den Erfolg nicht verschaffen. Man denkt zunächst an den Zauber der Form, an den Stil, der ja ohne Zweifel eine mächtige Waffe und wohl im Stande ist, außerordentliche Wirkungen herbeizuführen, zumal auf einem Gebiete, wo es sich darum handelt, wissenschaftlichen Stoff in den Bereich der nicht fachmäßig Gebildeten zu rücken. Und gewiß spielt bei Renan die Grazie und Feinheit des Stils, die Kunst der Darstellung eine große Rolle. Aber Stil und Kunst hängen bei ihm – wie übrigens bei allen wirklichen Schriftstellern – aus engste zusammen mit seinem Naturell , und Renans Naturell ist einzig in seiner Art, merkwürdig gemischt aus heftigem Lebensdrange und zarter Scheu vor allem heftigen Stürmen, aus unersättlicher Begier, sich der Welt durch das Wissen zu bemächtigen, und dem steten Zweifel, ob das Wissen auch möglich, ob es der Mühe werth und ob es nicht am Ende weiser sei, in den Tag hinein zu leben. In ihm vereinigt sich die jugendliche Naivität des Famulus, der »alles wissen möchte,« gesteigert zu höchster Forschungslust, mit der Nüchternheit des skeptischen Greises, der alle Theorien in der Wage gewogen und sie alle zu leicht gefunden hat. Und er scheint mit gleichem Behagen in dem einen wie in dem anderen zu schwelgen, in dem brennenden Interesse an dem bunten Stoffe der Welt, vergangener, gegenwärtiger und künftiger, und in dem Gedanken, daß alles eitel sei. Im tiefsten Grunde des Herzens, in dem Grunde, aus dessen Dunkel auch die Gedanken aufsteigen, herscht ein unauslöschlicher Optimismus, der zugleich sich seiner Vernunftlosigkeit klar bewußt und sich durch Vernunftgründe vor sich selbst zu rechtfertigen bemüht ist. Wie Magister Martinus in Bibrach sagt er: Ich leb und weiss nit wie lang, ich stirb und weiss nit wann, ich far und weiss nit wahin, mich wundert dass ich frölich bin. Aber er beruhigt sich nicht bei der Verwunderung; er erschöpft sich in immer neuen Wendungen, um einerseits sich und uns die Finsterniß, in der wir leben, weben und sind, recht sichtbar zu machen, »darkness visible,« und andererseits sich und uns die Gründe aufzuzählen, weshalb wir uns das Grauen vor der Finsterniß aus dem Sinn schlagen sollen. Diese Heiterkeit des Geistes steckt an: der Leser fühlt sich hinweggehoben über die Traurigkeiten und die Schrecken des Stoffes, wenn er sieht, mit welcher frischen Lust der Führer sich in den unheimlichsten Regionen zu orientiren, die Abgründe mit seiner lebendigen Phantasie auszufüllen, dem Räthsel durch den Glanz seiner Lösungsversuche eigenthümlichen Reiz abzugewinnen weiß. Deutlicher als in den größeren, systematisch gearbeiteten Werken tritt die persönliche Eigenart des Mannes in den Plaudereien und Gelegenheitsreden, deren der neue Band eine Auswahl darbietet, hervor, und hierin beruht mehr als in der Ausbeute an neuen Gedanken der Werth der Feuilles détachées. Das meiste hat Renan auch an anderen Stellen gesagt, vieles mit denselben Worten und Wendungen, nach Greisenart, die sich gern wiederholt, aber er läßt sich mehr gehen in diesen Parergis , spielt zwangloser mit seinem Thema, bekennt sich offenherziger und gemüthlicher zu der Lehre, daß das Dasein ungeheuer amüsant ist, wenn man es nur nicht zu tragisch nimmt. In der Vorrede beklagt er sich, daß die jungen Leute sich durch grübelnden Ernst, durch philosophisches Brüten das Leben vergällen. Warum sich so sehr den Kopf zerbrechen um einer Wahrheit willen, die vielleicht traurig ist und die man wahrscheinlich nie erfahren wird. »Amusez-vous, cher enfans, pusique vous avez ans: travaillez aussi.« So formulirt er seiner Weisheit höchsten Schluß, nicht ohne ein Körnchen Frivolität, aber vornehmlich, weil er selbst sich, während er arbeitete, so ausgezeichnet unterhalten hatte. »Was für Offenbarungen verspricht euch (den Jungen) die Wissenschaft, was werdet ihr alles in vierzig, in fünfzig Jahren wissen, Dinge, die ich nie wissen werde! wie viele Probleme werden sich euch lösen! Wie wird der innere Keim Kaiser Wilhelms II. sich entwickeln? Was wird aus dem Konflikt der europäischem Nationalitäten werden? Wie werden die sozialen Fragen verlaufen? Welches Schicksal steht dem Papstthum bevor? Ach, ich werde sterben, ohne von alledem etwas zu sehen, es sei denn mittels Konjektur, und ihr, ihr werdet diese Räthsel als vollendete Thatsachen schauen.« Er verschweigt die Schattenseiten nicht, Vergänglichkeit, Tod, Dunkel der Zukunft, aber warum soll man sich empören gegen Wahrheiten, die so alt sind wie die Welt? »Haben wir uns denn jemals eingebildet, daß wir nicht sterben würden? Sterben wir ruhig in der Gemeinschaft der Menschen und in der Religion der Zukunft. Die Existenz der Welt ist für lange gesichert. Frankreich mit seinem leichtsinnigen Kometengange wird sich vielleicht besser aus der Sache ziehen, als gewisse Anzeichen es hoffen lassen. Die Zukunft der Wissenschaft ist verbürgt; in ihrem großen Buche wird nur hinzugefügt, geht nichts verloren. Der Irrthum gründet nicht; kein Irrthum währt sehr lange. Seien wir unbesorgt. In weniger als tausend Jahren wird hoffentlich die Erde einen Ersatz für die erschöpften Kohlenlager und, bis zu einem gewissen Grade, für die verminderte Tugend gefunden haben.« Böse Tage werden kommen; die sittlichen Werthe fallen; die Aufopferung verschwindet fast; man sieht den Tag kommen, où tout sera syndiqué , wo an die Stelle hingebender Liebe der organisirte Egoismus treten wird. Die beiden einzigen Mächte, die noch dem Sturze der Autorität widerstehen, Kirche und Armee, werden bald von dem allgemeinen Strom weggerissen. ... Eine unermeßliche sittliche Verschlechterung würde an dem Tage eintreten, wo die Religion aus der Welt verschwände. Wir können der Religion entrathen, weil andere sie für uns haben. Die Nichtglaubenden werden von der mehr oder minder gläubigen Menge mitgezogen; an dem Tage aber, wo die Menge keinen Aufschwung mehr hätte, würden auch die Tapfersten nur schwächlich in den Kampf gehen. Aus einer Menschheit, die nicht an die Unsterblichkeit der Seele glaubt, wird man viel weniger ziehen als aus einer Menschheit, die dran glaubt. Der Werth des Menschen steht in direktem Verhältniß zu dem religiösen Gefühl, das er von seiner ersten Erziehung mitbringt und dessen Duft sein ganzes Leben durchdringt. Die religiösen Menschen leben von einem Schatten. Wir leben von dem Schatten eines Schattens. Wovon wird man nach uns leben? Die fröhliche Antwort auf so bange Frage lautet: »N´importe.« Die Menschheit hat unendliche Hülfsquellen. Der Untergang der angeblich geoffenbarten Religionen ist zwar unvermeidlich, aber deshalb braucht die Religiosität, le sentimente religieux, nicht zu verschwinden. Wir müssen nur nicht zu viel verlangen. Das Christenthum hat uns verwöhnt: wir wollen den Himmel, und wir wollen ihn als Gewißheit. Begnügen wir uns mit kleineren Gewinnen; versuchen wir an kleinen Leckerbissen Geschmack zu finden. Freuen wir uns zuzusehen, wie die Menschheit sich des Lebens freut; die Freude der anderen ist ein großer Theil unserer eigenen; sie begründet den Lohn eines honetten Lebens, die Fröhlichkeit. Niemand hat mehr als Renan selbst jenen Duft, von dem er spricht, den die religiösen Eindrücke der Jugend dem ganzen Leben verleihen. »Ich bin von Frauen und von Priestern erzogen worden: das erklärt alle meine Vorzüge und alle meine Fehler.« Der Glaube ist geschwunden, aber die andächtigen Stimmungen, die wonnigen Schauer der Kontemplation können jeden Augenblick wieder heraufbeschworen werden, und sie erfüllen dann die Seele dieses Zweiflers und Verneiners mit einem Hauche frommer Poesie, der nichts künstliches an sich hat und der gleichwohl von diesem überlegenen Meister offenbar mit Bewußtsein künstlerisch verwerthet wird. In solchen Augenblicken findet er Töne, die ihm die Liebe christlicher schöner Seelen gewonnen haben. Aus den Variationen über Laplaces Thema: »ich habe den ganzen Sternenhimmel durchforscht und keinen Gott gefunden,« erhebt sich plötzlich eine Weise wie diese: »Entsagen wir nicht Gott dem Vater; leugnen wir nicht die Möglichkeit eines Schlußtages der Gerechtigkeit. Wir sind nie in einer jener tragischen Lagen gewesen, wo Gott gewissermaßen der nothwendige Vertraute und Tröster ist. Eine verleumdete reine Frau, ein schuldloses Opfer unheilbaren richterlichen Irrthums, ein Mann, der in der Vollbringung einer hochherzigen Handlung stirbt, ein Weiser, den barbarische Krieger niederhauen, was sollen sie anders thun als die Augen gen Himmel erheben? Wo soll man den wahren Zeugen suchen, wenn nicht droben? Selbst in unseren friedlichen Lebensläufen, wo die großen Prüfungen selten sind, – wie oft fühlen wir das Bedürfnis an die absolute Wahrheit der Dinge Berufung einzulegen, ihr zu sagen: sprich, sprich! Das sind vielleicht die Augenblicke, wo wir in der Wahrheit sind. Das Unerhörte ist nur, daß wir nie ein Anzeichen haben, ob unser Protest irgend etwas berührt hat. Als Nimrod seine Pfeile nach dem Himmel abschoß, fielen sie blutig zurück; wir erhalten gar keine Antwort. O Gott, den wir gegen unsere eigene Ansicht verehren, zu dem wir zwanzigmal des Tages beten, ohne es zu wissen, du bist wahrlich ein verborgener Gott!« An einer anderen Stelle, in dem höchst merkwürdigen Examen de conscience philosophique , sagt Renan, es sei das logischste für den denkenden Menschen der Religion gegenüber, sich so zu verhalten, als ob sie wahr wäre. Man müsse handeln, als ob Gott und die unsterbliche Seele existirten. Freilich finde man beide nicht in unserem Universum, aber wer stehe dafür, daß nicht unser Universum nur ein untergeordnetes Etwas in einer Unendlichkeit sei, innerhalb deren – in unvorstellbaren Aeonen und Prozessen – ein Gott sich auswirke zur Allweisheit und Gerechtigkeit, und vor dessen Allmacht der Begriff des Wunders verschwinde. Tout est possible, même Dieu. Je mehr die Menschheit nachdenke, um so besser erkenne sie, daß Gott und Unsterblichkeit nothwendige Dogmen seien; um so deutlicher auch sehe sie die Schwierigkeiten, die sich gegen diese notwendigen Dogmen erheben. Diese Schwierigkeiten, das dürfe man sich nicht verhehlen, seien höchst bedenklicher Art. Und das zu zeigen, wirft er ein blitzendes Argument nach dem andern, wie Leuchtkugeln, als ob es sich um ein Feuerwerk handle, in die Luft. Vortrefflich erkennt er, daß im Grunde sein »möglicher« Gott und der Gott der Gläubigen zwei völlig verschiedene Wesen sind, was übrigens nicht minder von dem Gott der großen Menge und dem der Deisten gilt. »Was das Volk, le vulgaire , verlangt, ist ein Gott, (so sagt Renan), der ganz gewiß nicht existirt; unser Gott, dessen Möglichkeit wir zugeben, ist zu fern, um die Frömmigkeit an sich zu fesseln. Man verlangt einen Gott, der sich mit Regen und Sonnenschein und mit Krieg und Frieden, mit den Händeln menschlicher Eifersucht abgiebt, den man umstimmen und überreden kann, wenn man ihm recht zusetzt. Die Menschheit, mit andern Worten, möchte einen Gott für sich, einen Gott, der sich für ihre Streitigkeiten interessirt, einen besonderen Gott der Erde, der für sie als guter Regent sorgt, wie die Provinzialgötter, von denen das Heidenthum in den Zeiten des Verfalls träumte. Eigentlich möchte jede Nation einen Gott für sich allein. Noch besser würde ihr ein Idol passen, und ließe man den Wünschen der Menschen freien Lauf, sie würden Einfluß fordern für die nationalen Reliquien, für die geheiligten Bildnisse. Wie viel Postulate, die keine Berücksichtigung finden werden! Der Mensch braucht einen Gott, der in Beziehung steht zu seinem Planeten, seinem Zeitalter, seinem Lande: folgt daraus, daß dieser Gott existirt? Der Mensch braucht die persönliche Unsterblichkeit: folgt daraus, daß diese persönliche Unsterblichkeit existirt? Mit andern Worten, dem Menschen ist es unerträglich, Theil einer unendlichen Welt zu sein, in der er für Null zählt. Ein Paradies, das eine Decillion Wesen umfaßt, ist durchaus etwas anderes als das kleine Paradies, en famille , wo man einander kennt, wo man nach wie vor Nachbarschaften hält, mit einander schwätzt und intrigirt. Man muß Gott bitten, er möge die Welt verkleinern, Copernicus Unrecht geben, uns zurückführen zu dem Kosmos des Campo-Santo von Pisa, den die neun Engelchöre umkreisen und den Christus in seinen Armen hält.« Solchen Stellen gegenüber erscheint es nicht wunderbar, daß Renan fromme Verehrer und Verehrerinnen hat, die voll Schauder vor seiner skeptischen Philosophie und voll Zärtlichkeit für seine Seele im stillen zu eben diesem Gott, den er belächelt, beten, daß ein Strahl der himmlischen Gnade diesem Saulus die Schuppen von den Augen lösen möge. Ihm ergeht es in dieser Beziehung, wie es seiner Zeit Lord Byron erging, für dessen Rettung und Bekehrung schöne Frauen ihre Fürbitte einlegten, ebenso vergeblich, wie voraussichtlich Renans Freundinnen. Der englische Dichter fascinirte die weiblichen Herzen durch den melodischen Gram, der seinen Sündenfall begleitete: er war so unglücklich! freilich auch so schön und obendrein ein Lord. Renan ist weder unglücklich noch schön noch vornehm, aber er besitzt eine Anempfindungsgabe, die es ihm möglich macht, den tiefsten und den höchsten Regungen des religiösen Gefühls, von der peinvollsten Zerknirschung bis zur seligen Extase des Mystikers ihre natürliche Stimme zu verleihen, und durch diese Stimme auch solche zu bezaubern, die sich von seiner Kritik mit Entsetzen abwenden. Wie es zu gehen pflegt, wird der süße Zauber noch erhöht durch das Entsetzen, das ihn begleitet: welch ein Jammer, daß eine Seele, die so zu empfinden versteht, der Finsterniß verfallen soll! welche Wonne, wenn sie dem Himmel zurückgewonnen werden könnte! Leider sind die Aussichten der Rettung nur schwach, wie die folgende Stelle der Vorrede Renans zeigt: »Ich habe schon anderswo erzählt, wie eine fromme Person aus der Gegend von Nantes, die offenbar glaubt, daß ich in Festen und Ausschweifungen lebe, mir alle Monate die Worte schreibt: Es giebt eine Hölle! Diese Person, der ich für ihre gute Absicht danke, erschreckt mich nicht so sehr, wie sie wohl denkt. Ich möchte wohl sicher sein, daß es eine Hölle gebe, denn ich ziehe die Hypothese der Hölle der des Nichts vor. Viele Theologen meinen, für die Verdammten sei es besser zu sein als nicht zu sein, und diese Unglücklichen seien vielleicht manchem guten Gedanken zugänglich. Ich meinestheils stelle mir vor, daß, wenn der Ewige in seiner Strenge mich zunächst an diesen schlimmen Ort schickte, ich mich schon herausziehen würde. Ich würde meinem Schöpfer Suppliken schicken, die ihm ein Lächeln abgewinnen sollten. Meine Argumente, um ihm zu beweisen, daß ich durch seine Schuld verdammt sei, würden so subtil sein, daß es ihm schwer fallen sollte, darauf zu antworten. Vielleicht ließe er mich in sein heiliges Paradies ein, wo es herzlich langweilig sein muß. Von Zeit zu Zeit vergönnt er ja zu den Kindern Gottes dem Satan Zutritt, dem Kritiker, damit er die Versammlung ein bischen aufheitere.« Renan gleicht ein wenig jenem alten italienischen Maler, dessen Force es war, seinen Heiligen und Märtyrern den Ausdruck innigster Himmelssehnsucht und verklärter Siegesfreude zu geben, obwohl er selbst weder an Gott noch Teufel glaubte. Doch muß der Maler seinen Gegenstand lieben, wenn er ihn gut darstellen will. Man sagt, das ist künstlerische Liebe; immerhin, Liebe bleibt es doch. Vielleicht ist darin Renans Originalität begründet, die ihn von anderen Kritikern und Forschern am meisten unterscheidet, daß es seine Jugendliebe ist, die er kritisirt, und daß er zwar von ihren Fesseln sich befreit, ihren geheimnißvollen Zauber aber in der Erinnerung bewahrt hat und an ihm sich weidet. Die mystische Rose hat es ihm angethan; ihr Wachsthum bis zu den Wurzeln und den Keimen zu ergründen, ihr Blühen und Duften zu betrachten und darzustellen, das zieht ihn unwiderstehlich immer wieder an, und selbst, wenn er scheinbar ganz wissenschaftlich den Bau und die Säfte der wundersamen Pflanze untersucht, merkt man bei ihm die alte Herzensneigung, »conosco i segni dell' antica fiamma.« Die Flamme verleiht seinen geschichtlichen Bildern den Schein eines eigentümlichen Lebens; man spürt, wie der Künstler mit ganzer Seele bei der Sache ist, wie seine Phantasie arbeitet, um aus dem überlieferten todten Material den Gestalten und den Gedanken der Vergangenheit wieder Farbe, Form und Bewegung zurückzugeben. Diese Phantasie ist eine gefährliche Gabe, und wie bekannt, hat Renan sich oft genug sagen lassen müssen, daß er mehr Roman als Geschichte schreibe. Kein Vorwurf reizt ihn mehr als dieser: er trifft ihn in seiner innersten Künstlernatur, die bei dem Anblick einiger loser Fäden sofort in schöpferische Bewegung geräth und nicht abläßt, bis sie ein Gewebe fertig hat, das ihm wahr erscheint. Ohne Zweifel trägt das, was der strenge Historiker einen Mangel nennt, dazu bei, die Wirkung auf weitere Lesekreise zu erhöhen. Denn Renans Phantasie ist keine gewöhnliche Phantasie: sie ist geistreich, von umfassendem Wissen genährt und geleitet, voll überraschender und fesselnder Kombinationen, dabei kühn und nie an hergebrachten Vorstellungen haftend. Den Apostel Paulus, dessen Größe er bewundernd anerkennt, hat er uns als einen kümmerlichen und häßlichen Mann gemalt, so unhellenisch wie möglich, völlig unähnlich den Gestalten, die wir auf den Tafeln und Fresken der italienischen Meister erblicken. Deshalb zur Rede gestellt von dem gelehrten Mézières, hat Renan sich in einem Aufsatze, les portraits de Saint Paul , vertheidigt und dadurch uns einen Einblick in die Werkstätte seiner Phantasie gewährt. Etwa hundert Jahre nach dem Tode des Apostels hat ein Priester die Legende von St. Paul und Thekla geschrieben, ohne Zweifel zur Verherrlichung des ersteren. In dieser Schrift wird Paulus als ein Mann mit kleinem Gesicht, langer Nase, zusammengewachsenen Augenbrauen und krummen Beinen vorgeführt. Unmöglich, denkt Renan, kann ein Bewunderer solche Merkmale erfinden; er muß einer Überlieferung gefolgt sein. So, in solcher Häßlichkeit haben offenbar im zweiten Jahrhundert die Leute sich den großen Mann vorgestellt, und diese Vorstellung hat sich lange Zeit erhalten. Das zeigt der im vierten Jahrhundert geschriebene, fälschlich unter die Schriften Lucians aufgenommene Dialog Philopatris, in dem der Christ Triephon sich mit einem Heiden unterhält und diesem erzählt, wie er bekehrt wurde »von einem gewissen Galiläer mit kahler Stirn und langer Nase, der im dritten Himmel gewesen war und dort die herrlichsten Dinge gelernt hatte.« Kein Zweifel, sagt Renan, daß St. Paul gemeint ist; die Verzückung in den dritten Himmel gestattet kein Schwanken. Die Ueberlieferung war also da; sie wird bestätigt durch Bildnisse der altchristlichen Kunst. Daß sie mit der Wirklichkeit übereinstimmte, darf man aus verschiedenen Stellen der echten Briefe des Apostels schließen, in denen er auf seine leibliche Unansehnlichkeit und Schwäche anspielt. Seine Gegner sagen von ihm, seine Briefe seinen wohl stark, aber die Gegenwärtigkeit des Leibes sei schwach und die Rede verächtlich. (II. Korinther, 10, 10.) Und er hatte »einen Pfahl im Fleisch, nämlich des Satans Engel, der ihn mit Fäusten schlug, auf daß er sich nicht überhebe.« Diese Data genügen nach Renans Meinung, um sein Porträt zu rechtfertigen. Eine Photographie wäre freilich zuverlässiger, aber wir sind einmal auf Divination angewiesen. Niemals, sagt er, erfinde ich ein Detail; ich fasse die Ensembles auf meine Art auf; ich bringe nie ein Element hinzu, das mir nicht geliefert wird, – von den Texten, von den Landessitten, von der Landschaft. Ueber den Pfahl im Fleische hat Renan zwei Monate meditirt. Sinnliche Anfechtungen können nicht gemeint sein. »Der Text (meint Renan) scheint mir eine genaue Beschreibung des Rheumatismus, eines wahren Satansengel, der in der That den Patienten fürchterlich mit Fäusten schlägt.« Ob solche Divinationen dem historischen Sinne ausreichend beglaubigt erscheinen, mag dahingestellt bleiben; dichterisch ist der Einfall, den Feuergeist des Heidenapostels mit einem kranken, schwachen Leibe zu paaren, durchaus gerechtfertigt, und er kann sehr wohl das Rechte getroffen haben. Man ist immer ungerecht gegen Renan, wenn man ihn excerpirt, und ein wenig auch dann, wenn man ihn verdeutscht. In Frankreich giebt es eine Gesellschaft für die Verbreitung der französischen Sprache, in der Renan einmal vor vier Jahren eine Festrede gehalten hat. Die Rede schließt mit der Aufforderung, das Leben der französischen Sprache bis zum jüngsten Tage zu verlängern. An diesem Tage sei es von höchster Wichtigkeit, daß die Gerichtssprache französisch sei. »Ich versichere Sie, meine Herren, wenn man an diesem Tage deutsch spricht, giebt es Verwirrung und Irrthum ohne Ende. Alle Erfindungen z. B. werden dann von Deutschen in Anspruch genommen werden. Meine Herren, sorgen Sie dafür, daß im Thale Josaphat nicht deutsch gesprochen werde. Ich habe mir die feinsten Argumente ausgedacht, um mich vor dem Weltrichter zu vertheidigen, aber sie werden all ihr Salz verlieren, wenn ich genöthigt werde, sie ins Deutsche zu übersetzen. Retten Sie mich vor diesem Unglück, meine Herren: die Sprache der Ewigkeit muß französisch sein, sonst bin ich verloren.« Ich glaube, als guter Deutscher müßte ich mich eigentlich über solche Anzüglichkeiten ärgern; aber es will mir nicht gelingen. Es ist ja eine Schwäche, und es ist zu bedauern, daß selbst ein Renan sich von chauvinistischen Vorurtheilen nicht hat frei machen können, in achtzehn Jahren nicht; aber ich fühle mich nicht verwundet von dem Pfeil, den er abgeschossen hat; ich sehe nur, daß auch dieser Pfeil zierlich gefiedert ist.