Claude Anet Ende einer Welt Ein Roman muß für sich allein bestehen, und darum habe ich diesen durch keinerlei Anmerkungen beschwert. Bei einem Thema aber wie das vorliegende, das so schwierig ist und so vielerlei Studien erfordert, schulde ich dem Leser doch wenige kurze Erklärungen und Dank jenen, deren Arbeiten mein Werk ermöglichten. Ich habe die Ufer der Vézère (Nebenfluß der Dordogne, Südfrankreich), an denen jene Menschen im letzten Abschnitt der Renntierzeit lebten, deren Schicksal ich schildere, und die Höhlen dieser Gegend in Begleitung des Herrn Peyrony, der sie besser als irgend jemand anderer kennt, eingehend studiert. Meine Unterhaltungen mit Salomon Reinach, Boule, Abbé Henry Breuil, Peyrony, A. Viré und Maury waren mir äußerst nützlich. Unentbehrlich waren mir die gelehrten Arbeiten dieser Herren, denen noch die von Cartailhac, Mortillet, Capitan, Lévy-Bruhl, Saint Périer in Frankreich, jene von Robertson Smith, E. B. Tylor, Sir James George Frazer in England, H. F. Osborn in Amerika und Sigmund Freud in Österreich hinzugefügt werden müssen, denn nur aus ihnen konnte ich Kenntnis über die wichtigsten Theorien der fossilen Anthropologie und über die Mentalität der Urvölker schöpfen. Claude Anet Flache Täler durchschneidend, zogen Ketten ungleichförmiger Hügelrücken bis zum Horizont. Aus diesem wirren Auf und Nieder hob sich eine Rinne im Erdboden ab, die mannigfaltige Windungen beschreibend – breitausladende Bogen mit engen Halbkreisen abwechselnd, die oft von felsigem Gestein eingefaßt waren – den Lauf eines Flusses anzeigte, der trotz aller Launen seines Weges doch recht stetig von Nord nach Süd hinabströmte. Viele Täler, aus denen kleine Bäche flossen, mündeten auf dem einen und dem anderen Ufer. Sanfte Hänge, die sich hie und da bildeten, wechselten auch wieder mit steil ansteigenden, hohen Wänden, in deren felsigen Grund das eisige Wasser in jahrtausendelanger Arbeit oft tiefe Schichten des Bodens zu geräumigen Kavernen aushöhlend, seinen Weg gegraben und geglättet hatte. Sträucher und Buschwerk hatten sich zwischen den Steinen festgeklammert. Ein Wald, in dem Fichten und Birken vorherrschten, bedeckte fast das ganze Land, nur in den Niederungen breiteten sich Sümpfe und einige Wiesen in den höher gelegenen Tälern. Dieser Wald zeigte fast ebensoviel gestürzte Stämme wie aufrecht stehende Bäume. Wurzeln und Holz gefallener Riesen faulten im Morast. Andere versanken nach und nach im sandigen Boden, Eichen, deren Gipfel noch grüne Triebe zeigten, waren halb zusammengebrochen, sterbende Tannen- und Ahornbäume lehnten an ihren noch kräftigen Brüdern. Vom Blitz getroffen, vom Orkan entwurzelt oder nur vom Alter überwunden, blieben sie liegen, wohin sie fielen. Moose und Flechten, grau von Feuchtigkeit, bedeckten den Boden. Einige wenige Büschel Gräser ragten vereinzelt aus ihnen hervor. Quellen entsprangen an verschiedenen Stellen. Schneeflecke hafteten an den Hängen, die gegen Norden abfielen. Die Sonne versank in einen bleichen Himmel. Es war kalt, und mit einbrechender Nacht würde es frieren. Doch fühlte man durch eine gewisse Milde der Luft, daß der Winter seinem Ende entgegengehe, und daß bald die zarten Enden der Zweige zu Knospen anschwellen würden. Kein menschliches Wesen war auf der Oberfläche dieses Landes zu erblicken. Es gehörte dem Wind, der von Westen strich, und den Tieren, die sich für Augenblicke hier zeigten. Eine Bisamratte machte einen Satz über den Boden und verschwand. Ein Silberfuchs strich geschmeidig am Waldrand entlang, ohne Hast, als würde nichts ihn bedrohen und nichts ihn erregen. Ein Fischadler zog große Kreise über dem Fluß. Vom Gipfel einer Lärche ließ eine Eule ihre klagende Stimme ertönen und verstummte sogleich wieder, beschämt darüber, sich bemerkbar gemacht zu haben, solange noch Tag war. Wie weit der Blick auch schweifte, kein Feld, keine Straße, kein Turm war zu bemerken. Selbst Ruinen waren auf diesem Boden nicht zu finden. Unverändert, wie es aus den gleichgültigen Händen der Natur hervorgegangen war, ehe der Mensch ihm seinen Stempel aufdrückte, erschien dieses Land. Und doch entdeckte man, als die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne nur noch die Rücken der Hügelketten streiften, einen bläulichen Rauch, der sich mit den Dünsten, die aus dem Tale aufstiegen, mischte. Er stieg vom Fluß den Hang entlang, wurde von den Sträuchern zerteilt und verwandelte sich, am Gipfel der Böschung angelangt, in zarte Wölkchen, mit denen der Wind spielte.   In einiger Entfernung erhob sich eine andere, ganz zarte Rauchwolke wie eine schlanke Säule in die Luft, schwankend, bis auch hier der über das Tal streichende Wind sie entführte. Der Mensch war da, gegenwärtig und verborgen in diesem weiten Lande.   Am Rande einer Schlucht hob sich im Dämmerlicht eine menschliche Gestalt vom Stamme einer Lärche ab. Es schien fast, als wäre sie selbst ein Teil des Stammes gewesen, der sich nun plötzlich in zwei Stücke spaltete. Mit vorsichtig gedämpftem Schritt ging sie dem Wind entgegen und bückte sich, um die zarten Spuren einer Tierfährte zu prüfen. Diese Spuren führten zu einem engen Loch, neben dem sich der Jäger zur Erde gleiten ließ. Er war ein junger, fast bartloser Mann, in Renntierfell gekleidet, mit kurzem Wams und Hosen, die bis zur Mitte der Waden reichten. Sandalen aus geflochtenem Leder schützten seine Füße. Die Tierhaut, das Fell nach innen gewendet, war schmiegsam, gut bearbeitet und besaß die stumpfen Tönungen, vom Grau ins Bräunliche und vom Bräunlichen ins Rosa spielend, der Flechten, auf denen No, Sohn des Timaki, vom Stamme der Bären, sich eben ausgestreckt hatte. Hätte ihn nicht der dunklere Fleck seiner kastanienbraunen Haare verraten, er wäre in dem schwindenden Licht vom Boden, auf dem er mit aufgestützten Ellbogen unbeweglich lauerte, nicht zu unterscheiden gewesen. Sein Kopf war klein, seine Züge regelmäßig, die Nase wohlgeformt, und aus einem von Sonne und Wind gebräunten Antlitz blitzten helle Augen. So harrte er lange Zeit unbeweglich wie ein Stein. Die Sterne, die gleichen Sterne, die heute noch über unseren Köpfen schimmern, leuchteten schon damals einer nach dem anderen und bald zu Tausenden am Himmel auf. Die Luft wurde eisig. No schien es nicht zu bemerken. Schlief er? Eine Maus, getäuscht von seiner Reglosigkeit, huschte über ihn hinweg. Sie verweilte einen Augenblick, um mit einem Stückchen Moos zu spielen. Bald darauf hörte No ein leichtes Geräusch aus dem Loch dringen. Er hielt seinen Atem zurück. Eine Schnauze zeigte sich; beruhigt durch die Stille ringsum, kam endlich der ganze Kopf hervor. Lebhafte kleine Augen durchforschten das Dunkel. Doch sie konnten sich kaum einen Atemzug lang umsehen, denn schon fuhr die mit einem behauenen Stein bewaffnete rechte Hand Nos auf den kleinen Kopf nieder und zerschmetterte mit einem harten, wohlgezielten Schlag den Schädel, während die linke Hand in nicht minder rascher Bewegung das Tier, das sich im Verenden in die Tiefe seines Loches hinabrollen ließ, festhielt. Jetzt sprang No mit einem Satz auf die Beine. Er lächelte behaglich, während er seine Beute prüfte. Es war ein wundervoller Zobelmarder, dessen Winterpelz voll weicher, dichter Haare war. Mit dem langen, buschigen Schweif, biegsam, als ob noch Leben in ihm wäre, koste No zärtlich sein Gesicht. Dann drückte er das tote Tier sanft an seine Wange und flüsterte: »Nicht ich war es, der dein Leben genommen hat, mein Tierchen, es war der Stein. Es hat so sein müssen. Du verstehst es. Doch sieh, wie ich dich behandle. Erzähle deinen Brüdern davon, damit sie mich nicht fliehen.« Und er wiegte es in seinen Armen, wie ein weinendes Kind, das man beruhigen will. Dann ging er mit großen Schritten dem Tale zu. Einen Augenblick zeichnete sich seine Silhouette vom Gipfel des Hügels gegen den sternbesäeten Himmel ab: die Gestalt eines jungen Mannes von mehr als sechs Fuß Höhe, breiten Schultern und schlanken Hüften. Seine Beine waren lang, und sein Gang glich dem eines Tieres, das unermüdlich mit gleichmäßig elastischen Sprüngen über den Boden eilt. So verfolgte er seinen Weg bis zur Einmündung eines Seitentales, das zum Flusse hinunterführte. Hier blieb er stehen. Ein Hang, aus Felsbrocken gebildet, fiel vor ihm zum Flusse ab, und drüben am anderen Ufer lag der heilige Boden, den keiner, außer an den Tagen der religiösen Feste, zu betreten wagte. Wohl hätte No dem linken Ufer dieses Flusses folgen können, doch er war jung, knapp achtzehn Jahre, und abergläubischer Schrecken erfüllte seine Seele. Konnte er, ein Kind, wissen, wie man sich gegenüber den unsichtbaren Mächten, die uns umschleichen, zu verhalten hat? Noch war er in die Reihe der Eingeweihten nicht aufgenommen, noch war er nicht im feierlichen Zuge ins Innere jener Grotte geführt worden, die sich in den nahen Felsen barg. Die bösen Geister, die die Gegend durchirren, beunruhigten ihn mehr als alle wilden Tiere, denen er begegnen konnte. So sprang er lieber den halben Abhang entlang über die Steine, auch hier wohl darauf bedacht, alle Gebüsche, von denen bekannt war, daß sie den Geistern zur Wohnung dienten, im Bogen zu umgehen. Endlich stieg er doch ins Tal nieder, schritt noch etwa fünfhundert Schritte dem Flußlauf entgegen, durchquerte hier in einem kleinen Kahn, den er an einem Baum befestigt fand, mit einigen Ruderschlägen das Wasser und landete auf dem gegenüberliegenden Ufer unter einem vorspringenden Felsen, der gegen Osten zu lag. Er kletterte durch das Geröll aufwärts, bis er eine breite Terrasse erreicht hatte. Hier, unter dem Schutze eines überhängenden Felsens, war die Nacht noch dunkler. Sechs Feuer brannten mit ruhiger Flamme in gleichmäßigen Abständen voneinander, und ihr Lichtschein fiel auf ebensoviel Hütten, deren Vorderwände in senkrechten Streifen mit lebhafter Farbe bemalt waren. Alles andere verschwamm in der Finsternis. Überall herrschte tiefe Ruhe. Bloß das leise Wimmern eines Kindes oder das tiefe Schnarchen eines Schläfers unterbrach manchmal die Stille. Keinen Wächter gab es vor diesen Wohnstätten, in denen sechs Familien hausten, ein Zeichen für die Sicherheit, in der die Menschen am Flusse seit Jahrhunderten lebten. Die lohenden Flammen vor dem Eingange jeder Hütte genügten, um die Hyänen zu verscheuchen, die sich nachts frech der Niederlassung der Menschen näherten. Das Knacken ihrer starken Kiefer, die die Knochen zernagten, die tagsüber aus den Hütten geworfen worden waren, verriet ihre nächtliche Anwesenheit. No schlüpfte, ohne zu zögern, in eine der mittleren Wohnstätten. Wie leise er auch eintrat, das scharfe Ohr des Mannes, der nahe dem Eingange lag, vernahm sein Geräusch, der Schläfer richtete sich auf und fragte mit gedämpfter Stimme: »Etwas Neues?« »Nichts«, antwortete No. »Ich war weit genug und fragte alle, denen ich begegnete. Den ganzen Fluß entlang ist man beunruhigt.« Er fügte in verändertem Tone hinzu: »Dies hier habe ich erlegt.« Er zog den Zobelmarder aus seinem Wams und reichte ihn dem Vater hin, der ihn prüfte. »Ein schönes Stück«, urteilte Timaki befriedigt. Er warf das Tier in den Hintergrund der Hütte, legte sich wieder nieder und setzte seinen Schlaf fort. No hockte indessen beim Feuer nieder, holte ein Stück Fleisch unter einem heißen Stein hervor und begann zu essen. Nach beendetem Mahl ging er einige Schritte weit bis zu einem kleinen Bächlein, das zwischen zwei Hütten rieselte, trank in durstigen Zügen und ließ sich das Wasser noch über Gesicht und Hände laufen. Er blieb eine Weile in den Anblick des aufgehenden Mondes versunken, der auf einer flachen Kuppe, hinter der er hervorkam, zu ruhen schien. Er lauschte den vielstimmigen Geräuschen der Nacht, deren Bedeutung ihm bekannt war. In weiter Ferne klang die Stimme eines jagenden Uhus. Leichtes Knistern in einem Gebüsch verriet ihm ein Tier, das zum Flusse abwärts stieg. »Ein Eber«, murmelte No. Er trat in die Hütte zurück, schlüpfte in seinen pelzgefütterten Sack, der neben dem seines Vaters lag, und schlief augenblicklich ein.   Im Osten zeigte sich schon ein heller Streifen am Himmel. Heftiger Frost herrschte. No schreckte unruhig aus seinem Schlafe auf und rief: »Ich habe sie gefunden, während der Nacht habe ich sie gefunden! Ich folgte ihren Spuren, bis mir der Atem versagte.« Und er keuchte wie nach einem rasenden Laufe. »In dieser Richtung, der Quelle des Flusses zu, sind sie davon.« Und sein Arm wies gegen Nordost. »Ich werde es sofort dem Häuptling melden«, entgegnete Timaki, der damit beschäftigt war, das Feuer anzufachen. Durch den Klang ihrer Stimmen geweckt, erhoben sich zwei Frauen, die im Hintergrund der Hütte geschlafen hatten, und kamen zu No. Die ältere war Bahili, eine stattliche Matrone, deren faltiges Gesicht und deren Augen voll Güte waren. Sie näherte sich ihrem Sohn. Stolz und bewundernd blickte sie auf ihn. Wo fand man im ganzen Stamm der Bären, der wegen der Schönheit seiner Männer berühmt war, einen Jüngling, der herrlicher gewachsen, stärker und gelenkiger war? Sicherlich konnte seine Mutter auf ihn stolz sein. Doch ihr Herz krampfte sich schon jetzt bei dem Gedanken zusammen, daß es die letzten Monate waren, die sie gemeinsam verlebten. Im Sommer sollte er zum Manne geweiht und dadurch von ihr getrennt werden. Hinter ihr reckte ihre Tochter die Arme. Drei Jahre jünger als No, war sie doch wie eine Gerte emporgeschossen, schon entwickelt, mit leicht geschwungenen Hüften. Ihr kleiner Kopf mit den reizvoll feinen Zügen wiegte sich auf einem langen, schmalen Hals. Mah war ihr Name, und nur ein Jahr noch blieb ihr bis zum Hochzeitsreigen. Sie gähnte und zeigte dabei gesunde Zähne, so weiß wie die Narzissen auf der Wiese, und ihr Gähnen ging in ein Lächeln über, mit dem sie ihren Bruder begrüßte. So oft es die gerade in dieser Hinsicht sehr strengen Sitten des Stammes erlaubten, suchte sie seine Gesellschaft und begleitete ihn, wenn er in der Nähe der Hütten umherstreifte. Die Geschwister hatten übrigens eine große Ähnlichkeit, an ihr war Anmut, was bei ihm Kraft war, doch beiden gemeinsam war die freie Haltung, Geschmeidigkeit und Ausdauer, die selbst bei diesem Volk der Jäger, das in langen Märschen und schnellem Lauf geübt war, in solcher Vollendung überraschten. Oft nahmen sie am Spätnachmittag, wenn No Zeit fand und das Wetter günstig war, ihre Harpunen und gingen zum Flusse hinab. Wenn sie dann bei Einbruch der Dämmerung zurückkehrten, glänzten ihre Augen vor Freude, und sie trugen viele prächtige Fische heim, deren Schuppen perlmutterfarbig schimmerten. Die Frauen, an denen sie vorüberkamen, blickten No bewundernd nach, die Männer aber, deren Augen Mah verfolgten, sprachen zueinander: »Glücklich derjenige, der sie als seine Frau entführen wird.« – Timaki kauerte mit einigen anderen Männern des Stammes am Rande der Terrasse. Sie betrachteten die bleiche Sonne, die auf dem noch winterlichen Himmel ihren Lauf begann. No gesellte sich zu ihnen, denn er mußte Mutter und Schwester die Hütte überlassen, damit sie in Ruhe ihre Morgentoilette beenden konnten. Auch Nos Bruder, der kleine, sechsjährige Knabe, wurde hinausgeschickt, um mit seinen Altersgenossen zu spielen. Nur diese drei Kinder waren Bahili geblieben, und sie war noch glücklich darüber, von sieben Kindern, die sie gehabt hatte, diese behalten zu haben, denn die Säuglinge des Stammes starben in großer Zahl. Allein in der Hütte, entledigten sich die Frauen ihrer Kleider und bestrichen ihre Körper mit feinem Fett, das von wohlriechenden Kräutern duftete, die lange darin gelegen hatten. Die Haare Bahilis waren aufgesteckt und mit kleinen, dünnen Knochen befestigt. Mah dagegen trug sie offen über die Schultern und flocht sie nur zuweilen in Zöpfe. Als Mah aus der Hütte heraustrat, war sie wie ihr Bruder gekleidet, aber ihr Wams, das nicht so eng anlag, war am Halsausschnitt mit Blaufuchs verbrämt. Zierliche, kleine Knochenstifte, durch Lederösen gesteckt, schlossen es über ihrer jungen Brust. Sie ließ sich mit ihrer Mutter, die den von No erlegten Marder mit herausbrachte, vor der Hütte nieder. No trat zu ihnen. »In diesem Sommer,« sprach er zu den Frauen, »wenn die Händler vorbeikommen, werden wir gewiß zwei Halsketten für unsere Felle erhalten. Eine benötige ich für den Tag, da ich jenen Ort betreten werde, den man nicht nennt, die andere aber soll für dich sein, Mah.« Mah klatschte zum Zeichen ihrer Freude in die Hände und begann das Tier abzuhäuten. Sie hatte für diese Arbeit eine ganze Anzahl verschiedengeformte, geschärfte Steine vorbereitet, die zum Abschaben dienten. No saß dabei und aß ein Stück Fisch, während die Frauen fleißig arbeiteten. Er hatte den Marder getötet und damit seine Mannespflicht erfüllt. Nun war es Sache der Frauen, das Fell zu bearbeiten. Bahili und Mah verstanden dies vortrefflich. Durch ihre stete Achtsamkeit verhüteten sie es, daß die Haut zusammenschrumpfte und spröde wurde. Sie wußten sie weich und geschmeidig zu erhalten, und das Pelzwerk behielt, wenn sie es sorgfältig behandelt hatten, stets seinen natürlichen Glanz. Es war eine eigene Handfertigkeit, ein von Müttern und Großmüttern übernommenes Geheimnis, das sie sorgsam hüteten. Sie waren beide wegen ihrer Geschicklichkeit im Stamme berühmt und wurden ob der Schönheit ihrer Pelze beneidet. Zu dieser frühen Tageszeit war die Terrasse, auf der die Wohnstätten standen, ungemein belebt. Die Strahlen der aufgehenden Sonne übergossen sie mit ihrem Licht und drangen bis in die engsten Winkel ein. Die ganze Fläche, die dem Stamm als Wohnort diente, maß in der Länge hundertfünfzig, in der Tiefe dreißig Schritte, und diese ganze Fläche war von einem einzigen Felsblock überdacht. Die sechs Hütten, die hier standen, waren alle in gleicher Weise erbaut. Auf einem Rechteck von etwa zwölf zu acht Schritt erhoben sie sich, die Wände, aus langen Streifen Pferde- und Renntierhaut gebildet, waren an starken Pflöcken befestigt. Die Anordnung dieser Streifen, die abwechselnd schwarz, rot und grau gefärbt waren, bewies, daß die Leute vom Fluß einen ausgeprägten Farbensinn hatten. Der rückwärtige Teil der Hütten diente als Aufbewahrungsort für die Waffen und verschiedenen Werkzeuge, für die Pelze und die Nahrungsmittel. Im vorderen Teil schliefen die Mitglieder der Familie, Vater und Mutter in der Mitte, ihnen zur Seite die Kinder, die Söhne auf der Seite des Vaters, die Töchter neben der Mutter. Eine einzige Öffnung bot Zutritt in die Hütte; vor dieser befand sich die Feuerstätte, die die Wohnung wärmte und zum Kochen diente. Man röstete hier Fleischschnitten auf heißen Steinen, man kochte in gleicher Weise Schwämme, Beeren und Kräuter, denen man eine Schicht in Fett getränkter Flechten unterlegte. An Pflöcken aufgehängt wurden Fische über dem Feuer geräuchert, die im Hintergrunde der Hütte angesammelt als Vorrat für die schwere Winterszeit dienten. In der heißen Asche des Feuers wurden genießbare Wurzeln aufbewahrt. An den Wänden der Hütte sah man allenthalben urwüchsig, aber gut gezeichnete und durch Farben belebte Nachbildungen von Tieren, denen plastische Wirkung durch die außerordentlich kunstreiche Ausnutzung der Vertiefungen und Erhebungen des Felsens gegeben war. Hier und da war ein kleineres Tierbild in den Felsen selbst eingeschnitten. Unter diese Bilder befestigte man Opfergaben, um das dargestellte Tier in guter Stimmung zu erhalten. Vor einem Bison hing ein Büschel Gras und Würmer vor dem offenen Rachen eines Lachses. Ein Bächlein, das einer Höhle entsprang, rieselte den Fels entlang. Die Einwohner hatten es in fünf kleine Kanäle abgeleitet, die an den Hütten vorbeiflossen, und vor jeder Wohnung waren diese Kanäle zu einem in die Erde gegrabenen Becken verbreitert, das stets von frischem Wasser durchspült wurde. Der Boden der Terrasse war mit Knochen und Asche in halber Fußhöhe bestreut. Wolken von Staub aufwirbelnd, sprangen hier die kleinen Kinder umher und suchten emsig nach Holzstückchen, die sie ins Feuer warfen. Die größeren waren in den nahen Wald gegangen, um Tannenzapfen zu sammeln. Andere wieder brachten Zweige, die sie längs der Felswand zu Stößen aufschichteten. All dies ging natürlich nicht ohne Zank und Streit, Raufen und Schreien ab, auch nicht ohne Püffe, mit denen ungeduldige Mütter ihre Kinder bedachten. Doch auch Lachen und Spielen gab es, Zärtlichkeiten und Scherze. Immerhin legten die Kinder einen gewissen Ernst in diese Arbeit, der zeigte, daß sie sich bewußt waren, dem gemeinsamen Wohl zu dienen. Mütter und Töchter saßen vor ihren Hütten und waren damit beschäftigt, Pelze zu bearbeiten und Felle für Kleider zuzuschneiden. Zum Nähen verwendeten sie getrocknete Pflanzenfasern oder auch die feinen Nervenstränge von Tieren, die erlegt worden waren, um gegessen zu werden, und fädelten sie in kleine, äußerst dünne Knochennadeln. Darum mußte auch jedes Loch zuerst mit einem Steinpfriem in das Fell gebohrt werden, bevor der Faden mit der dünnen Nadel durchgezogen werden konnte. Die Arbeit ging auf diese Weise nur langsam vorwärts, aber die Zeit hatte ja keinen Wert: Was heute nicht fertig wurde, überließ man unbekümmert dem nächsten Tag, und der bloße Gedanke, sich zu eilen, wäre diesen Matronen ganz und gar unverständlich gewesen. Andere Frauen richteten das Fleisch und die Kräuter für die Mahlzeit her. Wieder andere zermahlten in ausgehöhlten Steinen die schwarzen und roten Farben, die in großer Menge verbraucht wurden, sei es für die Wände der Hütten, für die Darstellungen der Tiere auf den Felsen, oder um Gesicht und Körper bei den zahlreichen Festen zu bemalen, zu denen die Mitglieder des Stammes sich versammelten. Während Frauen und Mädchen arbeiteten, blieben die Männer untätig am Rande der Terrasse oder, wenn es kalt war, in der Nähe des Feuers sitzen. Sie wachten nur über den guten Zustand ihrer Waffen, der Beile und Spieße, Harpunen, Pfeile und Speere. Sie besuchten die Nachbarn, um Angelegenheiten des Stammes mit ihnen zu besprechen, oder sie waren im nahen Wald beschäftigt, Fallen auszulegen. In der schlechten Jahreszeit faulenzten sie auf diese Art zwischen zwei ausgedehnten Jagdzügen, von denen sie vollkommen erschöpft, aber mit reicher Beute zurückkehrten, die ihren Familien für mehrere Tage Nahrung bot. Seit undenklichen Zeiten bewohnte der Stamm diesen Talwinkel, dessen zahlreiche, von der Natur selbst in die Felsen gegrabene Schlupfwinkel sicheren Schutz gegen Kälte und Wind, Schnee und Regen boten. Die ältesten Überlieferungen von Generation zu Generation, in gleichen Ausdrücken vererbt, an denen man nicht wagte, auch nur ein Wort zu ändern, gaben verwirrten Bericht von einem früheren Leben in weit entfernten Ländern, »in denen heiße Sonne brannte«. Dann kamen große klimatische Umwälzungen, und die Kälte zwang zur Flucht gegen Süden »quer durch trostlose Länder, ohne Bäume, durch Schnee und Eis, wo man oftmals gezwungen war, mangels anderer Nahrung – schmachvoll unverwischbare Erinnerung! – Ratten zu essen«. Der Stamm floh, gepeitscht vom Nordwind, der ihm keine Rast gönnte. Leichen bezeichneten die Spur seines Weges. Die Tiere flüchteten mit den Menschen. Eine Herde der schwankenden, friedlichen Mammute trabte, so schnell ihre durch Fasten geschwächten Beine den unförmigen Körper zu tragen vermochten, den in einem günstigeren Klima erhofften Weideplätzen zu. In dunklen Nächten vernahm man das Brüllen jagender Löwen. Erschreckte Renntiere sah man von weitem fliehen. Gruppen von Bisons rasten angsterfüllt vorbei. Es waren die einzig glücklichen Tage, wenn man ihre untersetzten Gestalten in der Ferne erblickte. Die Jäger nahmen eifrig ihre Verfolgung auf. Sie kehrten bald, gebeugt unter der Last der erlegten Tiere, zurück. Ruhelos zogen die Leute immer weiter gegen Süden. Noch immer hatten sie keine Möglichkeit gefunden, sich niederzulassen. Kaum hatten sie ein Jahr in einer milderen Gegend geweilt, so jagte sie der unerbittliche Nordwind weiter. Ein trüber Himmel, auf dem schweres Gewölk sich ballte, dehnte sich, soweit das Auge blicken konnte. Schon im Sommer schlugen eisige Regengüsse auf die Erde; mit dem Beginn des Herbstes hielt der Schnee seinen Einzug. Die Tiere, die sich von Pflanzen nährten, starben zu Tausenden, wenn der Winter kam, der sechs Monate dauerte. Endlich war der gelichtete Stamm in dieses glückliche Tal gelangt. Was war von ihm geblieben? Vier Söhne und vier Töchter waren es: der große Ahne hatte trotz der Kräfte und des Mutes eines Bären nur die Seinen retten können. Und war er nicht nach seinem Tode durch die Kraft seines Willens selbst zum Bären geworden, zum edelsten aller Tiere? In dieser Gestalt wachte er weiter über alle, die von ihm abstammten und einander als Brüder von seinem Blut erkannten. Niemals gab es ein vollkommeneres und tiefer empfundenes Gefühl einer Gemeinsamkeit, ohne daß es nötig gewesen wäre, es durch Vorschriften zu festigen und durch Verbote zu schützen. Jener eine, dessen Namen man nicht nannte, weil die Ehrfurcht vor ihm zu groß war, und weil man fürchtete, ihn durch schlecht gewählte Worte zu verstimmen, war niemals ganz entschwunden. – Gibt es denn jemals ein vollkommenes Ende, und ist nicht der wesentlichste Teil von uns zur Unsterblichkeit bestimmt? So fuhr auch der Stammvater fort, seine geliebten Kinder zu beschirmen. Einige Bevorzugte von ihnen vermochten ihn sogar manchmal zu erblicken, denn er offenbarte sich jenen, die dazu befähigt waren, das zu sehen, was anderen verborgen bleibt, und Worte zu hören, die gewöhnliche Ohren zu vernehmen unfähig sind. Seltsam zurückhaltend waren die mündlichen Überlieferungen, soweit sie das Leben und das Verschwinden des Ahnherrn in diesem Lande betrafen, in dem sein Geschick, das durch so lange Zeit von feindlichen Mächten bedroht worden war, endlich Ruhe gefunden hatte. Und es war verständlich, daß dies Wenige, das man berichten konnte, nicht vor den Ohren der geschwätzigen und unbedachten Frauen erzählt wurde. Nur den Männern wurden diese Geheimnisse mitgeteilt, und auch ihnen nur stufenweise und unter feierlichen Umständen, wie die Gebräuche sie für jene bestimmten, welche, zu Männern herangereift, die Proben der Einweihung in jener selben Höhle bestanden, in der der Stammvater nach dem Verlassen der menschlichen Gemeinschaft weitergelebt hatte. Der Felsen selbst zeigte den Abdruck seiner Tatzen, fast zehn Fuß hoch über dem Boden, den er, der Riese, dort hinterlassen hatte. Es gab keinen geheiligteren Ort im ganzen Stamm, und jeder, der ihn leichtfertigen Sinnes aufgesucht hätte, wäre eines plötzlichen Todes gestorben. Auf zweihundert Schritte im Umkreis durfte der Boden nicht betreten werden. Und wenn man von ihm sprach, beschränkte man sich darauf, mit Absicht unbestimmte Worte zu flüstern, in denen »ein so schweres Verbrechen« angedeutet wurde, »dessen Enthüllung kein menschliches Ohr zu vernehmen vermöchte« und, seltsamer Widerspruch, »ein Verbrechen, notwendig dennoch, mit Folgen, die niemals aufgehört haben, wohltätig dem ganzen Stamme zu dienen«. Wußte man mehr darüber? Niemand hätte gewagt, außerhalb der heiligen Grotte diese Dinge zu besprechen, denn Geheimnisse, durch deren Besitz eine menschliche Gesellschaft lebt und gedeiht, dürfen nicht in der Öffentlichkeit enthüllt werden. Und daß die Gesellschaft, die der Ahne begründet hatte, von Bestand gewesen war, vermochte niemand zu leugnen, denn es hatten nach den genauesten Berechnungen seit jener Zeit, da der Stamm von dieser Gegend am Flusse Besitz ergriffen hatte, zehnmal zwanzig Generationen ein friedliches Dasein gelebt. Eine so lange Periode friedlicher Entwicklung fand nicht ihresgleichen auf der Welt. Ist doch die Vergangenheit bis in die weitest zurückliegenden Zeiten, die erforscht wurden, eine endlose Kette grausamer Kämpfe, und alle Gerüchte, die aus fernen Ländern bis zum Flusse gelangten, kündeten nur blutige Gemetzel. Die Leute vom Fluß aber waren nur zweimal gezwungen gewesen, anders als zur Jagd zu ihren Waffen zu greifen. Das erstemal gegen Eindringlinge, die als wilde Horden ohne Kultur und Gesetz von Norden hereinbrachen. Mühelos wurden sie zurückgewiesen. Das zweitemal, um sich gegen Menschen zu wehren, die sie vom Süden her bedrängten und wahre Fremdlinge waren, denn von Kopf bis zu Füßen schwarz, schienen sie die bösesten Geister der Nacht zu verkörpern. Groß und stark waren sie und im Kampfe wohlgeübt. Und vielleicht hätten die Leute vom Fluß trotz ihres Mutes sie nicht zu besiegen vermocht, wenn sich nicht in diesem entscheidenden Augenblicke der allmächtige Schutz des großen Ahnen offenbart haben würde. Frühzeitig ließ er einen furchtbar strengen Winter über das Land hereinbrechen, so daß vier Fuß hoher Schnee den Boden bedeckte, und wie die Schwalben vor dem ersten, rauheren Westwind, hatten jene aus dem Süden gekommenen schwarzen Männer vor der ungewohnten Kälte die Flucht ergriffen. Friedlich lebte der Stamm seit dieser Zeit an den wildreichen Ufern des Flusses, Alleinherrscher über ein Land, dessen Besitz ihm niemand streitig machte. Ging man zwei Tagemärsche lang das Tal aufwärts, so traf man Menschen der gleichen Abstammung, die Söhne des Ebers, und noch ein wenig weiter die Söhne des Mammut, die an der Quelle des Flusses siedelten. Im Westen erreichte man nach vier Tagemärschen ungeheure, unüberwindbare Sümpfe, die sich bis zum Horizont ausdehnten. Ein großer Strom, der nur eine Tagereise weit von Sonnenaufgang gegen Westen floß, bildete im Süden die Grenze des Jagdgebietes. Beziehungen zu den Nachbarstämmen gab es wenige. Zum Streit gab es gewiß keinen Anlaß, vermochte doch jeder Jäger in diesen ungeheuren Gebieten, ohne dem anderen in die Quere zu kommen, ausreichende Beute zu finden. Unter allen Tieren, die diese Menschen nur verfolgten, soweit sie sie zu ihrem Lebensunterhalt benötigten, stand an erster Stelle das Renntier. Schon seit den ältesten Zeiten war es den Menschen, die in diesem harten Klima leben mußten, unentbehrlich geworden. Sein Fell, zugleich geschmeidig und fest und mit einem warmen Pelz bedeckt, diente dem Stamm zur Bekleidung. Man verwendete es sogar, da es sich so leicht bearbeiten ließ, als Behang für die Wände der Hütten. Sein starkes, hartes Geweih wurde in mühevoller Arbeit für die Enden der Speere und Harpunen brauchbar gemacht. Sein Fleisch diente als kräftige und beliebte Nahrung, seine Hufe schließlich waren, wie man allgemein wußte, ein unübertroffenes Heilmittel gegen die Fallsucht. Herden von Bisons streiften durch das Land, aber sie verschwanden ebenso unvermittelt wie sie aufgetaucht waren, ohne daß man eine Ursache dafür zu finden vermochte. Unendlich schwierig war die Jagd auf diese Tiere, denn die gewaltige Kraft, die sie besaßen, war mit ebenso großer Tücke gepaart, und mehr als ein mutiger Jäger des Stammes war von einem wütenden Bison zu Tode gestampft worden. Nur die Mammuts ließen sich selten sehen. Zu dritt oder viert, manchmal fünf, tauchten sie gemeinsam auf, und stets blieb die ganze Gruppe beisammen. Sie waren die geselligsten Tiere und auch die friedfertigsten von allen. Die Menschen hüteten sich wohl, sie anzugreifen, und überließen es dem Zufall, ihnen eines dieser mächtigen Kolosse verwundet oder krank auszuliefern. Obwohl sie nicht gejagt wurden, zeigten sie ein besonderes Mißtrauen. Wer hätte sich rühmen können, ihnen auch nur so nahe gekommen zu sein, um sie mit einem Pfeil zu erreichen! Und was hätte schon ein armseliger Pfeil dem zottigen, runzeligen, verwitterten Fell eines Mammuts anhaben können? Ein- oder zweimal im Frühjahr, wenn die Gräser zwischen den Flechten hervorzusprießen begannen und die der Sonne ausgesetzten Hänge der Hügel bedeckten, bemerkte man auf einer windgeschützten Weide, fern von jedem Gebüsch, in dem der Mensch sich hätte verbergen können, eine Familie von Mammuts, die friedlich graste. Mächtig ragten ihre langen, unnützen Stoßzähne gegen den Himmel. Kein Mammut konnte sich erinnern, sie jemals gebraucht zu haben, denn keines der anderen Tiere, selbst nicht der Löwe, wagte es, sie anzugreifen. Mit ihrem weichen Rüssel rissen sie das Gras aus und stopften es in ihr klaffendes Maul. Ihre gewaltigen Ohren, die niemals zur Ruhe kamen, nahmen die kleinsten Geräusche auf und prüften sie. Wenn eines von diesen verdächtig schien, dann zogen sie in leichtem Trab davon, aber ein laufender Mann hätte ihnen nicht folgen können. Sie flohen mit gewölbtem Rücken, wie von Ärger überwältigt, den schweren Kopf mißbilligend nach rechts und links schüttelnd, indes sie mit den Augen verächtlich zwinkerten, als wollten sie auf ihre Weise sagen: »Uns wird man nicht überlisten.« Im Hochsommer verschwanden sie in östlicher Richtung, und man sah sie erst im nächsten Jahre wieder. Kürzlich war ein Mammut auf einem schmalen Weg, der an dem durch Regengüsse angeschwollenen Sumpf entlang führte, ausgerutscht. Im lehmigen Boden steckengeblieben, versank es durch seine Anstrengungen, sich zu befreien, immer tiefer. Es trompetete wütend. Durch den weithin dringenden Lärm angelockt, liefen die Männer des Stammes herbei, und das überraschende Schauspiel, das sie vor Augen hatten, erregte noch lange nachher ihre höchste Verwunderung: Zwei Mammute standen am Rande des Sumpfes und versuchten, ihren Genossen zu befreien. Der eine von ihnen umschlang dessen Rüssel, der andere hatte ihn bei den Stoßzähnen erfaßt. Auf den festen Boden gestemmt, zerrten sie vergeblich mit aller Kraft an der gewaltigen Masse, die schon mehr als zur Hälfte versunken war. Als sie die Jäger herbeikommen sahen, hielten sie inne und stießen so fürchterliche Töne aus, daß die Menschen zurückwichen. Erst spät in der Nacht erkannten die beiden erschöpften Mammute die vollkommene Zwecklosigkeit ihrer Anstrengungen und verschwanden langsam. Ihr Gefährte war schon tot. Nur die graue Wölbung des Schädels ragte noch aus dem Wasser. Am nächsten Morgen kamen die Jäger zurück. Nach langen Beratungen entschieden sie, daß keine Gefahr mehr von dem Mammut drohe. Einige Männer warfen sich, an Riemen gebunden, in den trüben Sumpf und schlangen zwei starke Seile aus geflochtenem Leder um die Stoßzähne des Tieres. So versuchte man es auf trockenen Boden zu ziehen. Da dies nicht gelang, entschloß man sich, die Stoßzähne, die nicht weniger als sechs Fuß lang waren, hart am Schädel abzuschneiden. Diese schwierige Arbeit mußte unter Wasser gemacht werden, und so dauerte es mehrere Tage, bis sie beendet war. Im Triumphzuge wurde die Beute dann zu den Wohnstätten gebracht. Der Körper des versunkenen Tieres faulte während des ganzen Sommers im Sumpfe. Das Wasser war gesunken; ein widerlicher Gestank verbreitete sich in der Umgebung. Eine gewaltige Unruhe bemächtigte sich der Menschen. Welche Geister mochten sie wohl beleidigt haben, als sie ihre Beute der Waffen beraubten? Unter Führung des Häuptlings Rahi, dem drei Weise des Stammes beistanden, versuchten sie Zeremonien der Versöhnung. Ein Mammut, ganz ähnlich dem toten, wurde in eine aus dem Elfenbein des Tieres geschnittene Platte geritzt. Es wäre keine bessere Abbildung des Tieres denkbar gewesen. Seine Zähne ragten in die Höhe, und sein Rüssel schlug durch die Luft. Zu diesem Elfenbeinbilde sprach einer der Weisen die nötigen Sprüche und versenkte es sodann an jenem Ort, wo der Körper des Tieres verweste. Der aufgestörte Geist beruhigte sich. Ein starker Regen kam über das Land, der vierundzwanzig Stunden dauerte. Der Sumpf stieg um zwei Fuß. Das Mammut verschwand. Nur die Blasen, die an die graue Oberfläche des Wassers stiegen, kündeten, daß der Geist noch immer wachte. Doch schaden konnte er nicht mehr. Seltener noch als die Mammuttiere sah man manchmal auf den feuchten Weideplätzen im Westen ein Paar Rhinozerosse mit langer Schnauze, auf der zwei Hörner emporragten. Ihre massigen, unbeholfenen Körper bedeckte eine Art Panzer, der stark behaart war. Sie schienen einer entschwundenen Welt anzugehören und sich mühsam durch eine neue Gemeinschaft zu schleppen, mit der sie nichts als unheilbarer Lebensüberdruß verband. Niemals ließen sie einen Menschen in ihre Nähe kommen, und keinem Jäger war es je gelungen, ihren Lagerplatz auszuforschen. Reich an Pferden war das Tal, in dem der Stamm hauste. Die einen, behaart und stämmig, waren zugleich mit den Menschen aus den Steppen hierhergekommen. Die anderen, zierlicher und mit langen Beinen, die an Geschwindigkeit ihre nordischen Vettern weit übertrafen, waren schon vorher in dieser Gegend gewesen. Die Leute vom Fluß jagten beide Gattungen, um sich von ihrem Fleische zu nähren. Auch Rinder fanden sich in den Wäldern, und sie gehörten zu den gefürchtetsten Gegnern des Menschen. Verfolgt, zögerten sie nicht, ihn anzugreifen und mit ihren spitzen Hörnern auf den Boden zu nageln. In heißen Sommern kamen oft katzenartige Raubtiere, die den großen Fluß vom Süden her durchschwammen und einen Jagdzug gegen die Pferde und Renntiere begannen, unter denen sie große Verheerungen anrichteten. Dann ergriff die friedlichen Pflanzenfresser des Tales eine Panik, und sie flüchteten weit fort. Die Menschen am Flusse machten Jagd auf diese Raubtiere, nicht um sie zu erlegen, nur um sie zu zwingen, ihr Gebiet zu verlassen. Darum versuchten sie auch nicht, die Tiere zu überraschen, sondern verscheuchten sie, indem sie laute Schreie ausstießen und auf Trommeln schlugen, während die Weisen des Stammes versöhnliche Sprüche hersagten, die diesen ungebetenen Gästen die herrlichsten Jagden in anderen Ländern verhießen, und mit denen ihnen unter lebhaftem Bedauern über die notwendig gewordene Trennung eine glückliche Heimreise gewünscht wurde. Die Wölfe waren gefürchtet, denn sie vernichteten die Tiere, die der Stamm zu seiner Ernährung benötigte. So war es auch ein erbarmungsloser Krieg, den die Söhne des Bären gegen sie führten, obwohl ihr verachtetes Fleisch nicht gegessen werden durfte. Ihr Fell mit den rauhen Haaren wurde aber doch in den Wohnstätten verwendet. Auch die Greise, deren Gelenke schon ihre Geschmeidigkeit verloren hatten, trugen es über das Renntierwams um die Schultern gelegt. Wertvollere Felle, mit denen Männer und Frauen ihre Kleidung verzierten, lieferten Zobel, Hermeline und Füchse. Sie bildeten auch ein beliebtes Tauschobjekt, das von den Händlern, die alle zwei Jahre das Tal besuchten, stark begehrt wurde. Schließlich lieferte auch der Fluß seinen Tribut an jene ab, die seine Ufer bewohnten. Er wimmelte von Forellen, Lachsen und Hechten, die mit Harpunen erlegt wurden. Die kleinsten Kinder vergnügten sich daran, mit bloßer Hand die Gründlinge und unter den Steinen Krebse zu fangen. So war das Leben des Stammes in einem noch erträglichen Klima gesichert, dies verdankte man – es gab keine einzige Stimme, die das bezweifelt hätte – einzig und allein der großen Weisheit des Stammvaters, des unermüdlichen, klugen und mächtigen Bären, der die Seinen – erst später wird man erfahren, um welchen Preis – an den gütigen Ufern des Flusses angesiedelt hatte. Wertvoller war aber noch, daß er das glückliche Bündnis des Stammes mit all den Geistern geschlossen hatte, die das Wasser, die Höhlen, Sträucher und Wälder bewohnen, den Geistern, die nachts umherstreifen, sich auf die Tiere werfen und sie zu Tausenden töten, den Regen zurückhalten oder herabstürzen, die Flüsse austrocknen oder aus den Ufern treten lassen, die gefühllos Männer, Frauen und Kinder heimsuchen. Sie bezeugen auf tausenderlei Art ihre Wut, ohne daß man imstande wäre, die Beleidigung zu erraten, die sie bestrafen wollen. Dank den klugen Lehren des Ahnen, die von den Weisen des Stammes als das kostbarste Gut bewahrt und von Generation zu Generation in geheimnisvoller Weise weitergegeben wurden, war diese Harmonie zwischen der Gesellschaft der Menschen und der Welt der allgegenwärtigen Geister, deren eifersüchtiges Übelwollen so schwer abzuwehren ist, geschaffen worden. Die Weisen wußten die Beschwörungsformeln, die Worte, die zu sprechen und die zu verschweigen waren, sie kannten die Zeremonien der Dankgebete und jene der Reue, die Tage, an denen es günstig war, zur Jagd aufzubrechen, die heiligen Tänze, durch die man das entfernte Wild herbeizwang, wie die magischen Darstellungen, die es in seinem Revier festhielten. Sie allein verstanden es, die Toten mit allen vorgeschriebenen Riten zu umgeben, damit ihr Geist nicht den Lebenden schade, kurz alles war ihnen bekannt, was zum Wohle einer menschlichen Gemeinschaft unerläßlich schien, einer Gemeinschaft, die rings von unsichtbaren Feinden umgeben war, die sie belauerten, um bei der ersten Unterlassung oder dem ersten Fehler über sie herzufallen und sie zu vernichten.   Und trotz alledem vermochten die Leute vom Fluß eine dunkle Ahnung nicht zu bannen, daß ihr Leben, die Existenz des Stammes in jedem Augenblick bedroht sei. Der Mensch sah sich allein im Mittelpunkt einer feindlichen Welt. Unter den Tieren zählte er nicht eines als Freund. Er kannte sie nur, um sie zu töten. Zwischen ihnen und ihm war ewiger Krieg, ein Kampf, der bald mit offener Kraft, bald mit Heimtücke und List geführt wurde. Sobald er seine Behausung verließ, setzte der Mensch sich tausend Gefahren aus. Hinter den Bäumen und den Felsen lauerten stumme Feinde auf ihn, und der Gedanke, daß es immer so bleiben werde, solange es Menschen und Tiere geben würde, bedrückte ihn an manchen Tagen. Und was gab es außerdem noch für schwer zu ertragende Leiden und Plagen! Krankheiten kamen über den Stamm, von unsichtbaren Feinden gesandt, über die man ganz im unklaren war. Sie dezimierten die Söhne des Bären. Wohl vermehrten die Weisen ihre versöhnenden Riten, doch die Widersacher waren geschickt genug, sich auch dem mächtigsten Zauber zu entziehen. Wie die Fliegen beim ersten Frost, so starben die Leute vom Fluß. Eine noch gefährlichere Plage kam über sie. Die Furcht zog in das Tal ein und nahm von ihren Seelen Besitz. Eine Katastrophe, die man herannahen fühlte, ohne zu wissen, von welcher Art sie sein werde, würde in naher Zeit den ganzen Stamm vollkommen vernichten. Angstbeklommen zitterte man in den Hütten, man wagte sich nicht vor die Türen, ja, man litt lieber Hunger, als den Gefahren entgegenzutreten, die draußen warteten. Und wieder bemühten sich die Weisen, die unseligen Ursachen dieses Zaubers zu entdecken. Dieser Zustand währte manchmal einen ganzen Monat, manchmal auch zwei. Erst allmählich kehrte die Ruhe zurück, grundlos, wie Sonnenschein nach Regenwetter, und die Leute vom Fluß verloren selbst die Erinnerung an den Schrecken, der sie in ihre Wohnstätten gebannt hatte. Einige blieben aber ständig durch Gesichte und Angst geplagt. Sie sahen Dinge, die alle anderen nicht wahrnehmen konnten; sie hörten Worte und Geräusche, die allen rings um sie entgingen. Untätig blieben sie die ganzen Tage, aber trotzdem behandelte man sie mit Güte, und sie nahmen an der Nahrung ihrer Stammesbrüder teil, ohne bei deren Erwerb mitgeholfen zu haben. Manchmal packte einen dieser Besessenen ein Anfall. Er sank wie hingemäht zu Boden; rötlicher Schaum entquoll seinen Lippen. Mit Armen und Beinen stieß er im Krampf um sich. Lange Zeit blieb er wie leblos. Die Weisen begannen den Unglücklichen zu behandeln. Sie berührten ihn mit einem Renntierhuf und gaben ihm einen Trank, aus Pflanzen bereitet, deren Mischung nur ihnen bekannt war. Dann versuchten sie durch Beschwörungsformeln den Geist zu verjagen, der ihn quälte. In ernsten Fällen, wenn alles vergeblich war, wurde zur Operation geschritten. Es blieb nichts übrig, als eine Öffnung in den Schädel des Besessenen zu bohren, durch die der böse Geist zu entweichen vermochte. Man verfuhr dabei auf folgende Weise: Die drei Weisen ließen zuerst die vorgeschriebene Beschwörung ergehen. Wenn die Wirkung nicht so war, wie man erhoffte, nahm einer von ihnen einen hierfür besonders zugespitzten Stein und setzte ihn, während die beiden anderen den Kranken festhielten, mit aller Kraft auf den Schädel des Unglücklichen, wo er ihn dann zwischen seinen Händen so rasch als möglich drehte, während ein anderer Tropfen auf Tropfen heißen aromatischen Wassers auf die Haut fallen ließ, nachdem auch darüber die notwendigen Formeln gesprochen waren. Diese heikle Operation wurde mit der äußersten Langsamkeit durchgeführt. Sobald sich das Loch in der Schädeldecke zu formen begann, hielt der Weise inne, um erst am nächsten Tage fortzufahren. Er stillte das Blut mit Hilfe gewisser Kräuter, mit denen die Jäger ihre Wunden verbanden. Es brauchte oft sechs bis acht Tage, bevor die Schädeldecke durchbohrt war. Es kam vor, daß der Kranke gesundete. Es kam häufiger vor, daß er starb. In diesem zweiten Falle war es den Leuten vom Fluß klar – selbst die Schwerfälligsten und Stumpfesten begriffen es – daß die Zaubersprüche nicht in vorgeschriebener Weise gesprochen worden waren. So verliefen durch Jahrhunderte die Tage für die Menschen am Flusse, rauhe Tage voll Mühsal und Kampf, an denen die Jäger des Stammes immer wieder unter Gefährdung ihres Lebens und unter unsäglichen Anstrengungen und Opfern Nahrung für Frauen, Kinder und Greise erbeuten mußten. Seit einigen Generationen aber zeigten sich kaum wahrnehmbare Änderungen in der Temperatur, die dennoch so aufmerksamen, geduldigen und geübten Beobachtern, wie es die Söhne des Bären waren, nicht entgehen konnten. Die Winter verloren immer mehr an Kälte, und die Sommer wurden heißer. Einst – so lauteten die Berichte der Greise, in deren schwachem Gedächtnis sich allerdings die eigenen Erinnerungen unentwirrbar mit den mündlichen Überlieferungen des Stammes vermengten, so daß es nachgerade unmöglich war, die Erlebnisse ihrer eigenen Jugend von der unbewußten Wiederholung dessen zu unterscheiden, was ihnen von ihren Vorfahren erzählt worden war – einst sollte das Land fast während der Hälfte des Jahres von einer schimmernden Schicht Schnee bedeckt gewesen sein. Damals in diesem für sie günstigen Klima wimmelte es von Renntieren. Vier bis fünf große Herden hielten sich ständig im Tale auf. Die Jäger verfolgten sie mit Schneereifen an den Füßen. Überfluß herrschte in den Wohnstätten. Aber jetzt war Regen an Stelle des Schnees getreten. Der Winter verlief in eisiger Feuchtigkeit, unter der die Renntiere furchtbar leiden mußten. So klagten die alten Männer, während sie ihre erstarrten Glieder am Feuer wärmten. Ungeduldig hörten die jungen Leute zu. Die Greise faselten; glaubten sie denn, daß die Welt mit ihnen zu Ende sei? Die Weisen jedoch schüttelten den Kopf. Wie konnte man leugnen, daß das Leben ringsum sich änderte. Die Tiere merkten es ebenso wie die Menschen; sie waren ständig in Unruhe. Das Wild mit schönem Pelz wurde immer seltener. Wie viele Zobel wurden jetzt noch während eines Jahres vom ganzen Stamm erlegt? Silberfüchse und Blaufüchse gab es nur noch in verschwindender Menge. Warum verließen die einen und die anderen das Land? Neue Arten tauchten auf. Man jagte jetzt den Hirsch, der früher unbekannt gewesen war. Doch, war der Hirsch ein Ersatz für die gewohnte Beute? Seine Haut war unverwendbar und sein Geweih zu weich, um bearbeitet zu werden. Und das Renntier verschwand. Das war eine Tatsache. Schon seit langem erbeutete man so wenige, daß sich nur mehr die Jäger in ihr vorzügliches Fell kleiden konnten. Ohne Zweifel wechselten die Renntiere oft, aber sie waren noch nie, wie diesmal, ein ganzes Jahr fortgeblieben. Man begann schon zu glauben, daß man sie niemals wiedersehen würde. Dieser Gedanke verursachte eine wahre Panik im Stamme. Die bei erbitterten Frauen natürliche Ungerechtigkeit führte sie dahin, ihren Männern vorzuwerfen, daß sie sich nicht mehr auf die Jagd verstünden. Man sollte es nur wissen, ohne die Felle der Renntiere konnten sie sich nicht behelfen! Die Männer ihrerseits wandten sich an Rahi, den Häuptling, und an die Weisen. Ihnen oblag der Schutz des Wildes. Ihre Pflicht war es, die feindlichen Geister zu hindern, es zu entführen. Besaßen sie denn nicht Mittel genug, um die Tiere, die zu flüchten versuchten, an eine Stelle zu bannen und jene, die geflüchtet waren, zurückzurufen? Wenn ihre Zauberkräfte nicht mehr ausreichten, wie konnten sie es dann wagen zu behaupten, daß sie das geistige und körperliche Wohl des Stammes zu sichern vermochten? Der Häuptling wurde jeden Tag unbeliebter. Nur noch die Furcht, die er um sich verbreitete, weil er viele Geheimnisse der unsichtbaren Welt kannte, hinderte die Männer, sich offen gegen ihn zu erheben. Die Weisen bemühten sich, in der Öffentlichkeit ihre kaltblütige Ruhe zu bewahren. Sie suchten stets nur zu beruhigen, die Aufgeregtesten zu beschwichtigen. Ihre ganze Politik hieß: Zeit gewinnen. So predigten sie Geduld und erhofften zugleich von ihrem geheimen Wissen wie von der Zeit eine günstige Wendung. Die jungen Leute und die Mädchen nahmen an diesen ernsten Dingen wenig Anteil. Sie hatten Besseres zu tun, als in die Klagen der Alten einzustimmen. No mit seinen Gefährten bereitete sich auf die Prüfungen vor, die ihn erwarteten. Bald mußte er die Seinen verlassen. Die Gesetze gestatteten es nicht, daß ein Sohn, der zum Manne geweiht war, in der gleichen Hütte wohnte, in der seine Mutter und seine Schwester schliefen. Er mußte seine eigene Wohnstätte bauen, bei den Hochzeitsspielen ein Mädchen rauben und mit ihr als seiner Gefährtin leben. Ungeduldig sah er der Zeit entgegen, die ihm das schöne, freie Leben eines erwachsenen Mannes sicherte, der im Rate des Stammes seine Stimme hatte, sein eigenes Herdfeuer besaß und eine Gefährtin und Kinder, für die er sorgte. Doch um diesen ersehnten Zustand zu erreichen, mußte er alle Schrecken und Leiden der Einweihungsfeierlichkeiten über sich ergehen lassen. Er zwang sich, nicht weiter daran zu denken. Das Verlangen, in den Kampfspielen auf der Wiese, am Flusse, zu siegen, verdunkelte alles andere. Trotz der widrigen Jahreszeit hatten sich die jungen Leute ihrer Kleidung entledigt. Sie maßen im Durchschnitt mehr als sechs Fuß. Verächtlich lächelte man im Stamme, wenn man sich an ein Volk erinnerte, das eine gelbe Haut und geschlitzte Augen gehabt hatte, und dessen Männer nicht einmal fünf Fuß hoch gewesen waren. Während eines langen, strengen Winters war es einmal, kaum zwanzig Familien stark, aufgetaucht. Sie sprachen fremde, unbekannte Worte, waren von Nordost gekommen und – man wußte kaum in welcher Richtung – wieder verschwunden, ohne daß man jemals noch etwas von ihnen hörte. Die Leute vom Fluß hatten manchmal solche Überraschungen, die die Eintönigkeit der Tage unterbrachen. Die Körper mit Fett eingerieben, übten No und seine Freunde sich im Ringen. Geschmeidig wie Lachse, stark wie Bären belauerten sie einander zunächst, um geschickt einem gestellten Bein oder Untergriff des Gegners auszuweichen. Wenn sie sich dann umschlangen, krachten ihre Knochen; endlich rollten beide Kämpfer im Gras, bis es schließlich einem von ihnen gelang, den Gegner unter sich festzuhalten. Mädchen und Frauen sahen den Spielen nicht zu, aber die Alten waren da, gaben den Kämpfern ihre Ratschläge und feuerten sie durch ihre Schreie an. Das Wettlaufen begann. Durch Generationen dauernde ständige Übungen hatten nach und nach den Knochenbau dieses Jägervolkes verändert – die Unterschenkel verlängert, den Brustkorb entwickelt, die Beinmuskeln geschmeidiger und ausdauernder gemacht – so sehr, daß jetzt die besten Läufer unter günstigen Umständen imstande waren, selbst einen flüchtigen Rehbock einzuholen. So hatte jeder einzelne jene Geschwindigkeit erreicht, die ihm und seinem Stamme zur Existenz unerläßlich war. Übrigens unterwarfen sich die Läufer einer streng geregelten Lebensweise. Sie aßen nur die Schenkel von Renntieren und Pferden, um sich auf diese Weise das Wesentlichste der Schnelligkeit dieser Tiere, von denen sie sich nährten, einzuverleiben. Die übrigen Teile der Tiere wurden den anderen überlassen. Bei ihren Übungen liefen sie immer zu zweit. Zehnmal mußte eine Strecke von etwa zweihundert Schritt, die zwischen zwei Bäumen abgemessen worden war, durcheilt werden. Die harmonische Kraftentfaltung bildete einen prächtigen Anblick: wie gespannt von der Anstrengung war jeder Muskel der ganzen sehnigen Gestalten, der Kopf lag zurückgebogen, das Kinn weit vorgestreckt, breit wölbte sich die Brust gleich jener des Bisons; wie bei den Wölfen war der Unterleib gekrümmt und eingezogen, und die Füße am Ende der schmalen Beine, die viel länger als der Oberkörper waren, schienen den Boden kaum zu streifen. Manchmal fuhren Platzregen peitschend auf sie nieder, dann stiegen Dampfwolken von ihren glänzenden Körpern auf. No war im Laufen einer der Besten. Wenn ihm für die größeren Entfernungen auch noch der Atem mangelte, so war er doch auf hundertfünfzig Schritte von keinem zu überholen, und der Sieg über diese Strecke war der begehrteste. Sie übten sich auch im Bogenschießen und Speerwerfen. Die Spitzen der Speere wie die der Pfeile waren aus den Geweihen der Renntiere geschnitzt. Ein guter Jäger traf mit seinem Speer auf fünfzig Schritt. Pfeifend durchschnitt er die Luft und zitterte und schwankte, als wolle er jeden Augenblick aus seiner Bahn ausbrechen. Aber eine Kraft in ihm hinderte ihn daran. Er rammte sich in den Stamm einer jungen Birke. Dann vernahm man einen dumpfen Ton. Die Birke klagte über die erhaltene Wunde. Nichts Schöneres gab es als die Bewegung der jungen Leute, die, ihre Waffe schwingend, losstürmten. Plötzlich blieben sie wie angewurzelt stehen, mit dem linken Bein sich vorwärts gegen den Boden stemmend, und der Speer, der ihren rechten Arm machtvoll verließ, schien in der Luft den rasenden Lauf des Jünglings fortzusetzen. Wenn die Spiele beendet waren, tauchten sie ihre dampfenden Körper in die kalten Fluten des Stromes. Dann legten sie wieder ihre Kleider an und kehrten zu den Wohnstätten zurück, wo sie von den vollbrachten Taten und künftigen Jagden sprachen.   No liebte es, sich des Abends mit den erfahrenen Männern und den Weisen des Stammes zu unterhalten. Er stellte ihnen Fragen über Dinge, die ihn beschäftigten. Die Erde war doch wohl drei bis vier Tagemärsche weit vom Lager noch nicht zu Ende? Was lag dort weiter rückwärts, wo er nicht mehr hinzusehen vermochte? Die Berichte besagten, daß gegen Norden unendliche Eisfelder die Erde bis tief in den Sommer hinein bedeckten. Dort gäbe es nur weiße Bären. Weit hinten im Osten sei eine Grenze hoher Berge, deren schneebedeckte Gipfel bis in den Himmel reichten. Im Süden aber, zehn Tagemärsche weit, sollte ein großes Wasser liegen, und jenseits des Wassers vermutete man auch Länder, die von Tieren und Menschen bewohnt waren. Die Händler allein konnten diese Gegenden durchqueren, denn nur sie standen im freundschaftlichen Verkehr mit jenen Geistern, die anderen den Zutritt verwehrten. In diesen entfernten Ländern war es immer Sommer, und die Menschen nährten sich dort von dem, was auf Bäumen wuchs. Zu diesem Punkt versicherten die Weisen, daß nach sehr alten Berichten in einer Epoche, von der kaum noch eine ganz dunkle Erinnerung übriggeblieben war, die Eintracht auf der Erde herrschte. Damals töteten die Menschen nicht, um zu leben; sie nährten sich nicht von blutigem Fleisch, sondern von Pflanzen und Früchten. Glücklich lebten sie in Frieden mit unseren Brüdern, den Tieren. Ach! seither war Zwietracht entstanden und trennte Menschen und Tiere in zwei für ewig feindliche Lager. Ströme von Blut waren vergossen worden, die eine Versöhnung unmöglich machten ... Über die Welt der Geister aber schwiegen die Weisen, denn es war nicht geziemend, darüber vor der Einweihung zu sprechen. No besaß auch Freunde, die älter waren als er selbst, und die er gern aufsuchte. Zweien von ihnen, die besondere Handfertigkeit besaßen, oblag es an den Wänden der Hütten und Grotten, in Renntiergeweih und Mammutzähne die Tiere nachzubilden, die das Land bevölkerten. No sah andächtig ihrer Arbeit zu. Dank ihrer Kunst waren es fast wirkliche Tiere, die man vor sich hatte, so wunderbar waren sie in ihren Stellungen und Bewegungen erfaßt. Das eine ihrer Leben blieb frei da draußen in Wäldern und auf Wiesen, doch das zweite war durch zauberhafte Macht in ein Stück Elfenbein oder an die Felswand gefesselt, aus der die begabte Hand des Künstlers es herausgegraben hatte. No mühte sich, dem Beispiel seiner Freunde zu folgen. Er verstand, warum es so notwendig sei, in Naturtreue das Tier nachzubilden, das man festhalten wollte. Der Geist des Tieres mußte durch die Ähnlichkeit so weit getäuscht werden, daß er das Bild zu seinem Wohnsitz wählte. Der geringste Fehler genügte, ihn die Täuschung erkennen zu lassen und er kam nicht. Dann bleibt nichts als ein totes Stück Horn und ein lebloser Stein in deinen Händen ... So dachte auch No, während er arbeitete, an das, was er auf seinen Jagden gesehen hatte, an das Rind auf der Weide, wie es plötzlich, durch ein Geräusch beunruhigt, den Kopf hebt, den Schweif zur Hälfte aufrichtet, den Rücken streckt. Wird es den Feind anspringen? Oder wird es fliehen? Es zögert ... Dieser Augenblick war es, den No festhalten wollte. – Oder das Bild eines verwundeten Bisons, das sich am Boden wälzt; es leidet; es brüllt dumpf; es dreht mit großer Mühe den Kopf nach rückwärts, um die klaffende Wunde mitten im Rücken zu erreichen und sie schmerzlindernd zu lecken ... No wußte, daß man mit einer vollendeten Darstellung des Wildes, das man jagen will, Macht über diese Beute gewinnt, vorausgesetzt natürlich, daß man auch die Zauberformel kennt, die vor dem Bilde auszusprechen sind. Doch diese Worte bilden einen Teil des vom Stamme als heilig gehüteten Schatzes und werden den Männern erst bei der Einweihungsfeier enthüllt. Bei dem Gedanken, daß auch er sie bald im geheimnisvollen Innern der heiligen Grotten erfahren werde, bebte No vor Ungeduld.   Trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit war die Witterung noch rauh. Zweimal fiel sogar noch Schnee. Doch die Sonne ließ ihn bald zergehen, und er tränkte nur das Moos mit seinem Wasser. Ganz plötzlich, über Nacht, kam der Wetterumsturz. Der Wind, der jetzt von Süden wehte, brachte mit einem fast warmen Regen so lauen Dunst, daß selbst die Greise ihre dürren Knochen reckten und davon durchdrungen wurden. Die jungen Leute hielten, verwirrt von unklaren Wünschen, die ihnen alle Kraft raubten, in ihren Arbeiten ein. Die Hänge der Hügel bedeckten sich mit Anemonen, Glockenblumen und Veilchen. Die geschwellten Sprößlinge an den Zweigen von Birke und Buche erzitterten vor Wollust, als die ersten Sonnenstrahlen zärtlich über sie hintasteten. In wenigen Tagen holte die Natur alles nach, was sie in den letzten sechs Wochen versäumt hatte. Der brausende Strom all der Kräfte, die viel zu lange in ihrem Schlummer zurückgehalten worden waren, brach sich kraftvoll seinen Weg zum Licht. Menschen, Tiere, Bäume und Pflanzen, die der gleiche Quell des Weltalls beseelt, fühlten betäubt und zitternd die entfesselte Gewalt. Seine Gewässer vermochte der Fluß nicht mehr zu bändigen, und schäumend brachen sie über die Ufer. Die Erde selbst öffnete breit ihre Poren, um Licht und Wärme in gierigen Zügen zu atmen. Auf der Asche vor der Hütte ruhend, träumte Mah. Der warme Wind erschlaffte sie. Wohl war sie erst knapp fünfzehn Jahre, doch ihre Züge waren die eines gereiften Mädchens. Klein und rund war der Kopf, klein das Antlitz, die Nase lang und schmal, ganz gerade Brauen standen über Augen, deren Iris an die Farbe welker Blätter gemahnte. Die Wangen, oben ein wenig voll hervortretend, verschmälerten sich bis zu dem zart geformten Kinn. Die sorgfältig mit kleinen Fasern gebundenen Flechten fielen auf die noch schmächtigen Schultern. Mah verstand schon ihre schön geschwungenen frischen Lippen mit ein wenig Ocker zu färben. Ihr Hals war geschmeidig wie der eines Schwans und glich, vom Atem geschwellt, dem einer Taube. In ihren Schritten lag träumendes Sehnen, das die Männer verwirrte. Überwältigt von den milden Lüften ringsum vernachlässigte sie ihre Arbeit, und doch gab es so viel zu tun, Felle zu putzen und geschmeidig zu machen, das Feuer zu unterhalten, die Mahlzeit zu bereiten, Kleidungsstücke zu richten ... Ihre Mutter begann zu schelten. Manchmal versetzte sie der jungen Mah sogar einen derben Klaps, den diese als eine zwar schmerzliche, aber doch so natürliche Sache empfand, daß kein Groll in ihr zurückblieb. Übrigens war Bahili auch mit Zärtlichkeiten nicht geizig. Dieses starke Weib, das kaum mehr sein sicheres Obdach verließ, war in seiner Häuslichkeit sehr tätig. So schweigsam Timaki, ihr Mann, war, so geschwätzig war sie selbst. Solange der Tag dauerte, stand ihr Mundwerk nicht still. Wenn es an Zuhörern fehlte, kam sie nicht in Verlegenheit und zögerte nicht, sich selbst mit lauter Stimme Belehrungen zu erteilen. Zu ihren beliebten Aussprüchen gehörte: »Feuchtes Moos wärmt schlecht« oder »Die Zunge reicht weiter als der Speer«. Und zu Mah, wenn sie träge war, sprach sie: »Frauen schwitzen, Mädchen sitzen.« Wenn Timaki zur Jagd aufbrach, sprach sie, um ihn zur rascheren Heimkehr zu ermuntern: »Was man draußen ißt, bekommt einem nicht.« Solchen Schwätzerinnen ist es zu verdanken, wenn die Sprache in ihrer Reinheit erhalten bleibt. Trotz der Vorstellungen ihrer Mutter konnte Mah mit ihrer Arbeit nicht recht vorwärtskommen. Wohl war sie gezwungen, vor der Hütte zu hocken, doch ihr Geist wanderte in weite Ferne. Aus ihren Gesprächen mit No hatte sie viele Dinge erfahren. Sie sehnte sich danach, in die wundervollen südlichen Länder zu gelangen, von denen er erzählt hatte. Und ein Teil ihrer selbst war wirklich schon dort gewesen. Ja, wenn sie schlief, löste sie sich von dem Orte, auf dem ihr Körper lag, und fand sich in jene fernen Gegenden versetzt, in denen die Sonne heiß brannte und man nur die Hand auszustrecken brauchte, um die köstlichsten Früchte von den Bäumen zu pflücken, die sie im Übermaß darboten. Dort fühlte sie sich wohl, als wäre es ihre wirkliche Heimat. Nicht einmal die Menschen blickten erstaunt auf sie, die ihnen gar keine Fremde zu sein schien. Manchmal sah sie einen jungen Mann, der sich ihr näherte, sie fühlte seinen heißen Atem, er nahm sie in seine Arme ... Erschöpft und müde nach einer so langen Reise erwachte sie und fand sich wieder auf der alten Terrasse in der Hütte, in der die Ihren schliefen. Der schwere Atem der Mutter klang in der Stille der Nacht noch mühsamer. No lag neben Timaki, und der jüngere Bruder wälzte sich, in einem Traum befangen – was mag so ein Kind im Traum erleben! – unruhig in seinem Sack. Würde sie jemals in jene schönen Länder zurückkehren können? Gab es keine Möglichkeit, den sehnsüchtigen Traum zu verwirklichen? Wer vermöchte sie aus ihrem eintönigen Leben zu entführen? Sie wußte, es gab Männer, die die Länder bereisten, die Händler, die am Ufer des ganz großen Wassers lebten. Das Meer! Nach den Erzählungen jener, die es gesehen hatten, bemühte sie sich, eine Vorstellung mit dem Wort zu verbinden. Es mußte ein Fluß sein, der nur ein einziges Ufer hatte, und während das Wasser in einem gewöhnlichen Flusse ohne Unterlaß vorbeiströmte, blieb das Wasser im Meer stets das gleiche. Nur manchmal erregte es sich, wurde wütend und ließ ein dumpfes Brausen hören, mit dem es die Menschen erschreckte. Würde sie jemals das Meer sehen? So träumte sie auch vor sich hin, während sie das Fell eines frisch getöteten Fohlens schabte.   Wenn sie während Nos Abwesenheit entschlüpfen konnte, zog sie mit den anderen Mädchen des Stammes hinaus, um Blumen und duftige Kräuter auf den Hügeln zu sammeln. Die Blumen, die schmückten das Haar und Kränze wurden daraus geflochten, die so schön um den Hals zu tragen waren. Die Kräuter wurden in den Hütten während des Winters getrocknet. Manche verwendete man dazu, um dem Fett, mit dem man seinen Körper einrieb, den süßen Geruch zu geben, von anderen erzählte man, daß junge Frauen, die sich Kinder wünschten, sie auf ihr Lager legen mußten. Doch die Mädchen hatten noch andere Wünsche und pflückten ganz im geheimen eine seltene Pflanze, die nur an feuchten, schattigen Stellen der Täler wuchs, um sie in den Nächten, in denen kein Mond schien, unter ihren Kopf zu legen. Dann waren sie sicher, einen starken und tüchtigen Mann zu finden, bei dem es ihnen niemals an Nahrung mangeln würde, der niemals unter dem Vorwande der Jagd Tage und Nächte fern dem häuslichen Herd verbringen, der nie den kinderlosen Frauen, diesen Hyänen, nachstellen wird, und von dem keine Roheiten zu befürchten waren. Obwohl Mah noch ein Jahr warten mußte, ehe sie an den Hochzeitsspielen teilnehmen durfte, suchte sie den Verkehr mit älteren Gefährtinnen, teilte ihre Beschäftigung, ihre Freuden und ihr erwartungsvolles Fieber. Das Fest, das zu Mitten des Sommers stattfand, und bei dem sich alle drei benachbarten und befreundeten Stämme, die am Ufer des Flusses wohnten, zusammenfanden, entschied über das Los der Mädchen. Dann mußten sie die Gegend, in der sie geboren waren, verlassen. Die alten, ewigen Gesetze, auf deren Einhaltung strenge gesehen wurde, verboten die Heirat innerhalb des Stammes. Man beging die Hochzeitsspiele mit größter Feierlichkeit, und die Weisen wachten strenge darüber, daß die alten Gebräuche in allen ihren Vorschriften genau erfüllt wurden, denn die Zukunft des Stammes hing davon ab. Die Ehen waren nicht mehr so kinderreich wie ehemals. Damals zählte ein Haushalt noch zehn und mehr Kinder, und die Hälfte davon blieb am Leben. Jetzt aber sah man kaum mehr als fünf oder sechs, von denen drei oder vier im frühesten Alter starben. Und überdies lag über manchen Frauen der Fluch, kinderlos zu bleiben. Sie brachten Unglück allen denen, die sich ihnen näherten und verursachten Unfrieden in den Ehen. Vergeblich suchten die Weisen die Gründe dieses Übels, und verschiedene Mittel wandten sie an, um den bösen Bann, der auf diesen Frauen lag, zu brechen. In Elfenbein und Horn wurden weibliche Formen als Sinnbild der Mütterlichkeit geschnitzt. Es waren mächtige Frauengestalten mit breiten Hüften, deren Unterleib sich vorwölbte, um ein kräftiges Kind zu tragen, und deren geschwellte Brüste unerschöpfliches Quellen gesunder Nahrung verhießen. An den Wänden der heiligen Grotten fanden sich diese Bilder, von Farben belebt, und die Kinderlosen verweilten dort angsterfüllt und in Tränen während der drei Vollmondnächte des Sommers. Die Männer erwarteten sie am Ausgang. Die Paare formten sich und entschwanden in der Nacht den Fluren zu. Doch all diese Mittel, die einstmals geholfen hatten, blieben – auch dies war ein Zeichen dafür, daß die Zeiten sich geändert hatten – vergeblich. Und schon gab es Schwarzseher, die dem herrlichen Volke, das sich von seinem Stammvater, dem großen Bären, herleitete, ein baldiges Ende voraussagten. So war man mehr denn je darauf bedacht, an den festgesetzten Riten des Hochzeitsfestes nichts zu vernachlässigen und an den überlieferten Gebräuchen, die das Alter der Mädchen, die zugelassen werden durften, mit sechzehn Jahren festsetzten, nichts zu verändern. Wohl manchen schien dieses Alter zu hoch, und sie wiesen auf die Schwierigkeit hin, die Mädchen so lange zu hüten. Hatte es sich doch schon ereignet, daß Mädchen, ohne die Hochzeit abzuwarten, Kinder bekamen. Zu anderen Zeiten, als das Volk noch stark war, hatte es dafür nur eine Strafe gegeben: den Tod für Mutter und Kind. Doch dann hatten zwei Mädchen in der vorhergehenden Generation prächtige Knaben zur Welt gebracht. Nach langen Beratungen, in denen alles erwogen wurde, beschloß man, sie leben zu lassen. Jene, die an den alten Gebräuchen hingen, sahen in dieser Nachgiebigkeit den Grund zahllosen, neuen Unglücks. Die Furcht war nicht unbegründet, daß andere Mädchen dem Beispiele folgen würden, die Töchter des ganzen Stammes in schlechten Ruf geraten müßten, und daß im Sommer beim Hochzeitsfest die Jünglinge der anderen Stämme kein Mädchen aus dem Volke des Bären zum Weibe nehmen würden. Die Mütter bemühten sich strenge, über ihre Töchter zu wachen. Aber die Frauen verließen ja kaum den nächsten Umkreis der Hütten, und die Arbeiten der Töchter, das Sammeln der Kräuter und Beeren, der Fischfang, das Einbringen der Tannenzapfen riefen diese oft hinaus. So wurde angeordnet, daß die Mädchen niemals einzeln, sondern stets nur in größeren Gruppen weggehen durften.   Mah und ihre Freundinnen ruhten an der Lehne eines Hügels. Während des Nachmittags hatten sie Blumen für ein Fest gesammelt, das in jedem Frühjahr zur Feier des Wiedererwachens der Natur nach langem Winter begangen wurde. Ermüdet wanden ihre Hände Girlanden, in denen Waldrebe und Efeu einander umrankten. Eine einzelstehende Eiche auf dem Gipfel eines Hügels, ein heiliger Baum, sollte damit geschmückt werden. Alljährlich, wenn frisches Grün an ihm sprießte, kamen die Mädchen, um ihn in der Dämmerung zu bekränzen. Und während sie arbeiteten, sangen sie halblaut, als summten Bienen auf blumiger Wiese, althergebrachte Worte zu vorgeschriebenem Takt, wie der überlieferte Brauch es verlangte. Denn nur auf diese Weise schlang man mit den duftenden Fesseln geheimnisvolle Bande um all die Geister, die in Wäldern und Tälern hausten, und machte sie sich freundlich gesinnt. Es war ein Vers, der sich in wenig Takten zur Melodie entfaltete, um immer wieder zu einem eintönigen Beginn zurückzukehren. Hohe und tiefe Stimmen wechselten miteinander ab, als verfolgten sie einander, ohne ihren sehnsüchtigen Wunsch, einander zu erreichen, jemals erfüllen zu können. Dann und wann kam in unregelmäßigen Zwischenräumen und unbegründet ein rascher Übergang der Melodie und stieg wie ein Pfeil zum Himmel. Auch in diesem Jahre zogen die Mädchen, als der Abend sank, auf den Hügel, den die heilige Eiche krönte. Es war ein uralter Baum, dessen Stamm zwar nicht allzustark, doch knotig und hart wie Stein war. Mehrfach hatte der Blitz ihn schon getroffen. Jedes Mädchen trug in seiner linken Hand einen Eichenzweig, der vom vorigen Jahr in den Hütten aufbewahrt worden war. Auf der Höhe angelangt, schichteten sie die Zweige zu einem Stoß, den sie weinend und wehklagend anzündeten. Als die Flammen erloschen waren, schritten sie zweimal im Kreise um den Baum und sangen langsam und in klagender Art ihre Verse. Dann wurden die Girlanden, die sie vorbereitet hatten, an den Zweigen befestigt, und sobald dies geschehen war, umstellten die Mädchen wieder im Kreise den Baum und machten ihm mit vor der Brust gekreuzten Armen eine Reihe tiefer Verbeugungen. Sie neigten wiederholt den Oberkörper nach rückwärts und senkten ihn wieder vor, womit die Bewegungen des Baumes nachgeahmt wurden, der vom Winde geschüttelt wird. Im Augenblick, da die Sonne sank, pflückten sie grüne Zweige vom Baume, die sie, laute Freudenschreie ausstoßend, heftig durch die Luft schwenkten. Noch zweimal, jetzt aber in fröhlichem und raschem Takt, tanzten sie, einander an den Händen fassend, um den Baum, dann verließen sie, noch immer ihre Hände festhaltend, eine fröhlich bewegte, lichte Kette, den Hügel, um in das dunkelnde Tal hinabzusteigen. Mah, als die Jüngste, führte den Reigen. Efeu und Blumen zierten ihr Haar, um ihren schlanken Hals waren Narzissen und Veilchen geschlungen. Durch ihr halb geöffnetes Wams schimmerte die jugendliche Brust, so schwebte sie mit den geschmeidigen Beinen eines jungen Rehs, das bei jedem Schritt zu zögern scheint, ehe es das gebogene Bein auf den Boden setzt, wie die Verkörperung der grünenden Jahreszeit selbst, mit allen ihren frisch erblühten Reizen verführerisch über die Wiese. Als sie zum Flusse kam, erblickte sie unweit vor sich den alten Häuptling Rahi, der, auf einem umgestürzten Stamme sitzend, mit einem der Weisen sprach. Rahi blickte auf und der Schar der jungen Mädchen entgegen, die, immer noch singend, blumengeschmückt herankamen. Mah erschien ihm wie das Abbild der Jugend, die seine Sinne schon so lange vergessen hatten. Er sah sich wieder stark und geschmeidig mit behendem Fuß die Wälder durcheilend. »Ach,« seufzte er zu sich selbst, »wenn es jemand vermag, mir für kurze Zeit noch meine einstigen Kräfte zurückzugeben, so ist es nur dieses schöne, junge Mädchen.« Ein frischer Strom pochenden Blutes brauste jetzt fröhlich durch seine Adern. Die lichten Gestalten waren entschwunden, ihr fröhliches Lied verklang in der Ferne, und Rahi dachte immer noch an Mah, an ihren zögernden Schritt, an den kleinen Kopf, der auf dem schlanken Hals sich wiegte, an die Blumen in ihrem Haar ... Langsam, schwer auf seinen Stock gestützt, schritt er seiner Hütte zu. Wo er vorüberging, wichen die Leute scheu zur Seite. Man liebte ihn nicht, und er empfand dies schmerzlich, denn seit Jahren hatte das Leben für ihn keinen anderen Inhalt, als die Sorge um das Wohlergehen seiner Untertanen. Keiner kannte besser als er ihre Besorgnisse und ihre Leiden, doch vergeblich blieb er bemüht, sein Volk von ihnen zu erlösen. Die Ereignisse schienen seiner Zauberkraft zu spotten. Früh gealtert, lebte er einsam und erkannte verbittert seine Ohnmacht gegen die dem Stamme feindlichen Geister. Auf der hochgelegenen Terrasse, die er allein bewohnte, stand seine Hütte, die geräumiger war als die seiner Untertanen. Eine Renntierhaut schied sie in zwei Teile, den einen, wo er ruhte und seine Gäste empfing, und den zweiten, den außer ihm niemand betreten durfte. In ihm bewahrte er den Führerstab, den Herrschermantel und Kopfputz. Auf das Renntierfell waren gewisse regelmäßige Zeichen gemalt, deren Sinn außer dem Häuptling selbst und den Weisen niemand verstand. In diesen Zeichen, deren Ursprung man nicht kannte, lag die Macht über alle unsichtbaren Kräfte, die nur die Führer des Stammes besitzen. Nur die Weisen verstanden sie zu entziffern. Wenn einer von ihnen starb, wurde sein Nachfolger von den überlebenden in die Deutung eingeweiht. Nur zitternd wagte man an die Möglichkeit zu denken, daß alle drei Weisen gleichzeitig abberufen werden könnten, und auf diese Art die Söhne des Bären für ewige Zeiten jeder Herrschaft über die Welt der Geister beraubt würden. Ein altes Weib und ihr Sohn, ein Kind noch, sorgten für den Häuptling, unterhielten sein Feuer und bereiteten seine Nahrung. Rahi streckte sich auf sein Lager. Der Knabe legte frische grünende Zweige auf die Glut, um einen dichten Rauch zu erzeugen, der die Mücken verscheuchen sollte. Diese machten tatsächlich das Land seit den ersten heißen Tagen unsicher. Tausende wuchsen täglich heran, und ihre Schwärme verdunkelten manchmal den Himmel. Obwohl die Leute vom Flusse abgestumpft waren, schützten sie sich vor ihnen, indem sie vor den Hütten selbst im Sommer Feuer entzündeten. Das alte Weib kauerte vor seinem Herrn und rieb zart die Knöchel seiner Füße. Dabei erzählte sie mit tonloser Stimme Geschichten, auf die er nicht hörte. Schließlich schlief sie beim Klange der eigenen Stimme ein. Noch spät in der Nacht hing Rahi seinen Gedanken nach. Was waren seine letzten Jahre gewesen? Ein schwerer Kampf in der Einsamkeit, seine Frau seit langem tot, sein einziger Sohn von einem Bison getötet. Das Bild der strahlenden Mah durchzog seinen Sinn. Mit diesem schönen, frischen Geschöpf zur Seite würden auch seine Kräfte wiederkehren. Wer konnte es ihm verwehren, sie zur Frau zu nehmen? Er, als Häuptling, war der einzige, dem es gestattet war, sich mit einem Mädchen des eigenen Stammes zu verbinden. Allerdings waren solche Ehen nicht mehr üblich, und in einem Volke, bei dem die Zahl der Kinder im Schwinden war, bewahrte man die Mädchen für die Jünglinge. Doch in früheren Zeiten waren derartige Verbindungen nicht selten gewesen, und die Erinnerung daran hatte sich erhalten. Zweifellos würde es genügen, wenn er zu Timaki von seinem Wunsche spräche, damit Mah, sobald die Hochzeitsspiele, vor denen niemand ein Weib nehmen durfte, beendet waren, ihm feierlich zugeführt werde. Erregt durch diese Gedanken, fand Rahi keinen Schlaf. Er sah den funkelnden Morgenstern am Himmel aufgehen. Dann erst schlossen sich seine Augen. Mah erschien ihm auf den Hügeln. Sie lief, und ihm, dem Greise, fehlten die Kräfte, ihr zu folgen. Dieser Traum erregte ihn maßlos. Als er stöhnend die Augen öffnete, sah er einen der Weisen neben sich kauern, der nach der Ursache seiner Unruhe fragte. Ohne zu zögern, erzählte der Häuptling seinen Traum. Er war krank, weil ein Mädchen, das er zum Weibe begehrte, vor ihm floh, ohne daß er es einzuholen vermochte. Der Weise beruhigte ihn. Diesem erfahrenen Manne war es wohl bekannt, daß es bei dem Tode Rahis einen Kampf zwischen den Parteien des Stammes wegen der Wahl seines Nachfolgers geben würde. Sollte man allen schon vorhandenen Schwierigkeiten – dieses Jahr stand unter einem schlechten Zeichen – auch noch inneren Zwiespalt hinzufügen? Die Voraussicht gebot, daß man dieses unheilvolle Ereignis solange als möglich verzögerte. Man mußte Zeit gewinnen und dem mächtigen Führer jeden unnötigen Kummer ersparen, denn das ganze Volk lebt durch ihn, wie der Körper durch den Kopf. Darum sollte er Mah bekommen. Der Weise selbst würde die Sache mit Timaki ordnen.   Timaki war von dem Vorschlag des Häuptlings überrascht, doch er gefiel ihm. Keinen vernünftigen Mann konnte eine derartige Verbindung gleichgültig lassen. Er hatte die Vierzig überschritten, und mit zunehmendem Alter wächst der Ehrgeiz. Wenn der Häuptling noch einige Jahre lebte, wer würde ihm dann nachfolgen? Warum nicht sein Schwiegervater? Zwischen dem Weisen und Timaki wurde also die Angelegenheit geordnet. Als Timaki heimkehrte und die Sache mit seiner Frau besprach, machte es ihm wenig Mühe, sie zu überzeugen. Bahili hatte sieben Kinder zur Welt gebracht, und vier davon waren im Säuglingsalter gestorben. Sie wußte, wie hart das Los der Frauen war. Man mußte Kinder im Schoße tragen, sie nähren, unterweisen und kleiden und neben alledem noch für den Mann sorgen, dessen Ansprüche groß waren. Wenn er von der Jagd zurückkehrte, gab es nichts außer ihm! Wieviel tägliche Verdrießlichkeiten! Sie dachte, daß alle diese Mühen Mah erspart bleiben würden, denn der Häuptling wurde vom Stamme ernährt und erhielt von ihm alles, was er benötigte. Und überdies konnte sie ihre Tochter in der Nähe behalten. Dieser Umstand erfreute ihr Mutterherz. Ähnliche Gedanken entwickelte sie noch am gleichen Tage Mah, nachdem sie sich sorgsam vergewissert hatte, daß niemand aus der Nachbarschaft sie belauschen konnte. Wenn man erfahren würde, daß der Häuptling eine Frau suchte, würde es nicht wenige Familien geben, die ihm ihre Töchter antrügen. Sie besprach alles lange. Als sie innehielt, mußte sie mit Bestürzung erkennen, daß Mah ihr ohne Freude zugehört hatte, denn ihr erstes Wort war: »Der Häuptling ist alt.« »Er wird dich in Frieden lassen«, antwortete Bahili. »Ich habe mehr Erfahrung als du. Diese Heirat ist das Klügste, was es für dich gibt, du kannst es mir glauben.« »Ich will keinen Greis zum Mann haben.« »Du bist ein ganz albernes Geschöpf,« schloß ihre Mutter, »und ich bin nicht viel gescheiter, daß ich mich mit dir in Unterhaltungen einlasse. Du wirst einfach das tun, was uns richtig scheint.« Und sie versetzte ihr einen Puff, der die Unterredung beendete. Ein anderes Mädchen hätte geweint, und seine Mutter hätte es getröstet. Das erwartete auch Bahili. Mah aber weinte nicht. Ihr Gesicht blieb verschlossen und trotzig. Das brachte die gute Bahili ganz außer sich. »Was geht nur in den Mädchen von heutzutage vor,« dachte sie, »daß ihnen der Wille ihrer Eltern nichts mehr gilt.« Am Nachmittag des nächsten Tages begleitete Mah ihren Bruder, der fischen ging. Er war erst morgens mit geringer Beute von einer Jagd zurückgekehrt. Sie gingen ein wenig stromaufwärts und legten sich auf die Steine im Schatten der Weiden, deren Zweige bis ins Wasser hingen. Doch trotz des Stückchens Haut, das sie auf der Wasserfläche tanzen ließen, zeigte sich kein einziger Fisch. Sie gaben es endlich auf und streckten sich im Moose aus. Vielleicht würden die Forellen später in der Dämmerung aus ihren Löchern herauskommen. Es bestand tiefe Zuneigung zwischen Mah und No und selbst Zärtlichkeit. Er kümmerte sich viel um sie und liebte ihre Gesellschaft, obwohl die jungen Leute sonst ihre Schwestern vernachlässigten. Es war unter den Burschen üblich, zu tun, als verachte man die Mädchen, ihre Schwäche, ihre geringe Schnelligkeit im Laufen und die Abhängigkeit, in der sie von ihren Müttern gehalten wurden, die ihnen nicht gestatten, allein herumzustreifen. So tauschten sie mehr Spöttereien als Artigkeiten aus. Und wenn später, sobald die Knaben zu Männern heranwuchsen, andere Gefühle in ihnen erwachten, so waren es nur die Wälder rings um die Wohnstätten, die von diesem Geheimnis wußten. No sprach gerne mit seiner Schwester über alles, was er in den Nachtwachen von den Alten gehört hatte. Alles, was sie wußte, verdankte sie ihm. So hatte sie fischen gelernt und, so jung sie noch war, die Schwämme, Beeren und genießbaren Wurzeln erkennen. Auch von den Gewohnheiten der Tiere erzählte er ihr und zeigte ihr, wie man die Spuren der einzelnen zu deuten vermag. Schweigend lauschte Mah dem großen Bruder, dessen farbige Darstellung die Tiere lebendig vor ihrem Geiste erstehen ließ. An diesem Tage, da sie ihre Sorgen nicht zu zerstreuen vermochte, erzählte sie dem Bruder von dem Schicksal, das ihr drohte. Mußte sie wirklich, wie die Eltern es wünschten, jenem Greis als Weib folgen? Würde denn No zulassen, daß derartiges geschah? Das Herz der kleinen Mah floß über, und indes sie ihren Kopf zwischen den Armen barg, begann sie bitterlich zu weinen. Niemals noch hatte No sie so gesehen. Gerührt kam er näher zu ihr heran. Er zog sie an sich und streichelte sie liebevoll, um sie zu beruhigen. Und Mah fand so viel Süße in der Zärtlichkeit ihres Bruders, daß sie sich wohl hütete, ihr Weinen zu unterbrechen. No begann ihr zuzureden. »Warum weinst du, Mah? Ehe der Häuptling dich heiratet, vergeht ja noch so viel Zeit. Jetzt bist du hier bei mir, du wirst morgen bei mir sein und viele Tage noch. Warte doch mit dem Weinen, bis es an der Zeit ist. Rahi ist alt, er kann vorher sterben. Willst du, daß ich hingehe, ihm Angst zu machen? Ich nehme ein Wolfsfell um die Schultern und laufe auf ihn zu. Vor Schrecken wird seine Seele entfliehen ...« So sprach er allerhand Unsinn, um seine Schwester zu beruhigen. Mah wurde auch nach und nach stiller, und bei einem neuen Scherz ihres Bruders lächelte sie schon durch Tränen. Doch No wurde plötzlich ernst und begann zu überlegen. Er stand auf und ging bis zum Flusse hinab. Er nahm ein wenig Lehm von seinem Ufer. Zu Mah zurückgekehrt, begann er die feuchte Erde zwischen seinen geschickten Fingern zu kneten. Er formte auf diese Weise eine Figur, die einen Mann vorstellte. Er machte ihm eine hohe Frisur und gab ihm einen Stab in die Hand. Mah sah erstaunt, wortlos seiner Arbeit zu. Als er fertig war, flüsterte sie: »Der Häuptling!« »Du hast ihm seinen Namen gegeben«, erwiderte No mit gesenkter Stimme, obwohl sie allein waren. »Verbirg ihn an deiner Brust, Schwesterchen. Heute abend, wenn der erste Stern zu schimmern beginnt, durchbohre sein Herz mit einer Nadel. Dann muß er sterben.« Mah erschauerte. Würde sie dieses Verbrechen begehen? Sie schloß die Augen ... Rahi erschien ihr, runzelig, gebückt und zitternd ... Sie griff nach der Figur und hüllte sie in ein Ahornblatt. Schweigend blickten sie beide vor sich nieder. Was sie eben beschlossen hatten, brachte sie einander noch näher. Mah unterbrach die Stille, und ihre Worte waren der Ausdruck ihrer stummen Gedanken. »Die Liebe ist etwas Schreckliches«, sagte sie. »Auch die Tiere fühlen wie wir.« No sprach voll Ernst, denn dieses Thema beschäftigte ihn sehr, und er hatte darüber viel von den Weisen gehört: »Liebe ergreift Menschen und Tiere. Sie verursacht großen Kummer und vieles Blutvergießen. Des Nachts kannst du Katzen so herzzerreißende Schreie ausstoßen hören, als wären sie menschliche Wesen. Sie kratzen und quälen einander, wie Menschen, die von bösen Geistern besessen sind. Kein Hirsch läßt einen anderen in die Nähe seiner Weibchen. Die Auerhähne tanzen in den Wäldern vor ihren Hennen, wie wir vor den Mädchen, und die Bisons bekämpfen einander mit rasender Wut, wenn die Liebe sie überfällt. Vor einigen Monaten sah ich, als ich gegen Osten wanderte, zwei Bisonstiere miteinander kämpfen. Ich war auf einen Baum geklettert, und in ihrer blinden Wut haben sie mich nicht bemerkt. Sie hatten ihre Herde verlassen, und ein Weibchen war ihnen gefolgt. Gleich uns haben auch sie ihre bestimmten Kampfregeln, und wenn man ihnen zusieht, erkennt man, daß sie Wesen wie wir sind, und zum Leben nur eine Form gewählt haben, die nicht menschlich ist. Sie stampfen den Boden mit ihren Füßen, stürmen vor und weichen zurück und brüllen dumpf mit so unheimlichen Lauten, daß man glauben könnte, sie fordern einander in einer Sprache heraus, die nur wir nicht verstehen. Dann betrachten sie sich einen Augenblick und gehen aufeinander los. Ihre mächtigen Körper recken sich. Weder der eine noch der andere weicht zurück. Dann verlassen sie einander, entfernen sich ein wenig und stürzen von neuem vor. Den Lärm, den das Zusammenprallen der beiden Schädel verursacht, kannst du dreihundert Schritte weit hören. Es ist ein Wunder, daß der Stoß nicht die Köpfe spaltet. Niemals aber hat man einen Bison gesehen, der in solchem Kampfe den Tod fand. Ihre Hörner sind zu kurz, um schwere Verwundungen zu verursachen, doch bald triefen sie von Blut. Endlich, nach einem noch heftigeren Angriff, wankt einer von ihnen und bricht nieder. Wie ein Berg liegt er dann auf dem Boden. Der andere schlägt noch mit seinen Hörnern und Hufen nach ihm und läßt ihn liegen ... Dann geschieht, was man überall sieht, der Sieger entführt das Weibchen; sie verlassen die Herde und verbringen die Zeit ihrer Liebe in der Einsamkeit der Wälder.« »Wie glücklich ist so ein Weibchen,« sprach Mah, »denn der Stärkste, der Schönste ist es, der sie gewinnt.« »Wenn die Männchen alt werden,« erzählte No weiter, »dann kämpfen sie nicht mehr. Sie wagen es nicht, sich den Weibchen zu nähern. Einsam und kummervoll irren sie umher.« »Bei ihnen liegen die Dinge viel besser als bei uns«, seufzte Mah. »Nur bei den Menschen ist es möglich, daß ein Greis ein junges Mädchen zur Frau begehrt.« »Mensch bleibt Mensch,« schloß No altklug, »er steht über dem Tier, das seine Jagdbeute wird, und von dem er sich nährt.« Mah erhob sich. Für heute hatte sie genug geplaudert. Jetzt wollte sie spielen. »Machen wir einen Wettlauf, bevor wir heimgehen, dorthin bis zu jener Birke?« fragte sie No. »Aber du mußt mir zehn Schritte vorgeben.« Sie nahmen ihre Stellungen ein. Dann rief No plötzlich: »Los!« und flog, wie der Speer aus der Hand des Jägers. Mah schnellte wie ein Pfeil davon. No bewunderte sie entzückt, wie sie vor ihm herlief, daß man kaum ihre Füße den Boden berühren sah. Nicht weit vor dem Baum hatte er sie fast eingeholt. Sie zögerte, als sie die Schritte ihres Bruders knapp hinter sich vernahm. Mit halbgeöffnetem Mund und funkelnden Augen verlangsamte sie ihren Lauf. No nahm sie in seine Arme und preßte sie an sich. An seiner Brust fühlte er Mahs Herz so stürmisch pochen, wie das eines erschrockenen Vögleins, das man in der Hand gefangen hält.   In der Dämmerung erwartete Mah hinter einem Steinblock im Lager versteckt das Hereinbrechen der nächtlichen Finsternis. In ihrer linken Hand lag das Tonmodell, das ihr Bruder verfertigt hatte und dem sie durch den Namen ein geheimnisvolles Dasein gegeben hatte. Endlich blinkte der Abendstern auf. Mah hielt eine Knochennadel in der rechten Hand. Sie senkte sie mit einem einzigen Stoß an die Stelle des Herzens der Figur, die die sterbliche Hülle des alten Häuptlings beschwor. Der Lehm widerstand wie Haut und Fleisch eines lebenden Körpers und schloß sich dann über der Nadel. Mah bebte. Sie erwartete, daß Blut aus der Wunde quelle. Die Waffe durfte nicht vor dem nächsten Morgen herausgezogen werden.   Einige Tage vergingen. Mah war jetzt vollkommen ruhig. Das angewandte Mittel war unfehlbar. Nachdem die Nadel entfernt war, hatte sie die Figur in kleine Stücke zerbrochen und geheimnisvoll im Flusse versenkt. – Die Feierlichkeiten der Einweihung rückten heran, ihnen sollten die Hochzeitsspiele folgen. Dank der Jahreszeit vergaßen die Leute vom Fluß ihre Sorgen und dachten nur daran, sich der schönsten Tage des Jahres zu freuen. Es war wie eine Waffenruhe, und man war stillschweigend übereingekommen, an die Zukunft mit all ihren Bedrohungen nicht zu denken. Eines Morgens verbreitete sich die Kunde von Hütte zu Hütte, daß die Händler eingetroffen seien. Sie kamen fast jedes zweite Jahr, zu Beginn des Sommers, um die Felle einzutauschen, die die Jägervölker gesammelt hatten. Sie waren die einzigen Fremden, die wie Gäste empfangen wurden. Die Nachbarstämme, mit denen die Nachkommen des Bären in ständiger Berührung standen, waren ja von gleicher Rasse wie sie selbst. In den Adern der Händler aber rollte anderes Blut. Sie kamen aus weiter Ferne, und schon bei ihrem bloßen Anblick erkannte man, daß sie wunderbare Dinge erlebt haben mußten. Es waren große Männer, mit königlicher Haltung. Ihre Hautfarbe war matt, und schwarz wie die Nacht war ihr Haar und ihr gekräuselter Bart. Ihre mandelförmigen Augen glühten dunkel und heiß, und wenn sie sprachen, entzückte der warme Tonfall ihrer tiefen Stimme. Sie wohnten nach ihren Erzählungen hundert Tagemärsche weit, und ihre Reise dauerte also zwei Drittel des Jahres. Im Frühling waren sie ausgezogen, und vor dem Herbst würden sie nicht wieder heimgelangen. Auf ihrem Wege mußten sie Einöden ohne Wasser durchqueren, in denen Untiere lauerten, um sich vor Sonnenaufgang auf die Wanderer zu stürzen. Man kam durch Gegenden, in denen es Menschen gab, die den Kopf mitten auf der Brust trugen, und durch andere, wo den Leuten ein Schweif tief am Kreuz herabging, mit dessen Hilfe sie sich auf den Zweigen schaukelten. Hohe Berge hatten sie zu überwinden, zwischen denen die Nebel auf Befehl eines boshaften Dämons über den Abhängen der Schluchten hingen und dem Reisenden den Weg verbargen, daß er sich im Sturz die Knochen zerbrach. Wenn man alle diese Gefahren bestanden und durch Sprüche die Geister und Dämonen gebannt hatte, dann erst konnte man in das Land der Händler gelangen. Im Westen bespülte das unendliche Meer seine Ufer. Doch im Süden und Osten dehnten sich andere Länder, so das Reich der Glut und des Feuers. Der Sand brannte dort wie die glühenden Steine des Herdfeuers und stieg manchmal als Säule gegen den Himmel. Ein Baum entzündete sich plötzlich, und sein ersterbendes Schimmern erschreckte nachts den lauernden Jäger. Von dort nochmals hundert Tagemärsche weit wuchsen die Gewürze, die der Vereinigung von Tier und Blume ihr Dasein verdankten. Die Einwohner dieses Landes besaßen nur ein Auge mitten in der Stirne. Niemals verließen sie ihre Heimat. Sie ließen niemanden in ihr Land, um die kostbaren Produkte ihres Bodens zu kaufen, außer den Angehörigen eines benachbarten Stammes, die als Mittler zwischen ihnen und den Händlern dienten. Auf diese Art bezogen die Händler die Gewürze, die sie über die ganze Welt verteilten. Auch Muscheln führten die Händler mit sich. Die Leute vom Fluß begehrten sie leidenschaftlich, weil sie ihnen Freude machten und auch als Schmuck dienten. Gewiß besitzt der Duft der Gewürze, der unsichtbar in uns dringt, geheimnisvollen Reiz. Aber den Muscheln haftet ein nicht minder verborgener Zauber an. Wenn man sie dem Ohre nähert, beginnen die Geister, die in ihnen wohnen, vernehmlich zu summen, und die Händler erklärten, daß sie auf diese Weise das Geräusch des erzürnten Meeres nachahmten, dem man sie entrissen hatte. Alles dies erzählten die Händler in einer sonderbaren Sprache. Im Laufe ihrer vielen Wanderschaften hatten sie die wichtigsten Worte aus der Sprache eines jeden Volkes, das sie besuchten, erlernt. Sie verwendeten sie in ausdrucksvoller Art und erweckten Bilder, die man nicht wieder vergaß. Erstaunlich war auch an ihnen, daß sie von Männern begleitet waren, die sie ihre Diener nannten, die ihre Säcke trugen, ihnen das Feuer anzündeten und ihre Nahrung bereiteten. Wenn diese Diener nicht zur Zufriedenheit ihrer Herren arbeiteten, dann gaben sie ihnen Schläge, die diese, ohne sie zurückzugeben, hinnahmen. Unbegreiflich war dies den Leuten vom Fluß, für welche die Jagd Arbeit und Vergnügen war, die schönste aller männlichen Beschäftigungen, weil sie Gefahr enthielt und der Arbeit damit die Würze gab. Wozu brauchte man einen Diener? Und wenn man ihn auch gewünscht hätte, wo fand man ihn? Bei den Nachkommen des Bären, in denen das gleiche Blut, das des großen Ahnen, lebte, war die Pflicht des Mannes und sein Stolz: Frau und Kinder und die greisen Eltern zu ernähren. Sie bildeten ein freies, adeliges Volk. Und wenn die Händler berichteten, daß jeder von ihnen zu Hause zehn Diener habe, dann lachten die »Bären«. Wozu brauchen sie Diener? Waren sie denn Weiber, die sich ihre Nahrung nicht selbst beschaffen konnten? Diese Diener waren von schwarzer Hautfarbe, ihr Haar war gekräuselt, sie hatten wulstige Lippen und eine breite, eingedrückte Nase. Wenn sie lachten, zeigten sie weiße Zähne wie die eines Wolfes. Abends im Lager bei dem Feuer, das sie auch im Sommer anzündeten, sangen sie mit ihren weichen Stimmen so traurige Lieder, daß man den Gegensatz zwischen ihrem Lachen und ihrem Singen nicht genug bestaunen konnte. Es war, als würden zwei ganz verschiedene Menschen in ihnen leben. – No und Mah erwarteten die Händler immer schon mit Ungeduld. Neue Halsketten würden sie bekommen, schmücken würden sie sich können! Gingen Wünsche höher? Dennoch betrachtete No, wenn er auch gerne ihren Erzählungen lauschte und seine Jagdbeute vorteilhaft an sie abließ, diese Fremden mit ein wenig Geringschätzung, war doch ihre Lebensweise von der seinen allzu verschieden. Für Mah aber stellten sie das Schönste dar, was ihrer Phantasie Anregung gegeben hatte. Das Los dieser herrlichen Männer, welche die Welt, von ihren Dienern gefolgt, durcheilten, schien ihr beneidenswert. Sehnsüchtige Träume erweckten sie in ihr, und wenn sie fortzogen, dann folgte ihnen die Seele dieses Kindes und vergaß das Land und die Wohnstätten, in denen die Leute vom Fluß in Kälte und Feuchtigkeit lebten. Sobald die Händler sich in der Waldlichtung niedergelassen hatten, galt ihr erster Besuch dem Häuptling, dem sie die üblichen Geschenke, Perlmuttermuscheln und duftende Kräuter, überreichten. Nach Erfüllung dieser Pflicht befaßten sie sich mit ihren Geschäften. Eines Tages, kurz nach Sonnenaufgang, sah Mah einige der Händler in der Nähe der Terrasse. Es waren nur fünf, vermutlich hatten die anderen ihr Zelt noch nicht verlassen. Ein Schwarzer zog an der Spitze der kleinen Schar, und suchte den Weg in dem Geröll der Felsen. Hinter ihm ging Nachor, der Führer der Händler, ein beleibter großgewachsener Mann. Ihm folgten ein Jüngling, dessen schlanke, fast mädchenhafte Gestalt und breite Schultern ihr auffielen, und zwei schwarze Diener, die mehrere Säcke trugen. Am liebsten hätte Mah sie nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen. Eine plötzliche Überlegung hieß sie jedoch in die Hütte eilen. Sie nahm dort etwas Rot und Schwarz aus gehöhlten Steinen, einige Blumen, die sie am Tage vorher gepflückt hatte, und machte sich am Ufer des spiegelnden Baches schön. Akeleien und Narzissen steckte sie in ihr Haar, sie färbte den Bogen ihrer Lippen, und mit ein wenig schwarzem Staub unterstrich sie ihre Augen, die wie der Morgen leuchteten. Kaum war sie fertig geworden, als der Neger, der den Zug eröffnete – köstliche Überraschung! – schon bei ihr angelangt war. Furchtsam lief sie zunächst zu ihrer Mutter, um sie zu holen. Timaki hatte die Fremden kommen sehen; schon verneigte er sich vor ihnen, und sie erwiderten seinen Gruß mit großen Ehrenbezeugungen, ähnlich jenen, die die Mädchen tanzend vor der heiligen Eiche ausführen. Dann hockten sie vor dem Eingang der Hütte nieder, wo No, hochmütig und ganz vertieft ein Renntierbild in ein Stück Horn schnitzend, ihr Kommen nicht beachtete. Mah betrachtete sie halb verborgen. Ihre Kleider waren aus dem gefleckten Fell eines Tieres gemacht, das Mah nicht kannte, und besaßen einen ganz anderen Schnitt, als die der Leute am Fluß. Ihr Wams war länger und fiel faltig bis zu den Knien, was Mah ausnehmend gut gefiel. Um die Stirne trug Nachor ein Band aus aneinandergereihten Federn des Eisvogels, blau wie der Morgenhimmel im Hochsommer. Wenn man ihn nur betrachtete, verstand man schon aus der Art, wie er den Kopf zurücklegte und den Bauch gewichtig vorstreckte, daß dieser Häuptling der Händler ein bedeutender Mann sein mußte. Seine große Adlernase war wie der Griff eines Führerstabes gebogen, und sein buschiger Bart fiel in dichten Locken auf die Brust. Aber erst sein Sohn, der ihm folgte! Er besaß den Schwung und die Geschmeidigkeit des Farnkrautes, die leuchtenden Augen des Schneehuhnes und wiegte sich in den Hüften, gleich dem Schilfrohr am Flusse, wenn die Abendbrise darüber hinstreicht. Doch seine Schultern waren breit und mächtig wie die eines jungen Bisons. Mah stand sprachlos mit offenem Munde. Wie angezogen von diesem wunderschönen Jüngling kam sie zögernden Schrittes aus ihrem Verstecke hervor und blieb hinter ihrem Vater stehen. Nun sahen sie die Händler und blickten erstaunt auf die Schönheit ihres Antlitzes und die Anmut ihres Schreitens. »Mah!« sprach Nachor überrascht und neigte den Kopf gegen sie. Sie aber wußte sich vor Stolz kaum zu fassen, daß ein so mächtiger Mann sich ihrer und ihres Namens erinnerte. »Als ich sie das letztemal sah,« fuhr er fort, »war sie ein Kind, und jetzt finde ich sie als Blume wieder. Glücklich, wer sie pflücken wird!« Sein Sohn sagte nichts. Seit dem Augenblick, da Mah erschienen war, hatte er keinen Blick von ihr gewandt. Sie fühlte das süße, heiße Feuer seiner Augen, das sie durchflutete und sengend in ihr brannte. Sie zürnte ihm, weil er ihr Leiden schuf. Timaki hatte indessen die Zobelfelle aus ihrem Versteck geholt. Als man immer mehr vor den Händlern ausbreitete, rief seine Frau: »Ba! ba! ba!« als könnte sie ihre Bewunderung nicht bändigen. Nachor nahm die Felle in die Hand, befühlte sie und zog an ihren Haaren. Dann, nachdem er sie beiseite gelegt hatte, gab er einem Diener ein Zeichen, und dieser brachte einen schweren Sack herbei, den er vor ihn niederlegte. Der Händler öffnete ihn und zog die perlmutterschimmernden Muscheln hervor; sie glichen der Morgenröte an einem klaren Himmel. Dann wählte er mit größter Behutsamkeit eine Kette von rosa Muscheln, die ganz die Farbe frischerblühter Heckenrosen hatten. Er erhob sich, näherte sich Mah, verneigte sich vor ihr und ließ die Kette auf ihren Hals gleiten. »Dies ist die schönste, sie sei für dich«, sprach er. Timaki aber, ohne auch nur die Schätze Nachors anzusehen, nahm ruhig die Zobelfelle wieder zusammen und warf sie in die Hütte. Sie sprachen nun von anderen Dingen. Diese Gespräche mit den Händlern, die jeden Tauschhandel unterbrachen, waren bei den Leuten vom Fluß ungemein beliebt. Sie brachten ihnen einzige Kunde von Ländern, von denen sie nicht einmal eine Vorstellung hatten, wo diese gelegen waren. Die Leute vom Flusse hörten ernsthaft zu. Eine geheimnisvoll fremdartige Welt sandte durch den Mund dieser Händler ihr Raunen bis in die friedlichen Wohnstätten der Bärensöhne. Sie hörten von Wanderungen ganzer Völker über phantastische Entfernungen, gleich gewaltigen Strömen, deren letzte Welle vielleicht einst hier am Fuße der Terrasse ersterben konnte. Dann erzählten auch sie von ihrem Leben, das täglich mühsamer wurde, von den trügerischen Jahreszeiten, von dem Verschwinden der Renntiere. Sie erzählten lange, dann begann von neuem die Unterhaltung über den geschäftlichen Zweck des Besuches. Diesmal zog Nachor die Gewürze aus dem Sack. Bahili trat näher, legte eine Fingerspitze voll davon in ihre gewölbte Hand, führte sie witternd an ihre Nase oder kostete mit einem raschen Schlag der Zunge davon. »Ba! ba!« sagte jetzt der Anführer lächelnd. Sein Sohn, der den Namen Ophir trug, nahm aus der Hand eines der Diener ein rotbemaltes kleines Säckchen. Er trat zu Mah und überreichte es ihr mit liebenswürdiger Geste. Ein Duft stieg daraus hervor, stark und angenehm, den sie noch nie eingeatmet hatte. Sie blieb stumm, mit halbgeschlossenen Augen. Ophir wiegte sich vor ihr in den Hüften. Er trat noch einen Schritt näher. Sein Vater, Timaki und Bahili waren in ihre Geschäfte vertieft und beachteten sie nicht. Ophir strich mit der Hand über den Rücken Mahs, streifte mit den Fingerspitzen die Renntierweste, und glitt vom Hals, den er leicht berührte, bis zu den Lenden, während aus seiner Kehle ein leichtes Geräusch wie das Girren eines Taubers klang. Mah fühlte durch ihre Kleidung die Liebkosung auf der Haut. Ihre Beine begannen zu zittern. Es war fast nicht zu ertragen. Und doch hätte sie gewünscht, daß es ewig währe ... Das Feilschen hinter ihnen dauerte indessen an. Die Zobelfelle lagen ausgebreitet neben der Hütte. Die Säckchen aus Rattenhaut mit ihrem duftenden Inhalt standen vor Bahili in Reih und Glied. Jetzt ließ auch No seine Arbeit und mengte sich in den Handel. Der Kopfputz des Anführers gefiel ihm über alles. Die Reflexe des Sonnenlichtes in den Federn ließen bald die tiefblaue Farbe des Morgenhimmels, bald die Schattierungen eines prächtigen Sonnenunterganges erstehen. Nachor bewahrte seine überlegene, zufriedene Miene. Er sprach viel. Timaki blieb schweigsam. Bahili versorgte sich mit Gewürzen. Im Fieber des Geschäftes beachtete niemand die jungen Leute, die sich entfernt hatten. Ophir sprach mit leiser Stimme auf Mah ein. Schwach klang ihr »Nein, nein«. Zwanzigmal war indes der Handel vor der Hütte knapp vor dem Abschluß wieder auseinandergegangen. Endlich zeigte Nachor noch eine aus den Wirbelknochen einer Schlange gefertigte Kette, die so gleichmäßig gearbeitet war, daß man eine von der anderen nicht hätte unterscheiden können. Er fügte sie seinen Säckchen hinzu. Damit war der Handel geschlossen. Der Führer der Händler sprach jetzt zu Timaki: »Du hast mich ganz ausgeraubt, mein Freund. Ich bin jetzt arm. Es bleibt mir nichts übrig, als nach Hause zurückzukehren. Doch höre zu, Timaki, wir kennen uns schon seit so langer Zeit, und du wirst mich nicht täuschen. Sage mir, ob du nicht noch ein Fell versteckt hältst, das seltener ist als diese hier.« Timaki erwiderte nichts. Nachor wurde daraufhin nur noch eifriger. Er warf sich halb ernst, halb scherzend vor Timaki auf die Knie. Er umarmte ihn, tat, als ob er weinen würde, und brachte Timaki zum Lachen. Schließlich trat Timaki in die Hütte und kam mit dem Fell eines Silberfuchses zurück, das er wortlos ausbreitete. Noch nie hatte Nachor ein solch prächtiges Stück gesehen, und staunend verstummte er. Als er sich wieder gefaßt hatte, zog er vom Grunde des Sackes ein Halsband von eigenartigem Geschmack hervor; über einer Reihe von rosa Muscheln lagen zwei Reihen Wirbel eines Hechtes, beide wurden in gleichen Abständen von wunderbar regelmäßigen Hirschzähnen unterbrochen. Timaki aber ging nicht darauf ein. Endlich, nach langem Zieren, nahm Nachor aus einem Hermelinsäckchen eine Muschel von der Größe einer Hand, mit gewundenem Gang und von einer Spitze zur anderen gespalten. Sie war fleischfarben, aber durch den Spalt sah man das Innere der Muschel, das blutrot gefärbt war. Timaki, Bahili und No betrachteten sie staunend. Wer von den Leuten des Flusses konnte sich rühmen, einen solchen Schatz sein eigen zu nennen? »Es ist das Kostbarste, was ich besitze«, sprach der Händler. »Diese Muschel stammt nicht aus unserem Meere, sondern aus jenem, das – wie man erzählt – gegen Sonnenaufgang zu das Land der Gewürze bespült. Jene, die sie zu uns brachten, haben auf ihrer Reise zwölfmal den Vollmond am Himmel aufgehen und verschwinden gesehen. Nie dachte ich, mich von ihr zu trennen. Jetzt liegt sie hier vor deinen Füßen. Nimm sie und sprich kein Wort, denn mein Herz blutet.« Er seufzte. Ein Schweigen entstand. Dann ließ Timaki den Silberfuchs los und bemächtigte sich der Muschel. Nachor zeigte noch immer seine bekümmerte Miene, doch im Innern war er überaus befriedigt. Auf seiner ganzen Reise hatte er nirgends so gut bearbeitete Zobelfelle gesehen. Und erst der Silberfuchs! Das war ein wunderbares Stück. Wie mochte es nur diesen Frauen, Bahili und der kleinen Mah, gelingen, die Felle, die sie bearbeiteten, so wundervoll geschmeidig zu erhalten? Da lag ein Geheimnis versteckt, dessen Preisgabe wohl manches Opfer wert wäre! Er hob den Blick und sah seinen Sohn, der zu Mah geneigt stand, die zu ihm auflächelte. Und da wußte er, daß es nicht allzu schwer sein werde, dieses Geheimnis und obendrein noch das Mädchen selbst zu erringen. Gewachsen wie sie war, würde sie ihm schöne Enkel schenken. Doch dies war eine andere Sache als die Geschäfte, die er täglich abschloß. Es konnte Schwierigkeiten geben. Die Leute vom Fluß waren von Hochmut geschwellt. Wer nicht Jäger war, zählte in ihren Augen nicht. Die Sache wollte reiflich bedacht sein, nur mit List konnte sie gelingen ... Als er eben von Timaki Abschied genommen hatte, fiel sein Blick auf das Stückchen Horn, in das No ein kniendes Renntier geschnitzt hatte. Zerstreut nahm er es in die Hand, um es zu betrachten. Niemals noch hatte er Ähnliches gesehen. Keines von all den Völkern, mit denen er Handel trieb, war jemals auf den Gedanken gekommen, lebende Tiere darzustellen. Was waren das doch für sonderbare Leute hier am Fluß! Sie waren geschickt und hatten wunderbare Einfälle. Dieser No, dem man nicht zugetraut hätte, daß er für etwas anderes als für die Jagd tauge, setzte sich da einfach hin und schnitzte ein Renntier – es war nicht zu verkennen. Der Händler betastete das Stückchen Horn erstaunt und erfreut. Und nach und nach begann sich in seinem Kopfe der Gedanke festzusetzen, daß dieses Ding vielleicht irgendeinmal – man wußte nicht wo und man wußte nicht wann – ein wertvolles Tauschstück sein könnte, ebenso wie ein schönes Pelzwerk ... Er sprach zu No: »Überlaß mir dieses Renntier.« No begann zu lachen: »Aber du bist doch kein Jäger, was willst du damit anfangen?« Der Händler fuhr fort: »Ja, ich habe manchmal meine Gedanken, die oft seltsam sind. Ich möchte dieses Renntier gerne besitzen.« »Nun gut, aber dann gib mir deinen Federschmuck dafür«, erwiderte No, immer noch lachend. »Meinen Federschmuck? Meinen Federschmuck!« wiederholte der Händler. »Du bist wohl nicht bei Verstand! Meinen Federschmuck!« Er betrachtete nochmals das Renntier und nahm dann, zur höchsten Verwunderung Nos, der all dies nur als Scherz betrachtet hatte, sein Federnband vom Kopfe und reichte es ihm. »Hier,« sprach er, »du richtest mich zugrunde. Nichts bleibt mir mehr. Aber da du der Sohn meines Freundes bist, soll dein sein, was du dir wünschest.« Schon war das Stückchen Horn in einem der Säcke verschwunden. Nun erhob sich der Händler. Er kam zu Mah und überreichte ihr ein duftendes Säckchen. »Ein kleines Geschenk für das schönste Mädchen.« Er faßte ihre Hand und drückte sie an sein Herz. »Wir werden uns noch sehen«, fügte er hinzu. Dann verließen sie die Terrasse und kehrten nicht mehr zu der Hütte Timakis zurück. Am nächsten Tage, in der Dämmerung, betrat Ophir, von Osten kommend, einen nahen Fichtenhain. Kurze Zeit darauf drang, diesmal von Westen, ein Mädchen in den Hain, das Mah erstaunlich ähnlich sah. Sie schien das Wäldchen nur zu durchqueren und schloß sich bald nachher wieder ihren Freundinnen an. Einen Tag später erfuhr man, daß die Händler im Morgengrauen gegen Süden fortgezogen seien. Und am Abend dieses Tages sagte Mah zu ihrer Mutter, daß sie vor Sonnenaufgang die Hütte verlassen werde, da die Mädchen des Stammes eine Blume suchen wollten, die man nur zwischen dem Erscheinen des Morgensternes und Sonnenaufgang pflücken dürfe. Sie würden alle tagsüber in den Fluren bleiben. Sie sollten den jungen Leuten nicht begegnen, die heute abend zu den feierlichen Prüfungen der Einweihung hinausziehen würden. Mitten in der Nacht, als noch alles schlief, erhob sich Mah. Am Eingang der Hütte blieb sie einen Augenblick stehen. Sie schritt nochmals zu No zurück, beugte sich über ihn und versuchte sich trotz der Dunkelheit seine geliebten Züge – zum letztenmal – einzuprägen. Zu ihrem großen Erstaunen bemerkte sie, daß Nos Augen weit offen und auf sie gerichtet waren. Zart legte sie ihre Hand auf seinen Mund, um ihn am Sprechen zu hindern. No zitterte im Fieber, denn seit zwei Tagen schon hatte er fasten müssen. In seinem wirren Geiste wußte er nicht, ob es wirklich seine Schwester oder ein Geist sei, der Mahs Gestalt angenommen hatte und ihn im Schlafe aufsuchte. Aug in Aug mit pochendem Herzen blickten sie einander stumm an, ohne sich zu rühren. Plötzlich fühlte No heiße Tränen auf seine Stirne fallen. War dies ein Traum? Er schloß für einen Augenblick die Augen. Als er sie wieder öffnete, war die Erscheinung verschwunden. Er war allein. Mah indessen schlich wie ein Schatten über die Terrasse. Mondlose Nacht begünstigte sie. Sie stieg den Pfad zwischen den Felsbrocken abwärts. Wer sie gesehen hätte, wie sie lautlos dahinglitt, hätte geglaubt, einen Geist vor sich zu haben und wäre erschreckt geflohen. Doch wer aufmerksam gelauscht hätte, würde die schweren, stockenden Schläge eines unruhigen Herzens vernommen haben. Nahe bei dem Flusse wich Mah den Wohnstätten aus, nahm den Weg durch ein rechtsliegendes Tal und erreichte bald einen Hügel. Eine Gestalt löste sich vom Stamme eines Baumes und schritt auf sie zu. Eine Hand faßte nach der ihren. Beide liefen, den Nordstern im Rücken lassend, Hand in Hand durch die laue Nacht. Gegen Mittag erreichten sie den großen Strom, der gegen Westen fließt. Da sie nirgends ein Boot fanden, durchquerten sie ihn schwimmend, ihre Kleider mit der ausgestreckten Hand über den Kopf haltend. Am gleichen Abend noch hatten sie die kleine Karawane der Händler eingeholt. »Du sollst meine Tochter sein,« sagte der Anführer der Kaufleute, »und meine Familie sei auch die deine.« Langsam setzten sie ihren Weg fort. Was hatten sie auch zu fürchten? Bei den Leuten am Flusse hatte das Einweihungsfest begonnen. Kein einziger Mann konnte während eines Monats den Stamm verlassen.   Beim Abenddämmern bildete sich ein Zug auf der Wiese vor der Terrasse des Häuptlings. Die jungen Burschen von achtzehn Jahren und diejenigen, die erst im Sommer dieses Alter erreichen sollten, waren versammelt. Wer konnte sich noch an die Zeiten erinnern, da die Nachkommen des großen Bären, zahlreich wie die Nadeln der Tanne, alljährlich dreihundert Burschen zu Männern weihten! Nur eine Handvoll Jünglinge war jetzt die Blüte und die ganze Hoffnung des Stammes. Oh, daß sie nur rasch zu wehrfähigen Männern würden, Hüter der Traditionen des Volkes! Oh, daß sie den bedrohten Stamm retten könnten! Doch welche Prüfungen mußten zuvor ertragen werden! Sie standen da, zwanzig an der Zahl, groß und kräftig, obwohl durch dreitägiges Fasten abgemagert. Nur ihre Mütter waren bei ihnen und einige Männer über vierzig Jahre. Sie ordneten sich jetzt zu einer Reihe. Jeder der Alten ergriff die vorgestreckte Rechte eines Jünglings, die linke Hand blieb der schluchzenden Mutter, die rückwärts stand, überlassen. Herzzerreißend waren die Klagen dieser unglücklichen Frauen. Sie beweinten ihre geliebten Kinder, die ihnen entrissen werden sollten, als würden sie in den Tod geführt; sie beschworen sie, nicht von ihnen zu gehen. Diese zogen indessen langsam gegen ein wenig entferntes Wäldchen. Sie machten drei Schritte, blieben stehen, als zögerten sie furchtsam und schritten wieder mutig vor. So zeigten sie das Zögern des Mannes vor einer gefährlichen Aufgabe, die ihn sein Leben kosten kann. Und weiterschreitend sangen sie einen männlichen Hymnus, in dem sie schworen, in allen Gefahren treu zusammenzustehen. Auch die Mütter skandierten ihre Klagen nach überliefertem Takt. Als der Zug am Waldessaum angelangt war, schritten die Jünglinge allein weiter. Die Alten blieben schweigend zurück; sie hatten ihre Pflicht erfüllt. Die verlassenen Mütter aber liefen wirr durcheinander, rauften sich die Haare, jammerten und übertrafen sich gegenseitig, die Verdienste ihrer Söhne, die sie verloren hatten, zu rühmen. »Wehe, wehe, wehe! Wo ist er hin? Wer bringt ihn mir zurück? Niemals werde ich ihn wiedersehen! Nicht in zehn langen Menschenleben findet sich seinesgleichen!« Erst mit Einbruch der Nacht kehrten sie zu ihren Hütten zurück. Hier blieben sie zusammengekauert am Rand der Terrasse hocken. Sie blickten starren Auges nach dem Wäldchen, in das ihre Söhne verschwunden waren. Manchmal drang ein fürchterlicher Schrei von dort herüber, dann erzitterten und weinten sie. Gegen Mitternacht versetzte sie ein unfaßbares Schauspiel in Schrecken: aus den Bäumen stiegen kleine, feurige Kugeln zum dunklen Himmel auf, beschrieben einen Bogen und verschwanden! Es waren die Seelen ihrer Söhne, die deren vergängliche Körper verließen, und dieses sichtbare Zeichen vom Tode der Kinder steigerte die Klagen der Mütter. Zwanzig Seelen konnte man zählen, die in den Raum emporflogen: das Schicksal hatte sich erfüllt. Düster und schweigsam verschwanden die Frauen in ihren Wohnstätten. – Allein gelassen, hatten die jungen Leute einen Weisen getroffen, der sie erwartete. Unter seiner Führung gelangten sie zu einer Lichtung am Fuße jener Felsen, in denen die heilige Grotte versteckt lag. Es war schon verbotener Boden, den sie jetzt betraten. In der Dunkelheit schien es, als ob der Hang vor ihnen, dem sie noch niemals so nahe gewesen waren, bis zum Himmel reichte. Ein roter Punkt strahlte vierzig Armlängen hoch über ihnen. Hier legten sie sich in einer Reihe auf den Boden, die Beine gegen Süden, das Gesicht dem Nordstern zugekehrt und zehn Schritte einer vom anderen entfernt. Die beiden Äußersten der Reihe erhoben sich und umkreisten laufend die anderen. Derjenige, der in der Richtung von Osten nach Westen lief, kam vor den reglos Liegenden vorbei, der zweite hinter diesen. So verfolgten sie einander, ohne sich jemals zu erreichen, darauf bedacht, daß ihr Lauf gleichmäßig bliebe. Nachdem sie die ganze Strecke achtundzwanzigmal vollendet hatten, nahmen sie atemlos wieder ihre Plätze ein, und nun war an den Nächstliegenden die Reihe, die Bahn der Sonne und des Mondes während eines Monats zu versinnbildlichen. Ein Jahr wurde auf diese Weise beschrieben. Als sie innehielten, war es schon Mitternacht. Nach einer kurzen Ruhe begannen sie den heiligen Tanz, der die Bewegungen des großen Ahnen nachahmte. Zuerst wiegten sie, auf allen Vieren, den Kopf bald nach rechts, bald nach links. Dann sprangen sie auf und kamen mit dumpfem Brummen aufeinander zu. Manchmal ertönten Schreie, man wußte nicht woher. Sie achteten ihrer nicht. Sie tanzten und hatten die Zeit vergessen, ihre Müdigkeit, ihr dreitägiges Fasten und die Prüfungen, die sie noch zu bestehen hatten. Sie bemühten sich, alle Bewegungen des Bären getreu nachzumachen, seinen Gang, seine Haltung. Durch die Wesenstreue ihrer Gebärden hielten sie sich schließlich wirklich für Bären. Schon zeigte sich der Morgenstern. Der Weise gebot ihnen Einhalt. Sie sanken zu Boden und lagen nun in zwei Reihen geordnet, das Gesicht aufwärts gekehrt, so starr und unbeweglich, daß man hätte glauben können, sie seien tot.   Dum ... Dum... Dum ... Was tönt so dumpf an Nos Ohr? Seine Augen betrachten den Himmel, der schon bleich zu schimmern beginnt. ... Dum ... Dum ... Dum ... Ist's der fiebernde Pulsschlag, der so hämmernd dröhnt? Mühevoll wendet No den schweren Kopf. Seine Gefährten liegen neben ihm gereiht und bewegen sich kaum. Feierliche Stille herrscht. No fürchtet sich. Und da kommt es auf ihn zu, ein Gespenst, aus den fliehenden Schatten der Nacht geboren. Schwarz von Antlitz, Augen, die bis zu den Ohren reichen, ein weitgeöffneter Mund, der das ganze Gesicht beherrscht ... Bis zum Gürtel fällt der Bart... Es schwingt ein Stück ausgehöhlten Holzes in seiner Hand, ein Fell ist darübergespannt. Darauf schlägt es mit einem Pferdeknochen. ... Dum ... Dum ... Dum ... So schlägt es seine Trommel und mit ruckweisen Bewegungen umkreist es die Reihe der Liegenden. Jetzt beschleunigt es seine Schritte, es hüpft, es ist beinahe ein Tanz. Und nach jedem Schlag auf das Fell folgt ein kräftigerer auf die Brust des nächstliegenden Jünglings. Dum ... tönt dumpf die Trommel.. . Dum ... tönt dumpfer noch die getroffene Brust. Doch kein Muskel am Körper zittert. Sind es Tote, die das Gespenst martert? Viermal macht es die Runde, viermal schlägt es. ... Dum ... Dum ... Dum ... Und es verschwindet. Reglosigkeit, Stille. Selbst Seufzen ist verboten. Was naht jetzt von einem anderen Felsen? Ein Geist der Unterwelt. Wie ein spitzes Dreieck wächst sein Kopf aus der Brust empor. Sein Schädel trägt zwei knotige Hörner des Steinbocks, ein Mosaik von schwarzweißen Würfeln stellt sein Gesicht dar. Dieser Dämon schwingt eine Gerte, deren enggegabeltes Ende feurige Glut umfaßt. Er tanzt durch die Reihe der erstarrten Leiber. Und plötzlich fährt seine feurige Gerte auf die rechte Schulter Nos nieder. Das Fleisch zischt. Doch der tapfere No läßt keinen Laut hören. Hat er die Brandwunde wohl überhaupt verspürt? Nach und nach erhält jeder der Jünglinge sein brennendes Zeichen. Und ein zweites Mal tanzt der Dämon, und ein zweites Mal werden die Reglosen – jetzt links – gezeichnet. Geräuschlos verschwindet er in den Felsen, aus denen er aufgetaucht war. Die Zeit enteilt wie das Wasser des Flusses. Eine formlose Gestalt erscheint. Zu jedem der Liegenden neigt sie sich nieder, und eine Stimme, die keinem menschlichen Wesen angehören kann, spricht: »Jetzt kommt das Sterben.« Und sich noch tiefer neigend, ritzt sie mit einem scharfen Stein über den Hals des Reglosen, an jener Stelle, wo die Jäger einem in der Falle gefangenen Wild den Hals durchschneiden. Das Blut quillt hervor. Aus einem Holzgefäß träufelt die Erscheinung dem Jüngling eine bittere Flüssigkeit in die Kehle. »Jetzt kommt das Sterben«, wiederholt sie. Der Jüngling fühlt das Leben durch seine Lippen entfliehen. – Die Sonne steht tief am Horizont. No blinzelt aus halbgeöffneten Augen. Er ruht auf einer Terrasse. Er wendet den Kopf, die Wunde am Halse schmerzt. Er erblickt, weiß wie Leichen, seine Gefährten neben sich, auch ihr Hals ist durch eine blutende Wunde zerfetzt. Ihre blicklosen Augen sind weit geöffnet. Die Gedanken entflattern No wie scheue Fledermäuse. Sie schweben über Zeit und Raum und entführen ihn durch Unendlichkeiten bis in jenes ferne Land, wo der Ahne zu einer so weit zurückliegenden Zeit geboren wurde, daß selbst die Weisen, die aus den Sternen zu lesen verstehen, sie nicht zu berechnen vermögen. Dort sieht sich No als Sohn jenes allmächtigen und schlauen Bären. Er rettet sich an die Brust des Ahnen, wie ein Kind in den Schoß der Mutter. Alles ist jetzt friedlich und schön ringsum ... Ein kalter Hauch trifft seine Stirne. Eine Stimme dröhnt: »Bist du gestorben, so erwache, um neu geboren zu werden!« Und eine Flüssigkeit wird zwischen seine starren Lippen geträufelt. Er öffnet die Augen. Er ist geblendet. Strahlendes Licht erfüllt eine enge Höhle. Im Hintergrunde erblickt er ihn selbst, den großen Ahnen, in jener Gestalt, die er angenommen hat, um ewig über seine Söhne zu wachen. Vor ihm stehen, sich neigend, die drei Weisen in ihrem festlichen Gewand. Jeder hält eine Bärentatze in der Hand. Hinter dem Ahnen aber reihen sich, soweit der Blick reicht, alle eingeweihten Männer des Stammes, wunderbar bemalt, die Augen vergrößert, den Bogen der Augenbrauen schwarz, die Schultern und das Gesicht rot bestrichen. Zobel und Silberfuchs zieren ihre feierliche Kleidung. Adlerfedern krönen ihren Haarschmuck. Sie singen einen fremdartig wilden Chor, in dem regelmäßig zwei Worte dumpf erklingen: »Die Bären.« Dann unterbrechen sie sich und lassen ein fürchterliches Brummen ertönen. Die ganze Hütte widerhallt davon. No ist ganz ergriffen. Die Schmerzen, die er erdulden mußte, Angst und Müdigkeit, das Getränk, das einschläferte und jenes, das ihn erweckte – er war vollkommen entrückt gewesen. Jetzt erhebt er sich, er erwacht zum Sohn des Bären, und seine kräftige Stimme mengt sich in den Chor der Männer. Seine jungen Genossen ahmen ihn nach. In der heiligen Grotte gibt sich eine einzige Seele kund. Langsam ermattet das Licht. Hie und da noch knistern getrocknete Kräuter, die sich entzünden und wieder verlöschen. Dann ist es Nacht. Eine schwere Wolke von Düften hüllt die Jünglinge ein. Die Beine zittern, sie wanken. Einer nach dem anderen verliert das Bewußtsein und fällt nieder.   Beim Erwachen findet No sich wieder auf jener Terrasse, auf der er schon die Augen geöffnet hatte. Ist's zwei Tage, ist's länger her? ... Sicherlich war es in einem früheren Leben ... Was ereignete sich seither? War er selbst in der heiligen Grotte gewesen? Oder war es ein zweites Ich, das dem Ahnen gegenübergestanden hatte? Ein Weiser tritt heran, um ihn zu waschen. Die Kalkmilch, mit der No bedeckt war, und die ihm die Farbe einer Leiche gegeben hatte, wird jetzt, da er zu neuem Leben auferstand, wieder entfernt. Der Weise verbindet den Riß am Hals und die beiden Wunden auf den Schultern. Durst peinigt No. Der Weise flößt Wasser in seinen Mund, dem Honig und auch Beeren beigemengt sind; langsam macht er ihm die Bewegung des Kauens vor, um diesen neu Geborenen zu lehren, wie man ißt. No fühlt seine Kräfte wiederkehren. Eine neue, sonderbare Handlung beginnt, die einen tiefen Eindruck bei den Jünglingen hinterläßt. Zu jedem der Eingeweihten treten zwei Alte. Sie fassen den Ruhenden unter den Schultern und stellen ihn auf. Sie singen wie die Mütter zu ihren Kleinen: »Eine, zweie – Kindlein fällt, Eine, zweie – Kindlein geht.« Nach diesem Rhythmus erfassen die Alten das rechte Bein des Eingeweihten, tragen es vor und setzen den Fuß auf den Boden. Dann stoßen sie »ihr Kind« und lassen es vorwärts stolpern. Ins Gleichgewicht gebracht, folgt der gleiche Vorgang mit dem linken Fuß. So lernt der Wiedergeborene das Gehen. Seltsam schwankt die Reihe der jungen Leute auf dem sandigen Hange. Die Bewegung verstärkt sich. Bald lassen die Alten die Eingeweihten allein, diese zögern noch alle drei Schritte und stolpern. Sie sind den ganzen Morgen marschiert. Sie halten an. Ein Weiser nähert sich dem an der Spitze schreitenden No. Mit dem Finger deutet er auf ihn und sagt: »Du bist No.« »No?« erwidert dieser erstaunt. »Du bist No«, wiederholt der Weise und geht zum nächsten.   Im Abenddämmern – es ist der dritte Tag – wird No mit einigen Gefährten in die heiligen Grotten geführt, denn es gibt deren zwei, die einige tausend Schritte weit auseinanderliegen. Immer vier Jünglinge gemeinsam treten ein. Denn vier ist dem Stamme eine glückbringende Zahl; hatte der Ahne nicht vier Söhne und vier Töchter? Von ihnen stammen die unzähligen Söhne des Bären, welche die Welt mit ihrer Tapferkeit erfüllten. Jeder der jungen Leute trägt eine Fackel. Langsam gelangen sie durch den engen Felsspalt. Dort, wo er sich zur Grotte erweitert, werden die Fackeln in den Vertiefungen der Felsen befestigt und erhellen den ganzen Raum. Mit erstaunlicher Lebendigkeit sind ringsum an den Wänden all die Tiere, die die Leute vom Fluß zu jagen gewohnt sind, in ihren bekannten Stellungen und Bewegungen abgebildet. Durch geschickte Ausnutzung der Vertiefungen und Vorsprünge des Gesteins gibt ihnen die mit Meisterschaft verwandte Farbe den Anschein wirklichen Lebens. Hier liegt der Ursprung der magischen Kraft, mit der die Abkömmlinge des Bären über die Tierwelt, die ihnen untertan ist, herrschen, und deren Bilder das Geschick der Tiere mit dem des Stammes verketten. No betrachtet sie bewundernd. Hier die Bisons; die einen scheinen in Ruhe nachzusinnen, die anderen spielen und springen umher; wieder andere fliehen vor ihren Verfolgern. Galoppierende Pferde erblickt er und drohende Stiere. Ein Renntier beschnuppert, den Hals gestreckt, sein liegendes Weibchen. Auf den Felsen grasen friedlich Mammute mit listigen Augen. Keines ist vergessen, weder das zweihörnige Rhinozeros in seinem Pelz, noch die gefürchtete Katze. Ja, alle sind hier durch die Kunst, die die Söhne des Bären auszeichnet, vereinigt. Es gab in der Tat kein anderes Volk, das den Geist und das Talent gehabt hätte, die Tiere derart naturgetreu abzubilden und sie dadurch in zauberhafte Bande zu verstricken. Denn ebensowenig wie ihr Bildnis die Felswand zu verlassen vermag, sind sie selbst nun nicht mehr frei, um aus eigenem Willen aus den Jagdgründen des Stammes zu fliehen. Vor jedem Tier spricht der Weise die alten Formeln. Dreimal sagt er sie vor, dreimal werden sie von seinen Jüngern wiederholt. Nichts ist in der ganzen Einweihungsfeier wichtiger. Ohne diese Sätze sind die Bilder nur zwecklose Darstellungen, und von den Bildern getrennt, werden aus den Formeln nur sinnlose Worte. Der Fähigkeit beraubt, die einen zu malen und die anderen auszusprechen, würde der Mensch ein Unseliger sein, ein Spielball der feindlichen Mächte. Niemals würden die Leute vom Fluß ihre heiligen Grotten verlassen, in denen die geistigen Kräfte des Stammes ruhen. Die Männer unter ihnen, die die Gabe haben, die Tiere so darzustellen, zählen zu den ersten im Stamme, und jeder achtet sie. No denkt mit Stolz, daß er eines Tages zu den Bildern an diesen Wänden eines hinzufügen wird. Mit andächtiger Aufmerksamkeit lauschen die jungen Leute den Worten des Weisen und bemühen sich, sie zu behalten. Ihr eigenes Leben und das Bestehen des ganzen Stammes hängt davon ab! Endlich verlassen sie, trunken von Stolz und erfüllt von ihrem neuen Wissen den heiligen Ort. Jetzt sind sie Männer geworden, bereit, ein neues Leben zu beginnen. Eine zweite Gruppe von vier Jünglingen löst sie ab. No mit seinen Gefährten verbringt den Rest des Tages in der anderen Grotte. Abends vereinigt eine feierliche Versammlung alle jungen Eingeweihten mit den Weisen des Stammes. Sie haben bis jetzt fern von den Frauen gelebt, aber bald werden sie sich verheiraten. Sie werden dann erfahren, daß der Mann nicht nur mit den Tieren zu kämpfen hat, die ihm als Nahrung dienen, nein, auch mit der Gefährtin an seinem Herdfeuer. Die Fallen und Schlingen, die sie ihm legt, sind schwieriger zu vermeiden, als die Listen und Angriffe der Tiere. Oder aber ermüden ihn diese unersättlichen Weibchen, verweichlichen ihn und hindern ihn in seiner Beschäftigung. Oder sie nützen sein Fernsein, um sich mit jenen, die zu Hause geblieben sind, zu unterhalten. Ein weises Gesetz verbietet darum den Frauen, deren Männer auf der Jagd sind, ihre Hütten zu verlassen. Auch dürfen sie sich während dieser Zeit nur von Kräutern und Beeren nähren und müssen Fleisch meiden. Wenn sie gegen die Regeln verstoßen, können ihre Männer bei ihrer gefährlichen Unternehmung sterben. Aufgabe der Weisen, die unverheiratet sind, ist es, die jungen Leute vor den Gefahren zu warnen, die von den Frauen drohen. Und welche Zeit wäre besser für diese Warnung geeignet als jene vor der Rückkehr der Eingeweihten in die Freiheit? No lauscht den leidenschaftlichen Worten des Weisen. Im Dunkeln neben einem Reisigfeuer sitzend, dessen Flammen ihn manchmal beleuchten, zittert dieser ausgetrocknete Greis vor Wut. Und mit ihm verabscheut No die Frauen. In seinem fieberdurchglühten Geist sieht er sie wie Dämone, die nur auf die Schwächen des Mannes lauern, um sie zu seinem Verderben auszunützen und ihn zu quälen. Doch plötzlich drängt sich ein helles Bild in seine bitteren Betrachtungen. Es mengt sich zuerst verwirrt den wechselnden Spielen des Rauches. Allmählich aber löst es sich, Formen gewinnend, von ihnen ab und wird zu einer weiblichen Gestalt. Sie hat ein liebliches Gesicht und ist leichtfüßig. Narzissen und Akeleien schmücken ihr Haar, ihre Augen strahlen wie taufrischer Morgen. Oh, wie reizvoll ist sie! Von diesem Weibe kann kein Unheil drohen, nur Glück und Zärtlichkeit kann sie geben. Jetzt lächelt sie No zu. Er streckt ihr sehnsüchtig die Arme entgegen und erkennt seine Schwester Mah ...   Die düsteren Greisenworte entschweben wie Wolken vor dem Wind. No fühlt nur ein mächtiges Verlangen in sich: zu leben, ein fliehendes Mädchen zu verfolgen und sie als Weib an seinen Herd zu führen. Er schläft ein, und die Nacht entführt ihn seinen Gefährten, aus dem heiligen Hain und von der Grotte. Er läuft quer durch das Land. Hinter jedem Baum vermeint er ein Weib zu erblicken, das sich für Augenblicke zeigt und entschwindet. Er eilt hinzu, sie entschlüpft, und die Wälder widerhallen von ihrem spöttischen Lachen.   Sechs Tage noch halten die Weisen die jungen Leute im verbotenen Bezirk. Kein Fleisch berührt während dieser Zeit ihre Lippen. Sie besuchen die magischen Bilder, vor denen die alten Formeln gesprochen werden. Die Lehren der Weisen sind in diesem Jahr, in dem sich die Söhne des Bären von unbekannten Gefahren bedroht fühlen, von besonderer Eindringlichkeit. Wieviel der unerklärlichen, furchteinflößenden Zeichen! Es gilt, den Eifer zu verdoppeln, um sie zu bannen. Lange erfüllt das Murmeln der alten Formeln die Grotte. Doch die Prüfungszeit nähert sich ihrem Ende. Die Wunden sind vernarbt. Die abgemagerten jungen Leute sind jetzt frei, sie können nach Belieben kommen und gehen; sie müssen sich für die Hochzeitsspiele stärken und vorbereiten; nur die Nächte verbringen sie noch gemeinsam, fern den Wohnstätten, auf der Lichtung, die am Fuße des Felshanges liegt. No eilt nach Hause, um die Seinen zu besuchen. Der Vater ist auf der Jagd, nur die Mutter trifft er an, die vor der Hütte tätig ist und – mangels anderer Gesellschaft – mit sich selbst spricht. Trotz der Freude, ihren Sohn wiederzusehen, tut sie, als würde sie ihn nicht erkennen. Er muß ihr seinen Namen sagen. Dann erst schließt sie ihn in ihre Arme. Sie erzählt ihm von der Flucht Mahs. No bleibt angewurzelt stehen, aber jetzt, da er die Grotten gesehen, muß er seinen Kummer wie ein Mann ertragen. Wo mag sie weilen, die Freundin, die Schwester? Viele Tage sind schon vorbeigegangen, seit sie fort ist. Sie durcheilt unbekannte Länder, die für immer den Leuten vom Flusse verschlossen sind. Nach Süden muß sie gezogen sein, das ist der Weg, den die Händler gehen ... Und eines Morgens, noch vor Sonnenaufgang, stiehlt No sich fort. Mit raschen Schritten strebt er dem großen Strome zu, der dem Stamme als Grenze dient. Noch ehe es Mittag ist, hat er sein Ziel erreicht. Er lehnt an einem Steinblock und blickt um sich. Ein hügeliges Land dehnt sich vor seinen Augen, den Fluß entlang üppig mit Bäumen bewachsen, kahl in der Ferne. Gebirge verschließen den Horizont. Dort muß die kleine Mah seit Tagen gewandert sein. Der Geist Nos überwindet alle Fernen und begegnet ihr. Er liebt diesen Abhang, die besonnten Felsen, das reine Wasser, das unter ihm dahinrauscht, diese Wälder, die Mah vorbeigehen sahen. Später, wenn die Feier beendet ist, wird er hierher zurückkehren. Die Worte des Weisen erwachen in seinem Gedächtnis. Wie soll man den Frauen vertrauen, wenn selbst Mah, ohne die Hochzeitsspiele abzuwarten, mit Fremden fliehen konnte? Sie sind voll Ränke wie die Tiere. Man kennt sie nie... Erst im Abenddämmern kehrt No zum Stamme zurück. Mahs Verschwinden bedrückt ihn. Wie kann man sie zurückbringen? Am nächsten Morgen sucht er seine Freunde auf, die unweit seiner Wohnstätte an einem abseits gelegenen Orte Knochen, Elfenbein und die Geweihe der Renntiere bearbeiten. Ihnen erzählt er von seinem Kummer. Nach langer Beratung entschließen sie sich, ein Bild der Flüchtigen aus Elfenbein zu verfertigen. Ist das Werk erst einmal vollendet, wird es ein Weiser nicht ablehnen, darüber die nötigen Zaubersprüche zu sprechen, und, wie weit Mah auch sein möge, sie wird gezwungen sein, zum Stamme zurückzukehren. No selbst will die Nachbildung seiner Schwester ausführen. Zart und schlank schnitzt er sie, mit hohen Beinen, noch kleinen Brüsten, doch geschwungenen Hüften und einem zierlichen Kopf. Die ganze Zeit, die ihn noch von den kommenden Spielen trennt, widmet er dieser Arbeit. Niemals wurde ein Bild mit größerer Liebe geschnitten. Langsam streicht er über die kleine Figur und, indes er sie in seiner warmen Hand umschlossen hält, spricht er ihren Namen aus. Schon scheint sie zu erwachen. Wie eine Welle des Lebens fühlt er es von ihr herüberströmen. Mah selbst ist es, die sie erwärmt ... Ein Weiser spricht die Formel zu ihr, die bindet. No findet Ruhe. Er fühlt, daß Mahs Geschick an seines gekettet ist, und daß sie eines Tages zurückkehren wird.   Drei Wochen verfließen zwischen der feierlichen Einweihung der jungen Leute und den Hochzeitsspielen, die diese Tage krönen. Stets zur Zeit des ersten Vollmondes im Sommer versammelten sich alle drei Stämme, die am Flusse lebten, um dieses ihr größtes Fest gemeinsam zu begehen. Die Eingeweihten kommen, ihre Frau zu rauben, und folgen damit einem Brauche, der so uralt ist, daß selbst die Weisen, die seinen Ursprung kennen, dessen Entstehungszeit nicht feststellen können. In diesem Jahre wurde das Fest bei den Söhnen des Bären abgehalten. Schon zwei Tage vorher begannen sich die Nachbarstämme in kleinen Gruppen einzufinden, die Mädchen zum letztenmal unter der Obhut ihrer Mütter. Die jungen Männer, an schnelleren Marsch gewöhnt, brachen unter Führung eines der Weisen ihres Stammes einen halben Tag später auf und fanden sich nicht vor dem Vortage des Festes ein. Sie trafen am Fuße der heiligen Grotten mit den Söhnen des Bären zusammen, mit denen sie hier die letzte Nacht verbrachten. Die Familien lagerten am Ufer des Flusses. Während der schönen Jahreszeit war es nicht nötig, in den Hütten auf der Terrasse zu bleiben. Jeder brachte seinen Schlafsack mit, und wenn ein Regen drohte, waren rasch ein paar Pferdehäute zwischen Bäume gespannt. Feuer verscheuchten die gefräßigen Hyänen und die noch lästigeren Insekten. Der Brauch gebot es, daß die Gäste von jenem Stamme verpflegt wurden, bei dem das Fest stattfand. So hatten auch die Leute vom Flusse große Vorräte angesammelt. Fleisch von Pferden, Bisons und Hirschen stand bereit, und man hatte wohl darauf geachtet, keines vom Eber beizumengen, da dieses dem Stamme, der seinen Namen trug, verbotene Nahrung war. Auch Beeren, Kräuter, Schwämme und geräucherte Fische waren vorbereitet. Als Gegenleistung brachte jede Familie, die ein heiratsfähiges junges Mädchen mitführte, das Fell von einem Fuchs, Hermelin, Marder oder einer Wildkatze mit. Neugierig betrachteten einander die Leute der drei Stämme. Obwohl sie kaum wenige Tagemärsche weit auseinander wohnten, kamen sie doch nur bei besonderen Anlässen zusammen. Sie waren von gleicher Abstammung, ihre Sitten waren ähnlich. Dennoch gab es Unterschiede zwischen ihnen, fast unkenntlich jedem Fremden – den Händlern etwa –, beträchtlich jedoch in ihren eigenen Augen. So trugen die Söhne des Ebers die Hosen um einige Finger länger und am unteren Saum in Lederfransen endend. Die Söhne des Bären lachten über diese Mode, die ihnen weibisch schien. Auch staunten sie darüber, daß die beiden anderen Stämme das von ihnen verachtete Fleisch der Füchse genossen, die doch die hinterlistigsten und falschesten Tiere waren. Wie konnte man Leuten trauen, die von solchen Tieren Nahrung nahmen? Die Eber- und Mammutsöhne wieder sahen voll Verwunderung, daß die »Bären« auch gelegentlich Elstern und Raben nicht verschmähten, eine Kost, die sie selbst höchstens für geschwätzige, alte Weiber angemessen erachteten. Während der letzten Nacht, die dem Feste voranging, wachten die jungen Mädchen an einem gemeinsamen Feuer. Manche von ihnen fürchteten sehr, von keinem Manne entführt zu werden. Viele hatten sich allerdings schon vorher Gewißheit verschafft. Alle zeigten aber äußerlich die größte Ruhe und Zuversicht. Es gab natürlich keinen anderen Gesprächsstoff als die Ereignisse des kommenden Tages. Die Reden waren ungezwungen, die Scherze ohne Zurückhaltung. Gesten begleiteten die Worte, und stürmische Heiterkeit folgte ihnen. Bei vorgeschrittener Nacht sangen sie gemeinsam ein Lied, worin das Leben der jungen Mädchen dem der Frauen gegenüber gestellt wurde; das der Mädchen wurde begeistert gepriesen; dann beschrieb das Lied die Mühen und Plagen der Frauen. Und der Refrain sagte immer wieder: Werde Frau, meine Tochter – werde Frau! Einige von ihnen tanzten im Kreise, begleitet von den Zurufen und dem Händeklatschen der Zuschauerinnen, die sich eine nach der anderen erhoben und dem Reigen einfügten. Es war spät in der Nacht. Die durch den Lärm aufgestörten Eulen, die in der Dunkelheit umhergeflogen waren und mißbilligend mit dumpfen Rufen das Lachen der Mädchen beantwortet hatten, suchten schon ihre Nester auf, als die Mädchen endlich still wurden und ermüdet einschliefen. Hoch stand schon die Sonne am Himmel, und lebhafte Bewegung herrschte auf der Wiese, als sie wieder erwachten. Das Volk der drei Stämme, außer den Greisen, die das Lager bewachen mußten, den Mädchen, die noch zu jung waren, um an den Spielen teilzunehmen, und den Kindern, die die Anstrengungen der Reise nicht ertragen konnten, war versammelt. Es waren mehr als tausend Personen, die sich an der Hügellehne des engen Tales, das sich gegen den Fluß zu öffnete, niedergelassen hatten. Ein Wäldchen begrenzte die eine Talseite. Die andere stieg terrassenförmig empor; sie war von Moos und Rasen bedeckt. An ihrem Ende bildete eine hohe, überhängende Felsplatte, die man »Stein der Qualen« nannte, eine natürliche Plattform. Die Mädchen, die man nach vorne gesetzt hatte, trugen ihren schönsten Putz. Sie erlaubten sich bei diesem Anlasse einige sinnreich ausgedachte Abwechslungen in ihrer Kleidung. So sah man an den Mammuttöchtern mit ein wenig Erstaunen, daß sie ihr Wams, das so weit war, wie es sich gehörte, mit einem Gürtel aus biegsamem Leder eng über dem Leib festhielten, wodurch ihre schlanke Taille vortrefflich betont wurde. Die Mütter der anderen Stämme urteilten sehr strenge über diese Neuerung. Doch ihre Töchter beneideten die Gefährtinnen, die so kühn waren, sich so zu zeigen. Die Töchter des Ebers hatten mit schwarzer Farbe Querstreifen auf die Haut ihres Wamses gemalt, doch fanden sie damit wenig Anklang. Die Töchter des großen Bären dagegen trugen die Zobelfelle, die sonst um den Hals befestigt waren, heute frei herabhängend, so daß die weichen Schwänzchen lose an ihre Brust schlugen. Diese neue Mode gefiel. Alle waren geschminkt; sie hatten Rot auf die Wangen und Lippen und schwarze Farbe rings um die Augen aufgelegt. Perlmutterschimmernde Muscheln trugen sie als Halsketten und im aufgelösten Haar zum letztenmal Blumen. Man bemerkte, daß die Töchter des Bären auf den seltsamen Gedanken gekommen waren, auch die Fußsohlen und Fersen ihrer Füße mit Ocker zu färben. Der alte Rahi betrachtete sie teilnahmslos vom »Stein der Qualen« aus, wo er die Häuptlinge der anderen Stämme empfing. Die einzige, die ihm reizvoll erschienen wäre, war ja nicht unter ihnen. Mahs Flucht hatte ihn sehr getroffen. Er war noch hagerer geworden, und Timaki bekam seinen Groll zu fühlen. Wie gerne hätte Rahi sein einsames, sorgenschweres Leben dahingegeben! Die Mütter setzten sich hinter ihre Töchter. Etwas abseits standen die Männer beisammen und besprachen eifrig das einzige Ereignis, das alle beschäftigte: das Verschwinden der Renntiere. Kinder spielten da und dort und kollerten schreiend übereinander. Das Wetter war schön. Nur einzelne dunkle Wolken zogen über den Himmel und warfen ihren Schatten manchmal auf die Hänge, Wiesen und Wälder. Die scharfen Töne der Bockshörner kündeten das Nahen der jungen Männer. Von den Weisen geführt, zogen sie paarweise in lebhaftem Marschtempo mit langen, geschmeidigen Schritten vorbei. Es waren große, schlanke, prächtige Gestalten mit breit gewölbter Brust und schmalen Hüften. Händeklatschen und lebhafte Zurufe empfingen sie. Die Jünglinge gaben sich bei diesem Einzug alle Mühe, weil er von den Alten mit kritischen Augen überwacht wurde. Und erfreut konnten die Väter jene Eigenschaft, die sie am meisten schätzten, bei der Jugend wiederfinden: die natürliche Anlage zum Schreiten und Laufen, durch die allein das gefährdete Leben der von der Jagd lebenden Völker gesichert ist. Die Söhne standen hinter ihren Vätern nicht zurück, und die Schönheit eines Geschlechtes, das sich als das älteste und edelste der Erde betrachtete, war noch lange nicht im Abnehmen. Sie waren prächtig gekleidet: Schweife von Silberfüchsen hingen auf ihr Wams herab, Federn zierten ihr Haupt. Die Körper waren mit rotem Ocker bemalt, die Augen mit Kohle vergrößert, blutrot leuchteten die Lippen. Muscheln flimmerten um den Hals, Armreifen aus Schlangenwirbeln umgaben ihre Handgelenke. Dreimal umkreisten sie die Wiese, jeder Stamm stieß dabei seinen eigenen Sammelruf aus. Dann traten sie in das Wäldchen ein, das den Hang jenes Tales bedeckte, der den Zuschauern gegenüberlag, entledigten sich ihrer Kleidung und behielten nur einen Lendenschurz um. Mit Ringkämpfen begannen die Spiele. Sieger blieb ein Mammutsprößling, gewachsen wie sein Ahne, der wohl auch imstande gewesen wäre, einen Bären in seinen Armen zu erdrücken. Als er allein an den Frauen und Mädchen vorbeiging, sparten diese nicht mit Zeichen ihrer Bewunderung. Er warf einen schweren, zufriedenen Blick auf sie. – Im Bogenschießen und Speerwerfen wurde ein Sohn des Ebers Meister. Fünf Speere und vier Pfeile bohrte er in den dünnen, schwankenden Stamm einer Birke. Die Jünglinge vom Volke der Bären blieben im Wettlauf unerreicht. No, der wie eine Schwalbe flog, gewann das Laufen über hundertfünfzig Schritte. Schließlich eroberten sie sich auch im Gruppenlaufen den ersten, zweiten und vierten Platz. Die Sieger zogen an den Mädchen vorbei. Diese betrachteten sie keck. Die Jünglinge dagegen blieben noch ernst und zurückhaltend. Höchstens mit jener einen, die sie wohl von früheren Begegnungen schon kannten, wurde ein Blick des Einverständnisses gewechselt. Es gab manche solche Bekanntschaften von Jagdausflügen her, die bis ins Gebiet des Nachbarstammes geführt hatten, und wenn der Zufall sie nicht immer begünstigte, so geschah es auch zuweilen, daß der eigene Wunsch ihm nachhalf. No betrachtete alle die Mädchen voll Gleichgültigkeit. Niemals hatte er an einer von ihnen Gefallen gefunden. Keine vermochte einen Vergleich mit Mah zu ertragen, mit der reizenden, leichtfüßigen Mah. Würde er heute eine Frau wählen? Er zögerte. Indessen war der erste Teil der Spiele beendet, und eine Pause trat ein, die man benutzte, um seine Kräfte aufzufrischen. Das gebratene Pferdefleisch und die geräucherten Fische wurden mit Heißhunger, der durch die Erwartung gesteigert worden war, verzehrt. Die wieder angekleideten jungen Männer waren auf die Wiese zurückgekehrt. Noch war es ihnen nicht erlaubt, sich zu den Mädchen zu gesellen. Nur von weitem durften sie diese prüfend betrachten. Sie ließen es daran nicht fehlen, und Scherzworte flogen gleichzeitig mit abgenagten Knochen von einer Gruppe zur anderen. »Bevor es Nacht wird, werden wir euch schon noch näher betrachten!« riefen die Jünglinge. »Nur wenn ihr imstande seid, uns zu fangen«, lachten die Mädchen zurück. Der Ruf der Bockshörner sammelte die Jünglinge um die Weisen. Sie verschwanden mit ihnen im Wäldchen. Unruhe bemächtigte sich der Mädchen. Der Augenblick nahte, in dem ihr Los sich entscheiden mußte. Doch vorher gab es noch ein heiteres Zwischenspiel. Ein riesenhafter Auerhahn von fast sechs Fuß Höhe kam hinter den Bäumen hervor. Die Beine waren durch Federn verdeckt, der schöne schwarze Schnabel stak in einer Vogelmaske. Die Leute brachen in lautes Gelächter aus, als er mit grotesken Sprüngen daherkam, den Kopf zur Seite geneigt, den Schnabel erhoben, mit halbgeöffneten Flügeln, die am Boden schleiften. Er vollführte einige Sprünge und Drehungen, ließ die beiden Holzstücke seines Schnabels gegeneinander klappen und ging schließlich, indes er ein scharfes Pfeifen hören ließ, im Kreise herum, wobei sich seine Schwanzfedern aufwärts sträubten. Auf seinen Ruf erschienen vier Hennen am Waldesrand und kamen zu ihm heran. Kaum erblickte sie der Hahn, als er wie ein Besessener herumzuhüpfen begann. Doch bald hielt er ein, und wie einem höheren Zwange folgend, begann er einen Liebessang, der wirklich sonderbar war, denn er klang wie das Aufeinanderschlagen zweier Steine. So naturecht war das Balzen nachgeahmt, daß die Zuhörer, die es alle oft in der Tiefe der Wälder gehört hatten, sich vor Freude nicht zu fassen wußten. Die Hennen starrten mit offenem Schnabel. Plötzlich erschien ganz unerwartet ein zweiter Hahn, so groß wie der erste. Mit gesträubten Federn betrachteten einander die beiden Rivalen, beschrieben Kreise und Halbkreise, vollführten rasche Drehungen um sich selbst, stießen fast menschliche Schreie aus und warfen sich dann plötzlich mit aller Wucht aufeinander. Sie ließen voneinander ab und gingen wieder aufeinander los, und die Weibchen, die ihnen zusahen, glucksten aufgeregt. Endlich lag einer der Kämpfer am Boden, und der Sieger stolzierte, immer noch tanzend, zu den Hennen, die er alle vier mit deutlichsten Annäherungsversuchen unter die nahen Bäume entführte. Ein neuer Auftritt folgte. Zwei Bisons tauchten mit dem ernsten, gewichtigen Schritt auf, der ihnen eigentümlich ist. Ein Weibchen folgte ihnen, klein, mager, erbärmlich aussehend, mit einem ungeheuren offenen Maul in seiner Kopfmaske. Mit der größten Selbstverständlichkeit setzte das Weibchen sich auf seinen Hinterteil, während die beiden Männchen einen Anlauf nahmen. Zuerst stampften ihre Vorderhufe wütend den Boden; sie ließen dumpfes Brüllen hören und peitschten mit ihrem lächerlich kleinen Schweif durch die Luft. Wie toll rasten sie dann bald nach rechts, bald nach links, blieben wieder stehen und beschnüffelten die Gräser mit ihren breiten Schnauzen. Endlich gingen sie aufeinander los und stießen sich, einer an den anderen gedrängt, mit aller Kraft. Man sah die in den Boden gegrabenen acht Beine sich anspannen. Die wuchtigen Massen wichen keinen Schritt. Die Zuschauer ermunterten die zwei Kämpfer. Wie mit der Erde verwachsen, bewegte sich weder der eine noch der andere. Dies dauerte lange. Plötzlich stürzte einer der beiden zu Boden, ohne auch nur einen Fuß breit gewichen zu sein. Der Sieger trottet zum Weibchen, leckt ihre Schnauze, brüllt noch einmal wütend auf, und beide ziehen in den Wald, um dort ihre Liebe zu verbergen. Noch eine Pause folgt dieser Szene. Die Sonne sinkt gegen den Horizont. Die Kleidung der Menschen am Wiesenhang, ihre Antlitze, die Bäume am Flußufer, Hügel und Felsen, das rinnende Wasser, vor allem der Himmel selbst erscheinen in zarteren Farben. Die Mädchen sind versonnen. Welche von ihnen wird erwählt werden, welche verschmäht? Die fünfzig jungen Männer erscheinen wieder unter der Führung der Weisen. Jene, die Siege errangen, gehen an der Spitze; No ist unter ihnen. Er ist noch unentschlossen. Weder der Rausch der Wettkämpfe noch die Schreie der Zuschauer vermochten seine Sinne zu verwirren. Er hat schon als Zuschauer diesen Spielen beigewohnt. Bei der Einweihung hatten die Weisen ihm den tieferen Sinn der Feier enthüllt. Ohne ihm die Begründung zu geben – die nur den Eingeweihten zweiten Grades bekannt sein durfte –, enthüllten sie No das von ihm bisher nicht erkannte Schändliche in den Heiraten mit Mädchen des eigenen Blutes. Und doch würde nichts so natürlich erscheinen, wie sich mit jenen zu verbinden, neben denen man lebt und die zu lieben alles in uns drängt. Alle Tiere rings in der Natur tun nichts anderes. Sah man schon einen Stier seine Heimat verlassen, um sich in der Ferne ein Weibchen zu suchen? Er wählt es in seiner nächsten Umgebung. Nur der Mensch mußte sich dem Zwange unterwerfen. Und der einzige Grund, den No dafür kennt, liegt in jener fernen Zeit des Ahnen, der dieses Gebot seinen vier Töchtern auferlegte. Und wirklich sahen nach seinem Tode seine eigenen Söhne sich genötigt, in weite Fernen zu ziehen, um sich eine Gefährtin zu suchen. In jenen barbarischen Zeiten waren die Unternehmungen zur Gewinnung der Frauen kriegerisch und blutig. Man tötete Brüder und Väter, um die Mädchen zu entführen. Ein endloser Kampf herrschte zwischen den Stämmen. Aber bald begann man einzusehen, daß man diesem Gemetzel ein Ende setzen müsse. Man verständigte sich mit den Nachbarstämmen über einen friedlichen Austausch der Mädchen, um so mehr, als auch ihnen die religiösen Bestimmungen, die in diesem Punkte bei allen zivilisierten Völkern die gleichen waren, Heiraten innerhalb des Stammes verboten. Und zur Erinnerung an die alten Zeiten blieben die Hochzeitsspiele, bei denen auch jetzt noch die Mädchen geraubt wurden, doch nach vorgeschriebenem Brauch, ohne Kampf und Blutvergießen. So ist das Schauspiel vor Nos Augen eine symbolische Handlung voll tiefen Sinnes. Er versteht sie im ganzen und in den Einzelheiten. Doch er ist nicht gezwungen, schon heute eine Frau zu wählen. Er kann noch ein oder zwei Jahre warten, mag auch das Leben ohne Gefährtin mühseliger sein. Er gelangt mit seinen Gefährten bis zur Mitte des Tales. Hier stehen sie reglos und warten, man weiß nicht, worauf. Ein Weiser tritt aus dem Wald und trägt zwei Ellen lange, geschmeidige Gerten vom Haselnußstrauch. Vor den Jünglingen schwingt er eine von ihnen, als ob er einen Schuldigen schlüge. Dann verteilt er feierlich eine nach der anderen dieser Waffen, unentbehrlich jenen, die ein Weib nehmen. Die empörten Rufe der Mädchen tönen herüber. Die Frauen stimmen mit ein. Die Väter dagegen lachen und billigen es. Nach dem Beispiel des Weisen täuschen die Jünglinge die Züchtigung einer unsichtbaren Gefährtin vor. Jetzt endlich beginnt der Schlußakt des Festes: der kriegerische Tanz der jungen Männer. Sie werfen ihre Speere nach dem Feind, weichen seinen Angriffen aus, und, um ihn zu schrecken, lassen sie ihr Kriegsgeschrei ertönen. Schon ist die Dämmerung hereingebrochen, die Blicke suchen am Himmel nach dem ersten Stern. Das Tal, das jetzt im Schatten liegt, tönt von dem Kreischen der Frauen, dem Lachen der Männer und dem Kriegsgeschrei der Jünglinge, die kämpfen, springen, geschickt ausweichen und angreifen. Die Trommeln und Bockshörner lassen sich ohne Unterlaß vernehmen. Lauter und schärfer werden die Rufe der jungen Mädchen. Einige erheben sich und beginnen mit starren Augen wie Besessene zu tanzen. Sie drehen sich und die immer noch kämpfenden Jünglinge kommen jetzt immer näher an sie heran. Plötzlich erfaßt der Sieger im Ringen, der Sohn des Mammut, eine von ihnen an beiden Handgelenken und zwingt sie vor sich in die Knie. Sie widersteht, sie kämpft, schreit. Ihre Freundinnen eilen, ihr zu helfen. Er aber hat sie schon in die Höhe gehoben, auf seine Schulter gesetzt – eine Feder erscheint Kinderhändchen schwerer, als diesem Riesen das Gewicht des Mädchens. Und langsam ohne ein Wort zu sprechen, wendet er sich dem nahen Walde zu. Die Mädchen drängen nach und rufen wirr durcheinander. »Wohin, Unselige?« – »Gib sie uns zurück!« – »Was willst du mit ihr?« – »Sei wenigstens gut zu ihr!« Ohne zu antworten, trägt der Sohn des Mammuts seine Beute davon. Er ist am Waldesrand, er verschwindet hinter den Stämmen. Niemand wagt, ihm zu folgen... In der jetzt hereinbrechenden Nacht wiederholen sich die gleichen Szenen. Der Vollmond beleuchtet die Liebespaare, und das Jammern der Mädchen steigt zu ihm empor. Von den fünfzig Eingeweihten sind sechsundvierzig mit der Gefährtin ihrer Wahl im Walde verschwunden. Nur vier konnten sich nicht entschließen, in diesem Jahre eine Frau zu wählen. No ist einer von ihnen. Am Morgen nach den Hochzeitsspielen sah No sich genötigt, nach einer Wohnstätte Umschau zu halten. Die Gesetze des Stammes erlaubten ihm nicht, jetzt noch mit seiner Mutter unter einem Dach zu wohnen. Nicht weit entfernt öffnete sich ein Tal, dessen überhängende Felsen an ihrem Fuße manchen Unterschlupf boten. In einem wohnte eine Generation von Fischern, und über dem Felsen, der die Decke bildete, prangte das in den Fels geritzte und gemalte Bild eines prächtigen Lachses. Hier wurden zur Laichzeit feierliche Zeremonien abgehalten, damit der Fisch sich vermehre und der Fang ergiebig sei. Weiter oben befand sich das ausgedehnteste Lager der Gegend. Obwohl es durch die Folgen der Entvölkerung zur Hälfte verlassen lag, hausten dort noch immer über zehn Familien, und No fürchtete, daß es zu lärmend sein würde. In einiger Entfernung aber hatten sich an einen zwischen Bäumen versteckten Ort jene beiden Freunde Nos zurückgezogen, von denen er die Kunst, Tierbilder dem Leben nachzuzeichnen, erlernt hatte. Sie waren schon reife Männer und hatten niemals eine Gefährtin gewählt. Der jüngere von ihnen, Boro, war schweigsam und in sich gekehrt und stand beim ganzen Stamme in hohem Ansehen. Sie schnitten bedächtig das harte Material, das, einmal von ihnen berührt und von den Weisen geheiligt, magische Kräfte besaß. Der Beruf, dem sie sich geweiht hatten, erweckte eine gewisse Scheu in den Leuten des Flusses, die es vermieden, an ihrer Terrasse vorbeizugehen. Sie nahmen No freundlich bei sich auf. War er doch der begabteste von all denen, die sich in ihren Mußestunden darin übten, zu zeichnen, Bilder zu ritzen und zu formen. Er war ein Schüler, der ihnen Ehre machen und dem Stamm wichtige Dienste erweisen könnte, wenn sie einmal nicht mehr da wären, und es notwendig sein würde, den magischen Schatz in den Tiefen der heiligen Grotten zu vergrößern. Die Besorgnisse, die den Stamm bewegten, fanden in ihrer Wohnstätte lebhaftes Echo. Die Weisen kamen oft hierher, und No wohnte diesen höchst bedeutsamen Unterredungen bei, die von den für das geistige und körperliche Wohl des Stammes Verantwortlichen geführt wurden. Hier im vertrauten Kreis versuchten sie nicht mehr, ihre Sorgen zu verbergen. Nahte dem Stamme wirklich das Ende? Oder würde er noch vor ihrem Tode eine neue Blüte erleben? Wird der kommende Winter Kälte und Schnee und – die ersehnten Renntiere bringen? Das waren die leidenschaftlichen Fragen, die No tagein, tagaus von Männern besprechen hörte, die vor Besorgnis ratlos waren. Deutlich fühlten sie das Raunen einer wachsenden, allgemeinen Unzufriedenheit, die dem ohnmächtigen Häuptling und seinen hilflosen Beratern galt. Wenn die Dinge sich nicht zum Besseren wandten, würde nicht bald ein Aufruhr ausbrechen, der sie alle wegfegen müßte? Muß erwähnt werden, daß No ihnen nur mit halbem Ohr lauschte? Er war noch nicht zwanzig Jahre alt, voll Kraft und Geschicklichkeit, rascher im Laufe als alle seine Gefährten. Wie hätte er sich vorzustellen vermocht, daß ihm die Beschaffung seiner Nahrung nicht immer mühelos gelingen werde? Um ihm Angst zu machen, da mußten schon ganz andere Dinge kommen, als bloße Mutmaßungen. An Mah dachte er immer noch! Oft betrachtete er die kleine Figur, die er gefertigt hatte, und die sie ihm zurückbringen sollte. Das Elfenbein, über das seine Finger strichen, war nicht zarter als die Haut der Geflüchteten... Oft wandte er sich auf seinen Pirschgängen zu den Ufern des breiten Stromes, den sie auf ihrer Flucht durchquert haben mußte. Denn hier würde sie eines Tages auch wieder zurückkehren. Sein Blick schweifte über das zerklüftete Land, das sich vor ihm ausdehnte, und sein Geist suchte die Täler zu erraten, durch die Mahs Schritte heimwärts wandern würden. Da stand er auch eines Tages, in der Kühle des Morgens, ermüdet nach einer Jagd auf ein Hirschkalb, das er die ganze Nacht verfolgt hatte und erst früh in heißem, langem Wettlauf bezwingen konnte. Er warf seine Beute hinter sich und legte sich auf einen Felsen, von dem das Flußtal auf dreißig Schritte zu überblicken war. Von den Sonnenstrahlen erwärmt, war er eben im Begriff, einzuschlummern, als aus der Ferne ein Geräusch zu ihm drang. Er lauschte, sich so flach als möglich an den Boden schmiegend. Bald war er beruhigt. Helles Lachen aus Frauenmund und fröhliche Rufe klangen bis zu ihm herauf. Kurz danach sah er auf dem Pfade, der sich unter ihm durchs Dickicht schlängelte, fünf oder sechs Mädchen auftauchen. Sie gehörten zu einem Stamm, mit dem die Leute des Flusses wenig Beziehungen unterhielten. Es hatte einmal blutigen Streit zwischen ihnen gegeben, und obwohl es schon lange her war, die Erinnerung daran war noch nicht erloschen. Im übrigen betrachteten die Söhne des Bären mit Verachtung diese Nachbarn, die an den Ufern des Flusses wohnten, die Jagd vernachlässigten und fast ausschließlich vom Fischfang lebten. Die Mädchen, deren aufgelöste Haare im Winde flatterten, gingen nahe an No vorüber und verschwanden ein wenig weiter hinter den Weiden, deren Zweige bis auf das Wasser des Flusses niederhingen. Doch wenige Augenblicke später sah No, wie die Zweige sich bewegten, und bald entdeckte er die Mädchen – nun entkleidet – wie sie, Forellen gleich, sich munter im Flusse tummelten. Sie schwammen nur etwa hundert Schritte von ihm entfernt im klaren Wasser, in dem ihre feinen, schlanken Körper in der Tönung dem Elfenbein glichen, aus dem er Mah geschnitzt hatte. Das entzückende Schauspiel dauerte an. Sie bewegten sich in vollkommener Sicherheit. Zweifellos war diese Uferstelle schon seit langem für ihr Bad bestimmt, und die Männer kamen nicht hierher. Eine von ihnen war jetzt näher zu No geschwommen. Er vermochte sogar ihre Züge zu unterscheiden. Etwas in ihrem kleinen Gesichte mit den vollen Wangen erinnerte ihn an seine verschwundene Schwester ... Doch schon entfernte sich die Badende und begab sich zu ihren Gefährtinnen unter den Weiden. No wartete noch. Von der Höhe seines Felsens sah er sie in der Richtung ihrer Wohnstätten vorbeiziehen. Er fand, daß diese Töchter von Fischern anmutig dahinschritten. Da nahm auch er seine Jagdbeute auf die Schulter und machte sich auf den Heimweg, der noch recht lang war. Erst nachts kam er zu Hause an. Und er empfand, wie traurig es sei, wenn man müde von schwerer Arbeit heimkehrt und keine Frau einen empfängt. Keine Frau, die das Essen vorbereitet hat, die dem Manne die Knöchel einreibt und dabei all die hundert Neuigkeiten berichtet, die am Tage von Mund zu Mund gingen. Und während man sich das heiße Fleisch und die in köstlichem Fett zubereiteten Gemüse schmecken läßt, erzählt man von den Zwischenfällen der Jagd. Sie zittert beim Bericht über die Gefahren, die zu überstehen waren, und jubelt über die List, die die Beute schließlich doch erringen ließ. – Nachts wandert der Geist Nos von neuem zu den Ufern des Flusses zurück. Eine einzige der Badenden erwartet ihn. Diesmal ist's Mah selbst. Sie winkt ihrem Bruder von weitem zu. Er eilt hin, sie in die Arme zu schließen, doch sie zerfließt wie ein Schatten ... Morgens erwachte No mit einem Entschluß. Er würde das Mädchen, das er am Vortage sah, rauben und es zu seinem Weibe machen. Die schöne Jahreszeit begünstigte seine Absichten. Er richtete sich unweit des Flusses im Walde ein Lager ein. Des Nachts entzündete er ein Feuer, um sich gegen die Tiere zu schützen. Auf ihm kochte er seine Nahrung. Eine Kette aus Muscheln und ein Zobelfell, die er mitgenommen hatte, sollten ihm helfen, das Mädchen zu gewinnen, denn Gewalt anzuwenden war fast unmöglich. Und jetzt erwartete er eine günstige Gelegenheit. Des Morgens sah er die Mädchen wieder. Sie badeten etwas entfernt von ihm, aber er hatte trotzdem keine Mühe, jene zu erkennen, die er gewählt hatte. Größer war sie als ihre Freundinnen, ihr Haar hatte die Farbe des aufgehenden Mondes, ihre Gestalt glich dem Schilfrohr am Rande eines Flusses, wie Speere waren ihre Beine, weich wie Algen, die in der Strömung schwanken, ihre Füße. No erzitterte bei dem Gedanken, sie sein nennen zu dürfen, und sein Herz pochte erregt. Niemals wurde ein Wild aus geringerer Entfernung belauert, mit einer Aufmerksamkeit, die entschlossener gewesen wäre, den geringsten günstigen Umstand wahrzunehmen. Doch er sah sie stets von ihren Gefährtinnen umgeben, im Bade wie auch auf dem Wege. Es wäre Wahnsinn gewesen, sich ihr zu nähern, wenn sie nicht allein war. Ihre spöttischen Freundinnen würden ihn nicht zu Worte kommen lassen. Er mußte abwarten, bis ein Zufall sie von den anderen entfernte, dann würde er sofort auf sie zugehen und sie zu überreden trachten. Wenn dies nicht gelang, dann vielleicht konnte ein Gewaltstreich gewagt werden ... Tag um Tag blieb er hier, an den Fels geschmiegt, dessen Färbung er schon langsam angenommen hatte. Nachts entfernte er sich, um nachzusehen, ob sich kein Wild in den ausgelegten Fallen gefangen hätte. Und morgens war er wieder an seinem Beobachtungsposten. Geduld war ihm angeboren. Ist nicht langes Warten unerläßlich, um ein ziehendes Wild auf seinem Wechsel zu überraschen? Und welch köstlichere Beute als diese hatte er jemals belauert? Endlich kam der ersehnte Tag. Als die Sonne schon tief am Himmel stand, sah No sie, die er erwartete, mit zwei anderen Mädchen aus dem Lager kommen und den Fluß entlang schreiten. Sie gingen nicht dem Bade zu, sondern schlenderten nur, Beeren pflückend, an den Büschen am Fuße des Felsenhanges entlang. So kamen sie dem Felsen, auf dem No lag, immer näher. Nicht weit von ihm floß in einer Niederung ein kleiner Bach, dessen Ufer von Bäumen bewachsen waren. Wie vor einigen Monaten, als er vor dem Bau des Zobels gekauert hatte, blieb er unbeweglich an den Boden gepreßt. Brombeeren und andere Beeren pflückend, trat das Mädchen allein unter die Bäume. Ihre Freundinnen riefen vom Flusse her: »Komm zurück, es ist Zeit, heimzugehen!« »Ich komme euch gleich nach«, antwortete eine klare Stimme. »Verweile nicht«, riefen die anderen noch und entfernten sich. Jetzt war für No der Augenblick zum Handeln gekommen. Geräuschlos ließ er sich vom Felsen heruntergleiten und machte eilends einen Bogen durch die Büsche, um zwischen das Mädchen und den Pfad zu gelangen, den sie zum Heimweg benutzen mußte. Und als sie hinter einem großen Stein hervorkam, um sich dem schmalen Pfad zuzuwenden, stand er ihr plötzlich gegenüber. Ihre erste Regung war, zu fliehen. Aber sofort ließ sie eine Überlegung, die rascher als ein Blitzstrahl ihr Bewußtsein durchfuhr, das Aussichtslose eines solchen Beginnens erkennen. Einem Manne vom Stamme des Bären entkommt man nicht! Und andererseits lieferte sie sich ihm auf Gnade und Ungnade aus, sobald sie nur zeigte, daß sie Furcht vor ihm habe. Überdies wußte sie ja noch gar nicht, was seine Absicht war. Vielleicht ruhte er nur einfach auf seinem Jagdwege aus. Er war jung und sah nicht übel aus ... Es galt, schlau zu sein, abzuwarten und seinen Vorteil wahrzunehmen ... Ist es denn so schwer, die Männer zu täuschen? Die Arme voll Beerenranken, stand sie unbeweglich, fast lächelnd, vor diesem Unbekannten, der vor ihr aufgetaucht war. Mit sicherem Instinkt kam sie ihm mit ihrem Angriff zuvor. »Was tust du hier? – Das ist nicht euer Gebiet!« Nach einem sehr alten Übereinkommen gehörte das rechte Flußufer mit seinen wenigen und mittelmäßigen Unterschlupfen dem Stamme, der die andere Seite des Flusses bewohnte. »Ich kam deinetwegen!« »Meinetwegen?« Sie war erstaunt ... »Du kennst mich ja gar nicht ...« »Ich habe dich schon vor langer Zeit gesehen«, gab No zurück. »Hier oben lag ich versteckt. Du gefällst mir. Ich will dich mitnehmen, du sollst mein Weib sein.« Auf den schönen vollen Lippen des Mädchens zeigte sich ein leises Lächeln, doch sie besann sich anders. No holte das Zobelfell aus seinem Wams und hielt es ihr hin. »Das habe ich dir gebracht.« Das Mädchen stand unbeweglich vor ihm. Da zog No auch noch die Halskette hervor. Sie nahm die Kette, besah sie, ließ spielend die Perlmuttermuscheln durch ihre Finger gleiten und gab sie dann No, ohne ein Wort zu sagen, zurück. Ein Schweigen. Mit großem Ernst prüften sie einander. No sah sich schon, wie er sie in die Tiefe der Wälder entführte. Sie fragte sich, wie diese Begegnung wohl enden würde. Was tun, um diesen Mann zu täuschen? Durch welche List ihm entschlüpfen? War sie nur einmal in Sicherheit, wie würde sie sich dann über ihn lustig machen! Sich für die Angst rächen, die sie ausgestanden hatte, die sie jetzt noch empfand! »Ich heiße No,« sagte er plötzlich, »und unter den Söhnen des 'Bären' bin ich der rascheste auf hundertfünfzig Schritte. Ich wurde in diesem Jahre eingeweiht. – Und du, wie nennt man dich?« »Mein Name ist Mara.« »Mah-ra«, wiederholte No sinnend. »Mara! So mußte es wohl sein, da meine Schwester Mah hieß ...« Und in seine Erinnerungen verloren, verstummte er... Dann betrachtete er sie sanft. Sie fühlte plötzlich, daß er ihr kein Fremder mehr sei, ja, daß vielleicht, wenn er es wollte ... Aber sofort unterdrückte sie diese Gefühle. Der Instinkt der Abwehr gewann in ihr die Oberhand, und als No sich ihr jetzt näherte und die Hand erhob, wich sie mit behendem Sprung zur Seite. »Rühr mich nicht an!« »Komm mit mir«, drängte No. »Ich kenne dich nicht. Vielleicht – – später ... Begleite mich bis zu unseren Hütten.« Jetzt gab sie ihm sein sanftes Lächeln mit Lippen und Augen zurück. Schon war No, alle Vorsicht außer acht lassend, im Begriffe, ihr zu folgen. Da erinnerte er sich der Warnung des Weisen vor dem Trug der Frauen, und er sagte: »Du weißt sehr gut, daß ich zu euch nicht kommen darf.« »Wenn du unser Mahl teilst, wird man dir nichts Böses tun.« In diesem Augenblicke vernahm Nos geschärftes Ohr das Geräusch herannahender Schritte. Es gab keinen Zweifel, Männer betraten den Pfad längs des Flusses. Beim ersten Ruf Maras mußten sie hier sein. Schon funkelten auch die Augen des Mädchens bei dem Gedanken an ihre nahe Rache. Brutal packte er sie beim Handgelenk, und indes er ihr eine steinerne Hacke wies, die er in der Hand hielt, sagte er mit gedämpfter Stimme: »Beim leisesten Laut mußt du sterben!« Der Ton der Stimme und das Blitzen seiner Augen erfüllten Mara mit Schrecken. »Aber auch du wirst sterben«, murmelte sie. Mit Freude bemerkte er, daß sie leise sprach. »... Wissen deine Leute denn überhaupt, was Laufen heißt?« Verächtlich verzog sich sein Mund. Die Schritte kamen immer näher. Nos starker Blick ließ die Augen Maras nicht los; sie waren braun und samtschillernd wie das Fell einer Otter. Keine Furcht las er in ihnen. Dieses Mädchen war stolz. Das Gelenk, das sein harter Griff umspannt hielt, zitterte nicht. Unter der kühlen Haut spürte er den gleichmäßigen Pulsschlag. Selbst jetzt, in größter Gefahr, entzückte ihn die Berührung ihres Körpers. Schon waren die Stimmen ganz nahe. Es mußten Fischer sein, die vom Hechtfang heimgingen. Das Gelenk Maras zuckte zwischen Nos Fingern. Ein Leuchten erschien in der Tiefe ihrer Pupillen. Ihre Lippen öffneten sich, als wenn sie sogleich sprechen wollte ... No faßte den Griff der Hacke in seiner rechten Hand fester. Seine Kinnladen preßten sich aufeinander, sein auf das Mädchen gerichteter Blick wurde hart ... Das währte einen Atemzug lang, dann senkten sich Maras Wimpern langsam, als wenn sie entschlummern würde. Als sie die Augen wieder öffnete, entfernte sich das Geräusch der Schritte und verstummte dann völlig. Und Schweigen lag auch zwischen den beiden. Der Abend sank. Nos Blick tauchte immer noch in Maras Augen, die aufrecht vor ihm stand. Auf diesem Wege drang er zuerst in ihre Seele und nahm von seinem zukünftigen Weib Besitz. Er wußte es, der Kampf zwischen ihm und ihr war beendet. Sein Griff löste sich. Die Spuren seiner harten Faust waren deutlich auf ihrem Handgelenk zu sehen. »Gehen wir«, sagte er. Ohne seinen Blick nach rückwärts zu wenden, schritt er dem Gipfel des Hügels zu. Mara folgte ihm.   Rahi, der alte Häuptling, kam aus seiner Hütte nicht mehr heraus. Er sah niemanden. Selbst die Weisen, die seine Unbeliebtheit zu teilen fürchteten, kamen immer seltener, die Angelegenheiten des Stammes mit ihm zu beraten. Die Wogen der allgemeinen Unzufriedenheit stiegen bis zu seiner hohen Terrasse. Nahe dem Tode grübelte er über sein langes Leben. Die Gewohnheit, zu herrschen, der Verkehr mit der Welt der Geister und der der Menschen hatten ihm den Geschmack am Grübeln gegeben. Das Amt, das er bekleidete, ließ ihm genug Muße dazu, denn das Volk der Jäger ernährte seinen Führer. Friedlich war dieses Volk, arbeitsam und gewandt. Nach allem, was Rahi zu Ohren gekommen war, gab es kein anderes Volk, das eine ähnliche Vollkommenheit in allen Arten von Erfindungen, die das Leben zu erleichtern imstande waren, erreicht hatte. War es nicht einer seines Stammes, der das wertvollste aller Werkzeuge erdacht hatte: die Nadel? Ohne Nadel, mit der man seine Kleidung nähte, blieb der Mensch im Zustande der Barbarei. Und fast allerorts auf der Erdoberfläche waren die Menschen noch Barbaren. »Alle Völker, die sich zu kleiden verstehen, ahmen uns darin nach«, sagte Rahi. »Wenn nicht die so alte Erde, die – ich neige dazu, es zu glauben – schon zu lange gelebt hat, verschwindet, wird die Zeit kommen, da alle Menschen die Nadel verwenden und von uns sprechen werden.« Waren die Söhne des Bären nicht auch in der Kunst, Waffen und Werkzeuge herzustellen, allen anderen voraus? Und nicht auch im Finden der schärfsten Kieselsteine, der mörderischsten Harpunen, der spitzigsten Speerenden und Pfeile? Und Wohnstätten hatten sie gewählt, die ihnen sicheren Schutz gegen wilde Tiere, gegen Kälte, Schnee und Regen boten. Voll Schauder dachte Rahi an die vielen anderen Völker, die im Freien noch allen Unbilden der Witterung ausgesetzt waren. Deren Leben war wirklich kaum besser als das wilder Tiere. Dieser Greis, der am Ende seiner Tage stand, erkannte, was er alles seinen Vorfahren verdankte. Er war der Erbe all der Weisheit, die sie erworben hatten. Lieferten nicht die Wände der heiligen Grotten, die Mauern der Wohnstätten selbst den unumstößlichen Beweis, daß dieses Volk, dessen Oberhaupt er war, schon seit Generationen ein sicheres Mittel gefunden hatte, sich die Welt durch Zaubermacht zu unterwerfen? Wer mochten wohl die ersten Weisen gewesen sein, die es begriffen, daß auch Tiere, Bäume, Pflanzen ebenso von Geistern bewohnt und gelenkt werden, wie der Mensch selbst? In ihren Spuren gelangte Rahi in schwerer Gedankenarbeit dahin, die Welt als eine weite, allumfassende Einheit zu sehen, in der alles vom Willen der Geister beseelt wird. So schloß sich der geheimnisvolle Kreis ... Rahi unterbrach in andachtsvollem Schauer seine Betrachtungen, die ihn – so fühlte er – fast an jene Grenze geführt hatten, die zu überschreiten dem Menschen verwehrt ist. Die Nacht war milde, doch ihn fröstelte. Seine sorgenvollen Gedanken, die sich auf die schwere Gegenwart bezogen, bedrückten ihn mehr als je. Mühevoll richtete er sich auf. Das alte Weib war bei dem halberloschenen Feuer eingeschlafen. Mit kraftlosem Arm ergriff er ein Holzscheit und warf es auf die Glut. Dann hüllte er sich in einen Blaufuchsmantel und trat vor die Hütte. Die frische Nachtluft tat ihm wohl. Der Mond schien nicht. Vom Westen zogen Wolken heran, aber im Süden und über seinem Haupte zitterten geheimnisvoll Tausende von Sternen, und Rahi meinte, daß sie auf diese Weise quer durch den Weltenraum miteinander in Verbindung ständen. Er lauschte dem Raunen der Wellen des Flusses, die selbst im Dunkel der Nacht nicht aufhörten, ihre flüchtigen Empfindungen auszutauschen. Seine ewige Klage flüsterte das Schilf dem Winde zu, der davoneilte, um sie den Bäumen auf den Hügeln weiterzusagen. Konnte man zweifeln, daß die ganze Welt am gleichen Leben teilhat wie wir? Wieder ergriff die feierliche Erhabenheit dieses ihm so vertrauten Landschaftsbildes den Greis. Er wußte, daß bald sein Geist den Körper verlassen werde, doch lange würde er noch um diese Stätten kreisen, wo sein ganzes Leben verflossen war. Ihm gefiel dieser Gedanke. Was die Menschen Tod nannten, schreckte ihn kaum. Man stirbt nicht, dachte er... Sein umherschweifender Blick blieb an den großen Hängen haften, die rechts von ihm tausend Schritte weit ragten. Trotz der Entfernung sah er einzelne Feuer. Das führte ihn zu den Sorgen der Gegenwart zurück. Die dreißig Jahre seiner Führerschaft waren ein ununterbrochener Kampf gewesen. Die Änderungen in der Witterung, die unter seinen Vorgängern noch unmerklich gewesen waren, hatten unter seiner Herrschaft in starker Weise zugenommen und bei Mensch und Tier große Erregung hervorgerufen. Welche feindlichen Mächte waren es, die solche Störungen herbeiriefen? Um sie zu bekämpfen, hätte man sie kennen müssen, und Rahi mußte sich gestehen, daß sein sonst so unfehlbares Wissen hier versagte. Auch das letzte Rudel Renntiere hatte, der schneelosen Winter überdrüssig, das Weite gesucht. Wie sollte man sie in dieses Tal zurückführen? Trotz der stärksten Beschwörungen wanderten sie dem Norden zu. Das war Tatsache, die furchtbare Tatsache, der Rahi gegenüberstand, und die übrigens allen seinen Leuten bekannt war. Und wenn man sie durch Zauberkraft nicht mehr zurückzuholen vermochte – sollte man ihnen nicht nachziehen? Das war eine schwere Entscheidung, vor der der Häuptling zurückschreckte. Seit so langer Zeit war der Stamm in diesem Tale angesiedelt, daß selbst die erfahrensten Weisen sie nicht zu berechnen vermochten. Wo würde man gleich gute Zufluchtsstätten finden wie hier, die das Leben jedes einzelnen so trefflich schützten? Auf fünf Tagemärsche im Umkreis gab es für die Leute vom Fluß kein Geheimnis im Lande. Die geringfügigsten Hilfsquellen kannten sie ebensogut wie die Lagerplätze jedes Wildes, seine Fährten und Weiden. Ihre Erinnerungen, ihre Überlieferungen und religiösen Gebräuche waren mit diesen Gegenden unlösbar verbunden. Die heiligen Grotten mit ihren Bildern konnte man nicht mit sich führen. Durfte man solche Schätze zurücklassen? Wie sollte man ohne sie leben? Andere würden sich ihrer bemächtigen. Wer würde es wagen, eine Auswanderung anzuregen, die dem geschwächten Volke vielleicht den völligen Untergang bringen konnte! Die Erinnerung an die große Flucht, die den Ahnen, seine Söhne und Töchter in dieses Tal geführt hatte, war lebendig geblieben. Rahi würde nicht den Mut haben, seinen Stamm solchen Strapazen und so grausamen Entbehrungen auszusetzen. Die Lösung dieser Frage überließ er seinem Nachfolger. »Was mich betrifft – meine Tage sind gezählt«, so dachte er, als er wieder seiner Hütte zuschritt, vor der das Feuer jetzt in hellen Flammen prasselte. Er streckte sich wieder auf sein Lager hin, doch vermochte er nicht einzuschlafen.   Die Kunde von der Erkrankung des Häuptlings hatte sich rasch in den Wohnstätten verbreitet und erregte alle Angehörigen des Stammes. Zwar liebte man ihn nicht und sah vielmehr in ihm die Ursache allen Unglücks, das den Stamm bedrängte, doch war die Möglichkeit seines nahen Todes beunruhigend, denn vielleicht würden nach seinem Ableben noch andere Übel über das Volk hereinbrechen. Man war in großer Sorge. Hatte man auch nichts versäumt, um den Geist dieses mächtigen Mannes versöhnlich zu stimmen? Einzeln kamen sie alle, die Söhne und Töchter des Bären, zu der Terrasse, auf der Rahi im Sterben lag. Der eine brachte ihm eine Tierhaut, der andere Fleisch, dieser eine Muschel. Bei der Hütte angelangt, legten sie ihre Gabe nieder, verweilten einen Augenblick, um die Beschwörungsformeln zu murmeln, und stiegen dann langsam wieder hinunter. Nur eine alte Frau entschloß sich nach einigem Zögern, die Schwelle der Hütte zu überschreiten. Sie ging bis zu dem auf seinem Lager ausgestreckten Häuptling, legte ein Stück geräucherten Lachs in seine Hand und sprach, in ihrer Weise die Gefühle aller in Worte kleidend: »Du siehst, Rahi, wie wir dich behandeln. Geschenke haben wir dir gebracht. Nun sei auch du zu uns gut, und wenn du jetzt stirbst, dann kehre nicht wieder zurück.«   Rahi hatte indessen das Bewußtsein nicht verloren. Er war sehr schwach und schlummerte viel. Nahrung nahm er keine mehr. Manchmal, wenn er einen der Weisen neben seinem Lager sah, wechselte er einige kurze Worte mit ihm. Die Witterung war das einzige, womit sein Geist sich beschäftigte. Wenn der Weise ihm meldete, daß es stürmisch sei, und daß es gedonnert habe, wurde Rahi erregt und wollte zu seinem Stab greifen. Unter den Männern des Stammes wuchs die Erregung. Wer sollte bestimmt werden, die bald verwaiste Würde zu bekleiden? Die Wahl mußte unverzüglich erfolgen, denn es waren wichtige Vorschriften zu beachten, die nur der Nachfolger bei dem Tod des Häuptlings erfüllen durfte. Und auch sonst, welche Gefahr bedeutete es, den Stamm während einiger Tage ohne Führer zu lassen! Die Versammlung fand in einer geräumigen Wohnstätte, in der Nähe der Fischerhütten, statt. Nachdem Frauen und Kinder fortgejagt worden waren, versammelten sich die Männer inmitten der Terrasse, um Rat zu halten. Bei ihrer vorgeschrittenen Zivilisation überließen die Leute vom Fluß die Wahl ihres Oberhauptes nicht dem Zufall, wie so viele barbarische Völker. In unbeeinflußter Überlegung wählten sie den zu ihrem Führer, dessen Klugheit und Charaktereigenschaften sie erprobt hatten. Dem so Erwählten verliehen die Weisen durch die nötigen Zeremonien die mystischen Kräfte, die er noch nicht besaß. Nach langer Beratung, die ernst und ruhig verlief, einigten sich die Versammelten auf Boro, den betagten Freund Nos. Er war zugegen. Wie es Überlieferung forderte, wies er dieses hohe Amt zurück. Die Männer drangen in ihn. Er lehnte die Ehrung ein zweites Mal ab. Die Söhne des Bären gerieten in Zorn und erhoben die Waffen gegen ihn. Da erst erklärte Boro seine Zustimmung, womit er zeigen wollte, daß er um diese Stelle nicht gebuhlt habe und nur dem Zwange der Gewalt weiche. Der Älteste der Weisen überreichte ihm einen Führerstab, auf dem das Zeichen der höchsten magischen Gewalt eingeritzt war. Dann begab sich Boro in die Hütte Rahis und kauerte, ohne ein Wort zu sprechen, zu Häupten seines Lagers nieder. Rahi, das Gesicht zur Wand gekehrt, sah ihn nicht. So verging noch ein ganzer Tag. Am nächsten Tage zeigte sich bei Sonnenuntergang eine Änderung im Zustande des Kranken. Geschwächt durch das Fieber und vom Leiden ausgehöhlt, war sein Gesicht totenblaß. Abgerissene Worte kamen über seine Lippen. »Die Renntiere ... dort ... man muß ihnen nach ... wir sterben hier!...« Einen Augenblick später sagte er, nachdem er seine Felldecken weggeschleudert hatte, mit verzweifeltem Tonfall: »Das Wetter ist heiß, sehr heiß!« Er knirschte vor Wut mit den Zähnen. Dann beruhigte er sich und schien zu schlafen. Während des Schlummers gewannen seine Züge wieder ihre Ruhe zurück. Er war sehr bleich. Die Weisen betrachteten ihn angstvoll, und Boro näherte sich ihm. Plötzlich erschauerte Rahi. Seine hageren Hände suchten die Decke aus Fuchsfell wieder an sich zu ziehen. Seine schmalen Lippen entspannten sich. Er versuchte zu lächeln. Die Weisen staunten darüber, diesen Sterbenden zum Leben zurückkehren zu sehen. Vor den leuchtenden Augen Rahis, die sich bald für immer schließen sollten, zogen jetzt weite Länder, glitzernd voll Schnee, vorüber. Er richtete sich auf und stieß einen Schrei aus. »Es friert! Es friert!« murmelte er. Er fiel zurück und starb glücklich. Boro hatte sich über ihn geneigt und fast Mund an Mund den letzten Atemzug des Sterbenden, der nicht verloren gehen durfte, empfangen.   Die Leute vom Fluß begruben ihre Toten nicht. Sobald die Sterberiten, die durch Wochen, ja manchmal durch Monate wiederholt wurden, erfüllt waren, war die Seele des Gestorbenen versöhnt, und er zog in das Reich der Abgeschiedenen seines Stammes ein. Den Körper legten sie auf einen Hügel und überließen ihn den wilden Tieren. Doch der Leichnam eines Häuptlings von der Bedeutung Rahis mußte mit ganz besonderen Ehren ausgezeichnet und begraben werden. Die Totenwache begann. Auf ihren Fersen kauernd, riefen die drei Weisen, einer nach dem anderen, die Seele des Toten an. Der erste sagte: »Warum bist du von uns gegangen?« Der zweite: »Fern von uns wirst du nicht glücklich sein!« Der dritte: »Du wirst in der Finsternis leiden!« Und nach einem Schweigen sprachen sie alle zugleich: »Kehre zurück, nimm deinen Platz wieder ein!« – Die Nacht brach herein. Scheite brannten vor dem Eingange der Hütte. Sie beleuchteten Rahi, der auf dem Rücken lag, und dessen Mund weit geöffnet war, damit die umherirrende Seele, wenn sie dem Zureden der Weisen folgen würde, ihre Wohnstätte wieder in Besitz zu nehmen vermöchte. Seine Augen waren nicht geschlossen, damit sie die Flüchtige sehen konnten, wenn sie über ihnen vorbeiflog. Neben Rahi lauerte Boro auf die Rückkehr des entflohenen Geistes. Die Weisen blieben, auf ihren Fersen hockend, im Schatten. Während der ganzen Nacht wiederholten sie ihre Litaneien. Sie sprachen zu der irrenden Seele: »Du ziehst tausend Gefahren entgegen!« »Dornen werden dich wund reißen!« »Wilde Tiere werden dich fressen!« Und immer nach einiger Zeit vereinigten sich die Stimmen aller drei zu beschwörendem Flehen: »Kehre zurück, nimm deinen Platz wieder ein!« Als die Sonne aufging, neigte Boro sich über den Leichnam. Er hielt einen Stab aus Renntiergeweih in der Hand. Dreimal schlug er kräftig auf den Schädel Rahis. Dreimal fragte er: »Bist du da?« Da er keine Antwort erhielt, schloß man, daß die Seele Rahis den Körper endgültig verlassen habe und daß die Beerdigungszeremonien einzuleiten seien. Von jetzt ab galt es, eine ganze Reihe von Vorsichtsmaßregeln zu beachten. Es war untersagt, den Namen Rahis auszusprechen, weil dies allein genügt hätte, seine Seele zurückzurufen, die schon eine Reise angetreten hatte, die es angenehm zu gestalten galt. Hörte sie sich angerufen, käme sie zurück, um die Lebenden zu quälen. In der Nähe der Beerdigungsstätte mußte unausgesetzt ein lebhaftes Geräusch erzeugt werden, um die Seele zu hindern, sich einzuschleichen. Schließlich war es erforderlich, daß die Verwandten des Verschiedenen sofort ihre Kleidung und soweit als möglich auch ihr Gesicht veränderten, um von der rachsüchtigen Seele des Toten nicht erkannt zu werden, falls sie für erduldetes Unrecht jetzt Vergeltung üben wollte. Rahi hatte weder Frau noch Kinder. Boro, die Weisen, das alte Weib und der Knabe, die für ihn gesorgt hatten, malten sich breite schwarze Streifen auf Kleider und Gesicht. Eine seichte Grube wurde an einem feuchten Platze ausgehoben, und hier wurde der Körper in hockender Stellung, wie sie den Leuten am Fluß als Ruhestellung gewohnt war, begraben. Da man der Meinung war, daß Feuchtigkeit ohne Licht die Zersetzung der Fleischteile beschleunige, wurde die Erde, die ihn bedeckte, mit Wasser begossen. Man brachte ihm jeden Tag Beeren, selbst Fleisch, hauptsächlich aber Blut von getöteten Tieren. Alles geschah, um der umherirrenden Seele keinerlei Grund zu Klagen zu geben. Wäre dies nicht geschehen, hätte man unermeßliches Übel zu befürchten gehabt. Während drei Monaten wurden die Zeremonien täglich wiederholt. Als man die sterblichen Reste des Häuptlings dann ausgraben wollte, erklärte einer der Weisen, der Verstorbene sei ihm in der vergangenen Nacht erschienen und habe den Wunsch ausgesprochen, noch einen Monat in der Grube zu bleiben. Seine Bitte wurde gewährt. Nach Ablauf dieser Zeit wurde die Erde weggeschafft. Man fand die Knochen vollkommen entblößt. Die Weisen bestrichen das Skelett mit roter Ockerfarbe – der schönsten Farbe, die sie kannten –, damit die Ehrung, die dem Toten zuteil geworden, in unvergänglicher Form erhalten bleibe. Die endgültige Beisetzung erfolgte in einer in der Nähe des Flusses gelegenen Höhle. Noch ein ganzes Jahr wurden Geschenke gebracht und die Litaneien gemurmelt, in denen der Name des Verstorbenen nicht ausgesprochen werden durfte. »Du, der du fort bist ...« sagte man. »Du, der du uns verlassen hast...« Dann erst war man überzeugt, daß die Seele in das ewige Reich der Geister eingezogen sei, und jede Erinnerung an den Häuptling wurde aus der Welt der Lebenden gelöscht. –   Während die unwissende Menge in den Wohnstätten und die Weisen in ihren Zusammenkünften noch den feindlichen Einflüssen nachforschten, die den Tod des Führers, dessen Namen man nicht aussprach, herbeigeführt hatten, wußte No recht gut, woran er sich zu halten hatte. Mahs spitze Nadel hatte das von ihm geschaffene Bild des Häuptlings nicht vergeblich durchbohrt! Doch Gewissensbisse verspürte er nicht. Im Gegenteil, er beglückwünschte sich dazu, den Stamm von einem so unseligen Manne erlöst zu haben. Andererseits empfand er gewaltigen Stolz über die Macht seiner magischen Kunst. In dieser ruhelosen Zeit, die sie durchlebten, würde er sie zweifellos noch oft gebrauchen müssen! Die Anzeichen waren nicht günstig. Frohe Hoffnungen waren in den Leuten vom Fluß beim Verschwinden des alten Häuptlings entflammt. Schon hatten sie ein baldiges Ende ihrer Leiden, den Rückzug der feindlichen Geister und die Wiederkehr der natürlichen Ordnung der Dinge erwartet, da Boro nun über das Wohl des Volkes wachte. Kurze Zeit nur dauerte ihr Irrtum. Denn schon während des Herbstes fiel unaufhörlich ein feiner Regen. Einen Monat lang war die Sonne nicht zu sehen. Allgemein wurde diese so bösartige Stellungnahme der Gestirne dem Einflüsse des Verstorbenen zugeschrieben, und man beschuldigte die Weisen, daß sie die vorgeschriebenen Sterberiten nicht pünktlich erfüllt hätten. Wenn der Regen aussetzte, wichen die schweren Wolken nicht vom trüben Himmel. Eine eisige Nässe lag über Bäumen, Flechten und Moosen. Der Fluß trat aus seinen Ufern und überschwemmte die tief gelegenen Täler. Man mußte einige Wohnstätten räumen. Die angeschwollenen Sümpfe bedeckten die sie durchquerenden Wege. Bald war es fast unmöglich geworden, von einer Seite des Tales zur anderen zu gelangen. Ringsum im Tale und vor den Hütten entzündete man Feuer, um den Himmel auszutrocknen. Lange blieb diese Zauberei wirkungslos. Die Männer auf der Jagd sahen ihre Mühen verzehnfacht, da die Spuren der Tiere in dem aufgeweichten Boden verschwammen. Vollkommen erschöpft kehrten die Jäger nach Hause zurück, wo sie von ihren Frauen und Töchtern schlecht empfangen wurden, weil sie niemals mehr ein schönes, geschmeidiges, dicht behaartes Renntierfell heimbrachten. Die alten Kleidungen wurden immer schadhafter. Die Weiber verbrachten ihre Zeit damit, sie mit ihren dünnen Nadeln zu flicken. Die Tage reichten nicht mehr für diese mühselige Arbeit, sie mußte auch nachts bei rauchenden Fackeln fortgesetzt werden. Wo sollte das hinführen? Weder Marder noch Fuchs gaben ein Fell, das kräftig genug gewesen wäre, Wams und Hosen für die Jäger herzustellen. Um alles Unglück zu vermehren, setzte Anfang des Jahres der Frost heftig ein, ehe noch Schnee gefallen war. Und als der Schnee dann kam, ballte er sich zu solchen Massen, daß das Wild darunter litt. Der ganze Winter war nur eine unausgesetzte Folge von grimmigen Frösten, gefolgt von Tauwetter. Nichts Schlimmeres konnte es für den Stamm geben. Die Menschen ertrugen diese ungewohnten plötzlichen Schwankungen der Temperatur nicht. Sie waren überzeugt, launischen, bösen Mächten wehrlos ausgeliefert zu sein, und Furcht quälte sie unausgesetzt. Sie lebten elend, der wechselnden Witterung preisgegeben, in der Angst vor dem Ungewissen. Während man sich beim flackernden Feuer wärmte, erzitterte man bei dem Gedanken, wie man frieren würde, wenn auch die letzten Renntierfelle zur Bekleidung unbrauchbar wären. Für jeden, der vernünftigen Sinnes war, wurde es schließlich zur unabweisbaren Tatsache, daß die Welt der Geister in Feindschaft mit dem Stamme lebte, und daß die verschiedenen Leiden nur diese einzige Ursache hatten. So mußte auch Boro, der anfangs so große Hoffnungen erweckt hatte, die Unbeliebtheit kennenlernen, die Rahi in den letzten Jahren seiner Herrschaft zu Boden gedrückt hatte. Und auch die Weisen, obwohl sie die unwissende Menge immer noch in Furcht gebannt hielten, verloren nach und nach an Einfluß. Feindselige Reden liefen von Mund zu Mund. No hatte sich auf der geräumigen Terrasse, auf der seine Eltern wohnten, eine Hütte erbaut. Ohne Mühe fand Mara sich in die Sitten der Leute am Fluß, die von denen ihres eigenen Volkes nicht allzusehr abwichen. Anfangs hatte man sie ein wenig mit der Verachtung behandelt, wie sie begreiflicherweise das Volk der Jäger für das der Fischer empfindet. Mara aber hatte ein anpassungsfähiges Wesen, und, ihrem Gatten treu ergeben, verlangte sie nichts, als das zu erlernen, was sie nicht konnte. Besonders half sie bei der Bearbeitung der Felle, und Bahili lehrte sie ihr Geheimnis, eine kreisförmige Bewegung der Hand, die ihr niemand nachmachen konnte. No ging mit seinen Freunden jeden fünften oder sechsten Tag auf die Jagd. Sie erlegten in diesem Winter zahlreiche Pferde, so daß es wenigstens an Nahrung nicht mangelte. Die übrige Zeit verbrachte er damit, seine Waffen instand zu halten, Harpunen und Speerspitzen nun aus Hirschgeweih zu schnitzen, seit das Renntier fehlte. Er übte sich auch weiter darin, Tierbilder zu zeichnen. Auf der Wand seiner Hütte ließ er, von einem frommen Gedanken geleitet, den ehrwürdigen Stammvater, den gewaltigen Höhlenbären, erstehen. Fast in Lebensgröße bildete er ihn nach und erzählte dabei Mara vom Leben und von den Taten dessen, der ihrer aller Vater gewesen war. Mara lauschte ihm, aufs höchste verwundert, auf dem Felsen das Bild des Bären selbst erscheinen zu sehen. Mit dem Scharfsinn und der Spitzfindigkeit, die Erbteile seines Stammes waren, nutzte auch er die Vertiefungen und Erhebungen der Felswand aus, um sein Bild plastisch zu gestalten. Und dann belebte er mit Hilfe der Farben die bis dahin tote Masse. Es bereitete ihm ungeahnte Freude, die Formen unter seinen geduldigen Fingern erstehen zu lassen. Ein Wesen, das No ins Leben gerufen hatte, stand jetzt dort, wo bisher nur dunkler, kahler Felsen gewesen war! Das Erstaunlichste war, daß er selbst niemals einen Höhlenbären gesehen hatte. Nur dessen kleineren Bruder kannte er, den Waldbären, der einem geschickten Jäger leichte Beute war. Wenn er sich auf seinen Hintertatzen aufrichtete, erreichte er bloß die Größe eines erwachsenen Mannes. Obwohl er über gewaltige Kräfte verfügte, berichtete man doch von einzelnen Fällen, in denen waffenlose Jäger, von einem verwundeten Bären überrascht, ihn buchstäblich in ihrer Umarmung erdrückt hatten und dadurch zu großem Ruhm gelangt waren. Man hätte aber nicht daran denken können, mit einem Höhlenbären den so ungleichen Kampf zu beginnen. Außerdem hatte dieser als geheiligtes Tier gegolten, und niemand hätte ihn zu jagen gewagt. In den letzten Jahren war auch er verschwunden, auch er, und keiner der jungen Leute kannte auch nur seine Fußspuren. Wieder ein Grund mehr zur Besorgnis, denn was würde geschehen, wenn man ihn auch in höchster Not nicht fände, um den Ahnen zu opfern und das Fest der Wiedervereinigung zu begehen. Seine Söhne würden sterben, weil sie nicht von neuem an seinen herrlichen Kräften teilhaben konnten. Aus welcher anderen Quelle sollte man schöpfen, um dem sterbenden Stamm das Leben zurückzugeben? Und wenn man es recht bedachte, war nicht vielleicht gerade das Verschwinden des großen Bären die Ursache all der Übel, die sein Volk zu ertragen hatte? All diesen ernsten Fragen grübelte No nach, während seine sichere Hand das Bild nach der Erinnerung einer Darstellung in der heiligen Grotte schuf. Gerade jetzt, da der ganze Stamm in sorgenvoller Furcht lebte, war es ihm Bedürfnis, sein Heim, in dem bald ein Kind geboren werden sollte, unter den Schutz des Ahnen zu stellen. Als der Frühling seinen Einzug hielt, brachte Mara unter dem Beistand der Frauen ein Mädchen zur Welt, das von No zur Erinnerung an seine verschwundene Schwester Mah genannt wurde. Sie wickelte das Kind in ein Fuchsfell, das dafür vorbereitet war, und trug es tagsüber in ihrem Renntierwams geborgen zwischen den Brüsten.   Die Witterung blieb schlecht. Abwechselnd fielen Regen und halbzergangener Schnee. Eine neue, furchtbare Prüfung brach um diese Zeit über die Söhne des Bären herein, als sollte ihnen vor Augen geführt werden, daß die ihnen feindlichen Mächte sich nicht erweichen ließen. Diesmal war es eine merkwürdige Krankheit, die mit einem Stechen im Hals begann. Bald verklebten sich Hautteile im Schlünde, die das Atmen immer schwieriger machten. Der Kranke hustete fürchterlich, um diese ihn erstickenden Häute auszustoßen. Durch Mund und Nase gab er Ströme Blutes von sich. Die bösen Geister, die von ihm Besitz ergriffen hatten, ließen ihn wie einen sprechen, der der Vernunft beraubt ist. Und plötzlich fiel er in einem Krampf zu Boden, um nicht wieder aufzustehen. Das Ganze dauerte kaum einige Tage. Durch die lange Zeit der Beschwerden und äußerster Unruhe geschwächt, starben Männer, Frauen, Kinder und Greise wie die Fliegen. Von zehn Menschen, die das Übel befiel, blieben kaum drei am Leben. Man sah die Zeit voraus, da nicht mehr genügend Gesunde da sein würden, um die Sterberiten abzuhalten. Das Töchterchen Nos war eines der ersten Opfer. Ihren kleinen Körper warf man in den Fluß. Bahili und ihr zweiter Sohn wurden von der Krankheit befallen. Es gab keine Hütte ohne Kranke oder Sterbende. Die Weisen vermehrten ihre vergeblichen Beschwörungen, doch die feindlichen Mächte waren die Stärkeren. Nachdem sie alles versucht hatten, kamen sie auf den Einfall, auf den Terrassen wohlriechende Kräuter und noch feuchte Zweige anzuzünden. Ein beißender, duftender Rauch stieg daraus empor. Man hoffte, daß die feindlichen Dämone diese dichten Vorhänge nicht würden durchdringen können. Der Erfolg zeigte, daß man richtig gehandelt hatte. Die Krankheit begann jetzt nachzulassen, neue Fälle zeigten sich seltener. Boro und die Weisen gewannen mit einem Schlage ihr Ansehen zurück. Als dann gegen Mitte des Frühjahres die Sonne kräftiger zu scheinen begann, verschwand die böse Seuche vollkommen. Doch was für Verluste hatten die Söhne des Bären erlitten! Mehr als die Hälfte von ihnen war verschwunden. Kaum vierhundert blasse, kraftlose, zum Skelett abgemagerte Menschen blieben zurück. Und diese Unglücklichen, denen es Mühe verursachte, ihren Unterhalt zu sichern, mußten sich jetzt auch noch gegen die Seelen der Verstorbenen wehren, die ihnen zusetzten. Denn die Kranken hatten während der grausamen Seuche tatsächlich nicht alles tun können, was geboten war, die Seelen der Abgeschiedenen zu besänftigen. Vom Beginn der Dämmerung an irrten sie seufzend durch die Wälder und forderten, was ihnen gebührte. Mehr als einer von ihnen entführte einen Lebenden, den er in der Nacht überrascht hatte. Nach ihrem Kinde war Mara krank geworden. Um die Dämonen zu töten, die in sie einzudringen versuchten, kam No auf den Gedanken, sie Dämpfe heißen Wassers einatmen zu lassen, in das bittere, am Ufer des Sumpfes gepflückte Kräuter vermischt waren, über die ein Weiser die feierlichste aller Beschwörungen gesprochen hatte. Die Kur half. Nach kurzer Zeit befreite ein heftiger Husten Mara von den verderblichen Häuten, die ihren Schlund versperrten. Sie schlief zwei Tage lang in ihrem Sack, den No nahe zum Feuer gerückt hatte. Sie schwitzte überströmend, und als sie erwachte, war sie geheilt. Noch schöner als vorher erschien sie No. Ihr kleiner Kopf saß auf einem Halse, der seit der Krankheit noch schlanker erschien. No wußte nicht mehr, ob er seine Frau oder seine Schwester vor sich hatte. Das Wetter besserte sich. Die Sonne ließ die Feuchtigkeit schwinden und goß ein wenig Freude in die Herzen der am Leben Gebliebenen. Mara schloß sich den Mädchen an, die auszogen, Kräuter und Blumen zu pflücken. Wieder erklangen ihre traurigen Lieder morgens und abends auf den Hügeln. Aber Mara durfte nicht dem Chor der Jungfrauen folgen, wenn sie sich bei der heiligen Eiche einfanden. No glaubte schon, der regelmäßige Kreis der Beschäftigungen und Feste, die das Jahr erfüllten, werde sich nach so viel Stürmen ohne neue Zwischenfälle runden, als eine Entdeckung, die er eines Tages machte, ihn und den ganzen Stamm in neuen Schrecken setzte. Er erblickte eines Tages beim Fischen einen fremdartigen Gegenstand, der in der Strömung trieb, zog ihn mit Hilfe seiner Harpune ans Ufer heran und nahm ihn neugierig aus dem Wasser. Es war ein anderthalb Fuß langer, fingerdicker Stecken, an dessen einem Ende ein armlanger Lederstreifen befestigt war, der in seiner ganzen Länge spitz zulaufend geschnitten war. Wer hatte dieses sonderbare Ding verfertigt, wo kam es her, wozu mochte es dienen? Gewiß war nur, daß er Ähnliches noch bei keinem der ihm bekannten Nachbarstämme gesehen hatte. Auch die Händler, die doch so viel herumkamen, hatten ein derartiges Werkzeug niemals beschrieben. Sollte es irgendeine neue Art von Schlinge sein, die man dem Wild legt? Wer war der Besitzer? Von wo war er ins Land gekommen? Denn ein Fremder war er sicher. Und wo verbarg er sich? No blickte grübelnd auf den schicksalsschweren Fund. Ein Unbekannter war da, vielleicht ganz in der Nähe, vielleicht dort im Schilf, aus dem er gleich auftauchen konnte, um sein Eigentum zurückzufordern ... No überlief ein kalter Schauer. Am gleichen Abend brachte er seinen Fund dem Häuptling. Boro und die Weisen, die sich mit den Alten berieten, prüften ihn eingehend. Sie gelangten aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. Gleich No waren auch sie alle in höchstem Maße von dem Gedanken beunruhigt, daß fremde Menschen in ihrem Tale aufgetaucht sein könnten. Man hatte hier im Frieden unter Menschen der gleichen Rasse, deren Neigungen und Überlieferungen den eigenen ähnlich waren, gelebt. Sollte diese Harmonie gestört werden? Nach reiflicher Überlegung entschied Boro, daß No mit drei anderen jungen Männern das Land den Fluß entlang bis zu seiner Quelle ausforschen sollte. Er wählte die besten Läufer des Stammes, denn wenn die Notwendigkeit sich ergeben sollte, mußten sie sicher sein, in der Flucht ihr Heil zu finden. Wenn sie aber nur auf vereinzelte Unbekannte stießen, dann sollten sie trachten, deren Herkunft und Absichten zu erfahren, größeren Ansammlungen sollten sie ausweichen und jedenfalls so rasch als möglich zurückzukehren, um über ihre Wahrnehmungen zu berichten. Am nächsten Morgen schon brachen No und seine Gefährten auf, und nicht gering war begreiflicherweise die Erregung, mit der sie dem Verlauf dieser Expedition entgegenblickten, die mit ihren gewohnten Jagdzügen so gar keine Ähnlichkeit hatte. Ihren Frauen hatten sie von der Mission, die ihnen anvertraut war, nichts gesagt. Bei den Leuten am Flusse wurden bedeutsame Angelegenheiten nur zwischen Männern besprochen. Der Morgen war klar und heiter. Sie folgten dem linken Flußufer und achteten, während sie das taufrische Gras niedertraten, wohl darauf, daß ihr Schatten kein dorniges Gebüsch traf, das ihn hätte zerreißen können. An diesem ersten Tage erfuhren sie nichts von ihnen, die sie treffen sollten. Männer und Frauen, denen sie begegneten, führten ihr geregeltes tägliches Leben, ließen nichts als Klagen über das immer seltener werdende Wild und über das Ausbleiben der Renntiere hören. Nachts fanden sie bei ihnen bekannten Leuten ein Obdach. Zwei Tage noch folgten sie dem Flußlauf. Die Landschaft zeigte jetzt einen geänderten Charakter. Das Tal wurde offen, flach, unbewohnt. Es bot keinen Versteck. Sie begegneten keinem Menschen. So weit von den Ihren entfernt, fühlten sie sich beunruhigt. Nachmittags jagten sie lange ohne Erfolg. Erst gegen den Abend bemächtigten sie sich nach vieler Mühe eines wenige Monate alten Fohlens. Um es zu verzehren, ließen sie sich unweit des Flusses am Fuße eines hohen Felsens nieder. Zur Linken schützte sie ein Sumpf. Sie zündeten Feuer an und beschlossen, da die Stelle sicher schien, die Nacht hier zu verbringen. Schon wurde es dunkel, und sie unterhielten sich noch mit leiser Stimme beim Flackern brennender Scheite. Als sie verstummten, lag eine große, ganz ungewohnte Stille um sie, die nur das Geräusch des Windes im Schilfe unterbrach. Die Luft lag wie zusammengeballt über ihnen. Eine Eule und ein Käuzchen beschrieben, vom hellen Schein der Flammen angelockt, ihre Kreise hoch in der Luft und ließen sich manchmal fast auf die kauernden Jäger fallen. Erschrocken flohen sie dann und ihre klagenden, kurz abbrechenden Rufe klangen durch die Nacht. Die jungen Leute liebten diese Schreie der Eulen nicht, sie hatten etwas zu Menschliches. Sicher hatten unglückliche menschliche Seelen die Körper dieser Tiere zur Wohnstatt erwählt und zwangen sie des Nachts, wenn alle anderen Vögel des Waldes in den Zweigen der Bäume schliefen, klagend durch das Dunkel zu kreisen. Die Bärensöhne schonten diese Nachtvögel in abergläubischer Scheu, und wenn sie aus dem Dunkel ihre lauten Stimmen vernahmen, so war es ihnen ein sicheres Zeichen, daß böse Ereignisse bevorstanden. No tauschte mit seinen Gefährten nur noch knappe Worte. Die Pausen ihrer Gespräche wurden immer länger, gerne hätten sie die Nacht schon überstanden gehabt. Um rascher dem hellen Tag entgegenzugehen, schlüpften sie in ihre Schlafsäcke, die Müdigkeit überwand schließlich ihre Unruhe, und sie versanken in tiefen Schlaf. Noch aus dem ersten Schlummer wurde No durch ein beängstigendes Gefühl gerissen. Es war, als hätte er instinktmäßig Anzeichen wahrgenommen, die auf ungeahnte Vorgänge in seiner Nähe deuteten. Er öffnete die Augen und richtete sich umherspähend auf. Zu seinen Füßen glimmten noch die Reste des Feuers. Bleierne Stille lag ringsum, nur das gleichmäßige Atmen seiner Freunde war zu vernehmen. Auf dem dunklen Himmel blinkten all die tausend Sterne, die No seit jeher kannte. Über der Erde war zwar die Finsternis so undurchdringlich, daß sein suchendes Auge nichts zu unterscheiden vermochte, aber Grund zur Beunruhigung lag keiner vor. Er streckte sich wieder aus und schloß die Augen. Das Bild Maras erschien ihm einen Augenblick, so wie er sie zum ersten Male im Flusse erblickt hatte. Im gleichen Flusse, den Mah auf ihrer Flucht durchquert haben mußte. Seine Gedanken verwirrten sich, er wußte kaum mehr, ob er träumte, ob er dachte, da plötzlich fuhr er auf. Nicht weit entfernt von ihm, etwa dreihundert Schritte, aber jenseits des Flusses, waren Tierstimmen laut geworden. Doch sie ähnelten weder dem heiseren Geheul der Wölfe, noch dem Kläffen des Fuchses, der in Gesellschaft seines Weibchens einen Hasen hetzt. Es mußten gegen zwanzig Tiere sein, die alle durcheinander, scheinbar in großer Erregung, dieses Lärmen hören ließen, und niemals noch, seitdem Menschen den Fluß bewohnten, war Ähnliches an ihre Ohren gedrungen. Waren neue Tiere ins Land gekommen? Bösartige Tiere? Mit welchen Mitteln wehrte man sich gegen sie? Mit der Schnelligkeit eines Pfeilschusses schossen diese Fragen durch Nos Kopf. Schon waren auch seine Gefährten wach und horchten erregt wie er. Sie sprachen keiner ein Wort, doch an ihren Blicken erkannte man, daß sie den ganzen Ernst dieses Ereignisses begriffen. Auf Augenblicke wurden die Tiere immer still, dann begannen zwei oder drei wieder ihr starkes Lärmen, und die übrigen fielen, als hätten sie nur auf dieses Signal gewartet, lebhaft ein. Die Stimmen näherten sich jetzt. Die jungen Männer hatten ihre Bogen ergriffen und blickten angestrengt nach der Richtung, in der das Rudel der unbekannten Feinde erscheinen mußte. Doch es schien sich wieder zu entfernen, und bald klang das Lärmen nur noch schwach herüber. Tiefe Stille lag wieder über den Wäldern und Hügeln. Beim Feuer entspann sich eine so leise geführte Unterhaltung, als ob rings im Dunkel ein Kreis von Feinden lauern würde. Übereinstimmung herrschte nur in einem einzigen Punkte: in der völligen Unkenntnis der Art dieser Tiere, deren Stimmen sie eben zum ersten Male vernommen hatten. Und darin lag die unheimliche Bedrohung. Seit Jahrhunderten kannten sie alle Tiere, die das Land bevölkerten, kannten jede ihrer Gewohnheiten, ihre Tücken, wie auch ihre Schwächen; seit Generationen hatten sie gegen sie zu kämpfen, sie zu überwinden gelernt. Und heute fanden sie sich dem Furchtbarsten gegenüber, das es geben kann: dem Unbekannten! Jeder einzelne von ihnen hatte hunderte Male sein Leben bei der Jagd aufs Spiel gesetzt, doch jeder von ihnen spürte in diesem Augenblick das gleiche, lähmende Entsetzen, dieselbe beklemmende Angst. Sie nahmen sich vor, beim ersten Tagesgrauen den Spuren dieser Tiere zu folgen und zu trachten, eines davon zu erlegen, um es den Weisen heimzubringen. Schon hatten sie den ursprünglichen Zweck ihrer Mission vergessen, schon dachten sie nicht mehr an den sonderbaren Fund Nos und an den unbekannten Besitzer jenes fremdartigen Gegenstandes, den sie zu suchen ausgezogen waren. Das neue Erlebnis hatte alles verdunkelt und war der einzige Gegenstand ihrer Gedanken, die bis zum ersten Schimmer des neuen Tages nicht mehr zur Ruhe kommen wollten. Nachdem sie gegessen hatten, zogen sie weiter. Zwei auf dem rechten Flußufer, zwei auf dem linken, gingen sie jeder vom anderen etwa zweihundert Schritte entfernt, stromaufwärts. No hielt sich am weitesten vom Flusse ab. Bald durchschritt er einen Fichtenwald, bald führte sein Weg über Wiesen, hier war es ein Teich, der umgangen werden mußte, dort ein Sumpf, dem auszuweichen war, langsam nur kam er vorwärts, den Blick forschend auf den Boden gerichtet, um die Spuren der nächtlichen Tiere zu entdecken. Plötzlich bemerkte er in einer Grube vor einem Felsen, etwa zwanzig Schritte vor sich, ein Tier, das an den Eingeweiden eines Hirschkalbes fraß. Beim Geräusch der herannahenden Schritte hob es den Kopf und blickte No entgegen. Dieser war stehengeblieben, und beide musterten einander unbeweglich, No mit erhobenem Bogen, das Tier mit dumpfem Grollen und gesträubten Haaren. Warum flüchtete das Tier nicht? Warum wurde Nos Pfeil nicht abgeschnellt? Diese doppelte Frage verwirrte No. Er machte einen Schritt vorwärts, und sogleich änderte sich das Bild. Das Tier wurde rasend vor Wut, stieß heitere Schreie aus, und – was das Sonderbarste war – statt nun zu fliehen, nahm es Stellung, um gegen No loszuspringen. Jetzt erst schnellte Nos sichere Hand den Pfeil, der das unbekannte Wild durchbohrte. Es krümmte sich noch ächzend und blieb mit ausgestreckten Läufen tot liegen. No kam näher, um seine Beute zu betrachten. Es war ein Tier von der Größe eines Wolfes, mit kurzem, feuerrotem Haar, die spitz zulaufende, lange Schnauze war voll Blut des Hirschkalbes und zeigte ein starkes Gebiß, wie nur Raubtiere es besitzen. Es tötete das Wild, um sich davon zu nähren; diesen Beweis hatte No vor sich, und es war mutig, da es selbst vor dem Menschen nicht zurückschreckte, ja ihn sogar angriff. Recht beunruhigend war das Auftreten solcher Tiere im Lande, denn sie würden den Menschen vom Flusse gefährliche Rivalen sein, die von dem immer selteneren Wilde ihren Teil beanspruchten. Und was konnte man von ihnen gewinnen? Auf den ersten Blick schon hatte No gesehen, daß das Fell unbrauchbar war. Aber er mußte es mitnehmen, um es den Weisen zu Hause zeigen zu können. Darum begann er mit Hilfe eines Steines seine Beute abzuhäuten. Während er noch an der Arbeit war, ertönten ganz nahe drohende Tierstimmen. Er blickte sich suchend nach einem Verstecke um und bemerkte einen Ast, der von einem Baum über den Felsen niederhing. Im gleichen Augenblicke kam auch schon ein Rudel von zwanzig Tieren, gleich dem, das er eben erlegt hatte, die um die Wette heulten. Rasch kletterte No, Hände und Füße zu Hilfe nehmend, auf den Felsen, sprang in kühnem Satz auf den Ast und setzte sich rittlings darauf. Während des Hinaufsteigens durchfuhr ein Biß seine Wade. Unter ihm ertönte furchtbares Geheul. Erstaunt fragte sich No, was das wohl für Tiere sein mochten, die in so großen Rudeln jagten. Jedes einzelne schien gar nicht übermäßig stark. Vereinigt aber – durch welches magische und nie gesehene Bündnis, das sie darin den Menschen ähnlich machte – wurden sie furchtbar. No sah ein, daß er allein mit ihnen den Kampf nicht aufnehmen konnte. Er mußte seine Freunde herbeirufen, aber sie gleichzeitig warnen, beim Näherkommen auf ihrer Hut zu sein. Zu viert würden sie mit diesen lärmenden Gegnern fertig werden. Er ließ drei kurze Pfiffe hören und fügte noch einen langen hinzu. In diesem Augenblicke tauchte ein Mann aus den Büschen auf, der aber nicht zu jenen gehörte, die No erwartete, und der offensichtlich nicht dem gleichen Volke, wie die Leute am Flusse, angehörte. Er war viel kleiner, doch mußte er trotzdem bedeutende Kraft besitzen, denn mächtig war sein Brustkorb, und starke Muskeln spielten an Schultern, Armen und Beinen. Und sein Kopf, statt länglich zu sein, war rund gewölbt. Plump zusammengesteckte Wolfsfelle dienten ihm als Kleidung. Und wie maßlos war das Erstaunen Nos, als er diesen Mann mit ruhigen Schritten auf die rasenden Tiere losgehen, als er ihn mitten zwischen sie treten sah, als wären sie gar nicht vorhanden und – ein Umstand, wenn möglich noch schwerer zu erklären – diese selbst schenkten ihm nicht die geringste Beachtung und fuhren unbeirrt in ihrem Lärmen fort. Da rief der Mann mit lauter Stimme für No unverständliche Worte. Ein kurzes Schweigen folgte, dann begann der Höllenlärm von neuem. Ungeduldig geworden, zog darauf der Fremde ein Werkzeug aus seinem Gürtel, ähnlich demjenigen, das No aus dem Flusse gezogen hatte, ließ es klatschen und schlug damit in das aufgeregte Rudel. Es heulte darin schmerzlich auf, aber die Tiere wurden sofort still und drängten sich mit eingezogenem Schweif zu Füßen dessen, der als ihr Gebieter aufgetreten war. Von Staunen überwältigt, fragte sich No, ob er im Traume in ein Land versetzt worden war, in dem alles ganz anders verlief, als in der Welt, die er kannte. Zeit und Kraft mangelten ihm, um sich zu besinnen. Eines nur erfaßte er: ein Wesen von menschlichem Aussehen und ihm gleichend gebot wilden Tieren mit seiner Stimme, und sie gehorchten ihm! In diesem Augenblick entdeckte der Fremde den auf dem Baume sitzenden No und begann zu lachen, als wäre es nicht das erstemal, daß sich ihm ein solcher Anblick bot. Er machte No Zeichen, herunterzusteigen, und No war von dem allen so verwirrt, daß er gar nicht mehr an Gefahr dachte und zu Boden sprang. Der Fremde betrachtete ihn aufmerksam und sprach dann zu ihm in einer unverständlichen Sprache. Obgleich die Laute rauh klangen, schienen sie wohlwollend. Noch während er sprach, fiel sein Blick auf die Leiche des Tieres, das von Nos Pfeil durchbohrt worden war. Ein zorniges Aufblitzen seiner Augen traf No, und ein herrischer Ruf entfuhr seinen Lippen. No begriff, daß er das Töten eines der ihm gehörenden Tiere damit verbot. Doch der Fremde beruhigte sich bald und gab No mit seiner flachen Hand einen leichten, freundschaftlichen Schlag auf die Schulter. Dann, als wollte er No seine Macht zeigen, wandte er sich und wies lächelnd und nicht ohne Stolz auf die Tiere mit dem furchtbaren Gebiß, die nun ruhig zu seinen Füßen lagen und fröhlich schweifwedelnd zu ihm aufblickten. No vermochte kein Wort hervorzubringen, er bemühte sich, die Beschwörungsformeln zu murmeln, und konnte sich an keine einzige mehr erinnern. Seine Knie bebten. Ein sonderbares Gefühl der Erschlaffung kam über ihn. Eine Wolke verschleierte seine Augen. Schon schritt der Fremde mit dem runden Schädel, die Peitsche in der Hand schwingend, dem Walde zu, und seine Hunde folgten ihm. Die Berichte Nos und seiner Gefährten wurden von den Leuten am Flusse nur mit ungläubigem Lächeln aufgenommen. Seitdem die Welt bestand, gab es Krieg zwischen Mensch und Tier. Sieger blieb der Stärkere, Geschicktere, Schlauere, meist der Mensch, der durch seine Zaubermacht die Geisterwelt beherrschte und sie zwang, ihm in diesem Kampf beizustehen. Er tötete die Tiere, um sich von ihrem Fleisch zu nähren, um ihr Fell zu verwenden, ihre Knochen, ihr Elfenbein, ihr Geweih seinen zahlreichen Bedürfnissen dienstbar zu machen. Zwischen ihnen und ihm gab es keine Freundschaft, nicht einmal für Augenblicke, und keine Atempause hatte jemals diesen ewigen Kampf unterbrochen! Aus dem Blute, das von beiden Seiten vergossen worden war, das nicht zu fließen aufhörte, war ein Haß emporgewachsen, der niemals schwinden konnte. Der Mensch, der furchtbare, verabscheute Tyrann, hatte Einsamkeit um sich verbreitet. Bei seinem Nahen floh oder verkroch sich, von Angst getrieben, alles Getier. Überrascht verteidigte es sich, und der Kampf endete nur mit dem Tode eines der beiden Gegner. Mord, immer und überall nur Mord! So verlangte es ein unerbittliches Naturgesetz! Und jetzt sollten sich diese ewigen Feinde ausgesöhnt haben? Sie sollten friedlich zusammenleben? Die Tiere sollten vor dem Menschen nicht mehr zittern, sie sollten ihn bei sich aufnehmen, ja, mehr noch als dies, sie sollten sich freiwillig seinen Befehlen unterordnen? Und er, der Mensch, sollte sich ungestraft allein mitten in ihren entfesselten Haß wagen, sie durch ein Wort besänftigen und seinen Zwecken dienstbar machen? Wer hätte dies wohl glauben können? Das waren Geschichten, die man kleinen Kindern erzählen mochte! So nahm man den Bericht der heimgekehrten jungen Leute mit Spott auf. Im übrigen verwies man – und mit Recht – darauf, daß No der einzige Zeuge jener seltsamen Szene gewesen war. Als seine Begleiter einige Augenblicke später zu ihm stießen, fanden sie ihn allein, wie verwirrt, unfähig, ein Wort zu sprechen; neben dem von ihm getöteten harmlosen Tier. Erst nach und nach in Bruchstücken hatte er von der Begegnung mit dem rundschädligen Mann erzählt. Seither weigerte er sich, darüber zu sprechen. Auch dem Häuptling und den Weisen sagte er nur das Allernotwendigste, und dies nur mit sichtlichem Widerstreben. Still und verschlossen hielt er sich abseits und nahm an entfernteren Jagdzügen, die die Männer seines Stammes veranstalteten, nicht mehr teil. Er lebte recht und schlecht von dem Kleinwild, das sich in seinen Fallen fing, und vom Fischfang, dem er jetzt eifriger als zuvor oblag. Man glaubte, dies Maras Einfluß zuschreiben zu müssen. Alles in allem rechtfertigte sein Verhalten die Meinung derjenigen, die annahmen, daß sein Geist getrübt sei. Ein Mensch sollte ihm erschienen sein? Ein verstörter Geist vielmehr, der sich in menschlicher Gestalt gezeigt hatte und darauf wieder in nichts zerflossen war! No, dem man lebhaftes Mitgefühl entgegenbrachte, würde wieder der alte werden, sobald die Erinnerung an sein Erlebnis geschwunden wäre. Mara versuchte, ihn zu zerstreuen. Sie brachte ihm die Werkzeuge, mit denen er früher die Tierbilder gezeichnet und eingeritzt hatte. Doch er wies sie zurück, und als seine Frau ihm zuzureden begann, wurde er zornig, ohne daß sie sich den Grund dafür erklären konnte. –   Was das von No getötete Tier betraf, so war dessen Fell von den Stammesältesten eingehend geprüft worden. War es richtig, daß es nichts Ähnliches im Lande gab? Oder doch? Man mußte seine Art zwischen Wolf und Fuchs einreihen, dem ersten näher als dem zweiten. Weder seine Größe noch seine Krallen konnten als gefährlich angesehen werden. Warum also sollte man sich sonderlich beunruhigen? So lautete die weise Beurteilung der Stammesältesten, doch darf nicht verschwiegen werden, daß die Gerüchte, die sich verbreitet hatten, beim unwissenden Volke auf zahlreiche gläubige Hörer trafen. Sie erregten die Einbildungskraft. Und das Gefühl von Angst, das den Leuten vom Flusse schon lange nicht mehr fremd war, wurde nur noch bestärkt. Einige Wochen vergingen. Dann aber trat neuerlich ein Ereignis ein, diesmal vor aller Augen und so unleugbar, daß die volle Richtigkeit von Nos Bericht mit einem Schlage erwiesen wurde. Ein schöner Sommertag ging zu Ende. Boro hielt mit den Weisen und den Männern des Stammes Rat; sie waren auf der großen Terrasse des Häuptlings versammelt, von der aus das ganze Land vom Tal der heiligen Grotten bis zu dem prächtigen Bogen, den der Fluß zwischen den hohen Klippen beschrieb, zu überblicken war. Frauen und Mädchen ruhten auf der Wiese am Flußufer, da sie ihre Ernte an Kräutern beendet hatten. Jeder erfreute sich der Milde und Weichheit der Abendstunde; gern vergaß man all die Leiden, die man durchgemacht hatte, und all die Gefahren, von denen man bedroht war... Da erscholl rasch näherkommender Lärm aus der Richtung des heiligen Tales, und vor aller Augen, die sich dahin wandten, brach ein keuchender Hirsch aus dem Gebüsch, hart hinter ihm eine ganze Meute solcher kläffender Tiere, wie No sie beschrieben, und deren eines er getötet heimgebracht hatte. Der Hirsch, dessen Körper schweißgefeuchtet war, schien am Ende seiner Kräfte. Er versuchte keinerlei List mehr, querfeldein rannte er, so rasch ihn seine Beine tragen konnten, und in seiner Todesangst bemerkte er die Menschen gar nicht, die auf der Wiese saßen. Doch ehe er noch den halben Weg bis dahin zurückgelegt hatte, war er von seinen Verfolgern erreicht, umringt und zum Stehen gebracht. Sie sprangen an ihm in die Höhe und versuchten, sich in seine Brust zu verbeißen und seine Ohren zu zerreißen. Das edle Wild nahm den Kampf auf, und drei, vier seiner Peiniger rollten bald mit aufgerissenem Leib, von Stößen seines mächtigen Geweihes getroffen, auf den Boden. Die Leute vom Fluß waren aufgesprungen und folgten in leidenschaftlicher Spannung diesem ungleichen Kampfe, als plötzlich ein Pfeil durch die Luft zischte und der ins Herz getroffene Hirsch zusammenbrach. Jetzt erst bemerkten die Zuschauer, daß drei fremde Männer auf der Bildfläche erschienen waren, deren einer eben mit seinem Bogen den Kampf beendet hatte. Auf einen Zuruf des Schützen sah man die tobende Meute, die blutgierig über den zuckenden Körper der besiegten Beute hergefallen war, von ihr zurückweichen und erregt kläffend, zitternd vor Wut, aber gehorsam, wie ihre Gebieter es verlangten, einige Schritte Raum um das noch dampfende Wild freigeben. Die aus den Gürteln gezogenen Peitschen sausten auf einige der allzu aufgeregt sich gebärdenden Tiere nieder, und die Ordnung war vollkommen hergestellt. Die drei Jäger häuteten nun mit geschickten Händen das erlegte Wild ab, lösten die besten Teile des Fleisches los, nahmen sie mit der Haut und dem Geweih an sich und ließen alles übrige mit den Eingeweiden als blutige Masse am Boden liegen. Dann zogen sie sich mit hoch erhobenen Peitschen einige Schritte zurück. Die Hunde heulten vor Ungeduld. Die Peitschen in den Händen der Männer mit den runden Schädeln senkten sich mit einem Ruck, und jetzt stürzte die Meute auf das ersehnte Mahl, das man ihr freigab. Nach wenigen Augenblicken waren alle Reste des schönen Hirschbocks verschwunden. All dies hatte sich vor den Augen des versammelten Stammes abgespielt, und die Haltung der Menge bewies, daß sie alle, Männer, Frauen, Mädchen und selbst die Kinder, begriffen hatten, daß sie Zeugen eines ganz unfaßbaren, mit allen bisherigen Erfahrungen unvereinbaren Auftrittes gewesen waren. In das Schweigen, das sich beklemmend über das Land gesenkt hatte, dröhnten die Stimmen der Weisen, die von der Häuptlingsterrasse ihre Beschwörungsformeln herabbrüllten. Doch die drei fremden Jäger schienen dies in keiner Weise auf sich zu beziehen. Unbekümmert um die Erregung, deren Ursache sie waren, hatten sie sich auf einen Stein gesetzt, und ihre Hunde lagen müde und satt neben ihnen im Grase. Mit aufmerksamen Augen betrachteten diese Männer das Tal, das sie nie vorher betreten hatten, mit kundigen Blicken prüften sie die Hütten unter dem natürlichen Schutze der sie überdachenden Felsen. Feindselige Absichten lagen ihnen vollkommen ferne und, ihrer Kraft bewußt, kamen sie gar nicht auf den Gedanken, daß dieses Volk sie als fremde Eindringlinge mit grimmigen Gefühlen betrachten könnte. Allerdings jagten sie in einem Lande, das nicht ihnen gehörte, aber ihr Schicksal wollte, daß sie darin dem Beispiel ihrer Väter und Ahnen folgten. Seit längst vergangenen Zeiten hatten diese mit ihren Frauen, ihren Kindern und ihren Hunden das angestammte Gebiet verlassen, um in die Richtung der sinkenden Sonne zu ziehen. Ihre Überlieferungen, die nicht weiter als auf fünf, sechs Generationen zurückreichten, berichteten, daß sie ihr schönes und lange Zeit gastfreundliches Land hatten verlassen müssen, weil die Vegetation zufolge böser Einflüsse, deren Ursache man nicht kannte, allmählich abstarb, und die einst üppigen Wiesen, auf denen Bisons und Pferde gegrast hatten, sich in Sandwüsten verwandelten. Seither führten sie auf der Suche nach günstigerem Klima und wildreichen Jagden ein Nomadenleben. Durch weite, verödete Länder, die im Winter vereisten und im Sommer von glühender Hitze versengt wurden, waren sie gezogen. An Berge waren sie gestoßen, die bis zum Himmel aufzuragen schienen, und die Ufer unüberwindlicher Meere hatten ihre Schritte gehemmt. Manchmal verweilten sie ein volles Menschenleben in günstiger Gegend, oft blieben sie nur einen Monat lang in wüstenartigen Landstrichen. Und endlich war dieses Volk, auf dreitausend Köpfe zusammengeschrumpft, bei den Leuten vom Flusse, an den Grenzen der Welt, angelangt. Unmöglich war es, noch weiterzugehen! Sümpfe sperrten den Weg gegen Westen. So blieben sie in diesem Lande, dessen Klima ihnen zusagte, und in dem sie Wild in ausreichender Menge fanden. Sie waren friedliebende Leute und suchten stets jeden Zwist mit den Völkern, durch deren Gebiet sie zogen, zu vermeiden. Vergossenes Blut verlangt nach steter Vergeltung. Im übrigen war die Erde groß genug und wenig bevölkert. Jeder konnte genügend Nahrung finden. Sie hielten sich für besser als alle anderen von der Jagd lebenden Völker und bewiesen ihre Überlegenheit, indem sie ihre gezähmten Hunde zeigten. Aus welcher Zeit aber stammte diese Eroberung der Tierwelt, sicherlich die wertvollste, die dem Menschen jemals gelungen ist? Keiner der Lebenden hätte dies sagen können. Die heilige Überlieferung des Volkes versicherte, daß die Seele des Stammvaters, eines Mannes von unerreicht gebliebener Güte, nach dessen Tode den Körper eines großen Hundes als Aufenthalt gewählt habe. Doch erstaunlich war, daß dieser Stammvater, statt seinen ehemaligen Untertanen zu schaden – wie es leider nur allzuoft, trotz aller Versuche, die rachsüchtigen Seelen der Abgeschiedenen zu versöhnen, der Fall ist! –, gewillt war, ihnen aufs beste zu dienen. Einzig dastehend war ein solcher Fall in der Geschichte der Völker, und die Leute vom Hochtal – so nannten sie sich zur Erinnerung an ihre Heimat – waren darauf nicht wenig stolz. In seiner neuen Gestalt hatte sich der Stammvater den Befehlen jener unterworfen, deren Blutsbruder er blieb. Nachts bewachte er ihren Schlaf, und warnte sein Bellen sie vor Feinden. Seiner einstigen Beschäftigungen und Freuden gedenkend, begleitete er sie auf die Jagd und trieb ihnen das Wild zu, oder er bezwang es im Wettlauf. Zum Dank duldete man ihn beim Herdfeuer. Man behandelte ihn als Freund, und er bewies seine Dankbarkeit und Liebe durch Sprünge, Gebärden der Ergebenheit, durch den Blick, durch die von ihm erfundene Art, die Hände seines Herrn zu lecken. Es war das erstemal, daß Zärtlichkeiten zwischen Mensch und Tier getauscht wurden. Wenn sein Herr aß, erwischte der Hund oft einen Knochen zum Nagen. Im rauhen Winter durfte er – o Wonne! – seinen starren Körper am Feuer wärmen. So war das Bündnis zwischen Menschen und Hunden lange noch, bevor ein widerliches Geschick sie beide gezwungen hatte, ihr Hochtal zu verlassen und ein ruheloses Wanderleben zu beginnen, entstanden. – Die ruhige Sicherheit der drei auf der Wiese rastenden Jäger verleugnete sich auch nicht, als jetzt Boro, von den Weisen des Stammes gefolgt, auf sie zuschritt. Da sie den Häuptling in ihm vermuteten, erhoben sie sich, um ihn zu begrüßen. Durch Worte vermochten sie sich zwar nicht verständlich zu machen, doch durch Mienenspiel und Gesten gelang es ihnen, zum Ausdruck zu bringen, daß sie als Freunde gekommen seien und mit den Leuten vom Flusse die besten nachbarlichen Beziehungen unterhalten wollten. Sie boten Boro vom Fleische der erlegten Jagdbeute an und erwiesen sich als erfahrene Menschenkenner, indem sie ihre Hunde durch einen Zuruf zu lautem Bellen veranlaßten, um sie gleich darauf durch ein zweites Wort wieder zum Schweigen zu bringen. Was den Fremden Spiel war, erschien Boro und den Weisen als ein Werk gefährlichster, schwärzester Zauberei. Diese Unbekannten benutzten Mittel, von denen die Bärensöhne bis jetzt nichts geahnt hatten. Wie sollte man gegen sie kämpfen? Dies waren die Gedanken Boros und der Weisen während dieser ersten Begegnung, die nicht lange währte. Als die Fremden alles getan hatten, was ihnen nötig erschien, um die Bewohner der Hütten von ihren guten Absichten zu überzeugen, pfiffen sie ihren Hunden und schritten wieder gegen Norden, in die Richtung, aus der sie gekommen waren, davon. Bald schon hatte man in Erfahrung gebracht, daß die Rundschädel – so wurden sie von den Leuten vom Flusse genannt – in beträchtlicher Zahl im Nachbartale ihr Lager aufgeschlagen hatten. Ihre auf freier Wiese errichteten Hütten bildeten ein genaues Quadrat, die Türen lagen nach der Mitte des Lagers zu. Die Wohnstätten waren geräumig, und für ihren Bau verwendeten die Ankömmlinge sorgfältig gekreuzte Pfähle. An hundert Familien waren hier vereinigt. Ein Zaun ringsum schützte das Lager gegen umherstreifende Raubtiere. Einen halben Tagesmarsch weiter stromaufwärts fand sich ein gleiches Lager, höher im Norden sollten noch andere sein, wie man hörte. Wahrhaftig eine große Gefahr! Man sprach bei den Leuten am Fluß von nichts anderem. Die Männer betrachteten die Eindringlinge nach wie vor mit feindseligen Gefühlen. Wie konnte es auch anders sein, wenn Scharen eines mächtigen Volkes plötzlich im Lande auftauchten! Auch näherten sich die Bärensöhne nicht den Lagerplätzen der Rundschädel, weil sie täglich zu hören hofften, daß dieses Nomadenvolk seinen Zug gegen Süden fortgesetzt habe. Bei den Frauen aber siegte trotz aller Unruhe die Neugierde. Man mußte doch unverzüglich wissen, wie diese Leute, die aus so weiter Ferne kamen, hausten! Sie streiften also rings um die freistehenden Hütten, obwohl sie sich vor den Hunden fürchteten. Manchmal wurden sie dann aufgefordert, einzutreten, und man kann sich vorstellen, mit welchem Eifer die Neugierigen einer solchen Einladung nachkamen, wenn sie sich zuvor auch lange bitten ließen. Das allgemeine Urteil, das sich auf Grund dieser Besuche bildete, war für die Rundschädel, die als rauhes und wahrhaft ungeschliffenes Volk erschienen, nicht schmeichelhaft. Was die Schönheit betraf – die Tatsache sprang in die Augen – konnten sie sich nicht mit den Leuten des Flusses vergleichen. Klein und untersetzt waren sie, und selbst der Schnellste von ihnen hätte es nicht einmal mit dem Langsamsten der Bärensöhne aufnehmen können. Was ist aber ein Jägervolk, das im Laufen mittelmäßig ist! Sie hatten weder geschnitzte noch gemalte Bildchen von Tieren; sie verstanden in der Tat nicht Horn und nicht Elfenbein zu bearbeiten. Der Zauber, mit dem sie ihre Hunde beherrschten, mußte also durch andere Mittel erfolgen, als durch die Wirkung auf deren Bilder. – Ja, auch Menschenfiguren nachzubilden erwiesen sie sich als unfähig, und das war doch gewiß in vielen Fällen auch eine Kunst, der man nicht entraten konnte. Und – was nach der Meinung der Bärenfrauen die tiefste Verachtung verdiente – sie wußten nichts von einer Nadel! Sie befestigten ihre Felle, die kaum den Namen Kleidung verdienten, mit Lederschnüren! Mußte man mehr sagen, um den Tiefstand dieser Barbaren zu kennzeichnen? Allerdings, eine gewisse Schlauheit war ihnen nicht abzusprechen. Erstaunlich schnell eigneten sie sich die wichtigsten Worte aus der Sprache ihrer Nachbarn an und waren bald imstande, sich mit ihnen, durch Zeichen unterstützt, zu verständigen. Sie bemühten sich, alles, was ihnen nützlich schien, zu erlernen. Besonders gefiel ihnen die Nadel. Frauen und Männer wollten bei den Leuten vom Flusse im Nähen unterrichtet werden. Sie wurden darin bald sehr geschickt. Aber, wenn es ihnen auch gelang, eine Knochenspitze aus dem Groben zu arbeiten, so scheiterten sie daran, das feine Nadelöhr zu bohren. Sie waren nahe daran, zu glauben, die Leute vom Flusse besäßen hierfür einen besonderen, geheimen Zauber. Da sie nun diese kostbaren Nadeln brauchten, gaben sie dafür zum Tausche freigebig von ihrer Jagdbeute, die sie mit Hilfe ihrer Hunde erlegten. Daß sie die Hunde durch Zauber bändigten und mit ihnen in so gutem Einvernehmen lebten, war die einzige Überlegenheit, die man anerkennen mußte. Aber eifersüchtig hüteten sie dieses Geheimnis, dessen Wert jeder zu ermessen vermochte. – Für den Augenblick litt man kaum unter ihrer Anwesenheit im Lande. Die Jagd war schon während der ganzen letzten Jahre immer schwieriger geworden, vielleicht war sie jetzt noch mühseliger und weniger ertragreich, doch hierin konnte man nicht unbedingt eine Schuld der Fremden sehen. So vergingen die letzten schönen Herbsttage, die einem heißen Sommer gefolgt waren, mit den gewohnten, kaum wesentlich gesteigerten Klagen. Mit dem Einbruche der schlechten Witterung aber änderten sich die Dinge. Jetzt, da die Regenzeit begonnen hatte, wurde es den Leuten am Flusse nach und nach klar, daß die Jagd sie nicht mehr ernähren konnte. Sicherlich hatten sie auch früher schon schlechte Zeiten gekannt, in denen sie mit leeren Händen nach Hause zurückgekehrt waren. Aber nun schien das, was vormals eine Ausnahme war, zur Regel zu werden. Großwild, von dem eine Familie mehrere Tage hätte leben können, erlegten sie gar nicht mehr. Pferde, Bisons, Rinder und Hirsche begannen neue Gewohnheiten anzunehmen. Sie zogen in weit entlegene Gebiete, fern von den Wohnstätten, und ließen niemanden an sich herankommen. Andere Tiere waren ganz aus der Gegend verschwunden. Die klugen Mammute hatten eingesehen, daß es an der Zeit sei, fortzuziehen. Ein Jäger, der des Nachts draußen gewesen war, um Fallen zu legen, hatte beobachtet, wie sich die letzte Familie, die noch in der Gegend gelebt hatte, in den großen, vom Regen angeschwollenen Strom geworfen hatte: Das alte männliche Tier als erstes, dann zwei Weibchen, und zum Schluß folgten ihnen die beiden Jungen, die erst im letzten Frühling zur Welt gekommen waren. Sie mußten sich von besonderen Gefahren bedroht fühlen, wenn sie dies taten, denn in der Regel vermieden sie es, tiefe Gewässer zu durchqueren. Über die Ursache dieser unseligen Veränderungen konnte kein Zweifel mehr bestehen: Es waren die Hunde, die mit den Rundschädeln jagten! Ihr Bellen durchlärmte alle Täler und erschreckte die Tiere. Unermüdlich und erbarmungslos waren sie in der Verfolgung des Wildes, und wenn sie es aufgespürt und bis zur Erschöpfung gehetzt hatten, dann fielen sie es an und ließen es nicht weiter, bis ihre Herren nachgekommen waren, denen nichts zu tun übrigblieb, als aus gefahrloser Entfernung die leichte Beute zu erlegen. Für die Leute vom Fluß aber blieb nur noch das früher verachtete kleine Wild, dessen Fleisch einen widerlichen Geschmack hatte: Füchse, Wölfe, unsaubere Hyänen. Und mußten die Bärensöhne nicht ihnen gleich werden, wenn sie nun gezwungen waren, sich ausschließlich von solchen feigen Tieren zu nähren? Das konnte nur zum sicheren Verfall dieses einst so schönen, edlen Stammes führen! Verzweiflung erfüllte die Herzen. Die Weiber jammerten, und niemand blieb von ihren Klagen und Vorwürfen verschont. Es war nicht abzusehen, zu welchen Verzweiflungstaten diese Unglücklichen sich hinreißen lassen würden. Einzelne Fälle waren schon vorgekommen, daß Mütter ihre neugeborenen Kinder getötet hatten, um ihnen die Leiden eines Lebens zu ersparen, das gelebt zu werden nicht mehr wert war. Die Männer, stolzer als die Frauen, schwiegen, doch sie litten furchtbar. Ohne Kampf mußten sie sich besiegt erklären, denn was sollten Waffen gegen solche viel mächtigere Feinde helfen? Diese bittere Niederlage zwang sie zu der Erkenntnis, daß jene Tugenden, die sie bisher als die höchsten geschätzt hatten, Schnelligkeit und die magische Kunst, Tiere zu bannen, in der neuen Gemeinschaft, die sich bildete, nichts mehr galten. Konnte man mit einer Meute von Hunden Wettlaufen? Sollte man auf die Tiere Zaubersprüche wirken lassen, damit andere sie töteten? Schon hatte es No in seiner Scharfsinnigkeit aufgegeben, Bilder in Felsgestein und Elfenbein zu schneiden. Doch schwer lastete die Untätigkeit, zu der er sich verurteilt sah, auf ihm. Er dachte an die erst kurz entschwundenen Tage, an die Zeit, die vor der Ankunft der Rundschädel lag. Wohl klagte man damals schon, doch unberechtigt. Der Stamm führte noch ein wundervolles und gesichertes Leben. – No sah sich mit seinem Vater und den Gefährten zur Jagd aufbrechen. Keinerlei Sorgen erfüllten ihre Herzen. Abgehärtet waren sie gegen Müdigkeit und Kälte. Wenn es not tat, schliefen sie in den Wäldern. Der Morgenfrost setzte Eiszapfen in ihren Bärten an. Der Regen wusch sie. Sie fühlten es kaum. Vom frühesten Morgen an verfolgten sie die Spur des Tieres, dessen Fährte sie aufgenommen hatten. Oft störte man es noch in seinem Lager auf, zu dem es eben erst von nächtlichen Streifzügen zurückgekehrt war, und scheuchte es aus dem ersten Schlummer. Dann begann eine lange Verfolgung, erfüllt von wechselnden Ereignissen, bei denen ihnen genaue Kenntnis des Wildes und des Landes fast immer den Sieg brachte. Und wenn das Tier – ein wütend gewordenes Bison oder ein furchtloses Rind – den Jäger angriff, dann galt es, einen Kampf mit Einsatz des Lebens zu liefern. Erschöpft kam man nach Hause zurück, doch gebeugt unter der Last der Fleischteile und der Felle der Tiere. Würden diese glücklichen Tage niemals wiederkehren? No seufzte. Er fühlte sich voll Kraft und Mut. Er liebte es, wie der Wind dahinzustürmen. Und jetzt war er dazu verurteilt, Fallen auf den Hügeln in nächster Nähe der Wohnstätten zu legen oder im Flusse zu fischen, Beschäftigungen, die den Frauen genügen mochten! Im Rate des Stammes wurde hitzig debattiert. Boro, unbeliebter noch als Rahi jemals gewesen war, beriet täglich mit den Weisen. Männer, die zukünftige Ereignisse vorauszusagen vermochten, hatten seit langem verkündet, daß die altgewordene Erde vor dem Ende ihrer Tage stehe, und daß die Rasse der Menschen zu verschwinden verurteilt sei. Die Leute vom Flusse fühlten die Last einer langen Vergangenheit auf sich. Die Nahrung wurde immer unzulänglicher, die Todesfälle vermehrten sich. Doch noch größeres Unheil war diesen Unglücklichen vorausbestimmt.   No flickte eines Morgens auf der Terrasse seine Kleidungsstücke. Rings um ihn waren die Frauen mit ihren häuslichen Arbeiten beschäftigt, die Männer schärften ihre Waffen, die Kinder mühten sich um das Feuer, in das sie Tannenzapfen und trockenes Reisig warfen, woran es glücklicherweise nicht mangelte. Es war jetzt Winter, das Wetter war sehr kalt geworden. Durch das Eis des gefrorenen Flusses hatte man Löcher schlagen müssen, um die Fische harpunieren zu können. Da die abgenutzten Renntierfelle nicht mehr genügenden Schutz gegen die Kälte boten, war man auf den Ausweg verfallen, sie mit dem Fell von Füchsen und Katzen auszubessern. No saß also hier, die Nadel in der Hand, als drei Rundköpfe auf der Terrasse erschienen. Einer von ihnen war derjenige, dem No mit den Hunden an jenem unvergeßlichen Tage begegnet war. Dieser Mann, der sich Eymur nannte, hatte nicht gezögert, No als Freund zu behandeln und ihm seinen Namen zu sagen. Für gewöhnlich besuchten die Rundschädel diese Wohnstätten nicht, denn sie wußten, daß die Feindschaft gegen sie täglich wuchs, und der kleinste Zwischenfall zu tödlichem Streite führen könnte. Sie hatten auch Boro wissen lassen, daß sie für das Leben jedes einzelnen der Ihren drei von den Leuten des Flusses nehmen würden. Die beiden Völker hielten sich daher soweit als möglich einander fern. Deshalb lag in dem Vordringen der Rundköpfe trotzige Herausforderung, die auch von den Bewohnern der Hütten als solche empfunden wurde. Die Fremden wollten dies nicht bemerken. Sie schritten der Breite und Länge nach über die Terrasse, betrachteten mit kritischen Blicken die Hütten und unterhielten sich lebhaft. Einen Augenblick näherte sich Eymur der Feuerstätte, neben der No kauerte. »Gut habt ihr's hier«, und sein Arm deutete mit einer weiten Gebärde auf die große überhängende Felswand, die die Terrasse vor dem Wind schützte. Ein breites Lächeln ließ seine starken Zähne sehen. Er schloß sich gleich wieder seinen Gefährten an, und alle drei zogen sich wieder zurück. Am nächsten Tage aber erschienen sie neuerlich. Diesmal waren es ihrer zehn; sie trugen Pfähle und Häute von Pferden und Hirschen, die in Streifen von zwei Fuß Breite zugeschnitten waren, auf den Schultern. Einige Hunde folgten ihnen mit heraushängender Zunge. Bei ihrem Anblick entflohen Frauen und Kinder schreiend in den tiefsten Winkel ihrer Wohnstätten. Unweit der Hütte Nos stand ein großer Platz leer, weil bei der letzten Epidemie zwei Familien ganz ausgestorben waren. Die Hütten waren vollkommen verfallen. Hier legten die Rundschädel die mitgebrachten Gegenstände nieder und begannen, ohne Zeit zu verlieren, eine Wohnung zu errichten, bei deren Bau, wie sie es gewohnt waren, hauptsächlich Holz verwendet wurde. Sie arbeiteten schnell und pfiffen dabei durch die Zähne. Die Hunde strichen indes über die Terrasse, als wären sie hier die Herren, und suchten nach Knochen. Einer von ihnen drang keck bis in den Eingang einer Hütte und schnappte nach einem Stück Fleisch, das für das Essen der Familie vorbereitet war. Der wütende Besitzer der Hütte versetzte ihm einen wuchtigen Stockhieb auf die Schnauze. Der Hund wich heulend zurück, blieb stehen, bellte und drohte, nach der Kehle des Mannes, der ihn geschlagen hatte, zu springen. Doch die Rundschädel riefen ihm jetzt ein Wort zu, und der Hund zog sich knurrend zu ihnen zurück und legte sich dort nieder. Dieser Zwischenfall machte auf die Leute vom Flusse gewaltigen Eindruck. Gegen Mittag beendeten die Rundköpfe ihre Arbeit. Der geräumige Bau, der zwei Türen besaß, konnte etwa zehn Personen als Behausung dienen. Nachmittag sah man eine ganze Familie herankommen; einen Mann, eine Frau und ihre fünf Kinder, von denen zwei Söhne in dem Alter waren, in dem man die Proben der Einweihung zu bestehen hat. Bevor sie einzogen, schwenkten sie Fackeln im Innern der Hütte, um Geister, die sich vielleicht hier niedergelassen hatten, zu vertreiben. Als das getan war, zogen sie mit den Säcken aus Pferdehaut, die ihren ganzen Reichtum enthielten, ein. Die Hunde begleiteten sie. In maßlosem Staunen beobachteten die Leute vom Fluß, daß diese Hunde wie menschliche Wesen zum Feuer gingen, um sich zu wärmen. Jedes Getier zog sich vor dem Feuer, wie vor seinem ärgsten Feinde, zurück. Was waren also die Hunde? Der Schrecken, den sie einflößten, steigerte sich noch. Mit schmerzlichen Empfindungen beobachtete No den Einzug der Fremden. Bis jetzt waren die Wohnstätten nach urdenklichem Recht ausschließlicher Besitz der Leute vom Flusse gewesen. Und jetzt kamen diese Eindringlinge ohne Höflichkeit und ohne Tradition und ließen sich hier als Herren nieder. Sie taten dies indes nicht auf rauhe Art. Sie traten niemanden in den Weg, aber sie verhielten sich einfach so, als wären sie allein auf der Welt. Sie kümmerten sich um ihr Wohlergehen und kaum um das anderer und waren nur darauf bedacht, nicht den geringsten Vorwand zu einem Streite mit jenen zu geben, deren Platz sie sich angeeignet hatten. Die gemachten Erfahrungen schienen sie zu befriedigen, denn bald erstanden neben der einen Hütte noch drei andere. Diesmal fühlten sich die früheren Bewohner belästigt. Jetzt war das Lager in zwei Teile gespalten; auf der einen Seite standen drei Hütten der Bärensöhne, auf der anderen die vier geräumigeren der Rundköpfe. Einen Monat später hatten die Fremden alle im Freien errichteten Lager verlassen und sich für die Winterzeit in den Schutz der Felswände zurückgezogen. Ihre neue Unterkunft entzückte sie, nun hatten sie nicht mehr unter der Kälte zu leiden. Gelegentlich sparten sie auch ihren Wirten gegenüber nicht mit Lob über die Klugheit, mit der diese ihre Wohnstätten angelegt hatten. Im übrigen blickten sie voll Geringschätzung auf die Leute vom Flusse herab, deren Art zu jagen ihnen sehr rückständig vorkam, und die sich damit unterhielten, Tierbilder zu zeichnen, man wußte nicht wozu. Wenn darin der Gipfel ihrer Zauberkünste lag, dann mußte man diese armen Leute bedauern. Das Volk vom Hochtal wußte viel mehr über den richtigen Verkehr mit den Geistern. Der Ahne Hund erwies sich seinem Volke geneigter, als der Stammvater Bär dem seinen.   Wenn die Bärensöhne es auch aufgegeben hatten, sich der Eindringlinge mit Gewalt zu entledigen, sie führten doch einen geheimen und schrecklichen Krieg gegen sie. Man formte aus Ton Körper von Hunden und durchstach ihr Herz, während man die Beschwörungsformeln dazu sprach. No hatte die Freude, bei diesem Werke helfen zu dürfen. Er erinnerte sich an die kleine Statue des Häuptlings und zweifelte nicht an dem Erfolg. Auch zeichnete man Hunde, den Körper von einem Pfeil durchbohrt, auf Steine. Gegen die Herren selbst versuchte man andere Künste. Man bemühte sich, Fleischreste, Kräuter und Beeren zu entwenden, von denen sie sich nährten. Man konnte dadurch auf die gleichen Speisen im Magen des Gegners wirken und seinen raschen Tod herbeiführen. Doch auch die Rundschädel schienen dies zu wissen und ließen keinen Brocken ihrer Mahlzeit übrig. Was sie nicht selbst aßen, warfen sie den Hunden zu. Ein anderes unfehlbares Mittel ist es, Haare des Gegners, die er sich abgeschnitten hat, zu nehmen und einen schweren Fluch über sie zu sprechen. Doch boshaft, wie die Rundschädel waren, verfielen sie auf den Gedanken, die Enden ihrer Haare mit glimmenden Holzstücken abzubrennen, um sie zu kürzen. So mußte man einsehen, daß sie alle die Zauberkünste selbst kannten, mit denen man Gegner, die man vernichten wollte, angriff. Doch sie konnten sich nicht gegen alle Fälle sichern. Die Weisen erlernten mit Geduld und List viele der Namen der Rundköpfe und besonders diejenigen, deren Träger eine bedeutende Rolle im Rate des Stammes spielten. Bei ihrem Häuptling vereinigt, sprachen sie die Namen, deren sie sich bemächtigt hatten, einen nach dem anderen aus, und begleiteten sie mit tödlichen Beschwörungen. Dies geschah im tiefsten Geheimnis hinter der geheiligten Haut, welche die Hütte Boros teilte. Nacht und Tag sich ablösend, haspelten die Weisen ihre schaurige Weise herunter. Männer wachten am Fuße der Terrasse, um zu verhindern, daß man sich nähere. Aus einiger Entfernung vernahm man ein wirres Gemurmel, das niemals aussetzte. Dessen Sinn verstand man zwar nicht, aber das Herz der Leute vom Flusse erfüllte sich mit Schrecken und Hoffnung. Der Erfolg enttäuschte ihre Erwartung. Weder die Herren starben, noch ihre Hunde. Keine Krankheit kam über sie. Ja, im Gegenteil, der Aufenthalt im Felsenschutz schien ihre Kräfte nur neu zu stärken. Jeden zweiten oder dritten Tag zogen sie, die Meute an den Fersen, auf die Jagd. Niemals kehrten sie mit leeren Händen zurück, sondern beladen mit Fleisch, auf den Schultern eine Pferde- oder Hirschhaut. Ihre Frauen setzten Kinder in die Welt, die keine Krankheit im zarten Alter dahinraffte. Man konnte die Zeit voraussehen, in der das ganze Land von den Eindringlingen wimmeln würde. Man muß anerkennen, daß Boro und die Weisen in dieser höchsten Gefahr folgerichtig überlegten. Da sie herausgefunden hatten, daß alle Beschwörungen vergeblich blieben, faßten sie einen mannhaften Entschluß, ohne sich mit unnützen Klagen aufzuhalten. Die alten Tugenden der Rasse und die Macht ihrer Zauberei hatten sich abgeschwächt, weil der Stamm seit zu langer Zeit ferne dem Ahnen lebte. Dies war die endlich erkannte Wahrheit. Deshalb mußte sich der Stamm durch eine Vereinigung mit ihm verjüngen. Er mußte ein strahlendes Opfer darbringen und sich von neuem die göttlichen Eigenschaften seines Gründers aneignen. Auf diese Weise wiedergeboren, würden die Söhne des Bären ohne Mühe die magischen Mittel finden, um die Eindringlinge zu verjagen. Die Verkündigung dieses Entschlusses verursachte ungeheuren Jubel. Die größten Zweifler sahen das Ende aller Leiden voraus. Durch die gemeinsame Aufnahme seines Fleisches und seines Blutes bei einem Mahl, an dem alle teilnehmen würden, mußten sie dem Vater gleich werden, der für sie in furchtbarem Leiden sterben, dem Vater, der noch einmal sein Blut für das Heil seiner Söhne geben würde. Nun war nur noch der Bär zu finden, in dem der Geist des Ahnen weiterlebte. Doch es handelte sich darum, den Höhlenbären zu finden, den Nachkommen desjenigen, der in der heiligen Grotte die Spuren seiner mächtigen Tatzen als Zeichen der Verbrüderung mit seinem Volke hinterlassen hatte. Er war ein König unter den Tieren. Weder der Löwe, noch das Rhinozeros, selbst nicht das Mammut wagte ihn anzugreifen, denn er verband furchtbare Kraft mit List. Wenn er sich auf seine Hintertatzen stellte, überragte er mindestens vier Fuß die größten Männer, und seine Umarmung war tödlich. Doch seit Jahren hatte ihn niemand mehr erblickt. In welches Versteck hatte er sich, unzufrieden mit den Angehörigen des Stammes, zurückgezogen? Der Häuptling ließ No zu sich kommen. Er erinnerte sich des Schülers, mit dem er die gleiche Hütte bewohnt hatte. Er teilte ihn einer der beiden Gruppen zu, die den Bären suchen sollten. Die eine zog mit Bewilligung des Nachbarstammes in die südlichen Lande des gegen Mittag strömenden Flusses. Die andere, mit ihr No, sollte zwei Tagemärsche weit die Gegend stromaufwärts auskundschaften; sie sollte seinem Laufe und dem seiner Nebenflüsse folgen. Sobald sie das gesuchte Tier aufgespürt hätten, sollten die Jäger unverzüglich zum Stamme zurückkehren, um Verstärkung mit sich zu nehmen, da es für die Wiedervereinigung wesentlich war, daß der Bär der Urzeit lebend zum Opfer geführt werde. Diese Aufgabe übernahm No mit Freude. Viel von seinem Glauben und gerade das Heiligste war ihm plötzlich zerstört worden. Er hatte aufgehört, Tiere in Naturtreue an die Wände der Wohnstätten zu malen. Solche Zauber hatten die Renntiere nicht an der Flucht gehindert, und die Tiere, welche geblieben waren, gehörten den Hunden der Rundköpfe. Wozu sollte er da noch zeichnen, ritzen und malen? Denn er verstand nicht, daß er auf diese Weise eine Beschäftigung aufgab, die ihn durch sich selbst befriedigt hatte. Er besaß die Gabe, lebendige Formen zu schaffen. Und diese Gabe nutzte er nicht aus. Denn wie hätte er daran denken können, ein Bild nur zur Freude seiner Augen zu schneiden? Er hatte in einer Bewegung sehr begreiflichen Zornes die Arbeit verworfen, die ihm höchste Freude gewesen war. Und zu gleicher Zeit war ihm, weil die Fremden mit ihren Hunden das Land beherrschten, die Jagd versagt, die unerschöpfliche Quelle männlicher Freuden und begehrter Gefahren. So jung er war, lebte er in der sonst nur Greisen eigenen Untätigkeit. Und gerade da rief ihn ein Wort des Häuptlings zu edlem Wirken auf. Er sollte an einem kühnen Streifzug teilnehmen, der den Zweck hatte, den Stamm vor dem Zusammenbruch zu retten. – Bei Sonnenaufgang des nächsten Tages traf er mit seinen Gefährten in der Hütte des Häuptlings zusammen. Unter so bedeutsamen Umständen hatten die Weisen die vorgeschriebenen Beschwörungsformeln über sie zu sprechen, damit wohlgesinnte Geister sie bei ihrem kühnen Unternehmen begleiteten. Mit No zogen zwei der besten Jäger des Stammes, die die dreißig schon überschritten hatten, Männer mit Erfahrung, klug und listig. Sobald die Zeremonie beendet war, eilten sie geradeswegs gegen Norden. Sie ließen sich durch die Windungen des Flusses nicht aufhalten, da dieses Gebiet viel zu stark bevölkert war, als daß der gesuchte Bär sich hier hätte verbergen können. Seit der Mitte des Tages erforschten sie die Täler, die einstmals, als die Leute des Flusses noch zahlreich wie die Sterne des Himmels gewesen waren, Wohnstätten geboten hatten. Die Nacht verbrachten sie auf einer verlassenen Terrasse, wo sie ein Feuer entzündeten. Am folgenden Tage durchwanderten sie flaches Land, immer weiter gegen Nordost vordringend. Ermüdet von dem schnellen Marsch, kamen sie am späten Nachmittag an einen öden Ort hinter einem Hügelkamm, der das Tal abschloß. Der Anblick des Landes war fremdartig: kein Baum, nur Sand, Flechten und wieder Sand. Die alten Jäger blieben überrascht stehen. Diesen trostlosen Ort hatten sie noch nie gesehen. Und doch liefen sie seit zwanzig Jahren kreuz und quer durch die Wälder und hatten geglaubt, daß es keinen einzigen Winkel im Lande gäbe, der ihnen unbekannt geblieben wäre, wie abseits er auch gelegen, und wie schwierig auch der Zutritt sein mochte. Bestürzt beeilten sie sich, die Formeln zu murmeln, die den Geistern des Ortes schmeicheln, den man zum ersten Male betritt. Eine Kette von kahlen, abschüssigen Bergrücken verschloß den Ausblick gegen Sonnenaufgang. No und seine Gefährten wandten sich dieser Richtung zu. Schweigend durchschritten sie dieses Tal, dessen öde Traurigkeit auf ihr Gemüt drückte, und sie glaubten, in eine für sich abgeschlossene Welt gelangt zu sein, die noch niemals der Fuß eines lebenden Wesens betreten hätte. Nicht eine einzige Tierspur war auf dem weichen Sande, der unter den Schritten nachgab, zu erkennen. Nach einem langen Marsch erreichten sie die ersten Ausläufer des Höhenzuges, der den Weg gegen Osten versperrte. Im Schutze eines Felsens aßen sie ein wenig geräuchertes Fleisch. Sie beschlossen, die Nacht im Freien zu verbringen. Da es kalt war, gingen sie daran, trockene Flechten und kleine Zweige eines niedrigen Gebüsches zu sammeln. Dies waren die einzigen Pflanzen, die in dieser Einöde gediehen. Plötzlich bückte sich No, der sich von seinen Gefährten ein wenig entfernt hatte, überrascht. Gerade vor seinen Füßen war an einer Stelle, wo der Sand ein wenig fester war, vollkommen deutlich und klar ein Abdruck zu erkennen, der noch frisch sein mußte, da weder Regen noch Wind ihn ausgelöscht hatten. Es war der Abdruck des großen Höhlenbären. Unverkennbar waren seine Krallen im Boden eingegraben, ganz gleich dem Zeichen, das No bei der Einweihung gesehen hatte. Er blieb mit klopfendem Herzen stehen. Die Gewißheit, demjenigen so nahe zu sein, an dessen Auffindung sie fast schon gezweifelt hatten, die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mit den Kräften, die in dem großen Ahnen schlummerten: all dies erschien vor Nos Denken mit einer Kraft, die ihn schwanken ließ. Sobald er seine Beherrschung zurückgewonnen hatte, winkte er seine Gefährten herbei. Im Augenblick waren sie bei ihm. No hatte sich nicht getäuscht. Vorsichtig folgten sie den Spuren. Stellenweise verloren sie sich im feinen Sande und fanden sich erst auf fester Erde wieder. Sie führten zu einer engen, aber nicht allzu tiefen Schlucht. Behutsam schlichen die Jäger weiter und verständigten sich nur durch Zeichen. Der Weg wurde immer schwieriger. Steingeröll kreuzte die Fährte, die Schlucht verengte sich. Manchmal war es notwendig, einem Felsenband zu folgen, das nur ein einzelner Mann überschreiten konnte. Ohne Lärm vorwärtsdringend, befand sich der älteste der kleinen Schar auf eine Entfernung von fünfzig Schritten gegenüber einer Höhle, die sich in einem Felsabhang öffnete. Er blieb stehen und prüfte die Spuren. Es war sicher, daß das Tier dort vor wenig Zeit eingetreten sein mußte und sich noch nicht entfernt hatte. Man konnte nicht zweifeln, daß diese Höhle sein gewohnter Schlupfwinkel war: zahlreiche Gebeine bedeckten die Eintrittsfährten, die nur hierher führten. Die Männer zogen sich eilig zurück, um Rat zu halten. Man beschloß, daß einer von ihnen hierbleiben solle, um aus der Entfernung das Gehen und Kommen des Bären zu beobachten. Die zwei anderen sollten eiligst zum Lager zurückkehren und schon am nächsten Tage mit den Verstärkungen wiederkommen. No erbot sich, die Nacht über in der Nähe der Höhle den Bären zu bewachen. Zur Dämmerzeit schon war er allein. Er benutzte noch den letzten Schimmer des weichenden Tages, um einen sicheren Platz für die Nachtwache ausfindig zu machen. Ein wenig vor dem Eingang der Höhle ragte ein steiler Felsen ungefähr zwölf Fuß hoch empor. Auf ihn konnte man nur gelangen, wenn man einen sehr weiten Umweg machte. Es war nötig, zuerst aus der Felsschlucht hinauszugehen und den Fels von der entgegengesetzten Seite zu erklimmen. Obwohl der Ort Wind und Regen ausgesetzt war, richtete No sich dort ein. Es war bewölkt, feucht und kalt. No litt darunter, denn er durfte kein Feuer machen. Ausgestreckt lag er in seinem Pelzsacke, doch die Erregung seiner Gedanken verscheuchte den Schlaf. Ohne Unterlaß kamen sie immer wieder auf denselben Gegenstand zurück. Der morgige Tag würde ja nicht vorbeigehen, ohne ihn Aug in Aug mit dem Ahnen seines Stammes zu finden. Was sollte er tun, damit der Bär nicht zu entschlüpfen vermochte? Im äußersten Notfalle mußte er ihn wohl verwunden, aber es war nicht erlaubt, weder einem einzelnen Manne noch einer Gruppe von Jägern, ihn tödlich zu verletzen. Dies wäre ein Verbrechen, das die Leute vom Fluß furchtbar ahnden würden. Lebend mußte der Bär zu dem Opfer geführt werden, dem der versammelte Stamm beiwohnen sollte, um so in seiner Gesamtheit die Verantwortung für den notwendigen Mord zu tragen. Wenn aber der Bär die Kette der Treiber durchbrach und, seine Söhne im bittersten Elend zurücklassend, entfloh?... In der Einsamkeit der Nacht verwirren sich die Gedanken Nos wie im Fieber. Bilder furchtbarer Ereignisse erstehen in seinem Geiste, er erlebt das Ende seines Stammes, er sieht die Seinen, die von heulenden Hunden zu Tode gehetzt werden... Um die Erscheinungen zu verscheuchen, die böse Geister ihm erstehen lassen, erhebt er sich, um auf- und abzuwandern. Rings um ihn liegt jetzt eisiger Nebel, den seine Augen nicht durchdringen können. Er ist von Phantomen umgeben, die sich langsam bewegen... Hätte er doch einen seiner Freunde bei sich behalten! Doch er ist allein in diesem gefährlichen Augenblick. Ruhelos murmelt er die Formeln vor sich hin, die ihn die Weisen zur Abwehr des Ansturmes böser Mächte gelehrt hatten... Oft hält er ein. Seine Augen bemühen sich, das Dunkel ringsum zu durchdringen. Wird der Bär aus seiner Höhle herausgehen? Und wenn No ihn auch nicht sehen kann, würde er wenigstens sein mächtiges Schnauben hören? Vielleicht hat das Tier die Anwesenheit eines Feindes gewittert und wird auf einem Umweg auf die Plattform gelangen, wo No sich ängstigt. Er wendet sich und macht einen Satz... Wer kommt da?... Nichts als die Nacht hat er vor sich. Erst gegen Morgengrauen nach einer Nacht, in der sein Geist nicht für einen Augenblick zur Ruhe gekommen war, sinkt er erschöpft in seinen Schlafsack. Er schläft ein und findet sich in ein Land versetzt, in dem warmes und klares Licht herrscht. Das Klima ist hier viel milder als das der Gegend, wo er geboren wurde. Die Hütten sind im Freien errichtet, die Felshöhlen sind verlassen. Die Männer – seltsame Tatsache! – haben ihren Frieden mit gewissen Tieren geschlossen. No sieht rings um sie Tiere, die sie aufziehen, und von denen sie leben, ohne gezwungen zu sein, sie um den Preis von tausend Entbehrungen und Gefahren zu verfolgen. Die Hunde verteidigen diese kostbare Habe gegen die Angriffe der Raubtiere und lassen nicht zu, daß man an sie rühre. Ein Weiser tritt zu No heran und unterweist ihn mit wenig Worten in der magischen Kunst, durch die es dem Menschen gelingt, die Tiere, die neben ihm leben sollen, zu zähmen – dies ist der gleiche Ausdruck, dessen sich die Rundköpfe bedienen. Leise murmelt er ihm die Zauberformel ins Ohr. No wiederholt sie und schwört sich, sie nicht zu vergessen, um sie nach seiner Heimkehr seinem Stamme mitzuteilen. Die Stimme des Weisen schwillt und schwillt ... sie grollt jetzt wie der Donner ... und plötzlich findet sich No aus diesem lichten Lande mit der Schnelligkeit eines Blitzes auf den harten Stein zurückgeschleudert... Er öffnet die Augen. Ein fahler Morgen hüllt sich in eisige Nebel. Noch immer tönt die Stimme des Weisen. Ganz in der Nähe hallt sie von einer Wand der Schlucht zur anderen. Sie ähnelt dem Brüllen eines Raubtieres. – Ah, es ist keine Täuschung möglich, die Stimme, die durch den kalten Morgen dröhnt, ist die des Bären! Nur sie kann die Erde bis zu dem Felsen erzittern machen, auf dem No, entsetzt, plötzlich aufspringt. Er kann sich kaum auf den Beinen halten, doch eine Neugier, stärker als seine Furcht, drängt ihn vorwärts. Er schleppt sich mehr, als er geht. Jetzt, ein Schweigen. Nebelschwaden ziehen um die Flanken des Felsenhanges. Eine von ihnen umhüllt No, als wollte sie ihn entführen. Alles verschleiert sich und wird undeutlich. Er beugt sich herab und trachtet, den Höhleneingang zu erblicken. Da sieht er sich einem riesenhaften Kopf gegenüber, dessen Züge der Nebel grausig verzerrt. Er ist es: der Bär! Er reckt sich der Länge nach am Felsen empor, an dessen Gipfel er fast angelangt ist. No könnte ihn berühren... Der Nebel zerstreut sich ein wenig, und No findet sich Aug in Auge mit dem Bären, der ihn mit ernstem Blick betrachtet. Kaum eine Armlänge trennt sie voneinander. No fühlt den heißen Atem des Tieres in seinem Gesicht. Ein angeborenes Gefühl des Vertrauens bemächtigt sich seiner. Er findet den Ahnen wieder, in dessen Nähe er vor kurzem in den Tagen der Einweihung versetzt worden war. Lange betrachtet er ihn voll Ehrfurcht. Doch der ewig hungrige Bär, der eine Beute vor sich sieht, gerät in Zorn. Er brüllt, versucht sich längs der glatten Wand emporzuziehen, er bemüht sich, an ihr Halt für seine Tatzen zu finden. Dreimal fällt er auf die Erde zurück. Er stampft vor Zorn, dann faßt er einen Entschluß und trottet eilig dem Ausgang der Schlucht zu. No hat begriffen. Der Bär wird den langen Umweg nehmen, um auf die Plattform zu gelangen. Nun gilt es zu fliehen, ohne einen Augenblick zu verlieren. Schnell erreicht No den ebenen Boden und pfeilschnell läuft er davon. Dank der Bodengestaltung wird er einen Vorsprung von einigen tausend Schritten haben, ehe der Bär die Ebene erreichen kann. Er läuft dem Flusse zu. Wenn er diesen entlang flüchtet, ist er sicher, den Jägern vom Stamme zu begegnen, die zu seiner Unterstützung herankommen. Im Morgengrauen müssen sie die Wohnstätten verlassen haben. Gegen Mittag werden sie hier sein. Aber der Bär! Welchen Weg wird er nehmen? Wieviel Zeit wird er brauchen? »Alles hängt davon ab«, überlegt No im Laufen. »Ob es der Bär lange ohne Rast aushält. Dann würde er mich eingeholt haben, ehe noch die Sonne über dem Horizont steht. Doch, was hilft's, hier gibt es nichts zu überlegen...« Und No läuft ohne besondere Hast, denn es gilt, lange auszuhalten. Er läuft mit vorgestrecktem Kopf, mit erweiterter Brust, die Ellbogen an den Körper gezogen, die Füße geschmeidig und standhaft, als wären sie glücklich, ihrem Herrn das Leben zu retten. Er läuft frei und unbehindert auf weichem Sand. Der Nebel kommt No zu Hilfe und hüllt ihn ein. Doch er findet trotzdem mühelos den Weg. Er weiß, in welcher Richtung er den großen von Hügeln eingerahmten Talkessel durchqueren muß, um den Fluß zu erreichen. Endlich erklimmt er die ersten Vorberge der Gebirgskette. Er muß Atem holen. Auch Hunger verspürt er, er muß essen. Er zieht ein Stück getrockneten Fleisches aus seinem Wams. In diesem Augenblick zerteilen sich die windgejagten Nebel. Vor seinen Blicken dehnt sich ein weites Land, das die Sonne bescheint, die schon ein Viertel ihres Weges auf dem Himmel zurückgelegt hat. Da sieht er inmitten der Ebene, die er eben durcheilte, einen dunklen Punkt, einen Punkt, der sich jeden Augenblick vergrößert. Es ist der Bär, der in der Gangart eines galoppierenden Pferdes herankommt. No schätzt die Entfernung, die ihn von seinem Verfolger trennt, mit der Sicherheit eines Mannes, dessen Leben schon ungezählte Male von der Richtigkeit seiner Berechnungen abhing. Das Tier hat schon mehr als die Hälfte seiner Verspätung eingeholt. Einen Augenblick zögert No. Er würde erreicht sein, noch ehe die Jäger anlangen. Was wird geschehen? ... Aber warum sollte er nicht auf einem von ihm gewählten Platz kämpfen? Sich hinter einem Felsen verbergen, den Bogen vorbereiten und dann, wenn der Bär nur mehr wenige Schritte entfernt ist, dann erst, ohne zu zittern, ihm das Herz durchbohren... »Aber es ist mir verboten, ihn zu töten«, besinnt er sich sofort. »Ich kann nicht. Ich muß fliehen...« Einen letzten Blick sendet er auf die Ebene hinter sich, dann erklettert er die steilen Abhänge. Hier verliert er noch mehr von seinem Vorsprung. Der Bär ist schon am Fuße des Berges angelangt, als No eben erst den Gipfel erreicht. Doch von hier oben erblickt er den Fluß mit all den vertrauten Windungen, ein Land, das er schon hundertmal durchquerte. Dieser Anblick gibt ihm neue Kräfte. Er verzweifelt nicht mehr an seiner Rettung, obwohl er nirgends im Süden die Jäger zu erblicken vermag, die ihm entgegenkommen sollen. Er macht Sprünge wie ein Hirschkalb, erreicht das Flußufer und gelangt wieder auf flaches Land. Ein rascher Blick zurück zeigt ihm am Bergkamm die gewaltige Masse des Bären, dessen zottige Tatzen sich geschmeidig heben und senken und nicht den Eindruck besonderer Hast erwecken. No begreift, daß er in Kürze eingeholt sein wird. Doch jeder Schritt, den er vorwärts tut, bringt das Opfertier den Wohnstädten näher, bei denen das Opfer vollzogen werden soll. Die geschickten Jäger, denen er es zuführt, werden es nicht mehr entweichen lassen... Das ist fürwahr ein herrlicher Sieg, den er für die Seinen vorbereitet. So überlegt No, während er durch Strauch und Buschwerk um sein Leben läuft. Wohl durchdacht wählt er seinen Weg durch das Sumpfgebiet, denn er kennt genau den Ort, wo er sich herauswagen kann, und die kaum sichtbaren Fußspuren, denen es zu folgen gilt. Vielleicht wird der Bär in seiner Wut daneben tappen? Wenn er im Morast steckenbliebe, würde es so leicht sein, ihn zu fangen, daß Mädchen und Kinder ihn fesseln könnten. Doch No muß zunächst sich selbst retten. Er wendet sich einem Wäldchen zu, in dem er sich verstecken und den Bär solange zurückhalten will, bis die Leute vom Fluß herbeigekommen wären. Er läuft, aber schon wird er müde. Er ist atemlos, er hat Angst, er glaubt den Lärm der den Boden schlagenden Tatzen zu hören. Er wendet den Kopf. Der Bär ist auf zweihundert Schritte herangekommen. Er läuft langsam und sicher in seiner ruhigen Gangart, die er den ganzen Tag durchhalten könnte. No wird eine Tanne auf einem Hügel gewahr. Mit einer letzten Anstrengung stürzt er darauf zu. Der Bär ist knapp hinter ihm. Mit Händen und Füßen arbeitend, gelingt es No, den ersten Zweig hoch über dem Boden zu ergreifen. Er schwingt sich hinauf, er ist außer Gefahr. Am Fuße des Baumes richtet sich der wütende Bär brummend auf. Er umklammert den Stamm und, obwohl die Tanne von der Stärke eines Manneskörpers ist, schüttelt er sie wie eine Binse. Zu brechen vermag er sie aber nicht. Aufgerichtet erreicht er den ersten Ast; wird er heraufklettern? No greift zu seinem Bogen und nagelt mit seinem Pfeil die Vordertatze des Bären an den Ast, auf dem sie eben liegt. Der Bär brüllt wütend auf. Er reißt seine Pranke zurück und fällt zur Erde. Seine Tatze blutet. Er leckt sie brummend und legt sich in geringer Entfernung von der Tanne nieder, er glaubt, seiner Rache und seiner Beute sicher zu sein. Die Sonne hat indessen schon fast ihren Höhepunkt erreicht. Wie doch die Jäger säumen! In gleichmäßigen Abständen sendet No seine Hilferufe – langgezogene, scharfe Pfiffe – in die Weite. Langsam verrinnt die Zeit. Der Bär macht einige Schritte um den Baum herum, und No bemerkt, daß er sich der verwundeten Tatze nicht bedient. Er bewundert das riesenhafte Tier. Sein Rücken ist ein runder Hügel; seine Tatzen würde ein Mammut tragen können, sein Nacken ist breit wie der eines Bisons, sein Schädel vermöchte ein Rhinozeros von der Erde emporzuheben. Aufrechtstehend mißt er drei bis vier Fuß mehr als No. Wahrlich, der Stammvater hat das mächtigste aller Tiere zum Sitz seiner Seele erwählt. No denkt daran, daß es bald, vielleicht schon morgen, allen Angehörigen des geschwächten Stammes vergönnt sein werde, an diesen übermenschlichen Kräften teilzuhaben. Der Vater muß sterben, damit die Söhne leben... Ein ferner Ruf läßt ihn erbeben. Die Jäger streifen durch den nahen Wald! No verständigt sie durch sein Pfeifen, daß die gefährliche Beute hier bei ihm sei, damit sie die nötigen Vorsichtsmaßregeln nicht außer acht lassen. Schon läßt auch der Bär Zeichen von Unruhe erkennen. Er hebt den Kopf und zieht durch seine Nüstern die Witterung ein, die ihm der Wind zuträgt; er horcht auf die Geräusche, die den Boden entlanglaufen. Er ist erregt, er brummt und verstummt dann und bleibt nur noch gespannteste Aufmerksamkeit. Noch lange Zeit vergeht in Schweigen und scheinbarem Frieden. Der Wind, der vom Süden kommt, bringt keinerlei beängstigende Botschaft... Plötzlich ertönt von Norden her betäubendes Getöse; Trommeln und Bockshörner vereinigen sich zu ohrenzerreißendem Lärm. Nos Herz hämmert vor Freude, Unruhe und Stolz, da er den klugen Plan der Seinen durchschaut. Mit der großen Umgehung, die sie durchgeführt haben, zwingen sie den Bären, gegen Süden auszubrechen. Im Westen, wenige hundert Schritte weit, strömt der Fluß, den er, mit den Verfolgern auf den Fersen, nicht durchqueren wird; im Osten sperren unüberwindbare Abhänge seinen Weg. So bleibt ihm nur die eine Richtung, die zu den Wohnstätten führt... Beim ersten Ertönen des Lärmes hat sich der Bär in ein Gesträuch geworfen und entflieht in der Richtung, die ihm vorgeschrieben ist. Er läuft auch auf drei Tatzen noch immer mit überraschender Geschwindigkeit. No ist unter den vordersten Jägern, die der frischen Fährte folgen. Hoh, hoh! die Jagd beginnt! Der Wald widerhallt von den Rufen der Männer und vom Lärm der Instrumente. Wohin kann der gehetzte Bär entkommen? Zweimal erblicken ihn die Jäger, wie er eine Lichtung überquert. Er hinkt stark, sein Gang ist langsamer geworden. Hoh, hoh! Die Männer laufen wie die Hunde der Rundköpfe, sie lassen ihre Beute nicht mehr aus. Der feuchte Boden zeigt kaum den Abdruck ihrer leichten Füße. Die Zweige, an denen sie vorbeistreichen, schlagen nach ihnen, um sie zu größerer Eile anzuspornen. Wie wohlgezielte Pfeile schnellen sie nach dem Ziel. Mit Entsetzen erfüllen ihre starken Stimmen das Herz des Bären, dessen Kräfte nachzulassen beginnen. Hoh, hoh! No hat alle Angst, alle Müdigkeit vergessen. Keiner vermag ihn zu überholen, seine leidenschaftlichen Rufe eilen ihm voraus. Schon kommen die großen Hänge in Sicht, unter denen ihre Familien und die verwünschten Rundschädel hausen. Der Fluß macht hier eine Reihe Krümmungen; der Bär biegt links ab und eilt einem Hügel zu. Will er die Jäger hier, in diesem Gebiet, täuschen, das sie seit ihrer Geburt kennen? Eine kleine Gruppe schwärmt aus, um das Tal, in dessen Hintergrund sich die heiligen Grotten befinden, im Süden zu sperren. Die übrigen steigen den Abhang hinab, dessen Verlängerung steil über der Wohnstätte des Häuptlings endet. Ein überraschendes Bild erwartet sie. Angelockt durch den Lärm ist der ganze Stamm versammelt, Greise, Frauen und Kinder haben die Felsen und Bäume erklettert, um sich in Sicherheit zu bringen. Mit ihnen betrachten die Rundschädel diese Jagd, die sich auf uralte Art abspielt. Doch da sie deren heilige Bedeutung kennen, begnügen sie sich, Zuschauer zu bleiben, und halten ihre Hunde zurück, deren Bellen sich mit den Schreien vermischt, die von allen Seiten ertönen. Das ganze Tal ist von Getöse erfüllt. Entsetzt bleibt der Bär stehen, da selbst die Bäume und Felsen Schreie auszustoßen scheinen. Die Angst wächst in seiner dunklen Seele. Wo ist eine Zuflucht zu finden? Jeder Ausweg scheint ihm versperrt zu sein. Er blickt um sich. Ein einziger Winkel in diesem Tale, das sich gegen ihn verschworen hat, scheint ruhig. Es ist die Gegend, welche die Grotte der Einweihung umgibt, es ist verbotener Boden. Dort wendet er sich hin. Seine Wunde schmerzt und macht seinen Schritt schleppender. Er erklimmt ohne Eile die ersten Ausläufer des Felsenhanges. Schwer sinken seine Tatzen in den geheiligten Boden. Der ganze Stamm folgt ihm mit den Blicken. Ein andächtiges Schweigen ist dem Lärm gefolgt, der eben noch das Tal durchbrauste. Unbeweglich starren die Jäger und halten ihren Atem zurück. Als würde er die Orte wiedererkennen, die er in einem früheren Leben bewohnte, beschnuppert der Bär einen Stein nach dem andern. Langsam folgt er dem Pfad, der zu der Grotte führt, und im Angesicht aller seiner Nachkommen verschwindet er in der Höhle, die einstmals sein gewesen, und die durch seine Anwesenheit geheiligt wurde. Stürmischer Jubel begrüßt dieses Wunder. Höchstes Entzücken erfüllt die Herzen. War noch daran zu zweifeln, daß der Ahne selbst zurückgekehrt sei, um die Seinen zu retten? Der Vater kommt heim, da seine Kinder in Gefahr sind. Ein helles Feuer vor dem Eingange der Grotte strahlt durch die Nacht. Die ältesten Jäger des Stammes halten Wache. Zwar sind es nur zehn, doch niemand gleicht ihnen an Geschicklichkeit und Erfahrung. Morgen, bei Sonnenaufgang, werden sie feuchte Kräuter verbrennen, deren beißender Rauch die Höhle durchdringen und den Bären aus ihr vertreiben wird; er wird in eine Falle geraten. Gefesselt und gebunden werden sie ihn dann zum Opfer führen. Jetzt hocken diese Tapferen noch um die Glut und sprechen von ihrer Jugend, von jener gesegneten Zeit, da alles noch viel besser war, da man noch in den schneebedeckten Wäldern das weichfellige Renntier jagte. Das beabsichtigte Opfer wird zweifellos jene glücklichen Zeiten zurückbringen. Wenn es das Land nur auch von den Rundschädeln und ihren Hunden befreien könnte! In den Hütten des Stammes denkt niemand an Schlaf. Frauen und Mädchen schmücken sich für den kommenden Tag. Sie ordnen ihre abgenutzten Kleider und verwenden die schönsten Pelze. Ihre Haare drehen sie zu regelmäßigen Locken und machen sie wohlriechend; Gesicht, Hals und Arme schminken sie. Dann beginnen sie Girlanden aus Efeu zu flechten, betrübt, daß die Jahreszeit es ihnen nicht gestattet, auch Blumen zu verwenden. Man ißt nichts in dieser Nacht. Ein strenges Fasten muß der mystischen Mahlzeit vorangehen, denn die heilige Nahrung darf sich mit keiner anderen vermengen. Es leben noch einige Greise, die einst vor langer Zeit der gleichen religiösen Handlung beiwohnten. Man bildet einen Kreis um sie, und ihre begeisterten Erzählungen fesseln die unermüdlichen Zuhörer bis zum Morgen. Die jungen Leute und die Männer, die nur die ersten Proben der Einweihung hinter sich haben, schmücken sich wie zu den Hochzeitsspielen, und ihre schwarzumränderten Augen leuchten übergroß aus den mit Ocker rot bemalten Gesichtern. Dann begeben sie sich zu dem Häuptling, wo die Weisen ihnen die wichtigsten Geheimnisse, die das religiöse Erbteil des Stammes bilden, enthüllen werden. Dadurch sollen sie den Sinn und die Größe der Zeremonie begreifen lernen, an der sie teilnehmen werden. Unter dem überhängenden Felsen im Eingang seiner Hütte kauert Boro, mit dem Kopfputz des Häuptlings angetan, den Führerstab in der Hand. Die drei Weisen in ihren Festgewändern umgeben ihn, und vor ihnen in enggedrängten Reihen hocken die jungen Männer, der Worte gewärtig, die gesprochen werden sollen. Die lebhaften, züngelnden Flammen des Herdfeuers erleuchten den Schauplatz. Manchmal steigt ein Sprühregen von Funken von einem halbverkohlten Holzstück in die Höhe, knistert und verlöscht. Jeder der Weisen hält eine Trommel zwischen seinen Beinen, und No erkennt ihren dumpfen Ton wieder. Es ist der gleiche, der ihm in den Fieberträumen der Einweihungsnächte ans Ohr klang. Niemand spricht. In regelmäßigen Zwischenräumen fällt ein Trommelschlag, und sein von den Wänden zurückgeworfener zitternder Klang setzt sich noch lange fort. Jetzt erhebt sich eine durchdringende Stimme. Ein unempfindlich starrer Weiser, an dem kein Muskel zuckt, sagt eine Folge von rhythmisch abgemessenen Sätzen, von denen einige Worte in der Sprache der Voreltern No unverständlich bleiben. Sobald er verstummt, fährt ein anderer mit gleicher Fistelstimme fort. Dann ruht wieder tiefes Schweigen über der ganzen Gruppe, das nur von den Trommelschlägen unterbrochen wird. Die Weisen sagen die heilige Geschichte des Stammes her, den Bericht von den Leiden des Stammvaters. »Es ist überliefert: Der Ahne ist vor so weit zurückliegender Zeit in dieses Land gekommen, daß ihr die Zahl der Jahre nicht auszudrücken vermöchtet, selbst wenn ihr die Sterne des Himmels zähltet, daß die Sonne sich nicht daran erinnert, und der Mond die Berechnung dieser Zeit vergessen hat. Allein kam er hierher, der mächtige Mann, der die Natur beherrschte, allein mit seinen vier Söhnen und seinen vier Töchtern, die er während der langen Flucht aus den heimatlichen Gefilden vom Tode bewahrte ...« Noch trauriger dehnt sich der Redegesang auf den Lippen der Weisen, als sie die Leiden und Verluste des Stammes aufzählen. »Doch der Vater ist gerettet, denn wer hätte ihn zu vernichten gewagt? Wie ein Felsen steht er aufrecht, den man nicht zu erstürmen vermag. In der verlassenen Gegend wählt er für sich und seine vier Töchter eine Behausung, und niemand kommt in deren Nähe.« »Seine Söhne haben weder bei Tag noch bei Nacht Zutritt. Sich selbst überlassen, entfesselt sich ihr Zorn. Sie sind stark, sie sind jung, wie könnten sie diese Ungerechtigkeit hinnehmen. Doch dem Vater gegenüber sind sie schwach, denn sie beherrschen nicht wie er die Geister. Der Vater hält die magische Wissenschaft geheim, die er allein zu kennen hat. Er ist ganz von ihr erfüllt.« »In völliger Abgeschlossenheit lebt er mit seinen vier Töchtern. Er ernährt sie allein, ohne Hilfe. Wehe dem, der sie zu berühren wagte! Niemals hat ein Hirsch sein Rudel besser verteidigt. Die Söhne, zum Gehorsam gezwungen, grollen. Sie bewundern den Vater und können doch ihre Eifersucht nicht unterdrücken. Sie fühlen sich enterbt. In der Einsamkeit brüten sie über einer furchtbaren Verschwörung...« Die Stimmen der Weisen senken sich. Sie sind nur mehr ein angstvolles, undeutliches Flüstern. Man vernimmt nur einige Worte. Die übrigen muß man erraten. »... ihn töten ... ein heiliges Mahl ... sein Fleisch verzehren, sein Blut trinken ... Auf diese Weise nur würden sie ihm gleich werden und seine Macht über Dinge und Geister untereinander teilen ...« Es folgt eine lange Übergangsstrophe in noch einförmigerem Tone, in der die wesentliche Lehre enthalten ist, die sich, wie die Weisen sagen, in verschiedener Form unter allen Menschen findet, und deren Formel allein, ohne jede Erklärung, bei den Einweihungen ausgesprochen wird: »Man muß sterben, um wiedergeboren zu werden.« Der Tod des Fleisches ist nichts als Schein, der Geist kann nicht zugrunde gehen. Schwierig zu verstehen ist dies: »Der Ahne muß sich darbieten und sich verteidigen. Darbieten – weil das Opfer von seinem Herzen gebilligt wird, denn niemals vergißt er, daß er der Vater ist; sich verteidigen – weil es wesentlich ist, daß der ganze Stamm das einstige Verbrechen erneuere. Nur auf diese Weise vermag der Stammvater in jedem einzelnen seiner neu belebten Kinder wieder zu erstehen.« Wieder folgt ein Schweigen, dann vermehren sich die Trommelschläge. Wie wird sich dieses Drama der für das Heil seines Volkes erduldeten Leiden weiter entwickeln? Die Stimmen der Weisen erheben sich von neuem. Sie verraten die Erregung, die sich ihrer allein schon bei der Wiedergabe dieser Geschehnisse bemächtigt. »Die Söhne haben getötet. Das Opfer ist vollbracht. Das mystische Mahl hat stattgefunden. Frei und mächtig sind sie, wie es der Vater einst war. Sie sprechen als Gebieter. Was erwarten sie noch, um sich ihrer Rechte zu erfreuen? ... Sie finden ein unerwartetes, unüberwindliches Hindernis vor sich: die Gesetze, die derjenige aufgestellt hat, der von ihnen getötet wurde. Seit er nicht mehr ist, haben diese geheiligte Bedeutung erhalten. Keiner würde es wagen, sie zu übertreten.« – Aus dieser Zeit stammt das Verbot, Ehen innerhalb des Stammes, mit den Mädchen gleichen Blutes, zu schließen. Von da ab beginnen die abenteuerlichen Raubzüge nach den Frauen ferner Stämme. Durch die Weisheit des Ahnen, durch seinen Willen, der zum Gebot wurde, ist eine neue Form des menschlichen Zusammenlebens geschaffen. Die Menschen hören auf, in schändlichen Vermischungen wie die Tiere zu leben: die Familie ist begründet. Neuerliches Schweigen. Man hört nichts als das Prasseln der ins Feuer geworfenen Scheite, die von der Glut gemartert werden. Die Stimmen erheben sich wieder und singen. »Das Bündnis zwischen dem Ahnen und seinem Volke, das die von ihm erlassenen Gesetze achtet, ist besiegelt. Wenn schweres Unglück den Stamm heimsucht, wird nach den alten Gesetzen das Mahl der Wiedervereinigung erneuert. Der Höhlenbär, dieser Koloß, in dem der unsterbliche Geist des Ahnen weiterlebt, wird geopfert. Diesmal aber hat er zweifellos entschieden, daß die gegenwärtigen Schicksalsschläge das überstiegen, was die Seinen ertragen konnten, und ist aus eigenem Antrieb gekommen, um sich dem Stamm in der heiligen Grotte, die er einst bewohnte, zu opfern.« Die gleichmäßigen Trommelschläge sollen die ergreifenden Augenblicke darstellen, die er durchlebt, der sich opfert. Schon wird im Osten ein heller Schimmer sichtbar, bald wird der Tag anbrechen. Noch eines wird hinzugefügt: »Die Wiedervereinigung wird nicht nur den einzelnen Menschen ihre Kräfte zurückgeben, sondern auch den Zauberformeln selbst, die ebenso machtlos geworden sind wie diejenigen, die sie gebrauchen wollen. Mit diesen neuen Kräften ausgestattet aber werden der Häuptling und die Weisen so wie einstmals ihre Macht über die Natur ausüben können, und sie werden der verhaßten Herrschaft der Rundschädel ein Ende bereiten.« Im Geiste Nos vermengen sich die Erscheinungen der vergangenen Nacht mit jenen, die er jetzt vor Augen hat. Der Ahne erscheint ihm im kalten Morgennebel, und sitzt doch zugleich vor der Hütte an Boros Platz. No erlebt nochmals seinen schweren Lauf quer durch das Land: er hört das mächtige Schnauben hinter sich ... Und die Jagd, an der alle Männer teilnehmen, die Jagd, bei der man kaum mehr weiß, ob der Bär vor ihnen flieht oder ob er sie führt ... No erschauert vor Schrecken und Freude... Wie wird der Ahne diese Probe bestehen? Ein Lichtstrahl vom Himmel über den Gipfeln der Berge. Die Sonne geht auf. Das Drama beginnt. Frauen, Greise und Kinder verlassen schon die Hütten. Die Mädchen schließen sich ihnen an. Girlanden, die sie gewunden haben, umschlingen ihre Reihen. Das ganze Volk versammelt sich unterhalb der Häuptlingsterrasse in der Nähe des Flusses. Kaum sind sie angelangt, ertönen schon Hörner und Trommeln. Der Bärenahne wird herbeigeführt. Doch in welchem Zustand? Um jede seiner Tatzen ist ein Riemen aus so festem Leder geschlungen, daß selbst ein Mammut ihn nicht zerreißen könnte. Zehn Armlängen mißt jeder der Lederriemen, und je sechs Männer, unter den Stärksten des Stammes gewählt, halten das Ende. Doch die Kräfte des Ahnen sind groß, und der plötzliche Ruck eines seiner Beine genügt, um alle sechs Männer zu Boden zu werfen. Die anderen leisten Widerstand und machen die Wut des Bären unschädlich, dessen Brummen die zurückweichende Menge vor Angst zittern macht. Manchmal bleibt er stehen und läßt keinen der Männer weiter. Es bedarf ihrer vereinten Kräfte, der Steine, die man auf ihn wirft, betäubender Schreie und herabprasselnder Stockhiebe, um ihn vorwärtszubringen. Sie zerren ihn zwischen zwei Birkenstämme. Die Lederriemen der beiden Hinterbeine werden an ihnen befestigt. Sie werfen ihm eine Leine um den Hals. Zwanzig Männer ergreifen ihn und stoßen ihn herum. Jetzt liegt er auf dem Rücken, die vier Tatzen auf den Boden geheftet, die Schnauze gegen den Himmel gestreckt, die Augen schmerzerfüllt, die Haare von Schweiß durchweicht und zu Büscheln verklebt. Er ächzt dumpf. Sein Leiden rührt sogar diese Leute, die ein hartes Leben gewohnt sind, die täglich gezwungen sind, Tiere zu töten, um sich von ihnen zu nähren, und die für Schmerzen anderer wenig Empfindung haben. Doch niemand vergißt, wessen Blut in den Adern dieses Tieres fließt, das zum Heile aller geopfert werden soll. Jetzt treten die Mädchen mit ihren Laubgewinden vor. Sie schmücken die Bäume, an denen das Opfer festgebunden ist, und die ineinander geschlungenen Blätter bedecken den riesigen, bemitleidenswerten Schädel. Sie werfen sie zwischen die gespreizten Tatzen auf den bebenden Körper. Sie stimmen einen Trauerchor zum Takt der dumpfen Trommeln an. Greise, Frauen, Männer und junge Leute antworten ihnen abwechselnd. So werden die Tugenden des Stammvaters im Augenblick, da er sterben soll, durch den Wechselgesang seiner Kinder gepriesen. Tiefes Schweigen folgt, nur von dem klagenden Brummen des Bären unterbrochen. Was erscheint jetzt unter der Terrasse des Häuptlings? Ein Bär, auf seinen Hinterfüßen aufgerichtet, ein Bär, umgeben von den drei Weisen. Es ist Boro, der in dieser Gestalt erscheint, um vor allen Augen die Blutsverwandtschaft zwischen dem Opfernden und dem Opfer zu betonen. Vor dem Ahnen hebt er den Arm und spricht die vorgeschriebenen Worte: »Gewinnet zurück die verlorenen Kräfte durch den Akt der Wiedervereinigung.« Er senkt seine Hand, die mit einem scharfen Stein bewaffnet ist. Mit einem einzigen, kraftvoll geführten Streiche durchschneidet er das zottige Fell von der Kehle bis zum Unterleib. Die Weisen fassen die Haut auf beiden Seiten und trennen sie mit Hilfe des Steines ab. Ströme von Blut sprudeln hervor. Boro taucht den Arm in die offene Brust und reißt das noch zuckende Herz heraus. Er beißt mit aller Kraft hinein und gibt es den Weisen weiter. Schon schreitet er davon. Jetzt stürzt sich das ganze Volk auf das Opfer. Jeder reißt ein Stück des zuckenden Fleisches ab, von dem das warme, kostbare Blut niedertropft. Man würde einander töten, um unter den ersten zu sein. Aber jeder zieht sich, sobald er ein Stück erlangt hat, zurück, und ehe die Sonne den Zenit erreicht, haben alle an der Quelle des Lebens getrunken. Nichts bleibt von dem Bären als beschmutzte Haut und Knochen, die man noch am gleichen Abend verbrennt, und deren Asche der Wind verweht.   Ein Jahr verging. Große Erschlaffung war der Erregung, die die Opferung des Stammvaters verursacht hatte, gefolgt. Nichts änderte sich. Die verschwundenen Renntiere kehrten nicht wieder. Die Leute vom Fluß wurden mit jedem Tag kraftloser, und die Rundschädel gediehen. Nie sah man fröhlichere Leute ein angenehmeres Leben führen als diese. Den Sommer verbrachten sie in ihren Lagern auf freiem Felde, und sobald die schlechte Witterung einsetzte, kehrten sie in den Schutz der Felswände zurück. Hoch befriedigt waren sie von dieser Gegend, die sie für sich ausgesucht hatten. Jedem, der es hören wollte, bestätigten sie es. Sie dachten nicht daran, jemals wieder fortzuziehen. Nach so viel Jahren Nomadenleben waren sie seßhaft geworden. Das Klima behagte ihnen. Ihre Kinder, von denen es nur so wimmelte, entwickelten sich hier prächtig. Das Wild war zahlreich. Die Hunde brachten einen Wurf Junge nach dem anderen zur Welt, die sich auf den Terrassen, Staubwolken aufwirbelnd, tummelten und balgten. Sie verunreinigten die Hütten, kugelten immer zwischen den Beinen der Leute und erfüllten die Umgebung Tag und Nacht mit ihrem heiseren Gekläff. Ihre Herren schienen das gar nicht mehr zu merken, doch die Söhne des Bären litten sehr darunter. Noch unerträglicher aber war ihnen, ihre Kinder mit den jungen Hunden spielen zu sehen und beobachten zu müssen, welche Vertrautheit zwischen ihnen erstand. Wie sollte man das verhindern? Wie sollte man ununterbrochen einen Haufen kleiner Kinder bewachen, der sich im wirren Durcheinander mit einer Schar junger Hunde herumtrieb? All dies lief und wälzte sich während des ganzen Tages gemeinsam in der Asche, die den Boden bedeckte. Was aber konnte aus einer solchen Vertraulichkeit mit diesen besessenen Tieren entstehen? Mußte sich die Zaubermacht, die die Rundköpfe ausübten, nicht auch auf die junge, leider so wenig zahlreiche Generation der Bärensöhne übertragen? Konnten schließlich zwei verschiedene Rassen auf die Dauer so eng beisammen leben, ohne sich zu vermengen? Und wenn eine von ihnen verschwinden mußte, so war es nicht schwierig, die Zukunft vorauszusagen und das beklagenswerte Los zu erraten, das die Leute vom Fluß erwartete. Man bedenke nur: die Töchter der Bärensöhne wuchsen Tür an Tür mit den Söhnen der Fremden heran und entwickelten sich unter deren Augen aus Kindern zu Frauen. Daß sie bewundert wurden, wer konnte darüber staunen? Gehörten sie doch einem Stamme an, der jeden anderen an Schönheit überragte. Und mit Bedauern muß es gesagt werden – als ein neuerlicher Beweis für den Mangel an Ehrgefühl bei den Frauen, und für die unwiderstehliche Neugierde, die sie beherrscht –, daß diese Mädchen den jungen Rundschädeln, die zwischen zwei Jagden um ihre Hütten strichen, allzuviel Aufmerksamkeit entgegenbrachten. Doch diese Jünglinge waren von kleiner Gestalt, untersetzt und linkisch. So überlegten die Söhne der Bären, aber die Mädchen handelten darum nicht weniger nach ihrem Kopf. Die erhaltenen Schläge und Püffe schienen sie in ihrem Vorgehen zu bestärken, statt sie zur Wohlanständigkeit zurückzuführen. So gewaltig ist der Widerspruchsgeist in diesem treulosen Geschlecht. Der endgültige Verfall ihres Volkes würde an dem Tage zu erkennen sein, da die Töchter der Bären Kinder der Rundschädel zur Welt brachten ... Die Frauen – wer mag jemals aus ihnen klug werden – nahmen die Dinge nicht so schwer. Dank der Beziehungen, die ihre Töchter anknüpften, ergatterten sie von Zeit zu Zeit die Keule eines Wildschweines oder eines Pferdes, das Viertel eines Bisons, denn ihrer Ansicht nach mußte man in diesen Zeiten halber Hungersnot jeden unverhofften Glücksfall nutzen. Da sich die Männer unfähig erwiesen, ihre Familien zu ernähren, sollte man sich mit jenen überwerfen, die die unentbehrlichen Lebensmittel im Überfluß besaßen? Und wenn diese Frauen ihre Töchter auch in der Öffentlichkeit schalten, sie hüteten sich wohl, sie zu tadeln, wenn niemand es hörte. Ja, zweifellos gab es mehr als eine unter ihnen, die ihre Tochter insgeheim ermunterte. So entwickelten sich die Dinge im Dunkeln, und die Männer konnten so tun, als wüßten sie nichts von diesen unerlaubten Beziehungen. Doch bald brachte ein Zwischenfall alles ans Licht. Auch in diesem Jahre wurden die Hochzeitsspiele abgehalten, obgleich die Teilnehmer auf ein winziges Häuflein zusammengeschmolzen waren. Statt fünfzig Jünglingen, wie im vergangenen Jahre, waren von allen drei Stämmen nur zwanzig erschienen, und daraus konnte man auf die großen Opfer schließen, die die Seuche gefordert hatte. Trotzdem wurden auch diesmal wieder alle Sorgen beiseite gelassen, und eine lärmende Freude erfüllte das enge Tal, in dem die zu verheiratenden Mädchen ihre Bezwinger erwarteten. Als die Dämmerung sich über das Land breitete und die Schatten von den Felsen herabsanken, im Augenblick, da die jungen Männer ihren Kriegstanz begannen und unsichtbare Feinde bekämpften, im Augenblick, da die Schreie der Frauen gellender wurden, erschien ein Trupp bemalter und geschmückter junger Leute neben dem »Stein der Qualen«. Sie stießen durchdringende und rhythmisch abgemessene Schreie auf eine Art aus, die den Leuten des Flusses neu war. Sie hielten hier einen Augenblick an, und es entstand sowohl unter ihnen wie unter den Zuschauern ein so völliges und plötzliches Schweigen, daß man den lebhaften, erstaunten Seufzer vernahm, den ein Mädchen nicht unterdrücken konnte. Doch schon erreichten die Söhne der Rundschädel, denn sie waren es, laufend die Mitte des Tales. Hier marschierten sie in Form eines Dreieckes auf. Sie trugen Bogen, und Pfeile steckten in ihren Gürteln. In wahrlich kriegerischer Begrüßung schossen sie auf ein Kommando ihre Pfeile ab, die erstaunlich hoch flogen, ehe sie in den nahen Wald niederfielen, wo einige davon zischend in die Zweige fuhren. Die Leute vom Flusse empfanden dies als Herausforderung, denn es war gegen den Brauch, zu den Hochzeitsspielen mit Waffen zu erscheinen, geschweige denn sich ihrer zu bedienen. Die jungen Rundschädel begannen nach dieser Kundgebung einen Tanz auf ihre Art. Einige von ihnen entlockten zerschnittenen und mit Harz genau aneinandergefügten Schilfrohrstücken wohlklingende und entzückende Töne. Es war, als hörte man Wasserfälle rauschen. Den abwechselnd tiefen und hohen Tönen der Schilfrohre wurde durch schmale und verlängerte Holzplättchen, die gegeneinander schlugen, Rhythmus verliehen. Zu dieser eigentümlich wirkenden Musik tanzten sie, sich an der Schulter haltend, in einer Reihe hintereinander; sie tanzten voll Kraft, mit Maß, auch mit Geschmeidigkeit, und, man muß es sagen, mit einer Anmut, die man diesen Tölpeln nicht zugetraut hätte. Während die Mädchen sie betrachteten, machten unbewußt ihre bebenden Körper den Takt des neuen Tanzes mit. Der eindringliche Rhythmus der Schilfrohrflöten brachte sie außer sich und erweckte in ihnen das unwiderstehliche Verlangen, sich diesen leichtfüßigen jungen Leuten anzuschließen. Vorwärts und zurückgehend, kamen diese immer näher an die Schar der Zuschauer heran. Die Dämmerung sank tiefer. Ein erster Stern erschien zwischen den Wolken. In diesem Augenblick brach die Kette der jungen Leute in zwei Teile, und der Tänzer, dessen eine Hand frei war, streckte sie gegen ein junges Mädchen aus, vor der er wie ein geschmeidiges Tier in die Höhe sprang. Schilfrohrflöten und Klappern ertönten noch eindringlicher. Wie sollte man einer solchen Einladung widerstehen? Die Erwählte erhob sich und fügte sich in die Kette ein, die sich wieder schloß. Weiter entfernt wiederholte sich die gleiche Szene. Noch ein Mädchen verließ seine Gefährtinnen. Bald waren es an zehn Mädchen, die sich mit den Rundschädeln vereinten, die fortfuhren, nach ihrem Brauch die Schritte nach vorwärts, nach rückwärts und übers Kreuz zu setzen. Allmählich entfernte sich die Reihe der Tanzenden von den Zuschauern. Wollten sie einen Bogen beschreiben, um wieder zur Mitte der Wiese zu gelangen? In Windungen, wie eine Schlange, entfernten sie sich immer weiter, und wie sie in der zunehmenden Dunkelheit den Wald entlang über die Abdachung des Abhanges zogen, verschwanden sie dort ganz ... Ein einziger Schrei, in dem Überraschung und Schrecken sich mengten, stieg zum Himmel. Schon waren die Leute vom Fluß auf den Beinen. Wer hätte einen derartig kühnen Streich voraussehen können? Sollte solcher Schimpf ungestraft bleiben? Einige Männer wollten zu den Hütten eilen, um ihre Waffen zu holen. Andere stimmten dafür, daß man die Räuber augenblicklich verfolge. Doch die Weiber warfen sich auf die Knie, umklammerten ihre Füße und flehten sie an, nicht in den sicheren Tod eines so ungleichen Kampfes zu gehen. Sie mühten sich, die Männer zu beruhigen. »Unsere Töchter sind nicht verloren«, meinten sie. »Sie bleiben ja hier, in unserer Nähe ...« Und mehr als eine von ihnen beneidete in ihrem tiefsten Herzen jene, die dort in den Wald entführt worden waren, und deren glückliches Los jetzt gesichert schien. Wer sollte zwischen den widersprechenden Parteien entscheiden? Bei den Häuptlingen der drei Stämme, die sich am »Stein der Qualen« zur Beratung vereinigt hatten, drang die gemäßigte Auffassung durch. »Allerdings«, sprach Boro, »nahmen seit langer Zeit die Leute vom Fluß allein an den Hochzeitsspielen teil, aber nur deshalb, weil sie dieses Land ohne Nachbarn bewohnten. Doch keine Vorschrift von allen Gesetzen der Jagdvölker ermächtigt uns, Fremde von diesem Feste auszuschließen, da doch die Mädchen Männer ihres eigenen Stammes nicht heiraten dürfen und nach uraltem Brauche zum Feste geführt werden, um geraubt zu werden. Worüber also sollte man bei den Häuptlingen des Volkes vom Hochtale Klage führen?« Doch dies waren nur die Gedanken der Alten, die jungen Leute knirschten mit den Zähnen, da sie sehen mußten, wie die schönsten Mädchen vor ihren Augen von den Fremden geraubt wurden und, man muß es zugeben, nicht eine dieser Verräterinnen Widerstand leistete. Der Abschluß der Spiele war dadurch verdorben. Statt in einen Freudentaumel überzugehen, endeten sie in Demütigung und Trauer. Selbst die weniger abergläubischen Leute sahen darin ein schlimmes Vorzeichen.   Mehr noch als alle anderen empfand No den seinem Volke angetanen Schimpf. Die Bogen im Arm der Rundköpfe, das herausfordernde Abschnellen der Pfeile bewies, daß die Eindringlinge auf ihre Kraft bauten und diese als höchstes Argument fühlen lassen würden. Bis jetzt hatten sie sich ihrer nicht bedient und hatten sich damit begnügt, mit überlegenen Mitteln die Zauberkräfte zu zerstören, denen die Leute vom Fluß in früheren Zeiten ihr Wohlergehen verdankt hatten. Jetzt gab es keinen unter diesen, der nicht die Nutzlosigkeit der Nachbildung lebender Tiere schon längst eingesehen hätte. Man zeichnete keine grasenden, springenden Bisons und auf den Wiesen spielende Pferde mehr, man mußte wohl andere Mittel aussinnen. Hatten doch die Rundschädel sogar gezeigt, daß sie selbst die Wirkungen der größten magischen Zeremonie, der Opferung des Ahnen, zu vereiteln wußten. Welchen Vorteil hatten die Bärensöhne aus diesem furchtbarsten aller Verbrechen gezogen? Es ging ihnen schlechter als früher. Und jetzt waren auch noch ihre Töchter entführt worden! Wahrlich, das Ende dieses Stammes, der so glücklich an den Ufern des Flusses gelebt hatte, war nahe. So dachte No vor seiner Hütte, während Mara bekümmert neben ihm kauerte, nicht zu sprechen wagte und sich sorgte, da sie ihn so düster und schweigsam sah. Sie war wieder guter Hoffnung. Die Schwangerschaft und die mangelhafte Nahrung, auf die man jetzt gesetzt war, griffen ihr reizendes Gesicht an. Oft stieg sie zum Flusse hinab, um zu fischen, und zeigte, wessen Tochter sie war, indem sie niemals mit leeren Händen zurückkehrte. Meistens traf sie No scheinbar untätig, in Wirklichkeit ganz von seinen Gedanken, die sie nicht kannte, eingenommen. Da sie seinen Haß gegen die Rundschädel kannte, zog sie eines Tages gegen diese los und bemühte sich, nach Art der Frauen mit verschiedenen Beispielen, die übrigens nicht sehr treffend waren, deren tölpelhaftes Wesen darzutun. Auf diese Weise meinte sie, ihrem Manne gefällig zu sein. Sie war sehr überrascht, daß No sie kurz unterbrach und sagte: »Die Rundschädel wissen mehr als wir.« Mara starrte mit offenem Mund. Verlor ihr Mann den Verstand? Die Wahrheit aber war, daß No sich mit schwierigen Problemen mühte, durch die er sich langsam einen Weg bahnte. Er mußte die Überlegenheit seiner Feinde anerkennen, die, statt mit allen Tieren im Kampfe zu liegen, es verstanden hatten, sich unter ihnen einen Verbündeten, einen Freund zu gewinnen, wodurch sie einen entscheidenden Vorteil vor allen andern Jagdvölkern errungen hatten. Das Bündnis zwischen den Rundschädeln und ihren Hunden mußte wohl als ein dauerndes betrachtet werden, da alle Künste der Weisen es nicht zerstören konnten. Die Eindringlinge würden weiterhin Herren des Landes sein. Was tun? Allmählich, in einsamer Gedankenarbeit, war No zu der Überzeugung gelangt, daß die Seinen jene kühnen Leute, die ein so wertvolles Geheimnis entdeckt hatten, nachahmen mußten. Auch die Bärensöhne müßten Tiere an sich ziehen, die bei ihnen lebten, die sie in mannigfacher Weise verwenden könnten, die ihnen Schutz gegen die Raubtiere böten und von denen sie sich schließlich ernähren könnten, ohne gezwungen zu sein, sie auf mühsamer Jagd zur Strecke zu bringen. Tage und Tage andauernden und leidenschaftlichen Nachdenkens hatte es No gekostet, sich zu jeder einzelnen Stufe dieser Anschauung durchzuringen. An diesem Punkt angelangt, hielt er lange inne. Welches Tier sollte man wählen? Es mußte eines der großen Tiere sein, um ausreichende Nahrung zu geben, und es mußte auch einer edlen Rasse angehören, da seine Eigenschaften in den Leuten des Flusses wiedererstehen würden. Er verwarf den Hirsch als unbrauchbar und zaghaft. Das Mammut gab es nicht mehr; die Katzenarten waren selten und blutrünstig; die Bisons waren, ebenso wie die Renntiere, geflohen. So blieben nur das Rind und das Pferd, die er beide – und das konnte nicht ohne Bedeutung sein – im glücklichen Lande seines Traumes gesehen hatte. Schwer war es, zwischen diesen beiden zu wählen. Das Fleisch beider war gleich gut, ihre Haut war fest und wohlverwendbar, doch schwer zu bearbeiten und ohne Fell. Nichts wird das Renntier ersetzen können! Das Rind war das mutigere beider Tiere, das Pferd aber war schneller und vielleicht auch begabter. Man mußte nicht befürchten, daß es den Bärensöhnen jemals an Mut mangeln würde, aber es galt diese Schnelligkeit im Lauf zu bewahren, auf die sie stolz waren. Auch hatte das Pferd einen sanfteren Charakter als das Rind, das oft auch selbst den Menschen angriff. Aus all diesen Gründen beschloß No, das Pferd mit einem Zauber zu umstricken. Das Unternehmen war schwierig, doch No fühlte sich voll Vertrauen, da er sich der Nachtwache neben der Höhle des Stammvaters erinnerte. Er sah das Land wieder vor sich, in das er damals entrückt gewesen, er hörte noch die Stimme des Weisen die geheimen Worte flüstern, durch die die Menschen die Freundschaft der Tiere gewinnen. Dank dieser Worte würde er Erfolg haben ... Zunächst wollte er einen Greis aufsuchen, der sich in einer diesem Zwecke geweihten Höhle mit geheimnisvollen Zeremonien, welche die Pferde betrafen, befaßte. An einem frischen Herbstmorgen brach er auf und folgte dem Tale der heiligen Grotten. Als er an der zweiten dieser Grotten vorübergekommen war, bog er nach links und trat in ein kleines Tal, dessen Grund nichts als Sumpf war. Er fand einen schmalen Pfad hindurch und gelangte bald längs des Fußes der niederen Hügel zu der Wohnstätte, die er suchte. An den Felsenwänden waren seit undenklicher Zeit Pferde in den verschiedensten Stellungen dargestellt. Eines davon in der Mitte der Wand hob sich in natürlicher Größe vom Felsen ab, derart, daß man beim Eintritt, die Augen noch vom hellen Licht geblendet, im Dämmern des überhängenden Felsblockes glauben mußte, es sei im Begriffe, von dem Näherkommenden überrascht, die Flucht zu ergreifen. Keine andere Höhle, keine andere Wohnstätte, zeigte ein so naturgetreues Bild, und als No, obwohl er es doch kannte, an diesem Morgen darauf zuschritt, erstaunte er auch diesmal wieder, das Pferd, als ob es ihn erwartete, seinen Platz nicht verlassen zu sehen. Er nahm dies als ein günstiges Vorzeichen und erfreute sich daran. Er begriff auch, weshalb die Zauberkräfte der Leute vom Flusse nicht mehr denen ihrer Ahnen gleichkamen, da doch keiner jetzt mehr imstande war, ein Pferd in den Felsen zu hauen, das wie dieses denen so sehr glich, die sich am Morgen auf den Wiesen tummelten. Ein Greis wohnte hier, Sohn und Enkel von Männern, die hier vor Zeiten gehaust hatten, und Bewahrer ihrer Weisheit. Er entfernte sich nur aus seiner Wohnstätte, wenn er Kräuter sammeln wollte, deren wundersame Kräfte ihm allein bekannt waren. Die Jäger kamen, ihn aufzusuchen, bevor sie ein Rudel verfolgten, und wenn sie dank seiner Ratschläge erfolgreich heimkehrten, brachten sie ihm ein Stück Fleisch. Ohne seine Pläne zu enthüllen, die wohl nicht verstanden worden wären, beschränkte No sich darauf, ihn um ein Zaubermittel zu bitten, mit dem er ein Pferd sich wohlgesinnt machen könnte. Der Greis, der nahe dem Feuer hockte, erwiderte nichts und blieb in ferne Gedanken versunken, die Augen auf die Glut gerichtet. Dann betrachtete er No, als suche er einen besonderen Sinn hinter den Worten, die dieser gesprochen hatte. No wiederholte seine Bitte. Der Greis seufzte. Er erhob sich mühsam und verschwand in seiner Hütte. Nach einigen Augenblicken kam er mit einem Gras zurück, das No nicht kannte. Er spuckte darauf, rollte es in seinen Händen, damit der Speichel eindringe, dann trat er zu dem Pferde und hielt es ihm hin, während er ihm mit der Hand weich über den Hals strich. Nachdem er dies getan hatte, wandte er sich zu No und gab ihm den Grasknäuel, ohne ein Wort hinzuzufügen. No ging nach Hause. – Noch vor Sonnenaufgang machte er sich am nächsten Tage auf den Weg. Erregt von seinem großen Vorhaben, hatte er nachts kaum geschlafen. Trotz der Schwierigkeit, allein auf die Jagd zu gehen, hatte er sich keinen Gefährten mitgenommen. Seine Absicht war, ein von der Herde getrenntes Fohlen zu überraschen, ihm die Beine zu binden und dann seinen Zauber wirken zu lassen. Erst nachmittags sah er, in großer Entfernung, in der Nähe eines Waldes das Rudel, von dessen Anwesenheit er Kenntnis hatte. Langsam, unter Beobachtung der größten Vorsichtsmaßregeln, gelang es ihm, bis in die unmittelbarste Nähe der Tiere zu kommen, die ruhig grasten. Ein Fohlen von etwa achtzehn Monaten hatte sich von der Herde entfernt und rieb sich eben an einem Felsblock am Waldesrand. Dieses faßte No ins Auge. Es hatte einen breiten Hals, einen starken Kopf und schon langes Haar. Es glich in jeder Beziehung dem Pferde, das in der Grotte abgebildet war, und das freute No. Mehr am Boden kriechend als gehend, Schritt für Schritt, Zoll um Zoll, arbeitete No sich heran. Aber er war noch zu weit entfernt. Er mußte Geduld haben und einen günstigen Zufall abwarten ... Die Ereignisse kamen ihm zu Hilfe. Der Himmel hatte sich verfinstert. Eine schwere, schwarze Wolke entlud sich plötzlich. Hagel prasselte nieder. Das erschreckte Fohlen drängte schutzsuchend unter eine Eiche. Das Getöse des auf die Blätter niederschlagenden Hagels erlaubte No, sich noch einige Schritte zu nähern. Geschmeidig faßte er den zusammengerollten Riemen, an dessen Ende ein runder Stein hing. So wenig Geräusch er auch machte, das Fohlen wurde doch unruhig und wandte den Kopf. Aber schon war No auf den Beinen und sprang vor. Die Leine pfiff durch die Luft und wickelte sich um die Hinterbeine des Tieres, das niederfiel. Die Herde stob auseinander und dachte nicht daran, dem Gefährten zu helfen. No lief zu seiner Beute. Verzweifelt versuchte das Tier, seine Fesseln zu zerreißen. Mit Hilfe eines zweiten Riemens band er ihm auch die Vorderfüße. Nach langem, vergeblichem Widerstand streckte das schöne Füllen erschöpft seinen Hals auf den Boden und rührte sich nicht mehr. Seine schweißbedeckten Flanken zitterten noch, und seine weitgeöffneten Augen waren voll Entsetzen. No betrachtete es. Das war kein besiegter Feind, den er vor sich hatte. Dieses Pferd, das einer Rasse angehörte, die bisher dem Menschen feindlich war, und ihn seit Ewigkeit geflohen hatte, würde dank der Unterweisung einer unvergeßlichen Nacht gezähmt werden. Sie würden einer neben dem anderen leben, immer ... Nos Herz war vor Freude geschwellt. In letzter Stunde würde er sein gedemütigtes, beleidigtes Volk vor dem Untergang bewahren. Geräuschlos hockte er neben dem Füllen nieder, das keinerlei Versuch mehr machte, sich aufzurichten. Zwischen den Zähnen pfeifend, um das Fiebern des Tieres zu besänftigen, das morgen sein Gefährte sein würde, liebkoste No mit Zärtlichkeit den schweratmenden Hals des Füllens. Er mußte es sich noch günstig stimmen, indem er ihm von dem Gras zu fressen gab, das am Vortage von dem Hüter der heiligen Pferde bereitet worden war. Er hielt es ihm hin. Das Fohlen verweigerte es zu berühren. No aber ließ seine Hoffnung nicht sinken. Er würde bleiben, solange es nötig war. Die Dunkelheit war hereingebrochen. Kalte, schwarze Nacht umhüllte Pferd und Mensch, dieses seltsame Paar, das hier Seite an Seite ruhte. No hatte seine Hand auf den Hals des Tieres gelegt und fühlte das stürmische Blut unter seinen Fingern hämmern. Es war ihm, als vermengten sich durch diese Berührung ihre beiden Leben, als müßten sie morgen bei Tagesanbruch Freunde geworden sein, um einander niemals mehr zu verlassen. Und wieviele Tiere hatte er doch schon in seinem Leben getötet, die gleich diesem gewesen waren, neben dem er jetzt wie ein Bruder wachte. Aber wie sollte er mit dem Schlag eines Steines diese Haut zerschneiden, die sich schon vertrauend an ihn lehnte? Entrückt durch seine Träumereien blieb No unempfindlich gegen die beißende Kälte. Er hörte auch das zögernde Heranschleichen einer Hyäne nicht, die ganz nahe zu ihnen kam, um Witterung zu nehmen. Als sie erkannt hatte, daß sie noch lebten, zog sie sich geräuschlos zurück. Ob die Zeit schnell oder langsam verging, No wußte es nicht. Ein grauer, regnerischer Morgen fand sie beide unbeweglich; das Füllen vom fortgesetzten Widerstand erschöpft, No erstarrt durch die eisige Feuchtigkeit. Er erhob sich und riß einige Büschel Gras aus. Er mengte den magischen Halm unter sie und hielt dem atemlosen Pferd den Bund hin. Das Fohlen nahm die Nahrung, die No ihm bot. No zitterte vor innerer Bewegung. Die Eroberung des Pferdes war jetzt gesichert. Er kniete nieder, und über die weitgeöffneten Nüstern des halbgezähmten Tieres gebeugt, flüsterte er unermüdlich die Worte, die der Weise während der Nacht neben der Höhle des Stammvaters gesprochen hatte. Er sah diese lebendigen Worte mit seinem Atem in das Tiefste des vor ihm ausgestreckten Körpers dringen und den Geist unterjochen, der in ihm wohnte. Erschöpft schwieg er endlich. Das Fohlen hob den Kopf, aber ohne Zorn. No erkannte die freundschaftliche Gebärde, die er erwartet hatte. Mit der Hand koste er das Tier. Er handelte wie in einem Traum und murmelte ohne Unterlaß sinnlose Sätze. Er schien seinen Verstand verloren zu haben. Er machte die Leine los, die die Vorderbeine festhielt. Das Fohlen bewegte sich nicht. No legte ihm den Riemen um den Hals, um es zu den Wohnstätten zu führen. Er fand es natürlich und ohne Gefahr, demjenigen die Freiheit zurückzugeben, der in Zukunft, durch die Macht der magischen Worte, im Dienste der Menschen stehen sollte. Das Fohlen, das noch immer am Boden lag, streckte seine steifen Beine, wie wenn es sie noch gefesselt wähnte und sich zu verletzen fürchtete. Erstaunt, keinen Widerstand zu finden, zögerte es ein wenig. Dann, in einem Augenblick, sprang es auf. Mit einem Ruck seines Kopfes entriß es den Händen des überraschten No die Leine, machte kehrt, und fliehend traf es ihn mit einem Hufschlag mitten ins Gesicht. No fiel mit zerschmettertem Schädel. In wenigen Augenblicken entfloh seinem Körper das Leben. So starb No beim Versuch, einen dem Untergang bestimmten Stamm zu retten, der als ewige Spur seines Weges Werke zurückließ, deren Schönheit uns heute noch bewegt. Und dies trug sich vor ungefähr zwölftausend Jahren, an dem Ort zu, den man heute die »Eyzies de Tayac« nennt, an den Ufern der Vézère, einige Meilen entfernt von der Stelle, wo sie sich in die Dordogne ergießt. Man kann dort auf den Wänden der Grotten noch die eingeritzten Zeichnungen und Bilderwerke sehen, von denen unsere Geschichte erzählt.