Victor Auburtin Das Ende des Odysseus 17 Geschichten von der Antike bis zur Zukunft Das Ende des Odysseus Die hundert Freier der Königin Penelope waren erschlagen, und ihre Leichen wurden, in Teppiche gehüllt, aus dem Festsaal getragen, einer nach dem anderen. Obgleich es schon gegen Mitternacht ging, war das Haus nach dem furchtbaren Vorfall noch in voller Bewegung; die Fenster strahlten in die Nacht hinaus, und Diener liefen hin und her. Man hörte, wie in der großen Halle das Blut mit Besen über die Steinfliesen ausgefegt wurde. In dem hell erleuchteten Schlafgemach lag Odysseus neben seiner Gattin Penelope. Und nachdem sie sich in Liebe wiedergefunden hatten, setzte er sich aufrecht und begann von seinem zwanzigjährigen Abenteuer zu erzählen; von Ilion, von dem Streit der Könige im Lager; von der Heimfahrt und den Wunderdingen der fernen See. Aber als er bei Scylla und Charybdis ankam, merkte er, daß Penelope neben ihm eingeschlafen war. Da dachte er: »die Arme hat heute viel durchgemacht, ich werde ihr morgen weiter erzählen« und legte sein Haupt neben das ihrige auf die Purpurkissen. * * * In dem königlichen Palast war zunächst viel zu schaffen und zu richten, denn die jungen Leute hatten mit ihrem wilden Wesen alles in Unordnung gebracht. Odysseus entwarf einen Plan, ließ sich durch seine Verwalter Bericht erstatten und ging ans Werk. Er ließ die große Halle mit neuen Marmorplatten belegen, um die letzte Erinnerung an den vergossenen Wein, aber auch an das vergossene Blut zu tilgen. Die Keller und Vorratskammern waren zur Hälfte leer und mußten neu ausgestattet werden; die Ölmühlen, früher ein Stolz der königlichen Wirtschaft, waren jahrelang nicht mehr benutzt worden, und ihre Wiederherstellung erforderte Zeit und Mühe. Hinter dem Hause hatten die Freier einen großen Blumengarten anlegen lassen, zu dessen Besorgung ein syrischer Gärtner angestellt worden war. Dort wurden Narzissen und Nelken gezogen und jene hundertblättrigen Rosen, deren Zucht eben gelungen war. Mit diesen Blumen zierten die Freier ihre Festtafel und brachten große Sträuße der Königin, um deren Gunst sie warben. Penelope aber nahm diese Blumengaben gern entgegen und schmückte damit die Bronzevasen, die auf den Gesimsen ihres Schlafzimmers standen. Jetzt ließ Odysseus den Blumengarten abreißen und legte an seiner Stelle eine Kohlpflanzung an mit zementierten Bewässerungskanälen, wie er es in Ägypten gesehen hatte. Die Kohlrüben schlugen gut an und gaben Viehfutter für einige Monate. Aber die Bronzevasen der Königin blieben von nun an leer. * * * Darauf hatte Odysseus sich während seiner langen Heimfahrt am meisten gefreut, wie er alle diese Abenteuer seiner Gattin erzählen würde und wie sie begierig an seinem Munde hängen würde, ihn mit Fragen unterbrechend. Doch er mußte bald erkennen, daß sie keine so aufmerksame Zuhörerin war wie die Phäaken, die zwei Tage lang seinem melodischen Bericht gelauscht hatten. Wenn er Penelope zu erzählen begann, arbeitete sie schweigend an den goldenen Mustern eines Tuches oder blickte zerstreut durch das Fenster; einmal, als er eine Frage stellte, mußte er erkennen, daß sie die Lästrygonen mit den Lotophagen verwechselte; und das schmerzte ihn, denn er hielt auf die Genauigkeit seines Erlebnisses, das er um so mehr liebte, je ferner es wurde. Nur wenn er von der Nymphe Kalypso erzählte, schien sie aufmerksamer hinzuhören. Und diese Teilnahme reizte ihn, so daß er jenen Teil seiner Irrfahrt ausführlicher schilderte: die einsame Insel, den wunderbaren Hain, in dessen Bäumen die Seevögel nisteten, und die duftende Grotte der Göttin. »Wie lange bist du bei dieser Kalypso geblieben?« fragte sie ihn einmal. »Sieben Jahre«, antwortete er. Sie beugte sich auf die Arbeit nieder, und ihre Augen wurden dunkel. * * * Solange Odysseus fort war, hatte jeden Abend zur Stunde des Lichteranzündens das Fest der Freier in der großen Halle begonnen. Und Penelope hörte dann bis in ihr fernes dunkelndes Zimmer den Lärm des Gelages, den Klang der Flöte und die frohen Stimmen der Männer, die ihr ergeben waren. Manchmal war sie verschleiert und heimlich auf die Galerie gegangen, die oben um die Halle lief, und hatte hinter einer Säule her die Männer betrachtet, die auf vergoldeten Sesseln saßen: den göttlichen Antinoos, dessen Augen waren wie die Nacht, den vornehmen, schon älteren Eurymachos und Menon, der noch ein Knabe war. Jetzt war die Flöte verstummt, und alles ging im Hause einen ordentlichen Gang. Aber immer wenn die Stunde des Lichteranzündens kam, wurde die Königin unruhig, und es schien, als fehlten ihr dieser Ton und diese fernen Stimmen, die jetzt alle gestorben waren. Und einmal konnte sie nicht widerstehen; sie warf den Schleier über wie damals und ging auf die Galerie und sah in den Saal hinunter. Da standen die vergoldeten Sessel in langen Reihen an der Wand, und jeder war mit einem Überzug aus grauer Leinwand gedeckt. Und durch die Stille hörte sie von draußen die Stimme ihres Gemahls, der sagte: »Eumaios, du darfst die Ferkel nicht mehr in der Nacht draußen lassen; es fängt an, kühl zu werden.« * * * Einst als bei Tisch einer jener runden Ziegenkäse aufgetragen wurde, die es auf allen Inseln des Mittelmeeres gibt, mußte Odysseus still vor sich hinlachen. Sie fragte ihn nicht, was er hätte, und so fing er von selbst an: »Dieser Ziegenkäse erinnert mich an die Höhle des Polyphem. Er hatte davon viele Hunderte auf den Brettern, die an den Steinwänden entlangliefen. Und als wir nun, meine treuen Gefährten und ich, in die Höhle eingedrungen waren, da sagte ich ...« »Mein Freund«, unterbrach sie ihn, »du scheinst nicht zu wissen, daß du mir diese Geschichte schon viermal erzählt hast. Ich kenne sie nun; wie ihr den armen alten Mann betrunken gemacht habt, wie ihr ihm – zehn gegen einen – sein einziges Auge geblendet habt, das habe ich öfter gehört, als mir angenehm war. Viel lieber möchte ich von dir erfahren, was du diese zehn Jahre bei Kalypso getrieben hast.« »Sieben Jahre«, antwortete er. »Gestern sagtest du zehn; du hast eben auf deinen Fahrten so viel lügen müssen, armer Freund, daß du auch jetzt die Wahrheit nicht mehr sagen kannst. Aber ob es nun zehn Jahre waren oder sieben, auf jeden Fall war es sehr lange, und du scheinst dich dort wohlgefühlt zu haben; also antworte auf meine Frage: was hast du diese lange Zeit getrieben?« Jetzt hätte er ihr antworten müssen: »Weib, ich habe mich alle diese Jahre nach dir gesehnt; ich habe alle diese Jahre am Strande der fernen Insel gesessen, über das Meer geblickt und die Götter angefleht, daß ich nur noch einmal den Rauch deines Hauses sehen könnte.« So hätte er antworten müssen. Aber als er sah, daß ihre Augen kalt und hart auf ihn gerichtet waren, verschwieg er es. Und nie hat sie von seinem großen Heimweh erfahren. »Ich habe dort viel Wein getrunken«, antwortete er ruhig, »der Wein jener Inseln ist gut, wenn auch etwas sauer.« * * * Ein Jahr nach der Heimkehr des Odysseus starb sein Vater Laertes. Das war ihm ein schwerer Schlag, denn er liebte den Greis, der ihm ein Freund gewesen war in dem verödeten Hause. Auch war Laertes der einzige gewesen, dem Odysseus von seinen Abenteuern erzählen konnte. Und ein farbiges Erzählen des Erlebten und des Erfundenen war ihm Notwendigkeit. Die alte Schaffnerin Eurykleia aber war taub, und Telemach hatte andere Sorgen. Deshalb hatte Odysseus gern im Vorwerk draußen bei Laertes gesessen und mit lebhaften Gebärden von Riesen und Prinzessinnen erzählt, wenn er auch bemerken konnte, daß der Greis, schon abgewandt und verklärt, kaum mehr hinhörte. Als er tot war, setzte ihm Odysseus unten am Meeresstrand ein Grabmal in Form einer Pyramide aus geschliffenem Stein, an deren Eingang zwei bronzene Mädchen standen. Dort saß er viel allein, in sich zusammengesunken. Er war jetzt fünfzig Jahre alt, und das goldene Lockenhaar, das Göttinnen geliebt hatten, begann zu ergrauen. Um diese Zeit verabschiedete sich Telemach von seinen Eltern. Das unruhige Blut des Vaters regte sich wohl in ihm, auch mochte ihm die unbehagliche Stimmung im Hause nicht gefallen, und so tat er sich mit phönizischen Schiffern zusammen, die auf der Fahrt in das östliche Meer die Insel angelaufen waren. Und vom Dach des Hauses, von wo man jenseits der bewaldeten Hügel das Meer liegen sehen konnte, blickte Odysseus dem Schiffe nach. Es war Windstille, und tagelang lag das Schiff an derselben Stelle des Horizontes; dann, als die Meeresfläche sich vom frischen Winde dunkelte, spannte es leuchtende Segel auf und zog den Erlebnissen der Ferne zu. * * * Jahrelang hatte Odysseus eine kleine, blaue Meeresmuschel bei sich getragen, die von der Insel der Kalypso stammte. Dort hatte er wieder einmal am Strande gelegen und über die spritzenden Wellen der Brandung hinweg sehnend in die Ferne gesehen. Dabei hatte, seine Hand im Sande gespielt und die kleine Muschel gefaßt; seitdem trug er sie bei sich als Erinnerung an die Süßigkeit jener Stunden. Auch als er nach dem Sturm, der sein Floß zerschlug, tagelang auf dem Meere schwamm, war die Muschel bei ihm, in seinem Gürtel gewesen. Penelope bemerkte bald das kleine Ding, und wie lieb es ihm war. »Woher hast du diese Muschel?« fragte sie ihn. »Ich habe sie von der Insel der Kalypso.« »Dann verstehe ich, daß sie dir so lieb ist.« Er beherrschte seine Ungeduld. »Nein«, sagte er, »du verstehst nichts, du denkst alles falsch.« Sie warf ihre Arbeit hin und ging zur Türe. »Weib«, rief er ihr nach, »wollen wir uns nicht aussprechen; soll der Dämon des Mißtrauens sich zwischen uns festsetzen?« Aber sie machte schweigend die Tür hinter sich zu. Abends vor dem Schlafengehen legte Odysseus die kleine Muschel auf das Gesims neben sein Bett. Und als er eines Morgens aufstand, war sie verschwunden. Er suchte überall, während Penelope ihm schweigend zusah, und als er sie nicht fand, rief er die ganze Dienerschaft zusammen und versprach dem, der ihm die Muschel brächte, eine Mine Goldes. »Brauche ich noch andere Beweise«, sagte Penelope, »nun zeigt es sich, wie sehr du an allem hängst, was dich an die Dirne erinnert.« Da faßte ihn der Zorn. »Sie ist keine Dirne; sie hat mir geholfen in den Jahren der Not; und ich werde ihr meinen Dank bewahren.« »Dank, ich weiß wofür«, sagte Penelope mit einem häßlichen Lächeln. Odysseus bemerkte, wie ungünstig sie in diesem Augenblicke aussah, und wurde ruhig. »Du kannst das nicht begreifen«, sagte er, »aber ich werde mir die Heiligkeit meines Leidens nicht besudeln lassen.« * * * Nun blieb er tagelang allein unten am Strande der See zwischen den Klippen. In seinen Beziehungen zum Meere hatte sich eine merkwürdige Veränderung vollzogen. Zuerst, nach seiner Heimkehr, hatte er das Gewässer nicht sehen wollen, in dem er so viel erduldet; damals pflegte er zu sagen, glücklich seiest du nur dort, wo die Leute das Ruder, das du über der Schulter trägst, für einen Spaten halten. Jetzt liebte er das Meer wieder und saß in den Steinen und lauschte auf das große Tönen der Brandung, bei dem ihm schmerzlich süß ein Gefühl der Kameradschaftlichkeit aufstieg. Und da mußte er denken: wie hat sich doch alles gewendet; dort auf der Insel sehnte ich mich nach der Heimat; und nun ich die Heimat habe, sitze ich in der Wüste des Strandes zwischen den angeschwemmten Brettern der Flut und habe Heimweh nach der Heimatlosigkeit. Aber in fabelhaftem Glanze leuchteten in seinem Innern all die Abenteuer der zwanzig Jahre auf. Und während das erlöschende Auge den Horizont suchte, flüsterten, nur für ihn selbst, seine Lippen unaufhörlich den unsterblichen Bericht: von dem Kampf der Könige, von der nächtlichen Schiffahrt durch die Meerenge und von den Inseln der Nymphen. Der Dreifuß der Helena Ilion lag am Boden, und die griechische Flotte fuhr mit weit ausgespannten weißen Segeln nach Westen zu ab. Nur eines der Fahrzeuge hatte ein rotes Segel, und von allen anderen Schiffen sah das Seevolk auf dieses rote Segel hin; denn das war das Schiff des Menelaos, und auf ihm fuhr Helena nach Hause, um die der große Krieg gekämpft worden war. Sie lag auf dem Verdeck auf Kissen ausgestreckt und sah nach dem Lande zurück, wo zehn Jahre lang die Männer Griechenlands und Asiens sich ihretwegen gemordet und verstümmelt hatten und über dem jetzt ein flacher brauner Rauch gebreitet war. Und als das Land im Meere verschwunden war, nahm sie einen goldenen Spiegel vor, öffnete die Lippen und betrachtete ihre Zähne, die klein und zahlreich waren wie die Zähne eines Hechtes. Aber Zeus zürnte den Griechen und sandte jenen großen Sturm, der die Flotte zerstreute. Odysseus wurde nach dem Vorgebirge Malea verschlagen, Agamemnon nach Kreta und die anderen gegen das offene Meer. Das Schiff des Menelaos zog die roten Segel ein und wiegte sich im Wellensturm, und es war eine große Gefahr. Da rief Helena die Götter an und gelobte, wenn sie aus der Not entkäme, würde sie im ersten Tempel, den sie träfe, einen goldenen Dreifuß aufstellen. Und weil die Götter Helena liebten, wie sie immer nur das Schöne geliebt haben, glätteten sich die Wogen, und ruhig lief das Schiff in den Hafen der Insel Kos ein. In der Hafenstadt ging Helena zu einem Goldschmied und bestellte einen Dreifuß aus Gold; oben um den Rand sollte eine Schlange liegen, deren Augen aus Smaragden einzusetzen seien; und die Füße sollten die Form von Tigertatzen haben. Die Arbeit dauerte einige Wochen, und während dieser Zeit mußte das Schiff des Menelaos in dem Hafen warten. Und als der Dreifuß fertig war, trug Helena ihn mit eigenen Händen in den Tempel der koischen Aphrodite; sie stellte ihn vor den Altar, sah zu dem Bilde der Göttin auf und flüsterte: »Freundin.« Jahrhunderte vergingen. Da fuhren die vereinigten Flotten der Athener und der Korinther gegen den Perserkönig aus und liefen den Hafen der Insel Kos an. Die Insel war feindlich und konnte deshalb geplündert werden, und die beiden Führer der Flotten gingen gleich in den Tempel, um sich die Schätze anzusehen. Der Führer der Korinther erblickte als erster den Dreifuß, faßte ihn erfreut und sagte: »Das ist ein gutes Stück, ich behalte es für mich.« – »Du hast gar nichts zu behalten«, antwortete der Athener, »ich bin der Oberbefehlshaber und entscheide über die Verteilung der Beute.« Darüber entstand zwischen den beiden ein lauter Zank, der auf die Soldaten übersprang, bis es eine fürchterliche Prügelei wurde und die beiden Flotten sich trennten. Das war der Anlaß zu dem großen athenisch-korinthischen Seekrieg, der sieben Jahre lang auf dem Inselmeere ausgefochten wurde. Die Häfen wurden verbrannt, die Männer ermordet und die kleinen Kinder als wertlos ins Wasser geworfen. Die Frauen aber führte man auf den Markt, und wenn eine von ihnen in ihrem Gram kreischend zusammenbrach, bekam sie einen Hieb mit dem Lanzenschaft über den Rücken. So ging das um den Dreifuß der Helena; denn alles, was die schlanken Hände des ewigen Weibes berührt hatten, das mußte zum Hader führen und zu Verwirrung der Menschen. * * * Schließlich sahen die beiden Staaten ein, daß der Dreifuß die großen Kriegskosten doch nicht wert sei; sie einigten sich also und riefen den Schiedsspruch des Delphischen Gottes an, wem der Dreifuß gehören solle. Und das Orakel antwortete: gebt ihn dem Weisesten. Da gingen die Griechen daran, den Weisesten unter sich herauszufinden, was aber keine kleine Sache war, denn es gab viele Gelehrte in jener Zeit, und jeder hielt sich für mindestens ebenso bedeutend wie die anderen. Ein Ausschuß wurde eingesetzt, der nach langen Beratungen den Dreifuß dem Philosophen Thales aus Milet zuerkannte. Aber kaum war dieser Name öffentlich bekannt, so erschien in einem athenischen Verlage eine Flugschrift mit dem Titel »Thales ein Plagiator«, in der bewiesen wurde, daß Thales sein Hauptwerk von einem indischen Philosophen abgeschrieben habe. Die Schrift war so überzeugend verfaßt und mit so vielen Belegstellen, daß der Ausschuß sich beeinflussen ließ und seine erste Entscheidung zurückzog. Er schlug jetzt den Philosophen Periander aus Korinth vor. Sofort kündigte der Professor Bias in Athen einen Vortrag an, dem er den Titel »Ein öffentlicher Skandal« gab und in dem er ausführte, es sei geradezu unerhört, dem Periander den goldenen Dreifuß der Helena zu geben. Periander sei ein durchaus rückständiger und kirchlich gesinnter Mann und stehe auf einem Standpunkt, den die moderne Wissenschaft längst als erledigt erkannt und verlassen habe. Beispielsweise halte er immer noch an der irrigen Lehre fest, die Erde sei eine Scheibe, während man doch jetzt allgemein wisse, daß die Erde ein länglicher Zylinder sei. Periander antwortete in einem Gegenvortrag, und auch Thaies schrieb eine Gegenflugschrift; andere Gelehrte mischten sich ein, drei Universitäten gaben ihre Gutachten ab, und die akademische Jugend brachte den beliebten Professoren Fackelzüge und den unbeliebten Katzenmusiken. * * * Helena wohnte damals schon längst im Olymp. Sie saß vor ihrem Spiegeltisch und rieb sich die Fingernägel mit elfenbeinfarbenem Puder. Hermes, der ihr um diese Zeit den Hof machte, saß ihr gegenüber und fragte sie: »Was sagst du zu dem Streit der griechischen Gelehrten um deinen Dreifuß?« Sie seufzte leicht auf und antwortete: »Ach, es war doch hübscher damals in Troja, als noch wirkliches Blut floß.« Die neue Lust In dem dritten Jahre seiner Herrschaft gab der König Xerxes seinen Dienern und Fürsten ein Fest, das hundertachtzig Tage dauerte. In der großen Säulenhalle standen die Tische einer neben dem andern, schwer beladen mit den silbernen Geschirren, und der Wein floß auf den Boden, der aus schwarzen und gelben Marmorplatten zusammengelegt war. Man schlief bei Tische ein auf dem Kissenlager, und wenn man aufwachte, faßte man nach einem vollen Becher oder in die bronzefarbenen Haare eines syrischen Mädchens. Als das Fest nun endlich vorüber war, schlief der König vier Tage und vier Nächte ununterbrochen durch. Dann nahm er ein Bad in heißem Rotwein und trank sieben Flaschen Sodawasser, um sich den Magen zu reinigen. Aber er blieb trübe und schwer und konnte kaum die Augen öffnen. Da rief er die zwölf Reichseunuchen herbei und sagte ihnen: »Schreibt auf, was ich euch sage.« Die zwölf Reichseunuchen zogen ihre wächsernen Tafeln hervor, und der König diktierte ihnen: »So befiehlt Xerxes, der Herr, der da König ist von Indien bis an das Mohrenland, über hundertsiebenundzwanzig Länder: Ich setze einen Preis von zehntausend Golddukaten aus für den, der eine neue Lust erfindet. Sei es nun eine Lust des Geschmackes, des Gefühles oder des Geruchs, aber etwas ganz Neues muß es sein.« Die zwölf Reichseunuchen schrieben diese Worte auf und trugen ihre Tafeln hinaus; und als sie durch die marmorne Tür schritten, flüsterten sie einander zu: »Das nennt man eine Kateridee.« * * * Und der Aufruf des Königs Xerxes wurde in allen Städten und Häfen seines Reiches angeschlagen, vom Hellespont bis an die Quellen des Ganges. Bald darauf stellten sich die Lusterfinder im Palaste des Königs ein und warteten in der großen Halle auf die Audienz. Es waren meistens ganz einfache und arme Leute und Unterbeamte, die noch nie eine Lust erkannten, die sich aber in kümmerlichen Nächten irgendeine Herrlichkeit erdacht hatten. Einige von ihnen trugen große Rollen unter dem Arm, auf denen das neue Glück zeichnerisch dargestellt war. Als erster wurde ein sechzigjähriger unverheirateter Postbeamter vorgelassen. Er trat vor Xerxes hin, verneigte sich dreimal bis auf den Boden und sagte: »Dieses ist die Lust, o König, die ich dir rate. Hänge dich mit deinen königlichen Händen an einem Trapez auf, das über einem stark duftenden Blumenbeete schwebt. Mit dir muß an dem Trapez ein nacktes Mädchen hängen, das von reinster Schönheit und von edelster Abkunft sei. Und dann liebt euch, während ihr langsam über den dunklen Rosen auf- und niederschaukelt.« König Xerxes erwiderte: »Das ist gar nichts Neues. Das hat meine hochselige Großtante schon zusammen mit dem Rabbiner Nathan getan. Sie wurde, wie du weißt, die Mutter des Prinzen Assur, der jetzt der allgemein geachtete Regierungspräsident von Mesopotamien ist.« Der zweite Erfinder, der vor den König gelassen wurde, war der Dr. Prohasca, Chefredakteur der »Babylonischen Volksstimme«. Er sagte zu dem König: »Ich bringe dir das höchste Glück, das es auf dieser Welt geben kann. Mache dein Volk frei, so daß jedermann dieselben Rechte hat. Keinen Adel soll es mehr geben, sondern jedermann genieße den Einfluß, den er nach seiner Arbeit und nach seinem Werte beanspruchen darf. Auch soll das Volk selbst über Krieg und Frieden bestimmen, und die schweren, willkürlichen Abgaben müssen durch eine stufenweise Einkommensteuer ersetzt werden. Dann werden deine Mitbürger dir dankbar zujauchzen, und du wirst das höchste Glück genießen, von einem freien Volke geliebt zu werden wie ein Vater.« Auf diese Rede antwortete der König Xerxes gar nichts, aber er gähnte laut, und das war das offenbare Zeichen seiner allerhöchsten Ungnade. Daraufhin führten die zwölf Reichseunuchen den Chefredakteur Dr. Prohasca auf den Hof des Palastes und zerschnitten ihn dort langsam in kleine Stücke, die er eines nach dem anderen aufessen mußte, bis gar nichts von ihm übrig blieb. * * * »Nun sprich du«, sagte der König zu dem Dritten, einem blonden jungen Mann mit Brille, der sich als der stud. theol. Ströbecke vorgestellt hatte. Der stud. theol. Ströbecke sagte: »Wähle ein Mädchen, das nicht älter als vierzehn Jahre sein darf; vom niedrigsten Stande muß sie sein, aber goldene Schuhe soll sie an ihren schlanken Füßen tragen. Dann lege dich platt auf die Erde, und sie trete auf dir herum, und laß dich, o König der hundertsiebenundzwanzig Reiche bis an das Mohrenland hin, behandeln, als seiest du ein Hund. Wenn du den Staub zu den Füßen des Kindes frißt, werden Scham und Zorn in dir brennen als die höchste Lust.« »Sonderbar«, sagte Xerxes der König, »aber das könnte man ja einmal versuchen.« So wurde die zwölfjährige Thamar, die Tochter des Pförtners aus der Damaskusstraße 81 b, in den fürstlichen Palast gerufen. Und sie trat den König, daß er schrie, und spie ihn an und schlug ihn mit ihren Fäusten. Dann sperrte sie den Herrn der Welt in eine Hundehütte, wo er drei Tage in seinem Unrat und Schmutz liegen mußte. Als es vorüber war, sagte der König: »Gar nicht so übel; auf jeden Fall war es einmal etwas anderes. Aber zehntausend Dukaten ist es nun doch nicht wert. Gebt dem stud. theol. Ströbecke fünftausend, und sagt ihm, wenn er sein Seminarexamen besteht, mache ich ihn zum Erzbischof.« Die heilige Kuh Das war die heilige Kuh der Göttin Frigga bei den Semnonen an der Elbe. Als der junge blasse Diakon Crispinus von Aachen aufbrach, um die Semnonen zum Christentume zu bekehren, sagte sein Lehrer Bonifatius zu ihm: »Mein Sohn, trachte zuerst danach, den Heiden zu zeigen, wie ohnmächtig ihre Götter sind und wie eitel ihrer Götter Zeichen. Deshalb, sobald du bei den Semnonen ankommst, begib dich in den Hain der Göttin Frigga und schlachte vor allem Volke die heilige Kuh. Wenn sie sehen, daß du das ungestraft tun konntest und daß Frigga ihr Tier nicht schützte, so werden sie an ihren Göttern zweifeln und an den deinen glauben.« Mit diesen Worten entließ Bischof Bonifatius den blonden Crispinus und segnete ihn auf die Reise und gab ihm sein Brustkreuz zum Küssen; dieses Kreuz war ganz aus Gold und mit Smaragden verziert, von denen jeder einzelne mehr Wert hatte als das Haus des Zimmermannes Joseph zu Nazareth wert gewesen war. Der blonde Diakon Crispinus aber ergriff Stab und Tasche und machte sich auf die Fahrt. Er zog über den Rhein mit seinen Römermauern, durch die feuchten Waldtäler des Saltus Melibocus und über die Weser, die silbern dahinfloß in der Morgenstille der Zeit. Und unterwegs erwog er die Worte des Bischofs und dachte mit Angst und Sorge an jene Kuh, und was ihm aufgetragen war, daß er sie töten solle. Denn er hatte noch nie ein Tier getötet und gehörte zu jenen Leuten, die einen Umweg machen, wenn ihnen eine Ameise über die Straße läuft, weil sie dem Geschöpfchen nichts zuleide tun wollen. Im Lande der Semnonen begann der Diakon Crispinus alsbald seinen Gott mit größter Inbrunst und Herzlichkeit zu predigen; wie der Erlöser zu uns gekommen sei, um den Frieden zu bringen, und daß er ein Vaterherz habe für uns allesamt. Das predigte er den Heiden unter ihrem großen Lindenbaum, und die hörten ihm erstaunt zu und wunderten sich, was für neue Erfindungen es doch so immer in der Welt gebe. Aber wenn er ernstlicher wurde und Bekehrung forderte, lachten sie nur so und gingen gemächlich zu ihren Geschäften zurück, zu der Jagd, dem Trinken und dem gegenseitigen Schädeleinschlagen alle Abende. Zur Taufe meldete sich kein einziger, und nach sieben Monaten war der arme, blonde Diakon Crispinus mit seiner Mission noch gerade soweit wie am ersten Tag. Da schrieb aus Aachen der Bischof Bonifatius einen Brief an die Häuptlinge der Semnonen und sagte ihnen darin dieses: »Fordert meinen Schüler, den Diakon Crispinus, auf, die heilige Kuh des Götzen Frigga zu töten in eurem Hain. Und das soll euch ein Zeichen sein von der Kraft und von der Ohnmacht. Wenn er die Kuh nicht töten kann, und wenn ihm die Hand erlahmt, so mag Frigga ein Gott sein, und so sind wir Betrüger. Tötet er aber die Kuh und darf er es ungestraft, so erkennt daran die Ohnmacht der Wesen, die ihr bisher für Götter hieltet.« Darauf begannen die Semnonen den blonden Crispinus zu reizen und ihm zu sagen: »Nun, das wäre ja allerdings ein Beweis; so zeige es uns also, daß du keine Furcht vor Frigga hast, und töte ihre Kuh. Aber du wagst es gar nicht, denn das ist eine heilige Kuh, und sie geht in den Winternächten mit Friggas Wolkenzug über die Wälder und Stoppelfelder hin. Sie hat eine Schelle aus dem Erz der Bergzwerge und trägt auf der Stirn das dunkle Zeichen der Lieblinge Friggas. Und Frigga ist eine große Göttin, und niemand wagt ihr zu trotzen; du am wenigsten, du Blonder mit deinen Locken.« So redeten sie ihm höhnend zu, und Crispinus fühlte es, daß hier etwas getan werden müsse. Schaudernd faßte er das blutrünstige Messer, das ihm die Heiden hinhielten, und ging mit ihnen in den Hain, wo die heilige Kuh weidete. Aber als er diese Kuh erblickte, die weiß war und sanfte Augen hatte, da erzitterte er bis in sein Herz. Und ahnte wohl in diesem Augenblicke, daß einmal ein Reich kommen müsse ohne Blut und ohne Messer. Er trat an die Kuh heran, streichelte sie, küßte sie auf die Stirn und sagte ihr flüsternd ins Ohr: »Ich tue dir nichts, du gutes Tierchen.« Und warf das Messer hin und floh in den Wald. Die Heiden aber setzten ihm mit großem Geschreie nach, fesselten den Betrüger und überlieferten ihn den Tempelmädchen zur Züchtigung. Die banden ihn auf die Bank der Opfer, nahmen ihre goldenen Haarnadeln her und töteten ihn lachend mit tausend Nadelstichen. So starb auch er gewissermaßen eine Art von Märtyrertod im Dunkel der großen hercynischen Wälder. Aber in den Listen der amtlichen und richtigen Kirchenheiligen findest du seinen Namen nirgendwo. Die Wette Unter der Regierung des Kalifen Mahmud lebte in Basra der Dichter Omar ibn ali Rebia, der von seinen Zeitgenossen der Dichter unter den Dichtern genannt wurde. Omar trug diesen Namen mit Recht, denn er war der Erfinder von siebenunddreißig neuen Versmaßen, und in jener an großen Dichtern so reichen Zeit kam ihm keiner gleich in der Kunst der Strophe und in der Fülle des Einfalles. Das Besondere an seinen Versen war, daß sie zwar streng gesetzmäßig in ihrem Baue waren, aber wild in dem Sinn, und daß sie deshalb sowohl den Klugen wie den Toren gefallen mußten. Wenn Omar eine neue Strophe veröffentlicht hatte, so zählten die Literaturprofessoren prüfend ihre Silben und freuten sich, daß es stimmte; und die Trinker in der Schenke sangen sie im Chor. Die verhüllten Frauen aber, die abends auf den Dächern saßen, wiederholten flüsternd den süßen Reim, während sie der hinaufziehenden Nacht entgegensahen. Omar verdiente mit seinen Werken viel Geld, und davon hatte er sich in der schönsten Straße von Basra ein kleines Haus gekauft, das in seinem Innern so geschmückt war, wie die Dichter sich ihr Heim herauszuputzen pflegen: mit Tischen, die mit Perlmutter eingelegt waren, mit alten Büchern und flimmernden Bronzelampen in allen Ecken. Aber das Schönste davon war der kleine Garten, der hinter dem Hause in der Stille lag. In dem Garten war ein kleiner See, und in dem See eine kleine Insel, zu der eine heimliche Brücke aus vergoldeten Hölzern hinausführte. Auf dieser Insel saß Omar den ganzen Tag, blickte in den Himmel und lauschte mit den Ohren des Dichters auf das Klingen der Welt. Und wenn er den Ton, auf den er wartete, erfaßt hatte, tauchte er seine Gänsefeder in das Töpfchen blauer Tinte, das neben ihm stand, und schrieb den Reim auf das Papier. Nun erhob sich aber neben dem Garten des Dichters das große Handelshaus des reichen Kaufmanns Ali, dessen Schiffe bis nach Zanzibar gingen, ins Land der Mohren. Ali handelte mit Häuten und Leder, und den ganzen Tag lief es in seinem Hause ein und aus von Reisenden, die ihre Muster brachten, und von Boten mit Briefen. Und wenn nun dieser große Geschäftsmann an seinem Tische saß und Rechnungen prüfte und hundert Aufträge erteilte, so konnte er immer durch das Bogenfenster hindurch den Dichter Omar sehen, der auf dem Inselchen saß und in den Himmel guckte. Deshalb haßte Ali den Dichter und sagte zu allen seinen Freunden: »Seht einmal da drüben den Omar, der jetzt seit sieben Stunden auf seiner Insel sitzt und nichts tut. Ist es erlaubt, daß so ein Taugenichts den ganzen Tag in den blauen Himmel sieht, während andere Leute schaffen müssen von früh bis spät?« Eines Tages geschah es, daß Omar aus seinem Hause auf die Straße trat mit einer großen Rolle beschriebenen Papiers, das er zu seinem Verleger bringen wollte. Gleichzeitig kam aus dem Hause des Kaufmanns die Sänfte heraus, in der sich Ali zur Börse tragen ließ. Und da der Dichter vor sich hin träumte und weder nach rechts noch nach links sah, rannte er gegen die Sänfte an, die in ein heftiges Wanken geriet. Die Träger stießen den Dichter rauh hinweg, der Kaufmann Ali aber steckte den Kopf heraus und schrie: »Du Taugenichts, kannst du nicht fleißigen Leuten aus dem Wege gehen, die zur Börse wollen, wo sie an der Hebung des Nationalwohlstandes arbeiten? Eine schöne Kunst, die du da betreibst, Verse auf Papier zu schreiben. Das kann jeder, das kann jeder.« Damit zog Ali seinen Kopf wieder zurück und schaukelte in der Sänfte weiter. Der Dichter Omar ibn ali Rebia stand sprachlos da. Denn er war ebenso wie alle Dichter: wenn sie einen Streit mit groben Weltleuten haben, so wissen sie im Augenblicke nichts zu reden; erst wenn der andere längst fort ist, fällt ihnen die geschickte Antwort ein, die sie hätten geben sollen. Omar sah der Sänfte seines Nachbarn nach, und als sie glücklich um die Ecke verschwunden war, bedachte er, daß er dem Grobian hätte erwidern sollen: Nun, wenn es so leicht ist, einen Reim zu schreiben, schreibe doch einmal einen. Da ergriff ihn eine große Wut über die Dreistigkeit des Kaufmanns und ein noch größerer Zorn über seine eigene Dummheit; und nachdem er diesen Zorn zwei Tage lang gehegt hatte, hielt er's nicht mehr aus: er faßte sich Mut, ging eines Abends zu Ali herüber und trat stracks in sein Arbeitszimmer ein. Ali blickte erstaunt von seinen Papieren auf, denn bisher hatten sich die beiden Nachbarn noch nie in ihren Häusern besucht. Omar aber sagte herzhaft: »Nachbar und Freund, du hast gesagt, es sei keine Kunst, Verse auf Papier zu schreiben; nun, hier bringe ich dir das Pergament, auf das ich meine Verse zu verzeichnen pflege, auch meine Feder und meine veilchenblaue Tinte. Du hast jetzt gewiß Zeit, denn es ist Abend, und bis morgen brauchst du dich nicht um den Aufbruch der Kamele zu kümmern. Zeige also, was du kannst. In einer Stunde werde ich wiederkommen, und du wirst mir dann das Gedicht oder die Strophe zeigen, die du niedergeschrieben hast; weil es ja eine so leichte Sache ist.« »Ha ha«, rief der Kaufmann, »das werden wir gleich machen; geh und komm in einer Stunde wieder; aber deine Gänsefeder magst du gleich mitnehmen, mit so etwas kann ich nicht schreiben; ich bin an meine Feder mit goldener Spitze gewöhnt.« Als Omar nach einer Stunde wiederkam, saß der Kaufmann schweißgebadet vor dem Pergamente, das er mit einem wüsten Gewirr von Worten und Strichen bedeckt hatte. »Nun?« sagte Omar lächelnd, »lies mir deine Gedichte vor.« »Es ist kein Wunder«, antwortete ärgerlich der Kaufmann, »es ist kein Wunder, daß es mir nicht gelang. Du hast deine Kunst erlernt, ich die meine; ich kann ebensowenig plötzlich ein Sonett schreiben, wie du jetzt in einer Stunde einen Posten persischer Lammfelle einkaufen könntest. Diese kurze Probe beweist noch nicht, ob deine Kunst wirklich etwas so Schweres ist.« »Du hast recht«, antwortete Omar, »aber trotzdem ist zwischen uns beiden noch nicht entschieden, ob du mit deinen Vorwürfen recht hattest. Laß uns unsern Versuch fortsetzen. Du wirst ein halbes Jahr lang in deinen abendlichen Mußestunden bei meinem Lehrer Salomon die Kunst der Längen und Kürzen lernen; unterdessen erlaube mir, daß ich bei deinem Schreiber Unterricht nehme in dem Gesetz des Handels und in dem Wert der Münze, und daß ich nach seinen Lehren mit meinem geringen Geld wuchere. Dann wollen wir nach einem halben Jahre sehen, ob du ein Dichter geworden bist und ich ein Kaufmann, und daran erkennen, welche von den beiden Sachen leichter und zugänglicher ist, welche höher, seltener und heiliger.« * * * So taten sie. Nach einem halben Jahre hatte Ali alle Regeln der Dichtkunst auswendig gelernt, er wußte, daß jeder Vers in zwei Halbverse mit gleichem Reim zerfallen muß, und wo der Ton hinkommt; aber seine Verse fielen auseinander, und die Reime klapperten wie trockenes Holz. In einem halben Jahre hatte der Dichter Omar erfahren, daß es darauf ankommt, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen, und daß die Ziegenfelle schwerer werden, wenn man Sand darauf gestreut hatte. Und gerade als die Probezeit ausging, war er beschäftigt, einen großen Posten von Kuhhäuten auf dem Markt in Koweit aufzukaufen. Lächelnd sagte Ali: »Welch Kaufmann du doch geworden bist; ich sehe nun ein, daß zur Dichtkunst ein stärkerer Geist gehört, daß das Handelsgeschäft das gemeinere ist, und ich grüße dich als Sieger. Nun laß uns jeder zu seiner Arbeit zurückkehren.« Aber da antwortete Omar: »Noch nicht gleich; erlaube mir, daß ich diesen Handel erst zu Ende führe. Wenn ich nämlich die Felle jetzt nach Stambul bringe, habe ich einen Reingewinn von fünftausend Zechinen, denn der westliche Markt zieht Leder an wegen des drohenden Krieges zwischen den Bulgaren und dem Kaiserreich. Auch wollen mir Moses und Söhne in Aleppo fünfzigtausend Zechinen kreditieren, und es wäre eine Sünde, dieses Geschäft gerade jetzt abzubrechen.« So setzte Omar seine Kuhhäute in Stambul glücklich ab, und für das Geld, das er gewann, kaufte er marokkanische Lederwaren auf; die Gelegenheiten mehrten sich, die Geschäfte wuchsen, und schließlich trat Omar mit seinem Nachbar Ali in eine Handelsverbindung ein. Da er aber Platz für seine Waren brauchte, ließ er den kleinen Garten abreißen und den See zuschütten mit der heimlichen Insel und der goldenen Brücke und baute einen Schuppen, in dem die Ziegenfelle und die Stapel von Kuhhäuten lagern sollten, bis die Preise die richtige Höhe erreicht hätten. * * * So zeigte es sich, daß zwar die Poesie das Heiligere und der Handel das Gemeinere ist, das jeder erfassen kann; es erwies sich aber auch, daß die Gemeinheit stärker ist als alles Heiligtum. Die Sau Dort wo die March in die Donau geht, lebte und herrschte um die Wende des neunten Jahrhunderts die Markgräfin Irene von Mähren. Die große Geschichte weiß von dieser merkwürdigen Frau nicht viel zu berichten und tut sie in zwei Jahreszahlen ab; aber in der Gesellschaft jener fernen Tage war die Markgräfin Irene sehr berühmt wegen ihrer Schönheit und ihrer ganz außergewöhnlichen Gelehrtheit. Sie las griechisch und trieb Arithmetik und hatte einen Kommentar zu dem Werke des Euklides geschrieben. Sie war die Witwe des Markgrafen Rudolf von Mähren. Den hatte sie nach fünfjähriger Ehe mit ihrer Wissenschaft zu Tode geärgert, und nun regierte sie selber sein Land mit ihren starken und weißen Armen. Sie sprach recht wie ein Mann, ritt breitbeinig zu Pferde und verlachte die Bewerber, die um ihre Hand anhielten. Es kamen ihrer viele, denn auch in jener dunklen Zeit war es so, daß die Männer an den Frauen mehr ein unbescheidenes und starkes Wesen liebten als Zucht und Sitte. * * * Der Markgraf war kaum ein Jahr tot, so ritt in den Hof der Burg ein Zug von Boten ein; das waren feine Herren in neuen und schönen Kleidern und kamen als Gesandte aus Byzanz von dem Grafen Theodor, der um die Hand der Frau Irene bitten ließ. Auch brachten sie Brautgeschenke mit, wie sie nur der kaiserliche Hof von Byzanz liefern konnte, nämlich eine große blaue Kugel aus dem Stein Lapis Lazuli, zehn Sack Dukaten und ein Stück von der Vorhaut Christi in Goldfiligran gefaßt. Die Markgräfin empfing die Boten geziemlich in der großen Halle, besah sich die schönen Geschenke und erkundigte sich nach dem Wesen des Grafen, der so herrlich um sie warb. Dann antwortete sie den Boten: »Geht zu eurem Herrn und sagt ihm, daß ich die Seine werden will, wenn er den Inhalt dieser blauen Kugel hier vor mir bis auf ein Lot genau berechnen kann.« Die Gesandtschaft zog mit diesem Bescheid ab, und von dem griechischen Grafen hörte man nicht mehr. * * * Der zweite Freiersmann, der sich meldete, war der französische Ritter Jean de Bellejambe; der kam an einem regnerischen Abend verirrt vor dem Schlosse der Markgräfin an und bat um Einlaß. Er blieb einige Tage, las mit der Herzogin in ihrer Bibliothek, und die beiden taten sehr vertraut miteinander, so daß die Dienerschaft schon glaubte, diesmal sei die Sache richtig. Aber als der Ritter Ernst machte und nun vor ihr stand und um ihre Hand bat, sagte sie ihm: »Ich will Euch gehören, wenn Ihr gleich jetzt hier vor mir die Namen der römischen Könige aufzählen könnt.« Er stand da und sann nach, kam aber nur bis Numa Pompilius. Da rannte er in großem Zorn in den Hof hinab, sattelte sein Pferd und ritt spornstreichs in die Weite. So kamen im Laufe der Zeit noch viele aus allen Gegenden des Christentums, und Frau Irene sammelte sich ihre Namen, wie man Käfer sammelt, und freute sich, wie sie die Männer am Schnürchen hätte. * * * Schön ... Zu jener Zeit nun geschah es, daß die Ungarn in die große Ebene einbrachen. Sie kamen unter der Leitung ihres Herzoges Godros, den man den Dreibart nannte, weil er seinen langen roten Bart in drei gleiche Teile getrennt trug; und verwüsteten das östliche Land. Von dem Waldgebirge her zogen sie die Donau herauf, verbrannten das Kloster Frauenwert, und der Schein ihrer Feuersbrünste leuchtete rot am Horizont. Und als sie bis zum Schlosse der Markgräfin geraten waren, umgaben sie es von allen Seiten und begannen es zu berennen. Markgräfin Irene leitete die Verteidigung acht Tage lang nach allen Regeln der Kunst; sie ließ Sandsäcke auftragen, die Schleudern richten und schritt abends selbst mit den Fackeln die Reihe der Posten ab. Aber bald mußte man sehen, daß das Schloß nicht genügend mit Lebensmitteln versehen war und sich nicht halten konnte. Da versammelte sie alle Männer in der Kapelle und hielt ihnen diese Rede: »Ihr werdet heute noch die Sakramente der Buße und des Altars nehmen, denn morgen in der Frühe werde ich die Burg dem Feinde übergeben. Fürchtet euch nicht. Der ungarische Herzog sieht zwar schrecklich genug aus mit seinen drei Bärten, aber ich werde schon mit ihm fertig werden. Ich habe die Kunst heraus, mit den Männern umzugehen, das wißt ihr ja. Erinnert euch an den griechischen Grafen mit der blauen Kugel, an den Ritter, den Prinzen von Spanien und die vielen anderen. Ich habe sie gekirrt, und so werde ich auch den Dreibart kirren. Wenn er mich morgen als sein Ehrenstück aus der Beute ausgesucht hat, dann werde ich mir ihn vornehmen und ein Wörtchen mit ihm reden.« * * * Am nächsten Tage wurden die Tore geöffnet, und die Ungarn ritten in die Höfe der Burg ein. Einen ganzen Vormittag beschäftigten sie sich damit, die waffenfähigen Männer an den Bäumen des Obstgartens aufzuhängen, dann wurde die Burg ausgeräumt und alles, was darinnen war, zur Verteilung der Beute in dem Hofe aufgestellt. Da standen in langen Reihen die Frauen gefesselt, mitten unter ihnen die Markgräfin; dann die kleinen Kinder, die immer drei oder vier zu Bündeln zusammengebunden waren, wie die Radieschen; weiter die Kasten mit Seide und Goldsachen und schließlich das Vieh der Ställe. Als erster schritt der Herzog Godros-Dreibart die Ausstellung ab, um vor seinen Leuten sich das kostbarste Stück auszusuchen. Er ging an den Frauen vorbei, prüfte jede mit den Augen und schritt schweigend weiter. Die Kasten überblickte er flüchtig. Doch faßte er hier und da ein Stück edlen Stoffes an. Dann ging er die Reihen des Viehes entlang. Vor einem großen Mutterschwein blieb er erstaunt stehen. »Wo habt ihr die Sau her?« fragte er den Viehwärter, einen alten Mann, der bei der allgemeinen Hängerei verschont geblieben war. »Es ist ein thrakisches Mutterschwein«, antwortete der Mann, »eine reine Rasse. Wir haben es vor einem Jahr auf dem Markt von Adrianopel gekauft.« »Hat sie schon geworfen?« »Sie hat dieses Frühjahr sechs lebende gesunde Ferkel geworfen.« Der Herzog trat an das Tier heran, faßte es am Ohre und blickte in seine Augen, die klein und listig waren. »Ein herrliches Tier«, sagte er. »Ich habe einen Eber derselben Rasse auf meinem Schloß Theodosia am Meere.« Und sich aufrichtend, sagte er: »Ich wähle diese Sau zu meinem Ehrenstück. In den Rest teile sich mein Gesinde.« Nachts saßen die ungarischen Männer in der großen Halle und tranken. Und sie sangen ihre wilden Lieder; vom Ritt über das Feld; vom Kampf an der Brücke und von dem elfenbeinernen Schmuck des Sattelzeuges. Die Sorgen Gottes Unter der Brücke von Montereau rankte sich die Kletterrose hin, am Bogen entlang, von einem Ufer zum anderen. Also unter jener Brücke, um die sich die Franzosen und Burgunder stritten und auf der das Blut floß, als sei es mit Eimern hingegossen. Wie im April des Jahres 1470 die Franzosen über die Brücke ritten, um den Burgundern die Stadt Cartay wegzunehmen, da war das Gewächs der Kletterrose noch dünn und grün und hatte keine Blätter. Im Juni dann trieben die Burgunder die geschlagenen Franzosen wieder über die Brücke zurück, und da hatte die Kletterrose hundert blaßrote Blüten, um die die Bienen und Hummeln beschäftigt waren. Im August aber war es, daß oben auf der Brücke der Herzog Johann von Burgund ermordet wurde. Die Franzosen ermordeten ihn bei der Besprechung des Vertrages und rissen ihm sechzehn Wunden durch den Leib und durch sein Herz. Und um diese Zeit hatte die Kletterrose ihre Früchte in aller Stille ausgereift, runde glänzende Früchte voll von Samen und voll von Zukunft. Und just in dieser Stunde, da der Panzermann dort oben in seinem Blute schwamm, geschah es, daß Gott der Herr durch diese Gegend kam, um in seiner Schöpfung nach dem Rechten zu sehen. Er stieg unter die Brücke, besah die Kletterrose und fühlte ihre Früchte mit seinen Geisterfingern ab. Und sagte sich: »Diese Pflanze wurde gut, sie trug in Frieden ihre Frucht. Nur hier links scheinen mir einige Früchte nicht ganz geraten zu sein, wohl weil sie nicht genug Sonne hatten. Aber«, so fügte der Herr seufzend hinzu, »es gibt halt nichts Vollkommenes in dieser Welt.« Die Inschriften Als Dante vor der Hölle ankam, da waren seine Augen scharf und böse wie des Sperbers und blickten in alle Ecken und Winkel. Und da sah er die Inschrift, die über dem Tore stand und die lautete: Lasciate ogni speranza voi ch' entrate. Als Dante am Paradiese ankam, führte er Beatricen leise an der Hand. Da sah er nichts als das Licht ihrer Augen und das Schreiten ihrer florentinischen Füße über die Perlmuttergefilde der Seligkeit. Und deshalb bemerkte er es nicht, daß auch über der Paradiesestür eine Inschrift stand; eine Inschrift, die da lautete: Lasciate ogni speranza voi ch' entrate. Gold Die Armee Tillys zog nach Norden zu ab gegen die Thüringer Berge; ringsherum brannten alle Dörfer Frankens. Und wie das immer so ist, wenn das große Heer vorüber ist, dann kommen die Plünderer hinterdrein und suchen das Land ab, ob nicht noch ein Schwein aufzustöbern ist oder ein Faß Wein oder ein Bauer, den man um sein Gold zwacken kann. Aber die Bauern kennen den Handel schon und wissen, daß die Nachzügler die Schlimmsten sind von allen. Deshalb bleiben sie noch versteckt, wo sie sind, in den Bergen und Steinbrüchen, und warten, bis die Heimsuchung ganz vorüber ist. Warum ist der alte Valentin nicht auch so klug gewesen wie sie? Der konnte es so lange nicht aushalten, er kam vor der Zeit aus dem Versteck heraus und lief auf seinen Hof, um nach seinen Siebensachen zu sehen; und da ist er der Plünderbande des Hauptmanns Julius von Laubenheim in die Hände gefallen, und nun mag Gott ihm gnädig sein. Jetzt lag er in seinem eigenen Hofe ganz nackt ausgezogen am Boden, mit Stricken an eine Leiter gebunden, denn er sollte gefoltert werden, weil er sich weigerte, sein Gold herauszugeben. Vor ihm stand aufrecht der Laubenheimer, ein grauhaariger Mann, dem man es ansah, daß er Zeit seines Lebens im Sattel gesessen hatte auf schlechten Ritten. Er trug einen Pelz, der einmal einem Kurfürsten gehört hatte, und an seinen Händen leuchteten die Juwelen gestohlenen Kirchengutes. Seine Räuberbande aber drängte sich um den Bauern, der am Boden lag, schlimme Gesellen, die sich freuten, wie man den Nackten jetzt plagen würde. Auch ein Frauenzimmer war unter ihnen, die Lombardin Maria, die man schön nennen mußte, obgleich ihre Augen ein wenig schielten. Der Hauptmann prüfte die Stricke, ob sie fest angezogen wären, dann sagte er zu dem Bauern: »Ich liebe gewaltsame Mittel nicht und hätte diesen Handel lieber friedlich mit dir erledigt. Aber du willst nicht. Hartnäckig und bösartig behauptest du, daß du kein Gold hast. Und das ist offenbar gelogen. Die letzten Ernten waren gut, der Pachtzins gering, und du mußt schwer verdient haben. Irgendwo steckt hier verborgen ein Topf oder eine Kiste voll Gold; ganz voll Gold; Dukaten mit dem Bilde der kaiserlichen Majestät, venezianische Zechinen mit dem heiligen Markus und seinem Löwen, goldene Ringe, goldene Ketten.« Die Augen des Hauptmanns weiteten sich, als er so sprach, und wurden schwarz. »Das ist es, was wir brauchen, viel Gold, schweres Gold. Und weil du es nicht gutwillig hergibst, werde ich jetzt die üblichen Mittel der Tortur anwenden, die dich bald zum Reden veranlassen dürften.« Er wandte sich an einen etwa sechzehnjährigen Burschen, der im Hintergrunde des Hofes an einem glühenden Ofen hantierte. Das war Pascal, früher Page der Herzogin von Cleve, der aus dem Dienst in das wilde Zeitalter fortgelaufen war, weil ihm das Töten mehr Spaß machte als das Parfümspritzen. »Pascal«, sagte der Hauptmann, »bring das Nötige her; du kannst die erste Prozedur selbst übernehmen, das wird dein jugendliches Herz stärken.« Der Knabe griff mit einer Schaufel aus dem Ofen einen Haufen weißglühender Kohle, brachte sie herbei und hielt sie über die Brust des Bauern. Noch einmal wandte sich der Hauptmann an den Liegenden: »Ich frage dich zum letztenmal, willst du dein Gold gutwillig herausgeben?« Der Bauer Valentin war ein großer, starkknochiger Mann von sechzig Jahren. Er reckte sich in seinen Fesseln, schloß die Augen und flüsterte: »Ich habe kein Gold.« »Nun denn in Gottes Namen«, sagte der Hauptmann und sah Pascal an. Der biß auf seine Unterlippe, lächelte und schüttete vorsichtig die glühenden Kohlen auf die nackte Brust des Liegenden. Der Bauer brüllte auf, daß man es auf eine Meile hören konnte, riß wild an den Stricken und schlug mit dem Kopf gegen das Holz der Leiter. »Gibst du dein Gold her?« rief der Hauptmann. »Ich habe kein Gold«, schrie der Gemarterte und schrie es immer wieder, auch als Pascal die glühende Kohle über seine Brust ausbreitete und mit der Schaufel fester gegen das Fleisch drückte. Die Lombardin Maria stemmte die Fäuste in die Seite, beugte sich hintenüber und lachte, daß ihr die Tränen herunterliefen. »Der zweite Grad!« kommandierte der Hauptmann Julius von Laubenheim. Der zweite Grad war jener berühmte Schwedentrunk. Zwei Soldaten gossen dem Liegenden durch einen Schlauch die Mistjauche in den Mund und drückten dann auf den Magen, daß die ekle Brühe hoch herausspritzte. Dreimal taten sie es, und nach jedem Mal fragten sie nach seinem Gold, und jedesmal wiederholte er es, schreiend oder ächzend: »Ich habe kein Gold.« Sie rissen ihm die Haut vom Körper, stachen ihm die Augen aus, aber er gab nicht nach. Da faßte die Soldaten die Wut, und mit Knüppeln zerschlugen sie ihm die Glieder. »Es ist genug«, sagte der Hauptmann, »bindet ihn los.« Er trat an den Bauern heran, der wie ein Stück Schlachtvieh am Boden lag. »Armer Kerl«, sagte er, »er tut mir leid. Vielleicht hat er wirklich kein Gold; aber wir haben getan, was wir konnten, und brauchen uns keinen Vorwurf zu machen.« Dann zog er Handschuhe über die funkelnden Finger und ging durch den Hof auf sein Pferd zu, das draußen angeschirrt stand. »Wir reiten über die obere Furt nach dem Kloster Sankt Lorenz«, sagte er und saß auf. Aber wie er sich umdrehte, ob alle seine Leute bereit wären, sah er, daß Pascal und die Lombardin Maria noch auf dem Hofe zurückgeblieben waren. Sie knieten auf dem Bauern und machten sich an seinem Halse zu schaffen. »Was tut ihr da?« rief er. »Wir geben ihm den Rest«, antwortete Pascal zurück. »Er taugt ja doch nichts mehr.« Da faßte den Hauptmann ein großer Zorn. »Seid ihr Christen«, rief er, »kennt ihr das fünfte Gebot nicht? Wie könnt ihr einen Menschen töten, der nicht gebeichtet hat? Sofort kommt ihr her.« Die beiden sprangen auf, packten den Bauern an Kopf und Füßen, schwenkten ihn auf den Misthaufen und liefen dann lachend dem Zuge nach, der mit Klirren die Dorfstraße abritt. * * * Nun stand die Sommernacht schwül über dem verwüsteten Lande. Brandgeruch lag in Schwaden fest, und am Horizont leuchteten die Feuerherde der Dörfer. Gegen Mitternacht zog im Osten ein stummes Gewitter vorüber, und seine Blitze erhellten schwach den Körper, der auf dem Misthaufen lag und schon der Verwesung anzugehören schien. Aber als die Morgenluft in den Bäumen zitterte, kam Leben in den zerhackten Körperstummel. Er zuckte zusammen, drehte sich und rollte den Haufen herunter. Unten blieb er betäubt lange Zeit liegen. Da blickte die Sonne durch die Büsche und wärmte alles, und nun wurde der Stummel lebendig wie ein Tier. Er begann vorwärts zu kriechen über den Hofweg, indem er mit den Knien und mit dem Kinn arbeitete. So kam er an die Wand des Hauses, die kroch er rechts entlang, bis zu dem Winkel, wo es an den Stall stößt. Dort schnubberte er am Boden herum und begann dann mit dem Kopfe, die Erde nach rechts und links wegzufegen. Der Deckel einer Kiste kam zum Vorschein. Der Bauer säuberte ihn von allem Staub; biß in den Deckel, rüttelte daran und riß ihn auf. Die Kiste war bis an den Rand voll mit Golddukaten. Nun beugte er sich hinein, strich mit den Lippen über das Gold und überzeugte sich, daß es noch ebenso voll war wie früher. Und grunzte auf vor Wonne. Dann wühlte er den Kopf hinein in die Masse; mit der Stirn, mit den erloschenen Augen hineingewühlt in das Gold. Er biß in das Gold, er nahm den Mund voll und gurgelte damit und schrie dabei vor Freude. * * * Und so fand ihn zwei Tage später sein Sohn: tot, mit dem Kopf eingewühlt in den goldenen Brei. Die Brüder in Apoll Ambroise, der Herzog von Guiche, hatte seinen schwarzen Tag. Er saß im Speisesaale des Schlosses am großen Tische ganz allein, sah vor sich hin und wollte von nichts wissen. Seine Diener und der Hofmeister standen flüsternd vor der Tür und sagten sich: Er sucht wahrscheinlich einen Reim und findet ihn nicht, das ist die ganze Geschichte. Denn der Herzog von Guiche war ein Dichter und reimte Hymnen auf den Sonnenkönig Ludwig in Versailles und schrieb Schäferspiele, die man in Paris aufführte. Es wurde Essenszeit, und aus der Küche kam ein Knuspern und Duften wie von Poulardenbraten und ein leises Klirren silbernen Geschirres. Aber der Herzog rührte sich nicht. Und der Koch Jacques trat ein, verneigte sich vor seinem Herrn und sagte: »Euer Gnaden, wir haben heute eine Poularde, eine von jenen Poularden, die in Burgunderwein erstickt wurden. Sie dreht sich am Spieß und ist goldig wie die Farben des Malers Tizian und feist wie ein Kanonikus von Chartres.« Aber das Gesicht des herzoglichen Dichters verfinsterte sich nur noch mehr, er schüttelte seine Lockenperücke und sagte zu dem Koche Jacques: »Iß dir deine goldige Poularde allein, ich mag nichts davon wissen.« Nun wurde man doch ernstlich besorgt, und der Hofmeister beschloß, alle Mittel zu versuchen, um den Sinn des melancholischen Dichters aufzuheitern. Er holte aus dem Schrank die Kameensammlung her und legte sie auf den Tisch und legte auch die lange Perlenkette hinzu, die das Staatsstück des herzoglichen Familienschatzes war. Denn er wußte, daß des Herzogs adliger Sinn am Anblick kostbarer Dinge Freude und Kraft zu gewinnen pflegte. Der Herzog faßte zerstreut nach den edlen Steinen, nach den Karneolen mit den Bildern von Cäsaren und nach den braunen Sardern, in die die bärtigen Gesichter attischer Rhetoren geschnitten waren. Auch spielte er ein weniges mit der langen Perlenkette und ließ sie glatt durch seine Finger gleiten. Jede Perle war wie der Nebel eines Herbstvormittags, milchig weiß, mit einem verlöschenden Schimmer rötlichen Orientes darin. Aber das war auch das Richtige nicht, denn gleich warf der Herzog das Spielzeug wieder hin und versank aufs neue in sein verärgertes Nachdenken. Dann versuchte der Hausmeister es mit einem Musikstück, das im Hintergrund des Saales gespielt wurde: Aber das half auch nichts. Dann sprach er von den dichterischen Erfolgen des Herzogs und lobte die Hymnen und die Schäferspiele; aber nicht einmal dieses konnte den Schwermütigen ermuntern. Er wurde immer verdrießlicher und sagte: »Laßt mich doch, Freunde, und bemüht euch nicht; ich habe heute meinen üblen Tag, und der muß getragen werden. Ich weiß nicht, was mir ist; es ist nicht Liebe und es ist nicht Krankheit; aber das Leben scheint mir schal und ekel, und ich glaube, es lohnt sich nicht; ich wünschte, ich wäre tot, so schwarz und greulich erscheint mir alle Welt und alles menschliche Unternehmen.« Da schließlich kam aus der Gruppe der Diener der Schloßkaplan hervor und sagte leise zu dem Koche: »Warte, Jacques, ich werde deine Poularde gleich zu Ehren bringen«, und trat zu dem Herzog, verneigte sich tief und sprach: »Haben Euer Gnaden schon gehört, was dem Grafen Latour zugestoßen ist?« Der Herzog sah auf. »Dem Grafen Latour?« fragte er. »Dem Dichter, meinem lieben Freunde? Was ist ihm zugestoßen?« »Sein Stück ist in Paris ausgepfiffen worden«, antwortete der Kaplan. Der Herzog blickte überrascht und scharf vor sich hin, und in seinen Augen begann es zu lodern. »So so«, sagte er, »sieh mal einer an. Ausgepfiffen in Paris. Was du sagst! Nun ja, das war zu erwarten. So leicht ist es nun doch nicht, und der erste beste kann es nicht.« Und dann lächelte er, rieb sich die Hände, warf die Locken stolz zurück und dehnte sich tüchtig in erwachender Lebenskraft. Dann drehte er sich um und sagte: »Nun, Jacques, mein Koch, wie wäre es mit jener Poularde, die goldbraun ist wie die Göttinnen Tizians und feist wie die Herren Canonici in Chartres.« Der Ambassadeur Der Ambassadeur Seiner Majestät König Georgs I. von England war in Venedig eingetroffen. Er hieß Philipp, Lord Chesterfield, und war ein junger schöner Mann von stolzen und großen Manieren. Die Venezianerinnen lachten über seine mächtige gepuderte Lockenperücke, und wenn er durch die Straßen schritt, so huschten die Masken hinter ihm her. Auch lagen oft blaue Briefchen auf seinem Wege, die er verächtlich mit dem Fuße beiseite schleuderte. Er war in Venedig, um von der Signorie die Abtretung einer venezianischen Insel in der Levante zu erwirken. Seine Majestät, der König von England, brauchte diese Insel wegen des neuen Handels mit Kaffee. Und es kam nun darauf an, ob man die Insel von den Venezianern abkaufen oder abtauschen oder abzwingen solle. Hauptsächlich aber handelte es sich darum, die Stimmung der Signorie zu beobachten und im richtigen Augenblick zuzugreifen. Man hatte dem Ambassadeur für die Zeit der diplomatischen Verhandlungen den ganzen ersten Stock des Palastes Grimani eingeräumt. Dort ging er tagelang von Fenster zu Fenster, sah auf den kleinen Kanal, der vor dem Palaste floß, und wunderte sich über die Kohlköpfe und die toten Katzen, die man darin herumschwimmen ließ. Auch betrachtete er das Haus gegenüber, über dessen Portal in schwarzem verwittertem Kalkstein der Kopf eines schlafenden Tritonen angebracht war. Es konnte auch ein toter Triton sein, und stundenlang sah sich Lord Chesterfield diesen Kopf an und wurde sich nicht klar darüber. Wenn er ein Poet gewesen wäre, so hätte er eine Symbolik in der Sache entdeckt und sich gesagt, daß man von der Stadt Venedig ja auch nicht wisse, ob sie ein toter Triton sei oder ein schlafender. Aber er hatte zu solchen Geckengedanken keine Zeit, und unter seiner Allongeperücke waren keine andern Gedanken als diese: Wird man die Insel für eine Million Zechinen erhalten oder für einen Subsidienvertrag; und muß man die Mitglieder der Signorie einzeln kaufen und für wieviel? Als er wieder einmal zu dem toten oder schlafenden Kopf hinüberblickte, da fiel es ihm auf, daß schon seit drei Tagen in einem dunkeln Fenster des Tritonenhauses eine junge Frau gestanden und zu ihm hergesehen hatte. Er blickte über sie hinweg, denn es war ihm gleich, ob die Venezianerinnen ihn verliebt ansahen oder nicht. Auch am nächsten und allen folgenden Tagen stand die junge Frau wieder in dem Fenster und sah zu ihm auf; er aber achtete nicht auf sie, als sei dieses Gesicht mit den sehnenden Augen ebenso wie der Triton nur ein zerbröckelndes Ornament der großen zerbröckelnden Stadt. Eines Tages stand neben der jungen Frau in dem Fenster ein Mann mit gerötetem Gesicht und mit wildem Blick. Der Mann hatte die Frau am Arme gepackt und drohte mit der Faust zu Lord Chesterfield hinüber. Dann zog er ein Messer und schnitt damit der Frau eine tiefe Wunde quer über das Gesicht. Lord Chesterfield zog sich von dem Fenster zurück, denn er liebte den Anblick von Pöbeleien nicht. Aber des Abends beim Essen fragte er seinen Diener, was das für eine Szene gewesen sei; und da erfuhr er, daß die junge Frau wohl etwas zu sehnsüchtig zu seiner Lordschaft aufgeblickt habe und deshalb durch ihren unmanierlichen Barbaren von Mann gezüchtigt worden sei. Am nächsten Morgen lag ihre Leiche in dem Wasser vor dem Palast Grimani. Sie schwamm links, da, wo der Kanal einen Bogen macht. Zu Mittag drang die Flut in die Stadt, und da trieb die Leiche langsam an dem Palast vorüber bis zu den weißen Marmortreppen. Aber abends mit der Ebbe kam sie wieder zurück und verschwand an der dunkeln Biegung des Kanals. Lord Chesterfield schrieb an diesem Abend einen längeren Brief nach England an seine Maitresse, die Frau des Erzbischofs von Canterbury, und schilderte ihr die Sitten des Landes Venedig. »Es ist ein schlechtes Volk«, so schrieb er, »und wert, daß man es mit den Waffen des Krieges und der Staatskunst bekämpft und vermindert. Sie werden kaum glauben, Mylady, was ich Ihnen erzähle, aber es ist reine Wahrheit: die Leiche einer Frau, die sich aus einer lächerlichen Liebe zu mir ins Wasser warf, hat zwölf Stunden im Kanal gelegen, ohne daß sich die Polizei darum kümmerte. Wie soll ein Volk groß und stark werden, das die wichtigsten Grundsätze der Sauberkeit und Hygiene so gänzlich außer acht läßt?« Er siegelte den Brief mit dem Wappen der Chesterfields, auf dem zwei Wildschweinköpfe über einer aufgeschlagenen Bibel stehen. Und gerade, als er dabei war, kam ein heimlicher Bote, um zu melden, daß die Stunde gekommen und die Mehrheit der Signorie für den Verkauf gewonnen sei. Da legte Lord Chesterfield den Hosenbandorden an, schnallte den Degen um und fuhr in der Staatsgondel durch die nächtigen Kanäle nach San Marco. Es war Karnevalszeit: in allen Palästen leuchteten die Fenster wie in Flammen, Musik ertönte überall, und über die kleine Brücke, die zum Ridotto führt, schritten schwarz die königlichen Gespenster der Dominos. Im Saal der Signorie aber saßen zehn Greise, in Goldbrokat gehüllt. Sie waren schwerhörig und zitterten und schämten sich voreinander, so daß keiner dem andern gerade ins Gesicht sehen wollte. Denn ein Stück des alten Reiches und des Kreuzfahrerruhmes sollte verkauft werden um Geldeswert. Vor ihnen stand der Mann der neuen Zeit, klopfte mit dem Knöchel auf den Tisch und diktierte ihnen sein Recht. Das Recht der stärkeren und gesünderen Rasse. Das Trajansforum Viele deutsche Literaten haben Bücher und Komödien über den Kaiser Napoleon geschrieben; darin haben sie gezeigt, wie dieser Mann doch eigentlich ein rechter Trottel und Weiberknecht gewesen sei. Daß er seine Schlachten, streng genommen, verloren, daß er alles nur der Josephine wegen getan habe und daß er den Schinken mit den Fingern zu essen pflegte, das beweisen diese deutschen Literaten. Denn sie sind Literaten von der verwegenen Art und nehmen kein Blatt vor den Mund. Nun muß ich sagen, daß ich einmal in Rom am Trajansforum war und dort eine große, gestürzte Granitsäule an der Straße liegen sah. Es war eine mächtige Säule, die einst das luftige Dach eines Heidentempels getragen haben muß und die nun umgeworfen an der Straße lag. Ganz umgeworfen, mit dem Haupt im Staube. Sie lag sehr bequem da, und ein Hündchen kam des Weges einher, beschnupperte sie, hob das Bein und bepinkelte sie frohen Mutes gerade da, wo einst ihre Spitze gewesen war. In Rom am Trajansforum. Und wenn ich nun so ein modernes Literatenbuch über Napoleon lese, so weiß ich nicht, wie das zusammenhängt: Aber immer muß ich dann an jene gestürzte Tempelsäule denken und an jenes pinkelnde Hündchen. Medjidjeh Eine wahrhaftige Geschichte Als Arabi Pascha in der Versammlung fragte, wer den Mut habe, herauszugehen nach Ramleh und den Khediven zu ermorden, da erhoben sich fünfzehn Mann. Der Hauptmann Mustafa, die Sergeanten Selim und Fehim und zwölf Gemeine. Arabi Pascha ließ die fünfzehn vortreten und instruierte sie. Er ernannte Mustafa zum Führer der Expedition, Selim und Fehim zu seinem Generalstab. Und sprach dann folgendes zu ihnen: »Ihr wißt, daß der Khedive unser Vaterland Ägypten an die Fremden verkauft hat. Er hat die Engländer hergerufen und ihnen die Verwaltung der Gelder übergeben, obgleich wir Ägypter das selbst viel besser verstehen. Außerdem hat er neue Dampfmaschinen eingeführt, um unseren Boden zu pflügen; und die Straßen sollen gereinigt werden, und Ärzte sind ins Land gekommen, um uns gegen die Blattern zu impfen; was aber nichts als Zauberei ist. Deshalb habe ich Arabi, der Erwählte, einen Aufruhr gemacht durch ganz Ägypten hin und habe den Weg Allahs beschritten. Und deshalb muß der Khedive sterben. Sein Heer und seine Hauptstadt sind von ihm abgefallen, und er selbst ist in seinen Sommerpalast am Meer geflohen. Dorthin werdet ihr marschieren, den Palast stürmen und den Feind des Vaterlandes richten.« Nachdem Arabi Pascha so gesprochen hatte, nahm er von seiner Seite sein Schwert, küßte es, gürtete es Mustafa um und sagte: »Es ist das Schwert Kaleds, mit dem er am Euphrat gegen die Heiden gefochten hat. Dann trug es Achmed ibn Talun, der Ägypten gemacht hat; und in unseren Tagen Ibrahim auf seinem Zuge gegen Mekka, wo der Prophet ruht. Von dessen Grabe habe ich es genommen, und du wirst es mir erst wieder bringen, wenn es mit dem Blute des Khediven befleckt ist, des Verräters.« Dann schworen Mustafa und die Seinen auf des Propheten Mantel und Bart, daß sie den Khediven ermorden würden, komme es, wie es wolle. Und machten sich zur Stunde auf und marschierten in einem Trupp auf die Straße hinaus in der Richtung auf die Sommerresidenz, wo der Khedive wohnte. Und auf dem Wege dahin schwangen sie die Waffen, schrien mordsmäßig durcheinander und sangen ein mutiges Lied, so daß die Leute in Haufen stehenblieben und sich sagten: Sie gehen hinaus nach Ramleh, um den Khediven zu töten, den Feind des Vaterlandes. Der Khedive, gegen den diese Verschwörung ging, hieß Muhammed Tewsik von Ägypten und saß zu dieser Zeit in seinem Sommerpalaste zu Ramleh am Meere. Dorthin hatte er sich zurückgezogen und wartete ab, welchen Verlauf die Revolution und alle diese neuen Dinge nehmen würden. Denn es war ohne allen Zweifel eine große Revolution im ganzen Lande. Die hungrigen Bauern ermordeten die Vögte, der Pöbel in Alexandria ermordete die Christen; die Armee war abgefallen, und vor der Küste lagen die englischen Panzerschiffe und warteten auf den rechten Augenblick. Und weil es in der Stadt doch zu toll herging, deshalb war der Khedive Muhammed Tewsik in seinen Palast zu Ramleh gegangen, sah von dort auf das Meer und auf seine Gärten und auf die Springbrunnen darin und wunderte sich, wie rechtgläubige Menschen so unvernünftig sein könnten. Den Rat seines Wesirs, den Aufruhr mit Feuer und Schwert zu unterdrücken, hatte er abgelehnt. Denn erstens liebte er es nicht, sich aufzuregen; zweitens muß ein frommer Mann überhaupt und immerdar demütig hinnehmen, was Allah schickt in seinem Zorn oder in seiner Milde. Und schließlich gedeihen noch stets die Dinge am besten, die man sich ruhig abwickeln läßt, ohne töricht und hastig dazwischenzufahren. Was kann es denn mehr kosten als den Kopf, über dessen Schicksal Gott der Herr schon längst bestimmt hat, ohne daß wir Narren selbst daran das geringste ändern können. So saß Muhammed Tewsik in seinem Schloß und wartete. Und als er vom Fenster aus den Hauptmann Mustafa mit all den anderen Mördern auf der Straße herkommen sah, da dachte er sich gleich, was das zu bedeuten habe. Denn sie machten sehr wütende Gesichter, schwangen ihre Säbel, und ihre Gebärden waren wild und schrecklich. Sie schritten durch den Rosengarten auf das Schloß zu. Aber sie gingen nicht den Hauptweg entlang, denn dort hing an einer Kette ein Schildchen mit den Worten »Durchgang verboten«, sondern kamen mit einem Umweg unter den Kastanien entlang. Dann machten sie in dem großen Rondell halt, wo ihnen Hauptmann Mustafa noch einmal eine Rede hielt und sie zum letztenmal auf ihre Waffen schwören ließ, vor keinem Widerstand zurückzuschrecken, koste es soviel Blut es auch wolle. Als der Khedive Muhammed Tewsik ihre mörderischen Klingen in der Sonne blitzen sah, klingelte er einen Diener herein und sagte ihm: »Ali, es kommen da einige Herren, die mich ermorden wollen. Führe sie in den grünen Salon und ersuche sie, gütigst einen Augenblick zu warten.« Die Verschwörer waren sehr erstaunt, als ihnen am Palast das Tor geöffnet wurde. Sie hatten sich die Sache eigentlich so vorgestellt, daß sie die Türe mit Gewalt sprengen und die dort postierten Wachen massakrieren würden. Dann wären sie die Treppe hinaufgestürmt und hätten den Khediven, der sich feige verkrochen haben müßte, durch alle seine Gemächer hin gesucht. »Wo steckst du, elende Memme?« hätte Hauptmann Mustafa gerufen. »Wo hast du dich mit deinem Sündengeld versteckt, um das du uns verkauft hast, hündischer Verräter!« Und wenn sie ihn dann hinter einer Tapetentüre entdeckt und hervorgezogen hätten, so hätten sie wild durcheinander geschrien: »Bist du es, der das ägyptische Vaterland den Christen verkauft hat? Stirb denn und fahre zur Hölle.« Worauf sie ihm gemeinsam die Säbel in die Brust gestoßen hätten. Anstatt dessen sahen sie sich jetzt einem galonierten Diener gegenüber, der sie höflich empfing und sagte: »Wollen die Herren gütigst Schirme und Stöcke hier abgeben.« Dann geleitete man sie die Treppe hinauf über einen dicken, weichen Teppich, der den Schall der Schritte dämpfte, so daß sie nur auf den Zehen zu gehen wagten. Im grünen Salon aber stellte man ihnen Sessel hin, die mit Seide bezogen waren, und bat sie, einen Augenblick zu warten. Seine Hoheit werde sich gleich die Ehre geben. Es war das der kleine grüne Salon, von dessen Fenstern man auf das Meer sehen konnte. An der Wand hingen Bilder von Fürsten und von alten Prinzessinnen, die ernst und mild auf Hauptmann Mustafa herabsahen und auf seine Mörderschar. Marmorne Büsten standen schweigend in den Ecken, und zwischen den Fenstern war eine Figur aufgestellt, die die Muse Polyhymnia darstellte und mahnend den weißen Finger an den stummen Mund legte. Und die Tische waren von Gold und Lapis Lazuli, und auf dem Kamin aus lauter grünem Stein stand eine kleine Stutzuhr, die so leise flüsterte, daß man kaum zu atmen wagte. Eine Weile saßen die fünfzehn Mörder ganz still auf ihren Seidenstühlen und sahen sich scheu um. »Sieh mal«, raunte dann Selim zu Fehim, »das ist echter Sammet.« Dabei befühlte er den roten Sessel, der neben dem Kamine stand. »Und der Kronleuchter aus Bergkristall«, flüsterte Fehim. »Entzückend«, hauchte Hauptmann Mustafa. »Ob wohl der Kamin aus Marmor ist«, lispelte Selim und befühlte den grünen Stein mit der Hand. In diesem Augenblick ging hinter ihnen eine Türe, und erschreckt standen alle auf. Der Khedive stand unter ihnen. Sie verneigten sich alle. Aber der Khedive sagte freundlich: »Wollen die Herren nicht Platz behalten?« Er setzte sich selbst auf den roten Sessel am Kamin und winkte ihnen einladend mit der Hand, so daß sie als anständige Menschen nichts anderes tun konnten, als ebenfalls Platz zu nehmen. Dann sagte er zu dem Führer der Expedition: »Sie sind der Hauptmann Mustafa?« »Zu Befehl, Hoheit«, antwortete dieser. »Ich erinnere mich Ihrer; Sie haben bis vor zwei Jahren in Alexandria beim zweiten Bataillon gestanden; dann kamen Sie, wenn ich nicht irre, nach Nubien.« Hauptmann Mustafa atmete schwer. Er blickte auf seine Gefährten, dann auf das über seinen Knien liegende Schwert, das Kaled in der Schlacht am Euphrat gezückt hatte und Ibrahim gegen die Heiden. Er fand den passenden Übergang nicht. Wie soll man zu einem Manne, mit dem man auf Sammetstühlen sitzend konversierte, sagen: Ich habe übrigens die Ehre, Sie jetzt ermorden zu müssen. Auch nach Selims und Fehims Verhältnissen erkundigte sich der Khedive. Und als Selim bei der Antwort aufspringen und stramm stehen wollte, sagte er freundlich: »Bitte, bleiben Sie nur ruhig sitzen. Sie müssen einen anstrengenden Marsch gehabt haben«, fügte er hinzu, indem er sich im Kreis umsah. »Es ist doch schon recht heiß; und auf der Straße ein Staub! Das Spritzen nützt gar nichts, es ist ja doch im nächsten Augenblicke schon wieder ausgetrocknet.« Die anderen erwiderten nichts, und es gab eine Pause. Man hörte nur das Flüstern der kleinen Uhr auf dem Kamine, die so leise, so leise, so leise war, und die doch die Kraft hatte, einem wackeren Mann das rechte Wort im Munde zu ersticken. Dann stand der Khedive auf und sagte zu Mustafa: »Herr Hauptmann, es freut mich aufrichtig, daß Sie sich die Mühe machten, zu mir heraus zu kommen. Ich habe nämlich schon lange auf die Gelegenheit gewartet, Ihnen den Medjidjeh-Orden zu verleihen.« Mustafa sprang auf und war knallrot im Gesicht geworden. Er nahm Haltung an, zog den Bauch herein und streckte die Brust vor, genau so, wie es die preußischen Instrukteure einexerziert hatten. Der Khedive langte in seine Rocktasche, holte den bunten Ordensstern hervor und heftete ihn eigenhändig an die treue Brust, die sich ihm bot. »Ich ernenne Sie zum Oberst«, sagte er leise und feierlich. »Tragen Sie den Orden in Ehren und bewahren Sie sich Ihr schlichtes, gerades Soldatenherz.« Dann wandte er sich zu den anderen Mordskerlen, nahm eine ernste Miene an und sagte streng: »Euch kommandiere ich zu meiner Leibwache. Die Wache, die ich bisher hatte, ist ... hm ... nun kurz und gut: ich habe augenblicklich keine Leibwache. Und gerade in diesen unruhigen Zeiten brauche ich wackere und mutige Männer mehr als sonst. Deshalb werdet ihr jetzt gleich euren Dienst antreten. Wendet euch an den Zahlmeister und laßt euch den Sold für die nächsten drei Monate pränumerando geben.« Damit grüßte er militärisch und entließ seine Getreuen. Aber da zog endlich Oberst Mustafa das Schwert Kaleds aus der Scheide, schwang es und rief: »Allah yutauil umr al-chediwi sinan adida«, was auf deutsch heißt: Allah erhalte unseren gnädigen Khediven viele Jahre. Und alle anderen riefen es ihm nach und ließen ihre Waffen mutig durch die Luft sausen. In derselben Stunde noch bezog des Khediven neue Leibwache ihr Quartier im Palaste zu Ramleh, in den kühlen Sälen des Erdgeschosses, die nach dem Garten hinausgehen und nach seinen Springbrunnen. Auch bekamen sie gleich ein gutes Mittagessen vorgesetzt, das zwar mit englischem Gelde bezahlt war, das ihnen aber trotzdem sehr gut schmeckte; denn bei Arabi Pascha hatten sie kein Mittagessen bekommen. Es gab Hammelfleisch mit Reis und Eierkuchen mit Tomaten, in Scheiben geschnitten. Dazu fränkischen Champagnerwein, der ganz kalt war, weil man ihn mit Eis gekühlt hatte. Und so rettete sich der Khedive Muhammed Tewsik von Ägypten sein Leben und seinen Thron. Allerdings nahmen ihm die Engländer das ganze Land weg und richteten sich darin ein, um nie wieder fortzugehen. Aber schließlich behielt er doch eben sein Leben und konnte noch elf Jahre lang im Winter in Kairo, im Sommer im Meeresschloß zu Ramleh wohnen in allem Frieden. Er konnte essen und trinken und sich des Abends ein syrisches Mädchen mit ins Bett nehmen, oder ein armenisches, oder ein griechisches, wie ihm nun der Wille stand. Und das ist, bei Licht besehen, doch die Hauptsache, auf die es einzig und allein ankommt. Die Dame mit dem Augenaufschlag Kurze Zeit vor dem indischen Aufstand des Jahres 1881 war der Major Mac Kelly mit Urlaub nach England gegangen, um sich eine Frau zu suchen, obgleich er schon siebenundvierzig Jahre alt war. Er fühlte sich einsam, denn er hatte das allerkleinste Fort in Indien zu kommandieren, das Fort Albert, das mitten im großen Sumpfwalde daliegt. Dort hört man des Nachts die wilden Tiere heulen, am Tage aber leuchtet die Schneekette des Himalaya ganz still und einsam durch das Grün der Bäume. Und sonst sieht der Kommandant von Fort Albert tagaus tagein nichts als die Gesichter der dreißig eingeborenen Soldaten und, wenn es hoch kommt, einmal einen irischen Sergeanten, der einen Brief aus Schahpur bringt. Außerdem alle sechs oder sieben Wochen die Herren von der Inspektion, mit denen man sich betrinken muß. Deshalb nahm sich Major Mac Kelly Urlaub und ging nach England, um eine Frau in seine Einsamkeit zu freien. Und zwar wollte er sich eine Frau aussuchen, die so recht rein und sittsam und echt englisch wäre. Eine ernste Frau, wie sie sich paßt für einen stillen Mann in dem großen Sumpfwalde am Fuß des Himalaya. Er sah sich in dem ganzen vereinigten Königreich bei seinen Bekannten um, aber von allen englischen Mädchen gefiel ihm keines so wie die kleine Sybil, die Tochter des Pfarrers Parker zu Worcester, Worcestershire. Die war von allen die Reinste und die Heiligste, meinte Major Mac Kelly. Sie hatte so einen unschuldsvollen Augenaufschlag; und dann hatte sie eine merkwürdige Art, den Männern groß und fest in die Augen zu sehen, eine Weile lang, und nach dieser Weile plötzlich loszulachen, man wußte nicht recht, warum. Das gefiel dem Major Mac Kelly sehr, denn er glaubte, daß dieses etwas besonders Tiefes sei. So heiratete er denn die kleine Sybil und nahm sie mit sich nach Indien in sein einsames Fort in dem großen Walde. Und nachdem sie dort zwei Jahre in der Stille gelebt hatten, brach dann nun jener Aufstand aus, den man »die springende Katze« nannte. Der Aufstand »die springende Katze« fing damit an, daß in den Wäldern die Mangobäume mit Gips bestrichen wurden als geheimes Zeichen und Verabredung. Niemand konnte sehen, wer die Bäume mit Gips bestrich. Es war immer plötzlich des Morgens da. Zuerst beobachtete man es in der Nähe von Benares, dann verbreitete es sich durch ganz Bengalen, und alle Kenner sagten, dies bedeute, daß ein großer Aufstand kommen würde durch Indien hin. Aber woher er kommen würde und warum, das wußte niemand zu sagen. Denn das Volk der Inder ist ein altes und geheimes Volk, und niemand weiß Bescheid mit ihm. Es ist wie der Augapfel eines Panthers, von dem man nie weiß, ist er grün oder grau, ist er klein oder groß, ist er nah oder fern. Als der Aufstand ausbrach, stand auch gleich der ganze Norden des Kaiserreiches in Flammen, und die kleinen Stationen im Innern waren abgeschnitten, und niemand konnte ihnen helfen. Auch Major Mac Kelly war abgeschnitten in seinem Fort Albert, zusammen mit dreißig Mann eingeborener Truppe, acht Mann Bedienung und seiner Frau Sybil. »Wenn die Aufständischen erst über den Paß zu uns kommen«, sagte Major Mac Kelly zu seinen Leuten, »und wenn wir uns dann drei Tage gegen sie halten, so ist es möglich, daß man uns von Schahpur her befreit. Kommen sie aber auf geradem Wege zu uns, so sind wir alle verloren, wie wir sind.« Aber er glaubte es selbst nicht, daß sie auf dem Umwege über den Paß kommen würden, und wußte es ganz genau, daß von einer Rettung keine Rede mehr sein könne. Am Abend des 6. kam denn auch die Nachricht, daß die nächste Poststation oben am Berge von den Rebellen genommen worden sei. Das war das sicherste Zeichen, daß sie im Anmarsch waren. Ein Flüchtling berichtete, sie hätten die Station gestürmt, die Besatzung gefangen genommen und den Vorsteher ermordet. Die junge Frau des Vorstehers aber sei von achtzehn Hauptleuten der Aufständischen vergewaltigt worden, von einem nach dem andern. Als Major Mac Kelly das hörte, nahm er seine Frau beiseite, zog seinen großen Armeerevolver hervor und sagte: »Wenn keine Rettung mehr möglich ist, so ist die letzte Kugel in diesem Revolver für mich; mit der vorletzten aber werde ich dich erschießen, damit du nicht in die Hände dieser unmanierlichen Bestien fällst. Denn ich will, daß du so rein und keusch bleibst, wie ich dich von deinem Vater in Worcester, Worcestershire, erhalten und wie ich dich bewahrt habe.« Am nächsten Morgen kamen die Aufständischen vor Fort Albert an. Sie heulten in den Wäldern und begannen gleich das Fort mit ihren neuen Infanteriegewehren zu beschießen, so daß es in den Dächern raschelte und knisterte. Major Mac Kelly leitete die Verteidigung drei Tage lang, ließ seine Leute feuern, was sie konnten, um die Angreifer zu verscheuchen, und war Tag und Nacht auf den Beinen. Währenddessen schlich seine Frau Sybil im Hause herum und lauschte auf das Geheul draußen, das da klang wie das Geheul starker und schöner Tiere. Bisweilen, wenn am Mittag eine Pause in dem Schießen war, stieg sie vorsichtig auf einen Stuhl, sah durch das Fenster und über den Wall hinweg und besah sich mit ihrem großen Augenaufschlag die achtzehn Hauptleute, die da draußen herumliefen. Sie waren gelenkig wie die Tiger und nackt, und ihre Muskeln glänzten in der Sonne. Als es am vierten Tag klar war, daß das kleine Fort sich nicht mehr länger halten ließ, zog sich Major Mac Kelly den Galafrack an, gab seiner Frau den Arm und führte sie hinauf in den Salon, wo die Bilder Ihrer Majestät der Königin und Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen von Wales hingen. Dort zog er den Revolver hervor und sagte: »Jetzt ist es so weit, und jetzt gilt es zu sterben, wie anständige Menschen sterben. Die letzte Kugel ist für mich, mit der vorletzten aber werde ich jetzt dich, mein reines britisches Weib, erschießen, damit dich diese verdammten Teufel nicht besudeln.« Aber als er den Revolver spannen wollte, legte seine Frau die Hand auf seinen Arm und sagte leise: »Laß es, Mac Kelly, erschieß mich nicht.« Er antwortete: »Hast du nicht gehört, wie es der Frau des Stationsvorstehers ergangen ist? Wenn ich dich jetzt nicht erschieße, werden diese wilden Männer dir Gewalt antun.« Da sah sie ihn groß und rein an und sagte: »Ich fürchte mich nicht davor.« Er verstand sie nicht und war ganz fassungslos. Aber sie schmiegte sich an ihn an, schlug ihre Kinderaugen auf, lächelte und sagte: »Sorge dich nicht um mich; ich bin dein reines und keusches Weib gewesen, nicht wahr; vor den achtzehn Hauptleuten aber fürchte ich mich gar nicht; im Gegenteil, es wird vielleicht einmal etwas andres.« Da zuckte er zusammen, ganz leise und unmerklich, wie ein Gentleman zusammenzuckt; ging von ihr fort, setzte sich auf das Sofa und schoß sich allein seine Kugel in den Kopf. Eine Minute später wurde das Haus gestürmt. Als die achtzehn Hauptleute der Rebellen mit glänzenden Augen in den Salon drangen, fanden sie dort einen toten weißen Mann, der auf dem Sofa lag, und eine schöne junge Frau, die ihnen mit lächelndem Willkommen entgegenging. All das ist schon lange her. Es war der große Aufstand des Jahres 1881, der der Krone Indien viele Millionen Rupien und Hunderte junger, kräftiger Männer gekostet hat. Sybil Mac Kelly hat sich damals den Aufständischen angeschlossen und immer mit den achtzehn Hauptleuten gemeinsame Sache gemacht. Man nannte sie die tolle Sybil und erzählte sich merkwürdige und grausame Geschichten von ihr. Später ging sie nach Shanghai und hat sich dort in den lustigen Häusern am Hafen umgesehen. Jetzt ist sie längst alt und klug geworden und leitet als erste Vorsteherin die Presbyterian Sunday School in Bombay. Canes Familiares Habt ihr schon je den Blick beachtet, mit dem der deutsche Bürgersmann einen Offizier ansieht? Diesen scheuen und treuen Blick, so von unten herauf, als ob ein geduckter Pudel zu seinem Herrn aufsieht! Wenn du diesen Blick kennst, so weißt du, daß es in Deutschland nie etwas Rechtes werden wird. Und dann läßt du die Dinge laufen, wie sie wollen, und holst dir vom Regale den alten Lederband her und liest die Strophen des Horatius Flaccus, der in Venusia geboren wurde. Auslese Belgische Missionare berichten aus dem Innern Afrikas, daß bei den Eingeborenen eine erstaunliche Sterblichkeit und ein Nachlassen der Geburtskraft zu bemerken sei. Dörfer sind verödet, Stämme zur Hälfte schon geschwunden. Die Neger sterben aus. * * * Vier Farben gibt es im großen und ganzen unter den Menschen: weiß, gelb, rot und schwarz. Von diesen sind Weiß und Gelb streitsüchtig, Schwarz und Rot sanftmütig ... und wir sehen, wie die Dinge verlaufen. Die Indianer haben nie eine Entdeckerfahrt oder einen Heereszug in andere Erdteile unternommen: sie blieben in ihren Jagdgründen, bemalten sich fromm das Angesicht und beteten zu dem großen Geist. Und sie haben das Tabakrauchen erfunden, welches die größte aller Erfindungen ist und der einzige wirkliche Kulturfortschritt seit Anbeginn der Zeit. Mit diesen ihren Tabakpfeifen saßen sie um das Herdfeuer des Friedens und wollten nichts Böses; und sind deshalb von den Vorfahren des Mister Wilson ausgerottet worden bis auf einen lächerlichen Rest. Die Neger haben nie versucht, andere Völker zu unterwerfen oder zu bekehren. Sie molken ihre Kühe, spielten auf der langen Trommel und schnitzten jene Holzfiguren, deren einfältige Kraft Herr Archipenko jetzt vergebens nachzuahmen sucht. Und weil sie so sanftmütig waren, sind sie von den höher gesitteten Nationen pfundweise auf dem Markt verkauft und im Weigerungsfalle mit Nilpferdpeitschen behandelt worden. * * * Denn es muß so sein, daß die Friedfertigen vertilgt werden und die Straßenräuber bleiben; das ist es, was der Engländer Mister Ch. Darwin das Überleben des Passenden genannt hat. Und dann werden auf der hübsch ausgeräumten Erdkugel der Weiße und der Gelbe übrig sein, jeder mit dem Messer zwischen den Zähnen; und in aller Ruhe und Gründlichkeit wird man zu der endgültigen Metzelei schreiten können. Das neue Paradies Gottvater sprach vor sich hin in seinen langen Bart: »Du lieber Gott, wie war doch das Paradies so nett, das ich damals in Zentralasien (nach einer anderen Erklärung allerdings am Kaukasus) angelegt hatte. Mit den gefleckten Hirschkühen, den Tauben und den Wachteln, die einen kleinen Schopf auf dem Kopf haben. Auch die Obstbäume waren gut geraten, neben die ich eine Tafel gesetzt hatte mit der Aufschrift: ›Es ist streng verboten, Früchte abzupflücken‹. Alles war so sauber und die Wege mit Kies bestreut, und Sonntag die ganze Woche. Wie schade, daß dieses zweibeinige Lumpenpack mir alles verdorben hat.« So sann der liebe Gott lange seinen Erinnerungen nach. Und weil er schon alt ist und immer etwas eigensinnig war, deshalb sagte er zu sich: »Und nun mache ich mir justament erst recht ein neues Paradies, genau so wie das vorige; aber dieses Mal lege ich es vorsichtshalber mehr abseits.« Er streckte seine ambrosische Hand über die unermeßlichen Gewässer des Ozeans; und schon tauchte aus den Abgründen triefend eine große Insel auf mit blauen Bergen und hohen Felsen. Und gleich bedeckte diese Insel sich mit Wäldern von Kampferholz; Gewürzpflanzen wucherten in den dampfenden Tälern, Bananen und Ananas waren schon reif, und Tiere mit unerhörtem Pelzwerk jagten über die Lichtungen. In den Abhängen der Berge aber schimmerten die Adern und Schwaden schiersten Silbers. Als alles fertig war, legte Gottvater eine Morgenröte darüber, wie noch nie eine da war; und um alle Küsten des neuen Paradieses ringsherum sangen die Brandungen das Lob des Herrn. Wie damals betrachtete er alle Dinge und fand, daß es gut sei. * * * Zwei Tage später fuhr an der Ostseite der Insel das englische Kanonenboot »Arrogant« vorüber. Der Kommandant, Capt. Buller, erkannte, daß er ein neues Land vor sich hatte, landete, hißte den Union Jack und nannte die Insel Queen Mary's Land. Gleichzeitig fuhr an der westlichen Küste der französische Passagierdampfer »Bossuet« vorüber, der eine Operettengesellschaft nach Valparaiso brachte. Der Kapitän erkannte, daß er ein neues Land vor sich hatte, landete, hißte die Trikolore und nannte die Insel Ile de la Fraternité . * * * Schiedsgericht. Ultimatum. Gasangriff. Stacheldraht. Handgranaten. Schützengräben. 14 Punkte. Trommelfeuer. Blockade. Jugoslawien. Mitrailleusennester. Generalquartier. Unterstand. Schwimmende Minen. Lederersatz. Kriegsgewinnler. Tanks. Weißkohl. Spartakisten. Feldprediger. Läuse. Kriegskorrespondenten. Brotkarten. Fliegerangriff. Papierhemden. Unterseeboote. Galgen. Spanische Grippe. Erzberger. * * * »Hol es der Henker«, rief Gott, »jetzt ist meine Geduld zu Ende; der ganze Planet muß weg, zerschmissen muß er werden, sonst verschandelt er mir die Schöpfung.« Und in furchtbarem Grimm ballte er die Faust und hielt sie über die kleine braune Kugel, die da zischend und knisternd und schwelend und stinkend durch den Äther zog. Aber er schlug nicht zu, sondern streckte die Hand wieder in die Hosentasche, und seine Miene wurde milder. »Nein«, sprach er vor sich hin; »man muß sich alles überlegen. Es wäre schade um die Schmetterlinge.«