Alfred Schirokauer Die graue Macht   Quelle: PDF mit freundlicher Genehmigung von www.alte-krimis.de 1. Assessor Hoff kam die Wilhelmstraße herauf und bog in die »Linden« ein. Jung, stolz und hochgewachsen ging er dahin. In seinem Gesicht strahlte ein verwegenes Siegeslächeln. Wirklich, ja, er war stolz beglückt und zukunftssicher. Er hatte zwar immer dunkel geahnt, er würde seinen Weg machen. Aber daß der Erfolg so bald kam! Daß man ihn beim ersten zaudernden Schritt anerkannte! Das war fast wie ein Reifen aller bunten Blütenträume. Als der erste Band seiner »Geschichte des deutschen Strafrechts« vor einigen Wochen erschien, war er von der wissenschaftlichen Kritik und einigen Tagesblättern sehr lobend begrüßt worden. Das hatte seine Reize und Werte für einen jungen Autor. Aber was bedeutete das dem heutigen Erfolg gegenüber! Heute, ja – das war eine staatliche Prämiierung, obrigkeitliche Patentierung seines Könnens und seiner Auserwähltheit. Hoff überschritt den Platz vor dem Brandenburger Tor und durchschwelgte immer wieder die Überraschung der letzten halben Stunde. Er konnte es sich jetzt leisten, ehrlich einzugestehen, daß ihm das Herz recht unsanft gepocht hatte während der Viertelwartestunde im Anmeldezimmer des Ministeriums. Er wußte, daß es sich um sein Buch handelte. Das war ihm sofort klar, als er gestern die Order bekam, sich bei dem Dezernenten vorzustellen. Aber wer konnte wissen, was zwischen diesen zwei knappen dienstlichen Zeilen lauerte! Er jedenfalls, trotz allen Grübelns, nicht. Im großen ganzen liebte man oben die schriftstellernden Leute nicht enthusiastisch. Papier ist geduldig, und die Menge leichtgläubig. Man konnte ihr mit einer überzeugenden Geste alles mögliche Staatsgefährliche vorfabeln. Freilich war sein Buch rein wissenschaftlich und historisch. Ja, war es das wirklich? War es im Grunde nicht höchst aktuell? Blitzten nicht, wie von einem fernen Leuchtturm, immer wieder Streiflichter herüber auf die Strafrechtspflege von heute? Und dann. Hoff wußte sehr wohl, daß er aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht hatte. Für scharfe Augen – und der Dezernent stand weiß Gott nicht im Rufe der Kurzsichtigkeit – war zwischen jeder Zeile zu lesen, daß der Herr Verfasser zunächst Mensch war, dann Gelehrter und erst in allerletzter Linie preußischer Beamter. Und ob man diese Reihenfolge oben gerade besonders sympathisch empfand? Kurz und gut, das Herz hatte ihm gar bänglich gepocht, als er in das Arbeitszimmer des Ministerialdirektors eintrat. Es hatte diese unnötige Kraftvergeudung aber sofort eingestellt, als der sonst so streng blickende Herr mit freundlicher Miene auf den Angemeldeten zukam, ihm die Hand entgegenstreckte und erklärte, er freue sich, die persönliche Bekanntschaft des Herrn Assessors Hoff zu machen. Als Hoff dann in der bescheidenen Schwebestellung des nichtigen Beamten vor der Allgewalt des Vorgesetzten auf dem angewiesenen Sessel pendelte und der Geheime Oberjustizrat versicherte, er habe das Buch mit großem Interesse gelesen, kehrte die übliche frische Farbe zusehends in Hoffs bleiches Gesicht zurück. »Es ist ein sehr interessantes Werk«, wiederholte der Direktor und bearbeitete mit einem elfenbeinernen Buchaufschlitzer die Fläche seiner weißen Hand. »Wissenschaftlich – ja, im höchsten Grade wissenschaftlich und, und das ist das Wertvolle daran, mit den Augen eines Dichters geschaut.« Hier wurde Hoff rot vor Freude, rot wie ein kleines Mädel. »Sie sind der geborene Geschichtsschreiber«, fuhr der Direktor bedächtig fort. »Das ist mir von Kapitel zu Kapitel klarer geworden. Ihre Menschen leben. Sie geben keine toten Tatsachen. Denn sonst könnten Sie sich und uns die Arbeit auch schenken, Enzyklopädien des Strafrechts und des Strafprozesses haben wir zur Genüge. Aber ein groß angelegtes Geschichtswerk dieser Materie, das sich liest wie ein gutes Drama, ja Drama, Herr Assessor. Denn es lebt in dem Buche. Ich sehe einzelne Gerichtsszenen, zumal aus der überaus plastisch gelungenen karolingischen Zeit, noch jetzt lebhaft vor mir. – Solch Werk brauchen wir für die studierende Jugend und vielleicht auch ein wenig für uns Praktiker im Wirbel des Aktenstaubes.« Da der Direktor hier eine längere Pause machte, ließ Hoff sich darüber vernehmen, wie sehr er sich freue, daß der Herr Geheimrat seinem ersten Versuch ein so lobendes Anerkennen zolle. Hierauf erklärte der Geheime Oberjustizrat, er hoffe und glaube nach diesem Anfange auch erwarten zu können, daß die folgenden Bände sich dem ersten würdig anreihen würden. Hoff, dem immer behaglicher ums Herz wurde, schloß sieh diesen Hoffnungen und Erwartungen teilnehmend an. Als der Assessor jetzt in der Annahme, die Audienz sei beendet, Anstalten traf, die Ecke des Sessels, die er bisher okkupiert hatte, freizugeben, trat jäh das – große Ereignis ein. »Herr Assessor«, räusperte sich der Direktor, »sagt Ihnen Ihre Beschäftigung bei der Staatsanwaltschaft zu oder würden Sie eine Betätigung im Ministerium vorziehen?« Da öffneten sich plötzlich strahlende Fernen vor Hoffs geblendeten Blicken. Eine funkelnde Leiter sank von irgendwo herab und baute sich schwindelnd hinauf in den Himmel staatsbürgerlicher Herrlichkeit. Ehe er recht wußte, daß er etwas erwidert hatte, lächelte der Direktor sehr gütig, erhob sich, reichte ihm die Hand und sagte: »Dann hoffe ich, Sie demnächst hier als Mitarbeiter begrüßen zu können. Und wenn ich Ihr Buch recht gelesen habe, wird Ihnen die Tätigkeit bei uns zusagen. Sie wissen, wir arbeiten mit dem Reichsjustizamt an dem großen Werk der Reform des Deutschen Strafprozesses.« Hoff wußte noch dunkel, daß er sich tief verbeugt und etwas davon gemurmelt hatte, er würde sich bemühen, das in ihn gesetzte Vertrauen einigermaßen zu erfüllen. Dann war er wieder im Anmeldezimmer. Den alten Diener, der ihm den Mantel hielt riß er in seinem berauschten Ungestüm beinahe um. Aus dem in Demut ersterbenden Eifer, mit dem der alte Knabe ihm den Zylinder reichte und die Tür aufriß, ersah Hoff, daß er hier für einen kommenden Mann galt. Solch alter Ministerialdiener hat die untrüglichste Witterung. 2. Die Hoffs bewohnten drei kleine Zimmer im dritten Stock eines Hauses der Frobenstraße, das aus einer Zeit stammte, da »reichliches Zubehör« und »aller Komfort der Neuzeit« und »Rollstube und Vakuumreiniger« noch im Schoße der Zukunft und die Häuserspekulation den Schlaf der Ungeborenen schlief. Hieher waren sie vor sieben Jahren gezogen, nach dem jähen Ende der Herrlichkeit in der Landgrafenstraße. Ja, die Wohnung in der Landgrafenstraße mit ihren weiten, trauten Gemächern und den blätterumrauschten Veranden! Sie trauerten und sprachen darüber, wie Eva mit ihrem Nachwuchs vom Paradies geschwärmt haben mag. So oft die Äußerung fiel: »Wißt ihr noch, in der Landgrafenstraße, da –« – und sie fiel oft – – wurden aller Augen hell, und sie zogen die Luft ein, als atme der Duft blühender Akazien wieder durchs Zimmer. Die Familie lebte im Grunde nicht in den drei Stuben der Frobenstraße. Es war, als hätten sie die Augen fest geschlossen und träumten. Träumten von der warmen, grünumrankten Vergangenheit und den leuchtenden Tagen der Zukunft. Nein, diese Not der letzten sieben Jahre, dieses Hinvegetieren in Niedrigkeit und Kümmernis war kein pulsierendes, bewußtes Leben. Es war ein bleicher Wartezustand, ein blutleeres Hinüberdämmern zu dem Guten, Strahlenden, Kommenden. Und nur mit der ehernen Hoffnung auf einstige Erlösung hatten sie all das Schmerzliche nicht recht empfunden, und nur so hatten sie es still und stark ertragen können. Das Glück der Landgrafenstraße hatte ihnen der Vater gebaut. Er war Elektrotechniker und hatte eine sehr auskömmliche Stellung bei einer Berliner Maschinenbauanstalt. Äußerlich war der Sohn ihm ähnlich. Nur war der Vater breiter und wuchtiger, körperlich und geistig. Er stand so fest und sicher mit seinen starken Füßen auf der Erde, daß der Gedanke, er könne straucheln, nie recht Raum in seinem Hirn fand. Wenn seine kluge, vorsichtige Frau dann und wann darauf hindeutete, daß wir alle in Gottes Hand ständen, und daß er »für alle Fälle« für die Zukunft der Familie sorgen sollte, und etwas von Lebensversicherung und Unfallpolizze andeutete, fuhr Hoff großmächtig mit den Daumen in die Armlöcher seiner properen weißen Weste, sog die Lungen voll Luft, daß die Brust sich wölbte wie ein Panzer und lachte sein schönes, sieghaftes Lachen. »Geh. Mutter«, sagte er dann behaglich, »solange die Maschine hier funktioniert, werdet ihr keine Not leiden. Und nach meiner Kenntnis von der Dauerkraft eines solchen Pumpwerkes dürfte sie noch die nächsten zwanzig Jahre ihre Schuldigkeit tun. Wozu also das schöne Geld 'ner Versicherungsgesellschaft in den Rachen werfen, statt es in den guten Dingen dieser Welt anzulegen. Hab' doch recht, Kinder, was? Wollen uns lieber aufsetzen und den Brocken unsicher machen, he?« Und die Kinder jauchzten und tanzten mit Vatern im Zimmer herum, und das Ende vom Liede war, daß Mutter die Rucksäcke packen und ihre Mahnung vertagen mußte. Fing sie dann das nächste Mal wieder damit an, sagte Hoff: »Liebe, zwanzig Jahre habe ich noch. Darein laß ich mir nicht reden. Sonst wird die Kalkulation falsch. Na, und in zwanzig Jahren, Jotte doch! Da ist der Junge längst in Amt und Würden, und die Mädels helfen ihren Bengels längst nicht mehr bei den Schulaufsätzen. Na, und du – und wirst dann wohl auch nicht mehr in Seidenroben Bälle schmücken.« Und damit war die Sache vorläufig wieder einmal abgetan. Es zeigte sich aber, daß eine gute Maschine auch ohne Konstruktionsfehler jäh stoppen kann. Zunächst war es nichts weiter als eine lumpige Grippe, über die Vater Hoff seine gewohnheitsmäßigen Witze riß. Dann war eines Nachts in allen Gliedern solch ermüdender Schmerz und in den Adern solch zehrende Glut. Und in der starken breiten Brust rasselte es dumpf und dräuend. Bis es eines Abends nach einem letzten Verzweiflungskampfe ganz still wurde. Ganz still. Und dann trugen sie ihn hinaus in das wirre Schneegestöber, in das der lange Schleier der Witwe hineinschlotterte wie eine klagende Trauerfahne. Das war das Ende der Herrlichkeit der Landgrafenstraße. Am nächsten Tage saß ein anderer Elektrotechniker an Walter Hoffs Arbeitstisch, und das Leben und die Räder der Maschinenfabrik rollten weiter. Und die Chefs hatten vergessen, daß der verstorbene Direktor Hoff zwanzig Jahre ihren Maschinen Odem eingehaucht hatte. Denn es war eine moderne Bauanstalt – mit allen Errungenschaften der Neuzeit. Eines Abends saß Frau Hoff mit ihrem zwanzigjährigen Sohn in des Vaters Zimmer und zog die traurige Bilanz einer mittellosen Witwe mit drei brotlosen Kindern. Sie saßen lange und starrten vor sich hin. Schließlich sagte Frau Hoff: »Wir werden etwas tun müssen.« Ewald nickte. »Ich werde arbeiten«, sagte er. »Was willst du arbeiten?« fragte die Mutter. »Du hast genug zu tun mit deinem Examen.« »Ich werde die Juristerei aufgeben«, entschied Ewald. »Wovon soll ich vier Jahre als Referendar leben, und dienen muß ich auch noch.« Die Mutter schüttelte den Kopf. »Du mußt dabei bleiben, Ewald«, sprach sie fest, »das ist sicher. Ich werde nachdenken.« »Nein«, sagte Ewald, »ich werde in ein Geschäft gehen.« »Und ich auch«, fiel Liesbeth ein, die leise hereingekommen war. Zugleich schlüpfte auch Herta durch die Portieren und rief: »Ich gehe auch ins Geschäft, Mama. Und morgen gehe ich nicht mehr zur Schule. Das hat nun doch keinen Zweck mehr.« Sie war ganz beseligt über die frohe Aussicht. Da erhob sich Frau Hoff, ging zweimal durch das geräumige Gemach. Dann stand sie bleich vor ihren Kindern. »Meine armen Lieblinge!« sagte sie, und ihre Lippen zuckten nervös, »nur das nicht. Nur das nicht! Dann ist eure Zukunft verloren. Von dir, Ewald, spreche ich nicht. Es wäre Wahnsinn, wenige Wochen vor dem Examen das Studium aufzugeben.« »Aber –« wollte Ewald einwenden. Die Worte der Mutter hasteten weiter: »Auch die Mädchen – nein, nein – dann ist ihre Zukunft verriegelt. Daran ist nicht zu denken.« »Nein – wir müssen es anders versuchen. Es muß sich etwas finden. Ich darf eure Aussicht auf Heirat nicht in der ersten Verzweiflung über Bord werfen. Ich werde nachdenken.« Und sie dachte und grübelte viele schlaflose Nächte, und Herta mußte zu ihrem Verdruß am nächsten Morgen nun doch zur Schule. Bei jedem Plane, den sie ersann und wieder verwarf, durchbebte die Witwe beklemmend die Angst, die Wohlanständigkeit der Familie zu untergraben. Den Schein nach außen wollte sie um jeden Preis und jedes blutige Opfer wahren. Sie wußte, besser als ihre weltunkundigen Kinder, daß nur so die Mädchen in ihrem Kreise heiraten konnten. Und sie war noch die »unmoderne« Frau, der es als ein Evangelium galt, daß Mann und Kind und ein eigenes Heim am letzten Ende doch das einzige wahre Glück des Weibes sind. Und glücklich werden sollten ihre Mädel. So begann dieser zermürbende heimliche Kampf der Familie Holl um den Schein. Die Frucht des Grübelns waren zahllose Besuche Frau Holls bei den Inhabern mannigfacher Geschäfte. Und endlich fand sie für sich und Lisbeth die ersehnte Heimarbeit. Seit jungen Tagen hatte sie künstlerische Stickereien gefertigt. Jetzt machte sie aus der Spielerei den Broterwerb. Und Lisbeth nähte. Verbrauchte man von dem kleinen Kapital, das geblieben war, jährlich einen Teil, so konnte man mit dem Verdienst dieser Arbeit auf einige Jahre wenigstens auskommen. Es gibt ja so viele Arten von »Auskommen«. So zogen sie in die Frobenstraße und kämpften ihr hartes Leben. Und als die fünfzehnjährige Herta die Schule verließ, ward ihrer Hände Arbeit ein Zuschuß mehr. So konnten sie »ihre Drohne«, wie Ewald sich in bitterer Selbstironie nannte, durch das Dienstjahr und die Referendarzeit hindurchfüttern. Aber der junge Mensch hätte das vernichtende Gefühl, von den drei Frauen ausgehalten zu werden, nicht überwunden, und Mutter und Töchter wären der Herz und Geist abtötenden Arbeit und der zermürbenden Not ermattet erlegen, wenn nicht die Hoffnung in ihren Herzen gezittert hätte. Eine seltsame Hoffnung war es. Doch sie leuchtete hell und warm durch das kalte Dunkel ihres Lebens. Es war in den ersten Wochen ihres verbissenen Kampfes um das tägliche Brot des Anstandes. Sonntag war's und Frau Hoff wanderte durch den frühlingsfeuchten Tiergarten hinaus auf den Kirchhof. Unterwegs begegnete ihr eine Bekannte. Trotz ihres Kummers fiel das veränderte Aussehen der anderen den scharfen Augen der Witwe auf. Soviel blühender, voller, jünger schien die gute Dame. Und soviel besser gekleidet war sie als ehedem. Es dauerte auch nicht sehr lange, so hatte Frau Hoff den Grund dieser Wandlung erfahren. »Ja, denken Sie nur«, berichtete Frau Burgstaller und blieb vor Eifer mitten auf dem Wege stehen, »unser Sohn Anton hat sich doch verheiratet. Sie haben gewiß davon gelesen. Nein? Na ja, in Ihrer Trauer nur zu begreiflich. Aber es ist so. Er ist verheiratet. Denken Sie bloß, Frau Hoff, mit Fräulein Bernsdorff. Ja – Sie sehen mich groß an. Sie wundern sich. Natürlich. Und doch ist's Wahrheit. Von dem reichen Bernsdorff aus der Stülerstraße. Denken sie bloß mal!« Frau von Hoff dachte doch an ihre Not daheim. »Eine Aussteuer hat das Mädchen bekommen!« ergänzte Frau Burgstaller ihre Familienfreudenchronik, »mindestens für vierzigtausend Mark. Alles Batist und echte Spitzen. Und dreißigtausend Mark kriegt Anton jährlichen Zuschuß. Und wenn der alte Bernsdorff mal – Gott vorhüte es – zu seinen Vätern versammelt wird, erbt Anton bestimmt vier Millionen, eine aber mindestens. Min – de – stens! Natürlich ist Anton zur Regierung gegangen. Und nächstens soll er ins Auswärtige Amt. Na, – und sie wissen ja, Frau Hoff, wie'n zärtliches Kind unser Anton immer war. Es ist rührend, was er alles für mich und 'n Fritz tut. Mit Fritz, unserm Jüngsten, ist ja leider nicht viel Staat. Es kann eben nicht alles beisammen sein. Man muß es tragen, wie Gott es gibt. Adieu, liebe Frau Hoff, ich muß nun hier in die Tiergartenstraße abbiegen. Bei meinem Sohn ist heute abends große Gesellschaft, da soll ich der jungen Frau ein bißchen helfen. Sie wohnen in der Hohenzollernstraße. Grüßen Sie Ihren Herrn Sohn und die Fräulein Töchter, Adieu, Frau Hoff!« Ganz wirr von dem Geschwätz ging Frau Hoff ihres Weges. Sie hatte übrigens kaum recht hingehört. Als sie dann aber an dem schwarzen kahlen Erdhügel stand, auf dem die frühe Jahreszeit noch jedes lebende Grün versagte, stieg aus dem Grabe etwas auf von dem unverwüstlichen, lebenstrotzenden Optimismus des Toten. Das Gefabel der Burgstaller ward jäh wach in der Witwe, erhielt Lebensodem und warm rieselndes Blut. Und in der Verzweiflung, die sie hier an dem Grabe mit herzzerpressender Gewalt packte, schien ihr die Begegnung von vorhin ein sichtbarer Fingerzeig Gottes. Seit diesem Sonntag war des jungen Referendars Berufung zum Retter und Erlöser im Hoffschen Kreise fixe Idee geworden. Es ward nach und nach etwas Selbstverständliches, etwas wie ein unumstößliches Naturgesetz, daß irgendwo ein sehr begütertes liebliches Jungfräulein heranblühe, just für Herrn Ewald Hoff heranblühe, das er finden und beglücken und somit alle Not und alle Pein vertilgen würde wie weiland St. Georg den üblen Drachen. Keiner von den vier Beteiligten hätte heute mehr Rechenschaft darüber ablegen können, wie die Idee unter ihnen Wurzel gefaßt hatte und üppig ins Kraut geschossen war. Der Gedanke an diese Erlösung spukte bei Tag und Nacht durch ihre Sinne. Diese Hoffnung hing wie eine ewige Lampe zu Häupten der drei arbeitenden Frauen und leuchtete ihnen Geduld und Zuversicht in die müden Seelen. Der helle Schein dieser Lampe ließ die Finger der drei Frauen sich geradestrecken, wenn sie klamm und steif wurden vom Halten der Nadel; er richtete ihre Rücken wieder empor, wenn sie schmerzten vom Beugen über die Arbeit; er gab ihnen die Kraft, das Haupt wieder stolz durch die Straßen zu tragen, wenn sie es verschämt und verängstigt gesenkt halten beim Hineinhuschen in die Hoftüren ihrer Arbeitgeber. Und diese Aussicht allen verlieh auch Hoff während seiner Referendarzeit die geduldige Ergebung, sich von den Frauen unterstützen zu lassen. Er ließ die Frauen Körper und Seele aufreiben, in dem sicheren Bewußtsein, ihnen einst für jede mühevolle Stunde eine reich beglückte zu bescheren. Er fühlte sich als ihr Heiland und ihr Stern in dunkler Nacht. 3. Freudebeschwingt sprang Hoff die Treppen hinauf. Ganz leise öffnete er die Wohnungstür und schlüpfte in sein Zimmer. Es galt unbemerkt den Frack mit dem Wochentagsanzug zu vertauschen, sonst merkten sie gleich etwas. Sie waren so hellsichtig, seine drei Frauen. Und bei Tisch wollte er dann ganz unauffällig damit anfangen, daß man immer von verkannten Genies rede, die trotz alles Könnens nicht durchdrängen. Und dann würde Herta eifrig in die Debatte springen und Lisbeth würde wohl auch einige durchdachte Worte einwerfen und die Mutter würde mit ihren ernsten, braunen, klugen Augen der Diskussion folgen. Und wenn dann als ganz unwiderlegbare Wahrheit festgestellt war, daß die Mitwelt immer töricht ist und alle großen Geister erst nach ihrem Tode oder frühestens zu ihrem siebzigsten Geburtstag »entdeckt« werden – Herta würde mit Beispielen sofort bei der Hand sein – dann wollte er mit seinem Erfolg herausrücken und sich weiden an dem stolzen Staunen und der beglückten Begeisterung. Als Hoff ins Eßzimmer trat (es war zugleich Wohnzimmer, Arbeitsraum und Salon), trug Lisbeth gerade die Suppe auf. Die Mutter und Herta legten die Arbeit nieder und setzten sich zu Tisch. Nur die Hälfte der schwarzen Eichentafel war gedeckt. Denn der Tisch war für die vier Personen viel zu groß. Überhaupt drückten die engen Wände ein wenig auf die wuchtigen stolzen Möbel, die einst ganz anderen Maßen bestimmt gewesen. Aber seligst in diesen kleinen Zimmern wahrten sie ihre schöne Würde. Man hatte nur verkauft, was auch die liebevollste Raumkunst nicht unterzubringen vermochte. Die prächtigsten Stücke aber zeigten wie einst in der Landgrafenstraße ihre edlen Formen und taten ihr Bestes, den Schein einer kleinen, gut bürgerlichen Behaglichkeit vorzutäuschen. Die dunklen, glänzenden Eichenflächen, die strahlenden venezianischen Spiegelaugen blickten pflichtbewußt wohlhabend drein. Es gehörte zum Lebensplan der Hoffs, ihren früheren Verkehr aufrechtzuerhalten. Denn Frau Hoff vergaß nicht einen Augenblick, daß ihre Ziele Verbindungen heischten. Und deshalb scheute sie kein Opfer, ihr Heim zu erhellen und zu erwärmen – für die Gäste. Jetzt freilich hätten die herumliegenden Leinenhaufen und Stickereifetzen allerhand zweifelnden Argwohn erweckt und genährt. Nun schritt Hoff zur Enthüllung. »Ich las da heute«, begann er arglistig, »daß sie jetzt Almquist für den größten schwedischen Dichter halten. Zu seinen Lebzeiten haben ihn sehr wenige anerkannt. In Not und Elend haben sie ihn leben und sterben lassen.« Lisbeth hob die kluge bleiche Stirn: »Almquist?« sann sie. »Ich glaube, ich las einmal von ihm das ›Buch der Dornenrose‹. Ein ganz seltsames« – Hier unterbrach lebhaft Herta. »Du, Ewald, daß du heute nachmittags nicht fortgehst. Elfriede Damerow kommt zum Kaffee. Ich meine nur, da du gerade von in Not und Elend leben und sterben sprichst.« Es war, als zöge eine dunkle Wolke über den freundlichen Familienhimmel. Aus Hoffs Augen wich aller schelmische Glanz. »Ich habe euch doch gesagt«, begann er und seine Stimme klang belegt, »daß Elfriede Damerow nicht in Betracht kommen kann. Ich denke nicht daran, mich an diesen Petrefakten fortzuwerfen.« »Petrefakt?« rief Herta hastig. »Wieso Petrefakt? Was ist denn überhaupt: Petrefakt?! Sie ist ein sehr schönes Mädchen und gar nicht petrefakt.« »Es gibt auch schöne Petrefakten«, sagte Hoff etwas ruhiger. »Ich mag aber keine versteinerte Frau. Was soll ich damit? Elfriede Damerow ist hart – steinhart. Sie hat nicht für fünf Pfennig Gemüt.« »Du kennst sie ja kaum«, wehrte sich Herta. »Nicht drei Worte hast du mit ihr gesprochen.« »Ich kenne sie gerade genug, um ihr jede Spur von Gefühl abzusprechen. Sie protzt geradezu mit ihrer Seelenroheit. Neulich, wie sie das von ihrer Mutter erzählte! Na –! Also kurz und gut – die Sache ist für mich erledigt.« Darauf verstummte das erregte Gespräch. Lisbeth beugte ihr Kinn tief zur Brust nieder. Die Mutter spielte mit dem Löffel und sagte endlich: »Ja – aber lieber Ewald, es muß doch mal etwas geschehen.« »Natürlich muß etwas geschehen«, riß Herta das Wort wieder an sich und streifte energisch die Ärmel ihrer Bluse bis über die Ellenbogen. »So geht's nun schon das ganze Jahr, seit du Assessor bist. Die ist ihm zu dumm, die zu klug, die zu dick, die zu dünn, die zu sentimental, die wieder zu petrefakt. Glaubst du, wir können dir die Mädel malen?!« Hoff schwieg verbissen. Lisbeth stand still auf, räumte die Teller ab und brachte eine Schüssel mit »armen Rittern« und Gemüse zurück. »Ich glaube wirklich, Ewald, du täuschst dich in Fräulein Damerow«, knüpfte Frau Hoff wieder an. »Ich kenne sie doch auch ganz gut. Aber daß sie hartherzig wäre. Und dann – ein Mann, wie du erzieht die Frau.« »Gemütsroheit läßt sich nicht aberziehen.« »O doch. Mit –« »Ach, Mama, gib doch keine Ratschläge«, rief Herta. »Es sind ja nur faule Ausreden. Ist sie denn gemütsroh?! So ein Unsinn. Weil sie gesagt hat, sie wünschte, ihre Mutter wäre damals gestorben! Das hat sie so unüberlegt hingesprochen. Es ist unerhört, einen Menschen auf ein unbedachtes Wort festzunageln. Ich finde sie reizend.« »Es kommt doch in diesem speziellen Falle mehr darauf an, wie ich sie finde.« »Allerdings. Aber du solltest dich wirklich entschließen, einmal eine von unseren vielen Bekannten annehmbar zu finden. Früher, als du Referendar warst, da hattest du immer den großen Mund. Was du alles für uns tun würdest. Und jetzt – nichts ist dir gut genug. Aber –« und plötzlich schlug ihre Stimme über – »ich kann nicht mehr sitzen und sitzen und nähen – und nichts vom Leben haben.« Und sie warf Messer und Gabel klirrend auf den Teller und schluchzte bitterlich. »Aber, Kind, Herta!« tröstete die Mutter. »Ja«, jammerte sie, »du sagst ihm nichts und Lisbeth schweigt sich mit aus. Immer muß ich drängen und stoßen. Und dabei denkt ihr ganz dasselbe. Als ob ich allein die Schlechte wäre. Will ich ihn denn unglücklich machen?! Aber wir können doch alle nicht weiter. Sieh dir Mamas Augen an, wie entzündet die sind von dem ewigen Sticken. Und Lisbeth sagt es nur nicht. Aber sie kann kaum noch sitzen vor Kreuzschmerzen.« »Ach – nein«, lehnte Lisbeth ab. »Doch – ich sehe es dir ja an, wie du immer den Mund schmerzhaft verziehst. Glaubst du, ich habe keine Augen – wenn ich auch Petrefakten und so 'n Zeugs nicht sehen kann? Und – und« – sie hatte sich wieder gefaßt, nur zwei dicke Tränen kugelten noch über ihre hübschen rosigen Wangen – »immer älter werden wir. Lisbeth ist bald sechsundzwanzig und ich bin nächstens dreiundzwanzig. Und wir sitzen hier und nähen und nähen und lassen uns zum Narren halten und haben noch nicht angefangen zu leben.« »Es wird schon kommen«, besänftigte die Mutter, »Ewald wird sich entschließen.« Hoff blickte düster vor sich hin. »Die Ehe ist doch kein Blinde-Kuh-Spiel«, murmelte er. »Ich kann doch nicht die erste beste nehmen.« »Es waren schon sehr nette Mädel, die du ausgeschlagen hast«, blieb Herta unerbittlich. »Wie ein regierender Fürst kannst du natürlich nicht wählen.« »Gerade die können es am allerwenigsten«, meinte er mit einem vagen Versuch zu lächeln. Da spricht die Staatsraison.« »Jetzt suchst du mit einem schlechten Witz alles beizulegen«, blieb Herta bei der Stange. »Das tust du immer. Und an jeder hast du etwas auszusetzen, wie nun wieder mit dem Petrefakt. Aber ich schwöre dir, ich rühre keine Nadel mehr an und laß alles gehen wie es will, wenn du nun wieder was hast. Und immer im letzten Augenblick kommst du, als ob das gar nichts kostet! Gerade als ob du keine Ahnung hättest, daß ich eine Nacht durchnähen muß, um bloß das Geld für die Schokolade und die Schlagsahne und den Kuchen zusammenzubringen.« Ihre Stimme drohte wieder feucht zu werden. Sie bezwang sich aber tapfer. »Es ist doch jetzt wahrhaftig nicht mehr so schlimm«, begütigte Hoff, »seitdem ich die zweihundert Mark von meinem Kommissorium beisteuere. Und nächstens bekomme ich sicher was von meinem Verleger –« »Du vergißt«, belehrte die Mutter, »daß wir keinen Pfennig mehr auf der Bank haben.« Darauf schwiegen alle. Lisbeth saß immer noch tief vornübergebeugt. Diese Gespräche lasteten schwer auf ihrem feinfühligen Sinn. Herta hatte jetzt ihre Selbstbeherrschung wiedergefunden. Sie lächelte dem Bruder herzhaft zu. »Also gib dir 'nen Ruck, alter Junge! Ich bin fest überzeugt, du wirst glücklich mit ihr. Ich habe so 'n bißchen auf den Busch geklopft und herausgehört, daß Elfriede dich sehr lieb hat. Denke nur, Ewald, wie gut wir es dann alle hätten. Du selbst doch am besten. Und wir alle. Weißt du gar nicht mehr, wie du uns immer das Blaue vom Himmel versprochen hast? Und sie ist doch ein schönes Mädchen.« »Ja – schön ist sie«, bestätigte Hoff zaghaft. »Ich will es ja noch einmal versuchen – wenn ihr alle meint.« »Na – also«, jubelte Herta. »Ach, wenn es was würde! Dann –« Und instinktiv preßte sie die Hände an ihren warmen, festen Busen. Sie fühlte ihre Jugend in allen Gliedern. Und sie dachte an den jungen Schauspieler, mit dem sie sich heimlich traf. Wenn sie nur etwas Geld hätten! Dann hatte diese aufreibende Qual des Versagens ein Ende. Und sie heirateten, und dann – dann kam das Glück, das helle, duftende, berauschende Glück. – Als Frau Hoff vom Tisch aufstand, fiel es Hoff ein, daß er noch nichts von seiner Berufung gesagt hatte. Ein schmerzliches Zucken glitt um seinen Mund. »Ich bin ins Ministerium berufen worden«, sagte er rauh und unvermittelt. Alle blickten ihn starr an. »Ins Ministerium – berufen?« wiederholte Lisbeth. »Berufen noch nicht. Aber es ist sicher. Ich war heute vormittags bei dem Dezernenten. Er sagte allerhand über mein Buch und daß ich als Hilfsarbeiter ins Ministerium soll.« »Aber Ewald«, sprudelte die stille Mutter hervor, »das ist doch ein ganz unerhörtes Glück!« »Ja, es ist schön«, nickte er. Hertas schneller Geist begann sofort ein Hürdenrennen. »Dann wirst du sicher mal Minister«, entschied sie bündig. »Ganz sicher.« Die anderen lachten hell auf. Sie hatte es aber gar nicht scherzhaft gemeint. Es war ihre feste Überzeugung. Und sofort überwand ihr fixer Verstand ein weiteres Hindernis. »Mama«, rief sie, »dann ist es freilich nichts mit Elfriede Damerow. Obwohl ich dabeibleibe, daß sie nicht petrefakt ist. Aber für einen Minister! Gott, was machen wir nur mit der Schlagsahne und all dem Kuchen!« Und hinaus schwirrte sie, kam jedoch gleich wieder zurück, den Hut auf dem Kopf. »Kinder«, rief sie, »jetzt hab ich's. Esther Honigmann. Die ist's. Schneid' keine Fratze, Ewald. Erstens sind sie getauft und dann sagst du ja immer, dir gilt nur der Mensch. Und die wird dir gefallen!« »Wie kommst du auf Esther Honigmann?« fragte Lisbeth lächelnd. »Mit der bist du doch ganz auseinander.« »Auseinander? Keine Spur. Gestern stieg sie vor Wertheim gerade in ihr Auto. Du Ewald, ein Auto! Zum Verlieben! Wir erkannten uns sofort. Sie lud mich ein, mitzufahren. Na – ich habe gleich so 'n bißchen geprüft. Für alle Fälle. Fragte, warum sie noch nicht verheiratet ist und so. Hörte heraus, sie stellt große Ansprüche. Kann sie auch. Sie soll unseren Minister haben.« Damit huschte sie hinaus. Die Mutter eilte ihr nach, um Näheres zu hören. Hoff setzte sich in des Vaters Arbeitsstuhl und starrte vor sich hin. Ihm war sehr traurig zu Mute. Da fühlte er plötzlich Lisbeths weiche Wange an seinem Kopf. »Ich freue mich so – sehr – über – das – das« – stotterte sie scheu. Er wußte, wie lieb sie es meinte. Sie allein von den drei Frauen hatte Verständnis für seine Arbeit. Er nahm ihre beiden Hände und streichelte sie. »Ach, Ewald«, flüsterte sie, »wie ist das alles schwer – und – häßlich.« Da lächelte er leise und strich über ihr feines schwarzes Haar. »Es wird schon werden«, sagte er. »Für uns alle. Und vor allem für dich, du Liebe. Das Glück wird noch kommen.« Eine tiefe Röte strömte in ihr blasses Gesicht. Sie dachte an den Bildhauer, den sie schon so lange liebte, ohne Hoffnung auf ein Heim. Von Jahr zu Jahr glaubte er, jetzt werde ihm der große Wurf gelingen. Aber er hatte keinen Stern. Dann schwiegen sie und hielten sich stumm bei den Händen. 4. Der Frühling wob seinen bunten Schleier über das märkische Land. Goldbraun glommen die Stämme der Kiefern und über dem Waldboden wiegten sich zarte rötliche Dunstfäden. Assessor Hoff wanderte die Landstraße auf Wannsee zu. Seine Schritte waren lang und elastisch. Er fühlte in seinen Gliedern den Frühling und seine eigene auf perlende Jugend. Diese einsamen Wanderungen durch die Mark, die er mit einer andächtigen Zärtlichkeit liebte, waren seine reichsten Stunden. Wenn er den Dienst erledigt und die Enge der Häuslichkeit abgeschüttelt hatte, zog er hinaus in die Schönheit seiner sanften großen Heimat. Dann fiel aller Druck und jede Bürde von seinen Schultern und die Schaffensfreudigkeit quoll reich und saftig auf. Hier draußen in der Einsamkeit waren der Plan und die besten Stücke seines Geschichtswerkes entstanden. Die Mark vergalt ihrem Sohn die Liebe. Sie gab mit warmen, segnenden Händen. Wenn er am Ufer der Havelseen stand und hinausblickte auf die Weite des Wassers, war ihm zuerst der Sinn aufgegangen für das ewig wallende, gleichmäßig flutende Schicksal der Menschheit. Und sein starkes historisches Empfinden erwachte. Oben auf den Höhen des Wannsees war zuerst in ihm der Plan aufgetaucht, eine Geschichte ringenden Menschengeistes zu schreiben. Die Idee war dann gewachsen; und hatte feste Gestalt gewonnen. Das Großzügige der Seelandschaft hatte ihm die Kraft und das Selbstbewußtsein gegeben; das leis Melancholische der Forste und Sandebenen reifte in ihm das Verstehen für menschliches Streben, menschliches Irren und menschliche Ohnmacht. Hoff stand jetzt in der Konzeption des zweiten Bandes. Das Herz pochte ihm schaffensfroh und sein Ahnen war lebendig. Er wußte, dieser zweite Band würde seinen jungen Ruf nicht schmälern. Der Stoff lag ihm wie kaum ein anderer. Die Geschichte des Hexenprozesses wollte er jetzt behandeln. Bei seinem stark ausgeprägten Verständnis für alte, ewig junge Narretei, für menschlichen Irrwahn und menschliche groteske Kleinheit mußte ihm dieser Teil prächtig gelingen. Während er dahinging, den Blick nach innen gekehrt, fühlte er den Odem der Zeit, die er schildern wollte, ihn umwehen. Wie eine schwere blutgetränkte Wolke lag religiöser Wahnwitz über dem gewitterschwülen Lande. Eine Luft schwelte über den deutschen Gauen, die den Atem benahm, die auf dem Hirn lastete und jedes natürliche freie Denken herauspreßte. Benommen taumelte die Menschheit einher. Oh, er hatte seine Modelle für seine Hexenrichter. Das Geschlecht war auch im zwanzigsten Jahrhundert nicht ausgestorben. Er sah sie vor sich, borniert, asketisch streng, fanatisch, aberwitzig, bald wieder brutal, grausam, mit einem wissenden lüsternen Zwinkern in den Augenwinkeln. Ja, die Rolle würde er zeichnen können, daß sie wandelte. Und die Opfer! Es war ein Unsinn, zu glauben, die Hexen, die man gepfählt, ertränkt und verbrannt hatte, seien immer schnurrbartbehaftete Knusperhutzelweibchen aus dem Märchenbilderbuch gewesen. Durch sein Buch sollte das holde Lächeln all dieser kindlichen Arglosigkeit und Reinheit läuten, die man durch den widerlichsten Morast in den Tod gehetzt hatte. Er würde in das Chaos der Berichte hineingreifen und die armen jungen Dinger zu Lichte heben, mit ihrem fliegenden Atem, zitternd, das Hirn zu keuchendem Wahnsinn gepeitscht, den jungen Leib wie Stahlgerten auf der Folter zerbogen. Plötzlich wurde Hoff durch eine seltsame Erscheinung am Wegesrand aus dem Mittelalter jäh in die Gegenwart zurückgerufen. An der Böschung der Landstraße stand eine weibliche Gestalt an einem Telegraphenpfahl, die Arme über den Kopf hinausgeredet, die Hände an die Stange geklammert, und preßte Wange und Ohr hart an das Holz des Pfahles. Der Gedanke, das Mädchen sei schwach geworden und suche eine Stütze, und hilfsbereit beispringen, war eins. Als Hoff aber jäh zu ihr trat, sah er zu seinem Staunen zwei große Augen verzückt in die Ferne träumen. Nein, der junge Mensch bedurfte keiner Hilfe. Das alles währte nur Sekunden. Das Mädchen fuhr erschreckt empor, stieß einen wirren Laut aus, Hoff griff an seinen Hut, und stammelte: »Verzeihung, ich glaubte, Ihnen wäre nicht wohl.« Dann war alles vorbei und Holl schritt wieder seine Straße auf Wannsee zu, ohne sich umzublicken. Er empfand bitter, daß er tolpatschig in das scheue Geheimnis einer tiefen, jungen Seele hineingegriffen hatte. Und so ging er immer geradeaus, ohne sich umzublicken. Neugier wenigstens wollte er ihr und sich ersparen. Eine kleine Verärgerung bohrte in ihm. Wie ein dummer Junge hatte er sie aus ihrer Verzückung gezerrt. Er zwang seine Gedanken auf die Wege in die Vergangenheit zurück. Aber alle seine jungen Hexen hatten der Unbekannten große Augen, die in weltenferne Märchendinge zu dringen schienen. Da lachte er leise vor sich hin. »Solche Augen müssen sie auch gehabt haben«, nickte er, solch unirdische Lichter. Ja, gerade solche Augen. Und wenn sie mit ihnen die irdischen Jammerkerle ansahen, dann mußten die fühlen: die Augen sehen Gott und all die Dinge, die über unserem feisten Alltag liegen. Was haben menschliche Augen solche Dinge zu schauen?! Reißt sie herab auf unsere Erde! Steinigt diese Sehenden! Auf die Folter mit ihnen. Sie sollen ihre Geschichte bekennen!« Er lächelte in sich hinein und grübelte weiter. Die junge Dame hatte er vergessen. Kurz vor Wannsee setzte er sich auf einen Chausseestein, zog sein Taschenbuch hervor und begann die Ergebnisse seiner Gedankenwanderung in großen Umrissen zu skizzieren. Schritte störten ihn auf. Als er emporblickte, ging das Fräulein an ihm vorüber. Er erkannte es sofort, obwohl er vorhin nichts als die Augen gesellen hatte. Auch sie blickte beiseite. Er sah ihr nach. »Was man sich alles so einredet«, dachte er. »Hexe! Lächerlich!« Ihre prächtige Gestalt hob sich plastisch ab von dem Dämmerungsblau des Weges. Jung und kräftig war sie, das sah er jetzt. Und ihr einsames Wandern auf dieser Waldstraße bei einbrechender Dunkelheit hatte etwas Kühnes und Unternehmendes. Hoff blieb noch einige Zeit auf seinem Platze. Es widerstrebte ihm, den Anschein zu erwecken, er liefe ihr nach und mache sich ihre Einsamkeit zunutze. Als er glaubte, sie nicht mehr einholen zu können, schritt er weiter. Doch an einer Biegung des Weges, an der sich ein Auslug auf den See bot, stand sie und blickte hinab auf das Wasser. Als sie ihn kommen, hörte, schritt sie weiter. So ging er eine Weile hinter ihr drein. Plötzlich wandte sie sich um, kam auf ihn zu und sagte: »Wenn es Ihnen gleich ist, gehen Sie, bitte, voraus. Es macht mich krank, jemanden hinter mir hergehen zu hören.« Er stutzte zuerst, anwortete aber dann launig: »Ich bitte sehr um Entschuldigung, wenn ich in Ihre Fußstapfen getreten bin. Auch ich liebe keine Nachtreterei. Am Ende stören wir uns beide am wenigsten, wenn wir zusammen nach Wannsee wandern.« Sie lächelte. »Bitte sehr. Dann braucht keiner den andern als den ›kommenden Mann‹ zu fürchten.« Auf diese muntere Art ist Assessor Hoff Susanne Neubert begegnet. 5. Am folgenden Tage saß Hoff still und nachdenklich beim Mittagbrot, das Herta mit ihrem drolligen Geplauder würzte. Sie war sehr guter Laune und hatte dazu allen Grund, von ihrem Standpunkt aus. Die aus dem Schlaf erweckte Freundschaft mit Esther Honigmann zeigte bereits erfreuliche Lebenssymptome. »Das war kein Wunder«, meinte Herta, »denn wer kann dem Zauber widerstehen?« Dabei zeigte sie mit dem Finger großspurig auf sich. Auch darin hatte sie recht. Ihre muntere impulsive Art, sich zu geben, verlieh ihr die Gabe, sich überall einzuschmeicheln, wenn sie nur wollte. Und in diesem Falle wollte sie sehr. Der Mutter fielen die tiefen Falten in der Stirn des Sohnes auf. »Sagt dir die Arbeit im Ministerium nicht zu?« forschte sie behutsam. »Doch, sehr sogar«, beruhigte Hoff. »Sie sind alle äußerst liebenswürdig zu mir. Weshalb meinst du?« »Weil du dasitzt wie ein finsterer Hexenrichter«, rief Herta. »Meine Hexen machen mir auch viel Sorge« lächelte er doppelsinnig. »Es ging doch so gut«, meinte Lisbeth. »Ihm fehlen bei dem Umgang mit uns Engeln die Modelle«, erwog Herta. »Na, Herta, du mit deinem Teufelseifer –!« Sie lachten. Und Herta schmollte: »Da haben wir's. Ich poussiere seine Erkorene stundenlang und muß des Nachts die verlorene Zeit nachholen und das ist der Dank.« »Erkorene, ist ausgezeichnet«, lachte Hoff. »Etwa nicht? Ich habe längst eingesehen, daß ich hier Geschick spielen muß. Also ist sie dir vom – Geschick erkoren.« Hier erhob sich Frau Hoff, da sie die Tafel gern unter lachenden Auspizien aufhob. Hoff ging in sein Zimmer und wollte arbeiten. Die Skizzen von gestern lagen neben ihm. Es wurde aber nichts Rechtes. Er dachte an seine neue Freundin. Ganz hell sah er sie. Nicht nur ihre äußere Erscheinung. Eher ihr Wesen. Und wenn er die Begegnung überdachte, staunte er, zu welchen Bekenntnissen und zu welcher Traulichkeit es in den kurzen Stunden gekommen war. Und plötzlich packte ihn wieder dieses unbestimmte bange Gefühl, das ihn seit gestern nicht verlassen hatte. Im Grunde seines Gemütes verstand er es recht gut Es lag aber in seinem Charakter, sich treiben zu lassen. Obwohl er sich sagte, daß es in seiner Lage eine Torheit sei, Abwege zu wandeln, die von Esther Honigmann fortführten, ging er schließlich froh bewegt zu dem verabredeten Rendezvous. »Was wird denn groß daraus werden!« mahnte er alle Bedenken zum Schweigen. »Eine schöne kurze Bekanntschaft. Die Freude kann ich mir wahrhaftig noch gönnen, ehe ich wie Decius Mus hinabspringe in das dunkle Grab zur Rettung des Vaterlandes.« Auf dem Wege zum Bahnhof Zoologischer Garten suchte er sich ihr Erscheinen vorzuzaubern. Er sah ihre junge volle Gestalt in dem blauen Kleide mit dem hübschen gelben Seidenkragen, auf den sich einige blonde Strähne ihres weichen üppigen Haares herabschlängelten. Als sie ihm dann aber an der Unterführung lächelnd entgegentrat, sah er zu seinem Staunen, daß ihr Haar tief braun war. »Was sehen Sie mich so an?« fragte sie ein wenig verwirrt und faßte an den kleinen Hut aus buntem Filz. »Sitzt der wieder mal schief?« »Nicht die Spur«, versicherte er eifrig und gab ihr fröhlich die Hand. »Ich hatte mir nur eingebildet, sie seien blond.« »Daher die Entgeisterung!« neckte sie. »Trösten Sie sich. Andere sind darauf auch schon 'reingefallen. Das kommt von meinem hellen Teint und den farblosen Augen.« Er wollte etwas entgegnen, sie machte aber kehrt und ging zur Kasse. »Bei Ihnen hat es ja noch seine besonderen »Gründe« lachte sie. »Sie wollen unbedingt eine blonde Hexe haben.« »Nein, wirklich –« »Reden Sie nicht«, unterbrach sie ihn munter, »ist Ihnen ganz gesund. Nun haben Sie Ihre erste Enttäuschung weg. Was brauchen Sie auch über mein Haar zu tüfteln!« »Wenn ich auch mal ein Wort sagen darf«, rang er sich jetzt endlich durch »so möchte ich zunächst feststellen, daß Sie zu den Menschen gehören, die eigentlich nicht enttäuschen können. Das ist meine feste Überzeugung. Sie haben etwas so Gutes und Ehrliches –« »Aber verehrtester Herr Assessor eines preußischen Ministeriums«, bat sie mit lachenden Augen, »versetzen Sie mir diese köstlichen Worte doch nicht hier in diesem Gedränge. Der dicke Herr da vor mir benutzt mich als Patentfußboden und absorbiert den größten Teil meiner Aufnahmefähigkeit. Und ich will nicht ein Titelchen verlieren von Ihren tiefgründigen Phantasien über das Thema Susanne Neubert. Au, nun hat er mich demoliert!« Damit sprang sie aus dem Gewühl heraus. »Hat er Ihnen weh getan?« fragte Hoff besorgt. »Ich werde mich mit den Resten abfinden müssen«, tröstete sie. »Und nun wollen wir erst vernünftig überlegen, wo wir hinauswollen, und uns erst dann an der Kasse diesen alten Herren, die durchaus nicht mehr auf eigenen Füßen stehen können, zur Verfügung stellen.« »Gegen Platzgebühr«, ermahnte er ernsthaft, auf ihren Ton eingehend. Da lachte sie und rief: »Nun stehen wir hier und machen schlechte Witze, statt nachzudenken, wohin die Fahrt geht.« »Ja, denken wir nach«, sagte er brav. »Daran haben Sie noch gar nicht gedacht, Sie Mann der Tat!« rief sie kopfschüttelnd. »Sehen Sie, während Sie über die Farbe meiner Haare gegrübelt haben, habe ich unsere Exkursion ausgeklügelt Kennen Sie Grünheide?« »Ja – ich war draußen. Besser freilich kenne ich den Westen.« »Gehört sich auch für Sie als vornehmen Ministerialassessor. Ich, das ›schlichte Mädchen aus dem Volke‹, bin mehr für den Osten. Also Grünheide.« Sie fuhren nach Erkner, bestiegen dort das Motorboot, kreuzten über den Falkensee nach Woltersdorf hinüber und glitten dann hinein in die stille liebliche Löcknitz. Während der langen Eisenbahnfahrt plauderte sie munter und ausgelassen, neckte ihn, hatte tausend bunte Einfälle und erinnerte ihn zuweilen an seine Schwester Herta. Er blickte sie oft erstaunt von der Seite an und wunderte sich, daß sie ihm gestern so verträumt und beseelt erschienen war. Als sie aber in dem kleinen prustenden Motor die schmale Löcknitz hinaufglitten, die sich in unzähligen Windungen dahinschlängelte, ward sie still und sinnend. Und nun erkannte er das junge Weib wieder, das er an der Telegraphenstange gefunden hatte. Sie saßen stumm nebeneinander. Ihre Augen waren weit geöffnet und tranken das satte Grün. Hoff sah nichts als ihr schönes klares Gesicht. Wenn sie vor sich hinblickte, träumte um die feinen Äderchen ihrer Lider ein schwärmerisches Sehnen, ihr Bewußtsein schweifte weit fort, zu strahlenden Wundern und blühenden Märchen. Und ein Abglanz ihres holden Staunens lag wie ein stilles Leuchten auf der zarten Haut ihrer Wangen. Eine zärtliche Ehrfurcht vor ihrer gemütstiefen Versunkenheit zitterte ihm durchs Herz. Doch ebenso lieblich dünkte sie ihm, wenn sie den Kopf zu ihm wandte und ihn anlächelte. Dann bildeten sich außen an den Augenwinkeln entzückende kleine Falten und aus dem tiefen dunklen Schwarz der Pupillen strömte eine warme Flut gütigster Weiblichkeit auf ihn ein, so stark und elementar, daß ihm war, als streife etwas Wohlig-Sanftes sein Gesicht. In Grünheide verließen sie den Motor und gingen – wie Susanne es nannte – auf Entdeckung. Nach einigem Wandern kamen sie zu einem Kirchhof, hoch auf der Höhe. »Es mag gut sein, hier oben über dem See zu liegen«, sagte sie und schritt durch das Tor, »wenn man das Leben ganz gelebt hat. Alle Freuden, die unendlichen, und wenn es ohne das nicht geht, meinetwegen auch all die Schmerzen, die unendlichen. Und dann hier zur Ruhe gelegt werden, hoch über dem See. Und der Seewind raunt über das Grab. Und es ist still und gut.« Sie ging durch die Gräberreihen dem höchsten Punkte des Friedhofs zu. Dort stand eine Bank. Sie wies mit dem Finger auf einen Grabstein. »Sehen Sie, ›geboren 1885, gestorben 1902‹. Eine Siebzehnjährige. Bei der wollen wir bleiben. Sie soll fühlen da unten, daß Jugend bei ihr ist.« Ganz zart streichelte sie über die seidigen Knospen eines Rosenstocks, der einsam auf dem Grabe trauerte. Dann setzten sie sich auf die Bank. Tief unter ihnen lag der Werlsee. Das Wasser ebbte leise. Die Sonne verzauberte es zu fließendem Gold. Sie schwiegen lange. Susanne hatte den einen Arm auf den Rücken der Bank gelegt, stützte den Kopf in die Hand und sah hinaus in das flimmernde Licht Ganz leise sprach sie: »Ich kann mir nichts Schöneres denken, ah diese Seen. Ich bin nie weit hinausgekommen. Hab' auch kein Verlangen danach. Nicht nach den Bergen, nicht nach der See. Soweit meine Sehnsucht auch trägt, landschaftlich ruht sie immer an diesen vertrauten Ufern.« Er betrachtete sie stumm. Die langsam sinkende Sonne entzündete kleine weiße Lichter in ihren Augen. Nach einer Pause bat er: »Erzählen Sie mir ein wenig von sich. Ich weiß nichts von Ihrem Leben.« »Viel ist es nicht«, meinte sie mit einem kindlich-wehmütigen Lächeln. »Das Leben eines jungen Mädchens aus dem Mittelstande. Vater ist lange tot. Mir hat er nie gelebt. Ich wohne bei meiner Mutter. Ich bin ihre ›Einzige‹. Das ist fast alles, was es zu berichten gibt. Wie ich lebe, wissen Sie ja. Ich liebe meine Mutter als meine Freundin. Sie läßt mir volle Freiheit. Sie weiß, daß ich heute mit Ihnen bin. Sie hat unbegrenztes Vertrauen zu mir. Ich glaube auch, sie darf es haben. Und sonst? Ja, manchmal packt mich eine Scham, daß ich so herumgehe und nichts arbeite. Eine Zeitlang war ich auch im Fröbelhaus und wollte Kindergärtnerin werden. Ich war heilfroh, als ich mit Ehren aufhören konnte, da man fand, daß ich bleichsüchtig sei. Ich glaube nicht recht an die Bleichsucht. Es gefiel mir einfach nicht. Am wohlsten ist mir, wenn ich ein gutes Buch habe und träumen kann. Dann baue ich mir mein Leben. Und weiß im innersten Gemüt, daß es so kommen wird.« Das sagte sie mit solch kindlich-trauter Zuversicht, daß er am liebsten ihre Hände genommen und sacht gestreichelt hätte. Er fürchtete aber, ihre liebliche Unbefangenheit zu verscheuchen. So sagte er innig und es war doch wie eine Liebkosung: »Ja – Ihnen muß es kommen. Sie sind eine köstliche Schale, in die das Leben all sein Glück ergießen will.« Sie lächelte ihn traulich an. »Wie gut Sie sind! Am Ende würden sie spöttisch lächeln, wenn Sie wüßten, wie banal im Grunde meine Träume sind. Da ist ein kleines Haus am See – sehen Sie dort unten die Waldlichtung – die eignet sich sehr dafür – und da ist ein Mann – –« Er nickte. »Sie müssen heiraten und Kinder müssen Sie haben. Sie sind der mütterlichste Mensch, der mir begegnet ist.« Da rückte sie im Eifer näher an ihn heran, reckte die kräftigen Arme über ihren Kopf und jubelte: »Ja – Kinder – eine große Schar. Das möchte ich haben. Und mit ihnen mich balgen im Grase und mich mit ihnen jagen und sie alle über mich wegkugeln lassen und unter ihnen sitzen und ihnen Märchen erzählen, und dann müssen sie mich alle angucken mit großen ernsthaften Augen und lachen müssen sie mit mir und weinen mit mir und – und – ihre einzige große dumme kluge Freundin müssen sie haben in mir.« – – Sie schwieg und strich die Haare aus dem Gesicht Er lächelte versunken vor sich hin. Dann fügte sie leise hinzu: »Das sind meine Träume. Und nun wissen Sie alles von meinem Leben.« »Es ist sehr viel Schönes«, sagte er. »Es ist das Leben eines Mädchens, das in der Masse verschwindet«, erklärte sie. »Ein Dutzendleben, das Ihnen sehr gering erscheint. Ich weiß es, wenn Sie natürlich auch jetzt verneinen. Ich kenne Sie schon ganz gut. Sie wollen sehr weit hinaus. Das sollen Sie auch. Sie sind ein Mann und einer, der viel kann. Ich weiß, Sie werden eine große Karriere machen und was erreichen.« »Vielleicht«, sagte er und ward ganz ernst. »Ich habe zwei Leben, liebes Fräulein. Eins draußen – – und eins – ja – das draußen in meiner Arbeit, das ist schön. Ich arbeite jetzt mit an der Reform des Strafprozesses. Es ist ein stolzer Gedanke, an der Gesetzgebung eines großen Volkes mitzutun. Auch meine wissenschaftliche Arbeit ist – sehr – – schön. Mein ganzes Leben hängt daran. Und doch – glücklich –? Ach, liebes Fräulein! Auch Männer haben, wie wir gestern feststellten, so ihre Träume. Aber da ist oft so viel – – viel Enge ist bei mir zu Haus. Es – – reden wir nicht davon. Sehen Sie lieber auf den See hinab. Die Sonne ist schon fast fort. Schauen Sie dort die glänzenden Silberflächen. Das sind die Fittiche der Nacht.« Sie blickten hinab. »Es ist so schön, zu schweigen«, sagte sie, unwillkürlich flüsternd, »manchmal denke ich, wir sind noch in einem Übergangsstadium. Der Ochs und der Hottentotte brüllen. Wir reden. In tausend Jahren wird man schweigen und sich ohne Worte verstehen.« Er lächelte und nickte. Der See unten dehnte sich immer ferner in die Dämmerung. Er war jetzt ganz bleifarben. Und die Stille wuchs. Plötzlich zitterte der hohe Harfenton der Heimchenserenade durch den lauen Abend. Drüben im Dorf klagte eine Harmonika: »O du Jugendzeit – schöne Jugendzeit. –« Sie lächelten einander verständnisinnig zu. Und Hoff sagte leise: »Wie schön das ist! Läsen wir das in einem Roman, würden wir das Buch hinlegen und spöttisch den Mund verziehen und sagen ›Pfui – wie limonadenhaft‹ Im Leben – hier oben über dem Leben – ist es so zart.« So saßen sie lange, und die Nacht hüllte sie ein, weich und traut. Endlich erhob sie sich. »Wir müssen gehen«, sagte sie und ihre Stimme klang rauh von der tiefen Gemütsbewegung, »es wird spät.« 6. Als Hoff sich vor der Wohnung in der Neuen Winterfeldstraße von Susanne Neubert verabschiedet hatte, schritt er tiefer hinein in das Häusergewirr des Bayrischen Viertels. Er mußte noch wandern und den Abend, diesen Heiligen. Abend seines Lebens, in sich nachklingen lassen. Er wandelte langsam durch diese einsamen, sauberen, gradlinigen Straßen. Die Bogenlampen übertünchten die hohen Häuserfronten mit bleichem, bläulichem Schmelz. Wie Riesenkulissen ragten sie starr und gespenstig hinein in den violetten Nachthimmel. Die Wände dieser engen Steintäler hallten seinen Schritt blank metallisch wider. Sein Schatten hastete fliehend an ihm vorbei, wenn er den Lichtschein der elektrischen Lampen durchmaß. Und seine Gedanken hasteten wie sein Schatten, Er sah sie wieder oben neben der Kirche stehen, das Haupt gebeugt – die Stirn von Andacht umsponnen, wie von einer Priesterbinde. Und dann dachte er daran, wie fröhlich sie auf der Hinfahrt war. Er grübelte über ihre sinnige Schönheit. Was war eigentlich an ihr, das ihn so entzückte? Die Gesichtszüge? Ja, rein und liebreizend waren die. Besonders das allerliebst gebogene Näschen. Und dann die Augen, die ewig wandelbaren. Wie ein klarer Gebirgssee hatten sie ihre Färbung und ihre Stimmung. Durchsichtig bis auf den Grund, ganz lichtblau lachten sie jetzt, und gleich darauf stieg es mystisch aus den liefen auf, und warme dunkle. Bläue träumte über den Wassern. »Aber«, grübelte Hoff, »das alles ist es nicht . Ihre wahre Schönheit liegt tief in Schächten geborgen, Sie hat ein – offenes Gesicht – und man blickt hinein in die reiche Schönheit ihres Gemütes. Die leuchtet in ihren Zügen. Wie die bunten Wände einer Laterne erglühen von dem Licht in Ihrem Innern.« Plötzlich blieb er stehen. Ein junges Ehepaar ging vorbei, öffnete wenige Schritte von ihm ein Gartentor und erschloß unter allerhand zärtlichem Geflüster die Haustür. Beim Schein des gelblich glühenden elektrischen Lichtes sah Hoff sie eng aneindergeschmiegt die Treppen emporsteigen. Da ging er eine Weile vornübergebeugt dahin und dachte gar nichts. Ein kalter Schmerz stach in der Brust. Ja, was scherte ihn ihre Schönheit! Was kümmerte ihn ihre Sehnsucht nach Kindern und Heim! Sein Lebenspfad hatte andere Richtung. Ganz andere. Jäh richtete er sich zu seiner strammen Höhe auf, ballte die Faust um den Spazierstock und bearbeitete das Pflaster, daß es klirrte. Ja, sein Weg ging in anderer Richtung. Und er würde ihn gehen, stark und mannhaft und pflichtbewußt. Er würde tun, was ihm zu tun blieb. Basta. Fort mit allen Träumen, Sein Weg war ihm von der Pflicht vorgezeichnet. Er würde ihn wandeln. Ja. Und nicht läppisch mit dem Schicksal spielen. Das hatte keinen Sinn. Klarheit sollte sein. Er wollte ihr schreiben, das war das Vernünftigste, Ihr klipp und klar darlegen, wie seine Verhältnisse lagen. Daß es das beste für beide sei, sich zu trennen, trennen, jetzt auf der Höhe. Jetzt voneinander zu gehen, da sie zurückblicken konnten auf den Hügel am Werlsee, auf dem sie beide standen, geweiht von der Allmacht. Ja, – er wollte ihr schreiben. Energisch machte er kehrt und ging in der Richtung auf den Nollendorfplatz zu. Ja, aber – verzögerte er den entschlossenen Schritt – lag denn zu solchem Zerreißen irgendein Grund vor? Machte er sich mit diesem schicksalspielenden Gewaltstreich nicht lächerlich? Von Liebe war bei ihr doch keine Rede. Also auch nicht von Gefährdung seiner Pflicht. Sie würde den Brief lesen, den Kopf schütteln und ihn für sehr töricht halten. Nein, sie liebte ihn nicht und dachte nicht an Heirat. Sicher nicht. Sie verstellte sich nicht. Das war nicht ihre Natur. Einen Kameraden suchte sie und den sah sie in ihm. Und weiter nichts. Und auf einmal tat es ihm sehr weh, daß sie einen älteren Bruder in ihm finden wollte. Ja, gleich, als sie das auf der Höhe am See sagte, hatte es ihm – halb im Unbewußtsein – einen schmerzenden Stoß versetzt. Nein, sie liebte ihn nicht. Und würde ihn nicht lieben. Er war ein Tor und seine Eigenliebe sah Gespenster. Von Kindern hatte sie gesprochen, ja. Aber von dem Mann, den sie sich erträumte, sprach sie kein Wort. Nein, er glich dem Traumbild nicht. Trotz seiner Trauer fühlte er sich befreit und entlastet. Es war gut so, wie es war. Entscheidungen brauchten nicht getroffen zu werden. Es ging alles weiter seine Bahn. Kameraden waren sie und damit gut. Geschwisterlich würden sie den Sommer durchwandern – in Schönheit und im Licht – und wenn der Herbst kam und die Blätter fielen, dann starb auch – nein, warum denn sterben? Es war ja alles so klar. Er tat seine Pflicht, lernte Esther Honnigmann kennen – am Ende wurden die beiden Frauen auch gute Freundinnen – ach, es war ja alles so einfach und sonnenklar, wenn man es nur richtig betrachtete. So klar war alles! Erleichtert und energisch schloß er die Haustür auf. Durch den Spalt der Tür drang ein matter Lichtschimmer aus dem Wohnzimmer. Er trat ein. Die drei Frauen nähten am Fenstertisch beim Scheine einer kleinen Lampe. »Ihr arbeitet noch?« sagte er, »es ist gleich eins.« »Wir hören nun bald auf«, tröstete die Mutter und blickte zu dem Sohne empor. Das gelbe Licht fiel von unten auf ihr Gesicht. Da sah Hoff zum ersten Male, wie die Haut welk über den Backenknochen hing, wie eingefallen ihre Wangen waren. Er blickte auf die Schwestern nieder. Lisbeth beugte ihre Augen, die von der Arbeit gelitten hatten, dicht auf das Weißzeug herab. Doch Hoff sah, daß ihre feine gerade Nase spitz war und bläulich, und daß tiefe schwarze Halbkreise die Augen umdüsterten. Auch Herta war bleich und übermüdet. »Ihr müßt wirklich aufhören«, mahnte er besorgt. Aus dem Dunkel jenseits des kargen Lichtscheines tauchte vor ihm Susannes Gesicht auf in seiner weichen Frische, mit dem duftigen rosa Hauch, den die Frühlingsluft auf ihre Wangen wehte. Und plötzlich erstand in ihm eine Ahnung ihr entgegenstrotzender Feindseligkeit und ein Gefühl des Zusammenhaltens und Zusammengehörens mit diesen drei bleichen Frauen. Es legte sich ihm peinigend auf die Brust, daß er mit ihr draußen in Licht und Lenz einhergelaufen war, während sie hier saßen und um das tägliche Brot sich mühten. Einem jähen Triebe folgend, nahm er einen Stuhl und setzte sich dicht neben Herta. Er legte den Arm um ihre Schulter und fragte leise: »Na, was macht meine Freundin Esther Honigmann?« Ruckartig hoben die Mutter und Herta den Kopf. Ein heimlicher Blick des Einverständnisses wanderte von Frau Hoff zu Lisbeth hinüber. Der lachte: »Siehst du, da kommt er, der liebe gute Kerl. Ich kenne ihn doch.« Herta aber ließ die Leinwand einen Augenblick in den Schoß sinken und antwortete: »Gut steht's. Sehr gut. Ich war fast den ganzen Nachmittag mit ihr zusammen. Deswegen müssen wir ja alle hier Nachtstunden machen. Aber« – sie nahm das Zeug wieder hoch – »das tut nichts. Denn jetzt, Ewald, wird es bald tagen.« »Herta ist ganz begeistert«, fügte die Mutter ein. »Das ist sie oft und leicht«, lächelte Hoff. »Aber diesmal!« rief Herta – »Na wir werden ja sehen, wie ein gewisser skeptischer Herr in die Luft geht, wenn er sie sieht. Da werden wir lachen, mein Verehrtester. Und wer zuletzt lacht – nicht wahr?« Sie fädelte einen neuen Faden ein und hielt die Nadel gegen die Lampe. »Wo bist du mit ihr zusammen gewesen?« fragte er teilnahmsvoll. »Ausgefahren sind wir. Hatte mich zu 'ner Autofahrt eingeladen. Ihre Mutter war auch dabei und eine jüngere Schwester. Auch ein reizendes Geschöpf. Ich wünschte, wir hätten mehrere Minister.« Lisbeth hob den Kopf und lächelte sanft. »Du, und die Mutter ist nett!« fuhr Herta emsig fort. »So schlicht und einfach. Kein bißchen protzig und so. Aber solche Leute haben natürlich Augen. Hab' wohl gesehen, wie sie meine Toilette beäugt hat. Na, sie war befriedigt. Konnte auch sein. Ich hatte mein helles Blaues an. Wenn die gute Kommerzienrätin ahnte, daß wir das hier zusammengestoppelt haben. Halt mal, Ewald!« Sie reichte ihm ein Stück Leinen. »Stramm ziehen!« Und ritsch fuhr die Schere hindurch. »Und Esther – so fein ist die. Und bescheiden und klug. Ich habe natürlich keinen Ton von dir gesagt. Glaube, dann würde sie nie zu uns kommen. So ist die. Ich sag dir, du wirst dich gut mit ihr betten, obwohl man das wohl von 'ner Braut nicht gerade sagen soll.« Sie lachten, und Hoff forschte: »Wie sieht sie denn eigentlich aus?« »Brünett – du bist doch für das Dunkle. Solch feines blasses Gesicht. Und große Mandelaugen. Und 'ne schlanke hohe Figur – wie Lisbeth etwa. Als ob sie für dich modelliert wäre. Und du wirst ihr sicher auch gefallen. Wir waren in Hundekehle auf der Terrasse. Am Nebentisch saßen so 'n paar Schauspieler und Assessoren. Weißt du, Klebescheitel und so. Auf die sagte sie: ›Ekelhafte Kerle‹. Sie hat übrigens eine prachtvolle tiefe Stimme. Da sagte ich: ›Das Gelichter kann ich auch nicht verkaufen. Ich möchte einen gescheiten Mann, dem die Intelligenz ans den Augen sprüht.‹ – Da wurde sie ganz lebendig und rief: ›Ich auch. Innig muß er sein und stolz muß ich auf ihn sein können. Was er sonst ist, ist mir gleich‹. Aber die Mutter meinte: ›Nun, etwas sein muß er wohl auch.‹ Da hat es mir auf der Zunge gebrannt zu sagen: Vielleicht Assessor im Ministerium mit 'ner großen Karriere, Aber ich hab's verbissen, wenn's auch schwer war.« »Das glaub ich«, lachte Hoff und stand auf. »Da werde ich auch noch ein bißchen schaffen«. Wo alles wacht, will ich allein nicht schlafen.« »Geh du nur schlafen, Ewald«, mahnte die Mutter. »Du bist den ganzen Nachmittag herumgelaufen und hast über deine Hexen nachgegrübelt. Und morgen brauchst du deine Kräfte im Ministerium.« »Hast du denn schon was zum Abend gegessen?« erkundigte sich Lisbeth besorgt. »Ja – danke«, sagte er und stand unschlüssig. »Zu Bett – zu Bett«, ermunterte auch Herta, »Wir brauchen einen blühenden Eheaspiranten, Dalli!« Da wünschte er gute Nacht und ging in sein Zimmer. Und erst später bereitete Lisbeth sich ihr Lager auf dem Sofa im Wohnzimmer. Die Mutter schlief mit Herta in der winzigen Stube dahinter. 7. Das Frühlingswetter hielt an. An jedem Tage trafen sie sich und flogen ins Freie. Eines Nachmittags fuhren sie nach Schlachtensee, ließen sich von der Fähre nach dem Forsthaus übersetzen und wanderten dann durch den Laubwald auf das »Große Fenster« zu. Die Bäume prahlten zärtlich mit ihrem jungen Blätterbehang, der Waldboden atmete würzig. »Acht Tage«, sagte Susanne, »sind es heut, daß wir uns auf der Chaussee begegneten. Eine Woche erst. Er scheint mir wie Monate – ja Jahre. So viel Schönes liegt in dieser Zeit. Wir waren auch gleich so gut Freund.« Er nickte. »Vom ersten Begegnen an.« »Ich habe oft darüber gesonnen«, hing sie ihren Gedanken nach, »wie es wohl kam. Ich bin sonst so scheu. Es ist mir, als wären wir uns nie recht fremd gewesen. Sie sprachen gleich so vertraut zu mir. Und ich fand es selbstverständlich und ging ohne Überlegung, ohne Staunen auf Ihren Ton ein. Wie mag das nur gekommen sein?« »Ich glaube daher , daß alle – Zuneigung – alle Sympathie stofflich ist. Ich will mich gleich verständlicher ausdrücken. Ich glaube fest daran, daß Sympathie oder Liebe – was liegt am Namen? – eine Kraft ist wie Magnetismus, irgend solche noch unbekannte strahlende Kräfte. Vielleicht positive und negative wie Elektrizität. Und wo diese sich begegnen, ziehen sie sich an. Ich meine das nicht etwa symbolisch. Ich denke an eine ganz bestimmte Energie, die unsere Körper ausstrahlen. Daher ist ›Liebe auf den ersten Blick‹ gar nicht solcher Unsinn. Ich für meinen Teil weiß bestimmt, daß ich sofort empfinde, wer mir sympathisch ist, mit wem ich seelische Berührungspunkte finden werde und mit wem nicht.« »Ich verstehe Sie genau«, erwiderte sie nach einigem Sinnen, »vielleicht haben Sie recht. Aber schön finde ich Ihre Hypothese nicht. Liebe – oder Sympathie oder Freundschaft ist doch etwas rein Geistiges, etwas Seelisches. Ich kann mir nicht denken, daß das nichts weiter sein soll als eine Art Magnetismus, unabhängig von unserem Willen.« »Ich denke, es ist doch so. Es gibt – von meinem männlichen Standpunkt aus gesprochen – Frauen und Mädchen, gegen die theoretisch nichts einzuwenden ist. Sie sind schön, edel, geistig hochstehend – und doch lassen sie uns ganz kalt. Sie bleiben uns gleichgültig. Und wieder andere, die ihnen nicht das Wasser reichen – –« »Das eben ist die Liebe«, fuhr sie heiter dazwischen, »die große, wundervolle, törichte Liebe, die kein Gesetz kennt und keine Vernunft und keine Gründe. Nein, an ihre dumme tote Kraft glaube ich nicht. Ich glaube an mein weißes Märchen von der Liebe.« Der Wald lichtete sich, Sie traten heraus auf einen freien Platz und blickten durch dieses »Große Fenster« der Natur hinaus auf eine ihrer schönsten Offenbarungen. Tief unten lag der Wannsee, der sich fern am Horizont in goldenen Nebeln verlor. »Hier wollen wir bleiben«, entschied sie. »Wenn es auch noch ein bißchen feucht ist. Wir setzen uns ruhig hin.« Als sie auf dem Waldboden saßen, sagte sie: »So. Und nun erzählen Sie mir von den Hexen. Ich habe den ersten Band noch einmal gelesen. Ganz anders als damals, da ich Sie noch nicht kannte. Es hat jetzt jedes Wort beredt zu mir gesprochen. Zuweilen war es, als hörte ich Ihre Stimme. So stolz bin ich auf Sie. Aber nun will ich auch an Ihrer Arbeit teilnehmen. Darauf habe ich Anspruch als Ihr Kamerad. Wie weit ist der zweite Band?« »Ich habe in den letzten Tagen nichts gearbeitet«, gestand er kleinlaut. »Das tut mir sehr weh«, trauerte sie, »wenn ich daran schuld bin.« Er schüttelte den Kopf. »Sie?! Ach, Sie Liebe! Nein – nicht Sie. Da ist – –« Und plötzlich wußte er, er müßte ihr alles sagen, alles. Endlich sich ihr einmal aussprechen. Damit sie wüßte, worunter er leide, damit sie ihn endlich richtig beurteilen könne. »Ich will Ihnen sagen, was es ist. Sie kennen mein Leben nicht. Ich – –« Er stockte und blickte auf den See. Ein Dampfer schleppte dort vier, große Frachtkähne, still und stetig. Er fühlte, er konnte die Worte nicht finden. Es war so schwer und unmöglich, ihr zu sagen: »Wir sind arme Leute zu Hause, und alles harrt und bangt darauf, daß ich ein reiches Mädchen heirate.« Nein, das war so häßlich, daß er es nie über seine Lippen bringen würde. Statt dessen sagte er: »Wie klein der Schlepper dort unten aussieht, wie ein Spielzeug der großen Natur. Mir ist, als wären auch wir solche winzige Kleinigkeiten, die die Natur an ihr großes Herz zieht und besänftigt: ›Seid gut, seid still. Kämpft nicht so bang. Ihr Menschlein, kämpft nicht euern großen Kampf, der im Grunde so lächerlich klein ist. Kommt her zu mir, und tragt es und laßt es gehen. Es ist ja doch alles so klein und irdisch. Und die Ruhe kommt bald‹.« »Ich verstehe Sie nicht recht«, sagte sie erstaunt. »Aber etwas höre ich aus allem heraus, wenn Sie von sich sprechen: Unsicherheit und – verzeihen Sie, aber es ist so: Schwäche.« Er zuckte zusammen. Sie aber sprach mutig weiter: »Ich wollte darüber schon immer mit Ihnen reden, weil ich sehe, daß Sie leiden. Ich habe die Pflicht dazu, als Ihre Freundin. Wie Ihr Privatleben ist, weiß ich nicht. Aber sei es doch, wie es sei: ein junger starker Mensch wie Sie muß es doch ins Lot bringen können. Mit Ihren zwei kräftigen Armen sollten Sie das nicht einrenken können! Das wäre schön! Eines ist mir klar geworden in diesen Tagen: Ihnen fehlt Energie. Jawohl, wenn Sie auch düster dreinblicken. In Ihrem Buch – da ist alles stark, graniten, ehern. So sind Sie in Ihrer Kunst. In Ihrem Leben sind Sie ein lieber schwacher Mensch. Ja, jetzt bekommen Sie es zu hören. Sie stammeln und jammern, aber Sie packen Ihr Leben nicht mit beiden Fäusten und zwingen es nieder. Sie sagen, Sie sind dreihundert Jahre zu spät geboren, das ist nichts als Sehnsucht als Traum, weil Sie im Innersten fühlen, daß Sie im Leben alles sind, nur kein Tatenmensch. Und darum ist es meine heilige Pflicht, Sie aufzurütteln ohne Zimperlichkeit, Ihnen zuzurufen: ›Auf, auf, junger Mann, der Sie sind! Packen Sie Ihr Leben mit starker Faust und zwingen Sie es, bilden Sie es so groß und festgefügt, wie Sie Ihre mittelalterliche Welt geschaffen haben!‹« Sie schwieg und strich die Haare aus der Stirn. Ihr Gesicht war erhitzt von dem Eifer. Er starrte vor sich hin. Da legte sie die Hand auf seinen Arm. »Sie sind mir nicht böse, nicht wahr?« bat sie zart. Er schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Sie haben ja recht. So recht. Ich bin schwach. Ich fühle das Verwerfliche meiner Pläne und habe nicht die Kraft, den Weg zu gehen, der allein ehrenhaft und männlich ist. Aber – aber.« Und plötzlich schnellte er auf und reckte den rechten Arm zum Himmel: »Ich sehe den Weg«, rief er – »ich sehe ihn und –« Er blickte hinüber nach dem anderen Ufer. Dort stand die Sonne als Fensterscheibe und sank langsam in den Wald hinein. Auch Susanne erhob sich und sah stumm bewegt hinüber. Da legte er seinen Arm zag um ihren Leib. »Ja«, sagte er leise, »du hast recht. Die Natur ist so groß und rein. Wir gehören hinein und wollen uns nicht beschämen lassen. Ehrlich und stark wollen wir sein. Ich will nicht Versteck spielen und nicht heucheln in kleinlichen Bedenken. Ich will dir sagen, daß ich dich liebe, stark und innig liebe.« Kein Nerv an ihr zuckte. Sie starrte hinüber, wo jetzt der letzte Schimmer erlosch. Ihr Gesicht war bleich und verklärt Dann tastete sie nach seiner Hand und koste sie. »Ich kann jetzt nichts sagen«, raunte sie. »Ich weiß nicht, ob ich dich liebe. Ich fühle, wie gut du bist und wie ehrlich. Laß mich jetzt schweigen.« Er stand vor ihr und blickte ihr ins Gesicht, das eine weiche Helle durchleuchtete. Da rauschte die Nacht über ihnen. Ein Schwarm Raben kreisle krächzend zu ihren Häuptern und ließ sich zerflatternd auf dem Baum über ihnen nieder. Fröstelnd fuhr sie auf. »Wir wollen gehen«, flüsterte sie und faßte seinen Arm. Er fühlte, wie sie bebte. Sie hasteten durch den Wald, dem Bahnhof in Nikolasee entgegen. Endlich sagte sie mit einem bleichen Lächeln: »Es ist zu töricht, sich von solch dummen Vögeln die Stimmung verderben zu lassen.« Sie sprachen bis zur Trennung wenig. Als sie ihm die Hand zum Abschied gab, blickte sie ihm warm in die Augen: »Wir wollen uns einige Tage nicht sehen«, bat sie. »Ich will mich finden. Und dir dann schreiben. Gute Nacht, du Lieber. Ich werde die Stunde dort draußen nie vergessen.« Dann ging sie ins Haus, gebeugten Hauptes, ohne sich umzublicken. 8. Am nächsten Morgen erwachte Hoff mit einem peinigenden Gefühl. Er fühlte es gleich, als er die Augen aufschlug. Weit stieß er die Fenster auf und blickte in den graublauen Frühhimmel. Dann wandte er sich ab und kleidete sich mißmutig an. Ja, wie war er bloß dazu gekommen! Sich hinstellen und seine Liebe zu proklamieren. Freilich, die Stimmung bei diesem Sonnenuntergang und vorher ihre Bußpredigt! Solch ein Unsinn! Sie hatte gut reden von Energielosigkeit und Schlappheit! Wie solch junges Ding sich das Leben denkt. Als ob da nichts wäre als Gradheit und Blick-immer-voraus! Keine Ahnung hatte sie von dem, was Mannespflicht sein konnte. Er trampelte wütend auf, nachdem er sich die Stiefel angezogen hatte. Und nun stand sie da und redete sich am Ende ein, er habe ihr einen Heiratsantrag gemacht. Und habe Rechte an ihn. Rechte! Woher Rechte? Welche Rechte? Sie hatte einfach die ganze Lage verschoben, das war's. Rechte? Lächerlich. Etwa weil sie ihm eines Tages auf der Landstraße begegnet war und ihn gebeten hatte, voranzugehen, weil es sie nervös mache, wenn er hinter ihr herging. Deshalb Rechte? Wahnsinn! Er ärgerte sich mit dem Kragen herum. Der Knopf wollte und wollte trotz allen Zerrens nicht in die Öse. Rechte hatten die drei Frauen, die nebenan schon wieder bei der Arbeit saßen. Die hatten Rechte an ihn, durch Entbehrung und Aufopferung erworbene Rechte. Aber sie? Etwa weil sie schon war? Gewiß, sie würde sich auf das Recht der Liebe berufen. Verdammt, wo war wieder die Krawatte? Er warf alles wütend durcheinander, bis er endlich entdeckte, daß sie friedlich auf dem Nachttisch lag. Liebe! Liebte sie ihn denn? Was hatte sie gesagt? Sie wisse es nicht, sie müsse sich Klarheit verschaffen. Hoffs gekränkte Eitelkeit lachte bitter auf. Gott, war er ein Narr! Lief dem Mädel nach, trat seine heiligsten Pflichten mit Füßen, bloß weil er sie liebte. Und sie sagte ihm kaltblütig ins Gesicht, sie wisse nicht, ob sie ihn liebe. Jetzt fuhr er in den Rock, und nun wußte er endgültig, daß die ganze Geschichte ein Narrenstück war. Er hatte alles opfern wollen und sich dabei höchst lächerlich gemacht. Es war noch ein Segen, daß sie ihm nicht gleich um den Hals gefallen war und etwas von ewiger Liebe gestammelt hatte. Dann säße er jetzt da. Nun hatte auch er Bedenkzeit. Ja, er auch, nicht bloß sie. Und nun wollte er sich hübsch »finden und Klarheit schaffen«. Und an Energie sollte es ihm wahrlich nicht mehr fehlen. So dachte Hoff. Aber die quälende Stimmung verließ ihn auch während seiner Arbeit im Ministerium nicht. Auf dem Heimwege trieb ihn die Furcht, jetzt würde ein Brief von ihr da sein, zu weiten Umwegen. Sie würde ihm schreiben, sie habe sich nun gefunden und liebe ihn und die Ewigkeit liege hell und rosenrot vor ihnen. Na, und was solch ein junges Mädchen dem Geliebten sonst noch alles vorgirrt. Doch ein Brief war nicht da. Als sie gerade zu Tisch gingen, klingelte es. Hoff eilte zur Tür. Aber auch jetzt war es nicht der Briefträger, sondern die kleine Emily »unten vom Bäcker«, an den die Hoffs ihren Bekannten telephonische Bestellungen geben ließen. Emily war ein herziges braunes Mädelchen, mit ihren drei Jahren so gescheit, wie es nur Kinder armer Leute sind, die ihre kleinen Wege schon allein durchs Leben finden müssen. Sie blickte mit wundervoll schwarzen Augen zu Hoff hinauf und sagte mit klarer Stimme: »Ich soll Fräulein Herta Holl was bestellen.« »So«, lachte Hoff, »was ist es denn?« Die Kleine aber schüttelte den Lockenkopf, »Fräulein Herta Hoff«, sagte sie mit Betonung. »Na, dann komm mal rein«, lachte Hoff und schob das Kind in das Wohnzimmer. »Die kleine Dame hat dir was zu bestellen, Herta.« »Was ist es denn, Emilychen?« fragte Herta. Da stellte das Kind sich stramm hin und schmetterte heraus: »Fräulein Honigmann läßt schön grüßen und sie kommt heute nachmittag Fräulein Herta Hoff besuchen.« Das kam so urdrollig heraus, daß sie alle herzhaft lachten. Die Kleine blickte erstaunt auf Herta und verzog das Mündchen. Da lief Herta auf sie zu und lachte: »Fein hast du das bestellt, Emily. Wie ein ganz großes Mädchen. Und die lachen auch nur, weil du es so hübsch gemacht hast. Und hier hast du zehn Pfennig, dafür kaufst du dir Fruchtbonbons bei Kepernickens. Und nun dank ich dir auch schön.« Damit legte sie das Geld in die dargebotene braune Patsche. Als das Kind die Treppe hinabtrippelte, zwei Tritt zu jeder Stufe, rief Herta ihm noch nach »Emily, hör mal, Martha möchte nachher mal raufkommen.« Dann kam sie ins Zimmer zurück und setzte sich mit den anderen zu Tisch. Zuerst waren sie alle ganz still. Keiner traute sich recht, etwas zu sagen. Endlich platzte Herta mit dem erlösenden Wort heraus. »Na – – also!« rief sie. Da lächelte alles. Und Hoff sagte: »Nun fährst du als Triumphator einher mit sechs weißen Rossen.« »Stimmt. Und hinterher schleppte man immer in Banden und Fesseln allerhand Gefangene. War's nicht so? Ach, wie bald wirst du in Banden der Liebe und von Esther gefesselt meinem Triumphwagen folgen.« »Das Bild ist ein bißchen schief«, wollte er necken. Die Mutter aber unterbrach besorgt: »Wie machen wir es nur?« »Ich habe Emily schon gesagt, sie soll Martha raufschicken«, beruhigte Herta. Martha war die Tochter der Grünkramhändlerin unten im Keller, eine blitzsaubere, hübsche Person, die sich bei festlichen Gelegenheiten gern für einen Taler von den Hoffs als Vorspiegelung falscher Tatsachen dingen ließ. »Ja, ich meine mit Ewald«, erklärte die Mutter. »Ewald?« überlegte Herta. »Hm, sie hat keine Ahnung, daß hier so etwas wie ein Minister residiert. Aber sehen müssen sie sich natürlich. Das ist gerade der Zweck der Übung. Ich denke, Ewald kommt zum Kaffee herein und schützt nachher Arbeit vor oder 'ne Verabredung oder so was. Damit sie sieht, er ist nicht auf sie versessen. Denn nur ja nichts merken lassen. Sonst schwenkt sie sofort ab, so wie die ist.« »An dir ist ein Zeremonienmeister verloren gegangen«, scherzte Ewald. »Wieso verloren? Bei solchen wählerischen Prinzen, wie du bist, komme ich doch sehr zur Ausübung.« – – Und wie Herta gesagt hatte, so geschah es. So geschah es überhaupt immer. Als Fräulein Honigmann gegen halb fünf Uhr klingelte, öffnete ihr ein sehr hübsches Stubenmädchen in schwarzem Kleid, weißer Schürze und weißem Spitzenhäubchen die Tür. Und dann wurde sie in ein kleines, sehr trauliches Wohnzimmer geführt, wo alles guten Geschmack und eine gewisse wohlhabende Behaglichkeit verriet. Und da war ihre Freundin Herta, strahlend vor Jugend und Übermut wie immer, und Frau Hoff war da in einem schwarzen Taffetkleide, und die feine stille Schwester Lisbeth, die sie auch noch nicht kannte. Und man plauderte über dies und jenes und fühlte sich sehr mollig. Und der Kaffeetisch war bereits gedeckt mit feinem schneeigen Linnen und vornehmem Meißner Porzellan. Und als das Stubenmädchen den Kaffee und die Schokolade aufgetragen hatte, befahl Herta großmächtig: »Bitten Sie den Herrn Assessor zum Kaffee. Er ist in seinem Zimmer.« Und Martha ging mit ernstem Gesicht und bat den Herrn Assessor zum Kaffee. Und es dauerte gar nicht lange, und Esther Honigmann hatte ihre stille Verwunderung über diesen jähen Assessor noch nicht recht überwunden, da öffnete sich die Tür und ein hochgewachsener, hübscher Herr trat herein und wurde als Bruder vorgestellt. Jetzt hätte sich doch eine sekundenlange allgemeine Verlegenheit auf die Tafelrunde niedergesenkt, wenn Herta nicht den aufhorchenden Anverwandten mitgeteilt hätte, auf wie seltsame Art sie ihre ehemalige Schulfreundin Esther wiedergefunden hatte. Eines Tages war sie bei Wertheim vorbeigekommen, und da stand ein Auto. Und da sie eine Vorliebe für Autos hätte, habe sie näher hingesehen, und da – – Sie lauschten alle sehr interessiert. Dann sprach man von Theater und Konzerten, und da kam es zu einem lebhaften Gespräch zwischen Fräulein Honigmann und Hoff. Bei dem zweiten Satz der fünften Beethovenschen Sinfonie begegneten sie sich, Und schwelgten eine Weile in abgerissenen Gesangsproben und gepfiffenen Takten und allgemeiner Begeisterung. Und wie bei solchen Gelegenheiten Gespräche abreißen und anknüpfen, war man plötzlich mitten drin in einem sensationellen Mordprozeß. Ein junges Mädchen hatte ihren Vater erschlagen, weil er die Mutter oft mißhandelte. Lisbeth sagte schlicht, Mord sei immer etwas so Rohes, Unmenschliches, daß sie nicht begreife, wie ein Mädchen eine solche Tat mit Überlegung ausführen könne. Herta meinte, es komme darauf an. Esther Honigmann aber sprach sehr ernst und überlegt: »Ich glaube, jedes Verbrechen ist begreiflich. Kein Mensch frevelt zu seinem Vergnügen. Es muß psychologisch zu verstehen sein. Und diese junge Gertrud Heim. Ich finde, sie ist eine tragische Heldin. Aus Liebe zur Mutter den Vater ermorden! In ihr muß ein ganz großes Weib begraben liegen.« Ihre schwarzen Augen strahlten silbern vor Begeisterung. »Ich bin bei den Verhandlungen gewesen«, sagte Hoff. »Die Angeklagte macht in der Tat den Eindruck einer – Heldin, die sich – verirrt hat.« »Meinen Sie, daß sie verurteilt werden wird?« fragte Esther eifrig. »Ohne Zweifel.« »Zum Tode?« »Da Mord vorliegt – gibt es keine andere Strafe.« »Das ist furchtbar«, rief Esther erregt »Nennen Sie das Gerechtigkeit?« Hier spielte Herta einen kleinen Trumpf aus. »Da bist du gerade an die richtige Adresse gekommen, Esther. Ewald wird in Zukunft für die in Deutschland waltende Gerechtigkeit ein wenig mitverantwortlich sein. Er ist nämlich im Ministerium und arbeitet mit an der Reform des Strafprozesses.« »Ah!« rief Esther interessiert. »Ja«, lächelte Frau Hoff, »mein Sohn ist ja auch in solchen Fragen eine gewisse Autorität.« »Na, na, Mama«, beschwichtigte Hoff. Fräulein Honigmann blickte fragend umher. »Er schreibt ein Werk über die Geschichte der Strafrechts«, erklärte Lisbeth. »Und darauf hin ist er auch ins Ministerium berufen worden. Der erste Band ist nämlich schon raus«, fügte Herta bei. »So – nun weißt du genau Bescheid über unsere Berühmtheit.« Hoff lächelte verlegen. »Es ist nicht so schlimm. Mutter und Schwestern natürlich – –« »Oh«, sagte Esther, »wenn Sie bei Ihrer Jugend ins Ministerium berufen sind und an dem neuen Gesetz mitarbeiten, das spricht doch deutlich. Dann sind Sie wirklich die richtige Adresse. Ich interessiere mich brennend für kriminelle Fragen. Sie hängen so eng zusammen mit meiner Tätigkeit im Verein zur Besserung gefallener Mädchen Daher ...« »Ach – so«, begriff Hoff und sah ihr aufmerksam in das intelligente Gesicht. »Daß Sie dort arbeiten, ist sehr – – gut von Ihnen, gnädiges Fräulein.« »Gut? Nein. Ich halte es für die Pflicht meiner sonst nutzlosen Kräfte, sich zum Wohle der Mitmenschen zu betätigen. Das ist alles.« »Es ist jedenfalls sehr schön«, entschied Frau Hoff und hob die Tafel auf. Programmgemäß entschuldigte Hoff sich jetzt. Er habe leider noch eine einige Arbeit für morgen. Aber als Fräulein Honigmann dann ging, wurde er trotz ihres Protestes noch einmal herbeigerufen. »Ich komme wieder einmal«, sagte sie, »und dann müssen wir ausgiebig über Verbrecherseelen miteinander debattieren. Ich debattiere überhaupt so gern. Da rinnt das Blut so saftig heiß durch die Adern. Adieu, Herr Assessor!« »Adieu, gnädiges Fräulein! Finden Sie sich übrigens hier in der Gegend zurecht?« »Oh – ich nehme einen Taxi.« Aber er brachte sie doch bis zum nächsten Droschkenhalteplatz. Ais er zurückkam, forschten sechs Augen gespannt in seiner Miene. Er nickte. Da faßte ihn Herta an beiden Armen. »Du, nicke nicht so paschahaft. Sag, daß sie reizend ist.« »Klug ist sie«, sagte er, »und sehr angenehm.« »Puh, – wie reserviert! Aber wir kennen dich, du Großmogul! Du warst ganz futsch. Und das Hinabbegleiten. Das redet Bände!« Und als sie wenige Augenblicke später bei der Arbeit saßen und freudig erregt plauderten, lachte Herta plötzlich still auf. »Was ist?« fragte Lisbeth. Aber sie konnte es nicht sagen, denn es waren eigene warme Liebesgedanken. 9. Drei Tage später kam Susanne Neuberts Brief. »Mein Geliebter, Du! Einmal, jetzt in dieser tiefen Mitternachtsstunde, will ich Dir einen der Kosenamen geben, die ich des Nachts jetzt so oft Dir in Gedanken gegeben habe, wenn ich Sehnsucht nach Dir hatte, und ich mein Kopfkissen an mich preßte und bei Dir zu sein glaubte und mir nicht genug tun konnte, Dir die zärtlichsten, weichsten Namen zu geben. Denn heute, in dieser Nacht, will ich so wahr zu Dir sein, wie nur ein Mensch zum anderen sein kann. Nackt und bloß stehe ich vor Dir, ohne Hülle, und mein Herz trage ich in meiner Hand zu Dir, Liebster. Ich möchte heute mit diesem Briefe uns das wiedergeben, was wir an jenem Mittwochabend am ›Großen Fenster‹ gefühlt haben, jenes Reine, Große, Weite, das uns beide – – ja auch mich, an jenem Abend erfüllt hat. Ich möchte, daß Du diesen meinen Brief ganz verstehst, ganz begreifst, warum ich ihn schreiben muß , warum es mich heute Nacht zwingt, zu Dir zu kommen, meinen Kopf an Deine Schulter zu legen und einmal Dir zu sagen: ›Ich habe Dich lieb!‹ Du wirst dann Deine Arme um mich legen, so zart, wie nur Du sein kannst, und dann will ich Dir beichten, daß Du mich ganz begreifen lernst, daß wir beide zusammenfließen in diesem großen seligen Verstehen. Sieh, als wir uns kennenlernten, liebte ich Dich nicht. Ich hatte Interesse an Dir und Deinem Schaffen, ich freute mich so an unserer guten Kameradschaft, auf die ich so stolz war. Und doch, wenn ich jetzt zurückblicke, weiß ich nicht, ob es nur Interesse war. Weißt Du noch, wie ausgelassen heiter ich auf der Fahrt nach Erkner war? Das war vor Freude, daß Du darüber gegrübelt hattest, ob mein Haar blond oder braun ist. Aber ich glaube doch nicht, daß ich Dich damals liebte. Nein, das glaube ich nicht. Dann sagtest Du mir an jenem Abend, als die Sonne unterging, daß Du mich liebst, und sagtest es so gut und innig, daß ich heute nicht daran denken kann, ohne zu weinen. Und Deine Innigkeit, die so scheu und die so groß und stark und rein war, die weckte in mir die Liebe. Unbewußt noch, mehr ahnend, fühlte ich diese große Zärtlichkeit für Dich, doch eigentlich ganz ohne zu wissen, was Du mir gabst und was sich für Dich in mir regte. Und ich bat Dich um Zeit, bat, daß Du mich nicht so bald wiedersehen solltest, weil ich fühlte, daß meine Liebe zu Dir in Einsamkeit aufblühen mußte. Ich habe so richtig empfunden. Seitdem ist das Gefühl in mir entstanden, das mich heute nachts zwingt, Dir zu schreiben, vor dessen Inbrunst Du vielleicht erschrecken würdest. Ich habe mich so sehr nach Dir gesehnt und wollte Dich doch wieder nicht sehen, weil meine Liebe noch so scheu war, daß ich sie Dir nicht hatte zeigen können. Nicht konnte, kannst Du das verstehen? Und darum habe ich gewartet – bis heute nacht. Und habe im Bette liegend an Dich gedacht. Und habe mir immer laut vorgesprochen, was ich Dir sagen muß. Und jetzt sitze ich hier und schreibe es hin bei einer Kerze. Und nun, mein über alles Geliebter, muß ich Dir etwas sagen. Etwas sehr, sehr Wehes. Ich möchte Deinen geliebten Kopf halten und an meine Brust pressen, während ich Dir diesen Schmerz antun muß. Ich habe lange, lange gegrübelt. Es gibt für uns beide drei Wege. Der erste ist der einer Heirat. Aber ich weiß, daß für uns dieser Weg nicht zum Glück führt. Ich will nicht sagen für uns. Ich würde vielleicht glücklich werden. Aber Du nicht und damit natürlich auch ich nicht. Ich ahne, was auf Dir lastet, Du Lieber, wenn Du es mir auch nicht gesagt hast. Frauen sind oft so hellhörig. Und ich bin nur ein armes Kirchenmäuschen, das nichts hat als sein hübsches weißes Fell. Nein, Liebster, es würde nicht gehen. Und dann – Du kannst Dein Buch jetzt nicht schreiben, weil Du den Zwang, der durch mich unbewußt auf Dich ausgeübt wurde, nicht erträgst. Das Verantwortlichkeitsgefühl , das Du bei einer Ehe mit mir drückend empfinden würdest, würde Dich in Deiner Schaffenskraft lahmlegen, besonders wenn materielle Sorgen an Dich herantreten. Du selbst hast mir einmal – in Grünheide war es – gesagt, an Deiner Geschichtsschreibung hängt Dein ganzes Leben. Ich weiß auch, der Beruf geht Dir über alles, wenn Du jetzt auch vielleicht anders denken würdest. Und ich habe Dich viel zu lieb, um mir nicht über alles dies völlig klar zu sein. Der zweite Weg wäre der, daß wir beide uns lieb haben, ohne an eine Zukunft zu denken. Das kann ich nicht. Ich weiß, daß mein Gefühl für Dich nicht mit der Zeit verblassen, sondern immer innerlicher und stärker werden würde. Und ich weiß, daß ich mich Dir hingeben würde, mit allem, was mein ist, weil ich einfach nicht anders könnte, weil ich Dir schenken müßte, was schenkenswert an mir ist. Doch dann würde ich unglücklich werden, denn ich hätte wohl die Größe zu der Tat, nicht aber den Mut dazu, die Folgen auf mich zu nehmen. Ich wüßte, daß ich meine Mutter damit töten würde. Das weiß ich genau. Und deshalb – aber ich schwöre Dir bei allem, was mir hoch und heilig ist, bei meiner Liebe zu Dir schwöre ich Dir; stände ich heute allein im Leben, so käme ich zu Dir und fragte nach nichts, nach nichts als danach, ob Du mich liebst. Und Du weißt, Du, der Du Menschen so lebendig geschaffen hast, daß ich nicht leichtsinnig bin, sondern schweres, bedächtiges Blut habe. Doch ich käme, – heut nachts käme ich. Aber meine Mutter kennt keine Sorge, keine Angst, keine Freude als mich. Und heimlich? – nein, Unwahrheit wirst Du nicht von mir verlangen. Dazu ist unsere Liebe zu hell und zu rein. Und so glaube ich nur an den dritten schweren Weg. Wir wollen uns trennen. Ich kann nicht mehr darüber sagen. Du weißt, was es mich gekostet hat, diese vier kleinen Worte zu schreiben. Und nun weißt Du, weshalb ich heute Abschied nehmen will. Und warum ich das heute nacht tue, weißt Du auch. Auge in Auge würde mir die Kraft fehlen. Und deshalb schreibe ich Dir diesen Brief zum Abschied. Um eins bitte ich Dich: versteh mich ganz. Ich stehe vor Dir in meiner Liebe und meiner armen Ohnmacht. Sei Du stark und hilf mir es tragen. Mach Du mich nicht schwach. Ich flehe Dich an! Und nun komm noch einmal zu mir, leg' Deine Arme ganz leise um mich und küsse mich. Ja – auf den Mund – und die müden, schweren Augen, Und laß mich Deinen geliebten Kopf in meine beiden Hände nehmen und Dich ganz leise auf Deine Stirn küssen als Beschwörung, daß Du später, in einsamen Dämmerstunden, auch einmal an mich denken mußt Das Tiefste, was ich Dir sagen möchte, ist unsagbar. Ich habe Dich lieb. Und jetzt, mein alles, Du, wollen wir uns die Hände geben, hoch oben auf der Höhe über dem wallenden See unserer Liebe – hoch oben, wo die Allmacht atmet. – –« * Da saß Hoff lange Zeit, die losen Blätter in der Hand, und seine Augen schwammen in Tränen. Dann schrieb er: »Geliebte! meine Augen sind feucht. Ich kann nicht schreiben. So kann ich nicht von Dir gehen. Ich erwarte Dich vor der Tür.« Hoff nahm Hut und Mantel und stand, ohne daß er wußte wie er hingekommen war, vor Susannes Haus. Den Zettel schickte er hinauf. Wenige Minuten später kam der kleine Bote mit einem Brief zurück. Sie hatte hastig hingeworfen: »Ich bitte Dich, hilf mir doch, ich kann nicht anders. Du mußt verstehen. Sei lieb, sei lieb. Ich bin ja doch in Deiner Hand. Sei gut, Geliebter. Ich kann doch nicht anders. Geh fort, steh nicht dort unten. Ich kann Dich nicht auf der Straße stehen sehen. Geh, Liebling, und versuche nicht, mich zu treffen. Geh – geh! – Wie unsagbar lieb ich Dich habe, weißt Du. Ich kann nicht mehr.« Er las es und ging immer geradeaus, immer geradeaus. Sein Gesicht war sehr bleich, doch ruhig. Er ging dahin und trällerte und pfiff. Man sah ihm gar nichts an. Nur in den Kniekehlen war er so matt. Und im Hirn war eine hohle Leere. So ging er wohl, eine Stunde, immer geradeaus. Da merkte er, daß er am Tor des Charlottenburger Schloßgartens war. Er ging hinein, tief in den leeren, feuchten Park. Und als er an dem Geländer des Teiches stand und in das trübe gelbe Wasser starrte, beugte er den Kopf tief nieder und versank in weltverlorenes Träumen. 10. Oh, wie er sie haßte! Erwürgen hätte er sie können, erwürgen mit seinen beiden Händen. Grausam, wie nur ein Weib martern kann, peinigte sie ihn. Konnte ein Weib einem Manne mehr Bitternis bringen, als vor ihn hintreten, ihm seine Liebe bekennen und ihm den Rücken kehren? Sie liebte ihn und lief fort, weil sie Angst hatte vor ihrer Liebe! Solch Irrsinn! Als wenn man sich das Leben nahm aus Furcht vor dem Tode. Genau so war's. Oh, – wie er sie haßte! Sein Äußeres veränderte sich auffallend in diesen Tagen. Er, sonst hochaufgerichtet, ein ragender Pfeiler, ging tief vornübergebeugt, die Schultern hochgezogen, schleppend der Schritt. Die Augen waren schlafwandlerisch zusammengekniffen in verlorenem Sinnen und Grübeln. Besorgt bemerkten es die Frauen. Aber allen Fragen nach seiner Gesundheit begegnete er mit still beruhigendem Lächeln. Schließlich frohlockte Herta eines Tages bei Tisch: »Jetzt ist mir alles klar. Er ist verliebt! Und zwar in Esther Honigmann.« Da wurde zum allgemeinen Staunen Lisbeth zum ersten Male in ihrem Leben heftig und rief erregt: »Deine dummen Scherze, Herta, könntest du ihm wenigstens ersparen.« Hoff selbst begütigte und meinte, es wäre doch nicht so schlimm. Die Mutter und Herta aber blickten verständnislos drein. Und später äußerte Frau Hoff Herta gegenüber, es wäre nun die höchste Zeit, daß alles anders werde. Lisbeths Nerven seien dem Zusammenbruch nahe. Lisbeth aber ging am Nachmittag zu dem Bruder. Er hockte in seinem Zimmer und gab vor, zu arbeiten. In Wahrheit tat er nichts. Oder er schrieb und schrieb. Doch wenn er das Ergebnis durchlas, sah er, daß er nackte, tote Tatsachen aneinandergereiht hatte, wie es jeder konnte, der die Urkunden und Quellen beherrschte. Kunst aber war das nicht. Und dann zerriß er zornig die Bogen und saß da und starrte vor sich hin. Und hätschelte seinen Haß. Lisbeth trat leise hinter ihn und legte beide Arme um seinen Hals. »Störe ich dich?« flüsterte sie. Er schüttelte sachte den Kopf. »Ewald«, sagte sie mühsam und rang ihrer Scheu die Worte ab, »wenn du Esther nicht heiraten kannst – weil – weil – du könntest ja vielleicht – jemanden – anders – –« ihr Mund lag fast auf seiner Schulter – »dann – unser Leben ist nicht wert, daß du – – Opfer – –« Er wandte den Kopf und fand ihren Mund. »Nein – Liebe – ich liebe niemanden. Keine. Ich bin nie bereiter gewesen, Esther zu heiraten.« Das war seine innerste Überzeugung. Ja, jetzt war er bereit. Jetzt war es kein Opfer mehr. Jetzt war es kein Martyrium. Jetzt war er bereit. Schon aus Trotz gegen Susanne wollte er es tun. Sein Haß weidete sich an dem Gedanken, daß sie es in der Zeitung lesen würde. Der Gedanke tat ihm gut. Das war Rache dafür, daß sie ihn mitten am Wege hatte stehen lassen. Niemals war er Hertas Wünschen gefügiger als in dieser Zeit. Er sprach oft von Esther und der Zukunft. Und er selbst bahnte das nächste Zusammentreffen an. Eines Morgens sagte er: »Herta, ich gehe heute mittags vom Ministerium ins Märkische Museum. Will mir da einige Foltergeräte ansehen, die ich für meine Arbeit brauche. Wenn du mitgehen willst, kannst du mich in der Wilhelmstraße abholen. Vielleicht klingelst du Fräulein Honigmann an. Sie wird sicher Interesse dafür haben.« Und als sie dann zusammen durch die Schätze des Museums wandelten, fiel alle Sehnsucht von ihm ab und alle Qual. Die Freude des Forschers erwachte. Straff aufgerichtet, mit einer Art Hausherrenstolz, schritt er durch die gewölbten Hallen, und Belehrungseifer rötete seine Wangen. Aus hellen Augen strahlte ihm das Wissen. Launig erläuterte er den jungen Mädchen den Theaterzettel vom 24. Jänner 1772 und die Speisekarte von Jagor vom 8. Mai 1830. An der Hand der Bilder baute er vor ihnen die Stadt Berlin auf und wies ihnen die Entwicklung der preußischen Duodezresidenz zur europäischen Weltstadt. Und um die alten Kirchengemälde und Altäre zog er die Mauern der Gotteshäuser, und die wuchtigen Glocken, die hier leblos auf steinernen Sockeln schliefen, hingen wieder hoch oben im luftigen Turm und läuteten Sturm und Frieden hinaus in das mittelalterliche Land der Mark. In dem Gewölbe, in dem die Foltergeräte von ihrem segenspendenden Erdenwallen ruhten, lernten die jungen Damen das Gruseln. Da war das Rad, dessen letztes Opfer in Berlin am 2. März 1837 die Witwe Meyer geworden war. »Im Jahre 1837 auf dem Gartenplatz in Berlin! Fünf Jahre nach Goethes Tode, meine Damen!« Hoff schilderte ihnen solch grausige Prozedur. Und malte ihnen die Freuden des »Zwangsstuhls« aus und des »Spanischen Mantels«. »Und hier der sargartige Kasten. Da hinein legte man solch junges blühendes Ding von sechzehn Jahren mit blauen, klaren Augen. Fest, daß es sich nicht rühren konnte. Vorher hatte man sie fürsorglich mit Zuckerwasser bestrichen. Und dann den Deckel darauf. An der Seite hier, sehen Sie, sind Löcher. Und nun hinein mit dem Kasten in einen Ameisenhaufen.« Die Mädchen schauderten. »Mit einiger Phantasie kann man die Qualen nachleben«, fuhr er fort, »In die Nase, in den Mund, in die Augen krochen die Tiere. Es dauerte gar nicht lange, da gestand das junge Ding. ›Willst du gestehen, daß du den Hagel neulich beschworen hast?‹ ›Ja – ja und das Gewitter auch.‹ ›Willst du gestehen, daß du Müllers Kuh behext hast?‹ ›Ja – ja und sein Kalb dazu.‹ ›Willst du gestehen, daß Satanas nächtens bei dir war.‹ ›Ja – ja und oft auch bei Tage.‹ Dann nahm man die reuige Hexe heraus, und wenn sie dann den Scheiterhaufen erst überstanden hatte, war sie erlöst. Wir hatten angenehme Vorfahren.« Nach dieser Begegnung mit Esther schlief die Sehnsucht nach Susanne einige Tage. Der Schmerz in der Brust lag still im Hinterhalt Aber eines Tages, als er an der Neuen Winterfeldtstraße vorüberkam, fiel das Unheil wieder über ihn her. Jach sprang es zu und stach ihm eine blutende Wunde quer durch das Herz. Da beschloß er, diese Gegend zu meiden. Er schrieb an seinen Verleger und bat um einen Vorschuß. Am nächsten Tage hatte er fünfhundert Mark. Zaghaft unterbreitete er der Familie den Plan. Er wolle nach Wannsee oder Schlachtensee hinausziehen. Er könne hier nicht arbeiten. Zu seiner Verwunderung fand sein Wunsch Billigung. Herta griff die Idee enthusiastisch auf. »Erstens«, meinte sie, »ist es billiger, wenn Esther nicht so oft zu uns kommt. Kaffee und das alles kostet Geld. Und nach Wannsee können wir oft mit ihr ausfliegen und dich dann zufällig treffen. Zweitens merken die Leute im Hause es und Martha erzählt alles 'rum. Und drittens macht es einen guten Eindruck: ›Mein Bruder wohnt im Sommer immer in Wannsee.‹ Klingt großartig – einfach grandseigneurig.« So fuhr Hoff hinaus und fand für einen Spottpreis ein hübsches Zimmer bei einer Frau, deren Sohn kürzlich gestorben war. Die gute Alte war heilfroh über ihren neuen Hausgenossen und Beschützer. Aber die Sehnsucht schwieg nicht hier draußen am Schlachtensee. Aus jedem Baum höhnte die Erinnerung. Stundenlang saß er nachmittags am See und wiegte sein Weh auf den leise atmenden Wellen. Und oft ergriff ihn die Verzweiflung. In später Abendstunde rannte er zum Bahnhof und fuhr nach Berlin. Dann lief er zur Neuen Winterfeldtstraße, als hänge sein Leben an dem rechtzeitigen Eintreffen, und stand an der Ecke und starrte auf die grauen verhangenen Fenster. Erst wenn ein Schutzmann ihn argwöhnisch beobachtete, schlich er davon wie ein ertappter Dieb. Und fuhr kein Zug mehr nach Schlachtensee, so kehrte er zurück und starrte wieder hinauf, bis der Morgen grau und fröstelnd über die Dächer kroch. Eines Mittags hatte er in der Frobenstraße gespeist und mit Herta verabredet, sie solle am nächsten Tage mit Esther nach Schlachtensee hinauskommen und ihn abholen. Dann wollte er einmal ausführlich mit Esther über Ihre Fürsorgezöglinge sprechen. Es interessierte ihn ernsthaft. Er ging die einsame Maaßenstraße hinunter. Der Himmel war trüb grau. Regen war im Anzuge. Er wollte durch den Tiergarten zur Staatlichen Bibliothek wandern, sich einige Bücher zu holen. Er fühlte sich heute frei und stark und spann an seiner Arbeit. Und da kam sie ihm entgegen. Vom Lützowplatz her kam sie die Maaßenstraße herauf. Er erkannte sie sofort an ihrem energischen. Schritt und – – Ja – er erkannte sie sofort. Und das Herz sprang ihm in den Hals und sperrte ihm die Kehle. Sie hatte ihn noch nicht gesehen. Aber plötzlich hob sie den Kopf, starrte einen Atemzug lang geradeaus – stand eine Sekunde lang steil da – dann taumelte sie und fiel hart gegen das eiserne Gitter eines Gartens. Im nächsten Augenblick hielt er sie in den Armen. Ihr Kopf glitt an seine Brust, die Augen waren geschlossen, die Augenlider verfärbten sich violett und zitterten wie schwingende Saiten. Er hielt sie fest umklammert und wiederholte fortwährend: »Mein Mädelchen – mein Mädelchen – komm, komm, sei gut, nun bist du ja bei mir. Komm, mein Mädelchen – hab keine Angst mehr – jetzt ist ja alles gut – jetzt bist du ja bei mir.« – – Sie hatte die Augen noch immer geschlossen. Ein wirres, verträumtes Lächeln zuckte um den Mund. »Ach du«, flüsterte sie, »ach, du«, und streichelte mit tastenden Fingern über seinen Ärmel. »Ach du – nun bist du da – nun bist du endlich da.« »Ja, Liebling, nun bin ich bei dir. Komm, mein Herz, mach die Augen auf! Komm! Nun ist ja alles gut.« Da öffnete sie mit Anstrengung die Augen und sah ihn angstvoll an. »Bist du es auch?« bangte sie. »Ich habe solche Angst, daß es – – Traum ist.« Jetzt faßte er sie fest und lachte: »Kind – wach auf! Ja doch, ich bin's!« Nun stand sie wieder auf eigenen Füßen und blickte sich blinzelnd um. Mit der Hand wischte sie über die Augen und Stirn wie ein erwachendes Kind. Da sah sie drüben auf der andern Seite der Straße einige Neugierige herüberglotzen. Wortlos eilten sie hinab zum Lützowplatz, durchquerten ihn und gingen am Ufer entlang in den Tiergarten. Und blickten sich nur immer von der Seite an und lächelten sich zu wie spielende Kinder. Aber als sie in den Tiergarten kamen, blieb er stehen, faßte sie an beiden Armen und rief: »Mädel – nun laß dich ansehen. Es will mir noch nicht recht ins Hirn, daß du da leibhaftig vor mir stehst. Laß dich ansehen. Ja – du bist's. Deine tiefen, blauen Augen. Und dein gebogenes, kokettes Näschen, Und die kleinen Zähne. Und die kluge Stirn. Und all deine Güte und deine Schönheit!« Und dann zog er sie an sich und küßte sie. Lange, lange. Und sie konnten die Lippen nicht voneinander trennen und küßten sich immer wieder und sogen sich fest am Munde des andern und schlürften berauscht des andern Odem. Und ob die Leute vorübergingen, das störte sie nicht. Sie sahen sie nicht, sie hörten sie nicht. Die Welt war in ihnen versunken. Nichts lebte ihnen als das Glück des Beisammenseins. Und dann fanden sie eine einsame Bank. Dort saßen sie trotz des leichten Sprühens, dicht aneinandergeschmiegt und fühlten die Nähe des Geliebten. Und streichelten einander die Hände und die Knie. Lange, lange währte es, bis die Worte kamen. Und er gestand seine Leiden und seinen lohenden Haß. Und sie beichtete, wie sie ihn oft hatte an der Ecke stehen sehen und sie auf ihr Bett gestürzt sei und schluchzend in die Kissen gebissen hatte. Und jedesmal, wenn sie auf der Straße einen braunen Hut gesehen hatte, sei sie fast ohnmächtig geworden. Und einmal war sie in einem Geschäft in der Leipziger Straße. Da ging er vorbei. Und sie lief zum Entsetzen der Leute, ohne zu bezahlen, aus dem Laden und hinter ihm her, in Todesängsten, ihn in dem Straßengewühl zu verlieren. Er ging über den Potsdamer Platz, die Friedrich-Ebert-Straße hinunter in den Tiergarten, ganz langsam grübelnd, Sie habe gesehen, daß er über sein Buch sinne. Und es war so gut und traulich, immer hinter ihm herzugehen wie ein treuer schützender Geist. Und plötzlich blieb er stehen und sah sich um. Da sei sie wie toll davongelaufen. »O du«, zürnte er lächelnd, »und angesprochen hast du mich nicht!« »Nein, nein, ich konnte nicht. Und dann – ich wußte ja, du würdest kommen.« »Ich würde kommen?« »Ja, das wußte ich. Das habe ich zu jeder Stunde gefühlt.« »Aber – Suse – ich konnte doch gar nicht kommen. Du hattest es mir doch verboten. Du hast es mir doch bei meiner Mannhaftigkeit verboten und mir damit jeden Schritt unmöglich gemacht.« »Ja – ja. Und doch. Ich konnte mir nicht denken, daß alles damit aus sein sollte. Das war doch unmöglich. Das konnte ich mir nicht denken. Und habe es auch nie gedacht. Nein – nie! Ich bin herumgegangen, habe jeden Augenblick unserer Tage – unsere Tage, habe ich alles das genannt, was zwischen uns gewesen ist – jeden Augenblick habe ich immer, immer wieder durchlebt, mit all seinem Glück und seiner holden Schönheit. Grünheide – unser erstes Finden – den letzten Abend, alles, alles. – Und habe gewartet. Zuweilen ein bißchen ungeduldig und erstaunt – daß du noch nicht kamst – aber nur selten. Sonst wartete ich zuversichtlich, wie man auf das Sichere, Gute, Unausbleibliche wartet.« »Ja – aber«, stotterte er, »bist du eine seltsame Träumerin!« Sie lächelte traut. »Ich hatte doch recht. Nun bist du doch gekommen.« Und sie legte ihr Gesicht an seine Brust und atmete tief und still. Er blickte auf ihr sanft gerötetes Gesicht, und die alte Angst packte ihn wieder. »Suse« sagte er, »ich begreife nicht recht. Es hat sich doch nichts von dem geändert, was dich damals bewog, mir den Brief zu schreiben.« Sie drehte den Körper, daß ihr Hinterkopf gegen ihn lehnte, und flüsterte mit einem kindlichen Lächeln: »Nein – aber ich glaube immer, es könnte doch ein – Wunder geschehen.« Da beugte er sich zu ihr nieder und küßte ihren kindlichen Mund. Doch die Angst in seiner Brust ward immer schwächer. »Du – Kind – du«, preßte er hervor, »Wunder geschehen nicht mehr. Es liegt ganz einfach so: ich habe meine Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Erhalten ist nicht richtig. Vorläufig erhalten sie mich und haben mich die letzten sieben Jahre erhalten. Und nun – wollen die beiden Mädchen anfangen zu leben.« Susanne richtete sich auf. Sie sah vor sich hin in die stäubende Nässe. »Ich werde ja nun bald angestellt werden«, fuhr er gequält fort. »Wenn ich will, als Amtsrichter. Dann habe ich ungefähr 6500 Mark. Davon kann ich nicht zwei Familien unterhalten.« Sie schüttelte den Kopf. »Aber«, fuhr er auf, »um Erhalten und Ernähren handelt es sich auch nicht. Die Mädel zu Hause warten auf den Lohn ihrer Entbehrungen. Auf ihr Leben warten sie. Lisbeth liebt einen Bildhauer – lange schon – ach, so lange. Und sie würde heiraten, wenn sie – – – mit gesicherten viertausend Mark jährlich würden, sie glücklich sein – – Er schwieg. Sie fühlten beide, wie sie sich voneinander entfernten. Da nahm er ihre Hand und sagte: »Suse, muß denn immer alles aufs Praktische hinauslaufen?! Können wir uns nicht liebhaben, einfach liebhaben und damit gut.« Sie blickte zur Seite und antwortete: »Ewald – ich glaube, dazu bin ich nicht reif. Ich habe dir die Gründe geschrieben. Und dann: du kannst nicht verlangen, daß ich mit sehenden Augen in mein Verderben renne. Was kommen würde, weißt du.« »Nein«, trotzte er, »das weiß ich nicht. Ihr Mädchen denkt euch solche Liebe ganz falsch. Ganz phantastisch. Ihr denkt gleich immer an das Schlimmste – oder vielmehr Beste. Ich wäre dankbar, wenn ich dich nur täglich sehen könnte.« Da blickte sie ihn lange forschend an. »Dann liebst du mich nicht«, klagte sie endlich leise. »Doch, ich liebe dich so sehr, daß ich entsagen könnte« »Ich könnte aber nicht entsagen«, rief sie so heftig, daß er erschrak. »Ich schachere nicht mit mir und teile nicht ab und spare nicht. Wenn ich liebe, dann muß ich geben, was ich zu geben habe. Ich habe keine Kompromißliebe!« Er streichelte sie und suchte sie zu beruhigen. Stiller fuhr sie fort: »Ich habe solch heilige Achtung vor der Natur, daß mir feststeht: Mann und Weib müssen eins werden, wenn sie sich lieben. Und alles Feilschen und Markten und Rückhalten scheint mir wie ein Betrügen des großen heiligen Willens der Natur. Das kann ich einfach nicht. Es würde mich klein und erbärmlich machen. Und wenn ich zu dir komme – ich will einmal gar nicht an meine Mutter denken. Glaubst du, ich kann das mit der Angst vor Augen, daß du mich eines Tages – fortschickst und hingehst und eine andere heiratest? Nein, Ewald, das kann ich nicht. Das kann ich nicht. Lieber gehe ich an meiner Sehnsucht zugrunde!« Er fand keine Erwiderung. Sie stand auf. »Es ist das beste, wir trennen uns wieder«, sagte sie leise. Er erhob sich ebenfalls und antwortete nichts. Dann gingen sie nebeneinander her durch den rieselnden Regen. Plötzlich blieb sie stehen, sah ihn mit Augen an, die wie feuchte Türkise glommen, und sagte mit zuckenden Munde: »Ewald – wo treiben wir hin? Ich habe dich so unsagbar lieb. – Nein, sagen kann ich das nicht. So viel Liebes möchte ich dir tun – – Meine Hände möchte ich dir auf den Kopf legen und dich schützen vor allem Bösen. – – Verstehe mich doch! Sei doch lieb zu mir!« Er blickte verzweifelt vor sich hin. »Ich verstehe dich, Kind. Ich fühle es so gut, wie lieb du mich hast. Lieb sein? Was soll ich tun? Was hilft all meine wahnwitzige Liebe?! Wir rennen gegen eiserne Mauern an, das ist es. Es gibt für uns keinen Weg. Ich bin in meinem Leben gefangen wie in einem Käfig.« Da sah sie ihm ernst in die Augen und sagten »Dann wollen wir die Größe unserer Liebe haben und uns trennen.« Es begann jetzt stark zu regnen. Sie winkte einer Autodroschke, nannte ihre Adresse und stieg ein. Er stand verdutzt. »Komm herein!« rief sie. »Jetzt nimm mich noch einmal in deine Arme«, bat sie innig und schmiegte sich an ihn, »und dann gehen wir voneinander, jeder seinen schweren Weg, und behalten uns lieb. Und haben eine lichte Erinnerung für unser ganzes Leben. Und den Stolz, einmal über alles menschliche Maß hinaus geliebt worden zu sein.« Mit lechzender Verzweiflung preßte er sie an sich. Und dann hielt die Droschke vor ihrer Wohnung. Sie stieg aus und ging hinein. Auf den Stufen zur Haustür wankte sie ein wenig. Aber dann schritt sie hochaufgerichtet die Treppen hinauf. Er konnte von der Straße aus sehen, wie das Licht in ihrem Zimmer aufflammte. »Bahnhof Großgörschenstraße«, rief Hoff dem Chauffeur zu. Und während er dahinfuhr und der Regen gegen die Scheiben prasselte, dachte er: »Es ist das Beste so – ja, es ist das Beste, wenn es auch das Schwerste ist.« 11. Am nächsten Tage schwelgte in ihm ein Gefühl der Befreiung. Jetzt war auch die Sehnsucht nach ihr tot. Jetzt endlich war der Weg frei – der Weg der Pflicht. Er sann lange über Esther Honigmann. Je länger er dachte, desto freundlicher wurde ihm zu Sinn. Was wollte er denn mehr? Gut war sie und klug und innig, sicher auch sehr fein und hübsch, mehr als hübsch sogar, pikant war sie. Und – – mit einiger Nervosität erwartete er am Nachmittag Hertas Pfiff vor seinem Fenster. An Susanne dachte er heute seltsamerweise nur, wenn er seine Gedanken in diese Richtung zwang. Endlich klang das Hirtenliedmotiv aus dem »Tannhäuser«, zu einem »Pfiff« zugerichtet, zum offenen Fenster herein. Er bog sich hinaus und winkte. Zwei Minuten später stand er unten und druckte Esther die schmale Hand. »Fräulein Honigmann hat dein Buch gelesen«, rief Herta gleich, »und ist begeistert.« »Na – begeistert«, schränkte Hoff mit einem kleinen selbstgefälligen Autorenlächeln ein, »von einem wissenschaftlichen Werke!« »Oh«, meinte Esther, »es ist kein wissenschaftliches Werk!« Und als Herta und Hoff einstimmig auflachten, lachte sie mit und verbesserte: »Cum grano salis, verstanden, natürlich.« »Ei«, sagte Hoff, »Latein können Sie auch!« »Bitte«, protzte sie schalkhaft, »ich habe das Gymnasium absolviert und mein Abiturium gemacht.« »Ah so«, tat er scherzhaft hochachtend. »Am Ende studieren Sie auch?« fragte er. »Nein. Ich betätige mich praktisch. Aber wir wollen lieber von Ihrem Buch reden. Was mich am meisten daran erfreut hat, waren die aktuellen Bemerkungen. Es wirkt wundervoll ergötzlich, wenn Sie eine Einrichtung aus dem Jahre 800 mit Ihrem köstlichen Humor abkanzeln und dann lakonisch hinzufügen: die gleiche Bestimmung findet sich in dem Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches vom Jahre 1871.« Er lächelte. »Ja, im Grunde schreibe ich ein ganz modernes psychologisches Buch. Besonders dieser zweite Band, an dem ich jetzt arbeite. Auf den ersten Blick habe ich auch die zahllosen Beziehungen zu heutigen Zuständen selbst nicht geahnt. Wie ich aber meinen Gedanken weiter nachgegangen und immer mehr in die Tiefe gedrungen bin, stand ich starr vor der Erkenntnis, wie wenig der Menschengeist im Grunde vorangeschritten ist. Wenn ich den Zeitgeist im Innersten zu erfassen suche, der Hexenprozesse ermöglicht hat, und dann eine Zeitung aufschlage, so fällt ein grelles Licht auf meine Studien und ich erkenne, wie tief das zwanzigste Jahrhundert im Mittelalter steckt.« Esther nickte, und Herta freute sich, wie hübsch die beiden immer gleich ins Plaudern kamen, Sie standen am Schlachtensee. »Wohin gehen wir?« fragte die Schwester. »Herta sagte mir, Sie seien solch Kenner der Mark Brandenburg«, rühmte Esther. »Ich kenne sie leider so wenig. Ich schäme mich dessen. Eigentlich kenne ich nur Chausseen, auf denen ich im Auto dahingesaust bin. Aber ich will es nachholen. Können wir nicht irgendwie von hier aus zum Wannsee gelangen?« »O ja«, nickte er. »Sehr leicht. Wir lassen uns zum Forsthaus übersetzen und gehen durch den Wald zum ›Großen Fenster‹. Das ist am Wannsee.« Während sie hinüberfuhren, hatte er dunkel das Gefühl, einen Verrat zu begehen. »Ach was«, kämpfte er die raunenden Stimmen nieder, »es ist doch alles aus. Sie hat es doch gewollt. Ich kann mir von meiner Vergangenheit die Mark nicht sperren lassen.« Und auf dem Wege durch den Wald schwanden in eifrigem Gespräch mit Esther alle Erinnerungen. Herta schritt voran. Sie wollte die beiden sich überlassen. Und dann hatte sie auch so ihre eigenen Gedanken. Egon kam nun bald zurück von der Tournee. Dann konnten sie sich wenigstens wieder treffen. Meistens waren es ja freilich nur Minuten, die sie der Arbeit stahl. Und nur selten am Sonntag schwelgten sie ein Viertelstündchen. Aber reiche kostbare Minuten waren das, in die sich alle Sehnsucht und aller gierige Glückshunger zusammendrängte. Doch nun war bald alles überstanden. Denn hinter ihr schritt ja – das Glück. Esther sprach von ihrer Tätigkeit im Verein zur Besserung gefallener Mädchen. »Ein furchtbarer Name«, schauderte Hoff. »Ja«, stimmte sie innig bei, »sobald ich erst etwas im Verein zu sagen haben werde, will ich mit aller Energie für die Änderung eintreten.« Und dann erzählte sie von ihrer Tätigkeit. Sie hatte Schneidern und Zuschneiden gelernt, um den Mädchen für einen Lebensberuf etwas Positives bieten zu können. »Sie müssen sehr glücklich sein, so wirken zu können«, sagte er nach einiger Zeit. Sie lächelte wehmütig. »Glücklich? – ach Gott!« »Wie – fühlen Sie keine tiefe Befriedigung in Ihrer Tätigkeit?« »Befriedigung? – Ja. – Aber Befriedigung ist nicht Glück. Ich weiß, Herr Assessor, Sie kennen die Menschen und sehen ihnen bis auf den Grund ihrer dunklen geheimen Wünsche und Hoffnungen. Vor Ihnen kann und muß man ehrlich sein. Ich bin nicht das schamhafte blonde süße Mädel, das alles Glück der Erde von dem Mann erwartet. Das dasteht und zu dem Herrn der Schöpfung mit bangklopfendem anbetendem Herzen aufblickt and von ihm alles Heil und alle Erlösung und den Anfang ihres Lebens erwartet. Diesem Ideal – der Marlitt und Genossen – stehe ich so fern wie nur möglich. Ich fühle es im Innersten, daß ich ein Mensch für mich bin und keine ranke Schlingpflanze. Und doch – und doch. Wenn ich ganz ehrlich bin, strebt meine Sehnsucht danach, einem Manne die Welt zu sein. Sein Freund und Weggefährte. Ihm alles das zu geben, was ich zu geben habe, geistig und körperlich, und was in mir an Menschentum ist, auf meine Kinder zu verpflanzen. Glauben Sie mir, all diese Liebesbetätigung gegen Fremde ist Frauen nichts Natürliches. Aufgehen für Menschen, die nicht Mann und Kinder sind, ist, glaube ich, immer mehr Akt der Verzweiflung, höchstens aber, ein schönes Surrogat.« Sie blieb stehen und sah ihm ins Gesicht. In ihren schwarzen Augen schwamm ein feuchter, heller Stern. »Ich danke Ihnen für Ihr schönes Bekenntnis«, sagte er leise. »Ich weiß, fast alle denken so, nur der Mut fehlt, es zu gestehen.« Dann gingen sie still weiter. Herta aber hatte die Ohren gespitzt, da sie bemerkte, daß Esther mit leiser erregter Stimme sprach. Und als sie diese Beichte vernahm, brauchte sie alle Selbstbeherrschung, ihre Füße vor allzu kecken Luftsprüngen zu bezwingen. Sie konnte die Heimkehr kaum erwarten. Mit großen Sätzen stürmte sie die Treppen hinauf, drei Stufen auf einmal, und riß die Tür auf. Und als sie ins Zimmer stürzte, in dem die Mutter und Lisbeth bei der Lampe nähten, sprudelte sie hervor: »Es ist erreicht! Donnerwetter, geht die ins Zeug! Und ich Dussel habe geglaubt, jedes laute Wort würde sie verscheuchen!« »Erzähl doch, erzähl doch!« drängte Frau Hoff. Auch Lisbeths Hände ruhten. »Sie hat ihm einfach eine Liebeserklärung gemacht. Ich bin vorausgegangen, damit sie sich aussprechen konnten. Und da habe ich gehört, wie sie sagte: Sie möchte einem Mann alles sein, eine Welt. Und Kinder von ihm haben. Und alles andere sei Unsinn. Na – wenn das nicht deutlich war, was? Und nun hört mal mit dem Gestichel da auf und laßt uns lieber für unsere Garderobe sorgen. Wir werden sie brauchen, ehe wir's uns versehen.« 12. Die nächsten Tage ging Hoff wieder einher, stolz und lächelnd wie in der Zeit vor seiner Bekanntschaft mit Susanne Neubert. Die Erinnerung an sie, die sehnende, verlangende, quälende Erinnerung, war erloschen. Er traf Esther, so oft es ihre Tätigkeit im Verein gestattete, und arbeitete an seinem Buche. Häufig kam er auch zu Gast in die Frobenstraße und schwärmte mit der Mutter und Herta. Zwar erklärte er ihre Anschauung, Esther habe ihm eine Liebeserklärung gemacht, für platten Unsinn. Sie habe ohne jede persönliche Beziehung gesprochen. Doch die Frauen wußten es besser. Er mochte ja ein großer Psychologe sein, hier war er blind, übrigens eine bekannte Folgeerscheinung der Liebe. Nein, das war sicher: es hing jetzt nur noch von ihm ab. Er brauchte nur Ja zu sagen, und die Not entschwand auf Nimmerwiedersehen. Dann lachte er und predigte Geduld. Und inzwischen plante und versprach er wieder wie ehedem. Baute an allen schönen Stellen des Wannsees Villen für Herta. Und die Mutter mußte bei ihm wohnen. Auch irgendwo draußen. Und dann gab es einen lebhaften Streit. Denn Herta wollte durchaus einen Mercedes-Wagen haben, Hoff aber war mehr für einen Chrysler. Kurz, sie hatten so ihre Zukunftssorgen. Und auch Lisbeth lebte auf. Zuweilen kam an Sonntagabenden ihr Bildhauer; saß still und bedrückt bei den arbeitenden Frauen und schwieg. Nur dann und wann huschte ein schüchterner Blick heimlich zwischen ihm und Lisbeth einher. Er fühlte sich hier nicht recht am Platze. Er wußte, Herta und die Mutter sahen in ihm keine »Partie«. Und dann lastete die Erfolglosigkeit niederbeugend auf seinen nicht gerade starken Schultern. Aber an diesem Sonntage flüsterte Lisbeth ihm beim Abschied draußen im Hausflur zu, daß jetzt etwas mit Ewald im Gange sei und das Glück vor der Tür stehe. Eines Tages ertappte sich Hoff zu seinem Staunen in der Neuen Winterfeldtstraße. Er war an ihrem Hause vorübergegangen, ohne es zu merken. Ohne auch nur eine Sekunde an sie zu denken. Gottlob, die Vergangenheit lag im Grabe! Doch am Abend, als er am offenen Fenster stand und in den hellen Sommerhimmel blickte und die Nacht auf dem See flüsterte und irgendwo in der Nachbarschaft ein Lied gesungen wurde und die Grillen zirpten, trug der Wind die Sehnsucht zum Fenster herein. Jäh klaffte wieder die Wunde. Und alles begann wieder wie ehedem. Es packte ihn mit einer Heftigkeit, die ihm das Gehirn umwälzte und zerrieb. Und er irrte wieder durch die Nacht und stand wieder an der Ecke und starrte auf die toten Fenster. Und wieder schlotterte er bleich und gebeugt einher. Und jetzt war Herta ihrer Sache ganz sicher. Es war Sehnsucht nach Esther, die zur Hochzeit einer Freundin gereist war. Das war sonnenklar. Damals, als es mit dieser Liebe anfing, war es doch ebenso gewesen. Und als dann Esther ihre Liebe verriet, lebte er auf. Oh, er hatte viele kernige Späße zu ertragen, der arme Ritter Toggenburg. Und er ertrug sie mit angstverzerrter Seele. Eines Tages verlor er die Herrschaft über sich. In seinem Gehirn war alles schwarz und öde. Nur das Verlangen nach Susanne lohte darin wie eine sturmgepeitschte Fackel. Er fühlte, daß es heller Wahnsinn war. Und doch ging er. Automatisch ohne lebendigen Willen, setzte er die Füße vor sich hin. Wie sein eigener Schatten wandelte er die Neue Winterfeldtstraße entlang. Ohne klares Bewußtsein schritt er die Stufen hinauf. Eine Treppe – zwei Treppen. Ohne Verständnis las er auf einem kleinen Blechschild: »Neubert«. Und plötzlich hatte irgendeine Macht in ihm die Klingel gezogen. Da kam er zur Besinnung. Der schrille Ton der Glocke zerriß jäh die Nebel in seinem Hirn. Einen Augenblick schoß es ihm durch den Kopf, daß er noch davonstürzen könne. Dann kamen Schritte den Korridor entlang und bannten ihn. Der Atem setzte ans. Er vermochte kein Glied zu rühren. Das Schloß knatterte. Die Tür öffnete sich. Vor ihm stand eine kleine, bleiche Frau mit ergrautem rötlichblondem Haar. Sie blickte aus ängstlichen Augen zu ihm auf. An Stirn und Nase erkannte er sofort die Mutter. Er wollte sprechen, doch die Kehle war wund. Nach mehreren Versuchen erst bekam seine Stimme Klang. »Hoff heiße ich«, flüsterte er, »Assessor Hoff.« Die Augen der Frau wurden starr. Dann sagte sie, »Ich kenne Sie.« Und indem sie Raum gab: »Bitte, Herr Assessor!« Einen Augenblick später saß er in einem tiefen Sessel ihr gegenüber. Er fühlte die Augen der Frau fragend auf sich gerichtet und fand keine Worte. Nicht ein Wort, das er hätte sagen können, fiel ihm ein. Endlich begann Frau Neubert: »Ja, Herr Assessor –« und brach wieder ab. Er blickte sie hilflos an. »Ich komme – –«, stammelte er, »ich könnte es – ist Suse nicht zu Hause?« Frau Neubert schüttelte den Kopf. »Nein, Herr Assessor, meine Tochter ist ausgegangen.« Dann war wieder eine lähmende Pause. Hoff hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Er fühlte, er müsse jetzt gehen oder etwas sagen. Aber er blickte nur immer gerade vor sich hin, an der Frau vorbei. Wieder begann Frau Neubert: »Herr Assessor, ich begreife, was Sie hergeführt hat. Aber es geht doch nicht! Mein Gott, es geht doch nicht! Sie müssen es doch einsehen. Das Kind leidet auch so entsetzlich. Meine Tochter hat Ihnen doch alles gesagt. Wir leben von meiner Witwenpension. Es tut mir so furchtbar weh, daß ich dem Kinde nicht helfen kann. Aber es hilft doch nichts. Es hilft doch zu nichts! Wie mir meine Tochter sagte, haben Sie Verpflichtungen. Ich bitte Sie, Herr Assessor, gehen Sie dem Kind mit gutem Beispiel voran. Ich bitte Sie, bei Ihrer Ritterlichkeit gegen eine einsame alte Frau, die nichts auf der weiten Welt hat als das Glück dieses Kindes.« Hoff blickte ins Leere. »Ja, ja«, sagte er mit schwacher Stimme und erhob sich mühsam. »Ich bitte um Entschuldigung, gnädige Frau!« Und dann ging er hinaus und war auf dem Bahnhofe und saß im Abteil zwei Damen gegenüber, von denen er die jüngere sehr schön fand. Sehr schön. Besonders die zusammengewachsenen Augenbrauen schienen ihm reizend pikant. Und dann kauerte er zu Hause an seinem Fenster und sah die Sonne in den See verbluten. Und hörte jedes Geräusch und wußte von alledem nichts. Und als eben der letzte Lichtschimmer im Westen verlöschen wollte, kam ein Gespenst. Da stand Susanne Neubert plötzlich am Gartentor und blickte sehr bleich zu ihm herauf Und ein zages Lächeln zuckte um ihren Mund. Er fühlte, wie das Herz aufhörte zu schlagen, und die Haare sich steif auf seinem Schädel aufrichteten. Die Glieder hingen tot und bleiern an ihm, sein Körper bohrte sich in den Stuhl. Er stierte auf das bleiche, lächelnde Gespenst. Da hob das Gespenst den rechten Arm und rief: »Ewald, erkennst du mich nicht?« Wie ein Kolben fuhr Hoff senkrecht in die Höhe. Mit Eisenklammern umkrallten seine Fäuste das Fensterkreuz. Er schrie: »Suse!« Doch kein Laut kam aus seiner Kehle. Da rief sie unten wieder: »Ewald, ich bin's doch!« Mit einem Satz nahm er zehn Stufen, riß das Haustor auf und war bei ihr. »Ja – Suse – um Himmels willen, wo kommst du her?« ächzte er. »Du warst bei uns«, stieß sie hervor, »ist irgend etwas geschehen?« »Nein – ich wollte dich nur sehen. Ich ertrug es nicht mehr.« »Mutter hat es mir gesagt. Sie wollte es mir erst verheimlichen. Dann sprach sie aber davon. Ich soll fort, mit ihr in die Schweiz. Morgen schon.« »Wie«, fuhr er auf, »fort?«. Sie nickte. »Es ist auch das beste. Hier kann ich es nicht. Hier fehlt mir die Kraft.« »Suse – du willst –!« Sie senkte traurig den Kopf, »Es ist der einzige Weg, Liebster. Komm, wir wollen vernünftig darüber sprechen! Meine Mutter weiß, daß ich hier bin, Abschied nehmen«, und mit wehem Lächeln fügte sie bei: »den letzten diesmal.« Sie gingen am See entlang. »Aber, Suse, Kind«, flehte er, »du kannst doch nicht fortwollen. Das ist nicht dein Ernst. Das ertrag ich nicht. Diese letzten Tage waren kein Leben mehr. Ich stand oft hart am Abgrund. Bleib hier, bleib wenigstens in Berlin. Wir wollen Kraft haben. Wir wollen uns meiden. Nur geh nicht fort. Dann läuft man in die Irre und weiß: du findest sie nicht, du siehst sie nicht, sie ist tausend Meilen fort. Wenn ich dich auch so nicht treffe, es lebt doch die Hoffnung. Die Möglichkeit atmet. Aber wenn du fortgehst – dann ist Leere – dann ist Wahnsinn – dann ist Tod.« – Sie schwieg erschüttert. »Ich kann doch nicht anders«, weinte sie leise. Da zog er sie an sich. »Hab' ich dich lieb! Wie hab' ich dich lieb!« stöhnte sie. Ihre Körper schlossen sich enger zusammen in der Verzweiflung der Trennung. Die Zähne verbissen sich in den Lippen des andern; ihre Finger krallten sich ineinander; ihr Atem strömte heiß und keuchend zusammen. Und zwischen den Zähnen stieß er hervor; »Bleib bei mir – bleib bei mir!« Mit jähem Ruck bog sie den Oberkörper zurück und sah ihm in die Augen. Wie grimmige Todfeinde starrten sie sich ins Gesicht. Ihre Pupillen schimmerten weiß vor Grauen. Entsetzt fühlten sie das Schicksal mit eisigen Fittichen ihre Körper streifen. »Bleib bei mir!« formten wortlos seine Lippen. »Und immer bei dir bleiben?« flüsterte sie mit irrem Blick. »Immer.« »Und meine Mutter stirbt daran.« Er beugte den Kopf. »Meine Mutter stirbt daran!« ächzte sie und krampfte die Nägel in seine Arme. Sie stemmte den Oberkörper noch weiter zurück, daß ihm die Sehnen der Arme, die sie hielten, fast sprangen. Jede Fiber ihres Körpers nahm bebend teil an dem tobenden Kampf in ihrer Brust. Die Augen flatterten in den Höhlen. Da fuhr der Gedanke an Mutter und Schwestern wie eine Rakete zischend auf in seinem Gehirn. Blitzschnell durchleuchtete ihn die Erkenntnis, daß alle Bande zwischen ihm und jenen rissen, wenn ihre Liebe jetzt siegte. Da taumelte sie nach vorn, sank an ihm zusammen und raunte: »Nimm mich – zu dir.« Er hatte die Empfindung, daß ein Schwerthieb aus dem Dunkel auf ihn niederzucke. Er duckte sich willenlos. Sie schmiegte sich an seine Seite, er legte den Arm um ihren Leib und führte sie seiner Wohnung zu. Wie eine Schlafwandlerin ging sie schwankend, lastenden Schrittes. Vor der Villa zögerte er. »Suse«, flüsterte er, »weißt du, was du tust?« Da schlug sie die Augen auf, die nur schwarze Pupillen waren, und stieß hervor; »Ja – ich weiß es! Ich liebe dich! Du allein hast ein Recht auf mich. Alles andere schwindet. Und wenn dahinter der Tod steht – dir gehöre ich.« Da rauschte ihre Größe wie ein Strom über ihn dahin und riß ihn fort von allen Ufern. Mit lallendem Schrei hob er sie empor und trug sie hinein in das Haus und die Treppen hinauf in sein Zimmer. 13. Und Hoff erwachte zu einem klaren, blauen Tag! Ein leises Zagen war wohl noch in ihm und ein klagendes Mitleid mit den Seinen. Aber Klarheit war jetzt endlich nach allem dunklen Schwanken der letzten Wochen. Während Susanne sich ankleidete, ging er auf den sauberen Wegen des Gartens einher und fühlte sich frisch und aufrecht. »Jacta est alea«, dachte er. »Jetzt gilt es handeln und das Leben bauen.« Die Frage, ob alles so hatte kommen müssen , drängte er tief in das Chaos im Grunde seines Bewußtseins zurück. Was galten jetzt alle Schicksalsfragen! Er stand vor Tatsachen . Sie war zu ihm gekommen, sie hatte ihm alle Herrlichkeit ihres jungen Körpers gegeben. So stand es. Das waren die Faktoren, mit denen sein Leben nun zu rechnen hatte. Zwar graule ihm, wenn, er an Esther Honigmann dachte und an alles das, was mit ihr zusammenhing. Er hätte sie doch nicht heiraten können. Achtung hatte er vor ihr, ja, und sie war ihm sympathisch. Aber genügt das zur Ehe? Konnte er sich denken, daß jemals solch weiche, streichelnde Sehnsucht nach ihr ihm die Brust weiten würde, wie sie ihn jetzt erfüllte nach dem jungen Weibe, das oben in seinem Schlafzimmer auf ihn wartete? Niemals, niemals. Und wie es gekommen war, mußte es kommen, wenn er auf geraden Wegen wandeln wollte. Er konnte aus der Ehe kein Handelsgeschäft machen. Und als er an die Frauen dachte, packte ihn eine grimme Wut. Zum Henker, es war eben ein Unglück für sie. Was konnte er dafür!? Und wenn er plötzlich gestorben wäre, hätten sie sich auch durchhelfen müssen. Freilich, dann hätten sie die Lebensversicherung gehabt, die er auf Drängen der Mutter mit unsäglichen Opfern unterhielt. Ja – aber wenn ihm nun von einem Automobil ein Bein zerschmettert worden wäre. Hm, was dann? Hätte ihn dann Esther Honigmann geheiratet? Nein. Aber – was dann? Sie mußten sich eben dreinfinden. Er würde jeden entbehrlichen Pfennig ihnen zuwenden. Mehr vermochte er nicht zu tun. So lange er mit Suse »so« lebte, konnten sie ganz gut in zwei Zimmern hausen. Und sein neues Buch mußte nun auch allmählich fertigwerden. Und – Donnerwetter, er war doch jung! Vier Frauen würde er doch schließlich durchbringen können. Tief in seiner Seele pochte wohl die Mahnung, daß die Schwestern von ihm ihr Lebensglück erwarteten. Doch das rang er nieder. Sie mußten eben vorläufig verzichten! Sie mußten es tragen als Schicksalsfügung. Da wurde ihm ganz weich ums Herz. Seine süße liebliche Suse als Schicksalsfügung! Sein weiches sanftes Mädchen in ihrer holden Weiblichkeit als Unglück! Die Tränen traten ihm in die Augen, während er hinaufsprang. Sie stand frisch und tauig inmitten des Zimmers, vom Licht des jungen Tages umflossen. In ihren feuchten Augen leuchteten noch zwei Sterne aus der versunkenen Nacht; Um ihre Lippen zuckte ein keusches Lächeln jungen Glückes. Er nahm sie in die Arme. Sie legte den Kopf an seine Brust und atmete tief und schwer. Da stammelte er in abgerissenen Worten: »Du Lieblichste. Meine Liebe zu dir strömt wie eine heiße Flut durch meine Brust. Ich fühle es – ganz körperlich fühlte ich es.« »Meine, meine Suse! Bis ins tiefste Dunkel meines Bewußtseins leuchtet mir mein Glück.« »Unter tausend Männern trifft das nicht einen, daß ein Weib wie du, solch ein Vollmensch, zu ihm kommt. Mutter und Heim und alles, was ihm Leben bisher war, aufgibt und zu ihm kommt. So tief ist mir bewußt, was du für mich getan hast. So tief und warm ist mir das bewußt.« Sie küßte seinen Rock und tastete nach seinen Händen. »Du Lieber«, kam es wie ein Hauch, »du mein Liebster! Du bist doch die Welt für mich. Das Leben bist du mir. Und glaube nicht, daß ich nicht weiß, welche Last ich dir bin. Ich weiß, wie schwer du an mir tragen mußt, du Lieber.« Da faßte er sie an den Schultern, hielt sie von sich ab, daß er ihr voll ins Antlitz sehen konnte, in seinen Augen flammte unter den Tränen eine stolze Siegerfreude, und er rief: »Mädel – Suse – hoch wollen wir den Kopf tragen. Herrgott – jung und stark wie wir beide sind, wollen wir das bißchen Leben schon unter die Füße zwingen, was? Wir zwei zusammen!« Sie nickte kindlich zustimmend. Und dann standen sie Schläfe an Schläfe gelehnt und blickten hinaus in den Morgen, der goldene Kappen wob um die Bäume am See. Plötzlich lachte er auf und rief: »Angenehmer Wirt bin ich. Stehe hier und lasse dich verhungern.« Sie lächelte. »Während du unten warst, hätte ich gern für das Frühstück gesorgt. Das ist nun doch mein Amt. Ich wußte nur nicht –« »Oh«, meinte er, »das macht Frau Ebeling,« Er läutete. »Kommt jemand hier herein?« fragte sie voll Angst. Er streichelte sie. »Vor Mutter Ebeling brauchst du keine – – Furcht zu haben, Liebling«, beruhigte er, »sie ist eine alte Frau, die vieles erlebt hat und alles versteht.« Susanne blickte schreckhaft zur Tür. »Laß sie nicht hereinkommen!« bat sie. Er eilte zur Tür, als es klopfte. Draußen flüsterte er einige Zeit und kam mit dem Tablett herein. »Dort, Suse, in der Schublade liegt das Tischtuch«, zeigte er. Bald darauf klopfte es wieder. Suse fuhr zusammen. Er blickte sie im Vorübergehen tröstend an und lief zur Tür. Mit einer zweiten Tasse und einigen Brötchen kam er zurück. Und Susanne deckte den Tisch und stellte alles fein säuberlich auf, und dann saßen sie einander gegenüber. »Nun sitzen wir da wie Mann und Frau«, frohlockte er. Sie lächelte ihm zu. Aber gleich darauf sagte sie ernst: »Wenn Mutter das Telegramm gestern abends nur erhalten hat!« »Sicher, Kind. Es war ja erst halb zehn, als ich es aufgab.« Sie sann vor sich hin. »Ich darf nicht daran denken, was Mutter diese Nacht durchgemacht hat«, sprach sie bleich. Er schwieg und zerbröckelte sein Brot. »Ja, Kind«, sagte er dann, »diese erste Zeit wird schwer sein. Bis wir alles ins Gleis gebracht haben. Aber dann –« Er nahm ihre Hand und küßte sie. Nach einer Weile überlegte sie: »Ich werde jetzt lieber gleich zu Mama gehen und ihr alles vorstellen. Sie muß es ja begreifen.« »Sie wird es auch«, tröstete er. »Sie liebt dich doch so, – Soll ich mitkommen?« Sie schüttelte stumm den Kopf. »Lieber nicht –«, sagte sie nach einer Weile, »das müssen wir zwei Frauen allein abmachen.« Als sie dann zum Gehen bereit waren, sagte er: »Jetzt muß ich erst noch wegen des Zimmers sprechen und dich auch mit Frau Ebeling bekannt machen.« Er ging zur Tür und rief sie. Susanne schlug mit hastigem Griff die Decke über das Bett. Frau Ebelings helle graue Augen kündeten noch fröhliche Geschichten von ihrer einstigen lustigen Schönheit. Sonst war sie gebeugt und ein wenig verschrumpft. Sauber und appetitlich trat sie ins Zimmer. »Also, Frau Ebeling«, sagte Hoff in dem etwas gönnerhaften Tone, in dem junge Herren mit ihren Wirtinnen sprechen, »da haben Sie meine – – meinen Gast.« Susanne flammte auf und stotterte etwas, das »Guten Morgen« bedeuten konnte. Frau Ebeling sah sie scharf an und sagte: »Guten Morgen, Fräulein. Und das muß man sagen. Geschmack hat der Herr Assessor.« Susanne wurde noch verlegener, und Hoff bog in ein anderes Thema ein. »Also – Fräulein – Susanne – möchte auch hier draußen hei Ihnen wohnen, Mutter Ebeling. Es gefällt ihr bei Ihnen.« Die jungen Augen der Alten lachten. »Das glaube ich wohl«, sagte sie schmunzelnd. »Da nebenan ist doch ein Zimmer«, meinte Hoff und deutete auf die Tür. »Es ist 'n bißchen klein«, bedachte Frau Ebeling und öffnete die Tür. »Wenn Sie mal sehen wollen, Fräulein?« Susanne trat auf die Schwelle. »Oh, das ist doch sehr nett. Und ein Balkon ist ja auch dabei.« »Ja, Balkon ist vorhanden«, bestätigte die Alte. »Das ist ja reizend«, rief Hoff. »Also, Mutter Ebeling, dann nehmen wir von heute an diese beiden Zimmer, wenn's Ihnen recht ist Und die Arbeit wird Ihnen hoffentlich nicht zu viel sein, weil Sie doch alles allein machen.« »I«, wehrte sie, »diese alten Knochen halten schon noch.« »Ich will Ihnen gern helfen«, erbot sich Susanne schüchtern. »Na ja, wenn's mal nötig ist, Fräulein. Und mit'n Essen. Das Fräulein ißt wohl auch hier?« »Ja«, sagte Hoff, »natürlich«. »Dann können Sie mir mal Ihre Lieblingsgerichte auskramen, Fräulein. Damit Sie auch recht tüchtig essen und es Ihnen bei mir schmeckt.« »Ich esse alles«, sagte Susanne scheu. »Dann ist alles abgemacht, Frau Ebeling, nicht wahr?« »Ja, Herr Assessor. Anmelden brauch ich das Fräulein ja nicht, da es nur zu Besuch ist.« Als sie zum Bahnhof gingen, sagte Hoff: »Die Alte wird dir ganz gut gefallen, Suse, wenn du dich erst an ihre Art gewöhnt hast. Sie ist 'ne Seele von einem Menschen. Es ist geradezu rührend, wie sie für mich sorgt. Man merkt immer, sie freut sich, jemanden bemuttern zu können. Soviel ich aus ihren Bemerkungen herausgehört habe, war sie als junges Ding das Verhältnis von dem Besitzer der Villa. Und hat auch von ihm einen Sohn gehabt. Als der Alte starb, hat er ihr und dem Kinde die Villa hinterlassen. Und nun ist der Sohn vor einigen Wochen gestorben.« Sie sagte hiezu nichts und ging geradeaus, ihr eigentümliches Sinnen um die Augen. Da hatte er plötzlich die Empfindung, sie denke daran, daß sie nun auch ihm so etwas sei wie einst Fräulein Ebeling in ihren Maientagen dem Besitzer der Villa. Sacht tastete er nach ihrer herabhängenden Hand und preßte sie innig. »Suse«, tröstete er, »es ist ja nur ein Durchgangsstadium. Sowie ich angestellt bin, wirst du meine Frau, und alles wird gut.« Da wandte sie ihm das Gesicht zu und sagte: »Ewald, – glaube nie, daß ich daran denke. Ich will nur bei dir bleiben und dir keine zu schwere Last sein.« Eine erstickende Zärtlichkeit quoll in ihm auf, »Du wundervolles Mädel!« stammelte er und preßte ihre Hand an seine feuchten Augen. Er begleitete sie bis zum Hause. »Soll ich nicht doch lieber mit hinaufkommen?« fragte er wieder. »Es scheint mir so feig, dich diesen Weg allein gehen zu lassen.« »Aber Liebling«, wehrte sie, »es ist doch meine Mutter, die mich kennt.« Er sah ihr nach, wie sie die Treppen hinaufstieg. Dann ging er zur Hochbahn und fuhr ins Ministerium. Je höher sie stieg, desto stärker pochte Susanne das Herz. Der schrille Ton der Klingel riß ihr schmerzhaft durch das Hirn. Die Zugehfrau öffnete. Sie blickte Susanne aufdringlich an. Sie kam noch nicht lange ins Haus. »Ist gestern abend ein Telegramm gekommen?« fragte Susanne hastig. »Ja, Fräulein.« Susanne ging in ihr Zimmer. Sie wollte erst ablegen. Ihre Finger zitterten so stark, daß sie mit Mühe den Hut aus dem weichen Haar lösen konnten. Dann stand sie einige Sekunden an der Tür, die Hand auf der Klinke, bis sie die Kraft fand, sie herabzudrücken. Im Wohnzimmer saß die Mutter am Schreibtisch. Sie blickte nicht auf, als Susanne eintrat. Das Mädchen wollte auf sie zueilen, an ihr niederfallen, ihren Kopf an ihre Knie schmiegen, wie sie es als Kind oft getan hatte, und ihr beichten, wie alles gekommen war. Wie sie nicht anders hatte handeln können, weil eine Macht sie leitete, eine gute starke Macht, über die sie keine Herrschaft besaß, das beste in ihr – – Und die Mutter würde alles verstehen und alles verzeihen. Aber als sie jetzt in dem großen Zimmer an der, Tür stand, und die Mutter mit abgewandtem Gesicht am Schreibtisch saß, war alles so anders. Eine Kälte stand in dem weiten Baum und bannte sie fest auf die Schwelle der Tür. Endlich rang sie hervor: »Mutter – Mama –!« Die Frau rührte sich nicht. Susanne starrte auf sie hin. Es schien ihr plötzlich, als sei ihr Haar grauer als gestern und die Züge auch. Und so fremd war sie und alles hier. »Mutter«, wiederholte sie und trat einen Schritt näher, »hör mich doch an.« Da wandte die Frau langsam den Kopf, sah sie mit tränenroten, kummervollen Augen an und raunte: »Kind – Kind« – sie schüttelte den Kopf – »Susanne!« Da war Susanne doch an ihrer Seite, lag auf den Knien und stammelte: »Mutter – du mußt es begreifen. Denk an deine Jugend. Wie du Papa geliebt hast –« Die Frau beugte sich tief zu ihr herab und flüsterte: »Suse – wie konntest du das nur tun!« Da preßte Susanne ihr Gesicht an die Knie der Mutter und schluchzte winselnd auf. Lange weinten die Frauen zusammen. Endlich begann Frau Neubert unter Tränen: »Ich suche das Leben zu verstehen. Ich begreife, wie ein armes Mädchen, das keine Erziehung gehabt hat, das keinen Halt und keine Freude im Leben hat, sich einem Manne, den es liebt, hingibt. Aber du – die ein Heim hat, die mich hat – – Bin ich dir denn nichts –?« Wieder durchflutete sie ein reißender Strom des Wehs. »Mutter –« flehte Susanne – »denke doch an deine Jugend – wie du Papa kennen –« Da sagte Frau Neubert bitter: »Sprich jetzt nicht von Papa. Heute bin ich glücklich, daß er – – beizeiten gestorben ist.« Und nach einer Pause sprach sie vor sich hin; »Wie ehrenhaft er war und wie er an dir hing, als du klein warst. Und deine Zukunft war seine letzte Sorge. Und nun liegst du so vor mir! Ich denke immerzu, ich habe dich nicht richtig erzogen. Ja – wie denn –? Wie soll man ein Mädchen erziehen? Ich habe geglaubt, Vertrauen ist das beste. Ja, Vertrauen! Und ich Närrin ließ dich gestern abend zu ihm gehen! –« Sie schwiegen. Susanne erhob sich und stand vor ihr. »Mama – du wirst es doch begreifen –« begann sie wieder. »Nein«, sagte die Frau weh. »Von dir begreife ich das nicht. Ich zermürbe mir den Kopf, wo du es her haben kannst. Von Vater nicht. Und von mir – weißt du, was mein Vater mit solcher Tochter – getan hätte. Weißt du das, Susanne? Vom Hof hätte er sie fortgepeitscht!« Da schrie Susanne leise auf und fiel gegen den Tisch. Es wurde leer und verzweifelt in ihr. Aber sie fühlte gequält, es war etwas noch nicht gesagt. Sie würde den Weg zum Verständnis der Mutter finden, wenn sie nur das rechte Wort sagte. Und wieder hob sie an: »Mama – du weißt doch, daß ich nicht schlecht bin. Er wird mich ja auch heiraten –« »Gerade deswegen hättest du warten können, nicht wie eine Köchin mit ihrem Schatz –« Da schwieg Susanne. Die Mutter aber sagte sehr weich: »Susanne – du hast mir das Leben zerstört. Davon rede ich nicht. Du weißt, daß du mir das Glück und – das Leben warst. Ich suche immerzu, es in deinem Lichte zu sehen. Ich kann es nicht. Mir ist – als sähe ich – Schlamm an dir.« Susanne schwieg. »Du kommst nun und verlangst Verzeihung. Kind, Kind – ich habe dir nichts zu verzeihen. Du hast dir zu verzeihen. Du hast deine schöne Reinheit besudelt wie ein törichtes Kind.« »Ich fühle mich rein«, sagte Susanne trotzig. »Wir wollen nicht streiten«, erwiderte die Mutter immer milder. »Wir wollen es beide zusammen auf uns nehmen. Du magst das Haupt hoch tragen, wenn du es kannst. Meinen alten Kopf beugt tiefe Scham und tiefer, tiefer Kummer. Aber nun geh in dein Zimmer und pack deine Sachen. Deine Koffer sind schon drinnen. Wir wollen mittags fahren.« Susanne begriff nicht. »Wir fahren«, bedeutete die Mutter, »wie wir es geplant haben, nach – Luzern. Wir nehmen den Mittagszug.« »Ja – Mama«, stotterte sie, »ich – ich bleibe doch bei ihm!« »Bei wem!?« »Bei Ewald – – doch – natürlich.« Dann war eine lange Pause, in der eine rauhe, harte Wand sich zwischen Mutter und Kind aufbaute. Endlich sagte die Frau: »Wenn du das tust – Susanne – bist du für mich tot.« Und als das Mädchen sich nicht rührte, fügte sie nach einer Weile hinzu: »Für eine unüberlegte, rasche Tat – hätte ich am Ende – Begreifen gefunden. – Für ein planvolles Dirnenleben – –« Da bäumte Susannes Körper sich auf, wie der Ast einer sturmgepeitschten Weide. »Mutter!« Der Schrei hallte eisig nach. Endlich sagte die Mutter: »Ich verliere mein einziges Kind, Susanne, wenn du gehst.« »Aber Mutter! Fühlst du nicht, daß ich jetzt nur bei ihm noch leben kann! Daß mich hier – die Scham zermürbt. Fühlt das dein Zartsinn nicht?!« Da wandte die Mutter sich zum Fenster und sprach kein Wort mehr. Susanne ging in ihr Zimmer. Sorgsam glättete sie ihre Blusen in einen Kasten. Vorsichtig faltete sie die Röcke im Koffer. Von Zeit zu Zeit richtete sie sich auf und sann ohne Gedanken vor sich hin. Als sie fertig war, stellte sie alles auf einen Fleck und blickte auf ihre Habseligkeiten nieder. Da öffnete die Mutter die Tür: »Susanne – um Himmels willen komm doch zu dir! Du kannst doch nicht wie eine Straßendirne mit dem Manne leben.« Susanne verzog nervös die Stirn: »Wir reden fremde Sprachen, Mama. Zwischen uns stehen Welten. Dirne! Dirne! Dieses eine Wort bezeugt, wie weit wir voneinander stehen. Da ist jeder Versuch, sich zu finden, ein Flüstern im Sturm. Du hast ja keine Ahnung, was mich zu ihm treibt. Und ich fühle, ich könnte reden und reden von meiner Liebe, die so keusch ist, Mutter, das kannst du mir glauben. Und gerade meine Ehrenhaftigkeit gebietet mir, ohne Schwanken und Zweifel zu ihm zurückzukehren. Aber du kannst es nicht begreifen – das allein weiß ich jetzt.« Und jäh trat sie zur Mutter und flehte: »Mama, wenn du es auch nicht verstehen kannst, so glaube es mir, glaub' es mir, wie du an Gott glaubst, daß mich das Beste, das Reinste, ja Mama, das Reinste in mir treibt zu ihm!« Die Mutter antwortete: »Das sind Phrasen, Susanne. Aber geh – geh. Ich kann dich nicht halten. Mit Autorität will ich dich nicht halten. Doch wenn du im Elend verkommst, dann denk an diese Stunde.« »Ich werde nicht verkommen«, sagte Susanne und streckte die Hand aus. Die Mutter wandte sich ab. »Willst du mir nicht Lebewohl sagen?« bat Susanne schmerzlich. »Nein – Susanne – zu dem Wege sage ich dir kein Lebewohl.« Und sie ging schnell ins Nebenzimmer und schloß die Tür. Doch sie öffnete sie gleich darauf wieder und sagte: »Wenn du es je bereuen solltest, Suse, meine Tür wartet zu jeder Stunde auf dich.« Susanne lief auf sie zu und wollte sie in überquellender Rührung umarmen. Doch Frau Neubert wehrte mit Anstrengung: »Nein – mein Kind. – so stehen wir nicht – mehr. Lebewohl.« Dann ging sie ins Nebenzimmer. Die Enttäuschung trieb Susanne das Wasser in die Augen. Sie hatte trotz allem, ja obwohl sie gebangt hatte, daß ihr Schritt die Mutter töten würde, ganz im Geheimen vertrauensfroh erwartet, die Mutter, ihre kluge, hellseherische Mutter, würde sie verstehend in die Arme nehmen. Sie starrte auf die verschlossene Tür. »Wie Mutters Herz«, dachte sie und wandte sich ab. Sie überlegte jetzt angestrengt, wie sie all ihre Sachen nach Schlachtensee schaffen sollte. Das Denken schmerzte sie so – über den Augen bohrte es. Eine Droschke konnte sie sich nicht nehmen bis da hinaus. Und mit der Bahn – – Schließlich dachte sie an die Paketfahrt. Ja, die konnte es tun. Und ganz erfüllt von ihrer Idee, verließ sie das Haus, ohne rechtes Bewußtsein, daß es ein Abschied war für immer. Sie ging in das Bureau der Gesellschaft und füllte die Karte aus. Als sie wieder auf der Straße stand, fühlte sie eine linde Erleichterung. Sie wanderte durch die Straßen bis zum Bahnhof Großgörschenstraße und fuhr nach Schlachtensee. Frau Ebeling begrüßte sie nur flüchtig und ging hinauf in das Zimmer. Hier setzte sie sich ans Fenster und blickte hinaus. Und dann kam eine solche hirnaushöhlende Ermattung über sie, daß sie sich legen mußte. Sie fiel auf die Chaiselongue nieder und schlief sofort ein. Und sie erwachte, als Hoff sich über sie beugte und sie leise küßte. Da öffnete sie die Augen und fand sich erst nach einigen Sekunden zurecht. »Ich habe wohl sehr lange geschlafen?« fragte sie besorgt. »Es ist sicher schon sehr spät.« Er lächelte. »Nein, mein liebes Herz. Ich bin heute etwas früher aus dem Dienst gegangen. Bleib nur liegen, meine Suse. So. Ich setze mich hier neben dich. So, mein kleines, großes Mädel. Und nun erzähle mir alles, daß ich es mit dir trage.« Da sagte sie: »Ewald – meine Mutter hat mir – –« Und jetzt erst begriff sie alles. Ihr Mund verzog sich, sie kämpfte und trotzte, aber dann schossen die Bäche ihr in die Augen. Und sie weinte, durchwühlt von all den dunklen Schmerzen und heiligen Freuden des letzten Tages. Er streichelte sie und preßte ihren Kopf an seine Brust und ihre Tränen rannen in kleinen hellen Kugeln über seine Jacke. Und immer wollte sie sprechen und ihm erzählen und immer ertranken die Worte in einem neu hervorbrechenden Quell. Erst als Mutter Ebeling klopfte und berichtete, daß nun gleich das Essen fertig wäre, gewann sie die Herrschaft über sich wieder. Doch als sie mit der Alten den Tisch deckte, durchbebte sie noch dann und wann ein tränenfeuchtes Schluchzen. Frau Ebeling sagte nichts, dachte sich aber ihr Teil. Nur als auf der Treppe die Erschütterung einmal so heftig war, daß Susanne das Tablett fast fallen ließ, tätschelte die Alte sie mit ihrer knochigen Hand in die Seite und murrte: »Na – na – Fräulein! Es is nur so die erste Zeit. Da is's schwer. Aber nachher wird's schon besser.« Bei Tisch erzählte sie ihm alles. Ein wilder Zorn loderte in ihm auf. Sie besänftigte ihn. »Sie kann es nicht fassen«, sagte sie. »In ihrem Elternhaus galt das für das schlimmste Verbrechen. Sie hat es mir schon früher erzählt. Man hätte ein Kind lieber tot gesehen, als das. Und so etwas bleibt wohl im Blute. Sie ist sonst so gut und verstehend. Und jetzt sehe ich auch schon klarer – wie gut sie heute war.« »Solcher Wahnsinn«, schalt er, »solcher blödsinnige Wahnsinn! Nicht zu begreifen, daß du jetzt bei mir bleiben mußt . Von Fremden verlange ich das gar nicht. Aber deine Mutter, die dich so genau kennt, muß wissen, daß du dich nicht seit gestern so geändert haben kannst.« »Ja – ja«, nickte sie, »grade das ist so unbegreiflich und so – schmerzlich. Daß sie es nicht begreift. Sie, die jeden Gedanken in mir kennt.« Er streichelte ihre Hand über den Tisch hinweg. »Meine arme, kleine Märtyrerin!« Sie lächelte schmerzlich. »Daß ich nun hier als Vorkämpferin der freien Liebe sitze! Ich, Susanne Neubert, die so gar nicht aufsässig und revolutionär ist. Ich gehe so gern allem Lauten und Lärmenden aus dem Wege. Ich habe nie Schranken im Konventionellen gefunden. Und soll nun für freie Liebe kämpfen!« »Mein armer Liebling«, flüsterte er. Da stand sie auf und kam zu ihm herüber, setzte sich auf seine Knie, schlang die Arme um seinen Hals und sagte leise: »Liebling – das Bitterste ist – und das schmerzt mich so, daß ich dir so viel Schweres ins Leben bringe.« Und es dauerte lange, ehe er ihre Sorgen fortgeküßt hatte. 14. Es war Nachmittag. Hoff arbeitete. Susanne saß nicht weit von ihm und las. Ab und zu tauschten sie einen schnellen lächelnden Blick. Da kraute er sich nervös in den Haaren und sagte: »Kuckuck noch 'n mal, ich finde das Adjektiv nicht.« Sie blickte verdutzt auf. »Welches Adjektiv?« Er lachte. »Das richtige. Manchmal bastelt man eine halbe Stunde an solch einem kleinen Beiwort. Adjektiva – das mußt du als Autorsgattin wissen –« dozierte er schalkhaft – »sind das wichtigste. Maupassant hat mal irgendwo gesagt, man muß das Ding so prägnant bezeichnen, daß es sich von allen ähnlichen Dingen der Welt scharf unterscheidet. Ein Baum muß so charakteristisch geschildert werden, daß er keinem anderen Baume ähnlich sieht und du ihn gleich erkennen würdest, wenn er dir einmal begegnete.« Sie nickte. »Natürlich sind es die Adjektiva, die vor allem charakterisieren. Da habe ich ein junges Ding, das verfolgen sie als Liebste des Satans. Ich kenne sie genau. Du am Ende auch. Das möchte ich gern herausbringen: diesen Liebreiz, der auf ihrem Antlitz liegt, wenn sie so träumerisch hinausschaut in die Ferne. Diesen Schimmer, der dann auf jedem feinen Härchen ihrer Samthaut zittert wie Tau auf den Gräsern der Nacht. Das krieg' ich nicht raus.« »Ich werde dir helfen«, scherzte sie und kam zu ihm. »Ich werde dich ansehen, du meine süße Sehnsucht, damit ich auch den rechten Ausdruck bekomme.« Und sie küßte ihn herzlich. Dann wurde sie ernst und sagte, sie würde nachdenken und sie legte das Gesicht in Falten und dachte ganz schrecklich nach. »Gott«, meinte sie kläglich, »jetzt sehe ich erst, wie schwer das ist! Über mein edles Gesicht fällt mir gar nichts ein. Nicht ein Adjektiv. Immer fliegen mir die Adjektiva für dich zu. Solch ein Bündel: der klügste Mann, der zarteste Mann, der treueste Mann, der tüchtigste Mann, der – –« Sie stand hinter ihm. Da bog er lachend den Kopf zurück und rief: »Halt, halt! Ich werde größenwahnsinnig.« Und er zog ihr Gesicht herab, dicht an seinen Mund, und flüsterte: »Ich weiß auch Worte für dich, Geliebte. Die sind aber nur für uns beide. Da ist die Suse, mit dem Körper einer windbewegten jungen Birke; und die Suse mit dem Antlitz einer jungen Heiligen, die nach dem Leben dürstet; und vor allem meine Suse.« »Das ist der Weisheit schönster Schluß«, jubelte sie. Und dann löste sie sich von ihm und sagte sehr brav hausmütterlich: »Du willst doch arbeiten. Laß die Stelle vorläufig im Manuskript offen. Vielleicht fällt mir doch etwas ein. Ich weiß ganz genau, was du meinst.« Sie trat an das offene Fenster und grübelte angestrengt. Und blickte hinaus und sah vor lauter vorbeihuschenden Adjektiven nichts. Es dauerte geraume Zeit, bis sie gewahr wurde, daß die beiden Damen dort unten zu ihr heraufstarrten. Da fuhr sie zurück und flüsterte Hoff zu: »Du – – da unten stehen zwei Damen und blicken so herauf – –« »Das wird wohl nicht mir gelten«, meinte er unbesorgt und trat zum Fenster neben sie. Sofort aber prallte er zurück und zog sie mit fort. Herta und Esther Honigmann hatten ihn aber doch sehr deutlich gesehen. »Meine Schwester«, flüsterte er und legte unbewußt den Finger an die Lippen. Dann stellte er sich auf die Zehenspitzen und lugte hinaus. »Sie gehen fort«, berichtete er sichtlich erleichtert. Als er sich umsah, stand Susanne am Tisch. Ihr Gesicht war aschfahl. Das Haupt tief gebeugt Dieses Fortzerren vom Fenster, das Zurückspringen, dieses Tuscheln, sein ganzes Gebaren, als seien sie ertappte Diebe, hatte ihr einen Stoß in die Brust versetzt, daß das Herz in Schmerzen flatterte. Er begriff sofort. Liebkosend legte er den Arm um sie und zog sie an sich. Sie ließ es willenlos geschehen. Ein kalter, abwehrender Hauch strömte von ihr aus. »Suse«, entschuldigte er, »du weißt doch, wie die Dinge liegen.« »Ja«, entgegnete sie tonlos. »Na – – also, Kind, sei doch vernünftig! Es war nur so in der ersten Überraschung. Du weißt doch, sie werden gegen dich sein. Aber ich werde schon alles ordnen. Du sollst sehen, du wirst noch ihre liebste Freundin und Mutters Schoßkind.« Er küßte sie, doch ihre Lippen waren spröde und kalt, obwohl sie sich zur Herzlichkeit zwingen wollte. Ein dunkler Schleier hatte sich über die Sonne dieses Tages gebreitet. Die Überraschung auf Hertas Seite war nicht viel freundlicher. Esther, die am Tage zuvor zurückgekehrt war, hatte sie am Morgen angeläutet und den Ausflug verabredet. Als sie sich dem Hause näherten, rief Esther plötzlich: »Du, mir scheint, wir dürften dort nicht sonderlich willkommen sein.« Herta folgte ihrem Blick und – – stand starr. »Das – – kann unmöglich sein Fenster sein«, stammelte sie. »Natürlich ist's sein Fenster. Ich weiß es genau. Rechts neben dem Balkon.« In diesem Augenblick erschien Hoffs Kopf und verschwand sofort wieder. »Das war ein prompter Beweis«, lachte Esther und bog schnell hinunter zum See. Herta war fassungslos. Sie begriff es einfach nicht. Und das stotterte sie auch hervor. Doch Esther belustigte es. »Meine Güte, Herta! Tu doch nicht so. Was ist denn dabei?« »Es ist unerhört!« protestierte Herta. »Du bist drollig. Hast du etwa geglaubt, ein Mann wie dein Bruder plagiiere den heiligen Antonius?« »Das – – nicht – – aber« erboste sie sich kopfschüttelnd. Und dann fixierte sie die Freundin angstvoll. Faßte die es wirklich so harmlos auf, oder wollte sie nur keinen Schmerz zeigen? »Im Grunde ist natürlich nichts dabei«, stellte Herta jetzt besonnen fest. »Irgend ein kleines Mädchen, das ihn da aufsucht. Natürlich ist das weiter nichts. Es ist nur ärgerlich, daß wir gerade dazukamen. Aber wie kann er auch bei hellem lichtem Tage – –« »Nun«, meinte Esther munter, »jedenfalls ist das weniger verfänglich als bei stockdunkler Nacht. Und was uns anlangt, so wird es deiner Tugend, liebe Herta, nicht schaden, und meiner, weiß Gott, auch nichts. Und vor allem: er hat guten Geschmack. Das ist das einzige, was mich bei solchen Begegnungen ärgern könnte: daß die jungen Herren die Freuden, die wir ihnen versagen müssen, bei Unwürdigen suchen. Ein feines, schönes Gesicht war das.« »Ich habe sie nicht recht gesehen«, gestand Herta ehrlich und freute sich im stillen über den scharfen Blick – – der Eifersucht. Als sie nach Hause kam, platzte sie ins Zimmer mit dem Alarmruf: »Ne nette Bescherung hat euer Sohn und Bruder da angerichtet!« »Um Himmelswillen, was ist geschehen?!« fuhr Frau Hoff in die Höhe. Und Lisbeth wurde einen Schatten bleicher. Herta berichtete. »Wie hat Esther es aufgenommen?« fragte Frau Hoff mit versagender Summe. »Nicht – – übel, wenn sie sich nicht verstellt hat. Das glaube ich aber beinahe. Denn sie hat das Weib in dem Augenblick genau gemustert, wie sie mir nachher gestand. Natürlich voll Eifersucht. Am Ende ist es ganz gut, wenn sie ein bißchen eifersüchtig wird und Angst bekommt. Aber nochmal darf uns das nicht passieren, sonst geht die Geschichte schief. Morgen fahre ich raus und sage dem jungen Herrn Bescheid. Freuen soll er sich.« Und sie setzte sich mit hellblinkenden Augen an die Arbeit. Erst allmählich lösten sich aus dem schweigenden Unbegreifen der drei Frauen Gedanken und Worte. »Es ist doch gar nicht seine Art – – und noch dazu bei Tage!« sann Lisbeth. »Und zu uns kommt er nicht, weil er zuviel zu arbeiten hat«, lachte Herta auf. »Jetzt wissen wir, was er arbeitet, der Monsieur.« Und die Mutter schüttelte immer wieder den grauen Scheitel. Gewiß, natürlich. Keuschheit bei einem Mann – – Gut. Das war natürlich. Aber am Nachmittag sich Weiber ins Haus nehmen, wo er wußte, daß Esther kommen konnte! Sie schüttelte und schüttelte das graue, vom Grübeln und Sorgen ermattete Haupt. – – Am nächsten Tage fuhr Herta hinaus nach Schlachtensee. Als sie sich der Villa näherte, spähte sie vorsichtig nach dem Fenster, »rechts neben dem Balkon«. Doch da war nichts – – Verfängliches zu erblicken. Sie hatte es auch nicht anders erwartet. Er konnte doch unmöglich täglich Besuch haben, der liebe Bruder Luftikus. Als sie die Treppen hinaufzusteigen begann, öffnete Frau Ebeling ihre Tür. »Wohin, Fräulein?« rief sie ihr nach. »Zu Herrn Assessor Hoff. »Na dann warten Sie man erst hier unten 'n Augenblick. Ich will mal erst eben hören.« »Ich bin die Schwester«, erklärte Herta etwas hochmütig. »Na – – scheen. Denn werden wir ja gleich hören«, gab die Alte gleichmütig zurück und kraxelte die Treppen hinauf. Hoff saß am Schreibtisch, und Susanne las, als Frau Ebeling klopfte. »Da is 'n Fräulein«, meldete sie, »die will 'n Herrn Assessor sprechen.« Hoff durchzuckte es schreckhaft. »Ein Fräulein?« fragte er mechanisch. »Ja. Und sie sagt, sie wäre dem Herrn Assessor seine Schwester.« »Blond?« fragte er kurz. »Ja, blond ist sie wohl. So ins Rötliche.« »Lassen Sie sie heraufkommen.« Er blickte Susanne verlegen an. Sie hatte sich erhoben und ging zu der Tür ihrer Stube. »Bleib doch hier«, rief er, »wir müssen von Anfang an betonen, daß du zur Familie gehörst.« »Ich möchte lieber erst – –« bat sie scheu. »Du kannst mich ja dann rufen.« Damit schloß sie die Tür. Hoff eilte der Schwester entgegen, sie stand bereits vor dem Zimmer. »Ah – Tag, Herta!« tat er arglos. »Guten Tag!« antwortete sie und trat ein. »Nett von dir, daß du mich mal besuchst.« Sie schnupperte mit ihrem feinen Stumpfnäschen in der Luft herum, als witterte sie die Nähe einer Frau. »Wie geht's denn zu Hause? Aber setz' dich doch.« »Danke«, nickte sie kühl und nahm auf der Kante der Chaiselongue Platz. »Hm – was treibst du denn?« »Ich arbeite, wie du siehst«, deutete er nach dem Schreibtisch. »Ganz so fleißig bist du wohl nicht immer«, lächelte sie schelmisch – sie hatte beschlossen, die Angelegenheit scherzhaft zu behandeln – »wenigstens scheinst du dich auch mit Hexen zu befassen, die nicht aus dem frühen Mittelalter stammen.« »Du meinst: gestern?« fragte er, und trotz aller Selbstbeherrschung pochte ihm das Herz, daß die Weste auf und nieder zitterte. »Jawohl. Du bist ja ein ganz scherzhafter Kumpan. Gehst auf Freiersfüßen und stellst am sonnenhellen Tage in deinem Fenster Damen zur Schau – –« Da sagte er: »Herta – ich muß dir etwas sagen. Die Dame – das junge Mädchen, das da gestern hier am Fenster stand – ist meine – – Braut.« Herta hob den Schirm, mit dem sie bisher anmutig gespielt hatte, steif in die Höhe. »Deine!? – –« »Meine Braut.« Herta schüttelte den Kopf, eine Röte innerer Erregung stieg ihr ins Gesicht. »Ich – – ich – –« versuchte sie zu sprechen. »Es ist furchtbar schwer, dir das sagen zu müssen, Herta. Das wirst du begreifen, aber – ja, ich kann keine andere heiraten. Ich liebe sie. Ich kann keine andere heiraten.« Herta warf den Schirm auf die Chaiselongue. »Laß deine albernen Witze«, sagte sie verdrießlich. »Ich spaße nicht«, flüsterte er eindringlich. »Ich wollte dieser Tage zu euch kommen und es sagen.« Da beugte Herta den Oberkörper weit vor und starrte ihm mit blassen Augen ins Gesicht. »Du bist wohl toll geworden, Ewald!« »Nein, Herta. Ihr müßt euch darein finden. Wir müssen uns alle mit der Tatsache abfinden. Wir werden es einzurichten versuchen. Ich werde jeden Pfennig, den ich abgeben kann –« Da sprang sie wie eine junge Katze gegen ihn los, packte ihn mit beiden Fäusten am Rock und schüttelte ihn mit der ganzen Heftigkeit ihrer jungen kräftigen Arme. »Ewald – Mensch!« schrie sie, »du bist von Sinnen. Komm doch zu dir. Du bist ja wahnsinnig. Das kann doch nicht dein Ernst sein. Du – –« Er löste ihre Finger von seinem Rock. »Ich bitte dich, Herta, endlich einzusehen, daß ich nicht scherze«, sagte er gereizt. Kleine rote Flecke sprangen auf in ihrem Gesicht. »Und das – das wagst du so daherzusagen? Davon, daß du es tun wirst, ist ja keine Rede. Aber daß du mit dem Gedanken spielst –« »Ich spiele nicht, liebes Kind.« »Was denn? Was denn?« schrie sie immer heftiger. »Was willst du denn eigentlich? Willst du mir nicht endlich einmal sagen, was du eigentlich willst?!« »Ich habe es dir schon mehrmals gesagt. Ich werde das Mädchen heiraten, das du gestern hier – dort an dem Fenster gesehen hast.« Da lachte sie gellend auf. »Also – die willst du heiraten! Diese Dirne, die gestern –« da stand er vor ihr, wie sie ihn nie gesehen hatte. Die Augen quollen häßlich hervor. Blutige, dicke Striche glühten in den Augäpfeln. »Wirst du deinen lästerlichen Mund halten!« knirschte er. »Sie hört jedes Wort.« Herta wich keinen Schritt. Die Geschwister, die beide äußerlich dem Vater glichen, standen einander bleich gegenüber und sprühten sich ihren Haß ins Gesicht. Im nächsten Augenblick gewann ihre Klugheit die Herrschaft. »Ewald«, begann sie ruhiger, »das ist trotz allem nicht dein Ernst. Das kann dein Ernst nicht sein. Hast du dir nicht klargemacht, was das heißt? Untergang bedeutet das für uns. Einfach Vernichtung. Von mir rede ich nicht. Aber Mama und Lisbeth – –« »Ich werde es einzurichten suchen«, sagte er mit irrenden Augen. »Sie wird auch arbeiten. Und jeden Pfennig, den ich erübrigen kann –« Da höhnte sie auf: »Deine Bettelpfennige und das Lumpengeld deiner – Geliebten brauchen wir nicht. Hörst du. So viel verdienen wir noch alle Tage. Dazu brauchen wir dich nicht. Wir sind ja schon lange Jahre ohne deine Hilfe ausgekommen und haben dich noch durchgepäppelt. Um das Leben handelt es sich, wie du sehr wohl weißt. Laß diese dumme Taschenspielerei, mein Lieber. Du hast dich verpflichtet – ja, du hast die verdammte Pflicht und Schuldigkeit – wenn schon nicht gegen Lisbeth und mich – so doch gegen die Mutter. Du hast dafür zu sorgen, daß sie nun endlich aus diesem Jammer herauskommt. Das hast du.« »Ich will ja –« »Ach bleib mir mit dem Unsinn vom Leib! Du willst ja! Was willst du? Sag doch, was du willst. Wenn du willst, kannst du Esther heiraten. Das hängt nur von dir ab. Das weißt du sehr gut. Du willst ja! Was willst du? Uns die Abfälle von dem Tisch deiner – Maitresse zuwerfen.« »Herta!« Er ging drohend auf sie zu. Sie reckte ihm die Brust herausfordernd entgegen. »Ja, – vergreif dich nur an mir, du Ehrenmann. Ein Schuft bist du! Ja, daß du's nur weißt. Ich schrei's dir ins Gesicht. Läßt dich jahrelang von uns drei armen Frauen durchfüttern und du weißt, wie wir uns geschunden haben – und jetzt, wo du so weit bist, daß du endlich auf eigenen Füßen stehst – da gibst du uns einen Fußtritt. Uns, die wir gehungert und uns die Seele und die Augen für dich aus dem Leibe gearbeitet haben. Und um wen? Um wen bloß? Um dieses hergelaufene Frauenzimmer!« Sic rannte im Zimmer einher wie eine gefangene Wildkatze. Plötzlich lachte sie grell auf. »Wenn es nicht ans Leben ginge, könnte man sich totlachen. Eine famose Partie für den Herrn Ministerialassessor Hoff. Gratuliere auch schön, gratuliere bestens!« Er sagte nichts mehr. Er stand am Fenster und stierte hinaus. Ab und zu zuckte es durch seinen Körper. Doch er bezwang sich. Sie schwieg atemlos. Dann fragte sie kategorisch: »Was soll ich zu Hause sagen, Ewald?« Da wandte er sich um. »Sag ihnen, daß ich seit langer Zeit ein Mädchen aus guter Familie kenne, daß – –« »Seit langer Zeit? Wie konntest du da mit Esther –?!« »Ach, Herta – weil ich – ja, weil ich ein Jammerlappen war. Deswegen. Weil ihr alle mich ganz wirr gemacht hattet. Weil ich euch durchaus helfen wollte auf Kosten meiner Männlichkeit und Ehrenhaftigkeit. Weil – –« »Laß dieses irrsinnige Gefasel«, fuhr sie wieder auf. »Ich bitte dich zum letztenmal, mir zu sagen, was ich der Mutter von dir bestellen soll?« »Daß ich ein Mädchen aus guter Familie – –« » Den Schmarren kenne ich nun nachgerade, weißt du. Sonst hast du nichts zu sagen?« »Sag' bitte, daß ich versuchen will – – ich kann vielleicht auf meine Lebenspolizze Geld leihen und – –« »Und an deine Versprechen und an Lisbeths Zukunft und an meine Zukunft – denkst du gar nicht? Wie stellst du dir das alles denn vor, du? – Alle Pflicht und Liebe, die ganze Vergangenheit, unsere blutige Vergangenheit, trittst du einfach mir nichts, dir nichts mit Füßen wegen – deiner Liebschaft zu diesem – ›Mädchen aus guter Familie‹, das bei dir ist, jeden Tag bei dir ist! Kommt dir gar nicht Mutters Verzweiflung zu Sinn, wenn ich nun nach Hause komme? –« »Ich habe sehr viel an alles das gedacht, Herta. Aber – glaube mir doch – wenn du sie kennen würdest – würdest du es einsehen: ich kann nicht anders. Ich kann's nicht, so wahr ich euch alle lieb habe.« Da ging sie zur Tür. Dort drehte sie sich um, kniff die Augen im Ekel zusammen, nahm die Haltung ein, als stiege sie über eine Schmutzpfütze, und sagte leise: »Pfui Teufel, so ein Gelichter. Pfui, bist du ein Kerl!« Damit schlug sie die Tür dröhnend hinter sich ins Schloß. Hoff stand kerzengerade inmitten des Zimmers. Es war ihm, als wüchsen seine Füße in die Dielen hinein. Irgend eine Macht rammte ihn in den Boden. Mit Anstrengung riß er sich los und ging zur Tür des Nebenzimmers. Sie mußte jedes Wort gehört haben. Als er öffnete, lag Susanne auf dem Bett, hatte die Zähne in die Decke verbissen und preßte mit beiden Händen das Kopfkissen gegen die Ohren. Sie winselte wie ein Hund unter der Peitsche. 15. In dieser Nacht lag Susanne wach und starrte ins Dunkel. Und wenn sie auf kurze Zeit in fiebernden Schlaf verfiel, träumte sie, sie sei eine Hexe und stände nackt auf dem Markte und sei an einen Pfahl gebunden. Und ein junges, wildes Weib mit flatterndem, rotem Haar peitschte sie vor allem Volke. Und der Riemen fegte um ihre nackten Brüste und riß tiefe, klaffende Striemen bis hinein ins schlagende Herz. Dann fuhr sie mit leisem Klagelaut empor und starrte wieder ins Dunkel. Und hörte Hoff sich im Bett werfen und ächzend stöhnen. Seit dieser Nacht beugte sie das Bewußtsein nieder, daß sie ihm im Wege stehe. Und sie sann und grübelte und suchte einen Weg in der finsteren Nacht und stieß ihre schone Stirn wund an dem dunklen Tor, durch das sie dann gegangen ist. Sie war keine Kämpferin, die große, seelenvolle Susanne Neubert. Nein, das war sie nicht. Sie war eine Lebensträumerin. Sie konnte wohl in den Wald hineinlaufen und in der Ferne ein diamantenes Schloß im Schein der Morgensonne strahlen sehen. Und sie konnte selbstvergessen die Hand eines Märchenprinzen ergreifen und mit ihm dem Zauberschlosse entgegenlaufen. Das konnte sie. Und kam ein tiefer Graben mit stachligen Sumpfpflanzen, da konnte sie ihres Prinzen Hand fest umklammern und mit ihm getrost den Sprung wagen. Denn sie wußte, sie käme hinüber, hinüber zu dem Märchenschloß. Das konnte sie. Sprangen ie aber zu kurz und fielen sie in den häßlichen, dunkelnassen Graben und schlangen die langen Gewinde des Sumpfes ihre feuchten Arme um ihre Glieder und stachen die stacheligen Binsen ihr in die Augen und sah sie ihren Prinzen kämpfen, sie beide über dem schwarzen Wasser zu halten, da war sie nicht geschaffen, seine Hand noch fester zu umkrallen. Da gab sie seine Hand frei und legte die Arme ergebungsvoll vor die Augen, daß die Stacheln nicht so stachen, und begriff es nicht recht, daß sie das Märchenschloß nicht gefunden hatte. Und versank dann still in dem häßlichen, schwarzen Wasser. So war Susanne Neubert. Und so war ihr kurzes, junges Leben – Wohl war Hoff gut und lieb. Wohl stand es fest bei ihr in aller Not. Wohl bargen die kurzen Tage, die ihr Leben noch währte, reiche, kostbare Stunden voller Verzückung und Vergessen. Doch der Kummer ließ sie nicht wieder aus seinen Klauen, Nachmittag auf Nachmittag lohte ein herzbeklemmender Kampf und durchschnitt ihre Lebensstränge. Sie konnte schließlich gellend aufschreien, wenn sie nur Schritte auf dem Kiesweg unten am See vernahm. Und sie hatte die langen, einsamen Stunden des Vormittags zum Grübeln und Sinnen und zum Pochen an das dunkle Tor, hinter dem ein Weg lag. Nein, die feine, scheue Susanne Neubert war dem selbstsüchtigen Kampf dieses schonungslosen Lebens nicht gewachsen. Sie war keine Gegnerin für Lebensstreiter wie Frau Hoff und deren Tochter Herta. Und dann hatte sie noch ihr eigenes Leid um die Mutter. So trieb sie hinab ihren kurzen, wehen, dunklen Weg. Noch am Abend schrieb Hoff an seine Mutter. Nicht Feigheit noch Schuldbewußtsein zwinge ihm die Feder in die Hand, sondern allein die Erkenntnis, daß sie zu einer ruhigen Aussprache alle noch zu erregt seien. Er stellte ihr in leidenschaftlichen Worten vor, daß er Susanne liebe und daß sein Lebensglück unzerreißbar mit ihrem Lose verknüpft sei. Zum Verzweifeln liege kein Grund vor. Sie müßten von diesem unverrückbaren Standpunkte aus die Lage ruhig mit klaren Augen betrachten. Dann würden sie finden, die Zukunft ließe sich einrichten. Und er sprach wieder davon, daß auch Susanne arbeiten werde und daß sie sich durchbringen könnten, wenn sie nur alle in Liebe zusammenhielten. Er habe seine Pflicht ihnen gegenüber nicht vergessen, noch die Entbehrungen, die sie seinetwegen gelitten. Er sei auch bereit, ihnen jedes Opfer zu bringen unter Wahrung der Pflichten, die ihm seine Mannhaftigkeit und die Treue gegen Susanne auferlegten. In der verzweifelten, zornbebenden Stimmung verhallten seine Worte. Als die Mutter den Brief gelesen hatte, reichte sie ihn wortlos der Tochter, die ihr, vor Spannung zitternd, über die Schulter blickte. Herta zerfetzte ihn, trat ihn unter die Füße und rief wieder: »Der Schuft – dieser erbärmliche, niederträchtige Schuft?« Lisbeth freilich sagte leise: »Wenn er sie liebt, ist es ein Unglück, das wir tragen müssen.« Doch die Mutter sah nur ihr Lebenswerk, dieses mit blutrünstigen Händen aufgetürmte Lebenswerk, von seinen täppischen Fäusten in Trümmer geschlagen. Sie hatte die Energie wiedergewonnen, die nach ihres Mannes Tode der Familie den Halt gegeben. »Liebe, Liebe!!« schrie sie heftig. »Liebe! Hör' auf mit Liebe! Wenn das Weib nicht dazwischengetreten wäre, hätte er Esther Honigmann geheiratet und hätte sie ›geliebt‹. Was heißt denn Liebe! Geschmeichelt hat das Weib ihm, weiter nichts. Aber so sind die Männer! So wie eine Frau ihnen Honig um den Bart schmiert! Sie hat sich ihren Pappenheimer angesehen. Ist zu ihm gelaufen, hat getan, als ob sie ihm Gott weiß welches Opfer bringt. Und der dumme Junge ist natürlich darauf reingefallen. Auf diesen platten, uralten Trick. Aber –« und sie lief gehetzt im Zimmer umher – »sie hat mit mir dabei nicht gerechnet. Sie hat sich verrechnet, diese Dirne, wenn sie glaubt, wir werden das so ruhig hinnehmen. Sie kann sich auf was gefaßt machen, wenn sie mir unter die Finger kommt. Die Maske werde ich ihr herabzerren, daß sie dasteht in ihrer raffinierten Gemeinheit.« Und sie suchte sich damit zu beruhigen, daß man Ewald nur ihr wahres Gesicht zu zeigen brauche, um ihn von seiner Betörung zu heilen. Am Nachmittag fuhr die Mutter mit Herta hinaus. Da kam es zwischen Hoff und den Frauen zu einer Auseinandersetzung, bei der die bleiche Not, rotglühender Zorn und fahle, ohnmächtige Wut gellend ihre verzweifelten Stimmen erhoben. Und schließlich riß die Mutter die Tür zum Nebenzimmer auf. Susanne flüchtete angstgehetzt in die äußerste Ecke der Stube und streckte die Hände abwehrend aus gegen die rasende Frau. Ein Hagel grausigster Schmähworte prasselte nieder auf ihr weißes Gesicht. Hoff mußte die Mutter mit Gewalt entfernen. Sie ging, nachdem sie ihm in grotesker, alttestamentarischer Weise geflucht hatte. Und wenn Hoff seine zitternde, bleiche Suse dann auch in die Arme nahm und streichelte und liebkoste und flüsterte: »Denk' nicht daran, denk' nicht mehr daran«, bekam sie doch einen Weinkrampf nach dem anderen und mußte zu Bett gebracht werden. Und fieberte und fuhr mit wirren Schreckensrufen aus den Kissen auf und klammerte sich mit heißen Fingern an seine Brust und flehte herzbrechend, sie vor den Peitschenhieben zu schützen. Es brenne ja so unendlich. Hoff gab Mutter Ebeling den strikten Befehl, jedem den Zutritt zu wehren. Die Alte nickte: »Die sollen nur noch mal kommen. Das wollen feine Leute sein! Na! Natürlich glauben so 'ne immer, die jungen Herren könnten sich bei unsereinem verplempern! Als ob wir nicht auch Herz und Gemüt hätten und das bißchen Geld alles tut. Die sollen mir nur kommen. Ich werd' sie schon heimgeigen!« Doch nun saßen sie wie in einein Gefängnis. Und vormittags, wenn Hoff im Dienst war, fröstelte Susanne bei jedem Säuseln in den Blättern. In dieser wehen Stimmung schrieb sie einen, langen, kindlich-flehenden Brief an die Mutter. Noch einmal suchte sie ihr zu erklären, daß sie Ewald liebe und ihm habe folgen müssen. Sie erhielt keine Antwort vor ihrer letzten schwarzen Stunde. – – Frau Hoff empfand schon auf dem Heimwege ihre sinnlose Heftigkeit als bösen Mißgriff. Sie war weit davon entfernt, die Hoffnung aufzugeben. So unlöslich hatte sie sich in ihrem Lebensplan verstrickt, daß keine Möglichkeit anderer Lebensgestaltung in ihren Sinnen Raum fand. Sie hatte sich in dem Mittel vergriffen, das allein sah sie ein. Gegen Heftigkeit war er mit Trotz und Erbitterung gewappnet. Aber gegen Milde und liebevolle Güte war sein weiches Herz wehrlos. So urteilte sie. An sein Kindesgefühl und seine Geschwisterliebe wollte sie appellieren. Dann würde er nicht versagen. Doch Herta schüttelte, aller eifrigen Selbsttröstung müde, den blonden Kopf. Sie hatte in diesen beiden Tagen etwas Fremdes in des Bruders Stimme metallisch mitklingen gehört. Sie ahnte, daß seine Lebensenergie erwacht war. Daß er seinen Weg gehen würde, auch über die Gräber ihres Glückes. Stumm und untätig hockte sie in dem kleinen Zimmer, in dem Hoff früher gewohnt hatte. Sie rührte keine Nadel an. Nein, das hatte nun doch keinen Zweck mehr. Und jetzt hätte sie nicht mehr den Brief an Esther schreiben können, den sie noch gestern abends zur Post gebracht hatte. Jetzt hätte sie nicht mehr lügen können und der Freundin mitteilen, daß die Begegnung da am Fenster sich als sehr harmlos entpuppt habe. Es sei nur das Fräulein gewesen, das seine Arbeit abtippte. Der Bruder sei auf wenige Tage dienstlich verreist und lasse sie herzlich grüßen. In wenigen Tagen werde sie von ihr und ihm hören. Auch die Mutter stickte nicht mehr. Sie grübelte aber Briefe an den Sohn, die sie schrieb und wieder zerriß. Nein, nein, sie mußte ihm anders schreiben. Wärmer, herzlicher, unwiderstehlicher. Lisbeth wurde die Stütze des Hauses. Sie nähte für zwei und hielt den Haushalt in Ordnung, still und wortlos nach ihrer Art. Tief im Herzen gab sie dem Bruder recht. Denn sie glaubte an seine Liebe. Sie dachte daran, wie blaß und gebeugt er oft in letzter Zeit gewesen. Heute wußte sie, damals rang er mit sich und seiner Liebe zu ihnen. Ja, sie gab ihm recht. Aber sie bückte mit brennenden Augen in die Zukunft. Was sollte werden? Sie wußte am besten, daß ihr Mut und ihre Kräfte erschöpft waren; daß sie sich nur an die Hoffnung auf nahe Erlösung keuchend, todesmatt geklammert hatten. Und sie nähte und nähte, und alles verschwamm vor ihren müden, umflorten Augen, und sie dachte an ihren Bildhauer und nähte verzweifelt. Was sollte bloß werden?! – Mein Gott, was sollte werden?! Und sie wußte, das beste wäre, sie legten sich hin und starben. Ja, das war das beste und schmerzloseste. Und sie nähte weiter und spann mit dem Faden den düsteren Gedanken aus, Am Abend saß Frau Hoff noch immer gebeugt über ihren Brief. Sie konnte die rechten Worte nicht finden. Lisbeth nähte. Die Augen schmerzten wieder so sehr von der Anstrengung der Arbeit und vom Starren ins Dunkel der Zukunft. Endlich, gegen zehn Uhr, war es der Mutter gelungen. Sie steckte das Schreiben ins Kuvert, schrieb mit energischen großen Buchstaben die Adresse und stand auf. »Jetzt soll Herta ihn gleich zum Kasten tragen«, sagte sie, »und dann soll sie zu Bett. Wenn sie nicht arbeiten kann, soll sie sich wenigstens ausruhen. Das lange Grübeln führt doch zu nichts.« Damit ging sie ins Nebenzimmer. Lisbeth hörte sie gleich darauf draußen im Hausflur Hertas Namen rufen, dann kam die Mutter schreckensbleich herein und ächzte: »Du, Lisbeth, sie ist nicht da!« Mutter und Tochter starrten sich einige Sekunden lang erdfahl in die Augen. »Sie hat sich etwas angetan«, schrien die stummen Blicke. Als die Lähmung von Lisbeth wich, sprang sie empor und rannte durch alle Räume der kleinen Wohnung. Jeden Winkel durchstöberte sie und rief klagend nach der Schwester. Sie öffnete die Eingangstür und flüsterte in das hallende Dunkel des Stiegenhauses: »Herta – Herta – bist du hier?« Dann kam sie zurück ins Zimmer, riß die Fensterflügel auf, lehnte sich hinaus, daß die Mutter aufschreiend hinzusprang und sie am Rock faßte, und suchte jeden Stein der Straße mit sshreckensdurchdringenden Augen ab. Wieder starrten die beiden Frauen sich hilflos in die von Grauen weit geöffneten Augen. »Um Gottes willen, wo kann sie nur sein?« wimmerte die Mutter. »Vielleicht ist sie noch einmal zu Ewald gefahren«, sagte Lisbeth hoffnungslos, sie glaubte es selbst nicht. »Nein. nein. Dort ist sie nicht. Sie hatte keine Hoffnung mehr.« Da stand wieder das Schaudern vor dem Furchtbaren zwischen ihnen. »Man muß etwas tun!« schrie Frau Hoff. »Um Christi willen, man muß doch was tun!« Sie riß den Kragen der Bluse auf, der sie würgte. »Lisbeth, schnell, schnell! Vielleicht ist noch Zeit. Steh' nicht da, steh doch nicht so stumm da, und sie stirbt inzwischen. Wir müssen doch etwas tun!« »Ja – Mutter –. Was sollen wir tun?« »Vielleicht – – lauf zur Polizei, Lisbeth, und – –« »Nein, nein, Mutter«, wehrte Lisbeth. Sie hatte ihre beherrschte Ruhe wiedergefunden. »Nicht Polizei! Was kann die tun! Wir wollen nicht gleich Lärm schlagen. Vielleicht rennt sie in ihrer Verzweiflung durch die Straßen. Ich werde mal scheu, ob sie den Hausschlüssel hat.« Sie ging hinaus. Der Hausschlüssel fehlte an seinem Platze. Da kam sie mit der Freudenbotschaft zur Mutter. Ein wenig beruhigt, doch mit schreckhaft pochendem Herzen lehnten sich die beiden Frauen zum Fenster hinaus und warteten. Und immer wieder jammerte die Mutter: »Wenn sie nur käme, wenn sie nur bald käme! Wenn ihr nur nichts zustößt. Sie war doch noch nie so spät allein aus dem Hause!« Und die Straße wurde einsamer. Immer seltener kam ein Nachzügler und erschloß mit hellem Klirren sein Haustor. Licht auf Licht erlosch in den Flurtüren auf der anderen Seite der Straße. Lautlos ging die Straße zur Ruhe. Von der Zwölf-Apostel-Kirche her schlug die Uhr. Elf halte sie schon gerufen. Zwölf. Die Frauen durchzitterte die Kühle der Nacht und das Frösteln der Sorge. Sie starrten hinaus. »Halb eins«, drang es tönend durch die Stille. Da erklangen Schritte auf dem widerhallenden Pflaster. Sie kam von der Bülowstraße her – mit einem Herrn. Wie von einer schnellenden Feder zurückgezerrt, prallten die beiden Frauen vom Fenster. Sie tauschten einen schnellen, verständnislosen Blick. Es dauerte noch Minuten. Die Eingangstür wurde aufgeschlossen, sie hörten, daß sie ins Nebenzimmer ging. Dann war es ganz still. Sie lauschten mit verhaltenem Atem. Nichts regte sich. Endlich rief Frau Hoff: »Herta!« »Ja?« klang es von nebenan. »Herta, komm einmal herein«, rief die Mutter. Das Mädchen öffnete die Tür, blinzelte in das Licht und fragte: »Ja – was denn?« »Willst du nicht hereinkommen?« gebot die Mutter plötzlich hitzig. Herta trat auf die Schwelle. Sie war sehr bleich und um den Mund lag ein seltsam dreister Zug. »Wo bist du gewesen?« forschte die Mutter streng. »Fort«, antwortete sie kurz. »Und der Herr, der dich begleitete?« Da rief Herta mit einer jähen, unbegründeten Heftigkeit: »Ich verbitte mir dieses Verhör. Ich bin mündig und kann tun und lassen, was mir behagt.« »Herta!« fuhr Lisbeth auf. Die Mutter starrte drein. Herta aber höhnte: »Gott, Lisbeth, erstick nur nicht an deinem Entsetzen. Übrigens könnt ihr's ruhig wissen. Ich kenne ihn schon lange, fast zwei Jahre. Er ist Schauspieler. Wir haben uns dann und wann getroffen. Wollten uns heiraten, so wie Ewald uns etwas unterstützte. Damit ist's ja nun vorbei.« »Und? Und?« schrie die Mutter. »Und – und! Na ja – damit ist's doch vorbei.« »Und da läufst du in der Nacht mit ihm auf der Straße herum?!« »Gott, Mama, mach doch darüber nicht solches Hallo! Was soll ich denn tun? Ich habe das Warten satt. Ich will mein Leben jetzt nicht mehr verdorren lassen. Wenn ich nicht so zu meinem Glück komme, komme ich eben so dazu. Aber ich will mein bißchen Glück haben, ich will es haben, ich will es haben!« Hier war ihre Fassung zu Ende. Sie taumelte gegen den Türpfosten, schlug die Hände gegen das schwarze Holz, preßte ihr Gesicht auf die nackten Arme und schluchzte haltlos. Die Mutter stand bei ihr. »Kind«, sagte sie leise, mit weher Trauer, »du bist – bei ihm – gewesen?!« Da hob Herta das tränennasse Gesicht von den Armen und trotzte wieder mit dieser Heftigkeit, die sie sich aufbaute als Wehr gegen die Scham: »Ja, – ja, – ich war bei ihm und werde immer wieder zu ihm gehen. Worauf soll ich warten? Auf das Alter? Glaubst du, er wird mich wollen, wenn ich alt und verblüht bin? Ich werde immer wieder zu ihm gehen!« Und sie glitt langsam an dem Türpfosten entlang, kauerte auf dem Boden und winselte kläglich. Die Mutter brach in den Knien ein und fiel auf einen Stuhl. Ihr war wie damals, als es in der röchelnden Brust ihres Mannes ganz still, so hörbar still geworden war. Lisbeth beugte sich zu der Schwester nieder, streichelte und küßte sie und hob sie endlich empor und führte sie in ihr Zimmer. Und zog ihr die Sachen vom Körper und legte sie wie ein Kind zu Bett. Und Herta ließ schluchzend alles mit sich geschehen. Dann ging Lisbeth ins Wohnzimmer zurück. Die Mutter hatte sich nicht gerührt. »Den Brief«, sagte Lisbeth, »brauchst du nicht abzusenden. Morgen ist Sonntag. Da ist er daheim. Ich fahre gleich früh zu ihm hinaus.« Und mit vielem Bitten und Kosen brachte sie die Mutter ins Bett. Dann setzte sie sich wieder nieder und nähte. Schlafen konnte sie heute doch nicht. Und alle Viertelstunde schlich sie zum Bett der Mutter und zu Herta. Herta schlief mit feuchten Wangen, wie ein Kind, das sich in den Schlaf geweint hat. Die Mutter aber lag mit brennenden, wachen Augen. Und Lisbeth sagte jedesmal: »Muttchen, schlaf doch. Auf mich wird er hören. Und dann kann doch noch alles werden. Schlaf jetzt. Ich werde die Tür weiter anlegen, damit das Licht dich nicht stört. Schlaf jetzt doch. Es wird schon noch alles.« Und wenn sie dann wieder über der Arbeit saß, entsank ihr der Boden unter den Füßen. Sie glaubte an keinen Erfolg. Sie sah nichts vor sich Als den Untergang, das Herabsinken in den tiefen, schwarzen Schlund. Herta glitt schon hinab. Mit Grauen verfolgte sie ihren Weg. Heute ihr Schauspieler, der sie liebte. Und wenn der sie verließ, morgen ein Zweiter, dem sie gleichgültig war, der seine Zerstreuung suchte. Sie sah den Weg und sie sah die feuchte, dämmrige Straße, auf der er mündete. – Und Mutter und sie? Mutter konnte nun nicht mehr arbeiten, Sie war mürbe und ihre Kraft war gebrochen. Und sie selbst? – Mein Gott, mein Gott! Aber sie wollte es versuchen, noch einmal. Ihm alles vorstellen – Hertas dunklen Weg – Mutters Hinwelken nach all der Mühe – alles – alles. Als Lisbeth am Sonntag morgen die Villa betrat, fuhr Mutter Ebeling sie an wie eine bissige Dogge« »Wohin wollen Sie?« »Zu Herrn Assessor Hoff.« »Ist nicht zu sprechen.« Lisbeth blickte erstaunt zu der eingeschrumpften Alten nieder. »Ich bin seine Schwester«, sagte sie. »Kann ich mir schon denken«, brummte Frau Ebeling. »Schwester und Mutter und noch 'n mal Schwester – kennen wir schon. Aber nu ist's genug. Das Fräulein haben Sie nu glücklich schon krankgemacht.« »Aber, liebe Frau, ich werde doch wohl meinen Bruder sprechen dürfen!« »Nee, werden Sie nich!« Und sie stellte sich verteidigungslüstern auf die erste Stufe der Treppe. Lisbeth zwang sich zu einem schattenhaften Lächeln. »Gehen Sie doch bitte hinauf und sagen Sie Herrn Assessor Hoff, seine Schwester Lisbeth sei hier. Das können Sie doch tun.« »Nee, kann ich nich. Ob Sie nu die Lisbeth sind oder die Rosalie, das ist mir ganz schnuppe. Wollen tun sie alle doch nur dasselbe. Drangsalieren und kirremachen. Aber davon haben wir alle hier nu nachgerade genug gehabt.« Und sie blieb unerschütterlich auf der ersten Stufe angewurzelt. Gerade wollte Lisbeth laut nach dem Bruder rufen, da ging oben die Tür und Schritte näherten sich der Treppe. Hoff und Susanne erschienen an der Rampe. Sie wollten hinaus in den Wald und ihr verlorenes Glück wiederfinden in der grünen Einsamkeit. Hoff blieb überrascht stehen. »Lisbeth – du – da!« rief er freudig. »Ja – Ewald. Die Frau will mich nicht vorbei lassen.« »Die Lisbeth können Sie ruhig durchlassen, Mutter Ebeling«, lächelte er und sprang die Treppe hinab. In der Mitte begegneten sie sich. »Tag, Lisbeth.« Er hielt ihre Hand. Dann wandte er sich zurück zu Susanne, die noch an der Rampe stand und sagte: »Dir kann ich wohl meine – Suse vorstellen. Das ist hier die Lisbeth, Suse, von der ich dir immer erzählt habe.« Die beiden Frauen neigten still den Kopf. Lisbeth hob die Augen sofort und musterte schnell die andere, Susanne war bleich und schmal. Ihr Gesicht schien in ihrem kranken Kummer noch feiner und seelentiefer als in den Tagen ihrer gesunden Blüte. Sofort wußte Lisbeth, daß alles, was die Mutter und Herta von »hergelaufenem Geschöpf« und »raffiniertem Frauenzimmer« räsoniert hatten und von »Geld anbieten«, zornige Verständnislosigkeit war und – weiter nichts. »Komm herauf«, forderte jetzt Hoff auf. »Wir wollten zwar ausgehen, aber wenn wir so lieben Besuch bekommen – –« Sie traten ins Zimmer. »So, Lisbeth, nun leg ab«, bat Hoff munter. »Und jetzt wollen wir mal endlich wieder gemütlich miteinander plaudern.« Er nahm ihr den Schirm aus der Hand. Susanne stand still und ängstlich dabei. »So«, rief er, »und nun den Hut. Suse, Liebes, steh nicht so traurig da. Vor Lisbeth brauchst du dich nicht zu furchten. Die ist auf unserer Seite. Was, Lisbeth?« »Ja, Ewald«, zögerte Lisbeth, »ich bin eigentlich gekommen, um noch einmal mit dir zu reden.« »Wie?« stutzte er, »du – auch?« Dann setzte er sich ergeben auf einen Stuhl und sagte: »Na – dann leg du meinetwegen auch noch los. Ich meine allerdings, daß wir allmählich genug davon gehört haben.« »Ich glaubte – noch diesen – letzten Versuch machen zu müssen«, stotterte sie. Susanne ging zur Tür. Da eilte er zu ihr und legte den Arm um ihre Schulter: »Das ist euer Werk«, sagte er bitter, »Mutters und Hertas. Krank und bleich habt ihr sie mir nun schon gemacht. Schreckhaft läuft sie davon, wenn sie nur einen von euch sieht. Willst du uns diese neue Auseinandersetzung nicht ersparen, Lisbeth? Komm, sei du doch vernünftig. Leg deine gesalbte Gesandtenwürde ab und sei Mensch mit uns, wie du es immer mit mir gewesen bist.« »Ewald, du weißt wohl doch nicht recht, wie es zu Hause steht. Ich möchte Sie bitten, zu bleiben, liebes Fräulein«, wandte sie sich plötzlich an Susanne. »Es kommt mir so häßlich vor, hinter Ihrem Rücken über das zu sprechen, was doch – in erster Linie Ihr Schicksal ist. Ich möchte auch so gern, daß Sie alles wissen – alles – und selbst mit entscheiden.« Da führte Hoff Susanne nur Chaiselongue, zog sie auf das Polster nieder, setzte sich neben sie, lehnte den Kopf an ihre Schläfe und sagte: »Setz dich, Lisbeth, wir wollen also ganz ruhig darüber sprechen. Ich bin überzeugt, du wirst einsehen, daß wir im Recht sind. Wir beide hier, die Suse und ich.« Lisbeth setzte sich und suchte nach Worten. »Liebes Fräulein Susanne«, begann sie zaghaft, »wenn ich Sie so nennen darf – sehen Sie – ich weiß genau, daß Sie – der erste Blick hat es mir gesagt – Sie sind als Mensch – es ist so häßlich dreist von mir, Kritik an Ihnen zu üben. Aber Sie müssen wissen, daß ich davon ausgehe, daß Sie als Mensch genau so vollwertig, ja, ich empfinde es stark, daß Sie ein weit größerer Mensch sind, als ich – als wir alle. Ich möchte Ihnen so gern begreiflich machen, wie hoch ich Sie achte. Daß nicht eines meiner Worte sich gegen Sie als Menschen richtet. Sie sind so – so – lieb – sind – Sie –, daß –« Ihre mühsam niedergerungene Scheu sperrte ihr die Kehle, Aber sie fühlte, sie mußte reden, mußte um Hertas und Mutters willen. »Wenn die Verhältnisse nicht so unselig lägen, würde ich glücklich sein, Sie als Braut meines Bruders umarmen zu können und –« Lisbeth sprang auf und setzte sich neben Susanne auf das Sofa. Sie hielten sich bei der Hand und schwiegen. Da ging Hoff leise hinaus. Er fühlte, hier war er überflüssig – »Es ist mir furchtbar«, brach Susanne endlich das Schweigen, »diesen – schrecklichen Kummer über Sie alle zu bringen. Aber – aber – was soll ich tun? Ich kann jetzt doch nicht zurück!« »Wenn Herta und Mutter – hart zu Ihnen waren, Susanne«, sagte Lisbeth, »nehmen Sie es sich nicht zu Herzen. Bedenken Sie – wir kämpfen – ja, um unser Leben geht es.« »Um meines auch«, entgegnete Susanne. Da kam Hoff wieder herein. »Nun wirst du begreifen«, sagte er, »daß ich nicht von ihr lassen kann.« »Es ist alles so – uferlos traurig«, seufzte Lisbeth und dachte an die Mutter, die bang auf ihre Heimkehr harrte. »Du hast recht, Ewald, und Susanne hat recht und – wir, wir haben auch recht. Wenn ich nach Hause komme und sage, daß du nicht – anders kannst – geht Mutter und Herta zugrunde.« »Na – zugrunde«, beschwichtigte er. »Ja – zugrunde, Ewald! Wenn wir nicht am Abgrund ständen, wäre ich nicht mit solchen – Worten gekommen. Herta – hat schon den Halt verloren.« »Herta? Wieso Herta?« »Sie kennt seit Jahren einen Schauspieler. Sie wollten sich heiraten, wenn sie eine kleine Unterstützung bekämen.« »Einen Schauspieler? Welchen Schauspieler?« fragte er nervös. »Davon weiß ich doch gar nichts!« »Wir wußten auch nichts, Ewald. Gestern abend – weil sie jede Hoffnung auf Heirat zerrinnen sah – du weißt, wie impulsiv sie ist –« »Und? Und? Was ist geschehen?« rief er erregt. »Sie ist zu ihm gegangen –« »Wie denn? Was heißt das: zu ihm gegangen?« Er sprang auf. »Wie Mädchen zu Männern gehen, die sie lieb haben«, sagte Lisbeth leise. Er stand einen Augenblick starr. »Willst du – sagen –« preßte er hervor – »soll das heißen, daß sie – daß Herta –?!« Lisbeth nickte. Da wandte er sich ab und trat zum Fenster. Kein Laut kam aus seinem Munde. Doch an dem Zucken der Schultern sah Susanne, wie es in ihm arbeitete. Kalt und weh kroch es ihr über das Herz. Das zerschmetterte ihn. Bei der Schwester zerbrach es ihn! Und sie? – Und sie?! Hatte sie nicht aus Liebe zu ihm das gleiche getan! Genau das gleiche? Und bei der Schwester zerschmetterte es ihn! »Das ist ja furchtbar«, flüsterte er endlich und kehrte der Schwester sein bleiches Gesicht zu. Sie nickte vor sich hin. »Und Mutter? Was sagt denn Mutter?« »Sie sagt kaum noch etwas. Nur einmal hat sie gestöhnt, es sei ihr, als wäre Vater zum zweiten Male gestorben.« Er setzte sich wieder auf die Chaiselongue, beugte den Kopf tief zwischen die Knie, streckte die gefalteten Hände von sich und schwieg. Tiefe Stille schlich durch das Zimmer. In Susanne war es immer wunder. Sie fühlte, daß sie – wie eine Feindin zwischen den Geschwistern stand. Da hob Hoff den Kopf und stand auf; »Ja – Lisbeth – es ist furchtbar – dies alles. Aber – du siehst selbst – ich kann da nichts tun. Ihr müßt es als Schicksal tragen, wie wenn ich gestorben wäre. Darein müßtet ihr euch auch finden.« Eine eiskalte Hand legte sich auf Susannes Herz. Sie hörte aus seinen Worten nur heraus, daß sie sein Unglück war, sein Unglück wie der Tod. Und ihre Gedanken flatterten wieder hinab den Weg zu dem schwarzen Tore. Lisbeth hatte sich erhoben. »Ja – ja, Ewald –; ich begreife es. Wir müssen es tragen. Es ist nur so sehr traurig. Ich begreife es ja.« Stumm gab sie Susanne die Hand, stumm geleitete Hoff sie hinab. Dann saßen sie schweigend beieinander und hatten nicht den Mut, zu sprechen. Susanne legte Hut und Jackett ab und setzte sich ans Fenster. Er kauerte auf dem Sofa. Und immer unentrinnbarer wußte sie, daß sie sterben müsse. Daß sie ihn von seiner Bürde befreien müßte. Sie fühlte, wie er sich von ihr entfernte. Rein körperlich! fühlte sie es. Ja – ja, sie wollte gehen, so lange er sie noch liebte. Ehe die Kälte kam, das eisige Pflichtgefühl, das ihn allein noch an sie band. Lautlos wollte sie von ihm gehen. Dann dachte sie an die Mutter. Sehr, sehr weh würde sie ihr tun, aber nicht weher, als sie ihr getan hatte. Nein, zu ihr konnte sie nicht zurück. Nein – nein – das nicht. Die Trümmer ihres Glückes zu ihr tragen! Bei ihr in ihrem Jammer unterzukriechen! Nein, nein, das konnte sie nicht, das konnte sie nicht. Und – nein – sie mußte fort, ganz fort, Unerreichbar weit. Daß keine Macht der Erde sie ihm wiedergeben konnte. Sonst brachte sie ihm nicht den Frieden. So lange sie lebte, kam er nicht von ihr los. Nein. So lange lebte auch seine Sehnsucht. Ganz frei sollte er sein. Ganz frei – ganz frei. Sie wiegte den Gedanken, daß er ganz frei sein müsse, wie ein schlafendes Kind in ihren Armen. Ja – ganz frei. Und sie würde gehen – weit, weit fort. Wo er sie nicht fand. Wohin kein Weg führte. Wo es still war und ohne Kampf. Ein tränendes Gefühl stieg in ihr auf. Sie dachte an ihren hellen Traum vom Leben. Das alles sollte nun vorbei sein. Alles – alles – für immer – immer. Plötzlich zog eine dunkle Wolke über ihr Gemüt. Ein Schauer rann durch ihre Glieder. Schwarz war es vor ihr – schwarz, öde und schwarz. Nein, nein, es war nicht schwarz. Es war ganz hell – immer heller sah sie es werden. Sie hatte das Beste doch genossen. Reine, starke, jauchzende Liebe. Was konnte nun noch kommen! Kinder? Tränen traten ihr in die Augen. Ja, Kinder hätte sie gern gehabt. Und noch ein Weilchen wäre sie gern Hand in Hand mit ihm gewandert durch die Sonne. Sie hörte ihn tief seufzen. Nein – nein – sie ging. Er sollte frei sein von seiner Last. Er sollte sehen, wie groß ihre Liebe war. – Nein, sehen sollte er es nicht. Ganz heimlich wollte sie gehen. Nichts sollte er ahnen. Nicht der Schatten eines Schmerzes sollte ihm seine Zukunft verdunkeln. Morgen beim Baden. Still versinken. Er würde trauern – ja, sehr trauern. – Aber dann würde das Leben mit seinen lauten Forderungen kommen und ihn aufrütteln. Und er würde seinen Weg gehen. – Und die Liebe würde immer in ihm liegen – weich und gut und warm – ohne Verlangen, ohne Sehnsucht – Und in leisen Stunden würde sie aus der See auftauchen – wie eine Wasserfee, und zu ihm kommen und ihn küssen – ganz leise – Ihr wurde zart und lind. Ganz sacht ging sie zu ihm. »Du armer Lieber«, flüsterte sie und schlang die Arme um seinen Hals. »Warte – warte – es wird schon gut werden Du wirst alles einrenken. Es ist nur der erste Schmerz bei ihnen. Das mit Herta darfst du dir nicht so sehr zu Herzen nehmen. Wenn er ein braver Mensch ist, wird er sie nicht verlassen. Er wird doch vorwärts kommen, und dann kann er sie heiraten. Und – und – –« Sie redete wie im Fieber auf ihn ein, alle möglichen bunten Trostgründe, bis er wieder hoffnungsfreudig auflebte. Und dann saß sie auf seinen Knien und hielt seine Hände und küßte sein Gesicht. Und dachte immerzu daran, daß sie ihm heute alles – alles Liebe antun müsse, weil sie ihm morgen das große Leid bereiten wollte. Und sie dachte auch daran, daß sie heute noch nehmen müsse, mit gierig raffenden Fingern nehmen, weil sich alles, was das Leben ihr noch zu geben hatte, in diese kurzen enteilenden Stunden zusammendränge. Und weil dahinter das Nichts lag, das hohle, leere, bleiche Nichts. Und sie schmiegte sich an ihn und küßte und streichelte ihn immer wieder, immer wieder. Er glaubte, sie wolle seinen Kummer scheuchen, und kam ihr dankbar nehmend und spendend entgegen. Und nach Tisch bat sie ihn, noch einmal mit ihr nach Grünheide zu fahren. Sie wollte noch einmal mit ihm die Stätte ihres sorgenfreiesten Glückes besuchen. Er hatte Bedenken. Heute Sonntag, so viel Leute unterwegs. Doch sie erwog, das Wetter sei trüb, die wenigsten würden sich hinauswagen. So fuhren sie. Und immer wieder feierten sie Erinnerungen. »Hier hast du mich damals so von der Seite angesehen. Weißt du noch?« Ja, er wußte es noch. »Und hier in Rummelsburg hast du ganz ›zufällig‹ meine Hand berührt. Weißt du es noch?« Er wußte es noch. Dann ging es wieder die Löcknitz hinauf. Die Blätter hatten ihren frischen Schmelz schon verloren. Es war Juli geworden. Und heute kannte sie keine Scheu. Sonst entzog sie ihm vor Fremden die Hand. Heute wollte sie jeden Augenblick bis zur Neige kosten. Sie saß dicht bei ihm und hielt seine Finger fest umschlungen. Und einmal beugte sie sich nieder und küßte schnell seine Hände. Und wieder gingen sie auf den Kirchhof und setzten sich auf die Bank am Grabe der Siebzehnjährigen. Und blickten wieder hinab auf den See, der blank und milchig unter dem trüben Himmel ebbte. Hier in dieser Grabesstille packte sie eine verzweifelte Angst. Zitternd drückte sie sich an seine Seite. Da begann er vom Tode zu sprechen. »In diesem Frieden hier oben und der Ruhe dort über dem See«, sann er, »kommt eine Sehnsucht nach Stille. Früher habe ich das nie gekannt. Da lief ich ins Leben hinein und dachte nur an Sieg und an Erfolg. Das liegt nun so weit. So weit. Mir ist der Kopf so müde von all diesem Streit Wenn du nicht wärst, mein Liebling – – es könnten böse Gedanken in einem lebendig werden. Schlußmachen, hinauslaufen – immer weiter hinaus – wo es kein Ende gibt!« Das Herz zitterte ihr. Was? Was? Wenn sie nicht wäre? Sie atmete kaum. Wenn sie nicht wäre? Vater im Himmel, wenn er dann hinginge und – – »Wo hinaus?« fragte sie mechanisch. Er deutete ins Weite. »Dort hinaus – ins Weltall.« Da stammelte sie: »Ewald, du mein Liebling, mein Alles. Du darfst solche Gedanken nicht hegen. Sag, sag, daß du noch mehr auf der Welt hast als mich. Sag mir das. Du hast doch –, nein, du hast doch noch nicht gelebt. Denk mal, die Sonne nicht mehr sehen! Und keine Knospe mehr begrüßen. Und dein Herz nicht mehr beben zu fühlen, wenn die Sonne in den See sinkt. Denke doch an alles das!« Er zog sie noch dichter an sich und lächelte. »Aber Kind, das war doch nur solch törichter Gedanke, der in mir aufzuckte. So ernst brauchst du das nicht zu nehmen, mein liebes Sorgenmütterchen. Natürlich ist da noch so allerhand, das sich zu erleben verlohnt.« »Nicht wahr? Deine Arbeit.« »Ja, gewiß, die Arbeit, die möchte ich zu Ende führen. Na – und was sonst noch so ist.« Sie hätte ihn so gern angefleht, mutig sein Leben dann weiter zu tragen, wenn sie – – Ja, wo war sie dann? Wo nur? Nach langem Sinnen fragte sie: »Ewald, hast du Furcht vor dem Tode?« »Nein«, sagte er fest. »Tod ist nur ein Übergang. Nichts geht im Weltall an Kraft verloren.« »Ja – ja – aber die Seele!« »Seele? Ich glaube, Seele und Geist und alles das ist Ganglienbewegung.« »Du meinst, man geht in eine andere Form über?« »Ja. Der Körper zerfällt und düngt die Erde. Nährt einen Baum oder eine Blume oder –« »Was würde ich wohl werden?« grübelte sie. »Was glaubst du? Wenn ich dort unten versänke in den See.« »Eine Wasserlilie«, sagte er lächelnd. »Eine weiße, zarte, seelenvolle Wasserlilie. Die würde wunderhold leuchten aus dem Dunkel der Nacht Und wer vorbeiführe, den würde eine milde Sehnsucht ergreifen, zu der weißen Wasserlilie heranzufahren und sie leise zu streicheln.« »Und wenn du fährst, dann wirst du kommen und mich auch küssen«, flüsterte sie und kristallhell lief es ihr über die Wangen. »Aber, Lieb!« tröstete er und küßte ihr die Tränen fort. »Dein Traum war so – schön«, entschuldigte sie, wehmütig lächelnd, ihre Weichheit. Eine fahle Sonne stand am Horizont. Sie war fast blau und hatte keinen Glanz. Der Himmel war wolkenbedeckt, schwer und schwarz lastete er auf der Erde. »Wie bleich die Sonne heute sinkt«, sagte er. »Ja«, nickte sie und fühlte, wie ihr die Brust kalt wurde vor Schmerz, daß sie es nie mehr sehen würde, nie mehr. Morgen abend – – ihr schwindelte. Sie suchte es auszudenken. Aber es taumelte alles in ihrem Gehirn durcheinander. Wie wird es sein? Wie bloß? Ob man sie um diese Zeit schon gefunden haben wird? Oder ob sie tief dort unten liegen muß, von Binsen umschlungen? Die Augen weit offen, das Haar verwirrt und im Wasser treibend. Sie schauerte und schloß sich enger an ihn. Da begannen die Grillen ihren hellen Sang. Sie horchte auf. »Jetzt fehlt nur noch der Dorfmusikant«, scherzte er. Doch auch der spielte bald sein sonntägliches Abendlied. Melancholisch trug der Wind es herüber: »Muß i denn – muß i denn zu–u–um Städtli hinaus – Städtli hinaus, und du, mein Schatz, bleibst hier.« Da verlor sie die Herrschaft über ihren Schmerz. Ihr Gesicht sank in seinen Schoß. Und alle Verzweiflung und alles Weh, daß sie ihr junges Leben lassen, daß sie von ihm gehen sollte, nachdem sie ihn kaum gefunden hatte, quoll in bitteren schluchzenden Fluten aus ihrer keuchenden Brust. Er koste sie und sprach, halb belustigt, auf sie ein. »Aber, Mädel, geh – sei nicht sentimental. Was ist denn mit meiner tapferen Suse? Bist ja die reine Tränensuse geworden. Na – komm, Kind. Kopf hoch. Aber wein doch nicht so –!« Doch sie weinte immer haltloser, lange, lange noch, nachdem der Musikant dort drüben sein Programm schon längst gewechselt hatte. Als sie sich endlich beruhigte, sagte sie: »Du mußt nicht böse sein, Lieber. Ich bin etwas matt – von dem – du weißt ja –« Er nickte. Ja, er wußte, wie sie gelitten hatte. Es dunkelte früh. Dann standen sie dort und blickten hinaus in die rasch fallende Nacht. »Es ist so dunkel heut«, klagte sie, »und am Himmel kein Stern.« Sie zitterte wieder. Der Himmel war häßlich grau, und die Welt lag dort unten, kalt und leer und unermeßlich. »Dort hinein schwinde ich morgen«, dachte sie fröstelnd, »in dieses Weite – Weite – –« Und plötzlich faltete sie die Hände, und Worte formten sich in ihrem Bewußtsein: »Gott, Gott hilf mir, laß es mich durchführen. Mach es nicht zu schwer. Denk, daß ich doch schwach bin und es nur tun kann, weil ich es um ihn tue. Halte du die Hand über ihm – hilf du ihm, Gott –, hilf ihm – hilf ihm, wenn ich morgen nicht mehr bei ihm stehe – weit, weit fort bin – und er verzweifeln will – hilf du ihm – du lieber Gott –« Da sagte er: »Suse – du hattest eben Augen, als sähest du weit hinaus über das dunkle All dort unten.« »Das tat ich auch«, flüsterte sie. Und dann blickte sie noch einmal hinab und atmete die kühle Abendbrise tief in sich hinein, »Ade«, dachte sie, »du schöne, weite, geliebte Welt. Ade.« Dann lehnte sie sich an ihn und bat wie ein Kind: »Jetzt nimm mich hier noch einmal in deine Arme, du Geliebter, und sag mir vor der raunenden Allmacht, daß du mich so lieb hast, wie ein Mann ein Weib nur lieben kann. Sag mir es noch einmal. Dann wollen wir still nach Hause gehen.« 16. In dieser Nacht wollte Susanne nicht schlafen. Nicht eine Sekunde von dieser letzten Nacht ihres jungen Lebens wollte sie verlieren. Dicht an ihn gepreßt lag sie, ganz still, daß sie ihn im Schlafe nicht störe, und fühlte wohlig seine Iebende Wärme. Und dachte daran, daß sie nun bald einsam in dem wogenden Dunkel liegen würde, ganz einsam und allein. Dann schmiegte sie sich so eng an ihn, daß er aus dem Schlafe auffuhr und sie streichelte und sie einlullte mit kosenden Liebesworten. Und wenn er dann wieder tief atmete im Schlummer, stützte sie sich auf den Ellbogen und betrachtete mit mütterlicher Zärtlichkeit sein Gesicht bei der schwebenden Helle der Sommernacht. Noch einmal wollte sie diese geliebten Züge trinken, sie noch einmal in sich hineinschlürfen, unvergeßlich. Die Furcht vor dem Tage ertrank in ihrer tief flutenden Liebe. Aber dann war sie doch wohl eingedämmert. Denn sie träumte, sie war Susanne Neubert, aber sie war doch eine weiße schimmernde Wasserlilie. Sie fühlte das Wasser sie warm und liebkosend umspülen. Sanft wiegte sie die linde Strömung, Und dann kam ein Nachen dahergeschwommen, und er saß darin. Immer näher kam er, immer näher, und die gespannte Freude der Erwartung durchzitterte ihre Lippen. Und die waren Kelchblätter. Und dann war er ganz dicht bei ihr und streichelte sie mit seinen guten zarten Fingern. Und sie bat: »Nimm mich mit. Nimm mich doch an dein Herz.« Da zog er sie aus dem See heraus, zu sich ins Boot. Sie fühlte das laue Wasser an ihren Gliedern hinabrieseln. Und er schmiegte sie an seine Brust und drückte den Mund auf ihren Kelch, und sie empfand den warmen belebenden Hauch seines Atems. Und es war so gut und geborgen, so geborgen und lind. Und plötzlich klaffte über ihnen der Himmel weit, weit auf, und eine weiße Helle strahlte auf sie hernieder. Engel traten aus dem Strahlenkreis hervor und streckten die Ärmchen nach ihr. Und eine Harmonika schluchzte: »Muß i denn, muß i denn zum Städtli hinaus, Städtli hinaus, und du, mein Schatz, bleibst hier«, und der See rauschte gewaltig auf, und sie weinte und war doch so selig und die Engel hielten sie an den Händen, und ringsum wogten purpurblaue Ströme, und auf einem goldenen Throne saß ein Greis mit gütig lächelndem Antlitz und – Da lachte es über ihr. Benommen schlug sie die Augen auf. Sonniger Morgen war's. Hoff beugte sich über sie und lachte. Und er rief munter: »Das muß ja ein ganz seltsamer Traum gewesen sein. Du lächeltest so hold, und Tränen rollten über deine Wangen.« Da preßte sie das feuchte Gesicht an seine Brust und raunte: »Es war meine Himmelfahrt. – –« Als er zur Stadt ging, konnte und konnte sie sich nicht von ihm loßreißen. Immer wieder schlang sie die Arme um seinen Hals und blickte ihm in die Augen und strich ihm über die Haare und küßte ihn auf die Lider und Stirn und die Hände, Und er sprach ihr liebreich zu und lachte: »Suse, Herz, in vier Stunden bin ich doch wieder bei dir. Angst brauchst du doch nicht zu haben, Mutter Ebeling läßt niemanden zu dir. So – noch einen Kuß. Und nun muß ich wirklich fort. Es ist höchste Zeit, Liebling.« Doch als er die Treppe hinabsprang, schrie sie in höchster Seelennot seinen Namen und flog die Treppe hinab noch einmal in seine Arme. Dann stand sie unter der Haustür und winkte und winkte und blickte ihm nach, bis seine hohe Gestalt unter den Bäumen verschwunden war. Als die Schritte in der Ferne verklangen, ward ihr weh bewußt, daß sie verlassen und einsam stand, ganz einsam in der großen weiten Welt. Steil und dunkel klaffte der Abgrund vor ihren Augen. Sekundenlang hatte sie das Gefühl des Schwebens in freier Luft. Sie spürte deutlich die ziehende, schmerzhafte Empfindung des Fallens, des Stürzens ins Bodenlose. Sie taumelte und tastete nach dem Türpfosten. Ihr Mund zuckte wie bei einem Kind, dem das Weinen kommt. Dann raffte sie ihre Kraft zusammen, stemmte die geballten Fäuste gegen den Busen und sagte vor sich hin; »Ich tu's – ich tu's – ich tu's bestimmt.« Sie ging hinauf. Ihr Kopf war wirr. Sie handelte in einer Art hypnotischer Betäubung. In ihrem Gehirn pochte es dumpf. Sie wußte nur, daß sie hinlaufen wollte und ertrinken. Mit fiebrig hastender Fingern kleidete sie sich an. Als sie mit dem Badezeug an der Tür stand, fiel ihr ein, daß sie nun nie wieder hieher käme. Da perlten die Tränen. Durch einen feuchten Flor glitt ihr Blick über jeden Stuhl, über den Tisch, das Bett. Und plötzlich lief sie zum Schreibtisch und fuhr mit der Hand sacht über die Blätter seines Manuskriptes. Dann ging sie schnell hinaus. Im Hausflur begegnete ihr Frau Ebeling. »Morgen, Fräulein.« »Guten Morgen, Frau Ebeling.« »Sie gehen baden? Is recht. Schöner Tag heute.« »Ja, es ist sehr schön.« »Wenn Sie dann ausgehungert zu Tisch kommen, Fräulein, da gibt's was Gutes«, orakelte die Alte geheimnisvoll. »Nu, ich verrate nichts. Na – adje denn solange.« »Guten Tag, Frau Ebeling.« Ohne sich umzublicken, lief sie zum Strande. Sie wollte zum Forsthaus hinüberfahren und den lieben alten Weg gehen, vorbei am »Großen Fenster«, den sie so oft mit ihm gewandert war. Nachher links hinein zur Badeanstalt, neben dem Freibad. Und dann hinausschwimmen, weit hinaus – und dann – – Als sie durch den Wald schritt, dachte sie einen Augenblick daran, wie licht der Morgen war, wie harzig die Baumstämme dufteten und wie die Sonne durch das dichte Laub den Weg zu dem taukühlen Boden finde. Doch das schwebte nur wie ein Schleier an ihrem Bewußtsein vorüber. Ein dunkler, schmerzender Druck lastete über den Augen. Mechanisch schritt sie vorwärts. Ihr Bündel fest unter den Arm geklemmt. Am »Großen Fenster« blieb sie einen Augenblick stehen und sah hinaus auf den flimmernden, lichtdurchleuchteten See. Flüchtig durchhuschte sie der Gedanke, daß er ihr hier zuerst von seiner Liebe gesprochen hatte. In alter, verklungener Zeit. Sie konnte sich kaum noch erinnern, hatte auch nur einen Farbeneindruck: weiß und hell sah sie es. Und plötzlich blinzelte sie scheu hinauf zu dem Baume, auf dem sich damals der Rabenschwarm krächzend niedergelassen hatte. Da packte sie eine eisige Angst in dem morgenstillen Walde. Sie lief gehetzt den weiten Weg bis zur Badeanstalt, hinab die Hügel, hinauf die Erdwände, lief, lief, fiel hart in die Knie und raffte sich keuchend wieder empor und rannte weiter, immer weiter, und wagte nicht aufzublicken, weil die Raben hinter ihr herflogen und wild mit den schwarzen Flügeln schlugen. Schweißbedeckt erreichte sie die Schwimmanstalt. Die stämmige Badefrau empfing sie mit lachender Freundlichkeit. »Morgen, gnädiges Fräulein. Heute is's aber mal schön. So klar und warm haben wir's Wasser lange nicht gehabt.« Susanne riß die Kleider vom Leibe. So heiß, wie sie war, wollte sie hineinspringen. Vielleicht hatte Gott Erbarmen und machte mit einem Herzschlag ein schnelles Ende. Und sie sprang, kopfüber, in weitem Bogen. Frisch und gewandt tauchte sie auf. Und gewohnheitsmäßig schwamm sie hinaus, in langen ausgetragenen Stößen. Die Kühle des Wassers und die kräftige Bewegung trieb ihr das Blut warm durch die jungen Glieder. Einige Augenblicke berauschte sie die Lebenskraft. Sie schwamm geradeaus und dachte nicht an ihr Vorhaben. Aber als sie sich weit genug vom Strande entfernt hatte, schoß es ihr jäh durch den Sinn: »Jetzt!« Sehnig ausgestreckt warf sie die Arme über den Kopf. Die Beine gingen hinab, langsam versank sie in die Tiefe. Sie hörte das Wasser in den Ohren rauschen und fühlte, wie sie durch weiche Flutmassen hinabglitt. Da warf sie in der Todesangst den Kopf in den Nacken und öffnete die Augen. Sie sah die Sonne gelb durch das Wasser scheinen, jetzt wurde sie grün – immer blasser wurde sie – jetzt war sie schon fast weiß – nur noch ein Hauch – jetzt – war sie schon dunkel – jetzt – ein eisiger Stoß am Herzen – sie wollte schreien – Wasser drang in die Kehle – – in wahnwitzigem Entsetzen preßte sie die Hände nach unten, stieß in verzweifelter Kraft mit den Füßen und schoß wie ein Pfeil von der klingenden Sehne bis über die Brust heraus aus dem Wasser. Und schluckte und würgte und keuchte. Sacht trat sie eine Weile im Wasser auf und ab und das Grauen krümmte ihr die Knie an den Leib bei dem Gedanken, daß sie es noch einmal tun müsse. Aber sie mußte es – sie mußte es. Und sie schöpfte tief Atem und versank zum zweitenmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Aber im letzten Augenblick, da die Sinne zu schwinden drohten, verlor sie die Herrschaft über den Willen, und der Erhaltungstrieb wehrt sich mit zuckenden Stößen gegen die verschlingende Tiefe. Weinend vor Mattigkeit und Wut ob ihrer Feigheit machte sie einige müde Tempi. Da sprudelte eine wohlbeleibte Dame neben ihr, pustete wie ein junger Walfisch und lachte: »Das ist heute mollig pht pht – schön ist's heute. Sie sind ja eine ganz brillante pht pht Taucherin. Die beiden letzten Male war mir schon ordentlich pht pht bange. Brr – schmeckt pht dieses Seewasser. Da begann Susanne vor Kälte mit den Zähnen zu klappern. Die andere lag auf dem Rücken und patschte mit den Beinen ins Wasser. »Sie sollten hinaus«, riet sie. »Sie frieren Ja. Ganz blau sind Sie.« Susanne nickte und schwamm in hastigen, kurzen Stößen ans Land. Zitternd wickelte sie sich in das Badetuch und stellte sich in die Sonne. Und als ihr die Wärme wohlig durch die Adern strömte und die Brust sich in tiefen, bewußten Atemzügen dehnte, schien ihr die Sonne so hell wie nie zuvor. Und nie, nie ehedem war der Himmel so durchsichtig blau gewesen. Jetzt wußte sie, so konnte sie es nicht vollbringen. Es war auch Torheit. Eine gute Schwimmerin kann so nicht ertrinken. In Kleidern mußte sie es tun. Sich ein Boot mieten, in den See hinausrudern und kentern. Dann würden die schweren feuchten Kleider sie hinabziehen in den Grund. Als sie angekleidet war, sah sie, daß sie heute nicht mehr die seelische Kraft hatte, zur Bootsverleihanstalt zu gehen. Morgen früh wollte sie es tun. Ja, morgen hatte es auch noch Zeit. Das durfte sie sich gönnen. Dann hatte sie noch den Tag heute und die Nacht. Das durfte sie noch mitnehmen. Ja, das durfte sie. Und nie vorher hat ihr das Essen so gemundet, und niemals hat sie dem Liebsten mit so feuchtinnigem Blick zugelächelt und ihn nie mit solch lechzend gierigen Lippen geküßt wie an diesem hellen Tage. Nach Tisch verkündete Hoff mit irrendem Blick, daß er nach Berlin fahren wolle. »Ich muß doch einmal nachsehen, was sie treiben.« Sie nickte. Und als er scheu und eilig gegangen war, dachte sie, daß sie es nun doch tun müsse. Ja, lieber jetzt gleich. Aber sie wollte ihm schreiben. Es war doch etwas sonderbar, daß sie allein auf den See hinausruderte. Nein, nein, er sollte keinen Verdacht schöpfen. Als sie am Schreibtisch saß, fiel ihr ein, daß sie heute morgen nicht einen Augenblick lang an die Mutter gedacht hatte. Ein tiefes, weinendes Mitleid mit der alten Frau ergriff sie. »Armes Mütterchen«, dachte sie, »armes, liebes Mütterchen«. Ein Verlangen, zu ihr zu eilen und ihr zum Abschied die guten Hände zu küssen, packte sie. Sie rang es nieder. Nein, nein, das nicht! Dann erfuhr er davon. Still und heimlich mußte sie gehen, »Armes, liebes Mütterchen!« Sie raffte sich zusammen und schrieb: »Liebster, ich bin nach Wannsee gegangen« um zu rudern. Ich wußte nicht, was ich beginnen sollte. Es schien mir so schön, auf dem Wasser zu liegen und zu träumen. Falls Du vor mir zu Hause bist, ängstige Dich nicht. Ich bin um sechs wieder zurück. Deine Suse.« Das Blatt legte sie auf den Schreibtisch. Doch auch jetzt gelang es ihr nicht. Sie hatte das Boot weit hinausgetrieben in den See. Und schaukelte und schaukelte, so stark sie nur konnte und klammerte sich an die Rampe, und schaukelte – aber der Kahn kippte und kippte nicht. Und als sie gerade den Mut der Verzweiflung zu einem letzten wuchtigen Schwünge zusammenraffte, zog drüben am Ufer eine weißgekleidete Kinderschar singend dahin. Eine Gemeindeschule auf dem Ausflug. Und die reinen Kinderstimmen stiegen jubilierend hinauf in das freudige Blau des Sommertages. Da trieb Susanne den Kahn zum Ufer und schlich beschämt und kleinmütig nach Hause. – – Hoff war schon gekommen. Sein Besuch in der Frobenstraße war sehr kurz. Doch er hatte die Kluft zwischen ihm und den Frauen vertieft. Herta blieb unsichtbar. Und die Mutter forderte nach einigen freundlichen Worten in losstürmender Raserei wieder von ihm, »dem Frauenzimmer den Laufpaß zu geben«. Da war er ohne Erwiderung gegangen. Alles Verhandeln blieb hier aussichtslos. Als er dann in der Eisenbahn saß und sein Blick über die Felder der Vorstädte hinschweifte, kam wieder diese todesmüde Abspannung der letzten Tage über ihn, diese schlaffe Sehnsucht nach Ruhe und Frieden. Ja, dachte er, wenn Suse nicht wäre! Dann würde er sich hinlegen, einfach Schluß machen und hinlegen. Ja, wenn die Suse nicht wäre! Der Zug hielt in Lichterfelde-West. Als er weiter ratterte, wanderten auch wieder Hoffs Gedanken. Wenn die Suse nicht wäre, wäre doch auch alles dieses nicht, diese furchtbare Beklemmung, diese würgende Schlinge, in der er und die Frauen sich verstrickt hatten. Ja, wenn die Suse nicht wäre! Zum ersten Male stieg eine leise Erbitterung gegen sie in ihm auf. Wenn sie an jenem Abend nun nicht mit ihm gegangen wäre! Dann wäre alles gut. Dann wäre – – Aber sofort faßte ihn tiefe Reue und Scham. Das weiche, süße Mädel! Sie war mit ihm gegangen, sie hatte ihr Leben unlösbar mit seinem Dasein verknüpft, und damit war zu rechnen, und damit mußte gerechnet werden. Doch wenn er in die Zukunft starrte, ward es dunkel vor seinen müden Augen. Kein Licht war da, kein Weg. Nichts als sternenlose Nacht und undurchdringliche schwarze Finsternis. Hoffnungslos, die Seele wund, glanzlos die Augen, trat er ins Haus. Er war schmerzlich überrascht, als Frau Ebeling ihm mitteilte, daß »Fräulein« fortgegangen sei. Niedergeschlagen stieg er hinauf ins Zimmer. Seltsam, daß sie nicht auf ihn gewartet hatte! Sie lief doch sonst nicht allein im Walde einher! Endlich bemerkte er den Zettel auf dem Schreibtisch. Hastig griff er danach und las ihn, las ihn immer wieder und schüttelte verständnislos den Kopf. Rudern? Seit wann ging sie allein rudern? Sie war doch immer so ängstlich auf dem Wasser. Und nun ging sie. – – Plötzlich sank die Hand, die den Zettel hielt, leblos herab. Das Papier entglitt seinen absterbenden Fingern, schlug mit der Kante auf die Erde und klatschte dann breitseitig auf den Boden. Hoff hatte hellseherisch eine Vision. Es sah sie mit dem Tode ringen. Er wußte plötzlich alles, Sie hatte sich als Last empfunden und ging in den Tod. Gestern ihre Fragen über Sterben und Jenseits. Und ihre nervöse einraffende Zärtlichkeit. – – – Er stürzte zur Tür – er mußte nach Wannsee. – – Sein Hut? Sein Hut? Herrgott, wo war sein Hut? Er suchte in wilder Hast und bemerkte endlich, daß er ihn auf dem Kopfe hatte. Als er die Tür aufriß, prallte er auf Susanne. Bleich stand sie vor ihm. Zwischen Tür und Angel nahm er ihr Gesicht in beide Hände, beugte ihren Kopf zurück und sah ihr in weher Erschütterung und klagendem Leid in die Augen. Kein Wort wurde gesprochen. Ihre Seelen strömten rauschend zusammen. Lautlos gestand er sein Ahnen, weinend erzählte sie von ihrer Not dort draußen auf den Wassern. Endlich fand er Worte. »Armes, süßes Lieb«, liebkoste er sie. »Ganz allein wolltest du gehen! Du armes, tapferes Kind.« Da jammerte sie und ballte die Fäuste: »So feige bin ich. So jämmerlich feige! Es ist so schwer. Ich habe es nicht gekonnt, trotz meiner Liebe habe ich es nicht gekonnt.« Dann zog er sie ins Zimmer, Und als sie eng aneinandergeschmiegt saßen, fragte er: »Suse, hast du gar nicht an meinen Schmerz gedacht?!« »An dein Glück habe ich gedacht.« »Ja, aber glaubst du denn, ich könnte ohne dich leben!« »Ja, ich glaube es . Wenn du vor der Tatsache stündest, könntest du leben. Und – am Ende auch wieder glücklich werden.« »Nein, nein«, rief er heftig; »dann hast du keine Ahnung von meiner Liebe!« »Doch«, sagte sie innig. »Ich weiß, wie sehr du mich liebst. Das fühle ich so gut, wie eng wir zusammengeschlossen sind. Aber, Lieber – jetzt – heute abend weiß ich auch – wie unlöslich man mit dem – Leben, – all dem hier auf Erden, von dem man so geringschätzend reden kann, – verkettet ist.« »Ja«, nickte er, »wir haften an der Erde. Und darum –« Hastig fuhr sie fort: »Ich könnte ohne dich nicht leben. Weil ich eine Schlingpflanze bin, die mir auf ihrem starken Baum gedeihen kann. Mein ganzes Leben ist auf dich gebaut, seit ich an jenem Abend zu dir kam. Von dir gehen kann ich nun nicht mehr, und mein gesondertes Leben leben. Dazu fehlt mir die Kraft. Andere Frauen könnten es. Ich weiß. Und für sich und ihr Kind arbeiten. Mir graut vor der Einsamkeit. Und zu meiner Mutter –« Sie schüttelte den Kopf. »Kind, quäl' dich doch –« »Aber du –«, rief sie lebhafter, »du wirst leben. Du wirst mich betrauern – lange – ja –, lange. Doch dann – – So soll es auch sein. Du gehörst dem Leben.« »Und du gottlob auch. Und nun, Suse, wollen wir davon nicht mehr reden.« »Ewald«, beharrte sie, »wir wollen ganz ehrlich und offen darüber reden. Wo wir jetzt stehen, gibt es keine Scheu mehr und keinen kleinen irdischen Schmerz und kein feiges Bangen, die Dinge zu benennen. Sieh – so wird es kein Glück für uns werden. Solange ich neben dir stehe, kannst du den Deinen nicht helfen. Du kannst es einfach nicht, weil wir doch auch leben müssen. Und über sie hinwegzuschreiten zu unserem Glück – dazu bist du nicht robust genug, das weiß ich jetzt – und ich, ich bin es auch nicht. Wir würden ihre bleichen, anklagenden Gesichter in all unsere Helle hineinstarren sehen und – –« »Sie werden sich –« fuhr er heftig auf. »Sie werden nichts, Liebling. Wir wollen heute der Wirklichkeit ohne Blinzeln ins Auge blicken. Sie werden uns unser junges Glück zerreiben, zermalmen, zertreten. Ihr Leid wird wie eine schwarze Wolke unseren Himmel verdunkeln. Nein, nein. Laß nur. Ich weiß. Und du weißt es im Innersten auch.« Er machte eine ungeduldige Bewegung. Sie sann: »Wenn ich von dir ginge, das wäre keine Rettung, So lange ich lebe, kommen wir voneinander nicht los. Das wissen wir nun auch. Und wenn ich von dir liefe bis ans Ende der weiten Welt. Du würdest mich ruhelos suchen. Und wenn du mich nicht fändest, würde ich an meiner Sehnsucht sterben. Und wenn ich daran denke, daß eine andere bei dir – Nein, nein – – Ich muß meinen Weg gehen. Ich habe es mir so wohl überlegt. Ich will ihn auch gehen. Jetzt in meinem Glück. Ich will den Becher absetzen, ehe ich den Boden sehe. Und wenn du mir hilfst –« Er sprang hoch. »Bist du toll, Suse!« Sie blickte flehend zu ihm auf. »Du mußt mir helfen, Ewald. Allein ist es so furchtbar schwer.« Da zog er sie an sich. »Du bist krank. Kind. Vollständig nervös überreizt. Du redest irre. Wahrhaftig, du kannst einen selbst ganz wirr machen mit deinem tollen Gefabel.« »Nein, nein, Ewald«, drängte sie, »ich bin klar und gesund. Ich weiß nur –« Er hielt sie eng umschlungen. »Du fieberst ja, Kind. Komm, lege deinen Kopf an mein Herz, Krank haben sie meinen Liebling gemacht. Ganz krank und wirr.« »Ich bin gesund und klar«, wiederholte sie und richtete sich straff auf. »Ich sehe alles so deutlich. Wie deine Liebe in diesen zermürbenden Kämpfen verdorren muß. Und du mich eines Tages mit kalten Augen ansehen wirst. Wie mir davor graut! Das will ich nicht erleben. Das ist schlimmer als das bißchen Sterben. Und dann, Ewald, glaube nicht, daß mir dies alles überraschend kommt Ach, nein, im Grunde meiner Seele habe ich es geahnt. Als ich an jenem Abend zu dir kam, raunte eine Stimme in mir, daß – daß es – in den – Tod ging.« Da richteten sich die Haare auf seinem Schädel vor Grauen steif in die Höhe und er schrie, als sehe er Gespenster; »Du auch?!! Suse, auch du?!« Sie starrte ihm bleich ins Gesicht: »Wie – Ewald – du auch?!« Er nickte. Sein Mund kaute nervös. »Ja, ich habe es gewußt«, stieß er zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor. »Als du mit dir rangst, wußte ich – klar wußte ich es – wenn sie ›Ja‹ sagt – ist es der Tod. Ich habe es gewußt.« »Und doch nahmst du mich zu dir!« jubelte sie auf. Sie umschlang ihn stürmisch und sah nicht, daß sein kalkig-weißes Gesicht sich zu einer starren Totenmaske entstellte. Ein furchtbarer, wahnwitziger Plan schlug einen eisernen Reif um seinen Schädel. Jäh befreite er sich von ihren Armen und ging einige Male mit schweren Schritten durchs Zimmer. Die Augen waren zusammengekniffen. Aber er sah den Weg, der herausführte aus dieser unlöslichen Wirrnis. Plötzlich lachte er mit erzwungener Heiterkeit. – Es gellte wie das Lachen eines Knaben im Stimmwechsel, »Es ist ja alles Unsinn, Suse. Auch alles unnötig. Ich wollte nur deinen wundervollen Heldenmut bis zur Neige trinken. Es ist ja schon längst alles gut.« Sie blickte ihn verständnislos an. Da setzte er sich zu ihr, nahm ihre Hände, streichelte sie und sprach, wie man einem Kinde eine Geschichte erzählt: »Ich war doch zu Hause.« »Ja – und? – Ewald, was war? Sprich doch – sag es schnell!« Wie zwei Sonnen leuchteten ihre Augen in aufquellender Lebenshoffnung. »Es hat sich da«, überlegte er beim Sprechen, »du weißt, Liebling, es gibt da immer Onkels. In Romanen haben sie ihr Lächerliches, weil sie zu ausgiebig verwandt werden. Unser – oder vielmehr Hertas Schauspieler aber hat solch echten leibhaften, reichen Onkel. Und der gibt die Aushilfe und auch –« Weiter brauchte er nicht Märchen erzählen. Sie fiel über ihn her, umklammerte ihn mit den Armen, daß es schmerzte, lachte an seinem Munde und weinte und lachte wieder dazwischen und stammelte: »Und beinahe läge ich auf dem Grunde des Wannsees« – und küßte und herzte ihn wieder und rief: »Es gibt einen Gott, Ewald, jetzt weiß ich es. Heut weiß ich es!« Und dann schlug sie erschüttert die Hände vor das Gesicht und weinte, daß ihr Körper zuckte. Weinte vor inbrünstiger, bebender Freude, daß sie leben sollte, leben mit ihm; daß das Leben so reich und lichtgetränkt vor ihr lag, und daß in der höchsten Not das Wunder, das rettende holde Wunder vom Himmel herniedergesunken war. Später besann sich Hoff, daß er noch eine kurze dienstliche Arbeit zu verrichten habe. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb: »Liebe Mutter, liebe Schwestern! Ihr sollt sehen, daß ich Eure Aufopferung in all diesen schweren Jahren seit Vaters Tode nicht vergessen habe. Ihr sollt mich nicht pflichtvergessen und undankbar schelten dürfen. Ich bringe Euch alles dar, was ich habe. Das Schwerste, das ein Mann tun kann, tue ich für Euch. Von meinem Leben spreche ich nicht. Ich habe in diesen Tagen ein so großes Glück genossen, daß ich mein Leben voll gelebt habe. Die Zeit , die man lebt, ist ohne Bedeutung. Der Inhalt ist alles. Was jetzt noch kommen kann, muß hinabführen. Und meine Arbeit? Die Natur ist so unendlich reich, daß sie sich gestatten darf, eine Kraft wie mich ungenützt zu vergeuden. Aber daß ich Euch meine Suse geopfert habe, –« Er setzte ab. Seine Finger zitterten vor Entsetzen so stark, daß der Federhalter tanzte. Heimlich sah er nach ihr hin. Sie kauerte selig – träumerisch auf der Chaiselongue und lächelte lebenstrunken vor sich hin. Nein, er konnte es nicht. Das würde er nie können. Sie in ihrer lieblichen Ahnungslosigkeit – – Aber was? Was denn? Sie hatte recht: ihr Glück würde unter diesen häßlichen Kämpfen zerrinnen. Und was blieb dann? Visionär sah er sie bleich und abgezehrt mit großen wehen Augen auf ihn starren – Er schrieb weiter: »das ist so furchtbar – so unausdenklich grauenvoll. – Ihr müßt Euch damit abfinden, wie ich mich mit diesem Entsetzlichen abgefunden habe. Ich will Euch an der Schwelle nicht grollen. Es ist am Ende meine Schuld. Ich habe eine Last auf mich genommen, für die meine Schultern zu schwach sind. Doch wer will hier von Schuld reden? Schicksal war es. Die graue Macht war, es, die uns würgt, die uns böse Bahnen leitet. – Lebt wohl. Die Polizze liegt in dem Schreibtisch. Der Schlüssel ist in meiner Tasche. Die Gesellschaft muß auch bei Selbstmord zahlen. Von der Summe könnt Ihr bei Eurer Bescheidenheit ohne Arbeit etwa sieben Jahre leben. Bis dahin wird hoffentlich Hertas – Liebster Karriere gemacht haben. Und wenn Ihr zu Lisbeth zieht, kann sie jetzt heiraten. Ich wünsche, daß nun das Glück zu Euch käme.« Mit kräftigem Zug unterzeichnete er, steckte das Schreiben in den Umschlag und verschloß den Brief in der Schublade. Dann plauderte und scherzte er mit Susanne. Wie eine blutige Ahnung schwelte in ihm die dunkle Stunde. Und als es Nacht geworden und Susanne nach den seelischen Foltern des Tages lächelnd schlummerte, verließ er leise das Lager. Auf den Zehen schlich er zum Schreibtisch und nahm seinen kleinen Revolver. Sorgfältig lud er sechs Kugeln. Man konnte nicht wissen. – Dann legte er den Brief an die Mutter auf den Tisch und schloß die Schublade. Den Schlüssel steckte er in die Tasche. Sein Gehirn war klar. Er ergriff die Waffe. Da bewegte sich Susanne. Hurtig barg er die Hand hinter dem Rücken. Sie hob den Kopf aus den Kissen und sah zu ihm herüber. Der Mond spiegelte sich weiß in ihren Pupillen. »Was tust du dort?« fragte sie. Er antwortete nicht. »Sprich doch«, rief sie in ahnungsvollem Grauen »Wie du dastehst im Mondlicht! Ganz grün, Ewald, sprich doch! Mir ist so angst. Ewald – was hast du?!« Sie sprang aus dem Bett und huschte zitternd zu ihm. Als sie die Arme um ihn warf, stieß sie sich hinter seinem Rücken an etwas Kaltem, Eisernen. Sie schrie gurgelnd auf, Sie witterte den Tod in seiner Hand. Und dann schmiegte sie ihren Körper an ihn, warf den linken Arm um seinen Hals – fest – wie einen Ring – hing sich an seine Lippen – ehe er wußte, was geschah, riß sie seinen Arm in die Höhe – stieß etwas Eisiges an ihre Schläfe – zerrte an seinen Fingern. – Ein dumpfer Knall irrte an den Wänden des Zimmers umher – er fühlte eine Stichflamme seine Finger brennen – sie schnellte zusammen wie eine Spirale – stieß ihn mit den Knien in den Leib. – Es dauerte alles nur Sekunden. Alles war vorüber, ehe er es recht erlebte. Jetzt fiel ihr Kopf zurück und wackelte unheimlich steif hin und her, als säße er an einer Stange – der Körper zog bleiern nach hinten – immer unwiderstehlicher – er konnte die Last mit dem linken Arm nicht halten – es war ihm, als brächen die Armknochen glatt durch – ein eisiger Schmerz schnitt durch die Muskeln –, mit dumpfem, glucksendem Laut schlug der Körper auf den Boden. Mechanisch legte er die rauchende Waffe auf den Tisch und kniete bei ihr nieder. Das Gesicht war in ihrem weichen Haar vergraben. Er hob den Haarwulst auf seine Knie und entwirrte das Gesicht. Es war grün, und die Augen starrten. Entsetzt ließ er ihren Kopf zur Erde fallen. Hart pochte er auf die Diele. Hoff sprang empor und trat an das offene Fenster. Er blickte hinaus auf den See. Vollmond schwebte da oben im Weltraum. Er stand und stierte. Wagte vor Angst kaum Atem zu holen. Die Zähne schlugen klirrend zusammen. Immer geradeaus starrte er. Ein eiserner Schraubstock hielt seinen Kopf fest, daß er ihn nicht zurück ins Zimmer wenden konnte. Eine Diele knackte. Er schrie leise auf und stützte sich mit den Händen schwer auf das Fensterbrett und lauschte gespannt. Röchelte sie noch? Nein – ganz still war's. Ganz still. Kein Laut. Heimlich schielte er hinter sich. Nichts regte sich. Endlich wandte er sich um und preßte den Rücken hart gegen das Fensterkreuz. Er brauchte Halt. Sie lag langausgestreckt auf dem Rücken. Sehr groß war sie in ihrem langen Nachthemd, starr, weiß. Leise, nach allen Seiten spähend, schlich er an sie heran. Auf dem Sprunge, zurückzuweichen, beugte er sich nieder und berührte mit der Zeigefingerspitze die aus dem Hemd herausquellende Brust. »Tot«, dachte er. »Tot. Sie ist tot.« Vorsichtig schlich er zum Fenster zurück und beobachtete sie voller Grauen und Mißtrauen. Das, was da so lang ausgestreckt lag, war – seine Suse? Er begriff es nicht daß das Grausige dort die Suse war. Er empfand nichts als Grauen, nur Grauen vor dem Leichnam. Da erklangen draußen Schritte. Hoff sah den Helm eines Landjägers zwischen den Kiefern blinken. Und ohne Überlegung, ohne recht zu wissen, was er tat, ohne sich Rechenschaft über sein Tun zu legen, fiel er in die Knie und duckte den Kopf. Dann lauschte er gespannt. Vor Furcht, unten gehört zu werden, hielt er den Atem an. Die Schritte klirrten vor dem Hause – Hoffs Puls setzte aus – jeden einzelnen Kiesel hörte er unter den schweren Reiterstiefeln knirschen, so gespannt waren seine Sinne – jetzt ging es weiter – zum Bahnhof zu – immer weiter – – Er zauderte noch eine Weile. Dann hob er den Kopf ganz wenig über das Fensterbrett und lugte hinaus. Der Platz lag weiß im Mondlicht. Da war niemand. Und plötzlich fiel ihm ein, daß er jetzt die Waffe an die Stirn drücken müsse. Er blinzelte sie unschlüssig an. Das Mondlicht umspielte sie. Sie glitzerte silbern. Leise schlich er hin und nahm sie zur Hand. Der Lauf war noch warm. Er wirbelte spielerisch den Kugelhalter. Hoff setzte die Mündung fest und rund an die Schläfe. »Ich werde mich lieber setzen«, dachte er, »damit ich nicht – – dorthin falle.« Er setzte sich auf die Chaiselongue. Der rechte Arm mit der Waffe hing schlaff an seinem Bein entlang. »Jetzt werde ich sterben«, ging es ihm durch den wirren Kopf. »Ja, sofort – gleich doch! Einen Augenblick hat's doch wohl noch Zeit, wie?! Also: ich werde sterben. Paff – weg! Hinfallen und mit dem Kopf wackeln und daliegen und starren – gespenstig starren wie – das – da.« Er erhob sich, ging um die Chaiselongue herum und setzte sich mit dem Gesicht zum Fenster. Er wollte – das da nicht vor Augen haben. Das lag da so dumm – klotzig. Es störte ihn. Er blickte mit gedankenvoll zerfurchter Stirn hinauf zum Himmel. Graue Wolken zogen langsam über den hellen Hintergrund. So hoch und unendlich war die Ferne. »Ob sie dort oben ist?« dachte er. »Wo sie nun wohl sein mag?« Der Rücken schmerzte, als bohrten sich die toten, starrenden Augen immer in eine bestimmte Stelle im Kreuz. Er kauerte ängstlich zusammen und äugte furchtsam hinter sich. Ob sie etwas sehen konnte? Ob das, was da lag, alles war, was noch – übrig war von ihr? Wo war jetzt all ihr geistiger Liebreiz – ihr Lächeln – ihre holde Wärme? Wo wohl? Alles tot – tot, wie dieser schwere, häßliche, stumme Klumpen dort? Er sah wieder hinauf in den Sommermachtshimmel. Und sein Hirn klärte sich. Er dachte daran, daß er jetzt sterben mußte. Mit einem schmerzlichen Lächeln ergriff er wieder den Revolver, der zu Boden geglitten war, und sah gedankenvoll auf ihn nieder. Da drinnen also lauerte der Tod. Ein Nichts. Ein Gedanke. Nein, nein – ein blitzendes Ungetüm. Hu – wie es vorhin herausgepoltert war! Er preßte den erkalteten Lauf gegen seine heiße Wange. Wie es wohl sein wird? Ob man es spürte, wenn das Eisen zischend herausfuhr? Wie ein glühender Wisch riß es wohl durch das Gehirn. Also jetzt los: eins – zwei – Nein, so wollte er nicht sterben. Er hatte ja die ganze Nacht vor sich. Nicht wie ein Wahnsinniger sinnlos drauflos – knallen. Er hatte ja Zeit. Er wollte seinen Tod erleben . Diese letzte unwiederbringliche Stunde. Er wollte es bewußt durchfühlen, dieses Taumeln außerhalb der Welt schon – dieses Schweben dort draußen in dem blauen Äther – losgelöst von allem menschlichen Begreifen. – – Er legte die Waffe neben sich. Preßte das Gesicht in die Hände, um sich zu sammeln, und hetzte sein Gehirn zum Denken. Also – grübeln. Sich hineinbohren. Also – wie war ihm? Dastehen – hinübermüssen – kein Zurück – vor der hohen Wand stehen – anstarren – in sich hineinhorchen – horchen, was er empfand – Was –? Er schloß die Augen, drückte die Zeigefinger fest in die Schläfen und horchte. Suchte seine Gefühle zu analysieren. Und plötzlich sah er seinen Ordinarius aus der Oberprima auf dem Katheder sitzen und den Horaz deklamieren. Er schüttelte die Erscheinung ab. Grübeln – in sich aufschlürfen dieses Gleiten zwischen den Welten – dieses tiefste, lebendigste Bewußtsein, daß ihm nichts Menschliches mehr begegnen konnte, daß er jenseits stand von Gesetz – Moral – Weh – aller Macht der Erde. – Alles nichtig – Schein – Wort – Klang – Begriff. Für ihn tot. Er war die Welt, die starb. Wenn er sich tötete, tötete er den Himmel dort oben – alles. Von sich aus gesehen – tötete er das All. Ja. Einfach ein Loch in das Weltall schoß er. Ihm schwindelte einen Augenblick, Er stellte sich die gleitende Bewegung des Versenkens vor. Das Aufpoltern des Sarges auf den Boden des Grabes ist peinlich. Es schüttert so dumpf – – Die Kirchturmuhr schlug eins. Er fuhr auf. Nicht grübeln. Hatte keinen Sinn. Hineindringen konnte man doch nicht. Wozu denken? Ja – na, nun also. Er nahm wieder die Waffe. Und plötzlich wurde er neugierig. Er wollte doch einmal sehen, wie groß solche Wunde war. Die Neugier verscheuchte die Furcht. Er kniete neben der Leiche nieder, wendete den Kopf zur Seile und betrachtete das schräge, blutgeronnene Loch dicht über dem Auge. Hm, so also war es. Nicht so arg. Wo die Kugel wohl steckte? Da drinnen, mitten in der – – Seele? Er sah ihr ins Gesicht. Schwarzblau war es. Gar nichts zu erkennen. Nichts von der Suse. Ihn schauderte. Er legte ihren Kopf voll Ekel auf den Boden. Suse war nicht da – ganz fort – weit fort war die Suse. Ja, die hatte es gut. Sie war drüber weg – die hatte es gut. Und jetzt bedachte er, wie es gekommen war, daß sie schon so weit fort sein konnte. Wie war es bloß gekommen? Der Klumpen hatte doch nicht immer da gelegen. Als sie schlafen gingen? – – Er setzte sich nieder und sann. Schritt für Schritt zwang er sein müdes Hirn zurück. Ja – so war's: sie hatte sterben wollen, und er hatte – ja, er hatte – warum hatte er? – Er suchte und suchte und konnte keinen rechten Grund finden, warum sie hatten sterben wollen. Er sann noch einmal. Vielleicht war das Ganze ein Irrtum. Vielleicht hatte er gar nicht – – um Christi willen, wenn er gar nicht hatte – – Er fand keinen Grund, wie er auch alle Erinnerungen wandte und betastete. Das mit Herta konnte es doch nicht sein. Das war doch kein Anlaß, sich das Leben zu nehmen. Alle Tage kam das doch vor. Deswegen sterben? Wahnsinn. Da mußte irgendwo eine Lücke in seinem Denken sein. Er erinnerte sich genau, daß da dringende Gründe gewesen waren. Er würde sie schon wieder finden, er würde sie schon finden. Plötzlich fiel ihm ein, daß Susanne tot war. Ja, warum hatte sie denn sterben müssen? Das war's ja gerade. Er hob den Kopf – sah starr geradeaus – und jäh wich die halb irrsinnige Dumpfheit aus seinem Schädel und sein Gehirn wurde leicht und hell. Es war kein Grund da zum Sterben. Das war es. Es war ja alles heller Wahnsinn. Sie hatte ihn mit ihren Todesgedanken ganz wirr gemacht. Er hätte sich auch im letzten Augenblick noch besonnen – bestimmt. – Der Wahnwitz wäre vor der Tat von ihm gewichen – nein, nein, nie hätte er sie umbringen können – niemals. Wenn sie still dagelegen und geschlafen hätte – nie hätte er das Herz gehabt – Ja – ja, dachte er, aber nun ist sie tot. Dort liegt sie. Daran ist nichts zu ändern. Kein Grübeln macht sie wieder lebendig. Nein, nein, er brauchte sich nicht noch einmal überzeugen. Tot war sie. Und nun war die Reihe an ihm. Ja – warum nur? Wenn er nur einen einzigen Grund sähe! Es war so widersinnig, sich ohne jeden Grund wie einen Hund niederzuknallen. So für nichts und wieder nichts. Ohne jeden Nutzen für irgendeinen. Nein, nein, im Gegenteil. Wie es jetzt lag, konnte er – – sie war doch nun einmal tot. Daran war nichts zu ändern. Jetzt konnte er den Frauen zu Hause – – Nein, nein – er mußte mit ihr sterben. Das mußte er. Natürlich. Was denn? Das mußte er, wohl schon. Wenn er nur wüßte, ob es noch ein Trost für sie war. Ob sie etwas davon wußte. Er blickte auf die starren Augen. Jäh kniete er nieder und preßte sie zu. Mein Gott, was hätte sie davon, wenn ich mich nun wirklich hinstellte und losknallte? Was hat – das – davon?! Ob sie irgendwo auf ihn wartete? Nein, so war sie nicht. Sie würde wollen, daß er lebte. Sicher – würde sie das wollen. Sie hätte nie gewünscht, daß er sich ihretwegen ein Leid zufüge. Es war sinnlos, bloß zu sterben, um ihr Gesellschaft zu leisten. Na ja, so war's doch. Ja, aber, er hatte sie doch erschossen. Richtig, endlich hielt er die Notwendigkeit in der Faust. Das war's. Das Holz des alten Schrankes knackte. Er fuhr zusammen. Scheu sah er um sich. Das Weiße in seinen Augen glänzte. Ja – aber wohin? Das war klar. Das – das mußte fort. Gleich. Wohin? Er kleidete sich hastig an und überlegte kaltblütig. Wenn sie hier gefunden wurde, war es im günstigsten Falle Tötung auf Verlangen. Gefängnis – Ruin. Vielleicht glaubte man ihm auch nicht – Totschlag – Mord. Er warf den Kopf zurück, um seine Gedanken zu klären. Er fuhr sich in die Haare und überlegte. Ja, Frau Ebeling hatte wohl nichts gehört. Die schlief weit ab. Er würde ihr sagen – – Später das bedenken. Die Nacht verrann. Geblutet hatte es wohl nicht sehr. Nachher wegwischen. Hatte Zeit. Erst fort. Nur erst hinaus damit. In den See, See? Ausgeschlossen. Fand man gleich – alles entdeckt. Durfte nicht erkannt werden – Er grübelte nervös. Plötzlich hatte er es. Ja – drüben – hinter dem Forsthaus – war der Eisenbahndamm. Dort – – Er wagte nicht Licht anzuzünden. Nur erst im Walde sein. Der Weg um den See war weit. Mußte versucht werden. Den Revolver jedenfalls einstecken. Er zog das Laken aus dem Bett, prüfte sorgfältig, ob ein Monogramm darin war. Er fand keines. Los! Er breitete es neben der Leiche auf dem Boden. Zog ihr das Hemd vom Körper – vorsichtig – daß nicht unnötig Blut aus der Wunde sickere – nach unten über die Füße – dann rollte er sie auf das Laken. Nun zugeknöpft die Enden! Fest zog er zu, wie einen Pack Wäsche wickelte er sie zusammen, Einen Augenblick regte sich ein weinerliches Gefühl in ihm, als er sie so zusammengeknüppelt liegen sah. Er stieß es nieder. Kopf hoch, dachte er, es geht um das Leben. Sie ist tot. Er hob prüfend das Bündel. Schwer. Hilft nichts. Er verbog den Hut und zog ihn ins Gesicht. Los! Er schulterte die Last. Weich, matsch schlug sie gegen den Rücken. Vorsichtig die Treppe hinab. Das verdammte verrostete Schloß ging wieder nicht. Endlich! – Leise schließen! So. Er lief über den silbern-sprühenden Kiespfad und verschwand in den Wald. Schritt vor Schritt drang er vorwärts auf dem weichen Moosboden. Die Arme schmerzten ihn, die Knie zitterten vor Erregung und Ermattung, doch er ging und ging und horchte und jeder Nerv hatte sein Ohr. Und rief ein Nachtvogel, so drückte er sich an einen Baum, platt wie ein Schatten, und knackte ein Zweig unter seinem Fuß, so blieb er stehen, atmete nicht und lauschte, ob sich etwas rege. So ging er wohl eine Stunde. Endlich erreichte er die andere Seite des Sees. Jetzt vorsichtig hinauf auf den Damm – – er glitt zurück – dieser elende, seichte Boden – so – noch einen großen Schritt – so – Er stand oben. Er blickte die Strecke hinauf und hinab. Die Schienen liefen goldglänzend in der Ferne zusammen. Sein scharfes Auge entdeckte, daß ein Signal in der Nähe sein grünes Licht aufgezogen hatte. Er ließ die Bürde zur Erde gleiten und löste das Tuch. Da hörte er aus einiger Entfernung Schritte und ein munteres Pfeifen. Mit einem Ruck zog er das Laken unter der Leiche hervor, sprang wie ein Panther über die Schienen fort, erreichte jenseits den Waldboden und schlich weiter in den Forst hinein, lautlos von Baum zu Baum. Dann stellte er sich hinter eine Kiefer und wartete. Das Pfeifen schallte immer höher am Damm hinauf. Wo wollte der hin? Hoffs Augen traten aus den Höhlen. Fest packte er den Kolben des Revolvers. Drüben tauchte ein Kopf auf – der Körper folgte. Jetzt stand der Mann, hell vom Mond beschienen, auf dem Damm. Er ging entlang – nach links – gerade auf die Leiche zu. Jetzt stutzte er, sah sich spähend um – ging einige Schritte weiter darauf zu – stockte wieder – ging weiter – immer ängstlich um sich blickend. Jetzt stand er bei ihr. Er stieß sie an – prüfend mit der Fußspitze. Dann beugte er sich nieder – kniete plötzlich hin – betastete die Brust – hob den Kopf und starrte in das tote Gesicht. Da sah Hoff, wie der Mann plötzlich zur Seite blickte. Etwas Spannendes mußte drüben am Abhang des Dammes sein. Wenn er nur wüßte, was den dort drüben so bannte! Im nächsten Augenblick schnellte der Mann in die Höhe, stieß den Leichnam von sich, daß er auf die Schienen kollerte, und sprang wie ein Hirsch vor den Hunden den Damm entlang. Da rief eine tiefe Stimme: »Halt – oder ich schieße!« Der Mann lief. Jetzt erschien der Helm des Landjägers über dem Damm. Er rief wieder: »Halt – ich schieße.« Jetzt stand er auf dem Damm. Hoff sah es aufblitzen – der Schall hallte durch den Wald. – Der Mann lief. Sprang im Zickzack, um der Kugel zu entrinnen. Wieder knallte ein Schuß – der Mann lief. Der Landjäger hinterdrein. Jetzt sprang der Mann den Damm hinab. Der Landjäger folgte. Hoff lauschte, sehen konnte er nichts mehr. Aber er verfolgte die wilde Jagd mit dem Gehör. Da drang plötzlich ein Sausen und Raunen und Stoben dicht bei ihm in sein fernhorchendes Bewußtsein. Zwei grelle Feueraugen blendeten ihn. Hoff preßte sein Gesicht an die Borke des Baumes, an dem er stand. Er wollte das nicht sehen. – Das Brausen verrannte in der Ferne. Da hob Hoff den Kopf und kroch auf Händen und Füßen über den Damm. Das Laken hielt er zusammengeballt in der Faust. Er schielte dorthin, wo – es – gelegen hatte. Der Zug war darüber weggegangen. Er wandte den Kopf ab. Und huschte von Baum zu Baum seiner Wohnung zu. 17. Als Hoff sich der Villa näherte, dämmerte der Morgen. Kühl kam der junge Tag durch die Bäume. Über den Gräsern des Waldes zitterte ein feines, diamantdurchwirktes Gespinst. Die Augen schmerzten ihn vor Ermüdung. Er blickte scheu im Zimmer umher, warf das Laken zur Erde, verschloß die Tür und ging in das andere Zimmer. Nur schlafen, nur erst schlafen. Er würde seine Kräfte brauchen. Er zog sich aus und legte sich in Susannes Bett. Und schlief sofort ein. Als er nach wenigen Stunden erwachte, standen die Ereignisse der Nacht sofort in ihrer brutalen Grauenhaftigkeit vor ihm. Er setzte sich im Bett aufrecht und horchte ins Nebenzimmer. Im nächsten Augenblick schleuderte er die Decke von sich und sprang aus dem Bett. »Jetzt ist keine Zeit zur Gespensterfurcht«, dachte er. »Die Würfel sind gefallen. Handeln gilt es jetzt. Es geht um das Leben.« Er stellte sich vor den Spiegel und betrachtete aufmerksam seine Züge. Ein bißchen blaß war er. Na ja. Und blaue Schatten lagen unter den Augen. Kein Wunder. Das war kein Kinderspiel gewesen. Wahrhaftig nicht. Hm, die vielen weißen Haare da an den Schläfen. Höchst verdächtig. Er kleidete sich weiter an und wollte die Schere aus seiner Waschtischschublade holen. Als er die Hand auf die Türklinke legte, zögerte er einen Augenblick. Dann drückte er sie fest nieder und trat ein. Die Sonne schien hell und freundlich ins Zimmer. Hoff blickte sich um. Es schien ihm unfaßlich, daß hier vor wenigen Stunden dieses – Undenkbare gewütet haben sollte. Er wischte sich über die Augen. Mein Gott, wenn alles nur finsterer Traum war. Wenn sie dort drüben im Bette lag und schlief. Er blickte hinüber. Die Kissen waren durcheinandergeworfen, die rote Matratze grinste ihn blutig an. Nein, nein, es war Wirklichkeit. Sie war tot und lag draußen auf den Schienen. Ein kalter Frost rann über seinen Rücken, als er daran dachte, wie sie dort lag. Und plötzlich begriff er nicht, wie er die Last diesen weiten Weg hatte schleppen können. Woher hatte er nur die Kraft genommen? Seine Augen liefen über die Wände. Nein, da war nichts Auffälliges. Die Kugel hatte merkwürdigerweise nicht durchgeschlagen. Einen kuriosen Lauf mußte sie genommen haben. Dann ging er zum Schreibtisch. Hier – war es. So hatte sie gestanden. Er blickte zu Boden. Da war eine kleine Lache schwarzen Blutes. Sie stand da mit einem gebogenen Spiegel wie aus Hartgummi. Ihm wurde übel. Er ging ins Nebenzimmer zurück und setzte sich auf das Bett. Was nun? Was wollte er denn eigentlich? Er überlegte. Die Sache mußte mal klipp und klar durchgedacht werden. Wie lag es denn? Plötzlich sprang er auf: Herrgott, was wollte er nur? Es war doch so klar. Sie hatte doch den Hahn gezogen. Sie hatte sich erschossen. Selbstmord war es und weiter nichts. Was hatte er denn damit zu schaffen! Er ging einige Male auf und nieder, und eine Last sank von seiner Brust zur Erde. Doch sofort öffnete die dunkle Leere sich wieder. Er hatte sie doch dort hinausgeschleppt. Er suchte mit irrenden Augen im Zimmer umher nach einem Grunde, weshalb er sie bloß dort hinausgeschleppt hatte. Es war doch Selbstmord. Ihm konnte doch gar nichts zustoßen. Er saß und grübelte und begriff es nicht. Endlich hob er den Kopf. Er hatte sie nun aber einmal fortgeschafft und damit seinen Kopf in die Schlinge gesteckt. Jetzt würde ihm keiner mehr glauben. Jetzt lastete der Verdacht des Mordes auf ihm. Und plötzlich wurde ihm so weh. Er sollte seine Suse ermordet haben! Sie stand vor ihm und ihr weiches Lächeln spielte um ihren kleinen Mund. Instinktiv streckte er die Arme aus. Doch gleich fielen sie tot herab, daß die Finger schmerzend gegen die Bettkante schlugen. Da erhob er sich. Die Suse lag draußen auf dem Bahndamm mit zertrümmertem Schädel. Das war vorbei. Jetzt galt es handeln, vorsichtig und bedächtig, wenn er leben wollte. Und plötzlich fühlte er, daß er leben wollte. Ja, das wollte er. Ihm fiel ein, daß Susanne ihm damals an jenem Abend am »Großen Fenster« vorgeworfen hatte, ihm fehle die Energie. Er träume davon, dreihundert Jahre zu spät geboren zu sein, weil er im Grunde alles sei, nur kein Tatenmensch. Er ballte die Fäuste, daß die Sehnen in den Armen sich schmerzhaft spannten, »Hallo, wir wollen doch einmal sehen, wie es mit der Energie steht. Das wollen wir doch einmal sehen, meine arme, kleine, hingeopferte Suse.« Mit dem einen Opfer aber war es genug. Jawohl, nun galt es einen Kampf auf Leben und Tod. »Wollen doch einmal sehen, ob wir ihn durchkämpfen. Du sollst nun sehen, meine arme Suse, wenn du da oben aus dem Himmelsfensterlein herabblicken kannst. Sollst du mal sehen.« Und er ging zum Spiegel und rupfte bedächtig die weißen Haare aus den Schläfen. Dann ging er ins Nebenzimmer und wischte mit dem Taschentuch die Blutkruste weg. Die aufsteigende Übelkeit kämpfte er nieder. Das Tuch steckte er in die Tasche. Das würde er später irgendwo fortwerfen. Auf der Diele blieb ein blasser runder Fleck. Hm, dachte er, was machen wir damit? Da fiel ihm Frau Ebeling ein. Das war das nächste. Ihr eine plausible Erklärung für Susannes jähes Verschwinden geben. Er stellte das Nachdenken hierüber in seinem Gehirn zurück. Das würde der Augenblick schon geben. Erst mal das da mit dem Laken. Er holte es unter dem Tisch hervor, wohin er es bei seiner Rückkehr geschleudert hatte, und breitete es aus. Sehr sauber sah es nicht mehr aus. Er schabte mit dem Fingernagel an einem dünnen grünen Streifen. Da hatte er wohl einen Baumstamm gestreift. Hm, erwandte es um. Die Seite war sauberer. Ein Schreck schulterte durch seine Knie. Da war ein runder schwarzer Blutfleck. Dort hatte die Wunde gelegen. Wie konnte er auch so blöd sein und das Loch nicht verstopfen! Es hatte ja doch keinen Zweck. Binnen vierundzwanzig Stunden saß er in Moabit. Er war dem ja doch nicht gewachsen. Er stand da und hielt das Laken schlaff in der Hand. Es flatterte sacht. Sein Gehirn arbeitete unwillkürlich. »Ich werde mal sehen, wie es im Bett aussieht«, dachte er. Warf die Kissen und Decken heraus und breitete das Bettuch über die Matratze. »So schlimm ist es nicht«, entschied er. »Ein bißchen zerknüllt, na ja. Aber diese verdammten Blutspuren.« Er legte die Decken auf das Tuch und packte die Kopfkissen wieder hinein. Sie bedeckten die Flecke. Er schüttelte den Kopf, Nein, so konnte es nicht bleiben. Mal ruhig überlegen. Er setzte sich. Alles so betrachten, als ob nichts geschehen wäre. Das ist die einzig richtige Methode. Die Tat aus seinem Gedächtnis ausmerzen und alle Erscheinungen harmlos erklären. Also: wie kann Blut da oben ans Bettuch kommen? Er dachte nach. Dies fiel ihm ein und jenes. Doch alles schien ihm zu gesucht, zu wenig natürlich. Da blieben seine suchenden Augen an der Wasserflasche mit den Gläsern haften, die auf dem Nachttisch standen. Das war's. Oft genug hatte er Mutter Ebeling schon scherzhaft erklärt, die Gläser seien wie Spinngewebe. Die zerflössen einem förmlich in der Hand. Er nahm eines der dünnen Gläser. Es glänzte prismenfarbig im Morgenlicht. Welche der Hände? Man konnte nicht wissen. Es konnte die Sehne kosten. Lieber die linke. Er legte das Glas in den Handteller und spannte die Finger fest darum. Es lag gut gebettet zwischen Finger und Daumenballen. So – nun kernig zugedrückt! Es knatterte, splitterte, er hielt die Hand voller Scherben. Ein Blutstrom quoll aus den Fingern und der Handfläche. Das hatte aber was Tüchtiges gesetzt! Er schüttelte die Scherben zur Erde und hielt die schmerzende Hand über die Blutflecke. Schwer und rot rieselte es aus den klaffenden Wunden. Bedächtig zog er einige Glassplitter aus dem tiefen Schnitt in der Handfläche. Er ließ es noch einige Zeit auf das Laken hinabträufeln. Es floß jetzt in einem hellroten Rinnsal. Dann ließ er einige Tropfen auf den gelben Fleck der Diele fallen und verrieb das Blut mit der Schuhsohle. Darauf wusch er die Wunden in der Waschschüssel und knüpfte aus zwei Taschentüchern einen Verband. Als er fertig angekleidet war, drückte er in gedankenloser Gewohnheit auf den Knopf der Klingel. Erst als Frau Ebeling klopfte, drang es auf ihn ein, daß es jetzt das Leben galt. Wenn sie nur den Knall nicht gehört hatte! »Herein!« rief er mit einer Ruhe, die ihn in Staunen setzte. Frau Ebeling trat mit dem Frühstück herein und sagte: »Guten Morgen.« »Morgen, Mutter Ebeling. Gut geschlafen?« »Danke sehr, Herr Assessor. Bei Ihnen braucht man das ja nicht fragen. Junges Blut wie Sie!« Sie schmunzelte eindeutig. »Da Sie gerade von Blut reden, Mutter Ebeling, sehen Sie mal hier.« Er zeigte seine Hand. »Herrje – was haben Sie da?« »Geschnitten – an Ihren famosen Gläsern. Die halbe Hand zerschnitten. Was habe ich Ihnen immer gesagt!« »Aber nee«, rief die Alte, »die Gläser sind doch ganz gut. Dreizehn Pfennig 's Stück bei Jandorf. Wie haben Sie das bloß angestellt?« »Hatte Durst. Wollte in der Nacht trinken. Weiß der Teufel, ich muß nicht recht aufgepaßt haben. War wohl halb im Schlaf. Wie ich das Glas hinstellen will – fall ich vorn über – gerade auf das Glas –« »Nee wissen Sie, Herr Assessor, was Sie aber auch für Sachen machen! Ist es sehr schlimm?« »Na – ein paar ganz tüchtige Risse. Und das ganze Bett ist voll. Sehen Sie mal her.« »Das is's wenigste. Wenn Sie man nur keinen Splitter zurückbehalten haben! Hab' mal eine Frau gekannt, die Hagelmosern von der Möckernstraße, wie ich noch zu Hause gewesen bin. Die hatte auch mal so was gehabt – Und dann haben sie ihr die Hand abgenommen.« »Na, so schlimm wird's nicht gleich werden.« Er riß die Tücher mit den Zähnen herunter. »Sie können mir mal einen ordentlichen Verband machen, Mutter Ebeling. Ich bin nämlich wieder allein. Die Suse ist weg.« »Was is? Das Fräulein Suse is weg ?« Hoff nickte und zupfte an der Wunde. »Wie denn weg? Sie kann doch nicht einfach so weg sein!« »So einfach ist das auch nicht, Frau Ebeling«, lachte er gezwungen und freute sich über den überzeugenden Ton seines Galgenhumors. »Heute nachts plötzlich fängt sie an, sie muß fort, sie will nicht mehr bleiben –« »Da hat sie aber auch recht, Herr Assessor. Ich will ja nichts gesagt haben. Aber wie Ihre Leute zu ihr gewesen sind! – Bis unten hin hat man's gehört.« »Na ja – na ja – ich begreife es. Aber früh am Morgen – wie eine Wilde davonlaufen!« »Da sollen Sie sich man nich wundern, Herr Assessor. Ich hatte dieser Tage 'ne bannige Angst um das arme Mädel. Wie sie immer dagesessen hat und auf 'n See rausgestiert Ordentlich angst und bange konnte einem werden. Ich wollt' 'n Herrn Assessor schon immer sagen, daß er 'n Auge auf sie haben soll. So 'n armes Ding kommt auf allerhand dumme Gedanken. Wenn sie man bloß nach Hause gegangen ist!« »Da seien Sie außer Sorge, Mutter Ebeling. Sie hatte solche Sehnsucht nach ihrer Mutter. – Ich hätte sie natürlich auch nicht allein gehen lassen. Glauben Sie denn, ich hab's für Ernst genommen? Keine Idee. In der Nacht sagte sie, sie muß fort, hier hält sie's nicht mehr aus und lauter so was. Ich suchte sie zu beruhigen, und denke, alles ist gut. Und nachher bin ich eingeschlafen – die Wunde da hat mich wohl auch ein bißchen matt gemacht – und wach erst auf, wie sie die Tür zumacht. Ich raus aus 'm Bett und ein Stück hinter ihr her, sie aber lief wie besessen und verschwand.« Die Alte nickte. »Ja – ja – ganz wirr haben sie sie gemacht. Wie spät war es denn, Herr Assessor?« »Hm – wohl so gegen sechs – noch ganz früh.« »Nee, dann war es das nicht. Ich habe so gegen zwei herum was gehen hören. Ich dachte –« »Verbinden Sie mal schnell, Mutter Ebeling, das blutet wieder mächtig.« »Ja – gleich. Ich hol' bloß 'n Stück richtige Leinewand. So 'n Taschentuch taugt doch nichts.« Als sie hinaus war, atmete Hoff auf. Er lächelte fast vor sich hin. Das war sehr gut gegangen. Wahrhaftig, der Anfang war nicht schwer. Als Frau Ebeling zurückkam, sagte sie: »Und alle Sachen hat das Fräulein Susanne hiergelassen. Was soll denn nun damit?« »Ich gehe gleich mal zu ihr. Ich muß sie doch sprechen. Wenn sie nicht zurückkommen will, werden wir ihr sie hinschicken. Aber ich hoffe, sie wird Vernunft annehmen.« »Nee, Herr Assessor, die lassen Sie man. Die hat nicht das Zeug. Die hat zu schweres Blut. Lassen Sie die man lieber. Es geht mich ja nichts an. Aber wenn ich es sagen darf: die paßt nich zu sowas. Lassen Sie der man ihren Frieden bei Muttern. Gibt ja noch genug andere zu so was. Ich habe mich gleich am ersten Tage gewundert, wie ich sie gesehen habe. Man sieht 'nem Mädel das gleich an. Die Fräulein Suse war nicht für freie Liebe! Lassen Sie der man ihren Frieden.« »Wollen mal sehen, Mutter Ebeling. Danke auch schön. Haben Sie fein gemacht. Wie'n ausgedienter Regimentschirurgus. Packen Sie die Sachen man vorläufig in den Schrank. Dann wollen wir weiter sehen.« – – – Als er später in den Dienst ging, sagte er im Vorbeigehen zu der Alten: »Schade ist's doch. War so schön, wenn man nach Hause kam und sie einem entgegenflog.« Frau Ebeling lachte: »I – Herr Assessor wird doch 'n Kopf nich hängen lassen! Gibt noch viel andere bunte Vögel, die einem gern entgegenfliegen.« Hoff lächelte und sprang nun die Stufen vor der Haustür hinunter. Während er zum Bahnhof schritt, überlegte er, was nun vor ihm lag. Zu Hause mußten sie so bald als möglich erfahren, daß – daß Susanne – fort war. Sonst geschahen mich dort furchtbare Dinge. Daran war es jetzt genug. Plötzlich fiel ihm ein, daß er den Frauen nun doch nicht helfen konnte. Jetzt Esther Honigmann – mit dem Verdacht des Mordes auf den Fersen? Er schob es zurück. In seinem Hirn bildete sich eine wundersame Fähigkeit, Fragen zurückzustellen, deren unmittelbare Entscheidung der Augenblick nicht erforderte Zunächst mußte man zu Hause erfahren, daß er frei war. Das andere – ach, die Zukunft barg ja so viel Verworrenes. Und dann. Er wurde fahl bei dem Gedanken. Ja – dann mußte er zu ihrer Mutter, Das mußte er. Dort loderte Gefahr. Er mußte ihr – – – Er erreichte den Bahnhof und kaufte eine Zeitung. Ein hastiger Zwang trieb ihn, sie auseinanderzureißen und zu durchfliegen. Vielleicht stand da schon? – Er besann sich. »Du mußt immer denken, du wirst beobachtet,« huschte es durch seinen Schädel. »Nichts tun, was darauf hindeutet, daß du – es getan hast. Nicht in der geringsten Nichtigkeit deine Gewohnheiten ändern.« Er versenkte die Zeitung gelassen in die Aktentasche und ging nachlässig auf dem Bahnsteig auf und nieder. Er kannte die meisten dieser Leute vom Sehen. Sie warteten hier täglich um diese Zeit. Es tat ihm wohl, daß sie ihn in seinem Gleichmut auf und nieder wandeln sahen. Im Abteil blickte er erst eine Weile aus dem Fenster, ehe er langsam und gleichgültig die Zeitung zur Hand nahm. Er vertiefte sich in den Leitartikel und las mit Teilnahme. Auf Augenblicke vergaß er fast, daß auf der dritten Seite unter »Lokales und Vermischtes« sein Schicksal lauerte. Dann überflog er wohlwollend die einzelnen Blätter. »Liebesdrama in der Chausseestraße« – »Feuertod in den Flammen« – »Mysteriöses Verschwinden einer jungen Dame.« Das Herz pochte ihm bis an den Hals. Er fühlte, wie er erbleichte. Die Schriftzeichen tanzten vor seinen Augen. Mit eiserner Gewalt zwang er sich zur Ruthe. Ließ die Zeitung auf die Knie sinken und blickte angelegentlich hinaus auf die Felder. Erst als der Zug in Zehlendorf hielt und eine Dame in das Abteil stieg, hob er das Blatt wieder. Halt, da war's. Er las: »Mysteriöses Verschwinden einer jungen Dame.« Er las: »Eine junge Dame aus den besseren Ständen, Fräulein Grete Meise –« Etwas in ihm pfiff einen lustigen Gassenhauer. Dann suchte er weiter. Nein, in der Morgenzeitung stand noch nichts. Man hatte sie am Ende nicht gefunden. Aber der Landjäger mußte doch Bericht erstattet haben! Da sah er wieder diese geheimnisvolle Jagd. Wer war der Mann, der da auf dem Damm im Mondlicht geflohen war? Warum war er entwichen? Ob der Landjäger ihn gefangen hatte? – – – Hundert Fragen forderten Antwort. Im Ministerium arbeitete er umsichtig und schnell wie immer. Die Tat lag wie ein bleicher Nebelstreif am Horizont seines Bewußtseins. Im Laufe des Vormittags besuchte er einen Kollegen, seinen Stubennachbar. Er wollte sich für alle Fälle einige einwandfreie Zeugen seines Gemütszustandes an diesem schwarzen Dienstag sichern. Bald darauf meldete der Diener, der Direktor wünsche den Herrn Assessor zu sprechen. »Gleich?« fragte Hoff und ärgerte sich über das heisere Klirren seiner Stimme. »Er hat nichts gesagt, Herr Assessor. Also wird's wohl gleich sein.« Als der Mann gegangen war, bemerkte Hoff, daß seine Knie schlotterten. Die Beine wippten wie die Federn einer Maschine. »Verdammte Nervosität!« fluchte er und trat vor den kleinen Spiegel. Fleckig grau war das Gesicht und die Augen flackerten. »Zum Kuckuck«, zwang er sich zur Ruhe. »Sei kein solcher Idiot. Es ist etwas rein Dienstliches. Gib die Sache gleich auf und leg deinen Schädel auf den Richtblock oder benimm dich wie ein siegbewußter Kämpfer.« Er zögerte noch einige Augenblicke, dann ging er festen Schrittes hinüber. Als der Diener ihn meldete, wurde ihm übel vor Erregung. Es war etwas Dienstliches. Dann erkundigte der Direktor sich teilnehmend nach dem Fortgang des Werkes. »Danke sehr, Herr Geheimrat, es geht voran.« »Überarbeiten Sie sich nicht«, mahnte er. »Sie scheinen arg zu forcieren. Vor allen Dingen merken Sie sich eins: seine Gesundheit pflegen. Dem Gehirn keine Kraftleistungen zumuten. Das rächt sich später bitter. Hat man erst mal seinen Knax weg, ist es vorbei.« Hoff murmelte etwas davon, daß er die letzten Nächte allerdings etwas stark gearbeitet habe. »Da haben wir's ja!« rief der Geheimrat. »Die Nacht ist zum Schlafen, werter Herr Kollege. Sie scheinen übrigens des öfteren Nachtschichten zu machen. Es ist mir schon wiederholt aufgefallen, daß Sie bleich und übernächtig aussehen. Ich warne Sie dringend davor. Denken Sie an Ihre Karriere. So was rächt sich später.« Die Audienz war beendet. Hoff verbeugte sich und ging. Er jubelte innerlich, daß seine Blässe dem Geheimrat schon früher aufgefallen war. Alles festnageln. Alles genau festnageln – – – Als er am Mittag die Friedrichstraße herabkam und in die Leipzigerstraße einbiegen wollte, brannte ihm von der Litfaßsäule her das bekannte rote Plakat des Polizeipräsidenten in die Augen. Es war eben angeheftet worden. Ein Schwarm Neugieriger staute sich davor. Das Blut sprühte Hoff ins Gesicht. Da war es! Ganz sicher war es das. Er konnte von seinem Platze aus deutlich die fette schwarze Überschrift: »1000 Mark Belohnung« entziffern. Ein unwiderstehlicher Trieb hetzte ihn auf die Säule zu. Doch im letzten Augenblick siegte die Klugheit. Kurz vor der Ecke bog er über die Straße. »Vorsicht! Vorsicht!« surrte sein Hirn. Immer denken, daß jemand hinter einem hergeht, der beobachtet.« Er blieb vor Gladenbeck stehen und betrachtete mit Kennermiene die ausgestellten Bronzen. Wie zufällig blickte er zurück. Er wollte doch mal sehen, ob da jemand stand und ihn fixierte. Nein, da war nichts Auffälliges. Er wandte sein Interesse wieder den Bronzen zu. Wenn nun plötzlich einer auf dich zutritt, dachte er, und flüstert: »Sie sind verhaftet. Bitte, zur nächsten Droschke. Erregen Sie in Ihrem Interesse kein Aufsehen,« Was dann? Was sollte er dann tun? Es war geradezu selbstmörderisch, hier herumzulaufen, ohne sich über das Notwendigste klar zu sein. Wie ein ertappter Junge würde er dastehen, in den Knien zittern und alles verraten. Er überlegte, was er tun müßte, wenn – – – Vorsichtig schielte er wieder umher. Entrüstet sein natürlich. Empört auffahren. »Sind Sie irrsinnig!! Ich bin der Assessor Hoff. Verbiete mir jede Belästigung!« Er probierte es leise. Er hörte in den gedachten Worten den falschen Ton. Nein, das war auch nicht richtig. Humoristisch mußte er es nehmen. Natürlich scherzhaft. Das täuschte. Also? »Nanu – Sie verwechseln wohl das Datum, Bester? Warten Sie bis zum nächsten ersten April, mein Verehrtester.« »Ich ersuche Sie, mitzukommen, machen Sie keine Flausen!« »Regen Sie sich bloß nicht unnötig auf. Sie blamieren sich und die gesamte heilige Hermandad. Ich bin der Assessor Hoff.« »Weiß ich.« »Ja, wollen Sie nicht die Liebenswürdigkeit haben, mir mitzuteilen, welchem Glücksumstand ich Ihre werte Bekanntschaft verdanke?« »Das werden Sie bald genug erfahren. Wenn Sie mir jetzt nicht sofort zur Droschke folgen –« »Ich komme natürlich. Sie sind ein solch erheiternder Begleiter. Stehe selbstverständlich zu Diensten. Widerstand gegen die Staatsgewalt, Gott bewahre! Habe nur Mitleid mit Ihnen, lieber Mann. Machen einen unsterblich lächerlichen Fehlgriff. Ist für den Fachmann aber immerhin interessant, einmal die Sache am eigenen Leibe kennen zu lernen. Wenn's Ihnen recht ist, nehmen wir das Auto dort. He, Chauffeur!« Na ja, so ungefähr, dachte er. Und siedend heiß rann ihm die Erkenntnis durch die Brust, daß er sich bei dem ersten Verhör unentwirrbar verheddern würde. Er hatte ja keine Ahnung, was er sagen sollte. Ganz genau mußte er sich das bis ins Kleinste festlegen und dann unerschütterlich sicher bei allen Kreuz- und Querfragen dabei verharren. Hm, um drei etwa hatte der Landjäger sie auf dem Bahndamm entdeckt. Zu blöd, daß er der Ebeling gegenüber sich auf eine bestimmte Zeit festgelegt hatte. So eine Torheit! Er hatte sich eben geirrt. Basta. Sie war gegen zwei fortgegangen. Frau Ebeling hatte sie ja auch um diese Zeit gehört. Und dann – ja, dann war sie eben überfallen und ermordet worden. Er atmete auf. Das war sehr plausibel. Ja – aber warum lief sie mitten in der Nacht von dannen? Wirr – fiebrig – ohne klare Denkfähigkeit. Und er hatte geschlafen. Sehr gut. Sie stahl sich fort. Selbstmordgedanken. Klappte alles ausgezeichnet. Da fiel ihm ein, daß er auffällig lang hier an dem Schaufenster gestanden hatte. Er ging in den Laden und fragte nach dem Preise einer der ausgestellten Statuetten. Dann ging er bummelnden Schrittes zur Mauerstraße. Wieder leuchtete ihm das rote Plakat blutig entgegen. »Nicht hinsehen!« warnte seine Wachsamkeit »In der Bülowstraße kannst du es lesen.« Doch der Drang in ihm war stärker. Er ging vorbei, machte dann Halt, als sähe er plötzlich, daß heute in der Oper »Tannhäuser« gegeben wurde, und trat vor die Theateranzeigen. Bedächtig legte er den Zeigefinger auf das Plakat. Ah, Neuinszenierung. So so. Sehr sehenswert, sehr. Um halb acht. Er betrachtete noch einige andere Plakate und blickte dann wie zufällig auf das rote Dingsda. Mit gelangweilter Miene trat er unter die Gruppe der Gaffer und las: »1000 Mark Belohnung. Auf dem Eisenbahndamm, 500 m östlich von dem Forsthaus Schlachtensee, ist heute morgens gegen halb drei der Gelegenheitsarbeiter Otto Rüdebusch von dem Landjäger Müller II dabei überrascht worden, wie er einen anscheinend leblosen Frauenkörper auf die Eisenbahngeleise werfen wollte. Der Täter ergriff die Flucht, wurde indessen von dem Landjäger eingeholt und nach heftiger Gegenwehr zur Haft gebracht. Er bestreitet, die Frauensperson getötet zu haben, ist indessen nach dem vorliegenden Tatbestand als des Mordes dringend verdächtig ins Untersuchungsgefängnis in Moabit eingeliefert worden. Der Täter verweigert jede Auskunft über die Person der Getöteten. Während der Verfolgung des Täters hat der am Tatorte passierende Zug Nr. 12 den Kopf der Frauensperson vollständig zermalmt, so daß eine Agnoszierung der Leiche unmöglich erscheint. Da die Feststellung der Person der Getöteten indessen für fernerweite Ermittlungen unabweislich ist, wird die obgenannte Belohnung für solche Personen aus dem Privatpublikum ausgesetzt, die in der Lage sind, zweckdienliche Angaben zur Identifizierung der Getöteten zu machen. Es liegt offenbar Lustmord vor. Die genannte Frauensperson ist in völlig entkleidetem Zustande aufgefunden worden. Von Kleidern usw. hat sich bisher eine Spur nicht gefunden. Es handelt sich um eine Frau von etwa 20-25 Jahren, kräftigem Gliederbau, Größe 1;75 m. Keine besonderen Merkmale. Die Leiche ist im Schauhause ausgestellt. Anzeigen nimmt das Polizeipräsidium sowie jedes Polizeirevier entgegen.« Hoff ging gelassen weiter. In ihm war nichts als ein blutiges Weh. »Arme, holde Suse«, klagte es in ihm. »Arme, süße Suse!« So keusch und schamhaft war sie. Nun lag ihr weißer, junger Körper draußen im Schauhause. Und sie standen um sie herum, betasteten sie, untersuchten sie, maßen sie. – Er dachte daran, wie warm sie sich oft an ihn geschmiegt hatte. Wie sie ohne Prüderie, ohne Schranken sich ihm gegeben hatte. Wie er ihren Körper, diesen biegsamen Körper mit der glatten, kühlen Elfenbeinhaut geküßt hatte. Und der lag jetzt im Schauhause – vor den geilen Blicken der Gaffer. Sein irrender Blick fiel in eine Fensterscheibe. Sofort richtete er sich auf und straffte seine Züge. »Um Himmelswillen«, dachte er, »zieh' nicht solche Unglücksmiene. Auf hundert Schritt sieht dir jeder die Tat an.« Während er die Stufen zur Untergrundbahn hinabstieg, überlegte er, wer wohl der Aufforderung des Polizeipräsidiums Folge leisten könnte. Frau Ebeling? Nein, die kümmerte sich um nichts als um ihr Haus. Und sprach auch kaum mit den Nachbarn. Andere Leute in Schlachtensee? Wer kannte die Suse? Kaum einer. Sie hatten so einsam und zurückgezogen gelebt. Er überlegte, ob er wohl eine der Damen, die dort draußen wohnten, erkennen würde, wenn sie ihm hier entgegenkäme. Keine, nicht eine. Wer blieb dann noch? Die Mutter. Ja, wenn die es las, konnte eine bange Ahnung – – Ja – zu ihr mußte er gehen. Noch heute. Und – – – Er trat in den überfüllten Waggon. »Tag, Hoff!« rief eine schneidige Stimme. Hoff fuhr zusammen und wandte sich hastig um. Seine Mundwinkel zerrten sich tief zum Kinn herab. »Donnerwetter!« lachte der andere, »Sie sind da im Ministerium aber schön nervös geworden!« Hoff hatte sich wieder in der Gewalt. »Tag, Herr Staatsanwalt!« sagte er. »Ja, habe ein bißchen viel gearbeitet in letzter Zeit« »Glaube ich wohl«, nickte Grunau, »Auf Rosen ist man da in der Wilhelmstraße nicht gerade gebettet. Wir haben aber auch nichts zu lachen. Wissen ja Bescheid. Haben ja lange genug bei uns gearbeitet.« Eine Weile schwiegen sie. Es war nicht leicht, sich in dem stark schleudernden Wagen auf den Füßen zu halten. Plötzlich sagte irgendwo eine Stimme: »Mit diesen Morden ist es wirklich unerhört. Keinen Tag kann man die Zeitung aufschlagen, ohne von einem neuen zu lesen.« Und jemand entgegnete: »Diesmal haben sie den Kerl wenigstens gleich erwischt.« Der Zug sauste, zur Seite geneigt, in die Kurve der Eisenbahnbrücke über der Potsdamer Bahn. Hoff taumelte gegen seinen Vordermann. »Pardon!« stammelte er. Da sagte der Staatsanwalt mit regem Eifer: »Wieder ein Mord?! Haben Sie davon gehört, Herr Kollege?« Hoff krallte die Finger um die Messingstange, an der er sich festhielt, daß die Nägel schmerzend in das Fleisch der Hand hineindrangen. Sekundenlange Überlegung. Dann erwiderte er: »Ja, ich habe eben das Plakat gelesen.« Und mit einer Überlegenheit, die er später selbst nicht begriff, fügte er hinzu: »Übrigens ist der Tatort Grunewald. Und der Täter, den sie gefaßt haben, heißt Rüdebusch – – wenn ich nicht irre. Fallt also in Ihr Dezernat.« Da schmunzelte Grünau. »Lieber Hoff, Sie sind doch noch mit dem Herzen bei uns draußen in Moabit geblieben, trotz Ihrer Erhöhung in die olympischen Sphären des Ministeriums. Mit dieser treffsicheren Rubrizierung ins Dezernat liest nur ein Staatsanwalt solche Mordgeschichte. Na, da werden wir ja heute nachmittags die Bescherung haben.« Der Zug hielt im Bahnhof Bülowstraße. Grünau reichte Hoff sehr zuvorkommend die Hand, »Mahlzeit, lieber Herr Kollege. Vielleicht besuchen Sie uns mal draußen in Moabit. Wir gedenken Ihrer alle noch sehr oft und sehr gern.« Dann arbeitete er sich durch die Umstehenden zur Tür hinaus. Draußen schwenkte er noch einmal sehr höflich den Hut. Man konnte nicht wissen. Der Hoff saß da im Ministerium so nahe an der Quelle. Er konnte die Personalien unter die Finger bekommen, ehe man sich's versah. Hoff fuhr noch weiter bis zum Nollendorfplatz und ging in gehobener Stimmung der Frobenstraße zu. Das war ein Dusel! Er lachte leise auf. Wirklich ein köstlicher Witz dieser Farce Leben, ihm heute gerade den Mann in die Arme zu führen – – Lisbeth öffnete die Tür. »Ewald?!« rief sie erstaunt. »Guten Tag«, nickte er und ging ins Wohnzimmer. Es war leer. Der Tisch am Fenster starrte blank und nackt. Es sah so unwirklich aus, daß die großen Leinwandhaufen dort fehlten. »Wo ist Mutter?« fragte Hoff. »Im Bett. Sie ist matt. Sie liegt schon seit zwei Tagen und will nicht aufstehen.« »Und Herta?« Lisbeth zeigte mit dem Kinn auf das Nebenzimmer. »Liegt sie auch?« »Nein. Sie sitzt da und döst vor sich hin.« »Deine Hand ist verwundet?« fragte sie besorgt. Er schüttelte den Kopf. »Es ist nichts.« Dann war eine Pause. »Es sieht hier – so – sonderbar – wüst aus« sagte Hoff endlich. »Ja«, antwortete sie, »es geht hier zu Ende, Ewald. Wir haben die Arbeit verloren. Heut hat Lister das Material abholen lassen. Ich allein konnte es nicht schaffen.« Er blickte zu Boden. Die Blume dort auf dem Teppich glotzte ihn an wie eine verzerrte boshafte Menschenfratze. Leise sagte er: »Die Suse ist – weg.« Einen Augenblick war es so still im Zimmer, als schweige die Zeit und das Leben. Dann hielt sie seine Hand und preßte inbrünstig ihre Lippen auf seine Finger. Worte fand sie nicht. Da kam all sein Jammer über ihn. Er löste sich von ihr, sank auf einen Stuhl, legte die Arme auf den Tisch, drückte das Gesicht auf die gefalteten Hände und weinte wie ein Kind. Lisbeth stand erschüttert hinter ihm. Ihre Tränen rannen. Mit zuckenden Fingern glitt sie über sein Haar. »Armer, lieber Junge«, flüsterte sie kaum hörbar. »Das arme, tapfere Mädchen!« Dann richtete er sich auf, wischte die Tränen von seinen Händen und sagte: »Das hilft nun nichts! Das ist vorbei.« Er küßte ihre feinen kühlen Hände. Da erwachte das Hausmütterchen in ihr. »Du wirst Hunger haben«, rief sie, »ich habe nichts Rechtes gekocht.« Und hinaus lief sie, erst hinein zur Mutter. Und zu Herta. Dann schlug draußen die Tür. Sie rannte hinunter zum Fleischer. Nun brauchte sie die letzten paar Mark nicht so eisern festzuhalten. Hoff blickte sich um. Er dachte an die Jahre, die sie in diesem Zimmer gelebt und gelitten hatten. An all die vielen Entbehrungen dachte er. An all die kühnen Pläne und bunten Hoffnungen. Und das war nun das Ende! Daß er dasaß – als Verbrecher. Er erhob sich. Donnerwetter, er hatte nichts getan. Er hatte – Da trat die Mutter herein. Sehr verfallen und abgezehrt. Rote Flecken brannte die Erregung auf das fahle Grau ihrer Wangen. Sie sagte nichts. Kam nur zu ihm und streichelte sein Gesicht, stumm und zärtlich. Hoff blickte zur Seite. Und dann stand Herta auf der Schwelle, bleich und mager. Und wagte nicht, näherzukommen. »Tag, Herta«, rief er ermunternd. »Komm doch her. Willst du mir nicht guten Tag sagen?« Da flog sie ungestüm auf ihn zu, herzte und küßte ihn und rief: »Ach, Ewald. Es ist wie ein Traum. Wie wenn man erwacht und von Mördern und so was geträumt hat und sieht, daß es nur ein Traum war.« Dann fuhr sie lebhaft empor. »Es ist ja noch nicht gedeckt und nichts ...!« Und hinaus flitzte sie und rumorte draußen mit Tellern und Schüsseln. Hoff trat ans Fenster. Die Mutter deckte still den Tisch. Und dann saßen sie und redeten vom Wetter und von hundert gleichgültigen Dingen. Und die drei Frauen sprachen mit leisen, kosenden Stimmen. Und jede suchte ihm etwas Liebes zu tun. Die Mutter fand ihm den besten Bissen, und Lisbeth hatte starken, duftenden Kaffee gebraut, wie er ihn gern trank nach dem Essen, und Herta spendierte ihre feinsten, ängstlich behüteten Gastzigaretten. Hoff saß stumm dabei. In seiner Brust ebbte leise ein schwarzer, tiefer See. Und alles Fühlen und Sinnen, aller Schmerz und alles Leid versank tot in den dunklen Wassern. Und nichts mehr war in ihm lebendig, als dieser weite, schwarze, atmende See – – Bald nach Tisch ging er. Die Frauen saßen lange wortlos beisammen, Dann stand Herta verlegen wie ein kleines Schulmädchen vor der Mutter und stotterte: »Mama – ich werde nie mehr zu – ihm gehen. Ich werde ihm schreiben, daß es jetzt – daß wir nun doch heiraten können.« Und als sie das ihrer Scham abgerungen hatte, blühte sie auf wie eine junge Rose. Ihre Augen glühten wieder keck und feurig, und auf den Wangen strahlte ein duftiger Schmelz. Und sie rief voll Eifer: »Jetzt ziehe ich mich fein an und gehe zu Esther. Werde ihr sagen – na, das werden wir schon deichseln.« Und hinaus zwar sie. Und als sie gegangen war, beriet die Mutter lange mit Lisbeth. Von Hoffs Liebe sprachen sie und dem armen Mädel, der Susanne. In Lisbeths Augenwinkeln glitzerte es silbrig. Und sie sagte, sie würde von Ewald ihre Adresse erfragen und zu ihr gehen, ihr die Hände küssen und ihre treue Freundschaft anbieten. Doch Frau Hoff meinte, es wäre wohl das beste, sie ließen sie still und einsam darüber hinwegkommen. Lieber nicht mehr daran rühren! Und so sehr tief würde es ihr wohl auch nicht gehen. Schließlich sei sie ja doch ein Mädchen, das tagelang bei einem Manne gelebt habe. Lisbeth entgegnete nichts. Doch in der Nacht lag sie lange wach und dachte an Susanne und ihr heldenhaftes Leid. Und ihre Augen brannten. – – Als die Entreetür hinter ihm ins Schloß schlug, durchbebte es Hoff, als sperre sich das Tor einer friedevollen Freistatt. In diesem altgewohnten traulichen Zimmer, in dem die ahnungslosen Frauen ihm liebevolle Dankbarkeit zulächelten, ging sein furchtgehetztes Gemüt lind zur Ruhe. Die Späheraugen seiner bang gespannten Wachsamkeit hatten sich geschlossen. Jetzt auf der Treppe schlugen sie aufgescheucht die müden Lider wieder empor. Nun galt es das Schwerste, das Allerschwerste. Er ging langsam am Rinnstein entlang, überlegend. Der Weg bis zur Neuen Winterfeldtstraße war nur kurz. Dort durfte er sich nicht auf die Eingebung des Augenblicks verlassen. Psychologisch, mahnte er sich, sehr psychologisch zu Werke gehen! Es ist eine alte kranke Frau. Sie wird nicht Lärm schlagen. Und sie schämt sich der – Schande der Tochter. »Schande der Tochter«, ja. Damit ist zu rechnen. Er überdachte noch einmal den Plan und stieg entschlossen die Treppe hinauf. Ihm fiel ein, daß er diesen Weg schon einmal gegangen war. An dem Nachmittag, ehe – sie zu ihm kam. Wenn er damals nicht hier heraufgeirrt wäre – ja, dann. – Dann stünde er jetzt nicht vor dieser Tür – mit dem Tod und der Tücke in der Faust. Sentimentaler Unfug! Er stand hier. Er schellte. Sein Gesicht begann plötzlich hysterisch zu zucken. Er brauchte seine äußerste Willenskraft, die Züge zur Ruhe zu meistern. Die Muskeln an den Backenknochen spannten. Da öffnete sich die Tür. Er stand Frau Neubert gegenüber. Fassungslos starrte er die Frau an. Sie war in diesen Tagen eine Greisin geworden. Er vergaß sekundenlang den Zweck seines Kommens, so verdutzt war er von dieser grausigen Veränderung der Frau da vor ihm. Auch sie blickte entsetzensbang zu ihm auf. »Um Gott – Sie!« Jäh hob sie die weißen Greisenhände. Da kam Hoff zur Besinnung. Eine Szene hier auf der Treppe! Die Tür nebenan brauchte sich nur zu öffnen. – Ohne Federlesen schob er die wirre Frau zur Seite, trat in den Flur und schloß die Haustür. »Sie gestatten wohl?« sagte er dann und trat In das Wohnzimmer, in das sie ihn damals geführt hatte. Die Frau folgte, blieb an der Tür stehen und sah ihn wieder mit ihren glanzlosen, toten, schreckhaften Augen an. Jetzt wollte er es sagen. Er hatte es sich unausführlich schwer vorgestellt, das Grauenhafte über die Lippen zu bringen. Jetzt fühlte er seine selbstsichere Beherrschung. Seine Ruhe wurde ihm bewußt. Er empfand, wie ehern er sich in der Gewalt hatte. Mitleid spürte er nicht. Er spielte seine Rolle – mit klarer Überlegung. Langsam senkte er den Kopf und sagte leise: »Gnädige Frau, ich habe Ihnen etwas sehr Trauriges mitzuteilen.« Frau Neubert schnellte einige Schritte auf ihn zu, hob wieder diese mageren, aderreichen Hände und flüsterte: »Nein – nein – Herr Assessor – sie ist nicht – sagen Sie nicht –!!« Er nickte zweimal und hielt den Kopf tief gebeugt, das Gesicht zur Erde gekehrt. Was jetzt vorging, sah er nicht. Er hatte instinktiv die Augen geschlossen. Er wollte nicht Zeuge dieser Verzweiflung sein. Er sah nicht, wie die Frau die Arme in die Luft warf, wie sie den Mund weit aufriß, wie ihre Zunge aus dem Rachen herausirrte, wie sich die Finger haltlos in die Luft einkrallten. Er fuhr erst auf, als sie unheimlich lautlos zu seinen Füßen niederfiel. Er starrte hilflos auf das schwarze unansehnliche Häufchen, das da am Boden lag. Wie ein Blitz durchzuckte es sein Gehirn: »Wenn sie tot wäre! Dann ist alles überstanden!« Im nächsten Augenblick kniet er nieder und hob ihren Kopf, Die violetten Lippen atmeten nicht. Doch die Hände zitterten ruckartig. »Da muß etwas geschehen«, dachte er, es muß etwas geschehen.« Und ohne klare Vorstellung seines Tuns lief er hinaus in den Flur, durchschritt ein dunkles Berliner Zimmer und gelangte in einen zweiten Korridor. »Fräulein«, rief er, »der gnädigen Frau ist schlecht geworden!« Kein Laut. Er drang vor bis zur offenen Tür der Küche. Da war niemand. Kurz entschlossen riß er einen Krug vom Bord, füllte ihn mit kaltem Wasser und eilte zurück in das Wohnzimmer. Er dachte plötzlich an Raskolnikow. Wie der nach dem Morde in dem Koffer der alten Frau wühlte. Frau Neubert lag auf der Seite, in voller Bewußtlosigkeit. Hoff kniete nieder, befeuchtete sein Taschentuch und netzte ihre Schläfen. Dann öffnete er die Haken der Bluse und legte das nasse Tuch auf die linke Seite der Brust. Gleich darauf nickten die Lider empor. Aus weiter Ferne starrten die Augen ihn an. Da hob er die kleine Frau in die Höhe und legte sie auf das Sofa. Den Kopf recht tief lagern, dachte er, damit das Blut ins Gehirn strömt. Er befeuchtete seine Finger und rieb ihr die Schläfen. »Also nicht«, dachte Hoff. Stand vor ihr und wartete. »Soll ich einen Arzt holen?« fragte er halblaut. Sie bewegte unmerklich, schlaff verneinend den Kopf. Dann machte sie eine Anstrengung, sich aufzurichten. Er half ihr. Und als sie klein und hilflos in der Sofaecke hockte und ihr verzweifelter Blick umherflatterte wie ein angstgescheuchter Falter im Netz, wurde er weich und mutlos. Er stand da und blickte zu Boden. Endlich rang sie mit keuchender Mühseligkeit hervor; »Suse – ist – – tot?« Hoff raffte sich auf. Ohne die Augen zu heben, antwortete er: »Ja. Sie schwamm in den See hinaus – und – ist nicht wieder – gekommen.« Tiefe Stille. Dann schluchzte die Frau winselnd auf. »Glauben Sie – daß – es – Absicht – war?« Er nickte stumm. Der kleine Körper der Frau bäumte sich vor Schmerz. Das datierte geraume Weile. Plötzlich schrie sie auf: »Sie Mörder!« Hoff zuckte zusammen. Wie ein Peitschenhieb fetzte es über sein Gesicht Er hatte irgendwie die verworrene Vorstellung, die Frau dort wisse alles. »Ich, ich?« stammelte er. »Ja – Sie!« rief sie heftig und wuchs aus ihrer Ecke hervor. Da hatte Hoff sich gefunden. »Gnädige Frau«, sagte er bündig, »mit demselben Recht könnte ich Sie ihre Mörderin nennen. Ich glaube sogar mit weit größerem Recht. – Ihre Kälte gegen Susanne – Ihre Verständnislosigkeit, – das hat sie nicht überwunden.« Da fiel die Frau in die Sofaecke zurück und lag dort. Ihre Hände hasteten irre auf ihrem Schoß, die bläulichen Augenlider klappten auf und nieder wie bei einer Blinden. Plötzlich taumelte ihr Oberkörper nach der Seite, fiel auf das rotseidene Polster des Sofas, das Gesicht stemmte sich in den starren, prallen Überzug, und klagend heulte sie auf. Dumpf hallte es aus den Federn der Polsterung. Hoff stand starr und regungslos. In seiner Brust tickte etwas Eisiges. Er rührte kein Glied. Endlich richtete sie sich auf und tastete nach dem Taschentuch. »Erzählen Sie mir«, weinte sie leise. »Sie hat mir geschrieben – vor einigen Tagen.« Sie winselte wieder pfeifend. »Ich wollte ihr antworten – ich fand nicht den rechten Ton – ich. – Und nun –« Sie bog sich in qualvollster Pein. Hoff sprach heiser. »Sie konnte es nicht überwinden. Als sie damals, nach ihrem Besuch hier, zu mir zurückkehrte, war sie tief gebeugt. Immerfort sprach sie von Ihnen. Und als sie auf ihren Brief keine Antwort erhielt –« Frau Neubert zog die Beine hoch hinauf zur Brust, dann taumelte ihr Oberkörper vornüber. Die Stirn schlug auf ihre Knie. »Und ehe sie starb? – Erzählen Sie – erzählen Sie alles.« »Ich hatte keine Ahnung. Sie zeigte keinerlei Aufregung. Sie ging baden, wie täglich. Und – ertrank.« »Wo ist sie? Wo ist sie jetzt?« fragte die Frau plötzlich ruhiger und sprang auf. »Man hat sie nicht gefunden. Da sind Binsen und Winden im See, die festhalten, – und Strömung. Sie mag die Havel hinabgetrieben sein. Man bat noch nichts gefunden.« Frau Neubert sank wieder ins Sofa und weinte laut. »Das Kind«, jammerte sie, »das unglückliche Kind. Wie sie gelitten haben muß!! – Mein Kind – mein armes Kind!« Hoff verlor seine kalte Beherrschung. Die Augen wurden ihm feucht. »Gnädige Frau«, flüsterte er, »Sie hassen mich. Denken Sie an meinen Schmerz, der so groß ist wie der Ihre. Ich – –« Frau Neubert blickte zu ihm auf. In ihren Augen flackerte ein grünes Licht. »Ist es nicht möglich, daß sie lebt?« raunte sie und plötzlich schrie sie auf: »Wenn Sie sich irren!! Vielleicht lebt sie doch. Alles ist Täuschung! Um Himmelswillen – wenn sie noch irgendwo lebt!« Er schüttelte den Kopf. Die Frau strich mit gespreizten Fingern von der Stirn aus über das Gesicht. »Sie kann doch nicht tot sein! Suse kann doch nicht tot sein! Sie war doch Leben, strömendes, warmes Leben! Die Suse kann doch nicht tot sein?! Er antwortete nichts. Sie stammelte eine Weile abgerissene Worte. Als sie ermattet schwieg, sagte Hoff: »Gnädige Frau – ich wußte, Sie sehen das alles mit andern Augen, daß Susanne zu mir gekommen ist. Ich dachte, es würde Ihnen recht sein, wenn man nicht erführe, daß es Susanne Neubert ist, die dort draußen den Tod gesucht hat. Ich habe den Behörden einen andern Namen genannt.« »Tun Sie, was Sie denken«, sagte die Frau matt. Es ist ja alles so gleich –« Und eine Weile flüsterte sie vor sich hin: »Alles ist tot – alles ist nun tot – –« Er wartete noch einige Zeit. Wehe Trauer stieg in ihm auf und er sagte: »Ich möchte Sie hier nicht so allein lassen. Ich –« Sie schüttelte den Kopf. »Gehen Sie nur. Ich behelfe mich schon.« »Die Aufwartefrau ist nicht im Haus«, meinte er. »Ich habe keine Frau mehr.« Er wartete. Dann fragte er: »Keine Aufwartefrau?« »Ich habe sie fortgeschickt. Sie ging mit solch wissenden Augen herum.« Sie schluchzte wieder auf. »Ich habe mich geschämt«, klagte sie sich an, »Meines Kindes habe ich mich geschämt! Den Leuten im Haus und den Bekannten habe ich gesagt, Susanne ist ins Ausland gegangen. Geschämt habe ich mich! Meines unglücklichen Kindes habe ich mich geschämt.« Sie krümmte sich wieder in Schmerz und Reue. Hoff überlegte kalt. »Ich bitte Sie, nichts zu unternehmen«, sagte er jetzt. »Ich lasse die Nachforschungen nach – der Leiche anstellen. Ich werde Ihnen Bescheid geben.« Sie weinte still. »Und – ihre Sachen. Die habe ich alle. Soll ich sie Ihnen schicken?« Sie nickte tränenschwer. Er stand unschlüssig. Und plötzlich war er dicht bei ihr und flüsterte: »Frau Neubert – der gemeinsame Schmerz – kettet uns zusammen. Ich bin mitschuldig, daß Sie Ihr Kind verloren haben. Der Gedanke, daß Sie nun einsam hier hausen, ist mir furchtbar. Darf ich – ich möchte oft zu Ihnen kommen. Wenn ich wüßte, daß Sie mich nicht hassen – –« »Ja – ja – kommen Sie«, weinte die Frau. Da beugte er sich nieder und küßte ihre wächserne Hand. »Ich komme morgen nachmittags«, sagte er. Dann stand er wieder unentschlossen. »Kann ich irgend etwas für Sie tun?« fragte er weich. Sie schüttelte den Kopf. »Ich helfe mir allein«, sagte sie und stand auf. »Kommen Sie morgen.« Dann begleitete sie ihn hinaus. Und plötzlich dachte er: »Es ist Suses Mutter. Ihre Mutter ist es.« Es quoll ihm heiß und dick in der Kehle auf. Und ehe er recht wußte, was er tat, nahm er ihre Hände und stammelte mit tränenerstickter Stimme: »Ich möchte Ihnen ein Ersatz sein – Sohn – daß Sie nicht so verlassen stehen.« »Susanne hat Sie so geliebt – so sehr geliebt hat sie Sie!« schluchzte die Frau. Da überwand er die Weichheit und sagte: »Ich komme also morgen. Wir wollen suchen, es gemeinsam zu tragen.« Dann küßte er ihr wieder die willenlosen Hände und drückte die Tür leise, zaghaft ins Schloß. Langsam schritt er die Treppe hinab. Er ging zum Bahnhof. Das Gehirn lastete wie eine bleierne Masse in der Stirnhöhle. Aber eine milde Erleichterung ließ ihn freier atmen. Die erste Gefahr war jetzt abgewendet. Die 1000 Mark Belohnung würde sich keiner verdienen. Als er in den Hausflur trat, fragte Frau Ebeling sofort: »Na, Herr Assessor, die kommt wohl nicht wieder?« »Nein«, antwortete er kurz. Die Alte nickte befriedigt. »Is recht so. Was gegen die Natur is, soll man nicht erzwingen.« »Ja – Frau Ebeling – da müssen wir wohl die Sachen packen. Ich soll sie ihr schicken.« »Denn will ich gleich mit nach oben kommen«, erklärte Frau Ebeling. Als sie dann Susannes Kleider auf dem Bett ausbreitete und ihre Wasche und lieben Kleinigkeiten, packte ihn ein zermalmender Schmerz, Und plötzlich hielt Mutter Ebeling eine vertrocknete Rose in der Hand. »Die kann ich wohl wegwerfen?« meinte sie. Hoff nickte nur. Er wußte, wann er sie ihr gegeben hatte. Damals, auf ihrer ersten Fahrt nach Grünheide. Er wandte sich zum Fenster und biß sich die Lippen blutig. Die Alte fragte nichts mehr. Und dann saß er dort und blickte hinaus auf den See. Der Tag verblich über den Ufern, und der Abend klomm nieder aus den Gipfeln der Kiefern. Und dann flimmerte dort oben Stern bei Stern. Wie blinkende Tränen. Er sah hinauf und dachte an jedes Streicheln ihrer zagen, warmen Finger. Weite, weite wogende Trauer umhüllte ihn. Plötzlich stand der Mond groß und gelb hinter den regungslosen Bäumen. Da hob er jäh den Kopf und schielte hinter sich. Es war ihm, als liege der stumme Klumpen wieder dort neben der Chaiselongue. Er stand auf und ging durch das Zimmer. Er wollte sich zusammennehmen. Zähne zusammenbeißen und ausharren. Aber die Nerven schwirrten wie Metallsaiten. Da stülpte er den Hut auf und rannte in einen Biergarten am Bahnhof. Und saß dort, bis der letzte Gast gegangen war. Dann wanderte er noch eine Weile einher. Er wollte von Schlachtensee fortziehen. Verwarf den Plan aber gleich wieder. Das konnte auffallen. Auch mußte er Mutter Ebeling noch ein wenig unter Kontrolle halten. Schließlich zwang er seine Schritte der Villa zu. Auf der Treppe fiel ihm ein, daß er ins Schauhaus hatte gehen wollen. »Morgen«, dachte er. »Für heute war es genug.« Mit scheuen Blicken trat er in die mondweiße Stube. Er traute sich nicht, im Nebenzimmer zu schlafen, aus Furcht vor Frau Ebelings Argwohn. Schnell entkleidete er sich und sprang ins Bett. Er hatte nicht den Mut, die Lampe zu löschen. Furcht, wie in den allen Tagen, da er als kleiner Junge in dunkler Nacht erwachte und der Sturm ans Fenster pochte. Da tanzten skalpschwingende Indianerhorden um sein Bett ihren blutigen Kriegstanz, und »Wilson, der bleiche Pirat der schwarzen See«, stand lauernden Blickes hinter dem Kleiderschrank. Und Ewald, der kleine, kroch zähneklappernd unter die bergende Bettdecke. So war ihm heute. Steif und regungslos lag er auf dem Rücken. Plötzlich fuhr er mit einem Ruck in die Höhe und blies die Lampe aus. »Schlafen«, flüsterte er vor sich hin, »es sind Kriegszeiten. Morgen ist ein neuer Tag des Kampfes. Und ich habe leben wollen.« 18. Hoff erkannte in den nächsten Tagen, daß die Gefahr einer Entdeckung nur in seiner Einbildung lebte. Die Ermittlungen der Behörden verfolgten andere Pfade. Doch jetzt brach ein weit grausameres Martyrium über ihn herein. Bisher hatte er um sein Leben gekämpft. Es war ihm ein Akt der Notwehr gegen den Rächer Staat. Jetzt begann das zermürbende Ringen mit den Mächten in seiner Brust. Er verfolgte die Notizen in den Zeitungen. Und immer verzweifelter wurde ihm bewußt, daß der andere dem Abgrund entgegentrieb. Immer würgender zog das Netz sich zusammen um den verhafteten Arbeiter Otto Rüdebusch. Hoff las, daß »er der Tat so gut wie überführt« sei. Er leugnete zwar immer noch und die Person der Getöteten sei bisher nicht festgestellt. Da die Identifizierung bisher nicht gelungen wäre, sei anzunehmen, sie habe in Groß-Berlin weder Verwandte noch Bekannte. Sonst hätte ihr Verschwinden diesen auffallen müssen. Es handle sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine heimatlose Landstreicherin, die in der warmen Sommernacht im Walde genächtigt habe, hier von dem vagabundierenden Arbeiter angetroffen, vergewaltigt und dann ermordet worden sei. Bei solchen Berichten reckte Hoff die Arme fassungslos zum Himmel. Solch ein Wahnsinn! Hintertreppenromantik! Er wartete in der ersten Zeit von Tag zu Tag auf die Kunde von Rüdebusch' Entlassung aus der Untersuchungshaft. Als er dann erfuhr, daß die Voruntersuchung eröffnet sei, begannen die Zweifel an seinem Gewissen zu nagen. Durfte er diesen unschuldigen Menschen in Angst und Bedrängnis im Gefängnis vergehen lassen? Durfte er ihm diese seelischen Qualen aufbürden? Und wenn er verheiratet war! Die Sorge der Frau um sein Schicksal. Er grübelte und sann und hätte sich vor Selbstverachtung die Faust ins Gesicht schlagen mögen. Er war sich in seinen guten Momenten seiner Pflicht klar bewußt. Hingehen mußte er und alles bekennen. Doch dann spintisierte seine Vernunft: stand sein Opfer in irgendeinem Verhältnis zu den vorübergehenden Leiden dieses Mannes? Nein. In wenigen Tagen mußte sich seine Unschuld erweisen, dann war er ledig aller Not. Wenn er aber hinging – ob sie ihm glaubten oder nicht, sein Leben war verpfuscht. Daran war nicht zu rütteln, Er mußte den Dienst quittieren – und ohne Zaudern mußte er das – ja, und dann? Und vor allem: sie würden ihm nicht glauben. Jetzt nicht mehr, Alles sprach gegen ihn. Daß er die Leiche zu dem Eisenbahndamm geschleppt hatte, seine Ausflüchte Frau Ebeling und Susannes Mutter gegenüber, sein langes Schweigen – kein Gedanke, daß sie ihm glaubten. Er würde auf der Stelle unter dem Verdachte des Mordes verhaftet werden, und damit war das Leben verpatzt. Und wenn er freigesprochen würde – er mußte doch aus dem Dienst – ja – das war noch das Günstigste. Und die Frauen zu Hause waren vernichtet. Nein, nein, nein. Alle diese blutigen Opfer, um so zu enden?! Die Suse sollte ihr blühendes, junges Leben gelassen haben, damit nun alles so kläglich zusammenbrach! Nein, nein. Und bloß, um diesem wildfremden Manne die paar Tage Haft zu ersparen. Unsinn. Sentimentalität! Doch Hoff rieb sich auf und wußte, daß er erbärmlich handle. Trotz alledem. Trotz alledem! Eines Tages, nach Beendigung des Dienstes, trieb es ihn nach Moabit. Hören wollte er, horchen, vielleicht etwas über die Lebensverhältnisse des Mannes erlauschen. Er wußte selbst nicht recht, was er dort wollte. Von einer fremden Macht getrieben, schritt er durch den Tiergarten. Draußen schritt er eine Weile langsam durch die hallenden Gänge. Hier und da grüßte ihn ein Gerichtsdiener. Wohin wollte er bloß? überlegte er endlich. Er ging durch den langen, winkeligen Durchgang hinüber in das neue Gebäude. An einem der Fenster blieb er stehen und blickte gedankenvoll in den Hof des Gefängnisses. Drei Männer in blauer Anstaltskleidung hackten dort unten Holz. Ob wohl einer von ihnen Rüdebusch war? Er sah ihnen einige Zeit zu und ging dann weiter. Jetzt war er auf wohlbekannten Boden. Hier waren die Arbeitszimmer der drei Staatsanwaltschaften. Länger als ein Jahr war hier seine Werkstatt gewesen. Er dachte daran, wie stolz und selbstbewußt sein Schritt ehedem durch die Gänge hallte. Für eine Säule des Staates hatte er sich gehalten. Ja, wahrhaftig. Das Bewußtsein hatte er stets in der Brust getragen, Arbeiter zu sein zum Schutz und zur Wehr des heiligsten Volksgutes. »Schirmer des Rechts –« ja, so etwas war er immer gewesen. Schmerzende Scham lohte in ihm auf. Vernichter des Rechts war er. Hoff richtete sich auf, »Bah–« schleuderte er die bohrenden Bedenken von sich fort – »das ist seine Schuld. Warum läßt der Staat sich irreführen. Wer heißt ihn, Unschuldige einkerkern!!« Er stand vor seinem früheren Arbeitszimmer. Da fiel ihm ein, daß Staatsanwalt Grunau ihn neulich zum Besuche aufgefordert hatte. Er bog in einen Seitenflur und suchte das Schild. Daß er daran noch nicht gedacht hatte! Er war manchmal wirklich zu blöd. Der bearbeitete doch die Sache. Nein, man war wirklich zu töricht. Als Hoff sich der Tür näherte, trat Grunau, elegant wie immer, auf den Gang. »Guten Tag, Herr Staatsanwalt »Ah – lieber Kollege!« »Kam gerade hier vorbei, wollte doch mal Ihrer freundlichen Aufforderung –« »Sehr angenehm, Herr Kollege. Äußerst liebenswürdig. Bitte sehr!« Er öffnete zuvorkommend die Tür. Hoff zögerte auf der Schwelle. »Sie wollten gerade fortgehen, Herr Staatsanwalt. Ich möchte Sie nicht aufhalten.« »Aber – ich bitte –« »Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie ein Stück.« »Ja«, meinte Grunau, »ich wollte erst nochmals ins Gefängnis. Eine Abrechnung stimmt da nicht.« »Gehe ich mit und warte«, griff Hoff eilig zu. »Dauert wohl nicht lange?« »Einen Augenblick. Wenn Sie so liebenswürdig sein wollen.« »Aber natürlich«. Hoff lachte. »Sehe mir den alten Kasten ganz gern wieder mal von innen an.« Sie gingen plaudernd hinüber. Vor einem der Bureaus blieb Grunau stehen. »Ich warte hier«, sagte Hoff. »Einen Moment bitte«, nickte Grunau und trat ein. Hoffs Gedanken flogen. »Jetzt«, blitzte es in ihm auf, »jetzt mußt du es versuchen.« Er ging die Stufen hinan, die oben von einem Eisengatter gesperrt waren. Dahinter stand der Schließer. Er grüßte Hoff militärisch und öffnete die Schranke. Hoff trat ein. »Morgen, Herr Assessor.« »Morgen. Na, starke Belegung?« »Is nich wenig, Herr Assessor. Aber nu vor'n Ferien kommt ja 'n ordentlicher Schub raus.« Hoff nickte. Er mußte schlankweg aufs Ziel losstürmen. Die Sekunden rannen. »Sagen Sie mal, man liest da jetzt so viel von diesem – na, wie heißt doch der Kerl, der die – diese Frau da im Grunewald ermordet haben soll?« »Herr Assessor meinen wohl den Rüdebusch?« »Richtig – Rüdebusch. Ja. – Den haben Sie ja auch hier, was?« »Jawoll, der is hier.« »Wie ist der denn?« »Der? – Den kann der Herr Assessor hören, wenn er will. Der singt und pfeift 'n lieben langen Tag. Hören Sie bloß mal!« Er hob horchend den Finger. Durch die öden Gänge hallte ein taktfester Torgauer Marsch. »Kann ich ihn sehen?« fragte Hoff. »Wenn der Herr Assessor will, gern.« Er schüttelte seinen Schlüsselbund. »Los!« kommandierte Hoff. Sie gingen in einen dunklen Korridor und machten vor einer Tür halt. Das Flöten drinnen ward immer schmeichelnder. Der Beamte hob die Klappe von dem Guckloch. »Arbeiten tut der Kerl gar nichts«, murrte er und schloß auf. Der Mann blickte kurz auf und pfiff gelassen weiter. »Sie haben zu melden«, schnauzte der Schließer, »und zu pfeifen haben Sie nich. Verstanden?« Der Gefangene brummte: »Was denn? Sie wissen doch, daß ich hier bin. Was soll ich da denn erst großartig melden.« »Sie haben zu melden!« brüllte der Schließer wütend. »Na gut. Meinetwegen doch! Die Zelle is also belegt mit 'nem Untersuchungsgefangenen. Nu schön.« Hoff blickte den Mann scharf in das rote, gedunsene Gesicht. »Säufer!« entschied er. »Sind Sie verheiratet?« fragte er. »Nee«, grinste der Mann. »Sie scheinen ja sehr vergnügt.« »Na etwa nich?« »Die Lustigkeit könnte Ihnen doch aber vergehen, wissen Sie.« »I – was können sie mir denn! Ich bin unschuldig. Mir können sie jarnischt!« »Leiden Sie nicht unter der Untersuchungshaft?« »I – bewahre! Das macht mir nischt. Krieg ja mein Futter und hab 'n Bett. Mehr hab ich draußen auch nich. Oft genug hatt' ich's nicht 'n mal. Solange sie mir nicht kujonieren mit dem dammligen Melden und so 'ne Sachen, is 's janz gemütlich hier. Is 's auch.« Hoff hörte draußen die Tür gehen. »Danke sehr«, nickte er dem Schließer zu und hastete zum Gatter zurück. »Da drin sind Sie?« lachte Grunau. »Wollte mal wieder ein bißchen diese greuliche Zellenluft atmen. Schließer!« rief er. Der Beamte kam schlüsselklirrend herbei und öffnete das Gitter. »Danke sehr.« »Mahlzeit, Herr Staatsanwalt. Adjüs, Herr Assessor.« Dann gingen sie über den Hof. Die Wache öffnete diensteifrig das Tor. Sie schlenderten der Moltkebrücke zu. Die Unterredung mit dem Gefangenen hatte Hoff von jener dunklen Last befreit. Jetzt sah er den rechten Weg zurück ins Leben. Und keck sagte er: »Haben ja einen sehr fidelen Gefangenen an diesem Rüdebusch. Der Kerl pfiff den Torgauer Marsch, daß er dem besten Querpfeifer Ehre gemacht hätte.« »Dem werden wir noch ganz andere Flötentöne beibringen«, murrte Grünau. Hoff schwieg einen Augenblick. »Glauben Sie – daß da etwas herausschaut?« »Feste.« »Wird Anklage erhoben?« »Anklage?! Der Kerl wird so sicher verknackt wie zweimalzwei vier ist.« Hoff fühlte, wie ihm das Blut aus dem Kopfe wich. Er ließ den Stock zur Erde fallen und bückte sich rasch nieder. »Die Akten sind gestern aus der Voruntersuchung zurückgekommen. Ich habe ja schon allerhand erlebt, aber so blödsinnig hat sich denn doch noch keiner verteidigt. Jedes Wort 'ne hahnebüchene Lüge. Will die Person tot auf dem Damm gefunden haben, erschossen!« Er lachte laut auf. »Was sagen Sie dazu? Erschossen!« »Unglaublich«, murmelte Hoff. »Und hat sie nur ansehen wollen. Aus purem Mitleid hat er sie aufgehoben.« »Weiß man, wer das Mädchen war?« fragte Hoff. »War 'ne Frau. Mehr weiß man nicht. Wird wohl auch nicht mehr rauskriegen, wenn der Bursche sich in der Hauptverhandlung nicht doch noch zu einem Geständnis bequemt. Ist aber auch unerheblich. Die Sache liegt so faustdick.« »Na –« meinte Hoff, »ob die Geschwornen daraufhin verurteilen? Man kann die Tat doch nicht strikt beweisen. Es kann doch immerhin sein, daß er sie wirklich nur gefunden hat.« Grunau blieb stehen und lächelte. »Kollege – Sie haben sich verteufelt schnell gehäutet. Übrigens haben Sie recht. Die Geschwornen machen die tollsten Sachen. Man kann nie wissen.« »Wenn die Voruntersuchung bereits geschlossen ist, kommt die Sache wohl noch vor den Ferien dran?« »Hoffe stark. Mein Referendar baut heute die Anklage, dann raus damit. Steht ein bißchen viel an für die letzte Periode vor den Ferien. Aber schnelle Justiz ist gute Justiz, sage ich immer. Die Bande draußen muß spüren: Donnerwetter, die arbeiten mit Dampf. Beste Abschreckungstheorie.« Hoff schwieg und sprach dann von nebensächlichen Dingen. Als sie sich trennten, ging Hoff frohgemut durch die Straßen. Er fühlte sich zum erstenmal seit jener Nacht des Grauens frei und geborgen. Grunau mit seinem verrannten Anklagekoller. Natürlich. Sich solchen sensationellen Fall entgehen lassen? Ausgeschlossen, angeklagt muß werden. Kein Gedanke, daß die Kammer das Hauptverfahren eröffnete. Das heißt, es wurden schon aussichtslosere Verfahren eröffnet. Die Prüfung war nicht gerade immer sehr vorsichtig. Gut, gut, es sollte ruhig zur Hauptverhandlung kommen. Er wollte doch einmal die Geschwornen sehen, die auf solche geisterhaften Indizien hin einen Menschen zum Tode verurteilen. Der gute Grunau würde trotz seiner schönsten Emphase mit einer gehörigen Schlappe abfahren. Hoff wippte seinen Stock und pfiff vergnügt vor sich hin. Wie gut, daß der Kerl keine törichten Lügen ausgetiftelt, sondern einfach die schlichte Wahrheit berichtet halte. Sonst hätte er sich am Ende verheddern und Verdacht erregen können. Aber so! Hoff dachte an dieses Säufergesicht und lächelte. Wegen eines solchen Kumpans hatte er Seelenkämpfe gelitten! Er straffte sich und war sich zum erstenmal wieder seiner jungen Kraft bewußt. Ha, arbeiten! Ja, endlich wieder arbeiten. Sein Buch zu Ende führen! Und plötzlich dachte er an Susanne. Er staunte darüber, wie still er an sie denken konnte. Das war nicht mehr dieser weiße, grelle Schreck, dieses entsetzt zitternde Grauen. Zart und leise, in tiefer Trauer gedachte er ihrer, wie einer sanft entschlummerten Toten. Wie war sie lieb und fein! Ja, jetzt wollte er sie besuchen. Jetzt, da die Gefahr vorüber war, konnte er zu ihrem Grabe gehen, draußen, hoch im Norden der Stadt, wo sie ruhte im Friedhof der Namenlosen. Als er zur Bülowstraße kam, beschloß er, gleich jetzt Frau Neubert den täglichen Besuch abzustatten. Nachmittags wollte er schaffen. Er ging hinauf und plauderte mit ihr. Wehe, zage Erinnerungen tauschten sie aus. Bei Tisch entging es den sorgend spähenden Blicken der Frauen nicht, daß die dunkle Wolke von seiner Stirn und der bleiche Kummer aus seinen Augen gewichen waren. Und schon bei der Suppe erzählte Herta der Mutter so obenhin, daß Honigmanns nun wohl bald verreisen würden. Wahrscheinlich nach St. Moritz. Lisbeth beugte ihr Gesicht tief nieder auf den Teller. Hoff tat, als hörte er nichts. Es schien ihm frevelhaft, heute, da Susanne kaum vierzehn Tage in ihrem kalten Grabe lag, von Esther Honigmann zu sprechen. Die Liebe zu Suse und die Trauer um ihren herben Tod würden nie aus seinem Herzen schwinden. Niemals. Aber er gehörte dem fordernden Leben. Das rann weiter und stellte erbarmungslos seine Ansprüche. Alles andere war blasse Gefühlsduselei. Ja, er lebte und hatte seine Pflichten. Und als Herta bei dem zweiten Gericht meinte, man müsse sich wieder einmal bei Esther melden, sagte er, ruhig: »Klingle sie doch an. Wir können ja heute hinausfahren.« »Du willst?!« schrie sie freudig auf. »Oder weißt du was? Sag ihr, wir kämen sie abholen. Es ist eigentlich höchste Zeit, daß ich dort einmal Besuch mache.« Und so geschah es. Und als sie in der Margaretenstraße waren, erklärte Esther, sie könnten nach dem Kaffee immer noch hinausfahren. Und nach dem Kaffee schlug die Kommerzienrätin vor, sie sollten doch lieber im Garten bleiben, als bei der Hitze im Grunewald umherlaufen. Und dann jagte Herta mit dem Backfisch Ruth im Garten einher, und Hoff saß mit Esther in der kühlen Laube. Und sie erzählte von ihren Fürsorgezöglingen und deren inniger Anhänglichkeit. Und Hoff sprach von seinem Buch. Sie wollte so gern etwas davon hören. »Ich will Ihnen vorlesen, was daran fertig ist«, erklärte er bereitwillig. Und sie verabredeten, daß er morgen – ja, morgen hatte sie einen freien Tag – morgen wollte er kommen und ihr hier in der Laube die vollendeten Kapitel vorlesen. Dann trippelte ein kleiner, jovialer Herr in den Garten und stellte sich als Papa und Kommerzienrat Honigmann vor. Und es hätte nicht viel gefehlt, so wären die Geschwister zum Abendbrot geblieben. Doch Herta kannte die probate Lebensregel, seine Gaben sparsam zu spenden, wenn man Ziele erreichen will. Trotz alles Drängens der Frau Kommerzienrat blieb sie dabei, daß die Mutter sie bald erwarte – – Später hatte Mama und Papa Honigmann eine ernste Unterredung. Und er meinte, es wäre ihm sehr recht. Wenn nur das schwierige Kind endlich einmal einen Mann passabel fände. – – Einige Tage später las Hoff, daß die Verhandlung gegen den Mörder Rüdebusch am 3. Juli stattfinde. Sein Gesicht wurde kreidig. Ein Schmerz riß im Schlunde. Es war ihm, als sei die Luftröhre plötzlich zu kurz geworden und dehnte sich in Qualen. So zerrte es in der Kehle. Also hatten sie doch eröffnet! Unglaublich! Unglaublich! Seine Augen irrten unstet über die Zeitung. Unerhört! Er stand auf und ging schwerfällig mit eingeknickten Knien auf und nieder. Auf solche haltlose Anklage hin einen unschuldigen Menschen vor die Geschwornen zu schleppen! Und wegen Mord! Nicht einmal wegen Totschlag. Einfach fidel drauflosphantasieren. Wahrhaftig, die Reform des Strafprozesses hatte Eile. Natürlich würde er freigesprochen werden. Das war selbstverständlich. Aber wenn auch. Einen schuldlosen Menschen durch diese Folter zu schleifen! Wahrhaftig, der liebe Staat gestattete sich viel! Man war ja geradezu vogelfrei. Hoff wußte nicht, daß seine Empörung nichts war als Schuldbewußtsein und selbstsüchtiger Jammer darüber, daß sein Elend nun noch kein Ende fand. Ach, wenn doch erst der 3. Juli vorüber wäre! Er überlegte, ob er zur Verhandlung gehen solle. Da fiel ihm ein, daß er ja Dienst habe. Erleichtert atmete er auf. Also ausgeschlossen. Es hatte auch wirklich Zeit, wenn er die Freisprechung in der Abendzeitung las. Tags darauf erzählte ihm ein Kollege im Ministerium, er sei beauftragt, am 3. Juli in Vertretung des Ministers einer Verhandlung in Moabit beizuwohnen. Hoff erblaßte. »In Moabit?« »Ja. Amtsverbrechen eines Notars!« Hoffs Atem strömte wieder. »Ist doch Schwurgerichtssache.« »Na ja.« »Irren Sie sich auch nicht im Datum?« fragte Hoff. »Mir ist so, als ob ich gestern gelesen hätte, daß am Dritten eine Mordsache verhandelt wird.« »Kann stimmen. Die Sitzungsperiode ist jetzt vor den Ferien so überlastet, daß an manchen Tagen drei Sachen anstehen.« »Dauert Ihre Sache lange?« »Ziemlich. Zwölf Zeugen. Und dann, bei 'nem Kollegen – Sie wissen ja, wie sorgfältig da verhandelt wird.« »Wann steht Ihre Sache an?« »Um neun. Noch gut, daß es die erste ist.« Da wußte Hoff, daß er hingehen konnte. Am Vormittag kam Rüdebusch nicht zur Verhandlung. Doch er wollte nicht hingehen. Nein, er wollte nicht. Wozu auch? Er las es doch abends. Und am Ende erregte es Verdacht? Nein, das nun zwar nicht. Eine Mordsache hören viele Juristen an. Aber wozu all diese Aufregung? Nerven kostete es ja doch – trotz der sicher winkenden Freisprechung. Nein, er ging nicht. Noch am Morgen des 3. Juli war Hoff fest entschlossen, nicht hinzugehen. Aber nach Tisch, als er die Frobenstraße hinabschritt, dachte er: »Mein Gott, ich kann ebensogut dorthin gehen. Habe ich wenigstens gleich die frohe Gewißheit. Warum soll ich eigentlich nicht hinaufgehen?« Als er den Justizpalast betrat und die wohlbekannte eigentümliche Luft des Gebäudes atmete, packte ihn eine peinigende Erregung. Rasch sprang er die Treppe hinauf. Vor dem kleinen Schwurgerichtssaal brodelte das brausende Summen einer sensationellen Verhandlung. Hoff trat an den Gerichtsdiener heran. Der Mann kannte ihn und grüßte. »Wie weit ist die Sache?« »Noch bei der Zeugenvernehmung. Zwei Zeugen sind noch.« »Dann dauert es ja noch mindestens zwei Stunden.« »Sicher.« Hoff blickte nach dem Terminzettel. »Nachher steht noch eine Sache an?« »Jawohl, Herr Assessor. 'Ne Mordsache.« »So – so. Na, ich komme dann vielleicht wieder.« Hoff ging überlegend die Stufen hinab. Zwei Stunden. Hm. Lange Zeit! Ob er einfach nach Schlachtensee fuhr? Er ging die Straße Alt-Moabit hinunter. Ja, das war das Vernünftigste. Und abends kaufte er die Zeitung. Als er an der Gemäldeausstellung vorüberkam, ging er hinein. Er konnte ja ebensogut hier die Zeit totschlagen. Während er durch die Säle schritt, stürmte plötzlich ein lähmender Zweifel auf ihn ein: »Wenn er nun doch verurteilt wird!« Er blieb stehen und betrachtete gespannt das Gemälde vor ihm. Blödsinn. Wie konnte er denn verurteilt werden! Unmöglich. Er wußte doch am besten, daß der Mann unschuldig war. »Darauf kommt es doch nicht an, was du weißt«, raunte die aufdringliche Stimme. »Wenn er nun doch verurteilt wird. Was dann?« Hoff starrte noch immer auf das Bild. »Was dann? Ja, was dann? Wenn der Mann heute zum Tode verurteilt wird? Was dann? – –« Da ging Hoff weiter. Solch ein Unfug, sich mit bleichsüchtigen Phantastereien zu martern. Verrückt! Ebenso vernünftig wäre es, sich mit der Frage zu quälen, was er tun solle, wenn er selbst verurteilt würde. Es war doch völlig ausgeschlossen! »Ja, aber wenn er nun doch – doch – trotz allem – trotz allem – verurteilt wird?!« Hoff ging in den Lesesaal und nahm eine Zeitschrift. Er mußte sich zerstreuen. Er war ja total überreizt. »So was Verstiegenes. Verurteilt? Wie konnte er denn verurteilt werden! Weil er im Wald spazieren gegangen und auf eine Leiche gestoßen war, zum Tode verurteilen! Hirngespinste!« Er betrachtete mit Interesse die fein getönten Bilder der Zeitschrift. Wirklich einen kolossalen Aufschwung hatte der Farbendruck in den letzten Jahren genommen. Enorm. »Ja, aber wenn er nun doch verurteilt wird!« Wütend schleuderte Hoff das Blatt auf den Tisch und wanderte wieder durch die Räume. Auf leisen Sohlen schlich die folternde Frage heimtückisch hinter ihm drein. »Ebensogut könnte ich mir überlegen, was ich tun würde, wenn der Diener dort behauptete, ich sei plötzlich Kaiser von Japan geworden«, dachte er. »So ein Unsinn. Verurteilen! Daraufhin verurteilen!« Er blickte auf die Uhr. »Wenn ich langsam gehe, ist es bald so weit.« Und plötzlich lief er zurück zum Gerichtsgebäude. Es war sicher viel schneller gegangen und Rüdebusch war schon freigesprochen. Als er am Schwurgerichtssaal anlangte, hatten die Geschwornen sich gerade zur Beratung zurückgezogen. Hoff trat in die weit geöffneten Türen. Die muffige Luft des überfüllten Sitzungssaales schlug ihm erstickend entgegen. Er blickte sich um. Die Richter plauderten hinten im Beratungszimmer. Staatsanwalt Grünau schrieb eifrig in seinen Akten. Der angeklagte Notar war abgeführt. Drüben am Fenster stand der Kollege vom Ministerium und schaute gelangweilt zum Fenster hinaus. Die Zuhörer flüsterten scheu. Hoff ging zu dem Kollegen hinüber. »Guten Tag, Herr Regierungsrat.« Der wandte sich um. »Tag, Hoff. Was treibt Sie denn her?« »War in der Ausstellung. Wollte nur mal reinschauen.« »Sie haben's gut«, seufzte der andere. »Seit neun sitzen wir hier.« »Wie steht's?« Der Regierungsrat drehte die flache Hand hin und her. »So – so. 'ne eklige Sache.« Jetzt blickte Grunau auf. Hoff entschuldigte sich und ging zu ihm. Nach der Begrüßung sagte Hoff schnell: »War hier nebenan in der Kunstausstellung. Will mal wieder eine Ihrer fulminanten Plädoyers hören.« Grunau lächelte geschmeichelt. »Hätten Sie früher kommen sollen, Herr Kollege. Eben einen grimmigen Disput mit Frey gehabt.« »Steht ja noch eine Sache an – – habe ich eben draußen gelesen.« »Och – die! Furchtbar einfache Geschichte. Glaube, wir sprachen mal davon.« »So?« fragte Hoff. »Entsinne mich nicht.« »Sie wissen doch, der Mord im Grunewald. Die Sache dauert keine Stunde. Der Mann ist überführt. Werde kaum zu reden brauchen.« Da meldete der Diener, daß die Beratung der Geschwornen beendet sei. Hoff ging in den Zuschauerraum. Der Diener brachte ihm einen Stuhl. Die Richter traten ein. Hoff blickte gespannt auf. Hm – Mehring saß vor! Immer sehr schneidig und superklug, aber Mensch. Hätte schlimmer sein können. Der Notar wurde freigesprochen. Hoff atmete leicht. Das war ein gutes Omen. Die Geschwornen waren also milde. Er schielte zu Grunau hinüber. Der war blaß geworden und rupfte seinen blonden Schnurrbart. Er nahm jede Freisprechung als persönliche Beleidigung. Nachdem sich Angeklagter, Verteidiger und die Zeugen entfernt hatten und feierliche Stille der Erwartung durch den Saal raunte, hub der Vorsitzende an: »Meine Herren, wenn es Ihnen recht ist, gehen wir ohne Pause zu der nächsten Sache über.« Alle Beteiligten nickten zustimmend. »Also die Sache gegen Rüdebusch«, rief der Vorsitzende dem Boten zu. »Lassen Sie den Angeklagten vorführen!« Die Sache wurde auf dem Flur aufgerufen. Eine hastende Unruhe huschte durch den Saal. Hinter der Anklagebank öffnete sich eine Tür. Rüdebusch wurde von einem Gefängniswärter hereingeführt. Die Zeugen traten ein. Am Verteidigertisch stand ein junger Rechtsanwalt. »Offizialverteidiger«, schätzte Hoff ihn ab und forschte gierig in seinen stillen Zügen. Wenn der nur seiner Aufgabe gewachsen war! Dann wandte er den Blick dem Angeklagten zu. Er stutzte staunend. Der Mann machte heute solch ruhigen schlichten Eindruck. Da begann der Vorsitzende, zum Staatsanwalt und Verteidiger gewendet: »Meine Herren, Sie haben sich bereits heute früh damit einverstanden erklärt, daß die Geschwornenbank auch in dieser Sache urteile. Die Herren Geschwornen haben ihre Erklärung auch für diese Sache abgegeben.« Einige der Geschwornen nickten zustimmend. »Wir können dann gleich in die Verhandlung eingehen. Die Zeugen können wieder abtreten. Sie werden nachher einzeln hereingerufen werden.« Die Zeugen entfernten sich. Der Eröffnungsbeschluß wurde verlesen. Die Anklage lautete auf Mord. Jetzt wandte sich der Vorsitzende zur Anklagebank. Man merkte, wie aller Augen sich auf den großen, stillen, bleichen Mann dort in dem käfigartigen Bau richteten. Nach einigen Fragen hob der Vorsitzende die Stimme, blätterte gelassen in den Akten und sagte: »Sie sind vorbestraft?« »Ja«, antwortete der Mann ruhig und sicher. »Wie oft?« »Fünfmal.« Hoff pochte das Herz. »Stimmt«, nickte der Vorsitzende. »Und zwar zweimal wegen Diebstahls mit je neun Monaten Gefängnis, zweimal wegen Landstreichens und Bettelei mit vier und acht Tagen und einmal wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt mit einem Jahr Gefängnis. Stimmt's?« »Ja.« »Heute sind Sie wegen Mordes angeklagt. Sie sollen eine Frau im Walde vergewaltigt und ermordet haben. Die – –« »Das is Lüge!« rief der Mann. »Lassen Sie mich ausreden«, sagte der Vorsitzende freundlich. »Sie kommen schon noch zum Wort. Sie sollen also die Frau ermordet haben. Ihr Name ist unbekannt. Ihre Personalität hat nicht ermittelt werden können. Für die Frage Ihrer Schuld oder Unschuld ist es aber gleichgültig, wer die Frau gewesen ist. Denn Sie leugnen ja nicht, an der Leiche dieser Frau angetroffen worden zu sein.« »Nein, das leugne ich nicht. Tot war sie.« »Wollen Sie uns jetzt einmal den Vorgang erzählen«, gebot der Vorsitzende. Rüdebusch suchte hilflos nach Worten. »Erzählen Sie es ganz ruhig«, ermunterte Mehring. »Berichten Sie uns, was Sie von den Begebenheiten jener Nacht wissen.« »Ich habe nichts getan«, rief der Angeklagte. »Erzählen sollen Sie«, es klang ein wenig nervös, »mein Gott, Sie werden uns doch erzählen können, was Sie an dem Abend erlebt haben, ehe der Landjäger Sie verhaftete.« Rüdebusch starrte auf die Geschwornen. »Ich habe nichts gemacht«, murmelte er. Der Vorsitzende trommelte mit den Fingern auf den Akten. »Sind Sie wirklich so beschränkt oder verstellen Sie sich hier?« Er runzelte die Stirn. »Wo waren Sie am Abend des 6. Juni?« »In Schlachtensee war ich.« »Schön. Na – und –?« »Dann wollte ich in der Nacht nach Wannsee gehen.« »Gut. Warum gingen Sie in der Nacht? Man geht doch eigentlich mehr am Tage spazieren.« »Ich bin nicht spazieren gegangen. Ich wollte Arbeit suchen.« »Bei Nacht?« »Nee, ich wollte bei Tag in Wannsee sein.« »Ah. Was haben Sie denn am 5. Juni in Schlachtensee getrieben?« »Arbeit gesucht.« »Das haben Sie auch in der Voruntersuchung angegeben. Sie haben aber nicht eine einzige Adresse von Leuten angeben können, bei denen Sie Arbeit erbeten haben. Sollte es sich nicht vielleicht so verhalten, daß Sie gebettelt haben?« »Ja.« »Na also. Sagen Sie nur lieber die reine Wahrheit. Damit kommen Sie am weitesten. Sie haben also in Schlachtensee am 5. Juni gebettelt. Und sind dann in der Nacht fortgegangen, auf Wannsee zu, um Arbeit zu suchen?« »Es war so 'ne schöne Nacht.« »Was denn? Wollten Sie nachtschwärmen?« »Ich wollte von Schlachtensee fort, weil ich da gebettelt hatte.« »Na – endlich wissen wir's. Sie hatten also gebettelt und liefen deshalb davon. Schön. Nun kamen Sie in den Wald. Was geschah da weiter?« »Ich bin an 'nen Damm gekommen«, sagte der Mann und stockte. »Ja, ja doch. Erzählen Sie nur!« »Und wie ich raufkomm – drüber weg – wollt' ich – da seh ich was liegen. Es war Mondschein. Was Weißes sah ich da liegen. Ich denk: nanu! und geh drauf zu. Und wie ich näher komm – da seh ich, daß es was Totes is –« »Weiter doch!« »Nu – ich denke, wie kommt die Leiche hier auf'n Damm, denk ich. Und bück mich und da seh ich, daß sie 'n Loch von 'ner Kugel im Kopf hat. Und da kommt auch schon ein Landjäger und da hab ich mich weggemacht.« »Hm. Also, Sie haben die Leiche auf dem Eisenbahndamm gefunden ?« »Ja. So is es. Und alles andre is Lüge.« »Weshalb gingen Sie denn über den Damm? Sie werden zugeben, daß der Weg ein wenig auffällig ist.« »Ich kam an den Damm und wollte weiter.« »Aha. Und da gingen Sie einfach drüber weg?« »Sagen Sie mal zunächst eins, Angeklagter. Als der Landjäger kam, was taten Sie da?« »Fortgelaufen bin ich.« »Fortgelaufen. Ja, ist das nicht seltsam? Warum sind Sie denn fortgelaufen? Sie hatten die Leiche doch ganz harmlos da auf dem Damm gefunden, Sie waren völlig unschuldig, nicht wahr? Da läuft man doch nicht fort, wenn ein Beamter kommt. Im Gegenteil, ich meine, da bleibt man stehen und ruft den Polizisten herbei. Meinen Sie nicht auch?« Der Vorsitzende blickte verständnisinnig zu den, Geschwornen hinüber. »Ja, Herr Präsident«, raffte der Angeklagte seinen Mut zusammen, »das sagen Sie so. Ich hab mir's nachher auch gesagt. Es war 'ne Dämlichkeit von mir. Aber so im ersten Schreck. Ich hab ja gar nicht gewußt, was ich tu. Ich war – reine toll war ich.« »Also – Sie meinen – Sie sind vor Bestürzung davongelaufen?« »Ja – das mein ich.« »Hören Sie mal, Angeklagter. Sie sind doch kein solcher Schreckfuß. Ein Mann wie Sie. Der fünfmal mit dem Gericht zu tun gehabt hat!« »Eben darum hab ich ja so 'ne Angst gehabt.« »Also, kurz und gut, Sie liefen in Bestürzung davon?« »Nun ist die Sache aber die, daß der Landjäger Sie wiederholt zum Stehen aufforderte und sogar zweimal auf Sie schoß. Wollen Sie behaupten, daß Sie so bestürzt waren, – obwohl Sie doch gar nichts getan hatten, – daß Sie nicht auf die Aufforderung des Landjägers hörten und sich sogar –« der Vorsitzende hob die Stimme und blickte wieder zu den Geschwornen hinüber – »der Todesgefahr aussetzten. So bestürzt waren Sie?« »Ja«, sagte er leise. Durch die Geschwornenbank flutete eine Bewegung. Hoff zitterte das Herz. Herrgott, sah hier alles anders aus! Der Vorsitzende räusperte sich. »Na, Angeklagter, es wird Ihnen wohl selbst einleuchten, daß Ihre Bestürzung ein etwas sehr ungewöhnliches Maß angenommen hat. Wie erklären Sie nun aber das Folgende. Sie liefen trotz Rufens und Schießens weiter, bis Sie über eine Baumwurzel stolperten und zu Boden stürzten. Da holte der Landjäger Sie ein. Was taten Sie jetzt? Riefen Sie nun endlich: ›Ich bin unschuldig. Ich habe die Leiche auf dem Bahndamm gefunden. Ich bin nur in der ersten Bestürzung davongelaufen?‹ Ja, taten Sie das?« »Nein«, antwortete der Mann bleich. »Nein«, rief der Vorsitzende fast frohlockend, »nein, das taten Sie nicht. Im Gegenteil. Sie sprangen auf, ergriffen eine schwere Gerte und schlugen wie rasend um sich. Taten Sie das?« »Ich weiß es nicht mehr genau.« »Aber es ist möglich, wie?« »Und dann mußte der Beamte blank ziehen und Ihnen einen Hieb über die Hand geben, ehe er Sie überwältigen konnte. Stimmt das?« »Ja, er hat mich mit dem Säbel geschlagen.« Wieder entstand eine Pause der Bewegung. Hoff ward immer bleicher. Himmel, sah der Vorsitzende denn nicht, wie töricht seine Psychologie irrte! Hoffs Blick lief über die Gesichter der Geschwornen. Er konnte ihre Stimmung nicht recht erkennen. Einige freilich machten aus ihrem Herzen keine Mördergrube und folgten zustimmend lächelnd den klugen Spürwegen des Fragestellers. Der Vorsitzende erhob die Stimme. »Die Anklage legt Ihnen, im Gegensatz zu Ihren Ausführungen, zur Last, Sie hätten die Frau im Walde getroffen – vielleicht schlafend – hätten sie überwältigt und sie dann, aus Furcht oder Wollust, erdrosselt und hätten sie auf den Damm geschleppt, um sie auf die Gleise zu werfen. Die Anklage nimmt an, Sie haben das getan, um ihre Erkennung zu vereiteln. Hiefür spricht auch der Umstand, daß die Leiche völlig unbekleidet war. Was haben Sie auf diese Beschuldigung zu entgegnen?« »Alles ist Lüge.« »So. Sie haben die Frau also nicht im Walde getroffen?« »Nein.« »Sie haben von der Frau überhaupt nichts gesehen, ehe Sie auf den Damm kamen?« »Nein.« »Sie wollen ein Geständnis also nicht ablegen?« »Ich hab's doch nicht getan!« schrie er gellend. Der Vorsitzende hob den Kopf. »Dann scheint es mir das Vernünftigste, zunächst einmal den Landjäger zu hören. Vielleicht entsinnt sich der Angeklagte dann besser.« Er blickte Staatsanwalt und Verteidiger fragend an. Sie nickten. »Der Zeuge Müller«, gebot er dem Boten. Der Landjäger erschien, wurde vereidigt und ermahnt. Er erzählte: »In der Nacht vom 5. zum 6. Juni hatte ich in Schlachtensee Dienst. Gegen zwei Uhr ging ich den Waldweg entlang. Da sah ich einen Mann durch den Wald gehen mit einer schweren Last auf dem Rücken.« Hoff blickte sich schreckhaft um. Er glaubte, er habe geschrien. Doch alle Augen starrten auf den Zeugen. »Wo sahen Sie den Mann gehen? Vor dem Eisenbahndamm?« »Ja. Er ging auf den Damm zu.« »Wie weit waren Sie entfernt?« »Etwa 500 Meter.« »Also ziemlich weit. Können Sie sich da nicht getäuscht haben?« »Nein. Es war ja Vollmond. Ich sah ihn deutlich über eine Lichtung schreiten.« »Weiter.« »Ich sah auch ganz genau, wie der Mann mit der Last auf den Damm hinaufstieg.« »Das sahen Sie deutlich?« »Ganz genau.« »Weiter.« »Dann lief ich quer durch den Wald auf die Stelle zu. Und als ich dann an den Damm herankam, da kniete der Mann bei der Leiche und hatte den Kopf auf den Knien liegen. Und dann sprang er auf und ich hinterher.« »Der Mann war der Angeklagte?« »Ja. Ich habe ihn dann gleich festgenommen.« Totenstille herrschte in dem großen Saale. »Was sagen Sie hiezu?« fragte der Vorsitzende. »Es ist nicht wahr«, rief der Angeklagte. Die Zähne schlugen ihm in Todesgrauen zusammen. »Es ist nicht wahr, ich habe nichts getragen.« »Zeuge Müller«, ermahnte der Vorsitzende ernst, »Sie wissen, daß von Ihrer Bekundung das Leben eines Menschen abhängt.« »Jawohl, Herr Präsident.« »Sie irren sich nicht? Es liegt auch keine Täuschung vor? Das Mondlicht hat Sie vielleicht getäuscht?« »Herr Präsident, ich habe ganz genau den Mann mit einer Last auf dem Rücken zum Damm gehen und hinaufklettern sehen. Ich habe es ganz deutlich gesehen. Eine Täuschung ist ausgeschlossen.« Mehring blickte den Angeklagten fragend an. »Es ist Lüge, Herr Präsident, es ist alles Lüge, Ich habe nichts getragen. Der Mann hier lügt!« Jetzt stand der Verteidiger auf. »Können Sie mit Bestimmtheit versichern«, wandte er sich an den Zeugen, »daß der Mann, den Sie die Last tragen sahen, und der Angeklagte, den Sie später bei der Leiche fanden, dieselbe Person ist?« Ein spöttisches Lächeln glitt über Grunaus Gesicht. Diese Verteidiger mit ihren lächerlichen Fragen! »Nein, bestimmt kann ich das nicht sagen. Ich war zu weit entfernt. Das Gesicht des Mannes, der die Last trug, habe ich nicht erkennen können.« Jetzt stand auch Grunau auf. »Ich hätte noch einige Fragen«, sagte der Verteidiger. Der Vorsitzende nickte. »Haben Sie den Damm, während Sie darauf zuliefen, immer im Auge behalten?« »Nein. Als ich durch den Wald drauf zulief, konnte ich ihn nicht sehen.« »Wie lange Zeit haben Sie den Damm aus dem Auge verloren?« Hoff atmete leichter. Das waren die erlösenden Fragen. Endlich! »Etwa drei Minuten.« »Es ist also möglich, daß der Angeklagte in diesen drei Minuten den Damm erstieg, ohne von Ihnen gesehen zu werden?« »Das glaube ich nicht.« »Ich frage nicht nach, Ihrer Meinung. Ob es möglich ist, will ich wissen, oder ob Sie es unbedingt hätte sehen müssen, wenn, nach dem Mann mit der Last, der Angeklagte erst auf den Damm stieg.« »Das weiß ich nicht. Ich habe ihn nicht hinaufsteigen sehen.« Hier griff der Vorsitzende ein. »Der Herr Verteidiger meint folgendes: Sie sahen den Mann mit der Last auf den Damm steigen?« »Jawohl, Herr Präsident.« »Dann liefen Sie durch den Wald und verloren den Damm aus den Augen – auf drei Minuten, sagen Sie.« »Jawohl, Herr Präsident.« »Wenn die Behauptungen des Angeklagten richtig sind, wenn also der Mann mit der Last nicht der Angeklagte war, wenn Sie aber den Angeklagten bei der Leiche trafen, muß doch in diesen drei Minuten der ›Mann mit der Last‹ sich – vielleicht nach der anderen Seite des Dammes – entfernt und der Angeklagte in eben diesen drei Minuten den Damm erstiegen haben.« »Jawohl, Herr Präsident.« »Halten Sie das für möglich?« Der Landjäger lächelte leicht. »Nein, Herr Präsident!« »Weshalb nicht?« fragte der Verteidiger. »Weil ich es für unwahrscheinlich halte.« »Das sind keine Gründe«, frohlockte der Verteidiger. Der Vorsitzende nahm wieder das Wort. »Es kommt nicht auf die Ansicht des Zeugen an. Die Herren Geschwornen werden darüber zu urteilen haben, ob sie glauben, daß ›der Mann mit der Last‹ der Angeklagte gewesen ist oder nicht. Sie bleiben jedenfalls bei Ihrer Darstellung?« »Jawohl, Herr Präsident.« Hier erbat Grunau das Wort. »Behauptet denn der Angeklagte, daß er einen Mann auf dem Damm oder in dessen Nähe gesehen hat? Es wäre doch seltsam, wenn dieser ominöse Lastträger so spurlos verschwunden sein sollte.« »Haben Sie einen Mann gesehen?« »Nein«, sagte er leise. Der Staatsanwalt setzte sich befriedigt. Der Vorsitzende verhörte den Zeugen weiter. »Wie lange waren Sie an jenem Abend im Freien, als Sie den ›Mann mit der Last‹ sahen?« »Etwa drei Stunden.« »Haben Sie in dieser Zeit einen Schuß gehört? Der Angeklagte behauptet, er habe die Frau erschossen vorgefunden.« »Nein, ich habe keinen Schuß gehört.« »Sind noch Fragen an den Zeugen?« Der Verteidiger erhob sich: »Machte der Angeklagte einen sehr bestürzten Eindruck, als Sie ihn verhafteten?« »Nein, er schlug wie wahnsinnig auf mich ein.« Hoff hatte den Kopf in die Hände vergraben und starrte zu Boden. Es wurde noch manche Frage an den Landjäger gerichtet, Leumundszeugen wurden vernommen, die wenig Günstiges über den Angeklagten zu sagen wußten. Endlich erfolgte das Gutachten der gerichtlichen Sachverständigen über den Leichenfund. Und die Verhandlung rollte weiter. Der Staatsanwalt hielt sein Plädoyer. Er »erachtete« den Angeklagten für überführt. »Meine Herren«, rief er mit Pathos, »Sie werden sich nicht irreführen lassen. Sie werden nicht an den großen Unbekannten glauben, der mit dieser Leiche im Mondlicht einherlief, mit dieser Leiche, bei der wenige Minuten später der Angeklagte getroffen wurde. Wir haben gehört, daß die Behauptungen des Angeklagten nur dann einen Schimmer von Glaubhaftigkeit trügen, wenn er just in den drei Minuten auf den Damm gestiegen wäre, in denen der Zeuge Müller die Stelle aus dem Auge verlor. Meine Herren, das sind Mondscheinmärchen, die Sie nicht glauben werden. Es ist der große Unbekannte, der fast immer durch diesen Saal spukt, wenn alle anderen Ausflüchte versagen. Hätten Sie noch den Schimmer eines Zweifels, meine Herren, so müßte Sie das Verhalten des Angeklagten beim Herannahen des Landjägers völlig überzeugen. Meine Herren, man läuft nicht, wie der Herr Vorsitzende mit Recht schon betont hat, man läuft nicht wie ein Wahnsinniger davon, wenn man das Bewußtsein seiner Unschuld in der Brust trägt. Man setzt sein Leben nicht den nacheilenden Kugeln aus, wenn man nichts zu fürchten hat. Man kämpft nicht wie ein Berserker, wenn man reine Hände hat. Und noch dazu ein Mann mit der Vergangenheit des Angeklagten, dem ein Landjäger doch kein solches unbekanntes Schreckgespenst ist. Nein, meine Herren, ein solcher Mann –« Er sprach lange mit Schwung und Nachdruck. Und Hoff sah mit Entsetzen die Geschwornen ihm folgen. Als er mit dem Aufruf geendet hatte: »Meine Herren, lassen Sie diesen nächtlichen Schänder und Mörder nicht den Armen der Gerechtigkeit entrinnen, seien Sie nicht weichherzig, glauben Sie nicht an nachtwandlerische Mythen, glauben Sie an das Recht und die Wahrheit«, ward es feierlich still im Saale. Leise weinte der Angeklagte. Langsam erhob sich der Verteidiger. Er redete schlicht ohne jede Mimik, Es spreche ein gewisser Schein gegen den Angeklagten. Indessen sei dies nur ein Schein. Der Fehler bei der Betrachtung der Vorgänge durch die Anklagebehörde sei der, daß sie diese Vorgänge mit ihrem vom Verdacht getrübten Auge sähe. »Meine Herren, ich bitte Sie, diese Brille jetzt abzuwerfen und mit klarem, scharfsichtigem Blick die Ereignisse jener Nacht zu betrachten. Was bleibt dann? Ein Mensch geht aus durchaus glaubhaften Gründen durch den Wald, steigt auf einen Bahndamm, findet dort eine Leiche und flieht, als er den Landjäger kommen sieht. Meine Herren, in dieser Flucht soll ein Beweis der Tat liegen! Es heißt wahrhaftig jeder Psychologie bar sein, wenn man nicht begreift, daß unter tausend Menschen neunhundert gehandelt hätten wie der Angeklagte. Gerade ein Mensch, der schon des öfteren mit Polizei und Gericht in Konflikt geraten ist, hat aus reiflicher Erfahrung vor beiden seinen Schrecken. Der Herr Vorsitzende mag ein sehr resoluter Herr sein. Der Angeklagte ist es nun aber nicht. Und, meine Herren, wir wissen alle sehr wohl, daß Menschen auf die gleichen Reize sehr verschieden reagieren.« So sprach er weiter und stellte fest, daß für die Schuld des Angeklagten auch nicht der geringste Beweis erbracht sei. Alles schwebe in der Luft. Was liege denn eigentlich vor: Mord? Warum gerade Mord? Weshalb nicht Totschlag? Und er schloß: »Meine Herren, Sie werden es nicht wagen, auf diese Mondscheinhalluzinationen der Anklage hin einem Menschen das Leben abzusprechen.« Grunau entgegnete kurz. Dann wurde der Angeklagte gefragt, ob er noch etwas zu sagen habe. Er wimmerte leise, daß er unschuldig sei: »Ich habe es nicht getan, Herren Geschworne, ich habe es beim wirklichen Gott nicht getan.« Und schließlich zogen die Geschwornen sich zur Beratung zurück. Hoff wagte nicht, sich zu rühren. Die Beine hingen bleiern an ihm hinunter. Er wollte aufstehen, hatte aber nicht die Kraft. Da sah er, wie Grunaus Blicke ihn suchten. Jäh schnellte er empor und eilte zu ihm. »Gratuliere«, brachte er hervor, »ausgezeichnet! Wirklich ganz famos.« »Das wäre ja auch noch schöner«, lachte der Staatsanwalt selbstgefällig, »wenn der Kerl mit den platten Lügen durchkäme. Jetzt sind Sie doch wohl auch überzeugt?« »Ja – ja«, stammelte Hoff, »allerdings – naja – es sieht bedenklich aus. Aber doch. Der Angeklagte machte auf mich keinen schlechten Eindruck. Und wer kann –« »Sie glauben wohl gar auch an den großen Unbekannten?« Hoff lachte grell. »Nein, nein – aber – naja – nicht wahr?« Und er plauderte über andere Dinge, ohne zu wissen, was er sprach. Seine Sinne suchten durch die geschlossene Tür zu dringen, hinter der sein Schicksal entschieden wurde. Die Geschwornen betraten den Saal. Der Obmann verkündete als ihren Wahrspruch, daß der Angeklagte des Mordes schuldig sei. Hoff fuhr wie eine Rakete empor. In der allgemeinen Bewegung blieb er unbemerkt. Der Angeklagte wurde hereingeführt. Der Gerichtsschreiber verlas ihm den Spruch. Er beugte sich weit über die Wehr des Gitters und starrte die Geschwornen an. Dann griff er suchend mit den Fingern in die Luft. »Ihr – Ihr –« schrie er – »wie dürft Ihr das –! Mein Leben – Ihr Bluthunde!« Der Gefängniswärter sprang zu. Rüdebusch schleuderte ihn von sich. »Ich bin unschuldig«, brüllte er, »hört Ihr! Nehmt den Spruch zurück – Nehmt den Spruch zurück – Ich bin's nicht gewesen – Hilfe! – Hilfe! – Ich bin's nicht gewesen –« Der Vorsitzende schnellte von seinem Sitz. »Angeklagter!« donnerte er. Der Mann starrte ihn mit aufgerissenem Munde an. Dann ward sein Gesicht eine winselnde Grimasse. Er hob flehend die gefalteten Hände und legte den Kopf auf die Seite. »Herr Präsident«, wimmerte er, »ich war's nicht. Beim Leben meiner Mutter schwör ich, ich war's nicht. Erbarmen! – Erbarmen! Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben!«« »Wenn Sie nicht ruhig sind, muß ich Sie abführen lassen«, sagte der Vorsitzende ernst. »Ich bin still, ich bin ja still – ganz stille bin ich«, jammerte der Mann und preßte die Fäuste auf den Mund. »Nur Erbarmen! – Hilfe! – Hilfe!« Der Staatsanwalt beantragte die Todesstrafe. »Nein – nein! Das nicht. Ich bin unschuldig!« schrie Rüdebusch auf. Der Verteidiger zuckte die Schultern, als der Vorsitzende ihn anrief. Dann zog sich das Gericht zurück. Jetzt brach der Angeklagte auf der Bank zusammen. Er fiel auf den Boden, schlug mit der Stirn auf die Bank und heulte laut klagend auf. Hoff wollte hinaus. Er konnte das nicht hören. Er wollte nicht hören, wie sie ihn zum Tode verurteilten. Er wollte hinaus. Ja – ja – das vielleicht! Wenn sie einstimmig den Spruch für verfehlt hielten, konnten sie ihn aufheben. Ja – ja – das mußte ja geschehen. Um Gott – um Gott – wie der Mann heulte – wie ein Tier – ganz tierisch. Wenn sie nur den Spruch aufhoben – sonst – sonst! – Ja – ja – er mußte aufspringen und schreien: »Er ist unschuldig – hier steht der Mann, der die Last trug« – ja, das mußte er – das würde er – der Mann durfte nicht unschuldig so leiden – nein – nein – komme, was kommen wollte – er mußte vorstürzen zum Richtertisch und schreien: »Hier steht der Mann mit der Last – keiner hat sie gemordet, sie hat sich selbst erschossen.« Wie er winselte – Hoff hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt, das Gesicht in die Hände vergraben. Es fiel keinem auf. Die Richter blieben stehen. Unwillkürlich erhob sich alles. Hoff stützte sich mit beiden Händen auf die Schranke, die den Zuhörerraum begrenzte. Der Vorsitzende stülpte sein Barett auf den Kopf – Hoffs Nägel rissen tiefe Furchen in das Holz der Barriere. – Der Vorsitzende verkündete laut: »Im Namen des Volkes! Der Angeklagte Otto Rüdebusch ist des Mordes schuldig und wird deshalb zum Tode verurteilt!« Ein wilder Schrei gellte durch den Saal. Der Angeklagte lag zuckend am Boden. 19. Hoff ist nicht vorgestürzt und hat nicht geschrien: »Der Mann ist unschuldig! Ich bin der Mann, der die Last trug.« Das hat er nicht getan. Ehe er die Kraft fand, hatte der Strom der Zuhörer ihn aus dem Saal gerissen und die Treppen hinabgeführt. Und als er auf der Straße stand, ging er still zum Bahnhof. Sein Kopf war leer. Er konnte nichts denken. Erst ganz allmählich kehrte das Bewußtsein zurück. Und da wußte er, daß sie in dem düsteren Saale ihn zum Tode verurteilt halten. Er wußte jetzt, was ihm zu tun blieb. Ruhig brach er einen weißen Aktenbogen und schrieb die Adresse des Ersten Staatsanwaltes darauf. Und dann begann er damit, daß der verurteilte Angeklagte Rüdebusch unschuldig sei. Er, Ewald Hoff, habe die Leiche des Mädchens durch den Wald zum Damm getragen. Er erzählte kurz die Wahrheit und wußte, daß er nicht leben konnte, nachdem er solange geschwiegen hatte. Und darum ist er still und stark den dunklen Weg gewandelt, den Susanne Neubert vor ihm gegangen war.