Joseph Lauff Pittje Pittjewitt Ein Roman vom Niederrhein 1907 I. Vorklänge »Kathje Peerenboom ist tot. – Komme.« Ich wußte nicht, wo ich diesen Namen hintun sollte. Irgendwo im Leben war er mir schon begegnet, allein das ›Wie‹ und ›Wo‹ blieb mir verschleiert; ich konnte mir keine Rechenschaft darüber geben und würde der Depesche, die mir nach Utrecht, wo ich mich eines neuen Romanstoffes halber für einige Wochen aufhielt, nachgeschickt wurde, keine weitere Bedeutung beigelegt haben, hätte nicht unter der lakonischen Drahtnachricht ein Name gestanden, der mir von jeher lieb und teuer gewesen. Noch einmal las ich: »Kathje Peerenboom ist tot. – Komme. – Pittje Pittjewitt.« Mein Buch beginnt mit Trauer und endet mit Trauer. Es ist ernst und zum großen Teil mit tiefer Wehmut geschrieben – und dennoch: es ist zuweilen, als wenn sich das Bahrtuch leise bewegte, als wenn sich ein launiges Gesicht aus den Falten vordrängte, das Näschen rümpfte, die Lippen schalkhaft verzöge und spräche: »Hier bin ich! – Jantje Klaas, Jantje Klans!« – »Komme...!« Der Name Pittje Pittjewitts entschied; ich machte mich reisefertig. – Gegen drei Uhr stampfte und polterte der Zug von Utrecht durch die verschneite Veluwe. Ich hatte meine Zigarre in Brand gesetzt und sah in die Landschaft hinaus, die verschleiert und mißfarben endlos sich dehnte. Feine Schneeflocken rieselten gegen die Wagenfenster, die Telegraphendrähte hoben und senkten sich, glühe Fünkchen sausten vorüber, und vereinzelte Krähen zogen hoch über das Schneefeld und strebten dem fernen Westen zu, der allmählich eine dunstige und ziegelrote Färbung annahm. Prustend, pfeifend, keuchend und polternd ging es weiter und weiter. Draußen zogen tiefe Schatten über die Landschaft. Wie in Kobaltbläue getaucht, traten niedrige Giebel, vereinzelte Liegenschaften und Windmühlen in die Erscheinung, um wieder rasch zu verschwinden. Ich hatte mich in die Wagenpolster gedrückt und sah den Rauchbildern nach, die den matten Schein des Abteillichtes noch matter gestalteten. Mir ging mancherlei durch den Kopf. Allerhand Kombinationen verflocht ich mit dem geheimnisvollen Telegramm, das mir erst vor wenigen Stunden zugegangen war, ja – mir schien es, als wenn Pittje Pittjewitt lautlos hereinschwebte, mir gegenüber in feierlichster Weise Platz nähme und blaue Rauchwölkchen aus seiner Gaudaer Tonpfeife bliese, die sich mit den meinen vereinten. – Wirklich – da saß er; ein Schemen nur, aber er war es: der veritable Pittje. Derselbe altmodische Zylinder, nur mit einem breiten Trauerflor umgürtet, derselbe knallrote Paraplü, dasselbe glattrasierte Gesicht mit den blendendweißen Vatermördern, der braune Überrock, die großgemusterten Hosen und dasselbe nadelscharfe Spucken wie ehemals. Nur wollte es mir scheinen, als wenn ein elegischer Zug seine eingekniffenen Lippen umspiele: ein krankhaftes, wehmütiges Lächeln, das ich in früheren Tagen nicht bei ihm bemerkt hatte. Aber die großen, wasserhellen Augen, die mich traurig ansahen, die charakteristischen Kringel und Ringel, die dem Tonkopf entstiegen, waren noch immer dieselben. – Das alte Heimatsgefühl beschlich mich bei seinem Anblick in verstärkter Weise. Ich beugte mich vor, um die lieben, gerunzelten Hände zu fassen, als mich eine blendende Helle umfing, ein schrilles Pfeifen ertönte und der Zug langsam in eine geräumige Halle einkeuchte. »Elten – Gepäckrevision!« Laute des holländischen und niederrheinischen Idioms schlugen betäubend an mein Ohr, ein Hasten und Drängen ... Die Waggontüren wurden aufgerissen und wieder zugeschmettert, ein Stampfen und Schrillen, und wieder ging es in die dunkle Nacht und in die verschneite Landschaft hinaus – aber mein Gegenüber war spurlos verschwunden. Ich hüllte mich fester in den Mantel, gab mich stillen Träumereien hin und brütete weiter, bis der Zug über verschiedene tote Rheinarme rasselte und nach kurzer Fahrt Kleve erreichte. »Aussteigen – alles aussteigen!« Draußen wehte ein eisiger Nordost, und blendende Schneekristalle, die im dunstigen Licht der Gaslaternen auf und nieder flimmerten, flogen mich an. – Jenseits der Bahnstation kletterten die eingeschneiten Häuser der Stadt bis zum Schloßberg empor, dessen massiger Schwanenturm in verschwommenen Rissen düster und ernst von seiner Höhe heruntergespensterte. Ich atmete heimatliche Luft und befand mich nicht weit von dem Fleckchen Erde, wo ich meine erste Jugend verlebte. Ach! – wie das wohl tat. – Nur die grimmige Kälte nagte bitter an Ohren und Nase, während die schneidenden Schneekristalle die Haut wie mit Nadelspitzen berührten. Kurz entschlossen zog ich den Mantelkragen bis über den Hut empor und trat mit meinem geringen Reisegepäck vom Bahnsteig ins Freie. Der irrlichtartige Schein von zwei Laternen kam mir entgegen. Er rührte von einer schwerfälligen Postkutsche her, die mich in die engere Heimat befördern sollte. Der Schwager saß schon obenauf, als ich einstieg. Der Wagen war nur spärlich erleuchtet, so daß ich außerstande war, das Gesicht der hageren Gestalt deutlich zu erkennen, die sich mit zusammengefalteten Händen in eine Ecke gedrückt hatte. Erst als der Postschaffner kam, mir die Fahrkarte einhändigte, und der grelle Schein der Schaffnerlaterne eine fast Tageshelle schaffte, konnte ich meinen Mitpassagier in die Kategorie der katholischen Geistlichen versetzen, der, mit einem niedrigen Hut, soutanenartigen Überrock, Kniehosen und Schnallenschuhen bekleidet, stetig die schmalen Lippen bewegte und sichtlich damit beschäftigt war, sein Brevier mit kaum wahrnehmbarer Stimme herunterzunäseln. Er hatte die Augen geschlossen und schien die Mitte der Sechziger schon überschritten zu haben. »Fertig!« Ein lautes Schnalzen mit der Zunge ertönte vom Bock. Die Postklepper zogen an, und, von dem trüben Schein der Wagenlaternen auf beiden Seiten begleitet, ging es über die breite Landstraße in die niederrheinische Gegend hinein. Von Adventschauern umgeben, mit meinen Gedanken in die Jugendzeit versetzt, verfiel ich allmählich in einen traumhaften Zustand, der so fest war, daß er auch durch das Klappern des Wagens und das oft heftige Stoßen der Räder nicht aufgelöst wurde. Nur zuweilen hoben sich zwinkernd die Augenlider. Der geistliche Herr hockte noch immer in seiner Ecke, steif und regungslos, und ich hätte ihn für eine Wachspuppe halten können, wäre nicht das stetige, monotone Näseln bei ihm hörbar gewesen. So mochten wir eine Stunde gefahren sein, als ich in meiner traumhaften Verfassung eine weiße Gestalt zu sehen glaubte, die mir in eigentümlicher Haltung gegenüber saß. Richtig – da saß sie, traurig, totenstill und gespenstisch. Eine blendendweiße Nachtmütze, an deren Zipfel sich eine gefranste Leinentroddel befand, war ihr bis über die Ohren gezogen. Bläuliche Schatten hafteten auf den Fingernägeln der zusammengefalteten Hände. Das Gesicht hatte ein porzellanartiges Aussehen, und die Nase ähnelte dem Schein von Diaphanglas. Rechts und links von dem einsamen, mit weißem Leinen bekleideten Manne erhoben sich zwei Wachskerzen auf gelben Metalleuchtern, die gleichsam in der Luft zu schweben schienen. Deutlich hörte ich das Geräusch des auf die Messingschalen niedertropfenden Wachses. Und die Gestalt, die da so still und regungslos, so traurig und doch so friedlich mir gegenüber Platz genommen hatte ... das totenbleiche Gesicht ... die brennenden Wachskerzen ... Eine quälende Angst ergriff mich. Der traumartige Zustand löste sich auf. Sollte das ein Vorgesicht sein?! »Pittje Pittjewitt ...!« Ich mußte deutlich gesprochen, wenn nicht gerufen haben, denn der geistliche Herr in der Ecke räusperte sich, sah mich fragend an und meinte zuletzt: »Ich glaubte soeben von Ihnen einen Namen zu hören, nun der – sagen wir: kennen Sie den Träger desselben?« Die Art und Weise, wie dies vorgebracht wurde, das Breite der Sprache und die Klangfärbung in der Betonung bewiesen deutlich, daß der Fragesteller dem Niederrhein entstammte. »Schon seit Jahren, mein Herr.« »So! – dann sind Sie der hiesigen Gegend auch wohl selber nicht fremd?« »Nein. – Ich habe hier meine Jugendjahre verlebt.« »Hm!« sagte der geistliche Herr, »und Sie reisen nach dort?« Dabei zeigte er mit dem Daumen über die Schulter und nannte gleichzeitig den Namen der kleinen Stadt, der wir nun schon seit einer Stunde entgegenratterten. »Allerdings.« »Hm! – und Sie haben Geschäfte allda?« »Das weniger. Ein Telegramm meines hochbetagten Freundes Pittje Pittjewitt ... Und Sie?« »Eine traurige Veranlassung führt mich dorthin. Ich will eine Schwester begraben.« »Kathje ...!« kam es unwillkürlich von meinen Lippen. »Kathje Peerenboom – ja. Sie wissen?« »Pittje Pittjewitt ...« »Ach, der!« fiel der geistliche Herr naserümpfend dazwischen. »Was kann aus seinem Munde Heilsames kommen?!« »Ich muß mir ernstlich ...« »Schon gut,« sagte mein Partner, zog ein Taschentuch aus seiner Soutane und trompetete in den höchsten Tönen in den buntfarbigen Schirting. »Ihr Urteil befremdet mich,« begann ich von neuem. »Ich halte Herrn Pittjewitt für einen Ehrenmann vom Kopf bis zur Sohle – und kann es nicht dulden ...« »Schon möglich,« lenkte der geistliche Herr ein, »wenn Sie diese Fülle des Lobes auf seine bürgerlichen Eigenschaften beziehen; allein« – und seine breite Stimme nahm eine scharfe Betonung an – »seine Antezedentien auf kirchlichem Gebiet, sagen wir seine religiösen Anschauungen, stehen auf tönernen Füßen und werden von uns in höchst geringer Weise bewertet. Leider – wir können nicht anders.« »Das mögen Sie halten, wie es Ihnen beliebt. Was mich persönlich anbetrifft,« fuhr ich in gereizter Stimmung fort, »so stehe ich nicht an, mein obiges Urteil völlig und ohne Einschränkung aufrecht zu erhalten. Ehrlich hat er sich durchs Leben geschlagen, ehrlich hat er gekämpft und gerungen und ehrlich, geachtet von seinen Mitmenschen, wird er dereinst liegen, wenn ihm das letzte Hemd über die Nase gereckt wird. Ich lege meine Hand für ihn ins Feuer, und alle, die ihm näher standen und stehen im Leben – ich bin überzeugt – sie tun dasselbe.« »Viel des Lobes,« entgegnete mein Mitreisender. »Hm! – ich möchte fast glauben ...« »Nun?« Der geistliche Herr rückte näher, fixierte mich lange, dann fragte er mit verhaltener Stimme, indem ein sondierendes Lächeln seine markanten Züge belebte: »Kennen Sie den Roman ›Kärrekiek‹?« »Allerdings.« »Und das neuerdings vielfach aufgeführte Drama ›Der Heerohme‹?« »Auch das.« »Hm, hm! – So, so!« machte der geistliche Fragesteller. »In diesen Werken wird allerdings Ihrem Freunde die Verhimmelungsfanfare in allen nur möglichen Tonarten geblasen; aber auch hervorragende Kapazitäten auf dem Gebiete der katholischen Journalistik haben dieserhalb dem verdammenswerten Autor ein heroisches ›Quos ego!‹ entgegen gerufen.« »Das ist mir bekannt.« »Niedergeschmettert haben sie ihn. – Mit attischem Salz haben sie ihn über und über begossen.« »Und das glauben Sie selbst? – Machen Sie doch keine Faxen und Fisematenten.« »Ich? – Natürlich! – Da standen diese selbstlosen Männer, diese Geisteshelden der Provinzialen Volkszeitung, der Alemannia und des Sankt Bonifaziusblattes und vertobakten ihn, daß man's knallen hörte, wo christkatholische Menschen ihren Herrgott verehren. Geschah ihm recht – diesem... Ja, diese Männer, diese streitbaren Helden der Feder ... !« »Auguren!« »Was?« »Auguren, mein Herr. – Die tun man so, die kennen den Rummel. – Mache, Parteiinteresse, Verdummungsprinzip...! – Aber wenn sie allein sind, unter sich sind, huida! – dann blinzeln sie und gerieren sich, wie die Karnickel unter Gottes freier Himmelslaterne.« »Sie wollen doch nicht etwa sagen...?« »Ich sage nichts. – Seien sie unbesorgt, mein Herr. Der vertobakte Poet kennt sich aus und weiß diese würdigen Männer zu schätzen. Auguren!« »Aber – erlauben Sie mal! – Selbst hochkonservative Blätter...« »Na – ja! – Ich brauche Sie Wohl nicht an den alten Vers zu erinnern, der da lautet: So Junker wie Pfäfflein, sie fischen im trüben, Und allzeit die nämliche Praktik sie üben. Kommt der Junker in Not, springt das Pfäfflein heran, So vics versa – der Edelmann.« »Aber, mein Herr...!« »Nun?« »Ich möchte fast glauben – ich möchte fast annehmen, daß Sie...« »Was denn?« »Daß Sie der Verfasser...« »Ich?« »Ja.« »Stimmt.« »Dann allerdings – da muß ich leider bedauern...« »Gut – so ist uns beiden geholfen.« Wie von der Tarantel berührt, kapriolte der geistliche Herr in den äußersten Winkel der Postkutsche hinein, duckte sich da und begann wieder in wehmütigen Nasallauten das monotone Brevier gegen die beschlagenen Scheiben des Wagens zu beten. »Ratter...! – Ratter...!« Trotz des gefallenen Schnees stuckerten die Räder über das holperige Pflaster mit lautem Getön in die kleine niederrheinische Stadt ein. Rechts und links kamen Öllaternen in Sicht. Die Läden waren bereits geschlossen, die Blenden vorgelegt; nur hier und da ein spärliches Lämpchen, das nachdenklich sein kümmerliches Dasein am Docht fristete. Sonst war alles tot und still auf den vereinsamten Straßen. Mit einer scharfen Wende bogen wir auf den stattlichen Markt ein und hielten am Posthaus. Da lagen sie und träumten im Schnee, die guten, alten Bekannten: das Standbild des Reitergenerals Seydlitz, das Rathaus und die ehrwürdige Linde – und weiter zur Rechten die Wirtschaft von Dores Küppers mit erleuchteten Fenstern. Der Wagenschlag wurde aufgerissen. »'ne kalte Nacht,« sagte der Schaffner. »Sehr kalt.« »Wohin mit dem Gepäck, Herr?« Eine kurze Handbewegung verständigte ihn. »Wollen's besorgen. – Gute Nacht, Herr.« »Gute Nacht.« Ich griff in die Tasche und drückte ihm mit spitzen Fingern die Hand. »Danke.« Der geistliche Herr war verschwunden. »Für Pittje Pittjewitt ist's heute abend doch zu spät,« meditierte ich, »also stehenden Fußes zu Dores.« In diesem Augenblick hallte die neunte Abendstunde durch die Stille der Nacht hin. Als ich bald darauf das Gastzimmer von Dores Küppers betrat, schlug mir ein Pfeifenrauch, ein qualmiger Tabakshecht entgegen, so kompakt und auserwählt, daß man ihn mit einem scharfen Messer wie einen Limburger Käse hätte zerlegen können. Die Herren an den verschiedenen Stammtischen waren kaum zu erkennen. Die allmächtige Schirmlampe, die von der verräucherten Decke herabhing, hatte in diesem Dunst einen trüben Lichthof um sich gezogen, und der eiserne Kanonenofen, der in der Nähe des Schanktisches puffte und fauchte und glühe Partikelchen mit heiserem Knistern in den Aschenkasten versenkte, war nicht imstande, seine hochroten Backen richtig zur Geltung zu bringen. Bevor ich mich an das Qualmige und Nebelhafte des Wirtszimmers gewöhnt hatte, mochte eine geraume Spanne verflossen sein. Die Augen tränten mir. Ich stand ratlos, als plötzlich eine helle Stimme ertönte, die von einem rückwärts gelegenen Tisch herkam. »Kärrekiek!« »Kreuzkuckuck noch mal – wer rief da?« Und wieder derselbe Lockruf, aber lauter und mit hellem Gelächter gemischt: »Kärrekiek! – Kärrekiek!« – dem ein jubelndes »Tag, Jupp!« folgte. Ich war näher getreten, und richtig – da saßen sie, die lieben Kumpane aus verklungener Jugendzeit: Franz Dewers, der Dachdeckermeister, und Jan Höfkens, der Mühlenbesitzer vorm Kesseltor. Herr Jeses – war das eine Freude! »Darf ich 'ran hier?« »Das könntest Du,« sagte Jan Höfkens und rückte mir einen bequemen Ledersessel zurecht. »'ne Bouteille mit Rotspon!« ließ ich meine Stimme vernehmen. »Fein!« machte Franz Dewers und schnüffelte wieder wie in früheren Tagen. »Auch der Lateiner wäre hier,« fiel Jan Höfkens dazwischen. »Er täte bei seiner Mutter den heiligen Christ verleben. Er wollte nur das Wetter draußen besehn un käme gleich wieder.« »Auch der?!« rief ich freudig. »Angestoßen, Ihr alle sollt leben!« »Pröstchen ...!« Der Rote machte die Augen und die Herzen lebendig – als die Türe aufging und der lateinische Heinrich in seiner ganzen früheren Würde und Herrlichkeit das Zimmer betrat. Noch immer dasselbe Pathetische in seinem äußeren Menschen, noch immer die zu kurzen Hosen und lachsfarbigen, baumwollenen Strümpfe, noch immer derselbe wehleidige Augenniederschlag und das Unstete im Bewegen der Arme ... alles wie früher! – nur die giftigen, schweinfurtergrünen Plüschpantoffeln fehlten, und auch der innere Mensch hatte sich im Laufe der Jahre völlig gewandelt. Aus dem frömmelnden Jungen von damals war ein Mann geworden, der an einer der bedeutendsten Zeitungen des Westens eine führende Stellung innehatte und eine Feder handhabte, die, wenn sie ansetzte, alle Düsterer und Dunkelmänner in die äußersten Winkel verscheuchte. »Jupp wäre angekommen!« schrie ihm der sommersprossige Semmelfuchs Jan Höfkens entgegen. »Favete linguis!« sagte der lateinische Heinrich und machte dabei dieselbe unnachahmliche Handbewegung wie früher. Ich war nahe daran, und zwar infolge eines plötzlich aufgetretenen Lachkitzels, das soeben genossene Schlückchen Rotwein über die blankgescheuerte Platte des Tisches zu prusten, als der Lateiner gravitätisch auf mich zukam, die Arme breitete und in die salbungsvollen Worte ausbrach: »Habemus Josephum!« Da war's alle mit mir. Ich lag an der Brust des braven Gesellen, und die Tränen wollten mir kommen; dann klangen die Gläser zusammen. »Dein Roman ›Kärrekiek‹ soll leben, der uns alle verewigt!« sagte der lateinische Heinrich. »Bravo!« schnüffelte Franz. »Ich täte mich anschließen,« ergänzte Jan Höfkens, wobei er den Rotspon hinter die etwas verstäubte Müllerjacke hinabgoß. Wir setzten uns. »Also der Roman gefällt Euch?« fragte ich nach einiger Weile. »Gefällt uns!« kam es unisono zurück. »Und Ihr seid mit den Rollen zufrieden, die Euch in demselben zugeteilt wurden?« »Sind wir!« Franz Dewers und der lateinische Heinrich hatten gesprochen, während der Sommersprossige stocksteif ins Glas sah. »Na – und Du, lieber Johannes?« »Ich wäre es nich,« muffelte der Gefragte, wobei sein Gesicht ein patziges Aussehen bekam. »Nein – ich wäre es nich.« »Schweige, Johannes,« trumpfte der Lateiner auf und klappte die Augendeckel herab. »Du bist bereits an den Deponentien gescheitert, vom accusativus cum infinitivo gar nicht zu reden. Was versteht der Bulle vom Flageolettspiel? und darum: im Kreise gebildeter Männer Hast Du über derlei Fragen zu schweigen.« »Das könnte ich wohl, aber das täte ich nich,« eiferte Jan, »denn die Sache wäre mir zu schanierlich gewesen.« »Wie so denn, lieber Johannes?« fragte der lateinische Heinrich, indem er ihm die Hand salbungsvoll und mit einem tiefen Seufzer auf die Schulter legte. »Weil ich hierdurch Malör gehabt hätte,« erwiderte Jan, »denn als ich vors Jahr an Minken Umbach sagte, ob sie heiraten täte, da fragte sie: Ihnen? – un als ich denn nickte, da meinte sie mit so 'nem grieflichen Lachen: das wäre eine große Ehre for mir. – Ich könnte es Wohl, aber ich täte es nich... Un nu säße ich da.« Ein wieherndes Gelächter hallte in diesem Augenblick durch die Dores Küpperssche Gastwirtschaft. »Tristissime!« bedauerte der Lateiner, aber es wäre dennoch zu einem Bruch der Freundschaft gekommen, hätte sich der Sprecher nicht in allen nur möglichen heilsamen und einlenkenden Trostworten ergangen, wäre sein Mienenspiel nicht ein reelles gewesen und hätte er nicht, wobei er mit einer drastischen Pose auf den ahnungslosen Franz Dewers deutete, die denkwürdigen Worte zitiert: »Solamen miseris socios habuisse malorum!« Der Semmelfuchs sah ihn fragend und mit aufgerissenen Augen an. »Das könnte ich nich verstehen,« sagte er kleinlaut. »Weiß ich – und habe es schon immer gewußt, allein ich kann doch nicht dafür regreßpflichtig gemacht werden, daß Du, mein lieber Johannes, des Lateinischen unkundig bist?! Aber rücksichtlich des vorliegenden Falles und aus aufrichtiger Neigung zu Dir soll Dir die genügende Aufklärung werden.« Wiederum deutete er auf den braven Dachdeckermeister, dessen Nase sich schnüffelnd in das Burgunderrot des vor ihm stehenden Kelchglases versenkt hatte. Mit lauter Stimme und sich auf hohem Kothurn wähnend, begann er: »Allzeit tröstlich im Leben, tröstlich bei jeder Misere Ist es, einen Genossen, einen Bruder zu haben im Unglück; Darum, mein lieber Johannes, wende die Blicke auf diesen, Siehe Franz Dewers Dir an, der in derselben Affäre Gerade wie Du vor Zeit neben den Fettkump gegriffen Und das Bräutchen verpaßte, wie der eifrige Jäger das Rebhuhn, Als er im Eifer der Jagd vergaß die Hähne zu ziehen. Aber was fruchtet's? – Dahin ist dahin! – und darum, Ihr Freunde, Angestoßen, geklingt, es lebe der gute Johannes, Der nun mahlt das Korn zu Mehl auf malmender Mühle, Es lebe Franziskus, der, als trefflicher Dachdeckermeister, Schlupft aus dem Schlupfloch hervor, den schlüpfrigen Schiefer zu festen. Angestoßen; die beiden – sie leben, es lebe die Freundschaft!« Hei! – wie klangen die Gläser zusammen, und als eine zweite Flasche Langkork bestellt war, und wieder das tiefe Rot in den Kelchen stand, erhob sich der Lateiner noch einmal, warf einen vielsagenden Blick auf mich und meinte: »Jetzt zu Dir, mein Jupp, in Apoll uns ein werter Genosse. – Aber nicht, wie beim Volk der edlen Phäaken es üblich, Will ich Dich fragen, nicht wie das übliche Verslein es vorschreibt: Quis? Quid? Ubi? Quibus auxilis? Cur? Quomodo? Quando? – Fragen will ich Dich nur, warum bei fast schlafender Nachtzeit, Schneegestöber und Celsius minus dreizehn der Grade Du die Reise gemacht zu Deinen Jugendpenaten? Jetzt, wo die Spatzen im Nord erfroren fallen vom Giebel, Wo im Kanonenofen verpufft die schwärzliche Kohle, Und die Kälte im Zahn die bohrenden Geisterlein aufweckt. Ziemt es sich nicht landfahrend zu sein – ein schweifender Sänger. Dieses erwägend und staunend ob Deiner Hierherkunft Sei mir die Frage vergönnt, warum Du vom trefflichen Eh'weib, So da behaglich daheim das trauliche Nestlein behütet, Abschied genommen – kurzum: was ist der Zweck Deiner Reise? Siehe, ich stehe allhier – und wisse, ein Freund harrt auf Antwort, Also – ich habe gesprochen mit Nachdruck und setze mich wieder Auf den Dores Küppersschen Sessel und bringe Dein Wohl aus. Prosit, alter Geselle – sollst leben und alle die Deinen!« Triumphierend sah sich der Lateiner um, als er diese Epopöe von sich gegeben. »Bravo!« schrie Franz Dewers, und der Kerl hätte beinahe wie in früheren Tagen einen regulären Purzelbaum vor lauter Freude geschlagen; allein er bezwang sich, trommelte auf den Tisch und meinte: »Ne, die Poesie – die Poesie! – Wenn das noch meine Großmutter erlebt hätte, wenn das noch meine alte Großmutter erlebt hätte!« »Das könnte ich auch,« sagte Jan Höfkens, »aber das täte ich nich,« und diese Auslassung hatte sicherlich einen Sturm der Entrüstung bei dem vorherigen Sprecher gezeitigt, wäre sie nicht in dem lauten Gläserklingen untergegangen, an dem sich auch der biedere Gastwirt Dores Küppers in mannhafter Weise beteiligte. »Na, denn also?« fragte mich der lateinische Heinrich, als das Klingen verhallte, und die Gläser wieder auf dem Tisch paradierten; dann sah er mich an. »Je, was soll ich sagen,« entgegnete ich nach einiger Weile. »Pittje hat mich gerufen.« »Wer?« riefen alle. »Pittje Pittjewitt.« »D–e–r?« erstaunte sich der doktorliche Zeitungsschreiber, wobei er das Wort wie ein Gummistrumpfband in die Länge dehnte, als sollte es um die stramme Wade einer handfesten Köchin gelegt werden. » Circumstantiae variant res! – Na, ja – das ist denn doch auch eine andere Sache. – Aber warum denn?« »Ja, wenn ich das wüßte, nur ahnte! – Auch die leiseste Andeutung fehlt mir, und wie ich auch gesucht und gegrübelt habe auf meiner Reise nach hier – ich tappe im Blauen herum und weiß nur, daß eine gewisse Kathje Peerenboom tot ist.« »Peerenboom?! – Kathje Peerenboom?! – Kenne ich nicht,« versetzte der lateinische Heinrich. »Mit einem Bruder von ihr«, erzählte ich weiter, »bin ich soeben im Postwagen angekommen. Er scheint ein geistliches Amt hier in der Nähe innezuhaben.« »Stimmt,« mischte sich jetzt Dores Küppers dazwischen, dessen stattliche Nase im Laufe der Jahre etwas Karfunkelsteinartiges angenommen hatte. »Stimmt; Nikodem Peerenboom ist der Bruder von Kathje, war früher Kaplan in Marienbaum und bekleidet jetzt das Amt eines Pfarrers in Bedburg.« »So, so!« machte der lateinische Heinrich. »Und Kathje?« fragte ich weiter. »Kam vor einigen Wochen hier an,« erläuterte Dores Küppers, »nachdem sie fast seit Menschengedenken heimlich auf und davon ging. Ich habe sie noch als junges Ding gekannt. Die verkörperte Schönheit: haselnußbraun, schwank wie 'ne Weidengerte und dabei drall und prall wie 'n Pfirsich, der soeben frisch vom Spalier kommt. Na, und das Mündchen ...! – Nicht größer wie 'ne Gartenmorelle.« Dores war ein Kenner weiblicher Reize, und wenn er sie schilderte, dann spitzte er jedesmal seine Lippen sehnsüchtig unter dem Nasenmeteor, brachte Daumen und Zeigefinger in leise Berührung und spreizte die übrigen Finger selbstgefällig nach oben. So tat er auch jetzt. Dann setzte er ein tiefbekümmertes Gesicht auf, strich sich über die eingeschmalzte Perücke und klagte: »Nun ist alles dahin, meine Herren! – Tot – gestorben im Hospital – wird morgen begraben. Das Leben – das Leben ...!« Mit einem kräftigen Schluck Rotwein suchte er den aufsteigenden Schmerz in die gehörigen Schranken zu weisen. »Und dazu wirst Du herberufen?« wandte sich der Lateiner an mich. »Das ist ja eine ganz mysteriöse Geschichte!« »Un was hätte Herr Pittje mit der Sache zu tun?« wagte nun seinerseits Jan Höfkens schüchtern einzuwerfen. Dores zuckte die Achseln. »Man weiß nichts Bestimmtes. Es ist alles so verworren und seltsam. Hier wird geredet, da wird geredet, man munkelt und tut so – aber alles ist dunkel geblieben, und mit der Zeit ist dann so 'ne faustdicke Grasnarbe über die ganze Geschichte gewachsen. Kurz, man weiß nichts Gewisses und erinnert sich nur, daß die beiden einmal versprochen gewesen, daß er mit einem fremden Maler aneinander geraten ... und dann« – und wieder fuhr Dores mit der Hand über die eingeschmalzte Perücke – »man will doch Herrn Pittje Pittjewitt nicht zu nahe treten. Der Mann ist reell, hat seine Verdienste, opfert sich auf für das Wohl der Gemeinde, gibt mit der Rechten, wovon die Linke nichts weiß – und dann überhaupt: man soll ruhen lassen, was scheinbar nicht an die Öffentlichkeit will, und schließlich ist vielleicht auch kaum des Nennenswerten an der ganzen Affäre.« »Meine ich nicht,« orakelte der lateinische Heinrich mit geheimnisvollem Augenzwinkern. »Etwas Mysteriöses läuft mit unter, ist mit der ganzen Sache verflochten, bleibt ein integrierender Faktor derselben und, mag Dores Küppers tun wie er will, ich lasse mir meine Meinung nicht fortdisputieren. Etwas Mysteriöses liegt vor. Ein magnetischer, körperlicher oder seelischer Rapport zwischen Pittje und der nunmehr verewigten Kathie Peerenboom dürfte nach allen Normen des menschlichen Denkens und Fühlens noch bis vor kurzem als bestehend zu erachten sein; denn warum sonst die plötzliche Ankunft der geheimnisvollen Person, ihr baldiges Ableben, das kurze, aber vielsagende Telegramm, der geistliche Herr in der Postkutsche, das kometenartige Auftreten Jupps – alles Dinge und Begebenheiten, die zu denken geben und wahrscheinlich mit unsichtbaren Fühlern und Drähten längst vergangene Zeiten berühren.« »Ich täte dasselbe glauben,« sagte Jan Höfkens. »Danke,« lächelte der lateinische Heinrich und seine Blicke huschten spöttisch über das todgute und ernste Gesicht seines Freundes. »Aber wie dem auch sei: post nubila Phoebus! Über kurz oder lang werden die Schleier gelüftet, denn Jupp ist hier in einer, wenn auch von ihm noch nicht gekannten Mission – und deshalb, wenn alle sonstigen Zeichen nicht irreführen und trügen, dürften demnächst Aufklärungen von höchst einschneidender Natur erfolgen, die uns das Bild und das Seelenleben unseres verehrten Herrn Pittjewitt in einer neuen, intensiveren Beleuchtung näherrücken. Aus diesem Grunde« – und mit einer gewissen Feier und Förmlichkeit äugelte er nach dem Rotspon, ergriff das Glas und sagte: »Ja – aus diesem Grunde, des edlen Pittjes gedenkend, Wende ich mich zuerst an Dich, mein lieber Johannes, Der Du das sommersprossige Antlitz mitsamt Deinem Flachshaar Durch die Jahre hindurch mit stoischem Gleichmut getragen, Stoischen Gleichmuts bis jetzt mit jedem Fremdwort im Kriege lagst, Wende ich mich an Dich, Franz Dewers, der Du, wie einstmals Ikarus es getan, hoch zwischen Erde und Himmel Schwebst in steter Gefahr, mit Schiefer den Turmhelm zu kleiden, Wende ich mich an Dich, Herr Küppers, trefflicher Schankwirt – Ha! – wie soll ich Dich nennen, wie Dich bezeichnen anjetzo?! – Stille, ich hab's: Du kommst mir vor wie der göttliche Sauhirt! – Wende mich daher an Dich, Du göttlicher Sauhirt Enmäos, Der Du uns gelabt mit köstlichem Naß aus der Flasche, Wie Eumäos es tat dem großen Dulder Odysseus, Der viel Meere durchschifft und erst nach länglicher Irrfahrt Springen könnt' in das Bett, wo Penelope seiner harrte, Wende mich jetzo an Dich, poeta , der leider so oft Du Wurdest geschmäht und gehetzt vom Frankfurter Schreiber Thersites, Wende mich schließlich an mich und gebe den nötigen Ruck mir: An die Gewehre, die Gläser gefaßt, und – Pittje soll leben! Hoch, und abermals hoch und abermals – Pittje soll leben!« Der Lateiner hatte rührend gesprochen – aber wie klappte der fünfstimmige Tusch auch! – Wie aus der Pistole geschossen klang das »Hoch!« durch die Stube, und der Kanonenofen puffte und knallte dazu, als gelte es, Salut auf Königs Geburtstag zu bollern. Jetzt aber war's alle mit Franz Dewers. Die Freude und Begeisterung brachten ihn um. Er mußte sich Luft machen, und trotz der noch anwesenden Stammgäste schlug der Kerl fünf tadellose Purzelbäume wie in seinen besten Jugendjahren hintereinander, bei welchem Bravourstück sein allmächtiger Hosenboden kapriolte und schwappte, als hätten in demselben zwei stattliche Hasen, Rammler und Häsin, Frühlingsgefühle bekommen. »Jetzo genug,« sagte der Lateiner und verfiel wieder in seine klangvolle Hexameterwut: »Jetzo genug! – Schon mahnt vom Turm die brummende Glocke Dumpfen Schlages, für uns die Mitternachtsstunde zu künden. Jetzo zu Bett und vertrauet Euch alle Morpheus' Umarmung, Daß nicht bei lautem Lärm und Gezech und uns allen zur Unehr' Noch die dämmernde Eos mit Rosenfingern emporsteigt. Morgen ist auch ein Tag. – Gute Nacht – und schlafet in Frieden!« »Gute Nacht – gute Nacht!« klang es ihm von allen Seiten entgegen. Dann trennten wir uns. Alsbald war es still, mäuschenstill, in der Dores Küppersschen Wirtschaft. Nur ab und zu tutete das Nachtwächterhorn wie aus weiter Ferne in meine Traumwelt hinein; nur ab und zu ein Rascheln hinter den vergilbten Tapeten, ein Trippeln und Piepsen – aber es störte nicht weiter: ich träumte von Pittje Pittjewitt und Kathje Peerenboom. Ich schlief bis weit in den frostigen, klingenden Wintermorgen hinein. Als ich aufwachte, knisterten bereits die Buchenscheite im Ofen; die Eisblumen, die wie Brabanter Klöppelwerk an den Scheiben hafteten, begannen infolgedessen aufzutauen und sanft zu zerfließen, und als ich beim Ankleiden hinaussah, da lachte so ein recht behaglicher, kalter, sonniger Wintermorgen über Marktplatz und Giebeldächer, die alle weiße Nachtmützen trugen und mit einem fast großväterlichen Wohlwollen auf das kleinstädtische Leben herabsahen, das aus einigen schnellfüßigen Bäckerjungen, der Zeitungsfrau und etlichen Spatzen bestand, von denen die letzteren nicht müde wurden, sich um ein Roßäpfelhäuflein zu balgen, das sich lediglich als ein Überbleibsel des gestern abend angekommenen Postzuges ausweisen konnte. Das war zurzeit das einzige Leben im Zwing und Bann des weltvergessenen niederrheinischen Winkels. In den Schaufenstern des gegenüberliegenden Bäckerladens paradierten großmächtige Spekulatiusmänner, Kalkarer Janhagel und Aachener Printen, die, mit Fichtenzweigen besteckt, an die nicht mehr ferne Zeit der heiligen Weihnacht gemahnten. Wie oft hatte ich als Junge mit meinen Kumpanen vor diesem Laden gestanden, hatte nach den Mandeln und Kardamomen die Finger geschleckt und mich dabei umschauern lassen von dem Zauber der kommenden Tage, der ahnungsvoll heraufdämmerte und von dem süß geheimnisvollen Zirpen der Heimchen, von dem harzig duftenden Wunderbäumchen mit den brennenden Lichtern und dem stillen Walten der heiligen drei Könige aus Mohrenland erzählte. – Auch heute beschlich mich dieses Gefühl, auch jetzt kehrte mir die Jugendzeit lebhaft zurück, auch heute mußte ich an Vater und Mutter denken, die nicht mehr sind, an die kleine Schwester, die da draußen auf dem Friedhof der kleinen Stadt begraben liegt und an so viele, die den Weihnachtsbaum umstanden hatten in den Tagen der Kindheit. Es war spät am Morgen geworden, und die dämmernde Eos, von der der lateinische Heinrich gestern abend so schön gesagt und gesungen, winkte schon längst mit ihren Rosenfingern vom Himmel, als ich nach einem mit Dores Küppers gemeinschaftlich eingenommenen Frühstück auf den Marktplatz hinaustrat, um mich von hier aus auf den Weg zu Pittje zu machen. Na – ich ging denn, begrüßte im Weitergehen die alte, überzuckerte Linde und das Standbild des Generals Seydlitz, dessen aufgekrempter Reiterhut sich über Nacht mit den feinsten Dunenfedern geschmückt hatte – und wie ich so ging und mich schon in Gedanken auf das Wiedersehen mit Pittje freute, da begann plötzlich in langen und dumpfen Schlägen die Totenglocke zu läuten. »Sollte Kathje Peerenboom etwa schon jetzt...« Ich vermochte den Gedanken nicht weiter auszuspinnen, denn fast gleichzeitig mit dem Auftauchen desselben bewegte sich ein kleiner Trauerzug um die Rathausecke dem Markt zu. Er kam von der Grabenstraße, auf der das Hospital der barmherzigen Schwestern gelegen. Das dumpfe Glockengeläut mit ihren scharfen Responsorien übertönend, schritten Kaplan, Küster, Meßjungen und Kreuzträger dem schlichten, mit blinkenden Zinnornamenten verzierten Sarge voraus, der, von sechs etwas fragwürdigen, aber ganz in Schwarz gekleideten Männern getragen, hoch über die blendendweiße Schneedecke heranschwankte. Unter dem üblichen monotonen Gesang kam der Zug näher und näher. Einige Leute, Männer und Frauen, traten neugierig aus den Häusern, um den sehr einfachen Trauerpomp auf sich wirken und vorüberziehen zu lassen. »Oremus...!« Jetzt wurde die große Linde passiert, und der Zug schickte sich an, mehr nach links einzubiegen, als ich des ersten Leidtragenden ansichtig wurde. Es war der geistliche Herr von gestern abend im Postwagen. Keine Bewegung zeigte sich in seinem Gesicht. Es war ruhig und kalt wie Buttermilch, die auf einer Schale mit Eis steht. Hinter ihm folgte die lange Kanders, die Lichtjungfer, im schwarzen Kleid von Merinowolle; sie kam mit einigen Frauen und Männern, deren Namen mir im Laufe der Zeit entfallen waren, und dann – ganz zuletzt, ganz allein und mit gesenktem Kopf: Pittje Pittjewitt. »Pittje, mein Pittje...!« Ich hätte aufschreien mögen. Vornübergebeugt, im braunen Gehrock, den sich zuckerhutartig verjüngenden Zylinder mit einem großen Trauerflor umwunden, den Rotbaumwollenen unterm linken Arm tragend und die beiden Hände gefaltet, so schritt Pittje ganz zuletzt im Leichengefolge und schien die Schneestapfen zu zählen, die vor ihm auftauchten. Jetzt wandte er sich. Gott! – wie hatte sich der Mann im Laufe eines Jahres geändert. Er war kleiner geworden, in sich zusammengeschrumpft, verhutzelt, verkümmert – und dennoch: das waren die lieben Züge, dieselben wasserhellen und gutmütigen Augen wie früher. »Pittje...!« Ich hatte leise gerufen; dann war ich an seine Seite getreten. Schweigend drückte ich ihm die Hand, und wir gingen selbander schweigend zum nahegelegenen Kirchhof. Und sie trugen Kathie Peerenboom zur letzten Ruhe... Die Gatter standen geöffnet. Nicht weit vom Kalvarienberge gähnte uns im Schnee eine frisch aufgeworfene Grube entgegen. Also hier... Die religiösen Zeremonien waren bald erledigt. » Tu es pulvis ad pulverem reverteris « ...!« Ein kurzes Gebet, ein kurzes Besprengen mit dem Weihbronnwedel – und der geistliche Herr, dessen frostiges Gesicht wie abgekühlte Buttermilch aussah, warf etliche Schaufeln hartgefrorener Erde in die Grube hinein, daß der Sargdeckel laut aufpolterte. Dann gab er die Schaufel zurück und verließ ruhig den Friedhof. Der Kaplan, der Küster, die beiden Meßjungen und die lange Kanders, die im Hospital die Ärmste sorglich aufgebahrt hatte, folgten mit den übrigen Leuten. Kurz vor dem Ausgang gerieten aber die beiden Schlingel von Meßjungen, von denen der eine das Räuchergefäß, der andere den Weihwasserkessel mit Wedel zu tragen hatte, in Streit. Sie blieben hinter dem Küster und der langen Kanders zurück, zankten sich, pufften und knufften, bis schließlich dem einen die Geduld riß, und er seinem Mitkomparenten den eisigkalten, halbgefrorenen Weihwasserquast rechts und links um die Ohren knallte. Ein kurzes Geheul...! – da drehte der Küster Tenback das aufgedunsene und glattrasierte Gesicht auf den Schultern herum, und sein scharf ausgestoßenes »Pscht!« stellte die Ruhe wieder her und ließ auch die subtilste Klage des mit dem Weihwasserquast Bearbeiteten jählings verstummen. Jetzt war es wirklich still auf dem Kirchhof geworden – totenstill. Das zeitweilige Schollern der abwärts geworfenen Erdklumpen, die allmählich die Grube ausfüllten, störte keineswegs die friedliche Stille; im Gegenteil, es machte sie größer und fühlbarer – und wir beide, Pittje Pittjewitt und ich, inmitten derselben, umgeben von verwitterten Steinen und überragt von dem hölzernen Kruzifixus, der auf dem Kalvarienberg emporstieg und sich in seiner kreidigen Tünche scharf umrissen von dem stahlblauen Himmel abhob. Mir war es so, als zitterte ein verhaltenes »De profundis clamavi ad te, Domine!« über die verschneiten Gräber und verfallenen gußeisernen und hölzernen Kreuze. Auch Pittje schien dasselbe zu fühlen; er sah über die schwarze Grube in das weite Schneefeld hinaus, und seine Blicke wurden starrer und starrer. In den gespenstischen Augen war die große Verzweiflung, die Leidensgeschichte aus alten Tagen zu lesen, die ihm das Herz brach. So stand er lange. Den Zylinder, dessen Rand er mit beiden Händen umkrampfte, hielt er gegen die Brust gepreßt, genau so, wie er es gleich beim Beginn der Zeremonien getan hatte. Das spärliche Haar wurde über die Stirn geweht. Er vergaß Wind und Kälte bei seinen Gedanken. Auf geheimnisvoller Brücke schien er von der Gegenwart in das fernliegende Reich der Vergangenheit zu pilgern. Ich ließ ihn gewähren und zählte mechanisch die gefrorenen Erdschollen, die immer noch mit dumpfem Geräusch in das Grab hinabrollten. Stetig füllte sich die Grube, wo Kathje Peerenboom ruhte. Jetzt wandte sich Pittje. Er bewegte die Lippen, aber die Stimme versagte ihm; ein herzzerreißendes Lächeln legte sich um seine gefältelten Mundwinkel. Er nahm meine Hand, ging einige Schritt mit mir zurück und weinte bitterlich. »Komm, Pittje.« Er folgte willenlos und drückte sich den altmodischen Zylinder über die grauen und verwehten Haare. »Ich danke Dir,« sagte er mit verschleierter Stimme. Es waren die ersten Worte, die seit unserem heutigen Begegnen von seinen Lippen kamen. Gleich darauf verließen wir schweigend den Kirchhof. Als wir das Schneefeld hinter uns hatten und den großen Marktplatz passierten, blieb Pittje stehen und sah mich mit großen Blicken an. »Du,« sagte er in stockender Weise, »jetzt noch nicht – es ist mir alles so schwer angekommen – ich weiß nicht, wie mir ist – ich muß erst Ruhe haben nach dieser Stunde. Aber, wenn es Dir recht ist: Schlag Klock fünf in meinem Hause, dann...« und seine Stimme ging in ein verhaltenes Schluchzen über, »ich habe Dir vieles zu sagen.« »Gerne, Pittje.« Wir trennten uns. Schlurfend und müde arbeitete sich das betrübte Männchen durch das flaumige Schneetuch und trieb der Kesselstraße entgegen. Bei einer scharfen Biegung verschwand er. – – – Der Laternenmann ging schon von Straße zu Straße, um die Rüböllampen, die sich in großen Glaskästen befanden, zu putzen und anzuzünden, als ich bei Pittje Pittjewitt vorsprach. Eine brennende Laterne hing gerade über der niedrigen Tür. In dem Flackerlicht derselben konnte ich auch die Inschrift des Metallschildchens entziffern, das unterhalb des Klingelzuges mit einigen Messingnägeln angebracht war. Richtig – da stand es noch immer: Peter Pittjewitt, Barbier, Leichenbitter und Schweinestecher. Ich trat über den geplatteten Flur in das wohlbekannte Zimmer, woselbst die große Standuhr mit dem grell kolorierten Zifferblatt allein das Wort führte. In behaglicher, fast selbstgefälliger Eigenart ging der Pendel auf und nieder und plauderte mit sich selber im Uhrgehäuse. Eine behagliche Stubenwärme kam mir entgegen. Tabakskasten, etliche Tonpfeifen und Streichhölzer standen inmitten des blankgescheuerten Tisches, während Pittje selber in einer warmen Flanelljacke seitwärts desselben saß und blaue Wölkchen gegen die Zimmerdecke emporblies. Eine weiße Zipfelmütze hatte Pittje gegen seine sonstige Gewohnheit tief über die Ohren gezogen. Zwei Wachslichter, die in blanken Leuchtern bei dem Tabakskasten standen, warfen die Silhouette des zusammengekauerten Mannes in starker Vergrößerung auf die gegenüberliegende Wand. Schattenhaft krochen an derselben auch die Klingel empor, die in abgemessenen Pausen der Tonpfeife entstiegen und an der niedrigen Balkenlage verschwanden. »Schön, schön, schön, daß Du kommst,« sagte Pittje, und seine Augen maßen mich ruhig von Kopf bis zu Füßen; dann streckte er mir seine verschrumpfelten Hände entgegen. »Aber, Pittje,« verwunderte ich mich, »wo ist denn das schöne Troddelkäppchen geblieben, das sonst ...« Eine schwache Handbewegung des vor mir sitzenden Mannes ließ mich verstummen. »Es geht nicht mehr,« sagte er kleinlaut, »und das ist schlimm bei der Sache. – Früher?! – ja – aber jetzt?! – Seit einigen Wochen fröstelt mich immer. Weißt Du, seitdem das mit Kathje passiert ist, seitdem sie zurückgekommen und ich sie wiedergesehn ... und wie sie dann sterben mußte ... Herr Jeses noch mal ...!« Mit einem tiefen Seufzer fuhr der gebrochene Mann von seinem Binsenstuhl auf. »Weißt Du, das ist soviel wie in 'ne alte Kerbe eines Baumes gehauen, die nachgerade so leidlich vernarbt war. Frische Schläge werfen den Stamm um – und das ist bei mir geschehen. Das lebt und grünt noch ein bißchen, das zehrt so beiwege noch vom eignen Saft und Bast, und dann ist's alle mit einmal.« »Aber um Gottes willen – Pittje, so erkläre mir doch!« »Erklären?! – Ja, wie soll ich das alles erklären!« Mit einem dumpfen Laut sank er auf den Sessel zurück. »Bitte, bediene Dich.« Hüstelnd schob er mir eine Tonpfeife und den gemaserten Kasten mit Krülltabak zu. »Das gehört sich so. Blase man forsch den Rauch gegen die Decke; ich für meinen Teil werde wohl bald die letzte Pfeife ...« »Aber Pittje, wer denkt denn an so was!« »Die letzte Pfeife, mein Junge! – Die vergangenen Wochen haben mich zusammengerissen, denn sieh' mal, mein Junge, ich bin nicht nur Leichenbitter, Barbier und Schweinestecher gewesen.« »Das weiß ich Pittje.« »Auch etwas anderes als das Alltägliche hat hier unter der Jacke gesessen: der Sinn für alles Gute und Schöne, und wenn mir auch der ›Leichenbitter‹ von Kirchenrats wegen vor Jahren gestrichen wurde, weil ich mich mit den Ultramarinen nicht abfinden konnte und gegen ihre Machenschaften energisch opponierte – Gottdomie noch mal! – und wenn sie auch in jedes Haus und alle Welt getutet haben, ich sei ein liberales Karnickel gewesen – für eine Zichorienkaffeeseele war hier nicht Platz, und ein ordentlicher Kerl bin ich immer geblieben im Leben.« »Pittje, das weiß ich.« Eine Pause entstand. Mit einer Energie, die ich ihm nicht mehr zugetraut hatte, blies das erregte Männchen etliche Kringel nach oben; dann fuhr er mit dem Kopf herum, daß sich der Quast seiner Zipfelmütze trotzig bewegte. »Gottdomie noch mal! – und der bin ich immer geblieben. – Aber Du glaubst wohl, hier dieses Gesicht, das nun aussieht, als wäre die Lichtjungfer mit ihrer kalten Hand darüber gefahren, hätte sonst immer quietschvergnügt zwischen den Vatermördern gesessen. Ja – Du kennst es nicht besser, aber das ist früher mal anders gewesen – anders gewesen – anders gewesen!« Mit einer gellen und höhnischen Betonung hatte Pittje Pittjewitt die letzten Worte gesprochen und heftig die Pfeife beiseite gelegt. Mit beiden Händen fuhr er sich über das glattrasierte Gesicht. »Nein, mein Junge, das kennst Du nicht, das weißt Du nicht, das ist früher mal ganz anders gewesen! Tränen gab's hier, bittere Tränen, und der Schmerz drückte die Faust drauf, daß ich hätte vergehen mögen vor Elend. – Und das ist anno 57 gewesen! – Und hier« – verbittert schlug er mit der geballten Hand auf die Herzgrube – »und hier hat der Sturm gewühlt und geblasen und mir meine besten Hoffnungen zerkloppt und zu Boden geschlagen. – Und das ist auch anno 57 gewesen! – Aber untergekriegt hat er mich nicht. – Weißt Du, was so 'n richtiger Baum ist und keine Kerbfäule hat, der purzelt nicht beim ersten Sturm und beim ersten Axthieb so ›Mirnichtsdirnichts‹ zu Boden. – Die Kerbe saß; aber ich habe mich aufgerappelt, habe das zertöpperte Geschirr fortgeschmissen und mir durch Arbeit neues erworben. Es ging schwer, aber es ging doch. – Die Freude am Leben kam wieder, das Barbiergeschäft machte sich, die Schweinestecherei brachte das übrige ein, ich prestierte was in der Stadt, und so bin ich trotz der gehauenen Kerbe glücklich geworden.« Pittje atmete tief auf und erhob sich. Langsam schlurfte er auf mich zu, legte beide Hände auf meine Schultern und sagte mit tränenerstickter Stimme: »Ja, zufrieden und glücklich, mein Junge, und der da« – mit einer pathetischen Geste wies er auf das grünangestrichene Glasspind, in welchem neben Porzellantassen und einer vergoldeten Kaffeekanne der ehrwürdige Zylinder sein beschauliches Dasein fristete – »und der da hat es gesehen bei Kirmes und sonstiger Gelegenheit, was ich noch für ein lustiger Kerl geworden bin im Leben – und wär's auch geblieben, wenn sie nicht zurückgekommen wäre, um hier zu sterben und begraben zu werden.« Erschüttert senkte Pittje den Kopf. Der ganze Mensch zitterte. »Und das ist das Unglück gewesen,« ergänzte er tonlos. – »Aufs neue wurde in die so halber geheilte Kerbe gehauen – und an so was geht so 'n alter Baum, wie ich bin, zugrunde, denn so was kuriert sich nicht wieder. Nun ist die alte Geschichte wieder frisch geworden, und nu sagen sie wieder, nu sagen sie wieder ...« Pittje hielt plötzlich inne und schlug die Hände zusammen; dann rang er sie und griff an die Schläfen. »Herr Jeses noch mal! – nu sagen sie wieder ...« »Pittje, was ist denn, was sagen die Leute?!« Er schüttelte leise den Kopf. »Menschenschicksal, mein Junge. Erzählen läßt sich das nicht, läßt sich das nicht – es wird mir zu schwer, aber lesen sollst Du die ganze Geschichte. – Warte man, ich komme gleich wieder.« Mit zitternder Hand nahm er eine der Kerzen und wankte der Tür zu, die in das Schlafzimmer führte. Grotesk bewegte sich dabei sein gigantischer Schatten mit der wackelnden Zipfelmütze die weißgekalkten Wände entlang, um in der Nebenkammer zusammenzuschrumpfen. Jetzt war Pittje nebst seinem Schatten verschwunden. Eine kurze Spanne verging – da kamen sie wieder. Pittje legte ein dickleibiges Manuskript auf den Tisch, knöchelte mit der Linken darauf und meinte mit umflorter Stimme: »Ein Menschenschicksal! – Ich hab's selber, so gut und schlecht wie ich's konnte, zu Papier gebracht, um mir das Leid vom Herzen zu schreiben. Alles steht drin: von ihr und mir und dem anderen – alles.« Schwerfällig und abgespannt warf er sich auf den Sessel zurück und legte die Hände wie in Ergebung zusammen. Seine Blicke richteten sich gegen die mit weißem Flußsand bestreuten Dielen, als wollte er die einzelnen Partikelchen zählen, die mehr oder weniger im Kerzenlicht aufflimmerten. Ich hatte inzwischen die gehefteten Bogen ergriffen. Vergilbte Blätter – krause Schriftzüge – krause Gedanken ...! – Ab und zu ein vertrockneter Grashalm – ein zusammengeschrumpfeltes Heckenröschen – eine Roggenähre, aus der die Körner gefallen – dann eine Schleife – ein Hobelspänchen – ein verwaschenes Band ... und dazwischen: kurze Erläuterungen – Ausrufe – schallendes Gelächter – Weh und Freud und Leid – ungelenke Schilderungen, naiv, aber packend und ein Menschenschicksal offenbarend, das bewegen und ans Herz greifen mußte. Ich blätterte lange – dann schlug ich die letzte Seite auf und las mit inniger Rührung: »Dieses habe ich nach bestem Wissen und Gewissen für etwaige Fälle und zur Rechtfertigung meiner selbst eigenhändig niedergeschrieben. Ich mußte mich beeilen, denn ich fühle, daß die lange Kanders mit ihrem Gänsehals bald kommen wird, mir das letzte Hemd über die Ohren zu ziehen. Heute hat die Komödie so ziemlich ihr Ende erreicht. Bald kann denn auch die Gardine herunter. Daß alles so stimmt wie es dasteht, daß nichts ausgelassen wurde, was zur Verteidigung anderer wesentlich gewesen, und daß ich allen vergebe, die mir weh getan haben im Leben – das bezeuge ich am heutigen Tage, Mittwoch vor Heiligabend im Jahre nach der Geburt des Herrn neunzehnhundertundzwei. Peter Pittjewitt. Notabene von wegen meines schwerkarätigen Siegelringes, den ich nur an Sonn- und Feiertagen, bei meiner Verlobung und auf Kirmes getragen. Meine letztwillige Verfügung über diesen Ring, den ich von meiner seligen Mutter erbte, ist die, daß derselbe ...« Ich hielt plötzlich mit Lesen inne. »Aber Pittje ...!« »Der ist für Dich,« sagte Pittje ohne aufzublicken. »Ich habe mir das so ausgedacht – es beruhigt und ist so 'ne Herzenssache für mich.« Ohne auf meine Gegeneinwendungen auch nur im geringsten zu achten, brachte er seine Tonpfeife am Kerzenlicht wieder in Brand, stieß scharfumrandete Kringel zwischen den zugespitzten Lippen hervor und knurrte beständig zwischen dem Paffen: »Abgemacht, bleibt so! – Abgemacht, bleibt so!« Allmählich verlor sich sein Knurren und Paffen. Er schlug einen wehmütigen Ton an und meinte: »Und dann noch so 'ne zweite Herzenssache für mich! – Sieh mal, diese Blätter und das, was darin steht – das will 'raus, das will an die Luft. Wie wär's nun, wenn Du ... Na, Du verstehst mich. – Wenn das hinaus ginge in alle Welt, wenn das alle lesen würden, die für mich sind und die gegen mich sind – es käme ein anderer Dreh in die ganze Geschichte, es wäre 'ne kapitale Rechtfertigung für mich, denn viele meinen, ich sei schuld an der ganzen Sache gewesen, hätte sie sitzen lassen, und so wäre sie jammervoll hinausgezogen ins Elend. Aber das stimmt nicht. Nur ihretwegen haben Wilm Henseler, Sally Süßkind und ich geschwiegen. Nun, da sie tot ist ... Ach, was! – so wie ich das hier niedergeschrieben, so ist das richtig und so ist das immer richtig gewesen. Und darum ...« Pittje beugte sich vor und ergriff meine Hände. »Und darum ... ich hätte so gerne ... ich möchte ... das wäre so 'ne Herzenssache für mich. Willst Du – so sag's man.« Die Tränen wollten mir kommen. »Ja, Pittje – ich will, ich will!« und zur Bekräftigung des Gesagten legte ich meine Hand auf die beschriebenen Blätter. »Ich danke Dir, Jupp.« Mit einem fast heiteren Lächeln fiel er in den Binsensessel zurück und blies ruhig aufsteigende Wölkchen zur Decke. Die beiden Kerzen brannten tiefer und tiefer. Draußen ging der Abend auf geräuschlosen Sohlen über die weiße Schneedecke und entfachte tausend und abertausend lichte Funken am Himmel. Kein Geräusch drang von der Straße ins Zimmer. Nichts regte sich in der behaglichen Stube. Nur der Perpendikel plauderte auf seine Weise im Uhrgehäuse, tickte und tackte und ruckte nur merklich, wenn das Schlagwerk mit heiserer und etwas schnarrender Stimme ansetzte, um die ganzen, halben und viertel Stunden durch die kleine Behausung zu rufen. Jetzt ruckte es wieder, dann das umschleierte, heisere Vorspiel – und dann ... Pittje Pittjewitt zählte: »Eins – zwei – drei – vier – fünf – sechs. – Sechs Uhr. – Jetzt kommt er.« »Was heißt das?« fragte ich kleinlaut. »Schlag Klock sechs kommt er immer, um mir so 'n bißchen Gesellschaft zu leisten,« hüstelte Pittje und sah nach der Tür. Unwillkürlich drehte auch ich mich auf meinem Stuhl herum und harrte der Dinge, die da kommen sollten. »Jetzt!« sagte Pittje. Fast gleichzeitig ließen sich draußen Schritte vernehmen, denen ein Geklapper von Holzschuhen folgte. »So tut der immer,« lächelte Pittje. »Draußen zieht er die Holzschuhe aus, stellt sie seitwärts der Tür und kommt dann auf seinen Ledersocken ins Zimmer. Es ist so 'ne Gewohnheit von ihm,« fügte er schmunzelnd hinzu, »denn seine Schwester Jüllecke, die ihm den Haushalt führt, hat ihm das eingeremst; sie kann keine Klumpen in der guten Stube vertragen. – Herein!« Und richtig, so war es. – Langsam, geräuschlos drehte sich die Tür in den Angeln, und vorgebeugten Leibes, die abgegriffene Seidenmütze im Nacken, trat der Schreinermeister Wilm Henseler auf weichen, weißen Ledersocken in die blankgescheuerte Stube. »Ich melle mir, Pittje!« »Tag, Wilm!« »Ah! Jupp – haben wir auch mal die Ehre – bist auch mal gekommen?! – Das is nobel von Dir, mehr wie nobel, mein Junge! – Also, Pittje – ich hab' mir gemolden.« »Schön, Wilm. Setz' Dich und steck' Dir 'ne Pfeife Krülltabak unter die Nase.« »Das soll besorgt werden – danke.« Wilm Henseler, wie Pittje ebenfalls hoch in den siebziger Jahren, war eine eigentümliche Erscheinung. Seitwärts von den Ohrläppchen aus, in denen er silberne Ringe trug, liefen eisgraue, aber korrekt geputzte Hasenpfoten bis zur Mitte der Kinnladen herab, die dem sonst gutmütigen Gesicht eine gewisse Strenge verliehen. »Also, denn man 'ran mit die Pfeife.« Mit seinem dicken Zeigefinger griff er sich in den Mund und holte aus der linken Backentasche das obligate, saftige Priemchen hervor, praktizierte es in die rotgepunktete Sammetweste hinein, um dann erst seine irdene Pfeife zu stopfen. Als er sie in Brand gesetzt hatte, schnürte er sich langsam an Pittje heran, schlug ihn auf die Schulter und meinte: »Schwerer Tag für Dich heute gewesen!« Pittje nickte. »Konnte leider nich mit. – Aber das mußt Du mir lassen,« fuhr der Schreinermeister mit selbstgefälliger Betonung fort, »ich hab' 'ne propere Arbeit geliefert. So'n Sarg wird nich alle Tage geschreinert; habe mir Mühe gegeben.« »Wilmke, das weiß ich,« bestätigte Pittje und ließ dabei den Kopf auf die Flanelljacke sinken. »Un denn«, lobte Henseler weiter, »die feine Politur – un die Silberbeschläge – un die silbernen Griffe – un denn der Deckel mit's blinkende Kreuz ... So 'ne Auslage, Pittje! – Da is Platz drunter – da kann meinetwegen die Kathje Peerenboom ruhig schlafen für immer. – Aber, Gottdomie noch mal ...!« Mit dem dicken Zimmermannsdaumen deutete Wilm Henseler auf mich und fragte: »Du, Pittje, weiß Jupp um die ganze Geschichte?« »Du und ich wissen darum,« versetzte der Gefragte mit müdem Augenaufschlag, »Sally Süßkind hat es gewußt – und Jupp soll es hierdurch erfahren.« Mit matter Handbewegung zeigte Pittje Pittjewitt auf die beschriebenen Blätter. »Na, denn,« erboste sich Wilm, und das vertrocknete Gesicht spritzte Funken und Galle, »na, denn – Pittje ...!« Er reckte sich auf, zerbrach die Pfeife und schleuderte die Reste mit dem noch glimmenden Kopf in eine Ecke des Zimmers. »Gottdomie!« schrie er dabei, »aber den Ull Roßmann, den Maler, hole der Düwel!« Der alte Mann war nicht wieder zu kennen. »Wilm! – Wilm!« erschreckte sich Pittje. »Is mich ganz egal! – Gott verdomie – das weißt Du so gut wie ich! – Dir hat er die Kehle zugedrückt, Dir hat er ... Pittje, ich melle gehorsamst: ein Schweinekerl war er! – Den Ull Roßmann hole der Düwel ...! – Aus!« Wilm Henseler hatte sich auf einen Stuhl geworfen. Eine lange und peinliche Stille ging um. Endlich hob Pittje den Kopf, zeigte auf den Tisch und meinte: »Steck' Dir eine neue an, Wilm. Das bringt wieder in die Reihe und in die richtige Stimmung.« »Will ich,« versetzte der Schreiner, »tu' ich. Dir zu Gefallen schmor' ich den ganzen Tabakskasten 'runter.« Er brachte wieder die Pfeife in Gang; dann erhob er sich in militärischer Haltung, legte die rechte Hand an die Schläfe und sagte: »Pittje, melle gehorsamst – sie brennt schon.« »Schön,« meinte Pittje. Die alte Standuhr tickte und tackte, und die Kerzen brannten tiefer und tiefer. Von der Küche her geigte ein Heimchen. Blaue Wölkchen kräuselten sich um Pittje Pittjewitt, Wilm Henseler und mich. Sie krochen die Wände und die Decke entlang, sie quirlten um den altmodischen, grünangestrichenen Glaskasten, aus dem der stolze Zylinder nur noch wie unter Schleiern hervorsah, sie spielten um die Zipfelmütze Pittjes und um die putzigen Hasenpfoten des qualmenden Schreinermeisters, sie unterkrochen die Stühle und drehten sich spiralförmig durch das Schlüsselloch ins Freie hinaus, um dort unliebsame Bekanntschaft mit der fauchenden Kälte zu machen. Alles war mit Nebelfloren umwickelt, aus denen nur wie schwache Irrlichter der glühende Tabak der irdenen Pfeifen hervorglimmte. Alsbald aber tauchten mir bekannte Gestalten aus den ziehenden Dämpfen. Einige weinten, einige lachten, streckten die Arme, herzten und küßten sich, um bald wieder in ihr Nichts zusammenzufließen. Ab und zu eine Roggenähre – ein eingeschrumpfeltes Heckenröschen – ein Gepiepse von Mäusen – ein verwaschenes Band ... Lachen und Weinen ...! – Es war so, als seien die Blätter des Manuskriptes in Flammen aufgegangen – und ich saß da wie im Traum, und seltsame Rauchbilder zogen an meiner Seele vorüber. Etliche Tage später, nachdem ich von Pittje Pittjewitt, dem lateinischen Heinrich, Jan Höfkens, Dores Küppers und den anderen längst Abschied genommen hatte, saß ich in meinem Arbeitszimmer vor den mir anvertrauten Blättern und tauchte unter in die Begebenheiten, die der schlichte Verfasser in seiner Weise geschildert. Blütenweißes Papier lag vor mir. Dann huschte die Feder darüber, und mir war's, als wenn Pittje hinter mir stände, mir über die Schulter sähe und spräche: »Man weiter, die Sache wird gut so.« Aber noch andere Stimmen waren bei mir. »Das könnte ich auch, aber das täte ich nich.« »Schweige, lieber Johannes,« sagte alsdann der lateinische Heinrich. Dann schwiegen die Stimmen. Pittje Pittjewitt, Jan Höfkens und der lateinische Heinrich zerflossen im Rauch meiner Zigarre. Und draußen fielen die Flocken – und Krähen zogen vorüber – und Blatt um Blatt füllte sich allgemach mit dem, was meine Seele bewegte. Ich schrieb die Geschichte von Pittje Pittjewitt und Kathje Peerenboom. Gott gebe mir eine glückliche Stunde. II. Der Puppenspieler Anno domini 1857. »Prrr! – Prrrrr!« Die gekröpfte Welle schnurrte, die Spindel drehte sich wie rasend, und das scharfe Messer raspelte mit einem schrillen Ton gekräuselte Spänchen von dem rotierenden Holzklotz, der allmählich die Form einer stattlichen Pastorenbirne annahm. Prrr! – Prrr! – Prrr! – wie das schnurrte und sauste! Das Geräusch drang aus dem geöffneten Fenster eines mit roten Pfannen gedeckten, einstöckigen Hauses, das als letztes der kleinen Stadt an der Straße gelegen war, die nach Hanselaer und von dort zum Rhein führte. Nach der Stadtseite zu hing es mit den übrigen Häusern zusammen, während sich links ein Gärtchen anschloß, dessen Zwetschenbäume und Goldlackrabatten sich in einem Flüßchen spiegelten, das sich am Südende der Stadt bereits geteilt hatte, dieselbe umströmte, im Norden sich wieder vereinte, hier zwei alte Wassermühlen trieb, um dann unter dem Namen ›Kalkflack‹ durch die endlosen Wiesen zu schleichen, die sich mit ihren Kolken und Hecken, mit ihren Kappweiden und kanadischen Pappeln bis nach Holland erstreckten. Beiderseits waren die Ufer des langsam fließenden Wassers mit mächtigen Deichen bewehrt, von denen der rechtsseitige die klobigen Mühlen passierte, das in der weiten Ebene gelegene Dorf Wissel umzirkte und dann als ein breitbasiges, sich nach oben verjüngendes Ungetüm durch das saftige Wiesenland weiter nach Grieth kroch. Unmittelbar bei dem putzigen Häuschen, in welchem die Drehbank schnurrte und raspelte, führte ein steinerner Brückenbogen über das mit dichten Rohrbeständen eingefriedete Wasser. Jenseits desselben und dem Laufe des Deiches folgend, reihte sich Pappel an Pappel, in deren breitästigen Kronen sich's die Elstern mit ihren Kugelnestern bequem gemacht hatten. In das schrille Geraspel der Drehbank tönte zuweilen das Gegecker der Elstervögel hinein. Es klang wie ein Helles, höhnisches Lachen. Jetzt verstummte dasselbe, aber die Drehbank arbeitete und rasselte weiter. Gravitätisch kam in diesem Augenblick ein finster dreinblickender Mann mit Spucklocken, die an den Schläfen zu einer ›Sechs‹ gedreht waren, und mit einem à la Sergeant gestutzten Schnurrbart die Hanselaerstraße herauf, ein Uniformierter, den man seinem Waffenrock, den blankgeputzten Knöpfen, dem goldenen Portepee, dem Füsiliersäbel und den karmesinroten Ausschlägen nach als Polizeidiener ansprechen konnte. Er sah weder rechts noch links, und die Amtsmiene, die er aufgesetzt hatte, zeigte deutlich genug an, daß er nicht als Mensch, als einfacher Bürger, sondern in Kraft des Gesetzes, im Namen und Auftrag einer höheren Gewalt seinen Rundgang vollführte. An vereinzelten Fenstern schoben sich erstaunte Gesichter vor und sahen ihm nach. Vor der grün angestrichenen Tür des kleinen Ziegelhäuschens machte er Halt, zog eine lederne Brieftasche zwischen dem zweiten und vierten Rockknopf hervor, entnahm derselben ein gestempeltes Schriftstück, entfaltete es und drückte vier rote, vorher mit Speichel angefeuchtete Oblaten auf die Rückseite des ominösen Papiers. Mit vier kräftigen Schlägen fühlte sich alsbald das Schriftstück an die Planken geheftet. Oberhalb der Türklinke paradierte es mit seinem bläulichen Stempel. »Von Amts wegen,« brummte der Herr Polizeidiener Brill, drehte sich forsch auf den Absätzen herum und ging weiter des Weges. Kurz darauf schien die Drehbank einschlafen zu wollen. Sie schlurfte und schlappte noch etlichemal, dann verstummte sie gänzlich. – Es war ein warmer Juniabend. – Jenseits des Deiches rauschte die Sense, und ab und zu tönten die scharfen Wetzer des Dengeleisens dazwischen. Wie Weiße Punkte, beständig die blanke Sense führend, gingen die Mähder in gerader Linie vor und warfen die mit bunten Blumen durchsetzten Grashalme zu Boden. Ein wohliger Heuduft entstieg den Wiesen, breitete sich aus und kroch bis in die äußersten Winkel der kleinen Stadt hinein. – Die Sonne war untergegangen. Nur die Wipfel der höchsten Pappeln erstrahlten noch in einem mattrosigen Schein. Über denselben aber lag der Himmel tiefblau, in unendlicher Klarheit, während am Horizont, mehr dem Rhein zu, weiße Wolken auftauchten, die wie mit der Schere abgeschnitten erschienen. Es hatte das Aussehen, als seien dort kreidige Segeltücher ausgespannt worden, um auf der großen Himmelswiese zu bleichen. Das intensive Licht des heißen Sommerabends ließ noch keine eigentliche Dämmerung aufkommen. Es zitterte in den Abend hinüber, klar und durchsichtig, und dachte nicht daran, jetzt schon absterben zu wollen. Eine eigentümliche Helle flutete über Wiesen und Stadt hin und ließ noch alles in Tagesfarben erscheinen. Träumerisch säuselten die alten Pappeln herüber. Ihre langgestielten Blätter waren in steter Bewegung, wobei sie bald die oberen, bald die unteren Seiten in die rechte Beleuchtung stellten, ein artiges Spiel, welches jedesmal ein rieselndes Silberschauern über die stattlichen Bäume verstreute. Die Elstern waren wieder munter geworden. Ab- und zufliegend revierten sie mit ihren Stumpfflügeln und den schillernden Schwänzen durch die ruhige Luft – geckernd und lachend. Wie abgedrehte Bälle sahen ihre Kugelnester aus der dünnen Belaubung. Auch die Drehbank hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen. »Prrr! – Prrr! – Prrr!« klang es aus dem geöffneten Fenster, ein Geräusch, das jetzt von jubelnden Kindern begleitet wurde, die sich gaffend vor dem geheimnisvollen Schriftstück aufgepflanzt hatten. Plötzlich zeigten Jungen und Mädchen in Richtung des Fensters, fummelten an ihren Stubsnasen herum, steckten lachend ihre schmutzigen Hände unter die abgeknabberten Schürzen und sangen mit krähenden Stimmen: »Bier en Kümmel lößt de Ohm, Kirsch en Pomeranze – Liewen Onkel Peerenboom, Laut de Pöppjes danze.     Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning –     Voran, Baas! –     Jantje Klans – Jantje Klaas!« »Murrgen...!« sagte eine fette Stentorstimme mit jovialer Betonung. Sie kam aus dem Häuschen, wo die Drehbank rumorte und schnarrte. Mit einem schallenden Gelächter wurde das ›Murrgen‹ beantwortet. Alle zeigten mit höhnenden Fingern auf den beschriebenen Bogen, streckten die Zungen, hakten die Hände zusammen, schlössen einen Kreis, tanzten und begannen wieder zu singen: »Bier en Kümmel lößt de Ohm, Kirsch en Pomeranze – Liewen Onkel Peerenboom, Laut de Pöppjes danze.     Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning –     Voran, Baas! –     Jantje Klans – Jantje Klaas!« »Murrgen ...!« Fast gleichzeitig schob sich ein Kopf aus der Fensterumrahmung. Es war ein Gesicht wie aus Holz geschnitten, eckig, kantig, von eisgrauen, spärlichen Haarsträhnen eingeschlossen – und dieses Gesicht war weinrot, in welcher Färbung die fidelen, schnapsseligen Äugelchen wie zwei trunkene Traubenkerne im Most schwammen. Ein struppiges Zickenbärtchen schloß das vorgeschobene Kinn ein. Die schmalen Lippen waren aufeinander gepreßt. In den linken Mundwinkel hatte er einen schwarzen Zigarrenstummel geschoben, der ständig und wie in Erregung auf und nieder wippte. »Murrgen in vier Wochen ...!« schrie das weinrote Gesicht und es wurde noch roter denn sonst. Die Zähne blieben hierbei geschlossen, nur der Zigarrenstummel wippte noch ausgelassener. Seine ungewollten Bewegungen glichen dem quecksilberigen Treiben eines Bachstelzenschwänzchens. »Jantje Klaas – Jantje Klaas!« schrieen die Kinder. »Zaperlöter noch mal – murrgen in vier Wochen, auf Kirmes tanzen die Puppen!« Aber die tolle Schar hörte nicht darauf. Sie schlug Purzelbäume und höhnte: »Jantje Klaas – Jantje Klaas!« »Da soll doch ein heilig Gewitter ...!« »Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning ...!« »Hundegesellschaft ...!« »Voran, Baas ...!« »Hammelherde ...!« »Jantje Klaas – Jantje Klaas ...!« »Himmel und Motten ...!« Das dunsige, weinrote Gesicht war verschwunden, aber statt dessen schob sich eine kräftige Faust vor; ein handfester Knüppel wurde mitten in den lustigen Ringelreigen gepfeffert. Heulend stob die ganze Gesellschaft von dannen, gefolgt von dem hellen Gelächter des Knüppelwerfers. Dann ward's stille da draußen; nur noch das Dengeln der Sensen, das Blättersäuseln und das Plaudern des Schilfrohrs hallte melancholisch herüber. Fürsorglich legte Jan Peerenboom den Zigarrenstummel, dessen Mundstück quastenartig auseinandergekaut war, beiseite, langte eine Schnapsflasche ans der Seitentasche, tat etliche herzhafte Züge, daß es gluckste und kullerte, stöpselte zu und begann weiter zu drechseln. Jan Peerenboom, genannt ›Jantje Klaas‹, war ein starkgebauter, etwas vornübergebeugter, muskulöser Sechziger, Drechslermeister und Puppenspieler in einer Person, ein todguter Kerl, in dessen Männerbrust sich die heterogensten Gefühle und Eigenschaften zu einem närrischen Gemengsel vereinten. Etwas Großzügiges lag in seiner ganzen Natur. Grotesk-pathetisch in seinem Verhalten, hafteten ihm die Merkmale des Freizügigen, Vagabundierenden an. Im Prahlen und Aufschneiden tat er es dem fettesten Bauer der Niederung gleich, und wären äußere Glücksgüter sein eigen gewesen, in seinem Größenwahn hätte er Banknoten zu hinterlistigen Zwecken verwendet. Ein Bombastikus in seinem äußeren Wesen, konnte er weinen wie ein Kind, wenn empfindsame Saiten bei ihm ins Klingen gerieten. Die Gesten eines gefeierten Kanzelredners und das florumwehte, bittersüße Verhalten eines Leichenbitters liefen bei ihm harmonisch zusammen. Bei dem Kerl langweilte man sich nicht. Geradaus wie er war, verschmähte er die schüchternen Schleicher, ließ leben, was nach Leben sich sehnte, vegetierte ins Blaue hinein und kümmerte sich den Kuckuck um die drohenden Sorgen der kommenden Tage. Bei all seiner nichtsnutzigen Faulheit, die nur abgelegt wurde, wenn es Sommer geworden und mit ihm die Kirmestage anrückten, hatte er ein goldenes Herz, Humor und den Drang, in seiner Eigenschaft als Puppenspieler das Höchste zu leisten. Er gehörte nicht in die Kategorie der gewöhnlichen Menschen. Er war ein Künstler. Anch' io sono pittore ! – und um dieses Künstlertum auch äußerlich in die Erscheinung treten zu lassen, war er stets mit einer abgelebten Sammetjacke bekleidet. Mit enganliegenden, großkarierten Hosen, die unter den blankgewichsten Rheinkähnen durch Lederstrippen gehalten wurden, vervollständigte er das Pompöse seiner ganzen Erscheinung; und wenn auch diese Großkarierten sich sehr fragmentarisch ausnahmen, fadenscheinig, geflickt und an den Rohrenden mit stattlichen Fransen und Fasern behaftet waren – was scherte sich ein Künstler wie Jan Peerenboom darum! – Das gehörte dazu, das war ein notwendiges Übel, dem sich schwer beikommen ließ; aber die Strippen, die waren sein Stolz, die liebte er wie Schnapsflasche und Zigarrenstummel, und hätte er barfuß gehen müssen – gut! – er wäre barfuß gegangen, aber mit Strippen. Holla – heda! – und was das Köstlichste war: um den ganzen äußeren und inneren Menschen, um das Joviale und Gutmütige, um Sammetjacke, Lederstrippen und den weinroten Holzkopf legte sich allzeit eine geheimnisvolle, greifbare Dunstwolke, eine nebelartige Atmosphäre, unter deren Einfluß die verschleierten, fidelen Äugelchen sich in eine Art von Ekstase versetzt fühlten und mit einer ergebungsvollen Verklärung unter den schmalen Brauen hervorsahen. Kein Zweifel: Jan Peerenboom war mit dem sanften und milden Schein einer Schnapsaureole begnadet. – Auf seine Eigenschaft als Drechslermeister gab Jan Peerenboom keinen Pfifferling mehr. Sie war ihm zu minderwertig, zu wenig, zu unkünstlerisch; er benutzte sie nur als Mittel zum Zweck, als eine melke Privatkuh, um mit ihrer Hilfe seinen artistischen Bestrebungen die richtige Basis zu geben. – Während der Wintermonate feierte Jan überhaupt; dann lag er in den Wirtshäusern herum, nahm den Leuten im ›Schafskopf‹ und ›Sechsundsechzig‹-Spiel die Kastemännchen ab oder zeigte den erstaunten Spießbürgern die gewagtesten Dessins auf dem Billard. Im Frühjahr trieb er Botanik. Während dieser Jahreszeit war er stets auf den Wiesen zu finden, stichelte dort den Kettensalat unter den Maulwurfshügeln hervor, fahndete auf blühende Weidenkätzchen, mit denen er sein Künstlerheim schmückte, und spionierte dem jungen Salbei nach, dessen Blättchen, in die Schnapsflasche gebracht, dem ›Ollen Klaren‹ ein würziges Aroma verliehen. Neben diesen botanischen Studien wußte er aber auch die Vorteile der Fauna zu schätzen. Durch kunstgerecht geworfene Kiesel, von denen er stets eine große Anzahl in den Hosentaschen verbarg, machte er die zwischen den Kühen herumzirkelnden Stare für die Küche tributpflichtig, fing ab und zu eine Ralle oder ein unvorsichtiges Wasserhühnchen in den klug ausgelegten Pferdehaarschlingen, ein Jagdverfahren, dem er, falls die Beute wenig ergiebig ausfiel, durch den Fang von Fröschen auszuhelfen verstand. Mit einer kurzen Manipulation wurden hierbei die schwarzgetupften Hüpfer abgetan und die saftigen Schenkel als zierliche Braten nach Hause getragen. Sobald aber das Korn in Wogen stand, und die Roggenähren wie graues Katzenfell schimmerten, dann trat Jan Peerenboom in das Stadium, wo in ihm der Künstler sich regte. In dieser Periode wurden für die außer Kurs gesetzten Puppenköpfe birnenförmige Holzklötze gedreht und geraspelt, um sie späterhin durch Schnitzmesser, Pinsel und Farbtopf menschenähnlich zu machen. Seine Tochter Kathje, die im Nebenamt Plätterin war und sowohl für die Geistlichkeit wie für die Honoratioren der Stadt eine vielbegehrte Persönlichkeit abgab, hatte dann vollauf zu tun, Kleider zu schneidern und allerhand Putzwerk für die hölzernen Komödianten zusammenzustutzen. Bei dieser Arbeit gab es kein Feiern – denn ahnungsvoll dämmerte schon der Sommer herauf, wo Jan Peerenboom hinaus mußte, um in den benachbarten Ortschaften aus Kirmessen und Kirchweihen die Puppen agieren und tragieren zu lassen. Hier, umgeben von Spekulatiusbuden und Tanzzelten, ging ihm das Herz auf. – Das Gekreisch der tanzenden Weiber, der Pfefferkuchenduft und das Flimmern der Karussels taten ihm wohl. Inmitten des Jahrmarkttrubels, bei seinen Marionetten und Faxen warf er sich in die Künstlerbrust, ließ die Raketen seines Geistes steigen und fühlte sich so wohl und behaglich, wie die Assel unterm modrigen Regenfaß. Und diese Kirmeszeit sollte bald losgehen! – Die Späne spritzten und flogen, die Drehbank schlurrte und schlappte, und der birnenförmige Holzklotz ging seiner Vollendung entgegen. Jetzt war er schnitzreif geworden. Mit einer raschen Handbewegung hemmte der Puppenspieler den Schnurlauf, zwängte die gedrehte Birne in eine Holzklemme und begann damit, fingerfertig in das Rohmaterial menschliche Züge zu graben. Mit gewandten Schnitten brachte er eine mächtige Nase zutage, formte die Glotzaugen, ließ Kinn und Backenknochen herauswachsen, denen er ein geschlitztes Maul hinzufügte, welches sich bis zu den beiderseitigen Ohren erstreckte. Putzig-grotesk grinste alsbald der werdende Holzkopf unter dem eifrigen Messer. »Murrgen in vier Wochen, mein Junge ...!« triumphierte Jan Peerenboom und schnipselte weiter. In dem wonnigen Vorgefühl der kommenden Kirmeszeit schlug er die grimmigen Sorgen in den Wind, die ihn bereits wie bissige, hungrige Ratten umstanden, die weißen Nagezähnchen fletschten, die klebrigen Schwänze bewegten und jeden Moment bereit schienen, ihm an die Kehle zu springen. Keinen Ziegel des Mauerwerks, keinen Balken, keine Dachpfanne konnte er mehr sein eigen nennen. Das ganze minderwertige Häuschen mit Grund und Boden war der Hypothekenbank in Kleve verfallen, und diese hatte bereits Zwangsvollstreckung in Aussicht gestellt, falls nicht binnen einigen Wochen eine Abschlagszahlung von tausend Talern und der Eingang der restierenden Zinsen erfolge. Hierzu kam noch, daß er sein ganzes Mobiliar von der Bodenluke herab bis zum Keller herunter, mitsamt dem kompletten artistischen Material, um lumpige achthundert Taler an den ehrsamen Stadtrat und Mitglied des hiesigen Kirchenvorstandes Aloys Pierentrecker verpfändet hatte, der des langen Wartens müde, und so nebenher noch aus einem anderen Grunde, sich in die Lage versetzt sah, dem saumseligen Künstler die Daumschrauben fühlen zu lassen. Die Anknüpfung dieses fatalen Geldverhältnisses datierte schon viele Jahre zurück. Wahrend dieser Zeit hatte der schleichende und frömmelnde Aloys keine Liebesmüh gescheut, seine rechtlichen Ansprüche entweder so oder so geltend zu machen und zu einem befriedigenden Abschluß zu bringen. Allein allem und jedem setzte Jan Peerenboom seine heroische Männerbrust und seinen philosophischen Gleichmut entgegen, ließ Gottes Wasser über Gottes Land laufen, machte in Botanik und Fauna, kloppte Karten und versenkte sich in die Mysterien des alleinseligmachenden Fusels, bis Aloys es schließlich über bekam und dem jovialen Schuldner von Amts wegen und mit dem heutigen Tage den preußischen Kuckuck auf die Tür kleben ließ. Durch die gütige Vermittelung des Herrn Polizeidieners war dieses Geklebe mit lautem Hallo vor sich gegangen, und selbst der insichgekehrte Jan Peerenboom hätte den Anflug des preußischen Vogels hören müssen, wäre das Amtsgeräusch nicht im Rasseln der Drehbank für ihn spurlos verklungen. Er hatte somit auch keine Ahnung von dem verderblichen Walten der Nemesis, die ihm in wenigen Tagen den Stuhl unterm Sitzfleisch fortzunehmen gedachte, denn draußen stand auf dem Stempelbogen also geschrieben: »Im Namen des Königs und in Sache des Herrn Aloys Pierentrecker, Schnittwarenhändler allhier, gegen Jan Peerenboom, Drechsler und Puppenspieler, ebenfalls in hiesiger Stadtgemeinde domiziliert, sollen laut Urteil des königlichen Friedensrichters in Goch die nachstehenden Mobilien, als da sind: Möbel, Geschirre, Haus- und Küchengerät, Puppen nebst Marionettenkasten, eine trächtige Yorkshire-Bache und andere Gegenstände öffentlich und zwar am 24. des Juni im Hause des Beklagten gegen Barzahlung an den Meistbietenden zugeschlagen werden. Von Rechts wegen und im Namen des Königs.« Also – da stand es, klipp und klar und in lakonischer Kürze. Jedes Tifteln und Deuteln war so gut wie ausgeschlossen. Der stumpfsinnige Finger des Unglücks hatte brutal an die Künstlerpforte geklopft – und dabei saß der Schnapsidealist mit dem jovialsten Gesicht und dem fidelsten Gewissen von der Welt in seiner Behausung, ließ sich von der hoheitsvollen Muse die Stirne küssen und hatte keinen blassen Schimmer davon, daß draußen bereits der preußische Adler seine Fänge streckte, um ihn stuhl-, tisch-, bett- und schweinlos zu machen. – Der Ärmste ...! Schon nahmen die Dämmerungen an Stetigkeit zu. Leise Schatten krochen über die Dielen und verloren sich bei den Möbeln und in die Ecken der geräumigen Stube. Aus dem Nebenzimmer hallte das rhythmische Geklapper eines Plätteisens herüber. Statt sich abzukühlen, zeitigte der Abend eine immer stärker werdende Schwüle. Auch der Heuduft machte sich intensiver bemerkbar. Dem Puppenspieler triefte der Schweiß von der Stirne. Er gönnte sich keine Ruhe. Immer eifriger hantierte er mit Raspel und Schnitzmesser. Der Holzkopf war nahezu fertig geworden. Im Nebenzimmer ließ sich das Plätteisen lauter, lustiger und heller vernehmen. Es zischte und puffte und plapperte wie eine geschwätzige Schere. »Fleißiges Mädchen, die Kathje,« brummelte Jan Peerenboom zwischen der Arbeit, als sich die Flurtür in ihren Angeln leise bewegte und die Gestalt eines knirpsigen und ganz in Schwarz gekleideten Männchens fast lautlos ins Zimmer hineinwutschte. »Tag, Jan! – Gelobt sei Jesus Christus!« »Himmel Sapperment noch mal!« ereiferte sich der Puppenspieler. »Tag, Schellfisch.« »Jan, da draußen...« lachte das hastige Kerlchen. »Was denn?« »Der preußische Kuckuck...!« »Wer?« »Der preußische Kuckuck...!« kam es zum zweiten Male mit spitzer Stimme zurück. »Was will der?« fragte Jan Peerenboom und reckte sich auf. »Je – was soll der wollen, der preußische Vogel?! – Am vierundzwanzigsten heißt das: zum ersten, zum zweiten, zum dritten und letzten...! – Im Namen des Königs.« »Da schlage doch ein heilig Gewitter...!« In mächtigen Sätzen war Jan Peerenboom aus der Stube und nach draußen gesprungen. Aloys Pierentrecker, genannt der Schellfisch, seines Zeichens Schnittwarenhändler, Stadtrat und ausschlaggebendes Mitglied des Kirchenvorstandes an Sankt Nikolai, sah dem Davoneilenden mit großen Augen nach, machte alsdann das Zeichen des heiligen Kreuzes, faltete die Hände und sagte: »Lieber Gott, bekehre das Herz dieses Sünders und gebe ihm von wegen Kathjes ein besseres Einsehen.« Aloys war ein gottwohlgefälliger Mann, ein eifriger Kirchenfreund und ein Frömmler, der es sich nicht nehmen ließ, an allen Prozessionen teilzunehmen und, mit Medaillenstange und Rosenkranz bewaffnet, inmitten der Wallfahrer den glaubensstarken Vorbeter abzugeben, was ihn aber nicht abhielt, Blicke und Gedanken bei passender und unpassender Gelegenheit auf üppige Frauen- und Mädchenreize, wenn auch nur verstohlen, zu werfen. In seiner Lage als respektabler Witwer hielt er dieses sinnliche Schnüffeln als nicht gegen den Sittenkodex verstoßend, zumal er hierbei lediglich die ehrlichsten und lautersten Zwecke im Auge hatte und nur darauf ausging, bei den Töchtern des Landes gründliche Studien zwecks einer abermaligen Heirat in die Wege zu leiten. Aloys Pierentrecker konnte Ansprüche machen. Hinsichtlich seiner Fähigkeiten als Mann hielt er sich, in Kraft Wahrung berechtigter Interessen, für die erste Steuerklasse prädestiniert, eine Überzeugung, die gebieterisch eine Wiederverlobung erheischte, ein Weib begehrte, um hierdurch sich eine kraftstrotzende Lebensgefährtin, seinen Kindern eine gütige Mutter und seinem einträglichen Geschäft die geeignete Stütze zu geben. Und so war es gekommen, daß die Blicke des lüsternen Männchens, die wie die Augen eines toten Schellfisches in dem bleigrauen, schwammigen Antlitz hafteten, sich gern mit einem Mädchen beschäftigen, um das nicht er allein, sondern auch andere mit verliebten Nasenlöchern scharwenzten. Die unumstößliche Tatsache bestand: Herr Uloys Pierentrecker war auf Kathie verfallen – und Kathje... »Himmel Sapperment noch mal...!« Jan Peerenboom war wieder auf der Bildfläche erschienen. In der Rechten hielt er den Stempelbogen, den er von der Tür gerissen, zerknüllte ihn und warf ihn mit einer pompösen Geste in eine Ecke des Zimmers. »Um Jesu Christi willen!« sagte der Schellfisch, »der Herr Polizeidiener Brill hat den preußischen Kuckuck mit eigenen Händen ...« »Ist mir egal, ist mir gänzlich egal!« donnerte Jan und versuchte mit seinen schnapsseligen Äugelchen Blitze zu schießen. Aber dieses Stadium des Zornes währte nicht lange; als vielseitiger Mann ging er alsbald in das Gebiet des Pathetischen über, setzte das linke Bein vor, wobei er nicht unterließ, den richtigen Sitz der Großkarierten und der Lederstrippen zu mustern, schob mit einer gewissen Grandezza die Hand zwischen Sammetjacke und Weste und sagte: »Aloys, das ist Dein Werk – das mit dem Kuckuck ...! – Wisse daher: Dein schnödes Verhalten schmerzt mich bis in die innerste Seele. Pfui über Dir aber auch!« »Je,« machte der Schellfisch. »Stille bist Du. – Hättest Du nicht warten können? – Murrgen in vier Wochen tanzen die Puppen, da gibt's Putt-Putt, klingende Münze, und ich hatte Dich abgelohnt bis auf den letzten Heller und Pfennig.« »Faule Äppel!« warf ihm der Kleine entgegen, wobei das schwammige Gesicht sich noch tiefer in die schwarze Halskrawatte zurückzog, »schon seit fünf Jahren ...« »Aloys, schweige. Murrgen in vier Wochen hätte ich in den Kastemännchen geschwommen, und da hast Du die Stirne gehabt, mir heute den preußischen Vogel ... Ja so – Krämerseele, Du hast es gewagt! – Mir als eingeborenen Vater, als Marionettenspieler und Künstler gedenkst Du den Stuhl unterm Hintern zu nehmen, gedenkst Du mir die selbsterzeugte und großgezogene Sau aus dem Stalle zu pfänden und mich nackt hinzustellen zur Blamation meiner würdigen Freunde und Bürger?! – Aloys, wo habe ich die Gründe Deiner Handlungsweise zu suchen?« »Nur um Jesu Christi willen,« heuchelte Aloys, wobei er salbungsvoll die Hände zusammenlegte. »Wieso?« fragte Jan. »Beispielsweise zur Läuterung Deiner unsterblichen Seele.« »Wieso?« »Durch Unglück wird die kranke Seele geläutert, sagt der Herr Pastor. Und in diesem Falle ist die Pfändung ...« Aloys schwieg und schlug die bleigrauen Augen zu Boden. Der Puppenspieler ging bei diesen Worten vom Pathetischen in das Rührselige über. Er hoffte; breitete im Überschwange seiner Gefühle die Arme und lallte: »Das hat er gesagt – unser lieber, guter Herr Pfarrer?! Und, Aloys, Du?! – Nur aus diesem Grunde, mein Freund? – Aloys, ich appelliere an Dein weiches Gemüt. Läutere meine Seele durch ein anderes Malör.« »Um Jesu Christi willen, das geht nicht!« »Nicht?« erstaunte sich Jan und rückte wieder in die Linie des Pathetischen ein. »Warum nicht?« »Du bist dem Schnapsteufel in die Arme gefallen.« »Kein Wort mehr! – Schnapsgott wolltest Du sagen. Ich bin ein Künstler und muß mir Begeisterung trinken.« »Je,« machte der Schellfisch, »da ist der Herr Pastor anderer Meinung. Strafe muß sein, Pfändung muß sein – und denn: ich muß mein Geld wieder haben, sonst verkümmelst Du auch noch Deine Möbel, Deine Yorkshire-Sau und die anderen Sachen, wie Du es beispielsweise mit meinem Darlehn gemacht hast und denn: prosit die Mahlzeit – ich habe das Nachsehen.« Der Puppenspieler machte eine große Handbewegung. »Söldner im Gefolge Deines blöden Unverstandes,« predigte Jan. »Verkümmelt, sagst Du – ich hätte Deine Talers verkümmelt?! – Unsinn! – Ich habe mir nur Begeisterung getrunken unter Zuhilfenahme der sauerverdienten Groschen, die ich mir als strebsamer Künstler erworben. Hierfür habe ich gestrebt und gerungen. Aber Deine Talers sind für das Studium meines eingeborenen Sohnes Nikodemus verwendet. Schweige und verkenne die Tatsache nicht. Deine Talers und die Lasten, die zugunsten der Hypothekenbank in Kleve auf meinen Dachziegeln ruhen, haben es mir möglich gemacht, ihm das Studium der Theologie zu verstatten. Ehre sei Gott in der Höhe! – Murrgen werden es zwei Jahre, daß er als Kaplan in den Gnadenort Marienbaum eintriumphierte – arm wie Hiob, aber den Heiland im Herzen und die Tonsur auf dem Kopfe. Und zu diesem gottgefälligen Werke ...« »Ja, aber ...« wagte Aloys Pierentrecker schüchtern einzuwerfen. »Aloys, schweige. – Und zu diesem gottgefälligen Werke habe ich diese reinen Hände geboten. Ehre und Preis sei mir dafür – und Du wagst es, hier von Verkümmelung zu reden und mir die verfluchte Pfändung auf die Tür drucken zu lassen?« Jan schlug beide Hände über den Kopf zusammen und ließ wieder die rührseligen Saiten anklingen. »Nikodemus, was muß ich leiden um Dich! – Ah! – Ah! – Ah...!« »Aber der Schnaps!« nörgelte der Schellfisch, und so 'n schadenfrohes Licht perlmutterte über die stumpfgrauen Augen. »Der Schnaps und immer wieder der Schnaps!« – polterte Jan auf. Er hatte sich in die öden und steinernen Gefilde des Hasses und des Zornes begeben. Lavaströme kochten unter seiner Sammetjacke. »Schellfisch, Du wagst es, dieses ergraute Haupt zu verlästern?! – Schnaps?! – Allerdings – oder glaubst Du, ich hätte den Sprit des Geistes nicht nötig, wäre geneigt ein Lämmerdasein zu führen?! – Nein, und abermals nein! – Alltägliche Menschen wie Du – ja. – Aber ein Künstler wie ich ... Menschenskind, Du bist wohl...« Der Puppenspieler ließ die Lavaströme verlöschen und pustete den Vulkan seines heiligen Zornes wie ein erbärmliches Kerzenlicht aus. Er steuerte wieder den abgeklärten Gefilden des Pathetischen zu, wiegte sich in den Hüften und meinte: »Ha, Du! – sieh mich nicht an wie ein Kanin, wie ein giftiges Kanin mit hängenden Ohren. Ruiniere mich nicht, breche mich nicht, knicke mich nicht wie eine Lilie des Feldes. Schellfisch, greife in Deinen kalten Busen hinein, laß den öden Mammon schwimmen, scheuche das Gespenst des preußischen Kuckucks und tilge die Forderung der lumpigen Talers – schenke sie mir. Das ist groß und bedeutend und würdig eines edlen Menschen wie Du.« Eine helle Träne perlte über die weinrote Wange des Sprechers. Glücklich war er jetzt in das Fahrwasser des Sentimentalen gekommen. »Edler Mensch, Du bist baff! – Ich fühle es deutlich. – Ja – Du schenkst mir die achthundert Talers. – Murrgen in vier Wochen wird Dir mein Lohn. – Ich nenne das neue Stück, das meine Seele beherrscht: ›Schellfisch, der Menschenfreund‹. – Ein Königreich für diese Idee! – Laß mir die Yorkshire-Sau, laß mir mein behagliches Künstlerheim und denke dabei an mich, an Nikodem und meine eingeborene Tochter.« »Das letztere ließe sich machen,« meinte Aloys, legte den Kopf auf die Seite und schmatzte mit den eingekniffenen Lippen. Das Perlmuttern seiner Schellfischaugen nahm dabei einen sinnlichen Glanz an. »Also Du könntest...?« Jan Peerenboom war im Begriff dem Menschenfreund in die Arme zu fallen. »Ja,« erwiderte Aloys, »und das wegen Kathje.« »Was?« prallte der Puppenspieler zurück. »Wenn Kathje...« »Ich höre.« »Sieh mal,« begann Aloys mit lauernden Blicken, »ich erkenne Deine Bußhaftigkeit an.« »Schön,« sagte Jan. »Dein Deputat an Pomeranz und Kümmel will ich täglich bezahlen.« »Einverstanden,« lächelte der Puppenspieler, »man weiter.« »Die Zwangsvollstreckung wird rückgängig gemacht.« »Seele von Mensch,« stammelte Jan mit inniger Rührung, »man weiter, Aloys, immer man weiter!«. »Die achthundert Taler werden in den Schornstein geschrieben, wenn Du Dich entschließen könntest...« Aloys Pierentrecker schwieg für einige Augenblicke. Den eingezogenen Kopf drehte er langsam zwischen den schmalen Schultern herum, rieb die Hände wie unter dem Einfluß geheimer Schauer zusammen und richtete die bleigrauen Augen begehrlich auf die Tür des Nebenzimmers, hinter welcher das emsige Plätteisen noch immer rumorte und sein klapperndes Spiel trieb. Sprachlos sah ihn der Puppenspieler an. Aloys wandte sich, zeigte mit dem Daumen über den Rücken hinweg und lächelte wie ein Fuchs, der einen Gänsestall auf seiner Streife entdeckte: »Um Jesu Christi willen! – ja – gestrichen und in den Schornstein geschrieben, wenn Du Dich entschließen könntest, mir die da zu geben.« »Kathie?!« fuhr Jan auf. »Ja,« sagte Aloys Pierentrecker mit ruhiger Stimme. Da war's alle mit Jan. Erst schien er sprachlos zu sein und schnappte nach Luft wie ein Karpfen, der, aus dem kühlen Wasser gefischt, auf den trockenen Sand kommt. Alles Pathetische, Sentimentale, Lavawutartige – kurz alles, was sonst seinem Künstlerherzen je nach den obwaltenden Umständen entströmte, war mit einem Male in alle Winde verflüchtigt. Das rein Menschliche, der reinmenschliche Zorn, aber fest und kompakt, war an deren Stelle getreten. »Meine eingeborene Tochter, meine Kathie – Dir?« brüllte Jan. »'nen Knüppel, 'nen Knüppel...!« Stieren Auges sah er sich nach einem handfesten Stock um. »So 'n Krawattenmensch, so 'n Halsabschneider, so 'n Pietist von Halunke...! – Also nur darum und deshalb...?!«. Mit einem grimmigen Fluch hatte er die Flurtür aufgerissen. »Raus! – Raus...!« Wie das sündige Gewissen drehte sich der lüsterne Dunkelmann durch die geöffnete Tür. Draußen aber reckte er den Kopf aus den Schultern und höhnte: »Zum ersten, zum zweiten, zum dritten! – Mit Haut und Haaren frißt Dich der preußische Kuckuck! – Adjüs!« »Raus!« donnerte der Puppenspieler noch einmal, dann sank er verzweifelt auf einen Stuhl bei der Drehbank nieder. Das wütige ›Raus‹ mußte in der Nebenstube gehört worden sein, denn die Tür wurde heftig aufgemacht, und ein schönes Mädchen, das der großen Hitze und der Arbeit am Plätteisen halber nur mit Unterrock und einem grobleinenen Leibchen bekleidet war, war ins Zimmer getreten. »Kathje,« meinte Jan Peerenboom, »der Schellfisch war hier.« »Na,« sagte Kathje und stemmte ihre nackten Arme auf die gerundeten Hüften, »was wollte der Kerl denn?« »Dich haben.« Ein schallendes Gelächter kam als Antwort zurück. Glockenhell drang es aus dem frischen Munde des jungfräulichen Weibes, das kaum die Mitte der zwanziger Jahre erreicht haben mochte. Lachend umarmte sie den Puppenspieler. Sie beugte sich vor. Ihr Leibchen öffnete sich, und ihre jungfräuliche Brust kam zum Vorschein: hart und klein und von einer zarten Bräune umflogen. Aber draußen sangen die Kinder von neuem, und in diesem Kindersingsang war die Stimme des Schellfischs deutlich erkennbar. »Ha – ha – ha...!« sangen Mädchen und Jungen. »Bier en Kümmel lößt de Ohm, Kirsch en Pomeranze – Liewen Onkel Peerenboom, Laat de Püppjes danze. Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning – Vöran, Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!« »Aus!« sagte Jan mit bitterer Stimme. Dann versank er wieder in sein finsteres Brüten. Es war mittlerweile dunkel geworden. »Ich will Licht holen,« meinte Kathje. »Schellfisch verdammter!« polterte Jan auf. »Laß ihn,« lächelte Kathje, und mit hellem Gekicher ging das stämmige Mädchen in die Nebenkammer zurück. »Aus! – Schellfisch, verdammter! – Zum ersten, zum zweiten, zum dritten! – Hahahaha...!« Der Puppenspieler griff in die Sammetjacke und gönnte sich ein herzhaftes Schlückchen. »Kluck – kluck – kluck – kluck!« Das Fläschchen verstummte. Jan Peerenboom war abermals in sein stumpfes Brüten verfallen. III. Was nun? Regungslos saß Jan an der Drehbank. Seine Augen feuchteten sich, seine Blicke stierten verschleiert ins Leere, als müßten sie in die Vergangenheit schauen. Jan war bewegt. Nur noch ein spärliches Dämmerlicht drang von draußen in die Stube hinein. Vereinzelte Schnitter gingen vorüber. Ein warmer Heuduft ging von ihnen aus, gepaart mit dem starken Geruch, der den in der heißen Sonne arbeitenden Männern entströmt. Noch immer tönte das verschlafene Rauschen der Pappeln herüber, dem sich das scharfe Rieseln und Wetzen des Schilfrohres gesellte, an dessen Spitzen sich um diese Zeit bereits die braunsilberigen Wedel entfalteten. Zeitweilig ließ sich auch der scharfe, markante Ruf der Schilfdrossel vernehmen. Nicht weit von seinem Garten, der sich bis zu den dichten Rohrbeständen erstreckte, hatte sie ihr verfilztes Nest kunstvoll mit etlichen starken Halmen verflochten. Beutelartig hing es inmitten der harten und glasigen Stengel, und Jan Peerenboom sorgte ängstlich dafür, daß keine unberufene Hand störend in diesen Nestbezirk eingriff. Er liebte diesen scheuen Vogel und stand auf vertraulichem Fuße mit ihm. Immer intensiver verwoben sich die Abendschatten dem blau austapezierten Zimmer, auf dem eine tiefhängende, weißgekalkte Balkendecke erdrückend lastete; aber trotz des starken Dunkelns ließ der Sommerabend noch hinreichend Licht eindringen, das seltsame Gerümpel des Puppenspielers leidlich erkennen und unterscheiden zu lassen. Da hingen, standen oder baumelten sie nun, alle die geheimnisvollen Dinge und toten Gerätschaften, die den ganzen Stolz und den Hauptbesitztitel Jan Peerenbooms ausmachten. An gespannten Schnüren, unmittelbar am Deckengesimse, reihten und drängten sich die Holzpuppen in den vertracktesten Stellungen, und zwar von dem berühmten Jantje Klaas bis zur ehrenwerten Genoveva und dem fatalen Ritter Golo herunter, alles Gestalten, die in der Puppenkomödie eine Hauptrolle spielten. Jetzt schliefen sie alle, streckten die steifen Arme und Beine von sich und träumten von der niederrheinischen Kirmeszeit, während welcher ihr Herr und Meister durch seine erstaunenswerte Fingerfertigkeit ihre Glieder belebte und unter richtiger Ausnutzung seiner Eigentümlichkeit als Ventriloquist sie in die Lage versetzte, mit Fistelstimmen, in sonoren Tönen, in Gutturallauten oder mit der Grundgewalt des Basses zu sprechen. Ahnungsvoll dämmerte schon jetzt diese lustige Zeit für sie herauf, denn es war so, als wenn sie sich plötzlich leise bewegten, als wenn sie im Vorgeschmack der kommenden Tage die Stielaugen streckten, auf Jan Peerenboom stierten und ihn fragend ansahen, ob's noch immer nicht losginge. Aber es ging noch nicht los. Nur ein neidischer Windhauch strich über sie fort, brachte ihre starren Gelenke in eine ungeschickte Bewegung, so daß sich die unförmlichen Holzköpfe merklich berührten. »Klipperklapper!« machten die Puppen. Ein kantiges Ungetüm, mit gestreiftem Drell überzogen, stand der Komödienkasten in einer Ecke des Zimmers. Kathje hatte ihn mit buntem Flitter, mit leuchtenden Sonnen und Sternen aufgeputzt, eine Ausschmückung, die noch durch grellfarbige Papierfähnchen erhöht wurde, wenn ihr Vater in das geheimnisvolle Machwerk hineinkroch, mit ihm über Land zog und hinter den simpelen Kulissen, Versatzstücken und Soffiten seine Rühr- und Spektakelstücke der gaffenden Menge vorsetzte. In Grieth, Marienbaum, Emmerich und Moyland, kurz in der ganzen Umgegend, war Jantje Klaas mit seinem Komödienkasten, mit seinen Puppen und Schnurrpfeifereien ein gern gesehener Gast, dessen launige Einfälle auch dem tollsten Griesgram die krampfhaftesten Lachsalven abzwangen. Das jetzt so friedlich, einsam und weltvergessen in der Ecke stehende Holz- und Drelltheater hatte schon die lustigsten Tage gesehen und konnte von den pudelnärrischsten Dingen erzählen. – Kathje blieb lange. Noch immer saß Jan in tiefer Betrachtung, wobei ihm allerdings die drohende Subhastation die wenigsten Kopfschmerzen machte. Er dachte vielmehr an seine Kinder, an Kathje und Nikodem – und hierbei gefiel er sich, in die Vergangenheit unterzutauchen, eine Gedankenexkursion, die durch das träumerische Pappelgeflüster und Rohrgesäusel auf das trefflichste unterstützt wurde. Ja – Jantje Klaas war im Geist mit verklungenen Tagen beschäftigt. Er sah sich mit seinen Puppen über Land ziehen. Heiß brannte die Sonne vom Himmel; ihre Glut zitterte über die wogenden Kornfelder, aus denen das brennende Rot des wilden Mohns mit scharfem Kontrast hervorknallte. Jenseits derselben tauchte der Gnadenort Marienbaum auf. Da war Kirmes, und schon von weitem klang das Lärmen der Tanzmusik herüber. Eine Ammer schrillerte am Wege. Sonst achtete er darauf – heute nicht. Er war zu sehr mit sich und Nellecke Otten beschäftigt, die, in Marienbaum beim Ortsvorsteher bedienstet, ihn nach dem Abendläuten im Tanzzelt erwartete. Ein schöner und frischer Kerl wie er war, hatte er entschieden Glück bei den Weibern. Alle hatten sich in den Puppenspieler vernarrt, sie fraßen ihm aus der Hand, wie er sagte, er ulkte mit ihnen, er schwor ihnen ewige Treue, um sie dann wieder laufen zu lassen. Aber Nellecke hielt ihn beim Kittel und ließ ihn nicht wieder. Sie brauchte sich hierzu auch keine besondere Mühe zu geben, denn sie hatte ihm's angetan mit ihrem schmucken Gestell, mit dem Kaffeebraun ihrer Augen und dem Prächtigen Haar, das wie reife Weichselkirschen flimmerte, wenn die Sonne darauf spielte. Zudem war sie eine Puppenspielernatur wie er – zu Scherzen und Faxen aufgelegt, aber auch mit dem leichten Mut behaftet, das ihn auszeichnete. – Der Schweiß perlte von seiner Stirne, als er sich mitten im Kirmestreiben befand und unter einer breiten Linde seinen Kram installierte. Ums Abendläuten war er im Tanzzelt – und da kam sie daher, schnellatmend, mit wogender Brust und geöffneten Lippen, und als er mit ihr dahinflog, preßte sie ihn, daß ihm der Atem verging. Nellecke kicherte. Er verstand sie und zwinkerte pfiffig. Der Tanz war zu Ende. Die Musikanten drehten ihre Instrumente um und ließen die überschüssige Kraft ihres hineingeblasenen Hauches aus den Schallöchern träufen. Um die primitive Kerzenkrone flirrte und wirbelte der Staub und beengte die Brust – und da draußen war es so frisch und taukühl, und die Sterne waren aufgegangen am Himmel. – Schwer hing Nellecke am Arm ihres Geliebten. Sie zog ihn hinaus – und da lag die Nacht in unendlicher Klarheit. Die Weizenfelder wogten und rauschten bis dicht an das Tanzzelt heran. Ein Sehnen und Locken und ein geheimnisvoller Liebestaumel ging verschwiegen durch die ganze Natur. Die beiden gingen weiter und weiter und verloren sich schließlich im hohen Getreide. Als sie umschauten, lag die Stelle, wo sie den letzten Schottisch getanzt hatten, wie eine transparente, sich nach oben verjüngende Scheibe inmitten der endlosen Landschaft. Jetzt gingen sie weiter. Wie zwei Schatten schlichen die beiden durch die engen Weizengassen dahin. Das Korn war in sanfter Bewegung. Der rote Mohn stammte wie heiße Liebesfackeln, und die blauen Kornblumen standen inmitten der Halme wie große Saphire. Das Mondlicht rieselte darüber hin und ließ alles deutlich erkennen. Die beiden Menschen erschauerten leise zusammen. Ihre Körper berührten sich. Er hatte den Arm um ihre Hüften geschlungen. Nellecke sah ihn mit heißen Blicken an und schmiegte sich fester an ihn. Ihr warmer Atem kitzelte seine Wange. Sie hören nicht auf die ferne Musik, die jetzt wieder verschlafen herüberhallt. Die berückende Sommernacht fordert ihr Recht. Sie küssen sich lange, und glückliche Stunden verträumen sie im wogenden Kornfeld. Groß und feierlich steht der Liebesstern über der Tiefe. – Zwei Wochen vergingen, da zog sie auf immer mit ihm. Sie hatte ihr Geschick mit dem seinen verknüpft und hielt getreulich zu ihm. Das unstete Zigeunerleben, das Liegen auf der Landstraße, die lustigen Puppenkomödien taten ihr wohl. Sie kümmerte sich nicht um das höhnische Achselzucken und das Gerede der Menschen. Erst wie der Winter kam, und ihre sonst so kräftige und schöne Gestalt sich merklich entstellte, da fühlte sie, daß sie Ärgernis gab. Als dann die Schwalben zurückkehrten, wurde ihnen ein kleines Wesen geboren. Sie nannten es Kathje. Jetzt fühlten sie so recht, daß sie in der Schande lebten; sie gingen hin und ließen sich trauen, um sich und das Kind ehrlich zu machen. Inzwischen hatte sich Jan in dem kleinen Ziegelhäuschen am Hanselaertor seßhaft gemacht. Die unsteten Kirmesfahrten und die schaffende Hand seines Weibes brachten klingende Münze und vergönnten ihm einen eigenen Rauch. Im Laufe der Jahre trug er die restierende Kaufsumme ab, legte sich den pompösen Sammetrock und die Großkarierten mit Strippen zu und fühlte sich glücklich in seinem Künstlerberufe. Schon fünfzehn Monate nach der Geburt Kathjes tauften sie abermals, und sie nannten den Sohn Nikodemus. Kathie war in der Sünde geboren – aber sie wuchs zu einem schönen Menschenkind heran, das Herz und Nieren erfreute, während Modem, als ehelich Erzeugter, sich zu einem ungelenken, sommersprossigen Jüngling herausbildete, schon in frühester Zeit frömmelnde Neigungen aufwies, nicht untalentiert war und mit Bienenfleiß darauf ausging, in die schwarze Soutane zu springen. Nellecke in ihrer Eigenschaft als glückliche Mutter, die für ihr Leben gern einen zukünftigen Papst unter dem Herzen getragen hätte, Jan lediglich aus berechtigtem Künstlerstolz willigten ohne langes Bedenken ein, belasteten ihr sauer erworbenes Häuschen und freuten sich auf die kommenden Tage. Da wurde Nellecke abberufen. Sie erlebte es nicht mehr, wie ihr Nikodem das Alumnat glänzend absolvierte, das Seminar bezog, die Priesterweihe empfing und dann als blutjunger Kaplan der kleinen Pfarre in Marienbaum zugeteilt wurde. Aber mit ihrem Tode war der Schnapsteufel unter die schwerbelasteten Dachziegel gefahren. Alles ging drunter und drüber; selbst Kathjes fleißige Hand, die bei den Honoratiorenfamilien herumbügelte, für die Kirche Chorhemden plättete und emsig bemüht war, manchen Notpfennig heimlich auf Seite zu bringen, war auch nicht imstande, die rastlos abbröckelnde Scholle haltbar zu machen. Mit Nikodem, der ungefähr zwei Jahre die kümmerlich dotierte Kaplansstelle innehatte, standen Vater und Schwester nicht auf erfreulichstem Fuße. Die geistlich-taktischen Vorstöße, die der junge Herr in Kraft seiner priesterlichen Würde zeitweilig gegen den Schnapsteufel inaugurierte, waren wenig dazu angetan, einen freudigen Widerhall unter der verschlissenen Sammetjacke seines Erzeugers zu wecken, wie denn auch der stets wiederkehrende, nörgelnde Hinweis des eifrigen Klerikers auf die unehrliche Geburt seiner Schwester nicht geeignet erschien, angenehme und behagliche Wechselbeziehungen in der kleinen Familie aufkommen zu lassen. Er konnte nicht anders – er hielt Kathje nun einmal für ein so gut wie verlorenes Menschenkind. Aber diese seine Voreingenommenheit, die fast einem Verdammungsurteil gleichkam, entsprang nicht der Unduldsamkeit seines Herzens und der beschränkten, im Seminar gezeitigten Ideensphäre, sie war vielmehr von lauteren Motiven durchsetzt und von dem innigen Wunsche beseelt, an ihr, der in der Sünde Erzeugten, in der Sünde Geborenen, also nach seiner Ansicht auch für die Sünde Prädestinierten, dasjenige noch für Zeit und Ewigkeit zu retten, was überhaupt noch an ihr zu retten war. Er meditierte hierüber schon seit Jahren – und der sommersprossige Heißsporn hatte diese Meditation bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten ausschließlich zur Richtschnur seines Handelns gemacht, ohne dabei auch nur die geringste Gegenliebe in seinem elterlichen Hause zu finden. – Dieses hatte seinem Vater schon öfters zu denken gegeben. Selbst der belebende und alles ausgleichende Geist der Schnapsflasche brachte diesen über den fatalen Zwiespalt nicht fort. Auch heute mußte er daran denken. Von den seligen Schauern der laulichen Sommernacht, in welcher er mit Nellecke durch die verschwiegenen Gassen des Kornes streifte, war der Puppenspieler in seinen Betrachtungen bis auf dieses merkwürdige Verhalten, auf diese asketische Theorie seines Sohnes gekommen. Nein, dieser eingeborene Sohn, auf den er alle Hoffnung gesetzt, für den er doch sein Herzblut gegeben, für dessen Studium er sein sauerverdientes Hab und Eigen verpfändet, und für den er in wenigen Tagen seine – trächtige Yorkshire-Sau opfern sollte, verstand ihn nicht, verstand Kathje nicht, verstand die Welt nicht – und es war daher so gut wie ausgeschlossen, auf diesem Gebiet ein für beide Parteien erfreuliches und versöhnendes Resultat zu erzielen. »Ausgeschlossen,« sagte Jan Peerenboom und schlug mit der Faust auf die Drehbank. »So'n Sakermenter von Sturkopp!« Kathje trat in diesem Augenblick mit Licht in die Stube. Der helle Schein fiel über ihr ovales Gesicht und ließ die elastischen, wohlgeformten Gliedmaßen des jungen Mädchens noch mehr in die Erscheinung treten. Kathje war eine eigenartige Schönheit. Etwas Jungfräuliches, Herbes und doch sinnlich Berauschendes ging von ihr aus. Ihre Haare schienen zwei dunkle Massen von Kastanienfarbe zu sein, die sich, über Schläfen und Ohren wellend, im Nacken zu einer dichten Muschel vereinten. Und dabei waren ihre Augen blau und dunkel zugleich, müde und doch von einem wechselnden Farbenspiel durchirrt, das verschleiert unter den fast schwarzen Wimpern hervorsah. Ihr Gesicht, ohne gerade regelmäßig zu sein, wies berückende Linien auf und war von jener eigentümlichen Blüte bestäubt, die jungen Früchten anhaftet, die noch am Baume reifen und der Ernte entgegenharren. Die Flügel der feingeschnittenen Nase zuckten öfters in nervöser Unruhe über den geschweiften Lippen, in deren Ecken der launige Schalk saß. Nichts von der Schwerfälligkeit und dem Ungraziösen der niederrheinischen Rasse haftete ihrem schlanken Körper an, der sich bei jedem Schritt sanft in den vollen Hüften wiegte und fast ohne Schwingungen die freien, harten Brüste unter dem dünnen Leibchen zu tragen pflegte. Etwas Weiches, Sanftgebogenes zeichnete ihren Nacken aus, auf dem der Kopf mit der Fülle des kastanienbraunen Haares in frischer Ungezwungenheit ruhte. Sie war sich ihrer eigenartigen Schönheit bewußt und kannte den Eindruck, den sie bei ihrem Erscheinen jedesmal auf die Männerwelt machte. Der Hauch des Madonnenhaften umspielte sie, aber dieses Madonnenhafte war durchsetzt von einer zurückstoßenden Herbe und dem Wesen des Zigeunerartigen, Unsteten, Flatterhaften, dessen sie selbst in den schwerwiegendsten Augenblicken nicht Herr werden konnte, und zeitweilig dahin führte, ihr anziehendes Bildnis zu trüben. Sie hatte sich in die körperlichen und geistigen Eigenschaften von Vater und Mutter geteilt. Die Schwingungen der liebestrunkenen Sommernacht mit dem sanften Rauschen des Kornes, den geheimnisvollen Stimmen, der verschwommenen Tanzmusik und dem Funkeln der Sterne, die bei jener Begegnung der Liebenden zahllos zu ihren Häupten und über den sanft bewegten Weizenfeldern gestanden, zitterten in ihrer Seele nach und verliehen ihr jene Sehnsucht nach Liebesgenuß, jenes unbestimmte Drängen und Fühlen, dem sie im Ideenkreis ihres geistlichen Bruders das ›Prädestiniert für die Sünde‹ verdankte. Allein dieser Rausch wurde in Schranken gehalten und verflüchtigte sich vor ihrer zweiten Natur, dem Herben, welches im gegebenen Augenblick ihre durstige Seele zurückhielt und ihr dasjenige verliehen hatte, was sie heute noch war: ein vielbegehrtes und schuldloses Mädchen. Kathje Peerenboom war jedenfalls eine merkwürdige Erscheinung im niederrheinischen Flachland, wo sich die Menschen schwerfälliger geben denn sonstwo und den Pappeln ähneln, die frostig und kühl und mit einer gewissen Monotonie über die endlosen Wiesen und Kornfelder hinausrauschen. Nur das Müde ihrer Augen erinnerte daran, jene Müdigkeit, die im Sommer über den niederrheinischen Kolken lagert, wenn die Libellen matten Fluges vorübergaukeln, und die langen Schilfblätter kaum merklich unter dem lähmenden Kuß des Abends erschauern – und dieses geheimnisvolle Erschauern war auch Kathje zu eigen. – Sie kam langsam, den Kopf etwas nach vorn geneigt, mit der brennenden Lampe ins Zimmer. Ein kleiner, beweglicher Schatten folgte ihren Schritten. Sie stellte das Licht auf den Tisch und zog die schadhafte Gardine vor das geöffnete Fenster. Draußen war es mittlerweile völlig dunkel geworden. Nur wenige Leute gingen vorüber. Die kleine Stadt schickte sich allmählich an, sanft und selig in die verschwiegene Sommernacht hinüberzuduseln. Jan Peerenboom reckte sich auf. »So 'n Sakermenter von Sturkopp!« rief er noch einmal, wobei er wieder mit der Faust auf die Platte der Drehbank klopfte, daß Raspeln, Messer und Feilen emporhüpften. »Na, Vater, was gibt's denn? – Laß den dösigen Schellfisch doch laufen.« »Ach, der ...!« brummelte Jan, »der ist mir schnuppe, der Schellfisch.« »Na – wer denn? – Nikodem etwa? – Mein Herzensbruder Nikodem im heiligen Pfarrhaus dahinten?« spöttelte Kathje und stemmte die nackten Arme in die Hüften, als sei sie bereit, siegesmutig über den geistlichen Herrn zu fallen. »Murrgen ...!« sagte der Alte mit verbissenem und verächtlichem Tone. »Der mit seinem Lämmerdasein dahinten?! – Ja, der war es soeben! – Aber jetzt – er kann mir den Hobel ausblasen. – Hab' ihn nicht nötig. – Selbst ist der Mann – und wir in unserem Künstlertum brauchen uns die Angriffe des Herrn Sohnes und Bruders nicht gefallen zu lassen, trotzdem er Dir ein neues ›Kaschmir‹ spendiert hat.« Der Puppenspieler erhob sich und nahm eine heroische Haltung an. »Nanu,« lächelte Kathje, »lege man los.« Sie kannte ihren Vater und schlug erwartungsvoll die Arme übereinander. Jan verschleierte die schnapsseligen Augen noch mehr, stellte den rechten Fuß vor und ließ die linke Hand zwischen Hemd und Sammetjacke verschwinden. »Nein, Kathje,« versetzte er mit umflorter Stimme, »weder Nikodem noch der Schellfisch haben mir den heutigen Abend vergiftet. Ein anderes Unheil hat mir soeben bedrohlich nach dem Künstlerherzen gegriffen.« »Um Gotteswillen!« lachte Kathje aus vollem Halse, »nun hab' Dich man nicht.« »Hab' Dich man nicht? – Warum? – Weshalb?« trumpfte Jan auf, und der ganze Mensch legte das Heroische und Sentimentale wie einen abgelegten Rock in die Ecke. Das rein Natürliche und Alltägliche war in ihm rege geworden. »Himmel Sapperment noch mal!« legte er los. »Da soll einer nicht in ein Mauseloch kriechen, wenn ihm so 'n verfluchter Adler ins Genick schlagen will. Dem verflixten Schellfisch nehm' ich's nicht übel. Er hätte uns schon eher piesacken können. Er hat ein Recht darauf, denn ich habe mich ihm mit Leib und Seele verschrieben. Aber, daß mir zum Hohngepiepel der ganzen Stadt der preußische Vogel mit blutroten Oblaten auf die Haustür geklebt wird – das schlägt alle meine Hoffnungen und meinen feinsten Trommelkasten zusammen!« »Um Gotteswillen, was ist denn?« »Der Düwel ist los!« donnerte Jan. »Murrgen in acht Tagen ist's aus hier; dann heißt das: zum ersten, zum zweiten, zum dritten! – Himmel Sapperment noch mal! – Der Stuhl unterm Hintern kriegt Beine, die laufen von selbst – in unserem Bettzeug krabbeln andere herum – Puppen und Möbels kriechen unter andere Pfannen – die trächtige Sau wird gepfändet – Ferkel und Würste werden von fremden Mäulern gefressen – und unsere Schinken, Kathje, unsere eingeborenen Schinken schnabulieren die anderen. – Ich kann nicht mehr! – Das dreht mir den Hals um – und da...« Mit einer verzweifelten Geste deutete der Puppenspieler in eine Ecke des Zimmers: »Und da liegt der preußische Adler, das Untier. Ich hab's von der Haustür gerissen.« Mit einem dumpfen Schmerzenslaut war Jan wieder in seinen Binsensessel gefallen. Der Künstler war alle. Jan Peerenboom hatte seine äußere Würde verloren. »Die Schinken, die saftigen Schinken!« kam es in weinerlichem Ton von den Lippen des Zusammengeknickten, während Kathje das zerknüllte Papier aufnahm, es auseinander breitete und sich in die krausen Schriftzüge vertiefte. Plötzlich schlug sie die Hände zusammen. Sie hatte entsetzt das amtliche Ding fallen lassen, als wäre es glühend zwischen ihren Fingern geworden. »Die Schande – die Schande!« keuchte sie in dumpfer Verzweiflung und hielt sich den Rock vor die Augen. »Da zeigen ja die Leute mit Fingern auf einen, da kann man ja nicht mehr als ehrliches Mensch in die Kirche gehen, da können wir nu wie die Krähen mit nackten Füßen im Schnee herumhüpfen, da können wir ja...« »Himmel Sapperment noch mal!« stöhnte Jan auf. »Die Schande – die Schande!« Kathje ließ den Unterrock fallen. »Aber das ist alles nur wegen des verfluchten Kümmels gekommen,« sagte sie mit funkelnden Augen. »Was?!« fuhr der Puppenspieler dazwischen. Ergrimmt sprang er auf und machte Miene, wieder in die tragischen Gesten seines Heldentums zu verfallen. »Kathje kommst Du mir auch mit dem Kümmel – mir. Deinem angestammten Vater, der Dich auf Händen getragen und gewissermaßen an seinen leiblichen Brüsten erzogen! – Kathje, das mir! – Habe ich etwa dem Schnaps nur aus sinnlicher Leidenschaft gefrönt? – Nein und abermals nein! – Nur Begeisterung, höhere Weihe und Kunst habe ich mir im Kümmel ertrunken – und dann: wer hat Aloys vor die Tür gewimmelt?! – Ich und abermals ich! Dir zuliebe habe ich ihn vor die Tür gewimmelt, weil ich nicht will, daß meine herrlich erblühte Tochter den Lüsten des Schellfischs verfalle. Und nun kommt dieses, mein Kind, und hält mir die Kümmelflasche unter die Augen. Oh, oh, oh ...!« Jan Peerenboom hatte eine fulminante Pose angenommen. Große Tränen standen dabei in seinen verwässerten Augen. Mit dem rechten Ärmel seiner Sammetjacke fuhr er darüber hin. Er war weich gestimmt; aus seinen Blicken schienen die Töne einer Äolsharfe zu dringen. »Oh, oh, oh!« begann er mit sanfter Betonung, »das habe ich nicht um Dich verdient, meine Tochter. Aber Du brauchst's nur zu sagen. Erkläre Dich einverstanden, nimm den Schellfisch, werde glücklich mit ihm – und alle Not hat ein Ende. Die Klever Schuld wird bezahlt, der preußische Kuckuck verduftet, die Pfändung ist alle, die Sau bleibt im Stalle, und wir essen die Ferkel und Würste allein. Ich aber wasche meine Hände in Unschuld. Nun wähle: hie Schellfisch – hie Pfändung.« »Pfändung!« rief Kathje unter Lachen und Weinen. Da breitete Jan Peerenboom die Arme, schritt auf seine Tochter zu und zerrte sie an sich. »Ich hab's ja gewußt,« meinte er mit lallender Zunge. »In Dir ist Künstlerblut, Rasse, Mumm und das Erbteil Deiner seligen Mutter. Her zu mir, Kathje! Du bist ja immer meine Herzenstochter gewesen.« Und da stand nun der starkknochige Mann mit den schnäpsernen Blicken, mit dem guten Gemüt, ganz Mensch und ganz sein eigenes Selbst, ohne jedes Beigemengsel von Pose und weinte wie ein Kind. »Aber die Schande – die Schande!« flüsterte Kathje. »Die Schande!« trumpfte Jan Peerenboom auf. »Jetzt wo ich Dich wieder habe ... auch egal! – Jetzt laß sie man kommen.« »Vielleicht könnte Nikodem...« meinte Kathje. »Der?!« lächelte der Puppenspieler und machte eine große Bewegung. Dann zählte er an den Fingern herunter: »Drei Hemden, zwei Unterhosen, drei Paar Schuhe mit Schnallen, 'nen Stiefelknecht, zwei schwarze Soutanen, eine für Sonntags, eine für Werktags, 'nen Hut und 'ne Heidenwut gegen den Kümmel und Dich ... Ne, ne, ne! – der ist ja selbst wie 'ne hungrige Ratze. Kriegt nichts und hat nichts. Mit Brevierbeten und Messelesen kann man keine Hypotheken bezahlen und 'ne Pfändung verhindern. Ne, ne, ne! – auf den ist nicht ein falsches Kastemännchen zu rechnen. – Aber weißt Du was, Kathje – einer der kann es.« Kathje sah ihn mit großen Augen an. »Einer der tut es und kann es,« wiederholte der Puppenspieler mit sichtlicher Freude. »Herrgott noch mal! – daß ich nicht früher auf diesen verfallen.« »Auf wen denn?« »Auf Pittje.« Kathje verfärbte sich. »Der ist ein Kerl noch,« drang der Alte auf sie ein, und seine Sprechweise gefiel sich wieder im Pathetischen. »Der hat noch Mitleid für die leidende Menschheit, der ist ja selber so'n halber Künstler mit 's Balbiermesser und 's Brenneisen, der hat Geld und ein Kindergemüt so rein und gewaschen wie 'ne sammtne Decke. Himmel Sapperment noch mal!« – und Jan Peerenboom schlug wie in Ekstase die Hände zusammen. – »Kathje, das wäre 'ne große Idee, wenn Du morgen Dein Bestes anzögest, zu Pittje gingst und ihm so'n bißchen unter die Nasenlöcher hofiertest.« »Aber Vater...!« »Alles in Ehren, Kathje – alles in Ehren! – Nur aus christlicher Barmherzigkeit willen, denn Pittje ist ein grandioses Gemüt und macht sich eine Ehre daraus, unser Schwein und die Möbels und unser Häuschen zu retten. Und dann überhaupt – Pittje als solcher.« Mit neckischem Ellenbogen stieß er sie in die Seite. »Na – Kathje, geniere Dich nicht – um Himmelswillen! – geniere Dich nicht. Man ist doch auch nicht von gestern und hat auf den Ohren gesessen! – Man kennt seine Leute! – Und Du – so'n properes Mädchen wie Du bist...! – Na, ich sage man nur: wenn ich Herr Pittje Pittjewitt wäre...« »Schon gut, Vater, schon gut,« kicherte Kathje. »Dir zuliebe und unserem einzigen Ferkel zuliebe – ich gehe morgen zu Pittje. Und jetzt will ich's Abendbrot machen.« Mit Hellem Gelächter war sie in der Nebenstube verschwunden, aber dieses Gelächter klang anders wie das, mit dem sie noch kurz vorher den Schellfisch verfolgt hatte. Mit leuchtenden Blicken hatte ihr Jan Peerenboom nachgesehen. Jetzt sah er die Welt mit anderen Augen an, und in seiner Herzensfreude nahm er die kurze Pfeife vom Schrank, stopfte den gemaserten Holzkopf mit Rippchentabak, schob die Hornspitze in die linke Mundecke und bückte sich schwerfällig zu Boden. Dort lag noch immer der zerknitterte Stempelbogen. Mit einem grunzelnden Wonnegefühl hob er ihn auf, falzte ihn kunstgerecht auf den Knieen, bis er schließlich die handliche Form eines Fidibus' annahm. Mit diesem steuerte er dem Küchenfeuer zu und ließ Stempelbogen und Kuckuck in Flammen aufgehen. Mit dem glimmenden Rest brachte er seine Pfeife in Brand. Himmel Sapperment! – wie das schmeckte. Nach dem Abendessen begab sich Kathje zur Ruhe. Der Puppenspieler aber konnte noch immer das Gleichgewicht in seiner Seelenverfassung nicht finden. Um seine glückliche Unruhe zu dämpfen, setzte er sich in seinen Binsenstuhl ans Fenster und schob die Gardine zurück. Wohlig strömte jetzt die lauliche Nachtluft ins Zimmer. Über den Dächern der gegenüberliegenden Häuser blitzten die Sterne und winkten friedlich herunter – und wie er in das sanfte Flimmern hineinsah, da war es ihm plötzlich, als wenn ein Engel vom Himmel niederschwebe. Und dieser Engel kam aus lichten Gefilden; und seine Schultern waren entblößt, und an denselben hafteten zwei prächtige Flügel, die in allen Farben des Regenbogens erstrahlten. Der Engel aber trug etwas Papierartiges in seinen schuldlosen Händen, und als Jan näher zusah, da waren's preußische Banknoten, die ihm der himmlische Bote präsentierte und lächelnd in die geöffnete Hand drückte. – Und der Engel selber, die Züge... »Kreuz Kuckuck noch mal...!« Jan Peerenboom hielt ihm die Schnapsflasche hin. »Pröstchen! – Tag, Pittje.« Da schwand die Erscheinung. Vom nahegelegenen Rathaus hallte die Turmuhr. In feierlichen, langatmigen Schlägen rief sie die elfte Stunde über die kleine niederrheinische Stadt hin. Nun war auch die Schlafenszeit für den Puppenspieler gekommen, aber Jan dachte nicht an die Wonnen des Bettes. In seinem Überschwange des Glückes, in seinem zauberischen Dusel, der ihm die Zukunft in den rosigsten Farben ausmalte, hielt's ihn nicht länger in der dumpfigen Stube. Ein unbestimmtes Sehnen und Drängen trieb ihn hinaus. Er glaubte an Pittje, und von diesem Gedanken völlig beeinflußt, zündete er die Stallaterne an und ging in den Hofraum, dort der vielgeliebten Yorkshire-Sau, die ja nach seiner felsenfesten Überzeugung wieder sein veritables Eigen geworden, einen Besuch abzustatten. Ein freundliches Quieksen empfing ihn. Und da lag sie auf der properen Streu, rosig, mit den kleinen blinzelnden Augen und dem putzigen Schwänzchen, überstrahlt von dem ruhigen Licht der kleinen Laterne. Ach! – wie das Wohl tat. Blut-, Leber- und Mettwürste schwebten vor seinen trunkenen Blicken, und im Vorgefühl der kommenden Tage schnitt er sich schon einen gehörigen Riemen von der geräucherten Speckseite. Und die Schinken erst – die saftigen Schinken! Nur mit Wacholder sollte diesesmal geräuchert werden – nur mit Wacholder. Es tat ihm leid – aber er konnte in diesem Falle keine Sägespäne von seinem jungen Freunde dem Schreinermeister Henseler beziehen. Dieses Kapitalschwein verlangte für seine Schinken eine nobelere Räucherungsart. Wacholder war die Parole. Und das Tier quiekste und grunzte, und Jan strich ihm mit liebevoller Hand über die borstige Schwarte. – Anderen Tages fand ihn die liebe Sonne noch immer im Stall. Und als sie hineinsah – da hatte der Gemütsmensch den rechten Arm um den kurzen Nacken des trächtigen Schweins gelegt, und beide schliefen in seliger Harmonie bis weit in den Sommermorgen hinein. IV. Bei Mutter Pittjewitt An diesem Morgen saß Frau Tamina Pittjewitt, geborene Nebelthau, mit einem dunkelblauen Strickzeug in den Händen, am Fenster ihres niedrigen Hauses in der Kesselstraße, das sie gemeinsam mit ihrem Sohn Pittje bewohnte. Ihren befremdlichen und vornehmen Namen 'Tamina' der so ganz und gar nicht in die niederrheinische Gegend Paßte, hatte sie ihrem Vater Karlo Nebelthau zu verdanken. Karlo Nebelthau, seines Zeichens Organist und Stadtmusikus, amtierte vor Jahren als ein bestgeachteter Mann im benachbarten Kleve. Der Mann war die Pünktlichkeit selbst. Von einem Bienensteiß beseelt und mit einer biederen Gesinnung ausgestattet, hatte er nur die Schrulle, seine Kinder mit den weltfernsten Vornamen aus dem Wasser heben zu lassen. Seine Sühne ließ er mit den Namen Hamilkar, Kreuzwendedich und Petrikettenfeier begnaden, von denen der erste sich als Schneider etablierte, der zweite Faßbinder wurde, und Petrikettenfeier zurzeit die gewichtige Stellung eines Küsters in der Nähe von Xanten bekleidete. Seine einzige Tochter kam als Tamina aus der Taufe. – Also – Frau Tamina Pittjewitt, geborene Nebelthau, saß an diesem Morgen in ihrer Wohnung am Fenster und strickte. Sie war eine hagere Persönlichkeit, die das Ende der Sechziger bereits erreicht haben mochte. Das schon starkergraute, straffgescheitelte Haar lief in einer scharfen Biegung von den Schläfen bis zur Mitte der Wangen, um von hier aus in verschiedenen künstlichen Flechtchen sich über die Ohren zu legen. Nur der untere Teil derselben blieb frei. Mächtige Ohrgehänge von Rotgold, die bei jeder Bewegung des Kopfes eine nervöse Unruhe verrieten, schlossen den unteren Teil des schmalen Gesichtes ab, während eine holländische Knippmütze mit ihren gestärkten Falten und Fältchen den oberen Teil des Kopfes bis zu den Ohrläppchen einzirkte. Von dem geraden, schmallippigen Mund liefen zwei tiefeingeschnittene Falten zum Kinn nieder, die den Zügen eine gewisse Strenge verliehen, eine Strenge aber, die durch das Milde der großen und stahlgrauen Augen eine sanfte Abtönung gefunden hatte. Einen wesentlichen Bestandteil der betagten Frau bildeten Stricknadeln und Wollstrumpf. Ohne diese war keine Frau Tamina Pittjewitt denkbar. Zu allen Tagesstunden und öfters bis spät in den Abend hinein ließ sie die stählernen Nadeln klappern, fügte Masche an Masche und freute sich über das Gebaren des Wollknäuels, das, je mehr es an Fettleibigkeit abnahm, desto lustigere Sprünge auf dem Kirschholztischchen vollführte. Das Garnknäuel kam ihr wie ein lebendiges Ding vor. Sie verhätschelte es, sie hielt Zwiesprache mit ihm und verknüpfte die besten Erinnerungen und Wünsche mit seinem ablaufenden Faden. Strickend schlürfte Frau Pittjewitt ihr Morgen- und Mittagschälchen, strickend las sie die welterschütternden Ereignisse und Begebenheiten im niederrheinischen Kreisblatt, strickend duselte sie alltäglich um die Vesperzeit in eine Art von Halbschlaf hinüber, und unter der fingerfertigen Arbeit des Strickens machte sie Zukunftspläne für ihren einzigen Sohn Pittje, bei denen verschiedene Heiratsprojekte eine Hauptrolle spielten. Pittje war ihr überhaupt ans Herz gewachsen, sie war stolz auf ihn, und ihr Antlitz verjüngte sich stets, wenn sein Name in ihrem Bekanntenkreise lobend erwähnt wurde. Kein Zweifel bestand – sie hatte auch alle Ursache dazu, das Licht ihres Sohnes nicht unter den Scheffel zu stellen. Sein Barbiergeschäft blühte, die Schweinestecherei hatte ein gewisses Ansehen in Stadt und Umgegend gefunden, und in seiner Amtierung als Leichenbitter hatte er bis jetzt die höchsten Trümpfe ausspielen können. Keiner vermochte wie er die flottierenden Trauerflore zu achseln, keiner verstand es in so schön und rührend hingeschmalzter Rede die Einladungen für das Leichengefolge zu machen, und das Wehleidige des Gesichtes, das er bei dieser Gelegenheit pflichtgemäß aufsetzen mußte, kam so natürlich, ungekünstelt und ergreifend zum Vorschein, daß selbst die eingeschworenen Gegner eines kirchlichen Begräbnisses nicht umhin konnten, ihr Vorurteil aufzugeben und Gefolgschaft zu leisten. Aber der höchste mütterliche Triumph senkte sich in die Seele der beglückten Frau, als kurz vor den verflossenen Pfingsttagen die städtischen Wahlen ihr Ende erreicht hatten. Einstimmig ging der aufgestellte Kandidat Herr Peter Pittjewitt aus denselben als Stadtrat der dritten Klasse hervor. Jetzt stand er inmitten des politischen und kommunalen Getriebes, jetzt war er eine Persönlichkeit geworden, die auch äußerlich in die richtige Beleuchtung gestellt werden mußte, und dieses erwägend, fuhr Mutter Tamina noch selbigen Tages in der knallgelben, holperigen Postkutsche zur benachbarten Kreisstadt. Gegen Abend kam sie mit einer mächtigen, sich nach oben verjüngenden Pappschachtel zurück. In großer Heimlichkeit packte sie dieselbe sorgfältig aus, spreitete ein frisch gewaschenes Leinentuch über die blankgescheuerte Tischplatte und pflanzte in die Mitte derselben ein glänzend schwarzes, mit einem schmalen Rand versehenes und sich zuckerhutartig nach oben verlaufendes Gebäude hin. Über den Aufbau warf sie alsdann ein großgeblümtes Halstuch. Hierauf ging sie in die Küche und geleitete in feierlicher Weise den jungen Stadtrat ins Zimmer. Wie angenagelt stand er vor dem verschleierten Bildnis – und als er das Tüchlein schließlich mit zagendem Finger lüftete, da paradierte ein funkelnagelneuer Zylinder darunter, und dieser Zylinder hatte von nun an das ausbündige Glück, von Herrn Pittje Pittjewitt an Sonn- und Feiertagen, sowie auf seinem Gange zu den Stadtratssitzungen – aber auch nur dann – getragen zu werden. Während der übrigen Zeit fristete er ein beschauliches Dasein hinter den Scheiben des Glasspindes, wo er neben den vergoldeten und mit Vergißmeinnicht angemalten Tassen, Tellern und Kaffeekannen der Frau Tamina eine äußerst glückliche und imponierende Figur machte. Heute fehlte der Zylinder im Glasschrank. Lustig klapperten an diesem Morgen die blitzeblanken Stricknadeln zusammen, und das eiförmige Wollknäuel hoppelte an dem langen, dunkelblauen Faden so fröhlich herum, als wäre ein guter Teil der heiteren Laune Mutter Pittjewitts in seinen wolligen Körper gefahren. Draußen ging ein so recht behaglicher, langweiliger, niederrheinischer Sommermorgen durch die niedrigen Häuserzeilen, der nichts weiter zu tun hatte, als sich in den blanken Scheiben und den polierten Türklopfern zu spiegeln, mit den Grasbüscheln, die überreich zwischen den Pflastersteinen wuchsen, zu äugeln und in die Fenster zu schauen, hinter denen die gehäkelten Vorsetzer standen und saftige Geranienstöcke ihre ziegelroten Blütendolden entfalteten. Nur wenige Leute gingen vorüber; aber sie taten es in ihrer behäbigen Schwerfälligkeit, so daß auch hierdurch kein eigentliches Leben in den vereinsamten Straßen aufkommen konnte. Das Holzschuhgeklapper, das monoton von ihnen ausging, vermehrte nur die große Stille, die sich immer fühlbarer machte, und wären nicht die Schwalben gewesen, die in ziellosem Fluge bald den blaßblauen Himmel durchsetzten, bald ob den Grasbüscheln zwischen den Steinen dahinschossen, man hätte meinen können, die kleine Stadt mit ihren spanischen Giebeln, mit ihren Pappeln und Ziegeldächern hätte sich die Schlafmütze über die Ohren gezogen. Und in diesem Einerlei, in dieser beschaulichen Stimmung des Einschlafenden, in diesem blitzeblanken Sonnenschein des warmen Sommermorgens – Frau Tamina Pittjewitt, geborene Nebelthau, mit ihrem dunkelblauen Wollstrumpf und dem lispelnden Stricknadelgeklapper, das nun schon seit dem Morgenkaffee währte und kein Ende nehmen wollte. Frau Pittjewitt war in tiefem Sinnen, und sie hätte auch noch weiter gedacht und gegrübelt, wäre ihr nicht plötzlich eine unliebsame Masche gefallen. »Das hat was zu bedeuten,« meinte sie lächelnd, als ihr auch schon die zweite entglitt und leise an die Tür geklopft wurde. »Angtree!« sagte Frau Pittjewitt, ließ das Strickzeug in den Schoß fallen und legte erwartungsvoll die Hände darüber. »Angtree!« Und Kathje Peerenboom war ins Zimmer getreten. Auf dem braunroten Haar lag ein zierliches Leinenhäubchen, und die kraftstrotzende Fülle ihres jugendlichen Körpers schien das Kaschmirkleidchen sprengen zu wollen, das sich vornehmlich straff über den kleinen Busen spannte. Verschämt fuhr sie sich mit der Hand über die Schürze. »Tag, Mutter Pittjewitt.« »Ah – Kathje! – Seh'n wir Dich auch mal, und das mit's Feinste?« »Je, Mutter Pittjewitt, wenn ich zu Euch ...« »So, so, so,« machte die Alte, »ist wohl was Neues?« »Hat die Lena Brücker gemacht,« stotterte Kathje. »Und diese Üppigkeit – die reinste Verschwendung!« »Ist nicht von dem unseren. Nikodem hat Stoff und Macherlohn spendiert.« »So, so, so,« erstaunte sich Mutter Pittjewitt, »also der geistliche Herr Bruder ist splendide geworden! War doch sonst nicht sein Gusto.« »Das stimmt schon,« lächelte Kathje, »und er kann's auch nicht gut, aber diesmal hat er zur Ehre Gottes mit den Talern geklappert.« »Wieso denn?« »Mariä Heimsuchung ist große Prozession nach Marienbaum.« »Und da will der geistliche Herr Bruder, daß Du mit ziehen sollst?« »Ja – das will er.« »Und Du sollst in dem neuen Kaschmirrock den Rosenkranz beten?« »Ich soll was prästieren,« flüsterte Kathje, »denn mein Bruder ist ja nun einmal Kaplan in Marienbaum, und da will er, daß ich als seine Schwester etwas vorstellen soll, wenn wir von hier aus durch die geschlagenen Maibäume über die Chaussee zur Mutter Gottes spazieren.« »Das ist denn allerdings eine Erklärung,« lenkte Mutter Pittjewitt ein. »Aber das mit den Maibäumen, das hat so seinen eigentümlichen Haken. Du wirst in diesem Jahre wohl ohne die geschlagenen Birken vor dem geistlichen Herrn Bruder erscheinen müssen, denn das mit den Birken ...« »Sie sind aber beantragt,« warf Kathje dazwischen. »Und wenn der Schellfisch ...« »Das schon,« sagte Mutter Pittjewitt mit ärgerlichem Tonfall, »die Birken sind beantragt und auch vom Schellfisch von Prozessions wegen beantragt, aber ob er damit durchkommt, das ist denn doch so 'ne zweifelhafte Sache geworden. Sie wollen sich den Baumfrevel nicht mehr gefallen lassen. Pittje spricht auf dem Rathaus dagegen – und Pittje sagt, daß es gegen den Himmel schriee, wenn die jungen Birken im grünen Wald geschlagen würden, um auf der staubigen Chaussee von wegen nichts zu verdursten. Und Herr Sally Süßkind, als Verschönerungsmitglied, hat Unterschriften dagegen gesammelt, denn sie wollen ihre jungen Maibäume auf dem Monreberg behalten – und Pittje ist Feuer und Fett für die Sache, und was Pittje sich vornimmt ...« Mutter Pittjewitt war aufgestanden, denn in sitzender Haltung konnte sie ihren Worten nicht den gehörigen Nachdruck verleihen, vornehmlich dann nicht, wenn es galt, ihren Sohn in die richtige Beleuchtung zu rücken. »Und was Pittje sich vornimmt,« fuhr sie mit leuchtenden Augen fort, »das versteht er auch in Schick und Richte zu bringen. Das weißt Du ja selbst, Kathje; denn wenn er da im Stadtrat sitzt, wenn er seinen Sonntagssiegelring aufgesteckt und seinen feinen Zylinder vor sich auf das grüne Tischtuch gestellt hat – und wenn er dann loslegt: na, da schweigen schon die übrigen Hammels, und der Herr Bürgermeister nickt ›Ja und Amen‹ dazu, setzt seine Brille auf und unterschreibt ohne Besehn die ganze Geschichte. Und gib mal acht, Kathje – so wird's auch heute geschehen. Die Birken bleiben wo sie sind, auf dem Berg, keine Maibäume werden gepflanzt – und Du kannst ohne solche in Deinem Besten über die staubige Chaussee nach Marienbaum triumphieren.« »Soll mir schon recht sein,« bestätigte Kathje, »denn ich kann's auch nicht mit ansehn, wie sie so mit ihren abgeschlagenen Füßen die welken Blättchen hängen lassen, als wollten sie aus dem eingetrockneten Chausseegraben trinken. Man kriegt ja selber Durst davon, und die Kehle schnürt sich einem beim Anblick der armen Bäumchen zusammen.« »Recht so, mein Kind!« sagte die Alte und tätschelte mit ihrer hageren Rechten die Wange des Mädchens. »Ich hab's ja allzeit gesagt, die Kathje ist doch noch immer die Beste von der ganzen Puppenspielergesellschaft.« »Aber, Mutter Pittjewitt ...« »Laß man gut sein,« fiel diese dazwischen. »Ich hab's ja immer gesagt: Du hast so 'nen angeborenen Plie, Du bist so ganz anders wie die übrigen Mädchen – und wenn Du wolltest ...« Kathje errötete über und über. »Ich weiß nicht,« stammelte sie und machte sich wieder an ihrer Schürze zu schaffen, »ich bin eigentlich nicht wegen der Birken gekommen und möchte nicht gerne ... Aber so offen gesagt, ich hätte wohl mit Pittje zu sprechen.« »Der ist nicht hier und kommt auch vor Mittag nicht wieder.« »Ach!« sagte Kathje, »und die Sache hat doch so 'ne Eile, meint Vater. Wo ist er denn?« »Wo der da ist,« versetzte die Alte und zeigte in Richtung des Glasspindes. »Wo der Zylinder ist, da ist auch Pittje – und der Zylinder ist jetzt auf dem Rathaus.« »So ...!« machte Kathje, und es war ihr, als stände der Totengräber hinter ihr und wollte ihre schönste Hoffnung begraben. »Aber es wäre doch gut, wenn ich Pittje ...« »Was hast Du denn, Kind?« Da schluchzte Kathje heftig auf und barg ihr Gesicht mit der Schürze, die sie krampfhaft gegen Stirn und Schläfen preßte; unter schwerem Atemholen und häufigem Schluchzen erzählte sie alles, was seit gestern abend sich Trauriges in ihrem elterlichen Hause begeben. »Und so ist denn das Unglück gekommen,« schloß sie ihren unerfreulichen Bericht, »und da schickt mich Vater nach hier, um bei Pittje anzufragen, ob er helfen wolle und könne, denn in der nächsten Woche läßt uns Aloys Pierentrecker alles verkaufen. Auch die Hypothekenbank will nicht länger warten und denkt daran, unser Häuschen subhastieren zu lassen – und dann ist für uns ...« Ein erneutes Schluchzen ließ sie nicht weitersprechen. Die sonst so milden Züge der Alten hatten sich im Laufe der Erzählung verfinstert. »Hab's lange gewußt,« sagte sie mit rauher Betonung. »Seitdem Deine Mutter selig nicht mehr schafft und regiert, hat bei Euch das ganze Hauswesen seinen Krebsgang genommen, und Dein Vater hatte schon vor Jahr und Tag Angtree! rufen können, denn das Unglück stand bei Euch schon längst vor der Tür und wollte herein. Aber Dein Vater schlug ihm immer mit der Schnapsflasche auf den Kopp, daß es zurücktorkelte, bis es schließlich mit der richtigen Kurasch anfing und von allein ins Zimmer stolperte, sich an den Ofen setzte, die Pfeife ins Maul tat und sich aufspielte, als sei es immer der Herr im Hause gewesen. – Ich hab's ja selber mit angesehen, wie Ihr diesen Frechsack wie 'nen jungen Kuckuck gepäppelt.« »Aber Mutter ...!« »Ja, Du und Dein Vater,« fuhr die Alte unbeirrt fort, »Ihr zwei beide habt das Unglück wie 'nen hungrigen Gelbschnabel behandelt, ihm allstündlich den Papplöffel vors Maul gehalten; Ihr habt ihm den Bauch getätschelt, bis schließlich der ungeschlachte Lümmel Euch beim Kragen packte und tuttschwitt vor die Haustür spendierte. Ja, ja, ja – Kathje! – so mußte es kommen. Und Dein Vater kümmert sich den Teufel darum; er hält sicher noch die Schnapsbouteille in die Höhe und ruft Hurra dazu. Hab's lange gewußt, und der Schellfisch hat recht, und Dein Vater sollte sich schämen, denn er hat alles verkümmelt.« Kathje verfärbte sich. Ihre Finger legten sich krampfhaft zusammen. »Mutter Pittjewitt,« sagte sie mit stammenden Augen, »ich will nicht, daß mein Vater ... ich kann es nicht haben ... Auch mein Bruder Nikodem ...« »Das ist es ja eben,« wurde sie jählings von der alten Frau unterbrochen, »das ist es ja eben! Warum mußte der Junge studieren und ›Heerohme‹ werden? Wäre er zum Exempel ein ehrlicher Barbier wie Pittje geworden, dann hätte sich vieles anders gegeben. Aber das mußte hoch hinaus, das mußte 'nen geistlichen Herrn Sohn und 'nen geistlichen Herrn Bruder in der Familie haben, das mußte ... Je, was weiß ich, was da alles mußte und sollte! – Und als er's geworden – ach, du Herr Jeses! – als er auf der Kanzel stand und von der christlichen Nächstenliebe das Maul so recht voll nahm – ja, du mein lieber Gott! – da hatte er kein verschlissenes Dobbeltje oder einen roten Groschen für die Seinigen übrig. Daß er für Euch das Kreuz in der Hosentasche schlägt, das kostet nicht viel – und daß er Dir das neue ›Kaschmirne‹ gestiftet, das ist doch wohl nur so 'n bißchen Sonderinteresse gewesen.« »Je, aber ...« »Ach, was – je aber! – Alles bleibt, was ich sagte. – Der verfluchte Schnaps und der geistliche Herr haben Euch die Schnitten aus dem Brotschrank gefressen, die Möbels in andere Hände gespielt und Euch die Hypotheken auf die Ziegelpfannen geworfen. Ihr habt nicht hören wollen – nun seht wie Ihr auskommt.« Das hatte Kathje nicht erwartet. Ihr Ehrgefühl bäumte sich in der jugendlichen Brust auf, und in den dunkelblauen Augen begann es grünlich zu leuchten. Ihre äußere Erscheinung verjüngte sich bei dieser Erregung. Große Tränen standen in ihren zornigen Blicken. »Denn adjüs.« Sie wandte sich kurz; jetzt trat ihr geschmeidiger und biegsamer Körper so recht in die Augen. Das entging Mutter Pittjewitt nicht; sie wußte doch auch, wie rar solche Mädchen am Niederrhein waren, und wenn sie bedachte ... Eine lange Reihe von Projekten schwirrte in diesem Augenblick blitzartig ihren geistigen Blicken vorüber. Ja, wenn sie bedachte ... »Kathje,« sagte sie tonlos, »kann denn kein anderer helfen?« »Das ginge schon,« gab Kathje, die bereits die Türklinke ergriffen hatte, mit einem Anflug von Laune zurück, »und ich wüßte schon einen.« »Na – wen denn?« »Den Schellfisch.« »Du hast mir doch soeben gesagt ...« »Ja, Mutter Pittjewitt, das ist soeben gewesen. Aber wenn ich so alles bedenke, wie bald die hungrigen Ratzen unseren leeren Brutschrank umschnuppern, dann kriegt das Ding ganz andere Kulören.« »Wieso denn?« »Weil Aloys feierlichst gelobt hat...« »Aloys – was denn?« »Das ganze Darlehn zu streichen, wenn ich seine Frau werden wollte.« »Und Du, Kathje?« »Je,« sagte Kathje und ließ die Türklinke fahren. »Jesus Christus!« entsetzte sich Mutter Pittjewitt und ergriff ihren Strickstrumpf. »So 'n Betbruder, so 'n Schmierhahn und so 'n Lammsgesicht mit Nücken und Tücken ...! Das ist ja nicht zu mäntenieren – die Sache! – Na, höre mal, Kathje!« und mit einer Behendigkeit, die man der alten Frau kaum zumuten konnte, war sie wie umgewandelt an die Seite des schmucken Mädchens getreten und begann wieder die bräunlichen Wangen zu streicheln. »Na, höre mal, Kathje,« begann sie von neuem, »ich will ein christkatholisches Wort mit Dir reden. Du weißt ja selbst am besten, wie's um Euch steht – aber Deinem Vater Jan Peerenboom zuliebe: nicht rühr' an die Sache! – Deinem geistlichen Herrn Bruder zuliebe: nicht rühr' an die Sache! – Aber Dir zuliebe, Kathje – da ließe sich vielleicht noch so 'n Dreh herausdividieren.« Kathje schreckte freudig zusammen. »Die Zeiten sind schlecht,« fuhr die Alte mit unsicherer Betonung fort, »und Pittje hat ja nun wohl sein Erspartes nach Rees an seine Schwester Mielke verliehen, die 'nen lahmen Mann hat und sich einrichten muß, um ehrlich durchs Leben zu kommen, aber Pittje hat Kredit in der ganzen Umgegend, und da könnte sich's vielleicht einrichten lassen ...« »Ah!« jubelte Kathje; die helle Freude sprühte aus den glückseligen Augen. »Und der Schellfisch?« fragte die Alte. »Fort damit!« kam es aus lachendem Munde, und zwei kräftige Arme schlangen sich um den gebrechlichen Nacken. »Laß gut sein, laß gut sein,« stöhnte Mutter Pittjewitt. »Aber nur Dir zuliebe, nur Dir zuliebe! – Ich spreche mit Pittje.« Noch einmal drückte das erregte Mädchen die betagte Frau an ihre Brust, herzte und küßte sie, und noch bevor sich's diese versah, war Kathje bereits durch den Hausflur auf die Straße gesprungen. Und Tamina Pittjewitt, geborene Nebelthau, saß alsbald wieder hinter ihrem kleinen Nähtisch am Fenster, ließ sich allerhand Zukunftspläne durch den Kopf gehen und strickte. Und die Grasbüschel standen ebenso regungslos zwischen den Pflastersteinen wie früher – und die behenden Schwalben schossen lautlos darüber hin – und die Geranienstöcke blühten verschwiegen hinter den Scheiben – und Kathje ging durch die friedliche Stille und hatte Mühe, ihren inneren Jubel zu verbergen – und Sally Süßkind saß auf der grünen Holzbank vor seinem Hause mit den grün angestrichenen Jalousien und dem großen Türklopfer von Messing, hielt den Stiel einer violetten Nelke im Mund und fühlte sich von den warmen Strahlen des Junimorgens so recht behaglich umschienen. Sally Süßkind hatte die Beine, die in weißleinenen Hosen und gestickten Pantoffeln steckten, übereinander geschlagen und ließ die Nelke zwischen den weißen Zähnen auf und nieder hüpfen. Sally hatte überhaupt stets eine Nelke im Mund – ja, er wäre ohne eine solche ein Unding gewesen. In seiner Stellung als Mensch, Hausbesitzer und Produktenhändler wurde er stets von dieser duftigen Blume begleitet. Bei den schwierigsten merkantilen Erwägungen, beim Getreidehandel, auf Spaziergängen und beim Abendschoppen – nie fehlte die Nelke zwischen den Lippen, und wurde nach Jahresschluß die Bilanz gezogen, dann hatten tagtäglich fünfundzwanzig Nelkenstengel das Los, im Eifer des Geschäftes vom Bilanzzieher zerknäuelt zu werden. Selbst bei den verschiedenen Mahlzeiten konnte sich Sally von seiner Lieblingsblüte nicht trennen. Schlürfte er sein Schälchen Morgenkaffee, oder löffelte er seine koschere Fleischbrühe herunter, dann paradierte die Nelke hinterm linken Ohr, genau in derselben Weise, wie eine Schreiberseele den Ganskiel oder den Bleistift bei Ruhepausen zu tragen pflegt. Nur im Bett nahm er Abschied von ihr. Dann stand sie in einem Gläschen mit erfrischendem Wasser und harrte geduldig auf den kommenden Morgen, an dem sie wieder mit dem Munde Sallys beglückt werden sollte. Kein Zweifel, Herr Sally Süßkind war ein guter Mensch, ein vortrefflicher Geschäftsmann und ein fanatischer Nelkenfreund, und es konnte daher nicht befremdlich erscheinen, daß ihm die letztere Eigentümlichkeit im Volksmund die nähere Bezeichnung ›Nelken-Sally‹ eingebracht hatte. Außerdem verstand er es, die Wahl der zu tragenden Nelken jedesmal seiner Seelenstimmung und der Bedeutung des Tages anzupassen. Für gewöhnlich gab er der billigen Kartäusernelke den Vorzug. War er zu einer Taufe geladen, wählte er stets eine noch nicht entfaltete Knospe, bei Hochzeiten in der näheren Bekanntschaft wurde er mit einer flammendroten Nelke gesehen, um sinngemäß die brennende Liebe in die Erscheinung treten zu lassen, wo hingegen die weiße Farbe nur bei ihm bemerkt wurde, wenn die Trauerglocke ertönte oder ein Glaubensgenosse Pleite ansagen mußte. Alle patriotischen Feste, wichtige Geburtstage, wozu er auch den seinigen zählte, ehrte er durch das Tragen einer Bandnelke, die das Streifige einer Ordensstrippe am täuschendsten nachsimulierte. Heute war die violette Farbe Trumpf, also: halb Trauer, halb Freude. Um stets genügenden Vorrat an diesen Blumen zu haben, pflegte er sie in seinem bescheidenen Gärtchen hinter dem Hause, zog sie aus Samen und Stecklingen in Kästen und Töpfen, und das ganze Jahr hindurch paradierte ein üppiger Flor von Bart-, Feder-, Kaiser-, Schlitz- und Kartäusernelken, und zwar vom zartesten Weiß, vom duftigsten und hingehauchtesten Violett ausgehend bis zum kräftigsten Purpurrot, auf den Gartenbeeten und hinter den blanken Scheiben seines zweifenstrigen Hauses. Bei diesen Vorzügen als Mensch, Produktenhändler und Nelkenfreund besaß Sally Süßkind noch zwei weitere Eigenschaften, die ihm ein berechtigtes Ansehen in der kleinen Stadtgemeinde verliehen. Er gab etwas auf seinen äußeren Menschen – und war musikalisch. – Während der Herbst- und Wintertage trug er nur enganliegende Buckskinhosen mit schwarzbraunen Galons, Gehrock und Schmalzlocken, die elegisch unter einem schmalrandigen Filzhütchen hervorsahen. Sobald aber der Krokus seine safrangelben und violetten Spitzen aus dem lockeren Erdreich vorstieß, und die ersten Veilchen sich unter den Bocksdornhecken zeigten, dann wurden die Galonierten mit weißleinenen Beinkleidern vertauscht, und an Stelle des Gehrocks trat ein Nankingjackett, dem er, des besseren Aussehens halber, ein himmelblaues und flottierendes Halstuch hinzufügte. Nur die gestickten Pantoffeln, auf denen ein krebsrotes Herz mit einem Pfeil paradierte, blieben im Gebrauch. Auch die Schmalzlocken liefen keine Wandlung durch, wenn man von dem kecken Strohhütchen absah, das für die heiteren Tage den Filzhut ersetzte. – Und das Musikalische? – Ja, du mein Himmel! – das hatte diese Bewandtnis. Vor Jahr und Tag hatte der Nelken-Sally eine Komödiantentruppe im benachbarten Kleve gesehen, die die Oper Norma zur Aufführung brachte. Seit diesem Ereignis kannte sich Sally nicht wieder. Die Melodien verfolgten ihn, die Gestalten ließen ihn nicht los, und bei allen Gelegenheiten summelte, pfiff und trommelte er: »Sieh, o Norma ...!« – ein musikalischer Erguß, der ihn sichtlich bewegte und zu Tränen rühren konnte. Ja, Sally Süßkind war ein elegischer und musikalischer Junggeselle, dessen Herz nicht nur dem schnöden Mammon nachging, sondern auch Sinn für alles hatte, was um ihn blühte und tönte. Behaglich ließ sich Sally von den warmen Sonnenstrahlen auf seiner grün angestrichenen Holzbank umscheinen. Die Nelke wippte zwischen seinen Lippen, und sanft, die Flötentöne nur andeutend, ließ er sich von dem berückenden »Sieh, o Norma – ach, hab' Erbarmen!« umschauern, wobei er mit den Fingern schnalzte, den Kopf süßlächelnd zur Seite legte und den einen Fuß mit dem gestickten Pantoffel rhythmisch bewegte. So hatte er wohl schon eine halbe Stunde gesessen und wartete auf Pittje, aus dessen Munde das auf dem Rathaus gezeitigte Ergebnis von wegen der Prozessionsbirken brühwarm zu hören, denn in seiner Würde als Mitglied des Verschönerungsvereins war er von dem vitalsten Interesse beseelt, diese Angelegenheit in seinem Sinne erledigt zu wissen. Sally war der gutmütigste Mensch von der Welt, der jedem sein Recht und seine Eigenart ungeschmälert beließ; allein der Gedanke, daß von Kirchenrats wegen zur Verherrlichung der Wallfahrt nach Marienbaum wieder an tausend junge Birken im städtischen Bezirk geschlagen werden sollten, um jämmerlich an der Landstraße zu verdorren, dieser Gedanke quälte ihn schon seit mehreren Tagen und hatte ihn veranlaßt, energisch gegen dieses frevelhafte Vorhaben durch seinen Freund Pittje Pittjewitt auf dem Rathaus Protest einlegen zu lassen. Der in Aussicht stehende Waldfrevel brachte ihn in Harnisch; er wartete und wartete und hatte bereits zum fünfzehntenmal »Sieh, o Norma...!« gepfiffen, als Kathje Peerenboom eiligen Schrittes vorüberkam und dem Marktplatz zustrebte. Sally schwenkte den Strohhut mit dem rotseidenen Band und lispelte: »Habe die Ehre, Freilein Peerenboom. Was macht der Herr Vater?« »Danke, Herr Süßkind,« erwiderte Kathje, »es geht ja,« und eiligen Schrittes ging sie dem Markt zu. Leuchtenden Auges sah er ihr nach. Um die nächste Ecke verschwand sie. »Gott, was für ein feines Gestell,« meditierte Herr Süßkind. »Das wär' 'ne propere Schabbesgoie geworden. Ich könnte sie brauchen.« Und wieder liess sich Sally auf die grün angestrichene Holzbank nieder – und wieder schlug er die Beine übereinander – und wieder war die große Stille von eben gekommen. Ruhig wuchs das Gras zwischen den Steinen, und lautlos huschten die schnellen Schwalben darüber hin. Sally war auf der weiten Straße allein. Jetzt fiel die Nelke zu Boden. Sally hatte gegähnt. V. Im Stadtrat »As't üh belieft, Mjinheer Bürgermeister, ich melle mir zu's Wort,« sagte der Schreinermeister Wilm Henseler und zog dabei seine rotgepunktete Sammetweste einige Zoll breit über die Hosenborte herunter. »Genehmigt,« sagte der Bürgermeister Backer, lehnte sich in seinen Plüschsessel zurück, kniff die Augen ein und begann mit einem schmalen Lineal taktmäßig auf den mit grünem Tuch überzogenen Ratstisch zu trommeln. Alle Augen richteten sich auf Wilm Henseler, der mit stoischer Ruhe und unter Zuhilfenahme seines zölligen Daumens das obligate Priemchen aus der linken Backentasche hervorholte, es auf seinem Düffelrock abtrocknete und hierauf in die rechte Westentasche hineinpraktizierte. Es war so eine althergebrachte Gewohnheit von ihm, eine Gewohnheit, die aber auch mit Opportunitätszwecken einherging, denn um eine ordentliche Rede zu halten, um gründlich betonen und den gehörigen Nachdruck geben zu können, mußte unbedingt das saucierte Priemchen aus dem Munde entfernt werden. Als dieses geschehen war, konnte es immerhin losgehen – aber es ging noch nicht los. Wilm Henseler hatte noch eine zweite Gewohnheit. Bei allen Gelegenheiten, wo er zu sprechen hatte, sei es bei seinen Gesellen in der Werkstatt, sei es beim Holzhandel, im Hause seiner diesbezüglichen Kunden oder bei den geheimen und öffentlichen Sitzungen des Stadtrats, stets vor Beginn seiner Ansprache ließ er eine geraume Zeitlang die Blicke wie musternd über die Gesichter seiner Gesellen und Lehrlinge, seiner Kunden und Zuhörer gleiten. Und so auch hier. Die Inhaber aller Ratsherrnstühle, vom Herrn Bürgermeister über Pittje Pittjewitt fort und bis zum Schellfisch herunter, wurden mit diesen sondierenden Blicken begnadet – und dann erst begann er die Präliminarien des Redens in die Wege zu leiten. Er räusperte sich. Mit einer unnachahmlichen Breitspurigkeit pflanzte er seine Daumen auf die Tischplatte, stützte sich auf die Knöchel der Hand und zog den breiten Mund auseinander. Eine erwartungsvolle Stille ging um. Bis jetzt waren allerlei städtische Fragen, die bei jeder Stadtratssitzung zur Tagesordnung gehörten, zur Debatte gekommen, nichtssagende Dinge, wie Baugesuche, Flurberichtigungen, Anbringen von neuen Straßenlaternen, Bittgesuche um freien Nießbrauch von Weiden, Wieswuchs und dergleichen mehr – die entweder in Bausch und Bogen angenommen wurden oder kurzerhand in die Versenkungen der bestaubten Aktenschränke spazierten. Man hatte sich in aller Güte geeinigt, und kein scharfes Wort war in unliebsamer Weise gefallen; jetzt aber, und zwar mit dem Auftreten Wilm Henselers, wehte ein anderer Wind durch das Ratszimmer, der mit scharfem Hauch die Herren Stadtväter hinsichtlich ihres Verhaltens auseinander wirbelte, zwei Lager schaffte und über das eine den Odem des Freidenkerischen, über das andere den Geist des Klerikalen hinwegblies. Eine nervöse Unruhe hatte sich aller bemächtigt, als der Schreinermeister sich von seinem Sessel erhob; eine Totenstille ging um, als er den breiten Mund auseinander faltete. Der Herr Bürgermeister Backer hatte die Beine gestreckt, die Lider gesenkt und etliche Male das schmalrandige Lineal durch die Hände gezogen, als Wilm Henseler zu Wort kam. »Mjinheer Bürgermeister,« begann er in seinem breiten niederrheinischen Idiom, »ich habe mir zu's Wort gemolden von wegen die Prozession un von wegen die Birken.« »Hahaha!« unterbrach ihn der Schellfisch, wobei ein spöttisches Licht in den bleigrauen Augen aufblitzte. »Mjinheer Aloys Pierentrecker,« donnerte ihm Wilm Henseler entgegen, »ich bitte darum, mich nich unterbrechen zu wollen. Ich bekümmere mich nich um Ihnen, also bekümmern Sie sich nich um mir – aber ich habe hier im Interesse der Allgemeinheit zu reden, indem ich mir vorgenommen habe, die Sache vom fachmännischen Standpunkte aus unter den richtigen Hobel zu bringen.« »Dann man zu,« höhnte der Schellfisch. » Silentium strictissimum !« fuhr der Bürgermeister dazwischen und warf mit einer unwirschen Geste das Lineal auf die Tischplatte, daß es einen Hopser machte und jenseits des grünen Tuches über die Kante voltigierte. »Mjinheer Bürgermeister,« dienerte Wilm, »ich bedanke mir für gütigen Zuspruch un melle mir weiter zu's Wort. Also – die Sache is die. – Am Sankt Marientage, den wir im gemeinschaftlichen Leben ›Mariä Heimsuchung‹ benennen, geht die große Prozession von hier nach Marienbaum akkurat in derselben Weise wie sie musmaßlich schon seit Methusalems Zeiten gegangen is – un ich bin der letzte in diesen von alters her geheiligten Räumen, der diesem christlichschönen Gebrauch einen unchristlichen Knüppel zwischen die Beine zu schieben die unmoralische Absicht zu haben vorhätte. Hingegen jedoch: ich bin als Bürger un christkatholischer Glaubensbekenner von jeher der Ansicht gewesen, daß es bei allen Dingen zwei Standpünkter gibt, von denen ich den einen den Minus-, den anderen den Maxusstandpunkt benenne. Un somit bin ich denn auf diese zwei Standpünkter gekommen.« Der Herr Schreinermeister schwieg für einige Augenblicke, atmete tief auf und ließ den Blick zu Pittje Pittjewitt hinübergleiten, um an dessen Mienenspiel den Eindruck und die Schlagkraft der einleitenden Worte seiner Rede zu beurteilen. Pittje Pittjewitt, ein Mann in den dreißiger Jahren, mit einem glattrasierten, gutmütigen Gesicht, aus dem Intelligenz und Schaffensfreude hervorleuchteten, war seines Zeichens Barbier, Leichenbitter und Schweinestecher im Kirchspiel, besaß die Liebe und das Vertrauen seiner Mitbürger in hohem Maße, trug an Sonn- und Feiertagen und bei sonst wichtigen Gelegenheiten einen Zylinder, führte eine mustergültige Wirtschaft und hatte sich im Laufe der Jahre eine Herzens- und sonstige Bildung zu eigen gemacht, wie man sie bei Männern seines Schlages und Standes für gewöhnlich nicht findet. Seinen blankgestriegelten Zylinder hatte er vor sich auf die Tischplatte gestellt, die Hände daneben gelegt und war mit sanftem Kopfnicken den Ausführungen seines Freundes und Altersgenossen Wilm Henseler gefolgt, eine Geste, die soviel bedeutete als: »Man weiter so, Wilm; der richtige Dreh ist gefunden – Du wirst die Sache schon machen!« und die den Redner denn auch bestärkte, sein oratorisches Rößlein in obiger Weise anzuspornen und voran zu tummeln. »Hm!« räusperte sich Wilm und steckte dabei den breiten Zimmermannsdaumen zwischen den zweiten und dritten Knopf seiner rotgepunkteten Weste, »ein altes Sprichwort besagt: man soll dem Kaiser geben, was des Kaisers – un der Kirche, was der Kirche! – aber ich frage die Herren, was haben die städtischen Birken mit die Kirche zu wollen? – Meine Herren! ich frage Ihnen, was haben die Birken mit die Prozessione zu schaffen?« »Oho!« »Mjinheer Aloys Pierentrecker, ich spreche zu die übrigen Herren. Um Sie zu belernen, da muß einer kommen, der noch nich geboren is; musmaßlich ein zukünftiger Advokat bei die Assisen zu Kleve – un deshalb sind Sie mir Zichorienkaffee, obschon ich denselben trotz der schlechten Zeiten mit echtem vermische.« »Bravo!« Herr Pittje Pittjewitt hatte gerufen. Wilm winkte ihm dankbar zu, dann erhob er die Stimme. »Meine Herren!« begann er, »ich komme nu auf meine beiden Standpünkter zu sprechen. Den Minusstandpunkt lasse ich aber von vornherein fallen, weil er garnichts bedeutet zur heutigen Tagesordnung – aber den Maxusstandpunkt, den halte ich fest, un das sind die Birken, un diesen Maxusstandpunkt vertritt Herr Aloys Pierentrecker mitsamt seinen Konsorten, denn sie wollen allens haben, sie wollen die Birken haben, un da prostituier' ich dagegen, denn zuviel is zuviel bei die heutigen Zeiten, un da sag' ich nichts anders als: Hand von die Kiste!« »Bravo!« »Meine Herren! – ich frage Ihnen, wozu hat unser lieber Herrgott die Bäume un in diesem besonderen Falle die Birken gepflanzt un wachsen lassen? – Etwa dazu, um jung un dünn für die Prozessionen geschlagen zu werden, daß die weißgekleideten Jungfrauen auf die staubige Landstraße hindurch triumphieren? – Das is ja schön un pläsierlich mit anzusehn, aber ich sage vom fachmännischen Standpunkt nein un abermals nein, un unser lieber Herrgott weint Tränen über die verunglückten Bäumchen, denn er hat sie erschaffen, damit sie stark un proper gedeihen, um später als tüchtige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu Nutzholz verwendet zu werden, als da sind Wagner- un Stellmacherwerks, Lattierbäume an Deichseln, denn dieses Holz hat den richtigen Schwunk un die richtige Schwänke un bringt der städtischen Kasse Geld ein, un darum bin ich vom fachmännischen Standpunkt aus einfach gegen die Sache un prostituiere gegen den Antrag des Kirchenvorstandes. – Mjinheer Bürgermeister, ich melle gehorsamst – ich habe gesprochen.« Mit dem Selbstgefühl eines Mannes, der sich bewußt ist, eine verzweifelte und verfahrene Sachlage kraft eigener Machtvollkommenheit wieder in Schick und Richte gebracht zu haben und nunmehr getrosten Mutes das weitere abwarten kann, ließ sich Herr Wilm Henseler in seinen Ratssessel zurück, griff in die Westentasche und brachte das für die Dauer der gehaltenen Rede emeritierte Priemchen wieder an die richtige Stelle. »Ich danke,« sagte Herr Backer. »Keine Ursache,« wehrte Wilm Henseler ab und zwinkerte selbstgefällig seinem Freunde Pittje Pittjewitt zu. Ein feines Lächeln glitt über die Züge des Bürgermeisters. »Ich bitte nunmehr die Gegenpartei,« sagte er nach einiger Weile. »Herr Aloys Pierentrecker, der Antragsteller in besagter Angelegenheit, hat's Wort.« »Nach mir?« höhnte der Schreinermeister vor sich hin. »Den Düwel noch mall – der Mensch is wohl drehkrank geworden.« Aber da stand der Schellfisch schon, ließ seine verschwommenen Augen perlmuttern, legte die Hände zusammen und meinte: »Mein geehrter Herr Vorredner hat von Minus- und Maxusstandpunkten gesprochen und hierdurch gezeigt, daß er nur für liberale Ideen zu haben ist, aber für fromme und kirchliche Dinge kein Herz hat.« »Mjinheer Pierentrecker ...!« warf Wilm Henseler energisch dazwischen. »In die Brusttücher von schöne Frauensmenscher zu kucken – das is wohl kirchlich Benehmen?!« » Silentium !« rief der Bürgermeister mit Stentorstimme Wilm Henseler zu, »Herr Pierentrecker hat's Wort.« »Und darum«, sprach dieser unbeirrt weiter, »ist es eine pure Notwendigkeit, daß gläubige und christkatholische Menschen wie wir sind dafür Sorge tragen, daß das kirchliche Fest, die heilige Prozession, in althergebrachter Weise mit Birken und allem was drum und dran hängt vor sich gehen kann, und zwar genau so, wie wir es in hiesiger Kirchengemeinde schon seit Spanjardszeiten gehalten. Aber uns mit liberalen Ideen zu kommen! Was sind überhaupt die Liberalen?! – Beispielsweise nur solche, die sich von Juden an der Nase herumführen lassen, die glauben, daß sich die Erde bewegt und die Sonne stillsteht, obgleich Herr Pastor Knaak, wie der Liboriusbote vermeldet, das konträre Gegenteil deutlich bewiesen hat – und solche, die meinen, vom Affen abzustammen und an die Auferstehung des Fleisches nicht glauben.« »Mjinheer Bürgermeister,« gestikulierte Wilm Henseler in lebhafter Weise und mit allen Zeichen des Unwillens, »Mjinheer Bürgermeister, ich melle gehorsamst: er hat uns in öffentlicher Sitzung beschumpfen, un das brauchen wir uns als freidenkerische Männer nich gefallen zu lassen.« Ein zustimmendes Gemurmel folgte dieser Auslassung Wilms, als auch schon der Vorsitzende eingriff und sagte: »Herr Referent, ich ersuche dringend darum, alle Spitzen beiseite zu lassen, die Gefühle und Überzeugungen Andersdenkender schonen und nur zur Sache reden zu wollen.« Aloys nickte. »Und darum,« ergänzte der Schellfisch, »stelle ich als Mitglied des Kirchenvorstandes nochmals den billigen und dringlichen Antrag, uns zur Ehre Gottes und der allerseligmachenden Jungfrau die angeforderten Maien unentgeltlich und zu Lasten der städtischen Kasse überkommen zu lassen. Auch bitten wir freundlichst um Gestellung der zuständigen Arbeiter und Deckung der Abfuhr. Der liebe Herrgott wird's lohnen.« »Hm!« sagte eine höhnische Stimme. »Wer sagte da ›Hm‹?!« meinte der Schellfisch. Über das schwammige Gesicht lief der Abglanz verbissenen Grimmes, bei welcher Gelegenheit der kurze Hals vergebliche Anstrengungen machte, sich aus der schwarzen Krawatte und den schmalen Schultern zu recken. »Ich!« warf Pittje dazwischen. »Konnte mir's denken,« versetzte der Schellfisch. »Was so 'n waschechter Liberaler ist, der glaubt nicht an Herrgott und Teufel. Aber wenn die letzte Stunde gekommen, wenn das heißt: ins Gras beißen müssen, dann kriegt das einen andern Dreh und schreit nach dem Heiland, dem Herrn Kaplan und den Tröstungen der alleinseligmachenden Kirche; aber dann – basta!« »Gottdomie noch mal!« »Das ist ja ... da soll ja ...!« kam es aus dem Lager der Gegenparteiler. »Pittje, wir ...?!« rief Wilm Henseler über den Ratstisch. »Wir ohne die Tröstungen der Kirche?! Mir un die übrigen Herren für Türken un Heiden zu halten ...! Der Kerl hat wohl den lieben Herrgott für sich allein in Pachtung genommen! – Mjinheer Bürgermeister, ich melle gehorsamst ...« »Ich ersuche den Herrn Referenten noch einmal,« entgegnete dieser, »die Ansichten seiner Meinungsgegner respektieren zu wollen, widrigenfalls ich mich veranlaßt sehe, ihm kurzerhand das Wort zu entziehen.« »Wie es Ihnen beliebt, Herr Bürgermeister,« sagte der Schellfisch. Pittje blieb stumm wie ein Fisch, aber die Erregung kochte bereits bedrohlich in ihm. Im Unmut frisierte er mit der Rechten seinen feinen Zylinder gegen den Strich, daß er igelartig sich sträubte. Noch schluckte er den Ärger herunter; seine Stunde war noch nicht gekommen, aber sie kam bald. Aloys Pierentrecker fuhr fort: »Na – denn mag es sein wie es sei, da beispielsweise der liebe Herrgott seine Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte, und so bitte ich denn mit aufgehobenen Händen darum, den Antrag genehmigen zu wollen, zumal ein bedeutsamer Mensch sich erbötig gezeigt hat, den diesjährigen Prozessionsweg aus purem christlichen Wohlwollen und zur höheren Ehre Gottes mit seinem künstlerischen Wissen, beispielsweise mit Girlanden, Maibäumen und Ehrenpforten, auf das Sinnlichste und Allerfeinste zu schmücken.« »Und wer ist dieser bedeutsame Mensch?« fragte Herr Backer. »Er schreibt sich Uli Koßmann.« »Und was betreibt fraglicher Herr?« »Er ist Künstler mit's Malen,« sagte der Schellfisch. »Er war mit dem Herrn Kaplan Nikodem Peerenboom auf Gaesdonk zusammen, dann hat er in Düsseldorf auf der Akademie gelernt, hat beispielsweise unter Ittenbach und Deger gearbeitet und soll nun die Gnadenmutter für die Kapelle in Marienbaum aus dem Handgelenk machen, denn er ist mittlerweile ein Koriphäer mit's Bildermalen geworden – und darum beantrage ich im Namen des Kirchenvorstandes tausend junge Maibäume, Holzung und Abfuhr auf Rechnung der Stadt, wie es immer gewesen, auf daß wir mit Anstand wallfahren können im Herrn und mit gläubigen Herzen. Die Sache muß heute entschieden werden, und ich hoffe zu Gott, daß wir keine Nebukadnezare und Holofernesse unter uns haben, die mit heidnischen Gebräuchen und Sitten es wagen sollten, gegen die gerechten Ansprüche hiesiger Kirchengemeinde zu opponieren. Dies ist mein Antrag.« Der Schellfisch hatte sich niedergelassen und die Beine übereinander geschlenkert. »Das geht noch über den Maxusstandpunkt!« schrie Wilm und schlug auf den Tisch, als Pittje sich räusperte und den Bürgermeister ansah. »As't üh belieft, Mjinheer Bürgermeister,« rief der Schreinermeister noch einmal, »mein Freund un Stadtratkollege Herr Pittje Pittjewitt hat sich zu's Wort gemolden. Er scheint sich hören lassen zu wollen.« »Genehmigt,« sagte Herr Backer und vergrub seine Nase in ein Aktenbündel, in dem er lächelnd herumblätterte. Pittje war aufgestanden. »Meine Herren! – Mein lieber Freund und Bundesgenosse Herr Wilm Henseler hat die auf der Tagesordnung stehende Sache mit richtigem Blick und vom fachmännischen Standpunkt aus des näheren beleuchtet; ich aber spreche hier im Namen des städtischen Beutels und des Verschönerungsvereins, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Gegenden unseres engeren Vaterlandes nicht durch frevelhaften Holzschlag verschimpfieren zu lassen.« »Bravo!« klang es ihm von verschiedenen Seiten entgegen. Pittje fuhr fort. »Mitbürger!« begann er, »von der schimpflichen Unterstellung des Herrn Aloys Pierentrecker, indem er uns mit dem verruchten Holofernes in den nämlichen Topf geworfen hat, will ich hier nicht reden, obschon er wegen dieser infamen Verleumdung 'nen zölligen Hasel verdient hätte.« »Bist mein Mann, Pittje!« winkte ihm Wilm zu. »Herr Pittjewitt,« verwarnte der Bürgermeister, indem er den Kopf aus dem Aktenbündel hervorbrachte und die Hornbrille zurückschob, »Exkursionen auf das Gebiet der Polemik widerlaufen der gesetzlichen Ordnung.« »Dann streiche ich den zölligen Hasel,« lenkte der Redner ein, »und erkläre hiermit klipp und klar und rundweg, daß meine Gesinnungsgenossen und ich den Antrag des Kirchenvorstandes nicht billigen können und absolutemang mit Haut und Haaren verwerfen. Wir leben in einer Stadtgemeinde, die's nicht übrig hat, aus dem vollen zu nehmen und ihren Besitzstand verkümmern zu lassen. Die Bäume sind jung, müssen noch in Saft und Kraft kommen, gen Himmel wachsen und ins Geld schießen, denn dafür sind sie gehegt und gepflegt und nicht aus dem Grunde, um als Kinder geschlagen zu werden und den Launen des Kirchenvorstandes und denen eines schiefgewickelten Malers zu dienen.« »Sie dienen dem Herrgott!« rief der Schellfisch dazwischen. »Sie dienen dem Popanz!« hielt ihm Pittje mit flammenden Blicken entgegen, »und wenn sie in ihrem jetzigen Zustand geschlagen werden, dann« – und Pittje streckte beide Arme gen Himmel – »dann, so wahr ich atme und lebe, ist's Baumfrevel, Gottesfrevel!« Eine Totenstille ging für einige Augenblicke durch die Gemeinderatssitzung. »Baumfrevel, Gottesfrevel!« wiederholte der Sprecher noch einmal, »und bevor ich hierzu Hand und Stimme hergebe, lege ich lieber mein Amt als Leichenbitter in die Hände des Kirchenvorstandes zurück und lasse mich streichen aus der Liste der ehrlichen Menschen. Gottes freie Natur, Luft, Licht und Bäume sind fürs Leben so nötig wie Wasser und Brotschnitten, und wer für das Wachsen und Gedeihen in der Natur kein Verständnis unter Schemischen und Weste trägt, wer keinen Sinn für das Herzerfreuliche hat, wenn's im Frühling grüngoldig von den schwanken Birkenzweigen herabrieselt, wenn sie mit ihren weißen Stämmen so prächtig im Busch stehn, schlank, kerzengrade und silbern und wie Mondlicht das Kleinholz durchleuchten – und wer dann noch den traurigen Mut hat, diese pflanzlichen Gottesgeschöpfe für ein Garnichts und noch dazu in ihrer zarten Kindheit mit der Axt über den Haufen zu werfen, der hält's mit den Duckmäusern und Dunkelmännern, der ist lebend ein Toter und gehört moralistisch auf den Kirchhof da hinten.« »Den Düwel noch mal!« warf der Schreinermeister dazwischen, »das geht an die Nieren.« »Bravo Pittje!« klang es ihm von einer anderen Seite entgegen. »Ich danke den Herren! – Wir haben es nötig! – Hier in der Gegend, wo alles so flach ist wie 'n Teller und die Binnenseite der Hand, da soll man Bäume pflanzen und abermals pflanzen und zum drittenmal pflanzen und keinen einzigen Baum für Firlefanzereien aus dem geheiligten Tempel des Waldes rausschmeißen. Der Mensch soll wachsen und gedeihen, auf daß er dereinstmals etwas Ordentliches prästiert in der Welt, desgleichen der Baum, daß er was Liebliches sei für den menschlichen Anblick und den menschlichen Nießbrauch, wenn er groß und kräftig geworden, und darum, zugleich im Namen des Verschönerungsvereins, den ich die Ehre habe in Person zu vertreten...« »Was ist überhaupt der Verschönerungsverein!« lachte der Schnittwarenhändler und ließ geringschätzig seine Schellfischaugen flanieren. »Der Verschönerungsverein ist eine humanitäre Bestrebung...« »Ach, was mit humanitärer Bestrebung!« schrie der Schellfisch dazwischen. »Der ganze Verein ist nichts weiter als ein Hümpel von Klugen, die sich zusammengetan haben, um bei Dores Küppers 'ne Bouteille mit Rotspon zu stechen, auf Gott und den Papst zu skandalen – von Lutherschen, Juden und Judengenossen, von Sally Süßkind und solchen, die Sonntags die heilige Messe versäumen und schlimmer sind wie die Ferkel, in welche der Teufel gefahren.« Er sprach nicht weiter. Die Wut schnürte ihm die Krawatte zusammen. »So 'n Rindvieh ...!« Wilm Henseler hatte gerufen und sah sich veranlaßt, das Priemchen wieder in die Westentasche zu bringen, um in einer Gegenrede den groben Klotz mit einem ebenso groben Keil zu verbolzen. »Ruhe, Ruhe...!« Aloys Pierentrecker fuchtelte wie besessen mit seinen Armen über den Ratstisch und schnappte nach Luft. »Zurücknehmen, zurücknehmen!« »Kein Spänchen, kein Spänchen! – Gar nichts, gar nichts! – Mit der Bruderschaftsfahnenstange sollte man die ganze liberale Blase verhauen! – Heiliger Christus von Bentheim...!« Aloys schlug in den Sessel zurück, umkrampfte die Lehnen und kroch mit dem Kopf in die Krawatte hinein, wie die Schnecke ins Schneckenhaus. Aber aus den bleigrauen Schellfischaugen waren Rattenaugen geworden. Giftig huschten sie von einem zum andern und blieben schließlich auf Pittjewitt haften, der, von seinen Freunden umringt, sich anschickte, das Schlußsiegel unter seine fulminante Rede zu drücken. Die klassische Ruhe seines Gegners brachte Aloys Pierentrecker von neuem ins Rasen. »Ohne Prozession – keine Birken, ohne Birken – kein Glaube, ohne Glauben – die Hölle ...! – Halt, ich wollte sagen ... ich hab' mich versprochen ...! Heiliger Christus von Bentheim ...!« »Aus!« sagte Pittje. »Jetzt hab' ich noch zu sprechen und sage noch einmal: alles der Kirche, was ihr rechtlich zukommt und zusteht, aber – Gottdomie noch mal! – in beantragter Sache bewilligen der Verschönerungsverein, meine Freunde und ich, als ehrliche Bürgersleute nicht Strunk und Stiel, weder Bast noch Borke und nicht soviel wie ein Mannsmensch mit beiden Fäusten zu grapsen vermag. Und wer gegen uns ist, der fiedert dem Satan die Bolzen! – Baumfrevel, Gottesfrevel! – Mitbürger! – ich verdefendiere die Sache und habe gesprochen.« »Hurra!« »Bravo!« Ein wildes Durcheinander entstand. Wilm Henseler hatte sein Priemchen in die Westentasche spediert. »As't üh belieft, Mjinheer Bürgermeister,« ließ er sich los, »ich melle gehorsamst, daß nu die Birkenkiste fachmännisch furniert un geleimt is. Herr Pittje hat den richtigen Standpunkt vertreten, drum sage ich: Schluß – un bitte um Ballitage.« Der Bürgermeister erhob sich, blickte sich um und stellte die Frage: »Meldet sich noch einer der Herren zum Wort?« Keiner meldete sich. »Na also,« triumphierte Wilm und trommelte den Dessauer Marsch auf den Ratstisch. Herr Bürgermeister Backer setzte die Klingel in Bewegung. »Ich bitte um Abstimmung. Den beiden mit Entschuldigung fehlenden Herren: Theodor Küppers und Doktor Heinrich Schnapp wird das Resultat derselben auf schriftlichem Wege vermittelt. Also – ich bitte.« Weiße Zettel wurden verteilt und, nachdem sie beschrieben, durch den Polizeidiener Brill, der bislang mit seinen blankgeputzten Augen erwartungsvoll in einer Fensternische gestanden hatte, dem Vorsitzenden zu Händen gebracht. Eine bedeutsame Stille ging um. Der Bürgermeister zählte die Stimmen. »Acht gegen sieben,« sagte er nach einiger Weile. »Somit sind die Birken abgelehnt. – Ich danke den Herren – und schließe die Sitzung.« »Herrgott von Bentheim ...!« Der Schellfisch war aus seinem brütenden Ingrimm gefahren. »Das ist ja gerade,« schrie er mit verhaltener Stimme, »als wenn sie die heilige Prozession nackt herumlaufen ließen; das ist ja gerade, als wollten sie die Gebräuche der Kirche schimpfieren, das ist... Mord und Gewalttat...!« Im Tumult gingen die ferneren Worte des fanatischen Schnittwarenhändlers verloren, er drang aber vor und hielt Pittje Pittjewitt die geballte Faust unter die Nase. »Hand von's Gesichte!« Er fühlte sich auf die Finger geschlagen. »Melle gehorsamst, daß ich Ihnen gekloppt habe, un das, as't üh belieft, stecken Sie sich gefälligst als freundliches Andenken von mir hinter den Spiegel.« »Das tu ich, das will ich!« schrie der Schellfisch seiner Sinne kaum mächtig, streckte zum zweiten die Faust, aber dieses Mal gegen den ganzen Stadtrat und drehte sich schrittweise der nahegelegenen Tür zu. »Das wird angekreidet – die Herren!« rief er zwischen Tür und Angel zurück, »angekreidet – die Herren! – Das ist ja Rebellion, pure Rebellion gegen die Kirche, gegen Gott und die Menschheit! – Liberale Package...!« »Fertig!« sagte Pittje, nahm seinen Zylinder und verließ, von seinem Freunde Wilm Henseler begleitet, das Rathaus. Draußen machte sich unter den Leuten, die den Schluß der Sitzung abgewartet hatten und denen das Resultat der Sitzung bereits von dem wütigen Schellfisch in die Ohren geschrieen worden, eine zwiegeteilte Stimmung bemerkbar. Hie die Liberalen – hie die Kirchlichgesinnten! Tuschelnde Gruppen standen umher, bei denen der Nelken-Sally gestikulierend vorsprach und mit seiner ganzen Beredsamkeit eindrang, um der gegnerischen Stimmung das Wasser abzugraben und die Vorzüge der betätigten Ablehnung in die rechte Beleuchtung zu stellen. »Bedenken die Herrens,« also machte er sich bei den einzelnen Gruppen zu schaffen, »welches Wohl für die Stadt, welche Fetierung for Sie, meine Herrens! – Sie sind fetiert, meine Herrens! – Bedenken Sie die frische Luft mang die liebreichen Birken, um drin zu gehn spaßieren am christlichen Schabbes. Un wenn's kommt ßu Ostern – nu, da ßiehen Sie hinaus mit Ihre Damens un Kinders un spielen ›Blindekuh‹ un ›Wechselt die Bäumchens‹ – nu, was weiß ich? – un singen ›Christ is erstanden!‹ un so was ... un das is doch liebreicher, as zwischen die toten Birken ßu gehn spaßieren nach Marienbaum mit dem Schweiß un die Transtiebeln un die fliegenden Fahnen. Bin ich meschugge die Herrens! – Un denn is Pfingsten gekommen – un da gehn wir hinaus mit's Kaffeegeschirr un die geschmierten Butterbröter ins Grüne un spielen auf die Ziehharmonika un tanzen un machen 'ne allgemeine Fetierung ßusammen – un denn ...« Sally hatte plötzlich eine Kehrtwendung gemacht, schwenkte den Strohhut und schrie dabei aus Leibeskräften: »Fifat un abermals Fifat – un zum letztenmal Fifat!« Pittje Pittjewitt war in diesem Augenblick auf den höchsten Stufen der Rathaustreppe erschienen, nahm den Hut ab und grüßte, wobei der Zylinder derart die fröhliche Junisonne zurückstrahlte, daß Sally die Hand vor die Augen schieben mußte, um nicht geblendet zu werden. Wilm Henseler, der neben seinem Kampfgenossen stand, drückte diesem bewegt die Hand und meinte: »Pittje, Du hast Dir tapfer gehalten; das imposuiert mir.« »Ich danke Dir, Wilm.« »Nichts zu danken, wo Dir Sally Süßkind un die andern schon zujubilieren. Musmaßlich, wenn der Herr Bürgermeister Backer mal selig geworden, kannst Du Dir als neuer Bürgermeister aufstellen lassen. Sie können mir aufhängen, wenn Deine Ballitage nich durchgeht.« Und der Nelken-Sally schrie: »Fifat un abermals Fifat!« ging Pittje entgegen und gratulierte ihm mit herzlichen Worten, trotz des Murrens der Andersdenkenden, im Namen des Verschönerungsvereins, für dessen Interesse er sich unsterblich gemacht habe. »Das kommt Dir zu,« sagte Wilm, als Pittje lächelnd den auf ihn eindringenden Redeschwall von sich abzulenken versuchte. »Den Düwel noch mal! – un nu gehn wir, Du, Sally Süßkind un ich, zu Deiner Mutter, un erzählen ihr, wie Dein Maxusstandpunkt die anderen Standpünkter besiegt hat. – Komm, Pittje.« Und die drei gingen über den Großen Markt der Kesselstraße entgegen. Blendendes Licht umgab sie und warf kurze Schatten auf die mit Gras durchwachsenen Steine. Ehrwürdig paradierte die alte, breitausgelegte Linde inmitten des Marktes. Bienengesumme war in den Zweigen, die, über und über mit rahmweißen Blüten bedeckt, sich anließen, als wäre sie mit flandrischen Spitzen umsponnen. Mohnblaue Tauben trippelten auf dem Pflaster umher, rucksten und pickten Körnchen um Körnchen. Mehlschwalben huschten vorüber, kreischten und lärmten und häkelten sich an ihre Nester fest, die fast alle spanischen Giebel des Marktes zahlreich bedeckten. Um den Kirchturm von Sankt Nikolai war Dohlengeflatter. – »Meinetwegen können wir jetzt gehn,« sagte Wilm Henseler, als die Begrüßung mit der überglücklichen Frau Tamina Pittjewitt ihr Ende erreicht hatte. »Seien Sie stolz auf Ihrem Sohne, un behalten Sie ihm in Ehren, denn er hat sich wie ein König gehalten. – Pittje, heut abend bei Dores Küppers im hintern Stäbchen. Ich spendiere 'ne Bouteille ›Schwärt Water‹. Adjüskes.« Dann gingen die beiden. Aber Mutter Pittjewitt geleitete ihren Sohn in das Nebenzimmer, wo es noch traulicher und einsamer war wie in der Stube nach vorne. Sie sprachen lange zusammen und vergaßen darüber die Essenszeit. Und was dort zwischen Mutter und Sohn, bald lächelnd, bald unter Tränen verhandelt wurde, das war so heilig und schön, wie aus wahrhaft frommem Herzen ein Gebet in der Kirche und ist einschneidend für das ganze Leben des braven Pittje gewesen. Und die Hypothek kam darin vor und die drohende Auktion, der Puppenspieler und Kathie. Und die große Standuhr im Nebenzimmer tickte dazu, und die Leute, die im Geschäft Pittjewitts vorsprachen, um sich von ihm bedienen zu lassen, mußten unverrichteter Sache wieder fortgehen, und wenn sie auch riefen: »Komm vor!« – keine menschliche Seele erschien, und nur die Fliegen fummelten in der Geschäftsstube hemm, rieben ihre Gazeflügel an den Hinteren Beinen und freuten sich des warmen Sonnenscheins, der wohlig durch die blankgeputzten Fensterruten hereinflutete. »Sonderbar!« meinten die Leute. Erst als die vierte Mittagsstunde vom Rathaus ertönte, traten die beiden wieder in das vordere Zimmer – und zwar Hand in Hand und mit glücklichen Mienen. Und als Pittje bald darauf zum Fenster auf die ruhige Straße hinaussah, da mußte er lachen, lachen aus Herzensgrund, denn aus dem oberen Giebel des zweifenstrigen und mit grünangestrichenen Jalousien ausgestatteten kleinen Hauses wehte zweifältig Tuch: schwarz und weiß, und an dem Fahnenstangenknauf war ein mächtiger Strauß von Bandnelken gebunden. Sally hatte zur Ehre des Tages geflaggt. VI. Eine unterbrochene Auktion, die mit einem Kusse schließt Ja – da hing sie, die Fahne, in schwarz-weißen Kulören und dem prächtigen Nelkenstrauß und schaukelte sich im laulichen Mittagswind, der die Kesselstraße hinabstrich. Bald häkelte sie sich an eine der grünen Jalousien, bald an den Giebelfirst, um gleich darauf wieder sanft hinabzugleiten und in der laulichen Luft zierliche Bogen zu schlagen. Und Sally Süßkind hatte sich daneben in das Fenster des ersten Stockes mit untergeschlagenen Armen gelegt und sah, eine flammende Bandnelke im Munde, über die vorliegenden Gärten nach der Kerskenschen Mühle hin, die langsam und behäbig-pedantisch mit ihren langen Armen durch die Luft stakelte. Jenseits derselben dehnte sich ein unabsehbares Wiesenland, aus dem die gekappten Weiden wie knirpsige Kerle emportauchten. Sally lachte. »Gehst Du kapores!« machte er zwischen den Zähnen, »is es mir doch, als wenn lauter Aloys Pierentreckers daständen.« Nur wenige Passanten gingen vorüber, aber alle die vorbeikamen blickten erstaunt nach der Fahne, die sich wie ein rätselhaftes Fragezeichen auf und nieder bewegte und mit dem Wisperwind knatternde Zwiesprache hielt. Jetzt schaute Sally zur Linken, und als er Pittje gewahrte, deutete er auf das Flaggentuch, schwenkte den Hut und machte sich mit vorgehaltenen Händen, die er wie ein Sprachrohr benutzte, laut rufend bemerkbar: »Ihnen ßu Ehren, Herr Pittje – von wegen die Rede!« »Danke!« kam es als Antwort zurück. »Sally, haben Sie Zeit?« »For Sie immer, Herr Pittje!« »Dann möchte ich Sie bitten, für einige Augenblicke herüber zu kommen!« »Gerne, Herr Pittje!« Gleich darauf war das Fenster leer, und Herr Süßkind schwebte mit seinen weißleinenen Hosen, dem gelben Nankingjackett, der stammenden Bandnelke und »Sieh, o Norma...!« zwischen den Lippen trällernd, auf die andere Straßenseite, tänzelte durch den Hausflur des Pittjewitt'schen Besitztums und befand sich alsbald dem Inhaber desselben gegenüber. »Tag, Sally – ein Schnäpschen gefällig?« »Keine geistlichen Getränke, Herr Pittje!« »'ne Pfeife?« »Herr Pittje,« sagte Sally und wehrte mit beiden Händen ab, »ich rauche mit Ihrem gütigen Einverständnis die Nelke.« »Schön,« entgegnete Pittje, »dann gestatten Sie wohl, daß ich mir eine anstecke, denn bei einem wichtigen Geschäft, das ich mit Ihnen abzuschließen gedenke, spricht es sich besser, wenn ich meinen »Admiral de Reuter« verknalle.« »Ganz nach Ihrer Bekömmnis!« – sagte Sally, und Pittje ging hin, langte eine Tonpfeife vom Eckbrett, stopfte sie aus einer eingetrockneten Schweinsblase mit holländischem Krülltabak und ließ die ersten Kringel zur Decke steigen. »Ich bitte,« sagte er gleichzeitig zu seinem Besuch und deutete auf einen Binsenstuhl, der dem seinigen gegenüberstand. Als beide Platz genommen hatten, schlug Pittje die Beine übereinander und muffelte nachdenklich an seinem irdenen Pfeifenstiel. »Herr Pittje, nu los mit's Geschäft.« »Je,« meinte dieser, »es ist 'ne heikle Sache, und will überlegt sein. Aber ich frage Sie: kennen Sie Jan Peerenboom als Mensch und Geschäftsmann genauer?« »Gott, ob ich ihn kenne! – Er is ein Komödiantenspieler mit die Puppen auf Kirmes, er trägt einen Sammetrock for die Künstlerschaft auf Sünndag un Werkdag – un schnäpselt.« »Leider! – und kennen Sie Kathje?« »Herr Pittje – ob ich sie kenne! – Die liebreichste Anmut, 'ne menschliche Blume, 'ne Venus im bürgerlichen Gewande – un wenn ich's bedenke: sie wäre die richtige Frau Gemahlin for Ihnen, wenn der Vater nich wäre.« »Na – und der Vater ...?« lächelte Pittje. »Herr Pittje, was soll es? – Ich habe ihn spielen sehn, als ich war klein, ich habe ihn spielen sehn, als ich bin größer geworden – un habe gelacht for fünfunßwanßig Talers an Wert, obschon ich nur ein Kastemännchen bezahlte. Herr Peerenboom is ein pläsierlicher Mann, ein unterhaltsamer Mann un ein Mann mit große Talente – aber, Herr Pittje, lassen Sie die Hand von dem Manne. Er müffelt.« Pittje Pittjewitt blies eine kräftige Rauchwolke nach oben und wippte unruhig mit seinem rechten Fuß auf und nieder. Die Auslassungen Sallys schienen nicht so recht in seinen Kram und seine Ideen zu passen, wenigstens trübten sie seine behagliche Stimmung und verkümmerten ihm den Genuß an dem Schälchen Kaffee, das Mutter Pittjewitt inzwischen aufgetragen hatte. »So, so, so!« machte Pittje, »und kennen Sie die näheren Verhältnisse, ich meine die moralistische Not und die Ungelegenheiten des Mannes?« »Gott, ob ich sie kenne, Herr Pittje! – Der Mann is pleiter wie pleite.« »Da ist zuerst die Forderung der Hypothekenbank in Kleve.« »Is mir bewußt,« bestätigte Sally. »Sind tausend Talers in allem.« »Und kennen Sie auch den fälligen Rückzahltermin?« »Nu – ob ich ihn kenne! Diesen Johanni mit die restierenden Zinsen – alles preußisch Courant.« »Ferner steht noch eine Forderung über gepfändete Möbel.« »Is mir bewußt,« entgegnete Süßkind mit unerschütterlicher Ruhe. »Pierentrecker gegen Peerenboom. Der Mann hat achthundert Talers zu gut. Macht for Johanni rund zweitausend Talers zusammen.« »Und diese zweitausend Taler,« erklärte Pittje Pittjewitt mit aller Bestimmtheit, »müssen bis Johanni, beziehungsweise bis zum Auktionstermin beschafft werden.« Sally sprang auf. »Sie sind wohl meschugge, Herr Pittje?!« »Nein, Sally, das ist mein heiliger Ernst.« »Un Sie – Sie wollen, Herr Pittje?« »Ich will.« Pittje Pittjewitt hätte ebenso gut sagen können, ich bin heute abend Schlag Klock acht mit Tod abgegangen und lasse mich in drei Tagen nach jüdischem Ritus begraben – so wirkte sein bestimmt geäußertes Vorhaben auf das ganze Benehmen und die Gemütsverfassung von Süßkind. Zuerst stand er da, als sei ihm durch eine höhere Macht die Aufgabe gestellt worden, den Kirchturmknauf von Sankt Nikolai dohlenartig und mit lautem Geschrei zu umfliegen, dann fummelte er in den Hosentaschen herum, dann ließ er die Bandnelke fallen – und dann erst kam seine Besinnung zurück. Mit einem Gesicht, in welchem sich seine völlige Trostlosigkeit über den verdächtigen Seelenzustand des vor ihm Stehenden offenbarte, sah er den bejammernswerten Freund an und schien schon halber willens zu sein, zum Herrn Doktor Horré zu laufen, um diesen allen Ernstes zu veranlassen, Pittje in eine Heilanstalt für Gemütskranke unterbringen zu lassen. Er besann sich jedoch, griff aber nach seinem Strohhut und sagte: »Herr Pittje, ich gehe.« »Sally, Sie sollen mich hören...!« »Herr Pittje, ich habe gehört, ich habe schon zuviel gehört in die Sache. Aus allen Löchern stinkt es wie beim Abdeckermeister. Sie ßiehen sich selbst das Fell über ihre unschuldsvollen Ohren, Herr Pittje! – Bedenken Sie: ßweitausend Talers sind ßweitausend Talers, Herr Stadtrat! – Un das mit dem Künstler! – Herr Peerenboom is ein pläsierlicher Mann un ein unterhaltsamer Mann un nobel wie das große Haus Rothschild in Frankfurt, aber er trinkt un tut's in Pomeranzen un Kümmel – un dafor sind die ßweitausend Talers in den Schornstein geschrieben. Stecken Sie nich Ihre Fingers in diese Geschichte! Es gibt ein Schlamassel, un Sie rungenieren sich un ihre liebwerte Mutter bis über die Ohren. Herr Pittje, ich gehe.« Er hatte schon die Türklinke ergriffen und gedachte sich eiligst aus dem Zimmer zu schieben, als er sich am Ärmel erwischt fühlte und die Worte zu hören bekam: »Sally, und das nicht allein; Sie sollen mir auch die zweitausend Taler besorgen.« Na – nu aber ...! Aber es kam anders, wie es sich Pittje gedacht hatte. Sally drehte sich um, legte ihm beide Hände auf die Schultern und lispelte mit tränenumflorter Stimme: »Herr Pittje, ich will Ihnen was sagen. Bekommen Sie's mit die Vornehmheit un wollen sich 'nen neuen Kafförladen machen mit feine Parfüms un goldene Spiegels bis an die Decke – gerne, Herr Pittje. – Bekommen Sie's mit die schönen Gefühle, un wollen Sie sich eine liebreiche Gemahlin einstallieren in den neuen Kafförladen, for glücklich ßu leben un for ganz kleine, unschuldsvolle Kinder zu wiegen – un gebrauchen Sie ßu diese Installierung Betten un Bettßeug mit piekfeine Wäsche, gebrauchen Sie Plüschmöbels in allen Kulören, Magonitische un Stühle un 'ne nobele Aponasche for Ihre angetraute Gemahlin ... Herr Pittje Pittjewitt« – und Sally hatte beide Hände seines Freundes ergriffen – »ich heiße Sally Süßkind, bin Perduktenhändler, mosaischen Glaubens un ßweiter Vorsitzender von dem Verschönerungsverein, un Sie kennen mir als gefälligen Menschen – aber dann gerne, Herr Pittje.« »Je, Sally, das ist es ja eben.« »Was soll's – was wollen Sie, Pittje?« »Heiraten, Sally.« Man weiß aus alten Geschichten, daß beim Brüllen des Löwen in der Wüste Menschen und Tiere, die es hören, von einer Art Starrkrampf befallen werden; es ist ferner zur Genüge bekannt, daß beim Brande von Gomorrha und Sodom, wo der Herr Pech und Schwefel über die heimgesuchte Stätte regnen ließ, das neugierige Weib des Loth, von dem Geknatter und Gerassel des wütigen Elements auf das äußerste gepackt, in eine veritable Salzsäule verwandelt wurde. Pittje hatte nun weder wie ein Berberlöwe in der Wüste gebrüllt, noch mit Pech und Schwefel geregnet, aber seine ganz ruhig hingeworfenen Worte hatten denselben Effekt erzielt. Sally Süßkind stand sprachlos. Er regte und rührte sich nicht, und erst nachdem ihn der erstaunte Pittje etliche Male gerüttelt und geschüttelt hatte, stellte sich allmählich das so jählings gestörte Gleichgewicht im Denken und Fühlen bei ihm wieder ein. Mit verstörten Blicken sah er in das stille und gute Gesicht seines Freundes. Er konnte es noch immer nicht fassen. »Was wollen Sie, Pittje?« »Heiraten, Sally.« »Mit wem?« »Mit Kathje.« »Gott der Gerechte! – un darum...?!« »Ja, Sally – und darum.« Jetzt erst war der Produktenhändler wieder auf realem Boden angelangt. »Wo rührend, wo rührend ...! Aber der Herr Vater von's Mädchen, der Herr Vater von's Mädchen! – Bedenken Sie! – un denn die ßweitausend Talers – die Auktion – der Pomeranz un der gezuckerte Kümmel! – Herr Pittje, bei die schönen Gefühle mit's Mädchen kommt 'ne Rebellionierung in Ihrem Kontobuche zustande!« Mit halb von sich ausgestreckten Armen und nach aufwärts gedrehten Wurzelgelenken hielt ihm der Sprecher die inneren Handflächen und alle zehn gespreizten Finger entgegen, gleichsam um ihm das Fatale seines Vorhabens handgreiflich vor Augen zu führen. Dabei machte er ein Gesicht so wehleidig und so weltfern, als habe ihm Pittje gesagt, er ginge nach den amerikanischen Steppen, um sich dort von einem wütigen Siouxindianer skalpieren zu lassen. Aber Pittje dachte gar nicht daran. Ein Anflug von Ärger spielte um seinen Mund, als er mit den Worten herausplatzte: »Machen Sie keine Dummheiten, Sally!« »Maimemmelochem! – Dummheiten, Pittje?« »Na, dann – wenn's besser klingt: keine Redensarten. Aber ich frage Sie jetzt, rund und bündig, Herr Sally: können Sie diese zweitausend Taler beschaffen, und wenn Sie's können, wollen Sie mir dieselben gegen ortsübliche Zinsen und unter hypothekarischer Belastung dieses Hauses besorgen?« »Un Ihre Ersparnisse, Pittje?« »Sally, Sie kennen meine verheiratete Schwester Mielke in Rees?« »Kenn' ich, Herr Pittje.« »Und meinen Schwager?« »Kenn' ich auch den. Er is gewesen ein gesunder un fleißiger Mann un is geworden ein kranker.« »Und darum sind sie in Not gekommen,« ergänzte der Bittsteller, »und ich bin ihnen mit meinem Ersparten bis auf bessere Zeiten unter die Arme gegangen.« »Sie sind ein großmütiger Mann – aber Sie sind auch ein Mann, der sich rungeniert mit die Wohltat un die schönen Gefühle.« »Lassen wir das. Ich frage noch einmal: Sally, können Sie helfen, und wenn Sie können, wollen Sie helfen?« »Herr Pittje, un das for die Heirat?« »Ja.« »Mit Kathje Peerenboom?« »Ja.« »Un Ihre liebwerte Mutter?« »Ist einverstanden damit.« »Ich ehre Ihre liebreichen Gefühle – aber ßweitausend Talers sind ßweitaufend Talers, Herr Stadtrat! Bedenken Sie das Ende von's Ganze!« Sally hob wie beschwörend die Hände. »Es ist alles bedacht und reiflich überlegt. Und helfen wir nicht, dann hilft der Schellfisch, und die Kathje bekommt er als Draufgeld.« Sally fuhr zusammen, als hätte ihn eine Bremse gestochen. »Wer sagten Sie hilft?« »Der Schellfisch.« »Un wen bekommt er als Draufgeld?« »Die Kathje.« »Herr Pittje,« rückte nunmehr Sally heraus, nachdem er eine grandiose und selbstgefällige Pose angenommen hatte, »Herr Pittje, mit die ßweitaufend Talers – ich kann es.« »Na – denn...!« »Schön,« sagte Sally, »will mal nachsehn ins Notizbuch, wie's steht mit die Gelder,« griff alsdann zur Linken und nahm ein abgelebtes Buch aus der Seitentasche des Nankingjacketts, feuchtete den Zeigefinger der rechten Hand an und blätterte lange in den beschriebenen Seiten. »Hier steht's,« meinte er endlich. »Bin ich doch gestern gekommen von der Mannier un von Üdemerfeld un habe beaugenscheinigt das Korn auf dem Halm. Pompöses Getreide! – Herr Pittje, 's steht wie's preußische Militär, wenn sie machen Manövers mit die Lazeruntasch un die Schakos un die gefährlichen Flinten auf die Parade zu Kleve – un so hängen die Köpfe. Un dann: bin ich doch gekommen von die Herrn Müllers und die Herrn Bäckers in die ganze Umgegend von hier bis nach Xanten un habe abgeschlossen mit ihnen, um ßu liefern das Korn von die diesjährige Ernte for sechstausend Talers. Alles auf Stempelbogen un richtig beschrieben – un ich glaube, ich habe gemacht ein kleines Profitchen.« »Gratuliere.« »Un darum, Herr Pittje,« und Sallys Züge nahmen ein gönnerhaftes Gepräge an, »als ein lieber Freund von Ihnen, als Mitglied des Verschönerungsvereins un for die pompöse Rede heut morgen – ich schieße das Geld vor; zweitausend Talers zu vier Perzente das Hundert un Sicherstellung mit Ihrem Hause, Herr Pittje.« »Mit Dank akzeptiert.« »Aber zu Johanni im nächsten Jahre zurück.« »Schön,« sagte Pittje. »Un wir machen den Akt ßu die Hypothekenbestellung auf morgen beim Herrn Notarius Lenz am Hinteren Graben.« Pittje gab ihm die Hand. »Schön, Sally – und dann: Pst! von wegen der Hypothekenbestellung und Kathje,« und er legte verwarnend den Zeigefinger auf die vorgeschobenen Lippen. »Herr Pittje, Sie haben sich mir würdig bewiesen un Ihre geheimnisvollsten un schönsten Gefühle in meinem Busen verstochen – ich verstehe ßu schweigen. Un nu, Herr Stadtrat, adjes – ich habe Geschäften.« »Adjüs!« Und bald darauf tänzelte der Nelken-Sally wieder mit dem gehobenen Bewußtsein in der Brust, zwei liebe Menschen glücklich gemacht zu haben, über die Straße zurück und freute sich über seine schwarz-weiße Fahne, die lustig im Winde hofierte. – Und langsam, eintönig, nur unterbrochen durch das melancholische Schlagen der Turmuhr, schlichen die Stunden dahin, und die Stunden schlichen sich in den Abend hinein, und der Abend in die geheimnisvolle Stille der Nacht. Und aus Morgen und Abend wurde ein neuer Tag, und Tag reihte sich an Tag, und Abend an Abend, und Nacht an Nacht – und so war der Morgen des heiligen Johannes gekommen, der Tag, an welchem laut Beschluß der zuständigen Behörde das transportable Eigentum des Puppenspielers in öffentlicher Auktion verkauft werden sollte. Draußen war inzwischen Sorge und Arbeit gewesen. Vom Morgengrauen bis spät in den Abend hinein hatte man das regelmäßige Wetzen und das charakteristische Schneiden der Sensen gehört. Die widerspenstigen Halme waren schwadenweise gefallen, und ein würziger, durchdringender Geruch war dabei von ihnen ausgegangen, untermischt von dem eigentümlichen Duft der mitniedergemähten Blumen. Und kräftige Menschen rechten die zu Boden gestreckten Halme und Blumen auseinander, ließen sie im Sonnenbrand trocknen und falben, häuften sie im Schweiße des Angesichtes und bildeten Schober um Schober. Resedafarben, einen würzigen Hauch ausatmend, reihten sie sich im dunklen Grün der geschorenen Wiesen und Triften und harrten der Einfuhr. Fast scheitelrecht, unbewölkt und blendend hatte während dieser Tage die Sonne gestanden. Eine strahlende Wärme ging von ihr aus und legte ein verblaßtes Grün über die hingeworfenen Schwaden – und inmitten derselben schafften fast alle unbemittelten Einwohner der kleinen niederrheinischen Stadt, die um das Heumachen und die Ernte sich mühten. – Schweiß und Arbeit auf den duftigen Halden! – und Kathje Peerenboom, die sich seit dem letzten Begegnen mit Mutter Pittjewitt einem begüterten Nachbar verdungen hatte, war unter den Burschen und Mädchen vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht hinein tätig gewesen. Seit jener Stunde schien sie so ganz anders geworden. Ein neuer Geist war in sie gefahren. Die Arbeiten mit Plätteisen und Nadel sagten ihr nicht mehr zu. Von verzehrender Hoffnung und Inbrunst gepackt, mußte sie schaffen und ringen da draußen, mußte verdienen – und wenn auch der karge Lohn auf den Wiesen den ihrer Arbeit im Hause nicht um vieles überstieg, so schaffte sie doch in Gottes freier Natur, konnte die Brust weiten und die erdige Kraft einatmen, die zaubergewaltig dem warmen Boden entströmte. Mit geblähten Nüstern, das grobe Hemd am jugendlichen Leib geklebt, hatte sie oft während der Arbeit gestanden und mit einem Seufzer der Hoffnung über die endlosen Flächen geschaut, die sich bis an das linke Rheinufer erstreckten, hinter dem zuweilen die weißen Segel erschienen, um still und geheimnisvoll stromabwärts zu treiben. Ein eigentümlicher Rausch, etwas Selbstquälerisches und doch ein hoher Genuß hatte in dieser Arbeit und in diesem gelegentlichen, Träumen und Hindämmern gelegen. Mit bloßen Beinen, um ›kommoder‹ schaffen zu können, nur mit einem grauen und dünnen Leinenkleide bedeckt, das Schultern und Arme freiließ, hatte sie mitgeholfen Schober um Schober zu richten, war durch das duftige Heu gewatet und hatte sich lachend die Haare und den leichtgebräunten Nacken von dürren Halmen und Hälmchen überrieseln lassen. Heupferdchen geigten dazwischen, und sie geigten ihr die Zukunft vor in rosigen Farben, die sie umstrahlten, als wäre sie eine Königin zwischen all den fleißigen Leuten gewesen. Die Burschen warfen heimliche Blicke auf sie. Die war doch anders wie die übrigen Mädchen! – Diese feingebildeten Knöchel, diese weibliche Anmut in jeder Bewegung – dieses verheißende, sinnliche Lächeln! – Und manchem kam's ums Herz, als hätte er die Halbentblößte an sich reißen müssen, um sie mit seliger Inbrunst zu küssen. So hätte sie Pittje sehen müssen! Sie dachte öfters an ihn. Sie hatte von seinem Triumph in der Sitzung gehört; ein eigentümlich getragenes Gefühl hatte sich dabei ihrer bemächtigt. Sie war stolz auf ihn geworden. Ob er wohl kommen würde? Wenn er doch käme! – Und wenn er es könnte – ob er dann um ihretwillen dem Vater beispringen würde? Ja, er konnte es, und wenn er es täte, dann sollte ein anderes Leben beginnen, ein Leben voll Arbeit, Mühe, Entsagung, aber auch reich an ersprießlichem Schaffen und inniger Liebe – und dem bisherigen Unglück wollten sie sich mit beiden Ellbogen entgegenstemmen, um dauernd glücklich zu werden. Und dieser Gedanke hatte ihren jugendlichen Leib erzittern gemacht. Mit tiefem Atemholen sog sie alsdann die heiße und doch köstliche Luft ein, die ihr vom Heu und den saftigen Wiesen entgegenwehte. Sie konnte von diesem schwülen Odem nicht genug bekommen und berauschte sich gleichsam daran. Und sie bog sich im Kreuz zurück, wischte den perlenden Schweiß von der Stirne und streckte die Arme, daß ihr Körper sich straffte, und sie griff mit ihren Händen in das Abendrot hinein, als müßte sie dort das Glück suchen, das sie mit heißer Seele erstrebte. Und dann stand sie und sah in die Landschaft hinaus, wo eine Lerche singend in den Himmel emporstieg. Und sie harrte auf Pittje, denn der mußte sehen, wie sie rackerte und schaffte, und mußte sich auch, gerade wie sie, betäuben lassen vom Geruch des geschnittenen Grases und von dem starken Hauch, der ihrem Leibe entströmte, und dann hätte er sie vor aller Welt in die Arme schließen müssen mit herrischer Gewalt und verzehrender Inbrunst. Das wäre Sättigung für sie gewesen, eine wahre Erlösung von der Leidenschaft, die sie seit einigen Tagen beherrschte. Aber Pittje kam nicht. Es wurde tief Abend. Das wachsende Dämmern wandelte das Wiesengrün in ein zartes Violett, aus dem die resedafarbigen Heuschober in verschwommenen Rissen emportauchten. Ein unendlicher, tiefblauer Himmel spannte sich darüber. Hin und wieder blitzte ein Stern auf. Ab und zu wurde noch eine Sense gedengelt. Vereinzelt tönte noch der scharfe Schnitt aus einem entlegenen Winkel, bis auch dieser verhallte. – Und Kathje Peerenboom atmete auf, brachte ihr Schnürleibchen in Ordnung und begab sich heimwärts, allein und nur von ihrer Sehnsucht begleitet. So war es seit dem Begegnen mit Mutter Pittjewitt schon Abend für Abend gegangen. – Und Jan Peerenboom hatte in seligen Träumen geschwelgt und mit der wasserhellen Flüssigkeit in seiner Schnapsflasche geäugelt, bis endlich der Termin der Zwangsversteigerung vor der Tür stand, und ein neuer Stempelbogen mit dem preußischen Kuckuck die oberen Planken, und zwar von Amts wegen, bedeckte. Es war Johanni geworden. – Pittje Pittjewitt und Sally Süßkind hatten inzwischen alles Nötige beim Notar in Ordnung gebracht. Nur der Hypothekenbrief, der vom Schuldverschreibungsamt in Kleve ausgestellt werden mußte, ließ noch immer auf sich warten. Sie hatten's nicht eilig die Herren in der Kreisstadt dahinten. Über den betätigten Akt, über das Vorhaben, den Puppenspieler aus seiner bedrängten Lage zu reißen, wurde von Pittje wie auch von Sally Süßkind das größte Schweigen beobachtet. Das Herz voll Hoffnung, von der er selber nicht wußte, woher sie kam, wohin sie wollte und strebte, suchte Pittje gern die Einsamkeit auf. Ängstlich mied er daher auch die Stätte, wo tagsüber Kathje im Schweiße ihres Angesichtes arbeitete, und schlug vielmehr in den anbrechenden Dämmerstunden den stillen Pfad ein, der durch Roggen- und Weizenäcker und an schilfbewachsenen Kolken vorüber zu dem schmalen Höhenzug führte, dessen bewaldeter Rücken sich nicht weit von der kleinen Stadt aus in südwestlicher Richtung erstreckte. Hier zwischen den geliebten Birken, die er durch seine geschickte und mannhafte Rede vor dem scharfen Biß der gefräßigen Axt gerettet hatte, ging ihm das Herz auf, und der Sinn wurde hell, und den hellen Sinn durchblitzten frohe Gedanken, die ihm die schöne Zeit vorgaukelten, die da kommen sollte und mußte. Der Wald hauchte ihn an, schlanke Stämmchen strebten seitwärts aus dem feuchten Boden empor, und er ließ sich von den schwanken Ruten Nacken und Kopf umwehen, tätschelte die silberlichte Borke, und seine Seele breitete die Flügel und flog über die Landschaft, die sich prächtig mit ihren Weiden und wogenden Feldern vor seinen Füßen erstreckte. Den Horizont grenzte der Rhein ab. Wie das Spielzeug aus einer Nürnberger Schachtel standen Flecken und Dörfer, bis weit nach Holland hinein, inmitten von Wiesen und Saaten, und der Wind ging darüber hin und gaukelte über die Roggenfelder, die ein grüngrauer Schimmer, ein duftiger Puder umstäubte. Ein Wiesenweih stand rüttelnd darüber; dann sah Pittje, wie er reißend und mit angelegten Schwingen in das hohe Getreide hinabstieß. Ein eigenartiges Gefühl beschlich ihn. Unmutig schied er an diesem Abend von seinem liebgewordenen Plätzchen. Unter Grübeln und Tüfteln schritt er der kleinen Stadt zu und sprach bei Sally Süßkind vor, ob der Hypothekenbrief inzwischen eingelaufen sei. Er war noch nicht da. »Aber ßu morgen kommt er bestimmt,« hatte ihn Sally getröstet. »Die ßweitausend Talers liegen parat – die können Sie haben.« Insichgekehrt war Pittje nach Hause gegangen. –- Anderen Tages, also am Tage der Auktion, saß Jan Peerenboom auf dem großgemusterten Kanapee seines Künstlerzimmers, das in einer stillen Ecke, nicht weit von der Drehbank entfernt, sein beschauliches Dasein führte. Kathje war noch beim Heuen beschäftigt, mußte aber jeden Augenblick vorsprechen, denn ums Vesperläuten sollte die Zwangsversteigerung beginnen. Jan Peerenboom, wenn auch grimmig gestimmt, harrte stoischen Geistes der kommenden Dinge. Der Künstler dachte nach, wobei er den niedergebrannten Zigarrenstummel bald in die eine, bald in die andere Mundecke hineinvoltigierte und wie sinnend das eisgraue Zickenbärtchen befühlte. Jan Peerenboom verschleierte nunmehr die schnapsseligen Augen und schüttelte bedenklich den Kopf. Er war mit seinem Latein zu Ende. Er verstand Pittje nicht und Kathje nicht – er verstand überhaupt die Welt nicht mehr, und dieses als Endresultat seiner langen Betrachtungen hinnehmend, spie er in hohem Bogen den ausgeglühten Zigarrenstummel in einen Winkel des Zimmers. Kathje, die noch bis zum gestrigen Abend in seliger Hoffnung geschwelgt hatte, dann sich aber genötigt sah, auch ihrerseits eine glückliche Lösung der stattgehabten Mission in Zweifel zu ziehen, hatte sich heute früh ihrem Vater gegenüber noch einmal erboten, bei Mutter Pittjewitt vorzusprechen, um den Dingen eine andere Wendung zu geben. Aber Jan hatte sich grandios in die Sammetjacke geworfen, auf die Drehbank geklopft und die Worte ausgestoßen: »Buschur! – Du bist woll! – Kathie, nicht wegwerfen! – Immer nobel! – Anch' io sono pittore! – Himmel Sapperment noch einmal ...!« – und dann war Kathje hinausgegangen, war auf die Wiesen gegangen und hatte geweint wie ein Kind. Und so war die Vesperstunde gekommen. Jan saß noch immer auf dem verschlissenen Sofa. Eine neue Zigarre, die er sich inzwischen angebrannt hatte, sollte ihm die Zeit totschlagen helfen. Das Mundstück derselben war bereits in das Stadium des Quastenhaften getreten – aber sie schmeckte, und es schien so, als wenn ihr brenzliges Aroma einen wohltuenden Einfluß auf die Gemütsverfassung ihres Inhabers ausgeübt hatte. Der verbissene Ingrimm war abgetan; der Geist des Elegischen, der Duldsamkeit und Ergebung war an seine Stelle getreten. Mit der imponierenden Ruhe eines Anachoreten, still vor sich hinlächelnd, nur ab und zu Tröstung aus der Schnapsflasche holend, die Beine gestreckt und die Hände in den Hosentaschen vergraben, so saß er auf dem großgemusterten Sofa und horchte melancholischen Blickes auf die verschiedenen Stimmen, die sich allmählich immer stärker auf der Straße bemerkbar machten. »Murrgen!« sagte Jan. Zur Trauerfeier des Tages hatte er sich, abgesehen von seinen Großkarierten mit Strippen, die er auch täglich benutzte, in seinen Sonntagsrock geworfen, hatte sich mit seinem altmodischen Zylinder gerüstet und war in weißbaumwollene Handschuhe gefahren – alles Zeichen einer gewissen Trauer und schmerzhaften Feier, die er anzulegen pflegte, wenn es galt, einem Freunde oder sonst einem guten Bekannten die letzte Ehre zu geben. Und warum auch nicht? Mit dem heutigen Tage wurden seine besten Freunde, seine Möbel, zu Grabe getragen. Das genügte für ihn. Er hatte sich mit Trauergewandung bekleidet. Draußen wurden die Stimmen immer lauter und lauter. Einige keifende Weiber waren dazwischen. Er hörte deutlich, wie sie sich über den Zustand und die Verfassung seiner geliebten Möbel berieten. Das tat seinem Künstlerherzen weh, und die Tränen wollten ihm kommen. Jetzt wurde an die Tür geklopft. Jan setzte sich in Positur, zog die Hände aus den Taschen seiner Behosung und legte die Weißbebaumwollten über die eckigen Kniee. Dann gab er sich einen Ruck. »Angtree!« rief er mit forscher und hallender Stimme. »Buschur!« Der Herr Polizeidiener war mit seinen karmesinroten Aufschlägen, mit Helm und goldenem Portepee ins Zimmer getreten. Herr Brill salutierte. »Murrgen!« gab der Puppenspieler zurück. »Herr Peerenboom,« sagte der Polizeidiener mit einem Anflug von weicher Betonung, »es tut mir ungemein leid. Ihnen als vorzüglichen Menschen und Künstler im gegenwärtigen Augenblick so entgegentreten zu müssen. Aber meine Pflicht, die Strenge des Gesetzes ...« Durch ein mitleidiges Achselzucken gab er seinem tiefen Bedauern einen weiteren Ausdruck. »Auch egal!« versetzte der Puppenspieler. »Aber Herr Brill,« und Jan nahm wieder von seinem Pathos und seiner Künstlerpose Besitz, »ein tiefes Weh ergreift mich von wegen der Unbarmherzigkeit der tiefgesunkenen Menschheit. Es schreit zum Himmel, Herr Brill, und mir ist es, als hätte sich das Unglück mit breitem Hintern auf meine Möbels gesetzt, daß sie jammernd entzwei brechen. Oh – über die Menschheit! – Ein Schnäpschen gefällig?« »Gerne,« sagte Herr Brill, nahm die dargebotene Flasche in Empfang und gönnte sich ein herzhaftes Schlückchen. »Merci!« »Angtree!« Der Herr Auktionator und sein Protokollführer traten ein, begrüßten Jan, drückten ihr aufrichtiges Beileid aus und rückten Tisch und Stühle zurecht, um wenigstens schon auf diese Weise die ersten Stadien der Versteigerung in die Wege zu leiten. »Denn man los!« lallte Jan Peerenboom in tiefer Ergebung, zog sich auf sein gemustertes Sofa zurück, schlenkerte die Großkarierten übereinander und blies mit aller Resignation, sich in das Unvermeidliche schickend, die Wölkchen seiner tiefgebrannten Zigarre bis über den Tisch fort. Inzwischen hatte sich die Stube des Puppenspielers mit Kauflustigen, mit Weibern und Männern, unter denen sich auch Aloys Pierentrecker befand, allmählich gefüllt, die tuschelnd und raunend dem Beginn des Trauerverfahrens entgegensahen. Als Jan den Schnittwarenhändler, den vermeintlichen Bringer und Urheber seines Unglücks bemerkte, lief ein bitterböser Zug über sein elegisches Antlitz. Es kochte in ihm; er hätte dem Kerl an den Hals springen mögen. »Sapperment noch mal!« Schon hatte er sich halb aus seiner sitzenden Stellung erhoben, bezwang sich aber und brummte zwischen den Lippen: »Immer nobel! – Anch' io sono ...!« Dann sank er mit einem schweren Seufzer in die ausgeleierten Federn des Sofas zurück. Mit stumpfen Blicken folgte er den Bewegungen des Auktionators, der unter Beihilfe des Protokollführers Tinte und Papier zurecht legte, den Ganskiel anschnitt und schließlich unter geheimnisvollem Räuspern in verschiedenen Aktenfaszikeln herumblätterte. Eine bängliche Stille ging für einige Augenblicke durch die mit Menschen angefüllte Stube. Ein intensiver Geruch, zusammengesetzt aus Zigarrenrauch, Pfeifenschmurgel und den charakteristischen Ausdünstungen ärmlicher Leute, kroch bis in die feinsten Ecken hinein, legte sich auf Tische, Stühle und Stempelbogen, und zwar so kompakt, daß es möglich gewesen wäre, handliche Stücke des dicken Brodems in eine Tüte zu packen. Die warme Juniluft tat das Ihre hinzu, so daß sich endlich der Herr Polizeidiener Brill genötigt sah, die nach straßenwärts gelegenen Fenster aufzuwerfen und frische Luft einströmen zu lassen. In langen Spiralen drehte sich der zähe, säuerliche ›Hecht‹ auf die Straße hinaus, um dort in Nichts zu verschweben. Der Herr Auktionator legte die Faszikeln beiseite und wandte sich leise tuschelnd an seinen Gehilfen, der, zur Schonung seines schäbigen Überrocks mit einer kattunenen Ärmelstauche bewaffnet, sich damit beschäftigte, die Biegsamkeit der Gansfeder auf dem Daumennagel der linken Hand zu probieren. Ein bittersüßes Lächeln lief über das abgehärmte Gesicht des schmalschultrigen Mannes, der bis jetzt die schönste Zeit seines Lebens hinter wackeligen Pulten verbracht hatte, und dessen äußerst bescheidener Garderobe ein ausgeprägter Geruch nach eingetrockneter Tinte und modrigen Aktenbündeln entströmte. Mit diesem bittersüßen Lächeln sah er zuerst auf Jan Peerenboom, dann auf die schwere ›Halosi‹, eine faustgroße Zwiebeluhr, die er einem Messinggehäuse entnahm und nach Befragung wieder in die Westentasche hineinschob. Der Herr Protokollführer nickte. Es konnte bald losgehn. Kathje, die, mittlerweile vom Heuen zurückgekehrt, sich durch die Hintertür ins Nebenzimmer begeben hatte, machte sich zwischen Tür und Angel durch ein leises Hüsteln ihrem Vater bemerkbar. Dieser, als er sie endlich gewahrte, zuckte schmerzlich die Schultern, was soviel bedeutete als: »Er ist nicht gekommen – der Pittje!« – ein stummer Ausdruck der Verzweiflung, der Kathje taumelnd zurückwarf und sie weinend in eine Ecke der Stube hineindrückte. Ihre besten Hoffnungen, denen sie noch halbwegs gelebt hatte, waren mit einem Male zerschlagen. »Pittje! – Pittje...!« Ein eisiges Frösteln durchlief ihren Körper. Von draußen tönte in diesem Augenblick die Vesperglocke herüber. Aloys Pierentrecker machte dazu das Zeichen des heiligen Kreuzes. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!« betete er mit verhaltener Stimme, aber noch immer laut genug, um von den zunächst Stehenden deutlich gehört zu werden. Der Protokollführer befragte noch einmal die neusilberne ›Halofi‹ und nickte dem Herrn Brill zu. Dieser verstand ihn, schlug dreimal mit einem bereit gelegten Hammer auf die Platte des Tisches und sagte: »Im Namen des Königs!« Das ›Im Namen des Königs‹ stellte allgemeine Ruhe und Aufmerksamkeit her. Die kauf- und schaulustigen Männer und Weiber, die bislang die zu versteigernden Gegenstände untersucht, in Töpfe und Schränke die Nase gesteckt, alles Abschätzenswerte befühlt und betastet und die Yorkshire-Sau einer gründlichen Beaugenscheinigung hinsichtlich des zu erwartenden Fleischwertes unterzogen hatten, placierten oder drängten sich an den Tisch, wo der Herr Auktionator amtierte, um ihre Angebote zu machen. »Im Namen des Königs!« Der Herr Polizeidiener Brill hatte zum anderen Male gerufen. Der Auktionator erhob sich. Die Zwangsversteigerung nahm ihren Anfang. »In Sachen Aloys Pierentrecker, Schnittwarenhändler dahier, contra Jan Peerenboom, Drechslermeister und Puppenspieler, ebenfalls in hiesiger Stadtgemeinde domiziliert,« also begann er, »ist auf Beschluß des Königlichen Friedensgerichtes zu Goch Termin für die Zwangsversteigerung anberaumt worden auf den heutigen Tag – und bin ich beauftragt, fragliche Amtshandlung in die Wege zu leiten. Von Rechts wegen!« Hierbei warf er einen flüchtigen Blick auf den Puppenspieler. Der aber starrte ins Leere, als vernähme er kein Wort von dem, was um ihn vorging. »Und daher,« also fuhr der Auktionator mit erhobener Stimme fort, »stelle ich zuerst eine trächtige, kapitale Yorkshire-Sau zum Verkauf aus. Wer bietet?!« Was wollte der Kerl ...?! Seine trächtige Yorkshire-Sau?! – Sein ein und alles ...?! – Sein Glück – sein Leben – seine zukünftige Hoffnung ...?! Schmerzlich zuckte der Puppenspieler auf seinem Sofa zusammen. »Himmel Sapperment noch einmal ...!« Er fuhr mit seinen weißbebaumwollten Händen in die Luft. Machtlos sanken sie auf die Kniee zurück. Eine Pompefunèbrestimmung ergriff ihn. Er hörte nicht mehr, was um ihn vorging, was die Leute wollten, sprachen und boten. Polizeidiener, Auktionator und Protokollführer, Tische, Stühle und Schränke – alles tanzte um ihn und wirbelte wie die bunten Glassplitter in einem Kaleidoskop wirr durcheinander. In dichten Nebelschleiern zog es an seinen Blicken vorüber, aber im Nebel dahinten – Herr Jeses noch mal! – was kam da gewandelt, so lieblich grunzend, so elfenbeinweiß und so kräftig geborstet, so rosig und mit durchscheinender Haut ...?! – Ja, sie war es, seine zukünftige Hoffnung, die Wurst- und Schinkenträgerin, sein ein und alles – die Sau. Jetzt quiekste sie auf und schwebte vorüber. Die Ärmste! – Um den Hals hatte sie eine Pleureuse gebunden; lange Trauerflore wehten von dem gedrechselten Schwänzchen. Jan wälzte sich wie ein Torquierter auf dem stöhnenden Sofa. Dumpf, wie Grabeslaute kamen ihm die Worte entgegen: »Also die Yorkshire-Sau. Wer bietet zum ersten?« »Zwanzig Taler!« »Zwanzig Taler sind geboten. Wer bietet mehr?« »Zwei und zwanzig!« »Drei und zwanzig!« »Drei und zwanzig Taler – zum ersten!« »Nur drei und zwanzig Talers – ein Sündengeld, ein Spottgeld, ein Garnichts!« wimmerte Jan. »Dreißig Taler!« kam es aus einer Ecke gefahren. »Zwei und dreißig!« »Zwei und dreißig!« wiederholte der Auktionator, »zwei und dreißig – zum ersten!« »Drei und dreißig!« »Drei und dreißig – zum ersten!« »Vier und dreißig!« »Vier und dreißig – zum ersten und zweiten!« Der Auktionator ließ musternd die Blicke umhergehn. Die Kauflust und mit ihr ein höheres Angebot schien im Hinblick auf den ausgestellten Gegenstand abflauen zu wollen. »Vier und dreißig Taler fünf Groschen!« kam es noch einmal, aber schüchtern aus der nämlichen Ecke. Der Auktionator hatte den Hammer ergriffen, und der abgehärmte Protokollführer tunkte mit einem süßlichen Lächeln, das wie angegorenes Birnenmus schmeckte, seine Feder in das breitbauchige Tintenfaß ein. »Vier und dreißig Taler fünf Groschen! – Wer bietet mehr?« Alles blieb stumm. »Vier und dreißig Taler fünf Groschen – zum ersten, zum zweiten und ...« »Fünfßig Talers!« Lächelnd blickte das vergnügte Gesicht des Nelken-Sally von der Straße ins Zimmer. Eine Lachsalve begrüßte ihn. »Der Sally!« kam es ihm jubelnd von allen Seiten entgegen. »Sally will Schinken mangieren!« »Angtree, Sally!« »Sally, placiert Euch!« »Hurra, Sally!« »Gleich, meine Herrens! – Fünfßig Talers noch einmal!« Er hatte mit heller und zuversichtlicher Stimme gerufen, verschwand vom Fenster und schob sich alsbald mit einer prächtigen Nelke, die er zwischen den Zähnen balancierte, ins Zimmer. »Herr Polizeidiener Brill ...!« Er machte diesem eine tiefe Verbeugung. »Herr Auktionator von's Ganze, Herr Protokollführer – ich habe die Ehre!« Wieder ein Diener. »Aber, die Herrens,« und Sally trat näher, »die Sache hat for uns alle ein liebliches un erquickungsreiches Ende gefunden – die Auktionierung is aus jetzt,« und ohne sich weiter um die verblüfften Gesichter, um die plötzlich eingetretene Totenstille zu kümmern, zählte er, unter ständiger Anfeuchtung seines rechten Daumens, achthundert Taler in preußischen Kassenscheinen, die er einem abgegriffenen Portefeuille entnahm, auf den Tisch auf. »Herr Süßkind ...« stammelten die Männer des Gesetzes. Alles stand wie festgenagelt, nur Jan Peerenboom, der bislang dem Phantom seiner Sau nachgejagt hatte, fuhr, wie mit der Wünschelgerte entzaubert, aus seinem lethargischen Dusel. Er hielt Sally für einen Gottgesandten, für einen Engel des Herrn. Er wollte vorwärts gehn – aber die Beine waren wie mit Blei ausgegossen, er wollte die Stimme erheben, er wollte jubilieren und singen – allein die Zunge versagte. Nur unartikulierte Laute brachte er mühsam zustande. Er schien dem Tollhaus entwischt. Alles drehte sich ihm wie ein Karussell mit blitzenden Fähnchen und Lampen. Und der Leierkasten tönte dazwischen, und der Karussellbesitzer schwadronierte mit heiserer Stimme: »Uffgesessen! – Wer viermal drückt, kann einmal fahren! – Uffgesessen die Herren!« – Sich drehende Holzpferdchen, Schaukeln und bunte Ballons, Blechdeckelgeräusch und Orgelgedudel – und Jan Peerenboom mitten dazwischen. »Achthundert Talers – und das bei den miserabelichten Zeiten ...!« Jan hörte die Engel im Himmel pfeifen, und Sally Süßkind war der Oberengel von allen. »Ich bitte Herrn Aloys Pierentrecker,« rief Sally, »dies Papier als Quittung unterschreiben ßu wollen.« »Aber, Herr Süßkind ...« »Achthundert Talers in preußischen Kassenscheinen. Die Sache is richtig. Ich bitte um Quittung.« Der Schellfisch unterschrieb, kassierte das Geld ein und drückte sich, gefolgt von der kauflustigen Menge, die sich getäuscht sah und ihm ein heulend Geleit gab. Mit selbstgefälliger Miene schritt Sally auf den Puppenspieler zu und behändigte ihm das vollzogene Schriftstück. »Herr Peerenboom, ich habe die Ehre.« Die Männer des Gesetzes gratulierten und gingen. Jan hatte bis jetzt alles willenlos wie ein Träumender über sich ergehen lassen. Er befühlte sich vom Kopf bis zu den Füßen und wußte nicht, ob er noch lebend oder schon tot war. Ein Rechenexempel ging ihm durch den Sinn, das intakte Vorhandensein seines Verstandes zu prüfen. Allein, wie er auch dachte und tüftelte, er konnte sich keine Rechenschaft mehr darüber geben, ob zwei mal zwei vier oder fünf sei. Jetzt aber, wo er das Schriftstück in Händen hatte, wo ihm quittiert achthundert Taler vor Augen tanzten, wo es dastand schwarz auf weiß und zu Recht unterschrieben – da war's alle mit ihm. Es packte, es griff ihn. »Sally! – Göttlicher Mensch! – Engel des Herrn! – Sally, an meinem Herzen gehörst Du!« Und bevor es sich dieser versah, hatte ihn Jan mit starken Armen umfaßt, ihm die Hände mit den baumwollenen Handschuhen auf den Rücken gedrückt und ihn an sich gezogen. »Sally! – Gemütsmensch! – Meine Yorkshire-Sau! – Sally ...!« »Herr Peerenboom, ich geh' ja kapores!« »Sally, 'nen Kuß, 'nen Kuß!« »Herr Peerenboom, ich geh' ja kapores for die Gewalt!« »Sally, ich muß ja, ich kann ja nicht anders!« Sie fuhren zusammen. Ein jubelnder Schrei wurde in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer vernommen. »Zaperlot – wer hat da gerufen?!« – Pittje, der sich soeben durch den Garten geschlichen, hatte an die Kammertür gepocht, wo sich Kathje befand. Sie horchte auf. – Wenn er es wäre, wenn er trotzdem noch käme! »Wer ist da? – Pittje, bist Du es?« Sie taumelte, stutzte, dann stürzte sie vorwärts und dann – von verzehrender Sehnsucht, von wildem Durst gepeinigt, war sie in seine Arme gefallen. Er riß sie an sich und hielt sie zum ersten Male umfangen. »Kathje ...!« »Pittje ...!« Lange und innig ruhten die Lippen zusammen. Nebenan wurde die Tür geöffnet. »Herr Peerenboom,« flüsterte Sally, »bedanken Sie sich bei dem da. Der hat sich aufgeopfert for Sie un Ihre jungfräuliche Tochter. Ach, wo rührend, Herr Pittje!« Und da standen vier glückliche Menschen zusammen und wußten nicht, was sie sagen sollten. Und als sie schieden, da legte Pittje den Zeigefinger auf seinen Mund und wandte sich an Sally. Dieser verstand ihn. »Pst!« sagte Sally. VII. Nach Marienbaum und unterm Spriegeltuch Während der folgenden Tage fand eine prompte Erledigung der schwebenden Verhältnisse statt. Die auf dem Hause des Puppenspielers ruhende Hypothek wurde im Grundbuch auf Pittje Pittjewitt überschrieben, alsdann die Hypothekenbank in Kleve befriedigt; sein eigenes Haus in der Kesselstraße stand dagegen mit zweitausend Talern zu gunsten Sally Süßkinds belastet. Jan Peerenboom schwor mit gestreckten Fingern der Schnapsflasche ab und versprach von nun an ein geordnetes Leben zu führen. Vergangene Tage sollten ausgetilgt sein wie Notizen, die man in den Flugsand geschrieben. Von morgens früh bis in die sinkende Nacht hinein gedachte er an der Drehbank zu sitzen, wollte sich wieder auf Stuhlbeine und Treppengeländer werfen und seine abgebröckelte Kundschaft aufs neue tributpflichtig machen. Das sollte ein schaffensreiches Leben werden! »Kehrt marsch!« sagte Jan und drehte das Futter seiner Sammetjacke nach außen. »Ein gewendeter Rock, ein gewendeter Adam!« und also gedachte er es für die Zukunft zu halten. Nur die Ausübung seiner geliebten Kunst auf Kirmessen und Jahrmärkten behielt er sich ausdrücklich vor, eine Klausel im aufgestellten Programm seiner neuen Lebensweise, die ihm schließlich nach langer Debatte und von allen Beteiligten zuerkannt und zugesagt wurde. Jan schwebte in den siebenten Himmel hinein. Geigen und Flöten spielten ihm auf. Er schrie »Holla!« und »Heda!« und wurde alsbald von dicken Posaunenengeln wieder auf die schöne Gotteserde getragen, wo er den neuen Adam zu beginnen gedachte. Noch einmal, aber nur einmal gönnte er sich ein kräftiges Schlückchen aus seiner Bouteille, dann tat er einen fürchterlichen Fluch und schleuderte die leere Flasche in das Wasser hinein, das hinter seinem Hause vorbeifloß. Mit dem Verschwinden glaubte er den Schnapsteufel für immer begraben zu haben. » Apage satanas !« Und er stand dabei in seinem gewendeten Rock und kam sich vor wie ein glücklicher Büßer auf dem Karmelgebirge. Über die näheren Verhältnisse und die erfolgte Brautschaft sollte vorderhand aus verschiedenen Gründen noch Stillschweigen beobachtet werden. Selbst Nikodem wurde zur zeit nicht ins Vertrauen gezogen. Sie wußten: er hatte doch nur wenig Herz für die Sache, und dann: hatte er sich sonst um ihre Familienangelegenheiten auch nur in etwas gekümmert?! Genörgelt – ja, und salbungsvolle Reden gehalten – auch das, und stundenlange Gebete für die Unsterblichkeit der Seele gen Himmel gerichtet, auch darin hatte er nicht gegeizt und gespart, aber auf realem Wege helfend beizuspringen, dafür fehlten ihm die passenden Worte, das Geld und die Praxis. Und selbst wenn er unter anderen Umständen gewollt hätte, für derlei irdische Dinge war Nikodem zu weltfern veranlagt. Sein Geist war ausschließlich auf überirdisches Denken gerichtet. Diesem zuliebe wurde alles andere beiseite geschoben, selbst auf die Gefahr hin, seinen Mitmenschen gegenüber mit unerhörter Strenge hierdurch verfahren und begegnen zu müssen. Nein – der Herr Kaplan wäre nicht der richtige Freudenbringer gewesen, und somit blieb das Geheimnis der jungeingefädelten Brautschaft nur auf wenige, zu denen außer Sally Süßkind nur noch Wilm Henseler gehörte, beschränkt – aber in diesem Kreise wurde das zarte Geheimnis treulich bewahrt und sinnig gefeiert. Pittje war glücklich, und sein Inneres strahlte wie die niederrheinische Landschaft da draußen. Die Heuernte war beendet, und die Wiesen prangten wiederum in ihrem frischesten Grün, durchsetzt von den langen Reihen der Kappweiden, die, dem schnurgeraden Lauf der unzähligen Wassergräben folgend, ihre silberlichten Ruten kopfüber in den blanken Spiegel versenkten. Der Sommerflor hatte sich an den Gräbern aufgetan, die Grillen zirpten, die Heupferdchen geigten, und aus den nah- und ferngelegenen Wasserkolken, die sich im Verlauf der warmen Junitage mit den Kelchen der Seerosen geschmückt und lange Schilfschwerter emporgestreckt hatten, tönte bis weit in die lauen Nächte hinein der Ruf der Rohrdrossel. Von der Ley durchschlängelt, schied sich die oberhalb der kleinen Stadt gelegene Landschaft in zwei charakteristische Hälften. Das rechte Ufer bedeckten unabsehbare Weidenkomplexe, während sich auf dem linken endlose Getreidefelder dehnten, an deren Ranft vorbei die mit Obstbäumen eingefaßte Landstraße nach dem Gnadenort Marienbaum führte. Jenseits derselben wiegte und wogte es von nickenden Halmen, die durch ihr verschiedenes Farbenspiel die einzelnen Getreideschläge hinsichtlich ihrer Art deutlich erkennen ließen. Blaugrüne Tinten wechselten mit grauen und gelblich getönten, aus denen das Zartviolett der Kornraden hervorsah, gemischt mit dem flammenden Rot der prächtigen Mohnköpfe. Ab und zu drängte sich ein Rapsschlag oder ein Kleefeld ein, aber sie wurden verschlungen von den sanften Wogen der zahllos dahinrollenden Halme. Eine stete, wechselreiche Melodie lief über die Roggen- und Weizenfelder dahin. Es war ein träumerisches Lullen und Tönen, und doch so gewaltig in seiner Eigenart und seinem geheimnisvollen Verklingen! – Tausend und abertausend Ähren, Spelze und Grannen bewegten sich dicht nebeneinander, verstrickten sich, harften und rieben ihre zarten Spindeln zusammen; tausend und abertausend Wisperstimmchen im Kornfeld, die aber, in gemeinsamer Arbeit und Harmonie vereint und verbunden, das große Lied von Gottes Liebe und Güte in die Landschaft hinausrauschen konnten. Unaufhörlich von Morgen zu Morgen, von Abend zu Abend sang und säuselte, tönte und klang es, eine Melodie, die ihre Begleitung fand, wenn die Lerche emporstieg, und ein Gewirr von näselnden Immen über die Kleefelder dahin strich. Und Morgen- und Abendnebel dunsteten und krausten über das Halmenmeer, häkelten blitzende Perlen an Ähren und Rispen und brachten sie der Milchreife entgegen. Ein verworrenes Rascheln und Raunen, ein Nicken und Neigen – Wellen bei Wellen, Wogen bei Wogen, unabsehbar und grenzenlos! – Und klare Glocken läuteten und bimmelten darüber hin und begrüßten den sonnigen Sommermorgen, an dem die Prozession nach Marienbaum wallfahren sollte. Es war am Tage Maria Heimsuchung. In der kleinen Stadt war rege Bewegung. Fahnen und Wimpel wehten von allen Dächern und Giebeln. Blumige Laubgewinde umspannten die Türpfosten oder schaukelten in sanften Bogen von Zeile zu Zeile. Muttergottesbilder von Gips, mit grellen Papierrosen besteckt, standen vor den Fenstern, rechts und links von brennenden Kerzen flankiert, und alle Straßen, durch welche der Auszug erfolgen sollte, waren mit Kalmuspartikeln und zerschnittenem Buchsbaum bestreut. Aber die jungen Birken, die sonst in der Stadt und am Straßenrain der Marienbaumer Chaussee zu paradieren pflegten, waren ungeschlagen geblieben. Die Pracht der weißen Stämmchen, der eigentümliche Duft und das sanfte Getuschel der herzförmigen, halbeingetrockneten Birkenblättchen fehlte dieses Mal der kirchlichen Feier, ein Umstand, der bei den fanatisch Gesinnten unliebsam bemerkt wurde und manchen veranlaßte, die Faust ingrimmig in der Tasche zu ballen. Aber dafür war die Inbrunst tiefer, gründiger, nachhaltiger, und heißere Wünsche, innigere Bittgebete stiegen an diesem Marientage in den tiefblauen Himmel hinein. Schon in aller Herrgottsfrühe sprach Pittje Pittjewitt in seinem Sonntagsstaat mit Zylinder und Handschuhen bei seinem Freunde Wilm Henseler vor, um diesen zu bitten, gemeinsame Sache mit den Wallfahrern zu machen. »Wilm, schon der Repräsentation und der Schanierlichkeit wegen müssen wir mittun; wir sind doch christkatholische Menschen.« »Sind wir, Pittje,« bestätigte Wilm mit verbissenem Ingrimm. »Und darum,« ergänzte sein Freund, »und im weiteren Hinblick, den Leuten klipp und klar zu beweisen, daß wir bei der Stadtratssitzung nur im Interesse der Gemeindeverwaltung und vom fachmännischen Standpunkte aus gehandelt und die Birken verweigert und nicht willens gewesen, aus reiner Bockbeinigkeit dem kirchlichen Fest einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen – schon aus diesen Gründen und um unseren Standpunkt moralistisch hinzustellen, ist unsere Beteiligung dringend erwünscht und geboten.« »So?« fragte Wilm und praktizierte sein abgekautes Priemchen in die Westentasche hinein. »Gehst Du mit?« »Ja.« »Und Kathje?« »Kathje geht auch mit. Sie tut es mir und ihrem Bruder, dem geistlichen Herrn, zuliebe.« »So?« knurrte Wilm noch einmal, wobei er die Mundwinkel bis an seine Hasenpfötchen verzog und das ›So‹ in die Länge dehnte, als sei er gewillt, aus demselben einen zähen und dickflüssigen Leim für seine Fourniere zu kochen. Wilm Henseler sprang auf. »Der Düwel hole die ganze Package!« Das sonst so ruhige und seelengute Gesicht des Schreinermeisters bekam einen wütigen Ausdruck. Pittje wußte in diesem Augenblick nicht, wo er einen stichhaltigen Grund für die fatale Stimmung seines Freundes hernehmen sollte. Wilm legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn mit seinen blauen Augen treuherzig an. »Pittje,« sagte er mit tiefer Bewegung, »Du weißt doch, daß bei mir un in meinem Hause allens nach der richtigen Uhr geht, daß ich als Schreinermeister mein Reputierliches leiste, daß ich ein gutmütiger Kerl bin un niemals kollerig werde.« »Na, Wilm!« lächelte Pittje. »Niemals im Leben! – denn keiner hat meine Person noch für bullenartig verschlissen. Aber Pittje,« und Wilm schlug sich erregt und mit geballter Hand auf die Weste, »gestern Abend bin ich ein Bulle, ein Maxusbulle geworden – un bin es auch jetzt noch; denn ich muß Dir, leider Gottes, 'ne Geschichte erzählen, die Dir musmaßlich in die Beine schlägt un Dir somit untauglich macht, mit nach Marienbaum zu spazieren.« Pittje wurde ungeduldig. »Gottdomie noch mal! Komm doch richtig zu Wort! – Was ist denn passiert? – Was ist denn in Dich gefahren?« »Allens – das is eben die Sache. – Komm' ich da gestern abend, musmaßlich so gegen acht, von der Heyersschen Kat her, wo ich noch einige kranke Schränke verdiebelt, un denke so in meinen dummen Gedanken: willst doch mal bei die Birken im jungen Schlag vorsprechen, denn sie interessieren mir sehr vom fachmännischen Standpunkt aus, wenn sie so rank un schnurgrade dastehn un den sanften Abend mit's seine Rot so über sich fortlaufen lassen. Gut, ich kam denn auch hin – un was denkst Du wohl, Pittje?!« »Na, was denn?« »Allens rungeniert un zertöppert.« »Wilm!« »Allens rungeniert un zertöppert. Der Maxusstandpunkt is ein wahrer Waisenknabe dagegen. Die Kronen ausgebrochen, die Stämmchen zerknickt, Pittje, die prächtigen Stämmchen mit's Beil in die Borke gehauen ...! – Zweige, Äste, Späne un Borken – allens am Boden! – Eine Rungenierung von oben bis unten. Wohl an hundert, musmaßlich an hundert un fünfzig Stämmchen verdorben! – Den Düwel noch mal! – un da sollte ich mitgehn? – Pittje, ich melle gehorsamst, das geht nich.« Pittje taumelte einige Schritte rücklings und schlug die Hände zusammen. Zuerst hielt er seinen Freund und Bundesgenossen für nicht recht mehr im Häuschen, als er diesen aber mit so klaren Blicken und in einer so bestimmten Verfassung vor sich sah, schien weiteres Denken und Deuteln ausgeschlossen, und er rief ein- über das andere Mal: »Wilm, das geht ja über die Hutschnur, – Nicht möglich! – Wilm, nicht möglich die Sache!« »Ich sage Dir, Pittje – die properste Wahrheit. – Ich hab's noch gestern am späten Abend gehorsamst gemolden, un so müssen sie gehn, wenn wir sie kriegen« – und Wilm Henseler hielt die Hände übereinander, als seien ihm Handschellen angelegt worden – »denn meine Musmaßungen liegen fest und sind mit fünfzölligen Drahtstiften vernagelt.« »Um so besser,« fiel Pittje dazwischen und schüttelte betrübt mit dem Kopf. »Nicht möglich, nicht möglich!« »Un denn noch mitgehn mit diesen Verdachtsmomenten im Herzen?! – Nich rühr' an die Sache.« »Jetzt gerade,« sagte Pittje Pittjewitt mit aller Bestimmtheit. »Mach' Dich parat, wir müssen beobachten und die Unbefangenen spielen; möglich, daß bei der Prozession schon etwas herauskommt.« »Meinst Du?« »Ich glaube.« »Es soll denn ein Wort sein.« »Also Du kommst?« »Ja, obschon's mir unkommod is. Aber um die Hunde zu fassen ... Pittje, ich komme.« Draußen zogen bereits festlich geputzte Menschen vorüber, die dem Versammlungsort zuströmten. Die Glocken auf Sankt Nikolai begannen zu läuten. Hinter der Kirche war Aloys Pierentrecker, kraft seiner Vollmacht als stimmberechtigtes Mitglied des Kirchenvorstandes und als beglaubigter Vorbeter während der Wallfahrt, bereits damit beschäftigt, dem Junggesellen- und Jungfrauenverein, sowie den verschiedenen Bruderschaften die Plätze, die sie während der Prozession zu behaupten hatten, pflichtgemäß anzuweisen und sie in die Reihe zu bringen. Um auch die Würde seines äußeren Menschen gehörig in die Erscheinung treten zu lassen, hatte er eine mächtige Zylindertüte über die Kopfhaut gestülpt, sich von oben bis unten in Schwarz geworfen und dabei ein Gesicht aufgesetzt, dessen Ausdruck zwischen dem einer bissigen Ratte und dem eines giftigen Kaninchens hin und her balancierte. Nur das Schlampige in seinem ganzen Wesen, das Schwammige des Gesichtes und der trübe Perlmutterglanz der bleiernen Augen verwischte in etwas das Sarkastische des emsigen Mannes. Den Rosenkranz mit seinen tiefblauen Glasperlen um die Linke gewickelt, in der rechten Hand den schwarzangestrichenen Vorbeterstab mit der silbernen Muttergottesmedaille selbstbewußt führend, Transtiefel an den Füßen und mit einem rotbaumwollenen Taschentuch, das aus dem hinteren Rockschoß hervorsah, bewaffnet, schritt er, seine Verhaltungsmaßregeln gebend, durch die Schar der gläubigen Menschen. Er hatte vieles zu tadeln. Alles sah ihm zu weltlich aus – weniger die in Anbetracht der heißen Julisonne nur mit einem dünnen Stoff bekleideten Busen der Frauen und Mädchen, über die er mit halbem Auge vorbeistrich, als vielmehr die mit allerlei künstlichen Blumen austapezierten Hüte und die stolzen Fladusen und Knippmützen, aus welchen nach seiner Ansicht der Hoffartsteufel hervorsah. Das gab doch ernstlich zu denken, und er scheute sich nicht, diese seine Ansicht unverhohlen unter die Menge zu streuen. »Demut, Entsagung!« rief er dem säbelbeinigen Bäckermeister Henne Terlinden zu, der sich damit beschäftigte, Gebet- und Liederzettel unter die Leute zu bringen. »Aber das zieht hinaus, als ging es zur Kirmes. Lieber splinterfasernackt und zur Ehre Gottes, als mit so 'nem hoffärtigen Getu und Geknickse.« Der Säbelbeinige kniff ihm ein Auge und stieß ihn in die unteren Rippen: »Aloys, stimmt – besonders die Weiber.« »Beispielsweise auch die. Aber da sind die Echternacher doch andere Leute!« »Kenn' das,« lächelte das fettige Männchen. »Adam hatte sieben Söhne, Sieben Söhn' hatt' Adam ...« Worte, die er mit quäkender Stimme und dem bekannten Schottisch-Motiv dem Herrn Kirchenvorstand und Vorbeter leise ins Ohr sang. »Pst!« sagte Aloys, »aber es stimmt schon. Fünf Schritte vor und viere zurück – und dann die jüngeren Weiber, wie sie springen und beten, ungeschnürt und – huida! – mit fliegenden Röcken! Ja, so 'ne Waden, Terlinden! – Da ist alle Hoffart beiseite gesetzt, das gefällt dem Himmel da oben – und steht so 'ne ungläubige Kreatur, beispielsweise ein so recht in der Wolle Gefärbter dabei und will expreß seinen liberalen Hut nicht vom Kopf ziehn, wenn die Springprozession sich vorbeiquält, dann langt ihm so 'n braver Luxemburger eine 'runter, daß sein Schappo mitten in die kräftigen Weiber 'rein fällt. Aber hier in Preußen – ach, Du Herr Jeses! – da ist beispielsweise gleich der Schandarm hinter dem Drescher. Die Luxemburger überhaupt und speziell die Echternacher – das sind noch Kerle und haben Kurasch in den Knochen ...« »Und singen,« lachte Henne Terlinden.         »Wir welle jo king Preiße sinn;       Wir welle bliewe wat mir sinn!« »Haben schon recht,« warf Aloys Pierentrecker dazwischen, »denn hier in Preußen ist 'ne luderige Wirtschaft.« »Mjinheer, ich bitte darum, hier auf vaterländischer Erde keine Redensarten gegen Preußen zu halten, sonst wird die Sache gemolden.« Wilm Henseler im Sonntagsstaat, das mit schwarzem Leder eingebundene Gebetbuch unterm Arm, war zwischen die beiden getreten. »Mjinheer,« rief er weiter, »gehn Sie meinetwegen nach Luxemburg hin; da können sie solche Leute gebrauchen.« Er wurde unterbrochen. Aus dem Kirchenportal von Sankt Nikolai trat die Geistlichkeit, der Pastor im Kreise seiner Kapläne, umgeben von Ministranten und Meßjungen, von denen die einen kirchliche Banner und Fahnen trugen, die anderen die Rauchfässer handhabten, daß der Weihrauch aus allen Messingporen herausfuhr. Mächtiger, tönender setzten die Glocken ein, die Reihen ordneten sich, die Vorbeter hoben ihre Medaillenstäbe empor, die Jungfrauen von der Bruderschaft des heiligen Herzens Jesu, unter denen sich auch Kathje befand, bildeten den Vortrott und setzten sich, unter Führung des jüngsten Kaplans, an die Spitze des Zuges, und unter Absingung des Liedes:              » O sanctissima,            O piissima,            Dulcis virgo Maria ...« zog die Prozession durch die Straßen der kleinen Stadt dem Gnadenort Marienbaum entgegen. Blendend, ein schnurgerader, endloser Streifen, mit weißem Mulm bestäubt, der bei jedem Schritt aufwirbeln mußte, lag die Chaussee im strahlenden Sonnenbrand, unter dessen Einfluß ein eigentümliches Zittern und Flimmern ob der weiten Niederung schwebte. Nur die Kronen der kleinen Obstbäumchen legten abgezirkelte Schatten quer über die Straße, ohne auch nur im geringsten vor dem Sonnenfeuer zu schützen. Eine bleischwere Hitze keuchte von Meilenstein zu Meilenstein, wischte sich den rinnenden Schweiß von der Stirne, setzte sich ab und zu auf einen Steinhaufen und sah durstig nach dem klaren Wasser des Leybachs, der sich kühl und in sanften Windungen durch die saftigen Grasflächen plätschernd den Weg suchte. Müde schleppte sie sich von Bäumchen zu Bäumchen. Die kobaltblauen, sternförmigen Blüten der Zichorienstauden, die bei Wegerich und Hartheu in den Chausseegräben wucherten, sahen ihr nach und ließen sich von dem mehligen Puder, der hinter ihren trägen Schritten aufwirbelte, geduldig bestäuben. Die Hitze wirkte lähmend auf alles, was lebte und Atem hatte. Die Blätter hingen still von den Zweigen, regten und rührten sich nicht; nur in den rispenförmigen Ähren des Hafers und ob den Roggen- und Weizenfeldern war noch leise Bewegung. – Kaum hörbar, und nur von einem geheimnisvollen Rascheln und Raunen begleitet, schoben sich ihre graugrünen, flimmernden und sanften Wellen über die unabsehbare Fläche. Schon lange bevor sich die gläubigen Seelen bei der Pfarrkirche versammelt, um gemeinsam die heilige Fahrt und den Bittgang anzutreten, hatte sich Sally Süßkind in die Getreidefelder begeben. Prüfend bewegte er sich durch die schmalen Gassen der einzelnen Roggen- und Weizenschläge, maß die Höhe der Halme und befühlte die Ähren, die ihm durchgängig schwer und gesund entgegennickten. Trotz der großen Hitze lächelte Sally. Mit glänzenden Augen sah er über das sanftbewegte Meer, über den immensen Ozean der sich neigenden Halme. Ha, wie das säuselnd dahinzog, sich wellte und wiegte! Und dann das gewaltige, graugrüne Einerlei mit dem gelblichen Schimmer darüber – dieses auf und niederwogende Kapital, diese Friederichsdors und preußischen Kassenscheine in Gestalt von Millionen und aber Millionen Ähren und Halmen! Sally trocknete sich sichtlich erregt den Schweiß ab, und im Hinblick auf die mit fast allen Wind- und Wassermüllern der ganzen Umgegend vollzogenen Lieferungskontrakte, ferner mit Rücksicht darauf, daß die voraussichtlichen Ernteverhältnisse gute und infolgedessen die Kornpreise jedenfalls geringe sein würden, ließ er seine Hände liebevoll über die saftigen Kornwellen gleiten. Ha, wie das kitzelte und die Nerven der Fingerspitzen wohlig berührte! Ein angenehmes Rieseln ging von diesen Grannen des Roggens und den Haaren des Bartweizens aus, und dieses Rieseln durchfuhr seinen Körper und weckte unbewußt die Begierde in ihm. »Billig einkaufen und teuer verkaufen,« lispelte Sally, und wiederum glitten seine Fingerspitzen über das schwere Getreide dahin. Ein Heißhunger nach Verdienen ergriff ihn. Er rechnete aus. Er hatte so und so viele Malter an Roggen, Weizen und Gerste zu liefern. Die ausgemachte Summe hierfür war nicht übermäßig, aber immerhin reichlich bemessen. Bei diesem Stand des Getreides, also meditierte er weiter, mußten die Chancen des billigen Einkaufs unbedingt steigen, mithin Profit: rund eintausend zweihundert Reichstaler Banko, wobei das Risiko kaum in Betracht kam. Und warum auch? – Bis jetzt waren keine verdächtigen Momente in die Erscheinung getreten. Hessenfliege und Schnellkäfer hatten sich nicht bemerkbar gemacht, kein Rost und Mutterkornbrand war bis dato sichtbar geworden – und Hagel und Schloßen ...?! – Dafür waren die Versicherungen die rentabelste Abwehr. – Und Mäusefraß ...?! – Ja, die verteufelten Mäuse ...! – aber wie sich Sally auch bücken mochte, wie er auch seine Augen schärfte und nachsah – Mauselöcher! – ja, aber nicht in ungewöhnlicher Anzahl und nicht mehr als in anderen Jahren. »Aber bin ich meschugge! – Was hat Pittje gesagt?« Sally hatte schon längst die Blicke nach oben gerichtet. Er folgte dort den Flugkünsten eines großen Vogels, der majestätisch unter dem Himmel schwamm, sich höher und höher schraubte, bis er als kreisender Punkt seinem Blick entschwebte. »Pittje sagt: kommen die Mäusebussards ins niederrheinische Land, gibt's Mäusefraß un armselige Zeiten. – Gott, der Gerechte! – ob's ein Bussard gewesen? – Bin ich meschugge?! – 's war aber nur einer. Nu – un warum kann's nich gewesen sein ein gewöhnlicher Fall? – Der prophezeit keine Mäuse. In Emmes, lassen wir's gewesen sein 'nen gewöhnlichen Falken.« Also tröstete sich der Nelken-Sally und begann wieder in zärtlicher Weise durch die Rispen und Ähren der Getreidefelder zu streicheln. Der Anblick der reifenden Frucht und merkantile Erwägungen heiterten sein Gemüt, ließen alle Bedenken schwinden und stellten das ins Schwanken gekommene Gleichgewicht seiner Seele wieder her. Aber da ging's plötzlich hoch in den stahlblauen Lüften: »Hiäh! Hiäh!« – dann ein Schweben und Gleiten, dann ein Rütteln über einer Stelle, nochmals das scharfe »Hiäh! Hiäh!« – und mit hartangezogenen Schwingen stürzte sich der majestätische Vogel ins wogende Korn. Sally schreckte zusammen und lallte: »Wenn's nu doch ein Mäusebussard gewesen?« Er wurde abgelenkt; er achtete nicht mehr auf den stattlichen Vogel, der sich inzwischen wieder aus dem Korn erhoben hatte und einen kleinen, quiekenden Gegenstand in seinen gelben Fängen davontrug. Singen und Psalmodieren klang ihm zu Ohren. Wurmartig kam es von der Stadt her über die staubige Straße gekrochen. Aus der sich voran wälzenden Masse ragten bunte Fahnen empor, ein weithin sichtbares Kruzifix schwebte über dem ziehenden Heerwurm, und hundertstimmig klang es gen Himmel und über die glühende Landschaft: » Mater amata, Intemerata – ora, ora, pro nobis !« Die ganze Natur erschauerte unter dem Banne der heiligen Weise. »Die Proßession!« sagte Sally, und so schnell ihn seine Füße tragen mochten, durchlief er die schmalen Feldgassen, sprang der Chaussee zu und postierte sich in unmittelbarer Nähe derselben; dann zog er den Hut ab. Langsam kam sie heran: zuerst der junge Kaplan mit den Frauen und Jungfrauen aus der Bruderschaft vom heiligen Herzen Jesu, überragt von himmelblauen Fahnen, die zwei halbwüchsige Jungen im Schweiße ihres Angesichtes über die weißmulmige Landstraße schleppten. Das Lied war verklungen, aber dafür setzte der halbgesungene Text der Lauretanischen Litanei ein. Eine sonore Stimme betete vor: »Herr, erbarme Dich unser!« »Christe, erbarme Dich unser!« »Du elfenbeinerner Turm!« »Bitte für uns!« »Du Königin der Patriarchen!« »Bitte für uns!« Immer näher kamen Stimmen und Menschen. »Herr, erbarme Dich unser!« »Christe, erbarme Dich unser!« Sally kannte die meisten. Um besser beobachten zu können, schob er die Hand vor die Augen und drückte sich in den spärlichen Schatten eines Apfelbäumchens, aus dessen besonnten Zweigen die harten, giftgrünen Früchtchen hervorsahen. Die ersten Wallfahrer, der Herr Kaplan, der Küster, Frauen und Mädchen mit geschürzten Röcken und bestaubten Schuhen zogen vorüber. »Wo rührend, wo rührend!« lispelte Sally, als er Kathje gewahrte. Das schöne Mädchen, im Schmuck der kranzartig um den Kopf gewundenen Flechten, bemerkte ihn und nickte ihm zu. »Tag, Kathje.« Lähmend wirkte die Monotonie der gedehnten Worte des Vorbeters auf die ganze Umgebung. Sie war nur mit halbem Ohre dabei. Das alte, verschrumpfelte Weib, die Hitze, humpelte und hinkte neben den Reihen und verstärkte durch ihren bleischweren Gang das Einförmige des steten Gemurmels. »O Du Lamm Gottes, welches Du hinwegnimmst die Sünden der Welt!« »Verschone uns, o Herr!« »O Du Lamm Gottes, welches Du hinwegnimmst die Sünden der Welt!« »Erhöre uns, o Herr!« »O Du Lamm Gottes, welches Du hinwegnimmst die Sünden der Welt!« »Erbarme Dich unser; o Herr!« Kräftiger traten die nunmehr folgenden Männer auf. »Christe, höre uns!« »Christe, erhöre uns!« Barhaupt, mit klobigen Schuhen, bunte Regenschirme mit Hornkrücken und altmodischen Messinggriffen unterm Arm, abgeraufte Blumen und Kornähren zwischen den Lippen haltend, schritten sie vorwärts. Mit ihren groben Sacktüchern wischten sie sich den Schweiß ab, der von Stirn und Nacken herabrann. Immer drückender und schwüler brütete die Sonne vom Himmel. Kaum ausgezogen, machten sich bei den Wallfahrern schon jetzt die sengenden Strahlen bemerkbar. Wilm Henseler und Pittje Pittjewitt gingen zusammen. »Habe die Ehre,« lächelte Sally. »Ah! – guten Morgen, Herr Süßkind.« »Danke – un die Herrens proßessionieren auch ßu die allerseligste Jungfrau?« bemerkte dieser und schloß sich ihnen an. »Wir sind doch christkatholische Menschen, Herr Sally.« »Weuß ich, Herr Wilm – aber bei die Hitze, bei die entsetzliche Hitze! – Die brät einen ja bei lebendigem Leibe; man geht ja kapores unter die schwitzenden Leute.« »Muß ertragen werden,« entgegnete Pittje, »denn wir wollen auch unseren Glauben öffentlich bekennen.« »Das is schön von Sie un edel von Ihnen.« »Und denn, Sally – von wegen der Rede ...« »Ach, die!« fiel Sally verständnisinnig dazwischen. »Herr Pittje, Sie sind doch ein Mann, der ßu bilanzieren versteht mit die schönen Gefühle.« »Allens wie's recht is,« bestätigte Wilm; mit einem fixen Zungenschlag schob er das Priemchen auf die andere Seite. Aber hinter ihnen schlurfte und schnaufte das plötzlich. Eilige Schritte ließen sich hören ... »Herr, erbarme Dich unser!« »Christe, erbarme Dich unser!« Sally wandte sich um. »Wahrhaftigen Gott! – der Herr Pierentrecker mit 's Medaillenzepter un die seine Montierung. Wo nobel, Wo nobel!« Aber da kam er schlecht an. Das aufgedunsene Gesicht des Schellfischs schien ihm in den Farben eines gesottenen Krebses entgegen. »Herr Süßkind, als Vorbeter und Festordner muß ich mir energisch verbitten, daß Sie als Mann von jüdischer Konfektion ...« »Is es nur deshalb?« lächelte Sally, »denn adjes, meine Herrens. Heut mittag fahr' ich mit 's Schimmelpferdchen nach Appeldorn, um ßu machen Geschäften. Vielleicht treff' ich Sie wieder, wenn Sie kommen zurück von die liebreiche Wallfahrt. Herr Stadtrat ... Herr Wilhelm ...« »Herr, erbarme Dich unser!« »Christe, erbarme Dich unser!« Und da stand nun Herr Sally Süßkind am Straßenrain, hielt noch immer den Hut in der Hand, nickte seinen Bekannten zu und ließ die Prozession aufs neu vorbeidefilieren. Staub und keuchende Menschen! – In schweren, trangetränkten Schuhen ging es langsam voran; wiederum hallte das Marienlied über die Landschaft und einte sich dem Rauschen des sanft dahinwellenden Kornes. »In solatium Et refugium Dulcis virgo Maria! Quidquid optamus, Per te speramus, Ora, ora pro nobis!« Vorüber! »Un er is doch ein gewalttätiger Mann, der Herr Aloys,« lispelte der Vereinsamte, »nu, un will er doch sein 'ne Stütze for die katholische Kirche. Ich danke dafor. So 'n Kilaf! – Man soll ihn schmeißen hinein in den Abtritt.« Die letzten Worte gingen unter in dem Gepolter der zweirädrigen Spriegelkarren, die mit weißen Plantüchern überspannt, mit grellfarbigen Papierfähnchen besteckt und mit schon halbvertrockneten Kränzen umwunden, dem Zuge folgten, um Wegemüde und Marode unter ihr schirmendes Zeltdach zu nehmen. Vom Dachsfellkummet der Pferde schwermütigen Schlages klingelten durchbrochene Messingscheiben und heisere Schellen. Engmaschige Netze, gegen Fliegenstich und den empfindlichen Saugapparat der vagabundierenden Bremsen, überdeckten die Gäule. Lindenzweige waren seitlich der Deichselarme gebunden. Durch ihr stetes Auf- und Niederwippen hatten sie gleichfalls die lästigen Insekten von den Bäuchen und den Flanken der Pferde zu scheuchen. »Haar-üh!« – Heiseres Schellengeklingel und Rädergeknarre! – Weißhaarige Spitze, die unter den Karren oder seitwärts derselben mit hängender Zunge hin- und hertrotteten, bellten dazu, wenn ihnen das Geräusch zu toll wurde, so daß die schläfrigen Fuhrknechte, die in blauen Kitteln, Nagelschuhen und bammelbeinig auf dem vorderen Teil der Plankarren hockten, sich genötigt sahen, nach der Peitsche zu greifen, um den Bellern eins über zu reichen. »Himmel, Kreuz noch einmal!« Sally sah dem schwarzen Streifen und den weißen Spriegeltüchern nach, dann verlor er sich in das leisbewegte Meer der flüsternden Halme. Und dann immer dasselbe: echauffierte Menschen, Meilenzeiger um Meilenzeiger, Bäumchen um Bäumchen, eine endlose Straße, durch die Nase gedrehte Gebete und Bittgesänge und schlurfende Schuhe, bis schließlich zur Rechten eine sanfte Berglehne aufging, von deren Hang eine dunkelgrüne Belaubung saftig herabwinkte. Eine erquickende Kühle, ein Hauch nach frischem Grün und kräftigem Waldboden wehte über die ziehenden Menschen hernieder. Die Nacken richteten sich auf, die Köpfe wurden straffer getragen, und die Lungen weiteten sich. Ah! wie das wohl tat. Aber wie seltsam! – inmitten des üppigen Holzbestandes zeigte sich ein fahlgrauer Streifen, der, mit weißen Stämmchen durchsetzt, die sanftgedachte Höhe emporkroch. Es war so, als sei ein versengender Hauch über diese Stelle des jungen Waldes gefahren. Viele Blicke richteten sich unwillkürlich darauf. »Pittje, jetzt kommen die Birken,« sagte Wilm, wobei er mit halbem Auge Aloys Pierentrecker fixierte. »Den Düwel noch mal! – das is ja nächst dem Mordio...! – Herr Jeses, die Birken...!« Ein Flüstern und Raunen lief die beiden Männerzeilen entlang. »Die Birken ...! Kiekt mal – die Birken ...!« kam es von allen Seiten gefahren. »Was ist dies?« »Was heißt das?!« »Da is der Erzengel Gabriel zur Strafe mit seinem flammenden Schwert darüber geschritten,« meinte der säbelbeinige Bäcker, wobei er in sein Sacktuch posaunte, als müsse er wie die Kinder Israels vor Jericho trompeten und blasen. »Meinetwegen,« hielt ihm Wilm Henseler giftig entgegen, »aber ich sage Ihnen: diesem Erzengel wird auf die Finger gekloppt. Der is über seinen Maxusstandpunkt gegangen. Das is ja...« »Weiter, immer weiter, die Herren!« drängelte Aloys; durch heftiges Gestikulieren mit dem Medaillenstab suchte er dem erbosten Sprecher das Wort abzuschneiden. Die Stauung löste sich auf. Die Wallfahrt ging vorwärts. »Pittje,« flüsterte Wilm, »warum plinkte Mjinheer Pierentrecker so verbaselt un wie 'n scheeles Dobbeltje nach die armen Birken 'rüber? – Ich musmaße nie, aber – den Düwel noch mal! – im vorliegenden Falle...« »Herr, erbarme Dich unser!« »Christe, erbarme Dich unser!« »Und der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft.« »Gegrüßt seist Du, Maria, Du bist voll der Gnade; der Herr ist mit Dir; Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes.« Aloys betete mit Aufbietung all seiner ihm zur Verfügung stehenden Kräfte, als gälte es, noch heute in den Himmel zu kommen. Bald waren die Birken und die kühlen Lüftchen vergessen, denn die Sonne stand wieder wie eine glühende Kugel am Himmel und sengte und brannte. Das Gehen war längst zu einem Kriechen geworden – und noch immer kein Endziel! Grauammern schrillerten ihre einfache Melodie von Hecken und Zaunpfählen, eine Melodie, die so eintönig und langweilig war, wie der schattenlose Weg zur begnadeten Stelle. Keuchend wurden die Füße gezogen. Die schleppenden Sohlen vermochten kaum noch die Schwere des Körpers zu tragen. Ein penetranter Geruch nach Tran und abgematteten Menschen drängte sich durch die vorankriechenden Weiber- und Männerspaliere. Stunde um Stunde verrann. Die Kirchenfahnen hingen schlaff an den Stangen; kein Windhauch fuhr mehr in die bunt bemalten und gemusterten Tücher. Die Träger im weißen Chorhemd ächzten und stöhnten. Wer endlich dahinten – wenn auch noch am tiefen Horizont und vom blauen Dämmer umhüllt: eine abgezirkelte Baumgruppe und über derselben eine nadelfeine Erhebung – das spitze Türmchen der heißersehnten Gnadenkapelle. Wieder belebten sich die erschlafften Lebensgeister. Aber Kathje konnte nicht mehr; sie hatte sich seitwärts des Weges auf einen Chausseestein niedergelassen. Ihr war das Herz zum Zerspringen. Eine fliegende Hitze arbeitete in ihren Pulsen, trieb ihr zu Kopf und rückte allerlei hastende Flecken, flimmernde Sternchen und dunkle Mücken in das erregte Gesichtsfeld. Ihre Kniee zitterten, die Füße schmerzten; sie hatte ihr Leibchen geöffnet, um der hämmernden Brust mehr Freiheit zu geben. Zartbeperlt schaute ihre bräunliche Haut aus den Falten des Kleides hervor. Sie stützte den müden Kopf in die Hände; aber immer heftiger pochten die Schläfen; immer neue auf- und niederhastende Flecken, fliegende Punkte und Sternchen schwebten ihren Blicken vorüber. Sie konnte nicht mehr. Das flammende Firmament und die heißen Dünste des Tages wirkten lähmend auf sie. Da faltete sie die Hände und weinte. So fand sie Pittje. Nachdem sich seine erste Erregung gelegt, zog er sie sanft empor, ließ den letzten Karren halten und gab ihr Sitz und Ruhe unter Spriegelreifen und Plantuch. Sorglich hielt er ihre Hände umspannt, trocknete den Schweiß von ihrer glühenden Stirne und zog sie an sich, ihr den rechten Arm um die gerundeten Schultern legend. Unterm Spriegeltuch am Herzen des geliebten Mannes ruhend, der stechenden Sonne und dem quälenden Staub entrückt, begannen ihre erregten Pulse allmählich leiser zu pochen. Minute auf Minute verrann. Die beiden waren so ganz allein. Der Fuhrknecht auf dem vorderen Karrensitz kam überhaupt nicht in Betracht. Er duselte vor sich hin und scheuchte mechanisch die zudringlichen Bremsen, die nicht abließen, sich auf die weißbeschäumten Pferde zu setzen. Nur ein dumpfes, verlornes Gemurmel, das Rattern des Karrens und das Knistern der an den Reifen befestigten Papierfähnchen drang in diesen seligen Frieden hinein. Kathje hatte die Augen geschlossen. Ein erquickender Halbschlummer versetzte sie in einen wonnigen Taumel. Holde Träume umgaukelten ihre Sinne; es war so schön, was sie träumte, so unendlich schön! – und die Lider hoben sich erst, als die Glocken von Marienbaum schon deutlich aus der Ferne herüberbimmelten. Mit ihrer scharfen, spitzigen Stimme zerrissen sie die brütende Stille, die dumpfig und schwer auf Korn und Wiesen lastete. Immer schärfer und spitzer zogen sie über die Chaussee und die jetzt fast regungslosen Halme und Ähren. »Die Glocken!« lächelte Kathje. Unter dem weißen Tuch, das sie sich um Kopf und Nacken gebunden, sahen ihre verschleierten Augen merkwürdig groß und sehnend hervor. Eine seelische Spannung verlängerte das Oval ihres schönen Gesichtes. Ihr war so seltsam zu mut. Ein schon lange zurückgedämmtes Lustgefühl schien sich wieder bei ihr regen zu wollen. In holder Verwirrung streckte sie verlangend die Arme. Stammelnd und unfreiwillig kam es von ihren halbgeöffneten Lippen: »Pittje, mein Pittje!« Pittje beugte sich vor, und, einen verzehrenden Ruf ausstoßend, umschlang sie ihn mit kräftigen Armen. Inzwischen war die Prozession dumpf und stumpf weitergezogen. Die in der Ferne liegende Baumgruppe wurde immer größer und größer. Kugelartig strebte sie aus der grünlichen Fläche der Roggenfelder empor, überragt von der Helmspitze der Gnadenkapelle, auf deren Schieferdach das Sonnenfeuer lohte und brannte und blitzende Reflexe weithin verstreute. Die ersten buntgetünchten Häuschen von Marienbaum kamen in Sicht. Obstgarten und Kappesfelder drängten sich dazwischen. Kerzengerade stieg der Rauch aus den weißgekalkten Schornsteinen auf. Dort wurde schon Kaffee gekocht. Mit gierigen Blicken verfolgten die Wegemüden, die sich kaum noch fortschleppen konnten, den Aufstieg der verheißenden Wölkchen. Bis jetzt hatten sie für die Erlösung ihrer unsterblichen Seele und zur Ehre Gottes tapfer ausgehalten und schier Übermenschliches getan. Ihre Leistungsfähigkeit war ausgepreßt wie eine Zitrone. Kaum ging es noch weiter, denn die erschlaffende Hitze und die Plagen der gierigen Insekten waren unerträglich geworden. Goldäugige Blind- und Rinderbremsen durchschwirrten in tollem Taumelfluge die Luft, schienen sekundenlang und unbeweglich in Mannshöhe zu stehn, setzten sich mit einem Ruck auf einen anderen Standpunkt, schwebten wieder surrend auf der nämlichen Stelle, um sich dann lautlos auf die armen Opfer zu stürzen. In Nacken und Arme, in die Kattunkleider hinein, selbst durch die verschweißten Röcke der Männer hindurch schlugen sie die scharfen Klingen ihrer saugenden Rüssel – ein Spiel, das in seiner infamen Zudringlichkeit auch die Frömmsten zur Verzweiflung brachte. Jedoch die christliche Langmut währt ewig! Schon werden die ersten Häuser passiert, allein es ist noch immer eine geraume Strecke Weges bis zur Muttergotteskapelle. Wenigstens ist jetzt Schatten vorhanden. Breitgewipfelte Linden schlagen ihre Kronen zusammen. Neugierige Menschen mit stereotyp-geistlosem Gesichtsausdruck drängen sich zwischen Türen und Fenster und stieren dummdreist auf die sich vorwärtsschiebenden Beter. Vereinzelte Grüße werden unter Bekannten getauscht. »Tag, Kornelis.« »Wie geht's?« »Tag, Hendrik.« »Auch mal gekommen?« »Tag, Grades.« »Wau, wau, wau!« Ein bissiger Dorfköter, ein Mittelding zwischen Teckel, Spitz und Affenpintscher, der alle schlechten Eigenschaften seiner Stammväter in sich vereint, die guten aber beiseite gelassen hatte, drängt sich keifend und mit gefletschten Zähnen unter die murmelnden Reihen. Horch, wie das bimmelt und beiert! – Die Gnadenkapelle ladet zur Einkehr. Aloys Pierentrecker reckt den Hals aus den Schultern und versucht einen festeren Schritt in die Wege zu leiten. Laut und mit ungeschwächter Stimme betet er vor, wobei er mit dem schwarzlackierten Medaillenstab taktmäßig aufstößt. »Herr, erbarme Dich unser!« »Christe, erbarme Dich unser!« respondieren die Männer mit trockenen Lippen und hängenden Zungen. »Du unbefleckte Mutter!« »Bitte für uns!« »Wau, wau, wau!« »Kusch Dich!« »Du vortreffliches Gefäß der Andacht!« »Wau, wau ...!« »Himmelsackermentsches Vieh, willst Du wohl still sein!« Immer näher rückte der Köter und versuchte Aloys in die schwarzen Hosen zu fassen. »Du geistliche Rose!« Aloys holte wütend zum Stoß aus. »Du Spiegel der Weisheit!« »Bitte für uns!« »Du elfenbeinerner Turm!« Wieder ein Fußtritt. »Wau, wau, wau!« »Du Ursache unserer Fröhlichkeit!« »Wau, wau ...!« »Ah! – Himmel Sackerment noch einmal! – Du beispielsmäßiger Ochse ...!« »Wau, wau ...!« Der Dorffix mit den verschiedenen Ahnen hatte zugebissen und war dann spurlos in der nächsten Gasse verschwunden. Aloys griff nach der Ferse und humpelte seitwärts. Einige bedauerten ihn, andere lachten oder grinsten in die Gebetbuchblätter hinein; nur der säbelbeinige Bäcker zeigte aufrichtiges Mitleid. Hilfreich suchte er ihm beizustehn und trat aus der Reihe. Aber von den Schadenfrohen hatte doch keiner ein so schadenfrohes Gesicht gemacht wie der ehrliche Wilm. Als wäre das große Dombaulos auf seine Nummer gefallen, so grielachte der Kerl. »Das is von wegen die rungenierten Birken, über welche der Erzengel Gabriel mit seinem flammenden Schwerte gegangen,« murmelte er zwischen den Zähnen. Lächelnd kaute er weiter an seinem saftigen Priemchen. Gebimmel, Gebimmel ...! Der letzte Spriegelkarren holperte mit seinem Schwermüter knarrend vorüber. Vom Dachsfellkummet klingelten Messingscheiben und Schellen. »Haar-üh!« Gebimmel, Gebimmel... l Aloys Pierentrecker sah unter das Plantuch. Wie bei dem Stich einer dickleibigen Rindsbremse fuhr er zusammen. »Terlinden ...!« »Hm?« »Da drin ...« Er sprach mit flüsternder Stimme. »Na, wer denn?« »Kathie und Pittje ...!« »Wa...!« »Du bist mein Zeuge, Terlinden – und kannst das beschwören. Das muß vor die hohe Behörde. – Sakrileg! – Poussieren da auf der heiligen Wallfahrt...! – Das ist ja ...! – Beispielsweise...! – Das verfluchte Rindvieh von Köter...!« Das heitere Gesicht Pittje Pittjewitts zeigte sich in einem Ausschnitt des Plantuchs. »Wohlbekommen die Wallfahrt...?« »Na, so was...!« »Herr, erbarme Dich unser!« »Christe, erbarme Dich unser!« Von weither klang es herüber, gemischt mit Orgelton, der feierlich aus der Muttergotteskapelle den frommen Pilgern entgegenwehte. Glocken, Weihrauch und Orgel – und betende Menschen. Marienbaum stand unter dem Banne der allerseligsten Jungfrau. Ave Maria! VIII. In der Gnadenkapelle Von breitwipfeligen Linden eingekeilt, die über und über ihre rahmweißen Blüten aufgetan hatten, lag die Kapelle mit dem wundertätigen Holzstock der allerseligsten Jungfrau Maria inmitten eines räumigen Platzes, der, nach drei Seiten hin von niedrigen Häusern umschlossen, in westlicher Richtung einen Fernblick auf die unabsehbare niederrheinische Ebene gewährte. Herzblattförmige Schatten fielen auf den mit spärlichem Graswuchs ausgestatteten Boden. Die hohen Baumkronen drängten sich dicht aneinander, so daß von dem kleinen Gotteshaus nur das Schieferdach und der auf demselben hockende, langaufgeschossene Dachreiter die Vergünstigung des freien Ausblicks besaßen. Dafür schmorten sie aber auch in der brennenden Sonne, deren Hitze sich vibrierend und zitternd auf den blauschwarzen Schiefertafeln bewegte. Nur dem schmiedeeisernen Hahnen schien es pudelwohl in der glutenden Schwüle zu sein. So schön wie heute hatte er noch niemals gelichtert. Neuvergoldet sah er blitzend und feurig-glühend über die regungslosen Lindenkronen dahin, begrüßte das falbe Grün der Roggenfelder und gab sich optische Zeichen mit den Turmknäufen des Xantener Domes, der sein tiefblaues Profil mächtig aus dem weiten Flachland emportrieb. Die kleinen Häuser des räumigen Lindenplatzes drängten sich wie Schwalbennester dicht aneinander. Mit Ziegeln gedeckt und mit weißem Kalk verschmiert, boten die niedrigen Dächer nur wenig Abwechslung, während die Frontseiten in fast allen Farben des Regenbogens erstrahlten. Die Tünchermeister dortiger Gegend lieben derlei Kulören. Mennigrote Töne wechselten ab mit blauen und gelben, die, in schreienden Wasserfarben gehalten, friedlich nebeneinander standen und sich den Kuckuck darum scherten, ob ein empfindliches Auge sich hierdurch beleidigt fühlte. Wirtshaus bei Wirtshaus! – von denen ›Der fromme Pilgersmann‹ und dasjenige ›Zum saftigen Ferkel‹ die vornehmsten waren. Hinter den kleinen Fensterscheiben in weißangestrichener Holzumrahmung standen allerlei Kolonialwaren und gebrannte Wasser zum Kauf ausgeboten. Die eckigen Kristalle des Brustzuckers hingen an Wollfäden kopfüber, kopfunter; weitbauchige Gläser mit Kaffeebohnen, Zichorien, grellilluminierten Bonbons, Tonpfeifen, Süßholzstangen und Waschbläue gefüllt, standen dazwischen, flankiert von allerlei Karaffen, die unter der Flagge selbstgefälliger Etiketts ›Ruhrperlen‹, ›Dornkat‹, ›Ollen Klaren‹ und ›Kümmel‹ anpriesen. Ein intensiver Geruch nach Schnaps, gekochtem Wasser und gebrannten Kaffeebohnen drang aus den zweischlägigen Türen, auf deren Schwellen die Herren Gastwirte in Hemdsärmeln standen, bereit, die wegemüden Pilger und Pilgerinnen durch Korinthenwecken, Butterschnitten, Bier und Branntwein und zwar gegen klingende Münze tatkräftig unter die Arme zu greifen. Besonders fiel der Besitzer ›Zum saftigen Ferkel‹ ins Auge. Jedenfalls war er kein Temperenzler; sein mit einer weißleinenen Schürze bekleideter Spitzbauch lockte mehr wie sein Wirtshausschild die braven Wallfahrer an, und seine ausgesprochene Neidhammelei auf den Inhaber ›Zum frommen Pilgersmann‹ war bis jetzt auch nicht imstande gewesen, ihm die Pfingstrosen von dem feisten Antlitz zu nehmen. Gerade seiner Kneipe gegenüber reihten sich Buden an Buden. Ein fieberhaftes Treiben herrschte schon jetzt zwischen den leichtgebauten Zeltwänden, wo die Verkäufer damit beschäftigt waren, ihren Krimskrams zu ordnen und in die rechte Beleuchtung zu stellen. Rosenkränze aus Glasperlen und Pockholz verfertigt, zu hunderten aufgereiht, zu hunderten übereinander gestapelt, geweihte und ungeweihte, solche mit heiligen Partikeln und solche ohne dieselben, aber alle sorglich verteilt, standen in den meisten Läden zum Kauf ausgeboten. Kruzifix bei Kruzifix, in allen Sorten, Formen und Preislagen! In Holz geschnitzte, aus Gips hergestellte und solche, die aus Porzellanmasse gepreßt waren, paradierten auf rotausgeschlagenen Stellagen und lockten, in Verbindung mit Amuletts, Heiligenbildchen und groben, buntbedruckten Papierfähnchen, auf denen sich ein Abbild der Gottesmutter befand, die frömmelnde Menge. Blauer Dunst, Betrug und Wahrheit reichten sich hier einmütig und in aller Feier die Hände. Die Augen flirrten vor all diesen Sachen und Dingen. – Weiter zur Linken dufteten Waffeln und niederrheinische Moppen. Lebkuchen und verzuckerte Mandeln, Spekulatius und Printen fanden hier ihr Absatzgebiet, während man an dritter Stelle die berühmten Marienplätzchen feil hielt: Bäckergebilde aus fadem Lebkuchen und von kreisrunder Form, speckartig glänzend, dünn wie Oblaten und mit dem Konterfei der allerseligsten Jungfrau Maria versehen. Mit einer scharfen Holzform war es aus der lederzähen Teigmasse herausgepreßt worden. Überall das Wahrzeichen der glorreichen Mutter! – Hier in Marienbaum auf geweihter Stätte geschahen schon seit alters her Zeichen und Wunder. Wer blind geboren und den Holzstock mit seinen toten Augen berührte, ward sehend. Lahme gingen ohne Krücken und Stöcke, Lungensüchtige wurden geheilt, Taube genasen, und wer ein schweres Herzeleid mit sich herumtrug, er brauchte nur eine pfündige Wachskerze zu opfern, um von seiner Seelenpein auf immer befreit zu werden. Wie alles im Bannkreis der kleinen Kirche an Zeichen und Mirakel gemahnte, so war auch der wundertätige Bildstock durch ein Mirakel an diese Stätte gekommen. – Eine Meile von hier, in unwirtlicher Gegend und auf endloser Heide, die sich im Spätjahr zartvioletten beblümte, als wäre das Abendrot darüber gefallen, stand vor langem eine mächtige Linde. Der Stamm klaffte schon längst, die breitausgelegten Äste waren zerspellt, und die einst üppig grünende Krone trieb nur noch wenige Sprossen. Zwischen Borke und Splint stockten die Säfte. Da geschah das Wunder! Just an der Stelle, wo der Stamm schon angekränkelt und halbvermorscht war, begann es sich plötzlich zu regen. Ein knorriges Astwerk schob sich empor, wuchs und streckte sich und nahm schließlich Form und Gestalt an, aus denen ein gläubiges Herz schon jetzt ein menschenähnliches Gebilde herauswittern konnte. Hals und Kopf waren deutlich erkennbar; Arme und Füße sprangen heraus, und seitwärts des mächtigen Knorrens bildete sich im Laufe der Tage ein kleinerer Auswuchs, der mit einem Kinde Ähnlichkeit hatte. Regenschauer und Sonnenschein gingen darüber hin, und der Heidewind geigte zu Ehren des göttlichen Zeichens. Mit Riesenschritten ging es in den Hochsommer hinein. Schwere, milchfarbige Wolken ballten sich am tiefen Horizont auf und nahmen groteske Figur an. Die weite Heide glühte im violetten Schein; sie hatte sich ihr Hochzeitsgewand um die Schultern geworfen. Der alte Schäfer Mathias, der Zeit seines Lebens die Schafe auf diese Stätte getrieben, verfolgte mit heimlichem Grauen und stiller Verzückung das Wachsen des Bildstocks. Eines Tages war es ihm, als glaubte er menschliche Laute zu hören. Regungslos stand er auf einsamer Scholle. Der Sommerwind strich ihm die eisgrauen Haare in das verwitterte, braune Gesicht. Nur Gestrüpp ringsum, die morsche Linde und blühende Weiten! – Die Gestalt des uralten Mannes schien in den Himmel zu wachsen. In scharfen Linien ruhte sein Schattenriß auf den milchweißen Wolken. Die gerunzelte Hand hatte er vor die Augen geschoben. Wie gebannt bohrten sich seine Blicke in Richtung der Linde. Da wieder die Stimme – süß, verheißend und selig. Er hatte deutlich gehört. »Jes, Marja, Josep ...!« Er konnte nicht irren. »Onbefleckte Moder – erbarme Dich onser!« Mit großen Schritten ging er dem zunächst gelegenen Dorf zu. Dort trommelte er die Leute zusammen; hierauf zog er mit ihnen zur Stelle, wo sich das Wunder begeben. Alle fielen auf die Kniee, küßten den Boden und beteten aus tiefstem Grund ihrer Seele. Die Luft erzitterte unter dem Einfluß des eintönigen, steten Gemurmels. Und Gott der Herr ließ aus den weißen Wolken schwarze herauswachsen. Die nahmen Sturmschritt über Land, schoben sich über- und untereinander, legten violblau Gewand an, das sich mit schwefelfalben Säumen verbrämte – und Gottes Licht und Gottes Stimme war in den rollenden Wolken. Der Donner des Herrn ging über die bangenden Lande und schreckte die Menschheit. Nur die Beter auf einsamer Heide achteten nicht auf das zuckende Feuer, auf Hagel und Schloßen und nicht auf die gewaltige Sprache und die greifbare Finsternis, die alles wie mit dunklen Floren umhüllte. Sie streckten die Hände, beteten, jubilierten und sangen. »Onbefleckte Moder – erbarme Dich onser!« »Christe, erbarme Dich onser!« »Ave, ave, Maria!« Nicht lange darauf stand ein leuchtender Regenbogen am Himmel. Heitere Reflexe zitterten über die Erde. Regentropfen blinkten an allen Halmen und Rispen; die blühende Heide atmete auf in jugendlicher Frische und lieblicher Anmut. – Und noch immer das Beten und Raunen: »Onbefleckte Moder – erbarme Dich onser!« »Christe, erbarme Dich onser!« Aber der Bildstock war aus der Linde verschwunden. Lichte Engel waren gekommen, hatten ihn mit sich geführt und an die Stätte gebracht, wo nach höherem Willen seines Bleibens sein sollte für ewige Zeiten. Und brave Werkler kamen und bauten aus den Almosenpfennigen, die von allen Seiten wie Manna regneten, ein Kirchlein, pflanzten Bäume darum und setzten auf den engbrüstigen Dachreiter einen stattlichen Gockelhahn. Und fromme Jungfrauen kamen und schneiderten ein steifes, bauschiges Kleid, das sie mit silbernen Bordüren und sonstigem Flitter benähten, zogen es dem Bildstock an und setzten ein goldenes Krönlein der Muttergottes aufs Haupt. Die also Gekrönte stand von nun an auf einem freien Postament in der Kirche, so daß alle hinzutreten konnten – und tat übernatürliche Dinge und Zeichen. Und die Linden wuchsen heran, wurden stattliche Bäume und klopften mit ihren grünen Zweigen gegen die bleiverglasten Scheiben des Kirchleins. Im Schatten derselben aber schossen die Wirtshäuser und Kneipen auf, wie Pilze in schwüler Sommernacht – und der Inhaber des Gasthauses ›Zum saftigen Ferkel‹ stand mit seinem Spitzbauch und der weißleinenen Schürze auf der Türschwelle, sah scheelsüchtig nach der Spelunke ›Zum frommen Pilgersmann‹ hinüber und harrte der gläubigen Schafe, die er gründlich über die Ohren zu hauen gedachte. Alle sollten bei ihm schwer in Zeche genommen werden; sie sollten den Hammelsprung machen. Ja, das wollte er – alles zur höheren Ehre Gottes und der allerseligsten Jungfrau. Vergnüglich rieb er jetzt die patschigen Hände zusammen, schob die seidene Schirmmütze zurück und kraute den Spitzbauch. Gebimmel, Gebimmel ...! Ave Maria! – Kurze Zeit bevor noch die kleinen Glocken der Gnadenkapelle zum dritten Male mit ihrem schneidenden, nadelscharfen und fast beleidigenden Beiern und Läuten begonnen hatten, stand der Kaplan Nikodem Peerenboom an den Stufen des Hauptaltars, über dessen Predella sich eine kahle Fläche erhob, die nun schon seit geraumer Zeit des malerischen Schmuckes harrte. Nackt und mit einem kalten Grau überzogen stierte sie disharmonisch in die mit allerlei Flitterkram, Amuletten, Kronleuchtern und minderwertigen Bildern überladene Kirche hinein. Nur die blaßgelben Schäfte der Wachskerzen, an deren Dochte kleine, unstete Flämmchen zitterten, gaben dem bunten Raum einen behaglichen Anstrich; aber auch sie vermochten es nicht, über das Unwirtliche, Steife und Unfertige des Hochaltars gänzlich hinwegzutäuschen. Nikodem hatte sich bereits mit Röckling und Chorkappe gerüstet und harrte mit seinem Freunde Ull Koßmann, der gestikulierend sich an seiner Seite befand, der frommen Pilger, die jeden Augenblick eintreffen mußten. Langaufgeschossen, von blasser Gesichtsfarbe, semmelblond und mit eingefallenem Brustkasten behaftet, war er von dem Begriff einer gesunden Konstitution und dem Ideal berückender Männerschönheit so weit entfernt, wie die Bewohner des Mars von dem irdischen Dasein. Hierzu kamen noch bläuliche, verwässerte Augen, eingekniffene Lippen und scharfumgrenzte Sommersprenkel, die vornehmlich Stirn und Nase bedeckten, so daß es fast den Anschein hatte, als sei das Semmelblonde des Haares auch über diese Stelle des Kopfes gesickert. Nikodem war das gerade Gegenteil seiner blühenden Schwester. Neben dem stattlichen Ull Koßmann, dessen Erscheinung das Urwüchsige, Kräftige und Berückende des alten Germanenstammes innewohnte, gepaart mit dem Brutal-Sinnlichen der leuchtenden Augen, machte Nikodem eine klägliche Figur, die durch das Ungelenke der Bewegung, das Scheue in den asketischen Blicken und das spezifisch Geistliche in der Art und Weise seines Sichgebens noch einen merklichen Zuwachs erhielt. Die hohe Stirn aber deutete auf scharfes Sinnen und Denken. Der junge Kaplan war mit dem ganzen Rüstzeug des theologischen Wissens versehen. Bibelfest, in der Kirchen- und Dogmengeschichte bewandert, war er auch trefflich in der systematischen Theologie beschlagen, stellte den ethischen Wert des christlichen Heils in seinem Zusammenhange mit allen sonstigen Lebensgütern der Menschen als das höchste Gut hin und wußte in überzeugender Weise die eigentümlichen Gesetze religiöser Erkenntnis, die sogenannte theologische Prinzipienlehre, meisterhaft zu entwickeln und darzutun. Trotz seiner großen, wahrhaften Frömmigkeit, seiner Selbstverleugnung und dem Bestreben Gutes zu wirken, hatte er aber bis jetzt in seinem Berufe als amtierender Seelsorger und auf dem Gebiete der praktischen Theologie kaum nennenswerte Erfolge zu verzeichnen gehabt. Er verstand es nicht, sich in dem Ideenkreis der geringen Leute zu bewegen, sich in denselben hineinzudenken und daraus seine Folgerungen und Schlüsse zu ziehen. Selbst rücksichtslos und unerbittlich gegen seine eigene Person, unermüdlich in Andachtsübungen und der Kasteiung seines sterblichen Leibes, drang er mit unnachsichtiger Strenge darauf, diese seine Prinzipien auch auf die ihm anvertraute Herde zu pfropfen, selbstverständlich ohne dabei den genügenden und brauchbaren Nährboden zu finden. Ihm fehlte der praktische Blick und die Lebenserfahrung des geistlichen Hirten. Fremd und in sich gekehrt, seine Blicke nur dem Jenseits zugewendet, blieb er fremd unter Menschen. Auf dem Monde vielleicht – aber hier auf Erden war er entschieden nicht heimatsberechtigt. Da war sein Freund, der Kunstmaler Ull Koßmann, doch aus anderem Holze geschnipselt! Das war Leben in ihm, heißes, glühendes Leben, und dieses Leben war durchsetzt von dem Wunsche, Großes auf seinem Gebiete zu leisten, von sich reden zu machen und den Becher des Sinnengenusses bis auf den letzten Tropfen zu leeren. Radikal in seinen Anschauungen, leidenschaftlich, begeisterungsfähig, klar und bestimmt in seinem Wollen und Können, dem Weibe und seinen Reizen ergeben, duckte er sich doch unter den Schuh der Kirche, denn seine Kunst war mit dieser verknüpft, und zwar so innig verknüpft, daß ein Losreißen aus ihrem Banne für ihn in dem Bereich des Unmöglichen wurzelte. So trefflich er sich auch als Künstler gerierte, so Bedeutendes er auch bereits geschaffen, seiner Kunst waren enge Schranken gesetzt, über die er bis jetzt nicht hinwegzuspringen vermochte. Ull Koßmann war Heiligenmaler und auf diesem Gebiet ein Meister vom Fache, obgleich er stets einen Hauch seiner sinnlichen Veranlagung selbst denjenigen Bildern verwebte, die bestimmt waren, in Kirchen und Kapellen auf das Gemüt der gläubigen Menge zu wirken. Verzückung und Leidenschaft sprachen aus seinen Gemälden, sie berührten die Traumwelt und packten dennoch wieder mit ursprünglicher und gesättigter Lebenskraft, ein Umstand so recht geschaffen, dem Künstler bei Klerikern und Laien das beste Ansehn zu geben. Ein niederrheinisches Kind, gebürtig in der Nähe von Moers, mit Nikodem im Alumnat erzogen und groß geworden, hatte er seine Studien auf der Düsseldorfer Schule gemacht und vollendet. Ull Koßmann war bis zur Zeit unbeweibt geblieben; nicht etwa, daß er aus irgendeinem Grund unter die Cölibatäre gegangen. Er löste vielmehr diese brennende Frage ohne die Zeremonien von Kirche und Standesamt. – Sein Künstlerstern befand sich im Aufstieg. Mehrere Orte am Niederrhein, vornehmlich Kevelaer, besaßen schon Werke von seiner Hand, Grund genug für Nikodem, die Aufmerksamkeit des Kirchenvorstandes der Gemeinde Marienbaum auf diese Berühmtheit zu lenken. Der junge Kaplan hatte nicht vor tauben Ohren gepredigt, und so war Ull Koßmann berufen worden, der kalten, schreienden Fläche über der Predella des Hochaltars Farbe und Leben zu geben. Gerne war er dem Ansinnen gefolgt, aber mehr seinem Jugendfreunde zuliebe, denn der klingende Verdienst konnte hierbei für ihn nicht bedeutend in die Wagschale springen, zumal die Gemeinde nicht allzu begütert erschien, und die Opferfreudigkeit der einkehrenden Prozessionen in den letzten Jahren merklich nachgelassen hatte. Vorstudien halber weilte er daher schon seit einigen Tagen in hiesiger Gegend und hatte seine Zeit vornehmlich dazu benutzt, im Dom des nahegelegenen Xantens die Manier der alten Meister gründlich kennen zu lernen. In antiker Weise gedachte er dieses Mal Gewandung und Stoff zu behandeln. Nikodem hatte seine sommersprossigen Hände in die weiten Ärmel seines Röcklings geschoben. Neben ihm ruhten bunte Reflexe auf den gemusterten Fliesen des Bodens. Ein grellroter Strahl spielte mit den Silberschnallen seiner niedrigen Schuhe. »Nun, Koßmann, wie gefällt Dir die Stelle?« »Nicht übel; 'ne gute Beleuchtung.« »Also doch; ich hatte schon meine Bedenken wegen des Reliquienschreines.« »Der?!« entsetzte sich Ull. »Selbstverständlich in eine andere Ecke mit ihm. Nicht des Lichtes wegen, aber dieses Neuruppiner Geschmier auf demselben, das knallt ja bis auf Rufweite hinaus und macht die subtilste Farbentechnik zunichte.« »Gut, Ull; ich werde deshalb vorstellig werden.« »Und dann – Herrgott, Nikodem! – hier dieser ganze unkünstlerische Wust von Medaillen, Papierrosen, Fähnchen und Fahnen ...« »Aber man sollte doch meinen ...« »Unmöglich! – Wahre Kunst will allein genossen sein. Jedes Drum und Dran, jedes unnütze Beiwerk, besonders wie es sich in dieser rohen, ich möchte sagen fast kindischen Weise aufdrängt, muß jedes Genießen illusorisch machen.« »Wir sind eben auf dem Lande,« suchte der Kaplan begütigend einzulenken, »und daher mehr oder weniger gezwungen ...« »Rücksicht auf bäuerlichen Geschmack und Unverständnis zu nehmen,« ergänzte der Maler. »Allerdings.« »Und da sollte ich – mit meinem Kunstwerk – in dieser Umgebung – zwischen diesen Emblemen des Ungeschmackes ...?! – Nein und abermals nein, mein verehrter Kaplan – lieber Schieferdecker hoch oben, als unter den Sparren sich als Künstler vergeben.« »Aber diese geweihten Sachen ...« »Alles recht schön, und ich bin auch der letzte, der derlei Gegenstände gläubigen Herzen entziehen möchte. Im Gegenteil: sie sind notwendige Requisiten, nützliche Dinge und so erforderlich zum täglichen Leben wie Speise und Trank für den armen Kadaver. Verstehe mich recht, Nikodem! – Ich verlange nichts Ungebührliches und will im besonderen keinen ungerechten Zwang ausüben. Aber, ich bitte Dich – schafft diese Dinge auf eine andere Stelle, denn nochmals gesagt: jedes Kunstwerk und besonders ein solches, was sein Entstehen mir zu verdanken hat, will individuell behandelt sein, will seine passende Umgebung haben, seine richtige Stimmung, Licht, Luft und die goldene Freiheit, denn nur so und nicht anders kann es seinen geheimnisvollen Zauber entfalten, die der Künstler mit Aufbietung seines ganzen Ichs hineingelegt hat.« »Dann will ich also versuchen ...« »Tue das,« fiel der Maler dazwischen, »und sei versichert, ich setze hier ein Werk hin, an welchem sich selbst die krassesten Heiden erbauen sollen. Ha! – wie will ich mich strecken und dehnen, wie will ich schaffen und wirken! – aber weißt Du, so ganz anders wie es die Nachtreter und Nachbeter der nazarenischen Schule vermögen. Im Sinne der alten Meister natürlich – aber diese Eigenart will ich mit meinen Sonderideen sättigen und durchtränken. Gewandung in der Manier der altkölnischen und kalkarschen Schule, knitterig, bauschig – und in diese Gewandung setze ich pulsierendes Leben, keine blutarmen Wesen und ätherischen Leiber; Freuden und Entzückungen müssen hinein, die die Sinne bewegen und in einen ekstatischen Taumel versetzen. Das wird anders, ganz anders, mein Junge, als wenn ein gemalter Schemen, ein komponiertes Unding aus dem Rahmen heraussieht. Tiefernste Frömmigkeit – selbstverständlich, mein werter Kaplan, und dennoch müssen dieser gemalten Frömmigkeit Freude am Dasein, heimatlicher Erdgeruch und Rasse entströmen. Verlaß Dich auf mich. In großen Linien liegt schon alles fertig vor meinen geistigen Blicken. Und der heimatliche Erdgeruch ...? Dieser Erdgeruch soll sich durch das Bildnis der Gottesmutter selber verkörpern. Und darum ist nötig ein Modell zu finden, dem dieser anhaftet, und ist es gefunden – Herrgott noch mal! – dann kann die Arbeit beginnen. Ich hungere und giere gleichsam darauf, aber ohne Modell bleibt alles öde, kalt, schal, ein gefühlloser Schatten. Du, Nikodem, laß mich nur machen.« »Und dieses alles«, begann der Kaplan nach einigem Zögern, »gedenkst Du gegen diese karge Honorierung ...« »Natürlich,« entgegnete ihm lachend Ull Koßmann. »Zweitausend Taler – allerdings ein Lakaien-Douceur; aber Dir zuliebe, Kaplänchen, Dir zu Gefallen, mein Junge ...« »Guter Mensch,« lächelte Nikodem, »ich kann nicht umhin, Dir meine Bewunderung zu zollen, namentlich in gegenwärtiger Zeit, wo ideale Anschauungen so dünn und spärlich gesät sind wie wahrhaft gläubige Seelen, und ich werde nicht verfehlen, diese Deine betätigte Großmut höheren Orts und bei meiner vorgesetzten Behörde...« »Kaplänchen, schon gut,« erwehrte sich Ull seines begeisterten Freundes, legte ihm beide Hände auf die Schultern und meinte: »Nun aber sage mir mal, und zwar so recht von der Leber herunter, wieviel habt Ihr denn eigentlich bis jetzt in Eurem Klingelbeutel zusammen?« »Rund eintausend Taler ...« »Ach, ne! – also gerade die Hälfte.« »Aber wir hoffen zu Gott,« fuhr Nikodem mit salbungsvoller Betonung fort, »daß der Opferstock mit dem heutigen Tage ein Erkleckliches abwirft, und wir somit in die angenehme Lage versetzt sind, der bereits vorliegenden Summe weitere hundertundfünfzig Taler beifügen zu können.« »Und das hoffst Du von dem frommen Sinn der eben anrückenden Pilger?« »Allerdings.« »Auch unter der Berücksichtigung, daß diese voraussichtlichen Geber und Spender in dem gesegneten Orte beheimatet sind, wo sie Euch schlankweg im Stadtrat die üblichen Birken verweigert, und ein gewisser Herr Pittje Pittjewitt noch höhnende Worte als Bene hinzutat?« »Auch unter Berücksichtigung dieser leider beklagenswerten Umstände, glaube ich an meiner Meinung festhalten zu können, zumal ich es für meine Pflicht erachte, stets das Beste über meine Brüder in Christo zu denken. Aber Du lächelst ...« »Gestatte mir dieses kleine Privatvergnügen, Kaplänchen. Es ist lediglich die Folge Deiner soeben aufgestellten Prämisse.« »Ich verstehe nicht recht.« »Das ist es ja eben, weil Du zu unerfahren bist in derlei praktischen Dingen. Aber ich bitte Dich, Nikodem, wie kannst Du nur annehmen, daß diese Banausen ...« Er wurde unterbrochen. Die Glocken setzten zum dritten Male ein; Küster und Ministranten erschienen. Ein dumpfes Gemurmel von betenden Stimmen drang von dem lindenumsäumten Platz in den stillen Frieden der Gnadenkapelle. Die Prozession war in den Bannkreis der heiligen Stätte gekommen. Ein buntes Gewirr von abgerackerten Menschen, überragt von brennenden Kerzen und schlaff herabhängenden Kirchenfahnen, schob sich unter stetigem Beten vorwärts und drängte näher und näher. Männer und Weiber, jetzt alle durcheinandergewirbelt, wanken der gnadenbringenden Schwelle entgegen. Grelle Streiflichter zittern durch das dichte Lindengezweig. Unter ihrem Einfluß flirren die aufgetriebenen Staubpartikel wie blitzende Mücken. Und immer dasselbe Bild, immer dasselbe: erhitzte Gesichter, streifige Wangen, gebückte Nacken, müdes Schlurfen und Schlurren, Rosenkränze und staubige Schuhe, gepuderte Haare und das einschläfernde Raunen und Lallen: »Herr, erbarme Dich unser!« »Christe, erbarme Dich unser!« Schon drängen die ersten über die ausgetretenen Fliesen, andere folgen – da mit einem Schlage tönt es mächtig durch die exaltierte Menge herüber, hinüber: »Meerstern, wir Dich grüßen – O Maria, hilf! Wir fallen Dir zu Füßen – O Maria, hilf! Hilf uns Sündern allzumal Hier in diesem Jammertal!« Lawinenartig kommt der Sang der Muttergottes gefahren. Hunderte beten zu ihr, hunderte schreien nach ihr; unter Knüffen und Püffen dringen hunderte ein, während die große Mehrheit sich gezwungen sieht, draußen zu harren, die Hälse zu recken und sich mit den Zehen zu heben, um nur mit einem raschen Blick über die Stätte huschen zu können, wo der wundertätige Bildstock zwischen weißen Papierrosenkränzen und brennenden Kerzen sich aufhebt. Die Glocken verstummen; sie holen Atem in der glühenden Hitze. Der Weihrauch steigt; mit einer fast meckernden Stimme beginnt die kleine Orgel zu spielen. Ein scharfer Hauch nach dampfenden Menschen ist unter dem niedrigen Sterngewölbe ausgetan, aber der Weihrauch betäubt ihn. Blitzend winkt das goldene Krönlein der Muttergottes herüber. Wie sie murmeln und auf den Knieen rutschen – die gläubigen Seelen! Wie sie beten und stöhnen! – Nikodem ist mit etlichen Ministranten am Hochaltar tätig. Ganz in Andacht versunken, dem Irdischen entrückt und mit schauerndem Gefühl liest er dort für den erkrankten Pfarrer die heilige Messe. In feierlicher Weise klingt bereits das Offertorium über die große Gemeinde. »Dominus vobiscum!« »Et cum spiritu tuo!« ›Oremus...!‹ Kathje, die in einer der vorderen Bänke Platz genommen hatte, folgte in stummer Betrachtung der frommen Handlung ihres geistlichen Bruders. Das Tuch war ihr vom Kopfe gefallen. Der festanliegende Stoff ihres schmucklosen Kleides ließ das Ebenmäßige in ihrer ganzen Figur wirksam hervortreten. Und dieses kastanienbraune Haar, das Madonnenhafte des vorgeneigten Kopfes, die schimmernde, bräunliche Haut – wie sich das alles dem Licht der einfallenden Sonne ahnungslos preisgab! Die Schauer der Kirche traten hinzu und verstärkten die Reize des Mädchens auch in mystischer Hinsicht. Und diese Mystik, diese eigenartige und faszinierende Schönheit – einer begriff sie und fühlte instinktiv heraus, was unter dem schwarzen Tuchkleidchen lohte und brannte. Und dieser duftige Flaum, der, unter der Junisonne bei der Heuernte und unter dem Einfluß des heutigen Tages gezeitigt, fast honigfarben über Gesicht und Nacken sich breitete – das war ein weicher, gesättigter Farbenton, der an den Pinsel eines Murillo gemahnte! Ull Koßmann war ein gewiegter Kenner von Farben und Formen. Was er suchte – hier schien es vereinigt: ein weiblicher Körper, dem heimatlicher Erdduft entströmte, glühendes Leben und Durst nach Genüssen, die außerhalb der Sphäre lagen, in welcher Kathje erzogen und groß geworden. Und diese verhaltene Flamme, die in ihren Blicken ruhte! Ull Koßmann verstand sich darauf. Er wußte, daß es nur der Anregung bedurfte, sie ins helle Flackern zu bringen. Überhaupt dieser blonde Teutone mit dem kerngesunden Gesicht und dem prächtigen Spitzbart: trotz seiner religiösen Kunst, in der er Großes geleistet und die er beherrschte wie nur wenige auf diesem Gebiet – wie wußte er in die Mysterien einer Frauenseele zu dringen und ihre zartesten Schwingungen zu deuten, die ihm kaum merklich entgegenzitterten! – Und er vertiefte sich darin; er konnte sich nicht mehr losreißen von dem Anblick des nicht weit von ihm knieenden Mädchens. Kathje mußte die Augen fühlen – und sie fühlte sie wie leuchtende Flammen, die sie schmerzlich berührten. Sie beugte sich nieder und betete lange. »Sursum corda!« »Habemus ad Dominum!« Präfation und Wandlung gingen vorüber. Das ›Agnus Dei‹ wurde gesungen. Kathje Peerenboom hörte und sah nicht mehr. Ein scharfes Klingeln ging über die Menge. Alle knieten nieder und berührten mit ihrer Stirn den Boden. Wieder ertönte das Muttergotteslied; Nikodem wandte sich um und breitete segnend die Hände. »Ite, missa est!« »Deo gratias! – Amen!« Das heilige Amt war vorüber. In langen Reihen und unter Orgelbegleitung defilierten nunmehr alle Männer, Frauen und Jungfrauen an dem wundertätigen Bildnis vorüber, berührten mit scheuen Händen das vergilbte Gewand oder preßten ihre Lippen inbrünstig auf die unteren Partien des ragenden Holzstockes. Über die Schwelle des westlichen Portales schlurfend, unter stetem Geschiebe die gotische Halle durchmessend, verließen sie am Südportal wieder die Gnadenkapelle, um von hier aus wegemüde, hungrig und durstig in die benachbarten Kneipen zu fallen. »Angtree, angtree!« lächelte der Besitzer ›Zum saftigen Ferkel‹ und pries in hyperbolischen Worten seine Waren an, daß den meisten, im Hinblick auf die kommenden Genüsse, das Wasser im Munde zusammenlief. »Schmalzschnitten, Ruhrperlen, Boonekamp und Puffbohnen mit geräuchertem Speck! – Angtree, meine Damens und Herrens!« »Rosenkränze! – Marienplätzchen! – Hierher: frische Waffeln und Brezeln!« klang es von anderer Seite herüber. Ein ohrbetäubender Lärm, ein Feilschen und Handeln ...! – und die alten Linden schüttelten ernsthaft die Köpfe und wußten nicht, was sie sagen sollten zu diesem Wandel der Dinge. – Inzwischen hatte sich Nikodem in die Sakristei begeben. Die Meßgewänder waren beiseite gelegt; er stand bereits in Hut und Soutane und gedachte heimwärts zu gehn, als zwei Männer unter tiefen Bücklingen bei ihm vorsprachen. Er kannte die beiden. »Herr Terlinden, Herr Pierentrecker!« lächelte der junge Kaplan. »Also die Herren befinden sich nicht im gegnerischen Lager, woselbst man bedauerlicherweise der heiligen Kirche die ortsüblichen Birken verweigert?« »I!« machte Aloys, »das wäre denn doch ...! Im konträren Gegenteil, Herr Kaplan. Wir haben gekämpft wie die Helden, beispielsweise wie die brüllenden Löwen. Aber es war eben 'ne verlorene Sache.« »Leider,« grunzelte der säbelbeinige Bäcker und legte dabei die rechte Hand in die Gegend der Herzgrube, als wolle er hierdurch konstatieren, daß sein Freund die lauterste Wahrheit gesprochen. »Aber, Herr Kaplan,« fügte er erläuternd hinzu, »gegen so 'ne liberale Blase kann selbst die beste Karre Mist nur schwer anstinken. Wir haben uns die größte Mühe gegeben, aber ...« »Ich verstehe,« meinte Nikodem und versuchte das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. »Hm! – dann sind die Herren wohl erschienen, mir über die traurigen Verhältnisse in meinem elterlichen Hause, die sich allerdings durch einen glücklichen Zufall in den letzten Tagen merklich gebessert...« »Herr Kaplan,« schnitt ihm Aloys das Wort ab, »in solch einer delikaten Privatsache ist beispielsweise eine andere Stunde geboten. Nein, Hochwürden, wir sind aus einem wichtigeren Grunde gekommen.« »Ja – das sind wir,« bestätigte Henne Terlinden, legte in Erwartung der kommenden Dinge die gefalteten Hände über sein angemästetes Bauchlein und vergnügte sich damit, flirrende Rädchen mit den Daumen zu schlagen. »Aloys, schmiere Dich nicht.« Und nun erzählte Aloys, was er unter dem ominösen Spriegeltuch gesehen haben wollte, und zwar in so übertriebenen Farben, daß es dem jungen Kaplan eiskalt über den Rücken herabrieselte. Entsetzt fuhr er sich über die tonsurierte Stelle des Kopfes. Aloys ließ sich nicht stören. »Und statt wie fromme Pilgersleute im Schweiße ihres Angesichtes zu beten,« also schloß er seinen Bericht, »oder sich wie wirkliche Marode fahren zu lassen, saßen die beiden beispielsmäßig sehr gemütlich, ich möchte fast sagen mehr wie gemütlich, unterm Spriegeltuche zusammen und schienen von weltlichen Dingen zu sprechen.« Nikodem verfärbte sich. »Und das ist der Wahrheit gemäß?« fragte er mit heiserer Stimme. »Hier mein Freund ...« Aloys deutete auf Henne Terlinden. »Herr Kaplan,« bestätigte dieser, »ich, als Henne Terlinden und ehrsamer Bäckermeister, kann das beschwören.« Wiederum führte der Säbelbeinige zur Bekräftigung dessen die rechte Hand auf die linke Brustseite und senkte in stiller Ergebung den biederen Kopf auf das zerknitterte Schemischen. »Aber, Herr Kaplan,« fiel Aloys dazwischen, »was auch gesagt ist: nur aus purer Nächstenliebe, nur zur höheren Ehre Gottes sind wir zu Ihnen gekommen und wollen unter keinen Umständen ...« »Nein – das wollen wir nicht ...« Nikodem hatte sich inzwischen gefaßt. »Ich danke Ihnen, meine Herren, und werde Remedur eintreten lassen. Wie dem auch sei: jedenfalls wurde Ärgernis gegeben, und daher ersuche ich Sie, Herr Pierentrecker, kraft Ihres Amtes als Vorbeter und Kirchenvorstand, die leider so weltlich Gesinnte nach der Vesper in meine Wohnung zitieren zu wollen und zwar mit dem Bemerken, daß nicht der Bruder zur Schwester, sondern der Seelsorger, zum verlorenen Schaf sprechen wird. Also, meine Herren, bis später. Dominus vobiscum !« Nikodem machte das Zeichen des Kreuzes. » Et cum spiritu tuo – Amen !« respondierte Aloys. Hierauf verließen die beiden Getreuen die Sakristei und begaben sich, schmunzelnd wie die Auguren, in die Gastwirtschaft ›Zum saftigen Ferkel‹. »Mein Gott, mein Gott ...!« stöhnte der junge Kaplan auf. »In der Sünde gezeugt, in der Sünde geboren ...!« Dann rang er die Hände, kniete nieder und betete aus inbrünstigem Herzen für das Seelenheil seiner verlorenen Schwester. IX. Im Vikariat Am Nachmittage war die Hitze noch erdrückender geworden. Wie leblos hingen die Lindenblätter an den erschlafften Stielen herunter. Auch nicht der geringste Luftzug machte sich in den müden Kronen bemerkbar. Die Prellsonne hatte das Leben in den schmalen Gassen des kleinen Fleckens zurückgebremst. Die Kramläden standen verwaist, die bestaubten Plankarren träumten hinter der Gnadenkapelle, und die Fuhrknechte lagen ausgestreckt unter den Spriegeltüchern, schnarchten oder haschten nach den zudringlichen Fliegen, die mit einem feinen Genäsel ungemütlich in die Traumwelt der klobigen Kerle hineinsummten. Auch in den benachbarten Gärten war ein Schläfern und Duseln. Die türkischen Bohnen hatten kaum noch Kraft genug, sich an den schräg gestellten Stangen zu halten. Selbst die sonst so straff aufragenden Stengel der Feuerlilien bogen sich ein und ließen die ziegelroten Köpfe traurig hängen. Die Luft hatte sich zwischen den hohen Bocksdornhecken gefangen und fand keinen Ausgang. Alles duckte sich unter der brütenden Hitze und hatte die Lust am Wachsen und Treiben verloren. Kein Spatzengeschilp – keine Grasmücke ließ sich vernehmen. Nur ab und zu fiel eine unreife Frucht mit dumpfem Geräusch in die Erbsenbeete hinein. Das waren die einzigen Laute, die aus den müden Gärten hervordrangen. Aus den Kneipen aber schallte Fidelität und Gelächter. Der Schnaps belebte die ermatteten Geister und drängte die Erinnerung an die ausgestandenen Mühseligkeiten beiseite. Hier wurde den Speisen zugesprochen, dort streckte man die Beine unter den Tisch, sang und räkelte sich, politisierte, um zeitweilig und bei passender Gelegenheit einen ›Ollen Klaren‹ hinter die Binde zu schieben. Die Macht des Rosenkranzes war für eine kurze Spanne dahin. An Stelle der Muttergottesbildchen waren andere Bilder an die Reihe gekommen. Das Treffel-Daus knallte auf den Tisch, wurde aber von der Atout-Zehne gestochen, und Pfiffig schielte der Coeur-Bube nach der Schüppen-Dame herüber. »Was kostet die Welt!« rief der säbelbeinige Bäckermeister seinen Partnern zu, legte die Karten beiseite und strich den Gewinn ein. Mittlerweile hatte der Schellfisch seine Mission bei Kathje erledigt. Mit allen Zeichen seiner Würde ausgerüstet, war er dabei wie ein Ketzerrichter verfahren, unnachsichtlich, streng und geheimnisvoll, als wäre er ausgesandt worden, eine Abtrünnige vor das höchste geistliche Gericht zu zitieren. Kathje, die gerade im Begriff stand, ihren Bruder aufzusuchen, ließ ihre Mitschwestern vom heiligen Herzen Jesu beim Kaffee zurück, begab sich zu Pittje und erzählte diesem unter Tränen was vorgefallen. Die Herberge ›Zum frommen Pilgersmann‹, wo Pittje und Wilm Henseler eingekehrt waren, hatte nur wenigen Zuspruch, so daß Kathje ihre Erlebnisse ungestört vorbringen konnte, Erlebnisse, bei deren Erzählung der wackere Schreinermeister derart kompakte Ausfälle gegen Aloys Pierentrecker von der Seele herunterraspelte, die gewiß nicht daran gedacht haben mochten, bei einer Fahrt, wie die heutige, Verwendung zu finden. Wie Kathje geendet, hatte Pittje nur ein überlegenes Lächeln als Antwort. »Aber – den Düwel noch mal!« – fuhr Wilm Henseler dazwischen, »Du lächelst bei dieser Aloys Pierentreckerschen Order? Stelle Dir vor, was das besagt in der christkatholischen Kirche: öffentlich vor einen Heerohme berufen zu werden! Das is musmaßlich noch schlimmer, als wenn ein Raubmörder vor die Assisen gestellt wird. Das bedeutet eine Kränkung gegen Dir un gegen die Menschen, die es gut meinen mit Deinem ehrlichen Namen.« »Aber, was schadet's?« fragte Pittje mit jovialer Betonung. »Pittje, Deinem Honnör nich – geht aber Kathje hin, dann erkennt sie ihren Mjinheer Bruder als geistliches Tribunal an, un gewissermaßen auch Du, denn sie is Deine wirkliche Braut un somit auch berechtigt, Dir zu vertreten. Un vertritt sie Dir, dann heißt das soviel, als wenn Du Dich fürchten tätest wegen der priesterlichen Gewalt, un das geht über den Maxusstandpunkt un is musmaßlich nich geeignet, Deinen Namen nobeler zu machen. Nein, Pittje – Du darfst Dir von dem jungen Heerohme nich platt hobeln lassen, denn Aloys un seine Kollegen ...« »Laß die doch man machen! – Die gehören all zu der nämlichen Sorte. Du, Wilm, ich kenne so viele, die stets mit dem Rosenkranz herumfummeln, die Augen verdrehen, den Klingelbeutel für die Klingel des Herrn verschleißen und ähnliche kirchlich-unkirchliche Sporte betreiben – aber das ist auch danach, denn wie die meisten haben auch diese Sporte die sonderbarsten Blumen am Stengel. Gottdomie noch mal! – entrüsten sich doch diese lumpigen Kerls in moralistischer Hinsicht, wenn kleine Jungs im Wasser ohne Badehose 'rumvoltigieren, gehen aber, wenn's Abend geworden, wie die Igel 'rum und kucken durch Ritzen und Spalten, wo sich so'n dralles Dienstmädchen ins Bett legt. – Ne, Wilm, laß diese Kerle man laufen ...!« »Schön – aber von wegen des Hingehns?« »Wer denkt denn daran ...?« »Du nich – aber Kathje vielleicht. Pittje, ich weiß: Du hast keine Bange, aber Du darfst Dir auch nich den anderen Leuten gegenüber vergeben. Daß der Schellfisch Dir un ihr bei dem leiblichen Bruder gemolden, weil Du ihr freundlich beigestanden hast, das konntest Du nich hindern, un dafür werden ihm die Birken mal eklig aufstoßen – allein, daß er Dir un ihr gemolden, un sie darauf hingeht, das darfst Du Dir als Pittje Pittjewitt un in Deiner Eigenschaft als Bräutigam nich gefallen lassen – un darum, mein' ich, mußt Du dagegen energisch opposuieren.« »Verlaß Dich darauf, das soll auch geschehen.« »Recht so – un darum mußt Du Dir präzise von jetzt an öffentlich als Kathjes Bräutigam hinstellen, denn nur auf diese Weise bist Du berechtigt, etwaigen Lügen über das Mundwerk zu fahren. Also Pittje: opposuieren un Dir offenkundig benehmen – das is das allein Richtige, um Dir gegen den Schellfisch zu schützen un Dir nobel zu halten.« »Ich danke Dir, Wilm. Kathje wird also nicht der Aufforderung ihres Bruders entsprechen. Sie bleibt bei mir, und ich gebe Dir jetzt schon die Vollmacht, unser Verlöbnis bekannt zu geben.« »Ganz meine Meinung.« »Und ferner, Wilm: wir werden uns nicht mehr der Prozesston anschließen, sondem gemeinsam, Kathje und ich, nach der Vesper und wenn's kühler geworden, den Heimweg antreten. Wenn Du aber ...« »Pittje, ich nich. Ich mache mit der Prozession selbstverständlich zurück un zwar von wegen der Birken. Ich will doch sehn, ob ich keine Standpünkter kriege, dem vermeintlichen Kerl die verdiente Schlinge über dem Halse zu werfen. Un somit, Pittje ... Hörst Du, sie läuten zur Vesper.« Und da gingen sie hin in aller Eintracht: Wilm, Pittje und Kathje, und die Leute sahen ihnen nach, und als sie zur Kirche gekommen, ergriff Wilm die Hand seines Freundes und meinte mit so recht treuherzigen Worten: »Ich gratuliere Dir, Pittje, von wegen Deiner energischen Forsche. Un nu können wir meinetwegen die heilige Vesper besuchen. Ich bitte Dir, Kathje – angtree!« Und sie traten unter Glockengeläut in das Dämmerlicht der Kirche, Wilm aber erst, nachdem er sein Priemchen in die Westentasche befördert hatte, denn es war ihm zur Regel geworden, beim Gottesdienst alle weltlichen Genüsse zu opfern und gewissermaßen an den Nagel zu hängen. Hier kasteite sich Wilm, eine überkommene Angewohnheit seines seligen Vaters, der, selbst während der Schlafenszeit ein leidenschaftlicher Tabakkauer, in der Kirche das saucierte Virginiaröllchen beiseite legte, um, wie er sagte, nicht mit einem leckeren Priemchen im Munde vor seinen lieben Herrgott zu treten. Die Gläubigen hatten sich inzwischen wieder eingefunden, die Feier begann, und der Weihrauch kräuselte sich in zierlichen Spiralen zur Decke. Eine angenehme Dämmerhelle, ein verschläfertes Schummern zitterte durch die niedrige Halle. Draußen hatte sich leise der Wind aufgetan. Schwanke Lindenzweige fingerten verstohlen gegen die bunte Verglasung der gotischen Fenster und ließen herzförmige Schatten über die betenden Menschen huschen. Wie große Trauerfalter schwebten sie hierhin und dorthin. Auf den Steinfliesen vor dem Muttergottesbild kniete Kathje. Mit seinen Stimmchen knisterten die brennenden Wachskerzen in ihre Seele hinein. Sie war eigentümlich erregt, und ihr schien es, als würde sie von einem dämonischen Zauber gefesselt, als sei eine Gewalt zwischen sie und ihre Liebe getreten, um sie unwiderstehlich an sich zu reißen. Und immer diese Blicke, diese versengenden Blicke! Eine quälende Angst ergriff sie. »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von den Übeln. Amen.« Kathje betete mit verhaltener Inbrunst. Es raschelte in den Papierrosen des Muttergottesbildes. Vom Westportal bis zum Chor strich ein erquickender Luftzug. »Erlöse uns von den Übeln ...« Aber die Blicke wollten nicht von ihr lassen. Kathje fühlte sie, obgleich sie wußte, daß sie sich nicht in der Kirche befanden. Halb irr und betäubt vor lähmender Furcht drückte sie die Stirn auf die kühlenden Steine. Kathje hörte nicht mehr; sie hatte keinen Sinn mehr für alles das, was um sie vorging. Die Wachskerzen wuchsen ins Riesenhafte hinein. Die kleinen Flämmchm, die nur ein erbärmliches Leben an den Dochten fristeten, wurden zu grotesken Flammen, die sie tanzend umspielten. »Erlöse uns von den Übeln ...« betete Kathje. Der Weihrauch stieg, und der Segen wurde gespendet; das Kirchlein leerte sich. Ein schwaches Gemurmel machte sich draußen unter den Linden bemerkbar. Kathje hatte dessen nicht acht, und sie wußte kaum, daß sie schließlich in der Gnadenkapelle allein war. Eine dumpfe Beklemmung hatte sich ihrer bemächtigt; die Kerzen tropften mit leiser Musik auf die Messingbehälter; die Flämmchen schrumpften in sich zusammen; die Weißen und roten Papierrosen raschelten weiter und weiter. – Gleich nach der Vesper begab sich Nikodem in seine nahegelegene Wohnung, griff nach Pfeife und Fidibus und setzte den Tabak in Brand, nachdem er vorher einen gedrehten Wachsstock entfacht hatte. Das bräunliche Pfefferrohr mit dem Zeigefinger der linken Hand umspannend, die Rechte unter die Schöße der Soutane geschoben, ging er qualmend und mit hastigen Schritten im Zimmer auf und nieder. Nikodem schien die blankgescheuerten Dielen seiner sehr einfach und bescheiden ausgestatteten Stube zu zählen. Durch die weißen Mullgardinen blinzelte die Sonne ins Zimmer und äugelte verstohlen mit dem spärlichen Hausrat, der so kalt und ungemütlich sich anließ wie die eingetrocknete und vereinsamte Seele des unruhig auf und nieder hastenden Cölibatärs. Keine Blumen grüßten von draußen hinein, keine mit Pflanzen bestandene Scherben winkten ins Freie, so daß, trotz der Juliwärme, ein Frösteln die vier Wände durchwehte. Der Geist des Unwirtlichen, Armseligen, Unfreundlichen saß in einer abgelegenen Ecke hinter dem Bücherregal, strich sich die dünnen Haare hinter die glasigen Ohren, machte ein vergrämelt Gesicht und blies nun schon seit geraumer Zeit Langeweile und Trübsal durch die vom Tabaksqualm angebräunte und durchräucherte Stube – und gähnte. Die Wohnung Nikodems, die unter demselben Dach wie die des Pfarrers gelegen war, bestand lediglich aus diesem Zimmer und einer jenseits des Korridors sich befindlichen Schlafstube. Wahrhaftig! – die allererbärmlichste Kirchenmaus hatte es besser. Die bescheidene Sakristei, wo sie hauste und die heiligen Möbel anschrotete, war ein Prunk- und Paraderaum gegen dieses Quartier, in welchem die täglichen Mahlzeiten auch nicht reichlicher ausfielen wie in der Behausung des schnuppernden Mäuschens. Dreihundert Taler! – Mit diesem kärglichen Lohn, mit dieser Hungerspende hatte sich Nikodem über Wasser zu halten, mußte sich hiervon ernähren, rasieren, bekleiden und sein tägliches Deputat an Tabak bestreiten. Dreihundert lumpige Taler! – Zuviel zum Sterben, zuwenig zum Leben! – und dennoch hatte er es verstanden, die Taler mobil zu halten und Kathje ein Kleid zu verstatten, ein Taschenspielerkunststück allerersten Ranges, welches selbst dem haushälterischen Pastor einen Ruf der Bewunderung abgelockt hatte. Wäre Nikodem kein Priester geworden, hätte er die Staatskarriere ergriffen und sich in die Geheimnisse der Staatsschulden vertieft – keine Frage: er wäre der beste Finanzminister gewesen. In Geldangelegenheiten hatte er einen praktischen Blick, der ihn in anderen Dingen gänzlich im Stich ließ und ihn dieserhalb in den Geruch des Mondmenschen brachte. In der Tat – der Herr Kaplan Peerenboom war ein blutjunger, aber auch blutarmer Waller auf irdischer Laufbahn, der sich fast ausschließlich von Kyrie eleison-Semmeln und Hallelujah-Würstchen ernährte, kärgliche Gerichte, die er jedoch durch kleine Zutaten von zelotischen Ingredienzien pfefferte und salzte und somit schmackhafter machte. ›Der Herr ist mein Hirt,‹ diese fromme und in gotischen Buchstaben verfaßte Devise grüßte von der kahlen Längswand des Studierzimmers herunter. Mit Perlen auf Stramin gestickt, unter Glas gebracht und mit einer schmalen Goldleiste umbordet, bildete dieses sinnige Geschenk der diesjährigen Erstkommunikanten das einzige Schmuckstück an den gekalkten Wänden, das, unter Beihilfe von etlichen Bücherregalen mit Werken theologischen Inhalts, eines Garderobeständers, eines Tabakskastens und weniger Stühle mit geflochtenen Rohrsitzen, sich in etwa bemühte, den Schein des Behaglichen, wenn auch nur als dürftiges Fragment vor Augen zu führen. Nein – in den vier Pfählen des jungen Klerikers konnten sich keine Lebewesen behaglich und glücklich fühlen, wenn man von den Fliegen absah, die sich auf dem warmbeschienenen Fensterbrett unermüdlich beim Liebesspiele ergötzten. Insichgekehrt und mit großen Schritten durchmaß Nikodem mindestens zum vierzehnten Male den kahlen Raum seines Zimmers, als es draußen an die Tür pochte, und Ull Koßmann die Stube betrat. »So in Gedanken, Hochwürden?« »Leider Gottes! – und zwar in Gedanken, die nicht zu den angenehmsten gehören.« »Hm!« »'ne Pfeife gefällig?« »Danke, mein Junge. Rauchen? Niemals! 'ne brutale Gewohnheit, deren Reize ich nie zu ergründen vermochte.« »So? – aber ich sollte doch meinen ...« »Bemühe Dich nicht,« unterbrach ihn der Maler, »Deine fanatischen Rauchtheorien sind bei mir als deplaciert zu betrachten, vornehmlich jetzt, wo sich meine Lungen da draußen in Gottes freiem Odem geweitet.« »Und bist nicht in der Kirche gewesen?« »Ich? Nein. Aber da draußen bin ich gewesen, weißt Du: trotz der mörderischen Hitze zwischen den Feldern dahinten. Herrgott noch mal! – diese flimmerige Luft, dieses saftige Grün in den Pappeln, dieser göttliche Farbenrausch an allen Ecken und Enden, diese sanft versterbende Kobaltbläue auf den ferngelegenen Wiesen – nein Du, mein Junge: solche Tinten und Töne bietet doch nur unsere niederrheinische Heimat! Und dazwischen das Zinnoberrot der Ziegeldächer, die Resedafarbe des Korns – und dabei das glückliche Gefühl, das hehre Bewußtsein ...« »Na, was denn?« »Ein Modell gefunden zu haben.« »Wirklich?! – und in diesem sind alle Eigenschaften verkörpert, die das zu schaffende Werk beansprucht?« »Alle! – ein Modell so recht nach meinem Herzen, so ohne Tadel und Fehl, so ganz wie ich wollte: ein Madonnengesicht mit braungoldigen Haaren.« »Und das wäre?« »Deine Schwester.« »Die?!« entsetzte sich der junge Kaplan, nahm die Hornspitze zwischen die knirschenden Zähne und schlug die Hände zusammen. »In der Sünde gezeugt, in der Sünde geboren ...« Nikodems Geist schien in die vierte Dimension entrückt. Kathje als Modell für die allerseligste Jungfrau! Sakrileg! – Ull Koßmann hätte ebensogut die Behauptung aufstellen können, sie sei unter Gngelchören mit Harfenklängen geradenwegs und noch mit ihrem irdischen Leibe behaftet gen Himmel gefahren. Nein – diese Hypothese des Unsinns! Der junge Heerohme faßte es nicht. Verstörten Blickes sah er seinen Freund an und wiederholte noch einmal: »In der Sünde geboren und darum prädestiniert für die Sünde – und Du ...« Der Maler war näher getreten, klopfte ihm auf die Schulter und meinte mit lachendem Munde, wobei die Zähne, blendendweiß wie die eines Raubtiers, aus den frischen Lippen hervorsahn: »Laß das man gut sein, mein Junge! Wenn auch in der Sünde gezeugt und geboren, so was gibt's nicht wieder unter der Sonne. Dieser Erdgeruch an ihr, so'n Madonnengesicht, das nach dem Künstler schreit, diese verkörperte Anmut und das Fesselnde in den seelischen Blicken – so was für mich ... Du, ich brenne darauf, auf sie, auf dieses Modell, das in des Wortes vollster Bedeutung eingreifen dürfte in mein Leben und Schaffen und ein Werk zeitigen könnte, vor dem die Menschen knieen und beten sollen, weltentrückt und in gehobener Stimmung.« »Koßmann ...!« Wieder nahm der junge Kaplan seinen hastigen Rundgang auf. In nervöser Unruhe große Wolken verpaffend, schien er den kahlen Geviertraum für einen Zwinger zu halten. Ull Koßmann hatte sich in einen Sessel geworfen und zahlte die Schritte des ungelenken, sommersprossigen Mannes in der Soutane. Jetzt hielt dieser den Fuß an. »Und da glaubst Du ...« »Ich will Dich in keiner Weise beeinflussen – aber ich glaube. Wenn die mir sitzen wollte, wenn Du es vermöchtest – Herrgott noch mal! – im Interesse der Kunst, zur höheren Ehre Gottes, es wäre verdienstvoller, gottwohlgefalliger und besser für Dich, als wenn Du jahraus jahrein auf den Knieen lägest, um für das Seelenheil Deiner Dir anvertrauten Herde zu beten.« Nikodems Augen taten sich auf. »Und ferner, mein Junge,« fuhr der Maler mit verhaltener Stimme fort, »ich kenne das Leitmotiv Deiner geängstigten Seele: Kathje, prädestiniert für die Sünde. – Zugegeben, daß diese strenge Doktrin nicht zu Unrecht besteht, so liegt doch die Frage nahe, ob nicht ein gottwohlgefälliges Werk imstande wäre, diesen Fluch, diese brutale Vorherbestimmung in etwas zu schwächen, wenn nicht ganz illusorisch zu machen.« Daran hatte Nikodem nicht gedacht; sein erregter Geist bequemte sich, in ruhigere Bahnen zu lenken. »So, so, so!« machte der junge Kaplan. »Ich bin kein Prinzipienreiter, will nicht auf einer vorgefaßten Meinung bestehn und bin dieserhalb gern bereit, einem verlorenen Schaf über die Hürde zu helfen, vorausgesetzt ...« »Also Du wolltest?« Nikodem stand wieder in Überlegung. »Koßmann, gib mir Bedenkzeit.« »Unmöglich; die Sache ist dringlich. Es kocht in mir, es gärt in mir; ich muß zu Rande kommen mit meinen Gedanken. Dieser Zustand ist qualvoll, mein Junge. Das Modell ist gefunden, der Traum meiner Nächte scheint sich verwirklichen zu wollen, ich brauche nur zu fassen, zu greifen – und Du ...« Nikodem ließ neue Kräuselwölkchen seinen zugespitzten Lippen entsteigen, wobei die sommersprossigen Finger der rechten Hand hastig an den Knöpfen der Soutane auf- und niederklavierten. »Koßmann, 'ne heikle Sache; allein, wenn Du absolut auf Deine Künstlerlaune ...« »Keine Künstlerlaune – Überzeugung, Kaplänchen!« »Überzeugung?! – Gut, auch die nehme ich hin. – Wenn Du also bestimmt auf dieser Deiner Überzeugung beharren mußt und des Glaubens bist, hierdurch dem großen Werke zu dienen – in Gottes Namen! – ich will Deine Pläne nicht kreuzen, aber ich bin doch gespannt, näheres über den Gang fraglicher Modellaffäre zu hören.« »Hm!« versetzte Ull Koßmann, lehnte sich in den Sessel zurück, schlug die Beine übereinander und legte die weißen Hände zusammen. »Meine Theorien,« also begann er in einer fast docierenden Weise, »mein künstlerisches Glaubensbekenntnis habe ich Dir schon heute morgen entwickelt. Der Kürze der Zeit halber konnten sich diese meine Deduktionen allerdings nur embryonenhaft geben, und bin ich daher gezwungen, dieses mir innewohnende Glaubensbekenntnis, unter ausführlicher und sachlicher Begründung, Dir gegenüber noch einmal zu rekapitulieren.« Ull Koßmann hob die gesenkten Augenlider empor. »Du bist doch einverstanden damit?« »Ich bitte darum,« erwiderte Nikodem, indem er seinem Freunde gegenüber Platz nahm. »Na – so will ich also beginnen. – Du weißt, ich bin bei den Nazarenern in die Schule gegangen. ›Mir ist die Kunst eine Harfe, darauf ich möchte allzeit Psalmen ertönen lassen zum Lobe des Herrn!‹ dieser von Overbeck herrührende Jubelruf ist auch in meine Seele übergegangen, wenngleich meine schöpferische Tätigkeit ihm und seiner Schule gegenüber im Laufe der Zeit eine ganz andere Wendung genommen. Kein Zweifel, Oderbecks Werke wurden auf dem christlichen Parnaß als bedeutsam anerkannt; seine Malweise war Evangelium geworden, und es ist nicht zu leugnen, daß seine Bilder im Geiste Fiesoles gedacht sind und alle Reize der Gemälde eines Perugino besitzen. Sie sind von inniger Empfindung und lauterem Ausdruck, sie atmen einfache lyrische Stimmung, ergreifen das Gemüt und legen auf den idealen Wert der Komposition und das Symbolische des Gedankengehaltes den gehörigen Nachdruck. Ohne Frage, die Formen sind in scharfen Rissen gezeichnet, die Gruppen wirksam, aber die Luftperspektive mangelt, die Rundung fehlt, und der Zauber des geheimnisvollen Helldunkels ist so gut wie unverstanden geblieben. Eingehende Naturstudien, Benutzung von Modellen – diese notwendigen Erfordernisse und Requisiten modernen Malens sind ihm allzeit böhmische Dörfer gewefen. Alles stumpf, flach, grau; das hatte kein Licht, ging nicht in die Tiefe und trat nicht aus der Fläche heraus, in der Verkörperung zeigten sich Lücken, kein lebendig Empfinden, keine Qualität der Dinge – kurz, es fehlte dasjenige, was die Natur in so überschwenglicher Weise dem sinnlichen Auge zu bieten vermag. Das Dichten und Denken in Farben blieb ihm versiegelt – und somit ist er eben der gepriesene Nachfahre Fra Angelicos, ein malender Klosterbruder geblieben.« »So?« machte Nikodem. »Ja. Ich frage Dich selbst, Nikodem. Abstrahiere von den obigen Vorzügen, lege die lyrische Stimmung beiseite, lasse einmal die symbolischen Spitzfindigkeiten, das Didaktisch-Allegorische in diesen Bildern außer acht – und urteile selber: was ist übrig geblieben? Na?! – Verhimmelte Gesichter, stumpft Farben, Gliederpuppen – und Süßholz.« »Ull, Deine subjektive Auffassung.« »Nein – aber diejenige aller denkenden Köpfe, aller der Köpfe und Stürmer, die mit Aufbietung enormer Kräfte gewillt sind, dem einzigwahren Realismus auf die Beine zu helfen, die mit leiblichen Augen sehen, mit leiblichem Herzen empfinden und vermittels ihrer regen Künstlerphantasie den zarten Wildgeruch feinbeseelter Sinnlichkeit ...« »Also doch!« »Verstehe mich recht: kein gefährliches Raffinement, keine Schwüle und Treibhausluft, in welcher Orchideen gedeihen und ihre barocken Kelche entfalten, kein Zustand, der an das Tierische gemahnt, aber wohl jene Feinnervigkeit, die erforderlich ist, ideale Auffassung mit Natur zu verschmelzen.« »Und dieses Evangelium gedenkst Du auch Deinem Werk zu verflechten, gedenkst aus diesem heraus ...« »Allerdings. Nur hierdurch wird die antiquierte nazarenische Unnatur aus ihren Angeln gehoben. Früher ihr Schüler und Anhänger, bin ich im Laufe der Jahre ihr Gegner geworden, denn die wahre Kunst hat Pflichten, heilige Pflichten gegen die Menschheit und gegen die Natur zu erfüllen – und tut sie's nicht, kann sie niemals das pulsende Leben verkörpern. Auch in religiösen Bildern darf man nicht die berückenden Körperformen entbehren. Hellenische Anschauung und christliches Wesen müssen sich wechselseitig ergänzen, und ich werde bei dieser Hypothese an Apulejus erinnert, der in seinen Metamorphosis irgendwo die Behauptung aufstellt: ,Die meisten Frauen entledigen sich ihrer Kleidung, um ihre angeborene Grazie und ihre Reize zu zeigen und sehnen sich danach, ihre nackte Schönheit bewundern zu lassen.'« »Beschämend!« »Zugegeben – und dennoch: eine starke Dosis Wahrheit liegt auch hierin verborgen. Die alte heidnische Welt mit ihrer heißen Pracht und Sinnlichkeit mußte allerdings vergehen vor dem asketischen Ernste des Kreuzes, und Tertullian hat recht, wenn er sagt: ,Da wir alle der Tempel Gottes sind, so ist das Schamgefühl die Hüterin und Priesterin dieses Tempels, die nichts Unreines und Profanes einläßt, aus Furcht, den Gott, der in ihm wohnt, zu beleidigen ...' aber trotzdem, Kaplänchen, die rechte Kunst sehnt sich mit allen Fibern zur Akropolis und nach dem goldenen Tempel von Baalbeck und betrachtet noch immer die Darstellung des Nackten als den Inbegriff alles Schönen auf dieser Erde.« »Leider!« »Ich bin Weit entfernt davon, dem Nackten in diesem Sinne und vornehmlich in der religiösen Kunst das Wort zu reden, allein unter Kleidung und Stoff, da darf man nicht die Gliederpuppen ahnen und wittern, da muß Fleisch sein, da muß das Leben pochen und atmen, soll das Bild die Sinne erheben und den Mann, der es geschaffen, zum wahrhaften Künstler stempeln. Overbeck, Deger und ihre malenden Konsorten haben den Frauenkörper nie als Körper gesehen, haben sich nie verstehen können, in die Mysterien des Frauenleibes zu dringen, und deshalb vermochten sie nur geschlechtslose Wesen auf die Leinwand zu werfen, trotz des großen Talentes, das sie beseelte. Wir alle haben eine große Sehnsucht nach Schönheit und dürsten nach Schönheit. Nichts ist schöner als das Weib. Ich verdamme das Sinnliche in ihm, kann mich aber an seinen Formen berauschen. Leben und Wahrheit vor allen Dingen! – und darum bei jeder weiblichen Darstellung: erst das Fleisch modelliert, den Körper geschaffen – und dann: die Lappen, den Stoff, die Drapierung darüber geworfen.« Nikodem hatte sich plötzlich erhoben. »Auch bei der Gottesmutter?« fragte er in sittlicher Entrüstung. »Auch bei der,« lautete die ruhige Antwort. »Menschenskind!« rief der junge Kaplan und machte sich an den Knöpfen seiner Soutane zu schaffen. »Wozu die Aufregung?« fragte der Maler. »Koßmann,« entgegnete Nikodem, »Deine Erörterungen gleichen einer dünnen Eisdecke, die betreten auch den Besten hinabführt. Und Du ...« »Nein, mein Junge,« lächelte Koßmann mit einem unnachahmlichen Augenaufschlag, »sie gleichen dem starren Pfahlwerk einer mächtigen Brücke, die uns in das wahre Reich der Kunst geleitet, und zwar derjenigen Kunst, die ich in optima forma vertrete. Kein Geringerer wie Raffael ist hier mein Gewährsmann. Im Gegensatz zur Malweise Leonardos und Dürers, die nur nach genau gestellten und umkleideten Modellen zu arbeiten pflegten, schuf er zuerst die nackten Figuren, rundete sie, vollendete jene Teile, die nackt bleiben sollten, und legte dann erst die Stoffe um den übrigen Körper. Ich pflege nicht lange zwischen ›Gut und Böse‹ zu taumeln, dem traurigen Erbteil schwankender Mischnaturen, sondern greife stets nach dem Rechten. Die echte, göttliche Kunst kennt keinen Schein. Aber verstehe mich: wenn ich das Weib bilde, wenn ich mich in sein Geheimnis vertiefe, selbst nackt – ich sitze vor demselben, als wäre es ein Holzstock, denn ich bin mir wohl bewußt, was es bedeutet, im Dienst der katholischen Kirche zu schaffen. Das weibliche Modell ist mir nur Mittel zum Zweck. Ich will die Natur und keine Schemen verkörpern; aber ich male keine entblößten Frauenleiber als solche. Niemals! – Ich will kein Ärgernis geben. Das mögen solche tun, die es verantworten können vor ihrer Religion und ihrem Gewissen.« »Brav so!« unterbrach ihn Nikodem und versuchte die Hand seines Freundes zu nehmen. »Und jeder erotische Beigeschmack ...?« »Fort damit!« lachte der Maler, »ich habe doch nicht bei den modernen Philosophen die Schweine gehütet?! Nur aus unerbittlicher Strenge gegen mich selbst resultiert mein Verfahren. Nochmals: mich berührt das Sinnliche nicht, halte aber an meiner Theorie fest, denn auch unter dem Stoff muß das Anatomische schlummern. Wird dieses verpaßt, dann ist der Maler ein Pfuscher! Und darum ...« Ull Koßmann war aufgesprungen. »Mir ist das Bild vor die Seele getreten,« rief er mit leuchtenden Blicken, »aber was fruchtet's? Wenn auch noch so klar geschaut, die Natur ist zu mächtig für unser Schaffensvermögen, und in der Verkörperung bleiben wir Stümper, wenn wir sie nicht leibhaftig in ihren feinsten Zügen nachbilden können. Herrgott noch mal! – und alles das, was ich suchte, was ich notwendig habe, ist in Deiner Schwester gefunden.« »Koßmann ...!« »Die als Madonna gemalt ...« »In der Sünde gezeugt, in der Sünde geboren ...!« »Unsinn! – Die als Madonna gemalt – Kaplänchen, Kaplänchen, das gäbe ein Wunder!« »Das Weib ist die Pforte zur Hölle!« Nikodem hatte die Hände gefaltet. »Nein – aber die Pforte zu den ewigen Freuden!« warf ihm der Maler entgegen. »Die über der Predella als Gottesmutter thronend, na, ich sage Dir – tausendfältiger Segen, tausendfältige Ernte: Freuden und Weihe, fromme Schafe und klingende Münzen!« »Koßmann ...!« »Nur ruhig, Kaplänchen. Ich will noch ein übriges tun. Ihr seid eine arme Gemeinde und darum: kann meine Kunst sich ausleben in diesem Modell – aus freien Stücken opfere ich die andere Hälfte des ausbedungenen Lohnes.« »Ull,« stammelte der junge Kaplan, »Dich hat der Allmächtige in seiner großen Liebe und Güte zu uns gesendet.« »Willst Du?« »Kathje, der Geburt nach meine Schwester,« meinte Nikodem, noch immer seiner Gedanken nicht Herr, »sie kommt – sie muß kommen – ich habe sie nach der Vesper ... Herein!« Aloys Pierentiecker war mit seinem Medaillenstab zu den beiden getreten. Der Aufenthalt im ,Saftigen Ferkel' hatte nicht dazu beigetragen, die Erscheinung in seinem äußeren Menschen zu heben. Das verschrobene Beinwerk folgte nicht mehr, und die Zunge ging lallend. »Hochwürden, das scheint mir doch eine beispielsmäßige Frechheit ...« »Herr Pierentrecker in diesem Aufzug und in dieser Verfassung?!« »Hochwürden, die Hitze und dann der Ärger soeben...« »Und Kathje?« »Das ist es ja eben. Ich habe sie zum zweiten Male gebeten – aber sie ist rebellisch geworden, und Wilm Henseler hat mich vor die Brust gestoßen, und das brauche ich mir als Kirchenvorstand und Vorbeter, wie er selber gesagt hat, beispielsweise nicht gefallen zu lassen.« »Und sie kommt nicht?« »Kommt nicht,« sagte der Schellfisch. »Hopla! – um Verzeihung, Hochwürden.« Ull Koßmann hatte sich in eine Nische begeben und trommelte gegen die Scheiben des Fensters. »Was?!« eiferte der junge Kaplan, »und sie kommt nicht?« Mit einem dumpf abgebrochenen Laut trat er einige Schritte zurück. »Die und kommen!« meinte der Schellfisch. »Den Hut hätte sie mir beim zweiten Male bald vom Kopfe gehauen.« Nikodem biß die Lippen zusammen. Alles drehte sich vor seinen Blicken. »Warum haben Sie sich überhaupt berufen gefühlt ...?« wandte sich Ull plötzlich an Aloys Pierentrecker. »Nur aus purer Nächstenliebe, Herr Maler.« »Hm!« sagte Ull Koßmann und trommelte weiter. Nikodem hatte sich wiedergefunden. »Herr Pierentrecker,« fragte er mit umflorter Stimme, »kennen Sie den Ackerer Grades van Lommen hier neben?« »Kenn' ich, Hochwürden.« »Dann bitten Sie ihn in meinem Namen, er solle für mich sein Schäschen Parat machen; ich will es noch vor Abend benutzen.« »Gerne, Hochwürden.« »Ich danke.« Der Schellfisch empfahl sich. Torkelnd verließ er das Zimmer. Draußen zogen betende Menschen vorüber: ein Psalmodieren und Summen. »Auch das noch, auch das noch!« keuchte Nikodem. Mit großen Schritten durchmaß er die Stube. Ull Koßmann vertrat ihm den Weg, legte ihm beide Hände auf die Schultern und meinte mit lachendem Munde, daß die weißen Zähne sichtbar wurden: »Du, Kaplänchen, ich hab' 'ne große Idee.« »Und ...?« »Den Kerl von soeben, weißt Du – Herrgott noch mal! – den will ich Dir auf Deinen Sonntagspfeifenkopf malen. Dieser Gemütsmensch verdient es.« X. Zwischen den Wiesen Kathje und Pittje hatten sich auf den Heimweg begeben, vermieden aber die staubige Landstraße und zogen durch die schmalen Gänge der Kornfelder, durch welche der Ley-Bach seine spiegelklare Fläche zu Tal schob, dem kleinen niederrheinischen Flecken entgegen. Tief am westlichen Himmel stand das Abendrot. Darüber dehnte sich ein mattgrüner Lichtschein, gleichsam aus schillerndem Blattgold geschlagen. Es war so, als ging von ihm eine kühlende Frische aus, ein erquickender Odem, der die ganze Landschaft belebte. Die drückende Schwüle hatte merklich nachgelassen. Leise wogten die Ährenfelder im Wind, auf deren Halmen die letzten Sonnenlichter wie blitzende Funken verstäubten. Ganz allmählich war das Tagesgestirn untergegangen, ohne jedoch die den Sommertagen eigentümliche Helle der Dämmerstunden mit sich zu nehmen. Noch geraume Zeit schwebte sie dahin wie auf linden Flügeln getragen. Und nun war es Abend geworden, aber alle Gegenstände waren noch deutlich erkennbar. Von den weitgelegenen Gehöften, die langgestreckt aus den Getreidefeldern auftauchten, klang verlorenes Hundegebell; ab und zu ließ sich das Holpern eines Wagens vernehmen; an den Feldrainen zwischen den umkrusteten Schollen zirpten die Grillen. Mit gespreizten Beinen dicht bei ihren Gängen sitzend, den gerundeten Kopf in den quadratischen Vorderrücken gezogen, wetzten sie ihre Flügeldecken mit ungemeiner Hast gegeneinander. Jetzt verstummte die eine und war blitzschnell in ihre Röhre gefahren. Andere folgten, aber neue taten sich auf und begannen zum Preise ihrer Weibchen zu geigen. Hüben und drüben waren die Grillen beschäftigt – ein Schrillen und Zirpen! Die stumme Erde hatte ungezählte Stimmchen bekommen. Und diese Stimmchen! – sie zitterten zwischen den Halmen, lockten aus Gräsern und Schollen, duckten sich, flackerten auf, klangen bald ferner, bald näher, um zeitweilig abzusterben und dann ganz zu verklingen. Und wie sie verhallten, da wurden sie von den wiegenden Halmen abgelöst, die lispelnd weiter erzählten, was ihnen die kleinen Musikanten verkündet. Es war ein monotones Lispeln und Weitererzählen, aber gerade hierin fühlte sich die Abendstille behaglich, die die Schuhe ausgezogen hatte, um lautlos über Gottes weite Erde zu gleiten. Langsamen Fluges ruderten schwarze Vögel vorüber. Sie nahmen sich Zeit und schaukelten in behäbiger Weise den ferngelegenen Baumgruppen zu, die wie ausgeschnittene Schattenrisse auf der Fläche ruhten, wo die Sonne, wenn auch untergegangen, noch immer ihre wechselnden Farbenspiele erneute – eine Folie, so feingestimmt und abgetönt, wie sie nur den Bildern alter Meister zu eigen. Dort schien der Himmel geöffnet und die Pforte des Paradieses zu sein, und die Seele brauchte nur die Flügel zu spannen, um einzugehen in die Halle des ewigen Friedens. Das am Firmament noch vereinzelt ausgestreute Sonnengold vergilbte allmählich. Violette Schatten fielen über die Erde, und die Stille in der Natur wurde noch fühlbarer denn vorhin. Leise glitt ihre liebevolle Hand über die wiegenden Halme. Glücklich und mit leisem Geplauder waren Kathje und Pittje bereits seit einer Stunde gegangen. Jetzt hatten sie den Rand der Getreidefelder erreicht; als sie rückwärts schauten, da war Marienbaum mit seinen Fahnen und Wundern und seinem Glockengebimmel im blauen Nebel versunken. Nur die Silhouette einer schwarzen Baumgruppe, die kugelförmig am fernen Horizont lag, zeigte die Stelle an, wo die Gnadenkapelle zu suchen war. Wie ein gekrümmtes Untier mit mächtigem Buckel ruhte die dunkle Masse am Boden. Kathje spürte einen empfindlichen Druck in der Herzgegend. Sie erinnerte sich der verflossenen Stunden; sie hatte das unbestimmte Gefühl, als wenn die dunkle Masse Odem bekäme, langsam vorwärts kröche – und zwei leuchtende Augen ... »Pittje!« sagte sie mit fliegendem Atem. »Was hast Du?« Kathje streckte ängstlich die Hand aus. »Dahinten – die brennenden Lichter ...« »Wo denn?« »In den Bäumen dahinten!« »Du!« lachte Pittje, »Du siehst schon Gespenster, und die Sonne ist kaum untergegangen.« Er verstand sie nicht und konnte auch nicht verstehen, was ihre Seele bewegte. Er legte den Arm um ihre Schulter und versuchte sie an sich zu ziehen. Ruhig ließ es Kathje geschehn, aber ihre Augen blickten starr und unentwegt nach den Schattenrissen, in denen sie die brennenden Lichter zu sehen wähnte. Ein unbehagliches Schauern ging über sie hin. »Die Lichter ... ! – Und jetzt: hörst Du?« »Ach, die!« meinte Pittje und deutete in Richtung der Landstraße, die jenseits der Ley an der niederen Hügellehne vorbeiführte. Von vielen verworrenen Stimmen klang es herüber. »Sie kommen zurück,« flüsterte Pittje. Die intensive Dämmerhelle des Sommerabends war noch klar genug, selbst Einzelheiten unterscheiden zu lassen. Fahnen und betende Menschen! Heerwurmartig kamen die frommen Pilger gezogen. Die werdende Nacht gab alles in anderen Formen und Farben »Herr, erbarme Dich unser!« »Christe, erbarme Dich unser!« Wie kalkige Flecke verteilten sich die weißen Chorgewänder der Geistlichen in der weiter hastenden Menge, die es eiliger hatte denn zuvor, als sie in der brütenden Sonne schleppenden Fußes die Gnadenkapelle erstrebte. Auch in die Banner und Kirchenfahnen war ein anderes Leben gekommen. Heute früh noch schlaff und mit lechzendem Tuch durch Dunst und Staub getragen, wehten sie jetzt fröhlich im Wind und gaben sich den Anschein, als hätten sie im Verein mit ihren Trägern in den Marienbaumer Destillen mit der Schnapsbouteille geäugelt. In fast gleichen Intervallen postiert, knatterten sie lustig über die schwarzen Gelenke des sich unaufhaltsam vorwärtsschiebenden Wurmes. Es knisterte und raschelte unter den schweren Schuhen, wie das Getriebe in einem Ameisenhaufen, nur verstärkter und dumpfer. Die Ruhe des Abends trug jeden Laut markant und charakteristisch über das Wiesengelände. Die Stimmen der Vorbeter lösten sich weit hörbar aus dem plärrenden Chorus. Diejenige Pierentreckers übertönte sie alle. Jedes einzelne Wort, wenn auch mit lallender Zunge vorgebracht, wurde mit umrissener Schärfe weitergetragen. Es klang wie der blecherne Ton einer Kindertrompete. »Herr, erbarme Dich unser!« Pittje Pittjewitt hatte die Hand des horchenden Mädchens ergriffen. »Gottdomie noch mal!« sprach er mit bitterem Anflug, »der kann noch beten – und geht bald an den geschändeten Birken vorüber?!« Lächelnd folgte Kathje den ziehenden Menschen. Schon waren die ersten um die nächste Krümmung gebogen, als eine dichte Staubwolke an den schwarzen Reihen vorbeikariolte. Die Leute wichen zurück und ließen dieselbe passieren. Wirbelnd folgte ein weißlicher Streifen. Aus der vorwärts rollenden Staubwolke kam das Geratter und Stoßen von Rädern. Jetzt wurde ein Klepper sichtbar, ein Schäschen mit zurückgeschlagenem Lederverdeck – und in demselben hockte eine schwarze Gestalt: Nikodem Peerenboom. »Da!« flüsterte Kathje. Wie ein Schattenbild rollte der leichte Wagen vorüber. »Mater amata Intemerata, Ora, ora pro nobis!« Mit kräftigen Stimmen setzten die Nachzügler ein. Sie taten es mit einer fast jovialen Betonung. Von der niedrigen Berglehne hallte das Echo zurück. »Komm!« sagte Pittje. Kathje haftete noch immer auf der nämlichen Stelle. Langsam wandte sie den Kopf in Richtung von Marienbaum. Ihre Nasenflügel hatten sich über den feingeschnittenen Lippen geöffnet. Seltsam blickten ihre starren Augen in die sich allgemach verschleiernde Ferne. Sie stierte ins Leere. Die dunkle Baumgruppe hatte sich hinter einem Flor von blauen Dünsten verloren. »Das liegt hinter uns,« meinte Pittje, »und es ist gut, daß es so gekommen ist. Nicht da – sondern dort haben wir das Glück unseres späteren Lebens zu suchen.« Mit der Rechten deutete er auf seine engere Heimat, die jenseits der Wiesen lag. Kathje tastete nach seiner Hand und schmiegte sich an ihn. Da legte Pittje seinen Arm um sie her; erhobenen Hauptes schritten die beiden durch die träumenden Wiesen. Die Nacht war noch nicht ganz dunkel geworden. Nur ganz allmählich kroch die Dämmerung in die Schatten des Abends hinein, die nunmehr auch den fahlen Streifen im tiefen Westen verhüllten. Der Himmel nahm indessen das hippokratische Gesicht eines Sterbenden an. Die Sterne waren noch nicht stark genug, ihr sanftes Licht geltend zu machen. Bleich und unter matten Zuckungen versuchten sie ihre kränkliche Helle in den Weltraum zu schieben, allein, wie sie sich auch abmühten, sie brachten nur ein schwaches Blinzeln und Zwinkern zustande. Sie wurden gleichsam eingesogen von der Blässe des Himmels. Die Prozession war voran gehastet. Man hörte und sah nichts mehr von ihr. Statt dessen begannen die seichten Wasser des Ley-Baches zu plaudern. Schwatzhaft plätscherten sie durch das schlummernde Gelände. Ab und zu tauchte eine Kappweide auf. Wie Kobolde mit ungeheuren Köpfen gespensterten sie durch die Stille der Nacht hin. Einige von ihnen hatten sich vornüber gelegt; sie schienen Lust zu haben, über die grasige Fläche zu purzeln. In ihren langen Ruten spielte der Nachtwind. Von der jenseits der Landstraße sich streckenden Hügellehne winkten dunkle Konturen. Vereinzelte Punkte schwebten dort auf und nieder. Es waren Dämmerungsvögel, die mit leisem Schwirren ob den Bäumen revierten. Etliche von ihnen überflogen das weiße Band der Chaussee, um bald darauf wieder in den Bereich der ragenden Schatten zu schwenken. Hinter den dunklen Konturen zitterte eine eigentümliche, immer stärker werdende Helle. Der Vollmond war im Aufstieg begriffen. Mit seinem Kommen gesellte sich der Tau den durstigen Gräsern. Wie auf weichen Matten waren die beiden einsamen Menschen mit gedämpften Schritten weiter gegangen. Sie hatten von der Zukunft gesprochen, von ihrem künftigen Haushalt, von Jan Peerenboom, Mutter Pittjewitt und Nikodem, dessen Mission Kathje mit Bangen erfüllte. Jetzt schritten sie schweigend nebeneinander. War etwas zwischen sie getreten, was sie nicht aussprechen wollten, oder ließen sie sich von dem einschmeichelnden Wesen und Walten der Sommernacht umschauern, die nicht müde wurde, in sonderbaren Lauten zu tönen? Bald war es ein Wetzen und Schleifen, bald ein Geigen und Zirpen, ein fernes Glucksen und Rufen, was die endlose Wiesenfläche belebte. Träumende Vögel, wache Insekten und flüsternde Gräser ...! – Leise redete die sanftgedachte Berglehne mit ihren Bäumen und Sträuchern dazwischen. Von den huschenden Schatten löste sich einer und schwebte über den Ley-Bach. Es war ein eigentümliches Fliegen und Ziehen, ein sanftes Kreisen und Rütteln; es schien eine Eule zu sein und doch keine Eule – aber ein Vogel mit schwalbenartigem Schwanken und Gleiten und von düsterer Färbung umzirkte die beiden. Er hatte etwas Gespensterhaftes in seiner Bewegung. Pittje blieb stehen und hielt Kathje zurück. »Siehst Du?« Regungslos stand er jetzt über Kathje und Pittje; mit einem leisen Klatschen der Flügel hob er sich dann und flog gegen den Himmel, gleichsam als würde ein leichter Gegenstand vom Winde unversehens nach oben getragen. »Örrrrr!« Mit nadelscharfem Surren und Schwirren fiel er wieder zu Boden, hob sich von neuem, schwenkte und schwankte, hielt sich schwimmend in der ruhigen Luft, ließ wieder seine klagende Stimme vernehmen, glitt dann ab und geisterte lautlos und wie von unsichtbaren Händen getragen ins Ungewisse. Wie ein Schatten gekommen, auf linden Eulenflügeln schaukelnd und schwankend, war der Dämmervogel auch wie ein rascher Schatten verschwunden. Keiner hatte gesehen, wohin er geflogen. »Ah!« machte Kathje. Ängstlich duckte sie den Kopf an die Brust des Geliebten. »Der Geißmelker reviert,« erwiderte dieser. »Das bedeutet miserable Zeiten, wie die alten Leute behaupten,« und nun erzählte er ihr im Weitergehen von dem Wesen und den Eigentümlichkeiten dieses Vogels, von seinen Flugkünsten und der Art und Weise sein Junges zu atzen, denn Pittje war bewandert in derlei Sachen und hatte Fühlung genommen mit allem, was in der Natur webte und lebte. Der schlichte und einfache Mann wurde redegewandt, wenn er hierauf zu sprechen kam, und er freute sich, bei Kathje gleiche Saiten anzuschlagen und sie klingen zu lassen. Und Kathje? Wieder hatte das alte Brüten sich ihrer bemächtigt. Sie hörte nur scheinbar auf die ruhigen Auslassungen ihres Geliebten. Die Füße schleppten; ihre Lippen schlossen sich krampfhaft zusammen. Weltvergessen ging sie dahin. Sie hatte keinen Sinn für dasjenige, was in liebevoll gesprochenen Worten auf sie eindrang. Sie glaubte eine andere Stimme zu hören. Und diese Stimme wurde lauter und lauter. Sie hatte große Gewalt und versuchte ihre Schritte zu hemmen. Wie sie es schon früher getan, wandte Kathje das Haupt und sah in die Ferne, wo der Marienzauber versunken war mit all seinen Litaneien und Lichtern. Die ersten Strahlen des Mondes hatten sich aufgetan und legten sich über die dahingegangenen Wunder von Marienbaum. Kathje war seltsam erregt. Jetzt hielt sie den Fuß an. Ein Rausch ging über sie hin. Pittje mußte die Veränderung fühlen. »Was hast Du?« sprach er mit einer fast rauhen Betonung. Sie rührte sich nicht; nur ein leises Zittern durchfuhr ihren Körper. »Antworte,« sprach er noch einmal. »Du sollst doch leben für mich.« Sein Blick suchte den ihren. »Leben für Dich?« fragte sie tonlos. Sie sah ihn stumm an. »Kathje!« Er hatte ihre Schultern genommen. »Kathje, um Gottes willen, was ist Dir?« »Mir!« Sie schüttelte leise den Kopf, ihre Finger verschränkten sich, und das todbleiche Gesicht verlängerte sich zu einem schmerzlichen Lächeln; dann schluchzte sie auf. »O Du, Du, Du ...!« sagte Pittje. »Du weißt doch, wie lieb ich Dich habe. Du weißt doch ... und jetzt...?« »Pittje...!« Sie hielt sich nicht länger. Plötzlich laut aufschreiend umschlang sie ihn mit kräftigen Armen. »Ich bin ja bei Dir! – Aber dahinten – Pittje, dahinten! – Die brennenden Augen! – Halte mich fest, halte mich fest! – Mir ist so, als wenn jemand käme, still, leise, geräuschlos ... als wenn er mich haben wollte, als wenn da noch andere kämen, um uns auseinander zu reißen. Pittje, ich weiß nicht, aber mir ist so...« Und sie klammerte sich an ihn, wütend und fast in Ekstase, während ihr Kopf eine Drehung machte genau in Richtung des untergetauchten Gnadenortes, der so eng mit ihrem Denken und Fühlen verknüpft war. Sie hatte etwas Wirres im Gesicht; ihre Blicke flackerten wie unter dem Einfluß einer tiefen Erregung. »Ich will ja alles, ich tue ja alles ...« »Pittje, das weiß ich, das weiß ich! – Aber die Angst, die Angst! – Sie kommen, sie reißen mich auf, sie schreien nach mir...! – Die entsetzlichen Augen! – Pittje, hilf mir, erbarme Dich meiner ...!« Und sie drückte sich an ihn immer enger und enger, als müßte sie Schutz bei ihm suchen, als müßte sie sich flüchten vor einer zwingenden Gewalt, die nicht mehr lassen wollte und nicht mehr lassen konnte von ihr. Er wollte sprechen, ihr zureden, aber ein plötzlicher Schrei verschloß ihm den Mund. Mit wilder Inbrunst hatte sie ihre Arme um seinen Nacken geschlungen. »Halte mich fest, halte mich fest ...!« Sie hatte seinen Kopf niedergezogen. Ihre Stimme schlug um. Das Qualvolle war aus derselben gewichen. »So bin ich glücklich, Pittje, so bin ich glücklich!« Mit verzehrendem Kuß hatte sie seine Lippen gefunden. Kathje hatte sich plötzlich gewandelt. »O Du, Du!« hauchte sie mit ersterbender Stimme, dann öffnete sie den Mund, um ihn nicht mehr zu schließen. »Du sollst mich halten, halten für immer!« »Kathje, das tu' ich, das tu' ich ...!« Ihr Körper erstarrte in seinen Armen. »Ich habe Dich ja so lieb, Pittje, so lieb!« Ein Sturm von Leidenschaft brauste über sie hin. Er erstickte fast unter ihren brennenden Küssen. Längliche Falten, die um ihre Mundwinkel spielten, verschönten ihr Gesicht. Ein eigentümlicher Duft entströmte ihrem Körper. Die Begierde des Weibes war in ihr rege geworden. Die Schwingungen der liebestrunkenen Sommernacht, die einstmals im Kornfeld über ihre Mutter gegangen, berührten auch sie. Mit verzückten Augen sah sie in den unendlichen Himmel, wo der Liebesstern begann sein Bild zu entschleiern. Schauer auf Schauer durchrieselten Nacken und Rücken. Jetzt preßte sie die Lider zusammen. Dachte sie dabei an Pittje – oder an jenen in der Gnadenkapelle? Und so still und feierlich in weiter Runde! Nur der Ley-Bach gurgelte vorüber, und ab und zu ließ sich das haarfeine Schwirren im Wiesengelände vernehmen. Der Mond hatte sich aus flaumigen Nebelwölkchen geschält; weithin lichterte er über die Szene der laulichen Sommernacht. Und Kathje immer dieselbe! »Pittje, nimm mich! – Weißt Du, Pittje, wir gehören zusammen.« Unbeweglich stand er an der Seite des zitternden Mädchens, in dem das verlangende Weib sich verschämt offenbarte. Deutlich fühlte er die Bewegung ihres zuckenden Körpers. Seine Gestalt straffte sich. »Halte mich, Pittje ...!« Fester schlang er die Arme um sie, denn jetzt wußte er: sie war sein für immer geworden. Wieder schwankte der geheimnisvolle Vogel vorüber. »Komm,« sagte Pittje. Und wieder gingen sie durch die einsamen Wiesen, in welchen die Nebel leise sich hoben, überschritten die Brücke, die über das Wasser führte, um die Chaussee zu gewinnen – und Kathje war ruhig, ruhig wie ein gefügiges Kind, das willenlos folgte, wohin man es führte. Der Heerweg hatte kein Leben. In schnurgerader Richtung lief er die Hügelkette entlang. Filigranartig warf das Mondlicht die Schatten der Obstbaumzweige über die weißliche Straße. Am Ende derselben lagen glimmende Fünkchen, klein und dunstig, wie Johanniswürmchen in warmer Sommernacht. Es waren die Lichter des heimatlichen Fleckens, der duftigblau unter dem steigenden Mond lag. Mittlerweile war es spät unter dem Himmel geworden. Aus weiter Ferne hallten die Uhren herüber. Pittje zählte die einzelnen Schläge. Am entgegengesetzten Ende der Landstraße, gegen Appeldorn und Marienbaum zu, zeigte sich in diesem Augenblick ein vorwärts kommendes rötliches Pünktchen, das stetig wuchs und einen immer größer werdenden Lichtschein um sich verbreitete. Die beiden rasteten ein wenig am Ranft der Chaussee und sogen mit vollen Zügen die Luft ein, die ihnen laulich entgegenwehte. Kathje drückte sich inniger an ihn. Durch das dünne Gespinst ihres Kleidchens spürte er das Berückende ihres geschmeidigen Körpers. Sie war ihm noch nie so begehrenswert erschienen wie heute. Die Weltabgeschiedenheit drängte gebieterisch darauf, sich fester und inniger aneinander zu schmiegen – sie drängte nach Liebe. Die beiden einsamen Menschen fühlten das und küßten sich lange. Der rötliche Lichtschein war näher gekommen. Sie achteten nicht darauf. »Jetzt müssen sie da sein,« flüsterte Kathje. »Und alle wissen es, daß wir zusammen gehören,« lächelte Pittje. »Wie die Augen machen werden,« entgegnete sie. »Und Nikodem?« »Der ist auch da,« erwiderte Pittje, »denn soeben – das Schäschen...« »Glaubst Du?« Kathje schreckte zusammen. Wie ein glühendes Auge brannte jetzt der näher kommende Lichtschein über die Landstraße hin. Es war eine Laterne, die zu einem leichten Fuhrwerk gehörte. Vor demselben trabte ein Ding, das mit einem Schimmel Ähnlichkeit hatte. Ein schrilles Quietschen ging von Achsen und Naben aus, bei denen sichtlich die Wagenschmiere gespart war – und dieses Quietschen wurde von einem merkwürdigen Dreischlag begleitet. »Eins, zwei, drei – vier, fünf, sechs!« zählte Pittje. Dann ging ein fröhliches Lächeln über seine ernsthaften Züge. »Gottdomie!« rief er mit heiterem Munde, »das ist ja der Schimmel vom Sally.« »Und Sally selber!« freute sich Kathje. Und richtig, so war es. Die Zügel mit lässiger Hand führend, die Beine übereinander geschlagen, eine Nelke im Mund und ein Nelkensträußchen hinter der linken Ohrmuschel tragend, kam Sally Süßkind mit seinem leichten Korbwagen und mit der dreibeinigen Jette durch den späten Abend gefahren. Eins, zwei, drei – vier, fünf, sechs; eins, zwei, drei – vier, fünf, sechs ...! Jette humpelte näher und präsentierte sich nunmehr, trotzdem sie eine große Seelengüte aufweifen konnte, in der ganzen Miserabilität ihres kläglichen Aussehens. Ein Pferdeverständiger hätte darüber Mauke bekommen. Die Sternkuckerei und das Leinewebern im Stall waren noch die geringsten Gebresten an ihr. Hinten kuhhessig, war sie vorn mit den Allüren eines Tanzmeisters behaftet, hatte Piephacken und Gallen und lahmte infolge von Spat auf der rechten Hinterhand in bedenklicher Weise. Jette ging dreischlägig, und dennoch: sie nahm mit geringem fürlieb, hatte nur obige Untugenden, ging proper und fuhr sicher im Wagen, und was das Einschneidendste war: sie war zufrieden mit Sally und Sally mit ihr, ein Umstand, der den letzteren bestimmt hatte, das zwanzigjährige Schimmelvperdchen für sein Produktengeschäft bis zum heutigen Tage und trotz seiner bedenklichen Fehler in Kost und Logis zu behalten. Ohne Jette kein Sally – ohne Sally kein Jettchen! »Haar-üh ...!« »Tag, Sally!« »I, wo denn ...! – Prrr, Jette! – Habe die Ehre! – Gott der Gerechte – Kathje un Pittje ...! Schon zurecht gekommen mit's Beten un die frommen Gefühle?!« »Alles in Ordnung. Und Sie?« fragte Pittje. »In Geschäften gewesen, in Perduktengeschäften! – Fein!« machte Sally, spitzte den Mund und schnipste den Mittelfinger von dem rechten Daumen herunter, gleichsam, um die Qualität des betätigten Handels auch äußerlich in die Erscheinung treten zu lassen. »Aber ich bitte, Freilein Kathje, Herr Stadtrat ...« Und Sally dienerte vom Wagen herab, was einer Einladung gleichkam, mit ihm den verbleibenden Rest des Weges vertrauensvoll riskieren zu wollen. »Recht gern,« sagte Pittje Pittjewitt, hob Kathje in den Korbwagen hinein, um dann selber zu folgen. »Haar-üh!« Die brave Jette, die inzwischen, was das Zeug halten wollte, geleinewebert hatte, tanzmeisterte nun los. Tally straffte die Zügel, machte einen Zungenschnalzer, und unter dem gelispelten Singsang »Sieh, o Norma...!« ging die Fahrt durch die friedliche Landschaft. Eins, zwei, drei – vier, fünf, sechs ...! Lustig hüpfte der Schein der wackeligen Laterne als Spitzenreiter voraus, kapriolte und hopste, so daß es den Anschein hatte, als wäre die Tanzmeisternatur des Schimmelpferdchens in das Talglicht gefahren. Hurtig und wie durchbrochene Schatten hasteten die Obstbäume vorüber. Der feurige Liebesstern war stetig im Aufstieg begriffen. Seinem magischen Wesen konnte sich auch Sally Süßkind nicht verschließen. Es kam über ihn wie ein Sehnen und Drängen. Er fühlte sich von knisternden Liebesfunken umzittert. Ein stetig wachsendes, aufdringliches Gefühl bemächtigte sich seiner. Er dachte an Kathje, die hinter ihm weilte. Kathje hatte den Oberkörper zurückgelehnt und den Kopf an Pittje geschoben. Sally wandte sich langsam. Sie kam ihm vor wie eine der schönen Töchter von Jeruschalaim. »Deine Lippen, meine Braut, sind wie triefender Honig – und die Blumen sind hervorgegangen im Lande ...!« Sally war auf die Worte des Hohen Liedes verfallen. Er gedachte der Nelken, die hinter seiner Ohrmuschel dufteten. Der Zügel entglitt seiner Hand und blieb auf dem Spritzleder haften. Er griff alsdann nach dem Sträußchen, beugte sich rücklings und machte sich an der Brust des jungen Mädchens zu schaffen. »Kathje, ich habe die Ehre.« Sie ließ es geschehen, daß er die Blumen dem prallen Mieder verknüpfte. Sally aber nahm sich Zeit. Seine Manipulation dauerte über Gebühr; er schien sie künstlich in die Länge zu ziehen. Seine Augen standen dabei unter dem Einfluß eines gehobenen Glanzes. »Aber Sally...!« »Um Verzeihung, Herr Pittje.« Endlich war er fertig geworden. »Herr Pittje,« sagte er mit leuchtenden Blicken, »wie mollig! Gratuliere, Herr Stadtrat.« – Dann stieß er einen unartikulierten Laut aus. Jette verstand ihn. So schnell das Schimmelpferdchen traben konnte, fuhren sie der nahegelegenen Stadt zu. Es war zehn Uhr unter dem Monde geworden. Die ersten Häuser kamen in Sicht – und der Liebesstern stand über dem massigen Kirchturm, verheißend und strahlend. »Herr Pittje, wie mollig!« XI. Es zwinkert ... Jan Peerenboom saß allein in seinem vorderen Zimmer, ließ sich von dem matten Licht einer grünangestrichenen Öllampe umscheinen und dichtete. Seitdem Pittje Pittjewitt und Sally Süßkind die graue Sorge von seiner Schwelle vertrieben hatten, seitdem Jan wieder in geordneten Verhältnissen lebte, und die Kirmeszeit ahnungsvoll heraufdämmerte, war der Künstler wiederum mit Macht bei ihm durchgebrochen. Er gedachte eine große Puppenkomödie zu schreiben, die er zuerst vor seinen Mitbürgern, bei Gelegenheit des bevorstehenden Jahrmarktes, und dann im benachbarten Wissel aufführen wollte. Er war bis zum dritten Aufzug gekommen. Genoveva! – Jan versprach sich einen Bombenerfolg von der werdenden Dichtung, und im Schweiße seines Angesichtes benutzte er die Abende dazu, das Werk der Reife entgegenzubringen. Ein mit verschiedenen Fettaugen getüpfelter Papierbogen lag vor ihm. Den linken Ellbogen auf die Drehbank und den Kopf in die Hand gestützt, die Spitze eines fragmentarischen Bleistiftes mit glutenden Augen fixierend, hielt er seine große Heerschau ab über Gedanken und Reime. Schwadronsweise und in Bataillonskolonnen ließ er sie antreten und vorbeidefilieren. Sapperment noch mal, das waren noch Truppen! Diese Monturen, dieser einzige Aufschlag im Tempo! – Kerzengerade und in tadelloser Richtung zogen die einzelnen Abmärsche vorüber. Ha, wie das klappte! Mit Tambour battant und klingendem Spiel ließ er die Verse passieren. In der Form von leichter Kavallerie, mit Haarbusch und fliegenden Fähnlein, kamen spiegelblanke Reime getrabt und ergötzten die Sinne. Und dann die Gedanken! – Als schwere Artillerie rasselten sie an der Drehbank vorüber. Ein kurzes Kommando: mit Granaten geladen! – Es wurde abgeprotzt und in wuchtigen Gedankenblitzen rollten die Salven über das weite Gelände. Jan Peerenboom machte eine gewaltige Pose. Er hatte über die zweite Szene des dritten Aufzuges die große Heerschau gehalten. Hierauf ließ er Fanfara blasen, hob den Marschallstab, feuchtete ihn mit der Zunge an und begann die zweite Szene in krausen Buchstaben niederzuschreiben. Es war ein mühsames und schweres Stück Arbeit. Jan war ein Denker und Himmelsstürmer, ein Mann, dem das souveräne ,Ich' stets in der Heldenbrust und auf den Lippen ruhte. Kein Zweifel: er hatte das Gebaren eines Modernen, allein mit der Schulbildung haperte es, und so war es natürlich, daß die besten Reime und Verse in der lustigsten orthographischen Kostümierung dem fettäugigen Papierbogen einverleibt wurden. Die vierundzwanzig stimmberechtigten Mitglieder des Alphabets gerierten sich wie Tollhäusler; sie vollführten eine wahre Orgie und einen Hexensabbat des Unsinns auf dem geduldigen Bogen, der sich über diese Komödie der Irrungen ordentlich entsetzte. Aber was scherte dieses Jan! – Es ist der Ton, welcher die Musik macht – und Jan machte Musik in des Wortes vollster Bedeutung. Seine Augen standen in überirdischem Glanz; selig lächelnd drückte er das Haupt an den warmen und vollen Busen der neben ihm weilenden tragischen Muse. So schrieb er mit fiebernden Pulsen an der gewaltigen Dichtung und achtete nicht darauf, daß bald die Zeit gekommen, wo die Prozession und mit ihr Kathje zurückkehren sollte. Heute, also am Tage des feierlichen Auszuges nach Marienbaum, hatte sich der Künstler nicht mit knechtischen Arbeiten beschäftigt. Am Morgen hatte er die Kirche besucht und mit seinem lieben Herrgott gesprochen; dann war er promenierenderweise an etlichen Destillen vorüber gegangen. Festlich aufgeputzte Schnapsflaschen standen im Schaufenster. Der Puppenspieler las alle Etiketts vom Wacholderkümmel bis zur Ruhrperle herunter – und der Versucher trat zu ihm, kniff ihm ein Auge und meinte: »Jan, 'nen Halben mit Zucker kannst Du immer riskieren; es ist nur von wegen der geistigen Frische!« – Die Branntweinflaschen hofierten dabei so kühl und wasserhell von den Stellagen herab, daß es ihm verlangend im Munde zusammenlief. »Na, Jan, wie wär' die Geschichte?!« – aber der Puppenspieler dachte an seinen heiligen Schwur, kein 'Gebranntes' mehr hinter Halstuch und Weste zu gießen, blieb infolgedessen standhaft – und war weiter gegangen. In der Wirtschaft von Küppers ketschten die Billardkugeln zusammen. Jan hielt instinktiv den Fuß an, horchte auf das helle Klappern und Klingen und sah im Geiste, wie die elfenbeinernen Dinger über die grüne Tuchfläche rollierten. Die gewagtesten Dessins huschten dabei an seinen Augen vorüber. Die Zehen wurden ihm lang, und die Hände kribbelten schon danach, ein Kö zu ergreifen, um nur ein ganz winziges Stößchen zu wagen. Zudem machte sich wieder der Verführer bemerkbar. »Nur immer gemütlich,« flüsterte er mit verhaltener Stimme, »so'n kleines Karambolagepartiechen könnte nicht schaden.« »Nein,« entsetzte sich Jan, schlug den Weg nach Hause ein, steckte etliche Butterschnitten zu sich und ging den städtischen Wiesen entgegen. Puppenspiel und Jagen hatte er bei seinem Gelöbnis nicht abgeschworen; sie waren ihm gewissermaßen als Künstlerlehen geblieben, eine Gerechtsame, die ihn nach kurzer Überlegung bestimmte, einen kleinen Jagdstreifzug in die nächste Umgebung zu machen. Gewehr, Schrotbeutel und Pulverhorn waren bei ihm unnütze Dinge. Aus den benachbarten Tümpeln suchte er sich an den seichten Stellen glattgeschliffene Kiesel zusammen, steckte sie in die Hosentaschen und begab sich feldeinwärts. Für die Stare war die Schonzeit vorüber; sie hatten bereits zum zweiten Male ihre Jungen gezeitigt, sie aufgepäppelt und in größeren oder kleineren Trupps auf die Weideplätze geleitet. In violettem und goldgrünem Wams wackelten sie kopfnickend und gravitätischen Schrittes durch die wiederkäuenden Rinder, zirkelten mit ihren Schnäbeln in den Grasnarben herum oder schnurrten auf die Kruppen der werdenden Tiere, dort die lästigen Zecken aus ihren Gängen zu heben. Die Hände in den Hosentaschen, mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt, schlenderte Jan durch die scheckigen Kühe und schillernden Stare. Nur das listige Auge verriet, was er vorhatte. Ruhigen Schrittes, mit dem nichts Schlimmes ahnenden Benehmen eines harmlosen Spaziergängers ausgerüstet, hielt er dennoch den Tod in der Tasche, denn zeitweilig und bei passender Gelegenheit fuhr die Hand aus derselben. Durch eine straffe, aber kaum wahrnehmbare Bewegung des Gelenks wurde der heimtückische Kiesel geschleudert. Mit einem feinen Gesurre kam dieser geradeswegs geflogen. »Spett, spett, spett – fiet!« schrieen die Stare, schnurrten ängstlich empor, um etliche hundert Schritte weiter abermals und mit lautem Geschwätz in die Wiesen zu fallen. Nur einer von ihnen hatte den Aufflug vergessen. Jan bückte sich nieder; alsbald baumelte der schmählich zur Strecke Gebrachte an einem Ledergurt, der für gewöhnlich den Sitz der großkarierten Hose bestimmte und festhielt, heute aber auch noch jagdlichen Zwecken zu dienen hatte. An demselben waren mehr denn zwei Dutzend Schlingen befestigt. »Spett, spett, spett – fiet!« – Noch oftmals ertönte der Schreckensruf der aufgestöberten Vögel, noch öfters kam der tückische Stein mit leisem, kaum wahrnehmbarem Surren geflogen, als der Puppenspieler eine Pause eintreten ließ und die mitgebrachten Butterschnitten im Schatten einer breitausgelegten Kappweide verzehrte. Nach stündiger Frist ging es von neuem los. Um die Vesperzeit hatte Jan den fünfundzwanzigsten Zirkelmeister von dem Rücken einer weißbraunen Kuh mit zartrosigem Euter heruntergekieselt. »Spett, spett, spett – fiet!« Die drückende Hitze vergällte ihm die weitere Jagdlust. Froh der gewonnenen Beute, die er morgen in der großen Pfanne zu bräteln gedachte, war er auf Schleichpfaden heimwärts gezogen, hatte noch die Yorkshire-Sau mit abgekochten Grundbirnen und Spülicht gefüttert und sich alsdann an die volle Brust der ewigjungen Dichtkunst geworfen. Auf diese Weife war sein Tagewerk ein schönes und edles gewesen. – Jan legte den abgeknallten Bleistift beiseite. Er hatte die zweite Szene des dritten Aktes niedergeschrieben. Mit herrischem Selbstgefühl ergriff er das Schriftstück, reckte sich auf, hob die rechte Hand mit gespreizten Fingern empor und rezitierte mit hallender Stimme: »Genoveva, ein Ritterstück in vier Aufzügen von mir. Zweite Szene – Genoveva und Gulo. Düstere Stimmung. Wind von allen Ecken und Enden. Mondlicht und Kerzenbeleuchtung. Eulengeschrei hinter der ersten Kulisse: Kumitt, kumitt! – Hierauf abwechselnd Genoveva und Golo; Golo beginnt: Du willst nicht? Nein! Ich frage nochmals? Nein! Ach, lieber Golo, niemals kann es sein! Noch hat der Satan mich nicht in den Krallen, Dieweil ich nicht auf Böses schon verfallen, Drum kannst Du mir das Schönste auch versprechen: Ich tu' es nicht – ich tu' nicht ehebrechen! Dem fernen Gatten gelten meine Triebe, Der mit den Türken sich als Ritter mißt – Ich tu' es nicht dem Schmerzenreich zuliebe, Der, leider Gott's, noch nicht geboren ist.                      Er: So willst Du nicht in Liebe für mich brennen?                      Sie: Ich darf es nicht.                      Er:                Dann marsch – in die Ardennen! Das Bündel schnüre; fort aus diesem Haus Und such' im Wald Dir eine Hirschkuh aus.                      Sie: Erbarmen – Du! – Schon wird es spät und später, Vom Dach miauen Katzen schon und Käter ... Erbarmen – Du! – Mit schaurigem Geheule Steht ein Gespenst schon an der Gartensäule; Das winkt nach mir, das will mich greifen, fassen Und will nicht mehr von meiner Schönheit lassen. Die Eule schreit aus ihrem Lochgehäuse; Die Nacht ist wild, es ziehn die Fledermäuse, Drum, lieber Golo, höre meine Worte Und werde sanft wie eine Apfeltorte: Ich kann doch nicht, so schmerz- und angstbeklommen, Mit meinem Jungen draußen niederkommen.                      Er: Mir ganz egal! – Verdirb in Nacht und Moder! Hier gilt das eine nur: Entweder – Oder!                      Sie: Dann lieber ›Oder‹!                      Er:                    Ha! – so wär's gesprochen! Das Tafeltuch ist zwischen uns gebrochen. In meinem Schmerz – ich greife zur Pistole! Nein, morden nicht – daß mich der Teufel hole! Da Du nicht willst, ich sterbe unbeweibt, Doch was ich sagte, wisse Du, das bleibt: Marsch von der Burg! – Doch lasse, um zu leben, Dir in der Küche noch 'nen Schinken geben. Für später dann nur Beeren oder Kräuter, Für Schmerzenreich das volle Hirschkuheuter ...! Aus Rache aber – ha! – geh' ich zu Deinem Mann Und klage Dich des Ehebruches an.                      Sie: Du wolltest?                      Er: Ja, ich will's beim Schüppendaus!                      Sie: So muß ich denn in Nacht und Not hinaus Mit meinem Leid und meinem muntern Jungen, Den ich noch nicht ans Tageslicht gebrungen. Dir aber Fluch! – Fluch bis ins zehnte Glied, Denn wisse Du, das Auge Gottes sieht; Das zeichne Dich mit tausend Kainsmälern, Dich, Greulichsten von allen Scheuesälern, Der von den Wolken jemals nur beregnet, Und mir im Leben jemals nur begegnet! Ich aber zieh' jetzt meine Marterbahn ... Hilf, großer Gott, wo ist der Burgkaplan?!« »Wo ist der Burgkaplan ...?!« schrie der Rezitator noch einmal, jedenfalls um auf die jetzt kommende Wendung des Dialogs vorzubereiten und sie in die richtige Erscheinung treten zu lassen, als draußen ein rasches Schäschen über das Pflaster holperte, vor der Hausschwelle hielt, und bald darauf Stimmen gehört wurden, die aber nur in Flüsterlauten wechselseitig verhandelten. »Also, Lommen, in einer Stunde zurück.« »As't üh belieft, Mjinheer Kaplan.« »Ein Gläschen Bier auf meine Kosten dürfte inzwischen nicht schaden.« »Danke.« Was kümmerten Jan die Stimmen bei dem Schäschen da draußen. Wieder begann er: »Hilf, großer Gott, wo ist der Burgkaplan ...?!« Ein Verhängnis waltete sichtlich ob dieser Stelle, denn das Wort erstarrte ihm zwischen den Lippen, als wäre eine fünfundzwanziggradige Kälte darüber gegangen. Mit scharfem Finger wurde an die Tür geklopft. »Herein!« »Gelobt sei Jesus Christus!« Mit diesem frommen und ortsüblichen Gruße war der Herr Kaplan Nikodem Peerenboom auf der Schwelle erschienen. »Sapperment noch mal!« Taumelnd wich der Puppenspieler einige Schritte zurück. Noch ganz im Banne seiner fulminanten Dichtung stehend, noch gänzlich berauscht von seinen eigenen Versen und Reimen, die noch immer wie Blütenschnee auf ihn niederrieselten, glaubte er den Burgkaplan der frommen Genoveva von Brabant in Wirklichkeit beschworen zu haben. Ja – da stand er und gab die Antwort durch den Mund seines eigenen Dichters, denn dieser hatte sofort die Situation begriffen und deklamierte mit tönendem Pathos: »Es wankt mein Fuß, der Rücken ist mir blau; Ich kann nicht helfen, vielgeliebte Frau, Dieweil ein Kerl mit fürchterlichem Spieß Mich eben bringt ins dunkle Burgverließ!« »Aber, Vater ...!« Nikodem hatte die Hände erhoben, als müßte er den großen Exorzismus gegen ihn aussprechen, denn er hielt seinen Erzeuger in diesem Augenblick mit dem Schnapsteufel behaftet. »Gelobt sei Jesus Christus!« sprach er zum anderen mit vibrierendem Tonfall. Das nutzte. Im Dämmerlicht der nur mäßig brennenden Lampe erkannte Jan die Züge seines eingeborenen Sohnes. Durch eine irdische Macht aus allen Wolken gerissen, stürzte er unsanft auf die prosaische Erde zurück. »Murrgen ...!« donnerte er, noch nicht ganz im Besitze seiner sachlichen Denkweise, den vor ihm Stehenden an. »Gut, daß Du mich auch mal besuchst, daß Du das väterliche Haus in Deiner geistlichen Würde nicht ganz außer acht läßt; aber was verschafft uns die Ehre?« »Ich komme in einer wichtigen und äußerst dringlichen Sache.« »So! – und da bist Du ohne Deine leibliche Schwester gekommen?« »Allerdings,« entgegnete Nikodem, indem er die sommersprossigen Hände wie fröstelnd zusammenrieb, »und trotzdem habe ich mich nur ihretwegen entschlossen, zu dieser nichtgewöhnlichen Zeit die Unbequemlichkeiten der nicht gerade unterhaltsamen Fahrt auf meine, insbesondere durch die Anstrengungen des heutigen Tages recht müden Schultern zu nehmen, um im Interesse unserer ganzen Familie, die, wie Du weißt, sich nicht in der angenehmen Lage befindet ...« »Oh!« machte der Puppenspieler, »das muß ich mir denn doch energisch verbitten, denn seit etlichen Tagen sind all meine Möbels ...« »Du verstehst mich nicht, Vater,« unterbrach ihn der junge Cölibatär. »Darauf wollte ich nicht hinaus; dieses steht auf einem anderen Brette verzeichnet. Mit derlei irdischen Dingen kann sich mein harmonisch abgeklärtes Fühlen und Denken nur ausnahmsweise beschäftigen. Nein, mein Kommen entspricht anderen, schwerwiegenderen Motiven. Höre: durch die Taufe und vornehmlich durch die Eucharistie sind unsere Körper Glieder Christi und Tempel des heiligen Geistes geworden. Auf diese heilige und unumstößliche Tatsache nun bezug nehmend ...« Mit einem langgezogenen Laut gähnte Jan in diese frömmelnden Salbadereien seines dozierenden Sohnes. »Vater, ich bitte pflichtschuldigst, mich nicht unterbrechen zu wollen. Also – bezug nehmend auf diese sanktionierte und unumstößliche Tatsache und ferner im Hinblick auf mein heiliges Amt als geistlicher Hirte und christkatholischer Priester, der für das Seelenheil seiner sündigen Mitmenschen und speziell für dasjenige seiner tiefunglücklichen Schwester ...« »Ach, Du Herr Jeses!« fuhr jetzt der Puppenspieler angeärgert dazwischen, »die alte Geschichte – und ich dachte schon, Du wärest hergekommen, um mir von wegen meines unsagbaren Unglücks so 'n bißchen mit ›Puttputtputt‹ unter die Arme zu greifen.« »Wie sollte ich – und wie wäre hierdurch Eurem Seelenheile geholfen?!« »Mit ›Puttputtputt‹ wäre allem geholfen,« trumpfte der Puppenspieler auf, wobei er fingerfertig die Manipulation des Geldzählens nachmachte, »denn – Himmel Sapperment noch einmal! – ich sollte doch meinen, daß, wenn wildfremde, aber sozusagen gutherzige Menschen sich veranlaßt sehen, mir in meinem Künstlerelend wieder auf die Strümpfe zu helfen, der eingeborene geistliche Herr Sohn und Bruder ... Aber – das hat nicht eine lumpige Bohne gestiftet.« »Vater,« sagte der junge Kaplan, »ich habe für Euch gebetet, innig gebetet in diesen schweren Tagen der Trübsal.« »Gebetet ...?!« Jan Peerenboom war wieder in sein theatralisches Pathos verfallen. »Gebetet ...?! – O, o, o – Nikodemus! – das ist für die Katze gewesen. Mit's Beten allein werden einem keine Pierentreckers vom Halse gehalten, von's Beten allein wird einer nicht fett und wird nichts in die Suppe gebrocken; der preußische Kuckuck schert sich den Satan um's Beten ...! O, o, o – Nikodemus!« Bei den letzten Worten schlug Jan eine grimmige Lache an und streckte die Arme zur Decke. »Nein, Nikodemus,« fuhr er dann mit wachsender Stimme fort, »beten allein tut's nicht; im vorliegenden Falle wäre christliches Wollen und ›Puttputtputt‹ die Parole gewesen. – Und Du ...?« »Ich sagte Dir schon: ich habe gebetet, ich habe es nicht fehlen lassen an priesterlichen Zurechtweisungen, an Milde und Güte, ich war um Eure Seele besorgt, denn sie wertet mehr wie der sterbliche Körper, aber – Gott sei es geklagt! – ich habe vor tauben Ohren gepredigt, und so ist durch eine gerechte Fügung des Allerhöchsten das Unglück über Dich und meine Schwester gekommen.« »Schweige davon,« legte sich nun der Puppenspieler energisch ins Zeug, »das ist anders geworden, das Malör wurde übergekartelt – und Pittje Pittjewitt und Sally Süßkind sind die Trümpfe gewesen.« »Leider.« »Was leider, wo leider?! – Du natürlich. Du natürlich, mein Junge ...! – Gott, ich vergesse ja ganz: Du bist ja selbst 'ne hungrige Ratze, aber Du hättest mal vorsprechen können, hättest uns trösten können in unserem Malör, und so'n paar Kastemännchen als Abschlagszahlung wären auch nicht zu verachten gewesen. Man hätte dann doch gesehen, daß man einen liebevollen Sohn in die Welt gesetzt hat. Ich habe doch für Dich gedarbt und gerungen ...« »Jegliches Darben und Ringen ist umsonst, wenn man Schaden leidet an seiner unsterblichen Seele. Gott hatte die Prüfung gesandt; ich konnte und wollte daher nicht eingreifen, denn hätte ich es getan, ich hätte Dich noch mehr in die Arme der Weltlust getrieben, Dich abgehalten, die Tugend der christlichen Mäßigkeit mit lauterem Herzen üben zu können.« »Was verstehst Du darunter?« »Im vorliegenden Falle: die Tugend, nicht mehr in das Geheimnis der Branntweinflasche unterzutauchen, denn sie ist das schnöde Gefäß und die Phiole des Teufels.« »Halt!« sagte Jan und machte dazu eine energische Handbewegung. »Kommst Du mir wieder mit diesem abgetriebenen Hammel gesprungen? Mit Dir ist kein vernünftiges Sprechen mehr möglich. – Ausgeschlossen! – Ich reite meinen eigenen Hammel – und darum: klares Getränk in die Buddel! – Was willst Du?« »Ich sagte schon, ich bin wegen Kathjes gekommen.« »So?« »Und da sie sich mir gegenüber,« ergänzte der Kaplan mit scharfer Betonung, »und zwar hinsichtlich meiner berechtigten Wünsche in einem renitenten Benehmen gefiel, so möchte ich Deine väterliche Autorität ...« »Hm!« sagte Jan schon halb versöhnt und mit einem gewissen Bewußtsein. »Väterliche Autorität! – da läßt sich freilich ein anderes Dessin herausbillardieren. Also von wegen Kathjes. Ich höre. Murrgen ...! – Ich ersuche gefälligst, Dich placieren zu wollen.« »Hier?« fragte Nikodem mit vorwurfsvoller Geste. »Nein – aber ich bitte Dich, mein Anliegen hier nebenan vortragen zu dürfen.« »Hier nicht? – Warum nicht?« Nikodem verschränkte die Hände; mit seinen verwässerten Augen huschte er über die Puppen, den Komödienkasten und die anderen Dinge, die sich in der Stube befanden und als wesentliche Faktoren im künstlerischen Berufe seines Vaters anzusehen waren. Das trübe Licht der Rüböllampe zeigte sie dem Beschauer in matten Konturen. Der Holzkopf des Ritters Golo glotzte im Schmuck seiner Fuchshaarperücke und der gestärkten Halskrause aus unmittelbarer Nähe herüber. Der Geistliche war beiseite getreten. Der weltliche Komödienplunder mißfiel ihm und wirkte unbehaglich auf seine ganze Verfassung. »Vater, ich kann nicht anders. Meine Sache ist sehr ernsthafter Natur, und in dieser profanen Umgebung ...« »Wa ...?!« Jan Peerenboom fühlte den Boden unter seinen Schuhen versinken. Er glaubte klaftertief in die Erde zu rutschen – aber er hielt sich, reckte sich auf und stand nun in seiner ganzen Würde als Mensch, Ventriloquist, Drechslermeister und freier, ausübender Künstler dem Sendling aus Marienbaum gegenüber. »Herr,« donnerte er alsdann seinen Sohn an, »profane Umgebung?! – Du beleidigst Deinen Erzeuger in seiner Eigenschaft als Mime und Dichter! Hier ...!« Und im Handumdrehen hatte er den fettäugigen Papierbogen ergriffen, auf denselben mit gewendeten Knöcheln geschlagen und die Worte gesprochen: »Genoveva, ein Ritterschauspiel in vier Akten, gedichtet von mir – und denn von profaner Umgebung zu sprechen?! – Himmel Sapperment noch einmal! – Anch' io sono ... und ich brauche es nicht für voll anzunehmen ...« »Vater,« versuchte ihn Nikodem zu begütigen, »ich bin völlig bewandert in dem, was die christliche Kindesliebe mir vorschreibt, und es hat mir gänzlich fern gelegen, Dich auch nur im mindesten kränken zu wollen.« »So!« meinte Jan. »Zugegeben; ich kann begreifen, daß meine Kunst Dir nicht ansteht, denn Ihr, als Gesalbte des Herrn, seid weltlichen Dingen kalt gegenüber und wißt Euch keinen Vers auf die Berufung und Sendung eines künstlerischen Geistes zu machen. Wenn auch schweren Herzens – ich füge mich. Komm.« Der Puppenspieler ging erhobenen Hauptes voran. Nikodem folgte. Als sie in das Zimmer traten, wo Kathje für gewöhnlich ihre Schlafstätte hatte, fiel ihnen helles Mondlicht entgegen. Lautlos schloß sich die Tür hinter den beiden. Die Holzpuppen, die an feinen Drähten von der Decke hingen, waren jetzt allein und klapperten mit ihren Gelenken leise zusammen. Im Dämmerlicht der kränk-lichen Lampe schien Leben in ihre sonst so starren Leiber zu kommen, denn die klobig geschnitzten Augen begannen zu leuchten, die Mäuler rissen sich auf, und der mit goldenen Bordüren auf das prächtigste ausstaffierte Ritter Golo bemühte sich frech und ungeniert mit der schönen Pfalzgräfin von Brabant in ein Liebesverhältnis zu treten. Und sie? Ach! – die reizende Genoveva, mit der Flitterkrone im Haar, dachte gar nicht daran. Sie hatte ihm den Rücken gekehrt, ließ den stattlichen Holzkopf hängen, träumte von ihrem fernen Gemahl und harrte mit trübem Sinnen ihrer schweren Stunde entgegen. Jantje Klaas, der Spaßmacher in der Puppengesellschaft, versuchte lustig das rechte Bein zu heben, räkelte sich und begann mit kaum wahrnehmbarer Stimme zu singen, wobei die anderen Puppen sich anschickten, kirmesfreudig und mit wackelnden Köpfen den Kehrreim zu dudeln. Weltfremd, den eigentümlichen Klängen eines Xylophons nicht unähnlich, hallte es durch die Stille der Nacht hin: »Bier en Kümmel lößt de Ohm, Kirsch en Pomeranze – Liewen Onkel Peerenboom, Laat de Pöppjes danze. Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning – Voran Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!« »Jantje Klaas ...!« Der rätselhafte Singsang verstummte. Die beiden da drinnen verhandelten lange zusammen. Nur vereinzelte Laute drangen aus dem Nebenzimmer. – Inzwischen waren die Wallfahrer staubbedeckt, hungrig und durstig wieder bei ihren heimischen Penaten eingetroffen. Frauen und Mädchen suchten ihre Wohnungen auf, während ein Teil der Männer noch in die Kneipen einfiel, um mit einem Glase Bier die ausgestandenen Strapazen herunter zu spülen und sich noch angelegentlichst über das mittlerweile offenkundig gewordene Pittjewitt-Peerenboomsche Familienereignis auszulassen, das neben dem Baumfrevel auf dem Monterberge den Hauptgesprächsstoff für die frühen Nachtstunden abgab. Auch die plötzliche Reise Nikodems wurde lebhaft erörtert. Schließlich aber standen nur noch die geschändeten Birken unter dem Kreuzfeuer einer langen Debatte. Selbst die klerikal Gesinnten gaben ihrer Entrüstung unverhohlenen Ausdruck, obgleich mit aller Wahrscheinlichkeit anzunehmen war, daß fragliches Karnickel sich nur in ihren Reihen verberge, eine Überzeugung, die bei vielen eine gerechtfertigte und tiefe Verstimmung hervorrief. Aus geheimnisvollen Andeutungen, die Wilm Henseler bereits dem Herrn Polizeidiener Brill gegenüber gemacht hatte, schlug dieser selbstverständlich gewaltiges Kapital, gerierte sich in den verschiedenen Wirtschaften, unter wichtig sein sollenden, aber nichts bedeutenden Hinweisen, als ein Mann, der nur mit seinen karmesinroten Aufschlägen zu erscheinen brauche, die verwickeltsten Fäden zu lösen. Ja – er stellte sogar, unter Augenblitzen und Anfeuchten des obligaten Bleistiftes, eine Justiz in Aussicht, bei der Wasser und Brot, Zuchthaus und Handschellen noch als geringe Strafmittel in Betracht kamen. Mit Zähneklappern sollte überhaupt die kriminelle Untersuchung beginnen; drunter tat er's nicht. Bei seinen sachlichen Auseinandersetzungen, während welcher er immer eine Anzahl von Schnäpsen interpolierte, stiegen den braven Spießbürgern die Haare zu Berge. So geringfügig und zu nichts verpflichtend auch die diesbezüglichen Amtsworte waren – die Art und Weise wie sie vorgebracht wurden, imponierte gewaltig und stempelte den Blitzäugigen zum Helden des heutigen Abends, so daß die meisten der Zuhörer sich veranlaßt fühlten, ihm kurzerhand eine Polizeiinspektorstelle in Aussicht zu stellen; etliche ließen schon jetzt den prophezeiten Titel zu Recht bestehn, ein Umstand, der sich bei allen eines einstimmigen Beifalls erfreuen konnte. Der Herr Polizeiinspektor Brill dankte gerührt, gelobte sein Bestes zu tun, ließ eine baldige Aussprache mit dem Landgerichtspräsidenten der benachbarten Kreisstadt nicht unwahrscheinlich sein und trank auf das Wohl der ganzen Versammlung. – Draußen ging indes der Nachtwächter tutend vorüber, und das Getute überhallte die Straßen und drang auch bis zur Wohnung Jan Peerenbooms, wo sich die Holzpuppen noch immer unter dem magischen Dämmerschein der Rüböllampe befanden. Schläfrig hatte der Spaßmacher noch einmal begonnen: »Bier en Kümmel lößt de Ohm...« und er war gerade bis zur Stelle gekommen, die da lautet: »Liewen Onkel Peerenboom, Laat de Pöppjes danze...« als die bis dahin ziemlich ruhigen Stimmen im Nebenzimmer lebhafter wurden und fast den Charakter des Heftigen annahmen. Man hörte sie deutlich, nur zeitweilig unterbrochen von den lauten Schritten des Puppenspielers und dem stoßenden Gerassel eines Fuhrwerks, das in schärfster Gangart die holperige Straße heraufkam. Das davor gespannte Pferd hatte den Dreischlag. Jetzt war es bis in die Nähe des Hauses gekommen. »Prrr, Jette!« In diesem Augenblick wurde drinnen mit der flachen Hand auf eine Tischplatte geschlagen. »Kein Wort mehr!« »Aber Vater...!« »Das ist ja die reinste Drahtzieherei! – Mir immer wieder mit dem alten Hammel zu kommen!« »Ich habe nur meines Amtes gewaltet.« »Und ich bin freier Künstler und Dichter. Genoveva – von mir!« »Was scheren mich die weltlichen Dinge? Euer Seelenheil wird höher bewertet. Folgt meinen Worten – oder das höllische Feuer...!« »Fertig!« Jan Peerenboom hatte das zuletzt gesprochene Wort im höchsten Affekt von sich gegeben; dann riß er die Tür auf. Gefolgt von Nikodem, betrat er wieder die vordere Stube. Er rang nach Atem und konnte sich selber nicht finden. Kathje stand vor ihm. »Ah! – Kathje...!« Der Puppenspieler glaubte eine Erscheinung zu haben. »Vater, was heißt das?« »Das heißt. Kohlen ins höllische Feuer getragen,« antwortete Nikodem in bissiger Weise, »und was es be-deutet, heilsamen Ermahnungen ein verstocktes Herz ent-gegenzusetzen, das kann der nur ermessen...« »Schweige!« Jan Peerenboom hatte die Hand seiner Tochter ergriffen. »Kathje,« wimmerte er mit tränenerstickter Stimme, »er will Dich als Modellsteherin benutzen – und das um Gottes willen, wie er gesagt hat.« »Was?!« »Als Modellsteherin, Kathje!« »Für wen?« »Für Ull Koßmann; aber dieser Schmierhahn sollte mir kommen!« Kathje war sprachlos. Mit beiden Händen hatte sie krampfhaft an ihre Schläfen gegriffen. Vieles ging ihr in diesem Augenblick durch den Sinn. Die Lichter, die noch vor wenigen Stunden fern am Horizont und in der dunklen Baumgruppe gestanden... »Ull Koßmann ...?! – Nichts an Pittje sagen, nichts an Pittje...! – Er steht noch bei Sally da draußen...!« Mit einem unterdrückten Schrei brach sie ab. Gleichzeitig kariolte der Wagen von Sally Süßkind ab; ein anderer fuhr vor. Jan Peerenboom hatte sich in seinem Schmerz auf das ächzende Sofa geworfen. »Dich als Modell zu benutzen, als Modell zu benutzen ...! – Das ist ja nächst dem Satan...« Kathje verfärbte sich. Mit ängstlichen und todes-traurigen Augen wendete sie das schöne Gesicht langsam zur Tür. Hinter derselben ließen sich eilige Schritte vernehmen. »Willst Du?« fragte Nikodem mit verhaltenem Eifer, indem er auf seine Schwester zutrat. »Nein.« »Aber Du mußt.« In den Blicken des jungen Geistlichen begann es fanatisch zu leuchten. Über die blassen Gesichtszüge liefen eckige Furchen. »Du mußt ...?« fragte Kathje. Sie begriff den Sinn des kategorischen Wortes nicht, und dennoch ... »Nikodem, ich verstehe Dich nicht,« meinte sie mit gelassener Ruhe. »Ich aber verstehe, denn es ist das einzige Mittel, den Fluch von unserem Hause zu nehmen. Nicht als Mensch zum Menschen, nicht als Bruder zur Schwester – ich spreche in Kraft des verliehenen göttlichen Amtes zu Dir. In der Sünde gezeugt, in der Sünde geboren, und daher prädestiniert für die Sünde, bist Du rettungslos dem Teufel verfallen. Und ferner...« Pittje Pittjewitt, der sich inzwischen von Sally Süßkind verabschiedet hatte, war heiteren Sinnes zu den übrigen getreten. Nikodem achtete nicht auf ihn. Die Blicke starr auf seine Schwester gerichtet, rief er mit großer Bewegung: »Und ferner: Du ließest Dich von Deinen Leidenschaften knechten und seilen, und das Erscheinen eines Cherubs wäre nötig gewesen, um Dich mit flammendem Schwert zu verderben, denn Du hast Dich mit dem Manne vergeben.« »Was?!« schrie Pittje dazwischen. »Reden Sie nicht, reden Sie nicht!« predigte Nikodem in pastoralen: Tone fort. »Schon mit der Weltlust zu äugeln, heißt Gottes Allbarmherzigkeit und Liebe verspotten. Allein, was will das besagen! – Mit diesem Ärgernis verknüpfte sich noch eine zweite, größere Sünde: die Verletzung einer heiligen Sache. Heilig aber wird eine Sache genannt, wenn sie Gott geweiht oder speziell zum Dienste oder zur Verehrung Gottes bestimmt ist, und verletzt wird sie, wenn an oder mit derselben etwas geschieht, was ihrer gottesdienstllchen Bestimmung zu-widerläuft. Die Prozession steht im Dienste des Herrn; man kann sie gewissermaßen für eine heilige Sache er-klären. Sie wurde verletzt, sie wurde gröblich besudelt. Fromme Menschen können darüber berichten. Ein Sakrileg wurde begangen...!« »Durch wen?« rief Pittje dazwischen. »Durch Sie und meine Schwester, die in der Sünde geboren!« »Sie sind wohl aus dem Irrenhause gekommen?!« Auf dem Gesicht Nikodems wechselte graue Blässe mit rötlichen Fleckchen. »Das wagen Sie einem geistlichen Hirten zu bieten?« »Und das wagen Sie einem ehrlichen Bürger und christkatholischen Menschen zu sagen?« warf ihm Pittje entgegen. »Forsch so, aber immer noch forscher!« kam es aus der Sofaecke gefahren. Jan war als bisheriger stiller Teilhaber der streitenden Firma hierdurch aus seiner Reserve getreten. Nikodem biß die Lippen zusammen. In nervöser Hast verstrickte und löste er die sommersprossigen Finger. »Ich habe mich schon bemüht, Ihnen den Begriff und die Bedeutung des Sakrilegs auseinander zu setzen,« sagte er mit heiserer Stimme. Pittje trat näher. »Etwa darum vielleicht, weil ich mit Kathje unterm Spriegel gesessen? Wag' es mir einer, den ersten Stein vom Boden zu heben – und sollte er's wagen, dann kann er gefaßt sein, daß ihm das Dings an den Schädel zurückfliegt.« »Was brave und rechtschaffene Männer mir in ihrer Gewissensnot mitteilten, dürfte doch Wohl Grund genug sein...« »Ach, Du Herr Jeses!« lachte Jan aus seiner Sofaecke herüber, »Aloys und der krumme Terlinden...!« Das Blut stieg Pittje zu Kopf. »Und da glauben Sie...« rief er mit wachsender Stimme. »Herr Kaplan, Sie erscheinen mir denn doch noch nicht gereift und erfahren genug, das Amt und die Würde eines geistlichen Herrn zu bekleiden, sonst wären Sie nicht auf den merkwürdigen Einfall gekommen, uns mit derlei Spukgeschichten unter die Augen zu treten.« »Herr Pittjewitt, ich muß mir energisch verbitten...« »Sie haben sich hier nichts zu verbitten, und wenn es in diesem Moment etwas zu verbitten gibt, so sind wir es, die es zu tun haben, denn Sie haben mich und die da auf das schwerste beleidigt.« »Bravo!« Wiederum akkompagnierte das Sofa. »Und trotzdem und alledem...« »Halt!« sagte Pittje, »mit dem Schimpfieren ist's alle.« Er war noch näher getreten. »Herr Kaplan,« versetzte er mit aller Ruhe, aber unter scharfer Akzentuierung eines jeden Wortes, »ich bin Barbier, Leichenbitter und Schweinestecher...« »Ja, das bist Du,« bekräftigte Jan und legte sich in das krachende Kanapee zurück, als könnte nun alles seinen sicheren Gang gehen, und als habe er hierdurch seinem Schwiegersohn in spe ein Leumundszeugnis ausgestellt auf Leben und Sterben. Pittje fuhr fort: »Herr Kaplan– ich bin in diesen Ämtern sozusagen alt geworden und ehrlich geblieben, und ich lasse mir deshalb von niemand an den Wagen karren und von keinem in meine Privatverhältnisfe hineinsehn. So Hab' ich's zeit meines Lebens gehalten und gedenke es auch zeit meines Lebens weiter zu treiben, ohne Ansehn der Person und sonstiger Umstände. Aber weil Sie's sind, der Bruder von der da, drücke ich, trotz der gröblichsten Ausfälle Ihrerseits, mehr wie ein Auge zu. Ich will vergessen, denn, wenn man in eine Familie hinein will, so geht es mir gegen den Strich, diesen Eingang sofort mit einem Skandal zu beginnen.« »Diese Seele von Mensch – diese Seele von Mensch!« meditierte der Künstler in weinerlichem Tone und wischte sich dabei die Tränen herunter. »Ja, Herr Kaplan,« ergänzte Pittje mit fester Betonung, »ich will noch ein übriges tun.« Er hatte die Hand Kathjes ergriffen und sie an sich gezogen. »So, Kathje, placiere Dich hierhin. So! – Und nun, Herr Kaplan, stelle ich Ihnen meine liebwerte Braut vor, mit der ich in inniger Treue und rechtlicher Arbeit durchs Leben zu gehen gedenke, bis der dort oben mich abruft, wenn mein letztes Stündchen herannaht.« Ein heftiges Schluchzen kam von dem knarrenden Sofa. »O Gott! – O Gott!« weinte der Puppenspieler, »und dieser herrliche Mensch hat mich noch vom Bankerotteren gerettet! – Und mein eingeborener Sohn?! – Kein Kastemännchen, kein Nichts, keinen Groschen ...!« Nikodem warf ihm einen energischen Blick zu. »Schwächliche Halbheit,« murmelte er zwischen den Zähnen. »Und Sie, Herr Pittje ...« »Ich bin noch nicht fertig,« erwiderte dieser. »Ja, Herr Kaplan, mit dieser in Liebe verbunden – in Frieden wollen wir leben und unsere Tage genießen. Und darum und deshalb: um meine zukünftige Frau auf Leben und Sterben sicher zu stellen, zediere ich ihr hierdurch in aller Form und wie Rechtens die zu meinen gunsten auf diesem Hause lastende Hypothek im Betrage von tausend Talern preußischer Währung – und Sie, Herr Kaplan, sind mein Zeuge. Das wollte ich sagen.« »Meinen Segen, meinen Segen!« echote es vom ächzenden Sofa. »Morgen gehe ich gleich zum Herrn Notarius Lenz hin.« »Und ich rate keinem,« schloß Pittje, indem er sich mit der geballten Faust auf die Brust schlug, »diesen Frieden zu stören und mir und Kathje zu nahe zu treten, sei, wer es sei; wir lassen uns von keinem kuranzen – und wäre es der eigene Bruder und Schwager, und trüge er auch Tonsur und Soutane.« »Bravo!« Jan Peerenboom hatte sich aus seiner Seufzerecke erhoben. Ruhig konnte er der weiteren Entwickelung der Dinge entgegensehen, denn nach dieser Wendung, nach diesen Auslassungen Pittje Pittjewitts hielt er alle Schwierigkeiten für aus dem Wege geräumt, und kein Zweifel bestand mehr: in seinen Augen war die Schlacht so gut wie gewonnen. Innig schloß Pittje das verschüchterte Mädchen in seine Arme. »Und nun, Herr Kaplan – ich habe gesprochen.« »Und die Buße, die Buße ...!« schrie dieser mit flammenden Blicken. »Durch Zessionen werden keine angefressenen Seelen geläutert. Sie müssen ja an Ihren eigenen Worten ersticken, Sie müssen ja umkommen in Ihrem geistigen Elend!« »Ich bin noch immer trefflich bei Wege,« lächelte Pittje. »Mensch, Mensch, Mensch!« ereiferte sich der Cölibatär. »Und die Buße, die Buße ...! – Nur durch die allerseligste Jungfrau ...! – Madonna, Madonna ...! – Aber in diesem Hause ist alles verloren – verfault und verrottet! – Der strafende Cherub müßte erscheinen mit seinem flammenden Schwerte und Euch alle verderben. Beten, beten, beten – denn in meines Vaters Haus find viele Wohnungen!« Die letzten Worte erstarben in einem Flüstern und Stammeln. Nikodem senkte das Haupt; dann verließ er mit großen Schritten die Stube. »Der hat kein wirkliches Herz mehr,« sagte Pittje mit traurigen Blicken, »und doch – es tut mir weh um den Ärmsten. Ich glaube fast, er weiß es nicht besser.« Der Puppenspieler war seinem Sohne nachgeeilt. Zwischen Tür und Angel hatte er noch eine saftige Botschaft für ihn. »Und wenn er es wagen sollte, der Maler – seine Knochen trägt er in seinem Farbenkasten nach Hause. Adjüskes!« Nikodem erwiderte nichts. Er stieg in den Wagen und fuhr mit dem Ackerer Lommen nach Hause. Der heutige Tag war der schwerste und betrübteste seines ganzen Lebens gewesen. Mit ausgebreiteten Armen kehrte Jan Peerenboom ins Zimmer zurück. Der ganze Mensch war die personifizierte Kirmes in optima forma . Drehorgelmusik, Karussells und Kindertrompeten ...! – Und als er so recht in den Trubel hineinschnüffelte, da war es ihm so, als duftete alles nach Pfefferkuchen und Moppen. Er wußte: Nikodem war für ihn unter den Tisch gefallen, aber Kathie war ihm geblieben. Durch sie wurde sein später Lebensabend noch glücklich gestaltet. Und Pittje ...! Mit ausgebreiteten Armen steuerte er auf ihn los. »Edler Gemütsmensch ...!« Der große Augenblick jedoch übermannte ihn: er warf sich vor das großblumige Sofa, barg das Gesicht in die gehäkelten Deckchen und versuchte zu beten. Dann sprang er auf. Jan hatte sich wieder gewandelt. »So,« rief er mit lachendem Munde, »nun gehn wir noch alle 'raus, ich und Kathje und Du, invitieren noch Sally Süßkind und Wilm, und trinken 'ne Buddel ›Schwart Water‹ auf unser aller Gedeihen, auf Kinder und Kindeskinder bis in die spätesten Zeiten.« In seiner Herzensfreude wollte er alle beglücken. Ja, er hätte sogar Aloys Pierentrecker an seine Künstlerbrust gedrückt, wenn es von ihm verlangt worden wäre. »Auch der Herr Polizeidiener Brill muß dabei sein. Holla, Markör – 'ne Buddel ›Schwart Water‹!« Pittje jedoch lehnte für den heutigen Abend dankend ab, blieb aber noch und trennte sich erst von den beiden, als der Nachtwächter die erste Morgenstunde aus seinem Hörn heraustutete. Dann wurde es still unter den Pfannen des Puppenspielers. Auch draußen ward's still. Nur das tiefe Wasser plauderte noch, das schwerfällig und gurgelnd hinter dem kleinen Garten vorbeifloß. – Kathje konnte zuerst den Schlaf nicht finden, und als er sich endlich einstellte, da befand sie sich auf einer blumigen Wiese. Dämmerhelle ringsum und fächelnde Gräser – und wieder kam der große, gespenstische Vogel von der nahegelegenen Hügelkette gestrichen. Mit heiserem Schreien und auf weichen Flügeln, kaum wahrnehmbar kreiste er um sie in zierlichen Wenden; dann flog er sie an. Sie fühlte deutlich den Luftzug der gebreiteten Schwingen. Ein dunkles Ahnen umschlich sie. Der Lufthauch aber wurde stärker und stärker, und schließlich war es ihr, als wenn ein heißer, verzehrender Mund ihre Lippen berührte. Ein seliges Vergessen, ein süßer Wahn war über sie gekommen. Und dann glaubte sie eine raunende Stimme zu hören. Sie kannte die Stimme und sie kannte sie doch nicht. »Was willst Du?« »Ich will bei Dir sein.« »Ich aber will nicht!« »Und wenn Du auch möchtest – Du kannst mir doch nicht entrinnen.« »Ull Koßmann...!« Gaukelnden Fluges schwebte alsdann der gespenstische Vogel wieder den dunklen Bäumen zu. Mit einem leisen Schrei war Kathje aus ihrem Schlummer gefahren. »Wo bin ich?« Mit seinem sanften, milden Licht sah der Morgenstern verbleichend ins Zimmer. XII. Um-tata! Um-tata! Den warmen, sonnigen Tagen waren regnerische gefolgt. Dunstige Wolken räkelten sich schweren Ganges über die Landschaft, ließen unaufhörlich einen seinen und kalten Regen herniedersprühen, der das Reifen des Getreides bedenklich zurückhielt. Noch immer wollten die Halme nicht falben. Der Erdboden gluckste unter der triefenden Nässe. Die gleichzeitig dabei herrschende empfindliche Kühle vergönnte es den Nährstoffen nicht, aus Halm und Stengel in die Ähren zu steigen. Die Körner kamen zu kurz; sie blieben geraume Zeit in unvollkommener Milchreife stehen. Am meisten hatten die Weizenfelder unter dem ungünstigen Einfluß der Witterung zu leiden. Auch nicht die geringste gelbliche Tönung machte sich in ihren Schlägen bemerkbar. Soweit das Auge reichte – überall die gleiche blaugrüne Farbe, die nur in weiter Ferne einen violetten Schimmer aufwies. Aller Voraussicht nach war erst in einigen Wochen auf die Ernte zu rechnen. Graue Flortücher hüllten schon am frühen Morgen die Weiten ein, seine Regenfäden schraffierten immer dichter die Luft, die Wässerchen gurgelten in Rinnsalen und Gräben, und die kreisrunden Kolke, auf denen jetzt die Seerosen blühten, begannen über ihre seichten Ufer zu treten. Um die Mitte des Juli klärte sich das Wetter auf. Die Sonne stand wieder am wolkenlosen Himmel; mit ihrem Erscheinen war auch die niederrheinische Kirmes gekommen. Die kleine Stadt begann mit dem lustigen Treiben, die benachbarten kleinen Ortschaften folgten in Intervallen von etlichen Tagen, und kaum eine Woche verging, wo nicht irgendwo die Fahnen zum Giebel herausgehängt wurden, die Böller knallten, und in Wirtshäusern und schnell aufgezimmerten Tenten eine disharmonische Kapelle zum Tanz aufspielte. Die Klarinette mit ihrer eigentümlichen Fistelstimme überschrie alles. Bis weit in die Gegend hinein ließ sie ihre aufdringlichen Klangfiguren und scharfen Triller vernehmen, kribbelte in die Beine hinein und zog Männer und Weiber magnetisch zum Tanzboden. Der ,Perdjesmann' hatte sein Karussell aufgeschlagen; Spitzen, Goldbordüren, Spiegelscheiben und sonstige Flitter tapezierten das Innere des drehbaren Kunsttempels aus, die Schelle gellte, und die ,Perdjesmadam' stand inmitten der flirrenden Herrlichkeit, drehte die Orgel und sang dazu in herzzerreißender Weise: »Hätt' mir nicht der Schersant geseh'n. So hätt' es keine Not; Nun haben sie mir fortgeführt Und schießen mir nun tot ...« und über das Ganze lachte so ein kräftiger und gesunder Julihimmel mit blitzenden Augen. Am ersten Kirmestage feierte alles. Von dem Auszuge nach Marienbaum bis zu diesem Termin hatte sich manches begeben. Jan Peerenboom war mit seiner Tragikomödie fertig geworden, und wer es hören wollte oder nicht, alle seine näheren Bekannten wurden von ihm als Probierpublikum zugestutzt, damit er aus ihrem Mienenspiel, ihrer Aufmerksamkeit und den mit unterlaufenden Gesten die Wirksamkeit des Stückes beurteilen konnte. Jan verstand bei der Lektüre zu erschüttern. Besonders die Rührstellen trug er mit einem derartig schluchzenden Pathos vor, daß Sally Süßkind eines Morgens, als er bei Gelegenheit einer solchen Rezitation am Hause des Puppenspielers vorbeikam, erschreckt und mit schlotternden Knieen vorsprach und nachfragte, ob ein Unglück passiert sei oder jemand gestorben wäre. Jedenfalls war die Peerenboomsche Puppenkomödie spruchreif geworden, eine Überzeugung, die dem begnadeten Künstler ein blankes Gestöber von Kastemännchen und Groschen vorgaukelte, mit denen er einen nicht geringen Teil seiner hypothekarischen Schulden abzutragen gedachte. Aus dieser, seiner gewonnenen Überzeugung machte er auch Pittje Pittjewitt gegenüber kein Hehl. Allerlei geheimnisvolle Andeutungen flossen dabei mit unter, aus denen hervorgehen sollte, daß Kathje nicht so mittellos wäre und schließlich noch eine erkleckliche Mitgift einschießen würde. »Immer türlütütü, Herr Schwiegersohn,« pflegte er sich bei dieser Beweisführung in die Brust zu werfen, »denn wir Künstler brauchen uns nicht lumpen zu lassen. Immer türlütütü, Herr Pittje.« Auch Wilm Henseler war nicht müßig gewesen. Vor dem Klever Tor hatte er unter Zuhilfenahme seiner sämtlichen Gesellen und Lehrburschen das Marcoursche Tanzzelt erstehen lassen, ein luftiger Bau, der, mit einem Riemenboden belegt und mit Plantüchern eingedeckt, wenigstens einen Raum für über hundert tanzende Pärchen abgeben konnte. Dann hatte er das Innere noch mit Tannen- und Eichengirlanden geschmückt, Fahnen aufgesteckt und Drapierungen vorgenommen und sich schließlich eine kräftige Buddel Braunbier geleistet. Trotz der regnerischen Tage wurde er nach Vesperzeit vielfach bei den geschändeten Birken gesehen, sprach auch häufiger bei dem Herrn Polizeidiener Vrill vor, wo er sich in der Handhabung und Durchführung besonders wichtiger Fälle auf dem Gebiet der Kriminaljustiz unterweisen ließ, seine mittlerweile angehäuften Indizien dem abgelebten Notizbuch des Polizeigewaltigen anvertraute, um dann eines Tages seine Nachforschungen und geheimen Erwägungen für abgeschlossen zu halten. »Mjinheer Brill, ich melle gehorsamst,« sagte er mit leuchtenden Augen, »ich bin heute über'n Maxusstandpunkt gekommen. Allens gestrichen voll, meinetwegen wie'n Sack mit Hobelspänen. Nach Kirmeszeit mach' ich gehorsamst nach Kleve – un dann müssen sie 'ran an die Ramme. Unter drei Jahren tu' ich's nich, denn so wollen's die rungenierten un zertüpperten Birken. Pfui...!« Und Pittje...?! Die Begebenheiten der letzten Tage waren nicht ohne Spuren bei ihm vorübergegangen. Sein Verhalten während der Ratssitzung, das von vielen seiner Mitbürger schief beurteilt wurde, die eingegangenen Verpflichtungen, seine Verlobung und die Sorge um das Wohl und Wehe seiner schwerheimgesuchten Schwester Melke in Rees jenseits des Rheines, die sich mit ihrem kränklichen Mann und den noch unmündigen Kindern kaum über Bord zu halten vermochte – alle diese Dinge gaben zu denken und veranlaßten ihn, das Leben noch ernster und gewissenhafter aufzufassen, wie er es bislang schon getan hatte. Eine große Erkenntnis kam über ihn; sie wuchs und erweiterte sich und wurde stündlich größer und tiefer. Vornehmlich in nächtigen Stunden war sie bei ihm, wenn er keinen Schlaf finden konnte. Dann taten längst vergangene Bilder sich auf, die Gegenwart sah ihn fragend und mit rätselhaften Augen an, und verschleiert, aber noch immer deutlich genug, winkten die zukünftigen Tage aus weiter Ferne herüber. Welche Empfindungen die einzelnen Betrachtungen in ihm wach riefen, darüber gab er sich keine bestimmte Rechenschaft – konnte sich auch keine geben, denn es waren ihrer so viele, daß er nicht wußte, wo er beginnen und wo er aufhören sollte. Aber das wußte er: manche Freuden und Hoffnungen liefen mit unter, viele Enttäuschungen drängten sich mit brutalem Ellbogen dazwischen, und dann erschien eine weite Öde vor seinen geistigen Blicken, auf der nichts gedeihen wollte als Disteln und Dornen – und diese Disteln und Dornen waren eitel Mühen und Sorgen – und Arbeit. Arbeit – die suchte er ja. Nur durch sie konnte er die winkenden Hoffnungen realisieren, die Enttäuschungen weit machen und das weite Ödland, das sich fast ununterbrochen bis an den dunklen Horizont erstreckte, in fruchtbare Felder umwandeln, auf denen er im Schweiße des Angesichts pflügen und säen konnte, um schließlich mit Gottes Hilfe die Frucht seiner Mühen zu ernten. Aber die Arbeit tat es allein nicht. Er hatte das instinktive Gefühl, daß zwischen ihm und seinen Mitbürgern nicht mehr das trauliche Verhältnis obwaltete, wie er es gern gehabt hätte und wie es früher gewesen, und seine ganze seelische Veranlagung drängte doch nach Frieden und Eintracht. Gewiß, mit seinen näheren Freunden war die geistige Verwandtschaft noch inniger und fester geworden, aber so viele andere, die ebenfalls in guten und bösen Tagen getreulich zu ihm gestanden, schienen allgemach und geräuschlos abbröckeln zu wollen. Hier sprachen kirchliche Dinge mit, denn sein Protest auf dem Rathaus, sein energisches Auftreten im Interesse des Gemeindewesens und das etwas schroffe, wenn auch gerechtfertigte Benehmen in Sachen der Kirche, der er rücksichtlich seines Nebenamtes als Leichenbitter verpflichtet, verstimmte bei manchen und veranlaßte sie, ihm Irrtum, Fehl und Übereilung in die Schuhe zu schieben. Selbstverständlich benutzten Aloys Pierentrecker und Henne Terlinden die Lage der Dinge, die mißmutigen und bedrohlichen Fünkchen noch mehr ins Feuer zu blasen. Aber was wollten die Leute?! – Hatte er doch nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, und sich selber untreu werden, dazu war er denn doch ein zu selbständiger, gefesteter und insichgekehrter Charakter, der mit zäher Selbstachtung dasjenige weiter verfocht, was ihm notwendig und dringlich erschien, selbst auf die Gefahr hin, weniger ihm wohlwollend gegenüberstehende Menschen zu haben und sein immerhin einträgliches Nebenamt gefährdet zu wissen. Allein, trotz dieser Charakterstärke – das unbestimmte Gefühl, mit einer sehr ernsten Zukunft rechnen zu müssen, ließ sich nicht ohne weiteres abstreifen, und immer wieder trat ihm das Bild der weiten und trostlosen Öde vor Augen, auf der bis jetzt nur bläuliche Disteln wucherten und saure Gräser sich unaufhörlich im weichen Winde bewegten. Und dann stand er da, sah in die verlassene Gegend hinaus und wollte traurig werden. Und doch! – flimmerte nicht die liebe Sonne darüber hin mit wechselnden Lichtern, waren nicht fröhliche Farben dort ausgestreut, die, mit rechten Augen gesehn, das Gemüt erheiterten und die umdüsterte Seele belebten?! – Ja, das taten sie – und weiter dort hinten, gaukelte da nicht ein lustiges Ding, ein fröhliches Etwas, ein schillernder Falter über die starren Distelblumen und Halme?! Er konnte nicht irren; zierlich und heiter taumelte es durch die ruhigen Lüfte, und als er genauer zusah, da war es sein eigener goldener Humor, der, in einen schmucken Butterblumenvogel verwandelt, über das Traurige und Trübe der Gegend hinwegtäuschte. Und dieser Falter blieb nicht allein. Zwei andere gesellten sich ihm. Sie tändelten und spielten zusammen, obgleich sie schwerfälliger waren als der erste Gaukler, in welchem Pittje seinen eigenen Humor wiedererkannt hatte. Beim Anblick dieser Sommervögel mußte er unwillkürlich an Sally Süßkind und Wilm Henseler denken – und lächeln. Als dieses Lächeln Mutter Pittjewitt bemerkte, da war sie näher getreten, hatte liebevoll den Arm in den seinen gelegt, ihm recht tief ins Auge gesehn und leise geflüstert: »So ist's schon richtig; lache man wieder und sieh getrost in die Zukunft. Mir und Deiner armen Schwester bist Du stets ein guter Sohn und Bruder gewesen, und so was kann nicht verschlagen, denn alles will auf dieser Erde wieder erlebt sein.« Sein Gemüt erheiterte sich, er dachte an Kathje, bediente seine Kunden noch zuvorkommender denn sonst, zimmerte und reparierte in der frühen Morgenstunde an dem fahrbaren Schweinetrog, mit dem er in den Adventstagen auf den Bauernschaften herumkarrte, um in seinem Metier als Ferkelstecher mit Hilfe desselben die Weihnachtsschweine abzutun – und pfiff bei dieser Arbeit so kräftig, daß die vorübergehenden Leute meinten, ein Harzer Kanarienroller säße im Hanf und sänge auf Pfingsten. Vor einer fröhlichen Kanarienrolle können keine unliebsamen Schatten bestehen. Sie verkrochen sich alle und wagten nicht, sich wieder aus ihrem Versteck zu heben. Nur einer war übrig geblieben. Er trug Priestergewand, hatte stets die Arme übereinander geschlagen und ließ nicht ab, ihn mit seinen kalten, wasserhellen Augen zu mustern. – Nikodem! Gleich nach seiner verunglückten Mission hatte dieser Ull Koßmann gegenüber versucht, ihm das Mißliche und scheinbar Hoffnungslose seines Vorhabens auseinanderzusetzen. Allein, das verfing nicht bei Koßmann. Fußend auf die allbewährte Praktik, den Wert der eigenen Persönlichkeit mit genügender Willensstärke zu behaupten, sich ferner durch den zuerst abgewiesenen Vorstoß nicht irre machen zu lassen, hatte er nur ein mitleidiges Achselzucken für die Befürchtungen seines Freundes und ging unentwegt auf sein Ziel los, dem der Kitzel des Heimlichen und Aparten noch einen besonderen Reiz verlieh, so energisch wie möglich die Abwickelung der delikaten aber äußerst verlockenden Frage zu betreiben, von deren Lösung er sich nicht nur bedeutende künstlerische Erfolge, sondern auch die Befriedigung einer dürstenden Sehnsucht versprach, die ihn magnetisch zu einem Wesen hintrieb, in welchem er das begehrenswerteste Weib in der Fülle des Begriffes zu glauben wähnte. Echt künstlerisch und zugleich bis in die kleinsten Fasern sinnlich veranlagt, wußte er nicht die Grenze anzugeben, wo bei ihm die lauteren, idealen Motive aufhörten und von den physischen und groben Instinkten seines Fühlens und Denkens abgelöst wurden. Von geheimen Zuckungen durchtobt, unbewußt der Eingebung zwingender Kräfte Folge gebend, drängte seine Seele unwiderstehlich nach Ausgleich, und er fühlte sich von Schauern durchrüttelt wie der Baum in der Frühlingsnacht, wenn der Sturm seine Flügel spannt und mit Brausen daherkommt. Ull Koßmann ließ sich durch die Argumente und Bedenken seines geistlichen Freundes in keinerlei Weise beirren. Derlei Naturen schrecken nicht vor jedem Hemmnis zurück. Rücksichtslos und fast in brutaler Manier schreiten sie vorwärts, unbekümmert darum, wieviel Glück hierdurch gefährdet erscheint, mit erbarmungslosen Füßen in den Schmutz gestampft wird oder rettungslos dem Verderben anheimfällt. Und so auch Ull Koßmann, der keinen Vorwand scheute, seinem geplanten Ziele näher zu rücken und die Grundlagen eines Werkes festzulegen, mit dem seine Phantasie zur Zeit sich nur mit traumhaften Ahnungen beschäftigen konnte. Eine fieberhafte Begierde nach Arbeit ergriff ihn, eine Begierde, die sich ausleben mußte und in ihrer eigenartigen, fortstürmenden Gewalt fast geeignet erschien, das rein Künstlerische in ihm mächtig zu fördern und dem Dämon des Sinnlichen gegenüber dauernd in die erste Linie zu schieben. Es wehte ihn bei dieser Begierde nach Gestaltung und alle Kräfte sich betätigen zu lassen etwas an, das an die Empfindungswelt eines keuschen und großen Herzens gemahnte, an das Ringen einer lauteren Künstlerseele, aus der das neue Werk rein und groß und ohne Nebenabsichten geboren werden sollte. Unwiderstehlich trieb es ihn in die engere Heimat von Kathje. Gewandstudien halber hatte sich Ull Koßmann schon etliche Tage in dem kleinen niederrheinischen Flecken aufgehalten. Die Altartafeln eines Jan Joest von Calker redeten ihre eigene Sprache. Hier erinnerte nichts an akademische Korrektheit. Wie von einem magischen Silberlicht umflossen, winkten sie traulich aus einem längstvergangenen Jahrhundert herüber und regten die noch immer unentschiedene Frage an, ob nicht auch die Darstellungen des Meisters vom Tode Mariä den Werken ihres Schöpfers zugezählt werden müßten. Das Studium erquickte. Die Gemessenheit und Anmut der erzählten Legenden, die sorgsame Zeichnung, die liebevoll behandelte Landschaft, das Naive in der Charakteristik und die noch halb in der Überlieferung der van Eyckschen Schule fußende Technik – alle diese Vorzüge und Eigentümlichkeiten, verbunden mit dem Bauschigen und Knitterigen am Saum der Gewänder, strahlten eine zauberische Kraft aus und nahmen auch den Sinn Ull Koßmanns gefangen. Hier hatte ein vornehmer Luminist flackernde Farben aus weichen Konturen geweckt, sie mächtig geschürt, um sie dann wieder ganz allmählich und träumerisch-wollüstig hinsterben zu lassen. Die Saiten zartester Seelenregungen begannen hier leise zu tönen. Vor diesen Tafeln stehend, glaubte Ull Koßmann Melodien zu hören. Sie gingen ihm noch mehr zu Herzen als die alten Meisterwerke im benachbarten Xanten. Er hatte schon in früheren Tagen vor diesen Altarschreinen in stiller Verzückung gestanden, aber noch nie waren ihm diese gemalten Wunder so als Wunder erschienen, wie es nunmehr der Fall war, als er vor ihnen weilte, um die hauptsächlichsten Details mit Papier und Kohle für seine Zwecke dienstbar zu machen. In diese berückende Technik, in diese Farben modernes Empfinden, Leidenschaft und wirkliches Leben zu bringen – das war es, was ihn dauernd bewegte und ihn veranlaßte, stundenlang im silbrigen Dämmer der Kirche zu schaffen, und die Geheimnisse aus längstvergangenen Zeiten unmittelbar auf sein Empfinden wirken zu lassen. Und während dieser Studien, in diesem mystischen Helldunkel, in dieser feierlich – lastenden Stille war ihm eines Tages Kathie begegnet. Die matten Abendlichter spielten durch die gotischen Fenster. Nur gedämpft und wie aus weiter Ferne herkommend machte sich da draußen das tägliche Leben bemerkbar. Der Odem Gottes wehte durch die ragenden Säulen, und Ull Koßmann dachte gerade daran, sich von den Werken des alten Meisters zu trennen, als sie, vom Südportal herkommend, das Mittelschiff querte, das hohe Chor betrat, um von hier aus mit ihrem Körbchen geplätteter Altardecken die Sakristei zu gewinnen. Sie hatte kaum die obersten Stufen des Chores betreten, als sie sich gegenseitig bemerkten. Zum ersten Male im Leben standen sich beide allein gegenüber, fern der Welt und ihrem lauten Getriebe. Das war ein anderes Begegnen als in der Gnadenkapelle, wo viele hundert Menschen umherknieten, und krasser Wunderglaube die von der langen Wallfahrt geröteten und aufgedunsenen Gesichter verzückte. Ein dunkles Empfinden war über beide gekommen, und zwar jenes Empfinden, das gleichgeartete Seelen durchzittert. Kathje haftete wie gebannt an der Stelle. Das waren wieder die Augen von damals, die glühenden Augen, die sie schon beim Marienzauber gesehen, die unheimlich und verzehrend am tiefen Horizont lagen, als sie sich mit Pittje auf den Heimweg begeben hatte, und rings die Wiesen unter dem linden Hauche des Abends einschliefen. Ja, damals ...! – Und ein gespenstischer Vogel revierte ob der träumenden Fläche ... Wie ein heftiges Erschrecken ging es über ihr schönes Gesicht. Sie konnte den Fuß nicht mehr heben; das Abendlicht fiel über ihre schlanke Gestalt, ließ ihr kastanienbraunes Haar goldig aufstrahlen und verwebte überirdische Funken ihrem verwaschenen Kleidchen. Sie stand vor ihm wie einem Bilde entstiegen. Kein Laut drang über seine Lippen, denn jedes Wort hätte den Zauber gelöst und gebrochen. Schnell griff er nach seinem Zeichengerät. Kathje bemerkte es und rückte zur Seite. »Stehn bleiben!« rief Ull Koßmann mit heiserer Stimme. Der Bann war gebrochen. »Herrgott noch mal – das ist ja prachtvoll!« Immer lichter wob der Abendschein sein goldiges Feuer um Kathje. »Weißt Du – haben muß ich das alles, sonst geht meine ganze Kunst in die Brüche. Und da gehörst Du hin – auf so 'ne Tafel gehörst Du!« Er hatte mit herrischen Worten gesprochen; dann war er mit großen Schritten näher getreten. »Na, so was!« Mit zuckender Hand hatte er versucht ihre Rechte zu fassen. Immer feuriger spielten die Abendlichter um Kathje. Sein Atem ging schwer. Niemals im Leben hatte er so was gesehen. Wieder ergriff ihn die unwiderstehliche und fleischliche Sehnsucht, die sich in seinen gierigen Blicken mächtig ausprägte. Obgleich Kathje die Lider gesenkt hatte – sie mußte es fühlen, was die Sinne des ihr gegenüberstehenden Mannes bewegte. »Willst Du?« Sie hörte die verlockende Stimme und empfand die Blicke, die heiß und versengend an ihrem Leibe herunterstreiften. Die Angst betäubte sie, aber die Stunde offenbarte ihr alles. »Du mußt ...« Sie schüttelte leise den Kopf. »Nicht ...?« Schrittweise wich sie zurück, die großen, heißen Blicke starr auf den Maler gerichtet, wie wenn sie ihn zwingen und ein weiteres Vordringen von seiner Seite verhindern wollte. Dann stieß sie einen ängstlichen Schrei aus. Noch bevor Ull Koßmann es verhindern konnte, war sie auf und davon und zwischen den Pfeilerbündeln, die zur Sakristei führten, verschwunden. Es war nur ein kurzes Begegnen gewesen; Ull Koßmann jedoch, als raffinierter Kenner weiblicher Launen und Neigungen, gab sich mit der heutigen Stunde zufrieden. Keiner war Zeuge gewesen, und Kathje verschwieg es. – – – Anderen Tages hatte die niederrheinische Kirmes ihren Einzug gehalten. – Kirmesmusik und Kirmestrubel! – Moppen- und Janhagelbuden schachtelten sich auf dem Großen Markt neben- und zwischeneinander. Schießzelte, in welchen dickbusige Jungfrauen mit frechen Gesichtern und grünen Sammetblusen die Herren Schützen bedienten, lehnten sich an den lustigen Tempel der Riesendame, vor dessen Eingang sich ein bramarbasierender Kerl mit gewichstem Schnurrbart, Schnürjacke und klirrenden Stiefeln postiert hatte, eifrig bemüht, die geehrten Herrschaften, mit Aufbietung des ganzen ihm zur Verfügung stehenden Lungenmaterials, für die Besichtigung seines Ausstellungsobjektes zu kirren. Es war unglaublich, was der runzelige Kerl mit den jugendlichen Gesten und dem martialischen Schnurrbart hinsichtlich der Riesendame in Worten und pantomimisch zu leisten vermochte. Er verglich die zu Besichtigende mit Esther, der schönen Pflegetochter Mardachais, mit der Herzogin Vasthi, der Königin von Saba und mit Abisag von Sunem – nur gestaltete sich in seinem Munde alles völliger, riesenhafter, saftiger. Er begann mit dem fleischigen Nacken, tätschelte an den wampigen Armen herum und machte schließlich einen kühnen Salto mortale bis zu den Waden herunter, daß den Gaffern vor diesen Auslassungen des mit Worten und Zeichen schildernden Sünders der Mund wässerte, und sie trotz ihres trübkatholischen Sinnes in die Tasche griffen und einen guten Groschen riskierten. »Nur immer 'rein, die Herrschaften – Überzeugung für die Echtheit gestattet!« »Beispielsweise nur um einen Begriff von der schönen Esther und der reichen Königin von Saba zu kriegen...« meditierte Aloys Pierentrecker, beschwichtigte hierdurch seine keimenden Bedenken, zahlte und drückte sich vorsichtig, scheu und, im Vorgefühl der kommenden Dinge wie ein Ferkel grunzend, hinter den rotsammetnen Vorhang. Der säbelbeinige Bäcker Henne Terlinden wagte ein gleiches. Aber trotz ihrer Fixigkeit und des raschen Verschwindens – Frau Grades van der Grinten, die rundliche Kaufmannsfrau, war Zeuge des heimlichen Vorgangs gewesen. Das genügte so ziemlich! – Sie griff schnurstracks die heikle Situation der in die Irre gegangenen Männer auf, wetzte ihr Mundwerk wie eine blitzende Klinge und guillotinierte ihnen geschwätzig und ohne Federlesens die ehrlichen Namen herunter. »Nur immer 'rein, die Herrschaften! – die Herzogin Vasthi wird gleich die Bühne betreten. Ein Groschen Entree. Kindermädchen und Militärs ohne Charge zahlen die Hälfte. Die Herren von der Polizei umsonst. Ich bitte gehorsamst, Herr Brill...« »Abgelehnt,« sagte dieser und ging stolzen Schrittes vorüber. Von der Linde her tönten jubelnde Kinderstimmen. Dort hatte Jan Peerenboom seinen Komödienkasten aufgeschlagen. Noch stand er untätig neben seinem geheimnisvollen und fliegenden Theater. Seine Zeit war noch nicht gekommen. Erst mit dem Schlage vier sollte die Vorstellung beginnen, und, wie die ungeduldige Menge auch lärmen mochte, Jan ließ sich nicht beirren, wiegte sich selbstgefällig und mit einer gewissen schäbigen Eleganz in den Hüften, sah zum Zifferblatt der Rathausuhr empor und folgte mit dem stoischen Gleichmut eines Weltweisen dem peripathetischen Vorrücken der vergoldeten Zeiger. Der Künstler strahlte heute in einem neuen Bekleidungsstück. Basierend auf die guten sozialen Verhältnisse, in welche er durch die Verlobung seiner Tochter mit Pittje Pittjewitt gekommen, hatte sich Jan ein übriges geleistet. Die Großkarierte, die im Laufe der Jahre fransig und fadenscheinig geworden, war zu den Akten gelegt, eine neue war an ihre Stelle getreten und paradierte nun mit ihren schwarz-weißen und scharfbegrenzten Feldern an den Beinen des Künstlers. Noch fünf Minuten! Immer weiter rückte der Zeiger. Groß und klein wurde ungeduldig, trampelte mit den Füßen und begann den Künstler mit Moppen- und Printenstücken zu bombardieren. Ruhig blinzelte Jan nach der mächtigen Turmuhr. »Ohm Peerenboom! – Ohm Peerenboom ...!« schrieen die Kleinen. »Jantje Klaas! – Jantje Klaas!« riefen andere dazwischen. Der Puppenspieler hatte weder Auge noch Ohr für die ungeduldige Menge. Lächelnden Mundes folgte er dem Schneckengang der glänzenden Zeiger. »De Pöppjes! – De Pöppjes ...!« Erneutes Getrampel; frische Moppen- und Printensalven kamen geflogen. Es half ihnen nichts; der Künstler schenkte ihnen auch nicht eine Sekunde. Da begannen einzelne zu singen, andere folgten; jubelnd klang es ihm aus hundert frischen Kehlen entgegen: »Bier en Kümmel lößt de Ohm, Kirsch en Pomeranze – Liewen Onkel Peerenboom, Laat de Pöppjes danze. Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning – Vöran Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!« »Himmel und Motten ...!« »Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning ...!« Vier Uhr! »Genoveva!« brüllte Jan in diesem Augenblick über die lautlos gewordene Menge; dann war er inmitten der schlappenden Segeltücher seines Komödienkastens derschwunden. Ein Klingelzeichen ertönte, die Gardine rollte sich auf, und in wechselnden Situationen, bald die Gemüter erschütternd, bald an die Lachmuskeln der atemlosen Zuschauer appellierend, ließ Jan die einzelnen Figuren des Ritterschauspiels vorüber marschieren. Die Verse polterten wie ein brausender Gießbach. Tragische Momente folgten sich Schlag auf Schlag, und als die Szene erschien, in welcher der Pfalzgraf Siegfried, dem Rufe der Kreuzfahrer folgend, von seinem edlen Weibe Abschied nimmt und in die traurigen aber markigen Worte ausbricht: »Schon scharrt der Renner wiehernd an der Pforte; Reich mir das Kriegshemd mit der Silberborte, Aufs Ritterhaupt drück' mir den edlen Helm, Denn blieb' ich hier – ich wär' der größte Schelm. Doch auch im Lande, wo die Türken wohnen, Viel' schöne Frau'n in schwülen Harems thronen – Ich denke Deiner treu und unbeirrt Und auch des Sohn's, der noch geboren wird. Fürs heilge Kreuz will ich im Sattel sitzen, Fürs heilge Kreuz mein rotes Blut verspritzen; Viktoria! der gold'ne Halbmond sinkt,. .! – Doch lebe wohl – der Knappe Kieke winkt,..« da drängten sich die Kinder enger zusammen, die Männer zählten die Pflastersteine, und Frau Grades van der Grinten, die sich mittlerweile vom Tempel der Riesendame fortgeschlichen und ethischere Genüsse aufgesucht hatte, schluchzte ein über das andere Mal: »Ach Gott, der Ärmste – der Ärmste!« wobei sie ihr Taschentuch herausholte und bitterlich weinte. Die Hände auf den frommen Busen gelegt, folgte sie unter stetiger Spannung der weiteren Handlung. Jan übertraf sich selbst. Nur unter dem Beistand eines viven und flachsköpfigen Bengels, den er aus der gaffenden Jugend herausgefischt hatte und gewissermaßen als Adlatus benutzte, zog er die Fäden, agierte und ventriloquierte, daß alle vermeinten, in die klobigen Holzpuppen sei wirkliches und wahrhaftiges Leben gefahren. Die Intermezzi waren dem Humor und dem Frohsinn gewidmet, denn die Fülle der tragischen Momente wirkte allzu erdrückend und bedingte eine zeitweilige Entladung. Jantje Klaas als lustige Person sorgte dafür; er tat es in so gründlicher Weise, daß viele aus Furcht, am Lachkitzel ersticken zu müssen, auf und davon gingen. Etliche Dienstmädchen kniffen sich wechselseitig in die entblößten Arme, lediglich von dem Wunsche beseelt, durch den erzeugten Schmerz ein Gegengewicht in bezug auf ihre eruptiven Heiterkeitsausbrüche zu haben. Kinder quietschten und schlugen wiehernd ihre gescheuerten Holzschuhe zusammen. Blauen Gesichtes mußte sich der Bierbrauer Thys van de Kamp an seinen Nebenmann halten. Lachsalven über Lachsalven rollten über den geräumigen Markt hin. Und dann wieder die Tragik, die entsetzliche Tragik! – Dazwischen knarrten die Drehbretter, schrieen die Besitzer der Lebkuchenbuden, orgelte die ›Perdjesmadam‹, und zeitweilig tönte in bestimmten Intervallen die Tanzmusik aus der Marcourschen Tente herüber. »Um–tata! – Um–tata...!« Dort waren die städtischen Musici, im gewöhnlichen Leben biedere Handwerker, im Schweiße ihres Angesichts beschäftigt, zum Rheinländer und Schottisch aufzuspielen. »Um–tata...!« Ha, wie das in die jungen Beine hineinfuhr! Es war nur ein Vorspiel; der eigentliche Festball sollte erst gegen Abend beginnen. Aber auch jetzt schon elektrisierten die munteren Weisen; sie drangen selbst bis in die entlegene Kesselstraße hinein, wo die Kirmeswelle ruhiger flutete als in den übrigen Gassen. Auch Mutter Pittjewitt hörte die lockenden Töne. Sie saß hinter den Scheiben am Fenster und strickte. Jetzt hatte sie kein richtiges Gefühl mehr für den staubigen Tanzboden. Früher war das anders gewesen, als sie noch eine Einspännerin war. Dann kamen der Mann, die Sorgen, die Kinder und der Lebensabend; da ging's nicht mehr. Jetzt saß sie immer und strickte. Es war ihr eine liebe Gewohnheit geworden; denn beim Stricken ließ sich so gut sinnen und grübeln. Alte Erinnerungen, teils lächelnd, teils mit ernsten Gesichtern, kamen und gingen. Sie brachten ihre Seele nach oben, wo so viele weilten, die sie gekannt hatte auf Erden; gleich darauf wurde sie wieder talwärts geführt, wo die Menschen wohnen mit ihren Fehlern und Vorzügen, mit ihren Leiden und Freuden – und da mußte sie an Pittje denken, an Kathje und ihre arme Tochter jenseits des Rheines, die das Schicksal hart angepackt hatte, das noch immer keine Anstalten machte, die schwere Hand von ihr zu nehmen. Und noch ein anderer saß hinter den Fensterscheiben und hörte auf die Musik, die der weiche Sommerwind herübertrug – und das war Säkchen Reiß, der als Kommis bei Sally Süßkind gegen hundert Taler Salär und gute Behandlung in Kondition stand. Wofür Mutter Pittjewitt kein Verständnis mehr hatte, das war bei Säkchen noch im hohen Maße vorhanden. Die hergewehten Klänge drangen ihm wohlig zu Ohren, sie taten ihm gut und kribbelten ihm wie Ameisen bis in die äußersten Zehenspitzen hinein. Säkchen Reiß war ein leidenschaftlicher Tänzer. Die miserablen Beinchen um die Holzschraube des hohen Kontorstuhles gewunden, den Kopf in die linke Hand gestützt, thronte er vor einem engbrüstigen Pult, in dessen rückwärts gelegenen Fächern sich verschiedene, mit diversen Getreideproben angefüllte Schälchen befanden. Das aufgeschlagene Hauptbuch lag vor ihm. Seine Blicke huschten darüber fort. Er hatte überhaupt seit mehreren Stunden kein sachliches Interesse mehr für Soll und Haben, Forderungen und Schulden, Einzelfunktionen des Verkehrs und deren Anteil am Gesamtresultate, denn er duselte träumerisch suchend ins Nichts, wie einer, dem eine angenehme Hand an den Ohren herumkraut, wiegte rhythmisch den Kopf und griff von Zeit zu Zeit in die Getreideschälchen, brachte die herausgenommenen Körner in den Mund und kaute sie mechanisch herunter. Bei allen Gedanken, sie mochten rein sachlicher, trauriger oder heiterer Natur sein, pflegte Säkchen Getreideproben zu kauen, wie er denn überhaupt auch in seinem übrigen Benehmen das reinste Ebenbild seines Prinzipals war – aber im kleinen. Er lief ihm als Schatten voraus oder folgte als Schatten. Sally Süßkind hatte die Gewohnheit, an Nelkenstengeln zu knabbern, Säkchen begnügte sich mit Sommerrübsen, Wicken und Roggen; Sally trug je nach der Jahreszeit Buckskinhosen mit schwarzbraunen Galons, Gehrock und Filzhut, Säkchen desgleichen, die er auch im Sommer mit weißleinenen Beinkleidern, Nankingjackett und Strohhut vertauschte, selbstverständlich hinsichtlich der Qualität unter Rücksichtnahme auf seine hundert Taler Salär. Sally flötete, der Herr Kommis flötete auch; nur zog Herr Süßkind die wehmütigen, getragenen, klagenden Weisen vor, während sein junger Mann mehr auf das Wiegende und Prickelnde der Tanzmelodie Gewicht legte und bei Gelegenheit nicht müde wurde, irgendeine aufgelesene Walzerphrase zu pfeifen. Säkchen Reiß saß schwer in Betrachtungen. Allein sie waren weniger bei den Zahlen und Abschlüssen im Hauptbuch, als bei den Musikanten in der Marcourschen Tente. Und diese Betrachtungen fuhren ihm zeitweilig bis in die Zehenspitzen hinein, lösten ihm die übereinander geschlagenen Beine vom Drehstuhl und brachten sie in eine Art von Tanzbewegung, so daß es den Anschein hatte, als sei der glückliche Inhaber des mehr als fragwürdigen Beinwerks schon jetzt gewillt, etliche gewagte Pas zu riskieren. Dabei wiegte er den Kopf von der einen auf die andere Seite, knackte Buchweizeneckern und träumte sich in so 'ne richtige Kirmes- und Ballstimmung hinein, laut welcher er selbst den Festordner abgab, die Polo-näse kommandierte und bei Ausbietung verlorener Gegen-stände, kraft der ihm vom Ballkomitee übertragenen Gewalt, Tusch blasen ließ. Alles flimmerte vor seinen glücklichen Augen: die Girlanden, der aufgewirbelte Staub, die Talgkerzen, die Marköre und die tanzenden Paare – und er war eben dabei, eine feine Quadrille zu arrangieren, als er durch die Ankunft seines Prinzi-pals aus allen Himmeln gezerrt ward. »Herr Süßkind!« stammelte Säkchen. »Was Neues?« »Was soll's Neues geben, Herr Süßkind?!« »Sind die eingegangenen Posten notiert?« fragte Tally. »Es schteht,« sagte Säkchen. »Un 's große Haus Meyer in Kleve...?« »Schweigt noch immer, Herr Süßkind.« »Schön,« sagte Sally, »das große Haus schweigt immer, wenn es soll machen Geschäften mit die kleineren Leute, aber ich komm' auch an die Reihe. Das Haus Süßkind kann warten. Un sonst: sind frische Kommi-schonen gekommen?« »Herr Süßkind, ßwei sind gekommen.« »Nü – un ...?« »Eine auf Rapps un Kleesamen, die ßweite auf Roggen for Herrn Bäckermeister Terlinden. Aber ich schlösse nich ab, ich tät's nich, Herr Süßkind.« »So!« sagte Sally. »Is es doch ein Wagnis von Ihnen; haben wir doch genug Kommischonen bei die jetzigen Zeiten. Herr Süßkind, ich tät's nich.« »Säkchen, warum nich?« »Herr Süßkind, die Mäuse...!« »Vize kapore!« rief Sally, »was sollen die Mäuse? Es gibt keine Mäuse. Bleiben Sie mir mit die Mäuse vom Leibe; sie kriechen mir schon die Beine herunter, un will ich doch tanzen heute ßu Abend in die Marcoursche Tente. Un nu das mit die Mäuse! – un ich hab's doch Herrn Pittje un seiner ßukünftigen Frau Gemahlin versprochen. Säkchen, mit dem infamten Geschmuse...« »Gut,« meinte Säkchen, »kann es auch sein ein Geschmuse, kann es auch sein ein Ketowes – aber ich hab' 'ne Bitte an Ihnen, Herr Süßkind.« »Säkchen, was soll's denn?« »Herr Süßkind, ich bitte, 's Kontor beschließen ßu wollen for heute.« »Schpaß,« lächelte Sally. »Herr Süßkind, ich muß noch 's Schemischen besorgen.« »Schpaß,« lächelte Tally noch einmal. »Herr Süßkind, ich muß meinen Zylinderhut noch aufbügeln lassen ßu heute. Ich will auch gehn ßu's Tanzen in die Marcoursche Tente; ich hab's der Rosalie Leismann versprochen.« »Säkchen, un is abgeschlossen for heute?« »Herr Süßkind, es schteht.« »Un das mit die Briefe?« »Herr Süßkind, es stimmt.« »Säkchen, gehst Du kapores – un das mit die Mäuse?« »Kann es auch sein ein Geschmuse, Herr Süßkind.« »Schön,« sagte Sally und brachte die hinter der linken Ohrmuschel steckende Kartäusernelke in den Mund, »Kommis sind nun einmal Kommis! – Gott, dieses Pläsier in die Welt! – Aber, junger Mann, ich will Ihnen was sagen: hat der Prinzipal Pläsier in die Welt, soll auch haben der Herr Kommis Pläsier in die Welt – 's Kontor wird geschlossen.« »Sehr obligiert, Herr Süßkind,« dankte Herr Reiß, ließ noch etliche Buchweizeneckern, Linsen und Roggenkörner in seine Tasche gleiten, drehte sich von seinem hochbeinigen Kontorstuhl herunter, schlenkerte mit dem sehr minderwertigen Untergestell und tänzelte seinem Glück und seinem Schemischen, dem Ball und Rosalie Leifmann entgegen. »Schpaß,« lächelte Sally, »aber die Mäuse...« Und Frau Mutter Pittjewitt saß noch immer hinter den Scheiben und strickte, und Jan Peerenboom war mit seiner Puppenkomödie glücklich und unter frenetischem Beifall zu Ende gekommen, hatte klingenden Erfolg die Hülle und Fülle gehabt und war selig nach Hause geschoben. Jetzt wußte er es: die Welt stand ihm offen; Pittje Pittjewitt mußte mit seinem Darlehen bald abgefunden werden, denn es schaffte und dichtete sich freier als unabhängiger Künstler – und das sollte sobald wie möglich geschehen. Je eher, je besser! Die Aussicht war gut, denn als er nachzählte, konnte er fünfundvierzig Kastemännchen in den bereit gehaltenen Beutel versenken; immerhin ein leidliches Resultat für den Anfang. »Gott verdomie!« triumphierte Jan Peerenboom. »Hurra de Pöppjes!« Schmunzelnd ließ er sich hierauf in das ächzende Kanapee fallen und träumte von seinem Glück, den Kindern und der Yorkshire-Sau bis in den späten Abend hinein. Aloys Pierentrecker und der säbelbeinige Bäcker studierten noch immer an der Riesendame herum, konnten jedoch nicht einig werden, ob sie es mit der Herzogin Vasthi, der schönen Esther oder der reichen Königin von Saba zu tun hatten, waren aber schließlich und nach eingehendem Studium der Ansicht, daß der Kerl mit der polnischen Sammetjacke und dem martialischen Schnurrbart den Ausschlag geben sollte. Dieser wollte sich aber nur gegen Ponierung eines süßen Likörs und verschiedener Flaschen »Langkork« hierzu verstehen. Na, das geschah nun, und als im Verlaufe der vergnügten Kneiperei die Herzogin Vasthi sich äußerst zärtlich gerierte, immer näher rückte, endlich an Aloys Pierentrecker den Narren gefressen hatte und ihm liebevoll zuplinkte – da ging es nicht anders: der für gewöhnlich bis oben zugeknüpfte Schellfisch, Vorbeter und Mitglied des Kirchenrats, wurde gesprächig. Und der Abend ging darüber hin – und als die ersten Sterne vom heiteren Himmel blinzelten, da zogen Pittje Wtjewitt mit Zylinder und Gehrock, Kathje Peerenboom und Sally Süßkind zur Marcourschen Tente. Von weither klang es ihnen schon fröhlich entgegen. Um–tata! – Um–tata...! Klarinette und Bombardon taten das ihre. Das Marcoursche Zelt war strahlend erleuchtet; jenseits desselben aber rauschten die Kornfelder durch den laulichen Abend. Eine Schnuppe blitzte am Himmel. Knisternd zerstob sie. XIII. Es wendet sich alles Und die Sterne waren aufgegangen am Himmel. Unter ihnen, inmitten von schwarzen Kastanienkugeln, streckte sich eine helleuchtende, transparente Fläche, die aussah, als ruhte ein lichtdurchfluteter Weiher zwischen den mächtigen Kuppen, die regungslos in die Nacht hinausstierten. Jenseits derselben lagen Gärten, in denen breitausgelegte Obstbäume standen, an diese schlossen sich dichte Weißdornhecken, verschwiegene Gäßchen, die, von Zaunrüben durchwuchert, allgemach in die weiten Kornfelder führten. Rechts derselben lief der große Heerweg nach Kleve und von hier aus weiter nach Holland. In der silbrigen Nacht waren die dunklen Schnüre der Chausseebäumchen klar zu verfolgen. Auf der Landstraße war Räderknarren und Peitschengeknalle. Rasche Laternen hoppelten durch die einförmigen Stämmchen. Sie hatten alle dasselbe Ziel, denn in Höhe des erleuchteten Zeltes bogen sie ein und lichterten geschwind auf die dunklen Kastaniengruppen zu. Wagen folgte auf Wagen. Alle brachten heitere Kirmesgäste aus den benachbarten Ortschaften, aus Moyland und Till, von der Beginnen- und Holländerkath, von Rosenboom und dem Leygrafenhof, dessen Besitzer nach Angabe Pittje Pittjewitts so reich war, daß er seine Schweineställe mit geäderten Marmorplatten belegen konnte, eine Opulenz, die ihm in der ganzen Umgegend den Ehrentitel eines Schweinekönigs eingebracht hatte. Seine borstigen Untertanen zählten nach Hunderten. Auch Jan Peerenbooms Yorkshire-Sau war vom Leygrafenhofe zu Hause und hatte dort zuerst die Wände begrunzelt. Breitbeinig protzte der Leygrafenhöfer in die Marcoursche Tente hinein. »Holla, Markör, zwei Flaschen Burdo!« Drei harte Taler knallte er dabei auf die Anrichte. Die Leute sollten doch wissen, was er für ein steinreicher Kerl sei. Aber die wenigsten achteten darauf, denn gleichzeitig mit ihm hatten Pittje Pittjewitt, Kathje und Sally Süßkind den lustigen Tanzboden betreten. Alle steckten die Köpfe zusammen. Zum erstenmal zeigte sich Pittje mit seiner Braut öffentlich als Verlobter, ein Ereignis, das sicherlich dazu angetan war, eine lebhafte Bewegung unter die Menge zu bringen, die teils um die Tische gruppiert saß, teils zu den Klängen eines Wiener Walzers sich drehte und wiegte. Eine freudige Stockung entstand, weniger allerdings bei denen, die sich auf Henne Terlinden und Aloys Pierentrecker eingeschworen hatten, als vielmehr im Kreise der liberal Gesinnten, die es dem Eingetretenen nicht vergessen wollten, wie selbstlos und charakterfest er sich seinerzeit auf dem Rathause benommen. »Hierher, Pittje!« »Pröstchen!« »Auf Dein Spezielles!« »Hä, Pittje!« »Pittje, placiert Euch!« »Danke, die Herren ...!« Und Herr Doktor Heinrich Schnapp, Vorsitzender des Verschönerungsvereins, trat in herzlicher Weise auf ihn zu, gratulierte ihm und seiner jungen Braut im Namen der guten Sache und des Verschönerungsvereins, und der Leygrafenhöfer, bei dem Pittje immer die Schweine abstechen mußte, warf nochmals drei harte Taler auf den Schenktisch, wobei er so laut wie möglich kommandierte, daß alle es hören konnten: »Holla, Markör, noch zwei Flaschen Burdo! – Wir müssen Herrn Pittjewitt und seiner Braut die Ehre erweisen!« – und als der so Gefeierte den Zylinder zog und sich vielmals bedankte, grüßte auch Sally mit und setzte dabei ein so wichtiges Gesicht auf, als wäre er der Bruder von Kathje und müßte als solcher und zukünftiger Schwager die Peerenboomsche Familie würdig vertreten. »Hierher, Pittje!« »Pittje, bedient Euch!« Alles tobte und jubelte laut durcheinander, und als Säkchen Reiß, der im Schweiße seines Angesichts und schlenkerbeinig mit Rosalie Leifmann vorüberwalzte, die Situation richtig erkannte, hielt er plötzlich inmitten des besten Tanzes inne, schwenkte mit dem Taschentuch, das er noch kurz zuvor seiner Tänzerin mit spitzen Fingern auf den Rücken gedrückt hatte, zur Musikantentribüne herauf und meinte: »'nen Tusch, 'nen Tusch – ich bitte die Herrens!« Die Herren Musikanten ließen sich das nicht zweimal sagen. »Hurra!« rief Säkchen. Und »Hurra!« und »Fifat!« ging es durch den Saal; es fehlte nicht viel, so hätten sie Pittje auf die Schultern gehoben und ihn triumphierend über den Tanzboden und durch den Garten getragen. Allein die Herren auf der Tribüne stimmten noch rechtzeitig einen fünften und ge-tragenen Rheinländer an; einschmeichelnd kamen die Töne herüber, und als nun Pittje bemerkte, wie Kathie ihn mit ihren schönen, runden Augen ansah, wie sie die weißen Zähne blitzen ließ, ihm bittend die Hand drückte, da legte er seinen Zylinder beiseite, faßte sie um die Taille und ließ sich gleichzeitig mit Säkchen Reiß und Rosalie Leismann in das dichteste Tanzgewühl tragen. »Wo erhaben!« lächelte Sally. »Er kann noch etwas anderes wie halbieren un reden – er kann auch noch tanzen. Un wie! – Er is ja die reinste männliche Mirjam mit's Tanzen! – Herr Pittje kann alles.« Und Kathje drückte sich fester an ihren Geliebten. Das gestrige Begegnen mit Ull Koßmann kränkelte sacht dem Sterben entgegen und wurde schließlich von dem irren Kerzengeflimmer, dem wirbelnden Staub und der heiteren Musik, die ihre heißen Sinne umwiegte, verschlungen. Ihr Fühlen nahm eine andere Richtung. Jetzt war ihr Pittje der nächste. Von seinen Armen getragen, von ihren raschelnden Röcken umflattert, mit blitzenden Augen und halbgeöffnetem Munde tanzte sie sich wieder in die volle Leidenschaft zu ihrem Geliebten hinein. Pittje war glücklich. Die Bedenken und Sorgen, die ihn während der letzten Tage heimgesucht und gequält hatten, schrumpften in sich zusammen, um Stück für Stück und wie abgestorbene Früchte von seinem Herzen zu fallen. Freudige und neidische Blicke folgten ihm und dem lieblichen Mädchen. Er fühlte und sah das. Eine erquickende Genugtuung, eine selbstherrliche Kraft bemächtigte sich seiner, wie er sie nie empfunden hatte an andern Tagen. Ihr warmer Atem kitzelte seine Wangen, sie flüsterte ihm verliebte Worte ins Ohr, und lachend drückte sie ihren schönen Körper näher und näher. Ein volles, heißes, begehrliches Leben ruhte an seiner Brust; da wußte er doch, wofür er lebte, wofür er neue Pläne schmiedete, arbeitete und schaffte, und da kam ihm seine engere Heimat, wo er ein kleines Anwesen hatte, wo sich alles mit seinen Jugenderinnerungen verknüpfte, noch einmal so schön vor. Ja, hier in dem gesegneten Landstrich am Niederrhein, wo die Wasser langsamer fließen, die Wiesen saftiger grünen, die schwermütigen Pappeln eine andere Sprache reden denn sonstwo, hier, wo die dampfende Scholle mit tausend und abertausend Gräsern und Blüten ihm winkte und, trotz des Nüchternen, eine eigenartige Welt ihn mit unzähligen Fühlern umstrickte, hier wollte er das Glück auf den Amboß legen und es zurecht schmieden so ganz nach seinem Herzen und seinem Gefallen. Und Kathje, sein Kathje – ja, die mußte ihm helfen, bis alles in Schick und Richte gekommen, und sie schließlich sagen konnten: wir haben unsere Pflicht getan und nicht vergebens gerungen, denn alles, was wir besitzen, sowohl in der Welt da draußen, wie dasjenige, was wir im Herzen tragen, ist nicht mit Hypothekenschulden belastet. Das sollte immer so bleiben, bis der Flieder auf dem ruhigen Fleckchen Erde da draußen über sie hinwehte. Man konnte kaum noch sehen. Der Staub wirbelte unter den schleifenden Schritten. Die improvisierten Kronleuchter dunsteten nur noch trüb durch die aufgetriebenen Wölkchen. Rote Gesichter und blitzende Augen! Immer flotter schwenkten die Röcke, und der reiche Leygrafenhöfer saß bei seinen Flaschen ,Burdo', trommelte mit seinen fetten und beringten Fingern auf den Tisch, erzählte ein über das andere Mal, was er für ein steinreicher Kerl sei, und folgte mit gierigen Blicken dem tanzenden Paare, wenn sich Kathje vorbeidrehte. »Donnerknippchen, die kann es!« meinte er dann mit gekniffener Miene. »Wozu so'n versoffener Komödienspieler zu nutz in der Welt ist, das sieht man an der da. So 'ne Tournüre – und die feine Visage!« »Un wie!« meinte Sally, der sich langsam herangeschnürt hatte. »Auf Ihr Spezielles, Herr Süßkind,« versetzte der Leygrafenhöfer und nötigte ihm ein Gläschen »Burdo« auf. »Merci! Im Angedenken an Pittje soll's sein, der ein Freund is von Sie un von mir. Ein angenehmes Pröstchen, Herr Leygrafenhöfer.« Die Musik verstummte. Pause! Die tanzenden Paare atmeten auf. Alle drängten nach Bänken und Tischen. Hochgeschürzte Mädchen gingen mit Gießkannen umher und besprengten den knochentrockenen Boden. Aber kaum waren sie fertig geworden, als auch schon Säkchen Reiß auf einen Schemel sprang, das Taschentuch schwenkte und im Namen des Ballkomitees eine Polonäse mit freier Damenwahl durch den illuminierten Garten in Aussicht stellte. »Bravo!« Und abermals: »Bravo!« Auf allen Gesichtern machte sich eine freudige Er-regung bemerkbar. Sally Süßkind, der sich noch immer an der Flasche ,Burdo' delektierte, strich bei dieser wich-tigen Meldung über sein eingeschmalztes Lockentoupet, rückte die Nelke im Mundwinkel zurecht und zog seine weiße Pikeeweste einige Zoll weiter herunter. Es geschah im behaglichen Vorgefühl der kommenden Polonäse, denn er rechnete mit aller Bestimmtheit darauf, daß die Wahl Kathjes auf ihn fallen würde, eine kühne Voraussetzung, die sich aber sehr bald rechtfertigen sollte. Er schwelgte noch in dieser angenehmen Betrachtung und malte sich bereits die Situation in den gewagtesten Farben aus, indem er hier einen ordentlichen Lichtdruckser und dort eine sanfte Abtönung hinzupinseln gedachte, als plötzlich der Herr Polizeidiener Brill erschien, und zwar mit einem Gesichtsausdruck, dem man im gewöhnlichen Leben die Bezeichnung Amtsmiene beilegt. Um die Sache noch gewichtiger zu machen, hatte er sein dickbauchiges Notizbuch zwischen den ersten und dritten Knopf des Waffenrockes geschoben. Hinter ihm tauchte, ebenso erregt, die Gestalt Wilm Henselers auf. Ohne sich um die andern zu kehren, steuerten die beiden geradeswegs auf Pittje Pittjewitt los. Herr Polizeidiener Brill legte die Hand an die Mütze. »Es dürfte Sie interessieren, Herr Pittjewitt,« »Von wegen einer dringlichen Sache,« flüsterte Wilm Henseler mit geheimnisvoller Betonung. Schon steckten einige die Köpfe zusammen. »Aber was habt Ihr denn, Kinder?« »'ne große Sache. Ich beschwöre Dir, Pittje. Allens wider Erwartung. Meine Musmaßungen sind über ihren Maxusstandpunkt gegangen.« »Das sind sie,« bestätigte Herr Brill und machte sich an seinem Notizbuch zu schaffen. »Aber um Gottes willen, Kinder, so sprecht doch!« »Wollen wir auch, wollen wir, Pittje – aber allens nur stillkes.« Wilm hatte sich seinem Freunde genähert, der nicht wußte, was er mit dieser Fülle seltsamer Andeutungen und Interjektionen anfangen sollte. »Wir haben ihn,« raunte Wilm mit sichtlicher Schaden-freude und praktizierte sein Priemchen, um besser sprechen zu können, an die bekannte Stelle seiner frisch gebügelten Weste. »Allens is so von selber un auf natürlichem Wege gekommen. Meine Musmaßungen von wegen dem Beile haben sich alle bestätigt, un was noch fachmännischer is: der schofele Mjinheer is auf die Leimrute der dicken Riesendame gegangen. Aber ich beschwüre Dir, Pittje – denn solltest Du's glauben: auch der säbelbeinige Bäcker...« »Nicht möglich!« »Stimmt,« sagte Herr Brill mit der ganzen Würde eines gediegenen Kriminalisten. »Unter zwei bis drei Jahre tu' ich's nicht. Wir müssen ein energisches Beispiel kon-stitutionieren.« »Pst! – Mjinheer Polizeidiener Brill, wir müssen doch fachmännisch vorgehn, un darum, Pittje, bin ich der Ansicht, wir setzen uns mit Herrn Marcour ins Benehmen und gehn in sein Privatkabinett. Dort sollst Du allens erfahren, meinetwegen von da an, wo das Karnickel seine ersten Röhren gemacht hat.« »Gut,« sagte Pittje, sprach noch einige Worte mit Kathje und verließ dann in Begleitung seiner Getreuen das Tanzzelt. Alle weiteren Erörterungen seitens der Unbeteiligten fielen ins Wasser, denn Säkchen Reiß hatte sich abermals auf einen Schemel geschwungen, das Taschentuch in Bewegung gesetzt und mit scharfer Fistelstimme das große Ereignis des Abends verkündet. »Grande Polonaise – Ich bitte die Damens!« Hierauf setzte er sich mit den Musikanten und Rosalie Leismann an die Spitze des Zuges. Die Paare rangierten sich, und wirklich, was Sally Süßkind mit allen Fasern seines liebevollen Herzens erhofft hatte, trat ein. Mit hellem Lachen kam Kathje Peerenboom auf ihn zu, knickste, nahm die Röcke zusammen und meinte mit feierlich-komischem Ausdruck des schönen Gesichts: »Ich bitte, Herr Süßkind.« »Wie liebreich, Freilein Kathje, wie liebreich!« lispelte der Glückliche, nahm eine ausgesuchte Tanzmeisterstellung ein, die eine verteufelte Verwandtschaft mit derjenigen Jettes hatte, beschenkte seine Partnerin noch mit einer flammenden Nelke, um sich dann mit ihr in die bereits aufgestellten Reihen zu schieben. »En avant!« kommandierte der junge Kommis. Die Musik spielte auf. Erst innerhalb der Tente 'rum – und dann im schleifenden Marschtempo, mit heißen Gesichtern, unter Kichern und Lachen ging es von hier aus, an der großen Regentonne vorbei, in den Garten. Eine angenehme Kühle wehte den heiteren Reigen an, untermischt mit dem süßlichen Duft der Sommerspiräen, die überall an den mit Kies bestreuten Wegen ihre blühenden Rispen aufgesteckt hatten. Alte Obstbäume, die nur als Silhouetten erschienen, breiteten ihre schlangenartigen Äste darüber hin. Bunte Reflexe von blauen und roten Papier-laternen zitterten in den dichten Laubkronen der Kastanien und erhellten spärlich die fingerförmigen Blätter, während tief unten zwischen den Gebüschen und Rasenpartien eine wohltuende, trauliche Dunkelheit herrschte. Die fiim-mernden Kieswege bezeichneten allein die zu nehmende Richtung. »En avant!« kommandierte Säkchen Reiß, als er mit Rosalie Leismann an eine doppelte Schleife des betretenen Pfades gelangt war. »Die Herrens mit mir, die Damens nach links traversieren!« Unter Witzeleien und leisem Gekicher wurde dem Befehl Folge gegeben. Auf verschlungenen Gängen zogen die getrennten Reihen mit der Absicht durch den um-düsterten Garten, sich in der Nähe des Tanzzeltes wieder zu einen und die Polonäse mit einem flotten Walzer aus-klingen zu lassen. Aus Gesträuchen und Büschen sah die Nacht mit verschlafenen Augen. Ab und zu blitzte durch das Laubwerk der irre Schein der Papierlaternen herüber. Immer lauter spielte die Musik. Die Reihen lockerten sich; sie wollten Zusammenhang und Richtung verlieren, als Kathje wähnte, ihren Namen zu hören. Sie konnte sich täuschen, aber da klang es noch einmal, leise und mit leidenschaftlicher Stimme. Sie hielt den Fuß an. »Kathje!« Gleichzeitig fühlte sie sich von starken Händen umfaßt und zur Seite gezogen. Alles war so unerwartet und plötzlich gekommen, daß keiner den Vorgang bemerkte. Zwei brennende Augen sahen sie an. »Du ...?!« »Ja – ich bin es: Ull Koßmann.« »Und was wollen Sie jetzt – von mir? Sie ...?« Sie stand wie gelähmt und wußte nicht, was sie weiter fragen und antworten sollte. »Kathje, ich weiß nicht – aber Sie sollen mir folgen.« Es klang mit der Inbrunst eines verlangenden Herzens. »Kommen Sie – da draußen ...! Ich beschwöre Sie, Kathje.« In der lauten Musik waren die hastig hingeworfenen Worte wie untergegangen. Ull Koßmann deutete in Richtung der Hecken und Kornfelder, wo die Nacht zwinkerte mit ihren Myriaden von Sternen. »Willst Du?« »Ich?« Sie wollte zurück, sie wollte Pittje rufen ... Da wieder die verzehrenden Blicke von eben, und als sie hineinsah, da fand sie, daß sehnsüchtige Lichter drin brannten. Sie atmete schwer und fühlte, daß ihre Willenskraft allmählich erlahmte. »Kathje!« Ihre Lippen öffneten sich durstig und wie in stiller Verzückung. »Ja.« Und sie legte ihre Hand in die seine; die beiden Menschen aber schritten hinaus in die unendliche Reinheit der schlummernden Landschaft. Hinter ihnen schlugen die Gartenhecken zusammen. – Die Polonäse war weiter gezogen. Die Paare einten sich wieder; doch als Sally Süßkind sich vergeblich nach Kathje umschaute, als er mit Aufbietung seines gesamten Spürsinns sie weder im Garten noch in der Tente zu finden vermochte, da nahm sein Gesicht den Ausdruck einer sich allgemach verstärkenden Stupidität an. Es erging ihm wie einem Tambourmajor, der im Übereifer des Gefechts seinen bequasteten Taktierstock zu hoch zwischen die Lindenbäume geworfen hatte und dann in Überlegung stand, warum das eigensinnige Ding nicht mehr herab wollte; als verständiger Mann jedoch, der auch in den schwierigsten Lebenslagen seine Fassung nicht ganz veräußert, ließ Sally seinen Tambourmajorstock zwischen den Alleebäumen hängen – taktierte ohne denselben, und zwar seine eigene Note, die er sich speziell hierauf gemacht hatte. Etliche zwanzig Schritt von dem Tanzboden entfernt lag die Marcoursche Wirtschaft. Hier im Privatkabinett des stocktauben Inhabers, der sich noch katholischer als der heilige Vater selber aufspielte, tagte der geheime Rat zwischen dem Polizeidiener Brill, Pittje und Wilm. »Un das kannst Du mir glauben, Pittje,« erörterte Wilm mit behaglichem Schmunzeln, »un wenn es auch kaum die Menschen-Möglichkeit is: er is mit seinem properen Kompagnon auf der dicken Leimrute hängen geblieben.« Über das Gesicht Pittjes zogen sich heitere Fältchen. »Pittje, Du lächelst – aber der Herr Polizeidiener Brill kann mir das allens vom fachmännischen Standpunkt beglauben.« Der eiserne Mann des Gesetzes winkte gewichtig und klopfte dabei mit der größten Umständlichkeit auf sein abgegriffenes Notizbuch. »Das kann ich,« sagte er mit dem gehörigen Nachdruck, »und hoffe, die beiden schon in den nächsten Tagen, und zwar in Kraft meines kriminalistischen Instinktes, unbarmherzig einstechen zu lassen.« An der Feierlichkeit und den bestimmten Auslassungen der beiden Ankläger mußte Pittje schließlich die Überzeugung gewinnen, daß in dem Gehörten doch ein Kern von Wahrheit stecken dürfte. Er räusperte sich daher und meinte nach einigem Zögern: »Aber um Himmels willen, wie ist denn das alles so plötzlich gekommen?!« Der Herr Polizeidiener wollte schon loslegen. »Herr Pittje ...« »Aber ich bitte Ihnen, Mjinheer Brill,« drängte sich Wilm Henseler dazwischen, »ich als zunächst stehender Freund un Kampfgenosse habe das Vorrecht. Also Pittje, ich melle gehorsamst: zuerst das mit dem Stiel von's Beil un denn als Hauptknallbonbon das mit der Riesendame un dem Kerl mit die polnische Jacke. Das Beil, mit Respekt zu mellen, habe ich vor wenigen Tagen auf meinen Spionsgängen zwischen die Birken, un zwar in einem Ginsterbusche, totaliter verrostet gefunden, un als ich zukieke – Pittje, halte Dir fest – spreche ich den Stiel für meine fachmännische Arbeit an, die ich Herrn Aloys Pierentrecker, musmaßlich kurz vor der miserablen Affäre, un zwar eigenhändig in seine Wohnung geliefert.« »Nicht möglich!« entsetzte sich Pittje. »Stimmt,« ergänzte der Herr Polizeidiener Brill. »Aber ich will mein Lebenstag nur Hobelspäne verzehren,« fuhr Wilm Henseler ingrimmig fort, »wenn es mir auch nur im Traum einfallen sollte, für diesen hintertückschen un niederträchtigen Musjö noch einmal zu schreinern. Höchstens noch für die Herstellung seines Sarges bin ich zu haben, un denn soll der letzte Nagel mit Trara un aller Forsche hineingekloppt werden. Schön – un nu das mit der Riesenmadam. – Pittje, Du weißt, ich habe für den Kerl in die polnische Sammetjacke den Musentempel zusammengezimmert, un ich muß ihm das Zeugnis abgeben, er hat mir ehrlich in Zahlung genommen. Den Düwel noch mal! – auch die Madam is mir bei dieser Gelegenheit mit ihrem opulenten Busen unter die Augen gegangen, aber allens was recht is, ich sage Dir, Pittje, ich habe mir bei der äußerst freundlichen Dame wie Joseph aus Ägypten benommen.« »Siegellack und Petschaft darunter,« nickte der Mann des starren Gesetzes. »Mit ihm is das nu eine andere Sache,« berichtete Wilm Henseler weiter, »denn er is ein aufgeklärter Mann un weiß ganz amüsant über allerhand Tagesposten zu reden. Na, ich komme denn so ungefähr Schlag Klock neune an seinem Musentempel vorüber, un es war mir so, als wenn er seine Wanderbude schon zugemacht hätte, denn da draußen war die Kirmes schon dunkel, un nur hinter der Leinewand war noch 'ne starke Illuminierung. Den Düwel noch mal! – da drinnen stießen sie noch lustig mit klinkenden Gläsern zusammen. Das kam mir sonderbar vor. Ich stand noch ein bißchen, un wie ich so stand, kuckte der Direktor selbst durch den Vorhang, plinkte mir zu un invitierte mir, auf einen kleinen Sprung näher zu treten.« »Alles der Wahrheit gemäß und sachlich berichtet,« bemerkte der Herr Polizeidiener und klopfte mit dem umgewendeten Bleistift auf den Lederrücken seines Notizbuches. »Es stimmt – man weiter, Herr Henseler.« »Mjinheer Direktor, sagte ich, sehr freundlich von Ihnen, aber es geht nich, denn ich muß noch zu's Tanzfest; ich hab's meinem Freunde Pittje versprochen. Un da erzählte er mir, daß bei der dicken Madam zwei Herren säßen, eine Flasche nach der andern abstöpselten, mit ihrer Männerkraft dicke täten un renommierten: in einer Nacht musmaßlich zweihundert Birken über den Haufen geworfen zu haben.« Pittje verfärbte sich. »Jesus Christus!« rief er mit verstörtem Gesicht, »da soll ja einem der Knüppel in die Hand 'reinfahren ...!« »Zweihundert Birken,« bestätigte Herr Polizeidiener Brill und begann mit seinen blankgeputzten Augen zu blitzen. »Ein krimineller Fall allererster Ordnung, wie er mir in meiner langjährigen und verdienstreichen Praxis noch nicht unter meinen aufmerksamen Bleistift gekommen.« »Und die beiden?« fragte Pittje in großer Erregung. »Laß mir ausreden, Pittje. Da war denn nu endlich der richtige Leimpott gefunden! – Mjinheer Direktor, sagte ich, nach dieser Musmaßung un im vorliegenden Fall möchte ich doch so 'nen kleinen Einblick in Ihre Kunsthalle hinein tun. Der Herr Direktor is nu aber ein sehr freundlicher Mann. Bitte, sich ergebenst bedienen zu wollen, meinte er mir gegenüber, drückte selbst den Vorhang ein bißchen zur Seite, schob mich ans Guckloch, un wie ich da durchsah, Pittje, was glaubst Du wohl, was ich da vor meine Visage bekomme?« »Kann es mir denken,« sagte Pittje verärgert. »Richtig getroffen. Gott verdomie! – sitzen da mein christkatholischer Schellfisch un der krummbeinige Sackermenter von Bäcker bei einigen leeren un einigen vollen Pullen ›Schwart Water‹ auf der Komödiantentribüne, machen verliebte Nasenlöcher, gießen der etwas überbrüstigen Madam immer umschichtig ein Gläschen Likör ein, nehmen das Fraumensch abwechselnd auf ihre zappeligen Beine, trinken ein um das andere Glas auf ihre Gesundheit, renommieren von ihrer männlichen Forsche un die herabgehauenen Birken un parlieren überhaupt das Blaue vom Himmel herunter. Pittje, um einen fachmännischen Ausdruck zu brauchen: es ging über den Maxusstandpunkt aller Begriffe. Un so is die ganze Geschichte gewesen. Pittje, ich habe nach bestem Wissen un Gewissen gemolden. Die Sache is fertig.« »Mein Gott, mein Gott!« fuhr Pittje auf, »das hätte ich den beiden nicht zugetraut.« »Ich aber wohl,« entgegnete Wilm. »Ich habe die beiden schon lang auf dem Kieker. Faules Gemüse! – Ich freue mich herzlich darüber, denn sie sollen nach der fachmännischen Ansicht des Herrn Polizeidieners ihren Herrgott erkennen lernen, daß ihnen die Augen vergehn.« »Das sollen sie,« bestätigte dieser, »denn die delikaten Korpusse sind mehr wie erdrückend, und wenn wir noch herauskriegen, wer ihnen die Bouteillen mit Medoc geliefert, denn sie haben erwiesenermaßen diesen Baronswein in Gesellschaft der Riesendame verpichelt – na, denn aber auch! So'n Späßchen können die Herren von's Gericht nicht vertragen. Mit energischer Strenge gehen sie los und schneiden ihnen rechtlich und so ohne weiteres die bürgerlichen Honörenknöpfe vom Leibe.« »Baumfrevel!« knirschte Pittje in sich hinein. »Nur um uns und unseren liberalen Ideen einen niedrigen Trumpf auszuspielen – all diese Gemeinheit!« »Beruhigen Sie sich, Herr Pittjewitt,« suchte ihn der Polizeidiener Brill zu besänftigen. »Die geschändeten Birken haben in Ihnen, in mir un dem Herrn Schreinermeister, unter gütiger Beihilfe der Riesenmamsell, ihren Rächer gefunden.« Verständnisinnig nickte Wilm, und die drei saßen noch lange im Privatkabinett des Herrn Marcour zusammen und überlegten, wie dieser wichtige Vorfall erledigt und anhängig gemacht werden sollte. Es war eine lange Debatte, während welcher Säkchen Reiß fast ununterbrochen mit Rosalie Leifmann tanzte, die sich ständig mit der heiklen Frage beschäftigte, ob ihr liebenswürdiger Verehrer auch wirklich, wenn es darauf ankäme, Ernst machen würde. Sichtlich war sie mit ihren Kalkulationen zufrieden, denn ihr heißes Gesicht strahlte wie eine Pfingstrose, und die lieblichsten Bilder, in denen Plüschsofas, Spiegel, allerhand sonstige Haushaltungsgegenstände und eine ganz kleine Wiege eine Hauptrolle spielten, zogen während der Polka an ihrer beglückten Seele vorüber. Sie sah sich schon im Schleier und Brautkranz unter der Chuppe stehn und lächelte innig. – Und die beiden sonderbaren Menschen, Ull Koßmann und Kathje, waren inzwischen weiter gegangen, immer weiter und weiter, und ließen sich von der angenehmen Kühle des tiefen Abends umschauern. Nichts regte sich in der lautlosen Runde. Er hatte seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen. Sie ließ es geschehen. Langsam schritten sie durch die umdüsterten Heckengäßchen den lichten Feldern entgegen. Die Musik hatte schon längst aufgehört, ihre heiteren Weisen erklingen zu lassen; eine Pause war eingetreten, eine erquickende Ruhe erzeugend, die auch die leiseste Schwingung in der Natur kenntlich gemacht hätte. Hinter ihnen, von dunklen Schatten durchbrochen, lag das erleuchtete Tanzzelt. Die Stimmen der dort weilenden Menschen drangen nicht mehr zu ihnen. Wie blaue und rote Feuerkugeln hingen die bunten Papierlaternen zwischen den dunklen Massen der Kastanienbäume. Hin und wieder ging eine in Flammen auf und verkohlte. So seltsam verworren lagen die verschwiegenen Gäßchen! An verschiedenen Stellen hatten sich die Hecken zu dichten Laubgängen zusammengezogen, so daß nur ein schmaler Streifen des vom lichten Mondschein durchfluteten Himmels hindurchsah. Dieses finstere Schweigen erschreckte die beiden. Ihre Schritte beschleunigten sich. Jetzt waren sie bis an die Grenze der verwachsenen Stiegen gekommen. Ein weiter Blick tat sich auf. Silbern flimmerte es über die beleuchtete Fläche. Wie eine große, verlangende Seele lag die Landschaft vor ihnen gebreitet. Kathje war bislang stumpf und mit lässig herabhängenden Armen neben Ull Koßmann geschritten. Sie schien einer Träumenden ähnlich, die das Erwachen scheute, aus Furcht, sich in den Armen des neben ihr gehenden und auf sie eindrängenden Mannes wiederzufinden. Es war eine Nacht, derjenigen ähnlich, in welcher Jan Peerenboom Nellecke Otten seine heiße Liebe zwischen den Weizenfeldern gestanden. Immer eifriger hatte der Maler auf sie eingesprochen. Jetzt zog er sie an sich. Unter seinem Zwange stehend, ließ es Kathje geschehen; nur ein hastiges Zucken durchfuhr ihren Körper. »Groß, bedeutend und schön soll es werden,« sagte der Maler. »Was für ein Bild denn?« fragte sie hastig. Das Mühselige ihrer Glieder löste sich auf. »Das Bild der Madonna, der Gottesmutter.« »Gottesmutter ...?!« Kathje erschreckte vor ihrer eigenen Stimme. Aber unter ihren Brauen stand ein strahlendes Licht; er sah das – und drückte sie an sich. »Ja,« sagte er mit verhaltenem Ton. »Auch Dein Bruder weiß davon und hat bereits mit Dir darüber gesprochen. Störe Dich daher nicht an die törichten Menschen, die wider uns sind.« »Gottesmutter ...!« hauchte Kathje noch einmal. »Und groß soll es werden,« fuhr er mit seltsamer Erregung fort, »schön und erhaben, denn ich will meine Seele hineintun und alles, was profanen Menschen noch nicht begegnet ist auf dieser Erde. Und Du ...« Mit beiden Händen hatte er ihren Kopf genommen und sanft nach rückwärts gebogen. Langsam und mit leuchtenden Blicken näherte er sein Antlitz dem ihren. Sie fühlte seinen belebenden Odem. »Und ich ...?« fragte Kathje. Eine ängstliche Spannung zog ihr Gesicht in die Länge. »Und Du ...? – Herrgott noch mal! – auf die Leinwand gehörst Du, mein Modell sollst Du sein, als Muttergottes sollst Du mir sitzen, und ich will Dich nehmen mit all Deiner Schönheit, mit all Deinem Liebreiz – aber ganz anders wie die übrigen Künstler. Dein Leben will ich fassen, wie es pocht und hämmert unter Deiner leichten Bekleidung. Dein heißes, pulsendes Leben – das will ich, und darum ...« Vorgebeugten Leibes hatte er sich ihrem Ohre genähert und heiser flüsternd einige Worte gesprochen. »Himmel ...!« Entsetzt fuhr Kathje zurück. »Ich will nicht und darf nicht!« Er hielt sie mit beiden Armen umschlungen. »Alles darfst Du,« keuchte er mit zuckenden Lippen. »Frei ist das Weib und die Kunst – und die Kunst ist in mir ...! Wir stehn unter dem Schutz und dem Bann der Madonna. Und weißt Du, in Deiner ganzen Reinheit, in Deiner ganzen Schönheit will ich Dich malen. So – und nicht anders!« Eine düstere Wildheit war über ihn gekommen. Fester strickte er seine Arme um ihren bebenden Körper. »Du erstickst mich!« »Unter meinen Küssen sollst Du ersticken!« »Und Pittje ...?!« »Der Narr ...! – Ein Mädchen wie Du – und solch ein armseliger Schlucker ...!« In einem geringschätzigen Lachen verklang es. »Die Kleider Dir vom Leibe reißen, das möcht' ich und Dich malen mit brennenden Farben – das sollte ein Bild geben, verheißend und wonnig ...!« In rascher Wende hatte er ihren Kopf wieder nach rückwärts gebogen. Tränen standen in ihren Augen. »Ich will Dich nicht kränken, Dir Deinen freien Willen nicht nehmen,« hauchte er in verzehrenden Lauten, »aber – das will ich.« Heiß und berauschend brannte sein Mund auf dem ihren. Ein Taumel erfaßte sie. »Koßmann ...!« Zum erstenmal hatte sie ihre Arme um seinen Nacken gewunden. Brust schlug an Brust, und er fühlte, wie sie an seinem Herzen erglühte. Zärtlich betrachtete er das verschüchterte Mädchen, das ein gefügiges Werkzeug in seinen Händen geworden. Sehnsüchtig glitten seine Blicke an ihrem geschmeidigen Körper herunter. »Willst Du?« »Ich will.« »Ah ...!« Es war ein verhaltener Jubel, den er noch mehr zu unterdrücken suchte. »Und wann?« »Samstag. Da geht Vater nach Wissel – zur Kirmes.« »Die Stunde?« Sie zögerte wie unter dem zwingenden Einfluß einer großen Beklemmung. »Die Zeit, Kathje?« »Wenn es Abend geworden.« Fester zog sie ihre Arme zusammen. »Mein Gott, mein Gott ...!« »Ich komme,« sagte Ull Koßmann. Schweigend standen sie aneinander gelehnt. In der großen Stille hörten sie wechselseitig ihre Herzen klopfen und hämmern. Im ferngelegenen Tanzzelt setzte die Musik wieder ein. »Hörst Du ...?!« sagte Kathje. »Ich muß fort; sie werden mich suchen.« Und sie gingen zurück durch die einsamen Heckengäßchen, schweigend und Hand in Hand, ein jeder mit dem beschäftigt, was seine Seele bewegte. Noch einmal küßten sie sich. – Am Garteneingang ließ sie Koßmann allein gehen. Mit wachsender Erregung und einer großen Leidenschaft im Herzen ging sie auf die fröhlichen Menschen zu und gedachte sich unauffällig in den heiteren Trubel zu stürzen. Am Zelt trat ihr Pittje entgegen. Er sah angegriffen und ernst aus. »Wo warst Du?« Kathje zeigte nach rückwärts. »Da draußen – im Garten – denn Du ...« Sally Süßkind, der sich in Gesellschaft von Pittje befand, wußte es besser. Er hatte sie doch im Garten gesucht und sie dort nicht gefunden. Er schwieg, erinnerte sich aber in verstärkter Weise des Tambourmajorstocks von eben. Kathje tanzte noch einige Touren. Es war kein Tanzen mehr. Wie träumend hing sie in den Armen von Pittje; aber die rechte Fröhlichkeit war wie auf den Kopf geschlagen. Selbst die animierte Stimmung, die sich Herrn Brills und Wilm Henselers infolge des glücklichen Fanges bemächtigt hatte, ging spurlos an den Verlobten vorüber. »Denn nich,« brummte Wilm, »aber ich trinke noch ›Eine‹ in Gemeinschaft mit meinem verehrten Bundesgenossen.« »Ich tu' mit,« sagte Sally, »wenn die geehrten Herrens es freundlichst gestatten.« »Sally, sollst leben,« meinte Herr Brill. »Bitte, Platz zu nehmen, Herr Sally.« Bald darauf verabschiedete sich Pittje und brachte Kathje nach Hause. Seelisch verstimmt trat er dann selber den Heimweg an. Mitternacht war lange vorüber. – – – Inzwischen war auch eine große Wandlung im Herzen Jan Peerenbooms vor sich gegangen. Der Erfolg seines neuen Stückes und die ihm zugeregneten Kastemännchen hatten bewirkt, daß er sich mit seiner Rolle als büßender Karmeliter so recht nicht mehr abfinden konnte. – Nachdem er seine Triumphe noch einmal auf dem murrenden Sofa gründlich durchkostet, war er zu einer sich gebührenden Nachfeier in eine nicht weit gelegene Destille geschlendert. Hier saß ein alter Mann an dem mit Schnapskringeln ausgemusterten Wirtstisch. Der hatte kregele Äugelchen und eine kupferne Nase und forderte ihn freundlich auf, näher zu treten. Und als der Puppenspieler genauer zusah, da war es ›der alte Adam‹ von früher. »Ganzes Bataillon kehrt!« Jan Peerenboom hatte mit Stentorstimme gerufen. Auch währte es nicht lange, da war der Rock seiner guten Vorsätze gründlich gewendet. Der alte Adam verstand ihn. Er stieß mit ihm an, und sie feierten gemeinsam die betätigte Umkehr in bekannter Brüderlichkeit und Freundschaft, bis die letzten Sterne am grauenden Morgen erloschen. – Als Pittje dann in aller Herrgottsfrühe, wo die Straßen noch menschenleer waren, seinen geschäftlichen Rundgang besorgte, fand er seinen zukünftigen Schwiegervater auf einer wackeligen Bank vor der Schnapskneipe sitzend. Lächelnd und mit gedunsenen Blicken stierte Jan in den breiten Rinnstein, in welchem ein trübes Wasser vorbeifloß. Einen salzigen Hering, den er mit einer langen Kordel verknüpft hatte, ließ er in diesem Wässerchen schwimmen. »Murrgen! – Es ist nicht alle Tage Kirmes im Jahr!« und dann sang er Pittje entgegen: »Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning – Vöran Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!« Hierauf machte er eine große, fast majestätische Bewegung. »Himmel Sapperment noch mal! – Tag Pittje ...!« Grinsend und mit blödsinnigem Ausdruck sah er ihn an. Da wußte Pittje Pittjewitt, daß nicht alles so ging und nicht alles so kommen würde, wie er sich's gedacht hatte. XIV. Von Mäusen und anderen Dingen Noch an demselben Tage fiel eine große Entscheidung, die in ihrer unabsehbaren Tragweite die Bürger der kleinen Stadt in eine nicht geringe Aufregung versetzte. Schon die Vorkehrungen gaben zu denken, und der Herr Polizeidiener Brill sorgte dafür, daß die glimmende Zündschnur eines sich noch in den Anfangsstadien befindlichen Gerüchtes immer weiter abgerollt wurde. Bereits in den Vormittagsstunden gab er hierzu reichlich Veranlassung, nicht nur durch seine Amtshandlungen, sondern in viel höherem Maße durch das pompöse Herauskehren seines äußeren Menschen. In nicht bedenklichen Zeitläuften begnügte sich Herr Brill mit einer schlichten, karmesinrot umbordeten Dienstmütze, einem vergilbten und bereits stark ausgefaserten Portepee und einem Gesicht, das von dem gewöhnlicher Menschen nicht um Bedeutendes abwich. Mit dem heutigen Tage war das anders geworden. An Stelle der Dienstmütze hatte er sich mit der abgestumpften Pickelhaube gerüstet und den Füsiliersäbel mit einer funkelnagelneuen und vergoldeten Troddel begnadet. Nur das dickleibige Notizbuch war das alte geblieben. Wenn diese ungewohnte Ausstaffierung schon genügte, allerlei Vermutungen aufkommen zu lassen, so wurde erst das Gesicht zu einer wahren Fundgrube tollster Ansichten und Schlußfolgerungen. Auf der Stirne thronte Unnahbarkeit, in den Augen der kategorische Imperativ, der mit der Strenge, die ohne Ansehn der Person um die zusammengekniffenen Lippen spielte, auf das trefflichste harmonierte. Hierzu kam noch der igelartig vorgesträubte Schnurrbart, dessen Vorhandensein allein schon hinreichend erschien, befangene und ängstlich veranlagte Gemüter gruseln zu machen. Mit diesem amtlichen Mienenspiel hatte er im Laufe des Vormittags verschiedene Zeugen zu Protokoll vernommen, hatte die Riesendame wie eine Zitrone ausgepreßt und war mit diesem Gesicht, so daß alle Jungen davonliefen, über die Straße zu Sally Süßkind gegangen. Sally stand gerade mit einer Nelke im Mund vor der Haustür. Er ließ sich Pittje Pittjewitt, Kathje Peerenboom und den gestrigen Abend durch den Sinn gehen. Die Sache gefiel ihm nicht mehr. Er mochte das Heimliche der gestrigen Situation auch noch so sehr zu seinen und ihren Gunsten auslegen, er mochte sich die gewagtesten Entschuldigungen für ihr Ausbleiben vormachen und das Verletzende, was ihn selber getroffen, bereitwilligst herunterschlucken, er mochte drehen und deuteln soviel er wollte – er kam über die eingeschlichenen Bedenken und Zweifel nicht mehr fort: die Sache hatte ihre Haken und Häkchen, oder mit anderen Worten: in seinen Augen war ihr das Koschere abgestreift worden. Gewiß, Künstlerblut ist nun einmal Künstlerblut – aber hatte er nicht Pittje gewarnt, hatte er nicht alles aufgeboten, ihm diese Leidenschaft vom Herzen zu reden? Gewiß, das hatte er ehrlich und redlich getan, obgleich er sich nicht verhehlen durfte, daß er in derselben Lage wie Pittje vielleicht in gleicher Weise gehandelt hätte, denn, er mochte es sich eingestehen oder nicht, die gewinnende Schönheit des Mädchens war auch bei ihm nicht spurlos vorübergegangen. Ja so! – aber da waren noch die Hypotheken und die anderweitigen Schulden, da waren noch Jan Peerenboom mit seiner schnäpsernen Rückfälligkeit und seinen flotten Manieren, der Herr Kaplan und der ganze Wirrwarr der übrigen Dinge ... und dieses in seinem bekümmerten Gemüt erwägend, stand Sally in weißleinenen Hosen und gestickten Pantoffeln vor seiner Haustür, knabberte am Stengel der Kartäusernelke und sah die Straße entlang, als der Herr Polizeidiener Brill im vollen Wichs auf ihn zukam. Schon wollte er seinen Kneipkumpan vom gestrigen Abend freundlich begrüßen, ihm die Hand drücken und zu einem Gläschen Likör invitieren, als er das amtliche, unnahbare Gesicht und den feierlichen Schritt des Mannes bemerkte. Mancherlei ging ihm in diesem Augenblick durch den Kopf. Kein Zweifel – er fühlte sich schuldlos. Er hatte sich nicht an dem Gut anderer Leute vergriffen, keine Wechselreitereien betrieben, keinen Mord auf dem Gewissen; seine Seele war so rein wie das Hemd eines frischgewaschenen und schuldlosen Kindes – und dennoch, er wußte nicht warum, aber eine grimmige Angst überfiel ihn, eine Angst, die ihm den Gedanken näher legte, sich in sein Kontor zu flüchten, die Tür zu verrammeln, aus Stühlen und Bänken eine Art von Barrikade zu bauen, um auf derselben und vermittels eines Pistols sein Leben so teuer wie möglich in die Schanze zu schlagen. Obgleich er wissen mußte, daß er niemals ein solches besessen, daß er niemals ein solches abgeknallt hatte, krabbelte er doch mit der stillen Hoffnung in allen Taschen herum, irgend ein Schießinstrument dort mobilisieren zu können. Allein, was zu befürchten war, trat ein: er suchte vergebens. In der Tat, er war schuldlos – aber das Gesicht, das Gesicht ...! Eiskalt lief es ihm über den Rücken. Unwillkürlich konstruierte sein erregter Geist ein schweres Verbrechen zurecht, das er irgendwo begangen haben sollte, stellte ihn, obgleich er als Zivilperson nichts mit einem Kriegsgericht zu tun hatte, doch vor ein solches und ließ ihn erschießen. Der Stieläugige war näher getreten, grüßte militärisch, zog sein Notizbuch heraus und fragte: »Herr Sally Süßkind, haben Sie in Kraft Ihres Titels ...« »Herr Brill,« unterbrach ihn Sally mit ängstlicher Stimme, »ich möchte Sie zuvor fragen: kommen Sie for die Gewalt oder kommen Sie sonstwie?« »Ich komme im Namen des Gesetzes und in Sachen Birken gegen Pierentrecker-Terlinden.« Sally atmete auf. Gott sei gedankt! – seine Befürchtungen waren also unzutreffend gewesen. »Schön – ich bitte, Herr Brill.« »Herr Sally Süßkind,« begann dieser von neuem, »haben Sie in Kraft Ihres Titels als Mitglied des Verschönerungsvereins, und zwar in Sachen Birken gegen Pierentrecker-Terlinden, Wesentliches zu Protokoll zu geben? Wenn ja: können Sie dieses vor dem Friedensrichter beschwören?« »Das könnte ich schon,« sagte Sally, »aber ich weiß nichts.« »Und Ihre sonstige Meinung?« »Herr Brill, ich wünsche dem Mann 'nen gnädigen Richter.« »Eingestochen wird er,« legte Herr Brill los, grüßte in aller Feier und Form und empfahl sich. »Schön, mag er eingestochen werden; ich kann ihm nich helfen.« Damit empfahl sich auch Sally. – Eine Stunde später stand das sehr einfache Gefährt eines Hauderers vor der Pierentreckerschen Wohnung. Eine Menge Neugieriger, die sich dort eingefunden hatte, folgte mit sichtlichem Interesse den weiteren Vorgängen. Brill machte die Ehrenbezeugungen am Schlage. Langsam verließ Aloys seine Witwerbehausung, nicht ohne dabei ein krampfhaftes Schluchzen hinter die Binde zu würgen. Es ging ihm hart an. All seiner Würden und Ämter entkleidet zu werden, war eine Pille, die selbst dem Stärksten Magendrücken verschaffte. In seinen Perlmutteraugen flimmerte ein elegischer Glanz. Er dachte vielleicht an die verschiedenen Flaschen mit Edelmannswein, an die Riesenmamsell und Henne Terlinden. Was ihn rührte, war die liebevolle Anteilnahme seiner Mitbürger und Mitbürgerinnen. Auch der Herr Direktor mit der polnischen Sammetjacke und dem martialischen Schnurrbart hatte sich eingefunden, ihm die letzte Ehre zu geben. Etwas wankenden Schrittes bestieg er den Wagen, bei welch traurigem Anblick der Schuster Kogeleboom eine große Träne zerdrückte. »Und so 'nen Mann, der für unsere heilige Kirche gefochten, lassen wir einstechen? – Pfui!« Der Schuster hatte gesprochen. Aloys bemerkte es, lehnte sich aus dem Fenster und meinte mit umflorter Sprechweise: »Mitbürger, ich bin beispielsweise schuldlos verhaftet.« »Das wissen wir,« sagte Herr Brill und setzte sich zu ihm. Er wollte ihn doch nicht unhöflicherweise allein fahren lassen. Von hier aus ging die Reise nach Henne Terlinden. Vor dem Hause desselben wiederholte sich das nämliche Schauspiel, nur mit dem Unterschied, daß die Menge sich ungehaltener und neugieriger zeigte. Herr Polizeidiener Brill blitzte sie fort, aber im allgemeinen ging die ganze Zeremonie wirklich erhebend und würdig von statten. In behaglichem Tempo und unter andächtigem Schweigen, wobei sich mehrere Nachbarinnen bekreuzten, strebte alsdann das Gefährt mit seinen Insassen dem Friedensrichter von Goch zu. – – – Seit der Ballfestlichkeit in der Marcourschen Tente waren fünf Tage vergangen. Der Marktplatz mit dem stattlichen Rathaus und der ehrwürdigen Linde zeigte wieder sein gewöhnliches Aussehen. Die Spielwaren- und Babbeltjesbuden waren fortgeräumt – keine Ausrufer und Drehbretter, keine Riesenmamsell mehr! – und der intensive Geruch nach Lebkuchen und holländischen Moppen hatte sich schon lange verloren. Nur noch etliche Papierschnipsel, Strohhalme und aufgebrochene Pflastersteine kündeten von der Lustigkeit der vergangenen Tage. Die kleinstädtische Welt ging wieder ihren alltäglichen Gang. Die Bäuerinnen kamen in hergebrachter Weise mit ihren Knippmützen zur Stadt, die Handwerker schafften; wie immer, so saßen auch jetzt die alten Männer vor den Türschwellen, besprachen die fatale Geschichte, die Pierentrecker und Henne Terlinden passiert war, schüttelten die Köpfe und bliesen ihren geschnittenen Rippchentabak aus irdenen Pfeifen zum sonnigen Himmel. Die Tauben rucksten wie gewöhnlich in den Straßen herum, die alte Linde säuselte dazu, weich und behaglich, und der vergoldete Turmhahn auf Sankt Nikolai blitzte in der flimmernden Sonne und sah weit ins Land hinaus bis nach Xanten und Kleve. Und wie er so äugelte, da bemerkte er, daß fern in den Wiesen, dem Rhein zu, und zwar dort, wo sich ein zweitürmiger, romanischer Kirchenbau aus blaugrauen Pappelkronen emporhob, bunte Fahnen gehißt wurden. Der vergoldete Turmhahn hatte richtig gesehen. Mit dem morgigen Tage begann die Kirmes in Wissel. – Die großen Zeiger an der Rathausuhr klebten beinahe am Zifferblatt fest, so langsam gingen die Stunden; die Linde bewegte schläfrig die Zweige – und Säkchen Reiß hockte auf seinem hochbeinigen Kontorsessel am Pult, besah sich die Fingernägel und malte dann in schöngezirkelten, gotischen Buchstaben den Namen ›Rosalie Leifmann‹ auf ein rosenfarbiges Löschblatt. Hierauf schnappte er nach einer summenden Fliege, gummierte ihr ein ovales Stückchen Papier, das er kunstfertig aus einem blauen Aktendeckel geschnitten hatte, auf den Rücken, malte noch zwei Punkte darauf und ließ sie als Schildkröte laufen. Dieses artige Spiel wiederholte er in seiner großen Langeweile noch etliche Male, so daß schließlich mehr als ein Dutzend dieser aus Fliegen und Brummern hergestellten Schildkröten herumkrochen. Schwerfällig, und tatsächlich wie Kriechtiere sich vorwärts bewegend, krabbelten diese Aktendeckelpartikel über das Pult und die Blätter des Kontobuches. Immer langsamer ging der Marsch der ermüdeten und ihrer Flugkraft beraubten Netzflügler, die nicht wußten, wie und wohin sie sich wenden sollten. Die Ellbogen auf den Pultrand und den Kopf in die Hände gestützt, betrachtete Säkchen Reiß geraume Zeit seine ingeniöse Erfindung, als sein Prinzipal, der im Nebenzimmer sein Mittagsschläfchen gehalten hatte, unversehens das Kontor betrat, sich umschaute und nach den letzten Kornpreisen fragte. Selbstverständlich konnten ihm hierbei die Versuche seines Kommis, die Entwickelungstheorie der Lebewesen in die Tat umzusetzen, nicht lange entgehen. Er legte daher die Stirne in vorwurfsvolle Falten. Sally Süßkind, sonst der gutmütigste Mensch von der Welt, wollte bei Erkenntnis der tollen Sachlage rein aus dem Häuschen fahren. Grimmig war er näher getreten. Ruhig und schleppend, wie die ägyptischen Plagen, setzten die gummierten Fliegen ihre langsame Wanderung fort. Nur die dicken Brummer ließen ein mißvergnügtes Surren vernehmen. »Herr Reiß, ich bitte mir aus, mir gefälligst erklären zu wollen, was Sie da machen.« »Ich verkörpere die schlechten Zeiten, Herr Süßkind.« Sally glaubte nicht richtig gehört zu haben, oder – es wäre entsetzlich gewesen! – hatte vielleicht schon die Liebesaffäre seines Angestellten diesem die Gemütsverfassung auseinander gerüttelt? »Gehn Sie kapores, Herr Reiß – was wird verkörpert?« »Die schlechten Zeiten, die schlechten Geschäften, Herr Süßkind,« erklärte Säkchen, ohne sich im geringsten aus der Fassung bringen zu lassen. »Aber ich bitte Sie, Säkchen!« »Herr Süßkind,« entwickelte dieser mit unerschütterlicher Ruhe, »hier diese Schildkröten markieren die schlechten Geschäften. Sie kriechen langsam, mehr als langsam, Herr Süßkind – un wären die Fliegen gegangen nach rückwärts, nü, ich hätte gemacht Krebse aus ihnen, denn 's schteht schlecht mit's Getreide. Die Perduktengeschäfte machen den Krebsgang. Die Händler verlieren, ihre Sache is schofel, denn ich gebe nich lammes Rat for die Ernte.« »Schpaß!« machte Sally. Der Kommis hob wie verwarnend den Zeigefinger empor. »Herr Süßkind, ich hab's doch immer gepredigt: die Mäuse ...!« Sally verfärbte sich. »Sie sind wohl meschugge!« »Herr Süßkind, die Mäuse ...! Wahrhaftigen Gott, ich hab' sie gesehen heute mittag nach's Essen. Wer abgeschlossen hat, is ein verlorener Mann – die Kornpreise steigen.« Sally taumelte rückwärts. Ein Rudel von Mäusen, große und kleine, dünne und dicke, eine ganze Karawane von Mäusen zog in diesem Augenblick an seinem gestörten Horizont vorüber. »Ich hab's ja getan,« rief er entsetzt und schlug die Hände zusammen, »ich hab' ja abgeschlossen un die Kuntrakte gemacht mit die Bäckers un Müllers!« »Schlimm,« meinte Säkchen, zuckte die Achseln und begann wiederum den Namen ›Rosalie Leifmann‹ zu malen. »Meinen Hut, meinen Hut ...!« Bevor sich der Herr Kommis so recht klar machen konnte, was eigentlich los war, stürmte Sally Süßkind bereits durch die Kesselstraße dem nicht weit gelegenen Tor zu, um von hier aus die fruchtbarste Gemarkung der ganzen Umgegend, das Klever Feld, zu gewinnen. – Dicht beim Kesseltor lagen die Höfkensschen Mühlen, uralte Bauwerke mit bemoosten Ziegeldächern, grauem Balkenwerk und mächtigen Schaufelrädern, die, wie bereits eingangs erwähnt, von einem Wasser getrieben wurden, das schleichend die Stadt umzirkte, an der Jan Peerenboomschen Wohnung vorbeifloß und jenseits der Mühlen, nachdem es zuvor mit tobendem Brausen und Schäumen ein tiefgelegenes Wehr überstürzt hatte, unter dem Namen ›Kaltflack‹ und von mächtigen Deichen flankiert, breit und behaglich dem Rhein zuflutete. Eine schmale Holzbrücke mit morschem Geländer passierte das Wehr und führte zur rechtsgelegenen Dammkrone, die, mit massiger Auslage vom Gelände aufsteigend, am sogenannten Fingerhutshof vorbei über Wissel nach dem eine gute Meile entfernten Grieth lief. Dieser Damm, unter dem Namen ›Leedeich‹ bekannt, hatte bei Überschwemmungsgefahr die ostwärts gelegene Niederung, die kleine Stadt mit inbegriffen, gegen den Durchbruch des zurückgestauten Wassers zu schützen. Zierliche Bachstelzen mit wippenden Schleppen trippelten durch das Gewirr der Balkenlagen und Streben, schnappten nach Haften und blitzenden Fliegen und ließen sich von den stäubenden Wasserperlen bespritzen. Mit philosophischem Behagen drehten sich die weit ausgelegten Räder in ihren wuchtigen Pfannen, rührten den Gischt auf, quirlten das tosende Element zu einem milchigen Brei, schleuderten ihn mahlend umher, so daß silberlichte, blasige Schaummassen sich in den Rosten verfingen oder schwerfällig an den seitwärts gelegenen Mauern herabtrieften. Schon von weitem hörte man das wuchtige Kollern und Fauchen der sich überstürzenden Wellen. Jenseits des Wehrs herrschte eine friedliche Stille. Der tiefe, zu einem fast kreisrunden Kolk ausgeweitete Spiegel des Flusses, der, hier zur Ruhe gekommen, sich nur träge weiter bewegte, war an den Ufern mit saftigen Schwerteln besteckt, die sich mit ihren goldgelben Blütenständen bis weit in das Land verfolgen ließen. – In seiner berechtigt nervösen Gemütsverfassung hatte Sally die obligate Nelke vergessen. Das beunruhigte ihn noch mehr, denn es war ihm gegen den Strich, eine so liebe Gewohnheit, wie die des Stengelkauens, entbehren zu müssen. Die ungewisse Lage, in der er sich befand, machte ihn hastig. Im Geschwindschritt von Hause fortgegangen, verfiel er allmählich in ein immer schneller werdendes Traben, eine Gangart, die stark an Jette erinnerte, denn Sally pflegte, wenn er in diese Bewegung geriet, den jeweiligen dritten Schritt stärker hervortreten zu lassen, wodurch sich eine Klangfarbe einstellte, die einen Vergleich mit dem charakteristischen Dreischlag des Schimmelpferdchens herausfordern mußte. Trabend ließ er die tosenden Wassermühlen zur Rechten, schlug einen ausgefahrenen Landweg ein, auf dem er in einigen Minuten eine sanft abgedachte und mit niedrigem Buschwerk bestandene Höhe erreichte, von wo aus sich die fruchtbaren Roggen- und Weizenschläge am besten übersehen und beurteilen ließen. Hochaufatmend und über und über mit Schweißtropfen bedeckt, stand Sally Süßkind alsbald auf der kleinen Erhebung. Mit gierigen und doch wehmütigen Blicken übersah er das Klever Feld, das schattenlos, eine blondgoldige Fläche und nur von einzelnen Bauerngehöften durchsetzt, sich bis zu den dunkelblauen Waldungen von Moyland erstreckte. Die Weizenschläge hatten noch einen grünlichen Anflug, wohingegen die Roggenfelder bereits in dem goldigen Ton der vorgeschrittenen Reife erstrahlten. Hin und wieder flammte der Mohn auf. Wie brennende Punkte lag er inmitten der Myriaden von Halmen. Ein heißer Windhauch zog über die Ebene und wellte das Korn dem Sonnenfeuer entgegen, das schon Anstalten machte, tiefer und tiefer zu sinken. Noch vierzehn Tage, dann konnte mit dem Schnitt des Roggens begonnen werden. Endlos, erhebend lag der Fleiß vieler Hunderte von Menschen vor den Augen des erregten Beschauers gebreitet. Sally erschauerte vor der Majestät des sich wiegenden Kornes. Instinktiv schob er die rechte Hand vor, um besser sehen zu können. Allein, wie er auch seine Blicke schärfte, er konnte keine schlechten Stellen entdecken. Ohne Lücken, fest zusammengefügt, eine einzige, gleichmäßige Fläche, dehnte sich das Getreide bis zu den dunklen Wäldern, die am Horizont standen. »Schpaß!« meinte Sally, »Säkchen hat wohl 'ne Überfahrung bekommen.« Seine zuversichtliche Stimmung wurde noch durch den jauchzenden Jubelruf des Widewals gehoben, der scheu und rastlos die näher der Stadt zu gelegenen Obstbaumgruppen durchstreifte. Wie ein geworfener, goldgelber Federball hastete er von Zeit zu Zeit durch die flimmernde Luft hin, um ebenso schnell wieder in das dunkle Laubwerk unterzutauchen. »Vogel Bülow! – Vogel Bülow!« Der Ruf wirkte belebend auf Sally. Wiederum wandte er sich den wiegenden Kornfeldern zu, ob welchen die glühende Sonnenscheibe immer roter erstrahlte. Feuergarben züngelten über die brennenden Äcker, die mit jedem Halm der klingenden Sense entgegenharrten. Ein betäubender Duft nach werdender Reife ging von ihnen aus und lagerte sich auch dort ab, wo keine Schollen mehr waren. Ein beruhigendes Gefühl der Sicherheit kam über Sally. »Schpaß!« meinte er mit zufriedener Miene, »un so ein Beheme will propheßeien mit die kriechenden Fliegen?! Keine lammes Rat for die Ernte ...? So'n Geschmuse – verflixtes!« Mit geblähten Nüstern sog er den warmen, aufsteigenden Duft ein und breitete verlangenden Blickes die Arme, als müsse er all die Wogen des blonden Getreides umschließen, um sie nicht mehr los zu lassen für immer. Die alles umfassende Gier, die seinem Stamm in gewisser Hinsicht anhaftet, war über Sally Süßkind gekommen. »Hiäh! – Hiäh!« Was war das, was bedeutet das? Das klang wie Katzengeschrei. Sally wurde unsanft aus seiner behaglichen Laune gerüttelt. »Katzen ...?! – Das sind keine Katzen!« Verschiedene dunkle, sanfthingleitende Punkte schwebten in dem unendlichen Luftmeer. Sie vermehrten sich ständig. Bald höher, bald tiefer schwimmend, beschrieben sie Kreise um Kreise. Ihr weitdringender Jubelruf bezeichnete den Raum, den sie am Horizont einnahmen. Mehr als ein Dutzend dieser gleitenden Vögel revierte plötzlich ob dem Ozean der sich wellenden Halme. Sie kamen daher, als wären sie vom Himmel gefallen – aber warum sie kamen, das ging Sally wie ein flackerndes Licht auf, und er mußte dabei an Pittje Pittjewitt und seine eigenen Beobachtungen denken, die er früher gemacht hatte. »Bussards ...!« Mit diesem Aufschrei eilte Sally der zunächst gelegenen Getreidegasse zu, raufte eine Ähre vom Halm, enthülste ein Korn und brach es über den Nagel des Daumens. Der Roggen war in das Stadium der Milchreife getreten. Mit spähenden Augen folgte er den geworfenen Furchen und bückte sich tiefer. Anfangs bemerkte er nichts Auffälliges; dann huschten einzelne Mäuse vorüber. Mit zierlichem Piepsen schleppten sie ihre nackten Schwänze über die trockenen Schollen. Jetzt hob er sich auf und sah atemlos über die schwer herabhängenden Ähren. Es war ihm so, als ließe sich ein verdächtiges Rascheln vernehmen. Sally schärfte die Ohren; er hörte das Rascheln immer stärker und stärker. Und nun: dicht bei ihm, kaum zwei Schritte von dem Ranft entfernt, knickte ein Halm um, ein zweiter folgte und wurde zu Boden gezogen. Knisternd ging die geheimnisvolle Arbeit von statten. Sally fühlte den eigenen Herzschlag. Hastig und mit beiden Händen streifte er eine Anzahl Stengel beiseite, drückte den Kopf in die gebildete Lücke, um deutlicher beobachten zu können. Und da saßen sie auf ihrem Hinterteil in hockender Stellung, die Schwänzchen sorglich zur Seite gelegt, Mäuschen bei Mäuschen, Schwänzchen bei Schwänzchen, Köpfchen bei Köpfchen, umspannten mit ihren Vorderfüßchen den Halm und schnitten ihn kurz über dem Erdreich ab, so daß nur die leere Stoppel zurückblieb. Er glaubte versteinern zu müssen. »Ktsch!« machte Sally. Jawohl und prosit die Mahlzeit! Die sonst so scheuen Tierchen ließen sich in ihrem Betrieb nicht stören, sahen ihn mit ihren Nagergesichtchen frech an, ohne auch nur im entferntesten auf Fluchtversuche zu sinnen, und schroteten weiter. »Hiäh! – Hiäh!« Die Vögel hatten niedrigen Flug genommen. Ab und zu fiel einer ins Korn und steuerte mit der gewonnenen Beute einem Findling oder vereinzelt stehenden Baum zu. Einem Betrunkenen gleich taumelte Sally durch die sich kreuzenden Gassen. Je weiter er kam, um so größer stellte sich ihm die unheimliche Tätigkeit der nagenden Tiere vor Augen. Er wollte an Gottes Allbarmherzigkeit und Güte verzweifeln. Sonst ein gläubiger Mensch, hatte Sally einen grimmigen Fluch auf den Lippen. Schwadronenweise zogen die Mäuse jetzt von Acker zu Acker. In den Furchen wimmelte es von den winzigen Nagern. Röhren bei Röhren; sein Fuß sank ein infolge der Minierarbeit der geschäftigen Tierchen, und, was er vorhin von der Ferne aus nicht wahrnehmen konnte, hier, inmitten der wogenden Frucht, gewann er ein klares Bild von dem bereits vorgeschrittenen Unheil. Ganze Partien waren den feinen Zähnchen schon zum Opfer gefallen. Wie pockennarbige Stellen lag es auf den vergoldeten Feldern. Und immer das Rascheln, das entsetzliche Rascheln! Was der Herr aus der dampfenden Scholle getrieben, was er wachsen und gedeihen ließ, worüber sein Regen geträuft und sein belebendes Sonnenfeuer einherging, woran der Schweiß von Hunderten und die Hoffnung von Hunderten klebte, das wurde durch seine eigenen Geschöpfe vernichtet. Sally streckte die Hände gen Himmel. Eine Ähre sank um, dort eine zweite, fünfzig, hundert auf einmal – ungezählte Ähren wurden erbarmungslos zu Boden gezogen. Unermüdlich, furchtbar, entsetzlich, nicht zu begreifen war die Arbeit der huschenden Wühler. Zu Hunderten und Tausenden schlupften sie durch die engen Gäßchen, leckten die Pfötchen, wetzten die Zähnchen, quieksten bei ihrem tollen Geschäft und schnitten die Halme. Sie scheuten sich nicht über die Wege zu springen, die langen Schwänzchen über Sallys Schuhwerk zu schleppen und mit ihrer geheimsten Beute in die zunächst gelegenen Röhren zu tauchen. Es gibt Menschen, die so vom Ungemach abgebrüht werden, daß sie schließlich in verzweifelter Resignation widerstandslos die Hände in den Schoß legen und, ohne mit den Wimpem zu zucken, Gottes Wasser über Gottes Land hinströmen lassen. Sally gehörte nicht zu diesen Menschen. Er war anders geartet. Inmitten des vor ihm liegenden Feldes stand ein ruppiger Scheumann. Durch zwei in Kreuzform verbundene Knüppel mit einem darüber gezogenen, abgelebten Jackett war dieser Popanz gebildet. Lustig von seinem Hut sang eine Goldammer ihre einfache Strophe in den kommenden Abend. In den Roggenschlag springen, den oberen Knüppel ergreifen und wieder zurück auf den Weg – diese drei Maßnahmen wurden von dem unglücklichen Produktenhändler in einer Gedankenspanne bewältigt. »Meine Kuntrakte! – meine Kuntrakte ...!« Bratsch ...! Wie Simson in die Philister, so schlug Sally auf die huschenden Mäuse ein. Bei diesem Würgen mußte er an die Worte der Schrift denken, die da lauten: Und da er kam bis gen Lehi, jauchzeten die Philister ihm zu. Und er fand einen faulen Eselskinnbacken; da reckte er seine Hand aus und nahm ihn und schlug damit tausend an Mannen. Nur Simson war stärker gewesen denn Sally. Jener hatte tausend erschlagen, Sally nur hundert und fünfzehn. Seine Kräfte erlahmten. Immer neue der schnellfüßigen Nager hüpften und huschten über den Weg, duckten sich in Furchen und Löchern, schnitten und grapsten und kümmerten sich nicht um ihre armen Genossen, die bereits auf dem Felde der Ehre lagen und noch im Tode ihre schneeweißen Zähnchen bewundern ließen. Für zehn erschlagene rückten fünfzig frische Kräfte ins Treffen, von denen etliche ihre Frechheit so weit trieben, in die Hosen des streitbaren Mannes zu schlüpfen. Da gab Sally Süßkind das aussichtslose Rennen auf, wischte sich den Schweiß von der Stirne, warf den Knüppel ins Korn und ging seines Weges. Mit verzweifeltem Herzen durchstreifte er die weite Gemarkung, aber wo er auch hinkam, überall zeigte sich dasselbe Verhängnis: Bussards, piepsende Mäuse und sinkende Halme. Bei Dangesfurth und der Holländerkath, am Entenhorst und weiter nach Kleve wurde noch stärker gewütet. Hier lagen Stellen im Feld, die aussahen, als wäre vom Sämann vergessen worden, das Saatkorn zu streuen, und zwar auf einem Grund und Boden, der schon in Mitteljahren eine mehr denn dreißigfache Ernte einbrachte. Es dunkelte schon, als Sally auf seinem Rückweg noch beim Leygrafenhof vorsprach. Er glaubte von der Ansicht des Besitzers profitieren zu können. Der Mann verfügte über die fruchtbarsten Hufen in der ganzen Umgegend, und selbst wenn seine Nachbarn über schlechte Zeiten zu klagen hatten – der Leygrafenhöfer saß auch dann noch bis über die Ohren zwischen seinen Roggen- und Weizensäcken, schlug auf den Tisch und machte sich nicht bange, eine opulente Flasche ›Burdo‹ zu spendieren. Heute jedoch sah er trübe ins Wetter. »Nü, Leygrafenhöfer ...?« »Man weiß nicht, wie es kommt,« erwiderte dieser. »Sie sind da – und sind nicht da. Vor lauter Mausen sieht man die Maus nicht. Vor einer Woche waren sie nicht da, jetzt aber ... Sally, mir ist so, als wäre ein Mäuseverständiger gekommen und hätte Mäusesamen über die Felder geworfen: und da wurden die Kieselsteine zu Mäusen, da fielen die Sterne herunter und wurden zu Mäusen, da wurde jede Ackerkrume zur Maus, und wenn's so weiter geht, dann können wir beide uns noch als Mäuseriche begrüßen.« »Weuß ich,« entgegnete Sally; traurig sah er in das ersterbende Licht des friedlichen Abends. Er hätte weinen können vor lauter Entsetzen. »Herr Süßkind,« sagte der Leygrafenhöfer, »unter diesen Umständen haben Sie hoffentlich noch keine Kontrakte abgeschlossen mit Ihren Kunden?« Der Leygrafenhöfer war ein Mann, der gern in die Gewohnheiten und Redensarten eines Protzen verfiel, aber er konnte auch sehr verständige Fragen stellen, und das Gesagte war eine verständige Frage. Sally schnitt ein Gesicht, als hätte er unversehens auf ein Schweinerippchen gebissen. »Hab' ich, hab' ich – mit die Müllers un Bäckers!« »Und die Preise – sind die auch schon eingesetzt worden?« Das war wiederum eine sehr verständige Frage von seiten des Leygrafenhöfers. »Sind sie, sind sie ...!« rief Sally, nicht Herr über sich selbst mehr, und begann nach Art der Indianer zu tanzen. »Das hätten Sie nicht tun dürfen,« sagte der Leygrafenhöfer. »Weuß ich, weuß ich ...!« schrie Sally. »Aber ich dachte 'ne gute Ernte ßu haben, reell einßukaufen un ein kleines Geschäftchen ßu machen mit die Müllers un Bäckers un die übrigen Leute.« »Je – da haben Sie dieses Mal daneben gedacht, aber es kommen auch bessere Zeiten,« war die ruhige Antwort des Leygrafenhöfers. »Aber die Bäckers un Müllers werden bestehen auf ihren Schein, un das is das Fitale von's Ganze.« »Das werden sie allerdings,« bekam Sally zu hören, »denn umgekehrt würden Sie in das nämliche Tutehorn blasen.« »Weuß ich, weuß ich ...!« In seinem wilden Schmerz stand Sally im Begriff einen Purzelbaum zu schlagen. Er tat es aber nicht, sondern fuhr fort, weitere Galoppaden zu machen. »Nun hören Sie aber endlich mal auf mit Ihrem verfluchten Gemurkse,« meinte der fette Leygrafenhöfer, »Sie springen mir noch die ganzen Dielen zusammen – und bei diesen miserabeln Zeiten ...« Sally hörte nicht darauf und indianerte weiter. »Na, denn nicht – aber die Mäuse ...« »Schweigen Sie still von die infamte Geschichte. Ich kann's nich mehr hören. Sie fressen mir auf, das heißt, Sie nich, Herr Leygrafenhöfer – aber die Mäuse fressen mir auf; sie fressen mein Geld auf, sie wollen mir haben; ich bin ein verlorener Mann, ich bin ein ruinierter Mann – ich melde Konkurs an. – Ich habe die Ehre, Herr Leygrafenhöfer.« Und damit ging er, ohne sich weiter halten zu lassen, vom stattlichen Hof und in den warmen Sommerabend hinaus. Doch als die Natur mit ihren sanften und verlorenen Stimmen auf ihn einsprach, als die Bäume so träumerisch und sacht zu rauschen begannen, als er dann emporsah und die Wolken bemerkte, die wie große Weltteile auf einer Landkarte aussahen und in ihrer stillen Weise am Abendhimmel vorbeifuhren, wie er diesen hehren Frieden erkannte und auf sich einwirken ließ, da wurde auch Sally geläuterter und stiller in seinem Gemüt, ver-hehlte sich das Mißliche des heute Erlebten zwar nicht, sah es aber doch mit andern Augen an und ging ruhig nach Hause. Vielleicht waren die Aussichten in den benachbarten Distrikten günstiger als in der Klever Gemarkung, vielleicht wurden die jenseits des Rheins gelegenen Ländereien nicht von der Plage heimgesucht, so daß hier die Ernte-hoffnungen bessere waren und die später zu betätigenden Einkäufe in einem nicht zu großen Mißverhältnis zu den kontraktlich festgelegten Lieferungspreisen standen. Diese Betrachtungen gingen dem einfamcn Mann durch den Kopf, als er über die große Heerstraße durch die Feier und den Frieden des Abends zog. Als er ungefähr eine Wegstunde gegangen war und bereits die ersten Häuser der kleinen Stadt bemerkte, über welche die massige Turmprofilierung der Kirche von Sankt Nikolai ahnungsvoll sich langsam herausschob, bog er zur Linken ein und nahm seinen Weg durch die lauschigen und verwachsenen Heckengäßchen, auf denen er schneller sein Ziel erreichte, als wenn er die breite Landstraße weiter verfolgt hätte. Zwischen den umbuschten Stiegen war es noch heimlicher denn draußen. Von den nahen Wiesengründen stieg ein weißlicher Dunst auf, der über die Gärten zog, sich quirlte und drehte und auch die Heckengäßchen mit seinem flimmerigen Spinnwerk durchstrickte. Vereinzelte Lichtchen blinkten bald ferner, bald näher durch die verschwiegenen Lauben. Die Leute rüsteten sich bereits, schlafen zu gehen. Hin und wieder flackerte ein Schein auf, um dann zu verlöschen. Kein Geräusch machte sich in der weiten Runde verlautbar. Sally hörte nur die eigenen Schritte, die weich und gedämpft über den grasigen Boden gingen. Er war bis in die Höhe des Marcourschen Gartens gekommen. Hier an einer Wegegabelung glaubte er menschliche Laute zu hören. Sie kamen von einem Pfad her, der von diesem Punkt abging und weiter in das Gewirr der Hecken hineinführte. Sally blieb stehen. Die eine Stimme war ihm bekannt; die andere aber kannte er nicht. Das Schweigen in der Sommernacht trug die einzelnen Worte deutlich herüber. Was kümmerte ihn im allgemeinen das Gespräch verliebter Menschen, die die Einsamkeit suchten?! Mochte jeder treiben und lassen, was er wollte; aber durch die eine Stimme fühlte er sich veranlaßt, nicht von der Stelle zu rücken. Wenn die andere diejenige seines Freundes gewesen wäre, er hätte es sich als Sünde angerechnet zu bleiben und den Hörer abzugeben. So aber blieb er und horchte. Die beiden Gestalten hatten sich inzwischen auf dem Seitenwege genähert. »Also – Du bist einverstanden damit, daß ich komme?« fragte die unbekannte Stimme. »Ja, wenn hierdurch ...« Die letzten Worte waren so leise gesprochen, daß sie sich im dichten Laub der Hecken verfingen. Spurlos gingen sie unter. »Und wann soll ich kommen?« »Ich habe doch schon früher gesagt: morgen, wenn es Abend geworden. Vater ist morgen in Wissel.« Jetzt hörte Sally ein verhaltenes Schluchzen; gleich darauf beruhigende Worte, die eine große Sehnsucht verrieten. Die beiden blieben stehen. Die folgende Frage verstand er nicht, aber wohl die Antwort darauf; sie wurde zögernd gegeben. »Nun?« »Von der Wasserseite her durch den Garten.« Sie fing an zu weinen. »Du brauchst nicht, wenn Du nicht willst.« Das zuletzt Gesprochene hatte einen unwirschen Anflug. Trotz der Zusicherung des freien Willens lag etwas Befehlendes, Herrisches, Zwingendes in der Sprechweise der unbekannten Stimme. »Ich will ja ...« Das Gespräch brach ab. Die beiden waren weiter gegangen. Sie streiften rauschend die Zweige des Buschwerks. Sally mußte sich bücken, um nicht gesehen zu werden. Zwei schlanke Gestalten schritten dicht an ihm vorüber. Sie gingen dem Marcourschen Garten zu. Als sie außer Hörweite waren und sich nichts mehr vernehmen ließ als der tropfende Tau, der schwer von den Blättern herabfiel, da fühlte Sally das Herz pochen, als wollte es die Brustwand zersprengen. Er griff mit beiden Händen danach. Das Weinen stand ihm näher denn alles andere; er glaubte, an seinem normalen Menschen, an der Zurechnungsfähigkeit seiner Sinne zweifeln zu müssen. Allein, er entdeckte kein Fehl daran: er sah die schwachen Sterne genau so blinzeln wie früher, er blickte umher und wußte, daß er sich zwischen den Heckengassen befand, die er aus freiem Willen aufgesucht hatte, er horchte und vernahm nichts anderes wie die tropfende Feuchte – nein, er fühlte sich körperlich und geistig normal; nur die Kniee wollten ihren Dienst versagen – und wankten. »Die Stimme, die Stimme ...!« Er hatte die Hände gefalten und wußte nicht, wo aus und ein und was er tun sollte. Eine große Traurigkeit kam über ihn. Er dachte an seinen verlassenen Freund. »Pittje, Pittje ...!« Das war alles, was er sagte; aber es bedeutete genug, denn nun hatte er die Überzeugung gewonnen, daß sich noch ein Mensch auf der Erde befand, der ein größeres Leid zu tragen hatte denn er. Gebeugten Kopfes und unsicheren Schrittes ging er weiter. Seine eigene Kalamität hatte er völlig vergessen. Er dachte gar nicht mehr daran; in seinen Gesichtskreis waren andere Dinge getreten, Dinge so ernster und so trauriger Natur, daß er hätte Asche aufs Haupt streuen mögen. Helfen ...?! Ja, wie sollte er helfen? Es Pittje sagen ...?! Er schreckte davor zurück: das wäre ein Unglück geworden; aber Schweigen beobachten: das wäre ein noch größeres Unglück gewesen. Er mußte handeln und sprechen, ihm die ganze, bittere Wahrheit mitteilen, denn nur so konnte er sich als Freund offenbaren – und das sollte, trotz des weit vorgerückten Abends, noch heute geschehen. Als er bald darauf an Pittjes Wohnung vorbei kam, fand er zu seinem Befremden, daß kein Licht in der vorderen Stube mehr brannte, obgleich dieser es liebte, bis tief in die Nacht hinein über lehrreichen und guten Büchern zu sitzen. Aber Pittjes Nachbar, der Schneidermeister Olbers, saß noch vor der Tür, ließ sich von der laulichen Luft umfächeln und hielt ein Prischen zwischen den Fingern. Dieser bedeutete ihm, daß Mutter und Sohn am Spätnachmittag nach Rees berufen seien; wo Mielkes kränklicher Mann schwer daniederläge. »Der geht »Rips«,« meinte der Schneidermeister mit sehr gewichtiger Miene, klappte den Deckel der Schnup-ftabaksdose zu und warf das Prischen nach oben. Das lag nun sehr verquer – und für heute war auf keinen Fall mehr zu helfen. »Herr Olbers, ich habe die Ehre.« »Nacht, Sally.« Und Sally Süßkind ging schweren Herzens nach Hause. XV. Das Wetter steigt Der folgende Morgen zwinkerte herauf – und mit ihm war der Tag der Wisseler Kirmes gekommen. Als die frühen Spatzen alsdann in die geöffneten Fenster des Puppenspielerhäuschens hineinschilpten, fanden sie Jan Peerenboom schon in voller Tätigkeit, alert und mit dem Zusammenpacken seiner Utensilien beschäftigt. Die frische Morgenkühle saß ihm aber noch in den Fingerspitzen. Mit klammen Händen bastelte er an seinen Puppen herum, suchte die geeigneten aus seinem Vorrat heraus und verknüpfte sie mit einem schmalrandigen Tonnenreifen, der gerade das richtige Maß hatte, über den Kopf gestreift zu werden, um so auf den Schultern ruhen zu können. »Fertig!« Jan genehmigte sich einen herzhaften Schluck aus der Flasche. »Nur um die Geister aufzufrischen,« meinte er zu seiner eigenen Rechtfertigung und mit kregelen Augen. Er war bereits mit Schuhen, Strippen und den Großkarierten bekleidet. Jetzt kam das Sammetjackett an die Reihe. Mit bedeutsamer Geste fuhr er hinein, stellte sich vor den Spiegel, hinter dem eine Pfauenfeder steckte, strich sein Zickenbärtchen zurecht, stülpte sich den Hut auf den Kopf und wandte das Gesicht der halbgeöffneten Tür zu. »Kaffee!« rief er mit befehlender Stimme. Die Fensterscheiben begannen leise zu klirren. Die Bäckerjungen, die verschlafen von Haus zu Haus über die Straßen trotteten, mußten es hören, denn Jans Lungenmaterial hatte im Laufe der Jahrzehnte sich derart verstärkt, daß schon eine geringe Anstrengung es zum mächtigen Dröhnen brachte, genau wie eine Baßgeige an Klangfülle zunimmt, je länger auf dem alten Rumpelkasten gespielt wird. »Schilp, schilp, schilp!« Ein ausgefärbtes Spatzenmännchen hatte sich neugierig auf das Brett des geöffneten Fensters niedergelassen. Das kurze Schwänzchen gestelzt, mit hängenden Flügeln und in schiefer Richtung hüpfte es dort auf und nieder. »Murrgen!« sagte Jan Peerenboom und winkte dem Spatz zu. Er liebte die Spatzen, denn er sah in diesen Bummlern der Vogelwelt den Abglanz seines eigenen vagabundierenden Lebens. Jan hatte einen grandiosen Tag vor sich. Bedeutende Triumphe standen in Aussicht; Lorbeerzweige schickten sich an, aus dem Boden zu wachsen, immer höher zu werden und sich schließlich in zierlichen Windungen um seine Künstlerstirne zu flechten – aber trotz allem, ihm war so, als sei ihm etwas in die Quere gekommen, das ihn am Arbeiten verhindern könnte. Unter ›Arbeiten‹ verstand Jan die Ausübung seines Berufes als Puppenspieler und nicht etwa die seines gewöhnlichen Handwerkes, ein Fachausdruck, dessen sich auch andere Künstler, wie Seiltänzer, Akrobaten und Feuerfresser bedienen. Jan legte auf diese Auslegung und Bedeutung des Wortes stets den größten Wert und sorgte ängstlich dafür, daß unter keinen Umständen eine andere Auffassung Platz greifen konnte. Drechslermeister?! – Na, ja – nicht übel für alltägliche Menschen, für gewöhnliche Sterbliche, das konnte schließlich jeder sein – aber er schätzte sich höher. Er war Künstler, ausübender und bildender Künstler: Ventriloquist, Puppenspieler und Dichter und daher berechtigt, obigen fachtechnischen Ausdruck auch für seine Tätigkeit in Anspruch zu nehmen. Unruhig ging er im Zimmer auf und nieder; endlich sah er zum Fenster hinaus. Das konnte heute ein schöner Tag werden. Die Sonne stand noch tief hinter den Häusern, aber um die höchsten Ziegelpfannen spielte schon ihr verheißendes Glitzern und Blinken. So prächtig leuchtend wie Wäschebläue legte sich der Himmel darüber hin, und die riesigen Pappeln, die jenseits des Tores standen, tauchten ihre Blätterspitzen säuselnd in diese erquickende Frische. Der Tag ließ sich gut an, aber Jan konnte sich nicht helfen: die richtige Künstlerstimmung, die er doch unbedingt nötig hatte, wollte noch immer nicht kommen. Die Verhaftung des Schellfisches regte ihn nicht weiter auf. Der Mann, der ihn so unmenschlich gepiesackt hatte, war seinem gerechten Schicksal verfallen. Wilm Henseler und der Herr Polizeidiener Brill schienen doch ausbündige und geschickte Kerle zu sein. Ihr ganzes Verhalten in der verzwickten Sache nötigte ihm seine Bewunderung ab. Allein – was war das gestern abend gewesen? Noch spät hatte die Haustür geklinkt; dann waren leise trippelnde Schritte gegangen. Himmel Sapperment noch einmal! – Jan Peerenboom ging eine pfundige Wachskerze auf. Er hatte ja noch mit Kathje ein fettes Suppenhühnchen zu pflücken – das war's ja. »Kaffee ...!« Jan gab sich einen energischen Ruck, stellte das rechte Bein vor und schob die Linke zwischen Sammetjacke und Weste. Wie ein Geront stand er auf seiner schofelen Dielung. Er wollte doch mal sehen, ob er nicht befehlender Herr in seinem eigenen Hause sei. Kathje brachte den Kaffee. Sie war barfüßig und nur mit Unterrock und einem groben Hemdchen bekleidet. Mit kurzer Begrüßung stellte sie das Geschirr auf die Anrichte. »Murrgen,« sagte der Puppenspieler, gab sich einen zweiten Ruck, schlug die Augen nieder und meinte mit tragischer Pose: »Wo bist Du gestern abend gewesen?« »Mit Pittje und Mutter, die ich ein Stück Wegs begleitet. Sie gingen nach Rees, wo es schlimm aussehn soll bei Mielke. Ihr Mann hat 'ne Überfahrung bekommen.« »Weiß ich,« meinte der Puppenspieler, »der wird bald futü sein. – Wann kommt Pittje zurück?« »Wenn's besser gehn sollte – heute; sonst im Laufe des morgigen Tages.« »So?« Mit einem schweren Seufzer schlug Jan Peerenboom die Augen auf. »Schön; das kann bis gegen acht gewesen sein. Und dann?« »Dann bin ich zu Threschen Olbers gegangen.« »Dem Schneider Olbers die seine?« »Ja.« »Na – und?« »Wir machen gemeinsam eine Arbeit für den Paramentenverein.« »Und wenn dieser Pergamentenverein sich nun als Schwindel herausstellt,« donnerte Jan los, »und wenn sich diese Theresia Olbers, dem Schneider Olbers die seine, als männliches Individibum herausmustern sollte ...?! – Flausen, verdammte! – Wenn Dir das als die Tochter eines bedeutenden Künstlers passierte! – Himmel Sapperment noch einmal! – ich habe auch meine Ehre im Leibe, ich weiß was sich schickt, ich weiß was mir zusteht. Wir sind Pittje verpflichtet, wir sind Pittje und seiner großmütigen Seele bis in das innerste Mark unserer Knochen verpflichtet – und darum will ich kein Auge zutun, wenn dieser Schmierhahn von Maler sich in unser heiliges Familienglück hineindrängen wollte. Meinst Du, ich hätte auf meinen klaren Blicken gesessen? Kathje, paß Achtung! – Wenn der sich unterstände, in meinen häuslichen Tempel zu dringen – meine Freunde und ich, mit Einschluß von Sally Süßkind, wir schlagen diesem Tempelschänder die Knochen im Leibe zusammen. Aber ich kann's auch allein – und tu's, wenn ich diesen Kerl so nebenher mal unter meine Finger bekomme. Kathje, paß Achtung!« Dabei machte Jan ein Gesicht, als wenn's seinetwegen gleich losgehen könnte. »Das wollte ich mir nur vom Herzen heruntergebracht haben – und da ich's getan, bitte ich um eine dampfende Mokka.« Mit einem fast trotzigen Mienenspiel hatte Kathje die Worte ihres Vaters über sich ergehen lassen. Dieser aber legte seine richterliche Würde beiseite, setzte seine jovialste Künstlervisage auf, schlürfte aus einem Unterschälchen den heißen Kaffee herunter und machte sich fertig; dann griff er nach seinem Knotenstock. »Adjüs, Kathje. Halt Gott vor Augen und den Riegel verschlossen. Bis morgen. Ich mache auf Arbeit. Es lebe die Kunst! Addio!« Und da ging der großzügige Mensch hin, der Mann mit dem Kindergemüt und dem heiligen Zorn auf der Stirne, der grotesk-pathetische Mime, in dessen Seele die heterogensten Gefühle sich mengten, der schnapsdurchtränkte Bombastikus mit dem grobknochigen Körper und vieler Liebe im Herzen, und ließ sich die frische Morgenluft um das würdige Künstlerhaupt wehen. Mit dem Tonnenreifen um den Hals, an dem Genoveva, ihr erlauchter Gemahl, der schlimme Golo und die übrigen Puppen einträchtig baumelten, schritt er zum Tor hinaus, folgte dem Wasser, das an seinem Hause vorbeifloß, und stolzierte geradeswegs auf die alten Wassermühlen zu, die blitzende Perlen verstäubten. Etliche Kinder, die zur Frühmesse gingen, riefen ihm nach. »Jantje Klaas! – Jantje Klaas ...!« »Murrgen!« donnerte ihnen der Puppenspieler zu und hob drohend den knorrigen Krückstock. Kreischend stob die kleine Gesellschaft von dannen. Jan war weiter gegangen. Er passierte das brausende Wehr, sah die Wasser spielen und toben, freute sich an dem dumpfen Gepolter, das grollend aus der Tiefe emporstieg, begrüßte noch den Müller, der in seiner verstaubten Jacke in der zweischlägigen Tür lehnte und ihm noch schnell versetzte, daß er heute mit Überstunden mahlen und arbeiten müsse, und dann betrat er den wuchtigen Leedeich, der von hier aus, den Kalkflack entlang, über den Fingerhutshof nach dem eine kleine Meile entfernt gelegenen Wissel führte. Über dem ›Bowenholt‹, einem weitgedehnten Weidenkomplex, stand die Sonne als zinnoberrote Kugel. Weiße Nebel unterkrochen sie, schleppten sich wie kriechende Tiere an den Leedeich heran, tasteten sich an den weitausgelegten Flanken empor, um in aller Gemächlichkeit auf der ausgefahrenen Dammkrone weiter zu schleichen. Unmittelbar über derselben bewegte sich eine dichte Schicht quirliger Dämpfe. Trotz der Morgenfrühe begann schon die Sonne empfindlich zu stechen. Auch behielt sie länger denn sonst ihre lohende Farbe. Geflügelte Kerfe rasten zu dieser ungewöhnlichen Zeit schon im tollen Zickzackfluge vorüber. »Das zeigt auf Gewitter,« philosophierte Jan Peerenboom, »hoffentlich dauert's bis morgen.« Kräftig schritt er aus. Seine hohe Gestalt einte sich dem wallenden Nebel. – – – Für Sally Süßkind war es eine lange und bange Nacht gewesen. Die Stunden schlichen wie Schnecken an warmen Sommertagen, wenn Wochen hindurch kein erquickender Regen gefallen. Zwischen Mitternacht und Morgengrauen lag eine ensetzliche Zeit, während welcher er sein Hirn zermarterte und über sein Leid und dasjenige seines unglücklichen Freundes nachgrübelte, welcher noch keine Ahnung von dem hatte, was sich langsam vorbereitete, den lebenskräftigen Boden ihm schließlich unter den Füßen zu nehmen. Erst gegen Morgen verflüchtigten sich seine qualvollen und wirren Ideen. Sie wurden abgelöst durch einen schweren und traumhaften Zustand, der ihn in eine Verfassung brachte, als wären seine Glieder bleiern geworden. Sally Süßkind schlief bis tief in den Morgen hinein. Als er aufwachte, lag es ihm stumpf und dumpf in allen Gelenken; nur schwer konnte er seine Füße bewegen. Er rieb sich die Stirn; es kam ihm so vor, als wäre alles nur ein böses Träumen gewesen. Aber da standen sie schon, die schlimmen Gedanken, und sagten ihm, daß er sich im Unrecht befände, und daß sie kein Titelchen von dem, was er gestern durchlebt habe, zurücknehmen könnten; alles sei wirklich und wahrhaft geschehen. Sally hoffte auf Pittje. Wie verstört rannte er in seinem Hause umher, so daß Säkchen Reiß schon auf die Vermutung kam, sein Prinzipal sähe Mäuse an allen Ecken und Kanten. Er versuchte ein Gespräch in die Wege zu leiten; Sally Süßkind achtete nicht darauf. »Gott, denn nich,« sagte Säkchen, setzte allerhand springende und tanzende Mäuschen auf ein Stückchen Papier und malte den Namen seiner Geliebten darüber. Gleichzeitig ließ er sich und seine Gefühle von einer einschmeichelnden Walzermelodie tragen, die er mit spitzen Lippen über Kontobuch, Pultdeckel und Rosalie Leifmann hinweg blies. Die Dielen brannten Sally unter den Füßen. Müde schleppte er sich bis an die Haustür und sah die Straße hinauf. Wer wie er auch zusah, Pittje wollte noch immer nicht kommen; die Läden an dem kleinen Häuschen blieben verrammelt. Er konnte seiner großen Angst und Beklemmung nicht mehr Herr werden, denn Mittagszeit war schon lange vorüber; zudem hatten die Stunden ihre Eigentümlichkeit als Schneckengänger verloren: sie waren schmiergelenkig geworden. Jeden Augenblick lärmte so eine unbequeme Viertelstunde über die Stadt hin. Abermals begab sich Sally Süßkind zur Haustür. Immer dasselbe Bild: Pittjes Wohnung behielt die Augen geschlossen. Drüben saß der Schneidermeister Olbers mit gekreuzten Beinen am geöffneten Fenster. Er hatte den Tisch bis dicht in die Nische gezogen und nähte. Flink ging ihm die Arbeit von statten. Diesen fragte er, ob er nicht wüßte, wann Pittje zurückkommen würde. Der Schneider sah schief über die Brille. »Heute vielleicht – kann aber auch morgen werden,« war die lakonische Antwort, »je nachdem was bei Mielke passiert ist.« Sally Süßkind war um kein Jota klüger geworden. Erregt fragte er dann nach Jan Peerenboom – ob der vielleicht zu Hause wäre. »Der?« lachte der Schneider. »Immer lustig – und auf Wisseler Kirmes.« Da merkte Sally, daß jetzt die höchste Zeit zum Handeln gekommen. Sich mit Wilm Henseler ins Einvernehmen zu setzen, hielt er aus verschiedenen Gründen nicht für geraten. Er wußte: der liebe Herrgott hatte allerlei Kostgänger. Zu diesen gehörte auch Wilm. Er war ein aufbrausender und leidenschaftlicher Mann. In solchen Dingen verstand er keinen Spaß und würde aller Voraussicht nach in seinem heiligen Eifer mehr Unheil angerichtet, als gut gemacht haben. Also der ging nicht. Pittje unter den obwaltenden Umständen herbei zu zitieren, hatte seine noch größeren Bedenken. Wenn die traurige Angelegenheit in Rees nicht dazwischen gekommen wäre, dann unbedingt – aber so! – Was konnte inzwischen nicht alles bei Mielke passiert sein? – Das Unglück hätte sich vielleicht noch mehr in die Brust gelegt, wäre noch größer geworden. Blitzartig fuhr ihm alsdann der junge Kaplan durch den Kopf. Allein so schnell wie er gekommen, wurde auch dieser Gedanke verworfen. Jan Peerenboom ...?! Ja – der war der Vater von Kathje und als solcher verpflichtet ... Sally atmete auf. Der mußte heran, der mußte von Wissel herüber, der mußte wenigstens vor der Hand das Schlimmste verhüten; das übrige würde dann schon Pittje andern Tags besorgen. »Anspannen!« rief Sally Süßkind durch das geöffnete Fenster. Außer seinen Funktionen als Kommis des Produktengeschäftes versah Säkchen Reiß die Ehrenämter eines Wagen-, Geschirr- und Proviantmeisters im Sally Süßkindschen Marstall. Das mehr Untergeordnete und Knechtische in Jettes Bedienung, wie Putzen, Striegeln und Ausmisten der englischen Box, wurde von dem Tagelöhner Stephan Nagels besorgt, der in der Nachbarschaft wohnte, täglich eine Stunde herüberkam, seines Amtes waltete, eine gewisse Selbständigkeit hatte, hinsichtlich wichtiger Entscheidungen aber stets von den Beschlüssen des Herrn Proviant- und Stallmeisters abhing. Unter dessen Zuhilfenahme wurde der leichte Korbwagen aus der Remise gezogen, Jette geschirrt, die Bespannung vorgelegt und das stolze Gefährt auf die Straße geleitet. In Tanzmeisterstellung und der ganzen Glorie ihrer Piephacken und Gallen harrte Jette auf ihren sanften Gebieter. Mit einer Trauernelke zwischen den Zähnen bestieg dieser alsbald den Bock, ergriff die Zügel, schnalzte mit der Zunge und brachte Jettchen ins Traben. Eins, zwei, drei – vier, fünf, sechs ...! Höchlichst erstaunt und mit den Vermutungen und Orgien seiner ausschweifenden Phantasie nicht ins Reine kommend, folgte der Proviant-, Geschirr- und Stallmeister noch geraume Zeit dem fortrollenden Wagen, argwöhnte dieses und jenes und sah ihn schließlich bei einer Biegung der langen Kesselstraße verschwinden. Hierauf legte er die obigen Würden beiseite, ging ins Kontor zurück, schnellte sich auf den stattlichen Drehstuhl und schrumpfte wieder zu einem ganz kleinen Kommis des Sally Süßkindschen Produktengeschäftes zusammen. Jette war inzwischen lustig weiter gehumpelt. Im fröhlichen Dreischlag bog sie bei den Wassermühlen ein, tanzmeisterte, daß es so eine Art hatte, an dem brausenden Wehr und den schlurfenden Rädern vorbei und trottete über den Leedeich gen Wissel. Es schlug sechs Uhr vom dortigen Kirchturm, als Sally Süßkind vor einer Ausspannung hielt, sein Schimmelpferdchen einstellte und sich dann auf den Weg machte, den Puppenspieler zwischen den Buden und Kirmesgästen zu suchen. Es war kein leichtes Geschäft. Als hätte der Kerl sich mit der Passauer Kunst und der magischen Kraft einer Tarnkappe umgeben, so schwer ließen sich die Spuren des großen Mannes entdecken. Vergebens bewegte sich Sally zwischen den fliegenden Zelten und Kramläden. Viertelstunde um Viertelstunde verrann. Die Häuserschatten streckten sich immer mehr in die Länge. Sally verfolgte ihr Wachsen mit ängstlichen Blicken. Ein fliegendes Jucken überlief ihn. Er war rein aus dem Häuschen, bis ihm schließlich der Polizeidiener des Ortes bedeutete: Jan Peerenboom wäre vielleicht im ›Blauen Anker‹ zu finden. Als er dort eintrat, schlug ihm ein übelriechender Qualm und ein dumpfes Lärmen entgegen. Ein sinniger Mensch spielte auf einer Ziehharmonika. Sonntäglich geputzte Männer und mehrere Weiber, deren Röcke fast bis zu den kräftigen Schenkeln aufwirbelten, tanzten zu den frechen Klängen, rissen allerhand zotige Witze und ließen die Schnapsflasche kreisen, wenn sie, ermattet vom Tanz, sich an einen mit feuchten Bier- und Schnapskringeln bedeckten Tisch drückten und sich wechselseitig unter Kreischen und Lachen auf den Schoß nahmen. Dem Harmonikaspieler, der verwahrlost und bammelbeinig auf einer gestülpten Tonne saß, gingen beim Erhaschen dieser derbwürzigen Reize die Augen über. Um seine innere Begierde nicht merken zu lassen, spielte er unter blödsinnigem Grinsen eine Polka nach der andern 'runter. Während eines solchen Hopsers hatte Sally die Wirtschaft betreten. Donnerwetter – die Weiberbeine und die fliegenden Röcke ...! Niemand achtete auf ihn. Von dem Lärm und Dunst wurden seine Sinne benebelt. Er ließ sich, um dem Wirt gegenüber nicht zwecklos zu erscheinen, einen doppelten Korn mit Kristallzucker geben; dann fragte er nach Jan Peerenboom. »War hier,« sagte der Wirt, »aber, as't üh belieft, soeben 'rausgeschmissen, Mjinheer.« Dabei zeigte er mit dem verunstalteten Stummeldaumen über den Rücken. Sally ließ das Gläschen mit Fusel stehen und begab sich auf den hinteren Hofraum. Dort sah er noch eben, wie Jan Peerenboom mit dem Puppenkranz um den Hals einer verfallenen Scheune zutorkelte, das vermorschte Tor eintrat, hineinwankte und lallend ins Stroh fiel. Alle viere von sich gestreckt, lag der edle Künstler nunmehr auf der minderwertigen Streu, hielt Genoveva im linken, Ritter Golo im rechten Arm, schwadronierte von seiner Yorkshire-Sau, von Pittje und Kathje, von seinem schuldenfreien Anwesen und seinen großen Triumphen, bis er endlich einem dröhnenden Schnarchen anheimfiel, vor dessen Ausdauer und Kraft sich die über ihm befindlichen Spinnwebnetze leise bewegten. »Soeben 'rausgeschmissen, Mjinheer!« Diese kurz zuvor von Seiten des vierschrötigen Wirtes ausgestoßenen Worte gellten dem armen Sally noch immer zu Ohren. Der Boden begann unter seinen Füßen bedenklich zu wanken. »Herr Peerenboom, Herr Peerenboom ...!« Der Puppenspieler regte und rührte sich nicht; nur sein Schnarchen ging wie eine Kreissäge, die sich stöhnend in eine knorrige Verdickung hineinfressen mußte. »Sie müssen kommen, Sie müssen gleich kommen zu Hause!« »Murrgen!« lallte Jan und orgelte weiter. Sally nahm ihn beim Ärmel. »Ich sage Ihnen: ßu spät is ßu spät. Ein schauderöses Unglück geschieht.« »Wa ...?!« »Ihre Ehre, Ihre leibliche Ehre! – Herr Peerenboom, Sie müssen gleich mit. Ull Koßmann ...!« Der Name wirkte auf Jan wie die Posaune des jüngsten Gerichtes. Gläsernen Blickes hob er sich von dem ärmlichen Lager, hielt sich mit den aufgestützten Ellbogen im Gleichgewicht und begann damit, seine Gedanken zu ordnen; aber er konnte das Knäuel nicht mehr finden. »Herr Süßkind, Sie sind ein göttlicher und edler Mensch ...!« stammelte er mit versteinerter Zunge. Er hatte den Namen ›Ull Koßmann‹ schon wieder vergessen. »Sally,« lallte sein Mund, »ich weiß es: Sie und Pittje sind edle Menschen!« »Aber, Herr Peerenboom, bedenken Sie im Namen des ewigen Gottes: ein Unglück geschieht! – Sie müssen ßu Hause, Sie müssen mit's Schimmelpferdchen ßu Hause.« »Wa ...?! – Womit muß ich nach Hause?« »Mit's Schimmelpferdchen ...!« »Mit Jette?!« »Herr Peerenboom, ich bitte Ihnen um alles in der Welt, bei Sie is 'ne Rebellionierung unter die Pfannen!« »Mit Jette?!« brüllte der Puppenspieler. »Ich sollte mit der dreibeinigen Jette, mit dieser Himmelsziege nach Hause?! Ich, als schaffender und ausübender Künstler ...?! – Sally, Sie sind wohl des Satans!« Er streckte energisch die Hand aus. »Nie ...!« Sally rückte verzweifelt den Strohhut nach hinten. »Herr Peerenboom, kommen Sie, sonst ist alles verloren. Ihre jungfräuliche Ehre! – Ull Koßmann un Kathje ...!« »Ull Koßmann ...!« donnerte Jan auf. Sein verfuselter Geist wurde aufnahmefähig. »Ich würge den Hund, ich mache ihn kalt ...! – Ull Koßmann ...! – Himmel Sapperment noch einmal! – Meinen Knüppel ...! – Ich halte Gericht ab! – Ich komme ...!« »'s Schimmelpferdchen wartet da draußen.« »Bleiben Sie mir mit Ihrer Jette vom Halse! – Niemals! Ich komme zu Fuß als schaffender Künstler und Richter ...!« »Herr Peerenboom ...!« jammerte Sally und hob flehend die Hände. »Ich komme,« lallte der Puppenspieler, »ich – komme – wenn's – Zeit – ist!« Mit einem dumpfen Laut sank Jan auf die Streu zurück. »Herr Peerenboom ...!« »Und – halte – Gericht – ab! – Ull Koßmann ...!« Die letzten Worte verhallten. Sie wurden abgelöst von einem energischen Schnarchen. Jan Peerenboom lag starr und steif wie ein Stock und regte kein Glied mehr. Sally stieß ihn an, rüttelte ihn: außer einem taktmäßigen Sägen waren alle Lebenszeichen wie verdorrt und abgestorben. Sally beschwor ihn; mit den heiligsten Worten drang er auf ihn ein, mußte aber leider zur Erkenntnis kommen, daß er hier vor tauben Ohren gepredigt hatte. Da verließ er die Scheune. Ziel- und zwecklos und von einer grimmigen Angst gefaßt, lief er zwischen den Kirmesbuden umher. Sein Aussehen mußte verstört sein, denn die Leute, an denen er vorbeikam, stießen sich an und sahen ihm kopfschüttelnd nach. Nach einer halben Stunde trabte er zur Scheune zurück. Dort hatte sich nicht vieles geändert. Mit der urwüchsigen Ruhe eines Sackes mit Sägemulm, dessen Füllung geschnittenen Sargbrettern entstammte, streckte sich Jan noch immer aus den trockenen Strohhalmen. Er schnarchte und schlief fester denn zuvor. »Herr Peerenboom ...!« Alles blieb wie es war. »Ich bitte un beschwöre Ihnen im Namen des allmächtigen Gottes!« Keine Antwort erfolgte. »Der schläft sich in seine eigene Schande hinein!« jammerte Sally. »Die größte Pleite kommt über dem Manne! Schlafenden Auges, unschuldig als ein Lamm, ruiniert er sich un seine ganze Mischpoke! Ich kann nich mehr helfen. Die Sache is sefel.« Er wagte noch einen letzten Versuch. »Herr Peerenboom, 's Schimmelpferdchen is draußen!« Jan schlug die Augen auf. »Die Jette?« lallte er mit radebrechender Zunge. »Raus ...!« Er legte sich auf die andere Seite und arbeitete weiter. Da begab sich Sally zur Ausspannung, ließ Jette einschirren, drückte dem Hausburschen ein Trinkgeld in die Hand und karriolte von dannen. Die Kirmesleute lachten über sein Schimmelpferdchen und ihn, als er davonfuhr. Da war es ihm so, als kutschiere er mit einem ganzen Sack voll falscher Kastemännchen nach Hause. Sally Süßkind hatte den Glauben an sich, an Pittje und die gerechte Sache verloren. Jan Peerenboom hatte in der heutigen Frühe und bei seinem Auszug zu Recht prophezeit, denn als Sally in seinem Korbwägelchen Wissel verließ und die Krone des Leedeichs gewonnen hatte, stand eine eigentümliche Wolkenbildung unbeweglich jenseits des Rheines. Die bereits steigende Abenddämmerung gab ihr eine unheimliche Farbe. Um die schiefergraue Masse legte sich eine schwefelgelbe Verbrämung. Drohend und wie ein werdendes Unheil lauernd lag sie am tiefen Himmel. Sie überlegte noch, ob sie über den Rhein kriechen sollte. Sie hatte das Aussehn eines gewaltigen Kastanienblattes. Fünf starre, unbewegliche Finger zeigten nach Westen. Zuweilen zwinkerte es in den tieferen Schichten. Es ließ sich an, als wenn ein heimtückischer Mensch verschläfert ins Licht blinzelte. Noch war kein Grollen und Murren zu hören; nur eine drückende Schwüle kam hinkenden Fußes über den Rheinstrom gegangen. Der Kalkflack zeigte eine bleigraue Tönung. Verdächtige Hütchen tanzten hin und wieder auf dem schleichenden Wasser. Kalmus und Schwertel flüsterten bedenklich an den ausgefressenen Ufern. Wie eine bange Ahnung ging es über die niederrheinische Landschaft. Bei den Wassermühlen stand der alte Müller mit seinen Burschen und Knechten. Sie beobachteten die graue Wetterwand, die sich noch immer nicht rückte und regte. Als Sally vorbeikam, streckte der Mühlenbesitzer die Hand aus und meinte: »Buschur, Sally! – Das kommt noch vor Nacht herauf. Da sitzt Hagel so groß wie 'ne Faust drin. Mir kann's egal sein; ich hab' meine Kontrakte.« Mit jovialer Zuversicht schlug er sich auf die Jacke, daß der Mehlstaub emporflog. »Das steht noch, das kommt nich, das kann nich herüber ...« »Prosit die Mahlzeit!« versetzte der Müller. »Um Mitternacht haben wir die ganze Bescherung. Ich kenne den Rummel.« Er deutete in Richtung einer großen Pappel, die neben dem brausenden Wehr Wurzel gefaßt hatte und mit ihren sparrigen Zweigen die alten Ziegelpfannen bedeckte. Die unruhigen Blätter zeigten ihre silberlichten, unteren Flächen. »Das ist das sicherste Zeichen,« orakelte der Mühlenbesitzer. »Donner und Hagel! – Mir kann's egal sein; aber das kloppt Strunk und Stiel in den Boden.« »Gott behüt' mir!« »Buschur, Sally!« Die Müllerknechte lachten brutal, als Sally davon fuhr. Zu Hause angekommen, lief ihm Säkchen Reiß in die Finger. »Das Reiste,« meinte der Kommis und überreichte ihm das Niederrheinische Kreisblatt. Mit Rotstift hatte er die Nachrichten über die Ernteaussichten umrandet. Einzelne Stellen waren dick unterstrichen. »Trostlos,« lispelte der Verehrer von Rosalie Leifmann. Mäusefraß und Mäuseplage in allen Teilen des Kreises! – Auch aus der Kölner Gegend kamen gleiche Berichte. Willenlos beugte sich Sally unter der Wucht des Geschickes. Die Tränen wollten ihm kommen. Er verbiß sie. Das eigene Leid kam ihm nicht mehr so groß vor wie dasjenige Pittjes. Er mußte ein Letztes versuchen. Nachdem Jette eingestallt war, rannte er zur Peerenboomschen Wohnung. Er pochte an die vordere Haustür; dann versuchte er von der Gartenseite her in die Wohnung zu dringen. Aber wie er auch pochen und rütteln mochte – keine menschliche Stimme ließ sich vernehmen, und die Türen blieben verschlossen. Jetzt war alles verloren. In seiner Verzweiflung lief er auf die Landstraße, die in Richtung auf das jenseits des Rheines gelegene Rees führte. Dämmerungen gingen über die Erde. – – – Drüben in Wissel war Jan Peerenboom inzwischen so halbwegs zur Besinnung gekommen. Taumelnd hob er sich auf. »Wo bin ich? – Wer war das? – Ha, die verdammte Geschichte ...!« Das Stroh raschelte unter seinen Füßen. Jan reckte sich auf und rieb sich die Augen. »Ull Koßmann ...! – Himmel Sapperment noch einmal! – Meine Ehre! – Knüppel 'raus! – Ich komme als Richter! – Ull Koßmann ...!« Unter heiserem Lachen torkelte er dem Leedeich entgegen. Plumps! – da lag er ... Schimpfend hob er sich auf. Jetzt hatte er Wissel passiert. Unbeweglich stand die Wetterwand jenseits des Rheines; nur das unheimliche Züngeln in derselben war stärker geworden. XVI. Madonna Dämmerungen gingen über die Erde. – Die fünf Finger der Gewitterhand, die sich jenseits des Rheines stetig mehr streckten, ließen die werdende Dunkelheit noch größer erscheinen. Immer unheimlicher begann das Wetterauge zu zwinkern. Jetzt: kaum merklich, aber ständig rückten die düsteren Schichten vor. Es konnte höchstens noch eine Stunde währen, dann mußte der Herr mit seiner grollenden Sprache beginnen. Eine große Stille bereitete auf das Kommende vor. Die Natur hielt den Atem an. Nur in den Pappelkronen spielte noch von Zeit zu Zeit das verdächtige Rascheln. Die Kühe standen in den Weiden, ließen vom Grasen ab und äugten stumpfsinnig in die tiefliegenden Wolkengebilde. Knechte und Mägde, die in den verschiedenen Koppeln gemelkt hatten, zogen mit ihren Milchgefäßen eiligst nach Hause. Die Vorsichtigen unter ihnen trieben ihre Kühe heimwärts. Sie befürchteten Schlimmes. »Das kommt mit Hagel und Schloßen,« meinten die Wetterkundigen. Es war dieselbe Befürchtung, die der alte Müller bereits vorher ausgesprochen hatte. Die scharfe Umrahmung der brütenden Wolken war eine noch intensivere geworden. Jedesmal fieberten sie grell auf, wenn das Wetterleuchten seinen Schein drüber legte. Die vorwärts schiebende Wand blieb noch stumm wie ein Fisch. Sie sprach noch nicht; aber das sollte bald kommen. Sally Süßkind war bis in die Höhe des stattlichen Dorfes Hanselaer gerannt, das, zwischen Obstbäumen und Weiden eingebettet, etliche Büchsenschußweiten von der kleinen Stadt entfernt lag. Bei klarer Luft und helllichtem Tage konnte man von hier aus die beiden Stumpftürme von Rees sehen, die gewissermaßen ein sprechendes Wahrzeichen für die ganze Niederung abgaben. Sally ahnte sie nur – konnte aber die weiße Chaussee, die in Richtung auf den Rhein führte, eine geraume Strecke Weges verfolgen. Die Straße war menschenleer. Instinktiv hatte er sich an einem Chausseestein aufgepflanzt und versuchte der Landstraße eine menschliche Gestalt abzuringen. Die Gestalt sollte Pittje sein; aber sie kam nicht. Seine Unruhe wuchs. Noch war es Zeit; noch war nicht alles verloren. – Wenn er nur käme! Hinter seinem Rücken brummte die Turmuhr. »Halb neun,« sagte Sally. Er schärfte sein Ohr, denn seine Blicke wollten ihm ihre Dienste versagen. Bald darauf hatte er das unbestimmte Gefühl, als wenn er Schritte vernähme. Jetzt bemerkte er auch, daß sich etwas zwischen den niedrigen Bäumchen bewegte. Und Sally Süßkind begann wieder zu traben. Immer näher kamen die Schritte; sie klangen ihm wie himmlische Musik. Plötzlich blieb er stehn und tat einen Luftsprung. »Moses un die Propheten ...!« Sally kannte sich nicht mehr. Er hatte auf Pittje, wie Jakob auf Rahel gewartet. »Pittje!« rief er mit einer fast jubelnden Stimme. Ja – es war Pittje. Er kam von Rees. Sein Gang war unsicher, denn er hatte vieles zu tragen: Gram und Not und eine ganze Last quälender Sorgen. Sein Geist aber war seinen müden Schritten weit vorausgeeilt. Mit Bangen und Zagen hatte er das dunkle Reich der Zukunft betreten und dort Umschau gehalten. Was er dort vorgefunden, war nicht geeignet, seinen Lebensmut in heitere Bahnen zu lenken. Düstere Schatten umhüllten seine Seele und hinderten jeden freudigen Ausblick. In dieser Stimmung traf er mit Sally Süßkind zusammen. »Nu – wie steht es bei Mielke?« »Wie soll es stehn?« erwiderte Pittje. »Schlimm steht es, Sally. Heute mittag gegen vier habe ich meinem Schwager die Augen zugedrückt. Gott sei gedankt, daß er tot ist – denn was sollte er noch?! Es war nichts mehr zu retten und zu helfen – und der liebe Gott hat ein Einsehn gehabt und ihm seine ständigen Qualen genommen. Aber meine arme Schwester – die sitzt so recht im Elend dahinten.« Pittje wandte sich ab. Es wurde ihm schwer, weiter zu sprechen. Sally drehte verlegen an seinem oberen Rockknopf. »Un Sie, Pittje ...?« »Je, Sally, was soll es mit mir sein?! Mutter ist bei Mielke und den Kindern geblieben, damit da drüben die traurige Sache so'n bißchen auf Schick kommt, und ich will nach Henseler, einen Sarg für meinen Schwager bestellen. Er macht's billiger, denn wir müssen rechnen, und dann hab' ich mir weiter gedacht, daß Sie, Sally, die Freundlichkeit hätten und mit ihrem Schimmelpferdchen ...« Sally nahm ihm die Bitte vom Munde. »Un wie – un wie ...!« rief er mit verhaltenem Schluchzen. »Wenn's sein muß, fahre ich die schwarze Lade selber herüber. Es soll mir 'ne Ehre sein for Ihren Herrn Schwager.« »Das wußte ich ja,« lächelte Pittje und gab ihm die Hand hin. »Nun aber kommen Sie, Süßkind, daß wir Wilmke noch treffen; morgen früh muß er gleich an die Arbeit. Außerdem wird's mit dem Gewitter bald losgehn.« Pittje wandte sich zum Gehen. Der arme Produktenhändler aber blieb noch. Betreten tastete er nach der Hand seines Freundes. »Na, Sally, was gibt's denn?« »Herr Pittje,« platzte dieser los, »ich habe Ihnen noch was Wichtiges ßu sagen.« Der Mann zitterte vor innerer Erregung. Es war gut, daß es schon dunkel geworden, sonst hätte Pittje die Tränen bemerkt, die über die Wangen des ehrlichen Juden liefen. »Herr Pittje, sind Sie bei 'ner guten Verfassung?« »Den Umständen nach – ja, Sally, das bin ich.« »Schön – ich habe ßu sprechen mit Ihnen.« »Ich weiß, was Sie wollen.« »Herr Pittje, das wissen Sie nich. Ihr ganzer inwendiger Mensch dreht sich nach außen, wenn Sie es hören. Es gibt 'ne Revolutionierung in Ihrem unschuldsvollen Hause, Herr Pittje.« »Und dennoch weiß ich es,« versetzte dieser mit gelassener Ruhe. »Ich habe von Ihrem Unglück gehört. Die Ernteaussichten sind schlecht. Ich weiß, daß Sie Kontrakte getätigt haben, die Sie möglicherweise in Ungelegenheiten bringen werden. Ich sage es Ihnen gerade heraus: Sie befürchten in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten, und daher ...« Sally gestikulierte mit Händen und Beinen. »Herr Pittje ...!« »Ich kann es verstehn. Ihre Lage ist schlimm, wenngleich ich Ihnen zur Beruhigung mitteilen kann, daß sich jenseits des Rheines keine Mäuseschäden gezeigt haben. Kaufen Sie da – und ich bin überzeugt, Ihre fatale Situation wird sich doch anders anlassen, als es jetzt den miserablichten Anschein hat.« »Aber das is es ja gar nich ...!« »Ja, Sally, das ist es – und was mich betrifft, so bin ich gerne bereit, mir den Rückzahlungstermin weiter nach hierhin schieben zu lassen.« »Maimemmelochem! – ich bitte Ihnen, Herr Pittje!« »Aber, Sally, bis Weihnachten müssen Sie warten – und dann weiß ich noch kaum, wo ich's hernehmen soll. Mein kleines Kapital, was ich Mielke geliehen, ist während der langen Krankheit ihres Mannes so allmählich durch die Hände gelaufen – und was ich selber noch habe ... je, Sally, das wissen Sie besser.« »Ja, Pittje, das weuß ich, das weuß ich ...!« »Aber arbeiten kann ich, und arbeiten will ich. Schaffen will ich wie'n Stück Vieh und sparen und hungern, daß Sie nicht zu kurz kommen, Sally. Sie und ich, wir beide haben schon unser Päckchen zu tragen ...« Pittje hatte einen Fluch auf den Lippen. Da war's alle mit Sally. Beide Hände streckte er gen Himmel. »Aber Ihr Päckchen is größer!« schrie er plötzlich los, als wäre ihm das Erlebte mit ganzer Wucht jählings auf die Seele gefallen. »Ihr Päckchen is größer, wird größer – un 's kommt noch schlimmer, Herr Pittje!« »Sally, Sie sind wohl ...!« »Ah!« machte Sally. »Gottdomie – was kommt noch?« »Nu, das, was ich sagen wollte ßu Ihnen – das mit dem Koßmann ...!« »Um Gottes willen – was ist denn?!« »Ich will nich heißen Sally Süßkind, wenn ich's nich gehört hätte, das mit dem Koßmann!« »Was mit dem Koßmann ...?« »Nu – das hinter die Hecken. Ich wollt's Ihnen schon eher sagen – aber es ging nich. Das Unglück mit Ihrem geehrten Schwager is dazwischen gekommen.« Vor den Blicken Pittjes begann es zu nebeln. Er hatte noch keine klare Empfindung von dem, was ihm gesagt worden. Verworren drang ihm alles zu Ohren. »Aber, Süßkind, so reden Sie doch, sprechen Sie doch! – Gottverdammich, was wissen Sie denn?!« »Nu – daß er kommt, sie ßu besuchen in ihrem eigenen Hause, wo Herr Peerenboom spielt mit die Puppen in Wissel.« »Wer?« »Ull Koßmann.« »Bei Kathje?« »Bei Kathje.« »Wann?« »Heute ßu Abend.« »Sally ...!« Pittje stieß einen gellenden Schrei aus. Er wäre getaumelt, hätte er sich nicht an einem Chausseebaum gehalten. Seine Nägel krallten sich in die rissige Borke. Dann stürzte er haltlos und mit geballten Fäusten auf den Mann, der ihm dieses angetan und gesagt hatte. »Aber ich bitte Ihnen, Herr Pittje!« »Sally,« knirschte der Ärmste, »ich dreh' Ihnen den Hals um, ich würge Sie, Sally ...!« »Ich will nich heißen Sally Süßkind, Herr Pittje ...!« »Mensch ...!« In aller Ruhe hob Sally die Hand auf und streckte zwei Finger nach oben. Da wußte Pittje, daß ihm die nackte, kalte Wahrheit die Kehle verschnürte. Dem fürchterlichen Ernst des ihm Gegenüberstehenden konnte er sich nicht mehr entziehen. Um seine Sinne legte es sich wie mit eisernen Klammern. Sein schöner Himmel fiel über ihn, woran er geglaubt und gehangen hatte mit durstender Seele. Mit ihm selber ging es dann tiefer und tiefer – ins Bodenlose; er konnte keinen Halt mehr gewinnen. Er fühlte sich von eisigen Fingern betastet ... Fröstelnd faltete Pittje die Hände. »Mutter, Mutter, es ist gut, daß Du nicht hier bist, um das in dieser Stunde erleben zu müssen!« Ein Ekel ergriff ihn. In seinem grenzenlosen Schmerz konnte er keine Träne mehr finden. Aber lachen – das konnte er noch: lachen, lachen, lachen. Und er lachte, daß sich Sally Süßkind vor Grausen und Entsetzen schüttelte. »Kommen Sie, Sally.« In einer kleinen Viertelstunde erreichten sie das Wasser, das am Hause des Puppenspielers vorbeifloß. Unter der Brücke gurgelten die trüben Wellen bleiern vorüber. Drüben schien alles zur Ruhe gegangen. Auch die Stadt war ruhig. Die Pappeln, die an den Ufern standen, begannen leise zu sausen. Über sie fort zogen die ersten Vorboten des nahen Gewitters. Sie hatten langsamen Flug. Kaum wahrnehmbar, in langen Streifen und Fetzen auseinandergerissen, rückten sie vorwärts. Auch das eigentliche Wetter wollte noch immer so recht nicht vom Platze. Zeitweilig schien es, als sei es an den Himmel genagelt, so wenig ließ sich in seinen düsteren Schichten eine Bewegung erkennen. Die fünf ausgestreckten Finger waren nur länger und breiter geworden. Wie eine mächtige Schattenhand deutete es auf das klevische Land hin. Jenseits der Brücke flimmerten noch vereinzelte Lichter. Es machte den Eindruck, als wollten sie den unsicher vorwärts suchenden Wolkenplänklern den Weg zeigen. Etliche dieser tiefziehenden Segler häkelten sich um Giebel und Knäufe. Dem langsam fließenden Wasser weiter stromabwärts zu kauerten sich niedrige Schatten. In halber Höhe derselben standen feurige Scheiben. Kopfüber tauchten sie ihre Strahlen in den schwarzen Spiegel, gleichsam als sollten dort leuchtende Balken eingerammt werden. Von dorther kam ein dumpfes Gepolter. Es waren die Wasser, die sich über das aufgezogene Wehr stürzten und mit den stöhnenden Radschaufeln Zwiesprache hielten. In den Mühlen herrschte noch regsame Arbeit. Pittjes Augen bohrten sich in das gegenüberliegende Häuschen. Friedlich lag es zwischen Bohnenstangen und Obstbäumchen. Kein Lichtstrahl flimmerte aus den verschwiegenen Mauern. Wie ausgestorben ruhte es inmitten des kleinen Gartens. Am Fuße desselben raschelte es in den glasharten Stengeln des Rohres und den bräunlichen Wedeln des Rieds, das sich schwankend bewegte. »Hier ist mein Platz,« stammelte Pittje, »hierhin gehör' ich – und das Weitere kommt noch.« Keine Muskel spielte in seinem Gesicht. »Ein Schuft will ich sein ...« Das Folgende schluckte er grimmig herunter. Er drehte sich um. »Wollen Sie mir einen Gefallen tun, Sally?« Sally nickte. »Dann bleiben Sie hier und warten auf mich – hier auf der Brücke ... Ich habe dort eine Arbeit zu machen.« Mit festen Schritten ging er über den steinernen Bogen, tastete nach dem lockeren Staket und drang in das Gärtchen. Die verwahrlosten Wege verbreiteten eine ungewisse Dämmerhelle. Als er sich um das kleine Haus herumtappte, hatte er das unbestimmte Gefühl, als ob er das Rauschen eines Raubvogels vernähme. Er griff in die Luft, um den Vogel zu greifen; er wähnte, daß dieser sein Glück mit starken Krallen davontrüge. In dumpfer Betäubung drehte er sich an den Bohnenstangen vorbei; er hatte den hinteren Ausgang gewonnen und sah das Fenster an Kathjes Zimmer erleuchtet. Ein Vorhang war darüber gelassen. Grell stand die helle Fläche zwischen den nackten Mauern und sandte einen unsicheren Schein in den umdüsterten Garten. Auf den Fußspitzen näherte er sich dem verhangenen Fenster. Ein Schatten bewegte sich hinter der weißen Gardine; gleich darauf flüsternde Stimmen ... Sie drangen aus dem Zimmer ins Freie; dann klinkte da drinnen fast geräuschlos eine Tür ein. Also Kathje war zu Hause – und bei ihr ... Eine wütende Faust saß ihm an der Kehle. Er konnte nicht mehr schlucken; sein Gaumen war trocken. Irre Funken tanzten an seinen Blicken vorüber. Seine Pulse klopften, und das Fieber war in ihm. Er mußte an seine Mutter denken, an seine Mutter und Mielke. »Mutter, Mutter!« stammelte Pittje. Er biß sich die Lippen blutig. Eine fremde Gewalt zog ihn näher. Er stand dicht an der Giebelwand, und jetzt bemerkte er erst, was er vorher nicht wahrnehmen konnte. Ein Zipfel des Vorhangs hatte sich zur Seite geschlagen und gewährte einen Blick in das grellerleuchtete Zimmer. Hinter sich das geheimnisvolle Dunkel der zwinkernden Nacht und vor sich die engbegrenzte Szene, das Podium, auf dem seine Seele zu Tode gehetzt werden sollte – so stand der arme Mensch und preßte die fieberheiße Stirn gegen die Scheiben. Es war nur ein schmaler Streifen, den er zu überblicken vermochte, aber alle Gegenstände, die in diesen engen Rahmen hineinpaßten, standen unter dem Banne einer hellen Beleuchtung. Er konnte die eigentümliche Lichtquelle nicht sehen. Ihr reflektierender Schein fiel auf einen Tisch, auf dem verschiedene Zeichenutensilien lagen. Vor demselben saß eine hohe Gestalt, sichtlich mit einer Arbeit beschäftigt. Sie hatte ihm den Rücken zugekehrt und die Beine übereinander geschlagen. Pittje bog sich zurück, um der rastlos keuchenden Brust Ruhe und Atem zu geben. Auch die Tür, die zur Nebenkammer führte, konnte er deutlich erkennen. Rechts davon standen rote und weiße Papierrosen auf einer alten Kommode. Sie paßten so recht zu der ärmlichen Stube. Jetzt erhob sich die Gestalt und begab sich langsam und gesenkten Hauptes zur Linken. Pittje fuhr auf. »Ull Koßmann!« stöhnte der Ärmste. Sein Blick irrte rückwärts und schien zwischen den Knüppeln der Bohnenstangen zu suchen, über welche sich ein Lichtbalken des erhellten Fensters gelegt hatte. »Ull Koßmann ...!« Fast gleichzeitig wurde die Tür zur Nebenkammer geöffnet. »Ah ...!« Ihn durchlief es wie mit einem schartigen Messer. Kathje war ins Zimmer getreten. Wie eine Nachtwandlerin, schweren Fußes kam sie gegangen. Ein unscheinbares Tuch war um ihren Oberkörper gelegt, aber nur lose und leicht, so daß Hals und Schultern halbnackt und blond wie reife Kornähren hervorsahen. Geisterhaft, das Veilchenblau ihrer Augen mit den dunklen Wimpern beschattend, war sie vorwärts geschritten. Sie hatte sich seltsam gewandelt. Ull Koßmann trat ihr entgegen. Mit lechzenden Augen schien er jede Linie dieses Schönheitszaubers zu trinken. Er streckte die Hand aus; sie folgte zögernd und mit ängstlichem Lächeln. Gleich darauf waren sie aus dem Gesichtskreis Pittjes getreten. Nur die toten Gegenstände standen in blendendem Licht vor seinen verzweifelten Blicken. Das also war Kathje, sein Kathje ...! Mit beiden Händen war er an seine Schläfen gefahren. Er mußte sich mit den Ellbogen auf das Fenstersims stützen, um nicht nieder zu taumeln. Da kam die Wut über ihn. Schon wollte er losbrechen – da wurde drinnen gesprochen. Es waren flüsternde, bittende Laute. Er verstand sie nicht; nur den Sinn vermochte er locker zu deuten. Dann hörte er ein stehendes Schluchzen, dem eine tiefe Stimme folgte. Ein Schatten huschte über die weiße Gardine. Es war Ull Koßmann, der zur rückwärts gelegenen Tür ging und sie abschloß. Wiederum stand das schöne Mädchen in voller Beleuchtung. Das Licht flimmerte auf den braungoldigen Haaren. Ein fliegendes Feuer rötete ihre wachsbleichen Wangen. Mit den Fingerspitzen beider Hände hatte sie das Tuch in Höhe der Schulter genommen. Pittje wandte sich ab. »Madonna,« flüsterte eine verzehrende Stimme. Da hatte er plötzlich die dunkle Empfindung, daß jetzt etwas geschehen sollte und mußte. Und wie er aufblickte, da sah sie den Maler mit scheuen, fragenden Blicken an. Große Tränen standen in ihren Augen. »Madonna!« Gebieterisch klang es. Da ließ sie die Zipfel des Tuches fahren. Langsam, fast widerwillig, glitt es von den weichen Schultern herunter. Und Kathje ... Mit einem dumpfen Laute schlug Pittje nach vorwärts, dann sank er zu Boden. Wie lange er dort lag, das wußte er nicht. Ein fernes Brausen klang ihm zu Ohren. Es war wie das Rauschen des mächtigen Vogels, den er vorher zu sehen gewähnt hatte und der sein ganzes Lebensglück in den scharfen Fängen davontrug. Tief am gewitterschwülen Himmel verschwand er. Die Betäubung konnte nicht lange gewährt haben, denn als Pittje fröstelnd emporfuhr – da war alles dasselbe geblieben. Sie stand noch wie vorhin. Ihre Blicke leuchteten in seltsamem Licht. Auf unbeweglichen Hüften ruhte ihr berückender Körper. Nur der Atem schwellt ihre Brust und hebt die kleinen, jungfräulichen Zierden in gemessenen Pausen. Die halbgeöffneten Lippen lassen die weißen Zähne erblicken. Langsam senken sich die dunklen Wimpern. Die Hände hängen gefaltet herunter. Madonna ...! Und vor diesem Opfer ... vor ihr ... Und das sollte ihm verloren sein für immer und ewig – und diesem Menschen gehören ...?! Pittje schrie auf wie ein Tier. Mit einem hastigen Sprung war er seitwärts gefahren. Er griff zwischen die Stangen und drang mit dem gefausteten Knüppel gegen die Tür an. »Aufgemacht!« Keine Antwort erfolgte. »Gottverdammich, die Tür auf!« Das waren keine menschlichen Laute mehr, die er schäumend von sich gab. »Gottverdammich, die Tür auf!« »Wer ist da?« Eine kreischende Stimme hatte gerufen. »Aufgemacht!« schrie Pittje noch einmal. Dann trat er die Planken zusammen und stürzte ins Zimmer. »Mutter, Mutter! – und wenn ich nach Kleve soll und vor die Assisen ...!« Er taumelte vorwärts. »Mutter, Mutter, erbarme Dich meiner!« Pittje kannte sich selber nicht mehr. Und da stand sie zitternd und zagend – das sündige Weib, sein alles, sein Kathje ... »Pittje ...! – Pittje ...!« Sie war in die Kniee gesunken und riß sich das Haar auf. »Dirne ...!« Auf den Knieen rutschte sie zu ihm. Sie versuchte ihn mit verzweifelten Armen an sich zu reißen. »Gottverdammich! – wo ist er, wo ist der Schänder, das Tier – der Hund, der verfluchte ...!« »Pittje ...! – Pittje ...!« Mit heiserem Lachen stieß er Kathje zurück. Ull Koßmann war flüchtig. Pittje jammerte auf. Er sah das Weib im Staube vor sich – und ein Ekel ergriff ihn vor sich und der Welt, denn jetzt erfaßte ihn so recht das Bewußtsein, wie jämmerlich er sich erniedrigt hatte, wie sein Stolz und seine ganze Hoffnung dahin war. Er wollte den Fuß erheben ... er wollte sie ... »Du!« knirschte er zwischen den Zähnen. »Also das ist Deine ganze Liebe gewesen? – Aber den da draußen, das flüchtige Tier da ...!« Drohend hob er die Faust auf, stieß Kathje beiseite und stürmte nach vorne. Die Haustür war offen. – Auf der Schwelle stand Sally. »Sally – wo ist er?« »Über die Brücke – das schwarze Wasser entlang, übern Deich auf die Mühlen ...!« Der Ärmste zitterte wie Espenlaub. »Sally – und was Sie gesehn haben und was auch immer geschehn ist ...« »Herr Pittje, hier meine Hand drauf.« »Dann vorwärts!« Die wilde Jagd ging los. Sie liefen das Wasser entlang. Die Bäume sausten; Wetterlicht schlug ihnen entgegen; in der Ferne begann der Donner zu grollen. Und weit dahinten: ein eiliger Schatten. XVII. Der Leedeich Jan Peerenboom torkelte über den Deich hin. Das Wetter stand über ihm. Der Himmel begann ungemütlich zu murren. Jan streckte die Faust nach oben. »Himmel Sapperment noch einmal! – wart' noch ein bißchen.« Mit häßlichem Lachen stolperte er über einen Erdklumpen und stürzte zu Boden. »Geh' mir aus dem Wege, Du ruppiger Dreckkloß – Du scheeler Halunke! – Was willst Du? – Anch' io sono ...!« Fluchend drehte er sich in den tiefen Fahrgeleisen herum, die über die Deichkrone liefen. Mit der rechten Hand versuchte er den Oberkörper zu heben, und als ihm dieses gelang, stierte er mit glasigen Blicken in die umdüsterte Landschaft. Er lag gerade dem Fingerhutshof gegenüber. Im Frontgiebel der weitläufigen Wirtschaft wurde ein Licht geschlagen. Flimmernd winkte es über Wiesen und Kolke. »Ich schlage Dir das Fenster ein, Du dämlicher Glühwurm! – Auf den Leim kriechen wir nicht. – Ne, ne, ne ...! – Hier geht mein Weg hin.« Er machte vergebliche Anstrengungen, wieder auf die Beine zu kommen. Jedesmal sank er fluchend auf dem holperigen Fahrdamm zusammen. »Mir auch egal!« wetterte Jan und stierte gen Himmel. Flatternd zog es durch die keuchenden Lüfte. Der Wind hatte sich aufgetan. Der erste Blitz setzte von Wolke zu Wolke und belebte die Gegend. Es war eine prächtige Fernsicht. Die Wiesen lagen für eine kurze Spanne in fahler Beleuchtung. Über die Grasspitzen schien das Sankt Elmslicht zu hüpfen. »Prosit!« Jan hatte die Schnapsflasche ergriffen. Glucksend goß er die helle Flüssigkeit hinter den Sammetkittel. Donnerkiel, wie das schmeckte! »Prosit, Ihr Bauern! – Ihr seid edle Menschen dahinten!« Mit der Bouteille winkte er dem nahen Gehöft zu. »Nu aber 'ran mit der Forsche.« Er machte neue Versuche. »Hopla ...!« Es ging nicht. »Warten wir,« tröstete sich der Puppenspieler. »Wir kommen, wenn's Zeit ist, aber dann nicht so ohne Tournüre. Ne, ne, ne! – wir kommen mit 'nem richtigen Plie und als strafender Richter. Hahaha! – Blitzt mal ...! – Blitzt mal da oben! – Brav so.« Lallend streckte er sich in dem tiefen Geleise. Seine Triumphe, die Gestalten der Puppenkomödie, die eingeheimsten Groschen und Kastemännchen tanzten hinter- und nebeneinander über den Deich fort. Wie das seine erschlafften Geister belebte! Wie das wohltat – das helle Geklimper auf dem irdenen Teller! Mit abgeschliffenen Backen, fettig und glänzend äugelten ihn die Geldstücke an. Es waren auch Kupfermünzen darunter. Der holländische Leu paradierte auf der Medaillenseite. Grünspan war darüber gezogen. »Fort mit der Kupferpackage!« In Gedanken ließ Jan die Pfennige in alle Winde verstieben. Die vorwärts stöhnenden Wolken, die Reptiliengestalt angenommen hatten, schnappten sie auf. »Hahaha!« lachte der Puppenspieler. »Aber so 'n Rüpel von Wirtskerl! Mich 'rausschmeißen zu lassen – mich, den eingeborenen Künstler und Dichter?! Mein Verachtungsschluck treffe Dich bis in die Stiefelschäfte herunter. Prosit, Du Rindsvieh!« Wiederum stöpselte er den Kork von der Flasche. »Ein angenehmes Pröstchen – Du Rindsvieh!« Er gluckste und schnalzte. »Aber nun blitzt mal! – In drei Düwels Namen, nun blitzt mal ...! – Hurra ...!« Schwer sank er in die ausgeleierte Furche und lachte: »Pittje sollst leben! – Hurra Pittje ...! – Pittje – Pittje ...!« Die letzten Worte verhallten in einem langgedehnten Murren, das unter dem Himmel einherlief. – Just zu derselben Zeit, wo der Puppenspieler alle viere von sich streckte und der Schnapsflasche zusprach, war Pittje unter Schauerkrämpfen und vor lauter Entsetzen vor Kathjes Fenster zusammengebrochen – und als er zusammenbrach, da war es ihm so, als hätte sein Verstand für immer Schiffbruch gelitten. »Pittje, sollst leben ...!« Allein Pittje dachte gar nicht daran und war mehr einem Sterbenden ähnlich. Als wenn ein eigentümliches Fluidum von der Unglücksstätte herüberwehte, so kam es plötzlich über Jan Peerenboom gefahren. Es dämmerte jählings in seiner verfuselten Seele. »Himmel Sapperment noch einmal! – Ull Koßmann ...!« Das Amt des Richters war in ihm rege geworden. Er stemmte sich auf. »Nu aber 'ran mit der Forsche! – Golo, infamichter Holzkopf, reich mir die Hand her! – Erkenne in mir Deinen Herren und Meister. 'ran an die Ramme. Hopla! – Das flutscht ja ...!« Er kam auf die Beine und torkelte weiter. Mit dem Tonnenreifen und den zappelnden Puppen um den Hals, die Schnapsflasche in der Rechten schwenkend, balancierte er bald auf die eine, bald auf die andere Seite der steil abfallenden Böschung. In ungefügen Greueltönen sang er alsdann über Weiden und Wiesen: »Bier en Kümmel lößt de Ohm, Kirsch en Pomeranze –              Liewen Onkel Peerenboom,              Laat de Pöppjes danze.                 Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning –                 Böran, Baas! –                 Jantje Klaas – Jantje Klaas!« Es war ein schauriges Bild, wie er so über die hohe Deichkrone dahinschritt.                 »Jantje Klaas – Jantje Klaas ...!« Seine Stimme verhallte. Die Gegend änderte sich. Der Fingerhutshof mit dem flimmernden Lichtschein verschwand hinter Erlen und Hecken. Dunstige Massen schoben sich vor. Durch das öde Flachland schlängelte sich der Leedeich wie ein greulicher Lindwurm. Rechts an seiner Flanke nagte der Kalkflack. Gurgelnd floß er dem Rhein zu. Alte Weidenköpfe gespensterten im Tief auf, wenn die Wetterlohe für einen Augenblick die weite Landschaft erhellte. Und Jan Peerenboom inmitten der Schauer. Immer lauter begann es in den Lüften zu sausen. Die Puppen tanzten im Wind. Schwankend ging der Marsch dem kleinen Städtchen entgegen. Unheimlich hob sich die schwarze Gestalt gegen die noch im Westen haftende Helle ab. Um so dichter schoben und drängten sich die Wolkenschichten über dem Haupte des Puppenspielers zusammen. Fratzengesichter, Nebelgestalten, zerfaserte Tücher und Streifen überflogen den Leedeich. Die tiefer gelegenen Massen hatten eine violblaue Färbung. »Klipperklapper!« Die schweren Holzköpfe der Puppen schlugen zusammen. »Wir kommen zur Zeit, wir kommen zur Zeit!« schrie Jan Peerenboom, stapfte auf und versuchte ein schärferes Tempo zu nehmen. »Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning – Vöran, Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!« Von einer Seite zur andern taumelnd, gestikulierend und mit den zappelnden Puppen Zwiesprache haltend, bewegte sich der hohe und starkknochige Mann weiter und weiter. Der Wind bemühte sich die dunstigen Fuselgeister von dannen zu fegen. Sein Kopf wurde klarer. Das Begebnis mit Sally Süßkind nahm Fassung und Form an. Die Gedanken reihten und ordneten sich, und im Vorwärtsgehen hielt er große Rundschau ab über die verflossenen Wochen. Zwingend traten ihm die einzelnen Begebenheiten vor die allmählich sich ernüchternde Seele. Da stand ihm alles deutlich vor Augen, als wäre es erst gestern geschehen: die graue Sorge invitierte ihn auf einen Stuhl, der ihm schon lange nicht mehr gehörte, sah ihn mit toten Augen an und meinte: »Nun gib acht auf das, was da kommen wird.« Und da kam das Elend gehumpelt. Und die Hypotheken flogen wie Spatzen auf sein Dach und begannen einen Heidenspektakel zu machen. Er wollte sie polternd vertreiben. Es war zu spät. Die schreienden Spatzen wurden zu Raben und anderem Raubzeug und hackten mit ihren groben Schnäbeln nach ihm, daß er ängstlich ausweichen mußte. Da wandte er sich hilfesuchend an seine Mitmenschen, die in besseren Tagen mit ihm Karten gekloppt, eine feine Karambolage gemacht und gezecht hatten. Aber niemand hatte Erbarmen mit ihm. Alle kamen mit nichtigen Gründen und zuckten die Achseln. Über die welken Wangen der Sorge glitt ein verächtliches Lächeln. Und wie sie die magere Hand ausstreckte, da kamen allerhand Flaschen mit gebranntem Wasser in die Stube gestolpert. Sie hatten dicke Bäuche, Glotzaugen und verkupferte Nasen. Mit ihren Kankerbeinchen begannen sie lustig zu tanzen. »Hurra! – jetzt kommen die Sorgenbrecher, die Pullen.« »Du irrst Dich,« sagte die Graue, »das sind meine Kumpane. Die nehmen Dir den Stuhl unterm Sitz fort, das Bett, den Koffer, die Kasten und alles was Dein ist.« »Hoho!« brüllte Jan. Aber das graue Weib hatte recht. Der preußische Kuckuck flog gegen die Tür; von Amts wegen wurde Siegel angelegt. Aloys Pierentrecker erschien und mit ihm der Herr Polizeidiener Brill, der Auktionator, der Herr Protokollführer mit den tintenbeklecksten Stauchen und viele Menschen, die einen guten Kauf zu machen gedachten. Kathje, sein einziges Kathje, rang die Arme und weinte, die Hypotheken krächzten auf dem Dach, Nikodem konnte und wollte nicht helfen, hatte nur gute Lehren und abgeleierte Redensarten auf Lager, aber Hände so leer wie umgewendete Beutel – und keiner war da, der das rettende Tau bot, ihn aus der trostlosen Lage zu ziehn. Und das Elend stand bei ihm, griff ihn beim Kragen und meinte: »Wir sind gute Kameraden, mein Junge.« Der Auktionator erhob sich und bot die Yorkshire-Sau zum Verkauf an. »Zum ersten, zum zweiten und ...« Wie die Sprühteufel sprangen alsdann die dünnbeinigen Flaschen mit ihren aufgeschwemmten Bäuchen über Tische und Bänke, liefen dem Stall zu und versuchten die Weihnachtssau mitsamt ihren Schinken und späteren Würsten an das grelle und profane Licht des Tages zu zerren. Die Hypotheken krächzten immer frecher und lauter auf den verschuldeten Pfannen. Jede Hoffnung, jede Rettung schien ausgeschlossen, und die graue Sorge streckte die Hand aus und lachte. »Zum ersten, zum zweiten und ...« Da wurde die graue Sorge noch fahler. Ein Mann war ins Zimmer getreten. Der hielt Kathje an der einen Hand, und mit der anderen führte er einen mächtigen Knüttel und begann auf das widerwärtige Weib, auf die Bouteillen und die anderen Friedensbrecher zu dreschen, daß sie auseinanderstoben wie Spreu vor dem Winde. Und die Hypotheken auf dem Dach hatten einen zu kurzen Atem bekommen. Sie hatten das Schreien verlernt. Aber fliegen konnten sie noch; sie hoben die Flügel und flogen auf und davon, als sei der leibhaftige Gottseibeiuns in sie gefahren. Gerettet! Und dieser Mann war Pittje ... »Pittje, Pittje, Pittje, ...!« stöhnte Jan Peerenboom und holperte bedenklich zur Seite. »Himmel Sapperment noch einmal! – und diesen göttlichen Menschen will meine eingeborene Tochter verraten?! Mordio! – der Tag des Gerichtes will kommen! – Ich schlage ihr und dem Lumpenkerl von Ull Koßmann die Schädel zusammen.« Und wieder begann er zu lallen und lallend zu singen: »Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning – Böran, Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!« Unheimlich und schaurig tönte der Gesang des ernüchterten Mannes über den Deich hin. Dann stieß er ein Gelächter aus, daß die Winde darüber ihr Stöhnen und Pfeifen vergaßen. Immer dichter schachtelten sich die Wetterwolken zusammen. Das unheimliche Licht am westlichen Himmel hatte sich inzwischen in eine rauchige Färbung verwandelt. Dunkle Flore waren darüber gezogen. Alles lag jetzt grau in grau auf der Erde. Gespenstig dehnte sich der mächtige Leedeich durch die verschwommene Fläche, gleichsam, als kröche ein vorsündflutliches Tier mit unsichtbaren Tatzen unter Wetterwolken und Himmel. Jan Peerenboom balancierte auf dem Rücken desselben. Er sah in die Ferne, so gut es ihm das Dunkel verstattete. Zwei glühende Augen brannten am Ende des Deiches. Es waren die erhellten Luken der Wassermühlen, aus welchen das Licht drang. Wie zwei blutige Sterne standen sie im Kopfe des Untiers. Als Jan Peerenboom die ›Bunte Schleuse‹ passierte, verloschen die roten Sterne. Müller und Müllerburschen hatten Feierabend gemacht. »Ausgepustet, tot – mausekapott!« schrie der Puppenspieler und beschleunigte die unsicheren Schritte. Die Angst saß ihm im Nacken. Er fühlte, daß seine Mission auf Erledigung drängte. Der Schweiß rann ihm in dicken Tropfen über die Stirne. Immer ungebärdiger verhielten sich die Puppen; der steife Wind machte ihre Holzgelenke lebendig. Grimmig klapperten die buntilluminierten Köpfe zusammen. »Ruhe, Ruhe!« zeterte Jan Peerenboom sie an, mit seiner Stimme den Donner übertönend, der immer grollender und knatternder wurde. Noch sprach er jenseits des Rheines – aber der Sturm setzte mit aller Macht ein und riß dem Puppenspieler den Hut vom Kopf. Sich überschlagend trollte er die steile Böschung herunter. »Fahre hin!« lallte Jan. »Klar muß der Kopf sein, wenn der Richter drin waltet!« Mit einer grandiosen Bewegung sah er dem Hut nach. »Leb' wohl! – Aber was ist das?« Tief am nächtigen Himmel und jenseits des Rheines erhob sich eine blutige Lohe. Die schwarzen Wolken säumten sich mit feurigen Rändern. Feuergarben strahlten dazwischen. Qualmiger Rauch legte sich in bauschigen Tüchern darüber. Weiße Sterne spritzten wie Raketen nach oben. Rote Zungen leckten gen Himmel. »Das hat eingeschlagen da drüben! – Wenn dieses Donnerwetter doch den verfluchten Ull Koßmann erschlüge ...! Vöran, Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!« Der Puppenspieler tastete voran. Trotz der Dunkelheit kamen jetzt die schwerfälligen Kolosse der Wassermühlen in Sicht. Kaum noch Rufweite war er von ihnen entfernt. »Jantje Klaas – Jantje Klaas ...!« Weit scholl das wüste Geschrei über das Tief hin. Bläuliches Wetterlicht setzte über den Deich fort. Die Kühe, die sich scheu und verschüchtert in den Wiesen zusammengedrängt hatten, brüllten ängstlich in die grollenden Wolken. Schreckhaft klang ihr lang gezogenes Klagen; dann rasten sie mit dumpfem Gepolter über die sumpfige Öde. Ein brandiger Geruch schwelte vom Rhein her. Jan drehte den Nacken. Fast kerzengerade stieg die Feuersäule gen Himmel, um plötzlich unter lebhaftem Funkengestiebe in sich zusammen zu fallen. – In demselben Augenblick, da dieses vor sich ging, war Ull Koßmann aus dem Hause des Puppenspielers flüchtig geworden. – Wie zwei unförmliche Klumpen kauerten sich die beiden Wassermühlen am Ende des Dammes. Mit ihren blinden Augen stierten sie dem Puppenspieler entgegen. Die mächtigen Schaufelräder ruhten, aber um so tosender, reißender und wilder stürzte sich das aufgestaute Wasser über das niedergelassene Wehr fort. Balken- und Plankenlagen zitterten unter der Wucht der niederfallenden Wasserkaskaden. Heulend und fauchend kam es aus dem milchigen Kessel gefahren. In grotesken Zickzacklinien, den Tonnenreifen mit den tanzenden Puppen um den Nacken geworfen, wankte Jan Peerenboom dem tobenden Wehr zu. »Gerade so wütend wie ich,« lallte Jan. »Das ist so meine richtige Stimmung, um den Richter und Rächer zu spielen. Ausräuchern wie Kakerlaken und Wanzen will ich die ganze Gesellschaft. Himmel Sapperment noch einmal!          Bier en Kümmel lößt de Ohm,         Kirsch en Pomeranze –         Liewen Onkel Peerenboom,         Laat de Pöppjes danze.            Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning –            Böran, Baas! –            Jantje Klaas – Jantje Klaas!« Die Puppen tanzten toller und wilder. »Ihr sollt bald lustiger tanzen,« höhnte der Säufer, »aber dann Holzkopf auf Schädel!« Er war auf die Brücke gekommen. Wütend heulte jetzt der Sturm in den Bäumen. Die alten Pappeln stöhnten und ächzten und warfen kranke Äste zu Boden. Jan hielt sich am morschen Geländer und sah in die Tiefe. Sprühend spritzte der Gischt auf. Ein unbestimmtes Gewirr von riesigen Schaufeln, Balken und Rosten querte sich zwischen den ragenden Mauern. Ha, wie das dröhnte und polterte, mahlte und kreiste! – Die Brückenstreben wankten unter dem wütigen Anprall. »Vöran, Baas ...!« Mit Tageshelle fiel der Blitz in die Wiesen. »Huida...!« Der Puppenspieler wendete sich. Wiederum zuckte die Helle. »Wer kommt da?« Keine Antwort erfolgte. Jan tastete in greifbares Dunkel. »Wer ist da?« Totenstille ringsum. »In drei Düwels Namen, da soll doch ...!« Hastige Schritte, flüchtige Schritte ...! Wetterlicht ging in diesem Augenblick über die Mühlen. Für eine Gedankenschnelle stand die nächste Umgebung in scharfer Beleuchtung. Ein Mann stürzte sich auf die Planken der Brücke. Er wollte sie queren. Jan vertrat ihm den Weg – dann taumelte er rücklings. Die erneuten Blitze wiesen ihm die Züge des Malers. »Ull Koßmann ...! – Ull Koßmann ...!« Der Marionettenspieler brüllte wie rasend. Er griff nach den Puppen. »Der Tag des Gerichtes! – Der Tag des Gerichtes ...!« Ull Koßmann wollte vorüber. »Keinen Schritt über die Planke!« Jan Peerenboom hatte sich am Geländer aufgerichtet und streckte die geballten Fäuste nach oben. Das eckige Gesicht war noch gröber und kantiger geworden. Die schnapsseligen Blicke waren fort. Im Wetterlicht nahmen die Augen einen verzweifelten Haß an. Die dünnen, eisgrauen Haare flogen im Sturm. Der Puppenspieler hatte das Aussehn eines Mannes, der auch vor dem Ärgsten nicht mehr zurückschreckt. »Der Tag des Gerichtes!« schrie der Verzweifelte. »Jantje, Jantje...!« flehte Ull Koßmann. »Zum Düwel mit Jantje! – Meine Ehre, meine leibliche Ehre!« Jan war näher getreten. »Alter Herr...!« Der Maler versuchte einen jovialen Ton anzuschlagen. Aber der Puppenspieler brüllte von neuem: »Nichts da! – Flausen, Halunkereien – verfluchte! – Mein geschändeter Tempel...! – Meine Ehre und die Ehre von Pittje! Aber jetzt 'ran an die Arbeit!« »Ich habe sie nur als Madonna...!« »Kennen wir! – Kennen wir ...! – Ull, Du Verfluchter – jetzt 'ran an die Arbeit! – Kopf auf den Schädel...!« Er hatte sich eine von seinen Puppen vom Halse gerissen, sie bei den Beinen ergriffen... »Holla – und prosit die Mahlzeit!« Golos wuchtiger Holzkopf saufte hernieder. »Ah!« stöhnte der Maler. Ein wütiges Ringen ... Peerenboom streckte und reckte die Knochen. »Vöran, Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!« – Schauderhaft dröhnte das Gelächter des halbwahnsinnigen Mannes über Mühlen und Kalkflack. Er hatte Riesenstärke bekommen. In seiner Hand saß der Tod. Der sprang aus derselben auf das morsche Brückengeländer, sah in das kochende und zischende Wasser und forderte die beiden Ringenden mit dem Verhalten eines Schaubudenbesitzers auf, näher zu treten. »Ich bitte die Herren ...! – Schon ist alles bereit. – Die Vorstellung kann gleich losgehn. – Freies Entree ...« Grinsend deutete er mit der fleischlosen Hand nach unten. »Ich bitte die Herren...!« »Ull Koßmann...!« Ein wildes Gebrüll... »Kapott! – Kapott!« Die beiden waren dem morschen Geländer zu nahe gekommen. Sie wollten ausweichen. Es war zu spät. »Ich bitte die Herren ...!« Dann ein Racken und Brechen – ein wildes, entsetzliches Gelächter... »Jantje Klaas – Jantje Klaas ...!« Kopfüber ging's in die schäumende Tiefe. Ein dumpfes Gepolter auf Balken und Schaufeln, ein letzter Aufschrei – dann brauste es über das Wehr so geschäftsmäßig weiter, als wäre das soeben Geschehene eine alltägliche Sache gewesen. Nur die Dunkelheit legte ihre Schatten darüber, und der Donner sprach mit krachender Stimme dazwischen, damit die Menschheit den letzten entsetzlichen Aufschrei nicht hören sollte. Und dennoch – zwei Menschen hatten ihn trotzdem vernommen. »Peerenboom – Peerenboom ...!« Von Sally gefolgt, war Pittje bis zu den Wassermühlen gekommen. »Peerenboom...!« »Was ist das?« »Hier war es!« »Ich hab' sie beide gesehen – Peerenboom un Ull Koßmann!« »Ja – es war die Stimme des Alten!« »Un hier! – Ich bitte Ihnen, Herr Pittje – das Geländer ...!« – »Die sind ja ...!« »Gott der Gerechte ...!« »Peerenboom – Peerenboom ...!« Pittje war in die Kniee gefallen. Er beugte sich vor der Majestät des Unglücks. Das Grausen war ihm mit starrer Faust in den Nacken gefahren. In hoffnungsloser Arbeit kletterte er durch das Balken- und Sparrwerk zur Tiefe. »Peerenboom – Peerenboom ...!« Jede Rettung war ausgeschlossen. Das heulende und tosende Wasser hatte beide schon längst stromabwärts getragen. Erschöpft kehrte Pittje zurück. Er wußte nicht mehr, was er tun sollte. Das Unglück aber war an seine Seite getreten, hatte ihm die Hand gereicht und mit ihm Kameradschaft geschlossen – vielleicht auf Lebenszeit. Das Wetter begann lauter zu toben. Die Bäume sausten. Pittje hörte die Sprache des Himmels. Sally war zu ihm getreten: »Kommen Sie, Pittje – hier is nich mehr ßu helfen.« XVIII. Hagel! »Nein, Sally,« sagte Pittje mit fester Betonung, als sie das Haus des Polizeidieners verlassen hatten und das Wetter immer bedrohlicher wurde, »nein, Sally, unter keiner Bedingung.« »Aber, Herr Pittje!« »Unter keiner Bedingung. Sie haben für mich schon mehr wie genug getan. Inkommodieren Sie sich nicht weiter um mich – und da wir doch gerade hier sind: ich gehe ganz still und mit meinem Päckchen Unglück nach Wilm, und Sie, Sally, gehn ebenfalls ganz still und mit Ihrem Päckchen nach Hause. Das Nötige hat ja der Herr Polizeidiener Brill schon erfahren; das übrige wird morgen früh besorgt. Gute Nacht, Sally.« »Herr Pittje, ...!« »Sally, und denn: Sie stehn mir nah, aber Wilm steht mir auch nah.« »Ich verstehe, Herr Pittje; bis morgen.« »Bis morgen, Sally.« Und jetzt stand Pittje Pittjewitt allein vor der niedrigen Haustür seines Freundes und bewegte ganz leise den Klopfer. Mit einer solchen Bürde von Gram auf dem Herzen, mit einer solchen Not und Beklemmung hatte er hier noch niemals gestanden. Er mußte sich an der Türklinke halten, um nicht nieder zu brechen. Mit der ganzen Willenskraft, die ihm innewohnte, schluckte er die Tränen herunter. Wilm Henseler war noch nicht schlafen gegangen. Das Wetter hatte ihn über die Zeit wach gehalten, und so saß er denn noch in der vorderen Stube, die gleichzeitig seine Schlafkammer ausmachte, während seine Schwester Jüllecke sich in der Küche damit beschäftigte, Franzbranntwein auf grüne Walnußschalen zu gießen. Sie braute sich einen Nußschnaps, ein Getränk, dem sie leider Gottes in den letzten Jahren immer mehr zusprach, und zwar heimlicherweise und zum gerechten Ärger ihres Bruders, der sich vergeblich bemühte, das sonst so reelle Mädchen in dieser Hinsicht auf andere, geordnetere Bahnen zu lenken. Aber wie er sich auch ins Zeug legen mochte, er predigte schon seit langem vor tauben Ohren, denn Jüllecke kam mit tausend Gegengründen, unter denen der wichtigste die Behauptung enthielt: sie, Jüllecke, wäre ihrem Bruder zuliebe nicht in den Stand der heiligen Ehe getreten, sei somit mann- und kinderlos geblieben, und während andere ihres Alters und Geschlechtes allabendlich mit ihren Männern vergnügt in die Schlafkammer gingen, müsse sie ohne einen solchen ins Bett kriechen – und da wäre ihr denn doch so'n Herzensstärker und Seelenwärmer in Gestalt eines zahmen Nußlikörchens sicherlich und ohne Neidhammelei zu gönnen, zumal sie nichts ungeschehen ließ, ihm, ihrem Bruder, das Leben und den Haushalt so angenehm wie möglich zu machen. Mit diesem Beweismaterial, mit dieser logischen Schlußfolgerung war sie Wilm auch heute abend gekommen, als er ihr wegen der grünen Walnußschalen und des Franzbranntweins nur zu stichhaltige Vorstellungen machte. Als jedoch alles nichts fruchtete, ging er in die vordere Stube, brannte sich eine Tonpfeife an, um in aller Gemütsruhe das Gewitter abzuwarten, während Jüllecke ihr Likörchen ansetzte und die Ingredienzien sorgfältig prüfte. Bei jedem Blitzschein, der in die Fenster hineinleuchtete, schlug sie ein großes Kreuz und betete mit lauter Stimme: »Moder Goddes, bett för ons!« braute weiter und gönnte sich von Zeit zu Zeit ein kräftiges Schlückchen. »Gott verdomie, wer kloppt da?« sagte Wilm, als draußen der Türhammer anrief, stand auf, ging über den Flur, schob das Rähmchen zurück und meinte: »Wer is da?« »Wilm, mach' man auf.« »Gott verdomie...!« Hastig hatte er die Tür geöffnet. »Aber, Pittje, ich denke Du wärst doch ...« »Ja, Wilm, das war ich.« »Also – tot?« »Tot,« sagte Pittje. »Ich kondiluiere Dir von ganzem Herzen,« meinte der Schreinermeister mit innigen Worten. »Schlimm für Deine liebe Mutter, aber noch schlimmer für Mielke un die hungrigen Kinder. Un nu kommst Du wohl, mir musmaßlich die Bestellung für die schwarzen Bretter zu geben?« »Ja, alter Freund, deswegen bin ich gekommen – und denn ...« »Meinetwegen,« unterbrach ihn Henseler, »aber nur gratis, nur gratis,« wobei er die Betonung auf die zweite Silbe des Wortes legte, »sonst unter keiner Bedingung. Aber nu mal 'rin. – Ich bitte Dir, Pittje – bei diesem Wetter da draußen...« »Gerne,« sagte dieser und blickte zur Seite. »Schlimm, sehr schlimm,« schüttelte Wilm mit dem Kopf, als er Pittje in die Stube geführt und einen Stuhl für ihn zurecht gestellt hatte. »Je, Wilm,« stotterte Pittje, »aber das Schlimmste kommt noch – und das ist mir widerfahren.« »Wer ich bitte Dir, Pittje...!« »Und Jan Peerenboom ist tot,« schrie der Ärmste plötzlich auf, »und Ull Koßmann ist tot, und Kathje Peerenboom ist eine...« Mit dumpfem Laut schlug er mit der Stirn auf die Platte des Tisches. »Pittje, Du bist woll ...! – Sei still, die Leute könnten es hören – un Jüllecke is in die Küche dahinten – un Jüllecke kennst Du...! Sie werden Dir einsperren, Pittje – denn man sollte musmaßlich meinen, Du wärest übersinnig geworden.« »Übersinnig ...?« Langsam hob Pittje den Kopf. »Nein – aber es wäre gut, wenn ich übersinnig geworden, dann wäre Jan Peerenboom nicht tot, dann wäre Ull Koßmann nicht tot, dann wäre Kathje... Aber, da es so ist...« Er zerrte an seinem Halstuch herum, suchte nach Worten und meinte: »Wilm, willst Du hören, willst Du still zuhören – und Du sollst alles erfahren, was mir heute passiert ist?« »Pittje, das will ich, das will ich!« Wilm Henseler rieb sich verschüchtert den Kopf, denn er sah den fürchterlichen Ernst auf der Stirn seines Freundes. Da setzte sich Pittje hin, legte die Hände sacht auf die Kniee, sah seinen Freund mit traurigen Blicken an und erzählte still und gefaßt und ohne jegliches Zutun alles dasjenige, was ihm im Laufe des Tages und wie aus heiterem Himmel geschehen war. Und als er die trüben Stunden bei Mielke geschildert, dann überlenkte zum ersten Begegnen mit Sally und schließlich die Katastrophe im Peerenboomschen Hause und an den Wassermühlen erzählte – da glaubte Wilm Henseler, die Balkenlage müßte zusammenbrechen, das Haus müßte einstürzen und sie beide unter seinen Trümmern begraben. Er stierte ins Licht, brach mechanisch den Stiel seiner Tonpfeife entzwei und ließ die Stücke einzeln auf den Boden fallen. Er hatte plötzlich ein Gesicht, und in diesem Gesicht war es ihm so, als täte sich ein langer Stationsweg auf, öde und leer und nur von saurem Riedgras begleitet, und am Ende desselben, neben dem Kalvarienberge, wäre ein hohes Kreuz errichtet, und an dieses Kreuz würde Pittje genagelt. Die große Passion, so 'ne richtige Karwochenstimnmng war über Wilm Henseler gekommen. Langsam hob er sich auf. wankte auf Pittje zu und drückte ihm einen langen Kuß auf die Wange. »Alter, lieber Freund,« schluchzte Wilm, »das hast Du bei Gott nich verdient in Deinem arbeitsamen Leben un um Deiner Gerechtigkeit wegen! – Aber daß das eine so kam – das is musmaßlich zu Deinem unschätzbaren Vorteil gewesen, denn, Pittje, ich glaube, Du wärest in Deiner mehr als gerechten Wut, über Deinen Maxusstandpunkt hinaus, zum veritabelen Totschläger geworden – un das hätte Deiner guten Sache geschadet.« Pittje griff nach seinen Händen. »Ja, Wilm – das wär' ich sicher geworden.« Und wieder kam er in seiner verzweifelten Lage auf Kathje und das zu sprechen, was sich im Hause des Puppenspielers mit ihr und Ull Koßmann begeben. Und da war's aus mit semer Selbstbeherrschung. Erschüttert fiel er um den Hals seines Freundes. Wilm, der sich bis jetzt mit der rührsamen Seite der Medaille befaßt hatte, drehte nunmehr das Ding um und kriegte die Kehrseite vor Augen – und da bekam er doch so ein gestrichenes Maß voll Erbärmlichkeit unter die Nase, daß er sich aus der Umarmung Pittjes befreite, auf den Tisch schlug und losdonnerte: »Pittje, wie ich das jetzt so richtig nachsimuliere, da geht's doch über meinen un Deinen Zylinder, un wäre ich an Deiner Stelle gewesen, ich hätte trotzdem dem verfluchten Vieh – aber ich meine nich das Vieh, das Borsten un den Speck produziert, sondern den hundsmiserabelen Kerl – eins über den Bregen gehauen...!« Pittje sah ihn mit verweinten Blicken an. »Der Mann ist tot – Wilm.« Er hatte mit einem leisen Vorwurf in der Stimme gesprochen. »Ach, so...« Wilm drehte sich um. Seine Schwester Jüllecke war durch den wütigen Ausfall von eben herbeigelockt worden, hatte die Tür geöffnet und sah fragend ins Zimmer. »Ich bitte Dir, Jüllecke, bleib bei Deinen Schnäpsen dahinten; hier haben ernste Männer zu reden.« »Gott noch! – nu tu' man nich gleich so gescheit wie'n wirklicher Stadtrat.« »Ich bitte Dir nochmals...« »Ach, Du mein Christus!« sagte Jüllecke verärgert, knickste und begab sich wieder in ihre Destille, nicht ohne eine ganze Litanei von unliebsamen Bemerkungen gegen Wilm hinter ihr blau- und rotkariertes Brusttuch zu schlucken. Draußen heulte inzwischen der Sturm, orgelte und brüllte und warf Schieferplatten und Dachziegel mit großem Gepolter zu Boden. Fast beständig war ein bläulicher Schein in der Luft, und hartnäckige Donner wechselten sich dabei so prompt ab wie die endlosen Obstbäumchen auf einer langweiligen Landstraße. Pittje hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er versuchte dem Unabänderlichen eine bessere, lichtere Seite abzugewinnen, kam aber immer wieder auf die Erkenntnis zurück, daß sein Vorhaben eitel und nichts sei und Spreuicht – ein Kartenhaus, das schon der leiseste Lufthauch über die Tischkcmte fortblies. »Mein Gott, mein Gott!« seufzte Pittje, »und meine arme Mutter und Mielke...!« Wilm Henseler ging auf ihn los. »Nu verzweifle man nich. Das is doch sonst nich bei Dir Mode gewesen. Hast doch sonst immer den Kopf oben behalten; es wäre schade um Dir un uns alle zusammen, wenn Du nich mehr der Alte werden solltest von früher. Du mußt den schlimmen, traurigen Kerl laufen lassen un Dir 'nen frischen anposamentieren. Oder anders gesagt: Du mußt Dir von jetzt an 'nen neuen Mjinheer zulegen un Dich mellen als solcher un als einer, der auftritt wie'n Pferd, das immer nur schieren Hafer gekannt hat. Verstehst Du mir, Pittje?« »Ja, Wilm, ich verstehe,« nickte der Ärmste, »ich habe alles verstanden, und ich danke Dir, Wilm, für all Deine Liebe und den freundlichen Zuspruch. Ich weiß es ja selber: was gewesen und einmal geschehn ist, das kann man nicht mehr ändern im Leben, und es ist eine große Torheit, die Zukunft auf die Vergangenheit aufbauen zu wollen. Ich muß vergessen lernen, leben und arbeiten, um meiner selbst willen, wegen meiner Mutter und um meine Schwester Mielke mit ihren Kindern über Wasser zu halten.« »Das is denn doch noch wie früher gesprochen,« sagte Wilm und schlug klatschend die Hände zusammen. »Un nu gestattest Du wohl, daß ich mir 'ne frische Pfeife anbrenne, denn jetzt komme ich aufs Geschäftliche zu sprechen, denn allens muß seine richtige Ordnung haben im Leben. Ich will zu morgen gleich forsch an die Arbeit. Du verstehst mir doch, Pittje?« »Ja, Wilm, ich verstehe; es ist von wegen des Sarges.« »Aber allens gratis un für umsonst; denn bei einer andern Meinung kann ich musmaßlich die Totenkiste nich in die Hand nehmen.« »Gut,« sagte Pittje, »ich nehme Deine liebevolle Hilfe an, besonders wo ich mich im Momang nicht in 'ner besonders glücklichen Lage befinde. Aber es kommen auch bessere Zeiten – un denn...« »Un denn...? – Meinetwegen: un denn...! – Das ergibt sich später allens von selber. Ich habe jetzt vom fachmännischen Standpunkt un von wegen der Totenlade zu reden un habe Dir leider zu fragen: welchen Minus- oder Maxusstandpunkt vertrat Dein Mjinheer Schwager nach Längde un Breite? Ich muß es nämlich wegen die Bretter wissen. Ich meine: is er in der letzten Zeit noch völlig oder so'n bißchen angeknabbert gewesen?« »Je,« sagte Pittje und konnte keine Antwort darauf finden, mußte aber doch lächeln in seinem entsetzlichen Elend. »Du verstehst mir doch, Pittje?« »Lieber Freund,« lenkte dieser ein, »ich weiß, Du bist mir ja doch immer der Liebste gewesen!« Wilm Henseler sah steif auf den Boden. Mit dem dicken Zimmermannsdaumen fuhr er sich über die Augen. In diesem Augenblick wurde von draußen an die Scheiben geklopft. »Nanu!« sagte Pittje. Aber das Klopfen hörte nicht auf. Es klang, als würde mit knöcherner Hand an die Fensterruten geschlagen. Gleichzeitig brach das Wetter mit erneuter Wut los. Der Regen prasselte nieder, der Donner krachte, daß die Dielen des Hauses das Zittern bekamen und Jüllecke Henseler vor lauter Schrecken und mit schief sitzender Haube ins Zimmer gestürzt kam. Ein erneutes Gepolter! – Ein Prasseln und Trommeln! – Eine Fensterscheibe klirrte zusammen, und knisternd hüpften hühnereigroße Hagelkörner bis weit in die Stube. Jüllecke war einer Ohnmacht nahe. »Hagel, Hagel!« keuchte sie mit verstörter Miene und begann alsdann die hineingeschleuderten Eiskörner und Schloßen zu sammeln. »Auch das noch – auch das noch!« knirschte Pittje. »Sally, Sally! – Nun verhagelt auch dem noch das bißchen Getreide, was die Mäuse übrig gelassen haben. Wilm, Wilm! – es wird immer schlimmer! – Wir gehen bösen und betrübten Zeiten entgegen, und wenn nicht hier ein Ding säße, das täglich, stündlich einem zuriefe und predigte: Es ist so! Es ist so! – dann sollte man wirklich an dem Dasein und der Gegenwärtigkeit des lieben Gottes im Himmel und auf der Erde verzweifeln.« Wilm nickte. Und da saßen die drei in der niedrigen Stube, sahen sich stumm und entsetzt an, rückten zusammen und horchten auf das wütende Stürmen und das wilde Getrommel da draußen. Inmitten des bläulichen Wetterlichtes stand die brennende Öllampe so trüb und mager auf dem Tisch, als hätte ihr Docht die Schwindsucht bekommen. – Inzwischen war Sally Süßkind zu Hause angelangt, hatte sich in seinen kattunenen Schlafrock geworfen, die Lampe angezündet und war dann in sein Kontor gegangen, um hier zwischen seinen Kornproben, seinen Geschäftsbüchern und Briefen das Wetter austoben zu lassen. Er stellte das Licht auf den Tisch und ging verstört im Zimmer auf und nieder. Bald zusammenschrumpfend, bald in die Länge sich streckend, huschte sein Schatten über die blaue Tapete. Müde und abgehetzt durch die Erlebnisse des heutigen Tages warf er sich schließlich auf den dreibeinigen Pultstuhl, den Säckchen Reiß während der Geschäftsstunden inne zu haben pflegte, und ließ die Enden seines Kattunenen in malerischen Falten zu Boden fallen. Gepackt von der Einsamkeit und den Wetterschauern, die im fahlen Blitzschein durch die Fenster gespensterten, dachte Sally nicht mehr an seinen eigenen Kummer. Im Rollen des Donners glaubte er die Stimme Jan Peerenbooms und den Hilfeschrei Ull Koßmanns zu hören – dann ein Racken und Brechen, ein dumpfes Gepolter und ein gellendes Lachen... »Jantje Klaas – Jantje Klaas...!« Er hielt sich die Ohren zu. Ha, wie das schallte! Sally wollte den entsetzlichen Schrei nicht mehr hören. Aber, ob er wollte oder nicht: er sah die schwarzen Mühlen vor sich – und das schäumende Wehr mit dem wütenden Wasser – und Pittje... und die schwarzen Pappeln, die sich dämonisch mit ihren Kronen umschlangen. Die wehten und flatterten wie große Trauerfahnen im Sturm. Sally wurde ganz klein, verschüchtert, zwerghaft in seinem kattunenen Schlafrock. Er duckte sich wie ein kleiner Junge, dem ein robustes Kindermädchen mit dem ›Bullemann‹ angst macht. Da – was war das da draußen?! Sally war erdfahl geworden und dann auf die Dielen gesprungen. Da draußen ...! »Gott der Gerechte!« Es schien so, als würde da draußen Porzellan auf die Straße geworfen. Es prasselte, klirrte und übertönte das Ächzen des Sturmes und das Rollen des Donners. Ein vollgepfropfter Wagen mit Steingut, dessen Achsen gebrochen und nun seinen ganzen Inhalt an Töpferwaren über das Pflaster verstreute, hätte kein größeres Spektakel vollführen können, als in diesem Augenblick vor dem Hause Sally Süßkinds losgelassen wurde. Es rasselte auf die Dachpfannen und gegen die Läden. »Gott der Gerechte, was war das?!« Er hatte schon zu öfters den Manövern der Klever Garnison als Zuschauer beigewohnt und sich höchlichst darüber erstaunt gezeigt, wenn das Pelotonfeuer mit Platzpatronen losging, wobei ihm sein Geschäftsfreund Reb Veilchenstock des längeren auseinandersetzte, daß es im Ernstfall und besonders aber bei einer Revolution eben so ginge, nur mit dem Unterschied, daß alsdann scharfe Patronen zur Verwendung gelangten, und das klänge dann noch ganz anders und wilder. Ja – es wurde mit scharfen Patronen geschossen. Sally dachte an eine Revolte. Konnten nicht Aloys Pierentrecker und Henne Terlinden, die in Untersuchungshaft saßen, ausgebrochen sein und in ihrer tigerischen Wut eine solche in die Wege geleitet haben?! Die Möglichkeit lag vor; diesen Kerls, die kalten Blutes und lediglich aus purer Schadenfreude die unschuldigen Birkenstämme über den Haufen geworfen hatten, war solches schon zuzutrauen – und Sally hätte auch noch Herrn Polizeidiener Brill mit der Revolution und dem Flintengeknatter in geziemende Verbindung gebracht, wäre nicht während dieser Betrachtung eine ganze Portion handlicher und triefender Hagelkörner durch die Scheiben ins Zimmer gerasselt. Wie bei Wilm Henseler kamen sie klirrend in die Stube geflogen. Aloys Pierentrecker, der säbelbeinige Bäcker, Herr Polizeidiener Brill und der ganze Aufstand mit dem scheußlichen Flintengeknatter flogen in die Luft, gingen in Hagel und Schloßen auf – und dem geängstigten Produktenhändler überkam es so frostig und kalt, als wären die eisigen Körner über seinen Rücken gehagelt. Mit jämmerlichem Aufschrei wankte er in eine Ecke des Zimmers. Da lagen sie – die Vorboten seines sicheren Ruins! Er griff sich in die Haare. Stärker als Geschäftsklugheit und Fleiß waren die Naturgewalten da draußen: Mäuse und Hagel. Er sah den Bankerott seines sonst so schön fundierten Geschäftes vor Augen. Das Getreide mußte rar und teuer werden; er witterte, wie die Kornpreise sich zu schwindelhaften Höhen verstiegen – und er war gezwungen zu liefern. »Meine Kuntrakte! – Meine Kuntrakte!« schrie Sally. Die Kontrakte wurden lebendig. Sie kamen aus Pult und Mappen gekrochen; sie flatterten durch die zerschmetterten Scheiben. Sie hatten Arme und Beine, schnitten allerhand Fratzen, gerierten sich wie scheußliche Wichtelmänner und purzelten mit ihren Wackelköpfen über Tische und Säkchens Kontorstuhl, bis sie schließlich in einem wirbelnden Ringelreigen um Sally Süßkind herumtanzten. Immer neue Kontrakte kamen gewackelt. Da waren die von den Bäckern und Müllern aus Appeldorn, diejenigen, die er in Moyland, in Till, am Totenhügel und in Kervenheim abgeschlossen hatte, andere von Hönnepel und solche, die sich auf die Bäcker und Mühlenbesitzer jenseits des Rheines bezogen. »Hier sind wir! – Hier sind wir!« schrieen die putzigen Kerlchen. »Ich habe fünfzig Taler an Wert!« »Ich hundert!« »Ich dreihundertfünfzig!« »Fünfhundert!« »Tausend!« »Zweitausend!« Dem armen Produktenhändler schwindelte der Kopf. »Macht zusammen for viertausend Talers zu liefern!« »Wir sind auch noch da!« schrieen andere Stimmchen. »Nochmals hundert!« »Hundertundfünfzig!« »Eintausendvierhundert!« Und dann kamen Mäuse gesprungen – graue, langschwänzige Mäuse. Die piepsten und quieksten. Hundert Mäuse – tausend Mäuse ...! Die streckten die Pfötchen, fletschten die Zähnchen, spitzten die Öhrchen, taten sich mit den scheußlichen Wichtelmännchen zusammen und begannen um den bedauernswerten Menschen zu hüpfen. Immer näher zogen sich ihre widerwärtigen Kreise. Unter hellem Gepiepse, unter unaufhörlichem Lachen krochen sie über die gestickten Pantoffeln von Sally, zappelten höher und höher; jetzt waren sie bis zum Bauch des erstarrten Produktenhändlers gekommen – jetzt bis zu den Schultern – jetzt bis zum Mund – und jetzt: mächtig schlug die Flut der Mäuse- und Kontraktenplage über das schuldlose Haupthaar Sally Süßkinds zusammen. Heftig gestikulierte er mit Händen und Beinen. Der langschößige Schlafrock schlug Wellen und Wogen. Kontrakte und Mäuse! – und dazwischen prasselten die blitzeblanken Eiskörner ins Zimmer. Scheiben klirrten – es war ein Heidenspektakel! Das war zuviel für den Ärmsten. »Hagel, Hagel!« schrie er aus Leibeskräften. »Mein Korn, mein Getreide ...!« Mit gestreckten Armen drehte er sich um seine eigene Achse; dann sank er taumelnd und wie vom Schlage getroffen zu Boden. Fast eine halbe Stunde verging. Als Sally aus seinem Fieberzustand erwachte, als er sich aufhob und sich schweren Kopfes dem Fenster zuwandte, war das Gewitter vorüber gegangen. Er warf einen Flügel zurück. In den Straßenrinnen war ein Schlürfen und Gurgeln; schweren Falles klatschten die Regentropfen von den Pfannen zu Boden. Am Himmel zeigten sich zwischen den zerrissenen Wolken wieder tiefblaue Flecken, in denen die Sterne wie leuchtende Glühwürmchen standen. Jenseits der dunklen Häuser zuckte es noch zuweilen schüchtern und blitzartig auf. An den triefenden Ziegeldächern fing sich die Helle. Eine wohltuende Kühle strömte ins Zimmer. Sally war ruhiger geworden. Der Sturm hatte große Haufen körnigen Eises zusammengewirbelt. Es waren die traurigen Überbleibsel der verflossenen Stunden. Auf der Straße brannten keine Laternen mehr. Der Wind hatte sie ausgepustet. Sally sah in die Nacht hinaus. Er spitzte die Lippen und begann traurig zu pfeifen: »Sieh, o Norma – ach, Hab' Erbarmen ... !« Gleich darauf ließen sich Schritte hören. Sie rührten von Heinrich Hübbers her, der neben der Schusterei auch das Amt des Nachtwächters in Kauf und Pachtung genommen hatte. Der schusterliche Nachtwächter kam näher. Vom nahen Rathausturm schlug es Mitternacht. Heinrich Hübbers rührte zwölfmal die Klapper, stieß ins Tutehorn und sang dann: »Twälw hät de Klock! – Wat wellt che mehr – De Schuster Hübbers wacht. Twälw hät de Klock! – O liewen Heer, Gäwt ons 'ne moje Nacht!    De Klock hät twälw!« Sally ging schlafen. XIX. Und dann ...? Feierliche Glocken läuteten den Sonntag ein. Fröhlich spiegelte sich die Morgensonne in den noch feuchten Ziegelpfannen, und die Leute gingen so ruhig zur Kirche, als wäre nichts geschehen, als hätte sich kein großes Trauerspiel an den Wassermühlen begeben. Sie wußten es noch nicht. Nur einzelne Männer waren unter Führung Pittje Pittjewitts und des Herrn Polizeidieners Brill hinausgegangen, die Verunglückten zu suchen. Erst gegen die zehnte Morgenstunde begannen verschiedene Gerüchte ihren Umlauf zu nehmen, die anfangs in der ungeheuerlichsten Form auftraten, weit über das Ziel hinausschossen, schließlich aber zu der Tatsache zusammenschrumpften, daß der fremde Maler und der Puppenspieler aus irgendeinem noch unaufgeklärten Grunde ihren Tod bei den Wassermühlen gefunden hatten. Viele neigten sich der Ansicht zu, Ull Koßmann habe sich bei seinen Studien und weiten Spaziergängen vom Gewitter überraschen lassen, sei vom Sturm gegen das morsche Brückengeländer getrieben und habe Jan Peerenbom, der angetrunken von Wissel über den Leedeich gekommen und zu seiner Hilfe herbeigeeilt sei, mit sich ins Verderben gezogen. Andere munkelten von einem vorhergegangenen Streit, von verhängnisvollen Differenzen zwischen dem Puppenspieler einerseits, dem Maler und Nikodem anderseits, die folgerichtig die ungeheuerliche Katastrophe herbeiführen mußten, aber niemand dachte daran, Kathje mit dem furchtbaren Schicksal der beiden Männer in Verbindung zu bringen und sie für ihr Verschulden haftbar zu machen. Kathje selber hatte jegliche Anteilnahme verloren – und als das Unglück vor ihrem Hause beschrieen wurde, als Männer und Frauen kamen, ihr die Kunde von dem schrecklichen Begebnis mitzuteilen und alles aufboten, so schonend wie möglich vorzugehen, da saß sie da, wie sie schon seit vielen Stunden gesessen: teilnahmlos, die Hände im Schoße, ohne Bewegung, mit geschlossenen Augen und einen harten Zug um die blutleeren Lippen. »Sie hat ihr Geheimnis,« sagten die Leute, als sie Kathje verließen. Das, was sie gestern abend durchlebt hatte, was über sie gekommen war mit der Wucht eines elementaren Ereignisses, hatte sie gelähmt und stumpf gemacht gegen die Trauerbotschaft des heutigen Tages. Sie erinnerte sich aber an die verflossenen Tage und Wochen – an die Stunden der vergangenen Nacht. Ja, sie erinnerte sich ... und die Worte traten ihr in den Sinn, die sie in der Christenlehre gelernt hatte, und die da lauten: Laß deine Kleider immer weiß sein, und laß deinem Haupte an Salbe nicht mangeln. Bei diesem Rückwärtsdenken legte sich ein herzzerreißendes Lächeln um ihre Mundwinkel, das plötzlich erlosch. Keine Träne hatte bis jetzt ihre Wangen gefeuchtet. Kathje Peerenboom erinnerte sich ... Sie saß auch jetzt noch, wie sie schon seit mehreren Stunden gesessen. Ein wildes Verlangen ergriff sie, alles wieder gut zu machen, was sie gefehlt hatte, um gleich darauf einzusehen, daß ein abgestorbener Baum nicht mehr zu blühen und zu grünen vermag, geschweige denn Früchte zu tragen. Da ließ sie die Hände matt in den Schoß sinken. Ihr Gesicht entstellte sich, und die blaugraucn Ringe, die ihre Augen umrahmten, nahmen eine noch intensivere Färbung an. Ein feiner Goldfaden des Tageslichtes fiel durch das verhangene Fenster ins Zimmer. Es war ein Gruß des fonnigen Lebens da draußen. Allein Kathje verstand nicht mehr, was Leben war und Leben bedeutete. Der Gedanke an den Tod hatte sie ergriffen. Still ging die Tür auf. Und etliche Männer brachten den Puppenspieler ins Zimmer. Seine eisgrauen, spärlichen Haare fielen wirr ins Gesicht. Schilfpartikel und Wasserlinsen klebten darin. Schlaff und leblos schleppten die Arme am Boden. Auch im Tode hatte Jan Peerenboom seine Genossen nicht fahren lassen. Mit ihren Stielaugen und Wollperückcn baumelten sie am Tonnenreifen vom Halse. Sie trieften wie die Großkarierten und die Sammetjacke ihres Herrn und Gebieters, der, seinen Neigungen und Ideen getreu, sich mit einem dramatischen Abgang von der irdischen Bühne weggetrotzt hatte. Nur Golo fehlte. Der war weiter stromabwärts geschwommen. Armer Jan! – Der große Marionettenspieler dort oben hatte den Vorhang unverhofft und unerwartet über die Puppenkomödie seines kleinen, irdischen Kollegen fallen lassen. Aus – nichts mehr! Der Temperamentsmensch, der prächtige Kerl mit dem Kindergemüt und der glühenden Liebe im Herzen, der Held der Schnapsflasche und der burlesk-dramatischen Pose hatte seine Bude für immer geschlossen. Geht nach Hause – ich habe meine Arbeit geleistet. Anch' io sono...! – Es war einmal...! – Aus! Jantje Klaas – Jantje Klana...! Noch war kein Laut über Kathjes Lippen gekommen; jetzt stieß sie ihn aus. Es war ein gellender Wehschrei und klang so entsetzlich, als hätte ihr das Grauen selber die Zunge geliehen. Eine lähmende Starre ging über sie hin. Sie stierte die Männer an, die inzwischen den Verunglückten auf ihr Bett gelegt hatten und jetzt ihre Mützen verlegen in den Händen drehten. Sie wußten nichts zu sagen und zuckten die Achseln. Da warf sie die Arme nach oben. Noch bevor sie sich klar machen konnte, was eigentlich um sie geschehen war, war sie in sich zusammengebrochen. Mit kurz abgestoßenem Wimmern, das nicht mehr aufhören wollte, lag sie am Boden. Die Männer gingen und verließen scheu und auf leisen Schuhen die Stube. Jantje Klaas – Jantje Klaas...! – – – Zwischen Salweiden hängend und in Höhe des Fingerhutshofes, räumlich nur wenig voneinander getrennt, waren Ull Koßmann und Jan gefunden worden. Ungefähr eine halbe Wegstunde hatte sie das Wasser stromabwärts getrieben. Pittje Pittjewitt stieß zuerst auf die beiden. Dann gab er Order. Langsam bewegte sich der traurige Zug über den Leedeich und an den Wassermühlen vorüber der Stadt zu. Was sterblich von Ull Koßmann war, wurde den barmherzigen Schwestern auf der Grabenstraße gelassen. Und der arme Puppenspieler... Und draußen lag so ein friedlicher Sonntag gebreitet. Die Landschaft feierte. Silberlicht hingen glitzernde Perlen an Gräsern und Rispen, kreisrunde Kolke blenkerten gen Himmel, bunte Kühe standen im Grase, und der Widewal sang und flötete in den Pappeln des Bowenholts, dessen Wiesengelände unter einem farbigen Duft lag, der an die zarte Tönung von Reseda gemahnte. Ein Wiesenweih stand geraume Zeit und ohne Bewegung über der majestätischen Fläche, bis er lautlos dahinstrich und als Punkt im goldigen Äther verschwebte. – Pittje hatte sich in die Wohnung seines Freundes Wilm Henseler begeben. Jetzt saß er in der vorderen Stube. Ein Bogen Papier lag vor ihm. Mit angefeuchtetem Bleistift und übernächtigten Augen rechnete er die voraussichtlichen Kosten über das Begräbnis seines Schwagers zusammen. Und als er damit fertig geworden, da machte es für Mutters und Mielkes Trauerkleider, für den Pastor und den Küster, für Nählohn und Leinen zum Totenhemd, für die Träger, Likör und Zigarren und für die sonstigen unvorhergesehenen Ausgaben in Summa 35 Taler 5 Groschen. Außerdem für Sarg und Transport... Ach, Gott ja – das wurde gestundet, das blieb in der Freundschaft, aber da waren noch die Kosten für den Satz und den Druck der Totenzettel, und dann hatte er auch noch den Leichenbitter vergessen. Na, der war allerdings ein Kollege von ihm, und unter Kollegen ... Mit der Druckerei stand das aber auf einem andern Bogen. Hierfür mußten wenigstens 5 Taler angesetzt werden – und Pittje zählte in Summa Summarum 40 Taler 5 Groschen zusammen, die unbedingt aufgebracht werden mußten. Und als er darüber nachdachte, als dann noch die verschiedenen Sorgen, mit denen er zu rechnen hatte, ins Zimmer spazierten, sich dicknäsig und wie vollgemästete Protzen mit schweren Uhrketten und Hängebäuchen in die Erscheinung brachten, sich ihm einzeln präsentierten und sich dann schwerfällig und mit heiserem Lachen auf die Binsensitze warfen, daß die Stühle zu krachen begannen, da war es ihm so, als wenn ein unheimlicher Gast hinter ihm stände, ihm über die Schulter fort auf den Papierbogen schielte und sagte: »Na, Pittje, Du Haft für nichts auf dieser Erde gelebt und gerungen, Deine Werke sind für die Katze gewesen – zieh Dir das Totenhemd über die Ohren und laß Dich auch man begraben.« »Und laß Dich auch man begraben ...« Mechanisch sprach Pittje Pittjewitt die Worte nach, die ihm in den Sinn traten, und die er zu hören geglaubt hatte. Er hätte sich ein Leid antun mögen, bezwang sich aber, stützte den Kopf in die Hände und grübelte still vor sich hin. – Trotz des heiligen Sonntags knirschte der Hobel in der Werkstatt Wilm Henselers. Lange Späne kräuselten sich unter dem gestoßenen Eisen, drehten sich spiralförmig auf und hoppelten dann in kurzen Sätzen von der Werkbank zu Boden. Mit Schnur und Winkelmaß wurden hierauf die gehobelten Tannenbretter gerichtet. »Sechs Fuß un fünf Zoll, zwei Fuß un acht Zoll,« zählte Wilm, »aber ein bißchen völlig; wir müssen hier den Maxusstandpunkt vertreten.« Und dann begannen die Sägen zu schnarchen; sie stöhnten und ächzten und brachten die einzelnen Borten in die gehörige Länge und Breite. Die Arbeit ging hurtig von statten. Als um die Vesperzeit die Sonne schon schräger durch die mit Spinnwebnetzen verhangenen Fensterscheiben in den kleinen Arbeitsraum hineinsah, da war der Sarg im Rohen fertig geschreinert. Auf zwei Holzböcken stand er inmitten der Werkstatt. Wilm Henseler, sein Priemchen und seine beiden Gesellen hatten schon in aller Sonntagsfrühe mit ihrem Tagwerk begonnen. Jetzt ließ Wilm eine Pause eintreten, spendierte einen ›Nuß‹ aus Jülleckes Destille und nötigte in zuvorkommender Weise seine Angestellten zum Kaffee. Nach demselben wurde weiter gearbeitet. »Nu kommt's mit die Feinheit,« meditierte Wilm, ließ Längs- und Schmalseiten mit Leisten verkröpfen und schraubte eigenhändig die vom Drechslermeister Pollmann gelieferten Füße an den Boden der Kiste. Hierauf wurde alles geglättet und sauber hergerichtet. Aus Sparsamkeitsrücksichten blieben die verzinnten Beschläge in Fortfall. Nur auf dem niedrigen Deckel wurde ein sehr einfaches Metallkreuz befestigt. Dann kam der Anstrich. Es duftete nach Firnis und Harzen – und als hierauf die Gesellen noch Hobelspäne in das Innere füllten und die beiden Längsseiten mit je drei Handgriffen versehen hatten, da ging Wilm Henseler still und geräuschlos in die vordere Stube, praktizierte das Priemchen in die Arbeitsweste hinein, nahm die Hacken zusammen und meinte: »Pittje, ich melle gehorsamst...« »Ich danke Dir, Wilm,« sagte Pittje und streckte ihm beide Hände entgegen. »Ich hab' der Sache 'ne gehörige Auslage nach Längde un Breite gegeben,« erklärte der Schreinermeister, »denn ich habe mir zurecht simuliert, Dein verstorbener Mjinheer Schwager könnte un müßte sich doch bequemer un völliger in seinem letzten Häuschen umtun können, wie er es jemals in seinem miserablichten Leben gekonnt hat – un da habe ich nach Längde un Breite vier un drei ordentliche Zolldaumens zugeben müssen. Nu kann er doch, was er früher nich konnte: sich gehörig strecken – das kann er jetzt. Er hat's kommod zwischen den Brettern. Du verstehst mir doch, Pittje?« Ob er ihn verstand ...?! Pittje stand am Fenster und sah stocksteif auf die Straße hinaus. »Gott sei gedankt, daß ich ihn bald unter der Erde hab',« sagte er mit verhaltener Stimme, »denn er hat sich selber danach gesehnt wie die durstige Scholle nach Wasser. Du hast ihm das Beste zusammengeschreinert, was Du ihm zu geben vermochtest. Wilm, Wilm, Wilm – wie kann ich Dir danken ...?!« »Mit gar nichts,« erwiderte dieser und schob sein Priemchen wieder in die Backentasche hinein, »allens für gratis.« Die beiden Männer standen zusammen und hatten sich bei den Händen genommen. Unausgesprochen, aber um so fester wurde die alte Freundschaft erneuert, die sie nie wieder loslassen sollte fürs Leben und noch das Grab überdauerte. Drüben, auf den weißgekalkten Giebeln und Ziegeldächern der Häuser spielte es in rosigen Farben. Lange, violette Schatten fielen quer über die Straße. Aus einer nahegelegenen Wirtschaft kam ein rollendes Geräusch, als würden dort Kegel geschoben. Plötzlich drang ein lautes Gepolter und eine helle Knabenstimme ins Zimmer. »Alle neun!« sagte Wilm. »So purzelt alles im Leben zusammen,« erwiderte Pittje. »Schön – aber für Dir nich, wenn Du meinst, ›Holz‹ geben zu müssen, un ich rate Dir, Pittje: zieh' Dir den Rock aus un stelle Dich hemdsärmelig un forsch auf die Rollerbahn hin. Du bist lang genug Kegeljunge gewesen; jetzt nimm mal selber die Kugel, spuck' in die Hände un schiebe, aber dann: alle neune. Du verstehst mir doch, Pittje?« Pittje nickte. Draußen wurden die Schatten immer breiter und länger. Es war Abend geworden. – Eine Stunde später hielt Tally Süßkind mit seinem Schimmelpferdchen und dem vierrädrigen Korbwägelchen vor der Henselerschen Wohnung. Etliche gaffende Kinder fanden sich ein. In aller Ruhe wurde der noch nasse und klebrige Sarg auf das Hinterteil des Wagens geschoben, in die Quere gelegt und mit Strohseilen befestigt. Hierauf bestieg Pittje den Bock. Sally, mit einer Trauernelke zwischen den Lippen, hatte inzwischen die Leine ergriffen und begann leise zu schnalzen, bei welcher Gelegenheit er gleichzeitig mit dem Peitschenstiel an Jettes Schwanzrübe herumkitzelte. »Hi, hi, hi!« machte das Schimmelpferdchen; dann trabte es vorwärts. »Adjüs!« rief ihnen Wilm Henseler nach. Die Leute blieben auf der Straße stehen. Eins, zwei, drei – vier, fünf, sechs...! Der Dreischlag verklang. Der Sarg, Pittje und Sally ratterten über die Kesselstraße dem Markt zu, passierten das Hanselaertor und gewannen die breite Landstraße, die über Hönnepel nach Rees führte. Die beiden Männer sprachen nur wenig; das besorgten die Stare, die mit ihrem schillernden Wams in den Chausseebäumen saßen oder in hellen Scharen dem wackeren Pferdchen vorauszogen, um zeitweilig und mit fröhlichem Lärmen in die benachbarten Wiesen zu fallen. Nach einer guten Wegstunde wurde der Rhein auf einer schwerfälligen Ponte gequert. Melancholisch gurgelten die tiefgrünen Wasser unter den Planken des Fahrzeugs. In Rees brannten schon die Lichter, die Läden an den meisten Kramgeschäften waren bereits geschlossen, als das Korbwägelchen mit seiner traurigen Fracht vor einem sehr bescheidenen Häuschen anhielt. Unter Beihilfe etlicher Nachbarsleute wurde der Sarg in das Sterbezimmer getragen. Sally Süßkind empfahl sich und kutschierte wieder nach Hause. Das schwarze Ding war abgeladen, allein das Gewicht, das noch immer auf den Achsen lastete, schien größer denn vorhin geworden. Immer neue Fahrgäste stellten sich ein, machten sich's im Wagen bequem und streckten die Beine. Und als Sally sich auf dem Bock umkehrte, da grinsten ihm häßlich lachende Gesichter entgegen – und diese lachenden Gesichter fielen ihm schwer auf die Seele, denn die Passagiere, die das Alleinsein auf die Sitze gerückt hatte, waren grimme Verpflichtungen mit Rattmausvisagen, ekle Patrone, die, ohne Platzgebühr entrichtet zu haben, nicht wankten und wichen. Mit ihnen kariolte Sally Süßkind bekümmerten Herzens durch die einsame Landschaft. Die Trauernelke baumelte betrüblich zwischen den Lippen. Eins, zwei, drei – vier, fünf, sechs...! Pittje Pittjewitt war inzwischen über die ausgeleierte Schwelle in den matterleuchteten Flur getreten. Eine feuchte Luft wehte ihn an. Die Nachbarsleute kamen aus dem ersten Zimmer zur Linken. Sie hatten bereits die Totenlade an die richtige Stelle geleitet. Als Pittje sich bedankt hatte, traten die Kinder seiner Schwester auf ihn zu, das älteste dem Anschein nach etwa fünf- und das jüngste zweijährig, die ihm fast freudestrahlend erzählten, daß morgen ein Feiertag sei, denn morgen würde Vater begraben. »Wo ist Mutter?« fragte sie Pittje. Das älteste Mädchen deutete auf das Sterbezimmer und meinte: »Da – die Lichtjungfer ist auch schon gekommen.« »Und Großmutter?« »Da hinten,« sagte das Mädchen von eben. Da ging Pittje am Sterbezimmer vorbei durch den kalten, unwirtlichen Gang der Küche zu. »Ich muß erst mit Mutter sprechen,« stöhnte er auf, aber die Worte klebten ihm fast an der Zunge, als er sie aussprach. Als er eingetreten war, schnappte die Klinke mit einem scharfen Geräusch wieder ein. Nur eine schwelende Kerze erhellte dürftig den niedrigen Raum. Bevor der Eingetretene sich entschließen konnte, seine Blicke auf die seitwärts des Herdfeuers hockende und in sich niedergebrochene Gestalt zu heften, ließ er Augen und Gedanken erst unstet umherirren. Mutter Pittjewitt hob langsam den Kopf. »Pittje, Du bist lange geblieben.« »Ja, ich bin lange geblieben.« »Und ich hatte schon Bange um Dich, denn ich will jetzt schon immer die Tür zuhalten, damit kein frisches Unglück hereintritt.« »Mutter...!« Was war das? Der Ton, mit welchem Pittje gesprochen, befremdete sie. Die Züge ihres harten Gesichtes waren noch härter geworden. Sie reckte sich auf und richtete ihre stahlgrauen Blicke fragend auf Pittje. Im Schummerlicht der trübe brennenden Kerze schien ihre hagere Gestalt bis an die Decke zu wachsen. Sie war zu ihm getreten, faßte die linke Hand ihres Sohnes und fragte: »Was hast Du?« Eine plötzliche Angst hatte sich ihrer bemächtigt. Er wandte den Kopf ab. »Was hast Du? – Da muß was passiert sein!« »Ja, Mutter, es ist was passiert.« »Um Gottes willen – was ist denn?!« »Mutter, Mutter...!« stammelte Pittje. »Also doch ...« sagte die Alte mit einer entsetzlichen und fast fatalistischen Ruhe. »Angtree! – auf daß es hereinkömmt – das Unglück. Na, los denn – ich höre.« Herbe und bitter war Mutter Pittjewitt damit fertig geworden. Sie hatte schon genug erduldet im Leben – auf eine Handvoll mehr oder weniger konnte es auch nicht mehr ankommen. »Angtree! – auf daß es hereinkömmt – das Unglück!« sagte die Alte noch einmal, scheinbar mit einer diabolischen Lust behaftet, sich selber zu quälen. Pittje sah sich verlegen um und um. »Nicht hier,« meinte er stockend, »wenn Mielke käme, wenn die übrigen kämen... Die erfahren es noch früh genug, was alles passiert ist.« »Dann komm,« sagte Mutter Pittjewitt, ergriff den Kerzenleuchter und knarrte die Stiegen einer windschiefen Treppe hinauf, die von hier aus nach den Dachkammern führte. Von Pittje gefolgt und oben angelangt, trat sie durch die mittlere Tür ein und legte lautlos das Schloß vor. Mutter und Sohn waren allein in der verlorenen Kammer. – Im Erdgeschoß kamen und gingen die Leute. Der Küster brachte Leuchter und Wachskerzen, der Kaufmannslehrling von nebenan eine funkelnagelneue Zipfelmütze und das Linnen zum Sterbehemd, und als Mielkes Kinder schläfrig die Augen fallen ließen und ins Bett gebracht wurden, stellte sich die Nähterin ein, die die Trauerkleider für Mutter Mielke und Großmutter Pittjewitt anpassen wollte – und alle, die kamen und gingen, gingen und kamen auf Zehenspitzen, auf daß sie die Andacht und den heiligen Frieden im Hause nicht scheuchten. Nur noch etliche Male rasselte die umwickelte Klingel an der Haustür. Dann kam niemand mehr und ging niemand mehr. Nur die Nähterin saß noch immer da unten. Sie wartete mit ihrem Trauerkleid und ihrer großen Schachtel auf Großmutter. Im Hause war es still geworden, so still wie der Tote, der anderen Tages aufgebahrt und zum Kirchhof gebracht werden sollte. Man wußte kaum, was es an der Zeit war, denn die Lichtjungfer hatte den Perpendikel der Standuhr angehalten, daß sein lautes Geräusch die Ruhe des Abgeschiedenen nicht störe. Frau Mielke nahm sich das Taschentuch von den verweinten Augen. »Wo Großmutter nur bleibt?« sagte sie mit träuenerstickter Stimme. »Ich komme lieber zu morgen wieder,« meinte die Nähterin, »ich muß noch anderwärts ... und ich habe doch schon 'ne halbe Stunde gewartet.« »Da will ich doch lieber mal nachsehn,« schluchzte Frau Mielke und ging in den Flur hinaus und von hier in die Küche, und als sie dort ihre Mutter nicht fand, von oben her aber Stimmen zu hören wähnte, tappte sie die Stiegen hinauf, und als sie bis in die Mitte derselben gekommen, da lief es über sie hin wie eine plötzliche Ohnmacht. Nur mit knapper Not hielt sie sich am alten Geländer. Das war ja ein jämmerlicher Schrei – und wer da geschrien hatte... Gleichzeitig rutschte ein schwerfälliger Körper die mittlere Tür entlang; dann schlug er unter leisem Wimmern zu Boden. Frau Mielke stand wie gelähmt; aber da drinnen hatte Mutter Pittjewitt alles erfahren. – XX. Adventabend Als Pittje anderen Nachmittags mit Zylinder und Trauerflor vom Begräbnis zurückkehrte, als er die schwarzen Handschuhe auszog und sein baumwollenes Paraplü in eine Ecke des Hausflurs stellte, kam das Älteste seiner Schwester ängstlich aus der Tiefe geschlichen und meinte: »Ohm Pittje – Großmutter ist was Weißes auf den Kopf gefallen; nu sitzt sie da in der Stube und macht immer so mit der Hand, als wenn sie Klavier spielen täte.« Und als er dann erschreckt ins Zimmer trat, saß seine Mutter im Lehnstuhl, und Mielke war bei ihr. An Stelle der grauen Haare waren weiße getreten, und die eine Hand zitterte ständig. Da wußte Pittje, worauf er die Krankheit seiner Mutter ansprechen konnte. Er riß sich aber zusammen und suchte möglichst unbefangen zu scheinen. Mutter Pittjewitt jedoch schüttelte kaum merklich das weiße Haupt, nahm die Hand ihres Sohnes und sagte: Nicht um meinetwillen – sondern um Deinetwillen tut es mir leid, daß auch das noch eintreten mußte, denn jetzt lastet alles auf Dir: Mielke, die Kinder, Dein eigenes Geschick – und ich mit dem Elend, das soeben noch auf Dich gefallen; aber Du hast am schwersten darunter zu leiden. Ja, ja, Pittje – es ist nicht zu mäntenieren die Sache.« Und Pittje rückte dicht an seine Mutter heran, legte ihr den Arm um die Schultern und sprach ihr von besseren und schöneren Zeiten, denn der liebe Gott würde doch endlich ein Einsehen haben und die Verhältnisse zum Besseren wenden. »Ja, ja, ja,« flüsterte Mutter Pittjewitt, »das kommt auch, das wird alles schöner und besser,« und dabei lächelte sie und zeigte nach oben. Und da ging ein lieber Geist durch die Stube, wo die drei Menschen saßen in ihrer Trauer und in ihrer verzweifelten Lage. Aber draußen flutete ein fröhlicher Sonnenschein durch die vereinsamte Gasse, und Mielkes Kinder hockten auf der Hausschwelle und sahen den Schwalben nach, die mit hellem Gezwitscher die stahlblauen Lüfte durchsetzten.– – – Etliche Wochen später saß Mutter Pittjewitt wieder am Fenster ihres Hauses in der Kesselstraße. Es war alles wie früher, wenn man ihr weißes Haar nicht achtete und das stetige Zittern ihrer linken Hand nicht bemerkte, das nicht mehr zur Ruhe kommen wollte. Wie früher hatte sie ihre gefältete Haube und die schwingenden Ohrringe angelegt, wie früher sah sie auf die Straße hinaus, aber sie strickte nicht mehr, und an Stelle ihres sonst so heiteren Geistes war eine merkwürdige ängstigende Ergebung getreten. – Aloys und Henne Terlinden waren inzwischen von Rechts wegen abgeurteilt worden. In einem dunkeln schmalen Gelaß hatten sie Zeit und Muße genug, sich die prompte Arbeit eines preußischen Friedensrichters durch den Kopf gehen zu lassen. Und das taten sie auch mit verbissenem Ingrimm. – Über die Ereignisse der letzten Wochen begann sich allmählich ein zartes Vergessen zu schleiern. Die Leute fanden sich mit den gegebenen Verhältnissen ab, die erregten Szenen, die sich an das Geschehene geknüpft hatten, verblaßten, die Einzelheiten der Katastrophe verloren an Interesse, zumal die Behörde sich nicht veranlaßt sah, die Beweggründe der Tragödie unter gerichtliche Beleuchtung zu stellen und Aufhebens von einer Sache zu machen, die nichts weiter als ein Unglück bedeutete, mit dem sich lediglich die beiderseitigen, davon betroffenen Familien abzufinden hatten, so gut und so schlecht sie es eben vermochten. So kam es denn, daß sich schon bald nach der Beerdigung Jan Peerenbooms und der Überführung der sterblichen Reste Ull Koßmanns in die nicht fern gelegene Heimat die Gerüchte und Heimlichkeiten verflüchtigten und wie in einem zarten Nebel vergingen. Andere Begebnisse kamen an die Reihe, andere Dinge gehörten zur Tagesordnung; man kümmerte sich nicht weiter um die verunglückten Menschen, und nur ein schwarzangestrichenes Holzkreuz bezeichnete die Stelle, wo der Puppenspieler ausruhte von seiner Schnapsfahrt und der pompösen Komödiantenlaufbahn auf Erden. »Requiescat in pace sancta«, stand auf dem schlichten Holzkreuz zu lesen. Und der Wind spielte darüber hin, und der beginnende Herbst haspelte das Mariengarn um die niedrigen Scheite, und die kleinen Kinder kamen herbei, knieten bei dem noch frischen Grabhügel nieder und sagten: »Hier liegt Ohm Peerenboom begraben,« schauten sich an, nahmen sich sacht bei den Händen, hoben sich auf und begannen dann halb in Scherz und halb unter Tränen um die Ruhestätte des armen Puppenspielers zu tanzen, wobei sie mit zaghaften Stimmchen in die alte Weise verfielen: »Bier en Kümmel lößt de Ohm, Kirsch en Pomeranze – Liewen Onkel Peeienboom, Laat de Pöppjes danze. Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning – Vöran, Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!« Wer rief da? War es nicht so, als kämen die Puppen geklappert?! Hatten nicht die Puppen gelacht und gerufen?! Erschrocken sahen sich die Kinder an, wischten sich an den Nasen herum, bis sie in ihrer Angst nichts Besseres zu tun wußten, als kreischend auseinander zu stieben. »Jantje Klaas – Jantje Klaas .. ,!« Dann ward es tot auf der vereinsamten Stätte. Nur der Wind wehte über das Grab fort und flüsterte leise: »Jantje Maas – Jantje Klans!« und das Mariengarn zog geruhsam Faden um Faden, haspelte geschäftig weiter, als wollte es das Erinnern an Jan Peerenboom ganz überspinnen. In zierlichen Strähnen flatterte es von den Scheiten über die geworfene Erde. Auch der Puppenspieler wurde mit den Tagen vergessen – vergessen wie die Verlobung zwischen Kathje und Pittje, die jetzt aufgelöst schien, und die doch seinerzeit so viel Aufsehens gemacht hatte, wenngleich sich auch einige bemüßigt fanden, Licht in dieses interessante Familienzerwürfnis zu bringen, und ein Seelenleben offenkundig zu machen, das sich ängstlich bemühte, das eigene Leid im verborgenen und stillen zu tragen. Allein es blieb, wie es war: man vermutete nur, verdrehte die Augen und hielt sich in pharisäischer Selbstüberhebung besser als die heimgesuchten und geschädigten Menschen, hatte noch wohl ein doppelzüngiges Wort in Bereitschaft, teils Mitleid, teils Schadenfreude verratend – und dann wurde auch dieses wieder vergessen, so halber vergessen wie so manche Leiden und Freuden und wie die Blätter da draußen, die sich inzwischen angeschickt hatten, krank und welk von den herbstlichen Bäumen zu taumeln. Auch Nikodems wurde nur wenig gedacht. Tränenlos hatte er seinerzeit dem Begräbnis beigewohnt, tränenlos die Lehre von der Vorherbestimmung ins Treffen geführt und tränenlos und ohne Bewegung von Kathje und dem Grabe seines Vaters Abschied genommen. Große Worte wurden ihm nachgesagt; dann war er wieder zur Gnadenkapelle gepilgert, allein, ohne Kathje, die sich geweigert hatte, mit ihm zu gehen. Aber er hatte versprochen, demnächst wieder zu kommen – und er kam wieder. – Kleine Spinnen segelten auf ihren gedrehten Fäden durch die ruhigen Lüfte. Die Tage kürzten, müde krochen die Sonnenstrahlen über die kränkliche Erde, wie glühe Korallen hingen die Trauben der Ebereschen in den entblätterten Zweigen. Die Drossel schweifte; was an Getreide noch zu retten gewesen, war gemäht, geheimst und gedroschen worden – und dann war der Wind über die nackten Stoppelfelder gestrichen. Eines Morgens spreitete sich der erste Flatterschnee über die Landschaft, verging aber nach kurzer Zeit in Lachen und Pfützen. Grau und naßkalt zogen die Wolken darüber hin, die Ebereschen zerstreuten ihre Beeren, kompakte Nebel häkelten sich zwischen die feuchten Baumkronen oder legten sich schweren Leibes über die stillen Wasser, an deren Ranft das hohe Ried seine braunen Wedel aufgesteckt hatte. Langsamen Schrittes ging es in den Winter hinein, denn eines Tages begann es in den Gräsern zu rascheln. Die Krähen, die bislang in den Feldgehölzen ihr beschauliches Dasein gefristet, kamen unruhig herüber, um gesellig Quartier bei den Menschen zu nehmen. Frostig und mit geplustertem Wams vagabundierten sie durch die verödeten Straßen. Die Bäume streckten wie Bettler ihre Arme gen Himmel. Nur an Buchen und Eichen hafteten noch verschrumpfelte Flitter. Aber die Kälte brach auch diese mit klammen Fingern von den Ästen herunter, zerrieb sie und verstreute die morschen Partikel auf die gefrorene Erde. Memento mori! – Dann kamen helle, klingende Tage! – Sankt Nikolas war gewesen. Die Kinder hatten aus Mohrrüben Holzschuhe geschnipselt, sie mit Hafer gefüllt und gläubigen Herzens und in rührender Einfalt vor die Fenster gestellt, um auf diese Weise für den Schimmel des heiligen Mannes Sorge zu tragen. Nüsse und Printenmänner waren durch die Scheiben gehagelt. Frohe Gesichter und geöffnete Mäulchen...! – Unter Segenswünschen war der Sendling des Himmels weiter geritten mit seinem Ornat und dem Sankt Nikolaszauber. Seltsam hatten dabei die lichten Eiszapfen an seinem schneeweißen Flachsbart wie zusammengestimmte Glaskristalle geklingelt – eigentümlich und weltfremd! – Und dann: hinter dem Hause des verunglückten Puppenspielers dehnte sich eine spiegelklare Fläche; dort wurde Schlittschuh gelaufen. Adventschauer gingen über die Erde – und in stillen Nächten begann es am tiefen Horizont geheimnisvoll zu leuchten. Noch war es ein unbestimmtes Flimmern und Zucken; allein es berührte auch jetzt schon die Herzen der Menschen wie eine paradiesische Botschaft. Eine süße Vorahnung, eine liebliche Sehnsucht ging über die Lande. Der Stern von Bethlehem war im Aufstieg begriffen. Die heilige Weihnacht sollte bald kommen. – Frieden den Menschen auf Erden ...! – Ein großes und heiliges Wort, ein Wort der Hoffnung und der Tröstung – wenn es nur auf alle gepaßt hätte. Auf Sally Süßkind paßte es nicht, denn immer enger zogen sich für ihn die verhängnisvollen Garne zusammen. Notgedrungen und infolge der enormen Getreidepreise, die durch die eingetretenen Kalamitäten, durch Hagel und Mäusefraß gleich Federbällen emporgeschnellt waren, hatte er sich in all dieser Zeit energisch bemüht, die vollzogenen Kontrakte rückgängig zu machen, oder sie in günstigere und den obwaltenden Verhältnissen entsprechendere Zahlungsbedingungen überzuführen. Seine Kalkulationen brachen den Hals. Ja – hätte er anders gehandelt, hätte er das alles vorhersehen können, dann wäre manches besser gewesen – so aber bestanden die Herren Bäcker und Mühlenbesitzer auf ihren Schein, und Sally Süßkind war gezwungen zu liefern. Und er lieferte blutenden Herzens, nahm Kredit in Anspruch und sah sich genötigt, entgegen seinem sonstigen Geschäftsprinzip, verschiedene Wechsel in Umlauf zu setzen. Wechsel, Wechsel...! – Es gelang ihm auch, den Fälligkeitstermin einige Wochen über Weihnachten hinauszuschieben, allein, das war nur ein trauriger Behelf von heute auf morgen – eine klägliche Frist, die zwar die Schlinge gelockert, aber nicht von seinem Halse genommen hatte. Es war zum Verzweifeln! – Wenn Pittje ...! – Unmöglich! – zumal die an diesen behändigten zweitausend Taler erst kommenden Johanni fällig und einforderbar waren – und dann auch Pittje noch in sein eigenes Unglück verflechten ...! – Nein, für Sally Süßkind gab es keinen Frieden auf Erden. Er hielt sich für fertig, für abgewirtschaftet, und er glaubte zudem noch in den letzten Tagen die Wahrnehmung gemacht zu haben, daß der Ruf seiner Zahlungsfähigkeit hinkend und auf Krücken einherging. Er fah sich auf einem hohen Berg stehen. Vor ihm lag ein mächtiger Steinblock. Und dieser Steinblock kam plötzlich ins Rollen. Kein Halten und Hemmen! Hilflos stolperte er tiefer und tiefer; kleine Lebewesen und sonstige Existenzen mit sich reißend, machte er schließlich einen verzweifelten Sprung, um dann jählings und mit lautem Gepolter in ein breites, sumpfiges Wasser zu plumpsen. »Waih geschrieen!« jammerte Sally, »nu is mein schöner Kredit ins Wasser gefallen.« »So is es,« bestätigte Säkchen Reiß, »wir können's Konto beschließen.« Mit verwogenen Schnörkeln malte er dabei den Namen »Rosalie Leifmann« auf einen großen Bogen weißen Kanzleipapiers. Ja, es waren schlimme und traurige Zeiten! Frieden den Menschen auf Erden ...! – Ein großes und heiliges Wort, eine Botschaft auf eine schöne und freudige Zukunft – aber auch auf Pittje Pittjewitt konnte dieses erhebende Wort keine Anwendung finden. – Er hatte in den letzten Wochen und Monaten mit der Wut eines verzweifelten Mannes geschafft und gerungen. Er war sein eigener Knecht, er rackerte sich ab, um Sally zu helfen, er karrte mit seinem fahrbaren Schweinetrog über Land, in altgewohnter Weise seine Kunden zu bedienen. Vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht hinein war er tätig in seinem Ladengeschäft, barbierte und brachte die widerborstigsten Haare in Ordnung, und wenn er beim Essen saß, gingen ihm Geschäft und Verdienst durch den Kopf, und wenn er sich schlafen legte, dachte er wieder an Arbeit, und mit dem Gedanken an Arbeit schloß er die Augen, um andern Tages pflichtgemäß der Gemeinderatssitzung beizuwohnen und für seine Mutter, seine Schwester und die andern Menschen zu sorgen. Aus der Arbeit suchte er sich das Vergessen an frühere Zeiten zu holen. Aber er konnte nicht mehr, wie er wollte. Immer stand ihm Kathje vor Augen, Kathje, die, jetzt von allen bedauert und bemitleidet, ihre gewohnte Beschäftigung wieder aufgenommen hatte und im Puppenspielerhäuschen mit Bügeln und Nähen still ihre Tage verbrachte. Sie schien mit der Welt abgeschlossen zu haben. Unerklärlich wurde sie den übrigen Leuten – nur Pittje verstand sie. Und daher bemächtigte sich seiner, trotz seines ehrlichen Schweißes, trotz seines Ringens und Schaffens eine stetige Unruhe. Und diese Unruhe ließ ihn nicht los. Eine quälende Angst war sein Erbteil geworden. Er wußte genau, was seine arme Seele bewegte, aber er wagte es sich nicht einzugestehen, er schreckte davor zurück wie vor einem drohenden Unheil – und so lebte er denn in ständiger Trübnis, bekümmert um sich, in Sorgen um Mielke, um Sally und seine kränkliche Mutter, die, ohne einen Laut der Klage von sich zu geben, mit zitternder Hand und blaugeaderter Stirn umherging und mit toten Augen den gestrigen Tag suchte, den sie doch nicht mehr zu finden vermochte. Frieden den Menschen auf Erden...! – Aber Pittje konnte nicht mehr vergessen, was er doch vergessen mußte und sollte; er war zu alt darüber geworden. – Es war an einem Abend im Advent und eine Woche vor Weihnacht. Noch war es nicht gänzlich dunkel geworden. Vom nordwestlichen Himmel hatte sich eine graue Decke über das niederrheinische Städtchen gezogen. Silberlichte Schneeflöckchen begannen aus dieser dichten Nebelhülle zu tanzen. Um die dunstigen Straßenlaternen legte sich ein straminartiges Netzwerk. Immer lustiger stiebten und wirbelten die hellen Flocken vom Himmel. Nach des Tages Mühen und Lasten saß Pittje Pittjewitt an diesem Abend in einer traulichen Nische am Fenster. Er sah auf die Straße hinaus, in welcher die Menschen wie auf Daunen und Filzsocken gingen. Seine Mutter war im Nebenzimmer beschäftigt; sie sorgte für den heiligen Abend. Um Giebel und Häuserfronten wirbelte es von flimmernden Sternchen. Safrangelbe Lichtbalken, die aus den erleuchteten Fenstern fielen, legten sich quer über die Straße. Ein warmer Glanz einte sich so der bläulichen Schneedecke, die alles vermummte und die frierende Erde wie mit liebevollen und warmen Tüchern umhüllte. Am gegenüberliegenden Hause wurde die Tür geöffnet. Der Seilermeister Janssen sah auf die Straße hinaus. Gleich darauf kamen zwei Männer vom Markt her, die ein beschneites Fichtenbäumchen ins Haus trugen. »Für die Kinder,« flüsterte Pittje. Er wischte sich mit der Hand über die Stirn. Er erinnerte sich seiner eigenen Jugend und seiner Gefährten, mit welchen er Freud und Leid geteilt, und von denen schon so mancher gestorben – verschollen ... »Ein Menschenleben ...!« meinte Pittje in trauriger Stimmung. »Zur Erde gekommen, im kurzen Dasein herumgewirbelt vom Wind und dann: kaum zur Ruhe gebracht und ein Plätzchen gewonnen – verderben und sterben müssen. Und niemand achtet darauf, und niemand trauert ihm nach – das Vergessen geht darüber hin, als wäre alles selbstverständlich gewesen.« Keine tröstende Schau tat sich auf. »Niemand, niemand ...!« lächelte der einsame Mann. Er mußte an sein eigenes Ich denken und legte in stiller Betrachtung die Hände zusammen. Vom nahegelegenen Rathaus brummte die Turmuhr. Erst fünf – und schon hatte sich rings ein nächtiges Dunkel gebreitet. Traumhaft und wie zierliche Schemen schwebten die flaumigen Schneekristalle an den Fensterscheiben vorüber, um sich auf die gespreiteten Daunen lautlos zu betten. In der kleinen Stube war nichts mehr zu unterscheiden. Alle Ecken und Winkel lagen umdüstert. Nur der große Kanonenofen gähnte mit seinem feurigen Rachen in die Stube hinein und zeichnete eine scharfumrissene Stelle auf die gescheuerten Dielen. Blinke Aschenpartikel irrten in wechselnder Folge durch die glühende Fläche. Mit seinem Knistern verloschen die Fünkchen. Pittje erhob sich, legte die Laden vor und zündete ein Licht an; dann setzte er sich in die Nähe des behaglichen Ofens, mit dem Rücken der Tür zu. Ringsum einlullendes Schweigen! Nur von der Küche her begann ein Heimchen zu geigen. Gleich darauf ließ sich auch der Ofen in ein mattes Gespräch ein. Er plauderte mit den Stimmen, die sich im Rauchfang erhoben und immer deutlicher wurden. Pittje hatte die Augen geschlossen. Ruhig und friedlich saß er im Lchnstuhl. Ein Zustand augenscheinlicher Lethargie hatte sich seiner bemächtigt. Dämmernd ging es über seine ermatteten Sinne. Scheinbar hörte er auf die wechselnden Laute, die in seiner Nähe Zwiesprache hielten. Er glaubte die eine Stimme zu kennen. »Wer ruft da?« Keine Antwort erfolgte. »Kathje, bist Du es?« »Ich bin es.« »Du?« »Ja, Pittje, ich bin es.« »Woher kommst Du?« »Wo die Not ist.« »Und jetzt?« »Ich will zu Dir aus meinem namenlosen Unglück und Elend.« »Kathje...!« »Du willst nicht?« »Nein.« Pittje entsetzte sich. Er reckte sich auf und merkte, daß alles Täuschung gewesen. Mit einem tiefen Seufzer fiel er in sein Brüten zurück. Wiederum begann es im Rauchfang zu plaudern und leis zu erzählen – der Wind orgelte im Kamin. Geheimnisvolle Laute wurden lebendig. Es war so, als käme es wie auf Eulenflügeln gezogen. Ohne jedes Geräusch ging die Tür auf. Auf kaum hörbaren Schritten, zögernd, ängstlich und mit verhaltenem Wesen kam es gegangen – und wie auf ein zwingendes Gebot schloß sich wiederum lautlos die Tür. Mit einem kurzen Schrei riß Pittje die Augen auf. »Kathje...!« Er glaubte noch immer zu träumen. Aber es war kein Traum mehr – Kathje stand vor ihm. »Woher kommst Du?« »Aus dem Unglück.« Es waren dieselben Worte von eben. Unbeweglich, die Blicke starr auf ihn gerichtet, als ob kein Leben mehr in ihr wäre, sah er sie vor sich. Ein Tuch, das sie um Kopf und Nacken geschlungen und an dem noch die Schneeflocken hafteten, war ihr von den Schultern gefallen. Langsam glitt es zu Boden. Kathje Peerenboom glich einer Verstorbenen. Ein schmerzlicher Zug hatte ihre Augenlider in die Länge gezogen, die Arme hingen lässig am Körper, Ohren und Nase erschienen von einer fast durchsichtigen Farbe, die Schultern waren schmaler geworden, und um ihr stilles Gesicht, dessen Tönung an gebleichtes Wachs erinnerte, legte sich das kastanienbraune Haar in schwellenden Massen. Ihr Körper war etwas nach vorn geneigt, als wären ihre jungfräulichen Formen zu schwer für ihre zarte und geschmeidige Taille geworden. Kathje Peerenboom schien unter dem Bann des Todes zu stehen, und nur das dunkle Veilchenblau ihrer Augen, das leuchtend aus den Wimpern hervorsah, gemahnte daran, daß sie noch immer lebte und liebte – liebte mit der ganzen Hingebung und Inbrunst ihrer gepeinigten Seele, und daß sie gekommen, um Liebe zu geben, um Liebe zu haben, ohne die es besser wäre, den Kopf hinzulegen, einzuschlafen, die Welt zu vergessen und nicht mehr aufzuwachen für das irdische Dasein. Pittje glaubte eine Erscheinung zu sehen. Schüttelfrost rüttelte ihn. Er stand wie ein Mann, der bei klarem Bewußtsein, aber zu dem Männer mit dem geheimnisvollen Bedeuten gekommen, ihn überzuführen in das stille, graue Haus für geistig umnachtete Menschen. Kathje rührte sich nicht. »Pittje,« sagte sie schmerzlich. »Du?« »Ja. – Heilig Abend steht vor der Tür, und ich bin gekommen, um mir Verzeihung zu holen.« In monotoner, fast singender Weise hatte Kathje gesprochen. Da kam die Wut über ihn. Er packte sie bei den Schultern und rüttelte sie. »Und da kommst Du – wo Du mein ganzes Leben vergiftet...?!« Willenlos ließ sie alles geschehen, nur ein herzzerreißendes Lächeln ging über ihr Antlitz. Und er sah dieses Lächeln und erkannte in ihm sein zertrümmertes Glück und sein verlorenes Leben. Und er sah in diesem Lächeln die Gnadenkapelle von Marienbaum und fliegende Kirchenfahnen und ziehende Menschen, und er sah die endlosen Wiesen, wo er still und zufrieden gewesen, und den geheimnisvollen Vogel, der auf weichen Flügeln darüber schwebte und schwankte, und Kathje und sich – und große Blumen standen umher, und der Mond tauchte mit seinem Licht hinein und küßte die Blumen. Doch wie er genauer zusah, da waren Tropfen schwarzen Blutes darüber gefallen. Dies Lächeln, dieses entsetzliche Lächeln...! Bei Kathje war die Starre gewichen. Zögernd begann sie: »Es ist besser so, daß ich noch einmal gekommen. Jetzt weiß ich, was ich verloren. Früher ist das anders gewesen, da wußte ich nicht, was ich sollte und durfte. Warum mußte ich diesem Menschen begegnen? Warum mußte ich tun, was er sagte und wollte? Woher kommt es, daß ich das auch jetzt nicht verstehe?« »Warum?« stammelte Pittje. Er hatte ihre Rechte ergriffen und sie mit kalten Fingern geknebelt. »Das will ich Dir sagen. Weil Du...« Er schluckte die häßlichen Worte herunter. »Nein,« sagte Kathje, »das stimmt nicht, das stimmt nicht ...« Sie hatte die Augen geschlossen. Mit einem dumpfen Laut warf Pittje ihre Hand aus der seinen. Sie rührte sich kaum. »Pittje, das stimmt nicht,« fagte sie mit derfelben Klangfärbung und der nämlichen Ruhe. »Mein Herz ist nicht rein geblieben, das weiß ich, und mein Empfinden hatte den richtigen Faden verloren. Aber – so wahr mir Gott helfe zum ewigen Leben! – hier dieser Leib ... Und jetzt ist auch meine arme Seele erlöst von den Übeln.« Sie wankte zurück und griff mit beiden Händen ins Leere. Sie wäre getaumelt – aber Pittje war bei ihr. Große Tränen drangen durch die geschlossenen Lider. »Aber Du antwortest mir nicht – Du antwortest mir nicht...« Ihr Sprechen war kaum verständlich gewesen. Pittje wandte sich ab. »Der Schein ist wider mich,« bekannte sie. »Ich habe gesündigt, gesündigt an Dir und mir und den anderen Menschen, aber meine Schuld ist nicht so ganz erbärmlich gewesen, wie es wohl aussieht. Ich hätte glücklich sein können – und nun mußte da so ein Mensch kommen, der das alles zerstörte.« Sie wimmerte leise. »Ich murre nicht gegen das, wie es gekommen, denn ich habe es selber verschuldet, und tragen will ich, was ich reichlich verdiente. Was folgen wird, kann ich nicht sagen, aber das weiß ich: Du wirst meiner gedenken im Leben.« Sie umschlang ihn so plötzlich und innig, daß er sich ihrer nicht mehr zu erwehren vermochte. Der berauschende Duft des Weibes war bei ihm. »Kathje, um Gottes willen, was ist das?!« »Du wirst meiner gedenken im Leben,« sagte sie mit gehobener Stimme, »und das ist Dein Vermächtnis – das nehme ich mit mir. Wenn auch scheinbar getrennt und auseinandergerissen, wir beide sind doch verbunden für immer. Ich existiere nicht mehr für Dich, ich bin ausgelöscht in Deinem Gedächtnis – das glaubst Du, aber ich sage Dir, Pittje, Du irrst Dich, Du irrst Dich. Wir gehören zusammen – wir gehören zusammen ...!« Mit einem lauten Schrei, der bis auf die stille Straße hinausdrang und dort gehört werden mußte, war sie ihm zu Füßen gefallen. Sie hielt seine Kniee umklammert und schluchzte wie jemand, dem sein Bestes genommen. »Laß mich nicht gehn – nicht so allein gehn. Erbarme Dich meiner!« Pittje war weich wider Willen geworden. Er beugte sich nieder und näherte sich mit seinem Munde dem Scheitel des verlorenen Mädchens. Es war unendlich still in der Stube, wo die beiden unglücklichen Menschen sich noch einmal gefunden hatten. Nur das Heimchen geigte, und knisternd stiebten die feinen Schneesternchen gegen die Scheiben. Auch im Rauchfang begann es wieder verstohlen zu raunen. Horch, wie es tönte! »Wer ruft da?« »Kathje bist Du es?« »Ich bin es.« »Woher kommst Du?« »Aus dem Unglück.« »Wohin willst Du?« »Ins Elend – aber erbarme Dich meiner!« Ein Windstoß kam und verwirrte die verschiedenen Stimmen; dann verstummten sie gänzlich. Nur die Schneekristalle trieben ihr knisterndes Spiel fort. Und wieder das jämmerliche Klagen und Schluchzen: »Laß mich nicht gehn – nicht so allein gehn. – Ich will Dich halten und ehren – ich will Deine Magd sein – Dein Hund...!« Ein bitteres Lachen ertönte. Mutter Pittjewitt war bleich wie das Elend aus dem Nebenzimmer gekommen. Den weißen Scheitel trug sie gebeugt; in den stahlgrauen Augen jedoch brannte ein vernichtendes Feuer. Sie streckte die zitterige Hand aus. So war sie, krank und siech, aber noch immer die Alte, zwischen die beiden Menschen getreten. »Die...?!« Das Wort klang verächtlich. »Pittje,« sagte sie, ohne mit der Stimme zu beben, »wähle zwischen Deiner Mutter und der da.« »Mutter, Mutter...!« »Ich habe weiter nichts zu sagen, aber Du weißt, was Du mir und Deinem ehrlichen Namen gegenüber zu tun hast. Oder soll ich »Angtree« rufen, daß auch noch die Schande hereinkommt?« Kathje hatte sich langsam erhoben und wiedergefunden. »So mußte es kommen.« Mechanisch kamen die Worte von ihrem Munde. Eine bittere Herbe legte sich um die gekniffenen Lippen. Sie hatte ein Schriftstück aus ihrem Mieder genestelt. »Hier ist die Hypothekenverschreibung, die mir Pittje in besseren Tagen geschenkt hat.« Mutter Pittjewitt schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie mit einer gewissen Rührung und Milde, »Du kannst es besser gebrauchen wie wir. Du hast es vonnöten. Und dann: geschenkt ist für immer gegeben.« »Pittje, Du wirst meiner gedenken im Leben.« Und Kathje ging hinaus, hinaus auf die Straße – und als sie hinausging, da war ein ruhiger Mann mit putzigen Hasenpfötchen, einem guten Gesicht und mit einem Priemchen hinter der Backe ins Zimmer getreten. Und dieser merkte sofort, was vor seinem Kommen geschehen war. Ohne weitere Redensarten zu machen, hatte er sich direkt an Pittje gewendet. »Pittje, ich frage gehorsamst: sie war hier?« »Sie war hier.« »Un Du...?« »Wilm, Wilm...!« »Pittje, bekriege Dir man un geh' nich über den Maxusstandpunkt Deiner Besinnung. Was Deine Mutter Dir anrät – Pittje, ich melle gehorsamst – das muß ich für richtig halten, denn das is immer richtig gewesen. Aber Ull Koßmann,« und seine Stimme nahm einen bedrohlichen Ton an, »der Dein ganzes Leben auf sein Kerbholz genommen – mit Respekt zu vermellen – den hole der Düwel! – So – un nu setze Dich hierher, denn nu rauchen wir 'ne gemütliche Pfeife Tabak zusammen.« Pittje folgte, aber er hatte auf Jahre hinaus das Lachen verloren. – Und Kathje trieb hinaus, hinaus in die Schneenacht, und die Leute, die sie von der Schwelle Pittjes kommen sahen, blickten ihr mitleidig nach und dachten das ihre. Und als sie zu Hause ankam, da war Licht in der vorderen Stube. Und als sie fröstelnd hineinging, trat ihr ein Mann in schwarzer Soutane entgegen – und das war ihr Bruder, Nikodem Peerenboom, der Kaplan. XXI. Schicksal »Gelobt sei Jesus Christus!« Unheimlich drangen ihr die salbungsvollen, aber mit einer gewissen Härte ausgestoßenen Begrüßungsworte zu Ohren. Der Beigeschmack des Bitteren wohnte in ihnen; er mahnte daran, daß noch etwas folgen würde, das sich vollständig außer dem Bereich der sanften und heiligen Formel bewegte. Das ›Gelobt sei Jesus Christus‹ hatte einen fanatischen Beiklang. Mit verzerrtem Gesicht und zuckenden Lippen, den Kopf etwas vornüber gebeugt, lauernd, mit asketischen Zügen und die sommersprossigen Hände in die engen Ärmel der schwarzen Soutane geschoben, stand Nikodem Peerenboom inmitten der Stube. Sein gigantischer Schatten ruhte auf der gegenüberliegenden Wand, knickte an der Decke um, um sich auf der Balkenlage weiter zu dehnen. Ein kaltes Frösteln ging von der Soutane und dem bleichen Gesicht aus. Kathje schauderte. In seiner ganzen Unnahbarkeit trat ihr der Mann gegenüber, der einstmals ihr Bruder gewesen. Jetzt war das anders geworden. Seitdem er die Weihen empfangen, seitdem das Schermesser sich seinem Haupte genähert und ihn tonsuriert hatte, war die Blutsverwandtschaft mit Kathje abgestorben in ihm. Ein anderer Geist hatte sich seiner bemächtigt, ein Geist, der ihm vorredete, er sei besser und begnadeter als die anderen Menschen, er sei gewissermaßen ein auserwähltes Stämmchen im christlichen Lebensgarten, wo er früher nur ein simpler Wildling gewesen, und ihm dieserhalb bedeutete, alle verwandtschaftlichen Gefühle, vornehmlich gegen seine mißratene Schwester, dort wo sie hingehörten: in die Rumpelkammer des Vergessens zu bannen und als antiquiert zu betrachten. Und so war denn der jugendliche Kaplan Nikodem Peerenboom vor Jahren einmal Kathies Bruder gewesen, eine Gemeinschaft des Blutes, die aber vor seinen Hypothesen dahingegangen war wie Spreu vor dem Winde. Nur eins hatte er sich ihr gegenüber niemals entäußert. Das hielt er mit einer Zähigkeit fest, als gälte es Berge und Täler zu rücken, um hierdurch dereinstens der ewigen Gnade und Barmherzigkeit teilhaftig zu werden: ihr Seelsorger, das war er immer geblieben, und als solcher stand er heute vor Kathie. Nikodem hatte die Augen niedergeschlagen. »Ich komme von dort her,« begann er mit fast geschlossenen Zähnen, »wo das ewige Heil wohnt, und die Gottesmutter durch ihre Fürbitte denen zur Gnade verhilft, die im Leben gestrauchelt, aber, die von Gewissensbissen gepackt, sich veranlaßt sahen, wieder unter den Schirm und Schutz der allbarmherzigen und gütigen Jungfrau zu flüchten. Ihrem geheiligten Munde ist die Süße des Honigs gegeben, ihr Auge gleicht einem läuternden Feuer, ihre Bitte dringt durch die Wolken und weiter – und von hier zu den Sternen. Wachet und betet, auf daß ihr teilhaftig werdet des ewigen Heils und nicht verdammt werdet durch den Zorn des Gerechten!« Mit einem kurzen Ruck hatte er die Hände aus den Ärmeln seiner Soutane hervorgezogen. Ungelenk rieb er die langen Finger zusammen, um sie dann mit einem tiefen Seufzer ineinander zu flechten. »Ich weiß,« begann er von neuem, »Du bist in der Sünde gezeugt, in der Sünde geboren und daher gewissermaßen prädestiniert für die Sünde. – Dein Leben ist eitel gewesen, und Du hast wenig Zeit gehabt, Dich um die letzten und höchsten Dinge zu kümmern. Allein früher oder später findet alles sein Ende! – Gott ist die Langmut – und diese verkörpernd hat er Dir die Nichtigkeit des irdischen Daseins kürzlich vor Augen geschoben, Dich mit Unglück geschlagen, Dir den Vater auf furchtbare Weise genommen und Dich heimgesucht mit Trübsal und Kummer, auf daß Du geläutert werdest und Dein weltliches Trachten sich wende nach anderen Dingen. Kehr um, kehr um und höre die Mahnung des gütigen Gottes, bevor es zu spät ist! – Laß ab vom Pfade der Weltlust und wandle den Weg, der mit Dornen gepflastert, der beschwerlich zu pilgern, aber auf dem allein, wenn auch mit blutenden Füßen, die Pforte erreicht wird, die da führt zum Herrn und in seinen Tempel der ewigen Freuden. Kehre Dein Herz um, gedenke des Unglücks, das Dir Mahnung und Weisung gewesen und – bedenke das Ende.« Eine qualvolle Pause entstand. Auf den bleichen Wangen Nikodems hatten sich rötliche Flecken gebildet. Immer hastiger und nervöser schraubten und rieben sich die starren Fingergelenke zusammen – und Kathje, von einer Flut wirrer Regungen und Gedanken umbrandet, mit ihrem eigenen Jammer beschäftigt, begegnete entsetzt dem stechenden Blick ihres Bruders, der bislang wie ein starrer Felsblock gestanden, jetzt aber sich näher bewegte und ihr zischelnde Worte ins Ohr sprach. »Gott hat das Unglück in seiner Allweisheit gesendet – und Du: hast Du die Abgeschiedenen beweint und ihrer gedacht in Deiner Bedrängnis?« »Ja.« »Hast Du für Deinen Vater gebetet?« »Ja.« »Und für den anderen ...?« »Nein.« »Warum nicht?« »Weil ich nicht wollte.« »Was ...?!« Der junge Kaplan stieß einen verhaltenen Schrei aus, knirschte die Backenzähne übereinander, daß sich die Kaumuskeln unruhig bewegten. Graue Blässe und rote Kringel wechselten in jäher Folge auf seinem sommersprossigen Antlitz. Diese Antwort hatte der jugendliche Heißsporn nicht erwartet. »So! – also nicht gebetet, nichts getan für die unsterbliche Seele des verunglückten Mannes! O Du, Du ...!« Seine Stimme nahm einen heiseren Klang an: »Wohl etwa dieserhalb nicht, weil er mein Freund war, weil er das Höchste gewollt und gesonnen schien, Dir durch die Weihe der christkatholischen Kunst das ›Prädestiniert für die Sünde‹ von den Schultern zu nehmen?!« Die verschränkten Hände hob der junge Cölibatär langsam und zitternd nach aufwärts. »Und kennst Du nicht die Worte der Schrift, die da lauten: Du sollst die Hungrigen speisen, die Bekümmerten trösten, die Toten begraben – und für die Abgestorbenen beten?! – Du bist diesen Geboten aus dem Wege gegangen wie allem, was an die Kasteiung des Leibes und die christliche Nächstenliebe gemahnte. Mit vollen Segeln bist Du hinausgetrieben in die Strömung der Weltlust – während ich seit jenen Unglückstagen, seit der Stunde, wo wir Deinen Vater begruben, auf den Knieen gelegen und zum Himmel geschrieen, auf daß er mir in betreff Deines mißratenen Lebens seinen Willen verkünde.« Nikodem reckte sich auf, blickte nach oben und legte die gestreckten Finger prall aufeinander. »Und Gott, der Herr, hat mir seinen Willen verkündet,« rief er fanatisch. »Willst Du ihn hören – diesen Willen des allewigen Gottes?!« »Ja,« entsetzte sich Kathje. Sie wußte nicht mehr, was sie sagte. »So höre. – Nicht weit von der holländischen Grenze, über Kevelaer fort, liegt ein stilles Haus zwischen Gärten. Dort wohnt der Friede des Herrn, und die Stille der Weltabgeschiedenheit bringt das Herz auf überirdische Dinge. Und die da wohnen, sind so schweigsam und ausgesöhnt mit ihrem Geschick wie die Mauern, zwischen denen sie leben. Sie denken nur an ihren Seelenbräutigam; sie hoffen auf ihn, sie leben in ihm, sie sterben in ihm, wenn ihre letzte Stunde gekommen. Ihr Dasein ist abgeklärt wie eine lautere Quelle, und ihr Schritt geht durch die langen Korridore und verschwiegenen Kammern wie auf geräuschlosen Socken. Sie sind glücklich, die Menschen.« Bei Kathje begann es zu dämmern. Eine fliegende Angst überkam sie. »Und was tun die Menschen in dem stillen Haus zwischen den Gärten?« fragte sie tonlos. »Sie beten.« »Und ich ...?« »Du sollst Dich den stillen Frauen gesellen.« »Und was soll ich da tun?« »Beten wie sie.« »Und wie lange?« Kathje hatte sich mit beiden Händen an die Schläfen gegriffen. »Für immer,« war die ruhige Antwort. Sie stieß einen gellenden Schrei aus. »Beten – wie sie, und das für immer und ewig!« »Für immer und ewig. Ich habe Dir einen Ausweg gewiesen, ich habe Dir einen Rettungsanker geworfen, ich habe Dir einen Pharus gesetzt, auf daß Dir ein Licht werde auf dem Meere des Irrens. Ich denke nicht mehr an Tonsur und Soutane, denn ich habe meine Würden beiseite gelegt, ich bin ein Mensch geworden wie die übrigen Menschen, ich habe mich zum Staube gebückt und bin zu Dir gekommen, um Dir das Heil zu vermitteln, das da dringt durch die Wolken. Ich bin nur Sein Werkzeug – aber durch mich, höre die Stimme des ewigen Gottes, die Dich geleiten will in den Garten des Friedens und in das Haus der Erkenntnis. Auf den Knieen und all meiner Würden entkleidet, als Mensch zum Menschen und nicht als Priester zum irrenden Schafe, poch' ich an die Kammer Deines besudelten Herzens und rufe mit Inbrunst: tu auf, tu auf, tu auf! – auf daß der Herr hineintriumphiere und Erleuchtung Dir gebe, wo Finsternis herrschte. Tu auf, tu auf, tu auf! – und folge mir in den Garten des Friedens und in das Haus der Erkenntnis.« Nikodem war in die Kniee gefallen. Seine blauen Augen strahlten in überirdischem Feuer. »Und Du – und Du ...?!« rief er rauh und mit leidenschaftlicher Stimme. Sie flatterte Kathje entgegen, als säße der Sturm drin. »Ich will nicht.« »Du willst nicht?« »Nein!« Als wäre der Boden glühend geworden, so fuhr Nikodem aus seiner knieenden Stellung. »Du entsagst dem Gehorsam und weigerst Dich, meinen Geboten zu folgen?!« »Ich will nicht.« »Ah!« stöhnte der Kaplan auf. »Jetzt bin ich wieder Priester geworden!« Er hatte mit zuckenden und blutleeren Lippen gesprochen. In wilder Hast riß er ein beinern Kreuzlein aus seiner Soutane. Mit der Rechten und flammenden Auges hob er es aufwärts und hielt es Kathje entgegen. »Im Namen des dreieinigen Gottes – ich beschwöre Dich, Kathje!« »Du Narr – Du Komödienspieler!« schrie diese. »Bleibe mir mit Deinem Herrgott vom Leibe!« Ein gellendes Gelächter, so recht aus verzweifelter Seele genommen, war um ihn. »So strafe Dich der Herr mit seinem Fluch und dem fressenden Aussatz und allen Miseren. In der Sünde gezeugt, in der Sünde geboren und gestorben in Sünde – fahre ins Elend ...!« »Das will ich ...« Kathje hatte ihre Hände vor die Augen geschlagen. Dumpf und aus weiter Ferne herkommend, hörte sie noch, wie eine Tür ins Schloß fiel. Schweigen ringsum – nur der Wind orgelte im Rauchfang, und knisternd stiebten die Schneekristalle gegen die gefrorenen Scheiben. Als sie aufblickte und verstört im Zimmer umhersah, war sie allein in der Stube. Sie wußte kaum noch, was sich soeben begeben hatte. Sie horchte auf das Stieben da draußen und die langgezogenen und klagenden Töne im Rauchfang. Es war das letzte Begegnen zwischen Nikodem und Kathje gewesen. Sie hat ihren Bruder niemals wiedergesehen im Leben. – Und die Flocken fielen stetig vom Himmel, sie fielen während der kommenden Nacht und, nur von wenigen Stunden unterbrochen, während der folgenden Tage, bis die Bäume da draußen sich einen Hermelinmantel umgeschlagen hatten, und der Turmhelm von Sankt Nikolai mit einer blendendweißen Zipfelmütze weit in die beschneite Gegend hinaussah. Dazu herrschte eine grimmige Kälte. Sie biß in die Nasenspitzen hinein, blies gegen die Fenster und belebte die starre Verglasung mit allerlei raren Gebilden, als wäre Klöppelwerk darübergezogen, und wenn die Leute um die Abendstunden an den Häusern vorbeigingen, dann sahen sie durch die Brüsseler Kanten, wie die eisernen Öfen mit glühenden Backen in die Stuben hineinfauchten, ohne auch nur um Haaresbreite die glitzernden Eisblumen zum Schmelzen zu bringen. Mit geplustertem Wams saßen die Spatzen auf den zugefrorenen Dachrinnen und träumten von den Frühlingsschoten und der Zeit ihrer Liebe, und die Bäcker backten Spekulationsmänner und gaben ihnen Gaudaer Tonpfeifen ins Maul, und die Kinder drückten ihre Näschen gegen die Scheiben, hauchten ein kreisrundes Loch in die eisige Kruste und sahen zu, wie das flaumige Bett auf der Straße stetig emporwuchs, und dann war es ihnen, als wenn die Apfelkiste vom Speicher schon lieblich herüberduftete und die Weihnachtsnüsse im Sack schon zu rappeln begannen. Und an einem versteckten Plätzchen des rotbackigen Kanonenofens puffte und zischelte es in verheißenden Lauten. Es waren die Bratäpfel, die auf einem Porzellanteller in ihrem eigenen Schmalz schmorten und gar wurden, die aufgeblähten und überzuckerten Bäuche zusammendrängten und dann mit einem alten Weihnachtsliedchen begannen. Sie sangen, als wenn Heimchen gezirpt hätten. »Vader en Moder sin liew! – Kinderkes, schriewt mar 'nen Brief, Schriewt mar 'nen Brief an den liewen Heer, Dat he brängt 'nen mojen Bescher – Dat he still an de Kinderkes denkt En Nötte en Appels en Babbeltjes brängt – Vader en Moder sin liew ...!     Puff-puff...!« Die Bratäpfel verstummten. Sie waren geplatzt und zum Essen fertig geworden. Als dann die graue Himmelsdecke sich fortschob, und die Schneeflocken aufhörten auf die kalte, starre Erde zu fallen, da lag ein safrangelbes Licht hinter dem Weißen Kirchturm von Sankt Nikolai. Es war so gelb und leuchtend wie der vollerblühte Stern einer Sonnenblume. Und die Dohlen flogen hinein, und die Glocken begannen zu läuten, und die verschneiten Häuser standen feierlich und ernst in den Straßen, und die Leute hatten ihr Sonntagszeug angetan, setzten sich um den Tisch und warteten auf die kommenden Stunden. Frieden den Menschen auf Erden ...! Es war heilig Abend geworden. – Und wie die Glocken zu läuten anhuben, wie es schummerig wurde, und der Schnee eine Färbung annahm, als wäre bläuliches Sternenlicht darüber gefallen, da saß Pittje Pittjewitt, wie er vor einigen Tagen gesessen hatte, am Ofen, aufgerieben von dem Begegnen mit Kathje, und in sich gekauert, als wäre er ein altes Männchen geworden. Er fühlte sich abgemattet – sterbensmüde. Er war längst nicht mehr der Alte von früher, und als heute früh Sally Süßkind und Wilm Henseler bei ihm vorgesprochen und ihm mitgeteilt hatten, daß die beiden Baumfrevler nach viermonatlicher Haft von Kleve zurückgekehrt seien und nunmehr alle Hebel in Bewegung setzten, seinem und ihrem Ansehen zu schaden, daß der Herr Polizeidiener Brill dahinter müsse, um die beiden infamen Kerls mit ihren geheimen Machenschaften unter Obacht zu halten, da hatte Pittje verstört und wie ein Mann gesprochen, der gewillt schien, Gottes Hochflut über Gottes schönen Acker laufen zu lassen, selbst auf die Gefahr hin, daß es sich für später nicht mehr verlohnen sollte, den Pflug über die verdorbene Scholle zu ziehen und den Samen zu streuen. Kopfschüttelnd waren die beiden Männer von ihm geschieden. – Keine Lampe brannte, die Dunkelheit sah von draußen ins Zimmer, und nur in schwachen Dämmerrissen hoben sich die weißen Tonpfeifen vom Eckbrett, die dort neben dem stattlichen Fidibusbehälter ein beschauliches Dasein führten, denn Pittje hatte seit etlichen Tagen außer anderen Dingen auch das Rauchen an den Nagel gehängt – und das war schlimm, sehr schlimm, wie Wilm Henseler zu Sally Süßkind bemerkt hatte, als sie beide von Pittje gegangen. Immer feierlicher, lauter, verheißender sprachen die Glocken. Sie läuteten das heilige Fest ein, sie erzählten von vergoldeten Nüssen und Äpfeln, von den jungen Fichtenbäumchen da draußen im Walde, vom Stern von Bethlehem und den Königen aus Mohrland, während Pittje die Lehnen seines Sessels umspannte, und wie träumend seine Augen sich schlossen. Und genau wie vor einigen Tagen begann es im Rauchfang zu sprechen, und genau wie damals öffnete sich leise die Tür – dann kam es kaum hörbar gegangen. Es war ihm so, als berührten ihn die weichen Formen eines weiblichen Körpers. Geschmeidige Arme legten sich um seinen Nacken. Ein eigentümlicher Duft nahm seine Sinne gefangen. Er wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm; er wollte die Lider heben – sie waren zu schwer in seinem traumhaften Zustand geworden. »Lebe wohl, Pittje – ich glaube, Du siehst mich auf dieser Erde nicht wieder.« »Wer bist Du?« »Ich bin es.« »Du ... !« Knisterndes Frauenhaar glitt an seiner Schläfe vorüber. Eine Träne war auf seine Stirne gefallen – und dann: er fühlte wie ein heißer Mund seine Lippen berührte. Ihre Seele war bei ihm. »Und wenn Du später Dich meiner erinnern solltest, so tue es nicht mit bitterem Herzen; aber das beste ist...« Kühl und ruhig war eine sanfte Hand über seine Lider gefahren. »Pittje...!« Wie aus weiter Ferne – fern, fern tönte die liebe Stimme herüber. Dann waren fröhliche Laute draußen im Flur. Ein greller Lichtschein fiel unsanft in seine schöne Traumwelt hinein. Die Mutter war zu ihm getreten; sie legte ihm die gesunde Hand auf die Schulter und sagte: »Nu komm' man. Mielke ist mit ihren Kindern da; Pittje, nu komm' man.« Da ging Pittje mit ihr, schüttelte aber den Kopf, war es ihm doch, als fühlte er noch den Kuß auf den Lippen, als hafte noch das weiche Frauenhaar an seinen pochenden Schläfen. Und Mielke begrüßte ihn, und die Kinder streckten ihm ihre Händchen entgegen – und die Weihnachtsglocken läuteten weiter und weiter. – Als die Leute am ersten Feiertag zur Frühmesse gingen und am Puppenspielerhäuschen vorbeikamen, da fanden sie die Läden vorgelegt und die Tür verschlossen. Frische Fußstapfen führten von der verschneiten Schwelle über den kleinen Vorraum auf die Straße hinaus; dort vermischten sie sich mit den übrigen Spuren. Man dachte nicht weiter an Kathje, man feierte fröhliche, selige Weihnacht, ließ sich von den frommen Worten der heiligen Legende umschauern, fühlte sich bei Mandeln und Nüssen und der dampfenden Punschbowle so recht behaglich hinter dem polternden Ofen, war guter Dinge und heiterer Laune, bis nach den Festtagen das Puppenspielerhäuschen noch immer stumm wie der Tod blieb, die Blenden sich nicht öffnen wollten, und kein blaues Wölkchen über dem Rauchfang sich zeigte. Da dachte man wieder an Kathje, erkundigte sich, und ängstliche Gemüter sorgten dafür, daß in kürzester Zeit die ungeheuerlichsten Dinge in Umlauf gerieten. Erst der Postillon Christ van de Sandt, der den Postwagen bis Kleve und von dort bis zur holländischen Grenze zu führen hatte, brachte einiges Licht in die Sache. Am ersten Weihnachtsmorgen, als er mit seinen dampfenden Gäulen durch die weite Niederung fuhr, sei ihm Kathje Peerenboom in Höhe von Moyland begegnet, wie sie mutterseelenallein, und nur mit einem dünnen Tuch um die Schultern, den Weg zur Kreisstadt eingeschlagen. Er habe ihr noch zugewinkt und sie aufgefordert, Platz im Wagen zu nehmen; sie aber sei wortkarg gewesen, habe still vor sich hingeweint, und dann sei sie querfeldein und auf einem Nebenweg weiter gegangen; dort wäre sie bald seinen Blicken entschwunden. Es sei ihm dabei merkwürdig zumute gewesen, und er habe das arme Mädchen von ganzem Herzen bedauert. Das war alles, was Christ van de Sandt über das Geschick Kathje Peerenbooms zu berichten wußte, aber es genügte, die Unruhe zu steigern, allerhand widersinnige Behauptungen in die Erscheinung treten zu lassen, unliebsame Erörterungen über Hypotheken, Schuldverschreibungen und derlei Geschichten dem aufgehobenen Verlöbnis und der Katastrophe bei den Wassermühlen zu verflechten, bis schließlich die allgemeine Ansicht sich dahin verdichtete: Pittje und Konsorten seien für das Unglück, das über die Peerenboomsche Familie gekommen, verantwortlich und regreßpflichtig zu machen. Diese fatale Version fand vornehmlich in den klerikalen Kreisen ergiebigen und fruchtbaren Boden, der, mit der noch nicht vergessenen Birkenangelegenheit gehörig durchtränkt, sich bald als tauglich erwies, eine immer größer werdende Erbitterung gegen diese freidenkenden Männer in Halm und Ähren schießen zu lassen. Hierzu kam noch, daß Henne Terlinden und Aloys Pierentrecker ihre Zeit für gekommen hielten, das ihnen entwundene Heft aufs neue zu fassen, ihren besudelten Namen wieder reputierlich zu machen, ihr Mütchen zu kühlen und denen eins auszuwischen, die es fertig gebracht, ihnen, ohne Ansehen der Person, den Herrn Polizeidiener Brill und den ganzen preußischen Gerichtsschwindel über Hals und Kragen zu schicken. Gewiß, sie hatten gesessen, sie hatten sich nicht gescheut, heimlicherweise und so auf eigene Faust hin die jungen Bäumchen über den Haufen zu werfen, aber bei Licht besehen: was war denn so Verwerfliches, Verabscheuenswertes und Strafwürdiges in ihrer ganzen Handlungsweise gewesen? Hatten sie nicht wie zielbewußte Männer gegen die liberalen Machenschaften ihr Bestes in die Schale geworfen? Waren sie nicht für das Wohl und Wehe der Kirche beherzt in die Schranken getreten? Hatten sie nicht unter Hintansetzung ihrer eigenen Person und ihres eigenen Vorteils die Gebote Gottes höher gewertet, denn die Unduldsamkeit und die Lau– und Flauheit der Menschen? – Nas erinnerte doch lebhaft an den christlichen Mut und die Aufopferungsfähigkeit der heldenhaften Blutzeugen aus vergangenen Tagen, und da noch, bei solcher Lage der Dinge, derartige Männer hinter Schloß und Riegel zu setzen – das schrie durch die Wolken! – Was war überhaupt an den lumpigen Birkenstämmchen gelegen? – Was hatte sich Pittje inferner um die Beschlüsse und Antrage des Kirchenvorstandes zu scheren, dem Ansuchen des dämlichen Verschünerungsvereins Folge zu geben und unter Assistenz seiner mehr als fragwürdigen Freunde altverbrieften Gewohnheiten und Gerechtsamen ein Füßchen zu stellen, daß sie jämmerlich straucheln und zu Fall gebracht werden mußten? Aus seiner ganzen Handlungsweise sah nur der Hochmutsteufel heraus und die Sucht, mit allerlei hinterlistigen Pfiffen und Kniffen die schönsten klerikalen Trümpfe niederzukarten. Nein, da waren die beiden gerichtlich Belangten denn doch andere Säulen und Stützen der Kirche! Die Geschichte mit der schönen Herzogin Basthi wurde ihnen nicht weiter nachgetragen. Hatte nicht auch David gesündigt, als er den Reizen Bathsebas, dem Weibe Urias, des Hethiters, nicht zu widerstehen vermochte? Hatte nicht Petrus in einer schwachen Stunde seinen Herrn und Meister verraten? – Die Stimmung schlug um. Pittje Pittjewitt, Wilm Henseler und Sally wurden verdammt und verdonnert, während man keine Bedenken trug, Henne Terlinden und dem Schnittwarenhändler die schmerzhafte, aber schöne Martyrerkrone in die Schläfe zu drücken. Der Pastor des kleinen Ortes war ein viel zu feiner, gesunder und aufgeklärter Kopf, als daß er dieser Stimmung Rechnung getragen oder sie noch gar begünstigt hätte. Allein, er vermochte nicht gegen die hereingebrochene Strömung zu schwimmen; seine Worte verhallten. Aloys und der hinterlistige Bäcker wurden die bestgefeierten Helden des Tages. Der Schuster Kogeleboom stellte sogar unter Beipflichtung des Schneidermeisters Olbers der Erwägung anheim, ob es nicht angezeigt sei, den beiden – na, sagen wir es gerade heraus – bedauernswerten Opfern einer verpfuschten, preußischen Gerichtsjustiz, den offenbaren Blutzeugen der christkatholischen Kirche einen pompösen Fackelzug unter Musikbegleitung zu stiften. Wenn dieses des Kostenpunktes wegen nicht angängig, so beantragte er wenigstens eine solenne Deputation, um durch deren Mund eine Ehrenerklärung und den Ausdruck des Bedauerns über den fatalen Mißgriff des Friedensrichters an die beiden zu richten. Das letztere geschah denn. Die Deputation ging ab, wurde vorgelassen und festlich bewirtet, und der Schufter Kogeleboom sprach im Festfrack und weißer Binde rührende und passende Worte, die den Heldenmut im besonderen und die niederträchtige Abgunst der Gegner im allgemeinen behandelten, und zwar in so fesselnder und rührsamer Weise, daß es weinerlich in den Augen des Schellfischs perlmutterte, und Henne vor eitel Gehobenheit sich kaum auf seinen säbelbeinigen Bäckerständern zu halten vermochte. Sie sprachen denn auch in ihrer Entgegnung von ›nicht wieder vergessen‹, von ›Dankbarkeit bis zu ihrem gottseligen Tode‹ und anderen Dingen, bis schließlich die ganze Deputation in eine allgemeine Verbrüderung aufging. Allein Kogeleboom hatte sich mit diesem Festakt noch lange nicht zufrieden gegeben. – Er flaggte, und als es Abend geworden, illuminierte er sein Haus von oben bis unten, bei welcher Gelegenheit er noch drei Freudenschüsse aus verrosteten Böllern zu lösen gedachte, die er bei irgendeiner Auktion als altes Gerümpel ersteigert, brachte aber nur zwei Knälle zum Vorschein, weil der Herr Polizeidiener Brill auf der Bildfläche erschien und den dritten und letzten Knall im Namen des Gesetzes und mit blitzeblanken Augen kurzerhand konfiszierte. Mit einem zwiefachen Böllerschuß wurde somit die Festivität des denkwürdigen Tages für heute geschlossen. – Aloys Pierentreckers und Heune Terlindens bürgerliche und konfessionelle Ehre war also gerettet, allein mit der Erledigung ihres saftigen Privathasses waren sie bislang noch nicht fertig geworden. Das kam jetzt an die Reihe. Über die Kalamität, in welche der arme Produktenhändler geraten, konnten keinerlei Zweifel mehr obwalten. Man wußte, wie es um ihn stand, man wußte ferner, daß sein Geschick enge mit demjenigen Pittje Pittjewitts verknüpft war, eine Tatsache, die von den biederen Blutzeugen der christkatholischen Kirche bis ins Titelchen hinein erkannt und ausgenutzt wurde. Die tätige Maulwurfsarbeit dieser gottesfürchtigen Dunkelmänner konnte selbst den Besten in Verlegenheit bringen und ihm über Nacht die Haare grau werden lassen, wobei aber ausdrücklich bemerkt werden soll, daß sich die beiden nicht um Haaresbreite vom strengen Pfad des Gesetzes verirrten und selbst das kleinste vermieden, wodurch auch nur der Schein des Unreellen geweckt werden konnte. Alles ging ehrlich und rechtlich von statten – und dennoch sollte gezwickt und gepiesackt werden, bis totale Blutleere eintrat. Sie machten also ihre flüssigen und anderweitigen Mittel mobil, griffen zum Stock, aber feste, und gingen spazieren. Vom Dreikönigentage an sah man sie fast tagtäglich bei den verschiedenen Bauern und Kätnern in der Umgegend vorsprechen und mit ihnen zu Hause oder in den Wirtschaften heimliche Geschäfte betreiben. Um die Mitte des Monats hatten sie ihren Rundgang vollendet, gingen zu Dores Küppers und tranken vergnügt und in Eintracht eine dampfende Punschbowle zusammen. Die Präliminarien ihres gemeinschaftlichen Handelns waren hierdurch besiegelt. Jetzt konnte der Schraubstock angedreht werden – und also geschah es. XXII. Und also geschah es Anderen Tages saß Säkchen Reiß auf seinem hohen Drehstuhl, baumelte mit den Beinen herum und vertiefte sich in die Geheimnisse der glitzernden Eisblumen, die der Winter mit der Kunst eines Kleinmalers auf den Fensterscheiben entworfen hatte, als an die Kontortür geklopft wurde und auf das gelispelte »Herein!« des Herrn Kontoristen sich die beleibte Persönlichkeit Henne Terlindens in die Stube bemühte. Nachdem die Formalitäten des Begrüßens ihre Erledigung gefunden, begab sich Säkchen Reiß zu seinem Prinzipal ins Nebenzimmer und erstattete Meldung. »Herr Süßkind, der Herr Bäckermeister Terlinden bittet um die Ehre, Sie sprechen zu dürfen.« »Schön,« sagte Sally ohne Arg und jeden Nebengedanken, kaute wie in Gedanken an seinem Nelkenstengel herum und stand in Überlegung, ob er diesen notorischen Gegner des Verschönerungsvereins freundlich begrüßen oder ihm gegenüber eine mehr oder weniger imponierende Reservestellung einnehmen sollte – als sich auch schon der Säbelbeinige einstellte und ihm so recht dicknäsig und von oben herab einige Zettel langgestreckten Formats unter die Augen versetzte. »Herr Süßkind, haben Sie das unterschrieben?« fragte er so recht tief aus seinem Brustkasten heraus, zog sein Taschentuch aus der Hose und begann einen kräftigen Tusch in die blaubedruckte Fahne zu blasen. Sally wollte vor Schreck in den Boden versinken. »Herr Terlinden ...!« Dieser brachte sein Taschentuch wieder an Ort und meinte mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt: »Na, Herr Süßkind, wie steht es?« »Wie soll's schtehn, Herr Terlinden?« Sally hatte seine Fassung verloren. »Ich bitte, Herr Süßkind ...« »Was is zu bitten?! – 's stimmt! – Es sind meine Wechsels, un ich hab' sie geschrieben mit meine eigene Handschrift. 's stimmt, Herr Terlinden.« »Und am ersten kommenden Monats werden sie fällig,« kam es wieder dicknäsig aus dem Munde des gläubigen Mannes. »Un Sie, Herr Terlinden?« »Na, was denn?« »Wie kommen Sie zu meine Wechsels, zu meine eigenen Wechsels?« »I, den Zackerzucker noch mal! – wie schon der Name besagt: von einer Hand in die andere. Das ist so Mode bei solchen Papieren – und nur als gutmütiger und prompter Geschäftsmann wollte ich ein übriges tun und nicht verfehlen, Sie von der veränderten Sachlage in Kenntnis zu setzen. Aber am ersten: Geld auf den Tisch – und nur gegen Kassa. Herr Süßkind, wenn Sie mich wieder gebrauchen ... ich heiße Henne Terlinden, Großer Markt Nummer fünf, neben dem Rathaus.« Und damit ging er, stellte dabei aber sein lustiges Beinwerk so kraus durcheinander, daß der Nelken-Sally des Glaubens sein konnte, die Gehpotentaten seien gewillt, sich wechselseitig vom Oberkörper zu säbeln. Das war doch infam von dem Manne! – Großer Markt Nummer fünf, neben dem Rathaus ... Als wenn er das nicht wüßte, nicht schon lange gewußt hätte. »Das is Tusch!« sagte Sally. »Er hat mir gehohnepiepelt for die Gewalt mit die Wechsels!« griff in die Hosentaschen hinein, als müßten sich dort harte Röllchen mit abgezählten Friederichsdors und sonstige Schätze verbergen, fand aber keine und warf sich daher, in Erkenntnis der gänzlichen Öde und Leere, mit einem schweren Seufzer in eine Ecke des Sofas. Und der Mittag ging unter Harren und Bangen dahin, und die Nacht kam mit achtzehn Grad Kälte und einem ganzen Heer von blitzenden Sternen, und als am anderen Morgen die Turmuhr elfmal in dumpfen Lauten über die verschneiten Giebeldächer hinausbrummte, da stand Säkchen Reiß am Kontorfenster und ritzte mit einer scharfen Packnadel den Namen ›Rosalie Leifmann‹ in die gefrorenen Blumen. Es war ein pläsierliches Tun, und Säkchen freute sich über die gelungene Arbeit. Er hatte gerade einen schwungvollen Schnörkel darunter gezogen, als Aloys Pierentrecker ihn mit einem Diener beehrte und sich in höflichster Weise nach seinem Prinzipal erkundigte. »Is hierneben,« meinte der Herr Kommis, »ich werde mal nachsehn.« Und mit denselben Worten wie gestern meldete er die Ankunft des neuen Besuches. »Herr Süßkind,« also begann er, »der Herr Schnittwarenhändler Aloys Pierentrecker is draußen un bittet um die Ehre, Sie besuchen ßu dürfen.« »Schön,« sagte Sally, aber dieses ›Schön‹ hatte einen verteufelten Beigeschmack, klang anders als gestern, sollte was anderes bedeuten und vorstellen, und brachte den armen Produktenhändler rein aus dem Häuschen. Vor den Blicken Sallys begannen die Tapetenmuster zu tanzen. Polka, Schottisch, Mazurka – alles wirbelte bunt durcheinander, bis schließlich beim Eintritt des Schellfischs das Ganze in einer feierlichen Polonaife vorbeidefilierte. Aloys sah sehr wehmütig aus. Er teilte sich in die Eigenschaften eines bösen Kanins und eines dämlichen Hammels, obgleich das Hammelartige zur Zeit noch den Hauptbestandteil seines Verhaltens ausmachte. Aber jedes hat seine Zeit, auch bei Aloys, und die Nücken eines giftigen Kanins sollten noch früh genug in den Vordergrund treten. Zuvörderst aber begnügte er sich mit der Einfalt des Hammels und sagte: »Herr Süßkind, ich habe hier so'n kleines Geschäft mit Ihnen zu machen und möchte mir daher die Frage erlauben, ob Sie beispielsweise diese Unterschriften als die Ihren erkennen?« Es war ungefähr dieselbe Frage, die ihm am Tage zuvor durch Henne Terlinden gestellt worden, nur fehlte ihr das Selbstgefällige und Protzenhafte in der Art und Weise des Vorbringens, sie war bescheiden gehalten und wurde in einem fast mitleidigen Tone gesprochen. Für Sally jedoch hatte sie dieselbe Bedeutung, und als ihm der Schellfisch mit süßsaurem Lächeln noch die ominösen Zettel näher präsentierte und ihm zu verstehen gab, daß dieses nur aus purer Nächstenliebe und der Ordnung wegen geschähe, da konnte sich der Ärmste nur noch mit knapper Not an seinem Zylinder-Bureau halten, denn die Beine versuchten unter seinem Leibe alle zu werden. »Un diese Wechsels, Herr Pierentrecker ...?!« »Ist die Unterschrift richtig, haben Sie das hier geschrieben: tausend Taler, vierhundert und nochmals vierhundert?« »'s stimmt, es is alles so richtig un wahrhaftig geschrieben wie Gottes Sonnenschein da draußen. Aber ich bitte Ihnen, wie sind Sie ßu meine Wechsels gekommen?« »Beispielsmäßig durch Zufall, durch puren Zufall, Herr Süßkind.« Das waren nun ausgestunkene Lügen, konnten dem Vorbringer derselben nicht weiter gefährlich werden, hatten aber anderseits die verflixte Kraft in sich, Sally in tausend Ängste und Nöte zu jagen. Er kam sich vor wie ein eingekesselter Hase. Von allen Ecken und Enden wurde geknallt und gepfeffert. Die besten Haken und Seitensprünge wollten nicht mehr verfangen. Vergebens raste er von einem Ende des Kessels zum anderen. Überall Treibergeschrei und spritzende Schroten. Aber hier – hier glaubte er durchbrechen zu können. In verzweifelten Sätzen jagte er vorwärts, galoppierte aber gegen den säbelbeinigen Bäcker, der ihm in aller Gemütsruhe einen panischen Schrecken auf seinem blaubedruckten Sacktuch in die Ohren trompetete. Also kehrt marsch und auf die andere Seite! – Ja woll – und daneben gesprungen! Hier stand Aloys auf Posten und hielt ihm seine doppelläufige Flinte in Gestalt eines schweren Wechsels entgegen. Keine Rettung, kein Ausweg! »Maimemmelochem!« rief Sally. »Aber, Herr Pierentrecker, was sollen die Wechsels?« »Nichts von Bedeutung, Herr Süßkind; ich wollte mir nur die Frage erlauben, ob Sie sich vielleicht schon jetzt in der angenehmen Lage befinden, die Scheine gegen Kassa zu nehmen. Sie müssen nämlich wissen, daß ich beabsichtige, Terrain zu kaufen und junge Birken auf demselben zu ziehen, um sie später um Gottes willen in den Dienst der Prozession und der heiligen Kirche zu stellen. Nur so ist dem liberalen Treiben ein Schnippchen zu schlagen, und Sie können daher verstehen ...« »Herr Pierentrecker, nich möglich,« stammelte Sally. »Nicht?« »Es geht nich, beim besten Willen – es geht nich.« Aloys kesselte enger, und das Gesicht bereitete sich vor, den dämlichen und frommen Hammelausdruck mit dem eines bissigen Kanins zu vertauschen. »Nicht? – Aber ich dächte einem famosen Geschäft, einem soliden Kaufmann gegenüberzustehen?« »Bin ich, bin ich!« bestätigte Sally. »Dann sollte ich doch annehmen müssen, daß beispielsmäßig hier diese Wechsel ...« »Herr Pierentrecker, die sitalen Konjunktionen mit's Korn, mit die Mäuse und sonstwie ...« »Hm, hm, hm,« meinte der Schellfisch. Das Hammelartige war beiseite geworfen. »Aber am ersten ...?« »Herr Pierentrecker, ich bitte um Ausstand.« »Sie?–Um Ausstand?–Von wegen der Wechsel? – Von mir?« Aloys lachte, daß die Scheiben zu klirren begannen. Es war ein infames Lachen, ein scheußliches Lachen, ein Lachen, das Sally aller Besinnung beraubte. »Herr Pierentrecker, was soll das?!« »Was das soll und bedeutet?« grinste der Schellfisch. »Beispielsmäßig bezahlen oder Reugeld geben – aber feste, Herr Süßkind.« Aloys hatte den Kopf aus seinem niedrigen Kragen gezogen. »Aber feste, Herr Süßkind!« schrie er noch einmal. »Früher wurde mir die Krawatte enger gezogen und der Polizeidiener Brill in den Pelz gesetzt. Jetzt sind Sie an die Reihe gekommen. Bezahlen sollen Sie, daß Ihnen die Hose zu eng wird – am ersten, am ersten – Sie und Ihr netter Freund, der Balbierer ...!« »Herr Pierentrecker, ich bitte Ihnen, lassen Sie Herrn Pittje ßufrieden.« »Den?!« lachte der Schellfisch. »So'n Waschechter, so ein in der Wolle Gefärbter, der nichts weiter kann, wie unterm Spriegel poussieren und beispielsmäßig nachher das arme Wurm sitzen läßt, daß sie auf und davon geht! – Dem wird heimgezahlt bis auf den letzten Heller und Pfennig – dem wird das Fell über die Ohren gezogen – dem wird der Brotkorb höher gehangen ...!« Bei den letzten Worten wurde Sally wütig wie selten. Ihn faßte der Heldenmut seines Volkes. Sally Süßkind war zum Makkabäer geworden. Er riß die Tür auf. »Herr Reiß,« rief er mit übergeschlagener Stimme, »wimmeln Sie bitte hier diesen auf die sogenannte Straße nach draußen – for die Gewalt un von wegen, weil er den Herrn Stadtrat Pittje beleidigt!« »Ich geh' schon,« meinte der Schellfisch, »aber am ersten ... Herr Süßkind, ich habe die Ehre, wie Sie allezeit sagen.« Sally befand sich allein in der Stube, warf sich aber nicht verzweifelt ins Sofa, sondern brach eine weiße Blüte vom Nelkenstock, der neben anderen auf seinem Zylinder-Bureau überwinterte. Es war eine schneeweiße Nelke – das Zeichen der Trauer. Er sah sie bewegt an. Jetzt war alles fix und fertig geworden; kein Titelchen fehlte. Pleite! – Die Begegnung Sallys mit Henne Terlinden und Aloys Pierentrecker war natürlich kein Geheimnis geblieben. Es war wie ein Spatzengerufe. Von der Futterkiste vertrieben, schilpten es diese schwatzhaften Straßenbummler bald vor allen Türen und Fenstern – und wer Ohren zum Hören hatte, der hörte. Säkchen, der sich durch die Herzhaftigkeit seines Volkes im allgemeinen und durch den betätigten Makkabäermut seines Prinzipals im speziellen angesteckt fühlte, übermittelte es semmelwarm an Rosalie Leifmann, stellte sich dabei in die passende Heldenbeleuchtung, konnte aber bei diesem Bericht zu seinem größten Leidwesen nicht umhin, das ominöse Wort ›Pleite‹ fallen zu lassen. Also Sally war pleite. Bei Rosalie war diese Nachricht in den richtigen Händen oder vielmehr in dem richtigen Mundwerk. Von ihr gelangte sie anderentags, und zwar über Frau Schuster Kogeleboom, Jüllecke Henseler und Juffer van der Grinten hinweg an die rechte Adresse – und da wußte Pittje Pittjewitt, was er zu tun hatte. – Das Unglück ist ein eigenes Ding. Vor dem tiefen Weh, mit dem es umhergeht, machen auch die übelsten Nachreden und die bittersten Zungen Halt, und die Leidenschaften gemeiner Bosheit verkriechen sich vor ihm wie vor einem bissigen Hunde. Sally Süßkind wurde plötzlich bedauert, und Pittje – obgleich die Annahme, er habe Kathje jämmerlich sitzen lassen, sich immer tiefer in die Denkungsweise der Menschen hineinfraß – wo er auch anpochen mochte, er fand wieder freundliche Gesichter und offene Herzen, aber, leider Gottes, und zwar in Anbetracht der betrübten Zeiten, nur geschlossene Hände. Selbst der sonst so splendide Leygrafenhöfer entschuldigte sich, ließ aber durchblicken, daß er später nicht abgeneigt sei, helfend unter die Arme zu greifen, momentan aber seien die Speziestaler so rar wie frische Radieser, aber in halbjähriger Frist, um Johanni vielleicht, ließe sich möglicherweise die Sache bereden – und damit ging Pittje bekümmerten Herzens von dannen. Einen Trost nahm er mit, allein dieser Trost war wurmstichig wie Fallobst, konnte nichts nützen, vertröstete auf spätere Zeiten, wenn sich das Wasser verlaufen, brachte somit kein Fettmännchen weiter – und Sally steckte bis über die Ohren in Schwulitäten und Nöten, konnte jeden Moment umkippen und einen Purzelbaum schlagen. Und er, Pittje, war schuld an dieser ganzen Misere, und wenn auch der mit Sally betätigte Akt den Zahlungstermin erst auf den vierundzwanzigsten Juni festgesetzt hatte, hier standen Ehre und Nächstenliebe auf dem Spiel – und somit, wenn auch alles aus Fugen und Leim ging, bezahlt mußte werden, und dementsprechend beschloß Pittje zu handeln. Er ging zu Wilm und teilte diesem in längerer Auseinandersetzung seinen wohlüberlegten Entschluß mit. Als er geendet hatte, da drehte sich der Schreinermeister auf die andere Seite und sah nachdenklich, obgleich da gar nichts Bemerkenswertes zu beaugenscheinigen war, in das alte Glasspind hinein. Die große Porzellankanne, die bemalten Kaffeetassen aus Großvaterszeiten konnten ihn doch nicht viel interessieren. Das taten sie auch keineswegs; seine Seele war anderswo. »Pittje...!« Er schluckte die Tränen herunter, wandte sich halbwegs und meinte: »Ich melle gehorsamst, das is nobel von Dir, das is mehr als nobel gehandelt. Pittje, versteh' mir« – und er mußte mit aller Forsche sein Schluchzen verbergen – »wenn ich mir in 'ner andern Assiette befände, denn könnte ich sagen: was kostet Frankreich, ich will es bezahlen. Aber bei meiner pekuniären Verfassung – ich kann doch nich aus Sägemehl un Hobelspäne Reichstaler machen? – Das is es ja eben, das is ja das Malör hier unten: die's nötig gebrauchen können, die haben's nich, un die's nich nötig gebrauchen, die haben's – un darum, wenn's auch miserablicht schwer wird, geh' nach Sally un tu es.« »Das will ich,« sagte Pittje mit fester Betonung. »Für diese Nobilität wird Gott Dir belohnen,« fuhr Wilm Henseler fort, »denn alle Nobilität geht musmaßlich nich unbedankt beim lieben Herrgott vorüber. Un die Halunken, die jetzt Oberwasser bekommen, kriegen auch mal vom Düwel den richtigen Modder ins Maulwerk gestochen. Un nu geh' nach Sally un melle gehorsamst, wie nobel Du sein willst, trinke aberst vorher noch zu Deiner Stärkung 'nen Nußlikör, denn für so was is Jülleckes Schnapsdestille von fachmännischer Wirkung. Pittje, ich will ja Dein Bestes.« Als Pittje Pittjewitt kurz darauf an dem zweifenstrigen Häuschen mit den grünen Jalousien vorsprach, wurde er von Säkchen empfangen. »Wahrhaftigen Gott, der Herr Stadtrat!« dienerte Säkchen. »Nein, die Ehre, Herr Pittje! – Wollen meinen Herrn Prinzipal wohl so'n bißchen aufmunterieren? Das is liebreich von Ihnen!« und damit komplimentierte er den angenehmen Besuch in das Privatgemach seines Herrn. Leise, leise schloß sich die Tür – und leise wurde da drinnen gesprochen. Und was da drinnen verhandelt wurde, das hat nur das alte Sofa gehört, Sallys Zylinder-Bureau und der leere Papierkorb – die konnten nicht weinen, aber wäre da noch ein dritter zugegen gewesen, dem wäre das Herz abgestoßen worden vor lauter Jammer und Trübnis. Und dann wurden die Stimmen da drinnen lauter und lauter, bis Sally schließlich in die weinerlichen Worte ausbrach: »Herr Pittje, so wahr mir Gott helfe, ich tu's nich un will's nich! – Sie rungenieren sich for die Gewalt mit sehenden Augen. Was is Ihnen an mir, an so 'nem kleinen un armseligen Juden gelegen?! – Un denn: was wird sagen Ihre liebreiche Mutter ßu die ganze Geschichte?!« »Die?!« fiel ihm Pittje ins Wort. »Was die sagen wird, Sally?! – Kennen Sie meine Mutter genauer?« »Gott, ob ich sie kenne, Herr Pittje!« »Na, Sally, dann denken Sie ganz ruhig das Ihrige und machen sich Ihren eigenen Vers auf die Sache. Ich habe mich abgefunden mit mir und dem, was da ist. Das alte Licht ist ausgepustet, ein neues muß angesteckt werden. Das dauert ja was – aber, Sally, ich warte. Und nun machen Sie keine weiteren Worte – denn, Sally, es bleibt so.« »Herr Stadtrat...!« Aber Pittje war bereits aus dem Hause gegangen, und als er dann abends bei seiner Mutter saß, ganz sacht und behutsam ihre zitterige Hand nahm, als er ihr dann alles erzählt hatte, da war es mit einmal, als sei der Tod durch die Stube gegangen. Mutter Pittjewitt saß regungslos zwischen den Binsen; dann riß sie die Augen auf und sah nach der Tür. »Angtree!« Sie hatte deutlich gerufen. »Weißt Du,« fuhr sie mit schwacher Stimme fort, »wenn der jetzt käme, an den ich gedacht habe, dann wäre ich schon über so manches hinweg. Wie Du das aber zu machen gedenkst, so ist das richtig, mein Junge. Es wird mir ja schwer werden, aus dem Hause zu müssen, wo ich schon mit Vater selig gelebt hab' – allein, was hilft das und nützt das! – Du darfst Sally nicht in der Ungelegenheit lassen. Sorge Dich man nicht um mich. Soviel wird Dir ja immer noch bleiben, mich ehrlich begraben zu können, und langt's nicht, dann kann's auch nicht allzu schlimm werden, denn Dein Freund Wilm wird die paar lumpigen Bretter noch erübrigen, die ich gebrauche. Und Du? – Um Deinetwegen ist mir nicht bange im Leben und Sterben. Du wirst Deinen braunen Gehrock und den feinen Zylinder schon in Ehren verschleißen. So, Pittje, jetzt rück' man ein bißchen heran; es wird mir so grau vor den Augen und so schwer in den Füßen. Hörst Du das, Pittje? – Wie das plaudert im Ofen! – Da erzählen sie sich alte Geschichten... alte Geschichten... alte Geschichten...« Und dann am andern Tage ging der Herr Polizeidiener Brill mit seinem karmesinroten Kragen, seinen blankgeputzten Augen und eine große Messingschelle in der Hand führend von Straße zu Straße. An allen Ecken und dort, wo sich Menschen befanden, blieb er stehen, rührte die Schelle und rief mit hallender Stimme: »Privatim und nicht von Amts wegen tue ich kund und füge hiermit zu wissen. – Am fünfundzwanzigsten im jetzigen Monat läßt Herr Pittje Pittjewitt, Barbier, Schweinestecher und Leichenbitter dahier, zugunsten Sally Süßkinds, Produktenhändler, gleichfalls in hiesiger Stadtgemeinde domiziliert, sein in der Kesselstraße gelegenes und mit der Nummer acht bezeichnetes Wohnhaus nebst Ziegenstall und Hofraum öffentlich und an den Meistbietenden auch unter der Taxe verkaufen. Eventuell werden auch Hausgeräte und Möbels, wie Tische und Stühle, ein Glasspind, Kaffeetassen und Bettzeug und dergleichen andere Sachen öffentlich zum Verkauf angeboten. So geschehen und ausgerufen durch mich und privatim.« Also bis dahin war schon das Unheil gediehen?! Man hätte annehmen sollen, die alte Linde, die auf dem Großen Markt stand, wäre beim Anhören dieser Botschaft abgestorben vom Wipfel bis zu den Wurzeln herunter, und die Not- und Feuerglocke auf dem Rathaus da droben müßte von selber zu läuten beginnen, um aller Welt zu verkünden, wie es um Pittje und sein sauer Erworbenes stände. Aber nichts von alledem geschah. Die Leute kamen und gingen wie an gewöhnlichen Tagen, die alte Linde reckte sich in ihrem Schnee- und Kristallschmuck so stur und stramm in die Höhe, als wollte sie noch für die Ewigkeit leben, und die Feuerglocke da droben blieb stumm, als sei ihr die Zunge aus dem ehernen Munde herausgeschält worden. Alte Geschichten ... alte Geschichten...! »Bim, bim, bim!« Der Herr Polizeidiener Vrill war weiter gegangen. – Alles nahm seinen regelrechten Verlauf. Am fünfundzwanzigsten fand der Verkauf statt. Pünktlich kamen die Liebhaber, pünktlich stellte sich der Herr Auktionator mit seinem fadenscheinigen Protokollführer ein, und die Angebote erfolgten. Aber der Leygrafenhöfer sollte recht behalten: die Speziestaler waren rar wie frische Radieser geworden. Weit unter der Taxe erfolgte der Zuschlag. Nur lumpige achtzehnhundert Taler preußisch Kurant – und Henne Terlinden blieb der glückliche Käufer. Pittje hielt sich an einem Stuhl fest; er mußte sich stützen. Mitleidig sah ihn der Auktionator an; seine stumme Frage wurde von Pittje verstanden. Er nickte. Also – die Möbel waren an die Reihe gekommen. »Ein Glasspind – wer bietet?!« Man merkte dem Auktionator die tiefe Bewegung an, als er das erste Hausgerät unter den Hammer brachte. »Zwei Taler!« »Drei Taler!« »Vier Taler!« »Und fünf...!« »Vier Taler fünf Groschen!« »Und fünf...!« »Vier Taler zehn Groschen!« »Vier Taler zehn Groschen – zum ersten...!« In diesem Augenblick steckte Wilm Henseler sein Gesicht durch die Tür. »Pittje, ich bitte Dir für einen Momang mal herüberzukommen. Deine Mutter hat Dir noch etwas zu sagen.« Und als Pittje hineinkam, da saß seine Mutter im Lehnstuhl, still, zufrieden, und ein feines Lächeln spielte um ihre friedlichen Züge. Der Kopf mit dem weißen Haar war ihr auf die Seite gesunken. »Pittje, ich bitte Dir, verhalte Dir ruhig. Sie hat nichts gemerkt; es is ihr leicht geworden. – Pittje, mein Pittje...!« Und nun stand das arme Pittje da bei seiner Mutter, die nicht mehr sehen konnte, die nicht mehr hören konnte – die stumm war. Und er mußte gewahren, wie ihm alles fortgetragen wurde, was er einstens besessen – und nicht mal die schmale Diele, worauf er stand, war sein eigen geblieben. Mit der Hand fuhr er sich über das bleiche Gesicht, er verwischte die Tränen – und er sah lange, lange in den schönen Winterabend hinaus, der von draußen hereinkam. Lange, lange... Und also geschah es ... Es sind die eigenen Worte Pittje Pittjewitts, die ich in seinen krausen Notizen und Aufzeichnungen vorfand. Bis hierhin, wenn auch genau nach dem mir übergebenen Manuskript, hat meine Feder erzählt und geschildert. Ich habe, wie schon anfangs bemerkt, mit großer Wehmut geschrieben; von Zeit zu Zeit war allerdings der Schalksnarr nicht ganz zu vermeiden. Er rümpfte das putzige Näschen, klingelte mit den lustigen Schellen und lachte: »Hier bin ich! – Jantje Klaas, Jantje Klaas!« – Nun aber mag Pittje selber berichten. Wörtlich gebe ich den Inhalt der zuletzt beschriebenen Blätter. Und also spricht Pittje: »Und nach drei Tagen zog ich meinen Sonntagsrock an, hatte aber den Flor um den Zylinder vergessen. Das wurde mir besonders verübelt, und vornehmlich von solchen, die bei ähnlichen, traurigen Begebenheiten nicht nur einen Flor um den Hut, sondern außerdem noch einen recht breiten um den Oberarm legen, wo es ihnen doch besser angestanden hätte, einen solchen um Herz und Nieren zu binden – aber die gingen leer aus. Und so habe ich denn meine liebe Mutter ohne Trauerflor zur letzten Ruhe begleitet. Die Erde möge ihr leicht werden, bis zur Auferstehung dereinstmals. – Ich habe oft bei Großwasserzeiten auf dem Leedeich gestanden, wenn die gefräßige Stauflut die steilen Böschungen fast bis zu zwei Drittel Höhe benagte. Und so stand ich wieder darauf, als das erste Frühjahr nach meiner Mutter gottseligem Sterben die große Überschwemmung ins Land brachte. Und wie ich so kucke, da arbeitet es sich aus der lehmigen Krone. Große Erdklumpen wurden gehoben, dann kam ein schnuppernder Rüssel zum Vorschein, zwei mächtige Grabschaufeln folgten, dann zeigte sich ein sammetartiges Fell und gleich darauf ein veritabler Maulwurf – wagte sich aber der steilen Böschung zu nahe, und der arme Kerl, der nur gewohnt war, sein Tagewerk unter Licht und Grund zu betreiben, plumpste ins Wasser. Na, dachte ich, nun ist's alle mit dem Biedermann im schwarzen Sammetjackett, denn das Wasser hatte eine steife und handliche Strömung und trieb ihn deichabwärts. Aber wie ich so stehe und das dumme Geschick des prächtigen Burschen besinne, da kommt das mit einmal und in aller Forsche gerudert; mein Maulwurf war zum Seemann geworden, verstand seine Grabschaufeln trefflich als Riemen zu nützen, brachte sich glücklich an Land, und bevor ich's so richtig bedachte, war er mit seinem properen Pelz schon wieder in Sicherheit und in seine frischgegrabene Röhre verschwunden. Nun konnte er weiterleben und sein Tagewerk von vorne beginnen. Na – und was so'n armseliger Maulwurf vermochte ... Ich war auch ein so ins Wasser Gefallener – und wenn ich auch nicht gewohnt war, unter Licht und Boden zu schaffen, ich nahm mir den fidelen Kerl doch zum Vorbild, schwamm ans Land, begann die Hände zu regen und wunderte mich eines Tages, daß Gottes liebe Sonne noch immer so schön war wie damals, als mir das Unglück noch nicht so schwer auf dem Nacken gelegen. In all dieser Zeit hörte ich nur einmal von Kathje. Ein Nagelschmied, Fritz Derkum mit Namen, ließ sich hier eines Tages nieder und lebt noch bis dato schlecht und recht als ein Mann, der sein Handwerk gelernt hat, in hiesiger Kirchengemeinde. Er war von der holländischen Grenze gekommen und zeigte einen notariellen Akt vor, kraft dessen er sich als Besitzer des Puppenspielerhäuschens auszuweisen vermochte. Der zog nun ein; die Läden wurden geöffnet, die Wände bekamen 'nen frischen Anstrich, die Esse begann Feuer zu spucken, und vom frühen, hellichten Tag an bis in den dunklen Abend hinein amüsierte sein munteres ›Pinkpink‹ die ganze Umgebung. Dieser erzählte nun, daß Kathje mit einer holländischen Familie über das große Wasser gegangen. Er brachte noch Grüße von ihr; auch für mich war einer darunter. Mehr wußte der Mann nicht – und so ist's stille von Kathje geworden. Ihr Gesicht rückte mir immer weiter und weiter. Gras wuchs über die ganze Geschichte, und was hier unter meinem Schemischen genagt und gefressen, das verlor sich allmählich, bis ich wieder aufatmen konnte und der Alte geworden: Pittje, das lustige Pittje, Barbier, Schweinestecher und Stadtrat – und so ist das auch bis vor kurzem geblieben. Mein Geschäft kam wieder in Schwung, und wenn ich auch meine liberalen Ideen vertrat, denn ich war immer der Meinung gewesen, man sollte die trüben Kerzen der überkirchlichen Quiselei auspusten und dafür die hellen Lichter der Vernunft auf die Leuchter placieren, so bin ich doch gut beiwege mit allen meinen Mitbürgern und Kunden geblieben. Und Gottes Sonne strahlte immer schöner vom Himmel. Der Leygrafenhöfer hielt Wort, Sally Süßkind rappelte sich wieder aus seiner Bedrängnis empor, seine Produkte wurden nicht mehr von Mäusen geschroten und vom Hagel zertöppert, er machte Geschäfte – und als dann um die Mitte der sechziger Jahre Henne Terlinden ›Rips‹ ging, konnte ich mit meinen Freunden sagen: Gott segne den Eintritt! – denn ich hatte wieder mein altes Häuschen erstanden. Und Wilm Henseler kam, nahm die Hacken zusammen und sagte: »Pittje, ich melle gehorsamst, daß ich mir erlaubt habe, Dir mit einem neuen Glasspind unter die Augen zu treten.« Und als ich einzog, da riefen Christen und Juden: »Hurra!« und »Fifat!« – Der Herr Polizeidiener Brill hatte seine neue Montur angezogen und empfing mich in Gala, und der Schuster Kogeleboom, der mittlerweile aus einem Saulus ein Paulus geworden, ließ zur Ehre des Tages dreimal drei Böllerschüsse verknallen. Und so lebte ich denn hin, scheinbar gesegnet von Gott und geliebt von den Menschen. Die geschändeten Birken hatten Nachwuchs bekommen. Mit jedem Jahre trieben sie leuchtenderes und schöneres Grün, und ihre silberweißen Stämmchen stehn jetzt wie Preußische Soldaten im Gliede. Und die große Zeit 70 und 71 ging gewaltig vorüber. Und die achtziger Jahre kamen und die neunziger Jahre; sie kamen und gingen ... Da, am fünfundzwanzigsten November 1902: Kathje ist wiedergekommen – verlassen von allen. Sie wollte sterben, wo sie ihre Jugend verlebte. Kathje ist wiedergekommen! – Herr Gott im Himmel! – Nun wurde aufs frische in die vernarbte Kerbe gehauen – und so was kuriert sich nicht wieder. Mein Kopf und mein Elend! – Und nun sagen sie wieder, nun sagen sie wieder ... und ich wollte doch schweigen, mußte doch schweigen Kathjes und ihrer Ehre zuliebe, solange sie lebte. Und die Leute müssen es doch schließlich wissen, daß ich es nicht war, der sie ins Elend gestoßen. – Wiedergekommen, um zu sterben, wo sie ihre Jugend verlebte ...! Lieber Gott, steh mir bei in diesen Tagen der Prüfung! – Und dann am achtzehnten Dezember desselbigen Jahres: am heutigen Tage ist Kathje Peerenboom bei den barmherzigen Schwestern gestorben. – Gott gebe ihr die ewige Ruhe. Amen.« Pittje, was Du gewollt hast – hier steht es. Dir und Deinem späteren Angedenken zuliebe habe ich diese Geschichte aus Deinem Leben geschrieben. Du sollst sie hören, und daher: ich komme. Und bis dahin – Gott befohlen, mein Pittje! XXIII. Zaunkönig Während der letzten Wochen hatte der ehrwürdige Nußbaum, der vor meinem Arbeitsfenster stand, behäbig durchs Fenster gewinkt, mit seinen grünen Fingern an die Scheiben gepocht und mich daran gemahnt, daß es herbsten wollte, denn seine Blätter begannen schon hier und da zu falben, die Fruchtummantelung bekam Risse und Sprünge, und ab und zu taumelte eine Nuß mit dumpfem Geräusch auf das lockere Erdreich. Die Schlußkapitel meines neuen Romanes hatte ich auf unserem kleinen Sommersitz an der Mosel geschrieben. Es war ein vergnügliches und reges Schaffen gewesen. Tief unten flutete das ruhige Wasser vorüber, grüne Matten, mit Nußbäumen bestanden, zogen die Ufer entlang, zu tausend und abertausenden gereiht kletterten die Rebstöcke von Felsen zu Felsen, während die Brause-Ley mit ihren schroffen und zerfressenen Wänden fast senkrecht in den verschleierten Himmel emporsteilte. Droben säuselte in weichen Akkorden der Bergwald. Es war so, als hätte sich ein großer, dunkler Vogel mit gebreiteten Schwingen dort niedergelassen. Es war seltsam da oben. In stillen Sommernächten hatte ich sie oftmals gesehn, die schöne, bleiche Frau mit den gespenstischen Augen, wie sie so mutterseelenallein saß, ihre Schleier wallen ließ und von den Wundern des Mosellandes erzählte. Und dann stand der Mond über den Bergen, und die Eifelkuppen glitzerten auf, und die Rebenhänge standen kopfüber in dem silbernen Wasser, und zahllose Sterne lagen dazwischen wie triefende Perlen. In solcher Stunde ließen sich die Begebenheiten fassen und halten, die ich zum Ausklang bringen mußte, und sie wurden mit der Feder gebannt, wenn die liebe Sonne vom Himmel sah, und die kleinen Schiffe zu Tal und zu Berg gingen. Und der alte Nußbaum rauschte dazu, und ein kleiner, putziger Vogel mit gebändertem Stutzschwänzchen und bräunlichem Wams saß dann tagtäglich in den hängenden Zweigen, woselbst er seine Dideldidel-Strophe über Gottes schöne Erde und in den Morgen hinaussang. Der winzige, fahrende Sänger, der Schnorrant in den Hecken – der Zaunkönig dichtete zwischen den säuselnden Blättern. Drollig-naiv, schwermütig-lustig, pudelnärrisch und dann wieder betrübt bis zum Tode reimte und leierte er seine Stollen und Abgesänge zusammen, daß es mir ordentlich seltsam ums Herz wurde. Ich vermeinte die ganze Liebes- und Leidensgeschichte, die ich mittlerweile niedergeschrieben hatte, noch einmal durchleben zu müssen. Ich fühlte aus dem anspruchslosen Gesinge die Seelenstimmung Pittjes heraus. Ich hörte ihn sprechen und lachen, weinen und schluchzen. Ich vernahm die Stimme Wilm Henselers und diejenige vom Nelken-Sally, und Säkchen Reiß bammelte mit seinen Beinen vom Drehstuhl stützte den Kopf in die Hand, legte die Ohren an und dachte an Rosalie Leifmann. In dem Schnurrig-Pathetischen des winzigen Sängers trat mir alsdann der Puppenspieler leibhaftig entgegen. Jan und kein Ende! – Horch, wie es fuselselig daher kam: »Lirum larum – didel didel! – Kirmesgäste und Gefiedel, Kümmelkringel, Pfeifenschmurgel! – Rutscht auch alles durch die Gurgel, Mir egal – Himmel Sapperment noch mal! – Didel didel! – Kirmesgäste und Gefiedel! – Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning – Vöran, Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!« Dann noch ein Abgesang, ein Leiern, ein süßseliges, träumerisches Hinquinquelieren – und fort war der König. Ich klappte die Blätter meines Manuskriptes zusammen. – Etliche Wochen später kamen die Aushängebogen bis auf das Schlußkapitel geflattert. Draußen hatte inzwischen der Herbst seinen Einzug gehalten. Die Sonnenblumen spannten ihre schwefelgelben Feuerräder aus, in den Ebereschen lärmten die Drosseln, und die Dahlien streckten so steifnackig und grellfarbig ihre Blumensträuße empor, als wollten sie das arme Menschenherz über das große Sterben in der Natur gutmütig hinwegtäuschen. Die Nächte gaben sich klar und sternenhell; am Morgen jedoch schleppten weiße Tücher durchs Moseltal, aus denen die Berge nur mit ihren felsigen Mützen hervorsahn. Aber der Wein reifte unter der feuchten Umhüllung; strotzend beerten sich allgemach die falbenden Stöcke. – Eines Abends klangen die Glocken besonders feierlich. Sie erinnerten mich an das niederrheinische Geläut. Ich mußte unwillkürlich an die Glocken von Sankt Nikolai denken. Ein wehmütiger Ton mischte sich ein – und dieser Ton zog mich, wie eine dringende Mahnung, in die engere Heimat. Ich war doch Pittje verpflichtet. – Anderen Tages dampfte ich ab. Es war ein sonniger Herbstmorgen. Moseldörfer, ganz in Nußbäumen und Rebenstöcken gebettet, tanzten vorüber. Polternd raste der Zug durch die prächtige Landschaft; Koblenz, Andernach, Bonn wurden passiert – dann stieg Köln mit dem ewigen Dom auf. – Fünfzehn Minuten Aufenthalt! – Der niederrheinische Zug stand schon bereit. Ein Gepäckträger, der mir Handkoffer und Mantelsack abnahm, geleitete mich dorthin. Ich hatte noch Zeit, die internationalen Passanten zu mustern, die buntscheckig unter der mächtigen Glashalle auf- und niederfluteten. Die Ohren gellten mir von dem Gezisch und Gestampf der aus- und einfahrenden Züge. Ich setzte mir eine Zigarre in Brand, sah den Rauchwolken nach, ließ eilen und jagen, was Gefallen daran fand, und promenierte behaglich die Wagenzeile entlang, in deren Nähe bereits niederrheinische und holländische Laute mein Ohr angenehm berührten. So auf- und abschreitend harrte ich geduldig und in behaglicher Stimmung der Abfahrtszeit, als die am äußersten Ende der Bahnhalle auftauchende Gestalt eines hastigen Mannes meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Mit langen Beinen durch die Menge stakelnd, drängte er vorwärts. Er strebte dem niederrheinischen Train zu. Bald war ich imstande, ihn näher aufs Korn zu nehmen. Ich wußte nicht warum und weshalb, aber der neue Ankömmling verstand es, mein reges Interesse immer mehr in die Höhe zu schrauben. Ein faltiger Überrock von tieffchwarzer Farbe umhüllte den oberen Menschen; ein grasgrüner Rucksack war mit Gurten von ebensolcher Kulör um die Schultern geachselt, und taktmäßig, jedesmal den Schritt des rechten Fußes alkompagnierend, stieß er den allmächtigen Regenschirm auf den hallenden Estrich. Das fesselte mich weniger. Aber die Beine – alle Wetter! – die Beine, gravitätisch und viel zu weit durch die aufgekrempten Hosenröhren gestoßen! – Und weiter da oben, unter dem Schlapphut: das liebe Gesicht, das Gesicht mit der Denkerstirn und dem attischen Zug um die Lippen...! Das kannte ich doch – das hatte ich doch schon lange gekannt! »Himmlischer Vater! – Das kann doch kein anderer sein, das ist ja...« Ich war mit meinen Folgerungen noch nicht ganz zu Wort gekommen, als er auch schon auf mich lossegelte und, unbekümmert um Bahnbeamte und Passagiere, die sich keinen Vers auf unser klassisches Begegnen machen konnten, etliche Hexameter beim Kragen faßte und auf mich losfuhr: »Ha, beim Zeus im Donnergewölk, bei seiner honetten, Hellblauäugigen Tochter Pallas Athene – Äfft mich bei lichtem Tag, bei sehender Sonne ein Trugbild?! – Sind denn alle Schleusen der Überraschung geöffnet, Wie sie es waren, da einst Hephästos die Chlamys geachselt Und mit hinkendem Fuß um Aphrodite gefreit hat?! Bist Nu es, bist Du es nicht?! – Ich staune, ich fall' aus den Wolken! – Ha, Du bist es wahrhaftig! – Menschenskind, komm' an die Brust mir! – Aber bei allem, was groß und gewaltig, bei allen Planeten – Jupp, mein Jugendgenoss', poeta – wohin geht die Reise? Etwa nach Rotterdam, nach Utrecht oder nach Brüssel, Oder etwa sogar auf salziger Meerflut gen London? – Schnell mit der Sprache heraus, ich warte, ich harre auf Antwort.« Der lateinische Heinrich hatte mit ausgebreiteten Armen gesprochen, wobei er den stattlich bekrückten Regenschirm, wie ein Kartenkünig sein Zepter, majestätisch aufwärts streckte. Da nun aber bekanntlich die Versifiziererei wie Masern und Röteln ansteckt, ich mich ihm gegenüber auch nicht lumpen lassen durfte, so hexameterten wir uns, trotz des neugierigen und gaffenden Publikums, auf dem Bahnsteig derart an, daß der alte Homer seine helle Freude dran gehabt hätte. »Nichts von alledem,« begann ich, ihm herzhaft die Hand drückend. »Nichts von alledem! – Was gelten mir London und Brüssel, Was Rotterdam und sonst die übrigen Städte in Holland? Nein, mein Freund – mich zieht das Herz in die frühere Heimat.« Er: »Ha, das trifft ja famos, wie aus der Pistole geschossen, Wenn die entlassene Kugel das Aß aus der Karte herausnimmt Grade was mich beseelt, beseelt auch die herrliche Brust Dir! Und so wisse hiermit: ich ließ mein Klärchen zu Hause, Ließ ihrer Obhut daheim inferner das krabbelnde Vierblatt, Das sie mir im Laufe der Jahre geschenkt und erzogen. Frei von Weib und Kind und allem politischen Hader Will ich den Urlaub genießen, dort wo wir Komödie spielten Pomphaft mit Jan und Franz und dem trefflichen Dores-Elvira, Wo die Pappeln gähnen, behäbig die Mühlen sich drehen, Und am Turm von Sankt Nikolai schwebt Dohlengeflatter, Dort wo die Wiesen belebt das schwerhinwandelnde Rindvieh, Und unter zupfender Hand das milchaufstrotzende Euter Spritzt das köstliche Naß in den Zuber von blinkendem Messing: Dort will ich des Tags mich freu'n in behaglicher Ruhe. Aber Du – was treibt Dich anjetzt in die Stadt Deiner Jugend? Ich: »Wie, Lateiner, Du fragst und siehst die geschwollene Tasche, Die, wie'ne Fettgans gespickt, die Paletotnähte mir aufsprengt?! Hier – sein sauber gedruckt auf Velin, gefalzt und geheftet Birgt sich mein neuer Roman, den Pittje zulieb' ich geschrieben. Finis corant opus! – Drum auf zu Pittje – das will ich – Daß ich das Werk ihm behände in Treuen und würdiger Andacht.« Er: »Ha, nun singet dem Herrn ein nagelneues Te Deum! Jubilate! – das imponiert mir, das tut mir gefallen! Und wie Mirjam einst das rasselnde Tamburin aufnahm, Tanzenden Fußes alsdann und knöchelnd das Kalbsfell berührte. Daß ihr die Jungfrauen alle folgten mit Pauken am Reigen – Also möcht' ich Dich feiern, Dich preisen, beloben und heben Dithyrambisch empor zu jenen beglückten Gefilden, Wo da klingen seit ewiger Zeit harmonisch die Sphären. Aber was seh' ich?! – Gleichwie die rosige Eos emporsteigt, Naht sich anjetzt die feurige Mütze des Bahnhofverwalters, Würdig die Abfahrt verkündend; still rückt der Zeiger auf viere. Horch! – schon gellte der Pfiff der stampfenden Lokomotive; Rasch in den Abteil, mein Freund, und setze bequem Dich anjetzo Auf den federnden Plüsch – in Treuen wir fahren gemeinsam.« Ein zweiter gellender Pfiff, ein Fauchen und Prusten, und gemeinsam mit dem lateinischen Heinrich fuhr ich aus der hochgegurteten Halle, ließ das heilige Köln mit seinen köstlichen Gassen und dem ewigen Dom hinter mir und dampfte durch kahle Stoppelfelder, endlose Furchen, und ab und zu ein weißes Segel auf dem langsam schleichenden Rhein gewahrend, weiter stromabwärts. Das Hexameterfieber legte sich während der Bahnfahrt. Wir unterhielten uns von alten Zeiten und Dingen, von dem Herrn Polizeidiener Brill, der trotz seiner fünfundsiebzig Jahre noch immer amtierte, von der langen Kanders, die, obschon hochbetagt, genau in derselben Weise wie früher noch stets als Lichtjungfer die Toten bediente, den langen Gänsehals reckte und den Gästen an Begräbnistagen in hergebrachter Würde und mit dem historischen ›Schlicks‹ behaftet den obligaten Schnaps präsentierte. An der Endstation vertrauten wir uns dem schwerfälligen Postwagen an, kutschierten durch das weite Flachland, bis wir nach anderthalbstündiger Fahrt und gehörig durchrüttelt die kleine Stadt erreichten, in deren Mauern unsere Jugenderinnerungen wurzelten mit all ihren Masern und Fasern. Und als wir einfuhren, deklamierte der lateinische Heinrich: »Sei mir gegrüßt, Du heimischer Boden, Du trauliche Stätte, Wo wir als Kinder gespielt, die große Linde umtanzten Und patriotischen Sinns, dem großen Seydlitz zu Ehren, Dessen Denkmal in Sandstein gefügt sich hebt auf dem Marktplatz, Frisch, fromm, frühlich und frei die Purzelbäume geschlagen. Ha! mich beseelt dasselbe Gefühl, das Odysseus beseelte, Als er nach männermordendem Streit und bänglicher Irrfahrt Ithaka wieder betrat, das meerumflutete Eiland. Sei mir gegrüßt – mein Herz ist bewegt, schon quillt mir die Träne. Raus aus dem Wagen – und dann: beim göttlichen Sauhirt Eumäos Trinken wir anjetzt den Abendschoppen gemeinsam, So, in Treuen vereint, den sinkenden Tag zu beschließen.« Das sollte denn ein Wort sein. Wir gingen also zu Dores Küppers, bei dem ich außerdem mein Losament zu nehmen gedachte, und betraten den Wirtsraum, in welchem sich vorderhand nur wenige Stammgäste befanden, die Karten spielten, mit Dominosteinen hantierten oder auf Grund des ausgelegten, niederrheinischen Kreisblattes politisierten und die Raps- und Roggenpreise besprachen, meistens unbekannte Menschen, die uns nur blutwenig zu interessieren vermochten. Aber ein stiller Gast saß einsam und ganz allein für sich in einer Ecke des Zimmers. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt, die Beine übereinander geschlagen und rauchte aus einer kurzen Meerschaumpfeife, die er mit den Zähnen gefaßt hielt. Stur und wie von einem tiefen Brüten befangen sah er ins Bierglas. »Franziskus!« sagte der lateinische Heinrich – und als der Angeredete aufsah, da präsentierte er sich in der Tat als unser Mitkomparent und Jugendgenosse, als der ehrliche Franz Dewers, nunmehriger Dachdeckermeister hiesigen Kirchspiels. »Heinrich, Jupp...! – Wenn das noch meine alte Großmutter erlebt hätte...!« Die Begrüßung war herzlich. Schon wollte der Lateiner eine passende Rede vom Stapel lassen, wozu er dieses Mal das asklepiadische Versmaß anzuwenden gedachte, als auch schon eine Pulle ›Langkork‹ erschien, der wir sofort den Hals brachen, und die das projektierte Poem in den Orkus versenkte. Allein so 'ne rechte Fidelität wollte nicht aufkommen. Ich wußte nicht, woran es lag, aber etwas Befremdliches war in unsere Mitte getreten. Es war mir schon aufgefallen, daß Franz uns beim Empfang nicht mit dem fröhlichen ›Kärrekiek‹ begrüßt hatte, daß er betrüblich ins Glas sah, und selbst die Pulle ›Langkork‹ das Traurige von seinem Gesicht nicht zu scheuchen vermochte. Franz Dewers war nicht wiederzukennen. Die Gläser klinkten zwar so heiter wie in früheren Zeiten zusammen, Dores Küppers, wenn auch schon vornübergebeugt und auf dem Gangwerk angekratzt, hofierte um uns herum und machte mit seiner Schmalzperücke noch immer den jovialsten Wirt von der Welt, und dennoch: ich konnte mir nicht helfen – unser heutiges Begegnen hatte so einen ganz andern Anstrich und Firnis erhalten; das duftete nach Begräbnis und Totenlade, und daher, um den drückenden Alp von der Brust zu laden, wandte ich mich kurzerhand an den betrübten Jugendgefährten und stellte ihm die kategorische Frage: »Nun aber von der Leber gesprochen, mein Junge. Was ist Dir, was hast Du? Sind Dir etwa Fliegen in die Buttermilchsuppe gefallen?« »Das schon nicht,« meinte Franz mit traurigem Augenaufschlag, »aber mir fehlt was.« »Herr Jerum ...! – Und was denn?« »Ich kann kein Sechsundsechzig mehr spielen.« »Das ist doch keine so unmögliche Sache, das läßt sich doch wieder einrenken.« »Bei mir aber nicht,« kam es leise von den Lippen des braven Gesellen. »Warum denn nicht?« »Der zweite Mann fehlt.« »Wer war's denn?« »Jan Höfkens.« Wir rutschten ungemütlich auf unferen Stühlen herum. Sollte der Dachdeckermeister was haben, was er nicht aussprechen wollte? »Was ist denn passiert?« drängte ich heftig. Da sah uns Franz Dewers mit tränenfeuchten Blicken an und sagte: »Vor vierzehn Tagen ist Jan Höfkens gestorben.« »Was...?!« »De profundis ...!« meinte der lateinische Heinrich und legte die Hände zusammen. Auf leisen Zehenspitzen entfernte sich Dores Küppers. Er wollte unsere Trauer um den abgeschiedenen Jugendgeführten nicht stören. Noch kaum vor Jahresfrist hatte ich den Semmelblonden gesehen und gesprochen, hatte mit ihm an genau dieser Stelle gesessen – und nun... Wir saßen schweigend um den Tisch. Der Lateiner wiegte den Kopf hin und her, während ich in das grelle Licht der Lampe sah, die inmitten des Zimmers von der Decke herabhing – und wir dachten alle an den armen Jan, der so frühzeitig sein Tagewerk getan hatte und von hinnen mußte. Endlich brach ich das Schweigen. »Aber wie kam das so plötzlich?« fragte ich kleinlaut. »Je, wie das Sterben so ist,« meinte Franz Dewers. »Heute rot und morgen 'nen Saltomortale geschossen, wie ich das so als Ehrenmitglied des Turnvereins gewohnt bin zu nennen. Er hatte sich auf der Mühle verkühlt, denn so'n kalter Wind hatte in die Flügel gepustet, kloppte aber des Abends noch Sechsundsechzig mit mir, legte sich dann am zweiten Tage hin, um nicht wieder auf die Beine zu kommen. Der wird nicht wieder, meinte der Doktor, dem ist's auf die Lunge geschlagen. Und so ist's richtig gewesen; denn als ich zu ihm kam, drehte er das Gesicht so'n bißchen zur Seite und meinte: Ich tät' es nich gerne – aber ich müßte doch sterben. – Und dann hat er sich still auf die Strümpfe gemacht und ist nicht wiedergekommen. Neben Kathie Peerenboom liegt er begraben. Und nun sitze ich hier und kann den zweiten Mann nicht mehr finden.« Der Lateiner hatte sich in seiner ganzen Lange erhoben. Etwas unsagbar Trauriges lag auf seinen Zügen gebreitet. »Gott gebe ihm die ewige Ruhe,« sagte er tonlos. »Ein stilles Glas dem braven Johannes.« Und wir erhoben uns und tranken ein stilles Glas auf den Mann, der nicht mehr unter uns weilte. »Und das nämliche können wir auch bald auf Pittje besorgen,« meinte Franz Dewers, nachdem wir uns wieder gesetzt hatten. Ich glaubte nicht recht gehört zu haben »Was sollen wir können...?« »Ein stilles Glas trinken,« sagte der Dachdeckermeister, ohne im geringsten aus der Fassung zu kommen. Ich war aufgesprungen. »Pittje, was ist denn mit Pittje?!« »Es steht schlimm mit ihm, sehr schlimm. Aber er ist schon an die achtzig heran, und da ist so was 'ne ganz natürliche Sache. Er hat schon die letzte Zehrung bekommen.« Ich glaubte vom Schlage getroffen zu werden. »Stimmt,« bestätigte Dores Küppers, der langsam geschlurft kam, »'ne ähnliche Sache wie vorhin. Er hat sich erkältet, das Brustfieber ist darüber gekommen, und der Doktor hat nur wenig Hoffnung gegeben.« »Cita mors ruit!« sagte der lateinische Heinrich mit tiefernster Gebärde. Es schien so, als wenn ein Geist durch die Wirtshausstube ginge und die Lichter ausbliese. Es war Nacht um mich geworden. Die Erinnerung stürmte auf mich ein, und der Lateiner saß da, als müßte er erst wieder zum Bewußtsein des Vernommenen gelangen. Ein tiefer Riß ging durch das heutige Begegnen, und das Gefühl einer dumpfen Betäubung teilte sich auch den übrigen Gästen mit, die sich noch im Laufe des Abends eingefunden hatten und unfreiwillige, aber mitfühlende Zuhörer an unserem Gespräche geworden. Nichts wollte mehr verfangen, eine gehobenere Stimmung in die Wege zu leiten, selbst die frische Bouteille nicht, die Dores Küppers in hochherziger Weise auf seine eigene Rechnung traktierte. »Das war also die ganze Ernte des heutigen Tages gewesen!« mußte ich unwillkürlich denken, als ich von meinen Freunden für heute Abschied genommen und mein Kämmerlein aufgesucht hatte. – Ich konnte nicht einschlafen; verfiel aber endlich in einen lethargischen Zustand. Ich hörte auf das Brummen der Turmuhr und zählte die ganzen, halben und Viertelstunden, die, in meinen fieberartigen Visionen gleichsam verkörpert, mit langen Spinnenbeinen über die Häuser stelzten und doch nicht vom Platze kommen wollten. Ein turmhohes Seil spannte sich quer über den Markt. Es verband das Rathaus mit der Helmspitze von Sankt Nikolai. Wagehalsige Seiltänzer waren darauf beschäftigt. Der vorderste hatte große Ähnlichkeit mit dem lateinischen Heinrich. Eine große Balancierstange in den Händen führend, schritt er totensicher des gefährlichen Weges. Der folgende wollte es ihm gleichtun, stürzte aber mit gellendem Aufschrei kopfüber aus der luftigen Höhe. Jan Höfkens hatte den Hals bei seinen schwindelnden Künsten gebrochen. Und dann war es mir wieder, als galoppierte ich über eine schnurgerade Straße. Hastige Bäumchen jagten vorüber. Hui, wie das ging! – Das Gefühl des Losgelöstseins von Zeit und Raum überkam mich. Nur der Mond war so flüchtig wie ich. Die mattbeglanzte Chaussee schien sich aufzurollen unter den polternden Hufen – und dennoch war ich nicht imstande, dem eiligen Lichtchen, dem armen Seelchen, näher zu kommen, das in geraumer Entfernung von mir über die Straße geisterte. Und ich mußte es doch haben, greifen, festhalten, daß es mir nicht auf den Friedhof entwischte. Ich verdoppelte die Anstrengungen des verzweifelten Rittes. Jetzt rückte ich naher. Das scheue Lichtchen wollte seine Kraft verlieren. Schon glaubte ich den Sieg in Händen zu haben, als eine lange Mauer erschien, über welche düstere Lebensbaume aufragten, und ein ernstes Kruzifix emporstieg. Ich hatte vergebens geritten: die arme Seele war auf den Kirchhof gegangen. – War das die Seele von Pittje gewesen ... ?! – Und die Nacht verging, und es ward Tag. – Am Morgen so gegen elf ging ich zögernd, beklommen und mit den Aushängebogen unterm Arm in Richtung der Kefselstraße. Das Gras wuchs zwischen den Pflastersteinen wie früher, die mohnblauen Tauben rucksten auf den Straßen wie immer, das Rathaus, das Standbild des Reitergenerals Seydlitz, die alte Linde mit der wuchtigen Auslage und den Hökerweibern darunter – alles hatte sich im Laufe des Jahres nicht um ein Iota geändert; nur mit Pittje war das anders geworden. Dort lag schon sein Häuschen. Die schmale Frontseite hatte erst kürzlich einen frischen Anstrich bekommen. Schön gepflegte Astern standen in roten Blumentöpfen und in schnurgerader Reihe auf den vorspringenden Fensterborten. Auch das Messingschild neben der Klingel, auf welchem die Worte standen: 'Peter Pittjewitt, Barbier, Schwemestecher und Leichenbitter' war noch immer vorhanden. Alles dasselbe, alles dasselbe ...! Und die blankgescheuerten Barbierbecken hingen darüber, klingelten gemächlich im Wind und ließen sich von den warmen Sonnenstrahlen bescheinen. Ich zögerte lange, bis ich den Mut fand, die Schelle in Bewegung zu setzen. Fast ängstlich nahm ich den Griff, und als ich anzog, da ließ sich ein wimmerndes Tönen vernehmen. Gleich darauf wurde geöffnet. Vorgebeugten Leibes, die seidene Schirmmütze im Nacken, das Gesicht von den korrekt geputzten, eisgrauen Hasenpfötchen eingerahmt, blanke Silberringe in die Ohrläppchen gekneipt – in dieser Erscheinung konnte ich Wilm Henseler die Hand drücken, und ich tat es herzlich und bewegt, wußte ich doch, daß ich in Wilm ein Stück unseres gemeinschaftlichen Freundes begrüßte. »Ah!« sagte Wilm, »haben wir auch mal wieder die Ehre. Das is äußerst nobel von Dir, mehr wie nobel, mein Junge. Gut so, schön so. – Mit ihm is das leider bis zum höchsten Maxusstandpunkt gekommen. Da oben scheuern sie schon die gute Stube für Pittje, denn ihm muß in seiner Eigenschaft als edler Mensch ein piekfeines Zimmer gebohnert werden. Nu komm' man; ich werde Dir mellen.« Der betagte Schreinermeister ging auf weichen, weißen Lammfellstrümpfen voraus, drückte geräuschlos die Klinke – und als wir ins Zimmer traten, da saß Pittje zwischen hohen Kissen aufrecht im Lehnstuhl. Ein seniles, aber liebes Kindergesicht sah mir entgegen. Wie eine Verklärung ging es über die verfallenen Züge. Eine weiße Nachtmütze war ihm tief über die Ohren gezogen. Bläuliche Schatten spielten um die Fingernägel der zusammengefalteten Hände. Die Nase war länger und schmaler geworden. Sie machte den Eindruck des Porzellanartigen. Der Schein eines hellen Lichtes hätte hindurchgehen können. Ich mußte an die Vision denken, die ich ungefähr vor Jahresfrist im Postwagen hatte, als ich um die Weihnachtszeit in Gedmeinschaft des geistlichen Herrn von Kleve nach hier fuhr. Genau so wie heute hatte Pittje damals vor mir gesessen. Das konnte nicht lange mehr dauern mit seiner irdischen Sendung. Das ging so ganz leise und sacht in das andere Leben hinüber. Ich mußte mich zusammennehmen, als ich diese Überzeugung gewann und setzte ein heiteres Gesicht auf, um mir nichts anmerken zu lassen, obgleich ich nahe daran war, konvulsivisch zu schluchzen. »Tag, Pittje ...« »Je, Jupp – das ist lieb von Dir; solche Freunde kann man gebrauchen im Leben und Sterben, denn mit mir ist das nun alle geworden. Schlimm ist das nicht; ich habe mein Leben ausgelebt – aber mit dem armen Jan Höfkens ist das schlimmer gewesen. Der mußte zu früh die Windsegel einziehn und von der Mühle herunter.« »Aber, Pittje ...!« Ich hatte mich umgewendet und sah auf die Straße. »Pittje, bekriege Dir doch,« suchte ihn Wilm Henseler zu trösten, »Du bist doch nu über den schwersten Stand« Punkt herüber.« Der Kranke lächelte trüb. »Du glaubst mir nich, Pittje? – Würde ich mir sonst noch ein Priemchen vergönnen?« Mit Ostentation schob er sich ein saftiges Röllchen hinter die Backe. »Nein, nein, nein,« lächelte Pittje, und sein Kopf begann nach vorne zu sinken, »es hat alles seine Zeit – und an mich ist nun die Reihe gekommen. – Jupp,« sagte er hierauf mit schwacher Stimme, »siehst Du das?« Er deutete auf seine vorgeschobenen Füße. »Was denn, Pittje?« »Die Filzschuhe. – Auf diesen geht es vielleicht noch heute in 'ne andere Gegend. Ich habe sie angezogen, damit niemand mich hört, wenn ich fort muß.« Eine traumhafte Sehnsucht ergriff mich. Ich war nähergetreten. Plötzlich sah er mich mit großen Augen an. »Und das Buch – hast Du daran gedacht ...? – Das wäre denn doch noch so 'ne Herzenssache vor dem Sterben gewesen.« Er hatte kaum hörbar gesprochen. »Hier, Pittje, hier ist es.« Ich schob ihm das Verlangte zwischen die Hände. »Ich danke Dir, Jupp, ich danke Dir vielmals.« Mit steifen Fingern begann er mechanisch zu blättern. »Es wird schon richtig sein; da wird schon das nötige drin stehn: von mir und ihr und den andern – alles. Hier kann ich's nun doch nicht mehr lesen, aber da drüben: hinter dem dunklen Tor, durch das ich hindurch muß – da in dem ewigen Licht, da liest sich das alles besser und tiefer. Aber jetzt wissen die Leute, daß ich es nicht war, der sie verlassen hat und sie hinausgestoßen ins Elend. Nun wissen die Leute, nun wissen die Leute ... Ich danke Dir vielmals.« Die letzten Worte waren nur ein verschwommenes Sprechen gewesen. Er tastete nach meiner Hand und sagte zu Wilm: »Du, Wilm, gib mir doch mal die Kaffeetasse herüber. Die da mit dem goldenen Rand und dem doppelten Henkel.« Und als dieser sie brachte, griff er hinein und gab mir den großen Siegelring, von dem er in seinen Aufzeichnungen gesprochen hatte. »Es ist mein Wille; ich möchte so gern, daß Du ihn ... daß Du ihn ...« Flüsternd von sich gegeben, ging das Gesprochene schließlich in ein wirres Gerede über, in welchem wir keinen Zusammenhang mehr auffinden konnten. Die Hände umfaßten die Griffe des Lehnstuhls; immer mehr senkte sich das schmale Gesichtchen nach vorne. Pittje hatte die Lider geschlossen. Jetzt saß er wie ein Mann, vor dessen geistigen Blicken noch einmal die ganze Geschichte seines Lebens vorbeizieht. »Er schläft,« meinte Wilm Henseler, »möglich, daß er vergißt ...« Wilm wischte sich mit dem dicken Daumen über die Augen. Die Fliegen fummelten im Zimmer, und einförmig ging der Perpendikel im Uhrgehäuse. Er tickte und tackte. Ich versprach, gegen Abend wiederzukommen; erschüttert verließ ich die Stube. Draußen lachte fröhlich die Sonne. Nachdem ich den lateinischen Heinrich aufgesucht hatte, machten wir einen gemeinschaftlichen Spaziergang in die benachbarten Weiden, um in Gottes freier Natur unseren Schmerz etwas niederzukämpfen. Wir besuchten die Stätten, wo wir als Jungen gespielt und geschwärmt hatten, aber das dritte Wort war immer nur: Pittje und Pittje. »Der Mann wird uns fehlen,« sagte der lateinische Heinrich. Als wir heimkehrten, war es spät Mittag geworden. Von der Dores Küpperschen Wirtschaft aus verfolgte ich bangen Sinnes die großen Zeiger der Turmuhr. Ruckweise gingen sie vorwärts. Endlich war es schummerig und dann ganz allmählich dunkel geworden. In den gegenüberliegenden Giebelhäusern hellten die Fenster auf. Ich schickte mich an in das Sterbehaus zu gehen, als auch schon ein Bote von Wilm Henseler vorsprach, der mich ersuchte, so schnell wie möglich in die Kesselstraße zu kommen. Als ich eintrat, hatte sich scheinbar nicht vieles verändert. Aber der Dokter war dagewesen und hatte Kampfer verordnet. Das Herz wollte nicht mehr. Zwei Kerzen standen auf dem Tisch und erhellten spärlich die nächste Umgebung. Pittje lag friedlich zwischen den Kissen. Wilm Henseler und ich hatten uns stumm bei ihm niedergelassen. Ab und zu begann er zu reden. Er sprach von seiner Mutter, von Wilm Henseler und Kathje. Auch Jan Peerenbooms wurde gedacht, und dann rief Pittje mit einmal: »Iantje Klaas – Iantje Klaas!« Die Kerzen waren merklich tiefer gebrannt. Pittje war still geworden. Gegen zehn Uhr trat jemand leise ins Zimmer. Wir hörten und sahen es nicht, aber Pittje hörte und sah es. Er riß die Augen auf; dann ging so ein heiteres und inniges Lächeln über die sich verklärenden Züge. Wilm Henseler folgte aufmerksam den weiteren Vorgangen. Er hielt die rechte Hand seines Freundes lang in der seinen. Plötzlich stand er auf und begab sich auf seinen weichen Socken zur Standuhr. Dort hielt er den Perpendikel an. Lautlos kam er zurück. »Ich melle gehorsamst, daß unser lieber Freund ...« Er sprach nicht weiter. Noch eine Weile stierte er stumm und stumpf vor sich hin, dann stieß er einen dumpfen Laut aus und schlug die Hände vor das Gesicht. Pittje Pittjewitt war von uns gegangen. – – – Zwei Tage später kam die lange Kanders in das Haus auf der Kesselstraße, wo die Läden vorgelegt waren, um die letzten Anordnungen zu treffen. Mit der ihr eigenen Ruhe und Sachkenntnis waltete die hochbetagte Lichtjungfer ihres traurigen Amtes. Sie richtete alles aufs beste. Am dritten Tage nachmittags, gegen fünf Uhr, wurde Pittje zur letzten Ruhe geleitet. Die allgemeine Trauer, die rege Beteiligung, die stillen Tränen, die ihm nachgeweint wurden, bekundeten sattsam, wie schwer es allen wurde, von Pittje scheiden zu müssen. Die Glocken von Sankt Nikolai läuteten den letzten Gang ein. Mit Wilm Henseler, Franz Dewers und dem lateinischen Heinrich schritt ich dicht hinter dem Sarge. Der Lateiner hatte einen hohen Kreppbesatz um den Zylinder gewunden. Von den Responsorien der Geistlichkeit begleitet, ging es zum nahegelegenen Friedhof. Am Torgatter salutierte Herr Brill. Neben der Grube, wo Pittje ruhen sollte, stand ein einfaches Holzkreuz. Ich schreckte leise zusammen, als ich die Aufschrift las: »Jan Höfkens – geboren am 15. Januar 1857, gestorben am 29. September 1903.« »Ich tät´ es nich gerne – aber ich müßte doch sterben.« Diese Worte, die er noch kurz vor seinem Tode gesprochen hatte, traten mir wieder in den Sinn. »Armer Jan ...!« An seiner Seite, in unmittelbarer Nähe wo Kathje Peerenboom ruhte, wurde Pittje beerdigt. Auf einem mulmigen Holzkreuz saß ein Zaunkönig. Fern im tiefen West stand das Abendrot. Sein Schein warf eine milde Aureole über Gräber und Kreuze. Als Pittje eingesenkt wurde, als die ersten Schollen niederfielen – sang der Zaunkönig leise, wehmütig ... Ich konnte mich nicht mehr halten. »Es ist bestimmt in Gottes Rat,« flüsterte der lateinische Heinrich. Der Zaunkönig sang und dichtete weiter. »Lebe wohl, Pittje ...!« Die Sonne war untergegangen.