Hermann Marggraff Fritz Beutel   Inhaltsverzeichniß. Briefwechsel zwischen Fritz Beutel und dem Herausgeber. 1. Kapitel.   Beschreibung Schnipphausen's und seiner Einwohner und Naturproducte. Wunderbare Geschichte der Geburt Fritz Beutel's. Sein erster Kampf. Er gibt sich selbst seinen Taufnamen und hält beim Taufschmause eine schöne Rede. Phantasmagorieen und erster Katzenjammer Fritz Beutel's. Unterrichtsmethode seines Vaters, Valentin Andreas Beutel. Erste Entdeckungsreisen Fritz Beutel's bis zur Planke. Raubritterschaftliche Vergnügungen mit dem Junker Hans von Piesack. Innige Beziehungen zu der Schnipphausen'schen Thierwelt. 2. Kapitel.   Wie sich Fritz Beutel, nach einem merkwürdigen Gespräch mit seinem Vater, dem Schullehrer zu Schnipphausen, vier Jahre älter macht, wie er von Beate Regina Cordula Veronica Pipermann Abschied nimmt, wie er sich als Poststück nach Hamburg spediren läßt, wie er sich in Herrn Schummer's Familie einführt und von diesem nach Amerika Rathschläge auf den Weg mitbekommt, die sich auch der verehrte Leser zu Nutze machen kann. 3. Kapitel.   Abfahrt auf der Amphitrite. Romantische Scene mit Marie Windelmeier. Kapitän Krischan Schroop. Entsetzliche Katastrophe wie solche nie dagewesen, aber von Fritz Beutel überstanden wird. 4. Kapitel.   Fritz Beutel gründet das Kaiserthum Beutelreich und entwirft eine Reichsurkunde. Furchtbarer Traum mit fröhlichem Ende. Der Hund Hector. Erste Excursion Fritz Beutel's in das Innere des Reichs. Beschreibung der Thiere und Pflanzen auf Beutelland, sehr lehrreich und nützlich für Zoologen und Botaniker. Erstes Nachtlager auf der Wasserblume. 5. Kapitel.   Fortsetzung der Excursion. Plötzlich veränderte politische Stellung zu den animalischen Bewohnern Beutellands. Aufstand der geschwänzten Affen. Furchtbare Kämpfe mit denselben. Ihre Niederlage. Deputation der ungeschwänzten Affen und Schutz- und Trutzbündniß mit diesen. Griseldis. Grauenhafte Entdeckung in Betreff eines Seifensiedergesellen aus Glückstadt. Verirrte Spuren deutscher Lyrik. 6. Kapitel.   Seeexpedition. Entdeckung des Erzherzogthums Klein-Austria. Höchst merkwürdige Begegnung mit Krischan Schroop und Marie Windelmeier. Schicksale derselben. Rückkehr nach Beutelland. 7. Kapitel.   Bedeutungsvolle Unterhaltungen des Kaisers Fritz Beutel mit seinem Marineminister Krischan Schroop über das Besitz- und Eigenthumsrecht und den alten Adam, für Juristen von größter Wichtigkeit. Excursion mit Krischan Schroop ins Innere. Noch grauenhaftere Entdeckung in Betreff des Seifensiedergesellen. Ein Brief in einer Flasche. Abermalige Seeexcursion. 8. Kapitel.   Entdeckung von Pipermannland. Wunderbares Wiederfinden Peter Silje's und der Mamsell Pipermann. Kampf mit den Menschenfressern. Merkwürdige Rettung deutscher Landsleute. Der italienische Sänger Rackerino Rackerini. Regierungsmaßregeln, Ergänzung des Ministeriums und Creirung von Hofchargen. Rückkehr nach Beutelland. 9. Kapitel.   Neuer Kampf mit den Schwanzaffen und Ausrottung derselben. Wald- und Prairienbrand und Rettung Fritz Beutel's durch Hector. Reichsgummitracht. Decret gegen Rackerino Rackerini. Empörung desselben auf Pipermannland. Schändliche Entführung der Kaiserin Beate sammt der Prinzessin Guitarria Cichoria Cigarretta. Furchtbare Rachepläne Fritz Beutel's. Wirbelwind und allgemeines Erdbeben. Untergang Beutellands. Wunderbare Rettung Fritz Beutel's. 10. Kapitel.   Fahrt in den Ocean. Merkwürdiger Anblick von Pipermannland. Rackerino Rackerini's Ende. Ankunft Fritzens in der arktischen Region. Kampf mit den Eisbären und Beschwichtigung derselben. Landung auf der Eisinsel. Häusliche Einrichtung Fritz Beutel's in einem Wallfischrachen. Die Eisinsel macht sich auf den Weg. 11. Kapitel.   Zusammentreffen mit der Nordpolexpedition des Admirals John Roß. Wie Fritz Beutel das Admiralsschiff wieder flott macht. Merkwürdige Operation mit neu erfundenen Brennspiegeln. Fritz Beutel trennt sich von Admiral Roß und geräth in ein Nordlicht, das er verstärkt. Er entdeckt den Nordpol. Was an diesem eigentlich ist und was von Fritz Beutel daran hängen bleibt. Fritz Beutel zieht die Aufmerksamkeit aller Magnetnadeln auf sich. 12. Kapitel.   Fritz Beutel's Winterschlaf in einem Vulkan. Seine unerwartete Beförderung in das Land der Kuxusen. Beschreibung des Volkes. Schlacht zwischen den Kuxusen und Gurkchusen. Fritz Beutel Generalissimus. Seine Fest- und Siegesrede. Er liest mit der Prinzessin Kax den Werther in der Landessprache und soll diese ehelichen. Drohende Stellung des Prinzen Knitschogarsk. Flucht Fritz Beutel's auf einem Rennthier und Ankunft in einem englischen Fort. 13. Kapitel.   Diplomatisches Diner bei dem russischen Gouverneur Michailowitsch Andrejewitsch Karabatschew. Abenteuer mit dänischen Matrosen und einem Wallfisch. Wiederzusammentreffen mit Krischan Schroop und dem Hunde Hector auf Krischansruhe. Merkwürdige Mittheilungen Krischan Schroop's. Das Märchen von dem californischen Golde und beachtenswerthe Warnung davor. Fritz Beutel erfindet eine neue Methode, Büffel zu fangen. Wunderbarer Ritt auf einem Büffel. 14. Kapitel.   Fritz Beutel wird auf seltsame Art Heerdenbesitzer, kommt wegen angeblicher Eigenthumsbeschädigung in Fatalitäten, bindet Jemanden einen Bären auf, läßt seine Heerde im Stich und reitet davon, wobei er vier Farmer aus dem Sattel wirft. 15. Kapitel.   Fritz Beutel geräth in den Rocky Montains unter eine Gesellschaft von Trappers, die er auszieht, worauf er wieder davon reitet. Kühner Sprung und Ritt durch die Prairie. Zusammentreffen mit dem Prairienwolf. Fritz Beutel rettet das Indianermädchen Ma-Nu-La-Hit-Tih aus dem Schlunde einer Riesenschlange. Was sich weiter mit ihm und dem Indianermädchen in dem Schlangenloche begab. Ankunft in Schnipphausionopolis. 16. Kapitel.   Peter Silje als Redacteur des »Minotaurus« und Fritz Beutel als Besitzer eines Museum thierischer und menschlicher Wunder. Er gründet im Tanzsaale des Gasthauses »zur deutschen Eintracht« eine religiöse Secte. Conflict mit Nativisten. Fritz Beutel siegt fliehend über das nativistische Element. 17. Kapitel.   Fritz Beutel gelangt nach Beutelfurt und steigt im Hotel »zum Fritz Beutel« ab. Wird Geistlicher und betreibt noch andre Geschäfte, wobei der Leser erfährt, wie weit man in der Anfertigung von Surrogaten gehen darf. Proben Fritz Beutel'scher Begräbniß-, Trau- und Taufreden. Bringt sich selbst eine Katzenmusik und legt sein Amt nieder. Seine Abschiedspredigt und Aussöhnung mit den Pferdedieben. 18. Kapitel.   Fritz Beutel kommt nach St. Louis, wo er sich bei Freund Winkerle nach der Doppelrasiermethode rasieren läßt. Wird Pillen- und Essenzenverkäufer, gründet das sanitätische Beuteleum nach communistischen Principien, errichtet Agenturen zur Befriedigung culinarischer Genüsse und macht sich als wandernder Medicamentenverkäufer davon. – Fritz Beutel in Cincinnati. Aufforderung im Namen des Präsidenten der Republik an Fritz Beutel, der in Folgen davon Cincinnati verläßt und nach Washington reist, wo er eine denkwürdige Besprechung mit dem Präsidenten hat und von der Frau Präsidentin nebst deren sieben Töchtern sehr freundlich aufgenommen wird. Fritz Beutel wirbt in New-York eine Fremdenlegion für den Gouverneur von Algerien, die aus sehr merkwürdigen Exemplaren besteht, segelt mit ihr nach Algier und führt seine Legion dem Generalgouverneur vor. 19. Kapitel.   Ausmarsch aus Algier und Feldzug gegen die Kabylen. Wie diese Reißaus nehmen und wie Fritz Beutel Löwen jagt, auch mit den Löwen in ein näheres Verhältniß tritt. Sehr interessantes Zusammentreffen mit dem Tschugatschenprinzen Knitschogarsk und mit Beate Pipermann. Fritz Beutel mißt sich mit dem Prinzen und stiftet zwischen ihm und Beate eine Ehe. Er errichtet eine Löwengarde und erstürmt Constantine. Unterschlagung des ihm zugedachten Marschallstabs. Höchst fatales Rencontre mit dem neuen Gouverneur, worauf er mit seinem Reitlöwen auf den Mittelpunkt Afrikas lossprengt. 20. Kapitel.   Fritz Beutel gelangt nach Tombuktu, legitimirt sich hier durch einen Steckbrief und studirt die afrikanischen Rechte. Rechtsgrundsätze des Professors Zibari. Fritz zieht die Augen der Königin Krikikara auf sich und wird nach einem Commersch im Wirthshause »zum baierischen Schöppchen« nach der Königsburg abgeholt, wo die Königin Krikikara mit ihm ein interessantes Gespräch über die europäische Civilisation, über Nationalökonomie und Heirathsangelegenheiten hält. Fritz Beutel wird hierauf Königin-Gemahl. 21. Kapitel.   Fritz Beutel organisirt den Staat Tombuktu und wird zum Doctor promovirt. Seine Regierungssorgen und unschuldigen Vergnügungen. Die Tänzerin Matscha Schnoka, genannt Rosa de Tepita. Schwarzgelbes und schwarzweißes Naturspiel an seinen Kindern. Intriguen des Prinzen Känkrino. Furchtbarer Ausbruch der Eifersucht bei der Königin Krikikara. Entsetzliche Katastrophe. Höchst wundersame Rettung Fritz Beutel's. Peter Silje als Pränumerantensammler. 22. Kapitel.   Fritz Beutel gründet mit Peter Silje in Macomaco ein Theaterjournal. Staatsgefährlicher Parteikampf zwischen den Sängerinnen Clabasteroni und Cleisterazzi. Der Sultan Piesacko. Ueberraschung durch die Tänzerin Rosa. Fortgang der Theaterwirren. Fritz Beutel besiegt die Nebus und wird Herzog von Quiquamqui. Seltsame Fata Morgana. Mehrfache inhaltreiche Unterredungen mit dem Sultan Piesacko, in welchem Fritz Beutel einen alten Bekannten wieder erkennt. Wie Rosa ihm ein gebrochenes Herz hinterläßt. Militärische Mission aus Frankreich. Wie Fritz Beutel den französischen General in den Sack steckt. Zerwürfniß mit dem Sultan Piesacko und Flucht Fritz Beutel's. 23. Kapitel.   Straußenritt durch die Wüste. Sommeraufenthalt in einer Pyramide. Hieroglyphische Studien. Noch nie dagewesenes Abenteuer mit einer Mumie, der Prinzessin Pumphitta, die höchst merkwürdige Aufschlüsse über den keuschen Joseph und Madame Potiphar macht. Tragisches Ende des Verhältnisses mit der Mumie. 24. Kapitel.   Fritz Beutel in Aegypten. Er kommt mit einem sehr wunderbaren Gefolge nach Cairo und geräth in Conflict mit der obersten Polizeibehörde. Seine Audienz beim Vicekönig und Begegnung mit Beate. Der Vicekönig sucht Fritz Beutel für die orientalischen Angelegenheiten zu gewinnen; Fritz Beutel aber reist nach Schnipphausen, wohin ihm Beate folgen soll, aber nicht folgt. 25. Kapitel.   Fritz Beutel als Fürst Närrschikow in Neapel. Er gibt diplomatische Diners und vesuvische Nächte, und geräth in Unordnung mit seinen Finanzen. Verhängnißvolles Rencontre mit dem russischen Gesandten. Er soll als Oberküchenmeister nach St. Petersburg befördert werden, macht aber einen entsetzlichen Lärmen und entzieht sich dadurch der angedrohten Beförderung. Abermals noch nie dagewesenes Erlebniß in einem Todtengewölbe zu Ferrara. 26. Kapitel.   Fritz Beutel macht einen Strich quer durch Italien und die Schweiz und kommt auf diesem nach Deutschland, wo er im Auftrage einer Auswanderungs-Agentur vierhundert »Köpfe« nach Nordamerika wirbt. Er knüpft in Leipzig buchhändlerische und literarische und im Kyffhäuser mit Friedrich dem Rothbart politische Verbindungen an, löst auch eine medicinische Preisfrage in höchst wissenschaftlicher Weise. Fritz Beutel in der Schulstube und auf dem Kirchhofe in Schnipphausen. Abfahrt nach Amerika. 27. Kapitel.   Ankunft in New-York, wo man seine langjährige Abwesenheit höchlichst bedauert. Kommt mit dem Chef der Agentur in einen Proceß und stellt seine Auswanderer aus, womit er gute Geschäfte macht. Er errichtet ein Leihhaus und ein Heirathsbureau, wodurch er wieder mit Beate und dem Prinzen Knitschogarsk in Verbindung kommt, reist dann mit Gummibahn nach Kalifornien und findet hier eine alte Prophezeihung von ihm eingetroffen. 28. Kapitel.   Fahrt nach Calcutta, Besuch bei der Königin Pomare und Begegnung mit Guitarria Cichoria Cigarretta, seiner Tochter. Lebt als Nabob in Ostindien und wird als eine Verkörperung Gott Buddha's von einer tibetanischen Deputation nach Tibet abgeholt, wo er als Dalai Lama die große Landesschildkröte reitet. Er sattelt den Reichsadler und entschwebt. Wie China aus der Vogelperspective aussieht. Fritz Beutel steigt in den kaiserlichen Gärten von Pecking ab, nimmt am kaiserlichen Opiumcollegium Theil und raucht den Kaiser nieder, worauf er die Prinzessin Sitsch-Li-Fi heirathet und für eine Weile wieder ein gemachter Mann ist. Sein Edict zur Hebung der ästhetischen Angelegenheiten China's. Zopfrevolution. Fritz Beutel wird durch Guitarria Cichoria Cigarretta nach Australien gerettet, wo er Gold gräbt. Ein Schreiben mit N. unterzeichnet ruft ihn nach Konstantinopel. 29. Kapitel.   Fritz Beutel in Konstantinopel. Diplomatische Conferenzen mit dem französischen Gesandten und den türkischen Ministern über die orientalischen Angelegenheiten. Fritz Beutel erhält den Posten eines Ober-Geheim-Feldmarschalls bei den Alliirten. Peter Silje's Bureau zur Anfertigung diplomatischer Noten. Mittheilungen über Hans von Piesack. Allerlei Verlegenheiten in diplomatischen Cirkeln. Fritz Beutel gewinnt die Schlacht von Kalafat und vertheidigt Silistria. Zerwürfniß mit Omer Pascha. Fritz Beutel wird dem Marschall St. Arnaud ad latus beigegeben und geht nach der Krim. 30. Kapitel.   Landung auf der taurischen Halbinsel. Homerische Begegnung mit einem Tscherkessen. Fritz Beutel gewinnt die Schlacht an der Alma und stürmt Sebastopol, indem ihm Guitarria Cichoria Cigarretta zu Hilfe kommt. Fürst Mentschikow übergibt Sebastopol und die Flotte an Fritz Beutel, der Vertrag wird aber von den Marschällen der Alliirten nicht ratificirt. Wortwechsel darüber mit den Marschällen, während die Tartarennachricht ihren Weg nach Wien findet. Fritz Beutel erklärt sich neutral, hüllt sich in Fürst Mentschikow's Paletot und wird Schwiegervater des Fürsten Kantschukeno, auch Großvater. Schwarz-roth-goldne Sympathieen unter den Kirgisen und Baschkiren. Schluß. Briefwechsel zwischen Fritz Beutel und dem Herausgeber. Fritz Beutel an den Herausgeber . Hamburg, den 6. September 1847. Mein Herr! Im Begriff, zur Erholung von den selbst meine sonst unverwüstlichen urgebirgischen Nerven angreifenden deutschen Zuständen eine kleine Spazierfahrt nach Amerika und darüber hinaus zu machen, begab ich mich heute Vormittags in die Lesesäle der Börsenhalle, um mich hier zum Abschiede mit dem nöthigen journalistischen Ballast zu versehen, den ich, im Fall mein Schiff in Gefahr kommen sollte unterzugehen, über Bord werfen könnte. Bei dieser Gelegenheit stieß ich, beim Durchblättern des ersten Jahrgangs, unter andern auf No. 15 und No. 20 der in München erscheinenden »Fliegenden Blätter«. Nicht wenig war ich überrascht und erstaunt, darin ein angebliches Portrait von mir und einen durch beide Nummern gehenden Artikel zu finden, der den Titel trug: »Fritz Beutel's wunderbare Abenteuer zu Wasser und zu Lande« und mit Ihrem, wie ich der Höflichkeit wegen hinzusetze, »geachteten« Namen versehen ist. Zunächst beklage ich mich über mein angebliches Portrait, gegen welches sich mein ganzes Inneres empört. Ich bin dort als ein hagerer, halbverhungerter, schlotteriger Lump und Bummler dargestellt, die Hände in den Hosentaschen, die Weste heraufgezogen, den Hemdenlatz offen, die sichtlich etwas abgebrauchte Cravatte vom Halse weit abstehend, die Mütze schief auf dem Scheitel sitzend. Ich habe stets auf Anstand und auf saubere Toilette gehalten, soweit es meine Geldmittel gestatteten und selbst wenn sie es nicht gestatteten. Außerdem sehe ich nicht hager und verhungert aus, sondern wie ein Mann, der sich zu nähren wußte und sich seine Corpulenz etwas kosten ließ; die Fleischpartien sind an mir so wohlgerathen, wie an einem Rubens'schen Heiligen, und meine Formen rund und appetitlich, wie sich für einen respectabeln Mann in seinen besten Jahren geziemt. Jenes Portrait ist also ein bloßes Phantasiebildniß, ein Libell und Pasquill auf die Ehre meines Leibes und ein grober, durch nichts zu rechtfertigender Verstoß gegen die geschichtliche Wahrheit. So viel was mein Portrait anlangt. Wäre es in Farben ausgeführt, so bin ich dessen sicher, daß das Roth daran sich aus Schreck in Weiß und das Weiß aus Scham in Roth verwandeln würde. Doch genug davon! Aber auch mit den Mittheilungen, die Sie mir in dem genannten Aufsatze in den Mund legen, habe ich Ursache, meine Unzufriedenheit auszusprechen. Sie lassen mich darin die Thaten, die ich in meiner frühesten Kindheit ausgeführt und die Abenteuer, die ich als tapferes Mitglied der Fremdenlegion in Algerien und als Theilnehmer einer arktischen Expedition am Nordpol bestanden habe, einem Kreise von Bekannten in einem Weinhause erzählen. Ganz gewiß sind Sie der stille Mann und Beobachter, der im vorigen Jahre im Hôtel de Bavière in Leipzig am untern Ende der Wirthstafel saß, wie es schien, zu tief versunken in sich, um auf meine Erzählung Acht zu haben. Indem ich mehrmals meinen Blick unwillkürlich auf Sie richtete, dachte ich: der erste Mensch, der bei der Schilderung so wunderbarer Thaten und Ereignisse keine Miene und keinen Gesichtsmuskel verzieht! Nur dadurch erregten Sie mein Interesse, denn sonst schienen Sie mir ein ziemlich unbedeutendes Subject zu sein, womit ich Ihnen übrigens keine Beleidigung sagen will; denn wer soviel erlebt, erfahren und ausgeführt hat, wie ich, dem erscheint zuletzt Alles, was Mensch heißt, und namentlich jeder Culturmensch, jeder gebildete Europäer als gänzlich unbedeutend. Mir ist soviel Wunderbares in meinem thatenreichen Leben aufgestoßen, daß ich selbst dann bei vollkommen kaltem Blute geblieben sein würde, wenn Sie in Gestalt eines in sich versunkenen Krokodils mir gegenüber gesessen hätten. Ich würde gar nicht einmal darüber reflectirt haben, wie es zugegangen, daß sich ein Krokodil unter die civilisirten Gäste in einem Leipziger Hôtel mischen konnte. Bei den gesteigerten Communicationsmitteln und der dadurch ermöglichten Vermischung aller Geschöpfe, würde ich dies ganz natürlich gefunden haben. Ohnehin macht ja, wovon ich mich in Aegypten durch den Augenschein selbst überzeugt habe, die moderne Bildung und Gesittung auch unter den Krokodilen reißende und wahrhaft bedenkliche Fortschritte. Einem Krokodil sahen Sie nun zwar im entferntesten nicht ähnlich, und doch waren Sie eine Art Krokodil, ein stoffhungriger deutscher Schriftsteller, der einige Brosamen aus meiner Erzählung heißgierig aufgeschnappt und durch das Organ der »Fliegenden Blätter« in weitern Kreisen bekannt gemacht hat. Meine Mittheilungen waren, wie die jedes mündlichen Erzählers, fragmentarisch und desultorisch; Ihre Wiedererzählung trägt diesen Charakter in noch höherem Grade, und so erhielten die Leser der »Fliegenden Blätter« durch Sie eine höchst unvollständige und lückenhafte Vorstellung von mir in den betreffenden Momenten meines Lebens. Daß mir dies nicht angenehm sein kann, brauche ich einem einigermaßen einsichtigen Manne nicht erst zu sagen. Erwäge ich außerdem, daß Sie Ihr literarisches Renommé zu fördern suchen, indem Sie mich und meine Privatmittheilungen ausbeuten, und daß Sie das Honorar dafür in die Tasche stecken, ohne mir einen Kreuzer davon zukommen zu lassen, daß Sie mit einem Worte geerntet haben, wo Sie nicht gesäet hatten, so stieg mein Unwille über solche Freibeuterei zum höchsten Grade gebührender moralischer Entrüstung. Geld ist zwar im Grunde für mich nur Chimäre; ich kann nöthigenfalls wie der Vogel in der Luft und wie der Fisch im Wasser leben; aber es gibt Augenblicke – Sie verstehen mich! – Augenblicke, wo man einer solchen Chimäre höchst dringend bedarf, wenn man nicht selbst zu einer Chimäre werden will. Jene verteufelten runden Dinger, die man Thaler oder Gulden oder Francs nennt, sind einmal das einzige Hilfsmittel, um in civilisirten Ländern das Leben mit poetischen Genüssen und Zierrathen zu umgeben. Ich habe deutsche Poeten kennen gelernt, die in den höchsten Sphären der Poesie und Selbstvergötterung umherschweiften, die gerade an Dichtungen arbeiteten, von denen sie hofften, daß sie noch mehr sein würden als blos unsterblich, und die sich dabei doch höchst hypochondrisch, niedergeschlagen und verzweifelt gebärdeten. Sie sangen von Champagner, von Liebe, von Freiheit, aber sie mußten diese poetischen Gaben entbehren, weil sie keinen Champagner bezahlen und kein herziges Kind in Sammt und Seide hüllen konnten und weil das drohende Schreckgespenst der Schuldhaft jedes Gefühl freier Bewegung in ihnen ausgetilgt hatte. Ach, so ein Gerichtsbote ist kein Himmelsbote der Poesie und ein grobmahnender Gläubiger erscheint selbst in den Augen eines Poeten nicht als ein Genius, der im Stande wäre, seine Phantasie zu befruchten und zu beflügeln! Ich habe dieselben Poeten gesehen, nachdem sie durch eine günstige Conjunctur in den Besitz einer Anzahl der oben genannten runden Silberstücke gerathen waren. O, wie ganz anders sahen sie dann aus, diese Poeten! Sie waren versöhnt mit dem Leben, das sie vorher verachtet hatten, sie zogen die Welt an ihr Herz, die sie vorher mit Füßen getreten hatten! An jedes dieser glänzenden verlockenden Rundstücke, die, obschon sie mit einem gekrönten Haupte gestempelt sind, selbst der fanatischste Republikaner als Autorität anerkennt, knüpfte sich ja die Aussicht auf eine heitere Stunde, auf einen wirklichen, keinen eingebildeten Genuß! Sie werden merken, wo hinaus ich will. Ich habe die literarische Oeffentlichkeit niemals gesucht (obschon ich auch auf diesem Gebiete, wie Sie später erfahren werden, meine Erfahrungen gemacht und meine Kräfte erprobt habe, und zwar im afrikanischen Königreiche Macomaco); Sie aber haben mich in dieselbe wider mein Wissen und Wollen eingeführt. Mein Name ist gedruckt, und ich muß anerkennen, daß er in recht großen Buchstaben gedruckt ist. Da es nun einmal so weit gekommen und da es, wie gesagt, Augenblicke gibt, wo das Geld aufhört Chimäre zu sein und ein erkleckliches Honorar seine ganz angenehmen Seiten hat, so möchte ich wenigstens, daß meine Lebensgeschichte unverfälscht und vollständig vor das Publikum komme und ein generöser Verleger sich fände, der sie versilbert. Ich schlage Ihnen daher Folgendes vor: ich liefere Ihnen die Rohmaterialien zu einer vollständigen Geschichte meines Lebens und Sie mit Ihrer geübten Feder (denn mir selbst fehlt es dazu an der nöthigen Ruhe) verarbeiten sie zu einem wohl stylisirten, lesbaren, unterhaltenden und unterrichtenden Buche, das sich mit Ehren sehen lassen kann und meinen Namen auf die Nachwelt bringt, woran mir freilich nicht viel liegt, der Nachwelt aber ohne Zweifel sehr viel gelegen sein muß. Da gegenwärtiges Schreiben ungebührlich lang gerathen ist, will ich für heute schließen, alles Weitere auf die Fortsetzung unserer Correspondenz versparend. Ihre hoffentlich zustimmende Antwort adressiren Sie gefälligst: »Fritz Beutel, Dr. der afrikanischen Rechte, zur Zeit in Newyork«. Eine weitere Angabe ist nicht nöthig, da mich dort Jedermann kennt. In den Schranken gewöhnlicher Hochachtung verharrend                               Ihr ergebenster Fritz Beutel , Dr. der afrikanischen Rechte.     Der Herausgeber an Fritz Beutel . Heidelberg, den 2. October 1847. Verehrter Herr! Fürchten Sie nicht, daß ich in den etwas gereizten Ton verfallen werde, den Sie wenigstens in den Einleitungsworten Ihrer verehrten Zuschrift vom 6. September gegen mich anzustimmen beliebt haben. Ich werde mich einzig und allein an den geschäftlichen Theil Ihres Schreibens halten. Sehr gern will ich mein literarisches Renommé, so weit es durch die öffentliche Benutzung Ihrer Mittheilungen vermehrt worden sein sollte, wie das für den betreffenden Artikel von mir bezogene Honorar mit Ihnen theilen, wobei ich nur bemerke, daß in diesem Falle für keinen von uns viel von Beidem übrig bleiben würde. Auf den von Ihnen gemachten Vorschlag, das mir von Ihnen zu liefernde Rohmaterial zu einem Buche zu verarbeiten, gehe ich mit größtem Vergnügen ein. Das Feld des Humors wird gegenwärtig in Deutschland leider sehr wenig beackert. Der Humor, der gemüthliche Bursche mit den offenen, zugleich weinenden und lachenden Augen, der sich aus Sonnenstäubchen ein ganzes Weltsystem baut und sich in einem Weltsysteme häuslich einrichtet wie in einem Studierzimmer, der ehedem das Recht der Freizügigkeit und Ansässigmachung in unbeschränktem Maße besaß, ist jetzt von der Gesellschaft unter Censur und die härtesten Zwangsgesetze gestellt. Es ist Alles so verbissen, so grämlich, so krittelig, so freuden- und hoffnungslos! Selbst die Weiber mahlen in dem Einerlei der klappernden Reflexionsmühle mit den Männern um die Wette. Und nun gar unsere Recensenten! Dennoch glaube ich, daß ein Bedürfniß nach dem Humor in Deutschland vorhanden ist, wie unter Anderm der Beifall beweist, welchen Adolf Glasbrenner's »Neuer Reinecke Fuchs« (ich weiß nicht, ob Sie ihn gelesen haben, jedenfalls verdient er aber von Ihnen gelesen zu werden) in den weitesten Kreisen gefunden hat. Auch daß die altehrliche Jobsiade noch immer ihre zahlreichen Verehrer hat, daß Eulenspiegel und Münchhausen noch heutzutage so populäre Männer sind wie Goethe oder Schiller, scheint auf dies Bedürfniß hinzudeuten, eben so die ausgebreitete Theilnahme, deren die »Fliegenden Blätter« gleich bei ihrem ersten Erscheinen sich zu erfreuen hatten, wozu jedoch, wie ich mir schmeichele, unsrer Beider Name das Meiste beigetragen haben mag. Selbst unsere großen politischen Zeitungen sind für den, der zu lesen versteht, oft sehr humoristisch, ohne daß sie es gerade sein wollen; denn so manchem humoristischen Schriftsteller gelingt es, sich unter der ehrbaren Maske des Ernstes in ihre Spalten einzuschleichen. Ich habe Sie, verehrter Herr Doctor! gar sehr in Verdacht, selbst stehender Mitarbeiter an verschiedenen deutschen Zeitungen zu sein. Ich kenne meine Leute! Es gibt also für den Humor noch immer ein Publikum in Deutschland, und ich freue mich, daß Sie es über sich gewonnen haben, diese gerade dem germanischen Wesen so eigenthümliche Seite in Ihre Pflege zu nehmen. Namentlich wird der Münchhausen'sche Humor, der sich eine eigene fingirte Welt aufbaut, um die bestehende Welt und zugleich die den Deutschen eigene Renommisterei und Poltronerie zu ironisiren, so lange zu Recht bestehen, als überhaupt ein deutsches Volk besteht. Sie werden, hoffe ich, neben dem schabernäckigen Eulenspiegel, dem schlauen Reinecke Fuchs und dem Erzlügenvater, Baron Münchhausen, einen Ehrenplatz in der deutschen Literatur einnehmen, und Ihr Beispiel und Name wird der Nachwelt unverloren sein. Ich kenne nur zwei Schreib- und Auffassungsweisen, durch die der denkende Mensch sich mit den Zuständen der Gegenwart abzufinden vermag: entweder muß er sie mit dem unerbittlichsten, niederschmetterndsten, das Jämmerliche an ihr unbarmherzig herausstellenden tragischen Ernste oder mit der leichten Laune eines Komikers und Humoristen auffassen, der von oben herab die Weltdinge als ein bloßes Possenspiel und eine Puppencomödie betrachtet, an die Ernst und Entrüstung verschwenden die Mühe nicht lohnt. Ew. Wohlgeboren haben mit Recht das Letztere erwählt. Ich sehe der Uebersendung Ihres Tagebuchs mit Vertrauen entgegen, und verspreche Ihren an mich gerichteten Wünschen in Betreff der Bearbeitung desselben nach Kräften gerecht zu werden. Aufrichtig gestanden, freue ich mich selbst darauf, an Ihrer Hand wieder einmal das Gebiet des freien Humors betreten zu können, da die literarischen Arbeiten, die sonst auf mir lasten, meist ziemlich trockener oder doch ernster Natur sind. Mit der Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung bin ich \&c. \&c.     Fritz Beutel an den Herausgeber . Am Bord der Diana, 30° westl. Länge und 10° südl. Breite. 16. Juni 1848. Verehrter Herr! Da das englische Dampfboot Diana, auf welchem ich mich in diesem Augenblicke befinde, soeben einem englischen Postdampfer begegnet, welcher Briefschaften und Packete unserer Mannschaft mit nach England befördern will, so ergreife ich diese Gelegenheit, Ihnen ein Packet, einen Theil meines Tagebuchs enthaltend, und gegenwärtige Zeilen zu übersenden. Machen Sie sich an die Arbeit und dann so schnell als möglich an einen Verleger! Es ist mehr als ein halbes Jahr verstrichen, seitdem ich das Vergnügen hatte, mit Ihnen in Correspondenz zu treten; aber ich bin während dieser Zeit so hin- und hergeschleudert worden, daß ich nur selten einen freien Augenblick hatte, um an die Aufzeichnung meiner Aventüren und Thaten denken zu können. Sobald als möglich erhalten Sie eine weitere Sendung, vielleicht den Rest meines Manuscripts. Sie werden begreifen, daß ich mich heute kurz fassen muß, da das englische Postschiff nicht lange warten kann. Nur gegen eine, in Ihrem Schreiben vom 2. October 1847 enthaltene Annahme möcht' ich mich schon heute verwahren, nämlich dagegen, daß Sie mir die Absicht unterlegen, ein humoristisches Buch, vielleicht gar eine Art Münchhauseniade schreiben zu wollen. Da verkennen Sie ganz meinen Charakter. Ich kann Sie vielmehr versichern, daß ich der ernsthafteste und wahrheitsliebendste Mann bin, der je auf Erden gelebt hat. Was ich Ihnen und der Welt mitzutheilen habe, sind keine Ausgeburten der Phantasie, sondern wirkliche Ereignisse und Geschehnisse, die ich mit der Wahrheitsliebe des gewissenhaftesten Historikers aufgezeichnet habe und in derselben Weise strengster Objectivität auszuzeichnen fortfahren werde. Zum Beweise, daß in meinen Memoiren Alles echt ist, lege ich mehrere Documente in Abschrift bei, u. A. die beutelländische Reichsurkunde, mein Tombuktuer Diplom als Doctor der afrikanischen Rechte, meinen Trauschein von wegen meiner Vermählung mit der Königin Krikikara, meinen Contract mit der tibetanischen Nation bei Uebernahme des Dalai-Lama-Postens u. s. w. Versichern Sie dies dem Publikum, wenn es eben so befangen sein sollte als Sie, und es wird Ihnen glauben; denn was glaubt das Publikum nicht? Ich will, mit Einem Worte, nichts weiter als meinen Nebenmenschen nützlich sein, damit sie, wenn sie in ähnliche merkwürdige oder furchtbare Lagen kommen wie ich, sich mit derselben Geistesstärke und Geistesgegenwart herauszuwickeln wissen. Mein Leben war zu ernst und an gewaltigen Ereignissen zu reich, als daß ich daran hätte denken können, den Humor in dem Maße, wie Sie ihn bei mir voraussetzen, auszubilden und ihm den Zügel schießen zu lassen. Am wenigsten bin ich gerade jetzt dazu aufgelegt, wo ich an einem chimborassohaften dritten Theil des Goethe'schen Faust arbeite, welcher dieser unfertigen Dichtung erst die wahre Vollendung geben wird. Briefe, die Sie etwa an mich zu richten haben, wollen Sie unter meiner Adresse Peking poste restante abgehen lassen u. s. w. Fritz Beutel , Dr.     Fritz Beutel an den Herausgeber . Peking, den 13. März 1851. Hierbei erhalten Sie wieder eine Sendung Manuscript. Es wird noch eine Weile so fortgehen, denn das Schicksal sorgt dafür, daß mir der Stoff unter den Händen immer mehr anschwillt. Während ich Großes niederschreibe, stößt mir immer noch Größeres zu. Ich hoffe, daß Sie in voller Arbeit sind und bereits vorläufig mit einem Verleger Rücksprache genommen haben; aber ich bitte, wählen Sie einen, auf den Sie vollkommenes Vertrauen setzen. Es wäre mir lieb, wenn Sie irgend ein Ihnen interessantes Kapitel aus dem bereits eingesandten Manuscript bearbeiten, in einer deutschen Zeitschrift mittheilen, und die betreffenden Nummern mir, Melbourne in Australien, poste restante , zusenden wollten, damit ich aus dieser Probe ermessen kann, wie Sie das Ganze zu behandeln gedenken. Denn was Sie davon in den »Fliegenden Blättern« mittheilten, war offen gestanden nur lückenhaft, wie ich Ihnen schon früher bemerkte.     Der Herausgeber an Fritz Beutel . Hamburg, den 5. September 1853. Ich habe Ihrem Wunsche, ein Kapitel aus Ihren höchst merkwürdigen Memoiren für ein deutsches Blatt zu bearbeiten, entsprochen. Sie finden den Ihre anstaunenswürdigen Thaten in Tombuktu betreffenden Artikel in den beiliegenden Nummern 202, 207, 208 und 209 des Hamburger Correspondenten, einer altehrwürdigen, wohlaccreditirten Zeitung, deren neuerichtetes Feuilleton ich im gegenwärtigen Augenblicke leite. Auch ich bin, wie ich hierbei bemerke, wenn auch nur auf deutschem Gebiete, vielfach hin- und hergeschleudert worden, und habe bei diesen Irr- und Kreuzfahrten manche Menschen und auch Nichtmenschen kennen gelernt, darunter aber keinen Fritz Beutel. Es ist sehr zu bedauern, daß Sie sich im Jahr 1848, wo wir uns auch einmal etwas Revolution zu machen herausnahmen, nicht auf deutschem Boden befanden. Für einen Mann von Ihrer Erfahrung, Thatkraft und sittlichen Gediegenheit wäre da wohl etwas abgefallen, wenn nicht eine Krone, doch gewiß ein Krönchen; denn mit einem der damals sehr ausgebotenen Minister- oder Kammerpräsidentenposten würde sich ein Mann wie Sie wohl nicht begnügt haben. Es fehlte uns damals, wie noch jetzt häufig versichert wird, an einem großen Genie und Charakter, und Beides würde Deutschland, ja ich darf sagen die europäische Welt in Ihnen gefunden haben. Was übrigens meine Bemerkungen über den humoristischen Charakter Ihrer Memoiren betrifft, so genehmigen Sie die Versicherung, daß ich nicht im Entferntesten an Ihrer strengen Wahrheitsliebe und an der historischen Genauigkeit der von Ihnen mitgetheilten Thatsachen zweifele. Ich wollte damit nur sagen, daß Sie, einen gewissermaßen mit der Welt spielenden, ironischen Standpunkt festhaltend, der Auffassung dieser Thatsachen ein humoristisches Colorit zu geben verstehen, und das behaupte ich noch jetzt. Womit ich verharre u. s. w.     Fritz Beutel an den Herausgeber . Melbourne in Australien, den 1. April 1854. In den Diggings oder Goldgruben bis zum Kinne vergraben, habe ich vor acht Tagen Ihre freundliche Zusendung erhalten. Mit Ihrer Bearbeitung desjenigen Theils meiner Tagebücher, welcher meine Tombuktuer Episode betrifft, bin ich recht sehr einverstanden, wobei ich jedoch voraussetze, daß Sie einzelnes nach Journalistenmanier nur Angedeutete später auf Grundlage meines Manuscripts weiter ausführen werden. Auch bitte ich, das Weinhaus, in welches Sie auch diesmal die Scene zu verlegen beliebt haben, ganz fortzulassen, denn eine solche Scenirung beeinträchtigt die historische Wahrheit und könnte mich außerdem in den Ruf bringen, daß ich den Freuden des Weingenusses in zu beträchtlichem Maße huldige. Dies ist so wenig der Fall, daß ich, wenn es sein muß, Monatelang meinen Durst nur mit Wasser stille, ja ihn als Dalai-Lama in Tibet ein Jahrlang nur mit Morgenthau gestillt habe. Freilich, wenn es die Ehre gebietet, zu zeigen, was ich als Deutscher im Trinken leisten kann, so trinke ich die ganze Welt unter den Tisch. Es kommt dabei immer nur auf Verhältnisse und Lagen (unter andern auch auf die gute Weinlage) an. Als gewissenhafter Geschäftsmann möchte ich nun mit Ihnen ein festes contractlich sichergestelltes Verhältniß eingehen, und ich schlage Ihnen zu dem Zweck folgenden Vertrag vor: Art. 1. Endesunterzeichneter Fritz Beutel verpflichtet sich, die Begebenheiten seines Lebens in möglichst vollständiger wahrheitsgetreuer Aufzeichnung zu geben, so daß kein Zeuge jemals gegen ihn auftreten kann, um ihn einer absichtlichen Lüge oder eines unabsichtlichen Irrthums zu zeihen. Art. 2. Der endesunterzeichnete Herausgeber verpflichtet sich, diesen Rohstoff zu einem durchweg interessanten, eben so unterhaltenden als lehrreichen Buche zu verarbeiten, welches dem Namen Fritz Beutel's Ehre bringt, und ihm eine unvergängliche Stellung in der deutschen Literatur sichert. Art. 3. Der Herausgeber verpflichtet sich, einen Verleger zu gewinnen, der so viel Honorar zahlt als möglich, und wenn es angeht, noch etwas mehr. Das Honorar wird dann zwischen dem Lieferanten des Rohmaterials und dem Herausgeber und Bearbeiter zu zwei gleichen Hälften getheilt. Art. 4. Endesunterzeichneter Lieferant des Rohmaterials verpflichtet sich, alle seine zahlreichen Connexionen dazu zu benutzen, in allen Ländern der Welt Abnehmer für das Buch zu gewinnen, wobei jedoch dem Abnehmer nicht der Zwang auferlegt werden soll, auch das Buch zu lesen, wenn er nicht will. Art. 5. Endesunterzeichneter Herausgeber verpflichtet sich seinerseits seine Connexionen dazu zu benutzen, daß das Buch in allen Zeitungen und Journalen gebührend empfohlen und nichts Nachtheiliges darüber gesagt wird. Sollte letzteres aber wider Erwarten dennoch geschehen, so verpflichtet er sich, darüber still zu lächeln und seine eigenen Gedanken zu haben. Art. 6. Da Fritz Beutel beabsichtigt, auch die rein wissenschaftlichen Resultate seiner Reisen zu veröffentlichen, so verpflichtet sich der Herausgeber, auch für dieses, die Erdkunde und ihre Hilfswissenschaften jedenfalls in ihrem Fundamente umgestaltende Werk seine literarische Hilfsleistung zu gewähren, sich bei Zeiten nach einem Verleger umzusehen und zugleich die für ein so umfangreiches Werk nöthigen hohen Protectionen zu gewinnen. Für Protectionen außereuropäischer Fürsten, Minister, Behörden und hochgestellter Gelehrten verpflichtet sich Fritz Beutel das Seinige zu thun. Art. 7. Der Herausgeber verpflichtet sich, aus den klassischen Schriftstellern des In- und Auslandes für jedes Kapitel solche charakteristische Stellen als Mottos zu wählen, die sich zugleich als Stammbuchsentenzen brauchen lassen und in den im Publikum verbreiteten Ausgaben dieser Klassiker womöglich nicht vorkommen. Art. 8. Eine Verbesserung dieses Contracts, immer möglichst zu Gunsten des mit unterzeichneten Fritz Beutel, wird für jede nöthig gewordene neue Auflage des Werkes vorbehalten. Endlich wünsche ich – doch mache ich dies nicht zu einer contractlichen Bedingung – daß Sie meine Lebensgeschichte zu einem Operntexte verarbeiten, und dafür einen jener Componisten gewinnen, welche der »Zukunft« und nicht der Gegenwart angehören. Der Schau- und Hörlust wird dabei gewiß im reichsten Maße Genüge gethan werden können. Denken Sie nur an die vielen feuerspeienden Berge, Eisberge, Stürme, Erdbeben, Feuersbrünste, Pulverexplosionen, Nordlichter, Kämpfe und Kanonaden, an die unzähligen Eisbäre, Krokodile, Schlangen, Walfische, Seehunde und Affen, mit denen ich in meinem Leben zu thun hatte! Ihr ergebenster Fritz Beutel , Dr.     Fritz Beutel an den Herausgeber . Vor Sebastopol, den 26. September 1854. Den von Ihnen unterzeichneten Contract habe ich richtig erhalten, jedoch ohne ein Begleitschreiben, aus dem ich entnehmen könnte, wie unsere Angelegenheiten stehen. Ich denke gut, denn sonst würden Sie den Contract nicht unterzeichnet haben. Sie erhalten hierbei eine abermalige Sendung meines Tagebuchs, an dem nur noch wenige Blätter fehlen. Es reicht bis in die letzten Tage, die schlimm genug waren. Auch hier wie immer habe ich nur Undank geerntet. Ich hatte Sebastopol schon ganz sicher in meinen Händen, und doch mußte mir das Ding durch den Unverstand, die Bosheit und den Neid meiner beiden Collegen, des englischen und des französischen Oberbefehlshabers, wieder entrissen werden. Die ganze russische Flotte war mein, alle russische Batterien waren in meiner Hand, Fürst Mentschikow hatte sich an meine Brust geworfen und mich beschworen, nur um Gotteswillen dem Czaaren in St. Petersburg nichts davon zu sagen – und nun? Doch ich deute diese Vorgänge hier nur an; in meinem Tagebuche werden Sie das Nähere finden. Das Publikum wird dadurch höchst merkwürdige Aufschlüsse erhalten, und dieses Publikum, das mir früher gänzlich gleichgiltig war, ist gegenwärtig das einzige Geschöpf, von dem ich nicht verkannt werden möchte. Trotz meiner schlimmen Erfahrungen, werde ich hier noch ausharren und zusehen, was aus dieser ganzen Krim'schen Geschichte werden wird. Leider kann ich unter diesen Massen nicht soviel wirken, als ich in ähnlichen Lagen gewirkt habe, wenn ich mein eigener Mann war. Die Verhältnisse sind so complicirt. Mich, der ich schon so ganz andere Dinge erlebt habe, wundert nur, daß man von diesem kleinen Scharmützeln bei Sebastopol so viel Lärm machen kann. Mir machen sie einfach Spaß, und da mir vom vielen Denken die Stirn brennt, so habe ich nichts lieber als das bischen Zugluft, welche die hunderte von hin- und herfliegenden Bomben verursachen. Wenn mich sonst nichts trifft, oder wenn mich die ganze Geschichte nicht zu langweilen anfängt, gebe ich Ihnen jedenfalls noch ein Lebenszeichen von hier, vielleicht in Begleitung einer kleinen Bombe, die ich vorgestern in der Luft aufgefangen und in die Tasche gesteckt habe, und einer aus dem Quarantänefort herausgeschossenen Schießscharte, die gerade zu meinen Füßen niederfiel.                 Adieu! Ihr Fritz Beutel . Nachschrift . Die Dinge haben für mich eine ganz merkwürdige unerwartete Wendung genommen. Ich habe mich, eingehüllt in Mentschikow's weltgeschichtlichen Paletot, als echter Deutscher auf den soliden Boden der Neutralitätspolitik gestellt. In dieser unparteiischen Mittelstellung zwischen östlicher Barbarei und westlicher Civilisation werde ich die kommenden Dinge abwarten. Aber die Alliirten sollen nun zu thun bekommen, sie sollen einsehen lernen, was ihnen fehlt, wenn Fritz Beutel fehlt! All ihre Parallelen kommen nicht in Parallele gegen mich! Das Nähere mit meiner nächsten und letzten Sendung! Der Obige. Erstes Kapitel. Geweiht ist die Stätte, wo ein großer Mann geboren wurde. Jedes Sandkorn schimmert im Abglanz seiner Größe wie ein Krystallberg; jedes Gänseblümchen entfaltet sich im Nachschimmer seiner Tugend zur Pracht einer Tulpe; jeder Stachelbeerstrauch rauscht im Hauche seines Geistes feierlich wie eine Ceder des Libanon; jede Schüssel mit Kartoffeln dampft seinem Andenken Mittags und Abends Wolken von Weihrauch. Jean Paul. Große Männer waren zu jeder Zeit selten, nie aber seltener als in der unsrigen. Den einzigen großen Mann, den sie hervorbrachte, hat sie zu ihrem eigenen Schaden verkannt und unbeachtet gelassen. Ich will diesen großen Mann, aus vielleicht tadelnswerther Bescheidenheit, nicht nennen. Es ist auch nicht nöthig, daß ich ihn nenne, denn Jeder, der dies Buch liest, wird ihn zu nennen wissen und an ihm ein Beispiel haben, dessen Befolgung ihn in Stand setzen wird, sich ebenfalls zu einem großen Manne auszubilden. Der Hauptzweck meines Buches ist, die Befähigung hierzu allgemein zu machen und zu »popularisiren«. Der Ort, der mir seinen Weltruf und dem ich meine Entstehung verdanke, heißt Schnipphausen und liegt in einer Gegend der Mittelmark, welche sich durch noch etwas mehr Sand, durch die vielen Bauern, welche auf die Spatzen schießen, durch die vielen Spatzen, welche den Bauern in die Schoten fallen und durch diese vielen Schoten selbst vor andern mittelmärkischen Gegenden auszeichnet. Das Korn wächst dort so dünn, wie die Haare auf dem Scheitel eines Kahlköpfigen; man kann es daher auch nicht mähen, sondern muß die Halme einzeln aus dem Boden rupfen. Die Kartoffel gedeiht und trägt wie überall ihre Knollen nach unten und ihr Kraut nach oben, weshalb ich nichts weiter von ihr zu melden habe. Bei den Bewohnern dieser Gegenden ist das Verhältniß ein umgekehrtes; sie tragen, so zu sagen, das Kraut nach unten und ihre Knollen, die Köpfe, die allerdings knollenartig genug aussehen, nach oben; sie sind gewissermaßen umgekehrte Knollengewächse. Unter den Quadrupeden werden die Feldmäuse und Maulwürfe am häufigsten angetroffen, und sie sind auch als die eigentlichen Wühler der Gegend am meisten gefürchtet. Die zahlreichen Frösche gehören zur Secte der Quäker und sollen in gerader Linie von den Fröschen des Aristophanes abstammen, wie mir einmal ein solcher alter Quäker und bemooster Bursche mit nicht geringem Stolze in seiner Sprache erzählt hat. Die Bewohner dieses gesegneten Landstriches sind nicht sehr geneigt zu schwärmen, sie überlassen dies den Mücken, die ebenfalls sehr zahlreich und trotz ihrer Anlage zur Schwärmerei ziemlich boshafter Natur sind. Das Gut gehörte damals dem Herrn von, zu und auf Schnipphausen, der sich auch Baron nannte und in einem Schlosse wohnte, welches in Schnipphausen nicht Seinesgleichen hatte. Trotz seiner Einfachheit war es in einem sehr zusammengesetzten Styl erbaut, und die Archäologen der Umgegend stritten über die Frage, ob die vorwaltenden Motive daran ägyptische, assyrische, römische oder maurische seien. Der rechte Flügel war so im Zopfstyl gehalten, daß er förmlich gedreht und geflochten aussah, während das Mittelgebäude in auffallender Weise einer Perücke glich. Im Grundriß schien mir das Schloß stets mehr Risse als Grund zu haben. Die daran stoßenden Pferdeställe trugen den reinsten modernen Charakter, auf seine einfachsten Elemente zurückgeführt. Hinter dem Schlosse befand sich eine Art Park und in dessen Mitte eine Gruppe aus Gyps, Adam und Eva darstellend, und zwar, was traurig zu sagen ist, völlig unbekleidet; denn das einzige Bekleidungsstück, das historische Feigenblatt, war vor Alter verwittert und abgefallen. Adam legte seinen rechten Arm um die Hüfte seiner Ehehälfte und Eva ihren linken Arm auf die rechte Schulter ihres Mannes; leider aber fehlten Adam's rechter und der Eva linker Arm; man erblickte von beiden nur noch die Stümpfe. Auch war die Gruppe so mit Moos überzogen, daß sie aus der Ferne völlig einem alten mit Moos bewachsenen Baumstamme glich. Ein Büschel Moos, welches von Adam's Nase herabhing, hat mir immer besondern Spaß gemacht. Ich fühlte stets ein Gelüst, Adam daran zu zupfen, aber ein gewisser biblischer Respect und eine mir angeborne Pietät vor großen Männern hielt mich davon zurück. An der Mittagsseite des Schlosses befand sich ein langes Spalier mit Weinreben, aus denen unser Gutsherr zum Beweise, daß in der Welt nichts unmöglich sei, jährlich so und so viel Quart Wein kelterte. Ein wegen seiner vielen Schnurren bei unserm Herrn gern gesehener Weinhändler, der einmal bei ihm zu Mittag speiste und mit einer Flasche dieses Schnipphausener Cabinetsweins bewirthet wurde, goß, als er davon genippt hatte, mit den Worten »Essig erster Qualität!« den Wein zum Salat, was den Gutsherrn so verdroß, daß er ihn nie wieder zur Tafel zog. Schlimmer ging es einem benachbarten Gutsbesitzer, der wirklich eine ganze Flasche hinunter zwang und davon auf eine Zeit contract wurde. Ueber die Heilungskosten wurde ein langjähriger Proceß geführt, den aber unser Herr verlor, nachdem eine aus Weinhändlern, Naturforschern, Aerzten und Chemikern zusammengesetzte Commission ihre Entscheidung dahin abgegeben hatte, der Schnipphausener Wein enthalte wirklich Bestandtheile, welche Jedermann, außer einen gebornen Schnipphausener, contract machen, d. h. zusammenziehen müßten. Der Herr von, zu und auf Schnipphausen hatte sich durch allmäligen Genuß an den Spalierwein gewöhnt, wie Mithridates aus Gift; ja alle Schnipphausener vertrugen ihn, weil sie durchaus verträglicher Natur sind. Mein Vater war der Schullehrer des Dorfes, Valentin Andreas mit Vornamen; meine Mutter war eine geborene Ursula Quaak und Tochter des Dorfschmieds, der auch diese übrigens glückliche Ehe zusammengeschmiedet hatte. Es waren schon elf Kinder beiderlei Geschlechts vor mir da, und ich beschloß, das Dutzend vollzumachen. Ich ließ mich daher geboren werden und trat an einem schönen Frühlingsmorgen mit den Worten: Guten Morgen, liebe Eltern! guten Morgen, liebe Geschwister! an's Licht der Welt. Die Meinigen waren gar sehr überrascht von dieser Begrüßung, erwiederten sie jedoch auf's freundlichste und herzlichste. Ich erinnere mich ganz deutlich, wie ich sogleich nach meiner Geburt die große Familienschüssel mit dem Mehlbrei ergriff, der für meine elf Geschwister zum Frühstück bestimmt war, die Schüssel an den Mund setzte und bis zur Nagelprobe ausschlürfte. Man kann sich vorstellen, wie meine elf Geschwister auf mich losfuhren, denn so lieb ich ihnen war, so war ihnen doch der Mehlbrei noch lieber. Ich aber ergriff mit der einen Hand die Schüssel als Schild, mit der andern den Löffel als Degen, stülpte auch noch den daneben stehenden Suppentopf als Helm auf den Kopf und setzte mich in Positur, indem ich zugleich eine Serviette wie einen Feldherrnmantel malerisch um meine Schultern schlug. Meine Geschwister ihrerseits nahmen nun auch ihre Löffel zur Hand, und so lieferte ich damals meine erste Schlacht. Hier parirte ich einen Hieb, dort theilte ich einen aus und bediente mich mitunter auch der Kriegslist, mit meinem Löffel in die Schüssel meines Vaters zu fahren und meinen Geschwistern den Mehlbrei in die Augen zu spritzen, so daß sie dieselben nicht aufthun konnten. Meine Eltern waren zwar über meinen gesegneten Appetit anfänglich nicht wenig erschrocken, brachen aber zuletzt in ein herzliches Gelächter aus, und mein Vater sagte in richtiger Vorahnung meiner Größe: Dieser Junge wird einst dem Namen Beutel Ehre machen! Acht Tage nach meiner Geburt wurde ein großes Familienconcil gehalten, um über den Namen zu berathen, den ich in der Taufe erhalten sollte. Alle Muhmen und Vettern wurden hierzu versammelt. Christian, Christoph, Christlieb, Gottlob, Gottlieb, Gottfried, Traugott, Fürchtegott, Leberecht wurden genannt und ich sollte unter diesen Namen die Auswahl haben, da ich ein so gescheidter Junge war. Ich schüttelte jedoch zu allen diesen Namen mißbilligend den Kopf, besonders zu dem Namen Leberecht, gegen den, ich weiß nicht welches Gefühl, sich in mir sträubte. Endlich begann ich: Meine verehrten Eltern! liebwerthe Vettern und Muhmen! Eigentlich hieße ich lieber gar nicht. Da dies jedoch gegen alle christpolizeilichen Bestimmungen wäre und ich nicht gleich acht Tage nach meiner Geburt als Opponent gegen Staat, Kirche und gesellschaftliche Ordnung gelten möchte, so will ich mich fügen und mich auf einen Namen taufen lassen. Nun habe ich Sie, verehrtester Herr Vater, an den letzten Tagen oft aus einem Buche vorlesen hören, worin die heldenmüthigen Thaten des großen Fritz beschrieben waren. Die Thaten dieses seltenen Mannes, den ich mir früher oder später zum Muster zu nehmen erlauben werde, haben mich immer auf's Lebhafteste interessirt, und da ich etwas vom Blute des alten Fritz in mir fühle, will ich, daß man mich auf den Namen Fritz taufe. Dieser Name soll mir stets ein Sporn sein, mich des Mannes, der ihn trug, würdig zu zeigen. Mein Vater drückte mir gerührt die Hand oder das Händchen und sagte: Ich sehe, du bist ein echtes Preußenkind, ein Patriot wie ich; dein Wille geschehe dir; du sollst Fritz heißen! Es mag wohl nicht gerade häufig vorgekommen sein, daß sich ein Täufling seinen Namen selbst gewählt hat, vielleicht ist es, außer in meinem Falle, niemals sonst vorgekommen. Um so mehr verdiente dieser Fall aufgezeichnet und dem Gedächtniß der Mit- und Nachwelt überliefert zu werden. Ich benahm mich während der Taufhandlung sehr anständig; ich raisonnirte nicht dagegen, wie meine Eltern befürchtet hatten; denn ich habe vor allen heiligen Handlungen stets allen Respect gehabt. Ich weinte nicht, ich lachte nicht, aber ich blickte dem Geistlichen mit einem Ausdruck in's Auge, daß derselbe nach Beendigung des Acts verwundert äußerte: Dieses Kind scheint mir schon jetzt auf der Höhe der theologischen Erkenntniß zu stehen; der künftige Consistorialrath blickt ihm aus den Augen. Einer meiner vielen Oheime, ein gedienter Unteroffizier, bemerkte dagegen: Herr Pastor! wenn Sie jemals den alten Marschall Vorwärts in der Nähe gesehen hätten, wie ich, so würden Sie gesagt haben, dem Jungen blickt der Feldmarschall aus den Augen! Diese Voraussagung erschien mir viel schmeichelhafter, und ich drückte meinem Oheim dankend die Hand dafür. Zu dem Taufschmause hatte unser Gutsherr aus dem Schlosse einige Flaschen seines selbstgekelterten Weines, einige Pfunde selbstfabricirten Runkelrübenzuckers und ein Dutzend verschrumpfter selbstgezogener Pomeranzen heruntergeschickt, und es wurde hiervon ein köstliches Getränk bereitet, welches ich mir vorzüglich munden ließ. Wir befanden uns schließlich in sehr aufgeräumter Stimmung, und der Herr Pastor brachte unter andern das Gespräch auf das schöne Kunstwerk Adam und Eva im herrschaftlichen Park, indem er in sehr feiner Anspielung meine Eltern mit diesem ersten Menschenpaar verglich. Ich erlaubte mir hierbei die Bemerkung: Aber, Herr Pastor, was würde aus der Menschheit geworden sein, wenn Eva sich gegen Adam spröde gezeigt und dieser in Werther'scher Verzweiflung sich am nächsten Baum, z. B. dem Baume der Erkenntniß, aufgeknüpft hätte? – Ei, erwiederte der Herr Pastor, an diesen immer doch möglichen Fall habe ich wirklich noch niemals gedacht. Wie es scheint, würde dann allerdings die Menschheit schon mit Adam und Eva ausgestorben sein, und wir säßen hier nicht so fröhlich beisammen und tränken ehrlichen Schnipphausener. Ich will aber doch diese häkliche Frage bei der nächsten Pastoralconferenz zur Sprache bringen, vielleicht weiß einer meiner würdigen Amtsbrüder Auskunft, wie es Eva in diesem traurigen Falle hätte anfangen müssen, um das Menschengeschlecht fortzupflanzen. Meine Herren Amtsbrüder wissen Rath für Alles. Schließlich wurde auf meine Gesundheit und mein Gedeihen angestoßen, worauf ich das Glas ergriff, der Runde nach anstieß und folgende Dankrede hielt: Hochwürdigster Herr Pastor! verehrte Pathen! geliebte Eltern und theure Geschwister! Meinen herzlichsten Dank für die mir bewiesene Aufmerksamkeit! Ich werde diesen Tag stets zu den schönsten meines Lebens rechnen und mich beeifern, der Erwartungen mich würdig zu zeigen, die man von mir hegt und hegen darf. Mein körperliches Volumen berechtigt zu solchen Erwartungen, denn bei meiner Geburt hatte ich bereits die Größe eines vierjährigen Kindes und in den vierzehn Tagen, die seitdem verflossen sind, habe ich die Größe eines fünfjährigen erreicht. Indeß sehe ich ein, daß dies so nicht fortgeht, und ich bin entschlossen, von nun an mich im Wachsen zu mäßigen, um mir nicht selbst über den Kopf zu wachsen. Was meine intellectuellen Fähigkeiten betrifft, so sage ich mit Stolz, daß sie mich berechtigen würden, schon jetzt die Universität zu beziehen; doch werde ich mich auch in dieser Hinsicht dem Schnipphausen'schen Normalmaß fügen, weil mir mein gesunder Verstand sagt, daß frühreife Früchte nicht sehr genießbar sind und bald abfallen. Wir sehen dies an den Pomeranzen, die uns unser gnädiger Herr zu schicken die Güte hatte. Die sogenannten Wunderkinder gleichen solchen künstlich gereiften verschrumpften Pomeranzen. Ich mag nicht zu ihnen gehören und werde also danach streben, mich nur allmälig zu entwickeln und auszubilden; ich hoffe zugleich, daß die Lehrmethode meines verehrten Herrn Vaters ganz geeignet sein wird, die Entwickelung meiner Fähigkeiten in den gebührenden Schranken zu halten. Auf die Wissenschaften werde ich mich nicht legen, um sie durch mein Gewicht nicht zu erdrücken und sie bei meinem ungestümen Charakter nicht in Gefahr zu bringen, so über- und durcheinander geworfen zu werden, daß Keiner die, welche er sucht, aus dem Haufen der Uebrigen herauszufinden im Stande sein würde. Meine Wissenschaft wird sein, ein solches Leben zu führen, welches Wissen schafft , und zwar ein Wissen, welches das Geschaffene weiß ; meine Wissenschaft soll also gewissermaßen ein Schaffwissen sein. Jene mir so nöthigen Selbstbeschränkungszwecke glaube ich aber dadurch am besten zu erreichen, daß ich mich dem in Schnipphausen vorherrschenden materiellen Verdauungsproceß möglichst accommodire, über die hiesigen Zustände möglichst wenig reflectire und in den Schulstunden, Nachmittagspredigten (mit Ihrer Erlaubniß, Herr Pfarrer!) und auch sonst möglichst viel schlafe. Denn der Schlaf ist das Einzige, was man in Schnipphausen eben so gut wie anderwärts, ja in bester Qualität und aus erster Hand haben kann, und wenn der Schlaf nirgends sonst wo erfunden wäre, in Schnipphausen würde er erfunden worden sein. Was mich betrifft, so fällt mir das Einschlafen und Schlafen immer leichter als das Wachen und Erwachen, welches in Schnipphausen stets sein Unangenehmes hat und mit vielen Enttäuschungen verbunden ist. Im Schlafe hört das Denken auf und der Traum beginnt, jene Götterdämmerung des Daseins, jenes gespenstische Zerrbild des Denkens, das sich vollendet, ohne sich zu einem sich selbst als Object gegenüberstellenden subjectiven Denken anstrengen zu müssen. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, aber ich verstehe mich selbst sehr wohl. Und nun lassen Sie uns schlafen gehen, verehrte Anwesende! denn der Schnipphausen'sche Rebensaft wirkt auf mich wie Mohnsaft. Sie, verehrte Anwesende! werden schlafen und nicht träumen; und ich werde träumen und gewissermaßen nicht schlafen; ich werde im Traume mehr denken, als Sie sich im Denken jemals geträumt haben. Gute Nacht für einen guten Tag! Je länger ich sprach, desto länger wurden auch die Gesichter der Taufgäste, sie wurden zuletzt so lang, daß sie von der Diele bis zur Stubendecke reichten und sich recht eigentlich nach der Decke streckten. Sie hatten dabei ganz verzerrte unheimliche Züge, die Augen traten ihnen aus dem Kopfe und starrten mich gespensterhaft an, die Haare erhoben sich borstenähnlich auf ihren Scheiteln, ihre Ohren standen fußlang vom Kopfe ab, ihre Lippen verlängerten sich zu Tiegerrachen, Hundeschnauzen und Elephantenrüsseln und ihre Nasen wurden immer länger, immer spitziger, kamen mir näher und näher, stießen zuletzt von allen Seiten auf meine Brust und schienen sich in diese einbohren zu wollen. Dieser fürchterliche Moment trat jedoch erst ein, nachdem ich mein letztes Wort gesprochen hatte. Da faßte es mich wie ein Fieber und mir vergingen die Sinne. Ich weiß nicht, ob sich dies Alles in Wirklichkeit so verhielt, oder ob es nur eine durch den Genuß des Schnipphausener Spalierweins hervorgebrachte Sinnentäuschung war. Ich weiß auch nicht, wie ich in mein Bett gekommen bin; ich weiß nur, daß ich am andern Morgen mit starkem Kopfweh und andern Symptomen schweren Uebelbefindens erwachte und sogleich begriff, in welchem Zustande ich mich befand. Vater, rief ich sofort, einen Häring! ein Glas Absynth! ich habe den Katzenjammer! Instinctartig fand ich das richtige Wort für meinen Zustand, denn für diesen gibt es nur das eine Wort; im ganzen Bereich der so umfangreichen deutschen Sprache findet sich kein anderes, welches ihn vollkommen ausdrückte und erschöpfte. Dennoch ist der Mensch zu bedauern, der ihn nie oder nicht zu wiederholten Malen überstanden hat; denn nur der, welcher gelernt hat, aus dem Kampfe mit diesem fürchterlichen Feind aller Weintrinker als Sieger hervorzugehen, wird auch für alle übrigen Kämpfe des Lebens gestählt und gegen alle Leiden und Gefahren hieb- und nagelfest sein. Darum, o Mensch, der du am Katzenjammer leidest, verzage nicht und bedenke, daß der Himmel selbst dir diese Prüfung auferlegt hat, um dich sittlich zu reinigen und zu kräftigen! Bedenke, daß auch der ehrwürdige Lot, von dem das Volk der Lotterbuben in directer Linie abstammt, nach jenen wein- und wonneseligen Nächten, welche das 19. Kapitel im 1. Buche Moses beschreibt, ohne Zweifel an demselben Zustande gelitten haben wird, und daß er doch ein sehr braver und sehr frommer Mann voll gesunder und natürlicher Moral war und sich nichts versagte! Nach einigen Jahren wurde ich von meinem Vater in die Vorhallen der Wissenschaft eingeführt, indem ich auf einer jener Schulbänke Platz nahm, auf denen schon manche Beinkleider von den Buben zum Schrecken ihrer Mütter verrutscht worden waren; denn dieses junge Volk kann bekanntlich nicht still sitzen, was ihm auch nicht zu verdenken. Ach, es ist eine schwere Aufgabe, wie angenagelt zu sitzen auf diesen harten Bänken, wenn man weiß, daß der grüne Rasen der Wiese eine viel weichere Unterlage bietet, wenn die Sommersonne so verlockend durch die trüben Fensterscheiben in das dumpfe schwülige Schulzimmer blickt, wenn die Eschenbäume, durch deren Grün es sich so behaglich in das klare tiefe Blau des Himmels schauen läßt, so heimlich im Winde rauschen und in ihren Zweigen die muntern Vögel so lustig singen, zwitschern und trillern! Meines Vaters katechetische Methode war sehr practisch. Wenn er uns unterrichten wollte, wie die Hochgebirge in der Schweiz genannt würden, so fragte er uns, wie das heiße, was uns bei überladenem Magen zuweilen im Schlafe drücke, und wir antworteten: der Alp! Nun, und in der Mehrzahl? fragte er weiter. Die Alpen! Richtig, da hatten wir das Wort. Fragte er uns, welcher Stand sich in der Schweiz am meisten auszeichne, so antworteten wir unisono : der Viehstand! und fragte er uns, welches das größte Reich in Schweden sei, so waren wir rasch mit der Antwort zur Hand: Das Mineralreich! Ich für mein Theil behandelte des Vaters Fragen am liebsten von der humoristischen Seite. Davon nur eine kurze Probe. Eines Tages fragte er uns, ob wir nicht eine kleine Stadt zu nennen wüßten, welche nicht allzuweit von der Hauptstadt entfernt liege und in der Weltgeschichte berühmt geworden sei. Wir nannten dann alle uns bekannten Städte und Städtchen, welche wie bescheidene Gänseblümchen die stolze Tulpe im Mittelpunkt, die Hauptstadt, einrahmen. Oh, ihr dummen Jungen, sagte er, ich meine das Städtchen Fehrbellin, denn dort schlug der große Kur– Antwortet: Kur– Kur–, Kurschmied, fiel ich ein. Ja, der große Kurschmied! wiederholten die Andern jubelnd. Ach was, der große Kurschmied! bemerkte mein Vater ärgerlich; es hat noch keinen Kurschmied gegeben, der groß gewesen wäre. Wißt ihr denn nicht, was auf der langen Brücke in Berlin steht? – Ei, rief ich dazwischen, ein großer Laternenpfahl! – Ja wohl, auch ein großer Laternenpfahl; aber den meine ich nicht, sondern die Bildsäule des großen Kurfürsten. Wen schlug der große Kurfürst bei Fehrbellin? Allgemeines Stillschweigen! – Die Schwe– Schwe–, begann der Vater, Schwerenöther! rief ich. Warte nur, du alter Schwede! rief herauf mein Vater, und hüte dich, daß der große Kurfürst nicht über dich kommt! wobei er drohend den Stab Wehe gegen mich erhob. Seitdem nannten wir das spanische Rohr, womit der Vater uns stockgelehrt zu machen bemüht war, scherzweise den großen Kurfürsten. Ich aber galt meinen Schulkameraden als ein Ausbund von Scherz und Spaßmacherei, und ich that mir darauf nicht wenig zu gute. Noch heutzutage weiß ich mir kein größeres Verdienst, als zur Erheiterung der Menschen beizutragen; denn der Mensch ist nie besser und tugendhafter, als im Zustande sanfter Erheiterung. Wenn es mich später in die Welt hinaustrieb und es mich nicht eher ruhen ließ, als bis ich den Punkt erreicht hatte, wo sich meine Fußsohlen gegen meinen Geburtsort richteten, so verdanke ich diese Wanderlust demselben Mann, der die Ehre hatte, mein Vater zu sein. Eines Tages sagte er in der geographischen Stunde zu uns: Seht, ihr schlechten Buben! wenn ihr durch das Hinterpförtchen in Schulzens Gehöft hinausgeht und immer eurer Nase nach gegen Norden, links von der Planke und dann wieder rechts am Froschteich vorbei, so kommt ihr über verschiedene Dörfer endlich nach der großen Stadt Berlin, die sehr schön zu sein pflegt selbst an Wochentagen und in der sich mehr Einwohner befinden, als es in Schnipphausen Feldmäuse gibt. (Wir sperrten die Mäuler auf als hätten wir Lust, sämmtliche Berliner wie Feldmäuse hinunterzuschlucken. Der Vater fuhr fort:) Wenn ihr dann aus Berlin hinausgeht und immer wieder nordwärts, so gelangt ihr über die Festung Spandau, in der, wie ich fürchte, Mancher von euch dereinst Ansässigmachungsrecht erwerben wird, und über mehrere Städte, die sehr klein sind, nach der ebenfalls kleinen, aber dafür auch in der Priegnitz gelegenen Stadt Perleberg, die davon den Namen hat, daß es daselbst weder Perlen noch Berge gibt, wie das Leipziger Rosenthal seinen Namen davon hat, daß darin viel wilder Knoblauch wächst. Und so kommt ihr weiter und weiter und endlich nach der großen Stadt Hamburg, wo viel mehr Schiffe im Hafen liegen, als in Schnipphausen Häuser sind, die Schweine- und Hundeställe mit eingerechnet – jedes Schiff so groß, daß man den Kahn auf unserm Froschteich zwischen das Takelwerk hängen könnte und er würde gegen das Schiff nicht größer aussehen als eine Nußschale gegen unsern Kahn. (Wir öffneten unsere Mäuler noch weiter, als seien sie zur Einfahrt für sämmtliche im Hamburger Hafen liegenden Schiffe bestimmt.) In ein solches Schiff steigt ihr sammt und sonders, denn ihr habt alle darin Platz, und wenn ihr auch eure Eltern und sämmtliche Geschwister mitnehmen wolltet. Auf diesem Schiffe gelangt ihr nun in ein großes Meer, die Nordsee, gegen welche sich unser Froschteich verhält wie ein Regentropfen, der Euch auf die Nase fällt, gegen unsern Froschteich, und dann in eine große, große Stadt, London geheißen, in der es so viele Häuser gibt als in Berlin Einwohner, und nachdem ihr euch in dieser Stadt recht müde gelaufen, besteigt ihr das Schiff abermals, oder auch ein anderes noch größeres, und ihr steuert nun in ein weites, weites Meer, das sich wieder zur Nordsee verhält, wie die Nordsee zu unserm Froschteich. Wenn ihr nun nicht, woran übrigens nicht viel gelegen wäre, in diesem Meere untergeht, so kommt ihr an ein festes Land, welches darum, weil es ein Theil der Welt ist, ein Welttheil genannt wird und mit seinem Vornamen Amerika heißt. Dieser Welttheil unterscheidet sich dadurch von Schnipphausen, daß daselbst Menschen wohnen, welche, weil sie Menschen fressen, auch wohl Menschenfresser genannt werden, und ungerathenen Buben wie euch das Fell über den Kopf ziehen, was sie scalpiren nennen. Es gibt freilich auch civilisirte Einwohner in Amerika, die ihren Nebenmenschen gerade ebenso gut das Fell über die Ohren zu ziehen wissen, nur daß sie das nicht scalpiren, sondern speculiren nennen. Seid ihr nun zufälligerweise hier nicht gefressen worden, so kommt ihr auf der andern Seite von Amerika wieder in ein weites, weites Meer, welches über und über mit Inseln besäet ist, die man zusammen Australien nennt. Denkt euch eure Milchschüssel mit recht vielen Fliegen darin, und ihr werdet ungefähr wissen, wie dieses Meer mit seinen vielen Inseln aussieht. Von diesem Weltheil, in welchem es auch viele Menschenfresser gibt, gelangt man nach einem dritten Welttheil, Asien genannt, welcher mit den beiden großen Halbinseln Vorder- und Hinterindien die Gestalt jenes Schmetterlings hat, den ihr Schwalbenschwanz nennt. Hier gibt es große Katzen oder Tiger, mit Schnurrbärten, um die sie ein Husarenoffizier beneiden könnte, und mächtige Elephanten, so groß, daß sie ein ganzes Kossäthenhaus auf ihrem Rücken mit sich nehmen könnten. Beide Thiere bekämpfen einander und wenn der Tiger siegt, so geht es dem Elephanten sehr schlecht, und wenn der Elephant siegt, dem Tiger; denn der Elephant schleudert ihn in die Luft und zerstampft ihn mit den Füßen etwa wie ihr Buben eine Feldmaus. Weiter gelangt ihr übers Meer nach einem vierten Welttheil, Afrika genannt, dessen Bewohner deßhalb über und über pechschwarz sind, weil man sie Mohren nennt. Nennte man sie anders, so würden sie freilich auch nicht weißer werden. Sie unterscheiden sich außerdem noch dadurch von den Bewohnern Deutschlands, daß es bei ihnen keine Schuster und Schneider gibt, weil sie keine Kleider und Schuhwerk nöthig haben und sich nicht wie wir ihrer natürlichen Haut schämen. Im Winter heizt man in Afrika nicht ein, weil es dort immer Sommer ist, und im Sommer sucht man keinen Schatten, weil es da keinen Schatten gibt. In Afrika ist auch der grimmige Löwe zu Hause, von dem ihr schon Manches gehört haben werdet, aber man trifft ihn niemals zu Hause, denn er geht immer spazieren und brummt sich dabei Etwas in seinen dicken Bart. Von diesem merkwürdigen Welttheil, der die Gestalt einer Jungfernbirne hat, kommt ihr wieder auf eurem Schiff nach Europa zurück, welches der fünfte Welttheil und eigentlich das fünfte Rad am Wagen ist. Dieser Welttheil, auf dem unser schönes Schnipphausen liegt wie eine Brodkrume, welche in den Sand gefallen ist, trägt eine Jacke, die sich auf der Landkarte ebenso zerrissen und geflickt ausnimmt wie eure Jacken, selbst Sonntags, wo doch andere ordentliche Leute, wenn sie in die Kirche gehen, eine ganze Jacke anzuziehen pflegen. Aber die Jacke der Jungfer Europa (denn man nennt Europa eine Jungfer, weil sich wegen ihrer Abgerissenheit kein Freier zu ihr finden will) ist freilich schon so alt, daß kein Stich mehr hält, so viel man an ihr auch flicken mag, und mit dem Wenden hat es bisher auch nicht recht gelingen wollen. Und doch haben an noch keiner Jacke so viel Schneider und Flickschneider (die man Diplomaten zu nennen pflegt) herumgeflickt als an dieser. Diese curiose Welt kennen zu lernen, machte mich des Vaters gelehrter geographischer Vortrag im hohen Grade begierig, und ich spazierte sehr häufig durch das Hinterpförtchen in Schulzens Gehöft bis zur Planke und sogar bis zum Froschteich, aber weiter wagte ich mich nicht, denn jenseits des Froschteiches lag die Welt in all ihrer Unermeßlichkeit vor mir. Erst einer interessanten Bekanntschaft verdankte ich, daß ich gelegentlich auch über den Froschteich hinauskam und die Erfahrung machte, daß die Welt überall einen festen Boden hat. Von Zeit zu Zeit kam nämlich ein Gutsnachbar, der Baron von Piesack, zu unserm Gutsherrn auf Besuch und mit ihm sein einziger Sohn, Junker Hans von Piesack, der ein toller Bursche war und sich für die Zeit seines Aufenthalts immer sehr innig an mich anschloß. Ich muß hierbei bemerken, daß meine elf Geschwister zwar sehr gutmüthiger, aber auch sehr unbedeutender Natur waren, mit denen ein Bube von meinem Charakter nichts aufstellen konnte, weßhalb es für mich immer ein großer Augenblick war, wenn der mir ähnlich geartete, aus einer raubritterschaftlichen Familie abstammende Junker Hans von Piesack bei uns ans Fenster klopfte und mir zurief: Fritz! mach schnell, daß du herauskommst! Wir wollen wieder einmal den dummen Bauern zeigen, was wir für pfiffige Kerle sind. Rasch war ich dann hinaus, und nun ging es mit lautem Halloh durchs Dorf. Die herrschaftlichen Hunde wurden unter die Gänse und Enten gehetzt, den Bauernjungen, die dem vornehmen Junker keinen Widerstand zu leisten wagten, die Jacken ein wenig ausgeklopft, an den Zäunen die Latten losgebrochen, den Wägen die Räder abgedreht, den Bauerpferden die Stränge abgeschnitten, und nun wurde auf diesen zum Dorfe hinausgejagt, weit weit über den Froschteich hinaus, in die Gemüsefelder, wo wir unter den Schoten und Rüben arge Verwüstungen anrichteten und unter andern sämmtliche Popanze umstürzten, welche die Bauern aus alten Kleiderfetzen und Mützen in sehr sinnreicher Weise dort aufgerichtet hatten, um die Sperlinge zu verscheuchen. Auch den Obstbäumen der Bauern wurde übel mitgespielt, denn obschon wir Birnen, Aepfel und Pflaumen in viel besserer Qualität aus dem herrschaftlichen Garten haben konnten, so schmeckte uns das Bauernobst doch viel besser, weil es gestohlen war. Wir standen damals beide instinctmäßig auf dem Standpunkte gewisser französischer Socialisten, welche der Ansicht sind, daß das Eigenthum im Grunde nichts weiter als Diebstahl sei, woraus aufs logischste folgt, daß Diebstahl nichts ist als Wiedererlangung eines mir rechtmäßig gebührenden Eigenthums. Oh, könnte ich nur einem dieser Pariser Socialisten beikommen! Ich würde ihm mit größter Gemüthsruhe seine goldene Uhr entwenden und, im Falle er mich verklagte, vor Gericht aus seinen eigenen Schriften nachweisen, daß diese Uhr von ihm ursprünglich der menschlichen Gesellschaft und mithin auch mir entwendet, durch mich aber der menschlichen Gesellschaft wieder zurückgestellt worden sei! Die Rechte sind auf Erden sehr ungleich vertheilt, und wenn ich dasselbe thue, was ein Anderer thut, der höheren Ranges ist als ich, so thue ich nicht dasselbe. Dies mußte ich in früher Jugendzeit erfahren. Der Junker, weil er Junker war, wurde wegen dieser agrarischen Frevel nicht zur Verantwortung gezogen, während ich dafür büßen mußte. Die Bauern wandten sich mit ihren Klagen an meinen Vater, und dieser ließ nun den Stab Wehe etwas unsanft auf mich niederfallen. Aber ich sah mich vor und brachte an dem Körpertheil, der für die tollen Streiche, welche mein Gehirn ausgebrütet hatte, bestraft werden sollte, obschon gerade er daran am unschuldigsten war, ein mit Häckerling ausgestopftes Kissen an, so daß ich nur sehr wenig oder nichts fühlte. Dennoch schrie ich ganz erbärmlich, um mich nicht zu verrathen. Hinterher lachte ich mir dann freilich ins Fäustchen. Mit den Thieren stand ich auf einem viel vertrauteren Fuße als mit den Menschen. Jedes Thier hat eine eigene Sprache, zu deren Verständniß es ebensowohl einer besondern Organisation, als eines tiefen und ausdauernden Studiums bedarf. Ich verstand alle diese verschiedenen Thiersprachen, und das wußten diese guten Geschöpfe und klagten mir ihre Leiden und erzählten mir ihre Lebens- und Liebesgeschichten. Ueber die Menschen, ihre Verfolger und Tyrannen, äußerten sie sich sehr bitter, und es gab unter ihnen kein größeres Schimpfwort als das Wort »Mensch!« Mich aber betrachteten sie als eine Ausnahme und thaten mir Alles zu Gefallen, selbst die Gänse und Enten; denn wenn ich sie auch zuweilen, vom Junker Hans dazu verführt, mit den Hunden vom Herrenhofe hetzte, so entschuldigten sie selbst mich mit dem alten Sprüchwort, daß Jugend keine Tugend habe und sich austoben wolle. Ich bin überzeugt, daß es unter den Gänsen manche gab, die sich für mich mit Vergnügen hätte braten lassen und unter den sehr soliden Schweinen des Dorfes manches, welches es sich zur Ehre gemacht haben würde, sich für mich zu Wurst machen zu lassen. Wegen der Feldmäuse gerieth ich mit dem Gemeinderichter, der, wie alle Gemeinderichter, gerade kein sehr weiches Herz hatte, in unangenehme Auseinandersetzungen, denn ich nahm mich ihrer Privilegien mit Wärme an und behauptete, sie seien die geborenen Herren des Bodens, der Mensch nur Usurpator und dieser verletze die Animalität (welches Wort das unter den Thieren bedeutet, was unter den Menschen das Wort Humanität), wenn er sie verfolge und von ihrem eigenen Grund und Boden vertreibe. Ebenso betrachtete ich die Sperlinge als die eigentlichen Besitzer der Schotenfelder, was mir ebenfalls von den egoistischen Bauern sehr übel genommen wurde. Die Hunde bissen sich um die Ehre, mich zu begleiten; sie gingen für mich ins Wasser, und würden, ich zweifle nicht, für mich auch durchs Feuer gegangen sein. Wenn ich den bekannten Kinderspruch: »Maikäfer flieg« hersagte, so kamen die Maikäfer mehrere Tage früher aus der Erde, als sie sonst gethan haben würden. Hielt ich eine Blume in der Hand, so flogen die Schmetterlinge herbei und setzten sich darauf, denn sie wußten, daß ich ihnen nichts that. Die Bienen legten ihren Honig in meine Mütze ab, was mir sehr angenehm war, denn ich brachte die Mütze oft ganz voll Honigwaben nach Hause und bereitete mir und meinen Geschwistern damit einen Festtag. Wenn ich mich unter einen Baum hinstreckte, so spielten die Finken, Zeisige und Stieglitze ihre schönsten Flötenmelodien auf, wenn sie aber merkten, daß ich schlafen wolle, schwiegen sie sämmtlich plötzlich still, um mich nicht zu stören. Setzte ich mich an den Rand des Froschteichs, so sammelten sich die gutmüthigen Frösche zu Hunderten um mich, streckten ihre grünen Köpfe aus dem Wasser und quakten mir etwas vor. Wenn ich eine Spinne traf, die im Begriffe war, eine Fliege in ihre Fäden einzustricken und sie auszusaugen, so brauchte ich ihr nur einen strafenden Blick zuzuwerfen und sie ließ sofort ihre Beute fahren und zog sich in ihren Schmollwinkel zurück. Dieser moralischen Herrschaft, die ich über die Thierwelt ausübte, und diesem zärtlichen Verhältniß, in dem ich zu ihr stand, habe ich es, wie der Leser später noch erfahren wird, allein zu danken, daß ich noch lebe und gesund bin, was ja doch im Leben und fürs Leben die Hauptsache bleibt. Zweites Kapitel. Es gibt im Menschenleben Augenblicke, Wo man daheim sich nicht behaglich fühlt; Dann rath' ich dir, mach' schnell dich auf die Strümpfe, Sofern du welche hast! . . . Schiller. Wer auf einer Reise nicht viel Ausgaben machen kann, dem ist zu rathen, die wohlfeilste Gelegenheit zu nehmen, die sich ihm bietet. Goethe's Italienische Reise. Obschon ich meinen Vater, den Schulmeister, bald an gelehrten Kenntnissen übertraf, so kann ich doch versichern, daß ich alle Federfuchserei so ingrimmig haßte wie der alte Blücher, und daß die Bücher an mir einen so erbitterten Feind hatten wie an jenem Chalifen, der die alexandrinische Bibliothek verbrennen ließ. Alle Bücher, die mir in die Hände fielen, riß ich so gut herunter, wie irgend ein deutscher Recensent, bis kein guter Fetzen mehr daran war; ich verhängte über sie alle nur immer denkbaren Todesstrafen und war darin so erfinderisch wie irgend ein Criminalrichter des Mittelalters: ich zerkniff, zerriß, zerschnitt, zersägte, zertrat, verbrannte sie. Nur gegen ein Buch ließ ich Gnade walten, gegen den Campe'schen Robinson, dem ich im Grunde Alles verdanke, was ich später geworden bin. Dieses Buch bildete meine ganze Bibliothek, und zwar eine portative, indem ich es überall mit mir trug. Ich vertiefte mich darin häufig so, daß, wenn meine Mutter kam, mich von dieser Lectüre abzuziehen, sie von meiner Person ganz und gar nichts mehr erblickte; ich stack in dem Buche, ich war in ihm aufgegangen. Robinson Crusoe wurde mein Ideal, dem ich nachstrebte. Verschlagen zu werden an ein ödes unbewohntes Eiland, wie Robinson, bis zum Tode krank und wieder gesund zu werden wie Robinson, ein gemüthliches Lama zu halten wie Robinson, Kartoffeln in heißer Asche zu braten wie Robinson, mich mit Wilden herumzuschlagen wie Robinson, einen Freitag zu finden wie Robinson, das schien mir der einzige Zweck zu sein, für den zu leben des Lebens werth sei. Nur davor graute mir, in einem stillen bürgerlichen Berufe enden zu sollen wie Robinson. Meine innerste Natur sträubte sich dagegen, mein Leben im ehrsamen Beruf eines Tischlers unter Hobelspänen hinzubringen. Den Hobelspänen entgehen wir ja zuletzt doch nicht. So war ich, immer den Robinson im Herzen, bis zum zwölften Lebensjahre gediehen und bereits ein so strammer Bursche, daß mich mein Vater eines Tages ernstlich ins Gebet nahm und an mich die Worte richtete: Fritz, ich fürchte zwar, daß aus dir nie etwas werden wird, aber wenn du etwas werden solltest, was möchtest du wohl am liebsten wünschen geworden zu sein? Bescheidentlich, aber meiner Sache sicher antwortete ich: Lieber Vater! was ich nicht werden möchte, das will ich Euch ehrlich und aufrichtig sagen. Ich möchte kein Schulmeister werden wie Ihr; denn den Dorfkindern Tag aus Tag ein, Jahr aus Jahr ein und das ganze Leben hindurch das ABC und Einmaleins einpauken, das scheint mir beim Lichte besehen doch ein sehr langweiliges Geschäft zu sein. (Der Vater schmunzelte hier, als ob er mir vom Grunde seines Herzens sehr Recht gäbe.) Und was habt Ihr davon? fuhr ich fort. Die Hasen laufen Euch, wenn auch nicht gerade auf den Tisch, doch in den Kohlgarten, aber Ihr dürft sie nicht wegputzen, weil das der gnädige Herr nicht leiden würde. Sie werden von Eurem Kohl fett, und so verspeist im Grunde die Gutsherrschaft Euren Kohl. (Der Vater schmunzelte noch mehr und nickte beifällig.) Ihr flickt den Jungen ihren zerlöcherten Verstand, aber Niemand flickt Euch Eure Kleider, wenn Ihr es nicht selbst thut, was doch nur dann möglich ist, wenn Ihr Geld genug habt, Zwirn zu kaufen. Ach ja, Zwirn spinnt Ihr Euch wohl noch, aber niemals Seide. (Der Vater schmunzelte von neuem.) Das Consistorium und die Oberschulbehörde versichern zwar, daß Ihr Euer Brod habt, aber ich sehe leider, daß wir sehr oft kein Stück Brod im Hause haben. Wochentags Kartoffeln ohne Salz und Sonntags zur Unterbrechung Kartoffeln mit Salz! Und das nennen sie da oben Brod haben! Nun ist mir aber gesagt worden, daß im Brode 20 Procent und in der Kartoffel nur 3 Procent Nahrungsstoff enthalten ist, mithin bleibt Euch die Oberschulbehörde, die Euch ins Brod oder buchstäblicher gesagt ins Kartoffelmuß einsetzte, bei jeder Kartoffel, die Ihr eßt, 17 Procent Nahrungsstoff schuldig. (Der Vater brach in ein herzliches Gelächter aus.) Macht doch der Oberschulbehörde eine Rechnung! Auf das ganze Leben veranschlagt, müßt Ihr ja so viel Brod herausbekommen, daß Ihr von dem Verkauf bald der reichste Mann im Dorfe sein müßtet. Da haben die Nationalöconomen, wie Ihr mir neulich erzähltet, ausgerechnet, daß in unserm Lande täglich auf den Kopf im Durchschnitt ein Pfund Fleisch komme. Ei, verklagt sie doch wegen Unterschlagung des uns rechtlich gebührenden Antheils am allgemeinen Fleischconsum! Bei der großen Kopfzahl unserer Familie und bei der noch größern Freigebigkeit unserer Nationalökonomen müßte Euch so viel Fleisch nachgeliefert werden, daß Küche, Keller und Speisekammer nicht Raum genug haben würden, es zu fassen. Ach, und was für Aussichten habt Ihr in die Zukunft? Seht hinaus! das sind Eure Aussichten! Bei diesen Worten führte ich meinen Vater an das Fenster und zeigte dabei auf einige kleine von gewissen Feuchtigkeiten umspülte Hügel, wie man sie gewöhnlich in Hofräumen ländlicher Wohnungen findet und in deren Nähe der Städter, das Taschentuch vor die feinerzogene Nase haltend, seine Schritte zu beflügeln pflegt. Der Vater brach in ein herzliches Gelächter aus. Nun, sagte er lächelnd, die Aussichten sind doch gerade nicht so ganz schlecht und nicht ohne allen Reiz. Die Birken da vor der Hofthüre sind doch ganz stattliche Bäume, und wenn wir sie fällen ließen, so könnten wir ziemlich den ganzen Winter über eine warme Stube haben. Ja, fiel ich lachend ein, wenn Ihr sie nicht brauchtet, um die vielen Ruthen zu ergänzen, die Ihr jährlich auf dem dazu vom Himmel besonders eingerichteten Körpertheil Eurer ungezogenen Schulkinder zerarbeitet! Na, du Gelbschnabel, rief der Vater, aber immer lachend, da er gerade bei guter Laune war – zum Schulmeister bist du freilich verdorben, das sehe ich! Aber nun sage mir, was du am liebsten werden möchtest? Was ich werden möchte? rief ich; und kurz und entschieden setzte ich hinzu: Robinson will ich werden! Man kann sich denken, was für Augen mein Vater bei dieser Erklärung machte. Ja, fuhr ich fort, wenn ich nicht Robinson werden kann, so will ich lieber gar nichts werden. Schickt mich nach Hamburg, Vater! damit ich mich als Schiffsjunge verdingen kann. Alles Uebrige wird sich finden. Wenn du drei oder vier Jahre älter sein wirst, sagte mein Vater, dann läßt sich weiter darüber reden. Bis dahin werden dir die Robinson-Gedanken wohl verflogen sein. Mit diesen Worten brach mein Vater unser Gespräch kurz ab. Vier Jahre älter! Der Gedanke wollte mir nicht aus dem Kopfe. Bloß vier Jahre älter, um befähigt zu sein, Schiffsjunge zu werden! Da kam mir eine prächtige Idee: Du wirst vier Geburtstage überspringen, sagte ich mir, und schnell in meinen Entschlüssen, wie ich immer bin, übersprang ich sie auch sofort. Ich war nun plötzlich in dem Alter, in welchem man nicht mehr befürchten darf, wegen zu großer Jugend zurückgewiesen zu werden, wenn man sich als Schiffsjunge meldet. Die Rechnung war so richtig, der Schluß so logisch als möglich: wenn es Einem gelingt vier Geburtstage zu überspringen, so muß man ja dadurch nothwendig um vier Jahre älter geworden sein. Wenn das Erste gelingt, so kann das Zweite unmöglich ausbleiben, und mir gelang es, wie mir Alles gelingt, was ich mir einmal fest in den Kopf gesetzt habe. Indeß sah ich wohl ein, daß es immer noch einen tüchtigen Strauß mit dem Vater setzen würde, wenn ich versuchen wollte ihn zu bewegen, mich meines Weges ruhig ziehen zu lassen. Ich beschloß also, mich heimlich aus dem Staube zu machen (und an Staub fehlt es in meiner heimathlichen Gegend durchaus nicht) und schon das Dunkel der nächsten Nacht zu der Ausführung meines Entschlusses zu benutzen. Das Einzige, was mir noch am Herzen lag – obschon ich damals gewünscht hätte, sie möchte mir fester am Herzen liegen als sie that – war Beate Regina Cordula Veronica Pipermann, die Erbschulzentochter des Dorfes, für die ich, trotz meiner Jugend, schon seit meinem zehnten Jahre eine gewisse zärtliche Passion fühlte, die sie nur deßhalb nicht erwiederte, weil, wie sie sagte, ich noch ein zu junges Bürschchen sei. Jetzt war ich ihr in Folge meines kräftigen Entschlusses an Jahren wenigstens gleich, und an Verstand fühlte ich mich ihr schon längst überlegen; denn sie war damals noch sehr dumm, fast dümmer noch als sie aussah, obgleich sie ihrem Aussehen nach doch immer noch dümmer hätte sein können als sie war. Es gibt aber eine Poesie und Romantik der Dummheit, der sich nichts vergleichen läßt, und diese war es, die mich bei Beate Regina Cordula Veronica Pipermann anzog. Wenn es dir gelänge, sie zu entführen, sie mit dir zu nehmen– dachte ich mir – mit welchem romantischen Nimbus würde deine Schiffsjungenstellung verklärt werden! Der Geist Robinson's, hoffte ich, würde mir verzeihen, wenn ich mir wenigstens diese Abweichung erlaubte und mich an den Strand der einsamen Insel aussetzen ließe in Begleitung eines weiblichen Wesens, das wenigstens die mancherlei Flickarbeiten für mich übernehmen könnte, für die ich doch im Grunde sehr wenig Beruf in mir spürte. Ich begab mich also noch im Lauf des Abends zu ihr und stellte ihr mein Anliegen vor. Ich schilderte ihr mit glühender Beredsamkeit, wie schön es sein würde, wenn sie in einsamer Hütte die Kartoffeln kochte und die zu Schaden gekommenen Beinkleider aus Lamafell flickte, wenn sie neben mir den Pfad der Tugend durch die Insel wandelte, oder, insofern meine Tugend Schaden leiden sollte, auch diese zusammenflickte, ich malte ihr die Genüsse aus, die es gewährt, in selbstverfertigten Pelzstiefeln sentimental am Meeresstrande spazieren zu gehen, zur Unterbrechung mitsammen bald Küsse bald Austern zu schlürfen, und sich dabei zärtlich ins Auge zu blicken, ich deutete auf die Möglichkeit einer durch uns mittelbar oder unmittelbar erzielten Bevölkerung der Insel hin – aber sie zeigte keinen Sinn für die Romantik eines solchen Verhältnisses, selbst nicht für die ihr eröffneten Populationsaussichten; sie lächelte nicht, sie lachte – ach, so süß einfältig, daß ich die Größe der Natur bewundern mußte, auch in der Art, wie eine Erbschulzentochter in solchen Fällen lacht. Für diesmal ist es nichts, dachte ich mir, aber entgehen wirst du mir nicht. Ich erwähne dies Verhältniß im Vorbeigehen schon hier, weil dieses Wesen, wie man sehen wird, noch später mit meinen Geschicken in wunderbarer Weise verflochten werden sollte. Den Meinigen ließ ich folgenden Zettel zurück: »Theure Eltern und Geschwister! Seid nicht so sehr betrübt über meinen Weggang; ich bin es auch nicht. Bedenkt, daß ich im Begriff bin, als Robinson mein Glück zu machen. Hindert mein Lebensglück nicht durch jene öffentlichen Briefe, die auch wohl Steckbriefe genannt werden, und für die Betheiligten sehr unangenehm zu lesen sind. Bietet die polizeiliche Macht nicht gegen mich auf, obschon ich überzeugt bin, daß ich mit ihr eher fertig werden würde als sie mit mir; denn, wer gegen mich ankämpft, kämpft gegen eine Macht, die höher ist als er. Mitgenommen habe ich nichts als ein paar Speckseiten und den Wanderpaß meines Bruders Georg, der so ziemlich auf mich paßt, seit ich Georg an Jahren eingeholt habe. Es ist besser, er bleibt und ich gehe. Dafür habe ich Euch einen schönen Wildbraten zurückgelassen, den Ihr auf dem Speicher unter dem Strohe finden werdet. Lebt wohl, und besucht mich gelegentlich in meiner neuen Heimath, über die ich Euch seiner Zeit Nachricht zukommen lassen werde.« Was den in diesen Zeilen erwähnten Wildbraten betrifft, so bedarf dieser einer Erläuterung. Ich hatte nämlich in Erfahrung gebracht, daß in einer Kammer des Försterhauses ein prächtiger Sechszehnender liege, den unser Gutsherr sammt einigen Flaschen selbstgezogenen Landweines einem ihm befreundeten Kaufmann in Hamburg mit der Post zu schicken beabsichtigte. Im Geheimen hatte ich nun das mächtige Thier mit gewohnter Geschicklichkeit so ausgeweidet, daß nur noch die Haut übrig geblieben war. In diese verkroch ich mich während der Nacht so geschickt, daß, als am anderen Morgen die Kiste zugenagelt wurde, Niemand bemerkte, welch ein ganz anderer Braten darin stak. Die Kiste wurde nun mit gehöriger Aufschrift versehen, auf einem Bauernwagen nach der Stadt gebracht, und von hier mit der Post nach Hamburg weiterbefördert. So kostete die Reise mich gar nichts. Unterwegs benutzte ich die viele Muse, deren ich genoß, dazu, mit meinem Messer einige Kuck- und Luftlöcher in die Kiste zu schneiden, denn ich kann nicht leugnen, daß ohne diese geschickt vollzogene Operation meine sehr eingepreßte Lage trotz meiner gesunden Lunge ihr Bedenkliches für mich gehabt haben würde. Zehrung gewährten mir während des Transports die mitgenommenen Speckseiten und meinen Durst stillte ich mit dem vorgefundenen Landwein von echt märkischer Qualität, von dem ich auch keinen Tropfen übrig ließ. Wenn ich nicht aß und trank, schlief ich und träumte von nichts als von Kokusnüssen und Austerschaalen, Lama's und Menschenfressern, selbstverfertigten Beilen und Kleidungsstücken und aus Pflanzenfasern bereitetem Zwirn, in den sich meine Phantasie förmlich einspann. So kam ich ohne weitere Gefährde nach Hamburg, dem Mekka meines großen Propheten Robinson. Die Kiste wurde im Hause des Kaufmann Schummer abgesetzt. Die ganze Familie versammelte sich um das inhaltreiche und hoffnungsvolle Poststück. Die Kinder jauchzten; die Hausfrau theoretisirte im Stillen bereits über die verschiedenen Saucen und der Mann kostete sie im Geheimen durch. Die Nagel wurden einer nach dem andern mit der Zange herausgezogen, der Deckel endlich abgeworfen. Die Köchin, die Kindsmagd, der Bediente, der Kutscher faßten das Edelwild Jeder bei einem Beine und begannen es zu heben. Es müsse ein fetter Bissen sein, sagte die Köchin, denn es sei gewaltig schwer. Jetzt endlich hielt ich meine Zeit gekommen und steckte den Kopf aus der Wildhaut langsam hervor, mußte aber, von dem plötzlich mein Auge treffenden Tageslichte geblendet, gewaltig nießen, ein, zwei oder dreimal – ich habe es nicht gezählt – was mir meine längst einstudirte Anrede für den Augenblick leider verdarb. Niemand dachte daran, mir ein Prosit oder Helf Gott oder Gesundheit zuzurufen. Die Dienerschaft ließ die Wildhaut vor Schreck aus den Händen und mich ein wenig unsanft auf den Boden der Kiste zurückfallen; die Herrschaft stand wie versteinert mit weit aufgerissenen Augen; die Kinder liefen unter entsetzlichem Geschrei davon. Ich indeß wickelte mich allmälig aus der Wildhaut los, trat mit artiger Verbeugung vor den Herrn und die Damen des Hauses und sagte: Der Herr Baron und die Frau Baronin von, auf und zu Schnipphausen lassen sich Ihnen bestens empfehlen und sich für die ihnen im vergangenen Sommer in Ihrem gastfreien Hause zu Theil gewordene freundliche Aufnahme durch mich herzlichst bedanken. Sehr wohl – aber was soll das bedeuten? stammelte Herr Schummer, der sich allmälig zu sammeln und Herr der Situation zu werden begann. Frei Gut, freie Fahrt! erwiederte ich. Herr Schummer schien bei diesen Worten eine Ahnung über den Zusammenhang der ganzen Begebenheit zu bekommen, beschränkte sich jedoch für den Augenblick auf die Frage, wer ich sei und woher ich komme? Ich bin Fritz Beutel, erwiederte ich, und komme direct von Schnipphausen. Also Fritz – Fritz Beutel – – Fritz Beutel, Sohn des hochachtbaren Schulmeisters Valentin Andreas Beutel in Schnipphausen. Eine wunderliche höchst seltsame Geschichte, sagte lachend Herr Schummer. Aber Sie sehen einen Mann in mir, der Spaß versteht, und nun kommen Sie und erzählen Sie! Ich mußte ihm nun, dem gemüthlichen alten Herrn, in sein Zimmer folgen, erzählte ihm hier Alles der Wahrheit gemäß und fand, da Herr Schummer ein jovialer Mann war, bald Entschuldigung und Verzeihung; ja Herr Schummer dankte mir schließlich recht von Herzen dafür, daß ich die Flaschen selbstgezogenen märkischen Landweines vertilgt und ihn dadurch der schweren Prüfung überhoben habe, selbst diesen Act zu vollziehen und seinem Geschäftsfreunde, dem Baron von, auf und zu Schnipphausen, Rechenschaft über die Güte des Weines abzulegen. Herr Schummer bewirthete mich sogar mit einem echt Hamburger soliden Frühstücke, bestehend ans einigen Dutzend Austern, einigen Taschenkrebsen und Hummern, einem mächtigen Stücke Hamburger Rauchfleisch, einigen Metwürsten, einem westphälischen Schinken und verschiedenen Sorten von Käse holsteinischer, schweizer, holländischer und englischer Abstammung, was in Verbindung mit der nöthigen Menge köstlichen Portweines meine Lebensgeister nicht wenig hob und die seinigen sogar bis zu einer gewissen Exaltation steigerte. Er begann, sich für mich lebhaft zu interessiren und fragte mich, was mich denn nun eigentlich nach Hamburg geführt habe. Ich fühlte wohl, daß ich einem nüchtern calculirenden Hamburger Kaufmann meinen Phantasieplan nicht offenbaren dürfe, ohne Gefahr zu laufen, die gute Meinung einzubüßen, die er von mir während des Gesprächs offenbar gewonnen hatte. Ich sagte daher so im Allgemeinen, daß ich wünsche, eine Seereise zu machen, die Welt und besonders fremde Länder kennen zu lernen und dabei selbst etwas Ordentliches und Tüchtiges vor mich zu bringen. Zu meiner großen Freude und Ueberraschung erklärte und versprach er mir nun, zur Ausführung meines Projects selbst die Hand zu bieten, indem in einigen Wochen ein Segelschiff von ihm nach Nordamerika spedirt werden würde, auf welchem ich freie Ueberfahrt haben solle. Ja, er versprach mir sogar, einiges Geld und namentlich Empfehlungsbriefe an seine Geschäftsfreunde in mehreren nordamerikanischen Handelsstädten mit auf den Weg zu geben. Viel gelernt schien ich ihm zwar nicht zu haben, fügte er hinzu, aber dafür ein offener Kopf zu sein, und das sei ein Haupterforderniß in Nordamerika, dem Lande der offenen Köpfe.. O, wie dankbar schüttelte ich Herrn Schummer die Hand für ein so großmüthiges Anerbieten. Und nun, lieber junger Freund! sagte er, als wir vom Frühstück aufstanden – machen Sie sich die wenigen Wochen Ihres hiesigen Aufenthalts recht lustig in Hamburg. Mein Geldbeutel steht Ihnen zur Verfügung. Thun Sie, was Ihnen beliebt! Nur Eins: kümmern Sie sich fortan eben so wenig um mich, als ich mich um Ihr Thun und Lassen kümmern werde. Ich habe meine Geheimnisse, und Sie werden die Ihrigen haben. Es ist daher besser, daß Keiner den Andern genirt. Und, wie gesagt, tummeln Sie sich hier noch recht tüchtig aus (Herr Schummer hielt mich wegen meiner strammen Leibesgestalt offenbar für älter als ich war); denn eine solche Seereise ist unendlich langweiliger als so eine Landratte sich einbildet, und da ist es zweckmäßig, eine recht tüchtige Fracht lustiger Erinnerungen mit an Bord zu nehmen. Man kann denken, daß ich mir die väterlichen Rathschläge meines Gastfreundes möglichst zu nutze machte, und als Fritz Beutel mit meinem Namensvetter, dem Beutel des Herrn Schummer, eine sehr innige Bekanntschaft schloß, die zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens gehört. Ich kann versichern, daß die feinen Austerkeller und die etwas weniger feinen Matrosenkneipen am Spielbudenplatz, daß die Tanzsalons und das Silentiumspiel in St. Pauli mich und meinen Namensvetter, der nur etwas lederner war als ich, gar sehr in Anspruch nahmen, und sehr bald bemerkte ich, daß ich hier in einer Stunde mehr als in der Schenke von Schnipphausen im Laufe eines Jahres ausgeben konnte und auszugeben Versuchung hatte. Ich habe mich leider niemals mit der Bitte: »Führe uns nicht in Versuchung« befreunden können! Viel eher fühlte ich mich immer zu der Bitte aufgelegt: Führe mich nur recht tief und oft in Versuchung; wie ich mit Glück herauskomme, das laß meine Sorge sein! Dieser Versuchungen gab es hier nun freilich mehr als in meinem Heimathsort Schnipphausen, wo des Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh oder Alles was sein war, in der Regel nicht sehr einladend erschien, um darnach zu begehren. Ich will mich hier nur in das fleischliche Gebiet der Frühstückskeller verlieren, und muß bei dieser Gelegenheit bemerken, daß wenn man dem Hamburger Mangel an Geschmack nachsagt, dies mir eine sehr ehrenrührige und unverdiente Beschuldigung zu sein scheint. Was wäre denn schmackhafter als diese pfundschweren Hummern, diese höchst preiswürdigen Seezungen, Dorsche und Schellfische, diese appetitlichen, zum Einschlürfen wie gemachten Austern, von denen mindestens ein Schock auf einen wohl organisirten Menschenmagen gehen, diese kolossalen Alpenmassen Hamburger Rauchfleisches, an denen der Bratensaft wie erquickliches Gletscherwasser hinabrinnt, diese westphälischen Schinken und Lachse, die in Scheiben zerlegt sich wie durchsichtige Rosenblätter auf dem Teller ausbreiten, diese wohlgerundeten Riesenschlangen, welche den officiellen Namen Braunschweiger und Göttinger Metwürste führen? Und wie kunstmäßig und malerisch wissen die Hamburger Geschmackskünstler diese und andere Bestandtheile, die zu einem Hamburger Frühstück gehören, zu einzelnen Gruppen, und diese wieder zu einem zusammenhängenden Ganzen harmonisch zu ordnen! Ich frage, ob ein Gemälde von Raphael oder Titian, ob die Sixtinische Madonna oder die Nacht von Correggio die Geschmacksnerven in gleicher Weise zu befriedigen im Stande sind als solch ein Büffet in einem Hamburger Frühstückskeller? Nein, so lange Hamburg solche Künstler wie Wilkens und Sallier und Märtens und andere Meister ähnlichen Ranges hat, braucht es Spanien um seine Murillo, Zurbaran und Velasquez, und Italien um seine Leonardo da Vinci, Michel Angelo und Raphael nicht zu beneiden. Gegen diese Hamburger Museen von Fleisch-, Fisch- und Delicateßwaaren schwinden alle Glyptotheken und Pinakotheken der Welt in ihr verdientes Nichts. Es würde nach Prahlerei aussehen, wenn ich versichern wollte, ich hätte unter diesen Vorräthen eine solche Verwüstung angerichtet, daß, was in Hamburg gewiß viel sagen will, ein empfindlicher Mangel entstand und daß schleunigst einige Dampfboote in See gehen mußten, um zu seiner Deckung einige Ladungen frischer Austern, Taschenkrebse, Sprotten, Hummern und Seefische herbeizuholen. Indeß, es ist die Wahrheit, und die Wahrheit soll Niemand verschweigen. Während der nöthigen Verdauungspausen pflegte ich am Hafen auf und ab zu schlendern und mit den Theerjacken der verschiedenen Nationen, die mir für meine künftigen Weltfahrten wünschenswerthen Bekanntschaften anzuknüpfen. Bei meiner schnellen Auffassungsgabe eignete ich mir so im Spazierengehen nicht blos die nöthigsten Vorbegriffe der Nautik, sondern auch die Kenntniß des Englischen, Französischen, Portugiesischen und Spanischen und unterschiedlicher afrikanischer und asiatischer Dialekte an, was mir später sehr zu Statten kam. Der Tag der Abreise war da, und ich gestehe, daß es mir nun ordentlich schwer ums Herz wurde, den mir in einer Hinsicht und Herrn Schummer in anderer Hinsicht so theuer gewordenen Boden Hamburgs zu verlassen und einer Zukunft entgegen zu gehen, die, wie ich mir doch sagen mußte, in ziemlich unbestimmten Umrissen vor mir lag. Wenn (fing ich mich an zu fragen) das Schiff eigensinnig genug ist, nicht untergehen zu wollen? Oder wenn ein kleines unvorhergesehenes tückisches Ungefähr will, daß du mit zu Grunde gehest, wenn Grund genug dazu da wäre? War es überhaupt wahrscheinlich, daß es noch auf dem weiten Erdenrunde eine unentdeckte und unbewohnte Insel gäbe, um darauf das Leben Robinson's durch alle Stadien durchzuspielen? Und selbst angenommen, daß ich meinen Zweck durchsetze, so überrieselte mich jetzt ein kleiner Schauder bei der Vorstellung, vielleicht Jahre in gänzlicher Einsamkeit und Abgeschiedenheit hinbringen und bei spärlicher Kartoffelkost an die so appetitlich dampfenden Fleischtöpfe Hamburgs zurückdenken zu müssen. Indeß ich hatte nun keine Wahl mehr, und vorwärts hieß die Loosung, wie sie bei mir immer hieß. Ich verabschiedete mich bei Herrn Schummer, der mir einige Dutzend Empfehlungsbriefe an seine Geschäftsfreunde in Neu-York, Philadelphia, Boston, Baltimore und andern nordamerikanischen Handelsplätzen einhändigte und, da er ein Deutscher, mithin wie alle Deutsche auch ein Stück Schulmeister war, nicht umhin konnte, mir seinen wohlgemeinten Rath mit auf den Weg zu geben. Sie gehen in die Welt, sagte er, um Ihr Glück zu machen. Hierzu ist es aber vor Allem nöthig, daß man auch Glück habe. Verstehen Sie mich recht – Sie müssen den Schein zu gewinnen suchen, daß Sie ein Sohn des Glücks seien; alles Uebrige findet sich. Die Menschen, wie sie einmal sind, wollen nur mit dem Glücklichen verkehren; dem Unglücklichen gehen sie vorsichtig aus dem Wege; denn, sagen sie mit Recht, wer nicht fähig ist, sein eigenes Glück zu machen, wie sollte der fähig sein, Andern Glück zu bringen? Dem Hause, in welchem eine ansteckende Krankheit eingekehrt ist, geht Jedermann vorsichtig aus dem Wege; dem Hause, welches mit dem Pesthauch des Unglücks heimgesucht ist, weicht man mit demselben Rechte aus; denn unter allen Seuchen ist das Unglück die ansteckendste. Sie glauben nicht, mein lieber junger Freund, welche scharfe Witterung die Menschen in dieser Hinsicht haben. Wer fortdauernd am Schnupfen des Unglücks leidet, ist ein verlorner Mann, ein Aussätziger, den die menschliche Gesellschaft von sich verbannt. Man muß sich also hüten, diesen fatalen Katarrh des Unglücks sich auf den Hals zu ziehen; hat man ihn erst einmal, so hält es schwer ihn los zu werden, und man ist damit leicht Zeit seines Lebens geplagt. Veränderung der Luft thut dann noch am besten; d. h. hat man in Philadelphia den Schnupfen, ich will sagen Unglück, so verläßt man Philadelphia und geht nach Boston und so immer weiter, bis man an einen Ort kommt, wo man fühlt, daß die Krankheit weicht. Bleibt man aber in der ungünstigen Atmosphäre, so geht der Schnupfen nur zu leicht in Stockschnupfen, d. h. das Unglück in Stockunglück über, und dies ist ein höchst gefährlicher, radical gar nicht mehr zu heilender Krankheitszustand. Um Ihr Glück zu machen, dürfen Sie nicht allzublöde, ja in manchen Fällen sogar etwas unverschämt sein, wozu Sie mir auch ganz der rechte Mann zu sein scheinen. (Ich verbeugte mich.) Gewissenhaft müssen Sie freilich sein, jedoch nur in Ihren eigenen Contobüchern, sonst scheeren Sie sich nicht viel ums Gewissen, wenn sie eins haben. (Ich verbeugte mich abermals.) Das Gewissen ist der zudringlichste Gläubiger, der immer wieder zu mahnen kommt, wenn man ihm nicht gleich zum ersten Male die Thüre weist. Und dabei wird der Kerl bei jedem wiederholten Besuche stärker und größer. Auf Principien müssen Sie äußerst streng halten, jedoch nicht auf jene abgenutzten Principien der Christen- und allgemeinen Menschenliebe, sondern auf die gesundesten von allen, auf Geschäftsprincipien. Dabei wird es immer von Vortheil sein, wenn Sie suchen, Mitglied oder Vorstand recht vieler wohlthätiger, gemeinnütziger und christlicher Gesellschaften und Vereine zu werden; das vermehrt Ihr Ansehen und die Zahl Ihrer Kunden; nur müssen Sie es so einzurichten wissen, daß dabei die eigene Kasse nicht in Anspruch genommen wird. Besuchen Sie fleißig die Kirche, halten Sie an gewissen Abenden zu Hause sogar Conventikel – das mag einem Manne, wie Sie sind, allerdings nicht sehr zusagen, aber es ist gut fürs Geschäft, namentlich in Nordamerika, wo man diesen Standpunkt noch nicht wie bei uns überwunden hat. Es ist aber, wie gesagt, nur eine Geschäftssache und gehört zur smartness . Sie kommen in das Land des Schwindels, junger Freund! Nun, man denke davon wie man will, so viel ist gewiß, daß der Schwindel dort, wie ja auch bei uns, seinen Mann nährt und daß, wenn Alles schwindelt, im Grunde Niemand mehr schwindelt. Die Frage ist dann nur, ob man es vorzieht, selbst beschwindelt zu werden oder Andere zu beschwindeln. Nur freilich muß der Schwindel eine Form, eine anscheinend solide Basis haben; der geschäftsmäßige Charakter muß aufrecht erhalten werden. Gerade in Nordamerika können Sie auf die verschiedenste Weise Ihr Glück machen; geht es mit einem Bleistift- oder Zündhölzchenkram nicht, so legen Sie eine Dintenfabrik an; werfen Sie dabei um, so legen Sie sich auf den Handel mit Universalpillen; mißglückt Ihnen auch dies, so versuchen Sie es als Methodistenprediger, wobei Sie immer noch mit Pillen handeln, eine Barbierstube administriren, ein focialistisches Blättchen herausgeben und noch andere Zweige menschlicher Thätigkeit in Ihrer Hand vereinigen können. Und nun leben Sie wohl! Gedenken Sie meiner so wenig als möglich, wie ich auch Ihrer so wenig als möglich gedenken werde! Heirathen Sie reich, wenn es möglich sein sollte, und frühstücken Sie gut, wenn es im Grunde auch nicht möglich sein sollte. Gott erhalte Sie! Nach dieser Standrede die ich mit übermenschlicher Geduld anhörte, versuchte ich einige Thränen der Rührung aus den Augen zu pressen; aber Herr Schummer fuhr dazwischen: Nur keine Rührung! Mit der Rührung habe ich noch niemals ein Geschäft gemacht und Sie werden damit auch keins machen! Noch ein Händedruck, und hinaus war ich. Die Segel des Dreimasters, der mich aufnehmen sollte und Amphitrite hieß, waren gespannt und gewährten im Scheine der Mittagssonne einen prächtigen Anblick. Ein kleiner Kahn, bei dessen Besteigen ich nicht unterließ, der deutschen Erde mit dem rechten Fuße zum Abschied einen Tritt zu geben, brachte mich hinüber, und bald glitt das stolze Fahrzeug, von einem Dampfboote geschleppt, durch die spiegelglatte Fluth der Elbe, bei den impertinent ziegelrothen Dächern Altona's, den stattlichen Villen und Gärten hamburgischer Nabobs und dem hübschen kleinen Rundgebirge von Blankenese vorbei, immer dem Ocean entgegen. Drittes Kapitel. Wer in Ermangelung eines Landwegs den Seeweg wählt, der mache sich auf alle die Widerwärtigkeiten gefaßt, die ihm zu Lande nicht zustoßen können, und trage das Unvermeidliche mit Würde. Alexander v. Humboldt. Um einem Seesturm mit Erfolg Widerstand leisten zu können, ist es zweckmäßig, meine Reiseschriften gelesen zu haben und ein Exemplar davon bei sich zu führen. Friedrich Gerstäcker. Meine Seereise ging anfangs ganz gut von statten und ich wüßte davon nicht viel zu erzählen. Wenn die Sonne auf der einen Seite niederging, stieg der Mond auf der andern Seite in die Höhe, und wenn die Sonne wieder aufgegangen war, verlor sich der Mond wieder in ihren Strahlen, was ich ziemlich langweilig fand. Die Sterne spiegelten sich freilich im Meer, aber nicht anders als sie sich im Gutsteiche von Schnipphausen spiegelten. Wasser ist Wasser und Stern ist Stern. Ich bin niemals ein Schwärmer für solche Erscheinungen gewesen. Wenn die eine Welle kam, so ging sie auch wieder, und dann kam eine andere und ging auch wieder, und so ins Unendliche fort. Ich stellte mir dabei einen Menschen vor, der Millionen Jahre lebte und die Wogen der Weltgeschichte so an sich vorüberziehen sähe. Was uns kurzlebenden Menschen schon als eine bedeutende Welle erscheinen würde, etwa so ein kleines Revolutiönchen, ein kleiner Weltkrieg, eine kleine improvisirte Belagerung gleich der von Sebastopol, würde für einen solchen Millionjährigen auch nichts weiter sein als so eine Welle, die man im nächsten Augenblick aus den Augen verloren und vergessen hat. Wie man sich für eine solche Meereswelle, die ja im Grunde gar keine Existenz hat und wie sie gekommen auch zeronnen ist, in Begeisterung versetzen und sie in pomphaften Worten beschreiben kann, ist mir noch heutzutage unbegreiflich. An der abscheulichen Seekrankheit habe ich nicht gelitten und wenn ich daran gelitten hätte, würde ich's nicht sagen, ebensowenig wie alle Beschreiber von Seereisen, die stets das Privilegium aufrecht erhalten, von diesem Dämon verschont geblieben zu sein. Ein solcher Reisebeschreiber ist ja überall ein weit höheres Wesen als andere Menschen. Wie könnte er auch Glauben für seine Schilderungen der prachtvollen Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, der herrlichen Mondscheinabende, des Wogengewühls, des Meerleuchtens und anderer in diese Kategorie gehörenden Phänomene fordern, wenn er eingestände, daß er die lehrreiche Leidensschule der Seekrankheit durchgemacht? Ach! wer an der Seekrankheit leidet, der beugt sein Haupt in Demuth, wie hoch er es auch sonst getragen haben mag, der sieht keine Sonne, keinen Mond mehr, der hört keinen Wellenschlag mehr. Der Mensch befindet sich im Zustande der tiefsten Erniedrigung und Hilflosigkeit, man kann ihn zusammen klappen wie ein Taschenmesser, zusammenrollen wie ein Stück zerlesenes Zeitungspapier, in die Ecke werfen wie ein Päckchen alter Kleidungsstücke. Einer der seekranken Herren am Bord sprach den Wunsch aus zu sterben. Nun so sterben Sie doch! sagte ich ihm. Aber das wollte er auch nicht; er fuhr fort zu leben und ganz eigenthümliche Lebenszeichen von sich zu geben. Eine seekranke junge Dame sank in meine Arme. Ach! rief sie, mein theuerer Bernhard! (Bernhard war ihr entlaufener Bräutigam, dem sie in Amerika eine unangenehme Ueberraschung zu bereiten gedachte) wenn du mich so leiden sähest, leiden um deinetwillen, dein Herz würde sich erbarmen! Ich hielt die Last in meinen Armen, ich würde sagen die »süße« Last, wenn sie mir in dem Augenblicke ein anderes Gefühl verursacht hätte als das der bloßen Schwere. Was mich betrifft, so vertrieb ich mir jede Anwandlung der Krankheit durch ein ehrliches Glas Cognac, dem ich sofort ein zweites und drittes nachsandte, welche den schon gebahnten Weg noch besser zu finden wußten. Einige Male wurde mir denn auch in der That etwas schwindelig zu Muthe; es war aber nur ein ganz gewöhnlicher deutscher Landeskatzenjammer, wie er bei uns zwar nicht beliebt, aber üblich ist. So ging die Seefahrt langweilig und gleichmäßig dahin, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Wir mußten der Küste von Amerika schon ziemlich nahe gerückt sein, und noch immer wollte die erwartete Katastrophe nicht kommen. Eine gelinde Verzweiflung erfaßte mich. Unter allen Umständen wünschte ich eine Unterbrechung, welcher Art sie auch sei, irgend etwas Ungewöhnliches, Furchtbares, Entsetzliches herbei. Eine Seereise ohne Seesturm, während es doch keinen Reisebeschreiber gibt, der nicht einen Sturm erlebt hätte und dem Rande des Todes nahe gebracht worden wäre! Nur einen ehrlichen Sturm – oder Land, Land, wenn auch ein unehrliches! Alle Idealphantasien im Robinson'schen Geschmack machten sich wieder geltend; eine Kartoffel in heißer Asche gebraten, bildete darin den glänzenden Mittelpunkt. Des einen Morgens – wir befanden uns gerade unter einem gewissen Grade der Länge und einem gewissen Grade der Breite, über welchen der Leser in den geographischen Lehrbüchern Aufschluß erhalten wird – ging der Kapitän, Herr Krischan (Christian) Schroop, ein Cuxhavener Kind, mit übereinandergeschlagenen Armen und sehr bedenklichem Gesicht auf dem Verdecke auf und nieder. Ach, er hatte mich sehr lieb, dieser Herr Krischan Schroop, theils weil er bald erkannt hatte, daß, wenn er nirgends mehr Rath wisse, er ihn bei mir holen könne, theils weil ich der einzige unter den Passagieren war, der bei Cognac und Grog mit ihm aushielt, und das will viel sagen. Es kam ihm nicht darauf an, sich unter den Tisch und wieder von hier in die Höhe zu trinken, und mir auch nicht. Nun, was gibts, Herr Kapitän? fragte ich. Ich meine, ich glaube, ja ich weiß gewiß, sagte er mit sehr bedenklicher Miene, daß uns ein tüchtiger Sturm bevorsteht, ein sehr tüchtiger. Ein Sturm? Endlich! Das ist ja prächtig! rief ich aus. Was? sagte er verwundert, Sie lachen noch? Das Lachen könnte Ihnen wohl vergehen. Ich verliere den Muth nicht leicht, aber ein Sturm unter diesen Breiten – Herr, das ist keine Kleinigkeit! Um so besser! erwiderte ich. Mit Kleinigkeiten will ich auch nichts zu thun haben. Sie sind von Sinnen, fuhr er fort; ich sage, ein Sturm in dieser Breite ist keine Kleinigkeit, kein solcher Luftzug, wie er bei uns zu Lande den Leuten um die Nase fächelt und weil er einige Dachziegel beschädigt, ein Orkan genannt und in den Zeitungen des Längern und Breitern beschrieben wird. Ein solcher Sturm hier, Herr, der packt anders! Und dann liegen hier so einige verborgene Klippen umher, und wenn wir den Cours verlieren und diesen Klippen entgegengetrieben werden sollten, dann ist keine Rettung mehr und das Schiff muß mit Mann und Maus zu Grunde gehen. Mit Mann und Maus? rief ich voller Freude. Nun wahrhaftig, das ist ja ganz charmant! Etwas Besseres kann uns ja gar nicht geschehen. Sie haben heute einige Gläser Cognac mehr zu sich genommen, als Sie vertragen können, sagte Krischan Schroop; aber warten Sie, Sie werden schon nüchtern werden, mich aber, beim Teufel, mich soll das Meer nicht nüchtern haben! Mich aber soll das Meer gar nicht haben, rief ich, und wenn es mich einschluckt, so will ich ihm so viel Ungelegenheiten machen, daß es mich so bald als möglich wieder auswirft, um mich nur los zu werden. Damit trennten wir uns, ich, um mich an den Hauptmast zu stellen und die schönen Dinge, die nun kommen würden, gemüthlich abzuwarten, der Kapitän, um in allen Theilen des Schiffes die gegen einen Sturm nöthigen Vorkehrungen zu treffen. Bald war der Sturm auch da und viel plötzlicher, als der Capitän selbst erwartet hatte. In seinen ersten Stadien war er etwa so, wie ein solches Phänomen in allen Reisebeschreibungen, die von dergleichen handeln, beschrieben wird. Ich unterlasse daher zu schildern, wie die Wogen gleich in Bewegung gesetzten Riesenbergen sich aufthürmten, um gleich darauf wieder höllenähnliche Abgründe zu bilden, wie der Himmel sich mit gewitterschwarzen Wolken bedeckte, die das Meer in eine gleiche Trauerfarbe hüllten, wie die schwefelgelben Blitze das Dunkel grell erleuchteten, damit die Schwärze von Himmel und Meer im nächsten Augenblicke nur um so gespenstischer und gräßlicher erscheine, wie der unaufhörliche, durch das von den Wogenbergen abprallende Echo hundertfach verstärkte geschützähnliche Donner, das Gepfeife und Geheul der furchtbaren Windstöße, das Flattern der Segel, das Geklapper und Geächze der Segelstangen, das Niederprasseln des entsetzlichen Regens, das wilde Gelärm, Gezisch, Gebrüll und Getose der Wogen, die Befehle des Capitäns, das Gefluch der Matrosen und das Wimmern, Jammern, Beten und herzbrechende Weherufen der Passagiere übertönten. In diesem höllischen Concerte der Elemente bewies sich die menschliche Stimme vollkommen unmächtig, selbst die Bässe der Matrosen und der Generalbaß des Capitäns verloren sich in dieser Ouvertüre, die den schrecklichsten Operntext einleiten sollte, der je von den Elementen in Musik gesetzt worden ist. Der Capitän hatte den Kampf gegen die erbosten Elemente aufgegeben und sich in die Cajüte zu seinen Rum- und Cognacvorräthen zurückgezogen, um sein Wort zu halten, nicht im nüchternen Zustande eine Beute des Meeres zu werden, das mir in diesem Augenblick auch grade in keinem sehr nüchternen Zustande zu sein schien. Mich selbst hielt in diesem Aufruhr der Elemente eine mir jetzt noch unbegreifliche Kraft aufrecht. Das in dem einen Motto zu diesem Kapitel enthaltene Recept, Gerstäcker's Schriften gelesen haben, stand mir nicht zu Gebote, denn sie waren damals noch gar nicht erschienen; ich mußte mich also auf meine eigene Natur verlassen. Der starke Hauptmast, an den ich mich lehnte, wurde von einem der heftigsten Windstöße wie ein Rohr umgeknickt, ich blieb stehen und bildete so in der Mitte des Schiffs gewissermaßen seinen Mast. Da plötzlich fuhr ein unhöflicher, ganz häßlich blaugelblicher und weißgrünlicher, wunderlich gezackter Blitz hernieder und schlug mir die Cigarre aus der Hand, wie im Zorn, daß ich ihm die brennende Cigarre so herausfordernd entgegenhielt. Nun wurde es mir doch zu arg, denn vom Blitze erschlagen zu werden ist und war nie meine Lieblingspassion. Zudem wurden die Windstöße jetzt so heftig und leidenschaftlich, daß ich mich selbst kaum auf den Beinen halten konnte und da kein anderer Gegenstand da war, mich an meinem eigenen Rock mit den Händen festhalten mußte. Dazu bäumten sich die Wogen förmlich über das Deck wie Ungeheuer mit gräßlich schäumendem Rachen und fürchterlichen Drachenkämmen, als ob sie es darauf abgesehen hätten, mich zu verschlingen. Ich beschloß also, mich auch in die Cajüte zu begeben, um Herrn Krischan Schroop bei der Cognacflasche, die ohnehin einige Anziehungskraft auf mich äußerte, Gesellschaft zu leisten. Eben war ich im Begriff, dies zu thun und eben hatte ich mir an einem gerade niederfahrenden Blitz eine neue Cigarre angezündet, als ich auch von den andern Himmelsgegenden her ein Brausen vernahm, ähnlich dem, welches dem von Norden her brausenden Sturme vorangegangen war. Dieses neue Phänomen fesselte meine Aufmerksamkeit und ich beschloß, nur einen Augenblick noch auf Deck zu bleiben und abzuwarten, was es denn nun noch Neues geben solle. Das Brausen, von allen Seiten zugleich losbrechend, kam immer näher und näher, schwoll immer mächtiger an; es war ein Geheul und Gelärm, gegen das der frühere Sturm mir nur wie ein bloßes Frühlingssäuseln erschien. Eben hatte mich ein Windstoß aus Norden gepackt und drohte mich umzuwerfen, als ich plötzlich, wie durch eine Zauberkraft, mich festgebannt fühlte, so daß ich keinen Arm, keine Hand, keinen Finger weder vorwärts noch rückwärts, weder nach rechts noch nach links bewegen konnte. Unbeweglich stand ich da. Auch das Schiff stand plötzlich still und die Wogen, hoch zu allen Seiten sich aufbäumend, bildeten rings um das Schiff eine feststehende Mauer. Die Erscheinung war einzig in ihrer Art, ist aber sehr leicht zu erklären. Indem nämlich die Stürme jetzt von allen Seiten mit gleichmäßiger Kraft kamen und bei mir als ihrem Mittelpunkte zusammenstießen, hätte wohl jeder einzelne die Kraft gehabt, mich umzuwerfen, aber der ebenso starke Gegenwind von der andern Seite hielt mich aufrecht. In derselben Lage befanden sich auch das Schiff und die aufgethürmten Wellen; sie konnten nicht rück- und nicht vorwärts. So erklärte ich mir das Phänomen in aller Geschwindigkeit schon damals; aber das Manöver war doch selbst für meine Natur zu stark; mir vergingen die Sinne. Ich ersuche den Setzer freundlichst, hier am Schlusse des Kapitels einige Zeilen mit Gedankenstrichen zu füllen, der nothwendigen erwartungsvollen Pause wegen; denn so etwas, wie das oben Erzählte, geschieht nicht alle Tage. Anmerkung in Fritz Beutel's Manuscript.  – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Viertes Kapitel. Ein Ruck! – – Klopstock's Messiade. Ein üppig grünes Land! Durch Pisangs und Bananen Gleich Stricken schlingen sich die Fasern der Lianen; Solch eine Fülle sah im Sachsenland man nie. Auf Blumen, kolossal gleich runden Suppenschüsseln, Hing gaukelhaft und sog mit feingedrehten Rüsseln Den Honig draus der Schwarm der bunten Kolibri. Freiligrath. Ich erwachte von einem furchtbaren Ruck, der zur Folge hatte, daß ich, stärker als mir lieb und angenehm war, auf das Deck niederfiel. Ich erhob mich mühsam, mit schmerzenden Gliedern und blickte mit großer und, alle Umstände in Betracht gezogen, sehr erklärlicher Verwunderung umher. Das Schiff war an ein mir gänzlich unbekanntes Land geworfen, das in seiner Form und in seiner Vegetation unverkennbaren tropischen Charakter unschwer wahrnehmen ließ. Ohne Zweifel hatten die Stürme aus den drei andern Himmelsgegenden plötzlich nachgelassen und der Nordwind diesen günstigen Augenblick benutzt, dem Schiffe einen gehörigen Stoß zu versetzen und es ans Land zu werfen. Wir mußten also bei jenem Orkan mit rasender Schnelligkeit sehr weit südwärts und – was man freilich bei der entsetzlichen Finsterniß nicht wahrnehmen konnte – bis hart an dieses Land herangetrieben worden sein, von dem ich freilich fürs erste nicht wußte, ob es ein Stück terra firma oder eine Insel sei. Dies war jedoch für den Augenblick nur eine Nebenfrage; die Hauptsache war, daß ich mich gerettet, gesichert, lebend und – einige von starkem Fall verursachte blaue Flecken abgerechnet – sogar unverletzt auf festem Boden befand, in einer ähnlichen Lage wie Robinson – doch in einer unendlich vortheilhaftern. Robinson war wie ein Lump ans Land geworfen, ich aber als Besitzer eines Schiffes. Dieses hatte zwar bei dem furchtbaren Sturm so manche Beschädigungen erlitten und namentlich sein Steuerruder und seine sämmtlichen Masten verloren, im Uebrigen aber wegen seiner soliden Bauart den letzten Stoß sehr gut ausgehalten, zumal das Ufer kein felsiges, sondern mit einem leichten sammetartigen Grasteppich bedeckt war. Im Allgemeinen wie im Besondern muß ich aber doch sagen, daß die Vorstellung, mich so plötzlich allein und auf mich selbst angewiesen zu wissen, etwas Beängstigendes für mich hatte. Seneca hat zwar einmal gesagt, er sei niemals weniger allein gewesen, als wenn er allein war, doch das ist nur eine Redensart. Wenn sich Seneca in allen seinen gesellschaftlichen Genüssen Roms satt geschwelgt hatte, dann mochte es ihm allerdings wohlthun, sich eine Zeitlang in die Einsamkeit einer Villa zurückzuziehen. Und auf seiner Villa hatte er doch seine Bücher, seine Sclaven und wenn er wollte seine Freunde und sogar Freundinnen. Hätte aber der alte Herr sich in eine Einsamkeit wie ich versetzt gesehen, mit der Aussicht, vielleicht Jahre lang keinen andern menschlichen Laut zu hören als den, welchen man selbst von Zeit zu Zeit in Monologen von sich gibt, ich glaube, er würde den Satz umgekehrt und gesagt haben: ich war nie einsamer als wenn ich mit mir allein war. Ich glaube, daß der alte blasirte römische Herr, der trotz seiner stoischen Philosophie an seinem Zöglinge Nero gerade kein Meisterwerk der Erziehungskunst geliefert hat, lange nicht so amüsant war als ich und daß, wenn er mit sich allein umging, sich in der langweiligsten Gesellschaft befand, die er überhaupt wählen konnte. Ich war in der That sehr in Verlegenheit, womit ich nun mein einsiedlerisches Leben beginnen sollte. Ich bewegte ein Dutzendmal den Daumen der linken Hand um den Daumen der rechten und dann wieder zur Unterbrechung eben so oft den Daumen der rechten Hand um den der linken. Indeß konnte ich damit doch meine ganze Zeit nicht ausfüllen. Ich holte nun aus meinem Etui meine letzte Cigarre hervor und schlug mit Schwamm, Stein und Stahl Feuer, was, da der Schwamm so gut wie ich selbst durchnäßt war, langsam genug von statten ging und mich glücklicherweise wieder eine ziemlich lange Zeit beschäftigte. Als nur die Cigarre erst wieder mit unsäglicher Mühe in Brand gesetzt war, fühlte ich meine alte moralische Kraft wieder zurückkehren. Es fiel mir ein, daß ja noch Jemand so gut wie ich am Leben sein könne, und da ich mich jedenfalls über den Zustand des Schiffs und die etwa geretteten Vorräthe und Habseligkeiten unterrichten wollte, begab ich mich in die Kajüte und von da in das Zwischendeck. Alles lag durcheinander und war sehr durchnäßt, aber kein Mensch zu sehen; ohne Zweifel waren einige mächtige Wellen in die Kajüte und die innern Schiffsräume gedrungen, hatten die darin Befindlichen ertränkt und aus dem Schiffe wieder zurückprallend, die Leichen mit fortgenommen und über Bord geschwemmt. Das etwa noch übrig gebliebene Wasser mochte durch die sehr bedeutenden lecken Stellen des Schiffs seit seiner Landung allmälig abgeflossen sein. Hierauf stieg ich vom Schiffe, zog meine furchtbar durchnäßten Kleider aus, bis ich, wie Vater Adam vor Erfindung des Feigenblattschurzes (der ersten menschlichen Erfindung überhaupt), erröthend und verschämt vor der Natur stand, und hing sie an einem der nächsten Bäume auf, der ein Tulpenbaum war, um sie zu trocknen. Sofort nach dem letzten Windstoße war schönes Wetter eingetreten. Der Himmel wölbte sich wie eine dunkelblaue Glaskuppel über dem üppig quellenden grünen Lande; die Sonne brannte mit wahrhaft südlicher Gluth, die jedoch durch kühlere Brisen von der See her süß gemildert wurde; die blühenden Sträucher würzten die Luft mit wahrhaft berauschendem Aroma; Papagaien in den buntesten Farben wiegten sich auf den Zweigen wunderbar geformter Bäume und schienen mit ihrem lauten Gekrächze und Gekreische den Fremdling zu begrüßen, und listig aussehende Affen und Aeffchen mit Wickelschwänzen warfen mir schäkernd allerlei schmackhafte Früchte zu und schnitten mir Gesichter, die ich in gleicher Weise zu erwiedern suchte, was ihnen sehr viel Spaß zu machen schien. Ich schritt nun zum wichtigen Acte der Besitzergreifung des Landes, das ich nach einiger Orientirung mit dem mir eigenthümlichen richtigen Instinkt als eine Insel erkannte. Ich trieb demnach meinen Reisestock, den ich vom Schiffe mitgenommen hatte, in die Erde, befestigte mein Schnupftuch (weiß mit blauen Blümchen) als Nationalflagge daran, nahm die Insel in meinem eigenen Namen in Besitz und gab ihr den Namen Beutel-Land. Auf deutschen Karten ist die Insel freilich niemals verzeichnet worden, ohne Zweifel aus Eifersucht der deutschen Geographen, die einem Landsmanne, welcher nicht einmal Professor war, so sehr er es zu sein verdiente, den Ruhm nicht gönnen wollen, der Entdecker einer Insel gewesen zu sein, von deren Existenz sie bis dahin auch nicht die leiseste Ahnung gehabt hatten. Ich bin überhaupt neugierig, wie lange es den deutschen Gelehrten möglich sein wird, meine Verdienste um die Erd- und Völkerkunde zu ignoriren. Ich will gleich an dieser Stelle die Besitzergreifungs- und Verfassungsurkunde mittheilen, die ich einige Tage darauf bei größerer Muße entwarf; sie lautete: Art. 1. Wir Fritz Beutel aus Schnipphausen haben von diesem von Uns entdeckten Lande feierlichst Besitz ergriffen, demselben den Namen Beutelland zugelegt und ihm die Ehre angethan, es zu einem Kaiserreiche zu erheben, insofern von keinem früher dazu Berechtigten, der seine Ansprüche nachzuweisen vermag, zu rechter Zeit Einspruch dagegen erhoben wird. Art. 2. Alle umliegenden Inseln, die Wir noch entdecken und in Besitz nehmen sollten, werden als Pertinenzien zu diesem Lande geschlagen und mit ihm unter dem Namen: Beutelreichisches Kaiserthum oder Kaiserthum Beutelreich vereinigt werden. Art. 3. Wir selbst Kraft Unseres Willens setzen Uns als Herrscher über diesen Länder und Inselcomplex und nehmen den Titel an: Fritz Beutel I., Kaiser und Selbstherrscher von Beutelreich, allezeit Förderer und Mehrer des Reichs. (Weitere Titel werden je nach Maßgabe der zu machenden Eroberungen vorbehalten.) Art. 4. Wir vereinen in Uns alle geistliche und weltliche Autorität und verfügen über alle Streitkräfte zu Wasser und zu Lande, wie über die Leiber und Gewissen Unserer Unterthanen (sobald sich solche finden sollten) und über die Herzen Unserer Unterthaninnen. Art. 5. Die Thronfolge ist in männlicher Linie erblich, sollten Wir Uns nun standesgemäß mit einer Prinzessin aus den benachbarten Inseln oder morganatisch mit einer unserer Unterthaninnen verehlichen. Art. 6. Alle Unterthanen haben das Recht, in diesem Kaiserreiche zu existiren. Art. 7. Abgaben gibt es in Unserm Reiche nicht; aber in Erwägung, wie beschränkt der Verstand aller Unterthanen zu sein pflegt und wie wenig sie selbst wissen, was ihnen gut thut, ordnen Wir an, befehlen und verfügen Wir wie folgt: Alles, was Unsere Unterthanen erwerben und verdienen, fließt in die Kasse des Kaisers, der sich vorbehält zu bestimmen, wie viel davon einem Jeden gebührt und für seinen Lebensunterhalt nothwendig ist. Art. 8. Alle Unterthanen, welcher Confession sie auch seien, haben gleiche Rechte bis zu dem Zeitpunkte, wo es Uns gefallen sollte, eine neue Religion zu erfinden und Unsern Unterthanen zu octroyiren. Art. 9. Eine Repräsentativ-Verfassung ist nicht nöthig, da Wir der Kaiser nicht bloß in der besten Verfassung, sondern auch die beste Verfassung sind. Wornach zu achten. Art. 10. Die Nationalflagge ist blau mit weißen Blümchen, das Landeswappen ein Beutel (Reichssäckel), aber oben nicht zugebunden. Art. 11. Die Person des Kaisers ist unverletzlich, die Personen der Unterthanen sind verletzlich. Was niemals zu vergessen. Art. 12. Alle weiteren Gesetze, die dazu nöthig sein werden, ein gehorsames Volk zu haben, gehen von Uns unmittelbar aus und versprechen Wir, Uns in dieser Hinsicht durchaus keinen Zwang anzuthun. Daß diese Reichsurkunde noch dürftig und roh und nicht viel mehr als ein bloßer Entwurf war, gebe ich zu. Ich hatte damals in der Kunst zu herrschen noch keine Erfahrung, obgleich, wie ich glaube, schon viele Anlage, die nur der Uebung und Ausbildung bedurfte. Ueber die beste Art zu herrschen habe ich dann später in den Reichen Centralafrika's ganz andere Erfahrungen gemacht, so daß mir darüber die Augen nicht blos auf-, sondern zu Zeiten auch übergingen. Doch ich will diese Urkunde, die jetzt im britischen Nationalmuseum zu London aufbewahrt, aber ihrer großen Kostbarkeit wegen keinem Fremden vorgezeigt wird, bei Seite liegen lassen und mich zu meinen Beschäftigungen des ersten Tages zurückwenden. Meine nächste Sorge nach der Besitzergreifung war, die auf dem Schiffe vorhandenen sehr zahlreichen Vorräthe an Kleidungsstücken, Lebensmitteln, Getränken, Waffen und selbst Luxusgegenständen in Augenschein zu nehmen und zu ordnen. Vieles davon war freilich durchnäßt und ich hatte bis Sonnenuntergang genug zu thun, es aus der Kajüte und den untern Schiffsräumen heraufzubringen und auf dem Deck auszubreiten, um es zu trocknen. Bei der außerordentlichen Dürre des Klimas und der glühenden Sonnenhitze war übrigens Alles sehr bald getrocknet, ja es trocknete mir so zu sagen unter den Händen. Räthselhafte Menschennatur! Wie ich so auf dem Verdeck stand und meinen Reichthum überschaute, wandelte mich ein Gefühl des Stolzes an und ich begann auf den von mir einst so hochverehrten Herrn Robinson mit aufrichtiger Verachtung und Geringschätzung herabzublicken. Armer Patron, sagte ich für mich, was bist du gegen mich? ein verächtlicher Schlucker, ein vom Meere ausgespieener armseliger Bettler! Dein Ende als Hamburger Philister war eines solchen Anfangs würdig! Ich habe anders begonnen als du, und ich werde auch anders zu enden wissen als du! Ja ich schämte mich der Verehrung, die ich diesem Menschen gewidmet hatte, in dem Maße, daß ich, um nicht mehr an ihn erinnert zu werden, das Exemplar meines Campe'schen Robinson, das ich in der Tasche bis dahin mit mir geführt hatte, ergriff und ins Meer hinausschleuderte. Abends nahm ich auf dem Verdeck ein den Umständen nach köstliches Mahl ein, bereitete mir dann einige Gläser Grog von der Sorte, die man in Hamburg »steifen« nennt, rauchte aus dem Nachlasse Krischan Schroops einige ächte Cigarren und überließ mich dabei den süßesten Träumereien über meine Zukunft. Erst spät zog ich mich in die Kajüte, die ich mir zu meiner Behausung ausersehen hatte zurück, bereitete mir ein weiches Lager und schlummerte unter dem Plätschern der nahen Meereswellen sanft und friedlich ein. Tief in den Tag hinein mochte ich geschlafen haben, als wirre und wüste Traumbilder mich zu quälen und zu ängstigen begannen. Bald erschien mir Robinsons zürnender Geist und hielt mir die geballte Faust unter die Nase, bald schnappte nach mir ein riesiger Alligator mit offenem, schrecklich mit Zähnen besetztem Rachen, bald ringelte sich kalt und schlüpfrig eine Riesenschlange um meine zitternden Glieder und drohte mich in ihren Verknotungen zu zerdrücken und zu zermalmen; bald war ich in die Hände heißgieriger Wilden gerathen, die, nach meinem Fleische lüstern, mich von allen Seiten mit ihren Messern anfielen, um ein Beefsteak oder ein Fricassee aus mir zu bereiten; bald leckte mich ein Löwe mit seiner stachlichen Zunge an der Hand, gewissermaßen um zu untersuchen, ob mein Blut auch wohlschmeckend sei. Doch Himmel! ich träumte nicht mehr, ich wachte oder vielmehr ich befand mich in jenem Halbschlaf, der dem vollständigen Erwachen vorher zu gehen pflegt, und ich fühlte wirklich, wie die Zunge einer zottigen Bestie sich mit meiner Hand in bedenklicher Weise beschäftigte. Man stelle sich mein Entsetzen vor! Ich war ja damals noch ein Neuling in solchen Dingen. Da ich mich jedoch erinnerte gelesen zu haben, daß es in solchen bedenklichen Lagen am gerathensten sei, sich nicht zu rühren und den Todten zu spielen, so zuckte ich kein Glied, keine Muskel, ja ich suchte selbst den Athem an mich zu halten, während mir aus allen Poren der Angstschweiß unwillkürlich hervorbrach, wie es nicht ärger in einem russischen Dampfbade der Fall sein kann. Nach einiger Zeit schien es mir jedoch, als ob das Thier in der That keine bösartigen Absichten haben könne, denn das Lecken seiner Zunge war sanft und liebevoll und ein leises Knurren, das ich vernahm, schien eine ganz besondere Liebe und Zuneigung auszudrücken. Ich wagte nun den Kopf ein wenig nach ihm zu wenden und die Augenlider zu einem ganz kleinen Spalt zu öffnen. Wer schildert meine freudige Ueberraschung, als ich in dem Thiere, das mir so viel Bestürzung eingeflößt hatte, den treuen Begleiter Krischan Schroops, den Neufundländer Hector erkannte, der mich während der Seereise in besondere Affection genommen hatte, und wer schildert die Scene unsers von beiden Seiten so wenig erhofften Wiedersehens! Hector, rief ich, Hector! und Hector sprang mit einer Zärtlichkeit an mir in die Höhe, wie ich unter gleichen Umständen an ihm in die Höhe gesprungen sein würde, wäre ich Hector und er Fritz Beutel gewesen. Wo kommst denn du her, alter Geselle? fragte ich, und er schüttelte sich, daß es rings um ihn her spritzte, gleich als ob er sagen wollte: Ei, siehst du nicht? ich komme aus dem Wasser! Und noch eine seltenere Ueberraschung! Zu Füßen meines Lagers befand sich das freilich sehr durchwässerte und zwar nicht blos von Campe durchwässerte Exemplar des Robinson, das ich ins Meer geworfen zu haben schon vorher bitter bereut hatte. Ohne Zweifel war Hector bei der Sturmkatastrophe auf eine der nahen Klippen gerathen, das Exemplar des Robinson war von den Wellen bis dahin geführt worden, Hector, ein scharfsinniger Kopf, hatte das Exemplar erkannt und daraus geschlossen, daß sein Besitzer sich in der Nähe befinden müsse; er war von der Klippe gesprungen, hatte das Exemplar in die Schnauze genommen und war, seinem richtigen Instinkt folgend, zu mir herüber geschwommen. Ich war nun nicht mehr allein, ich hatte einen Freund – und welchen Freund! – ich konnte nun eine Seele mein nennen, wenn auch nur eine Hundeseele, die freilich sehr häufig mehr werth ist als eine Menschenseele. An diesem Tage beschloß ich meine erste Excursion in das Innere der Insel zu machen. Ich belud meinen Begleiter mit Lebensmitteln, worunter eine ansehnliche Metwurst, die ausdrücklich für Hector zum Mittag bestimmt war, bewaffnete mich mit einer doppelläufigen Flinte und versah mich mit Schroop's in der Kajüte zurückgebliebener Taschenuhr und einem seidenen Schirm, der mir zugleich als Spazierstock dienen sollte. Ein Beil band ich, wie auch andere Geräthschaften, auf Hector's Rücken. Einige kräftige Schluck Cognac vertrieben die bösen Geister und Traumgesichte der Nacht, und so ging es fröhlich hinein in das grüne Land. Den Rückweg zu finden konnte ich nicht verlegen sein, da ich mich auf Hector's Spürkraft verlassen konnte. Auch behaupte ich, daß jede Himmelsgegend ihren eigenen Geruch hat. Ja, ich hatte meine Witterung dafür schon in früher Jugend so ausgebildet, daß man mich mit zugebundenen Augen mitten in eine Fläche hätte setzen können, und doch würde ich im Stande gewesen sein, sofort durch den bloßen Geruch genau anzugeben, wo Westen und Osten, Süden und Norden, ja wo Nordnordwest, Südsüdost u. s. w. sei. Diese Gabe kam mir begreiflicherweise bei meinen Excursionen durch die Insel, wie auch später bei meinen Weltreisen gar sehr zu statten, und ich rathe Jedermann zu prüfen, ob er diese Gabe besitzt, und wenn er sie besitzt, sie auszubilden. Wenn ich nicht ein wahrheitliebender Mann wäre, so könnte ich, da ja Niemand von den Lesern Beutelland besucht hat, von fürchterlichen Abenteuern erzählen, und sie müßten mir geglaubt werden. Indeß ist mein Leben an wunderbaren Ereignissen so reich, daß ich nicht nöthig habe zu lügen und mit Abenteuern zu prahlen, die ich nicht erlebt habe. Ich will demnach von vornherein erklären, daß mir auf meiner Entdeckungsreise durch die Insel, die mit dem sechsten Tage vollendet war, durchaus nichts besonders Merkwürdiges zugestoßen ist. Ich hatte nicht nöthig, mich wie Robinson vor abgenagten menschlichen Schädeln und Gebeinen zu entsetzen, ich hatte nicht nöthig wie andere Reisende Kämpfe mit Alligatoren, Tigern, Löwen, Nashornen, Flußpferden, Schlangen und anderem Thiergezücht und häßlichem Gewürm zu bestehen. Die Insel war gänzlich unbewohnt und beherbergte keine wilde und reißende Thiere. Sie stellte ein jungfräuliches Paradies voll Unschuld und idyllischer Anmuth dar, sie war ein blühender Garten, und die Thiere, die sie bewohnten, waren von der friedlichsten Art, wenn man die oft hämischen Affen ausnimmt, von denen ich noch später zu erzählen haben werde. Mit den übrigen Thieren stand ich auf einem so vertrauten Fuße, wie Adam und Eva mit ihnen gestanden haben mögen, ehe sie ihre Unschuld und damit ihr Paradies verloren hatten. Die in allen Regenbogenfarben schimmernden Vögel, die noch des Menschen Raub und Mordgier nicht kennen gelernt hatten, setzten sich mir auf die Achseln, auf die Hand, ja auf den Kopf, und ich muß mich prächtig in dieser seltenen Kopfbedeckung ausgenommen haben, wie leicht zu begreifen. Dazu schützten sie mich durch ihr Gefieder und ihre oft lang herabwallenden Prachtschweife gegen die etwas zudringlichen Strahlen der tropischen Sonne. Kolibris schimmerten und flimmerten rings um mich, wie von Wind emporgehobene und in der Luft umhergetriebene glühende Kohlen oder wie bunte von ihrem Stengel losgerissene Blumen. Ein allerliebstes Kolibripärchen baute sich in meiner rechten Rocktasche sein Nest, und das Weibchen legte Eier darin, so klein wie Perlen und eben so durchsichtig, und bebrütete sie. Die Papageien, dabei possierlich Kopf und Hals bewegend, plauderten und schwatzten in einer Sprache, die sie, der Himmel weiß woher, gelernt hatten, und die ich nicht verstand. Durch ihren Schnabel erinnerten sie mich aber sehr lebhaft an Beate Regina Cordula Veronica Pipermann, die ebenfalls einen sehr tüchtigen Schnabel hatte. Die Knöpfe an meinem Rock und meiner Weste hatte ich mit wunderbar schönen, glänzenden Blumen besteckt, daß ich aussah wie ein aufrechtgestelltes wandelndes Blumenbeet, und da kamen denn die großen, zauberhaft farbigen Schmetterlinge und ließen sich mit ihren schweren Flügeln auf diesen Blumen nieder, und Käfer, größer als die Kolibris, mit grüngoldigen oder purpurnen Flügeldecken, umschwirrten mich und flimmerten in den Strahlen der Sonne wie Bruchstücke gediegenen Goldes, und das Schwirren ihrer Flügel klang so harmonisch wie das Zusammenschlagen von feinen Silberstäbchen und Glasglöckchen. Die wildpretartigen Thiere, eine kleine Hasenart von ungemein zierlichem Bau, und eine Gattung kleiner Hirsche, deren Gehörn wie aus Elfenbein gedrechseltes Spielzeug aussah, blickten mich seitwärts aus blühendem Gebüsch klug und vertraulich an. Diese niedlichen Geschöpfe kamen mir häufig so nah, daß ich sie greifen und mit den Händen streicheln konnte, was ihnen ein sehr angenehmes Gefühl zu sein schien, denn sie hielten ganz still und rührten sich nicht. Eichkatzen, so groß wie bei uns die Kälber, schwangen sich auf den breitästigen majestätischen Ceybabäumen hin und her und knackten an den Kokosnüssen, die so groß waren wie ausgewachsene Menschenköpfe. Sie machten mir dabei allerhand Männchen, was bei ihrer ansehnlichen Leibesgröße sich nur um so sonderbarer ausnahm. Auch mit den Affen stand ich während dieser Wanderung noch auf ganz gutem Fuße. Sie verursachten mir mit ihren greisen Gesichtern, die sie zu einem grinsenden Lachen verzerrten, vielen Spaß. Zuweilen setzten sie sich, von den Bäumen herabspringend, auf meine Schultern und krauten und zerrten mich an den Haaren, was mir gar nicht sehr gefallen wollte. Ich schüttelte sie dann nicht ohne Mühe ab, worauf sie davoneilend und rückwärts blickend mir fürchterliche Fratzen zu machen pflegten – namentlich die alten Jungfern, die ich sehr bald aus ihnen herauserkannte. Zuweilen krallte sich einer an meinen Rockschoß fest, und an ihn wieder ein anderer Affe, an diesen zweiten ein dritter und so fort, oft hundert hinter einander, die ich denn auch lange Strecken Weges mit mir schleppte, während sie allerlei Capriolen machten, wunderliche Grotesksprünge nach rechts und links vollführten und sich dabei mit ihren langen Schwänzen in höchst komischer Weise im Gleichgewicht erhielten. Manche fuhren wie am Tage meiner Ankunft fort, mir die köstlichsten, saftigsten und gewürzreichsten Früchte, welche ich mit dem besten Appetit verspeiste, von den Wipfeln hoher Bäume zuzuwerfen. Da jedoch Schadenfreude ein Hauptzug im Charakter des Affen wie des Menschen ist, so erlaubten sie sich auch wohl den schlechten Spaß, mir gewichtige Kokosnüsse zu meinem empfindlichsten Schmerze und Aerger ins Gesicht zu werfen oder auch Eier, die sie aus den Vogelnestern hervorlangten, was mir noch unangenehmer war, denn da die Eier begreiflicherweise auf meiner Stirn zerplatzten, floß ihr Inhalt über meine Augen und meine Backen, und ich hatte dann immer genug zu thun, um den unwillkommenen Brei mit meinem Schnupftuch wieder abzuwischen. Dann brachen sie alle in ein wildes, wüstes und unangenehm anzuhörendes Gewieher aus, was wohl das Lachen der Schadenfreude und des Triumphes bedeuten sollte. Mein Hector, eine empfindende Seele, knurrte dann gewaltig, bellte an den Bäumen hinauf und zeigte den Bösewichtern grimmig seine Zähne, was sie damit erwiederten, daß auch sie ihm ihre Zähne mit boshafter Grimasse entgegenfletschten. Ganz besonders zeichnete sich ein alter Affe mit langem grauen Barte aus, der wohl der Affenkönig sein mochte. Ohne Zweifel hatte er sich bis dahin als den Herrn der Insel betrachtet, und glaubte nun in mir Denjenigen zu erblicken, der gekommen war, ihm die Herrschaft zu schmälern oder ganz zu entreißen. Kurz, dieser tückische Bursche hatte es besonders auf meine Nase abgesehen, und er traf so geschickt, daß er niemals fehlte, und die Nase mir mehrmals zu bluten anfing. Er war es offenbar, der die andern gegen mich aufwiegelte, und er verfolgte mich, sich vermittelst seines langen haarigen Wickelschwanzes von Baum zu Baum schwingend, so weit er konnte, bis der Wald zu Ende war. Mich auf das offene Feld zu verfolgen, war der langhaarige häßliche Gesell viel zu klug; aber noch weithin hörte ich das widerlich kreischende Spott- und Triumph-Gelächter des Affenvolks, aus dem seine rauhere tiefere Baßstimme vernehmlich heraustönte. Freilich hätte ich ihm eine Kugel auf den Pelz brennen können; aber ich hatte mir vorgenommen, für jetzt noch so lange als möglich den Frieden aufrecht zu erhalten und ihm mein Ultimatum erst zu stellen, wenn alle Friedensversuche und Vergleichsvorschläge von ihm abgewiesen werden sollten. Der Wald, den ich, um mit Otto Ludwig's »Erbförster« zu sprechen, so eben »durchforstet« hatte, war zum größten Theil mit Palmen aller Art bestanden, deren Stämme so glatt, schlank und hoch und selbst höher waren als Mastbäume. Man denke sich den Mastenwald im Hamburger Hafen unmittelbar aus dem Erdboden hervorragend und jeden einzelnen Mast oben mit einer grünen Perrücke versehen, und man hat das vollständigste Bild solchen Palmenwaldes vor Augen. Will man seine Phantasie noch mehr in Bewegung setzen, so denke man sich die Schiffstaue in jene Schlinggewächse verwandelt, welche sich wie Seile an diesen Palmen hinauf oder von einer zur andern ziehen und so stark, fest und dick sind, daß ich, um mir den Weg durch sie hindurch zu bahnen, sie nicht selten mit dem mitgenommenen Schiffsbeil mühsam durchhauen mußte. Untermischt waren diese Palmen mit Magnolien, Pisangs, Cedern, Cacao-, Gummi-, Orangen- und Tulpenbäumen und andern, welche dieser Zone eigenthümlich sind, dann aber auch solchen, die sich nur auf dieser Insel finden und noch keinen Namen hatten, zum Theil mit Früchten belastet, welche groß wie Kürbisse waren, deren Fleisch wie Honig auf der Zunge zerschmolz und deren Saft etwa so schmeckte wie das Veilchen duftet. Thurmhohe Farrnkräuter standen dazwischen mit Stämmen, so dick daß die Affen daran auf und nieder krochen und mit Blätterwerk so zierlich, wie mit der Scheere aus grünem feinen Papiere geschnitten. Jenseits des Waldes gelangte ich auf eine Wiese, deren armdickes Gras so hoch stand, daß es über meinem Kopfe zusammenschlug und mir den Anblick des Himmels und der Sonne entzog. Glücklicherweise hatte ich in einem Bache riesengroße Krebse angetroffen, und mit deren mächtigen fußlangen Scheeren mähte ich das Gras vor meinen Füßen im Geschwindschritt nieder, um mir einen Weg zu bahnen. Weiter gelangte ich in einen Wald, der aus baumhohen Ananas, Cactus- und Aloepflanzen gebildet war, in deren Schatten sich allerliebste buntschillernde Schlangen wie aus funkelnden Edelsteinen gebildete Ketten hin- und herwanden. Ich sah ihnen sehr bald an, daß sie nicht giftiger Art waren, und schlang mir einige derselben um meinen Kopf, was mir eine höchst angenehme Kühlung verursachte. Kenner der Mythologie, wenn welche dagewesen wären, würden mich für die wiedererstandene Meduse gehalten haben. Inmitten dieses Aloe- und Cactushaines befand sich ein spiegelklarer, stahlblauer See, der mit den wunderbarsten Wasserpflanzen bedeckt war. Auf ihren riesengroßen Blättern, die auf die Wasserfläche hingelegt schienen wie kolossale Teller auf ein sauberes Tischtuch, sonnten sich Schaaren allerliebst geformter Wassereidechsen, deren glitzernde Augen eingefügten Diamanten glichen, und auf ihren schneeweißen Blumen, deren gelber Kern allein wohl so groß war wie ein halb Dutzend an einander gestellte Vollmondscheiben, standen in philosophischer Ruhe, das eine Bein an den Leib gezogen, mächtige Kraniche, oder brüteten schwanengleiche Vögel, die sich mit den Blumen auf und ab wiegten und schaukelten, bald mit ihnen in's Wasser tauchten, bald sich mit ihnen wieder in die Luft schnellten, und so immer regelmäßig auf und nieder. An den Ranken, welche diese Pflanzen nach allen Richtungen über den See hinaussandten, hingen wie kostbares Geschmeide die seltsamsten Muscheln und Schnecken von wunderbarster Form und in allen metallischen Farben so prächtig schillernd, daß daran alle Schilderung erlahmt und das Auge von den glänzenden Farbenspielen fast geblendet wurde. Hin und her fuhren in der krystallischen Fluth größere und kleinere Fische, deren Schuppenpanzer von gediegenem Golde zu sein schienen und die wie glänzende Metallplatten durch die klaren Wellen dahinschossen. Ich streute ihnen Schiffszwieback in den See und sie verzehrten ihn mit großem Appetit, worauf sie sich mit halbem Leibe aus dem Wasser erhoben und dann sich nach vorwärts wieder hinabließen, gleichsam als wollten sie mir durch einen Bückling für meine Gabe danken. Inzwischen war die Sonne gesunken und mit jener Plötzlichkeit, wie in diesen Zonen immer der Fall ist, die Nacht herangebrochen. Dafür stieg der Mond am unbewölkten Himmel empor und durchdrang die Fluthen, die Blumen, die saftig durchsichtigen Blätter der Cactus und Aloe mit seinem silbernen Licht. In seinem Schimmer badete ich meine erhitzten Glieder in der weichen Fluth, wobei mir Hector Gesellschaft leistete, und richtete mich dann zur Nacht auf der großen Wasserblume ein, welche den Mittelpunkt des Sees bildete und zu der mir und meinem Hector eine der fußbreiten balkenähnlichen Ranken der Wasserpflanze den bequemen Uebergang bot. Von Tausenden von Leuchtkäfern, die mich förmlich in einen Brillantfeuerregen hüllten, rings umschwärmt, nahm ich hier meinen Abendimbiß, und streckte mich dann – Hector zur Seite – in den Kelch der Blume nieder, deren Blumenblätter sich auch sofort wie zu einem Himmelbett über mir schlossen. Ich habe in einem Daunenbett nie weicher geschlafen, nur waren wir, Hector und ich, als sich bei den ersten Strahlen der Morgensonne die Blume wieder erschloß und wir uns von unserm Lager erhoben, von dem Blumenstaub etwas gelb gepudert. Fünftes Kapitel. Im Gefechte bleibt der Feind immer das Object, das man nicht aus den Augen verlieren darf. Ehe die Fernröhre, Perspective und Operngucker erfunden waren, mußte sich der Feldherr auf seine zwei gesunden oder nicht gesunden Augen verlassen. Daher wird der Feldherr, welcher siegt ohne einen Operngucker zu besitzen, jedenfalls eine höhere Stelle in der Kriegsgeschichte einnehmen, als ein Feldherr, der einen Operngucker besitzt und trotzdem geschlagen wird. von Clausewitz. Furchtbarer Anblick – – – ein Geripp – – – als ob es lebte! Victor Hugo. Wenn ich oder der Herausgeber meiner Memoiren zu den gewöhnlichen Bücherfabrikanten gehörten, die, wenn sie einmal so glücklich sind, einen Stoff zu haben, ihn in die Ewigkeit von drei oder mehr dicken Bänden ausspinnen, so würde ich mein Reisejournal mit derselben Ausführlichkeit fortführen, mit der ich den ersten Tag meiner Expedition behandelt habe. Aber ich beabsichtige nicht, meinem Verleger und meinen Lesern unnütze Ausgaben zu verursachen; ich will daher nur sagen, daß der zweite Tag so ziemlich dem ersten, der dritte dem zweiten, der vierte dem dritten, der fünfte dem vierten und der sechste allen früheren glich, daß die gute Meinung, die mir die Insel bisher eingeflößt hatte, von Tag zu Tag mehr bestätigt und bestärkt wurde und daß ich am sechsten Tage Mittags an dem entgegengesetzten Ufer der Insel, mithin an der Grenze meines Reichs angekommen war, ohne in irgend eines jener Abenteuer verwickelt worden zu sein, welche mein Leben sonst in so wunderbarer Weise auszeichnen. Da ich nirgends eine Spur davon wahrnahm, daß auf dieser gesegneten Insel Gattungen wilder und reißender Thiere oder giftiger Amphibien beständen – was ohne Zweifel davon herrührte, daß noch keines Menschen Fuß diesen jungfräulichen Boden betreten hatte, und das Gift des Menschen mithin noch nicht auf die Thiere übergegangen war – so konnte ich Nachts mein Haupt in den Schooß dieser Insel ganz unbesorgt niederlegen. Die Nächte waren mild und warm, und an einem weichen Lager fehlte es nicht. Es gibt dort nämlich eine Schaafart, welche ihr Fell, das den feinsten Merino an Weiche übertrifft, alljährlich ablegt und dann ein neues erhält. Die abgelegten Pelze liegen dann zu ganzen Dutzenden unter den Bäumen, an deren Stämmen die Schaafe sich zur Mauserzeit das Fell abzustreifen pflegen, und auf diese Pelze bettete ich mich, mein Hector wie immer mir zur Seite. Abgesehen von den mitgenommenen reichlichen Lebensmitteln gab es auf der Insel genug zu schmausen. Von den Früchten, die bei einem leisen Regen des Windes oft wie ein dichter Hagel von den Bäumen fielen, will ich gar nicht einmal sprechen; denn auf Beutelland gibt es noch ganz andere Genüsse als die tropischen, auf der Zunge wie Butter zerschmelzenden Früchte. Die Mutterschaafe pflegen sich hier selbst zu melken und ich hatte nur nöthig, mich auf den Rücken zu strecken und unter sie zu legen, um mir den Strom der süßesten Milch in den Mund rinnen zu lassen. Wilde Bienen, die aber zahmer und gebildeter sind als bei uns die gezähmten Bienen, nisteten in allen Löchern der Baumstämme, von denen der Honig, würziger als der berühmte Schweizer, wie geschmolzenes Gold niederströmte. Wenn es auf den Südseeinseln Brodbäume gibt, so gibt es auf Beutelland eine Gattung Bäume, aus deren Früchten sich ein Teig bereiten läßt, der, eine Zeitlang in die Sonne gelegt, sich in das wohlschmeckendste Gebäck verwandelt. Ich nannte sie daher Semmel- und die beste Sorte darunter Kuchenbäume. O wie zufrieden würde das kuchenliebende Sachsen sein, wenn auf seinen Bäumen statt der schönen Mädchen, solcher Kuchenteig wüchse! Von dem beutelländischen Zuckerrohr stäubt ohnehin der Zucker schon in raffinirter Gestalt und in feinsten Körnern ab, so daß es mir keinen Augenblick an dem beliebten Leipziger »Streuselkuchen« fehlte. Aus den Schooten der beutelländischen Kaffeebäume floß der aromatischste Kaffee schon destillirt ab, und es war mir ein hoher Genuß, zu diesem Kaffee eine beutelländische Cigarre zu rauchen, die ich mir so im Spazierengehen aus den Blättern der Tabakspflanzen gedreht hatte, welche an der Sonne gedörrt, an den Stauden hingen. Diese Cigarren waren so duftig, daß sie die Luft im Umfang einer Stunde mit einem wahren Weihraucharom erfüllten und sogar den starken Duft der Blumen überdufteten. Endlich muß ich noch der beutelländischen Weintraube erwähnen, deren Saft, in ein Gefäß oder eine Muschelschaale gedrückt, sich in Frist einer Stunde in den köstlichsten Most und dann in nicht viel längerer Zeit in einen Wein verwandelt, gegen den sich der Steinberger Cabinet etwa so verhält, wie der Meißner Ausbruch zum Steinberger. Wenn Fürst Metternich meinen von mir später angelegten Weinkeller besucht hätte, er würde niemals mehr den Muth gehabt haben, seinen diplomatischen Gästen eine Flasche jenes schaalen sauren Getränks vorzusetzen, das unter dem Namen Johannisberger deshalb berühmt ist, weil man in Europa eben keine bessere Sorte Weines hat. So weit war nun Alles recht gut, aber auf dem Rückwege sollte ich sehr bittere Erfahrungen machen, die in mein bis dahin so freundliches und klares Verhältniß zur Insel einen düstern Schatten werfen sollten. Als ich nämlich wieder an den oben geschilderten See gelangte und den Fischen Krumen von Schiffszwieback streuen wollte, wichen diese scheu aus und fuhren pfeilschnell in die dunkelblaue Fluth zurück. Die Kraniche flogen mit gellendem Geschrei um mich her und streiften mir die Backen empfindlich mit ihren Flügeln, die Schwäne hackten mit ihren Schnäbeln nach meinen Beinen oder schüttelten, wenn ich in ihre Nähe kam, ihr Gefieder mit solcher Gewalt, daß meine Kleider von oben bis unten durchnäßt wurden. Im Walde der Cactus und Aloe streckten mir die Schlangen, ihre Köpfe hoch gegen mich emporhebend, die spitzigen Zungen zischend entgegen, und wenn ich sie zu haschen mich bemühte, schlüpften sie mit wunderbarer Schnelligkeit unter das dichte Gestäude und verkrochen sich im feuchten Erdschlamm. Ich wußte in der That nicht, was ich mir von dieser veränderten Stimmung der Thiere denken und wie sie auslegen sollte. Aber es sollte noch ärger kommen. Während ich mich dem Palmenwalde näherte, begrüßte mich ein wildes, wüstes, tausendstimmiges Geschrei, Gekreisch und Gewieher, das einen wahrhaft teuflischen Ausdruck hatte, und aus der Unterwelt selbst zu kommen schien. Die Papageien, ihre Schnäbel gegen mich aufsperrend und wie böse zänkische Jungfern ihre Hälse und Köpfe schüttelnd und vorstreckend, schrieen in fremden Worten, die offenbar Schimpfworte waren, auf mich los; ja zu meinem Erstaunen hörte ich deutlich einige deutsche Schmähworte wie: »schlechter Kerl«, »Lump«, »Lüderjan«, »Herumstreicher«, »Tagedieb«, »Schuft«, »dummer Junge« heraus, und ich zerbrach mir vergebens den Kopf, woher sie diese Ausdrücke gelernt und sich zu eigen gemacht haben konnten, zumal ja meines Wissens noch nicht ein »allgemeines deutsches Schimpfwörterbuch« besteht, obschon doch diese Aufgabe für unsere darin nicht wenig bewanderten deutschen Gelehrten etwas Verlockendes zu haben scheint. Am meisten ärgerte mich aber eine junge, kecke und naseweise gelbschnablige Papageiin, die mir, wahrscheinlich mit Anspielung auf meinen Adoptivnamen, unablässig »Windbeutel, Windbeutel«, dann auch wohl »Renommist«, »Aufschneider«, »Zweiter Münchhausen«, »Lügenbeutel«, und andere Ehrentitel zurief, die mir um so unangenehmer waren, je mehr ich mir bewußt war, daß ich häufig selbst zu meinem Schaden immer nur die strengste Wahrheit geredet habe, was mir Alle bezeugen werden, die das Vergnügen hatten, mit mir näher bekannt zu werden. Möchten in dieser Hinsicht Alle so rein und lauter dastehen als ich! Es war kein Zweifel, daß der boshafte alte Affenkönig diese erst so friedfertigen Thiere in der Zwischenzeit gegen mich aufgewiegelt hatte. Denn wie der Affe auch der Gestalt nach dem Menschen das ähnlichste Geschlecht ist, so zeigt er sich ihm auch darin am verwandtesten, daß er zugleich das boshafteste, hämischste und tückischste Geschöpf auf Erden ist. Die schändlichen Affen warfen mir, als ich durch den Wald ging, nicht mehr blos Früchte und Eier an den Kopf, sondern selbst verdorrte Baumzweige, Steine, Staub und Sand und noch andere häßliche Stoffe, die mir der Wohlanstand, auf den ich von jeher gehalten habe, zu nennen verbietet. Auch liebten sie es, sich von den Bäumen herablassend, mir mit ihren langen haarigen Schwänzen ins Gesicht zu fahren und mir noch andere garstige Possen zu spielen. Das böse Gezücht verfolgte mich mit Geheul und Hohngeschrei bis gegen den Ausgang das Waldes, wo mir plötzlich ein halb Dutzend Affen mit hochgeschwungenen Baumästen in den Weg traten, darunter Einer, der trotz seiner jugendlich schlanken Gestalt in seiner Fratze eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit dem alten Affenkönig verrieth. Es mochte wohl einer seiner zahlreichen Söhne, vielleicht sein Lieblingssohn sein, denn er war offenbar der beherzteste und ritterlichste unter allen. Zu gleicher Zeit erschien auf dem Wipfel des höchsten Palmbaums der Affenkönig selbst, wildverzerrten Gesichts, mit ächter Teufelslarve, und die jungen Affen drunten mit kreischendem Geschrei und Hurrahrufen zum Kampfe aufhetzend. Jetzt war Gefahr im Verzuge, denn meine Gegner sahen kräftig genug aus, und die Knüppel, die sie in den Vorderhänden führten, hatten eine bedenkliche Dicke und Stärke. In diesem kritischen Augenblicke würde ich mich meiner Schießwaffe jedenfalls bedient haben, wenn nicht der Affenfürst plötzlich Schaaren von Käfern und Schmetterlingen gegen mich entsandt hätte, die mir mit ihren Flügeln in die Augen schlugen und Alles um mich her verfinsterten, so daß es mir unmöglich gewesen sein würde, einen der borstigen Kerle aufs Korn zu nehmen. Das Beil war meinem Hector auf den Rücken gebunden und überhaupt hatte ich, eines solchen Ueberfalls nicht gewärtig, mich auf keinen wirklichen Kampf vorbereitet. In selbem Augenblicke schien mir die eine Affengestalt, so weit ich durch das dichte Gewölk der mich umschwärmenden Käfer und andern Insecten zu erkennen vermochte, ganz nahe getreten zu sein und mit dem Ast gegen mich zum Schlage ausholen zu wollen. Los! los! rief ich meinem Hector zu, der auch sogleich, obschon selbst von den Insecten schwer bedrängt, mit lautem Gebell nach vorwärts stürzte, während ich noch gerade Zeit genug hatte, von einer nächststehenden Aloe ein wie ein Spieß spitziges Blatt loszubrechen und damit gegen die dunkel vor mir stehende Gestalt einen kräftigen Stoß zu führen. Er traf nur zu sicher. Das Aloeblatt hatte sich dem jungen Affen, des Affenkönigs Sohne, gerade durch das Herz gebohrt und zwar mit solcher Gewalt, daß die Spitze zum Rücken hinausgedrungen war und das bemitleidenswerthe Geschöpf, welches einen Schrei ausstieß, der mir selbst ins Herz und durch den Rücken wieder hinaus zu dringen schien, todt zu Boden stürzte. Es war dies, so zu sagen, mein erster Mord, der mich deßhalb, weil er mein erster war, auch einigermaßen erschütterte, obschon er mir durch das Gebot der Nothwehr auferlegt war. Aber ich dachte daran, welche Hoffnungen, welche Talente mit diesem Jünglinge vielleicht dahin waren, wie möglicherweise das Herz einer Affenjungfrau, die ihn liebte und vielleicht bereits mit ihm verlobt war, darüber brechen würde – und dieser Gedanke that mir wehe, denn bei aller Seelenstärke besitze ich doch ein sehr weiches Herz. Zu gleicher Zeit hatte mein Hector das Seinige gethan, einem Affen die Gurgel durchgebissen und zwei andere so zugerichtet, daß sie nur mühsam, schmerzlich wimmernd und ächzend, sich im nahen Gebüsch verkriechen konnten, worauf die zwei letzten unverwundet gebliebenen Affen eiligst sich davon machten und auf den nächststehenden Tulpenbaum sich vermittelst ihrer Schwänze emporschwangen. An das Wuth- und Wehegeheul, welches bei diesem Anblick der Affenkönig erhob, werde ich mein Lebtag denken. Es war ein entschieden thierisches Geheul, und doch lag wieder etwas Menschliches, etwas wie von tieferer Empfindung darin, was mich mächtig erschütterte. Er sprang mit wüthender Hast von Baum zu Baum und schien mit gewaltigem Geschrei seine Schaaren, die in den tollsten ohrbetäubenden Tönen sein Zeter- und Rachegeschrei erwiederten, zum Vernichtungskampfe gegen mich aufzuwiegeln. Er erschien mir in diesem Augenblicke, einige Unterschiede natürlich nicht in Betracht gezogen, wie der Cherusker Fürst Hermann, als dieser von einem Gau zum andern eilte, um die deutschen Volksstämme gegen die Römer zu gemeinsamer That in Bewegung zu setzen. Und so sehr ich mich auch auf meinen Muth, meine Geschicklichkeit, meine Waffen und meinen Hector verlassen konnte, so schien es mir doch immer nichts Kleines, ohne Allianzen den Myriaden von Affen und den mit ihnen alliirten Thieren der Insel im Kampfe gegenüberzustehen. Indeß ich vertrat ja, um im jetzigen Style westmächtlicher Zeitungsrhetorik zu sprechen, die Interessen der Civilisation gegen Uncultur und Wildheit, und dieses Bewußtsein verlieh mir jenen moralischen Muth, der meinen Gegnern abging. Inzwischen hatte ich das offene Feld erreicht und glaubte mit Recht, nun nichts mehr von den Verfolgungen meiner ergrimmten Gegner befürchten zu dürfen. Auch ereignete sich, bis zu meiner Ankunft am Schiffe, nichts mehr von Wichtigkeit. Nur wichen mir die vorher so zuthulichen Hasen und Hirsche aus dem Wege, sobald sie meiner ansichtig wurden, und flohen verschüchtert dem Walde zu als ob sie hier unter dem Schutze ihrer häßlichen Alliirten, der Affen, Rettung vor mir suchten. So vermag ein einziger tückischer Aufwiegler und Rädelsführer eine ganze Welt von Unschuld zu vergiften und Liebe in Furcht zu verwandeln! Diese Nacht brachte ich – und zwar ermüdet wie ich war im köstlichsten Schlummer – in meinem Regierungspalast, dem Schiffe zu, was mir nach den unter freiem Himmel zugebrachten Nächten doch wieder ordentlich wohl that; denn der Mensch ist einmal dazu da, seines Lebens und auch seines Schlafes erst unter Dach und Fach recht froh zu werden. Der Mensch will vier Wände – insofern es nicht Schulstuben und Kerkerwände sind – um sich und eine Decke über sich sehen, die ihn von der erdrückenden Unendlichkeit des Himmels abschließt. Freilich erkläre ich mir diesen Hang auch aus dem Umstande, daß der Mensch zu den Raubthieren gehört und daher, wie alle Raubthiere, gern ein Versteck sucht, um in seinen räuberischen Machinationen nicht gestört oder beobachtet zu werden. Als ich folgenden Morgens mit meinem treuen Begleiter, der Hundeseele Hector, auf das Verdeck trat, erwartete mich ein ganz eigenthümlicher Anblick. In weiter Ferne erblickte ich nämlich unzählige, wohl tausendmal tausend schwarze Pünktchen, die auf der Ebene, und zwar immerwährend in der Richtung des Schiffes, wie kleine Erdflöhe vorwärts sprangen. Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich in ihnen nach einiger Zeit Myriaden von Affen erkannte, die, zum Theil unbewaffnet, zum Theil mit Knütteln, Baumästen und Steinen bewehrt, sich gegen das Schiff als das Object ihres Anmarsches auf allen Vieren vorwärts bewegten. Sofort erkannte ich ihre Absicht, und bereitete mich zur hartnäckigen Gegenwehr vor, beschloß jedoch aus Menschlichkeitsgründen, die ja auch immer die eigentlichen Klugheitsgründe sind, mich so lange als möglich auf der Defensive zu halten. Ich legte also mein Beil neben mich, lud den Doppellauf meiner Flinte und ein paar Sackpistolen und bedeutete meinen Kampfgefährten, sich bereit zu halten. Bald war das Gewimmel der häßlichen, haarigen kleineren und größeren Teufel beim Schiffe angelangt, und ich kann sagen, daß ich kaum je ein scheußlicheres Schauspiel mit angesehen habe. Man denke sich dies Gewühl von vielleicht zwanzig- bis dreißigtausend Affen, mit ihren wild verzerrten Fratzen, ihren halb possierlichen halb widerlichen Gebärden, ihrem theils aus niedriger Feigheit, theils aus teuflischem Grimm gemischten Gesichtsausdruck, dann diese zehntausend und aberzehntausend bald häßlich behaarter, bald widrig nackter Wickelschwänze, mit denen sie vor Wuth im Sande wühlten oder in der Luft hin- und herwackelten oder die sie unter einander zu garstigen Knoten verschlangen! Oft bildete ein Halbhundert dieser Ungethümen einen scheinbar aneinandergewachsenen Knäuel und Klumpen, indem sie sich mit ihren Schwänzen verwickelt hatten und dann über einander stürzten und vergebens sich Einer vom Andern loszumachen strebten. So garstig dieser Anblick war, so possierlich war er auch, und unwillkürlich mußte ich in ein lautes herzliches Gelächter ausbrechen, wodurch ihr Grimm und ihre Wuth nur noch gesteigert wurden. Der Affen-Aelteste ordnete die Schlacht an und befehligte die Legionen, wobei er sich jedoch wohlweislich in respectabler Entfernung hielt. Es schien als habe er in der Affensprache eben das Commandowort: Freiwillige vor! ertönen lassen, denn plötzlich trat eine gute Anzahl meist jüngerer Affen aus dem ungeheuren Knäuel heraus, drängte sich gegen das Schiff und begann von allen Seiten die Schiffswände heranzuklettern. Ich machte mir den Scherz, den Inhalt einiger mit Wasser gefüllten Kübel über die Anstürmenden zu entleeren und es machte mir einen rechten Spaß, wenn sie von der Gewalt des Wassers herab geworfen unten im Grase übereinanderstürzten, Kobolde schossen und wie galvanisirte Frösche zappelten. Viele, die am entgegengesetzten Schiffsende heraufzuklettern versuchten, kugelten dann das hier etwas abschüssige Ufer hinab und kamen in den über sie zusammenschlagenden Wellen der See elendiglich um, und es gewährte ein höchst verwunderliches Schauspiel, wenn dann nur noch die Schwänze, zappelnd und die Wogen peitschend, über das Meer hinausragten. Hector war unterdessen auch nicht müßig, aber als ob er meine Intentionen instinctmäßig begriffe, biß er keines der zottigen Ungeheuer zu Tode, sondern packte sie nur an der Gurgel, schüttelte sie tüchtig und warf sie dann vom Hochbord hinab. Durch unsere vereinten Bemühungen wurde denn auch dieser erste Sturm glücklich und ohne besondere Gefahr abgeschlagen. Als der Affenkönig die Freiwilligen die Flucht ergreifen sah, fing er fürchterlich an zu toben, zu schäumen und zu wüthen, schwang seinen krummen Baumast wie einen Husarensäbel über sich und trieb seinen Schwarm, mit dem Ast wie mit seinem langen haarlosen Schwanze nach rechts und links mächtige Schläge austheilend, massenweise gegen das Schiff. Das gab ein Gewimmele und Gekrabbele! Hunderte ja Tausende suchten nun zu gleicher Zeit das Schiff zu erklettern, indem sie sich einer auf des andern Schultern stellten und vermittelst ihrer langen, bei ihnen eine so große Rolle spielenden Schwänze an den Flanken des Schiffs emporschnellten. Jetzt wurde die Sache mir denn doch bedenklich, da die Ungeheuer von allen Seiten über Bord stiegen und mich durch ihre Menge zu überwältigen drohten. Hector that zwar sein Möglichstes und hatte, den Ernst der Situation begreifend, ganze Hügel von Affenleichen um sich her aufgehäuft, über die jedoch die Nachdringenden mit dem Muthe der Verzweiflung emporkletterten. Jetzt galt es eine große entscheidende That! Durch den gewaltigen Andrang war inzwischen auch der Affenkönig dem Schiffe ganz nahe gebracht worden und mit grimmigem Zähnefletschen stand er unten am Kiel in unheimlicher Nähe, die geballten Vorderhände gegen mich emporstreckend. Diesen Augenblick nahm ich wahr. Einen Schuß Pulver war mir der Kerl nicht werth; ich haßte und verachtete ihn zu sehr. Ich ergriff also eine Ruderstange und versetzte ihm einen solchen Schlag vor den Brustkasten, daß er, niederfallend, für den Augenblick das Aufstehen vergaß; gräßlich wälzte er die Augen im Kopfe umher und in Todesangst peitschte er den Ufersand mit dem Schwanze, daß eine dichte Staubwolke ihn bald vor meinen Blicken verbarg. Zu gleicher Zeit hörte ich aber meinen Kampfgenossen ein klägliches Geheul ausstoßen und mich umwendend sah ich, wie ein garstiger Affe sich auf seinen Rücken geschwungen hatte und sein Gebiß in seinen Nacken schlug, während zwei andere sich zu beiden Seiten in sein Fell festgekrallt hatten; ein anderer zottiger Bursch suchte mir eben seinen Schweif um den Hals zu schlingen, wahrscheinlich um mich auf das Deck niederzuziehen. Da ergriff ich flugs eine meiner Pistolen, schoß meinen Angreifer nieder, packte das Beil mit beiden Händen, spaltete dem, der sich meinem Hector auf den Rücken geworfen hatte, das Rückgrath der Länge nach, worauf die beiden anderen Affen ihn freiwillig losließen, nahm alsdann meine doppelläufige Flinte und feuerte in den dichten Haufen der auf dem Schiffsdeck versammelten Feinde zwei Kugeln, deren jede sechs Affen hintereinander gerade durchs Herz ging, packte sodann das Ruder mit beiden Armen und drosch furchtbar auf den Haufen los, während Hector, von der erhaltenen Verletzung wüthend gemacht, unter lautem Geheul ein entsetzliches Blutbad unter ihnen anrichtete. Der Fall des Oberbefehlshabers und Obersten dieser haarigen Teufel, der ihnen ungewohnte Knall und Pulverblitz des Feuergewehrs, die Wuth und das Geheul Hectors, das entsetzliche Gemetzel, das wir unter ihnen anrichteten – das Alles, zu gleicher Zeit und im Nu eines Augenblicks stattfindend, warf einen solchen Schreck unter die schändlichen, gegen den Repräsentanten der Civilisation ohne Culturbewußtsein anstürmenden Bestien, daß sie, um mich im modernen diplomatisch militärischen Bulletinstyl auszudrücken, sich sofort nach rückwärts zu concentriren begannen, d. h. in wildester Flucht hast du nicht kannst du nicht ihren Rückzug oder ihr Avanciren nach Hause antraten. Die Ungethüme nahmen sich nicht einmal Zeit hinabzuklettern, sondern sprangen Hals über Kopf von Bord herab, schleuderten dabei ihre Glieder, die allen Zusammenhang verloren zu haben schienen, wie Zieh- und Zappelmänner in der Luft umher und blieben auch zum Theil auf dem Erdboden mit zerbrochenen Beinen, Rippen und Hälsen todt oder halbtodt liegen. Auch das garstige Gesindel auf der Ebene ergoß sich nun in wilder Flucht nach rückwärts, auf allen Vieren davon trabend. Einer der stärksten nahm den Affen-Obersten, den Anstifter des Blutvergießens, auf dem Rücken mit sich, ihn mit seinem fürchterlich langen Schweife umschlingend und festhaltend. Der schändliche Bösewicht lebte noch, und ich gönnte ihm sein elendes Leben, damit er Zeit habe, über das von ihm angestiftete Unheil nachzudenken und darüber mit sich ins Gewissen zu gehen. Dem Gezücht ein paar Kugeln nachzusenden, dachte ich zu großmüthig und ritterlich, aber meinem Kampfgenossen konnte ich die Genugthuung nicht versagen, das fliehende Affenheer weithin zu verfolgen und bald diesem bald jenem mit seinem scharfen Gebiß Eins anzuhängen. Die Elenden, die sich erfrecht hatten, gegen den Vorkämpfer der Civilisation aufzutreten, wagten nun nicht einmal, Zehntausend gegen Einen, nur auf einen Augenblick gegen ihren Verfolger Front zu machen. Das Deck des Schiffs gewährte einen gräßlichen Anblick. Ueberall lagen Zerfleischte, Todte, Sterbende umher, abgetrennte Glieder, abgekneipte Wickelschwänze und andere Körpertheile. Ich mochte mich mit dem schmutzigen Gesindel nicht befassen und überließ es meinem heldenmüthigen Kameraden, den ich für seine Tapferkeit und die ihm durch seine glücklicherweise nur leichte Wunde verursachten Schmerzen mit einem köstlichen Schinkenknochen belohnte, die Cadaver in die See zu schaffen, wobei er freilich zwischen den Todten und etwa noch Lebenden einen Unterschied zu machen sich nicht Zeit ließ, was ihm auch nicht zu verdenken. Nach vollendetem siegreichen Kampfe bemerkte ich einen in kauernder Stellung den Rücken an ein Faß lehnenden, recht hübschen Affen, der mit freundlich bittenden Augen, aus denen er sich eine Thräne wischte, fast in menschlicher Weise mich anblickte. Er gehörte zu der ungeschwänzten Art, welche die Minorität auf der Insel bildete und von den geschwänzten Affen im Helotenzustande gehalten wurde. Ohne Zweifel waren sie in einem mit den stärkeren und größeren geschwänzten Affen unglücklich geführten Kriege besiegt und dann in Sclaverei gebracht worden; denn sie wurden, wie ich schon früher bei meiner Excursion wahrgenommen, zu den niedrigsten Knechtsdiensten gebraucht und mit Püffen, Stößen, Schlägen, Ohrenzausen, Bissen und Beintritten sehr übel behandelt. Jedenfalls standen sie aber auf einer weit höheren Stufe der Civilisation und der Herzensbildung; sie waren körperlich und mithin auch geistig viel zarter organisirt, und es verbreitete sich über ihr ganzes Wesen ein Hauch zarter Melancholie und Träumerei, welcher mich unwillkürlich an gewisse deutsche Lyriker Prevorstisch-tischrückerischen Andenkens erinnerte. Hierüber will ich mich jedoch nicht weiter verbreiten, um den Gang der Erzählung nicht zu sehr zu unterbrechen, behalte mir jedoch vor, dieses Kapitel künftig einmal in einem der deutschen Literaturblätter zu behandeln, nachdem gegenwärtiges Buch das Licht der Welt erblickt und mir jene wissenschaftliche Autorität verliehen haben wird, die bekanntlich immer dazu nöthig ist, um in die ehrwürdige Priesterschaft der deutschen Journalisten aufgenommen zu werden. Schon während der Schlacht hatte ich bemerkt, daß diese ungeschwänzten Affen durchaus nicht aus eigenem Antriebe an dem Angriff Theil nahmen, sondern mit Schlägen und Stößen dazu getrieben werden mußten. Was nun die kleine Griseldis betrifft – wie ich später das zierliche Aeffchen nannte, denn es war weiblichen Geschlechts – so erinnerte ich mich bei dem näheren Anblicke der Aeffin, daß sie es gewesen, die mich vielleicht von Tod und Untergang errettet hatte. Denn als jener große gewaltige Affe, von dem ich oben sprach, Anstalten machte, seinen Schweif wie eine Schlinge um meinen Hals zu werfen und mich niederzuziehen, hatte die kleine Griseldis sich mit ihrem Gebiß an die Spitze seines Schwanzes gehängt und mir dadurch Zeit verschafft, meinem Gegner den Garaus zu machen. Ich bedeutete, dankbar und weichfühlend wie ich immer war und noch in diesem Augenblicke bin, durch nicht mißzuverstehende Pantomimen der Aeffin, daß ich für einige Zeit ihr Protector und Freund sein wolle, und besiegelte diese Zusage durch eine Portion Mandelkerne, die ich ihr darreichte und die sie mit dem größten Appetit und in zierlichster Weise verspeiste. Durch die possierlichsten Gebärden suchte sie mir nun ihren Dank und ihre Ergebenheit auszudrücken, und ich muß sagen, daß sie, so lange ich auf der Insel weilte, sehr viel zu meiner Erheiterung beigetragen hat, fast mehr als die deutschen Lyriker, von denen sich, wie man später erfahren wird, selbst hieher eine Spur verloren hatte. Mein Verhältniß zur Thierwelt dieser Insel war von nun an gänzlich verändert. Die Thiere hatten sich zuletzt so gänzlich rücksichtslos gegen mich benommen, daß ich alle diplomatischen Beziehungen mit ihnen abbrach, ohne jedoch den Einzelnen, die sich mir gefällig und dienstbar zeigten, meine Liebe und Freundschaft zu versagen. Mit der Flinte in der Hand durchstreifte ich nun die Insel, übte mein Jagdrecht, ohne mir irgend Zwang anzuthun, versorgte meine Tafel mit manchem köstlichen Wildbraten und lag auch fleißig dem Geschäft des Angelns ob, so daß von da an meine Tafelgenüsse den Charakter jener Mannigfaltigkeit gewannen, welchen ich mit der künstlerisch geschickten Vertheilung von Licht, Halbdunkel und Schatten auf vorzüglichen Gemälden vergleichen möchte. Hierzu trugen die vielen kostbaren Gewürze und die feinen Gemüse wesentlich bei; ja selbst das mit rosenartigen Prachtblumen geschmückte Kraut der beutelländischen Kartoffel gab gut zubereitet ein Gemüse, welches an Wohlgeschmack unsern savoyer und selbst Rosenkohl weit übertraf. Eine Fischpastete aus beutelländischen Hechten und Goldschleien würde dem verstorbenen Herrn von Rumohr die merkwürdigsten Gesichtspunkte zur Anknüpfung einer Reihe ungeahnter gastronomischer Vorstellungen eröffnet und ihm einen ganz neuen »Geist der Kochkunst« eingeblasen haben. Vorzüglich waren auch die beutelländischen Riesenkrebse, deren Scheeren allein ein Quantum von dem Volumen eines westphälischen Schinkens enthielten, wobei ich bemerke, daß ich dieselben Scheeren wegen ihrer Schärfe später namentlich als Baumscheeren benutzt habe. Wie gesagt, ich befand mich seit Erklärung des Kriegszustandes in einer weit gemüthlicheren Stimmung und einer vortheilhaftern Lage als vorher; denn bei Lichte besehen, ist nicht der Friede, sondern der Kampf die Hauptaufgabe oder wenigstens die Würze des Lebens. Ich weiß nicht, ob man vor Langweile sterben kann, aber ich für meinen Theil bin überzeugt, daß ich den schmählichen Tod der Langeweile gestorben sein würde ohne diesen unterhaltenden Krieg mit allen vier, zwei und, wenn ich die gern auf einem Beine stehende Kraniche hinzurechne, einbeinigen Geschöpfen der Insel. Auch mein Hector, der früher den Kopf zuweilen recht melancholisch hängen ließ, war jetzt so zu sagen ein ganz anderer Mensch geworden. Wie der bekannte fabelhafte muntere Seifensieder Johann die Sonne mit Gesang begrüßte (den nicht mit angehört zu haben ich für mein Theil übrigens sehr froh bin), so begrüßte er fortan die Sonne mit freudigem Gebell, weil er wußte, daß es mein erstes Geschäft sein würde, ins Innere zu gehen und mir für den Mittagstisch einen guten Braten zu erjagen. Da ich mich jedoch auch jetzt der Verfolgten und Unterdrückten unter den Thieren mit größtem und uneigennützigstem Eifer annahm, so fehlte es mir unter ihnen nicht an Freunden, die sich mir mit der aufopferndsten Liebe widmeten, und mir ihre Sympathien in aller Weise zu erkennen gaben. Ganz besonders galt dies von den ungeschwänzten Affen. Das Oberhaupt der geschwänzten Affen war einige Tage später an den Folgen des ihm von mir versetzten Stoßes auf die Brust wirklich gestorben. Seine Stammgenossen und Unterthanen hatten ihn unter seinem Lieblingspalmbaum verscharrt; ich habe das markdurchdringende Klaggeheul, das sie dabei ausstießen, an einem schönen Mondscheinabende mit geheimem Schauder selbst gehört, und ich habe noch mehrere Tage darauf seine vielen Weiber um sein Grab sitzen sehen, wehklagend und sich mit ihren Tatzen Hals und Brust zerfleischend, was einen höchst schauerlichen Anblick gewährte. Seitdem und seit der gegen mich erlittenen Niederlage war der Muth seines Volkes gebrochen, und ich kam dem unterdrückten und schlechtbehandelten Stamm der ungeschwänzten Affen fortwährend zu Hilfe, indem ich unter ihren Bedrückern mit meinem Feuergewehr furchtbar aufräumte, bis sich die ungeschwänzten ermannten, das ihnen auferlegte Joch abschüttelten, ihre Unterdrücker angriffen, sie aus dem Palmenwalde hinausschlugen und sich nun hier als Herren festsetzten. Es war eine dreitägige Schlacht, und furchtbar war das Gezische, Geheul, Gekreische, Gewinsel, womit die unter einander sich durch Beißen und Kratzen zerfleischenden Parteien die Insel erfüllten. Mein Hector und ich mit meiner Flinte waren fleißig dabei und thaten vielleicht das Meiste, indem wir Hunderten den Garaus machten. Der Rest der Besiegten zog sich in einen fernen Theil der Insel zurück. Unter den Liebkosungen der Befreiten wäre ich beinahe erlegen. Die Aeffinnen wanden mir Palmenkronen, setzten sie mir aufs Haupt und tanzten in wildpossierlichen Sprüngen um mich her, ja die schönsten und jüngsten umarmten und küßten mich, was mir gar nicht so angenehm war, als es ihnen sein mochte. Als ich folgenden Morgens vom Lager aufstand und auf das Verdeck trat, fand ich das ganze Schiff mit Blumenguirlanden umhangen, und eine Deputation junger Aeffinnen begrüßte mich mit einem ganz curiosen, in den höchsten Tonlagen und Fisteltönen vibrirenden Geschrei, das wohl eine Festhymne vorstellen sollte. Eine derselben trat dann hervor, stammelte eine Reihe von seltsamen Tönen und begleitete sie mit Gebärden, daß ich nicht zweifeln konnte, es sei dies die Declamation eines in der Affensprache verfaßten Preis- und Lobgedichts, das für den, der es verstand, einen sehr tiefen Sinn haben mochte, mich aber um so mehr zum Lachen reitzte, da die Vortragende sich eine auf dem Schiffe vorgefundene Nachtmütze aufgesetzt und ein paar Glacéhandschuhe an die Tatzen gezogen hatte, mit denen dieses Naturkind in einer Weise zu coquettiren wußte, welche einer europäischen Salondame nicht zur Unehre gereicht haben würde. Im Laufe desselben Tages machte ich noch eine merkwürdige Entdeckung. Die Spur eines Wildes verfolgend stieß ich plötzlich in einem bis dahin von mir nicht betretenen Theil der Insel auf eine Art Bau, aus Pfählen und aufeinandergelegten Steinen in rohester Weise errichtet und mit einem niedrigen Eingang versehen, der mir beim Hineinschauen einen Anblick gewährte, welcher mir unwillkürlich einen solchen Schrecken einflößte, daß ich entsetzt zurückfuhr. Was ich erblickte, war nämlich ein schon sehr zerfallenes bemoostes menschliches Gerippe, und jeder Leser wird es sehr natürlich finden, daß ein solcher unerwarteter Gegenstand in dieser Einsamkeit einen für den ersten Augenblick höchst unheimlichen schreckhaften Eindruck auf mich machen mußte. Also doch Menschenfresser, wenn nicht auf dieser, doch auf einer benachbarten Insel! war der erste Gedanke, der mir einfiel. Da der Bau aus mehreren Abtheilungen bestand und ich nicht wissen konnte, ob nicht etwa auch ein lebendes Wesen, vielleicht ein Kanibale, darin hause, so drang ich nur mit äußerster Vorsicht in das Innere, immer meinen Hector voranschickend. Ich fand in der ersten Abtheilung eine Art Vorrichtung, welche als Kochherd benutzt worden zu sein schien, in der zweiten eine Steinbank, die dem Eigenthümer als Lager gedient haben mochte, und in der dritten eine Anzahl roh aus Holz oder Steinen gearbeiteter Waffen: Bogen, Pfeile, eine Schleuder und Aehnliches. Auf einem an der Wand befestigten Brett lag, neben einigen Gefäßen aus Holz, ein Buch, sehr zerlesen, das ich hastig ergriff; es war, wer sollte es denken? ein Buch in deutscher Sprache, eine poetische Blumenlese aus dem Anfange unseres Jahrhunderts! Bei näherer Ansicht begegnete mein Blick auf der innern Seite des Buchdeckels einigen fast erloschenen Zeilen, offenbar mit Bleistift geschriebene, den der Verunglückte beim Schiffbruch bei sich geführt und bis zu seinem Tode aufbewahrt haben mochte. Es kostete mir Mühe, noch einige Worte und zwar folgende herauszubringen: »Ich Michael Schöpplitz, Seifensiedergeselle aus . . . . . . 10. Mai 1804 . . . . . . Schiffbruch . . . . . . hier zugebracht . . . . . . Gewissensbisse . . . . . . dem Ende nahe . . . . . . Gebeine . . . . . . ehrliches Begräbniß . . . . . . Palmbaum hinter . . . . . .« Das war Alles, was ich mit größter Mühe herausbringen konnte. Offenbar hatte der Unglückliche am 10. Mai 1804 hier Schiffbruch gelitten, eine Reihe von Jahren auf der Insel »zugebracht«, »Gewissensbisse« über sein Fortgehen nach Amerika gehabt, dann »dem Ende nahe« diese Zeilen geschrieben und den, der seine »Gebeine« etwa fände, gebeten, ihnen ein »ehrliches Begräbniß« unter dem »Palmbaum hinter« der Behausung zu geben. Da ich gerade nicht mit den nöthigen Werkzeugen zur Bereitung einer Gruft versehen war – denn wer denkt auch an so etwas? – beschloß ich, ein andermal den letzten Willen des Unglücklichen zu erfüllen; für heute begab ich mich jedoch zu meinem Schiffe zurück, da dieser Vorfall mir für den Augenblick alle Lust zur Fortsetzung meiner Jagd benommen hatte. Die Gefäße und Waffen, die der Unglückliche selbst verfertigt, und das Buch, das er nicht verfertigt hatte, nahm ich als Andenken mit mir. Jetzt wurde es mir auch mit einem Mal klar, woher die Papageien die deutschen Schimpfworte aufgeschnappt hatten, die ich von ihnen zu meinem großen Verdruß und Aerger hören mußte. Ohne Zweifel hatte Michael Schöpplitz in Stunden des Mißmuths deutsche Fluch- und Schmähworte ausgestoßen, die vielleicht (wie ich wenigstens damals annahm) auf irgend eine entfernte Person gemünzt waren, welche ihn übervortheilt, betrogen, gekränkt und vielleicht zu dem Entschlusse, in Amerika sein Glück zu suchen, veranlaßt hatte. Die Papageien, die Großeltern der jetzigen, hatten sie sich gemerkt; ihre Kinder sie ihnen und ihre Enkel sie wieder diesen abgelernt. So erklärte sich mir, was mir anfangs so räthselhaft schien, nun auf die einfachste Weise. Und in dieser einfachen Weise erklärt sich zuletzt Alles in der Welt. Aber in diesem Falle sollte es sich später doch noch etwas anders erklären. Sechstes Kapitel. Die Auster ist eine Welt für sich, kühl, tief, gedankenvoll, eine harmonische, ungegliederte, gegensatzlose Einheit. So ist auch ihr Geschmack ein durchaus gegensatzloser, harmonischer, einheitlicher, am reinsten, wenn man sie in ihrem Naturzustande genießt, nicht nachdem sie durch die verschiedenen Stadien der künstlichen Zubereitung, des Schmorens oder Backens hindurch getrieben worden. Mit jeder Auster, die du schlürfst, schlürfst du auch deinen Antheil am Ocean. Ein Denkmal dem Wohlthäter der Menschheit, der zuerst die Austern genießbar fand – ein Denkmal auf einem Piedestal von Austerschaalen! Ich selbst subscribire darauf mit einem Dutzend Austern. Rumohr's »Geist der Kochkunst.« Es gibt – und nicht blos in des Himmels Höhen, Nein, auf der Erde schon – ein Wiedersehen, Bei dem man halb sich freut und halb erschrickt. Tiedge. Die Insel war mir in Folge dieser Entdeckung für die nächsten Tage doch ein wenig verleidet. Sich in der Nähe eines Menschengerippes zu wissen, wenn man sonst von aller menschlichen Gesellschaft abgeschlossen ist, hat etwas Unbehagliches und Unheimliches, zumal sich mir der Gedanke, dereinst vielleicht auch so einsam und verlassen sterben zu müssen, zum ersten Male lebhaft aufdrängte. Mehr als einmal war ich im Begriff, mit einer Kohlenschaufel versehen (denn ein anderes Werkzeug besaß ich für diesen Zweck nicht) mich auf den Weg zu machen, um meinem und meiner Leser unglücklichen Landsmann die letzte Stätte zu bereiten, und immer wieder hielt mich eine geheime Macht davon zurück. Ich brachte also die nächsten Tage auf dem Schiffe zu, studirte in dem aufgefundenen löschpapiernen Buche deutsche Lyrik, lernte so und so viel Gedichte auswendig, weil ich nichts Besseres zu thun wußte, und begriff damals zuerst, daß die deutsche Poesie doch zu etwas nütze sei. Auch Hector mit seiner Treue und Dienstfertigkeit und die kleine Griseldis mit ihren possierlichen Geberden und Sprüngen, thaten das Ihrige zu meiner Zerstreuung. Noch mehr aber zog mich das Meer mit seiner ewigen rollenden Bewegung und seiner erhabenen Unermeßlichkeit von meinen trüben Vorstellungen ab, deren düsteren Mittelpunkt stets das häßliche bemooste Todtengerippe bildete. – Die See sah mit ihrem tiefdunkelblauen Auge so verlockend und verführerisch zu mir empor, daß ich endlich der Versuchung nicht widerstehen konnte, einen Ausflug in sie hinaus zu wagen. Ich habe nämlich vergessen zu berichten, daß das große Rettungsboot, und zwar in vollkommen erhaltenem Zustande, ebenfalls an das Land geworfen war. Dieses machte ich flott, versah es mit den nöthigen Lebensmitteln, bestieg es in Gesellschaft meiner beiden Freunde, Griseldis und Hector, und ruderte auf einen entfernten Punkt los, der, soweit ich mit meinem vortrefflichen Gesicht zu erkennen vermochte, ein kleines Felseneiland war. So etwas Aehnliches war es auch, wenn auch nicht ganz. Die Wirklichkeit entspricht niemals unsern Vorstellungen genau, ich möchte sagen sie deckt sie nicht so, wie in einem Buche das nachfolgende Blatt das vorhergegangene deckt. Was ich für ein Felseneiland gehalten hatte, war nichts als eine Gruppe aus dem Meere hervorragender hoher Klippen mit einer Art kleinem Vorland, welches aber – wer schildert meine freudige Ueberraschung! – im Grunde nichts mehr und nichts weniger war als eine Austernbank von enormer Ausdehnung; ja, als ich die Klippen näher betrachtete, erkannte ich, daß auch sie aus nichts Anderem bestanden als aus thurmhoch über einander geschichteten, zu den wunderlichsten, pittoreskesten Formen gruppirten Austern. Auf der Insel hatte ich vergebens nach ihnen geforscht, und hier traf ich sie in zahlloser Menge, eine ganze Gebirgswelt von Austern. Ihre Schaalen waren so durchsichtig wie zwei mit den innern Flächen aneinander gelegte Glasteller, so daß man durch sie hindurch das süße quabbelige Geschöpfchen in all seiner Appetitlichkeit erblicken konnte. Ja, sie waren so dünn, daß man zu ihrer Oeffnung keines Messers bedurfte und daß es hinreichte, sie mit einem Hauche des Mundes aufzublasen wie Mohnblättchen. Den Geschmack dieser Austern will ich nicht schildern, denn so etwas will eben geschmeckt sein und kann nicht beschrieben werden. Ueberhaupt halte ich mit allen Koryphäen der Gastronomie und Gastrosophie, mit einem Grafen d'Orsay, Lord Marcus Hill, W. Stuart, Sir Alexander Grant, Lady Morgan, mit den ehrwürdigen Verfasserinnen des Leipziger und des Augsburger Kochbuchs den Geschmack für den höchsten der menschlichen Sinne. Der Dichter kann uns eine Gegend mit aller Anschaulichkeit schildern, er kann uns durch Worte das Rollen des Donners, das Heulen des Sturmwinds, das Brausen des Wasserfalls, das Säuseln der Abendluft vor das Ohr zaubern, er kann uns sogar sagen, wie eine Blume duftet, aber wie eine Auster schmeckt, das zu schildern ist ihm nicht möglich, und wäre er zwanzig Mal ein Dante, Milton oder Klopstock. Daher stehen mir aber auch die Herren von Rumohr und von Vaerst viel höher als diese Dichter, als Shakspeare, Goethe und Schiller, weil sie Priester waren in der allein selig machenden Kirche der feinern ästhetischen Kochkunst, obschon sie zu jenem Volke, dem deutschen, gehörten, von welchem jener französische Koch in Dresden als Erwiderung auf die Frage, warum er während seines Aufenthalts von achtzehn Jahren kein Wort Deutsch gelernt habe, richtig oder unrichtig bemerkte: »A quoi bon apprendre la langue d'un peuple qui ne possède pas une cuisine?« Soviel ist richtig, daß die Eroberungszüge der französischen Sprache mit den Eroberungszügen der französischen Küche im genauesten Zusammenhang stehen, da ja beide es mit der Zunge zu thun haben, und daß die Machtstellung eines Volkes durchaus von der Machtstellung seiner Küche abhängig ist. Man erobert die Welt nicht mit Sauerkraut, aber mit seinen poetischen Saucen, Fricassées und Pasteten. Nachdem ich meinem Magen mit einigen hundert Stück Austern ein vorzügliches Fest bereitet und auch mein alles nachahmendes kleines Aeffchen unter possierlichen Verzerrungen der Gesichtsmuskeln einige Dutzend geschlürft hatte, schritt ich zur Besitznahme auch dieses köstlichen Fleckchens und nannte es Erzherzogthum Klein-Austria, wozu mir das Wort Auster durch seinen Klang Anleitung gab. So legte ich meinem kaiserlichen Titel einen neuen erzherzoglichen zu. Eben wollte ich meinen Stock mit der beutelländischen Flagge in einer lockern Schicht Austern aufpflanzen, als ich zu meinem höchsten, in meiner Eigenschaft als Kaiser muß ich sagen allerhöchsten Erstaunen, von der Höhe der einen Austernklippe mir die Worte zurufen hörte: Alter Junge! Alter Junge! Wie kommt Ihr denn hierher? Vor Erstaunen ließ ich den Stock mit der Reichsflagge aus der Hand fallen – was mir kein günstiges Omen zu sein schien – und blickte nach der Stelle, von wo diese so zutraulichen Worte herabtönten. Da stand Krischan Schroop, wie er leibte und lebte, nur ein wenig abgezehrt, bleich und hohläugig. Indeß war ich niemals der Mann, mich von einer Situation, so unerwartet sie auch sein mochte, überraschen und in Verwirrung setzen zu lassen. Zwei Umstände waren es, die mir die Freude, welche mir dieses Wiedersehen unleugbar gewährte, nicht wenig verbitterten. Zuvörderst mißfiel mir der zu vertrauliche Ton, den ich mir nicht gefallen lassen durfte, ohne mich in meiner jetzigen Stellung erheblich zu compromittiren. Sehr wahrscheinlich glaubte Krischan Schroop, daß gemeinsames Unglück alle Unterschiede der Verhältnisse aufhebe, und daß sein vertrauliches Ihr mir daher ganz angenehm ins Ohr klingen werde, was aber, wie bemerkt, keineswegs der Fall war. Alsdann begriff ich, daß Herr Schroop an sein Schiff Ansprüche erheben würde, die ich der Sachlage nach als erloschen betrachtete und betrachten durfte. Ich gab mir daher die Miene, als könnte mir der Zuruf Schroop's gar nicht gegolten haben, wendete mich um und bückte mich, um noch einige Austern aufzulesen und zu verspeisen. Diese erkünstelte Gleichgültigkeit hatte den erwarteten Erfolg; denn mit ängstlicher, fast schmerzlicher Stimme rief Krischan mir zu: Aber bester, liebwerthester Herr Beutel, kennen Sie mich nicht mehr oder wollen Sie mich nicht kennen? Haben Sie denn meine Ihnen gezeigte Freundschaft ganz und gar vergessen? Bedenken Sie doch die elende Lage, in der ich mich befinde, und thun Sie, ich bitte Sie flehentlich, zu meiner Erlösung, was Sie thun können. Noch ein theures Wesen wird seine holde Stimme mit der meinen vereinen. Warten Sie nur einen Augenblick! Damit trat er in eine runde Höhlung zurück und erschien bald darauf mit einem zitternden halb ohnmächtigen Frauenzimmer, das bittend, aber unfähig zu sprechen, seine Arme nach mir ausstreckte. Zu meinem ganz besondern Erstaunen erkannte ich in dieser weiblichen Gestalt jenes Frauenzimmer, das, wie schon früher erzählt, ein Anfall von Seekrankheit einmal in meine Arme geführt hatte. Herr Beutel, rief Schroop, lassen Sie diese Thränen, die aus den reinsten Augen fließen, Ihr so menschenfreundliches Herz rühren! Denken Sie an die Cognac's, mit denen ich Sie, ohne Bezahlung zu fordern, während unserer bis zuletzt so vergnüglichen Seefahrt bewirthet habe. Es ist Marie Windelmeier, es ist meine mir nun verlobte Braut, die ich die Ehre habe Ihnen vorzustellen. Gegen Damen, zumal wenn sie sich im Unglück befanden, habe ich mich stets mit geziemender Ritterlichkeit benommen. Ich verbeugte mich aufs artigste, zog sogar meine Mütze und sagte: Gratulire! Indeß, Herr Kapitän, die Verhältnisse haben sich ein wenig geändert, seit ich zum letzten Male die Ehre hatte, Sie zu sehen. Ich bin nicht mehr der einfache Fritz Beutel, als welchen Sie mich kennen lernten; ich bin jetzt einer von »Gottes Gnaden«, kaiserliche Majestät, Erbkaiser von Beutelreich, Erzherzog von Klein-Austria, und Selbstherr aller Beutelreicher. Ich muß Sie daher ersuchen, Herr Kapitän, mich in allen Reichsangelegenheiten – zu denen ich Ihre und Ihrer Mamsell Braut Ansässigmachung in meinen Reichslanden rechne – mit dem mir geziemenden Titel »Sire« oder »Ew. Majestät« anzureden! Auf diese im Gefühle meines Rechts und meiner kaiserlichen Würde mit fester Stimme vorgetragene Ansprache riß Krischan Schroop zwar die Augen weit auf, aber da er wußte, daß mit mir nicht zu spaßen sei, und da ihm vor Allem daran lag, aus seiner kläglichen Lage befreit zu werden, antwortete er mit kluger Fassung: Sire, ich werde mich glücklich schätzen, mich zu Ihren Unterthanen rechnen zu dürfen, aber damit ich dies kann, bitte und beschwöre ich Ew. kaiserliche Majestät, mich aus diesem verdammten Winkel zu befreien, in dem ich nun bereits seit vierzehn Tagen das elendste, nur durch die Gegenwart dieses himmlischen Geschöpfes (auf Marie Windelmeier weisend) etwas versüßte Leben geführt habe – ein Leben wie nie ein Schiffskapitän es geführt hat. Ich begreife ganz Ew. Majestät Stellung, haben Sie aber auch, Sire, die Gnade, meine ganz erbärmliche Lage zu begreifen. Gut, Herr Kapitän! erwiederte ich, ich bin durchaus nicht abgeneigt, Sie Ihrer übeln Lage zu entreißen und Ihnen auf meinem Boote einen Platz zu gönnen. Vorher aber müssen Sie versprechen, unter Zusicherung künftiger Eidesleistung, keinen Anspruch zu erheben auf Alles, was auf der Insel liegt! Ich brauche wohl nicht erst hinzuzufügen, daß Krischan Schroop sich höchst bereitwillig dazu finden ließ, mir diese Zusicherung zu geben, worauf ich ihm winkte, von der Austernklippe herabzusteigen, was er dann auch in Begleitung seiner Herzallerliebsten that. Als er unten angekommen war, ging ich ihm aufs freundschaftlichste entgegen, forderte an Eidesstatt seinen Handschlag und sagte dann: Krischan! Es freut mich herzlich, Euch gerettet zu erblicken und mich in Eurer mir so lieb gewordenen Gesellschaft, wie in Ihrer, Fräulein Windelmeier! wiederzufinden. Wir wollen jetzt das Ceremoniell ablegen, und ich nehme Euer zutrauliches »Ihr« an, aber wohl bemerkt, nur für den gewöhnlichen Verkehr. In allen Reichsverhandlungen und rein ceremoniellen Angelegenheiten müßt Ihr aber meine Stellung respectiren und die mir gebührenden formellen Rücksichten beobachten. Im Uebrigen bin ich Euer wohlgewogener Herr und Kaiser und ernenne Euch hiermit zu Sr. Excellenz meinem Marineminister, erstem Admiral meines Reichs und Generalinspector meiner Häfen, Schiffswerfte und Seefestungen! Ich glaube, daß ihm bei diesen Worten ganz wirbelig und schwindelhaft zu Muthe wurde, denn er blickte mich ganz duselig an, meine kaiserliche Gestalt von Kopf bis zu den Füßen musternd, und er würde mich wahrscheinlich so noch längere Zeit angeblickt haben, wenn nicht Hector zu seiner höchsten Freude und Ueberraschung an ihm emporgesprungen wäre und ihm einem alten Herrn, die Freude über dieses unverhoffte Wiedersehen aufs lebhafteste ausgedrückt hätte. Indeß kehrte das Thier, wie von Reue ergriffen, sehr bald wieder zu mir zurück, um mir seine Anhänglichkeit in wo möglich noch lebhaftern Aeußerungen zu bezeugen. Schroop sah im Ganzen wie im Einzelnen begreiflicher Weise so heruntergekommen aus, daß mich das tiefste Mitleid mit ihm ergriff; aber wie leuchtete sein Auge, wie hob sich seine ganze Gestalt, wie rötheten sich seine Wangen, als ich eine Flasche mit Cognac, seinem Lieblingsgetränk, aus der Tasche zog und sie ihm in Begleitung einiger Schiffszwiebacke mit den Worten darreichte: Da, nehmt, Krischan! das ist Herzens- und Magenstärkung zugleich! Ihr seht ja ganz miserabel aus, daß es zum Erbarmen ist. Stärkt Euch zu den hohen Functionen, zu denen ich Euch berufen habe! Der gefühlvolle Mensch träufelte zuvörderst seiner Braut einige Tropfen auf ein Stück Schiffszwieback, was ihr außerordentlich wohl zu bekommen schien, nahm dann selbst einige Schluck, schüttelte sich, nahm wieder einige, schüttelte sich von Neuem, nahm dann noch ein paar, schüttelte sich zum drittenmal – und die Flasche war leer. Ist mir doch, sagte er schmunzelnd, als wäre das von meinem Cognac. So einen guten alten führte kein anderer als ich auf seinem Schiffe. – Er hatte eine feine Zunge, der wackere Krischan Schroop, und dabei ein ganz besonderes Unterscheidungsvermögen für sein Eigenthum! Nachdem ich halb scherzhaft gefragt, ob sie auch Habseligkeiten mitzunehmen hätten? und dies von Krischan Schroop mit halb komischer halb weinerlicher Miene verneint worden war, stiegen wir, nachdem wir uns noch mit einer tüchtigen Ladung von Austern versehen, allesammt ins Boot und stießen ab. Die kleine Griseldis schmiegte sich, wie ich sah, sofort sehr herzlich an die Frau Marineministerin an und ich stellte sie ihr als ihre künftige Kammerjungfer vor, was die Ministerin als Scherz aufnahm, ich aber ganz in Ernst gemeint hatte, denn ich kannte die Gelehrigkeit und die mancherlei Talente der kleinen Aeffin, die bei vielen Gelegenheiten ihre Putzsucht dargethan hatte, mithin sich zu einer Kammerjungfer ganz besonders zu qualificiren schien. Während der Fahrt erzählte mir Krischan Schroop seine letzten Schicksale. Was zuletzt mit und auf dem Schiffe vorgegangen, wußten Beide nicht mehr, denn sie waren von dem Getobe der Elemente, der Angst und Todesfurcht und Krischan Schroop von noch etwas Anderem betäubt. Beide erwachten aus ihrer Ohnmacht mitten in der See und fanden sich zu ihrem Schreck wie zu ihrem Erstaunen, mit den Gesichtern gegen einander gekehrt, rittlings auf einer Tonne sitzen, die wie von einer geheimen Macht auf den Wellen flott gehalten und den Austernklippen entgegengetrieben wurde. Die Tonne wurde an die Austernbank gespült und sie stiegen von ihrem seltsamen Rosse ab, Beide so erschöpft, daß, wie sie versicherten, ihre Kräfte, sich oben zu halten, nur für wenige Minuten noch ausgereicht haben würden. Hier fristeten sie ihr Dasein von Austern und einer Art Seetang, der auch roh genießbar war, etwa wie bei uns der Schnittlauch, und auch nicht viel besser schmeckt. Die größte Wohlthat war für sie die mit Trinkwasser für die Seereise gefüllte Tonne, die aber, eine Viertelstunde vor meiner Ankunft, von einem wüthend gewordenen Haifische, der sich zu lange auf der Oberfläche des Meeres gehalten und dadurch den Sonnenstich bekommen hatte, mit einem furchtbaren Schlage seines Schwanzes in lauter Stücke zertrümmert worden war. Sie selbst hatten gegen Wind, Wetter und Sonnengluth in jener Austernhöhle Schutz gefunden, die sie sich allmälig selbst mit außerordentlicher Mühe gebildet hatten, indem sie die Austern mit größter Vorsicht ablösten, bis eine Höhlung entstanden war, tief genug, um sich darin auszustrecken. Da sie die Austern, welche gerade an dieser Stelle am schmackhaftesten waren, zugleich ausgeschlürft hatten, so kann man mit Wahrheit sagen, daß sie sich in den Austernberg im wörtlichsten Sinne hineingegessen hatten. Die erhabene Stelle hatten sie zur Bereitung der Höhle deßhalb gewählt, weil sie hier vor den Haifischen am sichersten zu sein glaubten. Diese pflegten sich nämlich um die Austernbank in großen Schaaren aufzuhalten und fühlten sich von der köstlichen Witterung von Menschenfleisch so angezogen, daß sie sich mit erstaunlicher Kraft nicht selten auf Entfernungen mehrerer Ellen auf die Austernbank schleuderten, hier furchtbar herumwirthschafteten, aus Wuth, ihr Ziel nicht erreicht zu haben, einige tausend Austern mit ihrem gewaltigen Gebiß zerknackten und sich dann wieder ins Meer zurückschnellten. Die Fahrt bis zur Insel ging vortrefflich von statten, und wenn ich erwähne, daß ich unterwegs einige Dutzend uns angreifender Haifische mit dem Ruder dermaßen zurichtete, daß sie das Wiederauftauchen vergaßen, so erwähne ich dies nur der historischen Genauigkeit wegen. Wir legten endlich an der Amphitrite an, die von Krischan Schroop schon in weiter Entfernung mit gespanntester Aufmerksamkeit betrachtet worden war. Als er aber nun nicht mehr in Zweifel sein konnte, das Schiff sei kein anderes als seine verloren geglaubte »Amphitrite«, brach er in einen mehr als Schroop'schen Jubel aus und unter Freudenthränen rief er einmal über das anderemal: Ach, meine Amphitrite! meine Amphitrite! Mehr wußte er nicht vorzubringen, und es war auch vollkommen genug. Mit gesetzter Würde bemerkte ich ihm: Krischan Schroop! Ihr habt mir Euren Handschlag darauf gegeben, auf nichts Anspruch zu machen, was auf dieser Insel liegt! Und Eure »Amphitrite« liegt , Ihr seht es, auf der Insel! Ein Mann, ein Wort! sagte, aber seufzend und mit niedergeschlagener Miene, Krischan Schroop. Siebentes Kapitel. Der Grad des Besitzrechts richtet sich nach dem Besitze selbst. Ist ein Besitzthum an Umfang klein, so ist natürlich auch das Besitzrecht an Umfang klein; es erweitert sich, jenachdem sich der Besitz erweitert. Die Hauptsache ist, daß man zu besitzen sucht; alles Uebrige findet sich. Denn das Recht erzeugt nicht den Besitz, sondern der Besitz das Recht. Thibaut. Ein herrliches Geschäft – das des Recensenten wie das des Todtengräbers! Der Recensent deckt die Sünden Anderer auf, der Todtengräber zu. Wolfgang Menzel. Das Boot stieß ab. Marryat. Ueber die nächsten Tage darf ich mich kurz fassen, da sie fein bürgerlich und ohne besonderen Zwischenfall verliefen. Marie Windelmeier hatte sehr viel zu thun, zu stopfen, zu stricken, zu nähen, zu kochen, und da sie wie alle deutsche Mädchen in gewissen Jahren (sie hatte bereits gegen drei Decennien hinter sich) den Brautstand von der praktischen Seite nahm, so verrichtete sie diese Dinge mit jener Emsigkeit und Unverdrossenheit, wodurch sich deutsche Bräute in solchen Geschäften auszuzeichnen pflegen. Wenn wir Mittags von der Jagd mit einem Hunger, der uns alle Ehre machte, an Bord zurückkehrten, fanden wir stets ein nach den Principien europäischer Kochkunst lecker bereitetes Mahl vor, um das uns, die Qualität der beutelländischen Vegetabilien und Animalien in Anschlag gebracht, die verwöhntesten Feinschmecker Europa's beneidet haben würden. Dann wurde Siesta gehalten, hierauf eine Schaale feinsten beutelländischen Kaffees geschlürft und der Abend in heitern Gesprächen bei einer Bowle Grogs auf dem Verdeck zugebracht. Nachdem dies vollbracht, wankte der Herr Bräutigam, seiner Füße nicht mehr ganz sicher, seinem Lager zu, während ich mich in meine Koje begab, um, wie ich vorgab, noch eine Stunde im Cabinet zu arbeiten und Regierungsgeschäfte zu erledigen, in der That aber, um auch mein so vielfach in Anspruch genommenes Haupt auf den Pfühl niederzulegen und ihm die wohlverdiente Ruhe zu gönnen. Krischan Schroop zeigte sich übrigens etwas schwer von Begriffen, wenn es darauf ankam, ihn über seine wie über meine politische Stellung aufzuklären. Namentlich waren seine Eigenthumsbegriffe ganz besonderer Art, so lange er sich im nüchternen Zustande befand. Seine Zweifel an der Rechtlichkeit meines Besitzthums niederzuschlagen gelang mir auch in der That mehr mit der Alles überwältigenden Ueberzeugungskraft seines feurigen Lieblingsgetränks als mit meinen ohne Zweifel höchst stichhaltigen und scharfsinnigen Argumenten. Ihr bezweifelt, sagte ich ihm eines Abends, mein Anrecht an dieser Insel, meine kaiserlichen Privilegien. Nun seht, Krischan! Als der erste Mensch, als Adam geboren, d. h. aus einem Erdenkloß geknetet wurde, hatte er doch wohl ein Recht, das Recht des ersten Besitzergreifens, an Allem was er um sich sah. Eden war sein Eigenthum, denn es war Niemand da, der es ihm streitig machen konnte. Was da kroch und flog, was da blühte und Früchte trug, das Alles war sein. Ja, die ganze Welt war sein, und hätte er meinen hochfliegenden Geist besessen, so würde er die ganze Erde etwa unter dem Titel Kaiserthum Erdreich und alle nach ihm kommenden Menschen als seine Unterthanen, etwa unter dem Namen Erdreicher nach der Analogie des Wortes Oesterreicher, zu seinem Eigenthume erklärt haben. Indeß er hatte diesen Ehrgeiz nicht, er war ein bürgerlicher Philister und er freute sich nur über seine Eva, und gewiß mit Recht, da sie ohne Zweifel ein sehr hübsches und verführerisches Frauenzimmer war, auch durch Kochen nicht ihre Hände und durch Romanlesen nicht ihre Phantasie verdorben hatte, sondern sich in der Liebe einfach an die Sache hielt. Er war mit seinem Garten Eden zufrieden, darum verlor er ihn, denn um etwas, was man hat, auf die Dauer zu besitzen, muß man immer mehr haben wollen. Das ist mein Grundsatz, dessen Richtigkeit tausend Beispiele in der Becker'schen Allgemeinen Weltgeschichte wie im bürgerlichen Leben beweisen. Nun seht, Krischan! ich bin der Adam dieser Insel. Ich habe von ihr Besitz ergriffen, weil Niemand in ihrem Besitze war, und es wird nur darauf ankommen, daß und wie ich mich in ihrem Besitze zu erhalten weiß. Schon recht, bemerkte Krischan hierauf; auch wollte ich Euch die Insel gern überlassen; aber daß Ihr so ohne Weiteres auch meine Amphitrite als Euer Eigenthum betrachtet, das will mir doch nicht in den Kopf. Ei, Krischan! erwiederte ich, da müßt Ihr doch einen recht dicken Kopf haben. Die Insel ist mein, das gebt Ihr ja selbst zu, nun so ist auch Alles mein, was an ihren Strand geworfen wird. Ohne daß Euer Schiff – insofern es wirklich das Eurige sein sollte – an diese Insel geworfen worden wäre, würde es ja doch elendiglich zu Grunde gegangen sein. Außerdem, wie könnt Ihr beweisen, daß das Euer Schiff ist? In einem wohlorganisirten Staate wie Beutelreich – und dieser Staat bin ich selbst, l'état c'est moi – muß man auf Ordnung, auf Pässe, Eigenthumsdeclarationen, Legitimationen halten. Ihr aber habt ja keine Papiere, Ihr könnt Euch ja kaum selbst ausweisen, wer Ihr seid, wie viel weniger, daß Euch dieses Schiff gehört. Ihr solltet froh sein, wenn ich auf guten Glauben annahm: Ihr wäret der Krischan Schroop, mit dem mich einmal der Zufall zusammengeführt hat, und während Ihr Euch selbst nicht einmal durch die erforderlichen Legitimationspapiere ausweisen könnt, daß Ihr besagter Krischan Schroop oder wer Ihr überhaupt seid, geht Ihr sogar so weit zu behaupten, dieses herrenlose, an den Strand meiner Insel getriebene Schiff sei das Eure und nicht das meine! Bedenkt, ich werde noch genug zu thun haben, um vor den Behörden meines Reichs nur die Legitimation Eurer eigenen Person durchzusetzen! Das wirkte, zumal da Krischan inzwischen das gehörige Quantum des ihn allein seligmachenden Getränks zu sich genommen und seine Begriffsfähigkeit in genügendem Grunde erweitert hatte. Ja, die Papiere, sagte er kleinlaut, schon ein wenig stammelnd, die Papiere! Wer konnte in dem entsetzlichen Sturm auch an die Brieftasche denken? Mochte sie zum Henker gehen, da ich ja selbst zum Henker zu gehen meinte! Nun, Sire! (so redete mich Krischan in der Regel in diesem Stadium beginnender Verklärung an) nichts für ungut! nichts für ungut. Papiere hin, Schiff hin, Alles hin. Weiß, bin jetzt ein Bettler, ein Nichtsnutz, ein Lump. Excellenz! fiel ich ihm ins Wort, wie vermögen Sie in diesen unwürdigen Ausdrücken von sich selbst zu sprechen, Sie, mein Marineminister und erster Admiral? Vergeben Sie nichts Ihrer Würde, auch vor mir nicht, Excellenz! Ach, Sire! so ein lumpiger Marineminister, so eine erbärmliche Excellenz – halten zu Gnaden! – Wenn sich's überall so marineministert wie hier, dann ist's Lumperei damit. Ein Marineminister ohne Marine, ein Admiral ohne Flotte, ein Generalinspector der Häfen ohne Häfen! Allen Respect vor Ew. kaiserlichen Majestät, aber vor einem solchen Marineminister, und wenn ich's selbst wäre, habe ich keinen Respect, mit Respect zu sagen. Wie ich Ew. Excellenz schon erklärt habe, bemerkte ich, meine Häfen, Schiffswerften und Seefestungen befinden sich auf der entgegengesetzten Seite der Insel. Es ist aber ein wildes Volk, das dort wohnt, ein Gesindel von Menschenfressern, das jeden Weißen, der wie Ew. Excellenz seine Legitimationspapiere nicht mitbringt, todtschlägt und mit bestem Appetit verspeist. Die Polizeibeamten jenes Volkes halten entsetzlich viel auf solche Papiere, und es thut mir außerordentlich leid, daß Ew. Excellenz Ihre Documente und Ihren Paß verloren haben. Nun frage ich, ob ich, der ich jenes Volks selbst noch nicht ganz sicher bin und es nur durch so schreckhafte Blicke, wie sie mir allein zu Gebote stehen, im Zaume zu halten vermag, es wagen darf, Ew. Excellenz schon jetzt jenem menschenfresserischen Volke als seinen künftigen Marineminister vorzustellen? Aber wenn Ew. Excellenz durchaus gefressen sein wollen. – Ums Himmels willen nicht! rief Schroop entsetzt. Nur nicht gefressen werden! Und bei lebendigem Leibe, warf ich dazwischen, aber der Mensch gewöhnt sich an Alles! Ist man einmal gefressen, dann schadets das zweite Mal nicht mehr! Nein, Bruder Kaiserchen, antwortete Schroop, der bereits in ein sehr erhöhtes Stadium der Seligkeit und Zutraulichkeit getreten war, lieber hier bleiben und Grog trinken so viel Ihr wollt. Ich bin ja auch ganz zufrieden, Sirchen! Wenn ich es alle Tage so gut haben kann wie heute und dann später noch ein gutes, standesmäßiges Gehalt dazu bekomme, um mich ordentlich einzurichten, so will ich Marineministerei treiben, daß es eine Art hat. Ein Kerl wie ich als Marineminister ohne Flotte ist hundertmal mehr werth, als eine Flotte ohne Marineminister. Und dann haben wir ja unser Admiralschiff, unsere Amphitrite. Ach, daß ich sie wieder gefunden habe, die gute liebe Amphitrite (Krischan brach in einen Strom von Thränen aus) und daß ich meine Marie habe und daß sie mich hat und daß wir uns Alle mit einander haben, und daß ich von der verdammten Austerklippe los bin, wo ich zuletzt selbst eine Auster geworden wäre, und daß ich nicht mehr rohen Seetang speisen darf, nein saftigen Wildbraten und Beefsteaks und Fischpasteten – Bruderherz, Majestätchen! das Alles verdanke ich Euch. Ich will Euch auch dankbar sein in Ewigkeit, denn die Dankbarkeit, Gott weiß es, hat immer zu meinen vielen Lastern gehört. (Krischan wischte sich eine Thräne aus den Augen.) Laßt uns anstoßen, Brüderchen! Auf gute Kameradschaft! Da Krischan jedoch bald darauf zu jammern begann, daß das Schiff unter unsern Füßen vom Strande zu laufen, und sich auf den Wellen zu schaukeln beginne und der gefürchteten Austerklippe zutreibe, so erkannte ich, daß es die höchste Zeit sei, ihn zu Bette zu bringen, was denn auch geschah. Folgenden Morgens stießen ihm zwar wieder allerlei Zweifel gegen meine Mittheilungen auf, ja er sprach wiederholt den Wunsch aus, allen Menschenfressern zum Trotz meine Besitzungen, Häfen und Seefestungen auf der entgegengesetzten Küste kennen zu lernen und zu besichtigen. Ich unternahm daher, um seinen Zweifel niederzuschlagen, eine dreitägige Wanderung bis nach jenem Theile der Insel, wohin sich die geschwänzten Affen zurückgezogen hatten. Kaum erblickten sie mich in weiter Ferne, so erhoben sie aus dem Dickicht ein so entsetzliches wüthendes Geheul, Gebrüll und Gezische, daß uns die Ohren davon gellten und Krischan, der ganz blaß geworden, mich entsetzt und fragend anblickte. Sehr ernst sagte ich ihm: Krischan! habt Ihr Muth mit mir zu gehen? Hört Ihr das Geheul der Tausende von Menschenfressern, von denen ich Euch erzählte? Folgt mir, wenn's Euch gelüstet. Ich werde ihnen einige ernste Blicke zuwerfen, und vielleicht verschonen sie Euch; aber große Hoffnung habe ich nicht. Es ist schon einige Zeit her, daß sie keine Gelegenheit hatten, einen Weißen zu verspeisen, und ich werde ihren Hunger nach weißem Menschenfleisch nicht bändigen können. Erinnert Euch an das Geripp, das Ihr gestern sahet! Es ist das jenes unglücklichen Menschen, der ihrer Gier zuletzt zum Opfer fiel. Ich hatte nämlich meinen Kameraden Tags vorher absichtlich bei der ehemaligen Behausung des Seifensiedergesellen Schöpplitz vorbeigeführt, und durch den Schauder, den ihm der unheimliche Anblick des Skeletts erregt hatte, war sein Gemüth den Eindrücken der Furcht jetzt doppelt empfänglich. Krischan zog mich am Arme nach rückwärts. Thut, was Ihr wollt, rief er, aber mich laßt aus dem Spiele! Ich gehe keinen Schritt weiter. Mein Fleisch ist mir zu lieb, um es Canaillen, die so fürchterlich schreien können, feil zu bieten. Ich beschwöre Euch, kehrt mit mir zurück, und führt mich nie wieder an diese abscheuliche Stelle! Ich hatte somit meinen Zweck erreicht, und wir begaben uns auf den Rückweg. Als wir nächsten Tags wieder bei der Villa Schöpplitz vorbei kamen, stellte ich meinem Gefährten die Pflicht der Pietät, den Gebeinen unsers unglücklichen Landsmanns die letzte Stätte zu bereiten, so eindringlich vor, daß er darin willigte, mir Beistand zu leisten. Wir trugen demnach das Gerippe aus dem feuchten modrigen Steinbau nach dem in dem letzten Willen des Verstorbenen bezeichneten Palmbaum, der sich hinter der Villa befand, und begannen im Schatten des Baumes mit den zu diesem Zwecke mitgenommenen zwei Kohlenschaufeln ein Grab aufzuwühlen, was freilich einigermaßen langsam von statten ging. Wer aber beschreibt unser mit einigem Schauder gemischtes Erstaunen, als wir plötzlich mit unsern Kohlenschaufeln auf noch ein Menschengerippe und – als ob es an diesem Skelett nicht vollkommen genug wäre – gleich darauf auf noch eins stießen, das ich an seinem kleineren zartern Bau sehr bald als ein weibliches erkannte, ja, als bald darauf ein zierliches Gerippchen zum Vorschein kam, das offenbar von einem sehr jung verstorbenen Kinde herrührte. Jedes der vermöge der chemischen Bestandtheile des Erdbodens sehr wohlerhaltenen Gerippe hatte einen Strick um den Hals geschlungen, und an dem Schädel des größern männlichen Skeletts klaffte ein gräßlicher Spalt, der ohne Zweifel von der Schärfe eines beilähnlichen Werkzeugs hervorgebracht war. Meinem Scharfsinne entzog sich der Zusammenhang zwischen diesen Skeletten und dem in der Villa Schöpplitz gefundenen nicht. Offenbar hatten hier drei Personen, zwei männliche und ein weibliches, Schiffbruch gelitten und sich in dem Steinbau häuslich eingerichtet. Das eine der männlichen Individuen hatte mit dem weiblichen ein Verhältniß angeknüpft, und die Frucht dieses Verhältnisses war ein Sprößling gewesen; dessen Gerippchen hier vor uns lag. Der Seifensiedergeselle Schöpplitz, der das Weib ebenfalls lieb hatte ohne auf Erwiederungen zu stoßen, hatte, in einem Anfalle wahnsinniger Eifersucht, seinen Nebenbuhler, dessen Geliebte und Beider Kind im Schlafe überfallen, eins nach dem andern strangulirt und dem Manne, der vielleicht noch Zeichen seines Lebens von sich gab, zu guter Letzt einen Hieb in den Schädel beigebracht. Diese Victor Hugo'sche Tragödie las ich von den vier Gerippen wie aus einem wohl und klar stylisirten Buche ab und theilte meine Vermuthungen meinem Genossen Todtengräber mit. Der Seifensiedergeselle Schöpplitz war in seiner Einsamkeit, wahrscheinlich unmittelbar nach seiner Unthat, von Gewissensbissen gequält worden, hatte sich selbst entleibt und kurz vor dem Selbstentleibungsact, mit dem er sein Dasein tragisch schloß, jene Zeilen niedergeschrieben, deren Bedeutung und Zusammenhang nun Jeder sehr leicht errathen wird. Meinen Genossen ließ ich jedoch bei dem Glauben, daß Schöpplitz zur Strafe für seine That von den Wilden verspeist worden sei. Von Entsetzen ergriffen, bereiteten wir schweigend das Grab, thaten Gebein zu Gebein, den Mörder mit seinen unglücklichen Opfern zusammen. Als sich die Erde über den Gebeinen unserer Landsleute geschlossen, betete der wackere Schroop still für sich hin, blickte mich dann bedeutungsvoll an, sagte treuherzig, mir die Hand reichend: Keiner den Andern todtschlagen! nahm dann einen tüchtigen Schluck Cognac, schüttelte sich und bemerkte: Jetzt ist Alles in Ordnung! Nun laßt uns gehen! In einer etwas eigenthümlichen Stimmung kamen wir am Bord wieder an, verschwiegen aber der Braut Krischan's, die in großen Aengsten auf unsere Wiederkehr gewartet hatte, den seltsamen Vorfall. Wir verbrachten auf der Insel etwa zwei oder drei Jahre ohne besondere Zwischenfälle, die aufgezeichnet zu werden verdienten, außer daß, wie vorauszusehen, unser Kreis eines schönen Morgens durch die Ankunft eines kleinen Weltbürgers erweitert wurde, den wir in Seewasser tauften und Johann nannten. Ich kann versichern, daß der gemüthliche Krischan über sein Hänschen eine wahrhaft kindliche Freude empfand und äußerte. Was mich betrifft, so unternahm ich von Zeit zu Zeit Ausflüge in das Innere, blieb dann einige Nächte aus, und erzählte nach meiner Zurückkunft aus meinen fernen Besitzungen allerlei Schnurren und Wunderdinge, um meinen Genossen beim rechten Glauben an meine Besitzthümer am Südrande der Insel zu erhalten. Es sind die einzigen Lügen, die ich mir in meinem Leben gestattete; aber in der Politik gibt es im Grunde keine Lügen, insofern sie für das einmal angenommene System nothwendig sind. Inzwischen fing uns dieses gleichmäßige Leben an allmälig zu langweilen, und ich begann ernstlich meine Gedanken auf ein großes Unternehmen zur See zu richten. Einer jener wunderbaren Vorfälle, an denen mein Leben so reich ist, gab meinen Gedanken eine bestimmtere Richtung. Als ich eines Tages am Strande saß und über meinen Plan brütete, bemerkte ich, wie eine Flasche an das Ufer gespielt wurde, die oben fest verkorkt war und ein Blatt Papier als ihren Inhalt durchschimmern ließ. Ich hatte nichts Eiligeres zu thun, als die Flasche zu zerschlagen und das Papier herauszuziehen und zu lesen. Wer beschreibt mein Erstaunen, als mir folgende Worte entgegentraten: »Geliebter Fritz! »In einigen Minuten werde ich nicht mehr sein. Das Schiff, auf dem ich mich befinde, droht in einem entsetzlichen Sturme unterzugehen. Ich habe nur noch so viel Zeit und Besinnung, diese wenigen Zeilen durch Peter Silje, den Sohn des Schnipphausener Nachtwächters, auf das Papier werfen zu lassen und das Blatt wohlverwahrt in einer Flasche den Wellen anzuvertrauen, indem ich hoffe, daß sie so freundlich sein werden, Dir meinen Abschiedsgruß zuzuführen; ich habe ja keine andere Gelegenheit. Erfahre denn, daß ich nach Deinem Weggange plötzlich fühlte, was ich mit Dir verloren. Die Sehnsucht nach Dir wuchs mit jedem Tage. Endlich konnte ich meinem Verlangen nicht mehr widerstehen. Ich reiste Dir nach, und bestieg in Bremerhaven ein Schiff, das nach Amerika befrachtet war. Peter Silje war mein Begleiter. Der stille Mensch sehnte sich aus Schnipphausen auch hinweg und wollte als alter Schulfreund mich nicht allein reisen lassen. Mehr kann ich für den Augenblick nicht schreiben, denn der Moment ist herangerückt, wo das Schiff untergehen muß und ich nur noch Zeit habe, dieses Blatt unter Couvert, d. h. in die Flasche zu bringen. Die Seekrankheit habe ich übrigens nicht gehabt, was mir sehr lieb ist und auch Dir zum Troste gereichen wird. Um Dein freundliches Andenken und stilles Beileid bittend, im Tode wie im Leben Deine treue Dich liebende Beate Regina Cordula Veronika Pipermann.« Darunter standen noch folgende Worte: »Ich, Peter Silje, der »stille Mensch«, in dessen Seele es aber sehr unruhig aussieht, habe im Auftrag der Mamsell Pipermann diese Zeilen geschrieben, ihre Gedanken in Ordnung und Form gebracht und rufe meinem alten Schulkameraden Gruß und Lebewohl zu, während Sturm und Wogen sich um unser Schiff streiten! Gott sei uns gnädig!« Nun litt es mich hier nicht mehr. Von Nordwest war die Flasche herangeschwommen, nach Nordwest mußte also die Richtung eingeschlagen werden. Vielleicht war die Geliebte doch gerettet, vielleicht war sie wie ich an eine einsame Insel verschlagen worden. Sie hatte nicht einmal die Seekrankheit gehabt, das vortreffliche Mädchen. Oh, eine robuste Natur war sie immer gewesen, und das gab mir die Hoffnung, daß sie die Kraft gehabt haben werde, auch den Untergang des Schiffs zu überstehen. Ich theilte Krischan Schroop den Plan mit, und dieser, der langen Ruhe schon längst überdrüssig, ging mit großem Eifer auf den Plan ein. Das große Boot wurde nun ausgerüstet, mit Mast und Segel versehen und mit Wasser wie mit Lebensmittel aller Art beladen. Da wir uns in der letzten Zeit stark auf Pulverbereitung gelegt hatten, so besaßen wir Pulver in Masse – ja, um mit jenem Bösewicht von der Karl Moor'schen Mörderbande zu sprechen, Pulver genug, um die Erde gegen den Mond und, wenn es darauf angekommen wäre, den Mond wieder gegen die Erde zu sprengen. Eines herrlichen Morgens, den Vortheil einer sehr günstigen Brise aus Südwesten benutzend, stiegen wir in das Boot: ich mit dem treuen Hector und der kleinen Griseldis, Krischan Schroop und Maria Windelmeier, jetzige Madam Schroop, mit ihrem Hans. So trieben wir einem ungewissen Ziel entgegen, das mir aber so bestimmt vorschwebte wie dem unerschrockenen Columbus sein Amerika, das entstehen gemußt hätte, auch wenn es nicht vorhanden gewesen wäre: in so bestimmten Umrissen lag es in seinem Geiste vorgebildet. Achtes Kapitel. Um die Ecke biegend lief sie ihm gerade in die Arme, indem sie ihren Verfolgern zu entgehen trachtete. A. Dumas. Im Kampfe ist der Erfolg stets das Entscheidende. Venturini. Nachdem wir uns drei Tage nebst den dazu gehörigen Nächten ohne Gefährde auf den sanften Wellen des Oceans fortgeschaukelt, erblickten wir plötzlich beim Anbruch des vierten Tages eine gebirgige Insel vor uns, deren wunderbar gezackte Berggipfel, zum Theil in Schneemäntel gehüllt, hoch in den Himmel ragten, von der Frühsonne wie mit Schamröthe übergossen, als errötheten sie vor uns bei dem Gedanken, daß wir sie in früher Morgenstunde so in ihrem Negligé überraschten. Wir begrüßten den prächtigen Anblick mit jubelnder Freude. Ich ruderte mächtiger darauf los, Krischan Schroop nahm vor Entzücken einen Schluck Cognac ohne Anfang und Ende, Madame Schroop schob sich die Nachthaube aus den Augen, um besser sehen zu können, Hänschen schrie an der Mutter Brust im dreimal gestrichenen f, Hector bellte seine ganze Tonleiter durch und Griseldis kletterte, possierliche Gesichter schneidend, am Mast empor bis zu seiner höchsten Spitze, wo sie, die Vorderarme ausbreitend, wie eine aus Bronze gegossene Victoria auf einem Fuße schwebend stehen blieb, bis wir landeten. Wir legten an und waren eben im Begriff, mit unsern Flinten bewaffnet, das neue Land zu inspiciren, als wir in einiger Entfernung ein wildes Geschrei und mitten aus dem Getöse heraus eine ängstliche weibliche Stimme, bald sogar – wer beschreibt unser Erstaunen? – die deutschen in herzzerschneidender Angst herausgestoßenen Worte vernahmen: »Fritz! Fritz! Wo bist du? zu Hilfe! zu Hilfe!« Fritz ist da, sagte ich halblaut zu mir, er ist immer da, wo man ihn braucht. Und zu meinem Genossen mich wendend, rief ich diesem zu: Krischan Schroop! hier gilts der Rettung einer Landsmännin, deren Stimme ich zu erkennen glaube. Vorwärts, das Gewehr in Anschlag! In Gottes Namen vorwärts! Während Madame Schroop zurückblieb, um das Boot im Auge zu behalten, drangen wir beide mit Hector muthig in die bewaldete Schlucht, die sich vor uns öffnete und aus welcher der Hilferuf kam, beide entschlossen, unser Leben für die Landsmännin in die Schanze zu schlagen, was jedoch nur figürlich zu nehmen ist, denn eine Schanze war nicht da, in die wir unser Leben hätten schlagen können. Wir waren etwa zweihundert Schritt nach allen Regeln der Strategie wie der Tactik avancirt, als plötzlich um einen Vorhügel her ein weibliches Wesen, athemlos und kaum noch mächtig, sich auf den Füßen zu halten, mit lang nachflatterndem Haar auf uns los und mir gerade in die Arme stürzte! Beate! rief ich; Fritz! rief sie. Zu weiterer Erörterung hatten wir keine Zeit, denn in kurzem Abstande sah ich einen Haufen häßlicher, kupferrother, über und über tättowirter, halbnackter Kerle mit hochgeschwungenen Beilen und Tomahawks gerade auf uns losstürmen. Auch flogen uns einige Pfeile entgegen, die ich sofort in der Luft auffing und sie mit so großer Geschicklichkeit auf unsere Angreifer zurückschleuderte, daß zwei derselben in Unterleib oder Brust getroffen niederstürzten, worüber die Wilden nicht wenig erstaunten und stutzten. Diese Pause benutzte ich, bettete Beate Pipermann sanft in das schwellende Gras, ergriff sodann meine Flinte, legte an, drückte los, mein Genosse folgte dem Beispiel – mehrere Wilde, darunter der durch einen stattlichen Federaufsatz kenntliche, von mir getroffene Häuptling, wälzten sich in ihrem sündigen schwarzen Blute. Der Pulverblitz, der Knall, die unmittelbar tödtliche Wirkung, endlich der stechende, Alles durchbohrende und dabei verächtliche Blick, den ich ihnen zuwarf – das Alles machte einen so entsetzlichen Eindruck auf diese rothhäutigen Schufte, daß sie ihre Waffen fortwerfend auf und davon rannten unter dem kreischenden Geschrei: Kra–lu–la–tma–ti– wahittam! was in ihrer Sprache böser Geist und Bru–bro–bra–kroll–krall–krull–marmurmi! was Donnergott bedeutet. Beate Pipermann hatte sich unterdeß erholt, berichtete uns in aller Kürze, daß noch hundert Landsleute, und außer ihnen ein schwarzhaariger Italiener, der sehr gut singen und die Guitarre spielen könne, sich in den Händen der Wilden befänden und ganz gewiß sehr bald dem Kriegsgott der Wilden geopfert oder als Leckerbissen von den Kannibalen verspeist werden würden, wenn wir ihnen nicht sofort Rettung brächten. Hilf- und wehrlos nach dem Untergange des Schiffes an den Strand geworfen, seien sie von einigen tausend Wilden plötzlich überfallen und da sie keinen Widerstand leisten konnten, an Händen und Füßen gebunden worden, um für einen schmählichen Tod aufbewahrt zu werden. Nur sie, für die sich der nun erschossene Häuptling interessirt, sei nicht gebunden worden und so sei es ihr gelungen, in einem unbewachten Augenblick ihren kannibalischen Wächtern zu entkommen. Unser Entschluß: unsere unglücklichen Landsleute um jeden Preis zu befreien, war bald gefaßt, indem wir uns mit Recht darauf verließen, daß das den Wilden ungewohnte Phänomen des Schießgewehrs schon seine gehörige Wirkung thun werde. Wir gingen also in Gottes Namen vorwärts, geleitet von dem heldenmüthigen Mädchen, das sich seinerseits mit meiner geladenen Doppelpistole bewaffnet hatte. Schroop's Pistole hatte Hector in die Schnauze genommen, um auch sie beim Angriff mit den Zähnen abzudrücken. Vorher schnitt ich jedoch dem Häuptling noch den Kopf ab und steckte ihn zu mir. Es dauerte etwa eine Viertelstunde, als wir hinter dem Gebüsch ein Gewimmel von nackten bronzefarbenen Gestalten sich hin und her bewegen und in lebhafter Conversation begriffen sahen. Ohne Zweifel hatten die von uns in schimpfliche Flucht Geschlagenen den Zurückgebliebenen erzählt, was ihnen inzwischen widerfahren sei, und daß der böse Geist und der Donnergott einige der Ihrigen, darunter den Häuptling, durch den Blitz erschlagen habe. Die andern Wilden schienen der Erzählung keinen Glauben beimessen zu wollen, sondern schüttelten den Kopf, lachten spöttisch und wiesen auf die gebundenen Europäer, als ob sie damit sagen wollten, es sei nun Zeit, das Frühstück zu bereiten und dazu einige der Unglücklichen zuzurichten. Ich ergriff nun den abgeschnittenen Kopf des Häuptlings, befestigte ihn an einer aufgefundenen Schleuder und warf ihn mit riesiger Kraft über das Gebüsch mitten unter die Kannibalen. Meine Kriegslist gelang. Alle drängten sich, tobend, schreiend, Entsetzens- und Racherufe ausstoßend in einen dichten Knäuel um den Kopf ihres Häuptlings. Diesen Augenblick nahm ich wahr, durch eine etwas lichtere Stelle im Gehölz vordringend, commandirte ich Feuer! und mitten in den zusammengedrängten Knäuel hinein schossen wir unsere doppelläufigen Gewehre und Beate und Hector ihre Pistolen ab. Mit dem Ruf des Schreckens und Entsetzens: Kra–lu–la–tma–ti–wahittam! und Bru–bro–bra–kroll–krall–krull–marmurmi! stoben die Elenden auseinander. Noch einmal geladen, noch einmal abgefeuert – dann stürzten wir mit lautem Kriegsrufe, Hector mit wüthendem Gebell, Beate wie eine Rachegöttin mit hochgeschwungenem Beile mitten unter die Menschenfresser, die rathlos hin und wieder liefen, und sich wie verschüchterte Fledermäuse im Dickicht zu verbergen suchten, während Hector mit Kriegsgebell den Flüchtigen auf den Fersen war und bald den Einen, bald den Andern faßte, zerfetzte und niederwarf. Die Wahlstatt – eine fast runde offene Stelle im Urwald – war unser und mit einer großen Zahl Verwundeter, Getödteter oder von Hector's Gebiß Zerfleischter bedeckt. Mit Schaudern erblickten wir in der Mitte eine Art Opferaltar aus Steinen, auf dem unseren unglücklichen Landsleuten die Leiber auf- oder die Kehlen abgeschnitten werden sollten, und daneben einen Holzstoß, an dem man sie zum Frühstück zu braten gedachte. In unmittelbarer Nähe, Angesichts dieser fürchterlichen Anstalten, lagen unsere unglücklichen Landsleute sammt dem schwarzhaarigen Italiener gefesselt, jetzt aber dankbare Blicke zum Himmel emporsendend und uns, ihren Rettern aus so gräßlicher Gefahr, mit den rührendsten und innigsten Worten dankend. Beate übernahm das Geschäft, ihnen die Fesseln zu lösen, auch dem vermaledeiten Italiener (hätten die Wilden doch ihn wenigstens gefressen!), bei dem sie sich, wie es mir schien, länger aufhielt als gerade nöthig war. Die Befreiten bewaffneten sich sofort mit den Waffen der Wilden, gingen nun auch ihrerseits auf diese los und richteten unter ihren Quälern ein furchtbares Blutbad an, bis der Rest vor mir auf die Kniee fiel und mit dem Wort: Woo–Gum–si –kna–kno–buh! Woo–Gum–si–kna–kno–buh! d. h. Gnade! Gnade! seine Unterwerfung anbot und um sein Leben flehte. Sofort that ich dem Blutvergießen wenn auch nicht ohne Mühe Einhalt, indem ich meinen wüthend gewordenen Landsleuten vorstellte, daß es einem gemüthlichen Deutschen nicht zieme, Leute so ungemüthlich abzuschlachten, die auf jeden Widerstand Verzicht geleistet hätten. Zugleich machte ich ihnen bemerklich, daß wir ja doch Arbeiter und Diener haben müßten und daß sich diese Menschenfresser hierzu vortrefflich eignen würden. Denn unter uns Weißen befände sich wohl Keiner, der nicht lieber den Herren als den Diener spielen würde, was ihnen auch sofort einleuchtete. Die Wilden wurden sonach in eine große geräumige Höhle eingesperrt, der Eingang mit Baumstämmen verrammelt und zwei der Unsern als Schildwache davorgestellt, welche zugleich den Befehl erhielten, mit ihren Pistolen bei entstehendem Lärm sofort unter die Bestien in Menschengestalt zu feuern, was dann auch mehrmals geschah, ehe sie das große Wort, daß Ruhe die erste Bürgerpflicht sei, in richtigem Sinne auffassen und befolgen lernten. Da wir nicht hinlänglich Lebensmittel hatten, so überließen wir ihnen selbst die Mühe, sich zu verköstigen, was sie denn auch in ihrer Weise thaten. Denn, als wir sie am andern Morgen herausließen und musterten, fehlte gerade ein Dutzend davon, und es waren von ihnen nur die langen unverdaulichen Haarzöpfe übrig geblieben. Ich schritt nun zu dem wichtigen Acte, von der Insel Besitz zu ergreifen, die ich meiner Mamsell Liebsten zu Ehren Pipermannland oder Pipermannien nannte und zu einem Königreiche erhob. Hierauf ließ ich mich, der Form wegen, durch freie Abstimmung zum Kaiser von Beutelland, Erzherzog von Klein-Austria und Könige von Pipermannland erwählen, und zwar auf dem Subscriptionswege. Ich ließ nämlich die Staatsurkunde, die ich für alle Fälle mit mir zu nehmen die Vorsicht gehabt hatte, bei meinen Unterthanen herumgehen und ihre Namen unterzeichnen, was, beiläufig gesagt, mit Blut geschah, das wir einem der Wilden abgezapft hatten. Obschon ich ihnen durchaus keine härtere Alternative gestellt hatte, als entweder zu unterschreiben oder erschossen zu werden, unterzeichneten sie doch Alle ohne Ausnahme. Die Wahl konnte nicht freier, das ganze Verfahren nicht loyaler sein. Nachdem ich meine Unterthanen in meiner Tasche hatte, dachte ich daran, mein Ministerium zu vervollständigen; indeß waren mir bis dahin die Eigenschaften nur eines meiner Unterthanen bekannt, meines Schulfreundes Peter Silje, den ich seiner gelehrten Kenntnisse wegen (konnte er doch schon in der Schule zu Schnipphausen die zehn Gebote, die drei Glaubensartikel und die sieben Bitten viel besser als ich) zu meinem Minister der geistlichen und Schulangelegenheiten ernannte. Der blonde blasse Jüngling hatte auch in der That während aller dieser wichtigen Vorgänge, auf einem Feldstein sitzend, sich mit der Lectüre eines Buches beschäftigt, das er in der Tasche seines Oberrocks mit sich genommen hatte. Es war »Abällino der große Bandit«, worin er sociale Studien machte. Zum Minister der Medicinalangelegenheiten ernannte ich dann später noch den Schiffswundarzt Winkerle. Meinen Regierungssitz beschloß ich fürs erste wieder auf Beutelland zu nehmen, weil dieses fruchtbarer war als das größtentheils gebirgige Pipermannland, das, wie ich jedoch sehr bald erkannte, an mineralischen Schätzen, edeln Metallen und edeln Steinen ungemein reich war. Wenn man von Goldadern und Silberstufen spricht, so galt dies im buchstäblichen Sinne von Pipermannland. Die Felsenberge waren mit Adern von Gold wie durchflochten und mächtige Stufen von Silber führten zu ihren Gipfeln hinauf. Schöpfte man aus einem Bergstrom Wasser in einen Becher, so fand man den Boden zollhoch mit reinstem Goldsand bedeckt. Wohin man sah, flimmerte und schimmerte es, daß das Auge fast geblendet wurde. Von den Bergwänden bröckelten sich glänzende Saphire, Smaragde, Rubine und Topase in ganzen Massen los und Diamanten waren auf Pipermannland so gemein, wie bei uns die Kieselsteine. Dennoch, wie gesagt, zog ich Beutelland vor, weil es idyllischer und mir durch langen Aufenthalt lieb und vertraut geworden war. Auch haben, aufrichtig gesagt, solche todte Schätze niemals großen Werth für mich gehabt, obschon ich die Bedeutung nicht verkannte, welche sie für mein junges Reich im Verkehr mit andern Ländern später gewinnen konnten. Die Besorgung der nöthigen Regierungsgeschäfte hielt mich auf Pipermannland mehrere Wochen zurück. Zuvörderst mußte ich darauf denken, mir und meiner Beate einen glänzenden Hofstaat zu bilden. Es befanden sich unter meinen Unterthanen fünfzehn Personen weiblichen Geschlechts, die ich an ebensoviele Unterthanen verheirathete. Die Ehen segnete ich, der ich mich ja auch als geistliches Oberhaupt meines Reiches proclamirt hatte, selbst ein, wie ich schon vorher meine Ehe mit der Pipermann eingesegnet hatte. Diese sämmtlichen älteren und jüngeren Weiber wurden von mir sofort auch zum Range von Hofdamen erhoben. Wir hatten eine Geheime-Ober-Reichsköchin, eine Ober-Hof-Stubenreinigerin, eine Ober-Hof-Beinkleider-Flickerin, eine Ober-Hof-Strümpfe-Stopferin, eine Wirkliche Geheime-Ober-Waschräthin, eine Geheime-Ober-Hof-Grogbereiterin, eine Geheime-Ober-Hof-Klatschmeisterin, welche das Amt hatte, meiner Gemahlin täglich die Chronique scandaleuse des Reichs zuzutragen und zu der ich natürlich diejenige auswählte, welche mir dazu die beste Anlage und das loseste Mundwerk zu besitzen schien. Ich errichtete eine Leibgarde, einen hohen, mittlern und niedern Adel und verschiedene Orden, z. B. den militärischen Orden Beutelkreuz, der auf der Brust, und den Civilverdienstorden vom Pavian, der auf dem Rücken, den Peter-Siljenorden für Kunst und Wissenschaft, der am Strumpfband, und das Verdienstkreuz für beste Wäsche, der von den Damen an einem an der linken Hüfte befestigten Strumpf getragen wurde. Eine Zahl Unterthanen wurden zu dem Range von Kammerherrn erhoben und auf dem Rücken mit großen Hausschlüsseln versehen, welche einige sehr vorsichtige Auswanderer bei sich trugen, vermuthlich um nicht auf den Nachtwächter, insofern sie zur Rückkehr in ihre Heimath genöthigt werden sollten, lange warten zu dürfen, sondern sofort ihre alte Wohnung öffnen zu können. Da ich erkannt hatte, daß der Strand der Insel zum größten Theil, wie nach Ehrenberg's Forschungen der Boden von Berlin, aus Infusorien bestand und ich immer auf solche Winke der Natur besonders geachtet habe, so legte ich mich auf die Infusorienzucht, indem ich die Verheirathungen, die Ansässigmachung und Freizügigkeit unter diesen Miniaturgeschöpfen möglichst beförderte und vollständige Gewerbefreiheit unter ihnen einführte, und ich hatte die Freude, noch vor meiner Abreise die Insel um einige Quadratmeilen Landes vergrößert zu sehen. Außerdem ließ ich Münzen nach der Reichswährung prägen, auf der einen Seite mit meinem Bildniß, auf der andern Seite mit dem Reichswappen, dem oben nicht zugebundenen Reichssäckel, und mit dem Orenstjern'schen Regierungssatze: »Parva sapientia regitur mundus« als Umschrift. Solches war die gesegnete Wirksamkeit, die ich in diesem Theile meines Reiches ausübte. Ich beschloß nun, sechzig meiner Unterthanen nebst zwei Drittheilen der Wilden nach Beutelland zu verpflanzen, vierzig Europäer und den Rest der Wilden aber auf Pipermannland zu lassen, um hier vorzugsweise den Bergbau zu betreiben und die Schätze der Insel an edeln Metallen und Steinen auszubeuten. Beutelland sollte in sechzig und Pipermannland in vierzig ganz gleiche Quadratstücke getheilt, und über jedes derselben ein Staatsangehöriger gesetzt werden, jedoch mit der Bestimmung, daß der Ertrag davon ohne Ausnahme in das kaiserliche Reichsmagazin abzuliefern sei. Eine Commission, die ich zu wählen und bei der ich sammt meiner Gemahlin den Vorsitz zu führen haben sollte, hatte dann laut der Reichsurkunde ihr Gutachten darüber abzugeben, wie viel davon für das kaiserliche Haus gehöre und wie viel wieder an die einzelnen Unterthanen zurückzufließen habe. In der That, man wird finden, daß diese Verwaltungsmethode die einfachste, untrüglichste und patriarchalischste von der Welt ist. Ich glaubte Grund zu haben, die Entfernung des mir sehr verdächtigen Italieners, Signore Rackerino Rackerini mit Namen, von der Person meiner Gemahlin wünschen zu müssen. Ich traf daher den Ausweg, ihm während meiner Abwesenheit die Oberaufsicht über Pipermannland anzuvertrauen und ihn zu Sr. Excellenz dem Vicegouverneur der Insel zu ernennen. Beate machte dazu ein ziemlich saures Gesicht und äußerte zu mir, sie hätte ihn am liebsten in unserer Nähe gehabt, wegen seiner schönen Stimme und seines Guitarrespiels, und nun schilderte sie mit großer Erregtheit, ja mit Thränen im Auge, wie Rackerino Rackerini, als sie nach dem Schiffbruch ans Land schwammen, seinen rechten Arm um ihren Leib geschlungen und sie so vor dem Untersinken geschützt, mit der rechten aber die Guitarre hoch in die Höhe gehoben, ja sogar, um sie guten Muths zu erhalten, mit den Fingern eine süße Melodie geklimpert und ein gar schönes Lied dazu gesungen habe. Ueberhaupt hatte sich Beate in Folge ihrer letzten merkwürdigen Schicksale und ihres Umgangs mit Rackerino Rackerini außerordentlich geändert, sie sah gar nicht mehr so rührend einfältig aus wie ehedem; mir kam sie sogar sehr vielfältig vor. Nachdem ich alles dies und noch Anderes ausgerichtet, beschloß ich mich auf die Heimfahrt nach Beutelland zu begeben. Da jedoch unser Boot nicht alle von mir nach Beutelland bestimmten Individuen fassen konnte, so schiffte ich mich fürs erste mit meiner kaiserlichen Gemahlin, meinen Ministern und deren Frauen und noch zehn meiner Unterthanen ein, um die Uebrigen später nach und nach abzuholen. Griseldis, die ich zur Geheimen-Ober-Hofäffin, und Hector, den ich zum Geheimen-Ober-Hofhund ernannt und mit dem militärischen Orden Beutelkreuz für bewiesene Tapferkeit decorirt hatte, durfte natürlich nicht fehlen. Während wir vom Lande abstießen, sang Rackerino Rackerini, am Strande sitzend, ein schmelzendes italienisches Lied zur Guitarre im Dreivierteltact, welches meine Beate, obschon sie von den Worten nichts verstand, bis zu Thränen rührte, die leider mir nicht galten. Die Thränen rollten dahin, im Ocean; ich konnte sie mit den Augen verfolgen, so dick waren sie. Glücklicherweise sog gerade ein Haifisch eine Menge Wasser in sich und schlürfte die Zähren mit hinein. Die buhlerischen Thränen meiner Gattin im Bauche eines Haifisches – o Ironie! o Nemesis! dachte ich. Es war ein Glück für die Welt, daß der Haifisch sie verschluckte; denn diese Thränen würden den Ocean vergiftet haben und Alles was darin lebt. Auch schien der Hai sie nicht verdauen zu können. In convulsivischen Zuckungen hob er sich einige Mal über das Meer, fiel zurück und schwamm dann auf der Oberfläche der See wie ein abgestandener Fisch auf dem Rücken. Was mich betrifft, so wußte ich nun, was ich zunächst zu thun haben würde. Neuntes Kapitel. Der einzige Unterschied zwischen dem Hunde und dem Menschen besteht darin, daß man sich in Noth und Gefahr auf diesen niemals, auf jenen aber immer verlassen kann. Buffon O treulos Weib! ich kenne diese Thränen; Der Italiener war's, der dich verführt – Du selbst bist schuldlos! Friedrich Halm. Als wir nach glücklich bewerkstelligter Fahrt die Küste der Insel Beutelland zu Gesicht bekamen, erschrak ich, als ich die Amphitrite nicht mehr am Strande erblickte. Auch Krischan Schroop und seine Eheliebste machten große Augen, und besorgt unsere drei Köpfe schüttelnd sahen wir einander an und wußten nicht, wie wir uns das Verschwinden des Schiffes erklären sollten. Die See ging ruhig. Wirkungen eines vorhergegangenen Sturmes waren nicht wahrzunehmen. Als wir jedoch an der Stelle, wo die Amphitrite gelegen hatte, gelandet waren, erblickten wir verbrannte Theile des Schiffes, die theils auf den Wellen trieben, theils am Strande lagen. Es war keine Frage, daß eine boshafte Hand Feuer an das Schiff gelegt hatte. Wie sehr wünschte ich mir jetzt zu meiner Vorsicht Glück, die mir gerathen hatte, alle auf der Amphitrite befindlich gewesenen Vorräthe vor meiner Seeexpedition auf das Boot überzuladen! Die Lösung des Räthsels ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Denn als ich sofort eine Recognoscirung landwärts vornahm und am Saume des Palmenwaldes angekommen war, sah ich mich bald von einer Schaar der mir befreundeten ungeschwänzten Affen umgeben, die ihre Freude ausdrückten mich wiederzusehen, aber auch durch ihre kläglichen Geberden andeuteten, daß inzwischen etwas Großes, Ungeheures vorgefallen sein müsse. Sie wiesen mich nach dem Innern des Waldes, wo ich eine andere Schaar der Ihrigen damit beschäftigt sah, eine Menge Todte zu bestatten, wobei sie jammervolle Gesichter schnitten und langgezogene Klagetöne ausstießen. Sehr bald erkannte ich den Zusammenhang der Dinge. Die geschwänzten Affen, welche sich seit ihrer Niederlage bemüht hatten, sich auf's fruchtbarste zu vermehren, hatten meine Abwesenheit benutzt, meine Alliirten überfallen und geschlagen, sich so den Weg durch den Palmenwald gebahnt und den schon früher gehegten Plan ausgeführt, die Amphitrite in Brand zu stecken. Dieser teuflische Plan war ihnen nur zu gut gelungen; das prächtige Admiralschiff war unwiederbringlich dahin. Inzwischen hatten sich meine Alliirten wieder ermannt und ihre Gegner tapfer angegriffen und weithin verfolgt, wie die Leichen bewiesen, die jenseits des Palmenwaldes die Rückzugslinie der Schwanzaffen bezeichneten. Mein Entschluß war gefaßt; ausrotten wollte ich das tückische Gesindel, vertilgen wollte ich sie vom Erdboden, den sie verunzierten, und mir kein menschliches Gefühl in mein Rachewerk Einsprache thun lassen, bis es vollbracht sei. Ich theilte Krischan Schroop in geheimnißvoller Weise mit, daß eine mit der Verbrennung des Schiffes in Verbindung stehende Expedition gegen meine jenseitigen Unterthanen mich einige Tage fern halten werde, und beauftragte ihn, währenddem für meine diesseitigen Unterthanen und für ihr Unterkommen so gut es ginge, Fürsorge zu tragen. Alsdann brach ich, nur in Begleitung meines Hectors, gegen meine unversöhnlichen Feinde auf. Der dritte Tag brachte mich in ihre Nähe. Alsbald wurde der ganze Wald unruhig. Diejenigen unter diesen Ungethümen, welche schon früher die tödtlichen Wirkungen meines Feuergewehres und das scharfe Gebiß Hectors kennen gelernt hatten, suchten sich mit allen Zeichen des Schreckens und der Reue im Dickicht zu verbergen; die andern aber schnitten mir Grimassen, verhöhnten mich, indem sie sich Cigarren gedreht hatten und mit wichtiger Miene etwa in meiner Weise den Rauch von sich bliesen, oder machten mit hämischem Gesichtsausdruck und bissigem Lächeln die Pantomime des Reibens zweier Hölzer aneinander, um damit anzudeuten, in welcher Weise es ihnen gelungen sei, das Schiff in Brand zu stecken. Bösewichter! ich will euch auch ein Feuer anzünden, an dem ihr zu riechen haben werdet! dachte ich, häufte trocknes Reisig, dürre Binsen und Baumzweige übereinander, schlug Feuer an und setzte den Stoß in Flammen, die bald an den nächsten Baumstämmen mit feurigen vielspaltigen Zungen emporleckten und von Baum zu Baum springend und auch das Unterholz erfassend, sich mehr und mehr über den ganzen Wald ausdehnten. Es war ein prächtiger Anblick, wie die schlanken Palmenschäfte gleich eben so vielen tausend Flammensäulen mit Flammenkapitälen dastanden und wie eine dicke Rauchwolke, unten brandigroth gefärbt, sich über den ganzen Wald ausdehnte und den Horizont in Finsterniß hüllte. Der Wind trieb die Flammen nach dem Meere zu, dem die Affen entgegengetrieben wurden. Heulend und zischend, die Augen verdrehend, mit den Schwänzen um sich schlagend, mit dem Gebiß fletschend, suchten sie den Flammen zu entkommen, die ihnen oft die Schwänze hinten wegsengten, und stürzten und sprangen in zusammengewickelten Schaaren von Baum zu Baum, immer von dem grimmig um sich fressenden Elemente verfolgt, das zuletzt schneller war als sie. Die große Mehrzahl erstickte im Rauch oder stürzte in das Flammenmeer, nur ein kleiner Theil erreichte die See, um in Klumpen herabstürzend in den Wellen zu verschwinden. Mein Schwur war erfüllt, kein einziger dieser Civilisationsfeinde und Brandstifter blieb übrig. Unglücklicherweise aber hatte sich die Flamme dem ausgedörrten Gesträuch und Wiesengrase mitgetheilt und bald fühlte ich mich selbst in dicke Rauchwolken eingehüllt und rings von Flammen umgeben. Der Brandgeruch, aus dem ich fast die verschiedenen Holzarten herauszuerkennen vermochte, betäubte mich, die Gluth setzte sogar die schönsten Partien meines Haupthaars in Flammen. Der Augenblick war sehr kritisch, kritischer vielleicht als ich bis dahin einen bestanden hatte. Aber mein treuer Hector wußte Rath. Er bot mir seinen hohen Rücken zum Aufsitzen dar, ich schwang mich auf ihn und fort trabte das herrliche Thier mit der Geschwindigkeit eines englischen Wettrenners. Ich hörte das eigenthümliche Knistern brennenden Grases immer dicht hinter mir, der Rauch betäubte mich und versetzte mir den Athem, aber Hector, der eine übermenschliche oder besser zu sagen eine überhündische Kraft entwickelte, war der Gluth immer einige Schritte voran, bis wir auf einen freistehenden graslosen Hügel gelangten und uns für gerettet halten durften. Zu meinen Füßen und so weit ich sehen konnte, war Alles ein Feuermeer. Hirsche zu ganzen Rudeln jagten, ihren Leib streckend, daß er fast durchsichtig schien, mitten durch die Flammen dahin, vergebens einen Ausweg suchend; denn sie verschwanden bald in Gluth und Rauch. Hunderte von Vögeln, aus ihren Nestern aufgejagt, ängstlich und im Zickzack darüber hinflatternd, wurden im Fluge selbst von der Gluth erfaßt und sanken in die Flammen, die von selbsterzeugtem Winde gepeitscht wurden, mit lodernden Fittigen hinab. Schlangen reckten, mit hervorgequollenen Augen und zischenden Zungen, ihre Häupter aus dem Brande in die Höhe und sanken dann in die Flammen zurück, nachdem ihre Leiber von unten auf verkohlt waren, und flammenden Inseln gleich traten brennende Obsthaine über die Gluthfläche hervor. Das Verderben schien die ganze Insel erfassen zu wollen und mit Schrecken erkannte ich nun, was ich in meinem übertriebenen Racheeifer angerichtet hatte. Glücklicherweise erreichte der Brand jetzt das Quellengebiet der Insel und konnte hier wegen der frischen und ewig feuchten Vegetation nicht in derselben Schnelligkeit weiter fressen wie bisher. Endlich stand er an dem See und den benachbarten zahllosen Quellen ganz still. Der schönste und fruchtbarste Theil der Insel war gerettet. Was das Feuer erfaßt hatte, verkohlte allmälig und als ich am andern Morgen – denn ich war gezwungen, die Nacht auf der Höhe des Hügels zuzubringen – erwachte, sah ich rings um mich eine gräuliche veraschte Wüstenei, bis dahin wo mehr nördlich eine üppige Vegetation den Anfang der Quellenregion bezeichnete. Ohne Gefährde konnten wir nun unsern Rückweg antreten. Man kann sich denken, mit welcher Freude wir von Krischan Schroop, den übrigen Ministern und meinen Unterthanen empfangen wurden. Sie hatten uns verloren geglaubt, denn die fürchterliche Gluth und die Dampfwolken waren von ihnen wahrgenommen worden und der Brandgeruch hatte sich bis zu diesem Theile der Insel verbreitet. Einen Vortheil hatte ich davon: ich erzählte Krischan Schroop, daß ich meine Unterthanen auf der Südseite der Insel im vollen Aufstande angetroffen und einen fürchterlichen Kampf mit ihnen bestanden hätte, in welchem sämmtliche Schiffe und Schiffswerfte in Brand gerathen wären. Das Feuer habe sich ihren Ortschaften und den zunächstliegenden Waldungen mitgetheilt, die ganze Bevölkerung sei in den Flammen untergegangen und nur mit genauer Noth hätte ich mich selbst und Hector aus der entsetzlichen Katastrophe retten können. Somit entging ich jeder weiteren Nachfrage nach meinen Besitzungen im Südtheile der Insel und erntete nur das Bedauern und die Freude, die man mir für die ausgestandene Gefahr und die glückliche Rettung bewies. In der That waren auch meine Haare vom Scheitel wie weggesengt, mein Bart schwer mitgenommen und meine Kleider von Brandlöchern so durchsiebt, daß ich keiner Magistratsausweisung bedurft hätte, um in Deutschland »auf den Brand« betteln zu gehen. Indeß auch diese Episode war bald vergessen, wie sich Alles im Leben bald vergißt. Wir dachten jetzt daran, uns möglichst häuslich einzurichten, und machten uns demnach an die Errichtung von Wohnungen, unter denen die kaiserliche Residenz, die Ministerhotels, eine Leibgrenadierkaserne, ein Gasthof ersten Ranges und – was für civilisirte Staaten unerläßlich ist – ein Polizei- und Paßbureau, ein Zucht- und Correctionshaus obenanstanden, wie an den Bau noch mehrerer Boote, die wir aus Gummi construirten. Es ist dies eine vorzügliche Bauart, denn da der Gummi kein Wasser einläßt, kann ein solches Gummiboot natürlich auch nicht leck werden, überhaupt wegen seiner großen Leichtigkeit nicht wohl untersinken. Auch der Bau eines großen Gummi-Linienschiffs wurde von uns in Angriff genommen, welches das Admiralschiff der ganzen beutelländischen Flotte werden sollte. Da nun die Regenzeit vor der Thür stand, wurden auch mehrere Häuser aus Gummi errichtet und Gummihemden, Gummiröcke, Gummibeinkleider, Gummistrümpfe, Gummischuhe, Gummihüte und Gummiregenschirme verfertigt. Krischan Schroop galt dabei als Model. Er wurde von Kopf bis zu Füßen in Gummi gekleidet, und gewährte so einen sehr possierlichen Anblick. Auch die Gummifracks für Hoffeste und die Gummihauben und die Gummicorsets unserer Frauen machten sich gar nicht übel. Diese Gummitracht wurde für die Regensaison durch ein Decret von mir zur Reichstracht erhoben. Die noch übrige kurze Frist bis zur Regenzeit gedachte ich dazu zu benutzen, um meine Unterthanen von Pipermannland abzuholen. Es wurde daher eins der Gummiboote seefertig gemacht und mit fünf Mann bewehrt, worunter Krischan Schroop und Peter Silje. Ich gab meinen Ministern einen Geheimbefehl mit, dahin lautend, daß Jeder, der in meinem Reiche italienische Lieder zur Guitarre sänge, als ein Majestätsverbrecher, Landesverräther und Volksverführer anzusehen, vor Gericht zu stellen und zu einem noch zu errichtenden Galgen zu verurtheilen, seine Guitarre aber auf öffentlichem Platze unter dem Geläute einer ebenfalls noch zu verfertigenden Schandglocke zu verbrennen sei. Die Tendenz dieses Gesetzes war ohne Zweifel deutlich genug, und hätte meine Frau Gemahlin darum gewußt, ich weiß nicht, welchen Auftritt ich mit ihr gehabt haben würde. Warf sie mir doch täglich vor, daß ich so unmusikalisch sei, und daß es nur eine Intrigue von meiner Seite gewesen, wenn ich den Signor Rackerino Rackerini zum Vicegouverneur von Pipermannland ernannt habe. Sie hatte darin gar nicht so unrecht, aber ich durfte es ihr nur nicht zugeben; ich berief mich darauf, daß gerade der Italiener für die wilden Zustände jener Insel sich eigne, um sie durch die süßen Klänge seiner Guitarre zu civilisiren. Ach was, pflegte sie dann zu sagen, es ist besser er civilisirt mich als so eine rohe Insel. Zugleich gab ich meinen Gesandten den Auftrag mit, den auf Pipermannland von mir bestellten goldgestickten Kaisermantel nebst Krone, Reichsscepter und Reichsapfel nach Beutelland zu überbringen. Das Boot segelte ab, und es dauerte acht, es dauerte vierzehn Tage, es dauerte mehrere Wochen, und kein Boot ließ sich sehen. Wir hatten uns bereits in Gummiüberzüge gehüllt, und in unsere Gummihäuser zurückgezogen und gingen mit unsern Gummiregenschirmen spazieren, da der tropische Regen in fürchterlichen Massen herabfiel. Die herabgießende Fluth war so stark, daß der menschliche Körper unfehlbar ein Leck hätte bekommen oder wie Seife sich hätte auflösen müssen, wenn er nicht über und über in Gummi gekleidet gewesen wäre. Wir sahen Alle aus wie wandelnde Gummibäume. Unter unsern Gummiregenschirmen gingen wir jedoch so sicher, daß uns kein Tropfen traf, und eben so wenig drang einer durch unsere Gummihäuser und in unsere Gummibetten. Als sich das Wetter nach Verlauf mehrerer Wochen wieder aufzuklären begann und wir wieder in der Lage waren, uns nun so zu sagen zu entgummien, traf ein Boot zwar allerdings ein, aber nicht das abgesandte Gummiboot, sondern ein aus gewöhnlichem Holze ziemlich kunstlos gefertigtes, das sich auf der Londoner Industrieausstellung schwerlich eine Preismedaille verdient haben würde. Auf diesem Boote befand sich, außer einem mir sonst sehr gleichgiltigen Pipermannländer, nur Krischan Schroop, der sehr niedergeschlagen, bleich und verkümmert aussah. Ich ahnte Unheil, ich ahnte es in dem Umfange, wie es sich aus der Erzählung Schroop's bald herausstellte. Kaum war nämlich Schroop mit den Seinen auf Pipermannland ans Land gestiegen und hatte dem Vicegouverneur den Geheimbefehl übergeben, als dieser mit lautem spöttischen Gelächter rief: Mir Gesetze vorschreiben? mir das Singen verbieten? mir die Aussicht auf einen noch zu errichtenden Galgen eröffnen? meiner Guitarre die Schandglocke läuten? Auf, meine Getreuen! Tod dem Tyrannen! Es lebe die Freiheit! Es lebe die Constitution! Es lebe Rackerino Rackerini I.! Darauf hätten, erzählte Krischan weiter, die Pipermannländer, vor dem Italiener sich wahrscheinlich ihrer Muttersprache schämend, in etwas verdorbenem Italienisch wie toll gerufen: Pereatissime imperatore Federigo Beutelino! Sturcio dem scheuselio Tyranno, dem Lumpio! Viva republicanismo und constitutionalismo! Viva communismo, pauperismo und gleichmacherischera Volksbeglückeria! Viva Guitarria! Vivatissime und tutovitassime constitutionalissimo governatore, imperatore und usurpatore Rackerino Rackerini primo! Hierauf seien sie über meine beiden Minister und ihre drei Begleiter hergefallen und hätten sie in ein tiefes als Staatsgefängniß dienendes Felsenloch geworfen, an das sie sich gar nicht hätten gewöhnen können, obschon sich der Mensch doch sonst an Alles gewöhne. Die drei Nichtminister hätten sich denn auch sehr bald zu den Pipermannländern geschlagen und versprochen, treue Unterthanen des Usurpators zu sein; auch Peter Silje sei abtrünnig geworden, aber nur zum Schein, um die erste sich darbietende Gelegenheit zum Sturze Rackerini's zu benutzen, und habe es bei diesem ausgewirkt, daß er, Krischan Schroop, nach Beutelland gesandt werde, um mir die Kunde von diesen beklagenswerthen Vorfällen zu überbringen. Als er vom Lande abgestoßen, sei sein gegenwärtiger Begleiter in das Boot nachgesprungen und habe ihn angefleht, ihn nach Beutelland mitzunehmen, da er es unter der drückenden Herrschaft des Usurpators nicht auszuhalten vermöge. Krischan Schroop gestand mir noch, daß er Urfehde habe schwören müssen, niemals die bewaffnete Hand wieder Rackerino Rackerini zu erheben, was ihn jedoch nicht abhalten solle, bei gelegener Zeit seine unbewaffnete Hand mit dem Rücken des giftigen Italieners in möglichst nahe Beziehung zu bringen. Er erzählte mir noch ferner, daß auf den Werften von Pipermannland große Thätigkeit herrsche und an der Herrichtung vieler größerer und kleinerer Boote gearbeitet würde, wahrscheinlich in der Absicht, einen Angriff auf Beutelland zu unternehmen. In Betreff des Krönungsmantels und der Reichsinsignien ließ mir der unverschämte Italiener sagen: Der Krönungsmantel sei zufällig zu klein gemacht und passe besser für seine schlanke Taille als für die meine; die Krone dagegen sei zu groß ausgefallen, als daß ich sie tragen könnte; mit dem Reichsscepter habe er schon den Rücken einiger widerspenstigen Unterthanen bearbeitet und den Reichsapfel einigen Re- und Widerbellern an den Kopf geworfen, und er werde diese Gegenstände auch ferner zu gleichen Zwecken gebrauchen, könne sie mir mithin nicht abtreten. Diese Dinge waren mir begreiflicherweise nicht sehr angenehm zu hören. Pipermannland, das sah ich wohl ein, war für den Augenblick für mich verloren, aber ich rechnete auf innere Zerwürfnisse und auf die Geschicklichkeit Peter Silje's, sie zu benutzen, da er ja doch ein gelehrter Mann war und den Abällino aus dem Grunde studirt hatte. Was aber einen Angriff auf Beutelland betraf, so glaubte ich ihn gerade nicht sehr fürchten zu dürfen, denn ich war vorsichtig genug gewesen, auf Pipermannland nur eine geringe Quantität Pulver zurückzulassen, welche, wie mir Schroop erzählte, schon längst verpufft sei. Mein reichlicher Vorrath Schießproviant gab mir trotz der geringen Zahl Leute, die mir zu Gebote stand, ein bedeutendes Uebergewicht, und es schien mir nur darauf anzukommen, die Küste gehörig zu überwachen und mich nicht überraschen zu lassen. Größere Sorge machte mir meine, leider noch immer von mir geliebte Gemahlin, die seit Schroop's Wiederkunft von Tage zu Tage mehr den Kopf hängen ließ oder träumerisch die Melodien italienischer Lieder vor sich hinmurmelte – in der That Lieder ohne Worte, denn vom Italienischen verstand sie nichts, oder sie setzte es in den Schnipphausen'schen Dialect um, was possierlich genug anzuhören war. Der dämonische Italiener hatte es ihr offenbar angethan. Diese Erkaltung meiner Gemahlin gegen mich war mir um so unerklärlicher und schmerzlicher, da sie mir inzwischen ein Töchterlein geboren hatte, welches ich mit dem Namen Guitarria Cichoria Cigarretta taufte. Auf den Namen Guitarria und Cichoria hatte meine Gemahlin ausdrücklich bestanden; Cigarretta war jedoch der Name, bei dem die kleine Prinzessin gerufen wurde. In einer herrlichen, echt tropischen Nacht, als es mir in meinem Residenzschlosse zu schwül geworden, hatte ich mich in meiner Hängematte, die zwischen zwei Palmen an der Ostwand des Schlosses befestigt war, dem Schlafe und meinem treuen Hector die Sorge überlassen, für mich zu wachen. Ich mochte, mein Gewehr in Arm, etwa zwei Stunden geschlafen haben, als ich durch ein Geplätscher in den Wogen des Meeres erwachte und zugleich Guitarrentöne und ein schmelzendes Lied vernahm. Das Aroma der Blumen um mich her hatte mich so betäubt, daß ich erst nach längerer Zeit zum Bewußtsein über mich selbst und meine Umgebungen gelangte, und da erblickte ich denn zu meinem Schrecken ein Boot, welches eben vom Lande abstieß und in welchem die Umrisse von drei menschlichen Gestalten ganz deutlich zu erkennen waren. Der Mond schien ja so hell, daß man die Tauchnitz'sche Ausgabe eines griechischen Klassikers ohne Beschwerde hätte lesen können. Verrath! Verrath! war mein erster Gedanke, und in blinder Wuth ergriff ich mein Gewehr und drückte es in der Richtung des Bootes ab. Aber die blinde Wuth ist eben blind, ich fehlte, und man antwortete mir mit einem lauten Gelächter, in das sich deutlich das leise Kichern einer weiblichen Stimme mischte. Das Boot war wohl auch bereits so weit vom Lande entfernt, um außer Schußweite zu sein. Zum erstenmale stieß ich beleidigende Worte – denn selbst in diesem Augenblicke hielt mich mein mir angeborenes Anstandsgefühl von bloßen Schimpfworten zurück – gegen meinen Hector aus. Warum war er so stumm? Warum richtete er sich nicht auf? Hatte auch diese ehrliche Hundeseele von dem sonst nur dem Menschen- und Katzengeschlechte zustehenden Privilegium, Verrath zu üben und treulos zu sein, Gebrauch gemacht? Ich rief ihn, aber er antwortete nicht mit seinem gewöhnlichen traulichen Gebell; ich suchte ihn; da fand ich ihn hingestreckt an dem Fuße der einen Palme – er war kalt, er war eine Leiche. Mein treuer Begleiter in so vielen Nöthen, mein Retter in so vielen Gefahren war mir entrissen – auf immer, wie es schien. Eine einsame Thräne schlich sich langsam und vorsichtig aus meinem rechten Auge (denn wenn ich weine, so weine ich nur mit diesem, während mein linkes mit seiner gewöhnlichen Ruhe in die Welt blickt) und blieb dann an der Wimper hängen, bis ein warmer Hauch der tropischen Luft sie trocknete. Ich glaube der Mond weinte mit, denn er machte ein sehr jämmerliches Gesicht, und an seiner linken Backe erschien ebenfalls ein Dunstbläschen, das ohne Zweifel nichts Anderes war als eine Thräne, welche er dem großen Dahingeschiedenen nachweinte. Es war mir nun Alles klar. Der mit herübergekommene Pipermannländer war ein Unterhändler zwischen dem tückischen Italiener und meiner Gattin gewesen; er hatte ihr die Nacht bezeichnet, in welcher Rackerino Rackerini herüberkommen werde, um sie zu entführen; und um ihr scheußliches Werk zu krönen, hatte meine treulose Gattin dem treuen Hector eine vergiftete Speise gereicht, zu welcher ihr Rackerino Rackerini das Recept geschrieben hatte. Die Ruchlose, die durch mich aus dem Erbschulzenstande zu einer Kaiserin erhoben worden war, hatte sogar die Schändlichkeit begangen, mein geliebtes Töchterchen, die kleine Prinzessin Guitarria Cichoria Cigarretta, mit zu entführen. Wenn jemals ein Entschluß in der Welt gefaßt worden ist, so war es der, welchen ich am folgenden Tage faßte. An diesem verrätherischen Gezücht Rache zu nehmen, Pipermannland mit aller Macht anzugreifen, den ruchlosen Italiener, der so viel ich weiß sogar ein Neapolitaner war, sammt dem treulosen Weibe im Meere zu versenken, wo es am tiefsten ist, das war der Entschluß, den mein glühender Kopf in der heißen tropischen Sonne ausbrütete. Mit diesem Plane beschäftigt, schweifte ich folgenden Tags auf der Insel umher. Es lag eine fürchterliche unheimliche Schwüle über ihr, die Schwüle eines Backofens. Die Luft roch nach brennendem Pech und Schwefel. Eine eigenthümliche Ermattung und Abspannung bemächtigte sich meines Geistes wie meines Körpers. Die Füße hingen mir wie Bleigewichte am Leibe. Der Kopf drückte von oben wie ein schwerer glühender Erzklumpen. Widerstandlos streckte ich mich in das Gras, den Kopf unter meinen Gummisonnenschirm verbergend. Ein fürchterliches Brausen, Toben und Rollen erweckte mich, zugleich fühlte ich, daß der Schirm mir aus der Hand entrissen und weit in die Luft getragen wurde. Es war stockfinster um mich; doch nahm ich so viel wahr, daß ein ganzer Wald dicht über mich hinweggetragen wurde, so daß die feuchten Wurzeln der Bäume mein Gesicht streiften, und mir dadurch eine keineswegs sehr angenehme Empfindung verursachten. Einer jener berüchtigten Tornados oder Wirbelwinde, die in jenen Himmelsgegenden zuweilen vorkommen, war über die Insel mit verzehrender Gewalt hereingebrochen, verbunden mit einem Erdbeben, wie ich an den entsetzlichen Rollstößen unter mir und an den wellenförmigen Bewegungen des Erdbodens wahrnehmen konnte. Dieser begann sich an der Stelle, auf der ich lag, sichtlich zu heben, immer höher und höher. Ein Berggipfel wurde, das fühlte ich, von der unterirdischen Gewalt emporgetrieben. Ich klammerte mich an ihn mit aller Macht. Der Gipfel schwoll mehr und mehr in die Luft, und hatte bald eine Höhe erreicht, von der aus ich die Finsterniß, die Wetterwolke, das Verderben, das Uebereinanderstürzen der Wälder und Hügel tief zu meinen Füßen erblicken konnte. So wurde ich wohl mehrere tausend Fuß mit dem werdenden Berge in die Luft getragen. Da stand er still und begann nun, aber auch die Insel mit ihm, zu sinken, immer tiefer in den Schooß des Meeres. Mein Untergang schien besiegelt zu sein, als sich plötzlich ein trichterförmiger Spalt unter meinen Füßen öffnete, in den ich, wieder mehrere tausend Fuß, allmälig hinabglitt, bis ich unten auf einem plötzlich sich vorschiebenden gewaltigen Felsblock stehen blieb. Ich fühlte, wie die Insel immer noch im Sinken war, und es war mir zu Muthe, wie es Einem sein muß, der sich in einer niedergehenden Taucherglocke befindet. Mit Entsetzen sah ich dem Augenblick entgegen, wo auch der Gipfel unter der Oberfläche des Meeres verschwinden und die Fluthen in den Trichter hereinbrechen würden, um mich zu ertränken. Da plötzlich gab es einen furchtbaren Ruck – und die Insel stand still; sie war auf dem Boden des Meeres angekommen, von dem die furchtbare Wirkung der vulkanischen Kraft sie losgerissen hatte; der Gipfel des Berges, in dessen Bauche ich eingeschlossen war, ragte aber über die Oberfläche des Meeres hinaus, wie ich daraus schloß, daß der Trichter sich nicht mit Wasser füllte. Mühsam kletterte ich den Trichter hinauf, was mir um so beschwerlicher fiel, da ich in meiner Rechten die Flinte hielt, und nachdem ich oben angelangt, befand ich mich wieder auf der Spitze des Berges, die eben nur unmittelbar über die Fluth hinausreichte und von allen Seiten von der unermeßlichen Fläche des Oceans umgeben war. Ein schreckliches Gefühl, so an einem Fleckchen Erde über dem Geschäume und Gerolle der Wogen zu hängen! Doch, trostreicher Anblick – auch das Rettungsboot hing am Gipfel fest, und ich that, was ich nicht lassen konnte, ich bestieg es und überließ mich aufs Gerathewohl dem Spiel der Winde und Wogen und meinem Schicksal. Zehntes Kapitel. Es gibt zwei Wesen, die dem Schuldner oder dem Schuldigen stets auf den Fersen sind und ihre Forderungen so lange betreiben, bis sie befriedigt sind – ein Gläubiger und die Nemesis. Herder. In der zottigen Brust eines Eisbären schlägt oft ein menschlicheres Herz als in der Brust des Menschen. Seume. So befand ich mich denn wieder auf mich allein angewiesen, auf dem kleinen hin- und hergeworfenem Boote zwischen Himmel und Meer. Die Insel, die ich beherrscht hatte, ruhte mit allem Lebendigen im Schooße des Oceans. Glücklicher Weise hatte ich jedoch die Reichsurkunde sammt der Subscriptionsliste meiner Unterthanen bei mir, durch die ich mein Anrecht an die Insel beweisen konnte, wenn sie je wieder aus der Tiefe emportauchen sollte. Ich war jedoch der Mann nicht, um mich lange mit müßigen Gedanken an das Vergangene zu beschäftigen; mit der mir eigenen Schnellkraft versetzte ich mich sofort in den Mittelpunkt der Situation, in der ich mich befand. Was gibt es zu beißen? was zu trinken? Diese Fragen drängten sich mir zunächst auf. Indeß hatte ein günstiges Schicksal auch dafür gesorgt. Das Boot war in letzter Zeit vielfach dazu benutzt worden, um von Klein-Austria Vorräthe von Austern und allerlei Seefischen herbeizuholen, die wegen des großen Salzgehaltes der See um jene Klippe schon vollständig eingesalzen im Meere herumschwimmen. Mit solchen Vorräthen war eine ganze Hälfte des Boots gefüllt; außerdem befand sich auch eine ansehnliche Quantität Mehlteig von den Semmel- und Kuchenbäumen der Insel auf dem Boote und zu meiner großen Freude entdeckte ich unter dem Austernhaufen auch einige Dutzend Flaschen Beutelländer Ausbruch, die wahrscheinlich mein Ober-Hofküchenmeister darunter zu eigenem Gebrauche versteckt und so den haushälterischen Blicken meiner Frau Liebsten entzogen hatte. Aus der vulkanischen Katastrophe meiner Insel hatte sich ein sehr starker, aber gleichmäßig wehender Südwind entwickelt, der das mit einem Segel versehene Boot rasch vorwärts trieb, und durch meine Geschicklichkeit im Rudern und Steuern erhielt ich das Boot, trotz der heftigen Brise, in gerader Richtung; ich beherrschte die Wellen und Winde statt sie mich. Bald trat die gebirgige Küste von Pipermannland in Sicht. Welches großartige Schauspiel eröffnete sich meinen Blicken! Alle Berggipfel waren zu Vulkanen geworden und schleuderten Feuergarben in den Himmel; Rauchsäulen, hunderte an Zahl, stiegen majestätisch in die Luft empor und vereinigten sich oben zu einer Rauchdecke, die sich über die ganze Insel und weit über das Meer ausbreitete und durch welche die Sonne wie eine glühende halbsterstickte Kohle hindurchschimmerte; die Metalle flossen, in der Lava geschmolzen, in feurigen Strömen von den Seiten der Berge hinab in das Meer, mit dem sie einen furchtbaren elementarischen Kampf zu bestehen hatten. Die Lava und die geschmolzenen Metallmassen drängten das Meer weit zurück und bauten sich zu gewaltigen Wänden auf, an denen die Fluth des Oceans emporschäumte und abprallte, kaum aber waren die glühenden Massen erkaltet, so stürzte das zum Weichen gebrachte Meer wieder über sie her, ohne doch ihre festgewordenen Glieder lösen und zerreißen zu können. Die ganze Insel war ein einziger gewaltiger Gluth- und Dampfkessel, das Meer ein einziger kochender und siedender Strudel, und das Gelärm so furchtbar, als ob zwanzig Sebastopol's in einem fortdauernden Geschützfeuer gegen einander begriffen seien. Es bedurfte meiner ganzen moralischen Kraft und meiner ganzen genialen Berechnung, um mich in diesem Gewirbel, Gestrudel und Getobe mit meinem Boote flott zu erhalten. Als ich aber auf einer vorspringenden Klippe die Gestalt meiner Beate, geborne Pipermann, erblickte, wie Loreley mit weit hinten nachflatterndem Gelock dasitzend, in Verzweiflung die Hände ringend und nach mir die Arme um Hilfe und Rettung ausstreckend, da hätte ich beinah meinen sittlichen Halt verloren. In der That versuchte ich, mein Boot durch die sich hochbäumenden Wogen hindurchzuzwängen, aber zu einem solchen Wagniß reichte meine Kraft doch nicht hin; ich wurde immer wieder zurückgeschleudert und sah mich genöthigt, Beate ihrem Schicksale zu überlassen. Der Südwind packte das Segel meines Boots und trieb mich wieder von der Insel ab. Ich glaubte, Beate würde wie Sappho enden und sich von der Klippe ins Meer stürzen; ich erkannte jedoch mit meinen scharfen Augen, daß ihr eine hinter ihr stehende männliche Gestalt ein Fläschchen reichte, aus dem sie einen kräftigen Zug that, worauf sie beruhigter schien. Gift war es ohne Zweifel nicht; die Farbe des Getränks glich – Dank meinen gesunden Augen – derjenigen edeln alten Cognacs. Kein Zweifel, Krischan Schroop war der hinter ihr stehende Mann und in einem vierbeinigen Geschöpf, das an ihm emporsprang, glaubte ich den treuen Hund Hector zu erkennen. Aber, wie war Schroop so plötzlich nach Pipermannland gekommen? Wie hatte sich Hector wieder ins Leben verirrt? Oder war die ganze Gesellschaft nur ein Phantasiebild, eine Gruppe wesenloser Spukgestalten? Indeß hatte ich keine Lust, mir darüber den Kopf zu zerbrechen; dazu war mir mein Kopf viel zu lieb. Ich gönnte meiner treulosen Ehehälfte die Herzensstärkung, die sie zu sich genommen, und mit etwas beruhigterem Gemüth ruderte ich weiter. Noch war ich nicht weit aus dem Wogenwirbel heraus, als eine rückprallende Welle mir einen abgerissenen Menschenarm, der eine Guitarre festhielt, in das Boot spülte. Es war der rechte Arm Rackerino Rackerini's! Die Strafe für seine Frevelthaten hatte ihn erreicht. Den Arm nahm ich, und präsentirte ihn höflichst einem Haifisch, der gerade in diesem Augenblick nach mir schnappte und sich mit diesem traurigen Bissen befriedigt erklärte; denn er tauchte an dem Arm kauend wieder in das Meer zurück. Ich hohnlachte über beide, sowohl über Rackerino Rackerini als über den Hai, der sich in dieser Weise abspeisen ließ. Rackerini's bleiches Haupt mit der Krone darauf, und seinen blutigen verstümmelten Rumpf im Hermelinmantel, sah ich später in einiger Entfernung aus den Wellen emportauchen. Beide Arme fehlten. Wahrscheinlich hatte sie ihm ein grimmiger Hai abgerissen. Die Guitarre, so Unsägliches sie mir auch zu Leide gethan, behielt ich bei mir, sie war ja nur ein unschuldiges Instrument in der Hand des ruchlosen Italieners gewesen. Und obschon zwischen der Guitarre und mir der Unterschied bestand, daß meine Existenz für den Augenblick gar keinen Boden, die ihre doch wenigstens einen Resonanzboden hatte, so war sie doch eben so verlassen als ich, und Verlassene pflegen einander nicht zu verlassen. Eine reinere Hand sollte nun ihren Saiten einen reineren Geist einhauchen und den bösen Dämon aus ihnen vertreiben, der ihnen eben so Ohr als Ehe zerreißende Töne eingeflößt hatte. Sie leistete mir auch während der Weiterfahrt gute Dienste, diese Guitarre; sie vertrieb mir manche langweilige Stunde, denn da ich nichts zu thun hatte, legte ich mich auf die Musik, und vermöge der außerordentlichen mir angebornen Fähigkeit, es in jedem Zweige menschlicher Hanthierung und Kunstübung in erstaunlich schneller Zeit zur Vollkommenheit zu bringen, erreichte ich bald im Gesang und Guitarrenspiel einen ganz eigenthümlichen Grad von Meisterschaft. Ich wurde weiter und weiter getrieben, immer nordwärts, immer in gleichmäßigem Curs, immer mit demselben Südwind. Woche an Woche ging darüber hin; aber es wollte sich kein Land sehen lassen. Meine Vorräthe nahmen zum Entsetzen ab; ich mußte darauf denken, mir Nahrungsmittel, auf welche Weise es auch sei, zu verschaffen. Glücklicherweise wimmelte es von Vögeln in jener Gegend, die oft in dichten Schwärmen über mein Boot dahinzogen, so dicht, daß sie ein förmliches Schutzdach gegen den Regen gewährten, der schon seit einigen Tagen vom Himmel herabströmte. Mich nach hinten überbiegend brauchte ich nur eine Ladung Schrot in den Haufen zu entsenden, worauf sie zu ganzen Dutzenden in das Boot niederfielen. Nun erinnerte ich mich, daß die Kalmücken dadurch das Fleisch mürbe zu machen pflegen, indem sie es auf ihren Ritten unter den Sattel legen. Diese Reminiscenz aus dem Gebiete der höheren Kochkunst leitete mich auf das richtige Verfahren, das ich in meiner Lage anzuwenden hatte. Meine Beinkleider – wenn es von ihnen zu sprechen erlaubt ist – waren von meiner Beate an einem hier nicht weiter zu nennenden Theile mit einem tüchtigen Stück Leder versehen worden, um sie recht dauerhaft zu machen. Ich legte nun zwischen das Brett, auf dem ich saß, und oben bemeldeten gut versohlten Theil meiner Beinkleider das erlegte Geflügel und rutschte dann so lange darauf hin und her, bis es mürbe und eßbar war. Anfangs wollte mir zwar die Kost aus dieser Garküche nicht recht munden, aber Noth lehrt nicht blos beten sondern auch essen, und nach einiger Zeit fand ich das so zubereitete Geflügel, das ich mit Pulver zu würzen pflegte, außerordentlich schmackhaft. Es wurde allmälig kalt, recht kalt und von Tage zu Tage kälter; einzelne Eisschollen begannen bereits bei dem Boot vorüberzutreiben, und hätte ich mich nicht noch immer in der Strömung des Südwindes befunden, so würde ich mich in meiner dünnen tropischen Kleidung sehr übel befunden haben. Namentlich waren die Nächte außerordentlich kalt; ich verkroch mich dann in den Berg von Federn, welche ich den erschossenen Seevögeln allmälig ausgerupft hatte, und schlief darunter ganz prächtig. Hatte ich vor dem Schlafengehen noch einige Tropfen des Beutelländischen Ausbruch genommen, so transpirirte ich sogar und indem sich die Federn in meine Transpirenz (ich empfehle dieses Wort für das unfashionable »Schweiß«) festsetzten, stand ich förmlich als Vogel auf, an welchem die eingefederten Arme die Flügel bedeuteten. Ich fühlte mich ordentlich zum Fliegen aufgelegt, was mir jedoch, trotz allem in die Höhe Springen, nicht gelingen wollte, wogegen die Vögel mich für Ihresgleichen ansahen und sich mir so zutraulich näherten, daß ich sie mit den Händen greifen und dutzendweise fangen konnte. Die Zeichen mehrten sich, daß ich bereits in die arktische Region versetzt war. Auf dem Meere trieben Eisschollen und Eisinseln und bald sah ich mich auch von mächtigen Eisbergen umgeben, die in den groteskesten Formen sich hunderte von Fuß in die Luft erhoben. Bald bildeten sie gothische, wie aus blauem und grünem Glase errichtete Thurmpyramiden, bald Triumphpforten, bald Brücken, bald lang ausgehölte Grotten oder Tunnels, durch die ich hindurch fuhr, bald glichen ihre Zacken einer langen Front von Bayonnett- und Lanzenspitzen, die im Scheine der Sonne, das Auge fast blendend, wunderbar schimmerten. Es war ein prächtiger aber mir gerade nicht sehr erfreulicher Anblick; denn die Eiskälte, die mich jetzt von allen Seiten anwehte, drang durch meine leichte Kleidung bis auf mein Gebein und der warme Hauch des südlichen Luftstromes konnte diesen mächtigern Gegenwirkungen nicht mehr Widerstand leisten. Zu diesem Schrecken der Eiswelt gesellten sich bald noch andere Schrecken und Gefahren; denn als ich eines Morgens mich aus meinem Federbette erhob, sah ich mein Boot zu meinem Entsetzen von einem Dutzend weißzottiger Ungeheuer umringt, welche den mit scharfen Zähnen wie mit Pallisaden besetzten Rachen gegen mich aufsperrten und mich mit blutgerötheten Augen heißgierig anglotzten. Ich schlug zwar einigen mit dem Ruder dermaßen auf den Kopf, daß sie im Meere Kobold schossen und in die Tiefe, mehr todt als lebendig, niedertauchten; aber die Zahl meiner gefährlichen Gegner wuchs zusehends, mehrere hatten schon die Zähne in die Planken des Boots geschlagen und suchten sich so in das Boot, das dadurch in bedenklicher Weise sein Gleichgewicht verlor, hinaufzuschwingen. Ich befand mich so in jener häßlichen Situation, welche dem Pariser Maler Biard, dem ich später die Geschichte erzählte, den Stoff zu seinem unter dem Namen »Der Kampf mit den Eisbären« berühmten Bilde gab. Ich sah keine Rettung mehr, und in meiner Seelenangst und wie von einem wunderbaren Instinkt getrieben, ergriff ich die Guitarre und spielte die Melodie »blühe, liebes Veilchen«, indem ich sie mit meiner sehr schmelzenden Baßstimme accompagnirte. Sofort ging eine wunderbare Veränderung mit den Thieren vor; sie ließen, von der wunderbaren Macht der Töne ergriffen, die Köpfe hängen, spitzten die Ohren, begleiteten ruhig schwimmend das Boot und klatschten mit ihren Vordertatzen Beifall. Als ich geendet hatte, nickten sie mit ihren Köpfen, als wollten sie sagen: »noch mehr!« oder »Da Capo!« und ich mußte wieder anfangen. Einer der Eisbären, offenbar der größte Musikenthusiast unter ihnen, fuhr aus Entzückung über meinen Vortrag aus der Haut, worauf ich nichts Besseres zu thun wußte, als sofort in sie hineinzufahren, was mir sehr wohlthat; denn dieser Pelz sicherte mich gegen jede Einwirkung der arktischen Kälte vollkommen. Ich weiß seitdem, wie es einem Eisbären in seiner Haut zu Muthe ist, und ich muß sagen, nicht übel, wenigstens sehr bärenmäßig. Die übrigen Eisbären fanden sich wenigstens an den Nerven so angegriffen, daß sie immer träger und träger nebenher schwammen und zuletzt gänzlich einschliefen. Was weiter aus ihnen geworden, weiß ich nicht; denn ich ruderte nach überstandener Gefahr weiter. Noch im Laufe desselben Tages fuhr ich an eine Eisinsel an, auf der ich unverweilt ausstieg, einen so traurigen Aufenthalt sie auch gewährte. Ich hatte aber doch wenigstens einen festen, und nicht einmal sehr glatten Boden unter mir, da das Eis überall mit einer dünnen Schichte Schnee überdeckt war. Des ewigen Ruderns auf dem Meere in dem schmalen Boote war ich herzlich müde, und ich beschloß, mich bis auf Weiteres auf dieser Insel anzusiedeln und was nun weiter zu thun sei ruhig zu überlegen. Ich kann nicht sagen, wie wohl es mir that, wieder einmal tüchtig und auf weitere Strecken ausschreiten und den Freuden der Jagd obliegen zu können; denn es fehlte hier nicht an Thieren, wie sie der arktischen Zone eigenthümlich sind, und die durch irgend einen Zufall hierher verschlagen waren. Auch an Treibholz mangelte es nicht. Aber wie sollte ich das feuchte, durch- und übereiste Holz in Brand setzen? Die Noth macht jedoch erfinderisch, und kurz gesagt, ich legte mich auf die Verfertigung von Brennspiegeln. Ich fand das Eis auf dieser Insel ganz glasartig; es war durchsichtig wie Glas, es zersprang wie Glas, man konnte es schneiden wie Glas, kurz es hatte alle Eigenschaften des Glases. Ich nahm nun eine Eisscheibe und versuchte mit meinem Demantmesser, welches ich noch von Pipermannland mitgenommen, sie so zu bearbeiten, daß sie die Wirkungen eines Brennspiegels hervorbrächte. Das gelang mir zwar gleich anfangs nicht, aber an Eis hatte ich eben so wenig Mangel als an Zeit und Geduld, und nach vielen fortgesetzten Versuchen, war das Meisterstück fertig. Ich stellte die Eisscheibe gegen die Mittagssonne, und ich hatte die Freude, daß eine Parthie Treibholz, auf welche sich die Strahlen der Sonne vermittelst des Brennspiegels concentrirten, nach kurzer Zeit in Brand gerieth. Ich will gleich hier bemerken, daß ich es in der Bereitung von Eisbrennspiegeln durch weitere Versuche zu einer außerordentlichen Vollkommenheit brachte. Ich verfertigte Brennspiegel von fünfzig Fuß Durchmesser, mit denen ich, wie ich glaube, Schiffe und Häuser hätte in Brand setzen können. Noch fehlte es mir an einer Wohnung, indeß sollte ich auch zu dieser durch einen merkwürdigen Zufall gelangen. Eines Tages nämlich sah ich einen breiten Rücken wie den Rücken eines Hügels aus dem Meere emportauchen, der sich meinem gegenwärtigen Aufenthaltsort zuwälzte, und ich erkannte bald, daß es ein ganz riesenhafter Wallfisch war. Wahrscheinlich hatte er die Insel nicht wahrgenommen, denn er lief gerade auf ihren Südrand auf, so daß die Eismasse, auf der ich mich befand, förmlich kippte, obschon sie wohl mehrere hundert Fuß in den Ocean hinunterreichte. Da lag der Koloß da, unfähig sich zu rühren und in meine Gewalt gegeben. Wie aber diesen lebenden Fleischberg tödten? Ich wußte jedoch bald Rath und pflanzte meinen wirkungsreichsten Brennspiegel so auf, daß die concentrirten Sonnenstrahlen gerade die Stelle trafen, wo ich sein Herz klopfen hörte. Die Procedur war nicht so grausam, als es scheinen mag; denn kaum traf das Sonnenfeuer seine Haut, so war er auch schon mitten durchgebrannt wie ein Strohhalm. In seinem aufgesperrten Rachen, den ich mit einigen tüchtigen Kloben Treibholz stützte und auseinanderhielt und dessen Seiten ich mit Holzwerk austäfelte, schlug ich nun meine Wohnung auf, errichtete darin einen Kochherd aus Eisstücken, wie ich denn auch meine Meubles: Sopha, Tische, Sessel u. s. w., ja selbst meine Kochgeschirre aus hundertjährigem und daher der Wirkung des Feuers unzugänglichem Eise verfertigte, und bereitete mir darin aus Eisfuchsfellen und Eiderdaunen ein sehr bequemes Nachtlager. Als Schornstein für den Abzug des Rauches dienten mir die Augen des Wallfisches, die ich ausgegraben und zu denen ich aus dem Rachen des Thieres einen Kanal eröffnet hatte. Seine Speckschinken, die ich auf dem Kochherde in des Thieres Rachen briet, gewährten mir ein vorzügliches Nahrungsmittel. Daß ein Kadaver in diesen Breiten nicht in Verwesung übergeht, brauche ich wohl nicht zu bemerken, und ich hätte Jahrelang von dem Fleische des Wallfisches zehren können, wenn es dem Schicksal gefallen hätte, mich so lange auf dieser Eismasse festzuhalten. Indeß gefiel es so dem Schicksale nicht, was mir auch ganz angenehm war. Zwar herrschte jetzt in diesen Regionen der Sommer, der jedoch sehr kurz ist und selbst durch die künstlichsten Mittel nicht verlängert werden kann; und wie sollte ich den langen lichtlosen Winter zubringen, in dieser furchtbaren Einsamkeit, ohne Feuerung (da mir ja die Brennspiegel im Winter keinen Nutzen gewähren konnten), auf der allen Winden ausgesetzten, rings vom Meere umflossenen Eisscholle? Nur unter Menschen, dachte ich, sollten es auch Samojeden, Eskimos oder Grönländer sein! Freilich hatte ich die Hoffnung, daß die Eisinsel durch hinzufrierende Eismassen mit dem Festlande verbunden werden könnte, aber wer mag es wagen, in der Winterfinsterniß sich weit von seinem Lagerplatze zu entfernen? Wagte ich doch selbst jetzt nicht, auf meinem Boote in die Eis- und Wasserwüste hinauszusteuern! Das Schicksal oder die mir verbündeten Elemente und Gewalten kamen mir zu Hilfe. Eines Tages sah ich eine lange Reihe schwimmender Eisberge sich gegen die Insel plötzlich in Bewegung setzen, und sie gewährten einen höchst prachtvollen und majestätischen, aber auch für mich sehr bedenklichen Anblick. Denn ich frage jeden Touristen, der von der Terrasse in Bern die Hochalpen bewundert, was er dazu sagen würde, wenn diese Berge, Gletscher und Schneekolosse, die Jungfrau voran, sich plötzlich gegen seinen Standpunkt in Bewegung setzen und ihm näher und näher rücken sollten – ich frage ihn, was er dazu sagen würde? Das Einzige, was ich thun konnte, war, mich mit Geduld zu wappnen und in mein Schicksal zu ergeben. Die Eisberge stießen mit furchtbarer Gewalt an den Südrand der Insel, welche dabei entsetzlich schwankte, aber den Stoß der ersten kleineren Berge aushielt. Diese zerdrückten mein Boot, brachen aber, da sie von sehr mürber Substanz waren, an der Eismasse, die ich bewohnte, krachend zusammen und hüllten die ganze Insel und mich selbst in eine dichte Wolke von Eissplittern, von denen glücklicherweise mich keiner traf. Jetzt aber stießen die mächtigeren und festeren Eisberge an die Insel – Ein Ruck, Ein Stoß, und die Insel selbst setzte sich in Bewegung, indem sie von den Eisbergen immer vor sich hergeschoben wurde, etwa wie ein Dampfwagenzug von einer hinter ihm angebrachten Locomotive. Auch die Schnelligkeit der Bewegung war etwa dieselbe. Es dauerte nicht sehr lange, so gab es einen neuen Stoß, und die ganze Eismasse stand still. Wir waren an ein Eisfeld von so mächtiger Ausdehnung gerathen, daß ich seinen Umfang, nach einem raschen Ueberblick, auf mehrere hundert Quadratmeilen schätzte. Ich besann mich nicht lange, ergriff meine Flinte und einen meiner besten Brennspiegel, versah meine Jagdtasche mit den nöthigen Vorräthen und begab mich, in meine Eisbärenhaut gehüllt, auf eine Excursion weiter nach Norden. Wie erstaunte ich, als ich gegen Abend plötzlich in einiger Entfernung einen stattlichen Dreimaster erblickte, der hier eingefroren lag und auf dem die englische Flagge aufgehißt war. Ich that, was Jeder in meiner Lage auch gethan haben würde – ich schritt dem Schiffe freudig klopfenden Herzens entgegen. Elftes Kapitel. Im Laufe dieses Tages erblickte unsere Mannschaft einen Eisbären, wie er auf seinen zwei Hinterfüßen gerade auf das Admiralschiff losrückte. Meine Leute entluden ihre Gewehre gegen ihn, ohne daß die Kugeln der Bestie Schaden thaten, was uns sehr verwunderte. Noch mehr erstaunten wir, als das vermeintliche Thier seine Kopfbedeckung nach hinten zurückschlug, und wir in ihm einen Menschen erkannten. Er nannte sich Fritz Beutel aus Schnipphausen und leistete mir einige vortreffliche Dienste. Da er jedoch ein bloßer Deutscher war, glaube ich diese Verdienste nicht näher namhaft machen zu dürfen. Admiral Roß in der Beschreibung seiner Nordpolexpedition. Ich setze zu Anfang dieses Kapitels die Wanderung fort, die ich am Schlusse des vorigen begonnen habe; möge dem Leser das Herz bei der Lectüre eben so freudig klopfen, als es mir bei der Wanderung selbst klopfte! Freilich wäre mir mein Eisbärenfell beinah sehr schlecht bekommen. Offenbar hielt mich die Schiffsmannschaft für einen auf seinen zwei Hinterbeinen daherschreitenden Eisbären; denn plötzlich fand ich mich von einem wahrhaften Kugelregen umsaust, der so dicht fiel, daß ich immerwährend prusten mußte und Mühe hatte, die Kugeln abzuschütteln. Fielen sie aber dicht, so war mein Fell nicht minder dicht, und ich kann mir jetzt denken, warum der Eisbär einen so hohen Grad von Muth besitzt. Sein Fell ist ihm seine Festung und bombenfeste Kasematte. Als ich dem Schiffe näher kam, nahm ich meine Guitarre, griff einige volle Accorde und sang dann, um den Leuten zu beweisen, daß ich ein menschliches und menschlich empfindendes Wesen sei, mein Lieblingslied aus den Jugendjahren: »Ich bin liederlich, du bist liederlich, sind wir nicht liederliche Leute?« Dieses sehr zu Herzen sprechende Lied mit seiner eben so rührenden Melodie schien den Leuten auf dem Schiffe außerordentlich zu gefallen, denn sie stellten das Feuern ein und schickten mir eine Deputation entgegen, die mich in meinem allerdings seltsamen Anzuge (man denke: ein Eisbär mit Guitarre!) verwundert anstaunte. Ich setzte ihnen im schönsten Englisch, wie ich es in Hamburg von den Matrosen auf dem Hamburger Berge gelernt hatte, meine Schicksale auseinander, und wir wurden bald die zärtlichsten Freunde. Ihre Zärtlichkeit gaben sie mir namentlich dadurch zu erkennen, daß sie mich zu einer Boxerparthie aufforderten, die ich natürlich nicht ausschlagen konnte. Ich boxte mich durch die ganze Schiffsmannschaft hindurch, und obschon ich auch manche Kniffe und Puffe erhielt und namentlich mein rechtes Auge durch einen Schlag so colorirt wurde, daß kein Maler den Regenbogen täuschender in Farben darstellen könnte, so blieb ich zuletzt doch Herr und boxte sie alle der Reihe nach auf das Eis nieder. Jetzt war ich ihr Mann, und auf ihren Schultern trugen sie mich im Triumphe an Bord. Der Führer dieser Nordpolexpedition, der bekannte Admiral John Roß, forderte mich sofort auch zu einer Boxerparthie auf und obschon ich ihm einige rechtschaffene Stöße versetzte, ließ ich mich doch zuletzt aus Politik niederwerfen. Hierdurch hatte ich ihn gleich gewonnen, denn er betrachtete sich nun als den stärksten Mann im Schiffe und fühlte sich von diesem Gedanken außerordentlich geschmeichelt. Er tractirte mich mit Pökelfleisch, Schiffszwieback und einigen Gläsern guten Madeiras und theilte mir mit, daß er auf einer Expedition begriffen sei, um die nordwestliche Durchfahrt zu entdecken, daß er aber schon seit einigen Tagen zwischen Eisfeldern und Bergen, die sich gerade an dieser Stelle ein gemüthliches Rendezvous gegeben hätten, festgepfählt sei und nicht loskommen könne. Er gestand mir, daß ihm dies um so verdrießlicher sei, da wir uns noch ziemlich in der Mitte des arktischen Sommers befänden, und er noch gerne einige Grade weiter nördlich gekommen wäre. Ich erklärte ihm mit der ruhigsten Miene von der Welt, daß ich am folgenden Tage einen Versuch anstellen wolle, sein Fahrzeug wieder flott zu machen. Er sah mich verwundert und kopfschüttelnd an und meinte, ich sei wohl von Sinnen oder nähme mir einen Spaß mit ihm heraus, den er gar nicht am rechten Orte angebracht finden wollte. Ich blieb aber bei meiner Behauptung, wie er bei seinem Kopfschütteln. Als nun am nächsten Tage die Sonne auf ihrer höchsten Höhe stand, richtete ich meinen Brennspiegel in der Entfernung von etwa einer Viertelmeile vom Schiffe so auf, daß die Strahlen sich auf einem Punkte concentrirten, wo, wie ich bemerkte, der Zusammenhang des Eises lose war. Der Aufthauungsact ging an dieser Stelle sehr schnell vor sich und bewies mir die Richtigkeit meines Verfahrens. Ich verfertigte nun aus altem Eise, welches hie und da in Blöcken über das jüngere hinausragte, noch einige Dutzend Brennspiegel und stellte sie in gleicher Entfernung rings um das Admiralschiff auf. Ich unterstützte die Wirkung der Brenn- und Schmelzhitze noch dadurch, daß ich in gewisser Entfernung tiefe Löcher in das Eis bohrte und einige Körner von meinem beutelländischen Pulver erster Qualität hineinthat, die dann vermittelst eines Brennspiegels entzündet wurden. Ich habe nämlich vergessen, daß es mir gelungen war, aus gewissen nur auf Beutelland und Pipermannland befindlichen vulkanischen Stoffen eine zerstörende Masse in Körnerform herzustellen, deren Wirkungen von der vernichtendsten Art sind. Ein einziges Korn dieser Masse kam in dieser Hinsicht einem ganzen Centner des gewöhnlichen Pulvers gleich. Es war dies, kurz gesagt, eine Masse, in der sich alle destructiven Gewalten dieser Erde, alle Stürme, alle Blitze, alle Donner, alle Feuersbrünste und alle Erdbeben concentrirt zu haben schienen. Wenn einige dieser Körner in einem Eistrichter explodirten, wobei freilich in der Regel auch der darauf wirkende Brennspiegel zu Grunde ging, so glich die Explosion dem Losbrechen eines kleinen Vulkans, und mit donnerndem Getöse ähnlich wie bei einem Eisgange klüftete sich das Eis dann auf Strecken von der Länge einer englischen Meile auseinander. Nachdem ich drei Tage in dieser mühsamen Arbeit (denn die zu Grunde gegangenen Brennspiegel mußten immer wieder ersetzt werden) zugebracht hatte, war das Eis endlich auf so weiten Strecken gespaltet und zerklüftet und ließ sogar so viele Stellen offnen Wassers zu Tage treten, daß der Admiral daran denken konnte, das Schiff in Bewegung zu setzen und die treibenden Eisschollen, in welche sich die Eisschicht aufgelöst hatte, zu durchbrechen. Fuhren wir wieder an ein Eisfeld an, so begann ich meine Procedur von Neuem, und als sich einst ein gewaltiger Eisberg vorgeschoben hatte, brannte ich vermittelst eines meiner vorzüglichsten Brennspiegel an seiner Basis einen Tunnel mitten durch ihn hindurch, der uns eine ziemlich bequeme Durchfahrt gestattete, nur daß die Masten niedergelassen werden mußten. Nach etwa acht Tagen erreichten wir wieder offenes Wasser und gelangten auf diesem in nördliche Breiten, wo bis dahin kein menschlicher Laut die ewige schauerliche Grabesstille unterbrochen hatte. Allmälig war es so kalt geworden, daß selbst die Worte, die man sprach, zu Eis erstarrten und gefroren in der Luft stehen blieben, so daß man sie wie aus einem Buche ablesen konnte; ja einigemale erreichte die Kälte sogar einen solchen Grad, daß selbst die Flamme auf dem Herde in Eis verwandelt wurde und dann wieder mit dem so eben an ihm gekochten siedenden Wasser aufgethaut werden mußte. Wir mußten daher immer Feuer auf dem Herde haben, um das Wasser siedend zu machen, und immer wieder Wasser siedend machen, um das Feuer damit aufzuthauen. Dieser Proceß ging, wie wir bald bemerken konnten, ganz gleichmäßig vor sich, erforderte aber eine höchst genaue und peinliche Aufsicht. In der Regel froren wir über Nacht ein, wovor ich selbst in meinem Eisbärenfell nicht gesichert war, und ich muß leider gestehen, daß wenn die Eisbärenhaut mit meiner Menschenhaut zusammenfror, ich allerlei Gelüste wie der Eisbär selbst verspürte, namentlich nach Fleisch und sogar Menschenfleisch. Ich träumte dann von Seehühnern oder Polarhasen, an deren Fleisch und Blut ich mich sättigte, oder von einigen namhaften deutschen Kritikern, die, nicht hinlänglich satt von dem Blutbade, welches sie so eben unter einer Schaar von Hähnen und Hennen der deutschen Lyrik und Romanproduction angerichtet, auf mich losstürmten, um auch mich zu verspeisen, die ich aber dann selbst verspeiste, ohne jedoch ihrem harten und zähen Fleische großen Geschmack abgewinnen zu können. Ganz besonders aber träumte ich von einer schönen anmuthigen Eisbärin, die mir bei meinem früheren Kampfe in die Augen gefallen war, weil ihr Pelz so weiß glänzte und ihr röthliches Auge eine so zärtliche Sehnsucht nach meinem Herzblute ausdrückte. Im Traume verwandelte sich mir dann ihr weißes Fell in ein weißes seidenes Gewand, ihre Vordertatzen in zierliche mit Glacéhandschuhen bedeckte Damenhände, und ihr Antlitz nahm allmälig die Gesichtsform meiner Beate an. Ich aber fraß sie als ächter Eisbär dann vor Liebe auf. Wie gesagt, wir froren in der Nacht so zusammen, daß man uns in ein Antikencabinet hätte aufstellen können, und wir würden an Starrheit und Unbeweglichkeit den vollendetsten Antiken Ehre gemacht, man würde alle Apollo- und Bachusstatnen über uns vergessen haben. Was mich betrifft, so fror ich a posteriori , nicht a priori , oder vielmehr nur von hinten nicht von vorn, jedenfalls aber in meiner Idee als Fritz Beutel ein. Von dieser Idee aus thaute ich auch allmälig wieder mich selbst auf, ergriff alsdann mein bestes Brennglas, ging mit ihm von Einem zum Andern und thaute zuvörderst den Admiral mit ihm auf, dann die Offiziere, den Steuermann, den Hochbootsmann, den Koch, die Matrosen und Alle der Reihe und Rangordnung nach. Ich muß noch bemerken, daß in diesen hohen Breiten gerade das Erfrieren im Grunde der eigentliche normale Zustand ist und wunderbar belebend und erquickend auf die Nerven wirkt. Man kann sagen, daß man in diesen Breiten gerade durch das Erfrieren vor dem Erfrieren geschützt wird. Admiral Roß hat freilich dieser Dienste, die ich ihm und seiner Expedition geleistet, in seiner Reisebeschreibung nur beiläufig Erwähnung gethan. Ueberhaupt bemerkte ich bald, daß man auf mich neidisch und eifersüchtig war und mir meine Dienste mit offenem Undank lohnte. Also eines Morgens – wir lagen gerade in einer Bucht vor Anker – sagte ich zu mir: Fritz Beutel, selbst ist der Mann! verließ die undankbare Gesellschaft ganz in der Stille und begab mich ans Land, um auf eigene Faust den Nordpol zu entdecken. Ich schritt immer darauf los, von Eisberg zu Eisberg wie eine Gemse springend, und ich glaube, daß ich nur dieser ewigen energischen Bewegung es zu danken hatte, daß mein Blut in Bewegung blieb und in seinen Kanälen nicht gänzlich zu Eis erstarrte. In Folge eines Fehltritts glitt ich zwar auf einem dieser Berge aus und stürzte hinab; glücklicherweise war dies aber gerade eine so kalte Stelle, daß die Luft einige Fuß unterhalb des Berggipfels zu Eis erstarrt war, so daß ich auf dieser festgefrorenen Luftschicht unbeschädigt liegen blieb und meine Wanderung bis zum nächsten Berge, ohne Gefahr einzubrechen, fortsetzen konnte. Es wurde Nacht und diese Nacht wollte kein Ende nehmen; die Sterne schimmerten überaus hell, die Nordlichter knisterten und funkelten um mich her wie Bienenkörbe, Raketen und Schwärmer bei einem Feuerwerk. Ich selbst bildete einen integrirenden Bestandtheil des Nordlichts. Aus allen Theilen meines Körpers knisterten Funken; meine Hände glühten bald purpur- bald rosenroth, bald gelb, bald grün, meinen Fingern entströmten die prächtigsten Lichtstreifen, die bloße Verlängerungen dieser Finger zu sein schienen; meinem Munde entquoll eine fortgesetzte Gluthwolke elektrischen Dampfes; meine Augen waren rollende Feuerräder und von meinem Scheitel stieg riesenhoch eine schimmernde Lichtsäule in die Luft. Man hat zu der Zeit selbst unter sehr entfernten Graden südlicher Breite so prächtige Nordlichter beobachtet wie niemals zuvor und niemals später; kein Wunder, da sich meine animalisch magnetisch-elektrische Kraft mit der des Nordlichts verband und seine Wirkung um das Doppelte erhöhte. Auch wollte man an verschiedenen Punkten, von denen aus das Nordlicht gesehen wurde, im Kerne des Nordlichts die Gestalt eines feurigen Mannes bemerkt haben, der eine Cigarre rauchend darin gemüthlich spazieren ging. Es war dies ohne Zweifel meine Gestalt, die auf den elektrischen Dampfgewölken reflectirte. Die lange, die ewig lange arktische Winternacht war angebrochen; doch Dank dem Nordlichte und dem eigenen von mir ausstrahlenden Lichte war es rings um mich so hell wie am Tage. Eigentliche Wärme gab diese Aurora borealis allerdings nicht, aber wo Licht ist, ist auch Wärme, wenn auch eine kalte. Ich hatte mich allmälig akklimatisirt und eine schneeweiße Haut bekommen; denn in jenen Gegenden ist Alles weiß, weil die allein farbenspendende Sonne dort, wie ein deutscher Heldenspieler auf einem Provinzialtheater, nur vorübergehende Gastrollen gibt. Die Weisheit der Natur bewährt sich auch in dieser Einrichtung. Was weiß ist, ist zwar kalt an der Oberfläche, läßt aber die Wärme aus dem Innern nicht heraus. So gefriert ja der Schnee an der Oberfläche, während er in der Tiefe eigentlich warm ist. Hätte Jemand meine jetzt schneeweiße Haut mit warmen Fingern betastet, so würde er sie mit Schaudern zurückgezogen haben, denn ohne Zweifel war meine Haut kalt wie gefrorner Schnee. Die Lebenswärme in meinem Innern war aber um so condensirter, da sie nicht ausstrahlen konnte. Nach etwa vierzehntägiger Wanderung war ich nicht wenig überrascht. als mein stählernes Messer und mein Feuerstahl plötzlich aus meiner Seitentasche heraus und in einem gewaltigen Bogen weit von mir wegsprangen, bis sie meinem Gesichtskreise entschwunden waren. Ich lief ihnen in der Richtung, die sie eingeschlagen hatten, nach und je weiter ich kam, desto schneller setzten sich meine Füße, wie von einer mächtigen geheimnißvollen Kraft angezogen, in Bewegung – zuletzt so schnell, daß mein Oberkörper meinen Füßen kaum zu folgen vermochte und nur mit Mühe sich im Gleichgewichte erhielt. Plötzlich fühlte ich mich unten festgehalten, und unbeweglich stand ich da. Wie sehr ich mich auch anstrengte, mich loszureißen, es war nicht möglich. Ich betrachtete den Fleck, wo ich stand und bemerkte, daß meine Füße auf einem schwarzdunkeln Gegenstande hafteten, der nur sehr wenig aus dem Schnee hervorragte und an dem ich zugleich meinen Feuerstahl und mein Messer wie angelöthet hängen sah. Es wurde mir nun Alles klar: ich stand direct auf dem Nordpol. Mein Schuhwerk war mit stählernen Zwecken beschlagen, und der Pol hatte auf diese eine solche magnetische Kraft ausgeübt, daß das Schuhwerk mit mir davon gelaufen war, wie es jetzt mit mir am Pol festhaftete. Hier war guter Rath theuer, und der theuerste wäre vielleicht nicht gut gewesen. Ich that jedoch das Einzige was hier zu thun war: ich suchte aus meinen Stiefeln loszukommen, was mir denn auch endlich nach unsäglicher Mühe gelang. In bloßen Füßen im Schnee zu waten, wäre freilich nicht rathsam gewesen und ich machte mich daher daran, aus den Hinterpfoten des Eisbärenfells, die bis dahin malerisch an meinem Körper herabgehangen hatten, mir neues Schuhwerk zu bereiten, womit ich nach einigen Stunden mühseliger Arbeit zu Stande kam. Jetzt war ich vollkommner Eisbär, denn die Vordertatzen hatte ich schon früher zu Handschuhen verarbeitet und angezogen. Dem tückischen Nordpol widmete ich nur einige sehr kurze Betrachtungen. Dieser dunkele unscheinbare Gegenstand war also das mächtige Ding, dem sich die Magnetnadeln in der ganzen Nordhälfte der Welt zuwenden! Wie ganz anders hatte ich ihn mir gedacht, wenigstens in der Gestalt einer ungeheuren, mehrere Stunden im Umfang haltenden Magnetmasse, von Nordlichtern umspielt und schauerlich in die majestätische Oede und Eiswüste hingelagert! Und wie ärmlich lag das Ding nun vor mir da! Doch es geht uns ja auch so mit den meisten menschlichen Größen, wenn wir ihnen persönlich näher treten – ich selbst etwa ausgenommen, der, wie man mich versichert, bei näherer persönlicher Bekanntschaft nur gewinnt, wovon ich auch vollkommen überzeugt bin. Stahl und Messer dem Pol zu entreißen war mir unmöglich. Obschon ich die mir zu Gebote stehende magnetische Kraft in vollstem Maße anwandte, bewieß sich der tellurische Magnetismus doch stärker als mein animalischer. Ich ließ also Stiefel, Messer und Stahl am Pol hängen, wo sie ohne Zweifel noch hängen und demjenigen, der einmal diesen Punkt später erreichen sollte, als Beweisstücke dienen werden, daß Fritz Beutel schon vorher an diesem Punkte verweilt hat. Mit unsaglich vernichtender Verachtung wandte ich dem Pol den Rücken und begab mich von ihm weg, auf gut Glück die Richtung nach Süden einschlagend. Eins will ich gleich noch hier bemerken. Man hat in jenen Jahren eine große Unruhe an den Magnetnadeln, Compassen und Boussolen wahrgenommen und die scharfsinnigsten Hypothesen darüber angestellt. Dies erklärt sich jedoch aufs einfachste daher, daß ich durch die Einwirkung des Nordpols und meiner Berührung mit ihm eine unglaubliche Quantität magnetischer Kraft eingesogen hatte, so daß die Magnetnadeln nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, ob nach mir oder nach dem Nordpol, der für mehrere Jahre in eben dem Maße an magnetischer Kraft verloren als ich an magnetischer Kraft gewonnen hatte. Da ich nun zu jener Zeit immer auf Wanderschaft begriffen war, so versteht es sich von selbst, daß damals die Magnetnadeln in großer Unruhe waren, indem sie mich auf meinen Hin- und Herzügen begleiteten und sich immer dem Punkte zuwandten, auf dem ich mich gerade befand. Zwölftes Kapitel. Die Eskimos sind ein Volk, welches leichter als die Deutschen in den Fall kommt, in den Thran zu treten. Karl Ritter. Es ist recht schlimm, daß sie Prinzessin ist – Die Leonore mein' ich, lieber Tasso! Wenn sie ein Mädchen wär' aus niederm Stand, Das sich mit Sticken, Flicken oder Stricken Ihr Brod verdiente, ja, dann rieth ich selbst: Greif zu, mein Tasso! Goethe's Torquato Tasso. Nach kurzer Wanderung erblickte ich eine kegelförmige Anhöhe, die ich erstieg, um eine Umschau über das Gelände zu halten. Auf dem Gipfel angelangt, empfand ich eine angenehme Wärme und erblickte mich am Rande eines Kessels, in dessen Innerm eine kleine Flamme brannte. Lange hatte kein Feuer meine gefrornen Gebeine erwärmt, und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mich in den Schlund des kleinen Vulkans herabzulassen, um auf einem großen Felsblocke meinen Sitz aufzuschlagen und mich ein wenig zu wärmen. Es war hier ganz behaglich, und ich beschloß den arktischen Winter hier zuzubringen, wobei mir der Block zugleich als Kochherd dienen sollte, da die Flamme an der einen Seite desselben unmittelbar am Rande hervorschlug. Zwar war mir in dieser höchsten Nordregion seit einigen Tagen schon kein lebendes Geschöpf mehr zu Gesicht gekommen; aber ich hatte mich für diesen Fall vorgesehen und in der innern Seite meines Eisbärenpelzes Säcke und Taschen in großer Zahl angebracht und sie auf dem Schiffe, ehe ich es verließ, mit Speisevorräthen allerlei Art gefüllt, so daß ich mich mit Recht als eine wandelnde Speisekammer betrachten durfte. Auch einiges Geflügel, das ich in den ersten Tagen meiner Wanderung erlegt hatte, befand sich darunter, durch den Frost wohl conservirt. Bei sparsamer Eintheilung konnte ich mit Recht darauf rechnen, den Winter über auszureichen. Es ist so schön, wenn man nach langem Umherschweifen wieder an einem Herde sitzt, den man sein nennen kann. So war auch mir zu Muthe, und ich pflog sofort mit mir »Unterhaltungen am häuslichen Herd«, welche Gutzkow, dem ich sie später mittheilte, die erste Anregung zu seinem unter diesem Titel laufenden Journale gegeben haben. Indeß hatten die ungewohnte Wärme und der unablässige heiße Qualm auf meine Gebeine, deren Mark ohne Zweifel bereits in Schnee verwandelt sein mußte, eine eigenthümliche Wirkung. Nach einem ziemlich reichlichen Mahle versank ich in Betäubung, in eine Art Halbschlaf, ich fühlte wie ich mich, gleich den Bären im Winterschlaf, auf meinem Felsblock unwillkürlich zusammenkrümmte. In dieser Stellung lag ich da, Monate lang; nur zuweilen wurde mein Schlaf von Momenten eines aufdämmernden Bewußtseins unterbrochen, das aber bald wieder erlosch. Ich weiß nicht, ob es so sich wirklich verhielt oder ob ich nur davon träumte: kurz ich glaube während meines Winterschlafs an meinen eigenen Tatzen wie ein echter Bär gesogen zu haben. Ich will das zwar gerade nicht behaupten, aber auch nicht in Abrede stellen, wenn ein Gelehrter behaupten sollte, daß es so der Fall gewesen. Ein entsetzlicher Stoß weckte mich plötzlich auf, ich fühlte mich, indem ich mir verwundert die Augen rieb, unter donnerähnlichem Getöse emporgehoben und mit dem Steine, auf dem ich saß, hoch in die Luft geschleudert. Der Vulcan hatte explodirt und zwar mit so furchtbarer Gewalt, daß ich mit dem Felsblock wohl hundert Stunden weit nach Süden fortgetragen wurde. Hier fiel mein Flugwerk, der Block, auf einer abschüssigen Schneeebene nieder, auf der ich wohl wieder hundert Stunden weit mit erstaunlicher Schnelle rutschend hinunterglitt, denn der Schnee war festgefroren wie Eis. Jenseits des unermeßlichen Schneefeldes angekommen, erblickte ich mich in einer etwas minder rauhen Gegend, ja wer beschreibt mein Erstaunen, in der unmittelbaren Nähe eines Eskimodorfes. Der arktische Sommer war inzwischen angebrochen; die Sonne stand am Himmel und hatte sogar schon ganze Streifen Landes vom Schnee bloßgelegt. Ich schritt lustig auf das Dorf los und fand mich bald von einer Schaar klein gestalteter, wunderlich in Rennthierfelle gekleideter Eskimos umgeben. Sie machten auf mich Jagd und suchten mich einzufangen, weil sie mich für einen leibhaftigen Eisbären ansahen. Ich schlug das Bärenhaupt wie eine Mönchskaputze zurück, um mich in meiner menschlichen Gestalt zu zeigen; ich rief ihnen auf deutsch zu: Leute, kennt ihr mich nicht? Ich bin ja der Fritz Beutel aus Schnipphausen! Aber sie fuhren in ihren drohenden Bewegungen fort, indem sie unablässig Kax, Kax! und dann wieder Kux, Kux! riefen. Bald merkte ich, daß diese armseligen Creaturen in ihrer Sprache nur diese beiden Worte hatten, und meine Situation begreifend, rief ich mit ihnen zur Wette Kax, Kax! und Kux, Kux! Die Eskimos, offenbar erstaunt und erfreut darüber, daß ich ihre Sprache so schnell weghatte, nahten sich mir nun freundlich, begrüßten mich, indem sie mit ihrer Nasenspitze die meinige berührten, und reichten mir zur Besiegelung ihrer Freundschaft ein Gefäß mit Thran, den ich, grimmige Grimassen schneidend, hinunterschluckte, um es mit ihnen nicht zu verderben. Wir wanderten nun gemüthlich und kameradschaftlich dem Dorfe zu. Ehe ich in meiner Erzählung fortfahre, will ich einige den deutschen Gelehrten ohne Zweifel sehr willkommene Notizen über diesen am weitesten nach Norden vorgeschobenen Vorposten des Menschengeschlechts mittheilen. Der Stamm der Eskimos, unter den ich gerathen war, heißt die Kuxusen, und führt den Namen daher, weil diese Leute für alle Dinge, Personen, Oertlichkeiten und Begriffe nur jene beiden Worte Kax und Kux haben. Kax bedeutet alles Helle, Freudige, Gesunde, Lebendige, Farbige, Kux alles Dunkele, Traurige, Kranke, Todte und Farblose; Kax bedeutet Licht oder Tag, Kux Finsterniß oder Nacht, Kax Schönheit, Kux Häßlichkeit, Kax Tugend, Kux Laster, Kax Gesundheit und Leben, Kux Krankheit und Tod, Kax Reichthum, Kux Armuth, Kax unverdorbenen, Kux verdorbenen Thran, Kax frische, Kux faule Fische. Hier zwei Conversationsproben. Zwei Kuxusen begegnen einander. Erster Kuxuse: Kax (d. h. es freut mich Sie bei guter Gesundheit zu sehen); zweiter Kuxuse: Kux (d. h. nicht so ganz, leider habe ich Kopfweh); erster Kuxuse: Kux (d. h. bedauere; Kopfweh ist eine üble Angewohnheit; wie haben Sie sich's zugezogen?); zweiter Kuxuse: Kux (d. h. ich habe gestern zu Mittag Fische gegessen, die leider faul waren, und keinen Nordhäuser darauf gesetzt); erster Kuxuse: Kax (d. h. damit kann ich Ihnen dienen; nehmen Sie hier einen Schluck!); Zweiter, indem er aus der ihm dargereichten Flasche einen Schluck thut, und dann wieder einen und dann noch einen: Kax (d. h. ei, der ist von vortrefflicher Qualität); Erster: Kux (d. h. zum Henker! der Mensch läßt ja keinen Tropfen darin!). Oder ein kuxusischer Jüngling trifft eine kuxusische Jungfrau auf der Straße und es entspinnt sich folgendes Gespräch. Jüngling: Kax (d. h. etwa: schönes Fräulein, darf ich wagen, Arm und Geleit Ihnen anzutragen?); Jungfrau: Kux (d. h. etwa: Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehen); Jüngling: Kux (d. h. Sie zerreißen mein Herz; seien Sie nicht so grausam); Jungfrau: Kax (d. h. grausam will ich nicht sein; aber bitte, sprechen Sie recht bald mit meiner Mutter!) Jüngling (für sich): Kux (d. h. da bin ich in eine schöne Geschichte gerathen). Die Braut redet ihren Verlobten an: Kax! (d. h.: Angebeteter! oder süßes Leben! oder Herz meines Herzens!); nach ihrer Verheirathung schilt sie ihn: Kux! (d. h. Lump! oder Faullenzer! oder Tagedieb!). Diese wenigen Proben werden genügen, um von der Grammatik der Kuxusensprache einen Begriff zu geben. Wie es hiernach scheint, würde es den Missionären nur wenig Mühe machen, die Bücher der heiligen Schrift in die Landessprache dieses Völkleins zu übertragen, da ja die Uebersetzung aus lauter Kaxen und Kuxen zu bestehen haben würde. Aber man darf nicht vergessen, daß die Eingebornen in diese zwei einfachen Worte durch Dehnung, Kürzung, Schärfung, Dämpfung oder Verstärkung eine unendliche Menge durch Regel und Gebrauch festgestellter Nüancen zu legen wissen. Kux, in einem gewissen Tone und mit einem gewissen Accente ausgesprochen, enthält vielleicht nur einen sehr harmlosen Scherz; anders accentuirt und ausgesprochen dagegen eine Injurie, für die der Beleidigte seinen Beleidiger beim obersten Landesgerichtshof belangen oder ihn auf einen Gang scharfgeschliffener Eiszapfen fordern darf. Die Kuxusen tragen nämlich an ihrer Seite statt der Degen mehrere Fuß lange Eiszapfen, die sie durch künstliche Mittel so zu verdicken und zu verhärten wissen, daß sie selbst im Sommer nicht schmelzen und gegen nicht allzuharte Gegenstände angewendet einigermaßen den Dienst einer Waffe verrichten. So sind auch die Spitzen der Spieße und Pfeile aus Eis verfertigt. Man wählt dazu recht alte Eiszapfen, wie sie von Gießbächen und Wasserstürzen gebildet, an den Felsen des Landes hängen, oft in der Stärke und Dicke eines Mannesschenkels und nach dem Muster des meinigen. Man kann in allen Reisebeschreibungen, welche von den arktischen Regionen handeln, von dem ewigen Eise lesen, welches sich dort befindet. Es ist also logisch, daß ewiges Eis auch nicht im Sommer schmilzt, obschon man allerdings in den dortigen Gegenden der größeren Vorsicht wegen im Sommer entweder nur im Schatten kämpft, zu welchem Zwecke jeder Krieger einen Sonnenschirm mit sich führt, um dahinter die Eiswaffe zu verbergen, oder das Kriegführen lieber ganz bleiben läßt. Man spricht daher dort in militärischer Hinsicht von Sommerquartieren, wie man bei uns von Winterquartieren spricht oder wenigstens zu einer Zeit sprach, wo man noch nicht so grausam dachte, die Soldaten den Kampf mit den Elementen selbst bestehen zu lassen, wie dies jetzt geschieht. Ich muß bemerken, daß das Eis im Kuxusenlande ein sehr wohlfeiler, Holz und Metall dagegen ein sehr theurer Artikel ist. Die Garde der Kuxusen führt übrigens Spieße und Pfeile, deren Spitzen aus Splittern der Seehundknochen verfertigt werden. Ueberhaupt könnte der Kuxuse ohne den Seehund gar nicht bestehen. Aus seinem Felle bereitet er seine Kleidung wie seine Zelte, aus seinen Sehnen verfertigt er Zwirn, aus seinen Knochen drechselt er allerlei kunstvolle Gegenstände und Hausgeräthschaften, mit seinem Thran versorgt er sein Nachtlämpchen, mit seinen Knochenüberresten speist er das Herdfeuer und als Fenster bringt er in oval zugeschnittenen Oeffnungen die Augenhäute des Thieres an, die dazu in eigenthümlicher Weise zubereitet und gegerbt werden. Der Seehundsthran dient theils zur Erleuchtung, theils ist er bei den Kuxusen Nationalgetränk wie das Bier bei den Deutschen, und mit Talg vermengt, bereitet man daraus ein sehr schönes Gebäck, welches Wind und Wetter trotzt und wie man sogar im Conversationslexikon lesen kann, Pemmikan genannt wird. Ich vermuthe wenigstens, daß dieser kuxusische Kuchen sehr vortrefflich schmeckt, denn die Kuxusen und die Kuxusinnen machten, wenn sie ihn aßen, immer ganz eigenthümlich vergnügte, ich möchte sagen verliebte Gesichter, gerade wie die Leipziger, wenn sie sich im großen oder kleinen Kuchengarten an einer Portion Streuselkuchen gütlich thun. In solchen Augenblicken hätte ich wetten mögen, ich befände mich unter einem Trupp junger Leipziger Dandies und ihrer Schönen, die für Kuchen Alles wagen und thun. Was mich betrifft, so habe ich den Pemmikan, so oft ich auch von liebenswürdigen Kuxusinnen dazu eingeladen wurde, niemals berührt; er war wider meine Natur. Ich versicherte den Schönen, daß ihr reizender Anblick mich vollkommen gesättigt habe, und sie waren von diesem Compliment stets außerordentlich bezaubert. Sie konnten mir nicht oft genug Pemmikan anbieten, um nur recht oft dies Compliment zu hören. Ich sprach dann das Kax mit jener Weichheit aus, die dazu gehört, um den Kuxusinnen klar zu machen, was ich damit sagen wollte. Nur dies eine muß ich noch bemerken, daß das Wort Pemmikan aus der allgemeinen Eskimosprache in die Sprache der Kuxusen übergegangen, mithin eine wesentliche Bereicherung der Kuxusensprache ist. Bei feierlichen Gelegenheiten wird dazu möglichst viel Nordhäuser, eine Sorte starken gebrannten Wassers, getrunken. Es ist zwar nicht der gewöhnliche Nordhäuser, aber ich nannte ihn so, weil wir doch hier so recht im Norden hausten. Ich hatte sehr bald Gelegenheit durch den Augenschein zu erfahren, was die Eiswaffen der Kuxusen in militärischer Anwendung werth sind. Die Kuxusen lagen gerade im Kriege mit den Gurkchusen, einem mehr südlichen Eskimostamme. Es fand ausnahmsweise ein Sommerfeldzug statt, und unser Dorf, die Hauptstadt des Landes, erwartete einen Ueberfall. Man hatte mir das Vertrauen geschenkt, das ich verdiene, und mir die Anordnung der Vertheidigungsanstalten übertragen. Ich ließ nun große mächtige Schnee- und Eiswälle um das Dorf aufwerfen, Schießscharten darin anbringen und Bastionen aufwerfen, die einander deckten, ich ließ Eiskanonen und Eiskugeln, die für diese Geschütze bestimmt waren, anfertigen, ich ließ eine große Zahl Schneemänner auf den Eiswällen aufrichten und mit Pelzen aus Seehundsfell und Pelzmützen versehen, damit der Feind sie für lebende kuxusische Krieger und uns für stärker halte als wir wirklich waren; endlich errichtete ich eine Schwadron Kuirassiere, die mit Eiskeulen bewaffnet und mit Eispanzern und Eishelmen versehen waren und auf einer Gattung Bisamochsen ritten, welche in jener Gegend heimisch ist. Und so erwarteten wir den Angriff. Dieser ließ auch nicht lange auf sich warten. Die Gurkchusen rückten an, zwar auch meist nur mit Eisspießen, dann aber auch mit Schwertern aus Seehundsknochen bewaffnet, und drei- oder viermal an Zahl den Unsrigen überlegen. Ich ließ nun einen Theil unserer Mannschaft einen Ausfall aus unserm Sebastopol machen, obschon, ehrlich gestanden, im Grunde nur, um zu sehen, wie es bei einem solchen Kampfe der Eskimos Mann gegen Mann hergehe. Die Eispfeile und Eislanzen thaten freilich den Leibern weniger als den Pelzen Schaden, worauf auch die Bulletins vorzüglich Rücksicht nehmen, indem es z. B. in diesen heißt: »Den Feinden wurden in dieser denkwürdigen Schlacht zwölf Pelze beschädigt und sechs gänzlich unbrauchbar gemacht.« Kurz, nachdem beide Parteien einander so und so viele Pelze verdorben hatten, zogen sich die Unsrigen in ziemlich ungeordneter Flucht hinter die Eiswälle zurück, um nicht von der Uebermacht der Feinde erdrückt zu werden. Die Gurkchusen drängten nach, stutzten aber, als sie unsere vielen Schneemänner auf den Wällen erblickten. Diesen Augenblick benutzend protzte ich rasch hinter einander meine Eiskanonen ab, und die Gurkchusen erstaunten nicht wenig, als diese 32pfündigen Eiskugeln in ihre dichtgedrängten Glieder fuhren und einige Dutzend der ihrigen todt oder verwundet zu Boden streckten. Daß es so an das Leben, statt an die Pelze ging, war ihnen doch zu viel; ihre Reihen wankten und lösten sich. Jetzt ließ ich meine Gardekuirassiere einhauen. Ich bemerke hier, daß das Fell der Bisamochsen, auf welchen sie ritten, einen so penetranten Geruch von sich gibt, daß nur diejenigen, die wie die Kuxusen und ich sich daran gewöhnt hatten, ihn vertragen können. Die Gurkchusen jedoch konnten ihn nicht vertragen; sie nahmen vor ihm Reißaus oder fielen nach rechts und links ohnmächtig und betäubt zu Boden, so daß wir sie haufenweise vom Schnee auflesen konnten. Nachdem sie wieder von ihrer Betäubung sich erholt hatten, sperrten wir sie in das allgemeine Landesgefängniß, einen sehr geräumigen, aber nicht gerade sehr gemüthlichen Eiskeller. Als Trophäen brachten die Unsrigen eine Menge Pelzmützen zurück, von denen die schönste mir verehrt wurde, sammt einem edeln Rennthier und einem sehr wohlerzogenen Seehund. Man ernannte mich zum Generalissimus und schmückte mich mit dem Orden der Treue zum Nordpol, der aus einem runden Eisstück bestand, welches an einem Streifen Seehundsfell auf der linken Seite der Brust getragen wird und bei den Kuxusen in eben solcher Achtung steht, wie in Oesterreich das Theresienkreuz oder in Preußen der schwarze Adler. Hierauf wurde zur Feier des Siegs das ganze Dorf mit Thranlämpchen erleuchtet und ein festlicher Schmaus gehalten. Den ersten Gang bildete eine Suppe aus abgekochtem Thran, den zweiten ein Gericht getrockneter Fische mit Thran, den dritten gedörrte Seehundsleber mit Thran, den vierten Rennthiercottelete mit Thran, den fünften gerösteter Wallfischspeck mit Thran, und das Desert bildete das genannte Gebäck aus Talg mit Seehundsthran. Es war ohne Zweifel ein sehr köstliches Diner, denn alle Anwesende, Kuxusen sowohl als Kuxusinnen, schnalzten dabei mit der Zunge und streichelten sich den Magen. An die beutelländische feine Küche gewöhnt, genoß ich jedoch davon nichts, practicirte vielmehr mit großer Geschicklichkeit alle Speisen, die mir vorgesetzt wurden, in die weiten Taschen, was mir um so leichter wurde, da der reichlich genossene Nordhäuser sehr bald die Speisenden in eine Stimmung versetzte, in der sie auf meine Taschenspielerkunststücke nicht Acht hatten. Den Nordhäuser ließ ich mir jedoch sehr wohl behagen; auch entging mir nicht, daß Prinzessin Kax, die Tochter des Häuptlings Kux (jeder Häuptling wird als eine gefürchtete Person Kux, jede Häuptlingstochter als eine ungefürchtete Kax genannt) mir ganz eigenthümliche Blicke zuwarf, die ich wohl zu deuten wußte. Sie war, wie ich bemerkte, für eine Kuxusin keine ganz üble Person, obschon bereits etwas ältlich. Aufgefordert, wie es bei solchen feierlichen Gelegenheiten immer der Fall ist, das Wort zu ergreifen, hielt ich folgende Anrede: Kax! (Allgemeine Spannung). Kax! (Freudiger Zuruf). Kax! (Enthusiastischer Beifall). Kax! (Wüthender Beifall). Kux! (Unterbrechung vom entgegengesetzten Ende der Tafel, Zischen). Kax! (Augenniederschlagen der Damen). Kax! (Donnernder Jubel. Allgemeine Umarmung). In unsere etwas weitläufigere deutsche Sprache übersetzt, lautet diese Rede: »Verehrte Herren und Damen! Es ist nicht zu leugnen, und die Weltgeschichte wird es in ihre Tafeln einzeichnen, daß wir einen glänzenden Sieg erfochten haben, gegen welchen die Siege von Marathon und Salamis, Arbela und Gaugamela, Cannä und Zama, Leuthen und Austerlitz wie eine bloße Wirthshausschlägerei erscheinen. Ich glaube nur bescheiden zu sein, wenn ich mich einem Cyrus und Alexander dem Großen, einem Scipio und Hannibal, einem Karl und Otto dem Großen, einem Friedrich dem Großen und Napoleon einfach nur gleich und nicht über sie stelle. Und mit welchem geringen Verlust haben wir diesen weltgeschichtlichen Sieg erkauft! Doch muß ich auch dieser Opfer in Betrübniß gedenken! Die Pelze dreier Gemeinen sind zu Grunde gerichtet, der Pelz unseres verehrten Oberstlieutenants erhielt zwei und mein Eisbärenpelz sogar drei Löcher!« Hier kam von der entgegengesetzten Tafel, wie schon angedeutet, eine Unterbrechung, indem eine Stimme rief: Kux! d. h. der Unteroffizier Kux der Fünfhundertste (die Gemeinen und Unteroffiziere heißen nämlich bei den Kuxusen sämmtlich Kux und sind, um sie von einander zu unterscheiden, numerirt) hat in der Bastion Gustav Adolf die rechte Ohrenklappe an seiner Pelzmütze durch einen Pfeil verloren. Ueber diese Unterbrechung entstand allgemeines Zischen, das ich jedoch beschwichtigte, indem ich mit großer Fassung und Geistesgegenwart fortfuhr: »Ehre auch diesem Tapfern! Ich ernenne ihn hiermit zum stellvertretenden Major in meinem Generalstabe. Ich trage nun darauf an, daß dieser Schade auf dem Wege der Nationalsubscription wiederhergestellt und eine allgemeine Landestrauer angeordnet werde. Was mich betrifft, so würde ich so erhabene Thaten nicht haben vollbringen können, wenn nicht die Augen der schönen Kuxusinnen auf mir geruht und mich mit Begeisterung und Todesverachtung erfüllt hätten. Ich werde nun die schändlichen Feinde in ihrem eigenen Lande angreifen, schlagen, vernichten und mich ihrer Thranvorräthe bemächtigen. Dann aber laßt uns an die Interessen der Civilisation denken, deren Vorkämpfer ich bin, und Kunst und Wissenschaft in unsere Pflege nehmen, damit wir uns rühmen dürfen, nicht blos im Kriegswesen die Ersten zu sein, sondern auch an der Spitze der Civilisation zu schreiten. Ich leere dieses Glas auf die Wohlfahrt des edeln und großen Volkes der Kuxusen!« Diesen meiner Bescheidenheit Ehre machenden Worten folgte, wie schon bemerkt, allgemeiner Jubel. Alle Männer und Damen kamen der Reihe nach zu mir und berührten mit ihren Nasenspitzen die meine, küßten und umarmten mich. Da die Kuxusischen Damen keine Taschentücher mit sich führen, um sie schwenken zu können, so zogen sie ihre Brustlätzchen, in Seehundsfellen bestehend, hervor, und fuhren damit in der Luft umher, während mir die Prinzessin Kax die schmachtendsten und verführerischsten Blicke zuwarf wie buntbefiederte Liebespfeile. Die Augensprache ist ja die überall verständliche, und in dem in dieser Sprache verfaßten Universalwerke, an welchem jedes Frauenzimmer der Welt Mitarbeiterin ist (weßhalb es auch der dickste Foliant ist, den es gibt) kann Jeder selbst ohne Brille lesen, sollte er auch für seine eigene Person nicht fähig sein, in dieser an den verwickeltsten Constructionen reichen Sprache ein Gespräch zu führen. Merkwürdig, daß noch keine Grammatik und kein Wörterbuch dieser Universalsprache besteht! Das wäre doch noch eine Aufgabe für die Gebrüder Grimm und Compagnie! Indeß ließ ich für heute Abend die Prinzessin noch sitzen, indem ich selbst aufstand und mich heimlich entfernte. Es war gerade ein Augenblick allgemeiner Verwirrung eingetreten, die Tafel war aufgehoben worden und das allgemeine Zechgelage begann. An diesem pflegen sich auch die Kuxusischen Damen sehr lebhaft zu betheiligen, und wenn man die Oede und Einförmigkeit jener Regionen bedenkt, so wird man es ihnen billigerweise nicht verdenken können, wenn sie auf diesem Wege ihrer innern Welt bunte Bilder, Phantasien und Vorspiegelungen zuführen, die ihnen die äußere nicht bietet. In der That hatten die Augen der Damen bereits einen etwas eigenthümlichen gläsernen Ausdruck angenommen, als ich mich entfernte, wie große Herren in solchen Augenblicken immer zu thun pflegen. Ich muß freilich gestehen, daß ich mich auf dem Wege nach meinem Hotel – welches allerdings auch nur aus Seehundsfellen bestand und Schlaf-, Wohn- und Putzzimmer, Studierstube, Küche und Speisesalon Alles in einem Raume umfaßte – nicht gerade sehr als großer Herr fühlte. Das genossene geistige Getränk, die Aufregung, das Bombardement, dem ich aus den Augen der liebenswürdigen Prinzessin Kax fortdauernd ausgesetzt war, hatten ihre Wirkung nicht verfehlt: ich, der ich sonst in allen Stürmen des Lebens und der Elemente feststand, schwankte und fühlte mich diesem Sturm der verschiedenartigsten Eindrücke nicht gewachsen. Ich schwankte nach rechts und nach links, ich schwankte sogar nach vorwärts, ich glaube selbst nach oben; ich schwankte nach allen vier Himmelsgegenden; ich fühlte mich aus dem Norden nach dem Süden, aus dem Süden nach dem Westen und aus diesem nach dem Osten geworfen und begann dann wieder von neuem durch die ganze Windrose hin- und herzuschwanken. Einen Mittelpunkt gab es für mich nicht mehr. Meine Beine gehorchten mir nicht, oder ich gehorchte meinen Beinen nicht, und ich wußte kaum noch, ob sie zu mir gehörten, und ob ich noch ein körperliches Anrecht an sie hätte. Glückliches Volk der Kuxusen, welches sich einem solchen Zustande naiv hingibt, während wir Repräsentanten der europäischen Civilisation nicht umhin können, Betrachtungen darüber anzustellen, die, weil sie selbst keinen Mittelpunkt haben, uns erst recht nach allen vier Weltgegenden hin und her werfen! Diese Reflexionen waren denn auch schuld, daß ich plötzlich in eine wenig feste, gallertartig hin und her schlappende Masse gerieth, die ich allmälig als wirklichen Seehundsthran erkannte. Ich muß nämlich bemerken, daß der Thran in diesen Regionen nicht auf dem gewöhnlichen Wege durch Zersetzung der Fettheile gewonnen wird, sondern daß die weiblichen Robben den Thran mit sich führen und gemolken werden, wie bei uns die Kühe, nur daß sie dann nicht Milch, sondern Thran geben. Ich war nun auf einen freien Platz des Dorfes gerathen, wo die Seehundsmelkerinnen, die hier wie die Sennerinnen in der Schweiz eine eigene Corporation bilden, ihr Werk am Morgen verrichtet hatten. In diesen Thran trat ich, und seitdem ist für gewisse Zustände der Ausdruck: »er hat in den Thran getreten« in Deutschland gang und gebe geworden. Mit den Zuständen des andern Tages will ich mich nicht beschäftigen, da sie sich hinlänglich mit mir beschäftigt haben, ja mit dem ganzen Dorfe. Alle Einwohner des Dorfes lagen krank, und selbst Prinzessin Kax meldete sich krank. Niemand sprach heute das Wort Kax aus, wohin man kam hörte man in sehr abgedämpftem Laute das Wort Kux, was an diesem Tage nichts Höheres und nichts Geringeres als Katzenjammer bedeuten wollte. Es wurde nun ein großer marinirter Wallfisch in das Dorf geschleppt und an diesem entäußerte man sich seines Katzenjammers, immer in Begleitung des naturgemäßen Quantums von Liqueur, bis man sich wieder in dem Zustande befand, in welchem man gestern war. So ging es mehrere Tage fort. Als die Kuxusen sich endlich ernüchtert und eben so viele Tage und Nächte geschlafen als vorher gezecht hatten, trieb ich mit der mir gewöhnlichen Energie zum Aufbruche gegen die Gurkchusen. Ich stellte den Kuxusen vor, wie die Gurkchusen, schon mehr im Süden wohnend, viel bessere Weideplätze hätten, als wir, und wie es ja doch für uns viel zweckmäßiger und nützlicher sei, daß wir in dem Besitze dieser Weideplätze seien, als die Gurkchusen. Ich machte ihnen deutlich, wie entmuthigt die Gurkchusen durch ihre letzte Niederlage sein müßten und wie sie ohne Zweifel bei meinem Anblicke und bei dem ersten Knalle unserer Eiskanonen davon laufen würden. Da mich die Kuxusen wie ein Wesen höherer Art verehrten, so fiel es mir nicht schwer, sie meinem großartigen Plane geneigt zu machen. Der ganze Stamm machte sich nun zum Aufbruche fertig. Die Weiber und Kinder und was das Völkchen sonst noch an beweglichem Eigenthume hatte, wurden auf Schlitten geladen, welche mit dressirten Seehunden bespannt waren. Die Männer gingen zu Fuße; ich selbst bestieg mein edles Rennthier. Unsere Eiskanonen von schwerem Kaliber wurden von Bisamochsen, die von leichterem Kaliber von Rennthieren Fritz Beutel versteht hierunter das Carabou, das nordamerikanische Rennthier. gezogen. Am Tage vor dem Aufbruche hielt ich, umgeben von meinem Stabe, eine glänzende Parade ab, welche den berühmten Paraden der preußischen Garde unter den Linden schwerlich viel nachgab, indem namentlich das von mir errichtete Musikcorps Meisterhaftes leistete. Unsere Trommeln aus Seehundsfellen und unsere Tamtams und Triangeln aus Seehundsknochen, die kunstmäßig gegen einander geschlagen wurden, machten einen gewaltigen Lärm, bei dem es mehr auf kriegerischen Eindruck als auf Tact abgesehen war. Ich bemerke noch, daß ich für militärische Gegenstände den Kuxusen allmälig, wenn auch nicht ohne Mühe, die bei uns üblichen Kunstausdrücke beigebracht hatte, wie denn überhaupt durch mich bei den Kuxusen die Grundlage zu einer höheren Civilisation und selbst literarischen Bildung vorbereitet war. Folgenden Tages brachen wir auf. Der Marsch ging begreiflicherweise nicht sehr rasch von statten, da namentlich die Seehunde sich zu Lande nur langsam fortbewegen konnten und immerwährend mit aufgethautem Schneewasser übergossen werden mußten. Indeß vorwärts kamen wir trotzdem und am vierzehnten Tage standen wir vor dem Hauptlagerplatze der Gurkchusen. Ein dichter Nebel hatte diesen unsere Annäherung verborgen und von ihm begünstigt ordnete ich meine Heerschaar zum Angriffe. Plötzlich, es war gerade um die Mittagszeit, zertheilte sich der Nebel, und die Sonne fing an sehr warm auf unsere Pelze zu brennen und die in ihnen vorhandenen Eistheile aufzuthauen, sodaß von jedem Manne eine wahre Rauchsäule in die Luft stieg und die ganze Schaar einer langen Reihe von rauchenden Schornsteinen glich. Das Zelt des Häuptlings der Gurkchusen hatte ich bald an seiner hervorragenden Größe und an dem auf der Spitze angebrachten Seehundskopfe erkannt. Ich richtete also meine Hauptkanone gerade auf dieses Zelt und protzte los. Die Eiskugel sauste dahin, drang, den Seehundskopf fortreißend, mitten in den Zeltgiebel und fiel, wie ich später erfuhr, gerade in die mit Thran angefüllte Mittagsschüssel, um welche die Familie des Häuptlings versammelt war. Hierauf eröffnete ich aus allen meinen Batterien ein entsetzliches Massenfeuer. Diese unerwartete und ich gebe zu keineswegs sehr angenehme Begrüßung richtete nicht nur unter den Mittagsschüsseln der Gurkchusen, sondern auch unter diesen selbst eine furchtbare Verwirrung an, die sich noch dadurch steigerte, daß der Häuptling des Stammes, dem von dem Aufschlag der Kugel der heiße Brei in die Augen gespritzt war, längere Zeit nicht sehen konnte, was um ihn her vorging. Es fehlte daher an einer Oberleitung. Eine Anzahl entschlossener Bursche – und an persönlichem Muth fehlt es den Gurkchusen nicht – wagte jedoch einen Ausfall gegen uns. Da aber die Sonne gerade ungewöhnlich heiß schien, so fingen die Eisspitzen ihrer Lanzen an zu thauen und wegzuschmelzen, während unsere, aus unvergänglichem Nordpoleise verfertigt, der Gluth der Sonne Widerstand leisteten. Sie waren daher bald genöthigt sich zu ergeben, und ihr Anführer überreichte mir zum Zeichen der Unterwerfung mit betrübter Miene seinen Degen aus Seehundsknochen. Die Uebrigen streckten die Waffen. Die Capitulationsbedingungen wurden nun verabredet. Wer von den Gurkchusen bleiben wollte, durfte bleiben als Rennthiertreiber und Seehundsaufsucher. Denen, welche es vorzogen, sich in einer anderen Gegend anzusiedeln, gab ich, dem Zuge meines menschlichen Gefühls folgend, einige ihrer Rennthiere und die nothwendigsten Geräthschaften mit auf den Weg. Das Uebrige wurde von uns als Kriegsbeute betrachtet und in Beschlag genommen, und wir richteten uns nun in ihren Wohnungen, die viel comfortabler eingerichtet waren als die der Kuxusen, recht gemüthlich ein. Als der Winter anbrach, wurde durch Volksbeschluß in der Mitte des Dorfes mir zu Ehren eine Statue aus Schnee errichtet, welche mich in ganzer Leibesgestalt darstellte. Da sie an einer schattigen Stelle, hinter einer die Sonnenstrahlen abwehrenden Anhöhe, aufgestellt, mit Wasser, welches sofort gefror, häufig übergossen und daher mit einem wahren Erzpanzer belegt wurde, so darf ich annehmen, daß sie noch dort steht, um mein Andenken künftigen Geschlechtern zu erhalten. Die langen traurigen Winterabende verkürzte ich mir und der Prinzessin Kax mit der Lectüre des Goethe'schen Werther, den ich jetzt zum erstenmale kennen lernte und der mich in gleichem Grade fesselte wie ehemals Robinson Crusoe. Ein Exemplar desselben, freilich nur eine englische Uebersetzung, hatte sich, ich weiß nicht wie, aus des Admirals Roß Bibliothek und Speisekammer zugleich mit einem Schinken in eine meiner vielen Taschen verirrt und war darin stecken geblieben. Jetzt kam mir das Exemplar sehr zu statten, denn ich wäre sonst in der langen Winternacht verzweifelt. Es hatte freilich seine Schwierigkeit, mit der verschiedenen Nüancirung des Kax und Kux der Prinzessin jede Phrase des Buchs deutlich zu machen, aber es gelang mir doch über Erwarten gut. Auch hatte sie – denn die Liebe macht die Frauen ungemein scharfsinnig und gelehrig – sich eine ziemliche Menge deutscher Worte von mir angeeignet, so daß ich mir in manchen zweifelhaften Fällen mit diesen helfen konnte. Thatsache ist, daß wir den Werther lasen und daß die Prinzessin für ihn wie für die deutsche Nation, aus deren Schooße der Mann mit der gelben Weste hervorgegangen war, im reinsten und naivsten Enthusiasmus schwärmte. Ach, sagte sie, welch eine liebenswürdige Nation, die deutsche! Unter uns Kuxusen denkt kein Jüngling daran, sich um eines Frauenzimmers willen todtzuschießen. Sehr erklärlich, gnädigste Prinzessin! erwiederte ich, da Ihre Nation keine Pistolen hat, sich mithin auch mit keiner Pistole todtschießen kann. Nun, meinte sie naiv, wenn man den festen und ehrlichen Willen hat, sich um eines Frauenzimmers willen das Leben zu nehmen, so gibt's noch andere Mittel genug. Man kann sich ja vermittelst der gedörrten Gedärme eines Seehunds, die wir als Stricke brauchen, an einen Posten aufhängen oder in einem Thranfaß ertränken oder sich einen Eiszapfen ins Herz bohren! Dagegen war nichts zu sagen; umsomehr hatte ich gegen ihre glühende Neigung zu mir einzuwenden, denn diese gestaltete sich immer ernster und bedenklicher, während es mir durchaus nicht darum zu thun war, der Gemahl einer Kuxusenprinzessin zu werden, und mein Leben unter Thran, getrockneten Fischen und Seehunden zuzubringen. Zu selbiger Zeit besuchte uns öfters der Häuptlingssohn eines benachbarten Stammes, der Tschugatschen, den der Ruf unserer glorreichen Kriegsthaten angezogen hatte. Die beiderseitigen Väter beabsichtigten eine Verbindung der beiderseitigen Kinder, und der Vortheil einer solchen Verbindung mußte jedem wahrhaftem Patrioten und Politiker einleuchten. Die Gurkchusen, mächtig an Zahl, sannen ohne Zweifel auf Rache, und es war daher ganz staatsmännisch von dem Häuptlinge der Kuxusen gedacht, wenn er durch eine solche Liaison den mächtigen Stamm der Tschugatschen als seine Verbündeten gewinnen konnte. Knitschogarsk, wie jener junge Mann hieß, bewunderte mich zwar als Feldherrn, aber seine Eifersucht war noch stärker. Er erblickte in mir das einzige Hinderniß, welches der beabsichtigten Verbindung im Wege stand. Außerdem war ich ein Fremdling und ich bemerkte bald, daß, nachdem der erste Rausch der Dankbarkeit vorüber war, die Kuxusen darauf sannen, mich auf gute Manier los zu werden. Knitschogarsk forderte mich zuletzt auf einen Gang krummer Säbel aus Seehundsknochen. Da mir die Sache lächerlich war und ich mich auch auf diese Waffe nicht verstand, schlug ich den Zweikampf aus. Er verhöhnte und beleidigte mich nun, nannte mich vor Allen einen Feigling und Poltron und wiegelte die Kuxusen gegen mich auf. Sie brachten mir Abends Charivari's und höhnten mich aus, wenn ich mich öffentlich sehen ließ. Prinzessin Kax, die noch vor kurzem das Ansinnen an mich gestellt hatte, daß ich sie entführen und in das gefühlvolle Vaterland der Werther, Lotten und sentimentalen Butterbrode mitnehmen sollte, stellte mich zur Rede und fragte mich: ob es wahr sei, daß ich mich für sie nicht schlagen wolle? Nein, antwortete ich, niemals! Ein Angehöriger der Nation, welche das Pulver erfunden hat, schlägt sich nicht mit dem Angehörigen einer Nation, welche nicht das Pulver erfunden hat. Sie brach in einen Strom von Thränen aus, gestand, daß sie sich in mir geirrt und verrechnet habe, und erklärte, daß sie nun dem ritterlichen Knitschogarsk die Hand reichen werde. Nach diesen Vorgängen war meine Stellung unter den Kuxusen, wie ich wohl einsah, unhaltbar geworden. In der nächsten Nacht – der Sommer war darüber herangekommen – sattelte ich mein Rennthier, versah mich mit dem Nöthigsten und sprengte davon, immer dem Süden entgegen. Was ein solches Rennthier laufen kann, wenn es nicht mit einem Seehundsgespann gleichen Schritt halten muß, grenzt ans Unglaubliche, und nach wenigen Tagen langte ich in einer der russischen Niederlassungen an der Westküste von Amerika an. Hier verkaufte ich mein Rennthier und meinen Eisbärenpelz, den ich bis dahin immer noch getragen hatte, schaffte mir für den Erlös Kleider nach russischem Schnitt an und legte mich dann in die Sonne, um die letzten Eistheile, die in meinem Blute und meinen Gebeinen noch vorhanden waren, aufthauen zu lassen. In der That dunstete ich dabei so, daß ich förmlich wie in eine Dampfwolke gehüllt war, welche von fernwohnenden Leuten für aufsteigender Nebel gehalten und auf bevorstehendes Regenwetter gedeutet wurde. Nachdem der Ausfrierungsproceß nicht ohne Mühe vollzogen war, brach ich plötzlich und unwillkürlich in ein viertelstündiges lautes Gelächter aus. Es hatte sich nämlich unter den Kuxusen unendlicher Lachstoff in mir gesammelt, da aber bis dahin meine Lachmuskeln zusammengefroren waren, hatte ich ihm trotz aller Anstrengungen nicht Luft machen können. Jetzt nach aufgethauten Lachmuskeln entlud sich der in mir zusammengepreßte Lachstoff auf einmal und mit unwiderstehlicher Gewalt. Dreizehntes Kapitel. Meist zieren nur die Orden den Mann, und äußerst selten sind die Fälle, wo der Mann die Orden ziert. Ich kenne nur Einen, einen Deutschen, Namens Fritz Beutel, der die drei höchsten russischen Orden, welche ich ihm anbot, mit einer Ungenirtheit und einem Selbstbewußtsein einsteckte, wie ich niemals zuvor und niemals später erlebt habe. Dieses Selbstbewußtsein wäre einer bessern Sache würdig gewesen. Mémoires de M. Michailowitsch Andrejewitsch Karabatchew. Man hüte sich vor dem kalifornischen Golde! Es kommt uns sehr verdächtig vor und scheint uns nicht ganz echt zu sein. Leitartikel der Times vom 1. Sept. 1849. Der russische Gouverneur, Michailowitsch Andrejewitsch Karabatschew, hatte schon von meinen gegen die Gurkchusen ausgeübten Thaten gehört und lud mich zu einem splendiden diplomatischen Diner ein. Gewiß war es ein diplomatisches, dieses Diner, wenn auch nur tête-à-tête . Der Russe suchte mich während desselben über die Verhältnisse und die Zustände bei den Kuxusen und Tschugatschen auszuholen, sprach über die allgemeine Weltlage und über die politische Zukunft der Eskimos und ließ nicht undeutlich merken, daß es der Regierung in St. Petersburg und der russischen Compagnie ungemein angenehm sein würde, einen Mann wie mich zu einer politischen Function bei den Eskimos zu verwenden. Er ging nämlich mit dem großartigen Plane um, alle Eskimos unter dem Banner einer untheilbaren Republik zu vereinigen, um in ihnen ein Gegengewicht gegen die englische Herrschaft in Nordamerika zu haben. Die Eskimos sollten ein Nationalparlament erhalten und wer nicht hinein wollte, sollte von einigen dazu dressirten Seehunden hineingehetzt werden. Niemand sollte in diesem Parlament den Mund aufthun dürfen; die Deputirten sollten alljährlich drei oder vier Monate stumm dasitzen und dann wieder auseinander gehen. Aber die republikanische oder wenigstens parlamentarische Form hielt er für nothwendig, damit es aussähe, als verwalteten die Eskimos sich selbst und die Engländer somit keinen Anlaß hätten, zu interveniren. Ich selbst sollte Präsident dieser untheilbaren Republik der Eskimos werden, und als Präsidentengehalt verbürgte mir der Gouverneur zehn Tonnen Seehundsthran, ebensoviel Tonnen Fischthran, drei Tonnen Wallfischspeck und täglich ein Quart Wutky, Prügel außerdem soviel ich haben wollte. Die russischen Diplomaten sind wegen ihrer außerordentlichen Schlauheit bekannt. Michailowitsch Andrejewitsch Karabatschew machte von ihnen keine Ausnahme. Denn als beim sechsten Gang neue Teller servirt wurden und ich die Serviette aufhob, fand ich auf dem Teller nichts Geringeres als den St. Annenorden erster Klasse liegen. Bitte, bedienen Sie sich! sagte Michailowitsch Andrejewitsch Karabatschew; langen Sie zu! Thun Sie Ihrem Appetit keinen Zwang an! Da der Orden in Brillanten gefaßt war, that ich allerdings meinem Appetit keinen Zwang an, sondern steckte den Orden in die Tasche. Der siebente Gang kam; ich lüftete die Serviette und fand darunter zu meiner Ueberraschung den St. Wladimirorden. Darf ich bitten? sagte verbindlich Michailowitsch Andrejewitsch Karabatschew. Es wird fast zu viel, Excellenz! erwiederte ich, und that den St. Wladimirorden zu dem andern. Nun kam das Desert, darunter köstliche Apfelsinen. Ich langte, wie sich von selbst versteht, nach der größten, denn ich war immer für das Größte und bin es noch heutzutage. Wie überrascht war ich, als die Apfelsine sofort in zwei Hälften zerfiel und zwischen beiden der Alexander-Newsky-Orden lag! Geniren Sie sich nicht, mein Herr! sagte Michailowitsch Andrejewitsch Karabatschew. Kaum bin ich's noch im Stande, Excellenz; erwiederte ich, indessen – –, und damit that ich auch den Alexander-Newsky-Orden, der einige tausend Rubel werth zu sein schien, zu den andern. Das Diner war zu Ende; wir erhoben uns und ich machte dem Gouverneur einige Schmeicheleien über sein kostbares Diner. Ach, erwiederte er, wir speisen so alle Tage, es ist Hausmannskost. Aber was sagen Sie zu meinem Vorschlage, Herr Beutel? fügte er lauernd hinzu, dürfen wir auf Sie rechnen? Ich hätte nur das eine Bedenken, bemerkte ich, daß man bei den Eskimos gar nicht aus dem Thrane herauskomme, ich wolle jedoch die Sache in Erwägung ziehen und bäte mir drei Tage Bedenkzeit aus. Daß man so Etwas in Ueberlegung zieht, erwiederte Michailowitsch Andrejewitsch Karabatschew, versteht sich von selbst, schon der Form wegen. Wenn indessen Andere zu überlegen wissen, so wissen wir Russen über zulegen – er machte eine Pantomime, die nicht mißzuverstehen war – und ich fühle mich verpflichtet, Sie freundschaftlichst darauf aufmerksam zu machen. Im Ueber legen leisten wir Russen etwas. Ich danke unterthänigst für den Wink, Excellenz! antwortete ich, und empfahl mich. Die Sache ging mir im Kopfe herum. So viel stand freilich bei mir fest, unter die Eskimos und ihre Seehunde nicht wieder zurückzukehren; aber was mir Michailowitsch Andrejewitsch Karabatschew durch seine Pantomime in Aussicht stellte, war doch auch zu bedenken. Wie nun dieser Alternative entgehen? Glücklicherweise war gerade ein dänischer Wallfischfänger im Hafen eingelaufen. Ich machte die Bekanntschaft des Kapitäns, Jens Magnussen, und accordirte mit ihm. Er ließ sich um so bereitwilliger finden, mich mitzunehmen, da er aus meinen Gesprächen bald merkte, wie genau ich die Natur der Wallfische aus näherem vertrauteren Umgange mit ihnen kannte und wie ich der Mann sei, ihm in zweifelhaften Fällen guten Rath zu ertheilen. Folgenden Morgens, um es kurz zu machen, befand ich mich bereits auf hoher See. Zwar schickte uns der Gouverneur ein russisches Linienschiff nach, um meiner wieder habhaft zu werden, wir hatten aber einen bedeutenden Vorsprung und unser Schiff war ein Schnellsegler. Die Fahrt ging am ersten Tage ganz glücklich von statten; aber am zweiten geschah ein Unglück. Hatte ich durch meine Sympathie für die schleswig-holsteinische Sache, die ich schon damals bekundete, den Zorn der dänischen Matrosen erregt; oder waren sie nach meinen russischen Orden lüstern, die sie immerfort in meiner Tasche klappern hörten – kurz, als ich gerade meine Cigarre rauchend auf dem Deck spazieren ging, sah ich sie mit Messern bewaffnet und wüthendes Geschrei erhebend, auf mich losstürzen. Der Anführer trat drohend auf mich zu und forderte mir meine russischen Orden ab. Nicht einen Stüber sollst du erhalten, rief ich, aber einen Nasenstüber! Damit gab ich ihm einen und zwar einen so mächtigen, daß er rücklings auf das Verdeck niederstürzte. In demselben Augenblicke fühlte ich, wie das Fahrzeug plötzlich durch eine unbekannte Macht am Vordercastell in die Höhe gehoben wurde. Im nächsten Augenblicke kugelte es um, so daß die Masten nach unten ins Wasser tauchten und wir alle ein sehr unfreiwilliges Bad nehmen mußten. Das Fahrzeug war von einem colossalen Wallfisch unterlaufen und umgestürzt worden. Ich behielt noch Geistesgegenwart genug, meine Flinte, die ich gegen den Mast gelehnt hatte, zu ergreifen, auf den Schwanz des Fleischcolosses zu klettern und von hier aus seinen Rücken zu besteigen, der wie ein Berg sich aus den Wellen erhob. Da saß ich nun, zwar gerettet, aber doch in einer sehr bedenklichen Lage, wie jeder Leser zugeben wird, der sich jemals in einer gleichen Situation befunden haben sollte. Die Moral davon ist, daß sich Niemand, der schleswig-holsteinische Sympathien im Herzen und drei russische Orden in der Tasche trägt, mit einem dänischen Wallfischfänger einlassen soll. Die Sache hat ihr sehr Bedenkliches. Den Verschwörern bekam übrigens das Bad sehr schlecht; ich sah sie sämmtlich unter den Wellen verschwinden. Der Wallfisch trieb fort nach Süden, und da dieses Thier bekanntlich schneller schwimmt als ein Vogel fliegt, so kam ich sehr rasch mit ihm vorwärts. Als einzige Nahrung diente mir sein Speck, den ich ihm streifenweise aus den Seiten herausschnitt, was das Thier gar nicht zu merken schien, denn es that keinen Muck. Wenn das Ungethüm, wie der Wallfisch gern thut, einen Satz über die Oberfläche der See machen wollte, so griff ich schnell in die Saiten meiner Guitarre und beschwichtigte das gute Geschöpf mit ihren himmlischen Klängen. Wer mich so gesehen hätte, würde wahrscheinlich geglaubt haben, Arion und seinen Delphin zu erblicken; nur daß sich Arion gegen mich verhalten haben mag, wie sein Delphin gegen meinen Wallfisch. Das Schlimmste war, daß ich mich hüten mußte, einzuschlafen, um nicht von dem breiten, aber gewölbten Rücken des Thieres auszugleiten und ins Wasser zu fallen. Endlich aber, in der dritten Nacht – an der warmen Lufttemperatur merkte ich, daß wir schon in sehr südliche Breitegrade gelangt sein mußten – vermochte selbst meine sonst Alles was sie will durchsetzende Natur nicht länger dem mächtigen Bedürfniß des Schlafs Widerstand zu leisten. Die Flinte in den Arm nehmend, streckte ich mich auf den Rücken des Thieres hin, ergab mich in mein Schicksal und entschlummerte. Plötzlich bei Tagesanbruch fühlte ich, wie ich durch einen entsetzlichen Ruck hinabgeschleudert wurde und gerade mitten in ein von mehreren Männern besetztes Boot niederfiel. Mein Erstaunen war aber noch größer, als mich einer der Männer mit den Worten begrüßte: Alter Freund! alter Freund! wo kommt Ihr denn her? Es war dieselbe Stimme und es waren dieselben Worte, welche mich früher von der Austernklippe her in gleicher Weise überrascht hatten – Krischan Schroop stand vor mir. Unsere Freude war, wie sich denken, aber nicht in Worten schildern läßt, beiderseits sehr groß. Er theilte mir in aller Kürze mit, daß wir uns hier in der Nähe der kalifornischen Küste befänden, wo er eine Farm besitze. Er sei gerade mit Männern aus der Nachbarschaft auf den Wallfischfang ausgegangen, den er sehr liebe, zumal da seine Gattin Marie, geborne Windelmeier, immer erkläre, daß sie der Welt keine bessern Seiten abzugewinnen vermöge, als Speckseiten. Krischan Schroop und seine Begleiter hatten, während ich schlief, den Wallfisch harpunirt und sprangen nun mit dem getödteten Riesenthiere um, wie dies immer der Fall ist. Das Thier wurde in Stücke zerlegt, die Stücke wurden in Fässer verpackt, die Fässer ins Unterdeck gebracht, und nachdem dies geschehen, die Segel gelichtet. Wir steuerten der kalifornischen Küste zu. Bald hatten wir diese und mit ihr die nahe an der Küste gelegene Farm des ehrenwerthen Herrn Schroop, »Krischansruhe« genannt, erreicht, um seiner inzwischen recht behaglich und rundlich gewordenen Frau die einzigen Seiten zu überbringen, die sie dem Leben abzugewinnen vermochte. Hänschen, ein derber, deutsch aussehender flachshaariger Bube, sprang uns entgegen und bald darauf trat auch Mariechen, ein kleines Töchterchen an der Brust, in die Thür und hieß uns willkommen. Ueber mein plötzliches Wiedererscheinen sich zu wundern hatte sie keine Zeit, da sie darüber zu wachen hatte, daß sie bei der Vertheilung der mitgebrachten Speckvorräthe von den andern Männern nicht übervortheilt würde. Ich fragte sie schalkhaft, ob sie ihren ehemaligen Verlobten Bernhard angetroffen habe; sie aber antwortete zerstreut: »Speck ist mir lieber!« und damit rannte sie nach dem Schiffe, um bei der Ausladung und Vertheilung der Vorräthe gegenwärtig zu sein. Ein recht herzliches Wiedersehen fand zwischen mir und Hector statt. Er war inzwischen etwas fettleibig geworden und schien sich, wie alle allzucorpulenten Personen, vor zu heftigen Gemüthsbewegungen in Acht zu nehmen, denn er begab sich nach den ersten conventionellen Begrüßungsförmlichkeiten auf sein Lager zurück. Also auch bei einem Hunde hält der schöne ideale Schwung und der hingebende naive Enthusiasmus der Jugend nicht Stich! Alle ihm sonst so eigene lyrische Erregbarkeit schien von ihm gewichen und zur behaglichen epischen Breite und Ruhe abgedämpft zu sein. Er war nicht mehr Goethe, der den Werther, sondern Goethe, der Hermann und Dorothea dichtet. Sein schönes wohlwollendes Gemüth sprach sich freilich immer noch in einzelnen rührenden Zügen aus, namentlich in seinem Verhältniß zu dem kleinen Hans. Dieser konnte sich auf ihn setzen, ihn an den Vorderbeinen hin und herziehen, kurz, alle mögliche Kurzweil mit ihm treiben, und er ließ sich Alles gefallen; er knurrte höchstens, denn das Bellen schien seine Nerven sehr anzugreifen. Abends (wie sich bei Krischan von selbst versteht, bei einem Glase Grog) theilten wir uns unsere Schicksale mit. Da ich jedoch in diesem Buche die Hauptperson bin und es in meinem Interesse liegt, die große Theilnahme, welche der Leser für mich empfindet, nicht auf andere Personen allzusehr abzulenken, auch Krischan Schroop über das, was hinter ihm lag, niemals viel Worte zu machen pflegte, so beschränke ich mich hier nur auf das Hauptsächlichste, so viel gerade nöthig scheint, um in meiner Erzählung keine Lücke zu lassen. Als ich am Morgen nach der Entführung meiner Gemahlin Rache brütend in das Innere von Beutelland aufgebrochen war, hatte Krischan mich aufsuchen wollen und war dabei auf den wie todt hingestreckten Hector gestoßen. Er rief nun meinen Minister der Medicinalangelegenheiten, den ehemaligen Schiffswundarzt Winkerle herbei, und dieser erklärte, daß Hector wohl noch nicht völlig zu seinen Vätern hinübergeschlummert und noch Aussicht auf Rettung sei. Hector habe zwar, erklärte Winkerle weiter, Gift erhalten, dieses ihn aber nur betäubt. Nun habe Winkerle ihm eine Ader geöffnet, Umschläge um den Kopf gemacht und ihm ein Gegengift eingeflößt, welches er aus einer Pflanze der Insel gewonnen habe, deren Saft gegen Alles gut sei. Gleich darauf sei Hector zur Besinnung gekommen und habe sich auf seinen vier Beinen wieder emporgerichtet; doch habe er seine alte Lebhaftigkeit nie wieder gewonnen und, wie ich wahrnehmen könne, seitdem eine besondere Anlage zum Fettwerden entwickelt. Bald darauf sei jene furchtbare Katastrophe eingetreten, welche die Insel Beutelland in die Tiefe des Meeres versenkte. Der entsetzliche Tornado und das Erdbeben hätten die Uferstrecke, worauf sich Krischan und seine Familie nebst dem Hunde Hector und dem Minister Winkerle befanden, von der Insel abgelöst und ein entsetzlicher Windstoß habe dieses Land sammt Bäumen und Gesträuchen übers Meer, über die Austernklippe hinweg bis nach Pipermannland getragen, wo es an einer Anhöhe hängen geblieben. Auch hier hätten sie Alles in Verwirrung angetroffen, denn alle Berge der Insel hätten, offenbar im Zusammenhange mit der Beutelländischen Katastrophe, ihre Schlünde und Schlote geöffnet, Feuer und Dampf ausgeworfen und einen Lärm gemacht, daß er noch lange Zeit an Schwerhörigkeit gelitten habe. Rackerino Rackerini sei mit seinen getreusten Anhängern, zum gerechten Lohne für seine und der Seinen schwarze Thaten, ins Meer hinaus geschleudert worden und wahrscheinlich seien sie Alle in den Wogen des Meeres umgekommen; denn man habe von ihnen niemals wieder etwas gehört oder gesehen; Peter Silje und meine Gattin Beate Regina Cordula Veronica geborne Pipermann, nebst der kleinen Prinzessin Guitarria Cichoria Cigarretta seien am Leben erhalten worden. Erst nach acht Tagen hätten die Vulkane der Insel ihr Feuer eingestellt, und nun habe er, Krischan Schroop, ein noch vorhandenes großes Boot seefertig gemacht und mit diesem seien sie nach der Richtung des Festlands von Amerika losgesteuert; denn auf der ausgebrannten Insel Pipermannland sei für sie kein Bleibens gewesen; alle Metallmassen hätten sich in glühendem Flusse befunden und der Boden noch fortdauernd rumort. Sie seien endlich auch glücklich auf der Küste von Florida gelandet, nur meiner Gemahlin Beate sei unterwegs ein Unglück zugestoßen. Von Reue gefoltert und nach mir sehnsüchtig verlangend, habe sie immer am Rande des Bootes gesessen, die Hände nach mir ausgestreckt, und in herzzerreißenden Tönen gerufen: »Fritz, Fritz, vergib mir! ich komme! ich bin die Deine!« und so sei sie eines Tages mit der kleinen Prinzessin im Arme in das Meer gestürzt. Dank den weiten Kleidern, die sie gerade getragen, sei sie jedoch nicht untergesunken, sondern eine weite Strecke von den Wellen fortgeführt und von einem Schiffe, das eine ihm unbekannte Flagge geführt, in dem er jedoch ein nach der afrikanischen Küste segelndes, zum Sclavenhandel bestimmtes spanisches Schiff zu erkennen gemeint habe, nebst der kleinen Prinzessin aufgefischt worden. Das Schiff habe sich alsdann entfernt, und er könne nicht sagen, was aus ihr geworden. Die Uebrigen hätten nach ihrer Landung auf der Küste von Florida verschiedene Richtungen eingeschlagen und er wisse nicht, wo Peter Silje und Winkerle ein Ende genommen; er selbst habe mancherlei Schicksale durchgemacht und habe endlich, wie der Augenschein lehre, hier einen festen Wohnsitz gefunden, den er auch nicht wieder zu verlassen gedenke. Hieraus erfuhr ich wenigstens, daß meine Gemahlin und mein Töchterchen, insofern ihnen später kein Unglück zugestoßen, gerettet waren. Aber wo sollte ich sie suchen, da das Schiff, welches sie aufgenommen, eine ganz entgegengesetzte Richtung und zwar der Aussage Schroop's gemäß die nach der afrikanischen Küste eingeschlagen hatte? Ich that, was mir unter diesen Umständen das Zweckmäßigste zu sein schien: ich schickte an das Leipziger Tageblatt eine Annonce, worin ich meine mir abhanden gekommene Gemahlin aufforderte, mir durch dasselbe berühmte Organ Kunde von ihrem gegenwärtigen Aufenthalt zu geben. Da nämlich anzunehmen ist, daß Leipziger Stadtkinder über alle Welt zerstreut sind, ein Leipziger aber ohne Speckkuchen und Schweinsknöchelchen nicht wohl leben kann, und das Leipziger Tageblatt als das einzige officielle Organ für diese Genüsse ohne Zweifel von jedem Leipziger in der Welt gehalten wird, so konnte ich wohl darauf rechnen, auf diesem Wege sicherer als auf jedem andern die gewünschte Auskunft zu erhalten. Im Uebrigen konnte ich freilich nicht wissen, ob sich Alles so verhielt, denn die Schiffskapitäne pflegen fürchterlich aufzuschneiden. Ich habe Schiffskapitäne kennen gelernt, die so viel Wind machten, daß er sich förmlich in die Segel setzte und zur Beschleunigung der Fahrt wesentlich beitrug. Von meinem Aufenthalt auf diesem Punkte der Welt habe ich sonst nicht gerade viel zu berichten. Wir besuchten unter andern unsern Nachbar (denn in diesem damals noch sehr dünn bevölkerten Lande nennt jeder Farmer den andern seinen Nachbar, und wenn sie Hunderte von Meilen von einander entfernt wohnen), den auch in Reisebeschreibungen viel genannten Badner Sutter auf seiner weitläufigen und wohleingerichteten Farm. Ein kleiner Spaß, den ich mir mit ihm erlaubte, hat später eine welthistorische Wichtigkeit erlangt. Ich hatte nämlich aus einem eigenthümlichen Mineral, welches sich dort in großen Massen vorfindet, durch Zufall eine Tinctur ausziehen gelernt, von der einige Tropfen hinreichen, einem Centner Blei oder Eisen das vollkommene Ansehen von Gold zu geben. Auf die Leichtgläubigkeit Sutters bauend, hatte ich einige Tonnen mit dieser Tinctur gefüllt, sie auf Büffeln an verschiedene Punkte Kaliforniens geführt, und dann ihren Inhalt in die Flüsse und Bergbäche auslaufen lassen. Diese Tinctur hat dem Märchen von dem kalifornischen Golde seine Entstehung gegeben; denn sie durchdrang das kalifornische Erdreich nach allen Richtungen und verwandelte alle metallischen Bestandtheile desselben anscheinend in Gold. Wenige Tage darauf schöpfte Sutter auf einer Jagdparthie Wasser in seinen Trinkbecher und war nicht wenig überrascht, als auf dem Boden des Bechers eine Schicht von Goldkörnern übrig blieb. Sutter, zu erfreut um das Geheimniß für sich zu behalten, machte Lärm von der Sache, und so geschah es, daß seitdem Tausende und aber Tausende nach Kalifornien strömten, um dort nach Golde zu graben, was aber nichts weiter ist als elendes durch meine Tinctur gelb gefärbtes Blei oder Galmei. Man wird meiner Mittheilung keinen Glauben schenken, aber es verhält sich so wie ich gesagt habe. Ich gebe den aus diesem vermeintlichen Golde geprägten Ducaten und Sovereigns höchstens noch zehn Jahre Zeit; dann werden sie in ihrer natürlichen Gestalt erscheinen als bloße Bleistücke und außer Cours gesetzt werden müssen. Es möge sich daher Jeder, der solche Goldstücke besitzt, bei Zeiten warnen lassen! Das Hauptvergnügen, dem wir zu unserer Zerstreuung oblagen, war die Büffeljagd. Diese ist aber in der Weise, wie sie in der Regel betrieben wird, sehr umständlich und beschwerlich. Daher sann ich darauf, die Methode des Einfangens zu erleichtern und zu vereinfachen. Dies bewerkstelligte ich auf folgende Art. Da ich in den arktischen Breiten, wie schon erzählt, in der Bereitung von Spiegeln eine große Meisterschaft erlangt hatte, legte ich eine Glashütte an, die erste in jenen Landstrichen und daher den Farmern begreiflicherweise sehr willkommen. Ich verfertigte nun gewaltige Hohlspiegel von mehreren Fuß im Durchmesser, in denen sich jeder Gegenstand in umgekehrter Stellung abspiegelte. Mit diesen Spiegeln betrieb ich nun die Büffeljagd, nämlich so: Ich trat mit meinem Hohlspiegel dem Büffel, der durch die zu Pferde ihn verfolgenden Jäger gegen mich gehetzt wurde, ruhig entgegen und hielt ihm meinen Hohlspiegel vor die Augen. Da nun das dumme Thier seinen Kopf sammt den Hörnern im Hohlspiegel in umgekehrter Lage erblickte, bildete es sich ein, es liege auf dem Rücken. Um, wie es vermeinte wieder auf seine Beine zu kommen, warf es sich zu Boden, lag nun wirklich auf dem Rücken und streckte seine vier Beine in die Luft, die dann ohne alle Mühe und Beschwerde mit Stricken gefesselt werden konnten. Sutter nannte mich vor Freuden einen Blitzkerl und meinte, es sei doch lächerlich, daß noch Niemand vor mir auf eine so höchst einfache und unfehlbare Jagdmethode gerathen sei. Bei allen Thieren möchte diese Methode freilich nicht angewandt sein, aber der Büffel ist von Geburt wie von Erziehung dumm, und auf die Dummheit muß der Pfiffige stets speculiren. Indeß durch den häufigen Erfolg sicher und verwegen gemacht, versah ich eines Tages den richtigen Moment. Der gehetzte Büffel war mir zu nahe gekommen, zertrümmerte mit seinen gewaltigen Hörnern den Hohlspiegel und senkte nun sein viereckiges Haupt, um mich von unten auf in die Höhe zu heben. Es blieb mir nun nichts anders übrig, als mich über seine Hörner hinweg auf seinen Rücken zu schwingen und mich an seinen dicken über seinen Nacken sich der Länge nach hinziehenden Haarwulst festzuhalten. In gewaltigen Sprüngen raste nun das Thier, von einer ganzen Büffelheerde gefolgt, über weite endlose Prairieen, immer nach Westen dahin und immer weiter und weiter. Es war ein entsetzlicher Ritt, bei dem dem Büffel die Haarwulst und auch mir die Haare zu Berge standen und dessen Ausgang und Ende das folgende Kapitel erzählen wird. Vierzehntes Kapitel. Gewalt geht über Recht, aber List über Gewalt. Die List ist die natürliche Waffe aller widerrechtlich Verfolgten, und wem man sonst nichts aufbinden kann, dem bindet man einen Bären auf. Eduard Gans. Wer von meinen geehrten Lesern jemals in die Lage gekommen sein sollte, auf einem wüthend gewordenen Büffel zu reiten ohne Zaum, Sattel und Steigbügel, wird wissen, was ein solcher Ritt sagen will. Mit niedergebeugtem Kopfe und hochgehobenem Schweife galoppirte der Büffel immer in kurzen Dreivierteltactsätzen über die unermeßliche Fläche der Prairieen dahin in einer Schnelligkeit, daß ich mich nur mit Mühe auf seinem nicht eben sehr weich gepolsterten Rücken erhalten konnte. Hinter ihm, dem Zug- und Leitstier, trabte die ganze Heerde in kurzem Abstande. Wir kamen an einen Fluß, ich glaube den Coldorado, und der Büffel, von der übrigen Heerde gefolgt, stürzte sich in den Fluß und schwamm durch ihn hindurch; doch gewann ich Zeit, mit der linken Hand einiges Wasser zu schöpfen und meine brennenden Lippen damit zu benetzen. Zu Zeiten kamen wir auch durch niedriges Gesträuch, dessen Zweige mit saftigen Beeren belastet waren, und da die Zweige sehr niedrig hingen, vermochte ich mit meinem Munde im raschen Durchritt die Früchte abzustreifen. Das war ein großes Glück, denn sonst würde ich, da der Ritt mehrere Tage dauerte, unfehlbar Hungers gestorben sein. Endlich nahm das Prairiengebiet ein glückliches Ende und ich erblickte einen dichten Wald vor mir, der mit mächtigen Kastanienbäumen bestanden war. Mit niedergestrecktem Gehörn und in vollster Furie ging der rasende Büffel auf einen der breitstämmigen Bäume los und wir standen still. Der Büffel hatte sich mit seinem Gehörn in dem Stamme festgerannt, und konnte trotz aller Anstrengungen sich nicht wieder davon losmachen. Die übrigen Büffel, die Alles zu thun gewohnt waren, was der Zugstier that, hatten nichts Eiligeres zu thun, als sofort ebenfalls jeder auf einen Baum loszurennen und ihr Gehörn darin festzunageln. Da stand nun der ganze Trupp und war in meiner Gewalt – ich war Heerdenbesitzer. Nun sage man noch, daß mein Leben nicht an den außerordentlichsten Wechselfällen reich gewesen! Nachdem ich meinen hilfsbedürftigen Magen mit dem nöthigen »Stoffwechsel«, wie man es jetzt nennt, versehen (er bestand in einigen nahrungskräftigen Maiskolben, Früchten und Erdbeeren) streckte ich mich ins Gras nieder, um von meinem fürchterlichen Ritt, gegen welchen Lenorens berühmter Ritt auf dem gespenstischen Rosse in nichts verschwindet (denn sie hatte doch wenigstens einen Sattel unter sich), verdientermaßen auszuruhen. Ich schlief auch sehr bald ein, ohne daß ich nöthig gehabt hätte, mich durch die Lectüre eines vierbändigen deutschen Romans einzuschläfern. Ich schlief den Schlaf des Gerechten, und wenn es auch ein Schlaf des Ungerechten gewesen wäre, so würde ich mir in diesem Augenblicke nichts daraus gemacht haben. Als ich erwachte, neigte sich die Sonne schon etwas gegen Abend; meine Heerde aber stand noch wie festgewurzelt. Ich beschloß, da die Gegend sehr hübsch war, hier zu bleiben und mir aus Baumstämmen ein Blockhaus als Interimswohnung zu erbauen. Daher ergriff ich mein Beil, welches ich für solche Fälle in Kalifornien immer bei mir zu führen pflegte und an meine linke Hüfte gebunden hatte, und machte mich an die Arbeit. In Kurzem hatte ich einige tüchtige Stämme gefällt. Wie groß war aber meine Ueberraschung, als plötzlich drei Männer auf mich zutraten und mit vorgehaltenen Flinten auf englisch mich aufforderten, beim Bezirksrichter zu erscheinen, da mich der Eigenthümer des Waldes bei ihm wegen Eigenthumsverletzung und Beraubung verklagt hätte. Die Uebermacht war gegen mich; auch machte mir die Sache Spaß, und ich beschloß keinen Widerstand zu leisten; ich folgte den Männern. Ich wurde in ein benachbartes Blockhaus gebracht und fand hier einen etwas breitschulterigen, hochstämmigen und brutal aussehenden Herrn in der bekannten Farmertracht hinter einem aus Brettern roh zusammengeschlagenen Tische stehen, der mich barsch folgendermaßen anredete: Sir! (die Gerichtsverhandlung wurde begreiflicherweise in englischer Sprache geführt) Ihr seid von dem Eigenthümer dieses Grundes und Bodens angeklagt, sein Ameublement muthwillig und räuberisch beschädigt, verdorben und zertrümmert zu haben. Ich machte die Augen groß auf. Ameublement? fragte ich verwundert. Allerdings – Ameublement, und nicht nur Ameublement, sondern auch Ställe, Fenster, Thüren und Kellerthüren. Die Sache erschien mir so komisch und ich brach in ein so lautes Gelächter aus, daß ich mich nicht wundern sollte, wenn hierdurch die freilich sehr bescheidenen Meubles und Geräthschaften des Blockhauses wirklich Schaden erlitten haben sollten. Ich verbitte mir vor Gericht jedes Gelächter, sagte der Farmer mit rauher Stimme; Ihr werdet am besten wissen, was Ihr gethan habt, und durch fortgesetztes Leugnen würdet Ihr Eure Sache nur schlimmer machen. Wer ist der Eigenthümer, der mich verklagt hat? sagte ich. Der bin ich, erwiederte der Farmer. Und wer ist der Richter? Der bin ich auch, lautete die Antwort des Breitschulterigen. Das Fragen ist übrigens an mir, und nicht an Euch. Ich frage Euch also hiermit, ob ihr Euch schuldig bekennt? Fragt mich doch lieber, antwortete ich, ob ich mich schuldig bekennen will, Euch die Ohren abgeschnitten zu haben. Lang genug wären sie dazu! Ihr seid ein hartnäckiger Verbrecher, Sir! sagte hierauf der Farmer. Es ist übrigens hiesigem Bezirksgericht höchst gleichgiltig, ob Ihr Euch schuldig bekennt oder nicht; denn hier stehen drei Zeugen (er wies dabei auf meine Begleiter), welche es eidlich erhärten können, mit welcher Rücksichtslosigkeit Ihr gegen meine Meubles, Ställe, Fenster, Thüren und Kellerthüren gewüthet habt. Das Gericht verurtheilt Euch somit zur Zahlung einer Entschädigungssumme, und zwar: für ein gänzlich zu Grunde gerichtetes Sopha 100 Dollar; für einen muthwillig zertrümmerten runden Tisch 60 Dollar; für einen zerbrochenen Klapptisch 30 Dollar; für ein beschädigtes Dutzend Stühle 40 Dollar; für einen umgebrochenen Stall 120 Dollar; für Beschädigung an diversen Fenstern, Thüren und Kellerthüren 25 Dollar; macht in Summa 275 Dollar, die Ihr sofort zu erlegen oder nach texanischem Recht Gefängnißstrafe nebst einiger Lynchung zu gewärtigen habt. Ich lade hiermit die Zeugen vor, ihre Aussagen eidlich zu erhärten. Es läßt sich denken, daß ich auf diese Aussagen nicht wenig gespannt war; weniger läßt sich denken – obschon es bei mir begreiflich ist – daß mir die Sache ungeheuren Spaß machte. Einer der Genossen des Farmers trat nun vor und sagte, wie ich im Walde den großen Baum, aus dessen Holz der Farmer ein Sopha und einen runden Tisch zu verfertigen beabsichtigt habe, gefällt und zu eigenem Gebrauch behauen und zerstückt hätte. Aehnlich lauteten die Aussagen der beiden andern Männer in Betreff der übrigen Gegenstände. Die Beschädigungen an Stühlen, Fenster, Thüren und Kellerthüren sollten durch meine Büffel hervorgebracht sein, indem diese ihr Gehörn in die Bäume gebohrt und dadurch das für diese Gegenstände bestimmte Holz verdorben hätten. Das Räthsel war nun gelöst; da ich jedoch einsah, daß ich gegen ein solches willkürliches Recht, wie es in Texas üblich, mit allen Rechtseinwänden nichts ausrichten könne und eine zu bedeutende Uebermacht mir gegenüberstand, beschloß ich, den Weg der Unterhandlung zu betreten, da es, wie ich einsah, nur auf eine Gelderpressung unter einer gewissen Scheinform des Rechts abgesehen war. Glücklicherweise führte ich noch einige Stücke des von mir künstlich bereiteten kalifornischen Goldes bei mir, die ich dem Gesindel an Zahlungsstatt anbot. Der Farmer verschlang den Goldglanz mit gierigen Blicken, und nachdem er die Stücke geprüft, bemerkte er: er wolle sie für die Hälfte der Summe, in die ich rechtskräftig verurtheilt sei, annehmen; wie aber stehe es mit der andern Hälfte? Ich antwortete, daß ich weiter an Baarem nichts besitze und beim besten Willen die zweite Hälfte nicht bezahlen könne. Ich hatte schon längst bemerkt, daß dem Farmer meine sehr schöne Flinte in die Augen gestochen hatte und war daher durchaus nicht überrascht, als mein Widerpart mir den Vorschlag machte, ihm die Flinte an Zahlungsstatt zu überlassen; dann wollte er mir kein Hinderniß weiter in den Weg legen und mich ruhig meines Weges ziehen lassen. Ich setzte mich in Positur und rief mit einer donnernden Stimme, so daß die Balken des Blockhauses in ihren Fugen knackten und der Tisch vor Schreck in die Höhe sprang: Wagt's, mir die Flinte zu entreißen; aber dem Ersten, der mir naht, mache ich mit derselben Flinte den Garaus, ihr Schurken! Diese Erklärung, mit aller Festigkeit eines in seinem Rechte sich gekränkt fühlenden und zu Allem entschlossenen Mannes abgegeben, machte die Schufte sichtlich bestürzt und etwas kleinlaut äußerte der Breitschulterige, er wolle mir die Flinte lassen, zumal er einsähe, daß ich sie zu meiner Vertheidigung nothwendig brauche; was ich ihm aber sonst an Zahlungsstatt bieten könne? Sir! erwiederte ich, da Ihr Vernunft anzunehmen scheint, will ich, um jedes Blutvergießen zu vermeiden, Euch einen Vorschlag machen. Ihr wißt, Sir! daß ich hier mit einer stattlichen Büffelheerde angekommen bin. Ich will Euch nun den schönsten meiner Büffelochsen an Zahlungsstatt für die zweite Hälfte der Summe überlassen, und damit, denke ich, könnt Ihr zufrieden sein und jedem weitern Anspruch entsagen. Der Farmer ging auf meinen Vorschlag ein und sagte, er wolle sofort mit mir gehen, um den Büffel zu holen, denn seine drei Gefährten müßten im Blockhause zurückbleiben, weil seit einigen Tagen verdächtiges Indianervolk in der Nähe herumstreife und man sich jede Nacht auf einen Angriff derselben gegen das Blockhaus gefaßt machen müsse. Ich war's zufrieden. Der Farmer bewaffnete sich mit einem Gewehr, und wir schritten fürbaß. Inzwischen brach die Dämmerung ein und als wir an den Waldrand gelangten, war es bereits stockfinstere Nacht geworden. Nun muß ich erwähnen, daß ich im Laufe des Tages einen amerikanischen Bären, welcher einem meiner Büffel auf den Rücken gesprungen war, um ihn zu zerreißen, von hinten gefaßt, ihm die Hinterbeine, und als ich ihn zu Boden geworfen, auch die Vorderbeine gebunden hatte und ihn dann liegen ließ, um zu überlegen, was ich weiter mit ihm anfangen solle. Der Bär war vor Langweile eingeschlafen, und als wir an die Stelle gelangt waren, schlief er, wie es mir schien, noch immer. Diesen Bären ergriff ich, packte und band ihn auf die breiten Schultern des Farmers, der in der Finsterniß nicht wahrnehmen konnte, was für ein Thier es sei, und sagte dabei: Wahrlich ein schöner fetter Büffel! es thut mir leid, ihn verlieren zu müssen. Werdet Ihr aber auch Kraft genug haben, Sir, das stattliche Thier bis zum Blockhaus zu schleppen? Habt keine Besorgniß, Sir! erwiederte der Farmer; bei unserm Leben in der Wildniß gewöhnen sich die Schultern an die stärkesten Lasten! Mit diesen Worten zog er ab, unter seiner schweren Last keuchend und schnaufend. Er mochte kaum fünfzig Schritt gegangen sein, als ich ihn fürchterlich schreien und verzweiflungsvoll um Hilfe rufen hörte. Ahnend, was geschehen sei, folgte ich ihm. Der Mond war eben aufgegangen und versilberte Prairie und Waldung. In seinem Scheine erkannte ich, daß der Bär, von der starken Bewegung und dem Anschlagen des Gewehrs an seine Füße aufgewacht, den Farmer unter sehr verdächtigem Brummen tüchtig abzauste und ihm bereits den Strohhut vom Kopfe gerissen hatte, den er mit seinem Gebiß zermalmte, wobei freilich auch eine Partie Haare von des Farmers Scheitel mit in den Schlund des Unthiers gerathen war. Ihr habt mir da einen schönen Bären aufgebunden! Wir brauchen wohl nicht ausdrücklich zu erwähnen, daß sich das Bonmot: »Jemand einen Bären aufbinden« von diesem Vorfall herschreibt. Anmerkung Fritz Beutel's. rief er, schießt die Bestie todt, sonst bin ich verloren! Entschuldigt, Sir! sagte ich höflich, daß ich mich vergriffen und Euch einen Bären statt einen Büffel aufgebunden habe. Es war auch gar zu finster. Schießt nur, schießt! rief er in Todesangst. Wohl, Sir! antwortete ich im Tone des Gleichmuths, aber nur, wenn Ihr mir das Versprechen gebt, mir morgen früh Euer bestes Reitpferd abzutreten. Ich werde dann diese schuftige Gegend sofort verlassen und Ihr habt dann noch die ganze Büffelheerde, mit der Ihr anfangen könnt, was Ihr wollt. Goddam, Sir! Alles was Ihr haben wollt! rief er verzweifelt, schießt nur, schießt! Ich setzte nun den Lauf meiner Flinte dem Ungeheuer an den Kopf, drückte los und das Thier hauchte um so zu sagen seine zottige Existenz aus. Nachdem ich dem Farmer das entseelte Thier von seinem Rücken gelöst hatte, trennten wir uns und ich begab mich zu der Waldstelle zurück, auf der meine Büffelheerde noch wie angenagelt stand. Ihm diese zurückzulassen fiel mir gar nicht ein. Ich machte mich also ans Werk, hieb allen Büffeln der Reihe nach mit dem Beile vor den Kopf, bis sie todt waren, zog ihnen das Fell ab und zerhackte dieses in lauter kleine zu nichts mehr dienliche Stückchen und Bißchen. Die abgeschundenen Thiere ließ ich aber vor den Bäumen stehen, wie sie standen. Folgenden Morgens begab ich mich sofort zum Blockhaus und erhielt hier richtig ein Reitpferd ausgeliefert, dessen Güte ich nicht weiter untersuchte, weil es mir daran lag, so schnell als möglich fortzukommen. Das Pferd war gut, aber es war nicht das beste von denen, welche der Farmer besaß. Ich mochte ungefähr eine englische Meile geritten sein, als ich hinter mir ein Getrabe und Gestampfe hörte, das mir näher und immer näher kam. Ich blickte um und nahm den Farmer und seine drei Gefährten wahr, die mir auf ihren Pferden nachsetzten und mich fast schon eingeholt hatten. Ohne Zweifel waren sie sofort nach meinem Wegritt nach dem Walde geeilt, hatten hier die Bescheerung, die ich ihnen zurückließ, eine Reihe geschundener todter Büffel erblickt, und setzten mir nun nach, um mich zur Rechenschaft zu ziehen und vielleicht so mit mir zu verfahren, wie ich mit den Büffeln verfahren. Glücklicherweise ritten die Schurken, je nach der Güte ihrer Pferde, so dicht hinter einander, daß der Kopf des zweiten Pferdes den Schwanz des ersten berührte und so fort. Ich wandte daher, schnell entschlossen, mein Pferd, und warf mich mit aller Gewalt auf den ersten Reiter, welcher die Spitze des Zuges einnahm. Das Pferd kugelte nach hinten über auf das zweite, das zweite eben so schnell auf das dritte und das dritte auf das vierte. Die Reiter krabbelten nun mit ihren Pferden im Sande, auch mochte es wohl an einigen Beinverrenkungen und Beinbrüchen nicht fehlen, denn sie dachten nicht weiter daran, mich, der sich ihnen überhaupt bisher in Allem überlegen gezeigt hatte, zu verfolgen. So entkam ich und sprengte fort, immer der Richtung nach, wo, wie ich glaubte die eigentlichen Vereinigten Staaten liegen müßten. Fünfzehntes Kapitel. Jeder Tugendhafte meide das Würfel- und Kartenspiel – es gibt nichts Verruchteres. Wenn man aber das Unglück hat, unversehens in eine Spielergesellschaft zu gerathen, so suche man seinen Widerpart möglichst auszubeuteln, um ihm durch den Verlust, den man ihm zufügt, die Augen über sein verderbliches Treiben zu öffnen und ihn dadurch aus bessere Wege zu bringen. Garve. Wenn ein Indianermädchen einen Weißen liebt, so folgt daraus immer noch nicht, daß auch der Weiße das Indianermädchen liebt. Chateaubriand. Es war an einem Nachmittage als ich nach mehrtägigem Ritte in das Labyrinth einer wilden Gebirgslandschaft gerieth, die, wie ich glaube, zu dem Tract der berüchtigten Rocky Mountains gehörte. Ich ritt einen schmalen Bergpfad hinauf, an dessen einer Seite mächtige überhängende Felsmassen aufgepfeilert waren, während auf der andern ein Abgrund klaffte, der sich in eine schwindelerregende nächtliche Tiefe niederstreckte. Das Geröll wich unter den Hufen meines Pferdes fortdauernd und erhöhte nicht wenig die Gefahren meiner Lage. Glücklicherweise schien aber meine Stute an solche Bergparthien gewöhnt zu sein, denn sie schritt mit der Sicherheit eines Maulthiers hart an dem Rande des Abgrunds fürbaß. Endlich senkte sich der Pfad, und nun begannen die Schwierigkeiten erst recht. Es ging oft so steil abwärts, daß mein Roß das Klügste that, was es thun konnte, sich auf sein Hintertheil setzte und nun die steilsten Strecken hinabrutschte, ein Manöver, welches mein Herabkommen nicht wenig förderte. Es war inzwischen Abend geworden; doch erhellte der Mond, der eben über die Berggipfel jenseits der Schlucht hinaufstieg, meinen schauerlichen Pfad, der sich jetzt nur noch in geringer Höhe über der Thalsohle erhob. Um eine Felsecke biegend, erstaunte ich nicht wenig, als ich zu meinen Füßen ein hell und hoch aufloderndes Feuer erblickte, welches malerische Reflexe gegen die Felsgebilde zu meinen Füßen warf, und um welches einige Dutzend menschliche Gestalten zechend, würfelnd und lärmend gelagert waren. Als sie mich, durch das Geräusch der herabrollenden Steine aufmerksam gemacht, über ihren Häuptern erblickten, sprangen sie auf und einige machten sich den Spaß – denn ein Spaß und nichts weiter sollte es doch wohl sein – ihre Büchsen gegen mich abzufeuern. Die Bergluft hatte jedoch meine Lunge wunderbar gestärkt, und wenn ich eine Kugel gegen mich herfliegen sah, sammelte ich schnell den Athem in meiner Lunge und stieß ihn dann wie ein mächtiger Blasbalg mit aller Gewalt von mir, der Kugel gerade entgegen. Diese, dem Sturmwind meines Athems begegnend und von ihm zurückgetrieben, fiel dann mitten unter die Gesellschaft machtlos zurück, was diese nicht wenig Wunder zu nehmen schien. Nachdem ich ein Dutzend Kugeln auf diese Weise zurückgeblasen hatte, ließen sie von ihrem Scherze ab, der einem Andern als mir ohne Zweifel sehr übel bekommen sein würde. Bald war ich mitten unter dem Trupp, welcher aus Trappers oder Biberjägern bestand und mich, der von den Männern wahrscheinlich für einen Zauberer gehalten wurde, scheu und wild anblickte. Durch mein gemüthliches Wesen, meinen herzlichen guten Abend und meinen biedern Händedruck hatte ich sie jedoch bald für mich gewonnen und wurde von ihnen eingeladen, an ihrer Abendmahlzeit, in einem kräftigen und saftigen Wildbraten bestehend, Theil zu nehmen. Ich ließ mich nicht lange nöthigen und langte in einer Weise zu, die ihre Achtung vor mir nur vermehren konnte. Dazu kreiste die Flasche und da sie bald wahrnahmen, daß ich auch in diesem Geschäft etwas Ungewöhnliches leistete, zollten sie mir offen die Bewunderung, die ich nur zu sehr verdiene. Diese Männer mit ihren durchwetterten, wie verschrumpftes Pergament aussehenden Gesichtern, ließen hierauf nicht eher ab, bis ich einwilligte, an ihrem Würfelspiel Theil zu nehmen, für welches die Trappers bekanntlich leidenschaftlich eingenommen sind. Sie sagten mir dabei offen ins Gesicht, daß sie mich für die Ehre, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, rupfen wollten. Um ihnen Vertrauen einzuflößen, ließ ich sie anfangs gewinnen und verlor an sie mein Pferd, meine Flinte, und zuletzt meinen schönen Schnurrbart, auf den es einer der Trappers abgesehen hatte, weil er, wie er sagte, dieses kostbare Stück seiner Frau oder »Squaw« als Trophäe mit heimbringen wollte. Er sprang auch sofort auf, um sich meines Bartes zu bemächtigen; ich widersetzte mich jedoch und bemerkte: daß wir das Glück erst weiter versuchen wollten, um am Schlusse des Spiels über Gewinn und Verlust Abrechnung zu halten. Er weigerte sich darauf einzugehen und es kam darüber zwischen ihm und einem Jäger, der sich auf meine Seite stellte, zu einem heftigen Streit, in welchem sie zuletzt ihre Bowieknives, jene langen und breiten Messer, welche die Trappers am Gürtel zu tragen pflegen, entblößten und damit auf einander losgingen. Sofort bildete sich um die Kämpfenden ein Kreis, der dem blutigen Streite wie einem Lustspiele zusah und jeden glücklich geführten Stoß mit wieherndem Jubel begrüßte. Beide Kämpfenden bluteten bereits aus mehreren Wunden, als plötzlich der Anfänger des Zwistes einen so kräftigen Stoß mit dem Messer zwischen die Rippen erhielt, daß er mit einem Schrei zu Boden sank und es ganz unmöglich fand, wieder aufzustehen, aus dem einfachen Grunde, weil er eine Leiche war. Der Kreis der Zuschauer löste sich sofort; der Getödtete wurde in den nahen Bergstrom geworfen und man setzte sich, als ob gar nichts vorgefallen sei, wieder zum Spiele. Ich gab diesem nun eine andere Wendung und gewann nicht nur mein Pferd und meine Flinte zurück, sondern auch eine Menge von Biberfellen, sämmtliche Büchsen und sogar drei oder vier Squaws (so nennen sie ihre Weiber), welche einige der tollsten Spieler eingesetzt hatten. So war ich plötzlich im Besitze von mehreren hoffentlich liebenswürdigen Trappersfrauen und die Verlierenden versäumten nicht, mit der Ehrlichkeit professioneller Spieler, mir die Orte zu nennen, wo ich sie finden und abholen könnte. Ich hatte Alle rein ausgeplündert, so daß sie nichts mehr einzusetzen hatten. Da rief Einer: ich setze mein Beinkleid! und alle Uebrigen folgten seinem Beispiel. Wir würfelten weiter, und das Glück wollte mir so wohl, daß ich ihnen zuletzt auch die Beinkleider abgewonnen hatte, deren sie sich auch sofort mit größter Gemüthsruhe entledigten. Lieben Freunde! sagte ich hierauf, ihr habt mich ausziehen wollen, und ich habe euch ausgezogen, im buchstäblichsten Sinne. Zur Strafe für eure Absicht, mich, euren Gastfreund, zu rupfen, werde ich eure Beinkleider behalten; in dieser Wildniß habt ihr euch vor Niemand zu schämen und da wir schönes warmes Wetter haben, auch keine Erkältung zu befürchten. Auf eure Biberfelle und Büchsen, die mir ohnehin eine zu schwere Last sein würden, als daß ich sie fortbringen könnte, verzichte ich. Diejenigen eurer Squaws, die das Glück mir zugewürfelt hat, werde ich, wenn ich sie treffen sollte, von ihren Ehemännern freundlichst grüßen. Und somit Gott befohlen, ihr Herren! Ich hatte inzwischen die meist noch neuen, aus feinstem Biberfell gearbeiteten Beinkleider – mit denen ich, beiläufig sei es gesagt, eine Speculation im Sinne hatte – in ein großes Tuch gebunden und auf den Rücken meines Pferdes festgeschnallt. Ich schwang mich nun in den Sattel und sprengte, da inzwischen der Morgen angebrochen war und die Gegend im hellen Schimmer der Frühsonne vor mir lag, davon, die Richtung nach Osten einschlagend. Die Trappers ließ ich über meine Großmuth und mein plötzliches Erscheinen und Verschwinden ganz verwundert zurück, und ich verdenke es ihnen nicht, wenn sie, wie es schien, der Vermuthung Raum gaben, daß irgend ein gelangweilter Berggeist menschliche Gestalt angenommen und sich einen Spaß mit ihnen gestattet habe. Mühevoll arbeitete ich mich mit meinem Klepper durch mehrere Bergbäche, übersprang mit ihm eine Zahl Abgründe und ritt einen schwierigen Bergpfad entlang, bis ich plötzlich am Rande einer steilen hohen Felsenwand stand, von der ich die Aussicht in die Prairie hatte, die sich wie eine unermeßliche mit grünem Tuche bedeckte glatte Tafel vor meinem Blicke ausbreitete. Was nun anfangen? Umzukehren war niemals meine Art, auch mußte ich besorgen, in dem Felsenlabyrinth mich zu verirren oder gelegentlich Hals und Beine zu brechen. Vorwärts hieß also die Losung! Ich überließ das Thier sich selbst und jagte es in die Berge zurück, was es sich auch, ohne über sein Schicksal weiter zu reflectiren, recht gern gefallen ließ. Es machte einige gewaltige Sprünge, und verschwand bald meinen Blicken. Nun band ich mir das Packet mit den Beinkleidern, das ich ihm vorher abgeschnallt hatte, so vor, daß davon Unterleib, Brust und Gesicht bedeckt wurden, gab meinem Körper einen gewaltigen Schwung, und sprang von der Felswand hinab. Während des Sprungs balancirte ich und regierte ich das Packet so geschickt mit den ausgebreiteten Armen, daß ich wie auf einem Fallschirm in die Tiefe gelangte. Ich plumpte zwar etwas stark auf; aber kein Körpertheil berührte den ohnehin durch ein Bergwasser durchweichten und mit hohem Grase dicht bewachsenen Boden, und so geschah mir kein Leid; auch nicht ein Finger that mir weh. Ich löste nun meinen Körper von dem Packete los, verringerte es um ein Bedeutendes, indem ich die weniger gut erhaltenen Beinkleider als unnützen Ballast wegwarf, nahm das um die Hälfte erleichterte Pack auf den Rücken und schritt in Gottes Namen darauf los, mich meiner Flinte dabei als Stock bedienend. Aber es war ein saurer Marsch. Kein Baum, kein Strauch gewährte mir Schutz gegen die heißen Sonnenstrahlen, kein Bach einen kühlenden Trunk für meine ausgedörrte lechzende Zunge. Es blieb mir nichts Anderes übrig als einige Prairienvögel zu erlegen und ihnen das Blut auszusaugen. Gegen Mittag fühlte ich mich so ermattet und erschöpft, daß ich mich ins Gras hinstreckte und, was auch geschehen möge, mich dem Schlafe überließ. Ein wildes Stimmengewirr und Geheule erweckte mich. Ich schlug die Augen auf und sah mich von einem zahlreichen Haufen von Rothhäuten umgeben, die keine gute Meinung von mir oder keine gute Absicht mit mir zu haben schienen; denn sie schwangen ihre Tomahawks gegen mich und machten entsetzliche Grimassen, worauf ich nichts Besseres zu thun wußte als ihnen wieder Grimassen zu machen, was ihre Wuth nur vermehrte. Sie schlugen mich zwar nicht todt – denn sonst würde ich diese Memoiren nicht schreiben können – aber sie nahmen mich in ihre Mitte, zwangen mich, mit ihnen zu gehen, und führten mich in ihr nahes unter Bäumen und Gesträuchen wie in einer Oase gelegenes Dorf und in den Wigwam ihres Häuptlings, genannt Rah-Ge-Gah-Bah-Wo-Hu, d. h. der Prairienwolf. Der Wigwam gefiel mir nicht sonderlich, denn er war über und über mit Kopfhäuten von Weißen ausgeschmückt, die bei diesen Indianern zur Zierrath der Wohnungen dienen, wie bei uns die Lithographien und Kupferstiche, auf mich aber einen sehr unangenehmen Eindruck machten. Auch schienen meine Begleiter, den Häuptling, der wahrscheinlich im Scalpiren eine besondere Virtuosität besaß, mit ihrem wilden Geschrei aufzufordern, an mir dieselbe Operation vorzunehmen. Einer und der Andere machte auch mit seinem Tomahawk einen Gestus, den ich nicht mißverstehen konnte. Ich für meinen Theil hatte beschlossen, mein kostbares Leben so theuer zu verkaufen als möglich, bewahrte jedoch meine den Wilden offenbar imponirende Gemüthsruhe in der Hoffnung, daß eine jener glücklichen Wendungen eintreten werde, wie sie bisher in meinen fatalsten Lebenslagen nie ausgeblieben waren. Rah-Ge-Gah-Bah-Wo-Hu, ein ernster würdevoller Mann in vorgerückten Jahren, erhob sich im Hintergrunde von seiner Hängematte, schritt auf mich zu, betastete meinen Schädel und sagte in gebrochenem Englisch halb für sich: Wird einen schönen Scalp geben! Wieder eine sündhafte Yankeehaut mehr – das ist Labsal für das Herz des Prairienwolfs. Ich bin kein Yankee, erwiederte ich auf englisch, ich bin ein Nationaldeutscher, heiße Fritz Beutel und stamme aus Schnipphausen. Ein Deutscher! rief der Prairienwolf mit einem solchen Ausdruck von Freude, als es dem sonst immer phlegmatischen Kupferfarbigen nur möglich ist – ein Deutscher! Und zu den Seinen sich wendend, fügte er im befehlenden Tone hinzu: Daß Keiner mir an diesen weißen Mann die Hand lege! Auf diese Wendung war ich nicht vorbereitet. Sollten, dachte ich, die Deutschen unter diesen Wilden in solchem Ansehen stehen? Sollte der Prairienwolf in mir den Repräsentanten jener Nation respectiren wollen, welche zuerst den Dampf in Anwendung brachte, wenn auch nur zur Bereitung bairischer Dampfnudeln? Der Prairienwolf hatte inzwischen seinen gewohnten Ernst wieder angenommen, reichte mir, während die Uebrigen in ehrfurchtsvollem Schweigen sich zurückzogen, die Friedenspfeife und sagte: Ich freue mich, in dir, weißer Mann! einen Angehörigen desjenigen Volks kennen zu lernen, das ich unter allen Nationen der Erde am Meisten liebe. Einer von euren Dichtern, Seume, hat die edle That eines kanadischen Wilden gefeiert, der mein Vorfahr war. Aus den kanadischen Wäldern von den verruchten Englishmen verdrängt, hat sich unser Stamm in diese traurigen Einöden zurückziehen müssen. Darum hassen wir die Engländer und die Yankees, die uns wie Raubthiere das Wild hetzen, aufs Grimmigste. Aber die Deutschen haben uns nichts gethan, und wir thun ihnen auch nichts. Wir fragen dich nicht einmal um deinen Paß, deine Sitten- und Schulzeugnisse oder ob du bereits militärfrei bist. Indem ich dich in meinen Schutz und meine Obhut nehme, preise ich mich glücklich, meine Dankbarkeit einem Landsmann des Dichters Seume darthun zu können. Wie lautet doch das Gedicht? Glücklicherweise hatte ich Seume's Gedicht » Der Wilde « in der Blumenlese gefunden, die mir auf Beutelland durch einen so wunderbaren Zufall in die Hände gerathen war, und da ich es in meinen Musestunden auswendig gelernt hatte, fiel es mir nicht schwer, es so gut es ging englisch zu wiederholen. »Und er schlug sich seitwärts in die Büsche«, schloß ich. »Und er schlug sich seitwärts in die Büsche«, wiederholte der Prairienwolf ernst und nachdenkend, und mit einer Art liebenswürdiger Wildheit fügte er hinzu: O, hätte ich euren Seume bekommen können, ich würde ihn aus Liebe scalpirt und seine Kopfhaut in meinen Wigwam aufgehängt haben, mir und ihm zur Ehre und meinen Enkeln und Urenkeln zur Erinnerung an sein schönes, indianischgesinntes Herz. Ich blieb nun mehrere Wochen unter diesen Wilden und erwarb mir ihre Liebe und Verehrung durch bedeutende Dienste, die ich ihnen in ihren Feldzügen gegen feindliche Stämme leistete; denn so närrisch sind diese Wilden, daß sie, die gegen die Yankees zusammenhalten sollten, sich unter einander zerfleischen, gerade wie dies die Deutschen zu Zeiten auch gethan haben. Unter andern streckte ich in einem Treffen durch einen wohlgerichteten Schuß aus meiner Doppelflinte den feindlichen Häuptling nieder und zum Lohne dafür wurde mir der Scalp desselben in feierlicher Versammlung als Trophäe überreicht. Dieser Scalp dient mir noch jetzt als Hutfutter und zeigt sich sehr dauerhaft. Eines Vorfalls aus dieser Episode meines Lebens muß ich hier noch gedenken. Eine junge Indianerin hatte mir schon längst unzweideutige Beweise ihrer Zuneigung gegeben. Sie hieß Ma-Nu-La-Hit-Tih, (die Falkin), zeichnete sich durch ihre Sanftmuth aus und fühlte sich durch mein ritterliches gebildetes Wesen zu mir hingezogen. Ohne Zweifel hatte meine schmelzende Baßstimme das Ihrige beigetragen, dies Kind der Wildniß für mich zu bezaubern. Denn Abends pflegte ich mich auf einen Stein vor dem Wigwam zu setzen und zu den Tönen meiner Guitarre zarte Studenten- und Commerslieder zu singen, und die jungen Damen des Dorfes versammelten sich dann um mich her und flüsterten: Welche süßen Töne! Sie hingen mit ihren Ohren förmlich an meinen Lippen. Eines Tages, als ich mich gerade in der Hängematte dehnte, höre ich ein durchdringendes Geschrei, in welchem ich die Stimme des Mädchens zu erkennen glaubte. Ich eile hinaus, und erblicke hinter dem Wigwam eine sich an einem einzeln stehenden Baume emporrichtende Riesenschlange, aus derem Bauche das Geschrei herauszudringen schien. Wer schildert mein Entsetzen – ein Entsetzen, wie ich es nie empfunden habe! – als ich wahrnahm, daß das arme Mädchen bereits im Schlunde des Ungeheuers steckte und immer tiefer und tiefer darin versank, während ihre Weh- und Angstrufe aus dem gräßlich geöffneten Rachen der Schlange herzzerschneidend empordrangen. Dies hören, auf die Schlange zuspringen, ihr mit meinem Tomahawk den Leib der Länge nach aufspalten und die Unglückliche aus ihrem von Fleischwänden gebildeten Kerker befreien, war das Werk eines Augenblicks. Ohnmächtig kam Ma-Nu-La-Hit-Tih ans Tageslicht, doch erholte sie sich bald wieder und bewies mir fortan eine grenzenlose Hingebung und Anhänglichkeit, wie das Käthchen von Heilbronn ihrem geliebten Ritter. Die Haut der Schlange stopfte ich, um, außer der Hingebung des Mädchens, doch etwas für meine That zu haben, aufs kunstvollste aus. Aber mein Trieb, die Welt kennen zu lernen und neue Abenteuer aufzusuchen, ließen mir das Leben unter diesen Wilden bald langweilig erscheinen. Ich trat daher vor den Prairienwolf und erklärte ihm kurz und bündig, daß ich entschlossen sei, mein Glück wo anders zu versuchen und nächsten Tags in der Morgenfrühe das Dorf zu verlassen. Der Prairienwolf willigte nur ungern ein. Als ich ihm jedoch versichert hatte, daß ich, nach Deutschland zurückgekommen, seine an mir geübte Großmuth unfehlbar in einem Gedicht verherrlichen und mich des »Frankfurter Intelligenzblattes« als Organ bedienen werde, um die Interessen der Indianer gegen die Verfolgungen der Yankees in Schutz zu nehmen, so leuchteten ihm die Vortheile, welche diese Zusage ihm in Aussicht stellte, sehr bald ein, und er ließ mich nicht nur ziehen, sondern gab mir auch noch sein bestes Pferd und einen Sack mit Lebensmitteln mit auf den Weg. Als ich folgenden Morgens zu Pferde stieg, trat der Prairienwolf zu mir heran, reichte mir die Hand und sagte: Biederer deutscher Freund! Grüße deine schönen Landsmänninnen von mir, empfiehl mich den Redacteuren sämmtlicher Intelligenz-, Tage- und Wochenblätter, vermelde auch den ehrwürdigen Lyrikern deines zwar fernen, aber meinem Herzen sehr nahestehenden Vaterlandes meinen Respect und sage ihnen, daß der Prairienwolf sich seines von Seume besungenen Vorfahren würdig gezeigt hat und jeder Zeit bereit sein wird, den Feinden deutscher Lyrik und Journalistik verdientermaßen die Haut über den Kopf zu ziehen und mit ihren Scalpen die Wände seines Wigwams auszutapezieren. Der große Geist reite mit dir! Und er bleibe bei dir, Papa Prairienwolf! erwiederte ich, und sprengte davon. Kaum war ich aus dem Dorf heraus, als die »Falkin« aus einem Gebüsche mit ausgebreiteten Armen auf mich zueilte und mich flehentlich bat, sie mit mir zu nehmen, da sie ohne mich nicht leben könne. Ach, die »Falkin« weinte, und Weiberthränen hat mein weiches Herz niemals widerstehen können. Ich lud sie ein, sich hinter mich auf das Pferd zu schwingen und mich mit ihren bronzefarbigen Armen zu umschlingen. Diesen Tag und auch den folgenden stieß uns nichts besonders Merkwürdiges zu, aber wohl den dritten. Ich hatte nämlich die vom Prairienwolf angegebene Richtung verfehlt und war in einen Sumpf gerathen, der bei den Indianern unter dem Namen des »Schlangenlochs« übel berüchtigt ist. Glücklicherweise hatte die furchtbare Hitze einen sich durch den Sumpf hindurchziehenden erhöhten Strich trocken gelegt, welcher dem Pferde einen festen Tritt gestattete. Dieser mäßige Erdrücken wie der ganze Sumpf war mit einem förmlichen Walde von riesenhohen Pilzen bestanden, deren Stiele hoch und stark wie Baumstämme waren, und deren Köpfe ungeheuren Regenschirmen glichen. Zu beiden Seiten des Dammes bot sich ein entsetzliches Schauspiel dar. Im Sumpfe wühlten die Vipern, Nattern und Schlangen knäuelartig durcheinander; unten mit den Schwänzen und den Leibern wie in einander verflochten, reckten sie die Köpfe zu Tausenden in die Höhe, und gräßlich klang das Gezisch ihrer flammenartig hin und her spielenden Zungen. Sie bekämpften sich unter einander, stachen sich gegenseitig zutodt, und die größeren verschlangen und verspeisten die kleineren. Es war ein Anblick, wie er ekelhafter und widriger nicht gedacht werden kann. Trotz der Nähe dieser scheußlichen Gesellschaft, konnten wir der Versuchung nicht widerstehen, uns unter dem Dache eines Riesenpilzes niederzustrecken, um wieder einmal des zwei Tage lang entbehrten Genusses theilhaftig zu werden, unsern Mittagsschlaf im Schatten halten zu können. Denn auf der Strecke, die wir bis dahin durchritten hatten, war von uns kein Strauch, kein Baum, kein Fels angetroffen worden, der uns auch nur vorübergehenden Schutz gegen die Gluth der Sonnenstrahlen gewährt hätte. Die »Falkin« erklärte, eine Weile ruhen zu müssen, und wenn es ihr Tod sei. Wir suchten auf dem Damme die erhabenste Stelle aus, die sich so weit über den Sumpf erhob, daß wir uns mit Recht vor dem Angriffe einer der Sumpfvipern geschützt glauben durften. Leider aber hatten wir vergessen, den durchlöcherten Stamm des Pilzes zu untersuchen, in dessen Schatten wir uns niederlegten. Wir mochten nun wenige Augenblicke geschlummert haben, als mich ein ängstlicher Schrei erweckte, der aus dem schönen Munde der »Falkin« kam. Ich erhob mich sofort, und sah, wie die Unglückliche mit dem Ausdruck des Entsetzens und einem krampfhaften Zittern aller Glieder eine fußlange, dünne, gelblich gefärbte Natter abzuschütteln suchte, welche sich in ihren bronzefarbenen Arm verbissen hatte; die Schlange hatte sich so fest eingebohrt, daß, als ich sie mit aller Gewalt hinten ergriff, mir zwar ihr schlüpfriger Leib in den Händen, ihr Kopf aber im Fleische der »Falkin« stecken blieb. Das ist die Pilzschlange, stöhnte das Mädchen, die giftigste von allen. Ich muß sterben. Kein Mensch muß müssen, erwiederte ich; aber sage mir, liebes Herz! zu welcher Species gehört diese Schlange und welchen lateinischen Namen führt sie? O, quäle mich nicht, wehklagte sie; mit mir geht es zu Ende. Ich muß dies wissen, sagte ich, denn jede Species hat ihr eigenes Gegengift. Es muß Alles nach dem System und der Regel gehen. Für das Gift der Pilzschlange, süßer weißer Freund, wimmerte sie, gibt es kein Gegengift. Für alles Gift, mein Schatz, sagte ich, gibt es auch ein Gegengift; für jede alte häßliche Jungfer gibt es eine jugendliche Schönheit als Gegengift; so wird auch gegen das Gift der Pilzschlange ein Kraut gewachsen sein. Inzwischen sah ich an dem Antlitz der »Falkin« eine große Aenderung vorgehen. Ihre Glieder flogen und zitterten, ihre Augen sanken in ihre Höhlen zurück, sie stammelte nur noch die Worte: Fritz! ich sterbe in deinen Armen – dieser Tod schmerzt nicht. Damit streckte sie ihre Glieder; sie war todt. Ich war Manns genug, auch diesen Gram zu überwinden; aber mich von dem schönen bronzenen Bilde zu trennen, war mir unmöglich; ich nahm, als ich das Pferd bestieg, die süße Leiche vor mir auf den Schooß und sprengte, um von dieser scheußlichen Stätte fortzukommen, im wilden Carriere den Damm entlang, zu dessen Ausgang ich in ein Nest häßlicher mich grimmig anzischender Schlangen gerieth, die aber von meinem wackern Roß mit den Hufen zertreten und zermalmt wurden. Das Gift der Pilzschlange, wie ich nun wahrnahm, hat die eigenthümliche Wirkung, daß es alle Säfte im menschlichen Körper aufsaugt und austrocknet. Der Leichnam meiner schönen Freundin verwandelte sich unter meinen Händen in eine Mumie und war zuletzt so leicht und zugleich so durchsichtig wie ein Stück mit Oel getränktes Pergament. Nach abermals zwei Tagen gelangte ich in eine Gegend, welche, je weiter ich kam, desto mehr Spuren von Cultur und Anbau zeigte. Einzelne Blockhäuser, Farmen, Gärten, Maisfelder und Aecker schwanden bei mir wie ein in Bewegung gesetztes Panorama vorbei. Endlich erblickte ich gerade vor mir, hinter Gebüsch auftauchend, eine nicht unansehnliche Stadt, und auf diese sprengte ich mit verhängten Zügel los, während die schmächtigen Feldarbeiter und die wohlbeleibten Farmer am Wege stehen blieben und den tollen Reiter verwundert anstarrten. – Auch als ich in die Stadt einritt, erregte ich nicht wenig Aufsehen. Man denke sich einen Reiter, an der Hüfte ein Beil, über die Schultern eine Flinte und eine Guitarre, hinter sich ein ansehnliches Bündel mit Beinkleidern, vor sich den ausgestopften Balg einer Riesenschlange und eine weibliche Mumie, der ich den Scalp des von mir getödteten indianischen Häuptlings wie eine Nachtmütze auf den Scheitel gestülpt hatte, endlich an der Seite des Pferdes herabhängend ein Sack mit Lebensmitteln – und man wird es gewiß sehr natürlich finden, wenn die Leute stehen blieben und mich mit weitgeöffneten Augen musterten. Selbst die eingebornen Amerikaner müßigten ihrer Geschäftseile einige Augenblicke ab, um einen fragenden oder verwunderten Blick auf mich zu werfen, indeß geschah dies stets nur vorübergehend, denn der Amerikaner hat immer Eile und nicht genug Zeit, um sich zu verwundern und neugierig zu sein. Ganz anders meine lieben deutschen Landsleute, welche die Mehrzahl der Stadtbevölkerung bildeten, und die ich gleich an ihren gutmüthigen, simpeln Gesichtern erkannte, wiewohl ich sehr bald wahrnahm, daß sie es trotz dieser anscheinenden Einfalt recht dick hinter den Ohren hatten. Mit der müßigen dummen Neugier, wie sie den Deutschen eigen ist, standen sie da und gafften mir mit offenen Mäulern nach, bis ich ihren Blicken verschwunden war. Und ich glaube, selbst dann noch waren sie lange Zeit nicht vermögend, sich vom Platze zu rühren. Nur die flachshaarigen Buben liefen mir jubelnd und schreiend nach, während die alten Weiber über das reitende Wunder die Hände über dem Kopfe zusammenschlugen. Aber irgendwo mußte ich doch absteigen. Ich redete daher eine Gruppe von deutschen Gaffern, welche an der nächsten Straßenecke standen, mit den Worten an: Liebe Landsleute! wo gibt's hier ein Absteigequartir für einen berittenen Gentleman? Die Leute brauchten nicht wenig Zeit, ihre vor Verwunderung offenen Mäuler zu schließen und in Ordnung zu bringen, worauf dann endlich einer der Männer Geistesgegenwart genug hatte, mir folgende Auskunft zu geben: Wir haben hier halt so ein Wirthshäusle »Zur deutschen Eintracht«, wo's alle Sonntage die schönsten Keile gibt. Ist auch ein Stall dabei, um mein Pferd unterzubringen? fragte ich weiter. Einen Stall möcht's freilich nicht geben, erwiederte der Landsmann, aber es ist halt eine Kegelbahn dabei und die ist geräumig genug, daß man derweile ein Rößle darin unterbringen könnte. Ich ließ mir nun das Wirthshäusle »Zur deutschen Eintracht«, wo es alle Sonntage die schönsten Keile gab, zeigen und fragte dann nach dem Namen der Stadt. »Schnipphausionopel«, war die Antwort. Ich war sehr verwundert. Wo hat denn das Nest den Namen her? fragte ich. Das wissen wir nicht, war die einstimmige Antwort. Den Namen hatte das Städtle schon, als wir hierherkamen, fügte der Eine hinzu. Mit diesem Räthsel beladen, das mir zu lösen unmöglich war, ritt ich nach dem Gasthofe, stieg hier vom Pferde und fragte: ob ich Unterkunft finden könne. Der dicke Wirth sah mich wegen meines ganzen Aufzugs etwas verwundert an, und sagte nach langer Musterung: das könne schon sein, da ein Zimmer im Hause leer stehe; aber er habe kein Obdach für das »Gäule«. Ich bemerkte ihm, daß dieses »derweile« ja in der Kegelbahn untergebracht werden könne, worauf der Wirth mit seiner inzwischen dazu getretenen Frau eine längere Berathung pflog, nach deren Beendigung er mir erklärte: das würde sich allerdings machen lassen, da man das Pferd im Kegelzimmer ja so anbringen könne, daß die Kegelgäste nicht allzusehr durch dasselbe genirt würden. Während das Pferd in der Kegelbahn untergebracht wurde und ich mit Hilfe des Hausknechts meine Habseligkeiten und Curiositäten in das leerstehende, aufs einfachste möblirte Zimmer brachte, sah ich mich von einem halb Dutzend blauäugiger Kinder umringt, welche sich die Worte zuflüsterten: Ein Raritätenmann! ein Raritätenmann! Das Beste, meinte eins aus dem jungen Volke, wird wohl im Bündel und im Sacke stecken. Ich hatte nun Zeit genug zu überlegen, was weiter zu thun sei. Geld hatte ich nicht bei mir. Die drei russischen Orden, die ich fortdauernd in der Tasche bei mir trug, hätte ich zwar bei einem Goldarbeiter verkaufen können; aber ich hatte mit ihnen größere Pläne im Sinne und wußte, daß sie mir in Ländern, wo man solche Decorationen nach ihrem ganzen sittlichen Werth zu schätzen weiß, noch große Dienste leisten könnten. Es schien mir also für den Augenblick nichts weiter übrig zu bleiben, als zu versuchen, ob es nicht möglich sei, für meinen Vorrath an hirschledernen Beinkleidern im Orte Käufer zu finden. Hierzu war aber nöthig, eine Anzeige in ein öffentliches Blatt einzurücken. Ich erkundigte mich demnach bei dem Wirthe, ob nicht in der Stadt ein vielgelesenes Blatt erscheine, in das ich eine Annonce rücken lassen könne. Er erwiederte, daß in Schnipphausionopel zwei Blätter erschienen, ein englisches und ein deutsches. Das letztere halte er mit; aber erst übermorgen erscheine eine neue Nummer, und von den älteren sei keine mehr vorhanden, da seine Frau sie zu Wirthschaftszwecken verwendet habe. Die Expedition des Blattes befände sich gleich am Ende der Straße. Den Titel desselben könne er sich nicht merken; er sei gar so curios. Folgenden Tags begab ich mich in aller Frühe in die Zeitungsexpedition, wo ich eine seltene Ueberraschung erlebte, die ich mir jedoch der größeren Spannung wegen, für das nächste Kapitel aufspare. Sechszehntes Kapitel. Der Journalismus ist, recht benutzt, der Haupthebel des Emporkommens für Thierbudeninhaber und Ministeraspiranten. Während sie schlafen, essen oder nichts thun, arbeitet für sie die Annonce oder der Leitartikel. Guizot. Der Magen ist das Hauptorgan der Innern Mission, indem er das Central-Innere des Menschen bildet. In ihn muß der Sitz der Innern Mission verlegt werden. Wichern. Das Haus, in welchem sich die Zeitungsexpedition befand, hatte ich ohne große Mühe aufgefunden; denn es zeichnete sich durch ein mächtiges Schild aus mit der Inschrift: »Hier erscheint der Minotaurus im Labyrinth der Zeitfragen. Schnipphausionopolitanisches Organ des unaufhaltsamen Fortschritts, Expedition, Redaction und Druckerei gleich im Hofe rechts.« Diese Inschrift machte mich nicht wenig darauf gespannt, den Eigenthümer und Redacteur dieses mörderischen Blattes kennen zu lernen. Bald stand ich im Redactionszimmer des Minotaurus, welches zugleich auch das Expeditions-, Setz- und Drucklocal war. Noch vor kurzem mochte es wohl als Holzschuppen gedient haben, und um vieles besser war es auch jetzt noch nicht. Ein Mann, den Rücken mir zukehrend, war eben mit Setzen beschäftigt. Er drehte sich um. Fritz! rief er. Peter! rief ich. Fritz Beutel! rief er. Peter Silje! rief ich. Wer führt dich hierher? fragte er. Wer hat dich hierher geführt? fragte ich. Und so gingen die Fragen und Ausrufungen noch lange Zeit unregelmäßig hin und wieder, ehe wir in die Stimmung kamen, ein ordentliches Gespräch zu führen. Er berichtete mir über seine Lebensschicksale und ich über die meinen. Vor seinem ehemaligen Cultusminister stand jetzt dessen ehemaliger Herr und Kaiser in einer gewissermaßen traurigen Gestalt, als ein Mensch, der von den Kindern für einen »Raritätenmann« gehalten wurde, während Peter Silje es doch bis zur Redaction eines Blattes gebracht hatte, mit dem er die öffentliche Meinung der Schnipphausionopolitaner beherrschte und leitete. An Abonnenten fehlte es dem Blatte nicht; er klagte nur über die Säumigkeit im Zahlen. Viele der lieben guten deutschen Landsleute trügen ihm, wie er mir erzählte, das Abonnementsgeld in Eiern, Würsten, Speck, Käse und andern eßbaren Gegenständen ab. Uebrigens war er Redacteur, Expeditor, Corrector, Setzer und Drucker in einer Person. Seine eigenen Artikel, darunter auch die politischen Leitartikel, setzte er sofort aus dem Kopfe, ohne sie vorher niedergeschrieben zu haben. Es ist als ob die nordamerikanische Atmosphäre die menschlichen Fähigkeiten in praktischer Richtung aufs wunderbarste entwickele, denn ein europäischer Redacteur sollte so etwas wohl bleiben lassen. Eine meiner ersten Fragen war, wie diese Stadt zu dem Namen Schnipphausionopolis gekommen sei. Sieh, sagte er, als ich hierher kam, hatte das Nest noch gar keinen Namen, und damals waren die Bewohner lauter Deutsche, die noch ziemlich zerstreut wohnten. Die Gassen waren abgesteckt, aber nur hier und da sah man ein Haus. Indeß füllten sich die leeren Räume von Woche zu Woche mit der Geschwindigkeit, mit der hier Alles vor sich geht. Die Ortschaft sollte nun einen Namen erhalten und es wurde dazu eine öffentliche Volksversammlung ausgeschrieben. Du kannst dir denken, wie darüber gestritten wurde; es waren ja Deutsche! Jeder schlug den Namen seines Geburtsorts vor, man hörte Lowositz, Meseritz, Kyritz, Connewitz, Frankfurt, Ochsenfurt, Schweinfurt, Nürnberg, Perleberg, Grünberg, Müncheberg. Niemand wollte nachgeben und es fehlte nicht viel, so hätten sich die erhitzten Geister in Klopfgeister verwandelt. Endlich beantragte einer der Anwesenden, einen recht aparten Namen zu erfinden, der für Keinen eine Zurücksetzung sei. Ich schlug Germanopolis vor. Das sei freilich etwas Apartes, meinte derselbe Mann, aber etwas Deutsches müsse doch dabei sein. Nun, so nennt das Nest Schnipphausionopolis, da habt ihr etwas ganz Apartes, und doch etwas Deutsches dabei, sagte ich. Mein Vorschlag war im Grunde nur spaßhaft gemeint und ich erstaunte nicht wenig, als bei der Abstimmung dieser Name mit großer Mehrheit durchging, worauf Ruhe im Lande war. Hierauf kam er auf meine eigene Lage zu sprechen, die, wie er zart andeutete, wohl nicht die allergünstigste sein könne. Er fragte mich, ob ich ihm nicht bei seinen Redactionsgeschäften zur Hand gehen wolle, da er eines Gehilfen bedürfe, oder ob ich nicht wenigstens Lust habe, einige Kapitel aus meinem ereignißvollen Leben für sein Feuilleton zu liefern? Ich fragte ihn, wie viel Buchstaben ich etwa wohl zu schreiben habe, um einen Dollar zu verdienen, und er antwortete: nun, so etwa viertausend, einige mehr oder weniger, welcher tröstlichen Nachricht er noch die Bemerkung hinzufügte, daß er die Hälfte des Honorars in Naturalien auszuzahlen pflege. Ich schüttelte mich. Nein, sagte ich, da hacke ich lieber Holz; das ist doch wenigstens eine gesunde Arbeit, die das Blut in Bewegung erhält. Ach, sagte Peter Silje, mit dem Geschäft ist es in Schnipphausionopel nichts; hier hackt Jeder sein Holz selbst. Aber so geschickt wie ich gewiß Keiner, fiel ich ein, ich hacke aus einem Klafter Holz immer drei heraus. Indeß will ich weder Holz noch Sylben spalten, weder Scheite noch Perioden schichten, weder Klötze noch Gedanken klein sägen. Ich hasse solche Arbeit, die sich so aus lauter kleinen Stückchen zusammensetzt. Ich liebe alles Große und Massige. Es ist eine ganz andere Speculation, die ich im Sinne habe. Eine Speculation? fragte Peter Silje; laß hören, wir leben hier im Lande der Speculation. Nun, ich habe zwei Dutzend – verlegen hielt ich inne, ich schämte mich, mit meinem Project herauszurücken. Zwei Dutzend? fragte er neugierig. Ja, was weiter – zwei Dutzend Paar hirschlederne Beinkleider, die ich hier an den Mann bringen möchte. Peter Silje lachte laut auf. Zwei Dutzend hirschlederne Beinkleider? Das ist nichts, das ist keine Speculation! Jetzt wurde ich warm und begann, durch den Widerspruch gereizt, für den Gegenstand meiner Speculation zu schwärmen, und ich sagte: Sie sind aber sehr schön, dauerhaft, fast funkelnagelneu, sage ich dir, sie funkeln in der That wie neue Nägel. Nun erzählte ich mein Abenteuer mit den Trappers. Er nahm jetzt eine ernste Miene an, stand, den Zeigefinger an die Stirn gelegt, eine Zeitlang sinnend da und äußerte hierauf: Bei Licht besehen, ist das Unternehmen nicht so übel. Wenn man die Sache recht angreift, könnte man aus jedem Paar wohl 5 oder 6 Dollar herausschlagen, das würde eine Summe von 120 bis 144 Dollar abwerfen, und damit läßt sich hier zu Lande schon etwas anfangen. Gedulde dich nur eine Weile, lieber Freund, und verhalte dich einige Minuten still, denn ich muß jetzt meine Gedanken concentriren. Damit begab er sich zum Setzkasten, langte seine größten Lettern heraus und begann zu setzen. Nachdem er alle weiteren Proceduren gemacht, begab er sich zu seiner Handpresse und nach wenigen Minuten hatte ich einen bedruckten Streifen Papier in der Hand, worauf ich Folgendes las: »Höchst wichtige Nachricht! »Der berühmte Trapper Fritz Beutel ist so eben ans den Rocky Mountains hierselbst eingetroffen und offerirt dem hiesigen Publikum einen Vorrath von wildledernen Beinkleidern erster Qualität. Das Leder ist auf eine ganz neue Weise aus dem Felle eines Thieres zubereitet, welches erst in der letzten Zeit in den Schluchten der Rocky Mountains entdeckt worden ist. Dieses merkwürdige Thier ist ein viertel Bär, ein viertel Hirsch, ein viertel Biber und ein viertel Büffel und sein Fell vereinigt demnach alle vorzüglichen Eigenschaften, wie sie an den Fellen der genannten Thiere einzeln gefunden werden. Der Besitzer garantirt den Käufern dieser Beinkleider fünfzig Jahre und verpflichtet sich den vollen Preis zurückzuzahlen, wenn sie vor dieser Zeit Schaden leiden und Löcher oder Risse erhalten sollten. Das Publikum wolle sich beeilen, von dieser Offerte Gebrauch zu machen, da der Besitzer sich in hiesiger Stadt nur einige Tage aufhalten wird. Der Preis für das Stück – 6 Dollar – ist einzig und allein im Interesse der Menschheit so niedrig gestellt.« Ich war mit dieser Anzeige sehr zufrieden, sie schien mir ganz amerikanisch zu sein und ich versprach mir von ihr den besten Erfolg. Da ich ihm im Laufe des Gesprächs auch von meinen übrigen Raritäten und den drei russischen Orden erzählte, so leuchtete im Gehirn Peter Silje's ein neuer Gedanke auf und er rief, nachdem er mehrmals, mit dem rechten Arm in der Luft hin- und herfahrend, auf- und niedergegangen war: Fritz! Fritz! Das gibt ein richtiges Unternehmen! Wir eröffnen ein Museum thierischer und menschlicher Wunder! Gedulde dich einen Augenblick! Ich werde mit der Anzeige gleich fertig sein. Damit begab sich Peter Silje zu seinem Setzkasten, setzte und druckte, und gab mir einen neuen Streifen Papier, auf dem ich Folgendes las: »Zugleich verbinden wir hiermit die Anzeige, daß in denselben Räumen des Hotels »zur deutschen Eintracht« Ein Museum thierischer und menschlicher Wunder eröffnet ist, bestehend 1) aus dem Scalp des berühmten Indianerhäuptlings Ta-Bu-To-Ba-Bumpfi, welchen Fritz Beutel mit eigener Hand erlegte; 2) aus dem Balg einer Prairienschlange, einer noch unbekannten Species von Riesenschlangen angehörig, welcher Fritz Beutel mit dem Tomahawk den Leib aufschlitzte, als sie das Indianermädchen Ma-Nu-La-Hit-Tih verschlungen hatte; 3) aus dem zur Mumie eingetrockneten Leichnam dieses Mädchens, welches zwar aus dem Bauche der besagten Prairienriesenschlange durch Fritz Beutel glücklich befreit wurde, dann aber dem Biß der höchst giftigen Pilzschlange erlag; 4) aus dem Kopfe dieser Pilzschlange, welcher im Arme ihres unglücklichen Opfers stecken geblieben ist; 5) 6) und 7) aus drei russischen Orden, welche der General Miloradowitsch trug, als er bei der Revolution der russischen Garden im Jahre 1825 meuchlerisch getödtet wurde, und an denen noch mehrere Blutspuren wahrzunehmen sind, welche jene höchst blutige Katastrophe in all ihrer Furchtbarkeit dem Beschauer ins Gedächtniß zurückrufen werden. Der Eigenthümer dieser kostbaren Gegenstände, ein liebenswürdiger Gentleman von bester Geburt und Erziehung, wird sich beeifern, das Interesse an diesen Gegenständen durch seinen anziehenden Vortrag zu erhöhen. Der Eintrittspreis ist im Interesse der Wissenschaft auf nur 12 Cent festgesetzt. Wer eins der oben bemerkten Beinkleider kauft, hat den Besuch des Museums umsonst.« Diese verlockende Anzeige erschien am zweiten Tage darauf sowohl im »Minotaurus« als in der englischen Zeitung. Auch wurden ellenlange Ankündigungszettel an die Straßenecken, an die öffentlichen Brunnen und an die Thüren des Gasthauses »zur deutschen Eintracht« geklebt. Mein Pferd behing ich ebenfalls mit solchen Zetteln und ließ es vom Hausknecht des Gasthofes in den Straßen der Stadt herumführen. Mein Zimmer hatte ich zum Museum eingerichtet, die Gegenstände möglichst malerisch geordnet, die russischen Orden in einen Glaskasten gethan, auch nicht versäumt, an ihnen vermittelst Rinderblut die nöthigen Blutspuren anzubringen. Die Besucher konnten nun kommen – und sie kamen in dichten Schaaren. Das Gedränge war so ungeheuer, daß ich in aller Eile eins der auf die Straße sich öffnenden Fenster zur Thür erweitern mußte, so daß der Strom der Sehbegierigen sich regelmäßig fortbewegen konnte, nämlich durch die in den Hausflur führende Thüre in das Museum hinein und aus diesem durch die neue Thür wieder auf die Straße hinaus. Mein lebhafter ergreifender Vortrag, der, ich muß es gestehen, nicht ganz so bei der Wahrheit blieb wie in diesem Buche, trug das Seinige dazu bei, immer neue Zuschauer herbeizuziehen und mein Freund Peter Silje mochte nicht unrecht haben, als er in seinem Bericht über diesen glänzenden Erfolg behauptete, daß meine Erklärungen allein ihre 12 Cent werth seien. Unter den Besuchern riefen die Angloamerikaner immer nur »Remarkable! wonderful!« wogegen die deutschen Landsleute ihren Gefühlen in breitern Ergüssen Luft machten: »Wenn man's nicht sähe, würde man's nicht glauben!« »Nein, so was lebt nicht!« »Was in der Welt nicht Alles möglich ist!« u. s. w. Die Sachsen ließen ein Mal über das andere Mal ihr »Herr Jeechens!« hören und ein Schneider aus Berlin bemerkte »Jott! des is ja 'ne scheußliche Jeschichte! wenn das unglückliche weibliche Opfer in seinem verschrumpften Zustande man nicht eben so eklig aussähe, wie das unappetitliche Beest! Mich wird ganz schwimelig zu Muthe!« Den Beinkleidervorrath hatte ich noch im Laufe des ersten Tages abgesetzt, und ich vermochte den vielen Nachfragen nur mit der Versicherung zu begegnen, daß ein größerer Vorrath bereits unterwegs sei und in den nächsten Wochen eintreffen würde. Der Besuch meines Museums blieb auch in den folgenden Tagen noch sehr ansehnlich, da die Farmer mit ihren Familien oft aus sehr weiter Entfernung herbeiströmten, um meine Raritäten in Augenschein zu nehmen. Doch wie Alles ein Ende hat, so hatte etwa nach Verlauf einer Woche auch der Besuch ein Ende; die Neugierde war gestillt; ja man begann allmälig, mein Museum scharf zu kritisiren und gegen die Glaubwürdigkeit meiner Mittheilungen allerlei Zweifel zu äußern. Ich hatte inzwischen ein sehr schönes Geschäft gemacht, und daß ich mich gegen meinen Freund Peter Silje dankbar bewies, läßt sich von mir erwarten. Peter Silje rieth mir, mit meinem Museum auch anderwärts mein Glück zu versuchen und von Stadt zu Stadt zu wandern; aber ich war der Sache schon vollkommen überdrüssig; die Rolle eines Raritätenmannes oder »Showman« sagte mir nicht zu, und ich war sehr erfreut, als eines Tages ein junger Mann sich bei mir meldete und mir für mein Museum eine beträchtliche Summe bot. Wir wurden wenigstens über das Indianermädel und die Riesenschlange einig; dagegen behielt ich meine drei russischen Orden, auf die ich mir etwas einzubilden anfing, und die mir ja noch von sehr großem Nutzen sein konnten, und den Scalp des Indianerhäuptlings, an welchem dem Käufer nichts lag, weil er, wie er versicherte, davon schon einige Dutzend besitze und dieser Artikel durch die große Concurrenz bei dem Publikum und dadurch auch bei den »Showmen« außer Cours gekommen sei. Ich bemerkte übrigens bald, daß ich mit einem sehr geriebenen Manne zu thun hatte, was den Leser auch nicht Wunder nehmen wird, wenn ich ihm sage, daß dieser angehende talentvolle »Showman« kein Anderer war, als der später so berühmt gewordene Phineas Barnum, der Vater und Gesetzgeber des nordamerikanischen Humbug. Er soll auch mit meiner Indianerjungfrau eine Zeitlang gute Geschäfte gemacht haben und brachte die Verbesserung an, daß er sie in den Rachen der Schlange steckte und nur ihren Kopf und ihre ausgebreiteten Arme, als ob sie um Hilfe rufe, daraus hervorhängen ließ, was den Effect der Gruppe bedeutend steigerte. Einen großen Theil des Erworbenen steckte ich in den »Minotaurus«; es wurde ein neues Drucklokal gebaut, eine Dampfpresse angeschafft und das Format des Blattes um das Doppelte vergrößert. An den Redactionsgeschäften nahm ich jedoch nicht Theil, sondern spielte den großen Herrn, richtete mich in einer hübschen Privatwohnung elegant und comfortabel ein, aß sehr gut und trank wo möglich noch besser. Mein Leib nahm dabei an Umfang beträchtlich zu, aber meine Börse in demselben Verhältniß ab. Da wir außerdem den Preis für den Minotaurus erhöht hatten und ihm durch ein neu begründetes noch radicaleres und dabei sehr wohlfeiles Blatt Concurrenz gemacht wurde, so verloren wir in kurzer Zeit die Hälfte der Abonnenten und bald deckte der Minotaurus nicht einmal mehr die Auslagekosten. Diese Hiobspost theilte mir Peter Silje eines Tages mit und sie machte mich nicht wenig betroffen. Doch da wir gerade bei einer Flasche Sect saßen, so brachte mich dieser auf einen wie ich hoffte glücklichen und fruchtbaren Gedanken. Ich sprang plötzlich auf und rief: Peter, ich werde eine Secte stiften und Chef dieser Secte werden! Er sah mich zuerst verwundert an, ich wußte ihm jedoch mein Project mit meiner gewöhnlichen Ueberredungskraft bald plausibel zu machen; auch begriff er, daß diese neue Bewegung dem »Minotaurus« als ihrem Organe wenigstens für den Augenblick sehr zu statten kommen könne, und so erschien denn in der nächsten Nummer des »Minotaurus« folgende von uns gemeinsam redigirte geheimnißvolle Aufforderung: »Nicht zu übersehende und wohl zu beachtende Aufforderung. »An alle deutschen Einwohner hiesiger Stadt, die es mit ihrem und der Ihrigen Wohl wie mit dem sittlichen Heile der Menschheit redlich und gut meinen, ergeht hiermit der ernste Rath, sich am Freitag Abends in dem Tanzsaale des Hotels »zur deutschen Eintracht« einzufinden, wo ein hochwichtiger, die ganze Menschheit betreffender Gegenstand in Berathung gezogen werden soll. Der Nichterscheinende würde sich bei allen Gutgesinnten dem Verdacht aussetzen, gegen die höchsten und heiligsten Interessen der Menschheit gleichgiltig, und, um es mit republikanischer Offenheit herauszusagen, mit einer undurchdringlichen Büffelhaut gepanzert zu sein.« Bis zum Freitag blieb mir noch Zeit genug, meinen Anhang gehörig zu bearbeiten. Dieser bestand aus fast allen jüngeren Leuten der Stadt und mehreren professionellen Wirthshausfreunden und rheinischen Schoppenstechern, mit welchen ich meine Abende lustig bei Becherklang und Rundgesang wie bei allerlei löblichen und lieblichen Gesprächen hinzubringen pflegte. Von dem eigentlichen Gegenstande des Meeting sagte ich ihnen nichts, hüllte ihn vielmehr in den Schleier des Geheimnisses; mir genügte vollkommen ihre Zusage, daß sie durch ihren Beifall jede Gegendemonstration ersticken und unbedingt für mich stimmen würden. Der Freitag Abend erschien; der Saal war gedrängt voll, wie sich nach jener Anzeige und meiner großen Bekanntschaft erwarten ließ. Ich trat auf das Gerüst, das sonst für die Musikanten bestimmt war und mir nun als Tribune diente, überflog die Versammlung mit einem gebietenden Blick und begann mit mächtiger Stimme: »Verehrte Mitbürger! »Indem ich Sie vor mir sehe, erhebt mich einerseits der Gedanke, daß jeder einzeln von Ihnen als Individuum vollkommen wahr und richtig fühlt; aber anderseits schlägt mich auch der Gedanke ebenso tief nieder, daß, wie man sagt, die Deutschen sehr schwer unter Einen Hut zu bringen seien. Indeß habe ich von vornherein dafür gesorgt, daß Sie noch vor dem Anfang unserer Berathung unter Einen Hut gebracht sind, und ich ersuche Sie deßhalb, Ihre Blicke auf die Decke zu richten!« Ich hatte nämlich oben an der Decke einen herabhängenden alten Filzhut angebracht, auf den sich nun begreiflicherweise Aller Blicke höchlichst verwundert richteten. Ich aber fuhr eben so unbefangen als pathetisch fort: »Betrachten Sie diesen Hut, der fortan immer über unsern künftigen Versammlungen schweben wird, als das Symbol der Einheit und Einigkeit, die unter uns waltet und walten muß, wenn wir die große Aufgabe erfüllen sollen, die ich Ihnen heute Abend ans Herz zu legen gedenke. Dieser Hut ist das Wahrzeichen, daß es mir gelungen ist, was noch Keinem gelang: eine Versammlung von einigen hundert Deutschen ohne ihr Wissen und Ahnen noch vor der Debatte unter Einen Hut zu bringen. Unter diesem Hute und von ihm behütet werden wir, ich hoffe, einstimmige Beschlüsse fassen; denn Gegenstimmen sind unter diesem Symbol unmöglich.« Viele der Anwesenden wußten freilich nicht, was sie von diesem Eingange denken und zu ihm sagen sollten; aber mein Anhang begegnete sofort jeder Mißbilligung, die sich etwa Luft zu machen suchen sollte, mit einem wahrhaften Orkan von Beifall, der das Haus erzittern machte. Nachdem sich der Beifallssturm gelegt, begann ich von neuem: »Meine Herren! ein Theil von Ihnen gehört der römisch-katholischen Kirche an, ein anderer ist lutherisch, ein dritter ist calvinistisch, ein vierter mennonitisch, ein fünfter herrnhutisch, und so gibt es vielleicht noch zwanzig Secten, in welche sich diese Versammlung spaltet, ungerechnet diejenigen, die der Hegel'schen Linken angehören, und diejenigen, welche gern eine Synagoge besuchen würden, wenn es eine in Schnipphausionopolis gäbe. Es ist dies, wie Sie mir zugeben werden, ein sehr trauriger zerrissener Zustand, dem wir nur dadurch abhelfen können, wenn wir eine neue allgemeine Secte stiften, welche geeignet ist, alle übrigen in sich zu schließen und alle Unterschiede zu verwischen. Ja es handelt sich bei unserer heutigen Versammlung, damit ich es kurz mache, um die Stiftung einer neuen Secte, und ich beantrage hiermit, zuerst darüber abzustimmen: ob die Versammlung überhaupt für rathsam, zweckmäßig oder nothwendig findet, zur Stiftung einer neuen Secte zu schreiten? Wer dagegen ist, bleibe sitzen; wer dafür ist, stehe auf!« Sofort erhob sich mein ganzer Anhang wie Ein Mann, und da er über den ganzen Saal vertheilt war, so richtete jeder meiner Anhänger verabredetermaßen den zunächst Sitzenden, der etwa Platz behalten zu wollen schien, durch einen kräftigen Ruck in die Höhe, so daß die ganze Versammlung zuletzt sich von ihren Plätzen erhoben hatte, ausgenommen eine kleine Gruppe rechts in der Ecke. »Sie meine Herren da in der Ecke rechts! donnerte ich diese an; unsere Abstimmung geschieht zwar ohne allen moralischen Zwang, aber ich werde es nicht dulden, daß innerhalb dieser Räume eine so geringe Minorität sich erlauben sollte, Opposition gegen den so deutlich ausgesprochenen Gesammtwillen der Versammlung zu machen.« Werft sie hinaus, werft sie hinaus! Nehmt sie am Kragen! riefen meine Anhänger tumultuarisch. »Ich bitte aber dabei in den strengsten Formen der Höflichkeit zu verfahren, redete ich dazwischen; überhaupt soll Höflichkeit und Courtoisie ein Hauptgebot unserer neuen Secte sein, und wenn schon ich in diesem Lande der Freiheit, wo Jeder thun und lassen kann, was er will, nicht für jeden Fall eine gelinde nützliche Ohrfeige oder einen zu Humanitätszwecken dienlichen Backenstreich ausschließen möchte, so soll dies doch nicht geschehen, ohne daß der Unternehmer der Ohrfeige vorher um Erlaubniß gebeten hat oder sich doch nachher als chevaleresker Mann artig entschuldigt. Begleiten Sie also jene Widerspenstigen, die sich herausnahmen, gegen die Gesammtabstimmung zu opponiren und vielleicht Einem oder dem Andern durch ihr verderbliches Beispiel moralischen Zwang anzuthun, unter allen Formen der Höflichkeit hinaus!« Jene Männer – übrigens wie sich ergab Anglo-Amerikaner, die nur aus Neugier gekommen waren und von meiner Rede wahrscheinlich gar nichts verstanden hatten – wurden nun höflichst hinausbegleitet, wobei es jedoch, da sie diese Höflichkeit nicht begriffen und sich widersetzten, einige zerrissene Aermel und Rockschöße gab. Hierauf ergriff ich das Wort und sagte: »Wir haben diese anglo-amerikanischen Eindringlinge beseitigt und damit das Beispiel einer Volksjustiz gegeben, die ebenso prompt als erfolgreich ist und unsern Feinden zeigen wird, daß, wenn sie mit uns anbinden wollen, sie mit Männern zu thun haben werden. (Ungeheurer Beifall.) Ich gehe nun zu dem eigentlichen Gegenstande unserer Berathung über. »Wenn wir eine Secte stiften, so müssen wir auch einen Cultus haben, wir müssen etwas verehren. Aber was sollen wir verehren? Ich würde sagen die Idee, oder, da diese noch zu materiell ist, die Idee der Idee. Ja diese Idee der Idee wollen wir verehren, aber jeder im Stillen. Für den allgemeinen Cultus brauchen wir jedoch ein sichtbares körperliches Symbol, und es kommt nun nur darauf an, einen Gegenstand zu finden, in welchem sich diese Idee der Idee am anschaulichsten verkörpert. Wer, der hungern muß, hat eine Idee oder gar eine Idee von der Idee? Die Ideen sind nur die Gase eines wohlversorgten Magens; wird dieser nicht ordentlich gespeist, so hören auch die Gase auf. Um aber den Magen ordentlich zu pflegen, bedarf man jenes Mediums, das man im gemeinen Leben Geld, money , nennt. Es gibt aber eigentlich kein Geld, sondern nur Geldsorten, Friedrichsd'or, Ducaten, Thaler, Groschen, Kreuzer, Pfennige, Papiergeld. Sorten können für den Cultus nicht gebraucht werden; man kann nicht Madonnen verehren, sondern nur eine Madonna. Wir müssen also nach einem Gegenstand suchen, der in sich individuell gerundet ist und ein Bild gewährt. Meine Herren! ich glaube es gibt nichts Gerundeteres als einen Geldbeutel, der ohnehin mit dem Magen etwas Verwandtes hat, indem dieser im Grunde ja auch nur ein Beutel ist. Nun, ein solcher Beutel soll, schlage ich vor, der Gegenstand unseres gemeinsamen Cultus sein, wobei es Niemanden verwehrt sein soll, auch an mich zu denken als denjenigen, der den Namen Beutel mit Ehren trägt und Stifter der neuen Beutelreligion und der Secte der Beutelisten ist. Es wird demnach ein geräumiger, mit Quasten verzierter lederner Beutel der Zielpunkt unseres gemeinsamen Cultus sein; derselbe wird an der Wand befestigt werden, genau über meinem Kopfe und es wird allen Gläubigen zur Pflicht gemacht, nach Beendigung jeder Beutelfeier dieses Symbol unseres Glaubens mit einem Opfer zu versehen, je nach Maßgabe des Vermögens und Einkommens. Dieser Beutelcultus soll ein Cultus der Freude sein, es sollen um diesen Beutel Tänze als z. B. Galoppaden und Polkas aufgeführt werden und auch der Magen soll dabei in den gehörigen Stand gesetzt werden, die nöthigen Gase, ich will sagen Ideen zu entwickeln. (Rauschender Beifall meiner Anhänger, namentlich der alten Schoppenstecher.) Sie werden mir Recht geben, meine Herren! daß der Magen der Sitz aller Tugenden und Laster ist, denn wer gesättigt ist und Aussicht auf lange Tage der Sättigung hat, liebt neben sich auch die Menschheit, nur der Hungrige betrügt, stiehlt, raubt und mordet. Sehen Sie unsere Schoppenstecher an! (Betäubender Beifall.) Wie gemüthlich, menschenfreundlich sehen sie aus, welche Strahlen, sonnenähnlich, entsenden ihre Gesichter nach allen Seiten. Und wie häuslich, wie regelmäßig leben sie, wie zurückgezogen, wie weltverachtend in ihrem Weinhause, in welchem jeder ordentliche und ordnungsliebende Mensch sie zur festgesetzten Stunde finden kann. (Wiederholter Beifall.) Ja, sie leben in dieser Hinsicht mit einer Regelmäßigkeit, die ich fast pedantisch nennen könnte. Ich bemerke nur noch, daß diese neue Religion auf Actien gegründet werden wird, worüber ich Ihnen einen gedruckten Plan zukommen lassen werde. Schreiten wir jetzt zur Abstimmung! (Großer Beifall.) Ich stelle somit die Frage – – –« Soweit war ich gekommen, als wir plötzlich von der Straße her ein wildes Getümmel, das Gebrüll des Yankee-Duddle und heulende Hurrahrufe vernahmen. Die hinausgeworfenen Anglo-Amerikaner hatten ihre Landsleute herbeigerufen und sich mit einem Trupp breitschulteriger und derbfaustiger Farmer vereinigt, die sich gerade an diesem Tage in großer Zahl in der Stadt befanden zum Zwecke eines Vieh- und Pferdemarkts, der am folgenden Tage abgehalten werden sollte. Bald stürmten sie auch, nachdem sie die Thüren erbrochen hatten, in den Saal, mit Knütteln, Messern, ja zum Theil selbst Revolvern bewaffnet und mit dem Rufe: Lyncht ihn! Lyncht ihn! was mir keineswegs angenehm zu hören war. Die Deutschen, auf eine solche Katastrophe nicht vorbereitet, waren gänzlich unbewaffnet und bestanden zum Theil aus »Gevatter Schneidern und Handschuhmachern«, von denen bei einer Klopferei im großen Style nicht viel zu erwarten war, und auch auf meine älteren Freunde, die Schoppenstecher, konnte ich mich nicht sehr verlassen, da sie wie alle Schoppenstecher zwar höchst raisonnirlustige, aber auch äußerst friedfertige Leute waren und nur den einen Ehrgeiz kannten, recht viele Schoppen, aber sonst Niemand auszustechen. Trotz des offenbar ungleichen Kampfes setzten sich aber doch die jungen Leute und eine Anzahl kräftiger Handarbeiter zur Wehre, brachen Tischen, Stühlen und Bänken die Beine aus und gingen mit dieser improvisirten Waffe auf die Angreifer los. Da ich jedoch voraussah, wohin der Kampf sich schließlich wenden mußte, so benutzte ich die allgemeine Verwirrung und entschlüpfte durch eine Hinterthür, welche auf eine Gallerie hinausführte, die an dem einen Ende mit einer Treppe versehen war. Auf dieser gelangte ich gerade in den Hof und durch einige Gärten – wobei ich freilich mehrere Zäune und Hecken überklettern mußte – in meine nicht fern gelegene Wohnung, die zu ebener Erde lag. Das Fenster nach dem Hofe zu war geöffnet und durch dieses stieg ich in mein Wohnzimmer, da ich mir mit meinem gewöhnlichen Scharfblick denken konnte, daß die von innen verschlossene Thüre für den möglichen Fall meines Entkommens besetzt sein würde. Diese Vermuthung erhob sich zur Gewißheit, indem ich auf dem Hausflur das Geflüster und Gemurmel mehrerer männlichen Stimmen vernahm. Ich steckte nun den Rest meiner Baarschaft, den Scalp und die russischen Orden zu mir, warf meine Flinte über die Schulter, nahm meine Guitarre in die linke und meinen Tomahawk in die rechte Hand und wollte eben meine Flucht durch das Fenster ergreifen, als drei Männer vor demselben erschienen und in das Zimmer spähende Blicke warfen. Meine Belagerer mußten also doch von meiner Heimkehr etwas gewittert haben. Ich war also genöthigt, meine Operationen zu ändern. Da ich annehmen konnte, daß die andern Männer am Schlüsselloch lauschen würden, drehte ich den Schlüssel so leise und schnell als möglich im Schlüsselloch um und stieß die Thüre mit einer so furchtbaren Gewalt auf, daß die drei noch im Hausflur befindlichen Männer über einander stürzten. Ich gab ihnen noch in aller Eile einige tüchtige Tritte, ohne gerade dabei zu überlegen, wohin sie trafen, und stürmte nun gegen die in den Hofraum führende geöffnete Thüre los, denn es war mir vor Allem darum zu thun, den Stall zu erreichen und mich meines Pferdes zu bemächtigen. Natürlich traten mir die drei Männer, welche mich vom Fenster aus belagerten, in den Weg. Schnell entschlossen nahm ich den Scalp, stülpte ihn einem der Männer so über den Kopf, daß er für eine Weile nicht aus den Augen sehen konnte, ergriff dann meine Guitarre, die ich bis hierher durch so viele Fährlichkeiten gerettet hatte, schlug sie dem Ersten, der mir entgegentrat, um die Schläfe, daß ihm für eine Weile Hören und Sehen verging, wobei aber auch die Guitarre in hundert Stücke zerflog, und ging dann mit dem Schlachtrufe des Mephistopheles: Die Zither ist entzwei, an der ist nichts zu halten, Nun geht es an ein Schädelspalten! auf den letzten noch übrigen der Männer los, mit geschwungenem Tomahawk und einer so wüthenden Geberde, daß er mir entsetzt auswich und mir Zeit ließ, in den Stall zu gelangen. Mit bewundernswerther Schnelligkeit koppelte ich mein Pferd los, sattelte und zäumte es, schwang mich in den Sattel und sprengte durch die Hinterthür des Hofes ins Freie. Es wurden mir zwar aus einem doppelläufigen Revolver zwei Kugeln nachgesendet, aber ich spottete ihrer mit lautem höhnischen Lachen. Ich war gerettet und betrachtete diese Flucht als einen glorreichen Sieg des deutschen Elements über das anglo-amerikanische oder nativistische; da es die Yankees in ihrer lächerlichen Wuth gerade auf meine Person abgesehen hatten, ohne mir doch einen Finger zu krümmen und mich an meiner Flucht hindern zu können. Es gereichte mir zur innigsten Genugthuung, wenn ich an die langen Nasen dachte, mit denen meine schändlichen Widersacher folgenden Tages in den Gassen von Schnipphausionopolis umherspazieren würden. Siebenzehntes Kapitel. In der Kirche können die leeren Bänke noch am besten die Wahrheit vertragen. Schleiermacher. Weiß man wer in einer Gegend, wo es viele Pferdediebe gibt, noch am glücklichsten daran ist? – Derjenige, der keine Pferde besitzt. Walter Scott. An einem jener schönen Spätherbsttage, die man in Nordamerika den Indianersommer zu nennen pflegt, gelangte ich nach mehrtägigem Ritt in eine Ansiedlung, die eine durchaus deutsche Physiognomie trug. Nachdem ich die Hauptstraße ein wenig weiter hinauf geritten war, erblickte ich einen Gasthof mit einem Schilde, von welchem mich das grobgepinselte Porträt eines schnurrbärtigen Mannes sehr seltsam anstierte. Unter dem Portrait las ich zu meinem höchlichsten Erstaunen die Inschrift »zum Fritz Beutel«. Jeder meiner Leser wird es begreiflich finden, daß ich sofort in diesem Gasthof abstieg, worauf ich meinen Gaul in den Stall bringen und mir selbst ein Zimmer anweisen ließ. Sofort begab ich mich in die allgemeine Gaststube, um mir ein Abendessen mit einer Flasche Wein geben zu lassen, und fand hier den Wirth, einen dicken gemüthlichen Schwaben mit rundlichem Gesicht, das wie eine kleine Sonne strahlte und das etwas finstere Zimmer mit Licht und Glanz erfüllte. Nachdem ich auf meine Frage, wie die Ortschaft heiße, die Antwort erhalten hatte: Beutelfurt, lieber Herr! richtete ich weiter die Frage an ihn, wie der Ort zu diesem Namen und sein Gasthof zu seiner mir so auffälligen Firma gekommen sei. Er unterrichtete mich nun, daß ein Mann Namens Winkerle diesen Gasthof besessen und ihm den besagten Namen wie der Ortschaft den Namen Beutelfurt gegeben habe. Dieser Mann sei hier der erste Ansiedler gewesen und habe den Gasthof an dem Knotenpunkt mehrerer belebten Straßen angelegt, worauf sich dann allmälig andere Ansiedler in der fruchtbaren Gegend niedergelassen hätten. Winkerle habe auch eine Barbierstube besessen und nebenbei die chirurgische Praxis geübt. Aber er habe zu lustig gelebt, sein Geschäft vernachlässigt, als Wirth zu viel und als Chirurg oft zu wenig geschnitten und sei endlich, um seinen Gläubigern zu entgehen, heimlich durchgebrannt. Er, der jetzige Wirth, habe dann als Hauptgläubiger den Gasthof acquirirt und er sei auch ziemlich zufrieden, obschon das Land doch immer kein gemüthliches Schwaben sei. Auf meine weitere Frage, ob er nicht wisse, was weiter aus Winkerle geworden, antwortete er: Nein, das wisse er nicht. Meine Neugierde war gestillt; ich wußte nun, daß mein Freund und ehemaliger Minister der Medicinalangelegenheiten es gewesen, der meinen Namen hier so sinnreich verewigt hatte. War aber meine Neugierde einigermaßen befriedigt, so begann jetzt die des Gastwirths zum Durchbruch zu kommen. Mir gegenübersitzend und die Arme verschränkt auf die Tischplatte legend, nahm er mich ins Verhör und fragte mich, woher ich komme? Ich antwortete, meine letzte Station sei Schnipphausionopolis gewesen. Von diesem Orte, meinte er, habe er noch nichts gehört, er müsse wohl sehr weit von Beutelfurt entfernt sein. Nur etwa 300 Meilen, erwiederte ich, kürzere Stationen mache ich niemals. Wie die Geschäfte in Schnipphausionopolis gingen, fragte er weiter, während seine Zipfelmütze fortfuhr, sich wie ein weißes Fragezeichen gegen mich zu bewegen. Einige, antwortete ich, gehen gut, einige schlecht, andere gar nicht. Hier in Beutelfurt, bemerkte er hierauf, gingen manche Geschäfte ganz ausgezeichnet und es lasse sich hier etwas machen. Offenbar wollte er mich ausholen, um zu erfahren, in welchen Geschäften ich hierher gekommen sei. Ach, antwortete ich, das Geschäft, in dem ich mache, wird in Beutelfurt wohl sehr lahm gehen. Ich reise in Missionsgeschäften. Ich habe den Völkerschaften in den Steppen jenseits der Rocky Mountains das Evangelium gepredigt und etwa ein Dutzend heidnische Stämme zu veritabeln Christen gemacht. Wenn sie jetzt einander auffressen, so thun sie das nicht mehr im heidnischen, sondern in mehr christlichem Sinne – aus Liebe. Der dicke Wirth sah mich verwundert an. Meine ganze Erscheinung, meine Flinte, mein Schnurrbart mochten sehr wenig mit den Vorstellungen übereinstimmen, die er sich von einem Missionär gebildet hatte. Ich kam daher seinen nächsten Fragen zuvor und sagte: Was meinen Schnurrbart, meinen Tomahawk, meine Flinte betrifft, Herr Gastgeber! so mögen Sie nicht vergessen, daß diese Gegenstände dem Missionär unter diesen Stämmen höchst nothwendig sind. Unbärtig wie die Indianer sind, betrachten sie gerade den Schnurrbart als das deutlichste Zeichen christlicher Civilisation, wie sie sich denn auch die Apostel nie unter einer andern Form denken können, als unter derjenigen eines ungarischen Nationalhusaren, und daß man die geladene Flinte bei dem Unterrichte in den Artikeln des Glaubens immer mit gespanntem Hahn neben sich haben muß, läßt sich wohl einsehen. Nun, sagte der Wirth, wenn Sie wirklich ein Missionär sind, so läßt sich wohl ein Geschäft entriren. Wir sind hier um einen Geistlichen verlegen, da sich der frühere Schulden halber mit Winkerle zugleich aus dem Staube gemacht hat. Etwas Christenthum muß man aber doch haben, wenn auch nicht zu viel, doch so viel, als man gerade fürs Haus gebraucht. Ich bin ein angesehener Mann hier in Beutelfurt und könnte es durch meine Fürsprache wohl durchsetzen, daß Sie zum Ortsgeistlichen gewählt werden. Wenn Sie mir daher versprechen wollen, mir von Ihrem Gehalt zehn Procent abzutreten – Der Gedanke, mich auch als Geistlichen zu versuchen, reizte mich, und ich fiel ihm ins Wort. Lieber Mann! mit Vergnügen zehn Procent! Auch verspreche ich Ihnen, Ihr täglicher Stammgast zu sein und meinen Bedarf an Getränken nur von Ihnen holen zu lassen. Na, das Geschäft ist gemacht, sagte er, ein Mann, ein Wort! Er reichte mir seine derbe Hand, und ich schlug ein. Ich machte in den folgenden Tagen den Honoratioren des Orts meine Aufwartung und hielt am nächsten Sonntage meine Probepredigt, die bei der mir zu Gebote stehenden natürlichen Beredsamkeit außerordentlich glänzend ausfiel. Ich sprach von der Vorsehung und erläuterte ihr Walten an meinem eigenen Leben. Die jungen Mädchen fesselte ich durch die anziehende Darstellung meines Verhältnisses zu Beate Regina Cordula Veronica Pipermann und zu der Kuxusenprinzessin Kax, die jungen unternehmungslustigen Männer durch die energische Schilderung meiner kriegerischen Abenteuer, die Geschäftsleute durch die Erzählung, wie ich den texanischen Farmer mit dem Bären und dann mit den geschundenen Büffeln betrog, die alten Weiber durch so manche rührende Episoden, an denen, wie der Leser ja weiß, mein Leben so reich war. Für die Frommen hatte ich immer Bibelsprüche bereit, wie sie mir gerade in den Sinn fielen, wobei es mir freilich nicht gerade immer darauf ankam, ob sie auch auf den Fall genau paßten. Kurz, ich wurde gewählt, stellte jedoch die Bedingung, meinen Schnurrbart nicht opfern zu dürfen. Entweder – oder, erklärte ich. Die Kirchenpatrone hielten hierüber Berathung und entschieden sich dann mit großer Mehrheit dahin, daß in Beutelfurt ein Schnurrbart kein Hinderniß sei, warum Jemand zum Geistlichen nicht gewählt werden dürfe. Ich war nun Geistlicher und habe dieses Amt den ganzen Winter über in Beutelfurt verwaltet. Da jedoch die Einkünfte für meine Bedürfnisse nicht hinreichten und der zehnte Theil davon contractlich – denn wir hatten später darüber einen schriftlichen Vertrag geschlossen – dem Wirthe zum Fritz Beutel zufiel, hatte ich noch einige Entreprisen nebenbei unternommen. Eine dieser Entreprisen bestand in einer Lotterie, in welcher es keine Nieten gab; denn selbst die geringsten Gewinne bestanden doch in einem Bartpinsel oder einem Stückchen Waschseife oder in einem Paar alter Stiefelschäfte. Der Hauptgewinn sollte auf mein Pferd fallen, ich hatte es jedoch unter der Hand an einen durchreisenden Roßhändler verkauft, behauptete aber zuversichtlich, daß es mir aus dem Stalle gestohlen worden sei. Da es nun sehr viele Pferdediebe in Beutelfurt gab, so zweifelte man an meiner Aussage durchaus nicht, und die öffentliche Meinung bezeichnete bald diesen bald jenen als den Räuber. Dies machte mir sehr vielen Spaß und gab mir nächsten Sonntags prächtigen Stoff zu einer Predigt, in welcher ich die Scheußlichkeit der Liebhaberei, Pferde zu stehlen und sogar den heiligen Stall des Geistlichen nicht unangetastet zu lassen, mit den energischsten Worten ausmalte, so daß allen denen, welche Pferde gestohlen hatten, die Augen dabei in Thränen schwammen. Außerdem legte ich einen Kramladen an und empfahl ihn in der Zeitung mit den Worten: »daß ich zu jeder Zeit in Stand gesetzt sei, den Kunden die Waaren um einen billigern Preis abzulassen als jeder Andere .« Dies war mir in der That möglich, da die gebrannten Bohnen, die ich unter die Kaffeebohnen, die gedörrten Kartoffelkrautblätter, die ich unter den Tabak, die getrockneten Feldblumenblätter, die ich unter den Thee mischte, und die Heidelbeeren, womit ich den sogenannten Rothwein färbte, mich so gut wie gar nichts kosteten. Dies war kein Schwindel. Aechte Waaren konnte man um den Preis, für den ich sie verkaufte, nicht haben, mithin mußten meine Kunden im Voraus wissen, daß sie bei mir nur unächte Waare erhalten könnten. Es war somit ein ganz ehrliches, eines Geistlichen würdiges Geschäft. Endlich errichtete ich eine Leihbibliothek, zu welchem Zweck ich durch einen Unterhändler in St. Louis aus den dortigen Leihbibliotheken eine Parthie solcher Bücher erstanden hatte, die dort seit drei oder vier Jahren nicht mehr gelesen wurden. Es waren lauter Geister-, Ritter- und Räuberromane, in denen es auch an verliebten Scenen nicht fehlte, wie die junge Welt sie liebt und auch die Alten sie gern lesen. Die Leihbibliothek, zu welcher der Wirth zum Fritz Beutel seinen Namen als Entrepreneur herlieh, wurde als eine »Auswahl des Schönsten, Besten und Erhabensten aus der deutschen Literatur« angekündigt. Auf der Kanzel eiferte ich sonntäglich dagegen als eine verführerische unsittliche Lektüre, weil ich dann gewiß war, daß sie nur um so eifriger benutzt werden würde. Zuweilen empfahl ich auch die Anstalt, und motivirte meine Empfehlung dadurch, daß man dergleichen gelesen haben müsse, um die Ausschreitungen in der Liebe und anderen höchst verderblichen Leidenschaften kennen zu lernen und sich vor ihnen in Acht zu nehmen. So weit ging Alles recht gut; aber die mir angeborene eulenspiegelische oder mephistophelische Laune spielte mir bald Streiche über Streiche. Meine Tauf-, Trau- und Begräbnißreden nahmen allmälig einen immer eigenthümlichern Charakter an. Bei der Bestattung eines reichen und höchst angesehenen Mannes, eines sogenannten Ehrenmannes, hielt ich z. B. folgende Rede: Wir stehen hier an dem Grabe eines Mannes, dem wir alles Mögliche ins Grab nachwünschen. Er war ein Vater, nicht der Armen, sondern verschiedener Kinder, die sogar verschiedene Mütter hatten. Er pflegte, wenn auch nicht Künste und Wissenschaften, doch seinen Magen, der ihm man möchte sagen förmlich ans Herz gewachsen war. Er widmete, wenn auch nicht den Waisen und Wittwen, doch seinem eigenen Interesse die zarteste Sorgfalt. Er liebte, wenn auch nicht das menschliche Geschlecht, doch die schönere Hälfte desselben. Er bedrückte Niemanden, außer diejenigen, von denen er einen Vortheil zu erpressen hoffen durfte. Er verdammte und verfolgte mit heiligem Zorn jedes Laster – an jedem Andern. Er war unerbittlich streng gegen sich selbst, wo es darauf ankam, zu genießen und zu erwerben. Kurz er war das Muster eines Mannes und Bürgers, wie seine lachenden Erben bezeugen werden. Diese Rede, von der ich nur nach der Erinnerung einen Auszug gebe, erregte zwar Aufsehen, zog mir aber keine Unannehmlichkeiten zu, da der Verstorbene wirklich bei der Bürgerschaft nicht beliebt gewesen war, und selbst die lachenden Erben fühlten keine Veranlassung, weniger zu lachen als sie vorher gelacht hatten. Bald darauf sollte ich jedoch eine Traurede halten, und da der Bräutigam sich erlaubt hatte, unter die Surrogate von Thee, Kaffee und Tabak noch weniger Aechtes zu mischen und daher den Preis noch geringer zu stellen als ich, so fühlte ich mich durchaus nicht veranlaßt, seine und der Braut Tugenden in dem Style zu preisen, wie dies sonst gewöhnlich ist. Zwar hob ich im Eingange der Traurede hervor, daß beide Brautleute ohne Zweifel entschlossen sein würden, einander die größten Opfer zu bringen und bis zum Tode treu zu bleiben, daß sie sich ganz gewiß auf die allervergnügtesten und allerseligsten Schäferstunden Rechnung machen würden, was ihnen auch nicht zu verdenken, aber ich fuhr alsdann fort: Indeß, meine verehrten Brautleute! ich muß Sie um Ihres eigenen Heiles willen darauf aufmerksam machen, daß solche Illusionen gegen die Wirklichkeit nicht Stich halten. Nehmen Sie nur noch immer mehr getrocknetes Kartoffelkraut unter den Tabak, gebrannte Bohnen unter die Kaffeebohnen und gedörrte Feldblumenblätter unter den Thee – aber bedenken Sie, daß Alles seine Grenzen hat, daß man doch nicht lauter Bohnen für Kaffeebohnen, Feldblumenblätter für Thee und Kartoffelkraut für Tabak geben kann. Die Kunden sind zwar sehr dumm, aber auch diese Dummheit hat ihre Grenze. Was dann? Sie werden dem Bankerott entgegenschwanken, es wird am Nöthigsten im Hauswesen fehlen, die Frau Gemahlin wird kochen wollen und der Herr Ehegemahl wird nichts hergeben können, wovon sie kochen kann, außer Bohnen statt Kaffeebohnen und Feldblumenblätter statt Thee. Es wird häusliche Scenen geben, Scenen der ausgesprochensten und nach beiden Seiten effectvollsten Art. Die Backen werden zuweilen roth werden in Folge gegenseitiger lebhaften Berührungen, die aber der empfangende Theil nicht für Küsse halten wird. Der Herr Gemahl möge sich eine Perücke anschaffen, damit seine eigenen Haare dabei nicht in Gefahr kommen, und die Frau Gemahlin möge vorher sorgfältig jeden Gegenstand entfernen, der nach einem Stock aussieht! Der Herr Gemahl wird zu dem Universalmittel für allen häuslichen Gram seine Zuflucht nehmen, das im Gasthofe »Zum Fritz Beutel« zu haben ist, und die Frau Gemahlin wird ihm vorwerfen, daß diese Arznei zu viel koste. So wird man durch das Wein-, Spiel- und Leihhaus und andere Häuser hindurch endlich in das Zucht- und Correctionshaus und von da ins Leichenhaus gelangen, nachdem der Herr Gemahl sich durch die Verlängerung eines Strickes das Leben gekürzt und die Frau Gemahlin im Mississippi ein Bad genommen hat, in welchem sie sich ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit zu lange aufhielt. Das Alles kommt daher, wenn man einige Feldblumenblätter mehr unter den Thee und einiges Kartoffelkraut mehr als in einem soliden Geschäft nöthig ist unter den Tabak mischt. Drum gehen Sie noch zur rechten Zeit in sich, verlassen Sie den bösen Weg, der mit Surrogaten allzustark gepflastert ist, und Alles kann noch gut werden! Hierauf segnete ich in aller Kürze die Ehe ein und schritt mit gebietenden Blicken und starken Schritten hinaus, während das junge copulirte Paar und die Trauzeugen zurückblieben, ohne zu wissen, was sie thun und sagen sollten. Ein andermal sollte ich eine Taufhandlung verrichten, und da der Papa kurz vorher mein Lotterieunternehmen in einem öffentlichen Blatte als lauter Schwindel, Betrug und Humbug gebrandmarkt hatte, so fand ich auch hier keine Veranlassung, mit der Wahrheit zurückzuhalten. Nachdem ich geschildert, welche Hoffnungen die Eltern und die geehrten Taufzeugen ohne Zweifel auf den jungen Weltbürger setzen, wie sie in ihm den Stolz und die Freude des Hauses, vielleicht den Chef einer berühmten Handlungsfirma, einen Senator oder gar den Gouverneur der Provinz erblicken würden, fuhr ich fort: Indeß der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, das ist eine alte Wahrheit. Ein Knäblein, welches einen Calumnianten zum Papa hat, wird im besten Falle auch nichts weiter werden als ein Taugenichts und Straßenläufer, als ein Rowdy und Loafer, als ein Brandmal des menschlichen Geschlechts. Dieses Bürschchen ist allerdings seinem Vater wie aus den Augen geschnitten, denn es hat höchst tückische, schielende und boshafte Augen. Es wird eine sehr wilde Range werden, es wird Ihnen, verehrte aber sehr bedauernswerthe Eltern, bei Nacht und Nebel davon laufen und in der Welt als ein Nichtsnutz herumabenteuern, es wird Andern das Brod und die Ehre abschneiden, es wird in die öffentlichen Blätter Injurien gegen rechtschaffene Leute einrücken lassen, es wird verschiedene Diebstähle, mitunter auch Pferdediebstähle begehen und dafür mit Fug und Recht gelyncht werden, und irre ich nicht, so sehe ich im fernen Kalifornien einen einsam stehenden Baum und daran einen Menschen hängen, der so aussieht, wie nur der Sohn eines solchen Vaters und ehrabschneiderischen Calumnianten aussehen kann. In dieser Weise wollte ich noch fortfahren, als die Großmutter, ein noch handfestes resolutes Weib, auf mich zusprang, mir das Kind aus den Armen riß, alle Schleußen ihrer natürlichen Beredsamkeit öffnete und mich mit einer Fluth der ehrenrührigsten Ausdrücke übergoß. Die ganze Gesellschaft kam in Aufruhr; der Vater brüllte, die Taufzeugen tobten, das Kind schrie entsetzlich. Ich hielt es unter diesen Umständen für das Zweckmäßigste, das Zimmer zu verlassen, wendete mich aber in der Thür noch einmal um und rief: Der Baum, von dem ich sprach, steht doch, und zwar am Ufer des Coloradoflusses. Er hat einen langgestreckten Ast, ganz geeignet, solche Früchtchen zu tragen wie das dort! Und damit empfahl ich mich. Die durch diese Rede betroffenen Familien ließen es nun nicht an den schändlichsten Intriguen gegen mich fehlen und veranstalteten es, daß mir an einem der nächsten Abende ein Charivari mit höchst vollständig besetztem Orchester gebracht wurde. Ich hatte jedoch hiervon zur rechten Zeit Witterung erhalten, mich aus meiner Wohnung entfernt und mich, in meinen Mantel gehüllt, unter die Virtuosen gemischt. Ich bearbeitete meine metallene Bratpfanne mit einem Mörserstößer so gewandt und geschickt, daß ich allgemeines Aufsehen erregte und für meinen Eifer die schmeichelhaftesten Complimente in Empfang nahm. Wenn sie im Begriffe waren aufzuhören, begann ich immer von Neuem, bis sie gänzlich ermüdet waren und erklärten: es sei nun genug. Hierauf schlug ich meinen Mantel zurück und sagte: Meine Herren! Ich freue mich um so mehr, als bloßer Volontär den Beifall so geübter Virtuosen errungen zu haben, da ich selbst, wie Sie sehen, der Pfarrer Fritz Beutel bin. Wollen Sie auch die Güte haben, mir die Fenster einzuwerfen, was ich ganz in der Ordnung finde, so offerire ich Ihnen hiermit eine Parthie tüchtiger Steine, die ich in meinen Mantel- und Rocktaschen bei mir führe. Ich empfehle Ihnen das um so mehr, da, wie ich bemerke, sich der verehrte Herr Glasermeister Schuwalsky unter Ihnen befindet, dem ich gern einen kleinen Verdienst gönnen möchte, um so mehr, da er allabendlich mein getreuster Kumpan im »Fritz Beutel« ist und es ihm ohne Zweifel große Ueberwindung gekostet hat, heute die gewöhnliche Bierstunde zu versäumen, um an der mir gebrachten Huldigung Theil zu nehmen. Auf diese im verbindlichsten Tone gesprochene Anrede schlich sich ein großer Theil der Katzenmusikanten, worunter Herr Schuwalsky selbst, etwas beschämt hinweg, während die Uebrigen in lauten Jubel ausbrachen, mich auf ihren Schultern ins Haus trugen und mir ehrlich gestanden, daß sie einen solchen Geistlichen noch nicht gehabt hätten. Ich bewirthete sie nun mit einer Bowle Punsch, wobei auch sehr schöne ehrbare Rundgesänge angestimmt wurden, und ich hätte ohne Zweifel Geistlicher von Beutelfurt bleiben können, wenn es mir darum zu thun gewesen wäre. Aber ich selbst war des Geschäfts satt und reichte meine Demission ein, die auch natürlich bewilligt wurde. Am nächsten Sonntage hielt ich noch eine Abschiedsrede, in der ich unter Anderm sagte: Verehrte Brüder und Schwestern in Fritz Beutel! Ich nehme heute von euch Abschied, weil ich nicht wünsche, euch an dieser Stätte mehr gegenüberzustehen. Ich glaube euch ein gutes Beispiel gegeben zu haben. Ich habe zwar allerlei gesundes Kraut unter den Tabak und den Thee gemischt, aber niemals in größeren Quantitäten als gerade nöthig, um ein solides Verhältniß zwischen mir und den verehrten Kunden aufrecht zu erhalten, nicht so wenig, um bei dem billigen Preise selbst zu Schaden zu kommen, aber auch nicht so viel, um mich auf Kosten der Gemeinde zu bereichern. Auch in der Religion, die ich euch spendete, habe ich so wenig Surrogate als möglich eingemischt. Ich habe das christliche Problem gelöst, eine Lotterie zu veranstalten, bei der Niemand eine Niete zog. Ich habe Niemanden etwas gestohlen oder veruntreut, selbst wenn ich dazu die beste Gelegenheit hatte. Ich habe gegen das schändliche, in der neuerrichteten Leihbibliothek enthaltene Gift geeifert, obschon ihr Inhaber mein Freund ist. Ich habe demselben Freunde mit größter Gewissenhaftigkeit mein Gelöbniß gehalten, allabendlich mein Glas Bier nur bei ihm zu trinken, obschon die Versuchung nahe lag, auch an andern Orten, wo besseres Bier verschenkt wird, einzukehren. Mein Beispiel hat nicht Nachahmung genug gefunden und meine uneigennützigen Bestrebungen sind sogar verdächtigt worden. Leute, die ich nicht nennen mag, haben ihre Waaren mit Surrogaten versetzt, die ich gleichfalls nicht nennen mag, und ich fürchte, daß man nach mir die Religion ebenfalls mit Surrogaten versetzen wird, durch welche ihre Kunden schmählich hintergangen werden. Mein Lotterieunternehmen, das so fest genietet war, weil es ohne Nieten war, ist aufs Schändlichste verunglimpft und öffentlich an den Pranger gestellt worden, obschon ich es dabei einzig und allein auf das allgemeine Wohl und den allgemeinen Nutzen abgesehen hatte. Wiewohl ich niemals etwas gestohlen oder veruntreut habe, ist doch gestohlen und veruntreut worden, daß darüber mein Herz blutete, insofern nicht das Blut vor großem Schreck über solche Verderbniß geronnen war. Trotz meiner christlichen Warnungen hat man fortgefahren, die schändlichsten Bücher der Leihbibliothek zu lesen, nein, was sage ich, so zu zerlesen, daß von vielen nur der Deckel des Buches übrig geblieben ist. Obschon ich mit rühmlicher Selbstentsagung und trotz der dadurch verursachten Magen- und Kopfschmerzen nur das Hotel »Zum Fritz Beutel« besuchte, haben unzählige Andere diejenigen Tabagien besucht, in denen besseres Bier verschenkt wurde, und sie haben dadurch an den Tag gelegt, daß es ihnen einzig und allein um den Magen und nicht um höhere Güter und um die Tugend der Selbstentsagung zu thun ist. Indeß verzeihe ich hiermit allen Calumnianten, allen Dieben und Pferdedieben und Allen, die meinem Beispiele nicht nachgefolgt sind. Thränen über sie, aber keinen Bannspruch, kein unchristliches Verdammungsurtheil! Wir sind ja allzumal Sünder und ermangeln des Ruhms. Nur das möchte ich einer christlichen Versammlung ans Herz legen, daß ich als wohlhabender Mann hierher gekommen bin, daß ich mein Vermögen im Dienste der Stadt zugesetzt habe und daß ich nun hinausziehen soll zu Fuß, während ich in Beutelfurt doch stolz zu Rosse eingezogen bin. Solches werden christliche Seelen nicht dulden wollen. Irgend Einer hat mir meinen Gaul entwendet, und ich kenne ihn, es ist der, gegen dessen Kopf ich jetzt mein Gesangbuch werfen werde; denn jeder Pferdedieb dieser Stadt ist mir bekannt wie mein eigener Bruder. Alle, die im Geruche standen, Pferdediebe zu sein, bückten sich bei diesen Worten unwillkürlich, denn Keiner war seiner Sache so recht sicher; Jedem schlug das Gewissen. Gut! ergriff ich wieder das Wort, ich will keinen Einzelnen compromittiren; die ganze verehrte Corporation der Pferdediebe ist solidarisch verantwortlich, und sie werden mir mit ihrer Ehre dafür haften, daß mir mein Schaden ersetzt werde. Ich schließe also nicht mit den Worten: Lasset die Kindlein, sondern mit den Worten: Lasset die Pferdlein zu mir kommen! Am frühen Morgen des folgenden Tags stand ein schön gesatteltes Reitpferd vor meiner Thüre, welches mir die Zunft der Pferdediebe, um meiner Zunge Schweigen aufzulegen, zur Verfügung gestellt hatte. Mit einer ansehnlichen Baarschaft, dem Ertrag meiner mancherlei Unternehmungen versehen, ritt ich aus Beutelfurt hinweg, um anderswo mein Glück zu versuchen. Alle ehrsame als Pferdediebe bekannten Einwohner der Stadt gaben mir zu Roß das Geleit bis zum nächsten Gasthof an der Landstraße, wo auf ihre Kosten ein sehr schmackhaftes Frühstück unserer wartete. Das Pferd, das ich ritt, kostete sie natürlich nichts, denn es war, wie mir Einer derselben gestand, von einer Farm in der Nachbarschaft durch gemeinsames Wirken gestohlen worden. Achtzehntes Kapitel. Auch in der Chirurgie sollte man darauf sehen, daß der Eindruck, den eine Operation macht, stets ein angenehmer, den höheren Gesetzen der Aesthetik entsprechender sei. Dieffenbach . Wenn man mich fragt, wen ich am liebsten befriedigen möchte, meinen Gaumen oder meine Gläubiger, so werde ich unbedenklich sagen: meinen Gaumen; denn dieser geht mich sehr viel an, die Gläubiger aber gehen mich gar nichts an. Graf d'Orsay . Die nächste Stadt, in der ich Station machte, war St. Louis, ein schon damals sehr blühender Ort, der Jedermann bekannt und auf jeder Karte der Union zu finden ist. Schnipphausionopel und Beutelfurt wird man freilich auf der Karte und in den geographischen Handbüchern vergebens suchen, entweder weil die Karto- und Geographen den Namen beider Städte aus Mißgunst gegen mich unterdrückt haben, oder weil ihnen im Laufe der Jahre aus einer oder der andern Ursache andere Namen beigelegt worden sind, was in jenem Lande des Wechsels und der Neuerungslust gar nicht so selten geschieht. Ich bitte also den Leser, mit mir gefälligst in St. Louis einzureiten und sich mit mir, da mein Bart unterwegs sehr verwildert ist und wie ein Urwald der Klärung bedarf, nach einer Barbierstube umzusehen. Er möge also die Gefälligkeit haben, mit mir die Chesnutstreet hinaufzureiten und vor einem niedrigen Gebäude zu halten, auf dessen über der Thüre angebrachtem Schilde die Worte zu lesen sind: »Schnellste Rasiermethode! Auf beiden Seiten zugleich!« Während ich hineingehe, möge der Leser die Geduld haben, draußen, wo ich mein Pferd an den Laternenpfahl binde, zu warten, bis ich wieder herauskomme. Sollte es ihm jedoch kein unangenehmer Anblick sein, einen Menschen rasieren zu sehen, so habe ich meinerseits auch nichts dagegen, wenn er mich in das Haus begleiten will. Er wird mich also, mit vorgebundener Serviette, auf einem Sessel Platz nehmen, und zwei junge elegant gekleidete Barbiergehilfen auf mich zuspringen sehen, die, jeder auf seiner Seite, mich einzuseifen begannen und der Eine rechts, der Andere links meine Bartforstung (den ein für allemal für unverletzlich erklärten Schnauzbart ausgenommen) mit unglaublicher Schnelligkeit abnahmen. Sie waren Beide in dieser Doppelrasiermethode so eingeübt, daß ihre Messer nicht ein einzigesmal mit einander in Berührung kamen und das Geschäft in unglaublich kurzer Frist besorgt war. Bei der sonst üblichen einseitigen Rasiermethode ist es unvermeidlich, daß auf der zuerst abrasierten Seite der Bart, wenn auch in noch so unkennbarer Weise wieder zu wachsen beginnt, während das Messer die andere Seite bearbeitet. Auch diesem Uebelstande war durch diese doppelseitige Rasiermethode vorgebeugt. Als ich eben im Begriffe war, aufzustehen und mich mit dem Handtuch abzutrocknen, sehe ich die in ein Seitenzimmer führende Thüre aufgehen und einen feinen Mann eintreten, der kein Anderer war als mein ehemaliger Minister der Medicinalangelegenheiten, Herr Winkerle. Die freudige Ueberraschung fand, wie vorher das Rasiren, auf beiden Seiten statt und dauerte vielleicht deßhalb kürzere Zeit als sonst der Fall gewesen sein würde. In einem ereignißreichen Leben wie das meinige gewöhnt man sich an solche Ueberraschungen so gut wie an den Gedanken, daß man überhaupt lebt. Denn gewiß gibt es keinen wunderbareren Gedanken als den, daß man existirt, und keine größere Ueberraschung als die, geboren zu werden. Winkerle befand sich, wie er mir sagte, als Inhaber dieser Barbierstube ganz gut und hatte wegen der von ihm eingeführten zweiseitigen Rasiermethode vielen Zuspruch. Aber er brauchte viel, denn er war ein munterer Kumpan und lebte lustig in den Tag oder vielmehr in die Nacht hinein. Nun hatte er zwar manche recht niedliche Idee, wie sein Doppelrasiersystem bewies; aber es fehlte ihm doch an eigentlichem Schwung; er knauserte, wo es nicht angebracht war, versäumte aber anderseits sein chirurgisches Geschäft in den Blättern zweckmäßig annonciren zu lassen. Um ihm nun zu Hilfe zu kommen, associirte ich mich mit ihm und ließ in den nächsten Tagen folgendes Inserat in die Blätter einrücken: »Nur wer gesunde Glieder hat, kann es zu Etwas bringen, und bringen muß es der Mensch zu Etwas. Ein krankes Glied ist immer ein Hinderniß, und wenn man es beseitigt, so hat man damit ein Hinderniß beseitigt, welches die Arbeit und Thätigkeit des Menschen hemmt. Es bleibt somit nur die Frage übrig, wie man sich am schnellsten und schmerzlosesten seiner kranken Glieder entledigt? Dies kann ohne Zweifel bei Franz Xaver Winkerle, Chesnutstreet Nr. 260 am besten geschehen. Kranke Glieder als: Zähne, Arme, Beine werden in dessen chirurgischer Anstalt auf eine so schmerzlose, ja wahrhaft wohlthuende Weise entfernt, daß es schon viele Leute gegeben hat, die sich gesunde Zähne ausreißen und gesunde Arme und Beine ablösen ließen, nur um den angenehmen Eindruck einer Operation zu haben, wie sie in dieser Annehmlichkeit einzig und allein in der chirurgischen Anstalt von Franz Xaver Winkerle und sonst nirgends ausgeführt wird. Liebhaber solcher Operationen werden daher wohlthun, sich mit Umgehung aller Charlatane an einen Operateur zu wenden, der seine Kunst nicht vom gewöhnlichen Handwerkerstandpunkte, sondern vom Standpunkte der höhern Aesthetik betreibt, wie denn auch der genannte Franz Xaver Winkerle im Begriff ist, eine Aesthetik der Gliederbeseitigungs- und Fleisch-Schneidekunst, sonst auch Chirurgie genannt, herauszugeben, wozu die berühmtesten Künstler Illustrationen zu liefern sich anheischig gemacht haben. Es ist jedoch nicht hinreichend, sich krank gewordene Glieder auf ästhetischem Wege bloß ausreißen und ablösen zu lassen, sondern man muß vom höhern menschlichen Standpunkt, der über den ästhetischen geht, auch dafür sorgen, das kein Glied einem ungesunden Zustande verfalle. Zu diesem Zwecke hat sich Dr. med. Fritz Beutel, ehemaliger Leibarzt an einem durchaus kranken deutschen Hofe, mit Franz Xaver Winkerle zur Gründung einer chirurgisch-medicinisch-prophylaktischen Anstalt nach ästhetischen Grundsätzen verbunden. Dr. med. und Hofrath Fritz Beutel empfiehlt folgende Medicamente, die von ihm erfunden sind, deren Gebrauch jede Krankheit unmöglich macht und deren Zusammensetzung auf Negation alles unangenehm Schmeckenden und Unästhetischen beruht: 1. Universalsalbe , gegen alle Schäden, Verrenkungen, Brüche, selbst Contract- und Ehebrüche. Sie ist auch anwendbar gegen Buckel. Bei welcher Person man die Anlage zu einem solchen Auswuchs spürt, deren Buckel bestreiche man täglich vor dem Schlafengehen mit dieser Salbe bis ins fünfzehnte Jahr, und man wird alsdann unfehlbar merken, daß der betreffende Buckel noch größer geworden sein würde, wenn man die Salbe nicht gebraucht hätte. Nur lasse man sich die Mühe nicht verdrießen. Je mehr, je besser! 2. Aesthetische Pillen . Helfen gegen alle Krankheiten, welcher Art sie auch sein mögen, dadurch, daß sie alle unästhetischen Stoffe aus dem menschlichen Körper nach den Gesetzen des Schönheitssinnes gelind fortschaffen. Unterstützt wird die Wirkung durch gewählte ästhetische Lectüre, zu welchem Zwecke mit der genannten chirurgisch-medicinisch-prophylaktischen Anstalt eine Leihbibliothek verbunden ist, in welche nur die zartesten Blüthen deutscher Lyrik und Romanliteratur aufgenommen werden, mit Ausschluß alles Kritischen, weil das zu bitter schmeckt und zu stark abführt. 3. Kosmopolitisches Pflaster , so genannt, weil es nach den Grundsätzen des geläutertsten deutschen Kosmopolitismus bereitet ist, ohne Rücksicht darauf, welcher Nation der Verwundete und der Verwundende angehören, und weil es zugleich auch alle Herzens- und Seelenwunden in kürzester Zeit schließt und heilt. 4. Kronenelixir , so genannt, weil es die Krone aller Elixire ist. Wer dasselbe zu rechter Zeit braucht (aber wohlgemerkt, zu rechter Zeit!) ist sicher vor gelbem Fieber, vor der Cholera, vor der Pest, vor Alterschwäche, vor Hungersnoth bei ästhetischen Theekränzchen, vor den tödtlichen Folgen des Selbstmords, vor der Gefahr, das Bein oder den Arm zu brechen, den Knöchel zu verstauchen, vom Dache oder vom Thurme zu fallen, kurz gegen alle Schäden und Gefahrnisse Leibes oder der Seele. Wer z. B. zu ertrinken im Begriff ist, nehme schnell ein paar Tropfen dieses wunderwürdigen Elixirs auf Zucker und er wird so leicht über dem Wasser schwimmen, wie eine Hausenblase. NB. Auch Verbrechern zu empfehlen, die gehängt werden sollen. Die Tropfen sind dann 5 Minuten vor der Execution zu nehmen. 5. Cerebral- und Educations- oder Gehirn- und Erziehungspulver . Von wunderbar anregender Wirkung auf das Cerebralsystem, stärkt das Gedächtniß (in doppelter Dosis genommen auch die Fähigkeit, zu vergessen) hilft beim Auswendiglernen und ist daher namentlich Erziehungsinstituten zu empfehlen. Man gibt den Zöglingen jeden Morgen ein Pulver und mischt ihnen Mittags eins in die Suppe. Abends vor dem Schlafengehen genommen erregt es während des Schlafs die paradiesischsten Träume. Wer ein verwickeltes Rechenexempel zu lösen hat, verschlucke schnell ein solches Pulver, mit oder ohne Wasser, und das Exempel wird sich von selbst rechnen. In die Tinte gemischt, steigert es die Schnelligkeit des Schreibens aufs Doppelte. Es wird daher gut sein, wenn dieses Pulver auf Comptoirs und Bureaus massenweise in Vorrath gehalten wird. Mit schwarzem Kaffee oder chinesischem Thee vermengt, führt es dem Gehirn die großartigsten Projecte und Pläne von selbst zu und zwar nur solche, welche sich auch ausführen lassen. Wer Geld aufzunehmen oder sein Capital sicher und mit Vortheil anzubringen wünscht, wird nach dem Genusse von einem Dutzend solcher Pulver sofort wissen, wo er den rechten Mann findet, der ihm Geld leiht oder sein Geld sicher unterbringt. 6. Kosmetische oder Schönheitstinctur . Aus den seltensten und feinsten Kräutern der tropischen Zone gewonnen, tilgt nach fortgesetztem Gebrauch nicht nur alle Sommersprossen, Wärzchen und Leberflecken, macht nicht nur die Haut geschmeidig, sammetweich und lilienweiß, selbst im höchsten Alter, sondern kann auch durch jahrelangen Gebrauch wesentlich dazu beitragen, eine mißgeformte Nase oder ein verschrumpftes Ohr auf Form und Maaß normaler Schönheit zurückzuführen und z. B. eine eingedrückte Nase allmälig in eine ächt griechische zu verwandeln. Allzumagere Hände und Finger nehmen eine runde, und allzufette eine zierliche Form an, wenn man sie drei Jahre lang täglich Morgens und Abends mit dieser Tinctur bestreicht. Ja selbst gegen allzuplumpe Form der Füße hat sich diese Tinctur in einzelnen Fällen wirksam gezeigt. 7. Essige und Oele zur Erregung oder Temperirung der Leidenschaften . Jeder Mensch ist im Besitze von Leidenschaften, die er nicht, oder wenigstens nicht in diesem Grade zu besitzen wünscht, während er an andern, die ihm in gewissen Fällen von großem Nutzen sein könnten, empfindlichen Mangel leidet. Dem Hofrath Fritz Beutel ist es nun auf höchst künstlichem Wege gelungen, Essige und Oele zu bereiten, deren vorschriftsmäßiger Gebrauch jede beliebige Leidenschaft entweder erzeugt und erhöht oder temperirt und unterdrückt. Er verkauft Essige zur Erregung des Ehrgeizes, des Erwerbssinnes, des militärischen Geistes, des Muthes, des Zornes, des Hasses, der Liebe, wie anderseits Oele zur Temperirung derselben Leidenschaften. Durch verständigen abwechselnden Gebrauch des Erregungsessigs und des entsprechenden Besänftigungsöls kann man dahin gelangen, jede Leidenschaft auf ein normales Maaß zu bringen und sie so zu beherrschen, daß sie je nach Bedürfniß bald in gesteigerter, bald in geringerer Potenz die gewünschten Dienste leistet. Man kann dieses Ziel auch durch den fortgesetzten Genuß von Salaten erreichen, zu deren Bereitung sich diese Essige und Oele vorzüglich eignen. Ein gedruckter Zettel, der gratis zu haben ist, gibt hierzu die Anweisung. 8. Haarbalsam für Kahlköpfige, aus Körnern einer Pflanze bestehend, welche Fritz Beutel auf einer von ihm entdeckten oceanischen Insel angetroffen hat. So viel Körner als man auf die kahle Stelle des Kopfes streut, so viel Haare wachsen nach, blonde, braune oder schwarze, wie man sie haben will. Man fährt damit fort, bis die kahle Stelle mit dem üppigsten Haarwuchs bedeckt ist. Auch für die Erzeugung von Bärten höchst brauchbar. Hofrath Fritz Beutel verdankt seinen vielbewunderten Normal-Schnauzbart einzig und allein dem Gebrauche dieses wunderbaren Haarsamens.« Unter dem Inserat, das mich seiner Länge wegen ein hübsches Geld kostete, prangte das Abbild meines Schnauzbarts im Holzschnitt mit der Unterschrift: »Fritz Beutel's Schnauzbart in seiner natürlichen Größe! Segen des Haarsamens!« Meine Salben, Pillen, Pflaster, Mixturen, Essige und Oele und namentlich der Haarsamen gingen reißend ab. Auch Winkerle machte mit seinen Operationen ein glänzendes Geschäft, zumal da um jene Zeit gerade mehrere wettfahrende Mississippidampfboote in die Luft gesprungen waren, was eine Menge Brandwunden, Arm- und Beinbrüche und Verrenkungen aller Art zur Folge hatte. Freilich ist der Fall niemals vorgekommen, daß, wer sich ein erstes Mal von Winkerle operiren ließ, ein zweites Mal zu ihm seine Zuflucht genommen hätte. Klagten sie übrigens über zu große Schmerzen, so hatte er immer eine Ausrede, z. B. sie bildeten sich die Schmerzen nur ein, indem sie die Operation zu subjectiv-lyrisch auffaßten, oder: das nächste Mal werde es schon besser gehen, der Mensch müsse sich eben an Alles gewöhnen. Die Projecte fliegen Einem in diesem Lande an. – Ich erstand ein Etablissement in der Nähe der Stadt, welches früher eine Fabrik gewesen war, und errichtete darin ein »Beuteleum« , eine Art Sanitätsanstalt, zu dem von mir in den Blättern angekündigten Zwecke, die Leidenschaften derjenigen, welche sich darin aufnehmen ließen, durch Diät, geregeltes Leben und Gebrauch meiner Arzneien zu reinigen und mit einander in Uebereinstimmung zu bringen. Die Grundlagen waren gewißermaßen communistischer Art. Jeder Aufzunehmende schoß eine gleiche Summe ein, und erhielt dafür die regelmäßige Kost und Verpflegung. Die Speisen waren für jeden dieselben und die Portionen mit größter Genauigkeit bis aufs Quentchen abgewogen und abgemessen. Corpulente Leute erhielten gewisse Arzneien, welche die Wirkung des Rhabarber hatten, so lange, bis sie zu der normalen Leibesstärke abgemagert waren, und magere Leute wurden mit fetten Substanzen so lange gefüttert, bis auch ihre Taille das vorschriftsmäßige Volumen erlangt hatte. Zu demselben Zwecke wurden in jenen durch künstlich bereiteten Aerger die mehr aufreibenden Leidenschaften genährt, während von diesen jedes Object, das sie in blut- und fettverzehrende Aufregung bringen konnte, mit zärtlichster Sorgfalt fern gehalten wurde. Man wird diesen Gedanken ohne Zweifel ebenso sinnreich als praktisch finden. Alles ging nach der Uhr, Wachen wie Schlafen, Arbeiten wie Sich erholen, Essen wie Verdauen, selbst die Strümpfe, Stiefeln, Westen u. s. w. wurden auf militärisches Commando angezogen. Abends war großer Biercomment in der Brauerei, welche ich dem Etablissement hinzugefügt hatte, doch erhielt Jeder nur eine bestimmte Anzahl Marken, die er abtrank, wollte er über dieses Maß hinausgehen, so bedurfte es einer besondern Licenz, die jedoch nur gegen eine besondere Abgabe zu erlangen war. Das Bier wurde ebenfalls auf Commando getrunken. Sprechen durfte nur, wer vorher um das Wort gebeten hatte. Es brauchte auch Niemand zu sprechen, denn ich sprach selbst genug. Indeß komme Einer gegen die Schwachheit und Vorurtheile der Menschen auf! Meine philantropischen Absichten wurden verkannt und verdächtigt, und ehe ich noch meinen großen Zweck, alle Associirten zu einem gleichmäßigen Körpervolumen und einer vollständigen Harmonie der Leidenschaften zurückzubringen, erreicht hatte, ging die ganze Gesellschaft auseinander. Das sei ja eine Kaserne, ein Lazareth, ein Trappistenkloster, ein Alt-Weiberspittel, aber kein Verein freier Männer, sagten sie. Die phlegmatischen Dickleibigen ärgerten sich zu wenig und die Magern zu viel, und diese zehrten trotz der fetten Nahrung nur immermehr ab. Es trat Einer nach dem Andern aus dem Institut. Aber ich hatte mich für diesen Fall vorgesehen und in einem Paragraphen des Statuts bestimmt, daß der Einschuß eines Jeden, der vor Ablauf von drei Jahren aus der Anstalt schiede, dem gemeinsamen Capital anheimzufallen habe. Und doch traten sie sämmtlich aus, so daß ich mich beim Schluß der Anstalt wider Willen im Besitze aller eingeschossenen Gelder befand. Man sage nicht, daß ich darauf speculirt hätte! Die Theilnehmer durften ja nur ihre drei Jahre ausharren, und daß sie dies nicht thaten, war ihre und nicht meine Sache. Aber das Geschäft war gut und ich konnte mich als einen reichen Mann betrachten; die Capitalien, in deren Besitz ich mich sah, waren auf die redlichste Weise und noch dazu mit vielem Aerger und noch größerer Langweile erworben. Ich hatte in dieser Hinsicht der Anstalt so viele Opfer gebracht, daß mir diese Entschädigung wohl zu gönnen war. Leider dachte ich immer nur daran, meine Mitmenschen, nicht mich zu bereichern. Das Geld unter die Leute zu bringen verstand Keiner so gut als ich. Auch war der Umgang mit dem lockern Winkerle, der für jeden Cent, den er einnahm, sechs wieder verausgabte, meiner Moralität in keiner Hinsicht förderlich. Was er von derjenigen Hälfte des menschlichen Geschlechts verdiente, welche sich rasiren läßt, verthat er sechsfach wieder an diejenige, welche aus nahe liegenden Gründen sich nicht rasiren läßt. Böses Beispiel sagt man, verdirbt gute Sitten, und so verdarb auch der böse Winkerle den guten Fritz Beutel. So viel, was die Beziehungen zu der unrasirten Hälfte des menschlichen Geschlechts betrifft; denn in dieser Hinsicht bin ich sehr discret, und die Mysterien von St. Louis zu schreiben, fällt mir nicht ein, da ich eine zu hohe Meinung von der Aufgabe des Schriftstellers habe. Ach, die guten Geschöpfe, mit denen mich Winkerle in ein ferneres oder näheres Verhältniß brachte, liegen vielleicht längst schon im Grabe; warum sollte ich ihr Gedächtniß und ihren ehrlichen Namen verunglimpfen? Gegen eine solche Undankbarkeit sträubt sich mein menschlich empfindendes Herz; dazu gehört eine so verdorbene, gemüthlose und undankbare Seele wie die Leihbibliothekenseele Eugen Sue's! Das Schlimmste war, daß die beutelländische Küche meinen Gaumen an zu seine Genüsse gewöhnt hatte, und daß diese durch den Thran der Kuxusen unterdrückten culinarischen Reminiscenzen jetzt wieder lebhafter als je in mir auftauchten. Beutelland lag im Schooße des Meeres; da war jetzt nichts mehr zu machen. Aber auch ohne Beutelland bietet die Welt bekanntlich noch Genüsse genug. Ich stellte daher an den verschiedenen Hauptpunkten der Gourmandise Agenten an, die mir die seltensten landesüblichen Gaumenerzeugnisse zukommen lassen mußten. Ich hatte solche Agenten in Berlin für Stinte, in München für Dampfnudeln, die mir telegraphisch brühwarm zugemittelt wurden, in Wien für Schnitzel und gebackene Händl, in Hamburg für hamburger Rauchfleisch, in Kiel für Sprotten, in Riga für Kaviar, in Frankfurt, Gotha und Braunschweig für Würste, in Straßburg für Gänseleberpasteten, in Neapel für Maccaroni, in Venedig für Sardellen, Austern und Polenta, in Chioggia für Kalbfleisch, in Mailand für Polpette, Vitelle alla Cassola und Stracchino, in Pesth für Gulatschfleisch und Paprikahändl, dann aber auch in Petersburg, London, Paris, Mexiko, Lima, Kalkutta, Hongkong, Ispahan, Cairo u. s. w., die mir die Kostbarkeiten des Landes umgehend, durch den elektrischen Telegraphen (der freilich dazumal noch nicht officiell, sondern blos zu meinem Handgebrauche thätig war) zuzumitteln beauftragt und dafür mit einem ansehnlichen Jahresgehalt besoldet waren. Für ein indianisches Vogelnest oder einen Havelstint, oder eine bairische Dampfnudel 100 oder 200 Dollars zu zahlen, war mir eine Kleinigkeit, und für ein Bischen Schnepfendreck, so groß wie eine Messerspitze voll, zahlte ich meine 50 Dollars, mir nichts, dir nichts, und um so zu sagen dem Schnepfendreck auch nichts. In den vorzüglichsten Weinproductionsländern hatte ich ebenfalls meine Agenten, nicht etwa in Naumburg, Meißen oder Grüneberg, aber wohl in Köln und Mainz für die Mosel- und Rheinweine, in Epernay für die Champagnerweine, in Bordeaux für die französischen Rothweine, in Oporto für die portugiesischen und spanischen Weine, in Venedig für die Samos- Cypern- und italienischen Weine, in der Kapstadt für die Kapweine. Mit dem fürstlichen Besitzer des Johannisbergs trat ich dieserhalb in directe Beziehungen, wie ich wegen des besten Kaviars bereits mit Nesselrode in Verbindung getreten war. Die beste Sorte Falerner besorgte mir ein römischer Kardinal gegen ein angemessenes Douceur. Zwar schmeckten mir alle diese Weine gegen den beutelländischen anfangs wie Essig, indeß machte sich auch in diesem Falle meine alte Erfahrung geltend, daß sich der Mensch zuletzt an Alles gewöhnt, sogar an sich selbst. Ohne diese allmälige Gewöhnung an sich selbst, würde sich der Mensch ohne Zweifel unausstehlich finden. Je mehr Schiffe für mich mit den Köstlichkeiten aller Länder beladen in den Neu-Yorker Hafen einliefen und je mehr der Telegraph mir bairische Dampfnudeln und leipziger Lerchen zuspielte, desto mehr nahm mein Baarvorrath ab und zuletzt auch mein Credit. Selbst Metternich und Nesselrode wollten nichts mehr pumpen und ich mußte wieder daran denken, irgend Etwas zu entriren, nicht etwa um die Mahnungen meines Gewissens, die bei mir niemals bedeutend waren, sondern die meines Magens zu beschwichtigen. Mit meinen Medicamenten war in St. Louis selbst nichts mehr anzufangen, weil, ich will nicht behaupten alle Kranken dadurch hergestellt waren, sondern weil das Publikum eingesehen haben wollte, daß die Pillen aus nichts als aus Maismehl und Wasser beständen, und daß meine Mixturen und Tincturen aus dem gewöhnlichsten Unkraut, z. B. Quecken und Nesseln, abdestillirt seien. Die Kahlköpfigen beklagten sich, daß ihnen trotz des Haarsamens keine Haare nachwachsen wollten, und es half nichts, wenn ich ihnen vorstellte, daß der Haarsamen auf unfruchtbaren Boden gefallen sei, daß mithin der Nichterfolg an ihren dicken Köpfen und nicht an dem Samen liege. Ich beschloß daher mit meinen Medicamenten im Lande herumzureisen und vermochte meinen Freund Winkerle, mir bei der Bereitung eines Vorraths von Arzneimitteln zur Hand zu gehen, indem ich versprach, zu geeigneter Zeit wieder zurückzukehren und den Gewinn mit ihm zu theilen; denn auch ihm ging es nicht mehr zum besten, da sich jetzt alle Barbiere in St. Louis auf die Doppelrasirmethode verlegt hatten. Es wurden nun ganze Wochen mit der Präparirung von allerlei Medicamenten zugebracht und diese in Kisten verpackt, die ich, als ich schließlich St. Louis verließ, wohl zusammengebunden hinter mir auf dem Rücken des Pferdes aufbauen ließ, so hoch wie ich selber, so daß ich an ihnen zugleich eine sehr bequeme Lehne hatte. Mehrere mit Pillen gefüllte Säcke hingen an den Seiten des Pferdes herab, und ich brauchte nur hineinzugreifen, um meine Kunden, wenn sich deren auf der Landstraße finden sollten, sofort damit zu versehen. Ein mächtiges Plakat mit dem ellenlangen Verzeichniß meiner Medicamente und ihrer wunderbaren Wirkungen war vorn an der Brust des Pferdes angebracht. So ritt ich denn in Gottes Namen aus St. Louis hinaus, meinem guten Stern vertrauend. Ich machte auch in der That sowohl unterwegs auf den Landstraßen als in den einzelnen Städten und Ortschaften, wo ich Quartier nahm und meine Arzneimittel ankündigte, sehr gute Geschäfte. Ich ritt so immer in Gedanken fort, daß ich das Umkehren nach St.  Louis vergaß, obschon ich es meinem Freund Winkerle versprochen hatte. Indeß wer kann für seine Vergeßlichkeit? So kam ich, ohne es eigentlich zu wollen und zu beabsichtigen, nach Cincinnati, und hier war mein Vorrath schon so ziemlich erschöpft, wiewohl ich mich tüchtig vorgesehen hatte. Ich dachte bereits daran, mich hier wieder auf die Präparation neuer Medicamente zu legen, um die leeren Spatien in meinen Medicinkästchen und Medicinsäcken wieder zu füllen. Indeß sollte hier mein Schicksal eine ganz unerwartete Wendung nehmen, wie der Leser aus dem folgenden Kapitel ersehen wird. Achtzehntes Kapitel. Im Umgange mit Präsidenten und Staatsbeamten von Freistaaten befleißige man sich der größten Einfachheit und mache nicht viel Complimente. Knigge's »Umgang mit Menschen«. Bei der Zusammensetzung von Freicorps sehe man nicht auf körperliche Schönheit, da sie meist doch nur Kanonenfutter sind. Am besten ist es, solche Leute zu wählen, deren Körpervolumen den feindlichen Kugeln keine große Fläche bietet. Clausewitz . Erst seit wenigen Tagen hatte ich mich in einem deutschen Hotel einquartirt, als mir der New York Herald mit folgendem mir sofort in die Augen fallenden Inserat zur Hand kam. »Herr Fritz Beutel aus Schnipphausen wird hiermit freundlichst aufgefordert, seinen gegenwärtigen bisher nicht zu ermittelnden Wohnsitz dem Präsidenten der Republik anzuzeigen, der ihm eine höchst erfreuliche Mittheilung zu machen hat. Auch werden alle Bürger der Vereinigten Staaten aufgefordert, was sie von des besagten Fritz Beutel gegenwärtigen Verhältnissen wissen sollten, sofort dem Präsidenten der Republik zur Anzeige zu bringen, weil dies zu wissen bei der augenblicklichen Stellung der Union zu Frankreich von äußerster Wichtigkeit ist.« Eben hatte ich die Stirne reibend, um die Gedanken dahinter klar zu machen, das Zeitungsblatt voll Erstaunen aus der Hand gelegt, als unter meinem Fenster ein großer Auflauf geschah. Ich öffnete das Fenster, sah hinaus und erblickte in Begleitung zweier Regierungsbeamten einen öffentlichen Ausrufer, der, nachdem er mit der Schelle Ruhe geboten, Folgendes mit sonorer Stimme ausrief: »Im Namen des Präsidenten der Republik! Wer von den Einwohnern hiesiger Stadt etwas Näheres von dem gegenwärtigen Aufenthalt eines Mannes genannt Fritz Beutel aus Schnipphausen weiß, der habe die Güte, Näheres darüber der Regierung zu Washington mitzutheilen. Für versäumte Zeit wird eine angemessene Entschädigung zugesagt.« Da richtete ich mich, die Arme ausbreitend, mächtig und erhaben am Fenster auf und rief herab: Meine Herren! Der, den ihr sucht, steht hier vor euch – Fritz Beutel aus Schnipphausen! Die Menge betrachtete mich verwundert; der Ausrufer blickte mich eine Weile erstaunt an, und kam dann in Begleitung zweier Beamten der Republik zu mir ins Zimmer. Die Regierungsbeamten gestanden mir unter den Versicherungen höchster Verehrung wie angenehmster Ueberraschung, daß sie zwar in meine Aussage keinen Zweifel setzten, und daß auch mein Aussehen und meine achtunggebietenden Manieren vollkommen der Vorstellung entsprächen, die man sich von mir in Washington gemacht habe; daß ich aber wohl nichts dagegen einzuwenden haben würde, wenn sie mich ersuchten, was ich etwa an Legitimationspapieren bei mir führe, ihnen vorzulegen. Dies geschehe nur der Ordnung wegen, und weil so vieles Lumpengesindel nach Amerika herüber komme. Mit dem Ausdruck der Verachtung blickte ich bei diesen Worten auf sie nieder; da ich jedoch einsah, daß sie als Regierungsbeamte nicht anders handeln könnten, zeigte ich ihnen meine Papiere, die ich der größern Sicherheit wegen unter dem Brustlatz meines Hemdes trug, vor, darunter auch den auf meinen Bruder ausgestellten Paß, mit dem Bemerken, daß ich freilich nach einer längern Reihe von Jahren ganz anders aussehe, als zu der Zeit, da der Paß ausgestellt wurde, was sie auch als gebildete Männer sogleich einsahen. Sie sagten mir nun, daß sie hiervon durch einen Courier sofort Mittheilung nach Washington machen würden, und daß ich die Gewogenheit haben möge, die Stadt nicht eher zu verlassen, als bis aus Washington die übrigens bei der Wichtigkeit der Angelegenheit umgehend zu erwartende Rückantwort eingetroffen sei. Uebrigens solle ich mir nichts abgehen lassen, da die Hotelrechnung auf Kosten der Regierung bestritten und auch sonst Alles gethan werden würde, um mir den Aufenthalt in hiesiger Stadt möglichst angenehm zu machen. Hierauf empfahlen sie sich, nachdem sie mich noch ersucht hatten, ihrer beim Präsidenten der Republik vorkommenden Falls freundlichst zu gedenken und ihnen auch sonst meine Huld angedeihen zu lassen. Daß ich mir der mir gewordenen Weisung gemäß auf Kosten der Republik gehörig gütlich that, brauche ich wohl nicht erst zu sagen; indeß da es jetzt so viele Zweifler gibt, die vielleicht auch daran zweifeln möchten, so mag dies ausdrücklich bemerkt sein. Was ein Einzelner im Verzehren und Trinken auf Staatskosten leisten kann, das habe ich damals bewiesen und der deutschen Nation Ehre gemacht. Nach einigen Tagen, die mir eine Ewigkeit zu sein schienen, traf das Schreiben des Präsidenten mit dem großen Regierungssiegel aus Washington ein. Es enthielt, außer einer auf das erste Handlungshaus in Cincinnati lautenden Anweisung im Betrage von 2000 Dollars, einen eigenhändigen Brief des Präsidenten, der folgendermaßen lautete: »Dear Sir! Es gereicht mir zur größten Genugthuung, mit einem Manne von Ihren Verdiensten in Verbindung treten und Ihnen ein Anerbieten machen zu können, das, wenn auch nicht vollkommen, doch, wie ich mir schmeichle, einigermaßen Ihren Verdiensten gemäß ist. Indeß würde hierzu eine persönliche Besprechung nöthig sein und am schnellsten zum Ziele führen, weßhalb ich Sie ersuche, falls Sie nichts Größeres vorhaben, zu mir nach Washington herüberzukommen. Es werden Ihnen zu Ihrer Hierherbeförderung Regierungsdampfwagen zur Verfügung gestellt werden, auch erlaube ich mir, in der Voraussetzung, daß ich Sie dadurch nicht beleidige, eine Anweisung auf eine Summe von 2000 Dollars mit zu übersenden, womit Sie, wie ich hoffe, Ihre Verzehrungskosten und sonstigen Bedürfnisse zu bestreiten im Stande sein werden. Alles ist hier zu Ihrer Aufnahme bereit. Sie werden, wenn Sie dies nicht genirt, bei mir wohnen, und ich kann Ihnen schließlich nur die Versicherung geben, daß meine Frau und meine Töchter Ihrer Ankunft mit gespanntester Erwartung entgegensehen und Alles thun werden, um Ihnen den Aufenthalt hierselbst nach Kräften angenehm zu machen. I have the honour to be, Sir, Your obedient servant.« (Hier folgte die Unterschrift des damaligen Präsidenten, die aber so unleserlich war, daß ich, um nicht etwa einen Irrthum zu begehen, den Namen hier weglasse.) Meine Spannung stieg begreiflicherweise noch nach Durchlesung dieses Schreibens. Ich beeilte mich demnach, meine Geldgeschäfte so eilig als möglich zu besorgen und mich hierauf durch einen Extrazug nach Washington befördern zu lassen. Als ich mich dem Weichbilde dieser Stadt näherte, war ich nicht wenig überrascht, mit allen Glocken von den Kirchthürmen der Stadt läuten zu hören, was, wie ich mir mit Recht sagen durfte, nur meiner Ankunft gelten konnte. Vor der Stadt empfing mich ein Zug weißgekleideter Jungfrauen, welche mir auf einem Sammetkissen ein Gedicht überreichten und dann im Chor den Yankee-Duddle anstimmten, in den ich selbst mit meiner famosen Baßstimme einfiel, womit ich sofort Aller Herzen gewann. In der Equipage des Präsidenten fuhr ich nun durch das Thor, über welchem das Sternenbanner wehte, in die Stadt ein, während dieselben Jungfrauen vor dem Wagen einherschritten und Blumen auf den Weg streuten. An den Stiegen, die zur Präsidentenwohnung hinaufführten, empfing mich der Präsident, von allen Ministern und hohen Beamten der Republik umgeben, drückte mir die Hand und pries die Stunde glücklich, die es ihm vergönnte, meine persönliche Bekanntschaft zu machen. Sodann begaben wir uns, der Präsident und ich, in des Präsidenten Cabinet, und hier überreichte er mir nach einigen Bemerkungen über mein trotz der anstrengenden Reise vortreffliches Aussehen, ein an ihn gerichtetes Schreiben des französischen Generalgouverneurs von Algerien, Damremont, worin dieser dem Präsidenten meldete, daß er so eben zu einer Expedition gegen Constantine Vorbereitungen treffe. Es hieß dann weiter: »Sie werden begreifen, Herr Präsident! daß man zu einem solchen Unternehmen viel Kanonenfutter braucht, d. h. Gesindel, mit dessen Leichen man die Gräben füllt, damit die Sturmcolonnen darüber hinwegschreiten können. Ich beabsichtige daher, die Fremdenlegion um ein neues Bataillon zu vermehren. Sie werden mir ohne Zweifel mit Vergnügen gestatten, hierzu in den Vereinigten Staaten zu werben, da ja genug Gesindel aus Europa nach der Union kommt, welches Sie gern los sein werden. Nun dient gegenwärtig in der Fremdenlegion ein Eskimo, vom Stamme der Kuxusen, der, wenn ich nicht irre, sogar ein Prinz ist. Derselbe hat mir Wunderdinge berichtet über einen deutschen Mann Fritz Beutel aus Schnipphausen, welcher in einem Feldzuge die Gurkchusen besiegte und dabei ein Feldherrntalent entwickelte, das seines Gleichen in der Kriegsgeschichte nicht hat. Dieser Fritz Beutel wäre mein Mann, und ihm möchte ich die Anwerbung des neu zu errichtenden Bataillons der Fremdenlegion anvertrauen. Da ich nun zu vermuthen Grund habe, daß besagter Herr Fritz Beutel sich gegenwärtig in den Vereinigten Staaten aufhält, so würden Sie, Herr Präsident! mir und Frankreich einen unschätzbaren Dienst erweisen, wenn Sie die nöthigen Schritte ergreifen wollten, um seinem jetzigen Aufenthaltsort auf die Spur zu kommen. Ich bezweifle nicht, daß besagter Herr Fritz Beutel gern auf meinen Antrag eingehen wird, da mit der Annahme desselben der Rang und Titel eines Obersten, das Commando über das Bataillon und das Kreuz der Ehrenlegion verbunden sind, sich demselben auch in Algerien ein ausgezeichnetes Terrain zur Entwickelung seiner Feldherrntalente darbietet. Meine Regierung wird sich Ihnen, Herr Präsident! ohne Zweifel durch das Zugeständniß bedeutender Handelsvortheile erkenntlich beweisen, mit deren Bewilligung es sonst sehr eklich aussehen würde.« So freudig überrascht ich auch innerlich war, stellte ich mich doch möglichst gleichgiltig, machte mancherlei Einwendungen und äußerte, daß ich die Angelegenheit eigentlich doch in Erwägung ziehen müßte, da mir in diesem Augenblicke auch von anderer Seite sehr annehmbare Anträge gemacht worden seien. Unter andern hätte ich nach Liechtenstein-Vaduz den Ruf als Kriegsminister und Generalissimus der Liechtensteinschen Armee erhalten, welcher Vorschlag um so verlockender erschiene, da dieser Posten ohne Zweifel der friedlichste und gefahrloseste in der Welt sei. Der Präsident war durch diese Mittheilung betreten, gestand offen, daß, wenn ihm dieser Antrag gemacht würde, er selbst sehr in Verlegenheit kommen würde, ob es nicht besser sei, den Posten eines Präsidenten der Union gegen den Posten eines Generalissimus der Liechtensteinschen Streitkräfte zu vertauschen, bemerkte aber dann, daß die Verbindung, in die mich die Annahme des Damremontschen Antrags mit Frankreich und den Vereinigten Staaten bringen würde, die weltgeschichtliche Stellung als Miteroberer von Constantine und die Aussicht auf den französischen Marschallsstab doch auch ihr Verlockendes hätten. Ich besann mich eine Weile und sagte dann: Topp, Herr Präsident! ich erkläre mich bereit, den Antrag des Marschalls anzunehmen, indeß hauptsächlich aus Rücksicht auf Sie und die Vereinigten Staaten, mit denen auf einem freundschaftlichen Fuß zu stehen mir von hohem Werth ist. Was an mir liegt, soll gewiß geschehen, um das gute Einvernehmen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten ungestört aufrecht zu erhalten. Ich danke Ihnen, sagte hierauf erfreut der Präsident, indem er mir herzlich die Hand drückte; Sie haben als mein Freund gehandelt. Vergelt's Ihnen Gott! Er theilte mir hierauf aus einem spätern Briefe mit, daß im Hafen von Neuyork eine französische Fregatte bereit liege, bestimmt, mich und das von mir anzuwerbende Bataillon aufzunehmen und nach der afrikanischen Küste hinüberzuschaffen. Nachdem das Hauptgeschäft hiermit erledigt war, begaben wir uns zum Diner, vor dessen Beginn mir der Präsident seine Gattin und seine sieben Töchter, die alle wie Orgelpfeifen an einander gereiht standen (ohne jedoch zu pfeifen), vorzustellen die Ehre hatte. Die Frau Präsidentin richtete, indem sie ihre Blicke die Front ihrer Töchter entlang streifen ließ, die Frage an mich: Lieber Fritz Beutel! sind Sie verheirathet oder ledig? Ich merkte, wohinaus sie mit dieser Frage wollte, und da ich nicht beabsichtigte, mich von neuem zu binden, antwortete ich: Halb und halb, d. h. meine Frau ist mir unterwegs verloren gegangen; ich habe jedoch in das Leipziger Tageblatt eine Anzeige einrücken lassen und sie darin aufgefordert, mir Kunde von ihrem Aufenthaltsort zu geben. Diese Anzeige, erwiederte sie, muß ich, die ich ja früher Ihren Namen nicht kannte, übersehen haben, sonst hätte ich eine so indiscrete Frage gewiß nicht gethan. Ich war sehr verwundert und fragte: Halten Sie denn das Leipziger Tageblatt, Madame? Zufällig, war ihre Antwort; mein Mann hat eine Zeitlang in Leipzig studirt und hält aus alter Gewohnheit das dortige Tageblatt, welches noch immer seine Lieblingslectüre ist, weßhalb ich es auch nicht als Maculatur und zu Wirthschaftszwecken verkaufen darf. Sie ließ nun von ihrer Aeltesten mehrere frühere Jahrgänge des Tageblatts herbeiholen, in denen wir so lange herumsuchten, bis wir auf meine Annonce stießen, die ich selbst heute zum ersten Male las. Merkwürdigerweise befand sich in derselben Nummer gleich darunter folgende Anzeige: »Mein geliebter Mann Fritz, der durch ein grausames Geschick von meiner Seite gerissen wurde, wird von mir, seinem tiefbetrübten Weibe, hiermit aufgefordert, mir durch dieses Organ seinen jetzigen Aufenthaltsort anzuzeigen, damit ich in seine Arme eilen kann. Beate Regina Cordula Veronika Beutel, geb. Pipermann.« In der Eile hatte aber das gute Geschöpf vergessen, den eigenen Aufenthaltsort beizufügen, und auch ich hatte dies in der Zerstreuung versäumt. Wir befanden uns also Beide auf dem alten Flecke der Ungewißheit. Es ist recht schmerzlich, lieber Herr Beutel! sagte hierauf die Frau Präsidentin. Sollte jedoch das Schicksal es wollen, daß Sie Ihre Frau nicht wieder fänden, so betrachten Sie dieses als eine höhere Fügung und denken Sie daran, daß es noch Mütter genug gibt, die mehr Töchter haben, als sie an den Mann zu bringen vermögen. Ich küßte der Frau Präsidentin hierauf die Hand und bemerkte: Ich danke für diesen, ich darf sagen, mütterlichen Trost. Ich betonte das Wort »mütterliche« in einer Weise, daß sie die Anspielung nicht mißverstehen konnte, und ein dankender Blick ihres Auges traf den meinigen. Nachdem ich einige Tage im Hause des Präsidenten recht vergnügt zugebracht, reiste ich von Washington wieder ab, um zuvörderst in Neuyork mit dem Commandeur der französischen Fregatte Rücksprache zu nehmen. Beim Abschiede bemerkte ich der Frau Präsidentin, daß mir die Trennung sehr schwer falle und daß ich sie bäte, mich nicht zu vergessen, wie auch ich sie nicht vergessen werde, worauf sie sagte: Ach, lieber Herr Beutel! Eine Mutter mit sieben Töchtern hat wohl Ursache an Sie zu denken. Der Präsident aber drückte mir die Hand und sprach: Vergessen Sie die Vereinigten Staaten nicht und nehmen Sie ihr Interesse auch jenseits des Oceans wahr! Schreiben Sie mir wo möglich von der Bresche von Constantine. Vielleicht gewinnen Sie dazu während des Sturmes doch einige Augenblicke Zeit. Es wäre mir dies wegen gewisser Speculationen von der äußersten Wichtigkeit. Ich sagte ihm dies zu, wir drückten uns die Hände und einige Thränen aus den Augen und so schieden wir. In Neuyork begann ich, nachdem ich mit dem französischen Fregattencommandeur Rücksprache genommen, sogleich meine Werbungen, und da gerade eine große Anzahl Auswandererschiffe angekommen waren und es in Neuyork von Emigranten wimmelte, die, kaum ans Land gestiegen, bereits von allen Mitteln entblößt waren und ihre Haut selbst dem Teufel verkauft haben würden, so hatte ich in kurzer Zeit mein Bataillon beisammen, ohne daß ich das Weichbild der Stadt verlassen durfte. Es befand sich darunter eine ziemlich große Anzahl ganz stattlicher martialischer Gestalten, aber noch mehr Krüppel (die ich natürlich wohlfeiler hatte), Einäugige, Säbelbeinige, Lahme, Bucklige, fürchterlich Wohlbeleibte, wahre Fleischberge, und um dies Mißverhältniß wieder auszugleichen, auch fürchterlich Magere und Ausgehungerte, wahrhaftige Gerippe. Trinken konnten sie aber alle gut, und das war die Hauptsache; denn wer einen tüchtigen Hieb nehmen kann, der wird auch im Stande sein, tüchtige Hiebe auszutheilen. Die Ueberfahrt ging ohne weitere Störungen von statten, nur daß des einen Tages die vielbesprochene große Wasserschlange mit aufgesperrtem Rachen gegen uns losgeschwommen kam. Indem sie das Meerwasser tonnenweise in sich hineinschlürfte, erregte sie eine solche entsetzliche Strömung, daß wir gerade in ihren Rachen hinein getrieben wurden und kaum Zeit hatten, die Masten vorher zu kappen. Wir gaben uns verloren. Aber die Fregatte fuhr mitten durch ihren wohl eine englische Meile langen Leib wie durch einen Tunnel hindurch und hinten wieder heraus. Die famose Wasserschlange mochte aber doch ein gewisses Kitzeln verspürt haben, denn als das Schiff aus ihrem Bauche wieder heraus war, sah sie sich verwundert nach uns um und schüttelte den Kopf. Bei der Ausschiffung am Quai von Algier wurden wir vom Marschall Damremont und seinem glänzenden Generalstabe empfangen. Der Marschall reichte mir die Hand und sagte: Herr Oberst! ich heiße Sie im Namen Frankreichs willkommen. Fechten Sie so unter dem französischen Banner, wie Sie unter dem Banner der Kuxusen gefochten haben, und ich trete Ihnen einen Theil meiner militärischen Unsterblichkeit mit Vergnügen ab! Stolz erwiederte ich: Ich bedarf nicht einen Theil der Unsterblichkeit, denn ich bin die Unsterblichkeit selbst. Aber verlassen Sie sich darauf, Herr Marschall! daß ich meine Pflicht thun werde. Nun wurden meine Leute ausgeschifft. Die ersten Mannschaften gefielen dem Marschall ungemein. Das haben Sie gut gemacht, Herr Oberst! sagte er. Prächtige Bursche! Hauptkerle! Nun kamen aber die Krüppel, die Fettbäuche und Gerippe. Der Marschall schüttelte mißbilligend das Haupt, sah mich verwundert an und fragte: Aber, Herr Oberst! was fangen wir mit diesem krummgewachsenen Volke, diesen Schmeerbäuchen und Kirchthurmspindeln an? Herr Marschall! sagte ich, jeder dieser Leute hat seine besondern Vortheile, die ich zu benutzen wissen werde. Welchen Vortheil kann dieses verwahrloste Säbelbein da haben? fragte der Marschall. Seine Beine, Herr Marschall! erwiederte ich, bilden, wie Sie sehen, ein vollkommen rundes scheibengroßes Loch, gerade wie wenn man zwei halbe Reifen an einander stellt. Das ist nicht schön fürs Auge, aber ein großer Vortheil für den Soldaten; denn er hat die Aussicht, daß die Kanonenkugeln durch die von seinen Beinen gebildete Oeffnung hindurchfahren, ohne ihn zu verletzen. Ich benutze diese Oeffnungen auch als Schießscharten für die dahinter liegenden Schützen, und habe daher eine ganze Compagnie solcher Säbelbeinigen angeworben. Und dieser Einäugige, dem das linke Auge fehlt? fragte der Marschall. Hat auch seinen besondern Vortheil. Andere drücken beim Anlegen der Büchse das linke Auge zu, um mit dem rechten besser zu visiren; das hat dieser Einäugige nicht nöthig. Bei andern Schützen verläßt sich zu seinem Schaden wohl auch ein Auge auf das andere, was bei diesem Manne nicht stattfindet. Aber dort der Lahme? fragte Damremont. Das ist erst der rechte Mann; er muß stehen wo er steht; denn da ihm seine Beine jede rasche Bewegung unmöglich machen, darf er niemals daran denken, die Flucht zu ergreifen. Dort der Bucklige? Vortrefflich auf dem Marsch, um ihm Tornister und anderes Gepäck aufzuladen, damit die tüchtigere Mannschaft besser marschiren kann und nicht ermüdet. Ich habe auch davon eine ganze Compagnie, die mir alle Bagagewagen, welche in der Wüste nicht einmal immer zu haben sind, und im Gebirgskrieg so manche Maulthiere ersparen wird. Jener Schmeerbauch? Braucht erstens nicht so viel Kost, weil er im Nothfall von seinem eigenen Fette leben kann; sodann stelle ich diese Schmeerbäuche als einen Wall auf, welcher im Gefecht meinen Schützen zur Deckung dient. Zumal in der Wüste, wo es so wenig Buschwerk gibt, werden diese Fleischschanzen vom größten Nutzen sein. Nun aber jene Hopfenstangen? Da liegen doch die Vortheile auf der Hand. Ich möchte den Schützen sehen, der einen solchen Bindfaden treffen will! Doch wie gesagt, Herr Marschall! jeder dieser Leute ist für sich allein genommen, ein ziemlich unnützer Patron; aber bei der Verwendung im Ganzen füllt er seinen Platz aufs zweckmäßigste aus. Lassen Sie mich nur machen! Herr Oberst! ergriff der Marschall wieder das Wort, ich setze ein so großes Vertrauen auf Sie, und Sie haben schon so Außerordentliches mit Ihrem System geleistet, daß ich mir keine weiteren Bemerkungen gestatten will. Frankreich rechnet auf Sie, die französische Nation blickt auf Sie, die Kabylen zittern vor Ihrem Namen, die Weltgeschichte streckt ihren Arm aus, um Sie mit dem Lorbeer ewigen Ruhms zu kränzen; Sie werden daher am Besten wissen, was Sie zu thun haben. Sollte sich Ihr System bewähren, so würde ich der Erste sein, es in der französischen Armee einzuführen. Und nun, Herr Oberst, machen Sie sich's bequem in Algier! Damit sprengte er sammt seinem Stabe hinweg. Meine Leute wurden nun in der großen Kaserne untergebracht, während ich mich nach der Kasbah hinaufbegab, wo ich die Wohnzimmer des frühern Dey von Algier im prächtigsten orientalischen Geschmack für mich eingerichtet fand. Neunzehntes Kapitel. So zusammengewürfelt die Fremdenlegion auch aussieht, so ist sie doch eine ganz vortreffliche Truppe. Lachend greift sie den Feind an, lachend schlägt sie ihn aus dem Felde. Besonders das vom Obersten Fritz Beutel befehligte Bataillon besteht aus lauter Teufelskerlen, deren bloßen Anblick der Feind nicht ertragen kann. Französischer Kriegsbericht. Sie war mein Weib, doch falsch – es gibt nichts Falscher's – Und corpulent dazu. Oh, dick und falsch – Wo ist ein Ehemann, der das ertrüge – Altenglisches Schauspiel. Nachdem ich meine Leute, Jeden nach seinen Fähigkeiten eingeübt hatte, erhielten wir Befehl zum Aufbruch. In den Vorbereitungen zur Constantiner Expedition war ein unvorhergesehener Stillstand eingetreten, einige Kabylenstämme hatten sich empört, und gegen diese sollten wir zuvörderst verwandt werden, um uns durch den kleinen Krieg für den großen geschickt zu machen. Der Tag des Ausmarsches kam, Damremont und sein Stab wohnten ihm zu Pferde bei, und Tausende von französische Soldaten und Eingebornen waren am Thore versammelt, um das merkwürdige Schauspiel mit anzusehen. Die Spitze des Marsches bildeten meine Auserlesene, lauter stämmige martialisch aussehende Soldaten, welche allgemeine Bewunderung erregten. Hierauf kam die Compagnie der Fettbäuche, hinter dieser, des Contrastes wegen, die der Magern, dann die der Einäugigen und Buckligen, und die Compagnieen der Lahmen und Säbelbeinigen humpelten in einigem Abstande hinten nach. Ich kann nicht leugnen, daß jede dieser Abtheilungen mit einem schallenden Gelächter begrüßt wurde, über das ich mich jedesmal (mit einem Sprunge meines Pferdes) hinwegsetzte. Auch einige sehr zweckmäßige Neuerungen fielen auf. Unter andern hatten meine Leute auf meinen Befehl große in Essig getauchte Schwämme vor den Mund gebunden, um ihre Lippen und Zungen in der brennenden Wüste anzufeuchten. Ich ließ nun, um das Gelächter endlich zum Schweigen zu bringen, meine Leute folgende von mir gedichtete und componirte Kriegshymne anstimmen: Was gehn uns die Kabylen an, Uns arme verwachsene Leute? Wir fechten zwar, so gut man kann, Doch Andre gewinnen die Beute. Wohl schreien sie: Triumph, Triumph! Die Franzosen so keck und munter; Wir aber kommen nicht auf den Strumpf, Wir kommen vielmehr herunter. Mit doppelter Kreide, die niemals irrt, Schreibt an der Marketender; Kein Wunder, wenn man da täglich wird Verdrießlicher und elender. Und wenn er zuletzt uns nicht mehr pumpt, Versetzen wir noch die Hosen, Und gehen dann grade so zerlumpt, Wie weiland die Franzosen. Der Henker hole den ganzen Spaß! Wir fühlen bei dieser Hitze, Bei diesem ganz erbärmlichen Fraß: Wir sind auf der Welt nichts nütze. O, wären wir daheime doch, Wir schlechtes Kanonenfutter, Und säßen vor dem Ofenloch, Und brieten uns Speck auf Butter! Die Franzosen hörten nur die Worte: »Kabylen«, »Triumph« und »Franzosen« heraus, und meinten, es würde in dem Liede der »Triumph« der »Franzosen« über die »Kabylen« gefeiert. Diese vermeintliche Huldigung rührte und entzückte sie und mit der ihnen eigenen Lebhaftigkeit die Stimmung rasch wechselnd, überließen sie sich den enthusiastischsten Freudenbezeugungen, klatschten in die Hände und riefen Bravo und Da Capo; denn meine Leute sangen sehr schön, zumal da ihre etwas barsche Stimmen durch die vorgebundenen Schwämme gemildert und gedämpft wurden. Der Marsch durch die algerische sonnenverbrannte Fläche ging nun freilich etwas langsam von statten und mehrmals sandte der gegen die Kabylen befehligende General Adjutanten an mich mit dem Auftrage, den Marsch zu beschleunigen. Ich erwiederte dann: »Immer nur sachte, wie wir Deutsche sagen!« oder »Eile mit Weile!« zuweilen auch umgekehrt »Weile mit Eile!« was ja etwa dasselbe ist. Kurz, ich ließ mich nicht aus meiner Contenance bringen, und der französische General, der auf diese Verstärkung wartete, war genöthigt, seine Operationen einzustellen und sich auf die Defensive zu beschränken. Endlich erreichten wir das französische Lager am Fuße des Atlas, und ich ließ, den General mit meinem Degen salutirend, meine Leute bei dem französischen Befehlshaber im Paradeschritt vorbeidefiliren. Der General drehte mehrmals seinen Schnauzbart, schüttelte den Kopf und richtete sodann die Frage an mich: Und vor diesen Leuten, Herr Oberst, meinen Sie, würden die Kabylen Reißaus nehmen? Gewiß werden sie vor diesen Leuten Reiß ausnehmen – aus ihren Schüsseln, erwiederte ich. Dieses Wortspiel gefiel dem General, der ein Elsasser war und mich deutsch angeredet hatte, ungeheuer, und er bemerkte: Nun, wenn Sie auch kein großer General sein sollten, so sind Sie doch ein witziger Kopf. Schade nur, daß man mit Wortspielen nicht den Feind vertreibt. – Aber die Grillen, die uns oft ärger zusetzen als die Kabylen, erwiederte ich. Der General lachte und wir waren sofort die besten Freunde. Gleich nächsten Tages hatte ich Gelegenheit, die Tüchtigkeit meiner Truppe ins glänzendste Licht zu stellen, was keine Hyperbel ist, denn das Licht der algerischen Sonne ist sehr glänzend, und was man an dieses Licht stellt, glänzt natürlich auch. Die Kabylen machten uns einen Morgenbesuch und nahmen sich, wie sie auf ihren schlanken Berberrossen gegen uns lossprengten, in ihren weißen hinten weit nachflatternden Mänteln höchst malerisch aus. Mein Bataillon stand in erster Linie: die Säbelbeinigen als Schießscharten voran; dann die Lahmen, die durch die Beine der Erstern hindurch schießen sollten; dann die Buckligen, deren Buckel den dahintenstehenden Magern dienten, um ihre Flinten darauf zu legen und sicherer zu zielen; dann die Einäugigen und Fetten als Fleischschanze für meine Elitetruppen. Als die Kabylen meine Krüppel vor sich erblickten, brachen sie, die ernsten Leute, in ein schallendes Gelächter aus, und wußten nicht, ob sie angreifen sollten oder nicht. Sie stutzten, sprengten von neuem an, stutzten wieder, lachten von neuem und immer stärker je näher sie kamen, endlich als sie uns ganz nahe waren, so stark, daß es ihnen unmöglich war, mit ihren Säbeln auf uns loszuhacken. Jetzt begannen auch meine Leute unwillkürlich in ein lautes schallendes Gelächter auszubrechen, welches zuletzt beide feindlichen Armeen so ansteckte, daß an ein Gefecht gar nicht mehr zu denken war. Viele Kabylen fielen vor Lachen aus ihren Sätteln und lachten noch immer, als sie schon im Sande lagen. Endlich, den rechten Augenblick wahrnehmend und die Blöße, die der Feind gegeben hatte, benützend, rief ich: Wer zuletzt lacht, lacht am besten! und nun lachte ich, der ich bis dahin ganz ernst geblieben war, so erschütternd, daß die Kabylen, Alles verloren gebend, aber immer wie toll lachend, die Flucht ergriffen und den Bergen zusprengten, um sich hier von ihrem Lachen wieder zu sammeln. Die Schlacht war gewonnen, und wir erbeuteten sehr viele Waffen und Fahnen, welche die Kabylen vor Lachen verloren hatten. Der General lobte mich nach der Schlacht höchlich, riß sich das eigene Kreuz der Ehrenlegion von der Brust und heftete es an meine Uniform, indem er bemerkte: Sie haben das Außerordentlichste geleistet, lieber Herr Oberst! Nur meine Schuldigkeit! erwiederte ich. Damit war die Sache abgemacht und es wurde nicht weiter davon gesprochen. Wir trieben nun die Kabylen von Position zu Position bis ins tiefste Gebirge, denn jedesmal, wenn sie meine Säbelbeinigen und dahinter die Lahmen und Buckligen wahrnahmen, wurden sie von jenem krampfhaften Lachen ergriffen, wodurch sie ihre erste Schlacht verloren hatten. Endlich aber wandten sie die Kriegslist an, daß sie, um meine Krüppel nicht zu sehen, rückwärts gegen uns ansprengten und auch rückwärts ihre Flinten gegen uns abfeuerten, wobei wir begreiflicherweise immer im Vortheile waren. Indeß tödteten sie uns doch manchen braven Mann, und zuletzt empörten sich einige Compagnien meines Bataillons, weil sie behaupteten, daß ich sie ausdrücklich als »Kanonenfutter« angeworben habe; nun hätten aber die Kabylen gar keine Kanonen, und somit sei die Stipulation verletzt. Sie ruhten auch nicht eher, bis sie einen neuen Werbelohn erhalten hatten und in den neuen Contract ausdrücklich die Clausel eingeschoben war, daß sie auch als »Flintenfutter« angeworben seien. Ein neuer Beweis dafür, wie sehr der Deutsche auf den Buchstaben hält! Der Feldzug war übrigens so gut wie gewonnen, weshalb wir nun ein verschanztes Lager jenseits des Atlas bezogen. Das Leben würde uns hier sehr langweilig geworden sein, wenn nicht die Löwenjagd uns sehr vielen Spaß gemacht hätte, wobei ich gestehen muß, daß ich es lieber mit einem afrikanischen Löwen als mit einem deutschen Hasen zu thun habe. Hier nur ein Beispiel von einem märkischen Hasen, das ich in meiner Kindheit erlebte. Mit der Büchse des Oberförsters bewaffnet, hatte ich als achtjähriger Knabe – und was ich als achtjähriger Knabe schon zu bedeuten hatte, weiß die Welt – einen schnipphausen'schen Hasen verfolgt und bis aufs äußerste gebracht, als dieser plötzlich, in Wuth gesetzt, Kehrt machte, mir nichts dir nichts meinen Jagdhund aus dem Felde und zuletzt sogar aus seinem Pelze herausbiß, mir mit großer Gewalt zwischen die Beine sprang und mich in den Sand streckte. Als ich mich, den Sand (und zwar märkischen!) aus meinen Augen reibend, verblüfft emporraffte, saß der Hase vor mir und machte mir Männchen, um mich, wie ich ganz deutlich wahrnahm, zu verspotten und auszuhöhnen. Solche mephistophelische Bosheit habe ich niemals bei einem afrikanischen Löwen erlebt. Um einen Löwen zu tödten, hatte ich eine sehr leichte Jagdmethode erfunden. Man denke sich einen ungeheuren hungrigen Löwen, der im Gebüsch auf Beute lauert. Es ist Nacht, aber die Augen des Unthiers funkeln wie zwei Gaslaternen und der Sand der Wüste gibt das Sonnenlicht, das er am Tage eingesogen hat, so ohne allen Abzug wieder, daß es rings um den Löwen hell ist wie am lichten Tage. Ich nähere mich dem Thiere, es wird unruhig, denn es wittert Menschenfleisch, und namentlich auf die Deutschen ist der Löwe außerordentlich erpicht, weil ihr Fleisch in Folge der vielen ästhetischen Lectüre außerordentlich fein, zart und schmackhaft sein soll. Es gibt Löwen, die sehr genau zu unterscheiden wissen, wer bei diesem oder jenem Professor Aesthetik gehört hat, diesen oder jenen Lyriker am liebsten liest; nur das Fleisch der Tendenzpoeten soll er als etwas ranzig verschmähen, und mit dem vorgehaltenen Stück Fleisch eines Recensenten, namentlich Theater-Recensenten soll man ihn sogar auf hundert Schritte Wegs vertreiben können. Die Kabylen wünschen sich daher Glück dazu, wenn es ihnen gelingt, eines deutschen Recensenten habhaft zu werden. Sie zerreißen ihn sofort in Stücke, vertheilen diese untereinander und jeder heftet sein Stück Recensentenfleisch an die Thüre seiner Wohnung und zwar für diejenigen Löwen, welche durch irgend einen Umstand um ihre Witterung gekommen sein sollten, mit der Unterschrift: »Das ist ein Stück deutsches Recensentenfleisch!« Wenn der Löwe diese Schreckensworte erblickt, so nimmt er gewiß den Schwanz zwischen die Beine, läuft davon und läßt sich niemals wieder in dieser Gegend blicken. Ich erwähne dieses zur Warnung für alle dieses Buch herunterreißenden Recensenten, welche etwa Neigung haben sollten, nach Afrika zu reisen. Es würde ihnen dort sehr übel mitgespielt werden. Doch ich kehre zu meinem Löwen zurück. Je mehr ich mich ihm nähere, desto lauter brüllt er, grimmiger als irgend ein deutscher Heldenspieler oder ein deutsches Ständekammermitglied; er schlägt mit dem Schweife um sich, er blinzelt mit den Augen und rüstet sich zum Sprunge. Jetzt ist der Moment da; die Bestie macht einen furchtbaren Satz – lang wie ein Satz im Buche eines deutschen Gelehrten, aber vielleicht doch nicht so lang – gerade auf mich zu. In dem Augenblick werfe ich mich auf den Rücken, passe den Moment ab, wo das Thier, im Sprunge begriffen, über mir schwebt und jage ihm eine Kugel durch den Leib. Der Löwe ist einmal im Schuß, setzt seinen Sprung fort, und fällt etwa zwanzig Schritte von mir mausetodt nieder, obwohl ich weiß, daß »mausetodt« eigentlich eine Beleidigung für einen Löwen ist, weshalb ich hiermit alle wirklich gebildeten Löwen Afrika's um Verzeihung bitte. Dies Verfahren trügt nie; ich habe auf diese Weise wohl hundert der stärksten Löwen getödtet, und jedesmal ging die Kugel gerade in der Mitte des Leibes durch, unten hinein, oben wieder heraus. Ja, ich habe auf diese Weise einmal drei Löwen, welche zufällig über einander wegsprangen, mit einer und derselben Kugel getödtet; und die Aeser lagen auch richtig todt da, eins über dem andern, wie abgepaßt. Man hätte sie, durch die von der Kugel verursachten Löcher mit einem Stock hindurchstoßend, aneinander reihen können wie Leipziger Lerchen. Die Löwen sind aber bei aller ihrer Dummheit doch sehr kluge Thiere, und da sie merken, daß den Jägern in der Nacht besonders ihre funkelnden Augen zu Zielpunkten dienen, so haben sie sich in der letzten Zeit angewöhnt, ihre Augen zuzukneipen oder immer nur nach hinten zu sehen. Im Uebrigen sind die Löwen in der Atlasregion sehr zähmbarer Natur und gehören recht eigentlich zu den Hausthieren; nur ist es nöthig sie sehr frühzeitig, ehe sie noch die Süßigkeiten eines abenteuerlichen Lebens in der Wüste gekostet haben, und wo möglich von der Mutterbrust, um so zu sagen, wegzufangen. Viele kabylische Damen halten sie als Schooßhunde, und es ist daher keine Lüge oder Uebertreibung, wenn Caligula im »Fechter von Ravenna« von seinen »hyrkanischen Schooßhündchen« spricht. Man fängt die kleinen Löwensäuglinge ein, schnürt sie in Windeln, dingt für sie eine möglichst pflegmatische nordeuropäische Amme, die sie säugen muß, füttert sie mit Bonbons und Liqueurs, engagirt für sie einen deutschen Hauslehrer, der die Geschicklichkeit besitzt, ihren aufstrebenden Geist und somit auch ihr körperliches Wachsthum zu unterdrücken, kurz gibt ihnen eine ganz standesgemäße Verwahrlosung, und das Löwchen wird und bleibt ewig nur ein Miniaturlöwe, eine Luxus- und Taschenausgabe von einer Bestie, welche alle löblichen und unlöblichen Eigenschaften eines in vornehmer Familie erzogenen Möpschens entwickelt. Ich habe in einigen kabylischen Adelsfamilien mehrere deutsche Löwenerzieher kennen gelernt. Sie waren sehr gelehrte, wenn auch für mich nicht sehr amüsante Leute, die Abends beim Thee die Honneurs machten und mir die verwickelte Lehre von den griechischen Partikeln beizubringen suchten. Mehrere derselben waren in der That so zu einer griechischen Partikel eingeschrumpft, daß sie der selige Philipp Buttmann ganz dreist in seine griechische Grammatik hätte aufnehmen können. Auch entdeckte ich einen unter ihnen, der zum Circumflex geworden war und einen sehr eigenthümlichen Anblick gewährte. Eine Episode muß ich hier noch erwähnen, die den Leser ohne Zweifel sehr überraschen wird, mich aber, der ich auf Alles gefaßt bin, nicht im Geringsten überraschte. Eines Tages begab ich mich in ein kabylisches Wirthshaus, welches sich in einiger Entfernung vom Lager befand und von den Soldaten der Fremdenlegion stark frequentirt wurde. Ich muß bemerken, daß der Wein am Südabhange des Atlas zwar nicht den würzhaften Geschmack des Beutelländischen hat, aber von ungeheurer Stärke ist. Wer eine Flasche dieses Atlasweines getrunken hat, vermeide es ja, sich auf einen Wagen zu setzen, denn er würde bei der Kraft des Weines offenbar Gefahr laufen, mit dem Wagen umgeworfen zu werden, da der Geist des Weines von dem Fahrenden auf das Gespann überzugehen pflegt. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie ein ganzes Cavallerieregiment in den Sand gesetzt wurde, weil ein Feldwebel des Regiments zufällig ein Glas zu viel zu sich genommen hatte. Vorsichtige Trinker pflegen daher an dem Weine, der zum Theil aus Aether besteht, nur zu riechen, was seine Wirkung bedeutend schwächt; ein guter deutscher Trinker ist im Stande, eine Flasche des Atlasweins etwa im Laufe einer Stunde auszuriechen. Man sagt daher auch bei Zechgelagen dort nicht: »ich trinke dir«, sondern »ich rieche dir ein Glas vor.« Auch von der Art des Bezahlens möchte ich gleich hier etwas Näheres sagen. Herr Wirth! eine Flasche Wein! ruft man. Der Wirth bringt das Verlangte. Man fragt nach der Bezahlung. Viertehalb Francs oder viertehalb Menschenköpfe! lautet die Antwort. Man greift in den Sack, den man zu dem Ende stets bei sich führt, läßt vier Beduinenköpfe auf den Tisch rollen und bekommt darauf einen halben Menschenkopf wieder heraus. Dies ist die gewöhnliche Art der Bezahlung in dieser Gegend. Die Beduinenköpfe sind so wohlfeil und stehen so niedrig im Preise, daß jeder nur einen Franc gilt. War meine Börse, d. h. mein Sack, der freilich die Länge und den Umfang eines Mehlsacks hatte, leer, so ritt ich hinaus in die Wüste, fing mir ein halbes Dutzend Beduinen ein, knüpfte drei davon rechts, drei links an die Spitze meines Knebelbarts und ritt mit ihnen gemüthlich durch die Wüste in das Lager wieder zurück. Hier lieferte ich meine Gefangenen in die sogenannte Feldmünze, nämlich in die Anstalt, wo sie vorschriftsmäßig zu Gelde gemacht, d. h. ihnen die Köpfe abgelöst und diesen am Vorderkopfe das Bildniß des Königs der Franzosen und am Hinterkopfe das Wappen Frankreichs eingebrannt wurden. Die Stempelgebühren kosteten nichts. Also ich gehe in das Wirthshaus, lasse mich in eine der Oleanderlauben nieder, welche den Hofraum von drei Seiten einfaßten, und rufe nach dem Wirth. Der Wirth kommt nicht. In der Laube nebenan höre ich ein lebhaftes Geplauder, einen Wechselaustausch zwischen einer weiblichen und einer männlichen Stimme, die mir beide bekannt zu sein schienen; doch da das Gespräch ziemlich gedämpft geführt wurde, war ich nicht im Stande, einzelne Worte zu verstehen. Nachdem der Wirth auf mehrmaliges Rufen nicht erschienen war, schlug ich mit dem Säbel auf den Tisch und fluchte ein soldatisches Donnerwetter über das andere. Das half. Der Wirth, ein langer hagerer Beduine, stürzte fuchswild aus dem Hause herbei und rief in gebrochenem Deutsch, das er ohne Zweifel von den in der Fremdenlegion dienenden Deutschen und den Elsassern gelernt hatte: Wo ist denn der Sakermenter, die Beate? – Sie muß mir gleich morgen aus dem Hause – der deutsche Racker! Oh, noch heute gleich auf der Stelle, Herr Wirth! rief ein in diesem Augenblicke aus der Nebenlaube hervortretendes Frauenzimmer mit schnippischer Stimme. Ich horchte hoch auf, ich blickte der Kellnerin ins Gesicht und erkannte – die Leser werden schon ahnen wen – meine Ex-Gattin Beate. Einem Andern wäre der Verstand in diesem Augenblicke still gestanden oder davon gelaufen, mir aber lief er weder davon noch stand er mir still; ich erwartete mit himmlischer Ruhe, was nun weiter kommen würde. Ja, und daß Sie's nur wissen, Herr Wirth! fuhr Beate fort; ich heirathe den Prinzen Knitschogarsk, Sergeanten im ersten Bataillon der Fremdenlegion, den Sie kennen und der bei Ihnen so manches Schöppchen vertilgt hat. Wir haben uns eben verlobt. Und wenn Sie mich einen Sakermenter und deutschen Racker schimpfen wollen, Sie langer unabsehbarer Kabyle, so wird Ihnen mein Bräutigam zeigen, was es heißt, die Verlobte eines Prinzen und französischen Sergeanten zu beschimpfen. Ich war schon einmal Kaiserin, daß Sie's wissen, und werde nun Königin der Tschugatschen werden und in einem Schlosse wohnen, gegen das Ihre Tabagie eine bloße Hundehütte ist; ich werde von goldenen Schüsseln essen, und von Pagen bedient werden, und ein Schleppkleid von Gros de Naples tragen und in einem Gallawagen mit Vieren fahren. Der Schwindler! dachte ich im Stillen – mit Vieren? vielleicht mit vier Seehunden! Der kleine stämmige Prinz der Tschugatschen, Knitschogarsk, mit dem breiten plattgedrückten Gesicht erschien nun auch, drehte sich den Schnurrbart, schlug an seinen Säbel und rief: So ist's! diese Jungfer ist meine Braut und wird mit mir den Thron meiner Väter besteigen! Ei du Schwindler! dachte ich wieder – was für ein Thron wird das sein? etwa ein Kehrigthaufen mit einem Seehundsfell darauf. Ich glaubte nun den Zeitpunkt gekommen, wo auch ich eine Rolle in dieser Komödie spielen könne, trat meinerseits vor, stellte mich vor Beata hin und rief: Beata Regina Cordula Veronica Pipermann! Verworfenes Exemplar von einer Erbschulzentochter! Kennst du mich noch, Treulose? Sinke in Ohnmacht, so tief es sein kann – Ehrvergessene, die du nicht werth bist, eine Schnipphauserin zu heißen! Sie fuhr vor mir wie vor einem Gespenste zurück, sank wirklich in Ohnmacht, wie sich dies in solchen Augenblicken von selbst versteht, und wurde von den Armen ihres Verlobten aufgefangen, wie sich dies auch von selbst versteht. Prinz Knitschogarsk schleppte nun mit Hilfe des Wirths seine ich will nicht sagen süße, jedenfalls aber schwer ins Gewicht fallende Last ins Gastzimmer, um die Ohnmächtige mit Essenzen ins Leben zurück zu rufen; doch rief er mir noch im Weggehen die Worte zu: Wir werden uns messen, mein Herr! Ich kenne Sie! Sie sind mir noch Genugthuung schuldig, von dazumal! Morgen früh sechs Uhr am Palmenwäldchen! Ohne Zeugen! Ich werde zur Stelle sein, antwortete ich, setzte mich in meine Laube, und roch einige Flaschen Atlasweins erster Qualität aus, worauf ich mich sehr vergnügt im Zickzack nach dem Lager zurückbewegte. Folgenden Morgens war ich zur bestimmten Stunde am Palmenwäldchen und fand bereits meinen Gegner zur Stelle. Er hatte Degen, krumme Säbel und Pistolen mit und überließ mir die Wahl der Waffen. Ich aber sagte: Durchlauchtiger Prinz! Sie haben mich gestern aufgefordert, mich mit Ihnen zu messen. Ich habe daher Ihren Worten entsprechend – ich zog dabei unter meinem Rocke eine Elle hervor – ein Werkzeug mitgebracht, um Sie zu messen, es Ihnen anheimgebend, auch mich wieder zu messen. Kaum gesagt, ergriff ich die Elle und fing an den kurzdicken Knirps gehörig mit ihr zu bearbeiten. Er schrie gewaltig, aber ich antwortete: Prinz! Ihr durchlauchtiger Rücken ist so breit, daß es mir Mühe kostet, ihn auszumessen. Warten Sie nur noch einen Augenblick! Damit maß ich ihn weiter. Ich weiß nicht, wie lange ich noch seinen Rücken nach allen Richtungen ausgemessen haben würde, wenn nicht in diesem Augenblick meine frühere Gattin Beate, jetzige Verlobte des Prinzen Knitschogarsk, aus dem Dickigt des Palmenwäldchens herbeigeeilt und mir in die Arme gefallen wäre. Als ritterlicher Charakter, der ich immer war, senkte ich vor ihr meine Waffe und überreichte sie ihr mit den Worten: Madame, ich bin Ihr Gefangener! Sie entriß mir das Instrument und rief freudig: Ach eine Elle, die kann ich jetzt gerade brauchen, da ich eben ein neues Kleid auszumessen habe. Danke schönstens, lieber Fritz! Mich rührte die schöne Naivetät, die sich in diesen Worten aussprach, und ich sagte: Liebe Beate! Die Elle ist sehr gut und es läßt sich mit ihr vortrefflich messen, wie ich eben gesehen habe. Der Rücken des Prinzen Knitschogarsk wird genau eine halbe Elle lang und dreiviertel Ellen breit sein. Du wirst vielleicht später in den Fall kommen, mir nachzumessen und du wirst diese Angabe bestätigt finden. Prinz Knitschogarsk rieb sich den Rücken. Ich aber ergriff Beider Hände, legte sie in einander und sagte: Mein Prinz! Ich habe Ihren Rücken soweit ausgemessen, daß ich weiß und sagen kann, er ist breit genug, um das Ehejoch, so breit es auch sein mag, auf sich zu nehmen. Laßt uns nun gute Freunde sein! Ich scheide mich hiermit von meiner Frau kraft der Constitutionsurkunde von Beutelland Artikel 4, wonach ich als geistliches Oberhaupt die Gewalt über alle Gewissen, mithin auch über die Ehebündnisse und Ehescheidungen habe, und trete somit meine Frau mit allen Rechten und Unrechten an Sie, durchlauchtiger Prinz, ab, nur noch den Wunsch hinzufügend, daß, falls es Ihrer künftigen Gattin in den Sinn kommen sollte, Ihren Rücken zu messen, sie ihn wenigstens nach der kurzen und nicht wie ich nach der langen messen wolle. Außerdem wünsche ich noch, daß Ihr väterlicher Thron nicht unter dieser Last (indem ich auf Beate wies) zusammenbrechen möge! Ich muß nämlich bemerken, daß sich Beatens immer etwas stämmiger Körper nach allen Richtungen der Windrose hin ausgedehnt hatte, und daß dies eine Ursache war, weßhalb es mir nicht schwer fiel, auf ihren Besitz Verzicht zu leisten, da dieser Besitz gerade nicht zu den liegenden Gründen gehörte, von denen ich Gebrauch zu machen wünschte. Beate erhob zwar, nachdem sie mich mit ihrem Prinz Knirps verglichen haben mochte, einige Einwendungen: die Sache habe ja keine so große Eile gehabt, sie sei ja noch zu überlegen gewesen, ihr schneller Entschluß sei nur durch das Auftreten des Kabylenwirths herbeigeführt worden und kein unwiderruflicher u. s. w. Indeß blieb ich dabei, daß sie durchaus Tschugatschenkönigin werden müsse, und malte ihr die dortigen Seehunds- und Thranzustände in einem so verführerischen Lichte aus, daß sie sich zuletzt fügte, mich dabei mit sehr zärtlichen und schmachtenden Blicken ansehend. Auch den Prinzen Knitschogarsk hatte ich für mich gewonnen, theils durch das seinen vaterländischen Zuständen gespendete Lob, theils durch die gefühlvolle Ausmessung mit der Elle, die mir seine ganze Achtung erworben hatte. Ich machte nun, nachdem Alles in Ordnung und Richtigkeit gebracht war, den Vorschlag, mitsammen in die Kabylentabagie zu gehen und einige Flaschen Atlasweins auszuriechen, was denn auch geschah. Hierbei theilten wir uns unsere gegenseitigen Lebensereignisse mit. Beate wollte nicht recht mit der Sprache heraus, und ich wünschte mir Glück, kein bindendes Verhältniß mehr zu dieser merkwürdigen Person zu haben, die von einer Kaiserin zu einer Kellnerin herabgesunken war; denn Einiges, was sie andeutete, schien sich mir nicht ganz mit meinen hohen Begriffen von sittlicher Lebensordnung zu vertragen. Als ich sie nach unserm beiderseitigen Töchterchen Guitarria Cichoria Cigarretta fragte, antwortete sie mir mit einer gewissen Gleichgiltigkeit: Auf dem Schiff, mit dem sie nach Afrika gekommen, habe sich eines Tages ein fliegender Fisch niedergelassen; die kleine Guitarria Cichoria Cigarretta habe gerade auf dem Verdeck gespielt, sie habe sich im Spiel auf den Rücken des Fisches niedergelassen und sei von diesem über das Meer fortgeführt worden, sie wisse nicht wohin. Nicht minder zurückhaltend war Prinz Knitschogarsk, doch ging mir aus seinen Mittheilungen so viel hervor, daß die Tschugatschen auf Preßfreiheit und Constitution Ansprüche gemacht hätten, die er mit seiner Autorität nicht verträglich gefunden habe; sie hätten sogar verlangt, daß er seine Hofseehunde entlassen solle; sie hätten gefordert, daß er über die Verwendung seines Seehundsthrans jährlich Rechnung abzulegen habe; und auf seine Weigerung, und weil er seinen Minister des Auswärtigen nicht entlassen gewollt, sei ein allgemeiner Aufruhr entstanden, dem er ausgewichen sei. Die Tschugatschen hätten hierauf, unter geheimer Mitwirkung der Gurkchusen, die Republik proclamirt und mitten im Lande eine allgemeine Staatsguillotine errichtet; aber man sei jetzt, wie er durch den französischen Minister des Auswärtigen erfahren, der Republik überdrüßig; eine Contrerevolution bereite sich vor und mit ihrer Hilfe wie mit Unterstützung der Kuxusen hoffe er nun, sich wieder auf den Thron seiner Väter zu schwingen – wogegen ich nur bemerkte, daß dies an der Seite seiner etwas corpulenten Beate seine Schwierigkeiten haben würde, wozu er diplomatisch den Kopf bewegte. Als ich ihn fragte, was aus seiner Gemahlin, der früheren Prinzessin Kax geworden, wurde er, auf Beate blickend, blutroth, wie es eben ein Tschugatsche werden kann, und erwiederte: diese habe sich in die Lectüre des »Werther« so vertieft, daß es nicht möglich gewesen, sie wieder aufzufinden, obgleich man in das Exemplar des »Werther« eine Taucherglocke niedergelassen habe. Mit einem Senkblei habe man keinen Grund finden können – so tief sei die Dichtung. Ich konnte natürlich nicht wissen, was daran geflunkert sei; denn das Flunkern verstehen die Eskimoprinzen gerade eben so gut wie die Prinzen in civilisirten Ländern. Am dritten Tage bereits wurde die Ehe vom Feldgeistlichen der Fremdenlegion eingesegnet. Ich selbst betrieb die Heirath, um es Beaten unmöglich zu machen, wieder andern Sinnes zu werden. Es war mir lieb, jedes Band als das der allgemeinen Menschenliebe zwischen uns gelöst zu sehen, denn sie war, wie ich versichern kann, während ihres abenteuerlichen Lebens zwar um vieles breiter, aber nicht gerade hübscher geworden, und ich selbst war, so lange ich mich noch an sie gebunden glaubte, bei meinen strengen Anschauungen von der Heiligkeit der Ehe, im Umgange mit dem schönen Geschlecht zu oft in einen peinlichen Kampf gerathen, als daß es mir nicht hätte erwünscht sein sollen, dieses Band von mir zu streifen. Ich fühlte mich auch so erleichtert, daß ich mich mit den oft recht verführerischen Marketenderinnen des französischen Heeres sofort auf einen ganz andern Fuß setzte und mit ihnen eben so oft Blicke, als mit den Kabylen Kugeln wechselte. Die Trauungsceremonie ging auch im Allgemeinen recht glücklich von statten, nur fiel es den Zeugen wie dem Geistlichen im Besondern etwas auf, daß Prinz Knitschogarsk während der Ceremonie nicht umhin konnte, sich wiederholt den Rücken zu reiben, der gerade in der Heilung begriffen war. Auf meinen Betrieb erhielt Beate, jetzige Prinzessin Knitschogarsk, die Erlaubniß, eine Marketenderwirthschaft anzulegen, und ich selbst habe an ihrem ambulanten Büffet sehr oft ein Gläschen Absynth genippt, der mir aber eben so verfälscht zu sein schien, wie ihr falsches Herz. Inzwischen war ich mit den zahlreichen Löwen der Umgegend in ein sehr vertrauliches Verhältniß getreten. Man weiß, wie sehr sich der Löwe durch den menschlichen Blick, wenn er ein richtiger, ich möchte sagen ein Urblick ist, leiten und besänftigen läßt, und mein Blick hatte immer für Menschen und Vieh etwas Bezauberndes. Ich bedauere, daß gegenwärtiges Buch ohne Illustration erscheint, ich würde sonst einen meiner Blicke in Holzschnitt ausführen lassen, um denjenigen Lesern, die mich nicht kennen, von seiner Gewalt einen Begriff zu geben. Außerdem hatte ich, wie der Leser ja weiß, schon so viel mit Bestien zu thun gehabt, daß ich mich daran gewöhnt hatte, alle ihre zarten Herzensbedürfnisse zu belauschen und zu befriedigen. Kurz, die Löwen des ganzen Atlasgebirgs attachirten sich so an mich, daß ich nicht ausgehen konnte, ohne von ganzen Rudeln begleitet zu werden, und oft, namentlich Sonntags, besuchten mich welche aus den fernsten Gegenden der Sahara und trugen mir das seltenste Wildpret aus Inner-Afrika zu. Im Umgange mit diesen vortrefflichen Geschöpfen lernte ich immer mehr erkennen, daß nicht der Mensch, sondern das Thier das edelste unter den Wesen ist, welche die Erde bewohnen. Ein tugendhafter Jagdhund wird niemals seinen Herrn um schnöden Gewinns willen verlassen; er verleumdet, er verräth, er übervortheilt, er betrügt ihn nicht; ja selbst wenn Zärtlichkeit zu einer Stammesgenossin sein Herz fesselt, geht ihm doch die Pflicht gegen seinen Herrn über seine Zärtlichkeit. Wie oft hatte sich Beate der Untreue gegen mich schuldig gemacht, und wie sehr ging das meinen Löwen zu Herzen! Sie verachteten Beate und wenn sie dieselbe erblickten, machten sie ihr ein grimmiges Gesicht, rümpften spöttisch die Nase, oder wandten ihr verächtlich den Rücken. So tief empfinden sie das Unrecht menschlicher Untreue! Oh gewiß, die Frivolität, der Leichtsinn, die Genußsucht, die Treulosigkeit, die unter den Menschen so gemein sind, trifft man unter gebildeten Thieren nicht an, und erst in ihrem Umgange lernt man wieder an christliche Liehe und Moral glauben. Und wenn der Löwe auch einmal einen Menschen, der ihm gerade in den Weg kommt, zerreißt, so thut er dies durchaus nicht in böser Absicht, sondern nur um den Paragraphen des auf deutschen Kathedern gelehrten Naturrechts die nothwendige praktische Anwendung zu geben. Die Humanität der Atlaslöwen findet auch noch einen besondern Erklärungsgrund. In einer Höhle des Atlas war es oder soll es gewesen sein, wo jener römische politische Flüchtling einem klagenden Löwen den Dorn ausriß, der sich in seine Tatze eingebohrt hatte. Die edle That wurde damals auch bald unter den übrigen Löwen bekannt. Auch die Thiere haben ihre Traditionen. Von Geschlecht zu Geschlecht erbte diese Geschichte fort. Mir theilte sie mein Lieblingslöwe vermittelst der Augensprache mit, denn in dieser unterhielt ich mich mit ihm. Unterstützt wurde diese Augensprache durch die verschiedenen Stellungen der Mundwinkel, gewisse Gesichtspantomimen und mancherlei Bewegungen mit dem Schweife, deren jede ein besonderes Wort oder einen besonderen Begriff ausdrückte. Im Laufe der Zeit brachte ich den Löwen auch die Schreibekunst bei, indem sie von mir lernten, ganze Worte und Sätze mit ihren Tatzen in den Wüstensand zu schreiben. Ich errichtete nun eine berittene Löwengarde und wählte zu Reitern die Cohorte meiner Säbelbeinigen, indem die Form ihrer Schenkel einen trefflichen Anschluß an die runden Flanken der Löwen gewährte. Es konnte keinen prächtigeren Anblick geben, als die Fronte dieser Hunderte von Löwen mit ihren Reitern! Und wenn es nun im Carriere ging – wie großartig nahm es sich aus, wenn meine Löwen ihre taktmäßigen Sätze von zehn bis zwölf Ellen Länge machten, und dann wieder wie eine goldgelbe Mauer plötzlich stillstanden, während ich auf meinem Reitlöwen, von meinem Stabe gefolgt, ihre lange Fronte hinuntersprengte! Ich setze bei jedem meiner Leser soviel Phantasie voraus, um sich dies imposante militärische Schauspiel in all seiner Großartigkeit vorstellen zu können. Außerdem hatte ich ihnen mit vieler Mühe die chromatische Tonleiter beigebracht und meinen Gesangsunterricht so weit ausgedehnt, daß sie gelernt hatten, die Melodie der Marseillaise zu brüllen, was bei der Stärke ihrer Stimmen einen wahrhaft hinreißenden und überwältigenden Effect machte. Endlich war der Zeitpunkt gekommen, wo Constantine gestürmt werden sollte. Ich will meine Leser, weil ich sie sowohl liebe als verehre, mit den militärischen Operationen, welche der Erstürmung vorangingen, nicht ermüden; ich bemerke nur, daß sie sehr langweilig waren und viel kurzweiliger ausgefallen sein würden, wenn es der französischen Regierung gefallen hätte, ihre Leitung mir anzuvertrauen. Aber meinen Antheil an dieser Waffenthat kann ich nicht übergehen, da er ohnehin zu laut für sich spricht und meinen Ruhm für alle Zeiten feststellen muß. Wir standen vor dem Felsennest; es galt, die Festungsgräben anzufüllen, und der Ruf erscholl: Kanonenfutter vor! Die Bataillone der Fremdenlegion mußten nun vor, um sich todtschießen zu lassen und über die Gräben mit ihren Leichen Brücken zu bauen, darunter auch mein Fußvolk, meine prächtigen Krüppel, die eines bessern Looses würdig waren. Nur Wenige entkamen dem Blutbade. Das Blut floß in solchen Strömen, daß wenn nicht Myriaden von blutdürstigen Schakalen und Hyänen herbeigeeilt wären und es vom Boden abgeleckt hätten, wir ohne Zweifel Alle in diesem Blutocean, der uns bereits bis zum Gürtel reichte, hätten ertrinken müssen. Ueber die Leichen hinweg stürmten nun die französischen Bataillone gegen die Bresche. Sie wurden zurückgeschlagen, mit derselben Schnelligkeit, womit man im Ballspiel einen Ball zurückschlägt. In diesem kritischen Augenblicke kam Damremont, der bereits die Kanonenkugel, welche ihm den Tod brachte, in seinen Eingeweiden trug, dies aber in der Hitze des Kampfes nicht merkte, mit seiner ganzen Suite an mich herangesprengt, und rief: Bester Herr Oberst! Sie sehen, wie verzweifelt unsere Angelegenheiten stehen; Sie sind unsere ultima ratio. Getrauen Sie sich, mit Ihrer Löwengarde das Hauptthor zu nehmen? Eine Kleinigkeit! erwiederte ich; von solchen Bagatellsachen spricht man eigentlich gar nicht in anständiger Gesellschaft. Ich muß nämlich bemerken, daß ich mit meinen Elitetruppen und meiner Löwengarde in Reserve stand, weil Damremont wußte, daß der letzte Stoß von keiner andern Truppe als von meiner Garde geführt werden könne. Meine Löwen, an dem Ausdruck meines Auges erkennend, daß es sich jetzt um etwas Großes handele, schüttelten die Mähnen, daß von dem dadurch entstandenen Sturmwinde mehrere Palmenbäume in der Nähe entwurzelt wurden, wühlten mit ihren Schweifen den Sand auf, daß dichte Staubwolken den Horizont einhüllten, und begannen schließlich die Marseillaise zu brüllen und mit den Tatzen dazu den Tact zu schlagen. Vorwärts, Löwengarde! rief ich, vorwärts, Freiwillige! Sofort setzten sich ein halb Dutzend Kerle von meiner Elitengarde hinter mir auf den Löwen auf, den ich selbst ritt; ein anderes halb Dutzend hing sich an die Mähnen und ein weiteres halb Dutzend an den mächtigen Schweif. In drei gewaltigen Sprüngen war mein Löwe an dem so lange vergebens bestürmten Hauptthor, mit dem vierten darüber hinweg. Ich hatte während des Sprunges nur so viel Zeit, um meinem dem Präsidenten der Vereinigten Staaten gegebenen Versprechen gemäß ein paar Zeilen mit Bleistift auf ein Blatt Papier zu werfen und es dem zufällig am Wege stehenden Postboten zu überreichen, der es sofort weiter beförderte. Der Präsident der Union hat, wie ich später hörte, dadurch eine halbe Million Dollars gewonnen. Ich schrieb ihm ganz kurz: »Herr Präsident! Vierter Sprung mit dem Löwen gerade über dem Hauptthor von Constantine! Alles gewonnen! Fritz Beutel und die Vereinigten Staaten for ever! « So war ich plötzlich mitten in Constantine. Ich und die Meinen hieben so blind um uns, daß wir von einem Feinde gar nichts vor uns sahen. Vielleicht hatte er aus Schreck schon die Flucht ergriffen. Ich weiß es nicht. Man kümmert sich in solcher Aufregung viel um eine Lumperei und Kleinigkeit, wie die ist, ob man einen Feind vor sich hat oder nicht. Kurz, wir schlugen um uns, und dies that seine Wirkung, zumal, da jetzt meine Löwenreiter einer nach den andern über das Thor hinwegsetzten und nun auch darauf los schlugen – wohin, das wußten sie selbst nicht. Kurz, auf diese Weise und keine andere, was auch die Kriegsberichte sagen mögen, wurde Constantine erobert; denn die Franzosen drangen nun auch ihrerseits ein und ernteten die Früchte deutscher Tapferkeit und Löwenmüthigkeit. Damremont konnte die Kugel, die er im Leibe trug, leider nicht verdauen. Er starb. Bevor er aber starb, ließ er mich zu sich rufen, drückte mir die Hand und sagte: Marschallstab! Marschallstab! Damit starb er. Leider hatte auch mein Reitlöwe mehrere Kanonenkugeln erhalten, und da ich dem Thiere begreiflicherweise sehr zugethan war, fragte ich nach dem besten Feldchirurgus. Das sei ein Deutscher, antworteten mir die Franzosen, und bald brachten sie mir ihn. Es war kein Anderer als Winkerle, der sich freute, mich wiederzusehen, was ihm auch nicht zu verdenken; denn die Ehre war ganz auf seiner Seite. Um seine alten Schulden nicht zu bezahlen, hatte er St. Louis verlassen, und um neue zu machen, war er hierher gekommen. Glücklicherweise hatte er ein neues Zugpflaster erfunden, welches so stark war, daß es die stärksten Kugeln aus dem Körper herauszog, und so gelang es ihm, auch meinen Löwen von den Kugeln zu befreien, durch die sein Fell, wenn auch nicht seine Seele, wesentlich gelitten hatte. Mein Löwe genas und bedankte sich bei Herrn Winkerle schönstens. Ich selbst hatte keine Verletzung davon getragen; aber allerdings hatte eine feindliche vierundzwanzigpfündige Kanonenkugel sich in die Falten meines Burnus so verwickelt, daß es mir einige Mühe kostete, sie wieder herauszuwickeln. Sie wird jetzt im Pariser Invalidenhaus verwahrt, aber weil sie ein Unicum ist, nur gegen ein Trinkgeld von zwölf Sous gezeigt. Metallene Abgüsse davon sind beim Haushofmeister des Invalidenhauses ebenfalls zu haben. Nach drei oder vier, vielleicht auch fünf Wochen verlautete es im Lager, daß der Marschallstab per Post an mich angekommen sei. Er wurde mir, wer sollte es denken! unterschlagen. Eines Tages als sich derselbe – nämlich der Tag – schon zur Rüste neigte, gehe ich um die Wälle von Constantine spazieren. Da begegnet mir der neue Generalgouverneur, ganz allein, sich auf seinen Spazierstock stützend. Ich betrachte diesen und sehe darauf in Emaille die Buchstaben F. B. , die offenbar »Fritz Beutel« bedeuten sollten, und darüber eine goldene Lorbeerkrone. Ein Marschallsstab als Spazierstock! So etwas ist noch nicht vorgekommen. Ich trete an den Generalgouverneur heran und sage: Guten Abend! Guten Abend! erwiederte der Generalgouverneur. Sie haben da einen schönen Spazierstock, bemerkte ich. Weniger schön, als dauerhaft, erwiederte er. Erlauben Ew. Excellenz! sagte ich. Der Unverschämte war dreist genug, mir den Stab hinzureichen, als sei er seiner Sache ganz sicher. Ah, ich glaube, rief ich, den Stock untersuchend, dieser Stab gehört mir! Ihnen? erwiederte er. Ih, ich habe ja den Stock in Algier auf dem letzten Jahrmarkte gekauft. Marschallstäbe, erwiederte ich, verkauft man doch nicht auf Jahrmärkten. Oder sollte es wirklich ein Pariser Lager von Marschallstäben geben? Wir haben in Paris Waarenlager für Alles, antwortete er, und warum nicht auch für Marschallstäbe? Wir kaufen sie, wo wir sie eben am wohlfeilsten haben können. Ei, sagte ich hierauf, so soll wohl auch das F. B. auf dem Stocke nicht »Frédéric Beutel« , sondern »Fi, boucre!« oder was Aehnliches heißen? Wie soll ich das nehmen? fragte er gereizt. Nehmen Sie's, wie Sie es wollen! antwortete ich. Damit wandt' ich ihm den Rücken und ging, indem ich zugleich, um allen französischen Marschallstäben meine Verachtung zu bezeugen, den Stab in den Festungsgraben schleuderte. So viel sah ich ein, daß nach diesem Rencontre meines Bleibens hier nicht mehr sein könne. Ich kannte den neuen Generalgouverneur: unter seiner schwarzen Weste schlug ein noch schwärzeres Herz, wenn überhaupt eins darunter schlug. Er beneidete mich um meinen Ruhm, der namentlich unter den Arabern selbst sehr groß war, indem sie mich fast wie ein übermenschliches Wesen verehrten. Auch lautete damals ihre Betheuerungsformel nicht: Allah ist groß! sondern: Allah ist groß, aber Fritz Beutel ist noch größer! Ich sattelte daher meinen Gelben, wie ich meinen Reitlöwen nannte, steckte meine Kostbarkeiten zu mir, versah mich mit Geld – unter das sich zufällig und ganz gegen meine Absicht auch der Bestand der Bataillonskasse verirrte – schlang um den Hals meines Löwen einen mit Wein gefüllten Schlauch und ein schönes Halsband, das aus Würsten und Schinken geflochten war, und sprengte aus einer mir bekannten Seitenpforte von Constantine ins Freie, gerade auf den Mittelpunkt von Afrika los. Zwanzigstes Kapitel. Nach Tombuktu, nach Tombuktu, Wo die garst'gen Häuser stehen, Aus den Fenstern nackte schmutz'ge Mohren und Mohrinnen sehen – Dahin sehnt mein Herz sich sehr! Clemens Brentano. O Königin! und wenn du täglich auch Das Blut in Eimern schlürftest, dennoch würd' ich Am Kopf dich fassen und dich herzen müssen. Friedrich Hebbel. Begreiflicherweise hatte ich in Constantine nicht Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wo ich meine erste Station machen und was ich überhaupt in Centralafrika beginnen solle. Hierüber meinen Entschluß zu fassen, blieb mir während des Rittes ja Zeit genug. Nun fiel mir nach den ersten gewaltigen Sätzen meines Gelben von ungefähr ein, daß in Tombuktu eine Universität bestehe, auf welcher namentlich die afrikanischen Rechtsstudien florirten; und zu gleicher Zeit fiel mir ein, daß mir zu einem vollkommen gebildeten Manne, der sich dereinst in den anständigen Cirkeln Deutschlands sehen lassen könne, das Doctordiplom fehle. Des Tombuktu'schen war ich ohnehin ziemlich mächtig, da ich in Constantine einen gebornen Tombuktuer zu meinem Stiefelputzer gehabt hatte. Ich beschloß daher, Doctor der afrikanischen Rechte zu werden und auf Tombuktu loszureiten. Ich rief also meinem Gelben zu: Tombuktu! und mein Löwe verstand mich. Er wußte, wo Tombuktu lag, er hatte mir bereits durch die Augensprache mitgetheilt, daß er aus der Gegend von Tombuktu stamme, daß er aber in früher Jugendzeit mit seinen Eltern ausgewandert sei, um anderwärts bessere Nahrung zu suchen. Auf meine Anrede nickte mein Löwe bejahend mit dem Kopfe, und wir schlugen nun die Richtung nach Tombuktu ein. Die afrikanische Wüste ist schon so oft geschildert worden, daß man mir erlassen wird, meinen Ritt im Detail zu beschreiben. Sehr angenehm und unterhaltend ist ein Wüstenritt nicht; das kann ich versichern. Die Sonne brennt da gewaltig, und hätte ich nicht aus Vorsorge schon früher an beiden Seiten des Sattels mit Erde gefüllte Kübel angebracht, in welchen mächtige Oleandersträucher wuchsen, die mich in Schatten hüllten, so würde unter meinem Schädel, so graniten er ist, mein Gehirn wahrscheinlich vertrocknet sein. Zuweilen scheuchten wir ganze Heerden von Giraffen, Gazellen und Straußen auf, welche in dichten Rudeln vor uns herstoben, was mir noch die meiste Unterhaltung gewährte, zumal mein Löwe nicht umhin konnte, sich dann und wann einen fetten Bissen herauszuholen und mit gutem Appetit zu verspeisen. Oft war ich kaum im Stande, mich im Sattel zu halten, wenn mein Löwe einer gefleckten Giraffe auf den Nacken sprang, und dann das arme blutende Thier mit uns eine Strecke weit dahin galoppirte, bis es zusammenbrach. Ich habe später Freiligrath's » Löwenritt « gelesen und fand das Gedicht ziemlich hübsch; indeß würde es eine noch viel großartigere Wirkung hervorbringen, wenn er mir als Drittem im Bunde darin eine Stelle gegönnt hätte. Er konnte dies wissen, da mein Ritt später von mir in der Tombuktuer Hofzeitung beschrieben und dann von einem berühmten Tombuktuer Poeten in Form einer Ballade behandelt worden ist, welche in Tombuktu auf allen Gassen gesungen wird. Als meine Schinken und Würste verzehrt oder in der Sonnenhitze verdorben waren, nährte ich mich vorzüglich von Straußeneiern, die zu Tausenden schon gesotten unter der Oberfläche der heißen Wüstenasche lagen, woher es auch kommt, daß an den heißesten Tagen die jungen Strauße meist schon gebraten und gebacken aus den Eiern kriechen. So mütterlich sorgt die Natur überall für ihre ungezogensten Kinder, die Menschen! Bei einem Samum freilich sind diese Eier den Reisenden sehr beschwerlich, da sie ihnen durch den Sturm zu Dutzenden an den Kopf geschleudert werden. Eines Tages bemerkte ich eine Taube, die in größter Schnelligkeit ihre Richtung ebenfalls nach Tombuktu nahm, und die mir, ich weiß selbst nicht warum, sehr verdächtig, ich möchte sagen polizeimäßig vorkam. Warte! dachte ich, ergriff mein Schießgewehr, drückte ab und mit eingezogenen Flügeln sank der Vogel zu den Füßen meines Löwen nieder. Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Ich erblickte unter ihrem rechten Flügel ein zusammengefaltetes Papier, das ich sofort entrollte. Es enthielt, wer sollte es denken? einen gegen mich vom Militär-Commando von Constantine erlassenen Steckbrief, worin alle Civil- und Militärbehörden Afrika's aufgefordert wurden, auf mich als einen Fahnenflüchtigen und Kassendieb zu vigiliren und, falls man meiner habhaft werden könnte, mich sofort zu arretiren und nach Constantine abzuliefern, da, wie es zum Schlusse hieß, dem algierischen Gouvernement an meiner Person ungemein viel gelegen sei. Die Dankbarkeit Frankreichs und ein ansehnliches Douceur wurden dem, der mich wieder einbrächte, zugesagt. Aus dieser einen Taube, die sich bis in die Gegend von Tombuktu verirrt hatte, konnte ich auf die Menge von Tauben schließen, welche die oberste Militärbehörde mit ähnlichen unangenehmen Briefen nach allen Richtungen entsandt haben mochte. Am empfindlichsten fühlte ich mich durch die Beschuldigung des Kassendiebstahls verletzt, da ja die Militärbehörde in Anbetracht meiner stets bewiesenen Redlichkeit überzeugt sein mußte, daß die Bataillonskasse sich nur durch einen unerklärlichen Zufall in meinen Reisekoffer verirrt haben könne. Ich erkannte in dieser Beschuldigung den Einfluß des tückischen Generalgouverneurs, meines erbarmungslosen Verfolgers, der in seiner Unmoralität ja sogar soweit gegangen war, unschuldige Tauben als Polizeiagenten zu mißbrauchen und dadurch die Keime des Verderbens in ihr unschuldiges Herz zu legen. Endlich nach wochenlangem Ritt lag im Scheine der Abendsonne Tombuktu in weiter Ausdehnung vor mir. Wir standen am Thore, und eben war ich im Begriff, mit meinem Löwen hineinzureiten, als mir eine Tafel in die Augen fiel, auf welcher zu lesen war: »Löwen dürfen bei ansehnlicher Geld- oder verhältnißmäßiger Gefängnißstrafe nicht in die Stadt mitgenommen werden.« Traurig stand ich da und theilte das Gelesene meinem treuen Löwen mit, der darüber ebenfalls traurig den Kopf sinken ließ. In diesem betrübten Augenblicke traten mehrere Löwen aus einem Seitengebüsch, umsprangen meinen Gelben mit den Ausdrücken der herzlichsten Freude und küßten ihn zärtlich auf die Schnauze. Es waren Vettern und Muhmen meines Löwen, die ihn sofort erkannt hatten, weil sie Jugendfreunde gewesen waren. Sie sahen sehr wohlgenährt aus, und dies bewies, daß es den Löwen jetzt in der Gegend von Tombuktu nicht an Nahrung fehlte. Dieses unverhoffte Wiedersehen tröstete meinen Gelben über die Trennung von mir, er drückte die Tatzen seiner Vettern der Reihe nach aufs Herzlichste. Auffallend zärtlich benahm er sich gegen eine Cousine, die ihm einige feurige Blicke zugeworfen hatte und die er nun innig ans Herz preßte. Nachdem ich den Koffer und Sattel von seinem Rücken losgeschnallt hatte, trabte er an der Seite seiner Cousine, mir noch einigemal aus der Ferne freundlich zunickend, einem Palmenwalde zu. Ich zweifle nicht, daß Beide ein glückliches Paar geworden sind. Wie ich nun so bei meinem Koffer stand und nicht wußte, was ich thun sollte, stürzte plötzlich ein Gewimmel schwarzer Gestalten aus dem Thore auf mich zu, in denen ich bald theils Lohnbediente, theils Packträger erkannte. Es war ein fürchterliches Geschnatter von Stimmen. Der Eine schlug mir dieses, der Andere jenes Hôtel vor; endlich wählte ich den Gasthof: »Zum bayerischen Schöppchen«, weil ich da doch auf einen guten Trank rechnen durfte. Wir zogen mit dem Gepäck in die Stadt. Unterwegs erzählte mir der Lohnbediente auf mein Befragen, daß vor zehn Jahren ein bayerischer Bierbrauergesell nach Tombuktu gekommen sei und angefangen habe, das beliebte Palmbier auf bayerische Art zu brauen, was großen Beifall gefunden habe. Er hätte sich mit einer Bürgerstochter, natürlich einer Schwarzen, verheirathet, sei aber vor einem Jahre gestorben und seine Wittwe führe nun das Geschäft fort. Ich kehrte also im Hôtel »zum bayerischen Schöppchen« ein, wobei ich jedoch bemerke, daß man sich unter einem Tombuktuer Hôtel kein rheinisches zu denken hat. Es war blos aus Lehm aufgeführt und enthielt in seinem Innern nur einen einzigen Raum, der als Wohn-, Speise- und Schlafzimmer für alle Gäste dienen mußte. Aber der Empfang Seitens der Wirthin, die erfreut war, nach langer Zeit wieder einmal einen Deutschen bei sich zu beherbergen, war herzlich und der Trank ein guter. Man kann sich denken, wie viel ich davon hineinschütten mußte, um meine in Folge des langen Wüstenritts ganz zusammengetrocknete Zunge wieder aufzuweichen. Andern Tages meldete ich mich beim Rector Magnificus, um mich inscribiren zu lassen. Obschon er nichts weiter am Körper trug, als einen rothen englischen Militärfrack und um den Hals ein paar mächtige Vatermörder, trat er mir doch mit all der Grandezza entgegen, wie sie jedem Rector Magnificus eigen ist, fragte, ob ich mich schon bei der Polizei gemeldet habe, und zuckte, als ich dies verneinte, mit den Achseln, indem er bemerkte, daß dem Acte der Inscription die polizeiliche Meldung vorangehen müsse. Ich erkannte hierin, daß ich mich in einem civilisirten Staate befand. Ich begab mich also auf das Polizei-Bureau; als ich jedoch den Paß meines Bruders hervorlangen wollte, fand ich, daß er mir fehlte, und mußte annehmen, daß ich ihn während des Ritts leider verloren haben müsse. Auf mein gutes Glück vertrauend, reichte ich also dem Polizei-Officianten meinen Steckbrief hin, und ich bemerkte bald, daß man von einem Steckbriefe in Tombuktu keine Vorstellung habe und daß der Polizei-Officiant nur so viel Französisch wisse, um nothdürftig das Signalement entziffern zu können. Er verglich dieses mit meiner Person. Also: Haare:   löwenmähnig, ächtes Goldgelb. Stirn:   majestätisch gewölbt. Nase:   keck in die Welt hervorspringender Erkerbau auf breitester Grundlage. Mund:   dictatorisch, imperatorisch, cäsarisch. Augen:   reinstes Himmelblau, für gewöhnlich sanft, in Augenblicken des Zornes durchbohrend, niederblitzend, gewitterhaft. Schnurrbart:   dunkelblond, von einer Spitze zur andern 2 Fuß messend. Das Signalement traf richtig zu. Der Polizei-Officiant heftete den Steckbrief in ein Volumen von Pässen und stellte mir eine Aufenthaltskarte für ein ganzes Jahr aus, worauf ich mich wieder zum Rector Magnificus begab, der mir nun meine Matrikel ohne weitere Bedenklichkeiten ausfertigte. Ich ward somit akademischer Bürger der Alma mater von Tombuktu und hörte Collegien bei dem großen Rechtsgelehrten Ziburri. Hier seine Hauptgrundsätze: §. 1. Jedes Recht besteht in demjenigen Unrecht, welches ich habe, jedes Unrecht in demjenigen Recht, welches Andere haben. §. 2. Wir Afrikaner theilen das Recht in ein wirkliches und in ein problematisches Recht. §. 3. Das wirkliche Recht ist dasjenige, welches ich habe, das problematische dasjenige, welches alle Uebrigen außer mir haben oder zu haben glauben. §. 4. Da mithin jedes Recht eines Andern von meinem Standpunkt nur ein problematisches ist, so muß ich soviel zu kriegen suchen, als möglich ist, mich aber selbst nicht kriegen lassen. §. 5. Von dem Augenblick an, wo ich etwas kriege, habe ich auch ein Recht daran; wenn ich mich selbst aber kriegen lasse, so habe ich auch jenes Recht verloren und man verfährt mit mir, wie Rechtens. §. 6. Wer sich nicht kriegen läßt, ist auch kein Verbrecher, Verbrecher ist nur, wer sich kriegen läßt. §. 7. Das Verbrechen des Sichkriegenlassens zieht folgerecht auch die Strafe nach sich. §. 8. Der Grad der Strafe für denjenigen, welcher gekriegt wird, richtet sich nach dem Grade des Schadens, den er dadurch erlitten hat, daß er sich kriegen ließ. Wer z. B. 10 Ducaten gestohlen hat und sein Recht daran dadurch verliert, daß er sich ertappen und kriegen läßt, wird nicht so hart bestraft, als der Entwender von 100 Ducaten, der sich ertappen und kriegen läßt und dadurch einen Schaden von 100 Ducaten erleidet. Zu unserm Trost fügte Professor Ziburri hinzu: Es lassen sich freilich gegen diese Bestrafung auch mancherlei Rechtseinwände erheben, wenn man nur einen geschickten Advocaten findet, weshalb ich mich Ihnen, meine Herren! für solche Fälle bestens empfehle. Mir gefiel dieser Mann außerordentlich, und als ich einmal in einen solchen Fall kam, hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als die Rechtshilfe des Herrn Professors Ziburri in Anspruch zu nehmen. Ich hatte nämlich eines Tages, nach Ziburri's Grundsätzen, das Recht eines Andern an sein Pferd in mein Recht an dasselbe Pferd verwandelt, war aber bedroht, wieder mein Recht daran zu verlieren und für diese Einbuße bestraft zu werden, weil ich mich hatte ertappen lassen. Ziburri bewies nun aber vor Gericht durch allerlei Rechtskniffe, die ich nicht weiter anführen will, daß nicht nur dieses Pferd mein Eigenthum sei und es bleiben müsse, sondern daß der frühere Besitzer mir auch widerrechtlich ein Füllen vorenthalte, welches dem Naturrecht gemäß zu diesem Pferde gehöre. Der Ausgang des Prozesses war der, daß mir das Gericht zuletzt wirklich auch das Füllen zuerkannte. Man kann sich denken, welche Verehrung ich fortan für diesen seltenen Mann hegte! Auch hörte ich bei Ziburri Collegien über das afrikanische Staatsrecht, welches wenigstens den Vorzug hat, ganz national und dabei sehr einfach und gemeinverständlich zu sein. Der oberste Rechtsgrundsatz lautet: »Der Herrscher von Tombuktu kann in seinem Lande und mit seinen Unterthanen anfangen, was er will; alle Einwohner sind werth, geköpft, gespießt oder gehangen zu werden; wer daher in Tombuktu am Leben bleibt, hat dies, außer seiner gesunden Constitution, der Gnade des Herrschers zu verdanken, und wer Morgens aufsteht, ohne während der Nacht geköpft, gespießt oder gehangen zu sein, empfängt täglich sein Leben gewissermaßen von Neuem aus des Herrschers Hand als ein Gnadengeschenk.« Schon damals dachte ich: wenn du doch Herrscher von Tombuktu sein könntest! wie gut muß es sich hier regieren lassen! welches patriarchalische Verhältniß muß bei solchen Grundsätzen zwischen dem Fürsten und seinen Unterthanen obwalten! Ich bemerke übrigens, daß zu der Zeit über Tombuktu die Königin Krikikara regierte, und zwar nach den oben angeführten Grundsätzen, die sie in einer Weise in Anwendung brachte, welche mein ganzes Interesse für diese erhabene Person erregte. Bald da, bald dort in meiner Nachbarschaft hatte Einer Grund sich zu wundern, wenn er Morgens nicht wieder aufstehen konnte, weil ihm in der Nacht im Bette der Kopf abgeschnitten worden war. Ich sehnte mich sehr, sie von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, und eher, als ich glaubte, sollte mein Wunsch erfüllt werden. Ich kam eben von einem Commersch meiner Landsmannschaft, die »Senegambier« genannt. Ich muß nämlich bemerken, daß es auf der Universität von Tombuktu ganz wie in Deutschland Studentenverbindungen gibt, die sich durch Abzeichen von einander unterscheiden, bei ihren geselligen Vereinen unendlich viel Palmbier trinken, und zwar aus großen Wassereimern, mit denen man möglichst lärmhaft zusammenklappert, und dabei Rundgesänge anstimmen, in denen man sein Liebchen leben laßt, auch wenn sie nicht leben will. Außerdem raucht man bei diesen Commerschen ein betäubendes Kraut, welches soviel Dampf entwickelt, daß Erstickungsfälle gar nicht selten waren. Die Mitglieder dieser landsmannschaftlichen Verbindungen werden von der Regierung von Tombuktu sehr bevorzugt, weil sie meist nicht viel lernen, Körper und Geist bald abnutzen und daher im Staatsdienst am besten zu verwenden sind. Eine andere Verbindung dagegen – mit der wir Landsmannschafter in stätem Hader lagen und täglich Paukereien hatten – zählte meist sehr fleißige und sittliche junge Männer zu ihren Mitgliedern; da sie aber statt des Liebchens das Vaterland hoch leben ließen und im Geheimen den Plan verfolgten, die sich immerdar bekämpfenden Stämme Inner-Afrika's zu Einem Volke zu verschmelzen und ihnen eine liberale Verfassung zu Theil werden zu lassen, so wurden sie in aller Weise zurückgesetzt, relegirt, verfolgt, zuweilen auch ins Gefängniß und von da nach löblichem tombuktuschen Landesbrauch an den Spieß gesteckt. Was kümmerte mich aber die mittelafrikanische Einheit? Ich blieb bei meinen Landsmannschaftern, mit denen es sich äußerst fidel leben ließ. Also ich komme von unserm Commersch und mache einen Spaziergang in den Promenaden, die sich um die innere Stadt herziehen und denen eine Schattenseite nicht zum Vorwurf zu machen ist, da man sich auf ihnen vergebens nach Bäumen umsieht, obschon es an Platz dazu nicht fehlt. Ich trug die landsmannschaftliche Tracht der»Senegambier«, einen leichten Hut aus Reisstroh mit grünem Bande, eine mächtige Halsbinde, einen bunten Schurz aus Straußenfedern um die Hüften und gewaltige Stulpenstiefeln mit Sporen an den sonst gänzlich nackten Beinen. Wie ich so gehe und eigentlich an nichts denke, sehe ich einen Zug von Hofequipagen auf mich zukommen, die, wie dies hier gewöhnlich der Fall ist, mit sehr fettbäuchigen Schweinen bespannt waren, aber freilich mit Hofschweinen aus den Marställen Ihrer Majestät der Königin. Voraus eilte, ebenfalls auf einem Hofschweine, ein Hofcavalier mit einem langen Schwerte, womit er Allen, welche dem Zuge unversehens in den Weg kamen, ohne Weiteres die Köpfe abhieb. Trotzdem ging ich dem Zuge nicht aus dem Wege, sondern warf dem kopfabschneiderischen Cavalier einen so niederschmetternden Blick zu, daß er das Schwert nicht gegen mich zu erheben wagte. Ich hatte einige Eimer Palmbier zu mir genommen, und so fehlte es mir an Muth und Entschlossenheit nicht. Der Zug stockte. Die Königin, welche im dritten, mit acht Hofschweinen bespannten Wagen fuhr, den sie wegen ihrer ansehnlichen Leibesstärke ganz ausfüllte, blickte verwundert aus dem Wagenfenster und fragte in ärgerlichem Tone, was es gebe? Sofort nähere ich mich ihr in der nur mir eigenen ritterlichen Weise, verbeuge mich, ziehe meinen Strohhut, selbst auf die Gefahr, den Sonnenstich zu bekommen, und sage in herzgewinnendem Tone: Madame, wer Sie sind, weiß ich nicht; denn ich bin Fremdling hier am Orte und ein ehrlicher Deutscher; aber Madame haben ein königliches Ansehen, und so wie Sie, denke ich mir, muß Ihre Majestät die Königin Krikikara aussehen; denn ein solches Aussehen hat kein gewöhnliches Menschenkind – jeder Zoll eine Königin! Jeder Zoll eine Königin! sagte sie, gut gesagt, wenn es nur nicht aus dem Shakespeare gestohlen wäre. Oh, auch Wir haben den Lear in tombuktu'scher Uebersetzung gelesen! Aber die Anwendung der Stelle ist gut – jeder Zoll eine Königin, ist gut. Man könnte auch sagen, erwiederte ich, jeder Zoll ist königlich, denn jeder Zoll fließt in die königliche Kasse. Oh, Sie Schalk, sagte sie, und versetzte mir einen Schlag mit ihrem Palmenfächer. Besuchen Sie mich doch, liebes Herz! Damit überreichte sie mir eine lithographirte Karte, worauf zu lesen war: »Krikikara, Königin von Tombuktu. Zu sprechen Mitternachts von 12 Uhr an.« Sie nickte mir noch einmal huldvoll zu, dann trollte der ganze Zug ab. Ich drehte mehrmals die Karte zwischen meinen Fingern hin und her und wußte nicht, ob ich das Ganze für einen Traum halten sollte. Denn in der That, so etwas, wie diese Schweine und diese Königin, erlebt man nicht, sondern träumt sie nur. Indem ich so nachdenklich dastehe, kommt einer meiner Commilitonen, ebenfalls ein »Senegambier«, daher, dem ich mein Abenteuer mittheile. Um Himmelswillen! ruft er, Bruder, laß dich darauf nicht ein. Renne nicht ins Verderben! Eine Einladung zur Königin Krikikara zur Mitternachtzeit ist dein Tod! Schon Hunderte von jungen Leuten haben sich in ihren Armen den Tod geholt. Die Gerippe und Schädel dieser unglücklichen Opfer bilden die Wände und das Pflaster ihres Palastes. Nachdem er mich noch, wie sich dies von selbst versteht, für seinen guten Rath angepumpt, ergriff er mich beim Arme und zog mich mit sich wieder in das Hôtel »zum bayerischen Schöppchen«, wo unsere Freunde noch versammelt waren. Es wurde wieder gesungen, gelärmt und gezecht, aber ich »bemoostes Haupt« war sehr träumerisch. Verführerische Bilder künftiger Größe umgaukelten mich. Nicht die dicke Königin bezauberte mich – denn so corpulent wie sie war Beate etwa auch, als ich sie zum letzten Male sah – sondern die Aussicht, Landesvater einer solchen Nation zu werden – einer Nation, die sich beglückt fühlte, geköpft, gespießt und gehangen zu werden, wenn dies der Landesmutter gerade Spaß machte. An Witzen und derben Späßen über meine träumerische Stimmung fehlte es nicht, und mehr als einmal ließ man meine dicke Schöne, die Königin Krikikara, hoch leben. Wir trennten uns etwa gegen Mitternacht. Gerade der Umstand, daß der Königin Palast zum Theil aus den Schädeln ihrer Liebhaber gebaut sein sollte, steigerte mein Interesse an ihr. Ein ungewöhnliches Weib mußte sie jedenfalls sein, und auch ich war ungewöhnlich! Wie sehr paßten wir zu einander! Ich war – ich muß es zugeben – sehr träumerisch, so träumerisch, daß ich an der nächsten Straßenecke zu Boden sank und plötzlich einschlief. Ich hatte noch niemals so viel Palmbier zu mir genommen. Vergebens rüttelte mich der Nachtwächter – ich schlief. Der Nachtwächter ging von dannen und brummte, und ich brummte auch. Die ganze Welt, glaube ich, brummte; mir wenigstens brummte sie. Etwa eine Stunde mochte ich geschlafen haben, als ich mich von einem Dutzend roher schwarzer Fäuste ergriffen und trotz meiner Protestationen in einen Wagen oder Karren gehoben fühlte. Zur Königin Krikikara! befahl der Kutscher. In diesem Zustande? rief ich, ohne Toilette gemacht zu haben? Ich erhob mich im Wagen, um durch die Thür hinauszuspringen, fühlte mich aber von demselben Dutzend roher schwarzer Fäuste auf meinen Sitz niedergedrückt. Die Fahrt nahm ihren langsamen Verlauf, denn es waren Hofschweine, welche den Wagen zogen. Wir näherten uns der königlichen Hofburg. Der Mond schien sehr schön, und die Fahrt ging, da die Schweine ungemein fettbäuchig waren, sehr langsam, so daß ich Muße hatte, Alles genau zu unterscheiden und zu beobachten. Wäre ich ein romantischer Aufschneider, so könnte ich von goldenen mit reichen Teppichen geschmückten Gemächern, von kühlen Marmorhöfen, von plätschernden Springbrunnen, von duftigen Rosen und schattigen Palmengärten, von reizenden Odalisken und anderen prächtigen Ausgeburten der europäischen Phantasie erzählen. Ich berichte jedoch nur die nackte Wahrheit, und in Afrika ist bekanntlich Alles nackt. Wir geriethen plötzlich auf ein ganz eigenthümlich holperiges Pflaster, und als ich zum Wagenfenster hinausblickte, bemerkte ich, daß der Boden mit lauter Todtenköpfen gepflastert war, die traurig und bemitleidend zu mir hinaufblickten. Es war der Weg, der zur königlichen Hofburg hinaufführte. Ich kann nicht leugnen, daß mich zu schaudern und zu frieren begann, wie bei einem Fieberanfall. Die Gebeine klapperten mir wie die Todtenbeine unter den Rädern der Hofkutsche. Der Wagen fuhr nun zwischen zwei langen Mauern hin, die ebenfalls aus Todtengebeinen und Todtenschädeln errichtet waren, endlich durch ein Thor, welches aus dem gleichen schauerlichen Material bestand, in den Schloßhof, an dessen gegenüberstehender Seite sich der königliche Palast hinzog, der, wie alle Gebäude in Tombuktu, aus Lehm, nur aus einer feinern und kostbarern Sorte erbaut war. Gedeckt war aber der Palast mit Todtenschädeln, die Säulen des Porticus bestanden aus übereinander geschichteten Todtenschädeln, und alle architektonischen Zierrathen, die Krag- und Schlußsteine an den Thüren und Fenstern waren aus Todtengebeinen höchst künstlich gebildet. Aus ihren Augenhöhlen starrten mich die Schädel von allen Seiten her, ich weiß nicht, mit welchen gedankenvollen Blicken an, und der milchweiße Schimmer des Mondes steigerte den unheimlichen Eindruck zum Entsetzlichen. Vor den Seitenflügeln des Schlosses zog sich eine eigenthümlich schauerliche Allee hin; denn hier hingen an Spießen noch die vollständigen ziemlich frischen Gerippe derjenigen, welche hier vor Kurzem aus irgend einer oder der andern Ursache, vielleicht auch aus gar keiner aufgespießt worden waren. Dieser Anblick war mir besonders unangenehm und erregte in mir den Eindruck, als ob durch meinen Körper bereits ein Spieß hindurchgetrieben würde. Unmöglich, sagte ich mir jedoch im Stillen, können diese unzähligen Todtenschädel und Gerippe bloß von denjenigen herrühren, welche die Dame zur Mitternachtzeit zu sich geladen hat. Dieses Material konnte nur im Laufe von Jahrhunderten angehäuft worden sein. Auch gab es unter den Todtenschädeln und Todtengebeinen sehr viele, die stark verwittert waren. Diesen Gedanken nachhängend ermannte ich mich allmälig, und mit ziemlicher Fassung folgte ich meinen bewaffneten Führern durch mehrere lange Gänge in das Staatszimmer der Königin, das durch eine an der Decke hängende Ampel matt erleuchtet war. Einen ganz besondern Geschmack hatte diese würdige Dame freilich. Der Boden war mit langen Reihen von Todtenschädeln gedielt, und die Wände waren ebenfalls mit demselben unheimlichen Material getäfelt. Sie selbst aber empfing mich sitzend auf einem Thron, dessen Hauptmaterial ebenfalls aus solchen Resten unglücklicher Menschen bestand, und um den Hals trug sie eine Kette, deren Glieder höchst fein und zierlich aus Menschenknochen gedrechselt waren. Daß ihr Diadem, gegen dessen blendende Weiße ihr schwarzes Antlitz höchst schauerlich abstach, aus demselben Stoffe verfertigt war, brauche ich nach allem Diesen wohl nicht erst zu sagen. Sie empfing mich jedoch sehr liebreich, winkte mir, näher zu treten, und lud mich ein, auf dem Rücken einer auf ihren Befehl niederknieenden Sclavin Platz zu nehmen, während eine zweite Sclavin mir in einer aus Todtengebein gearbeiteten Schale ein Getränk reichte, das aus einem heißen Gemisch von berauschendem Palmsaft und Blut – ich sage es mit Schaudern: Menschenblut! – bestand. Indeß überwand ich meinen Widerwillen, leerte die Schaale mit einem einzigen kräftigen Zuge, und ich muß sagen, daß sich hierauf ein ganz eigenes wildes Feuer durch meine Adern ergoß und daß die Todtenschädel umher plötzlich den frühern unheimlichen Eindruck für mich verloren hatten, mir vielmehr für die Stimmung, in welche mich der Trank versetzt hatte, die entsprechendste Umgebung zu sein schienen. Auch die Herrscherin ließ sich eine Schaale reichen; aber die Sclavin, welche diesen Dienst verrichtete, hatte das Unglück, einige Tropfen auf den Shawl, in welchen Ihre Majestät eingewickelt war, zu vergießen. Sofort winkte die Königin, der Scharfrichter, den Ihre Majestät ihren »lieben Freund« nannte, trat vor und der Kopf der Unglücklichen rollte zu den Füßen der Königin. Einer zweiten und dritten Sclavin fiel das nämliche Loos; denn die armen Geschöpfe zitterten vor Angst wie Espenlaub. In meiner jetzigen Stimmung erschien mir das Verfahren der Königin ganz natürlich und der Situation entsprechend, und ich würde damals, glaube ich, in gleichem Falle nicht anders gehandelt haben. Mit süßer wohlwollender Miene begann nun die Königin Krikikara: Schöner Fremdling! Zittre nicht! Diese Umgebungen werden deinem feinen europäischen Geschmack freilich nicht ganz zusagen, aber du wirst dich daran gewöhnen, und, wenn du dich erst acclimatisirt hast, finden, sowohl wie geschmackvoll, wie künstlerisch vollendet diese Todtenbeine arrangirt sind, als welche Kühlung sich von dieser Wand- und Fußbodenbekleidung über die Gemächer verbreitet. Auch kann ich dich versichern, daß es bei uns kein wohlfeileres Material gibt als dieses, was vom nationalöconomischen Standpunkte ja auch nicht zu verachten ist. Man hat mir übrigens gesagt, daß mehrere deutsche Nationalöconomen bereits einen Standpunkt erreicht haben, der ihnen erlaubt, diese Wahrheit einzusehen, zu begreifen, daß dieses Material wegen seiner Wohlfeilheit sich für den Chausseebau und die Straßenpflasterung ganz vorzüglich eignet. Majestät! sagte ich, so weit ich unsere Nationalöconomen kenne, werden sie mit größtem Vergnügen ihre Knochen im Interesse des Chausseebaus und der Straßenpflasterung herleihen. Sie sind gewohnt, den Werth des Menschen nur nach dem Quantum Kalk und Mörtel abzuschätzen, das in seinen Gebeinen enthalten ist, und wenn irgend ein Umstand sie bewegen kann, die Kriege trotz ihrer Kostspieligkeit nicht ganz verwerflich zu finden, so ist es der, daß durch sie die Felder gedüngt werden. Da sind diese trefflichen Nationalöconomen ganz meiner Ansicht, erwiederte die Königin, eine bessere und wohlfeilere Felderdüngung als die mit Blut und Knochen gibt es nicht. Indeß, mein theurer Freund, brechen wir von diesen sehr langweiligen nationalöconomischen Erörterungen ab und kommen wir zur Sache. Ich war so gespannt, daß man mich als Darmsaite auf eine Violine hätte aufziehen können. Die Königin Krikikara, die während der ganzen Unterhaltung mit den herabhängenden Ohren ihres Favoritschweines anmuthig spielte, fuhr nun fort: Ich habe dich rufen lassen, Fremdling, weil ich in dir einen Repräsentanten der europäischen Civilisation erblicke, für die ich, wie du auch aus allen meinen Maßregeln erkennen magst, stets ein großes Interesse gefühlt habe. In frühern Jahren, als ich noch Prinzessin war, befand sich in Tombuktu ein würdiger Repräsentant eurer Civilisation, der bayerische Bierbrauer Franz Xaver Schindelmaier. Dieser besaß ein Exemplar eines Trauerspiels, welches ein Landsmann von dir, ein gewisser Schiller, geschrieben hat. Dieses Trauerspiel hieß »Die Räuber« und hat mir einen großen Respect vor eurer Civilisation eingeflößt, so daß ich die Zeit nicht mehr fern glaube, wo diese westliche Civilisation geharnischt und mit eingelegter Lanze gegen die Barbarei des Ostens in die Schranken reiten wird. Sie ist es werth, daß Ströme Blutes um sie vergossen werden und Mord und Zerstörung ihren Weg bezeichnen. Ein blutdürstiger Bandit, der eine große Stadt einäschert, der nach Herzenlust sengt und brennt, mordet und würgt, plündert und stiehlt, und dabei so zarten Gefühls ist, daß er die Sonne nicht untergehen sehen kann, ohne in Thränen hinzuschmelzen – oh es ist ein rührendes, herz- und nierenergreifendes Bild eurer Civilisation! Ich habe mir diesen Karl Moor zum Vorbild genommen und handle ganz nach seinen Grundsätzen. Wenn Jemand z. B. in einer Stadt meines Reiches eine königliche Kasse bestiehlt, so lasse ich sofort allen Einwohnern die Köpfe abschlagen, weil ich doch dann sicher weiß, daß der Dieb von der Strafe mitgetroffen wurde. Mein sehnlichster Wunsch ist erfüllt; ich sehe den würdigsten Repräsentanten der wackern gemüthvollen deutschen Nation vor mir und werde ihm zu Ehren sofort decretiren: Erster und einziger Artikel: Die weltberühmte deutsche Gemüthlichkeit ist fortan in meinen Reichen eingeführt; wer nicht gemüthlich sein will, wird geköpft! – Lebt euer wackerer Karl Moor noch? Nein, erhabene Königin! erwiederte ich; Karl Moor, der Edle, hat, so viel ich weiß, auf dem Rade seine gemüthliche Seele ausgehaucht. Schade um ihn! Er war eines bessern Looses würdig! klagte die Königin. Lebte er noch, so würde ich ihm die Hand reichen. In Ermangelung eines Karl Moor kann ich nichts Anderes thun, als dich, schöner Fremdling, zu meinem Gemahl zu erheben. Dieser Antrag machte mich ein wenig bestürzt; ich wußte nicht, ob ich nein oder ja sagen sollte, zumal ein etwas penetranter Blutgeruch aus den Nebenzimmern drang und meine Geruchsnerven afficirte. Ich stammelte einige Entschuldigungen von »zu großer Ehre«, »daß ich armer Wurm nicht würdig sei, ein so hohes Glück aus der Königin Hand in Empfang zu nehmen«, »daß ein gewisser Duft aus den Nebenzimmern meinen Sinn betäube« u. s. w. Kinderei! fiel sie gereizt ein; es werden eben nur einige Dutzend Sclaven und Sclavinnen geschlachtet, um aus ihrem Blut das nöthige Hochzeitsgetränk zu bereiten. Fremdling! Geliebter Fritz! du hast den Bluttrank mit mir getrunken; du bist mein! Im Uebrigen – und ihre Stimme nahm ihren schmelzendsten Ton an – hier steht der Ober-Hofconsistorialrath, und dort der Hofscharfrichter. Wähle! Doch zuvor noch einen Trunk! Es wurde mir nun abermals eine Schaale heißen Getränks gereicht, die ich hastig leerte. Ein unheimliches Feuer begann sofort in meinem Innern aufzulodern. Ich erhob mich von meinem lebenden Sitz, näherte mich der Königin, ließ mich vor ihr auf meine Kniee nieder und rief: Blutmensch! Ich bin dein! Laß uns zusammen in Blut durch's Leben waten! Sofort wickelte sie mich in ihren Shawl mit ein, die Trompeter bliesen auf ihren Wink einen lustigen Tusch, und der Ober-Hofconsistorialrath segnete unsere Ehe, indem er einen Eimer Menschenbluts über unsern beiderseitigen Häuptern entleerte. Ueberhaupt floß bei unserer Hochzeit zwar nicht Wein, aber Blut in Strömen, und ich befand mich acht Tage lang darauf in einer so blutdürstigen Stimmung, daß ich, um meinen Blutdurst einigermaßen zu stillen, während dieser acht Tage Tausende von Fliegen und Mosquitos mit meinem Pantoffel massacirt habe. Die Mosquitos fielen wie Helden, die Fliegen wie Fliegen – die Elenden! Acht weitere Tage bedurfte es, um die Leichen der Gefallenen auf Karren aus den königlichen Gemächern fortzuschaffen. Einundzwanzigstes Kapitel. Bei der Gründung eines neuen Staats ist immer von dem Grundsatz auszugehen, daß jeder Unterthan entweder von Geburt oder Erziehung ein Bösewicht ist und, wenn er heute kein Verbrechen begeht, doch morgen eines begehen könnte. Die prophylaktische Methode muß daher allen Staatseinrichtungen zum Grunde liegen, doch mit möglichster Gemüthlichkeit gepaart, damit sie nicht allzulästig werde. Macaulay. Centralafrika ist jenes weite Gebiet im Innern von Afrika, über welches der Aequator wie ein Bügel hinweggeht. Daß bei dieser geographischen Lage die Leidenschaften der Bewohner oft eine kolossale Form annehmen, braucht man einem vernünftigen Leser nicht erst zu sagen. Carl Ritter. Ich war nun »Königin-Gemahl« und befand mich somit in einer Stellung, in welcher der Mensch bei Lichte besehen weder Fisch noch Fleisch, weder Etwas noch Nichts, weder Unterthan noch Regent ist. Um doch Etwas zu sein, ließ ich den Rector Magnificus wissen, daß ich wünsche, zum Doctor der Rechte creirt zu werden, und daß er gut thun würde, diesen Wunsch als Befehl zu nehmen. Gleich am folgenden Tage wurde mir das Diplom überbracht – ein Pergament von 12 Ellen Länge, welches von acht Universitätsdienern getragen wurde, zugleich in Begleitung einer kleinen Copie für den Hausgebrauch, welche in einer goldenen, höchst kleinen aber zierlichen Kapsel eingeschlossen war. Dieses Miniaturdiplom verwahre ich noch, und wer daran zweifeln sollte, kann es bei mir in Augenschein nehmen. Ich habe dasselbe unter Glas und Rahmen gebracht, und zwar unter ein Vergrößerungsglas, weil es seiner Diminutivform und Diminutivschrift wegen sonst nicht gesehen und gelesen werden könnte. Glücklicherweise war meine Gemahlin, wie gesagt, sehr corpulent und nahm täglich an Masse zu. Mit jedem Zoll, den sie zunahm, legte sie auch irgend eins der Regierungsgeschäfte nieder und in meine Hände, so daß ich mehr und mehr an politischem Einfluß gewann und, da ich nicht Lust hatte, mich zu afrikanisiren, daran denken durfte, Land und Hof zu europäisiren. In dem Todtenbeinhaus, welches man hier den königlichen Palast nannte, befand ich mich gar nicht wohl, und ich suchte die Königin zu überreden, das Schloß ihrer Väter zu verlassen und einen neuen freundlicheren Palast zu beziehen, den ich unter der Hand auf einer die Stadt überragenden mit Palmen bewachsenen Anhöhe hatte aufführen lassen. Sie dazu zu überreden, war nicht leicht; als ich ihr jedoch vorstellte, wie bei ihrer zunehmenden Leibescorpulenz die kleinen Zimmer im alten Palast bald nicht mehr zureichen würden, ihre Gestalt zu fassen, willigte sie endlich ein, in den neuen Palast zu ziehen oder sich vielmehr ziehen zu lassen; denn gehen konnte sie wegen ihrer Corpulenz schon lange nicht mehr. Als sie jedoch bemerkte, daß sie sich in den geräumigen Zimmern des neuen Palastes viel besser als früher nach allen Richtungen strecken konnte, daß die marmornen Wände und Fußböden mehr Kühlung als die Todtenbeinfournirungen in der alten Königsburg verbreiteten, und daß die Rosen und Oleanderbüsche süßern Duft aushauchten als die Lachen menschlichen Blutes, da sprach sie ihre volle Zufriedenheit aus und sagte zu mir: Liebes Doctorchen! (so nannte sie mich stets, wenn sie bei guter Laune war) Du hast mir eine rechte Freude bereitet. Ich fühle erst jetzt, was Civilisation heißt. In unsern Naturstaaten lebt man doch gar zu natürlich, wenn auch wohlfeil. Als ich aber nach einiger Zeit mit den Baurechnungen vor sie trat, machte sie ein eben so verwundertes als verdrießliches Gesicht und kam auf ihren alten Satz zurück, daß Menschenknochen doch immer das vorzüglichste und wohlfeilste Baumaterial blieben. Solche Rückfälle in die alte Barbarei waren bei ihr überhaupt sehr häufig und machten mich um die Zukunft nicht wenig besorgt. Freilich kann ich nicht leugnen, daß die Rechnungen etwas hoch aufgelaufen waren, weil ich einige tausend Marmorplatten mehr, als wirklich gebraucht worden, auf Rechnung gesetzt hatte. In der Stellung eines Königin-Gemahls gelten alle Vortheile. Im Uebrigen gehören meine Erinnerungen aus jener Zeit zu den schwärzesten meines Lebens. Ich kann sie wohl schwarz nennen. Gleich früh Morgens beim ersten Erwachen fiel mein Blick auf einen schwarzen Gegenstand, der, wie ich schon mittheilte, ausnehmend corpulent war und den ich mich oft versucht fühlte, für einen Sack voll Steinkohlen zu halten – auf meine Gemahlin, Ihre Majestät die Königin Krikikara von Tombuktu. Kaum, nachdem ich mich von meinem Lager erhoben, erschien die schwarze Geheime-Ober-Hof-Waschwasser-Verwalterin mit einem Kruge etwas schwärzlichen Cisternenwassers und schwarzer Seife; alsdann die schwarze Geheime-Ober-Hof-Kaffeebereiterin mit einigen Schaalen schwarzen Kaffee's; sodann der schwarze Ober-Geheime-Hof-Kleiderreiniger und Ober-Geheime-Hof-Stiefelputzer mit seiner schwarzen Glanzwichse; hierauf der schwarze Geheime-Ober-Hof-Schweinejunge mit schwarzer Farbe, um den Favoritschweinen der Königin die unerläßlich schwarze Glanzfarbe zu ertheilen; hierauf der schwarze Geheime-Ober-Hof-Bartkräusler, um meinem Schnauzbart mit schwarzer Bartwichse nachzuhelfen; hierauf der schwarze Geheime-Ober-Hof-Scharfrichter in schwarzem Talar, um die Liste derjenigen Einwohner von Tombuktu zu empfangen, welche im Laufe des Tages diverser Gründe wegen um einen Kopf kürzer gemacht werden sollten; hierauf der schwarze Geheime-Ober-Hof-Staatssecretär mit schwarzer Tinte, um die Liste der Todescandidaten für den folgenden Morgen anzufertigen – und so den ganzen Tag durch. Zum Tagesschluß pflegte ich dann so viel Tombuktuer Braunbier einzunehmen, bis ich selbst ganz »schwarz« war, so schwarz, daß mir sogar meine königliche Gemahlin – Gott habe sie selig! – als ein Lichtpunkt in dieser schwarzen Welt oder Weltschwärze erschien. An civilisirten Vergnügungen und ritterlichen Uebungen fehlte es übrigens nicht. So gab es z. B. Herren-Schweinerennen, und bald hatte ich mich mit meiner gewohnten Geschicklichkeit soweit eingeritten, daß ich selbst in Person an einem solchen Theil nehmen konnte. Wir ritten, wie ich bemerken muß, der entsetzlichen Sonnenhitze wegen mit Schirmen, die wir mit der linken Hand über den Kopf hielten. Mehrere Herren wurden, da die Thiere unter possierlichen Sprüngen und sehr melodischem Grunzen mit ihnen durchgingen oder bockten, auf den Sand gesetzt, zum ungeheuren Vergnügen des zahlreich versammelten Publikums. Nur ein junger Hofcavalier und Garde-Cavallerielieutenant, der Graf von Quiquiqua, hielt mit mir aus, indem er ein sehr schönes Schulschwein, die »Emilia« (vom »Bucephalus« und der »Euryanthe«) ritt; hierauf kam ich mit der »Atalanta« (vom »Cäsar« und der »Diana«), einem hochbeinigen, schlank gebauten Thiere, alsdann der Baron Pipurra mit dem »Boreas« (von dem »Zephyr« und der »Flora«). Da aber die »Emilia« sich mit einigen auf der Bahn liegenden Kohlstrünken lebhaft zu beschäftigen anfing, so schlug meine »Atalanta« sie um eine viertel Rüssellänge und den »Boreas« um eine ganze Schweinelänge, worauf mir der Preis, eine mit verzuckertem dicken Milchreis gefüllte hölzerne Trinkschale und eine von den vornehmsten Damen Tombuktu's gestickte baumwollene Nachtmütze, zuerkannt wurde. Abends hatten wir Ballet, das, wie ich versichern kann, ganz famos war. Namentlich zeichnete sich unter den Tänzerinnen Fräulein Rosa de Tepita (übrigens ein angenommener nach dem Spanischen gebildeter Name, denn in Wirklichkeit hieß sie Matscha-Schnoka) durch ihre ganz merkwürdigen, einem gebildeten Europäer unbegreiflichen Sprünge, Stellungen und Gesticulationen aus. Sie war schwarz wie eine Gewitternacht und ihr Blick so funkelnd wie Wetterleuchten. Angebetet von den Herren, war sie ein Gegenstand des Hasses für die Frauen, denen sie die Herzen ihrer Gatten allabendlich dutzendweise abwendig machte. Man trug sie buchstäblich auf den Händen, d. h. Abends nach der Vorstellung nach Hause; der Tombuktuer Liederkranz brachte ihr Ständchen, wobei man auf den Jungfernkranz »Ueb' immer Treu und Redlichkeit« folgen ließ; und die Hof- und Staatszeitung enthielt unter ihren Inseraten die zärtlichsten Gedichte an Rosa de Tepita, an ihre Augen und ihr Wollenhaar, an ihre Fußspitzen, an ihren Shawl, an die glückliche Fliege, die sich auf ihre Nase gesetzt hatte und die man um ihren köstlichen Sitz beneidete. Auch die Leistungen der k. Hofcapelle waren einzig in ihrer Art. Man hatte sich allmälig in den Besitz einer Anzahl europäischer eiserner Töpfe, zinnerner Bierkannen, messingener Theekessel, kupferner Bratpfannen u. s. w. gesetzt, mit denen man, indem man sie mit Bratspießen tüchtig behandelte, unter Begleitung einheimischer Trommeln und Pfeifen, einen den Ohren sehr angenehmen Lärmen vollführte. Da gab es einen ersten und zweiten Bratpfannenschläger, einen Baß- und einen Diskant-Theekessel, und weil man davon gehört hatte, daß die europäischen Musikstücke aus einem Schlüssel gingen, dies aber wörtlich nahm, so wurde dazu auf einem wirklichen Schlüssel geblasen, wozu die k. Kammerherren die ihrigen herleihen mußten. Der k. Hof-Operncomponist setzte zu diesen Instrumenten die Musik, in der, wie ich versichern kann, die unaufgelösten Dissonanzen vorwalteten – Dissonanzen, aus denen die k. Hof-Aesthetiker die tiefsten philosophischen Ideen und weltgeschichtlichen Tendenzen zu abstrahiren wußten. Ich sagte mir oft: wenn irgendwo, so ist der »Kunst der Zukunft« in Tombuktu eine Stätte bereitet. Als Gemahl der regierenden Königin ließ ich es an durchgreifenden Reformen nicht fehlen. Unter andern stellte ich Tombuktu, nachdem ich es durch den unvermeidlichen provisorischen Belagerungszustand dazu genügend vorbereitet hatte, in die Reihe der constitutionellen Staaten, indem ich eine Verfassung octroyirte, wonach fortan eine königliche Hof-Ständeversammlung bei den Landesangelegenheiten zu Rathe gezogen werden solle. Diese Ständeversammlung bestand aus mir, den königlichen Prinzen (Seitenverwandten der Königin), den Ministern, dem königlichen Geheimen-Ober-Hof-Küchenmeister und dem königlichen Hof-Kellermeister. Denn die Speise- und Trankangelegenheiten des Landes und namentlich des Hofes schienen mir vor allen der durchgreifendsten Reformen benöthigt zu sein. Die Thronreden, welche die Königin bei Anfang und Schluß der Session zu halten hatte, waren kurz und bündig und lauteten etwa: »Hohe Versammlung! Es gewährt mir Genugthuung, Sie wieder um mich versammelt zu sehen und Ihnen sagen zu können, daß sich Tombuktu niemals in einem blühenderen Zustande des Wohlseins befunden hat und daß ich von den Nachbarstaaten fortdauernd die Zusicherungen aufrichtigster Freundschaft und Friedensliebe erhalte. Es befindet sich Alles im vollkommensten Zustande. Nur die Küchen- und Kellerangelegenheiten des königlichen Hauses haben sich allein noch nicht auf die Höhe europäischer Vollkommenheit erhoben und bedürfen dringender und schleuniger Reformen. Eine neue Landessteuer ist hierzu unerläßlich. Sie, als die aus einem liberalen Wahlgesetze hervorgegangenen Repräsentanten der glorreichen Nation von Tombuktu, werden das Nöthige veranlassen, und meine Nation, die ich mütterlich liebe, wird sich beeilen, zum Dank für die ihr verliehene freisinnige Verfassung Ihrem billigen Ansinnen zu entsprechen.« Es wurde nun eine »Steuer-Steuer« ausgeschrieben, d. h. alle Besteuerten wurden dafür, daß sie besteuert waren, nach einer gewissen Scala nochmals besteuert; ferner eine »Gedankensteuer«: – Es wurden nämlich alle Einwohner Tombuktu's, die auf Bildung Anspruch machten, vor die obere Steuerbehörde beschieden und hier die Frage an sie gerichtet: ob sie schon je in ihrem Leben einen klugen Gedanken gehabt hätten? Da sie sich nun schämten, diese Frage zu verneinen, so wurde dieser Gedanke mit einer Steuer belegt. Zugleich wurden sie zu Ober-Hof-Denkräthen erhoben und mußten für das Diplom, wie für die Ertheilung des damit verbundenen Ordens eine gewisse Abgabe erlegen. Sie befanden sich aber bei der Ehre, die ihnen daraus erwuchs, recht wohl und Küche und Keller des königlichen Hofes auch. Ich bildete ein neues Ministerium und wählte zum Minister der Schul- und Geistlichen Angelegenheiten einen verdorbenen Schulamtscandidaten, der sich bei unsern Commerschen durch allerlei joviale Streiche hervorgethan hatte und stets behauptete, die beste Religion sei die, keine zu haben; zum Kriegsminister einen Schuhflicker aus der Vorstadt, dessen Beine so gewachsen waren, daß sie einem vollkommenen O glichen; zum Minister der Finanzen einen Kaufmann, welcher bereits zwölfmal Bankrot gemacht hatte und von dem ich mit Recht erwarten konnte, daß unter seiner Fürsorge ein zwölfmaliger Bankrot den Staatsfinanzen recht sehr zu statten kommen würde; zum Minister der Medicinalangelegenheiten einen Bartscheerer, der schon so manchen Kranken von seinen Leiden befreit hatte, freilich auf einem der Genesung entgegengesetzten Wege, und zum Minister des Innern einen Gasthofsbesitzer, dessen schmackhafte Gazellencotteletten und Antilopenbeefsteaks mir die Ueberzeugung verschafft hatten, daß er auch für das Innere des Staats vortrefflich zu sorgen wissen werde. Zugleich erhöhte ich den Glanz des Hofes durch neue Hofchargen. Ich errichtete z. B. den Posten eines Geheimen-Ober-Hof-Pfeifenstopfers, welcher den Auftrag hatte, mir jeden Morgen die dreißig Pfeifen zu stopfen, welche ich des Tages über zu rauchen gedachte und die einen Hauptschmuck meines Staatszimmers bildeten, sowie den Posten eines Geheimen-Ober-Hof-Steckbriefverfertigers, der bald eine der wichtigsten Personen im Staate wurde. Ich nahm an, daß jeder Tombuktuer ein geborner Schuft und zu jeder Art Verbrechen fähig sei; für den Fall nun, daß er wirklich ein Verbrechen beging und flüchtig wurde, lag der auf ihn lautende Steckbrief schon fertig auf der Polizei – eine Einrichtung, deren Nutzen man in Europa nicht verkennen wird und die ich zur Nachahmung empfehlen möchte. Da mit Ausfertigung der Steckbriefe selbstverständlich auch eine Abgabe verbunden, jeder Tombuktuer aber verpflichtet war, einen solchen Steckbrief auf seine eigene Person und jedes Mitglied seiner Familie zu entnehmen, so hatten wir für Küche und Keller, für Tabak und Wein wieder eine neue hübsche Zubuße. Auch verordnete ich, daß jeder Tombuktuer vor der Brust ein messingenes Schild tragen mußte, worauf sein Name und sein Stand verzeichnet waren – so daß in Tombuktu Jedermann wußte, wer Jedermann war. Kurz einen wohlorganisirteren Staat als Tombuktu konnte es zu keiner Zeit geben; es war ein Musterstaat, wie man ihn heutzutage leider nicht mehr findet. Um die Frauen für mich zu gewinnen, errichtete ich ferner den Orden der Geheimen-Ober-Hof-Kaffeeschwestern, die als Abzeichen eine aus Kaffeebohnen zierlich zusammengesetzte Halskette erhielten und von denen täglich eine Deputation von sechs Mitgliederinnen bei Hofe zu erscheinen hatte, um ein gnädiges Kopfnicken in Empfang zu nehmen und dafür eine Münze in einen bereit stehenden Almosenkasten für die Armen fallen zu lassen. Diese Armen waren aber ich und meine Gemahlin, Königin Krikikara. Da ich nun manche stille Liebhabereien hatte, von denen ich nichts merken lassen wollte, meine etwas geizige Gemahlin mich aber sehr knapp hielt, so mußte ich noch auf andere Mittel sinnen, meine Finanzen zu verbessern. Unter andern errichtete ich eine königliche Hof-Staats-Kegelbahn und lud die Hof-Cavaliere und reichsten Männer der Stadt jeden Nachmittag zu einer Partie Kegel ein. Kam nun an mich die Reihe, so war durch eine leicht anzubringende Vorrichtung dafür gesorgt, daß stets alle Neun fielen. Der Geheime Ober-Hof-Kegeljunge war natürlich in meinem Geheimniß, und so strich ich, neben dem gewonnenen Einsatz, auch noch den Zoll der Bewunderung für meine Geschicklichkeit mit großer Gemüthsruhe ein. Außerdem veranstaltete ich Abends Kartenpartien, hatte aber durch die Ständeversammlung ein Gesetz sanctioniren lassen, wonach ich als Gemahl der Königin für Lebenszeit das Privilegium haben sollte, stets aus meiner Karte Trumpf zu machen, auch nicht Farbe bedienen zu müssen wie meine Mitspielenden. So fehlte es mir nie an Taschengeld für meine menus plaisirs . Endlich sollte ich auch Vaterfreuden genießen. Meine Gemahlin machte mir eines Tages die Freude, mich mit Zwillingsprinzen zu beschenken, von denen der eine auf der ganzen rechten Seite und der Andere auf der ganzen oberen Hälfte seines Körpers das reinste europäische Weiß zeigte. Also doch endlich, außer mir, etwas Weißes in dieser pechschwarzen Menschennatur! Und die Natur – soll ich sie Mutter nennen? – also »Mutter Natur« hatte dieses Halbirungssystem an dem ersten so consequent durchgeführt, daß selbst sein Haar davon keine Ausnahme machte, sondern auf der linken Seite das üppigste lockige Mohrenhaar, auf der rechten Seite das langgeschlichtete blonde der Nord-Europäer blicken ließ. Was mich betrifft, so bin ich in ästhetischer Beziehung für alles Blonde. Die berühmtesten Maler haben von jeher alle Teufel mit schwarzen, alle Engel mit blonden Haaren dargestellt, und eben darum verehre ich auch in mir einen Engel, weil ich von »Mutter Natur« mit blonden Haaren geschmückt worden bin, so daß mich von den Raphaelschen Engeln nichts weiter unterscheidet als – der Schnurrbart. Meine Prinzen waren ohne Zweifel eine merkwürdige Spielart und zwar in doppelter Beziehung. Die Natur hatte mit ihnen gespielt, und sie spielten mit der Natur. Ich werde ewig der schönen Stunden gedenken, wo sie um mich im milden Strahle der afrikanischen Sonne im Sande herum krabbelten, der hinlänglich warm war, um ihr Wachsthum und ihre Entwickelung zu befördern. Sie schossen beide so schnell auf, daß ich sie nicht bloß wachsen sehen, sondern sogar wachsen hören konnte und eine eigene Preßmaschine erfinden mußte, um ihrem Wachsthum wenigstens einigermaßen Einhalt zu thun. Kein idyllischeres Bild, als wenn ich, meine kurze Pfeife schmauchend, mit den königlichen Buben im Sande mich wälzte, denn ich hatte mich an die afrikanische Sonne gar bald so gewöhnt, daß mir schon der leiseste Schatten einer Dattelpalme das Gefühl empfindlicher Kühle verursachte. Wurde mir aber die Hitze zu arg, so zog ich meinen Pelz aus Fischotter an; denn theoretisch genommen, dachte ich, müsse ja ein Pelz eben so gut die Hitze abhalten, wie er die Kälte abhält, und in praktischer Anwendung bewies sich meine Theorie auch als vollkommen richtig. Die Zwillingsprinzen mochten bereits vier Jahre alt sein (und in dieser Beziehung überholte Keiner den Andern), als der der Länge nach Halbirte – Tobacco war sein Name, Pfeiffio hieß der andere – des einen Tags schreiend nach der Tabakspfeife verlangte, um selbst einige Züge gegen die Sonne zu dampfen. Da ich ihm seine etwas stürmisch vorgetragene Bitte abschlug, wurde der kleine Kerl ganz ungebärdig, stampfte mit den Füßen und warf sich zuletzt auf die Erde, mit Beinen und Händen in den Lüften arbeitend. Zu meiner Ueberraschung sah ich seine weiße rechte Seite immer gelblicher werden, und als er endlich sich beruhigt hatte und wieder vom Boden aufstand, da hatte ich die Bescheerung! Seine weiße rechte Seite, das Haar auf derselben Seite mit inbegriffen, war vor Aerger gelb geworden wie eine Citrone: er war schwarzgelb! Bis dahin hatten sich die beiden Prinzen prächtig vertragen. Damit war es nun vorbei. Sie lagen sich nicht mehr wie früher in den Armen, sondern in den Haaren. Keiner gönnte mehr dem Andern etwas. Um jede Cocosnuß, um jede Dattel, um jedes Reismüßchen gab es Keilereien im großartigsten Style. Schwarz-Weißer! rief Tobacco dem Pfeiffio, Schwarz-Gelber! Pfeiffio dem Tobacco zu. Abtrünniger! ich will dir dein Gelb schon ausklopfen! schrie Pfeiffio. Schändlicher! ich will dir dein Weiß schon vergelben! schrie Tobacco – und alsbald drosch Pfeiffio auf das Gelb des Tobacco, und Tobacco auf das Weiß des Pfeiffio los. Hatten sie so lange auf einander losgeschlagen, bis Pfeiffio an der obern weißen und Tobacco auf der rechten gelben Hälfte ganz blau waren, dann umarmten sie sich und waren für eine kurze Zeit die besten Freunde. Dies war der Stand der Angelegenheiten, als mein Stiefsohn (ich habe vergessen zu sagen, daß meine Gattin bereits in erster Ehe einem Prinzen das Leben geschenkt hatte), ein langer, ungeschlachter pechschwarzer Bursche von seiner »großen Tour« durch Central-Afrika nach der Burg seiner Väter zurückkehrte, um, da er mündig geworden, nach dortigem Landesgesetz die Zügel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen. An diese Rückkehr des Prinzen Känkrino knüpften sich, wie sich denken läßt, neue Verwickelungen und neue Intriguen. Prinz Känkrino war gar nicht sehr erbaut davon, zwei mit vieler Intelligenz begabte und schon ziemlich aufgeschossene Prinzen vorzufinden, von deren Dasein er bis dahin noch keine Ahnung gehabt. Ich unterließ begreiflicherweise nicht, meine beiden Sprößlinge gegen den Prinzen Känkrino aufzuhetzen, und sie begriffen sehr schnell, daß es ihr gemeinsamer Vortheil erheische, gegen dieses uns Allen sehr wenig angenehme pechschwarze Familienglied zusammenzuhalten und nach dem Grundsatz »viribus unitis« zu verfahren. Mit ihrer Unterstützung – indem sie die Lieblinge der Mutter waren – gelang es mir auch, den Huldigungstag von Monat zu Monat aufzuschieben, worüber Prinz Känkrino mir bitter zu schmollen begann. Bald theilte sich auch die ganze Bevölkerung des Reichs in zwei Parteien, in die Beutelisten und die Känkrinisten, d. h. in die constitutionelle und die absolutitische Partei. Inzwischen hatte ich mit der schon genannten Tänzerin Rosa de Tepita eine Art Verhältniß angeknüpft, ohne mir dabei etwas Arges zu denken. War ja doch Fritz Beutels Treue schon unter den Marketenderinnen der französischen Armee in Algier sprichwörtlich geworden! Aber ich wußte von Europa her, daß es gewissermaßen zu den nothwendigen Erfordernissen großer Herren gehört, »noblen Passionen« zu huldigen und hochgefeierten Künstlerinnen, welche der Oeffentlichkeit angehören, den Hof zu machen. Dieses unschuldige, nur als cavaliermäßige Ehrensache betriebene Verhältniß wurde mein Verderben. Der abscheuliche, Rache brütende Prinz Känkrino setzte meine königliche Gemahlin davon in Kenntniß. Er war dahinter gekommen, daß ein in der Staatszeitung anonym erschienenes Gedicht an Rosa de Tepita von mir verfaßt sei. Welcher Eifersucht ein Mohr fähig ist, weiß man aus Shakespeare's »Othello«. Aber nun gar die Eifersucht einer Mohrin, einer schwarzen Königin! Um es kurz zu machen, wie es auch Krikikara machte: ich wurde auf ihren Befehl in Ketten gelegt und, mit den beiden Prinzen in den Armen (so weit ging die Rachsucht des zornigen, seiner Sinne nicht mehr mächtigen Weibes!) auf die Zinne des großen Pulverthurms gesetzt, die Lunte angelegt und – Dreihunderttausend Centner Pulver nebst diversen Shrapnells, Kartätschen, Raketen, Granaten, Kanonenkugeln und Bomben zischten, prasselten, donnerten, blitzten, flammten wie ein höllisches Feuer um mich her, so, daß ich nur noch so viel Zeit und Besinnung hatte, auf die Menschenmenge, die Königin, die Stadt zu meinen Füßen einen Blick der Verachtung zu werfen und schaudernd zu erkennen, wie die Stadt über einander stürzte und Tausende von Menschen, die Königin sammt ihrem ränkevollen Sohne voran, mit zerrissenen Gliedern gegen den Himmel flogen – weit über meinen Kopf hinweg, den ich auch unter solchen Umständen nicht verlor! Man hatte nicht daran gedacht, daß der Thurm mit einer Platte gedeckt war aus einem Metall, welches von keiner elementarischen Macht zu zerstören ist. Dieses Metall wird nur dort zu Lande gefunden, wie so manches Andere auch. Diese umfangreiche Metallplatte wurde zwar einige Meilen hoch in die Luft geschleudert, widerstand aber der Gewalt des Pulvers, und trug mich wie ein Luftballon nach dem etwa hundert Stunden entfernten Königreiche Macomaco. Dort ließ sich die Platte nieder. Meine unverwüstliche Körperconstitution hatte auch dieser furchtbaren Katastrophe widerstanden; ach, aber meine Prinzen waren, zartnerviger wie ich, von dem ungeheuren Luftdruck und dem die Sonne selbst erstickenden Dampf in meinen Armen getödtet! Das minutenlange Erlöschen der Sonne hat man damals in Europa einer Sonnenfinsterniß zugeschrieben, welche der Kalender anzuführen vergessen habe. Etwas schwarz geräuchert, aber bei vollkommener Besinnung stieg ich, auf dem Boden angekommen, mit einem deutschen »Donnerwetter, das ging über den Spaß!« von meiner Metallplatte. Wie war ich überrascht, als plötzlich ein Herr im schwarzen Frack auf mich zutrat und mir ein Blatt Papier entgegenhielt mit den Worten: Mein Herr! Sie sprechen deutsch? Oh bitte, bitte! abonniren und pränumeriren Sie doch gefälligst auf ein neues Theaterjournal, welches in Hamburg erscheinen wird und wofür ich in Afrika Abonnenten sammle! Aber, mein Herr – Vorausbezahlung auf ein Jahr! Zweiundzwanzigstes Kapitel. Eine Philosophie der Theatergeschichte würde auch eine Philosophie der Weltgeschichte sein; denn jene ist nur das, was die Weltgeschichte hinter den Ohren hat. Hegel. Wohin man im Völkerleben auch tritt, überall tritt man auf gebrochene Eide und Verträge, gebrochene Arme und Beine, gebrochene Augen sammt Balken und Splittern darin, gebrochene Hälse und Herzen. O, Wanderer, du denkst auf einen Pflasterstein zu treten, und du trittst vielleicht auf ein Herz, das du selbst gebrochen hast. Jean Paul. Unerwarteter ist mir niemals eine Frage gekommen als die, mit der ich in diesem Augenblicke überrascht wurde. Wer denkt auch in einem solchen Augenblicke an ein Hamburger Theaterjournal oder gar an Vorausbezahlung! Meine Ueberraschung wurde noch dadurch vermehrt, daß mir die Stimme bekannt vorkam. Ich rieb mir einige Pulverkörner aus den Augen, betrachtete meinen Mann näher, und erkannte in ihm meinen alten Freund.– Peter Silje! Peter! rief ich, bist du wie ich ein Niederschlag der Luft oder ein Gebilde des Abgrunds? Er erkannte mich an meiner Stimme, stand einige Augenblicke steif wie Loth's Weib, als sie zur Salzsäule erstarrte, und sagte dann: Ein solches Wiedersehen hier in Afrika! – So Etwas kann kein Romanschreiber erfinden, so Etwas kann nur erlebt werden! Als ich dich so herunterfahren sah, glaubte ich einen Luftfahrer zu erblicken, der sich auf einem Fallschirme herabließe, und ich meinte, der würde schon aus Freude über seine glückliche Fahrt pränumeriren. Nachdem wir uns von unserem Erstaunen erholt, theilten wir einander unsere letzten Lebensschicksale mit. Die seinigen waren sehr einfach. Nach jener schändlichen Emeute, die mich aus Schnipphausionopolis vertrieb, hatte sich auch Peter Silje in dieser Stadt nicht mehr als Journalist halten können. Er hatte unsere Druckerei und den Minotaurus verkauft und sich wieder nach Deutschland eingeschifft. In Hamburg war er mit einem Literaten und einem Drucker bekannt geworden, welche sich zur Herausgabe eines neuen Theaterjournals verschworen hatten und in ihrem Auftrage bereiste er nun die afrikanischen Staaten, um, wie die Leser bereits wissen, hier Pränumeranten zu sammeln. Ich fragte ihn, wie das Geschäft hier ginge? und er zeigte sich damit sehr zufrieden. Es sei, versicherte er, in diesen Ländern viel mehr Bildung und Interesse am Theater vorhanden, als er geglaubt habe, Centralafrika besitze mehrere kunstliebende Fürsten, von denen einzelne gleich auf hunderte von Exemplaren pränumerirt hätten, um sie unter ihre Unterthanen vertheilen zu lassen, weßhalb er auch vorhabe, Ausgaben des Journals in den Hauptsprachen Centralafrika's zu veranstalten. Namentlich rühmte er die Kunstliebe des Sultans von Macomaco, auf dessen Gebiete wir uns gerade befänden. Dieser kunstsinnige Fürst halte sogar eine italienische Oper, sei leider gerade verreist, werde aber in der nächsten Zeit zurückerwartet. Diese Mittheilungen interessirten mich sehr, und ich fragte, warum Se. Majestät verreist sei. Ach, erwiederte er, die berühmte Sängerin Angela Clabasteroni war ihm durchgebrannt, und da ihn noch andere Interessen als das Interesse an ihrer Stimme an sie fesseln, so ist er ihr nachgereist, um ihrer wieder habhaft zu werden. Die Clabasteroni war nämlich mit dem Prinzen eines benachbarten Hofes durchgegangen, nachdem der König von Macomaco ihre Todfeindin und jüngere Rivalin, Miranda Cleisterazzi, engagirt hatte. Das sind ja recht artige Sachen, sagte ich. Wer ist denn der benachbarte Prinz? Er ist vom Stamme der Nebus, jener geschwänzten Neger, von denen auch in europäischen Journalen die Rede gewesen ist. Man glaubt, es werde wegen dieser Angelegenheit zu einem Kriege zwischen dem Königreiche Macomaco und dem der Nebus kommen. Nun, du wirst die letztern ja auch kennen lernen! Und ob! erwiederte ich. Im Uebrigen, fuhr Peter Silje fort, soll der Sultan von Macomaco ein Landsmann von uns sein, weßhalb seine Vorliebe für Tänzerinnen und Sängerinnen wohl erklärlich ist. Denke dir nur, der Sultan von Macomaco ein geborner Deutscher! Nun, erwiederte ich, wir sind ja auch geborne Deutsche. Es ist freilich wunderlich genug, als Deutscher geboren zu werden; aber was hilft's? Man muß sich auch in dieses Unglück zu schicken wissen. Man kann ja doch einmal nicht aus seiner deutschen Haut, die gemeinhin auch ehrlich ist, herausfahren, und wenn man sechs Gäule vorspannte; ich hab's versucht, aber es ist das Einzige, was mir nicht gelungen ist. Doch, lieber Peter! fuhr ich fort, fällt dir denn gar nichts ein? Was sollte mir einfallen? antwortete er; seit ich aus den Vereinigten Staaten fort bin, ist mir nichts eingefallen als etwa meine Backen. Es fehlt sonst überall die rechte Luft zum Schwindel. Wir wollen auch nicht schwindeln, lieber Peter! sagte ich, das sei fern von uns; wir wollen vielmehr ein höchst ehrliches und solides Geschäft unternehmen, wir wollen ein Centralorgan für die mittelafrikanischen Theaterangelegenheiten gründen. Wir schicken alsdann den Pränumeranten, die du auf das Hamburger Theaterjournal gesammelt hast, das unsrige zu, und es wird ihnen gewiß willkommen sein, mehr von den afrikanischen Theatern als vom städtischen Theater und dem Thaliatheater zu Hamburg zu lesen. Peter Silje gab zu, daß der Gedanke ein sehr vortrefflicher sei, und wir beschlossen, sofort nach der Hauptstadt von Macomaco aufzubrechen, um hier die nöthigen Schritte zu thun. Wir bestiegen daher das einhöckrige Kameel, mit dem Peter Silje die centralafrikanischen Staaten beritt, und galoppirten geradeswegs auf die Hauptstadt los, in der wir am dritten Tage eintrafen und das vornehmste Hotel, das »zum feinen Leipziger«, als Absteigequartier wählten. Mein erstes Geschäft war hier, die Leichen meiner beiden unglücklichen verschrumpften Prinzen in Spiritus zu setzen, um meiner Vaterpflicht Genüge zu thun, sie dem dortigen Museum zu schenken, wo sie sich wahrscheinlich noch befinden, und mich dann zu dem Hofbuchdrucker zu begeben und mit ihm das Nöthige über unser Theaterjournal zu verabreden. Acht Tage darauf erschien die Probenummer unter dem Titel: »Plauderalia; Centralorgan für die mittelafrikanischen Bühnen«. Das Blatt fand auch allgemeinen Beifall und war bald in allen gebildeten und auch sehr vielen ungebildeten Familien Mittelafrika's eingeführt. Peter Silje besorgte die technische Leitung und ich die Redaction, und da ich die meisten Artikel selbst schrieb, so kann man sich denken, daß die»Plauderalia« außerordentlich pikant war und namentlich auch von mir mit größtem Interesse gelesen wurde. Ich hatte, zumal im Hinblick auf die möglichen Verfolgungen von Seiten Frankreichs, Gründe genug, meine Pseudonymität zu wahren und nannte mich als Oberredacteur Hugo von Moorbrand. Begreiflicherweise ließen es sich die Mitglieder der italienischen Oper und des afrikanischen Schauspiels sehr angelegen sein, meine Gunst zu gewinnen, denn ich führte eine sehr scharfe, spitzige Feder gegen Alle, welche sich meine Ungnade zugezogen hatten. Signora Cleisterazzi verfertigte mit eigenen Händen für mich einen kostbaren Teppich (wenigstens war er durch ihre Hände gegangen, denn sie hatte ihn, wie ich später erfuhr, im vornehmsten Waarenmagazin der Stadt gekauft), Signora Lispelini schenkte mir ein herrliches Ruhekissen, der Tenorsänger Fistolani ein silbernes Schreibzeug, der Baritonist Brülloni eine Busennadel mit Brillanten und der Bassist Brummanti eine goldene Feder. Fräulein Cleisterazzi ging später noch weiter, sie schickte mir von jeder neuen Oper das Textbuch zu, und beim Durchblättern, fand ich immer zwischen je zwei Seiten einen preußischen Fünfzigthalerschein. Ich habe niemals ein Buch mit so großem Vergnügen durchgeblättert als diese Textbücher. Man spreche hier nicht von Bestechlichkeit! die Welt kennt zu wenig die Mühen und den Zeitaufwand eines Theaterrecensenten. Drei und mehr Stunden Abends im Theater zubringen und Stücke zum zwölftenmal ansehen zu müssen, die man schon beim ersten Male satt hatte, dann nach dem Theater bis in die Nacht mit Schauspielern und Literaten schmausen und zechen zu müssen, was sich gar nicht umgehen läßt, am andern Morgen Kopfweh zu haben und doch genöthigt zu sein, eine Recension zu schreiben, hierauf einer oder der andern Sängerin oder Schauspielerin die Aufwartung machen oder mit den Zechgenossen von gestern ein Frühstück einnehmen zu müssen, was wieder Geld und Zeit kostet – in der That, es gibt kein mühevolleres, aufreibenderes und kostspieligeres Leben! Wie soll man diesen Aufwand mit dem bloßen Honorar für Recensionen bestreiten? Die Welt sollte doch wenigstens so viel einsehen, daß solche Geschenke nicht in die Kategorie der Bestechungen fallen, daß sie nur eine Entschädigung sind für den Verlust an Zeit und Geld, welchen das Geschäft eines Theaterreferenten nothwendig mit sich bringt! Sprechstunden waren bei mir nur gegen ein Eintrittsgeld zu erhalten. Eine Viertelstunde kostete fünf Piaster, eine halbe das Doppelte und so fort. Ich erreichte dadurch meinen Zweck: von den mich besuchenden Schauspielern nicht allzulange durch Erörterungen über ihre Auffassung dieser oder jener Rolle oder durch langweilige Klagen über die Intriguen und Schlechtigkeiten ihrer Collegen belästigt zu werden. Sie beschränkten sich meist nur auf das Nöthigste, verwandten keine Blicke von der Uhr, und empfahlen sich in der Regel genau mit dem Ablaufe einer Viertelstunde. Ich empfehle diese vortreffliche Einrichtung allen deutschen Theaterreferenten, denn wer kann ihnen zumuthen, ihre kostbare Zeit den »Mimen« zu opfern und sich von ihnen langweilen zu lassen? Inzwischen befand sich Sultan Piesacko sammt seinem ganzen Ministerium noch immer in der Hauptstadt der Nebus, um die Auslieferung der Clabasteroni zu betreiben. Diplomatische Noten wurden gewechselt und die wichtigsten geheimen Conferenzen gehalten, von denen nur Einzelnes ins Publikum gelangte. Der Portier des Palastes, in welchem die Conferenzen stattfanden, war eine wichtige Person geworden, denn Jedermann wandte sich an ihn, um Auskunft zu erhalten. Nach seinen Mittheilungen sanken oder hoben sich die Actien, wurde auf der Börse auf die Hausse oder Baisse speculirt. Beide Reiche befanden sich in der größten Aufregung; die Gewerbe stockten; die Capitalien wurden zurückgehalten; die bedeutendsten Unternehmungen wurden fallen gelassen; denn Niemand wußte, was der nächste Augenblick bringen werde. Der Nebu-Prinz Marabu hatte der Clabasteroni die Ehe versprochen, wie man eben in schwachen Augenblicken so etwas verspricht, und das ehrgeizige Weib glaubte ihm und weigerte sich, nach dem Königreich Macomaco zurückzukehren. Als Sultan Piesacko einsah, daß er auf dem Wege der Unterhandlungen seinen Zweck zu erreichen keine Aussicht habe, entschloß er sich kurz, überfiel mit den Seinen und unter Beihilfe einiger bestochenen Nebus nächtlicherweile die Clabasteroni, ließ sie, wie sie war, von ihrem Lager reißen, sie auf gut afrikanisch knebeln, dann auf ein Dromedar setzen, und fort ging es mit ihr unter dem Schleier der Nacht der Grenze von Macomaco entgegen. Diese Gewaltthat erregte unter den Nebus und unter den höchst zahlreichen Prinzen ihres Herrschergeschlechts eine furchtbare Erbitterung. Sie begannen zu rüsten, und auch Macomaco rüstete. Aber vorher wurde, wie dies gebräuchlich, noch einmal der Weg der Güte versucht. Es folgte ein Ultimatum nach dem andern, endlich ein Ultimatissimum, dann noch eins, dann ein drittes, viertes, bis es auch die Ultimatissima auf ein volles Dutzend gebracht hatten. Hierüber verstrich ein ganzes Jahr und die Theaterangelegenheiten des Reiches Macomaco hatten Zeit genug, sich aufs Glänzendste zu entwickeln; denn auch das unheilvolle Zerwürfniß zwischen der Clabasteroni einerseits und dem Sultan Piesacko andererseits hatte sich im Laufe der Zeit ausgeglichen. Zwar weigerte sich die Clabasteroni Anfangs aufs Entschiedenste, wieder aufzutreten und zu singen, und sie mußte das erstemal sogar von sechs Grenadieren mit geladenen Gewehren ins Theater escortirt werden. Der Himmel weiß, wozu es noch gekommen wäre, wenn ich mich nicht zufällig in der Damengarderobe befunden hätte. Hier hatte ich nämlich Zutritt, um die Schminkkunst, die Methode der Damen beim Anlegen der Kleider und andere Geheimnisse der Kunst und naiven Weiblichkeit gründlich zu studiren, wie dies ja wohl für einen Theaterreferenten nothwendig ist. Als Signora Clabasteroni mich erblickte, warf sie mir sofort einen der feurigsten Blicke zu, die je das Herz eines Mannes mit Brandwunden bedeckt haben, und erklärte plötzlich zum Erstaunen Aller und namentlich der sechs Grenadiere, die sie immer noch gepackt hielten und sogar den Befehl hatten, hinter ihr auf der Bühne aufzumarschiren: Ich ergebe mich freiwillig, ich werde singen, ich werde hierbleiben! Einen solchen Eindruck hatte ich auf dieses nur zu empfängliche Wesen gemacht! Sie sang auch diesen Abend meisterhaft und entzückender, als sie jemals früher gesungen hatte; und ich wußte, daß ihr Gesang eigentlich mir gelte. An diesem Abend erblickte ich auch zum erstenmal den Sultan Piesacko in seiner Loge. Er hatte allerdings ganz deutschen Typus und Gesichtsschnitt, auch kein Wollenhaar wie die Mohren, sondern schlichtes, und konnte hiernach wohl als ein Deutscher angesehen werden. Was mich aber wieder irre machte, war die ganz negerhafte Schwärze seines Gesichts und seiner Hände. Das konnte denn doch wohl kein Deutscher sein. Nichts destoweniger brachte mir seine Erscheinung unwillkürlich eine alte Jugendfreundschaft, die mit Hans von Piesack, ins Gedächtniß. Und dieser Sultan hieß Piesacko! Am folgenden Morgen hielt an der Thür meiner Wohnung ein mit vier prächtigen Antilopen bespannter Wagen, aus Elfenbein höchst zierlich gearbeitet und innen vergoldet. Es war ein Geschenk der Clabasteroni, die mich zugleich zu sich einladen ließ. Man kann sich denken, daß ich meinen Bericht über die Leistung der Clabasteroni ganz nach dem Werthe eines so kostbaren Geschenks einrichtete; denn eine Liebe ist der andern werth. Den Zorn der Cleisterazzi konnte ich verschmerzen, da ich einsah, daß ihre Rivalin sie an Freigebigkeit noch weit übertraf. Ich verfehlte auch nicht, der Clabasteroni meine Aufwartung zu machen, und schon bei meinem zweiten Besuch legte sie mir Einiges sehr nahe, wonach ein Anderer, der unbesonnener als ich gewesen wäre, ohne Bedenken zugelangt hatte. Indeß da ich wußte, wie sehr neuerdings Sultan Piesacko für die Signora schwärmte und ich ja erst vor Kurzem in Tombuktu erfahren hatte, wie gefährlich es sei, die Eifersucht eines Negerherzens rege zu machen, so that ich als ob ich zu unschuldig sei, ihre Anspielungen zu verstehen, was der Hexe in Anbetracht meines ellenlangen Schnurrbarts ohne Zweifel höchst auffällig sein mußte. Endlich aber sollte es in Folge eines höchst unerwarteten Ereignisses zwischen uns zum Bruche kommen. Eines Abends sitze ich in meinem Arbeitszimmer (meine Wohnung befand sich in einem sehr alterthümlichen, thurmartigen Gebäude, welches einen Theil der Befestigungswerke bildete) und meditire über den Charakter des Hamlet. Da höre ich gerade unter meinen Füßen ein starkes Pochen. Ich erschrecke, denn so etwas hat zur Mitternachtstunde immer etwas Unheimliches. Plötzlich fühlte ich unter meinen Füßen sogar das Getäfel des Bodens sich heben. Jetzt erst bemerkte ich, daß meine Füße auf einer Fallthüre ruhten, die mit Gewalt aufgedrängt und gehoben wurde. Ich vermuthete einen Ueberfall und glaubte, daß die Clabasteroni Bewaffnete abgeschickt habe, um mich mit Gewalt entführen, wo nicht gar aus Rache für meine Kälte morden zu lassen. Indeß hatte diese Befürchtung, die mich schon nach meinen Waffen greifen ließ, sehr bald ein Ende, da ich in demselben Augenblick unter mir ein schmerzliches Stöhnen und von weiblichen Stimmen die Worte vernahm: O, Fritz, Fritz! all dies Unglück hast du angerichtet! Man stelle sich mein Erstaunen vor! Sofort spring' ich auf und helfe dem unbekannten Geschöpfe die Fallthüre öffnen. Aus dem Abgrunde steigt nun ein schwarzes aber holdes Wesen, das, furchtbar abgemagert, erschöpft, am Körper blutig geritzt, dennoch einige graciöse Pirouetten und Beinschwenkungen vor mir zu machen sucht. Es war Rosa de Tepita, die Tänzerin! Das Tanzen war ihr so zur zweiten Natur geworden, daß sie nicht umhin konnte, sogar in diesem verzweifelten Zustande ihre Freude, mich wiederzusehen, durch Pas und Beintriller auszudrücken. Holde Rosa! sagte ich, Sie sind entsetzlich angegriffen; Sie müssen fürchterlich geduldet haben! Ruhen Sie sich aus! Wie gebrochen sank sie in die Ecke des Divans nieder; sie konnte nicht mehr sprechen; sie wies mit schmerzlichen Geberden nur auf die Magengegend. Ich begriff die Bewegung: das arme Geschöpf wurde von gräßlichem Hunger gequält. Ich richtete ihr also, so schnell es ging, auf meiner Kochmaschine einige Beefsteaks zu, und nachdem sie etwa ein halbes Dutzend verzehrt und eine Flasche Wein dazu getrunken hatte, fühlte sie sich des Gebrauchs ihrer Sprache wieder mächtig. Dem Himmel sei Dank! sagte Rosa, daß ich Sie wieder finde, lieber Fritz. Sie sind also auch der fürchterlichen Katastrophe von Tombuktu entgangen? Darf ich fragen wie? Davon später, himmlische Rosa! erwiederte ich; es scheint mir der gegenwärtigen Situation entsprechender, daß Sie zuerst erzählen, was sich mit Ihnen zugetragen hat. Mein Schicksal kommt gegen das Ihrige gar nicht in Betracht. Rosa erzählte mir nun, daß Sie auf Befehl der Königin Krikikara in ein unterirdisches Verließ hinabgelassen worden sei, ohne Nahrung, ohne Licht und ohne Luft. Nicht lange darauf habe sie ein Geprassel gehört wie von tausend über einanderstürzenden Gebäuden, und sie habe sogleich geahnt, daß in diesem Augenblick Tombuktu untergehe. Durch diese Erschütterung hätten sich von der einen Seite des Verließes mehrere Quadersteine abgelöst, und es sei eine Oeffnung entstanden; sie habe der Oeffnung nachgetastet und sei in einen dunkeln niedrigen Gang gerathen, und weiter und immer weiter. Sie hätte geglaubt, der Gang müsse sie doch endlich ans Tageslicht führen, aber er habe kein Ende nehmen wollen. Ihren Hunger habe sie mit den Mauerschlangen gestillt, von denen es darin gewimmelt; es sei glücklicherweise eine jener eßbaren Schlangenarten gewesen, an deren Genuß man in Afrika gewöhnt sei. Mit der von den Wänden niederrinnenden Feuchtigkeit habe sie ihren Durst gestillt. Oft sei der Gang so niedrig gewesen, daß sie sich auf den Händen habe fortschleppen müssen, und oft so eng, daß ihre Haut blutig geritzt worden sei. Nur der Geschmeidigkeit ihrer Glieder habe sie es zu danken, daß es ihr gelungen sei, sich durch die schmalen Oeffnungen herabgefallener Steinmassen, die oft fast den Gang verstopft hätten, durchzuwinden. Monate lang müsse diese Wanderung gewährt haben, und schon habe sie verzweifeln wollen, als der Tunnel plötzlich viel geräumiger geworden und es zuletzt ein paar Stufen aufwärts gegangen sei. Endlich, mit den Händen nach oben tastend, habe sie Etwas wie eine hölzerne Thüre gespürt und sie könne nicht beschreiben, wie groß ihre Freude gewesen, als sich die Thüre, nachdem sie sich mit dem Aufwand ihrer letzten Kräfte gegen sie gestemmt, ein wenig gehoben habe und in die Finsterniß ein schwacher Lichtstrahl gedrungen sei. So weit Rosa de Tepita. Die beiden Königreiche Macomaco und Tombuktu waren also in alter Zeit durch einen unterirdischen Gang verbunden gewesen, ich habe freilich nie erfahren können, zu welchem Zwecke. Aber die Thatsache selbst ist unbestreitbar, und Rosa de Tepita verdankt ihr ihre Rettung aus dem fürchterlichen Verließ, in dem sie ohne Zweifel hätte verschmachten müssen, da der Zugang dazu durch Massen übereinandergestürzten Mauerwerks gänzlich versperrt und menschliche Hilfe überhaupt nicht da war. Rosa blieb nun bei mir wohnen, und ich kann nicht leugnen, daß es mir sehr angenehm war, wieder einmal weibliche Gesellschaft um mich zu haben. Ich erfüllte, so gut ich konnte, alle ihre Wünsche, und sie besorgte dafür meine häuslichen Angelegenheiten. Von ihren Drangsalen hatte sie sich bald durch tüchtige Kost wieder erholt und war bei aller Zierlichkeit ihrer Glieder wieder rund und üppig geworden, eine ächte Königin der Nacht. Die Clabasteroni schäumte vor Zorn und Eifersucht, als sie von meinem Verhältniß zu Rosa Kunde erhielt! Einem solchen »Nachtstück der Menschheit« geopfert zu werden – soll sie gesagt haben – das könne sie nicht ertragen. Als ich dies hörte, ließ ich einen Aufsatz in die »Plauderalia« einrücken, worin ich die Vorzüge der schwarzen Schönheiten vor den weißen hervorhob und unter andern bemerkte: die Haut einer schönen Mohrin sei zwar schwarz wie Sammet, aber auch weich wie Sammet; die Haut einer Europäerin sei zwar weiß wie Leinwand, aber auch rauh wie Leinwand. Diese Bemerkung fiel wie ein zischender und platzender Schwärmer unter die weißen Sängerinnen. Signora Cleisterazzi und Signora Clabasteroni reichten sich versöhnt die Hände, und als ich bei der Theaterintendantur um ein Engagement meiner Rosa als ersten Ballettänzerin nachsuchte, gesellte sich ihnen die bisherige erste Ballettistin, Signora Tripellini, bei. In der That eine furchtbare Tripelallianz! An ein Engagement meiner Rosa auf dem königlichen Hof- und Nationaltheater war nun nicht mehr zu denken. Ich gründete daher ein Sommertheater, auf welchem Rosa tanzte und sich so aufzunehmen und zu schwingen wußte, daß auch das Theater sehr bald in Aufnahme und Schwung kam, und dem königlichen Theater empfindliche Concurrenz machte. Um sich an mir zu rächen, näherte sich Signora Clabasteroni dem Sultan Piesacko immer mehr, bis sie mit ihm ganz Eins war und ihn so in die Gewalt bekam, daß er nach einer hübschen Nacht den Befehl ergehen ließ, das Sommertheater sollte sistirt werden und die »Plauderalia« zu erscheinen aufhören. Man sagt, daß ihm diese Angelegenheit mehr Unruhe gemacht und mehr Kopfzerbrechen gekostet habe, als das immer drohender sich gestaltende Verhältniß zu den Nebus. Glücklicherweise kam der Sultan noch am letzten Abend, bevor das Sommertheater geschlossen werden sollte, auf den Einfall, unsere Vorstellungen zu besuchen, um doch das »Wunder der Hauptstadt«, meine Rosa, auch einmal gesehen zu haben. Sie bezauberte auch ihn, und wie! Er zerklatschte sechs Dutzend paar Glacéhandschuhe, nicht mehr und nicht weniger; so behauptete wenigstens der Hofgarderobenmeister, der freilich auch einige paar Handschuh mehr als der Fürst wirklich durch Klatschen zu Grunde richtete, auf Rechnung gesetzt haben mag. Nach der Vorstellung ließ mich der Monarch rufen und sagte: Rosa excellent! gazellenhaft! Sommertheater bleiben! Plauderalia verboten sein! Allerunterthänigst erlaubte ich mir zu fragen, warum die »Plauderalia« verboten sein solle. Zu viel Opposition gegen das königliche Theater machen, erwiederte der Sultan. Kein Theater dabei bestehen! Letztes Mittel, die Polizei! Liberalste Intendanten zuletzt sich an die Polizei wenden! Fürchterlich schwer traitable Personen, die Clabasteroni und die Tripellini! Glaube, daß Rosa ein viel zarteres menschlicheres Gemüth! Kennen diese Signoras nicht, lieber von Moorbrand! Apropos! haben einen deutschen Namen! sind wohl gar selbst in der Verlegenheit, ein Deutscher zu sein? Ach, erwiederte ich, entschuldigen Ew. Majestät! Wäre ich nicht ein Deutscher geboren, ich würde es mir niemals wieder gefallen lassen. Aber ich kannte die deutschen Verhältnisse nicht, als ich geboren wurde; sonst hätte ich Protest eingelegt. Nichts von Protest! bemerkte der Sultan; Protest ein schlechtes Wort, verboten in meinen Reichen. Alles nehmen, wie's kommt, ohne Opposition, ohne Protest, selbst wenn man als Deutscher geboren wird. Nehme auch Alles wie's kommt! Bin auch als Deutscher geboren! Schickung! Hab's hingenommen. Sultan geworden – obschon ein Deutscher, sogar ein Schnipphausener! Ein Schnipphausener! Mein Gott! dachte ich, sollte es dennoch wahr sein? Sollte dieser Sultan Piesacko kein anderer sein, als Hans von Piesack, der so tolle Streiche machte? Und er sieht so schwarz aus! Freilich hatte seine Aussprache der Macomaco-Sprache einen etwas fremdländischen, etwas deutschen Accent. Ich suchte in seinen Gesichtszügen zu lesen; diese Züge kamen mir allerdings bekannt vor, obschon sie mir durch die Jahre ein wenig verwischt zu sein schienen. Majestät! Ein Schnipphausener? erwiederte ich; ich erlaube mir auch ein Schnipphausener zu sein, und was für einer! Vielleicht Fritz Beutel? fragte der Sultan; der tolle Fritz, Sohn des Schulmeisters? Hab's schon lange gedacht. Schade! Bürgerlicher! was fängt man mit Bürgerlichen an! Von Moorbrand, allen Respect! Aber Fritz Beutel – wie vulgär! Fritze ohne von kann ich in meinen Staaten nicht brauchen! Wer weiß, Majestät! antwortete ich; aber wie kommen Majestät zu der schwarzen Farbe? Braucht Niemand zu wissen, erwiederte ziemlich ungnädig der Sultan Piesacko; indeß aus alter Kameradschaft: Einmal als Student bis über die Ohren in die Tinte gekommen; seitdem schwarz geblieben. Geheimnißvoller Naturproceß! Indeß langweiliges Gespräch! Blasirt sein, Alles langweilig finden müssen, schon als Staats- und Haremsbesitzer. Worte nur einzeln herausstoßen müssen – afrikanisch sultanmäßig. Uebrigens gemüthlicher wohlgeneigter Deutscher. Adieu! Damit war ich verabschiedet. Kein Zweifel, dieser Sultan Piesacko war kein anderer als Hans von Piesack, der, Gott weiß auf welchem Wege hierher gekommen und Sultan von Macomaco geworden war. Ich habe auch nie etwas Näheres darüber erfahren können. Daß seine Haut auf die von ihm angegebene Weise ihre Negerschwärze erhalten haben sollte, ist schwer zu glauben; es gibt davon wenigstens kein zweites Beispiel. Vermuthlich hatte er irgend ein chemisches Geheimpräparat entdeckt, vermittelst dessen es ihm gelungen war, seine Haut so schwarz zu färben und nun als Mohr zu gelten. In der That schien mir seine Haut einen künstlichen Ueberzug wie von einer Art dick aufgelegter schwarzer Schminke zu haben; Peter Silje aber wollte behaupten, Piesacko stecke in einem feinen Futerale, das aus schwarz gefärbter Hausenblase verfertigt sei. Wie dem auch sei, ich fand es sehr abscheulich, seine ehrliche deutsche Haut zu einem bloßen politischen Zwecke so anzuschwärzen. Gerade weil wir Deutsche so weiß sind, daß wir wie die pure Unschuld aussehen, sollten wir auch um so mehr darauf bedacht sein, dieses Symbol unserer Unschuld unentweiht zu halten. Was mich am meisten in Piesacko's Reden verdroß, war seine Behauptung, daß er mich als Bürgerlichen nicht brauchen könne. Warte nur, Piesack! dachte ich, die Zeit wird schon kommen, wo du zu deiner Beschämung einsehen wirst, wie sehr ich zu brauchen bin. Und diese Zeit kam – sie kam früher, als ich glaubte. Auch das zwölfte Ultimatissimum des Nebu'schen Cabinets war von dem macomaco'schen Hofe verworfen worden, und da jenes gleich bei dem ersten Ultimatissimum erklärt hatte, daß es die Verwerfung des zwölften als den unmittelbaren casus belli ansehen werde, so rückten die Schaaren der Nebus unverweilt ein und überschwemmten, da sie sehr zahlreich waren, das Reich Macomaco. Da Piesacko in der letzten Zeit den Kopf mit Theater- und Ballettangelegenheiten zu voll gehabt, hatte er versäumt, trotz der drohenden Lage, die dieser Situation vollkommen entsprechenden Vorkehrungen zu treffen, und unsere Truppen wurden in einer großen Feldschlacht besiegt, so daß sie, obschon sie nicht auf die Beine, sondern aufs Haupt geschlagen wurden, jene, nämlich die Beine, in eine überaus schnelle Bewegung nach rückwärts setzten. Flüchtig trafen unsere Vaterlandsvertheidiger in der Hauptstadt ein und mit ihnen fast zu gleicher Zeit die unabsehbaren Schwärme der Nebus vor den Thoren. Alles war in Bestürzung und Verzweiflung; ich allein blieb ruhig und gefaßt und dachte nur: warte, Piesack! Ich ahnte, daß meine Zeit gekommen war. Und richtig, des einen Morgens, nachdem unsere Truppen den Abend vorher einen höchst unglücklichen Ausfall gemacht hatten, kam eine Deputation von Hofbeamten zu mir, die mir unter den tiefsten Bücklingen und dann knieend eine nagelneue, bereits mit vielen Orden gespickte Feldmarschallsuniform überreichten und mir den Befehl überbrachten, in dieser sobald als möglich vor dem Sultan zu erscheinen. Des Zusammenhangs wegen muß ich hier erwähnen, daß ich in der letzten Zeit in Verbindung mit Peter Silje ein encyklopädisches Unternehmen begründet hatte, zu dem Zwecke, die Wissenschaften in Afrika zu popularisiren, wie schon aus den Titeln der einzelnen Werke: »Das Hegel'sche System in der Westentasche«, »das Ganze der Aesthetik im Knopfloche« u. s. w. hervorgeht. Einen Theil dieser Bibliothek bildete ein Werk: »Populäre Strategie und Taktik, erläutert an den Kriegsthaten Alexanders des Großen, Julius Cäsars, Friedrichs des Großen, Napoleons und Fritz Beutels«. Dieses Werk war vom Kriegsminister gelesen worden und hatte dermaßen seine Bewunderung erregt, daß er dem Sultan erklärte, wenn Einer das Reich Macomaco vom Untergange retten könne, so sei dies Fritz Beutel; leider aber werde dieser seltene General nicht zu haben sein. Er war nun sehr verwundert, als ihm der Sultan mittheilte, selbiger Fritz Beutel lebe gegenwärtig in Macomaco und sei kein Anderer als dieser Hugo von Moorbrand, wie sich der Verfasser auf dem Titel des Werkes nenne. Der Kriegsminister vergoß sofort einen unendlichen Strom von Freudenthränen, womit er mehrere Zuber füllte, und der Sultan sagte: Nicht weinen, lieber Minister! – Thränen nicht leiden können, die Clabasteroni mir genug Thränen vorgeweint habend – daher blasirt, abgestumpft! Der Minister fragte hierauf, ob Majestät beföhlen, die vergossenen Thränen wieder zurückzuweinen, worauf Piesacko lächelte und, hiervon überrascht, bemerkte: Doch noch lächeln können – trotz Blasirtheit! Auf diese Weise kam ich in die Feldmarschallsuniform und in dieser in den kaiserlichen Palast. Sultan Piesacko empfing mich in der größten Aufregung. Lieber Fritz! sagte er, gratulire zum Feldmarschall! Wieder einmal schön in der Tinte sitzen – noch schwärzer werden! Die schändlichen Nebus die Unverschämtheit gehabt, meine Truppen zu schlagen. Viel Gutes von dir gehört! Den Oberbefehl übernehmen! Haben mitsammen manchen Jugendstreich ausgeführt – jetzt von Neuem einen Streich führen gegen die Nebus. Ich bemerkte, daß ich mit meinem Feldzugsplan bereits völlig im Reinen sei. Schön! erwiederte Piesacko, aber mich bei dem Plane möglichst aus dem Spiele lassen. Schon genug zu thun haben mit der Clabasteroni und Cleisterazzi. Wieder einmal an einander oder vielmehr in einander gerathen sein, das heißt in die Haare. Maulschellen hinter den Coulissen – selbst in meiner Loge klatschen gehört; die Cleisterazzi ganz rothe Backen gehabt! Scandal das, empörender, welthistorischer Scandal! Ew. Majestät Aufgabe, bemerkte ich, ist allerdings schwieriger als die meine. Ich getraue mir zu, mit den Nebus fertig zu werden, aber nicht mit diesen Weibern. Siehst du, Fritz? sagte er, schmerzlich seufzend. Die Clabasteroni ein wahrer Teufel, aber ein schöner. Werde jedoch ein Exempel statuiren – sie nicht mehr singen, aber im Harem brummen lassen. Ich fürchte nur, erwiederte ich, daß sie Ew. Majestät etwas Gehöriges vorbrummen wird. Das ist's ja eben, antwortete er niedergeschlagen; müssen sehen, wie wir's machen. Schwere Regentenpflichten! Jeder Unterthan glücklicher als ich. Ich fragte ihn, ob ich ihn von meinem Feldzugsplan unterrichten sollte. Er antwortete mit der Hand abwehrend: Nein! nein! keine Zeit haben! Einkäufe im Bazar machen – sonst keine Ruhe haben vor den Frauenzimmern. Und die Hand auf meine Schultern legend, fragte er: Lieber Fritz! wann die Nebus geschlagen sein? Schon nach Ablauf von acht Tagen, versicherte ich, wird kein Nebus mehr vor den Thoren der Hauptstadt stehen; wie viele davor liegen werden, das kann ich freilich im Voraus nicht sagen. Hab's immer gedacht, daß in dir was steckte. Sehr erkenntlich sein! Zulangen! Hiermit öffnete er seine Chatouille, welche mit lauter Goldpiastern gefüllt war, und ich stopfte mir alle Taschen meiner Marschallsuniform damit voll. Mit dieser sehr glücklichen Wendung schloß unsere Unterredung. Nun muß ich von einer Körpereigenthümlichkeit der Nebus etwas erzählen, worauf ich meinen Kriegsplan berechnet hatte. Es verlängert sich nämlich ihr Rückenwirbel in der Art, daß er in seiner Verlängerung einen ganz stattlichen, mehrere Fuß langen Wickelschwanz bildet, auf den sie nicht wenig stolz sind. Seine Spitze verzieren sie mit prächtigen Blumensträußen, und von der Wurzel bis zur Spitze schmücken sie ihn mit allerlei Zierrathen, Ketten, Ringen und (wer welche hat) Orden und Ehrenzeichen. Den Grad der Bildung beurtheilt man bei den Nebus nach dem Grade von Anstand, womit ein Nebu diesen Wickelschwanz zu tragen weiß. Sie schlafen daher, um diese ihre stolzeste Zierde nicht in Unordnung zu bringen, auf dem Bauche statt auf dem Rücken und zwar, wenn sie im Felde sind, reglementsmäßig immer zu Rotten von zwölf Mann in einer Reihe. Auf diesen Gebrauch basirte ich meinen Kriegsplan. Es ist bekannt, daß in Mittelafrika während der Nacht ein sehr starker Thau fällt. Diesen hatte ich auf eine Methode, die mein Geheimniß ist, bevor er fiel, mit einem gewissen narkotischen einschläfernden Safte versetzt. In der auf den Abend, an welchem dieses von mir vollbracht war, folgenden Nacht schliefen die uns belagernden Nebus wie todt. Ich hatte nun sehr lange Scheeren verfertigen lassen, die je eine von vier Männern gehandhabt wurde, und begab mich mit einigen hundert Soldaten, die mit solchen Scheeren bewaffnet waren, in das feindliche Lager hinaus. Man kann sich das Uebrige denken. Schnipp! und zwölf Wickelschwänze der Nebus waren von jeder Scheere weggeschnippst. Hierüber erwachten sie freilich, und liefen, die blutenden Stellen, an denen früher ihre Wickelschwänze festgesessen hatten, mit den Händen zuhaltend, heulend und wie toll im Felde umher. Diese Operation gelang uns jedoch nur bei etwa der Hälfte des Heeres; denn von dem fürchterlichen Geheul der Verwundeten erwachten die Uebrigen aus dem Schlafe und griffen zu den Waffen. Wir mit unsern Scheeren machten nun, daß wir fortkamen, hatten jedoch noch Zeit, die abgeschnittenen Wickelschwänze zu sammeln und als Trophäen, die dann im Zeughause zu sehr schönen Garnituren längs der innern Wände benutzt wurden, in die Hauptstadt mitzunehmen. Mir war es gelungen, zwölf Generälen auf einmal die Wickelschwänze abzuknipsen und diese hingen von Orden und Ehrenzeichen so voll, daß immer zwei Mann je einen tragen mußten. Dies ist auch der Grund, warum die Generäle der Nebus sich zu Fuße nur sehr langsam fortbewegen können, und sich in Portechaisen, die sie aus Dresden beziehen, in die Schlacht tragen lassen. Nach dieser glorreichen Kriegsthat waren wir den Nebus vollkommen gewachsen; denn die Hälfte des feindlichen Heeres war am folgenden Tage kriegsunfähig. Sie versuchten zwar noch einen Sturm, der aber vollständig abgeschlagen wurde, worauf die inzwischen von mir errichtete Straußengarde, ich auf meinem prächtigen Schlachtstrauß voran, die Flüchtigen bis zu dem Negerdorfe Quiquamqui verfolgte und bei dieser glänzenden Affaire noch eine große Zahl von Wickelschwänzen als Trophäen erbeutete. Während dieser Verfolgung zeigte sich mir eine Fata Morgana der wunderbarsten elegischsten Art: ich erblickte mein Heimathdorf, in der Mitte die Kirche mit dem viereckigen hölzernen Thurme und der langen Spille darauf, das Herrenhaus sammt der gipsernen Eva- und Adamgruppe, das Wirthshaus des Dorfes, in dem ich mich so oft wohl und zuweilen auch übel befunden hatte, und auf dem Kirchhofe dreizehn frische Gräber, die in mir höchst traurige Gedanken erweckten. Elf Geschwister hatte ich, und wie Jedermann Vater und Mutter, ohne die einmal Niemand zum Menschen wird – das sind dreizehn Personen. Und gerade dreizehn Gräber! Ich wurde sehr melancholisch und eine unüberwindliche Sehnsucht nach meiner Heimath bemächtigte sich meiner. Es war mir ein Trost, daß, sobald ich mich bei Gelde befunden hatte, niemals von mir versäumt worden war, mit den freundschaftlichsten Grüßen eine Geldsendung nach Hause zu machen, wie ich denn auch nach meiner Rückkehr nach der Hauptstadt von Macomaco sofort mit der nächsten Karavane eine beträchtliche Summe nach Schnipphausen abgehen ließ. Ach, ich mußte befürchten, daß diese Sendung die Meinigen nicht mehr am Leben treffen werde! Mein Herz blutete, denn ich bin immer ein liebender Sohn und ein treuer Bruder meiner Geschwister gewesen. Ganz gewiß, man kann sich in dieser Hinsicht auf mein Wort verlassen! Nach diesem Siege wurde mir zu Ehren die Hauptstadt festlich erleuchtet; es wurde an demselben Abend ein Festspiel mit Gesang und Musik aufgeführt, wobei die Clabasteroni und Cleisterazzi genöthigt waren, zum Schluß meine Büste zu bekränzen; mich aber ernannte der Sultan Piesacko zum Fürsten von Quiquamqui und schickte mir zum Geschenk einen Schuppenpanzer, dessen Schuppen aus lauter Doppelgoldpiastern bestanden, ein Paar Rittersporen aus Gold, deren Räder jedes aus einem Piesackod'or (à 100 Thlr. preußisch an Werth) gebildet waren, und ein paar rothsammtne Beinkleider, zu beiden Seiten, wie die Weste, der Länge nach mit Diamantknöpfen besetzt. Ich hätte somit glücklich sein können, wenn jenes Fata-Morgana-Gebilde nicht mein Gemüth mit dem tiefsten Heimweh erfüllt hätte. Doch mußten noch einige besondere Vorfälle hinzukommen, ehe ich meinen Entschluß, Macomaco zu verlassen, zur Ausführung brachte. Schon seit längerer Zeit bestürmte mich Rosa de Tepita, die mich wirklich liebte, mit dem Ansinnen, sie zu ehelichen; sonst könnte es, setzte sie hinzu, ein Unglück geben. Liebes Kind! erwiederte ich hierauf, du sagst, daß es ein Unglück geben könne, wenn ich dich nicht heirathe; ich aber sage, wenn ich dich heirathe, so gibt es gewiß ein Unglück. Im ersten Falle ist, nach deinen Worten, ein Unglück möglich, im zweiten Falle aber gewiß. Ich halte mich daher an das Gewisse und werde nicht heirathen. Wer zweimal den Hals gebrochen hat, hütet sich gewiß, ihn zum dritten Mal zu brechen. Ich will nun gar nicht behaupten, daß die Ehe nothwendig Halsbrechen nach sich ziehe, aber die Gefahr von Ehebrüchen liegt um so näher, und die sind in gewissem Sinne schlimmer als Halsbrüche; denn das Herz bricht darüber. Das Herz bricht darüber! sagte Rosa bedeutungsvoll und ließ das Köpfchen hängen, wie eine Blume, deren Stengel geknickt ist. Als ich eines Abends in meine Wohnung zurückkehre, fällt mir ein silberner Teller in die Augen mit einer Glasglocke darüber und einem Zettel daneben. Unter der Glasglocke lag – wer sollte es glauben? – ein mitten durchbrochenes menschliches Herz! Schaudernd und ahnend ergreife ich den Zettel und lese die Worte: »Geliebtester Fritz! Deine grausame Härte hat mir das Herz gebrochen. Um Dich davon zu überzeugen, habe ich es mir aus meiner Brust herausgerissen und hinterlasse es Dir zur ewigen Erinnerung an Deine Dich auch jenseits des Grabes fortliebende Rosa de Tepita. N. S. Entschuldige die Kürze dieser Zeilen, denn ich muß eilen, mich unter dem Palmenbaum hinter unserer Wohnung einzuscharren.« Ich ließ sofort an der bezeichneten Stelle nachgraben, und da fand man denn unter einer Schicht Erde den Leichnam der armen Rosa. An der Stelle, wo sonst ihr zärtliches Herz schlug, klaffte eine weite Oeffnung, die sie sich, wie man deutlich erkennen konnte, mit eignen Händen in die Brust gewühlt hatte! Oh, die brennende Aequatorsonne brütet ganz andere Dinge aus, als unsere kühle Schulweisheit sich träumen läßt! Ich würde ganz melancholisch geworden sein, wenn nicht ein anderer Zwischenfall meine Gedanken von diesem traurigen Ereigniß abgezogen hätte. In Algier hatte man nämlich Witterung erhalten, daß ich mich in der Hauptstadt von Macomaco befände, und mein Neider und Verfolger, der jetzige Generalgouverneur, hatte nicht versäumt, darüber nach Paris zu berichten. Die französische Regierung hatte sofort verfügt, daß eine militärische Gesandtschaft nach Macomaco geschickt werde, um meine Auslieferung zu fordern. Diese Gesandtschaft traf denn auch, uns ganz unerwartet, in der Hauptstadt ein; doch mit sehr gelichtetem Personal, denn die Hälfte desselben war während der Reise durch die Wüste in puren Schweiß aufgegangen. Sultan Piesacko ließ mich zu sich bescheiden und Se. Majestät geruhten, ein sehr bedenkliches ungnädiges Gesicht zu machen. Vielleicht kam ihm auch diese günstige Gelegenheit, mich los zu werden, sehr erwünscht; denn meine steigende Popularität machte ihn eifersüchtig und besorgt. Schöne Geschichten das! fuhr Piesacko mich an; mich mit Frankreich überwerfen! Deserteur sein! Gegen die Militärdisciplin gefrevelt! Das nicht gewußt haben! Immer noch dumme Streiche machen, wie in Schnipphausen! Nicht zu Verstand gekommen! Solche Abenteurer nicht reglementsmäßig sein in meinen Staaten! Unter diesen Umständen glaubte ich ihm keinen Respect mehr schuldig zu sein, und ich erwiederte: Hans! Sprich zu mir nicht in diesem Tone, oder bei den Manen meiner seligen Rosa und ihrem gebrochenen Herzen! ich kneble dir hier mit diesem meinem Barte die Kehle zu! Damit drehte ich meinen Schnauzbart in einer Weise, daß er nach jeder Seite um ein paar Schuh länger wurde. An allen Gliedern zitternd wich Piesacko bei dieser Anrede und diesem Anblick vor mir zurück, und durch das schwarze Futteral, worin dasselbe auch bestanden haben möge, sah ich seine natürliche weiße Haut todtenbleich werden. Beschwichtigend fuhr ich hierauf fort: Indeß sei ruhig, Genosse meiner Jugendstreiche! fürchte auch nicht, daß ich dir dein schwarzes Futteral vom Leibe ziehe und dich als Betrüger vor dem Volke hinstelle! Ich werde selbst gehen, freiwillig, und dich deinem Schicksale überlassen, das dich wegen der mir bewiesenen Undankbarkeit früher oder später ereilen wird! Großmüthigste Seele! rief Piesacko, und wollte mir seine Hand reichen, die ich aber entrüstet von mir wies; nichts übel nehmen! nicht so böse gemeint haben! man so dhun, wie treffend Berliner sagt: Einmal Sultan sein, Majestät repräsentiren – daher kurz ab, bärbeißig! Freiwillig Macomaco verlassen wollen? Oh, aus den Marställen bestes Kameel zur Verfügung stellen! Ehrenescorte mitgeben! Reisegeld – Uebersiedlungskosten – mich nicht lumpen lassen. Ich bin mir selbst genug und brauche deine Escorte nicht, erwiederte ich stolz; wenn ich übrigens gehe, so thue ich dies nicht, um Frankreich nachzugeben, sondern weil ich die Langweiligkeiten deines Nationalparlaments, über das du übrigens noch den Hals brechen wirst, unmöglich länger aushalten kann. Dem Sultan Piesacko war nämlich in Folge des Sieges über die Nebus die stolze Idee gekommen, Wahlkaiser von Centralafrika zu werden; er hatte daher ein Parlament nach seiner Hauptstadt berufen und es hatten auch wirklich die unterworfenen Nebus und mehrere minder kleinere Staaten in der Nähe Repräsentanten geschickt. Die Wahlen waren jedoch gar nicht sehr im Sinne des Sultans ausgefallen; die meisten Repräsentanten gehörten vielmehr der ultrademokratischen Richtung an; sie waren roth über und über, durch und durch, und statt die Kaiserwahl sofort vorzunehmen und eine Verfassung aufzustellen, beriethen sie zuvörderst die centralafrikanischen Grundrechte. Ein halbes Jahr hatten sie bereits über den ersten Paragraphen: »Jeder Centralafrikaner hat das Recht zu existiren,« berathen, und es war keine Aussicht, daß sie damit binnen Jahresfrist zu Ende kommen würden. Denn es waren im Ganzen zu diesem Paragraphen vierundsiebenzig Amendements und hundertundachtundzwanzig Unteramendements eingebracht, und von diesen war erst das von einem reactionären Professor eingebrachte erste: »Kein Centralafrikaner hat das Recht zu existiren, wenn er nicht einen Existenzschein löst, zu welchem Zwecke eine Existenzschein-Ausfertigungsbehörde errichtet wird«, berathen und sammt einem Dutzend Unteramendements verworfen worden. Ich selbst befand mich unter den Vertretern der centralafrikanischen Vereinigten Staaten und hatte es zugleich bewirkt, daß auch mein Bedienter zum Vertreter gewählt wurde, der seinen Platz neben mir einnahm. Während der sehr langweiligen Reden schlief ich, sobald es aber zur Abstimmung kam, mußte mich mein Bedienter wecken und ich stimmte dann beharrlich mit »Nein«, weil ich ja doch fest überzeugt sein konnte, daß das Amendement oder Unteramendement nichts taugte. Jedermann in der Hauptstadt politisirte und debattirte, selbst die Clabasteroni, jetzt die Favoritsultanin, und die ehemalige Cleisterazzi, jetzige Madame Peter-Silje-Cleisterazzi; kurz es war ein Zustand, der mir vollkommen unerträglich wurde, und meinen Entschluß, Macomaco zu verlassen, zur Reife brachte. Vorher erlaubte ich mir noch einen niedlichen Scherz mit dem General, welcher an der Spitze der französischen Mission stand. Ich überfiel ihn in seinem Hotel mit einer Schaar meiner Getreuen, steckte ihn in einen Sack, der sofort oben zugebunden wurde, und drohte ihm, falls er sich rühre oder einen Laut von sich gebe, ihm sofort eine kräftige Bastonnade ertheilen zu lassen. In diesem Sacke brachte ich ihn nach einer nahgelegenen Windmühle, ließ die Müllerknechte rufen und sagte ihnen: sie sollten das in diesem Sacke befindliche Mehl vor meinen Augen mahlen, es sei aber eine besondere Art Mehl, welches im Sacke selbst gemahlen werden müsse. Zugleich versprach ich ihnen eine ausgezeichnete Belohnung. Die Müllerknechte, die wohl etwas von dem wirklichen Inhalt des Sackes ahnen mochten, grinsten freundlich und machten ohne Weiters Anstalt, den Sack zwischen die Mühlsteine zu zwängen. In diesem Augenblicke schrie mein General aufs Verzweifeltste: Nur nicht zwischen die Mühlsteine! lieber die Bastonnade! Ich ließ ihn noch einige Augenblicke im Sacke zappeln, öffnete dann den Sack, verbeugte mich aufs Artigste und sagte: Herr General! für diesmal sind Sie noch mit dem bloßen Schreck davon gekommen; treff' ich Sie aber noch einmal auf meiner Fährte, so laß ich Sie, bei meinem Barte! ohne Gnade kleinmahlen. Sagen Sie aber Frankreich und Ihrem saubern Generalgouverneur, daß ich, falls sie mich nicht in Ruhe lassen, beide in den Sack stecken werde, wie ich es so eben mit Ihnen gethan habe. Der folgende Tag sah mich in meinem Schuppenpanzer aus Goldpiastern auf meinem Lieblingsreitstrauß durch die Wüste mehr dahin fliegen als galloppiren. Einen Abschiedsbesuch bei dem Sultan Piesacko oder irgend einem Andern zu machen, hatte ich nicht für nöthig gehalten; denn was hätte ich ihnen sagen sollen, außer daß sie sammt und sonders verdienten in Macomaco zu bleiben? Nur von meinem Freunde Peter Silje nahm ich gerührten Abschied. Derselbe befand sich wie seine Gattin, frühere Signora Cleisterazzi; in gesegneten Umständen; denn er hatte auf meinen Rath und nach meinem Plan ein Büreau für Anfertigung diplomatischer Noten und Ultimatums begründet, und da dieser Artikel in Centralafrika sehr gut geht, machte er glänzende Geschäfte. Ich rieth ihm jedoch, auf Alles gefaßt zu sein und sein Säckel zu füllen, da (fügte ich hinzu) vorauszusehen sei, daß die Herrschaft des Sultans Piesacko oder des Hans von Piesack demnächst mit Schrecken ein Ende nehmen müsse. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Hieroglyphenschrift ist schon deshalb die geeignetste Schrift für Liebesbriefe, weil sie sich der Bilder bedient und gewissermaßen durch die Blume spricht; sie verdiente daher in weiblichen Erziehungsanstalten eingeführt zu werden. Champollion. O wenn eine solche gebräunte Mumie vielleicht die Tochter eines ägyptischen Stadtverordneten oder Bürgermeisters oder gar eines ägyptischen Finanzraths, Ministers oder Dynasten, ihren Mund aufthun könnte, welche Aufklärungen würde sie uns verschaffen können! Man sollte einen Preis aussetzen für die Erfindung eines Mittels, wodurch es möglich wäre, diese Mumien aufzuweichen und dadurch ins Leben zurückzubringen. Lepsius. Eine prächtigere Reisemethode als den Ritt auf einem Strauße gibt es nicht. Mein Strauß streifte mit seinen Füßen kaum die Erde, und doch flog er auch nicht; es war eine Mittelbewegung zwischen Fliegen und Laufen und dabei ausnehmend sanft und gleichmäßig. Seiner kurzen Schwingen bediente er sich dabei als Segel und zugleich als Balancirstangen, um sich im Gleichgewicht zu erhalten. Ein besonderer Vortheil für mich war es, daß mein Strauß kein männlicher Strauß, sondern eine Sträußin war und während meines langen Ritts durch die Wüste von Zeit zu Zeit Eier fallen ließ, welche mir in Nothfällen zur Nahrung dienten. Endlich stand er mit mir still vor einer bis dahin unentdeckten Pyramide in der lybischen Wüste, duckte sich, ließ mich absteigen, erhob sich wieder, nachdem ich den kleinen zierlichen Reisekoffer aus feinstem Gazellenleder von seinem Rücken geschnallt hatte, nickte wie zum Abschiede mit seinem langen Halse und wandte sich eiligen Laufes nach der mittelafrikanischen Wüste zurück. Da stand ich nun und hatte das Nachsehen. Ich sagte mir jedoch, daß dies ganze Verfahren etwas Besonderes zu bedeuten haben müsse, und umging und untersuchte das altehrwürdige Bauwerk. Endlich fand ich eine dreieckige Oeffnung, die als Thür diente, und trat hinein, wobei ich mich jedoch bücken mußte, denn die Oeffnung war sehr niedrig. Ich fühlte daß einige Stufen nach oben führten und stieg und tastete mich hinauf, denn es herrschte völlige Dunkelheit um mich her. Endlich gelangte ich in einen weiten Raum, der die Gestalt eines Quadrats hatte und durch einige nach Süden sich öffnende Fenster matt und dämmerhaft erleuchtet war. In diesem fast spuckhaften Zwielicht erblickte ich an der einen Wand aufgerichtet einen Sarkophag, in welchem sich eine Mumie befand, die ich sofort als eine weibliche erkannte. Ihre Züge waren, obschon starr, doch sehr fein und reizend und ich fühlte mich zu ihr, ich weiß nicht weshalb, mächtig hingezogen. Ich beschloß daher, hier Station zu machen und mich in diesem stillen ehrwürdigen Raum häuslich einzurichten; denn ich empfand nach einem so stürmischen ruhelosen Leben in der That das Bedürfniß, mich für eine Zeit ruhiger Contemplation hinzugeben. Zu diesem Zwecke beschloß ich, mich dem Studium der Hieroglyphik zu widmen, wozu ich hier die schönste Gelegenheit hatte, denn alle Wände waren dicht mit Hieroglyphen und altägyptischen Symbolen überdeckt. Lebensmittel hatte ich noch in meinem kleinen Reisekoffer nebst einigen Flaschen Weines von den Weinbergen des Mondgebirges, der sehr stark und von vorzüglicher Qualität ist. Auch erblickte ich einige Schaalen mit eingemachten Früchten umherstehen, die freilich durch ihr Alter von mehreren tausend Jahren ganz und gar eingetrocknet waren. Ich suchte sie mit meinem Wein aufzuweichen, und siehe es gelang mir über die Maßen gut. Die Früchte quollen auf, und es war mir ein eigenthümlich pikanter Genuß, diese vor so vielen tausend Jahren eingemachten, höchst erquicklichen Früchte zu mir zu nehmen, und – so Hunger und Durst zugleich zu stillen. Zum Nachtlager diente mir der Sarkophag, den ich von der Wand genommen und auf den marmorgetäfelten Boden niedergelegt hatte. Die Mumie bildete somit meine Unterlage und ich schlief tief und fest, außer gegen Morgen, wo ich von meiner Mumie träumte, die mir (im Traume nämlich) als ein liebreizendes Geschöpf entgegentrat und mir mit einer Lotosblume freundlich zuwinkte. Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als ich aus meinem Traum erwachte und mich wieder in meiner höchst eigenthümlichen Umgebung erblickte. Um die Gesichtszüge meiner Mumie besser in Augenschein nehmen zu können, ergriff ich den Sarkophag, in welchem sie lag, und hielt die Mumie gegen die schräg hereinfallenden Sonnenstrahlen. Da begab sich ein unerhörtes Wunder! Die Sonne mochte ihr in der Nase Kitzel erregen und sie nieste – nieste kräftig wie ein lebendes Menschenkind, nieste ein zweites, nieste ein drittes Mal und schien dabei mit den Augen zu blinzeln. Prosit! sagte ich. Danke schön! erwiederte leise meine Mumie. Ich kann nicht leugnen, daß mich ein wenig schauderte. Indeß nahmen die Gesichtszüge der Mumie wieder ihren starren Ausdruck an, und ich überredete mich, daß ich geträumt hätte. Ich legte meine Mumie wieder hin, suchte nicht mehr an sie zu denken und vertrieb mir die größte Zeit des Tages mit dem Studium der Hieroglyphen, welche die Wand bedeckten. Ich machte bereits im Laufe dieses Tages bei dem mir von Natur angebornen instinctiven Scharfsinn bedeutende Fortschritte in der Erkenntniß dieser geheimnißvollen Schrift. Gegen Abend begab ich mich zur Pyramide hinaus und machte in den nächsten Umgebungen Jagd auf Strauße und Antilopen, die hier sehr zahlreich sind und von denen ich mehrere erlegte. Diesem Vergnügen, welches mir zugleich zur nöthigen Leibesbewegung diente, habe ich, so lange ich dieses Asyl bewohnte, täglich obgelegen. Nachts schlief ich wieder im Sarkophage meiner Mumie, ohne an etwas Besonderes zu denken. Gegen Morgen erwachte ich jedoch, früher als sonst, denn es rührte und schüttelte sich etwas unter mir. Nicht wenig erschrocken sprang ich vom Lager auf, und wer beschreibt mein Erstaunen, als ich meine Mumie den Kopf aus dem Sarkophage erheben und sich ängstlich bemühen sah, sich aus ihren Hüllen loszumachen. So überrascht und erschrocken ich auch war, verließ mich meine Courtoisie doch selbst in diesem Augenblicke nicht; ich bückte mich und half ihr, sich aus ihren Hüllen zu befreien, worauf die Schamhafte sofort nach einem Sessel von altägyptischer Form sprang und eiligst in die Gewänder schlüpfte, die auf dessen Lehne hingen. Eine reizende Jungfrau von höchstens achtzehn Jahren stand sie nun vor mir, die Calantica über Haupt und Schultern mit jenen nach rückwärts gekrümmten Läppchen daran, welche offenbar den Münchner Riegelhäubchen zum Muster gedient haben. Ich war sehr verwirrt, verlegen, und sie war es auch. Wo bin ich, sagte sie in altägyptischer Sprache, die ich jedoch in Folge meiner hieroglyphischen Studien schon so ziemlich verstand. Wo bin ich? Ich muß recht lange geschlafen haben. Und mit einem Herrn allein? Mein Herr! wie haben Sie wagen können, sich in das Schlafgemach eines jungen unerfahrenen Mädchens einzudrängen? Befürchten Sie nichts, denn ich bin ein Deutscher, antwortete ich im gebrochenen Altägyptisch, ich habe nur am Lager Ihrer Unschuld gewacht; meine Erfahrenheit soll Ihre Unerfahrenheit in keinerlei Gefahr bringen, wenn Sie selbst nicht wollen. Aber, Fräulein, Sie haben einen langen, einen tausend – tausendjährigen Schlaf gethan; ich darf Ihnen diese Wahrheit nicht verhehlen; und wenn Sie von Ihrem Schlafe aufgewacht sind, so verdanken Sie dies der animalischen Wärme, die von mir während der Nacht auf Sie ausgeströmt ist; denn ich bin sehr elektromagnetischer Natur. Sie erblickte den Sarkophag – sie begriff, sie schauderte. Tausend Jahre? fragte sie entsetzt. Tausend Jahre, und noch tausend und abermals tausend Jahre, und ich weiß nicht, wie viel tausend Jahre, erwiederte ich. Indeß es ist vollkommen gleich, ob der Mensch nur eine Nacht oder tausend Jahre schläft, wenn er nur überhaupt erwacht und dann gesund ist. Ich fragte sie hierauf, ob ich ihr ein Frühstück bereiten solle; denn da sie so viele tausend Jahre nichts zu sich genommen habe, sei vorauszusetzen, daß sie hungrig sein werde. Ich fühle kein Bedürfniß, erwiederte sie, ich weiß gar nicht, was frühstücken ist. Aber hier herum ist mir so leer, sagte sie und wies dabei auf die Stirn, meine Stirn verlangt nach etwas. Doch da ist ja eine Lotosblume; es wuchsen so viele Lotosblumen in meines Vaters Garten; ich pflückte Sträuße davon und roch an ihnen; das that mir so wohl. Die Mumie griff nach einer vertrockneten Lotosblume, die im Sarkophage lag und roch daran. Ach, sagte sie traurig, die Blume hat ihren Duft verloren. Ich begriff den Hergang. Mumien haben, wie ich mich erinnerte, keine Eingeweide; mithin bedurfte das gute Geschöpf keiner Nahrung. Es war Blumenduft, wonach sie verlangte; Blumenduft war die Speise, die sie nöthig hatte, um am Leben erhalten zu werden. Schnell schlug ich einer Weinflasche den Hals ab und setzte die Lotosblume mit ihrem Stengel in den aromatischen Wein, der, wie ich bereits erfahren, die Kraft hatte, vertrocknete Früchte aufquellen zu machen und mit Saft zu füllen. Ah, mir wird so ohnmächtig zu Muthe, klagte die Mumie. Inzwischen hatte sich die Lotosblume entfaltet und füllte das Gemach mit süßem würzigem Duft. Die Mumie sog ihn begierig ein; ihr Auge leuchtete. Ach, wie thut das so wohl! sagte sie. Ich bat sie nun, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Die Mumie fuhr mit der Hand über die Stirn und begann: Mir fangen an einzelne Erinnerungen aufzutauchen; ich will versuchen, sie zusammenzulesen. Es muß lange, sehr lange her sein – mein Vater war der Pharao von Aegypten, Rhamnutis der Dritte, und er hatte mich sehr lieb. Da begab es sich, daß ein jüdischer Jüngling, mit Namen Joseph – Joseph? rief ich verwundert aus, ich bin sehr begierig. Ja, er hieß Joseph, war von seinen schlechten Brüdern verkauft worden und ein sehr schöner junger Mensch. Ich sah ihn oft, wenn ich im Garten Blumen pflückte, denn er wohnte neben an, im Hause des Kämmerers Potiphar, der den Joseph gekauft und ein schönes Stück Geld für ihn gegeben hatte. Joseph brachte mir manchen Strauß, unterrichtete mich im Hebräischen und machte mir an meinem sechzehnten Geburtstage ein sehr schönes hebräisches Gedicht; ich könnte es noch hersagen. Um Vergebung, verehrteste Prinzeß, wann waren Sie geboren? fragte ich. Im Jahre 10530 vor Christo am 12. August, glaube ich, antwortete die Mumie. Wie konnten Sie aber nach christlichem Datum rechnen, da ja Christus damals noch gar nicht geboren war? Unsere Gelehrten hatten diese Zeitrechnung einmal eingeführt, und so kamen wir mit jedem Jahre Christi Geburt näher, antwortete die Mumie. Und zehntausend Jahre vor Christo? frug ich weiter. Unsere Gelehrten setzen das Datum, wo Joseph lebte, in viel spätere Zeit. Oh, da sind die jetzigen Gelehrten sehr auf dem Holzwege, antwortete die Mumie. Ich weiß, was ich weiß. Ich bin 10530 vor Christo geboren und starb 10512 vor Christo. Hiernach können Sie ausrechnen, wie alt ich war, als ich starb. Entschuldigen Sie meine Zwischenfragen, verehrteste Prinzessin, und haben Sie die Güte fortzufahren, sagte ich. Ich werde es thun, obschon die Erinnerung an jene Zeit für mich eine sehr traurige ist, sagte die Mumie. Der schöne jüdische Jüngling erweckte ganz eigene Gefühle in mir; ich muß es gestehen mit all der Schüchternheit, die man von einem unschuldigen Mädchen bei solchen Geständnissen erwarten darf. Und auch Joseph schenkte mir seine Neigung. Ich weiß eigentlich nicht, wer von uns Beiden damit zuerst angefangen hat; das ist ja auch gleichgiltig; kurz, wir liebten uns mit all der glühenden Schwärmerei, die jungen unentweihten Herzen in solchen Fällen eigen ist. Doch der schöne Traum sollte nur zu bald ein Ende nehmen. Des Kämmerers Potiphar Frau, die sehr häßlich und eine böse Sieben war – Sie haben also diese Person gekannt? rief ich verwundert aus. Wer hätte in Aegypten nicht die Madame Potiphar gekannt? Sie hatte schon so viele galante Abenteuer gehabt, daß Jedermann mit Fingern auf sie wies und sich über ihren einfältigen Gatten wunderte, weil er sich nicht von ihr scheiden lassen wollte; aber er stand völlig unter ihrem Pantoffel, wobei ich übrigens bemerke, daß sie Holzpantoffeln trug und damit im Hause treppauf treppab einen gewaltigen Lärm machte. Kurz, sie suchte den unschuldigen Jüngling in ihr Netz zu ziehen, und da er widerstand und den Mantel auf ihrem Lager ließ, beschuldigte sie ihn arger Dinge und Joseph wurde arretirt und ins Stockhaus eingesperrt. Oh, der arme Mensch! wie es ihm später nur ergangen sein mag? denn ich habe seine Befreiung nicht mehr erlebt. Die Mumie weinte, sie weinte so, daß ihre Thränen zuletzt den Kelch der Lotosblume füllten. Beruhigen Sie sich, verehrteste Prinzessin! sagte ich beschwichtigend; Ihr Joseph wurde später aus dem Gefängniß befreit und gelangte noch zu hohen Würden und Ehren im Aegypterlande. Oh Isis und Osiris! Wäre es möglich? rief die Mumie erfreut und trocknete sich mit dem rechten Zipfel ihrer Calantica die Thränen ab. Ganz gewiß! versicherte ich. So steht es im ersten Buch Mose, Kapitel 41. Es ist eine der rührendsten Geschichten in der ganzen heiligen Schrift. Ich habe sie, von wegen der Potiphar, in meiner Kindheit stets sehr gern gelesen; nur malte sich meine Phantasie die Madame Potiphar immer als eine schöne Person aus, und ich dachte dann: Fritz, wenn du an Joseph's Stelle gewesen wärest! Nämlich, Prinzessin, wegen des Mantels! Ich hatte keinen, und ich verdachte es Joseph sehr, daß er seinen Mantel im Stich lassen konnte. Aber wie hätte ich mir jemals träumen lassen, in meinem Leben mit einer jungen reizenden Dame zusammenzutreffen, welche Joseph und Madame Potiphar noch persönlich gekannt hat! Geruhen Sie fortzufahren, schöne Prinzessin! Ihre Geschichte erweckt meinen lebhaftesten Antheil! Ach! seufzte die Mumie, was nun folgt, wird Ihre vielleicht zu hoch gesteigerten Erwartungen schwerlich befriedigen. Ich will mich kurz fassen. Als ich von des guten Joseph's Verhaftung hörte, war ich untröstlich. Ich wußte, daß er unschuldig war; ich lief zu meinem Vater, dem Pharao, und gestand ihm, daß ich Joseph liebe, daß er ihn freilassen müsse, wenn es kein Unglück geben solle, und daß ich nur Joseph und keinen Anderen zu ehelichen entschlossen sei. Entartetes Geschöpf! brauste mein Vater, der Pharao, auf, schlage dir diese Gedanken aus dem Kopfe oder gewärtige, daß ich dich verstoße! Niemals werde ich darein einwilligen, daß meine Tochter, die Tochter eines Pharao, das Weib eines hergelaufenen Judenjünglings werde. Niemals wird Rhamnutis der Dritte eine solche Mesalliance zugeben! Verzweifelt rannte ich an den Strand des Nils und hoffnungslos, wie ich war, stürzte ich mich in die Fluth. Ich ertrank. Man muß meine Leiche aufgefischt haben, denn sonst wäre ich nicht Mumie. Dort an der Wand erblicke ich die Inschrift: »Der trauernde Rhamnutis, seines Namens der Dritte, seiner geliebten Tochter Pumphitta, dem Opfer eines unglücklichen Mißverständnisses.« So erzählte Prinzessin Pumphitta, die Mumie. Ich suchte sie zu trösten, so gut es ging, und es ging besser, als ich dachte, so gut, daß sie ihren Joseph bald gänzlich vergessen hatte. Wenn ich von der Straußenjagd zurückkehrte, ruhte ich in ihren Armen, an ihrem Herzen aus. Sie erzählte mir von den Thaten Djom's, des ägyptischen Herkules, von der Hathor oder der ägyptischen Venus, und andern altägyptischen Gottheiten männlichen und weiblichen Geschlechts, am liebsten aber von der genannten Hathor und ihren vielen Liebesabenteuern; sie weihte mich in die Geheimnisse der Hieroglyphik ein, und das Wenige, was ich davon dem berühmten Gelehrten Lepsius mittheilte, hat diesen in Stand gesetzt, in Aegypten jene Entdeckungen zu machen, mit denen er die gelehrte Welt überraschte. So verstrich ein halbes Jahr, und so süß mir auch der Verkehr mit diesem naiven reizenden Geschöpfe war, fing ich doch an, mich aus dieser Einsamkeit wieder in die große Welt zurückzusehnen. Als sie dies merkte, wurde sie sehr traurig; sie erklärte, mir folgen zu wollen, wohin ich ginge, und als ich eines Tages von der Jagd zurückkehrte, fand ich sie auf dem Rande ihres Sarkophages weinend sitzen, den Kopf in die Hände gestützt. Ich richtete ihr Haupt in die Höhe; sie sah mich halb weinend, halb lächelnd an und sagte: Fritz! Wie steht es mit dem Heirathen? Das war mir doch zu viel; der Gedanke, durch die Ehe an eine ehemalige Mumie für immer gefesselt zu sein, erregte mir Entsetzen. Lieben, rief ich, soviel du willst, Pumphitta! Aber heirathen – niemals! Ich erschrak selbst über meine Worte, so rauh hatte ich sie herausgestoßen. Das zarte Geschöpf konnte diese harte Begegnung nicht ertragen. Pumphitta stieß einen Seufzer aus, so klagend, so durchdringend, daß ich im Innersten erbebte; sie zuckte, sie schrumpfte zusammen; sie wurde von Minute zu Minute mehr und mehr Mumie, sie lag im Sarkophage ausgestreckt, sie war zu braunem Pergament geworden; nur um ihre Lippen spielte ein tiefschmerzliches Lächeln. Da erwachte meine Liebe von Neuem mit aller Gewalt. Ich beugte mich zu ihr nieder, ich rief: Pumphitta! Pumphitta! Ich will dich ja heirathen – ich will alle weiblichen Mumien Aegyptens und Lybiens heirathen – – nur komm wieder zu dir! Wache! Lebe! Sei glücklich, glücklich als Madame Beutel! Die ganze Nacht brachte ich damit zu, sie zu wärmen und elektromagnetisch auf sie zu wirken – vergebens! In der Morgenfrühe versuchte ich noch das letzte Mittel, ich hielt sie gegen die Sonnenstrahlen – aber sie nieste nicht! Sie war und blieb Mumie! Nun hielt es mich hier nicht länger. Ich packte meinen Reisekoffer, schwang mich auf einen Strauß, den ich inzwischen dressirt hatte, und trabte auf ihm in der Richtung von dannen, wo, wie ich mir sagte, der Nil fließen mußte. Vierundzwanzigstes Kapitel. Es kann darüber kein Zweifel sein, daß man in früheren Zeiten sowohl die Zähmungs- als die Reitkunst besser verstanden hat als heutzutage; denn bekanntlich ist der heilige Pachomius auf einem Krokodil aus der Wüste gen Alexandrien geritten. Das sollte auch der beste Reiter in unsern Tagen wohl bleiben lassen. Zum leichten Cavalleriedienst möchten sich übrigens die Krokodile, Nilpferde und Nashorne wohl zu keiner Zeit geeignet haben. Fürst Pückler-Muskau. Der Vicekönig hält auch einen Marstall und einen Harem, die beide mit den vorzüglichsten aus Kreuzung der Racen hervorgegangenen Exemplaren ausgestattet sind. Der allgemeinen Fütterung im Marstall wohnte ich bei, zu der im Harem wurde ich nicht zugelassen. Derselbe. Wer von meinen Lesern sich im Jahre 18.. in Cairo auf Besuch befunden haben sollte, wird sich erinnern, welches Aufsehen daselbst in jenem Jahre ein stattlicher Mann erregte, den auf seinen Gängen durch die engen und winkeligen Gassen der Stadt ein Nilpferd, ein Rhinoceros und ein Krokodil wie dressirte Hunde begleiteten. Dieser Mann war kein Anderer als ich, und es konnte auch kein Anderer sein. Daß ich mich zu jener Zeit in Cairo befand, weiß der Leser nun, aber noch nicht, wie ich dorthin kam; er weiß im Allgemeinen nur, daß ich vor der Pyramide in der lybischen Wüste einen gesattelten Strauß bestieg und auf ihm davon sprengte. Der Strauß leidet in Folge der furchtbaren Hitze nicht selten an einer Krankheit, deren Endresultat ist, daß sich das Fleisch allmälig von seinen Knochen abblättert, mir nichts dir nichts, wie Blätterteig. Leider wurde mein Strauß während des Ritts von dieser eigenthümlichen Unpäßlichkeit befallen, doch ließ er sich davon nicht stören, sondern setzte seinen Trab gleichmäßig fort. Zuletzt war er nur noch ein bloßes Geripp, da er aber einmal im Schusse war, trug er mich weiter und weiter, bis mir endlich durch dunkles Sycomorengebüsch der Spiegel eines Flusses entgegenglänzte, der nach meiner Annahme kein anderer sein konnte, als der alte heilige Nil, und es auch war. Der Schimmel, der ihn längs seiner Uferwände bedeckte, bezeugte sein Alter. Hier hielt das Gerippe meines Straußes still, ich stieg ab und errichtete mir zwischen einigen Dattelpalmen ein Zelt und eine Hängematte, wozu ich das nöthige Material im Reisekoffer mit mir führte. Es dauerte gar nicht lange, so versammelten sich vermöge der Anziehungskraft, welche ich auf die Thierwelt ausübte, Schaaren von Nilpferden und Rhinocerossen um mich und leckten mir die Hände, und zu Hunderten kamen die Krokodile an das Ufer und wechselten mit mir die freundlichsten Blicke. Ich erlaube mir hierbei die gelehrte Bemerkung, daß in der Gegend von Aegypten und Nubien die Urwelt gestanden haben muß; denn diese Ungeheuer sind offenbar nach dem Muster der urweltlichen Thiere angefertigt und ihre nächsten Nachkommen und Vettern. Nach einigen Tagen brach ich von diesem Ruheplatz auf, indem ich ein sehr sauberes Rhinoceros als Reitpferd benutzte und mich außerdem von einem Nilpferde begleiten ließ, welches mir besondere Anhänglichkeit bewiesen hatte und mir überall hin folgte wie ein Hündchen. Die Krokodile versammelten sich um mich und vergossen die reichlichsten Thränen – zwar Krokodilsthränen, aber nicht in der gewöhnlichen gehässigen Bedeutung; denn sie stammten aus dem reinsten Gemüth. Ich warf ihnen mein ostindisches Taschentuch zu und sie trockneten sich damit ihre Thränen, indem sie es eins dem andern mit ihren Tatzen darreichten und so die Runde machen ließen. Während ich auf dem linken Nilufer vorwärts ritt, begleiteten sie mich noch eine lange Strecke, ja ein hübsches liebenswürdiges Krokodil, welches auf den Namen »Mimili« hörte, ließ sich nicht zurückweisen; es begleitete mich schwimmend, bis wir gen Cairo kamen. Es war ein Abkömmling jenes gefühlvollen Krokodils, auf dessen schuppigem Rücken sich der heilige Pachomius nach Alexandria tragen ließ, als er hierher kam, um die schöne Sünderin Thais fromm zu machen. In Cairo fiel es mir allerdings wegen meiner sonderbaren Suite schwer, Unterkunft in einem Gasthofe zu erhalten. Endlich fand ich einen Gastwirth, der sich dazu verstand, nachdem ich von meinem Schuppenpanzer eine Reihe Goldpiaster abgebrochen und ihm für ein Vierteljahr die Miethe vorausbezahlt hatte. Auch später habe ich Alles, was ich verzehrte, mit den Goldpiastern bezahlt, die ich sofort von meinem Schuppenpanzer ablöste. Die Lücken, die dadurch entstanden, ersetzte ich (den Münzstempel hatte ich vorsichtigerweise aus Macomaco mitgenommen), mit falschen Goldpiastern, die ich selbst prägte, so daß mein Panzer immer vollständig blieb, und ich dadurch in den Geruch kam, ein Schwarzkünstler und Goldmacher zu sein. Zuweilen mag ich mich wohl vergriffen und ein unächtes Goldstück statt eines ächten ausgegeben haben; indeß geschah dies gewiß wider meine Absicht; denn ich bin ein rechtlicher Mann. Mit meiner thierischen Begleitung brachte ich die ganze Stadt Cairo in Aufruhr; wo ich mich mit meinen Ungethümen sehen ließ, liefen die Kinder heulend, die Frauen die Hände ringend davon, und selbst die Männer suchten das Weite. Namentlich war es das Krokodil, dem sie aus dem Wege gingen; denn es machte so fürchterliche Augen, daß sich Jedermann vor ihm entsetzte. Der Lärm darüber erreichte nach einigen Tagen einen Grad, daß es die Oberpolizeibehörde für nöthig erachtete, mich citiren zu lassen, unter der ausdrücklichen Verwarnung, daß ich ohne die Thiere erscheinen solle. Der Polizeipräsident selbst war es, der mich ins Verhör nahm. Mein Herr! fuhr er mich an, obschon Ihre Papiere nicht ganz in Ordnung sind, steht doch bei unsern nur allzuliberalen Grundsätzen Ihrem Aufenthalte in dieser Hauptstadt nichts im Wege; aber den Ungeheuern, die Sie mitgebracht haben, können wir keine Aufenthaltserlaubniß ertheilen. Niemand wagt mehr in Cairo auszugehen wegen dieser ganz und gar polizeiwidrigen Ungeheuer. Ach, Sie beziehen sich auf meine kleinen Schooßhündchen, Herr Präsident! erwiederte ich. Darf man hier in Cairo keine Hunde halten? Was, Hunde! brauste der Polizeichef auf, schöne Hunde das, diese Bestien! Ich bitte, nicht so wegwerfend und beleidigend von meinen Hündchen zu sprechen, entgegnete ich in einem Tone, der seines Eindrucks auf den dicken und brutalen Polizeichef nicht verfehlte. Uebrigens will ich gern die hier gebräuchliche Hundesteuer bezahlen und zwar um soviel erhöht, als meine Köter größer sind als die gewöhnlichen Hunde. Der Polizeichef grinste nach diesen Worten sehr freundlich, murmelte etwas mit den neben ihm sitzenden Unterchefs, die ebenfalls möglichst freundlich grinsten, und nun machten sie mir eine Hunderechnung, daß ich nicht nur meinen ganzen goldenen Schuppenpanzer bis auf die Drähte entleeren, sondern mir auch noch die beiden Piesackod'Ors von meinen Stiefeln abschnallen mußte. Glücklicherweise bestand bereits mein Panzer zur Hälfte aus falschen Piastern, auch hatte ich schon früher die gewiß nur zu billigende Vorsicht gebraucht, die beiden Piesackod'Ors von meinen Sporen durch nachgemachte zu ersetzen; denn die betrügerische Unersättlichkeit der Beamten in diesen Ländern war mir schon längst bekannt. Nachdem dies geschehen, fragte ich: Nun haben meine Hunde doch die Erlaubniß, sich hier aufhalten zu dürfen? Ja, im Hundestall gehalten zu werden, sagte trocken der Präsident, aber nicht, sich auf der Straße sehen zu lassen. Das ist ja ganz orientalisch-ägyptische Justiz, rief ich entrüstet. Was haben Ihnen meine Hunde gethan? Sie haben noch Keinem so vielen Schaden zugefügt, als die hochlöbliche Polizei von Cairo Tausenden von Leuten, die sich hier ruhig ernähren wollten, von ihr aber aus der Stadt gewiesen und um ihre Existenzmittel gebracht wurden. Meine Hunde haben noch Keinen aus der Stadt herausgebissen, und nun will hochlöbliche Polizei sie herausbeißen. Wer ist da mehr Hund, meine kleinen Köter oder hochlöbliche Polizei? Mein Herr! rief der Polizeipräsident, solche Beleidigungen gegen die Polizei von Cairo werden mit einer Strafe von 1000 Piastern gebüßt, die Sie morgen erlegen werden, widrigenfalls die sämmtliche bewaffnete Macht der Hauptstadt gegen Sie aufgeboten werden wird, um Sie sammt Ihren Ungeheuern zu verhaften. Wir haben hier so gewisse Vorrichtungen, um Raisonneurs wie Sie zu der Vernunft zu bringen, wie sie hier zu Lande vorgeschrieben ist. Meinen Grimm hinunterschluckend begab ich mich hinweg, denn ich hatte keine große Lust, das Wortgefecht mit diesen brutalen Burschen weiter fortzusetzen; ich warf ihnen beim Abschiede nur einen so niederschmetternden Blick zu, daß sie sich vor Schreck aufs eiligste unter dem Tische verkrochen. Ich brütete nun über einem furchtbaren Plan; ich beschloß, an den Ober-Nil zurückzukehren, hier alle Nilpferde, Rhinocerosse und Krokodile um mich zu sammeln, soviel ich auftreiben konnte, und dann mit ihnen gegen die Stadt zu rücken, diese mit Sturm zu nehmen und die ganze Brut, die sie bewohnt, vom Erdboden zu vertilgen. Der Plan hatte gewiß etwas Großartiges, er sollte jedoch nicht zur Ausführung kommen. Denn als ich Abends in meinem Hotel beschäftigt war, meinen Panzer wieder mit neuen Goldpiastern zu versehen (unter denen, beiläufig bemerkt, sich jetzt keine ächten mehr befanden, da ich den Rest der ächten in Verwahrung gebracht hatte, um nicht gänzlich ausgeplündert zu werden), als ich also mit dieser künstlichen und nicht wenig mühsamen Arbeit beschäftigt war, wurde mir der Secretär des Vicekönigs gemeldet, der mir den Auftrag überbrachte, mich folgenden Tages um 11 Uhr Vormittags zu dem Vicekönig zu verfügen, um eine Angelegenheit zu besprechen, die, wie der Secretär hinzufügte, ein für uns Beide hoffentlich erfreuliches Ergebniß haben werde. Da ich eigentlich schon längst gewünscht und beabsichtigt hatte, eine Audienz beim Vicekönig zu erhalten, so sagte ich unbedenklich zu. Folgenden Tags Schlag 11 Uhr befand ich mich im Vorsaale des Vicekönigs und wurde auch unverweilt in sein Geheimcabinet eingelassen, während mehrere Gesandte europäischer wie afrikanischer Staaten genöthigt waren zu warten, was ihnen gar nicht sehr angenehm zu sein schien. Der Vicekönig nickte mir freundlich zu, winkte mir, mich auf einen Divan niederzulassen und befahl, mir eine Tasse starken Kaffees und den Tschibuck zu bringen, wie das in jenen Ländern gebräuchlich ist. Nun that er erst einen Zug, dann ich einen, dann wieder er einen, dann wieder ich, und nachdem wir so etwa sechzig Züge abwechselnd und ohne zu sprechen aus der Pfeife gethan hatten, öffnete er den Mund, um mich zu fragen, welcher Nation ich angehöre? Ich gehöre derjenigen Nation an, welche keine ist, Hoheit! erwiederte ich. Eine Nation, welche keine ist! murmelte er, den Kopf schüttelnd; aha, jetzt weiß ich's; Sie sind ein Deutscher, mein Herr! Allerdings, Hoheit! sagte ich, und ich habe alle Ursache, deshalb um Verzeihung zu bitten. Ohne Zweifel sind Sie auch Schriftsteller, fuhr der Vicekönig fort, denn alle Deutsche, welche Aegypten besucht haben, waren Schriftsteller und kamen hierher, um ein Buch über Aegypten zu schreiben. Gewiß sind auch Sie in derselben Absicht hierher gekommen, und ich setze voraus, daß Sie mich und meine Regierungsweise gehörig herausstreichen werden. Mein Kaffee ist gut, mein Tabak ist gut, und was mich betrifft, so mache ich Ihnen ein so freundliches Gesicht, als es immer nur möglich ist. Sie werden diese Winke verstehen. Sollten Sie für deutsche Blätter correspondiren, so werde ich Ihnen mit Vergnügen dazu die nöthigen Materialien verschaffen. Ich will hoffen, daß es Ihnen in Cairo gefällt. Außerordentlich, wenigstens in Ihrer Gesellschaft, Hoheit! sagte ich. Und nun erzählte ich ihm meinen Conflict mit der obersten Polizeibehörde. Entrüstet fuhr der Vicekönig auf. Beim Propheten! rief er, das ist empörend! Man soll Ihnen Abbitte leisten! Diese Leute sind geschworne Feinde aller genialen Männer, aller aus der Art schlagenden Erscheinungen. Und ich will Ihnen nur gestehen, daß ich gerade wegen Ihrer gezähmten Ungeheuer Sie zu mir bescheiden ließ. Würde es Ihnen schwer fallen, diese liebenswürdigen Geschöpfe, von denen ich so vieles Interessante gehört habe, mir zu überlassen? Ich trenne mich sehr ungern von ihnen, denn ich habe sie lieb gewonnen. Wenn ich Ihnen jedoch einen Gefallen damit erzeigen kann, Hoheit, so stehen Sie Ihnen zu Diensten. Oh, ich verlange sie nicht umsonst, sagte der Vicekönig. Ich überlasse Ihnen dafür drei Weiber aus meinem Harem, die ich ausrangirt habe. Der Mund wässerte mir. Zwar ausrangirt, aber doch Weiber aus des Vicekönigs Harem! Der Harem eines Vicekönigs von Aegypten, dachte ich mir, wird doch ohne Zweifel die schönsten Perlen des Morgenlandes bergen, und selbst die Perlen, die er wegwirft, werden noch gut genug sein für Unsereinen. Der Handel schien mir nicht übel. Ich erklärte mich bereit, auf den Tauschhandel einzugehen, worauf er bemerkte, er habe eins der Weiber zur Probe im Nebengemache und werde dasselbe sogleich herbeirufen. Er pfiff und sofort öffnete sich die Thür des Nebenzimmers, und ein verschleiertes Frauenzimmer trat ein, das auf sein Geheiß den Schleier zurückschlug, um mir ihr Gesicht zu präsentiren. Jemand, der bei wolkenlosem Himmel vom Blitz erschlagen wird, kann davon nicht so überrascht sein als ich bei dem Anblick dieser Person – denn sie war keine andere, als meine frühere Ehehälfte oder besser Eheviertel, Beate Regina Cordula Veronica, die Erbschulzenstochter aus Schnipphausen. Auch sie stand wie versteinert und starrte mich mit gläsernen Augen und offenem Munde an. Diese Zeichen der Ueberraschung mochte der Vicekönig auf ganz andere Gefühle deuten, denn er fuhr ganz ruhig fort: Dieses Weib hat meinen Erwartungen nicht entsprochen, ich habe sie nicht wegen ihrer Jugend und Schönheit, denn Beides fehlt ihr, sondern wegen ihrer Corpulenz in meinen Harem aufgenommen; ich beabsichtigte, sie der Curiosität wegen zu einer Art Monstrum aufzufüttern; ich habe mich dieses Experiment etwas kosten lassen; aber es war Alles vergebens. Statt noch mehr zuzunehmen, magerte sie von Monat zu Monat mehr ab, indem sie behauptete, an einer Krankheit zu leiden, die man bei ihr zu Lande das Heimweh nennt; denn sie ist eine Deutsche. Eine Landsmännin wird Ihnen doppelt willkommen sein, Herr Beutel! Ich trete sie Ihnen mit Vergnügen für Ihr zahmes Krokodil ab! Dieses treulose verrätherische Krokodil, rief ich entsetzt, für mein liebes gutes Krokodil, das mir so anhänglich ist? Nein, Hoheit, bei einem solchen Tausch würde ich zu sehr im Nachtheil sein. Kaum hatte ich diese harten Worte ausgesprochen, als Beate in Thränen und in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach. Gegen Weiberthränen bin ich widerstandslos; ihr Anblick rührte mich, und ich sagte: Hoheit, dieses Weib da nannte ich vordem meine Gattin! Wäre es möglich? rief der Vicekönig. Ja, lieber Herr Beutel! das ändert die Sache; da muß ich Sie wohl allein lassen, um die Freude des Wiedersehens, die mir freilich nicht allzugroß zu sein scheint, nicht zu stören. Jedenfalls werden Sie wünschen, sich mit Ihrer ehemaligen Frau auszusprechen. Der gutmüthige alte Herr begab sich nach diesen Worten hinaus, und ich stand der Person, die ehemals die Ehre gehabt hatte, sich meine Gattin nennen zu dürfen, allein gegenüber. Ich suchte zur Herrschaft über meine tumultuarischen Gefühle zu gelangen und sagte: Beate, müssen wir uns so und an dieser Stelle wiedersehen? Wie kommst du hierher? Bist du deinem Manne, dem Prinzen Knitschogarsk, oder ist er dir entlaufen? Ach, rief sie, der Schwindler! Denke dir nur, Fritz! Als wir eine Zeitlang verheirathet waren, mußte ich zu meinem Entsetzen wahrnehmen, daß er den Thran, der den Soldaten geliefert wurde, um ihre Stiefel geschmeidig zu machen, alle Morgen früh selbst mit größter Begierde hinunter schlürfte. Zuletzt wollte er mich zwingen, das Gleiche zu thun. Er versicherte, es gäbe kein köstlicheres Labsal als Thran, und er bestand mit Hartnäckigkeit darauf, daß ich mich bei Zeiten an diesen Nahrungsstoff gewöhnen solle; denn bei ihm zu Hause gebe es zum Frühstück, zum Mittag und Abendbrod nichts als Fisch, und zur Abwechselung auch wohl Seehundsthran. Dies war mir zu stark; ich sah mich in meinen schönsten Hoffnungen betrogen, aufs empörendste getäuscht, schiffte mich eines Morgens in Algier auf einer ägyptischen Feluke nach Alexandrien ein, gerieth hier in die feingelegten Schlingen eines Sklavenhändlers und so in den Harem des Vicekönigs, der mich gut behandelte, aber mich, des dir bekannten Experiments wegen, mästen wollte, wie man in Pommern eine Gans mästet. Diese Entwürdigung ging mir zu Herzen; ich fühlte mich einsam und verlassen; mit den ungebildeten orientalischen Haremsweibern war einer Person von meiner Bildung jede Unterhaltung unmöglich; das Heimweh ergriff mich und zehrte mich so ab, daß es mich nur wundert, wie du mich sofort doch wieder erkanntest. O Fritz, ich verspreche dir, ich will jetzt eine ganz ordentliche Person werden; bringe mich nur nach Schnipphausen zurück; ich habe weiter keinen Wunsch, keine Hoffnung mehr! Du hättest aber doch deinen Mann nicht verlassen sollen, trotz des Thrans, bemerkte ich in väterlichem Tone. O, sagte Beate hierauf, darüber brauche ich mir nicht die geringsten Gewissensbisse zu machen. In Alexandrien erzählte mir ein alter Bekannter von der Fremdenlegion – Ach so – ein alter Bekannter! warf ich dazwischen. Oder ein junger, wenigstens einer in seinen besten Jahren, fuhr Beate fort. Nun, der erzählte mir, die erste Frau des Prinzen Knitschogarsk sei noch am Leben, habe ihn reclamirt und bei den Gerichten zu Algier wegen Bigamie verklagt. Knitschogarsk habe nun erklärt, wie er nicht glauben könne, daß die Kax noch am Leben sei, denn er habe sie mit eignen Augen im »Werther«, da wo er am tiefsten sei, nämlich zwischen Seite 100 und 200, untergehen und sich in den Tiefen der Dichtung verlieren sehen, worauf ihm jedoch bemerkt wurde, ein Goethe-Interpret habe sich mit der Taucherglocke in den »Werther« hinabgelassen und die ganz und gar im Buche Versunkene wieder heraufgeholt. Knitschogarsk ist ein Flunkerer und Schwindler, bemerkte ich hierauf; da es mir jedoch in meiner Kindheit mit dem Robinson ganz ähnlich gegangen ist, so weiß ich keinen Grund, weshalb ich diesen allerdings merkwürdigen Fall nicht für möglich halten sollte. Währenddem war mein guter dicker Vicekönig wieder hereingetreten, worauf Beate nach Art der Haremsweiber ihre Arme über der Brust kreuzte, sich verbeugte und in das Nebenzimmer zurücktrat. Auf sein Verlangen mußte ich nun dem Vicekönig über mein Verhältniß und meine Erlebnisse mit Beate berichten, worüber er in ein so herzliches Lachen ausbrach, daß ihm der Bauch schütterte. Allah ist groß, rief er am Schlusse meiner Erzählung, und die Schicksale der Menschen sind wunderbar! was ich ihm nur bestätigen konnte. Plötzlich wurde er ernst und sagte: Sie sind nicht der, der Sie hier scheinen wollen; ich habe bisher Ihr Incognito geachtet, aber ich weiß recht gut, daß Sie Sr. Durchlaucht der Fürst von Quiquamqui sind, dessen Heldenthaten gegen die Nebus ganz Mittelafrika mit ihrem Schalle erfüllen. Sie sollten sich mir gegenüber doch ja nicht geniren! Allah ist groß! wie ich mir schon erlaubte zu bemerken, und ich glaube, Sie sind nicht viel kleiner. Es würde mir zur höchsten Freude gereichen, wenn Durchlaucht – natürlich gegen ein angemessenes Gehalt – in meine Dienste treten und den Oberbefehl über meine Landmacht übernehmen wollten. Die orientalische Frage wird immer verwickelter und nimmt von Tage zu Tage größere Dimensionen an. Ich glaube, daß Durchlaucht von der Vorsehung bestimmt sind, in dieser Frage eine wichtige entscheidende Rolle zu spielen, und ich bin fest überzeugt, daß Sie dem Schicksal unter die Arme greifen würden, wenn Sie sich entschließen könnten, in meine Dienste zu treten. Ueberlegen Sie sich mein Anerbieten, Fürst von Quiquamqui! Ich drückte ihm meine Ueberraschung, wie meinen Dank für sein ehrenvolles Anerbieten aus, blieb jedoch auf meinem einmal gefaßten Entschluß bestehen, für jetzt in Begleitung Beatens nach meiner Heimath zurückzukehren. Wunderliche Leute seid ihr Deutschen doch, bemerkte hierauf der Vicekönig; ihr klagt, daß ihr kein Vaterland habt, und doch sehnt ihr euch nach diesem Vaterland, welches doch keins ist, immer wieder zurück. Aber nicht wahr, Sie versprechen mir, sobald Sie es möglich machen können, wieder hieher zurückzukehren? Ich habe in Ihnen den Mann erkannt, der fähig ist, die Krokodile meines Landes auf eine höhere Stufe der Civilisation zu erheben und meinen Nilpferden und Rhinocerossen eine geachtetere sociale Stellung zu verschaffen. Nachdem ich ihm dies beim Barte des Propheten und da dies ihm nicht genügte, bei meinem eigenen zugeschworen, ihm auch einige sehr wichtige Fingerzeige in Betreff der orientalischen Frage gegeben hatte, verabschiedete ich mich von ihm, um die nöthigen Vorbereitungen zur Abreise zu treffen. In meinen Gasthof zurückgekehrt, ließ ich es meine erste Sorge sein, dem Vicekönig meine Thiere unter Aufsicht eines verläßlichen Mannes zuzuschicken. Sie dauerten mich, denn die Thiere waren sehr gerührt und ließen den Kopf hängen und »Mimili«, das Krokodil, vergoß auf dem ganzen Wege einen Strom von Thränen. Indeß den höheren politischen Zwecken müssen alle Privatsympathien weichen. Eine halbe Stunde darauf erschien ein Cawaß oder Sendbote des Vicekönigs, und überbrachte mir ein prachtvolles Reitpferd aus dessen Marstall, eine Kassette mit Piastern gefüllt und den höchsten Orden des Landes. Eine halbe Stunde später ließ sich eine Deputation von Stadträthen melden, die mir das Diplom als Ehrenbürger der Stadt überreichte. Noch eine halbe Stunde später, und es erschienen die Spitzen der städtischen Polizei, um mir Abbitte zu leisten und mir das Geld, um das sie mich übervortheilt hatten, zurückzuerstatten. Die Rückzahlung geschah in ehrlichen ägyptischen Piastern, was mir sehr lieb war, aus Gründen, die dem Leser nach dem Vorhergegangenen einleuchten werden. Eine Ehrenescorte begleitete mich bis Alexandrien. Es lag mir sehr wenig daran, die ganze Seereise in Begleitung meiner ehemaligen Frau zu machen; ich bestieg also ein nach Neapel bestimmtes Segelschiff, während Beate mit einem am folgenden Tage abfahrenden Lloyd-Dampfer nach Triest absegeln sollte. Ich selbst löste ihr ein Billet und überreichte es ihr in Begleitung einer wohlgefüllten Börse. Sie wollte mir dafür mit einem Kusse danken, ich aber erklärte, davon keinen Gebrauch machen zu können. Damit schieden wir. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Neapel sehen, und dann – sterben? Nein, sondern Macaroni essen! Gräfin Hahn-Hahn. Ein nach den Regeln der diplomatischen Kochkunst wohl combinirtes diplomatisches Diner ist der höchste Triumph des menschlichen Geistes. Gentz. Mich ärgert mein Fleisch. es kostet zu viel An Champagner, Austern und Rheinwein. Ich wollt', ich wär' ein bloßes Skelett – Dann braucht' ich nicht Trüffeln noch Steinwein. Heinrich Heine. Ueber Neapel und den Golf von Neapel, der gar nicht übel ist, über den Vesuv und das was er auswirft, über die gemüthlichen Lazzaroni, mit denen ich bald im besten Einvernehmen stand, über Pompeji und Herkulanum, welche nach meinen geologischen Untersuchungen nicht von einer Ueber-Aschung überrascht wurden und nicht mit vulkanischen Experimenten, sondern mit Resten weggeworfener, von der Sonne zu Asche gedörrter Macaroni bedeckt sind, ließe sich sehr Vieles berichten; ich halte mich jedoch nur an das Interessanteste und dieses war zu der Zeit, als ich mich in Neapel befand, jedenfalls ich selbst. In Neapel trat ich aus Gründen der höhern europäischen Politik, die mir der Pascha von Aegypten in meiner letzten Unterredung mit ihm beigebracht hatte, als Fürst Dimitri Närrschikow auf, that meine russische Orden und den ägyptischen Stern für militärische Tapferkeit an und bezog eine Villa am Fuße des Vesuv, die wegen der Diners, welche ich veranstaltete, bald der Sammelpunkt der Nobilis und der diplomatischen Welt wurde. Durch allerlei von mir erfundene chemische Mittel war es mir gelungen, den Speisen und Getränken einen besonders pikanten Beigeschmack zu verleihen, der allgemeine Bewunderung fand. Diese diplomatischen Diners waren für mich im hohen Grade lehrreich und interessant und führten mich in die Geheimnisse der europäischen Fragen ein. Die Unterhaltung wurde natürlich französisch geführt, und ich lernte bald alle Feinheiten der diplomatischen Sprache; ich merkte, daß wenn die Gesandten der drei Ostmächte von »Beefsteak« sprachen, sie darunter England verstanden, und umgekehrt die Gesandten der Westmächte von »Kaviar« sprachen, wenn sie Rußland im Sinne hatten. Aeußerte z. B. der russische Gesandte zum östreichischen: »dieses Beefsteak muß durch unsere Cooperation vertilgt werden«, so wußte ich sofort, daß in diesem Augenblick ein geheimer Plan gegen England veradredet wurde, und äußerte der englische Gesandte zum französischen: »dieser Kaviarsemmel gegenüber gilt es, unsere entente cordiale aufrecht zu erhalten«, so wußte ich, und der Leser nun gewiß auch, was damit eigentlich gemeint sei. Aeußerte dagegen der russische Gesandte zum englischen: »Excellenz, lassen Sie uns diese türkische Zuckermelone theilen«, so erkannte ich auf der Stelle, daß eine Wendung in der Politik eingetreten sei und es sich zwischen dem Hofe von St. Petersburg und dem von St. James um ein Theilungsproject in Betreff der Türkei handele. Man wird daraus erkennen, von welcher außerordentlichen europäischen Wichtigkeit diese diplomatischen Diners sind. Meine Gastfreiheit nahm jedoch meine pecuniären Mittel gewaltig in Anspruch, zumal ich keine Kosten scheute, um meinen Gästen die außerordentlichsten Schauspiele zum Besten zu geben. So veranstaltete ich z. B. am Schlusse jedes meiner hochberühmten Bälle, oder »vesuvischen Nächte«, wie ich sie nannte, einen Ausbruch des Vesuv. Man kann sich denken, daß die Herbeischaffung und Bereitung der Stoffe, mit denen ich die Eingeweide des Berges entzündete, und derjenigen, mit denen ich dem Ausbruch zu rechter Zeit wieder Einhalt that, die enormsten Summen verschlang. So etwas geht begreiflicherweise nur eine Zeitlang, und dann verbietet es sich von selbst. Ich sah mich zuletzt genöthigt, die Demantknöpfe von meinen rothsammetnen Beinkleidern, dem Geschenke des Sultans Piesacko, so wie meinen ägyptischen Orden an einen Juwelier zu verkaufen; aber der Erlös reichte eben nur für einen einzigen Ballabend mit Vesuv-Ausbruch hin. Dies war gewissermaßen meine Henkermahlzeit, aber eine wahrhaft großartige. Ich hatte einen künstlichen Lavastrom bis ganz nahe an meine Villa geleitet und dadurch meine Gäste, Herren wie Damen, so in Schrecken gesetzt, daß sie trotz meiner Versicherung, die Lava sei bereits zum Stehen gebracht, aufs eiligste zu Pferde und zu Wagen flüchteten. Bei dieser großen Hast waren freilich einige Brillantschmucke liegen geblieben, welche ich in Verwahrung nahm und folgenden Tags aus bloßem Versehen mit einigen meiner Röcke, in deren Taschen sie ohne meine Absicht gerathen waren, bei einem jüdischen Geldverleiher versetzte. Ich war übrigens so ehrlich, den Eigenthümern sofort die Pfandzettel zuzusenden und mich bei ihnen wegen dieses Versehens zu entschuldigen. Ich beschloß nun, in den nächsten Tagen diesen vulkanischen, unter meinen Füßen brennenden Boden zu verlassen; aber der russische Gesandte, Graf Schuftigow, kam mir zuvor. Er hatte schon seit einiger Zeit das miserable Gerücht ausgesprengt, daß ich ein Abenteurer sei, da es, so weit er die russische Aristokratie kenne, im ganzen Umfange des russischen Reichs keine Fürstenfamilie Närrschikow gebe. Das Versehen mit dem Versatz der liegen gebliebenen Brillantschmucke kam nun hinzu und bereitete mir einen höchst fatalen Auftritt. In einer der nächsten Nächte überfiel mich Graf Schuftigow in Begleitung seiner bewaffneten Dienerschaft in meiner Villa und ließ mich vom Lager reißen. Schuftigow selbst stand mit grimmigem Gesicht und mit geschwungenem Kantschu vor mir und fragte: Knetschunin knollikow prapuschnin? Da ich kein Russisch verstand, schüttelte ich den Kopf. Mit noch grimmigerer Stimme fuhr er dann fort: Keilikow, keilikow, Hurrah! – Hurrah, Hurrah! keilikow! Hurrah! riefen seine Diener; er selbst holte mit dem Kantschu gegen mich aus, ich aber unterlief ihn rasch, entwand ihm den Kantschu und versetzte ihm, selbst Hurrah, Hurrah! rufend, einige tüchtige Streiche, worauf eine ganz merkwürdige Aenderung in seinem Benehmen vorzugehen schien. Er wurde freundlicher und sagte in der Sprache der Diplomatie, der französischen: Ein Russe sind Sie nicht, denn Sie verstehen kein Russisch, aber Sie wissen den Kantschu zu handhaben wie ein geborner oder gelernter Russe und das freut mich, freut mich außerordentlich. Sie sind kein russischer Fürst, verdienten aber einer zu sein. Vielleicht werden Sie es noch, denn in Rußland kann man Alles werden, Rußland ist die wahre organisirte Republik, vertreten in der Person des Czaren, der das Privilegium hat, einen Koch zum Fürsten und einen Fürsten zum Koch zu machen. Es versteht sich von selbst, daß solche paradiesische organisirte Republiken auch eine Hölle für die Verworfenen haben, und wenn die organisirte Republik Frankreich Cayenne hat, so hat die noch organisirtere Republik Rußland ihr Sibirien; sollte es wirklich zwischen den beiden Höllen einen Unterschied geben, so ist es der, daß man in der einen vor Hitze und in der andern vor Kälte verschmachtet. Doch genug davon. Ich habe den Auftrag, Sie sofort nach St. Petersburg fortzuschaffen, wo Sie den Posten eines Leibkochs des Czaren mit Geheimrathsrang übernehmen sollen, was, bei Lichte besehen, eine sehr ehrenwerthe und für Sie vollkommen geeignete Stellung ist. Mein allergnädigster Herr, der Czar, der von Ihren diplomatischen Diners und vesuvischen Nächten vernommen hat, hat mir den Befehl ertheilt, ihm ein so ausgezeichnetes Kochgenie lebend oder todt zu liefern, falls ich überhaupt noch Gesandter bleiben wolle. Wenn Sie sich gut aufführen, so können Sie auch das noch werden, was Sie jetzt noch nicht sind, nämlich Fürst, wobei Sie immer noch für den Czaren und die kaiserliche Familie kochen und dadurch zu Ihrem fürstlichen Gehalt noch etwas dazu verdienen können. So etwas verträgt sich bei uns ganz gut neben einander. Die Kunst den Kantschu zu handhaben verstehen Sie außerdem meisterhaft; und ein russisches Sprichwort sagt: Mit dem Kantschu in der Hand kommt man durchs ganze Land. Der Czar prügelt Sie, aber Sie prügeln wieder die Küchenjungen und Küchenmamsellen, ganz nach Belieben; so gleicht sich bei uns Alles wieder aus. Widersetzen Sie sich Ihrem Glücke nicht! die Uebermacht ist gegen Sie! seien Sie vernünftig, ziehen Sie sich an, und besteigen Sie den Wagen, der draußen auf Sie wartet! Hier haben Sie übrigens den Gehalt für das ganze erste Jahr voraus – 4000 Silberrubel, was, denke ich, eine ganz artige Summe ist, ungerechnet das, was Sie sich unter der Hand machen können; denn darin nimmt man es in dem liberalen Rußland nicht sehr genau. Ich fand diese Summe allerdings ganz artig und annehmbar, versprach mich zu fügen, zog mich an, steckte die 4000 Silberrubel und was ich noch sonst an Baarem besaß zu mir und langte dann noch meine drei russischen Orden hervor. Sofort streckte Graf Schuftigow die Hand darnach aus und rief: Her damit! wie sind Sie zu diesen Orden gekommen, Herr Oberküchenmeister? Ich theilte ihm nun in der Kürze mit, wie ich zu diesen Orden gekommen sei, worauf er sie mit den Blicken eines Kenners untersuchte und dann bemerkte: Mein Herr, Sie thun mir leid, Sie sind arg betrogen worden! Karabatschew war immer ein Gauner. Die Steine sind nicht ächt; die ächten wird er herausgenommen haben. Ueberhaupt wollte ich Ihnen freundschaftlichst rathen, ja recht vorsichtig zu sein und einen Juwelier zu Rathe zu ziehen, wenn Ihnen in St. Petersburg ein Orden angeboten werden sollte. Man kann sich in dieser Hinsicht bei uns nicht genug in Acht nehmen. Diese drei Orden sind, wie gesagt, bis auf die Emaille nichts werth, und ich habe daher keine Ursache, sie in Verwahrung zu nehmen. Aber ein Schlaukopf bleibt er doch, der Karabatschew! Nun, dann will ich den ganzen Kram auch nicht! rief ich, nachdem ich mich durch nähere Prüfung selbst überzeugt hatte, daß die Brillanten nicht ächt waren, worauf der Kammerdiener des Grafen vortrat, und auf französisch erklärte, er wolle die Orden als Spielzeug für seine Kinder mitnehmen, damit sie sich bei Zeiten an das jetzt unvermeidliche Tragen von Orden gewöhnen möchten. Ich überließ sie ihm und setzte mich nun ohne weiteres Sträuben in den vor dem Hause haltenden Wagen, auf dessen Rücksitz, mir gegenüber, ein Oberst und ein Major, jeder eine geladene Pistole mit gespanntem Hahn in der Rechten, Platz nahmen. Der Kutscher knallte mit der Peitsche und fluchte, der Graf fluchte, der Oberst fluchte, der Major fluchte, der Kammerdiener fluchte, die zwei Kosaken, welche an beiden Seiten der Chaise daherritten, fluchten, und der Wagen fuhr ab mit einer Schnelligkeit, daß er in allen Fugen und Gelenken knackte. Mein Entschluß war aber ein und für allemal gefaßt; ich war entschlossen, mich nicht nach Rußland transportiren zu lassen, weil es der gefürchteten Region der Zobel und sibirischen Bergwerke gar zu gefährlich nahe liegt, sondern die 4000 Rubel meinem deutschen Vaterlande zuzuwenden. Wer hat nicht schon etwas von einem »betäubenden Lärm« gehört? Nun, dieses Mittel fiel mir noch zur rechten Zeit für den beabsichtigten Fluchtversuch ein. Wir waren schon mehrere Tage und Nächte gefahren, als ich, in der Nähe einer norditalienischen Stadt angekommen, plötzlich so fürchterlich zu brüllen, mit den Füßen zu stampfen, die Wagenfenster kurz und klein zu schlagen, kurz einen so infernalischen Lärm zu machen begann, daß trotz allen Ohrenzuhaltens erst der Oberst, dann der Major betäubt in die Ecke ihres Wagensitzes sanken. Ich fuhr nun mit Lärmmachen aus allen Kräften fort, bis auch der Kutscher vom Bocke und die Kosaken von ihren Pferden zu Boden fielen, und nun schlüpfte ich vorsichtig aus dem Wagen und lief spornstreichs querfeldein, denn das konnte ich mir wohl sagen, daß meine Russen sehr bald aus ihrer Betäubung erwachen würden. Wer sich übrigens diesen Vorfall nicht erklären kann, der möge sich erinnern, daß in mir einer jener homerischen Helden wieder aufgelebt ist, welche schreien konnten »wie zehntausend Achaier«. Ich übertreffe aber in diesem Punkte die homerischen Helden noch weit, denn ich kann, wenn es darauf ankommt, schreien wie zehntausend Mittelmärker, wenn sie im Kruge Trumpf ausspielen. Und das will etwas sagen. Eine Mauer hemmte meine Flucht; doch traf ich bald auf ein nur angelehntes Gitterthor, welches sich öffnete. Ich erblickte mich auf einem Kirchhofe. Der Abend war hereingebrochen, dünnes Gewölk hatte schleierartig den Himmel umzogen und ein feiner Regen rieselte herab. Mich gegen diesen zu schützen nahm ich meine Zuflucht in ein Todtengewölbe, welches sich weit unter der Erde hinstreckte. Bei den Strahlen des hier und da durch das Gewölk hindurchbrechenden Mondes sah ich in langen Reihen Sarg an Sarg gestellt und erkannte an den silbergestickten Fürstenkronen, womit die schwarzsammtnen Sargtücher geschmückt waren, daß ich mich in der Nähe sehr aristokratischer Gebeine befand, wozu ich mir nur Glück wünschen konnte. Denn vornehme Leute schnarchen nicht, und so durfte ich annehmen, daß auch ihre Gebeine nicht schnarchen und mir eine ruhige Nacht lassen würden. Ich zog von mehreren Särgen die Bahrtücher herunter, bereitete mir von ihnen ein Lager sammt Kopfkissen, streckte mich darauf hin und schlief, ermüdet wie ich von den Stößen des Wagens war, auch sehr bald ein. Ich mochte nur wenige Stunden geschlummert haben, als ich plötzlich durch ein gewaltiges Geklapper und Gepolter aus dem Schlafe erweckt wurde und nun einen Anblick hatte, der jedem Andern als mir das Blut in den Adern in Eis verwandelt haben würde. Ich sah nämlich wie die Gerippe die Deckel von ihren Särgen abwarfen, sich erhoben, aus den Särgen herausschritten, einander die knöchernen Hände drückten, knixten oder sich verbeugten und sich einen guten Abend! Sehr erfreut, Sie zu sehen! Wohlgeruht? Wie befinden sich Signora? Abscheuliches Wetter draußen! und ähnliche Phrasen zuflüsterten. Die weiblichen Gerippe trugen seidene, auf der Brust sehr weit ausgeschnittene Kleider, meist ohne Aermel, die männlichen theils schwarze oder purpurne Sammtmäntel aus älterer Zeit, theils Fracks aus der Rococo und aus der neuen Zeit, wobei mir nur auffiel, daß ihnen die Beinkleider fehlten, was mich sofort auf die Vermuthung brachte, daß sie auf ihre schlanken weißen Beinknochen sich etwas einbildeten. Sie hatten goldene Ketten um die Hälse und goldene Siegelringe an den Händen, mehrere auch Diademe oder Fürstenkronen auf den Häuptern. Dabei verbreitete sich über das Ganze ein fahles bläuliches Licht, das von den Gerippen auszugehen schien, und mir jede ihrer Bewegungen genau zu verfolgen erlaubte. Einige hatten auch wohl einen Brust-, Arm- oder Beinknochen verloren, den sie nun ängstlich in ihrem Sarge hervorsuchten und sich an der Stelle, wo er fehlte, einfügten. Hierbei kamen freilich einige Verwechselungen zwischen Mein und Dein vor, indem Einzelne sich die besser erhaltenen Brust- oder Hüftknochen der Nachbarn aneigneten, was zu manchen höchst drastischen Zank- und Raufscenen Veranlassung gab. Was ich nun mit ansah, war sehr wunderbarer Art. Einige Gerippe schoben eine Anzahl Särge an der Wand wie zu einer Musikbühne zusammen, stellten sich darauf und begannen eine bairische Galoppade zu brüllen, die höchst schauerlich durch das Gewölbe klang. Sofort ordneten sich die Gerippe paarweise zum Tanz und der wilde Reigen begann. Es war entsetzlich mit anzuschauen, wie die Schleppkleider sich bauschten, wie die Sammtmäntel sich von einander thaten und die langen knöchernen Beine sich darunter hervorstreckten und mit unheimlicher Gelenkigkeit und Schnelligkeit hin- und herwirbelten. Ein Liebespaar hatte aber inzwischen auf einem Sarge in meiner Nähe Platz genommen und tauschte Liebesschwüre und Küsse mit einander und hielt sich umstrickt mit den bleichen Knochenarmen. Wie schön du bist, süße Angiolina! flüsterte schmachtend das Gerippe des Jünglings, indem es mit seiner knöchernen Hand über ihren knöchernen Arm hinwegstreichelte – wie schlank und zierlich sind deine Gebeine, weiß und fein wie Elfenbein! Das Gerippe der Jungfrau aber drückte zärtlich des Geliebten knöcherne Hand und sagte: Fernando! wie glänzen deine Gelenke so rein, gebleicht im Mondenschein! Oh wie ich sie liebe, diese weißen Gelenke meines Fernando! Und dann herzten sie einander und flüsterten süße Liebesworte und citirten schöne Strophen aus Ariost und Tasso. Unglücklicherweise kam im wilden Wirbel ein Paar meinem Lager zu nahe, strauchelte und stürzte über mich hinweg, was mir bei der Eiseskälte ihrer Gebeine ein keineswegs sehr angenehmes Gefühl verursachte. Das Geripp des männlichen Tänzers raffte sich zuerst wieder empor, schnaufte gewaltig und rief mit kreischender Stimme: Kameraden, ich athme die unerträglichste Wärme von Menschenfleisch! Zu Hilfe, zu Hilfe! Zieht ihm das Fleisch ab, daß er werde wie Unsereiner! Da stockte der Tanz, und in wildem Gewirre stürzte das Gesindel auf mein Lager los, die Zähne fletschend und die knöchernen Arme gegen mich erhebend. Er hat uns unsere Sargtücher gestohlen! rief ein Geripp im Herzogsmantel; er ist ein Bandit, denn er ist ein Mensch! Und nun begannen sie an den Bahrtüchern, auf die ich mich gebettet hatte, zu zerren und suchten sie mir zu entreißen, während ich mich bemühte sie mit aller Gewalt festzuhalten. Ich weiß nicht, wie dieser Kampf geendet haben würde, wenn mir nicht plötzlich Hilfe gekommen wäre von einer Seite, von der ich sie am wenigsten erwartete. Vom Kirchhof her drang plötzlich ein entsetzliches Gebrüll und Geheule in mein Ohr, und nicht lange, so quoll eine Schaar von Gerippen in das Todtengewölbe, welche meist mit Lumpen bekleidet und auch sonst sehr schmutzig anzusehen waren. Moder und Erde hingen an ihren Gebeinen, Gras hatte sich in den Gelenken festgesetzt und in ihren Augenhöhlen hatten sich Spinnen und anderes Gewürm eingenistet. Es war offenbar eine sehr unsaubere Gesellschaft, »Canaille« wie mans nennt, niederer Pöbel, der sich so eben aus den Gräbern herausgewühlt hatte, ungestüm in seinem Benehmen und mit rostigen Schwertern, Baumästen und Fragmenten von Grabsteinen bewaffnet. Einige mochten wohl Herwegh's Gedichte gelesen haben, denn sie hatten, dessen tactische Vorschrift befolgend, die Kreuze aus der Erde gerissen und schwangen sie drohend über ihren Knochenhäuptern. Grimmig riefen sie: Freiheit und Gleichheit! nieder mit den Aristokraten! Würgt sie mitten in den Genüssen ihres nächtlichen Bacchanals! und wie sie so riefen und Steine gegen die Schädel der Aristokraten schleuderten, schienen ihre Knochenantlitze förmlich Leben und Bewegung zu gewinnen und sich zu verzerren, als hätten sie Fleisch und Muskeln. Da die Rebellen bewaffnet, die Angegriffenen aber unbewaffnet waren, so war der Kampf in kurzer Zeit entschieden. Die Knochenglieder der aristokratischen Gerippe wurden förmlich zerhackt. Dort flog ein Arm aus seinem Schultergelenk, dort wurde ein Bein, dort ein Schädel zerschmettert. Die Aufständischen ließen keinen Knochen am andern, sie zerstreuten die Gebeine der Aristokraten auf dem Marmorboden und traten mit ihren knöchernen Beinen auf ihnen herum, was einen schauerlichen Eindruck machte. Auch Angiolina und Fernando wurden mitten in ihrer Umarmung zerhackt und zermalmt; ihre Gerippe starben einen schönen Tod, Brust an Brust, und seine und ihre Knochen wurden dann unter einander gemengt, was ihnen ohne Zweifel sehr lieb war. Hierauf setzten sich die siegenden Rebellen gruppenweise auf die Särge umher, hüllten sich in die seidenen und sammtnen Gewänder der Unterlegenen und ließen eine Graburne von Mund zu Mund kreisen; doch konnte ich nicht sehen, was sie daraus und wohin sie es tranken. Nur bemerkte ich bald, daß das Getränk seine Wirkung nicht verfehlte; denn sie schwatzten allerlei confuses Zeug, von der Gleichberechtigung aller Gerippe, von der Einsetzung einer provisorischen Regierung und von der Wahl eines Präsidenten. Aber sie kamen nicht dazu. Denn nachdem sie noch das schöne Lied: »Was kommt dort von der Höh?« gebrüllt hatten, wurden ihnen die Schädel sehr schwer; sie strauchelten eins über des andern Füße, suchten einander zu stützen, fielen aber zu Boden, blieben liegen und streckten und dehnten ihre Knochenglieder in höchst schauerlicher Weise. Nur Einige behielten ihre Besinnung, und ein unglückliches Ungefähr wollte, daß sie mich in meinem Winkel entdeckten. Was für ein abscheuliches Geschöpf! riefen sie. Man erblickt ja an ihm nichts als Fleisch? Wie zierlich sehen wir gegen solch ein plumpes Fleischbündel aus! Um sie los zu werden oder zu beschwichtigen, bot ich ihnen aus meinem Etui der Reihe nach feine Havannahcigarren an, die sie mit dem größten Dank in Empfang nahmen, worauf wir die besten Freunde wurden. Die Gerippe zündeten ihre Cigarren an, und es sah possierlich genug aus, wie sie die dampfenden Cigarren zwischen den Zähnen hielten und wie alte Raucher ganz kunstfertig schmauchten. Sie forderten mich auf bei ihnen zu bleiben und versprachen mir, sich jede Nacht hier einzufinden, um mit mir eine Cigarre zu rauchen und einen Schluck guten Magenbittern zu trinken, und sie gestanden mir, daß ich ein höchst possierliches Aussehen habe und daß sie lachen müßten, wenn sie mich nur anblickten. Und dann lachten sie so ausgelassen, daß sie sich die Seiten halten mußten, und alle ihre Gebeine hin- und herklapperten. Ich lachte dann auch, aber es kam mir ehrlich gestanden nicht von Herzen; denn die Situation, in der ich mich befand, war eher unheimlich als lustig, und meine knöchernen Kumpane machten mir lange nicht so viel Spaß als ich ihnen zu machen schien. Werde Unsersgleichens! sagte eins der Gerippe. Ich antwortete, daß ich dazu noch lange keine Lust habe. Nun, so trink wenigstens Eins! Laß uns Brüderschaft trinken! Auf Du und Du! fuhr das Gerippe fort, aber der Inhalt der Todtenurne verbreitete einen so erdigen und modrigen Duft, daß es mir unmöglich war davon zu versuchen. Ich entschuldigte mich, daß ich nichts vertragen könne. Das Gerippe brummte mir hierauf einen »dummen Jungen« auf. Dies war mir denn doch zu viel, denn auf Ehre habe ich stets gehalten, und schnell entschlossen versetzte ich ihm einen Backenstreich, daß ihm der Schädel wackelte. Hierauf ging die allgemeine Schlägerei los; da sie aber sämmtlich schon eben so schwer in den Köpfen als schwach in den Beinen waren, so wurde ich endlich aller sechs Gerippe Herr, warf sie eins nach dem andern in einen offenstehenden Sarg, stülpte den Deckel darüber, setzte mich darauf und ließ sie so lange darinnen rumoren, bis sie endlich still und wahrscheinlich selbst vor Ermüdung und Trunkenheit in Schlaf versunken waren. Auch ich versank nun in eine Art Betäubung. Als ich erwachte, fand ich mich lang auf den Deckel des Sarges hingestreckt. Die Sonne mochte schon hoch stehen, wie ich an den Streiflichtern zu erkennen glaubte, die durch das Gitterfenster in das unheimliche Todtengewölbe fielen. Mir kam das Erlebte wie ein Traum vor, und doch erblickte ich um mich genug Zeichen sowohl des Bacchanals als des Kampfes, der den Ball unterbrochen hatte. Zwar die Gerippe lagen nicht mehr umher. Wohin sie gekommen, weiß ich nicht, überlasse es vielmehr dem Scharfsinn des Lesers, hierüber sich seine eigenen Gedanken zu machen. Aber da lagen zerstückte Herzogsmäntel, da lagen abgerissene Brüsseler Spitzen, da lagen goldene Ketten und Ringe und Spangen und Ordenskreuze. Nur nicht blöde sein! sagte ich zu mir, und steckte mir von den Pretiosen alle Taschen voll, was jeder vernünftige Mann an meiner Stelle auch gethan haben würde. Es war ja herrenloses Gut. Von hier begab ich mich in die Stadt, die keine andere war als das altberühmte Ferrara, und suchte sofort ein Mitglied jener höchst nützlichen Menschenklasse auf, welche es sich zur uneigennützigen Aufgabe macht, Pretiosen und Werthsachen aller Art anzukaufen, ohne zu fragen, wie der Verkäufer dazu gekommen ist. Mein Mann war ein Jude, mit einem pfiffigen Ausdruck im Gesicht, den ich fast ehrwürdig nennen möchte. Ich deutete ihm an, daß es mit den Kostbarkeiten, die ich ihm zum Kaufe anbot, seine eigene Bewandtniß habe, und er antwortete in Vertrauen erweckender Weise: Verlassen sich der Herr auf meine Ehrlichkeit! Der Gott meiner Väter bewahre mich davor, daß ich suchen sollte einzudringen in ein solches Geheimniß und beflecken sollte mein Gewissen, indem ich zuwiderhandelte allen Grundsätzen redlicher Geschäftspraxis. Der Mensch weiß ja nicht, von wannen der Wind kommt und wohin er geht; so will ich auch nicht wissen, von wannen diese Dinge kommen, wie ja auch der Herr nicht werden wissen wollen, wohin sie gehen. Was er mir dafür zahlte, war, wie er versicherte, das Aeußerste, was er dafür zahlen könne, obschon, wie man sich denken kann, etwas stark unter dem Werthe meiner Kostbarkeiten. Er verkaufte sie noch an demselben Tage mit bedeutendem Vortheil an einen Glaubensgenossen und dieser wieder mit noch bedeutenderem an einen christlichen Handelsmann. Diesem aber erging es schlecht; denn er war ein Christ und kein Jude. Man fand ihn am folgenden Morgen todt auf seinem Lager. An seinem Halse und Genick waren tiefe Eindrücke wie von knöchernen Fingern wahrzunehmen, an denen man erkannte, daß er erwürgt worden war. Mehrere Finger, die er seinen Mördern im nächtlichen Kampfe abgebrochen haben mochte, wurden auf seinem Lager gefunden, es waren aber knöcherne Finger, und ganz Ferrara zerbrach sich über diesen wunderlichen Umstand den Kopf. Der einzige Mann, der allenfalls darüber Aufklärung geben konnte, schwieg – nämlich ich. Mein Jude, den ich fragte, ob man nicht meine Kostbarkeiten bei dem Ermordeten vorgefunden habe, antwortete: Dergleichen seien nicht bei ihm gefunden worden, und er versicherte, daß ihm in seiner Geschäftspraxis so etwas noch nicht vorgekommen sei. Die drei knöchernen Finger wurden von den Gerichten in Beschlag genommen; ein Eigenthümer dazu hat sich nicht gemeldet, aber wohl waren sie des einen Morgens auf eine Allen unbegreifliche Weise aus der Gerichtskanzelei verschwunden. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Süße Heimath meiner Jugend, Wo mein Gänseblümchen stand, Wo ich im Gefühl der Tugend Duft'ge Veilchensträuße band, Wo ich, recht nach Kindersitte, Manchen schönen Frühlingstag In der stillen Hundehütte, Einen Hund mich dünkend, lag. Matthisson. Meines Bleibens in Ferrara war nicht sehr lange; denn mich verlangte nach der Heimath. Ich beschloß die Wanderung zu Fuße zu machen, theils um mich einmal recht auszulaufen, theils um die Schönheiten der Gegenden, die zwischen Ferrara und Schnipphausen liegen, besser genießen zu können. Man muß doch auch etwas für die Natur fühlen. Nun wußte ich so gut wie jeder Mathematiker, daß der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten die gerade Linie sei. Ich nahm daher eine Landkarte, zog von Ferrara bis Schnipphausen mitten durch das lombardisch-venetianische Königreich und die Schweiz mit Tinte einen dicken geraden Strich, und beschloß nun, diese Route einzuschlagen und von ihr weder nach rechts noch nach links in irgend erheblicher Distanz abzuweichen. Der gerade Weg ist der beste, dachte ich mir. So lange mich meine geradlinige Wanderung durch die Lombardei führte, stieß ich auf keine Hindernisse, die zu überwinden einem Manne von meinen Fähigkeiten besonders schwer angekommen wäre. Nun aber kam die Schweiz mit ihren, wie ich bei näherer Untersuchung fand, gar nicht unerheblichen Bergen, Schlünden, Klüften und Gletschern. Ich muß gestehen, daß mir bei dem Anblick dieser etwas hohen Alpenmauer doch ein wenig bange wurde. Indeß was ein Mann sich vorgesetzt hat, das soll er ausführen, oder er muß sich verachten. Ich begann also, auf mein gutes Glück, meine körperliche Kraft und Gewandheit und meinen Scharfsinn vertrauend, mitten durch die Schweiz gerade auf Schaffhausen loszumarschiren, indem ich dabei meine Specialkarte mit dem dicken Tintenstrich bei jeder zweifelhaften Stelle zu Rathe zog. In die Details meiner höchst merkwürdigen Wanderung kann ich mich hier nicht einlassen, nur einige wenige Hilfsmittel, deren ich mich zur Lösung meiner großartigen Aufgabe bediente, will ich hier anführen, um darzuthun, wie ich möglich machte, was jedem Andern unmöglich gewesen wäre. Gelangte ich an einen hohen Berg von der respectablen Höhe von zehn- oder zwölftausend Fuß oder darüber – denn von niedrigern Bergen zu sprechen halte ich unter meiner Würde – so wartete ich so lange, bis ein Lämmergeier, der in eine Schafheerde gefallen war, mit seiner Beute wieder dem Gipfel zuflog. Den Moment, wo er aufstieg, nahm ich dann sehr geschickt wahr, packte ihn an seinen Füßen und ließ mich von ihm ganz gemächlich auf den Berg hinauftragen. Ich hatte das – ich gebe zu – seltene Glück, immer an ungewöhnlich kräftige Lämmergeier zu gerathen, die sich ein Vergnügen und eine Ehre daraus machten, ein so merkwürdiges Individuum wie mich auf die Alpengipfel, auf denen sie hausten, hinaufzuschaffen. Befand ich mich nun oben auf dem Gipfel, so wartete ich so lange, bis eine Lavine abrutschte; ich streckte mich alsdann auf sie hin, und abwärts fuhr ich, daß mir dabei oft selbst Sehen und Hören verging; aber herunter kam ich mit ihr – das war gewiß. Galt's eine selbst für mich zu breite Kluft zu überspringen, so verbarg ich mich hinter eine Felswand und pfiff, wie die Gemse pfeift, wenn sie die Ihrigen locken will. Alsbald kamen sie zu Dutzenden herbei. Nun sprang ich hervor, trieb die erschreckten Thiere gegen den Rand der Kluft, schwang mich auf den Rücken der letzten Gemse und gelangte mit ihr im Sprunge auf den Felsrand gegenüber. Zuweilen warf ich auch meinen Tornister hinüber, faßte ihn in demselben Augenblick, wo er mir aus den Händen flog, wieder mit diesen und wurde so von ihm oder vielmehr von mir mit hinübergeworfen. Es bedarf dazu freilich eben so viel Kraft im Werfen als Geschwindigkeit im Zufassen und einem Andern als mir möchte das Experiment nicht gelingen. Glück muß der Mensch ohnehin in allen Dingen haben, und das hatte ich. So kam ich schneller als ich dachte an den Rheinfall von Schaffhausen, der gerade, weil ich dort zur Zeit der Schneeschmelze eintraf, zum Ueberlaufen voll war (er lief auch wirklich über) und einen merkwürdigen Spektakel machte. Um an das jenseitige Ufer zu gelangen, hatte ich nichts weiter zu thun, als mitten durch das stürzende Wasser, also in der Mitte des Falls, hindurchzuschwimmen, was ich auch that. Am jenseitigen Ufer angelangt, sah ich einen langgezogenen Engländer auf mich zutreten, der mir vor Freude über mein Unternehmen eine Tausendpfundnote in die Hand und einige Tropfen aus meinen durchnäßten Kleidern in ein kleines Fläschchen drückte, das er dann zum Andenken an meine That nach England mitgenommen hat. Er bat mich auch, ihm Unterricht im Schwimmen zu ertheilen und diesen Unterricht sofort zu beginnen, wobei er mir für jede Stunde dieselbe Summe versprach; aber ich antwortete, daß ich zwar Meister im Schwimmen, aber kein Schwimmmeister sei und überhaupt Eile habe. Ich reiste dann wie ein gewöhnliches Menschenkind mit der Post nach Mannheim, wo ich von dem Chef eines Handlungshauses, der meine Kenntnisse und Gewandtheit bewundern lernte, im Auftrage eines Neuyorker Hauses als Auswanderungsagent engagirt wurde. Unser Contract lautete, daß ich »für jeden Kopf« einen Karolin erhalten sollte. Auf der Stelle machte ich nun Reisen nach Düsseldorf, München, und andern deutschen Kunststädten und kaufte hier alle Porträts auf, die ich in den verschiedenen Künstlerateliers vorfand, bei welchem Handel ich auch Gelegenheit hatte, um einen wohlfeilen Preis mancherlei schlechte Genrebilder und Landschaften aufzukaufen, die aber für den Geschmack der Yankee's, so weit ich ihn kannte, immer noch gut genug waren. Diese Kunstschätze sandte ich fürs erste nach Hamburg und gab sie einem Spediteur in Verwahrung. Ich selbst aber setzte meine Reise nach Schnipphausen fort. In Leipzig nahm ich einen längeren Aufenthalt und hier war es, wo der Herausgeber dieses Buches die Ehre hatte, mich kennen zu lernen. Die Gerüchte über meine Thaten hatten sich inzwischen weit über das deutsche Vaterland verbreitet und die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Mehrere berühmte Naturforscher wandten sich an mich, um über die Flora und Fauna Beutellands und über die Gestalt des Nordpols von mir Auskunft zu erhalten; ein Dutzend Geschichtsprofessoren ersuchten mich um die Aufzeichnung meiner Thaten, um einige neue Bände ihrer »Weltgeschichten« damit füllen zu können; die Romanschriftsteller und Novellenschreiber Leipzigs zogen wie der Schweif eines Kometen in den Gassen Leipzigs hinter mir her, um aus meinen Mittheilungen neues Futter in die leere Krippe ihrer Phantasie aufzufüllen und ihrem ausgehungerten Pegasus wieder einmal einen festlichen Schmaus zu bereiten u. s. w. Ein deutscher Fürst beauftragte einen berühmten Künstler, mit den Darstellungen meiner Thaten al fresco eine Reihe seiner Gemächer zu schmücken; aber die eingesandten Cartons mißfielen mir wegen ihrer allzu symbolisch-allegorisch-metaphysischen Auffassung; denn der Künstler beabsichtigte mich als Urmenschen, welcher die gegenständliche Natur überwindet, zur Anschauung zu bringen und hatte mich daher – man denke – unbekleidet dargestellt, was mein Anstandsgefühl höchlichst verletzte. Ich protestirte dagegen und drohte mit einer öffentlichen Erklärung in der »Allgemeinen Zeitung«, und so zerschlug sich die Sache. Giacomo Meyerino Beerini, jüdischen Stammes, deutscher Geburt, italienischer Musikbildung, französischer Praxis und kosmopolitischen Reichthums, bot mir eine hohe Summe, wenn ich ihm meine Thaten zur Anfertigung und Componirung eines Operntextes überlassen wolle; ich erwiederte jedoch, daß nur der zu erwartende »dramatische Messias« würdig sei, diese Aufgabe zu lösen, und erklärte, damit bis zur Ankunft dieses Messias warten zu wollen. Doch trug ich mich schon damals mit dem Plane, meine Memoiren zu schreiben, denn die literarische Luft Leipzigs hatte mich mit ihren Miasmen angesteckt. Ich wandte mich dieserhalb an einen Buchhändler, der mein Freund geworden war. Er aber antwortete: Lieber Doctor! (so ließ ich mich in Deutschland am liebsten nennen) Sie sind mein Freund. Ich aber verlege aus Princip nur von meinen Feinden oder mir ganz gleichgiltigen Personen, weil ich bei den Honoraren, die ich zahle, meine Freunde unglücklich machen würde. Ein anderer Verleger bot mir als Honorar sämmtliche Maculatur, die er bis dahin verlegt hatte; ich weiß nicht mehr, wie viele tausend Centner es waren. Ich ging auf diesen Vorschlag nicht ein, und gab meine Idee für den Augenblick auf. Auch beabsichtigte ich damals einen »Faust« zu schreiben, weil ja zu der Zeit Jeder, welcher darauf Anspruch machte, auf der Höhe der Zeit zu stehen, einen »Faust« geschrieben haben mußte. Der Teufel sollte darin als ein sehr gemüthliches, gefühlvolles, namentlich für Tiedge's »Urania« und die »Stunden der Andacht« schwärmendes Bürschen erscheinen, der, als Faust des Lebens überdrüssig ist und auf Erfüllung des Contracts dringt, sich entschieden weigert, ihm den Hals umzudrehen, weil sich ein gebildeter Teufel mit so etwas nicht abgeben könne, worauf Faust zum lieben Gott läuft und den Teufel bei diesem als einen Contractbrüchigen verklagt. Die Darstellung des dadurch sich entspinnenden, mit allen juristischen Chikanen vor dem obersten himmlischen Gerichte geführten eigenthümlichen Processes sollte den Hauptkern dieser dramatischen Darstellung bilden. Diese gewiß neue Idee ist damals nicht zur Ausführung gekommen; ich hoffe jedoch später die Welt damit zu beglücken. Die höchste Anerkennung aber, die mir während meines Leipziger Aufenthalts zu Theil wurde, kam mir von einer Seite, von der ich es am wenigsten erwartet hätte. Von einer Wanderung in den wildromantischen Schluchten des Thonberges (ein paar Hasensprünge von Leipzig!) spät Abends nach meinem Hotel zurückgekehrt, wurde mir vom Portier ein Brief eingehändigt, der ihm, wie der Portier erzählte, von einem ihm gänzlich unbekannten, etwas fremdartig aussehenden Manne übergeben worden sei. Der Mann, so weit er, der Portier, in der Dämmerung zu erkennen im Stande gewesen, habe ein eigenthümlich bleiches, von einem wilden Barte eingerahmtes Gesicht und ein unheimlich stechendes Auge gehabt. Seine Sprache sei hohl und dumpf, sein Schritt ungewöhnlich schwer gewesen, so schwer, daß das ganze Hotel gewackelt habe. Auf seinem Haupte habe er einen Helm, an seinen Reiterstiefeln mächtig klirrende Sporen getragen, und unter seinem Mantel habe etwas wie ein Panzer geblitzt und ein langes Schwert darunter hervorgeragt. Der Mann habe nicht viel Sache gemacht, sondern mit hohler Stimme und im barschen Tone gesagt: Gleich zu besorgen! und damit sei er plötzlich verschwunden. Ich ließ mir sofort ein Licht auf mein Zimmer bringen und betrachtete das jedenfalls sehr räthselhafte Billet, das ich dann erbrach. Ich bemerke, daß der Brief mit einem Petschaft versiegelt war, das mir Aehnlichkeit mit dem alten deutschen Reichssiegel zu haben schien. Die Aufschrift bestand in einem wunderlichen dickstrichigen Gekritzel, welches ein fast runenhaft gothisches oder der Mönchsschrift verwandtes Ansehen hatte, aus dem ich jedoch meine Adresse und den Zusatz »cito, citissime!« herauszuerkennen glaubte. Noch mehr Kopfzerbrechen machte mir der Inhalt des Briefs selbst, bis ich Folgendes herausgelesen zu haben glaubte: »Herr Doctor Fritz Beutel wird freundlichst ersucht, sich in einer der nächsten Nächte zur Mitternachtsstunde am (konnte auch heißen: »im«) Kyffhäuser zu einer für beide Theile sehr wichtigen Besprechung einzufinden.« Unterzeichnet war das Billet mit der räthselhaften Unterschrift: F. d. R. in gothischen Buchstaben. Sofort nehme ich Extrapost, fahre ununterbrochen mit doppeltem Vorspann und befinde mich schon in der folgenden Nacht zur angegebenen Stunde am Eingange des Kyffhäuser. Hier stand ein Mann mit einer Hellebarde, der etwa so aussah, wie der Portier des Hotel de Baviere den Briefboten geschildert hatte, und der mir die Frage entgegenflüsterte: Sind Sie der Herr Doctor aus Leipzig, welchen mein Herr erwartet? Doctor Fritz Beutel! antwortete ich. Der Hellebardierer ergriff mich sofort bei der Hand, die er mit einer Gewalt drückte, als wäre seine eigene Hand von Marmelstein, daß ich fast laut hätte aufschreien mögen, wenn ich mich nicht geschämt hätte. Er führte mich in die Höhlung, die von einem eigenthümlichen Lichte erfüllt war, und stellte mich einer riesenmäßigen Gestalt vor mit den Worten »Herr Doctor Fritz Beutel aus Leipzig!« Fliegen die Raben noch um den Berg? redete mich die Gestalt gegenüber mit markerschütternder, aber dumpfer Stimme an. Wohl fliegen die Raben noch um den Berg! antwortete ich. Das ist schlimm! murmelte die Gestalt und versank auf eine Weile in ein dumpfes Hinbrüten. Ich betrachtete mir nun die Gestalt näher und konnte nicht zweifeln, daß ich vor Friedrich Barbarossa stände. Die Unterschrift des Briefes wurde mir nun klar; die Initialen F. d. R. sollten »Friedrich der Rothbart« bedeuten. Der Kaiser saß im Purpurmantel da, den rechten Arm gestützt auf einen Granitblock, durch dessen Fugen sein rothgelber Bart wie Schlingkraut lang, lang hindurchgewachsen war. Seine Züge waren blaß, aber etwas ermüdet und abgespannt; seine Augen brannten aber wie feurige Kohlen und bezeugten den Heldengeist, der in dieser ehrwürdigen Gestalt lebte. Lieber Herr Doctor! begann Barbarossa nach einer Pause, während welcher er mich durch eine Lorgnette, die er nach Art unserer Dandies mit dem rechten zusammengekniffenen Auge hielt, aufmerksam vom Kopf bis zu den Füßen gemustert hatte, es fängt mir allmälig an, sehr langweilig zu werden, hier zu sitzen und nur ab und zu etwas von der Oberwelt zu hören, was mir einige alte Schäfer der Umgegend zutragen, mit denen ich bekannt bin. Wenigstens möchte ich mich gern einmal rasiren lassen. Sehen Sie nur, wie wüst mein Bart aussieht! Oh, kaiserliche Majestät, sagte ich, da kann ich helfen; ich trage zufällig mein Rasirzeug bei mir! Und damit fuhr ich in meine rechte Rocktasche, um mein Reiserasirzeug herauszulangen. Seife, Bartpinsel, Rasirmesser – Alles da! Barbarossa lachte, daß der Kyffhäuser in seinen Grundfesten erschüttert wurde. Nein, verehrter Herr Doctor, so ist es nicht gemeint, sagte er. Den Bart muß ich behalten, bis ich wieder aufsteige zur Oberwelt, um mich dem Volke in meiner Herrlichkeit zu zeigen. Das Volk hat von meinem Barte so viel gehört, daß es nicht glauben würde, ich sei der Barbarossa, wenn ich mit glattem Kinn unter ihm erschiene. Nein, es ist etwas ganz Anderes, worüber ich mit Ihnen zu sprechen wünsche. Was halten Sie von meinem Project, dem deutschen Volke die Einheit wiederzubringen? Majestät, antwortete ich, aufrichtig gesagt, sehr wenig. Kein Deutscher ist einig mit sich selbst, und wenn zwei sich zusammen setzen, so gehen sie so gut wie vier auseinander. Nun, man muß nicht alle Hoffnung verlieren, bemerkte Rothbart, und ich muß Ihnen gestehen, daß ich eigentlich auf Sie alle meine Hoffnung gesetzt habe. Barbarossa winkte mir, neben ihm auf einem Stein Platz zu nehmen, und entwickelte mir seinen Plan und zwar folgenden – Doch daß ich ein Narr wäre, ihn mitzutheilen, damit ein Anderer ihn ausführe! Ich erwähne nur, daß Barbarossa die Wirren von 1848 voraussah, aber gleich bemerkte, daß daraus nichts hervorgehen werde außer einem pensionirten Marinerath ohne Marine, der als der einzige ehrwürdige Rest dieser Confusion übrig bleiben werde. Barbarossa's Plan bezog sich auf eine etwas spätere Zeit, er hängt mit der orientalischen Frage zusammen und greift nach Konstantinopel hinüber; seine Ausführung beginnt, wo die orientalische Frage endet. Mit dieser Andeutung möge sich der Leser für diesmal genügen lassen. Nachdem mir Barbarossa seinen Plan mitgetheilt, winkte er mir abzutreten und bemerkte: Es ist Schlafenszeit! Die Passivität, zu der ich verdammt bin, wirkt ermüdender als alle Activität und macht fürchterlich blasirt. Hier haben Sie noch ein Haar aus meinem Barte; es ist das Bundeszeichen, welches Tausende meiner Anhänger, deren Chef Sie nun sein werden, bereits in und außer Deutschland tragen, und zwar für jetzt noch in ihren Portefeuilles; zu geeigneter Zeit aber werden sie es im zweiten Knopfloche von oben, rechts, oder als Einfassung der Cravatte tragen. Fragt Sie inzwischen Jemand: Haben Sie ein Haar darin gefunden? so antworten Sie: ein fuchsrothes. Daran erkennen sich in der Stunde der Noth die Mitglieder des Bundes. Leben Sie wohl, Herr Doctor! und grüßen Sie mir meinen Freund Friedrich Rückert und meine übrigen Hofpoeten, die mich angesungen haben! Hier drückte mir Kaiser Barbarossa die Hand, daß mir alle Gelenke knackten und blaue Flecken noch wochenlang an meinen Fingern zurückblieben, und der Hellebardierer geleitete mich in die Nacht hinaus, mich neugierig fragend: Nun, wird's bald? worauf ich zu seiner Freude entgegnete: Freilich wird's bald; wo Fritz Beutel dabei ist, wird Alles bald. Nach Leipzig wieder zurückgekehrt, löste ich eine Preisaufgabe in einer Weise, welche in der gelehrten und medicinischen Welt großes Aufsehen erregte. Eine deutsche medicinische Akademie hatte einen Preis ausgeschrieben auf das beste Mittel zur Beseitigung der Kahlköpfe. Ich setzte mich sofort hin und schrieb: Man erfinde ein stählernes Messer so fein, daß es Haare zu spalten vermag. Angenommen, daß ein Mensch auch nur noch ein einziges Haar auf dem Kopfe hat, so theilt man dies der Länge nach in zwei Hälften. So hat besagter Mensch schon zwei Haare. Nun spalte man diese zwei in vier, diese vier in acht, diese acht in sechszehn, diese sechszehn in zwei und dreißig, diese zwei und dreißig in vier und sechszig, diese vier und sechszig in hundert acht und zwanzig und so in gleicher Progression fort, und es liegt auf der Hand, daß besagter Mensch zuletzt Millionen Haare auf dem Kopfe haben muß, womit die gestellte Frage gelöst ist. Die betreffende medicinische Facultät erkannte mir die Hälfte des Preises zu und erklärte, mir auch die andere Hälfte zu bewilligen, sobald es mir nur gelungen sein würde, auch das Messer zu erfinden. Nachdem ich der Leipziger Nationalnahrung, den Schweinsknöchelchen, so starken Abbruch gethan hatte, daß in diesem Artikel empfindlicher Mangel entstand und mir zur Vorkehrung größern Unheils die Aufenthaltserlaubniß entzogen wurde, begab ich mich auf den Heimweg nach Schnipphausen, unter ganz eigenthümlichen Gefühlen, die ich gern einem deutschen Lyriker abtreten will, wenn er mir eine anständige Summe dafür bietet. Er würde damit einen schönen Band lyrischer Gedichte in Duodezformat füllen können. Auch Reime habe ich genug vorräthig, und die will ich ihm noch gratis ablassen. Wie wird dir zu Muthe sein, sagte ich unterwegs zu mir, wenn du zuerst wieder den hölzernen viereckigen Kirchthurm erblickst, mit der langen Spindel darauf? Als ich mich aber Schnipphausen näherte, schaute ich vergebens nach meinem lieben alten hölzernen Kirchthurm aus; aber wohl erhob sich aus der Mitte des Dorfes ein dünner steinerner Bau, mit einer sehr kurzen steinernen Pyramide darauf, flankirt von vier ganz kleinen Thürmchen, die man als Spielzeug hätte in die Tasche stecken können. Dieser Steinpfeiler sollte ohne Zweifel einen Kirchthurm im modern gothische Geschmack vorstellen. Auch alles Uebrige fand ich verändert. Vergebens sah ich mich nach der Planke um, jenen Brettern, womit mir in meiner frühesten Kindheit die Welt an dieser Stelle vernagelt zu sein schien; vergebens nach dem Froschteich! er war ausgefüllt, und ich stellte trübsinnige Betrachtungen darüber an, welches Schicksal meine lieben Freunde, die Frösche, betroffen haben möge. Diese alten bemoosten Häupter waren unter dem Schutte mitbegraben – ein ganzes einst glückliches, nun ausgerottetes Volk. Nur in einem Tümpel neben an quakte ein alter Frosch, sehr melancholisch; es waren Klagelieder auf den Trümmern Jerusalems, Nänien auf den Untergang seines ehemals so blühenden Volkes, dessen letzter Nachkomme er war. Durch die Hinterthür begab ich mich in den herrschaftlichen Park und suchte vor allem nach meiner Adam- und Evagruppe. Sie war nicht mehr vorhanden. An ihrer Stelle stand der elegante Bronceabguß einer Canova'schen Venus mit dem Amor, und ich hörte später, daß man seit der Aufstellung dieser verführischen Gruppe leider eine Verschlechterung der Sitten unter der Dorfbevölkerung wahrnehme. Von dem alten, in seiner Verworrenheit und seinem Zerfall so malerischen Schlosse erblickte ich nicht eine Spur mehr. Ein vierstöckiges, kasernenartiges Gebäude mit einem hohen Dampfschornstein, welcher dem modernen gothischen Kirchthurm weit über die Schultern reichte, erhob sich an dessen Stelle. Ich erkundigte mich bei einem auf dem Hofe stehenden Manne nach dem Baron von, zu und auf Schnipphausen. Der habe seit Jahren Bankrot gemacht und das Gut sei einem jüdischen Geldmakler, der ihm die Capitalien gekündigt, in die Hände gefallen; das Schloß sei nun eine Fabrik, und der jetzige Besitzer lebe meist in der Hauptstadt und komme nur sehr selten nach Schnipphausen. An diesen Neuerungen sah ich, daß ich inzwischen alt geworden war; bis dahin hatte mich dieser Gedanke noch nicht beschlichen. Ich blickte in den Hofteich, worauf einige Schwäne stolz hin und herschwammen, und ein ziemlich ältliches faltenreiches Gesicht, leider mein eigenes, blickte mir daraus entgegen. Ich trat fremd vor mir selbst zurück. Lange strich ich tief in Gedanken und doch ohne zu denken um das Fabrikgebäude und im Park umher; ich konnte mich nicht überwinden, das Schulhaus aufzusuchen, worin ich und mein Großvater und Urgroßvater das Licht dieser ziemlich miserabeln Welt erblickt hatten. Ich kam mir wie ein ganz anderer Mensch, mein ganzes Leben mir wie ein Traumbild vor. Endlich entschloß ich mich und richtete meine Schritte nach dem Schulhause. Der Weg führte mich an der Pfarrwohnung vorbei; sie war neu, und auch der Pfarrer, der gerade aus einem Fenster blickte, war neu und hatte ein bleiches etwas blasirtes Gesicht, nicht das volle frische des alten Pfarrherrn, jenes wackern Mannes, der zwar nicht, wie sehr wahrscheinlich dieser junge Geistliche, den Ehrgeiz hatte, Consistorialrath zu werden, der sich aber gefreut haben würde, wenn ich einer geworden wäre. Das Schulhaus war wenigstens neu angestrichen und mit Ziegeln statt wie ehemals mit Stroh gedeckt. Die Birkenbäume standen nicht mehr vor dem Hause; ich weiß nicht ob sie inzwischen zu Ruthen verbraucht oder, um dem Hause mehr Licht zu gewähren, gefällt worden waren; denn wir leben in der Zeit des Klar- und Gleichmachens. Ich trete in die niedere Stubenthür. Ein junges geschwätziges Weib sitzt auf dem Stuhl und reicht ihrem Kinde die Brust, ohne sich durch meinen Eintritt bei ihrem mütterlichen Geschäft stören zu lassen. Ich gebe mich zu erkennen, frage nach meinen Eltern, nach meinen Geschwistern. Ach, so wissen Sie nicht? ruft sie aus, die sind ja Alle todt. Wie ist das möglich? fragte ich halb erstaunt, halb schmerzlich bewegt; es waren doch elf Geschwister und zwei Eltern, beide noch vollständig. Und keines mehr übrig? Ach, sagte die Frau, gerade wenn eine Familie so zahlreich ist, da hat der Tod seine Lust daran; er bricht herein, wie der Wolf in einen Schafstall, und geht nicht eher fort, als bis er sich gesättigt hat. Zwei von Ihren Brüdern nahmen Schwalbennester aus auf dem Kirchthurm; da glitt der eine aus, fiel, faßte den andern am Rock und zog ihn mit hinab. Unglücklicherweise standen zwei andere Brüder unten und jedem stürzte einer der Brüder, die vom Thurme fielen, gerade auf den Kopf. Das waren schon vier, die so erbärmlich ums Leben kamen. Nicht lange darauf mähte ein anderer Bruder von Ihnen Heu auf der Schulwiese, nachdem er kurz vorher wegen Nichtsthuerei von der Wanderschaft zurückgekehrt war – ich glaube er hieß Görgel – nun der mähte gerade Heu, bemerkte aber leider nicht, daß Ihre sechs Schwestern hinter dem langen Grase saßen und schlug ihnen allen mit einem einzigen Hiebe der Sense die Köpfe ab, worauf er aus Verzweiflung die Sense sich an den Hals setzte und diesen vom Rumpfe trennte. Ihre Eltern starben darüber aus Schreck; sie hätten's auch nicht lange mehr machen können, denn sie waren schon sehr alt. Aber gefreut haben sie sich immer, wenn Sie aus Amerika oder Afrika Geld schickten, und sie haben stets bis in ihre alten Tage darauf gewartet, daß Sie Ihnen einmal eine Equipage schicken würden, um sie nach Amerika oder Afrika abholen zu lassen. Ihr Herr Vater hat sich auch immer recht groß mit Ihnen gethan vor den Bauern und dann scherzend gesagt: Sie seien ihm freilich davon gelaufen, aber er werde Sie schon wieder einkriegen, trotz seiner alten Beine. Mein Mann könnte Ihnen wohl noch mehr erzählen; aber er ist gerade im Kruge und erklärt den Bauern die politische Zeitung; denn er ist sehr gelehrt in der Politik, obschon der Herr Prediger davon nichts wissen will und bereits Anzeige bei der Oberschulbehörde gemacht hat. Denn Sie müssen wissen, daß unser Prediger nach der Hauptstadt versetzt werden möchte, und da schadet es nicht, wenn man Andere anzeigt und ins Unglück bringt. Mein Mann aber läßt sich nicht stören; denn er sagt, er sei ein Republikaner, und Republikaner dürften sich in nichts nicht stören lassen. So sagt er, und es hilft nichts, daß ich ihn warne, denn er hat seinen republikanischen Kopf für sich und meint, er wolle Märtyrer der Freiheit werden, was jetzt ein sehr ehrenvolles Geschäft sei, und wodurch man in die Zeitungen komme, woraus ich mir aber ganz und gar nichts mache, denn – – Ich hatte die »denn's« der geschwätzigen Frau Schulmeisterin satt, und fragte nur noch nach der Erbschulzenstochter, Beate Regina Cordula Veronica Pipermann, und ob diese wieder in Schnipphausen eingetroffen sei. Ach, sagte hierauf die Schulmeisterin, die liederliche Person! fort ist sie, Ihnen nachgelaufen, und hat noch den Peter Silje, den Sohn des frühern Nachtwächters, überredet, mit fortzugehen, und darüber sind der Nachtwächter und seine Frau und der Erbschulze und seine Frau aus Gram gestorben; denn so etwas verträgt kein Mensch nicht, wenn er nicht Republikaner ist, denn – – Aber ist Beate nicht in der letzten Zeit wieder zurückgekehrt? fragte ich. Nichts ist zurückgekehrt! antwortete sie. So eine liederliche verlaufene Frauensperson würde auch von der Gemeinde im Dorfe nicht geduldet werden, des bösen Beispiels wegen; denn es ist etwas ganz Anderes, wenn eine Mannsperson liederlich ist und fortläuft; denn – – Ich hatte nun genug, und machte, daß ich aus der Stube kam. Ich begab mich nach dem Kirchhofe, unterwegs darüber nachdenkend, was aus Beaten wohl geworden oder was sie abgehalten haben möge, nach Schnipphausen zurückzukehren. Aber ich vermochte mir dieses Räthsel nicht zu erklären. Auf dem Kirchhof angekommen, erblickte ich die dreizehn Gräber gerade, wie sie mir die Fata Morgana in der Wüste gezeigt hatte. Ich ließ mich auf dem Grabe meines Vaters nieder, das sich durch ein Kreuz mit Inschrift auszeichnete, welches ihm noch der frühere Besitzer des Gutes Schnipphausen gesetzt hatte. Ich las diese würdigen Bibelsprüche und die schönen Gesangbuchverse und lernte sie auswendig. Meine Gedanken waren sehr betrübter Art. Dreizehn Gräber, dachte ich; wird sich ihnen ein vierzehntes Grab anreihen? Nein, rief ich entschlossen aus, und würdest du so alt wie Methusalem, der Schnipphausen'sche Sand soll nicht die Ehre haben, deine Gebeine zu bergen; sie sind zu kostbar für diesen Sandboden. So lange der Mensch handelt, so lange lebt er auch, und nur so lange und nicht länger. Auf, Fritz Beutel! Was sollte ich auch in Deutschland anfangen? Sollte ich die Baschkirenschwärme der deutschen Lyriker unter meinem Scepter versammeln und einen Schnipphausen'schen Musenalmanach herausgeben? Sollte ich mich als Oppositionsmitglied in eine der zahlreichen Kammern oder als Aeltesten in eine deutschkatholische Gemeinde wählen lassen? Oder sollte ich mich, was ja doch das Ende vom Liede ist, in einen Spittel für deutsche Männer einkaufen? Jedermann, der bis hierher mein Buch gelesen hat, wird wissen, daß Deutschland nicht der Boden war, auf dem sich meine Talente zu ihrem höchsten Glanze zu entwickeln vermochten. Ich reiste daher gleich folgenden Tages nach Hamburg, ließ meine angekauften Bilder in das Zwischendeck eines Auswanderschiffes bringen, und segelte, nachdem ich noch an den Herausgeber dieses Buches den wichtigen, im Eingange dieses Werkes mitgetheilten Brief geschrieben hatte, nach Nordamerika ab. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die ganze Weltgeschichte ist zusammengeschwindelt worden. Alle großen Staatsmänner, Feldherrn, Sectenstifter, Philosophen und Dichter in alter und neuer Zeit waren mehr oder weniger geniale Schwindler. Alles treibt Humbug; der Frühling treibt ihn, wenn er mit Millionen Blüthen prahlt, die niemals zur Frucht reifen; der Sommer treibt ihn, wenn er Millionen Halme reift, deren Aehren hohl sind. Den Schein aufrecht erhalten, wenn man auch nichts ist und nichts weiß und nichts besitzt – das ist der Kern aller Lebensmoral. Die Menschheit theilt sich in zwei Hälften, von denen die eine schwindelt, die andere sich beschwindeln läßt. Ich für mein Theil ziehe vor, zur erstern zu gehören. Phineas Barnum. Eine alte Erfahrung lehrt, daß der Mensch, je mehr er in die höhern Jahre kommt, auch um so weniger Abenteuer zu erleben pflegt. Es ist, als ob das sonst sehr wenige Rücksichten nehmende Schicksal einsähe, daß der Mensch nun mehr und mehr der Ruhe bedürfe. Ich will damit durchaus nicht sagen, daß der letzte Abschnitt meines Erdenlebens an großen Thaten und Ereignissen arm gewesen, aber sie kamen in größeren Zwischenräumen, nicht mehr platzregenartig, sondern tropfenweise wie der Regen nach einem Gewitter, wenn es sich allmälig ausregnet. So geschah mir auch während meiner diesmaligen Ueberfahrt nach der westlichen Hemisphäre nichts, was von Bedeutung gewesen wäre und in die Annalen der Weltgeschichte eingezeichnet zu werden verdiente. Als ich in Neu-York eintraf, war der mexikanische Krieg in der Hauptsache bereits entschieden und ich sah zu meiner Betrübniß ein, daß mein ärgerliches Heimweh nach Schnipphausen mir einen fatalen Streich gespielt und mich einer außerordentlich günstigen Gelegenheit zur Ausführung weltgeschichtlicher Thaten beraubt hatte. In den wirklich einsichtsvollen politischen Kreisen Washingtons und Neu-Yorks wurde es übrigens höchlichst bedauert, daß man nicht mich zum Oberfeldherrn gehabt habe. Bekanntlich berichteten die Zeitungen über die Einnahme der Stadt Mexiko die fürchterlichsten Dinge, wie aus jedem Dachstubenfensterchen ein Zweiunddreißig-Pfünder geragt habe, wie jeder Pflasterstein unterminirt gewesen und ganze Häusercarrés und halbe Straßen in die Luft gesprengt worden wären u. s. w. Alle diese Erzählungen wiesen sich später als ächt münchhausen'sche Lügen aus. Nun war aber Jedermann überzeugt, daß, wenn ich zu der Zeit in Amerika gewesen wäre und mit meinem Geist die beiden kriegführenden Parteien befruchtet hätte, alle diese Münchhauseniaden zur Wahrheit geworden sein würden. Als ich später mit dem General Taylor, dem Sieger von Buena Vista und Matamoras zusammentraf, gestand mir dieser, er habe in manchem kritischen Augenblicke gerufen: wollte Gott, der Abend wäre da, oder Fritz Beutel käme! Und jedesmal, wenn er sich meines Namens und meiner Thaten erinnert, sei es wie die Eingebung eines Genius über ihn gekommen; irgend eines meiner berühmten Kriegsmanöver sei ihm eingefallen; er habe es angewendet und auch sofort den Sieg an das Sternenbanner gefesselt. Auch der Oberfeldherr, General Scott, gestand mir: Lieber Herr Beutel! ich bin zwar diesmal auch ohne Sie fertig geworden, aber fragen Sie nur nicht wie? Ohne Sie laß ich mich in solche halsbrecherische Geschichten nicht wieder ein! Ich befand mich also in Neu-York, und ließ sofort dem Chef des Handlungshauses, für das ich meine Auswanderer besorgt hatte, melden: ich sei mit meinen 400 Auswandrern da; ich habe sie alle in meinem Hotel untergebracht und erwarte nun seinen Besuch, um das Nähere mit ihm verabreden zu können. Der Chef des Handlungshauses mochte von dieser eigenthümlichen Meldung nicht wenig überrascht worden sein; ich merkte dies an dem langen Gesichte, das er noch machte, als er mich wirklich zu besuchen kam. Ich führte ihn nun in einen geräumigen Saal, wo ich meine vierhundert Porträts aufgestellt hatte, zeigte ihm diese und sagte: das sind meine Auswanderer, alle wohl erhalten; nicht einmal die Seekrankheit haben sie gehabt; keinem von ihnen ist übel geworden, obschon Manchem, der sie sah, bei ihrem Anblicke übel wurde. Die Kosten für die Ueberfahrt dieser Zwischendeckpassagiere habe ich bezahlt; es ist nun an Ihnen, mir einen Karolin für den Kopf zu zahlen, wie im Contract ausbedungen ist. Der Schelm aber weigerte sich; ich aber wandte mich an die Gerichte, wies meinen Contract vor, demonstrirte, daß dies »Auswanderer aus Deutschland« seien und berief mich auf den Wortlaut des Contracts, wonach »für jeden Kopf« ein Karolin zugesagt sei; es seien lauter »Köpfe«, die ich zur Auswanderung angeworben, wie man sich durch den Augenschein überzeugen könne. Trotz aller Einreden meines Gegners gewann ich den Proceß, da die nordamerikanischen Gerichte gewohnt sind, sich einzig und allein an den Buchstaben zu halten. Nun veranstaltete ich zu Gunsten meiner ärmern Landsleute eine große Ausstellung, indem ich die bessern Porträts auswählte und mit ihnen meine in den Ateliers deutscher Künstler angekauften Landschafts- und Genrebilder vereinigte. Der Katalog, den ich darüber drucken ließ, war ganz nach dem Geschmacke der Yankees eingerichtet; es hieß darin z. B. unter Anderm: Nr. 33. Gewitterlandschaft von Lessing. Von überraschendster Naturtreue. Der Regen fällt so naß, daß jeder Besucher daran wohlthun wird, nicht ohne Regenschirm vor dieses Bild zu treten, um nicht durchnäßt zu werden. Uebrigens werden auch Schirme im Ausstellungslocale selbst à 3 Cent ausgeliehen. Nr. 96. Aegyptische Landschaft von Hildebrand. Die Wirkung der ägyptischen Sonne ist auf diesem Bilde so energisch dargestellt, daß Ladies von sehr zarter Complexion wohl thun werden, sich dieser Wirkung nicht zu lange auszusetzen, um nicht Sommersprossen zu bekommen. Durch ein Brennglas concentrirt, entzündet dieses gemalte Sonnenlicht den Schwamm auf einer Pfeife wie auch alle übrigen leicht brennbaren Stoffe. Gegen die glühende Hitze, welche der auf diesem Bilde dargestellte Wüstensand aushaucht, bediene man sich der Palmenfächer, welche auf dem folgenden Bilde vorkommen. Nr. 97. Ostindische Scene: Ein Nabob, welchem im Schlafe eine Schaar lieblicher Bayaderen mit Palmenfächer Kühlung zufächelt. Die hier dargestellten Palmenfächer sind diejenigen, deren sich der Beschauer bedienen möge, um sich gegen die Gluth auf Nr. 96 zu schützen. N. B. Zur Beruhigung keuscher Ladies ist zu bemerken, daß die Bayaderen sehr decent gekleidet sind und daß auch der Nabob keinen Anstoß erregt. Nr. 155. Bürger's Lenore von Kaulbach. Lenore dargestellt, wie sie eben in einem Fiacre für 5 Silbergroschen »ums Morgenroth« fährt. Nr. 199. Seesturm von Achenbach. Die Wirkung dieses Bildes ist so naturgetreu, daß man dabei unwillkürlich Anwandlungen der Seekrankheit verspürt. Eine unglücklich Liebende, welche sich zu ertränken beabsichtigte, wählte leider dieses Bild zum Schauplatz ihrer jammervollen That, stürzte sich in die gemalten Wellen und ist nicht wieder gesehen worden. Nr. 200. Stillleben: Würste und Schinken, von einem Düsseldorfer. Dieses Bildes wegen ist es verboten, Hunde in das Ausstellungslocal mitzubringen; denn da bereits ein Bologneser Hündchen die eine Wurst herausgefressen hat, gebietet es das Interesse der Kunst, wenigstens noch die übrigen Schinken und Würste zu retten. Nr. 250. Porträt des berühmten Componisten ***. Originelle Auffassung. Der Künstler ist von hinten gemalt, um die Rückseite des Virtuosenthums und zugleich die haarsträubende Wirkung seines Spiels zur Anschauung zu bringen; denn die Haare stehen ihm alle zu Berge. Dieses Bildniß bezeichnet einen bedeutsamen Fortschritt, eine vollkommene Umkehr der Porträtmalerei; denn Jemanden von vorn so abbilden, daß man ihn erkennt, das kann Jeder; aber von hinten, das will Etwas sagen! Nr. 370. Historisches Bild: Der Ursprung des Hauses Rothschild, von einem Münchner Meister. Man erblickt auf diesem sinnreichen Bilde nichts als die Windeln, in welche der Stifter des Banquiergeschäftes Rothschild eingewickelt war, jedoch in gesäubertem Zustande. Darüber schweben allegorische Figuren, worunter das goldene Kalb in dem Stadium, wie es sich gerade zum Ochsen entwickelt. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß der Besuch meiner Ausstellung ein sehr zahlreicher war, wie ich denn auch später meine Bilder an die Neu-Yorker Kunstfreunde um sehr hohe Preise verkaufte. Den Ertrag habe ich redlich mit meinen ärmern Landsleuten getheilt. Ueberhaupt arbeitete ich damals viel im Fache der Philanthropie. Den später so berühmt gewordenen Roman »Onkel Toms Hütte« hat kein Anderer geschrieben als ich. Die Beecher Stowe befand sich dazumal gerade in Neu-York, und ich las ihr das Manuscript bei einem ihrer ästhetischen Thees vor. Sie war entzückt davon und ich überließ es ihr, da es mir dabei nur um die Sache zu thun war, gegen die einzige Bedingung, daß ich bei ihr Zeit meines Lebens frei Theetrinken haben solle. Später ließ sie das Buch unter ihrem Namen erscheinen, jedoch mit allerlei frommen Zusätzen, die nicht von mir herrühren, wogegen ich mir bei meinen späteren Besuchen der Vereinigten Staaten erlauben werde, zu dem Thee, den ich bei ihr zu genießen gedenke, allerlei unfromme Zusätze, bestehend in Rothwein, Rum oder Cognac, zu machen. Ueberhaupt muß ich mich gegen die damals laut gewordene Verdächtigung, daß ich Mitglied des Mäßigkeitsvereins geworden sei, aufs entschiedenste verwahren. Ich hasse das ennuyante Genre und ich habe immer gefunden, daß Menschen, welche die Gottesgabe des Weins und anderer begeisternder Getränke verschmähen, auch meist höchst langweilige, selbstbewußt docirende, eitle und egoistische Naturen sind. Der Egoismus ist immer nüchtern und kennt keine Hingabe an einen rauschähnlichen Zustand, welcher Art er auch sei. Die ganze Mäßigkeitsbewegung dient nur zur Unterstützung der nordamerikanischen Speculationswuth und des Nativismus; denn der vom Wein sanft Angeregte umarmt die ganze Welt, ist Kosmopolit und nimmt es mit den Zahlen nicht sehr genau. Was mich betrifft, ist mir ein berauschter Engel lieber als ein Teufel in seiner infernalen Nüchternheit. Ich diene meinem Schöpfer schlecht, wenn ich seine Werke und Gaben von vornherein als Satanswerke und Satansgaben verabscheue. Er wird am besten gewußt haben, warum er dem Weinstock Eigenschaften verliehen hat, deren unweiser Genuß allerdings den Menschen ebenso tief unter sein Niveau zu erniedrigen, als ihr weiser Genuß ihn über sein Niveau zu erheben vermag. Freilich können nicht Alle Jedes, und nicht Jeder kann Alles vertragen; er müßte denn die Urverdauungskraft in Person sein wie ich. Diese Erklärung war ich mir und der Welt schuldig, damit Niemand mich für einen Mäßigkeitsvereinler halte und sich genire, vorkommenden Falls mir eine Flasche Sect oder auch mehrere vorzusetzen. Die von mir gegen meine ärmeren Landsleute bewiesene Freigebigkeit begann inzwischen meine pecuniären Mittel anzugreifen und ich mußte darauf denken, ihnen durch einträgliche Unternehmungen wieder aufzuhelfen. Die eine mißlang gänzlich, weil ich dabei einen moralischen Factor, die Mutterliebe, mit ins Spiel gezogen hatte. Ich alter Menschenkenner verrechnete mich dabei gänzlich! Ich hatte eine Leihanstalt errichtet und angezeigt, daß auch Säuglinge als Pfänder angenommen würden. Ich lieh auf den Säugling 100 Dollar für den Monat, wovon ich jedoch sofort 10 Procent abzog; auch sollten bei der Wiedereinlösung zugleich die Verpflegungskosten vergütet werden; denn ich hatte eine entsprechende Anzahl Ammen engagirt. Die Anstalt war versuchsweise auf fünfzig Säuglinge berechnet. Der Zudrang war unglaublich. Der Platz vor meinem Institute wimmelte Kopf an Kopf von Frauenzimmern, welche ihre Säuglinge bei mir versetzen wollten. Ich mußte sie zu Hunderten wieder zurückschicken; denn in wenigen Stunden waren sämmtliche fünfzig Plätze besetzt. Der erste Monat war um, aber keine Mutter kam, um ihren Säugling wieder einzulösen oder den Pfandzettel verlängern zu lassen; sie ließen mir die schreienden armen Würmchen auf dem Halse. Juwelen, Ketten und andere Schmucksachen würden sie wohl eingelöst haben, aber nicht ihre Kinder; ich sah mit Schaudern, daß sie froh waren, sie auf diese Weise los geworden zu sein. Meine öffentliche Anzeige, daß ich auf alle Entschädigung verzichte, daß ich nur bäte, die Säuglinge wieder abzuholen, hatte keinen Erfolg. Ich mußte den Schaden tragen, und hatte den Spott noch dazu. Meine Bekanntschaft mit der Beecher Stowe war mir jedoch in diesem Falle von großem Vortheil. Sie war es, die mir in meiner großen Verlegenheit zu Hilfe kam und sich dafür bemühte, die Säuglinge bei menschenfreundlichen Familien unterzubringen. So wurde ich von einer Last erlöst, die ich mir freilich selbst aufgeladen hatte im Vertrauen darauf, daß es keine Mutter geben könne, die ihr Kind im Stiche zu lassen im Stande sei. Ein Naturwunder, drei an den Schultern zusammengewachsene Mädchen, welche, wenn man sie auf die Füße stellte, vollkommen die Gruppe der drei Grazien darstellten, verkaufte ich später an den schlauen, bereits damals als showman berühmt gewordenen Phineas Barnum. Dieser lachte mich weidlich über mein Unternehmen aus und meinte, daß ich wenigstens den Versuch hätte machen sollen, mit meinen 50 Säuglingen eine Kinderausstellung zu eröffnen. Da geht mir eine Idee auf, fügte er hinzu, die ich früher oder später ausführen werde. Er hat sie auch ausgeführt. Die Zeitungen haben über die Kinderausstellung berichtet, welche dieser pfiffige Patron seinen Landsleuten zum Besten gegeben hat. Ein zweites von mir versuchtes Unternehmen war ein Heirathsbureau, das einen bessern Fortgang nahm, weil es auf keinen sittlichen Factor berechnet war. Von allen Seiten liefen Adressen ein, und so hatten meine männlichen und weiblichen Kunden in der That immer die beste und mannigfaltigste Auswahl. Jeder Heirathscandidat und jede Heirathscandidatin waren zugleich verpflichtet, ihre daguerrotypirten Porträts mit einzusenden, die ich dann an den Wänden meines Bureau in schönen goldenen Rahmen aufhing, jedes mit einem Zettel versehen, worauf die sonstigen Qualitäten der Person, als: Alter, Rang, Stand, Temperament, Vermögensverhältnisse verzeichnet waren. So sahen sich meine Kunden stets aufs ehrlichste bedient und es kamen, in Begleitung oft sehr unterhaltender Episoden, zahlreiche Heirathen zu Stande, von denen ich meine nicht unbeträchtlichen Procente zog. Eines Tages ließ sich ein Frauenzimmer melden und mir durch den Secretär sagen: sie möchte sich gerne verheirathen und komme in Person, weil ihr das Schreiben schwer falle und es ihr an Geld fehle, sich daguerrotypiren zu lassen. Ich fragte meinen Secretär, wie die Person aussähe; denn, dachte ich, wenn sie nicht einmal recht schreiben kann und kein Geld hat, so muß sie wenigstens außergewöhnlich jung und reizend sein, um trotzdem den Muth zu haben, sich in einem wohlassortirten Heirathsbureau zu melden. Auf meine Frage lachte der Secretär und sagte: nun, die Person steht in einem Alter, wo auch die größte Schönheit anfängt, schimmelig zu werden. Trotz dieser wenig empfehlenden Bemerkung ließ ich das Frauenzimmer eintreten, weil ich wenigstens einer lustigen Scene glaubte entgegensehen zu dürfen. Bin ich hier recht, wo man einen Mann kriegen kann? fragte die Person, als sie eintrat. Kreuz Donner – – –! ich hätte in diesem Augenblicke beinahe geflucht; da mir aber solche Ausbrüche roher Naturen in der Seele verhaßt sind, brach ich in der Mitte ab, ließ das »Wetter« bei Seite und rief: Aber Beate! Unbegreifliches, unergründliches Geschöpf! Wo kommst du her, und welcher Dämon blies dir den Gedanken ein, in deinen Jahren noch einmal heirathen zu wollen? Wenn ich den ewigen Juden wo wohnen wüßte, so müßte der dich heirathen; denn der ist gerade ein solcher Landstreicher wie du! An dessen Seite verdientest du durch den Erdkreis zu wandeln! Ach Fritz! rief sie weinend, das Wandern habe ich jetzt herzlich satt – nein, wirklich! du kannst es mir glauben. Darum eben möchte ich heirathen, um nun endlich einmal zur Ruhe zu kommen; und zwar einen recht gesetzten Mann. Und wenn er das Podagra hätte, dann um so besser. Dann müßte er doch sitzen bleiben, wo er säße, und ich mit ihm. Das hast du schon oft versprochen, bemerkte ich hierauf, aber niemals gehalten. Wo hast du dich inzwischen herumgetrieben? Warum bist du nicht mit dem Lloyddampfer nach Triest gefahren? Ich habe wieder eine sehr bittere Erfahrung gemacht, die mich für immer geheilt hat, antwortete sie. Siehst du, ich lernte in Alexandrien einen nordamerikanischen Schiffskapitän kennen, der mir ich weiß nicht was Alles vorspiegelte und mich überredete, mit ihm hierher zu segeln. Ich bin ein so schwaches Geschöpf und ließ mich dazu überreden. Er trieb aber nur seinen Spaß mit mir, denn er hat mich hier sitzen lassen und sich nicht weiter um mich bekümmert. Ich habe mich, soweit es ging, ehrlich durchgebracht, aber mich noch weiter durchzubringen, nachdem alles Uebrige durchgebracht ist, bin ich außer Stande. Daß ich übrigens eine haushälterische Person bin, kannst du mir glauben. Ich habe auch noch das Billet für die Ueberfahrt nach Triest aufbewahrt, um es, wenn ich wieder nach Alexandrien käme, benutzen zu können. Damit fing sie an, in ihrem Strickbeutel nach dem Billet zu kramen. Laß es nur gut sein, Beate! sagte ich, wir wollen sehen, was weiter zu thun ist. Ich ließ es mir noch im Laufe desselben Tages angelegen sein, sie in einer anständigen Wohnung unterzubringen; denn bis dahin hatte sie in dem verlornen Bettlerwinkel der five points ihre Herberge gehabt. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß sich einige Tage darauf ein neuer Heirathscandidat meldete, der kein Anderer war, als der Tschugatschenprinz Knitschogarsk, der sich jetzt Agent für mehrere Thranhandlungshäuser nannte. Ich beschied ihn zu mir und hatte in meinem Bureau eine Unterredung mit ihm, aus der ich erfuhr, daß die Prinzessin Kax nun wirklich gestorben sei, wie er anführte, zum zweiten und letzten Male, und daß er ein leidliches Auskommen habe, auch mit der Anfertigung eines Katalogs für eine Centralindustrieausstellung sämmtlicher Eskimostämme beschäftigt sei. Auf meine Frage, welche Industriegegenstände auf dieser Ausstellung zu sehen sein würden, sagte er: nun, die Kuxusen haben eine schöne Pelzmütze und das in Seehundsleder gebundene Exemplar des »Werther« zu liefern versprochen, die Gurkhusen haben ein Paar Pelzstiefeln und die Tschugatschen einen Weiberunterrock aus Rennthierfell zugesagt, außerdem werden einige zwanzig Sorten Thran feinster Qualität ausgestellt werden, die Jedermann gleich auf der Stelle proben kann, außerdem –. Ich unterbrach ihn mit der Bemerkung, ich wisse nun genug, habe aber noch eine sehr wichtige Angelegenheit mit ihm zu besprechen, und brachte nun die Unterhaltung auf Beate. Ich bemerkte bald, daß die alte Liebe im Herzen Knitschogarsk's noch nicht eingerostet sei, und es fiel mir keineswegs schwer, ihn zu einer Besprechung mit Beate zu überreden. Dieses Zusammentreffen fand im Laufe des nächsten Tags in meinem Bureau und in meiner Gegenwart statt. Ich stellte Beiden vor, wie die wunderbare Art ihres jetzigen Sichwiederfindens recht deutlich beweise, daß sie vom Himmel für einander bestimmt seien; ich machte dem Prinzen bemerklich, daß Beate in ihrer Heimath zwar so ziemlich als eine veritable Eskimo gelten, unter den Eskimos selbst aber als eine Gelehrte angestaunt werden würde, da sie ihren Namen ziemlich leserlich schreiben und deutsche Räuberromane in der Ursprache recht fertig lesen könne; Beaten aber führte ich zu Gemüthe, daß Knitschogarsk, wie er mir bereits gestern gestanden, häufig am Podagra leide, mithin einer ihrer Hauptwünsche erfüllt sei. Sie kam freilich, wie Weiber sind, immer wieder auf den Abscheu zurück, den sie gegen Knitschogarsk's Vorliebe für den Thran hege; als ich jedoch in den Heirathscontract die Klausel aufnahm, daß Knitschogarsk zwar täglich seine Ration an Thran haben, niemals aber von seiner Gattin verlangen solle, an seinem Thranfrühstück Theil zu nehmen, war sie's auch zufrieden. Beide wurden nun zum zweiten Male zu einem Ehepaare zusammengelöthet und führten mit einander eine recht glückliche Ehe. Er besorgte seine Thrangeschäfte, wobei manches Kännchen für ihn abfiel, und »Mutter Beate« wusch und kochte für einige Junggesellen, die in demselben gesetzten Alter standen wie sie, weshalb ich an nichts Arges denken mag. Der harmlose Eskimo wenigstens dachte an nichts dergleichen; er dachte überhaupt an nichts als an das fünfte Element aller Eskimos, den Thran. Wenig später machte ich einen kleinen Ausflug nach San Francisco, und zwar in folgender gewiß originellen Weise. Von zwanzig zu zwanzig englischen Meilen ließ ich gewaltige Pfähle errichten und von einem Pfahl zum andern eine Masse Gummi mit aller Gewalt so ausspannen, daß sie in der Stärke und Form eines Schifftaus von einem Pfahl zum andern reichte. Nun setzte ich mich rittlings auf dieses Gummiseil, ließ es knapp hinter mir durchschneiden, und schnurr! schnappte das Gummiseil bis zum nächsten Distanzpfahl zusammen, und ich war um zwanzig englische Meilen vorgerückt. Eine schnellere Reisemethode gibt es gewiß nicht. Dennoch möchte ich sie nicht zum allgemeinen Gebrauche empfehlen; denn das Ziehen der Gummiseile von New-York bis San Francisco nahm ein ganzes Jahr in Anspruch, ehe ich daran denken konnte, meine Reise anzutreten, und kostete mich beträchtliche Summen. Im Uebrigen muß ich bemerken, daß ich diese Idee einem Gespräche mit dem seligen Herloßsohn entlehnt hatte, der jedoch dabei nur die Distanz von seiner Wohnung in der Hainstraße zu Leipzig bis zum Schweizerhäuschen im Rosenthale im Sinne hatte, und selbst für diese kurze Strecke kam er mit der Ausführung der Idee nicht zu Stande. Aus gewissen topographischen und territorialen Gründen hatte ich mein Gummiseil über den Coloradofluß legen lassen. Hier angekommen, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine Scene gefesselt, die mir keineswegs ein wohlgefälliger Anblick war, obgleich sie mir neuerdings bewies, welch ein prophetischer Blick in die Zukunft mir zu Gebote stehe. Es wurde nämlich gerade ein junger Mensch gelyncht, das heißt an den Ast eines Baumes aufgeknüpft, nachdem das Volk über ihn zu Gericht gesessen hatte. Bei näherer Erkundigung erfuhr ich, daß der Bursche mehrere gewaltsame Einbrüche in der Umgegend und dabei auch einige Todtschläge verübt hatte, die denen, welche davon betroffen wurden, sehr ungelegen gekommen waren. Man machte daher kurzen Proceß mit ihm, denn lange pflegt man sich in jenen Gegenden bei solchen Bagatellsachen nicht aufzuhalten: »Time is money« ; und wenn man damit fertig ist, geht man wieder mit größter Gemüthsruhe an seine bürgerlichen Geschäfte, als ob nichts weiter geschehen wäre. Wer sich übrigens nicht fangen läßt, kommt auch dort, wie in Nürnberg, mit heiler Haut davon; denn man hat auch in Californien noch Niemand gehängt, bevor man ihn gehabt hätte. Als ich mich nach dem Namen des Delinquenten erkundigte und mir dieser genannt wurde, erschrak ich; denn ich durfte nun nicht mehr zweifeln, daß dieser Bursche derselbe sei, dem ich bei seiner Taufe in Beutelfurt dieses Schicksal vorausgesagt hatte. Da war nun der »langgestreckte Ast«, welcher das »Früchtchen« trug! Was ich eigentlich in Californien wollte, wußte ich selbst nicht recht. Das Goldwaschen und Goldgraben hatte seit einiger Zeit in größerem Maßstabe begonnen, und es machte mir Spaß, diesem tollen dämonischen Wühlen nach einem Metall zuzusehen, welches, wie der Leser weiß, von mir verfälscht war. Da dieses falsche Gold aber einmal als ächtes angesehen wurde und bereits in geprägten Münzen cursirte, so sah ich nicht ein, warum ich den Schwindel nicht mitmachen und meinen Vortheil davon ziehen sollte. Begreiflicherweise mußte ich wissen, wo die größten Massen verborgen waren, und so wurde mein Hacken und Schaufeln und Graben und Waschen mit einem Erfolge gekrönt, der die Begriffe Aller überstieg und mir den Neid, den Haß und die Verfolgung der übrigen Minengräber zuzog. Um nicht ein klein wenig gelyncht zu werden, begab ich mich nach San Francisco und tauschte meinen Goldvorrath gegen ehrliche alte Ducaten um. Dann ging ich wieder auf einige Tage nach den Goldminen zurück und machte mir den Scherz, Abends bald da, bald dort in den Bergschluchten ein furchtbares höhnisches Gelächter anzustimmen und damit die Goldgräber zu schrecken und von Platz zu Platz zu vertreiben. Denn es verbreitete sich der Aberglaube, daß dieses Gelächter von einem hämischen Kobolde herrühre, welcher in den Minen herumspuke. Mir gewährte es aber die höchste Genugthuung, diese wahnsinnigen Goldsucher einmal recht nach Verdienst ausgelacht und mein Herz dadurch erleichtert zu haben. Es geht in gewissen Fällen nichts über ein Hohngelächter, so recht aus voller Brust! In San Francisco schwankte ich übrigens längere Zeit, ob ich Steine-, Kleider- oder Geisterklopfer werden sollte, denn diese Geschäfte gingen zu der Zeit gleich gut, und in der Kunst des Geisterklopfens hätte ich mir ja die literarischen Geisterklopfereien unserer Gelehrten und Kritiker zum Vorbild nehmen können. Es gelüstete mich auch stark, den Yankees den Geist des verstorbenen Nachtwächters von Schnipphausen und überhaupt den Geist, den sie nicht haben, heraufzubeschwören. Aber dieser neueste Yankee-Schwindel war mir doch zu stark! Ich habe mich, wie der Leser weiß, immer nur auf solide und der Menschheit nützliche Unternehmungen eingelassen. Achtundzwanzigstes Kapitel. Um als religiöses Oberhaupt Erfolg zu haben, sind folgende Eigenschaften erforderlich: eine stattliche imponirende Leibesgestalt, eine sonore Stimme, Talent zur Mimik, viel Glück bei den Frauen und möglichst viel Unverschämtheit. Macchiavelli. Es ist der Welt schon so viel vor gemacht worden, daß man nur nach zumachen braucht, um etwas zu werden. Ein Ostindienfahrer, der gerade in San Francisco zur Abfahrt bereit lag, brachte mich eines schönen Morgens auf den Gedanken, nach Calcutta zu segeln, um hier meine Ducaten als Nabob zu verzehren. Ich habe also in diesem Kapitel von meiner australiaco-indochino-tibetanischen Periode zu sprechen. Die Fahrt ging ohne besondere Zwischenfälle von statten, und ich will nur erwähnen, daß die Königin Pomare, der ich unterwegs meinen Besuch abstattete, große Neigung zu mir faßte und mir ihre Hand anbot. Ich erklärte ihr jedoch in der nöthigen chevaleresken Form, niemals mehr eine Königin heirathen zu wollen, weil ich in diesem Geschäft bereits die bittersten Erfahrungen gemacht habe. Sie bemerkte hierauf, daß sie es nicht für möglich gehalten, von mir einen Korb zu bekommen, da ja ihr ehemaliger Freund Ludwig Philipp selbst ihr einmal unter der Hand habe sagen lassen, daß, wenn er nicht verheirathet wäre, er keine Andere als sie heirathen würde, und daß sowohl Lord Palmerston, als Lord John Russell, dessen reizendes Portrait sie aus dem Londoner »Punch« kenne, in ähnlicher Weise ihr Bedauern ausgedrückt hätten, sie nicht zur zweiten und zwar besseren Hälfte ihres Ich machen zu können. Trotzdem blieb ich fest und bemerkte nur: Beleidigen Eure Majestät mich nicht durch solche Zusammenstellungen. Ihr ehemaliger Freund Ludwig Philipp ist gestürzt, Ihre eben so edlen Freunde Palmerstonchen und Johnny sind schon mehrmals gestürzt und werden noch öfter stürzen, ohne sich freilich daraus etwas zu machen, denn sie fallen immer auf den Hosenbandorden, und der schützt sie vor Knieverletzungen; ich aber, Fritz Beutel, ein Nachkomme Teut's, ich bin immer derjenige, welcher ich war und stets sein werde. Mich bringt Niemand zu Fall, oder ich würde die Welt in meinen Fall mit niederreißen. Ich hänge nicht vom Winde der Volksgunst ab, denn ich habe meinen eigenen Wind, und der ist mächtiger als alle anderen Winde. Diese Worte, in vollem Mannesbewußtsein ausgesprochen, konnten die Verehrung der Königin Pomare für mich nur vermehren; aber ich blieb meinem Vorsatze treu und segelte ab. Wie ich höre, ist seitdem das vierte Buch der Aeneide ihre Lieblingslectüre, jenes Buch, worin Dido dargestellt ist, wie sie ihrem Aeneas die bittersten Thränen nachweint und sich zuletzt selbst entleibt und entrumpft. Sie soll aber dieses Buch nur in der Blumauer'schen Travestie lesen, und daher mag es wohl kommen, daß sie sich noch nicht entrumpft hat, und wenn sie sich hängt – an den Hals eines Andern hängt. Kaum war ich abgesegelt, als ein wunderbarer Gegenstand meine Blicke auf sich zog. Es flatterte Etwas über den Ocean daher, welches mir ein sehr großer fliegender Fisch zu sein schien; aber auf dem Rücken des Fisches befand sich noch ein Etwas, das einer menschlichen und zwar weiblichen Gestalt auf ein Haar ähnlich und in weiße weit nachflatternde Gazekleider eingehüllt war. Das Compositum von Fisch, Vogel und Mensch kam näher und näher, und bald erkannte ich, daß der Fisch ein wirkliches weibliches Wesen auf seinem Rücken trug. Endlich erkannte ich Züge in dem Antlitz der Reiterin, welche die Züge Beatens waren, aber durch die meinen wesentlich modificirt und idealisirt. Unwillkürlich rief ich: Guitarria Cichoria Cigarretta! und auf diesen Ruf lenkte sie, nämlich die Reiterin, ihren Fisch gerade auf unser Fahrzeug zu und ließ sich auf dem Deck mit ihm nieder. Sie stieg ab, und der Fisch blieb zappelnd liegen, worauf die Amazone sofort einen Eimer mit Wasser ergriff und den Inhalt desselben auf ihn entlud, um ihn nicht verschmachten zu lassen. Mit der Energie, die ihrem ganzen Wesen eigen zu sein schien, sank nicht, sondern stürzte sie in meine Arme. Mein Vater! Niemand anders kann mein Vater sein als du! Und Niemand anders kann meine Tochter sein als du, Cigarrettchen! rief ich. Und aus der Umarmung ging es ans Erzählen. Doch war ihre Geschichte so lang und an wunderbaren Ereignissen so reich, daß ich sie mir auf eine Fortsetzung dieser Memoiren, die das Publikum ohne Zweifel verlangen wird, versparen muß, und ich hier nur das Nothdürftigste geben kann. Es war Cigarretta, meine erstgeborne Tochter. Sie war an einen König der Südseeinsulaner verheirathet, der eine bisher noch allen Südseefahrern unbekannte Insel beherrschte; auch hatte sie bereits einen Prinzen ans Licht der Welt gesetzt; und zwar ohne Hebamme, wie sie ausdrücklich bemerkte, denn das Ereigniß sei ihr widerfahren, als sie gerade einen kleinen Spazierflug nach Neu-Seeland gemacht habe. Als sie mir den Wunsch zu erkennen gab, daß ich sie nach ihrem Reiche begleiten solle, sagte ich: davon später! und als ich ihr meinen Wunsch ausdrückte, daß sie mich begleiten solle, sagte auch sie: davon später! Sie erklärte mir, daß es für sie kein größeres Vergnügen gäbe, als auf einem ihrer fliegenden Fische, von denen sie ganze Schaaren halte, den Ocean und die australische Inselwelt zu durchstreifen; denn daran sei sie von frühester Jugend an gewöhnt; wenn ich aber einmal in Noth kommen solle, so werde sie mit den Ihrigen zur Hand sein. Dieses Wiedersehen war so kurz als erbaulich. Cigarretta gestand, daß sie auf dem Schiffe nicht mehr auszudauern vermöge. Diese Bewegung sei ihr zu langsam; zwischen Ocean und Himmel dahin zu fliegen, das sei ein Vergnügen, und damit schwang sie sich auf ihren Fisch, gab diesem einen Klaps und schwebte mit ihm davon, mir noch aus der Ferne sehr graciös einige Kußhände zuwerfend. Die ganze Erscheinung huschte mir wie ein Traumgebild vorüber. In Calcutta angekommen, kaufte ich mir in der Nähe der Stadt eine prächtige Villa, welche gerade feil war, und richtete mich auf den Fuß eines indischen Nabob ein. Vor allen Dingen nahm ich ein Dutzend Bayaderen, so jung und reizend ich sie bekommen konnte, in meinen Dienst, welche mir abwechselnd, wenn ich in der Veranda meine Siesta hielt, mit Palmenfächern und Pfauenwedeln Kühlung zufächeln und die Mosquitos abwehren mußten. Oefters veranstaltete ich große Jagdpartien weit ins Land, zu welchen ich die Officiere sämmtlicher in der Präsidentschaft Calcutta stationirender englischer Regimenter einlud. Häufig erlegte ich dabei mit eigener Hand Hunderte von Tigern, Leoparden, Panthern, wilden Elephanten und Riesenschlangen. Man staunte meine Thaten an, ohne sie begreifen zu können. Der Generalgouverneur und seine Stabsofficiere und höchsten Beamten wurden meine täglichen oder vielmehr nächtlichen Gäste; denn Tags wurde meist geschlafen und Nachts dafür geschwärmt. In den nie aufhörenden Streitigkeiten mit den einheimischen Hindufürsten übernahm ich nicht selten die Vermittlerrolle, und wenn es während der letzten Jahre vergleichsweise in den Besitzungen der ostindischen Gesellschaft so ruhig geblieben ist, so verdankt man dies hauptsächlich meinen weisen Rathschlägen. Die ostindische Compagnie bewies mir auch ihre Erkenntlichkeit, indem sie mir aus London ein mit höchster typographischer Pracht ausgestattetes Diplom zuschickte, durch welches ich zum Ehrenmitgliede des ostindischen Directoriums ernannt wurde. Inzwischen hatte sich in Tibet das Gerücht verbreitet, daß der Gott Buddha abermals eine Incarnation erlebt habe und daß ich diese Incarnation sei. Ich erstaunte nicht wenig – soweit ich überhaupt noch über Etwas erstaunen konnte – als ich eines Tags sich eine unendlich lange Procession gegen meine Veranda bewegen sah, bestehend aus Hunderten tibetanischer Großen und Oberpriester, die auf Elephanten ritten oder in Palankins getragen wurden. Voran schritt der Reichselephant, der über und über mit den köstlichsten, mit Gold gestickten Teppichen behangen war. An meiner Villa angekommen, stiegen die Abgesandten der tibetanischen Nation von ihren Elephanten oder aus ihren Sänften, fielen vor mir, der ich gerade in der Veranda saß und meine Cigarre rauchte, aufs Angesicht nieder und riefen: Mächtiger, erhabener Gott Buddha, zertritt uns nicht mit der Elephantenschwere deiner heiligen Füße! Mächtiger, erhabener Gott Buddha, vernichte uns nicht mit dem verzehrenden Blick deiner Augen! Mächtiger, erhabener Gott Buddha, blase uns nicht weg mit dem Hauche deines Mundes und sei unser Dalai-Lama! Erbärmliches Erdgewürm! Scrophulöses Gesindel! gänzlich überflüssige Bummler aus Tibet! antwortete ich. Allerdings könnte ich euch wegblasen mit einem Hauche meines Mundes, denn ihr wiegt vor mir so leicht wie eine Feder! Damit fing ich an meine Backen aufzublasen, als wollte ich pusten, und als sie dies sahen, schlugen sie dreimal mit den Köpfen gegen den Erdboden und riefen: Gnade, Gnade! schone uns, furchtbarer Buddha! Ich aber fuhr fort: Gnade soll euch werden, nicht weil ihr sie verdient, sondern aus Mitleid. Ich habe incognito bleiben wollen, aber ich sehe, daß ich erkannt bin. Ja, ich bin Gott Buddha, und was für einer! Rein aus Mitleid für euch Nichtsnutze habe ich mich wieder einmal so weit herabgelassen und mich in dieses Futteral gebrechlichen Menschenfleisches gesteckt; ich bin der eingefleischte Buddha. Fritz Beutel ist, Alles in Allem gerechnet, seit Beginn der Welt meine dreitausendste Incarnation. Würdigt diese Gnade, mit der ich mich zu euch herablasse, und schrumpft in euer Nichts zusammen! Ich will wieder einmal mit euch einen Versuch machen und euer Dalai-Lama sein, aber nur unter der Bedingung, daß ich meine zwölf Bayaderen mit mir nehmen darf und daß wir einen Contract schließen in Betreff des Gehalts und anderer Leistungen. Denn wer kann euch Schelmen trauen? ihr seid im Stande, Gott Buddha selbst zu betrügen. Was gebt ihr mir zu essen und zu trinken? Ich erinnere mich an den Küchenzettel eines Dalai-Lama nicht mehr; denn es ist lange Zeit her, seit ich zum letztenmal tibetanischer Dalai-Lama vor. Alle Dalai-Lamas seit dreihundert Jahren sind unechte gewesen, Lügner, Erzschelme und Betrüger! Also, ihr Rüpel, was gebt ihr mir zu essen und zu trinken? Antwortet! Stotternd und zitternd ergriff endlich der Oberpriester das Wort und sagte: Als Getränk dient unserm Dalai-Lama nur der Thau, der allmorgentlich von gewissen Gebirgskräutern eingesammelt wird, übrigens sehr gewürzig, gesund und erfrischend ist; als Nahrung nur Reiskuchen und Früchte, diese jedoch von feinster Qualität. Ein etwas einfacher Küchenzettel! bemerkte ich hierauf, eine halbe Hungerkur! Indeß habe ich mir in der letzten Zeit leider den Magen verdorben und leide an Kolik und Indigestionen. Diese Diät wird mir gut thun, und ich erkläre mich bereit, auf diese Vorschriften einzugehen. Wir kamen über diesen Punkt, wie über die Bedingungen in Betreff des Gehalts und unserer sonstigen gegenseitigen Pflichten und Rechte überein, wobei die Abgesandten erklärten, daß sie in meine hohen Honorarforderungen nur willigten, um doch endlich wieder einmal einen incarnirten Buddha zum Dalai-Lama zu haben, und wir setzten darüber einen Contract auf. Nur der einen Bedingung, daß ich mich niemals einer Lüge schuldig machen dürfe, ließ ich die Klausel hinzufügen: außer in den Fällen, wenn ich Jemanden fände, der meinen Lügen auch Glauben beimesse. Nachdem dies geschehen, nahmen sie sofort einen etwas weniger demüthigen Ton gegen mich an, theils weil sie nun meiner sicher zu sein glaubten, theils weil sie dafür hielten, daß sie selbst mit einem Buddha, der sich so gut bezahlen ließe, nicht allzu respectvoll verfahren dürften. Der Zug ging nun nach Tibet zurück, mitten durch Indien hindurch, über einen Paß des Himalaya hinweg. Ich ritt auf dem Reichselephanten, auf dem auch in langer Reihe meine zwölf Bayaderen Platz nahmen, gleich hinter mir die jüngste und schönste, die auch am Besten geeignet war, mir auf der weiten Reise die Langeweile zu vertreiben durch ihr süßes Geplauder und ihr pikantes Geklatsch über die Familiengeheimnisse und Liebesabenteuer dieses oder jenes indischen Nabob oder englischen Land- oder See-Offiziers. Denn auf dem Felde war sie zu Hause, weshalb ich ihr auch rieth, ihre jungen Erinnerungen und Erfahrungen unter dem Titel »Memoiren einer Bayadere« herauszugeben, welche unfehlbar großes Aufsehen erregen würden. In meiner geistlichen Residenz in Tibet angekommen, sah ich mich aufs allerfestlichste empfangen. Die ganze Stadt strahlte von bengalischem Feuerwerk und dem bunten Licht chinesischer Lampen; gluthäugige und schlankgliedrige Weiber führten vor mir die verführerischsten Tänze auf, denn sie meinten wahrscheinlich, daß an einem eingefleischten Gott nichts mehr zu verführen sei, und unzählige Instrumente, Doppelpauken, Tschongs (Seemuscheln), Gongs (Flöten aus Menschenschenkeln), Trompeten, Cymbeln und Hoboen machten einen wahrhaften Höllenlärm. Wie glücklich würde sich Giacomo Meyerino Beerini schätzen, wenn er jemals über ein solches infernalisches Orchester verfügen könnte! Im Ganzen hatte ich als Dalai-Lama ein sehr bequemes Leben. Zwar die Küche war einfach und ich hielt mein in dieser Hinsicht gegebenes Versprechen. Es wurden mir nur Reiskuchen und Früchte auf die Tafel gebracht. Doch war es mir sehr bald gelungen, den Küchenmeister in mein Vertrauen zu ziehen, und wenn ich die oft sehr kolossalen Früchte zerlegte, so fand ich darin bald ein gebratenes Täubchen, oder ein gebratenes Repphühnchen, oder eine köstliche Fisch- oder Fleischpastete und dergleichen mehr. Da ich der Vorschrift gemäß allein speiste, so sah dies Niemand. Dagegen genoß ich, so lange ich Dalai-Lama war, als Getränk in der That nichts als den von aromatischen Gebirgskräutern in Krystallflaschen eingesammelten Morgenthau, der durch Eis frisch und kühl gehalten wurde. Er übertraf jedes andere in Tibet bereitete Getränk an Wohlgeschmack und bekam mir sehr gut, so daß ich von Tag zu Tag mich mehr verjüngte. Mein Teint wurde wieder jugendfrisch, meine Runzeln und Falten glätteten sich und meine Bayaderen gestanden, daß sie noch nie einen schöneren Mann gesehen hätten. Was aber meine Bayaderen sagten, darauf konnte ich mich verlassen als sagte ich es selbst. Meine Functionen waren sehr einfacher Art. Sie bestanden darin, daß ich alle Vierteljahre auf dem Rücken der großen Reichsschildkröte nach der allgemeinen Landespagode reiten mußte, um hier gewisse Ceremonien zu vollziehen. Da diese Pagode jedoch von meiner Residenz ziemlich entfernt lag, der Gang einer Schildkröte bekanntlich aber etwas langsam ist, so war ich genöthigt, meinen Ritt schon vier Wochen vor jedem Vierteljahresschluß anzutreten. Außerdem war es mein Amtsgeschäft, alle Feiertage, deren es in Tibet eine sehr große Zahl gibt, auf einem hierzu abgerichteten und für gewöhnlich in einem goldenen Käfig gehaltenen Himalaya-Adler über der Residenzstadt bis zu einer gewissen Höhe emporzusteigen, die heiligen Reliquien, welche ich in einem elfenbeinernen Kästchen auf meinem Schooße vor mir hatte, hervorzulangen und der andächtigen Volksmenge zu zeigen und zum Schlusse der feierlichen Handlung unter dem betäubenden Schalle von Pauken, Drommeten und Flöten die Hände segnend über die Stadt zu breiten. Ich vollzog alles dies mit einer Würde und Grazie, daß namentlich die Frauen ganz entzückt von mir waren und einmal über das anderemal ausriefen: Nein, so ein schöner Dalai-Lama muß auf der Welt nicht mehr gefunden werden! Es that mir leid um die Weiber; denn nachdem ich ein Jahr lang Dalai-Lama gewesen war, fing mir dieses Leben mit seinem ermüdenden Einerlei an langweilig zu werden und ich beschloß, mich davon zu machen. An einem Feiertage – ich hatte gerade Tags vorher meinen Gehalt für ein ganzes Jahr, dem Contract gemäß, pränumerando erhalten und das Reliquienkästchen statt der Reliquien damit gefüllt – stieg ich wieder mit meinem Adler in die Luft empor. Auf einer gewissen Höhe angekommen, hielt ich, wie immer, meinen Adler an, erhob meine mächtige Stimme und rief auf die nicht wenig überraschte Volksmenge herab: Höchst einfältiges Volk von Tibet! Meinem Contracte gemäß durfte ich als Dalai-Lama nur in solchen Fällen lügen, wo ich Jemand fände, der meinen Lügen auch Glauben beimaß. Ich habe diesen Punkt des Contracts getreulich gehalten. Ich fand ein ganzes Volk, welches meinen Lügen glaubte, und darum habe ich gelogen. Ich bin nicht der eingefleischte Gott Buddha; ich bin Fritz Beutel aus Schnipphausen. Es war übrigens für euch eine große Ehre, daß ich mich dazu hergegeben habe, euer Dalai-Lama zu sein. Ich habe es jedoch satt, mich ferner unter euch zu langweilen. Verharrt in eurer Dummheit, denn wenn ihr nicht dumm wäret, so würde es unter euch vor langer Weile gar nicht auszuhalten sein. So aber ist eure Dummheit für einen gebildeten Mann ein immerhin interessantes Schauspiel, wie dasjenige euch sein wird, welches ich so eben zum Besten geben werde. Damit gab ich meinem Adler einen Schenkeldruck in die Flanken und die Richtung nach Osten, und das edle Thier, zum Gefühl der Freiheit plötzlich wieder erwachend, durchschnitt mit mir die Luft schnell wie ein befiederter Pfeil. Bald erblickte ich China unter meinen Füßen. Dieses ebene Land kam mir aus dieser wahrhaften Vogelperspective vor wie ein Nipptisch mit allerlei zierlich gearbeiteten Putz- und Spielsachen. Hier ein geradliniges Kanälchen, darüber ein zierliches Brückchen, dort ein Gärtchen, mit verstutzten Zwergbäumchen, hier ein Pagödchen, wie aus Pappe geschnitzt, dort ein Häuschen, mit kleinen Glöckchen daran, hier ein Haufen Chinesen, die wie gypserne Püppchen aussahen und einander mit ihren kahlen bezopften Köpfen zunickten, dort ein Mandarinchen, der einem Verbrecherchen einige Hiebe mit dem Bambusröhrchen verabreichte und dazwischen ganz gemüthlich ein Schälchen Thee schlürfte. Die in regelmäßige Quadrate getheilten Städte erschienen mir wie Schachbrette und die Menschen darin wie elfenbeinerne Schachfiguren, und ich erwartete immer, daß sich zwei Riesen, der eine an dieses, der andere an jenes Ende der Stadt setzen und das Spiel mit den Figürchen beginnen würden. Mein Adler ließ sich endlich vor einem großen Garten nieder, der auf einer Anhöhe lag, von welcher sich mir die Aussicht auf eine unermeßliche Stadt eröffnete. Diese Stadt war keine andere als Peking, und der Garten kein anderer als des Kaisers Garten. Nachdem ich von des Adlers Rücken gestiegen, schwang er sich in die Lüfte empor und entschwand meinen Blicken. Was konnte er auch Besseres thun? Ich trat durch den Thorweg in den Garten, ohne in diesem Augenblick zu wissen, wem der Garten gehöre. Kaum befand ich mich darin, als zwei Mandarine, der eine ein Mandarin mit dem Rubinknopf, der andere ein Mandarin mit der Pfauenfeder, auf mich zutraten, mich am Aermel faßten, und von denen der mit dem Rubinknopf zu mir sagte: Quang-Yanga, Quang-Yanga! (Fremdling, Fremdling!) dieser Eintritt in den Garten ist auch der Austritt aus deinem Leben! und der andere mit der Pfauenfeder: Quang-Yanga, Quang-Yanga! an welcher Ecke dieses Gartens willst du begraben sein? Damit schwangen sie ihre Bambusstöcke gegen mich, die mir jetzt gar nicht so zierlich vorkamen als sie mir aus der Vogelperspective erschienen waren. Gemach, gemach! antwortete ich in chinesischer Sprache, die ich in Tibet erlernt hatte, davon wird sich ja wohl noch später sprechen lassen. Und ich warf Beiden einen Blick zu, daß sie ihre Bambusstöcke fallen ließen und dabei mehrere Goldorangen abschlugen, was sie noch bestürzter machte; denn sie sahen für diese unverzeihliche Ungeschicklichkeit selbst einer kleinen Bastonnade entgegen. Wer ist der Herr dieses Gartens? fragte ich. Die Sonne der Vernunft! der Mittelpunkt im Reiche der Blume der Mitte! der Sohn des Himmels! das Sein des Werdens in seiner höchsten Potenz – unser Herr der Kaiser! antwortete der Mandarin mit dem Rubinknopf. Vertrocknest du nicht, wie eine Prise Schnupftabak, wenn sie der Sonne zu lange ausgesetzt wird? fragte der Mandarin mit der Pfauenfeder. Nein, rief ich entschlossen, führt mich zu eurem Herrn, oder das Donnerwetter – – – Bei diesen Worten zuckten die Mandarinen vor Schreck zusammen, als wären sie vom Blitz getroffen; sie besprachen sich heimlich und eröffneten mir dann, daß sie mich zu der »Sonne der Vernunft« führen wollten, nur müsse ich mir die Augen verbinden lassen. Ich verstand sofort, was sie beabsichtigten; sie wollten mir die Augen verbinden, weil sie meinen Blick nicht ertragen konnten, und beabsichtigten ohne Zweifel, mir unterwegs mit ihren Bambusstöcken den Rest zu geben. Ich sagte Quod non! worauf der Mandarin mit dem Rubinknopf ausrief: Sie kennen meinen Namen? Ja, das ist etwas Anderes! Allerdings heiße ich Quod-Non-Quod, und der Mandarin mit der Pfauenfeder bemerkte: Und ich heiße Non-Quod-Non; denn wir sind Vettern. Wir kamen hierauf überein, daß ich zwar rückwärts, aber mit unverbundenen Augen in das Palais des Kaisers geführt würde, was denn auch geschah. Im Bereich des kaiserlichen Palais angekommen, mußte ich ziemlich lange warten, bis die beiden Mandarine wieder zurückkehrten und mir die Nachricht brachten: der Kaiser geruhe mich sprechen zu wollen, er sei so eben im Opium-Collegium und es werde ihm lieb sein, wenn ich daran Theil nehmen wolle. Nur stelle er mir die Bedingung: entweder rauche ich ihn nieder, dann solle ich sein Schwiegersohn und der Gemahl seiner fünfzigältesten Tochter werden (denn der Kaiser hatte von seinen unzähligen Gemahlinnen bereits 250 Töchter), oder er rauche mich nieder, und dann, so leid es ihm thue, müsse ich einen Kopf kürzer gemacht werden, nur um einen, da ich ja leider nicht mehr als einen besitze. Obschon ich noch niemals Opium geraucht hatte, nahm ich diese Bedingungen doch an und setzte dadurch meine Freunde, die Mandarine, in nicht geringe Verwunderung. Na, sagte Quod-Non-Quod, da werden Sie etwas zu thun bekommen; unser Kaiser ist ein Hauptraucher; und Non-Quod-Non sagte: Ich rauche auch wohl mal gern ein Pfeifchen, aber ins Opium-Collegium bringt mich Keiner. Einmal war ich drin, aber ich wurde gehörig ausgelacht, weil ich alles durch einander schwatzte, dem Kaiser drohte, ihm für seine vielen Dummheiten die Bastonnade geben zu lassen, mich zuletzt selbst für eine Pfeife ansah und die Opiumkörner statt in die Pfeife gleich in meinen Mund stopfte; denn ich hielt diesen für den Pfeifenkopf und meinen Leib für das Pfeifenrohr. Andern Tages glaubte ich, eine Bastonnade sei mir sicher; aber mein Herr, der Kaiser, war sehr gnädig, und gestand mir, daß er Zeit seines Lebens nicht so viel gelacht habe als gestern. Im Uebrigen dauern Sie mich, denn unmöglich werden Sie mit diesem ausgelernten Raucher Stich zu halten im Stande sein. Es ist doch sonderbar: jetzt gehen wir noch so gemüthlich zusammen hier durchs Portal, und morgen soll Ihr Kopf darauf an einer Stange ausgestellt sein. Denn so wird's kommen, und anders nicht. Nun wir wollen es abwarten, sagte ich. Um den Kopf nicht zu verlieren, muß man ihn eben nicht verlieren; und ich verliere den Kopf niemals. Unter diesem Geplauder waren wir beim Opium-Collegium angekommen und ich wurde hineingeführt. Es war ein längliches sehr räucheriges Gemach, an dessen Wänden hölzerne Bänke hinliefen, auf welchen der Kaiser (dieser der Thüre gegenüber) und seine Generäle, Minister und Kammerherren saßen, opiumrauchend und sämmtlich wie tactmäßig mit den Köpfen nickend. Der Kaiser, der ein langes, über und über mit Drachenköpfen gesticktes, gelbseidenes Gewand trug und glücklicherweise schon ein wenig von Opium beduselt zu sein schien, redete mich an: Fremdling, bittest du nicht um die Gnade, daß ich dir einen Fußtritt versetze? Nein, himmlische Majestät, das werde ich niemals thun, antwortete ich stolz, indem ich mein Kästchen mit meinem Baarvorrath auf der Bank rechts niedersetzte. Du gefällst mir, Fremdling! Bei Opiumrauchern liebe ich diesen Freimuth; denn wir sind hier ganz entre nous . Du kennst die Bedingungen, die ich dir stellen ließ? fragte er weiter. Ich kenne sie, und acceptire sie, antwortete ich. Nun so setze dich hier an meine Seite und zeige was du vermagst! Es wurde mir nun eine Pfeife gebracht; und ich rauchte wie ein Alter, indem ich wie die Uebrigen immerwährend mit dem Kopfe nickte. Gesprochen wurde sehr wenig, aber desto mehr geraucht, Pfeife auf Pfeife. Ich hielt wacker aus und blies dem Kaiser möglichst den Dampf ins Gesicht, um ihn noch mehr zu betäuben. Es war schon spät in der Nacht und bereits lag mehr als ein Opiumraucher auf der Bank und schlief oder sprach verwirrtes Zeug, was nicht von dieser Welt war. Zuletzt blieben der Kaiser und ich allein auf dem Platze. Fremdling, du bist ein ganz famoser Kerl, sagte endlich der Kaiser zu mir, indem er mich auf die Schulter klopfte. Welcher Nation gehörst du an? Der Schnipphausen'schen, antwortete ich kurz, immer mit dem Kopfe nickend. Allen Respect vor der schnipphausenschen Nation! sagte der Kaiser. Mir wird bereits, ich weiß nicht wie. Ich glaube ich fliege – ich bin ein Paradiesvogel. Damit stand er auf, breitete die Arme aus und versuchte zu fliegen, fiel aber platt hin und lag am Boden. Ich richtete ihn wieder auf und nun glaubte er eine Bachstelze zu sein und hüpfte immer mit beiden Beinen zugleich, bis er wieder zu Boden stürzte. Abermals von mir aufgerichtet, bildete er sich ein, ein Frosch zu sein, indem er wie ein Frosch hin und her hüpfte und dabei quakte. Dann meinte er wieder ein Pfau zu sein, spreizte und brüstete sich, reckte und drehte Hals und Kopf so weit es ging in die Höhe und suchte mit seinem seidenen Gewande hinten ein Pfauenrad zu schlagen. Hierauf war er wieder ein Fisch, legte sich platt auf den Bauch, machte die Bewegungen eines Schwimmenden und schnappte mit dem Munde wie ein Karpfen, was sehr possierlich anzusehen war. Endlich sagte der Kaiser stammelnd: Ich glaube, die Sonne der Vernunft fängt an sich zu verdunkeln, und der Mond der Unvernunft in seinem ersten Viertel beginnt zu leuchten. Es ist Zeit zu Bette zu gehen! Jemand hat mir meine Beine gestohlen, setzt ihm nach, dem Diebe! Jemand hat meinen Kopf in die Tasche gesteckt – alle Taschen in China sollen durchsucht werden! Es ist keine Ehrlichkeit mehr in der Welt; Glauben und Treue sind an den Schandpfahl genagelt, und Ungerechtigkeit, Untreue, Bestechlichkeit und Verrath sind die Herren der Welt und gehen in purpurnen Gewändern. Das Raubthier zerreißt das Thier aus Hunger, nur der Mensch den Menschen aus bloßer Lust! Gold, Blut und Liebesdurst verwirrt die Sinne Aller! Es wachsen mehr Sünder in der Welt, als Bambusröhre, sie zu züchtigen. Wären die Gotteshäuser so voll als die Zuchthäuser, dann wäre es eine Lust, Geistlicher zu sein, und wäre die ganze Welt ein Opium-Collegium oder ein Harem, und gäbe es keine Diplomaten und orientalische Fragen, so wäre es das beste Geschäft Kaiser zu sein. Wer mir sagt, daß ich Kaiser von China sei, beleidigt mich; ich bin nichts als ein liberaler deutscher Nachtwächter! Und damit fing er an zu tuten und sich selbst in den Schlaf zu tuten, bis ich den transcendental philosophirenden Kaiser auf den Arm nahm und ihn wie ein Kind auf die Bank legte, wo er einschlief und nicht wenig schnarchte. Aber auch bei mir fing die »Sonne der Vernunft« an sich zu verdunkeln. Ich bildete mir ein, sämmtliche schlechten Gedichte sammt allen schlechten Recensionen über sie, die seit Guttenberg gedruckt worden sind, verfaßt zu haben, und ich gab mir dafür eine kräftige Ohrfeige auf die linke Backe. Ich glaubte nun, daß mir der Kaiser den Schlag versetzt habe, und ich applicirte ihm dafür einen Backenstreich, daß er im Schlafe laut aufschrie und rief: Süßes Mädchen! wenn du mir die Backen streichelst, so streichele sie wenigstens mit deinen eigenen Sammethändchen und nicht mit einer Bürste! Ich taumelte nun in den Garten hinaus, um die frische Nachtluft einzuathmen. Aber die Hecken und Zwergbäume, die in den chinesischen Gärten bekanntlich zu allerlei Thiergestalten zugestutzt sind, machten mir die fürchterlichsten Grimassen und die Drachenhäupter an den Dächern der Gartenhäuser sperrten ihre Mäuler gegen mich auf und streckten mir ihre Zungen entgegen und ich that gegen sie dasselbe, weil ich mir plötzlich selbst einbildete, ein Drache zu sein. Indeß kam ich allmälig im Hauche der kühlen Nachtluft zur Besinnung, und als die Morgenröthe heraufzudämmern begann, fühlte ich mich vollkommen vernünftig und nüchtern. Als ich in die Opiumhöhle zurückkehrte, fand ich den Sohn des Himmels, den Kaiser China's, eben im Erwachen, gähnend, sich schüttelnd und streckend und mich mit gläsernen Augen anstierend. Ich ergriff alsbald meine Pfeife, schüttete mir Opiumkörner darauf, setzte sie in Brand und sagte: Nun, Majestätchen! wie ist's? Noch ein Morgenpfeifchen? Oh, stöhnte Se. Majestät, mir ist sehr übel zu Muthe. Lege die Pfeife bei Seite, unbegreiflicher Fremdling! Schon der bloße Anblick erregt in mir Gefühle als müßt' ich mich um meinen eigenen Zopf drehen! Daß ich es kurz mache: Ich erhielt die Hand der Prinzessin Sitsch-Li-Fi, worin ich jedoch nur willigte, nachdem man die mir gestellte Bedingung, mir mein üppiges Kopfhaar abschneiden und mir nur einen Zopf stehen zu lassen, zurückgenommen hatte. Dafür wurde mir an meinem Rockkragen ein aufrechtstehender Zopf angenäht, der hoch und stattlich über meinen Kopf hinausragte. Meine junge Gattin gefiel mir übrigens im Ganzen wie im Einzelnen gar nicht übel, zumal Sitsch-Li-Fi wegen ihrer kleinen Füße immer zu Hause bleiben mußte und ich dadurch dem Leiden aller europäischen Ehemänner entging, die Frau bei ihren Ausgängen immer am Arme haben zu müssen. In den Gemächern unserer Wohnung bediente sich Sitsch-Li-Fi einer Art Rollstuhl, auf dem sie mir von Zimmer zu Zimmer nachzurutschen pflegte, wenn sie das Bedürfniß fühlte, mir die Backen zu streicheln oder einen Kuß zu geben. Zugleich wurde ich zum Minister der ästhetischen Angelegenheiten ernannt, denn diese befanden sich in einem Zustande großer Verwahrlosung und bedurften einer gründlichen Reorganisation. Es war seit langen Jahren kein großer Dichter aufgetreten, während doch in unserm gesegneten Deutschland mit jedem neuen Frühjahr neue unsterbliche Dichter zu Hunderten aus den Druckereien hervorkriechen wie Maikäfer aus ihren Erdlöchern nach einem warmen Frühlingsregen. In welchem Sinne ich meine Aufgabe erfaßte, davon wird folgendes Preisausschreiben den besten Beweis geben. »Seit einer Reihe von Jahren ist in China ein empfindlicher Mangel an großen Tragödien und Epopöen bemerkbar gewesen. Der Grund davon liegt offenbar im Stoffmangel. Alle klassischen Tragödien haben es mit großen Verbrechen, mit erschütternden Criminalfällen, mit Blut, Mord und Raub zu thun. Nun gibt es zwar Verbrecher genug in China, so viele, daß ihnen der doch sonst so üppig wachsende Bambus nicht vollkommen gewachsen ist. Aber es fehlt an wahrhaft poetischen Verbrechern, und darum haben wir auch keine wahrhaft großen Dichter; denn beide gehen mit einander Hand in Hand, sind Nachbarsleute und Spießgesellen. Die Phantasie der Dichter ist gewissermaßen ein Ackerfeld, welches mit Blut gedüngt werden muß. Das Ministerium der ästhetischen Angelegenheiten sieht sich daher veranlaßt, Preise und Accessite auf solche großartige oder pikante complicirte Verbrechen auszuschreiben, welche dazu angethan sind, sowohl den Geschmack an ordinären Verbrechen, wie sie in China leider an der Tagesordnung sind, nach und nach zu beseitigen, als auch unsern producirenden Talente fruchtbare und für poetische Behandlung besonders gut geeignete Stoffe zu liefern.« An diese allgemeine Einleitung schlossen sich die nähern Bedingungen und Bestimmungen. Den Erfolg meines Preisausschreibens konnte ich leider nicht abwarten, da ein Zwischenfall eintrat, welcher mich von der Stätte meiner Wirksamkeit entfernte, die ohne Zweifel für die chinesische Poesie die allerersprießlichste zu werden versprach. Unter allen Klassen in Peking stieg nämlich die Gährung darüber, daß ich mir das Haupthaar nicht scheeren und mir keinen Zopf wachsen lassen wollte; denn der Zopf ist das unerläßliche Requisit jedes Chinesen und das Symbol alles Chinesenthums. Wo ich mich auch sehen ließ, rief man: Nieder mit dem rothstruppigen Barbaren, der uns Alle rothstruppig machen will! Der Thron meines Schwiegervaters war ernstlich gefährdet; kein Wunder, wenn er in seiner Weise Schritte that, um mein Haupthaar auf dem Altare des Vaterlandes und des chinesischen Zopfthums niederzulegen. Eines Abends erschienen bei mir die früher genannten Mandarine Quod-Non-Quod und Non-Quod-Non in Begleitung mehrerer anderer Mandarine, sämmtlich bewaffnet, und erklärten mir, daß sie von meinem Schwiegervater den Auftrag erhalten hätten, mich zu scheeren, worauf ich bemerkte, man verstünde in China sehr gut zu scheeren, und mich ferner bereit erklärte, mich scheeren zu lassen so viel man wolle; es schiene mir aber, als ob ein Pfeifchen Opium vor der Operation gar nicht von Uebel sei. Dies schien nun den Herren auch, und wir setzten uns und rauchten ein Pfeifchen nach dem andern. Als ich den Herren, von denen ich bereits wußte, daß sie nicht viel vertragen könnten, zu ihrem Zopfe noch einen gehörigen Zopf angehängt und sie in einen Zustand versetzt hatte, der zu meinem Zwecke nichts weiter zu wünschen übrig ließ, schlüpfte ich zum Fenster hinaus, drückte mich durch die kaiserlichen Gärten, eilte zum Fluß und bestieg hier meine Privat-Dschonke, mit der ich den Fluß hinabruderte bis zu dessen Mündung. Am Ufer des chinesischen Meeres angekommen, war ich nicht wenig überrascht, als ich meine Tochter Guitarria Cichoria Cigarretta auf ihrem fliegenden Fische erblickte und von ihr aufgefordert wurde, hinter ihr aufzusitzen, denn der Fisch, wie sie weiter bemerkte, sei stark und breitrückig genug, um uns Beide zu tragen. Cigarrettchen! rief ich, welch ein Engel bist du, und wie glücklich machst du deinen Vater durch deine zarte Aufmerksamkeit! Nur keine deutsche Sentimentalität! sagte sie etwas ungestüm. Aufgestiegen! ich bringe dich nach Melbourne! China, das wußte ich, war für einen Mann von deiner Genialität nicht das geeignete Land; du gehörst nicht in das Land des Zopfes und der Verkrüppelung. In den Minendistricten Australiens ist ein flottes, geniales Leben; da sind Urzustände und da findest du, was die Hauptsache ist, Gold in Hülle und Fülle. Ich schwang mich also auf den fliegenden Fisch, den sie mit außerordentlicher Geschicklichkeit leitete, und so gelangten wir über diesen Theil des Oceans nach Australien, an dessen Küste sie mich aussetzte. Lebe wohl! sagte sie. Du wirst noch eine große Rolle spielen und wenn du mich brauchst, werde ich da sein! Mit diesen Worten verschwand sie mit ihrem fliegenden Fische meinen Blicken und ich hatte das Nachsehen. Es ist merkwürdig, wie kurz angebunden dieses wunderbare Wesen war. Kaum ans Land gestiegen, begab ich mich auch sofort in die Goldregion, und soweit ich Kenner bin, glaube ich, daß das australische Gold echt ist. Dafür stehen mag ich freilich nicht in einer Zeit, wo so viel Schwindel getrieben wird und es so viele Spaßvögel gibt. Ich hatte enormes Glück; ich steckte förmlich im Golde bis über die Ohren; eine ganze Goldmauer hatte sich um mich gebildet. Dieses Glück zog mir Neider und Verfolger zu und eines Morgens sogar einen Angriff auf mich; aber ich wehrte die Angreifenden glücklich ab, indem ich ihnen Goldstücke von hundert Pfund Schwere und mehr an den Kopf warf, so daß sie sich mit blutenden Köpfen schließlich zurückzogen, leider freilich auch die Goldstücke mitzunehmen unverschämt genug waren. Während ich so in der besten Arbeit war, erhielt ich einen Brief von einer höchsten Person in Paris, worin mir dieselbe schrieb: »Verehrter College! Vergessen Sie das Unrecht, was ohne Frankreichs Wissen und Mitwirkung ein früherer Gouverneur von Algerien an Ihnen begangen hat. Lassen Sie alles Gold, was Sie erworben haben, stehen und liegen, oder wenn es Ihnen möglich ist, so bringen Sie es mit, denn wir können es brauchen. Die westliche Civilisation appellirt an Sie: es gilt einen Kampf dieser Civilisation gegen die östliche Barbarei. Sie werden gegen diese Appellation an Ihre Sympathie für die westliche Civilisation nicht taub sein. Begeben Sie sich nach Konstantinopel, wo Sie den Ihnen schändlicher Weise unterschlagenen und aus dem Festungsgraben von Constantine geretteten Marschallsstab auf der französischen Gesandtschaft abholen können. Wir rechnen auf Sie! Rechnen Sie auch auf uns! Ich hatte hierauf nichts weiter zu thun, als das nächste nach dem arabischen Meere abgehende Schiff zu besteigen, mein Gold darauf zu packen und mich über Suez nach Konstantinopel zu begeben. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Diplomat spreche möglichst viel, wenn er nichts sagen will, und möglichst wenig, wenn er viel sagen will. Talleyrand . Sehen und sofort siegen ist die Hauptsache. Der größte Feldherr würde aber der sein, der den Feind immerfort schlüge, ohne ihn jemals zu Gesicht zu bekommen. Julius Cäsar »De bello Gallico.« Roth ist meine Lieblingsfarbe – denn Roth ist die Farbe des Bluts. Lettres du Maréchal de St. Arnaud. Richtet man die orientalische Frage an mich, so habe ich dafür nur Eine Antwort, ein diplomatisches Achselzucken, welches man nehmen kann wie man will. Lord John Russell . In der türkischen Hauptstadt angekommen, richtete ich meine Schritte und zwar in feinen lackirten Stiefeln, das Kreuz der Ehrenlegion, welches ich im Feldzuge gegen die Kabylen erworben hatte, auf der Brust, zuvörderst nach dem Hotel der französischen Gesandtschaft und wurde auch sofort bei Sr. Excellenz vorgelassen. Der Gesandte empfing mich mit jener Liebenswürdigkeit, wie sie allen Franzosen, und mit jener zugleich viel- und nichtssagenden Glätte, wie sie allen Diplomaten eigen ist. Kommen Sie endlich, Freund in der Noth? rief er aus. Die ganze orientalische Frage war schon in eine Sackgasse gerathen, aus der wir nicht aus noch ein wußten. Nun aber hoffe ich, werden wir ein gutes Stück weiterkommen. Ihre Ernennung zum Ober-Geheim-Feldmarschall liegt in Paris schon ausgefertigt, und ich erwarte sie mit jedem Tage. Ist das eine neue Würde: »Ober-Geheim-Feldmarschall«? fragte ich einigermaßen verwundert – oder ist dies nur ein Schmutztitel, wie bei gewissen Büchern? Ohnfehlbar eine neue militärische Würde! erwiederte der Gesandte; aber zugleich auch eine Erhöhung der Feldmarschallswürde; gerade wie ein Geheimrath mehr ist als ein einfacher Rath. Ich fand mich jedoch hierdurch durchaus nicht befriedigt, sondern witterte unter dem ungewöhnlichen Zusatz »geheim« eine besondere Absicht. Ich drang daher nicht gerade mit diplomatischer Feinheit, aber mit der Ehrlichkeit und Entschiedenheit eines Kurmärkers, eines gebornen Schnipphauseners in den Gesandten, bis dieser erklärte: Allerdings – – in Folge der besondern Constellationen, der verwickelten Verhältnisse, der vielen ehrgeizigen Personen – sehen Sie! – – wir sind selbst in der größten Verlegenheit – wir müssen diplomatisch verfahren – wir würden, bedenken Sie das, zu viele Ambitionen vor den Kopf stoßen, zu viele Anciennitätsansprüche verletzen, wenn wir Sie geradezu als Oberfeldherr en chef an die Spitze der französischen Truppen stellen wollten. Sie werden die Gewogenheit haben, dies einzusehen. Wir haben daher den Ausweg getroffen, Sie zum Ober-Geheim-Feldmarschall zu ernennen, so zwar, daß diese Ernennung ganz unter uns bleibt, die wir darum wissen. Nämlich nur bis auf Weiteres, bis die Umstände gestatten, mit Ihrer Ernennung vor die französische Armee und die Welt zu treten. In Wirklichkeit aber sind und bleiben Ew. Excellenz der wirkliche commandirende General en chef . Der Marschall St. Arnaud ist dahin angewiesen – und bei dem Gefühl seiner Unzulänglichkeit für eine so ungeheure Aufgabe ist er auch vollkommen damit einverstanden – nur von Ihnen ausgehende Befehle auszuführen als wären es seine eigenen. Und wenn ich Ihnen außerdem versichere, daß Sie ein Feldmarschallgehalt beziehen werden, wie es noch keinem Marschall vor Ihnen zu Theil geworden ist, so werden Ew. Excellenz, ich zweifle nicht, ein Anerbieten nicht von der Hand weisen, dessen Annahme Sie in den Stand setzen wird, der Civilisation solche Dienste zu leisten, wie sie dieser heiligen Angelegenheit noch niemals geleistet worden sind. Das Gehalt und die sonstigen Emolumente bleiben ja doch immer die Hauptsache, wenigstens wie wir praktischen Franzosen solche Geschäftsverhältnisse ansehen. Nur praktisch, lieber Marschall, nur keinen deutschen Transcendentalismus und Idealismus in solchen Angelegenheiten! Der Gesandte wischte sich den Schweiß von der Stirn, als er mit diesen Explicationen glücklich zu Ende war; und er hat später in vertrauten Kreisen gestanden, daß die schwierigsten diplomatischen Aufträge ihm noch niemals solche Verlegenheit bereitet hätten, wie der ihm gewordene, mir dieses Anerbieten plausibel zu machen. Den Schweiß, den er bei dieser Gelegenheit im Dienste seines Landes und der Civilisation vergoß, hat er auch der französischen Regierung in Rechnung gebracht und diese ihm dafür auch eine Entschädigung bewilligt; denn jeder Tropfen Schweiß, den ein Diplomat vergießt, ist Goldes werth. Nun, sagte ich hierauf, es wird Alles auf die contractlichen Bedingungen ankommen, denn schwarz auf weiß muß ich so Etwas haben. Wie aber steht es mit dem Marschallsstabe, den ich mir in Ihrem Hotel abholen sollte? Ach, Excellenz! erwiederte der Gesandte etwas verlegen, so weit ein Diplomat jemals verlegen sein kann; mit dem Marschallsstab ist mir ein ganz eigenes Malheur passirt – ein Malheur, ich wollte lieber, daß uns die Russen aufs Haupt geschlagen hätten. Denken Sie nur, mein vierjähriger Bube hat sich gestern während meiner Abwesenheit den Stock zu Nutze gemacht, ist darauf herumgeritten, und der Stab ist dabei mitten auseinander gebrochen. Die Geschichte ist höchst ärgerlich, zumal sie sich gerade in meiner eigenen Familie zutragen mußte. Ueberhaupt hat der Junge nicht die geringste Anlage zum Diplomaten, wiewohl ich beabsichtige, mein Geschäft durch ihn bei meinem Tod fortsetzen zu lassen; er schlägt alles kurz und klein. Denken Sie nur! neulich zertrümmert mir der Unhold ein kostbares porzellanenes Thee- und Kaffeeservice, welches mir als einem Vorkämpfer der westlichen Civilisation die großherzigen Redactionen verschiedener deutschen liberalen Zeitungen verehrt hatten! Ist das diplomatisch? Und wenn jene Redactionen dies erfahren, werden sie nicht allerlei Schlüsse daraus ziehen, die meiner Gesinnung nachtheilig lauten könnten? Es ist allerdings nicht diplomatisch, zu zertrümmern, sondern zu flicken, und so hätte auch Ew. Excellenz wohl den Marschallstab wieder zusammenleimen lassen können! sagte ich. Ach, ein Unglück kommt selten allein! meinte der Gesandte. Die Feuerung ist in Konstantinopel so kostspielig und meine Frau so haushälterisch. Stellen Sie sich meinen Schreck vor, als ich beide Stücke des Marschallsstabs zum Tischler schicken will, und meine Frau mir berichtet, sie habe sie im Kamin verbrannt und den Nachmittagskaffee dabei gekocht. Mir wäre ja lieber gewesen, Fürst Mentschikoff wäre mit der Kibitke vorgefahren und hätte mich nach Sibirien gebracht! Was wird die liberale deutsche Presse zu diesem untoward event sagen! Allerdings, bemerkte ich hierauf, ist dieses ärgerliche Ereigniß nur zu geeignet, in Deutschland eine höchst ungünstige Ansicht über die Führung der orientalischen Angelegenheiten Seitens der Westmächte zu verbreiten und die deutschen Mächte in ihrer Neutralitätspolitik zu bestärken. Jedermann weiß, mit welcher Energie und Eifersucht die deutschen Regierungen darauf halten, daß keinem ihrer Angehörigen im Auslande Unrecht geschieht. Es ist aber auch zu arg: Der Eine benutzt meinen Marschallstab als Spazierstock und der Andere läßt es geschehen, daß sich sein Junge seiner als Steckenpferd bedient! Bestimmen Sie nur, welche Genugthuung Ihnen Frankreich geben soll! sagte hierauf der Gesandte mit ängstlicher Miene. Soll ich meine Frau in Ihrer Gegenwart abkanzeln und meinem kleinen Louis ein paar aus dem ff überziehen? Nein, Excellenz! erwiederte ich; ich bin ein ebenso großer Verehrer des weiblichen Geschlechts als zärtlicher Kinderfreund. Auch ich bin Vater und habe nicht umsonst den Weißischen Kinderfreund gelesen. Dieser Edelmuth ist Ihrer würdig! sagte der Gesandte. Ich werde auch sofort nach Paris schreiben und Ihnen einen neuen Marschallstab besorgen lassen. Thun Sie das, lieber Graf! sagte ich, und grüßen Sie mir Ihren Herrn, den Kaiser, und meinen künftigen Kriegskameraden, den Marschall St. Arnaud! Folgenden Tags hatte ich eine Conferenz mit dem türkischen Minister des Auswärtigen und dem des Kriegs. Jener richtete an mich die Frage, was ich überhaupt von der orientalischen Frage halte. Diese Frage ist freilich so allgemein gestellt, bemerkte ich hierauf, daß sie von mir nur in gleich allgemeiner Form beantwortet werden kann. Die orientalische Frage läßt sich eigentlich bis auf die Streitigkeiten der Israeliten mit den Amalekitern, ja bis zum Feigenblatt der Mutter Eva verfolgen, das auch eine rein orientalische Frage war. Im jetzigen Stadium dieser Angelegenheit handelt es sich darum, daß die östliche Barbarei – unter der ich mit Ihrer Erlaubniß auch die türkische mitbegreife – ein Feigenblatt vornimmt, um ihre Blöße zu decken. Dieses Feigenblatt hat sie vom Baume der westlichen Civilisation zu pflücken. An einen wahren Frieden ist gar nicht zu denken, bis sich die Gegensätze ausgeglichen haben, d. h. bis die westliche Civilisation eben so viel an die östliche Barbarei, als diese wieder an die westliche Civilisation abgegeben haben wird. Dann erst wird die elektrische Spannung zwischen beiden Gegensätzen ein Ende haben und Frieden auf Erden sein. Es handelt sich also, kurzgesagt, um eine Civilisirung der östlichen Barbarei und um eine Barbarisirung der westlichen Civilisation. Der türkische Minister des Aeußern griff diesen Gedanken mit Eifer auf und bemerkte: Allerdings wird die Türkei sich niemals dazu verstehen, die östliche Civilisation mit all ihren Alterschwächen, die sie unter den Lächerlichkeiten eines greisen Gecken zu verbergen bemüht ist, und all ihren überfirnißten Schäden bei sich einzuführen. Wir beabsichtigen allerdings, im Bunde mit den Westmächten uns den Russen vom Leibe zu halten, wenn unsere Alliirten es uns aber zu arg machen, so kostet es uns nur ein Wort, vielleicht auch nur eine Provinz, und wir schlagen mit dem Russen im Arm auf die Westmächte los. Sollen wir einmal verfaulen, so ist es besser wir verfaulen – ich hätte beinahe gesagt in unserm eigenen Unrath, doch das wäre barbarisch – als im westmächtlichen. Die Parlaments- und Kammerdebatten und die Leitartikel der westmächtlichen Zeitungen beweisen klar, wie schlimm es da drüben steht: jede Partei beschuldigt die andere der Niederträchtigkeit, der Schurkerei und der moralischen Verkommenheit und Fäulniß. Das kann unser Vertrauen nicht erwecken. Wenn ich in meinem Harem sitze, so preise ich Allah, denn ich betrachte und genieße die schönsten seiner Werke. Und denken Sie nur, die Westmächte verlangen, daß wir, wir Staatsbeamte, für die beabsichtigte neueste Anleihe unsere Harems verpfänden sollen. Die Anleihe können wir nicht zurückzahlen, das ist ausgemacht; folglich würden unsere Haremsfrauen in den Händen der Westmächte bleiben und wir könnten sehen, wo wir wieder solche hübsche Dinger herkriegten. Die Westmächte suchen also bei der ganzen Geschichte nichts weiter als unsere wohl ausgestatteten Harems in die Hände zu bekommen. Alles Uebrige, die freie Donauschifffahrt, die Zerstörung der russischen Flotte, die Gleichstellung der Rajah mit den Gläubigen, ist nur Vorwand. Und diesem Spiel sollen wir ruhig zusehen? Nun, wir wollen abwarten, wer zuletzt den Andern überlistet. Bis auf Weiteres freilich müssen wir mit den Westmächten gehen; aber in das Heiligthum unserer Harems werden wir diese Ungläubigen nicht eindringen lassen. Total mit Ew. Excellenz einverstanden! bemerkte ich. Der Kriegsminister suchte mich nun über meinen Kriegsplan auszufragen, und ich antwortete: Ich werde den Krieg nicht sowohl im mephistophelisch infernalischen als im faustisch idealen Sinne führen, mit Einmischung einiger der wesentlichsten Elemente aus Tiedge's Urania. Leider kenne ich dieses strategische Werk nicht, sagte hierauf der Kriegsminister, und ich muß Sie ersuchen, sich deutlicher zu expliciren. Ich glaubte wahrzunehmen, daß mir der Kriegsminister nur meinen Plan ablocken wollte, um ihn vielleicht durch einen Andern ausführen zu lassen, und ich antwortete: Das Hauptsächlichste bleibt immer der Scharfblick des Feldherrn, der Alles und Alle durchschaut. Der Sinn und die Bedeutung meiner Worte schienen dem Türken nicht zu entgehen, denn er schlug verwirrt und verlegen seine Augen nieder. So lange ich übrigens den Feind nicht vor mir gesehen habe, fuhr ich fort, bin ich auch außer Stande, einen Kriegsplan zu entwerfen, so wie auch ein Arzt nicht eher eine richtige Kur auf Tod und Leben vornehmen kann, ehe er nicht seinen Kranken gesehen hat. Zudem kenne ich ja die Hilfsmittel nicht, die Sie mir zur Verfügung stellen werden. Geben Sie mir nur 50,000 Mann, so muß ich mich damit einzurichten suchen, geben Sie mir aber das Dreifache, so kann ich was an Menschenleben daraufgehen lassen. Kaput mache ich die Moskows so oder so; darauf verlassen Sie sich! Das Ende der Conferenz war, daß mir der Kriegsminister zusagte, mir ein Verzeichniß sämmtlicher Streitkräfte und sämmtlichen Kriegsmaterials, wie auch die nöthigen Landkarten zukommen zu lassen und mich so bald als möglich auf das Kriegstheater an der Donau zu entsenden. Mit der Haltung, die ich in dieser Conferenz beobachtet hatte, war ich selbst außerordentlich zufrieden; ich hatte mich möglichst allgemein und ausweichend ausgedrückt; ich hatte bewiesen, daß ich auch zum Diplomaten das nöthige Zeug habe. Mochte der Boden glatt sein, auf dem ich stand, so war ich noch glatter; waren die Hände dieser Diplomaten schlüpfrig, so war ich noch schlüpfriger, so daß sie mich nicht fassen konnten. Ich blieb in diesem diplomatischen Aalgreifen offenbar Sieger. Nach Beendigung der Conferenz stellte mich der Minister des Auswärtigen seinem Geheimsecretär vor, der, wie mir der Minister mittheilte, alle die schönen Noten verfaßt habe, welche von der hohen Pforte in dieser Angelegenheit ausgegangen seien. Als mir der sehr feine, aber jetzt etwas corpulente Mann vorgestellt wurde, war ich nicht wenig überrascht, in ihm einen alten lieben Bekannten zu finden – Peter Silje aus Macomaco. Meine Divinationsgabe hatte sich auch in Betreff des Sultans Piesacko glänzend bewährt, und was ich ihm in meiner Abschiedsaudienz prophezeit hatte, war richtig eingetroffen. Die Linke des centralafrikanischen Nationalparlaments in Macomaco hatte einen Aufruhr angezettelt, und Piesacko war dadurch genöthigt worden, sich nächtlicherweile durch ein Hinterpförtchen seines Palastes – und er liebte immer die Hinterpförtchen – aus dem Staube zu machen. Seine Favoritsultanin, Signora Clabasteroni, hatte Anstellung in dem Nationalharem gefunden, welches die Linke zu ihrem Vergnügen angelegt hatte, und Piesacko war gegenwärtig, wie das Gerücht ging, Anführer einer Horde Baschi Bojuts in Kleinasien, hatte aber seine schwarze Haut in Afrika zurückgelassen. Meinem Freunde Peter Silje ging es in Konstantinopel, wohin er sich nach jener Katastrophe begeben hatte, sehr wohl; denn er hatte sein früher betriebenes Geschäft der Notenanfertigung hierher verlegt und alle europäischen Mächte durch ein Rundschreiben eingeladen, die von ihnen zu erlassenden Noten durch sein Bureau zu beziehen, indem er zugleich die prompteste Bedienung versprach. Das Bedürfniß nach diplomatischen Noten wuchs mit jedem Tage, die Regierungen hatten alle Hände voll zu thun, und so gingen sie gern auf diesen Vorschlag ein und ließen sich Proben einsenden, welche durchweg preiswürdig gefunden wurden. Denn Peter Silje besaß ein ganz eigenes Geschick, sich auf den Standpunkt jedes Staats zu erheben und darnach die anzufertigenden Noten einzurichten. In Dutzenden konnte jede Regierung sie wohlfeiler haben. Peter Silje spielte als Inhaber dieses »diplomatischen Noten-Verfertigungsbureau« eine sehr wichtige Rolle, denn da sein eigener Vortheil mit der kriegerischen Gestaltung der orientalischen Frage Hand in Hand ging, so verfaßte er die Noten in einem Geiste, durch welchen die Frage immer mehr verwickelt und die Staaten gegen einander gehetzt wurden. So unschuldig sie oft auch aussahen, so enthielten sie doch immer irgend eine Wendung, welche ihm Gelegenheit gab, in die nächste Gegennote eine scharfe Phrase einzufügen, welche wieder zu einer noch schärferen in der nächsten Gegen-Gegennote die Handhabe bot. Außerdem hatte er das Vertrauen mehrerer Regierungen anfangs so zu gewinnen gewußt, daß sie sich die Noten gar nicht mehr zusenden ließen, sondern, um sich die Kosten für die Telegraphie zu ersparen, meinem Freunde die Anweisung ertheilten, die Noten sofort von Konstantinopel an die betreffenden Höfe zu adressiren. Alle Noten, welche seit Beginn der orientalischen Frage zwischen den Höfen von Konstantinopel, Paris, London, St. Petersburg und Wien gewechselt worden sind, sind von meinem Freunde Peter Silje, diejenigen aber für die neutralen Höfe und namentlich den deutschen Bund von seiner Frau, ehemaligen Cleisterazzi, verfaßt worden. Man wird sich der Mittheilungen erinnern, die mir Friedrich der Rothbart in Betreff eines Geheimbundes machte, dessen Mitglieder einander an der Frage: »Haben Sie ein Haar darin gefunden?« und an der darauf folgenden Antwort: »ein fuchsrothes!« erkennen sollten. Auch wird man sich erinnern, wie besagter Herr mich in Betreff dieses Bundes besonders auf Konstantinopel verwies. Um dem Bestande und Zusammenhange dieses Bundes auf die Spur zu kommen, unterließ ich nicht, wo es mir immer nur angebracht zu sein schien, diese Frage zu thun; aber Niemand gab mir darauf die statutenmäßige Antwort, man lachte mir vielmehr ins Gesicht, was mich nicht wenig verdroß. Ich hatte deshalb einige Dutzend Duelle, bei denen ich es jedoch immer so einzurichten wußte, daß dabei weniger Blut, als zur Versöhnung Champagner floß. Eines Tages richtete ich auch an den Vertreter einer deutschen Macht in dem Augenblicke, wo ich mich von ihm verabschiedete, die Frage: »Haben Sie ein Haar darin gefunden?« Er sah mich höchst verwundert an; ich faßte mich jedoch und fügte wie ergänzend hinzu: Ich meine, ob Eure Excellenz in der orientalischen Frage ein Haar gefunden haben? Oh, erwiederte er, mehr als eines, so viel, daß ich allen meinen Collegen einen wohlverdienten Zopf flechten könnte. Ich sprach meine Bewunderung für seinen guten Humor aus, und damit war die Sache an dieser Stelle glücklich erledigt. In eine schlimmere Verlegenheit, an die ich all mein Lebtage denken werde, gerieth ich bei dem Vertreter einer andern deutschen Macht, als ich gerade bei ihm dinirte. Wir waren eben bei der Suppe, und es kam mir, ich weiß nicht was in die Kehle, so daß ich unwillkürlich mein Gesicht aufs fürchterlichste verzog. »Haben Sie ein Haar darin (nämlich in der Suppe) gefunden?« fragte mich der Gesandte. Ah, dachte ich, das ist dein Mann, und ich erwiederte unbefangen und sehr laut: Ein fuchsrothes! Zufälliger, aber unglücklicherweise hatte das Haar der Hausfrau eine sehr stark röthliche Farbe, und Jedermann schien in meinen Worten eine bewußt oder unbewußt impertinente Anspielung auf das Haar der Dame vom Hause zu finden. Die Dame selbst wurde im Gesicht fast so roth als ihre Haare; die Gäste sahen sich verstohlen an oder verbargen ihr Gesicht hinter der Serviette, um nicht in ein lautes Lachen auszubrechen, und der Herr Gesandte schien sich zu einer empfindlichen, vielleicht beleidigenden oder diplomatisch-beißenden Bemerkung zu präpariren. Ich begriff meine Ungeschicklichkeit, riß eiligst, so daß es Niemand wahrnehmen konnte, ein Haar aus meinem Barte und zeigte es dem Herrn Gesandten mit den Worten: Entschuldigen Ew. Excellenz, es ist ein Haar aus meinem eigenen im Laufe der Jahre röthlich gewordenen Barte; aber da fällt mir eine kostbare Bartanekdote ein, und nun erzählte ich eine Reihe wunderbarer Geschichten, die sich meiner Versicherung nach an meinen Bart knüpften und so lustig waren, daß sich Alle aufs prächtigste amüsirten und den Vorfall bald gänzlich vergessen hatten. Ein andermal speiste ich in einem Peraer Hôtel mit einem im türkischen Heere dienenden Obersten, einem geborenen Deutschen, dem wirklich aus seinem rothen Barte ein Haar in die Suppe gefallen war. Sehen Sie nur, da habe ich wieder ein Haar darin gefunden – ein fuchsrothes. Ach, dachte ich, das ist einer von den Verschworenen und will auf den Busch schlagen. Sie haben ein Haar darin gefunden? sagte ich, so kennen auch Sie wohl den Alten? Welchen Alten? fragte er; ich kenne manchen Alten! Nun, den in Thüringen – Sie werden schon wissen, war meine Antwort, den mit dem langen Barte! Ich weiß schon, wen Sie meinen, sagte der Oberst – – ein flotter alter Bursche; er hat in seiner Jugend viele lustige Streiche gemacht. Ja, in seiner Jugend! fiel ich ein; aber jetzt ist er doch gewiß solide. Der, und solide! sagte der Oberst; dem ist niemals zu trauen, denn er ist selten nüchtern. Wär's möglich? rief ich verwundert, so ein alter Herr! Aber was halten Sie von dem Geheimniß? Sie meinen das Geheimniß in Betreff seiner jungen Frau! Oh, das ist eine sehr dunkle Geschichte! sagte der Oberst. Der alte Herr hat also noch in seinen alten Tagen geheirathet? fragte ich. Er hat mir doch seine junge Frau nicht vorgestellt! Das wird er wohl bleiben lassen, fuhr der Oberst fort; er soll sie entführt haben unter Umständen, die nicht die ehrenvollsten für ihn sind. Man sollte es von einem so bejahrten Oberforstmeister in der That nicht erwarten. Aber Thorheit schützt vor Alter nicht und Alter nicht vor Thorheit. Ich merkte erst jetzt, daß der Oberst nicht von dem Kaiser Barbarossa sprach, und ließ den Gegenstand des Gespräches fallen. Kein Wunder, wenn ich nach solchen Erfahrungen den alten Friedrich Barbarossa in Verdacht hatte, sich mit mir nur einen Spaß erlaubt zu haben und ein bloßer Faxenmacher und Schwindler zu sein. Man kann sich in unserer Zeit vor Niemand, und säh' er noch so ehrwürdig aus und habe er einen noch so guten Ruf, in dieser Hinsicht genug hüten. Indeß enthalte ich mich jedes Urtheils, da das Ende des orientalischen Krieges, an welches Barbarossa die Verwirklichung seines Projects geknüpft hatte, noch nicht da ist, und inzwischen andere Anzeichen mir die Existenz eines solchen Geheimnisses zu bestätigen scheinen. Bis auf Weiteres will ich daher den alten Herrn zu verdächtigen mich enthalten. Nach einigen Wochen reiste ich in das Hauptquartier an der Donau ab und kam gerade zur Schlacht bei Kalafat zurecht. Das Treffen stand im Wendepunkte und für die Türken sehr schlimm. Omer Pascha kam mit seinem Stabe an mich herangeritten und rief: General! Wenn Sie nicht noch Rettung wissen, so ist unsere Sache verloren, und die verdammten Moskowiter behaupten das Feld. Ich warf einen verächtlichen Seitenblick auf das Schlachtfeld, sprengte dann ganz nahe an die russische Linie heran, bestrich sie mit einem meiner schärfsten Blicke und bemerkte mit Genugthuung, daß die Russen vor Scham und Bestürzung die Augen niederschlugen. Jetzt eingehauen! rief ich, und die türkische Reiterei, die sich, von mir gedeckt, wieder gesammelt hatte, hieb auf die Russen ein, die nicht aufzublicken wagten. Ich unterstützte die Reiterei, so gut ich konnte. Bald schmetterte ich eine feindliche Batterie, bald bohrte ich ein Quarré, bald stach ich ein Dragonerregiment mit meinen Blicken nieder. Einer meiner Blicke ricochettirte und hatte auch so noch die Kraft, einen russischen Oberst vom Pferde zu werfen; denn durch lange Praxis hatte ich die Fähigkeit erlangt, in entscheidenden Momenten Hunderte von Blicken in einen einzigen überwältigenden und tödtlichen Massenblick zu concentriren. Endlich gerieth die ganze russische Armee in Auflösung und ergriff in wildester Verwirrung die Flucht. Sie sind ein ganzer Kerl! sagte Omer Pascha zu mir, als wir Abends in seinem Zelte ein paar Flaschen Sect mit einander ausstachen. Ich habe heut gerade meinen guten Tag gehabt, erwiederte ich trocken. Uebrigens hatte ich in der Schlacht bei Kalafat meine Blicke so verausgabt, daß ich acht Tage lang gänzlich blicklos war. Das hat man davon! Um zu begreifen, wie es mir möglich ist, mit bloßen concentriren Massenblicken ganze feindliche Heere niederzuschmettern, muß man nicht vergessen, daß ich ein Urmensch bin wie jene alten Helden, deren Thaten uns die serbischen Epopöen berichten. Der berühmte Serbenheld Marco schlug durch ein bloßes Stirnrunzeln, durch ein bloßes Zusammenziehen seiner Augenbrauen mehr als einmal Haufen von drei- bis fünfhundert Türken aus dem Felde, daß sie wie Spreu zerstiebten. Marco war auch so ein Urmensch wie ich. Anmerk. Fritz Beutel's im Manuscript. Auch bei der Vertheidigung von Silistria leistete ich später die außerordentlichsten Dienste, und ich benutze die Gelegenheit, um einen weit verbreiteten Irrthum zu berichtigen. Gewöhnlich wird ein gewisser Grach aus Trier als der eigentliche Vertheidiger Silistrias genannt. Dieser Grach ist aber eine rein mythische Figur, oder vielmehr, ich selbst bin dieser Grach. Weil ich die Gewohnheit hatte, bei dem Losbrennen jeder Kanone zu meinem Vergnügen »Krach!« zu rufen, so nannten mich die Soldaten den »General Krach«, ließen sich aber durch die sächsische Aussprache einiger im türkischen Heere dienender Deutschen, die aus Borna und Zwenkau gebürtig waren, verleiten, »Grach« statt »Krach« zu sprechen, und so entstand die Fabel vom Grach, dem Vertheidiger von Silistria. Ich habe geglaubt, diese Berichtigung der Wahrheit im Allgemeinen und der Weltgeschichte im Besondern schuldig zu sein. Es war nämlich kein Anderer als Omer Pascha, welcher durch die von ihm bezahlten Journalisten und Zeitungscorrespondenten die Fabel vom »Grach« verbreiten ließ, um mich um meinen wohlverdienten Ruhmesantheil zu bringen und die Aufmerksamkeit der Welt von meiner Person abzulenken. Je mehr mein Ansehen in der Armee stieg, um so mehr nahmen auch sein Neid und seine Eifersucht zu. Er ließ in den Kaffeehäusern von Varna und Konstantinopel allerlei lügenhafte Gerüchte über mich aussprengen, die mich an meiner Ehre angriffen und schließlich nöthigten, ihn zu fordern, und zwar schlug ich vor, daß wir nicht Kugeln, aber zwölf der schärfsten Blicke mit einander wechseln wollten. Omer Pascha ließ mir hierauf erklären: auf diese Waffe verstehe er sich nicht; aber auf krumme Säbel, und möchten sie so krumm sein, wie sie wollten, stehe er mir zu Diensten. Ich ließ ihm zurücksagen: gerade Blicke scheine er freilich nicht vertragen zu können, aber auf alles Krumme verstehe er sich um so besser. Omer Pascha denuncirte mich nun beim Sultan. Nächster Tage erhielt ich ein vom Sultan eigenhändig aufgesetztes Schreiben, worin er sein allerhöchstes Bedauern darüber aussprach, daß es zwischen mir und Omer Pascha zu einem solchen Zerwürfniß gekommen sei. Er sähe sich dadurch in die größte Verlegenheit gesetzt. Er fühle tief, wie sehr er und das türkische Vaterland mir verschuldet seien. Bereits habe er, um mir eine kleine Belohnung für meine Dienste zu Theil werden zu lassen, das Köstlichste, was er besitze, seinen Harem, eingepackt gehabt, um ihn mir zu überschicken; aber bei meiner jetzigen Stellung zu Omer Pascha würde eine so eclatante Auszeichnung zu viel böses Blut im Hauptquartier machen, und so habe er sich genöthigt gesehen, seinen Harem wieder auspacken zu lassen. Leider sähe er sich gezwungen, unter allerhöchster Anerkennung unserer sonstigen Verdienste, uns Beiden eine Nase zu schicken, in die wir uns theilen möchten, damit auf Keinen zu viel komme; und ersuche er mich, mir meinen Antheil an dieser Nase im Hauptquartier abzuholen. Gerade in diese Zeit fiel die Expedition nach der Krim, und man kann sich denken, mit welcher Freude ich unter diesen Umständen dem an mich ergangenen Rufe folgte, als Ober-Geheim-Feldmarschall daran Theil zu nehmen. Meine Mission war, der Mittelsmann zwischen Lord Raglan und dem Marschall St. Arnaud zu sein, ihre Differenzen auszugleichen und wieder gut zu machen, was der Eine oder der Andere oder Beide zusammen verderben würden. Vom Augenblick der Einschiffung an ließ mich St. Arnaud nicht von seiner Seite; der englische Obergeneral zeigte sich zwar darüber ein wenig ungehalten, aber der französische Marschall erklärte, so leidend zu sein, daß er nothwendig einer Stütze bedürfe. So kränklich er bereits war, so tiegerhaft war seine Natur; er war ein ächter Zuaven-General. Nur recht viel Blut, lieber Freund! sagte er zu mir; ich werde bald dahin sein; aber vorher will ich noch ein ordentliches Blutbad nehmen, vielleicht erfrischt mich das wieder. Also, Freundchen, nur recht viel Blut! Mit Blut schreibt man seinen Namen in die Annalen der Weltgeschichte! Dreißigstes Kapitel. Die türkische Botschaft in Wien hat am 30. Sept. eine Depesche erhalten, kraft welcher Sebastopol mit seinem ganzen Material, die gesammte Flotte und die Besatzung sich den alliirten Truppen übergeben hat. Es wird noch hinzugefügt, daß man der Besatzung später den Abzug gestatten wollte, aber daß sie sich selbst die Kriegsgefangenschaft ausgebeten hat. Extrablatt deutscher Zeitungen vom 2. October 1854. Am 23. September ist Sebastopol selbst von den Alliirten genommen worden. Schlesische Zeitung, telegraphische Depesche aus Bukarest vom 28. Sept. Eine auf der Mittheilung eines Schiffscapitäns beruhende, Omer Pascha zugekommene Nachricht meldet die Einnahme Sebastopols von der Land- und Wasserseite. Oesterreichische Correspondenz. Die Ausschiffung unserer Truppen an der krim'schen Küste ging sehr glücklich von statten; denn die Russen, welche sich wahrscheinlich vor meinem ersten Auftreten auf russischem Boden fürchteten, ließen sich nirgends blicken, und nur zahlreiche Schwärme von blutgierigen Mücken und Stechfliegen schienen uns die Besitznahme des Terrains streitig machen zu wollen. Ich beneidete die Russen nicht um solche Verbündete. Dem Marschall St. Arnaud, dem ich ad latus beigegeben war, gefiel diese undramatische, jeden höheren Effects entbehrende Ausschiffung gar nicht. Er machte ein grimmiges Gesicht und rief: Diese Memmen! Sie können nicht einmal den Anblick französischer Soldaten vertragen! Auch nicht ein Tropfen Blut! Was wird man in Paris zu einem Bulletin sagen, in welchem von keinem Blutvergießen die Rede ist? Ich werde mit meinem ersten Bulletin sehr schlecht debutiren, man wird es in Paris nicht lesen wollen und man wird auf die Absetzung eines Feldherrn dringen, der den Parisern gleich mit dem ersten Bulletin Langeweile macht. In diesem Augenblicke setzte sich eine ungeheuer große Stechfliege auf seine rechte Wange und er rief: Teufel! wo kommt der Stich mit der Kosakenlanze her? Ich, der ich zu seiner Linken stand, schlug mit der Hand die Stechfliege auf seiner Backe todt, so daß das Blut des Insects eine förmliche Blutlache in der Vertiefung seiner ausgehöhlten Wange bildete. Excellenz, bemerkte ich, es war nur eine Stechfliege, eine geschworne Feindin der westlichen Civilisation! Mein Schlag war aber etwas kräftig ausgefallen, denn seine Backe lief davon an, und ärgerlich fragte der Marschall: Ernst oder Spaß? Die Wahrheit liegt in der Mitte, erwiederte ich. Eine ziemlich fühlbare Wahrheit! bemerkte Lord Raglan trocken. Wenigstens können Sie nun, Herr Marschall! sagte ich weiter, in Ihr Bulletin die Phrase einfügen, daß bei der Ausschiffung auch Blut geflossen und Ihre rechte Wange davon bespritzt worden sei. Haben Sie nicht Lust, sofort einige Razzien zu unternehmen, Herr Marschall? fügte ich hinzu. Sein Gesicht glänzte vor Grimm und Vergnügen. O, eine Razzie! rief er, das ist doch noch dramatisch! das ist nervenaufregend! das ist Leben! Aber in Constantine, wenn ich mich recht erinnere, waren Sie stets ein Gegner dieser Razzien und verdammten sie, beschränkter gutmüthiger Deutscher, der Sie sind, als inhuman. O, erwiederte ich, im Dienst der westlichen Civilisation ist Alles erlaubt, Plündern und Morden, Sengen und Brennen! Sie sind mein Mann, Herr Ober-Geheim-Feldmarschall! rief St. Arnaud, und klopfte mir auf die Schultern; ich hoffe, wir werden uns verstehen. Folgenden Tags unternahm ich für meine Person eine Recognoscirung gegen die russische Stellung und traf bald auf einen vereinzelten Posten, einen Tscherkessen, dessen prächtiger Panzerrock mir nicht wenig in die Augen stach. Auch seine schöne Bewaffnung und sein stattliches Pferd gefielen mir, und ich fühlte mit einiger Beschämung, daß ich gegen diesen Sohn der Berge eine sehr traurige Figur spielte; denn ich trug gerade meine ziemlich unscheinbare Felduniform und ritt einen Klepper, der in Folge der Ueberfahrt und vieler Strapazen sehr herunter gekommen war. Ich ritt zu ihm heran und sagte auf russisch: Guten Tag, Kamerad! Guten Tag! erwiederte er. Kennst du den Homer, Kamerad? fragte ich. Er antwortete, daß er den Homer nicht kenne, worüber ich mitleidig die Achseln zuckte. Ich explicirte ihm nun in aller Kürze die Ilias, kam an die Stelle, wo zwei Helden, ein griechischer und trojanischer, aus ritterlicher Höflichkeit ihre Rüstungen und Waffen gegen einander austauschten, und wußte seine Phantasie für die Nachahmung einer solchen ritterlichen Handlung so zu entflammen, daß er, als ich ihm anbot, Uniformen und Pferde gegen einander auszutauschen, sofort einwilligte, um wie er sagte, sich von den Helden Homers nicht an Großmuth und Edelsinn übertreffen zu lassen. Wir stiegen also von unsern Pferden, entkleideten uns auf der Stelle und er zog meine Felduniform und ich seinen schimmernden Waffenrock an. Eben so tauschten wir unsere Waffenstücke und unsere Hengste aus. Das Kleid macht den Mann, das fühlte ich jetzt deutlich. Meine Anschauungen wurden plötzlich ganz entschieden tscherkessisch, während der Tscherkesse auf gut deutsch den Kopf hängen ließ, sich trübselig von oben bis unten betrachtete und mit kläglicher Stimme bemerkte: Aber Kamerad, was wird nun aus mir? zu den Russen, aus denen ich mir ohnehin nichts mache und die sich am Ende auch aus mir nicht viel machen werden, kann ich doch in diesem Aufzuge nicht wieder zurück. Das sollst du auch nicht, Kamerad! sagte ich, begleite mich in das Hauptquartier der Verbündeten! Wir ritten nun in das Hauptquartier zurück, wo ich mit meiner Erzählung des Vorgefallenen meinen beiden Collegen, den Marschällen, außerordentlich viel Spaß machte. Selbst St. Arnaud lachte, indem er bemerkte: Einer solchen homerischen Episode gebührt auch ein homerisches Gelächter! Ueberhaupt kommt mir unsere ganze Affaire höchst homerisch vor. Ich bitte mir auf jeden Fall aus, Achilles zu sein, Sie lieber Lord Raglan sind mein Patroklus, Herr Fritz Beutel ist Ajax und Nestor zugleich, Fürst Mentschikoff ist, mit einiger poetischen Licenz, Prinz Hector, die Helena, um die wir kämpfen, ist die westliche Civilisation, und Sebastopol ist Troja. Unser Homer wird sich ja unter den vielen epischen Lyrikern Ihres Vaterlandes gewiß finden, lieber Beutel! Ein schlimmes Omen, bemerkte ich, wenn wir zehn Jahre lang vor Sebastopol liegen müßten, wie die Griechen vor Troja. Indeß haben die deutschen lyrischen Epiker oder epischen Lyriker nicht Zeit, einen zehnjährigen Krieg zu besingen; ihre Heldengedichte dürfen höchstens den Raum eines Weihnachtsbüchleins füllen; und so werden wir uns schon um ihretwillen beeilen müssen. Wie vor Constantine! sagte St. Arnaud; heute Laufgräben gezogen, morgen Bombardement, übermorgen Bresche, Sturm, Einnahme, allgemeines Blutvergießen! Der Tscherkesse, der zu diesem sehr interessanten Gespräch Anlaß gegeben, trat bei mir als Bedienter und Stiefelputzer in Dienst, denn, sagte er, seit er in dieser knappen grauen europäischen Uniform stecke, komme er sich ganz lakaienmäßig vor, und Bedienter zu werden sei sein höchster Ehrgeiz. Es war am 20. September, als wir vor den Höhen der Alma standen und die ungeheuer feste Stellung durch unsere Fernröhre beobachteten. Das Ansehen stand uns frei; leider aber erkannten wir, daß diese Stellung auf gewöhnlichem Wege nicht zu nehmen sei. Da fiel mir ein Gedanke ein. Lassen Sie mich nur machen, meine Herren Collegen! sagte ich. Wie Sie wollen, bemerkten diese, denn wir erklären uns außer Stande, gegen eine solche uneinnehmbare Stellung etwas auszurichten. Mein Entschluß war gefaßt, ich zog die Uniform meines Tscherkessen an, ritt langsam die Anhöhen hinauf und meldete mich bei den Vorposten als Tscherkessen so und so, der in Kriegsgefangenschaft gerathen sei und sich ranzionirt habe. Ich wurde nun vor den Fürsten Mentschikoff gebracht, der mich gehörig ausfragte. Ich gab ihm immer die Antworten, die ihm, wie ich wußte, die erwünschtesten sein mußten, und ich versetzte ihn dadurch in eine sehr joviale Stimmung, der er mit einigen Schlucken aus seiner Feldflasche aufs Beste nachhalf. Mich für einen Andern als den zu halten, der ich zu sein vorgab, war unmöglich. Der Tscherkesse trug einen eben so langen Bart als ich, und seine Gesichtszüge hatte ich mir vollkommen einstudirt. Ich besitze die Kunst, mich Andern so ähnlich zu machen, daß ich mich häufig selbst mit dem von mir Dargestellten verwechselt habe, z. B. mit dem Besitzer dieses oder jenes Eigenthums, das mir in meinen Händen besser untergebracht zu sein schien als in seinen. Am Schluß der Unterredung ersuchte ich den Fürsten, meinen Kameraden eine Freude bereiten zu dürfen, indem ich einen Vorrath des köstlichsten Schnupftabaks mitgebracht habe, der vorzüglich geeignet sei, die Lebenskräfte auch mitten in der Schlacht aufrecht zu erhalten. Der General ließ mich zu seinen Lieblingsregimentern escortiren, die auf einer Anhöhe aufgestellt waren, welche den Schlüssel der russischen Position bildeten, und ich ließ hier meine Dose von Hand zu Hand gehen, indem ich sie immer wieder aus einer mächtigen Papierdüte auffüllte. Als mein Vorrath zu Ende war, ersah ich den geeigneten Augenblick, wandte mein Pferd um, drückte ihm die Sporen in die Seite, und sprengte wie im Sturmfluge die Höhen abwärts, gerade in das Hauptquartier der Verbündeten. Hier forderte ich meine Collegen auf, den Sturm unverweilt zu unternehmen, und bezeichnete die Stelle, gegen die er zu richten sei. Auf meine Verantwortung! sagte ich. Nun ging es im Sturmschritt vorwärts und unsere Soldaten verwunderten sich nicht wenig, daß gerade von der Anhöhe, gegen die sie losstürmten, keine Schüsse fielen. Noch verwunderter aber waren sie, als sie, in der Nähe angekommen, eine Fronte von vier oder fünf Regimentern erblickten, die in einem fortwährenden fürchterlichen Niesen begriffen waren und daher nicht daran denken konnten, sich ihrer Schießgewehre zu bedienen. Aehnlich ging es den Mannschaften einiger hier aufgestellten Batterien. Prosit! Prosit! riefen unsere Soldaten, denen dieser Anblick keinen geringen Spaß machte. Die Position wurde somit im ersten Anlauf genommen, die russische Stellung war durchbrochen, die Schlacht gewonnen, und nur hieraus erklärt sich der große Menschenverlust der Russen, der den unsern unverhältnißmäßig überstieg. In dieser Schlacht kam der gewiß seltene, vielleicht nie dagewesene Fall vor, daß einzelne russische Regimenter hunderte von Todten mehr auf dem Platze ließen, als lebend in ihren Reihen gegen uns gestanden hatten. So sehr überstieg das Gemetzel, das wir unter den Russen anrichteten, allen Glauben! Uns aber schadeten die feindlichen Kugeln nicht sehr, da wir so gedrängt standen, daß sie meist ohne Nachtheil für uns auf unsern Schultern liegen blieben. Zur Erklärung meines genialen militärischen Manövers muß ich bemerken, daß ich mich während des Donaufeldzugs in meinen sehr zahlreichen Mußestunden mit der Bereitung von Schnupftabak beschäftigt hatte und daß es mir gelungen war, durch gewisse chemische Mittel einen Tabak herzustellen, der zwar nicht augenblicklich wirkt, dann aber auch ein mindestens halbstündiges ununterbrochenes Niesen zur Folge hat. So und in keiner anderen Weise wurde die Schlacht an der Alma gewonnen, was auch die im Interesse St. Arnaud's verfaßten französischen Kriegsberichte sagen mögen. Der Wahrheit die Ehre! dem bescheidenen Verdienste seine Krone! Fürst Mentschikoff zog sich nun mit den Trümmern seiner Regimenter, unter denen Einzelne noch bis mitten in die Festung hinein niesten – Hals über Kopf hinter die Mauern von Sebastopol zurück, hinter denen er verschwand wie das Mäuschen im Mauseloch. Wir drangen ihm auf dem Fuße nach, bis uns das Festungsthor vor der Nase zugeschlagen wurde, was wir sehr unhöflich fanden; denn ich und meine Collegen hatten mit Fug und Recht erwartet, Fürst Mentschikoff werde als artiger und gebildeter Mann am Thore stehen und uns einladen, ob es uns nicht gefällig sei, mit hineinzuspazieren und ein Gabelfrühstück bei ihm einzunehmen. Die unerwartete Unhöflichkeit, mit der man uns begegnete, kam uns ächt russisch vor, um so deutlicher aber erkannten wir die uns auferlegte Mission, dieser östlichen Barbarei für immer ein Ende zu machen, damit so etwas in künftigen Kriegen nicht wieder vorkommen könne. Wenn man sich in solchen Fällen als gebildeter Mensch auf die Artigkeit und Humanität eines feindlichen Feldherrn verläßt und sieht sich dann schändlich betrogen, so ist dies bei militärischen Operationen immer im hohen Grade störend. So standen denn auch wir drei Marschälle, ich als Mittelsperson zwischen Beiden, eine Zeitlang wie angedonnert da, zuckten über diesen offenbaren Verstoß gegen alle Sitte verächtlich die Achseln, und St. Arnaud murmelte: Die Grobiane! Doch, was half's? Man mußte überlegen, was nun weiter zu thun sei. Die Marschälle behaupteten, die Festung werde sich nicht nehmen lassen, ohne daß man sie vorher umzüngelt habe, worauf ich bemerkte: Wenn alle unsere Soldaten, wir mit inbegriffen, unsere Zungen gegen die Festung herausstreckten, so wäre sie gerade umzüngelt genug, und wir würden dadurch zugleich den Russen die Verachtung bezeigen, die sie für ihre unartige Weise, uns zu behandeln, verdient haben. Nur fürchte ich, würde uns das wenig helfen. Was meinen Sie dazu, Herr College? fragte St. Arnaud den englischen Marschall. Ich denke auch, wie unser verehrter Herr College, sagte Lord Raglan, daß uns dies wenig helfen und wahrscheinlich russischer Seits nur das entsprechende Gegenmanöver zur Folge haben würde. Aber der Gedanke ist gut, sagte St. Arnaud und leckte mit der Zunge grimmig an seinen Lippen, ich muß Blut lecken von diesen Thoren, von diesen Mauern! Die Berathung schloß wie gewöhnlich damit, daß meine Collegen die Führung der Operationen gegen die Festung in meine Hände legten. Wenn ich erst auf meine eigene Kraft angewiesen bin, so weiß ich auch, was ich zu thun habe. Ich stieg also auf eine Anhöhe, sammelte eine Parthie meiner zündendsten Blicke, schleuderte sie auf die Flotte so, daß die Pulverkammern davon getroffen wurden und sofort sprangen drei Linienschiffe, vier Fregatten und ich weiß nicht wie viele Corvetten und Boote mit ansehnlichem Getöse in die Luft. Ihre Trümmer stopften den Eingang des Hafens, und es hat sich in Folge dessen das Gerücht gebildet, daß die Russen eine Anzahl Linienschiffe und Fregatten versenkt hätten, um den Eingang zu sperren. Ich hätte die ganze Flotte in Brand gesteckt, aber ich fühlte, daß mit dieser ungeheuren Kraftentwicklung das Zündfeuer meiner Blicke erloschen war. Gegen die Kanonen der Festung richtete ich unsere Geschütze so, daß ihre Kugeln eine nach der andern gerade in die Mündungen der feindlichen Geschütze flogen, bis ihre Röhren vollständig damit gefüllt waren, so daß daraus nicht mehr geschossen werden konnte. Endlich schritt ich zu meinem Hauptmanöver: ich hatte die gewandtesten unserer Soldaten darauf einexerzirt, sich rittlings auf die Kanonenröhre gerade vorn an der Mündung zu setzen und in dem Augenblicke, wo die Kugel beim Abprotzen hinausfuhr, sich auf die Kugel zu schwingen, wobei ich bemerke, daß wir nur Geschütze vom stärksten Kaliber und die Kugeln mithin einen solchen Umfang hatten, daß sie recht wohl ihren Mann tragen konnten. So schoß ich einige tausend Mann in die Festung und zuletzt ließ ich mich selbst hinein schießen. Die Kugel flog glücklicher- oder unglücklicherweise dem gerade zum Theater heraustretenden Admiral Kornilow vor den Kopf und mit der mir gewöhnlichen Artigkeit rief ich ihm zu: Entschuldigen Sie, Herr Admiral! es war nicht meine Absicht! Oh, ich bitte, sagte sein Kopf im Abfliegen, es hat gar nichts zu bedeuten! Während dem stürmten die Engländer und Franzosen von außen, aber die Russen standen wie Mauern auf den Mauern und wie Schießlöcher vor den Schießlöchern und der Sturm wurde mit Eclat abgeschlagen. Wir in der Stadt befanden uns nun in höchst fataler Lage. Wir hatten uns auf dem Platze vor dem Theater, in welchem sich gerade das russische Hauptquartier befand, gesammelt und standen einem sibirischen Regiment gegenüber, das aus lauter riesenmäßigen Leuten bestand, welche fürchterliche Augen machten und grimmige Gesichter schnitten. Aber schon drangen neue Bataillone aus den Seitengassen uns in Rücken und Flanke, und ich muß sagen, daß nur mein Herzklopfen die Feinde von einem überwältigenden Angriffe abhielt, denn es klopfte so stark, daß die Russen seine Schläge für Kanonenschüsse hielten und sich entsetzt nach den Kugeln umsahen, die wie sie fürchteten von irgend einer Seite her nun in ihre dichten Reihen einschlagen müßten. In diesem Augenblicke zeigte sich eine seltsame Erscheinung am Himmel. Er verfinsterte sich und man erblickte ein Gewühl wunderlich geformter Geschöpfe, welche von den Russen für riesenmäßige Heuschrecken angesehen wurden. Dieses ungewöhnliche Schauspiel zog Aller Blicke so auf sich, daß wir sowohl als die Russen Gewehr im Arm dastanden und erwarteten, was aus diesem Phänomen werden solle. Ich mit meinem scharfen Auge erkannte bald, daß dies Gewimmel Sucurs war, welchen meine Tochter mir zuführte. Riesenhafte fliegende Fische aus Polynesien waren es und gewaltige fliegende Wassereidechsen. Auf jedem dieser grotesk geformten Luftpferde saß ein Krieger, im Gesicht tättowirt und mit langen Speeren, Bogen und Köchern bewaffnet. Voran ritt Cigaretta, die sich ganz allerliebst ausnahm. Sie trug auf ihren goldfarbenen lang herabwallenden Locken, die mit Perlenschnüren durchflochten waren, ein rothsammtenes Barett, mit einem weit hinten nach wehenden Federschmuck aus der Schwinge des Paradiesvogels, ein schwarzsammtnes knapp anliegendes Mieder und ein durch einen goldenen Gürtel zusammengehaltenes, weißes faltenreiches Gewand, welches wellenartig an ihrem Unterkörper herabfloß bis zu den Spitzen ihrer rothsaffianenen Schuhe. Mit der einen Hand leitete sie ihren Fisch an einem goldenen Zaum, in der andern führte sie einen schlanken biegsamen Speer. Guten Tag, Papa! rief sie mir zu; nur immer drauf! Ich helfe dir! Ihre Trompeter und Hornisten bliesen nun auf ihren gewundenen Muschelhörnern eine lustige Kriegsfanfare, und ihre Leute entluden eine Wolke von Pfeilen auf die höchlichst verwunderten Russen oder stießen mit ihren langen Speeren nach ihren Köpfen. Aber es ist merkwürdig, wie die Russen stehen, wenn sie keine Stühle zum Sitzen haben. Nur ein Phanariote, Fürst Kantschukeno, der als Oberst in der griechischen Legion diente, stand nicht, sondern kniete auf offenem Platze nieder und rief, die Hände gegen Cigarretta ausstreckend: Himmlisches Wesen! sei meine Gattin, oder gib mir den Gnadenstoß! Ich bemerkte, daß meine Tochter, als sie des schönen Mannes ansichtig wurde, zusammenzuckte und darüber vergaß, den Ihrigen die nöthigen Befehle zu ertheilen, so daß die Reihen ihres fliegenden Heeres in Unordnung geriethen. Viele Krieger, von russischen Kugeln getroffen, stürzten und manche Fische und Eidechsen, denen die Kraft oder der letzte Tropfen Wassers in den Flossen ausgegangen war, fielen auf den Erdboden, zappelten hier erbärmlich und wurden sammt ihren Reitern von den Russen mit Bayonnetten niedergestochen. Ich aber mit den Meinen sah mich von allen Seiten her schwer bedrängt. In dieser äußersten Noth fiel mir ein letztes äußerstes Mittel ein. In den Seitentaschen meines Waffenrocks trug ich einige Hefte der »Grenzboten«, mit deren unterhaltender Lectüre ich mich während meiner Mußestunden zu beschäftigen pflegte. Diese fielen mir noch zu rechter Zeit ein, und da ich an ihrer Wirksamkeit in wirklich kritischen Augenblicken nicht zweifelte, zog ich einige derselben heraus und warf sie entschlossen mitten in das Quarré der Russen. Als die Russen das Zeichen sah'n Fiel sie an der Verzweiflung Wahn – Sie glaubten sich schon in der Hölle! Kurz die Russen schrieen entsetzt: die Grenzboten! die Grenzboten! und stoben nach allen Seiten auseinander. Wir stießen, wohin wir auch mit unsern Bayonnetten stießen, nun auf keinen Widerstand mehr Wenn ich mich vor zwanzig Jahren in derselben kritischen Lage befunden hätte, würde ich das gleiche Manöver mit dem Menzel'schen »Literaturblatt« versucht haben, und ich zweifle nicht, daß es dieselbe entscheidende Wirkung auf die Russen hervorgebracht haben würde. Anmerkung Fritz Beutel's im Manuscript. . Als Fürst Mentschikoff, der sich im Theatergebäude befand, dieses militärische Manöver und seine fürchterlichen Wirkungen wahrnahm, mochte er Alles verloren geben; denn er trat, ganz bleich im Gesichte, in die Säulenhalle und rief mir zu: Marschall von Beutel! Lassen sich Ew. Excellenz herbei, die drei untersten Stufen heraufzusteigen, wie ich mich herbeilassen werde, die drei obersten Stufen herunterzusteigen. Lassen Sie uns auf der Mittelstufe über die Uebergabe der Festung conferiren! Nur bitte ich: keine »Grenzboten« mehr! setzte er schaudernd hinzu, als er sah, daß ich Anstalten machte, den davon laufenden Russen auch die beiden letzten Hefte meiner »Grenzboten« nachzufeuern. Ich verstand mich dazu, dem Fürsten drei Stufen entgegenzukommen, denn ich sah ein, daß der Fürst sich erniedrigte, nicht ich, indem er ja herab-, ich aber hinaufstieg. Schon dadurch befand ich mich augenscheinlich im Vortheil. Als Jeder seinen Fuß auf die Mittelstufe gesetzt hatte und wir einander gegenüberstanden, sagte der Fürst: Excellenz! Sie haben uns auch gar zu arg mitgespielt! Alles andere hätten Sie uns an den Kopf werfen können, nur diese furchtbaren »Grenzboten« nicht, und ich weiß nicht, ob es nach dem Kriegsrecht erlaubt ist, ein so vernichtendes Mittel im Kriege anzuwenden. Indeß fühle ich, daß ich leider nicht in der Lage bin, Ew. Excellenz hierüber Vorstellungen zu machen. Wir sind in Ihrer Gewalt, die Sie jedoch, soweit ich Ihre edle Gesinnung kenne, nicht mißbrauchen werden. Die Fortsetzung physischen Widerstands ist uns nach Ihrem letzten Manöver unmöglich, und aus einem moralischen Widerstande würden Sie sich nichts machen. Unterhandeln wir also über die Uebergabe der Festung, wenn es Ew. Excellenz genehm ist. Ich entgegnete dem Fürsten mit gleicher Artigkeit, bedauerte, daß im Dienste der westlichen Civilisation die Anwendung auch der barbarischsten Mittel erlaubt sein müsse, und da dem Fürsten die Sache eben so langweilig zu sein schien, als sie mir war, so wurden wir bald über die Capitulationsbedingungen einig. Hiernach wurde die Festung sammt allem Kriegs- und Mundvorrath, sammt allem Material und sammt der ganzen Flotte, so viel ich davon übrig gelassen hatte, den Verbündeten ohne weitere Bedingungen übergeben. Wir wollten eben die Feder ansetzen, um das Actenstück zu unterzeichnen, als eine Deputation russischer Offiziere, mit einem General an der Spitze, in das Theatergebäude Einlaß begehrte und erhielt. Sie wurden mir vorgeführt und der General redete mich folgendermaßen an: Excellenz! die gesammte Garnison Sebastopols läßt Sie aufs dringendste ersuchen, sie sämmtlich zu Kriegsgefangenen machen zu wollen. Es würde uns dies zur höchsten Ehre und zum schönsten Vergnügen gereichen. Wir können unsere Soldaten kaum noch halten, so sehr verlangt es sie, sich in die Arme der westlichen Civilisation zu stürzen, vorausgesetzt, daß sie dazu nichts weiter zu lernen brauchen. Wir haben gehört, daß mit dieser Civilisation ein sehr gutes Leben verbunden ist, und wir wünschen daher, in die Capitulation die Bedingung aufgenommen zu sehen, daß sich die Garnison kriegsgefangen ergibt, doch mit der ausdrücklich hinzugefügten Klausel »des guten Lebens wegen«, damit darüber später kein Irrthum obwalten kann. Ich bin ein menschenfreundlicher Mann und gönne Jedem und namentlich mir selbst ein gutes Leben; ich willigte daher ein, und nahm in die Capitulation den weiteren Artikel auf: Die Besatzung von Sebastopol ergibt sich als kriegsgefangen, unter der ausdrücklichen Bedingung: des guten Lebens wegen. Da ich nun diese Capitulation doch nicht einseitig abschließen konnte, so beschloß ich, mit dem Actenstück sofort in das Hauptquartier der Verbündeten zurückzureiten, um die Unterschrift meiner Collegen, der beiden Marschälle, zu erhalten. Als ich aus dem Theatergebäude auf den offenen Platz wieder hinaustrat, sah ich die Krieger meiner Tochter damit beschäftigt, ihre fliegenden Fische und Wassereidechsen in den Fluthen des Hafenbassins zu baden und zu erfrischen. Cigarretta selbst aber stand in der Mitte des Platzes und plauderte sehr vertraulich mit dem jungen Phanarioten Michael Kantschukeno, was mich einigermaßen befremdete. Kaum nahm Kantschukeno mich wahr, als er sofort auf mich zutrat und sagte: Excellenz, erlauben Sie mir, mich Ihren Sohn nennen zu dürfen, indem ich hiermit um die Hand Ihrer reizenden Tochter, der verwittweten Königin von Tua-Hateine, anhalte. Meiner Tochter einen strafenden Blick zuwerfend, antwortete ich: Hat das so große Eile? Ergibt sich meine Tochter so schnell, wie Stadt und Festung Sebastopol? Das hätte ich von meiner Tochter, der Tochter Fritz Beutel's, nicht erwartet. Ich bin nicht erobert worden, Vater! sagte Cigarretta, sondern ich habe erobert – das ist der Unterschied. Der Eroberte, derjenige, der capitulirt hat, bin ich, sagte Fürst Michael. Niemals, mein Herr! rief ich. Niemals werde ich meine Tochter einem Manne geben, der für die östliche Barbarei kämpft – niemals! Cigarretta stampfte mit ihren kleinen saffianbeschuhten Füßen auf den Boden und erklärte mit der ihr eigenen Energie: Nun erst recht! Ich selbst bin Barbarenkönigin, und ich rechne es mir zur Ehre an, dies zu sein. Geht mir mit eurer schlaffen, raffinirten, ausgemergelten Civilisation, die selbst den Krieg nur noch mit Maschinen zu führen weiß, den Mann möglichst der Gefahr entrückt und immer nur darauf sinnt, mit ihren Geschützen auf Entfernungen zu wirken, wohin die Geschütze des Feindes nicht reichen. Fort mit dieser feigen hinterlistigen Civilisation! Nur in der Barbarei ist Wahrheit, Muth, Poesie, Straffheit und Lebensfülle! Fürst Michael, ich werde Ihr Weib! Im Grunde gefiel mir dieser Trotz, diese Entschiedenheit; ich bemerkte mit Freuden, daß Cigarretta ein Urcharakter sei, wie ich selbst, und ich fühlte in diesem Augenblicke in der That, daß Urmenschen, wie ich und meine Tochter, Stoffe in sich trügen, die mehr mit der Barbarei als der Civilisation verwandt seien. Indeß hatte ich keine Zeit, mich mit meiner Tochter in längere Auseinandersetzungen einzulassen, ich ritt daher weiter und rief meiner Tochter nur zu: Thue, was du willst, Kind Beutel's und der Natur! Im Hauptquartier angekommen, fand ich die beiden Marschälle in entsetzlicher Wuth über das Mißlingen eines zweiten Sturms, den sie, unkundig der Dinge, welche im Innern der Stadt vorgegangen waren, inzwischen unternommen hatten. Wie rissen sie die Augen auf, als ich ihnen das Vorgefallene erzählte und ihnen das Actenstück mit den Capitulationsbedingungen überreichte! Flunkerei! sagte erst St. Arnaud, Schwindelei! Lord Raglan, Aufschneiderei! St. Arnaud, Narrenspossen! Lord Raglan. Als sie aber das Actenstück näher prüften, konnten sie an der Wahrheit nicht mehr zweifeln. Aber sie nahmen es gar nicht mit der Freundlichkeit auf, die ich erwartet hatte; Eifersucht, Neid, gekränkter Ehrgeiz, verbissener Aerger malten sich in ihren civilisirten Zügen, durch die jedoch die innere Barbarei dämonisch hindurchblickte. Sie gönnten mir den Ruhm meiner Thaten nicht, lieber verschmähten sie die kostbare Beute, die ich ihnen zu Füßen legte. Wie kann ich aus dem, was Sie uns erzählen, ein regelrechtes Bülletin machen, das nach dem Geschmack der Pariser wäre? rief St. Arnaud; schon deshalb kann ich diese Capitulation nicht ratificiren. Es ist überhaupt noch nicht so viel Blut vergossen, als in meinem Feldzugsplane und im Interesse der Pariser liegt. Ehe mir nicht das Blut bis zur Taille reicht, eher nehme ich keine Capitulation an – Blut bis zur Taille! Blut bis zur Taille! Lord Raglan aber sagte: Kriegsgefangen? die ganze Besatzung? Und zwar damit wir ihr ein gutes Leben verschaffen? Wo ist es erhört, daß man Kriegsgefangenen ein gutes Leben verschafft? England steckt schon bis über die Ohren in Schulden, und nun soll wohl das Parlament noch Gelder für Porter, Ale, Champagner und Delicateßwaaren bewilligen, um diese Barbaren auf Kosten der westlichen Civilisation zu füttern. Denken Sie denn, daß die Kaufleute der City ihr Geld auf der Straße finden? Fürchten Sie sich nicht vor den niederschmetternden Leitartikeln der Times? Diese Barbaren – und wollen ein gutes Leben haben! God save the Queen! In seiner Wuth fing Lord Raglan an, God save the Queen zu singen, wobei er höchst komische Grimassen machte, da er gerade kein großes Gesangstalent besaß. Ich hatte den Lord nie in einer so fürchterlichen Aufregung gesehen, denn für gewöhnlich war er sehr wortkarg. Also wollen Sie den Vertrag nicht ratificiren, Sie barbarischer Vertreter der westlichen Civilisation? rief ich. Blut bis zur Taille! Blut bis zur Taille! rief St. Arnaud; God save the Queen! sang Lord Raglan. Non, non! No, no! riefen sie dann. Oui, oui! Yes, yes! rief ich; Blut bis zur Taille! Blut bis zur Taille! rief wieder St. Arnaud, in gewohnter Weise mit der Zunge grimmig an der Lippe leckend, God save the Queen! sang Lord Raglan mit wuthunterdrückter Stimme und ärgerlich die Cravatte in die Höhe zupfend, in die zuletzt sein ganzes Gesicht versank, daß davon nichts mehr zu sehen war, als die Nasenspitze, die unheimlich aus der schwarzen Verschanzung hervorblickte. Sind Sie mit Ihrem Liede noch nicht zu Ende? fragte ich, mir scheint es in der That Lied am Ende zu sein. Sie wollen also nicht? Non, non! – No, no! Nun, so falle auf Sie die Verantwortung, Sie Barbaren-Marschälle in der Civilisationsmaske! rief ich, wandte mein Pferd und sprengte in die Festung zurück. So kam es, daß die von mir eroberte Festung in den Händen der Russen blieb. Die berühmte oder berüchtigte Tartarennachricht aber hatte nicht gelogen, die Welt ist nicht getäuscht worden, die Wiener Zeitungen haben sich auch in diesem Falle, wie immer, als untrügliche Quellen historischer Wahrheit ausgewiesen. Die Nachricht von der Uebergabe der Festung hatte sich inzwischen verbreitet. Ein Karpfen hatte sie aufgeschnappt, nämlich das Actenstück, das ich in einem Anfalle gerechter Entrüstung in das Hafenbassin geworfen hatte; er war bis vor den Eingang des Hafens geschwommen, wurde hier aufgefischt und zu einem Diner zubereitet, welches ein englischer Schiffskapitän kurz vor seiner Abfahrt seinen Freunden gab. Beim Zerlegen des Fisches hatte man das noch ziemlich leserliche Actenstück gefunden; ein anwesender Lord, der es in seiner einsamen Villa als den köstlichsten Schatz seiner historischen Curiositätensammlung verwahrt, hatte es dem Schiffskapitän um die Summe von 10,000 Pfund Sterling abgekauft, der Schiffskapitän aber die Nachricht davon nach Varna gebracht, von wo sich die Kunde durch den berühmten Tartaren weiter verbreitete. Die Kunde von der Uebergabe Sebastopols hat somit auf die natürlichste Weise, die es geben kann, ihren Weg in die Länder des Westens gefunden. Als ich über den Platz vor dem Theatergebäude dahinsprengte, stand Cigarretta mit dem Fürsten Michael Kantschukeno noch immer in der Mitte des Platzes, wo sie schon in dem Augenblicke gestanden hatten, als ich aus Sebastopol wegritt. Kinder! rief ich ihnen zu, eurer Vermählung steht nun auch von meiner Seite nichts mehr entgegen. Heirathet euch barbarisch und liebt euch civilisirt, oder umgekehrt – ich habe ja doch nichts davon. Nadelgeld sollst du von mir erhalten, Cigarretta; so viel Nadeln du in der Wirthschaft brauchst, will ich gern bezahlen. Sonst macht euch auf keine Ausstattung weiter Rechnung, aber empfangt meinen väterlichen Segen, an dem ja doch Alles gelegen ist. Dem sehr natürlichen Ausdrucke ihres Dankgefühls ausweichend, sprengte ich rasch bei ihnen vorüber, dem Theatergebäude zu. Der Aeußerung vom Nadelgeld habe ich Erwähnung gethan, weil Cigarretta – eine würdige Tochter ihres Vaters – mir später das Nadelholz in Rechnung brachte, womit sie ihre Zimmer heizte; denn sie behauptete, das seien ja auch Nadeln, die sie in der Wirthschaft brauche, obschon bloße Tannennadeln. Ich lachte und zahlte. Vom Pferde abgestiegen, begab ich mich in das Theatergebäude zu meinem angehenden Freunde Mentschikoff und sagte: Fürst! mit unserem Vertrag ist es nichts; meine Collegen, die Marschälle, wollen ihn nicht anerkennen. Die – ich hätte bald etwas gesagt, erwiederte Mentschikoff. Nun, mir ist's recht, mir ist alles Eins, wie die Wiener sagen. Es wird Alles darauf ankommen, was Sie nach einer solchen Bloßstellung zu thun gedenken. Bleiben Sie und der Himmel neutral, dann will ich mit unsern Belagerern schon fertig werden. Allerdings werde ich neutral bleiben, erwiederte ich, ohnehin bin ich ein Deutscher, und es ist der natürliche Beruf des Deutschen; immer nur neutral zu sein. »Was geht das mich an? Ich habe ja doch nichts davon!« ist eine Lieblingsphrase meiner Landsleute. Soll ich hiervon eine Ausnahme machen? Verehrter Freund! rief Mentschikoff entzückt, jetzt stehen Sie auf der Höhe der deutschen Politik! So wollen wir Russen den Deutschen. Ach, der Deutsche ist so liebenswürdig in seiner Neutralität, er begreift es gar nicht. Womit kann ich mich Ihnen erkenntlich zeigen? Fürst! erwiederte ich, wollen Sie mir eine Freude bereiten, so verehren Sie mir Ihren berühmten weltgeschichtlichen Paletot, der ja doch die ganze Geschichte eigentlich veranlaßt hat. Wenn ich wieder nach New-York komme und eine Ausstellung unternehme, so wird er das Hauptstück sein und mich zu einem steinreichen Mann machen. Schade daß Sie von diesem Paletot nicht mehrere Exemplare besitzen. Oh, nehmen Sie! sagte Mentschikoff, und mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit zog er den Paletot, den er zufällig trug, sofort aus und überreichte ihn mir; er wird Sie in Ihrer Neutralitätspolitik bestärken, er ist gut gegen Regen und Sonnenschein und hält jedes Wetter ab! Ich bemerkte, daß noch der Alexander-Newski-Orden daran saß und machte den Fürsten darauf aufmerksam. Thut nichts! sagte der Fürst, eine Kleinigkeit! ich lasse mir einen neuen kommen. Haben Sie doch alle Orden der Welt verdient! Wäre ich der Czar, so würde ich einen neuen Orden, den Orden der heiligen Neutralität, stiften und Sie zum ersten Ritter und Comthur desselben ernennen. Ich habe nur noch Weniges hinzuzufügen. Ich blieb neutral wie ich dem Fürsten versprochen hatte. Ich bezog mit meiner Tochter und ihrem jungen Gemahl ein prächtiges Lustschloß in der Nähe von Baktschisarai, der alten Hauptstadt der Khane. Meine Tochter gab den Russen ihre Heerschaar in Dienst, und diese hat bei der Vertheidigung von Sebastopol wacker mitgewirkt, ebenso ihre fliegenden Fische und Wassereidechsen. Diese wurden erst ins Hafenbassin getaucht, tüchtig getränkt und dann gegen das feindliche Lager getrieben, wo sie den Alliirten gegen die Köpfe flogen oder aus ihren Flossen das Wasser in die Laufgräben rinnen ließen und diese bis zum Rande füllten. Die Berichte der Alliirten sprechen daher häufig von fürchterlichen Mosquitos und verderblichen Regengüssen; sie wollen die Wahrheit nicht eingestehen. Der Gang, den die Belagerung von Sebastopol genommen hat, ist in seinen äußern Thatsachen bekannt, aber nicht die innere Geschichte dieser merkwürdigen Belagerung. Wer über diese zu historischen Zwecken unterrichtet sein will, wende sich in portofreien Briefen an mich und lege einen Louisd'or bei; ich werde ihm so viele Aufklärungen und Enthüllungen verschaffen, daß ihn der Louisd'or nicht reuen wird. Meine Collegen, Marschall St. Arnaud und Lord Raglan, starben aus Gram, Eifersucht und Aerger. Von den Feldherren der ersten Periode der Belagerung bin ich allein noch übrig, ich verdanke dies namentlich meiner umsichtigen Neutralitätspolitik, die freilich auch in einem kerngesunden Körper wohnt, was nicht immer der Fall ist. Allen Verlockungen, die darauf berechnet waren, mich für die eine oder andere Seite zu gewinnen, habe ich mit seltener Beharrlichkeit widerstanden. Frankreich bot mir nicht Einen, sondern gleich ein Dutzend Marschallstäbe an, und England schickte mir Atlaszeug, um mir daraus drei Dutzend Ordensbänder des Hosenbandordens fertigen zu lassen; ich schickte aber das Präsent wieder heim, und bemerkte im Briefe nur: »mit Verachtung vom Neutralitätsstandpunkte zurück;« mit gleicher Entschiedenheit wies ich aber auch alle Zumuthungen Rußlands von mir, obschon es mir unter der Hand die Zusage machen ließ, daß ich nach glücklicher Beendigung des Kriegs zum General-Aufseher aller sibirischen Zobel mit Großfürstenrang ernannt werden sollte. Meine Ländereien in der Krim sind neutral erklärt, kein Russe darf sie ohne meine ausdrückliche Erlaubniß betreten oder auch nur zu betreten beabsichtigen, und wenn es den Alliirten die Seeveste Sebastopol wirklich zu nehmen gelingen und es ihnen alsdann gelüsten sollte, das Neutralitätsprivilegium meiner Besitzungen zu verletzen, so sollen sie erkennen, mit wem sie es zu thun haben. Indeß dürfte doch sehr bald der Augenblick gekommen sein, der es mir gestattet, aus meiner Neutralitätspolitik herauszutreten und in den Welthändeln eine active Rolle zu spielen. Ich bin in der letzten Zeit mit Hunderten von Kirgisen und Baschkiren zusammengetroffen, die Alle ein feines rothes Haar, welches ohne Zweifel aus dem Barte des Kaisers Friedrich Barbarossa stammt, im zweiten Knopfloche von oben rechts trugen. Es ist dies, wie die Leser wissen, das Zeichen des Geheimbundes, welchen Friedrich der Rothbart gestiftet und zu dessen künftigem Oberhaupt er mich ausersehen hat. Leider wußten mir die Leute auf meine Frage nur in baschkirischen und kirgisischen Lauten zu antworten, doch das schadet nichts, wenn sie nur sonst gut deutsch gesinnt sind. Wer aber könnte für Barbarossa's deutschen Einheitsplan fürchten, wenn selbst die Söhne der kirgisischen Steppen für ihn schwärmen und wie ich leider an mir selbst erfahren mußte, gelegentlich auch stehlen! Hiermit schließe ich meine Memoiren. Ich habe meine Freunde und Verwandte in einer Weise untergebracht, wie dies auch dem erfindungsreichsten Romanschriftsteller, der dabei nur seine Phantasie zu Rathe zöge, schwerlich gelingen würde. Krischan Schroop ist im fernen Kalifornien glücklicher Farmer und als gelegentlicher Wallfischfänger seiner Frau fortwährend behilflich, dem Leben die besten Seiten, die es bietet, solide Speckseiten abzugewinnen. Meine erste Gattin, Beate Regina Cordula Veronica Pipermann, besorgt, wie man weiß, in New-York decenten alten Junggesellen die Wäsche, während ihr Gatte, Prinz Knitschogarsk, als Hauptthranhandlungsagent bereits ein hübsches Kapitälchen zusammengebracht haben soll. Freund Winkerle, fast verschollenen Andenkens, ist Türke bester Qualität geworden, wobei freilich das Türkenthum ebenso wenig gewonnen als das Christenthum verloren haben mag, und hat in Varna eine Barbier-, Bade- und Wirthschaftsstube für Angehörige aller Religionen, jedoch mit besonderer Berücksichtigung der Bestzahlenden angelegt. Hans von Piesack hat den Dienst bei den Baschi Bojuts, nachdem seine eigenen Leute ihn rein ausgeplündert, quittirt, steht jetzt in Sebastopol, wo ich ihn selbst sprach, als Oberkanonier in der Bastion Nr. 3 Nordseite und wird es wohl auch noch, obschon er nicht mehr jung ist, vor seinem Lebensende bis zum Offizier bringen, falls nicht eine feindliche Kanonenkugel seinem verfehlten Leben vorher ein Ende macht, was er sehr zu wünschen scheint, um seines Himmelsbrod statt des unverdaulichen russischen Kommißbrodes essen zu können. Peter Silje gedeiht als Geheimsecretär des türkischen Ministers des Auswärtigen und als Besitzer des diplomatischen Notenverfertigungsbureau und hat von neutralen Staaten, die seine besten Kunden sind, wieder einige Aufträge erhalten, klagt aber doch im Allgemeinen sehr über Abnahme des Geschäfts, und seine Frau klagt natürlich noch mehr, zumal sie jetzt die größte Arbeit hat, da sie das neutrale Fach verwaltet. Meine Tochter, verwittwete Königin von Tua-Hateine, habe ich in brillanten Verhältnissen als krim'sche Fürstin untergebracht und sie hat mir dafür zum Danke so eben einen kleinen Enkel in die Arme gelegt, der seinem Großvater höchst ähnlich zu werden verspricht. Endlich bin ich unparteiisch genug gewesen, sowohl über meine Rivalen St. Arnaud und Lord Raglan als über meine beiden Eltern und elf Geschwister Gras wachsen zu lassen – kann ich mehr thun? Was mich betrifft, so beobachte ich von der hohen Warte der ironisirenden Neutralitätspolitik den Gang der Weltereignisse, um, wenn meine Zeit gekommen ist, von Neuem in das Räderwerk der Weltgeschichte einzugreifen. Wo ich in diesem Buche gedichtet zu haben scheine, habe ich auch zugleich die Wirklichkeit geschildert, und wo ich die Wirklichkeit geschildert zu haben scheine, habe ich zugleich auch gedichtet. Nur wer, so lange er lebt, sein Leben mit- und durchdichtet, lebt wirklich, und nur was sich nie und nirgends begeben hat, das allein veraltet nicht, nach dem Ausspruch eines großen Dichters, das allein also ist wirklich und dauernd. Was heute nicht möglich scheint, war vielleicht gestern möglich oder wird morgen möglich sein. Alle erleben Dinge, die sie vorher gar nicht für möglich hielten, und hundertmal hört man den Ausruf: das ist nicht möglich! und doch ist es nicht blos möglich, sondern es ist wirklich geschehen. Wenn der Leser zum Schlusse des Buchs auch sagen sollte: So etwas ist noch nicht erlebt worden, so wird er eben so gern gestehen: So etwas kann erlebt werden, wenn man eben – Fritz Beutel ist.