Paul de Kock Der Mann mit drei Hosen oder die Republik, das Kaiserreich und die Restauration. Aufzunehmen pflegt man den Mann nach dem Kleide, das er trägt; man verabschiedet sich von ihm nach dem Geiste, den er bewiesen hat. Erstes Kapitel. Paris im Jahr II. der Republik Es war im Monat Ventose im Jahr II. der französischen Republik, was vielen Leuten nicht so verständlich klang, als: es war der Monat März im Jahre 1794. Die Witterung war düster, regnerisch und verdrießlich; es schlug in der kleinen, nach dem Hofe gehenden Parterrestube eines Hauses in der Straße Poissonnière eben vier auf einer hölzernen Uhr, und kaum sah man in diesem kleinen Gemache noch hell genug, um die nächsten Gegenstände zu unterscheiden. Neben einem Kamin, worin ein schwaches Feuer brannte, saß eine etwa fünfzigjährige Frau, mit der Ausbesserung einer Mannsjacke beschäftigt. Der Anzug dieser Frau war einfach und beinahe armselig, allein die außerordentliche Reinlichkeit desselben hob ihn etwas hervor. Er bestand aus einem dunkeln Kattunkleide, einer schwarz und rothgestreiften Schürze und einer großen Haube mit Backenstreifen, wie sie zur Zeit der Republik beinahe alle Frauen trugen. Das blasse, abgemagerte Angesicht dieser Frau schien eine kaum überstandene Krankheit anzudeuten, und ihr schwermüthiger Blick zeigte an, daß bei ihr die Leiden des Gemüths mit denen des Körpers sich vereinten. Zuweilen jedoch zwang sie sich zu einem Lächeln, und ihr Antlitz wurde ein wenig heiterer, wenn ihre Blicke auf einem jungen Manne ruhten, der auf der andern Seite des Kamins saß. Derselbe war ein einundzwanzigjähriger großer, magerer aber wohlgestalteter Jüngling, dessen ganzes Wesen mehr bedeutete, als von seinem Alter zu erwarten gewesen wäre; die dunkelbraune Gesichtsfarbe, die pechschwarzen Haare und Augen verliehen seiner Physiognomie auf den ersten Anblick etwas Ernstes, sogar Hartes; allein bei längerer Betrachtung seines antikgeschnittenen Profils und aller seiner Züge, deren männlicher Ausdruck ihrer Schönheit keinen Eintrag that, konnte man nicht läugnen, daß dieser Mann einige Ähnlichkeit mit den auf uns gekommenen Abbildungen der römischen und atheniensischen Helden habe. Der schone Jüngling hielt ein Buch in der Hand und las; er war mit einer weiten, grautuchenen Hose und einer Weste mit breiten Klappen bekleidet, trug blaue Strümpfe und plumpe Schuhe; zu seinem vollständigen Anzuge fehlte nichts als die Jacke, oder vielmehr die Carmagnole, die man neben ihm flickte. Der junge Mann legte sein Buch auf die Kamineinfassung blickte die gute, ihm gegenübersitzende Frau an und sagte zu ihr: »Sie sehen nicht mehr, Mutter. Sie verderben sich die Augen!« »O! ich sehe noch genug, mein lieber Maximus, ich möchte die Jacke geschwind vollends fertig machen, denn Du hast keine andere und mußt frieren in Hemdärmeln.« »Lassen Sie sich Zeit, es ist hier nicht kalt. Ich bin allerdings Willens, heute Abend auszugehen; aber ich habe noch eine andere Carmagnole ... die übrigens, glaub' ich, noch schlechter ist, als diese.« »Wie, Maximus, Du willst diesen Abend ausgehen? ... ich hoffte, Du werdest bei mir bleiben.« »Das kann nicht sein, Mutter, ich habe in der Druckerei zu thun, und der Bürger Hebert würde mich morgen zanken, wenn ich nicht dort gewesen wäre ... er verläßt sich ganz auf mich wegen der Korrektur seines Blattes!« »Ach, ja! des Journals Le Père Duchesne! « entgegnete die Mutter des jungen Mannes mit Achselzucken; »das ist auch so ein sauberes Journal! das nur Mord, Blut und Metzelei predigt! ... « »Um Gottes Willen, schweigen Sie Mutter ... Schweigen Sie! wenn man Sie hörte, wären Sie verloren! ...« Mit diesen Worten war der junge Mann aufgestanden und schaute rings um sich her, ja, er öffnete sogar eines der auf den Hof hinausgehenden Fenster, um sich zu überzeugen, daß Niemand in der Nähe sei: denn vom Hof aus hätte man leicht verstehen können, was im Zimmer des Erdgeschosses gesprochen wurde. Allein es regnete zu stark, es war zu schlechtes Wetter, als daß Jemand Lust gehabt hätte, sich außerhalb aufzuhalten. Maximus machte beruhigt das Fenster wieder zu und kehrte auf den Sitz neben seiner Mutter zurück, zu welcher er in sanfterem Tone sagte: »Zudem wissen Sie, liebe Mutter, daß Sie nichts von der Politik verstehen ... auch hatten Sie mir versprochen, sich nicht mehr um diese Geschichten zu bekümmern ...« »Gewiß, mein Freund, maße ich mir nicht an, etwas von den großen Interessen des Staates zu verstehen ... aber es gibt Dinge, zu deren richtiger Beurtheilung man nur sein Herz und sein Gewissen befragen darf! Wie kannst Du verlangen, man solle sich in unserer gegenwärtigen Zeit nicht um Politik bekümmern ... wo doch Jedermann davon spricht ... Jeder in unserer Umgebung nach seiner Weise eine Regierung träumt und bildet, wo man jeden Augenblick eine neue Verhaftung oder ein neues Todesurtheil erfährt, wo man für sich selbst und all' seine Lieben zittert, wo man nicht seine Wohnung zu verlassen wagt aus Furcht, irgend einem blutigen Karren, oder einigen blutdürstigen Menschen zu begegnen, die auf Piken die Köpfe ihrer Opfer einhertragen ...« »Liebe Mutter! liebe Mutter! Sie übertreiben!« »Ach! nein, mein Freund! ich spreche nur von dem, was wirklich ist ... was wir Alle gesehen haben. O! ich weiß wohl, daß Du ein Republikaner bist, Maximus, ich weiß wohl, daß Du Dein Blut für Dein Vaterland verspritzen würdest, um Frankreich frei, stolz und unabhängig zu sehen! Ich weiß wohl, daß Du im Jahre neunundachtzig vor Freude Thränen vergossen hast, und doch warst Du damals erst sechzehn Jahre alt, aber gleichviel, Du hast vor Freude über die schöne Antwort Mirabeau's geweint, als man die Versammlung der Generalstaaten auflösen wollte. Ach! wenn alle Republikaner Dir glichen, so würde Niemand erzittern als die Strafbaren, und der Schrecken würde nicht in Paris und ganz Frankreich herrschen! O! Du weißt es auch, denn seit einiger Zeit bist Du traurig und mißvergnügt, weil Du siehst, daß es nicht geht, wie Du und so viele Andere gehofft hatten.« »Allerdings, Mutter, sah ich mit Betrübniß die Excesse, denen man sich hingab ... sah ich Rachegedanken und schmutzige Berechnungen die Stelle der Gerechtigkeit einnehmen ... rohe Menschen oder tolle Köpfe sich der Gewalt bemächtigen; allein was wollen Sie? eine Revolution kann nicht ohne Uebertreibung und Mißbrauch zu Stande kommen! Das war zu allen Zeiten so!« »Das Beispiel Anderer hätte zu eurer Besserung dienen sollen. Die Engländer erröthen über den Mord ihres Königs ... und ihr habt den eurigen hingerichtet, als ob es euch darum zu thun gewesen wäre, die Hälfte ihrer Schande zu übernehmen!« Stille! stille! o! schweigen Sie, ich bitte Sie ... und geben Sie mir meine Carmagnole, damit ich die Korrektur des Père Duchesne besorgen kann! Ach! Mutter, hätte ich nicht in Ihrer Nähe bleiben wollen, so fühle ich wohl, daß es mir mehr Vergnügen gemacht hätte, gegen die Fremden, die unsere Grenzen bedrohen, ins Feld zu ziehen, wie als Faktor in einer Druckerei zu sein! Alle Männer meines Alters sind zum Aufgebot abgegangen ... und ich ... durfte durch die Verwendung des Bürgers Hebert zurückbleiben ... Ach! ich schäme mich dessen zuweilen!« »Was sprichst Du da? Du schämst Dich bei Deiner Mutter zurückgeblieben zu sein, um sie durch Deine Arbeit zu nähren ... denn ohne Dich äße ich nur trockenes Brod ... und das nicht alle Tage. Dein Vater, der gute Bertholin, hatte eine Stelle im Marineministerium, die zu unserem Unterhalte und Deiner Erziehung hinreichte; denn, Gott sei Dank, Du hast eine gute Erziehung genossen! Allein Dein Vater ist vor sechs Jahren gestorben, und die mir als seiner Wittwe ausbezahlte Pension seit der Revolution aufgehoben worden. Aber Du bist gelehrt! Du verstehst das Griechische, Lateinische und die Geschichte und hast ohne Schwierigkeiten einen Platz in einer Druckerei gefunden, wo man Dich liebt und sogar hochschätzt; denn man kennt die Reinheit Deiner Grundsätze ... Man weiß, daß Du ein Republikaner, aber kein Terrorist bist. O! was das anbetrifft, ist Dein Betragen tadellos. Und Du wolltest Dich von mir entfernen ... Deine Stelle und Deine arme Mutter verlassen, um in den Krieg zu gehen und Dich umbringen zu lassen? Ach! Maximus! das ist sehr unrecht, und ich kann nicht begreifen, daß man sich schämen könne, seiner Mutter Stütze und Schutz zu sein.« Am Schlusse dieser Worte wendete Frau Bertholin ihr Gesicht ab, um einige aus ihren Augen fallende Thränen zu verbergen; aber Maximus stand eilig auf, küßte seine Mutter und sagte: »Nun denn ... ich hatte Unrecht ... verzeihen Sie mir ... verzeihen Sie mir ... und vergessen Sie es ...« – Du willst nicht mehr davon reden, mich zu verlassen und Soldat zu werden?« ... – »Nein ... nein, ich werde bei Ihnen bleiben ... aber geben Sie mir meine Carmagnole, damit ich in die Druckerei gehen kann.« Maximus hatte die Jacke angezogen und schickte sich eben zum Weggehen an, als man mehrmals an die Thüre pochte, und sich von einer weiblichen Stimme folgende Worte dabei vernehmen ließen: »Bürgerin Bertholin ... ich bin's, Euphrasia Picotin-Horatius.« – Die Bürgerin Picotin steckt doch immer im Hause,« sagte Maximus kopfschüttelnd; »es kommt mir vor, als ob sie alle Tage da sei. – »Sie schwatzt gerne ... es scheint auch, sie habe daheim nicht viel zu thun ... und dann ...« Mutter Bertholin vollendete ihren Satz nicht, sondern blickte lächelnd ihren Sohn an. Dieser öffnete die Thüre, und eine neunzehnjährige hübsche, runde, rosige Frau mit lebhaftem Blicke und heiterer Miene trat alsbald in's Zimmer. Ihre Kleidung war so elegant, als es die damalige Mode gestattete, aber sie verrieth einen schlechten Geschmack, es war eine Ueberladung mit allen Gegenständen, welche die Frauen anlegten um zu gleicher Zeit als Patriotinnen und Stutzerinnen zu glänzen. So hatte diese junge Dame an ihrer Haube mit Backenstreifen breite Spitzenschleifen und eine große, ziemlich kokett auf die Seite geheftete Kokarde; ihr Rock war sehr kurz und ließ ein hübsches rundes Bein und einen wohlgeformten Fuß wahrnehmen; dabei gestattete, ihr vorn und hinten weit ausgeschnittenes Kleid, ihren üppigen Rücken und ihre fleischigen Schultern zu bewundern, und die Augen zwischen zwei Alabasterkugeln zu versenken, die sich nicht scheuten, sich am hellen Tage sehen zu lassen. Die junge Frau trat ganz ungezwungen in's Zimmer herein und rief aus: »Guten Tag, Bürgerin! befindest Du Dich besser? guten Tag, Bürger Maximus, ich hatte schon lange nicht mehr das Vergnügen, Dich zu treffen.« Diese Worte waren von einem sehr anmuthigen, gegen den jungen Mann gerichteten Lächeln begleitet; dieser schien jedoch nicht darauf zu achten, sondern antwortete einfach: »Du hast mich doch meines Wissens vorgestern hier gesehen, Bürgerin ...« – Vorgestern ... glaubst Du? ... war's am Nonidi oder Octidi ... nein, ich glaube es war am Decadi ... bin ich am Decadi da gewesen, Bürgerin? – »Ich erinnere mich dessen nicht mehr ... Auch verwirren mich diese neuen Namen alle ... ich finde mich niemals zurecht.« – Wahrhaftig, Bürgerin, Dir geht's wie meinem Manne, dem armen Picotin-Horatius, ihn verwirrt Alles! glücklicherweise bring' ich ihn allemal wieder auf den rechten Weg ... ich habe zum Glücke Kopf für uns Beide! Ach! Picotin wurde nicht für Handelsgeschäfte geboren ... und ich besinne mich immer noch, wozu er eigentlich geboren wurde ... – »Sag ihm viel Schönes von mir, Bürgerin,« versetzte Maximus, im Begriffe, sich zu entfernen. – »Wie, Bürger Maximus, Du gehst fort?« sagte die junge Frau in etwas beleidigtem Tone; »bin ich vielleicht Schuld, daß Du so schnell durchgehst? ... – »O! nein, aber die Geschäfte der Druckerei ...« – Mein Mann wollte Dich sprechen ... er will Dich in Betreff seines Schildes, den er verändern will, um Etwas befragen und wünscht Deinen Rath zu hören ... Er weiß, daß dieser immer gut ist. Dann bin ich auch Deinem Freund Roger begegnet; er geht morgen zur Armee ab und will Dir vor seiner Abreise Lebewohl sagen ... – »So will ich mich beeilen, damit ich bald wieder zurückkehre ... Liebe Mutter, wenn Roger kommt, so heiße ihn warten; es würde mir sehr leid thun, wenn er ohne Kuß von mir abreisen würde. Auf Wiedersehen, Bürgerin!« Mit diesen Worten nahm Maximus einen runden Hut, worauf die Nationalkokarde steckte, und entfernte sich, seiner Mutter zum Abschiede noch einmal zulächelnd. Während die gute Frau Bertholin, um ihrem Sohne nachzusehen, in einem Nebenzimmer das Fenster öffnete, welches auf die Straße ging, betrachtete sich Madame wohlgefällig in einem auf dem Kamine befindlichen kleinen Spiegel und sagte, indem sie ihre Haube zurechtsetzte: »Weißt Du, Bürgerin Bertholin, daß Dein Sohn ein recht hübscher Junge ... ein schöner wohlgestalteter Mann ist? Schade, daß er immer eine so ernste, finstere Miene hat ... er lacht nie ... das ist bei einem jungen Manne auffallend.« – Wir leben in einer Zeit, die nicht zum Lachen stimmt,« entgegnete Maximus' Mutter, sich wieder auf ihren Platz setzend. – »Ach was! ... wenn man immer traurig wäre, würde man mager werden und seine frische Farbe verlieren ... Ich halte viel auf meine Farbe, um so mehr, als ich die Hoffnung hege, bei dem ersten Nationalfeste, welches zu Ehren des höchsten Wesens veranstaltet wird, die Göttin der Freiheit darzustellen. Picotin-Horatius muß deßhalb eine Eingabe bei unserer Section machen.« – Was? ... Du willst die Freiheit darstellen!« rief Frau Bertholin aus, indem sie die junge Frau mit Staunen anblickte. – »Warum nicht? ... Ich bin, meine ich, hübsch und frei genug dazu ... und werde keine solche Freiheit in Lumpen sein, wie man sie schon herumgetragen hat.« – Und das Kostüm, das man anziehen muß, schreckt Dich nicht ab? – »Das Kostüm im Gegentheil verführt mich ... Es ist ein griechisches Kostüm, eine leichte Tunika und ein Mantel darüber her ... Ah! ich weiß wohl, daß man die Formen hindurch sieht, aber sogar wenn man sich nackt zeigen müßte, würde ich es, wenn es für die Nation geschähe, im Augenblicke thun ... O! ich bin eine echte Sansculottin!« – Ich merke es! Und Dein Mann? ... billigt er es, daß Du die Freiheit darstellen willst? – »Das möchte ich einmal sehen, daß er es nicht billigte! ... Ist es nicht eine Ehre? O! und hat der arme Picotin einen andern Willen als den meinigen? Er wird entzückt sein, wenn er seine Frau mit der phrygischen Mütze auf dem Kopfe in einem Wagen gezogen werden sieht! O! ich wollte, es wäre schon so weit.« Damit hüpfte die junge Frau im Zimmer umher und sang: »So wird es gehen, so wird es gehen! Man klatscht mir zu, wird man mich sehen!« Während Madame Picotin tanzte, erschallte eine Stimme von der Straße her: es war die des öffentlichen Ausrufers, der die neuen am Vorabend vom Revolutionstribunale ausgesprochenen Todesurtheile, deren Vollziehung im Laufe des Tages stattgefunden hatte, bekannt machte. Die Mutter des Maximus war wieder in das Zimmer hineingegangen, dessen Fenster Aussicht auf die Straße gewährte, und horchte mit banger Sorge, sank aber gleich, nachdem sie den Namen Franz Bremont vernommen hatte, auf einen Stuhl zurück und flüsterte: »Franz Bremont! armer Mann! er auch ... Ach, mein Gott! wessen konnte man den Sechsundsiebzigjährigen doch beschuldigen?« Euphrasia Picotin blieb auf einem Beine stehen, blickte Maximus' Mutter an, eilte, als sie diese in Thränen sah, auf sie zu und sagte mit ziemlich bewegter Stimme zu ihr: »Ist ein Bekannter von Ihnen darunter?« »Ja, ein Greis, ein so braver Mann; er war der Freund, der Beschützer meines Gatten, und man hat ihn verurtheilt ...« »O! unstreitig gehen Dinge vor ... die ... aber was wollen Sie machen? ... man darf nicht einmal sein Bedauern mit den Verurtheilten merken lassen, sonst würde man selbst für verdächtig gehalten, und vom Verdächtigsein bis zum Guillotinirtwerden ist es nicht sehr weit ... deßhalb stellt sich auch Picotin so eingenommen für die Republik, setzt eine rothe Mütze auf und trägt eine Carmagnole, darum hat er seinem Namen noch Horatius beigefügt und tobt gegen die Aristokraten ... Er fürchtet sich so sehr, der arme Mann!« »Ah, das lasse ich mir gefallen,« entgegnete Mutter Bertholin, der jungen Frau die Hand drückend: »gesteht mir, daß Ihr das Alles aus Furcht thut, dann werde ich Euch wenigstens nicht verabscheuen!« In diesem Augenblick ließ sich ein verworrener Lärm von der Straße her vernehmen: Geschrei, Gesang, unzusammenhängende Ausrufungen; bald kamen die Stimmen näher, und einhundert Personen kamen heulend und Freudenrufe ausstoßend, die aber eher Wuthschreien glichen, an. Es waren meist Männer mit entblößter Brust, in Lumpen gekleidet, und mit rothen Mützen auf dem Kopfe, wovon die Einen Säbel, die Andern Piken, Flinten oder Pistolen trugen; aber in ihrer Mitte sah man Weiber mit starrem Blicke, leichenblassem oder weingeröthetem Antlitze, deren Haare furienartig um ihre Schultern herumflatterten, ebenfalls bloße Säbel in den Lüften schwingend und noch lauter als die Männer schreiend ... »An die Laterne mit den Aristokraten! an die Laterne! ...« Diese schreckliche Gruppe umringte einen kleinen Greis in blauem Fracke mit gepuderten und durch eine Bandschleife geknüpften Haaren, der blaß und zitternd denen, die ihn arretirt hatten, begreiflich zu machen suchte, daß er kein Aristokrat sei, obgleich er sich pudere und einen Sammetkragen auf seinem Frack trage, und daß man einen Mann deßhalb, weil er im Verdacht stehe , verdächtig zu sein, noch nicht aufhängen müsse. Wo die Wüthenden vorüberkamen, zogen sich eilends die Kaufleute in ihre Buden zurück, und fast alle geöffneten Fenster wurden zugemacht; aber Euphrasia Picotin blieb an dem Fenster stehen, und während Maximus' Mutter in das vordere Zimmer entfloh, um das sie angreifende Geschrei nicht zu hören, neigte sich die junge Frau zum Fenster hinaus, klatschte in ihre Hände und schrie: »Ja, nieder mit den Aristokraten! Alles an die Laterne!« Dieser Ausruf, der hätte mißdeutet werden können, entzückte im Gegentheil einen der Herrn mit den Piken, und da das Erdgeschoß, worin sich Euphrasia befand, nur einen Schuh über der Straße erhaben war, so näherte sich der Sansculotte dem Fenster und sagte zu der jungen Frau: »Du bist ein braves M ... sch! Wahrhaftig, Du verstehst das gemeine Wesen ... willst Du mich küssen?« »Mit Vergnügen, Bürger!« entgegnete Euphrasia, indem sie sich aus dem Fenster beugte, während sich der Sansculotte auf die Zehen stellte, um die frischen und rosigen Wangen zu erreichen, die man ihm darbot. Dann wurde ein sehr hörbarer Kuß auf das Gesicht der jungen Frau gedrückt, ihr eine Hand gegeben, und der Mann eilte seinen Genossen nach. Als er sich entfernt hatte, machte die Bürgerin Picotin das Fenster wieder zu, wischte sich ihre Wangen ab, und setzte sich mit einer Miene, in der sich durchaus keine Zufriedenheit mit dem eben empfangenen Ritterkusse ausdrückte, neben Frau Bertholin nieder. Zweites Kapitel. Eine holländische Familie Eine halbe Stunde war seit dem Vorfall am Fenster verflossen; Frau Bertholin hatte wieder eine Arbeit zur Hand genommen; Euphrasia tanzte nicht mehr, rieb aber noch immer von Zeit zu Zeit ihre Wangen ab und brummte: »Picotin kommt nicht aus der Sektion zurück ... ich hatte ihn hierher bestellt ... Dein Sohn bleibt auch hübsch lange aus ... und Roger, der zum Abschiednehmen kommen wollte ... Armer Roger! ... er sagte, er reise gerne ... Ei! er war recht verliebt in mich ... und es hat ihm vor zwei Jahren, als ich Picotin heirathete, sehr wehe gethan, obgleich er sich darein zu fügen schien. Mir hat er auch nicht übel gefallen; jedenfalls besser als Anacharsis Picotin ... denn vor allen Dingen ist er hübscher; nicht als ob mein Mann häßlich wäre, aber er hat ein dummes Gesicht! ... und diese Gesichter werden mit den Jahren immer dümmer! aber meine Tante wollte, daß ich Picotins Gattin werde, sie sprach zu mir: Er hat Vermögen und hat ein Geschäft, während Dein kleiner Roger ein armer Schlucker ist. Ich gehorchte meiner Tante. Denn ich dachte bei mir, wenn ich verheirathet bin, wird uns Roger besuchen ... und ich werde ihn oft zum Mittagessen einladen. Aber Herr Roger hat einen Groll gegen mich im Herzen behalten und achtzehn Monate lang mit mir getrotzt; kaum seit sechs Monaten kommt er wieder in unser Haus, und jetzt geht er zur Armee ab! Sehr ärgerlich; das wird eine Lücke bei mir lassen, und bei meinem Manne auch, der Roger sehr lieb hatte und alle Abend seine Partie Domino mit ihm spielte!« Maximus' Mutter schenkte den Reden der jungen Frau äußerst wenig Aufmerksamkeit, sie schien ganz in ihre Betrachtungen versunken zu sein; zuweilen aber stieß sie einen tiefen Seufzer aus, flüsterte den Namen Franz Bremonts, und trocknete sich dann die aus ihren Augen fallenden Thränen ab. Plötzlich hörte man das Gerassel einer Chaise; bald hielt sie vor dem Hause still, und man vernahm die Stimme des Kutschers, der bat, man möchte ihm die beiden Flügel des Hofthores aufmachen. »Das ist der Wagen des Her ..., des Bürgers Derbrouck,« sagte Frau Bertholin; »er kommt ohne Zweifel mit seiner Frau von Passy zurück.« »Wer ist denn der Bürger Derbrouck?« fragte Euphrasia, nachdem sie den hübschen bürgerlichen, vor dem Hause haltenden Wagen betrachtet hatte. »Ein holländischer Bankier, der sich seit einigen Jahren in Frankreich niedergelassen hat; ach! ein sehr braver Mann, und eben so gutmüthig und gefällig, als rechtschaffen.« »Wie mag er es wagen, in gegenwärtiger Zeit noch eine Equipage zu halten, wo sich Jedermann fürchtet, reich zu scheinen, aus Furcht, für einen Aristokraten zu gelten?« »Es scheint, He ... der Bürger Derbrouck fürchtet sich nicht. Er ist ein Mann, der den freisinnigen Ideen ergeben ist, der das Volk liebt und die Unterdrückung haßt. Er steht mit mehreren Mitgliedern des Wohlfahrtsausschusses in genauer Verbindung; Hebert, General Ronsin und viele andere bedeutende Personen dieser Epoche gehen bei ihm aus und ein. Ich gestehe, daß das mich in Verwunderung setzt! Herr Derbrouck sieht so sanft, so liebenswürdig aus ... Wie mag er mit Männern von so exaltirten Ansichten umgehen! ... Allein, wie mein Sohn sich ausdrückt, ich verstehe nichts von der Politik.« »Wie alt ist dieser Bankier?« »Einige dreißig Jahre; er ist ein prächtiger Mann und hat ein so merkwürdig schönes Gesicht, daß ihn beinahe alle Frauen und viele Männer des Quartiers nur den schönen Holländer nennen.« »Ach! ich bin neugierig, ihn zu sehen ... Ist er verheirathet?« »Ja, seine Frau ist jung, hübsch und sehr mildthätig; nie hat sie die Bitte eines Unglücklichen zurückgewiesen, und in jetziger Zeit, wo das Brod so theuer und so rar ist, kenne ich mehr als einen, der es ohne ihre Unterstützung hätte entbehren müssen. Schrecklich und abscheulich ist nur, daß gerade Diejenigen, welche die Wohlthaten des wackern Herrn Derbrouck genießen, die ersten sind, die übel von ihm sprechen! ... Davon muß ich jedoch Prosper ausnehmen. O! der ist ein guter Junge und ginge, dafür kann ich stehen, trotz seines Leichtsinns und seiner gewöhnlichen Unbesonnenheit ... ich weiß nicht wohin, um der Familie Derbrouck von Nutzen zu sein.« »Wer ist der Prosper?« »Ein ganz junger, etwa achtzehnjähriger Mann. Prosper Bressange ist der Sohn eines Seidewaarenhändlers; unglücklicherweise wurde er frühe schon Waise, sein Vater hatte einiges Geld erspart, damit war aber der junge Prosper bald fertig! Mit sechzehn Jahren gab dieser junge Herr schon Gastmähler, regalirte seine Freunde bei den besten Restaurants, hatte den Teufel im Leib, warf Fensterscheiben ein, beschimpfte die Vorübergehenden und scheute sich sogar nicht, zuweilen in den Sektionsausschuß zu gehen, um dort die Redner, wenn ihnen irgend eine Dummheit entfuhr, was häufig genug vorkam, laut zu verhöhnen und auszulachen.« »Ach! ja ... ja ... Prosper Bressange ... ich erinnere mich ... ich habe ihn hier gesehen ... Er ist ein Freund von Deinem Sohne; hat auch sehr hübsche Augen ... sieht zwar etwas leichtsinnig aus ... aber das gefällt mir bei einem Manne; man kann wenigstens etwas bei einem solchen voraussetzen. Was? dieser Junge ist erst achtzehn Jahre alt! ... er scheint schon vierundzwanzig! er ist bereits vollkommen ausgebildet ... Und was treibt er jetzt?« »Nachdem er die ganze Hinterlassenschaft seines Vaters aufgezehrt hatte, durfte er es für ein Glück halten, Beschäftigung in der Druckerei zu finden, wo Maximus ist; aber auch hier arbeitet er nicht oft! Sobald er eine Assignate verdient hat, läuft er davon, um sie wieder zu verschwenden ... außerdem sucht er immer Abenteuer, Streitigkeiten, Zänkereien ... schlägt die Leute, wirft ihnen die Fenster ein, und ohne Herrn Derbrouck, der ihn oft aus Verlegenheiten riß, indem er für ihn bezahlte, wäre Prosper schon längst in Verhaft!« »Wodurch ist der Junge dem holländischen Bankier bekannt geworden?« – Prosper wohnt im Hause ... ganz hoch oben, in einem Mansardenstübchen, und als Frau Derbrouck vor zehn Monaten niederkam, gerieth Prosper auf den Einfall, im Hofe ein Kunstfeuerwerk abzubrennen! An demselben Tage prügelte er sich mit Goulard, dem Portier, der behauptete, es sei ihm ein Schwärmer ins Auge gefahren ... ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber ich gestehe, daß sein vorher schon falscher und schielender Blick seitdem noch abscheulicher geworden ist.« »Hat Madame Derbrouck noch mehrere Kinder?« – Nein, sie hat nur das einzige kleine, zehn Monate alte Töchterlein, welches sie säugt. O! es ist schön wie ein Engel ... Aber so lange wir da mit einander sprechen, hat der Portier, wie es scheint, das Hofthor immer noch nicht aufgemacht ...« »Nein, denn der Wagen steht immer noch auf der Straße.« »Dann will ich aufmachen; Goulard ist vielleicht nicht zu Hause, er genirt sich gar nicht; statt seine Thüre zu bewachen, perorirt er in der Sektion. Der muß schönes Zeug schwatzen! ein so bösartiger Kerl!« Beim Schlusse dieser Worte erhob sich die gute Dame und öffnete die Thüre ihres Zimmers, welche auf einen kleinen Vorplatz und dann in den Hof führte, dort hob sie, so schnell es ihr möglich war, die eiserne Stange aus, welche die beiden Flügel des Hofthores verschloß, und das Gefährt des Bankiers fuhr in den Hof herein. Ein Mann von einigen dreißig Jahren stieg ab; Maximus' Mutter hatte dem Bilde, welches sie Euphrasien von ihm gemacht hatte, nicht geschmeichelt; man konnte nicht leicht ein schöneres Angesicht neben einer eleganteren, regelmäßigeren Gestalt antreffen; eine edle, sanfte, leutselige Miene erhöhte noch den über das ganze Wesen des holländischen Bankiers verbreiteten Reiz. Herr Derbrouck war schwarz gekleidet und mit Puder frisirt: diese, obgleich einfache Kleidung war für die damalige Zeit doch zu geschmackvoll und bildete einen auffallenden Contrast mit all' den Carmagnolen, denen man begegnete. Der Holländer reichte sogleich seine Hand einer sechs- bis siebenundzwanzigjährigen Frau, die nebst ihrer Kammerjungfer, welche ein kleines Kind auf den Armen trug, aus dem Wagen stieg. Madame Derbrouck trug eine geschmackvolle, aber höchst bescheidene Kleidung. Man bemerkte, daß sie nicht durch ihre Toilette auffallen wollte. Sie war eine mehr hübsche als schöne Frau, deren Züge eher angenehm als regelmäßig genannt werden konnten; klein, weiß und zärtlich: man mußte staunen, daß sie kräftig genug war, ihr Kind zu säugen. Aber kaum stand sie auf dem Boden, so nahm sie eilends wieder das Kind auf den Arm, welches die Kammerjungfer getragen hatte. Euphrasia war an das auf den Hof gehende Fenster getreten und bemühte sich, obwohl es dunkel war, die aus dem Wagen steigenden Personen zu betrachten; bald wurde jedoch ihre Neugierde vollständig befriedigt; denn statt sogleich in ihre Wohnung im ersten Stock hinaufzugehen, lenkten Herr und Frau Derbrouck ihre Schritte nach dem von Frau Bertholin bewohnten Erdgeschoß, und traten in dem Augenblicke ein, wo diese ein eben angezündetes Licht auf den Kamin stellte. »Ich statte Dir meinen Dank ab, Bürgerin Bertholin,« sagte der Bankier ins Zimmer tretend: »Du warst so gütig, uns das Hofthor aufzumachen. Denn wie es mir scheint, ist der Portier ausgegangen.« – Ja, Bürger; aber es war nicht der Mühe werth, Dich aufzuhalten und mir zu danken, und Mada ... die Bürgerin hier herein zu nöthigen, sie könnte vielleicht frieren ... und das ist gefährlich beim Stillen.« »O! damit hat es keine Gefahr!« erwiderte lächelnd des Holländers Gattin. »Ich bin zu warm eingemacht, als daß ich mich erkälten könnte. Es freut mich, Bürgerin, diese Gelegenheit zu benützen, um Dir meine kleine Pauline zu zeigen. Nun, wie findest Du sie?« »Allerliebst! o! das kleine Herzchen!« rief die Wittwe, das ihr dargebotene Kind betrachtend, aus. Jetzt näherte sich auch Euphrasia, stieß einen Schrei der Bewunderung aus und küßte die Kleine, während sie sprach: »O! ja ... das ist ein Engel! Du erlaubst es, Bürgerin? ... Ich liebe die Kinder sehr! so möchte ich gerade eines ... das sage ich unaufhörlich zu meinem Manne ... seit den zwei Jahren, die wir verheirathet sind ... Aber umsonst! Picotin ist so dumm ... man kann nichts bei ihm zu Stande bringen! doch, es kommt vielleicht noch ... mit der Zeit! ... Ich habe jedenfalls nichts dagegen.« Madame Derdrouck lächelte über Euphrasia's Geplauder, die unter beständigem Bewundern des Kindes alle Augenblicke den Vater ansah. »Und Dein Sohn, Bürgerin, arbeitet noch immer in seiner Druckerei?« fragte der Holländer, als Frau Picotin zu reden aufgehört hatte. »Ja, Bürger, immer; o! Maximus ist kein Faullenzer; er ist sogar diesen Abend noch zum Geschäft gegangen.« »Dein Sohn ist ein braver, tüchtiger Junge, Bürgerin, voll Kenntniß, Talent und Fähigkeit; wenn ihm daran läge, emporzukommen, so würde es, davon bin ich überzeugt, nicht lange anstehen, daß er ein ehrenvolles Amt erhielte ... was zum Wohl der Republik zu wünschen wäre; Männer wie Deinen Sohn sollte man auf der Rednerbühne und im Convente sehen ... Ah! dann ginge Alles weit besser!« »Ich danke Dir, Bürger, im Namen des Maximus, allein mein Sohn ist nicht ehrgeizig ... vielleicht nur zu wenig ... Seit einiger Zeit, da er sieht, daß es nicht geht, wie er hoffte, ist er traurig, flieht die Menschen und kehrt nach beendigter Arbeit zu mir zurück, liest mir die römische und griechische Geschichte vor, und entflammt und begeistert sich, indem er sich an die Stelle der großen Männer des Alterthums denkt.« »Nun! so ist er gerade wie mein Mann,« rief Euphrasia aus: »der hat eine wahre Leidenschaft, mir von Römern vorzulesen und zu sprechen; aber das unterhält mich, ich gestehe es, durchaus nicht: mir wären scherzhafte Erzählungen ... wie zum Beispiel Lafontaine's Mährchen ... weit lieber; und ich sage zu Picotin: Lies mir die Geschichte von dem Bauern, der seine Kuh sucht , vor! Das wird weit zweckmäßiger für Dich sein; aber er antwortet mir: Man muß die römische Geschichte kennen; weil wir jetzt römische Taufnamen führen; ich muß die Abenteuer meines Schutzpatrons Horatius Gokel ... Gokels ... kurz, es gokelt sich, kennen lernen! Da sagte ich zu ihm: Du hast da einen sonderbaren Pathen angenommen, denn, dachte ich bei mir: es fehlt Dir so Manches zu einem tüchtigen Gokelhahn; allein in Geschmacksachen läßt sich nicht streiten.« »Das ist ganz richtig,« entgegnete Herr Derbrouck lächelnd; dann zog er eine Börse aus der Tasche, nahm mehrere Sechslivresthaler heraus und überreichte sie Maximus' Mutter mit den Worten: »Bürgerin Bertholin, Du warst schon so gütig, mich mit den bedürftigsten verschämten Armen dieses Quartiers bekannt zu machen; seit einigen Tagen jedoch war ich in Passy, und es wird ohne Zweifel während dessen manche neue Unglückliche um uns her gegeben haben; das Unglück naht sich in unserer Schreckenszeit oft so hastig. Die Republik will das Glück des Volkes, aber es gibt tausend geheime Leiden, die sie nicht kennen lernen oder worauf sie keine Rücksicht nehmen kann. Nun! willst Du wohl so gefällig sein, Bürgerin, und noch einmal die Mühe übernehmen, dieses in meinem Namen an Solche zu vertheilen, deren Noth am dringendsten ist?« – »Ach! Bürger Derbrouck, wie gut bist Du!« antwortete die arme Wittwe, indem sie das ihr überreichte Geld annahm; »ja gewiß werde ich Deinen Auftrag mit Stolz besorgen und mich glücklich schätzen, ihn treu und eifrig zu erfüllen. Ach! die ganze Welt sollte Dich segnen, und doch ...« Die gute Frau hatte diese letzten Worte sehr leise ausgesprochen, aber Euphrasia war ihr schon in die Rede gefallen und rief aus: »Klingende Münze ... Potz Tausend! die trifft man selten. Picotin behauptet, die Assignaten hätten einen höhern Werth ... das ist wieder ein weiterer Sparren meines Gatten! er wollte unser ganzes Besitzthum: Juwelen, Silber, Möbeln, Alles in Assignaten verwandeln. Ich glaube, er hätte mich, wenn ich ihn hätte gewähren lassen, auf Assignaten gebettet, aber ich widersetzte mich, und sagte zu ihm: Horatius Gokel ... oder so ungefähr, der Namen thut nichts zur Sache; kurz, ich sagte zu ihm: Lieber Gemahl, gute Matratzen scheinen mir das erste Bedürfniß in einer recht einträchtigen Ehe! Deine Assignaten sind ganz prächtig, aber man gibt zu viel auf einmal davon aus ... wenn ich zu meinem Mittagessen für sechzig Franken Fleisch, oder für achtzig Franken eine Henne kaufe, so bemerke ich, daß man weit lieber ein Achtzigsousstück nehmen würde.« Herr Derbrouck und seine Frau verabschiedeten sich von der Wittwe Bertholin und waren im Begriff, in ihre Wohnung hinaufzugehen, als plötzlich die Thüre aufgerissen wurde, und eine weitere Person ins Zimmer trat. Es war ein kleiner, untersetzter Mann von etlichen dreißig Jahren, dessen krumme säbelförmige Beine einen beinahe eben so breiten als hohen Körper trugen. Das Angesicht dieses Menschen war von abstoßender Häßlichkeit, denn außer einer platten eingedrückten Nase, rothen Haaren und einem ungeheuren Munde drückte sich in seinen kleinen blaßgrünen Augen, die er immer herumrollen ließ, eine fürchterliche Wildheit aus, die sich zuweilen hinter einem falschen und teuflischen Lächeln verbarg. Sein Kostüm war das nämliche, wie das jener Leute, die den kleinen Greis wegen Verdachts verdächtig zu sein , verfolgt hatten; es bestand aus kurzen, weiten Beinkleidern, einer aufgeknöpften Carmagnole und einem groben, vorn von einanderstehenden Hemde, das seine mit langen, rothen Haaren bedeckte Brust nackt erblicken ließ; auf dem Kopfe trug er eine ungeheure Mütze von Otternfell, mit einem langen, hinten über die Schultern herabhängenden Fuchsschwanze; eine breite Kokarde an der Kappe, eine Pfeife im Munde und die Aermel seiner Jacke bis zu den Ellbogen aufgestreift, vollendeten in diesem Augenblicke das Bildniß Goulards, genannt Leonidas , des Portiers im Hause. »Wer hat sich erlaubt, mein Hofthor aufzumachen?« schrie der Portier mit einer Stentorstimme beim Eintritt in Frau Bertholins Zimmer, ohne Jemand zu grüßen oder nur mit der Hand an seine Mütze zu langen. Beim Anblick Goulards konnte Madame Derbrouck eine Bewegung des Schreckens und Abscheus nicht unterdrücken, dann richtete sie ihre Blicke auf ihren Gatten, als ob sie ihn anflehen wollte, sich zu bemeistern und diesen Mann nicht zu behandeln, wie er es verdienen würde. Ein Blick ihres Mannes beruhigte seine Frau, während die Wittwe Bertholin mit ganz ruhigem Tone antwortete: »Ich habe die Thüre aufgemacht, es hat wohl sein müssen, weil Du nicht zu Hause warst.« – Nein, es hat nicht sein müssen! ... Meine Thüre ist mein Departement, ich leide nicht, daß man dieselbe anrührt! ... Ich bin auf mein Recht versessen, wie auf die Menschenrechte! – »Aber beim Teufel, Bürger Goulard, Du bist sehr despotisch für einen Republikaner,« versetzte Herr Derbrouck, der sich bemühte, die Sache ins Scherzhafte zu ziehen. – »Vor allen Dingen bin ich nicht mehr Goulard! ich heiße jetzt Leonidas ! So muß man mich nennen, wenn man eine Antwort von mir erhalten will. – »Also Leonidas, gut! ... Nun, Leonidas, wenn Du Dich auf Deinem Posten befunden hättest, so wäre niemand Anderes genöthigt gewesen, sich die Mühe zu geben, mir Dein Hofthor aufzumachen ... Du konntest doch ohne Zweifel nicht verlangen, daß ich mit meinem Gefährt auf der Straße hätte bleiben sollen?« – Ist es eine Nothwendigkeit, Chaisen und Karossen zu haben! Haben unter der einzigen und untheilbaren Republik die guten Patrioten nicht Füße, um zu gehen? – »Ich glaube, daß die Menschen zu allen Zeiten Füße zum Gehen hatten; wenn man aber einen weiten Weg zu machen hat und sich nicht ermüden will, so sehe ich keinen Grund, warum man sich nicht einer Chaise bedienen sollte, wenn man eine hat ... Es besteht noch kein Gesetz, welches das verbietet. Uebrigens bin ich zu gut, Dir das Alles auseinander zu setzen, denn ich brauche Dir keine Rechenschaft zu geben. Du solltest Dich entschuldigen, daß Du nicht bei Deiner Thüre warst.« Man hörte an Herrn von Derbroucks Stimme, daß ihm die Geduld auszugehen anfing, und er nur noch mit Mühe seinen Zorn zurückhielt. Allein seine Frau sah fortwährend mit flehendem Blicke zu ihm auf, und während die Wittwe Bertholin den Portier verachtend ansah, war die blasse und zitternde Euphrasia keines Wortes mehr mächtig. »Mich entschuldigen, weil ich nicht bei meiner Thüre war!« entgegnete der Portier mit Achselzucken. »Wahrhaftig! ... da müßte ich mich oft entschuldigen! ... Muß ich nicht bei meinem Sektionsausschusse sein, wenn ich Berichte zu erstatten habe ... oder Motionen für die Brüderschaft und Gleichheit ... oder die Untheilbarkeit vorzuschlagen habe! Und abgesehen davon, kann ich die Gefährte nicht leiden und will mich der Aristokraten wegen nicht stören lassen ... – »Wer hat Euch berechtigt, mich so zu nennen?« rief Derbrouck aus. Der Portier wollte antworten, als sich die Wittwe Bertholin zwischen ihn und den Holländer stellte und zu Goulard sagte: »In der That, Bürger Leo ... Leonidas, ich begreife Dein Benehmen nicht ... Was! Du scheinst den Bürger Derbrouck herausfordern zu wollen ... Du vergissest also, daß dieser wackere Mann auch Dein und der Deinigen Wohlthäter war? ... Wer schickte Dir vor drei Monaten, als Du krank warst, Kraftbrühe und Fleisch? ... diese gute Dame war es ... Und als Du Dich beklagtest, keine gehörig warme Kleidung zu besitzen, wer gab Dir Geld hiezu und auch zu Anschaffung von Holz und Wein? ... der Bürger Derbrouck ... Er unterstützte Dich jederzeit!« – Nun! was beweist das? ... Hat er mir gegeben, so geschah es, weil er Ueberfluß hat, das ist das Ganze! ... Und wer Ueberfluß hat, dem muß man nehmen.« Der Portier brummte diese Worte zwischen den Zähnen, während Maximus' Mutter die Augen gen Himmel erhob und flüsterte: »Mein Gott! da thue man Gutes, um solchen Dank zu ernten!« – Es handelt sich nicht darum, was ich gethan habe!« fuhr der Bankier fort, »und ich verlange durchaus keinen Dank; den Bedürftigen Gutes zu thun, ist eine Pflicht, auf die man nicht stolz sein darf. Aber heute, wo ich Dir bemerklich machte, daß Du Unrecht hattest, zum Oeffnen der Thüre nicht da zu sein, solltest Du mir, denke ich, anständig antworten.« – Und ich denke, man brauche mir keine Lektionen zu ertheilen, noch auch meine bürgerliche Stellung und mein Menschenrecht als Gleicher unter Gleichen herabzusetzen! Verstehst Du mich, Du Bürger Derbrouck, und sprich nicht so laut und mach' kein solches Wesen, man könnte Dir sonst Dein Maul stopfen ... und das gehörig! – »Was soll das heißen, Elender, ich glaube, Du wagst es, mir zu drohen?« – Schon gut, schon gut! man weiß, was man weiß ... man kennt das Einverständniß der Aristokraten mit den Ausländern. Man wird der Nation die Augen öffnen über Diejenigen, die Chaisen haben. – »Ah! das geht zu weit, ich muß den Kerl züchtigen!« Mit diesen Worten hob der Bankier seinen Arm gegen den Portier auf; aber Madame Derbrouck stößt einen Schrei aus und stürzt sich auf ihren Gatten, um ihn zurückzuhalten; Mutter Bertholin thut ein Gleiches, sogar Euphrasia vergißt ihren Schreck und eilt herbei, um mit beiden Armen den schönen Holländer zu umfassen und zurückzuziehen. Während dessen stellt Goulard eines seiner Beine zurück, breitet beide Arme aus und nimmt somit eine Stellung an, wie ein Mensch, der einen Faustkampf beginnen will. Aber Jemand, der eben hastig ins Zimmer eintrat, gab dieser Scene eine andere Wendung. Der Neuangekommene war ein junger, schlanker, hochgewachsener Mann; er hatte schlechte Beinkleider und eine ziemlich elegante Jagdjacke an, und trug eine Art aus Papier gemachter Mütze auf dem Kopfe, die recht kokett auf einem Ohre saß; seine Gesichtszüge waren fein und geistreich, seine großen, blauen Augen hatten einen kühnen, zuweilen höhnischen, aber stets heitern Ausdruck, und seine breite und hohe Stirne zeugte von einem Kopfe, der große Gedanken zu fassen und auszuführen im Stande war. Als Prosper Bressange, dieser war der eben Eingetretene, Goulards Bewegung sah, die Herrn Derbrouck herauszufordern schien, stellte er sich vor den Portier, packte ihn derb bei den Armen und drehte ihn mehrmals im Zimmer herum, indem er ausrief: »Was soll das heißen? ... Leonidas will gymnastische Uebungen anstellen, seine schöne Taille ... und sein Dachsgestell bewundern lassen. Wohlan denn! wir wollen uns drehen, tanzen und der Gesellschaft zeigen, wie hübsch wir sind!« Während dessen drehte er den Portier in einem fort im Kreise herum. Dieser wehrte sich und suchte sich loszumachen, indem er voller Zorn schrie: »Willst Du mich loslassen, kleiner Galgenstrick! es handelt sich nicht vom Tanzen und Spaßen ... verstehst Du? und ein Rotzbube darf sich nicht in Angelegenheiten mischen, die das Wohl der Republik betreffen!« – Ein Rotzbube!« entgegnete Prosper, den Portier fest an den Fäusten haltend, daß dieser sich nicht rühren konnte. »O! Du mußt in diesem Augenblicke spüren, daß dieser Rotzbube Meister über Dich ist, und Dich tüchtig durchwalken würde, wenn Du Dir in seiner Gegenwart noch die geringste Unverschämtheit gegen Leute erlaubtest, die Du achten, ehren und segnen solltest! Mich wie ein Kind zu behandeln! ... Du vergissest, Leonidas, daß es in unserer Zeit keine Kinder mehr gibt ... und wenn Du im Nationaltheater gewesen wärest, so hättest Du diese Verse behalten:                » ... In Herzen rechter Art Wächst Muth und Kraft, auch eh' noch keimt der Bart.« »Das hat Voltaire gesagt, und Voltaire war nicht links ... Ach, denk Dir, Schelm, armer Leonidas, wenn er Dich jetzt in Deiner schönen Stellung gesehen hätte, so bin ich überzeugt, würde er Dich aufgefordert haben, Schauspieler zu werden ... Du hättest prächtig ausgesehen mit einem Helm und einer Tunika; nicht wahr, Bürger Derbrouck?« Während dieses Gespräches zwischen dem Portier und dem jungen Manne hatte der Bankier Zeit gehabt, sich zu beruhigen und die Bitten seiner Frau anzuhören; mit seiner ihm gewöhnlichen freundlichen Miene klopfte er Prosper auf die Schulter und sagte: »Gute Nacht, Prosper, gute Nacht, mein Sohn; Du kamst sehr gelegen ... Du hast mich wieder zu mir selbst gebracht ... und ich fühle nun, wie unvernünftig ich war, mich so aufbringen zu lassen. Doch es ist Zeit, hinaufzugehen, Du mußt müde sein, meine Liebe ... Ich empfehle mich Bürgerin, gute Nacht!« Herr Derbrouck hatte seiner Frau den Arm gereicht, während er sich freundlichst von Frau Bertholin verabschiedete. Die Gattin des Holländers, erfreut, eine Scene, deren Folgen sie schon gefürchtet hatte, so ausgehen zu sehen, eilte, sich mit ihrem Manne zu entfernen, beim Hinausgehen drückte sie jedoch die Hand der guten Wittwe und warf einen dankbaren Blick auf Prosper, während sie ihm zuflüsterte: »Ich danke Dir, mein Freund ... ich danke!« Euphrasia machte dem schönen Holländer ein graziöses Compliment, indem sie ihm bis zur Thüre mit den Augen folgte; der Portier zog die Augenbrauen zusammen, wendete den Kopf ab und brummte: »Geh, Aristokrat, das sollst Du mir bezahlen. – Und nun,« fragte Prosper, sich ans Feuer setzend, als die holländische Familie weggegangen war, »nun sage mir doch, mein kleiner Goulard, was hattest Du so eben mit dem guten Bürger Derbrouck? ... Hat er Dich in der Sektion peroriren hören und Dir sein Compliment über Deine neu ausgesprochenen Ideen gemacht? Ach! ach! wie Schade, Mutter Bertholin, und Sie, schöne Bürgerin, daß Sie nicht zugegen waren, als Leonidas seine Rede hielt ... Sie hätten schöne Dinge gehört! – »Sie kommen also aus dem Ausschuß?« sagte Euphrasia, sich neben Prosper niederlassend. – »Allerdings ... es unterhält mich sehr, mich dort herumzutreiben, man hört oft komische Motionen ... wie heute zum Beispiel ... – »Das ist ihm lieber als arbeiten«, versetzte Mutter Bertholin mit unzufriedener Miene. – »Man muß doch wissen, was die Redner seines Quartiers sprechen. Stellen Sie sich vor, Bürgerin, daß Leonidas Goulard ... oder Goulard Leonidas, der hier mit Tigerkatzenaugen vor Ihnen auf und abgeht, zuerst den Vorschlag machte, den Hafen von Havre nach Gros-Caillou zu versetzen, damit man in Paris leichter Austern bekommen könne; sodann schlug er, wahrscheinlich um seine Stelle einträglicher zu machen, vor, man solle alle Bewohner eines Hauses zwingen, das Viertheil ihres Einkommens, und im Falle, daß nur zwei Miethleute darin wären, die Hälfte desselben an den Portier abzugeben; Sie sehen hieraus, daß sich dieser Schelm nicht vergißt und in seiner Vaterlandsliebe und seinem Gleichheitseifer die Portiers vor allen Dingen reicher machen will, als alle Uebrigen; und in seinem letzten Antrage stellte er die Behauptung auf, daß der Weiberwechsel durch die Scheidung noch nicht genug erleichtert sei, und man deßhalb ein Gesetz gründen solle, welches den Männern gestatte, sich nach Willkür auf einen Monat, vierzehn oder acht Tage zu verheirathen! Ich muß Ihnen mit Bedauern gestehen, daß diese drei Vorschläge des Bürgers Leonidas wenig Anklang fanden!« »Auf acht Tage heirathen«, sagte Euphrasia lächelnd, »das wäre ein wenig türkisch ... vielleicht aber nicht allzu unangenehm!« – Nach meiner Ansicht,« sagte Prosper, »wäre es dann besser, gar nicht zu heirathen!« »Du verhöhnst meine Motionen!« versetzte Goulard, fortwährend im Hintergrund des Zimmers auf- und abspazierend, »aber ich wiederhole Dir, Du verstehst nichts von politischen Angelegenheiten ... Siehst Du, wir lassen uns jetzt nicht mehr wie Thiere zur Schlachtbank führen ... Heutzutage ist Jeder unterrichtet!« – Schreib mir doch einmal, was Du gerade gesagt hast? – »Man muß nicht nothwendig schreiben können, um Gedanken zu haben!« – Ganz richtig; aber man muß gute Gedanken haben, oder sich nicht in Dinge mischen, von denen man nichts versteht ... Du und Deinesgleichen schaden der Republik mehr, als sie ihr nützen ... während ihr öffentlich widersinniges Zeug schwatzt und alberne Vorschläge macht, bringet ihr uns um die Achtung des Auslandes! – »Sehet doch diesen Gelbschnabel, der den Gelehrten spielen will!« – Nimm Dich in Acht, Goulard, der Gelbschnabel hat Dir gezeigt, daß er starke Fäuste hat!« »Der Holländer soll sich in Acht nehmen ... er ist ein Aristokrat. Außerdem war er ein Freund von Dumouriez ... ein intimer Freund sogar! ... da er mit dem General in Belgien gereist ist ... und bei der Einnahme von Gertruidenberg mit zugegen war; Dumouriez hatte den Holländer zu dem Rang eines Dragonerobersten seiner Armee erhoben ... Aus welchem Grunde macht man einen Bankier zum Obersten?« »Wahrscheinlich, weil der Bankier dem General Geld geliehen hat,« erwiderte Maximus' Mutter. »Uebrigens, was soll das Alles beweisen? Man sagt, Dumouriez sei zu den Feinden übergegangen; das ist jedoch noch nicht erwiesen; Andere behaupten, er habe sich ganz einfach nach England zurückgezogen, weil er die Wendung nicht billige, welche die Revolution genommen hat, und der Partei des Berges nicht dienen wolle. Indeß ist der Bürger Derbrouck ihm nicht dahin gefolgt, sondern im Gegentheil nach Paris zurückgekehrt ... Wäre er, wenn er sich strafbar gefühlt hätte, zu einer Zeit nach Frankreich gekommen, wo schon der geringste Fehler die Todesstrafe nach sich ziehen kann?« »Bah! bah! bah! ... man weiß, was man weiß!« entgegnete Goulard kopfschüttelnd, »und die Republik weiß auch, daß die Soupers, die der Bankier in seinem Hause zu Passy gibt, Aufwieglerversammlungen ... freiheittödtende Soupers sind!« »Freiheittödtende!« rief Prosper aus; »o! der Teufel, Leonidas! das ist einmal ein Wort, welches Du sehr froh sein mußt, aufgefangen zu haben! Ich bin überzeugt, daß Du es in Deinen Gesprächen oft in Anwendung bringen wirst.« »Man muß übrigens so bösartig sein, wie Du, Goulard,« versetzte die Wittwe, »um Gesellschaften zu verdächtigen, in welchen sich die wärmsten Patrioten, die eifrigsten Republikaner befinden ...« »O! es gibt darunter, die nur dergleichen thun ... allein man läßt sich nicht davon verblüffen .« – Bravo, Leonidas! Du sprichst wie auf der Rednerbühne!« rief Prosper lachend aus. »Mein Gott!« sagte Euphrasia ganz leise, »wird dieser garstige Portier nicht mehr fortgehen! ... Seit er eingetreten ist, konnte ich noch keine vier Worte anbringen! ... er ist unerträglich ... und so häßlich ... so schmutzig ... Er dürfte wohl wenigstens sein Hemd zumachen, wir brauchen nicht zu wissen, daß er ein Fell hat wie ein Bär.« – Ich halte ihn sicher nicht zurück,« entgegnete Prosper, »und wenn Sie es wünschen, so werfe ich ihn hinaus? – »O! nein ... nein! ...« flüsterte die alte Dame; »er ist so bösartig ... man muß sich hüten ...« Goulard ging immer noch im Zimmer auf und ab, blickte seitwärts und lauschte, wenn man leise sprach. Nach einer Pause allgemeinen Schweigens fuhr er fort: »Es ist noch eine junge Aristokratin im Quartier, auf die ich ein offenes Auge habe ... Ihr Vater ist emigrirt, deßhalb sollte die Tochter eingekerkert sein; wenn das bis jetzt nicht geschehen ist, so hat man sie nur vergessen ... aber ich werde sie in Erinnerung bringen.« »Von wem sprichst Du da?« rief Prosper aus, der seit einigen Augenblicken ernst und aufmerksam auf den Portier horchte. »Von wem ich spreche? ... potz Donnerwetter! ... von der Tochter des Grafen Trevilliers ... von der kleinen Camilla.« »Von dem jungen Mädchen, welches noch nicht einmal sechzehn Jahre alt ... so hübsch ... so schön gewachsen ist ... und so schöne schwarze Augen mit langen Wimpern und gewölbten Brauen ... so blendend weiße Zähne ... und einen so reizenden Mund hat? ...« »Ei der Tausend! mein Schelm! Du scheinst Camillen genau betrachtet zu haben! aber all das hindert nicht, daß sie die Tochter eines Emigranten und demzufolge eine kleine Aristokratin ist, die man verhaften muß ...« »Du willst die Tochter des Grafen von Trevilliers verhaften lassen! ...« schrie Prosper, sich erhebend; »doch ehe es so weit kommt ... haue ich Dich in Stücke zusammen!« Und alsbald auf den Portier losstürzend, packt ihn der Jüngling an der Gurgel, wirft ihn nieder und stemmte bereits ein Knie auf Goulards Brust, ehe dieser Zeit fand, sich zu besinnen. Indessen baten die beiden Frauen Prosper inständig, den Portier, der laut zu schreien anfing, loszulassen, als mehrmals an die Thüre geklopft wurde und ganz bekannte Stimmen sich vernehmen ließen. Da entschloß sich der junge Mann, von Goulard abzulassen, der sich auch plötzlich erhob und auf die eintretenden Personen stoßend, entfloh. Drittes Kapitel. Das Ehepaar Poupardot – Ein junger Soldat – Picotin und sein Schild Eintrat zuerst ein höchstens vierundzwanzigjähriger Mann, der sich jedoch vermöge seiner Kleidung, Frisur und Manieren die gesetzte Miene eines Mannes von reiferem Alter geben zu wollen schien. Sein beinahe immer lachendes Antlitz, sein halbgeöffneter Mund und seine beständig hochgetragene Nase verkündeten mehr Gutmüthigkeit und Neugierde, als Geist und Fähigkeiten. Seine zwar streng republikanische, aber höchst reinliche und sorgfältige Kleidung zeigte einen vermöglichen Mann an, der aus Neigung das populäre Kostüm trug; während des Sprechens hatte er die Gewohnheit, den Kopf auf eine wichtigthuende Weise zu bewegen; alsdann rieb er sich stets selbstvergnügt die Hände. Dieser Mann hieß Poupardot; er war der Sohn reicher Handelsleute, und hatte, da er sein Vermögen groß genug und für überflüssig fand, es weiter zu vermehren, sich jung verheirathet, um seine Einkünfte in Ruhe zu verzehren, ohne andere Belästigung, als die Verwaltung seine Güter und Häuser. Denn Poupardot besaß außer seinen Renten ein Haus in Paris, ein Pachtgut in der Umgegend von Monterau, ein Landhaus in Clichy und ein kleines Häuschen bei der Barrière d'Enfer. Madame Poupardot war eine kleine, hübsche, sanfte haushälterische Frau, die ihren Mann an Geist weit übertraf und ihm deßhalb beinahe durchgängig gehorchte; denn kluge Leute geben lieber nach, als daß sie streiten. Indessen betrachtete sie die Ereignisse gewöhnlich von einer andern Seite, als ihr Mann; aber sie wollte Poupardot, der ein glückliches Gemüth hatte, Alles im schönsten Lichte erblickte, Alles billigte, was geschah, und nie etwas Uebles ahnte, nicht durch ihren Widerspruch betrüben. Mit diesen beiden Gatten trat eine dritte Person ein: ein junger Mann mit sanftmüthiger Miene, dessen Gesichtszüge, ohne gerade regelmäßig zu sein, doch einen angenehmen Ausdruck hatten, und dessen obwohl dunkle Augen höchst zärtlich strahlten, wenn er sie auf ein junges hübsches Frauenzimmer heftete. Es war Roger, den das Aufgebot getroffen hatte, und dem es, nach der lebhaften Euphrasia Behauptung, so wehe that, als sie Anacharsis Picotin heirathete. Maximus, Roger und Poupardot waren Schulkameraden gewesen, deren Freundschaft immer noch fortdauerte, obgleich sie sich in verschiedenen Lebenslagen befanden, und auch ihre politischen Ansichten von einander abwichen. Wahr ist, daß sie niemals etwas von einander begehrt hatten, und ihr wißt, daß es das beste Mittel ist, seine Freunde zu erhalten, wenn man nie etwas von ihnen entlehnt und ihnen nie etwas leiht. »Was hat denn Der?« fragte Poupardot, den Goulard beim Hinausstürzen beinahe umgeworfen hatte, »dem pressirts teufelmäßig ... Er hat mir beinahe einen Zahn eingeschlagen ... Doch, gleichviel, das hindert mich nicht, der Gesellschaft einen guten Abend zu wünschen ... Wie steht's mit der Gesundheit, Bürgerin Bertholin?« – Sehr gut, Bürger Poupardot ... ich danke Dir. – »Ich, ich befinde mich ganz herrlich ... nur besitze ich einen häßlichen Schnupfen, der mich am Athmen hindert ... Und hier seht ihr meine Frau, die so dick wird, wie eine Wachtel ... Das Dicksein ist hübsch ... nur genirts beim Gehen!« – Gott sei Dank, so weit bin ich noch nicht!« entgegnete die junge Frau, während sie auf Frau Bertholin zuging und sie küßte. – »Es ist sehr schön von euch, daß ihr mich besuchet,« sagte Maximus' Mutter. – Ja,« versetzte Poupardot, »wir beabsichtigten es schon längst ... nur gerade heute Abend dachte ich nicht entfernt daran ... Ich war sogar im Begriff, meine Frau ins Schauspiel ... ins Feydeautheater zu führen, um die Entführung der Sabinerinnen vom Bürger Picard zu sehen ... Man sagt, das Stück sei gut ... Er hat Geist, der Bürger Picard! ... er ist ein Schriftsteller, der sich einen Namen machen wird ... Aber während wir auf dem Wege nach dem Schauspielhause waren, begegneten wir Roger. Er sagte: Ich gehe zu Maximus, um von ihm und seiner werthen Mutter Abschied zu nehmen. Da sagte meine Frau zu mir: Statt in's Feydeau zu gehen, sollten wir Roger zu Deinem Freunde begleiten. Ich stimme stets mit meiner Frau überein ... weil sie mir nie widerspricht ... und so kamen wir mit Roger hierher. Wo ist denn Maximus?« – In seiner Druckerei; er wird aber nicht mehr lange ausbleiben, denn er hat von der Bürgerin Picotin erfahren, daß Roger kommen werde, und mir aufgetragen, ihm zu sagen, er möchte warten.« Als Poupardot den Namen Euphrasiens aussprechen hörte, die ihm unbekannt war, machte er ihr ein tiefes Compliment, und seine Frau examinirte sie mit jener kleinlichen Neugierde, die die Frauen antreibt, sich gegenseitig zu betrachten und die sie auf den ersten Blick die schwache Seite des Gesichts, des Anzugs und der Haltung finden läßt. Was Euphrasia betrifft, so warf diese Roger seit seiner Ankunft häufig Liebesblicke zu, welche böse Zungen auf eine für die Stirne des Horatius-Cocles Picotin nicht befriedigende Weise hätten deuten können. Prosper hatte sich in eine Ecke gesetzt: seit seinem Zwiste mit Goulard war er in Nachdenken versunken und schien auf das, was um ihn her gesprochen wurde, nicht mehr zu achten. »Nun! mein armer Roger, Du wirst also zur Armee abgehen?« fragte Frau Bertholin, den jungen Soldaten mit Theilnahme betrachtend. – »Ja, meine gute Mutter, ich werde gegen Frankreichs Feinde kämpfen, und ich bin wahrlich sehr erfreut darüber! – »Schön, was Du da sagst, Bürger,« raunte ihm Euphrasia ärgerlich zu. »Es scheint Dir um Niemand in Paris leid zu thun?« – Doch, Bürgerin, ich lasse Freunde ... geliebte Personen zurück; aber auf der andern Seite bin ich es satt, fortwährend Hinrichtungen und Schaffotte zu sehen. Bei der Armee muß ich doch wenigstens diesen schrecklichen Anblick nicht ertragen; empfängt man dort seinen Tod, so geschieht es, während man sich vertheidigt oder seinen Feind tödtet; man kann Ruhm erwerben, und beim Teufel! das gehört sich für einen Franzosen. – »Oh! ich wette, Du kommst als General zurück, Bürger,« versetzte Euphrasia, ihre Blicke auf Roger heftend. – »Ich weiß nicht, ob ich zurückkomme und als was ich zurückkomme; aber das ist gewiß, daß ich mich eher tödten lassen, denn als gemeiner Soldat zurückkehren werde ... Nun! Prosper, bist Du nicht meiner Ansicht? ... An was denkst Du denn ganz allein dort hinten? ... Willst Du nicht auch unters Militär treten?« Prosper blickte Roger an, strich mit der Hand über die Stirne, als ob er seine Gedanken sammeln wollte, und entgegnete sodann: »Ja ... ich gehe auch zur Armee ... aber jetzt noch nicht ... man könnte mich hier nöthig haben ... und wer sorgte ... wenn ich nicht da wäre, für ...« – Für wen?« fragte Roger lächelnd. Aber Prosper wendete sich ab und murmelte: »Das ist meine Sache.« – O! man erräth es leicht,« sagte Euphrasia, »denn Du hast Dich so eben verrathen, als Du den Portier durchprügeln wolltest. – »Bürger,« begann Poupardot, eine Dose aus der Tasche ziehend und der Gesellschaft zu schnupfen anbietend, »Bürger, ich wundere mich, daß ihr euch über den Gang der Regierung beklaget. Mir kommt es vor, es gehe Alles gut ... sehr gut sogar ... Ich bin für die neuen Ideen! nur wäre es mir lieber, wenn Alles ohne Aufopferung von Menschenleben geschehen könnte.« – Ich liebe die Revolutionen nicht!« flüsterte kopfschüttelnd seine Frau. – »O! Du, Elisa, bist ein ängstliches Ding ... die Republik will nur unser Bestes!« – Ja, unser Geld und Gut; denke nur an unser hübsches Haus in der Straße der Petites-Ecuries,« erwiderte Madame Poupardot seufzend, »kam ihnen nicht der Einfall, es zu untersuchen, die Wände abzukratzen, und daran zu lecken, ob sie Salpeter enthielten? und das Resultat davon ist ... daß sie unser Haus abreißen wollen. – »Ja,« sprach Poupardot dagegen, »weil ich es an sie verkauft habe, man bezahlt mir aber den dreifachen Werth desselben!« – Ja! es ist wahr, man bezahlt es Dir ... in Assignaten! – »Nun! was macht das? die Assignaten sind im Kredit etwas gesunken, aber sie werden sich wieder erholen ... o! sie werden wieder steigen, und dann habe ich ein sehr gutes Geschäft gemacht!« – Ich hätte unser Haus weit lieber behalten!« »Ich bin derselben Ansicht, wie die Bürgerin,« sprach Euphrasia, »das baare Geld scheint mir weit zuverlässiger, als eure Papierfetzen, und da ich Herrin im Hause bin, so habe ich es nicht geduldet, daß Picotin unser Mobiliar gegen Assignaten vertauschte. Da ich übrigens gerade von meinem Manne rede, so möchte ich doch auch wissen, was aus ihm geworden ist? ich fange an unruhig zu werden, obgleich ich überzeugt bin, daß er unfähig ist, sich zu compromitiren und in Streitigkeiten einzulassen.« – Ich höre im Hofe singen,« versetzte Roger, »ich erkenne Picotins Stimme. – »Er singt!« sagte Euphrasia, »dann fürchtet er sich, und da muß ihm etwas zugestoßen sein.« Kaum konnte Euphrasia ihren Satz beendigen, so öffnete ihr Gatte die Thüre und trat herein. Anacharsis Picotin war ein junger, großer, aber unvortheilhaft gestalteter Mann, dessen Gang etwas Lendenlahmes an sich hatte; geschah es aus Gewohnheit, um nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen, oder war es eine Folge seines Körperbaues; bei jedem Schritte, den er machte, schwankte er von einer Seite auf die andere, wie ein Mensch, der sich fürchtet, mit dem Fuße in eine Lache zu treten. Sein Angesicht war lang, mager und spitzig. Seine dicken Haare fingen gleich über den Augenbrauen an; mit seiner Carmagnole endlich und besonders mit seiner Mütze auf dem Kopfe suchte er sich ein abstoßendes Aeußere zu geben, was durchaus nicht zu seiner Physiognomie paßte. »Da bin ich!« sagte Picotin eintretend, »guten Abend, Bürger und Bürgerinnen, Gruß, Brüderschaft oder Tod. Liebe Frau, Du wußtest nicht, was aus mir geworden war ... Du warst sicher fürchterlich in Sorgen ... Du dachtest schon: ist wohl mein Horatius, ohne mich davon zu unterrichten, gegen die Feinde des Vaterlandes zu Feld gezogen?« – O! nein, das dachte ich zufällig nicht!« rief Euphrasia aus. – »Nun! meine werthe Gemahlin, ich schwebte nichts desto weniger in großer ... in ungeheurer Gefahr.« – Das ist nicht möglich! – »Auf Sansculottenparole ... ich werde der Gesellschaft auseinandersetzen, in welch' höchst kritischem Falle ich mich befand! Die Sache verhält sich so: vor allen Dingen muß ich jedoch für Solche, die mich nicht kennen, vorausschicken, daß ich Kürschner bin und mit Pelzwaaren, Tiger-, Bären-, Fuchs- und andern Fellen handle, kurz, daß ich alle Dinge, auf die ich mich lege, tüchtig verarbeite ... meine Frau, die zugegen ist, kann es bestätigen.« – Nein, mein lieber Anacharsis, das kann ich zu meinem Bedauern nicht durchweg bestätigen, aber fahre dennoch fort,« entgegnete Euphrasia ungeduldig, »und spute Dich ein wenig, denn auch im Erzählen, bringst Du nichts fertig.« »Gleich, meine liebe Gemahlin. Ich wollte einen Schild haben ... ich hatte noch keinen ... und ein Laden ohne Schild scheint mir sehr einfältig. Ich weiß wohl, daß man oft sagt: Ein guter Wein braucht keine Etikette! aber nie: Ein guter Pelzladen braucht keinen Schild. Während ich hierüber nachsann, fiel mir etwas sehr Hübsches und besonders für meinen Stand Passendes ein. Ich hatte meiner Frau nichts gesagt, um ihr eine Ueberraschung zu bereiten, und die Ausführung einem berühmten Schildmaler übertragen! Diesen Morgen überbrachte er mir den Schild und ich unterstellte ihn der Billigung meiner Sektion. Hattest Du gar keine Vermuthung, Euphrasia?« – Nun, was war denn auf dem Schilde? – »Eine sehr schöne, prächtige Angorakatze, mit einem herrlichen Pelze, sie saß bei einem Teller, worauf sich noch der Ueberrest einer ungeheuren Pastete befand; die Katze hatte, wie man ihrem Bauch ansah, so eben ihr Mahl beendigt, überdies ließ ich mit großen goldenen Buchstaben darunter setzen: » Zum schönen, vollen Kater! Dies war mein Schild; ich meine, der Gedanke war nicht übel.« Die Gesellschaft lächelte, statt zu antworten; Picotin fuhr fort: »Ich begebe mich also, meinen Schild unter dem Arm, in den Sektionsausschuß; aber kaum hatte ich ihn den Augen des Präsidenten enthüllt, so rief eines der Mitglieder aus: Du bist ein Aristokrat! Du willst die Luxuskatzen wieder bei uns einführen! wir wollen keine Angorakatzen, keine Möpse, keine Bologneser und keine Pasteten mehr. Dein Schild ist eine Satyre auf die republikanische Einfachheit; zu einer spartanischen Suppe hättest Du eine ehrliche französische Katze setzen sollen! – Ich blieb starr vor Schrecken; ich hatte diese Anschuldigung so wenig erwartet, daß ich keiner Antwort fähig war. Hierauf schrieen mehrere Stimmen: Man muß diesen Menschen festnehmen ... er conspirirt gegen die Republik. – Da aber kam mir die Sprache wieder und ich rief aus: Aber, Bürger, ich hätte nie geglaubt, dadurch die Republik zu beleidigen, daß ich als Kürschner einen großen Kater malen ließ, wovon ich nur den Pelz bewundern lassen wollte! – Aber Du hast eine Angorakatze, eine Luxuskatze malen lassen, welche auf weichen Polstern liegt und Pasteten frißt, während das souveraine Volk hungert; das ist eine Verhöhnung! rief eine Masse Leute aus, worunter besonders eine alte Fischhändlerin, die Mutter Gueuleton, die beinahe beständig betrunken ist und nun ihre Zeit in den Sektionen und Clubs zubringt, wo sie sich die Mutter der Kracher und ihren Sohn den Krachius nennen läßt, weil man in ihrer Gegenwart einmal von Cornelia , der Mutter der Gracchen, gesprochen hat, deren einer Sohn, Gracchus , bei Vertheidigung des Vaterlandes starb. Ich befand mich folglich in einer widerlichen, ich darf sagen gefährlichen Lage, als zum Glück für mich der Präsident, dem mein Bürgersinn und meine Grundsätze bekannt sind, das Wort nahm und sprach: Bürger, ich kenne Horatius-Cocles-Picotin und glaube nicht, daß er die Absicht hatte, es an Achtung gegen die Republik fehlen zu lassen, noch auch die Angorakatzen wieder einzuführen; es war allerdings ein Irrthum von ihm, Worte auf seinen Schild zu schreiben, die als eine Ironie auf das hungernde Volk betrachtet werden können; er wird sie aber ausstreichen und andere darauf setzen lassen.« »Mit größtem Vergnügen!« rief ich dann aus. »Der Präsident hat mich ganz richtig verstanden; da man nichts von meinem schönen, vollen Angorakater will, so erbiete ich mich, eine magere französische Katze malen und darunter setzen zu lassen: Zum tapfern sansculotten Kater! Kaum hatte ich diese Worte beendigt, als Beifall von allen Seiten des Saales her ertönte; man drückte mir die Hand, man beglückwünschte mich; die Mutter Gueuleton wollte mich durchaus küssen, obgleich sie den Schluchzer hatte, und ich verließ die Versammlung mit meinem Schilde, von dem ich bereits im Weggehen anfing, die darauf geschriebenen Worte abzukratzen.« »Das ist ein weitgehender Patriotismus der Ausschußmitglieder,« versetzte Roger lachend. »Am Ende könnte man den Stand eines Kürschners als aristokratisch verdächtigen, weil er mit Artikeln handelt, die nicht jedes Mitglied des souverainen Volks sich anschaffen kann.« »Das wolle Gott verhüten,« rief Picotin ängstlich, »da könnte man zuletzt zu Ehren der untheilbaren Republik auf der Straße erfrieren!« »Jedenfalls,« sagte Euphrasia, »wirst Du Dir daraus die Lehre abnehmen, in Zukunft nichts mehr ohne mich zu thun ... ich bedanke mich vor Ueberraschungen, bei denen Gut und Blut auf dem Spiele steht; wir konnten bisher ohne Schild leben ... und der tapfere sansculotte Kater wird eine saubere Figur über unserer Ladenthüre machen? ... Und wie steht es um mein Gesuch, die Göttin der Freiheit vorzustellen, bin ich angenommen?« »Ha! meiner Treu ... das war nicht der Augenblick, ein Gesuch vorzutragen, wo mich die ganze Versammlung durchprügeln wollte,« erwiderte der arme Picotin, sich mit verlegener Miene in eine Ecke setzend. »Wie! Du willst die Freiheit machen, Bürgerin?« fragte Roger, Euphrasia mit etwas spöttischer Miene anblickend. – »Warum nicht? ich meine, ich habe Alles, was dazu gehört.« »Mir wäre es auch recht gewesen,« sagte Poupardot, »wenn diese Ehre meiner Frau zu Theil geworden wäre, nur hätte ich befürchten müssen, sie möchte sich in dieser leichten Kleidung einen Schnupfen holen; allein die Bürgerin, welche ich zur Frau habe, will sich nicht durch so etwas auszeichnen, und sagt, sie wolle lieber ihre Haushaltung besorgen.« »Deine Frau hat Recht,« versetzte Roger, »das weibliche Geschlecht soll sich nichts um Politik bekümmern. Frauen, die sich in den Bereich der Männer eindrängen, setzen einen großen Theil ihrer Liebenswürdigkeit aufs Spiel.« »Soll etwa ein Mann die Freiheit darstellen?« fragte Euphrasia mit ärgerlicher Miene. – »Nein,« entgegnete der junge Soldat, »aber ich glaubte eben nicht gerade Du, Bürgerin.« Euphrasia schien erzürnt, sie blickte seitwärts und sprach nicht mehr; Roger war verstimmt; Prosper schwieg fortwährend; Picotin gab keinen Laut mehr von sich, seit ihn seine Frau gezankt hatte; Madame Bertholin schien sich ihren Betrachtungen zu überlassen; Poupardots Frau war ohnehin nicht besonders redselig, somit blieb nur er zur Unterhaltung des Gespräches übrig, und trotz all seiner Anstrengungen und seiner »nur,« gelang es ihm nicht, die Unterredung in Gang zu bringen; er führte bereits seit einiger Zeit allein das Wort, als die Thüre aufging. Maximus kehrte zurück. Viertes Kapitel. Das Testament eines Komödianten – Eine Verhaftung Maximus war blässer, und seine Miene noch trauriger und finsterer, als bei seinem Weggehen. Beim Eintritt ins Zimmer suchte er mit den Augen zuerst seine Mutter; sie verstand ihn. Er hatte die Hinrichtung Franz Bremonts, jenes Greises erfahren, welcher der Freund und Beschützer seines Vaters gewesen war. Auch erwiderte Maximus die Begrüßungen der meisten Anwesenden nur kalt. Und Poupardot sagte ganz leise zu Picotin: »Teufel! ich fürchte etwas! ... sollte es wohl schlimm gehen? ... ich bin nicht ruhig, wenn Maximus nicht zufrieden ist, denn das ist ein Mann, der in die Zukunft sieht, und ein ächter Republikaner!« Picotin sperrte seine zwei großen, mit der Stirne gleichstehenden Augen auf, drückte seine rothe Mütze über die Ohren und flüsterte: »Ich könnte auch noch hinzufügen: Zum tapfern sansculotten Kater oder den Tod ?« Der junge Bertholin hatte sich Roger genähert, drückte ihm herzlich die Hand und folgendes Gespräch entspann sich zwischen ihnen: »Du gehst zur Armee ab, Roger ... Du wirst für das Vaterland kämpfen ... wie glücklich bist Du!« – Das meine ich, mein lieber Maximus, auch gehe ich mit Freuden! warum thust Du nicht ein Gleiches? – »Du weißt es ja ... meine Mutter!« – Ach! ja, Du hast Recht. Bleibe hier. Ueberdies bist Du ein Republikaner, und billigst jedes Verfahren, Alles, was geschieht; Dir kann's am Emporkommen nicht fehlen! – »Roger, Du beurtheilst mich falsch! gerade weil ich Republikaner bin, weil ich eine freisinnige Regierung und die Abschaffung der früheren Mißbräuche wünschte, sehe ich mit größerer Betrübniß als ein Anderer die beklagenswerthen Excesse, denen man sich hingibt, die Ungerechtigkeiten und Verbrechen, welche man begeht, und die unfehlbar den Sturz dieser Republik, die ich so gerne groß und dauernd gesehen hätte, herbeiführen werden. Heute erst haben sie wieder einen Greis ... einen alten Freund meines Vaters, hingeschlachtet. Welches Verbrechen konnte er begangen haben? ... keines ... Er wurde, wie man mir sagt, angeklagt, weil er an seinem Rocke große Knöpfe trug, worauf sich Blumensträuße befanden, worunter einige Lilien zu bemerken waren! Ach! mein Freund, so lange die Menschen toll oder bösartig genug sind, das Leben ihres Nächsten von so elenden Kleinigkeiten abhängig zu machen, so lange werden sie auch nicht im Stande sein, sich selbst zu regieren.« »Die Bürger sprechen leise mit einander,« sagte Euphrasia, nach Maximus und Roger hinblickend. »Das ist unterhaltend! im Allgemeinen sind die Männer liebenswürdiger unter vier Augen, als in Gesellschaft, nicht wahr, Bürgerin?« Diese Frage war an Poupardots Frau gerichtet, die ruhig erwiderte: »Mein Mann gefällt mir immer, wie er ist!« »Was für ein Teig von einem Weib!« sagte Euphrasia leise zu Frau Bertholin. »Wenn die Hungersnoth fortdauert, könnte man Butterwecken aus ihr machen.« »Ich vermuthe,« sprach Poupardot wieder gegen Picotin gewendet, neben dem er sich befand, »ich vermuthe, daß Maximus etwas weiß, irgend eine interessante Neuigkeit ... die wir morgen im Père Duchesne lesen werden. Aber dann sollte er sie, statt leise mit Roger zu sprechen, uns sagen ... sie wäre denn der Art, die Frauen zu erschrecken. Was meinst Du dazu, Bürger?« »Ich meine,« entgegnete Picotin nach einer Weile, »daß, wenn ich statt eines Katers einen Bären hätte malen lassen, ich nicht hätte darunter schreiben können: Zum vollen Kater, und dann auch diesen Morgen hätte keine solche Angst in meiner Sektion ausstehen müssen.« »Ja,« antwortete Poupardot, »da hättest Du ihnen auch viel leichter etwas aufbinden können, und an einem groben Zottelbären würden sich auch Sansculotten nie gestoßen haben!« Als Maximus sein Gespräch mit Roger beendigt hatte, wendete er sich um und gewahrte jetzt erst Prosper, der schweigend in einer finstern Ecke des Zimmers saß, weßhalb Bertholin seine Gegenwart nicht bemerkt hatte. »Wie, Du bist da, Prosper,« rief Maximus, sich dem Jüngling nähernd, aus. »Ich hatte Dich bei meinem Eintritt nicht bemerkt. Weil Du nun da bist, so will ich Dir einen Brief übergeben, den ich für Dich in Händen habe. Ein ehrlicher Bauersmann hatte ihn in die Druckerei gebracht, in der Meinung, Dich dort zu finden. Er kam von Melun her.« »Von Melun?« fragte Prosper, »der wollte mir ohne Zweifel Nachricht von meinem Pathen geben?« – In der That ... aber Dein Pathe ist vor acht Tagen gestorben. – »Gestorben! der arme Papa Brillancourt! Das thut mir leid, er war ein braver Mann, obgleich er mich oft verspottete ... denn er war ein beißender Spötter, mein lieber Pathe; indeß war er beinahe achtzig Jahre alt, und in diesem Alter muß man sich auf die große Reise gefaßt machen. Ist der Brief von ihm? ... Das würde mich wundern; denn seit mehreren Jahren wollte er weder mehr lesen noch schreiben, aus Furcht, sich die Augen zu verderben.« »Der Brief ist, wie mir der Landmann sagte, von einem Notar aus Melun, der zum Testamentsvollstrecker des Verstorbenen ernannt ist.« »Lies doch schnell, Bürger,« sagte Picotin mit neugieriger Miene. »Dein Pathe hat Dich vielleicht zum Universalerben eingesetzt.« »Zum Universalerben! von was? ... Vor allen Dingen kann mein Pathe Brillancourt kein Vermögen hinterlassen haben. Er war ein alter Komödiant, der lustig gelebt, und wie er selbst zu sagen pflegte, genossen hatte, was er nur immer genießen konnte. Er lebte von einer kleinen Pension, die ihm das Theater verabreichte, und einigen Ersparnissen, die er auf eine lebenslängliche Rente angelegt hatte. Außerdem hatte er eine Haushälterin bei sich, welche er seine Dulcinea nannte, und der er längst schon sein Mobiliar und das wenige baare Geld, welches er hinterlasse, versprochen hatte; Dulcinea hat das auch in der That wohl verdient, denn sie war sehr besorgt für den alten Schauspieler, der beinahe jeden Abend Scenen aus dem Tartuffe und den gelehrten Weibern mit ihr durchging.« »Nun, der Notar hat Dir doch nicht umsonst geschrieben, Bürger,« versetzte Poupardot; »nur wenn Du vermuthen würdest, es wäre ein Geheimniß ...« »Ein Geheimniß!« entgegnete Prosper. »O! ich mache aus Nichts ein Geheimniß, und um dieses zu beweisen, will ich, wenn es euch Vergnügen macht, den Brief laut vorlesen.« Mit diesen Worten öffnete er den Brief des Notars, und alle Anwesenden erwarteten, neugierig, den letzten Willen des alten Schauspielers zu Gunsten seines Pathen zu vernehmen, die Mittheilung des Inhalts. Prosper las laut: »›Gruß und Brüderschaft, Bürger! »Ein Greis, Namens Brillancourt, ein alter Tyrannenspieler, ist in unserer Stadt mit Tod abgegangen. Er hat mich zum Vollstrecker seines letzten Willens ernannt; was mich jedoch nicht sehr beschäftigen wird, da der Bürger Brillancourt durchaus kein Vermögen hinterlassen hat; seine Leibrente erlosch mit ihm, und was sein Mobiliar betrifft, so hat er solches der Haushälterin zum Geschenke gemacht, die in seinem Dienste stand ...‹« »Was hatte ich Dir vorausgesagt?« rief Prosper, sich unterbrechend aus, um sich gegen Picotin zu wenden. »Mein Pathe hinterläßt mir wahrscheinlich nichts als seinen Segen und seinen guten Rath ... Denn damit war er nicht geizig! ...« »Ist der Brief des Notars aus?« fragte Euphrasia. – »Nein, noch nicht. – »Nun! so lesen Sie ihn vollends; das Wichtigste kommt ohne Zweifel zuletzt.« »Ich fahre fort. – »›Der Haushälterin zum Geschenke gemacht, die in seinem Dienste stand ... Indessen ... (ah! es ist ein Indessen dabei) findet sich in dem Schreiben, worin er mich mit seinem letzten Willen beauftragt, ein Paragraph, der seinen Pathen anbetrifft ... hier folgt er, ich schreibe ihn Wort für Wort ab: »»Ich hatte nie Kinder, oder glaube wenigstens, nie welche gehabt zu haben; aber ich habe irgendwo in der Welt einen Pathen, der gegenwärtig achtzehn Jahre und einige Monate alt ist und Prosper Bressange heißt: er ist ein ziemlich leichtsinniger Bursche ... der in kurzer Zeit die ganze Hinterlassenschaft seines Vaters aufgezehrt hat, und wenn ich Vermögen hätte, würde ich es ihm ebenfalls nicht vermachen, denn er würde es auch aufzehren.«« Die Zuhörer konnten sich in diesem Augenblicke einiger Ausbrüche von Lachen nicht erwehren, welches durch das sonderbare Gesicht, welches Prosper machte, noch mehr erregt wurde; er hatte inne gehalten und rief, die Augen höchst komisch gen Himmel gerichtet, aus: Da schaffet Euch Pathen an! ... und verlasset Euch auf ihren Schutz, dann seid Ihr verlassen. Doch man muß den Kelch bis zur Hefe leeren. Ich fahre fort: »»denn er würde es auch aufzehren ... Aber Prosper hat Geist und Fähigkeiten, er ist ein Junge, aus dem Etwas werden kann, wenn er will, und da es die Pflicht eines guten Pathen ist, seines Täuflings Fortkommen zu befördern, so hinterlasse ich dem meinigen als vollständiges Eigenthum, was Du Bürger Notar in der untersten Schublade meiner Commode finden wirst; es sind ... drei Hosen ...«« Hier wurde Prosper abermals durch schallendes Gelächter unterbrochen; aber dessen ungeachtet fuhr er weiter fort: »» ... Drei Hosen! mit der einen habe ich den Mascarill im Leichtsinnigen ins Leben gerufen, es ist die prächtige scharlachrothe; mit der zweiten (der blauen), habe ich einen Veteran in einem Soldatenstück dargestellt; mit der dritten endlich, die von weißem Atlas und an allen Nähten gestickt ist, habe ich einen Marquis oder Roué aus der Zeit der Regentschaft gespielt. Mit diesen drei Hosen habe ich meine glänzendsten Erfolge erlangt. Es ist mir, als ob sie mächtig zu dem Glücke meines Pathen beitragen werden, wenn er sie zur richtigen Zeit anzuziehen weiß. Uebergib sie deßhalb, Bürger Notar, zu eigenen Händen meinem Pathen, Prosper Bressange, der, glaub' ich, in Paris in einer Druckerei arbeitet; meine Haushälterin wird Dir seine Adresse mittheilen.«« »›Dies, Bürger, ist der Paragraph, den Dein Pathe zu Deinen Gunsten niedergeschrieben hat. Ich habe in der That die oben erwähnten Gegenstände in der Commodeschublade des Bürgers Brillancourt vorgefunden, und wenn Du nach Melun kommen willst, so stehen die drei Hosen zu Deiner Verfügung. Ich werde sie Dir dann eigenhändig übergeben, wie solches einmal der Wunsch Deines Pathen ist. Gruß und Brüderschaft. Dumont , Notar.‹« »Ah! der Tausend! das ist ein sonderbares Testament,« sagte Picotin, nachdem Prosper das Schreiben vorgelesen hatte, »der Pathe war ein Possenreißer ... denn die ganze Geschichte macht den Eindruck einer Posse auf mich, hm?« »Das denke ich auch,« versetzte Poupardot; »es ist ein Scherz ... es müßte nur einer jener wunderlichen Grillen eines alten Komödianten sein ... Bei diesem Geschäfte hat man, wie mir gesagt worden ist, gewisse Manien ... eine gewisse Vorliebe ... man passionirt sich für ein Kostüm ... sogar für eine Perrücke ... und dann ... stellt man sich vor ... Sie verstehen mich? ... nicht wahr, Elisa, Du verstehst mich? ...« Die Bürgerin Poupardot war so gefällig, mit dem Kopf zu nicken, als ob sie errathen hätte, was ihr Gatte zu sagen beabsichtigte; aber Picotin rief aus: »Nein, ich verstehe durchaus nicht!« »Gewiß ist,« sagte Roger lächelnd, »daß der Pathe des Bürgers Prosper nicht für die neuen Ideen eingenommen war, denn er wollte nicht, daß sein Täufling Sansculotte (ohne Hose) sei!« »Das ist klar,« brummte Picotin, »und wenn er nicht gestorben wäre, so hätte man ihn deßhalb zur Anzeige bringen müssen.« »Nun, Bürger,« sagte Euphrasia zu Prosper gewendet, »was gedenkst Du zu thun? ... wirst Du diesem Notar antworten?« »Noch mehr, Bürgerin, ich werde mich morgen nach Melun aufmachen und mein Erbtheil in Empfang nehmen.« »Ah! bah! warum nicht gar!« wendete Picotin ein, »was! eine Reise nach Melun machen, um drei Hosen zu holen ... und wahrscheinlich drei alte Hosen, denn, wie es scheint, hat sie der alte Komödiant oft benützt!« »Ja, Bürger, ich werde nach Melun gehen, um diese Hinterlassenschaft meines Pathen in Empfang zu nehmen ... Und, wer weiß? ... sie wird mir vielleicht Glück bringen! Ich bin einigermaßen Fatalist, und setze insbesondere großes Vertrauen auf die Meinung geistreicher Leute, und der Papa Brillancourt besaß Geist. Er hat mir diese drei Hosen in dem Glauben hinterlassen, daß sie mir Bahn im Leben brechen würden, wie sie ihm solche auf dem Theater brachen! ... Er wußte wohl, daß die Welt selbst nur ein größeres Theater ist, worauf ein Jeder den Beruf hat, seine Rolle mit mehr oder weniger Erfolg zu spielen. Ueberdies ist im gegenwärtigen Augenblicke meine Garderobe nicht so gut versehen, daß ich Ursache hätte, die Gabe meines Pathen zu verschmähen. Morgen will ich nach Melun gehen ... und mir meine Erbschaft ausfolgen lassen.« »Du kannst sie sogar sogleich anziehen,« versetzte Picotin; »im Winter kann man ganz gut drei Paar Hosen tragen!« – Ich wette,« sagte Roger, »die Hosen werden aufgefressen sein, ehe Prosper wieder nach Paris zurückkehrt, und zwar nicht von Motten.« »Du irrst Dich, Bürger!« entgegnete der Jüngling, seine papierne Mütze schief aufsetzend. »Hätte mir der alte Schauspieler Geld hinterlassen, so könnte Deine Voraussetzung richtig sein, denn das Geld ist dazu da, um ausgegeben zu werden ... Geld haben und es nicht anwenden, ist gerade so viel, als keines haben; das ist wenigstens meine Denkungsart; aber Hosen, durch welche mein Pathe glänzende Erfolge erlangt hat ... das ist etwas ganz Anderes, diese respektire ich ... ich glaube an ihre vortrefflichen Eigenschaften und würde sie nicht um hundert Thaler verkaufen ... wenn man mir sie böte!« – Selbst im Peche nicht?« fragte Picotin. – »Auch im Peche nicht ... nicht einmal um baares Geld ... und doch gelten hundert Thaler klingende Münze in diesem Augenblick für ein Vermögen!« Nachdem man noch einige Zeit über Prospers Erbschaft und den sonderbaren Einfall des alten Komödianten gesprochen hatte, dachte die Gesellschaft ans Nachhausegehen; Maximus war traurig, sprach wenig und bemühte sich durchaus nicht, die Anwesenden zurückzuhalten, als sie sich zum Fortgehen anschickten. »Komm, Frau,« sprach Poupardot, seiner Ehehälfte den Arm reichend; »man muß nicht so gar spät nach Hause gehen ... Ich fürchte zwar nichts ... nur die Diebe ... aber ich muß morgen bald aufstehen, um Zeuge des ersten Schlags mit der Haue zu sein, der an meinem Haus in der Petites-Ecuriesstraße geschieht.« – »Lässest Du etwas an Deinem Hause bauen?« fragte Maximus seinen Freund. – »Im Gegentheil, die Republik läßt es zusammenreißen, weil sie sich überzeugt hat, daß viel Salpeter in meinen Mauern steckt ... Das ist ein Glücksfall für mich, denn sie bezahlt mir dreimalhunderttausend Franken in Assignaten dafür. Das heiße ich ein gutes Geschäft! ...« Maximus antwortete nichts und Poupardots Frau erwiderte mit düsterer Miene: »Ah! ... die Revolutionen! ... Komm, wir wollen schlafen gehen, mein Freund.« »Bürgerin Euphrasia, Dein Gatte Horatius Cocles steht zu Deinen Befehlen,« sagte Picotin, sich seiner Frau nähernd und ihr den Arm bietend; allein diese hing sich an Roger und begnügte sich, ihrem Gatten in einem herrischen Tone zu erwidern: »Gut, geh' voraus und sag' es uns jedesmal, wenn wir an eine Gosse kommen.« Picotin ließ sich diesen Auftrag nicht wiederholen, sondern eilte nach der Thüre und sagte: »Recht gute Nacht, werthe Gesellschaft ... Gruß und Brüderschaft, gute Nacht oder den Tod.« Poupardot und seine Frau hatten sich bereits entfernt. Roger küßte zärtlich die gute Mutter Bertholin, deren Augen in Thränen zerflossen, als sie Abschied von dem jungen Rekruten nahm. Maximus drückte noch einmal die Hand seines Freundes, und dieser sagte zu ihm: »Ich weiß nicht, ob ich zurückkehren werde, Maximus; aber wenn, so glaub' ich, daß sich bis dahin Vieles geändert haben wird.« Nun befand sich nur noch Prosper Bressange bei Bertholin; dieser wohnte aber im Hause, in einem Mansardenstübchen. Indessen verabschiedete er sich auch von Wittwe und Sohn, indem er sprach: »Ich lege mich schlafen, denn ich will mich morgen bei guter Zeit nach Melun aufmachen, und da wird es gut sein, vorher ein wenig auszuruhen. Auf Wiedersehen, Mutter Bertholin ... gute Nacht, Maximus ... Ich bin überzeugt, daß ich von den drei Hosen meines Pathen träumen werde.« »Welch glücklicher Charakter!« rief Maximus, dem sich entfernenden Prosper nachblickend, aus. »Er lacht über Alles ... und nimmt die Zeit, wie sie ist.« – O! er lacht nicht über Alles,« versetzte Mutter Bertholin, ihren Stuhl ans Feuer rückend. »Und diesen Abend sah ich wohl, daß dieser scheinbar so tolle, so leichtsinnige Jüngling im Innern seiner Seele schon ein tiefes Gefühl für Jemand hegt ... Du glaubst wohl nicht, Maximus, daß Prosper verliebt ist? ... – »Verliebt! ... ja, wie man es in seinem Alter ist ... wo man in alle Frauenzimmer verliebt zu sein glaubt ... und sich einbildet, diese Neigung daure ewig ... während das nächste beste hübsche Gesichtchen das Herz drehen macht wie eine Wetterfahne« – Nein ... ich glaube, Prosper empfindet diesmal eine wahre Leidenschaft ... Indessen ist Deine Behauptung ganz richtig, eine andere wird diese verdrängen ... – »Und wer ist denn das Frauenzimmer, in welches Du ihn für verliebt hältst?« – Fräulein Camilla von Trevilliers ... Tochter des Grafen von Trevilliers, welche in dieser Straße beinahe gegenüber von uns wohnt. – »Die Tochter eines Emigranten! Ein junges, noch nicht einmal sechzehnjähriges Frauenzimmer, welches jetzt schon eben so stolz und hochmüthig ist, als es ihr Vater war! Armer Prosper, ich glaube, er hat seine Zuneigung nicht auf die rechte Person geworfen, und fürchte, daß er nie mit Gegenliebe belohnt werden wird. Wer hat Ihnen jedoch Prospers Gefühle entdeckt, liebe Mutter?« – Während Deiner Abwesenheit kam der Portier Goulard hier herein ... – »Weßhalb? Ich verachte, ich verabscheue diesen schändlichen Menschen, ich dulde seine Besuche nicht. Man hätte ihm die Thüre weisen sollen.« – Ach! mein Freund, in unsern Zeiten sind die bösartigen Menschen zu fürchten ... – »Ich habe nichts zu fürchten, ich, liebe Mutter, und nichts kann mich zwingen, einen Menschen bei mir zu empfangen, den ich verachte.« – Ach! mein Freund, wie Viele haben gleich Dir nichts fürchten zu müssen geglaubt, weil sie ein reines Gewissen hatten, und mußten doch zu Grunde gehen ... wie Bremont! unser armer Bremont! ...« Maximus wischte die Thränen aus den Augen und rief aus: »Ach! wir wollen nicht davon sprechen, Mutter, es schmerzt zu sehr ... Nun! von Prosper ... wollten sie mir etwas erzählen ...« – Goulaurd sprach in seiner Gegenwart von der Tochter des Grafen von Trevilliers; er ließ seine Absicht merken, sie anzugeben. O! da stürzte Prosper auf ihn zu, packte ihn an der Gurgel, und wenn nicht Leute dazu gekommen wären, so hätte er ihn, trotz meiner und Euphrasia's Fürbitten erwürgt. – »Er hätte wohl daran gethan; dieser elende Goulard! er und Seinesgleichen erregen den Haß gegen unsere Revolution. Fragen Sie diesen Menschen, was Vaterland und Freiheit sei, er wird Ihnen antworten: er wolle Geld und Nichtsthun. Ach! daß er sich nur nicht mehr hier sehen lasse, denn ich fühle wohl, ich würde meinen Zorn nicht bemeistern können. Ein junges sechzehnjähriges Mädchen anklagen ... weil sie die Tochter eines Adeligen ist! Wie vernünftig! wie gerecht! Und gesetzt, ihr Vater wäre strafbar, sollen unter einer Regierung, die gerecht und frei sein will, die Fehler der Väter auf die Kinder zurückfallen?« Maximus' Mutter antwortete nichts; sie begnügte sich, seufzend die Achseln zu zucken. Ein langes Schweigen herrschte zwischen ihr und dem Sohn. Sie waren beide zu traurig gestimmt, als daß sie nur den Wunsch gehabt hätten, miteinander zu reden. Der Regen goß wiederum in Strömen herab, der Wind wehte heftig; die Nacht war finster und traurig, wie die Gedanken der Bewohner des untern Stockwerkes. Mitternacht hatte es schon lange geschlagen, aber weder Maximus noch seine Mutter sich zu Bette gelegt. Endlich rief der Jüngling, aus seinen Betrachtungen erwachend, aus: »Legen Sie sich zur Ruhe, liebe Mutter; es ist sehr spät, Sie müssen müde sein.« – Zur Ruhe! Ich habe keine Hoffnung, diese Nacht Ruhe zu finden. Ich habe heute zu viel Kummer erlebt ... Aber Du, mein Freund, wirst Du Dich nicht auch schlafen legen? – »Ja, liebe Mutter, ja ... gleich. Ich weiß nicht, was ich diesen Abend habe ... mein Herz ist so beklommen ... mir ist's, als ob ein neues Unglück bevorstände. Was Sie mir über Goulard gesagt haben, geht mir nicht aus dem Sinn.« – Und ich habe Dir noch nicht einmal Alles erzählt, denn als er den guten Holländer und seine Frau hier fand, denen ich, weil Goulard nicht da war, das Hofthor für ihren Wagen aufgemacht hatte, wagte er es, diesem großmüthigen Manne, der ihm schon hundertmal Gutes erwiesen, zu drohen und ihn zu beschimpfen. Ach, wenn seine Frau nicht zugegen gewesen wäre, so hätte der Bürger Derbrouck, glaub' ich, Goulards Unverschämtheit gezüchtigt. Glücklicherweise trat in diesem Augenblicke Prosper ein; Prosper ist ein wackerer Junge ... Ei! ... hörst Du kein Geräusch auf der Straße? – »Nein ... ich höre nur das Rauschen des Regens und Windes.« – Sonderbar ... es war mir, als ob ich mehrere Stimmen gehört hätte ... und doch ist jetzt nicht die Zeit, auf der Straße zu stehen und miteinander zu sprechen. Bald ein Uhr Morgens ... ich kann mich auch getäuscht haben ... doch höre ... es tönt wie das Gerassel eines Gefährts ... es nähert sich!« Das Wagengerassel kam in der That näher, und hörte bald darauf vor dem Hause auf. Maximus, der horchte, blickte seine Mutter an und sagte: »Es hält hier an.« Und ein Ausdruck düstern Entsetzens malte sich zu gleicher Zeit in den Zügen des Jünglings und seiner Mutter, denn beiden war es bekannt, daß damals die Verhaftungen oft mitten in der Nacht vorgenommen wurden. Man that einen heftigen Schlag gegen das Hofthor. »Freilich gilt es unserem Hause,« flüsterte Frau Bertholin, »aber zu wem wollen sie? o mein Gott!« Und schon umschloß die arme Mutter ihren Sohn mit den Armen, als ob sie verhindern wollte, daß man ihr ihn entreiße, während der junge Republikaner, der die Mutter zu trösten suchte, seine ruhige Miene wieder angenommen hatte, als er ihr erwiderte: »Haben Sie doch keine Furcht. Wir täuschen uns vielleicht auch; man hat ohne Zweifel nicht aus diesem Grunde an die Thüre geklopft!« Das Hofthor war bereits aufgethan, denn diesmal hatte der Portier nicht auf sich warten lassen. Man konnte meinen, er sei vorher unterrichtet gewesen und habe darauf gelauert. Maximus und seine Mutter waren an das auf den Hof hinausgehende Fenster getreten, sie hörten den Tritt mehrerer Männer, dann wurde der Namen Derbrouck laut ausgesprochen und Goulard antwortete mit scheinheiligem Ton: »Hier, Bürger ... im ersten Stocke ... rechts, die hintere Treppe.« Die Männer schritten über den Hof und gingen hinauf; sie waren von Gendarmen begleitet; es blieb kein Zweifel über den Grund ihrer Erscheinung mehr übrig. »Sie verhaften den holländischen Bankier!« rief Frau Bertholin, ihr Angesicht bedeckend, aus. »O! Ungeheuer von Goulard! er hat seine Drohungen in Erfüllung gebracht; seinen Wohlthäter angegeben! Und Derbroucks Frau, seine arme Frau, die ihr Kind säugt! großer Gott, welches Erwachen! ... welche Verzweiflung für sie! Eine so glückliche Ehe ... so einiglebende Gatten!« »Nein, nein, das ist nicht möglich!« rief Maximus aus. Damit stürzte er zur Thüre hinaus, eilte über den Hof und stieg auch die Treppe hinauf, während seine Mutter ihm nachrief, zurückzubleiben und sich nicht unnöthig zu compromittiren. Allein der junge Mann stand schon im ersten Stocke vor der Thüre zu des Bankiers Wohnung. Der Eingang war von drei Gendarmen bewacht, indessen ließ man Maximus hinein, der durch ein Vorzimmer in einen kleinen Salon gerade eintrat, als sich der mitten in der Nacht aus dem Schlafe gestörte und erschreckte Verhaftete, nachdem er in der Eile einige Kleidungsstücke angezogen hatte, den Gerichtsbeamten vorstellte. Derbroucks Antlitz drückte nur Ueberraschung aus, es war immer noch gleich vertrauensvoll und edel, und beinahe lächelnd sprach er zu den im Salon Anwesenden: »Was gibt es, Bürger, welcher Grund führt euch mitten in der Nacht zu mir her?« »Wir haben den Befehl, Dich zu verhaften!« antwortete mit rauher Stimme ein Mann mit einer dreifarbigen Schärpe, welcher der Anführer der Uebrigen zu sein schien. »Mich ... verhaften! Und weßwegen ... was habe ich gethan?« »O! das kann man Dir hier nicht auseinandersetzen ... gib Deine Erklärung beim Revolutions-Tribunal ab ... wenn Du gerichtet wirst.« »Aber, Bürger, das kann nur ein Irrthum sein ... Ich habe mir nichts vorzuwerfen ...« »O! nein!« rief Maximus, während er hastig Derbroucks Hand ergriff und innig in den seinigen drückte; »nein, der Bürger Derbrouck hat nichts gethan, um verhaftet zu werden ... Sein Betragen ist so rein wie seine Grundsätze! ich stehe dafür! und man kennt mich wohl und weiß, daß ich keinem Verräther die Hand drücken würde. Darunter muß irgend eine Bosheit, eine geheime Angeberei stecken.« »Das Alles geht uns nichts an!« entgegnete der Abgesandte des Ausschusses, »wir haben den Auftrag, den Bürger Derbrouck, einen holländischen Bankier, der sich erst seit wenigen Monaten in Frankreich befindet, zu verhaften ... Bist Du das?« – Ja, Bürger.« »Dann mußt Du uns folgen ... nachdem zuvor in Deiner Gegenwart bei Dir versiegelt worden ist.« – Thut es, Bürger; aber meine Frau schläft, wenn man nur wenigstens ihre Ruhe nicht störte!« In diesem Augenblicke drang aus einem anstoßenden Gemache ein Schrei, der verkündete, daß die Frau des Bankiers nicht mehr schlief und wußte, warum man ihre Ruhe gestört hatte; sie rannte blaß, trostlos, bebend und kaum mit einem Kleide und einem Tuche bedeckt, die sie in der Eile um sich geworfen hatte, herbei; sie stürzte sich in die Arme ihres Gatten und rief aus: »Ist es wahr ... sie kommen, Dich zu verhaften ... O! dann, mein Freund ... verlasse ich Dich nicht. Ich will mit Dir fortgeführt werden ... ich will Dein Schicksal theilen.« »Beruhige Dich, meine liebe Freundin,« sprach der Holländer, seine Gattin zärtlich ans Herz drückend. »Man verhaftet mich, weil mich irgend ein böser, niederträchtiger Mensch angegeben haben wird! Du weißt aber wohl, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe, daß mein Gewissen rein ist. Ich darf also nichts fürchten. Meine Richter werden, daran zweifle ich nicht, bald einsehen, daß man sie hintergangen hat und ich unschuldig bin, und mich Dir in kurzer Zeit wieder zurückgeben.« Madame Derbrouck weinte bitterlich; die ruhige Miene ihres Gatten tröstete sie nicht. Maximus bemühte sich ebenfalls, die Hoffnung in ihrem Innern wieder zu beleben und sagte zu ihr: »Es kann nur ein Irrthum oder die Folge einer Privatrache sein, Bürgerin; übrigens will ich vor das Tribunal gehen, und wenn, wie ich hoffen darf, mein Zeugniß von einigem Gewicht ist, so wird der Bürger Derbrouck schnell wieder seine Freiheit erlangt haben!« Diese Worte waren nicht im Stande, die aus den Augen der armen Frau fließenden Thränen zu stillen, und sie flüsterte immer fort: »Ihn verhaften ... o mein Gott! das habe ich gefürchtet!« Indessen hatten die Gerichtsbeamten auf Alles ihr Siegel gelegt, und der Anführer sprach, während er zugleich schrieb: »Wir ernennen als Siegelwächter den Bürger Leonidas Goulard, Portier des genannten Hauses und Mitglied der Sektion Bonne-Nouvelle.« Beim Namen Goulard schauderte die junge Frau zusammen, und des Holländers Stirn bedeckte sich mit einer düstern Wolke. Dann neigte er sich gegen seine Gattin hin und flüsterte ihr ins Ohr: »Geh' nach Passy zurück, bleibe nicht hier ... Du hättest zu viel auszustehen.« »Sind wir bereit?« fragte der Abgesandte, indem er dem Bankier ein Zeichen gab, den Gendarmen zu folgen. »Ja Bürger,« erwiderte Derbrouck, »ich folge euch. Aber gestattet mir, ehe ich gehe, mein Kind zu küssen.« Madame Derbrouck hatte ihren Gatten diese Worte nicht vollenden lassen. Sie war schon in das Nebenzimmer geeilt, aus dem sie unverzüglich mit dem kleinen Mädchen auf dem Arme, das sie noch säugte, und welches in diesem Augenblicke fest schlief, wieder zurückkam. Der Holländer betrachtete einige Augenblicke sein Kind und sprach so leise, daß er nur von Maximus verstanden werden konnte: »Armes Kind! das erst einige Monate alt ist und seinen Vater noch nicht einmal kennen kann ... Vielleicht liegt es in seiner Bestimmung, ihn niemals kennen zu lernen! Aber ich hinterlasse ihm einen fleckenlosen Namen, einen Namen, auf den man, eine innere Ahnung sagt es mir, einst stolz sein wird!« Trotz seiner Festigkeit fühlte Derbrouck sein Auge feucht werden; aber alsbald diese Schwäche überwindend, drückte er einen Kuß auf die Stirne seiner kleinen Pauline, schloß zärtlich seine Gattin an die Brust, entriß sich dann ihrer Umarmung und verließ das Gemach mit dem Ausrufe: »Gehen wir, Bürger!« Des Holländers Frau wäre ohnmächtig niedergesunken, wenn Maximus sie nicht in seinen Armen aufgefaßt hätte. Derbrouck schritt bereits von Gendarmen umringt durch den Hof. Da stellte sich Goulard neben das Hofthor und lächelte auf eine höllische Weise, als er den Verhafteten vorbeigehen sah. Fünftes Kapitel. Die Tochter eines Emigranten. Prosper hatte, tief schlafend, während der Nacht nichts gehört, und trat am folgenden Morgen, als er bei Tagesanbruch das Haus verließ, nicht mehr zu Maximus ein, weil er sich schon am Vorabend von ihm verabschiedet hatte. Er hatte nur den Portier gesehen, der schon auf war und wie ein Spion in einem Winkel des Hofes stand, von wo aus er die Fenster eines jeden Miethsmannes beobachtete, um irgend ein Zeichen oder ein paar Worte zu erlauschen. Als Goulard den hinausgehen sah, der ihn gestern beinahe erwürgt hatte, begnügte er sich mit einem Lächeln; allein es lag in seinen abstoßenden Zügen ein triumphirender, freudiger Ausdruck, den der junge Mann bemerkt und der ihn einen Augenblick in Schrecken gesetzt hatte. Ein plötzlicher Gedanke beruhigte ihn jedoch wieder; er erinnerte sich, daß man ihm am Vorabend gesagt hatte, Fräulein Trevilliers sei aufs Land gegangen, und das Landhaus, wohin sich die Tochter des Emigranten zuweilen begab, lag gerade ganz in der Nähe von Melun. Und nun wollen wir berichten, wie die romantische Leidenschaft entstanden war, welche dieser bisher so tolle, so leichtsinnige Jüngling für ein Frauenzimmer gefaßt hatte, das durch Stand und Vermögen in weiter Entfernung von ihm gehalten worden wäre, wenn man damals Werth auf die Geburt gelegt hätte, und die Glücksgüter nicht so häufigem Wechsel unterworfen gewesen wären. Camilla von Trevilliers war noch nicht sechzehn Jahre alt, allein sie war bereits schön, groß und wohlgestaltet; ihr Wuchs war schon elegant und anmuthig, obgleich sie in ihrem stolzen Gange, in ihrem Blicke und in der Art, ihren Kopf zu tragen, etwas hatte, was eine adel- und geldstolze Dame verkündete, eine Dame, die weiß, daß sie schön ist, und meint, Jeder müsse überglücklich sein, ihr seine Huldigungen darzubringen. Ihre großen, schwarzen Augen, die zwei, für eine weibliche Stirne fast zu dichte Brauen beschatteten, strahlten oft verächtlich und höhnisch; wenn aber ein wohlwollender, zärtlicher Ausdruck sie milderte, so war es schwer, ihrer Macht zu widerstehen. Der Graf von Trevilliers, Camilla's Vater, war einst einer jener Ausgelassenen am Hofe, die Alles dem Vergnügen und der Gunst aufopferten. Frühzeitig Wittwer geworden, hatte sich der Graf wenig um seine Tochter bekümmert, deren Erziehung er einer Gouvernante mit dem bestimmten Befehle übertragen hatte, niemals gegen Camilla's Willen zu handeln; dieser hatte er für alle möglichen Fächer Lehrer gehalten, ihr aber zugleich gestattet, nur das zu lernen was ihr gefiele. Camilla hatte von dieser Erlaubniß Gebrauch gemacht; kapriziös und phantastisch, wie sie war, gab sie sich zuweilen einige Wochen mit angestrengtem Eifer den Studien hin, in anderen dagegen that sie durchaus nichts ; eine Zeit lang leidenschaftlich für Musik eingenommen, gab sie diese auf, um sich der Malerei zu widmen, die sie später ebenfalls wieder liegen ließ. Das Resultat davon war eine jener Erziehungen, wie sie in damaliger Periode häufig vorkamen; man hatte von Allem eine oberflächliche Kenntniß, wußte aber nichts gründlich. Indessen kam die Revolution heran. Der Graf von Trevilliers, der wunderschöne Güter in Frankreich besaß, beeilte sich, zu emigriren, indem er seine Tochter nebst ihrer Gouvernante in seinem sehr schönen Landgute in der Gegend von Melun zurückließ. Aber nach kurzer Zeit wurden alle Besitzungen des Grafen sequestrirt, und die junge Camilla, gezwungen, das väterliche Schloß zu verlassen, war genöthigt, sich in ein kleines Landhaus zu flüchten, welches ihre Gouvernante von ihren Ersparnissen in der Gegend gekauft hatte. Und da dieses Landhaus nur eine halbe Stunde von dem schönen Besitzthum entfernt war, in welchem die Tochter des Grafen das Licht der Welt erblickt hatte, so liebte es Camilla, sich in der Nähe dieses Schlosses zu ergehen, welches das Eigenthum ihres Vaters gewesen war, und dessen Anblick sie an die ersten Spiele ihrer Kindheit erinnerte. Immer lenkte sie ihre Schritte nach dieser Richtung, wenn sie einen Ausflug machte; dann blieb sie traurig vor dem Gitter des Parkes stehen und betrachtete von ferne die schönen belaubten Alleen, wo sie zuvor so oft umhergerannt war und gespielt hatte; da schwoll ihre Brust, ihr Herz zog sich zusammen ... aber sie weinte nicht, denn sie hatte Muth und Stolz, und wollte nicht, daß die Landleute ihre Thronen stießen sähen. Ueberdies wiederholte ihre alte Gouvernante unaufhörlich: »Seien Sie ruhig, gnädiges Fräulein, Alles das dauert nur eine Zeitlang ... das ist ein Sturm, der vorübergeht; Ihr Vater wird wieder zurückkehren, seine Güter wieder in Besitz nehmen; diese schöne Herrschaft wird einst wie viele andere wieder Ihnen gehören, und Sie nach Herzenslust in den herrlichen Alleen umherspazieren und laufen können wie ehemals.« Camilla seufzte, ohne zu antworten; obgleich noch sehr jung, überließ sie sich doch keinen eiteln Hoffnungen, und ihre frühzeitig gereifte Vernunft sah klarer, als die sechzig Jahre ihrer Gouvernante. Wählend eines dieser Spaziergänge um die Mauern ihres väterlichen Schlosses war Camilla zum ersten Male von Prosper gesehen worden, der häufig zum Besuche seines Pathen, des alten Komödianten, nach Melun ging und manchmal mit ihm in der Umgegend herumschlenderte. Camilla zählte damals erst fünfzehn Jahre, aber sie war durch ihre Schönheit, ihre elegante Taille und ihre edle Haltung schon auffallend. »Das ist ein recht hübsches Frauenzimmer,« sagte Prosper zu seinem Pathen; »kennen Sie dieselbe?« – Ja, das ist die Tochter eines Vormaligen (Adeligen), oder wenn Du lieber willst, des Grafen von Trevilliers. – »Welch' schöne Augen! welch' schöne Brauen!« – Sie würde auf dem Theater bewundernswürdig zu Fürstinnen oder sonst vornehmen Rollen passen! – »Lieber Pathe, Sie sehen überall nur Theater!« – Nimmt Dich das Wunder? Dort habe ich mein Leben zugebracht, und seit ich es verlassen habe, besteht mein größtes Glück darin, noch daran zu denken. Ueberdies, mein kleiner Prosper, ist hienieden Alles Komödie ... wenn nicht gar Tragödie ... wie in unserer Zeit zum Beispiel.« »Diese junge Dame ist sehr schön, aber sie sieht traurig aus.« – Sie hat Grund dazu; sie spaziert um den Park des Schlosses herum, das noch vor kurzer Zeit ihrem Vater angehörte, seit seiner Auswanderung aber eingezogen worden ist. – »Armes Mädchen ... welch reizende Taille!« – Ei, Du Schelm, Du möchtest gerne den Liebhaber bei ihr spielen, diese Rolle würde Dir nicht mißfallen!« In diesem Augenblicke gingen Camilla und ihre Gouvernante, die sich auf dem Rückwege befanden, an ihnen vorüber; der alte Schauspieler, der ein wenig mit der Gouvernante bekannt war, begrüßte die Damen, welche freundlichst dankten; Prosper verbeugte sich und wollte ein Gespräch anknüpfen; allein sie setzten, ohne auf ihn zu achten und ohne ihm zu antworten, ihren Weg weiter fort. »Dein erster Versuch fiel nicht glücklich aus,« sagte der alte Brillancourt mit sarkastischer Miene, »Du bist aber auch noch zu jung für das Fach, welches Du übernehmen willst.« »Wohlan, mein Pathe, Sie sollen sehen, daß ich Beifall finden und mich aufschwingen werde,« entgegnete Prosper. Hierauf fing der Jüngling so zu laufen an, daß er den Damen voraus kam; an einem ziemlich hohen Baume kletterte er mit Gewandtheit hinauf, setzte sich auf einen schwachen Ast, schaukelte einen Augenblick darauf und fiel alsbald auf die Erde, weil der Ast gebrochen war. Die Damen stießen einen Schreckensschrei aus; der Komödiant zuckte mit den Achseln und brummte: »Wenn er das sich aufschwingen heißt?« Dann eilte man auf den Jüngling zu, der auf dem Rasen lag, die Augen verdrehte und Gesichter schnitt. Camilla war die jüngste, die schnellste, sie langte zuerst bei Prosper an, und während sie ihm ein Riechfläschchen vorhielt, welches sie immer bei sich trug, fragte sie ihn: »Haben Sie sich verwundet, mein Herr? (Camilla wollte nicht Bürger sagen.) Wo thut es Ihnen weh?« Prosper betastete sich allenthalben ein wenig und antwortete sodann: »Ich glaube, daß mir nur der Fuß wehe thut, es wird vielleicht nur eine Verrenkung sein.« – Eine Verrenkung, das ist schon arg genug! Warum klettern Sie auch auf einen Baum hinauf, und schaukeln sich auf einem so schwachen Ast? – »Um Sie zu hören ... um mit Ihnen zu sprechen ... um das Glück zu genießen, welches mir in diesem Augenblicke zu Theil wird ... O! das ist mit einer Verrenkung nicht zu theuer erkauft.« Die schöne Camilla blieb wie versteinert! sie war durchaus nicht auf diese Erklärung eines ganz jungen Mannes gefaßt, den sie zum ersten Male sah; sie erröthete, nahm eine strenge Miene an und gab Prosper keine Antwort, aber im Innern ihrer Seele fühlte sie sich geschmeichelt, daß er auf solche Weise sein Leben ausgesetzt hatte, um mit ihr zu sprechen; es lag in dieser Handlung eine Ueberspanntheit, die zugleich Liebe, Einbildungskraft und Muth bewies, drei Dinge, wofür die Frauenzimmer eine große Schwachheit haben. Die Gouvernante und der alte Brillancourt kamen herbei; Prosper suchte sie zu beruhigen, er stand auf und wollte gehen, als er aber auf seinen linken Fuß trat, schnitt er verzweifelte Grimassen; man war zwar nicht mehr fern von Melun, mußte sich aber doch noch hinbegeben. Es wäre unmenschlich gewesen, Jemand, der so beschwerlich ging, nicht seinen Arm anzubieten. Papa Billancourt wollte seinen Pathen unterstützen, aber der Arm eines achtzigjährigen Mannes ist eine schwache Stütze; die Gouvernante führte daher Prosper auf der einen Seite und Camilla mußte sich entschließen, ihn auf der andern zu führen; sie war die Jüngste und Stärkste, daher befahl sie ihm immerfort ernstlich: »Stützen Sie sich auf meinen Arm, mein Herr; fürchten Sie nicht, mich zu ermüden, ich bin stark!« Der Jüngling machte von dieser Erlaubniß Gebrauch; er stützte sich fest auf die linke Seite, während man ihn auf der rechten kaum fühlte; Fräulein von Trevilliers konnte es nicht übel nehmen, daß er ihren Arm sehr stark drückte, da sie ihm zur Stütze diente; aber wenn Prosper es wagte, einen Blick auf sie zu werfen und ihren Augen zu begegnen suchte, so wendete sie sich schnell ab und sagte mit trockenem Tone: »Geben Sie Acht, mein Herr, wo Sie Ihren Fuß hinsehen!« Man langte in Melun vor der Wohnung des alten Schauspielers an; dort entfernten sich die Damen, nachdem der junge Mann und sein Pathe sich bei ihnen bedankt hatten. Und der alte Brillancourt sprach alsdann: »Weißt Du, daß dieses junge Frauenzimmer für die Tochter eines Vormaligen sehr gefällig war? Das ist schön von ihr, denn sie ist von Natur stolz und spricht mit Niemand.« – Und es ist um so schöner von ihr, als es mir nicht entfernt einfiel, nur die geringste Verrenkung zu haben!« entgegnete der Jüngling, vor seinem Pathen eine Pirouette machend. Der Greis blieb einen Augenblick sprachlos vor Staunen, aber dann lachte er bis zu Thränen, indem er ausrief: »Köstlich! prächtig! ausgezeichnet gespielt! O! mein Freund! wie vortrefflich würdest Du Dich zu Liebhaberrollen, liederlichen Burschen und Marquis eignen! Ich hatte Dich früher falsch beurtheilt, aber ich sehe jetzt ein, daß Du viel Anlage zu einem Komödianten hast.« Und solchermaßen hatte Prosper die Bekanntschaft des Fräuleins von Trevilliers gemacht, und so oft er zu seinem Pathen ging, suchte er der reizenden Camilla auf dem Spaziergange zu begegnen; dies war aber nicht so leicht: seit der Begebenheit mit der Verrenkung ging sie weniger aus; man konnte meinen, sie habe schon eine Ahnung von der Sehnsucht und den Qualen gehabt, die sie erweckte, und, weit entfernt, die Liebe zu ermuntern, die sie eingeflößt hatte, im Gegentheile gewünscht, vergessen zu werden. Aber im siebzehnten Jahre vergißt man das Frauenzimmer, welches unsere erste Liebe erweckte, nicht. In diesem Alter ist dieses Gefühl eine Religion, eine Abgötterei oder vielmehr ein Wahnsinn, wovon man erst durch das Uebermaß des Glücks genest. Prosper träumte unablässig von Camilla; er suchte sich allerdings zu zerstreuen, indem er irgend einer hübschen Arbeiterin nachlief, wenn er einer begegnete, allein diese Zerstreuung war nur vorübergehend, und die wahre Liebe erlosch nicht. Man kann sich die Freude des armen Verliebten denken, als er eines Tages in Paris beim Nachhausegehen, Camilla und ihre Gouvernante, einige Schritte weit von seiner Wohnung entfernt, in ein Haus hineingehen sah. Kaum waren sie eingetreten, als er ihnen nachlief und sich in einen großen Hof einschlich; er erkundigte sich bei der Thürhüterin und erfuhr, daß die Tochter des Grafen von Trevilliers in der That seit längerer Zeit in einem prachtvoll möblirten Logis wohne, welches sonst ihr Vater inne gehabt hatte, und welches darum noch nicht unter Siegel gelegt worden sei, weil es in jener Zeit so viel Angeklagte, Verdächtige, Verhaftete und Emigranten gab, daß man nicht an Alles denken konnte. Nun hatte Prosper nicht mehr nöthig, nach Melun zu reisen. Er ging vor dem von Camilla bewohnten Hause in seiner Straße auf und ab, und seine Blicke nicht von den Fenstern des zweiten Stockwerks abwendend, bemühte er sich, Diejenige durch die Scheiben zu sehen, für die er beinahe den Hals gebrochen hätte. Aber Camilla trat nie an das Fenster. Da sie nur wilde Gesichter um sich her sah und nur unheimlichen Blicken begegnete, die sie, wie es schien, strafbar finden wollten, weil sie die Tochter eines Emigranten war, so schloß sie sich mit ihrer Gouvernante ein und zeigte sich ihren Nachbarn so wenig als möglich. Prosper wünschte indeß, die schöne Camilla möchte erfahren, daß er ihr Nachbar sei; denn wenn man Stundenlang nach den Fenstern eines Frauenzimmers lorgnettirt, das sich nicht blicken läßt, so ist es noch eine Beruhigung, sich sagen zu können, sie weiß wenigstens, daß ich da bin, und betrachtet mich vielleicht, ohne sich zu zeigen. Besonders lieb wäre es dem Jüngling gewesen, wenn er zu der Tochter des Emigranten hätte sagen dürfen: »Wenn Ihnen irgend eine Gefahr drohte, wenn man Sie beschimpfte, wenn man Sie verhaften wollte, so bin ich da, hier gegenüber in den Mansarden; geben Sie mir ein Zeichen, lassen Sie mich holen, und ich werde herbeifliegen und Sie vertheidigen. Ich bin allerdings noch jung, aber ich habe Kraft und Muth; ich fürchte Niemand, habe nichts zu verlieren, und schere mich den Kuckuk um die Welt; unter solchen Umständen wiegt ein Mann oft viere und auch noch mehr auf.« Um aber dieses Camilla sagen zu können, mußte er sich ihr nähern, sie sprechen. Vergebens zerkaute sich Prosper die Nägel, während er aus seiner kleinen Dachluke im sechsten Stockwerk nach den Fenstern der Wohnung hinabsah, welche den Gegenstand seiner Liebe umschloß. Wenn sich zufällig die Tochter des Grafen am Fenster zeigte, während er sich zu seinem Dache hinauslegte, so hustete, sang und schrie er. Aber umsonst, seine Stimme verhallte in der Luft und drang nicht bis zu dem jungen Mädchen, wenigstens achtete diese nicht darauf, und erhob ihre Blicke nicht bis zu den benachbarten Dächern. Einmal gerieth Prosper auf den Einfall, sich von seiner Dachluke auf die Straße hinabzuwerfen, was allerdings ein ziemlich sicheres Auskunftsmittel gewesen wäre, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Da man indeß keine Garantie hat, daß man von einem Falle aus der sechsten Etage so leicht wieder aufsteht, wie von einem Falle von einem Zweige, so besann er sich eines Bessern, besonders wenn er dabei in Erwägung zog, daß sich umzubringen nicht das sicherste Mittel gewesen wäre, Camilla zu beschützen. Eines Tages, als Prosper wieder lange am Fenster stand und beständig an ein Mittel dachte, um mit dem jungen Mädchen zu sprechen, welches jetzt auch nicht mehr nach Melun ging, da man mitten im Winter hielt, bemerkte er gegenüber von sich in einem Hause, das mit dem von Camilla bewohnten zusammenstieß, einen seiner Bekannten, einen jungen Buchdrucker, am Fenster eines kleinen Mansardenstübchens. Plötzlich fuhren ihm tausend der wunderlichsten Gedanken durch den Kopf. Er betrachtete einige Zeit das Dach von Camilla's Hause; von seinem Freunde aus konnte man auf Katzenart leicht hinüberklettern. Dann suchte Prosper die Kaminröhre aufzufinden, welche mit dem Gemache in Berührung stand, in das er zu gelangen wünschte; das Resultat seiner Berechnungen war, daß eine große, mitten auf dem Dache befindliche Kaminröhre unfehlbar aus dem zweiten Stockwerke kommen müsse. Kurz, Alles wohl ermessen und wohl überlegt, verließ der junge Mann seine Stube und kletterte wohlgemuth zu seinem Geschäftsgenossen hinauf. »Guten Tag, Binet,« sagte Prosper, zu seinem Freunde hineinschlüpfend, der mit einem gebratenen Apfel und einer Kartoffel Mittag machte (das Brod war damals sehr theuer). »Schau, Du bist's Prosper! ... ah! Du wußtest nicht, daß ich Dein Nachbar bin ... ich bin erst seit Nonidi hier ... Willst Du mit mir speisen? ... genire Dich nicht ... wir theilen mit einander ...« »Nein, Binet, ich danke Dir ... behalte Dein Diner, es ist nicht zu viel für Dich ...« »Ach, mein Gott! gegen das Ende der Dekade wird der Beutel leicht und die Taschen klappen zusammen.« »Ich werde Dir alsbald ein anderes Essen bezahlen ... und bin der Ueberzeugung, daß Du es annimmst ... denn das, was Du jetzt issest, kann Dich nicht daran hindern. Ich habe noch zwei Vierundzwanzigsousstücke baares Geld, die wollen wir mit einander verzehren, und dafür werden wir ein prächtiges Mahl bekommen. Aber vorher bist Du so gefällig und lässest mich auf das Dach Deines Hauses hinausklettern.« »Auf das Dach hinausklettern? ... bist Du von Sinnen? ...« – Nein, aber verliebt, was ungefähr das Nämliche ist. – »Und deßhalb willst Du auf den Dächern herumklettern! Bist Du in eine Katze verliebt?« – O! nein ... warum nicht gar! wenn meine Schöne eine Katze wäre, so liefe ich nicht ihr, sondern sie mir nach. Es muß Dir genug sein, wenn ich sage, daß ich auf diesem Wege zu dem Gegenstande meiner Liebe zu gelangen hoffe; das Uebrige, denke ich, kann Dir gleichgültig sein.« »Mein Gott! so geh' aufs Dach, ich habe durchaus nichts dagegen, nur thäte es mir leid, Dich auf die Straße herunterpurzeln zu sehen, denn Du wärest des Todes!« »Ich purzle nicht herunter ... ich kenne die Dächer ... ich gehe vorzüglich auf dem Eise und hier ist's nicht schlüpfriger. Geh' und erwarte mich bei dem Traiteur an der Ecke des Boulevards, ich werde bald zu Dir kommen.« Mit diesen Worten zog Prosper seine Schuhe aus, die er in die Tasche seiner Jacke steckte, schwang sich dann aufs Fensterkreuz hinauf, stieg mit einem Fuße hinaus, drehte sich links und rutschte auf den Knieen fort. Sein Freund rief ihm nach: »Sei vorsichtig, sehe nicht in die Tiefe, es würde Dich schwindlig machen!« Prosper hörte nicht auf seinen Freund, sondern strebte vorwärts. Bald kam er in die Nähe des Nachbarhauses, und mittelst Uebersteigung eines kleinen Mauerwerkes befand er sich sofort darauf. Dort war sein Pfad minder gefährlich, weil das Dach fast eben war. Der Jüngling suchte sich inmitten aller der ihn umgebenden Kaminröhren zu orientiren; endlich erkannte er die von seinem Fenster aus wohlbemerkte, schritt auf sie zu, erreichte sie, und beschloß, in dieselbe hineinschlüpfend, sich darin hinabzulassen, indem er bei sich dachte: »Ich war zwar niemals Schornsteinfeger, aber es kann doch kein Hexenwerk sein, einen Kamin hinabzuklettern.« Der Weg war indessen nicht so leicht, als Prosper vermuthet hatte, und er stieß überdies auf ein Hinderniß, welches die Schornsteinfeger gewöhnlich nicht antreffen; ehe sie nämlich den Kamin fegen, werden immer alle Feuer abgelöscht, und in dem, durch welches der junge Mann hinabkletterte, brannte zwar nur ein mäßiges, aber dessen ungeachtet hätte der Rauch den angehenden Schornsteinfegersjungen fast erstickt, wenn er sich nicht, um schneller hinabzukommen, entschlossen hätte, mit einem Male hinabzurutschen. Der junge Verliebte hatte sich aber in seinen Berechnungen geirrt; statt in dem zweiten Stock, in Fräulein von Trevilliers Gemach anzukommen, war er in den dritten, zu einer etwa vierzigjährigen Dame hinabgefallen, die hier allein mit ihrem Stubenmädchen wohnte, zwei Dritttheile ihres Lebens mit Schlafen und den dritten mit ihrer Toilette und den Bemühungen zubrachte, ihre Frische und Festigkeit zu erhalten, die sich zugleich mit ihrer Fettleibigkeit zu entfernen drohten. Die Dame war so eben in ein Bad gestiegen. Man hatte drei Fläschchen Kölnischwasser, ein Fläschchen Lavendelwasser, zwei Töpfe Mandelteig, sechs Tassen Milch, Kleie und Essenz von Rosenseife hineingethan. In diesem Allem saß die Dame, rieb sich am ganzen Körper, kneipte sich dann in die Waden oder was Anderes und murmelte mit befriedigter Miene: »Es ist fest, es ist noch sehr fest! ... und meine Haut ist so zart wie Atlas ... Ich begreife nicht, warum ich magerer werde ... ich schlafe doch täglich sechzehn Stunden ... Die Bäder werden mich wieder fetter machen ... so hat mich der Arzt versichert ... Reiben wir jetzt die Haut ...« Plötzlich entsteht ein großes Geräusch im Kamine, und es fällt etwas bis zu der Badwanne herein; es war Prosper, der mit Ruß bedeckt, mit aufgeschürfter Nase, ein Loch im Kopfe und mit theilweise versengten Haaren herabschoß, aber noch glücklich genug, nicht ganz und gar erstickt zu sein, sogleich wieder aufsprang, einen Bockssprung im Zimmer machte und ausrief: »Sackerlott! ich werde kein Schornsteinfeger, das erhitzt zu arg.« Als die im Bade befindliche Dame den mit Ruß bedeckten, aus dem Kamine herabgefallenen Menschen sah, fing sie entsetzlich an zu schreien, und in der Voraussetzung, es sei ein Dieb, der sich in ihr Zimmer eingeschlichen habe, vergaß sie ihre Situation, ihre Nacktheit, stand auf und sprang aus der Wanne heraus, ergriff in der Eile das erste beste Kleidungsstück, welches ihr unter die Hände kam, schlüpfte mit den Armen in die Aermel und rannte in ihr Zimmer mit dem Ausruf: »Zu Hülfe! Wache! es ist ein Mensch bei mir herunter gefallen ... Haltet den Dieb!« Unglücklicherweise war das Kleidungsstück, welches die Dame ergriffen, eine Nachtjacke, woraus erfolgte, daß zwar ihr Oberkörper bedeckt, ihr übriger Leib aber vollständig nackt war. Als nun das Stubenmädchen ihre Gebieterin nur mit einem Nachtleibchen bedeckt umherrennen sah, glaubte sie, dieselbe habe einen Fieberanfall und schrie ihrer Seits: »Zu Hülfe! meine Herrschaft hat ein Bad genommen, worin zu viele Geschichten waren, das muß ihr in den Kopf gestiegen sein! sie läuft ganz nackt im Zimmer herum.« Während das Stubenmädchen und die Gebieterin mit einander schrieen, beeilte sich Prosper, der sogleich seinen Mißgriff eingesehen hatte, den Ausgang zu suchen, und indem er der Dame im Nachtleibchen, im Augenblicke, als diese auf die Flur hinauseilen wollte, einen Stoß gab, daß sie sich um sich herumdrehte, gewann er ihr den Vorsprung ab und flog schnell eine Treppe hinab. Dort machte eben ein junges Mädchen eine Thüre auf, um zu erforschen, woher das Geschrei käme. Es war Camilla. Prosper eilte auf sie zu und flehte: »Um des Himmels willen, retten Sie mich! Verbergen Sie mich einen Augenblick ... Man hält mich für einen Dieb, während ich nur ein Verliebter bin. Nur zwei Minuten Aufenthalt bei Ihnen, um mich ein wenig zu reinigen, dann kann ich ganz ungestört wieder fortgehen.« Trotz des Rußes, der einen Theil seines Gesichtes bedeckte, hatte Camilla doch den jungen Mann erkannt, der, um mit ihr zu sprechen, sich von einem Baume herabgeworfen hatte; die jungen Mädchen haben ein scharfes Auge. Sie lauschte einen Augenblick; das Geschrei wurde lauter und kam näher; Gebieterin und Zofe befanden sich auf der Flur, die Hausbewohner traten allmählig aus ihren Thüren; Camilla zögerte nicht länger, und obgleich sie in diesem Momente allein zu Hause war, ließ sie Prosper eintreten und verschloß sorgfältig die Thüre hinter ihm. »O! tausendfachen Dank, Fräulein!« rief der Jüngling aus: »wie glücklich bin ich ...« Camilla ließ ihn nicht vollenden, sondern fiel ihm mit noch immer strengem Ton in die Rede: »Sie kommen also aus einem Kamine, mein Herr?« – Ja, Fräulein. – »Was bedeutet das, mein Herr, sind Sie Schornsteinfeger geworden?« »Ja, Fräulein, aber nur für heute, um Sie zu sehen ... um nochmals einen Versuch zu machen, mit Ihnen zu sprechen ... Ich kletterte auf den Dächern herum ... von dort in einen Schornstein hinein ... Ich hoffte, bei Ihnen niederzufallen ... aber ich täuschte mich ... ich fiel zu einer Dame herein, die sich eben badete, Furcht bekam und mich für einen Dieb hielt.« – Aber wenn ich Sie auf diese Weise bei mir hätte ankommen sehen, würde ich mich ebenso gefürchtet haben, wie diese Dame. – »O! nein, Fräulein ... denn Sie hätten mich erkannt ... und wissen wohl, daß ich kein Dieb bin ... sondern, daß ich Sie liebe ... Sie anbete ... Ich wohne hier in dieser Straße, beinahe gegenüber von Ihnen ... Dies wollte ich Ihnen zu wissen thun ... damit Sie ... wenn Sie vielleicht meiner bedürfen ... O! ich wäre so glücklich, wenn ich Ihnen in etwas dienen, nützlich sein könnte ... Aber Sie erschienen nie an Ihrem Fenster, Sie gingen nie aus ... Sie gehen nicht mehr aufs Land nach Melun ... Und, meiner Treu, in meinem Aerger ... in meiner Trostlosigkeit ... entschloß ich mich, über die Dächer zu klettern, um es zu versuchen, auf diesem Wege bis zu Ihnen zu gelangen.« Wenn man, um sich uns zu nähern, zweimal sein Leben aufs Spiel setzt, indem man sich von der Höhe eines Baumes herabstürzt und dann auf den Dächern herum klettert, so möchte es uns schwer fallen, nicht an die Aufrichtigkeit der Neigung zu glauben, die wir eingeflößt haben. Die Tochter des Grafen schien einen Augenblick ergriffen, aber bald wieder ihre gewöhnliche Miene annehmend, führte sie Prosper zu einem Wassergefäß und sagte zu ihm: »Waschen Sie sich das Gesicht, die Hände ... reinigen Sie Ihre Kleider ... bürsten Sie sich ab ... Weiter brauchen Sie nicht ... machen Sie schnell.« Prosper gehorchte; als er fertig war, kam Camilla zu ihm her; sie hielt ein Stückchen englisches Pflaster, welches sie abgeschnitten hatte, in der Hand, und klebte es auf die Kopfwunde des jungen Mannes. Dieser wollte ihr danken, sie ließ ihm aber keine Zeit. Sie geleitete ihn zur Thüre, öffnete sie und sagte zu ihm: »Gehen Sie, mein Herr, es ist Niemand auf der Treppe ... und außerdem sind Sie nicht mehr zu erkennen.« Prosper wollte sprechen, danken, einige verliebte Worte stammeln, allein man schenkte ihm kein Gehör mehr. Er stand außen, und man hatte die Thüre hinter ihm geschlossen. Nun ging er die Stiege hinab zum Hause hinaus, ohne daß Jemand den vermeintlichen Dieb in ihm vermuthete, und eilte zu dem kleinen Traiteur, wo ihn sein Kamerad erwartete, mit dem er die zwei Vierundzwanzigsousstücke verzehrte, und dabei ausrief: »Ach, mein Freund! ich schwimme im Uebermaß des Entzückens ... ich habe sie gesehen ... ich habe mit ihr gesprochen.« – Und Dir dabei die Nase geschunden. – »Ei! was liegt daran! Sieh, dieses Pflaster hat sie mir auf meine Nase gelegt ... aber es gehört auf mein Herz ... und soll mich nie wieder verlassen.« Damit riß Prosper das Pflaster von der Wunde ab, küßte es und schob es sorgfältig in seine Brust, sein Kamerad lachte, speiste für zweie und murmelte: »Was macht man doch für Dummheiten, wenn man verliebt ist.« Nun, da wir die ganze Geschichte von Prospers Liebe kennen, wollen wir ihm nach Melun folgen, wohin, wie er erfahren hatte, Camilla am Abend vorher zurückgekehrt war. Sechstes Kapitel. Die erste Hose Nach Prospers Ankunft in Melun war sein erstes Geschäft, sich zu dem Notar zu begeben, der ihm geschrieben hatte. Er stellte sich dem Bürger Dumont mit dem empfangenen Schreiben in der Hand vor und sagte zu ihm: »Bürger Notar, hast Du mir wirklich dieses geschrieben, oder ist es nur ein Scherz, den man mit mir treiben wollte?« Der Notar sah den Brief an und entgegnete: »Dieses Schreiben ist wirklich von mir, Bürger, und enthält die reine Wahrheit; Du bist ohne Zweifel Prosper Bressange, der Pathe von Brillancourt?« »Der bin ich selbst ... Ich habe auf den Fall, daß Du mir nicht trautest ... meine Papiere mitgebracht ... Außerdem kennt mich die Haushälterin meines armen Pathen sehr wohl, sie kann, wenn es nöthig ist, meine Identität bezeugen.« »Das ist unnöthig, Bürger, mein Brief in Deinen Händen ist Urkunde genug zur Verabfolgung Deiner Erbschaft ... die überdies nicht beträchtlich ist ... Ei, ei, ei! ich meine, der Pathe hätte sich freigebiger zeigen dürfen!« Hiemit näherte sich der Notar einem alten Möbel, woraus er die für Prosper bestimmte Hinterlassenschaft hervorzog; er überreichte dem jungen Mann die drei Hosen und brach von Neuem in ein Gelächter aus, welches er mit den Worten endete: »So lange ich Notar bin, habe ich noch nie eine ähnliche Erbschaft auszufolgen gehabt ... wenn man etwa noch in den Taschen jeder Hose einen hübschen Wechsel oder eine gefüllte Goldbörse hineingesteckt hätte ... Diesen Gedanken hatte ich einen Augenblick, und ich gestehe Dir, Bürger, daß es mein erstes Thun war, die Taschen dieser ... unentbehrlichen Kleidungsstücke zu durchsuchen ... allein sie enthielten nichts; keinen rothen Heller; sonst, Du darfst versichert sein, hättest Du Alles redlich wieder gefunden.« – Daran zweifle ich gar nicht. Allein man muß mit dem zufrieden sein, was das Schicksal uns zuwirft. Lebe wohl, Bürger Notar, ich nehme meine Hosen mit. Gruß und Brüderschaft!« Und Prosper entfernte sich mit seiner Erbschaft unter dem Arm, die er in sein Taschentuch einband und an einem Stocke forttrug, indem er bei sich dachte: »All' diese Leute sehen aus, als ob sie über mich spotten wollten ... und das ekelt mich an ... Alles wohl erwogen, war mein Pathe kein Dummkopf ... und ich werde seine Erbschaft nicht verachten ... Um ihr Ehre anzuthun, will ich gleich eine der mir hinterlassenen Hosen anziehen ... Meine Beinkleider sind gerade schmutzig und abgetragen ... diese werden mich ein wenig herausputzen ... Aber wo soll ich meine Toilette machen? ... ich kann doch meine Hosen nicht auf der Straße wechseln ... ich könnte zwar zu meinem verstorbenen Pathen hingehen ... aber er ist todt, und seine Dienerin liebe ich nicht ... ich werde nie wieder einen Fuß in sein Haus setzen. Wenn ich aber kein gastliches Lager in Melun finde ... so kann ich nicht lange dort verweilen ... denn meine Baarschaft reicht kaum für einen Tag in einem Gasthofe hin ... und wenn ich nur einen Tag dort bleibe, so werde ich nicht gerade Gelegenheit finden, Camilla zu begegnen ... und ihr auf dem Spaziergang nachzugehen! ... Teufel! an All' das hätte ich vor meiner Abreise denken sollen ... Aber wenn ich auch daran gedacht hätte, so hätte ich deßhalb doch keinen Sou mehr bei mir gefunden ... Meine Freunde sind nicht reich! Es gibt nur einen Menschen, der mir hätte einen Dienst leisten können ... und dieser hätte mir ihn nicht verweigert, wenn ich mich an ihn gewandt hätte! Das ist der gute Holländer, der Bürger Derbrouck ... aber er hat mir schon so oft ausgeholfen! und es thut sich nicht wohl, Geld zu entlehnen, wenn man weiß, daß man es nicht mehr zurückzahlen kann.« Unter diesen Betrachtungen spazierte Prosper mit seinem Stock auf dem Rücken, an dem sein Erbtheil hing, in Melun herum, betrachtete sich die Häuser, Schilde und Gasthöfe, fuhr beim Anblick der Letzteren jedesmal unwillkürlich mit der Hand in seine Hosentasche, fand aber darinnen stets nur einige kleine Münzen, die ihrem Besitzer nicht gestatteten, in Hôtels einzukehren; zuletzt zog die Aufschrift eines Perrückenmacherladens, welche lautete: Hier rasirt man Patrioten und barbirt Aristokraten , die Aufmerksamkeit des jungen Mannes auf sich. Prosper hatte noch keinen Bart, aber lange, hinten hinabhängende Haare, die nur mit einem Bande in einen Zopf zusammengeknüpft waren. Er trat in den Perrückenmacherladen und schrie mit anmaßendem Tone: »Bürger! ich verlange, daß Du mich auf die revolutionärste Weise, die Du ersinnen kannst, frisirest ... und Höllenwetter! wenn ich nicht zufrieden bin, kündige ich Dir zum Voraus an, daß ich alle Deine Perrücken tanzen lassen werde!« Der Perrückenmacher war ein kleiner, äußerst zaghafter Mann, der in den einfachsten Begebenheiten außerordentliche Dinge und in allen Fremden, die in seinen Laden kamen, wichtige Personen entdecken wollte. Er rasirte eben einen dicken, etwa sechzigjährigen Mann, dessen Angesicht höchst gewöhnlich, roth und finnig war, der aber ein Paar kleine graue Augen hatte, worin ein Ausdruck von Freimüthigkeit und Gutherzigkeit lag. Beim Anblick Prospers und nachdem er ihn hatte sprechen hören, sagte Citron, so hieß der Perrückenmacher, dem dicken Mann, den er rasirte, in's Ohr: »Ei der Tausend! ei der Teufel! diesmal ... zum Beispiel, sag' ich ... mit dem ist Etwas los! hm, Bürger Durouleau, was meinst Du?« Der dicke Mann bog seinen Kopf zurück und schrie: »Ich meine, Du wirst mich in die Nase schneiden, wenn Du Dich nicht in Acht nimmst und solche Faxen mit Deinem Rasirmesser machst!« Der Perrückenmacher, ohne dem dicken Manne zu antworten, packte ihn, als ob er seine Verrichtung fortsetzen wollte, mit zwei Fingern seiner linken Hand an der Nase, und begrüßte Prosper folgendermaßen: »Gruß und Brüderschaft ... Bürger! ...ich werde Dich frisiren, wie Du, ich darf mir schmeicheln, noch nie frisirt worden bist ... Du hast ohne Zweifel die Bedeutung meines Schildes verstanden: Ich barbire die Aristokraten! das heißt, ich mach' es ihnen, wie sie es verdienen; das will sagen ...« – Citron, laß' doch meine Nase los, wenn Du nicht rasirst!« sprach der dicke Mann, seinen Kopf zurückbeugend, dazwischen. Aber der Perrückenmacher ließ nichts los und fuhr, gegen Prosper gewendet, fort: »Ich wette, Du kommst von Paris, Bürger, und bist vielleicht vom Wohlfahrts-Ausschuß geschickt, um den Geist dieser Gegend zu beobachten ... Du wirst zufrieden sein, ich darf es wohl sagen ...« – Citron, ich bitte Dich, laß meine Nase los! – »Bürger,« fuhr der Perrückenmacher weiter fort, »verlangst Du, daß ich Dich augenblicklich frisire, oder willst Du mir Zeit lassen, den Bart des Bürgers Durouleau, eines der eifrigsten und wärmsten Sansculotten unseres Orts, zuerst fertig zu machen?« – Ja!« rief der dicke Mann aus, dem es endlich gelungen war, seine Nase aus den Fingern des Perrückenmachers zu ziehen, »ja, warm für die öffentliche Sache ... Durouleau, ehemaliger Bierbrauer ... man ist bekannt ... Ich war immer warm ... Es lebe die Republik! ... – »Nimm dem Bürger den Bart vollends ab,« versetzte Prosper, »ich will unterdessen in Deinen Hinterladen gehen und mich ein wenig umkleiden ... Du erlaubst es doch? ... – »Mein Laden steht zu Deinen Diensten,« erwiderte der Perrückenmacher mit einem tiefen Bückling gegen den Jüngling, der eilig in das kleine Gemach im Hintergrunde ging, und dort, nachdem er seine alten Beinkleider ausgezogen hatte, eine unter den drei Hosen auswählte, und die von scharlachrothem Tuche anzog. Das Kleidungsstück des Pathen war für seinen Täufling etwas zu weit; aber Prosper zog die Schnalle hinten an, schlug die Hosen unter den Knieen ein, band sie mit seinen Strumpfbändern zusammen und zog seine Stiefelstülpen darüber hinauf; dann seine Unaussprechlichen bewundernd, die glänzend roth und noch ganz gut waren, fand er sich allmählig recht hübsch in dem Erbstück seines Pathen. Während der junge Mann seine Toilette machte, barbirte der Perrückenmacher den ehemaligen Bierbrauer vollends so gut es ging und sagte zu ihm: »Der junge Bursche, der eben kam, ist, ich wette darauf, von den großen Mützen in Paris hierher geschickt worden!« – Du meinst, es sei ein Volksrepräsentant!« rief der dicke Mann mit bestürzten Augen aus; »er ist aber doch zu jung ... – »Er verläugnet sein Alter. Uebrigens behaupte ich nicht, er sei ein Volksrepräsentant, aber ich lege mein Brenneisen, ich will sagen, meine Hand darauf ins Feuer, daß er eine wichtige Person ist. O! ich habe einen richtigen Takt! und das kecke Wesen ... die Sicherheit, mit welcher er bei mir eingetreten ist ... hm? hast Du's nicht bemerkt, Bürger Durouleau?« – »Ja, ich habe bemerkt, daß er mit Dir wie mit seinem Bedienten sprach.« – »Ich wette d'rauf, daß er mit einer geheimen Sendung nach Melun gekommen ist.« – »Mich kann das nicht bekümmern; man kennt mich: ich bin ein Vollblutjakobiner. Jedermann weiß, daß ich die Adeligen, die Aristokraten verabscheue.« – »Und Du hast auch schon elf Personen denuncirt?« – »Vierzehn!« – Vierzehn! ... das ist noch verdienstlicher.« – »Wir brauchen uns zwar nicht zu fürchten; aber dennoch meine ich, wäre es klug, wenn wir diesen jungen Patrioten günstig für uns stimmten ... Ich meines Theils bin entzückt darüber, daß er mich zu seinem Friseur erwählt hat.« Als Citron diese Worte beendigte, kehrte Prosper aus dem Hinterladen zurück und stolzirte in seiner scharlachrothen Hose herum. Der dicke Mann und der Perrückenmacher schienen durch den Anblick dieses neuen Kleidungsstücks des Fremden wie geblendet; sie betrachteten sich gegenseitig, und Citron lächelte mit bedeutungsvoller Miene, als ob er hätte sagen wollen: Hm! ... hatte ich es nicht errathen? »Bist Du mit dem Rasiren des Bürgers fertig?« fragte Prosper in ganz cavaliermäßigem Tone. – »Ja, ja, ich bin fertig ...« »Er ist fertig!« versetzte Durouleau; »und wenn er auch nicht fertig gewesen wäre, so hätte ich Dir doch meinen Platz abgetreten ... überglücklich, Dir gefällig ... Du verstehst mich?« »Vollkommen!« rief Prosper aus, indem er sich auf den Stuhl fallen ließ, von welchem der dicke Mann so eben aufgestanden war. »Nun, frisire mich jetzt im besten Style.« »Sei ruhig ... Du wirst zufrieden sein,« entgegnete Citron, seinen Kamm zur Hand nehmend. »Ich will Dir einen Zopf à la Brutus machen.« – Brutus hat keinen getragen, Bürger. – »Thut nichts! Ich mache doch Zöpfe à la Brutus, und auf der Seite frisire ich Dich à la Guillotine ... Das wird herrlich aussehen.« Während Prosper seinen Kopf dem Perrückenmacher überließ, spazierte der Exbierbrauer pfeifend und lächelnd im Laden auf und ab; er brannte vor Begierde, den jungen Mann auszufragen, und entschloß sich endlich, die Unterhaltung anzuknüpfen. »Bürger, Du hast eine hübsche Hose?« – Ja, man sieht sie schon von Weitem. – »Ich meine, Du habest sie bei Deiner Ankunft noch nicht angehabt?« – Nein. – »Du wolltest vielleicht bei Deinem Eintritt in die Stadt nicht sogleich bemerkt werden?« – Möglich. – »Du kommst vielleicht in Angelegenheiten ... die nicht Jedem mitgetheilt werden dürfen?« – Dies könnte leicht der Fall sein. – »Ich bin im Reinen ... Es handelt sich um das Wohl der Republik ...« – Das geht Dich nichts an. – »Ganz richtig; verzeih' mir, Bürger. Jedenfalls mach' ich mir ein Vergnügen daraus, Dich zu versichern, daß Du auf mich zählen kannst.« – Schönen Dank.« »Ich werde mir nicht erlauben, Fragen an den Bürger zu richten,« begann Citron seinerseits. »nur werde ich mir die Freiheit nehmen, mich zu erkundigen, ob er vielleicht wünscht, daß ich ihm einen guten Gasthof nenne, falls er nicht sonst wo logirt?« »Einen Gasthof,« versetzte Prosper ... »Ach! ja ... in der That, mir ist hier keiner bekannt ... übrigens bin ich nicht gerne in einem Gasthof ... Das sind Häuser ... wo man gar nicht weiß, mit wem man zusammen ist.« »Vortrefflich gesprochen,« sagte der dicke Mann, dem plötzlich ein Gedanke einzuleuchten schien, und Prosper anblickend, rief er aus: »Bürger, wenn ich es wagen dürfte, würde ich Dir einen Vorschlag machen!« – Wag' es immerhin, Bürger!« »Du langst in Melun an, weißt nicht, wo Du logiren sollst ... das heißt, es ist Dir widerlich, in einen Gasthof zu gehen ... Wohlan! ich bin Junggeselle, bin allein mit meiner Köchin, meinem Gärtner, der mein Pferd besorgt, und einer Magd. Ich habe ein großes Haus ... Raum genug ... sogar mehr als genug. Willst Du mir die Ehre anthun und bei mir logiren? Ich bin reich ... es soll Dir in meinem Hause an nichts fehlen; und was meine Bürgertugend betrifft ... so erkundige Dich nach Nicole Durouleau, genannt der alte Römer; ich schmeichle mir, Du wirst zufrieden sein.« »Bürger,« entgegnete Prosper, eine wichtige Miene annehmend, da er gewahrte, daß er es mit zwei leichtgläubigen Menschen zu thun hatte, »Dein Vorschlag rührt mich, aber um mich zu beherbergen, solltest Du wissen, wer ich bin; es hinge nun allerdings nur von mir ab, es Dir zu sagen, aber gerade das will ich nicht.« »O! das kann man leicht errathen!« erwiderte der ehemalige Brauer; »ich verstehe mich darauf ... und Citron auch! man braucht Dich nur einen Augenblick zu sehen, um sich zu überzeugen, daß Du ein wahrer Sansculotte bist ... obgleich Du eine prächtige Hose anhast; aber sie hat die Farbe der Freiheitsmütze.« »Ich bin im höchsten Grade erfreut, daß Du von meinen Hosen auf meine Ansichten geschlossen hast,« sagte Prosper, »und wahrlich, wenn ich nicht fürchtete, unbescheiden zu erscheinen ... so würde ich, glaube ich, Dein Anerbieten annehmen!« – Unbescheiden ... zwischen Brüdern und Freunden! Niemals ... Höre, Du gefällst mir ... Hier, schlag' ein ... Abgemacht, Du wohnst bei mir, so lange Du in Melun bleibst, überhaupt, so lange es Dir gefällt. – »Nun, da es einmal abgemacht ist ... so nehme ich's an!« »Bürger, Du bist frisirt,« sagte der Perrückenmacher, dem Jüngling die Serviette von den Schultern nehmend; dann näherte er sich dem dicken Manne und flüsterte ihm ins Ohr: »Du hast ein ausgezeichnetes Geschäft gemacht, Bürger ... ich will mich bei Dir in Betreff des Repräsentanten ... wenn es einer ist ... empfohlen haben.« »Was bin ich schuldig?« fragte Prosper, mit der Hand in die Hosentasche langend, den Perrückenmacher. – »Ich hoffe, Bürger, daß Du mich mit Deiner Kundschaft beehrst,« entgegnete Citron mit einem Bückling. »Wir werden dann später abrechnen.« – Gut denn!« »Wir wollen gehen,« sagte Durouleau; »Du mußt müde und hungrig sein.« – Ich gestehe, daß ich gerne zu Mittag speisen würde; gehen wir also. Ach! fast hätte ich mein Paket vergessen.« »Wenn Du Dich nicht damit belästigen willst, Bürger,« rief Citron schnell, »so will ich es zu Deinem Wirth hinbringen.« – Nein ... ich danke Dir,« entgegnete Prosper, hastig nach seinem Paket greifend. »Der Inhalt desselben ist zu kostbar, als daß ich mich einen Augenblick davon trennen könnte.« »Ah! da haben wir's, das sind Papiere ... Instruktionen! Staatsgeheimnisse!« murmelte der Perrückenmacher ganz leise, mit einem Blicke auf den dicken Mann, der jetzt, Prosper seinen Arm reichend, den Laden verließ, indem er triumphirend rings herum sah, und die scharlachrothe Hose Aller Blicke auf sich zog, zuweilen sogar die Vorübergehenden zum Umkehren veranlaßte. Das Haus des Bürgers Durouleau war eines der schönsten in der Stadt; er hatte es von einem Vormaligen gekauft, der in Voraussicht der revolutionären Stürme seine Liegenschaften verwerthet hatte, so lange den Adeligen noch freie Verfügung darüber gestattet war. Durouleau hatte, was viele Leute einen guten Handel nennen, gemacht, den aber viele Andere ausgeschlagen haben würden, weil es ihr Zartgefühl verletzt hätte. Der ehemalige Brauer führte Prosper in sein Haus ein mit jenem Vergnügen eines Mannes, der sich durch den Besuch, den man ihm macht, geehrt fühlt. Er geleitete ihn durch mehrere Zimmer, die ohne Geschmack und ohne Ordnung mit Möbeln überladen waren und nichts als die Eitelkeit und Einfalt des neuen Besitzers bewiesen. In einen Speisesaal hatte man einen Bücherschrank mit Glasthüren, drei Theetische, mehrere Gartensessel und drei Badewannen gethan. Im Schlafzimmer standen zwei Schreibtische, zwei Sekretäre und drei Commoden; in einem ungeheuer großen Saale befand sich eine vollständige Garnitur rother Möbeln, eine halbe Garnitur gelber, und Ruhebetten und Lehnstühle, die aus den verschiedensten Zeiten herstammten. Durouleau betrachtete seinen Gast, um die Wirkung zu beobachten, welche der Anblick seines Mobiliars auf ihn mache; aber Prosper warf sich auf ein Kanapee hin und rief aus: »Bist Du Möbelhändler, Bürger?« – Nein ... warum? – »Weil Du einen hübschen Vorrath davon in Deinem Hause zu haben scheinst.« – Allerdings, es soll mir nichts abgehen ... ich will mit Möbeln versehen sein ... zudem denke ich an Alles ... Ich habe drei Sekretäre, damit man, wenn einer zerbricht, sich gleich eines andern bedienen kann! – »Ganz richtig! aber ein Sekretär bricht nicht so leicht zusammen, wie ein Teller! Doch, Du schreibst vielleicht viel?« – Ich? ... nie. Ei, nun lasse ich Dich einen Augenblick allein ... Du erlaubst ... – »Bist Du nicht daheim? auch sind mir die Complimente verhaßt!« – So geht mir's auch ... Ich will Dir ein Zimmer einrichten lassen, und Anordnungen treffen wegen unseres Mittagessens ... ich habe vortreffliche Weine ... die rühren noch von mehreren Vormaligen her, die Geld brauchten ... Ich habe sie billig erhandelt, gib Acht! wir werden die Pfröpfe springen lassen ... Stellst Du Deinen Mann? – »Es geht hinunter wie bei einem Tempelherrn!« – Diese Herren kenne ich nicht! – »Nun also, ich saufe wie ein Loch, wenn Du das besser verstehst!« – O! ja, das versteh' ich! Ich will einige Freunde zu unserem Essen einladen lassen! ... lauter brave, eifrige, feurige Republikaner ... die Dir gefallen werden, ich bin dessen gewiß. – »Deine Freunde sollen auch meine Freunde sein; geh jetzt und lasse mich ausruhen.« – Ach! entschuldige mich, Bürger ... wäre es vielleicht unbescheiden, Dich um Deinen Namen zu befragen? Ich möchte ihn nur wissen ... um Dich nennen zu können, wenn ich mit Dir spreche. – »Mit dem Familiennamen heiße ich Prosper Bressange ... aber diese Namen stehen nicht in Einklang mit dem neuen republikanischen Kalender, daher lasse ich mich Carotte nennen.« – Carotte, ganz gut! auf Wiedersehen, Bürger Carotte!« Durouleau entfernte sich und Prosper blieb allein, über seine Lage nachdenkend, in dem Saale seines neuen Wirthes zurück! er hatte wohl eingesehen, daß ihn der dicke Mann und der Perrückenmacher, trotz seiner Jugend, für einen Abgesandten der Regierung hielten; seine kecke Miene, sein anmaßender Ton und die scharlachrothen Hosen seines Pathen, hatten schon ihr Wunder gethan; er sann über die Vortheile nach, die er aus seiner neuen Stellung ziehen könnte; er dachte besonders an Camilla, welcher er von Nutzen sein wollte, und entschloß sich, alles Mögliche zu thun, um seinen Wirth und dessen Freunde in der Meinung, die sie von ihm gefaßt, zu befestigen. Um seine Rolle mit Nachdruck durchzuführen, streckte er sich der Länge nach auf einem Canapé von Utrechter Sammet aus, legte seine schmutzigen Stiefel auf die Kissen, stützte seinen von Citron pomadisirten Kopf auf die Lehne, begann ein patriotisches Lied zu pfeifen und erwartete in dieser Position die ihm angekündigte Gesellschaft. Nach einiger Zeit kehrte Durouleau mit zwei Männern zurück; der eine derselben war groß, dürr und gelblich, und in seinen tiefliegenden Augen lag immer ein verstörter Ausdruck; er hatte einen schwarzen, sehr abgeschabten Rock an und trug eine ungeheure Mütze von Otternfell mit einem langen Zipfel auf dem Kopfe. Der andere, mit einer Carmagnole angethan, hatte ein gutmüthiges vergnügliches Aussehen und eine bedeutend mit Finnen versehene Nase. »Da sind schon zwei!« begann Durouleau, mit seinen beiden Freunden in den Saal tretend. »Es werden gleich noch mehrere kommen, und während dessen wird unsere Tafel bestellt. He! he!« Beide Männer begrüßten Prosper, der jedoch, ohne sich von der Stelle zu bewegen, nur den Kopf nach ihnen umdrehte und sie mit unverschämter Miene von oben bis unten maß. »Laß Dich nicht stören, Bürger Carotte,« fuhr Durouleau fort, »meine Freunde wissen, was sie Dir schuldig sind?« – Ich laß mich auch durchaus nicht stören,« entgegnete Prosper, und fing die Melodie vom Marlborough zu pfeifen an. Auf den dürren Mann zeigend, fuhr Durouleau fort: »Das ist mein Freund Ducornard. Ach! nein, so heißt Du jetzt nicht mehr. Wie heißt Du doch, Ducoruard?« – Ich bin jetzt Cornelius Nepos. – »Ach! richtig, Nepos; das ist ein Gelehrter, er schriftstellert, er schreibt Dinge, die man zum Wohl des Staates drucken wird; nicht wahr, Nepos, Du wirst gedruckt?« – Ich schmeichle mir damit. Uebrigens soll der Bürger mein Werk sehen; ich werde ihm Auszüge daraus vorlesen. – »Und das ist Benedikt, der Gewürzkrämer ... eine ehrliche Haut, ein wackerer Patriot.« – Meinen Gruß, Bürger, Du befindest Dich wohl und ich auch, reich' mir die Hand und sei meiner Achtung versichert.« Mit diesen Worten hatte der Mann mit der vergnüglichen Miene Prospers eine Hand genommen und sie beinahe braun und blau gedrückt. Um diese liebenswürdige Manier passend zu erwidern, beeilte sich der Jüngling dem Gewürzkrämer einen tüchtigen Tapps auf den Bauch zu versetzen, der auch über diese Höflichkeit entzückt schien und leise zu Durouleau sagte: »Der junge Bursche ist kostbar! er pfeift ausgezeichnet!« Nach einer Weile kam ein kleiner Mann in einer Mütze, mit einer Lederschürze, die Hemdärmel bis über die Ellbogen aufgestreift und mit Holzschuhen an den Füßen. Die Haut in seinem Gesicht sah aus wie ein Kastrol und seine Hände wie Kohlen; er hüpfte ins Zimmer herein und gab sich einen Schlag auf sein Hintertheil, indem er ausrief: »Gruß der Gesellschaft auf Leben und Tod; man sagt, man wolle sich's hier wohl sein lassen! Das jagt mir den Sporn ordentlich in den Leib! die Republik verbietet den Appetit nicht, nicht wahr Durouleau, alter Römer? Wo hast Du Deinen jungen Sansculotten? ist er ein ordentlicher Kerl? Wenn's kein ordentlicher Kerl ist, so kann er mir gestohlen werden!« »Du wirst mich nicht stehlen lassen, Bürger,« sagte Prosper, den Kopf nach dem Neuangekommenen wendend. »Hier, siehst Du diese Hand? das ist die Hand eines Mannes, der sich vor nichts fürchtet und Dir sein Messer in den Leib bohren würde, wenn er glauben könnte, daß Du an seinen Gesinnungen zweifeltest.« »Bravo! bravo!« rief der kleine Mann, indem er sich wiederholt auf sein Hintertheil klopfte: »Du sprichst wie eine kreuzfidele Haut! ich muß Dich küssen! Auf Leben und Tod!« Und Ducroquet, so hieß der Ehrenmann mit den Holzschuhen, eilte, Prosper zu küssen, der ihm gerne diesen Beweis seiner Zuneigung geschenkt hätte, allein es geschehen lassen mußte. Eine weiter hinzukommende Person machte die Gesellschaft vollständig; es war ein schlau und tückisch aussehender Mann, welcher einen langen Oberrock trug, der ihm beinahe bis an die Fersen ging. Trappeur, so nannte man ihn, begrüßte Prosper wie die Andern, küßte ihn aber nicht, sondern richtete nur einen Gruß an ihn, der etwas besser gedrechselt war, als die Redensarten seiner Genossen, und Durouleau sagte hierauf dem Jüngling ins Ohr: »Das ist ein vormaliger Abbé, der, wie man sagt, die Kutte in die Rumpelkammer geworfen hat, und nun einer der eifrigsten Anhänger der Revolution ist; er beabsichtigt, die Annahme eines Gesetzes zu bewirken, wodurch den Franzosen gestattet werden soll, zu gleicher Zeit zwei Frauen oder mehrere ... oder auch gar keine Frau, sondern nur ... nun, Du verstehst mich? ...« »Vollkommen. und der Particulier mit der Lederschürze, welcher mich geküßt hat?« »Ah! das ist Ducroquet, ein Rothgerber; er hat einen großen Einfluß in der Gegend, weil er gescheit ist ... O! er schwätzt Stunden lang ohne aufzuhören und hat Haare auf den Zähnen! ... ein Meister im Faustkampf; übrigens ein wahrer, zuverlässiger Sansculotte vom reinsten Wasser.« In diesem Augenblicke machte ein junges, großes, braunes, ziemlich hübsches Bauernmädchen, deren muntere Augen Anlagen zu vielerlei Dingen verkündeten, die Thüre auf und rief herein: »Wenn man essen will, es ist aufgetragen!« – Bürger!« sagte Durouleau, »ihr hört es ... die Schüsseln sind warm! Kommt zu Tische, dort lernt man sich am besten kennen! – »Zum Essen!« rief Benedikt aus, »ich stimme dafür, das wir lange dabei verweilen! – Gut gesprochen,« versetzte Ducroquet, »Benedikt, Du hast zuweilen erhabene Gedanken ... Ich will trinken ... Ich will einen Hieb von dem Wein des alten Römers bekommen! O alter Römer ... ich verehre Dich! Dich und besonders Deinen Keller! ... auf Leben und Tod! ...« Prosper entschloß sich endlich, vom Canapé aufzustehen, und begab sich, während er sich herablassend auf die Schulter seines Wirthes stützte, den Andern vorgehend, in den Speisesaal; Durouleau ließ den jungen Mann neben sich sitzen und die Uebrigen nahmen nach Belieben Platz, sodann ging man mit solcher Lust und so übereinstimmendem Eifer an Essen und Trinken, daß man längere Zeit nichts als das Geklirre der Bestecke, der Flaschen, der Gläser und das Arbeiten der Kinnladen hörte. »Es wird allmählich hübsch!« begann Benedikt, nachdem er schon fünfmal Brod abgeschnitten und zwei Flaschen geleert hatte. – »Ich werde auch sobald nicht aufstehen!« rief Ducroquet aus. – »So lange der Magen noch mit Lust empfängt, so lange hat es keine Gefahr, ihn vollzustopfen! ...« versetzte Cornelius Nepos, ein ungeheures Maul aufreißend, in das er beinahe einen ganzen wälschen Hahnenschlägel auf einmal schob, worüber der Bürger Trappeur lächelte und ihm entgegnete: »Es scheint Ihr Magen empfängt noch mit Lust?« Prosper gab keinen Laut von sich, speiste aber für viere und trank für noch mehr; jeden Augenblick leerte er sein Glas, hielt es dann seinen Nachbarn hin und schrie mit einer Stentorstimme: »Zu trinken, potz Donnerwetter! zu trinken!« Und die Tischgenossen betrachteten sich gegenseitig mit staunender Miene, und Durouleau flüsterte seinen Freunden zu: »Ich habe euch nicht betrogen ... ihr seht, es ist ein eifervoller Sansculotte!« – Hm!« sagte Benedikt, »in Worten gibt er sich eben nicht zu erkennen, aber er trinkt wacker. – »Er wird sich erst beim Nachtisch zu erkennen gehen, dann muß man seine Gesinnungen hören!« brummte der Bürger Trappeur, nachdem er gerade geschluckt hatte. Prosper, der bemerkte, daß gezischelt wurde, füllte selbst sein Glas bis an den Rand und erhob sich mit den Worten: »Bürger, ich trinke auf die Gesundheit der Republik, auf Frankreichs Wohlergehen, auf das Glück unserer Waffen! ... und wer nicht sein Glas mit mir ganz austrinkt, dem werfe ich das meinige ins Gesicht! ...« – Bravo!« versetzte Ducroquet, »das heißt gesprochen. – »Und das ist auch der Ausdruck meiner Gesinnung!« sagte Durouleau mit stolzer Miene. – »Nun hat er sich zu erkennen gegeben, und ich achte ihn hoch,« sprach Benedikt. Die Gläser wurden gefüllt und sorgfältig geleert, besonders von Cornelius und Trappeur, auf welche Prospers Worte einen ziemlich starken Eindruck des Entsetzens gemacht zu haben schienen. Die Köpfe erhitzten sich allmählig, man sprach über Politik, Jeder schlug Gesetze zur Befestigung der Republik vor, Jeder wollte nach seiner Weise die Regierung einrichten; dann kam endlich der Augenblick heran, wo man sich gegenseitig nicht mehr verstand, weil Alles zugleich sprach. Inmitten dieses Tumultes beherrschte Prospers Stimme stets die übrigen; er schrie lauter, als alle Andern, er wußte aus Erfahrung, daß bei Vielen derjenige, der den ärgsten Lärm macht, der die beste Lunge, das schallendste Organ hat, es ist, dem man am meisten Verdienst zuerkennt. Von Natur mit einer vorzüglichen Brust und einer jener biegsamen Stimmen begabt, die man nach Willkür schwellen und steigern kann, verstand er es, diesen Vorzug geltend zu machen; er setzte seine Zuhörer in Staunen, betäubte sie und brachte sie außer Fassung; Ducroquet selbst war gegenüber von ihm nur ein Knabe; wenn der Rothgerber die Stimme ein wenig erhob, so erstickte Prosper seine Worte in einem Meere von Schreien, mit Flüchen, Gesängen oder Ausbrüchen von Gelächter. Auch that der Wein bei ihm, wie bei den Andern, seine Wirkung; er schwatzte was ihm in den Kopf kam, da aber seine unbedeutendsten Worte mit einem so gebieterischen Ton und einer solchen Kraftfülle ausgesprochen wurden, daß der Gesellschaft beinahe das Trommelfell zersprang, so war sein Auditorium entzückt; man lachte hell auf über seine Scherze, billigte alle seine Vorschläge und würde ihn nach jedem Glas geküßt haben, wenn er nicht erklärt hätte, er küsse nur Frauenzimmer. Indessen drang mitten unter dieser Flut von Worten, diesen angefangenen und abgeschnittenen Gesprächen, diesem Geschrei und diesen Toasten der Name Camilla's von Trevilliers zu Prospers Ohren; da schlug er mit der Faust wüthend auf den Tisch und schrie mit Donnerstimme: »Wer hat von der jungen Camilla Trevilliers gesprochen? – Ich,« antwortete Trappeur mit einschmeichelnder Miene. – »Und was hast Du über dieses junge Mädchen gesagt? laß hören, oder ich werfe Dir diesen Teller ins Gesicht.« Durch Prospers Ton, dessen Augen jetzt Blitze schleuderten, erschreckt, entgegnete der Bürger Trappeur zögernd: »Ich habe gesagt ... das heißt, ich habe gedacht ... da sie die Tochter eines Emigranten ... eines Vormaligen ist ... so könnte man sie in Verhaft nehmen ...« – Ei, beim Kuckuk! er hat Recht!« rief Ducroquet aus, »deßhalb braucht er die Augen nicht niederzuschlagen ... Die kleine Camilla muß verhaftet werden ... Ich werde sie morgen angeben. – »Das verbiete ich Dir!« sprach Prosper vom Stuhl aufstehend und den Rothgerber mit drohender Miene betrachtend. – »Das verbietest Du mir!« entgegnete Ducroquet, sich ebenfalls erhebend und seine Hemdärmel weiter zurückstreifend. »Ei was, junger Bürger, Du nimmst einen Ton ... eine Miene an ... mit welchem Recht verbietest Du mir, eine Vormalige einsperren zu lassen? – »Weil ich mich selbst, ich allein, verstehst Du? mich hier mit diesem jungen Mädchen beschäftigen muß, weil ich beauftragt bin, jeden ihrer Schritte, die geringste ihrer Handlungen auszuspähen, da sie im Verdacht steht, eine verbrecherische Korrespondenz mit dem Auslande zu unterhalten, und wenn sie verhaftet wird, so hört die Korrespondenz auf und man entdeckt nichts ... während, wenn man thut, als ob man gar kein Aug' auf sie habe, und doch insgeheim ihr geringstes Thun überwacht, man das ganze Gewebe der Verschwörung ... wenn eine solche stattfindet ... entdecken kann. Hm? begreifst Du jetzt?« – Ah! Bravo!« riefen alle Tischgenossen. – »Nun, das ist ein Unterschied, und jetzt verstehe ich Dich,« versetzte Ducroquet. – »Er hat sich abermals zu erkennen gegeben,« sagte Benedikt zu Durouleau. – »Ich habe es doch errathen; er ist hierher gesendet worden, um die Aristokraten, die Verdächtigen auszuspähen.« »Nun laßt uns trinken!« rief Prosper. Und während seine Blicke auf einen schönen türkischen Säbel fielen, der an der Wand aufgehängt war, trat er vom Tische weg, betrachtete den Säbel und endigte damit, ihn an seinen Gürtel zu hängen, indem er sprach: »Sackerlott! Bürger Durouleau, das ist ein hübscher Säbel ...« – Ja, er stammt von einem Marquis, der behauptete, seine Ahnen hätten ihn aus Palästina mitgebracht ... – »Und das sind auch schöne ... prächtig damascirte Pistolen,« fuhr Prosper fort, ein paar Pistolen zur Hand nehmend, die auf einem Bücherschranke lagen. – »Sie stammen aus dem gleichen Hause wie der Säbel!« Prosper steckte die Pistolen in seinen Hosengürtel, und rief, nachdem er sich in seinen Waffen bewundert hatte, aus: »Bürger Durouleau, ich entlehne diesen Säbel und diese Pistolen von Dir.« – Ich thue mehr, als Du verlangst,« erwiderte der dicke Mann, »ich schenke Dir diese Waffen. – »Da hast Du ebenso Recht, denn ich hätte sie Dir nie zurückgegeben.« – Deine Freimüthigkeit entzückt mich, und ich schätze mich glücklich, Dir dienen zu können. – »Halt, da sehe ich auch eine hübsche Pelzmütze, die mir, glaub' ich, ebenfalls nicht übel stehen würde ...« Mit diesen Worten hatte der junge Mann eine ungeheure Mütze aufgesetzt, deren hornförmig gestalteter Zipfel bis auf die Schultern herabfiel, und die, da sie für Prospers Kopf ein wenig zu weit war, ihm beinahe die Augen bedeckte. »Behalte nur auch die Mütze, sie wird Dir warm geben,« sagte Durouleau. – »Meinen Dank dafür. Und nun, Bürger, kann diesen Abend nichts mehr für das Wohl des Staates in der Stadt geschehen?« Bei diesen Worten hatte Prosper den Säbel gezogen und schwang ihn mit feuersprühenden Blicken über seinem Haupte, so daß Cornelius und Trappeur ihn nicht mehr anzusehen wagten, während die Andern ihn mit Bewunderung betrachteten. »Wahrhaftig,« sagte Benedikt, »ich sehe nicht ein, was wir diesen Abend draußen machen sollten ... es ist jetzt Nacht ... Man sitzt hier so gut bei Tische.« »Wißt Ihr,« versetzte Ducroquet, »daß der Wind diesen Morgen den Freiheitsbaum umgerissen hat, den man auf dem Marktplatze aufgepflanzt hatte?« »Der Freiheitsbaum ist umgerissen!« rief Prosper aus, »und Ihr bleibt hier wie Vielfraße um diesen Tisch sitzen! Ha! beim Donner! ich will ihn wieder aufrichten den Baum der Freiheit, und die wahren Patrioten werden mir folgen!« »Der Bürger Carotte hat Recht,« sprach Durouleau, »das ist ein schöner Gedanke, und wir werden ihm Alle folgen!« »Aber es ist dunkel!« brummte Cornelius, sein Glas leerend. »Es ist nie dunkel, wenn der Ruhm uns leuchtet! Vorwärts, man zünde Fackeln an, und dann auf den Weg! Es lebe die Freiheit!« rief Prosper. »Jetzt hat er sich ganz zu erkennen gegeben,« sagte Benedikt. Prospers Befehle wurden sogleich befolgt. Durouleau hatte Pechfackeln holen lassen, man zündete sie an, gab Jedem der Gesellschaft eine davon, und verließ schreiend und patriotische Lieder singend, das Haus. Prosper marschirte mit einer brennenden Fackel in der einen und dem gezogenen Säbel in der andern Hand an der Spitze der Truppe; er schrie, brüllte und küßte alle Frauen, die ihm auf dem Wege begegneten. Sein Anblick hatte etwas Fürchterliches, denn die Dünste des Weines verliehen seinen Augen einen ungewöhnlichen Glanz, und die Sonderbarkeit seines Kostüms, seine Bewaffnung, sein Geschrei, seine Geberden, kurz, Alles zusammengenommen bildete ein Ganzes, das wohl geeignet war, Eindruck zu machen. Bald drängte sich die Menge hinter Prospers Schritten, man zeigte sich denselben mit den Fingern, und wenn ein ängstlicher Vorübergehender zu fragen wagte, was es gebe, so antwortete man ihm: »Das ist der Mann mit der rothen Hose, der den Freiheitsbaum aufpflanzt.« Inzwischen waren Durouleau's Tischgenossen auf dem Platze angelangt, wo der umgestürzte Freiheitsbaum lag. Prosper verlangte mit großem Geschrei eine Hacke und eine Schaufel; kaum hatte er seinen Wunsch ausgesprochen, so wurde ihm das Verlangte gereicht; man wollte ihm bei seiner Arbeit behülflich sein, aber er wies die ihn Umgebenden barsch zurück; er will allein den Freiheitsbaum wieder aufrichten, allein die Ehre dieser Verrichtung genießen. Mit kräftigem Arme durchwühlt er die Erde, in kurzer Zeit hat er sein Geschäft vollendet, und der versammelten Menge den Baum zeigend, ruft er aus: »Diesmal, stehe ich dafür, wird ihn der Wind nicht mehr umreißen!« Beifallklatschen ertönte von allen Seiten und das Geschrei: Es lebe der Mann mit der rothen Hose! ließ sich darunter vernehmen. Endlich reichte man sich die Hand. Prosper ging mit seinem Beispiel voran, er stimmte das famose Lied: Ca ira! an, und man tanzte rings um den von ihm aufgerichteten Freiheitsbaum. Nachdem man lange getanzt hatte, trennte man sich endlich, und Prosper kehrte unter den Glückwünschen des ganzen versammelten Volkes und unter den Händedrücken seiner Tischgenossen, welche nunmehr die größte Hochachtung für ihn empfanden, zu Durouleau zurück. Am folgenden Morgen ging Prosper aus und begab sich zu dem einzelnstehenden Hause, worin Fräulein von Trevilliers wohnte; er spazierte den ganzen Tag davor auf und ab und lauerte, ob Niemand herauskomme. Aber Camilla verließ die Wohnung ihrer Gouvernante nicht; sie erschien einen Augenblick am Fenster, als sie aber den fürchterlich bewaffneten Mann mit der rothen Hose und der enormen Pelzkappe sah, der vor ihrer Thüre Schildwache zu stehen schien, erkannte sie Prosper nicht, fürchtete sich, und wagte es nicht, sich im Freien zu zeigen. Prosper kam erst gegen Abend wieder zu Durouleau zurück, sehr verdrießlich, Camilla nicht davon haben unterrichten zu können, daß er über sie wache, und nicht im Geringsten ahnend, daß er selbst die Ursache sei, daß die Tochter des Grafen nicht ausgehe. Mehrere Tage verstrichen auf diese Weise. Da Durouleau wußte, daß sein Gast unaufhörlich um das von der Tochter des Emigranten bewohnte Haus herumstrich, so sagte er zu seinen Freunden: »Der Bürger Carotte hat uns nicht belogen; er überwacht die Tochter des Emigranten fortwährend.« Und wenn sich Prosper wieder in Gesellschaft von Durouleau's Freunden befand und den Namen einer Person aussprechen hörte, welche man für verdächtig hielt und die angegeben werden sollte, so legte er die Hand an den Griff seines Säbels und rief mit gerunzelter Stirne aus: »Ich verbiete Jedem, wer es auch sei, diese Person anzugeben! Ich bin hier, um die Verdächtigen zu überwachen, ich allein kann sie, wenn der passende Moment gekommen ist, verhaften lassen, und dem ersten, der sich um mein Geschäft bekümmert, renne ich diesen Säbel in den Leib!« »Er hat Recht,« sagte Durouleau, »da er hier ist, um die Schuldigen zu fassen, so brauchen wir ihm nicht ins Gehäge zu kommen.« Und Trappeur sagte leise Cornelius ins Ohr: »Ich weiß nicht, ob er hier ist, um Jemand zu verhaften, aber wie mir scheint, verhaftet er Niemand.« Vierzehn Tage verflossen auf diese Art; eines Morgens, als es schönes mildes Wetter war, wagte es Camilla, welche Niemand in der Nähe ihres Hauses bemerkt hatte, auszugehen, um mit ihrer Gouvernante einen kleinen Ausflug aufs Land zu machen. Kaum waren die Damen dreihundert Schritte von ihrer Wohnung entfernt, so begegnete ihnen der Mann mit der rothen Hose und versperrte ihnen den Weg. Camilla stieß einen Schreckensschrei aus und wollte fliehen, aber eine wohlbekannte Stimme hielt sie zurück und sagte zu ihr: »Mein Gott, Fräulein, Sie gestatten mir also nicht mehr, mit Ihnen zu sprechen?« »Was höre ich! ... ist es möglich? ... Sie sind's, Herr Prosper? ... Sie ... in dieser Kleidung ... mit diesen Waffen?« – Ja, Fräulein ...« »Ach, ganz Melun spricht nur von Ihnen ... Jeder zittert bei Ihrem Anblick ... man bezeichnet Sie nur als den Mann mit der rothen Hose! man hält Sie für einen wüthenden Terroristen, einen Septembermörder.« »Das war gerade mein Zweck, Fräulein, denn dadurch hoffe ich in den Stand gesetzt zu werden, Sie zu retten ... Man glaubt, ich sei beauftragt, Ihre Handlungen auszuspähen ... und gibt Sie wenigstens nicht an, so lange man mich fortwährend Ihre Schritte verfolgen sieht.« »Wäre es möglich? was, Herr Prosper, um meinetwillen ... um mir nützlich sein zu können, thun Sie das Alles!« Bei diesen Worten ließ Camilla einen Blick voll Dankbarkeit auf Prosper fallen; dieser Blick war so sanft, daß der junge Mann, um ähnliche zu verdienen, sich in die größten Gefahren gestürzt hätte, und er stammelte, sie mit Zärtlichkeit anblickend: »Sie erlauben mir also, Ihnen zu folgen, wenn Sie ausgehen? es ärgert Sie nicht, wenn ich unaufhörlich um Ihre Wohnung herumstreiche?« – Nein, gewiß nicht; da ich nun weiß, daß Sie es sind ... fürchte ich mich nicht mehr ... ich bin im Gegentheil beruhigt.« Prosper war trunken vor Entzücken und die Zeit des Spaziergangs schien ihm sehr kurz. Am nächsten, am nächst darauffolgenden und an allen übrigen Tagen sah er Camilla wieder, und wenn er sie nicht sah, so blickte er nach ihrem Hause, ihrem Zimmer, ihren Fenstern hin und verbrachte ganze Stunden auf seinem Posten. Und Durouleau sagte alle Abende beim Anstoßen zu ihm: »Sackerlott, Bürger Carotte, wenn Dich die Regierung für die Bewachung der Tochter des Emigranten bezahlt, so muß man gestehen, daß sie ihr Geld nicht umsonst ausgibt.« Und die große Jeanette, das Dienstmädchen mit den kecken Augen, war ganz erstaunt, daß es dem jungen Manne mit der rothen Hose noch nicht eingefallen war, sie zu küssen, mit ihr zu scherzen und kurz, die Liebesblicke zu erwidern, welche sie ihm zuwarf. Beinahe einen Monat war Prosper in Melun, als er eines Morgens beim Durchsehen der öffentlichen Blätter, die sein Wirth eben erhalten hatte, die Namen der zuletzt durch das Urtheil des Revolutionstribunals in Paris hingerichteten Personen las. Plötzlich wurde sein Antlitz blaß, wie der Tod, ein Schleier bedeckte seine Augen und er schwankte, während er flüsterte: »Derbrouck! ... ist es möglich ... dieser gute Holländer, mein Wohlthäter ... todt! ... todt! ... vorgestern in Paris hingerichtet! ...« »Was Hast Du denn, Bürger Carotte?« fragte der dicke Durouleau, über den Schrecken und die Blässe seines Gastes ganz erstaunt. Ohne ihm zu antworten, stand Prosper auf, setzte seine Mütze auf den Kopf, gürtete sein Schwert um, steckte seine Pistolen zu sich, und die Hand seines Wirthes schüttelnd, sprach er zu ihm: »Lebe wohl, ich gehe nach Paris.« – Nach Paris? ... Wie ... warum denn so schnell? ... Hast Du Befehle erhalten? ... Etwas gelesen, was Dich betrifft? ... – »Ja ... ich muß augenblicklich nach Paris gehen ... die Pflicht ruft mich dorthin.« – Ah! wenn Dich die Pflicht ruft ... Aber Du wirst doch wieder zurückkommen? – »Ich hoffe.« – Meiner Treu, sieh, ich habe Dich lieb gewonnen, Du bist ein wackerer Sansculotte und säufst nach Noten! Ich habe mich so an Dich gewöhnt ... kurz. Deine Gesellschaft gefällt mir. – »Meinen Dank, Bürger ... Ich werde suchen, bald wieder zurückzukommen.« – Aber wie steht's während Deiner Abwesenheit um die Tochter des Vormaligen , die kleine Aristokratin? – »Du wirst über sie wachen ... Du stehst mir mit Deinem Kopfe für sie.« – Mit meinem Kopfe! ... Aber, ich habe nur den einen ... – »Und würdest auch keinen so passenden mehr bekommen, Bürger Durouleau ... Beaufsichtige mir daher die kleine Aristokratin aufs Beste und schwöre mir, daß ich Camilla bei meiner Rückkehr wieder antreffen, und noch Herr ihres Geschickes sein werde.« – Ich schwöre es Dir auf alte Römertreue.« »Leb' wohl. Du hast ein Pferd ... ich requirire es, um schneller nach Paris zu kommen ... Aber sei beruhigt, ich bring' es Dir wieder zurück, es wäre denn, daß es unterwegs krepirte.« Der dicke Mann betrachtete Prosper mit verwunderter Miene; dieser aber entfernte sich ohne Weiteres rasch, warf sich auf das Pferd, das im Stalle war und jagte nach Paris. Siebentes Kapitel. Erste Vorstellung von Epicharis und Nero. Prosper hatte die zehn Stunden, die zwischen Melun und Paris liegen, bald zurückgelegt; nicht ein Gendarme stellte ihn auf dem Wege, um seine Papiere zu visitiren, denn sein sonderbares Kostüm, seine alle Welt herausfordernde Miene und die Art seiner Bewaffnung verkündeten einen Mann, welchem es nicht darauf ankam, den ersten Besten, der ihm in den Weg treten würde, niederzuhauen. Man hielt ihn für einen Agenten der Regierung, und wenn er ein Gläschen Branntwein verlangte, während sein Pferd einige Augenblicke ausschnaufte, so bediente man ihn mit einem Eifer und einer Schnelligkeit, welche den Schrecken verriethen, den er einflößte. Prosper langte vor seinem Hause an. Beim Eintritt forschten seine Augen nach Goulard, an welchem er Lust gehabt hätte, seinen von Durouleau erhaltenen türkischen Säbel zuerst zu probiren. Aber der Portier war nicht mehr da, ein altes Weib versah seine Stelle und hatte seine Loge inne. Prosper erkannte mit Abscheu jene alte Strickerin, die in den Sektionen perorirte, die Mutier Gueuleton, welche sich die Mutter der Kracher nennen ließ. Der junge Mann hatte sein Pferd im Hofe abgestellt; er schaute nach den Fenstern von Maximus und seiner Mutter; die Läden waren geschlossen und man sah kein Licht, obgleich es bereits nachtete. Er kam zur Loge des Portiers zurück und entschloß sich, die Mutter Gueuleton anzureden. »Bist Du jetzt an der Stelle unseres Portiers, Mutter Gueuleton?« »Ach! schau, Du bist's, mein Sohn, mein Liebling, mein Schelm von Prosper!« entgegnete das alte Weib, ihren zahnlosen Mund öffnend, während sie eine ungeheure Prise in die Nase schob. »Woher kommst Du denn, kleiner Lump? um wieder Teufelsgeschichten anzurichten, und wieder irgend einem jungen Mädchen nachzulaufen? Denn Du bist ein Erzgalgenstrick für Dein Alter! Aber ich liebe die Galgenstricke ... Ach! der Teufel! wenn ich ein Mann geworden wäre, ich hätte eine Hochzeit gefeiert! Sapperment! weißt Du, daß Du da auf eine prächtige Weise angeschirrt bist? Ich habe Dich noch nie so im Staate gesehen ... Wo hast Du denn das Zeug alles gestohlen, denn verdient hast Du es sicher nicht? ... Deine Hose sticht mir recht ins Auge!« »Mutter Gueuleton, es handelt sich jetzt nicht von mir, ich möchte gerne einige Auskünfte erhalten.« »Kann schon sein, mein kleiner Messidor (Erntemonat) ... Ach! was für eine schöne Hose! Heiliger Sabbat! ... es ist doch heute nicht Dekadi, daß Pu so aufgeputzt bist.« »Potz Henker! willst Du mir Antwort geben, alte Hexe?« »Sei nicht böse, Stutzerchen, ich höre ja.« »Ist es wahr, daß dieser gute Holländer ... der Bankier Derbrouck, hingerichtet worden ist? ...« – Ja, abgekürzt ist er Wort unleserlich mein kleiner ... Ich gestehe, er war ein sehr schöner Mann! aber die Verräther und Verschwörer müssen hin sein!« ... – »Er ein Verschwörer! ... er hat nie daran gedacht.« »Aha! Du wirst das besser verstehen, als das Tribunal und der famose Fouquier-Tinville, der öffentliche Ankläger, der jeden Augenblick eine Anklage fertig hat? ... Ach! wie der die Guillotine versorgt! da geht das Geschäft nicht aus, auch sagt man, er wolle sie im Gerichtshofe selbst aufstellen lassen, da man durch das Hin- und Herführen der Verurtheilten zu viel Zeit verliert, und es nach seiner Ansicht noch nicht schnell genug geht.« »Wer hat aber meinen Wohlthäter angeben können?« – Ei, Leonidas; er hat sich dessen mehr als einmal gerühmt. – »Goulard! ... der Niederträchtige? Wo ist er gegenwärtig? ...« »Heute Abend?« – Ja, heute Abend. – »Im Theater der Republik ... Man spielt eine neue Tragödie, wie er mir gesagt hat, Epi ... Epichat ... Epi ... Dings, oder wie sie sonst heißt, ich weiß es nicht mehr, aber es epit sich.« »Und die Bürgerin Derbrouck, die arme Frau! wie groß muß ihr Schmerz sein! ... sie ist ohne Zweifel von dem Schicksal ihres Mannes unterrichtet?« – Das kann ich Dir nicht sagen. Nur so viel weiß ich, daß die Frau des Bankiers am Tage nach der Verhaftung ihres Gatten nach Passy gegangen ist.« »Hält sie sich noch dort auf?« – Ja, ja ... aber ich vermuthe, daß, wenn sie noch dort ist, sie nicht mehr lange dort bleiben wird.« Bei diesen Worten schüttelte die Alte mit bedeutungsvoller Miene den Kopf. »Was willst Du damit sagen? ... Du weißt Etwas, Mutter Gueuleton ... laß hören, sprich! ...« »Vor allen Dingen, mein Sohn, weiß ich nicht, warum Du darauf beharrst, mich Mutter Gueuleton zu heißen, da ich Dir doch schon hundertmal gesagt habe, daß ich mich die Mutter der Kracher nennen lasse ... nach der berühmten Cornelia, die den Krachius gebar ... Du weißt? es waren Italiener aus Rom ...« – Darum handelt es sich nicht ... was weißt Du in Betreff der Bürgerin Derbrouck? Warum meinst Du, daß, wenn sie noch in Passy sei, sie nicht mehr lange dort bleiben werde? ... Gib Antwort ... ich will es haben ... oder sonst ...« Mit diesen Worten zog Prosper seinen Säbel halb aus der Scheide, seine Miene nahm einen so fürchterlichen Ausdruck an, sein Blick war so entschlossen, daß die Alte, obgleich nicht leicht einzuschüchtern, doch eilig erwiderte: »Nun! weil man die Bürgerin Derbrouck auch verhaften wird ...« »Verhaften ... wer hat Dir das gesagt?« – Ei, wer! Leonidas. Er hat sie auch angegeben ... er hatte heute den Befehl zu ihrer Festnehmung in der Tasche; allein er wollte ihn nicht selbst vollziehen. – »Dieser Mensch hat also der ganzen unglücklichen Familie den Tod geschworen?« – Weil sie conspirirt haben! ... Leonidas ist sehr bedeutend in der Sektion. – »Und Maximus hat dies geduldet? ... Maximus! ein so reiner, so geachteter Republikaner!« »Er ist nicht mehr hier; er ist mit seiner Mutter, ich weiß nicht wohin, gereist ... Er fand keine Arbeit mehr ...« – Keine Arbeit mehr! wie? aber Hebert ... der Père Duchesne ... – »Hebert wurde am nämlichen Tage, wie der Bürger Derbrouck guillotinirt ...« »Und Maximus ist nicht mehr hier, um mich aufzuklären, mich zu leiten! Gleichviel, ich werde meine Wohlthäterin retten! ... Du sagst, Goulard habe den Befehl bei sich ... und er ist diesen Abend im Theater der Republik?« »O! dessen bin ich gewiß ... er hat von dem Bedienten des Bürgers Legouvé, dem Verfasser des Epi ... Epichat ... kurz des Trauerspiels, ein Billet bekommen.« »Genug, Mutter Gueuleton! habe Acht auf mein Pferd, gib ihm zu fressen.« – Bah! Du hast jetzt ein Pferd? Ei, wie bist Du dazu gekommen? – »Ich werde es wahrscheinlich diese Nacht brauchen. Adieu, ich gehe ins Theater der Republik.« Prosper barg seine Pistolen in den innern Taschen seiner Jacke und begab sich eiligst in den Palast Egalité, wo das neue Stück gespielt wurde. Man hatte ihm gesagt, Goulard befinde sich im Schauspielhause, und er wollte ihn dort treffen, selbst wenn er hätte auf alle Plätze gehen, jeden Zuschauer stören und sogar das Stück unterbrechen müssen. Zum Glück für Prosper, dem es nie einfiel, daß er auch Geld nöthig haben könnte, hatte sein freigebiger Wirth statt seiner daran gedacht und dem Jünglinge eine Thalerrolle in die Jacke geschoben. Dieser bemerkte es mit Vergnügen, als man ihm sein Billet abforderte; glücklich, hier auf kein Hinderniß zu stoßen, nahm er einen der ersten Plätze und trat in den Saal, als eben das neue Stück begann. Das Haus war voll; denn sogar mitten in diesen Schreckenstagen, wo Jeder für sich und die Seinigen zittern mußte, behielten die Franzosen stets ihren Geschmack am Theater bei; sie verlangten Schauspiele nach den Blutgerüsten, die sie übrigens eben auch als Schaustücke betrachteten; des Morgens hatte man gezittert, des Abends belustigte man sich; man konnte noch über die Vaudevilles lachen, die sich leichte Scherze über die Mißbräuche des Tages erlaubten; Piis, Barré, Radet fingen an, ihren Ruf und glückliches Triumvirat zu begründen; kurz, die große öffentliche Noth störte die großen Erfolge auf dem Theater nicht, denn der Räuberhauptmann Robert hatte ungeheures Glück gemacht und Nikodemus im Monde wurde zweihundertmal aufgeführt. Prosper ging in den Gängen des Saales auf und ab und verlangte, daß man ihm eine Loge aufschließen solle. »Es gibt keinen Platz mehr!« antworteten ihm die Logenaufschließerinnen. »Keinen Platz mehr! Donnerwetter! ich muß einen haben, denn ich habe ein Billet dazu, und lasse das Stück nicht anfangen, wenn man mir keinen Platz verschafft.« Der Lärm, den Prosper in den Gängen verursachte, zog einen Controleur herbei. Der anmaßende Ton des jungen Mannes imponirte, sein Säbel erschreckte, und sein ganzes Wesen schüchterte ein. Der Controleur sah eine gemiethete Loge, worin sich nur drei Damen befanden, er bat sie um die Erlaubniß, eine wichtige Person von der Regierung zu ihnen herein zu lassen. Die Damen wagten nicht, sich zu weigern, und zitterten, als sie einen jungen, wunderlich ausstaffirten Mann in ihre Loge treten sahen, dessen Angesicht schmutzig und feuerroth war (denn der Reisende hatte sich nicht die Zeit genommen, sich vorher zu reinigen), und der, während er sich auf seinen großen Säbel stützte, jeden Augenblick den Griff desselben streichelte. Ganz von dem Beweggrund eingenommen, der ihn hergeführt hatte, vergaß Prosper, sich bei den Damen zu bedanken, die ihm einen Platz in ihrer Loge eingeräumt hatten; schon schweiften seine Blicke nach allen Richtungen, in der Hoffnung, Goulard zu entdecken, und sich wenig darum bekümmernd, daß er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, legte er, rücksichtslos gegen die beiden, die Vordersitze einnehmenden Damen, jeden Augenblick seinen Arm auf die Brüstung der Loge und beugte den halben Leib über sie hinaus, um sich besser nach allen Seiten umsehen zu können. Indessen hatte das Trauerspiel seinen Anfang genommen; man wollte Talma hören, dessen Ruf damals im Entstehen war, und Monvel, welcher bereits den seinigen hatte. Prosper machte unaufhörlich Lärm, wenn er sich umdrehte, vorbeugte oder gar über die Loge legte. Einige Bst! einige Still hatten sich schon hören lassen, aber Prosper achtete nicht darauf, sondern fuhr fort, unruhig zu sein und sich zu bewegen, indem er im Saale herumsah, statt auf die Bühne zu sehen. Endlich ließ eine Stimme folgende Worte vernehmen: »Wird die rothe Hose dort oben nicht bald ruhig sein?« Diese Stimme drang aus dem Parquet. Prosper, der sie gehört hatte, beugte sich vor und betrachtete mit unverschämter Miene die Menschenmasse, welche sich unter ihm befand. »Ja, mit Dir spricht man, Bürger!« rief eine andere Stimme. »Sei ein bischen ruhig, und laß uns die Tragödie hören und beurtheilen! deßhalb sind wir hergekommen.« »Und ich bin wegen etwas Anderem hergekommen!« entgegnete Prosper mit drohendem Tone: »und der erste unter euch, beim Teufel! der mich zur Ruhe nöthigen will, darf nur heraufkommen, dann will ich schon mit ihm fertig werden.« Diese dem ganzen Publikum hingeworfene Drohung imponirte der Menge. Man hat schon oft Beweise erlebt, daß ein entschlossener Mann sich ganzen Haufen widersetzen und ihnen die Stirne bieten konnte; auch hier blieb dieses ganze von Menschen angefüllte Parterre von Staunen ergriffen über die Herausforderung, die ihm ein Einziger ins Gesicht schleuderte; man betrachtete mit Erstaunen den sonderbaren Menschen, der dem Saale Gesetze vorschreiben wollte, und ließ, ohne ihm weiter zu erwiedern, das neue Stück fortspielen, indem man sich bemühte, dasselbe trotz des Geräusches, welches der Mann in der rothen Hose verursachte, zu verstehen. Da Prosper von dem Platze aus, worauf er sich befand, den Gegenstand, den er suchte, nicht entdecken konnte, so entfernte er sich aus der Loge und schlug wüthend die Thüre hinter sich zu. Die drei Damen waren entzückt, den jungen Lärmer nicht mehr zum Nachbar zu haben; das Publikum glaubte, die rothe Hose sei aus dem Theater fortgegangen, Jeder gratulirte sich, endlich einmal das Trauerspiel anhören zu können, und bald darauf belohnte ein stürmischer Applaus die von Epicharis an den Dichter Lucan gerichteten Verse, den sie mit in die Verschwörung gegen Nero hineinzieht: »Mehr als ein gut' Gedicht, gilt eine gute That.« Aber der Beifall des Publikums wurde abermals durch den Lärm gestört, der beim Eingang ins Orchester entstand. Es war Prosper, der sich dorthin begeben hatte und durchaus Platz verlangte, obgleich man ihm wiederholte, es sei Alles voll, und zum Beweis auf eine Menge Personen hinzeigte, die ganz dicht aufeinander gedrängt am Eingange stehen mußten. Prosper gab den ihm vorgebrachten Gründen kein Gehör; er stieß den Billetabnehmer auf die Seite und sagte zu ihm: »Laß mich in Frieden! Ich habe auf alle Plätze bezahlt ... Wenn ich nicht genug gegeben habe, so nimm, hier sind Thaler, ich kann noch mehr bezahlen, aber in den Gängen bleibe ich nicht stehen.« Damit hatte der junge Mann bereits die Thüre geöffnet; ohne über die Menschenmenge zu erschrecken, die den Eingang des Orchesters anfüllte, theilte er einen Ellenbogendruck rechts, einen Fauststoß links aus, und verschaffte sich auf solche Weise Bahn, während die von ihm herumgestoßenen Personen schrieen: »Aber, Bürger, nimm Dich doch in Acht ... Du trittst mir auf den Fuß.« »Bürger, Du bohrst mir Deine Faust in den Rücken ... Ich will hoffen, daß es nicht absichtlich geschieht.« »Glaub', was Du willst, mir gilt's gleichviel,« brummte Prosper, indem er fortwährend seine Füße und Fäuste agiren ließ. »Hast Du Deinen Platz im Orchester, Bürger?« – Könnte wohl sein. – »Dann tritt man aber im Zwischenakte ein und nicht, wenn das Stück schon angefangen hat; so darf man das Schauspiel nicht stören ...« Prosper drängte sich immer weiter vor; er war bereits bis zu den Sitzen gekommen, er strebte aber nach der Mitte des Saales, weil er hoffte, von dort aus Goulard entdecken zu können. Nun schlich er sich durch die Reihen der Sitzenden durch, tappte aufs Gerathewohl auf die Füße, die er unterwegs fand, achtete weder auf die Klagen der Einen noch auf das Fluchen der Andern, bis das Parterre, welches endlich müde war, diesen Menschen mit der ungeheuern Mütze in den Reihen des Orchesters spazieren gehen zu sehen, ihm zornig zurief: »Sitzen! sitzen!« – Ganz richtig,« entgegnete Prosper mit höhnischer Miene gegen das Parterre gewendet; »ich werde mich setzen, weil ich am Gehen genug habe.« Mit diesen Worten ließ sich der junge Mann auf eine Bank nieder; da aber kein Platz leer war, so mußte er nothwendig auf den Schooß einer Person herabsinken, und diese Person stieß einen Schrei aus, indem sie rief: »O! Bürger, Dein Säbelgriff reißt mir den Bauch auf ... Gleichheit! Brüderschaft! Du erstickst mich ... Wirst Du denn auf meinem Schooße sitzen bleiben?« – Wo Teufels soll ich mich denn hinsetzen? – »Aber ich meine, mein Schooß sei doch kein Platz.« – Ei, potz Tausend! warum nicht, wenn's keinen andern gibt. – »Aber ich sehe nichts mehr.« – Was schadet's? – »Aber ...« – Willst Du einmal stille sein?« In diesem Augenblicke betrachtete ein Herr neben der Person, worauf Prosper saß, diesen letztern aufmerksam und begann: »Ich täusche mich nicht ... ich habe Dich sonst schon gesehen .. Ich kenne Dich ... Wir haben uns, wenn ich nicht irre, bei dem Bürger Maximus Bertholin getroffen.« Bei diesem Namen blickte Prosper seinerseits den Sprechenden an und erkannte Poupardot, den er in der That bisweilen bei Maximus gesehen hatte. »Du irrst Dich nicht, Bürger, ich erkenne Dich auch, Du bist ein Freund von Maximus ... der Bürger Poupardot.« – Derselbe ... und Du? Prosper Bressange ... Aber diese Mütze ... und Dein ganzes Kostüm ... gibt Dir ein verändertes Aussehen. Ah! Du willst das neue Stück des Bürgers Legouvé sehen? ... bis jetzt scheint mir's gut ... nur einiges Schleppende könnte ...« Ein unter Prosper hervordringendes Stöhnen erinnerte sodann Poupardot, daß Derjenige, der ihn in's Theater begleitet hatte, sich in einer äußerst unbequemen Lage befinde, und etwas dichter zu seinem Nachbar von der andern Seite hinrückend, sagte er zu dem eben Gekommenen: »Bürger Prosper, wir müssen suchen Dir ein bischen Platz einzuräumen, denn Du wirst nicht während des ganzen Schauspiels auf dem armen Picotin sitzen bleiben wollen.« »Wie! ich sitze auf dem Bürger Picotin!« rief Prosper, sich umkehrend aus: »Ei der Tausend! ... es thut mir leid, daß ich nicht lieber auf seiner Frau sitze, denn ich erinnere mich, daß sie sehr hübsch ist; allein, aus Rücksicht für Deine reizende Gemahlin ... sieh ... will ich es versuchen, auf jedem von Euch zur Hälfte zu sitzen, da trifft's dann den Mann kaum einen Centner.« Und so unter zwei Uebeln das kleinere wählend, behalfen sich die beiden Freunde mit ihrem aus den Wolken gefallenen Schooßkind, und konnten so doch wenigstens die Schauspieler sehen. Die Ruhe war nun hergestellt. Das Stück nahm mitten unter den Beifallsbezeugungen des Publikums seinen Fortgang. Poupardot war ganz Auge, ganz Ohr; er wollte keinen Vers verlieren. Was Picotin betrifft, so incommodirte ihn seine neue Nachbarschaft; er warf von Zeit zu Zeit einen Seitenblick auf Prosper und seinen Säbel und bei jedem neuen Blick versuchte er weiter von ihm wegzukommen. Da Prosper mitten im Saale saß, so brauchte er Niemand mehr zu stören, um nach allen Seiten hin zu sehen, aber er drehte sich beständig um und schenkte dem Stücke nicht die mindeste Aufmerksamkeit, da er nur Goulard unter den Zuschauern suchte. »Das ist schön! herrliche Verse!« sagte Poupardot hie und da zu Prosper unter der auf ihm ruhenden Last tief aufathmend, worauf ihm dieser erwiderte: »Er muß doch da sein! ... Mutter Gueuleton hat mich's versichert ... O! ich muß ihn entdecken.« Poupardot, der nicht begriff, in welcher Beziehung die Mutter Gueuleton zu dem Trauerspiele stehen könne, hörte auf, Prosper seine Eindrücke mitzutheilen, und da er an dem physischen und moralischen Eindruck, unter dem er selber litt, genug hatte, sagte er zu sich: der junge Mensch muß nicht recht bei Trost sein, oder etwas im Kopfe haben. Picotin hütete sich wohl, mit Prosper zu sprechen; er suchte sich möglichst unter seinen Knieen wegzuspielen, was ihm auch nach und nach gelang, da durch fortwährendes Drücken endlich der Erste auf der Bank freiwillig aufstand. Nun fing aber für den armen Picotin eine andere Calamität an. Sein unleidlicher Nachbar, der jetzt bequem saß, sah ihn öfters an und lispelte ihm zu, was er aber nicht zu bemerken schien, sondern starr auf die Bühne blickte. Endlich wurde jedoch Picotin genöthigt, seinem Nachbar zu antworten, weil ihm dieser einige leichte Rippenstöße versetzte; indem er zu ihm sagte: »Bist Du taub, Bürger?« – Ich! Bürger ... o! nein, im Gegentheil ich schmeichle mir ein vortreffliches Gehör zu haben ... – »Ich habe Dich aber schon mehrmals angeredet, und Du gibst mir keine Antwort.« – Sonderbar, ich habe nichts gehört. Drum deklamiren auch die verfluchten Schauspieler so laut, daß man sich nebenbei gar nicht unterhalten kann. – »Ich fragte Dich, ob Du Goulard kennest ... ob Du ihn hier gesehen habest?« – Goulard ... wer ist Goulard? – »Ein Lump, ein Schuft! dem ich hoffentlich heute Abend noch Arm und Bein zerschlagen werde! ...« – Bürger, ich kenne diesen liebenswürdigen Menschen durchaus nicht, und bitte Dich, überzeugt zu sein, daß ich mich auch gar nicht nach seiner Bekanntschaft sehne.« Prosper erkundigte sich nicht weiter bei Picotin, aber war trostlos und in Verzweiflung, den Gesuchten nicht finden zu können. Das Stück näherte sich dem Ende. Nero stand auf der Bühne; Talma, dem die Darstellung dieser Rolle übertragen war, erntete eben einen unermeßlichen Beifall, bei den Worten: »Ein Dolch! und dies allein in seinem tiefen Fall Bleibt Cäsar übrig noch von seinen Reichen all'!« als im gleichen Augenblicke Prosper einen Freudenschrei ausstieß und sich mit dem Ausrufe erhob: »Dort ist er, er ist's! O! dort beim Eingange in die Gallerie ... dieses Mal wird er mir nicht entrinnen!« Damit stürzte er sich von Neuem durch die Sitzenden und schickte sich an, sich auf die nämliche Art, wie er hereingedrungen, einen Ausweg aus dem Orchester zu verschaffen. Allein diesmal war die Geduld des Publikums zu Ende; der ganze Saal erhob sich in Masse gegen den Störer seines Vergnügens; man verlangte die Bestrafung seiner Unverschämtheit; man forderte die bewaffnete Macht zu Hülfe. Zwei Gendarmen erschienen beim Eingang zum Orchester, eben als es Prosper verließ, und der eine derselben wollte seine Hand an den Kragen Prospers legen indem er sprach: »Im Namen der Freiheit verhafte ich Dich!« Prosper betrachtete den Gendarmen, zuckte mit den Achseln und entgegnete ihm: »Mein Freund, Du sagst da eine entsetzliche Dummheit! Im Namen der Freiheit willst Du mir die Freiheit rauben, mich verhaften ... Versteht man unter Freiheit nicht vor allen Dingen das Freisein, folglich, daß man sprechen und machen kann, was man will?« Der Gendarm ganz verwirrt, sann einen Augenblick nach und sagte sodann: »Nun, dann verhafte ich Dich ... im Namen der Republik ...« – Ah! das ist ein Unterschied! Und ich prügle Dich im Namen der Freiheit.« Und indem Prosper dem Gendarmen, der eben einen Schritt vorwärts gemacht hatte, um den jungen Mann zu ergreifen, ein Bein stellte, faßte er ihn zugleich und legte ihn der Länge nach auf den Boden, gab seinem Kameraden einen tüchtigen Fauststoß, stürzte sich in den Gang hinaus und verschwand unter der herzuströmenden Menge, die ihm einen Durchgang ließ, indem sie sagte: »Bah! laßt ihn gehen! ... er scheint ein wackerer Sansculotte zu sein! er hat etwas zu viel getrunken, das ist Alles! er war heute nicht aufgelegt, das Stück zu sehen.« Prosper hatte sich so schleunig vom Theater entfernt, weil er bedachte, daß sich arretiren zu lassen, nicht der rechte Weg sei, Goulard zu züchtigen und Madame Derbrouck zu retten; er hoffte, der Gesuchte werde sich nach dem Theater nach Hause begeben, und beschloß, ihn in der Nähe seiner Wohnung auf der Straße zu erwarten. Eine halbe Stunde verging, und wieder eine; Prosper fürchtete schon, der Portier möchte die Nacht in irgend einer Schenke zubringen, denn das Theater mußte schon lange aus sein; er wußte nicht, was er anfangen sollte, als er schwere Tritte auf der öde gewordenen Straße hörte. Prosper horchte und bebte vor Freuden, denn er glaubte den Mann, den er erwartete, zu erkennen. Er stellte sich einige Schritte vom Hofthor entfernt auf; man kam näher: es war Goulard. Prosper trat vor und versperrte ihm den Weg. »Was gibt's ... ich habe keinen Sou mehr ... ich habe Alles versoffen, was ich bei mir hatte!« begann Goulard; »Du kannst also nichts bei mir stehlen.« – Ich bin kein Dieb ... sieh mich recht an, Goulard ... diese Laterne leuchtet hell genug ... Du mußt mich erkennen ... – »Horch! diese Stimme ... man könnte glauben, der leichtsinnige Strick von Prosper ...« – Ja, es ist in der That Prosper, der einige Wochen von Paris abwesend war, und zu spät kommt, um seinen Wohlthäter zu retten, der aber nicht duldet, daß Du die unglückliche Frau desselben verhaften lässest. – »Was leierst Du mir da vor? Laß mich in Frieden ... ich gehe heim, ich will mich schlafen legen ...« – O! nein, Du entrinnst mir nicht! – »Was soll das heißen? willst Du mich etwa mit Gewalt zurückhalten?« – Ja ... – »Zu Hülfe ... zu ...« – Still! ... schweig, Elender, oder ich zerschmettere Dir das Gehirn!« Damit zog Prosper eine seiner Pistolen aus der Jacke und setzte die Mündung auf Goulards Stirne. Der Portier fing an zu zittern, schrie nicht mehr und flüsterte in unterwürfigem Tone: »Ich schweige. Was wünschest Du von mir?« – Du hast meine Abwesenheit benützt, um den Bankier Derbrouck verhaften zu lassen. – »Nicht ich ...« – Du lügst. – »Er war strafwürdig ...« – Das ist nicht wahr, Du wirst Lügen erfunden haben, um seine Richter zu täuschen; doch kurz, da es nun zu spät ist, ihn zu retten, so gib mir wenigstens den Verhaftsbefehl heraus, den Du gegen seine Frau erhalten hast. – »Gegen seine Frau ... wer hat Dir das gesagt? ...« – Du hast sie auch angeklagt, Du brauchst Dich nicht zu verstellen, und hast einen Befehl erhalten, sie verhaften zu lassen ... – »Ich schwöre Dir ...« – Soll ich Dich niederschießen? – »Nun ja! es ist wahr ... aber diesen Befehl ... habe ich nicht mehr.« – Was hast Du damit angefangen? – »Ich habe ihn den Gerichtsbeamten übergeben.« – Du hast ihn übergeben ... und wann? – »Gerade, heute Abend, bevor ich in das Theater der Republik ging.« – Also wird die Bürgerin Derbrouck ... – »Morgen bei Tagesanbruch verhaftet werden.« – Ha! Ungeheuer! ich sollte Dich umbringen ... aber ich bin kein Meuchelmörder. Hier nimm eine dieser Pistolen ... vertheidige Dich ... – »Ich mich auf Pistolen schlagen ... ich will nicht ...« – Vertheidige Dich, sag' ich Dir ... – »Ich duellire mich nicht.« – Du willst mich lieber angeben ... aber heute Abend wenigstens nicht mehr, ich will Dir für's Laufen thun.« Und den Lauf seiner Pistole nach unten richtend, drückte er ab und zerschmetterte Goulards Bein, der unter Verwünschungen niedersank. Der junge Mann eilte schnell ins Haus hinein und suchte sein Pferd, welches er im Hof angebunden fand. »Nun, mein Söhnchen, mein Jüngelchen!« rief ihm Mutter Gueuleton zu, »theile mir doch auch etwas von dem Trauerspiele Epichat ... Epi ... Dings mit. Man hat mir gesagt, es sei von der Mutter der Kracher die Rede darin.« Aber ohne diesem Weibe zu antworten, stieg Prosper auf's Pferd und schlug im Galopp den Weg nach Passy ein. Achtes Kapitel. Das Belvedere in Passy Prosper trieb sein Pferd nach Kräften an; in Ermangelung von Sporen bohrte er ihm die Fersen in die Weichen, schrie ihm zu und zerrte es mit dem Zügel, so daß er die Strecke, die Passy von der Hauptstadt trennt, in kurzer Zeit zurückgelegt hatte. Er langte am Landhause des holländischen Bankiers an, es lag in der tiefen Straße neben der Kirchstraße; von einem auf dem Dache erbauten Belvedere genoß man eine wunderschöne Aussicht: man hatte alle Krümmungen der Seine, die umliegenden Landsitze und einen Theil von Paris vor Augen. In diesem Belvedere brachte Madame Derbrouck täglich mehrere Stunden zu. Sie ließ sogar oft die Wiege ihres Säuglings hinauftragen, und während sie über ihre Tochter wachte, kehrten sich ihre Blicke der Straße von Paris zu, woher sie ihren Gatten kommen zu sehen hoffte, welchen sie noch immer erwartete, denn ihre Dienstboten hatten ihr sorgfältig die schreckliche Nachricht verborgen gehalten, indem sie fürchteten, ihre Gesundheit werde in dem Zustande in welchem sie sich befand, einen bedeutenden Stoß erleiden, wenn sie den Tod ihres Mannes erfahre. Prosper klopfte leise an das Hofthor, er wollte die Bewohner des Hauses nicht erschrecken und doch gehört sein. Beim zweiten Schlag öffnete der Gärtner, welcher zugleich der Portier war, sein auf die Straße gehendes Fenster und fragte, wer klopfe. »Ich, mein guter Hermann; ich Prosper ... kennst Du meine Stimme nicht?« – Ah doch! ... ich erkenne Dich, lieber Junge ... Ei, mein Gott! was thust Du zu dieser Stunde hier ... Du hast vielleicht kein Nachtlager? ... Warte, ich will Dir aufmachen.« Der Gärtner zog seine Beinkleider an und öffnete das Hofthor; Prosper ging mit seinem Pferde hinein, band es im Hofe an und sagte zu Hermann: »Wo ist Deine Gebieterin?« – Oben ... Ich hoffe, die arme Dame schläft ... Ach! mein lieber Prosper! weißt Du, daß unser guter Herr ... – »Ich weiß Alles ... Ich habe in Melun diese schreckliche Nachricht erfahren! ... Aber seine Frau?« – Weiß es nicht ... seit drei Tagen haben wir, ich und die übrige Dienerschaft, es sorgfältig geheim vor ihr gehalten. Es könnte ihr in ihren Umständen ... als Frau, die säugt! großen Schaden bringen. – »O! Du hast Recht, Hermann! Ihr seid Alle brave Leute! ... ihr liebt eure Herrschaft sehr.« – Mein Gott! das ist ganz natürlich ... sie hat uns nur Gutes gethan! – »Ach! mein Freund, die Erkenntlichkeit ist heutzutage nichts Gewöhnliches mehr, sie ist eine seltene Tugend geworden. Allein ich muß durchaus mit Madame Derbrouck sprechen.« – Wie! diese Nacht noch? – »Ei! natürlich, sogar sogleich ... es ist keine Zeit zu verlieren, denn es handelt sich um ihre Rettung.« – O! mein Gott! steht ihr Gefahr bevor? – »Man wird bei Tagesanbruch ... vielleicht während der Nacht noch ... kommen, um sie zu verhaften.« – Sie verhaften! – »Ja, das Ungeheuer, welches den Mann angeklagt hat, hat auch die Frau angegeben. Es benützt den Schrecken, den es in seiner Sektion einflößt, zur Befriedigung seiner Privatrache, und auf solche Weise wagen viele vorgebliche Patrioten zu behaupten, sie dienen der Republik.« – Ach! diese Neuigkeit lähmt mir Arme und Füße. – »Jetzt ist nichts nöthig, als Muth und besonders Thätigkeit. Wir wollen die andern Dienstboten nicht aufwecken, es wäre ein Ueberfluß. Laß uns zur Madame hinaufgehen; Du klopfst leise an und rufst sie, um sie von meiner Ankunft zu benachrichtigen.« – Ja, ja! wir wollen hinauf.« Der arme Gärtner hatte den Kopf verloren; er wollte sich beeilen, und wußte nicht mehr, was er that: er wollte eine Jacke anziehen, um nicht halb nackt vor seiner Gebieterin zu erscheinen, aber er fand seine Kleidungsstücke nicht; er war außer Stand, ein Licht anzuzünden. Endlich gelang es ihm mit Hülfe Prospers, seinen Anzug zu vollenden, und er stieg zitternd die Treppe hinauf, während er zu dem Jüngling sagte: »Wir wollen sachte auftreten, damit wir die arme Dame nicht plötzlich erschrecken.« Prosper folgte dem Gärtner; als er sah, daß der Gärtner immer weiter hinauf ging, ohne im ersten Stock anzuhalten, wo Madame Derbroucks Gemächer waren, dachte er, der Schrecken habe ihn verwirrt gemacht, und er wisse nicht mehr recht, wo er sich befinde, daher zog er ihn an der Jacke und fragte: »Wo gehen wir denn hin? wir sind schon über den ersten Stock hinaus?« – Ich weiß es wohl und gehe hin, wo wir hin müssen,« entgegnete der Gärtner, weiter hinaufsteigend. »Wie? sind die Zimmer der Madame Derbrouck nicht mehr im ersten Stocke?« – Ja, aber Du weißt nicht, mein braver Prosper, daß diese gute Dame seit der Verhaftung ihres Mannes den ganzen Tag im Belvedere ist, wo sie ihn früher zurückkehren zu sehen hofft, und seit drei Tagen ... gerade seit der Zeit, wo er guillotinirt worden ist ... hat sie sich ein Bett ins Belvedere hinauf bringen lassen ... sie schläft jetzt auch dort, damit sie, sobald sie erwacht, die Straße von Paris vor Augen hat!« Prosper war stille gestanden, er vermochte nicht weiter zu gehen, denn seine Augen schwammen in Thränen, er sah nichts mehr und sein Herz war zerrissen. Nach einigen, dem Schmerze gewidmeten Augenblicken jedoch eilte er dem Gärtner wieder nach, indem er bei sich dachte: »Thränen sind hier nicht am Platze.« Sie langten ganz oben im Hause auf einer Terrasse an, worauf das Belvedere errichtet war. Nun traten sie ganz leise vorwärts, um Madame Derbrouck nicht aus der Ruhe zu stören. Vor der Thüre standen sie stille und horchten, und alsbald vernahmen sie folgenden Gesang einer zarten Stimme: »Du armer Jakob, als ich war bei Dir, Empfand ich nicht der Noth Beschwerden; Doch jetzo, da Du ferne bist von mir, Fehlt Alles, Alles mir auf Erden.« Es war die damals beliebte Romanze Jean-Jacques Rousseau's, welche Madame Derbrouck zur Wiege ihres Kindes sang, weil diese melancholische Melodie und der Inhalt dieses Liedes vollkommen mit der Traurigkeit ihres Gemüthes übereinstimmten. »Sie schläft nicht!« sagte Prosper, »klopf' an die Thüre, Hermann.« Der Gärtner gehorchte, und gleich darauf rief Madame Derbrouck mit bebender Stimme: »Wer ist da?« – Ich, Madame ... Ihr Gärtner, Hermann. – »Und was wollt Ihr so spät, mein guter Hermann?« – Ich bin nicht allein, Madame, Prosper ist bei mir, der junge Buchdrucker, er ist eben angekommen, und möchte gerne ... wegen sehr wichtiger Angelegenheiten ... mit Ihnen sprechen ... – »Wartet, ich will sogleich aufmachen.« Madame Derbrouck öffnete in der That; da sie sich nicht niedergelegt hatte, befand sie sich noch vollständig in dem einfachen Anzuge, den sie den Tag über getragen. An der Blässe ihres Angesichtes, an dem schmerzlichen Ausdruck ihrer Züge, bemerkte man deutlich, daß die Leiden ihres Gemüthes, ihre Unruhe und die Nachtwachen ihre Gesundheit rasch zerstörten. Prosper trat in Begleitung des Gärtners ein, begrüßte Madame Derbrouck achtungsvoll, und diese sagte: »Sie sind's, Prosper? ich habe Sie recht lange nicht mehr gesehen ... ich glaube seit jenem Abend nicht mehr, wo wir bei ihrem Freunde Maximus Bertholin zusammentrafen ... Ach! in derselben Nacht hat man meinen armen Gatten verhaftet ... Sie wissen es doch, daß er verhaftet ist?« – Ja, Madame, ich weiß es,« entgegnete der Jüngling, die Augen niederschlagend, um nicht den Blicken der Madame Derbrouck zu begegnen. »Ja, mein Freund, sie haben meinen Gatten verhaftet! ... Und weßhalb? was hat er gethan? ... Ach! ich schwöre Ihnen, er hat niemals ein Complot gegen die Republik angezettelt. Er war mit Dumouriez bekannt, das ist wahr ... aber damals kämpfte Dumouriez für Frankreich ... und seit er zu den Ausländern übergegangen ist, hat mein Mann jede Verbindung mit ihm abgebrochen. Ach! ich bezweifle nicht, daß Derbroucks Unschuld an den Tag kommt! Auch hoffe ich jeden Augenblick ihn in meine Arme zurückkehren zu sehen ... und eben jetzt ... als Sie anklopften, empfand ich eine stürmische Bewegung! ... ich glaubte, mein Gatte komme zurück. Aber Sie sind ohne Zweifel da, um mir Nachricht von ihm zu bringen ... Sie haben ihn vielleicht im Gefängniß gesehen ... oder hat er Ihnen einen Brief für mich mitgegeben ... Ach! Sie thaten wohl daran, zu kommen, gleichviel um welche Stunde! ... Nun, Prosper, sprechen Sie doch!« Prosper unterdrückte gewaltsam die Thränen, die sein Herz aufschwellten; er fand keine Worte mehr, sich auszudrücken; Madame Derbroucks Reden setzten seinen Muth auf eine eiserne Probe. Das Vertrauen dieser jungen Frau war so groß, die Liebe zu ihrem Gatten so wahr, daß man ihr durch die Zerstörung ihres Wahnes den Lebensfaden abschneiden konnte. »Nun! Prosper, Sie antworten nicht?« fuhr Madame Derbrouck, über des jungen Mannes Schweigen erstaunt, fort. Endlich sammelte sich dieser und begann: »Entschuldigen Sie, Madame, entschuldigen Sie ... ich bin nicht ... aus dem Grunde, den Sie sich vorstellen, in der Mitte der Nacht zu Ihnen gekommen ...« – Wie? ... Sie haben meinen Mann nicht gesehen? – »Nein, Madame, ich habe nur erfahren, daß man auch Sie verhaften wird, und bin hergeeilt, um Sie zu bewegen, noch vor Tag zu entfliehen.« – Mich verhaften? ... man will mich auch verhaften?« ... versetzte Madame Derbrouck mit einem Tone, worin sich mehr Erstaunen, als Furcht aussprach. »Ja, Madame, ich weiß es ganz bestimmt; man kommt vielleicht noch vor Tag ... Sie werden also einsehen, daß keine Zeit zu verlieren ist. Ich werde Sie begleiten ... wohin? weiß ich selbst noch nicht! aber ich will Sie retten ... O! vertrauen Sie sich mir ohne Furcht!« – Ich danke, Prosper, ich danke mein Freund!« entgegnete die junge Frau mit melancholischem Lächeln. »Ach! ich zweifle weder an Ihrem guten Herzen, noch an Ihrem Muthe, aber ich kann Ihren großmüthigen Beistand nicht annehmen ... ich will nicht ...« »Wie, Madame! ... Sie wollen sich einer ungerechten Verhaftung nicht entziehen? ...« – Nein! denn, wenn sie mich verhaften, werden sie mich hoffentlich mit meinem Manne vereinigen. Ich werde sie flehend bitten, mich in sein Gefängniß zu setzen; sie können mir's nicht verweigern, und somit wird, wie Sie sehen, diese Verhaftung, weit entfernt, ein gefürchtetes Unglück für mich zu sein, meine höchsten Wünsche in Erfüllung bringen! Ich bin recht verdrießlich, so lange von Derbrouck entfernt zu sein! und soll ihn jetzt wiedersehen! Ach! Prosper, ich habe nicht die geringste Lust, mich zu retten! und sehe im Gegentheil mit Freuden diese Männer ankommen, die mich zu meinem Gatten führen werden.« Prosper war wie vernichtet und erst nach einiger Zeit im Stande zu erwidern: »Aber, Madame, es ist nicht wahrscheinlich, daß man Sie mit Ihrem Gatten in ein Gefängniß schließen wird, das dürfen Sie nicht einmal hoffen.« – Warum sollte man es mir verweigern? bin ich nicht Derbroucks Frau? Ich werde sie so dringend bitten. – »Man wird nicht auf Sie hören!« – Doch; meine Zärtlichkeit für meinen Gatten kann kein Verbrechen in ihren Augen sein; sie wird sie im Gegentheil rühren. – »Aber Ihr Kind, Madame, Ihren Säugling wollen Sie somit verlassen? was wird aus Ihrer Tochter werden, wenn Sie sie der Mutter und Amme berauben?« Madame Derbrouck blieb einen Augenblick in schmerzliches Nachsinnen verloren, und ihre Blicke wendeten sich kummervoll nach der Wiege ihrer Tochter; doch bald strahlte wieder Hoffnung auf ihrem Antlitz und sie rief aus: »Ich nehme sie mit, man kann mich nicht hindern, meinen Säugling mitzunehmen, das wird noch ein weiterer Grund sein, daß man meiner Bitte nachgibt und mich mit meinem Manne vereinigt. Ach! ich wiederhole es Ihnen, Prosper, weit entfernt, die Ankunft dieser Männer zu fürchten, wünsche ich sie von ganzer Seele sobald als möglich herbei! denn nun ist es ein Monat, daß Derbrouck von mir entfernt ist, und der Muth geht mir allmählig aus. Ich habe nichts als diesen einzigen Brief von ihm; er konnte mir nur einmal schreiben. Diesen Brief lese ich jeden Augenblick; er ist sehr traurig, obgleich man sieht, daß er mich trösten wollte ... Ach! er langweilt sich auch sehr, ferne von mir! Hier, hören Sie, Prosper, ich will Ihnen den Brief meines Mannes vorlesen.« Madame Derbrouck zog ein ganz zerknittertes Papier aus ihrem Busen, näherte sich dem auf dem Tische brennenden Lichte, und las, jedes Wort dehnend, wodurch sie den Brief zu verlängern suchte, Folgendes: »»Meine zärtliche Freundin, ich schreibe Dir aus dem Luxemburg, worin ich mit einer Menge Unglücksgenossen, die ebenso wenig strafbar sind, wie ich, verhaftet bin. Wie lange sind die Tage ohne Dich! und wann wird diese unverschuldete Gefangenschaft endigen? Ich kann es nicht erwarten, bis ich vor meinen Richtern erscheinen darf; ich habe es schon mehrmals verlangt, allein man hat mir stets mit ironischem Tone geantwortet: »›Du hast große Eile; die Reihe wird schon an Dich kommen.‹« Diese Menschen begreifen nicht, was man leidet, wenn man von Weib und Kind getrennt ist! Und auch Du, bin ich überzeugt, leidest sehr viel; allein gib Dich dem Schmerze nicht hin, denk an Deine Tochter, an unsere kleine Pauline; um ihretwillen mußt Du Muth haben. Lebe wohl, theure Gattin; noch in dieser Woche werde ich unfehlbar vor Gericht gestellt werden; ich hoffe folglich bald in Deine Arme zurückzukehren. Mein Kerkermeister versprach mir, für die Ueberlieferung dieses Schreibens Sorge zu tragen! belohne den Ueberbringer reichlich. Küsse die schöne Stirne meiner Tochter. Mein Gott! wann werde ich wieder bei Dir sein!«« Die junge Frau konnte das Lesen dieses Briefes nicht ohne Thränen vollenden; dann trat sie an die Wiege ihres Kindes, küßte es mehrmals auf die Stirne und flüsterte: »Ach ja! er ist schon zu lange von uns weg, und ich fühle es, jeden Tag wird mein Muth schwächer. Ach! Prosper! Sie sehen, es ist hohe Zeit, daß man mich mit meinem Gemahl vereinigt.« Der junge Mann erwiderte nichts mehr; denn er hätte der Frau des Bankiers gestehen müssen, daß ihr Gatte nicht mehr sei; er hätte jene Hoffnung zerstören müssen, die allein noch die Gattin und Mutter aufrecht erhielt, und ein geheimer Schauer, eine Todeskälte lagerte sich schon beim Gedanken an die Verzweiflung, welche diese schreckliche Enthüllung hervorbringen würde, auf Prospers Stirne. Der alte Hermann schwieg ebenfalls; der arme Mann stand regungslos in einer Ecke des Zimmers und starrte mit den Augen auf den Boden, während Prosper, an das nach der Straße gehende Fenster gelehnt, in tiefe Betrachtungen versunken zu sein schien. Eine ziemlich lange Zeit verstrich auf diese Weise. Madame Derbrouck saß an der Wiege ihrer Tochter, welche in der Umgebung von Personen, die von tausendfachen Sorgen gequält waren, ruhig und friedlich schlief; aber das Kind war ja erst elf Monate alt, und in diesem Alter kennt man nur erst die körperlichen Leiden, und hat an diesen schon genug. Endlich bildete sich eine schwache Helle am Horizont; Prosper gewahrte sie und zitterte indem er ausrief: »Der Tag! ... der Tag bricht an, Madame! ...« – Um so besser, Prosper,« entgegnete die junge Frau lächelnd; »ich sehe ihm mit Freuden entgegen ... denn ohne Zweifel werden nun diese Männer bald erscheinen ... Nicht wahr, man hat Ihnen gesagt, daß sie diesen Morgen kommen werden? ... – »Ja, ja, Madame,« erwiderte Prosper mit erstickter Stimme, indem er hastig im Zimmer auf und ab schritt. »Ich werde ihnen sagen, sie sollen mich sogleich in's Luxemburg führen; denn nicht wahr, im Luxemburg sitzt mein Mann? ...« »Aber, Madame,« rief Prosper, wie von einem plötzlichen Gedanken erleuchtet, aus: »es ist mir, als ob ich ... ja ... ich habe sagen hören, man thue nur Männer in dieses Haus ... die Frauen sind anderswo eingekerkert ... also sehen Sie wohl ein, daß Sie Unrecht haben, sich verhaften zu lassen ... Sie werden durch Ihre Gefangenschaft nicht mit Ihrem Gatten vereint werden.« »Sie täuschen mich, Prosper; Sie sagen dieses nur, um mich zur Flucht zu bestimmen; aber ich bin überzeugt, daß die Frauen auch ins Luxemburg kommen ... und wenn ich meinen Gatten nur durch ein Gitter, nur eine Stunde, nur einen Augenblick des Tages sehen darf ... ach! so ist es immer weit besser, als wenn ich ferne von ihm sein muß.« Mehrere heftige Schläge an die Hausthür drangen bis zu den im Belvedere versammelten Personen. »Sie sind's!« rief Madame Derbrouck mit freudigem Gefühle, während der alte Gärtner sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte und Prosper auf einen Stuhl niedersank, indem er flüsterte: »O mein Gott! ... und ich konnte sie nicht retten!« »Nun! Prosper,« fragte Madame Derbrouck, »warum dieses Entsetzen? ... Muß ich Ihnen mit dem Beispiele des Muthes vorangehen? ... Kommen Sie, lassen Sie uns hinunter gehen ... man muß diese Herren nicht warten lassen ... Mache ihnen auf, Hermann ... Prosper, wollen Sie so gut sein und die Wiege meiner Tochter hinabtragen? ... die arme Kleine! sie schläft immer fort; wir wollen Acht geben, daß wir sie nicht erwecken.« Prosper hatte die Wiege genommen, und folgte Madame Derbrouck in ihre Zimmer im ersten Stocke, wo sie die Commissäre der Republik mit Ruhe erwartete. Der alte Hermann machte auf: die übrigen Dienstboten waren bereits, durch die Schläge an die Thüre aus dem Schlafe geschreckt, auf den Beinen. Bald war der ganze Hof mit Gendarmen angefüllt, und drei Männer, wovon einer den Verhaftsbefehl in Händen trug, erschienen vor Madame Derbrouck. »Bürgerin, Du mußt uns folgen,« begann einer der Beamten; »hier ist der Befehl, kraft dessen wir verpflichtet sind, Dich als verdächtig ins Gefängniß abzuführen.« »Ich erwartete euch, Bürger,« antwortete ruhig die junge Frau; »ich wußte, daß man mich diesen Morgen verhaften werde ... und seh't ... ich habe schon meine Zurüstungen gemacht.« »Ah! Du wußtest es ... und bist nicht geflohen!« versetzte der Commissär erstaunt. »Gut ... das beweist, daß Du Vertrauen in die Gerechtigkeit des Revolutionstribunals setzest ... Das kann Dir bei den Richtern von Nutzen sein.« »Und warum hätte ich fliehen sollen? ... Die Gefangenschaft kann mich nicht erschrecken, da sie mich mit Allem, was mir theuer ist, vereinigen wird. Aber vor allen Dingen werdet Ihr mir gestatten, mein Kind mitzunehmen, nicht wahr? Meine Tochter ist erst elf Monate alt, ich säuge sie ... ich kann mich nicht von ihr trennen ...« »O! Kinder von elf Monaten! ... was soll die Republik mit diesen anfangen?« rief einer der drei Beamten aus, der unter der Last seines Bauches und seines dreifachen Kinnes beinahe zu erliegen schien, während er zugleich überall herum, hinter den Vorhängen und unter den Möbeln spähte. »Nein, nein, Du mußt Deine Puppe hier lassen!« »Mich von meiner Tochter trennen!« schrie Madame Derbrouck, indem sie auf die Wiege zueilte und sie mit den Armen umschloß. »O! niemals ... Bürger, ihr habt vielleicht Kinder; ach! um ihretwillen flehe ich euch an, laßt mich meine Tochter mitnehmen!« Der Beamte, welcher zuerst gesprochen hatte, und dem Anschein nach einiges Gewicht über seine Begleiter hatte, schien von dem Schmerze der jungen Mutter gerührt und sagte gegen seinen Collegen gewendet: »Warum sollte man der Bürgerin ihren Säugling entreißen? Sie erfüllt eine der heiligsten Pflichten, und die Republik kann es nicht mißbilligen, wenn wir Rücksicht auf ihre Lage nehmen.« Der dicke Mann verzog bloß sein Gesicht, wackelte mit dem Bauche und entgegnete barsch: »Wie Du willst! Aber die Gefängnisse mit Wickelkindern anfüllen! ... es fehlt schon an Raum für die Großen.« »Du kannst Deine Tochter mitnehmen, Bürgerin,« antwortete der oberste Beamte, gegen Madame Derbrouck gekehrt. »Ach! ich danke euch! ich danke euch, Bürger!« rief die junge Frau mit sanftem Lächeln gegen die sie Verhaftenden aus; »und nun habe ich nur noch eine Bitte an euch zu richten ... und ich hoffe gleichfalls, daß ihr mir sie nicht abschlagen werdet!« »Worin besteht sie, Bürgerin?« »Mein Mann ist auch Gefangener ... er ist im Luxemburg ... Schon seit einem Monat ist er verhaftet, und diese Zeit wurde mir sehr lang! ... wollt ihr wohl die Güte haben, mich mit ihm einzuschließen ... oder wenn es mir nicht gestattet wird, dasselbe Zimmer mit ihm zu theilen, daß ich wenigstens nicht gar zu weit von ihm wegkomme ... daß ich ihn bisweilen von meinem Fenster aus sehen und mit ihm sprechen könne ... Ach! Bürger, versagt mir diese Gnade nicht ... bringt mich in dasselbe Gefängniß mit meinem Gatten.« Während die junge Frau sprach, sahen sich die drei Beamten schweigend und mit überraschter Miene an; zwei schienen gerührt, aber derjenige, welcher zuvor schon die junge Mutter von ihrem Kinde hatte trennen wollen, rief jetzt unmuthig aus: »Was leierst Du uns da vor von Deinem Manne ... und demselben Gefängnisse ... Ist nicht Dein Mann der Bankier Derbrouck, jener Holländer und Freund des Dumouriez? ...« – Ja, Bürger ... – »Nun! der ist ja schon vor vier Tagen guillotinirt worden! ...« Als die unglückliche Frau diese entsetzlichen Worte vernahm, gab sie keinen Laut von sich, aber alles Blut wich ihr aus dem Angesichte, und sie wäre zu Boden gestürzt, wenn Prosper nicht herbeigeflogen wäre und sie in seinen Armen aufgefaßt hätte. »Ihr habt sie getödtet! Ihr habt sie getödtet!« rief der Jüngling, Madame Derbrouck auf ein Bett tragend, während ein Kammermädchen herbeieilte, um sie ins Leben zurückzurufen. »Noiroud!« sprach der Oberbeamte zu dem Dicken, »Du hättest nicht nöthig gehabt, der Bürgerin den Tod ihres Mannes auf eine so barsche Art mitzutheilen!« »Konnte ich mir vorstellen, daß er ihr unbekannt war,« versetzte der Bürger Noiroud, seine Augen auf eine einfältige Weise herumrollend. »Ein Mann, der vor vier Tagen hingerichtet wurde! ... Das weiß man doch, das schreit man ja in allen Straßen aus. Ich glaubte, sie sage das nur zum Spaße ! ...« »Was fangen wir aber jetzt an; diese Frau ist in einem bedenklichen Zustande!« »Bah! bah! das gibt sich unterwegs im Wagen, die frische Luft wird ihr gut thun!« »Im Wagen!« schrie Prosper hastig, zwischen die Commissäre tretend. »Wäret ihr im Stande, eine sterbende Frau wegzuführen, sie besinnungslos in ein Gefängniß zu schleppen, damit sie dort hülflos ohne Freundesnähe den Geist aufgebe! O! Bürger, das könnet ihr nicht thun, denn dann wäret ihr keine Menschen, sondern Tiger! ...« »Was will der von uns?« entgegnete Noiroud, Prosper mit erstaunter Miene anblickend, »das ist, ich wette drauf, ein Epaulettenträger, Damals ein Schimpfname. ein Anhänger Ronsins.« – Was ich will? daß Du die Bürgerin hier in ihrem Hause lassest; sie kann sich nicht aus demselben entfernen, sie wird nicht entfliehen, dafür stehe ich; aber ins Gefängniß nach Paris geht sie nicht.« »Ah! Du stehst dafür, und wer steht für Dich? Wer bist Du überhaupt, daß Du so stolz sprichst?« »Ein wahrer Republikaner, ein braver Sansculotte, der weder Dich noch sonst Jemand fürchtet! Wollen wir hinunter gehen und uns im Hofe den Schädel zerschlagen? komm' nur, es ist gleich vorbei; ich habe ein Paar prächtige Pistolen.« Der Bürger Noiroud machte ein Gesicht, in welchem sich keine Lust zu der vorgeschlagenen Partie aussprach, er sah seine Kollegen an, und der Obercommissär sprach zu Prosper: »Bürger, ich glaube an die Reinheit Deiner Gesinnungen. Ich gestehe, der beklagenswerthe Zustand dieser jungen Frau rührt mich; allein, was sollen wir beginnen? wir haben den Befehl, sie zu verhaften und nach Paris zu führen.« – Und wenn ich vom Wohlfahrtsausschuß eine Erlaubniß auswirkte, diese Frau unter Aufsicht eines Wächters in ihrem Hause zu lassen? – »O! dann verstände sich's von selbst. Dazu müßte man aber nach Paris gehen, ein Mitglied des Ausschusses aufsuchen und ...« – Dafür laßt mich sorgen. Ich habe ein Pferd unten, ihr müßt hier eure Siegel auflegen. Erwartet mich! ... o! versprecht mir, eine Stunde auf mich zu warten! ... In einer Stunde, schwöre ich, bin ich zurück. – »Nun denn, es sei! ... eine Stunde wollen wir warten ...« Prosper achtete kaum auf diese letzten Worte, schon war er im Hofe auf seinem Pferde; er nöthigte das arme Thier, sich in Galopp zu setzen, verschwand auf der Straße nach Paris, und Hermann rief, ihm mit den Augen folgend, aus: »Armer Junge! möchte es ihm gelingen!« Während die Regierungsbeamten die Möbeln durchstöberten, die Papiere durchsuchten, und überall, wo sie es für nöthig hielten, die Siegel anlegten, blieb Madame Derbrouck immer noch besinnungslos; vergebens war ihre Dienerschaft um sie bemüht, sie kehrte nicht zum Leben zurück, und der Bürger Noiroud, der im Ab- und Zugehen seine Blicke nach ihrem Bette warf, sagte achselzuckend: »Ich glaube, der junge Bursche mit der rothen Hose macht eine überflüssige Reise ... diese Aristokratin wird todt sein, ehe er zurückkehrt.« »Arme Frau!« rief Hermann aus, »es wäre vielleicht besser für sie, wenn sie die Augen nicht mehr aufschlüge! ... aber ihr Kind! ihre arme Tochter!« Die Zeit verstrich; die Siegel waren gelegt, der dicke Noiroud schaute auf die Wanduhr und sagte: »Es ist eine gute Stunde, daß wir hier sind ... der Andere kehrt nicht zurück. Die Frau macht auch kein Ende ... man muß sie in den Wagen tragen lassen. Ich habe keine Lust, einen ganzen Tag hier zu bleiben. Ich habe in Paris zu thun ... man spricht in meiner Sektion ... es sind ohnehin nicht zu viel Redner dabei, und ich bin einer davon. Ich will fort.« »Noch einen Augenblick, Noiroud,« versetzte der Obercommissär, auf seine Uhr sehend, »ich habe dem jungen Sansculotten versprochen, eine Stunde auf ihn zu warten ... und es fehlen noch fünf Minuten dazu!« »Du bist heute sehr gemäßigt, Herr Kollega! Wenn Du auf diese Weise der Republik dienst! ...« »Ich diene ihr vielleicht besser als Du, denn ich mache sie nicht verhaßt.« Der Redner wußte nichts zu entgegnen, und in demselben Augenblick vernahm man einen lauten Lärm im Hofe; es war Prosper, der zurückkehrte, und der, um noch zu rechter Zeit anzulangen, sein Pferd genöthigt hatte, ohne Unterlaß zu galoppiren; beim Hereinreiten in den Hof fiel das arme Thier nieder, um nie mehr aufzustehen, allein Prosper eilte rasch zu den Commissären, hielt ein Papier in der Hand, welches er ihnen vorwies und rief aus: »Hier ist die Erlaubniß! ... ich habe es durchgesetzt ... Ich habe mich dem Ausschusse vorgestellt, und zu den anwesenden Mitgliedern gesprochen, was, weiß ich nicht mehr ... nur das weiß ich, daß sie mir zuhörten, ohne mich zu unterbrechen ... und als ich fertig war, unterzeichnete und überreichte mir einer dieses Papier mit den Worten: »Diene der Republik wie Deinen Freunden, dann kann sie auf Dich zählen.« »Ja ... dieses Papier ist in Ordnung,« sagte der Oberbeamte, »die Bürgerin kann in ihrem Hause bleiben, man gibt ihr nur einen Wächter bei, den ich erwählen darf, und dazu ernenne ich den Portier des Hauses. Vorwärts, Kameraden, wir können gehen.« Prosper ergriff die Hand des Beamten und drückte sie innig in den seinigen; dies galt für tausend Worte des Dankes; diese beiden Männer hatten sich verstanden. »Gehen wir,« sagte der Bürger Noiroud, »es war übrigens nicht der Mühe werth, uns um Nichts in Bewegung zu setzen.« Wenige Augenblicke darauf war kein Beamter mehr im Hause und die Dienerschaft segnete Prosper, daß er die Wegführung ihrer Gebieterin verhindert hatte. Der junge Mann begab sich an's Bett und vereinte seine Bemühungen um Madame Derbrouck mit denen der Uebrigen. Seit einigen Minuten schien ein convulsivisches Athemholen das Ende dieser Krisis anzudeuten; Alle wünschten und fürchteten den Augenblick, wo die Unglückliche zur ganzen Erkenntniß ihres Unglücks erwachen werde. Dieser Moment trat indeß ein. Madame Derbrouck schlug die Augen auf, richtete sich halb in die Höhe, blickte um sich, stieß einen Schmerzensschrei aus, indem sie sagte: »Ach! nein, nein! es ist nicht möglich! sie haben ihn nicht gemordet ... es ist ein Traum ... ein schrecklicher Traum, den ich gehabt habe! ...« Alle Umstehenden vergossen Thränen; die junge Frau begriff nun wohl, daß ihr Unglück kein Traum war. Jetzt wurde ihr Blick starr, und ihre Vernunft hätte sie vielleicht verlassen, aber Prosper, der diesen Augenblick voraussah, eilte zur Wiege, nahm das Kind heraus und bot es der Mutter hin. Beim Anblick ihres Kindes traten wieder Thränen in Madame Derbroucks Augen, sie drückte ihr Kind an's Herz und rief aus: »Ja ... ja ... Sie haben Recht, Prosper ... ich muß für sie leben ... ich muß diesen fürchterlichen Schlag ertragen, damit Pauline keine Waise werde ... Ach! ich will mich bemühen, mein Leben zu erhalten ... obwohl es ohne ihn ein endloser Schmerz sein wird ... Aber liebe Tochter ... arme Kleine ... liebes Kind, theures Kind ... sie haben Deinen Vater umgebracht!« Die arme Mutter konnte nicht endigen, Thränen erstickten ihre Stimme, und Alle um sie her antworteten nur durch Schluchzen. Nachdem dieser erste Anfall von Verzweiflung einem ruhigeren Schmerze gewichen war, entfernten sich die Dienstboten, und Madame Derbrouck sprach zu Prosper: »Wie kommt es, daß ich noch hier bin? Waren nicht Männer da, um mich zu holen?« »Doch, Madame; aber ich war in Paris beim Wohlfahrtsausschuß, um die Erlaubniß auszuwirken, Sie als Gefangene in Ihrem Hause zu lassen ... Ich habe gesagt, Sie säugen Ihr Kind, und man hat meinen Bitten nachgegeben ... Es gibt noch Leute, welche die süßesten Gefühle der Natur achten. Man hat Ihnen gestattet, in Ihrem Hause zu bleiben ... Und der Mann ... der Erste der mit Ihrer Verhaftung beauftragten Commissäre ... ebenfalls gerührt von Ihrer Verzweiflung, hat den Portier zu Ihrem Wächter ernannt ... wodurch Ihnen deutlich genug zu verstehen gegeben ist, daß Sie ohne Schwierigkeit fliehen können.« »Ich danke, Prosper, ich bin Ihnen viel schuldig, mein Freund ... Ach! das unselige Ereigniß war Ihnen ohne Zweifel bekannt ... Sie wußten, daß mein Mann nicht mehr lebte ... und wagten nicht, es mir zu sagen ... nun begreife ich die Ursache Ihrer Traurigkeit, Ihres dumpfen Schweigens, als ich Ihnen sagte, ich würde so glücklich sein, wenn ich wieder zu meinem Gatten käme ... Und sie haben ihn umgebracht! Ach! und er hatte doch nichts verschuldet! Sie wissen es wohl ... Aber, ich habe versprochen, Muth zu haben ... ich werde mich bestreben, für meine Tochter zu leben ... Allein ich will nicht fliehen, ich will hier bleiben und hier mein Schicksal erwarten. Sie müssen recht müde sein, lieber Freund, nach so viel Unruhe und Anstrengung, die Sie meinetwegen hatten. Gehen Sie, legen Sie sich zur Ruhe; gehen Sie, ich bitte Sie, denken Sie an Ihre kostbare Gesundheit; bedenken Sie, daß Sie jetzt meine ... und ach! ich fürchte sehr, dieses Kindes einzige Stütze sind ... Gehen Sie, lieber Freund, Hermann wird, ich zweifle nicht daran, sorgen, daß Ihnen nichts abgeht.« Prosper gab den Bitten der Madame Derbrouck nach; er fühlte außerdem ein großes Bedürfniß zu schlafen; seitdem er von Melun hergerast war, hatte er keine Sekunde ausgeruht; mag man gleich nur achtzehn Jahre alt und kräftig sein, man merkt doch, daß man nicht von Eisen ist. Hermann führte den jungen Mann in ein kleines Zimmer, worin sich ein gutes Bett befand. Prosper legte sich nieder und verfiel alsbald in einen tiefen Schlaf. Einige Stunden der Ruhe genügten Prosper; er hätte sich jetzt wieder im Stande gefühlt, in gestrecktem Galopp nach Melun zu jagen, wäre sein Pferd nicht todt gewesen. Aber beim Hinuntergehen, um sich nach Madame Derbroucks Gesundheit zu erkundigen, begegnete ihm Hermann mit blassem und bestürztem Antlitz. »Was ist für ein neues Unglück begegnet?« rief Prosper aus. »Sprecht, was ist wieder geschehen?« »Ach, mein Gott! meine arme Gebieterin empfindet einen neuen Schmerz!« entgegnete weinend der Gärtner, »und ich fürchte, alle diese Leiden zusammen werden die arme Frau tödten! Eben hatte sie ihr Kind bei sich, und es fing an zu schreien; da erinnerte sie sich, daß sie ihm seit heute Nacht die Brust nicht mehr gereicht hatte; schnell wollte sie diese Vergessenheit wieder gut machen; aber stellen Sie sich ihren Jammer, ihre Verzweiflung vor! ... sie hatte keine Milch mehr! Die arme Mutter ist nicht mehr im Stande, ihr Kind zu säugen. Zwar, da dieses schon elf Monate alt ist, kann man es wohl mit etwas Anderem aufziehen, das haben wir auch Madame gesagt, und es hat auch in ihrer Gegenwart Alles, was man ihm darbot, getrunken; aber dessen ungeachtet empfindet Madame Derbrouck einen großen Schmerz, und ich fürchte sehr, sie möchte deßhalb recht krank werden.« »Hermann, man muß einen Arzt holen ... geh, schaffe sogleich einen an; ich will unterdessen Madame Derbrouck zu trösten und zu beruhigen suchen.« Der Gärtner ging eiligst fort, und Prosper trat, nachdem er sich vorher bei dem Kammermädchen erkundigt, ob er hinein dürfe, in Madame Derbroucks Zimmer; er fand sie, ihr Kind an ihre vertrocknete Brust haltend und Ströme von Thränen vergießend, als sie sah, daß ihre kleine Pauline dort nach einer Nahrung suchte, die sie ihr nicht mehr gewähren konnte. Der junge Mann suchte die arme Mutter zu trösten, allein diese schüttelte traurig das Haupt und sprach: »Ich kann meine Tochter nicht mehr nähren; Sie sehen daher, lieber Freund, daß es unnöthig ist, daß ich lebe, und daß der Himmel mir gestattet, zu meinem Gatten hinüberzugehen.« »Ach! Madame, was sprechen Sie da!« rief Prosper aus, »reicht eine Mutter ihrem Kinde nur körperliche Nahrung? gilt denn die Sorgfalt, welche sie auf dasselbe verwendet, und wodurch oft seine Gesundheit erhalten wird, gilt die Bildung seines Herzens, die Aufklärung seines Geistes, das Bestreben, es vor Lastern zu behüten, während man den Keim zu Tugenden in es zu legen sucht .. für gar nichts? Nicht alle Mütter sind im Stande, selbst ihre Kinder zu säugen, die Natur verweigert ihnen zuweilen diese Gunst; aber alle haben die Verpflichtung, die ersten Schritte derselben und ihren Eintritt ins Leben zu leiten, damit sie sich mit Ehren darin zu benehmen wissen, und deßhalb, Madame, glaub' ich nicht, daß eine Mutter je ersetzt werden könne.« Madame Derbrouck seufzte und küßte schweigend ihre Tochter. Der Arzt erschien alsbald. Er fand, daß die junge Frau ein heftiges Fieber hatte, und empfahl ihr Ruhe und Seelenfrieden ... jene Mittel, die man wohl verschreiben kann, aber in den Apotheken nicht findet. Die kleine Pauline nahm ohne Schwierigkeit alle Nahrungsmittel, welche man ihr darreichte. Prosper machte Madame Derbrouck hierauf aufmerksam, und wiederholte ihr, der Arzt habe erklärt, es sei nichts für die Gesundheit ihres Kindes zu fürchten. Die junge Mutter lächelte schwermüthig, und reichte Prosper die Hand, indem sie zu ihm sagte: »Mein Freund, ich bin Ihnen schon so sehr verpflichtet, geben Sie mir einen letzten Beweis Ihrer Ergebenheit.« – Reden Sie, Madame, befehlen Sie über mich. – »Wohlan! entfernen Sie sich nicht mehr aus dem Hause, verlassen Sie mich nicht, bis ich vollständig hergestellt bin; denn es ist mir, als ob Sie mir noch einen großen Dienst leisten könnten ... wollen Sie?« – Ich bleibe, Madame, o! ich bleibe, so lange Ihnen meine Gegenwart von Nutzen sein kann.« Madame Derbrouck schien durch dieses Versprechen beruhigt, und Prosper verließ ihr Zimmer, nachdem er sie vorher dringend gebeten hatte, sich ein wenig Ruhe zu gönnen. Er ging in den Garten hinab, und während er in den Alleen herumspazierte, die der holländische Bankier mit ausländischen Pflanzen und Gesträuchen hatte ausschmücken lassen, dachte der Jüngling an Camilla, die er in Melun zurückgelassen, wo sie auch großen Gefahren ausgesetzt war; aber die Liebe durfte nicht über die Dankbarkeit siegen, und trotz seines lebhaften Verlangens, über Camilla zu wachen, galt Prosper sein Versprechen heilig; er war fest entschlossen, so lange bei Madame Derbrouck zu bleiben, als sie seine Gegenwart wünschen würde. Am folgenden Tag schien die Wittwe des Bankiers gefaßter, aber aus ihren Augen leuchtete eine düstere Glut, und das Fieber hatte nicht nachgelassen. Der Arzt kam wieder, befühlte den Puls, schüttelte den Kopf mit unzufriedener Miene und rieth, wie gestern, strenge Ruhe und Stille. Vierzehn Tage verflossen: Madame Derbrouck beklagte sich nicht mehr, aber sie wurde außerordentlich schwach, ihre Stimme ganz matt, und ihre Augen erhielten nur durch das Fieber zuweilen einen vorübergehenden Glanz. Nach Verlauf dieser Zeit verlangte die junge Frau, die nicht mehr im Stande war, ihr Bett zu verlassen, ins Belvedere gebracht zu werden, wo sie so lange ihren Gatten erwartet hatte. Man beeilte sich, ihren Wünschen zu willfahren. Sie wurde ins Belvedere hinaufgetragen, und die Wiege ihrer Tochter neben sie hingestellt; Prosper wich fast nicht mehr von ihrer Seite, und wenn er die Kranke betrachtete, sah er ein abermaliges Unglück voraus, welchem alle seine Sorge nicht vorbeugen konnte. Aber obgleich ihn sein Herz oft an Camilla erinnerte, obgleich ihn die Unruhe über ihr Schicksal fast verzehrte, kam ihm doch nie der Gedanke, die arme Kranke zu verlassen. In einer Nacht, da sich Madame Derbrouck noch kränker fühlte, gab sie Prosper einen Wink, sich ihr zu nähern, dann nahm sie ihn bei der Hand, drückte sie in ihren glühenden Händen und sagte zu ihm: »Ich habe Sie gebeten, hier zu bleiben ... weil ich zum voraus ahnte, daß ich bald sterben werde, und ich fühle, daß ich mich nicht getäuscht habe.« Prosper wollte sie unterbrechen, sie winkte ihm aber zu schweigen, und fuhr fort: »Lieber Freund, alle Aerzte der Welt vermöchten mich nicht dem Leben wieder zu geben. Ich habe den Tod empfangen, als ich den meines Gatten erfuhr. Ich bin nicht zu beklagen, wohl aber meine Tochter, die so jung schon Waise wird, und kein Vermögen hat; denn was wir hier besitzen, wird verkauft werden! Mein Mann hat zwar Gelder bei einem Bankier in Antwerpen und hat kürzlich ein prächtiges Landgut in der Touraine gekauft, aber das ist Alles, was ich weiß, denn ich war nicht mit dem Gange seiner Geschäfte vertraut, und überdies wurden bei seiner Verhaftung alle Papiere hinweggenommen. Wenn nun der Bankier in Antwerpen kein ehrlicher, rechtschaffener Mann ist, so kann er läugnen, Gelder von meinem Manne in Verwahrung zu haben ... Mein Gott! die Kraft verläßt mich ... Prosper, wollen Sie über meine Tochter wachen, sie schützen, Elternstelle bei ihr vertreten? Ihnen, mein Freund, vertraue ich meine Pauline an ... Ach! ich verlange viel von Ihrer Freundschaft für uns ...« »Madame,« rief Prosper aus, »ich bin stolz auf das Vertrauen, welches Sie in mich setzen, und mein ganzes Leben soll dem Zwecke gewidmet sein, es zu verdienen! Ja, ich will für Ihre Tochter Sorge tragen und über sie wachen, wenn es das Schicksal verlangt ... aber Sie werden nicht sterben, Madame; o! nein, fassen Sie Muth, der Himmel wird Sie Ihrem Kinde erhalten.« Madame Derbrouck versuchte zu lächeln, zu antworten, aber was sie eben gesprochen, schien ihre wenigen Kräfte erschöpft zu haben. Ihre Augen schlossen sich, und einige Stunden lang schien sie einer sanften Ruhe zu genießen. Prosper hoffte, daß sich die Kranke nach ihrem Erwachen besser befinden werde, aber gegen Morgen ergriff ein heftiges Fieber Madame Derbrouck; als sie die Augen aufschlug, blickte sie verwirrt um sich, dann wollte sie sich aus dem Bett erheben und ans Fenster gehen, um zu sehen, ob ihr Mann zurückkomme, ob sie ihn nicht auf der Straße wahrnehme. Diesem Delirium folgte eine schreckliche Abspannung; nur von Zeit zu Zeit machte sie eine Bewegung, als ob sie ihr Kind nehmen wollte, sie glaubte es an ihrer Brust zu halten, und bildete sich ein, sie säuge es noch. Und mitunter murmelte sie die Romanze vom armen Jakob , weil sie da ihr Kind in den Schlaf zu wiegen glaubte. Aber gegen Abend hatte sich Fieber und Delirium gelegt, und bald darauf war die Unglückliche mit dem Gatten, den sie so sehr geliebt, vereint. Nachdem Prosper reichliche Thränen über das Schicksal dieser Frau geweint hatte, welcher das Loos eine so ruhige, heitere Zukunft zu versprechen schien, und die so jung und unglücklich sterben mußte, fragte er sich, was er noch länger in Passy machen sollte. Er bat Hermann, ihm ein Päckchen mit den notwendigsten Effekten für die kleine Pauline zusammen zu machen, und sagte, das Kind in seine Arme nehmend, zu dem alten Gärtner: »Ich nehme die Waise mit mir, die mir anvertraut worden! Von nun an muß ich sorgfältig über diese arme Kleine wachen. Sie ist erst ein, ich erst achtzehn Jahre alt. Ich bin etwas jung, um Vaterstelle bei ihr zu vertreten, aber das ist eins, ich hoffe, des Vertrauens werth zu sein, welches ihre Mutter in mich gesetzt hat ... Lebe wohl, mein guter Hermann.« Der Gärtner wollte Prosper zurückhalten und sagte: »Aber dieses Haus gehört Herrn Derbrouck, und Alles, was darin ist, ist das Erbtheil seiner Tochter.« – Nein, lieber Freund, Herr Derbrouck ist verurtheilt worden und seine Güter werden zum Voltheil der Nation verkauft. So geht man in unsern Tagen zu Werke. Aber sei nicht in Sorgen wegen dieser Waise ... so lange Prosper lebt, wird es der Tochter meiner Wohlthäter an nichts fehlen.« Und Prosper kehrte mit den Päckchen Effekten und dem Kinde in den Armen nach Paris zurück. Neuntes Kapitel. Die guten Leute Prosper kam, immer noch das kleine Mädchen im Arme haltend, in Paris an; ganz mit dem Kinde beschäftigt, bald fürchtend, es habe kalt, und es bedeckend, bald es wieder aufdeckend und mit ihm sprechend, es küssend und sich Mühe gebend, es zum Lachen zu bringen, hatte der arme Junge so viel zu thun, das Geschäft war ihm so neu, daß es ihm keine Zeit ließ, zu bedenken, was er, einmal in Paris angekommen, beginnen, und wie er sich und seiner kleinen Schutzbefohlenen ein Nachtlager verschaffen könne. Nach seiner Ankunft in Paris lenkte Prosper zuerst seine Schritte seiner frühern Wohnung zu; doch bald hielt er, sich an Goulard erinnernd, stille: denn dieser Mann konnte Beschwerde gegen ihn eingereicht haben; und durfte überdies das Kind des unglücklichen Derbroucks mit dem Elenden in einem Hause wohnen, der seine Eltern angeklagt hatte? »Nein,« sprach Prosper zu sich, »nein, ich will nicht mehr in dieses Haus zurückkehren! es ist mir jetzt verhaßt ... und meine kleine Pauline wäre dort nicht in Sicherheit! ... Ach! wenn ich wüßte, wo Maximus' Mutter, die gute Frau Bertholin ist! wie schnell würde ich ihr das theure, mir anvertraute Gut überbringen! sie hätte so treulich für die Kleine gesorgt! Ach! ich selbst, ich fühle es wohl, bin mit dem besten Willen nicht im Stande, dieses theure Kind aufzuziehen; es ist noch zu klein ... Eine Frau muß Mutterstelle bei ihm vertreten ... und zwar eine Frau, welche würdig ist, einen solchen Schatz zu bewahren! ... die für das Kind sorgt und es liebt, wie ich es liebe. Aber wo eine solche Frau finden? was anfangen? wo hingehen? Die liebe Kleine muß Hunger haben ... ich weiß nicht, was ich ihr geben soll ... Soll ich ihr ein Stückchen Kuchen, eine Bretzel kaufen? ... ach nein! sie würde daran ersticken ... O! ich bin grausam in Verlegenheit! ...« Damit ging Prosper weiter in den Straßen von Paris umher, hielt das Kind in seinen Armen, ließ es schaukeln, wenn es schrie, reichte ihm ein Stengelchen Gerstenzucker, den er gekauft hatte, und war überglücklich, als er die Kleine daran saugen sah. Die Vorübergehenden betrachteten diesen jungen, sonderbar gekleideten Mann, der einen Säbel an seinem Gürtel hängen, eine ungeheuere Mütze auf dem Kopfe hatte, und die Rolle einer Kindsmagd spielte. »Reich' ihm auch die Brust,« sagte der Eine. – »Halt es doch besser!« rief ihm ein Anderer zu. – »Ist's Dein kleines Brüderchen?« – »Wenn das sein Kind ist, so läßt das auf einen famosen Papa schließen.« – »Steck' es in Deine Kappe, es hat Platz darin, dann wird's nicht mehr schreien.« Prosper erwiderte nichts auf diese schlechten Witze, aber es fing ihn an, gewaltig zu jucken, und wenn er das Kind nicht auf den Armen gehabt hätte, so würde er Denjenigen, die sich solche unverschämte Bemerkungen gegen ihn erlaubten, mit schlagenden Witzen gedient haben. Der arme Junge hatte schon im Sinn, nach Melun zurückzukehren; aber wem sollte er dort wie in Paris die Waise anvertrauen? An seinem Freunde Durouleau durfte er nicht hoffen, eine zweite Mutter für dieses Kind zu finden. So lief Prosper immerfort planlos umher, indem er der Kleinen, so oft sie schrie, den Gerstenzucker reichte und dachte: »Unglücklicherweise kann man das Kind nicht bloß mit Gerstenzucker aufziehen! ... Ach! wenn nur Fräulein Camilla nicht so jung wäre! ... Doch, an was denke ich? dürfte ich es wagen, die Tochter eines Grafen mit der Aufziehung eines armen kleinen Mädchens zu belästigen? ... Und wenn es Fräulein von Trevilliers auch auf sich nehmen wollte, schwebt sie nicht selbst in tausend Gefahren? könnte man sie nicht auch verhaften? O! nein, nein, dort wäre die Tochter des unglücklichen Derbrouck nicht in Sicherheit ... Sackerlott! ich hätte gute Lust, zu einem Restaurateur hineinzugehen, und Brei für uns beide zu verlangen ... ich würde mit dem Kind essen.« In diesem Augenblicke befand sich Prosper in der Bärenstraße; beim Vorübergehen an einem Pelzladen fiel ihm eine höchst kokett gekleidete Frau mit weit ausgeschnittener Brust auf, die auf der Schwelle ihrer Thüre stand, wo sie sich mehr mit ihrer Toilette als mit ihrem Handel zu beschäftigen schien. Es war Euphrasia. Sie erkannte Prosper, lächelte ihm anmuthig zu und rief: »Ach, mein Gott! Bürger Prosper, was trägst Du denn da? Ei, das ist ja bei Gott ein Kind!« – Ja,« entgegnete Prosper, vor dem Laden stehen bleibend, »es ist ein Kind. – »Tritt doch ein und ruhe ein wenig aus! glaubst Du, das Haus falle Dir über dem Kopf zusammen?« Prosper verlangte es nicht besser. Er trat in den Pelzladen des Bürgers Picotin ein, über welchem der Schild mit dem tapfern sansculotten Kater angebracht war, setzte sich und sagte: »Da Du es erlaubst, Bürgerin, so will ich einen Augenblick ausruhen, denn ich bin ein wenig müde.« – Ich will's wohl glauben, wenn Du das Kind schon lange auf den Armen hast ... Was ist's denn? ein Knabe oder ein Mädchen? – »Ein Mädchen.« – Ei, laß es einmal sehen ... Ach! wie hübsch! Doch! .. ich meine, ich hätte es sonstwo schon gesehen ... Das ist aber kein Wunder, in diesem Alter gleichen sich die Kinder alle ... Ach! wie glücklich wäre ich, wenn es mir gehörte ... Aber mein Mann ist so ungeschickt ... Uebrigens komme ich allmählig auf den Gedanken, es sei nicht seine Schuld, ich selbst bin wahrscheinlich nicht gehörig organisirt, um Mutter zu werden ... Ach! die arme Kleine schreit ... muß man ihr Etwas geben?« – Ja, wenn Sie Milch hätten ... würde sie trinken. – »Ach! wenn ich Milch hätte, hätte ich auch ein Kind! aber die Kaufmännin gegenüber muß welche haben, denn sie kommt gar nicht aus den Kindbetten heraus, sie hat bereits sieben ganz kleine Kinder, worunter drei paar Zwillinge; ... man sieht nichts als Breilöffel und Klystierspritzen im ganzen Hause: wahre Familiengemälde! Ich will sie um Milch bitten.« Euphrasia ging fort und Prosper dachte: »Diese junge Frau hat ein gutes Herz: aber ich möchte ihr doch mein Kind nicht anvertrauen; sie ist zu leichtsinnig, zu kokett.« Das kleine Mädchen fing gerade wieder an zu weinen, und Prosper konnte nicht dazu gelangen, es zu beschwichtigen, als Picotin, mit einem Pack Felle beladen, in den Laden trat und ausrief: »Ich bin betrogen! schimpflich betrogen! .. Das sind Schaffelle, die man mir für weiße Bärenfelle verkauft hat! .. Der Teufels- Romulus schmiert mich auch jedesmal an.« Picotin warf seine Felle auf den Ladentisch; als er Prosper in einer Ecke seines Ladens sitzen sah, war er ganz erstaunt und schien nicht sehr erfreut über dessen Besuch. In diesem Augenblicke kam seine Frau mit einer Tasse Milch wieder zurück. »Hier bringe ich Etwas zur Beruhigung der Kleinen,« sagte Euphrasia, ohne zu thun, als ob sie die Anwesenheit ihres Mannes bemerke; »aber wie gibt man ihr zu trinken? ich verstehe es nicht.« – Sie nimmt's aus einem Löffel,« entgegnete Prosper. – »Gut, ich will einen Löffel holen ... Warte ein wenig, Bürger.« Picotin betrachtete nach einander seine Frau, Prosper und das Kind, und machte ein höchst einfältiges Gesicht; als endlich Euphrasia mit einem Löffel zurückgekehrt war und dem Kinde die Milch zu trinken gab, rief er aus: »Bürgerin, Frau, siehst Du nicht, daß ich da bin?« – Ei! o mein Gott, freilich, aber was sehe ich an Dir? ... Warum sagst Du dem Bürger Prosper nicht guten Tag? ... erkennst Du ihn nicht? .. Er ist ein Freund von Maximus Bertholin.« »Doch, doch, ich erkenne den Bürger, und erinnere mich sogar, daß er mir bei der ersten Aufführung von Epicharis und Nero im Theater der Republik auf dem Schooße saß.« »Nur halb!« versetzte Prosper, »ich war indeß an jenem Abend so außer mir ... Ich habe Dich vielleicht absichtslos beleidigt ... wenn Du jedoch Genugthuung verlangst, so stehe ich zu Deinem Befehl, Bürger.« Bei diesen Worten schlug Prosper auf seinen Säbelgriff; allein Picotin, der beim Klirren des Säbels bleich wurde und zitterte, suchte eine liebenswürdige Miene anzunehmen und entgegnete: »Warum nicht gar? Bürger! .. Habe ich gesagt, Du habest mich beleidigt? .. im Gegentheil, Du hast mir ein Vergnügen dadurch gemacht; unter Bekannten setzt man sich, wo Platz ist ... aufeinander, nebeneinander, untereinander ... Gleichheit, Brüderschaft oder den Tod! ... Geht's gut, Bürger?« – Ja ... ich danke Dir.« »Frau, Du weißt es noch nicht, Romulus hat mich wieder angeführt; er hat mir Schaf für weißen Bären verkauft.« – Ei! mein Gott, das wundert mich nicht! Du bist so dumm. Eines schönen Morgens wird man Dir Hasen- für Fuchspelze verkaufen.« »O! was das betrifft, so hat es keine Gefahr; ich verstehe mich zu gut auf die Hasen ... und habe in Betreff des feinen Gehörs selbst etwas von einem Hasen an mir.« – Ja, und auch in Betreff seiner Läufe, aber in Betreff seiner andern lobenswerthen Eigenschaften stehst Du ihm sehr nach!« sagte Euphrasia achselzuckend. »Ei aber, Bürger Prosper, was ist denn das für ein Murmelthier, das Du da auf den Armen hast?« fragte Picotin nach einer Pause. – »Das ist ... das ist ein Kind,« erwiderte Prosper, »welches ich sehr lieb habe. – »Es scheint so.« »Sie ist allerliebst, diese Kleine!« rief Euphrasia aus. »Ach! mein armer Picotin, schämst Du Dich nicht, mir nicht schon etwas Aehnliches gemacht zu haben?« – Und schämst Du Dich nicht, immer dasselbe Geschwätz zu führen,« sagte Picotin zornig und mit dem Fuße stampfend, »wahrhaftig, wenn es meiner Frau nachginge, so würde mir der Sinn nach nichts als Kindereien stehen ... und wenn man das ganze Jahr nur für den Pelz lebt, wie ich, hat man ohnedies genug zu thun ... Um aber wieder auf das Kind zurückzukommen, Bürger ... Ist es mit Dir nur verwandt ... oder wäre es vielleicht gar schon ... nun! nun! ... das würde mich nicht wundern; Du bist ein Bursche, der schon viele lustige Streiche gemacht hat ...« Prosper blickte mißlaunig nach Picotin und brummte: »Ei, was geht's Dich an! muß ich Dir Rechenschaft geben?« – Nein, sicher nicht, Du bist vollkommen frei. Es lebe die Freiheit! ... Ich sagte das ohne Arg. Apropos, Euphrasia, ich bin eben Poupardot begegnet, der ist vergnügt; seine Frau ist endlich einmal ...« »Seine Frau ist endlich einmal! was ist sie? Du drückst Dich stets unvollkommen aus?« – Nun, beim Kuckuk,. seine Frau ist ... schwanger ... das kann man doch errathen, das versteht sich ja von selbst. – »Ach! bei mir nicht! ... o! sie ist glücklich.« – Das kommt auf Ansichten an. Mich z. B. in meinem Pelzgeschäfte würde es sehr geniren, wenn ich neben einem Packe Fuchs-, wollte sagen Hasenfelle, auf dem Rücken auch noch ein Kind im Bauch herumschleppen müßte. – »Pelz und immer Pelz! kennst Du denn nichts höheres als eine Pudelmütze und einen Muff! Wahrlich, Du bist pelzicht , wo man Dich anrührt!« – Du sprichst in sehr derben Bildern, Bürgerin. – »Kann ich anders bei einem Manne, der beständig den Pelz waschen will, ohne ihn naß zu machen .« Prosper schenkte dem Gespräche der beiden Gatten keine große Aufmerksamkeit; der Name Poupardot hatte ihn frappirt, als daher Picotin zu sprechen aufgehört hatte, fragte er: »Nicht wahr, Bürger, das Ehepaar Poupardot lebt gut miteinander?« »Sie führen eine musterhafte Ehe, ihr einziges Geschäft besteht darin, sich zu schnäbeln wie ein Paar Turteltauben! ...« – Ja,« versetzte Euphrasia höhnisch, »sie sollten eigentlich in einem Neste auf einem Baume wohnen.« »Möchtest Du mir sagen, wo sie wohnen?« fragte Prosper weiter. – »Ach! ja ... wo sie ihr Nest haben, wie meine Frau sagt; nun, ihr Nest ist ziemlich geräumig, nicht weit von hier ... vorn in der Vorstadt Denis Numero sieben, oder acht, oder dreißig, in einem Hause, vor welchem meist ein Dreckhaufen liegt.« »Schon gut,« sagte Prosper aufstehend; »und nun, Bürgerin, empfange meinen Dank für die Sorgfalt, die Du diesem Kinde gewidmet hast.« – Wie, gehst Du so schnell wieder?« fragte Euphrasia den jungen Mann mit der anlockendsten Miene. »Ja, Bürgerin.« – Ach! das ist nicht Recht! Du hättest mit uns zu Mittag essen sollen; das hätte mir ein großes Vergnügen gemacht, und meinem Manne auch, nicht wahr, Picotin? – »Natürlich, das wäre mir äußerst angenehm gewesen!« versetzte Picotin, indem er eine ellenlange Nase machte. »Ich erkenne eure Gefälligkeit mit Dank,« erwiderte Prosper, »aber ich kann nicht bleiben.« – Du kommst aber doch hoffentlich ein ander Mal wieder, Du weißt jetzt das Haus? – »Und außerdem ist der tapfere sansculotte Kater überall bekannt,« sagte Picotin. »Sobald ich Zeit habe, besuche ich euch wieder. Ich werde Deinen freundlichen Empfang nicht vergessen, Bürgerin. Adieu, Bürger Picotin, ich wünsche Dir wohl zu leben.« – Oder den Tod!« brummte Picotin, sich vor Prosper, den er mit Freuden aus dem Hause hinausgehen sah, bis auf den Boden verbeugend. Prosper schlug, immer mit dem Kinde auf dem Arm, den Weg zum Thore Saint-Denis ein, welches man damals nur, schlecht weg Denis-Thor nannte, weil alle Heiligen unter die verbotenen Artikel gehörten, und weil man im Reiche der Freiheit nicht nach seiner Façon selig werden konnte. Der junge Mann fand bald Poupardots Wohnung; er ging bebend hinauf, denn er war sehr ergriffen und fürchtete, seine Hoffnung vereitelt zu sehen; ein Dienstmädchen machte ihm auf und führte ihn in das Wohnzimmer, wo die beiden Gatten beisammen waren. Prospers Anzug machte einen sonderbaren Eindruck. Er trug keine entblößte Brust, sah aber demungeachtet dem Räuberhauptmann Robert bedeutend ähnlich; bei seinem Anblick wurde es Poupardots Frau unwohl, sie fing an zu zittern, faßte jedoch wieder Muth, als sie das kleine Wesen auf seinem Arme bemerkte. Poupardot hatte Prosper unverzüglich erkannt, er reichte ihm die Hand und rief ihm zu: »Das ist der Bürger Prosper Bressange, den ich vor ungefähr drei Wochen im Theater der Republik traf ... Guten Tag, Bürger, es ist recht schön von Dir, daß Du uns besuchst ... Elisa, Du mußt den Bürger kennen ... wir haben ihn bei Maximus gesehen.« »Ja, jetzt erinnere ich mich wieder seiner, obwohl ihm diese große Mütze ein sehr verändertes Aussehen gibt.« »Bist Du nicht mehr in einer Druckerei, Bürger?« fragte Poupardot, »ich meine, das war sonst Dein Geschäft.« – Allerdings,« entgegnete Prosper, »aber ich habe es aufgegeben ... Wir leben jetzt in einer Zeit, wo uns Handeln mehr vorwärts bringt als Arbeiten.« »Du hast Recht ... Ja! wir schreiten vorwärts! wir werden aufgeklärt! es geht gut, ganz gut! ... nur einige Mißgriffe ausgenommen.« Dabei rieb sich Poupardot mit freudiger Miene die Hände, während seine Frau Prosper einen Stuhl anbot und zu ihm sagte: »Setz Dich doch, Bürger! ... Mein Gott! welch' hübsches Kind hast Du auf dem Arme! Es ist aber noch gar zu jung, um der Obhut eines Mannes anvertraut zu werden! ...« »Nicht wahr, Bürgerin, diese Kleine ist schon recht interessant?« – O! ja ... Und ich liebe die Kinder über die Maßen! ...« »Wir werden bald eines bekommen!« versetzte Poupardot selbstvergnügt. »Sieh, Bürger, man sieht's schon deutlich.« »Still! still!« sagte die junge Frau erröthend. »Spricht man auch über solche Dinge!« – Ei! warum nicht! Zwischen Mann und Frau ... ist's erlaubt, es ist uns sogar durch die heilige Schrift anempfohlen, worin es heißt: Wachset und vermehret euch.« »Ach! ich wollte, mein Kind wäre schon so groß wie diese hübsche Kleine da! ... Wie alt ist sie, Bürger?« – Ein Jahr. – »Ein Jahr ... Sieh doch, Poupardot, wie frisch und rosig sie ist ... Willst Du mir sie ein wenig geben, Bürger?« Statt aller Antwort reichte Prosper der jungen Frau das Kind hin, diese küßte es herzlich und rief aus: »Es lächelt mich an, das liebe Kind! ... Ach! wie glücklich muß seine Mutter sein! ... Obwohl ich aber nicht an dem Antheil zweifle, den Du an der Kleinen nimmst, muß ich Dir doch gestehen, Bürger, daß, wenn ich ihre Mutter wäre, ich sie Niemand anvertrauen würde.« »Ihre Mutter!« flüsterte Prosper mit zu Boden gehefteten Blicken, »ihre Mutter! ... ach! das arme Kind hat keine Mutter mehr! sie ist eine Waise ... Ihr Vater fiel als ein Opfer der Revolution. Sie hat keine Eltern und kein Vermögen mehr ... Sie hat nur mich als Stütze auf der Welt! mich ... der nicht einmal weiß, wie er ihr zu essen geben soll!« Poupardot schien erstaunt und ergriffen, seine Frau bedeckte das Kind, das sie in den Armen hielt, mit Thränen und stammelte: »Arme Kleine! ... keine Eltern mehr! Was soll aber aus ihr werden! Du bist zu jung, Bürger, um dem Kind alle für sein Alter erforderliche Sorge zu widmen! Du wärest es überhaupt nicht im Stande!« »In der That,« entgegnete Prosper traurig, »fühle ich wohl, daß mein bester Wille nicht zureichen würde. Auch habe ich deßhalb an Maximus' Mutter ... an die gute Frau Bertholin gedacht ... und wollte ihr das Kind bringen; aber sie hat sich mit ihrem Sohn aus Paris entfernt, und man weiß nicht, wohin sie sich gewendet haben.« Während Prosper's Erzählung drückte die junge Frau das Kind an ihr Herz, küßte es zärtlich, blickte nach ihrem Manne hin, und schien ihn mit ihren Augen zu demselben Gedanken, den sie hatte, aufzumuntern. Endlich konnte sie nicht mehr an sich halten und rief aus: »O! Bürger, wenn Du mir das kleine Mädchen anvertrauen wolltest, ich würde treulich für sie sorgen! Mutterstelle an ihr vertreten ... Das Kind, worauf ich hoffe, wird mich nicht an der Liebe zu diesem verhindern, sondern im Gegentheil! ... Sie werden mit einander spielen ... und immer um mich sein! bis der glückliche Zeitpunkt eintritt, werde ich all meine Sorgfalt auf diese Kleine wenden, und mich so in meinen Beruf als Mutter einüben, und dann weniger unerfahren mit dem Kinde sein, welches mir der Himmel zusendet ... Nicht wahr, Poupardot, Du wünschest auch, daß wir diese hübsche Kleine behalten? Versichere doch den Bürger, daß wir alle Sorge für sie tragen werden.« Poupardot sprach nichts; er schien durch den Vorschlag seiner Frau allzu gerührt, Thränen traten ihm in die Augen; nach einer Weile faßte er sie beim Kopf, küßte sie vielmals, wendete sich dann gegen Prosper und sagte: »Nicht wahr, ich habe eine gute Frau, hm?« – Daran hatte ich nie gezweifelt,« entgegnete Prosper mit Rührung. »Du willst diese Kleine behalten ... Nun, so soll sie da bleiben ... Mir ist's recht ... deßhalb können wir unsere eigenen Kinder doch lieben und gut erziehen! ... Ich bin ja in guten Umständen ... ich habe ja Vermögen! Man hat mir mein Haus in Assignaten bezahlt ... sie verlieren zwar gegenwärtig alle Tage an ihrem Werthe, die Assignaten ... Allein sie werden auch wieder steigen! Staatspapiere haben ja sonst nichts zu thun! ... Und dann wird Alles gut gehen ... Also wir behalten das Kind ... es ist ausgemacht.« »Diese Kleine wurde mir von ihrer sterbenden Mutter anvertraut,« sagte Prosper. »Ich gebe sie mit Freuden in Ihre Hände; aber unter der Bedingung, daß Sie mir sie zurückgeben, sobald ich sie wieder verlange.« »Du sollst immer die Rechte eines Vaters an sie haben,« entgegnete Elisa; »aber ich denke, daß Du mit der Zurücknahme warten wirst, bis sie gehen und sprechen kann ... Sei ruhig, ich werde ihr auch die Liebe zu Dir einpflanzen ... Ich bin überzeugt, sie bekommt ein gutes Herz! ...« »Suche sie Dir ähnlich zu machen!« rief Prosper aus, indem er Elisa's Hand ergriff, »das wird ihr schönstes Lob sein ... Ach! Bürgerin, wie viel Dank bin ich Dir schuldig ... denn ich gestehe Dir, ich war sehr in Verlegenheit, was ich mit diesem Kinde anfangen sollte! ...« »An uns ist es, Dir zu danken, daß Du an uns gedacht und zu uns gekommen bist ... Ei, wie heißt die Kleine?« – Pauline.« »Pauline ... Und mit ihrem Familiennamen?« fragte Poupardot. Aber Elisa blickte mit unzufriedener Miene nach ihrem Mann und sprach zu ihm: »Lieber Freund! Deine Frage ist vielleicht indiscret ... Was geht uns der Name der Eltern ... der Familie dieses Kindes an! Müssen wir ihn wissen, um es zu lieben, um für es zu sorgen? Wenn er ein Geheimniß ist, Bürger Prosper, so verschweig' ihn ... Die Kleine heißt Pauline, das genügt uns!« Poupardot schien etwas beschämt über die Lektion, die ihm seine Frau gab, und doch war seine Neugierde sehr natürlich. Prosper beeilte sich, dieselbe zu befriedigen und begann: »Es ist kein Geheimniß dabei, wenigstens für Euch nicht, die Ihr Euch mit der Erziehung der Waise befassen wollt, was ich ja selbst noch nicht im Stande wäre. Das kleine Mädchen ist das einzige Kind des holländischen Bankiers Derbrouck, der mit Maximus und mir in einem Hause wohnte ... Dieser Mann hatte mir mehrmals große Dienste geleistet; er war voll Güte gegen mich, und ich allein habe seine Wohlthaten nicht vergessen! Ach! der Himmel hat mich dafür belohnt, indem mir Madame Derbrouck ihr Kind anvertraut hat.« »Derbrouck! ... dessen erinnere ich mich!« sagte Poupardot, »ich hatte einige Male mit ihm zu thun ... Effekten, die ich umsetzen wollte ... Es war ein Mann, dessen Anblick allein schon Achtung und Verehrung einflößte ... Und er wurde hingerichtet?« »Er kannte Hebert, und das hat ihn compromittirt und zu Grunde gerichtet.« »Und Du findest das Alles gut, Poupardot!« rief die junge Frau mit gen Himmel gerichteten Blicken aus. »Goulard ... der Portier des Bürgers Derbrouck ... ein Elender! hat den Bankier angegeben. Er hatte auch dessen Frau angegeben; aber sie ist diesen Morgen, mit einem Rufe nach ihrem Gatten, verschieden! Goulard! ... dieses Ungeheuer? scheint ganz erbittert gegen diese Familie, von der er doch nur Wohlthaten empfangen hat.« »So lange die Kleine bei uns ist,« versetzte Elisa, »hast Du nichts für sie zu fürchten.« – Zudem kannst Du sie ja öfters besuchen ... so oft Du willst ... Du weißt, daß Du uns immer angenehm bist,« sagte Poupardot, dem jungen Mann die Hand schüttelnd. »Ich danke Dir,« entgegnete Prosper; »aber ich weiß nicht recht, was mir Alles bevorstehen wird ... Es liegt mir noch Jemand am Herzen, für den ich sorgen möchte; diese Person wohnt jedoch nicht in Paris ... und heute noch werde ich die Stadt verlassen.« »In jedem Fall, Bürger, damit Du weißt, wo Du uns finden, oder uns schreiben kannst, um Nachrichten über das Kind zu erhalten, künde ich Dir zum Voraus an, daß wir gleichfalls Paris verlassen werden; meine Frau und ich haben uns entschlossen, das Landhaus zu bewohnen, welches ich in der Nähe von Clichy besitze; dort werden wir ruhiger leben, sofern man uns nicht stört ... und können unser Kind ... oder jetzt vielmehr unsere Kinder, besser erziehen. Allein Clichy ist nicht ferne, es liegt vor den Thoren von Paris.« – Ich kenne den Ort und hoffe Euch bald dort zu besuchen. Nun dieser Kleinen noch einen Kuß, Euch beiden einen Händedruck, und dann Adieu. – »Was! jetzt schon ... Du gehst so bald wieder ... bleibst nicht bei uns zu Tische? ...« »Nein, ich wiederhole Euch, es drängt mich, Nachrichten über eine andere Person einzuziehen ... Lebet wohl, meine guten Freunde; Ihr erlaubt mir doch, Euch so zu nennen, nicht wahr?« »Und ich verlange sogar, daß Du mich küssest und meine Frau auch; sieh, ich kenne Dich noch nicht lange, aber ich betrachte Dich schon wie einen Bruder, abgerechnet den Namen.« Prosper schloß Poupardot und dessen Frau in seine Arme, empfahl ihnen Paulinen noch einmal, küßte die Kleine abermals und entfernte sich, dem Himmel dankend, daß er ihm den guten Gedanken eingegeben hatte, die Waise zu diesen guten Leuten zu thun. Zehntes Kapitel. Die zwei Nächte »Und nun,« dachte Prosper, »da ich über das Schicksal des mir anvertrauten Kindes beruhigt bin, ist es mir erlaubt, auch an mich, das heißt, an meine Liebe zu Camilla zu denken. Seit meiner sechswöchentlichen Abwesenheit von Melun kann ihr ein Unglück zugestoßen sein; ich habe Durouleau den Auftrag gegeben, über sie zu wachen, aber es fragt sich, ob der Exbrauer, der mir im Grunde kein böser Mann zu sein scheint, immer Meister über den Eifer der ihn umgebenden Patrioten blieb! ... Wer weiß, ob seine Freundschaft für mich nicht kühler geworden ist! gleichviel, ich will wieder zu ihm gehen. Ich kann ihm sein Pferd zwar nicht wieder zurückbringen, weil es todt ist, aber ich sage, es sei im Dienste der Republik krepirt.« Prosper hatte kein Geld mehr in der Tasche, aber er war kräftig, muthig und erst achtzehn Jahre alt: ein Alter, wo man keine Hindernisse kennt. Er machte sich um drei Uhr Mittags auf den Weg und langte Abends zehn Uhr in Melun an. Er hatte zu Fuß elf Stunden in sieben zurückgelegt und fühlte sich nicht müde, weil er verliebt war und auf dem ganzen Wege an Camilla dachte. Denen, welche an der Schnelligkeit dieses Marsches zweifeln, möchte ich zurufen: Ihr seid nie verliebt oder eifersüchtig gewesen! Ihr habt nie eine Geliebte überraschen oder belauern, nie unverhofft bei ihr eintreffen wollen? Denn sonst würdet ihr wissen, daß man in solchen Fällen nicht geht, sondern fliegt. Prosper klopfte an Durouleau's Hausthüre; Jeannette, das junge Dienstmädchen, machte ihm auf und stieß einen Freudenschrei aus, als sie ihn erkannte; denn Jeannette fühlte viel Freundschaft für den Schützling ihres Herrn und sie war ein großes, hübsches Mädchen, deren schwarze und sanfte Augen Alles ausdrückten, was in ihrem Herzen vorging. »Ach! unser Herr wird froh sein, Dich wieder zu sehen, Bürger Prosper, er sehnt sich recht nach Dir ... Alle Tage sagt er: ist mein junger Freund Rothhose wohl an den Missi ... Missi ... ach! mein Gott, ich weiß nicht mehr recht ... ach ja! pipi, an den Missipipi geflohen?« »Nein, Jeannette, hier bin ich,« entgegnete Prosper, das junge Mädchen anlächelnd, welches immer so erfreut war, ihn zu sehen; »aber Dein Herr ist vielleicht schon schlafen gegangen?« »Nein, Bürger, mein Herr hat, seit Du fort bist, einen heftigen Gichtanfall gehabt; erst seit acht Tagen geht es wieder besser, und heute Abend hat er, als er wieder nach Hause kam, ein Nachtessen verlangt. Er hat sich eben in seinem Zimmer an den Tisch gesetzt; Du kommst gerade recht, um ihm Gesellschaft zu leisten.« »Meiner Treu! das wird mich nicht schwer ankommen, denn ich sterbe vor Hunger.« Prosper wartete nicht lange, bis ihm Jeannette leuchtete, er eilte die Treppe, immer zwei Stufen überspringend, hinauf und fand Durouleau vor einem gut versehenen Tische, wie er eben ein Rebhuhn mit Trüffeln tranchirte. »Guten Appetit!« rief Prosper, seinem Freunde die Hand hinstreckend. »Ach! Du bist es, mein braver Rothhose!« rief der dicke Durouleau aus, indem er entzückt die Hand seines Freundes drückte. »Ich bin glücklich, Dich wiederzusehen; seit Deiner Entfernung ging's nicht mehr gut: gar kein Appetit; das verfluchte Podagra packte mich am Beine; der Arzt hat mich auf Wasser gesetzt! schöne Lebensweise! Doch jetzt geht's etwas besser, und nun bist Du da; nun wollen wir unsere heitern Mahlzeiten wieder beginnen ... Schnell, schnell setze Dich her ...« Prosper verlangte nicht mehr als Ruhe und Stärkung. Jeannette brachte ein Gedeck, Durouleau ließ Volney und Champagner auftragen. »Ich glaubte, es sei Dir befohlen, nur Wasser zu trinken,« sagte Prosper, als er den Gichtleidenden sich Champagner bis zum Rande des Glases einschenken sah. »Befohlen ja, aber ich gehorche nicht ... sobald es besser geht, spotte ich über alle Rezepte ... Der Arzt hat mir auch gesagt, ich soll nichts als Kartoffeln essen, deßhalb stopfe ich mich mit Trüffeln voll ... Ach! meiner Treu, mein Junge, wenn man sechzig Jahre alt ist, meine ich, soll man sich nichts mehr versagen; man hat nicht mehr zu viel Zeit, um sich gütlich zu thun ... Nun, nun! Deine Gesundheit Prosper. Ach! wenn Du wüßtest, wie froh ich bin. Dich wiederzusehen, wie ungeduldig ich Dich erwartete ...« »Danke! danke! alter Römer,« entgegnete Prosper, noch einmal seines Freundes Hand drückend. »Auch ich habe mich nach Dir gesehnt, denn ich habe vielerlei Fragen an Dich zu stellen.« »Vor allen Dingen wollen wir essen und trinken.« – O! nein, gib mir sogleich Antwort! Camilla ... die Tochter des Grafen von Trevilliers? – »Sei ruhig. Du wirst sie sehen! sie ist unverletzt!« –Es ist ihr Nichts geschehen! Gottlob! ich athme wieder auf.–»Nichts geschehen! das ist eine andere Frage,« sagte Durouleau, eine Pastete anschneidend.– »Wie? ist ihr etwas geschehen? war sie Gefahren ausgesetzt? Du hattest Dich mit Deinem Kopfe für dieses junge Mädchen bei mir verbürgt.«– Ei, Sapperment! ich weiß es wohl. Ich habe Dir gelobt. Du sollest bei Deiner Rückkehr noch Herr ihres Schicksals sein, und ich habe meinen Eid gehalten. Aber laß uns zu Nacht essen; wir haben noch lange Zeit, über Geschäfte zu sprechen ... Deine Gesundheit!« Prosper that Durouleau zu gefallen seiner Neugierde Gewalt an; überdies empfand er selbst einen Appetit, der sich nicht gut mit einer langen Besprechung vertragen hätte. Aber nachdem er drei Viertel von der Pastete hatte verschwinden lassen und Schlag auf Schlag mehrere Flaschen geleert hatte, sah er seinen Wirth an und sprach: »Hoffentlich wirst Du jetzt sprechen?« »Ja, ja! wir haben es uns ordentlich schmecken lassen ... Ja, ich erkenne Dich wieder. Du bist immer der Mann auf dem Platze. Du wirst Dich übrigens wundern, mich so allein bei Tische gefunden zu haben, da doch sonst immer die Freunde, die Getreuen daran Theil nahmen.« »Wahrhaftig ... haben sie Dich verlassen? ... Das klingt eben nicht wahrscheinlich, man speist zu gut bei Dir.« »Benedikt, der Gewürzkrämer, ist einer Erbschaft wegen verreist; Ducroquet hat sich mit einem seiner intimsten Freunde geprügelt, der ihm das Schlüsselbein einschlug, und mußte längere Zeit das Bett hüten. Cornelius Ducornard ist nach Paris gegangen, um Robespierre das Werk anzutragen, welches er über die Notwendigkeit, in Frankreich nur lateinisch zu sprechen, damit man den Römern ähnlicher werde, geschrieben hat. Ich gestehe Dir, daß es mich bedeutend geniren würde, wenn man seine Motion annähme, obgleich Cornelius mich versichert hat, er werde mir so viel Küchenlatein, als man ins Haus braucht, schon eintrichtern.« – Weiter? – »Was Trappeur anbetrifft, so ist das ein Duckmäuser, dem ich die Thüre gewiesen habe; doch das hängt mit der Tochter des Emigranten zusammen.« – Ach! sprich, sprich, ich bitte Dich. – »Deine Gesundheit! ... Ich fange schon an. Nun, so wisse denn, daß Trappeur, einige Zeit nach Deiner Entfernung, von Dir zu sprechen anfing; sich beleidigende Aeußerungen über Dich erlaubte.« »Was sagte er? Erkläre Dich, ich verlange es.« »Zuerst behauptete er, Du habest uns daran gekriegt; Du seiest kein Abgesandter von Paris; kurz, Du seiest ein falscher Sansculotte. Ich und die Andern haben Deine Partei genommen, ich besonders ... Ich erinnerte sie an jenen Abend, wo Du den Freiheitsbaum wieder aufgepflanzt hast, und stand für Deine Grundsätze und Deinen Bürgersinn ein; als Trappeur nun merkte, daß ich nicht seiner Ansicht war, fing er an, von der Tochter des Grafen von Trevilliers zu sprechen, von der Du sagtest, Du seiest beauftragt, sie zu beaufsichtigen; hierauf schlug er vor, da Du sie nicht mehr beaufsichtigtest, müsse man sie aus Gründen der Vorsicht einsperren. Diese Maßregel wollte ich bekämpfen, da schimpfte er mich einen Gemäßigten, einen Weichling, einen Freund der Adeligen! Darauf warf ich ihm eine Flasche an den Kopf, die unglücklicherweise nur seinen Hut traf. Du kannst Dir vorstellen, daß er sich seitdem nicht mehr bei mir sehen ließ; aber um sich zu rächen und Dir einen Streich zu spielen, hat er die Tochter des Emigranten angegeben. Zum Glück habe ich überall Freunde ... Citron, der Perrückenmacher, hat mich in Zeiten hievon unterrichtet; da bin ich selbst zu der kleinen Aristokratin gegangen und habe ihr gesagt, ich käme von Dir aus, man wolle sie verhaften, sie müsse sich retten und sich sogleich verbergen. Die Kleine folgte mir ohne Zögern und ich habe sie an einem Orte versteckt, wo, ich stehe Dir dafür, sie Niemand suchen wird.« Prosper stand vom Tische auf, um sich Durouleau an den Hals zu stürzen, indem er ausrief: »Du bist ein braver Mann, Du hast Camilla gerettet! ... Du begreifst gar nicht, welchen Dienst Du mir geleistet hast! Ich verdanke Dir das Leben.« »Ja ... ich habe Deine Camilla gerettet ... ich hatte Dir versprochen, Du könnest bei Deiner Rückkehr noch über sie verfügen; ich habe mein Wort gehalten. Ob ich dadurch, daß ich die Verhaftung dieser jungen Aristokratin verhinderte, mich wohl um die Republik verdient gemacht habe, weiß ich nicht recht ... denn, höre, unter uns gesagt ... wenn Du verlangst, daß ich frei von der Brust sprechen soll, so muß ich Dir gestehen, daß ich zu glauben anfange, Du habest in der That, als Du das junge Mädchen unaufhörlich beobachtetest, dies im eigenen Interesse und nicht im Dienste der Regierung gethan ... kurz, ich bin der Meinung, Du seiest in Camilla verliebt ... Hm! ist es so?« – Ja ... ja, ich liebe sie, ich bete sie an! Ich will Dir's nicht mehr verbergen ... Aber könntest Du wirklich glauben, Durouleau, die Verhaftung dieses jungen Mädchens sei zur Sicherheit Deines Vaterlandes nöthig? ... Nein, nein, gib kein solchen Dummheiten Gehör ... Denkt man in Camilla's Alter an Verschwörungen? ... Glaub' mir, durch die Rettung derselben hast Du ein gutes Werk vollbracht, welches Du keinen Grund zu bereuen haben wirst.« »O! ich bereue nie etwas ... Abgesehen davon, wiederhole ich Dir, daß ich Dich lieb gewonnen ... Du hast die kleine Vormalige verlangt ... ich habe sie Dir aufbewahrt ... Jetzt aber laß uns trinken!« – Sage mir noch ... wo sie ist? – »Sei unbesorgt ... ich stehe Dir dafür, sie ist ganz in Sicherheit, und es geht ihr durchaus nichts ab.« »Kann ich sie morgen sehen?« – So lange Du willst. – »Ist ihre Gouvernante bei ihr?« – Die Gouvernante! ach! warum nicht gar, nein; ich habe das junge Mädchen verborgen, das ist schon genug; aber ich verberge keine Gouvernanten ...« »Und seit wie lange hat sich Camilla aus ihrem Hause geflüchtet?« – Seit fünf Tagen. – »Erst seit fünf Tagen ... Man hat ohne Zweifel Nachsuchungen nach ihr angestellt?« »Ah! das will ich meinen: Trappeur war wie wüthend, als er merkte, daß ihm die Kleine entwischt war ... er ist vielleicht auch in sie verliebt ...« »Und ihren Zufluchtsort hat man nicht entdeckt?« – O! nein. Ich sage Dir noch einmal, es ist nichts zu fürchten ... Aber nun trink und iß ... Du bist hoffentlich zufrieden? – »O! gewiß ... ich weiß nicht wie ich Dir meine Erkenntlichkeit beweisen soll ...« – Indem Du mit mir anstößest! – »O! so oft Du willst!« – Nun, so laß ich mir's gefallen.« Man leerte noch eine weitere Flasche Champagner; Prosper war entzückt über seinen Wirth, und dieser, der auch höchst zufrieden mit ihm schien, lächelte oder schüttelte auf eine ganz besondere Weise den Kopf, so oft er nach seinem jungen Freunde hinblickte. »Ei! und mein Pferd,« fragte Durouleau, »warst Du zufrieden mit ihm?« – Wahrscheinlich besser, als es mit mir ... Ich habe es leider nicht zurückbringen können ... denn es ist in Passy krepirt.« »Das ist ein sehr einleuchtender Grund! mach' Dir deßhalb auch keine Sorgen, und wenn es Dich wieder gelüstet, ein wenig in der Welt herumzureiten, so kann ich Dir noch mit anderen Pferden aufwarten.« – Meinen Dank, alter Römer; wahrhaftig, Du zeigst eine Freigebigkeit gegen mich ... womit habe ich sie verdient?« »Meiner Treu, wenn Du mich dies auf's Gewissen fragtest so wäre ich in Verlegenheit, was ich Dir antworten sollte ... aber ich war allein ... ich habe keine Verwandten, keine Kinder ... ich langweilte mich in meinem großen Hause ... und wußte nicht, obgleich es mit Möbeln überfüllt ist, was ich darin thun sollte. Seit Du bei mir eingezogen bist, habe ich mich unterhalb ten ... Du hast Leben und Bewegung in mein Haus gebracht und ich möchte Dich immer bei mir behalten ... Deine Gesundheit!« Während die beiden Tischgenossen noch bei ihren Gläsern saßen, hörte man zwei Uhr schlagen. »Teufel! es ist schon spät in der Nacht,« sagte Durouleau; »aber wenn man bei Tische schwatzt, vergeht die Zeit schnell. Du wirst müde sein mein Junge, Du mußt schlafen gehen.« – Gerne. Aber morgen, sobald ich auf bin, will ich Camilla besuchen ...« »Beruhige Dich ... ich sage Dir ... morgen wirst Du zufrieden sein, ha, ha, ha!« – Warum lachst Du so, wenn Du mich ansiehst? – »Ach, es fährt mir ein Gedanke durch den Kopf ...Darf ich denn aber nicht lachen, wenn ich mit mir zufrieden bin ... Geh, lege Dich schlafen; Du weißt, wo Dein Zimmer ist? ...« – Gewiß ... – »Warte, warte ... ich will Dir den Schlüssel geben ...« – Hattest Du denn mein Zimmer abgeschlossen? ... – »Ja, Niemand als ich durfte hinein ... Hattest Du nicht ein kleines Päckchen darin liegen lassen? ...« – Ach! ja ... Meiner Treu, ich dachte nicht mehr daran! es enthält den Rest von meines Pathen Erbschaft. – »Ich weiß nicht, was es enthält, allein ich stehe Dir dafür, daß nichts angerührt worden ist ... Hier ist Dein Zimmerschlüssel! ... gute Nacht.« – Schlafe wohl, Durouleau.« »Du auch, mein wackerer Rothhose ... ha, ha, gute Nacht. Ach! höre ... mach' kein Geräusch wenn Du zu Bette gehst ... denn Alles im Hause schläft schon, und es ist unnöthig, die Leute aufzuwecken.« – Ganz recht ... o! ich werde bald in meiner Ruhe sein, ich stehe Dir dafür. Gute Nacht.« Durouleau lachte abermals, indem er Prosper die Hand schüttelte, und dieser nahm, von den öftern Gesundheiten etwas benebelt, ein Licht und verließ das Zimmer seines Wirthes. Die Zimmer, welche Prosper in dem geräumigen Hause des ehemaligen Brauers bewohnte, befanden sich im zweiten Stockwerke; sie bestanden aus einem kleinen Vorzimmer und einem großen Schlafgemach mit einem tiefen Alkov, der mit ungeheuren Damast-Vorhängen verhängt war. Dieses Zimmer war mit Möbeln aller Art dergestalt angefüllt, daß man sich kaum darin umkehren konnte. Prosper schloß die Thüre des Vorzimmers auf, ging dann vorsichtig weiter, um sich nicht an eines der vielen Möbeln zu stoßen, und während er sich seine Gedanken über die sonderbare Anempfehlung Durouleau's machte, welcher so besorgt war, man könnte seine Dienerschaft im Schlaf stören, trat er ganz leise auf. Nachdem der junge Mann sein Licht auf das erste beste Möbel gestellt hatte, kleidete er sich eilends aus; das war bald geschehen, dann löschte er die Kerze und tappte im Finstern nach dem Alkov. Er hatte sein Bett bald gefunden und wollte gerade in dasselbe schlüpfen. Aber in demselben Augenblicke drang ein Schrei zu seinen Ohren; es lag Jemand neben ihm ... Er breitete seine Arme aus, es war ein Frauenzimmer. »Wie! Sie sind es, Jeannette!« flüsterte Prosper, das junge Mädchen küssend. – »Nein, nein ... es ist nicht Jeannette,« wiederholte dieselbe Stimme. »O! das ist schändlich! ... abscheulich!..« »Camilla ... Camilla ist es! ...« rief Prosper trunken vor Freude und Liebe aus. – »Ja, es ist Camilla ... die Sie flehend bittet, sie zu schonen ...« Allein es war schon zu spät, als daß Prosper den Bitten des jungen Mädchens hätte Gehör schenken können; wenn es Augenblicke gibt, wo die Leidenschaft stärker ist als die Vernunft, so muß dies besonders in der Lage der Fall sein, in welcher sich unser junger Verliebter befand; wenige Männer gleichen dem heiligen Robert von Abrissel . Es gibt Versuchungen, bei welchen man sehr von der Natur vernachlässigt sein müßte, wenn man ihnen nicht unterläge. Diese Nacht schien Prosper sehr kurz, obgleich er jeden Augenblick Thränen zu stillen und Vorwürfe zu beschwichtigen hatte; vergebens schwur er Camilla, er habe nicht gewußt, daß sie in seinem Zimmer sei, Durouleau habe ihm nicht gesagt, wo er sie verborgen halte; Camilla wollte es nicht glauben. Sobald der Tag graute, stand das junge Mädchen auf, und sich gegen Prosper wendend, sagte sie zu ihm in einem Tone voll Stolzes: »Sie haben mich betrogen. Sie, der Sie sich meinen Beschützer nannten, und auf den ich mein Vertrauen setzte! ... Ich habe mich in dieses Haus geflüchtet, weil man in Ihrem Namen erschien ... weil ich mir in meinem Innern sagte: Er ist da ... er wird über mich wachen ... Und Sie legten mir eine Schlinge ... und verstanden sich mit diesem Durouleau ... um mich zu Grunde zu richten ... um Ihrer Leidenschaft zu fröhnen ... Ha! das ist nichtswürdig, und Sie verdienen die Achtung nicht, die ich für Sie hegte.« »Ich wußte nicht, daß Sie in diesem Hause waren!« rief Prosper, sich zu Camilla's Füßen werfend, aus. »Gezwungen, mich auf einige Zeit zu entfernen, hatte ich Durouleau beauftragt, über Sie zu wachen. An dem Interesse, welches ich an Ihnen nahm, errieth dieser Mann, daß ich Sie liebe; er dachte vielleicht auch, daß Sie mich lieben ... Ach! ich sehe wohl ein, daß er sich sehr getäuscht hat ... Er hatte den Einfall, Sie in meinem Zimmer zu verbergen; aber ich schwöre Ihnen abermals, er hatte mir nichts davon gesagt. Ich bin diesen Abend ganz spät von Paris zurückgekommen und sogleich zu Dem geeilt, dem ich Sie anvertraut hatte. »›Ich habe sie gerettet,‹« sprach er, »›denn man wollte sie verhaften; sei beruhigt, sie ist in Sicherheit und morgen wirst Du sie sehen!‹« Mehr brachte ich nicht aus ihm heraus ... das Uebrige wissen Sie. Ach! Camilla, wenn ich strafbar bin, glauben Sie denn, daß es möglich war, zu widerstehen? ... Ich bete Sie an ... und Sie lagen in meinen Armen ... Wenn aber diese Nacht, deren Erinnerung ewig in mir fortleben wird ... Schuld an Ihrem Hasse gegen mich ist, so muß ich ja mein Glück verfluchen! O! verzeihen Sie mir, seien Sie barmherzig und verzeihen Sie mir ...« »Und meine Schmach, mein Herr, meine Schmach, die nun öffentlich bekannt ist ... Wer wird sie jetzt mehr von mir nehmen?« »O! Fräulein ... Durouleau allein kennt unser Geheimniß ... und er wird schweigen ... Ja, ich stehe Ihnen dafür, denn ich werde ihm sagen, mein Leben hänge von seinem Schweigen ab ... Dieser zwar rohe, ungebildete Mann ist nicht aller guten Gefühle baar, er hegt eine aufrichtige Freundschaft für mich. O! er wird nichts sagen. Wenn Sie mich geliebt hätten ... wenn Sie eingewilligt hätten, meine ... Doch, was sage ich ... was wage ich zu hoffen? ... Die Revolution, die alle Abstände ausgleichen will, wird es, ich sehe das wohl ein, doch nie dahin bringen, daß Sie den Unterschied der Geburt, der zufällig zwischen uns besteht, vergessen!« »Wenn ich an Ihre Reue glauben und wirklich davon überzeugt werden soll, daß Ihnen die niederträchtige Absicht, die mein Verderben herbeigeführt hat, unbekannt war ... so bleibt nur ein Mittel übrig ...« – Sprechen Sie, Camilla ... sprechen Sie, Fräulein ... O! ich will Alles thun, um Ihrer Verachtung zu entgehen.« »Nun! so müssen Sie mir noch heute Gelegenheit zur Abreise nach Boulogne verschaffen ... dort habe ich einige Bekannte, und man wird Mittel finden, mich nach England überzuschiffen, wo ich mich zu meinem Vater begeben werde. Aber bedenken Sie wohl, mein Herr, ich will keinen Tag länger in diesem Hause bleiben ... Ich will diesen unwürdigen Menschen nicht mehr sehen, der Schuld an meiner Entehrung ist ... Ach! ich stürbe vor Schande bei seinem Anblicke ... Wenn Sie meinen Bitten nicht nachgeben ... so gehe ich fort und überliefere mich den Commissären der Republik ... Und wenn Sie mich mit Gewalt hier zurückhalten wollen ... nun, so mache ich dieses Fenster auf und mein Schreien soll kund geben, daß man hier Jemand gegen seinen Willen gefangen hält.« Prosper erblaßte vor Bestürzung, als er Camilla's Entschluß vernahm; allein er war bald entschieden und, seinen Schmerz überwindend, entgegnete er: »Sie sollen reisen, Fräulein; ferne sei der Gedanke von mir, Sie gewaltsam hier zurückzuhalten ... aber Sie werden mir erlauben, Sie zu begleiten, Sie erst dann zu verlassen, nachdem ich die Gewißheit erlangt, daß Sie außer aller Gefahr sind.« »Nein, mein Herr ... wenn ich mit Ihnen reiste, so hätte es das Ansehen, als billigte ich, was hier geschehen. Ich will allein und heute noch abreisen; das ist mein unabänderlicher Entschluß.« Trotz der Verzweiflung, die Camilla's Entschluß in Prosper hervorbrachte, versuchte er nicht einmal mehr ihn zu bekämpfen, und er verließ Fräulein von Trevilliers mit der Versicherung, daß er sich mit der Vollziehung ihrer Wünsche beschäftigen werde. Prosper begab sich zu Durouleau; der Exbierbrauer lag noch in tiefem Schlafe; das üppige Nachtessen des gestrigen Tages hatte eine wunderbare Wirkung hervorgebracht, es hatte auch die Gicht eingeschläfert, und doch ist es ein Mittel, welches man nicht gegen dieselbe zu verordnen wagen würde. Ohne auf das Schnarchen des dicken Mannes zu achten, rüttelte ihn Prosper tüchtig am Arme, und Durouleau, der endlich die Augen aufschlug und um sich herblickte, brummte: »Wer ist da? was gibt's ... Ich schlief so gut ... warum weckt man mich auf? ... Ich arbeite nichts mehr! Ich habe nichts mehr zu thun. Ich habe mir Vermögen gesammelt, um nach meiner Bequemlichkeit schlafen zu können ...« – Ich wecke Dich! ...« rief Prosper aus. »Schnell, Durouleau ... auf! auf! es hat Eile ...« Der dicke Mann rieb sich die Augen, setzte sich aufrecht hin und brummte: »Schau ... Du bist es? ... Wie! schon auf? ... das wundert mich! Warst Du nicht zufrieden mit der Ueberraschung, die ich Dir bereitet hatte? ... ha! ha! ha!« »Ach! schweig! schweig! ... Nie mehr ein Wort über das, was in dieser Nacht vorgefallen! Durouleau, ich sollte Dich hassen, denn es ist abscheulich, was Du gethan hast ... Ein junges, tugendhaftes Mädchen ... welches sich vertrauensvoll in Dein Haus flüchtete ... die Tochter eines Grafen ... lieferst Du in meine Hände ...« »Ei! laß mich doch in Frieden ... die Tochter eines Grafen! gibt es in unserer Zeit noch Grafen? Du liebtest diese Kleine; nun, ich habe euch zusammengegeben ... das ist eine republikanische Hochzeit ... die nach meiner Ansicht die von Carrier auf den Schiffen der Loire wohl aufwiegt.« »Aber Du weißt nicht, daß mich Camilla jetzt haßt und verabscheut!« – Ah! bah! Du bist jung, Du kennst die Weiber noch nicht! noch drei bis vier Nächte bei ihr zugebracht, und sie wird Dich anbeten.« »Diese Nacht wird die einzige sein ... mein Glück war nur von kurzer Dauer! ... denn Camilla will noch heute abreisen, und ich muß ihren Wünschen Genüge leisten.« – Abreisen! Vergissest Du, daß ein Verhaftsbefehl gegen sie erlassen ist? Wenn sie sich zeigt, wird sie eingesteckt.« »Ich weiß nur, daß man ihr Gelegenheit zur Flucht verschaffen muß. Höre mich; Du ziehst Dich an, begibst Dich sogleich mit Jeannette auf's Paß-Bureau und verlangst einen Paß für Deinen Dienstboten ... Du sagst, sie habe in Boulogne eine schwer erkrankte Tante ... Du bist bekannt, geachtet, man wird Dir den Paß ohne Schwierigkeiten ausstellen.« »Daran zweifle ich auch nicht ... aber alsdann?« – Begreifst Du denn noch nicht, daß dann Camilla in Jeannettens Kleidern abreisen wird? – »Camilla ... aber das Signalement?« »Sie sind von einem Alter, haben ungefähr dieselbe Gestalt und sind beide braun. Das Uebrige überlassen wir der Vorsehung ...« – Wenn die aber nichts davon will, und der Teufel sich in diese Sache mischt, könnte ich in eine schöne Bredouille gerathen.« »Wenn Du Dich weigerst, so geht Camilla aus dem Hause fort, liefert sich aus und sagt, Du habest sie verborgen gehalten, dann sitzest Du erst recht in der Tinte.« – Ach, ach! aber hat denn das Mädchen den Teufel im Leibe?« »Sie besitzt einen stolzen, entschiedenen Charakter, und hat sie einmal einen Entschluß gefaßt, so sehe ich wohl, kann sie nichts mehr davon abbringen. Auf! Durouleau, ziehe Dich an ... Wenn Du wirklich Freundschaft für mich hast, so mußt Du mir es dadurch beweisen, daß Du mir das Uebel wieder gut machen hilfst, welches Du angerichtet.« –Aber Jeannette ... – »Mußt Du damit bekannt machen, ihr ihre Lection einlernen ... Du wirst wohl irgend einen Pachthof in der Gegend haben ... da kannst Du sie auf vierzehn Tage hinschicken.« – Aber ... – »Keine Aber! oder Camilla liefert sich aus, und ich jage mir eine Kugel durch den Kopf ... nachdem ich Dir jedoch zuvor zum schuldigen Dank die Hirnschale zerschmettert habe.« – Bei solchen Aussichten stehe ich sogleich auf.« Prosper suchte das junge Dienstmädchen auf, welches ihm zärtlich ergeben war. Jeannette versprach ihm, seinen Anweisungen nachzukommen, und brachte ihm auch sogleich einen ihrer vollständigen Anzüge, Haube, Halstuch, Schuhe, kurz Alles, was sie am Dekadi zum Tanze anzog. Dann ging sie zu ihrem Herrn herab. Durouleau ließ nicht lange auf sich warten. Er war angekleidet, nahm Jeannetten beim Arm und ging mit ihr auf das Paß-Bureau. Prosper blieb daheim. Er hielt es nicht für klug, sie zu begleiten; aber er wagte auch nicht, zu Camilla hinaufzugehen, ehe er wußte, ob sein Plan gelingen werde. Er ging mit großen Schritten im Salon auf und ab; jeden Augenblick horchte er, sah zum Fenster hinaus oder nach der Uhr; noch nie hatte ihm die Zeit so lang geschienen! Mehr als zwei Stunden verstrichen, als endlich Durouleau mit seiner Magd nach Hause zurückkehrte. »Wir haben den Paß!« schrie der dicke Mann, »aber nicht ohne Schwierigkeiten gelangten wir dazu ... Es sind so viele Förmlichkeiten zu erfüllen! gewöhnlich muß man am andern Tage noch einmal hingehen. Glücklicherweise kennt man mich ... Ich sagte: Bis dahin kann Jeannettens Tante sterben ... und die Kleine erbt nichts ... kurz, ich erdichtete eine Masse Lügen ... und da ist der Fetzen Papier.« – Gut ... ganz gut ... aber jetzt muß man auf die Post gehen ... und in der Diligence, die zuerst abfährt, einen Platz auf ihren Namen bestellen ... – »Von hier aus geht kein Wagen nach Boulogne.« – Macht nichts; die Hauptsache ist, daß sie aus dieser Stadt hinauskommt ... – »Aber ich habe noch nicht gefrühstückt ...« – Nachher ... nachher ... Ich werde nichts genießen, bis Camilla gerettet ist.« »Närrischer Kamerad! Ist in ein Frauenzimmer verliebt und hat keine leibliche Ruhe, bis sie von ihm fort ist. Nun, ich gehe auf die Post.« Durouleau machte sich wieder auf den Weg. Prosper küßte Jeannetten aus Dankbarkeit; das junge Dienstmädchen ließ sich küssen und schien geneigt, Alles, was der junge Mann wollte, mit sich vornehmen zu lassen; aber dieser blieb dabei stehen; er dachte nur an Camilla. Durouleau kam zurück und sagte: »Der Platz ist für Jeannette Bridoux auf heute Abend um fünf Uhr bestellt; der Wagen fährt nach Rouen.« – Ganz gut,« erwiderte Prosper. »Ich will Camilla gleich davon benachrichtigen und ihr die zu ihrer Verkleidung nöthigen Gegenstände bringen. Ach! noch einen Dienst, Durouleau ... – »Welchen? ... Wenn ich noch einmal ausgehen müßte, so gestehe ich Dir, daß mich meine Beine nicht mehr tragen würden.« – Nein ... Geld sollte ich haben; Camilla wird unterwegs welches brauchen ... – »Das ist leichter und kostet nicht so viel Anstrengung ... Hier in dieser Börse sind fünfzig Louisd'or ... stecke sie in ihre Kleider: ist's genug?« – Ja, ja; mehr, als man zu einer Reise nach England nöthig hat.« Prosper ging zu Camilla hinauf, überreichte ihr Jeannettens Kleider und sprach mit ergriffener Stimme: »Hier das Nöthige zu Ihrer Verkleidung, Fräulein, und hier der Paß ... lesen Sie die Namen, damit Sie sie im Gedächtniß behalten; Ihr Platz ist auf fünf Uhr auf den Wagen nach Rouen bestellt; Don dort aus wird es Ihnen nicht schwer sein, Boulogne zu erreichen. Um fünf Uhr werde ich selbst Sie zum Wagen hinführen, damit ich überzeugt bin, daß nichts Ihre Reise verzögert hat. Sie sehen, ich habe keine Zeit verloren, um den Augenblick zu beschleunigen, der Sie mir entreißen wird, und doch werde ich von nun an, ferne von Ihnen, ewig unglücklich sein. Werden Sie abreisen, ohne mir zu verzeihen, ohne mir ein Wörtchen der Hoffnung zu gönnen? verdammen Sie mich zu der Qual, Sie nie wieder sehen zu dürfen?« Camilla wendete, um den Blicken Prospers nicht zu begegnen, ihr Gesicht ab, aber ihre Stimme war sanfter, als sie zu ihm sprach: »Was Sie so eben gethan, mein Herr, überzeugt mich in der That, daß Sie kein Mitverschworener des Mannes sind, der meine Entehrung wollte. Ich glaube an Ihre Reue, an Ihre Liebe; allein ich weiß nicht, welche Zukunft meiner wartet. Indessen verspreche ich Ihnen, Nachricht von mir zu geben, und wenn die Verhältnisse uns eine Annäherung gestatten, so werde ich Sie es wissen lassen.« »Ach! Camilla! ach! Fräulein, bedenken Sie, daß ein Wort, ein Andenken von Ihnen mich dem Leben, dem Glücke wiedergeben wird; bedenken Sie, daß jetzt ein Geheimniß ... eine Nacht ... uns miteinander verbunden hat.« »Ach! erinnern Sie mich nicht an Etwas, was ich aus meinem Gedächtniß vertilgen möchte ... Ich will diese Kleider anziehen, und werde vor fünf Uhr bereit sein.« Prosper ging traurig von Camilla hinweg, er fürchtete, seiner Liebe werde es nie gelingen, ihren Stolz zu besiegen; da begegnete ihm Jeannette, die ihn seufzend anblickte. »Jeannette,« redete sie Prosper an, »das Frauenzimmer, welches Deinen Namen annimmt, reist um fünf Uhr ab; also mußt Du um diese Zeit auch fortgehen und Dich auf einige Zeit von diesem Hause entfernt halten. Dein Herr wird Dir sagen, wo Du hingehen sollst. Warum weinst Du, Jeannette? Du wirst nicht lange von hier weg sein, in vierzehn Tagen kannst Du wieder zurückkehren.« »Meiner Treu,« entgegnete das große Mädchen, mit der Schürze ihre Augen auswischend, »als ich Deinem Wunsche folgte, Bürger, vermuthete ich nicht, daß Du mich dann fortgehen heißen werdest. Das macht mir kein Vergnügen fortzugehen, während Du hier bist.« »Du begreifst aber doch wohl, daß, wenn man Dich in Melun sehen würde, während Jemand auf Deinen Namen abgereist ist, Alles entdeckt wäre; man würde Diejenige, welche ich retten will, verfolgen, und sie vielleicht einholen.« »Ach! Du liebst jene sehr, nicht wahr, Bürger? Aber sei ruhig, um fünf Uhr werde ich fortgehen. Man wird mich nicht mehr sehen.« Prosper verließ sie und dachte: »Warum fühlt Camilla nicht, wie Jeannette, für mich? Mag es daher rühren, weil sie die Tochter eines Grafen ist, und ihr von Jugend auf eingeprägt wurde, Diejenigen, die nicht von Adel sind, als unter ihr stehend zu betrachten? ... oder habe ich niemals ihr Herz gerührt? Ich wollte, ich hätte nur ihren Stolz zu bekämpfen ... Aber nach dem, was zwischen uns vorgekommen ist, würde sich ein anderes Frauenzimmer für immer an mich gebunden betrachten, und Camilla behandelt mich im Gegentheil mit noch größerer Strenge.« Einige Minuten vor fünf Uhr stellte sich Prosper bei Camilla ein. Die Tochter des Grafen von Trevilliers hatte die Kleider der einfachen Magd angezogen. Der junge Mann fand sie noch hübscher in diesem bescheidenen Costüm; so geht's allen Liebhabern, wenn sie ihre Geliebte in einem neuen Anzug sehen; selbst wenn derselbe häßlich ist, würde sie ihnen hübscher darin erscheinen, weil der von uns geliebte Gegenstand Alles verschönert, was er an sich trägt, und sich das Pikante der Neuheit noch dazu gesellt. »Ich bin bereit!« rief Camilla aus. »Lassen Sie uns schnell fortgehen.« Prosper antwortete nichts, sondern nahm sie beim Arme. Sie verließen Durouleau's Haus, ohne ihm zu begegnen. Der dicke Mann hatte begriffen, daß es dem jungen Mädchen kein großes Vergnügen machen würde, ihn wiederzusehen. Der Weg bis zu den Diligencen war nicht weit. Indessen zitterte Prosper, nicht für sich, denn er kannte keine Furcht, sondern für Diejenige, die er am Arme führte. Camilla schritt ziemlich fest einher, aber ihr Begleiter fühlte oder sah vielmehr ihre Brust sich häufig heben, und errieth die Bewegung, welche sie gewaltsam zu verbergen suchte. Eben, als sie am Ziele ihres Weges anlangten, kam ein Mann nahe an ihnen vorüber, betrachtete Camilla, stand dann still und rief aus: »Ei! ei! warum rennen wir so sehr, Bürger Carotte, genannt Rothhose, mit einem so hübschen Mädchen am Arme? Alle Wetter, die Bürgerin ist hoffentlich eine Sansculottin?« Es war der Rothgerber Ducroquet, der, kaum von seinem Rippenstoß genesen, einen Besuch in mehreren Schenken gemacht und sich dabei gehörig angetrunken hatte, so daß er bereits sehr geschwätzig und lärmend war. Prosper, welcher Durouleau's Freund gleich erkannt hatte, beschleunigte seine Schritte mit Camilla noch mehr und entgegnete nur: »Gute Nacht, Bürger, es geht wieder besser mit Dir, das freut mich, Gleichheit, Brüderschaft ...« »Ganz gut! allein davon ist nicht die Rede!« lief der Rothgerber aus, sich an Prospers Arm hängend. »Du hast eine Eroberung gemacht ... Halb Part! ... Ich will Deine Kleine auch! ... Was ist das für ein hübsches Gesichtchen? Ich will ihre Bekanntschaft machen ... Komm, wir wollen irgendwo einkehren, denn ich lasse Dich jetzt nicht mehr los.« »Bürger Ducroquet, wir haben Eile, halte uns nicht auf, sonst könntest Du eine andere Bekanntschaft machen, die Dir vielleicht weniger angenehm wäre, denn ... ich gehöre nicht zu den Geduldigen ...« »Bürger Carotte ... der Rothe ... ich schere mich nichts um Dein Geschwätz; Du bist tapfer, das weiß ich. Um so besser. Ich achte Dich und werde mir eine Ehre daraus machen, mich mit Dir zu schlagen ... Es juckt mich schon lange darnach ...« »Ein ander Mal!« schrie Prosper, indem er sich von Ducroquet loszumachen suchte, »will ich Dir meinen Mann stellen. Aber jetzt muß ich dieser jungen Bäuerin das Geleit geben.« »Du willst Dich nicht mit mir schlagen, also werde ich sie küssen.« Damit war der Rothgerber im Begriff, sein sinniges Gesicht mit Camilla's edlem Antlitze in Berührung zu bringen; aber ehe sein nach Wein riechender Athem die Wangen des jungen Mädchens streifte, hatte ihm Prosper einen so heftigen Stoß versetzt, daß er mitten in die Gosse hineinplumpte. – »Jetzt schnell weiter!« sagte Prosper, Camilla mit sich ziehend. »Mein Gott! haben Sie den Mann getödtet?« »Nein, nein! Er ist betrunken und schwer niedergefallen, das ist Alles. Aber dieser Elende beleidigte Sie, durfte ich das dulden? ... Hier sind wir bei den Wagen ... Ah! man ruft Jeannette Bridoux. Geben Sie Acht, antworten Sie mit Sicherheit und thun Sie nicht ängstlich ... Ein Gendarme prüft die Reisenden und sieht ihre Reisepässe durch.« »Ah! es soll mir nicht an Muth fehlen ...« »So leben Sie denn wohl, Fräulein ... Aber Sie geben mir doch Nachricht von sich? Sie haben es mir versprochen, Camilla, werden Sie meiner gedenken? ...« »Jeannette Bridoux! Vorwärts, Jeannette Bridoux!« rief der Post-Conducteur. »Man wartet nur noch auf Euch ...« Camilla hatte keine Zeit mehr, Prospern zu antworten; sie eilte dem Wagen zu. Ein Gendarme hielt sie an, fragte nach ihrem Passe, untersuchte ihn, sah sie an und ging dann weg mit den Worten: »Es ist gut! Ihr könnt reisen.« Camilla stieg in den Wagen, und Prosper sah ihr nach, bis er sie völlig aus den Augen verloren hatte. Dann kehrte der junge Mann langsam zu Durouleau zurück. Er war erfreut über ihre Rettung, aber traurig beim Gedanken einer Trennung, deren Ende nicht abzusehen war. »Nun!« fragte Durouleau, als er seinen jungen Freund wieder sah, »Deine kleine Aristokratin?« – Ist gerettet. – »Also bist Du zufrieden ... Nun wollen wir aber auch eins trinken.« – Nein, ich habe keine Lust zu trinken ... denn ich bin traurig. – »Traurig, jetzt, wo Deine Schöne fort ist, und vorhin wolltest Du Dich und die ganze Welt umbringen, wenn man ihr nicht schnell zur Flucht verhelfe! Sapperment, weißt Du auch, daß man gar nicht mehr klug aus Dir wird!« – Ach! Durouleau, Du begreifst die Liebe nicht! – »Alle Wetter, ich meine, ich begriff sie ehedem nicht übel, als mein Bauch noch keine Tonne war. Ich glaubte mir durch den Einfall, Dir Deine Schöne in die Hände zu spielen, Deinen Dank zu verdienen. Statt dessen machst Du mir nichts als Grobheiten; es scheint. Du habest Recht: ich begreife die Liebe nicht mehr!.,. Um so mehr verstehe ich mich auf den Wein. Drum also laß uns trinken ... ah! da wirst Du meine Tüchtigkeit anerkennen!« – Und Jeannette ... hast Du sie auf einen Deiner Pachthöfe geschickt? – »Jeannette! ... Möge man mich einen Tyrannen, einen Despoten heißen, wenn ich weiß, wo sie hingekommen ist ... Sie ist zu gleicher Zeit mit Dir und Deiner Schönen verschwunden.« – Arme Jeannette! wo mag sie hingerathen sein? – »Ach! beim Kuckuk! willst Du Dich nicht auch wegen dieser abquälen? Sie hat ohne Zweifel einen Liebhaber und hat den aufgesucht ... Komm her, mein Braver ... Deine Gesundheit.« Prosper that sein Möglichstes, um die Traurigkeit aus seinem Gemüthe zu verscheuchen; aber die Erinnerung an Camilla trat unaufhörlich vor seine Seele, und er stieß schwere Seufzer aus, wenn ihn Durouleau zum Trinken aufforderte, so daß der Exbrauer endlich zu ihm sagte: »Du taugst heute Abend zu nichts, lege Dich schlafen, wir wollen hoffen, daß Du morgen wieder ein Mann bist.« Prosper ging mit dem Gedanken an die verflossene Nacht in sein Gemach hinauf; er machte seine Thüre auf, trat in sein Zimmer, stellte sein Licht auf einen Tisch und warf sich auf einen Stuhl; dann heftete er seine Blicke auf den Alkov, dessen Vorhänge, wie gestern, geschlossen waren, und sagte seufzend: »Gestern war sie da! ...« In diesem Augenblicke schien es ihm, als ob sich ein leises Geräusch, wie ein zurückgehaltener Athem, von der Richtung des Bettes her, vernehmen lasse: er lauschte einen Augenblick; doch bald erröthete er über seine Schwäche und sprach zu sich: »Es ist nur eine Täuschung! Ich möchte mir mit der Einbildung schmeicheln, sie sei noch da; aber sie ist fort und jetzt schon weit von mir entfernt.« Prosper entkleidete sich eilig, um wo möglich im Schlafe seinen Schmerz zu vergessen. In ein paar Minuten war er ausgezogen, löschte sein Licht aus und stieg ins Bett. Aber da entfuhr ihm ein Schrei des Staunens. Es war abermals Jemand da, hart an seiner Seite, und eine bebende Stimme sagte zu ihm: »Sie hat meinen Platz im Eilwagen genommen, und ich den ihrigen hier ... Ist das nicht ganz in der Ordnung?« »Was, Jeannette! Du bist es; Du bist nicht abgereist! ... o! mein Gott ... wenn man Dich sieht, ist Alles entdeckt.« »Man wird mich nicht sehen. Ich bleibe in diesem Zimmer und rühre mich nicht, bis Du glaubst, daß ich mich wiedersehen lassen darf. Du bist demnach sehr böse, daß ich da geblieben bin? O! zanke mich nicht, ich bitte Dich; denn ich liebe Dich auch! und ... vielleicht mehr als die Andere ... Wenn Du aber böse bist, so stehe ich auf und bringe die Nacht auf einem Stuhle zu; ich will kein Geräusch machen, nur Dich ansehen. Dich schlafen hören und werde schon dadurch glücklich sein.« Man hätte ein Herz von Stein haben müssen, um die arme Jeannette die Nacht auf einem Stuhle zubringen zu lassen; Prospers Herz war aber von Fleisch und Blut, und statt fortzuzanken, was doch zu nichts geführt hätte, that er, was jeder Andere an seiner Stelle gethan haben würde, indem er der Vorsehung für die viele Gnade dankte, mit der sie ihn schon seit zwei Nächten bedacht hatte. Elftes Kapitel. Jeannettens Liebe. Mehrere Tage verstrichen: Jeannette setzte keinen Fuß aus Prospers Zimmer, in welches Niemand kam, als er, und es war ihm eine Kleinigkeit, ihr Nahrungsmittel zu beschaffen; denn in Durouleau's Hause war nichts verschlossen. Jeder konnte zu jeder Stunde des Tags nach Belieben essen und trinken; der Herr des Hauses verstand den Begriff Freiheit im vollsten Sinne des Worts. Von Ducroquet hörte man nichts. Prosper hatte seinem Wirth sein Zusammentreffen mit dem Rothgerber auf der Straße und was daraus entstanden, erzählt, und Durouleau ihm hierauf gesagt: »Du thatest wohl daran, ihn zu prügeln; übrigens bin ich überzeugt, daß er Dir deßhalb nichts nachträgt; Ducroquet gehört zu den Menschen, die nie freundschaftlicher mit den Leuten sind, als wenn sie recht tüchtig von ihnen durchgeprügelt worden sind.« Prosper las alle Tage die öffentlichen Blätter, er fürchtete die Nachricht daraus zu vernehmen, daß die Tochter des Grafen von Trevilliers erkannt und verhaftet worden sei. Aber vierzehn Tage waren seit Camilla's Abreise vergangen, ohne daß er irgend etwas Unangenehmes gelesen hätte, seine Befürchtungen schwanden, und er dachte, der Gegenstand seiner Liebe sei in England und vor jeder Gefahr geschützt. Obgleich ihn Camilla's Rettung beglückte, seufzte Prosper doch bei dem Gedanken, daß sie nun bei ihrem Vater und von Leuten umgeben sei, welche ihre Vorurtheile bestärken und ihren Stolz steigern werden. »Sie hat versprochen, mir Nachricht von sich zu geben,« sprach er zu sich; »wird sie mir Wort halten? Ich meine doch, sie sollte mich wie ihren Gatten betrachten.« Jeannette war noch immer in des jungen Mannes Zimmer versteckt, und legte nicht das mindeste Verlangen an den Tag, dasselbe zu verlassen, als Prosper eines Morgens zu ihr sagte: »Jeannette, nun sind fünfundzwanzig Tage verflossen, seit man Dich bei Deiner Tante glaubt; Du kannst Dich nun wieder im Hause zeigen und Deine gewöhnlichen Dienste verrichten; Denen, die Dich fragen, antwortest Du, Du seiest gestern Abend zurückgekommen.« »Du verlangst, daß ich jetzt schon Dein Zimmer verlasse?« entgegnete Jeannette, den jungen Mann zärtlich anblickend. »Ich meine, das sei unklug.« – Nein,« erwiderte Prosper, »Deine Reise hat lange genug gedauert. – »Langweilt es Dich, daß ... daß ich Dir Gesellschaft leiste?« fuhr Jeannette mit beleidigtem Ton, fort. Statt aller Antwort küßte sie Prosper und schob sie mit den Worten zur Thüre hinaus: »Meine liebe Freundin, Alles nimmt ein Ende.« – Das ist eben der Fehler!« seufzte Jeannette, in ihr kleines Mansardenzimmerchen zurückkehrend. »Wenn die Weiber Männer wären, würde es länger dauern.« Die Zeit verstrich, ohne daß Prosper Nachricht von Camilla erhalten hätte. Inzwischen war der neunte Thermidor eingetreten; Robespierre war nicht mehr; der Schrecken, der in Frankreich herrschte, fing an zu schwinden; die Verbindungen stellten sich mehr her und die Tracht sammt der Carmagnole kam alle Tage mehr aus der Mode. Prosper bemerkte eines Morgens, daß seine rothe Hose an verschiedenen Stellen schadhaft war. Jeannette hatte ihm schon gesagt, sie habe sehr lichte Stellen daran gesehen. Trotz der Dankbarkeit, die er diesem Geschenk seines Pathen schuldig war, entschloß er sich doch, dasselbe auszuziehen und sich wie die Stutzer jener Zeit zu kleiden. Er band seine Haare in geflochtene Zöpfe, steckte sie hinten mit einem Kamme fest und trug einen Frack mit einem grünen Kragen. Der Wunsch, zu gefallen, lebte in Frankreich wieder auf. Es war kein Verbrechen mehr, Handschuhe zu tragen. Die Liebe beschäftigte Prospers Herz und Kopf bedeutend; doch ließ sie ihn das Kind nicht vergessen, welches ihm eine unglückliche Mutter anvertraut hatte. Er dachte an die kleine Pauline; er brannte vor Begierde, sie zu küssen, und hatte Durouleau mehr als einmal seine Absicht angekündigt, sich zu guten Freunden zu begeben, die in der Nähe von Paris wohnten. Aber der ehemalige Brauer hatte häufige Gichtanfälle und hielt seinem jungen Freunde entgegen: »Was Teufels soll aus mir werden, wenn Du mich verlässest; dann soll ich allein bleiben, wie ein faulender Apfel. Alle Freunde sind verschwunden, auseinander gejagt, oder todt! Ich habe Niemand als Dich, mir Gesellschaft zu leisten, und mit mir zu trinken; wenn Du auch gleich seit der Entfernung Deiner kleinen Aristokratin nicht mehr so heiter bist, so hindert das doch nicht, daß ich Dich liebe und keine Langweile habe, wenn Du da bist, obgleich Du öfters meinen Meinungen widersprichst.« Prosper war nicht gefühllos gegen die väterliche Freundschaft Durouleau's; um ihn nicht zu betrüben, verschob er seine Abreise; auch hoffte er täglich auf Nachrichten von Camilla; aber die Tage vergingen und die Nachrichten blieben aus. Eines Morgens jedoch kam ein Brief unter der Adresse des Bürgers Prosper Bressange beim Bürger Durouleau an; Jeannette überbrachte denselben dem jungen Mann; er nahm ihn mit zitternder Hand und riß das Siegel ab; nachdem er aber auf die Unterschrift gesehen hatte, schwand die Hoffnung, die Freudigkeit, die seine Züge belebt hatte, plötzlich. »Noch nicht von ihr!« rief Jeannette mit einem schlecht verhehlten Lächeln aus. »Nein, nicht von ihr,« entgegnete Prosper. »Der Inhalt dieses Schreibens jedoch erinnert mich an meine Pflicht.« Der Brief war von Poupardot; er schrieb an Prosper, daß die kleine Pauline allerliebst sei, allein gehen könne und zu sprechen anfange, daß man sich wundere, warum er nicht auch komme, um seine Adoptivtochter zu küssen, daß man ihn jeden Tag erwarte und auch vor Verlangen brenne, ihn den schönen Knaben sehen zu lassen, mit dem die Bürgerin Poupardot niedergekommen sei, und dem man den Namen Navet (Rübe) beigelegt habe. Prosper begab sich zu Durouleau, zeigte ihm den Brief und sagte zu ihm: »Ich muß fort, ich kann es nicht länger verschieben.« – Versprich mir wenigstens, wieder zu kommen,« entgegnete der dicke Mann, seinem jungen Freunde die Hand reichend. »Wenn ich nicht wieder zurückkehrte, müßte ich sehr undankbar sein,« erwiderte Prosper, »denn ich habe ... einen Umstand abgerechnet ... nur Wohlthaten von Dir empfangen, und damit sogar glaubtest Du mein Glück zu bezwecken. Ja, Du sollst mich wiedersehen.« »Wohlan!« fuhr Durouleau fort, »laß mir, damit ich beruhigt bin, das kleine Päckchen in Deinem Zimmer zurück, welches Du die Erbschaft Deines Pathen nennst; dann bin ich doch gewiß, daß Du wiederkommen wirst, um es abzuholen.« – Gerne, aber ich käme ohne dies ... – »Und nun nimm diese Börse, es ist Gold darin, welches jedenfalls einen zuverlässigeren Werth hat, als Assignaten.« »Ich danke,« sagte Prosper, den Beutel zurückweisend, den ihm der Exbrauer hinstreckte. »Ich brauche kein Geld. Du hast schon zu viel für mich gethan.« »In Deinem Alter braucht man immer Geld. Ich habe zu viel und weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Wenn ich auch alle Tage fünf Flaschen trinke und wie ein Hamster esse, so kann ich doch mein Vermögen nicht aufzehren. Wenn Du mir es abschlägst, so willst Du nicht mehr mein Freund sein ... sondern bist ein Aristokrat! Willst Du wohl! Kamerad!« Es war unmöglich, der barschen und freundschaftlichen Manier, womit der dicke Mann seine Dienste anbot, zu widerstehen; man mußte das Anerbieten annehmen, oder sich mit ihm überwerfen. Prosper nahm es an und fühlte sich in seinem Innern äußerst glücklich, nicht ganz ohne Geld zu Poupardot zu kommen. Da Prosper es nicht für nöthig hielt, von Jeannetten Lebewohl zu nehmen, weil er voraussah, daß es nur Thränen zu trocknen und Klagen zu hören gegeben hätte, so verließ er, da er kein Gepäck mitzunehmen hatte, das Haus, mit einem Stock in der Hand, wie er alle Tage gewöhnt war, in der Stadt herumzuspazieren. Er schickte sich gerade an, den Weg nach Paris einzuschlagen, als er, sich zufällig umwendend, einige Schritte von sich entfernt ein junges Mädchen sah, das mit einem Päckchen unter dem Arme hinter ihm drein ging. Es war Jeannette; sie stand still und schien ganz verlegen, als sie bemerkte, daß sie von Prosper gesehen worden war. Der junge Mann kehrte um und ging gerade auf die hübsche Dienstmagd zu, indem er ihr in strengem Tone, und sie absichtlich nicht mehr dutzend, sagte: »Jeannette, wo gehen Sie denn hin?« Das junge Mädchen schlug die Augen nieder, erröthete und stotterte: »Ich, ich gehe spazieren. – »Was haben Sie denn unter dem Arme?« – Nichts, nichts ... Kleider von meinem Herrn. – »Jeannette, Sie lügen! Sie sagen mir nicht die Wahrheit.« – Mein Gott! warum sagst Du denn jetzt Sie zu mir? Bist Du kein Republikaner mehr?« »Jeannette, Du gingst mir nach, und in diesem Päckchen sind Kleider für Dich auf die Reise.« – Nun denn! ja, es ist wahr! Ich merkte, daß der Brief, den Du erhalten hast, Dich abrufe; und ohne zu horchen, habe ich gehört, daß Du Abschied von meinem Herrn nahmst. Dann habe ich schnell ein kleines Päckchen mit den nöthigsten Effekten zusammengemacht und meine kleinen Ersparnisse zu mir genommen. O! ich nehme nichts mit, was, mir nicht gehört! Hierauf verbarg ich mich hinter einer Straßenecke, paßte Dir ab und folgte Dir. Ich werde Dir immer folgen, gleichviel, ob Du auch weit gehst. Ich habe Muth und Kraft; ich werde nicht leicht müde. Aergert es Dich, wenn ich Dir folge? bin ich nicht mein eigener Herr und kann hingehen, wo ich will? Nur wenn es Dir mißfiele ... aber ich bitte Dich, laß mich hingehen, wo Du hingehest ... ich will Dir dienen, Deine Magd sein und Dich immer gleich lieben; wenn es Dich aber verdrießt, werde ich es Dir nicht mehr sagen; ich will bei Dir sein, das ist mein einziger Wunsch.« Prosper war gerührt, erweicht von der aufrichtigen Liebe, welche das junge Mädchen für ihn an den Tag legte, aber er fühlte wohl, daß, wenn er ihren Bitten nachgäbe, er sie in sein Schicksal verflechten und es ihm später schwer werden würde, sie von sich wegzubringen. Wäre sein Herz nicht ganz und gar von Camilla angefüllt gewesen, so würde er ohne Zweifel alle diese Bemerkungen nicht gemacht haben, denn gewöhnlich ergreift man in Prospers Alter das Vergnügen und das Glück, so oft es sich bietet, ohne sich um die Folgen zu bekümmern. Prosper nahm Jeannettens Hand, drückte sie und erwiderte ihr in sanftem, aber entschiedenem Tone: »Nein, Jeannette, Du darfst mir nicht folgen; ich will Dich nicht zu meiner Magd, und ebenso wenig kannst Du meine Geliebte sein ... ich weiß noch nicht, welches Schicksal mir bevorsteht ... welcher Laufbahn ich folgen soll ... Gegenwärtig, wie Du wohl weißt, beschäftigt mich nur ein Gedanke: ich möchte Camilla wiederfinden, und um sie zu suchen, ihr näher zu kommen, ist es doch nicht schicklich, daß ich immer ein anderes Frauenzimmer bei mir habe.« Jeannette antwortete nicht, sie weinte und zog ihre Hand zurück, die der junge Mann noch in den seinigen hielt. Prosper waffnete sich mit Muth; der ist auch nöthig, um den Thränen eines jungen und hübschen Mädchens zu widerstehen, das uns um Gegenliebe bittet. »Leben Sie wohl, Jeannette,« sagte er, »glauben Sie mir sicher, daß ich stets die aufrichtigste Freundschaft für Sie empfinden werde. Sollte sich einst das Schicksal günstig für mich gestalten, und ich Ihnen nützlich sein können, o! so suchen Sie mich auf, suchen Sie mich eilends auf, Jeannette, und Sie werden einsehen, daß Prosper Ihr treuster Freund ist. Bis dahin kehren Sie zu Durouleau zurück.« »Nein, ich werde nicht dorthin zurückkehren,« entgegnete das junge Mädchen; »denn jetzt, wo Sie nicht mehr dort sind, wäre es zu traurig für mich, ich würde weinen in Ihrem Zimmer ... und das wäre nicht das beste Mittel, Sie zu vergessen ... Leben Sie wohl, Herr Prosper ... suchen Sie Ihr schönes Fräulein ... ich finde vielleicht auch einen schönen Herrn, der sich meiner annimmt.« Beim Schlusse dieser Worte wendete sich das junge Mädchen ab und entfernte sich hastig, indem sie ihre Augen mit ihrem Taschentuch bedeckte. Prosper war einen Augenblick versucht, Jeannetten nachzulaufen, um einen Versuch zu machen, sie zu trösten; aber er besann sich, er überlegte, wie doch eigentlich nicht er es gewesen, der es darauf angelegt habe, das Mädchen zu verführen; daß vielmehr ihr Unglück ihr eigener Fehler sei, daß er sich keinen Vorwurf zu machen habe, und was dergleichen Gründe mehr sind, deren triftigster war, daß er nur an Camilla dachte. Und warum auch Motive für unser Betragen suchen, da doch beinahe in allen Lebensumständen in unserem Herzensgrunde ein anderes Gefühl lebt, das uns zum Handeln treibt? Zwölftes Kapitel. Eine Athenienserin von Paris. Prosper fühlte sein Herz gewaltig pochen, als er sich dem von Poupardot bewohnten Landhause näherte; aber jetzt war es nicht mehr die Liebe, die ihn bewegte, sondern eine Empfindung, in welche sich weder Unruhe, noch Mißtrauen, noch Bedauern mischte; er erinnerte sich seiner Verpflichtung gegen Madame Derbrouck und des ehrenvollen Zutrauens, von dem sie ihm Beweis gegeben, indem sie ihm die Sorge für ihr Kind überlassen hatte, und sehnte sich, diese arme Kleine, welche er auf seinen Armen von Passy weggetragen hatte, zu sehen und zu küssen. Ein Mann von Clichy zeigte dem jungen Reisenden Poupardot's Wohnung; es war ein einfaches Haus von angenehmem Aussehen, welches von einem hübschen Garten umgeben und mit Allem versehen war, was man allerdings nicht in der Stadt vereinigen kann, aber nothwendig auf dem Lande haben muß. Allein Prosper beschäftigte sich nicht lange mit der Betrachtung des Hauses; er trat schnell in den Vorhof, eine Magd sagte ihm, ihre Herrschaft befinde sich mit den Kindern hinten im Garten, und er beeilte sich, dorthin zu gelangen. In einer Rebenlaube saß Madame Poupardot und hielt ein einige Monate altes Kind auf dem Schooße; vor ihr wälzte sich ein kleines Mädchen auf dem Rasen, welches seit Kurzem das Gehen gelernt hatte, einige Schritte machte, niederfiel und wieder aufstand, um auf's Neue zu laufen und zu fallen; in einiger Entfernung war Poupardot mit dem Propfen eines Zwetschenbaumes beschäftigt. Mann und Frau stießen, als sie Prosper erblickten, einen Schrei der Freude und des Staunens aus, und dieser eilte, ehe er sie anredete, auf das kleine, im Grase liegende Mädchen zu, nahm es in seine Arme und bedeckte es dergestalt mit Küssen, daß die Kleine ganz betäubt davon wurde und nicht wußte, ob sie lachen ober weinen sollte. Madame Poupardot tröstete sie jedoch schnell, indem sie sagte: »Pauline, dieser Herr da ist Dein Freund ... Du weißt wohl, daß wir Dir alle Tage sagen, er werde kommen, und daß wir oft von Deinem Freunde Prosper mit Dir sprechen, der Dich so lieb hat, und den Du auch lieben mußt. Nun! ... sag' ihm guten Tag.« Das Kind heftete seine großen blauen Augen auf Prosper und sagte endlich mit furchtsamer Stimme zu ihm: »Guten Tag ... mein lieber Freund.« »Hm! ich hoffe, Du merkst bereits die gute Erziehung!« begann Poupardot, dem jungen Manne in die Hand schlagend. »Bist Du endlich da ... das ist gar nicht übel ... Schau, hier ist mein Sohn, mein kleiner Navet , hoffentlich wirst Du ihm auch einen Kuß geben.« Prosper küßte das kleine Döckchen, dann die Mutter, kurz die ganze Familie, indem er den beiden Gatten seinen Dank für die Sorgfalt ausdrückte, die sie dem ihnen anvertrauten Kind gewidmet hatten. »Und wofür bedanken Sie sich?« entgegnete Elisa, »weil Sie uns Vergnügen und Freude verschafft haben? ... Das kleine Mädchen ist so artig, und Sie werden sehen, wie viel Sanftmuth und Empfindsamkeit sich in ihrem Charakter kund gibt.« – Wie auch bei meinem kleinen Navet ,« versetzte Poupardot, »das gibt einmal ein Wunder von Empfindsamkeit ... nur beißt er gerne!« »Wenn mein Mann Sie in seinem Briefe gebeten hat, uns zu besuchen, so werden Sie sich doch hoffentlich nicht vorstellen, es sei deßhalb geschehen, um Ihnen Ihr Paulinchen zurückzugeben ... Sie ist überhaupt auch noch viel zu jung, als daß Sie sich ihrer annehmen könnten ... Nicht wahr, Sie kommen nicht, um sie abzuholen?« Prosper beruhigte Madame Poupardot, welche die Waise mit der Zärtlichkeit einer Mutter liebte, ohne daß dieses der innigen Neigung zu ihrem Sohne den mindesten Eintrag gethan hätte. Weichherzige Seelen sind nicht engherzig, bei ihnen findet eine weitere Liebe immer wieder Raum. »Aber, Bürger, weißt Du auch, daß Du gar nicht mehr zu erkennen bist?« rief Poupardot, Prosper betrachtend, aus. »Das letzte Mal, als wir Dich sahen, warst Du als wahrhaftiger Sansculotte gekleidet, jetzt bist Du ein Stutzer.« – Mir gefallen Sie so besser,« fügte Elisa lächelnd hinzu. »Ich bin meiner rothen Hose untreu geworden, weil sie mir untreu wurde,« erwiderte Prosper, »aber ich bin nicht undankbar, und werde nie vergessen, was ich ihr schuldig bin. Was gibt's für Neuigkeiten in Paris? ... Ich habe mich seit einigen Monaten durchaus nicht um Politik bekümmert.« »Es geht gut, es geht ganz gut,« entgegnete Poupardot, sich die Hände reibend. »Der Schrecken ist vorüber ... der Convent machte gute Gesetze; nur kann man sie, da er alle Tage neue macht, schwer behalten; indeß hoffe ich doch, daß, wenn er einmal genug gemacht hat, er auch aufhören wird.« »Die Assignaten stehen schlechter als je,« versetzte Elisa, »und ich fürchte, es wird uns aus dem Verkaufe unseres Hauses in Paris wenig übrig bleiben.« »Bah! bah! sie werden wieder steigen,« wendete Poupardot ein. »Der Verkauf der Nationalgüter wird dem Staate mehrere Milliarden Assignaten zurückführen; wenn ihrer dann weniger in Umlauf sind, so werden sie wieder steigen, das versteht sich von selbst; nur unvorhergesehene Umstände könnten ...« »Hast Du Nachrichten von unserem Freunde Maximus?« – Keine. Man weiß gar nicht, was aus ihm geworden ist! ... Das macht mich trostlos; ich fürchte, er möchte im Elend sein ... Ich würde ihm gerne dienen; aber Maximus ist stolz! ... er will Niemand etwas verdanken, als sich selbst.« »Ja, er gehört zu Denen, die sich im Unglücke nie zeigen, weil sie fürchten, man könnte ihre Lage einsehen und glauben, sie wollten einen in Anspruch nehmen ... Es ist vielleicht ein übertriebenes Zartgefühl, welches jedoch nur von einem übermäßig gesteigerten Ehrgefühle herrühren kann. Und was macht unser wackerer Soldat Roger?« »O! von diesem habe ich Nachrichten erhalten. Roger war bei unserer ruhmwürdigen Belagerung von Toulon ... wo der junge Artillerie-Offizier Bonaparte sich so ausgezeichnet hat ... Roger ist nicht mehr Soldat, er ist schon Lieutenant ... Unsere Armeen bedecken sich mit Ruhm; Roger ist voll Glut und Tapferkeit; ich bin überzeugt, daß er rasch avanciren wird ... wenn er anders nicht todtgeschossen wird.« »Und Picotin?« – Hat vor Kurzem seinen Schild verändert; er hat seinen tapfern sansculotten Kater weggethan, und ihn durch einen Bären ersetzt, der indessen mehr einem Hammel gleicht. Ich weiß nicht, ob der arme Picotin gute Geschäfte macht, aber ich glaube, seine Frau kümmert sich wenig um seinen Handel! sie ist so kokett! ... Seit die Franzosen sich wieder den Vergnügungen hingeben, seit die Schauspielhäuser wieder besucht sind, geht Madame Picotin nur noch auf Bälle und Concerte! ... nur geht sie nicht mit ihrem Mann dahin ...« »Ach! mein Freund,« versetzte Elisa, »es ist nicht schön, den Leuten Uebles nachzusagen ... Madame Picotin kann leichtsinnig sein, das Vergnügen lieben, das ist aber noch kein Grund, Dinge zu glauben ...« »Ei! mein Gott!« entgegnete Poupardot, »ich sage das nur, weil Picotin alle Augenblicke kommt, um sich über seine Euphrasia zu beklagen ... und mir irgend einen Streich erzählt, den sie ihm gespielt hat; doch, Du hast Recht, Elisa, das geht uns nichts an; nun zu dem, was uns wichtiger ist, zu unserem neuen Gaste, den muß man gut aufnehmen und gut behandeln, damit es ihm bei uns gefalle und er lange bei uns verweile ... Komm, Bürger Prosper, ich will Dich in das für Dich bestimmte Zimmer führen. Mein Haus ist zwar nicht sehr geräumig, aber es ist bequem; wenn Du ausgeruht hast, so will ich Dich Alles, vom Keller bis zum Speicher ... nur die Pflanzungen in meinem Garten ausgenommen ... sehen lassen ... Wahrhaftig, ich bin entzückt, mich in Clichy niedergelassen zuhaben; die Luft ist hier so frisch und ich bin überzeugt, daß mein kleiner Navet gedeihen wird wie ein Erdschwamm.« »Ja, mein August geräth vortrefflich hier,« sagte Elisa, ihren Sohn küssend. – »Navet hat schon zwei Zähne,« fiel Poupardot ein, indem er den kleinen Jungen auf den Arm nahm. – »Und doch ist August erst fünf Monate alt,« versetzte wieder die junge Mutter. »Und seine Waden! ... Sieh' doch einmal nach Navets Waden!« – »Mir ist es, als ob ihr ihm beide nicht denselben Namen gäbet ...« sagte Prosper, der, während er den Eheleuten zuhörte, die kleine Pauline auf den Arm genommen hatte, und zum Lachen zu bringen suchte. »Das ist richtig,« erwiderte Poupardot, »meine Frau liebt den Namen Navet nicht, sie will ihren Sohn August nennen ... Ich halte das für sehr unpolitisch. August ist der Name eines Kaisers, eines Despoten.« »Und Navet der Name eines Gemüses,« versetzte die junge Mutter. – »Da man aber diese Namen statt der Heiligen in den neuen Kalender gesetzt hat ...« »Dein republikanischer Kalender steht schon nicht mehr im Ansehen ... Ich wette, diese Namen werden sich ebenso wenig halten als die Dekaden, und man wird sicher wieder auf die Sonntage zurückkommen.« »Still, Elisa! schweige; ziehe Deinen Jungen auf und mische Dich nicht in politische Angelegenheiten; mein Sohn soll Navet heißen.« Prosper machte dieser Erörterung der beiden Gatten ein Ende, indem er sie um Erlaubniß bat, sich zur Ruhe begeben zu dürfen, worauf ihn Poupardot in ein kleines, hübsches Zimmerchen führte, und ihn aufforderte zu thun, als ob er zu Hause wäre. Die Freundschaft, welche die Familie Poupardot ihrem Gaste erwies, die Liebkosungen der Kinder, das bequeme und friedliche Leben, welches man in ihrem Hause genoß, schien Prosper um so angenehmer, als er bei Durouleau immer hatte bei Tische sein, trinken und rauchen, kurz, eine Lebensweise führen müssen, die einem Verliebten bald entleidet wird. Die kleine Pauline gewöhnte sich schnell daran, mit dem zu spielen, den sie ihren guten Freund nannte; ja, sie kletterte oft unaufgefordert auf seinen Schooß hinauf. Die Kinder errathen die Personen sogleich, von denen sie geliebt werden; dies ist eine Gabe der Natur, die man mit dem zunehmenden Alter verliert. Prosper verwendete das Geld, welches ihm Durouleau gegeben hatte, um oft Spielzeug für Paulinen und Poupardots Söhnchen zu kaufen; er suchte auf jede mögliche Weise seinen Wirthen seine Erkenntlichkeit an den Tag zu legen, und wenn er von der Rückkehr nach Melun sprach, so sagten diese immer: »Sie haben also Langeweile bei uns?« Wenn Prosper dann traurig wurde und seufzte, so blickte Poupardot seine Frau bedeutungsvoll an und flüsterte: »Er hat etwas ... ich wollte wetten, er ist verliebt ... es müßte ihn denn sonst etwas drücken ... Liebe Frau, Du solltest ihn darüber ausfragen ...« »Nein!« entgegnete Elisa, »die Leiden der Liebe wollen geheim gehalten sein; wer alle Geheimnisse seines Herzens auskramt, weiß nicht recht zu lieben.« Poupardot schien nicht ganz der Ansicht seiner Frau zu sein, und um ihr es zu beweisen, nahm er schnell sein Söhnchen auf den Arm, indem er es seinen lieben Navet nannte. Darauf zuckte die Mutter die Achseln und sagte: »Lasse doch den August in Ruhe!« Doch solche unbedeutende Zwiste waren die einzigen, welche die Eintracht dieser Gatten störte, und man konnte immer noch sagen, daß sie eine glückliche Ehe führten. Picotin kam ziemlich häufig zum Besuche nach Clichy. Das erste Mal, als er Prosper wieder sah, erkannte er ihn nicht, so groß war der Unterschied zwischen dem widerwärtigen Sansculotten, der sich im Theater der Republik auf seinen Schooß gesetzt hatte, und dem jungen Stutzer, der Tage lang mit den Kindern spielte und die kleine Pauline auf seinen Armen herumtrug. Als Picotin endlich den jungen Freund von Maximus erkannte, so drückte er ihm innig die Hand und sprach auf tausenderlei Weise seine Freundschaft aus. Da er es aber bei jedem Bekannten so machte, so legte man wenig Gewicht auf solche Worte, und schlug diese Freundschaft, mit der er gegen Jedermann um sich warf, zu ihrem wahren Werthe, d. h. zu gar keinem an. Picotin beklagte sich oft über seine Frau, die, wie viele Personen der damaligen Zeit, enthusiastisch für die Sitten, Gebräuche und Kostüme der Griechen eingenommen war, und verlangte, daß man in Paris alle atheniensischen Moden nachmachen solle. »Ich weiß nicht, was aus meinem Handel werden soll,« sagte eines Morgens Picotin, als er mit trostloser Miene zu Poupardot kam: »denn Euphrasia schwatzt mir nur noch von Griechen, hat nur noch Athen und Lacedämon im Munde, und behauptet, wir sollen ihnen nachahmen, weil sie ausgezeichnete Republikaner gewesen seien.« »Nun, Bürger Picotin, bist Du nicht mehr dieser Ansicht?« fragte Prosper. »Vor Kurzem hattest Du den Beinamen Horatius Cocles angenommen, um den großen Männern Roms zu gleichen; warum nimmst Du jetzt nicht einen griechischen Namen an, da diese gegenwärtig den Vorzug haben?« »Den Vorzug! ... der ist vor allen Dingen nicht allgemein anerkannt; dieser Gedanke, die Griechen nachzuahmen, stammt nur aus den Salons, wo sich die großen Koketten und Stutzer versammeln. Das Schönste ist, daß die Frau eines Conventmitglieds mit einer Freundin im Tuileriengarten spazieren ging, beide als Athenienserinnen gekleidet, das heißt in einem Kleide ohne Hemd, oder vielmehr in einem Hemde ohne Kleid, mit nackten Beinen und Kothurnen statt aller Fußbekleidung ...« »Ist es wirklich möglich?« fragte Elisa mit ungläubiger Miene. – »Ich weiß nicht, ob es möglich ist, aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es so ist; mein Freund Romulus hat sie gesehen und ist ihnen nachgegangen ... Eine Menge Männer folgten ihnen, das versteht sich von selbst ... um so mehr, als man behauptet, diese beiden Damen seien sehr schön und sehr gut gewachsen ...« »Beim Kuckuk!« sagte Poupardot, »Bucklige hätten dieses Kostüm nicht angezogen!« – Nun!« fuhr Picotin fort, »nachdem ich von allen Seiten die beiden Bürgerinnen, welche diesen Versuch gemacht haben, tadeln hörte, würdet ihr glauben, daß meine Frau sie in Schutz nimmt, und behauptet, wir müssen die atheniensischen Moden annehmen! ... Denkt euch mich mit einer Tunika, die nur bis an den halben Schenkel reicht, und einem nachlässig über die Schultern geworfenen Mantel! ... wenn ein Wind geht, muß man da schöne Dinge sehen! ... Gleichviel, Euphrasia denkt und träumt nur von Griechenland, und um den Anfang zu machen, hat sie mir diesen Morgen eine mit Honig und Thymian angemachte Brodsuppe gekocht und gesagt, das sei griechische Küche ... und zum Trinken hat sie mir statt des Weines einen medizinischen Absud vorgesetzt, denn sie für Naxos oder Chio ausgibt. Ich habe Alles abscheulich gefunden und bitte euch um ein Frühstück.« Man bemühte sich, den armen Gatten zu trösten und gab ihm ein Frühstück; Poupardot füllte ihm öfters sein Glas, damit er seinen Meth vergesse, und als Picotin, von dem genossenen Weine erhitzt, vom Tische aufstand, war er mehr als je gegen die griechische Küche eingenommen. Nach, dem Frühstücke forderte Picotin Poupardot und Prosper auf, mit ihm nach Paris hinunter zu gehen, um zu hören, was es Neues gebe, denn obgleich die Schreckensherrschaft ein Ende hatte, so fehlte doch noch viel zur völligen Wiederherstellung der Ruhe, und jeder Tag führte noch neue Streitigkeiten im Convente, Murren unter dem Volke und Drohungen in den Sektionen herbei. Prosper war, seit er bei Poupardot wohnte, öfters in Paris gewesen, mischte sich aber nicht mehr in die öffentlichen Wortstreite; sein einziger Wunsch war, Jemand zu begegnen, der aus England zurückkomme, um möglicherweise Nachrichten über den Grafen von Trevilliers und seine Tochter einzuziehen, und bis dahin war dieser Wunsch nie in Erfüllung gegangen. Die drei jungen Männer verließen Clichy und gingen Arm in Arm nach Paris hinab. Prosper, der immer in Träumereien versunken und zerstreut war, achtete wenig auf das, was um ihn her vorging. Poupardot dagegen betrachtete Alles, suchte alle Gesichter zu erforschen und zu errathen, was man in den verschiedenen Gruppen sprach. Picotin, den das Frühstück fast verwegen gemacht hatte, trillerte die Carmagnole ; wenn aber ein Stutzer an ihm vorbeiging, und auf ihn zu hören schien, so wußte er von seiner Melodie geschickt in den Marlborough überzugehen. Die Herren langten ans den Boulevards an. »Wo gehen wir hin?« fragte Prosper. – »In die elysäischen Felder!« rief Picotin aus, »der Tag ist wunderschön, es muß eine Masse Menschen dort sein.– »Es sei!« versetzte Poupardot, »dort erfahren wir sicher etwas Neues, wenn es nämlich etwas gibt.« Man setzte seinen Marsch fort und kam bald in die elysäischen Felder, wo in der That eine Menge Menschen aller Klassen hin und her wogte, die Einen, um zu sehen, die Andern, um sich sehen zu lassen, Einige um zu erfahren, was gesprochen werde, und der größte Theil, um dem Müßiggang zu fröhnen. Unsere drei Spaziergänger waren schon durch mehrere Alleen gegangen; Prosper sah rings herum und forschte, ob er nicht unter den vielen Vorübergehenden Maximus, seinen theuren Maximus, den er so sehnlich zu finden wünschte, entdecken könnte. Poupardot bestrebte sich, Zufriedenheit auf allen Gesichtern zu lesen, und Picotin stellte eine Menge Betrachtungen an, deren Beachtung seine beiden Begleiter für überflüssig hielten. Mit einem Male stießen einige junge Leute aufeinander, sprachen lachend zusammen, und richteten dann ihre Schritte nach einer entgegengesetzten, weniger besuchten Allee, die sich aber bald mit Menschen anfüllte. »Dort muß es etwas geben, Bürger!« rief Picotin aus, seine beiden Begleiter nach der Gegend hinziehend, wo sich die Spaziergänger hindrängten. »Seht, seht! man läuft, man drückt sich. O! gewiß gibt es dort etwas, kommt, laßt uns sehen.« Poupardot und Prosper ließen sich fortschleppen. Picotin wendete sich an einen Vorübergehenden und fragte: »Was gibt es denn dort, Bürger? ... Was läuft man? ... Was will man sehen?« »Wieder ein als Griechin gekleidetes Frauenzimmer ... Die Damen haben doch den Teufel im Leib ... Diese ist beinahe nackt ... Eine Tunika von Musseline ... und nichts darunter ... Ihr könnt Euch denken, was man sieht ... sie hat wohl eine kleine Draperie über die Schultern geworfen, die aber nicht das Mindeste bedeckt ... Geht nur hin, Bürger, das Frauenzimmer ist hübsch, es ist schon der Mühe werth, sie zu sehen.« »O! beim Kuckuk! ich wäre entzückt, einmal eine zu sehen!« rief Picotin aus; »das ist ein Beweis, daß Romulus mich nicht belogen hat. Es ist aus, die Weiber werden Griechinnen ... Wir wollen diese einmal sehen!« Picotin zog seine Begleiter mit sich, stieß die Personen, die er auf dem Wege fand, auf die Seite, drang durch die Menge und gelangte endlich dazu, in einer Entfernung von dreißig Schritten von sich der modernen Athenienserin ansichtig zu werden, welche mitten unter der Menge ganz allein und ungenirt spazieren ging und keineswegs durch die Wirkung, die ihr Costüm hervorbrachte, außer Fassung zu gerathen schien. »Donnerwetter! sie ist hübsch gebaut,« rief Picotin aus; »schöne Beine ... Waden ... Hüften ... wie gut man das Alles sieht! ...« – Sie scheint in diesem Costüm nicht verlegen zu sein!« versetzte Poupardot, »und doch ist es rasend unschicklich!« »Das ist wahr,« sagte Picotin, »aber es ist sehr herausfordernd! ... beim Henker! jetzt finde ich auch Geschmack an den Griechinnen ... Ich kann diese Griechin hier nicht von Angesicht sehen ... aber auch die hintere Seite ist prächtig ... Was sagt ihr dazu, Bürger?« – Sie ist gebaut, wie ein Engel!« rief Poupardot aus. Prosper antwortete nichts, er zuckte nur mit den Achseln. »Vorwärts, vorwärts!« schrie Picotin, »ich will ihr Angesicht sehen, auch mich überzeugen, ob Alles, was man uns zeigt, eben so fest als schön ist.« »Ha! Picotin, Du wirst hoffentlich vernünftig sein und Dir nicht erlauben, dieses Frauenzimmer zu beleidigen!« stellte ihm Poupardot vor. »Sei doch ruhig, Bürger; es handelt sich nicht von einer Beleidigung ... aber ein Frauenzimmer, welches beinahe nackt spazieren geht, scheint eben nicht ganz unbändig zu sein. Kommt doch, kommt doch. Ich will die Eroberung dieser Athenienserin machen.« Picotin verdoppelte seine Schritte, das Frühstück hatte ihn unternehmend gemacht: das griechische Costüm stieg ihm zu Kopfe. Er kam hinter der Athenienserin her, und während er den Hals vorstreckte, um ihr ins Angesicht zu sehen, erlaubte sich seine Hand etwas zu berühren, was die Tunika sehr hervortreten ließ. In demselben Augenblicke wendete sich die moderne Griechin um und versetzte ihm eine tüchtige Ohrfeige, während Picotin starr vor Staunen stehen blieb, als er bemerkte, daß es seine eigene Frau war, die er ins Hintertheil gekneipt hatte. Das Verfahren der Athenienserin war indessen von vielen Zeugen beobachtet worden; überdies hatte sie die Ohrfeige so kräftig versetzt, daß sie Jedermann hören konnte. Alsbald näherte und drängte sich Alles um Picotin, der sich die Wange hielt und nicht wußte, was er den Fragenden antworten sollte; Andere dagegen umringten Euphrasia und richteten nicht die schmeichelhaftesten Reden an sie; man verhöhnte sie wegen ihres Costüms, und fragte sie, ob sie deßhalb die griechische Tunika angezogen habe, um ihre Bewunderer zu beohrfeigen. Einige machten bereits den Vorschlag, ihr eine Züchtigung zu Theil werden zu lassen, wie man sie unartigen Kindern auferlegt. Euphrasia war erschreckt, erblaßte, zitterte, wollte sprechen ... Ein allgemeines Hurrah übertönte ihre Stimme ... Sie suchte mit den Augen ihren Gatten: er hatte sich, seine Wange haltend, davon gemacht. Die arme Athenienserin wußte nicht, wie sie sich von dieser Menschenmasse befreien sollte, als ein junger Mann bis zu ihr durchdrang, sie beim Arme nahm, und sie, während er Alle, die ihm in den Weg traten, kräftig zurückstieß, mit großen Schritten aus den elysäischen Feldern hinaus- und davonführte, und in meinen Fiaker steigen ließ. »Ach! ich danke Dir, ich danke Dir! Bürger Prosper,« rief Euphrasia aus, als sie wieder die Kraft zum Sprechen gefunden und ihren Befreier erkannt hatte; »ich weiß nicht, was mir ohne Dich geschehen wäre! ... O! es ist vorbei, ich werde mich nie wieder als Athenienserin anziehen.« »Daran wirst Du, wie ich glaube, recht wohl thun,« sagte Prosper lächelnd, »die Franzosen scheinen mir nicht geneigt, Griechen zu werden.« »Und doch ist der Dummkopf, mein Mann, an Allem dem Schuld ... hätte er mich nicht ... beleidigt, so würde ich ihm keine Ohrfeige gegeben und man sich nicht um mich versammelt haben. Liegt auch ein Verstand darin, mich zu kneipen, als ob er zu Hause nicht immer Zeit dazu hätte! doch da denkt er nie daran.« – Wenn er Dich erkannt hätte, würde er es auch nicht gethan haben.« »Wie! er hat mich nicht erkannt? Also gegen ein fremdes Frauenzimmer wollte er sich ... Freiheiten herausnehmen? O! das Ungeheuer! er verdiente wohl ... doch das soll er mir nicht umsonst gethan haben ... Wohin führst Du mich, Bürger?« – In Dein Haus, denke ich. – »O! noch nicht ... ich möchte nicht vor Nacht heimkommen. Ich fürchte mich vor einem neuen Auftritt, wenn man mich in diesem Costüm in meinem Quartier ankommen sähe. Ich habe mich nicht zu Hause angezogen, sondern bei einer meiner Freundinnen.« – Nun! soll ich Dich zu Deiner Freundin hinführen? – »Sie ist vielleicht nicht zu Hause ... Wenn Du keine Eile hast, so sage zum Kutscher, er solle uns ins Boulogner Wäldchen führen ... Es wird bald Nacht sein, dann können wir nach Paris zurückkehren.« Prosper war geneigt, Alles zu thun, was der jungen Frau angenehm sein konnte, denn er fand sie sehr verführerisch in ihrem griechischen Costüm. Er befahl folglich dem Kutscher, nach dem Boulogner Wäldchen zu fahren. Da sich Euphrasia nicht mehr fürchtete, so kehrte auch ihre Munterkeit und Koketterie zurück; sie suchte sich in ihr Mäntelchen einzuhüllen, aber die geringste Erschütterung des Wagens verschob ihre Bedeckung und hob bisweilen einen Theil ihrer Tunika in die Höhe. Dann lachte Euphrasia wie eine kleine Närrin und Prosper suchte sie zu bedecken, damit sie nicht friere, aber er griff es ungeschickt an, und wurde nie damit fertig. Unterdessen brach die Nacht herein und es fing an kühl zu werden. Prosper hatte alle Fenster des Gefährtes geschlossen, aus Furcht die junge Griechin möchte sich erkälten, allein trotz dieser Vorsicht kauerte sich diese dicht an seine Seite, um sich zu erwärmen. Es war schon zwei Stunden stockfinstere Nacht, und der Fiaker, worin Prosper und Euphrasia saßen, fuhr immer noch im Boulogner Wäldchen herum; der Kutscher war beinahe eingeschlafen, seine Hand überließ den Rennern die Zügel , als Prosper und die Athenienserin, die beide längst nicht mehr kalt hatten, an die Rückkehr nach Paris dachten. Man langte in der Bärenstraße an, die junge Frau stieg zwei Schritte vor ihrem Hause aus dem Wagen, drückte Prosper zärtlich die Hand, eilte auf ihren Laden zu und rief ans: »Demungeachtet, werde ich meinem Mann einen hübschen Auftritt bereiten!« Ungefähr sechs Wochen nach diesem Tage erhielt Prosper einen schwarz gesiegelten Brief aus Melun, er öffnete ihn voll Besorgniß; er war von demselben Notar, der ihn aufgefordert hatte, das Legat seines Pathen abzuholen, und enthielt folgende Worte: »›Der ehemalige Bierbrauer, Bürger Durouleau, ist an einem Gichtanfall gestorben, er hinterläßt weder Kinder noch Seitenerben, und hat Dir, Bürger Prosper Bressange, sein ganzes Vermögen vermacht; diesmal handelt es sich um etwas Anderes, als um drei Paar Hosen, denn kurz vor seinem Tode hat Durouleau noch ein Nationalgut angekauft; das Landgut des vormaligen Grafen von Trevilliers. Wenn Du kommen willst, so hängt es nur von Dir ab, in den Besitz Deiner Erbschaft zu treten.‹« Prosper hielt sich einen Augenblick für das Spielwerk eines Traumes; denn wenn uns ein großes Glück zu Theil wird, so fürchten wir immer, es möchte eine Täuschung sein; nicht so ist es mit der Trübsal der Fall, die wir immer wie eine alte Bekanntschaft aufnehmen. Indessen war ihm dieses Glück wirklich begegnet, er hielt den Brief in seinen Händen, der es ihm verkündete, und war fast über sich selbst böse, daß er durch den Tod dieses armen Durouleau so beglückt wurde, welcher ihm selbst im Scheiden noch einen Beweis der Anhänglichkeit, die er für ihn empfunden, gab. Aber in dem vorliegenden Falle war es sehr natürlich, daß die Freude den Sieg über das Bedauern davon trug. Tausend Gedanken, tausend Hoffnungen stiegen in Prospers Seele auf, besonders entzückte ihn der Besitz des Graf Trevilliers'schen Gutes, jener schönen Herrschaft, wo Camilla ihre Jugend verlebte, und deren Verlust sie fortwährend bedauerte, da ihr einziges Glück, seit sie nicht mehr das Recht hatte, sie zu bewohnen, darin bestand, sich in den Umgebungen derselben zu ergehen. Die Einbildungskraft eines Verliebten reicht weit! Schon sah sich Prosper als Camilla's Gatte, und führte sie in den Wohnsitz ihrer Väter ein. Der neue Erbe beeilte sich, seine Wirthe den Brief lesen zu lassen, den er eben erhalten hatte; diese theilten seine Freude ... Poupardot küßte und beglückwünschte ihn; Elisa gab ihm die Versicherung, daß er ein solches Loos verdiene, und ihre Worte waren der völlige Ausdruck der Wahrheit, denn die beiden Gatten kannten keinen Neid, und freuten sich aufrichtig und herzlich mit ihrem Freunde. »Und Du, liebe Kleine,« sagte Prosper, die Tochter des unglücklichen Derbrouck in seine Arme schließend, »Du, die Du im Schooße des Glücks geboren wardst, und nichts mehr besitzest, Deine Zukunft kann ich nun auch sicherstellen. Ach! wenn ich mich über meinen Reichthum freue, so geschieht es nur deßhalb, weil ich fühle, wie süß es sein muß, Diejenigen zu beglücken, die man liebt.« Prosper wollte den folgenden Tag, nachdem er den Brief erhalten hatte, nach Melun abreisen, aber die neuen Ereignisse, die sich in Paris vorbereiteten, gestatteten ihm eine so schleunige Entfernung nicht. Die Sektionen waren eben in völliger Empörung gegen den Convent; die Trommel schlug in Paris, man griff von allen Seiten zu den Waffen und Poupardot, der trotz der Bitten seiner Frau eines Tages fortgegangen war, um zu sehen, was vorgehe, kam ganz erschöpft, ganz blaß und mit einer Wunde am Knie nach Hause zurück; dessenungeachtet rieb er sich aber die Hände und rief aus: »Es geht gut, o! es geht vortrefflich ... die Empörung ist vorüber ... der General Bonaparte hat die Sektionen zusammenschießen lassen ... o! er war bald fertig mit ihnen ... der Convent triumphirt ... ich denke, man wird den 13. Vendémiaire nicht so bald vergessen!« »Aber warum bist Du verwundet?« fragte Elisa, »hast Du Dich geschlagen?« – Nein ... aber ich wollte im Augenblicke, als die Kanonen loskrachten, durch die Straße Saint-Honoré gehen ... die Kanonen treffen weit hin, und wenn man neugierig ist ... so begegnet einem bisweilen eine Unannehmlichkeit ... Es ging mir ein Stück von einer Kartätschenkugel in das Knie, was mir sehr weh thut ... allein ich bin zufrieden, denn ich habe die Hoffnung, daß wir endlich glücklich sein werden.« Elisa verband eilig ihren Gatten; Prosper verweilte einige Tage länger bei dem Verwundeten, um sich zu überzeugen, daß es keine Gefahr mit ihm habe. Poupardot war bald wieder hergestellt; da aber die empfangene Wunde einen Nerven des Knies angegriffen hatte, so fühlte er beim Gehen eine Beschwerlichkeit, eine Steifheit, die ihn zu hinken nöthigte, und der Arzt gab ihm den schlechten Trost, er dürfe nicht daran denken, daß es sich mit seinem Gang bessern werde. Als endlich Prosper Paris wieder in Ruhe sah, entschloß er sich, nach Melun abzugehen; er sagte seinen Freunden Lebewohl, küßte Paulinen, die er mit einem Blicke noch einmal der guten Elisa empfahl, aufs Zärtlichste, und begab sich sodann auf den Weg, um die Erbschaft einzuziehen, die er der Vorsehung und der rothen Hose seines Pathen verdankte. Dreizehntes Kapitel. Aufenthalt in England Kaum war Prosper in Melun angelangt, so beeilte er sich, zu dem Notar Dumont hinzugehen. Dieser las ihm das zu seinen Gunsten abgefaßte Testament vor und überreichte ihm die Aktenstücke, wodurch ihm das Vermögen zugesichert war, welches ihm übrigens Niemand streitig zu machen suchte. Der vormalige Bierbrauer war kein Millionär, denn bis zu seinem letzten Gichtanfall hatte er sich nichts versagt und alle seinen Neigungen entsprechenden Vergnügungen genossen. Das nach seinem Tode hinterlassene Vermögen bestand aus dem Gute von Trevilliers und seinen Pertinenzien, was ein Einkommen von jährlich zehn- bis zwölftausend Livres abwarf; alsdann aus seinem in Melun stehenden Wohnhause, und ungefähr hunderttausend Livres baaren Geldes, welche er in einem alten Koffer im Innern eines Schreibtisches verborgen gehabt hatte, was auf wenig Vertrauen zu den Assignaten von ihm schließen ließ, obwohl er das Gut des Emigranten mit solchem Papier an sich gebracht hatte. Es war also kein ungeheures Vermögen, welches Prosper zufiel; aber für Jemand, der gar nichts hat, grenzt ein solcher Wechsel des Geschickes ans Wunderbare. Bedenken wir auch, daß Prosper erst zwanzig Jahre alt war, und wenn gleich die Zufälle und Lebenslagen, in denen er sich schon befunden, seinen Charakter frühzeitig gestählt hatten, so konnte sich sein Herz und sein Sinn doch noch jenen der Jugend befreundeten Illusionen überlassen, die selbst das reifere Alter noch lange beizubehalten sucht. Beim Eintritt in das Haus, wo er Durouleau freudig und bei guter Laune verlassen hatte, fühlte sich Prosper tief ergriffen, und würde willig das eben erlangte Vermögen zurückgegeben haben, wenn er wieder die Hand dieses Mannes hätte drücken dürfen, der zwar in seinem Leben große Fehler begangen haben mochte, ihm jedoch nur Beweise der Freundschaft gegeben hatte. In dem Gemache angekommen, welches Prosper früher inne gehabt hatte, bemächtigte sich eine andere Erinnerung seiner Seele. Hier hatte Camilla eine Nacht mit ihm zugebracht, hier war er so glücklich und so strafbar gewesen; doch hoffte er immer, aus diesem Fehler werde sein Glück entsprießen, und er dachte in seinem Sinne: »Kann sie jemals, nach dem was geschehen ist, einem Andern ihre Hand reichen? O! nein ... Camilla ist zu stolz, um Jemand zu betrügen. Sie weiß, wie sehr ich sie liebe, und warum sollte ich jetzt, wo ich ihr ein Gut ihres Vaters zurückgeben kann, jetzt, wo ich reich bin, nicht ihr Gatte werden können?« Prosper blieb einen großen Theil des Tages in Gedanken versunken und mit der Erinnerung an Camilla beschäftigt, in diesem Zimmer. Die Zeit verstreicht den Dichtern und Verliebten schnell; solche Leute langweilen sich nie in der Einsamkeit, das ist eine kleine Entschädigung für all' die Täuschungen, die ihrer warten. Erst beim Heraustreten aus dem Zimmer gedachte Prosper einer zweiten Person, die es ebenfalls mit ihm getheilt hatte; dann schweiften seine Blicke auf den umstehenden Gegenständen herum und er flüsterte: »Arme Jeannette! diese liebt mich innig! und ich habe sie gezwungen, mich zu verlassen, während die andere ... Unser Herz ist doch sehr undankbar, sehr grausam, sehr unvernünftig! Wenn es nicht liebt, läßt es sich von nichts rühren; es bleibt kalt bei den Beweisen der glühendsten Liebe, während es bisweilen für einen Gegenstand in Flammen geräth und sich verzehrt, von dem es nur Geringschätzung und Verachtung erfährt. Wenn ich aber Jeannetten wieder finde, so will ich ihr wenigstens Beweise meiner Freundschaft geben, indem ich sie für alle Zeiten gegen die Wechselfälle des Glücks sicher stelle.« Prosper hatte schon seinen Plan gemacht; sein Entschluß stand fest; er beabsichtigte nach England zu gehen, um dort Camilla aufzusuchen; er konnte nicht glauben, daß sie ihn ganz vergessen habe. Da er ihr Schweigen der Macht der Umstände und nicht ihrem eigenen Willen zuschrieb, so tröstete er sich damit, sie habe ihm vielleicht Nachricht gegeben und ihre Briefe seien aufgefangen worden oder verloren gegangen; der damals zwischen Frankreich und England herrschende Krieg, die Seltenheit und die Schwierigkeit der Communikationen, konnten in der That Anlaß zu solchen Vermuthungen geben; außerdem ergreift ein Liebender Alles, was seiner Leidenschaft schmeichelt; er würde eher an eine Erdumwälzung glauben, als vollkommen auf die Hoffnung einer Gegenliebe verzichten. Wenn wir lieben, fordern wir Beweise, um an unser Unglück zu glauben, und selbst dann noch gibt es Viele, die sie haben, und doch nicht daran glauben wollen! Oculos habent et non vident (sie haben Augen und sehen nicht), was übrigens ein großes Glück ist. Prosper brachte seine Erbschaftsangelegenheiten schnell in Ordnung. Er nahm sodann eine bedeutende Summe Geldes zu sich, vertraute seinem Notar die übrige Baarschaft an, ließ sein Haus unter der Aufsicht zweier Dienstboten, die schon bei Durouleau gedient hatten, und reiste nach Calais ab, wo er eine Gelegenheit zur Ueberschiffung nach England zu finden hoffte. Mit Gold kommt man zu jeder Zeit und unter allen Regierungsformen fast immer zum Ziele. Prosper wurde mit dem Kapitän eines leichten Segelschiffes, das nach Schottland steuerte, Handels einig. In einer schönen Nacht schiffte er sich ein und verlor bald die Küsten seines Vaterlandes aus den Augen. Die Hauptsache für Prosper war, aus Frankreich heraus zu sein. Einmal in Schottland, schien es ihm ein Leichtes, sich nach England zu begeben; nur sah er bald ein, daß er wohl daran gethan hatte, sich mit einer beträchtlichen Summe Geldes zu versehen, denn wenn man sagen kann, in Frankreich gebe man viel Geld aus, so scheint es einem in England geradezu davon zu fliegen. Vierzehn Tage nach seiner Abfahrt von Calais logirte Prosper in London in einem ziemlich hübschen Hôtel der Altstadt, und rannte in allen Straßen umher, in der Hoffnung, der Tochter des Grafen von Trevilliers zu begegnen. Aber jeden Tag fühlte der arme Verliebte seine Hoffnungen mehr und mehr schwinden. Wie sollte es ihm auch in der That gelingen, die Gesuchte inmitten einer riesengroßen Stadt, einer ungeheuren Bevölkerung zu finden, während er kaum ein paar Worte von der Sprache herausstottern konnte, die rings um ihn her gesprochen wurde. Der Gastwirth, bei welchem Prosper wohnte, litt an der Einbildung, vortrefflich Französisch zu sprechen und zu verstehen. Als der junge Reisende bei ihm abstieg und sagte, er komme nach London, um Landsleute aufzusuchen, so hatte ihm Herr Betteson, dies war der Namen des Wirths, entgegnet, er werde ihn in seinen Bemühungen unterstützen und ihm die Mittel verschaffen, seine Freunde zu finden. Als aber nach einigen in der Altstadt zugebrachten Tagen Herr Betteson Prospern Bier schickte, wenn er Zucker, ein Beefsteak, wenn er eine Feder, und einen Schneider, wenn er einen Commissionär verlangte, so zog der junge Mann aus und quartirte sich in einem hübschen Hotel des prachtvollen Quartiers Saint-James ein. Dort fand Prosper einen Wirth und sogar Kellner, die ziemlich gut Französisch sprachen, bei denen er sich nach dem Grafen von Trevilliers erkundigte. »Emigranten,« erwiderte man ihm, »haben wir in allen Quartieren der Stadt viele; die einen machen tolle Depensen, die andern haben keinen Sou und sind höchst unglücklich; einige davon sind sogar genöthigt, um ihr Leben zu fristen, ihre Talente in Anwendung zu bringen, und unterrichten in der Kunst oder Wissenschaft, die sie verstehen, wobei sie aus Stolz ihren Namen und Rang verbergen. Wir kennen keinen Grafen von Trevilliers; um Nachrichten über ihn einzuziehen, müßten Sie häufig die großen Zirkel Londons besuchen, in den Salons einiger Lords Zutritt haben, oder was noch besser wäre, bei irgend einer hochgestellten Person eingeführt werden.« Aber Prosper hatte gar keine Bekanntschaften, keine Empfehlungsbriefe; er war von bürgerlicher Abkunft, ein früherer Buchdrucker, war Republikaner, liebte die Freiheit, die Revolution und war Besitzer von Nationalgütern; alle diese Eigenschaften gaben ihm keinen Anspruch, in den Salons der englischen Aristokratie zugelassen zu werden. Sechs Monate waren verflossen. Prosper hatte alle Quartiere von London durchstreift und alle öffentlichen Orte besucht, er ging oft ins Theater und in die Zirkel, speiste in allen bedeutenden Gasthäusern, trank in allen Tavernen, hatte aber nie weder Camilla zu Gesicht bekommen, noch einen Franzosen den Namen ihres Vaters nennen hören. Der arme Verliebte war in Verzweiflung; mehrmals schon hatte er im Sinne gehabt, England zu verlassen, aber er konnte nicht zum Entschlusse kommen, weil ihm ein geheimes Gefühl sagte, seine Geliebte sei doch in London. Eines Morgens ging er in einem vom Mittelpunkte der Stadt entlegenen Viertel spazieren. Er suchte nicht mehr, er fragte nicht mehr, denn auch in dieser, wie in den andern Straßen hatte er sich schon längst nach dem Grafen von Trevilliers und seiner Tochter erkundigt, und nur verneinende Antworten erhalten. Während er so auf- und abging, hielt eine Postchaise vor einem ziemlich einfach aussehenden Hause. Ein Mann von eleganter Haltung stieg zuerst aus; an seinem Anzuge, an seinem ganzen Wesen erkannte Prosper sogleich einen Franzosen; nach ihm sprang ein junges Frauenzimmer aus dem Wagen, und dieses Frauenzimmer war, obgleich er sie nur halb gesehen, das sagte ihm sein Herz, Camilla, die er endlich entdeckt hatte. Prosper blieb ungefähr hundert Schritte von dem Gefährt entfernt unbeweglich auf der Straße stehen, und heftete seine Blicke starr auf das Haus, in welches die Personen eingetreten waren, die von einer Reise zurückgekommen zu sein schienen. Er wußte nicht, was er anfangen sollte. Dieses Glück, worauf er nicht mehr gerechnet hatte, betäubte ihn und beraubte ihn seiner Fassung. Indessen stieg der Postillon wieder auf. Die Postchaise rollte von dannen. Jetzt erst kehrte Prospers Besinnung zurück, und hinter dem Gefährt herlaufend, rief er dem Postillon zu und zeigte ihm von fern ein Goldstück. Der Postillon hielt seine Pferde an. Der junge Mann näherte sich ihm und suchte sich verständlich zu machen. Seit den sechs Monaten, die er in London zugebracht, hatte er hinlänglich Englisch gelernt, um sich halbwegs auszudrücken. Er fragte, wer die Reisenden seien, welche eben aus dem Wagen gestiegen. Der Postillon griff zuerst nach dem ihm dargebotenen Goldstücke und entgegnete alsdann: » Yes, travellers ... comte french émigré , von Birmingham kommen!« Hierauf peitschte der Postillon seine Pferde und flog davon. Prosper wußte jetzt nicht viel weiter, als zuvor, doch hatte er die Worte comte, french und émigré wohlverstanden. Außerdem war er überzeugt, Camilla gesehen zu haben; allein was sollte er nun beginnen? er fühlte wohl, daß es jetzt nicht der passende Augenblick sei, sich vorzustellen, da man von einer Reise zurückkehrte, und auch abgesehen davon, wollte er Camilla ohne ihren Vater sehen, und zu diesem Zwecke mußte er zuvor einigermaßen bekannt im Hause sein. Prosper stand den ganzen Tag wie eine Schildwache in der Straße. Gegen Abend kam eine Frau, an deren Haltung er eine Engländerin erkannte, aus dem Hause heraus. Prosper ging ihr nach, redete sie an, stammelte einige Worte, die keiner Sprache angehörten, weil er in seinem Eifer, sich verständlich zu machen, keine Worte fand, sich auszudrücken. Zu seinem Glücke sprach die Dame, an welche er sich gewendet, vortrefflich Französisch, und sagte lächelnd zu ihm: »Ich glaube, es wäre einfacher, wenn Sie nicht englisch mit mir sprächen.« Prosper war entzückt, er würde die englische Dame geküßt haben, wenn er nicht gefürchtet hätte, sie aufzubringen; endlich konnte er die ersehnten Erkundigungen einziehen. Mistreß Wilfort, so hieß die Dame, erwiderte ihm mit vieler Höflichkeit: »Die Leute, welche Sie aus dem Wagen steigen sahen, haben schon vergangenes Jahr bei mir gewohnt; ich bin Wittwe und mit zwei Dienstboten allein; mein Haus ist ziemlich groß, daher habe ich die Hälfte davon diesem Franzosen und seiner Tochter abgetreten. Er ist ein Emigrant, und heißt Graf von Trevilliers. Sie sind, wie mir scheint, nicht reich; sie haben mehrere Monate in Birmingham bei einem befreundeten Engländer zugebracht. Heute kamen sie zurück und werden wahrscheinlich in ihrer früher gewohnten Lebensweise wieder fortfahren. Der Vater geht alle Tage aus und miethet zuweilen ein Pferd, um spazieren zu reiten: die Tochter bleibt beinahe beständig zu Hause. Sie erhalten von einigen adeligen, gleich ihnen ausgewanderten Franzosen Besuche; sie schwatzen, sie spielen ... und trinken Alle keinen Thee ... was mir das Auffallendste an ihnen zu sein scheint! ...« Prosper bedankte sich bei Mistreß Wilfort, die äußerst gesprächig zu sein schien; er gab sich für den Bruder einer von Fräulein von Trevilliers in Frankreich zurückgelassenen Freundin aus, sagte, er werde ihr einen Besuch machen, sobald sie sich von der Reise erholt habe, und bat die Engländerin, ihr nichts von ihm zu sagen, weil er sie zu überraschen gedenke. Mistreß Wilfort versprach zu schweigen; der junge Mann entfernte sich mit freudeerfülltem Herzen. Zum ersten Mal seit seinem Aufenthalt in London sah er mit Vergnügen um sich herum. Die Stadt erschien ihm schöner, die Läden prächtiger, die Engländerinnen anmuthiger; das schien er Alles vorher nicht bemerkt zu haben. Prosper verbrachte einige Tage damit, um Camilla's Haus herum zu schlendern. Der Graf von Trevilliers ging gewöhnlich um ein Uhr Nachmittags aus und kam vor fünf Uhr nicht zurück. Als er den Zeitpunkt genau kannte, wo Camilla allein zu treffen war, faßte er den Entschluß, sich bei ihr vorzustellen. Dieser junge Mann, den wir vor Kurzem noch so kühn und so unternehmend gesehen haben, war jetzt schüchtern und befangen, und sein von Furcht und Hoffnung bewegtes Herz rang vergebens nach Muth und Zuversicht. »Wie wird sie mich aufnehmen?« fragte sich Prosper hundert Male auf dem Wege zu Camilla. Endlich langte er bei Mistreß Wilfort an und ersuchte sie, die Tochter des Grafen heimlich zu benachrichtigen, daß sie ein Bekannter aus Frankreich zu sprechen wünsche. Mistreß Wilfort führte Prosper in einen Salon und hieß ihn dort warten, bis sie Fräulein von Trevilliers von seiner Anwesenheit in Kenntniß gesetzt habe. Nach kurzer Zeit kam sie wieder zurück und sagte zu ihm: »Das Fräulein hat viele Fragen in Betreff Ihrer an mich gerichtet; ich habe jedoch geantwortet, daß ich Sie nicht kenne: sie wird übrigens kommen ... Erwarten Sie dieselbe hier, ich gehe.« »Mein Gott, welche Förmlichkeiten!« dachte Prosper, sich auf einen Stuhl niederlassend; »übrigens denken wir daran, daß wir nicht mehr in Frankreich sind; daß Camilla hier wieder adelig und eine große Dame geworden ist ... daß republikanische Ideen von der Familie eines Emigranten sehr übel würden aufgenommen werden, und daß ich ehrerbietig mit derjenigen sprechen muß, die sich vielleicht nicht einmal des vertrauten Verhältnisses mehr wird erinnern wollen, das zwischen uns bestanden hat.« Eine Thüre ging auf und Camilla erschien. Seit ihrer Entfernung aus Frankreich war der Ausdruck ihrer Züge noch strenger und ernster geworden; ihre Gestalt hatte sich entwickelt und ihr gemessener Gang war nicht mehr der des jungen Mädchens, welches spielend auf den Feldern herumlief. Prosper fand sie noch reizender; Staunen und Bewunderung ergriffen ihn bei ihrem Anblicke. Als Camilla die Person, die sie erwartete, erkannte, wurde sie blaß, stützte sich auf ein Möbel, und blieb einige Augenblicke, ohne sprechen zu können, stehen. »Sie sind es, mein Herr!« begann sie endlich, und diese Worte drückte sie mit einem solch' vorwurfsvollen Tone aus, daß Prospers Herz sich bereits verwundet fühlte. »Meine Gegenwart scheint Sie zu überraschen, Fräulein,« versetzte Prosper mit bebender Stimme, »Sie erwarteten mich also nicht? ... Sie glaubten demnach, ich könnte Sie vergessen! ich könnte leben, ohne Sie wieder zu sehen und ohne zu wissen, wie es Ihnen geht! ... Sie hatten versprochen, mir Nachricht von sich zu geben ... ich habe vergebens gewartet ... beinahe zwei Jahre sind verflossen ... und nicht ein Wort kam von Ihnen, meine Sorgen zu beschwichtigen und meinem Herzen etwas Ruhe zu verleihen. Ach! wenn Sie wüßten, was ich gelitten habe! ... Da ich es nicht mehr aushalten konnte, habe ich Frankreich verlassen ... Seit sieben Monaten bin ich in London ... doch endlich habe ich Sie wieder gefunden ... und sehe Sie wieder ... o! ich bin überglücklich!« Während Prosper dieses sprach, durchdrang Camilla eine Bewegung, die sie zu bemeistern suchte; indem sie einen Stuhl nahm, winkte sie dem jungen Manne, sich neben sie zu setzen, und antwortete ihm in minder strengem Tone: »Herr Prosper ... wenn ich Ihnen keine Nachrichten von mir gab, so rührt es daher, daß ... ich es für meine Pflicht hielt, die Vergangenheit gänzlich zu vergessen ... Erinnerungen aus meinem Gedächtnisse zu verwischen ... die allzu peinigend für mich sind ... Ja, meine Vernunft sagte mir, daß jede Verbindung zwischen uns abgebrochen werden müsse ... Glauben Sie nicht, daß mir dieser Entschluß leicht war ... allein wozu sollte unser Wiedersehen dienen? ... Selbst wenn ich Sie liebte, könnten wir keine ... Gatten werden. Vergessen Sie mich, mein Herr, und glauben Sie, daß ich alles Glück vom Himmel für Sie herabflehe.« »Ich soll Sie vergessen!« rief Prosper aus, der bei Camilla's Worten kaum an sich halten konnte, »so empfangen Sie mich ... wir dürfen uns nicht wieder sehen ... wir können keine Gatten werden! Und warum nicht, Fräulein ... Jetzt bin ich reich! ... kann Ihre Zukunft sichern ... kann Ihnen das Gut zurückgeben, auf welchem Sie Ihre Jugendzeit verlebten und dessen Verlust Sie so sehr bedauerten ... es gehört mir, und es machte mich so glücklich, kommen und es Ihnen anbieten zu dürfen!« »Wie, mein Herr, Sie haben das Schloß meines Vaters gekauft!« rief Camilla beinahe mit Entrüstung aus. »Ah! Sie sind ein Käufer von Nationalgütern! ... ich mache Ihnen mein Compliment darüber; unser Gut wird Ihnen nicht theuer zu stehen gekommen sein ... Sie werden es, ohne Zweifel, mit Assignaten bezahlt haben ... Wenn Sie sich dadurch bei meinem Vater empfehlen wollen, so stehe ich Ihnen für keinen guten Empfang.« Prosper war bestürzt, er war auf keine Vorwürfe gefaßt und glaubte auch nicht, solche zu verdienen; erst nach einer Pause fühlte er sich im Stande, zu erwidern: »Ich habe das Schloß Ihres Vaters nicht gekauft ... wie hätte ich es thun können? ich war arm ... aber ... es starb Jemand ... und setzte mich zu seinem Erben ein; der Verstorbene hatte dieses Ihr ehemaliges Gut an sich gebracht und so kam ich in den Besitz desselben. Wenn dieser Erwerb ein Unrecht war, so glaube ich es dadurch wieder auszugleichen, daß ich Ihnen das Gut zurückgebe ... Ach! Fräulein ... machen Sie mir keine unverdienten Vorwürfe ... Wenn ich Ihr Gatte werde, werde ich jeden Tag meines Lebens Ihrem Glücke weihen ... keinen andern Willen mehr anerkennen als den Ihrigen ... Camilla, Sie wissen nicht, wie sehr ich Sie liebe; ... es ist zwar wahr, Sie sind von Adel und ich bin es nicht; habe ich aber deßhalb gar keinen Werth für Sie? und diese Vorurtheile, die in Frankreich keine Geltung mehr haben, sollen sie hier eine Schranke zwischen uns bilden?« Prosper war vor Camilla auf die Kniee gesunken; diese blickte unruhig um sich her und rief aus: »Stehen Sie auf ... stehen Sie auf, ich bitte Sie ... Mein Gott! wenn man käme,., es wäre um meinen Ruf geschehen.« – Vergönnen Sie mir nur ein Wort der Hoffnung ... des Trostes ... – »Was soll ich Ihnen sagen? Ich kann nicht thun, was ich will, ich hänge von meinem Vater ab ...« – So gestatten Sie mir wenigstens, ihn zu besuchen, ihn um Ihre Hand zu bitten? – »Das können Sie thun, allein ich glaube nicht, daß Sie Ihren Zweck erreichen werden.« – Sie haben also nie zu meinen Gunsten gesprochen; dem Grafen nie Etwas von Ihrem Retter erzählt, der Ihnen zu Ihrer Flucht aus Frankreich verholfen hat? – »Verzeihen Sie, ich habe Sie meinem Vater als einen Mann bezeichnet, dem ich große Verbindlichkeiten schuldig sei. Ich denke, daß ich nicht mehr habe sagen dürfen; und ohne Zweifel hat er jetzt Ihren Namen vergessen; mein Vater ist so zerstreut, so sehr mit politischen Angelegenheiten beschäftigt ...« – Nun, ich werde ihn sehen; ich werde den Muth haben, mit ihm zu sprechen. Und Sie, Camilla, werden Sie ihn nicht vorbereiten, damit er mir ein williges Ohr leihe? – »Ich habe keinen Einfluß auf den Willen meines Vaters. Hören Sie zuvor, was er Ihnen antwortet ... Und nun, Adieu; wenn er uns beide so beisammen fände, so könnte ihn das nur gegen Sie einnehmen.« – Sie schon verlassen, Camilla, nach einer so langen Trennung! wo ich Ihnen noch so viel zu sagen habe, wo ich so glücklich bin, Sie zu sehen! – »Sie werden mich keinen Unannehmlichkeiten aussetzen ... mir keinen Verdruß verursachen wollen ...« – O! nein! ich gehe, ich entferne mich ... aber morgen werde ich Ihren Vater besuchen, morgen soll sich mein Schicksal entscheiden.« Prosper stand auf, näherte sich Camilla und, von seiner Leidenschaft hingerissen, machte er eine Bewegung, als ob er sie in seine Arme schließen wolle; aber Fräulein von Trevilliers trat einen Schritt zurück, und ihr Blick wurde so achtunggebietend, ihre Stirne so streng, daß der arme Junge ganz verdutzt wurde und außer Fassung gerieth; er begnügte sich damit, ihre Hand, die sie ihm gnädigst überließ, an seine Lippen zu drücken, und entfernte sich, nachdem er ihr noch einen letzten Blick zugeworfen, in dem sich seine ganze Seele ausdrückte. Prosper kehrte mißvergnügt und besorgt nach Hause zurück; der Empfang, der ihm zu Theil geworden, war nicht von der Art, ihn zu ermuthigen; indeß suchte er sich immer noch Illusionen zu machen; er sagte sich, daß die Tochter des Grafen bei ihrem Vater jene Strenge der Sitten und der Reden wieder habe annehmen müssen, aber daß sie ihm erlaubt habe, um ihre Hand anzuhalten, und daß, wenn sie ihn nicht ein wenig liebte, sie sich dem widersetzt hätte, daß er mit dem Grafen spreche. Kurz, er sagte sich Alles, was man hervorsucht und ersinnt, wenn man Jemand liebt und kein Unrecht an ihm finden will. Am folgenden Tage begab sich Prosper, nachdem er sich sorgfältig angekleidet und sein ungezwungenes, republikanisches Wesen unter dem Costüm eines Dandy zu verbergen gesucht hatte, vor der Stunde, wo gewöhnlich der Graf von Trevilliers ausging, zu demselben. Ein Livréebedienter, dessen Kleider aber abgetragen und an manchen Orten ausgebessert waren, öffnete Prospern die Thüre und fragte ihn, was er wünsche. »Ich möchte mit dem Herrn Grafen von Trevilliers sprechen.« Der Bediente zögerte, kratzte sich am Ohr und entgegnete: »Ich weiß nicht, ob der Herr Graf zu sprechen ist ... wen soll ich melden?« »Sagen Sie einfach, daß ein Franzose, der dem Herrn von Trevilliers Mittheilungen über interessante Dinge zu machen habe, ihn einen Augenblick um eine Unterredung bitten lasse.« Der Bediente geht, kommt wieder, dreht sich ein paar Mal um und entschließt sich endlich, seinen Auftrag auszurichten. Nach Verlauf von fünf Minuten, die unserem Verliebten entsetzlich lange schienen, kehrte der Bediente zurück und sagte: »Der Herr Graf wünschten zu wissen, von wem der Herr geschickt sei, und ob er einen Empfehlungsbrief habe?« Prosper vermochte kaum den Unwillen zu bezähmen, den der unverschämte Ton dieses Bedienten in ihm aufsteigen machte, und seiner Seits ein gebieterisches Aussehen annehmend, sagte er zu ihm: »Ich bin von Niemand geschickt ... Ich selbst, verstehen Sie mich, will mit Ihrem Herrn sprechen ...« Der entschiedene Ton, den Prosper annahm, imponirte dem Bedienten, der sich nun mit ehrerbietiger Miene verbeugte und entfernte, nachdem er zuvor halblaut zu ihm gesagt hatte: »Der Herr Graf wird kommen ... aber sehen Sie, wir werden von so vielen Bittstellern überlaufen ... die uns lästig sind ... daß man genöthigt ist, Vorsichtsmaßregeln zu treffen ... Warten Sie nur, der Herr wird kommen! ...« »Welche Mühe, sich den Großen zu nähern!« dachte Prosper, im Salon auf- und abgehend. »Ich muß ihn übrigens entschuldigen ... er hat Gläubiger, so viel mir Mistreß Wilfort sagte. Herrn von Trevillier's Angelegenheiten stehen sehr schlecht. Muß er dann nicht einen Mann, der seine Tochter ohne Mitgift verlangt und sich im Gegentheil glücklich schätzen würde, Alles, was er besitzt, mit ihr zu theilen, günstig aufnehmen? ... Ach! wenn es dem so wäre!« Der Graf von Trevilliers erschien endlich. Es war ein Mann von etwas über fünfzig Jahren, der aber in Gestalt und Wesen noch einem jungen Manne glich; da er einst sehr hübsch gewesen, so trug er außerordentliche Sorge um seine Person; seine Formen waren elegant und abgeschliffen, aber sein gewöhnlich spöttisches Lächeln und sein zur Satyrs geneigter Geist leuchteten auch aus seinem Blicke hervor. Camilla's Vater begrüßte den jungen Mann, wies ihm mit der Hand einen Lehnstuhl an, warf sich selbst auf ein Sopha, musterte mit einem Blicke Prospers Anzug, machte eine Bewegung mit den Lippen, welche andeutete, daß er viel daran auszusetzen finde, und begann endlich: »Mein Herr, Sie haben mich zu sprechen gewünscht, Sie wissen, daß ich der Graf von Trevilliers bin. Ich möchte aber, bevor ich mich in eine Unterredung mit Ihnen einlasse, auch wissen, wer Sie sind; das ist englische Mode. In Gesellschaften nennt man Ihnen sogleich alle anwesenden Personen: dieser Gebrauch gefällt mir sehr, er schützt vor aller Art Mißgriffen und Verwechslungen.« Der Ton des Hofmannes schüchterte Prospern ein, indessen bemühte er sich, seine Sicherheit wieder zu erlangen und er entgegnete ihm: »Herr Graf, Ihre Frage ist ganz natürlich. Ich heiße Prosper Bressange ...« Der Graf schien in Erwartung, daß diesem Namen noch irgend ein Titel folgen werde, da man aber sonst nichts sagte, so murmelte er: »Prosper ... Bressange ... weiter nichts? ...« Der junge Mann fühlte das Blut in seine Wangen steigen, schlug jedoch die Augen nieder und antwortete: »Ist mein Name ... nicht genug? ...« »Ei! wenn er von einigen Titeln begleitet gewesen wäre, hätte es ihm, denke ich, auch nichts geschadet ... obgleich sie in Frankreich alles Derartige abschaffen wollen ... Ach! mein Gott! ... die armen Leute, welche den Adel unterdrücken wollen! Ich wette, es wird nicht lange anstehen, so führen sie ihn wieder ein. Nachdem sie den ganzen alten verbannt haben, so bürge ich dafür, daß sie einen neuen schaffen werden ... Nennen Sie mir eine Welt, wo keine Eitelkeit herrscht! Doch von all' dem handelt es sich nicht. Lassen Sie hören, mein lieber Herr, was Sie mir zu sagen haben?« Mit diesen Worten lehnte sich der Graf in seinem Sopha zurück und spielte mit der linken Hand an seinem Jabot, während er sich mit der andern die Wade strich. »Herr Graf,« erwiderte Prosper, »mit meinem Namen glaubte ich vor allen Dingen Erinnerungen in Ihnen zu erwecken ... Umstände in Ihr Gedächtniß zurückzurufen ... die Ihr Herz bewegen sollten.« Herr von Trevilliers nahm eine Prise Tabak, schüttelte seinen Jabot ab und sprach: »Sie haben nicht das Mindeste in mir erweckt, mein Herr; erklären Sie sich deutlicher, denn der Teufel soll mich holen, wenn ich Sie verstehe.« Prosper sammelte sich einen Augenblick und entgegnete: »Wohlan! mein Herr, so will ich mich erklären: Sie hatten Ihr Fräulein Tochter in Frankreich zurückgelassen, wo sie den größten Gefahren ausgesetzt war. Es hat Jemand über sie gewacht, sie beständig vor Denjenigen geschützt, die ihre Verhaftung verlangten, und ihr endlich, als kein Heil mehr für sie in Frankreich vorhanden war, unter einem falschen Namen glücklich auf die Flucht geholfen. Dieser Jemand, Herr Graf, war ich.« Herr von Trevilliers sah Prosper mit einer etwas weniger höhnischen Miene an und antwortete mit größerer Ernsthaftigkeit: »Ah! Sie, mein Herr, haben das Alles gethan! Camilla hat mir in der That diese Umstände erzählt. Nun! so empfangen Sie meinen Dank für das, was Sie für meine Tochter gethan haben. Reichen Sie mir die Hand, junger Mann.« Prosper beeilte sich, die ihm dargebotene Hand zu ergreifen und zu drücken, aber der Graf zog sie schnell wieder zurück, indem er sagte: »Anders kann ich Ihnen meine Erkenntlichkeit nicht zu erkennen geben, denn ich bin in diesem Augenblicke, wenn nicht ganz, doch beinahe ruinirt.« – Ach! mein Herr, Sie werden doch hoffentlich nicht glauben, ich sei wegen einer Belohnung hierher gekommen! – »Entschuldigen Sie, Herr Bressange, ich hatte nicht die Absicht, Sie zu verletzen, aber wir leben in einem so außerordentlichen Jahrhundert. Ich für meine Person glaube nicht allzusehr an schöne, ganz uneigennützige Handlungen. Allein ich wiederhole Ihnen, ich spreche nur im Allgemeinen; es gibt immer Ausnahmen. Ich erneuere Ihnen meinen besten Dank. Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen?« Prosper fühlte seinen ganzen Muth schwinden: der Ton des Grafen war eben nicht Zutrauen erweckend. Indessen flößte ihm der Gedanke an Camilla doch Herz ein, und er antwortete, indem er Herr seiner Bewegung zu werden suchte: »Ja, Herr Graf, nun komme ich auf den eigentlichen Zweck meines Besuches, denn nicht um Dank zu betteln, bin ich bei Ihnen erschienen ... Ein anderer ... viel wichtigerer Grund für mich ...« – Reden Sie, mein Herr ... ich höre. – »Nun denn, Herr Graf, ich muß Ihnen gestehen, daß, da ich öfters Gelegenheit hatte, mich in der Nähe Ihrer Fräulein Tochter zu befinden, ich mich nicht erwehren konnte ... eine Leidenschaft für sie zu fassen, die ... kurz, ich bin zum Sterben verliebt in Fräulein Camilla ... und komme, Sie um ihre Hand zu bitten ... Ich bin reich, Herr Graf ... Ich habe ungefähr achtzehntausend Livres Einkünfte ... welches zwar allerdings kein übergroßes Vermögen ist ... aber ich bin jung und kann es durch meine Thätigkeit noch vermehren ... Alles, was ich erwerbe, soll das Eigenthum Ihrer Fräulein Tochter ... und mein einziges Trachten die Sicherstellung ihres Glückes sein.« Der Graf hatte mit einer bewundernswürdigen Kaltblütigkeit zugehört, nur hatte seine Physiognomie mehr und mehr einen spöttischen Ausdruck angenommen; als Prosper zu sprechen aufgehört hatte, nahm Herr von Trevilliers eine Prise Tabak und antwortete ihm, seine Worte dehnend: »Sie sind jung ... ja ... das sehe ich! ... Wessen Sohn sind Sie, Herr Prosper?« – Gnädiger Herr, mein Vater war ein äußerst rechtlicher, aber nur einfacher Kaufmann. Er hatte mir einiges Vermögen hinterlassen ... da ich aber in meinem sechzehnten Jahre schon Waise und mein eigener Herr wurde, so hatte ich mein Erbtheil bald verschleudert ... Jetzt bin ich einundzwanzig Jahre alt ... die Ereignisse, unter denen ich heranwuchs, haben meine Vernunft gereift ... Vor Kurzem fiel mir eine Erbschaft zu ... und ich schwöre Ihnen ... – »Ganz gut ... ganz gut ... weitere Details wären überflüssig; mein lieber Herr Prosper, wissen Sie, daß wenn ... mir Jemand noch vor acht Jahren den Vorschlag gemacht hätte, den Sie heute an mich richten, ich ihn hätte zum Fenster hinauswerfen lassen? ...« – Mein Herr,« schrie Prosper, sich mit einem zornglühenden Blicke auf den Grafen vom Stuhle erhebend; aber Herr von Trevilliers ließ sich nicht aus der Fassung bringen und fuhr, ihm mit der Hand ein Zeichen gebend, daß er sitzen bleibe, fort: »Ich sage Ihnen, daß ich das vor acht Jahren gethan hätte ... Sehen Sie sich doch ... Die Zeiten haben meine Stimmung etwas geändert. Sie kommen von Paris, und sind ganz und gar durchdrungen von den Grundsätzen der Revolution! ... Sie wollen keinen Unterschied des Ranges und der Geburt mehr gelten lassen ... Sie haben sich in Fräulein von Trevilliers verliebt ... und weil Sie ihr ... allerdings ohne Nebenabsicht, wie Sie mir gesagt, einige Dienste geleistet haben, so haben Sie sich eingebildet, Sie könnten mich um ihre Hand bitten, und ich würde sie Ihnen bewilligen ... Ich entschuldige Sie; denn dieses Alles ist die Folge der großen Worte von Freiheit und Gleichheit, die Sie seit einigen Jahren unaufhörlich an Ihre Ohren klingen hören. Was aber mich betrifft, so kann mich nichts zur Aenderung meiner Grundsätze bestimmen. Meine Tochter ist von Adel ... sie wird, wenigstens so lange ich lebe, keinen Andern als einen Adeligen heirathen ... Ihre achtzehntausend Livres Renten wollen nicht viel bedeuten! ... Das thut jedoch nichts zur Sache! Sie dürften keinen Sou haben, und ich würde Ihnen meine Tochter geben, wenn Sie ihr ebenbürtig wären. Sie sagten mir, Sie wollen arbeiten, um Ihr Vermögen zu vermehren ... So wissen Sie, mein Herr, daß ich keinen Eidam will, der arbeitet ... beim Kuckuk, wenn ich Sie gewähren ließe, so würden Sie vielleicht eine Spezereikrämerin aus Fräulein von Trevilliers machen ... Gehen Sie, gehen Sie, das Alles ist nur ein Scherz und nicht der Mühe werth, daß man sich darüber erhitzt; nicht wahr, Herr ... Prosper?« Der arme Verliebte war vernichtet; der spöttische Ton des Grafen raubte ihm jede Hoffnung; er sah ein; wie unsinnig er gewesen, ihn um die Hand seiner Tochter zu bitten, und doch konnte er sich nicht vorstellen, daß Camilla sich einem Andern als ihm hingeben sollte. Nach einer Pause des Schweigens, während welcher Herr von Trevilliers wieder begonnen hatte, sich den Fetttheil seines Beins zu streicheln, stotterte Prosper: »Verzeihen Sie, Herr Graf, die Liebe ließ mich eine Hoffnung nähren, die ich, wie ich wohl einsehe, aufgeben muß ... Ja ... ich bildete mir ein, Sie könnten, um die Zukunft Ihrer Tochter zu sichern ... meine Abkunft vergessen. Man hatte mir gesagt, Sie seien im Gedränge ... und ...« – Nun, mein Herr! was schadet das? ... Man entlehnt, macht Schulden, geht, wenn es sein muß, sogar ins Gefängniß, das Alles ist nicht entehrend. – »Ihr Besitzthum ... in der Gegend von Melun ... wurde verkauft ... Sie wissen es ohne Zweifel?« – Ja, ich habe es vor einiger Zeit gehört, ein ehemaliger Bierbrauer, Namens Durouleau, hat, wie mir gesagt worden ist, sich erlaubt, mit einigen Packen Assignaten mein Gut zu kaufen. Das ist sehr bequem! ... man ist wohlfeil dazu gekommen! Dieses Volk ist im Stande und kauft meine Pachthöfe, meine Waldungen und meine übrigen Güter auch! ... aber das Alles wird hoffentlich sein Ende haben! ... die Royalisten werden wieder in ihre Rechte eingesetzt werden, und dann Alle, die sich mit unserem Nachlasse bereichert haben, aus ihren vermeintlichen Besitzungen hinausgetrieben werden.« Prosper entgegnete nichts mehr; er schlug die Augen nieder und wußte nicht, welche Haltung er annehmen sollte. Jetzt erst begriff er, daß der Graf den Besitzer seines Gutes mit keinem günstigen Auge betrachten werde. Als Herr von Trevilliers Prospers Verlegenheit bemerkte, der mitten im Zimmer stand und kein Wort mehr fand, erhob er sich, ging auf ihn zu und entließ ihn im Tone der ausgezeichnetsten Höflichkeit mit folgenden Worten: »Ich glaube, wir haben uns gegenseitig nichts mehr zu sagen; leben Sie wohl, Herr Bressange; seien Sie überzeugt, daß ich nie vergessen werde, was Sie für meine Tochter gethan haben; dies wird die einzige Erinnerung sein, die mir von dieser Unterredung bleiben wird.« Prosper grüßte ohne ein Wort der Entgegnung zu finden, und befand sich bald allein auf der Straße, ohne zu wissen, wie er aus Herrn von Trevilliers Wohnung herausgekommen war. Der arme Junge hafte keine Hoffnung mehr, Camilla's Vater für sich zu gewinnen, aber er hatte in Folge der Unterredung mit dem Grafen einen Entschluß gefaßt. Kaum in sein Hotel zurückgekommen, schrieb er an Herrn Dumont, den Notar von Melun, bei dem er alle seine Papiere zurückgelassen hatte; er bat ihn, ihm sogleich diejenigen zu schicken, die das von Durouleau angekaufte Gut betrafen, und eine Urkunde beizulegen, welche er nur zu unterzeichnen hätte um vermöge derselben dieses Gut wem er wollte, abzutreten. Nachdem dieses Schreiben abgesandt war, suchte sich Prosper zu zerstreuen, zu betäuben, sich den Vergnügungen hinzugeben, die ihm der Aufenthalt in London darbot, und besonders, sich Camilla aus dem Sinne zu schlagen. Aber die Liebe ist keines jener Gefühle, die man nach Gutdünken aus dem Herzen verbannen kann; und besonders trägt im zwanzigsten Jahre die Vernunft den Sieg über dieselbe noch nicht davon! ... wenn überhaupt je die Vernunft über die Liebe triumphirt, was mir wenigstens zweifelhaft scheint. Der Notar von Melun schickte die auf das Besitzthum bezüglichen Urkunden und den Akt, den man von ihm verlangt hatte. Prosper beeilte sich, dieses Dokument, laut welchem er erklärte, sein Schloß verkauft zu haben, zu unterzeichnen und schrieb dem Vater Camilla's folgendes Billet: »Herr Graf! »Mir war seit einigen Monaten durch eine Erbschaft Ihr Gut anheimgefallen, aber weit entfernt mich als dessen Besitzer zu betrachten, denke auch ich, Herr Graf, daß es nie aufgehört hat, Ihr Eigenthum zu sein. Empfangen Sie es somit zurück! Ich übersende Ihnen anbei alle dieses Gut betreffenden Urkunden (über das ich einen Augenblick zu verfügen hatte), überglücklich, Ihnen noch einen Dienst leisten zu können, und nur von dem Wunsche beseelt, Ihnen den Beweis zu liefern, daß man, wenn auch durchdrungen von den Grundsätzen dieser Revolution, die Sie tadelnswürdig finden, doch ein großmüthiges, uneigennütziges Herz haben kann.« Prosper unterzeichnete diesen Brief, legte ihn den übrigen Papieren bei und übersendete Alles an Herrn von Trevilliers. Er hatte einen Kellner des Gasthofes mit dieser Commission beauftragt und ihn gebeten, darauf zu bestehen, das Paket nur dem Grafen selbst zu übergeben. Er hatte ihm nicht befohlen, auf Antwort zu warten, aber er hoffte, man werde ihn einer solchen würdigen, und harrte mit Ungeduld der Rückkehr seines Boten. Der Kellner blieb lange aus; endlich kam er mit einem Schreiben des Grafen an Prosper; dieser riß schnell das Siegel auf, und las folgendes Briefchen, welches schon von Ferne einen starken Duft von Moschus und Ambra verbreitete: »Mein lieber Herr Bressange! »Ich bin wirklich gerührt von Ihrer edlen Handlungsweise gegen mich, und ich glaube, dies nicht besser zu beweisen, als daß ich zustimme, in den Besitz meines Gutes zurückzutreten. Später hoffe ich, mich meiner Schuld gegen Sie entledigen zu können. Ich wiederhole Ihnen, daß, wenn ich Ihnen in Etwas nützlich sein kann, ich Ihnen jederzeit mit meinem Einfluß zur Verfügung stehe. Ihr dankbarer Graf von Trevilliers .« Prosper überlas den Brief mehrmals. Er hatte etwas Besseres erwartet. Die Phrase: wenn ich Ihnen in Etwas nützlich sein kann , schien ihm beinahe einen Spott zu enthalten. Indessen war er zufrieden mit dem, was er gethan, denn er dachte, Camilla werde von seinem Benehmen unterrichtet werden und nicht umhin können, dasselbe edel und großmüthig zu finden; er sprach zu sich: »Würde Herr von Trevilliers, wenn er nicht später die Absicht hätte, mir die Hand seiner Tochter zu bewilligen, das Dokument über die Zurückgabe seines Schlosses von mir angenommen haben?« Aber Wochen und Monate verstrichen, ohne daß der arme Verliebte weder von Camilla noch von ihrem Vater sprechen hörte. »Man denkt nicht mehr an mich! ...« sagte er zu sich, »ich kann England ungehindert verlassen,« und doch blieb er; Etwas hielt ihn noch zurück. Mehr als sechs Monate waren verflossen, seit Prosper mit dem Grafen gesprochen hatte; öfters war er, von dem Wunsche getrieben, Camilla wiederzusehen, vor ihrem Hause auf- und abgegangen, aber nie wurde seine Hoffnung verwirklicht; dann kam er immer traurig und nachdenkend in seine Wohnung zurück, und an seinem langsamen Gange, seiner düstern und ernsten Miene hätte man keinen Franzosen in ihm erkannt; die Leidenschaft, die in seinem Herzen gährte, hatte seine Stimmung und seine Gesichtszüge verändert. Es war nicht mehr jener heitere, wilde, sorgenlose junge Mann; es war ein unglücklicher Liebhaber, und nichts erzeugt eine sorgenvollere Miene, als eine ungetheilte Liebe. Eines Morgens, da sich Prosper abermals vorgenommen hatte, England zu verlassen, lenkte er seine Schritte gegen die Wohnung des Grafen von Trevilliers. Indem er sich dem Hause näherte, sah er eine Equipage vor der Thüre stehen. Ein unbekanntes Etwas sagte ihm, diese Equipage warte auf Camilla. Er verweilte in einiger Entfernung. Eine Viertelstunde verstrich, endlich trat man aus dem Hause: es war Camilla, prächtig gekleidet; ein noch junger Mann reichte ihr die Hand und half ihr in den Wagen steigen; der Graf von Trevilliers kam nach ihnen und nahm neben ihnen Platz; dann rollte der Wagen davon, und Prosper stand noch immer da, bestürzt, unruhig, nichts mehr sehend und doch noch immer auf denselben Punkt hinstarrend. Plötzlich läuft er, da er seine Neugierde befriedigen will, und den Ahnungen, die ihn bewegen, nicht widerstehen kann, auf die eben geschlossene Hausthüre zu, klopft an und stürzt wie ein Wahnsinniger zu Mistreß Wilfort hinein. Die Engländerin war mit ihren Complimenten noch nicht fertig, als er schon begann: »Um Gotteswillen, Madame, geben Sie mir einige Nachrichten von Fräulein Camilla von Trevilliers ... Ich habe dieselbe schon so lange nicht mehr gesehen ... Sie ist so eben mit ihrem Vater ... und einem Herrn ... in einen Wagen gestiegen ... Wer ist denn dieser Herr? .. Gehen sie noch immer auf's Land? Fräulein Camilla war doch so prächtig gekleidet! ...« Die Engländerin vollendete ihre fünfte Verbeugung, und entgegnete endlich: »Das große Ereigniß ist Ihnen also nicht bekannt? ... die Tochter des Grafen von Trevilliers ist seit vierzehn ... fünfzehn ... nein, vierzehn Tagen, ich sagte es richtig ... mit dem Marquis von Clairville verheirathet ... Das ist der Herr, welchen Sie ihr die Hand haben reichen sehen ...« – Verheirathet! ... verheirathet!« wiederholte Prosper, den dieses Wort niedergeschmettert hatte; »Camilla ist verheirathet! – »Ja, mein Herr, Fräulein Camilla ist jetzt Frau Marquise von Clairville ... Ei ... sie war etwa zwanzig Jahre alt ... das ist ungefähr das rechte Alter ... Ich glaube, sie machen diesen Morgen Besuche ... oder Einkäufe ... oder ... Wie! Sie gehen schon wieder, mein Herr?« Prosper hörte nicht mehr auf Mistreß Wilfort; er wußte, daß Camilla verheirathet war, mehr brauchte er nicht zuhören. Er kehrte in seinen Gasthof zurück und dort schrieb er an Poupardot: »Mein Freund, ich will auf Reisen gehen, die Welt durchziehen. Ich werde vielleicht lange abwesend bleiben, denn ich will nicht eher nach Frankreich zurückkehren, als bis ich von einer tollen Leidenschaft geheilt bin, die mich Alle vergessen ließ, welche mir mit aufrichtiger Liebe zugethan sind. Ich will Ihnen meine kleine Pauline nicht anempfehlen, ich kenne ja Ihr und Ihrer guten Elisa Herz. Mein Notar wird Ihnen eine Summe übermachen, womit Sie die Launen und Liebhabereien des Kindes, welches ich Ihnen anvertraut habe, befriedigen können. Leben Sie wohl!« Nachdem dieser Brief geschrieben war, gab er seinem Notar in Melun folgenden Auftrag: »Mein lieber Herr Dumont! »Haben Sie die Güte und überschicken Sie mir umgehend, was Sie noch von meinen Geldern in Händen haben. Was mein Haus in Melun betrifft, so verkaufen Sie es und lassen Sie den Erlös Herrn Poupardort, dessen Adresse ich hier beilege, zukommen. N. S. Sie werden in dem Zimmer, welches ich in Melun bewohnte, in einer Commodeschublade zwei Hosen, eine blaue und eine weiße, vorfinden. Das ist Alles, was mir von der Erbschaft meines Pathen übrig bleibt, allein es liegt mir viel daran; seien Sie so gefällig und schicken Sie mir sie mit dem Gelde.« Als dieses Schreiben abgegangen war, traf Prosper seine Vorbereitungen zur Abreise, indem er dachte: »Ich gehe ... ich weiß noch nicht wohin! ich werde, wenn es nöthig ist, die Reise um die Welt machen: aber ich will sie vergessen! ... Ach! Camilla! Camilla! ... Du hast mich nie geliebt! ... sonst hättest Du Deinen Vater erweicht!« Nach Verlauf einiger Wochen erhielt Prosper von dem Notar den Rest seiner hunderttausend Livres und die zwei Hosen seines Pathen. Mit diesem trat er seine Reise an. Vierzehntes Kapitel. Die Zeit geht schnell vorüber.– Die Militärherrschaft. Kehren wir nach Clichy in das bescheidene Landhaus zurück, welches die Eheleute Poupardot bewohnten. Dort finden wir eine friedliche Haushaltung, – etwas Seltenes; eine sanfte, gehorsame, getreue Frau, – etwas Merkwürdiges! einen Mann, der nur seine Frau liebt, – etwas Wunderbares! und der dabei noch Alles im schönsten Lichte sieht ... was in dieser Welt, wo das Häßliche, besonders in moralischer Hinsicht, so gewöhnlich ist, zu häufigen Täuschungen verleitet. Poupaldot hinkte in Folge des Kartätschensplitters, welchen er am 13. Vendemiaire in das Knie erhalten hatte, aber er war doch entzückt über das Benehmen, welches der Convent damals an den Tag gelegt hatte. Kurze Zeit darauf erwarb sich auch das Direktorium seine äußerste Zufriedenheit, und als er sich am 18. Brumaire zufällig in dem Augenblick in Saint-Cloud befand, wo der General Bonaparte seine Grenadiere gegen den Rath der Fünfhundert marschiren ließ, so bekam er zwar im Durcheinander einen Säbelhieb, der ihm Dreiviertheile seines linken Ohres wegriß; allein obgleich er nicht mehr mit seinen vollständigen zwei Ohren nach Hause zurückkam, so hinderte ihn das doch nicht, den kräftigen Akt zu billigen. Vermöge dessen sich der General Bonaparte an die Spitze der Regierung gestellt hatte. Der kleine Navet wuchs heran: sein Vater vergötterte ihn und ärgerte sich nicht mehr, wenn ihn seine Frau August nannte, denn der alte Kalender schien den neuen wieder aus dem Sattel zu heben. Der kleine Junge log, naschte, war eigensinnig und jähzornig, aber der Vater nannte das Alles Charakter und sagte: »Mein Sohn hat einen festen Willen ... das freut mich, das zeigt einen großen Mann an. Das Genie muß Unerschütterlichkeit beweisen!« Elisa hätte, obgleich sie ihrem Gatten nicht zu widersprechen wagte, gewünscht, ihr Sohn wäre auf eine Art erzogen worden, die ihm einen weniger festen Willen gelassen halte, selbst auf die Gefahr hin, etwas von seinem Genie einzubüßen; allein wenn sie den Knaben zur Strafe einsperrte, so konnte ihn Poupardot nicht schnell genug wieder herauslassen und mit Zuckerwerk füttern: – ein Erziehungssystem, welches allgemeiner, als man sich vorstellt, aber darum nicht besser ist. Zwischen die Unarten des Herrn Navet und die Schwachheiten seiner Eltern drängte sich ein kleines, wunderliebliches Mädchen, welches jeden Tag mehr Reize entwickelte und eine neue gute Eigenschaft zeigte. Mit drei Jahren war Pauline hübsch, sanft und munter. Mit sechs Jahren lauschte sie schon mit kluger Miene auf die Lehren ihrer Adoptivmutter, und ihre Herzensgüte ließ sich bei den geringsten Anlässen wahrnehmen. Mit elf Jahren war sie ein liebenswürdiges, liebendes Mädchen, welches eines Jeden Wunsch zuvorzukommen wußte und in den Augen der sie Umgebenden erforschte, womit sie sie erfreuen könnte. Voll Aufmerksamkeit und Vernunft, war sie schon im Stande, die Leiden der Menschen zu begreifen; sie war noch keine Jungfrau und doch auch kein Kind mehr. Picotin und seine Frau kamen von Zeit zu Zeit zum Besuche nach Clichy. Euphrasia kleidete sich nicht mehr als Athenienserin, die griechische Mode war vorüber. Ueberdies fing Madame Picotin an so dick zu werden, daß ihr eine Tunika nicht mehr gestanden hätte; der Schnürleib war ihr bereits unentbehrlich geworden; indessen war sie immer noch hübsch: was sie an Umfang zugelegt, that ihren Reizen keinen Eintrag, sondern verlieh ihnen sogar eine neue Frische, und ihre natürliche Koketterie, ihre Manier, sich zu frisiren, die eigenthümliche Weise, womit sie ihre Liebesblicke um sich warf, machten zusammen eine höchst angenehme Frau aus Euphrasia, deren Gesellschaft die Männer eifrigst aufsuchten. Unter dem Consulat hatte Picotin seinen Pelzhandel aufgegeben; seine Frau, die eine Menge Militärs von allen Graden kannte, hoffte durch deren Verwendung ihrem Manne irgend eine Lieferung bei der Armee zu verschaffen. Man hatte dem ehemaligen Pelzhändler versprochen, er werde die Lieferung der Tornister erhalten, daher war Picotin, um derselben gewachsen zu sein, auf den Gedanken gekommen, Alles was er auftreiben konnte, in Schaffelle zu stecken. Damit hoffte er sein Glück zu machen. Aber seine leichtfertige Gattin bekümmerte sich mehr um Bälle und Eroberungen, als um die Leitung ihrer Haushaltung und ihre Zukunft. Jeden Tag präsentirte sich ein anderer schöner, galanter Offizier, um Euphrasia bald in das Theater, bald in irgend eine Gesellschaft abzuholen. Picotin sah so viele glänzende Militärs in sein Haus kommen, daß er ganz geblendet davon wurde; aber er machte diesen Herren allen ein freundliches Gesicht, denn seine Frau sagte zu ihm, indem sie ihrem Cavalier den Arm gab: »Sei ruhig, Picotin, wir stehen unter einer Militärherrschaft, und ich bin glücklich, so viele Offiziere zu kennen, denn durch die Verwendung dieser Herren mußt Du zu Etwas gelangen.« Picotin, der an Alles, nur nicht an das dachte, wozu er bereits gelangt war , dankte seiner Frau für das, was sie für ihn that ... dann ging er zu Poupardot und sagte zu ihm: »Ich bin überzeugt, ich werde mein Glück machen: es wird sicher dahin kommen. Meine Frau arbeitet dafür. Da sie eingesehen hat, daß wir unter einer Militärherrschaft stehen: so richtet sie sich auch militärisch ein; sie steht mit vielen Offizieren in Verbindung, geht sogar mit ihnen auf den Ball ... Und das Alles nur, damit ich die Lieferung erhalte und dreihundert Prozent an meinen Schaffellen gewinne.« Poupardot gab keine Antwort und lächelte nur. Die gute Elisa achtete wenig auf Picotins Geschwätz; denn außer der Sorge für ihre Haushaltung, ihren Sohn und Paulinen, war ihr Geist mit neuen Hoffnungen beschäftigt, sie trug ein weiteres Pfand der Liebe ihres Gatten unter dem Herzen. Es war gegen das Ende des Jahres achtzehnhundertundvier; der erste Consul hatte sich zum Kaiser ausrufen lassen. Poupardot, der in Paris gewesen, um den prachtvollen Feierlichkeiten der Krönung beizuwohnen, kam eben, wegen seines leidenden Kniees ermüdet, nach Clichy zurück, indem er sich an der Stelle seines fehlenden Ohres kratzte und vor lauter Schreien: Es lebe der Kaiser! ganz heiser war, als ihn gleichzeitig seine Frau auch mit einem kleinen Schreier, seinem zweiten Sohn, erfreute, den Poupardot mit dem Ausrufe auf seinen Armen in die Höhe hob: »O! dieser muß Napoleon heißen, denn man könnte ihm keinen schönern Namen geben.« Der zweite Sohn Poupardots, welcher ungefähr neun Jahre nach seinem Bruder geboren wurde, erhielt also den Namen Napoleon Poupardot. Madame Poupardot theilte ihre Zärtlichkeit getreulich zwischen den beiden Knaben, trug aber deßhalb nicht minder die innigste Sorgfalt für das ihr anvertraute junge Mädchen. Eine lange Zeit war verstrichen, seit Prosper seine Freunde verlassen und die kleine Pauline geküßt hatte. Während seines Aufenthaltes in England hatte er Nachricht von sich gegeben; aber seit dem Schreiben, worin er seine Absicht ankündigte, die Welt zu durchziehen, um sich von einer unglücklichen Leidenschaft zu heilen, hatte man kein Wort mehr von ihm gehört. Viele Jahre waren verflossen, viele Ereignisse hatten sich in Frankreich zugetragen; Prosper war immer noch nicht in sein Vaterland zurückgekehrt. Die Familie Poupardot unterhielt sich häufig von ihm, den sie jeden Tag in ihrer Mitte erwartete. Mit den Jahren aber ging die Hoffnung, Prospern wieder zu sehen, in eine zugleich traurige und angenehme Erinnerung über. »Er braucht lange, um sich von seiner Leidenschaft zu heilen!« sagte Poupardot oft. »Weil er wahrhaft liebte,« entgegnete Elisa. – »Er könnte auch in irgend einem entfernten Lande gestorben sein,« meinte Poupardot, »denn wenn er noch lebte, hätte er uns gewiß Nachricht von sich gegeben!« Sprach Poupardot solche Worte in Gegenwart der kleinen Pauline, so wendete das arme Kind das Gesicht ab und weinte; denn man hatte ihr so viel von ihrem Freunde Prosper, ihrem Adoptivvater erzählt, daß sie ihn liebte, obgleich sie ihn nicht kannte, und jeden Tag zu Gott flehte, er möchte seine Rückkehr herbeiführen. Wenn Elisa die Betrübniß der Kleinen sah, so tadelte sie ihren Mann und sagte: »Warum bringst Du uns auf den Gedanken, Prosper sei todt? Du thust der kleinen Pauline weh, die so sehnlich ihn kennen zu lernen wünscht, und alle Tage von ihm mit mir spricht.« »Ihn kennen zu lernen? sie hat ihn ja gesehen ... nur war sie allerdings noch zu klein, um sich seiner zu erinnern! Er würde seinen Schützling sehr verändert finden. Pauline geht jetzt in ihr zwölftes Jahr. Und Navet, ich will sagen August, den würde er nicht wieder erkennen, und vollends meinen kleinen Napoleon ... Wie viele Dinge hätten wir ihm zu zeigen! Ach! nur weil ich mir einbilde, er müsse sich auch nach uns sehnen, hege ich Befürchtungen wegen seiner lange dauernden Abwesenheit!« Wenn Madame Picotin zu Poupardots kam, so fragte sie fast immer, ob noch keine Nachrichten von Prosper gekommen seien; denn trotz der Zerstreuungen, die sie in ihrer militärischen Gesellschaft genoß, hatte sie ihren Beschützer von jenem Tage, wo sie sich als Athenienserin gekleidet in den elysäischen Feldern gezeigt hatte, nicht vergessen, und die Spazierfahrt im Boulognerwäldchen stets in zärtlichem Andenken behalten. Prosper war somit der gewöhnliche Gegenstand des Gespräches, sowohl bei Picotin, als bei Poupardot; der letztere hatte auch seine beiden andern Jugendfreunde, Maximus und Roger, nicht vergessen. Man wußte, daß Roger den Feldzug in Italien mitgemacht, daß er sich bei Lodi, Rivoli und Castiglione tüchtig geschlagen hatte; daß er zum Lieutenant avancirt war; aber von Maximus wußte man nichts; man hatte weder mehr von ihm sprechen hören, noch ihn irgendwo gesehen. Eines Tags war die Familie Poupardot im Garten an dem kleinen Hause von Clichy versammelt. Elisa säugte ihren Letztgebornen; ihr Gatte spielte Kegel mit seinem Sohne Navet, der entweder aus Bosheit oder aus Ungeschicklichkeit seinem Vater jederzeit die Kugel zwischen die Beine warf; Pauline endlich liebkoste einen kleinen Vogel, den sie aufgezogen hatte, und der, obwohl er groß genug zum Fliegen war, und die Freiheit, die man ihm gestattete, hätte benützen können, doch jedesmal wieder zu seiner kleinen Herrin zurückflog, wenn sie ihm rief: »Komm, kleiner Tom! komm geschwind!« Und ihr könnt euch vorstellen, wie vergnügt das junge Mädchen war, wenn der Vogel, der irgendwo auf einem entfernten Baume saß, auf den Ruf ihrer Stimme den Zwischenraum eilends durchschnitt, um sich wieder von ihr gefangen nehmen zu lassen. Tom war jedoch nur ein einfacher Spatz; aber ein getreuer, anhänglicher Spatz, ist besser als ein Colibri, der nicht bei uns bleibt. Die jungen Mädchen verstehen das bei Zeiten. Plötzlich trat ein Fremder in Husarenuniform in den Garten, lief auf Poupardot zu, drückte ihn an seine Brust, erstickte ihn fast in lauter Umarmungen, dann eilte er zu Elisa, that bei ihr das Gleiche, und die beiden Gatten erwiderten seine Liebkosungen mit dem Ausrufe: »Er ist es! ja wohl, er ist es! ... bist Du endlich da! ...« Bei diesen Worten vergaß die kleine Pauline ihren Vogel und machte einige Schritte, um in die Arme des eben angekommenen Herrn zu eilen, denn als sie sagen hörte: »Er ist es!« schlug ihr Herz vor Freude, sie zweifelte nicht, daß das ihr Beschützer, den sie schon so lange erwartete, sei; daher flog sie auf den Offizier zu und rief: »Ach! das ist mein lieber Freund Prosper!« Aber der Soldat stand unbeweglich, blickte Paulinen an, die ihre Arme nach ihm ausstreckte und fragte: »Wer ist die Kleine ... gehört sie auch euch? Sackerlott! ihr seid auch nicht auf der faulen Haut gelegen, während ich mich schlug.« »Nein,« entgegnete Poupardot, »das ist nicht unsere Tochter. Ich habe nur zwei Knaben ... Navet ... den großen dort ... einen Teufelskerl mit den schönsten Anlagen, Du wirst Dich überzeugen ... und diesen kleinen da von sechs Monaten, dem ich den Namen des großen Mannes gegeben habe, weil das nie etwas schaden kann. Die Kleine ist eine Waise ... die wir bei uns haben ... doch ... das sollst Du später erfahren.« »Meine arme Pauline,« sagte Elisa, »das ist noch nicht Dein Freund Prosper; das ist Roger, unser alter Freund Roger, von welchem Du uns oft hast sprechen hören, und der nun zurückgekehrt ist.« Pauline schwieg, ihr Herz war beklommen, die Freude verschwand von ihrem Angesicht; indessen zwang sie sich zu lächeln, begrüßte den Husarenlieutenant und kehrte, betrübt, in ihrer Hoffnung getäuscht worden zu sein, zu ihrem kleinen Tom zurück. Elf Jahre waren es, seit Roger mit dem Aufgebot abgegangen war; in dieser Zeit hatte er in verschiedenen Regimentern gedient, und sich öfters geschlagen, ohne nach Paris zurückzukehren; jetzt war er Kavallerielieutenant; er war nicht mehr jener zärtliche, blasse Mann, der, als er seine Freunde und seine Familie verließ, kaum Kraft genug zu haben schien, sein Regiment zu erreichen; elf Jahre und der Aufenthalt im Felde, hatten große Veränderungen herbeigeführt; der schmächtige, schwache Körperbau des jungen Soldaten, der seinen Freunden Besorgnisse eingeflößt hatte, war nun erstarkt; man sah einen kräftigen Mann mit gebräuntem Teint vor sich, dessen ganzes Wesen Gesundheit und Stärke verkündigte. Kurz, der Lieutenant Roger schien mit seinem schwarzen Schnurrbart und seinem dicken Backenbart ein vollendeter Husar, ein heiterer, lebenslustiger Soldat, ein guter Kamerad geworden zu sein; in seinen Blicken lag noch der Ausdruck des Vergnügens beim Anblicke einer hübschen Frau, aber keine Spur mehr von jener Sentimentalität früherer Zeit. Wenn man elf Jahre von seinen Freunden entfernt war, so hat man viele Fragen an sie zu stellen, und eine der ersten Rogers war die Erkundigung nach Maximus und seiner Mutter; sein Antlitz trübte sich, als ihm Poupardot erwiderte: »Ich weiß durchaus nicht, was aus ihnen geworden ist.« »Ach! tausend Schwadronen! das ärgert mich,« versetzte Roger, »ich hatte mich so sehr gefreut, Maximus um den Hals fallen zu dürfen ... Ach! als ich an jenem Abend zu ihm ging, um Abschied von ihm zu nehmen ... Du warst ja selbst dabei, Poupardot ... da erinnere ich mich wohl, zu ihm gesagt zu haben: Ich weiß nicht, wann ich Dich wiedersehe, Maximus, aber ich glaube, daß sich bis dorthin Vieles geändert haben wird. Nun! mein guter Poupardot, es hat sich Vieles geändert! ich meine, ich habe mich nicht getäuscht? statt einer Republik haben wir jetzt einen Kaiser ... und allenthalben Siege und Ruhm für die Franzosen! ... Ha! potz Bomben und Granaten! wer jetzt nicht zufrieden ist, wird nie zufrieden gestellt werden.« »O! was mich betrifft, so bin ich sehr zufrieden!« rief Poupardot aus. »Zwar meine Frau findet den Zucker und den Kaffee etwas theuer ... aber die Weiber verstehen nichts von der Politik. Was Maximus betrifft, so weißt Du ja, daß er nichts als Republik wollte und träumte ... Ich bin nicht überzeugt, daß er mit dem Wechsel, der sich in Frankreich gestaltete, zufrieden sein wird.« »Warum nicht gar! der wäre dann sehr schwer zufrieden zu stellen! gibt es etwas Schöneres, als eine Militärherrschaft? ... Haben nicht die Völker unter großen Feldherren immer am meisten Ruhm geerntet? ... Zum Beispiel unter Karl XII., Friedrich II. und Gustav Adolph!« – Ja, ja. O! ich bin vollkommen Deiner Ansicht ... Ich bin ganz närrisch auf den Ruhm! Meine Söhne müssen Soldaten werden ... außer Navet ... der fürs Seewesen Neigung hat ... er macht bereits kleine Schiffe aus Nußschalen. – »Und was ist aus dem jungen Mann, der mit Maximus in der Druckerei arbeitete, aus jenem leichtsinnigen, wilden Burschen ... kurz, aus Prosper geworden?« – O! der junge Bursche ist nur zu schnell vernünftig geworden ... Wenn ich sage, er sei vernünftig geworden, so will ich damit eigentlich sagen, daß wir gar nicht wissen, was aus ihm geworden ist, denn er zieht in der Welt herum, um sich wo möglich von einer unglücklichen Leidenschaft zu heilen. – »Ah bah! ... Wie! dieser junge Tollkopf ...« – Es ist ihm vielerlei begegnet ... aber er ist jetzt reich; ein Mann, dessen Zuneigung er sich erworben, hat ihn zum Erben eingesetzt und ihm ein Schloß ... und Geld hinterlassen ... es müßte nur sein, daß er Alles auf seinen Reisen verbraucht hätte! Meiner Treu! seit mehr als acht Jahren haben wir nichts mehr von ihm gehört. – »Das kleine Mädchen dort unten,« sagte Elisa, indem sie auf Paulinen zeigte, »gehört ihm.« – Ihm ... was! ... er hat schon ein Kind von diesem Alter? – »Das heißt ihm, weil es ihm die sterbende Mutter desselben übertragen hat. Es ist die Tochter jenes holländischen Bankiers ... Herrn Derbroucks, der während der Schreckensperiode hingerichtet wurde ... Prosper, welcher den Vater nicht retten konnte, verhinderte wenigstens, daß die unglückliche Mutter das Schaffot bestieg, aber er konnte sie nicht verhindern, aus Gram zu sterben ... schwur ihr aber, Vaterstelle bei ihrem Kinde zu vertreten.« – Brav, ganz brav!« sprach Roger, seinen Schnurrbart streichelnd, um seine Bewegung zu verbergen. »Ich sehe, das er ein wackerer Junge ist, und bedaure um so mehr, ihn nicht in meine Arme schließen zu können. Und ihr sorgt für diese Kleine, während Prosper reist?« – Er hat uns zwanzigtausend Livres geschickt, weil er wahrscheinlich befürchtete, die Kleine sei uns zur Last,« entgegnete Poupardot; »aber sein Geld liegt da ... ich habe es nicht berührt. Es wird Paulinen als Mitgift dienen, falls ihr Prosper keine andere geben kann.« – Stets gut und menschenfreundlich! Daran erkenne ich euch, meine Freunde! – »Ei, aber Du fragst uns nicht nach Picotin?« – Und nicht nach seiner Frau?« fügte Elisa schelmisch hinzu. – »Eben wollte ich es thun,« erwiderte Roger lächelnd. »Nun, was ist aus dem tapfern Anacharsis geworden, der immer zitterte? Hat er gute Geschäfte in Pelzwaaren gemacht? ... Ist seine Frau noch immer kokett?« – Picotin handelt jetzt mit Schaffellen; er hofft eine Lieferung für die Armee zu erhalten, was durch den Kanal seiner Frau gehen soll, die zwar sehr dick geworden, aber immer noch hübsch ist und eine Art kleines Hauptquartier von Offizieren aller Grade in ihrem Hause hält, mit denen sie abwechselnd kokettirt; denn das ist ein Fehler, der sich bei den Weibern nicht leicht verliert, und den man ihnen hingehen lassen kann, so lange sie nämlich noch nicht alt sind. Euphrasia ist aber noch in den besten Jahren und liebt das Vergnügen leidenschaftlicher als je. Wir stehen recht gut zusammen und sie besuchen uns häufig ... Ei! mir fällt etwas ein ... Du speisest doch bei uns ... – »Beim Kuckuk, das versteht sich wohl von selbst!« – Ich will Picotin und seiner Frau sagen lassen, daß wir sie beim Mittagessen erwarten ... ohne ihnen anzukündigen, daß Du da bist ... O! das gibt einen Hauptspaß. – »Sehr gut ausgedacht! ... Ach! wie Schade, daß Maximus nicht Theil daran nehmen kann ... Armer Junge! was mag aus ihm geworden sein?« Poupardot ließ auf der Stelle Herrn und Madame Picotin zum Essen einladen, dann nahm er Roger mit sich und zeigte ihm sein Gut, während er seiner Frau die Besorgung der Haushaltung überließ, und die kleine Pauline Tom in seinen Käfig einsperrte, denn sie wollte ihrer guten Pflegemutter bei der Zubereitung des Mittagsmahles helfen, welches glänzend ausfallen sollte, da man höchlich erfreut war, die Rückkehr eines alten Freundes zu feiern. Gegen vier Uhr war Alles bereit, man erwartete nur noch die Gäste aus Paris. Roger, den es endlich langweilte, den Kohl und Salat in Poupardots Garten anzusehen, war in den Salon zurückgekommen und erzählte dort von seinen glänzenden Feldzügen in Italien, an denen sich seine Wirthe nicht satt hören konnten. Endlich klingelte es. »Das sind unsere Freunde,« sagte Poupardot; »ich will sehen, ob sie Dich erkennen.« Es war in der That das Ehepaar Picotin, aber sie waren nicht allein: ein junger Linienoffizier, ein großer, breitschulteriger, rothbackiger Mann reichte Madame Picotin den Arm, und schien stolz auf diese Dienstleistung, welcher er sich mit dem Phlegma eines zu solchen Galanterien aus Dankbarkeit verpflichteten Militärs entledigte. Hinter ihnen kam Anacharsis mit einem Regenschirm, seiner Frau Ridicule und einem zweiten Shawl für dieselbe, falls es kalt würde. Euphrasia trat, immer noch ihren Offizier am Arm, in den Salon; dieser grüßte steif, während Madame Picotin mit einem anmuthigen Lächeln gegen die Gesellschaft begann: »Guten Tag, meine lieben Freunde; ihr seht, wir haben ohne Umstände eure liebenswürdige Einladung angenommen; und ich war überdies noch so frei, auch den Herrn Lieutenant Bienlong, einen ausgezeichneten Militär, mitzubringen, dessen Bekanntschaft euch, wie ich mir zum Voraus einbildete, äußerst schmeichelhaft sein wird.« »Sie haben sehr wohl daran gethan,« entgegnete Poupardot. »Allein abgesehen davon, sind die Freunde unserer Freunde ... auch stets unsere Freunde.« »Ah, sie bringt Offiziere mit sich,« flüsterte Roger, Elisa mit scherzhafter Miene ansehend. »O, wenn sie nur einen mitbringt, dann ist es noch ein Glück!« versetzte Madame Poupardot, ihren Unmuth bezwingend. »Der Herr Lieutenant wird Gelegenheit bei uns finden, sich über Schlachten zu unterhalten,« fuhr Poupardot fort. »Hier ist ein Husarenoffizier, der alle Feldzüge in Italien mitgemacht hat.« Picotin machte einen Bückling bis auf den Boden; der Lieutenant grüßte Roger, ohne ein Wort zu sprechen, und Euphrasia nahm sodann den Husarenoffizier auf's Korn, den sie zum ersten Mal zu sehen glaubte; sie kniff den Mund zusammen, um ihn recht klein zu machen, verdrehte die Augen auf eine höchst beredte Weise, lächelte, um die Zähne zu zeigen, kurz, versäumte nichts, um schön zu erscheinen; aber Roger, der diese Koketteriemanöver bald satt hatte, brach in ein schallendes Gelächter aus und rief: »Was tausend Kartätschen! meine kleine Euphrasia erkennt mich nicht! Dann muß ich die Bekanntschaft von Neuem anfangen.« Mit diesen Worten schritt Roger auf Euphrasia zu und küßte sie, was dem Herrn Lieutenant Bienlong eine leichte Grimmasse entlockte, der dafür seinen Schnurrbart streichelte; allein Madame Picotin, die sich mit der größten Hingebung küssen ließ, rief gleich darauf aus: »Ist es möglich! ... das ist Roger! ...« »Roger!« sagte Picotin, »unser theurer Freund Roger!« Und damit warf er sich an die Brust des Husarenoffiziers, der ihm einfach die Hand drückte, indem er sprach: »Ja, meine Freunde ich bin es ... Roger ... den ihr seit elf Jahren nicht gesehen habt. Poupardot wollte euch eine Ueberraschung bereiten, und es ist ihm gelungen, denn ihr waret schwerlich der Erwartung, mit mir zu speisen.« »O! meiner Treu, gewiß nicht!« rief Picotin aus, »wir dachten gar nicht an Dich; nicht wahr, Frau, Du dachtest gar nicht an ihn?« Euphrasia schien Anfangs verlegen, sich zwischen Roger und dem Lieutenant zu befinden; aber als eine Frau, die gewöhnt war, sich in solche Lagen zu schicken, kehrte bald ihre ganze Sicherheit und Heiterkeit wieder zurück, und sie rief aus: »Mein Mann schwatzt nur Dummheiten ... Entschuldige ihn, mein lieber Roger; gewiß dachten wir oft an Dich ... ich wenigstens. Man vergißt einen ... Jugendfreund nicht. Aber wahr ist, daß wir Dich hier nicht erwarteten ... und es ist eine sehr angenehme Ueberraschung, für die ich unsern lieben Wirthen nicht dankbar genug sein kann.« Die Ankündigung des Mittagessens machte diesen Freundschaftsbezeugungen ein Ende. Der Lieutenant Bienlong, der streng an seinem Dienst zu halten schien, bot Madame Picotin wieder den Arm an, um sie in den Speisesaal zu führen. Man setzte sich zu Tische und Euphrasia hatte das Vergnügen, ihren Platz zwischen den beiden Offizieren zu finden. Das Essen war ausgezeichnet. Jeder that ihm Ehre an, aber der junge Lieutenant übertraf alle Gäste durch die Gewandtheit, mit der er das ihm Angebotene verschwinden ließ. Demungeachtet war Euphrasia, die ohne Zweifel befürchtete, ihr Schützling wage nicht, sich nach seinem Appetite zu bedienen, fortwährend beschäftigt, ihn zum Essen aufzufordern. Während des Essens vernahm man folgende Unterhaltung: »Lieutenant, Sie essen gewiß noch Ochsenfleisch? ...« – Ich werde so frei sein. – »Herr Bienlong, nehmen Sie doch einen Schlägel von dem Geflügel ... Sie lieben ja das Geflügel ...« – Ich werde so frei sein. – »Lieutenant Bienlong, noch ein Stückchen Hammelskeule ... nehmen Sie doch, man genirt sich hier nicht ... unter Freunden läßt man es sich schmecken!« Und der junge Lieutenant, der schon fünf Portionen Hammelskeule verzehrt hatte, nahm noch zwei weitere auf seinen Teller, indem er erwiderte: »Ich bin außer Stand, Ihnen etwas abzuschlagen, Madame.« Und Poupardot dachte bei sich: »Ei, ich meine, der läßt es sich schmecken.« »Sackerlott!« sagte Roger zu Picotin, der neben ihm saß, »ich habe auch einen gesunden Appetit ... aber da ist ein Lieutenant, der mich aus dem Sattel hebt ... Speist er oft bei Ihnen, dieser Herr?« »Wenigstens sechs Mal in der Woche,« entgegnete Picotin mit stolzer Miene. »Da mache ich Ihnen mein Compliment, lieber Picotin, Ihre Frau hat tüchtige Bekanntschaften ... Beim Kuckuk, das ist ein Bursche, der nicht gleich weich gibt .« »Er wird mir zu einer Lieferung verhelfen und machen, daß ich meine Schaffelle anbringe.« »O, ich denke schon, daß er Ihnen zu etwas verhelfen wird.« – Meine Frau setzt auch bei den Offizieren, die uns besuchen, meinetwegen Alles in Bewegung . – »Und es scheint nicht, daß sie mager dabei wird.« – O! meine Frau ist von Eisen! ... sie ist nicht wie ich, den die Erschütterungen krank machen! während der Schreckenszeit war ich fortwährend zu gar nichts tauglich. – »Ja und das Schlimmste ist, daß einem die Wirkungen einer solchen Zeit oft durch das ganze Leben nachgehen.« Man stand vom Tische auf, und das Gespräch des Lieutenants Bienlog, welches sich während des Mittagessens auf: »Ich werde so frei sein,« beschränkt hatte, ging nun in ein länger oder kürzer andauerndes Verneigen mit dem Kopfe über. Und Euphrasia, nachdem sie sich einige Zeit mit Roger unterhalten, und ihm einige erfolglose Liebesblicke zugeworfen hatte, stand auf, nahm nun wieder den Arm des jungen Lieutenants, winkte ihrem Manne, ihren Ridicule zur Hand zu nehmen, und empfahl sich der Gesellschaft mit den Worten: »Wir wünschen Euch eine gute Nacht, denn wir müssen noch nach Hause, und Herr Bienlong in seine Kaserne. Lebt wohl, meine lieben Freunde. Herr Roger, ich hoffe, daß Sie uns bald besuchen werden.« »Ich werde mir das Vergnügen machen,« entgegnete Roger, zugleich den steifen Gruß des Lieutenants erwidernd. »Kommen Sie zu uns,« sagte Picotin, »Sie werden Offiziere von allen Regimentern antreffen, und wenn Sie von einer Lieferung sprechen hören ...« »Seien Sie ruhig, mein Freund; ich werde an Sie denken ...« Das Ehepaar Picotin hatte sich mit dem Lieutenant Bienlong entfernt. Roger drückte die Hand Poupardot's und rief aus: »Hierher werde ich oft kommen und mit Vergnügen meine freien Stunden zubringen, bis uns der Kaiser auf's Neue nach Ruhm ausschickt. Was aber Madame Picotin betrifft, so hat mir diese zu viele neue Bekanntschaften, die nothwendig den alten schaden müssen. Auf Wiedersehen, meine lieben Freunde.« Damit ging Roger weg, nachdem er noch Poupardot und seine Frau geküßt, ihre Kinder geliebkost und Paulinen einen kleinen Tapps auf die Wange gegeben hatte. Fünfzehntes Kapitel. Die blaue Hose Roger hatte Wort gehalten; er kam oft zu Poupardot; an dem Anblick dieser friedlichen Haushaltung erholte er sich von den Strapazen des Krieges. Hier sprach er von seinen alten Freunden, von Maximus, den er nirgends finden konnte, und von Prosper, von welchem man keine Nachrichten mehr erhielt. Aber der Kaiser, welcher seine Soldaten nicht lange müßig ließ, hatte von Neuem die Waffen ergriffen, und Roger, der eiligst zu seiner Fahne zurückkehren mußte, nahm Abschied von seinen Freunden in Clichy, indem er zu ihnen sagte: »Wenn Ihr mich wieder sehet, so werde ich kein Lieutenant mehr sein ... ich will mein Leben lassen oder avanciren; doch der Kaiser kennt seine Leute und belohnt stets die Braven.« »Wenn wir ihn wiedersehen!« sprach Elisa. »Ach! wenn ich einen Soldaten zum Manne hätte, verlebte ich keinen einzigen Tag in Ruhe.« – Er wird wiederkommen, ich bin es gewiß,« entgegnete Poupardot, sich die Hände reibend. »Trägt der große Napoleon nicht immer den Sieg davon? ... Wir werden Roger wiedersehen, und er dann vielleicht Oberst! General sein! ... wer weiß? ha! man sieht, daß er die Schlachten liebt! Wenn je mein kleiner Napoleon solche Neigungen an den Tag legt, so lasse ich ihn sicher auch zur Armee abgehen, er müßte nur nicht die gehörige Größe haben ... Man muß nie dem Beruf entgegenarbeiten, das ist mein Grundsatz ... Was Navet anbetrifft, so weiß ich noch nicht recht, wozu er einen hat ... – »Aber ich weiß, daß er mir mein Eingemachtes stiehlt,« versetzte Elisa. – »Ei, meine liebe Freundin, alle Kinder sind mehr oder minder naschhaft. Wenn Du Dein Eingemachtes nicht einschlößest, so würde er es einfach nehmen und nicht stehlen.« Bald steigerte sich die Begeisterung der Franzosen für ihren Kaiser durch die Nachricht eines großen Sieges noch höher; Napoleon hatte die Schlacht von Austerlitz gewonnen. In Paris feierte man durch Festlichkeiten diesen neuen Triumph der französischen Waffen; fast alle Familien hatten eines ihrer Mitglieder unter der Armee; und der Ruhm eines Gatten, Vaters, Bruders oder Vetters erstreckte sich auch auf seine Verwandten und beglückte sie doppelt bei der Nachricht eines Sieges. Poupardot schwamm in Entzücken, er wollte seine Frau jeden Tag mit nach Paris nehmen, um sie in irgend ein Theater zu einem Gelegenheitsstück zu führen; aber Elisa blieb lieber bei ihren Kindern, das heißt bei ihrem Säugling und der kleinen Pauline, denn Herr Navet wollte immer seinen Vater begleiten, und ließ sich bei jedem Pastetenbäcker, an dem sie vorbeikamen, Kuchen kaufen. Picotin und seine Frau besuchten Clichy nicht mehr; Euphrasia hatte sich, wenn sie bei ihren Freunden Poupardot aß, nicht begnügt, bloß einen Offizier einzuführen, sondern bald darauf zwei, hernach drei mitgebracht! so daß sich Poupardot und seine Frau, um nicht Gefahr zu laufen, ein ganzes Regiment empfangen zu müssen, genöthigt sahen, Madame Picotin zu bitten, sie möchte ihnen keine Militärs mehr vorstellen. Euphrasia, der mehr an ihren Eroberungen als an ihren Freunden gelegen war, fühlte sich durch diese Andeutung beleidigt, kam nicht mehr nach Clichy und verbot auch ihrem Manne, wieder dorthin zu gehen. Elisa und ihr Gatte trösteten sich leicht über dieses Unglück. Es gibt Leute, die uns ein großes Vergnügen machen, während sie glauben, sie legen uns eine Strafe auf. Es war im Beginne des Jahres 1806; Pauline trat in ihr dreizehntes Jahr. Schon vereinigte sich in ihr die schüchterne Jungfräulichkeit mit der Anmuth der Jugend! aber nicht mit jener lächerlichen Anmaßung eines kleinen Mädchens, welches sich das Ansehen eines Fräuleins geben will. Pauline gedieh an Geist und Körper, ohne daß ihr Charakter jene widerliche Veränderung erlitt, die gewöhnlich bei dem Uebergang der Kindheit zur Jungfräulichkeit stattfindet. Ihr Herz blieb immer gleich gut, ihr Gemüth gleich sanft, ihr Geschmack eben so einfach und ihr kleiner Vogel Tom stets ihr Liebling. Nur etwas trübte das Glück dieses jungen Mädchens. Seit sie denken und fühlen konnte, hatte man ihr von Prosper gesprochen. Elisa hatte ihr hundertmal wiederholt, was dieser junge Mann gethan, um ihre Mutter vom Schaffot zu retten, und wie ihm diese ihr Kind übertragen hatte. Sie hatte ihr auch oft die Besorgniß und die Verlegenheit Prospers geschildert, als er sie auf seinen Armen von Passy nach Paris trug. Während Pauline auf Elisa's Erzählungen lauschte, flossen Thränen aus ihren Augen. Ihr Herz fühlte die lebhafteste Dankbarkeit für diesen Mann, der ihre Eltern so sehr geliebt hatte. Je älter sie wurde, je stärker sprach sich diese Empfindung in ihr aus. Man hatte sie ihren künftigen Beschützer lieben und ehren gelehrt; und das junge Mädchen kannte nur einen Wunsch, hatte nur eine Hoffnung, ihren Freund Prosper wieder zu sehen. Allein diese Hoffnung wurde jeden Tag schwächer. Da man im Laufe so langer Zeit nie eine Nachricht von ihm bekommen hatte, mußte man befürchten, er sei ferne von seiner Heimath und seinen Freunden gestorben. Wenn Pauline bisweilen noch von Prosper sprach, so schüttelte Elisa traurig das Haupt mit einer Miene worin sich ausdrückte: Daran ist nicht mehr zu denken! Und Poupardot sagte: »Mein liebes Kind, der, welcher einst Dein Beschützer werden sollte, ist ohne Zweifel in fernen Landen gestorben; aber wir werden Dich nie verlassen ... Wenn Du im gehörigen Alter bist, werden wir Dich verheirathen ... Und auch abgesehen davon, hat Prosper für Dich gesorgt; Du hast zwanzigtausend Franken, die er mir für Dich geschickt hat und die ich angelegt habe; das gibt einst eine hübsche Mitgift ... die Zinsen ungerechnet!« Die kleine Pauline seufzte und entgegnete: »Ach! ich wollte lieber, er hätte mir nichts gegeben, und ich wäre überzeugt, daß er zurückkehrte!« Und jeden Morgen und jeden Abend, wenn die junge Waise ihr Gebet zum Himmel schickte, flehte sie auch um die Rückkehr dessen, der die letzten Worte ihrer Mutter vernommen hatte. An einem schönen Frühlingsmorgen, als Poupardot, nachdem er seine Frau geküßt hatte, eben im Begriffe war, mit Navet auf's Feld hinaus zu spazieren, zog das Gerassel eines Wagens, welcher vor ihrer Hausthüre anhielt, die Aufmerksamkeit der beiden Gatten und ihrer Kinder auf sich. Navet eilte schnell zu einem Fenster; nachdem er Paulinen, welche sich zuerst daran stellen wollte, etwas barsch zurückgestoßen hatte, rief er aus: »O! das ist kein Fiaker ... das ist eine dreispännige Chaise.« – Es ist eine Postchaise,« sagte Pauline. – »Eine Postchaise!« rief Poupardot, »seht doch, wer aussteigt.« – Ein Herr mit einem dreieckigen Hute und Stulpstiefeln springt heraus und kommt ins Haus herein. – »Hat er eine Uniform an?« fragte Poupardot. – »Nein ... aber dessen ungeachtet ein militärisches Aussehen. – »Es ist wahrscheinlich Herr Roger, der von der Armee heimkehrt ...« – Nein, es ist nicht Herr Roger. – »Bah! Du wirst ihn nicht erkannt haben, weil er in Civilkleidern ist, aber ich wette, daß er es ist, übrigens höre ich schon die Treppe heraufkommen ... wir werden den Herrn sehen, und da Roger diesmal nur ein Jahr fort war, so werde ich ihn gewiß erkennen.« Man öffnete die Thüre rasch. Ein Mann erschien auf der Schwelle des Zimmers, stand stille und betrachtete alle Anwesenden aufmerksam. Er war groß und schlank; seine ziemlich schönen Gesichtszüge schienen von Anstrengung und Sorgen gelitten zu haben; seine braunen Haare fielen in langen Locken auf beiden Seiten des Gesichts herab; eine Narbe von der Stirne bis oberhalb in die linke Wange trug nicht unbedeutend zu einem sonderbaren Aussehen dieses Mannes bei, dessen Alter auf den ersten Anblick schwer zu errathen gewesen wäre. Seine Kleidung war eben so außergewöhnlich, als seine Physiognomie. Ein langer, nicht zugeknöpfter grüner Oberrock ließ eine weiße, bis an die Cravate zugemachte Weste sehen, und eine blaue Hose, die für den Inhaber viel zu weit schien, und deren rothes Passepoil ihm einen militärischen Anstrich verlieh, eine schwarze Cravatte und ein dreieckiger Hut, dessen Spitze nach vorn sah, vervollständigten den Anzug des Neuangekommenen. Alle starrten den auf der Schwelle Stehenden an; man schien eine Erklärung von ihm zu erwarten; man konnte nicht begreifen, worauf er mit dem Sprechen warte, und doch wagte man nicht, ihn zu befragen. Ein eigenthümliches Gefühl bewegte alle Anwesenden; aber der Fremde schien sich nicht im mindesten um die Neugierde zu bekümmern, die er erregte, sondern fuhr ruhig in seiner Betrachtung fort. Seine Blicke schweiften nacheinander von Poupardot zu seiner Frau und seinen Kindern über, als sie sich aber auf Paulinen hefteten, belebte sie ein unerklärlicher Ausdruck. Thränen benetzten seine Wimpern; endlich entwand sich ihm ein Schrei, er flog auf das junge Mädchen zu, drückte sie an sein Herz und rief aus: »Sie ist es! ... es ist meine kleine Pauline! ... das Kind, welches man in meine Arme gelegt hatte! O! ich kann mich nicht täuschen ... das ist das Lächeln ihrer Mutter ... das sind die Züge ihres unglücklichen Vaters! ...« Als Poupardot und seine Frau diese Worte hörten, näherten sie sich dem Unbekannten; sie betrachteten ihn mit mehr Aufmerksamkeit, sie trauten ihren Ohren und ihrem Herzen noch nicht. Was Paulinen betraf, so fühlte sich diese, ohne den Grund zu begreifen, wohl und glücklich in den Armen dieses Mannes, der sie mit Liebkosungen überhäufte. Endlich wendete der Fremde sein Haupt gegen Poupardot und seine Frau, und reichte ihnen die Hand mit den Worten: »Nun! meine Freunde, erkennt ihr mich denn gar nicht? ... Ach! ich habe mich freilich sehr verändert ... aber mein Herz ist immer noch dasselbe, und Prosper liebt euch wie ehedem.« – Er ist es! ... Prosper ist es! ... Pauline, da ist der Freund, den Du immer erwartet hast! ... endlich ist er zurückgekehrt!« Während mehreren Minuten waren das die einzigen Worte, welche man inmitten der Rührung, die sich aller Herzen bemächtigt hatte, auszudrücken im Stande war; als man ein wenig ruhiger geworden, als Prosper im Kreise seiner Freunde Platz genommen und das kleine Mädchen, an dem er sich nicht satt sehen konnte, auf seinen Schooß gesetzt hatte, sammelte man sich erst, und fing an mit einander zu sprechen. »Wie! Du bist es!« rief Poupardot aus; »wir hatten bereits die Hoffnung aufgegeben, Dich wiederzusehen ... Du lebtest und gabst uns keine Nachricht von Dir! ...« »Ach, mein lieber Prosper,« sprach Elisa, »es ist nicht recht, daß Sie uns so lange in Sorgen ließen ... Und diese arme Kleine sprach jeden Tag von Ihnen und flehte jeden Tag zum Himmel, er möchte Sie zu uns zurückführen ...« »Und diese Hose mit dem Passepoil!« sagte Poupardot, »und dieser Hieb im Gesicht ... bist Du jetzt Soldat? ... Uns neun Jahre lang nicht zu schreiben ... das ist abscheulich!« »Meine lieben Freunde,« versetzte Prosper, »wollt ihr mich hören, ehe ihr mich scheltet?« »Ei! ganz gewiß! mehr verlangen wir gar nicht; wir sind sehr neugierig zu erfahren, was Du in so langer Zeit gethan hast.« – So hört mich.« Prosper schaute noch einmal Paulinen an, deren Blicke auf ihm hafteten, drückte einen Kuß auf ihre Stirne und begann folgendermaßen die Erzählung seiner Abenteuer. »Ich war nach England gegangen, um dort eine Person aufzusuchen, die ich liebte; diese fand ich auch; aber nun erst sah ich, wie sehr meine Hoffnungen getäuscht worden waren ... Die, welche ich meine Gattin zu nennen glaubte, verheirathete sich mit einem Andern! ... Da fühlte ich, die Verzweiflung im Herzen, das Bedürfniß zu reisen, die Welt zu durchziehen, und unter andern Himmelsstrichen, bei andern Völkern Zerstreuung und neue Eindrücke zu suchen, um von dem Uebel zu genesen, welches an meinem Leben nagte. »Damals schrieb ich auch an Dich, meine lieber Poupardot; ich weiß nicht mehr was ich Dir sagte, ich war so schmerzlich betrübt! mein Kopf glühte und bei euch meine lieben Freunde hätte ich die Ruhe nicht wieder gefunden. Ich mußte Bewegung, Abenteuer, starke Erschütterungen haben; meine Seele bedurfte jener gewaltsamen Mittel, die man Kranken reicht, für welche man keine Hoffnung mehr hat. »Ich hatte ungefähr achtzigtausend Livres in guten Wechseln auf die ersten Bankiers von Europa bei mir; es war Alles, was mir von meinem Vermögen blieb ... der Erbschaft des guten Durouleau's ... Das wundert euch? aber ich hatte den größten Theil schon Jemand gegeben ... oder vielmehr pflichtgemäß zurückerstattet. »Ich begab mich nach Italien, sah Venedig, Florenz, Neapel. Ich lebte wie ein Fürst, wie ein großer Herr: dort genoß ich alle Vergnügungen, welche der Ueberfluß gewährt. Ich hatte eine wohlbestellte Tafel, bald zahlreiche Freunde ... oder wenigstens von jenen Bekanntschaften, die sich zu den Glückskindern des Tags drängen; von jenen Menschen, die euch für ein Mittagessen, für einen Ball, für ein Fest, sogleich ihre Freundschaft, ihre Complimente, ihnen Beifall schenken. Eine traurige Race! die man überall findet und geringschätzt, deren man sich aber wie eines Spielzeugs, gleich Karten oder Würfeln, bedient. »Ich brachte drei Jahre in Italien zu; sein schönes Klima, seine leidenschaftlichen Frauen, der Wohlklang seiner Sprache und die Ungezwungenheit seiner Sitten hatten meinen Gram zerstreut; indessen fühlte ich doch die Leere dieser Freuden, denen ich mich hingab; ich dachte an euch, meine Freunde, und sprach zu mir: Ein Tag bei ihnen, im Kreise ihrer Familie, am Kamine mit Festlichkeiten, Spiel und Tanz verlebte Nächte. Aber zur Rückkehr nach Frankreich, wo mich so viele Erinnerungen erwarteten, fühlte ich mich noch nicht geheilt genug. »Eines Tages fiel es mir ein, meine Kasse zu Rathe zu ziehen, da fand ich nur noch zwanzigtausend Livres; ich hatte sechzigtausend in drei Jahren gebraucht ... Um den großen Herrn zu spielen, war es nicht zu viel; aber in meinen Verhältnissen fand ich, daß damit die Zerstreuungen etwas theuer bezahlt waren; abgesehen davon würde ich, wenn ich auf diesem Fuße fortgemacht hätte, es nur noch ein Jahr lang haben treiben können. Ich dachte, es sei Zeit, inne zu halten. »Da stiegen ehrgeizige Gedanken in mir auf, ich hatte alle Annehmlichkeiten des Reichthums empfunden, und faßte den Entschluß, nur mit einem großen Vermögen wieder nach Frankreich zurückzukehren. Ich machte die schönsten Pläne für die Zukunft ... Ich brauche euch nicht zu sagen, meine Freunde, daß ich in meinen Träumen euch immer zuerst im Auge hatte! auch an diese liebe Kleine dachte ich und sprach zu mir: würde ich nicht besser daran thun, mein Glück zu versuchen, anstatt nach Frankreich zurückzukehren, nachdem ich Durouleau's Hinterlassenschaft aufgezehrt habe? ... Wenn mir das Schicksal günstig ist, so kann ich bei meiner Zurückkunft dieser armen Kleinen, deren sich meine Freunde so gütig annahmen, ein beneidenswerthes Loos verschaffen. »Vielleicht schlummerte auch noch ein anderer Gedanke in der Tiefe meiner Seele, den ich mir selbst nicht einmal zu gestehen wagte! ... Denn in Frankreich konnte ich jener Frau begegnen, die mich verschmäht hatte, und ich hätte sie gerne durch meinen Glanz niederdrücken mögen. »Mein Entschluß wurde bald ausgeführt: ich schiffte mich nach Ostindien ein, denn dort sucht man gewöhnlich sein Glück. Nach einer langwierigen Ueberfahrt kam ich auf der Insel Java an; mit meinem noch übrigen Gelde kaufte ich Land und Sklaven. Ich pflanzte Zucker und Indigo, und gab mich mit Eifer den Geschäften hin. Damals hätte ich euch allerdings schreiben können, aber mein Lieblingsplan war, euch eines Tages von Gold strotzend zu überraschen. Ich sah ein, daß man sein Glück in Indien nicht so schnell macht, als man gewöhnlich meint. Doch hatte ich nach Verlauf von fünf Jahren mein Vermögen verzehnfacht. Da wurde mir ein ausgezeichnetes Unternehmen angetragen; indem ich meine zweimalhunderttausend Livres in Waaren steckte, die nach China abgingen, konnte ich mein Besitzthum um das Vierfache vermehren ... Dann wäre ich wirklich reich geworden! Ich versuchte das Glück. Ein Schiff ging mit meinen Waaren ab. Ich erwartete seine Rückkehr, um nach Frankreich heimzukehren: es kam nicht wieder, es ging unterwegs zu Grunde! ... »Die ganze Frucht meiner Arbeit war verloren! Ich ertrug dieses Unglück geduldig. Das Schicksal, dachte ich, will nicht, daß ich reich zu meinen Freunden zurückkehre; nun! so kehre ich arm zurück ... ich bin überzeugt, daß sie mich doch gut aufnehmen! ... diesen Vortheil habe ich vor Manchem voraus. Ihr seht, ich hing nicht am Gelde! ich hatte nur einfach einen Traum genährt. »Mit dem Wenigen, was mir geblieben, war ich im Stande, die Ueberfahrtskosten auf einem Schiffe zu bezahlen, welches mich nach Frankreich zurückbringen sollte; allein diesmal war die Fahrt nicht glücklich; nach argem Unwetter und fürchterlichen Stürmen, die uns zu verschlingen drohten, sahen wir uns endlich genöthigt, an der Küste von Dalmatien ans Land zu steigen. Ich fügte mich abermals ohne Murren in mein Geschick; ich habe überhaupt gefunden, daß ich mich besser ins Unglück als in das Glück zu schicken weiß; das ist immerhin eine Entschädigung. »Ich entschloß mich, meine übrige Reise zu Fuße zurückzulegen; und ich hatte überdies auch gewichtige Gründe, mich der Oekonomie zu befleißigen. So pilgerte ich nun, einen Stab in der Hand und ein leichtes Päckchen auf dem Rücken, ohne Kenntniß der Wege, was mich aber wenig kümmerte, fort; nichts trieb mich zur Eile an, und ich sagte oft zu mir: irgendwo werde ich doch hinkommen. »Während ich so vorwärts wanderte, gelangte ich, ohne zu wissen wie, nach Oesterreich und Mähren, und dort drangen Kriegsgerüchte zu meinen Ohren; die armen Landleute in den Gegenden, die ich durchstrich, theilten mir mit, daß Oesterreich und Rußland gegen Frankreich im Kampfe ständen, daß alle Augenblicke Truppen durchs Land zögen, und man in Kurzem einer großen Schlacht entgegensehe. »Ich konnte nur sehnliche Wünsche für das Glück unserer Waffen zum Himmel senden, denn ich hatte gar nichts von einem Krieger an mir; meine Kleider waren abgetragen und meine Garderobe bot mir keine Hülfsmittel, der Unordnung meiner Toilette zu steuern. »Wißt ihr jedoch, meine Freunde, was ich auf meinen langen Reisen, seit meiner Entfernung aus England, sorgfältig und getreulich mit mir genommen hatte? Nun? den Rest der Erbschaft von meinem Pathen Brillancourt; zwei Hosen, eine blaue und eine weiße. Ihr lacht ... Das scheint euch zum Erstaunen, und ihr begreift ohne Zweifel nicht, daß ich, während ich in Italien das Leben eines großen Herrn führte, während ich sechzigtausend Livres in tollen Orgien durchbrachte, an die Aufbewahrung zweier so bescheidenen Kleidungsstücke denken konnte, die nicht einmal für mich gemacht waren! Und doch ist es so; denn seht, meine Freunde, trotz meiner Thorheiten, meiner Neigung zur Unabhängigkeit und meiner liberalen Grundsätze bin ich doch ein wenig abergläubisch und lege einen großen Werth auf das Vermächtniß meines Pathen. Die rothe Hose hatte mir außerdem zu treffliche Dienste geleistet, als daß ich nicht einiges Vertrauen in die andern hätte setzen sollen. Kurz, durch alle Länder, in denen ich gewesen, hatte ich die beiden Hosen mitgenommen, und als ich mich jetzt in einem ans Elend grenzenden Zustande sah, und besonders der unentbehrlichste Theil meiner Garderobe sehr schlecht bestellt war, da ich nur ein einziges Paar Beinkleider besaß, die aussahen, als ob eine feindliche Armee an mehreren Stellen Bresche in sie geschossen hätte, so sagte ich zu mir: jetzt ist der günstige Moment, Zuflucht zu meinem Pathen zu nehmen, ich will eine von seinen Hosen anziehen. »Nun knüpfte ich mein Päckchen im freien Felde auf; ich befand mich an einem einsamen Orte, wo mich nichts an dem Wechsel dieser so nöthigen Kleidungsstücke hinderte. Ich betrachtete meine beide Hosen: die erste war von weißem Atlas mit Stickereien und Flitterchen verziert; sie taugte für die gegenwärtigen Umstände nicht; aber die blaue war von festem, dauerhaften Tuche und hatte ein rothes Passepoil, welches ihr etwas Militärisches verlieh. Ich zog folglich die blaue Hose an ... es ist dieselbe, die ich jetzt noch trage. »Kaum hatte ich meine Toilette beendigt, als ich durch Weibergeschrei und einen Haufen fliehender Bauern in Kenntnis gesetzt wurde, daß Truppen ins Land eingefallen seien; es waren Russen, wie man mir sagte. Da ich durchaus keine Lust hatte, ihnen zu begegnen, so beschleunigte ich meine Schritte, und lief bis in die Nacht hinein, wo ich eine halbe Stunde von dem Städtchen Austerlitz entfernt vor einem Landhause, dessen elegantes Aeußere Reichthum und Geschmack verkündigte, anhielt. Ich war von Müdigkeit und Hunger ganz erschöpft, und erblickte weder eine Hütte noch sonst ein Bauernhaus um mich herum. Da ich nun keinen Armen um Gastfreundschaft ansprechen konnte, so entschloß ich mich in Gottes Namen, mich an einen Reichen zu wenden. Ich klopfte an die Thüre, denn alle Zugänge zu dem Hause waren sorgfältig verschlossen, was mir in Kriegszeiten ganz natürlich vorkam. Man öffnete mir nicht, aber eine Stimme fragte mich auf Französisch, was ich begehre. Entzückt, diese Laute zu vernehmen, entgegnete ich, ich sei ein armer Reisender und bitte in dem hintersten Winkel des Hauses um Obdach für eine Nacht. Ich hatte noch nicht geendet, so rief eine Stimme im Innern: »Es ist ein Franzose, machen Sie auf, geschwind Peter, machen Sie ihm auf!« »Man schloß mir auf; ich gewahrte einen vollständig bewaffneten Bedienten, der aber am ganzen Leibe zitterte. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß ich allein und unbewaffnet war, ließ er mich eintreten und führte mich in ein wunderhübsches mit eben so viel Geschmack als Eleganz ausmöblirtes Zimmer. Dort hieß er mich sitzen und warten; nach einigen Minuten kam ein etwa vierzigjähriger, in einen prachtvollen Schlafrock eingehüllter Mann herein. Dieser Herr, der am Beine verwundet zu sein schien und kaum gehen konnte, stützte sich auf den Arm einer jungen und reizenden Frau, die ihn mit Zeichen der zartesten Aufmerksamkeit überschüttete. Er setzte sich in einen Lehnstuhl und es entspann sich folgendes Gespräch zwischen uns: »Sie sind ein Franzose?« – Ja, mein Herr. – »Um so besser, ich auch. Sie sind nicht im Militärdienste?« – Nein ... Ich komme aus Ostindien ... Das Schiff, welches mein Vermögen trug, ging unter; ich kehre zu Fuße zurück ... aber ich fühle Kraft und Muth in mir; in Frankreich hoffe ich Freunde zu finden, und dieser Gedanke hält mich aufrecht.« – Ganz gut. Ich bin sehr reich. Zufällig in dieses Land gekommen, ließ ich mich hier nieder, weil ich diese kleine, hübsche Mährin fand, mit der ich mich verheirathete, und die mein Glück ausmacht. Jetzt können Sie hier bleiben, so lange es Ihnen Vergnügen macht; Sie werden wie ein Landsmann, das heißt mit andern Worten, wie ein Bruder behandelt werden. Nur muß ich Ihnen zum Voraus ankündigen, daß es meine Absicht ist, wenn österreichische oder russische Soldaten hier eindringen wollten, mich auf das Aeußerste zu vertheidigen, weil ich dieselben hasse, und nicht dulde, daß sie meiner Frau zu nahe kommen. Sind Sie damit einverstanden? – »Vollkommen.« – Schon vor zwei Tagen wollten einige Plänkler von der russischen Armee bei mir eindringen. Ich habe nur vier Bedienten hier, aber trotzdem habe ich ihrer mehr als fünfzehn Mann getödtet ... Sie haben geglaubt, es liege ein französischer Posten hier im Hause und haben sich zurückgezogen. Unglücklicherweise bin ich am Beine verwundet worden ... was mich hindern würde, wenn sie wieder kämen. Doch gleichviel, entweder fallen, oder sie zurückdrängen. Ueberdies würden sie, wenn ich sie hereinließe, mich als Franzosen erkennen, und weder mich noch meine Frau verschonen ... Wenn ich denke, daß diese Elenden! ... Ach! ... und ich bin verwundet! – »Mein Herr, lassen Sie mir Waffen geben und zählen Sie auf mich. Wenn man Sie angreift, verspreche ich Ihnen, würdig Ihre Stelle zu vertreten, und eher zu sterben, als zu dulden, daß Ihrer Gattin der geringste Schimpf angethan werde.« – »Als der Verwundete mich so sprechen hörte, reichte er mir die Hand, drückte sie innig und sprach: »Sie sind ein tapferer Mann! Der Himmel sendet Sie mir zu. Uebrigens ist Napoleon nicht mehr ferne mit seinem Heere, und ich zweifle nicht, daß er in Kurzem die Herren Alliirten geschlagen haben wird. Betrachten Sie sich nun hier wie zu Hause! ... Auf Wiedersehen, ich muß meiner Wunde pflegen ...« »Mein Wirth entfernte sich mit seiner jungen und schönen Frau. Ich brauche euch nicht zu sagen, daß ich bei diesem Franzosen aufs Rücksichtsvollste behandelt wurde. Zwei Tage befand ich mich bei Herrn von Derneval, dies war der Name meines Landsmannes, als uns gegen Morgen in der Ferne fallende Flintenschüsse ankündigten, daß man sich in unserer Gegend schlage. Bald darauf ließ sich Pferdegetrappel vernehmen, und die Bedienten brachten mir mit schreckerfüllter Miene die Nachricht, daß Russen das Haus umringten, und daß sie zu demselben Corps gehören, welches schon einmal da gewesen sei und wovon ihr Herr so viele getödtet habe. Gut denn! sagte ich zu ihnen, wir werden ihrer noch mehr tödten; jetzt nur Waffen, Besonnenheit und Muth! »Nach wenigen Minuten griffen uns die Russen an. Herr Derneval wollte mich unterstützen, er war aber nicht im Stande, sich auf den Beinen zu halten. Ich sah bald ein, daß wir verloren waren; nun stellte ich mich vor die Thüre des Gemaches, worin die Gattin meines Gastfreundes verborgen war. Ich hatte gelobt, zu sterben, ehe man zu ihr gelange; ich wollte mein Wort halten. Kaum hatte ich mich dort aufgestellt, als die Russen von allen Seiten in das Haus eindrangen. In kurzer Zeit standen mir mehrere gegenüber und einer derselben sagte in schlechtem Französisch zu mir: »Hast Du vor einigen Tagen von unsern Leuten umgebracht? ... Bist Du der Herr des Hauses?« – Ja, ja,« fiel ein Anderer ein, »er ist es ... ein französischer Offizier ... mit einer militärischen Hose ... – »Nun,« entgegnete ich, »was wollt ihr von mir?« – Dich Deinen Widerstand theuer bezahlen lassen ... Dich lehren uns abzuweisen.« »Alsbald wurden mehrere Säbel gegen mich erhoben. Ich vertheidigte mich wie ein Löwe; zwei meiner Gegner fielen; aber endlich traf mich ein Säbelhieb in den Kopf. Ich fiel ... und sah nichts mehr um mich her. »Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich in einem guten Bette; mein Wirth und seine Gattin standen an meiner Seite, und Herr Derneval sagte mit einem Händedruck zu mir: »Ihre muthvolle Vertheidigung hat die Ehre meiner Gemahlin gerettet, indem unsere Landsleute Zeit dadurch gewannen, zu Hülfe zu eilen ... Ich habe Ihr edles Betragen den französischen Generalen geschildert, die hier waren. Sie haben mich beauftragt, Sie zu versichern, daß sie dasselbe dem Kaiser mittheilen würden. Wissen Sie, daß Napoleon einen großen Sieg davon getragen hat, und daß die Schlacht von Austerlitz unter die Zahl jener schönen Tage gerechnet werden wird, die den Sieger unsterblich machen.« – Und seit wann bin ich im Bette?« fragte ich, mit der Hand nach meiner Wunde greifend. – »Seit vierzehn Tagen. Sie waren sehr schlimm daran; man hat für Ihr Leben gefürchtet, aber die Gefahr ist vorüber; Sie haben nur noch Ruhe und Sorgfalt nöthig. Lassen Sie sich also verpflegen. Sie sind mir mehr als ein Bruder, denn ich verdanke Ihnen meine Ehre und das Glück, meine angebetete Frau noch an mein Herz schließen zu können.« »Statt aller Antwort drückte ich Dernevals Hand und ließ mich pflegen. Das war das Beste was ich thun konnte. Meine Genesung dauerte sehr lange; denn außer dieser Kopfwunde hatte ich auch einen Säbelhieb in die Seite, und einen Lanzenstich erhalten, der beinahe durch den ganzen Schenkel ging. Ich blieb also noch zwei Monate bei meinen neuen Freunden; sie wollten mich für immer bei sich behalten, aber ich sprach unaufhörlich von Paris und von euch, meine Freunde, daher begriffen sie, daß ich nur in Frankreich vollkommen gesunden könne. Eines Morgens trat Derneval bei mir ein und sagte: »Sie können nur in Paris glücklich sein, wir wären egoistisch, wenn wir Sie noch länger zurückhielten. Vor der Thüre steht eine Postchaise, die auf Sie wartet. Gehen Sie, mein lieber Prosper, aber erinnern Sie sich, daß Sie in Mähren Freunde haben, die Sie nie vergessen werden.« »Ich war höchst erfreut, mit der Post abzureisen, aber ich befand mich in großer Verlegenheit, denn ich hatte nur noch einige Stücke kleine Münze bei mir, die kaum hingereicht hätten, drei Stationen zu bezahlen. Ich weiß nicht, ob Derneval meinen Gedanken errieth; aber er kam lächelnd auf mich zu und sagte: »Reisen Sie ohne Furcht ab, es wird Ihnen unterwegs an Nichts mangeln, ich habe für Alles gesorgt.« – Dann schloß er mich in seine Arme; seine Frau reichte mir die Hand zum Kusse, und Beide nehmen zärtlich von mir Abschied. Man hatte mir Kleider zur Auswahl in mein Zimmer gebracht, aber ich wies sie zurück ... Ich kehrte gerne mit dieser blauen Hose nach Frankreich zurück, die mir ebenfalls Glück gebracht hatte. Ich stieg in den Postwagen und fand dort ein Paket mit meiner Adresse. Ich öffnete es: eine Börse voll Gold, eine Brieftasche mit fünfzigtausend Livres und folgender Brief von Derneval war darin enthalten: »Sehen Sie Beifolgendes nicht als einen Lohn für den mir geleisteten Dienst an, denn solche Handlungen sind unbezahlbar, sondern als einen Beweis meiner Freundschaft. Diese Summe, die für mich unbedeutend ist, kann Ihnen zur Wiederherstellung Ihres Vermögens verhelfen. Wenn Sie dieses Geschenk nicht annehmen, so würde ich denken, daß Sie mich nicht als Ihren Freund betrachten wollen.« »Während ich das Paket öffnete und das Schreiben las, hatte der Postillon seine Pferde angetrieben und wir waren schon weit von Derneval entfernt. Was sollte ich thun? zu meinem Landsmann zurückkehren und ihm zurückgeben, was er mir so großmüthig anbot ... Nein, denn ich hatte in seiner Seele gelesen, und meine Weigerung hätte sie verwundet. Ich dachte daher, ich wolle dieses neue, mir vom Schicksal vergönnte Vermögen annehmen ... Ich that es, indem ich der Freundschaft dieses edelmüthigen Franzosen meinen Dank zollte ... und darum, meine Freunde, seht ihr mich heute wieder reich, mit der blauen Hose meines Pathen ... in einer Postchaise ankommen.« Prosper schloß seine Erzählung, die Alle mit der lebhaftesten Aufmerksamkeit angehört hatten; Pauline besonders ließ kein Wort davon verloren gehen; sie erblaßte, als Gefahren ihren Freund bedrohten; sie bebte vor Freude, wenn ihm ein glückliches Ereigniß begegnete, und als er geendet hatte, fragte sie ihn mit ihrer sanften Stimme: »Aber jetzt verlassen Sie uns nicht mehr, nicht wahr?« – Nein, mein liebes Kind,« entgegnete Prosper, ihr noch einmal um den Hals fallend; »ich bin lange genug in der Welt herumgereist, ich darf wohl ausruhen. Und abgesehen davon, obgleich ich erst dreißig Jahre alt bin, haben meine letzten Wunden die Heftigkeit meines Blutes etwas gedämpft. Von nun an werde ich mich nur noch Deinem Glücke widmen, und das unserer Freunde theilen, denen ich für Alles, was sie an Dir gethan haben, nicht genug zu danken weiß. – »Das gefällt mir sehr!« versetzte Poupardot; »Du wolltest mich ohne Zweifel mit den zwanzigtausend Livres, die Du schicktest, bezahlen! Ich habe sie für diese Kleine auf Zinsen angelegt. O! Wenn ich ihrer bedürftig gewesen wäre, hätte ich sie ohne Erröthen angenommen; aber dem Himmel sei Dank, ich hatte sie nicht nöthig, obwohl sich mein Vermögen etwas vermindert hat, weil die Assignaten ganz außer Cours gekommen sind; aber ich habe doch noch genug, um meine zwei Söhne, die Du hier siehst ... Navet und Napoleon ... zwei vielversprechende Jungen ... erziehen zu lassen.« – Nun, meine Freunde, ihr seid glücklich, das ist mein höchster Wunsch, und ihr gebt mir statt des Kindes, welches ich euch zurückließ, ein junges, liebliches Mädchen zurück. – »Wollen Sie uns dasselbe schon abnehmen?« fragte Elisa mit bewegter Stimme. – »Nein, nein ... ich möchte diesem Kinde nicht gleich bei meiner Ankunft Betrübniß verursachen. Wir wollen später sehen, ob ihr überhaupt meine Gesellschaft gefällt. Jetzt denke ich nur an das Glück, mich wieder in Frankreich und bei meinen Freunden zu befinden. Ach! gebt mir Nachricht von ihnen ... wie steht es mit Maximus? – »Man weiß nicht, was aus ihm geworden ist! ... man konnte seinen Wohnort nicht einmal ausfindig machen. – »O! ich werde ihn ausfindig machen, und wenn er nicht gestorben ist, ihn sicher noch in meine Arme drücken. Und Roger? – »Ist seit einem Jahr Husarenlieutenant ... er ist zur Armee zurückgekehrt. Ich meine gehört zu haben, er sei Rittmeister geworden. O! wir werden ihn bald wiedersehen.« – Und Picotin und seine Frau? – »Picotin handelt mit Schaffellen, während er auf eine Lieferung für die Armee wartet. Seine Frau hat sehr ausgebreitete Bekanntschaften unter dem Militär ... Sie unterhält einen eigenen Generalstab.« Prosper schwieg eine Zeitlang. Man sah ihm an, daß er eine andere Frage zu machen wünschte, jedoch in Verlegenheit war, sie anzubringen; endlich entschloß er sich, und sagte zögernd: »Und ... die Emigranten? ...« – O! die sind größtentheils wieder nach Frankreich zurückgekehrt ... ein kaiserliches Dekret gestattete es ihnen ... Es bewerben sich bereits wieder einige um Stellen bei der Regierung, und man sieht Edelleute vom alten Hofe sich unter die des neuen Hofes mischen.« Prosper blieb einen Augenblick in Nachdenken versunken, aber bald schien er, alte Erinnerungen verbannend, sich dem Vergnügen hinzugeben, das er bei dem Wiedersehen seiner Freunde fand. Besonders von Paulinen war er entzückt; das verständige Betragen, die Sanftmuth und Anmuth des jungen Mädchens versetzten ihn in Staunen und Entzücken. Als ihm die gute Elisa erzählte, daß das liebenswürdige Kind keinen Tag hatte vergehen lassen, ohne von ihm zu sprechen, und den Himmel um seine Rückkehr anzuflehen, fühlte Prosper sein Auge naß werden, und er machte sich Vorwürfe, so lange nicht zu der Waise zurückgekehrt zu sein. Aber früher wäre er ohne Zweifel nicht reich heimgekommen, daher fand er am Ende doch, daß Alles noch zum Besten geschehen war. Nach einem bei seinen Freunden zugebrachten Tage ging Prosper wieder nach Paris. Dort miethete er eine schöne Wohnung, ließ sie elegant möbliren, und besonders ein für Paulinen bestimmtes Zimmerchen recht zierlich einrichten. Dann versah er sich mit Dienstleuten, nahm einen Bedienten, eine Köchin und eine Hausverwalterin an, welche letztere er zugleich zur Erzieherin für die Waise bestimmte. Nachdem alle diese Anordnungen getroffen waren, zögerte Prosper doch, obgleich er vor Begierde brannte, seine Adoptivtochter in seiner Nähe zu haben, das junge Mädchen von Poupardot wegzunehmen; er fürchtete Elisa zu betrüben, und fürchtete besonders, Pauline möchte sich bei ihm langweilen und sich nach Clichy zurücksehnen. Nachdem aber Prosper mehrere Tage bei Poupardot zugebracht hatte, bemerkte er, daß Herr Navet das junge Mädchen unaufhörlich neckte und quälte, und diese dagegen, um keinen Streit im Hause zu veranlassen, tausend Widerwärtigkeiten, die ihr der junge Mensch zufügte, ohne sich zu beklagen, ertrug. Eines Tages, als Prosper unverhofft bei seinen Freunden eintrat, fand er Paulinen in Thränen gebadet im Garten. »Was gibt es, liebe Kleine?« fragte Prosper, auf das Mädchen zueilend. »Wer kann Dir Kummer verursachen? ... Wer erlaubt sich, Dir Thränen auszupressen?« Pauline zögerte, sie wollte sich nicht beklagen, um Elisa keinen Kummer zu bereiten, die schon genug durch ihres Sohnes Unarten litt; allein Prosper ließ sich nicht mit Ausflüchten zufriedenstellen, er verlangte Wahrheit. Da gestand ihm das junge Mädchen weinend, daß Herr Navet ihren kleinen Vogel Tom, den sie so zärtlich liebte, mit Steinwürfen getödtet habe, weil er in einen Rahmkäse gepickt hatte, den der kleine Junge zum Frühstück essen wollte. Nun nahm Prosper Paulinen auf seinen Schooß und sagte zu ihr: »Wärest Du nicht unglücklich, wenn ich Dich zu mir nähme? Du würdest ein hübsches Zimmer, eine Gesellschafterin, Dienstboten bekommen ... Ich werde Dir alle Lehrer halten, die Du wünschest und alle Vergnügungen gewähren, die für Dein Alter passen. Aber wenn Du lieber bei Poupardots bleiben willst, wenn Du Diejenigen nicht verlassen willst, die Dich seit meiner Abwesenheit erzogen haben, so steht das ganz in Deinem Belieben ... und ich werde Dir darum nicht gram sein.« Pauline erhob ihre schönen Augen zu Prosper und antwortete ihm ohne Zögern: »Meine guten Freunde Poupardot können mich entbehren, weil sie noch andere Kinder haben ... Aber Sie ... da Sie allein sind, brauchen Gesellschaft ... Ach! Sie werden mir von meiner Mutter und meinem armen Vater erzählen ... und ich mich nie bei Ihnen langweilen.« Prosper hatte nicht die Kraft zu antworten, so sehr war sein Herz ergriffen; aber er eilte unverzüglich zu den beiden Gatten und sagte zu ihnen: »Meine Freunde, ich komme, um Paulinen abzuholen ... ich möchte sie mit mir nehmen.« Elisa blickte das kleine Mädchen an, seufzte tief auf, küßte sie und sagte ihr ins Ohr: »Geh, liebe Kleine, Du wirst recht glücklich bei ihm sein ... und dort wird Dich Niemand zu Thränen bringen!« Und Poupardot gab Prosper einen Handschlag und sagte: »Nun! ich tadle Dich eben nicht ... Pauline wächst heran ... mein Navet auch ... Er ist schon elf und ein halb Jahr alt! scheint ein wahrer Herkules zu werden ... Solche Leutchen sind schwer miteinander zu erziehen ... abgesehen von den Vorsichtsmaßregeln, welche man ergreifen müßte!« Am nämlichen Abend noch bezog das junge Mädchen das hübsche Zimmer, welches ihr Prosper in seiner Wohnung hatte einrichten lassen. Eine achtungswerthe Erzieherin war beauftragt, stets in ihrer Nähe zu sein, und die Dienstboten leisteten all ihren Wünschen Gehorsam. Sechzehntes Kapitel. Eine Mansardenwohnung. Prosper war im höchsten Grade erfreut, endlich das Kind bei sich zu haben, dessen Eltern ihm so werth gewesen waren. Er dachte nichts Anderes, er beschäftigte sich mit nichts Anderem als mit der Beglückung des jungen Mädchens, welches nun bei ihm wohnte. Er widmete der Waise alle mögliche Sorgfalt, Zuvorkommenheit und Aufmerksamkeit. Den ganzen Tag war er bemüht, ihr angenehm zu sein; unaufhörlich empfahl er sie ihrer Erzieherin, und gab seinen Dienstleuten den Auftrag, unbedingt ihren geringsten Wünschen Folge zu leisten. Eine Mutter hätte nicht aufmerksamer sein, ein Vater nicht mehr thun können. Indessen lag in dem Tone und Wesen Prospers nichts, was einen galanten oder bei Damen zuvorkommenden Mann angedeutet hätte. Sein Gemüth war immer offen, seine Rede ohne vielen Wortschwall gewesen, aber seit seinen langen Reisen war er ernster geworden, und sein Benehmen bisweilen so lebhaft, daß es an Barschheit grenzte. Es war schwierig zu behaupten, ob er körperlich häßlich oder hübsch sei. Er war groß und hing den Kopf etwas auf die Seite; sein vom Reisen gebräuntes Angesicht hatte einen strengen Ausdruck angenommen, der bisweilen in Traurigkeit umschlug. Die Narbe, die bis zu seiner Wange herabging, entstellte ihn nicht, sondern verlieh ihm nur etwas Ungewöhnliches; seine Augen endlich waren voll Feuer, wenn sie sich belebten, was leicht geschah, wenn er von Jemand sprach, dem er wohl wollte; so war nun Prosper Bressange, der dem jungen Buchdrucker von ehemals wenig mehr glich, der aber noch immer sehr gefallen oder gänzlich mißfallen konnte. Wenn Paulinens Beschützer irgend ein neues Möbel oder neuen Schmuck für das junge Mädchen gekauft hatte, womit er ihr ein Vergnügen zu machen gedachte, so sagte er nur mit hastigem Tone zu ihr: »Hier, mein liebes Kind, das ist für Dich!« Und wenn das junge Mädchen seine Dankbarkeit ausdrücken wollte, so unterbrach er sie mit den Worten: »Es freut Dich, mehr verlange ich nicht.« Damit entfernte er sich, um nichts weiter hören zu müssen. Aber Pauline wußte doch das Mittel zu finden, Prosper zu beweisen, wie sehr sie von Allem, was er für sie that, gerührt war; die beste Art, ihm ihre Erkenntlichkeit an den Tag zu legen, war, ihm bemerklich zu machen, wie glücklich sie bei ihm sei, wie wenig sie den Aufenthalt von Clichy vermisse. Dahin ging auch ihr ganzes Bestreben, und das wurde ihr nicht schwer, da sie bei ihrem Beschützer das angenehmste Leben führte. Wenn Prosper zum Mittagessen nach Hause kam, fand er Paulinen im Salon, am Klaviere studirend, welches sie zu lernen gewünscht hatte; dann stand sie auf, eilte ihrem Freunde entgegen, und empfing ihn mit einem anmuthigen Lächeln. Hierauf drückte ihr Prosper zärtlich die Hand und sagte zu ihr: »Du bist also zufrieden, liebes Kind; Du langweilst Dich nicht bei mir? ...« – Ich mich hier langweilen,« entgegnete Pauline! »während Sie all' meinen Wünschen zuvorkommen? Ach! da müßte ich sehr undankbar sein! aber dem Himmel sei Dank, ich bin es nicht, denn ich liebe Sie sehr und fühle mich äußerst glücklich bei Ihnen. – »Dann bin ich es auch,« versetzte Prosper, »denn Dein Glück ist von nun an mein einziges Bestreben.« Während aber Prosper solche Worte sprach, entwand sich oft ein Seufzer seiner Brust, und sein Lächeln drückte eher Schwermuth als Glück aus. Das kleine Mädchen, dessen Verstand über seine Jahre hinausging, bemerkte bald, daß die Heiterkeit ihres Beschützers nicht so natürlich war, als er es glauben machen wollte; dies betrübte sie oft bis in den Grund ihrer Seele, aber sie wagte nicht, ihn deßhalb zu befragen. Prosper brachte einen großen Theil des Tages außer dem Hause zu; er wollte Maximus auffinden. Er gab wenigstens vor, dies sei der Grund seiner vielen Ausgänge; vielleicht verband er auch noch eine andere Hoffnung damit, die er sich selbst nicht recht gestehen wollte. Man hielt am Anfange des Jahres 1807. Die kleine Pauline wohnte schon seit einiger Zeit bei ihrem Beschützer, und ihre Anhänglichkeit an ihn nahm mit jedem Tage zu, denn sie sah wohl ein, daß er unter einem zwar strengen und etwas rauhen Aeußern doch ein glühendes Herz für seine Freunde und ein weiches Gemüth für alle Unglücklichen barg. Prosper wollte seinem Schützlinge gerne alle zur Wissenschaft und Bildung dienenden Lehrer halten; die Erzieherin mußte ihm daher begreiflich machen, daß zu viele Studien das junge Mädchen angreifen würden; worauf er sich entschloß, sie nur lernen zu lassen, wozu sie Neigung hatte. Indessen waren im Kreise der Familie Poupardots, wo man zu viel mit den Herren Navet August und Napoleon zu schaffen hatte, die ernsten Studien etwas vernachlässigt worden. Pauline schrieb ziemlich schlecht und machte auch Sprachfehler; deßhalb war Prosper bemüht, ihr einen Sprach- und Schreiblehrer aufzufinden. Prosper hatte mehrere Adressen von Lehrern erhalten und sie aufgesucht, aber keiner hatte ihm noch gefallen; er war sehr schwierig in der Wahl derselben; er setzte mit Recht voraus, daß man sich nicht genug über Personen erkundigen könne, die man in einen so nahen Umgang mit einem jungen Mädchen bringen wolle. Eines Tages kam Prosper vom Besuche eines in einem hübschen Hause der Vorstadt Montmartre wohnenden Professors zurück, dessen pedantischer Ton ihm durchaus nicht zugesagt hatte, als sich ihm beim Herausgehen aus dem Hause eine alte Köchin, die ihn nach dem französischen Sprachlehrer hatte fragen hören, schüchtern näherte und zu ihm sagte: »Der Herr kommen von dem Lehrer oben? ...Haben sich der Herr mit ihm geeinigt? ...« – Nein,« entgegnete Prosper, das alte Weib betrachtend; »warum stellt Ihr mir diese Frage? habt Ihr mir vielleicht einen andern Professor zu empfehlen? – »O! ja, mein Herr, ich kenne einen andern! ... und einen sehr verdienstvollen Mann! ... und obgleich er nicht viel aus sich macht ... ist er doch sehr gut erzogen ... und wenn er keine Unglücke nicht gehabt hätte! ...« – Habt Ihr vielleicht auch Sprachunterricht bei ihm gehabt?« fragte Prosper die Köchin mit etwas spöttischem Blicke. –»O! nein, mein Herr; ich hab's nur so von mich selber gelernt; wenn ich eben Zeit hatte! ... Aber der Professor, den ich Sie empfehlen wollte, kommt zu meine Herrschaft; er instuprirt unsern neunjährigen Kleinen ... und der Junge, der vor drei Monaten noch wahre Pfannenstiele machte, schreibt jetzt wie Sie und ich, und spricht, daß es einem angst wird, und das kostet so wenig ... zwölf Stunden des Tags ... wollte sagen ... zwölf Franken des Monats, und dabei alle Tage Stunden, mit Ausnahme des Sonntags.« Prosper, welcher dieser Empfehlung der Köchin durchaus kein Zutrauen schenkte, wollte sich entfernen, ohne weiter auf ihr Geschwätz zu hören, als diese noch beifügte: »Und außerdem, mein Herr, erhält dieser arme Lehrer noch seine lahme Mutter ... Alles, was er verdient, verwendet er auf ihre Pflege und bei all dem will sie das Glück doch nicht!« Prosper stand stille, kehrte wieder um und fragte die Köchin: »Wie heißt und wo wohnt der Lehrer?« – Warten Sie, mein Herr ... den Namen ... mein Gott! ich erinnere mich desselben nicht gleich ... ich heiße ihn immer den Professor oder den Lehrer des Kleinen ... aber seine Wohnung, die weiß ich, ich bin eines Tages dort gewesen, als unser junger Herr keine Stunde nehmen konnte, weil er nach Saint Cloud auf den Markt gehen durfte. Nicht weit von da wohnt er, dieser Lehrer, in der Märtyrerstraße ... Nro. 66 ... ganz oben, zum Beispiel im fünften Stockwerke unter dem Dache ... Ach! mein Gott! nicht so schön wie der hier im Hause ... – »Märtyrerstraße ... sechsundsechzig .... schon gut, und der Name fällt Euch nicht ein?« – Warten Sie doch ... er fängt mit dem V. an ... so etwas, wie Mathurin oder Claudius. – »Schon gut, ich danke Euch ... werde ihn schon finden.« Prosper ließ sich die Köchin auf den Namen besinnen, der ihr aus dem Gedächtniß entschwunden war, und begab sich sogleich in die Märtyrerstraße. Er fand das ihm bezeichnete Haus bald. Er trat in einen finstern Gang, suchte vergebens nach einem Portier und entschloß sich sodann, die fünf Stiegen hinaufzuklettern, wobei er sich jedoch wegen der Finsterniß auf der Treppe vorsichtig am Geländer hielt. Bei jedem Absatz wurden die Stufen höher und steiler; auf der fünften Treppe war es eine wahre Galgenleiter; Prosper zauderte und dachte: »Der arme Teufel muß sehr wenig Zöglinge haben, um so schlecht zu wohnen ... daß flößt mir kein großes Zutrauen in seine Geschicklichkeit ein ... ich will übrigens doch einmal sehen, zuweilen geht es mit dem Verdienste wie mit der Tugend, man weiß oft nicht, wo es sich verbirgt.« Prosper stieg somit die Leiter vollends hinauf und befand sich vor einer Thüre mit einer Klinke; er blieb stehen. »Hier muß es sein,« sprach er zu sich; »armer Schreiblehrer! ... die Tanzmeister wohnen nicht so hoch! ... Allein die Franzosen sind gewöhnt, Leute die sie unterhalten, besser zu bezahlen, als solche die sie unterrichten.« Er klopfte an die Thüre; eine alte und schwache Stimme rief von Innen; »Drücken Sie auf die Klinke und treten Sie ein.« Prosper öffnete die Thüre; er befand sich in einer Dachstube, deren ganzes Mobiliar aus einem Gurtenbett, einem alten nußbraunen Kasten, einem Tische und einigen Stühlen bestand; Alles war übrigens so reinlich, daß man die Armseligkeit kaum bemerkte. In einer dunkeln Ecke dieses Gemaches saß eine alte Frau in einem, wie es schien, noch neuen gepolsterten Lehnsessel, dessen bequemes Aussehen von den übrigen Mobilien im Zimmer grell abstach. Prosper, welcher Anfangs die Alte nicht bemerkt hatte, trat auf sie zu, zog seinen Hut ab und begann: »Entschuldigen Sie, Madame, ich suche einen Lehrer im Schreiben und im Französischen, dessen Namen man mir nicht sagen konnte; wohnt er hier?« – Ja, mein Herr,« entgegnete die alte im Lehnstuhle sitzende Frau, »ja, Sie sind am rechten Orte ... mein Sohn ist der Lehrer, von welchem man Ihnen gesagt hat ... Er wird sogleich nach Hause kommen ... wollen Sie nicht gefälligst Platz nehmen ... Verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht selbst einen Stuhl hinstelle ... aber seit sechs Jahren habe ich den Gebrauch meiner Beine ganz verloren!« Die Stimme der lahmen Frau drang zu Prospers Herz; er besann sich, wo er wohl diese Töne schon gehört habe, die eine solch erstaunliche Bewegung in ihm hervorbrachten. Während er nun einen Stuhl nahm und sich zu der alten Dame hinsetzte, betrachtete er sie mit Aufmerksamkeit. »Wir wohnen ein wenig hoch.« fuhr die Alte fort, »und Sie haben sich so weit herauf bemühen müssen ... Aber die Logis sind in Paris so theuer ... und die Schreiblehrer verdienen so wenig ... Es ist wahr, mein Sohn ist zu bescheiden ... und hat doch viele Kenntnisse; diese Lobeserhebung könnte in dem Munde einer Mutter parteiisch klingen ... allein wenn Sie meinen Sohn verwenden, so werden Sie sehen, daß sie nicht übertrieben ist ... und damit verbindet er so viele Tugenden ... so viele edle Eigenschaften! Er sorgt für mich; er entzieht sich Alles, damit seiner kranken Mutter nichts abgehe! Armer Junge! er schläft hier auf dem Gurtenbett. Ich habe ein ganz gutes Bett mit zwei Matratzen und einem Roßhaarpolster in dem Nebenzimmerchen dort ... er hat es so verlangt. Gehen Sie, diesen guten und schönen Lehnsessel hat er mir vor zwei Monaten auch gekauft, damit ich bequem sitze ... Ich habe mit ihm gezankt ... aber was! es war schon zu spät ... Wollen Sie ihn nicht erwarten, mein Herr?« Während die gute Frau sprach, hatte sich nämlich Prosper von seinem Stuhle erhoben, weßhalb sie befürchtete, er wolle wieder fortgehen; aber anstatt sich zu entfernen, näherte er sich im Gegentheil der Gelähmten mehr und mehr und betrachtete sie mit immer größerer Aufmerksamkeit, dann fing er an zu zittern, seine Beine trugen ihn fast nicht mehr, und Thränen flossen über seine Wangen herab, während er, sich auf den Rücken des Lehnstuhls stützend, seine Hand auf die der guten Dame legte und stotterte: »Heißt Ihr Sohn nicht ... sein Name fällt mir eben wieder ein ... Maximus Bertholin? ...«– Ja, mein Herr ... ja ... Ah! Sie kannten den Namen meines Sohnes? – »Freilich kenne ich ihn! ... Ach! war er denn nicht immer in mein Herz eingegraben? ... Sie sind es, meine gute Mutter Bertholin, Sie sind es? ... Endlich finde ich Sie wieder!« Prosper hatte die gute Frau beim Kopfe genommen und küßte sie, wie ein Sohn seine Mutter küßt. Diese, ganz erstaunt, und solche Aeußerungen der Zärtlichkeit von Seiten eines ihr unbekannten Mannes nicht begreifend, rief aus: »Ja, mein Herr, ich bin die Mutter Bertholin, aber Sie ... der uns kennt ... wer sind denn Sie?« – Wer ich bin! ... Ach! in der That ... von dreizehn Jahren her können Sie mich nicht mehr erkennen ... Aber Sie werden Prosper, den jungen Buchdrucker, den Sie so oft ermahnten, vernünftiger zu werden, nicht vergessen haben. – »Sie! ... Du! ... Prosper!« Und damit küßte die alte Frau Prosper, den sie endlich erkannte, ihrerseits, und rief aus: »Ach! wie wird sich mein Sohn freuen!« – Und ich!« sagte Prosper, sich die Augen trocknend, »ich suche ihn schon so lange! ... aber warum verbirgt er sich auf solche Weise ... lebt wie ein Wolf ... besucht seine Freunde nicht mehr ... Poupardot und seine Frau wären so glücklich, euch wiederzusehen. Warum läßt er sich für todt beweinen? Das ist nicht recht ... Ich weiß zwar, daß ich es ungefähr ebenso gemacht habe ... Aber Maximus, ein so kluger, vernünftiger Mensch, konnte nicht dieselben Beweggründe haben wie ich. – »Du fragst mich, lieber Prosper, worum mein Sohn seine Freunde nicht besuchte! ... Kennst Du denn Maximus' Charakter nicht mehr; hast Du sein stolzes Gemüth vergessen? ... Als mein Sohn im Jahre Vierundneunzig seine Stelle in der Druckerei verlor, befanden wir uns in großer Noth, daher übernahm er ein kleines Amt, welches man ihm in Limoges antrug; wir zogen also von Paris weg und lebten dort fünf Jahre lang so gut es ging. Maximus fühlte sich zu jener Zeit heiter und glücklich, denn damals war die Republik groß und siegreich. Nach Verlauf von fünf Jahren büßte er sein Amt ein, und wir kehrten hierher zurück; da Maximus keine Anstellung mehr hatte, so fing er an Unterricht im Schreiben und im Französischen zu ertheilen: wir lebten ziemlich zufrieden, als ich nach einer langen Krankheit von gänzlicher Lähmung an den Beinen heimgesucht wurde. Maximus verkaufte und verausgabte beinahe Alles, was wir besaßen, um mich gut zu verpflegen; und das hat uns in die bedrängten, ich könnte beinahe sagen, elenden Umstände gebracht, worin wir uns jetzt befinden. Allein mein Sohn arbeitet so viel er kann, und klagt nie, wenn er glaubt es gehe mir nichts ab. Oefters habe ich ihn an Poupardot ... an seine alten Freunde erinnert und ihn aufgefordert, sie zu besuchen, aber dann hat er mir stets geantwortet: Liebe Mutter, wenn ein armer Mann seine reichen Freunde besucht, so sieht es beinahe immer aus, als ob er sie um Unterstützung bitten wollte; diese können es wenigstens voraussetzen, wenn er selbst auch nicht daran denkt; da ich nicht möchte, daß man so etwas von mir vermuthe, da ich mich von Niemand unterstützen lassen will, wenn ich auch noch so arm bin, so entziehe ich mir lieber das Vergnügen, zu meinen Freunden zu gehen.« – Ein Teufelsmensch mit seinen strengen Grundsätzen! ... Somit würde er von mir, der ich jetzt reich bin, auch keine Unterstützung annehmen? ... – »Nein, mein lieber Prosper, er schlüge Alles aus ... er wäre im Stande, böse zu werden, wenn Du darauf beständest ...« – Daher bin ich höchst erfreut, Sie zuerst gefunden zu haben ... Hier, meine gute Mutter, nehmen Sie diese Börse ... dieses Gold ... Ah! ich hoffe, daß Sie nicht so stolz sein werden, als Ihr Sohn ... daß Sie mich nicht des Vergnügens berauben werden, Ihnen nützlich zu sein ...« Mit diesen Worten legte Prosper eine fünfzig Louisd'or enthaltende Börse in den Schooß der guten Frau, und diese seufzte, während sie das Gold betrachtete, dessen sie so bedürftig war, und sagte: »Ach! lieber Freund ... Du bist zu gütig ... wenn aber mein Sohn dieses Gold sieht ... was soll ich ihm sagen? ... er wird böse werden, wenn er die Wahrheit erräth.« – Machen Sie ihm Etwas weis ... Beim Kuckuk! die Weiber sind doch sonst nie verlegen ... sagen Sie ... Ach! da fällt mir ein herrlicher Gedanke ein ... Sie hätten mit zwölf Sous zwölfhundert Franken in der Lotterie gewonnen! Einen solchen Gewinnst schreit man nicht in den Straßen aus. – »Aber ich kann ja nicht gehen und folglich auch nicht hinuntersteigen, um mir ein Loos zu kaufen.« – Kommen die Looshändler nicht herauf, wenn man sie ruft? ... Haben Sie nicht außerdem irgend eine gefällige Nachbarin ... Gehen Sie! gehen Sie! die Sache ist im Reinen, Sie haben in der Lotterie gewonnen. – »Nein, guter Prosper! ...« – Still! still! ... sprechen wir nicht mehr davon ... man kommt die Treppe herauf ... Es ist Maximus ... er muß es sein ... mein Herz hat eine Ahnung ... Sagen Sie ihm nichts ... O! er wird mich auch nicht mehr erkennen.« Es war in der That Maximus; die Jahre, welche seit der Trennung von seinem Freunde verflossen waren, hatten sein Aeußeres nur wenig verändert. Es war immer noch jenes schöne, ernste, etwas strenge Antlitz, nur war es noch blässer und magerer geworden als früher; und auf dieser noch jugendlichen Stirne, die den Stempel der Sorgen und des Unglücks trug, fing das Haar bereits an dünn zu werden. Als Maximus einen Fremden bei seiner Mutter sah, begrüßte er ihn und begann: »Darf ich fragen, was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft?« – Was ich will,« entgegnete Prosper, nachdem er seine Blicke eine Zeitlang stillschweigend auf seinen alten Freund geheftet hatte: »was ich will? ... o! vor allen Dingen Dir um den Hals fallen.« Mit diesen Worten stürzte er sich in Maximus' Arme. Dieser betrachtete ihn nun ebenfalls aufmerksam und rief dann aus: »Du bist Prosper!« – Du erkennst mich also? – »Ich erkenne Deine Stimme ... Deinen Blick ... im Uebrigen gestehe ich, hätte ich mich irren können ... Diese Narbe ... Bist Du Soldat?« – Nein ... aber dessen ungeachtet kann man sich doch schlagen, wenn sich Gelegenheit dazu darbietet ... Ich sehe Dich also endlich wieder ... Nach beinahe dreizehn Jahren ... Welche Ereignisse seit jener Zeit! ...« Maximus seufzte, schüttelte traurig den Kopf und erwiderte: »Ja, es sind in der That viele Veränderungen vorgegangen!« – »Du seufzest, Maximus; Du siehst verdrießlich aus, indem Du dieses sagst ... Theilst Du die Begeisterung nicht, welche alle diese glänzenden Siege des Kaisers hervorbringen? ... Bist Du für den Ruhm Deines Vaterlandes nicht empfänglich?« – »O! das kannst Du von mir unmöglich glauben, Prosper; Niemand ist empfänglicher für den Ruhm seines Vaterlandes als ich; aber ehe wir einen Kaiser hatten, waren wir auch Sieger, wir triumphirten bei Lodi, bei Arcole, bei Rivoli ... noch zur Zeit der Republik ... Für mich war der General der Armee von Italien weit größer als euer Kaiser. Doch lassen wir diesen Gegenstand ... sprechen wir nicht mehr über Politik ... Es würde vielleicht unser gegenseitiges Einvernehmen stören. Erzähle uns lieber Deine Abenteuer ... Sage uns, wie es Dir erging, seit wir uns nicht mehr gesehen haben.« Prosper setzte sich zwischen Maximus und seine Mutter und schilderte ihnen getreulich seine Abenteuer, seine Liebe und seine Reisen; er verhehlte ihnen nicht das Mindeste, doch glitt er nur flüchtig über das hinweg, was er zur Rettung von Madame Derbrouck gethan hatte. Als Maximus erfuhr, daß die Tochter des unglücklichen Holländers lebe, und Prosper für sie einen Sprachlehrer suche, drückte er seinem Freunde gerührt die Hand und sagte: »Ach! Du bist immer der Nämliche ... ein leichter Sinn, aber ein vortreffliches Herz!« – Mein Sinn ist jetzt weit gesetzter und vernünftiger,« erwiderte Prosper lächelnd. »Du thust mir zu viel Ehre an, wenn Du mich noch für einen Schwindelkopf hältst ... Ich meine, ich sehe nicht mehr so aus. – »O! das thut nichts ... Ich kenne Dich ... Ich wette, Du denkst noch an jene kleine Gräfin ... die Dich zum Narren hielt und Dich nie geliebt hat.« – Daß sie mich nie geliebt hat, ist möglich, aber zum Narren hat sie mich nicht gehalten, weil sie mir nie Hoffnung gemacht hat ... Uebrigens schwöre ich Dir, daß ich nicht mehr an sie denke. – »Das glaube ich Dir nicht, Du denkst immer noch an sie ... Ich habe das an Deiner Erzählung bemerkt, und wenn Du sie wiederfändest, wärest Du abermals im Stande, alle möglichen Thorheiten ihretwegen zu begehen ...« – Was habe ich denn für Thorheiten begangen? Daß ich ihrem Vater sein Gut wieder zurückgab ... die einzige Hülfsquelle, die ihm blieb, da all sein sonstiges Besitzthum sequestrirt war? – »Nein, ich tadle diese Handlung nicht; aber Durouleau hatte Dir Vermögen hinterlassen. Du hast es verschwendet ... durchgebracht ... Der Zufall hat Dir ein neues zugeschickt, sorge dafür, daß Du dieses erhältst.« – Dieser Maximus bleibt immer der Alte ... er schmeichelt seinen Freunden nicht ... Sei ruhig, strenger Mann! man wird sich klug aufführen. Ei, willst Du meiner jungen Waise, dem Kinde dieser braven Leute, die uns so werth waren, Stunden geben? – »Welche Frage? ... Ach! Du verschaffst mir ein wahres Glück dadurch! die Tochter dieses unglücklichen Holländers ist für mich ein Gegenstand der Liebe und Verehrung.« – Ganz gut, da man aber davon nicht leben kann, so biete ich Dir hundert Franken für den Monat an ... ist es genug? – »Bist Du toll! meine besten Schüler bezahlen mir nur vierundzwanzig ... Mehr nehme ich nicht ...« – Wenn Deine andern Schüler arme Schlucker oder Filze sind, so geht mich das nichts an. Du bekommst hundert Franken. – »Und ich nehme nur vierundzwanzig oder verzichte lieber auf das Vergnügen, der Lehrer dieses theuren Kindes zu werden.« – Welcher Eigensinn! ... Mein lieber Maximus, Du bist entsetzlich starrköpfig! Ich habe die Bemerkung gemacht, daß man immer thun muß, was Du willst. Gleichviel ... es soll geschehen; aber sage mir, wird Dir Dein erhabener Stolz auch verbieten, mitunter mein Gast zu sein und an dem Tische Deines Freundes Platz zu nehmen?« Maximus lächelte und schüttelte Prospers Hand, indem er entgegnete: »Nein, nein, ich werde mit großem Vergnügen bisweilen bei Dir essen.« – Ach! das ist recht! ... Und ich hoffe, es wird Dir nicht unangenehm sein, wenn Du dann auch Poupardot und seine Frau antriffst? ... – »Nein, gewiß nicht, im Gegentheil. ..« – Ach! herrlich ... nun will ich gleich hingehen und ihnen sagen, daß ich Dich wieder gefunden habe ... Sie werden sich außerordentlich freuen! ... denn siehst Du, wir lieben Dich alle, und sind nicht so stolz wie Du, wir scheuen uns nicht, es merken zu lassen. Ich kann auch kaum erwarten, bis ich Paulinen gesagt habe, daß ihr neuer Lehrer ihre Eltern gekannt hat, daß er in Paris in demselben Hause mit den Unglücklichen wohnte. Diese arme Kleine! sie tritt kaum erst in ihr vierzehntes Jahr. Aber Du wirst sehen, welch ein Engel sie ist! ... Sie vereint bereits die Vernunft und das Gefühl einer Jungfrau mit der Sanftmuth und Offenheit eines Kindes.« »Armes Kind,« sprach Mutter Bertholin. »Als ich sie sah, hing sie noch an der Mutter Brust ... Ich würde sie gewiß nicht mehr erkennen ... Aber ich hätte mich so glücklich geschätzt, sie in meine Arme zu schließen ... Doch leider! es ist unmöglich ... ich kann mich nicht von hier wegbewegen! ...« – Nun dann, Mutter Bertholin, bringe ich Ihnen Paulinen her, dann können Sie das liebe Kind hier umarmen. – »Wie, Prosper ... Sie wollten die Güte haben! ...« – Die Güte! ... werde ich nicht zugleich auch Paulinen ein Vergnügen verschaffen ... wenn ich sie zu einer Person führe, welche ihre Mutter gekannt und geliebt hat? Ah! sie wird mir dankbar dafür sein.« »Aber ... diese schlechte Treppe heraufzusteigen ... in diese elende Dachwohnung heraufzukommen. um eine alte Gelähmte zu sehen ...« – Sieht man auf die Schönheit einer Wohnung, zählt man die Treppenstufen, wenn man seine Freunde besucht? Sie sind alt und gebrechlich, das sind zwei Gründe, Sie zu lieben und zu achten. O! seien Sie ruhig! meine Pauline ist keine Zierpuppe; sie wird sich glücklich schätzen, zu Ihnen kommen zu dürfen. Adieu, Mutter Bertholin; leb' wohl, lieber Maximus ... Ach! ich bin so erfreut! Ich komme mir vor, als ob ich noch achtzehn Jahre alt wäre ... Ich muß hinaus, muß mir Bewegung machen ... Ich kann nicht auf dem Platze bleiben. Auf Wiedersehen! auf Wiedersehen! meine theuern Freunde.« Prosper küßte die alte Frau auf beide Wangen. Dann drückte er Maximus an seine Brust und verließ unter Lachen und Singen, wie solches ihm schon lange nicht mehr begegnet war, die Dachstube. Siebenzehntes Kapitel. Picotin in seinem häuslichen Leben. – Eine Zusammenkunft alter Freunde. Prospers erster Gang, nachdem er sich von Maximus entfernt hatte, war zu seinem jungen Schützling. Pauline nahm so viel Antheil an Allem, was ihm begegnete, sie bewies ihm eine so aufrichtige Anhänglichkeit, daß er überzeugt war, es werde sie glücklich machen, wenn sie erfahre, daß er endlich den Freund gefunden, von welchem er so oft sprach. Er beeilte sich daher, ihr die Begegnisse dieses Morgens mitzutheilen. Das junge Mädchen hüpfte vor Freuden in die Höhe, als sie erfuhr, daß sie einen Lehrer bekommen werde, der von ihren Eltern mit ihr sprechen könne; und als sie Prosper fragte, ob es ihr vielleicht angenehm wäre, die alte Mutter Bertholin zu besuchen, lief sie sogleich nach ihrem Shawl und Hut, und rief aus: »O! schnell! wir wollen auf der Stelle hingehen.« – Diese Antwort hatte ich zum Voraus von Dir erwartet, meine liebe Kleine,« sagte Prosper, »und war überzeugt, daß Du, um diese gute alte Frau zu besuchen, die Dich so sehnlich zu umarmen wünscht, nicht anstehen werdest, fünf Treppen hinaufzusteigen, kurz, in eine Dachstube zu gehen! ... – »Ich anstehen, in eine Dachstube zu gehen! Ach! ... wenn ich so dächte, müßte ich ein schlechtes Herz haben! und das glauben Sie nicht von mir, nicht wahr, mein lieber Freund?« – Nein, nein! ganz das Gegentheil! Wir werden Frau Bertholin besuchen; aber vorher will ich mich zu unsern Freunden nach Clichy begeben. Ich muß ihnen auch zu wissen thun, daß ich Maximus wieder gefunden habe. Poupardot wird so vergnügt darüber sein! Komme mit mir, Pauline; wir nehmen einen Wagen nach Clichy, um die Familie Poupardot auf morgen mit Maximus zum Mittagessen einzuladen, und nachher gehen wir zur Mutter Bertholin.« Das junge Mädchen war entzückt, ihren Freund begleiten zu dürfen; in einem Augenblick hatte sie ihre Toilette beendigt. Sie fuhren in einem Wagen weg und langten bald vor Poupardots Wohnung an. Dort erwartete Prosper eine neue Ueberraschung: kaum hatte er den Fuß in die Wohnung seiner Freunde gesetzt, als ein neben Elisa sitzender Offizier aufstand, ihm entgegeneilte und ihn zum Erdrücken umhalste und küßte. »Hier ist er ja, der liebe Prosper! Ah! tausend Kartätschen! ich war auch bei Austerlitz und habe von dem edlen Benehmen dieses Franzosen gehört, der sich beinahe zusammenhauen ließ, als er fast allein das Haus eines seiner Landsleute gegen eine russische Schwadron vertheidigte! Aber ich hatte keine Vermuthung, daß dieser tapfere Prosper jener junge Buchdrucker sei, den ich so toll, so leichtsinnig gekannt habe! erkennen Sie mich?« – Ja, ja ... Sie sind Roger ... der im Jahr II. der Republik zur Aushebung abging. – »Und nun Rittmeister, mein Freund. Ha! Tausend Bomben und Granaten! unter dem Kaiser macht man seinen Weg, da avancirt man schnell! ich habe es zu unseren Freunden gesagt, als ich sie vor ungefähr zwei Jahren verließ: wenn ich wiederkomme, bin ich nicht mehr Lieutenant und ich habe Wort gehalten! Ah! welche schöne Regierung mein Freund, welche herrliche Epoche für Frankreich! wie Schade, daß Sie sich nicht dem Waffenstande gewidmet haben, Sie wären bestimmt höherer Offizier geworden, ich stehe dafür!« – »Es kann nicht Alles Soldat sein!« versetzte Poupardot – »Doch, doch! Unter Napoleons Herrschaft muß Jeder Lust zum Soldatenstand bekommen. Nur beim Militär macht man sein Glück.« – »Meine Freunde,« sagte Prosper, »ich habe euch eine Neuigkeit mitzutheilen, die euch gewiß viel Vergnügen machen wird. – »Was denn?« rief Roger aus, »werden wir einen neuen Feldzug unternehmen? – Werden die Assignaten eingelöst?« fragte Poupardot, »ich habe für achtzigtausend Franken in meinem Schreibtisch liegen. Meine Frau will immer Papilloten daraus machen, aber ich sage ihr stets: warte noch, man kann nicht wissen ... darum habe ich sie auf die Seite gethan. – »Von all dem ist nicht die Rede! sondern von einem alten Freunde von euch, von einem Manne, den wir Alle lieben.« – Maximus? – »Ach, ich war überzeugt, daß euer Herz ihn nennen würde; ja, Maximus habe ich wiedergefunden und gesehen.« – Wäre es möglich! Tausend Schwadronen, wo ist er? daß wir uns in seine Arme werfen können! – »Wo er ist? in einer armseligen Mansardenstube, wo er seine lahm gewordene Mutter von seinem Verdienste unterhält. Der Zufall oder vielmehr die Vorsehung hat mir zu seinem Wiederfinden verhelfen, indem ich einen französischen Sprachlehrer für meine Waise suchte. Uebrigens ist er immer der Alte, gleich stolz und gleich streng in seinen Grundsätzen. Wißt ihr, warum er nicht zu uns kam; seine Mutter hat mir es gesagt; weil er, da er arm ist, befürchtete, wir könnten seinen Besuchen die Absicht unterschieben, er wolle unterstützt sein oder Geld entlehnen. Und heute noch hat er nur unter der Bedingung eingewilligt, Paulinens Lehrer zu werden, daß ich ihm nicht mehr bezahle, als seine andern Schüler.« – Daran erkenne ich ihn,« sagte Roger, »es ist ein Mann von ächtem Schrot und Korn – »Ich glaube nicht, daß er unter irgend einer Regierung Glück machen wird!« murmelte Poupardot.– »Obgleich, meine Freunde. Maximus nicht über seine Armuth zu erröthen braucht, so könnte es ihm doch peinlich sein, euch in seiner dürftigen Wohnung zu empfangen ... aber Morgen kommt er zum Mittagessen zu mir, und ich hoffe, ihr werdet euch auch dabei einfinden.« – Von ganzem Herzen, mein Tapferer,« erwiderte der Soldat mit einem Handschlage, während Poupardot ausrief: »Gewiß nehmen wir die Einladung an! ... Maximus wiederzusehen, wird ein Festtag für uns sein ... da gehen wir Alle hin, wir nehmen auch unsere Kinder mit, nicht wahr, Elisa? nur dürfte es unsern Freund nicht geniren ...« – Mich geniren,« entgegnete Prosper, »bedenkt doch, daß ihr euch bei mir wie zu Hause betrachten müßt. Auf morgen also. Ich verlasse euch, denn Pauline und ich haben noch einen Besuch zu machen. Auf Wiedersehen, Kapitän; auf Wiedersehen meine lieben Freunde.« Prosper verabschiedete sich von seinen Freunden und Pauline folgte ihm, nachdem sie die gute Elisa zärtlich geküßt und auf ihre leise Frage, ob sie immer noch glücklich sei, statt aller Antwort erzählt hatte, was ihr Beschützer schon für sie gethan. Nun führte Prosper die Waise zu der guten Mutter Bertholin, und während der Fiaker in die Märtyrerstraße rollte, sagte er zu dem jungen Mädchen: »Ich habe Maximus' Wohnung nicht genannt, weil ich gefürchtet hätte, eine Indiskretion zu begehen ... er wird ja jetzt mit seinen Freunden zusammenkommen, und wenn er ihre Besuche wünscht, kann er sie ihnen selbst sagen. Glaube mir, liebe Kleine, wenn stolze Menschen im Unglück sind, so ist es ein großer Beweis ihrer Freundschaft, wenn sie uns gestatten, sie zu besuchen ... aber das begreift nicht Jedermann.« Man langte an Maximus' Wohnung an; Prosper reichte Paulinen die Hand, um sie auf der dunkeln und gewundenen Treppe zu leiten, welche man hinauf klettern mußte, um zu der Mansarde zu gelangen. Das junge Mädchen achtete die vielen Stufen, die zu ersteigen waren, nicht; sie war ganz von dem Gedanken ergriffen, mit Personen zusammenzutreffen, die ihre Eltern gekannt hatten. Endlich erreichten sie das fünfte Stockwerk. Prosper drückte auf die Thürklinke und ließ Paulinen eintreten. Die alte Mutter Bertholin saß in ihrem Lehnstuhle und ihr Sohn schrieb an einem Tische. Als Maximus das junge Mädchen hereinkommen sah, erhob er sich von seinem Sitze, trat ihr einige Schritte entgegen, und stand dann stille, um sie mit ehrerbietiger Miene zu betrachten. »Hier ist die Tochter des Herrn Derbrouck,« sagte Prosper. Die alte Frau schien völlig hingerissen; zwei Bäche von Thränen rannen über ihre Wangen herunter, während sie sich an Paulinen nicht satt sehen konnte. Maximus war fast eben so ergriffen, wie seine Mutter, als er das Kind dieses unglücklichen Paares vor sich erblickte, welches ein Opfer der Schreckensherrschaft geworden war. Und das junge Mädchen blieb, die Empfindung, welche ihr Erscheinen hervorrief, theilend, unbeweglich mitten im Zimmer stehen, suchte den sie anschauenden Personen zuzulächeln, fand übrigens ebenfalls nur Thränen in ihren Augen. Endlich hob Mutter Bertholin ihre Arme auf, breitete sie gegen Paulinen aus und sagte mit von Schluchzen erstickter Stimme zu ihr: »Wollen Sie ... mein Kind ... wollen Sie ...« Mehr zu sagen fehlte es der Alten an Kraft, aber das junge Mädchen hatte sie verstanden, flog in ihre Arme und rief aus: »O! ja, Madame! ... ja ... und ich will Sie auch recht lieb haben.« Pauline lag mehrere Minuten in den Armen der guten alten Frau, welche nicht müde wurde, sie zu küssen, zu betrachten und wieder zu küssen. Dann trat Maximus auf sie zu, nahm ihre Hand, führte sie achtungsvoll an seine Lippen und sprach: »Wir fühlen uns glücklich, Fräulein, die Tochter dieses so ehrenwerthen Mannes, dieser so guten und wohlthätigen Frau zu sehen, deren Nachbarn zu sein wir das Glück hatten. Ihr Vater, werthes Fräulein, starb zu jener Zeit, wo die Revolution sich in Schrecken verwandelt hatte, wo blutdürstige Menschen ihre schönsten Seiten besudelten. Später wird man ohne Zweifel, wenn man die Ereignisse der Revolution schildert, Herrn Derbroucks Erwähnung thun, und ihn, weil er das Unglück hatte, mit Hebert und andern wilden Jakobinern jener Zeit in Verbindung zu stehen, falsch beurtheilen, ihm Gefühle zuschreiben, welche nie die seinigen waren! aber so schreibt man fast immer Geschichte! ... Wenn dies der Fall sein sollte, so betrüben Sie sich nicht, Fräulein; Alle, die Ihren Herrn Vater kannten, wissen, daß er ein rechtschaffener Mann und kein Verschwörer war, und wenn Sie je in sein Vaterland, nach Holland kommen, so werden Sie finden, daß sein Andenken geehrt und sein Name von all seinen Mitbürgern geschätzt wird.« Pauline hatte Maximus mit andächtiger Aufmerksamkeit zugehört, und als er geendet, erwiderte sie: »Ich danke Ihnen für das, was Sie mir über meinen Vater gesagt haben; auch ohne dies war mir sein Andenken theuer, aber es ist stets so wohlthuend, Gutes von seinen Eltern sprechen zu hören.« – Liebe Kleine,« rief Mutter Bertholin aus; »das ist ganz die Stimme ihrer Mutter ... und wie sie ihr ähnlich sieht! ... ihre Nase ... ihre Augen ... Arme Dame! ... wenn ich mir sie vorstelle ... sie kam auch öfters zu uns, liebes Kind, um mir guten Tag zu sagen ... oder sich nach meinem Befinden zu erkundigen ... sie schämte sich ebenfalls nicht, in die bescheidene Wohnung armer Leute zu kommen! ... O! sie war so liebenswürdig, so anmuthig! ... mein Gott! mein Gott! und mußte so unglücklich sterben! – »Genug, liebe Mutter, genug ...« sagte Maximus; »Sie sehen ja, daß Sie das arme Fräulein zum Weinen bringen.« – O! das thut nichts,« fiel Pauline ein, »ich will gerne weinen und von meiner Mutter sprechen hören! – »Ja, aber ich kann das Weinen nicht länger mit ansehen,« fiel Prosper ein, »laßt uns unsere Augen trocknen! Wir kommen von Poupardots, mein lieber Maximus, sie waren überglücklich, Nachrichten von Dir zu erhalten! ... Aber Du weißt nicht, wen ich bei ihnen getroffen habe ... einen Husarenrittmeister ... der eben angekommen ist ... Roger ...« – Wäre es möglich! Roger ist hier? – »Ei freilich! und Du wirst ihn morgen sehen, sie speisen Alle bei mir. Ach! wie Schade, daß Deine gute Mutter nicht dabei sein kann!« – Daran müssen Sie nicht denken, mein lieber Prosper,« sagte die gute Frau; »denn ich freue mich stets, wenn mein Sohn glücklich ist, und morgen werde ich vergnügt sein, weil ich ihn im Kreise seiner alten Freunde weiß.« – Und wir werden auf Ihre Gesundheit trinken, Mutter Bertholin; o! wir werden Sie nicht vergessen.« Prosper und Pauline verweilten beinahe eine Stunde bei den guten Leuten, und als sie sich endlich trennten, geschah es mit dem Versprechen, sich bald wieder zu sehen, denn das junge Mädchen hatte die arme Gelähmte um Erlaubniß gebeten, sie öfters besuchen zu dürfen, und man kann sich wohl denken, daß ihr das die Mutter Bertholin nicht abschlug. Prosper führte Paulinen nach Hause zurück, wo man bereits Anordnungen für die morgige Mahlzeit traf. Dann ging er abermals aus, denn er hatte einen Plan gefaßt, und bei ihm war es vom Gedanken bis zur Ausführung nie weit. Prosper dachte in seinem Sinne: »Morgen versammeln sich drei alte Freunde ... drei Jugendgenossen bei mir; könnte ich nicht mit ihnen noch andere unserer damaligen Bekannten einladen? Seit ich nach Paris zurückgekehrt bin, habe ich Picotin und seine Frau noch nicht gesehen; ich habe zwar oft an sie gedacht, aber andere Sorgen haben mich vergessen lassen, sie zu besuchen. Picotin war zwar durchaus kein Mensch von großem Verdienste, aber im Ganzen genommen war dieser arme Horatius-Cocles doch ein guter Junge, der nur den Fehler hatte, immer zu zittern und sich von seiner Frau an der Nase herum fühlen zu lassen. Was Euphrasia betrifft, so darf ich doch, wenn auch ihr Betragen fortwährend leichtsinnig war, nicht vergessen, daß sie meiner kleinen Pauline Milch gegeben hat, als ich mit dem Kinde auf dem Arme nach Paris kam; außerdem hat sie sich auch, als ich sie in ihrem atheniensischen Kostüme vor der Beschimpfung des Volkes rettete und ins Boulognerwäldchcn führte, sehr erkenntlich für meine Dienstleistung gezeigt. Ich wäre entschieden undankbar, wenn ich das Alles vergäße. Ich will mich zu ihnen begeben und Picotin und seine Frau auf morgen zum Mittagessen bei mir einladen.« Deßhalb war Prosper noch einmal aus- und in die Bärenstraße gegangen, denn er erinnerte sich genau, wo der Pelzladen von Picotin gewesen war. Aber Euphrasia und ihr Gatte hatten die Bärenstraße schon längst verlassen. An der Stelle, wo sonst der Pelzladen war, fand Prosper einen Spezereikrämer; er war einigermaßen verwundert, trat aber doch hinein und fragte, was aus dem Pelzhändler geworden sei, der sonst in diesem Hause gewohnt habe Der Spezereikrämersjunge sah Prosper an, streckte gegen zwei Mägde, welche eben in den Laden herein kamen, die Zunge heraus und entgegnete: »Einen Pelzhändler! von dem weiß ich nichts ... Ich habe hier nie Pelz verkauft.« Hierauf wendete sich Prosper an die Spezereikrämerin; diese wußte eben so wenig, rief aber ihren Vater. Der Alte kam und nachdem er lange sein Kinn gestreichelt hatte, rief er aus: »Ach! ja ... ein Pelzhändler ... der war vor mir in diesem Laden ...« – Ganz richtig, und wo ist er von hier aus hingezogen? – »Ich weiß nicht mehr ... Ach! doch ... in die Straße Saint-Honoré, gegenüber der Dürrenbaumstraße.« – Bin Ihnen außerordentlich verbunden.« Prosper begab sich an den ihm bezeichneten Ort; er sah in der That einen Pelzladen, ging hinein und glaubte, Euphrasia oder ihren Mann im Comptoir zu finden, allein er begegnete nur unbekannten Gesichtern, und als er nach Picotin fragte, erwiderte man ihm: »Derselbe hat uns schon längst sein Geschäft übertragen; Herr Picotin handelt nur noch mit Schaffellen ... hier ist seine Adresse ... er wohnt in der Vorstadt Saint-Germain. Prosper ging von da in die Vorstadt Saint-Germain. Er fragte nach dem Schaffellhändler Picotin, und man antwortete ihm: »Er ist schon vor einem Jahre ausgezogen und wohnt jetzt im Marais in der Rothenkinderstraße nächst dem Markte.« »Sapperment,« dachte Prosper, »diese Leute ziehen in einem fort aus, das gibt mir keinen günstigen Begriff von ihrem Handel. Einerlei! ich leide ja nicht darunter, ich will sie also immerhin aufsuchen.« In der Rothenkinderstraße angekommen, gelang es Prosper endlich, das Haus des Schaffellhändlers auszukundschaften, und der Portier desselben antwortete ihm: »Herr Picotin wohnt im vierten Stocke, gehen Sie nur hinauf, er ist zu Hause.« – Gott sei Dank!« rief Prosper aus, indem er rasch die schlechte Stiege hinaufkletterte, die dem übrigen Theile des Hauses zu entsprechen schien. Oben im vierten Stocke las er auf einem über einer Thüre angebrachten kupfernen Schilde folgende Worte: Anacharsis Picotin handelt mit Schaf- und überhaupt mit allen in sein Geschäft einschlagenden Fellen. »Er ist immer noch gleich talentvoll in der Abfassung seiner Annoncen,« sprach Prosper zu sich, während er auf die Thürschnalle drückte. Beim Eintritt zu dem Fellhändler kam man zuerst durch ein kleines, viereckiges Gemach, welches sonst als Speisezimmer gedient haben mußte, und jetzt, wie es schien, ein Bureau vorstellen sollte. Mittendurch ging ein vergitterter Verschlag, der eine Oeffnung hatte, wie ein Kassenbureau. Ueberdies hatte man einen weißen Papierstreifen an das Gitter geklebt, worauf mit sechs Zoll langen Buchstaben das Wort Kasse geschrieben stand. Aber auf der entgegengesetzten Seite des Gitters war Alles in größter Unordnung. Man sah auf dem Schreibtisch ein großes, aufgeschlagenes Buch, woraus man dem Anscheine nach halbe Seiten herauszureißen pflegte; ein mit Staub bedecktes Schreibzeug, einige dintenkrustige Federn, ein Federmesser ohne Klinge und einige mit Oel befleckte Papierbögen; in einer Ecke auf dem Boden lag ein Pack Schaffelle, die in einem sehr schlechten Zustande schienen; und auf der mit Eisen beschlagenen Kasse hatte man ein gewisses unnennbares Gefäß stehen lassen, das man in der Regel weder in, noch auf einer Kasse sucht. Nachdem Prosper einen Blick auf dieses Bureau geworfen hatte, beeilte er sich, eine gegenüber von dem Gitter befindliche Thüre aufzustoßen, welche in ein anderes Gemach führte. Nun befand er sich in einem Salon, den man in ein Schlafzimmer verwandelt hatte und zugleich als Küche benützen zu wollen schien; denn in dem Kamine, wo ein großes Feuer brannte, sah man Spieß und Pfanne. Dieses Zimmer, dessen Mobilien noch ziemlich hübsch, wenn sie nicht beschmutzt oder zerbrochen gewesen wären, war mit weiblichen Kleidungsstücken angefüllt; es lagen davon auf dem Bette, auf jedem Stuhle, hier ein Kleid, dort ein Unterrock; weiter entfernt Pantoffeln und ein Halskragen; auf einer Commode ein Pomadentopf, ein Kamm und ein Paar Strümpfe. Inmitten dieser Zerstörung schien ein Mann, in einer Jacke, mit einer Mütze auf dem Kopfe beschäftigt, die Haushaltung zu besorgen, denn erhielt in der einen Hand einen Besen, in der andern einen Wischlappen und unter dem Arme einen Schaumlöffel. Prosper brauchte den Mann nicht lange zu betrachten, um ihn zu erkennen; Picotin hatte sich nur wenig verändert! ... Personen, deren ganze Physiognomie in einem stark ausgedrückten Schafskopf besteht, behalten ihn unversehrt, wenn sie noch so alt werden. Als Picotin einen Unbekannten ins Zimmer treten sah, fing er hastig an, die Möbeln abzustäuben und rief aus: »Madame ist nicht zu Hause! ... heute wird nicht ausbezahlt! ... sie hat die Schlüssel zur Kasse ... kommen Sie ein anderes Mal wieder! ...« Prosper rührte sich nicht. Er konnte nicht umhin, zu lächeln, als er sah, welche Verrichtung Euphrasia ihrem Manne übertragen hatte. Als Picotin gewahrte, daß der Herr, trotz seiner Worte, nicht von der Stelle ging, nahm er seinen Besen und suchte einen ungeheuren Staub zu machen, indem er wiederholte: »Madame Picotin ist ausgegangen ... man bezahlt heute nicht! ... sie hat die Kassenschlüssel ... es ist unnöthig, daß Sie warten ... sie kommt vor Mitternacht nicht nach Hause.« – Und wenn ich sowohl mit dem Herrn, als mit der Frau zu sprechen wünschte?« entgegnete Prosper vortretend. »O! dann ... aber ich ... habe die Gelder nicht unter den Händen ... ich bekümmere mich nicht mehr um die Kassenangelegenheiten ...« – Ei! wer Teufels spricht denn von Deiner Kasse, mein armer Picotin? sieh mich einmal recht an ... suche einmal in Deinem Gedächtnisse ... ob Du nicht die Erinnerung an Jemand darin findest, der Dich früher einmal fast zu Tode ärgerte ... den Du während der ersten Aufführung von Epicharis und Nero , im Theater français, damals noch dem Theater der Republik, auf dem Schooße hieltest, wie eine Amme ihren Säugling? ...« Picotin schlug sich an die Stirne, stieß einen Schrei der Ueberraschung aus, und schüttelte Prosper die Hand mit den Worten: »Ach! ich hab' es! ... o! Sackerlott! ich hab' es! ... Sie sind Prosper Bressange, der junge Buchdrucker ... von früher! Wenn Sie mir es aber nicht selbst gesagt hätten, hätte ich es nicht geglaubt! ... Ich hätte Sie nie erkannt! ... Ach! wie haben Sie sich verändert. Mein Gott! wie sind Sie alt geworden ... es ist unbegreiflich!« – Nein, mein lieber Picotin, darin liegt nichts Unbegreifliches! ... Damals war ich achtzehn Jahre alt, und jetzt stehe ich im einunddreißigsten. Der Mann kann nicht mehr aussehen, wie der Wildfang ... der Knabe, und besonders nicht, wenn er ein thätiges und stürmisches Leben durchgemacht hat! ... – »Ah! Sie waren stürmisch ... finden Sie mich sehr verändert?« – Meiner Treu, nein! Du siehst noch immer aus, wie früher ... Und Deine Frau? – »Ach! sie ist mit zwei Kürassieren, Freunden von uns, spazieren geritten ... Sie wird aber bald nach Hause kommen ... sie kehren zum Mittagessen zurück ... ich habe nur zum Vorwand gesagt, sie komme erst um Mitternacht nach Hause. Potz! ich muß nach meinem Braten sehen ... es ist ein Lendenstück, und wenn er mir verbrennen würde, finge meine Frau einen schönen Tanz mit mir an ... Ich fürchte auch, mein Fleischtopf möchte überlaufen ... Ich will einmal die Fleischbrühe versuchen ... Sie müssen mit uns essen, Prosper, das wird Euphrasia bestimmt ein großes Vergnügen machen ... sie spricht oft von Ihnen ... und es genirt uns nicht im mindesten ... Wo für Viere ist, reicht es auch für Fünfe, und wo für Fünfe, auch für Sechse ... das sagen mir unsere Freunde, die Kürassiere, alle Tage, wenn sie einen Kameraden weiter mitbringen.« Während Picotin solches sprach, wendete er seinen Braten um, versuchte dann seine Fleischbrühe, schüttelte den Kopf mit unzufriedener Miene, holte eine Wasserkanne und schüttete die Hälfte des Inhalts in den Fleischtopf, wozu er brummte: »Sie wird immer noch gesalzen genug sein ... und gibt dann mehr aus, und unsere Freunde, die Kürassiere, essen die Suppe auf diese Weise gerne, von wegen des Trinkens ...« – Du bist also Köchin und Stubenmagd geworden?« fragte Prosper, Picotin beobachtend. »Meiner Treu! mein lieber Freund, man muß etwas in der Welt thun ... der Handel geht so schlecht! ... meine Frau will kein Dienstmädchen halten ... sie behauptet, ich sehe solche zu verliebt an ... sie führt die Bücher ... folglich muß ich den Besen und die Bürste führen ... das gibt Beschäftigung ... Nun, es bleibt dabei, Sie essen mit uns, nicht wahr?« Mit diesen Worten hatte Picotin die Wasserkanne wieder zur Hand genommen, und schien, im Falle einer bejahenden Antwort, entschlossen, den ganzen Inhalt vollends in die Fleischbrühe auszuleeren. »Nein, nein, es ist mir unmöglich,« erwiderte Prosper; »ich wollte meinerseits Dich und Deine Frau auf morgen zum Mittagessen einladen, jedoch ohne Kürassierbegleitung, denn Du wirst Maximus Bertholin, Poupardot und seine Frau, auch Roger, der jetzt Husarenrittmeister ist, bei mir antreffen ... Ich hoffe, das sind Gründe genug, daß ihr mir es nicht abschlaget.« – Ah! beim Kuckuk! und wenn Sie nur allein wären ... würde es mir jedenfalls Vergnügen machen, außerhalb zu speisen ... ich habe ohnehin nicht viel Unterhaltung hier ... den ganzen Tag habe ich mit der Haushaltung und mit der Küche zu thun ... dann muß ich auch noch das Geschirr spülen ... Ach Gott! ach Gott! aber ich weiß noch nicht, ob ich wegkommen kann ... meine Frau hat auf morgen eine Partie ausgemacht ... sie sieht dem Manöver eines Regiments zu ... und bringt dann fünf Offiziere mit nach Hause ... – »Nun! lasse Deine Frau sich mit den Offizieren herumschlagen und komme allein. Nimm! hier auf dieser Karte steht meine Adresse ...« – Gewiß werde ich es einzurichten suchen ... denn es würde mich außerordentlich freuen, Maximus wieder zu sehen ... ich glaubte ihn ganz todt! ... Mit Roger habe ich vor achtzehn Monaten zu Mittag gegessen ... er ist ein recht braver Bursche! mit Freuden würde ich mit ihm zusammentreffen ... Leider will mich Euphrasia nicht ausgehen lassen ... zudem muß ich wieder ein ungeheures Fricandeau zurichten ... es ist doch ärgerlich ...« In diesem Augenblicke hörte man Geräusch ans dem Nebenzimmer und eine heisere Branntweinstimme schrie aus vollem Halse: »Holla! he! Hausherr! ... Schaffellhändler! ... Heute wird doch Jemand zu Hause sein! ...« Picotin wurde blaß und fing an zu zittern, indem er zwischen den Zähnen hindurch brummte: »Ach! Teufel! da ist schon wieder der Wursthändler Machis ..was mich dieser Mensch peinigt! ... das wird lustig werden ...« »Ist Jemand draußen?« fragte Prosper, der im Vorzimmer klopfen und herumtappen hörte. »Ja, ja; ich weiß, wer es ist ... er kommt wegen Geschäften ...Sie kommen allemal, wenn ich zu Mittag koche ... Ich will ihn aber jagen, den ...« Picotin ging ins vordere Zimmer und sprach leise mit der eben angekommenen Person; da aber diese wie ein Mordbrenner schrie, so sah Euphrasia's Gatte bald ein, daß es von seiner Seite überflüssig sei, heimlich zu thun, und somit hörte Prosper folgendes Zwiegespräch: »Sapperment, Herr Picotin! heute werde ich hoffentlich nicht wieder vergeblich gekommen sein ...« – Es thut mir sehr leid, Herr Machis, allein Sie haben Unglück ... Sie kommen immer, wenn meine Frau nicht zu Hause ist. – »Sie halten mich schön zum Narren! Ihre Frau ist ja nie zu Hause ... übrigens brauche ich sie nicht ... Sie sind der Herr vom Hause, Sie müssen mich bezahlen, und machen Sie ein Ende ...« – Ich der Herr vom Hause? ... Herr Machis, das verstehen Sie nicht ... sie hat die Kassenschlüssel bei sich.–»Immer die gleiche Leier! ... das zieht nicht mehr ... Ihre Kasse ist schön bestellt! ...bezahlen Sie vielleicht mit der Münze, welche in dem Topfe auf derselben ist ...Vorwärts, machen Sie ein Ende ... Ich habe Ihnen Fleischwaaren geliefert ... Sie haben mir einen Wechsel von dreiundsechzig Franken ausgestellt ... und seit sechs Wochen vertrösten Sie mich von einem Tage auf den andern mit der Bezahlung ... Sapperment! läßt man einen Mann wegen dreiundsechzig Franken vierzigmal laufen?« – Mein Gott, wenn man kein Geld hat ... – »Dann ißt man keine Trüffelpasteten und gefüllte Hahnen. Du wirft mich bezahlen, potz Donnerwetter! oder ich erdroßle Dich!« – O! o! laßt mich doch los!« Prosper eilte schnell ins Nebenzimmer. Es war hohe Zeit: Herr Machis hatte seinen Schuldner an der Gurgel gepackt, und schien nicht geneigt, ihn wieder los zu lassen. Prosper warf dreiundsechzig Franken auf den Schreibtisch und sagte zu ihm: »Hier ist Ihr Geld, mein Herr, nehmen Sie es und gehen Sie.« Der Wursthändler ließ Picotin los, zählte das Geld, steckte es in die Tasche, gab den Wechsel zurück, und rief aus: »Ah! so macht man die Geschäfte ab, das heißt bezahlen, die Sache ist im Reinen; ich denke weiter nicht mehr daran. Nichts für ungut, Herr Picotin.«–Ja, warum nicht gar!« sagte Picotin, dem sich entfernenden Herrn Machis nachsehend; »nichts für ungut! wenn er mir die Zunge eine Elle lang aus dem Hals herausgetrieben hat. Ohne Sie, mein lieber Prosper, wäre ich hin. Wie viel bin ich Ihnen doch schuldig, lieber Freund! ... Das heißt dreiundsechzig Franken!« – Du bist mir gar nichts schuldig! sprechen wir nicht davon! es thut mir nur leid, sehen zu müssen, daß Deine Geschäfte nicht in gutem Gange sind.– »Ach, es ist wahr, es geht sehr schlecht, die mir versprochenen Lieferungen kommen immer noch nicht! und überdies wüßte ich auch nicht, was ich jetzt noch liefern könnte! Ich habe nichts mehr als einige Schaffelle, woraus meine Frau will, daß ich Hosen machen lassen soll; sie behauptet, ich würde dann einem Engländer ähnlich sehen.« In demselben Augenblicke vernahm man auf der Treppe Euphrasia's Stimme und das Sporengeklirre der Herren Kürassiere. »Da kommt meine Frau!« rief Picotin mit bestürzter Miene aus, und kniete schnell vor dem Kamin hin, wo er den Braten umkehrte und in den Topf sah. »Der Vorplatz ist abscheulich schmutzig!« schrie Euphrasia beim Eintritt in das erste Zimmer. »Ich bin überzeugt, daß ihn Herr Picotin nie kehrt. Alle Hunde des Hauses begehen dort Unflätereien. Wahrhaftig, ich weiß nicht, was mein Herr Gemahl treibt.« Prosper, der im zweiten Zimmer stehen geblieben war, sah bald eine ziemlich dicke Dame in einem grünen Reitkleide erscheinen, welches an mehreren Orten Fettflecken hatte, und dem an der Brust einige Knöpfe fehlten; auf dem Kopfe trug sie einen runden, sehr unternehmend auf der Seite sitzenden Filzhut, worauf eine alte, ehemals grün gewesene Feder steckte, die jedoch in Folge langen Wehens in der Luft allmählig gelb geworden war; sie hielt eine Reitpeitsche in der Hand, womit sie, wie es schien, beim Eintritt Miene machte, Jemand durchzupeitschen. Prosper hätte schwerlich Euphrasia erkannt, wenn er sie anderswo als in ihrem Hause getroffen haben würde. Die Amazone hielt an, als sie den mitten im Zimmer stehenden Herrn gewahrte, der sie auf eine drollige Art ansah. Dann trat sie näher auf ihn zu, betrachtete ihn aufmerksam, stieß einen Schrei aus und stürzte sich in seine Arme, indem sie ausrief: »Das ist ja Prosper!« Die beiden Kürassiere traten eben auf die Schwelle und blieben stehen beim Anblick ihrer Amazone, die einen Herrn höchst zärtlich in ihre Arme schloß; was Picotin betrifft, so lag dieser fortwährend auf den Knieen, drehte seinen Braten um und brummte: »Hm! wie vergnügt sie ist, Sie wieder zu sehen! ... O! ich sagte es Ihnen ja ... sie sprach so oft von Ihnen!« – Sie sind die Erste, die mich erkannt hat,« sagte Prosper, sich aus Euphrasia's Armen windend. – »O! ich, lieber Freund, ich habe ein paar Augen ... und ein Herz ... Sie haben zwar eine Schramme, die Sie etwas entstellt ... aber, gleichviel, ich hätte Sie unter Zehntausend wieder erkannt!« Damit kehrte sich die Amazone gegen die beiden Militärs, machte ihnen eine Verbeugung und sprach: »Meine Herren, ich stelle Ihnen hier einen alten und bewährten Freund vor.« Die Kürassiere langten mit der Hand an ihren Helm, während Picotin ausrief: »Glaubst Du wohl, Euphrasia, daß Prosper nicht mit uns essen will? ...« – Ah bah! ... und warum nicht?« fragte die Amazone. – »Weil es mir unmöglich ist, meine schöne Dame ... Ich verlasse Sie, da man mich zu Hause erwartet. Kann ich ein Wörtchen mit Ihnen sprechen, bevor ich mich entferne?« – Warum nicht! zwei, zehn ... so viel Sie wollen, lieber Freund!« Hiemit folgte Euphrasia Prosper in das sogenannte Bureau, und dort brachte der alte Freund seine Einladung auf den folgenden Tag vor. Die Amazone ließ ihre Peitsche schwirren, und rief aus: »Ha! tausend Teufel! wie ärgerlich ist das! Morgen muß ich zum Manöver eines Regiments, und habe fünf Offiziere zum Mittagessen eingeladen ... Ach! der Kuckuk! Es geht nicht, außer ich dürfte diese Herren zum Essen bei Ihnen mitbringen.«– Nein, das kann nicht sein,« entgegnete Prosper lebhaft, »ich habe keinen Platz; mein Speisesaal ist zu klein. Wir wollen lieber die Partie auf ein andermal verschieben. Leben Sie wohl, meine liebe Madame Picotin. – »Ach! wie dumm! ... Nennen Sie mich doch Euphrasia ... Sie Unartiger! ...« – Sie haben Besuch, ich gehe. – »Ei! aber Sie kommen doch hoffentlich ein andermal wieder? ... Denken Sie auch an mich, Undankbarer, an mich, die Sie nie vergessen hat?« – Ja, ja, o! ich werde Sie bald wiedersehen ... Leben Sie wohl!« Damit entfernte sich Prosper eiligst, indem er dachte: »Wahrhaftig, ich bin froh, daß Madame Picotin morgen nicht am Mittagessen Theil nehmen wird, und ich werde sicher den Fuß nicht mehr in ihr Haus setzen, damit sie nicht etwa eine Anwandlung bekommt, mich zu besuchen; denn ich sehe wohl ein, daß Euphrasia's Gesellschaft durchaus nicht für meine theure Pauline taugen würde. Wenn man eine Blume bei sich hat, muß man dafür sorgen, daß sie keine jener schädlichen Lüfte berühre, die sie welk machen könnten.« Am folgenden Tage hatte Alles bei Prosper, der seine Freunde würdig empfangen wollte, ein festliches Ansehen; und Pauline, die eine hübsche Toilette gemacht hatte, vertrat schon mit Grazie die Stelle einer Hausfrau. Maximus langte zuerst an, dann kam Poupardot mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen, deren erstes Wort beim Eintritt war: »Wird man bald essen?« Maximus küßte Elisa und ihren Gatten und küßte sogar ihre beiden Kinder, obgleich Herr Navet sehr verdrießlich aussah, weil er kein Gedeck für sich bemerkte, und sein jüngerer Bruder ein unaufhörliches Bedürfniß äußerte, sich zu schnäuzen. Aber Poupardot war stets begeistert von seinen Söhnen und er zeigte sie Maximus mit den Worten: »Ei! Du mußt ihr Lehrer werden; das ist abgemacht. Ich vertraue Dir ihre Erziehung an und Du wirst Ehre mit Deinen Schülern einlegen; besonders bei den großen Anlagen, die sie zeigen.«–Ich will sie mit Vergnügen in dem Wenigen unterrichten, was ich selbst weiß,« sagte Maximus; »diesen hier muß man übrigens noch ein wenig heranwachsen lassen ... Was dagegen jenen betrifft, so kann er, wenn er gerne lernen mag ...–»Ich will lieber essen ... Ißt man noch nicht zu Mittag?« entgegnete Herr Navet, sich auf einem Stuhle schaukelnd. »Siehst Du den kleinen Schelm?« rief Poupardot lachend aus. »O! er hat erstaunlich geistreiche Einfälle.« Die Ankunft Rogers unterbrach dieses Gespräch. Der Rittmeister warf sich an Maximus' Brust, und diesmal dauerte die Freude des Wiedererkennens länger und war rührender, denn es bestand eine innigere Freundschaft zwischen Roger und Maximus, als zwischen diesem und Poupardot. Die beiden Freunde konnten nicht müde werden, sich anzusehen, sich die Hand zu drücken und sich an die Vergangenheit zu erinnern. Die Essensstunde hatte geschlagen und man wollte sich eben zur Tafel setzen, als die Glocke noch einen weitern Besuch ankündigte. Gleich darauf trat Picotin in einem äußerst abgeschabten Kleide ein, begrüßte die Gesellschaft demüthig und sagte: »Da bin ich, möge daraus entstehen, was da wolle! ... meine Frau kann schimpfen, wenn sie Lust hat ... Ich bin durchgegangen. Ich konnte dem Verlangen nicht widerstehen, ein gutes Mahl einzunehmen ... mit alten Freunden ... Wo ist denn Herr Maximus? ... Ah! hier ist er ... Ach, Gott! wie hat auch er sich verändert! ... Ah! da ist der Rittmeister Roger ... Guten Tag, Rittmeister; es lebe der Kaiser!« Maximus drückte Picotin die Hand, hierauf ersuchte Prosper seine Gäste, in den Speisesaal hinüber zu gehen. Man setzte sich zu Tische und fing an, auf die Freundschaft und das Glück des Beisammenseins zu trinken. Der Hausherr war glücklich und stolz, seine alten Freunde bewirthen zu können. Er hatte nichts versäumt, was zum Glanze und Wohlgeschmack des Essens beitragen konnte. Man that demselben alle Ehre an, während man sich zugleich dem Vergnügen hingab, alte Erinnerungen aufzufrischen. Das Gespräch wurde allgemein, denn es gab kein Geheimniß und keinen Rückhalt unter diesen Männern, die sich so lange nicht gesehen hatten. Indessen waren ihre politischen Ansichten nicht die nämlichen. Maximus bedauerte die Republik, Roger pries das Kaiserreich, Poupardot war stets mit der Gegenwart zufrieden und Prosper schien für die Zukunft zu fürchten; allein ihre Erörterungen führten keine Zwistigkeiten herbei, da sie Alle ein offenes, rechtliches Herz hatten und sich gegenseitig hochschätzten. Was Picotin betrifft, so bestand seine Ansicht dem Anscheine nach nur darin, gut zu essen . Er fand Prospers Küche vortrefflicher, als die von ihm selbst bestellte und schien sich auf mehrere Tage hinein satt essen und trinken zu wollen. Die kleine Pauline saß neben Elisa und schien glücklich über die Freude, die aus den Blicken ihres Beschützers strahlte. Poupardot beschäftigte sich, trotz des Antheils, den er an dem Gespräche seiner Freunde nahm, viel mit seinen Söhnen, und sagte alle Augenblicke: »Navet hat einen gesegneten Appetit! ... Der Schelm stellt seinen Mann bei Tische, und mein kleiner Napoleon, seht doch, wie artig er sich beträgt!« Roger, den diese Bemerkungen zu langweilen schienen, konnte nicht umhin, sich gegen Maximus zu neigen und ihm ins Ohr zu sagen: »Findest Du nicht auch, Maximus, daß es lächerlich ist, den Namen eines großen Mannes solchen dummen Jungen zu geben, daß es eine Entwürdigung dessen ist, was man achten sollte, und daß man, um Napoleon zu heißen, das Recht dazu haben muß?« – Deine Bemerkung ist ganz richtig,« entgegnete Maximus; »aber das ist der Fehler vieler Leute, daß sie in ihrer Begeisterung den Personen und Gegenständen, die sie am meisten lieben, Schaden zufügen.– »Ich schlage einen Toast auf die Freundschaft vor,« sagte Picotin, der schon ein wenig angetrunken war, aber nicht auf halbem Wege stehen bleiben wollte. Diese Aufforderung wurde angenommen. Gleich darauf brachte Prosper einen andern Toast aus; er hob sein Glas in die Höhe und rief: »Auf die Gesundheit von Maximus Mutter, der guten Frau Bertholin, welche ihre Gebrechlichkeit hindert, Theil an unserem Mahle zunehmen!« Diese Gesundheit wurde mit Enthusiasmus getrunken und Picotin schrie, während er sein Glas füllte: »Auf die Gesundheit der guten, guten, alten Bertholin ... Es lebe der Kaiser!« Beim Nachtische wurde die Unterhaltung noch lebhafter. Prosper sprach von seinen Reisen, Roger von seinen Feldzügen, Maximus von der Zeit des Direktoriums, Poupardot von seinen Assignaten und seinen zwei Jungen. Picotin hörte bloß zu, indem er seine Gabel fortwährend arbeiten ließ, nahm jedoch von Zeit zu Zeit das Wort, um einen Toast zu Ehren der Freundschaft auszubringen. Pauline zog sich mit Madame Poupardot vom Tische zurück, als diese ihren kleinen Knaben, wie er eben anfing einzuschlafen, auf den Armen wegtrug; Herr Navet wollte bei den Männern bleiben und fortessen, so lange etwas auf dem Tische stand. Die Freunde unterhielten sich bis beinahe elf Uhr. Aber jetzt näherte sich Herr Navet, der seit einiger Zeit aufgehört hatte, zu essen, seinem Vater, fing an zu weinen und schrie: »Papa, ich habe Bauchweh!« Alsbald erhob sich Poupardot mit den Worten: »Du hast Bauchweh, mein Junge? es ist aber auch in der That spät ... beinahe elf Uhr ...um elf Uhr ist man berechtigt, Bauchweh zu haben, wenn man von fünf Uhr an gegessen hat ... Meine Freunde, bei Euch bekommt man allerdings keine Langweile, aber ich denke doch, daß es Zeit ist, auseinander zu gehen ... Komm', Elisa, setze Deinen Hut auf, wirf Deinen Shawl um ... lebhaft ... Navet hat Bauchweh.« Die übrigen Gäste folgten Poupardots Beispiel, sie standen auf und schickten sich zum Weggehen an. Picotin allein rührte sich nicht. Roger trat auf ihn zu und rief: »Nun, Picotin! wird's bald? Willst Du die ganze Nacht bei Tische bleiben?« Picotin machte einen Versuch, aufzustehen, fiel aber wieder auf seinen Stuhl zurück und stotterte: »Ich komme schon ... ich komme schon ... ich finde nur ... meine Serviette nicht mehr!« Jetzt erst bemerkte man, daß Herr Picotin vollständig betrunken war. Indessen konnte man ihn mit Hülfe seiner Freunde doch auf die Beine bringen, und Roger nahm ihn beim Arme, indem er zu ihm sagte: »Tausend Bomben! stütze Dich auf mich ... Ich will Dich nach Hause führen, sonst, denke ich, würdest Du schwerlich heimkommen.« – Ich will Dir auch beistehen,« sagte Maximus hierauf. Man nahm Abschied und ging fort; Poupardot setzte sich mit seiner Familie in einen Fiaker, Maximus und Roger gingen zu Fuß, jeder einen Arm von Picotin haltend, der bei jedem Schritte strauchelte, und zu seinen Schutzmännern sagte: »Mein guter Maximus ... mein tapferer Rittmeister ... es ist sonderbar ... ich bin ganz aus dem Concepte ... Sagt nur um Gotteswillen meiner Frau nichts ... es soll mir nicht mehr vorkommen ...«– Sei ganz ruhig, armer Picotin, sie soll nichts erfahren.– »Meinen besten Dank, Rittmeister ... Es lebe der Kaiser! ...« Als sich Picotin vor seinem Hause befand, verließen ihn Maximus und Roger und kehrten miteinander zurück. Sie gingen noch lange in den Straßen umher, sprachen eifrig und stritten sich bisweilen über politische Ansichten; als sie sich aber endlich trennten, waren sie so gute Freunde wie zuvor und drückten sich mit der aufrichtigsten Freundschaft die Hände. So sollte es mit allen politischen Ansichten gehalten werden! Achtzehntes Kapitel. Die Generalin. Pauline wuchs heran und war fortwährend liebenswürdig und gut. Maximus hatte sie in Allem unterrichtet, was zur Bildung eines Frauenzimmers gehört, das zwar korrekt sprechen, aber keine Pedantin werden soll. Prosper verschaffte ihr Alles, was sie nur wünschen konnte, um sich zu schmücken, und die Jugend der Waise floß heiter und friedlich in Gesellschaft des Mannes hin, der nur an ihr Glück dachte. Allein Prospers Vermögen war nicht unerschöpflich. Er ging übel mit den hundertfünfzigtausend Franken um, die er nach Frankreich zurückgebracht hatte. Er wohnte schön, hielt zwei Dienstboten, eine Kammerfrau für Paulinen, verlangte, daß diese sich immer elegant kleide, schaffte ihr Kostbarkeiten an und brachte ihr unaufhörlich von jenen reizenden Kleinigkeiten mit, die erfunden wurden um den Frauen zu gefallen und die Männer zu ruiniren. Er empfing auch gerne seine Freunde bei sich, und nöthigte zuweilen die gute Mutter Bertholin, in der Lotterie zu gewinnen, da dieses das einzige Mittel war, Maximus' Verhältnisse zu verbessern. Gewiß war dieses ein anmuthiges Leben; aber um es lange fortführen zu können, hätte Prosper ein anderes Einkommen haben müssen, als der Fall war. Maximus sagte mitunter zu ihm: »Du treibst weder ein Geschäft noch einen Handel, Du hast keine Anstellung und gibst doch so viel Geld aus. Deine Lage muß also sehr gesichert und Dein Vermögen gut angelegt sein? Wenn ich diese Fragen an Dich stelle, so weißt Du wohl, daß es nicht aus einfältiger Neugierde, sondern einzig aus Interesse für Dich geschieht.« Prosper lächelte, drückte Maximus Hand und antwortete ihm: »Sei getrost! mache Dir meinetwegen keinen Kummer. Ich bin nicht mehr so leichtsinnig, sondern sehr geordnet.« Aber wenn er zuweilen allein war, erinnerte er sich an Maximus' Rathschläge und dachte: »Er hat Recht ... mein Geld wird nicht ewig währen. Ich sollte auch an die Zukunft denken. Besonders um Paulinens willen möchte ich reich sein; denn in einiger Zeit wird man daran denken müssen, sie zu verheirathen; dann muß ich ihr ein Heirathsgut mitgeben. Das arme Kind, ich wünsche so sehr, sie glücklich zu sehen! Kein Opfer, wenn es erforderlich ist, soll mir zu schwer sein, ihr Glück zu sichern. Ich muß mich um ein Geschäft umsehen, oder eine Anstellung suchen, und inzwischen sparsam sein.« Nachdem Prosper solche Vorsätze gefaßt hatte, ging er aus und dachte wieder an ganz andere Dinge; da aber seine Kasse noch lange nicht leer war, so kaufte er, wenn er an einem Laden vorbeiging, wo er einen hübschen Stoff oder ein geschmackvolles Geschmeide sah, dasselbe und brachte es eilig Paulinen, welche ihn wegen seiner Freigebigkeit ausschmälte. »Mein lieber Freund,« sagte sie zu ihm, »Sie geben mir zu viel; Sie verschwenden zu viel Geld für mich. Ich brauche nicht so viel Kleider und Geschmeide. Bin ich nicht geputzt genug, wenn Sie mich hübsch finden; nicht ganz glücklich, wenn ich bei Ihnen bin?« Dann drückte Prosper einen Kuß auf die Stirne der Waise und sprach: »Meine theure Freundin, ich wünsche, daß Ihnen dies Alles zu Theil werde, weil Ihre Eltern reich waren; ohne die Begebenheiten der Revolution würden Sie vermöglich sein und ein prächtiges Gut besitzen, welches Ihr Vater in der Tourraine gekauft hatte! Da man Sie mir anvertraut hat, so muß ich so viel als möglich Ihnen das zu ersetzen suchen, was Ihnen genommen worden ist. Ueberdies, macht mir es, wenn ich Ihnen etwas bringe, von dem ich annehme, es könnte Ihnen gefallen, so viel Freude, daß es Unrecht von Ihnen wäre, mich dieses Glückes zu berauben.« Wie war es möglich, Jemand abzuweisen, der auf solche Weise schenkte! Es gibt Leute, die einem Geschenk durch die Art, womit sie dasselbe geben, den Werth benehmen; es gibt dagegen wieder andere, die eben dadurch den Werth desselben verdoppeln. Picotin war seit jenem Tage, wo er so tüchtig getafelt hatte, nicht wieder zu Prosper gekommen; man vermuthete, seine Frau werde ihm eine Strafe auferlegt haben, weil er sich erlaubt, ohne sie außer dem Hause zu essen; allein es machte Prosper großes Vergnügen, daß er nicht mehr von Euphrasia sprechen hörte, die ohne Zweifel darüber geärgert war, daß er sie nicht mehr besucht hatte. Es war ihm um so lieber, Madame Picotins Besuch nicht erhalten zu haben, da die Leidenschaft dieser Dame für das Militär gar keine Grenze kannte; man war ihr mehrmals auf dem Spaziergang Arm in Arm mit einem Regimentstambour und später mit einem Pompier begegnet. Es war im Jahre 1811; Pauline hatte ihr achtzehntes Jahr erreicht; sie war reizend, nicht sowohl durch die Regelmäßigkeit ihrer Züge, als durch das Ganze ihrer Physiognomie, wo ein sanfter und zärtlicher Ausdruck ihrem Gesichte etwas Melancholisches verlieh, was sie noch interessanter machte. Maximus gab ihr keinen Unterricht mehr, besuchte sie aber noch häufig. Er unterhielt sich gerne über Geschichte und Philosophie mit ihr; das richtige Urtheil und der Geist dieses Mädchens sprachen ihn an. Dann, als endlich ein schmerzliches, obwohl leicht vorauszusehendes Ereigniß eintraf; als Maximus seine alte Mutter verlor, da weinte Pauline mit ihm, und um seinen Gram zu lindern, sprach sie, so oft sie ihn sah, von der guten Mutter Bertholin mit ihm. Viele glauben, man solle in unserer Gegenwart nicht von theuren Wesen sprechen, die wir verloren haben; diese Leute kommen mir vor wie solche, die sich vor dem Tode fürchten, und sobald ein Freund, eine Gattin, oder eine Schwester die Augen geschlossen hat, vor ihnen fliehen! ... Wer sich so vor einem theuren Bilde fürchtet, dem ist es sehr darum zu thun, es bald zu vergessen! ... Wahrhaft Liebende trösten sich in der Erinnerung. Oft betrachtete Prosper Paulinen schweigend; ihre Anmuth, ihre Reize fielen ihm auf und er dachte: »Sie ist ein Engel und wird den, der sie heirathet, glücklich machen ... Ich bin überzeugt, sie würde, wenn sie in die Welt käme, irgend eine glänzende Eroberung, eine vortreffliche Partie machen; allein sie will nicht unter die Leute. Zu Poupardots kommt Niemand und zu mir nur meine alten Freunde. Ei der Kuckuk! ... um sie zu heirathen muß man sie doch vorher sehen!..« Wenn die Waise bemerkte, daß die Blicke ihres Beschützers auf ihr hafteten, so rötheten sich ihre Wangen; sie schien bewegt, verlegen; dann folgte eine auffallende Blässe dieser Röthe und sie ließ zuweilen die Arbeit, womit sie beschäftigt war, aus den Händen fallen. Seit 1807 war Roger, der den Krieg in Spanien mitgemacht hatte, als Oberst zurückgekehrt; er hatte aber eine Wunde empfangen, die nicht gut geheilt war, und deßhalb die Erlaubniß erhalten, sich einige Zeit in Paris auszuruhen. Prosper, der ihn häufig besuchte, ging eines Morgens zu ihm und sprach: »Mein lieber Oberst, ich wünsche, Sie in einer Angelegenheit, die mir sehr nahe geht, um Rath zu befragen: denn Maximus zankt mich nur und predigt mir immer vor. Die mir anvertraute Waise, Pauline Derbrouck, ist jetzt achtzehn Jahre alt, herangewachsen und voll Reiz und Anmuth; überdies hat sie ein gutes Herz und alle Eigenschaften, welche man hauptsächlich bei einem Frauenzimmer sucht. Ich thue mein Möglichstes, um ihr Glück zu befördern; doch seit einiger Zeit scheint sie mir schwermüthig zu sein, und ihr Lächeln ist nicht mehr so ungezwungen als früher ... In ihrem Alter werden in den jungen Mädchen neue Gedanken, neue Wünsche rege; ich meine daher, ich sollte sie verheirathen! und das wäre das sicherste Mittel, ihr ihren Frohsinn wieder zu verschaffen.« – Ein junges Mädchen zu verheirathen scheint mir ein ganz richtiger Gedanke,« entgegnete Roger, sich auf einem Lehnstuhle ausstreckend; »aber was soll ich in dieser Angelegenheit thun? Willst Du mir vielleicht Fräulein Derbrouck zur Ehe vorschlagen? Sie ist unstreitig hübsch und liebenswürdig, und verdient die Liebe eines Mannes; aber, lieber Freund, ich bin zwanzig Jahre älter als sie, und obgleich man im achtunddreißigsten Jahre noch einen vollständigen Liebhaber vorstellen kann, so tauge ich doch gar nichts mehr! ... Meine Feldzüge haben mich ermattet und meine Wunden mich übel zugerichtet, und wenn ich einem Frauenzimmer den Hof machen sollte, so würde ich mich benehmen wie ein Rekrute! ... Nein, ich finde keinen Geschmack am Ehestand! Lieber will ich meine Pfeife rauchen, bei einem Glas Champagner mit Freunden schwatzen und mich noch einmal schlagen, sobald ich gänzlich hergestellt bin. – »Oberst,« sagte Prosper lächelnd, »ich habe nie an eine Heirath zwischen Ihnen und Paulinen gedacht!« – Nun! was willst Du also von mir? ... erkläre Dich! – »Ich wünschte für Fräulein Derbrouck einen jungen, hübschen, geistreichen, guten ... und reichen Mann zu finden ...« – So! weiter nichts? ... – »Ich denke, Pauline verdient einen vollkommenen Mann.« – Möglich; aber man erhält nicht immer, was man verdient; fahre nur fort! – »Um einen Mann für meine Pauline zu finden, müßte ich in Gesellschaften gehen: dort macht man Bekanntschaften, die man später zu sich einladet. Ich aber gehe nirgends hin, als zu Poupardot; denn im Schauspielhause kann ich doch keinen Gatten suchen? Aber Sie, Oberst, Sie haben in allen großen Häusern Zutritt; kurz, Sie besuchen Gesellschaften ... wollen Sie mich zuweilen mitnehmen?« – Recht gerne, lieber Freund; mit einer Narbe auf der Stirne, wie Du, findet man überall Aufnahme. Höre, schon heute Abend kannst Du, wenn Du willst, mitkommen. Ich gehe zum General Bloumann, einem Elsäßer und alten Soldaten der kaiserlichen Armee, der alle seine Grade auf dem Schlachtfelde erworben hat; er ist ein vortrefflicher Mann, durchaus nicht stolz ... flucht ein bischen gerne, und legt seine Worte eben nicht auf die Wage ... O! er macht keine Umstände; aber er wird Dich mit großem Vergnügen aufnehmen, ebenso seine Frau, die Generalin, welche sehr liebenswürdig ... und durchaus keine Betschwester ist ... sie muß einst sehr hübsch gewesen sein, und sieht noch nicht übel aus ... ihre Erziehung scheint etwas vernachlässigt, sie wird Dich aber herzlich empfangen. Der General gibt oft Abendgesellschaften, große Essen, Bälle: nun! dort wirst Du vielleicht finden, was Du für Dein Fräulein brauchst. – »Ich danke Ihnen, mein lieber Oberst; diesen Abend will ich Sie abholen und mit Ihnen gehen.« – Um acht Uhr ... mit militärischer Pünktlichkeit. – »Es bleibt dabei.« Abends verabschiedete sich Prosper, nachdem er sich in großen Staat geworfen hatte, von Paulinen. Diese, welche es nicht gewöhnt war, ihren Beschützer so elegant gekleidet zu sehen, fragte ihn lächelnd: »Gehen Sie auf den Ball, lieber Freund?« – Nein, meine theure Pauline: wenn ich auf den Ball ginge, so würde ich Sie eingeladen haben, mit mir hinzugehen. – »Ich danke Ihnen! aber ich hätte es ausgeschlagen.« – O! das sind Redensarten! ... ich glaube nicht daran. – »Sie wissen wohl, daß ich die Welt, die großen Gesellschaften nicht liebe ... und mich vollkommen glücklich in dem ruhigen Leben fühle, welches ich bei Ihnen zubringe ...« – Und ich bin der Ansicht, daß dieses nicht der Fall sein kann ... In Ihrem Alter wünscht man tausend Dinge, und wagt nicht, sie zu begehren. – »Was sollte ich auch wünschen? Sie sind so gütig gegen mich!« – O! ich merke es wohl ... Seit einiger Zeit sind Sie nicht mehr so heiter wie früher, Sie seufzen oft ... weil Sie sich langweilen ... – »Ach nein! mein Freund, ich langweile mich nicht ... o! ich schwöre Ihnen, das ist nicht Schuld ...« – Also etwas Anderes ... – »Nein; es fehlt mir nichts ... ich bin ganz glücklich; es ist recht Unrecht, zu glauben, daß ich mich langweile.« Pauline hatte Thränen in den Augen; sie schluchzte und war außer Stand, fortzusprechen. Prosper reichte ihr die Hand und sagte lächelnd: »Sie sind ein Kind ... ich wollte Ihnen keinen Kummer machen; lassen Sie nur mich für Ihr Glück sorgen.« Die Jungfrau schlug die Augen nieder und schwieg. Prosper verließ sie und begab sich zu dem Oberst Roger, der ihn vom Kopfe bis zu den Füßen betrachtete und auslief: »Taufend Schwadronen! Prosper, weißt Du, daß Du noch recht gut aussiehst? ...« – Finden Sie, Oberst? – »Wie alt bist Du?« – Fünfunddreißig Jahre. – »Du wärest noch im Stande, Leidenschaften zu entflammen ... besonders diese Narbe muß die Weiber verführen ... Es ärgert mich schändlich, daß ich nicht auch einen Hieb übers Gesicht erwischt habe.« – Oberst, Sie haben Wunden genug erhalten, eine weitere wäre wahrer Luxus. – »Ei, apropos! Poupardot hat mir gelegenheitlich einmal gesagt, Du habest Dich aus Frankreich entfernt, um Dich wegen einer unglücklichen Liebe zu zerstreuen ... Hast Du Deine Flamme hier wiedergesehen?« Prospers Angesicht verdüsterte sich, seine Stirne wurde sorgenvoll und er entgegnete seufzend: »Nein, nein, ich habe sie nicht wiedergesehen. Ich hörte niemals von ihr sprechen, nirgends war etwas von ihr zu vernehmen! Aber nichts weiter davon, Oberst! berühren Sie diese Saite nicht, sie klingt zu schmerzlich!« – Vergib mir, Freund, es thut mir leid, daß ich das gesagt habe; aber ich hielt diese Geschichte für beendigt! Bei uns Soldaten, siehst Du, dauert die Liebe gewöhnlich nicht so lange. Nun basta, vergessen wir die Sache und gehen wir zu dem General.« Der General Bloumann bewohnte ein schönes Hôtel in der Vorstadt Saint-Honoré. Die beiden Freunde stiegen eine mit einem vergoldeten Geländer versehene und mit Teppichen belegte Treppe hinauf; sie traten in ein hellerleuchtetes Vorgemach, wo sie beim Eingang zum Saale einen Jäger fanden, der mit der Anmeldung der ankommenden Personen beauftragt war. Roger sagte zu diesem: »Melden Sie den Oberst Roger und den Herrn Prosper Bressange.« Beim Namen Prosper Bressange zuckte der Jäger zusammen und schnitt eine sonderbare Grimasse, allein die beiden Freunde achteten nicht darauf. Indessen machte der Bediente eilig die Thüre auf und meldete in langgezogener Kopfstimme die beiden Herren. Der Oberst führte Prosper in einen prachtvollen Saal, der bereits mit Menschen angefüllt war. Elegante Frauen, Offiziere, Künstler und Gelehrte unterhielten sich theils stehend, theils bei Damen sitzend; zwei Spieltische waren schon besetzt, und in einem Nebenzimmer sah man ein Klavier und Personen, die musicirten. Der General Bloumann war ein großer, starker Mann von fünfzig Jahren, mit einem ungeheuren schwarzen Schnurrbarte, dessen Gesichtszüge übrigens Offenheit und Liebenswürdigkeit ausdrückten. Roger stellte ihm Prosper mit den Worten vor: »Herr General, ich nahm mir die Freiheit, meinen Freund Prosper Bressange bei Ihnen einzuführen, von welchem ich zuweilen mit Ihnen gesprochen habe.« – Sie thaten sehr wohl daran, Oberst. Reichen Sie mir die Hand, Herr Bressange, Sie tragen ein Merkmal auf Ihrer Stirne, welches mir sehr gefällt. Ha! beim Teufel, ich verstehe mich auf Säbelhiebe, ich habe schon einige ausgetheilt und empfangen; Sie erhielten das in der Gegend von Austerlitz; ich kenne diese Geschichte. Ich war auch bei Austerlitz, ha! Bombenelement! dort ging es heiß zu. – »Herr General, ist Ihre Frau Gemahlin nicht hier? Ich möchte ihr gerne meinen Freund vorstellen.« – Doch, doch, sie ist dort im Nebenzimmer. Sie tappen auf dem Klavier herum und singen, Gott weiß was ... altes Zeug! – »Ist die Frau Generalin musikalisch?« fragte Prosper. – »Meine Frau? Ach! warum nicht gar! so musikalisch wie mein Pantoffel! Ich habe sie nichts Anderes singen hören, als: Tunk dein Brod in meine Sauce – Tunk dein Brod in meine Sauce! Aber sie hört den Andern zu. Es muß Alles seine Unterhaltung haben. Das ist die Hauptsache! ... Ach! da sehe ich einen alten Kameraden.« Der General verließ die beiden Freunde, um einem eben eingetretenen Offizier entgegen zu gehen, und Roger fragte Prosper: »Was hältst Du von dem General?« – Er scheint eben so offenherzig als ungezwungen in seiner Rede. Ich liebe solche Männer ... man weiß gleich, wie man mit ihnen daran ist.– »O, er ist ein tapferer und ein vortrefflicher Mann. Nun mache der Dame des Hauses Deine Aufwartung, dann ist Alles geschehen, und Du kannst thun, als ob Du zu Hause wärest.« Prosper folgte seinem Führer in das Zimmer, wo man Musik machte, und von wo aus man nicht leicht hören konnte, wer im Saale angemeldet wurde. Unter mehreren um das Pianforto herum sprechenden und lachenden jungen Damen befand sich eine große Frau, welche mit mehr Pracht als Geschmack gekleidet, und deren Angesicht, ohne gerade edel zu sein, noch hübsch war, und besonders durch einen Ausdruck von Freimüthigkeit und Anmuth gefiel. Roger näherte sich dieser Dame und stellte ihr Prosper mit den Worten vor: »Madame, ich habe mir erlaubt, einen meiner Freunde bei Ihnen einzuführen, dem es sehr schmeichelhaft sein wird, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Die Gemahlin des Generals, denn sie war es, stand auf, machte gegen Prosper eine etwas linkische Verbeugung, und erwiderte: »Das Vergnügen ist im Gegentheil auf unserer Seite ... Sie haben sehr wohl daran gethan, Oberst ... Wenn der Herr vielleicht etwas zu sich nehmen wollte ...« »Ich danke tausendmal, Madame,« entgegnete Prosper, der sich besann, wo er das Gesicht der Generalin schon gesehen habe; diese schien gleichfalls, als sie Prospers Stimme vernahm, ganz ergriffen, eine lebhafte Bewegung spiegelte sich in ihren Blicken, welche sie sodann auf die ihr vorgestellte Person heftete und in ihren Zügen zu lesen schien. Als Roger seinen Freund unbeweglich vor der Frau Generalin stehen sah, wendete er sich um und kehrte in den Saal zurück. Die jungen Damen traten an's Klavier und spielten; Prosper befand sich somit in einem Theile des Zimmers ganz allein, der Hausfrau gegenüber, welche ihn auf eine eigenthümliche Weise betrachtete, und die er selbst überzeugt war, irgendwo schon gesehen zu haben. Die Frau des Generals entschloß sich zuerst, das Gespräch wieder anzuknüpfen. »Mein Herr,« sagte sie mit bewegter Stimme, »die Art, wie ich Sie betrachte, muß Ihnen sehr ... ungenirt ... unpassend ... erscheinen ... aber es ist mir, als ob ich Sie früher ... schon gesehen hätte ...« – Ich meine auch, Sie schon zu kennen, Madame ... – »Wie heißen Sie, mein Herr? ...« – Prosper Bressange ...« Die Generalin fing an zu zittern und vermochte kaum zu stottern: »Sie sind es ... Du bist es ... Prosper!« – Aber wer sind Sie? ... – »Jeannette ... die früher in Melun bei Herrn Durouleau war ...« – Sie! Jeannette! wäre es möglich! ... – »Ja, ich bin es ... Ach! und glücklich, Sie wieder zu sehen! ...« Der General, welcher ins Musikzimmer trat, unterbrach dieses Gespräch; er näherte sich seiner Frau und sagte zu ihr: »Nun! Johanna, Du unterhältst Dich mit diesem Herrn, dem Freunde des Oberst Roger. Ha, Pulver und Blei! er hat eine ordentliche Schmarre auf der Stirne ... Was treibt man hier? ... Singt man ein wenig? lacht man? Ich liebe Euer langweiliges Herausgurgeln von großen Stücken nicht ... Singt mir das Lied von der Mutter Godichon , da lacht Einem das Herz im Leibe; oder auch: Wenn ich rutsche, rutsche, rutsche; rutschet, rutschet, rutschet Alles so , das klingt schön im Chore.« Die Damen lachten sehr über des Generals Lieder. In kurzer Zeit war Jeannette von Leuten umringt; sie konnte nicht mehr mit Prospern allein sprechen, aber sie folgte ihm mit den Augen und schien sich nicht satt an ihm sehen zu können. Prosper sah dem Spiele zu und horchte auf die Musik; aber während er sich um das, was um ihn her vorging, zu bekümmern schien, ruhten seine Blicke oft auf der Generalin. Er hatte sich von seinem Staunen noch nicht erholt, und wünschte gerne einige Worte mit Jeannetten zu wechseln. Sie ihrerseits suchte auch jede mögliche Gelegenheit, sich Prospern zu nähern, aber als Dame des Hauses war sie fast stets von Leuten umgeben und gezwungen, sich mit ihren Gästen zu beschäftigen. Gegen das Ende des Abends jedoch saß der General am Spieltische, viele Besuche hatten sich schon entfernt, und in dem Musikzimmer waren nur noch ein Herr und eine Dame beim Klavier, welche auch ungestört mit einander sprechen zu wollen schienen. Als nun Prosper auf die Seite trat, um dem Pärchen nicht lästig zu sein, sah er im Hintergrunde eine Thüre sich öffnen, und Jeannette, welche auf der Schwelle erschien, gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Prosper gehorchte dieser Aufforderung, und sah sich bald in einem kleinen hübschen Boudoir mit der Generalin allein; er ließ sich neben ihr auf einen Divan nieder und Jeannette ergriff seine Hände, drückte sie mit Zärtlichkeit in den ihrigen und begann: »Sie sind es, Prosper! ... Sie sind nicht gestorben! ... und ich sehe Sie endlich wieder ... Ach! das macht mich glücklich!« – Meine liebe Jeannette ... ach! entschuldigen Sie, Madame, wenn ich mir die Freiheit nehme. Sie noch so zu nennen! ... – »O! nennen Sie mich immer so ... Glauben Sie, weil ich die Frau eines Generals geworden bin, wolle ich vergessen, was ich einst war ... o! nein ... ich bin emporgekommen, aber ich will wenigstens meinen Ursprung nicht verläugnen ...« – Aber, wie hat sich das zugetragen? ... – »Ach! ja, ich begreife Ihr Erstaunen ... Sie waren nicht darauf gefaßt, das arme Mädchen, welches Sie verstoßen, dem Sie verboten hatten, Ihnen nachzufolgen ... in einem reichen Hôtel wiederzufinden ...« – Verstoßen ...Ach! das Wort ist allzu hart ...wenn ich Ihnen verboten habe, mir zu folgen, so beweisen ja die Ereignisse, daß ich wohl daran that, denn bei mir, Jeannette, hätten Sie die Stellung nicht erlangt, die Sie jetzt einnehmen. – »Werden Sie nicht böse ... ich wollte Ihnen keine Vorwürfe machen ... obgleich ich damals recht unglücklich war. Hören Sie mich an; in wenig Worten sollen Sie meine Lebensgeschichte erfahren. Als ich Sie auf der Heerstraße verließ, kehrte ich nicht mehr zu Herrn Durouleau zurück, das hatte ich mir fest vorgenommen. Ich lief lange Zeit plan- und aussichtslos umher; plötzlich kam mir ein Gedanke; ich dachte: Wenn junge Leute von ihren Geliebten verlassen werden, so gehen sie unter die Soldaten, um ihre Liebe zu vergessen; nun dachte ich! ich will auch zur Armee gehen; zwar nicht als Soldat, aber als Marketenderin. Mein Plan war gefaßt, ich machte mich auf den Weg und marschirte, bis ich auf ein französisches Armeecorps stieß; dann schaffte ich mir an, was zu meinem neuen Stande nöthig war und wurde Marketenderin. In dieser Lage können Sie sich wohl denken, machte ich Eroberungen, und hatte Courmacher genug ... denn ich war hübsch, obgleich Sie das nicht beachteten ... allein ich gab Keinem Gehör, und dachte immer nur an Sie ... so daß ich von Liebhabern umringt, doch solid blieb; eine Frau kann es immer bleiben, wenn sie nur will, so wie sie umgekehrt, wenn sie will, trotz aller Vorsicht, womit man sie umgibt, um sich ihrer Treue zu versichern, das Gegentheil thun kann. Der Ruf meiner Tugend erwarb mir die Achtung der Offiziere in der Armee; kurz, Herr Bloumann, welcher damals Hauptmann war, verliebte sich in mich. Ich schenkte ihm nicht mehr Aufmerksamkeit als den Andern; aber er machte mir den Vorschlag, mich zu heirathen, und ich willigte ein, nachdem ich ihm jedoch zuvor gestanden, daß ich schon Einen von ganzer Seele geliebt hatte. Allein dieses freimüthige Geständniß vermehrte noch die Liebe des Hauptmanns. Jetzt ist mein Mann General geworden, und hat mich immer noch gleich lieb: und ich werde nie vergessen, was ich ihm schuldig bin. Ich werde ihm treu bleiben, weil es meine Pflicht ist. Aber ich darf mich wohl freuen, Sie wiederzusehen und Ihnen sagen: Küssen Sie mich, denn es kann kein Unrecht darin liegen, einen alten Freund zu küssen.« Mit diesen Worten neigte Jeannette ihr Gesicht gegen Prosper, der sie von ganzem Herzen küßte. Ein leises Geräusch, als ob sich Schritte entfernten, ließ sich hierauf vernehmen; Jeannette erhob sich und sagte: »Ich meine, man habe uns belauscht ... Kehren Sie wieder in den Saal zurück, mein lieber Prosper, denn seit ich in die großen Gesellschaften komme, habe ich erfahren, daß man in den unschuldigsten Dingen ein Unrecht sieht, und man soll nicht bemerken, daß wir eine heimliche Unterredung hatten ... doch von nun an werde ich ganz glücklich sein, denn ich habe Sie wieder gefunden, Sie geküßt, und hoffe Sie in Zukunft hie und da zu sehen.« Jeannette und Prosper trennten sich. Der Letztere kehrte durch das Musikzimmer in den Saal zurück, wo man spielte, und die Generalin erschien ebenfalls bald wieder von einer andern Seite. Kurze Zeit darauf verabschiedeten sich Roger und sein Freund von dem General; dieser reichte Prosper die Hand und sprach: »Sie gehören zu den Männern, die mir gefallen ... sind ein rauhhaariger Bär meines Schlags. Die sind mir lieber als die geschniegelten Bisamkatzen und Pomadebüchsen! ... Wenn Sie sich öfters bei mir einfinden wollen, werden Sie mir Vergnügen machen, wie auch meiner Frau, nicht wahr, Johanna?« Jeannette lächelte nur und verbeugte sich. Prosper ging mit dem Oberst weg; er bedankte sich bei diesem für den angenehmen Abend, welchen er ihm verschafft hatte, hielt es aber für überflüssig, ihm das Verhältniß mitzutheilen, welches ehemals zwischen ihm und der Generalin bestanden hatte. An dem auf diesen Abend folgenden Tage war es kaum sechs Uhr in der Frühe, Prosper schlief noch, als ihn sein Bedienter aufweckte, indem er ihn am Arme schüttelte, und zu ihm sagte: »Verzeihen Sie, Herr, wenn ich Sie aufwecke ... aber da hat ein Livréebedienter, ein Jäger, glaube ich, einen Brief gebracht und gesagt, ich müsse ihn durchaus auf der Stelle übergeben.« Prosper rieb sich die Augen, nahm den Brief und las Folgendes: »Ich erwarte Sie um halb sieben Uhr am Maillot-Thore; ich werde meine Pistolen bei mir haben, versehen Sie sich mit den Ihrigen, wenn Sie wollen. Es ist überflüssig, Ihnen den Grund dieses Zweikampfes anzugeben, er wird Ihnen von selbst einleuchten. Sie sind tapfer, ich auch; wir brauchen keine Sekundanten. Ich werde nur meinen Bedienten mitbringen, nehmen Sie den Ihrigen ebenfalls mit. Wenn Sie, was ich jedoch nicht voraussetze, sich nicht zu diesem Stelldichein einfinden, so würde ich mich genöthigt sehen, Ihnen, sobald ich Ihnen begegne, einen Hundstritt zu geben ... General Bloumann .« Prosper begriff diese Herausforderung nicht, indessen zog er sich eiligst an, befahl seinem Bedienten, seine Pistolen mitzunehmen und ihm zu folgen; dann stieg er in einen Fiaker und ließ sich an den bezeichneten Ort führen. Unterwegs erinnerte sich Prosper an die gestrige Unterhaltung mit der Generalin; er vermuthete, daß ihr Gemahl davon unterrichtet worden, und wahrscheinlich außerordentlich eifersüchtig sei. Da indeß diese Unterhaltung nichts Verbrecherisches an sich gehabt hatte, so schmeichelte sich Prosper, daß sein Gegner, ehe es zum Kampfe komme, ihm eine Erklärung gestatten werde. Der Wagen hielt am Eingange in das Boulogner Wäldchen; Prosper sah von ferne den General, welcher sich schon am Orte des Rendezvous befand, und mit großen Schritten und ungeduldiger Miene auf und ablief. Sein Jäger war bei ihm. Prosper näherte sich dem General und sagte: »Entschuldigen Sie, Herr General, wenn ich Sie habe warten lassen ... aber ich habe mich so sehr als möglich beeilt.« – Sie sind da, also genug ... Wir wollen zu jenem Busch hingehen ... dort finden wir einen geeigneten Platz ...« Damit schritt der General vorwärts. Während des Gehens fuhr Prosper fort: »Herr General, Sie sehen, daß ich Ihrer Einladung Folge geleistet habe.« – Daran zweifelte ich gar nicht, mein Herr. – »Indessen möchte ich doch, ehe wir uns schießen, wissen, warum es geschieht; ich versichere Sie, ich begreife es nicht.« – Bah! bah! bah! ... Was sind das für Geschichten ... Worte sind bei herzhaften Leuten überflüssig; man handelt, das ist mehr werth. – »Aber noch einmal, General, ich möchte den Grund kennen ...« – Ah! Sie wollen mir Wippchen vormachen ... mit Ihrem Nichtwissen! Potz Donnerwetter! vorwärts, machen Sie ein Ende! sehen Sie ... hier ist der richtige Punkt ... Zehn Schritte auseinander ... Sie können Ihre Pistole oder eine von den meinigen nehmen ... Mein Jäger wird dreimal in die Hände klopfen ... beim dritten Schlag schießen wir beide zugleich ... Sind Sie einverstanden? – »Aber, General, wir könnten uns doch zuvor erklären ...« – Ich sage Ihnen, Worte sind überflüssig ... Ha, beim Blitz! stellen Sie sich auf Ihren Platz! ich müßte sonst glauben, daß Sie sich fürchten.« Prosper erwiderte nichts mehr, er nahm eine der Pistolen seines Gegners und wartete; der General zählte die Schritte ungefähr ab, stellte sich, und sagte zu seinem Jäger: »Nun klopfe dreimal in die Hände.« Der Jäger ließ sich diesen Befehl nicht wiederholen, er schien ihn im Gegentheil mit Eifer zu befolgen. Beim dritten Schlag drückten beide Gegner ab. Prosper war in die Seite getroffen und fiel. Man hörte einen Freudenschrei! den jedoch nicht der General ausgestoßen hatte. Herr Bloumann kehrte sich gegen seinen Jäger und sagte zu ihm: »Du wirst dem Bedienten dieses Herrn helfen, seinen Gebieter in den Wagen zu tragen ... Auf Wiedersehen, Herr Prosper Bressange; wenn Sie geheilt sind, wollen wir von Neuem anfangen.« Der General entfernte sich. Prospers Bediente holte den Wagen herbei. Jetzt näherte sich der Jäger dem Verwundeten, neigte sich über ihn her und sagte höhnisch zu ihm: »Das ist eine Revanche für den Pistolenschuß, den Du mir ins Bein gejagt hast.« – Goulard!« hauchte Prosper, den Jäger starr ansehend. – »Ja! Goulard ... der gestern dem General gesagt hat, daß er Dich überraschte, wie Du seine Frau küßtest ... Ha, ha, ha! ...« Prosper war nicht im Stande, zu antworten, seine Kräfte verließen ihn; er wurde ohnmächtig. Als er wieder zu sich kam, war er in seinem Bette. Pauline saß in Thränen gebadet an seiner Seite; er reichte ihr die Hand und sprach: »Machen Sie sich keinen Kummer, liebe Kleine, meine Wunde ist unbedeutend ... der Blutverlust allein ist an meiner Ohnmacht schuld ... ich bin gewiß, daß ich bald wieder auf den Beinen sein werde.« – Ach! wenn das nur wahr ist! ... aber ich glaube Niemand, als dem Arzte.« Der Arzt kam; er sprach dem jungen Mädchen, nachdem er den Verwundeten verbunden hatte, ebenfalls Trost ein, indem er sagte, es sei durchaus keine Gefahr vorhanden, in vierzehn Tagen werde der Patient vollkommen wieder hergestellt sein. Dann erst konnte Pauline wieder lächeln, und Prospers Hand ergreifend, drückte sie dieselbe an ihr Herz und sprach: »Ach! wenn Sie gestorben wären, wäre ich Ihnen bald nachgefolgt! ...« – Liebes Kind! Wie sehr geht mir Ihre Anhänglichkeit zu Herzen! – »Wenn sie Ihnen zu Herzen ginge, würden Sie Ihr Leben nicht so aufs Spiel setzen; warum haben Sie sich geschlagen? ...« – Warum? ... Ich schwöre Ihnen, daß ich es eigentlich selbst nicht weiß.« Die Klingel unterbrach dieses Gespräch. Der Bediente eilte herbei und sagte: »Der General Bloumann wünscht Sie zu sprechen, Herr ...« »O! mein Gott!« rief Pauline aus, »Ihr Bediente hat mir gesagt, daß Sie sich mit diesem General geschossen hätten ... Kommt er abermals aus diesem Grunde?« »Beruhigen Sie sich,« entgegnete Prosper lächelnd, »so sehr wird's ihm nicht pressiren; ich bin noch außer Stand, aufs Neue anzufangen ... Lassen Sie mich den Besuch des Generals empfangen ... ich bitte Sie.« Nur ungern willigte Pauline ein, sich zu entfernen. Kaum hatte sie Prospers Zimmer verlassen, so trat der General ein, eilte auf den Verwundeten zu, packte ihn beim Kopfe, küßte ihn einmal über das andere und rief aus: »Ach! Millionen Bomben! ... mein armer Prosper ... welches Vieh war ich! ich weiß jetzt Alles ... Johanna, die nichts von unserem Duell wußte ... ich hatte es ihr verschwiegen ... hat mir, als ich nach Hause kam, Alles erzählt ... Euer gestriges Erkennen ... eure Unterhaltung in ihrem Boudoir ... und dieser Schurke von Goulard, mein Jäger ... ein Tropf, den ich vom Elend errettete! ... er hatte sich bei mir für ein Opfer der Revolution ausgegeben, und ich erbarmte mich des Kerls ... hat mir so niederträchtiges Zeug hinterbracht! aber ich habe ihn mit Hundstritten zum Hause hinausgejagt ... Ich stehe Ihnen dafür, er wird sich eine gute Weile nicht auf seinen Hintern setzen können. Hoffentlich ist Ihre Wunde nicht von Bedeutung ... Sie werden mir doch nichts nachtragen ... mein Haus ist von nun an das Ihrige ... Nun denn! ins Teufels Namen! geben Sie mir einen Kuß.« Prosper küßte den General und sprach: »Ihre Frau, General, ist Ihrer ganzen Liebe würdig, und deßhalb werde ich stets die aufrichtigste Freundschaft für sie hegen.« – Ei! ich weiß es ja ... reden Sie nicht mehr davon ... Schlagen Sie ein ... und versprechen Sie mir, sobald Sie hergestellt sind, bei uns zu Mittag zu essen.« Prosper versprach es, und der General entfernte sich endlich, indem er die Melodie der Mutter Godichon pfiff. Neunzehntes Kapitel. Ein Zusammentreffen auf dem Balle Während der ganzen Zeit, in welcher Prosper genöthigt war, das Bett zu hüten, pflegte ihn Pauline mit der zärtlichsten Sorgfalt; eine Schwester, eine Tochter hätte keine rührendere Anhänglichkeit an den Tag legen können, und der Verwundete sagte zuweilen: »Wahrhaftig, theure Pauline. Sie bringen es noch dahin, daß es mir beinahe leid ist, zu genesen ... Sie verwöhnen mich; wenn Sie nicht mehr um mich sind, werde ich zu viel entbehren.« – Ei! und warum sollte ich nicht mehr um Sie sein?« flüsterte das junge Mädchen. – »Wenn Sie verheirathet sind, wird Ihr Gatte den größten Theil Ihrer Zuneigung in Anspruch nehmen ... und zwar mit allem Recht.« Auf solche Worte erwiderte Pauline nichts, entfernte sich aber dann gewöhnlich von ihrem Beschützer und kehrte nicht sobald wieder zurück. Der General hatte Prosper öfters besucht, und sobald er genesen war, nahm er ihn mit sich nach Haus, um mit ihm und seiner Frau zu speisen. Er gab ihm Beweise seines vollkommensten Zutrauens; allein Prosper machte keinen Mißbrauch davon, und obwohl er durchaus nicht beabsichtigte, mehr als ein Freund für Jeannetten zu sein, so vermied er doch, dieselbe anders als in Gegenwart ihres Mannes, zu besuchen. Dieses rücksichtsvolle Betragen gewann ihm die wärmste Freundschaft des Generals, welcher trotz seines Zutrauens doch gerne sah, daß man es nicht auf die Probe stellte. Pauline trat in ihr neunzehntes Jahr; der General, der sie bei Prosper gesehen hatte, forderte diesen auf, sie mit in seine Gesellschaften zu bringen, und Jeannette vereinte ihre Bitten mit denen ihres Mannes. Prosper hätte es auch gewünscht, daß die Waise unter die Leute gegangen wäre, und er ersuchte sie oft, ihn in die Soiréen des Generals zu begleiten, aber das junge Mädchen weigerte sich beharrlich. »Warum wollen Sie mich in diese großen Gesellschaften führen?« fragte Pauline. »Ich bin so glücklich in meiner gegenwärtigen Lage! ... Ich brauche keine anderen Bekanntschaften anzuknüpfen.« Einmal übrigens drang er inständiger als gewöhnlich in sie, ihn auf einen Ball des Generals zu begleiten. Pauline aus Furcht, ihren Wohlthäter zu beleidigen, wenn sie sich stets weigere, seinen Wünschen nachzugeben, willigte ein, und versprach ihm, mit ihm auf den Ball zu gehen. Prosper wünschte, daß die Tochter des holländischen Bankiers mit Glanz in der Welt auftrete, und kaufte deßhalb, ohne Paulinens Wissen, einen glänzenden Schmuck für sie; kurz, er sorgte, daß ihrer Toilette nichts fehlte. Als der Tag der Festlichkeit herbeigekommen, als es Zeit war, in die Gesellschaft des Generals zu gehen, fühlte sich Prosper stolz beim Anblicke der Jungfrau, welche ein elegantes Seidenkleid mit eben so viel Anmuth und Ungezwungenheit trug, als ob sie ihr ganzes Leben unter der vornehmen Welt zugebracht hätte. Es war eine Masse Menschen in den Sälen des Generals versammelt, aber Pauline konnte unter die hübschesten der anwesenden Damen gerechnet werden. Jeannette empfing die junge Waise auf's Freundlichste; sie kannte Prospers Zuneigung für dieselbe, und das war ein Grund für sie, das junge Mädchen ebenfalls zu lieben. »Ihre Mündel ist ausgezeichnet hübsch,« sagte der General zu Prosper. »Sie haben, glaube ich, Lust, sie an Mann zu bringen?« – Ja, General, aber ich möchte gewiß sein, daß sie glücklich wird. – »Ei, der Kuckuk! das müßte ein Hundsfott sein, der sich nicht bestreben würde, das Glück eines so hübschen kleinen Rosenbouquets zu machen. Hat sie auch Mosen und die Propheten?« Prosper besann sich einen Augenblick. Er hatte noch etwa sechzigtausend Franken im Besitze. Entschlossen, nur wenig für sich zu behalten, um Paulinens Glück sicher zu stellen, antwortete er: »General, ich gebe ihr fünfzigtausend Franken mit ... sie hat überdies schon zwanzigtausend.« »Nun! das ist kein Hundsd ... Wir werden einen Mann für sie finden, einen guten, braven Kerl ... so meines Schlags ... Ueberlassen Sie das nur mir ... Unterdessen handelt es sich aber darum, alle diese Dämchen heute Abend ihre Sprünge machen zu lassen ... Ah! da kommt unser Freund, der Oberst Roger ... Sie werden doch tanzen, wie ich hoffe, Oberst?« Roger, der eben eintrat, grüßte den General und streckte Prosper die Hand hin, indem er sagte: »General, ich tanze nur noch beim Schall der Kanonen ...« »Warum nicht gar! schon wieder ein Invalide!« rief der General aus. »Potz Donnerwetter! meine Herren, man muß doch diesen Damen Gelegenheit zum Tanzen geben ... Ich habe da eine ganze Menge auf dem Hals ... der Teufel soll mich holen, wenn ich die Hälfte davon kenne!« »Wir wollen einmal diese Schönheiten in Augenschein nehmen,« sagte Roger, Prospers Arm ergreifend, nachdem sich der General von ihnen entfernt hatte ... »Komm, wir wollen sie die Revue passiren lassen ... Deine junge Tochter tanzt, Du brauchst hoffentlich nicht neben ihr aufgepflanzt zu bleiben.« »Nein, sicher nicht,« erwiderte Prosper, »auch hat mir Madame Bloumann versprochen, sich Paulinens anzunehmen. Aber ich gestehe Ihnen, Oberst, daß ich, anstatt die Damen zu betrachten, mich lieber nach den Männern umschauen möchte, um zu sehen, ob keiner darunter ist, der meiner jungen Waise würdig wäre.« »Laß doch Dein Fräulein selber wählen, sie wird besser wissen, was für sie taugt.« Mit diesen Worten zog Roger Prosper mit sich fort. Man tanzte in mehreren Sälen. Der General hatte sein ganzes Haus zur Disposition der Gesellschaft gestellt, und trotz dem war Alles so angefüllt, daß man oft längere Zeit in einem Gemache verweilen mußte, ehe man Zugang in ein anderes finden konnte. Der Oberst examinirte jedes Frauenzimmer, machte seine etwas soldatesken Bemerkungen über sie, und ging dann zu einer andern über. Prosper lächelte nur und schaute nicht immer nach der, von welcher Roger sprach. Mit Einemmale stand der Oberst stille und rief aus: »Ah! tausend Schwadronen! da ist einmal eine hübsche ... Sie ist nicht mehr in der ersten Jugend; aber noch sehr schön. Welch edle Haltung ... welche stolze Miene ... Dieses Frauenzimmer muß in ihrem zwanzigsten Jahre zum Entzücken gewesen sein. Laß hören, Prosper, wie alt schätzest Du sie.« »Welche?« fragte Prosper. – »Jene Dame dort, welche nicht tanzt, sondern neben dem Kamine sitzt und die ganze Gesellschaft mit ziemlich verächtlicher Miene zu betrachten scheint.« Prosper blickte gleichgültig auf die ihm bezeichnete Person; aber bald, nach näherer Betrachtung dieser Dame, fühlte er sein Herz gewaltig pochen; sein ganzer Körper fing plötzlich an zu zittern und er stützte sich so fest auf den Arm des Obersts, daß ihn dieser fragte: »Was hast Du denn? Willst Du umfallen?« – Nein, Oberst,« entgegnete Prosper, der vor innerer Bewegung kaum sprechen konnte; »nein, aber diese Dame ... – »Mag etwa dreißig Jahre alt sein, nicht wahr?« – O! mein Gott! wenn es möglich wäre ... – »Ich sehe nichts Unmögliches darin, sie kann sogar noch älter sein ... Uebrigens gefällt sie mir jetzt minder, weil sie gar zu spöttisch aussieht ... Ich wette, sie bekrittelt Alles hier ... Nun! was Teufels hast Du denn, daß Du so zitterst?« – Was ich habe? Ach! Oberst, jene Frau ist die, welche ich so innig geliebt habe und so schwer vergessen kann! – »Nach der Bewegung zu urtheilen, die Du an den Tag legst, fürchte ich, daß Du sie noch gar nicht vergessen hast ... So! das war Deine Passion ... Beim Donner! Du hattest keinen übeln Geschmack.« – Ach! ja ... es ist Camilla ... noch immer schön, stolz und herrlich. Die jetzt über ihr Antlitz verbreitete Blässe macht sie noch reizender. – »Aha! sie heißt Camilla.« – O! ich erkenne sie; aber mich, davon bin ich überzeugt, wird sie nicht wieder erkennen ... Oberst, ich bitte Sie, erkundigen Sie sich beim General nach ihr ... Sehen Sie, da geht er eben an Ihnen vorbei.« Roger stellte den General und fragte ihn, auf die Dame zeigend, welche Prosper zu erkennen meinte, wer diese sei. »Kenne ich alle die Weibsbilder, welche heute Abend da sind!« entgegnete der General. »Die Frau Baronin von Montaurey hat diese mitgebracht, ein altes Roß ... die ganz gelbe da unten ... eine wahnsinnige Tänzerin trotz ihrer Vierzig. Engagiren Sie Frau von Montaurey zum Tanze, Oberst, bringen Sie sich zum Opfer, und sie wird Ihnen, solange Sie wollen, von ihrer Freundin und noch von vielen Andern, von denen Sie nichts wissen wollen, erzählen: die Baronin ist schwatzhaft wie ein Regiment Elstern.« Roger hatte schon lange nicht mehr getanzt, aber um Prosper einen Gefallen zu thun, opferte er sich gerne; er engagirte Frau von Montaurey; sie nahm es an, und nach einem Contretanz, bei dem er alle Touren in Verwirrung gebracht, zwei Kleider zerrissen und mehrere Füße zusammengetreten hatte, kam er mit triumphirender Miene zu Prosper zurück, der, ohne sich zu rühren, noch auf demselben Platze stand, und sagte zu ihm: »Um Dir einen Gefallen zu erweisen, habe ich Diejenige zum Tanze aufgefordert, welche jene Dame hier eingeführt hat. Ich habe mich besser aus der Sache gezogen, als ich selbst geglaubt hätte; abgesehen von ein paar Kleidern, die sich in meinen Beinen verwickelten, ist mir kein Unfall begegnet, und diese gehen mich nichts an.« »Nun, Oberst, was haben Sie erfahren?« – Diese Dame ist die Marquise von Clairville, die Tochter des verstorbenen Grafen von Trevilliers. – »Ganz richtig; o! sie ist es freilich.« – Es ist eine Frau von altem Adel ... sie ist Wittwe. – »Wittwe! wäre es möglich!« – Warum sollte sie keine Wittwe sein können? und zwar ist sie eine Wittwe ohne Kinder, aber auch ohne Vermögen; der Marquis von Clairville, ihr Gatte, hat beinahe Alles durchgebracht, was sie hatten, der Rest reicht kaum hin, daß seine Wittwe anständig leben kann; allein sie ist deßhalb nicht minder stolz, und um sie zu bewegen, auf den Ball eines Generals des Kaiserreichs zu kommen, hat ihre Freundin tausendmal in sie dringen müssen. Das ist Alles, was ich herausbrachte ... Bist Du zufrieden. – »Ich danke Ihnen, Oberst.« – Willst Du nun aber den ganzen Abend auf demselben Fleck stehen bleiben? – »Lieber Roger, lassen Sie mich einen Augenblick allein; ich will sehen, ob sie mich erkennt.« – Ah! ich verstehe: Du willst die Bekanntschaft wieder anknüpfen. – »Seien Sie so gefällig und gehen Sie zu Paulinen hin. Sagen Sie ihr, ich sei beim Spiele und werde bald wieder zu ihr kommen.« – Schon gut, schon gut! Höre, ich habe Lust, Fräulein Derbrouck zum Tanzen zu engagiren, ich bin jetzt schon im Zuge! Es ist sonderbar, die Lust zu tanzen kommt Einem, wie der Drang ... zu niesen.« Roger verließ Prosper; dieser schlich sich hinter Camilla's Stuhl, welche eben mit der Baronin, ihrer Freundin, sprach, und zuweilen ein etwas spöttisches Lächeln entgleiten ließ. Die Baronin entfernte sich aber wieder, um zu tanzen. Dann näherte sich Prosper der Marquise von Clairville und sagte halblaut zu ihr: »Und Sie, gnädige Frau, tanzen nicht?« Camilla drehte den Kopf gegen Prosper hin, maß ihn mit strengem Blicke und entgegnete ziemlich trocken: »Nein, mein Herr, ich bin hierher gekommen, um zu sehen, aber nicht, um Andere zu unterhalten.« – Und doch machen Sie, gnädige Frau, die Zierde dieses Balles aus, und nach fünfzehn Jahren finde ich in der Wittwe des Marquis von Clairville das Fräulein von Trevilliers eben so schön als ehemals wieder.« Die Marquise betrachtete Prosper noch einmal, und diesmal sagte sie mit etwas liebenswürdigerer Stimme: »Sie kennen mich, mein Herr?« – Ja, gnädige Frau ... und schon lange. – »Wollen Sie dann so gefällig sein und mir sagen, wo wir uns begegnet sind? Ihre Stimme, ja, Ihre Stimme ist mir bekannt, aber Ihre Gesichtszüge ..« – O! diese haben Sie ohne Zweifel nicht im Andenken behalten. Außerdem haben allerdings die Jahre, die Reisen und vielleicht mehr als all' das, ein tiefer Gram, den ich nicht besiegen konnte, in meinen Zügen eine Veränderung hervorbringen müssen.« Camilla hörte Prosper aufmerksam zu; bei jedem Worte, welches er sprach, schien sie ihm mehr Interesse zu widmen; endlich sah sie ihn noch einmal an und stotterte: »Ich glaube zu träumen! Ach! ich täusche mich, nicht wahr? Der, den ich nennen will, ist schon lange todt.« – Es wäre Ihnen also sehr leid, gnädige Frau, wenn Prosper Bressange noch lebte. – »Ach! Sie sind es!« – Ja, gnädige Frau, ja, Camilla ... Ach! verzeihen Sie, die Zeit, die zwischen uns liegt ... verschwand aus meinem Gedächtnisse, da ich Sie eben so schön wiederfinde. Mein Herz schlägt wie ehemals, und ich war eben im Begriffe, Ihnen zu sagen, daß ich Sie noch immer liebe.« Die Marquisin fühlte eine lebhafte Bewegung in ihrem Innern, sie gab sich jedoch Mühe, sie zu verbergen, und entgegnete mit leiser Stimme: »Schweigen Sie, mein Herr, ich bitte Sie; auf einem Balle ist nicht der Platz, von der Vergangenheit zu sprechen ... Sie könnten mich compromittiren.« – Das würde ich unendlich bedauern, gnädige Frau; würden Sie mir übrigens nicht erlauben, Sie wieder zu sehen, würden Sie mir nicht eine kurze Unterredung gewähren?« Camilla schien sich einen Augenblick zu bedenken, endlich erwiderte sie ganz leise: »Kommen Sie zu mir in die Grenellestraße, nächst der Bacstraße im Faubourg Saint-Germain.« – Sie gestatten mir, Sie zu besuchen!« rief Prosper freudetrunken aus, »ach! tausend und aber tausend Dank!« Doch die Marquise, welche befürchtete, man möchte Prospers Freude gewahren, zwang sich zum Lachen und sagte ganz laut: »Was, ich die Gavotte tanzen? o! warum nicht gar, Sie sind nicht klug, mein Herr, es kann Ihr Ernst nicht sein.« Die Quadrille hatte geendet; Frau von Montaurey kehrte zu ihrer Freundin zurück und Prosper entfernte sich; aber das Entzücken strahlte aus seinen Blicken, und in diesem Momente gab es keinen glücklichern Menschen als ihn. In dieser Stimmung wollte er zu Paulinen zurückkehren, allein der General, der an ihm vorbei ging, hielt ihn an und fragte: »Nun, mein Tapferer, wie finden Sie unsern Ball?« – Herrlich, General, köstlich! ... ich habe mich noch nie so gut unterhalten. – »Ah! weil Sie die Weiberröcke lieben, und sich von allen Sorten hier befinden. Wissen Sie auch, daß Ihre Waise Eroberungen macht? Man reißt sich um sie beim Tanze.« – Wirklich, General. – »Ich glaube, wir haben schon für sie was wir brauchen. Sehen Sie jenen jungen Mann dort? einen hübschen, blonden Jungen, der die Hand an seinen Jabot legt?« – Ich sehe ihn. – »Er ist der einzige Sohn eines Lieferanten, und sie haben Geld wie Heu, diese Lieferanten! es ist der junge Alfred Ramincourt. Nun! er hat schon dreimal mit Ihrer Mündel getanzt, dann ist er zu mir hergekommen, hat mich in eine Ecke gezogen und gesagt: Donner und Wetter! General, das ist ein teufelmäßig hübsches Mädchen! Das heißt, er hat es mir vielleicht nicht gerade in diesen Ausdrücken gesagt, ich suche nur seinen Gedanken wieder zu geben. Hernach hat er mich gefragt, wer sie sei. Als er erfuhr, daß sie eine Waise sei, und daß ihre Verheirathung nur von Ihnen abhänge, hat er mir die Hand wie ein Rasender gedrückt und ausgerufen: General, ich bitte Sie, stellen Sie mich dem Herrn Bressange vor. Alsdann habe ich ihm geantwortet: Wir wollen schon sehen. Und ohne meine Absicht merken zu lassen, habe ich ihm gesagt, was die Kleine Mitgift bekommt; hm! bringe ich die Sache nicht im Dublirschritt vorwärts?« – Meinen Dank, General, diese Partie scheint mir in der That sehr vortheilhaft, und wenn der junge Mann Paulinen gefällt ...« Allein der General hörte schon nicht mehr auf Prosper, er eilte in ein anderes Zimmer und schrie: »He da, wo ist denn das Gefrorene? Ich kann gar keins bekommen, es sind eine Masse Marodeurs da, die es unterwegs wegkapern. Ich muß Ordnung in diese Sache bringen!« Prosper wollte sich Paulinen nähern, welche ihn mit den Blicken unter der Menge suchte; endlich bemerkte sie ihn, lächelte ihm zu und winkte ihm, zu ihr her zu kommen. Er war schon im Begriffe, ihrem Wunsche zu folgen, als in demselben Augenblicke die Musik wieder begann. Diesmal bot Roger Paulinen die Hand zum Tanze; der Oberst hatte so viel Geschmack am Tanzen gefunden, daß er keine Quadrille mehr ausließ, welches dem General viel Stoff zum Lachen gab, der, als er ihm zusah, sagte: »Ha, beim Kuckuk! wenn mein Fußboden nicht so fest wäre, würde er bei jedem Sprunge, den der Oberst macht, unter ihm zusammenbrechen!« Pauline überließ sich dem Vergnügen des Tanzes, und schien jene Freude zu empfinden, der sich selbst die bescheidenste Frau hingibt, wenn sie sich als den Gegenstand allgemeiner Verehrung sieht. Prosper gratulirte sich, daß er sie mit auf den Ball des Generals genommen hatte, und begab sich in ein anderes Zimmer, wo er Camilla noch einmal zu sehen hoffte. Hier war er schon einige Zeit, die Quadrille hatte eben aufgehört, als die Generalin auf ihn zutrat, ihn beim Arme nahm und zu ihm sagte: »Kommen Sie, kommen Sie schnell. Ihre Kleine fühlt sich unwohl.« – Wie! Pauline? Sie tanzte doch eben noch mit Roger. – »Ja, ja, sie hat getanzt, sie konnte aber nicht fortmachen ... vielleicht ist die Hitze daran Schuld ... Ich habe sie in mein Zimmer geführt ... sie weint ... es muß ein Nervenanfall sein ...« Prosper folgte Jeannetten eiligst. Er trat in das entlegene Zimmer, wohin man Paulinen geführt hatte, damit sie vom Geräusche der Menge entfernt sei. Roger war bei ihr; der arme Oberst hielt ein Riechfläschchen und Zuckerwasser in der Hand, war trostlos über den Vorfall und wiederholte in einem fort: »Welches Unglück! ... Wir tanzten so gut mit einander! Das Fräulein ist so leicht wie eine Feder ... sie schien durchaus nicht unwohl ... wir sprachen zusammen ... ich erzählte ihr eine Menge Geschichten ... und auf einmal sehe ich sie erblassen ... und ich glaube, wenn ich sie nicht gehalten hätte, wäre sie umgesunken.« Prosper sah Paulinen an; sie war in der That entsetzlich bleich; ihre Blicke hatten einen traurigen, sogar düstern Ausdruck, und sie wendete hastig ihr Gesicht ab, als sie ihren Beschützer eintreten sah. »Was haben Sie, meine theure Pauline?« fragte Prosper, indem er die Hand der Jungfrau ergreifen wollte; aber diese zog sie sogleich wieder zurück und entgegnete: »Ich fühle mich sehr leidend ... und wünschte nach Hause zu gehen ... indessen möchte ich Sie des Vergnügens an diesem Balle nicht berauben ... bleiben Sie hier ... die Frau Generalin wird mir Jemand von ihren Leuten zur Begleitung mitgeben.« – Können Sie dem Gedanken Raum geben, theure Pauline! daß ich hier bleiben werde, wenn Sie leidend sind! ... nein, nein ... wir gehen fort ... Es sind ohne Zweifel Wägen unten! – »Ja, ja,« erwiderte Jeannette, »aber wenn Sie noch ein wenig gewartet hätten, meine liebe Freundin, so wäre es Ihnen vielleicht wieder besser geworden ...« – O! ... nein, Madame ... ich gehe lieber nach Hause ...« Die gute Jeannette wickelte das junge Mädchen sorgfältig in einen ungeheuern Shawl ein, dann führte sie Prosper weg und stieg mit ihr in einen Fiaker. Unterwegs richtete er mehrere Fragen an Paulinen, um zu wissen, wie es ihr gehe; allein sie antwortete ihm nur einsilbig, und als sie zu Hause angekommen waren, zog sie sich eiligst in ihr Zimmer zurück. Zwanzigstes Kapitel. Camilla und Pauline Am Morgen nach dem Balle begab sich Prosper, der wegen Paulinens Gesundheit sehr in Unruhe war, bei Zeit zu ihr. Er fand sie blaß und mit gerötheten Augen, als ob sie viel geweint hätte, auch schien sie traurigen Gedanken nachzuhängen; bei seinem Anblick zwang sie sich übrigens zu einem Lächeln und sagte abermals: »Mein Gott, wie sehr bedaure ich es, daß Sie um meinetwillen diesen Ball verließen, auf dem Sie sich so vorzüglich unterhielten! ... Sie sehen, ich bringe Unglück. Nehmen Sie mich von nun an nicht mehr in Gesellschaften mit, lassen Sie mich zu Hause ... das wird besser sein.« – Es thut mir leid, Sie so sprechen zu hören,« versetzte Prosper. »Ich glaubte im Gegentheile, Sie hätten sich bei Madame Bloumann gut unterhalten. Jedermann fand Sie reizend, meine liebe Pauline; man hat mir Ihretwegen nichts als Complimente gemacht ... Ich hoffte, Sie würden Geschmack an der Gesellschaft finden. – »Die Frau Generalin war voll Aufmerksamkeit gegen mich ... Ach! ich habe diese Dame sehr gerne ... aber demungeachtet halte ich mich lieber von der Gesellschaft fern.« – Welch' sonderbarer Einfall! Weil es Ihnen unwohl geworden ist? – »O! nicht deßhalb ...« – Was hat wohl Ihr Uebelsein herbeigeführt? ... vielleicht das Gefrorene? ... die Hitze? ... oder das Tanzen? ...« Ein bitteres Lächeln trat auf Paulinens Lippen, und sie flüsterte: »Nein, das ist nicht Schuld ...« – Es hat Ihnen doch hoffentlich Niemand etwas Unangenehmes gesagt, was Sie hätte betrüben können? ... – »O! nein, Niemand ... Mein Gott, Sie haben Recht, die Hitze war ohne Zweifel Schuld daran.« Pauline schlug die Augen nieder und sprach nichts weiter. Prosper, wegen ihres Befindens beruhigter, verließ sie, nahm ein Cabriolet und ließ sich in die Vorstadt Saint-Germain an das ihm von Camilla bezeichnete Haus führen. Das Aeußere dieses Hauses war höchst bescheiden, und der Portier hieß Prosper in das vierte Stockwerk über dem Entresol hinaufgehen. »Sie wohnt beinahe eben so hoch oben wie Maximus!« dachte Prosper, während er die Treppe hinaufging. »Es scheint wirklich, daß ihr Mann ihr nur sehr wenig hinterlassen hat ... Arme Camilla! ... sie, die im Ueberflusse erzogen wurde ... und an alle Genüsse des Luxus und des Reichthums gewöhnt war ... vielleicht in der Dürftigkeit leben zu müssen! ... und ich bringe meine Habe so verschwenderisch durch!« Prosper befand sich vor der Thüre der Frau von Clairville. Eine Dienerin öffnete ihm; es war eine alte, zwar reinlich, aber äußerst einfach gekleidete Person, die eher einer Aufwärterin, als einer Kammerfrau ähnlich sah. Prosper trat in ein ganz kleines Zimmer ein, welches ein Vorzimmer vorstellte, und fragte, ob er die Frau von Clairville sprechen könne. Die Dienerin befragte ihn um seinen Namen und sagte: »Ich will sehen, ob die Frau Marquise zu sprechen ist. Wollen Sie so gefällig sein, mein Herr, und im Salon warten.« Damit machte sie eine Thüre auf, und Prosper trat in ein anderes, etwas größeres Gemach, worin sich zwei schlechte Lehnstühle, ein Sopha, vier Stühle und einige Familiengemälde befanden. »Das Alles verkündet keinen sonderlichen Wohlstand!« sprach Prosper zu sich, indem er sich umsah. »Aber trotz dem herrscht immer noch dieselbe Förmlichkeit, es ist immer noch eine Marquise, mit der ich sprechen werde.« Nach einer Weile ging eine andere Thüre auf, und Camilla erschien. Sie hatte ein schwarzes, äußerst einfaches Kleid an, aber die Anmuth, womit sie es trug, das edle Wesen, welches sie im unbedeutendsten Negligé beibehielt; ließ die Einfachheit ihres Anzuges übersehen; und man war nur betroffen über ihre Schönheit und ihre ausgezeichneten Manieren. Camilla nahm Prosper mit einer liebenswürdigen, obgleich etwas zurückhaltenden Höflichkeit auf; sie hieß ihn Platz nehmen und sagte: »Wenn es nicht unbescheiden ist, mein Herr, so wäre ich sehr neugierig, die Erzählung Ihrer Abenteuer zu hören. Im Laufe der vielen Jahre, welche wir uns nicht gesehen haben ... müssen Sie allerlei erlebt haben!« Prosper folgte mit größtem Vergnügen ihrem Wunsche. Er machte ihr eine Schilderung von seinen Reisen, und ließ, während er von seinen Erlebnissen sprach, öfters einige Worte fallen, welche daran erinnerten, daß sein einziger Zweck immer gewesen sei, eine Leidenschaft aus seinem Herzen zu verbannen, die ihn zur Verzweiflung brachte. Allein dann schien ihn Camilla nicht zu verstehen, oder sie lenkte schnell das Gespräch auf einen andern Gegenstand. Als Prosper seine Erzählung beendigt hatte, sagte er zu der Marquise: »Wenn ich nicht meinerseits befürchtete, unbescheiden zu sein, Madame, so würde ich Sie ebenfalls ... um einige Worte über Ihr Schicksal bitten ... Seit fünfzehn Jahren habe ich nichts mehr von Ihnen gehört ... und doch verging kein Augenblick, wo mir Ihr Glück nicht am Herzen lag.« – Ich, mein Herr,« entgegnete Camilla, »habe Ihnen nur sehr wenig zu berichten. Bald darauf, nachdem ich Sie in England gesehen hatte, heirathete ich den Herrn Marquis von Clairville ... Ich kannte ihn nur wenig, aber mein Vater wünschte diese Verbindung. Wir kamen wieder nach Frankreich, als den Emigranten gestattet wurde, dahin zurückzukehren. Mein Vater starb ein Jahr darauf, und vor fünf Jahren verlor ich auch meinen Mann ... Das ist Alles, mein Herr. – »Und Ihre Lage, gnädige Frau, ist sie von der Art, daß sie Ihnen nichts zu wünschen übrig läßt?« fragte Prosper nach langem Zögern; doch Camilla antwortete ihm schnell mit stolzem, beinahe unwilligem Tone: »Ja, mein Herr, meine Lage ist sehr angemessen ... Allerdings könnte ich reicher sein ... ein anderes Haus machen; allein es genügt mir, von Niemand Unterstützung zu bedürfen.« Prosper schwieg, denn er sah ein, daß wenig dazu gehören würde, diese Frau zu verletzen, deren Stolz unbeugsam war. Indessen wunderte er sich, daß sie im Verlaufe ihres Gespräches nicht ein Wort des Dankes für sein Benehmen gegen ihren Vater, in Beziehung auf das Gut bei Melun, an ihn richtete. Nachdem Prosper zwei Stunden bei Camilla zugebracht hatte, die ihm sehr kurz geschienen, empfahl er sich der Marquise, indem er sie um die Erlaubniß bat, sie wieder besuchen zu dürfen, welche sie ihm auch ziemlich huldvoll bewilligte. Ein Monat verstrich. Prosper ging oft zu Frau von Clairville, sie empfing ihn stets mit großer Artigkeit, behielt aber ihren zurückhaltenden und ceremoniellen Ton bei, der ihm Wort unleserlich schien, mehr als ein gewöhnlicher Bekannter für sie zu sein, und wenn er im Begriffe stand, sie daran zu erinnern, daß ihr Verhältniß inniger gewesen sei, so hielt ein strenger Blick der Marquise die Ergüsse, denen sich sein Herz hingeben wollte, auf seinen Lippen zurück. Prosper hatte gewünscht, Camilla zärtlicher, gefühlvoller zu finden, und besonders erwartet, daß sie ihn ihres Vertrauens für würdig erachten und ihm ihre bedrängte Lage nicht verbergen werde. Eines Morgens, als er ihre Dienerin allein antraf und bemerkte, daß die Person rothe, geschwollene Augen hatte, gelang es ihm vermöge inständiger Bitten und eines ihr in die Hand gedrückten Goldstückes, sie zum Sprechen zu bewegen. »Ich habe geweint, mein Herr« sagte das Dienstmädchen, »weil sich meine gnädige Frau fast zu Tode arbeitet, um nur leben zu können ... und sich standesgemäß zu kleiden ... sie bringt ganze Nächte mit Sticken zu; ich trage die Arbeiten aus und hole wieder neue her ... aber heute hatte man mir keine Aufträge zu geben ... die gnädige Frau ist deßhalb selbst ausgegangen, um sich umzusehen ... und anderwärts nach Beschäftigung zu suchen! Sie begreifen wohl, daß sie nicht sagt, es sei für sie selbst! O! das hält sie durchaus geheim ... und wenn sie erführe, daß ich Ihnen dieses Geständniß gemacht habe, so würde sie mich plötzlich fortjagen.« Prosper versprach dem Mädchen, hierüber zu schweigen, aber sein Plan war gefaßt; und als er am andern Morgen zu Camilla ging, war er fest entschlossen, endlich von ihr zu erfahren, was er zu hoffen habe. Frau von Clairville nahm Prosper mit ihrer gewöhnlichen Artigkeit auf; ihr Antlitz war so liebenswürdig, so ruhig wie immer, und man hätte ihr die pekuniären Verlegenheiten, in denen sie sich befand, nicht ansehen können; sie gab Prosper einen Wink, sich einen Stuhl zu nehmen; aber dieser setzte sich näher als sonst neben sie, betrachtete sie mit unverwandten Augen und begann endlich: »Nun, Madame! werden wir auch für die Folge nur kalte Bekannte für einander bleiben? ... Gibt es nichts, was uns einander näher bringen könnte ... und ist die Vergangenheit in Ihrem Andenken ganz erloschen?« Camilla's Angesicht wurde ernst und düster; erst nach einem langen Schweigen antwortete sie: »Mein Herr, wenn uns die Vergangenheit erröthen macht, ist es dann nicht eine Pflicht, sie zu vergessen?« – Erröthen! ... Immer dieses Wort!« rief Prosper aus. »Ach! Madame, Sie haben mich schwer für ein Vergehen bestraft ... das doch nicht mit Vorbedacht ausgeführt wurde! ... Muß es mir denn auf ewig Ihr Herz verschließen? und ist meine Liebe nicht wahrhaft, nicht beständig genug gewesen, um Eindruck auf Sie zu machen? In England hat Ihr Vater meine Bitte mit Verachtung zurückgewiesen ... Er gab Sie dem Marquis von Clairville zur Frau ...Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was ich gelitten habe, als ich Ihre Vermählung erfuhr! Doch damals waren Sie noch von Ihrem Vater abhängig ... Ich konnte glauben ... daß Sie, selbst wenn Sie an mich dachten, dem Herrn von Trevilliers Gehorsam schuldig waren. Aber jetzt lebt Ihr Vater nicht mehr; Sie sind Wittwe, vollkommen unabhängig; wer also außer Ihnen kann mich hindern, von meiner Liebe mit Ihnen zu sprechen? – »Ich meine, da wir von nun an nur Freunde sein wollen, sei es überflüssig, uns von einem Gefühle zu unterhalten, welches nicht mehr bestehen soll ...«– Nicht mehr bestehen soll! ... Ach! Camilla ... denn ich will Sie noch einmal bei diesem theuern Namen nennen! ... Warum sollten wir nur zwei Freunde sein? Sind Sie nicht immer noch schön, reizend ... zum Lieben geschaffen, wie früher? Und habe ich nicht ein eben so glühendes Herz, eine eben so flammende Seele behalten? ... O! ja ... ich fühle es! die Liebe, die Sie mir eingeflößt haben ... ist noch unverändert ... sie schlummerte in der Tiefe meines Herzens, aber ein Blick von Ihnen reichte hin, sie wieder zu erwecken. – »Mein Herr!« rief Camilla mit entrüsteter Miene aus, »welcher Hoffnung geben Sie sich hin? Wo will diese Sprache hinaus?« – Betrachten Sie mich nicht mit so unwilligen Blicken, Madame! ... Was ich will ... was mein Glück ausmachte ... wäre, mich Ihren Gatten nennen zu dürfen ... Sie sind frei ... reichen Sie mir Ihre Hand ...« Eine lebhafte Bewegung malte sich in Camilla's Zügen ... ihre Brust wogte stürmisch, sie kehrte das Gesicht ab, um nicht Prosper's Blicken zu begegnen, welche fest auf ihr hafteten, es war, als ob ein heftiger Kampf im Grunde ihres Herzens vorgehe. Endlich antwortete sie: »Nein ... nein ... das ist unmöglich ... Ich kann Ihr Anerbieten nicht annehmen, mein Herr.« – Sie können es nicht annehmen!« sagte Prosper, sich von seinem Sitze erhebend. »Genug, Madame, jetzt bin ich nicht mehr im mindesten im Zweifel über Ihre Gefühle ... denn Sie ... Sie allein stoßen meine Liebe zurück. Von nun an werde ich Ihnen mit meinen Besuchen nicht mehr zur Last fallen ... – »Und doch, mein Herr, war Ihnen meine Freundschaft gewiß.«–Man kann die Freundschaft einer Frau, die unsere Liebe verschmäht hat, nicht annehmen ... so denke wenigstens ich; meine Lage in Ihrer Nähe wäre zu peinlich; ich sehe ein, daß künftig jede Verbindung zwischen uns beiden aufhören muß. Leben Sie wohl, gnädige Frau, seien Sie glücklich ... das wird mein beständiger Wunsch bleiben.« Mit diesen Worten verbeugte sich Prosper vor Camilla; diese war sehr ergriffen, sie machte eine Bewegung, wie um aufzustehen und Prospern zurückzuhalten, allein sie sank wieder auf ihren Stuhl zurück und ließ den Mann weggehen, der schon seit so vielen Jahren in zärtlichster Liebe für sie entbrannt war. Prosper hatte sich rasch entfernt. Diesmal überließ er sich nicht der Verzweiflung, denn die Marquise hatte seine Eigenliebe verletzt; nur seine Schwachheit verwünschte er, und er bedauerte, Camilla noch einmal eine Liebe zu Füßen gelegt zu haben, die sie zurückgewiesen hatte. »Diese Frau hat mich nie geliebt!« sprach er zu sich; »heute habe ich den Beweis davon erhalten ... Und ich verwünschte mein ganzes Leben hindurch das Schicksal, welches mich von ihr trennte! ... O! es ist aus! ... es ist aus! ... Ja, aber so lange ich sie im Elende weiß, kann ich sie nicht vergessen, und überdies darf ich nicht dulden, daß Diejenige, welche der Abgott meiner Jugend war, ihre Nächte durchwacht ... und ihre Augen durch übermäßige Arbeit anstrengt ... Eine Unterstützung von meiner Seite würde sie ausschlagen ... aber wenn sie nicht weiß, daß sie von mir herrührt! ... Ach! ich besinne mich ... Sie hat mir im Gespräche von einigen Schuldnern ihres Mannes erzählt, von welchen sie nichts erhalten konnte ... das gibt einen Vorwand.« Prosper trat zu einem öffentlichen Schreiber ein und diktirte ihm folgendes Billet: »Gnädige Frau! Ein alter Schuldner des Herrn von Clairville, der nunmehr im Stande ist, seine Schuld zu bezahlen, bittet Sie, die inliegenden zwanzigtausend Franken in Empfang zu nehmen. Er unterzeichnet sein Schreiben nicht, weil er sich schämt, seine Schuld nicht schon früher abgetragen zu haben.« Diesen Brief nahm Prosper mit sich, ging nach Hause, holte zwanzigtausend Franken in Banknoten, machte Alles zusammen und begab sich Abends mit einem zuverlässigen Comissionär vor Camilla's Haus; dort ließ er das Päckchen an den Portier abgeben, mit dem Auftrage, es sogleich zu Frau von Clairville hinaufzutragen. Prosper fühlte sich glücklicher, beruhigter, nachdem er seinen edelmüthigen Plan ausgeführt hatte. »Von nun an,« sprach er in seinem Sinne: »will ich nur noch an Paulinen denken, mich nur mit ihr beschäftigen. Sie ist seit einiger Zeit ... seit jenem Ballabend bei dem General ... traurig und träumerisch ... Ei! welcher Gedanke! wenn dort Jemand ihre Aufmerksamkeit erregt hätte ... jener junge Alfred, der so oft mit ihr tanzte ... ja, das muß es sein! ... Wenn ein junges Mädchen seufzt, wenn sie ihre Munterkeit verliert, so ist beinahe immer die Liebe Schuld daran. In wen sonst könnte sie verliebt sein? ... es kommt ja Niemand zu uns ... und auch die Veränderung, die mir an ihr auffiel, schreibt sich von jenem Balle her ... Thor, der ich bin! daß ich das nicht früher schon errathen habe! ... Ach! ich dachte nur an Camilla ... diese Frau ließ mich alles Andere vergessen ... sogar meine theure Pauline, deren Glück zu begründen ich geschworen habe.« Prosper ging eilig zu Paulinen; er fand sie traurig und schweigsam. Seit der von dem General gegebenen Soirée schien in der That die Stimmung des jungen Mädchens verändert. Sie war weniger mittheilend als sonst, sie wußte wohl, daß ihr Beschützer beinahe alle Tage ausging, aber sie befragte ihn nicht mehr hierüber wie früher; sie schien im Gegentheil seiner Unterhaltung auszuweichen; sie bemühte sich zwar immer noch, ihn mit einem Lächeln zu empfangen, aber es war nicht mehr ihr liebevoller Blick von ehedem. Prosper setzte sich neben die Waise, welche mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt war; er nahm sie bei der Hand, aber sie zog sie sachte zurück, indem sie ihm sagte: »Das hindert mich am Arbeiten ...« – Nun! meine liebe Freundin,« sagte Prosper, aufs Neue Paulinens Hand ergreifend, »ich denke, es hat damit keine solche Eile. Hören Sie, liebes Kind Sie zürnen mir ein wenig ... und Sie haben Recht. – »Ich zürne Ihnen? ... ich begreife Sie gar nicht,« entgegnete das junge Mädchen, bis in daß Weiße der Augen erröthend. »Ich will damit sagen, daß ich mich seit einiger Zeit weniger um Sie bekümmert, Ihnen seltener Gesellschaft geleistet habe. Sie müssen mir aber deßhalb nicht böse sein; es hatte etwas meine Gedanken in Anspruch genommen. Ich will Ihnen das später erzählen, meine theure Pauline; denn Sie sind meine Freundin, meine beste Freundin! Indessen sind auch Sie Ihrerseits nicht mehr die Nämliche: Ihre Heiterkeit ist verschwunden; Sie sprechen nicht mehr mit mir, wie früher.« – Ich? ... aber ... Sie täuschen sich, ich versichere Sie ...« versetzte das junge Mädchen mit unsicherer Stimme. »Nein, ich täusche mich nicht ... und von dem Ball beim General Bloumann schreibt sich Ihre Aenderung her. Von demselben Tage an habe auch ich ...doch nicht um mich handelt es sich, sondern um Sie allein ... Wenn Sie zutraulicher wären, meine theure Freundin, wenn Sie mir die Geheimnisse Ihres Herzens mittheilen wollten, so wäre es mir vielleicht leichter möglich, Ihnen Ihre frühere Munterkeit wieder zu verschaffen.« – Meine Geheimnisse!« stotterte Pauline; »aber ich habe keine Geheimnisse; ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen; ich bin so heiter wie gewöhnlich.« Mit diesen Worten fing das junge Mädchen an zu schluchzen und Thränen flossen über ihre Wangen herab. – »Da haben wir's ... meine Fragen betrüben Sie; ich will nicht weiter in Sie dringen; aber ich wiederhole Ihnen, daß ich mich von nun an nur mit Ihrem Glück beschäftigen werde, und ich hoffe, das Mittel ausfindig zu machen, es fest zu begründen.« – Und was wollen Sie zu diesem Zwecke thun?« fragte Pauline mit bewegter Stimme. – »Was ich thun werde? Sie sollen es bald erfahren ... Ach! vor allen Dingen will ich Ihnen ankündigen, daß ich eine Abendgesellschaft geben und Gäste hier empfangen werde; es soll musicirt und getanzt werden. Sie besitzen Talent, Pauline; Ihre Stimme ist weich und wohltönend und Sie spielen sehr gut Klavier ... zu was dient das Alles, wenn Niemand zu uns kommt?« – Aber Sie wissen, daß ich die Gesellschaften nicht liebe. – »O! ich weiß nicht Alles ...wenn man die Zierde der Gesellschaft ausmacht, ist es ein Unrecht, sie zu fliehen ... Bei dem General hat Sie Jedermann reizend gefunden; kurz, ich wiederhole es Ihnen, ich will am nächsten Sonnabend eine Gesellschaft geben; ich gehe, meine Einladungen zu machen, und hoffe, daß Sie so gefällig sein werden, die Honneurs bei meiner Soirée mit Ihrer gewöhnlichen Anmuth zu machen.« Pauline verneigte sich schweigend, und schien keineswegs entzückt von Prospers Vorhaben; allein dieser ... in der Ueberzeugung, das rechte Mittel gefunden zu haben, die Schwermuth des jungen Mädchens zu heben, ... beschäftigte sich sogleich mit den betreffenden Einladungen. Die Familie Poupardot, so wie Maximus und einige andere Personen, welche mit den Bewohnern von Clichy gut bekannt waren, gehörten zu den Erstgeladenen; an Roger durfte man nicht mehr denken, er hatte sich aufs Neue zur Armee begeben, aber der General Bloumann befand sich noch in Paris; Prosper suchte ihn auf, lud ihn ein und fragte ihn, ob er nicht den jungen, hübschen Blondkopf, den Sohn des Lieferanten, mitbringen könne? »Alfred Ramincourt?« rief der General aus. »Das glaube ich doch beim Henker, daß ich den mitbringen kann! das kommt mir gerade vor, als wenn Sie einen alten Schnurrbart des Kaiserreichs fragten, ob er ins Feuer gehe? So oft ich den jungen Mann sehe, spricht er von Ihrer Pauline mit mir ... er muß ganz scheußlich in sie verliebt sein ... Wenn ich ihm sage, daß ich ihn zu Ihnen mitnehmen wolle, ist er im Stande und platzt vor Freude auseinander wie eine Bombe ... Rechnen Sie auf mich, mein Tapferer, und auf meine Jeannette ... Meine Frau mag die ceremoniellen Leute nicht, aber bei Ihnen weiß sie, daß es Einem kannibalisch wohl ist: daher wird sie auch mitkommen.« Prosper ließ auch an mehrere Leute, die er beim General hatte kennen lernen, Einladungen ergehen. Er beschäftigte sich ausschließlich mit dieser Gesellschaft und mit Paulinens projektirter Heirath; auf diese Weise zwang er sich, Camilla zu vergessen und das Bild dieser heißgeliebten Frau aus seinem Andenken zu verbannen. Aber während Prosper die verschiedenen Zurüstungen zu dem festlichen Abend machte, mußte er auch in seine Kasse greifen. Da zum ersten Male schlug er sich vor die Stirn und rief aus: »Ach! mein Gott! ich habe Camilla zwanzigtausend Franken zugeschickt, was ich zwar sicherlich nicht bereue, aber die Mitgift, die ich Paulinen zu geben versprochen, die fünfzigtausend Franken ... wovon ich mit dem General gesprochen ... ich habe sie nicht mehr ... es bleiben mir kaum achtunddreißigtausend übrig ... Ich gebe immer Geld aus, ohne zu rechnen ... Maximus hat Recht! ... Sparsamkeit ist nicht meine glänzende Seite ... Teufel, was anfangen? ... An meiner Soirée darf nichts fehlen; sie mag kosten, was sie will. Aber wie soll ich nun dieses Heirathsgut, diese fünfzigtausend Franken ergänzen? ... wie konnte ich auch das vergessen!« Um mit Ergänzung der fehlenden Summe den Anfang zu machen, kaufte Prosper einen Spitzenschleier und ein wunderschönes Collier für Paulinen; kurz, er machte ungeheure Ausgaben, damit seine Soirée prachtvoll werde. Er ließ Kron- und Armleuchter in seinem Saale anbringen, bestellte ein Orchester, Musiker; nachdem er zuerst nur ein kleines Concert hatte geben wollen, entschloß er sich nun zu einem großen Ball; nachdem er Anfangs nur an zwanzig Personen gedacht hatte, lud er achtzig ein, und statt hundert Thaler hatte er nun fünfzehnhundert Franken zu zahlen; auf diese Art verstand er das Sparen. Pauline wagte nicht, ihm eine Vorstellung zu machen; aber man bemerkte wohl, daß sie sich über diese großartigen Vorbereitungen zu der Gesellschaft mehr wunderte, als freute; doch ihr Beschützer wollte so, und um gefällig gegen diesen zu sein, unterstützte sie ihn nach Kräften. Seitdem Prosper den Stand seiner Kasse untersucht hatte, verfolgte ihn beständig der Gedanke an die fünfzigtausend Franken, die er seiner Schutzbefohlenen zur Mitgift versprochen hatte. Die Zurüstungen zu seiner Soirée hatten ihn für einige Zeit zerstreut, als aber der Tag gekommen, wo man sich bei ihm versammeln sollte, und Alles gerichtet war, so hatte er bis zum Abend nichts mehr zu thun; und nun trat der Gedanke, der ihn unaufhörlich verfolgte, noch lebhafter vor seine Seele. Plötzlich lief Prosper an seinen Sekretär, schloß ihn auf, langte mehrere Banknoten heraus, steckte sie in die Tasche und ging aus, indem er zu sich selbst sprach: »Ich sehe kein anderes Hülfsmittel vor mir, versuchen wir das Glück! ... im Spiel ... im Roulette ... Man sagt, man könne in wenigen Augenblicken ungeheure Summen darin gewinnen ... Das brauche ich gerade ... ich liebe die raschen Mittel ... Beim Kuckuk! daran hätte ich früher denken sollen. Ich will für Paulinen spielen, um dieser lieben Kleinen ein Heirathsgut mitzugeben, da werde ich gewiß gewinnen.« Prosper war schon einige Male mit Roger in eines jener Spielhäuser im Palais-Royal gegangen, wo das Roulette und Tente-et-un die Spieler und Fremden hinzog, aber damals hatte ihn die Neugierde allein zu jenen grünen Tischen hingeführt, auf denen das Gold und die Banknoten aufgehäuft lagen: diesmal jedoch brachte ihn der Wunsch, zu spielen, und die Hoffnung, zu gewinnen, in ein solches Haus. Er stieg rasch die Treppe hinauf, durcheilte die Säle, stellte sich vor einen Roulettetisch und zog eine Banknote aus seiner Tasche; er setzte tausend Franken auf einmal; er glaubte bei hohem Spiele seine Absicht bälder zu erreichen. Alle Blicke richteten sich auf diesen Menschen, der zum Anfang gleich tausend Franken aufs Spiel setzte, und dabei so ruhig und so heiter schien, als ob er nur ein einfacher Zuschauer wäre. Das Spiel fing an: die tausend Franken waren verloren. Prosper schien erstaunt, fuhr aber fort. In kurzer Zeit verlor er fünfzehntausend Franken, die ganze Summe, die er bei sich hatte. Jetzt fing sich seine Stirne an zu verfinstern. Er konnte nicht weiter spielen, und die Farbe, auf die er gesetzt hatte, kam heraus, sobald er zurückgetreten war. Prosper ballte die Faust vor Zorn und rief aus: »Eine Banknote mehr, und ich hätte gewonnen ... Alles wieder erlangt, was ich verloren hatte ... ich hätte sogar, wenn ich doublirt hätte ... sieben ... acht Rouges nach einander gewinnen können ... Ach! ich muß diesen Fehler schnell wieder gut machen.« Er entfernte sich aus dem Spielhause, stieg in ein Cabriolet, ließ sich nach Hause fahren, eilte an seinen Sekretär, nahm Alles, was ihm noch von Banknoten übrig blieb, heraus, und kehrte damit zu dem grünen Tische zurück. Aber nun war nicht mehr jenes Vertrauen, jene Ruhe in ihm, womit er das erste Mal gespielt hatte. Seine Hand zitterte, als er sein Geld auf den Teppich legte, sein Auge starrte mit Todesangst auf die rollende Kugel; er athmete kaum: seine Hoffnung, sein Leben, Alles hing davon ab. Der Ball rollte und stand stille. Prosper verlor, gewann und verlor wieder. Er war außer sich, er brannte vor Ungeduld, er wollte das Schicksal zwingen, er verdoppelte, er verdreifachte sein Spiel ... die Chance war ihm ungünstig; der heillose Rechen strich seine Bankzettel ein; nach kurzer Zeit wühlte er vergebens in seinen Taschen ... er fand nichts mehr, er hatte Alles verloren. Ein kalter Schweiß troff über Prospers Stirne herab, aber keine Klage kam über seine Lippen; er ging vom Spiele weg, verließ dieses unselige Haus und lief lange, ohne zu wissen wohin, in der Irre herum ... er wagte nicht mehr, zu denken ... er fürchtete sich vor der Besinnung. Endlich brach die Nacht herein, und die Frische des Abends wirkte einigermaßen beruhigend auf Prospers Geist und Gemüth; nun erinnerte er sich, daß jetzt die von ihm eingeladenen Personen in seinem Hause eintreffen werden, gedachte Paulinens, die seiner Abwesenheit wegen in Unruhe sein mußte, und sprach zu sich: »Ich will nach Hause gehen ... und mich bemühen, die Bestürzung meines Innern zu verbergen ... Ueber dieses Geld würde ich, wenn ich allein wäre, bald getröstet sein! ... aber das junge Mädchen, welches man mir anvertraut hat ... ich kann nichts mehr für sie thun!.. Ach! Maximus, Maximus! ... Du hattest wohl Recht ... ich bin noch nicht vernünftiger als früher! Und diese Heirath, die ich zu Stande bringen wollte ... Ach! ich sollte mich umbringen ... doch nein ... das wäre eine Feigheit ... das hieße das junge Mädchen, welches ich so sehr liebe, preisgeben! ... Ich kehre nach Haus zurück und verberge vorsichtig, was in mir vorgeht ... Glücklicherweise habe ich alle Kosten dieser Gesellschaft zum Voraus bezahlt ... Die Vorsehung hat mir schon oft geholfen! ... vielleicht steht sie mir noch einmal bei ...« Jetzt sah sich Prosper um, in welchem Quartier er sich befinde; dann beschleunigte er seine Schritte und begab sich eilig in seine Wohnung. Als er ankam, befanden sich schon mehrere Personen im Saale; Pauline war verdrießlich und unruhig, sie begriff Prospers Abwesenheit nicht; seine Ankunft brachte ihre Heiterkeit zurück. »Mein Gott!« sagte sie leise zu Prosper, »Sie kamen so lange nicht, und ich wußte nicht, was ich anfangen, was ich zu all diesen Leuten sagen sollte. Ohne Sie, scheint es mir, könne es kein Vergnügen geben.« – Verzeihen Sie, theure Pauline, ein unerwartetes Geschäft ..– »Sie scheinen sehr aufgeregt.« – Weil ich so schnell hergelaufen bin ... Vergessen wir diese Widerwärtigkeit, unsere Besuche nehmen uns in Anspruch ... und Sie sollen die Königin dieses Festes sein.« Um Prosper zu gefallen, bemühte sich Pauline, gegen Jedermann liebenswürdig zu sein. Die Familie Poupardot langte an. Herr Navet war lang und schmal geworden, wie eine Spargel; aber seine Neigungen hatten sich nicht verändert; kaum eingetreten, blieb er vor dem Buffet stehen, verschlang zwei Gläser Mandelmilch und stopfte sich den Magen mit Backwerk voll; der kleine Napoleon hatte beständig Zahnweh, weßhalb er sehr mürrisch war. Aber Poupardot war stets entzückt von seinen Söhnen, und stellte sie Prosper mit den Worten vor: »Hm! wie die heranwachsen! gerade so nehmen sie auch in geistiger Hinsicht zu ... sie beißen an Allem an ... nur addiren kann Navet noch nicht.« Bald darauf kam Maximus, immer bescheiden, rücksichtsvoll, schweigsam und zurückgezogen; allein er wußte die Dinge weit richtiger zu beobachten und zu beurtheilen, als jene Schwätzer, die sich über Alles aussprechen und Alles wissen wollen. Dann der General Bloumann und seine Frau: diese war hocherfreut, bei Prosper zu sein, und drückte gegen Paulinen das innigste Interesse, die wahrhaftigste Freundschaft aus. Endlich erschien auch der große, blonde, junge Mann, Herr Alfred Ramincourt; er war prächtig gekleidet; zwar schien er etwas steif in seiner Cravate und seinem Fracke; aber seine Blicke strahlten von Glück und er bedankte sich tausendfach bei Prosper, daß er so gütig gewesen, ihn zu seiner Gesellschaft einzuladen. Der Hausherr that sein Möglichstes, um den Abend vergnügt zu machen. Er sorgte für Gesang, Spiel und Tanz; Getränke, Punsch, Gefrorenes wurden im Uebermaß herumgereicht. »Ha! tausend Bomben und Granaten! hier ist's schöner als bei mir!« rief der General aus. »Bei mir konnte ich nie ein Gefrorenes erwischen! und hier habe ich schon drei gegessen.« »Und ich elf!« murmelte der große Navet, indem er auf eine Confektplatte zulief. Der Sohn des Lieferanten engagirte Paulinen oft zum Tanze; er war fast immer um sie und verlor sie nicht aus den Augen. Das junge Mädchen schien gelangweilt durch das unaufhörlich zuvorkommende Wesen dieses jungen Mannes und wußte nicht, wie sie sich demselben entziehen sollte. Was Prosper betrifft, so that dieser sein Möglichstes, um sich zu betäuben und vergnügt zu scheinen; aber zuweilen hielt eine unselige Erinnerung das Lächeln auf seinen Lippen zurück und verbreitete einen düstern Schatten über seine Züge. Maximus, der Alles beobachtete und im Innern der Seele seines Freundes las, trat auf Prosper zu und sagte leise zu ihm: »Du hast etwas ...« – Wie? – »Ja, Deine Heiterkeit ist heute Abend erheuchelt ... Dein Lächeln erzwungen ... Ist es denn ein Kummer, den Du Deinem Freunde nicht mittheilen kannst?« – Du irrst Dich, ich habe nichts. – »Das heißt. Du willst Deinen Gram für Dich allein behalten, Du glaubst, ich sei nicht im Stande, Dich zu trösten; ich will Dich nicht weiter fragen.« Maximus entfernte sich von Prosper, und dieser bestrebte sich aufs Neue, eine Fröhlichkeit zu erheucheln, die seinem Herzen sehr fremd war; aber nichts ermüdet so sehr, als seinem Gesichte Zwang anzuthun. Gegen das Ende des Abends zog sich Prosper, dem die Rolle, die er sich auferlegt hatte, schwer fiel, einen Augenblick in ein vom Tanzsaale entferntes Gemach zurück; dort warf er sich auf ein Sopha und glaubte ungestört zu sein; aber Jemand, der ihm von ferne nachgefolgt war, stellte sich alsbald auch dort ein: es war der junge Alfred, der zu ihm sagte: »Entschuldigen Sie, mein Herr ... ich bin vielleicht unbescheiden ... allein ich wünschte Sie gerne ohne Zeugen zu sprechen ... das Glück meines Lebens hängt von dieser Unterredung ab.« Prosper gab dem jungen Manne einen Wink, sich zu setzen und sagte zugleich: »Sprechen Sie, mein Herr, ich höre.« »Sie haben ohne Zweifel errathen, was ich Ihnen zu sagen habe, mein Herr; denn die Liebe, welche ich für Fräulein Pauline empfinde, ist von der Art, daß ich sie unmöglich verbergen kann ... Ja, mein Herr, ich liebe dieses reizende Frauenzimmer, deren Beschützer Sie sind; ich weiß, daß sie eine Waise ist und nur von Ihnen abhängt; nun wohl! mein Herr, ich komme, Sie um ihre Hand zu bitten.« Prosper war auf diese Bitte gefaßt; aber er wußte nicht mehr, was er darauf erwidern sollte. Nach einem augenblicklichen Zögern entgegnete er: »Mein Herr, der General Bloumann hat mit mir von Ihnen in sehr lobenswerthen Ausdrücken gesprochen. Ihr Ansuchen kann für meine junge Waise nur schmeichelhaft sein; aber ... Sie sind sehr reich, mein Herr, und können eine vorzügliche Partie machen, während Pauline, welche fünfzigtausend Franken mitbekommen sollte ... durch einen mißlichen Umstand ...« – Ach! mein Herr, Sie beleidigen mich!« rief der junge Mann aus, »ich bin keiner von Denen, die eine Frau kaufen, die um eine Frau handeln. Ihre reizende Mündel verlange ich, nur sie, keine Mitgift! Ich bin reich, und mein Vater läßt mich eine Frau nehmen, wie ich sie will.« Prosper fühlte wieder Hoffnung in seine Seele zurückkehren; das Herz ging ihm auf; er drückte die Hand des jungen Mannes und flüsterte: »Wie! ... Sie würden Paulinen selbst ohne Mitgift heirathen? ...« – Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, ich will nur sie, und wäre überglücklich ... bewilligen Sie mir Paulinens Hand? – »Herr Alfred, Ihre Liebe scheint mir aufrichtig ... fürchten Sie von meiner Seite keine Einwendung ... diese Verbindung hängt jetzt nur noch von Paulinen ab; aber ich glaube nicht, daß sie unempfindlich für Ihre Gefühle sein wird; morgen werde ich Ihnen die Antwort derselben mittheilen.« Alfred schwamm im Entzücken; er bedankte sich tausendmal bei Prosper, beide kehrten zur Gesellschaft zurück, und nun strahlte eine wahrhafte Freude aus ihren Augen. Der Abend war bald zu Ende; die Gesellschaft entfernte sich, der General mit der Betheuerung, daß er sich vorzüglich unterhalten habe, die Generalin mit einem Lächeln gegen Prosper, Navet, indem er überzählte, was er gegessen hatte, und der junge Alfred, indem er noch einen leidenschaftlichen Blick auf Paulinen warf. Am folgenden Tage ging Prosper, sobald Pauline im Wohnzimmer war, zu ihr, setzte sich neben sie und sprach: »Meine theure Freundin, ich habe Ihnen etwas höchst Wichtiges zu eröffnen ... es handelt sich um Ihre Zukunft, um Ihr Glück ... Ich lese in Ihren Blicken, daß Sie ungeduldig sind, meine Erklärung zu vernehmen. Wohlan! Pauline ... es hat mich Jemand um Ihre Hand gebeten ... Sie errathen ohne Zweifel wer ... Der junge Alfred Ramincourt, welcher Sie schon bei dem General gesehen hat, ist leidenschaftlich in Sie verliebt ... Er ist sehr reich ... Er liebt Sie ... und ich habe gedacht, diese Verbindung würde Ihr Glück begründen.« Pauline war ernst geworden beim Beginne von Prospers Rede, aber je länger sie ihm zuhörte, desto trauriger wurde der Ausdruck ihrer Miene. »War also das der Grund, warum Sie gestern diese Gesellschaft gegeben haben?« sagte endlich das junge Mädchen; »also auf diese Weise glauben Sie mir meine frühere Munterkeit zurückgeben zu können? ... Ach! da haben Sie sich sehr getäuscht!« Prosper blickte Paulinen erstaunt an und murmelte: »Ich habe also Ihre Traurigkeit falsch gedeutet? Ich gestehe Ihnen, ich war der Meinung, Sie hätten diesen jungen Alfred auf dem Balle vom General ausgezeichnet, er hatte Ihnen doch die Cour gemacht.« – Ah! das hatte ich nicht einmal bemerkt! – »Aber jetzt wissen Sie, daß er Sie liebt, daß er Ihre Hand begehrt. Er ist reich, der junge Mann, und außerdem auch hübsch.« – Ich finde ihn abscheulich!– »Abscheulich? o! wie ungerecht! Welche Antwort darf ich ihm von Ihrer Seite ertheilen?« – Sagen Sie ihm, ich lasse ihm danken, aber ich wolle ihn nicht heirathen – »Wie, Pauline, Sie schlagen eine so glänzende Partie aus? Ueberlegen Sie doch vorher!« – O! ich habe schon Alles überlegt. Ich werde ihn nicht heirathen.« Prosper stand auf, ging einige Zeit mit großen Schlitten im Zimmer auf und ab, und rief endlich aus: »Ich will Sie nicht zwingen ... aber wahrhaftig, Pauline, für ein so vernünftiges Mädchen handeln Sie in diesem Augenblicke unverständig.« Pauline bedeckte das Gesicht mit ihrem Taschentuche und entgegnete mit thränenerstickter Stimme: »Es ist Ihnen, wie es scheint, sehr darum zu thun, daß ich heirathe ... es wäre Ihnen vielleicht sehr lieb ... unabhängig zu sein ... mich nicht mehr um sich zu haben ... meine Gegenwart ist Ihnen wahrscheinlich zur Last ... Wohlan! ich will gehen ... ich will Sie verlassen wenn Sie es wünschen ... aber heirathen werde ich nicht.« »Sie mir zur Last! Ach! Pauline, welches Wort haben Sie da ausgesprochen! Ich liebe Sie doch so sehr! Mein Gott, jetzt weint sie, das theure Kind; beruhigen Sie sich, Sie wissen wohl, daß Sie jederzeit nur nach Ihrem Wunsche handeln dürfen, aber ich hätte Sie so gerne glücklich gesehen.« – Da ich es aber bei Ihnen bin ... warum wollen Sie mich durchaus verheirathen? – »Warum? ... ach! wenn Sie wüßten ... wenn ich Ihnen sagen dürfte ...« Prosper ging auf's Neue im Zimmer auf und ab; man sah ihm an, daß er litt, und sich auszusprechen fürchtete. Nun ging Pauline auf ihn zu und sagte mit jener Stimme, die bis in die Tiefe der Seele dringt, zu ihm: »Wenn Sie mich recht lieb hätten, mein Freund, so würden Sie mir sagen, was Sie betrübt, denn ich sehe, daß Sie Kummer haben ... aber Sie finden mich nicht würdig, mir ihn mitzutheilen.« – Nun denn! Pauline ... so will ich Ihnen Alles sagen ... Alles beichten ...Sie werden sich überzeugen, wie strafwürdig mein Betragen ist ... aber ich will lieber Ihre Vorwürfe erdulden, als Ihnen etwas verbergen. – »Vorwürfe? o! nie.« – Hören Sie mich an ... Ich habe fünfzigtausend Thaler mit nach Frankreich gebracht ... Ich habe nie rechnen können ... und geglaubt, das würde ewig reichen ... Vor einiger Zeit, als wir auf den Ball des Generals gingen, untersuchte ich den Bestand meiner Kasse ... es blieben mir noch sechzigtausend Franken übrig. Ich wollte Ihre Zukunft durch eine Heirath sichern, und nahm mir vor, Ihnen fünfzigtausend mitzugeben ... – »Also beinahe Alles! ... Sie wollten für sich nichts behalten? ...« – Ich? o! meinetwegen war ich nicht in Sorgen! ... aber auf diesem Balle traf ich Jemand ... Sie haben vielleicht von einer Dame sprechen hören ... die ich früher sehr liebte ... – »Camilla von Trevilliers, nunmehr Wittwe des Marquis von Clairville ... und Sie haben sie auf dem Balle bei dem General wieder gesehen?« – Ganz richtig ... wie wissen Sie aber das?« Pauline erröthete, schlug die Augen nieder und entgegnete: »Der Oberst Roger hat mir es erzählt, während er mit mir tanzte ...«– Roger ... wie ... er hat Ihnen gesagt ... – »Daß Sie dem Gegenstand Ihrer ersten Liebe wieder begegnet seien ... daß Sie so glücklich ... so vergnügt seien ...« Prosper schwieg lange. Tausend Erinnerungen, tausend Gedanken traten ihm plötzlich vor die Seele ... Es war, als ob sich ein Schleier theilte, der bisher seine Augen bedeckt hatte; einen Moment blickte er auf Paulinen; aber er wendete schnell sein Gesicht ab, wie wenn er gefürchtet hätte, ihren Blicken zu begegnen; seine Stimme war nicht mehr die nämliche, und mit weniger freundlichem Tone antwortete er ihr: »Roger hat Ihnen wahr berichtet ... ich habe Camilla ... das heißt die Marquise von Trevilliers wieder gesehen ... denn es war nicht mehr jene frühere Camilla ... Sie nahm mich höflich auf ... aber kalt ... und ich, Pauline, war schwach genug, von Liebe mit ihr zu sprechen und ihr meine Hand anzutragen.« – Sie werden sie heirathen?« flüsterte die Jungfrau mit leiser Stimme. – »O! nein ... sie hat mein Anerbieten zurückgewiesen ... sie hat meine Liebe abermals verschmäht ... und jetzt ist es aus, ganz aus ... ich werde sie nie wiedersehen!« – Wäre es möglich!« rief Pauline aus, indem sie kaum die Freude mäßigen konnte, die aus ihren Augen leuchtete; »Sie lieben sie nicht mehr ... Sie werden sie nie wiedersehen?– »Nein ... nie! ... Allein sie lebte in der Dürftigkeit ... ich wollte ihr ihre Lage etwas erleichtern, und ließ ihr ... ohne daß sie wußte, daß es von mir kam, aber auch, ohne zu bedenken, daß dieses schon zu Ihrer Mitgift bestimmt war, einen Theil meines Vermögens zukommen.« – O! Sie haben wohl daran gethan, mein Freund. Sie hätten ihr Alles geben sollen.– »Hierauf wollte ich das mir fehlende Geld wieder einbringen ... o! jetzt wurde ich erst strafbar ... Ich ging in ein Spielhaus ... spielte dort wie ein Narr, wie ein Wahnsinniger, und verlor Alles, was mir übrig geblieben war!« – Alles ... o! um so besser! o! welches Glück, nun wird man mich nicht mehr heirathen wollen!« Damit hüpfte das junge Mädchen vor Freude im Zimmer herum. »Sie irren sich, Pauline,« versetzte Prosper, »man will Sie dennoch ... Herr Alfred verlangt keine Mitgift ... Er ist außerordentlich reich ... bei ihm werden Sie in der Welt glänzen; während Sie dagegen bei mir auf diesen Wohlstand ... diese Dienerschaft ... diese prächtige Wohnung Verzicht leisten müssen. Sie sehen wohl ein, daß Sie thöricht wären, diese reiche Partie, welche sich darbietet, auszuschlagen ... und daß ich Recht hatte, diese Heirath zu wünschen ... Nun, sind Sie jetzt überzeugt?« – O! ja ...ich bin fest entschlossen ...Hier, mein lieber Freund, ist eine Feder und Papier, setzen Sie sich hin und schreiben Sie an Herrn Alfred: Mein Herr, Fräulein Derbrouck ist äußerst geschmeichelt durch die Ehre, welche Sie ihr erweisen wollten, aber sie weigert sich entschieden, Ihnen ihre Hand zu reichen – »Was! Pauline ...«– Schreiben Sie ...o! schreiben Sie, ich bitte Sie darum. – »Aber bedenken Sie doch, daß ich Alles verloren habe ... Alles!« – Nun! kann man denn nicht arbeiten? Wir verlassen diese große Wohnung, in der man sich verliert ... wir schaffen die drei Dienstboten ab, die mich langweilen ... wir geben keine großen Gesellschaften mehr, die mir in der Seele zuwider sind ... o! wie glücklich werde ich dann sein! ... Schreiben Sie, mein Freund, schreiben Sie doch! – »Wenn aber ...«– Und meine zwanzigtausend Franken, die im Zinse sind, und woran wir gar nicht gedacht haben! Sie sehen wohl, wir sind noch reich, sogar noch allzureich. – »Diese Summe, Pauline, gehört Ihnen allein ...« – Mir oder Ihnen, ist das nicht einerlei? Doch abgesehen davon, wenn ich Herr darüber bin, so trage ich sie Ihnen jetzt an ... Vorwärts, mein Freund ... keinen Aufschub mehr, schicken Sie schnell diesem Herrn meine Antwort.« Prosper widerstand nicht länger; er schrieb an den jungen Alfred, daß ihm Pauline ihre Hand verweigere, und während er schrieb, empfand er ein ihm unerklärliches Gefühl, welches viele Ähnlichkeit mit Befriedigung hatte. Einundzwanzigstes Kapitel. Politische Ereignisse. – 1814 bis 1815. Einige Wochen, nachdem Alfred den Absagebrief auf seinen Heirathsantrag erhalten hatte, befanden sich Prosper und Pauline in einem bescheidenen Logis in dem Marais. Dort trieb man keinen Luxus mit Möbeln und Dienerschaft, sondern man begnügte sich einfach mit dem Notwendigsten. Pauline bewohnte das schönste Zimmer; Prosper hatte es so verlangt; er begnügte sich mit einem kleinen Stübchen ohne Kamin; außer diesem bestand die Wohnung noch aus einem Wohnzimmer, einer Küche und einem Cabinette, wo eine alte Magd schlief. Aus dem Verkaufe seines reichen Mobiliars hatte Prosper noch einiges Geld gezogen, welches er übrigens Paulinen übergab, indem er zu ihr sagte: »Von nun an, meine liebe Freundin, müssen Sie die Kasse verwalten, denn in meinen Händen ist sie nicht gut aufgehoben. Ich werde mich um irgend ein Aemtchen, irgend eine Anstellung umsehen, und was ich verdiene, Ihnen redlich zustellen.« Und Pauline antwortete ihm mit einem liebevollen Lächeln: »Machen Sie sich keine Sorgen, wir besitzen tausend Franken Rente und einiges baare Geld. Ich will sparsam sein, Alles wohl eintheilen, und Sie werden sehen, daß uns nichts abgeht, selbst wenn Sie kein Amt finden.« Und, um mit dem Sparen anzufangen, wollte Pauline gar keinen Dienstboten halten; allein Prosper that es so weh, wenn er sie Alles selbst thun sah, daß sie einwilligte, diese Einschränkung aufzugeben. Man ging nicht mehr ins Theater, nicht mehr ins Concert, nicht mehr in Gesellschaften; aber man machte Spaziergänge in die Umgebungen von Paris; Pauline trug keine prachtvollen Kleider, keine Juwelen mehr; aber ihr einfacher Anzug war geschmackvoll, und sie in ihrem bescheidenen Hütchen eben so schön; wenn man nicht ausging, so leistete ihr Prosper Gesellschaft, las ihr vor, oder erzählte ihr seine Reiseabenteuer, und dabei verfloß die Zeit so schnell, daß man sich oft wunderte, daß es schon Zeit war, sich gute Nacht zu wünschen. Kurz, seit diese zwei Personen nicht mehr reich waren, schienen sie weit glücklicher, besonders Pauline: ihre Heiterkeit war mit den Rosen ihrer Wangen zurückgekehrt, und das Glück strahlte aus ihren Augen, wenn sie dieselben auf ihren Beschützer heftete. Indessen war eine merkwürdige Veränderung in Prospers Benehmen gegen Paulinen vorgegangen: es war nicht mehr jene freimüthige Offenheit, jene Vertraulichkeit von früher; es war eine gleich zärtliche, aber mehr zurückhaltende Freundschaft; eine ebenso süße, aber nicht mehr so ungezwungene Innigkeit; kurz, es war, als ob sich ein neues Gefühl in aller Stille in Prospers Herz einschliche, welches sein Dasein nur durch das ungekannte Glück verkündete, das es erweckte. Jetzt erschien Prosper eine von Pauline entfernt verlebte Stunde tödtlich lange, auch ging er selten aus. Außerdem war der General wieder bei der Armee und die Generalin auf einem ihrer Güter. Maximus hatte, einige Stunden von Paris, eine Lehrerstelle angenommen; es blieben ihm folglich nur die Bewohner von Clichy übrig; aber die beiden Söhne Poupardots wurden so unerträglich, und ihr Vater verdarb sie dergestalt, daß man nicht oft hingehen mochte. Warum sollten wir auch, wenn es uns zu Hause gefällt, wenn unser Herz ein inneres Wohlbehagen empfindet, auswärts Vergnügen und andere Gesichter aufsuchen: das sagte sich Prosper, während er Paulinen treulich Gesellschaft leistete. Zuweilen jedoch verdüsterte sich seine Stirne und eine Wolke zog über seine Augen, Das junge Mädchen bemerkte es schnell, dann betrachtete sie ihren Freund mit fragenden Blicken und sagte manchmal auch mit Seufzen zu ihm: »Ich bin überzeugt, Sie denken an Camilla?« – O! nein ... Sie irren sich,« entgegnete Prosper lebhaft. »Seit einiger Zeit habe ich ganz aufgehört, an die Marquise zu denken, und wenn mich etwas an sie erinnert, so schwöre ich Ihnen, bringt mich das nicht mehr zum Seufzen. – »Wirklich? ... Warum sind Sie denn aber zuweilen so traurig? ...« – Ach! diesen Morgen habe ich wieder einen neuen Stoff ... einen prachtvollen Shawl gesehen ... wenn ich nun daran denke, daß ich Ihnen solche Dinge nicht mehr mitbringen kann wie früher! ... – »Und das macht Sie traurig? ... In der That, lieber Freund, Sie beurtheilen mich sehr falsch, wenn Sie glauben, ich lege einen Werth auf eine mehr oder minder glänzende Toilette ... Wie oft muß ich Ihnen wiederholen, daß ich unendlich viel glücklicher bin, seit wir bescheiden für uns leben, als früher, wo wir Gesellschaften besuchten! Ich hoffte übrigens, Sie hätten das selbst bemerkt.« Diese freundlichen Worte trugen stets zur Erheiterung Prospers bei. Er nahm Paulinens Hand und drückte sie in der seinigen; oft hielten sich ihre Hände lange verschlungen, und das junge Mädchen beklagte sich nicht mehr, es hindere sie am Arbeiten. Nach Verlauf von einiger Zeit gelang es Prosper, eine Stelle in einem Handlungshause zu erhalten; sein Einkommen war gering und er mußte beinahe den ganzen Tag dafür schreiben; allerdings eine große Ueberwindung für einen Mann, der bis dahin an ein bewegliches, vollkommen unabhängiges Leben gewöhnt war; aber es handelte sich um die Vermehrung ihres Wohlstandes, um die Möglichkeit, Paulinen bisweilen noch ein Geschenk zu machen, und Prosper unterwarf sich willig dieser neuen Lebensart; außerdem erwartete und empfing ihn Jemand, wenn er von seinem Bureau kam, mit einem zärtlichen Lächeln, worüber er alsbald das Lästige seiner Arbeit vergaß. Die Zeit verfloß auf diese Weise ruhig für die beiden Leutchen, welche sich allmählig verstanden; aber der politische Horizont war nicht so friedlich und sturmlos wie Prospers Wohnung. Das Glück hatte Den verlassen, den es so hoch erhoben; der Kaiser hatte große Unfälle erlitten; die Franzosen schlugen sich immer noch mit demselben Muthe, aber die übrigen Nationen, eifersüchtig auf zwanzig Jahre beständiger Siege, vereinigten sich zu ihrer Unterdrückung. Prosper und Pauline bekümmerten sich nichts um Politik, bei ihnen verdrängte ein anderes Gefühl alle übrigen. Zuweilen fragte jedoch die Waise ihren Freund: »Was geht denn vor? Man verbreitet beängstigende Gerüchte; man sagt, die Feinde wollen Paris angreifen?« Dann antwortete Prosper: »Das ist unmöglich! so weit dringen sie nie vor, nur Lärmmacher verbreiten solche Gerüchte!« Pauline ließ sich leicht beruhigen, und man sprach nicht mehr vom Krieg. Eines Tages jedoch, als Prosper, wie gewöhnlich, auf sein Bureau gegangen war, kam er blaß und aufgeregt zurück; er nahm seinen Säbel und seine Pistolen, und küßte Paulinen mit den Worten: »Gehen Sie nicht aus, meine theure Freundin, verlassen Sie Ihr Zimmer nicht, treten Sie nicht an das Fenster, wenn Sie Lärm auf der Straße hören.« – Mein Gott! was gibt es denn?« fragte Pauline entsetzt. – »Man sagt, die Feinde stehen vor den Thoren von Paris; sie wollen die Stadt angreifen!« – O mein Gott! und wo gehen Sie mit diesen Waffen hin? – »Wo ich hingehe? ... wohin meinen Sie? ... ich will für die Verteidigung meines Vaterlandes kämpfen.« – Sie wollen kämpfen? wenn man Sie aber tödten würde? – »So würde ich den Tod eines Tapfern sterben, und Ihres Bedauerns würdig werden. Geben Sie sich keine Mühe, mich zurückzuhalten, theure Pauline; in diesem Augenblick darf man nur auf den Ruf der Ehre hören.« Die Jungfrau zerfloß in Thränen; sie wollte sich an ihn hängen; allein Prosper machte sich aus ihren Armen los, eilte davon und flog zur Barrière von Clichy. Hier unter einer Menge von Weltmännern, Künstlern und Gelehrten, welche die Gefahr des Vaterlandes zu Soldaten gemacht hatte, erkannte Prosper Maximus, der sich mit einem Säbel und einem Karabiner bewaffnet hatte. »Wie, Du bist hier?« rief Prosper aus, indem er auf seinen Freund zueilte. – »Ich bin seit acht Tagen nach Paris zurückgekehrt. – »Aber Du, als Republikaner schlägst Dich für den Kaiser?« – Ich schlage mich für mein Vaterland; wenn es vom Feinde bedroht ist, darf keine Meinungsverschiedenheit mehr bestehen; man vertheidigt es zuvor und disputirt nachher.« Prosper drückte Maximus die Hand, und beide stellten sich unter die Reihen der Tapfern aller Klassen, welche, selbst in den wichtigsten Umständen, die französische Heiterkeit beibehaltend, Witze miteinander austauschten und muntere Lieder sangen, bis die Zeit kam, ihr Gewehr abzufeuern. Maximus, ungeduldig, den Feinden zu begegnen, überschritt die Barrière, Prosper begleitete ihn; ein alter Invalide hatte ihm eine Flinte und Patronen gegeben. Die beiden Freunde erreichten das Feld und lenkten ihre Schritte nach der Seite der Hügel von Saint-Chaumont; es dauerte nicht lange, so sahen sie Kosaken in der Ebene heransprengen, einige näherten sich sogar bis auf Schußweite; schon hatten sie zwei derselben niedergestreckt, als ein Pistolenschuß Prosper traf, und derselbe, einige Schritte von seinem Freunde entfernt, niederfiel. Maximus warf seine Waffen weg, trug Prosper in seinen Armen davon, und den Kugeln der Kosaken Trotz bietend, gelang es ihm endlich, mit seiner kostbaren Last wieder nach Paris hinein zu kommen; dort bot ihm ein Milchweib, welches seine Hütte verlassen hatte, weil sie sich nicht mehr sicher darin fühlte, ihren Esel und ihre Tragkörbe zum Transporte des Verwundeten an. Man legte Prosper, so gut man konnte, darauf; er hatte viel Blut aus der Wunde, die in die Brust gegangen war, verloren, und war ohnmächtig geworden. Maximus zog durch die Vorstadt des Tempels; er kannte Prospers neue Wohnung nicht, aber er erinnerte sich nach einiger Zeit, daß er Picotin eines Abends in die Rothe-Kinderstraße begleitet hatte; von dort war er nicht mehr ferne, daher entschloß er sich, seinen Freund zu diesem zu führen. Man langte vor Picotins Wohnung an. »Er wird vielleicht nicht zu Hause sein,« dachte Maximus, »denn heute sollten sich alle Franzosen an den Barrièren einstellen; aber ich werde seine Frau treffen, und bin überzeugt, daß sie sich beeifern wird, meinem Freunde beizustehen.« Maximus wendete sich an den Portier und fragte nach Picotin; der Portier lächelte, indem er erwiderte: »Er hat mir aufgetragen, wenn ihn Jemand holen wolle, zu sagen, er sei nicht zu Hause; ... aber sehen Sie, mein Herr, wenn man Ihren Verwundeten zu dem Apotheker dort nebenan brächte ... so wäre es besser, als ihn vier Stiegen hinauf zu schleppen.« – Ach! Ihr habt Recht, mein Freund ... helft mir, wir wollen ihn hinüber tragen.« Der Portier und Maximus nahmen Prosper in ihre Arme und trugen ihn in eine benachbarte Apotheke, wo man ihm mit aller nöthigen Hülfe eifrig beistand. »Die Wunde ist gefährlich,« sagte der Pharmaceut, »wenn der Herr weit weg wohnt, so kann er nicht nach Hause transportirt werden.« – Seine Wohnung ... warten Sie, mein Herr, ich will dieselbe zu erfahren suchen, während Sie meinem Freunde Beistand leisten.« Damit eilte Maximus aus dem Laden hinaus und kehrte zu Picotin zurück; dort flog er rasch die vier Treppen hinauf. Unter die Kupferplatte, auf welcher der Name des Schaffellhändlers stand, war mit Kreide groß hingeschrieben: Es ist Niemand zu Hause. Trotz dieser Warnung drehte Maximus doch die Klinke, rüttelte heftig an der Thüre, brachte sie endlich auf und drang zu Euphrasia's Gatten ein. Das Bureau war leer, aber im Nebenzimmer saß Picotin mit einer baumwollenen Mütze auf dem Kopfe in einem Lehnstuhle, sein rechtes Bein, welches mit Lappen umwunden war, stützte er auf einen Stuhl. »Ich bin nicht zu Hause, oder vielmehr ich bin krank! verwundet!« schrie Picotin, als er Jemand hereinkommen hörte ... »Ich kann nicht in den Kampf ziehen, da ich nicht gehen kann.« Als der vorgeblich Verwundete übrigens Maximus erkannte, so flog eine leichte Röthe über sein Gesicht, und er flüsterte: »Sieh' da, unser lieber Freund Maximus ... Ich bin am Beine verwundet, wie Du siehst ... das bannt mich hierher ... ich habe mich an einen Fleischtopf gestoßen.« »O! beim Kuckuk! ich kann mir wohl denken, daß das nicht bei einer Attake gegen den Feind geschehen ist.« – O! das hätte leicht sein können ... wenn ich im Stande gewesen wäre, zu marschiren. Höre, Maximus, glaubst Du, daß die Feinde in die Stadt eindringen? Schlägt man sich noch immer? – »Was liegt Dir daran, da Du doch daheim bleibst?« – Was! daran liegt mir sehr viel, ob ich ausgeplündert und bestohlen werde ... das ist nicht übel ... Ich habe gute Lust, in den Keller hinab zu steigen ... – »Sage mir einmal, Picotin ... Weißt Du Prosper's neue Wohnung?« – Prosper's Wohnung ... seit er nicht mehr reich ist, denn wie es scheint, hat er auch einen ordentlichen Purzelbaum gemacht ... – »Sag' mir doch schnell ... wo er wohnt ... er ist verwundet ... vielleicht tödtlich verwundet ...« – Ah', bah! der arme Prosper! ... Ich wette, er ist mit Dir zum Kampfe ausgezogen ... So geht's! wenn ihr es gemacht hättet, wie ich ... – »Willst Du mir auf meine Frage antworten?« – Hier ... ganz in der Nähe ... in der Karlsstraße Nr. 22 ... Ich begegne ihm öfters, wenn ich auf den Markt gehe ... – »Karlsstraße ... schon gut ... Adieu!« Picotin, der vergaß, daß er am Beine verwundet war, stand auf, eilte hinter Maximus drein, und rief ihm die Treppe hinunter nach: »Höre, Maximus, wenn Du meiner Frau auf den Straßen oder an den Barrieren begegnest, so sage ihr doch, die Milch sei schon lange übergelaufen ... Ihr Kaffee gerinne ... es sei kein guter Schluck mehr daran ... Ich weiß beim Teufel nicht, wo mein Weib hingegangen ist ... Ich habe zu ihr gesagt: Geh' nicht aus ... Du könntest Kosaken begegnen ... drauf hat sie mir entgegnet: Gerade um so mehr!« Maximus hörte nicht auf Picotin, er war schon auf der Straße und bei dem Apotheker. Prosper hatte seine Besinnung wieder erlangt, war aber kaum im Stande, zu sprechen; indessen erkannte er seinen Freund, drückte ihm die Hand und stammelte den Namen Pauline. »Ja, ja, ich verstehe Dich,« sagte Maximus, »Du willst nach Hause ... zu ihr ... gebracht werden ... Vorwärts, meine Herren, leisten Sie mir einen letzten Dienst, lassen Sie uns eine Art Tragbahre zur Weiterschaffung unseres Verwundeten bilden ... Er wohnt ganz in der Nähe, ich weiß jetzt seine Adresse.« Jedermann beeiferte sich, Maximus Hülfe zu leisten; wenn die Franzosen immer, selbst in den ernsthaftesten Umständen, zum Lachen und Scherzen aufgelegt sind, so muß man auch zugeben, daß sie stets bereit sind, einem Leidenden Hülfe zu leisten, oder eine gute Handlung zu verrichten. In wenigen Augenblicken wurde Prosper auf eine in der Geschwindigkeit errichtete Tragbahre gelegt und in sein Haus gebracht. Maximus wollte Paulinen vorbereiten, damit der traurige Anblick, der ihr bevorstand, keinen allzu lebhaften Eindruck auf sie mache; er fürchtete ihre Thränen, ihr Geschrei, ihre Verzweiflung, welche eine schädliche Einwirkung auf den Verwundeten ausüben konnten. Aber die empfindsamsten Seelen zeihen oft in großen Leiden eine Kraft und einen Muth, deren man sie nicht für fähig halten würde ... Als die Jungfrau Maximus blaß und bestürzt eintreten sah, hielt sie ihr Unglück für noch größer. »Prosper ist todt!« rief sie aus. – »Nein ... nein ... aber durch einen Schuß verwundet ... – »Wo ist er? ... führen Sie mich zu ihm.« – Er kommt ... man bringt ihn hierher ... Sie werden ihn sogleich sehen.« Pauline sprach kein Wort, vergoß keine Thräne, ihr Schmerz war stumm; aber sie flog auf den Verwundeten zu, nahm ihn bei der Hand, drückte sie in den ihrigen, und er fand noch Kraft, ihr zuzulächeln. In wenigen Augenblicken hatte man Prosper in sein Bett gelegt, und Maximus einen Chirurgen und einen Arzt herbeigeholt, welche, nachdem sie den Verwundeten untersucht hatten, auf eine nicht beruhigende Weise den Kopf schüttelten, indessen doch sagten: »Es ist möglich, daß er davon kommt! ... Aber es ist sehr gefährlich.« – Dann nahm Maximus Paulinen bei der Hand und sagte zu ihr: »Fassen Sie Muth, liebes Kind ... Der Himmel wird Ihnen Ihren Beschützer nicht rauben. Was mich betrifft, so vermag ich jetzt nichts mehr für ihn zu thun, und kehre auf den Posten der Ehre zurück!« Hierauf gab Maximus Paulinen einen Kuß und entfernte sich; auch der Chirurg und der Arzt zogen sich zurück, nachdem sie verordnet hatten, was zu thun sei, und versprochen, am Abend wieder zu kommen. Als nun das junge Mädchen allein bei Prosper war, welchem verboten worden, zu sprechen, und keine Zeugen mehr um sich wußte, da warf sie sich auf ihre Kniee nieder, flehte zum Himmel, er möge ihr den Mann lassen, der Alles für sie sei, und vergoß Ströme von Thränen. Die Nacht brach herein. Alle Augenblicke kam die alte Dienstmagd, welche auf Erkundigungen ausging, zu ihrer Gebieterin herauf und sagte zitternd: »Ach! Fräulein! ... man sagt, wir seien verloren! ... die Feinde dringen in die Stadt ein ... man wird sich schlagen ... wir werden geplündert werden ... und noch viel Schlimmeres! ...« Pauline gab ihrer Magd kaum Gehör; für sie gab es nur noch eine wichtige Sache auf der Welt, das war das Leben Prospers. Indessen blieb der Abend ruhig; nur gegen neun Uhr hörte man einen Kanonenschuß, dem aber kein weiterer folgte. Vierzehn Tage später saß Pauline an Prospers Bett; ein Strahl der Freude belebte ihre vom Nachtwachen und Weinen abgematteten Züge; denn erst seit diesem Morgen hatte der Arzt eine günstige Wendung in dem Befinden des Verwundeten wahrgenommen, und dem jungen Mädchen, während er ihr zugleich ankündigte, daß die Heilung langsam vor sich gehen werde, versprochen, ihren Beschützer zu retten. Darüber hatte sich Pauline so glücklich gefühlt, daß sie gerne dem Arzte an den Hals gesprungen wäre; was kümmerte es sie, wenn die Genesung auch lange anstand, man haftete ihr für Prospers Leben, und schenkte ihr damit auch das ihrige wieder. Man hatte dem Kranken, der außerordentlich schwach war, Schweigen anempfohlen; nur durch Blicke konnte er für die Sorgfalt seiner jungen Wärterin danken; wenn er ein Wort sprechen wollte, so legte sie ihm einen Finger auf den Mund und rief aus: »Es ist verboten! ... schweigen Sie, mein Freund; wenn Sie wieder gesund sind, wollen wir uns hiefür entschädigen; dann dürfen Sie den ganzen Tag mit mir sprechen, und ich werde Ihnen mit Freuden zuhören.« An diesem Tage übrigens hatte Prosper, der sich weit besser fühlte, ein wenig gesprochen; vor allen Dingen, um seiner jungen Freundin seine volle Erkenntlichkeit für die Sorgfalt auszudrücken, die sie ihm gewidmet hatte, sodann um sie um einige politische Neuigkeiten zu befragen und zu erfahren, was seit seiner Verwundung bei den Hügeln von Saint-Chaumont geschehen sei. »Politische Neuigkeiten!« entgegnete Pauline; »mein Gott! lieber Freund, seit vierzehn Tagen habe ich mich nur um Sie bekümmert ... Ich weiß, daß man sich nicht mehr schlägt, und daß wir eine andere Regierung haben ... Aber mehr dürfen Sie mich nicht fragen, denn ich wäre wahrhaftig nicht im Stande, darauf zu antworten.« Der Schall der Glocke, welcher Besuch ankündigte, unterbrach dieses Gespräch. Bald darauf vernahm man Poupardots Stimme, und nach wenigen Augenblicken standen die gute Elisa und ihr Gatte an Prospers Bett. »Da sind wir!« rief Poupardot aus. »Wie, armer Prosper, Du bist verwundet worden? ... Du hast Dich also geschlagen? ...« – Gewiß,« entgegnete Prosper, »und Du? – »O ich! ich hatte ganz andere Dinge zu thun!« – Die Kosaken haben unser Haus abgebrannt ... Alles verheert, zerstört und zu Grunde gerichtet!« fiel die gute Elisa mit einem schweren Seufzer ein. – »O! das ist gleichgültig! nun geht es gut! sehr gut!« fuhr Poupardot, sich die Hände reibend, fort, »jetzt haben wir unsere legitimen Fürsten wieder. Wir bekommen nun eine väterliche Regierung, das muß uns glücklich machen; wir werden Sonntags unser Huhn im Topfe haben! ... lieber Freund! und abgerechnet den guten Heinrich IV., den wir nicht bekommen werden, weil er leider todt ist, wird es ganz dasselbe sein.« Prosper machte große Augen und konnte kaum glauben, was er hörte. »Wir sind hier im fliegenden Lager,« sagte Elisa; »da wir nicht mehr in Clichy wohnen können, wollen wir uns auf unserem kleinen Pachthofe in Montereau niederlassen, und bis alle unsere Vorbereitungen getroffen sind, wohnen wir hierin einem möblirten Logis.« – Wo wir auch bereits unsere beiden Jungen gelassen haben, die sich mit einem gebratenen Huhn unterhalten ... ich fürchte nur, sie werden sich prügeln, da sie beide die Schlägel gleich gerne essen ... Ei! weil ich gerade darauf komme, Sie wissen die Neuigkeit noch nicht: Madame Poupardot hat schon wieder einen kleinen Sprößling in Arbeit ... Ha! ha! eine letzte Tollheit ... das soll aber das Nesthöckchen sein ... – »Still, still! mein Freund, schweig doch!« fiel Elisa erröthend ein. – »Ei! warum denn? ... es freut mich, noch ein Kind zu bekommen ... das ist nicht verboten ... Ich wette, es wird abermals ein Knabe ... wie soll ich den nennen? ... ich muß mich darüber besinnen ... Uebrigens muß ich machen, daß ich nach Montereau komme, damit meine Frau dort ausruhen kann. – »Und Maximus?« murmelte Prosper. – »Maximus ... o! der ist fort aus Paris; er ist schlechter Laune ... Ein sonderbarer Bursche! unter allen Regierungen habe ich ihn mißlaunig gesehen; der ist nicht wie ich. Nun, mache, daß Du bald gesund wirst, lieber Prosper; dann kommst Du mit Deiner theuern Pauline zu uns nach Montereau ... wir werden sehr gerne dort sein, ich bin's zum Voraus überzeugt; höchstens könnte die Luft dort meiner Frau schädlich sein, aber ich glaube es nicht.« Elisa seufzte nochmals, indem sie sagte: »Ach! unser armes Haus in Clichy ... es war so hübsch!« Pauline, welche befürchtete, Prosper möchte sich anstrengen, machte Poupardot darauf aufmerksam, daß, wenn man seine Genesung wünsche, man ihn nicht zum Sprechen nöthigen dürfe, weil der Arzt es ihm verboten habe. Die beiden Gatten sahen die Richtigkeit dieser Bemerkung ein, und nachdem sie den Kranken und seine junge Wärterin zärtlich geküßt hatten, verabschiedeten sie sich von ihnen, und luden sie nochmals ein, zu ihnen nach Montereau zu kommen. Einige Wochen später saß Prosper an einem Fenster und athmete die milde Frühlingsluft ein. Pauline war immer um ihn und suchte ihm an den Augen den leisesten Wunsch abzusehen. Mit der Genesung ging es langsam vor sich; die Kräfte kehrten immer noch nicht zurück; aber der Kranke war gerettet und die Waise für ihre Mühe belohnt. Was die vollständige Herstellung Prospers verzögerte, war der Verdruß, daß er seine Anstellung verloren hatte, war die Gewißheit, daß seine Pflege viel Kosten verursache, und waren die Sorgen, die er sich wegen der Zukunft machte. Pauline, die seine Gedanken errieth, bat ihn, sich deßhalb nicht zu beunruhigen und sich wegen der Führung ihres kleinen Hauswesens ganz auf sie zu verlassen; allein die Furcht, die Waise möchte eines Tags das Notwendige entbehren, setzte den Kranken in Betrübniß, und erschwerte seine gänzliche Heilung. Ein alter Freund leistete Prosper oft Gesellschaft, dies war nämlich der Oberst Roger, der sich vom Militärdienste zurückgezogen hatte, als er sich nicht mehr für seinen Kaiser schlagen durfte. Roger war auch traurig und mürrisch geworden; während er mit den Fingern seinen Schnurrbart strich, fluchte er bisweilen zwischen den Zähnen, und wenn er seinen Platz neben dem Genesenden eingenommen hatte, verstrichen oft ganze Stunden, während welcher Prosper bloß mit gen Himmel gerichteten Augen seufzte und Roger, seinen Schnurrbart streichelnd, fluchte. Um die beiden Freunde zu erheitern, suchte Pauline eine Unterredung anzuknüpfen; als sie auf den General zu sprechen kam, sagte Roger: »Der hat sich, gleich mir, pensioniren lassen, er pflanzt jetzt seinen Kohl mit seiner Frau, und verbeißt seinen Grimm, wie ich.« »Und Maximus?« fragte Prosper; »er hat mich aufgehoben und auf seinen Schultern hergetragen, als ich verwundet war ... seitdem ist er nicht wiedergekommen.« »Er hat von Deinem Chirurgen erfahren, daß Du außer Gefahr seiest ... weiter wollte er nicht wissen; er ist nicht mehr in Paris ... ich glaube, er ist Unterlehrer in einer Dorfschule.« »Und was mag aus dem armen Picotin inmitten dieser Ereignisse geworden sein?« »Picotin! o! tausend Granaten! der hat sich nicht geschlagen! mit dem hat es keine Gefahr. Ich weiß nicht, was er jetzt treibt, aber seiner Frau bin ich mehrmals auf der Straße begegnet. Sie hatte ein Meßbuch in der Hand ... und ich habe sie sogar in eine Kirche hineingehen sehen.« Nach diesem Gespräche ging Roger noch zwei- oder dreimal im Zimmer auf und ab, stieß noch einige Flüche aus, drückte die Hand seines Freundes, nickte Paulinen zum Abschiede und ging. Sobald Prosper im Stande war, auszugehen, machte er, auf Paulinens Arm gestützt, kleine Spaziergänge; dann wollte er sich auch alsbald wieder nach einer Beschäftigung, nach einem Amte umsehen, obgleich ihm sein Arzt völlige Ruhe anempfohlen hatte. Allein Pauline ärgerte sich hierüber und schalt ihn sogar deßhalb. »Soll ich denn die ganze Frucht meiner Mühen einbüßen?« sagte sie zu ihm. »Wollen Sie sich wieder anstrengen, um aufs Neue krank zu werden ... wollen Sie durchaus die Wiederkehr Ihrer Kräfte verhindern? Nein, nein, mein lieber Freund, Sie müssen mir gehorchen, Sie haben es mir versprochen, und ich dringe jetzt darauf. Ich verlange eine vollständige Ruhe ... besonders keine Quälereien und keine Besorgnisse ...« – Aber ... die Zukunft ... das Geld!« fiel Prosper ein. – »Das ist meine Sache ... ich führe die Kasse, und Sie haben mir versprochen, sich nicht weiter darein zu mischen.« Beinahe ein Jahr verfloß. Prospers Gesundheit war noch sehr schwankend; indessen hatte ihm Pauline, um ihn zufrieden zu stellen, gestattet, Abschreibgeschäfte anzunehmen; eine Arbeit, die ihn nicht zum Ausgehen nöthigte, und die er in ihrer Nähe besorgen konnte. Eines Tages arbeitete die Waise, wie gewöhnlich, neben Prosper, als der Oberst Roger rasch ins Zimmer trat und voll Freude auslief: »Triumph! meine Freunde ... er kehrt zurück ... er kommt ... wir werden ihn wiedersehen ... Ha! tausend Schwadronen! ich habe wohl gewußt, daß er nicht auf immer fortgegangen war.« – Wer kehrt zurück? wer kommt wieder? – »Ei! zum Kuckuk! der Kaiser! mein Kaiser! denn ich kenne nur ihn! ich liebe nur ihn! ... und werde mich noch einmal für ihn schlagen.« – Wäre es möglich! der Kaiser kommt zurück! ... Ist es keine falsche Nachricht? – »Nein! o! es ist die lautere Wahrheit! ... er ist in Cannes gelandet ... Grenoble hat ihm schon die Thore geöffnet ... und ich eile ihm entgegen ... um ihm meinen Degen und mein Blut anzubieten ... O Kinder! welch' schöner Tag! ... Wie Schade, Prosper, daß Du nicht im Stande bist, mit mir zu gehen! Doch lebt wohl, lebt wohl, ich halte es nicht mehr hier aus. Ich muß meinen Kaiser wiedersehen. Lebt wohl, liebe Freunde! ich gehe ...« Roger war wie närrisch; er küßte seinen Freund, er küßte Paulinen, und eilte davon, ohne nur ihre Abschiedswünsche anzuhören. Als sich der Oberst entfernt hatte, ging Pauline auf Prosper zu, betrachtete ihn mit zärtlicher Besorgniß und sagte zu ihm: »Diesmal werden Sie mich hoffentlich nicht verlassen, um in den Kampf zu ziehen ...« – Nein, meine theure Pauline, beruhigen Sie sich,« entgegnete Prosper lächelnd; »ich habe meine Pflicht gegen mein Vaterland erfüllt, und außerdem wäre mein Arm noch zu schwach. Wir wollen hoffen, daß die Tage des Mißgeschickes vorüber sind.« Einige Tage darauf war der Kaiser in Paris; einige Monate später änderte die Schlacht von Waterloo abermals die Geschicke Frankreichs. Prosper hatte durchaus keinen Antheil an den politischen Ereignissen genommen: seine Schwäche und Kraftlosigkeit hatte ihn bei Paulinen zurückgehalten. Warum sollten sie auch einander verlassen? er fühlte sich besser bei ihr, und ihr war nur wohl bei ihm. Roger besuchte sie noch zuweilen, aber selten. Seit den hundert Tagen war der arme Oberst mürrischer geworden als je; jetzt verliefen seine Besuche unter fortwährend derben Flüchen, wobei der Schnurrbart gehörig gedreht wurde. Aber eines Morgens öffnete Pauline ihre Thüre der Familie Poupardot, die sich um einen Knaben von neun Monaten vermehrt hatte. »Wie! ihr habt euer Pachtgut in Montereau verlassen?« fragte Prosper seinen Freund. – »Unser Pachtgut!« erwiderte Elisa in Thränen, »existirt schon lange nicht mehr ... als wir uns dorthin zurückziehen wollten, fanden wir nur noch die Trümmer davon. Man hat sich im Jahre 1814 dort in der Gegend geschlagen ... und es ist zusammengeschossen und zerstört worden.« »Ach! mein Gott, ja,« sagte Poupardot, »es steht keine Mauer mehr davon; als ich dieses sah, wollte ich mit dem Erlös aus dem Grundstück einen kleinen Handel anfangen, ich kaufte Pferde zusammen ... und hatte bereits eine hübsche Anzahl, als man sie während der hundert Tage zur Armee requirirte ... Alle meine zum Verkauf bestimmten Pferde gingen in den letzten Schlachten drauf, und ich werde schwerlich einen Ersatz dafür bekommen! Doch, davon abgesehen, geht es gut ... ganz gut ... Wir haben unsern Alten von Gent wieder, ich hoffe, daß es jetzt ein Ende hat und man wieder in Ruhe leben wird.« »Es ist Zeit, daß es jetzt ein Ende nimmt,« versetzte Elisa, »bei jeder Revolution haben wir Etwas verloren! ... Früher waren wir reich ... und nun bleibt uns kaum genug, unsere Kinder aufzuziehen!« »Das ist gleich,« entgegnete Poupardot, »haben wir nicht dafür jedesmal einen gesunden Jungen gewonnen, das ist hinlänglicher Ersatz ... dieser heißt Louis, unserem guten Könige zu Ehren ... Nun, mein kleiner Louis, lache doch mit Deinem Papa ... Er will nicht ... drum zahnt er.« Die Familie Poupardot entfernte sich wieder, um eine Wohnung in Paris zu suchen, wo sie sich ansiedeln wollte, und Prosper rief, während er seinem Freunde nachblickte, aus: »Welch' ein glücklicher Charakter! er ist beinahe zu Grunde gerichtet und dabei stets zufrieden! ... Jede Revolution erhält seinen Beifall! ... und doch gäbe es nie eine, wenn alle Menschen ihm glichen! Zweiundzwanzigstes Kapitel. Eine vornehme Dame. Es war gegen das Ende des Jahres 1815, Pauline und Prosper wohnten nicht mehr in ihrem Logis in der Karlsstraße; sie hatten ein noch kleineres und wohlfeileres gemiethet; überdies war Pauline genöthigt gewesen, zur Pflege Prospers eine große Bresche in ihre zwanzigtausend Franken zu machen, auch ihre Dienstmagd zu entlassen, was sie ihm jedoch nicht eingestanden hatte. Aber trotz dieser durch die Lage gebotenen Einschränkungen war sie nicht weniger heiter, und schien nicht weniger glücklich. Nicht so war es mit Prosper; seine Gesundheit war zwar beinahe vollkommen wieder hergestellt, aber er hatte keine Anstellung mehr gefunden, und was er mit seinen Abschriften verdiente, erleichterte ihre Umstände nur unbedeutend, daher fühlte er im Innern seiner Seele eine tiefe Betrübniß. Eines Nachmittags war Prosper eben ausgegangen, als eine prächtige Chaise vor seinem Hause anhielt. Eine Dame stieg heraus; sie war wunderschön gekleidet, und ihr Aeußeres edel und vornehm; ein bordirter Lakai hatte mit dem Portier gesprochen, kehrte wieder zu der Dame zurück und sprach: »In diesem Hause im fünften Stockwerk wohnt wirklich Herr Prosper Bressange. Er ist eben ausgegangen, aber seine Mündel, Fräulein Pauline, ist zu Hause.« Die Dame besann sich einen Augenblick, dann entschloß sie sich aber doch, die Treppe hinaufzugehen. Pauline war eben mit Sticken beschäftigt. Ohne es ihrem Freunde mitzutheilen, arbeitete sie für eine Leinwandhändlerin, und sehr oft in der Nacht, wenn Prosper glaubte, daß sie der Ruhe pflege, saß sie an der Arbeit, die sie erst bei Anbruch des Tages aufgab. Als Pauline die Thüre öffnete, blieb sie starr vor Erstaunen beim Anblick einer großen, schönen, sehr elegant gekleideten Dame von einigen dreißig Jahren, deren ganzes Wesen eine Person von Rang ankündigte. »Wohnt hier Herr Prosper Bressange?« fragte die Dame näher tretend. – »Ja, aber er ist ausgegangen!« entgegnete Pauline. »Ich glaube übrigens nicht, daß er lange ausbleiben wird, und wenn Sie hereinkommen und ein wenig warten wollten? ...« Statt aller Antwort trat die Dame in das kleine Zimmer, wo Pauline arbeitete; diese bot ihr einen Stuhl an und sagte: »Wollen Sie die Güte haben und Platz nehmen, Madame; wenn man so hoch heraufsteigt, muß man müde werden ... besonders wenn man nicht daran gewöhnt ist.« – Ich bin daran gewöhnt, Fräulein, denn ich habe lange Zeit fast eben so hoch gewohnt.« Mit diesen Worten hatte sich die Dame niedergesetzt, und sah sich dann im Zimmer um; ein Ausdruck der Schwermuth malte sich in ihrem Antlitze, und ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. In Paulinen, deren Neugierde mehr und mehr erregt wurde, stiegen schon tausend verdächtige Gedanken auf, und sie fühlte in Gegenwart dieses Frauenzimmers, welches sie zum ersten Male sah, eine außerordentliche Bewegung. »Erlauben Sie, Madame, daß ich an meiner Arbeit fortfahre?« sagte Pauline, »sie hat Eile ... und ich habe versprochen ...« »Machen Sie fort, Fräulein; es würde mir unendlich leid thun, Sie in irgend etwas zu stören ... Es ist noch nicht lange her, daß ich auch stickte ... und oft ganze Nächte durchwachte ... um, ich erröthe nicht, es jetzt zu sagen, meinen Unterhalt zu verdienen, denn das Wenige, was ich besaß, hätte nicht dazu hingereicht.« Jedes Wort dieser Dame vermehrte Paulinens Verdacht; da sie ihre Empfindung nicht mehr bemeistern konnte, so stotterte sie: »Mein Gott! Madame ... Ihre Worte bringen mich auf die Vermuthung, in Ihnen eine Person zu sehen, von welcher mein Beschützer oft mit mir gesprochen hat ... und wenn ich so frei sein dürfte, Sie um Ihren Namen zu bitten ...« »Camilla von Trevilliers, Marquise von Clairville.« Pauline wurde todtenblaß, ihre Brust zog sich zusammen, eine ungeheure Last drückte auf ihr Herz; indessen strengte sie sich an, ihre Aufregung zu verbergen, und sie erwiderte: »Ach! ja ... gnädige Frau ... ja ... es ist so ... ich erinnere mich Ihres Namens. Aber es fällt mir jetzt ein, gnädige Frau, daß es Ihnen zu lange dauern könnte, Herrn Prosper zu erwarten ... er wird erst spät nach Hause kommen.« – Wenn Sie erlauben, Fräulein, so will ich einen Augenblick bei Ihnen bleiben und mich mit Ihnen unterhalten.« Pauline wußte hierauf nichts zu erwidern, sie machte nur eine Verbeugung mit dem Kopfe und schwieg; aber an dem heftigen Wogen ihres Busens konnte man leicht bemerken, daß sie höchst aufgeregt war. »Da Sie Herrn Prosper von mir haben sprechen hören,« fuhr Camilla fort, »so müssen Sie auch wissen, daß ich große Unglücksfälle erlitten habe und er mir wichtige Dienste geleistet hat,« »Er hat nur von Ihrem Unglück mit mir gesprochen, gnädige Frau, aber nie von seinen Diensten.« »Wohlan, Fräulein, es gereicht mir zum Vergnügen, öffentlich auszusprechen, daß ich ihm viel verdanke, sein Betragen war gegen mich äußerst zartsinnig, denn er wollte es mich nicht einmal wissen lassen, daß er mir Gutes that. Er glaubte vielleicht, die Erkenntlichkeit sei eine zu schwere Last für mein Herz. Ach! ich gestehe es, ich habe seine schöne Seele lange mißkannt ... Ich war sehr undankbar für Alles, was er für mich gethan. Glücklicherweise ist es nie zu spät, sein Unrecht wieder gut zu machen.« Pauline hörte aufmerksam zu; sie konnte nicht mehr arbeiten, ihre Hand zitterte, sie stach sich in die Finger, statt in ihre Stickerei. Endlich sagte sie zögernd: »Es scheint, gnädige Frau, daß Ihre Lage sich günstig gestaltet, und Ihr Unglück ein Ende genommen hat.« »Ja, Fräulein, meine Prüfungszeit ist jetzt vorüber. Unsere legitimen Prinzen sind zurückgekehrt; mit ihnen habe ich mein Vermögen wieder erlangt; ich bin wieder in den Besitz all' der Güter meines Vaters eingetreten, die nicht verkauft worden waren. Ich bin jetzt reich und kann nun meine Erkenntlichkeit für das beweisen, was man für mich gethan hat.« Pauline entgegnete nichts; sie stach sich fortwährend in die Finger, indem sie sich anstellte, als ob sie arbeite. Camilla schwieg eine Weile, ließ ihre Blicke noch einmal herumschweifen, und fuhr dann fort: »Entschuldigen Sie meine Fragen, Fräulein, Sie können sich wohl vorstellen, daß mich nicht bloße Neugierde dazu veranlaßt. Als ich Herrn Bressange bei dem General Bloumann traf, und er mich besuchte, ließ mich damals Alles vermuthen, daß er reich sei, und jetzt, verzeihen Sie mir ... scheint ganz das Gegentheil der Fall zu sein.« »Gnädige Frau, mein Beschützer hat in der That große Verluste erlitten, aber trotz dem fehlt es uns an nichts ... und wir sind sehr glücklich.« Pauline hatte die Worte »wir sind« mit einem gewissen Nachdrucke ausgesprochen, der Camilla's Ohr nicht entging. Die Marquise betrachtete die Waise genau; zum erstenmale schien sie dieselbe mit großer Aufmerksamkeit zu prüfen; Pauline fühlte das Blut in ihre Wangen steigen; sie war verlegen, beinahe unwillig, denn dieses Examen der vornehmen Dame dauerte sehr lange. Endlich nahm es ein Ende, und Camilla sagte zu ihr: »Sie, Fräulein, sind vielleicht das Frauenzimmer, für welches Herr Bressange Sorge trägt ... eine Waise ... deren Eltern während der Revolution starben ... Man hat mir diese Sache erzählt ...« »Ja, gnädige Frau,« erwiderte Pauline, sich ermuthigend; »ich verdanke Herrn Prosper Alles ... Er rettete meine Mutter vom Schaffote, er beschützte meine Kindheit ... und seit seiner Rückkehr nach Frankreich hat er sich unausgesetzt mit meinem Glücke beschäftigt ... Ach! ich wäre höchst undankbar, wenn ich ihn nicht liebte ... Allein ich bin es nicht, denn mein Blut ... mein Leben ... Alles gäbe ich für ihn hin.« »Das gereicht Ihnen sehr zum Lobe, Fräulein, und was Herrn Bressange betrifft, so setzen mich edle Handlungen von ihm nicht mehr in Erstaunen.« Mit diesen Worten stand Camilla auf, und Pauline beeilte sich, ein Gleiches zu thun. »Mein Fräulein,« fuhr die Marquise fort, »wollen Sie wohl die Güte haben und Herrn Prosper sagen, daß ich morgen gegen zwei Uhr wiederkommen werde, und daß ich hoffe, er werde mich bis dahin erwarten, da ich ihn durchaus sprechen müsse. Wollen Sie so gefällig sein?« – »Ich werde es ihm sagen, gnädige Frau.« – »Ich empfehle mich Ihnen, Fräulein.« Camilla verabschiedete sich auf sehr ceremoniöse Weise von Paulinen, diese befolgte ein Gleiches und die Marquise stieg die fünf Treppen wieder hinab. Als Prosper nach Hause kam, war er ganz erstaunt. Paulinen blaß, aufgeregt und in Thränen zu finden: er eilte auf sie zu und rief aus: »Was ist denn während meiner Abwesenheit geschehen? Was haben Sie, meine theure Freundin? Welches Unglück sollten wir noch zu befürchten haben?« Pauline zwang sich, mitten unter den Thränen zu lächeln, indem sie erwiderte: »Mein Gott! es ist nichts geschehen, kein Unglück vorgefallen, es wird im Gegentheil ohne Zweifel ein Glück für Sie sein.« – Es muß aber doch etwas vorgekommen sein. Erklären Sie sich, ich bitte Sie. – »Ein Besuch kam zu Ihnen; eine Dame wollte Sie sprechen.« – Eine Dame? – »Ja, eine Dame, die Sie sehr gut kennen.« – Hat sie Ihnen nicht ihren Namen hinterlassen? – »Doch; es war ... die Marquise von Clairville.« – Camilla!« Pauline bedeckte das Gesicht mit einem Tuche und flüsterte: »Ach! sie wird also für Sie immer die Camilla bleiben!« – Nun, meine liebe Pauline, weßhalb konnte Sie dieser Besuch betrüben? – »Ach! ich habe freilich höchst Unrecht. Ich weiß nicht, warum ich weine.« – Was kann aber die Marquise von mir wollen? – »Das weiß ich nicht, sie wird es Ihnen aber selbst sagen, denn sie kommt morgen wieder; sie muß durchaus mit Ihnen sprechen, und bittet Sie, sie zu erwarten.« – Sie will mich sprechen! das ist sonderbar. – »Es scheint, sie hat nun Alles erfahren, was Sie für sie gethan haben.« – Wer konnte es ihr wohl gesagt haben? – »Das weiß ich nicht; aber sie scheint sehr erkenntlich dafür. Es ist einmal Zeit dazu! Und da sie jetzt Diamanten, Lakaien, eine Equipage hat, so wird sie Ihnen ohne Zweifel den Vorschlag machen, zu ihr zu gehen, und Sie werden ihr folgen; denn Sie haben diese Frau allzusehr geliebt! ... Aber verzeihen Sie mir, mein Freund, ich weiß nicht, was ich spreche, ich bin außer mir! ... Seien Sie glücklich, das ist Alles, was ich wünsche und vom Himmel erflehe! ...« Pauline barg von Neuem ihr Angesicht in den Händen, denn sie weinte bitterlich. Es war keine schwere Aufgabe, den Grund ihres Schmerzes zu begreifen. Indessen wagte Prosper es nicht, der Vermuthung Raum zu geben, die Waise hege ein anderes Gefühl für ihn als Freundschaft, weil ein Altersunterschied von siebzehn Jahren zwischen ihnen bestand. Er fürchtete, sich einer allzusüßen Hoffnung zu überlassen und entgegnete nur: »Es freut mich für Frau von Clairville, daß sie jetzt reich ist und eine Equipage hat; aber ich begreife nicht, wie Sie glauben können, daß das einen Einfluß auf meine Gefühle ausüben werde. Als ich sie liebte, war von alle dem nichts vorhanden.« Pauline trocknete sich die Augen und gab sich Mühe, ruhig zu scheinen, indem sie antwortete: »Verzeihen Sie mir, mein Freund, ich weiß nicht, was ich spreche; ich weiß gar nicht, wie mir ist! es wird übrigens ... bald vorübergehen.« Gegen Abend zeigte sich die Waise gefaßt; sie versuchte es sogar, heiter zu scheinen; allein es gelang ihr nicht. Prosper sprach wenig, denn er war sehr mit dem Besuche beschäftigt, den er am folgenden Tage erhalten sollte, und sein Geist gab sich tausend Muthmaßungen hin. Am folgenden Morgen war Pauline blaß und schien leidend, allein sie suchte die Aufregung ihres Gemüthes zu verbergen. Sie sprach nicht mehr von Camilla; erst als der Wagen der Marquise vor dem Hause hielt, sagte sie mit bebender Stimme zu Prosper: »Ich ziehe mich zurück und lasse Sie allein, mein Freund; es würde sich nicht schicken, daß ich hörte, was die Frau von Clairville mit Ihnen zu sprechen hat ... Meine Anwesenheit hier werde sie auch ohne Zweifel geniren ... Ich werde, bis sich die Marquise wieder entfernt hat, in meinem Zimmer bleiben.« Prosper antwortete Paulinen nur mit einem Blick, der mehr als Worte ausdrückte; die Waise schien ihn zu verstehen, sie lächelte ihm zärtlich zu und entschloß sich endlich, in ihr Zimmer zu gehen. Die Marquise ließ sich nicht lange erwarten; die Glocke läutete und diesmal öffnete ihr Prosper die Thüre. Als sich diese beiden Personen wiedersahen, empfänden sie anfänglich eine gleich große Verlegenheit. Prosper barg die seinige unter einer außerordentlichen Höflichkeit; er bat die Marquise einzutreten, bot ihr einen Stuhl an, setzte sich in einiger Entfernung von ihr nieder und begann: »Ich habe gehört, Frau Marquise, daß Sie sich hierher bemüht haben. Ich weiß nicht, welchem Umstand ich die Ehre, die Sie mir erzeigen, zuschreiben soll; allein Sie dürfen überzeugt sein, daß Sie mir damit ein großes Vergnügen machen.« Prospers steifer Ton schien Camilla nicht zu gefallen; sie heftete ihre Blicke auf ihn, gleich als ob sie wünschte, den seinigen zu begegnen und andere Gefühle darin zu lesen; aber Prosper schlug die Augen ehrfurchtsvoll zu Boden. »Herr Prosper,« entgegnete Camilla, »ich habe Sie zu sehen und zu sprechen gewünscht ... denn ich habe viel Unrecht an Ihnen begangen! und jetzt ist mein heißester Wunsch, es wieder gutzumachen.« – Unrecht? ... Frau Marquise, ich verstehe Sie nicht. – »Ich will mich deutlicher erklären ... aber vor allen Dingen wünschte ich ... daß Sie diesen eiskalten Ton aufgäben, der mich erstarren macht ... Ich möchte für Sie nicht mehr die Marquise von Clairville, sondern, wie ehemals, Camilla sein.« Prosper betrachtete die Marquise mit höchstem Erstaunen, indem er erwiderte: »Gnädige Frau ... diesen ceremoniösen Ton habe ich immer bei Ihnen gefunden, wenn ich liebeglühend einen Theil der Empfindungen meines Herzens in das Ihrige ausschütten wollte. Damals allerdings hätte ich gewünscht, von Ihnen liebevoller behandelt zu werden; aber heute denke ich, sei es nicht mehr notwendig.« – Aber heute, mein Herr, wiederhole ich Ihnen, daß ich mein Unrecht einsehe, daß ich endlich anerkenne, wie lange ich Sie falsch beurtheilt habe ... O! gewiß; denn ich hatte keinen Begriff von dem Zartgefühl Ihres Herzens. Ich glaubte, daß Sie, nachdem Sie mittelst eines Verraths einen Triumph über mich gefeiert hatten ... Sie mich dadurch zwingen wollten, später Ihre Gattin zu werden ... und dieser Gedanke hatte mein Herz verletzt. Ich habe mich geirrt, ich sehe es jetzt wohl ein. Alle die Opfer, welche Sie mir gebracht haben, beweisen mir, daß Ihre Liebe aufrichtig war, doch erst seit Kurzem bin ich davon unterrichtet worden. Mein Vater hatte mir Ihr edles Betragen in Beziehung auf das Gut, dessen Eigenthümer Sie geworden waren, und welches Sie ihm während Ihres Aufenthaltes in England zurückgaben, verschwiegen. Erst letzthin, als ich mich, in den Besitz meiner Güter wieder eingesetzt, damit beschäftigte, die hinterlassenen Papiere des Grafen von Trevilliers zu durchsuchen, fand ich einige Worte von seiner Hand, worin er Ihrer schönen Handlungsweise Erwähnung that. Da erst begriff ich, daß Derjenige, welcher dieses gethan, derselbe sein müsse, der mir vor einigen Jahren, wo ich, um mein Unglück zu verbergen; genöthigt war, für Andere zu arbeiten, zwanzigtausend Franken zugeschickt hatte. Ich fragte nun meine Magd aus, suchte den Commissionär auf, der mir Brief und Geld überbracht hatte, und erfuhr endlich die ganze Wahrheit.« – Wohlan! gnädige Frau, wenn ich so glücklich war, Ihnen oder Ihrem Herrn Vater einige Dienste leisten zu können, so war das ein eben so großes Vergnügen, das ich mir selbst verschaffte ... und ich kann somit nicht auf so viel Anerkennung von Ihrer Seite Anspruch machen.« Camilla war lebhaft gerührt; sie blickte lange auf Prosper, der beharrlich die Augen von. ihr abwendete, und entgegnete endlich: »Sie grollen mir immer noch ... o! ich sehe es wohl ... jetzt muß also ich Ihnen entgegenkommen ... Wohlan denn! Herr ... Prosper ... diese Hand, die Sie so oft von mir begehrt haben ... ich biete sie Ihnen heute mit meinem Herzen an ... Das Schicksal hat mir meinen Reichthum zurückgegeben ... und ich werde mich glücklich schätzen, denselben mit Ihnen zu theilen.« Prosper war ganz erstaunt über dieses Anerbieten, welches er entfernt nicht erwartet hatte: einen Moment richtete er seine Augen zu Camilla empor, schlug sie aber eben so schnell wieder zu Boden und schwieg. Die Marquise, welche sich wunderte, ihn kalt bleiben zu sehen, während sie gehofft hatte, durch ihre Worte das lebhafteste Entzücken zu erregen, wurde ernst und ängstlich; eine hohe Röthe trat auf ihr Antlitz, als sie stammelte: »Wie, mein Herr, Sie antworten mir nicht? ...« »Frau Marquise,« sagte Prosper endlich, »der Antrag Ihrer Hand ist ohne Zweifel eine große Ehre; früher hätte er meine höchsten Wünsche erfüllt; aber jetzt befürchte ich, nicht mehr Ihr Glück machen, nicht mehr die Theilnahme, die Sie mir erzeigen, genügend erwidern zu können. Erlauben Sie mir deßhalb, diesen Beweis Ihrer Güte auszuschlagen ... wofür ich jedoch mein Leben lang dankbar sein werbe.« Camilla stand auf; ihre Lippen waren blaß, ihr Herz pochte stürmisch, es malte sich mehr als Verdruß in ihren Zügen, denn sie hatte auch Thränen in den Augen; indessen zwang sie sich doch, ruhig zu scheinen, indem sie sprach: »Sie schlagen mich aus, mein Herr, ich hätte mir das zum Voraus denken sollen ... den Grund Ihrer Weigerung ... o! den kenne ich ... ich habe ihn gestern hier in diesem Zimmer gesehen ... Da es einmal so ist ... entferne ich mich; aber zuvor werden Sie mir erlauben, mein Herr, Ihnen die zwanzigtausend Franken zurückzugeben ... die Sie mir vor vier Jahren zugeschickt haben; damit bezahle ich nur eine Schuld heim und Sie haben kein Recht, sie auszuschlagen.« Mit diesen Worten legte Camilla eine Brieftasche auf einen Tisch. Prosper verneigte sich schweigend; hierauf machte ihm die Marquise eine tiefe Verbeugung und flüsterte: »Leben Sie wohl, mein Herr ... Sie vergönnen der Frau von Clairville doch, Sie stets als ihren Freund zu betrachten?« »Diesen Namen, gnädige Frau, werde ich mir stets zu erhalten suchen.« Camilla warf noch einen Blick auf Prosper, dann verließ sie ihn rasch. Prosper begleitete die Marquise bis zur Thüre; und als er wieder ins Zimmer eintrat, stürzte Pauline außer sich in seine Arme und stammelte: »Ausgeschlagen! ... Sie haben sie ausgeschlagen! ...« Und außer Stand, das Uebermaß ihres Entzückens zu ertragen, verlor sie die Besinnung in den Armen des Mannes, dem sie mit diesen wenigen Worten ihre Liebe so deutlich zu erkennen gegeben hatte. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die dritte Hose. Das Glück war wieder in Prospers Wohnung eingekehrt; Pauline und Prosper verstanden sich gegenseitig, ohne daß sie noch einander ihre Gefühle gestanden hätten. Die von der Marquise zurückerhaltene Summe mußte alle Besorgnisse für die Zukunft heben; indessen schien Prosper unaufhörlich von Etwas eingenommen zu sein; er war zerstreut, träumerisch. Pauline bemerkte es und sagte zu ihm: »Lieber Freund, seit den vierzehn Tagen, wo Frau von Clairville da war, bin ich ganz glücklich und ganz zufrieden! aber Sie beschäftigt etwas und ich will den Grund davon kennen; thut es Ihnen vielleicht leid, daß Sie die Hand dieser Dame ausgeschlagen haben?« Prosper blickte Paulinen zärtlich an und entgegnete ihr: »Ach! das ist Ihr Ernst nicht!« »Aber an was denken Sie denn seit vierzehn Tagen ohne Unterlaß?« »Ich wollte es Ihnen verheimlichen, um Ihnen im Falle des Gelingens eine angenehme Ueberraschung zu bereiten, aber ich fühle es wohl, daß es mir von nun an schwer werden wird, einen Gedanken zu haben, den ich Ihnen nicht mittheilen darf. Hören Sie mich an, Frau von Clairville ist wieder in den Besitz all der Güter eingetreten, welche ihr Vater, der Graf von Trevilliers, als Emigrant verloren hatte. Ihr Vater, meine theure Pauline, war auch reich. So hatte er Geld bei einem Bankier in Antwerpen stehen. Ohne Sie davon zu unterrichten, habe ich eine Forderung an diesen Mann ergehen lassen, aber er ist ein Schurke, der seine Verpflichtung abläugnet. Die Schuldscheine sind verloren gegangen, man darf also nicht mehr an dieses Geld denken; aber Herr Derbrouck hatte wenige Monate vor seiner Verhaftung ein herrliches Landgut in der Touraine gekauft ... Warum sollen Sie, wenn dieses Besitzthum nicht als Nationalgut verkauft wurde, jetzt, wo die Regierung der Bourbons den Opfern der Revolution das Verlorene zurückerstattet, nicht auch wieder in den Besitz des Gutes eingesetzt werden, welches Ihrem Vater angehörte?« »Ach, mein Freund, warum wollen Sie sich wegen eines Bißchens Vermögen quälen! Sind wir jetzt nicht glücklich? wir haben genug und kein Elend mehr zu fürchten. Ich versichere Sie, daß ich mir gar nicht mehr wünsche.« »Aber ich, meine theure Pauline! muß als Ihr Beschützer, als der von Ihrer sterbenden Mutter für Sie ernannte Pflegevater, alle meine Bemühungen anstrengen, um Sie in den Besitz eines Gutes zu setzen, das Ihnen gehört. Wenn es mir nicht gelingt, so habe ich doch meine Pflicht gethan, und man kann mir nicht den Vorwurf machen, etwas vernachlässigt zu haben, was Ihr Interesse berührt.« – Aber wie hoffen Sie in der Sache zum Zwecke zu gelangen? Dazu gehören Protektionen, die Verwendung einflußreicher Personen. Wenn Sie zu diesem Ende zu Frau von Clairville gehen müssen, so erkläre ich Ihnen, daß ich lieber auf die Güter meines Vaters verzichte.« »Frau von Clairville würde nicht anstehen, Ihnen nützlich zu sein, wenn sie es im Stande wäre, aber nicht an sie will ich mich wenden. Roger, mit welchem ich über diese Angelegenheit gesprochen habe, und der, trotz seiner üblen Stimmung gegen die neue Regierung, denen, die sich lobenswerth betragen, Gerechtigkeit widerfahren läßt, hat mir, während er dabei wie ein Bootsknecht fluchte, gesagt: Geh' zu der alten Herzogin von Delmas, sie gilt sehr viel bei Hofe, und hat mehrere getreue Diener des Kaisers protegirt, die ihr früher Dienste geleistet hatten. Bei dieser Frau sitzt das Gedächtniß im Herzen und das ist sein rechter Platz. Hierauf hat mir der Oberst die Adresse der Herzogin gegeben und ich bin entschlossen, ihr meine Aufwartung zu machen.« »Wie! ohne Empfehlungsschreiben?« »Bei Leuten, die gerne Gutes thun, braucht man sie nicht, und bei solchen, die keine Lust dazu haben, helfen sie nichts.« Pauline gab sich keine weitere Mühe, Prosper von seinem Vorhaben abzubringen, obgleich sie sich durchaus keinen Erfolg davon versprach. Am folgenden Morgen begab er sich, nachdem er sich passend gekleidet und mit allen Papieren versehen hatte, welche die Ansprüche des Fräuleins Derbrouck außer allen Zweifel setzten, in die Straße Saint-Dominique, im Faubourg Saint-Germain, zu der Herzogin von Delmas. Prosper trat in den Hof eines alten Hôtels, welches stolz schien, so vielen Revolutionen getrotzt zu haben; ein Thürsteher hielt ihn an, indem er ihn in einem Kauderwälsch, welches fremd klingen sollte, übrigens bloß lächerlich war, fragte: » Wo wolle Sie hin ... potz Sapperment ?« Prosper betrachtete den vorgeblichen Schweizer, der eine ungeheure schwarze Perrücke und einen dicken Schnurrbart hatte, der ihm die Hälfte des Gesichtes bedeckte; die falschen Augen dieses Menschen machten einen widerlichen Eindruck auf ihn, und er antwortete schnell: »Ich wünsche mit der Frau Herzogin von Delmas zu sprechen.« » Die Frau Herzogin lasse noch nicht vor Jemand ...also Adieu !« – Ein sehr einladender Empfang!« sprach Prosper zu sich, und wollte wieder fortgehen, da fiel es ihm ein, dem Portier seine Karte zu geben, indem er sagte: »Wollen Sie so gut sein und der Frau Herzogin sagen, daß die Person, deren Namen hier auf der Karte steht, sie bitten lasse, ihr gnädigst einen Augenblick Gehör zu schenken.« Nachdem der Portier einen Blick auf die Karte geworfen hatte, machte er eine krampfhafte Bewegung und wendete rasch das Gesicht ab; Prosper entfernte sich mit den Worten: »Ich werde in zwei Stunden wiederkommen.« Da Prosper nicht wußte, wie er die Zeit bis dorthin zubringen sollte, und nicht in sein Logis zurückkehren wollte, von dem er sehr entfernt war, so ging er im Garten des Luxemburg spazieren; er war schon einige Zeit darin, als er eine ungeheuer dickleibige, ziemlich einfach gekleidete Frau auf sich zukommen sah, die sich einen ehrbaren Anstrich zu geben schien, ein Meßbuch in der Hand und am Arme einen Korb trug, aus dem mehrere kleine Brode heraussahen. Trotz des ungeheuren grünen Hutes, der den Kopf dieser Dame bedeckte, warf sie einen verstohlenen Blick auf Prosper, hielt an, lief dann auf ihn zu und rief aus: »Ich täusche mich nicht! es ist mein lieber Freund Prosper! ...« – Ei! mein Gott! Sie sind es, Madame Picotin? ... Ach! wie dick sind Sie geworden! – »Daran ist der Kummer Schuld, lieber Freund! ich habe gar so viel Leid erlebt! ... Alle diese Revolutionen ... die liegen schwer auf Einem ... man wird dick, weil man gar nicht weiß, was man sonst anfangen soll.« – Und was ist aus Ihrem Manne geworden? – »Ach! sprechen Sie mir nicht von dem! ... pfui! was ist das für ein Lump! ... er hat mein ganzes Vermögen aufgefressen, und nicht das Mindeste dafür gethan ... ich habe ihn zum Teufel gejagt!« – Und was treibt er jetzt? – »Er handelt mit Hasenbälgen, der erbärmliche Kürschner! der nicht einmal den kleinsten Pelz ausklopfen konnte und doch mein ganzes Vermögen in Rauchwerk aufgehen ließ! ... Gott sei Dank, daß ich ihn los bin! ... er wurde zuletzt so gottlos, daß es mich empörte!« – Und Ihre Freunde, die Kürassiere ... die Dragoner ... die Pompiers ... – »Still! ... still! um Gotteswillen! was fällt Ihnen da ein ... Glauben Sie, daß ich noch an diese Herren denke? Sie wissen wohl, daß man zur Zeit des Usurpators genöthigt war, gut mit dem Militär zu stehen.« – Ah! Sie standen nicht bloß gut mit ihm ... und jetzt nennen Sie Napoleon einen Usurpator! ... – »Mein Gott! ich spreche nie über Politik ... Ich denke nur noch an mein Seelenheil ... Ah! ich sehe dort den Kirchenvorsteher meines Viertels, der mich zur barmherzigen Schwester vorschlagen wird ... Auf Wiedersehen, mein lieber Prosper; verzeihen Sie, daß ich Sie verlasse, aber ich muß meinen Kirchenvorsteher einholen.« Damit watschelte Euphrasia, so schnell es ihr dicker Körper gestattete, davon. Prosper schaute ihr nach, indem er ausrief: »So geht es! ... Unter der Republik wollte sie die Göttin der Freiheit machen; unter dem Kaiserreich kleidete sie sich als Amazone und versäumte keine Revue; jetzt will sie barmherzige Schwester werden ... Mein alter Pathe Brillancourt hatte Recht: es gibt Leute, für welche das Leben nur eine lange Komödie ist!« Dann kehrte Prosper wieder in den Palast der Herzogin zurück: der Schweizer trat ihm abermals in den Weg und sagte mit gebücktem Kopfe, als ob er das Gesicht verbergen wollte, in noch rauherem Tone zu ihm: »Die Frau Herzogin wolle Ihre Besuch nicht!« – Sie will meinen Besuch nicht?« entgegnete Prosper; »diese Antwort setzt mich in Erstaunen ... ich kann es nicht glauben ... – »Vorwärts! marschire Sie augenblicks naus ... es ist mir verbote, Sie reinzulasse!« Die Grobheit des Thürstehers bewog Prosper beinahe, ihn zu züchtigen, allein er that sich Gewalt an und entfernte sich, indem er bei sich dachte: »Wenn ich diesen Menschen durchprügle, werde ich dadurch Paulinens Interesse nicht fördern.« Prosper kehrte traurig nach Hause zurück, und theilte der Waise den geringen Erfolg seiner Schritte mit; diese sagte, weit entfernt, sich hierüber zu betrüben, lachend zu ihm: »Ich hatte es wohl vorausgesehen! aber Sie wollten mir nicht glauben. Lassen Sie ab, mein Freund, von dem Gedanken mich zu bereichern; ich wiederhole Ihnen, ich suche mein Glück nicht in etwas mehr oder weniger Reichthum.« Prosper antwortete nichts, er schien auf das Vorhaben zu verzichten. Aber als er am andern Morgen die schwarzen Beinkleider, die er Tags zuvor getragen hatte, wieder in die Commode legte, so fielen seine Blicke auf einen Gegenstand, den er lange nicht betrachtet hatte. Es war die weißatlaßne Hose, die ihm sein Pathe hinterlassen hatte, der ganze noch vorhandene Rest seiner Erbschaft. Prosper nahm die Hose heraus, besah sie, dann schlüpfte er mit einemmale, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, in sie hinein, zog weißseidene Strümpfe, eine Piquéweste und seinen schönsten Frack an, und in dieser Kleidung stellte er sich Paulinen vor, welche in ein schallendes Gelächter ausbrach und fragte: »Ach! mein Gott! lieber Freund! wo gehen Sie denn in diesem Kostüm ... in einer weißatlaßnen Hose hin?« – Zu der Herzogin von Delmas. – »Was fällt Ihnen ein? .. Gestern hat man Sie ja nicht vorgelassen.« – Heute will ich nochmals einen Versuch machen, zu ihr zu gelangen ... – »Aber diese Hose von weißem Atlaß ... Es ginge etwa an, wenn Sie auf einen Ball wollten, und selbst dann noch ...« – Aber, liebe Pauline, die Hosen meines Pathen haben mir noch immer Glück gebracht. Ich will es mit dieser versuchen, welches die letzte aus meiner Erbschaft ist. Halten Sie mich für abergläubisch, für närrisch, für was Sie wollen; aber ich will das Abenteuer versuchen. Nur muß ich Sie bitten, mir einen Wagen vor das Haus kommen zu lassen, denn in diesem Kostüm kann ich nicht zu Fuße gehen.« Pauline gab Prospers Wunsch nach; der Wagen fuhr vor, er stieg ein, und ließ sich vor den Palast der Herzogin fahren. Da Prosper den Hof durchschritt, ohne mit dem Portier zu sprechen, so trat der schreckliche Schweizer aus seiner Loge heraus, lief auf ihn zu, indem er ausrief: »Ah! so wolle Sie sich Eingang in die Palläste verschaffe ... Ich hab Ihne doch gestern gesagt, daß die Frau Herzogin Sie nicht vorlasse will, warum komme Sie denn wieder? Sie Sappermenter!« – Weil ich nicht glauben kann, daß die Frau Herzogin den Befehl gegeben hat, den Sie mir überbrachten, und weil ich durchaus mit ihr sprechen muß. – »Sie werde nicht mit ihr spreche, Sie dürfe einmal nit nein!« Damit hatte der Portier nach seinem großen Stock gegriffen, und bediente sich desselben, um Prosper den Weg zu versperren; dieser schien geneigt, sowohl den Stock als den Schweizer auf die Seite zu werfen. Indessen waren aber schon einige Bedienten, die den Lärm gehört hatten, herbeigeeilt, und wollten für ihren Kameraden Partie nehmen, als man ein Fenster im ersten Stock aufmachte, eine alte Dame heraussah und ausrief: »Mein Gott! was geht denn in meinem Hofe vor? Was bedeutet dieser Lärm, dieses Geschrei? ...« Prosper, der vermuthete, daß die Herzogin diese Worte gesprochen hatte, eilte unter das Fenster, machte einen tiefen Bückling und sagte: »Entschuldigen Sie mich gnädigst, Frau Herzogin, ich wollte Sie nur unterthänigst um einen Augenblick Gehör bitten. Gestern habe ich Ihrem Schweizer meine Karte gegeben, er hat mir aber gesagt, daß Sie mich nicht vorlassen wollten. Ich konnte dieser Antwort keinen Glauben beimessen, Frau Herzogin, da ich unter meinen Namen hingeschrieben hatte, daß ich Ihre Güte für einen Akt der Menschenfreundlichkeit in Anspruch nehmen wolle, und weiß, daß das bei Ihnen die beste Empfehlung ist.« Die alte Dame verneigte sich leicht gegen Prosper. Während er sprach, schien sie von seiner Toilette sonderbar bewegt, und als er geendigt hatte, wandte sie sich an den Schweizer und sagte zu ihm: »Was soll das heißen, Goulard? Sie haben mir gestern die Karte dieses Herrn nicht übergeben, und Sie erfrechen sich, Jemand ohne meinen Befehl den Eintritt zu versagen! ... Sie werden mir nachher Rechenschaft über Ihr Betragen geben ... Mein Herr, wollen Sie die Güte haben und heraufkommen!« »Goulard!« brummte Prosper, als er an dem Portier vorbeiging, »Goulard! ... Ach jetzt wundert es mich nicht mehr, daß man mich so schlecht aufnahm ... Elender! muß ich Dich überall treffen!« Goulard wagte keine Erwiderung mehr, er verbarg sich eilig in seiner Loge, und Prosper konnte endlich bis zu dem Gemache der Herzogin gelangen. Die Frau Herzogin von Delmas war eine Frau von etlichen sechzig Jahren; ihr Antlitz, welches sehr schön gewesen sein mußte, war noch liebenswürdig, freundlich und geistreich; sie hatte vom Adel nur das Lobenswerthe an sich: ausgezeichnete Manieren, eine außerordentliche Höflichkeit und etwas, was Vertrauen und Achtung einflößte ... Sie gab Prosper einen Wink, sich einen Stuhl zu nehmen, und bat ihn, ihr die Veranlassung seines Besuches auseinander zu setzen. Als sich Prosper so gut aufgenommen sah, fühlte er seine Hoffnung wieder aufleben; und ohne lange Umschweife, ohne hochtrabende Redensarten zur Ausschmückung seiner Erzählung, theilte er der Herzogin die Beweggründe seines Besuches und das traurige Ende von Paulinens Eltern mit. Als er den Namen Derbrouck aussprach, stieß die Herzogin einen Schrei aus, und unterbrach ihn mit den Worten: »Derbrouck! ein holländischer Bankier, der in Passy wohnte? ... Ach! ich habe ihn gekannt, mein Herr; er hat mir mehrmals Dienste geleistet, indem er mir Gelder an den Ort, wo ich verborgen war, zukommen ließ. Und für dessen Tochter verlangen Sie meine Verwendung? Ach! ich wäre sehr erfreut, wenn ich dem Kinde dieses Unglücklichen nützlich sein könnte. Hegen Sie von nun an keine Besorgnisse mehr, diese Sache werde ich zur meinigen machen, und wenn das Gut des armen Derbrouck nicht verkauft worden ist, so stehe ich Ihnen dafür, daß es in Kurzem seiner Tochter zurückgegeben werden wird.« Prosper überließ sich dem ganzen Erguß seiner Dankbarkeit, allein die gute Dame machte demselben ein Ende, indem sie zu ihm sagte: »Mein Herr, ich muß Ihnen jetzt etwas gestehen, was Ihnen vielleicht sonderbar erscheinen wird ... aber Sie werden mich hoffentlich entschuldigen ... Sie haben eine Hose von weißem Atlaß an, die mich auf der Stelle zu Ihren Gunsten eingenommen hat, und soll ich Ihnen sagen, weßhalb? ... Nun! mein Mann trug eine ganz ähnliche an unserm Hochzeitsball. Diese hier wurde bestimmt nicht für Sie gemacht?« – Nein, Frau Herzogin, ich habe sie von einem Pathen geerbt, dessen Nachlaß mir stets Glück gebracht hat; ich finde, daß dieses heute wieder der Fall ist. – »Sie können sich wohl vorstellen, daß mich nicht Ihre Kleidung allein bewogen hat, Sie zu empfangen. Indessen, als ich einen Mann in meinem Hofe sich mit meinem Schweizer herumzanken sah, so hätte ich vielleicht gezögert, Sie anzuhören, wenn mich nicht Ihr Anzug günstig für Sie gestimmt haben würde. Verzeihen Sie mir diese Schwachheit, aber ich bin alt und liebe Alles, was mich an meine Zeit erinnert; das hindert mich jedoch nicht, mich für das Glück der nach mir Gekommenen zu verwenden. – »Frau Herzogin, wenn man so wohlthätig und so gut ist wie Sie, so verdient man die Achtung und Liebe eines Jeden. Sie nöthigen selbst die Republikaner, den Adel zu schätzen.« – Ei! mein Gott! wenn man nur wollte, so könnte man sich gegenseitig recht gut verstehen. Nur das kann ich nicht begreifen, was meinen Portier veranlassen konnte, zu Ihnen zu sagen, ich wolle Sie nicht vorlassen. – »Frau Herzogin, Sie erinnern mich an einen Menschen, den ich in Ihrer Nähe vergessen hatte. Während ich Ihnen das Unglück der Familie Derbrouck erzählte, habe ich auch von einem elenden Kerl gesprochen, der, nachdem er den Bankier denuncirt hatte, auch Paulinens Mutter arretiren lassen wollte ...« – Ja, nun? – »Nun, Frau Herzogin, dieser Schuft hieß Goulard ... und ist jetzt Ihr Portier!« – Er! ein solches Ungeheuer in meinem Hause! O! mein Gott! das Bestreben, Gutes zu thun, bringt uns also auch in Gefahr, das Verbrechen zu unterstützen! ... Dieser Mensch hat sich bei mir für ein Opfer der Revolution ... für einen während der Schreckenszeit Gemißhandelten ausgegeben! ... und trotz seiner rohen Sprache habe ich ihn in meine Dienste genommen; aber er soll mein Haus nicht länger durch seine Gegenwart beschimpfen.« Die Herzogin läutete, ein Bedienter kam, zu diesem sagte sie: »Sagen Sie Goulard, daß ich ihm befehle, augenblicklich mein Haus zu verlassen.« Der Diener wollte sich entfernen; die alte Dame rief ihn zurück, übergab ihm eine Börse und fuhr fort: »Man muß übrigens die Strafbaren nicht ohne alle Mittel entlassen; dadurch würden sie zu neuen Vergehen gezwungen ... Hier, geben Sie ihm dieses, er soll aber unverzüglich mein Haus räumen. Und nun,« sagte sie, gegen Prosper gewendet, »will ich mich mit Ihrem interessanten Schützling beschäftigen. Ich habe Ihre Adresse; Sie sollen bald Nachrichten von mir erhalten ... Leben Sie wohl, mein Herr ...« Die alte Dame reichte Prosper die Hand, die er an seine Lippen führte, indem er ausrief: »Wie viel verdanke ich Ihnen, Frau Herzogin! wie gütig sind Sie ...« – Nein, mein Herr, nein ... Sie sind mir keinen Dank schuldig. Ich bin im Gegentheil Ihnen verbunden, weil ich es Ihnen verdanke, daß ich einen Menschen aus meinem Hause gejagt habe, der es entehrte, und einer armen Waise, wie ich hoffe, das Erbtheil ihres Vaters zurückgeben kann.« Prosper verbeugte sich von Neuem und empfahl sich der Herzogin. Während er durch den Hof ging, blickte er nach der Loge des Portiers; aber Goulard war schon fort. Prosper stieg wieder in den Wagen und kehrte zu Paulinen zurück. An der Freude, die aus seinen Augen strahlte, ersah die Waise, daß er diesmal keinen vergeblichen Gang gemacht hatte. »Mein Pathe hat mir wieder Glück gebracht!« rief Prosper, Paulinens Hände drückend, aus. »Diese Herzogin von Delmas ist die achtungswürdigste Frau, die man finden kann ... Ihr Besitzthum wird Ihnen, wie ich hoffe, zurückgegeben werden ... und dann ...« – Und dann?« fragte Pauline, ihn anblickend. – »Werde ich wegen Ihrer Zukunft beruhigt sein.« – Wir wollen uns noch nicht fest darauf verlassen, mein Freund; allein hoffen will ich es auch, weil ich sehe, daß es Ihnen Freude macht!« Drei Wochen vergingen. Nach Verlauf derselben wurde Prosper von der Herzogin von Delmas aufgefordert, sich in ihren Palast zu begeben. Er eilte auf's Schleunigste zu ihr, und die alte Dame überreichte ihm sodann die Urkunden, wodurch die Tochter des Bankiers Derbrouck wieder in den Besitz ihres väterlichen Guts, welches unter der Republik sequestrirt worden war, gesetzt wurde. Prosper wollte sich der Herzogin zu Füßen werfen; sie entzog sich aber seiner Dankbarkeit, indem sie sagte: »Ueberbringen Sie doch Ihrem Schützlinge diese Neuigkeit ... Sagen Sie ihr nur, es werde mir ein großes Vergnügen machen, die Tochter eines Mannes bei mir zu sehen, der mir manchen Dienst geleistet hat.« Prosper war trunken vor Entzücken; er lief nicht, sondern flog nach Hause zurück; dann eilte er auf Paulinen zu, überreichte ihr die Urkunden, wodurch sie wieder in den Besitz ihres Gutes gesetzt wurde und rief aus: »Nehmen Sie! Nehmen Sie! ... Jetzt erst habe ich meine Pflicht vollständig erfüllt.« Pauline nahm die Papiere mit niedergeschlagenen Blicken, dann bot sie dieselben wieder Prosper an, indem sie mit vor innerer Bewegung bebender Stimme stotterte: »Wenn es mich glücklich macht, dieses Vermögen wieder zurückzuerhalten ... so ist es nur, um es mit Ihnen zu theilen ... Nun! ... Sie werden mich nicht verschmähen, hoffe ich?« Prosper konnte seiner Empfindung nicht widerstehen; er drückte die Waise an sein Herz und rief aus: »So ist es denn wahr? ... Sie könnten mich lieben?« – Er kann noch fragen! ... Und Sie? – »Ach! Pauline! ... haben Sie nicht errathen, warum ich Camilla nicht mehr liebte? ... Doch ich wage es kaum, an den Besitz Ihrer Liebe zu glauben! ... Bedenken Sie, daß ich neununddreißig Jahre alt, siebzehn Jahre älter bin, als Sie! ... Sie sind mir gegenüber so jung! ...« – Um so besser, mein Freund, um so länger wird mir dann vergönnt sein, Sie zu lieben.« Einen Monat darauf wurde Pauline, welche sich bei der Herzogin von Delmas für ihre Fürsprache bedankt hatte, Prosper Bressange's Gattin; Zeugen dieser Vermählung waren Maximus, der sich bewogen gefühlt hatte, einmal seinen ländlichen Wohnort zu verlassen, um Theil an dem Glücke seines Freundes zu nehmen; der tapfere pensionirte Oberst Roger, der an diesem Tage wieder seine gute Laune fand und weit weniger als sonst fluchte; endlich Poupardot und seine Frau, jedoch ohne ihre drei Söhne, da Navet, der älteste, auf Reisen, Napoleon, der zweite, in der Schule und Louis, der dritte, kaum vorher geimpft worden war. Eben als die Gesellschaft aus der Kirche herauskam und in den Wagen stieg, bemerkte Prosper einen armen Hasenbalghändler, den ein Gendarme fortführen wollte; er entfernte sich einen Augenblick von den Uebrigen, erkundigte sich nach dem Vergehen des armen Handelsmannes, und erfuhr, daß er arretirt worden sei, weil er seine Zeche in einer benachbarten Schenke nicht habe bezahlen können. Prosper lief dem Gendarmen nach, ließ den Gefangenen wieder zu seinem Gläubiger zurückbringen, bezahlte den Schenkwirth, und steckte dem Hasenbalghändler heimlich eine Börse zu, denn er hatte in ihm Euphrasia's Gatten, den unglücklichen Picotin, erkannt. Die Neuvermählten brauchten zu ihrem Glücke die Vergnügungen und das Geräusch der Hauptstadt nicht. Ihr Plan war schon gefaßt: sie zogen sich in die Touraine zurück; auf dem schönen, Paulinen wieder geschenkten Gute wollten sie das häusliche Glück und den Frieden genießen. »Ich hoffe, meine Freunde, daß ihr uns in der Touraine besuchen werdet,« sagte Prosper zu seinen Zeugen. »Ja, ich werde manchmal hinkommen,« entgegnete Maximus; »das Gemälde eures Glückes wird mich meine verlorenen Illusionen vergessen lassen.« – Ich werde euch oft besuchen,« sagte Roger, »denn bei guten Freunden darf ich fluchen, rauchen und brummen, so lange es mir gefällt ... und dann werde ich dort von meinen Feldzügen ... von meinem Kaiser erzählen, und man wird mir gerne zuhören! – »Wir werden euch bestimmt auch einmal besuchen,« sagte Poupardot, »wir müßten denn keine Zeit dazu haben oder meine Frau mich mit einem Vierten erfreuen ... worüber ich mich übrigens sehr verwundern würde.« Vierundzwanzigstes Kapitel. Fünfzehn Jahre später – Schluß Es war um die Mitte des Julius 1830, ein ungefähr vierundfünfzigjähriger Herr führte eine Dame von etwa siebenunddreißig Jahren, die aber noch ein frisches und hübsches Aussehen hatte, am Arme; sie gingen vom Boulevard der Italiener in die Straße Montmartre. Die Dame schien unruhig und blickte öfters um sich her. Hierauf sagte sie zu dem Herrn, der ihr den Arm reichte: »Mein lieber Prosper, wir wollen schnell in unsern Gasthof zurückgehen ... Wir haben jetzt alle unsere Einkäufe gemacht, und bringen unsern Kindern alles Gewünschte mit, jetzt möchte ich Paris schon wieder im Rücken haben.« – Und warum denn, liebe Pauline? Ich begreife wohl, daß Du Dich nach unsern Kindern sehnst ... Ich freue mich auch herzlich, sie wieder zu umarmen. Aber Du darfst ganz außer Sorgen sein; wir haben sie zu Hause gelassen, weil uns die drei Kinder auf unserer kleinen Reise nach Paris zu sehr genirt hätten. Aber Du weißt ja, daß sie unter der Aufsicht einer braven Gouvernante sind, daß wir rechtliche Dienstboten und gute Nachbarn haben, die alle Tage nach ihnen sehen: wir dürfen also vollkommen ruhig sein. – »Auch beunruhigt mich das nicht ... aber Paris macht mir Furcht ... es scheint mir dort etwas vorzugehen ... man scheint nicht ruhig zu sein in dieser Stadt.« – Geh', meine liebe Freundin! ... Du ängstigest Dich ohne Noth, seit wir in der Touraine wohnen, bin ich ja der Politik ganz fremd. – »Nicht wahr, mein Freund, wir reisen mit der Post ab?« – Ohne Zweifel, da Dir dies Freude macht. – »Die Pferde ... die Postchaise werden uns im Gasthofe abholen?« – Ja, aber ich möchte nicht abreisen, ohne unsern Freunden Maximus, Roger und dem guten Poupardot Lebewohl gesagt zu haben ... Sie werden heute mit uns im Gasthof zu Mittag speisen ... Sie warteten vielleicht schon auf uns, während wir unsere Einkäufe machten. Wir werden es gleich erfahren, denn hier sind wir ja schon. – »Und die Postchaise erwartet uns bereits im Hofe!« rief Pauline freudig aus, als sie dieselbe erblickte. Prosper und seine Frau gingen eilig in ihr Zimmer hinauf; dort fanden sie ihre Freunde, die auf sie warteten; sie schienen aber alle sehr aufgeregt und die gute Elisa zitterte. »Was habt ihr denn,« fragte Prosper, »was ist geschehen? ... Wollen wir uns nicht zu Tische setzen?« – O! jetzt wird man wohl ans Essen denken,« rief Elisa aus, »wo man sich in Paris schlagen wird! – »Sich schlagen?« – Ei, freilich,« versetzte Maximus, »Du weißt also nichts ... und doch wird hier eine große Revolution ausbrechen. – »Wäre es möglich! ...« – Liesest Du denn keine Zeitungen?« fragte Poupardot; »sonst hättest Du voraussehen müssen, daß es zu etwas kommen werde. – »Ach, mein Gott! ich lese nichts mehr.« – Ich sehe nicht ein,« sagte Roger, »warum uns das am Essen hindern sollte; denn, wenn man sich doch einmal schlagen muß, so ist es nicht verboten, sich vorher zu stärken.« »O! mein Freund,« ruft Pauline, sich an den Hals ihres Mannes hängend, aus, »ich flehe Dich an, reisen wir doch gleich ab, warten wir nicht, bis es unmöglich wird ... unsere Kinder erwarten uns ... habe Erbarmen mit meinen Befürchtungen, meinen Aengsten.« »Deine Frau hat Recht,« sagte Maximus, »da Dein Postwagen unten vor dem Hause Dich erwartet, würdet ihr wohl daran thun, auf der Stelle abzureisen, morgen könnt ihr es vielleicht nicht mehr.« »Aber vor meiner Entfernung,« fiel Prosper ein, »möchte ich doch gewiß wissen, ob das, was ihr verkündet, geschieht ... und ob ihr euch nicht irrt? ...« »Ich wollte mich nach dem, was vorgeht, erkundigen,« sagte Poupardot, »aber meine Frau ließ mich nicht allein gehen, daher habe ich Jemand ... einen alten Bekannten, den ich an der Straßenecke bemerkte ... den armen Picotin ... der eben mit seinen Hasenbälgen auf der Schulter vorbeilief ... fortgeschickt, um zu sehen, wie die Sachen stehen ...« – Picotin? ... – »Ja, ich habe zu ihm gesagt, er solle wieder in diesen Gasthof zurückkommen, wenn er etwas Neues höre. Ei seht! ... da kommt er eben in den Hof herein ... er sucht mich ohne Zweifel ... hierher, Picotin ... in den ersten Stock!« Der Hasenbalghändler ging die Treppe hinauf, trat in das Zimmer, wo die Gesellschaft versammelt war, und blieb erstaunt stehen, als er sich in der Mitte seiner alten Freunde sah. »Nun! Picotin, was gibt es Neues?« rief man ihm von allen Seiten entgegen. »Ach! guten Tag, meine Freunde ... Wie! Ihr seid alle in Paris ... das ist doch sonderbar, wie man sich wieder findet!« »Aber, sprich doch, was gibt es für Neuigkeiten?« – O! es geht heiß her! ... auf dem Boulevard wirft man die Laternen ein und reißt Bäume heraus ... Beim Palais-Royal, hat man mir gesagt, schlage man sich ... Wenn meine Frau nur in einem rechten Gemenge stände und eine gehörige Tracht bekäme; sie verdient es wohl, denn sie hat schon drei- oder viermal die Gendarmen auf mich hetzen wollen. Ah! Ihr wißt nicht, eben erst wollte in der Straße Saint-Honoré ein Polizeispion eine Gruppe zerstreuen, aber Straßenjungen verfolgten ihn mit einem Hagel von Würfen; als er sich retten wollte, fiel er hart auf einen Haufen Pflastersteine ... und stand nicht wieder auf ... als ich mich näherte, um ihn zu sehen, erkannte ich Goulard, den ehemaligen Pförtner des Maximus.« »Goulard!« rief Prosper aus; »ach! der Himmel ist gerecht und das Volk hat meine Rache vollzogen! Wohlan, meine Freunde, ich sehe, daß in der That eine Revolution ausbrechen wird, und diesmal ist es hoffentlich die gute.« »Die gute,« sagte Maximus, »war die vom Jahre neunundachtzig; aber man hat sie uns verdorben!« »Die gute,« sagte Roger, »war das Kaiserreich; aber Napoleon ist todt!« »Die gute,« sagte Poupardot, »war die Restauration, abgerechnet die Kosaken.« »Die gute,« sagte Elisa, indem sie Paulinen küßte, »wäre diejenige, in der man nichts verlöre.« Prosper stieg mit seiner Frau in den Wagen, drückte jedem seiner Freunde die Hand und sprach: »Ich weiß nicht, welches Schicksal Frankreich in der Zukunft bevorsteht; Alles, was ich jetzt vermag, besteht in Wünschen für den Ruhm und das Glück meines Vaterlandes.«