Clara Schreiber Eine Wienerin in Paris 1884 Inhalt Vorrede Der Fremde im Pariser Leben. Die Pariser Presse. Pariser Carnevals-Nächte. Ein Sensations-Proceß. Pariser Dienstboten. Die Pariserin im Handel und Wandel Ein Apostel der Frauenemancipation. Madame Edmond Adam. Claude Vignon. Olympia Audouard. Eine moderne Künstlerin. Henry Greville. Alexander Dumas. Louis Blanc. Die Mode im historischen Gewande Alinens Handschuh Valentine Unter der Fürstenkrone. Somnambulismus in Paris. Der Mode-Bazar und das Publicum. Vorrede An Frau Clara Schreiber in Aussee. Es ist eine alte Erfahrung, daß Vorreden entweder gar nicht oder nur von denjenigen Kritikern gelesen werden, welche sich die Lecture des ganzen Buches ersparen wollen. Der vorliegende Band schafft einmal eine Ausnahmssituation. Ihr Buch erscheint mit einer Vorrede, und diese darf sicher sein, wenigstens von einer Person gelesen zu werden: von Ihnen. Sie haben den guten Einfall gehabt, sich die Ouvertüre bei einem Andern – bei mir – zu bestellen, und nun bin ich Ihrer Person als Publicum sicher, denn Sie werden doch neugierig sein, zu erfahren, ob ich Ihnen nicht im Vorhinein etwas Uebles nachsage – was übrigens ganz originell wäre ... Ich nenne Ihren Einfall einen guten, so lange ich voraussetze, Sie hätten wirklich nicht mehr gewollt, als sich selbst das Niederschreiben einer Einleitung zu ersparen. War Ihre Absicht eine andere, sind Sie etwa von der Idee ausgegangen, daß Sie einer Einführung bedürfen und daß ich der Mann sei, dieselbe zu besorgen, dann freilich erlauben Sie mir, Ihnen mein aufrichtiges Beileid auszudrücken. Denken Sie sich, welchen Eindruck es auf eine Familie hervorbringt, wenn Jemand, den sie kaum kennt, ihr einen seiner Freunde vorstellt ... Sie wollen es trotzdem? Ich wasche meine Hände in Unschuld, ich gebe nach, weil ich Frauen gegenüber noch niemals Recht behalten habe und kaum hoffen darf, jetzt, so nahe dem Schwabenalter, eine bessere Erfahrung zu machen. Also ich bitte um Ihren Arm, gnädige Frau; erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache: Frau Clara Schreiber – der Leser – seine Gattin, die Frau Leserin ... Sind Sie nun zufrieden? Oder wünschen Sie, daß ich ein Wort über den Stoff hinzufüge, den Sie sich gewählt? Ein Wort über Paris? Das sieht sehr leicht aus, aber bedenken Sie, daß Lutetia wie ein längst verblichener Traum hinter mir liegt und daß ich diese Zeilen in Wien in der Währingerstraße Nr. 50 schreibe, und daß ich, die Feder in der Hand, trotz alles Bestrebens mehr an das schöne, tugendreiche Aussee denke als an mein schönes, sündhaftes Paris – an Ihr Aussee, die Perle des Salzkammergutes. Sie können leichten Herzens ein Buch über Paris schreiben, denn nachdem Sie es gründlichst kennen gelernt haben, widmen Sie sich nun den Freuden der Erinnerung in Ihrem wunderbaren »Alpenheim«, und Sie gedenken der Place de la Concorde , der Champs-Elysées und des Bois de Boulogne , indessen Ihre Blicke den Röthelstein streifen und den Sarstein und den Loser und die Trisselwand und die Kuppen des Dachsteins ... Denken Sie noch daran, wie wir auf dem Rückwege von dem düsteren, weltfernen Toplitzsee in dem freundlichen »Gössl« über Paris plauderten, und wie die bildhübsche Schwester der Wirthin, eine leibhaftige Alpenrose, uns einen köstlichen Kaffee einschänkte, wie Tortoni ihn niemals gebraut hat? Ich muß gestehen, daß ich damals den Eindruck empfing, wir seien zwei raffinirte Lebenskünstler, ein Eindruck, der sich mir aber für mein Theil keineswegs jetzt erneuern will, da ich an dem heimischen Schreibtische sitze und die weißen, von der Sonne bestrahlten Blätter vor mir liegen habe. Wenn ich durchaus etwas Sachliches äußern soll, so beschränke ich mich darauf, zu sagen, daß Ihr Buch den meisten Leuten eine Enttäuschung bereiten wird. Na, seien Sie nur nicht gleich böse; ich meine eine angenehme Enttäuschung. Unter zehn Menschen, welche diesen Band der »Bibliothek für Ost und West« zur Hand bekommen, werden zehn den Ausruf thun: »Schon wieder ein Buch über Paris!«, und sie werden die bedeutenden Schriftsteller aufzählen, die über Paris geschrieben haben, chronologisch als Letzten unseren gemeinsamen Freund Max Nordau , den Sie ebenso verehren wie ich. Aber wie Unrecht haben Diejenigen, welche so vorschnell urtheilen! Ihr Buch – erröthen Sie nicht! – hat nur eine Frau schreiben können, und zwar nur eine Frau, die nicht eine Ader vom Blaustrumpf hat, eine Frau, die mit gesunder Vernunft das Leben und die Menschen betrachtet, sich durch Phrasen nicht blenden läßt, den Dingen auf den Kern geht und doch mit ihren Mitschwestern so viel angeborene Fühlung behalten hat, daß sie nur von Dingen erzählt, welche diese interessiren. Es ist ein Buch von einer Frau und für Frauen. Sie haben mit scharfem, klarem Auge in das Pariser Leben hineingeschaut, und Vieles von Dem, was Sie literarisch herausgreifen, ist von einem praktischen Geiste dictirt; was so vielen Fremden entgeht, das haben Sie sicher erfaßt: den innersten Charakter der französischen Gesellschaft, und namentlich die Französin stellen Sie dar, wie sie wirklich ist: berechnend, arbeitsam, sparsam – rastlos bestrebt, sich aus eigener Kraft de facto die Position zu schaffen, welche der Gesetzgeber ihr de jure versagt. Durch Ihre Schilderungen geht ein frischer Lufthauch, der eine Menge alter Vorurtheile hinwegbläst; wer aus schlechten Büchern die landläufige Idee geschöpft hat, in Paris begegne man nur großen Damen oder Cocotten, wird vor Ihrem Buche etwas verwundert Halt machen. Sie sagen nichts als die Wahrheit, und diese bleibt immer neu, man kann sie nicht oft genug wiederholen ... Die Franzosen betrachten es als das größte Compliment, das sie einem Ausländer machen können, wenn sie ihm sagen, er sei »fast« ein Pariser. In solchem Lobe liegt ein namenloses Selbstbewußtsein und »fast« eine Beleidigung gegen den Ausländer, der sich zum Glücke in der Regel dadurch sehr geschmeichelt fühlt; trotzdem verspüre ich nicht übel Lust, mich jener Phrase zu bedienen. Einzelne Stellen Ihres Buches offenbaren eine Kenntniß von Paris – »Sie sind« ... doch nein, ich will das Compliment nicht zu Ende schreiben, nachdem ich mich eben darüber aufgehalten. Sie sind tief eingedrungen in das Wesen von Paris und dabei eine gute Deutsche geblieben, denn Ihre Urtheile erweisen sich als unparteiisch. Sie richten – für eine Frau eine Seltenheit! – ohne Liebe und ohne Haß. Auf vielen Gebieten haben Sie sich umgethan. Ich begreife – um ein Beispiel zu geben – absolut nicht, wann Sie all' die Bücher durchgelesen haben, von denen Sie so wohlbewandert zu reden wissen ... Sie bekümmern sich heute um Louis Blanc, morgen um Louise Michel. Sie kennen in der Literatur Alexander Dumas so gut, wie Henry Gréville, Olympia Audouard oder Claude Vignon. In Paris stiegen die Beobachtungen Einem an, aber Jeder sieht nicht dasselbe und sieht nicht in demselben das Gleiche. Mir sind an Ihrem Buche, in dem Sie ja auch so viel Anderes bieten, das Liebste die Capitel, in denen Sie den Schleier lüften von dem täglichen, praktischen Leben in Paris, in denen Sie, die »Wienerin in Paris«, die Frau, die als Novize nach der französischen Hauptstadt kommt, unter den Arm nehmen und ihr sagen: »So steht es mit den Pariser Dienstboten, so mit den Details eines Haushaltes, so mit den Gelegenheiten zum Einkaufen« – in denen Sie Warnungen und Rathschläge geben nach bestem Wissen und Gewissen. Thäte ein Mann das, so würden die Frauen ihm nicht glauben ... Von einer Frau, einer deutschen Frau, kommend, hat auch Ihr Urtheil über die Pariserinnen, mit dem Sie so manchem weiterverbreiteten Ammenmärchen entgegentreten, besonderen Werth. Ich bin nicht blind für die Fehler der Pariser, aber die Splitter in der Letzteren Augen sollen uns nicht blind machen für die Balken in den eigenen. Umarmen möchte ich Sie – als altem Ehemann dürften Sie mir das wohl gestatten! – für Ihre Objectivität in der Betrachtung der französischen Kindererziehung. Es gehört Muth dazu, wenn Sie mit Hinblick auf unsere Verhältnisse es öffentlich aussprechen: »Wie viele Frauen vergeuden ihre Zeit am Putztische, in leeren Kaffeegesellschaften, im Tratsch mit der Base und der Nachbarin, und kümmern sich weit weniger um ihre Kinder als die Pariser Geschäftsfrau, welche deren Erziehung bewährten Händen anvertraut und sie regelt, welche die besten Jahre ihres Lebens daran setzt, um für ihre Kinder ein Vermögen zu erwerben ...« Ueber wenige Städte und deren Bevölkerung sind so viele falsche Urtheile verbreitet wie über Paris. Das hat seine Ursache darin, daß wir Alle schrecklich viel darüber gelesen haben, ehe wir in die Lage kommen, uns auf Grund von Autopsie ein Urtheil zu bilden, ja daß wir zu einem solchen schwer gelangen, weil wir, alte, oft unausrottbare Ueberlieferungen im Sinne, an Ort und Stelle anlangen. In seinen reizenden » Ricordi di Parigi « bemerkt Edmondo de Amicis, daß wir Paris eigentlich nie zum ersten Male, niemals als etwas uns ganz Neues zu sehen bekommen: » Parigi non si vede mai per la prima volta; si rivede ... « Freilich kennen wir Paris, noch ehe wir es gesehen, aus tausend Büchern und Zeitungsartikeln – aber, bei Lichte besehen, glauben wir nur, es zu kennen, und es muß ein Buch wie das Ihrige erscheinen, damit man sich daran erinnere, wie viel unrichtige Meinungen auf Rechnung von Paris durch die Welt gehen. » Si rivede « – ja, in gewissem Sinne hat der Italiener Recht, und doch, welcher Zauber liegt darin, zum ersten Male durch Paris zu wandern! Es ist wie eine erste Liebe, so mächtig und so berauschend, nur etwas theuerer, denn die erste Liebe kostet in der Regel nichts ... Ihr Buch taugt für alle Leute: für diejenigen, die Paris kennen, und für diejenigen, die es nicht kennen. Die Einen werden daraus lernen, die Anderen sich daran erbauen ... Ich wollte, ich könnte es recht bald wiedersehen, das »Babel an der Seine« – aber nicht jetzt, nicht im Sommer ... zur Stunde dünkt Aussee mir ungleich schöner und Ihnen wohl auch. Der Boulevard des Italiens ist entzückend, jedoch etwas später im Jahre – derzeit hat es mehr Reiz, von der Pfeiferalpe aus die herrliche Aussicht über das ganze Ausseer Becken zu genießen oder sich im leichten Boote auf dem Grundlsee zu wiegen oder die geschwätzige Traun entlang zu wandern, die unermüdlich verräth, was sich die Berge erzählen, und mit Schubert zu singen: »Das kann kein Rauschen sein, Es singen wohl die Nixen Dort unten ihren Reihn ...« Aus der Wiener Arbeitsstube also hinaus und hinauf zum Traunufer einen herzlichen Gruß an die »Wienerin in Paris«! Wien , Ende Juni 1884. Ferd. Groß Der Fremde im Pariser Leben. Der ungeheuere Fremdenzufluß nach Paris ist durch die verschiedensten Ursachen bedingt. Nur zum Theil liegt der Grund in den Sehenswürdigkeiten und Kunstschätzen, in den Theatern und Vergnügungen. Paris bietet dem Fremden, abgesehen von dem berückenden Luxus, abgesehen von dem feenhaften Glanz weit mehr Bequemlichkeit und Annehmlichkeit als jede andere Stadt und ermöglicht auch bei minder garnirten Börsen behaglichen Genuß. Wer den Aufenthalt in Paris mit dem Aufenthalte in anderen Großstädten vergleicht, wird sich für die Lebensweise in Paris aussprechen. Es bedarf allerdings scharfer Augen, genauer Localkenntnisse, eines tüchtigen Führers oder guter Weisungen, um auf den ersten Augenblick das Richtige zu treffen und sich zurechtzufinden. Es erscheint mir jetzt ganz merkwürdig, daß Leute, welche jahrelang in Paris lebten, mir Anfangs keinen Rath geben konnten, meine Fragen nicht zu beantworten vermochten. Ich habe mühsam auf dem fremden Terrain gehen gelernt und freue mich heute, meine Erfahrungen so Manchem zu Nutz und Frommen zu Gebot stellen zu können. Der Fremde, welcher für etwa einen Monat nach Paris geht, thut hier wie überall am besten, wenn er eines der zahlreichen Hotels im Centrum aufsucht. Nach seiner Ankunft unterlasse er nicht, mit dem Hotelier den Preis der Wohnung, der Beleuchtung und Bedienung zu vereinbaren. Der Wiener speciell möge durchaus nicht glauben, daß dies unschicklich sei. Der Pariser Hotelier, stets auf der Hut vor dem Abenteurer, stets befürchtend, einer Prellerei zum Opfer zu fallen, bringt demjenigen, welcher nicht sofort die Aufenthaltsbedingungen regelt, weit eher Argwohn als Werthschätzung entgegen. Man halte sich, so wie man Paris betritt, überhaupt vor Augen, daß der Pariser nach allen Richtungen hin eminent praktisch denkt und handelt. In Paris wird in der Regel nur derjenige geprellt, welcher für nicht praktisch gilt. Ohne sich daran zu binden, wird jeder wohlthun, an der Table d'hôte des von ihm bewohnten Hauses teilzunehmen. Das erste Frühstück, kostet daselbst dreimal so viel als im Kaffeehaus, das Dejeuner wird am besten unterwegs, in der Nähe einer eben besichtigten Sehenswürdigkeit oder in einem guten Restaurant der Boulevards verzehrt. Wer rechnen will, esse zu fixen Preisen, verlange aber dafür nicht viele , sondern wenige gute Schüsseln. Ich warne Jeden, sich von den in den Fenstern einzelner Restaurants aufgehängten, scheinbar fabelhaft billigen Preiskarten bestechen zu lassen. Wie schlecht man gegessen hat, pflegt erst der verdorbene Magen zu lehren. Als Norm für Reisende mit einfachen Bedürfnissen gilt das Dejeuner von 3 bis 4 Francs ohne Wein. Wer luxuriös speisen will, bedarf keiner Anleitung. Er betrete das Café Riche, das Café Anglais, Tortoni und – dem Manne kann geholfen werden. Ich darf seiner Börse eine ausgiebige Bantingeur prophezeien. Um sich bei kurzem Aufenthalt an Paris zu erfreuen, rechne man auf Pferdebahn und Omnibus nur dann, wenn es gilt, von einem bestimmten Standplatz in ein ganz entferntes Quartier zu fahren. Im Allgemeinen ist der Fremde durch den Omnibus und die Pferdebahn vielen Irrungen und, da er sich schwer zurechtfindet, großem Zeitverlust ausgesetzt. Ein Pauschale für den Wagen darf nicht zu nieder gegriffen werden. Den römischen Kutschern zunächst an Anstand und Bescheidenheit stehen die Pariser; eine Taxüberschreitung gehört zu den Seltenheiten. Dagegen geschieht es häufig, daß die Kutscher eines Quartiers sich in einem anderen entfernteren Quartier nicht zurechtfinden. Kutscher, welche ganz Paris kennen, sind schwer anzutreffen, recrutirt sich doch das Heer derselben bei der Menge des Bedarfes zum großen Theil aus Arbeitsuchenden, die aus der Provinz nach Paris wandern. Eine einzige Gesellschaft von Fahrgelegenheiten, die »Sociétée Urbaine« zählt etwa zehntausend Nummern. Der Fremde, der, wie erwähnt, einen Monat in Paris bleibt, im Hotel gut untergebracht ist, Bädecker oder Gsell-Fels als Katechismus betrachtet, wird nicht allzu viele Fehler begehen; er bedarf nicht vieler Ratschläge, sein Motto lautet: »in kürzester Zeit möglichst viel sehen«. Anders verhält es sich, wenn ein längerer Aufenthalt in Paris geplant wird. Wie während eines solchen das Leben einzurichten sei, bestimmt die Börse. Bleibt man längere Zeit, so scheint es vortheilhaft, eine möblirte Wohnung zu nehmen, oder eine der vielen Pensionen, vielleicht auch den Aufenthalt im Hotel Meublé zu wählen. Ein Weg in eine der großen Wohnungsagentien, eine Unterredung, in welcher man das Gewünschte bezeichnet, führt in der Regel rasch zum Ziele. Der Miether bezahlt für die Empfehlung der Wohnung keinerlei Gebühr an die Agentie. Wohnung suchenden Damen oder Familien widerrathe ich entschieden, ohne Intervention eines verläßlichen Agenten zu miethen und die gelben, möblirte Appartements bezeichnenden Anschlagszettel als Wegweiser zu benützen; es gehört viel Localkenntniß, ein sehr scharfer Blick dazu, nicht etwa in eine Wohnung zu gerathen, welche von Demimonde oder Abenteurern besetzt war, oder auch von derlei Leuten vermiethet wird. Trotz aller Vorsicht bleibt Mancher an der geschickt aufgestellten Leimruthe hängen. Diese Leimruthen sind so zahlreich, daß man sie von vorhinein ins Auge fassen muß, um ihnen auszuweichen. Es ist nothwendig, dem Agenten als unumstößliche Bedingung zu sagen, daß man in einem Hause wohnen wolle, welches »parfaitement honnête et honorable« durchwegs anständig und ehrenhaft bewohnt sei. Der Suchende nenne das Kind ruhig beim Namen und fordere eine Wohnung, in der »keine Demimonde etablirt war«. Diese Vorsicht ist im Quartier de l'Europe, in der Rue Mathurin, im ganzen Quartier Montmartre, im ganzen Quartier Latin, aber auch auf den elegantesten Boulevards, kurzum in tout Paris zu berücksichtigen. Je mehr möblirte Wohnungen sich in einem Quartier befinden, desto größer ist die Gefahr. Von gutem Erfolge begleitet ist zuweilen eine Annonce im »Figaro« oder im »Petit-Journal«. Referenzen sind zu fordern und zu bieten. Die möblirten Appartements sind in der Regel völlig eingerichtet, mit Wäsche, Kücheneinrichtung und »Vaiselle«, das heißt, ganzem Speisegeschirr versehen. Man unterlasse nicht, bevor man nach dem Preise der Wohnung fragt, dies als selbstverständlich vorauszusetzen und zu betonen, sonst schnellt der schlaue Vermiether die Wohnung sofort für jedes Object separat in die Höhe. Sollte ein Appartement mit Einem oder dem Andern nicht versehen sein, so braucht das Niemand vom Miethen abzuhalten. Es gibt in Paris Geschäfte, in welchen gegen mäßige Leihgebühr Alles verliehen wird. Das Geschäft liefert beispielweise allwöchentlich eine bestimmte Stückzahl reiner Wäsche und holt die gebrauchte ab. Selbstverständlich findet man Appartements in jeder Größe, zu allen Preisen, ebensowohl fürstlich elegant als bürgerlich einfach ausgestattet. Appartements, welche monatlich fünf- bis zehntausend Francs und solche, die einige hundert Francs kosten. Das Gerippe eines jeden Appartements ist Speisezimmer, Salon, Schlafzimmer, Entrée, Cabinet de Toilette, Küche und Domestikenwohnung (im sechsten Stocke). An die Räume schließen sich dann die übrigen Gemächer; der Preis wird durch die Anzahl der Schlafzimmer bedingt. Als Norm dürfte in guter Lage im zweiten oder dritten Stockwerk bei anständiger und nicht luxuriöser Einrichtung für ein Appartement der von uns bezeichneten Größe zweihundertfünfzig bis dreihundert Francs monatlich zu bezahlen sein und ist für jedes Schlafzimmer mehr etwa sechzig bis achtzig Francs zu rechnen. In entlegeneren Quartiers, in höheren Stockwerken stellt sich die Miethe etwas billiger. Die Hausführung ist auch für den Fremden bequem. Die Lebensmittel sind vortrefflich, Fleisch, Fische, Gemüse u.s.w. derart vorbereitet, daß die Herstellung eines Diners nur kurze Zeit erfordert. Wer eigene Menage führen will, scheue nicht die Ausgabe, ein Dienstmädchen aus der Heimat mitzubringen. Wie wir das an anderer Stelle betonen werden, sind brauchbare Dienstleute eine große Seltenheit. Dem eigenen Appartement zunächst kömmt der Aufenthalt in einer »Pension de famille« . Auch hier ist der Agent oder die Annonce der beste Wegweiser. Die »Pension de famille« gleicht dem englischen Boarding house . Die meisten dieser Pensionen wurden von verwitweten Damen, von kinderlosen Ehepaaren, von Lehrern, von höheren Pensionirten Beamten, kurzum, von Leuten, die der guten Gesellschaft angehören, gehalten. Sie sind nicht zu verwechseln mit den Hotels de famille , auf die wir noch zurückkommen wollen. In den Pensions speisen die anwesenden Fremden an einem Tische mit der Familie des Hauses. Diese sorgt in jeder Beziehung für die Bedürfnisse des Gastes. Nach dem Diner verplaudert man zuweilen ein Stündchen im gemeinschaftlichen Salon, musicirt, findet eine Whist- oder Schachpartie etc. Nirgends können einzelne Damen oder Mutter und Tochter leichter der Herrenbegleitung entrathen als in Paris, wo sie im Rahmen der anständigen Familie, am häuslichen Herde Schutz und Schirm finden. Es gibt Familien, die nur zwei bis drei, andere, die zwanzig bis fünfundzwanzig Pensionäre aufnehmen. Die Küche ist meist sehr gut, die Schlafzimmer sind bequem, die Bedienung aufmerksam. In der Regel wird per Monat vermiethet und eine vierzehntägige Kündigung gefordert. Je nach der Lage der Pension, nach der Eleganz der Einrichtung, dem Styl der Hausführung sind die Preise höher oder niederer gestellt. Für zweihundertfünfzig bis vierhundert Francs monatlich kann man den ganzen Aufenthalt im Hause, Wohnung, Verpflegung etc. bestreiten. Aehnlich wie die geschilderten Pensionen sind die » Hotels de famille « eingerichtet, nur ist hier der Rahmen ein weit größerer und sind die Hausleute Hoteliers oder Pächter. Damen werden daher die Pension vorziehen. Die fixen Preise gelten auch für die » Hotels de famille «. Im Quartier Latin befinden sich einige recht gute Pensionen, die für hundertachtzig Francs monatlich Alles gewähren, selbstverständlich aber sind im englischen Viertel, im Quartier de l'Etoile nächst dem Park Monceaux Häuser, in denen der Aufenthalt mindestens fünf- bis sechshundert Franc monatlich kostet. Sollte Jemand die genannten Modalitäten für seinen Aufenthalt nicht entsprechend finden, so bleibt ihm noch Anderes. Erst seit dem letzten Jahrzehnt haben sich einzelne Familien der guten Gesellschaft entschlossen, ein oder zwei Zimmer zu vermiethen. Man kann auf solche Art Privatwohnung mit oder ohne Verpflegung sich verschaffen, und sich im Familienkreis, am schnellsten und besten in der französischen Sprache vervollkommnen. Solche Wohnungen sind fast nur durch das Inserat, zuweilen durch die Vermittlung Bekannter zu finden. Wo die Bürgschaft für die Ehrenhaftigkeit der Familien nicht zum Voraus gegeben erscheint, fordere man ohne Weiteres Referenzen, frage nach dem Arzt der Familie oder erkundige sich vorsichtig in einem der Magazine des Quartiers. Jede Miethe soll schriftlich abgethan werden. Die zuvorkommende Liebenswürdigkeit des Parisers, seine außerordentlich verbindlichen Manieren mögen Niemanden davon abhalten, klare Bedingungen zu stipuliren. Der Theaterbesuch ist in Paris mehr als anderswo mit Schwierigkeiten verknüpft. Trotzdem die meisten Stücke ohne Abwechslung einige hundert Male nacheinander gegeben werden, ist der Eintritt, ohne dem Agioteur in die Hände zu fallen, schwer zu erlangen. Zuweilen erhascht man noch ein annehmbares Plätzchen, wenn man Abends an der Casse mit dem ersten besten Eintrittsplatz vorlieb nimmt und sich dann bittend an die Logenmeisterin wendet. Die gute Dame beräth flugs mit ihren Kolleginnen und schafft zuweilen guten Rath. Die häufige Wiederholung der Stücke schließt häufigen Besuch der Theater aus. Wer die Tour in denselben gemacht hat, wird kaum in 8 bis 10 Tagen Gelegenheit finden, ein noch nicht gesehenes Stück anzuhören. Selbst die Oper bietet ihren Abonnenten Monate hindurch dieselben 3 bis 4 Opern. Die Pariser Habitués lassen sich das gefallen, weil die Oper kaum etwas Anderes als ein eleganter Gesellschafts-Cercle ist. In den Logen plaudert die elegante Welt, man sieht und wird gesehen und widmet dabei einer Lieblingsmelodie flüchtige Aufmerksamkeit. Wer mit Empfehlungskarten an Pariser Familien ausgerüstet, Paris betritt, thut gut daran, sich über die Wirkung dieser Empfehlungen keiner Täuschung hinzugeben. Der Pariser erschrickt über jeden Fremden, die Athmosphäre, welche durch einen solchen in der Gesellschaft entsteht, ist zumeist sehr unbehaglich. Das Gesagte und das Folgende bezieht sich keineswegs auf jene Kreise, welche Ausnahmsstellungen einnehmen und die gleichsam offenes Haus haben. Im Allgemeinen ist der Pariser höchst zurückhaltend, dazu kömmt noch, daß sich im letzten Jahrzehnt bei Diners und Soupers wahnwitziger Luxus breit macht. Man fürchtet die Notwendigkeit, dem Gast ein Diner geben zu müssen, welches Hunderte von Francs kosten kann, bei dem alle Primeurs der Jahreszeit auf mit Blumenguirlanden umwundenem Tische prangen. Es kömmt vor, daß man Bekannte zum Diner oder Dejeuner beim Restaurant einladet. Im Hause ist der Pariser fast unnahbar. Dieser Umstand verdient jedoch kaum einen Tadel. Die Medaille hat eben zwei Seiten. Ist es Jemandem gelungen, freundschaftlich betrachtet zu werden, ist Jemand der Familie näher gekommen, dann kann er auch auf Anderes zählen als auf banale Freundlichkeiten, als auf das Couvert auf dem gedeckten Tische. Für den Freund des Hauses tritt die Familie mit aller Kraft, mit Gut und Blut ein, vor dem ihr Gleichgiltigen schließt sie sich möglichst ab. Wer eine Empfehlungskarte überreicht, wird in der Regel um seine Wünsche befragt. Daß man ein Haus aufsucht, ohne Zweck und Nebengedanken, um eine flüchtige Bekanntschaft zu schließen, scheint dem Pariser höchst unwahrscheinlich, sonderbar, fast belächelnswerth. Gewöhnlich führt die Abgabe solcher Karten nichts als einen Gegenbesuch herbei. Dieser Gegenbesuch wird am einfachsten dadurch abgethan, daß man im Wagen vorfährt, seine Karte beim Concierge abgibt und sich einer Pflicht entledigt hat. So schwer der Zutritt in das französische Haus gemacht wird, so leicht erhält man eine Einladung zu einem großen Feste der vornehmen Welt, zum Besuche der großen Empfangsabende hervorragender Persönlichkeiten. Ein Brief, begleitet von der Empfehlung einer distinguirten französischen Person oder einer Berufung auf die Gesandtschaft des eigenen Vaterlandes genügen, das Angestrebte zu erreichen. In jedem Falle ist es gerathen, bei der Gesandtschaft seine Karte abzugeben, sie eventuell mit einer speciellen Empfehlung an den Gesandten zu versehen. Es sei mir noch gestattet zu erwähnen, daß die Besuchstunden von drei bis fünf währen, daß Herren weder Winterrock noch Pelz im Vorzimmer ablegen, sondern mit diesem den Salon betreten. Nur der Geladene oder intim Befreundete läßt die Ueberkleider im Entrée. In Folge einer erhaltenen und angenommenen Einladung wird kein persönlicher Reconnaissancebesuch abgestattet. Man gibt dem Concierge die Visite-Karte, das genügt. Geselligkeit kostet Zeit, ein Artikel, über welchen der Pariser nicht disponirt. Es ist gegen die Sitte, falls man wann immer einen Besuch macht, durch den Diener seine Karte überreichen zu lassen, die Karte gilt als Ersatz des Besuches, nicht als Meldung. Man sagt seinen Namen und muß sich hineinfinden, daß der Diener denselben verstümmelt ankündigt. Bei großen Routs und Empfangsabenden wird dem Diener die Einladungskarte als Legitimation vorgewiesen; dieser ruft den Namen in den Salon. Vorgestellt wird Niemand. Die nach Paris reisenden Damen erlaube ich mir auf einen Umstand aufmerksam, zu machen. Die Toilette der Pariser Damenwelt zeichnet sich durch große Einfachheit und Distinction aus. Die guten Gesellschaftskreise gehen allem nur irgend wie Excentrischen, allem Auffallenden aus dem Wege. Die auf der Straße ins Auge springenden Erscheinungen sind entweder Demimonde oder Fremde. Die Fremden werden ihrer Kleidung halber nicht wenig belächelt. Wer da glaubt, daß die Pariser Damen in ihrer Toilette den Figurinnen der Modeblätter gleichen, welche uns so und so viel hirnverbrannte Moden vergegenwärtigen, irrt vollständig. Helle Kleider und auffallende Farben sind selbst zur Sommerszeit auf der Straße verpönt. Während der Wiener Stadtpark mit den geschmückten, eleganten Frauen ein buntes, farbenprächtiges Bild gewährt, zeigt der Pariser Corso die gute Gesellschaft schlicht, dunkel und monoton gekleidet. Um in Paris nicht aufzufallen und für distinguirt zu gelten, ist die größte Einfachheit der Toilette geboten. Man thut am besten, nur schwarze Kleider zu tragen, selbst für den Sommer leichte, schwarze Seide oder doch sehr dunkle Gewebe zu wählen. Damen, die nicht sehr schlank sind und nicht in der ersten Jugendblüthe stehen, tragen für die Straße nie kurze anschließende Jacken, sondern immer lange Mäntel oder decente Umhüllungen. Auch im Hochsommer sind Toiletten von Stoffen, welche Arme oder Nacken durchschimmern lassen, völlig unmöglich. Macht man in Paris Einkäufe, so halte man sich vor Augen, daß der Pariser dem Fremden stets die Waaren vorlegt, welche er sonst nicht los wird. So Mancher kauft im Winter die Dinge zusammen, welche im Vorjahr für die Seebäder bestimmt waren und keinen Anklang fanden. In der Regel genügt es, daß man den Verkäufer ersucht, mit » Rossignols pour l'etranger « zu verschonen. Die ersten Pariser Modisten lächelten spöttisch, wenn ich von Wien sprach, und meinten, für die Wiener Damen müsse man so arbeiten wie viele Pariser Schauspielerinnen, und die Patti so wie Sarah Bernhardt hätten nur darum Toiletten in Wien bestellt, weil Paris nichts, was excentrisch genug sei, liefern könne. Der Ehrgeiz der französischen Modiste wird angeregt, wenn man sie ersucht, die Toilette wie für eine Dame der Pariser guten Gesellschaft zu arbeiten. Freilich zeichnet sich die Pariserin durch individuellen Geschmack aus, sie weiß was sie will, und was ihr steht; sie bezeichnet präcise Schnitt und Farbe der Toilette und versteht es vortrefflich, für ihre Erscheinung den richtigen Rahmen zu finden. Die kleinen Theater werden stets in Hut und Mantel besucht, im »Gymnase« dispensirt man sich von Letzterem, behält jedoch den Hut bei. Das ist sogar im »Théatre français« gestattet, wo dunkle, hohe Soirée-Kleider Regel sind. Glänzende Toilette in hellen Farben wird nur für die Oper gemacht; da ist allerdings jeder Schmuck am Platz. Man sieht leuchtende Nacken, weiße Arme, funkelnde Juwelen, wallende Federn, man fühlt den berauschenden Duft der Blumen und der schönen Frauen, welche, mit kostbaren Fächern spielend, in den Logen sitzen, bald heiter plaudern, bald aus den seidenen »Saque« der Bonbonnière eine Süßigkeit naschen, zuweilen selbst der Musik etwas Aufmerksamkeit schenken. Die großen Bazars, welche den Kleinhandel getödtet haben, gewähren dem Fremden nur Vortheile. In den andern Geschäften wird ihm in der Regel Alles theuerer berechnet. Im Bazar gilt der feste Preis. Man kann die meisten Einkäufe daselbst besorgen, doch ist bei fertigen Toiletten Vorsicht zu empfehlen. Im Bazar kauft man billige Costume oder auch Röcke aus Seidenstoffen. Elegante Kleider kaufe man nie fertig, und völlig unpraktisch ist es, in einem der Bazare eine Toilette zu bestellen. Die Leute sind nicht für das Individuum eingerichtet, solch aparte Bestellungen fallen selten gut aus und kosten dort meist mehr als in einem Modesalon. In den Modesalons behandle man vorher genau den Preis, man wird in der Regel zufrieden gestellt. Ohne vorherige Preisbestimmung ist die Zumuthung großer Ueberzahlungen keine Seltenheit. Kleiderstoffe, Lingerie, Spitzen, Bänder, Handschuhe und tausend hier nicht genannte Dinge sind in Paris besser und billiger als bei uns. Dagegen wird Jedermann gut daran thun, Schuhe aus Wien mitzunehmen. Die Pariser Schuhe sind viel theuerer und herzlich schlecht. Es ist nicht Usus in Häusern, in welchen man geladen war, dem Diener ein Douceur zu geben. Wer ein Haus öfters besucht, macht man vor der Abreise dem Diener ein Geschenk. Herren gehen niemals fehl, wenn sie nach einer Einladung zum Diner der Dame des Hauses ein Bouquet übersenden. Nicht der große Strauß wird beifällig aufgenommen, nur die seltenen Blumen finden Anwerth. Ein Zweig Flieder zur Winterszeit, oder sonst eine Primeur gilt als Maßstab für geselligen Tact und Elegance. Der Pariser ist nicht blos luxuriös, sondern raffinirt und dieses Raffinement tritt in manchen Kleinigkeiten besonders scharf zu Tage. Falls die Reise nach Paris in Gesellschaft von Kindern angetreten wurde, die man nicht daheim lassen konnte, und in der Fremde doch nicht dem ungeordneten Leben aussetzen will, so ist es empfehlenswerth, die Kinder für die Dauer des Pariser Aufenthalts einem Institute, einem der vielen Erziehungshäuser anzuvertrauen. Man findet für Mädchen und Knaben Häuser, in denen sie trefflich aufgehoben, gut versorgt sind; überall lernen sie durch den Umgang mit französischen Kindern fabelhaft schnell die Landessprache. Paris ist klug genug, dem Fremden Alles zu erleichtern; dieser kann jede Abmachung treffen, braucht sich weder um das Schuljahr, noch um fixe Quartale zu kümmern. Im Fluge sei mir die Bemerkung gestattet, daß die Mädchenpensionen in Paris weit besser als ihr Ruf sind. Die Mädchen legen am Schlusse der Schulzeit, wenn sie ehrgeizig sind, im Hotel de Ville die Lehrerin-Prüfung ab und brauchen dazu immerhin eine Summe von Kenntnissen. Ich will zwischen der französischen Pensionserziehung und den deutschen Pensionen keinen Vergleich ziehen, schon um nicht in ein Wespennest zu stechen, es sei nur erwähnt, daß die Erziehung der Mädchen in den Pariser Pensionaten die praktischen Ziele nie aus den Augen läßt. Die Mädchen erhalten mehr praktische als literarische Richtung und taugen zum Hauptbuch wie an die Cassa eines jeden großen Geschäftes. Der Franzose behält für jede Frau die Erwerbsfähigkeit im Auge. Ob die Salondame etwas mehr oder weniger wisse, gilt ihm gleich, wenn nur die Geschäftsfrau ihren Pflichten nachzukommen versteht. Einzelne Pensionen sind in ihrer Anlage geradezu prachtvoll, wie zum Beispiel die der Madame Rey in Auteuil. Das ganze Gebäude ist eigens zu seinem Zwecke erbaut. Die Kinder haben prächtige gemeinsame und separirte Schlafräume, schöne Classenzimmer, Recreationssäle, Garten und Spielplätze, Madame Rey, ewig heiter, trotz ihres vorgerückten Alters frisch und rüstig, wird von allen Zöglingen, von Groß und Klein gedutzt und Mama Lisbeth genannt. Schon die dritte Generation genießt in diesem Hause ihre Ausbildung. Die jungen Mütter bringen mit glücklichen Erinnerungen Mama Lisbeth ihre Kinder zur Erziehung. Mit dem Worte Paris verbindet sich die Vorstellung von Vergnügen und Unterhaltung. Wer länger in Paris weilt, wird daher verstimmt sein, wenn er an so manchem Abend vergebens nach den Mitteln suchen muß, sich zu amusiren. Wer nicht sehr viele Beziehungen zu großer Gesellschaft hat und sein Vergnügen daran findet, von zehn Uhr Abends bis Mitternacht an Routs theilzunehmen, rechne auf viele stille Abende. Das Kaffeehaus bietet keine Ressource, weil daselbst wenig oder gar keine Zeitungen aufliegen und es nicht gebräuchlich ist, lange Zeit da zuzubringen. Anfangs freilich interessirt sich jeder für das Leben und Treiben auf den Boulevards, setzt sich, wenn es das Wetter gestattet, vor das Café ins Freie und betrachtet die auf- und abwogende Menge. Sobald der Reiz dieses Bildes sich abgestumpft hat, späht man vergebens nach Abwechslung. Die neugierige Damenwelt drängt es selbstverständlich, unter männlichem Schutz die bekannten Vergnügungslocale der niederen und höheren Demi-Monde zu besuchen. Wer sie einmal gesehen hat, trägt das zweite Mal gewiß kein Verlangen darnach. Nicht etwa aus sittlicher Entrüstung, sondern einfach weil die Sache langweilt. Frische, tolle Heiterkeit ist nirgends zu finden. Falscher Luxus in den eleganten Localen und echte Gemeinheit in den niedern geben den Ton an. Neun Zehntel der männlichen Besucher sind Fremde. Die Grisette ist todt. Im Reich der Dirne wuchern Giftpilze. Ob sie Brillanten in den Ohren trägt oder ein vom Trödler entlehntes seidenes Fähnchen flattern läßt, sie bleibt dieselbe gleich gemein, gleich wenig interessant. Unbegreiflich und unverzeihlich scheint es mir, daß junge Ehepaare, welche eine Hochzeitsreise nach Paris antreten, gewissenhaft alle Locale der Sünde und Schande abwandern. Wie hat man bisher die junge Frau behütet, wie selbst das Natürlichste mit tausend Schleiern verhüllt, damit es nicht verletze, und nun in einer Lebensepoche, die dem Cultus der reinsten Ideale geweiht sein soll, zeigt ihr das Leben seine gemeinsten und rohesten Seiten. Die Frau, welche nicht sociale Studien macht und ernste Zwecke verfolgt, die junge Frau insbesondere hat weder im »Skating«, noch bei »Buillier«, weder in den »Folies Bergères«, noch im »Elysée Montmartre« oder im »Tivoli«, etwas zu schaffen. Ihre Neugierde nach »diesen Damen« befriedigt jeder Spaziergang über die Boulevards, jede Fahrt ins »Bois«. Junge Ehepaare, die das hohe Lied der Liebe singen, sollen das Unkenlied der Verwesung, das Rabengekrächze gemeiner Sinnlichkeit nicht in ihren Tempel dringen lassen. Junge Frauen seid nicht neugierig, junge Ehemänner seid standhaft, sagt euern holden Gattinnen, daß der Jüngling von Sais zu Boden stürzte, als er den Schleier lüften wollte. Laßt die holden Weibchen nur immerhin vergebens nach dem Anblick der Surrogate von Mabille begehren, wahrt die Illusionen, zeigt ihnen nicht Dinge, die ihnen die Röthe der Scham in die Wangen jagen müssen. Da ich keinen »Führer von Paris« schreibe, kann ich über Sehenswürdigkeiten, interessante Gebäude, hier kein Wort verlieren. Der Fremde thut ohnehin in der Regel des Guten zuviel – indem er gewissenhaft das Paternoster der Reisehandbücher betet – er sieht den Wald vor Bäumen nicht – er kennt jede Kirche und jedes Bild – jede Denksäule, jedes Monument und geht oft ohne Aufmerksamkeit an dem vollen reichen Leben des Tages vorüber. – Wer eine Weltstadt wie Paris besucht, studire nicht zu ausschließlich die Museen und Gallerien; die Denkmale der Vergangenheit. Er beobachte das Volk, wenn es lacht und weint, er studire die Eigenthümlichkeiten der Menschen, er treibe in luftiger Fahrt auf den Stromwellen des Tages und jeder Tag wird ihm Neues lehren. Die Pariser Presse. Mit der Zerfahrenheit und Zerklüftung des politischen Frankreich geht die Zersplitterung der Presse in Parteiorgane Hand in Hand. Das Centralisationssystem Frankreichs bringt es mit sich, daß nicht eigentlich die französische, sondern speciell die Pariser Presse in allen Fragen der inneren und äußeren Politik den Ton angibt. Die Provinzpresse ist von untergeordneter Bedeutung; sie zählt kein Journal, das sich mit der »Frankfurter Zeitung«, der »Breslauer Zeitung«, der »Allgemeinen«, den »Hamburger Nachrichten« und vielen anderen Organen des deutschen Reiches an politischem Einfluß messen könnte. Die Pariser Presse ihrerseits ist nur zum geringen Theil Ausdruck der öffentlichen Meinung. Das Zeitungswesen liegt in den Händen einzelner Parteihäupter und dient stets in höherem oder geringerem Grade den Parteiinteressen. Die Monarchie verstand es, einzelne Zeitungen zu schaffen, die sich im Publicum Bahn brachen, viel gelesen wurden und die Meinung der Regierung unterstützten. So war seinerzeit der »Moniteur« eine Macht, so gelangte der »Figaro« zu gewaltigem Ansehen. Die dritte Republik verfügt über eine große Menge von Journalen, jedoch über kein einziges werthvolles Regierungsorgan. Der jeweilige Cabinetschef bringt ein Blatt ans Ruder, das seine Ideen entwickelt und vom Schauplatze verschwindet, sobald ein neuer Mann mit neuen Ideen in den Vordergrund tritt. Es herrscht die Gepflogenheit, die Leitartikel zu unterzeichnen. Jeder Franzose treibt Politik auf eigene Faust, er liest das Ereigniß, kritisirt es in seiner Weise und sucht, wie nach Salz und Pfeffer, in diesem und jenem Blatte nach der Ansicht seines Leibjournalisten. Die Preß- und Stempelfreiheit, der Straßenverkauf erzeugen vereint mit dem großen Lesebedürfniß des Parisers einen Ueberfluß an Tages- und Wochenjournalen. Im Augenblick entsteht eine neue Zeitung, im Augenblick verschwindet sie wieder. Eine große Anzahl von Blättern ist dem Ausländer völlig unbekannt. Die Wogen der Pariser Hochflut tragen sie empor und verschlingen sie mit rasender Schnelligkeit. Die Pariser Presse ist nicht, wie die deutsche, eine fast anonyme Großmacht, in der sich die Individuen dem großen Ganzen unterordnen, sondern eine Verbindung von Männern, die, ohne ihr Ich aufzugeben, ihren Zwecken zustreben. Der Politiker, der Deputirte, der Senator, der Minister ist in Frankreich gleichzeitig Journalist. Er gründet ein Blatt, um darin sein politisches Glaubensbekenntniß zu verkünden, Macht und Anhänger zu gewinnen und einen Druck auf seine Partei auszuüben. Diese Journale haben einen beschränkten Leserkreis und sind nichts weniger als glückliche financielle Speculationen. Der französische Politiker braucht ein bedeutendes Vermögen. Er ist ohne eigenes Journal nicht denkbar. Die großen politischen Gruppen verfügen über mehrere Blätter, die von den Führern gemeinsam erhalten werden. Die Zahl der Journale, welche ohne Unterstützung kein Deficit ausweisen, ist verschwindend klein. Die wenigsten Pariser sind Abonnenten der Zeitung, welche sie täglich lesen. – Sie kaufen das Blatt auf der Straße, an dem ersten Kiosk, an dem sie vorbeikommen, von dem Ausrufer, der ihnen begegnet. An den Plätzen der Omnibus- und Tramwaystationen befinden sich stets Zeitungskioske, die gute Geschäfte machen. Der Pariser, welcher gezwungen ist, viele Strecken im Omnibus zurückzulegen, kauft tagsüber mehrere Journale. Er liest überall, um keine Zeit zu versäumen, sogar während der Zwischenacte im Theater. Ein Autor, welcher unlängst ein Buch über Deutschland veröffentlichte, tadelte lebhaft, daß die Berliner in den Zwischenacten nichts mit der Zeit anzufangen wüßten. Die Pariser Zeitungen fußen auf einem eigenartigen System. – Jedes Blatt zählt eine oder zwei berühmte Federn, durch deren Geistesfunken es die Köpfe seiner Leser erwärmt. Es handelt sich fast immer nur um Nachrichten aus Paris. Bis ins kleinste Detail wird die Parisina durchgekostet. Von der Provinz wird nur das Wichtigste erzählt, aus dem Auslande nur das Ungewöhnliche, Außerordentliche gemeldet. Der telegraphische Theil ist von verschwindender Kleinheit. Originalcorrespondenzen aus der Ferne kommen fast nicht in Betracht. Dem Deutschen erscheint diese Presse schal und leer. Der Apparat der Zeitung kostet verhältnißmäßig wenig. Allerdings werden hervorragende Federn glänzend bezahlt, aber die Ausgaben für Depeschen und so weiter reduciren sich auf ein Minimum. Die Anzahl der Mitarbeiter ist, da keine Vielseitigkeit gefordert wird, nicht bedeutend. Kaum sind die Morgenblätter durchflogen, so ist auch schon die Abendausgabe der »France« vergriffen. Dieses Blatt erscheint um vier Uhr Nachmittags. In den folgenden Stunden werden »Paris«, »Le Parlement«, »Le Telegraphe«, »La Liberté«, »Le Temps« und andere ausgegeben, bis um halb zehn Abends der »Soir« die Reihe beschließt. Fast sämmtliche Abendblätter tragen das Datum des folgenden Tages. Die genannten Abendblätter sind selbstständige Zeitungen ohne Morgenblatt. Alles ist darauf berechnet, die Neugierde des Publicums zu erwecken, einen Reiz auf dessen Nerven auszuüben. So werden einzelne Journale in Localen gedruckt, deren Riesenspiegelfenster den Vorübergehenden in die Augen springen müssen. Man bleibt stehen, sieht die arbeitende Maschine, interessirt sich für die weißen Bogen, die so rasch bedruckt find, und wartet wohl auch ein Stündchen auf die heiße Waare. Es gibt auch Morgenblätter, die vom nächsten Tage datirt sind – eine unangenehme, den fremden Leser störende Einrichtung. Das Annoncenwesen ist weniger entwickelt als in Deutschland und England. Dagegen treibt die Reclame üppige Schößlinge. Man ist in keinem Theil des Blattes vor Reclame behütet. Ist der politische Standpunkt consequent festgehalten, so handelt es sich nur noch darum, Geschäfte zu machen. Ethische Principien spielen eine kleine Rolle. Wir heben aus der überreichen Pariser Presse nur einige besonders charakteristische Organe heraus. Eines der gelesensten ist der »Figaro« mit einer Auflage von etwa achtzig- bis neunzigtausend. Der »Figaro« vertritt Has legitimistische Princip; seine politische Haltung war sehr schwankend, verfügt aber über die ersten feuilletonistischen Kräfte, die, Albert Wolf an der Spitze, für interessante actuelle Artikel sorgen und die pikantesten Primeurs auftischen. Von einem der Pseudonymen, Ignotus , erzählt man einen witzigen Ausspruch. Ignotus heißt in Wirklichkeit »Platel«. Er ist Mitglied des Conseil général de la Loire inférieure , in diesem Departement begütert. Ein versöhnlicher Charakter, wenig republikanisch gesinnt, erwiederte er, als ihn Jemand um seine politische Ansicht befragte: »Meine Meinungen sind weder roth, noch blau, noch weiß, sie sind grau.« Pierre qui roule , Pseudonym für Poupard d'Avrilly, Verfasser des vielgegebenen Schauspiels » La maitresse légitime «, gehörte zur republikanischen Partei, für die er mit Heftigkeit eintrat. Vor geraumer Zeit hatte er das Unglück, ohne seine Schuld sein Vermögen zu verlieren und in unangenehme geschäftliche Lage zu gerathen. Er wandte sich an seine Parteigenossen, fand jedoch nur mitleidiges Achselzucken, keine thatkräftige Hilfe. Verbittert zog er sich zurück, lebte einige Jahre nur der Arbeit, bis er mit literarischen Producten erschien, die seinen Ruf begründeten. Von seiner Partei geschieden, trat er in die Redaction des »Figaro«. St. Genest, eigentlich Monsieur de Bucheron, war durch seine heiteren, liebenswürdigen Plaudereien lange Zeit der Liebling der Pariser. Vor einigen Monaten starb die Mutter Monsieurs de Bucheron, eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Frau. Seither hat St. Genest fast nichts geschrieben. Ein Theil seiner Freunde nimmt als Ursache die Kränklichkeit St. Genest's an, ein anderer Theil behauptet, der Schriftsteller sei daran gewöhnt gewesen, seine Arbeiten der Mutter vorzulesen, welche dieselben redigirte, und könne sich nun nicht entschließen, ohne ihren Rath in die Oeffentlichkeit zu treten. »Etincelle«, nom de guerre für Madame la Vicomtesse de Perroney – schreibt das Tagebuch eines Weltmannes – elegante Plaudereien aus der Gesellschaft. Die Dame besitzt in hohem Grade das Talent anmuthiger Causerie, ist in den Memoiren und Hofgeschichten aller Länder ein wenig, in denen Frankreichs sehr gut bewandert, eine Feindin der Republik und Anhängerin aller wie immer genannten Kronenträger. Der »Figaro« ist in der ganzen und in der »halben« Welt verbreitet. Der Ton ist in hohem Grade frivol, aber in dieser Hinsicht noch lange nicht mit dem anderer Pariser Blätter zu vergleichen. Viele hervorragende Romane sind zuerst im »Figaro« erschienen. Der financielle Theil des Blattes ist von der Banque Parisienne gepachtet, welche dafür jährlich hunderttausend Franken bezahlt. Die Zeitung gehört einer Actiengesellschaft. Die Actien sind in festen Händen und geben ein annehmbares Erträgniß, denn der »Figaro« ist Reclameblatt par excellence . Wer in Paris seinen Weg gehen will und mit der Oeffentlichkeit zusammenhängt, kann des »Figaro« nicht entrathen. Da die Zeile Reclame mindestens vierzehn Franken kostet, liegt die Einträglichkeit dieser Rubrik auf der Hand. Zwei Wochenbeilagen enthalten Bibliographisches und literarische Causerien. Wir haben den »Figaro« aufmerksamer behandelt, weil das Blatt in der dritten Republik noch gleichsam den Duft der gestürzten Monarchie bewahrt, weil sich nach seinem Muster die meisten Organe der socialen Presse gebildet haben. Der »Gaulois«, bonapartistisch, wurde eine Zeitlang von Jules Simon redigirt, er ist jetzt in der Hand Arthur Meyer's, eines ungemein ehrgeizigen Mannes von mehr geschäftsmännischem als journalistischem Talent. Das Blatt ähnelt in seiner Anlage dem »Figaro«, ist aber weit weniger bedeutend als dieser und arbeitet sich mühsam durch financielle Schwierigkeiten hindurch. » Pot Bouilles « von Zola erschien zuerst in diesem Journale. »Gil-Blas«, ein geistvoll gemachtes republikanisches Blatt, dessen lüderlicher, frivoler Ton die Halbwelt cultivirt, in bekannten Geschichten aller Art sich hervorthut und von der guten Gesellschaft verstohlen gelesen, öffentlich verdammt wird. Zola's Schöpfung » Le bonheur des dames « wurde von diesem Blatte veröffentlicht. Die Hauptkraft »des Gil-Blas« ist Hector de Banneville, der Pariser Geschichten selbst für den Gaumen dieser absonderlichen Stadt pikant zu bereiten versteht. Politisch unbedeutend, jedoch durch drei ausgezeichnete Feuilletonisten interessant, kann das republikanische Journal »L'Evènement« immerhin auf einen gewissen beschränkten Leserkreis rechnen. Die drei glänzendsten Federn sind: Aurélien Scholl, Maquet und Monselet. Als orleanistisch kirchlich gesinnt ist »Clairon« zu nennen, der, in socialen Dingen gut unterrichtet, der Haltung der übrigen Presse häufig stricte widerspricht. Seine Behandlung von Tagesfragen ist lesenswerth. Die Gambetta-Presse hat durch den Tod ihres Führers einen heftigen Stoß erlitten. Die »République Française«, das Leibjournal des Mannes von Cahors, war nur bedeutend, so lange man darin nach den Anschauungen desselben suchte. Spuller und Ranc haben vielleicht den Willen, aber gewiß nicht die Kraft, das geistige Erbe Gambetta's fortzuführen. »Voltaire«, anticlerical, opportunistisch, hat gute Reporter, kräftige Mache und nebst Ranc einige gute Federn. »Paris« verfolgt die gleiche Richtung und wird von dem noch sehr jungen Journalisten Laurent, einem Sohn der Schauspielerin Marie de Laurent, geleitet. »Le Mot d'Ordre« ist das Organ des talentvollen Republikaners Henri Maret, der sich im »Charivari« seine Sporen verdiente. Maret ist ein ganz originelles Talent und selbst stolz auf seine Eigenart. Als 1870 wie alljährlich » le banquet de la jeunesse « stattfand, war auch Maret gegenwärtig. Er bemerkte die Söhne Jules Simon's und Pelletan's und fragte sie, was sie daher führe, worauf diese, da Maret durchaus nicht mehr jung ist, antworteten: der Platz gebühre weit eher ihnen als ihm. »Ihr glaubt auch jung zu sein«, sagte dieser, «aber ihr seid im Irrthum, ich bin meine eigene Jugend, ihr seid nur die Fortsetzung eurer Väter.« Der gleichen politischen Richtung mit Maret gehört der »Rappel« mit La Croix und Gautier an. Sancy findet sein Organ im »XIX. Siècle«, der sich durch seine anticlericale Haltung bemerkbar macht. In »La France« entwickelt Camille Sarcy Anschauungen, die mit denen Rochefort's Vieles gemein haben. Als ernstes, von bedächtigen Leuten gerne gelesenes Blatt gilt der »Siècle«, in welchem Hugo Pessard gemäßigt politisirt. Eines der bedeutendsten und ältesten französischen Journale, das »Journal des Débats«, ist gleichfalls von gemäßigter Färbung. Folgende Thatsache wirft ein interessantes Licht auf die inneren Zustände dieser Zeitung. Der Gründer derselben, Mr. de Bertin, hinterließ zwei Töchter, denen der Löwenantheil des Blattes als Erbe zufiel. Eine der Damen ist mit Léon Say, die andere mit dem Juwelier und Hoflieferanten der Orleans, Herrn Bapst, vermält. Léon Say wollte niemals Director des Journals werden, der eigentliche Director war stets Herr Bapst und so kam es, daß dieses Blatt zuweilen eine Ansicht verfocht, die der Léon Say's entgegengesetzt war. Man trachtete einzulenken, sowie Say das gewahr wurde und darüber klagte. Mr. Bapst hat seine Beziehungen zur Familie Orleans aufrecht erhalten; er ist häufig in Chantilly der Gast des Herzogs von Aumale. Der streng republikanische Sinn der »Débats« ist wohl nicht sehr ernst zu nehmen, obwohl das Journal eifrig für Gambetta eingetreten ist. Maßgebend für einen Theil des Publicums ist »Le Temps«, leider so schwerfällig geschrieben, so trocken und ungenießbar, daß man nur hin und wieder daraus sich Rath holt. »Le Petit Journal« wird für einen Sou verkauft und, wie es heißt, in 500 000 Exemplaren gedruckt. Es ist die Quelle, aus der das Volk die Kenntniß der Tagesereignisse schöpft. Der kleine Anzeiger vermittelt Wohnungen, Kauf- und Verkaufsgeschäfte. Grevy, Wilson, Clemenceau, Brisson, Floquet, Cassagnac, Spuller, Simon, Pelletan, About und wie die französischen Führer noch heißen, haben jeder ihr Organ, das für die Partei kämpft und geschickt gegen die Schwäche des Gegners operirt. Die klerikale Partei hat in Paris nicht so viele Anhänger als in der Provinz und ist auch dort kräftiger vertreten. Im Allgemeinen kann man alle monarchistischen Journale bis zu gewissem Grade clerical nennen. »Le National« wird von der Armee gelesen, die selbstverständlich sehr gute militärische Mitarbeiter aufweist. Eine eigenthümliche Stellung in der französischen Presse nimmt Rochefort ein. Seine Unverfrorenheit, sein kaustischer, schlagfertiger Witz, sein rother Republikanismus vereinigen sich zu einem absonderlichen Bilde. Er schont weder Himmel noch Hölle, weder Freund noch Feind, er geht seine eigene Bahn und ist ein durch und durch originelles Talent, dabei eine unabhängige Natur, so weit sich dies auf Politisches bezieht. »Was sagt Rochefort dazu?« ist nach jeder wichtigen Sitzung, nach jedem bedeutenden Ereigniß die allgemeine Frage. Die Blätter Rochefort's erhalten sich denn auch durch ihren massenhaften Verkauf. Sie sind auf dem ordinärsten Papier gedruckt, ihr nichtpolitischer Theil ist gleich Null, der politische ist durch einen Feuerartikel Rochefort's gebildet. An Tagen, an welchen der Schriftsteller diese Flammen anzündet, werden Hunderttausende von Exemplaren des kleinen Blättchens abgesetzt und die Casse für eine zahme oder todte Woche gefüllt. In der französischen Presse ist es erlaubt, durch sonderbare Mittel Abonnenten heranzuziehen. Das eine Blatt übersendet vor dem Weihnachts- und Neujahrsfeste ein Inhaltsverzeichniß von Spielwaaren und Hanshaltungsgegenständen, die es fünfzig Procent billiger als jedes Magazin seinem Leser liefert. Ein anderes Blatt läßt zu einem sehr billigen Preise für seine Abonnenten Kaminuhren oder Theeservice anfertigen. Ein drittes liefert künstliche Blumen oder exotische Vögel. Der »Figaro« kaufte unlängst die Marmortrümmer der Tuilerien, er ließ Briefbeschwerer daraus arbeiten, sie vom Präsidenten der Demolirungscommission mit der Unterschrift versehen und jedem Abonnenten für fünf Franken zukommen. Ein häßlicher Auswuchs der Pariser Presse und der Preßfreiheit sind die Boulevard-Enten, welche in Form kleiner Flugblättchen jedes halbwegs bedeutende Ereigniß begleiten. Ohne Unterlaß schreit der Ausrufer die absonderlichsten Dinge mit gellender Stimme über die Straße. Da werden Kranke todtgesagt, Freie für verhaftet, Verhaftete für verurtheilt und Verurtheilte für geköpft erklärt. Aus einem Hunderttausendfranken-Bankerotte wird ein Millionendiebstahl; Selbstmorde von Leuten, die nie ans Sterben dachten, werden verkündet. Jede Lüge, jede Gemeinheit, jede Niederträchtigkeit, die sich im Zusammenhange mit einer Tagesfrage erfinden läßt, wird gedruckt unter dem haarsträubendsten, auffallendsten Titel in großen Lettern, mit schwarzem oder rothem Rand versehen, als Wahrheit ausgegeben. Die Ehre, die Wohlfahrt der Menschen sind Null für die schmutzige Bande, welche darauf speculirt, aus den Börsen der Leichtgläubigen die Münzen für ein elendes Machwerk zu ziehen. Der Pariser geht selten auf den Leim, dagegen bleibt der fremde Spaziergänger neugierig stehen, im Augenblick sind solche Blättchen in seiner Hand. Bevor eine echte Ministerliste zu Stande kommt, werden hundert falsche verkauft. Aber nicht allein Blätter politischen Inhalts, sondern auch obscöne Schmutzfinken solcher Art werden losgelassen. Der größte Demokrat muß als ehrlicher und anständiger Mensch wünschen, daß die Regierung diesem Gelichter das Handwerk untersage. Ein zweiter, ebenfalls geschmackloser Auswuchs sind jene Blätter, die nur hie und da erscheinen, »so oft der Verfasser etwas zu sagen hat«. Da gibt es eine Zeitung »Paris, wenn es lügt«; eine andere »Journal für Trunkenbolde «; eine grüne, eine rothe, eine blaue Zeitung; ein Journal für Jene, die nach dem Tode verbrannt zu werden wünschen; eine Zeitung für Austernesser, eine solche für Pastetenfreunde. Da gibt es ein Organ »Die Wahrheit«, ein anderes »Die Lüge«, ein drittes für den »Haß« u.s.w. Bliebe es nur bei unschuldigen Spielereien, so möchte man darüber schweigen. Zumeist bilden aber frivole, obscöne Geschichten den Inhalt dieser Literatur. Häufig sind Erpressungsversuche der Hintergrund. Kein Verbot der Polizei schafft in diesen Dingen Ordnung, und so kann auch das erhabene Antlitz der Göttin Freiheit zuweilen wie eine Fratze erscheinen. Die wissenschaftlichen Vereine haben alle ihre Organe. Diese Fachschriften sind von großer Bedeutung. Die französische Illustration steht auf einer hohen Stufe. »Le Journal amusant« mit seinem leichtgeschürzten Inhalt, »La Vie parisienne« mit ihren Pikanterieen und üppigen Bildern geben eine unterhaltende, jedoch höchst frivole Lecture ab. Allerdings hat »Gavarni« mit unerschöpflichem Humor Volkstypen geschaffen, aber sein Beispiel ist ziemlich vereinzelt geblieben. Der derbe Volkswitz und seine kräftige Muse werden von der »Cocotte« aus dem Felde geschlagen. Der Franzose hat überhaupt weniger Anlage zum derben, ursprünglichen Humor als zur Satire. Er ist auch da, wo er lacht, kritisch und zersetzend. Gerade in dem letzten Decennium hat sich diese Richtung mehr und mehr entwickelt. Ganz vorzüglich sind jene illustrirten Blätter, die gleichsam die Chronik der Zeit bilden. »L'Illustration«, »Le Monde illustré« etc. werden erstaunlich rasch erzeugt. Nach wenigen Tagen steht das letzte actuelle Ereigniß bereits als Bild vor dem Leser. Bevor wir von den Organen der Pariser Presse scheiden, sei auch der Journale in fremden Sprachen gedacht. Die »Deutsche Pariser Zeitung« erringt verschwindend wenig Leser, trotzdem ihre Herausgeber, die Doctoren Aßmus und Löwenstein, den besten Willen einsetzen. Der Deutsche in Paris hält eben ein Journal aus seiner deutschen Heimat, wenn er noch so viel Interesse an Deutschland hat, oder er liest die französische Zeitung. Die englischen Blätter, von denen eines pietistisch, machen gute Geschäfte. Eine spanische Zeitung, ein türkisches, ein arabisches Journal dringen in kleine Kreise. Ein Blick auf die Modezeitungen von Paris zeigt eine sonderbare Einrichtung. Man sagt, daß in Paris vierundsechzig Modezeitungen erscheinen, in Wahrheit steht die Sache anders. Ein und dieselbe Verlagshandlung, ein und dieselbe Gesellschaft gibt unter zehn bis zwanzig verschiedenen Titeln dasselbe Journal heraus. Gleicher Text, gleiche Bilder, nur Papier, Anordnung und Ausführung sind verschieden. Das Ganze ist eine sinnlose Lockpfeife für das Publicum. Aus der geringen Concurrenz entspringt die Einförmigkeit der Mode für das Ausland und die Unmöglichkeit, mit Paris Schritt zu halten, wo nicht die in einer Hand vereinigten Modeblätter, sondern die ihren eigenen Geschmack verfolgenden Ateliers sammt ihren Specialzeichnern maßgebend sind. Wir wollen schließlich noch eines Umstandes gedenken, der die französische Presse auszeichnet. Die Journalistik gilt dem Staatsmann, dem Schriftsteller, dem Dichter und dem Künstler als der Boden, in welchem sie Wurzeln fassen müssen und der die edelsten Geistesblüten treibt. Die öffentliche Meinung ist gleichsam eine geheiligte Macht und ein Organ dieser Meinung zu sein, ein ehrenvolles Amt. Das gleiche Streben wird zum Bundschuh unbesiegbarer Schaaren geistiger Streiter. Die individuellen Ziele, von denen wir gesprochen haben, werden als im Interesse der Parteisache liegend aufgefaßt. Niemand erhebt sich dagegen. Das Wort: »Ich bin Journalist« spricht auch der Bedeutendste mit Stolz und Befriedigung aus. Thatsächlich hat die Laufbahn der größten Franzosen in den Redactionsbureaux begonnen und häufig auch geendet. Gambetta, in dem seine Gegner Cäsarengelüste witterten, blieb bis zu seinem Tode »Directeur de la République française« . Der hervorragendste Schriftsteller nennt sich stolz »Journalist«. Zwischen diesen beiden Ständen gibt es keine Rangordnung. Der Franzose ist ein Mensch der That und des Augenblicks. Er hängt am frischen, vollen Leben und schwimmt gerne im Strome der Gegenwart. Vom Tage für den Tag zu schreiben, entlockt kein spöttisches Lächeln und kein Achselzucken. Man sieht in der Wirkung auf die Zeitgenossen eine Kraft, die Niemand gering schätzt. Die »Bohème« ist weit mehr in jener Welt, welche wir die literarische bezeichnen, zu Hause, als in der Journalistik, die ihren Mann nährt und ehrt. Sicherlich ist im Bilde der Presse nicht Alles hell. Es fehlt an unabhängigen, auch von der liberalen Partei unabhängigen Männern, die kühn und starkgeistig die Führung des Volkes übernehmen und diesem die Wege des Heils zeigen würden, ohne an einen Ministerfauteuil oder an das Band der Ehrenlegion zu denken. Dennoch aber drängt sich dem Beobachter die Empfindung auf, daß in der Achtung, welche die Journalistik genießt, eine Gewähr der nationalen Freiheit liegt. Pariser Carnevals-Nächte. Ich hatte spät am Abend mit einigen Freunden ein Glas trefflichen Punsch geleert. Wir redeten beim dampfenden Glase von Schiller's Ode: »An die Freude«, in welcher der französische Publicist Wilder durchaus eine Ode »An die Freiheit« erblicken will. Er behauptet, Schiller habe nur aus Censurrücksichten »Freude« für »Freiheit« geschrieben. »Die Freiheit in Ehren«, sagte ich, »aber warum soll die Lichtgestalt der Freude nicht einen Poeten zum Liede begeistern?« Nachdem wir auseinandergegangen waren, holte ich mir noch Schiller's unsterbliches Lied. Der Punsch war aber gar zu gut gewesen und das Bischen Schlummer that so wohl ... Da sah ich mein Zimmer von mildem Dämmerlicht überflutet. Vor mir stand ein Weib, schön wie die Venus von Milos, aber lebenswarm und lebensglühend. Die goldblonden Locken fielen über den schlanken Leib, das weiße Gewand umhüllte züchtig die Glieder und ließ doch jede der Formen in ihrer Schönheit hervortreten. Der rosige Fuß schien zu schweben, damit ihn der Staub der Erde nicht berühre, aus dem dunkelblauen Auge blitzte der göttliche Funke des höchsten Verständnisses, die vollen Lippen glühten zum Kusse. Athemlos starrte ich die Erscheinung an. »Du findest mich schön«, begann sie melodisch, »schön und werth, von Deinem großen Dichter gefeiert zu werden. Kennst Du mich auch? Hast Du jemals meinen Kuß gefühlt? Nicht in einsamer Seligkeit, sondern gerade mit den Worten Deines Poeten: »Seid umschlungen, Millionen.« Hast Du Menschen gesehen, die mein Bild widerstrahlen? Weißt Du, wo ich zu finden bin?« In der That, mir fiel es schwer auf's Herz, ich hatte so lange an die Freude vergessen und jetzt mahnte sie mich daran. Die Gestalt verschwand, ich rieb mir die Augen und erwachte. In meinem Zimmer duftete es so betäubend – oh, der Punsch, oh, diese Citronenschalen! Ich öffnete das Fenster und blickte hinaus auf den Riesenleib der Stadt. Noch erglänzten tausend und aber tausend Lämpchen in den Fenstern, der bleiche Mondstrahl bahnte sich neugierig den Weg in die Paläste der Reichen und in die Massenwohnungen der Elenden. Ja, die Freude. Wie mochte sie wohl aussehen? Wenn ich sie in einer Pariser Carnevalsnacht suchte, würde ich sie erkennen? In meinen warmen Mantel gehüllt, zog ich auf Abenteuer aus. Die Große Oper tauchte mit ihrem Marmorkörper aus der breiten Fluth elektrischen Lichtes empor. Die glühenden Sonnen verbreiteten Taghelle über den großen Platz. Als ich am Hauptthore Einlaß begehrte, bemerkte ich einen weiblichen Domino, der eben dem Garderobier einen abgetragenen Regenmantel reichte. Das rothseidene Kleid des Dominos deckten schwarze Spitzen, aus welchen Arm und Nacken in jenem gespenstigen Weiß schimmerten, das stets der Puderbüchse entnommen ist. Die Dame ließ den Fächer fallen und sah mich durch die Maske hindurch mit etwas stechenden, müden Augen an. Ich hob artig den Fächer auf, einen Dutzendfächer, wie ihn die großen Modemagazine zu Tausenden auf den Markt werfen. »Wollen Sie mich in den Saal begleiten?« frug der rothe Domino. »Ich bedauere,« bemerkte ich artig, »auf diese Ehre verzichten zu müssen, ich habe ein Rendezvous mit der Freude.« »Mit der Freude? Hier? Ei, das kann interessant werden. Bitte, lassen Sie sich nicht stören.« – In dem glänzenden Opernsaal trieben sich eine Menge von Gestalten umher, die völlig dem ersten Domino glichen. Zwar waren ihre Kleider blau, gelb, weiß, schwarz oder rosa – aber sie sahen so einförmig drein, als ob jeder eine Wiederholung und keiner ein Einzelwesen wäre. Einige Pierrots versuchten in den Ernst der Situation Heiterkeit zu bringen, sie waren bezahlt dafür und vielleicht gelang ihnen die Aufgabe deshalb um so schlechter. Die Herrenwelt mit dem Monocle vor dem Auge unterdrückte mühsam das Gähnen. Es lag bleiern auf allen Gliedern. Erlaubte Langweile ist das, nicht verbotenes Vergnügen. Ich that, was viele Andere thaten, ich konnte über einige unzweideutige Zweideutigkeiten nicht lachen, ich gähnte. – Da stand der rothe Domino wieder neben mir. »Ihre Partnerin, die Freude, scheint unpünktlich zu sein,« begann sie, »vielleicht nehmen Sie mit mir vorlieb. Ich bin die Banalität.« Ich verneigte mich, schützte Müdigkeit vor und stand bald wieder in der frischen, klaren Winternacht. Die Sterne im Aether lachten mich aus. Ich hörte aber nicht auf sie und ging weiter. Ich trat in die Halle des Skatings oder Pallace-Theaters. »Sie erlauben, daß ich mit Ihnen eintrete,« rief eine Frauenstimme und erfaßte, ohne meine Zustimmung abzuwarten, meinen Arm. Goldrothes Haar lag in dichten Wellen auf der niederen Stirne meiner jungen »Freundin«. Die Farbe des Gesichtes wechselte. Bald schien sie matt und blaß, bald wie übergossen von Rosenschimmer. Die grauen Augen konnten jetzt lachen, dann wild funkeln, dann waren sie grün, jäh aufleuchtend. Zwischen den üppigen Lippen glänzten blendend weiße Zähne, Hals und Arme waren völlig entblößt. Aus dem schwarzen Atlaskleide hob sich der Busen fast unverhüllt empor. Der junge Körper war schön; aber der Flaum der Pfirsichblüthe fehlte. Es ging auch nicht das leiseste Zittern durch mein Herz, als ich das Weib anschaute, welches fest meinen Blick aushielt. »Sie sind ein Neuling,« sprach es zu mir. »Wollen Sie, daß ich Sie führe? Ich bin hier zu Hause«. – »Ich danke, ich suche die Freude,« war meine Antwort. »Können Sie mich zu dieser geleiten?« Sie verzog den rothen Mund. »Nein, wenn Sie fragen – suchen Sie nur selbst.« Damit drehte sie sich auf den hohen Absätzen ihrer spitzen kleinen Schuhe um und ließ mich stehen. Das Pallace Théâtre ist ein großer Saal, dessen Dritttheil den Schlittschuhläufern ohne Eis dienen soll. Das Vergnügen fand aber wenig Sympathie und schlief ein. Ein zweites Dritttheil besteht aus Fauteuils und Sitzplätzen, von denen aus man den Gesangsvorträgen zuhört, Jongleurs, Seiltänzer, Thierbändiger oder Balletmädchen bewundert. Der übrige Theil des Saales dient in den Zwischenacten der Theatervorstellung und vor und nach derselben dem Flaniren, dem glücklichen Nichtsthun, welchem aber hier die erste ästhetische Bedingung, die Naivetät, fehlt. Hier geht die bescheidene Demimonde, welche noch kein Hotel, keine Carosse besitzt, auf Siege aus ... Fort! Was suche ich hier in der Morgue der Unschuld, wo man auf ausgeglühten Herzen, auf zerrissenen Kränzen, auf beschmutzten Schleiern die Ehre zu Grabe trägt? In diesem Getümmel blieb ich freudlos und meine Freudlosigkeit strahlte mir aus den Gesichtern der Anderen entgegen. An der Ausgangsthüre fand ich abermals die Dame, welche mich hierhergeleitet. »Suchst du noch immer die Freude?« sprach sie. »Ich bin die Frivolität, auf Wiedersehen, wenn's beliebt.« Ich hatte Geduld und zog immer weiter. In den Folies Bergères fand ich auf einer kleinen Bühne allerlei Aufregendes für die blasirte Menge. Brüllende Löwen, in deren Rachen ein junges Mädchen den weißen Arm stoßt, einen Wunderschützen, der das Aß aus dem Kartenblatt schießt, welches seine Frau mit den Fingern hält u.s.w. »Das ist etwas für Hans, der das Gruseln suchte«, sagte ich mir. »Und ich, der die Freude finden wollte!« Draußen muß sie sein, draußen in der Vorstadt des volkreichen Paris, dort, wo die Arbeiterviertel liegen, im Tivoli, im Eldorado und wie sie noch alle heißen mögen, die in den Romanen so sehr gefeierten Stätten der Lust. Ja wohl, der Lust am Rohen und Gemeinen! Was ich suchte, den Arbeiter in der blauen Blouse, der im lustigen Tanz sein geliebtes Mädchen schwenkt, aus dessen Auge Liebe, Glück und Lebenslust strahlt, die Arbeiterin, die sauber und zierlich zum Tanze geht, in der frohen Hoffnung, mit ihrem dunkeln Auge den Feuerbrand in ein Mannesherz zu werfen oder auch nur eine frohe Stunde zu verplaudern, die Freude im Volke, die Freude um ihrer selbst willen, ich habe sie in Paris nicht gefunden. Im lateinischen Viertel, einst so berühmt wegen seiner Grisetten-Bälle, dort, wo Musset und Murger ihre Sinette und Mimi Pinson fanden, ist es nicht besser. Die Grisette in der Bedeutung des Poeten ist todt. Von der Dirne flüchtet sich die Freude in das Lied. O, wer das Laster sucht in Pariser Carnevalsnächten, der kann es finden in allen Gestalten und Formen, so zahlreich, daß den Lasterhaftesten die Sehnsucht nach einem Häringschmaus der Tugend überkommt – aber die Freude? O, du einziger Ball der Wiener Wäschermädeln, sei gesegnet! ... So zerrte ich die Erinnerung an die Idealgestalt der Freude mit mir durch die socialen Gossen. Da sah ich über der Pforte eines herrlichen Gebäudes die Worte »Eden-Theater« stehen. Ich trat ein. Der Prachtbau kostete Millionen. »Es soll ein Tempel des Vergnügens werden –« hieß es allgemein. Maurische Gärten, an den Büffets schöne oder schön sein sollende Frauen als Spanierinnen, Rumäninnen, Tscherkessinnen u.s.w. Erquickungen kredenzend. Jetzt ist ganz Paris neugierig und ganz Paris und alle Fremden strömen in das Theater, welches allabendlich überfüllt ist. In dem großen Raum ist Platz für die ganze Welt und für die halbe, welche in dem Eden-Theater einen neuen Turf sieht. Man gibt das Ballet »Excelsior«. Ein Schaustück, zu dem aus Italien eine berühmte Mimikerin und 180 Balletmädchen verschrieben wurden. Decorationen und Costüme sind glänzend. Das Ballet bedeutet den Kampf des Lichtes gegen die Finsterniß. Die Fee Civilisation tanzt die Hauptrolle. Das Ballet gibt soviel zu denken, als man bei einer getanzten Civilisation nur denken kann. Während ich im Ballet saß, war mir's immer noch, als stritten die Citronenschalen bei mir zu Hause mit Eifer ob »Freude« oder »Freiheit«? Da erbrausten vom Orchester die Klänge der Marseillaise. Auf der Bühne hatte das Licht sein Werk vollbracht. Unter den Klängen des Freiheitsliedes legten alle Nationen einig und glücklich ihre Fahnen zu den Füßen des Lichtes und der Civilisation nieder. Die Menge im Theater hatte mich bis dahin ganz kalt gelassen. Als aber das Lied ertönte, als die Bühne das prächtige Schauspiel zeigte, da brauste es wie ein Sturm des Gefühls, wie ein Jubellaut der Empfindung durch das Haus. Die Menge hatte einen Vereinigungspunkt gefunden: »Das Lied der Freiheit«. Ich eilte nach Hause. Unsterblicher Schiller! Wovon du am Strande des Neckar geträumt hast, ich weiß es nicht. Ob dein Wort: »Seid umschlungen Millionen!« im Namen der Freude oder der Freiheit gesungen wurde? Wo reift sie, die goldene Traube, welche den Freudentrank durch alle Adern zieht? Am Neckar, am Rheine, an der Donau? Im Frankenlande zehrt am Weinberg der Freude – die Phylloxera. Vater über'm Sternenzelt, erhalte mindestens den Weinberg der Freiheit! Ein Sensations-Proceß. Am Tage des Urteilsspruches, erkletterte das Publicum die Plätze des Gerichtssaales, drängte sich die Menge in der größten Erregung um Einlaß. Seit Jahren hat kein Criminalproceß die Pariser derart bewegt. Im Musee Grevin ist das schauerliche Verbrechen Marion Fenayrou's plastisch dargestellt. Auf den Boulevards verkauft man Flugschriften, Bilder Gabrielens und ihres Geliebten; im Verlage Calman Levy's erscheint als Bereicherung der Criminal-Literatur ein »schöner Band«, » un beau volume «, wie die Annonce sich ausdrückt, der das Verbrechen von Chatou behandelt. Der Apotheker Aubert verschwand spurlos – viele Wochen später ward aus der Seine der Leichnam eines Mannes gefischt, der, mit Bleistücken beschwert, ewig am Grunde des Flusses hätte modern sollen. – Ersparen wir uns die Schilderung des Ermordeten. Erwähnen wir nur, daß unter anderen fürchterlichen Verletzungen sein Herz mehrere Male durchbohrt war. Der Mörder ward durch die Schwester des Opfers, Madame Barbey, entdeckt. Es war der ehemalige Brodherr Aubert's, ein jetzt herabgekommener Apotheker, Fenayrou, der erfahren hatte, daß seine Frau, Gabriele, die Mutter von drei Kindern, zu Aubert in sträflichem Verhältnisse gestanden habe. Er drohte seiner Frau, sie und ihre Kinder zu tödten, wenn sie ihm nicht helfe, Rache zu nehmen und versprach ihr seine Verzeihung für ihren Beistand. Der teuflische Plan gelang. Das Pariser Ehepaar miethete in Chatou, einem Sommeraufenthalt der Pariser, ein kleines Häuschen. Gabriele schrieb Aubert, mit dem sie längere Zeit hindurch nicht mehr zusammengekommen war, er möge sie dort besuchen; sie bot ihm, wie sie behauptete, ein Darlehen von 1500 Francs an. Das Rendezvous ward angenommen. Fenayrou verabredete sich mit seinem Bruder Lucien und beredete ihn zur Mithilfe bei dem vorbedachten Morde. Am Confirmationstage des Söhnchens ward zwischen Wein und Kuchen die Schauerthat besprochen. Aubert ging in die Falle. Er begleitete Gabriele nach Chatou. Dort öffnet sie die Hausthüre. Es ist dunkel. Aubert tappt über die Schwelle, da fühlt er sich zu Boden gerissen; er will sich vertheidigen, Gabriele stellt sich auf die Seite des Angreifers, ihres Gatten, und während Lucien, der Bruder, im Garten Wache hielt, ward Aubert in der grausamsten Weise hingeschlachtet. »Könnte ich dich tausend Tode leiden lassen«, schreit Marion Fenayrou einmal über das andere. Die warme Leiche wird auf einen Karren geladen und zur Seine geschleppt, dort mit Bleiröhren, die Fenayrou in der Niederlage einer Gasgesellschaft gekauft hat, beschwert und in die Wogen versenkt. Dann kehrten Alle heim – nach Paris. Das saubere Ehepaar feiert seine Versöhnung. Marion Fenayrou gibt Gabrielen den Brautkranz zurück, den er aus dem Schlafgemache entfernt hat. Der Rächer der Gattenehre öffnet seine Arme – und am nächsten Tage auch seine Börse – die Arme für Gabriele, die Börse für Lucien, dem er 50 Francs schenkt. Das in kurzen Umrissen der Inhalt des Dramas. Die Schuldigen gestanden. Das Gericht verurtheilte Marion Fenayrou zum Tode, Gabriele zu zwanzigjähriger Zwangsarbeit und Lucien zu sieben Jahren Kerker. Alle Angeklagten melden die Nullitätsbeschwerde an. Man findet die Gründe stichhaltig und neuerdings ziehen die Bilder des Dramas im Gerichtssaale vorüber. Das Ende ist: Lebenslängliche Zwangsarbeit für Marion und Gabriele, Freiheit für Lucien, von dem angenommen wurde, daß er unter dem Einflüsse seines Bruders zum willenlosen Werkzeuge geworden sei. Wir haben den Proceß nur sehr kurz skizzirt; es spielen darin noch allerlei Dinge mit, welche von nebensächlichem Interesse sind. Eines aber ist hochwichtig: Gabriele Fenayrou besaß, als sie Aubert mordete, einen anderen Geliebten in der Person eines Journalisten, eines 26jährigen Mannes, Secretär einer Zeitung, Herrn Gersteau. Das Interesse des Psychologen wendet sich Gabrielen zu. Marion Fenayrou ist im Leben ein roher Mensch mit geringem Wissen, ein nachlässiger Geschäftsmann, ein Freund der Karten und der Wetten auf dem Rennplatze. Er ist von mittelmäßiger Intelligenz und wäre durch und durch banal und gewöhnlich, wenn nicht die gräßliche Art der Ermordung Aubert's einen diabolischen Zug verriethe. So wie Fenayrou sehen die Männer nicht aus, welche berufen sind, mit der Waffe in eigener Hand ihre Ehre zu rächen. So sehen die Verbrecher aus und so handeln sie – Fenayrou wäre wahrlich auch im Stande, einen ähnlichen Mord zu begehen, nur um sich eine große Summe Geldes anzueignen. – Es fehlte ihm nur die Gelegenheit dazu. Die Pariser Jury, welche stets zu einem Freispruche neigt, wenn es sich um Gattenehre handelt, hat das auch empfunden und trotz des glänzenden Plaidoyers seines Vertheidigers, der es nicht an flammenden Worten fehlen ließ, hat die Jury zwar das Todesurtheil umgestoßen, an dessen Stelle jedoch lebenslängliche Zwangsarbeit gesetzt. – Und Gabriele Fenayrou! Mehrere Schauspielerinnen der ersten Theater wohnten dicht verschleiert der Verhandlung bei. Sie studirten die Züge der entsetzlichen Frau, welche auf der Anklagebank keinen Moment ihre Haltung verlor. Man hat es versucht, Gabriele als ein Product der Zeit hinzustellen. Ich bestreite die Berechtigung dieser Auffassung. Zu allen Zeiten hat es Menschen mit hartem Herzen, Egoisten und Feiglinge gegeben. Gabriele ist Alles das zusammen. Die moderne Vertheidigung, welche sofort die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten bestreitet, welche von unwiderstehlichem Triebe spricht, welche aus einem Ohnmachtsfall Hysterie und aus dieser die Entschuldigung von Sünde und Verbrechen herleitet, ist eine Gefahr für die Gesellschaft. Die Sophistik stellt Sätze auf, welche die Axt an die gesunde Anschauung von Recht und Unrecht legen. Es ist ein Schmerz für die Frauenwelt, wenn man das reizbar nervöse System des Weibes in den Kampf hineinzieht, um eine Verbrecherin zu vertheidigen. Millionen ehrbare Frauen, die keiner Fliege weh thun könnten, werden hiedurch unter das Damoklesschwert der Unzurechnungsfähigkeit gestellt. Die Verteidigung muß allerdings nach Ausgangspunkten suchen, aber das gesunde Urtheil darf sich nicht bestechen lassen. Das Weib, das seit fünfzig Jahren progressiv fortschreitend seinen Antheil am Menschenrechte verlangt, begehrt auch keine Ausnahmsstellung vor der Gerechtigkeit, die über dem Verbrechen waltet. Gabriele Fenayrou ist keine hysterische physisch leidende, sie ist eine gemeine Natur durch und durch, eine Giftpflanze, die man ausreißen muß. Jeder Ehemann müßte zittern, wenn er daran dächte, daß die Nervosität seiner Frau den Ausschlag zu Mord und Unthat geben könnte! Gabrielens Seelenleben zu erforschen lohnt wahrlich nur für den Criminalisten der Mühe. Die Heldin des Verbrechens von Chatou ist jetzt eine Frau in den Dreißigern. Sie ist nicht schön, das Gesicht ist verblüht, wohl aber durch glänzende Augen belebt. In der Jugend mag sie vielleicht den Reiz besessen haben, von welchem das zertrümmerte Pastellbildchen, das der Präsident vor sich liegen hat, Zeugniß gibt. Gabriele gehört einer achtbaren, wohlhabenden Bürgerfamilie an. Die Mutter, gebeugt und gebrochen, schwört im Gerichtssaale auf die Unschuld ihrer Tochter und fleht: »Gebt mir meinen Schatz zurück, Ihr Richter, gebt mir mein Kind wieder!« Gabriele hat, wie die meisten Französinnen, in der Pension eine sogenannte gute Erziehung genossen. Die Vorsteherin dieser Pension, schildert sie als sanft, lernbegierig, fleißig, aber als schlaffen Charakter. Sechzehn Jahre alt, schließt Gabriele eine Vernunftheirat mit dem Apotheker Fenayrou. Dieser liebt seine Frau leidenschaftlich, trotzdem er sie zuweilen heftig behandelt. Nach dem dritten Kinde erkrankt sie und die Aerzte warnen sie vor abermaliger Mutterschaft – Gabriele las viel Romane, ihr Mann genügt ihr nicht, sie ist kokett, ja herausfordernd im Verkehr mit der Männerwelt. Der junge Aubert tritt als Gehilfe in die Apotheke – er wird Gabrielens Geliebter, der Ausdruck paßt besser, als wenn wir sagen würden, sie wird seine Maitresse. Die Frau ist in diesem Falle der angreifende, der handelnde Theil. Gabriele scheint ihren Reizen nicht allzu viel Vertrauen zu schenken, sie gewöhnt Aubert an große Bedürfnisse und nimmt aus der Casse des Gatten das Geld, welches sie in verschiedenen Zwischenräumen Aubert zusteckt. Die Freunde Aubert's haben behauptet, dieser sei unfähig gewesen, Geld von einem Weibe zu nehmen. Gabriele selbst hielt ihre Behauptung aufrecht. Fühlt diese Frau nicht die doppelte Schmach? Die Diebin in der Casse des Mannes, am Vermögen der Familie, die Buhlerin, die ihren Buhlen erkauft! Die Schande fällt auf Gabriele zurück, denn Aubert war ein junger, leichtlebiger Mensch, der über die Provenienz des Geldes nicht nachdachte und sich in den Genüssen, die er sich damit verschaffte, gefiel. Fenayrou schöpft Verdacht. Aubert ist mittlerweile Apotheker geworden, der mit seiner Buhle die Nothwendigkeit seiner Verheiratung bespricht. Gabriele, welche sich, wie sie behauptet, sehnt, auf den Weg der Tugend zurückzukehren, beginnt damit, daß sie die Geliebte Gerstean's wird, den ihr Mann in ihr Haus gebracht hat. Gerstean, abermals ein jüngerer Mann als Gabriele, spielt in dem Processe eine bedauerliche Figur. Als Zeuge vorgerufen, schilderte er Gabriele als unverstandene Seele und erklärte, er habe nicht beabsichtigt, seine Beziehungen zu ihr fortzusetzen. Gabriele hat nun zwei Liebhaber auf einmal – Beide nicht sehr leidenschaftlich verliebt – der Eine erkaltet, der Andere kühl. An diesen beiden Liebhabern hat sie nicht genug, sie sehnt sich nach der Zärtlichkeit ihres Mannes, und als dieser, auf Aubert eifersüchtig, fragt und untersucht, gesteht sie Alles – wohlweislich aber nichts von Gerstean. Dieser konnte ja später einmal geopfert werden. Fenayrou soll Gabriele gedroht haben, ihre Kinder zu tödten, wenn sie ihm nicht helfe Rache zu nehmen. Glaubt eine Mutter an diese Drohung? Glaubt sie, daß der Vater sein Fleisch und Blut aus der Welt schafft, um die Ehebrecherin zu strafen? Nun und nimmermehr. – Glaubt sie an Gefahr für ihr eigenes Leben? Nein, sonst bliebe sie nicht bei Fenayrou; sie weiß, daß unter den drei Männern, welchen sie abwechselnd angehört, der Gatte der für die Zukunft sicherste Verehrer ist. Sie mordet Aubert oder vielmehr sie ist das Werkzeug ihres Gatten, weil ihr Aubert nichts mehr ist. Man las vor 20 Jahren Schauergeschichten aus seinem orientalischen Harem. Eine Prinzessin beschenkt schöne Fremdlinge mit ihrer Gunst und ließ die aus ihren Armen Heimkehrenden überfallen und tödten. Gabriele ist die Erste nicht, welche den gewesenen Liebhaber haßt. Warum sie ihn haßt? Nun eben weil er ihr Liebhaber war. Das liegt auf der Hand. Die Anklage spricht von einem Päckchen Briefe, die in Aubert's Besitz gewesen sein sollen, von denen die Ehre der Fenayrou's abhing, Aubert wollte die Briefe nicht herausgeben. Er soll die Aeußerung gethan haben, »er fürchte die Fenayrou nicht, er halte sie in der Hand.« Ist noch ein zweites Geheimniß mit verflochten, dann gewinnt der Mord an Boden, dann wird die Ursache klar, weshalb Gabriele Aubert zum letzten Mal 1500 Francs verspricht. Vermuthungen sind zahlreich, das angeklagte Paar will von der Bedeutung der Briefe nichts wissen. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß Aubert die Briefe bei sich gehabt, daß die 1500 Francs der Preis dafür waren, daß Marion Fenayrou diese Briefe nach der Ermordung Auberts sich aneignete und vernichtete. Ob diese Briefe ein Verbrechen enthielten? Das Dunkel wird wohl nie gelüftet werden. Nach der Schauerthat von Chatou gewinnt Jeder die Ueberzeugung, daß der Mann, welcher sie so kalt vorherbedacht, nicht zum ersten Mal auf dem Weg der Sünde wandelte. Gabriele kehrt nach dem Morde heim und feiert mit ihrem Gatten eine neue Brautnacht – die Ehre ist gerächt – von Gerstean weiß der Gatte kein Wort. Und nun fragen wir weiter, warum dies Wüthen gegen Aubert und diese Ruhe gegen Gerstean? Deutet das nicht sicher darauf hin, das Fenayrou noch etwas Anderes in Aubert sah, als den Mörder seines Eheglückes? Die Haltung Gabrielens war während der Verhandlung eben so feig wie ihr Benehmen vorher. Sie stellt sich als das Opfer hin. Immer sie und wieder sie – dabei bewahrt sie eine merkwürdige Ruhe. Man sah, die Frau ist fertig mit sich. – Sie weiß, man wird sie nicht zum Tode verurtheilen und sie weiß, daß sie in Neu-Caledonien in der Colonie der Deportirten eine interessante Erscheinung sein, eine interessante Rolle spielen werde. Und das Urtheil! Lucien frei! Mit Recht ist alle Welt darüber entrüstet. Nichts hat sich geändert und die Jury, welche vor wenigen Wochen 7 Jahre Kerker aussprach, fällt ein freisprechendes Urtheil. – »Ein Dummkopf«, sagen die Franzosen, den sein Bruder beherrschte – dieser Lucien, der für 50 Francs den Aufpasser machte, der den blutigen Körper in die Seine schleppte, ist heute wieder Wähler im freien Frankreich, Zeuge, kurzum ein Mann mit allen bürgerlichen Ehren. Marion Fenayrou wird demnächst nach Caledonien segeln; dort wird er seine Frau erwarten, die man ihm bald nachschicken wird. Die Frau, seine Kinder, nun, die Idylle dieses Familienlebens auf Staatskosten wird reiche Blüthen treiben. Nein, Gabriele ist kein Product der Zeit – unverstandene Frauen zeichnen sich durch wilden Muth, durch unglaubliche Kühnheit, durch maßlose, alle Schranken niederreißende Leidenschaftlichkeit aus, aber sie werden nicht zu Meuchelmörderinnen, die aus der Casse des Gatten sich fröhliche Stunden im Arme des Geliebten bezahlen. Marion Fenayrou ist ein Verbrecher und Gabriele eine Verbrecherin, nichts weiter – und ob der Mord an Aubert das erste Verbrechen oder nur die Folge desselben war, die Wellen der Seine wissen es und bewahren das Geheimniß. Pariser Dienstboten. In einem vornehmen Pariser Hause sollte ein Koch aufgenommen werden. Der Hausherr besprach alle Bedingungen und nannte endlich auch die Summe des »Gehaltes«. »Verzeihung, mein Herr,« erwiderte der Nachfolger Vatel's, »der Gehalt ist mir eigentlich gleichgiltig.« – »Gleichgiltig? Umso besser!« – »Jawohl, mein Herr, auf den Gehalt kommt es nicht an. Nennen Sie mir gütigst die Summe, welche Sie für Ihr Hauswesen ausgeben.« – »Ah, das ist eine sonderbare Zumuthung!« – »Und doch kann ich mich erst, wenn Sie meine Frage beantwortet haben, entscheiden, ob ich den Platz annehme. Ich muß jährlich 8000 Francs verdienen können. Diese sind ein Ergebniß der Percente des Haushaltes. Sie begreifen, daß der Gehalt –« – »Vollkommen. Ich begreife Alles«. Diese Geschichte spielt sich im Kleinen in jedem Pariser Haushalte ab. Die große Nation, die Bevölkerung von Paris, welche eine Dynastie von Königen und eine von Kaisern ausgerottet hat, welche die Völkerfreiheit aus dem Schlafe weckte, in dem sie Jahrhunderte lang versunken war, die Pariser, sonst die unabhängigsten Charaktere, seufzen alle unter dem Drucke von Haustyrannen, deren Macht ungebrochen im Wachsen begriffen ist, deren Joch Niemand abschüttelt. Diese Tyrannen sind die »Diener«, eigentlich die Herren ihrer Herrschaft. Der Unabhängigkeitssinn, welcher jedem Pariser innewohnt, ist in den unteren Schichten der Gesellschaft um so entwickelter. Der französische Diener ist der größte, eingefleischteste Egoist, voll Selbstbewußtsein und überzeugt von seiner Unentbehrlichkeit. Der Dienerstand recrutirt sich fast gar nicht aus Mädchen guter Familien, die, wie z.B. in Deutschland, gezwungen sind, ihren Lebensunterhalt durch das Dienen in fremdem Hause zu erwerben. Keine Pariser Mutter bestimmt oder erzieht ihr Kind zum »Dienen«. Das Mädchen zieht jede andere Arbeit vor und nur wenn ihm diese zu schwer wird, wenn sie nicht genügend einträglicher ist, wenn die Genußsucht ein Leben im Dienste als verlockender malt, als ein solches im Atelier, wird sie Dienerin. Der Mann, der Intelligenz und Fleiß besitzt, wird Arbeiter; derjenige, welcher bequem genießen und sich nur wenig regen will, wird Diener. Zwischen Herrschaft und Dienerschaft besteht in Paris gar kein Band – gar keine Neigung. Dem Diener fällt es gar nicht ein, dem Herrn ein Opfer zu bringen, und der Herr betrachtet den Diener als eine lebende Maschine, die man ölt, so lange sie brauchbar ist. Es ist selbstverständlich, daß hievon überall Ausnahmen existiren; es gibt auch in Frankreich einzelne ausgezeichnete Diener und gewiß auch treffliche Herren. Auch in Frankreich finden sich Fälle von Muth und Selbstverleugnung der Dienerschaft. Aber die Regel entspricht meiner Schilderung. Viel an dem unerquicklichen Zustand ist der Umstand Schuld, daß die Kündigungsfrist nur acht Tage beträgt. Man geht leichtsinnig auf Probe. Die Frist wird nicht eingehalten, man verläßt sofort das Haus und wird ohne besonderen Grund auf die Minute entlassen. In der Ferne bildet man sich ein, es sei äußerst angenehm, daß die bürgerlich lebenden Familien in Paris nur eine bonne a tout zu halten brauchen. – Wer aber meint, daß diese Bonne auf einer Stufe mit der deutschen Dienerin oder gar der böhmischen Marianka steht, der irrt gewaltig. Die Familie ist darauf angewiesen, sehr einfach zu essen, der gedeckte Tisch muthet durchaus nicht an und die Sauberkeit ist ein Capital, über welches wir lieber schweigen wollen. Die französische Dienerin spricht mit ihrer Herrin ohne alle Unterwürfigkeit. Sie präcisirt genau alle Rechte und schickt Madame ohne Umstände mit den Worten: »Hier haben, Madame, gar nichts zu suchen!« aus der Küche; sie regelt ihren Gehalt, ihren Ausgang, Weingeld, Zuckergeld, Wäschgeld u.s.w. Sie bestimmt, daß sie Morgens nicht vor halb 8 Uhr mit der Arbeit beginnt und Abends nicht nach 9 Uhr zur Verfügung steht; sie fragt genau nach der Zahl der Schüsseln, aus denen ihre Nahrung täglich besteht, und findet es unerträglich, nicht ganz dieselbe Verpflegung wie die Herrschaft zu genießen. Sie wohnt natürlich im sechsten Stocke, in einem Kämmerchen, das nicht geheizt werden kann, aber sie erträgt diesen Mangel, denn sie verdankt dem sechsten Stocke die Freiheit. Ach, die sechsten Stöcke! Da liegt eine Flucht von Dimerzimmern und da versammeln sich Abends die Dienenden beider Geschlechter. Da wird die Ehre der Familie zu Markte getragen, da wird gelacht, geklagt, gescherzt, gehaßt und geliebt. Da wird duftender Thee getrunken, den die Köchin vom zweiten Stocke anbietet, während der Diener vom ersten eine Flasche vom Besten entkorkt. Die femme de chambre hat im dritten Stocke einen unbeachteten Topf Confiture gefunden, die kleine Celie war so geschickt, eine Handvoll Bisquits zu escamotiren. Zucker, Cognac, finden sich im Ueberfluß. Die Beleuchtung besorgen eine Menge von Lichtstümpfchen, die aus verschiedenen Tischen hervorgeholt wurden. Das gibt nun eine lustige, plappernde Gesellschaft, die sich die Hände wärmt über Glutpfannen, die Füße auf Wärmeflaschen. Da überkommt alle die Versammelten die Empfindung der Unabhängigkeit. Der kluge Jean weiß stets so lustige Geschichten von dem dicken Bankier und der kleinen Tänzerin, der schmächtige Victor erzählt, wie Madame kleine duftige Briefchen durch ihn besorgen lasse, die behäbige Françoise öffnet den Schatz ihrer Erfahrungen, die Kammerkatzen wechseln verliebte, glühende Blicke mit den Adonis der Vorzimmer und oft dringen schon blasse Sonnenstrahlen in die Fenster, ehe die Gesellschaft daran denkt, auseinanderzugehen und in Träumen die Unterhaltung der Nachtstunden fortzusetzen. Nicht selten stellen sich auch Gäste von auswärts ein. Bekannte aus früheren Dienstplätzen. Die männlichen Verehrer erscheinen. Der Concierge ist so gefällig, den Cordon niemals zu verweigern. Nicht selten kommt es vor, daß, indeß die müde Hausfrau, der sorgsame Hausherr, ihre Diener in tiefen Schlaf versunken wähnen, sich diese in einem der unzähligen Vergnügungslocale von Paris gütlich thun. Kaum ist die Bonne nach ihrem geliebten sechsten Stock entschlüpft, so hat sie auch rasch die seinen glänzenden Stiefelchen über die müden Füße gezogen, das Sonntagskleid angelegt, den Hut auf das dichte Haar gedrückt und fort geht es zum Tanz, in die Freiheit. Die wenigsten Diener nehmen eine Schlafstube im Stockwerke, in dem die Herrschaft wohnt, an; ihre Weigerung ist stets ein Prüfstein für die Moralität des weiblichen Personales, mit der es herzlich schlecht bestellt ist, weit schlechter als in Deutschland oder Oesterreich. Die preußische Minna und die böhmische Marianka, die Wiener Nani haben Herzensbündnisse geschlossen, sie besitzen zumeist ihre ständigen Verehrer, sie haben »Verhältnisse«, die oft wahrhaft rührende Beweise von Ausdauer sind in Verhältnissen, die schließlich meist mit einer Heirat enden, welche vom Anfang als das Ziel betrachtet wurde. Anders in Paris. Die Liebe wird von der leichten Seite erfaßt. Die Frauen dieser Classe kommen sich sofort hochmoralisch vor, wenn sie aus der Liebe kein Geschäft machen, aber aus den zärtlichen Herzensbündnissen entspringt keine Pflicht und selten führt eines zur Ehe. Um im Punkte der Sittlichkeit etwas beruhigter zu sein, verwendet man in guten Pariser Familien sehr gerne verheiratete Dienstleute, eine sogenannte Menage, die Frau für die Küche, den Mann als Diener. Es ist Ueberfluß an solchen Ehepaaren, die sich aber nicht zusammenfinden, wie in Wien. In den meisten Fällen werden diese Ehen, gerade so wie die der Gesellschaft, von den Eltern des Mädchens vermittelt, zuweilen spielen die Dienstgeber, wenn sie mit ihren Leuten zufrieden sind, die Heirathsstifter. Man ist in dieser Beziehung human und verdammt nicht zur Ehelosigkeit, was nicht gerne allein bleibt. Ein Uebelstand, der dem sechsten Stock zunächst steht, ist der Sou. Jede Ausgabe, welche für den Haushalt gemacht wird, wirft für die Bonne einen Sou vom Franc ab. Vom Bäcker und vom Epicier, vom Fleischer, vom Milchmann und vom Gemüsehändler. – Der Sou ist ein regelmäßiges Deputat. Kauft die Hausfrau selbst ein, so bezahlt sie nicht um den Sou weniger, in diesem Falle nimmt der Verkäufer den Sou in Anspruch. Eine kurze Rechnung zeigt das Resultat dieses Sou. In großen Haushaltungen wird der Gehalt durch denselben weit übertroffen und so erklärt sich die Aeußerung des Eingangs erwähnten Kochs. Je höher die Stellung des Dieners ist, desto unliebsamer wird sie empfunden. Liberté, fraternité und egalité sind eine Mischung, welche herzlich unangenehm weiden kann. Eine Dame ist im Begriffe, eine femme de chambre aufzunehmen. Die Augen des Mädchens wandern über alle Effecten im Zimmer und bleiben endlich auf der Zeitung, dem »Gaulois« haften. »Pardon, Madame, lesen den »Gaulois?« fragt das Mädchen. »Ja wohl«, antwortet erstaunt die Herrin – »Pardon, Madame, ich bin so sehr an den »Figaro« gewöhnt aber – man kann sich vielleicht eingewöhnen!« – Bei einer anderen Dame bemerkt das Stubenmädchen den »Gil-Blas«. »Pardon, Madame, ist nicht mit Monsieur zusammen?« »Was bringt Sie auf diesen Gedanken?« – »Ich meinte nur, mein letzter Herr erlaubte der Gnädigen nicht, den »Gil-Blas« zu lesen.« Die femme de chambre unterscheidet sich durch ihre Vorliebe für die Lectüre von der Köchin, welche freie Stunden gerne mit Kartenaufschlagen verbringt. Die modernen Romane wandern aus dem Salon in die Dienerstube. Geht das Kammermädchen auf den Ball, so greift es kühn in die Garderobe ihrer Herrin und wählt den besten Staat. Das Heer jener Frauen, welche ihren Dienerinnen Vieles nachsehen müssen, die sammt ihren Geheimnissen völlig in den Händen ihrer Untergebenen sind, ist so groß, daß die honnêt femme darunter schwer leidet. Der männliche Diener findet sich im bürgerlichen Haushalte noch eher zurecht, er ist in der Regel verläßlicher, anspruchsloser und tüchtiger als das Frauenvolk seines Standes. Die Geißeln der Familien sind die Kinderwärterinnen. Die Ammen sind theuer, aber meist annehmbar. Man verwendet nur verheiratete Frauen vom Lande, die zwar sehr geldgierig sind, aber sonst nicht viel Verdruß bereiten. Dagegen die Kinderwärterin! Ich kenne Frauen, die mit Thränen von einem Familienzuwachs sprechen, weil in Folge dessen sie eine Kinderwärterin benöthigen. In diesen Geschöpfen schlummern alle bösen Leidenschaften, die nur auf den ersten Anlaß warten, um zu erwachen und sich an dem Kinde zu rächen. Wenn ich der Wiener Kinderfrauen gedenke, deren Fehler ich gewiß nicht unterschätze, so fällt mir gleichzeitig auch ein, wie viele Nächte solch' eine Pflegerin dem kleinen Wesen opfert, wie sie es hegt und pflegt und betreut, wie sie an demselben hängt. Nichts von alledem in Paris. Deutsche Dienstmädchen sind in Paris sehr beliebt. Die ärgsten Deutschenfeinde jagen nach ihnen. Leider sind die deutschen Dienerinnen nicht die besten ihrer Art. Der Elsaß und Luxenbourg stellen die Mehrzahl. Es sind Leute mit höchst beschränkter Intelligenz, die in der Heimat nicht fortkommen würden; sie sind schwerfällig und unbeholfen. Was ein richtiges, flinkes deutsches Dienstmädchen ist, weiß der Pariser nicht. Es ist Mode, für Kinder deutsche Pflegerinnen zu nehmen, damit sie die deutsche Sprache erlernen. Die Dialekte, welche man dem heranwachsenden Pariser Geschlechte als deutsch präsentirt, sind geradezu schauderhaft. Da wird geschwäbelt, luxenburgisch platt gedrückt, auf elsässisch breitgequetscht, Alles, nur nicht gut deutsch geredet, aber die Pariser Eltern begreifen das nicht. Deutsch muß doch deutsch bleiben. Auffallend und bezeichnend sind die wenigen hübschen Dienstmädchen. Frauenschönheit greift eben in jedem Stande in Frankreich nach der Herrschaft, auch wenn sie im Schmutz aufgerichtet wird, und für den Dienst dünkt sich ein hübsches Gesicht viel zu gut. Es ist gewöhnlich Mangel an Dienern, denn die Familien auf dem Lande sind wenig zahlreich, der Bauer behält seine Kinder im Hause. Eines aber zeichnet den französischen Diener aus: Sparsamkeit und relative Einfachheit in der Kleidung. Die meisten Dienerinnen tragen die weiße Haube, der Hut ist ihnen unbekannt, und glatte, einfache Kleider aus festem Wollstoffe oder Leinwand. Nur die höhere femme de chambre ahmt die Launen der Herrin nach. Durch die geringe Putzsucht bleibt der Lohn in der Tasche. Die meisten Dienerinnen tragen größere Summen in die Sparkasse, sie versichern sich bei Assecuranzgesellschaften, sie arbeiten in der Jugend, um in alten Tagen nicht dem Elend zu verfallen. Diese Eigenschaft liegt eben auch im Nationalcharakter. Man behandelt den Diener in Frankreich sehr artig, aber man ist sehr kurz angebunden, und nimmt keinen Theil an seinen Leiden und Freuden. Das Spital, wenn er erkrankt, und auch dieses nicht auf Kosten der Herrschaft. Die Auslagen vergütet der Diener selbst oder die Assistance publique . Wenn man die Schattenseite einer Menschenclasse hervorhebt, ist es nur billig, auch ihrer Vorzüge zu gedenken. Der französische Diener ist findig und intelligent, wenn er arbeiten will, ungeheuer leistungsfähig. In den Geschäften bewältigen die Hausknechte, Garçons genannt, eine unglaubliche Arbeitsmenge; sie fühlen sich aber nicht mehr als Diener, sondern als Ouvriers. Dasselbe gilt von den in Hotels oder Pensionen angestellten Leuten, Schlanke, schwächliche Burschen tragen haushohe Koffer auf ihren Schultern, als wären sie Kinderspielzeug. So wie der Diener Ouvrier wird, d.h. seine Arbeit nur für eine bestimmte Arbeitszeit einzusetzen braucht und die Art der Thätigkeit genauer taxiren kann, als im bürgerlichen Haushalte, wird er aus dem Feind des Hauses dessen brauchbarer Vertreter. Gerade in dem Inneren der Haushaltung klafft die Wunde. Das Band, welches Herrschaft und Dienerschaft verknüpft, ist locker. Auf beiden Seiten herrscht Selbstsucht und das Bestreben, einander so gut als möglich auszunützen. Wer das Blatt der großen ersten Revolution aufschlägt und die rührenden Züge von Dienertreue liest, wer die Fälle, in denen Diener für ihre Herren zum Schaffot gingen, an seinem Geist vorüberziehen läßt, wer der Thatsache gedenkt, daß viele Diener den Besitz der geflüchteten Herrschaften an sich brachten und diesen Jahrzehnte lang die Einnahmen in die Fremde schickten, bis sie denselben ihre alten Schlösser zurückgaben, um bescheiden abermals in die Dienerstube zurückzukehren, wer das Alles mit den Zuständen von heute vergleicht, der schüttelt den Kopf und mit Trauer fragt er nach der Ursache. Liegt sie in der Volkserziehung? Kann überhaupt ein Dienerstand für sich als Bestandtheil der Cultur und des civilisirten Staates gedacht werden? Die Dienerfrage ist in Frankreich mit ein Theil der socialen Frage geworden, im Frieden unlösbar, im Kampf alle Schranken niederwerfend. Die Pariserin im Handel und Wandel Zu den Eigentümlichkeiten der französischen Hauptstadt gehört die hervorragende Stellung der Frau im Geschäftsleben. Die Pariserin der Bourgeoisie ist, sofern ihr Mann nicht zu den Rentiers gehört oder eine Profession libre ausübt, keine consumirende, sondern eine producirende Kraft. Die vielgeschmähte Pariserin ist kein Luxusartikel für den Mann, sondern eine Nothwendigkeit für das Gedeihen seines Geschäftes geradezu unentbehrlich. Die französische durch und durch gesunde Auffassung der Arbeit hat nichts mit den absolut falschen Grundsätzen zu schaffen, welche in Deutschland, mehr noch in Oesterreich die Gesellschaft vergiften; sie ist weit freier und großherziger als die britischen Ideen, welche aus der Art der Arbeitsleistung die Anwartschaft auf die gesellschaftliche Stellung ableiten. Der Pariser erkennt die Nothwendigkeit der Arbeit als Mittel zum Zweck, der Zweck heißt eine Rente, um schließlich in einem beschaulichen, angenehmen Nichtsthun leben zu dürfen. Heute der fleißigste Arbeiter, morgen der glücklichste Flaneur, hält er das Panier der Arbeit hoch. Wenn er die Frucht einheimst, verleugnet er den Baum nicht, der sie getragen hat. Der Engländer, welcher die Parole des selfe made man ausgegeben hat, sieht eine Erniedrigung in dem »Laden«. Der Pariser schätzt jede Thätigkeit gleich hoch. Im Handel ebenso intelligent als fleißig, ebenso schlau als energisch, ebenso zäh als ausdauernd, in seinen Bedürfnissen bescheiden, unablässig entbehrend, immer das Ziel, die Rente, vor Augen, erreicht der Pariser dasselbe zumeist noch vor dem Termin, welchen er sich gesteckt hat. Die Wohlhabenheit des Bürgerstandes, welcher in Frankreich so sehr gedeiht, die Thatsache, daß die meisten Kaufleute sich in einem gewissen Alter in Rentiers verwandeln, wäre aber ohne die Hilfe der Frau unmöglich. Die Arbeit der Frau gereicht ihr zur Ehre und beraubt sie niemals des Titels und der Rechte, welche der »Dame« zukommen. Man ist frei von den lächerlichen Vorurtheilen, welche in manchen Ländern der Frau im Hause die Arbeit der Magd auferlegen, ihr aber verbieten ihre Kraft nach Außen zu entfalten. Der junge Mann, welcher ein Geschäft einrichtet, denkt zuerst an die Ehe. Er sucht ein Mädchen, das einer anständigen Familie angehört und ihm die fast unentbehrliche »Dot« mitbringt. Das Mädchen hat bis zum vollendeten 16. Jahre in der Pension die Durchschnittsbildung genossen, die nicht so wegwerfend zu behandeln ist, wie wir das zumeist thun. Die Pariserin kennt die Geschichte und die Geographie ihres Landes in knappen, klaren Formen, sie schreibt logische Briefe, sie rechnet und versteht die Buchhaltung, sie weiß, daß Racine, Corneille und Molière gelebt haben, daß Victor Hugo noch am Leben ist, und ahnt von den anderen Nationen genug, um deren Schwächen später trefflich auszubeuten. Die französische Pensionserziehung richtet sich auf praktische Ziele. Nur faßt der Pariser das Wort »praktisch« eben ganz anders auf, als es bei uns daheim geschieht. Er lehrt der Frau nicht, wie man das Geld am besten ausgibt, wie man das schönste Heim einrichtet, die schönste Wäsche hat , den besten Tisch führt, sondern wie man das Geld am besten einnimmt . Verdienen, Erwerben ist die Losung des ganzen Mittelstandes, dessen gesundes Blut die Gesellschaft erhält. Faul und krank sind die höheren Schichten der Gesellschaft – die mittleren jedoch sind kernig, aus festem Stoff. In ihnen liegt die Widerstandskraft und die Regenerationskraft Frankreichs. Hat der junge Mann das Mädchen gefunden, welches meist 17 bis 20 Jahre alt ist, hat man die »Dot« (Mitgift) bestimmt, so folgt die Hochzeit in wenigen Wochen. Ein langer Brautstand ist fast unmöglich, denn er legt der Mutter der Braut und den Verlobten strengen Zwang auf. Das Brautpaar bleibt niemals allein, jede Liebesbezeugung, welche über einen Handkuß hinausgeht, ist unstatthaft, ein gemeinschaftlicher Spaziergang, eine der Freiheiten, bei uns zwischen Verlobten gang und gäbe, gehören in das Reich des Unerlaubten. Das junge Mädchen weiß, daß ihr zukünftiger Gatte Arbeit von ihr erwartet. Man miethet eine kleine Wohnung, so eng als möglich, denn die Heimstätte der Zukunft ist das Geschäft. Die Wohnung würde nicht nur unnütze Kosten verursachen, sondern eine Last werden. Man möblirt zumeist ganz einfach und miethet eine Bonne, wenn nicht das junge Paar es vorzieht, das Diner aus dem Restaurant kommen zu lassen und sich mit der femme de Menage zu behelfen. Der Maire und der Priester haben das Brautpaar vereint. Die kurze Hochzeitsreise nach Brüssel, nach Havre oder Lyon ist vorüber, der Kranz hängt in Glas und Rahmen im Schlafgemach, der Brautschleier ist verwahrt. Mann und Frau beginnen das gemeinsame Leben. Die junge Frau nimmt ihren Platz im Comptoir oder an der Casse ein, sie bringt Befähigung, guten Willen und unverdrossenen Fleiß mit. Nichts entgeht ihrem Blick. Zumeist ist sie der wichtigste Factor, den die Kunden suchen, den die Untergebenen um Rath fragen, mit dem die Geschäftsfreunde verhandeln. Das gemeinsame Interesse wird zum mächtigen Hebel für das eheliche Glück; unzufriedene Ehen sind in diesem Stande außerordentlich selten. Die Pariserin, von früh Morgens bis spät Abends thätig, vergißt dabei nicht die Sorge für ihr Aeußeres, sie verdient darin zum Muster aufgestellt zu werden. Die fleißigste Geschäftsfrau, trägt sie die modernste Frisur; ihr schwarzes Kleid, je nach dem Geschäfte, aus Wollenstoff oder schwerer Seide, zeigt die eleganteste Façon. Sie liebt blitzende Steine und haßt falschen Schmuck, sie ziert ihr kleines Ohr gerne mit großen Diamanten und legt nicht wenig Armbänder um ihren schlanken Arm. Die goldene Kette und die zierliche Uhr daran fehlen fast niemals. Sie achtet darauf, daß die Hand immer wohlgepflegt sei. Eine Freundin der Blumen, entbehrt sie nicht die Veilchen und nicht den Rosenschmuck an der Brust. Die Pariser Geschäftsfrau bleibt immer Dame, die keiner Nachlässigkeit verfällt und keine duldet. Die Haltung der Herrin ist von großem Einfluß auf die der Beamtinnen des Geschäfts. Wenn ich die zierlichen, überaus anmuthenden, gefällig gekleideten Pariser Frauen in ihren Laden sehe, denke ich immer mit unbehaglicher Empfindung an viele Magazine Wiens zurück, in denen weibliche Gestalten oft wie wahre Vogelscheuchen mit erfrorenen Fingern, in abgetragenen Kleidern, in dichte Wolltücher gehüllt uns wahrlich nicht an das »schöne« Geschlecht erinnern. Dadurch, daß die Frau von Früh bis Spät im Innern des Geschäftes thätig ist, findet eine Zweitheilung der Arbeit statt, welche dem Ganzen zu Gute kommt. Der Mann kann nach Außen alle Interessen verfolgen, die Arbeiter, die Verkäufer und Verkäuferinnen stehen unter der Aufsicht und Leitung der Frau. Wie angenehm versteht die kleine Französin mit jedem Käufer zu plaudern. Die dunkeln Augen blitzen als Begleitung der intelligenten Worte. Madame wird von dem Personale hochgehalten. Es gibt kaum ein Geschäft, in welchem die Frau nicht Verwendung findet. Da, wo sie nicht im Laden weilt, beschäftigt sie sich in der Fabrik, beim Buche oder im Arbeitssaal, die Arbeit vertheilend. In allen Zweigen des Geschäftslebens findet sie ihren Platz und füllt ihn trefflich aus. Die Pariserin ist eben nicht nur in guten, sondern auch in bösen Tagen die beste Stütze des Gatten. Wenn eine unglückliche Conjunctur die Familie bedroht, wenn eine böse Katastrophe im Geschäftsleben eingetreten ist, beweist sie ihre ganze Kraft und Tüchtigkeit. Ungebeugt richtet sie ihren Mann auf, unverzagt beginnt sie auf's Neue zu streben, zu ringen. Immer vergnügt lächelt sie dem Manne Muth ins Herz. Die einfachste, schlichteste Frau hat zuweilen Momente von erhabener Größe. Ihre Frage thut dem Manne wohl, denn sie ist auf Verständniß der Sache begründet. Er findet keinen treueren, keinen klügeren Freund, als sein Weib, er rafft sich auf und bald folgen lichte Tage der dunkeln bösen Zeit. Während da, wo das Geschäft einzig in der Hand des Mannes liegt, mit dessen Leben für die Familie der Wohlstand schwindet, während das Elend seine Arme um Frau und Kinder schlingt, ist die Pariserin in der Lage, den heftigen Schlag nach dieser Richtung hin weniger bitter zu empfinden. Tüchtig und geübt im Geschäft, sichert die Mutter die Erziehung der Kinder durch ihre Arbeit. Die Fälle, in denen Frauen an der Spitze großer Unternehmungen stehen, gehören in Frankreich nicht zu den Seltenheiten. Die Frau, welche in dem Berufe ihres Mannes keine Arbeit findet, gründet ihr selbstständiges Geschäftchen oder sie erwirbt im Hause. In dem Augenblicke, in welchem der Gehalt des Mannes die Familie zu Entbehrungen verurtheilen würde, greift die Hand der Frau ein und schafft Wohlstand und Behagen. Tausenderlei reizende, niedliche Dinge werden von ihren weißen Fingern geschaffen. Die Pariserin pflegt ihr Talent und verwerthet es. Die Malerei auf Seide, Sammt, Elfenbein, Porzellan und Glas wird trefflich bezahlt. Feine Blumenarbeit und Hand-Passementerie sind Leistungen, welche die Pariserin des Mittelstandes mit Erfolg zu Stande bringt. Sobald ihr Pensum beendet ist und der Arbeitskorb geschlossen wird, fühlt sie sich vollständig Dame und ist in ihrer Empfindung und in der Behandlung, die sie erfährt, der vornehmen Marquise des Faubourg ebenbürtig. Man darf darum nicht glauben, daß Paris kein glänzendes Elend kennt. Es finden sich noch genug Beispiele, aber die Regel ist gedeihlicher Erwerb. Der Mittelstand ist darum auch derjenige, in welchem noch die meisten Ehen geschlossen werden. Nur in den höheren Schichten der Gesellschaft, wo die Frau als überflüssiger Luxus gilt, nehmen die Ehen ab. Um Geld auszugeben, braucht der Pariser keine Frau zu nehmen. – Er bedarf der Gattin zum Miterwerb – und dieser Motor schützt die Sittlichkeit. Die Stellung der Frau in Frankreich wäre unerträglich, wenn nicht die Gepflogenheiten des Lebens den Paragraphen des Gesetzbuches die Wage hielten. Die französischen Frauen sind durch ein veraltetes, tyrannisches Gesetz beinahe rechtlos, aber jede Einzelne wird durch eigene Kraft aus der Sklavin zur Herrin. Man hat vielfach behauptet, das Familienleben ginge unter, wenn die Frau sich dem Geschäfte widme und die Kinder vernachlässige; es ist allerdings richtig, daß die Handelsthätigkeit der Frau dieser nicht gestattet, im deutschen Sinne Mutter zu sein. Aber ist die deutsche Sitte wirklich eine alleinseligmachende? Paßt sie für Alle? Wie viel Tausende von Kindern verkommen in anderen Ländern trotz der zärtlichsten Erziehung, weil die Mittel, ihnen anständigen Lebensunterhalt zu schaffen, fehlen, während ihnen die Thätigkeit der Eltern in Frankreich eine gesicherte Lebensstellung schafft. Wie viele Frauen vergeuden ihre Zeit am Putztische, in leeren Kaffeegesellschaften, im Tratsch mit der Base und der Nachbarin, und kümmern sich weit weniger um ihre Kinder, als die Pariser Geschäftsfrau, welche deren Erziehung bewährten Händen anvertraut und sie regelt, welche die besten Jahre ihres Lebens daran setzt, um für ihre Kinder ein Vermögen zu erwerben. Wer will es wagen, dieser Frau Mangel an Mutterliebe vorzuwerfen? Man muß sie nur des Sonntags sehen, wo sie beladen mit Kuchen in die Pension eilt, um die einzigen freien Stunden der Woche mit dem Töchterchen oder dem Söhnchen zu verbringen, man muß sie sehen, mit welchem Jubel sie die Kleinen umhalst, wenn diese zweimal des Monats den Sonntag bei den Eltern verleben. Uebrigens ist der Fall, daß die Kinder im Elternhause sehr gut erzogen werden, gar nicht selten. Häufig finden sich Geschäft und Wohnung in einem Hause. Die Beweglichkeit, die Intelligenz der Pariserin lassen sie spielend eine Menge von Schwierigkeiten bewältigen. Der Pariser Mittelstand hat mit dem Gespenst der Sorge wenig zu thun und die Frau darf mit Befriedigung auf ihre Arbeit blicken, die das Product gesunder Lebensanschauungen des Volkes ist. Ein Land, in welchem diese eine herrschende Gewalt ausüben, blüht und gedeiht trotz politischen Haders, trotz der Fäulniß, welche einzelne Kreise der Gesellschaft zersetzt. Das Faule und Kranke wird abgestoßen, der gesunde Kern wirkt regenerirend. Das Frankreich von heute wird vielleicht noch manche große Erschütterung erfahren, manches wird in Trümmer sinken, aber die Erschütterung bedeutet nicht das Grollen des Unterganges, sondern das hohe Lied der Auferstehung. Ein Apostel der Frauenemancipation. Das Journal » La Citoyenne « predigt die Frauenemancipation bis in ihre äußersten Consequenzen. Das Blatt erscheint allwöchentlich oder alle vierzehn Tage, je nachdem Stoff und Mittel dazu vorhanden sind. Die Artikel zeichnen sich, von ihrem Inhalte abgesehen, durch Klarheit und Präcision aus. Die Damen, welche diese Zeitung leiten, nehmen kein Blatt vor den Mund und »Figaro« sammt Consorten ist in stetem Geplänkel mit der »Citoyenne« begriffen. Ich gestehe, daß ich in einer Zeit, in der die Gebildeten häufig Schablone sind, mich von jeder Individualität mächtig angezogen fühle. Als solche stellt sich Hubertine Auclerc mir in ihrem geistigen Wirken dar. In einigen Worten bat ich sie, mir als Kollegin eine Zusammenkunft zu gewähren, und schon am nächsten Tage erhielt ich ein Briefchen, das mir sagte, ich würde jeden Dienstag in der Rue Cail willkommen sein. Neugierig, benützte ich schon den nächsten Dienstag zu einer Fahrt dahin. Die Rue Cail liegt nächst der Porte St. Denis; sie besteht aus vielen neuen Häusern, kleinen Zinskasernen für mäßig bemittelte Einwohner. Ich erstieg drei Treppen und las endlich auf einem blanken Messingschilde die Worte: Siège du droit de femmes . Auf mein Klingeln öffnete eine weibliche Gestalt und geleitete mich aus einem engen Entrée in den kleinen Salon. Ein luftiges Feuer flackerte im Camin. Das Gemach war äußerst bescheiden möblirt, aber es sah anheimelnd und nett aus. Mein suchender Blick entdeckte kein Ständchen. Meine Begleiterin hieß mich niedersetzen. Hubertine Auclerc hatte mir selbst geöffnet. Sie war nicht allein. Eine noch junge, hübsche Frau, Romanschriftstellerin, war zu Besuch anwesend. Sie trug das Manuskript ihres letzten Romanes in der Hand, für welchen sie den Verleger suchte. Der Name Hubertine Auclerc wird seit jüngster Zeit nicht weniger genannt, als der ihrer Freundin Louise Michel. In den Bouffes du Nord spielte man allabendlich ein Stück von Hubertine Auclerc: » La femme libre .« Ein Stück, das ich der Verfasserin nie zugemuthet hätte. Hubertine ist nämlich so vernünftig, so gemessen und ruhig, daß ich aus ihrer Feder für die Bühne nichts Gutes – oder zum Mindesten Interessantes erwarten durfte. Hubertine ist eine schmächtige, kaum mittelgroße Erscheinung. Sie scheint in der Mitte der Dreißiger-Jahre zu stehen. Ihr Haar ist kurz geschnitten und dunkel, das Gesicht blaß, weder schön, noch häßlich. Die dunklen Augen blicken etwas müde, sie sind leicht geröthet, wie die Augen von Menschen, die viel arbeiten. Sie trug ein sehr einfaches Kleid aus schwarzem Wollstoff. Um den Hals schlang sich ein Foulard, die ganze Erscheinung hatte nichts in die Augen Springendes, nichts Emancipirtes. Ihre Bewegungen sind lebhaft und nicht ohne Anmuth; ihre Hände sind klein, die Füße zierlich. Die Stimme der Volksrednerin klang in dem kleinen Zimmer weich und angenehm; das Organ ist durchaus nicht laut und die Sprechweise eher schüchtern als aufdringlich. Die ganze Gestalt läßt durchaus nicht vermuthen, daß sie den Menschen zu imponiren weiß; sie gleicht einer schüchternen, kleinen Gouvernante oder Unterlehrerin einer Mädchenpräparandie. Sobald sie in das Gespräch geräth, wird sie lebendig und spricht mit präcisen Ausdrücken, aber selbst im Affect nicht schreiend. Sie machte mir den Eindruck einer klugen Schauspielerin; ihre Ruhe, ihr Ernst scheinen mir berechnet; man sollte sagen: »Die habe ich mir auch anders gedacht; welch' bescheidene Person, kann die wirklich gefährliche Doctrinen predigen?« Unser Gespräch war bald im Gange – Mademoiselle Auclerc zeigte sich als echte Französin, sie kennt jeden Paragraph des Code, sie weiß Alles, was die französischen Frauen anbelangt, vom Auslande jedoch geradeso viel, daß drüben auch Menschen wohnen. Der Apostel der Frauenrechte stützt keine seiner Behauptungen auf die in anderen Ländern erprobten Thatsachen, kein Vergleich, kein Hinweis kommt ihm zu Hilfe. Diese Unkenntniß berührt sonderbar, sie erschwert den Leuten ihr Streben nicht wenig. »Sagen Sie mir doch etwas von der Stellung der Frauen in Deutschland. Welche Rechte hat die Frau? Wie steht es mit der Vormundschaft und der Erbberechtigung? Welches sind die Wirkungen der Scheidung der Ehen?« So sprach sie zu mir. Ich war überrascht von dem Interesse, mit dem mir Hubertine, der Redacteur und Leiter eines Journals, zuhörte, als ich ihr längst bekannte Dinge erzählte. Alles schien ihr neu zu sein. Gewiß, diese Frau schaut in keine Weltgeschichte. Die Durchschnittsbildung der gebildeten französischen Frau beschränkt sich zumeist auf eine oberflächliche Kenntniß der alten Völker und auf Frankreich. Dazwischen liegt Nichts. Eine hochgebildete Französin hat von den deutschen Verhältnissen keine Ahnung und wenn sie hundertmal ein politisches Blatt redigirt. Wir haben viel zu erkämpfen, sagte Hubertine, die Lage der Frauen in Frankreich ist unerträglich. »Der Code Napoleon ist im höchsten Grade ungerecht gegen die Frau. Die Frau bleibt ihr Leben lang minderjährig, in ihrem Eigenthum beschränkt. Im Volke bringt diese Abnormität die krassesten Uebelstände hervor. Denken Sie sich eine Frau, welche die ganze Woche hindurch fleißig arbeitet, um für ihre Kinder zu sorgen; der Mann trägt seinen Erwerb ins Wirthshaus. Am Sonntag erhält die Frau den Wochenlohn, der Mann paßt auf diesen Moment, er fordert das Geld, die Frau weigert sich, es kommt zum Streit, der Mann hat das Recht auf seiner Seite, denn die Frau hat kein Eigenthum. Wenn der Mann – und in unserem Arbeiterstande ist dies nur zu häufig der Fall – trinkt und leichtsinnig ist, so kann er den ganzen Hausrath verkaufen, selbst wenn die Frau Stück für Stück mit ihrer Händearbeit erworben hat. Die Frau hingegen darf nicht ihr eigenes Kleid, nicht ihren Schmuck ohne Einwilligung des Mannes versetzen, selbst dann nicht, wenn sie aus dem Erlöse ein Medicament für ihr krankes Kind bezahlen will. Die Frau kann keine Ersparnisse anlegen, ohne ihren Mann als Mitwissenden zu nennen, und wenn Sie bedenken, daß in unseren niederen Ständen der Mann den angeborenen Hang zur Verschwendung, die Frau einen solchen zur Sparsamkeit besitzt, so werden Sie begreifen, daß täglich Frauen an unseren Verein herantreten, die mit Thränen erzählen, daß ihr Gatte ihnen die Ersparnisse abgenommen habe und dieselben durch die Gurgel jage.« Wir redeten von der Scheidung. Hubertine Auclerc ist selbstverständlich eine eifrige Anhängerin derselben und erklärt, daß mit dieser viel Uebel ausgerottet werden könnte. Bis jetzt hatte die Dame, welche mit ihrem Roman-Manuskript in der Hand in die Flamme des Camins schaute, sich ziemlich schweigsam verhalten und nur ab und zu ein Wort geäußert. Als sie die Discussion über die Scheidung vernahm, warf sie ein: Ich halte die Scheidung nur für eine Complication mehr in der Frauenfrage und nicht für eine Lösung. Die Scheidung bringt uns ein Heer verlassener Frauen und Kinder! Die Dame hielt an der in Frankreichs Frauenkreisen nicht wenig verbreiteten Ansicht fest, daß die Scheidung nur zum Vortheil der Männer diene. »Wir haben schon viel in Frankreich erreicht – sagte Hubertine – die neuen Mädchenschulen sind ein gewaltiger Schritt vorwärts, aber es bleibt noch ungeheuer viel zu erkämpfen«. – »Welches sind Ihre Ziele?« frug ich. – »Die Emancipation, d.i. die Gleichstellung der Frau mit dem Manne.« »Sie erstreben also alle Aemter für die Frauen?« »Alle – die Frauen werden Aerzte, Advocaten, Richter, Beamte in allen Zweigen der Staatsverwaltung und auch im Militärdienst, so weit sich der Dienst auf die Bureaux, auf die Verpflegsverwaltung u.s.w. bezieht.« »Und glauben Sie, Fräulein, mit dieser Gleichstellung die Lösung der socialen Frage zu erleichtern?« – »Gewiß, die Abhängigkeit des Weibes vom Manne ist in unserer Civilisation ein Unding. Ich billige durchaus nicht die freie Liebe, wie sie, besonders von den Russinnen, mit Erfolg in Paris gepredigt wird, aber ich bin für die freie Ehe, und diese ist nur unter Gleichstehenden möglich.« »Was verstehen Sie unter freier Ehe?« »Die vom Staate geschützte Verbindung zweier Menschen, welche so lange dauern soll, als Beide einander in Liebe anhängen.« »Und glauben Sie wirklich«, frug ich wieder, »daß das Weib in der von Ihnen erstrebten Stellung glücklicher sein wird? Sehen Sie nicht die sociale Gleichstellung des Weibes mit dem Manne als Unmöglichkeit an? Kämpfen Sie nicht gegen ein Naturgesetz? Sehen Sie nicht, daß Sie das Weib von der Bahn der Mutterschaft ablenken? Die Folge Ihrer Ideen wäre die Entvölkerung der Staaten. Weder für den weiblichen Rechtsconsulenten, noch für den Diplomaten des Ministeriums, noch für den Polizeicommissär eignet sich der Platz an der Wiege. Die Frau Ihrer Kreise wird Kinderlosigkeit als höchstes Ideal anerkennen. Sie sehen schon jetzt, wo die Frau nur im Geschäfte des Mannes diesem hilft, den Schreck vor größerer Familie.« »Ihre Ideen passen gar nicht mehr in unsere Zeit,« erwiderte Hubertine. Ich sah, daß meine Anschauungen die Dame nur mißmuthig machten und brach deshalb ab. Nach einer kurzen Pause redete Hubertine von der Nothwendigkeit, die Frauen zu Lehrerinen an höheren Bildungsanstalten zu machen. »Vor Allem erstreben wir jedoch das Wahlrecht in seinem vollen Umfange. Die Französin ist eine Sklavin des Code; das muß aufhören. Wir haben allwöchentlich Zusammenkünfte, in denen das Ziel unserer Arbeit besprochen wird.« Ich äußerte den Wunsch, einer solchen beizuwohnen. »Wir werden Ihnen unsere Statuten senden, prüfen Sie diese. Auch wir werden Sie in Ihren Absichten prüfen, ehe wir Sie aufnehmen.« Als ich später in den Statuten des Droit des femmes blätterte, fand ich mehrere Programmpunkte, die mir entschieden mißfielen. Unter anderen den, daß jedes Mitglied sich verpflichtet, für die Durchführung des ganzen Programmes nach Kräften zu streben und nie und nirgends dagegen aufzutreten. Dieser Gewissenszwang veranlaßte mich, meinen Wunsch zurückzunehmen. »Sie sind wenigstens aufrichtig«, bemerkte Hubertine. Wir redeten noch von schreibenden Frauen. »Es ist ein großer Mißbrauch«, sagte das Fräulein, »daß viele Frauen unter Männernamen schreiben. Die befähigte Frau sollte im Gegentheil der Welt beweisen, was das weibliche Geschlecht leisten könne.« Ich fand die Ansicht richtig, aber unpraktisch. Unser Gespräch berührte die Demimonde. Die Ungenirtheit, mit der Hubertine diese Dinge beurtheilte, konnte mich nicht überraschen, denn in Frankreich spricht man im Allgemeinen viel freier über dieses Thema. Hubertine erklärte mir, eine große Menge von Frauen, welche unter dem Deckmantel der Arbeit ein lasterhaftes Leben führen, müsse nach Caledonien deportirt werden. »Wer sind die Frauen aus den höheren Kreisen der Gesellschaft, die sich für Ihre Bestrebungen interessiren?« frug ich. »Viele«, erwiderte Hubertine, »deren Namen unter uns, die wir ihre Ansichten kennen, guten Klang haben. Leider ist Madame Adam ganz gleichgiltig in der Frauenfrage und da diese Dame sehr großen Einfluß auf viele Männer von Macht und Ansehen besitzt, so ist das um so bedauerlicher.« Hubertine machte mir den Eindruck einer Schwärmerin, die es ernst mit der Sache meint. Ihre Liebe zum Volke ist wahr und aufrichtig und doch hat dieselbe Masse, welche sich heute an ihrer Rede entflammt, nichts dagegen, daß Hubertinen's und Louise Michel's Karrikaturen auf den Boulevards ausgeboten werden. »Besuchen Sie mich öfters und erzählen Sie mir von Oesterreich,« sagte mir Hubertine. Leider ist sie eine furchtbare Deutschen-Hasserin, die an den albernsten Märchen über die Deutschen Gefallen findet. Ich würde mich nicht wundern, in der »Citoyenne« zu lesen, daß die Deutschen gebratene Kinder speisten. Das persönliche Leben Hubertinen's ist sehr einfach. Sie lebt mit einem alten Verwandten und arbeitet angestrengt. In ihre näheren Geheimnisse wollte ich mich nicht drängen, Honny soit qui mal y pense . Als ich neuerdings in den mich erwartenden Wagen stieg, sagte mein Kutscher: »Madame hat vielleicht da oben Madame Michel gesprochen – oh, ich kenne unsere Louise.« Vor meinem Wohnhause reichte ich dem Gesprächigen das Fahrgeld und das übliche »pour boire« . – Er blickte mich unbefriedigt an – »Madame Louise ist generös – tiens, elle a un coeur pour nous – mais les étrangers!« (Sie hat ein Herz für uns, aber die Fremden ...!) – Die Unterredung mit Hubertine gab mir zu denken. Der Umstand, daß der Code die Frauen so geringschätzend behandelt, ist nicht zum kleinen Theile die Ursache der Uebermacht der französischen Frauen. Das Recht gesteht ihr nichts zu – sie ist also darauf angewiesen, selbst ihre Stellung zu erringen; sie kämpft mit allen Waffen des Geistes, mit allen Waffen der List und Verschlagenheit, beseelt von eisernem Willen. Vom Gesetz zur Sklavin bestimmt, wird sie in der That zur Herrin. Die Frau sieht in dem Manne denjenigen, den sie beherrschen muß, wenn sie nicht erdrückt werden will, und darum spielt sie ihr Leben lang eine Komödie, die zuweilen anmuthig und pikant, immer aber Komödie ist. Das Familienleben ruht niemals auf jener gesunden Klarheit und Wahrheit, die das englische Volk auszeichnet. Die Franzosen stürzen Dynastien und Regierungen über Nacht, an den Code aber wagt sich keine Axt. Der alte Kaiser lächelt im Grabe, daß kraft seines tyrannischen Willens heute noch Millionen von Menschen der einfachsten Menschenrechte, des Eigenthums und des selbstständigen Erwerbes beraubt sind. Daß die Frauen, denen man das Recht abstreitet, nach der Gewalt greifen, wer wollte es ihnen verargen? Madame Edmond Adam. (Juliette Lamber.) Die Frauen sind seit Jahrhunderten in Frankreich eine anerkannte Großmacht. In den letzten Decennien zehren die Salons der Epigonen jedoch meist vom Ruhme der Vergangenheit. Die Stirnen der Enkeltöchter tragen noch einen Lichtstrahl vom Geiste der Großmütter, und die modernen Französinnen haben es nicht leicht, wenn sie das Erbe ihrer Vorgängerinnen antreten wollen, deren origineller Geist in witziger Feinfühligkeit die Zeit erfaßte und beherrschte. Die Gegenwart entwickelt viele Talente, aber sie ist arm an Genies. George Sand war vielleicht die letzte Französin von internationaler Bedeutung, einer Geistesgröße, werth, Liebe und Haß zu erregen. Die französischen Schriftstellerinnen sind zumeist nicht blos durch die Feder und mit der Feder interessante Erscheinungen. Man kann sie losgelöst vom literarischen Schaffen denken, und es bleiben auffallende Individualitäten zurück, sowie es Königinnen gibt, die ohne den Glanz der Krone bemerkenswerthe Menschen sind. Das Reich der französischen Frau ist von Alters her der Salon. Dieser überdauerte alle Staatsumwälzungen und Regierungsformen, er ist zumeist ein Spiegelbild des Augenblicks. Der französische Salon wurzelt tief in den gesellschaftlichen Neigungen, er kann an Bedeutung abnehmen, die Herrschaft wechseln, aber kaum anders untergehen. Manche Epoche bedeckt die feinen Blüthen desselben mit einer Eisdecke. Unter dieser erfrieren die Keime nicht; wenn ein warmer Sonnenstrahl die Schneehülle schmilzt, so entfaltet sich üppig grünendes Leben. Die dritte Republik ist bisher solch eine Eisdecke, die nur ab und zu durch grüne Stellen unterbrochen wird. Die dritte Republik ist jung, die Bäume, die sie gepflanzt hat, geben noch keinen Schatten, und manches Stück Land dehnt sich noch unbebaut. Ein grünes wohl gepflegtes Plätzchen hat Madame Edmund Adam (Juliette Lamber) eingefriedet. Ihr Salon erhebt den Anspruch, ein Blatt in der Geschichte des modernen Paris einzunehmen: Madame Adam ist eine locale Berühmtheit, ein interessantes Kind ihrer Zeit, auch nicht um einen Zoll höher als diese. Die Natur hat der Dame die Schönheit und Monsieur Adam ein wohlgefülltes Portefeuille auf den Lebensweg mitgegeben. Es ist um Vieles bequemer und angenehmer zu beherrschen, als sich unterzuordnen, und Schönheit und Reichthum sind für die Frau Thron und Szepter. Alfred Meißner schrieb einst ein begeistertes Gedicht auf George Sand, in welchem folgender Vers vorkam: »Viel Kronen gibt es, dunkle, dornenvolle, Die Gott den Kindern dieser Erde lieh; Die schwerste doch, mit der der Herr im Grolle Ein Weibeshaupt bekränzt, ist – das Genie.« Das anmuthige Haupt Juliette Lamber's hat der dunkle Dornreif nirgends wund gedrückt. Man kann die absonderliche Frau nicht ohne den Rahmen ihrer gesellschaftlichen Beziehungen und ihrer Lebensstellung denken. Auf dem Wege der Entsagung wäre es ihr kaum gelungen, ein hohes Ziel zu erreichen. Glückliche Zufälle kamen ihrem energischen Wesen jedenfalls zu Hilfe. Es gibt Kreise in Paris, die behaupten, Madame Adam mache Sonnenschein und Regen ( qu'elle fait la pluie et le beau temps ); andere, welche spöttisch die Achseln zucken und sagen: ce ne sont que les étrangers qui la prennent au serieux . (Nur die Fremden nehmen sie ernst.) Juliette Lamber gehört nicht zu den Frauen ohne Geschichte, und der Chroniqueur hat die Pflicht discreter Rücksicht auf das Recht der Lebenden. Die Gebildeten sind indeß nicht kleinlich genug, außergewöhnlichen Erscheinungen zu verwehren, daß sie sich über manche der Menge gezogene enge Schranke hinwegsetzen. Ungewöhnliches wird auf breit getretenen Pfaden selten erreicht. Juliette Lamber wurde 1836 zu Verberie, im Departement Oise, geboren. Sie hatte kein nennenswerthes Vermögen, war aber eine auffallende Schönheit und besaß einen lebhaften scharfen Verstand. Siebzehnjährig vermälte sie sich mit dem Arzte La Messine, einem in kleinen bürgerlichen Verhältnissen lebenden schlichten Manne, den nichts befähigte, in der Gesellschaft einen hervorragenden Platz einzunehmen. Juliette sehnte sich nach socialer Stellung, ihre Ehe war nicht glücklich, La Messine nicht der Mann, Juliettens Herz auszufüllen und sie ihre hochfliegenden Pläne vergessen zu machen. Die junge Frau griff zur Feder. Viele vor und nach ihr haben die Oede des eigenen Herzens zu vergessen gesucht, indem sie Phantasiewesen schufen, mit denen sie lachen und weinen lernten. Das sind nicht die Dichterinnen von Gottes Gnaden, nicht diejenigen, die der Genius schöpferisch beseelt. 1858 erschien Juliette Lamber's erster Roman »Blanche«. Diesem ließ sie unter dem Titel: » Idées anti-Proudhommiennes sur l'amour, les femmes et le mariage ,« ein Büchlein folgen, dessen Tendenz sich gegen die von Proudhomme ausgesprochenen naturalistischen Ansichten richtete. Die Verfasserin zeichnete dies Werkchen Juliette Messine, als wollte sie, trotz des persönlichen Unglücks, die Richtigkeit ihrer idealistischen Ideen verfechten. Die Ansichten Juliettes waren selbst 1860 nicht mehr neu, sie verrathen weder Originalität noch Gedankenfülle, und sie kleiden sich durchaus nicht in das Gewand vollendet eleganter Diction. Ueberdies ist die junge Frau Proudhomme nicht gewachsen. Ihre Erklärungen der Liebe: »Der Zweck der Liebe ist die Liebe selbst, das Glück, welches sie gewährt; man liebt, um zu lieben, nicht um Kinder zu erzeugen. Liebe heißt sein Leben vergrößern, indem man es begrenzt. Die Natur hat die Erhaltung der Gattung durch den Genuß gesichert, der Mensch aber wird durch die Liebe erhoben,« sowie ein Resumé, daß, »wenn nach sieben- oder achtjähriger Ehe die Zeit des Kinder-zur-Welt-bringens für die Frau vorüber sei, und diese nun die Leere des Daseins empfindend aufhöre, Anderen zu leben und für sich selbst zu leben beginne,« sind Gemeinplätze, die wenig Eindruck machen. Die Fesseln der Ehe wurden der jungen Frau unerträglich, sie sehnte sich nach Paris und verließ ihren in der Provinz lebenden Mann, um sich nach der Hauptstadt zu begeben. 1862 wurden »Les Idées anti-Proudhommiennes« , Lambert gezeichnet, in zweiter Auflage herausgegeben. Da die schöne Frau Gefallen erregte, fanden ihre Bücher Beachtung. Juliette lebte in sehr beengten Verhältnissen. Aus dieser Epoche ihres Lebens stammen ihre Beziehungen zu Claude Vignon, der nachmaligen Gemalin Rouvier's (Handelsministers im Cabinet Gambetta). Juliette fehlte es nicht an Verbindungen, sie lernte Edmond Adam kennen, der als General-Secretär der Escomptebank in glänzenden Vermögensverhältnissen lebte und als ehemaliger Redacteur des »National« in journalistischen und politischen Kreisen viele Anknüpfungspunkte zählte. Edmond Adam war um 20 Jahre älter als Juliette. Der große vierschrötige herzensgute Mann fühlte sich von der schönen jungen Frau sehr angezogen. Die Beiden traten bald in ein nahes Verhältniß zueinander. Hätte Juliette die Möglichkeit einer Trennung ihrer Ehe vor sich sehen können, wie sonnig und licht würde das Leben ihr erschienen sein! So aber lebten Adam und Juliette in der qualvollsten Aufregung. Monsieur Adam that zwar Alles, um Doctor La Messine davon abzuhalten, Juliette's Wiederkehr zu erlangen, aber er und Juliette litten schwer unter den Verhältnissen. Indeß erhielt Doctor Messine eine Mission nach Afrika und die Liebenden athmeten etwas freier. Juliette fand überall Beachtung. Ihre ehedem zarte Gestalt hatte an Rundung, Fülle und Stattlichkeit gewonnen, ihr Gesicht spiegelte in reizender Beweglichkeit jeden Eindruck wieder, ihr ganzes Wesen entfaltete gewinnende Anmuth. Sie war klug, gelehrig über alle Maßen, ehrgeizig und wußte sich Adam völlig unentbehrlich zu machen. Er und seine Freunde waren ihr blind ergeben. Der Tod Messine's ermöglichte ihre eheliche Verbindung mit Adam und sie führte endlich mit Berechtigung den Namen, unter dem sie längst von aller Welt gekannt war. Das Haus Adam ward zum Mittelpunkt patriotischer, ehrgeiziger Streber auf politischem und literarischem Gebiete. Der Krieg von 1870 hatte Adam in den Vordergrund geschoben; auf den Trümmern der Tuilerien entstand der erste Salon der dritten Republik, groß gesäugt mit der schäumenden Milch der Commune, der Salon des Polizeipräfecten und unabsetzbaren Senators Adam oder vielmehr Salon seiner Gemalin, die während der Belagerung von Paris tapfer Stand gehalten hatte und den Wendepunkt, den die Republik für sie selbst herbeiführte, nicht unterschätzte. Die schöne Frau brauchte nun nicht mehr zagend zu überdenken, ob die Pforten von Compiegne sich ihr jemals erschließen würden. Mochte sie befürchtet haben, in der Gesellschaft nur Duldung zu begegnen, so fühlte sie um so dringender die Nothwendigkeit, eine Macht zu werden. Sie errang Huldigung und Freundschaft, sie ward zum Mittelpunkte eines weiten Kreises. Gambetta und Rochefort entwickelten ihre Ideen vor der schönen klugen Frau, ihr Salon war neutrales Gebiet, auf dem die verschiedensten Meinungen ausgetauscht wurden. In jener Zeit schrieb Madame Adam »le journal d'une Parisienne; le siège de Paris 1873« . Das Buch, an die einzige Tochter Madame Adam's gerichtet, ist frisch und packend. Die Schilderungen sind lebendig, das Ganze warm empfunden; es steht ungleich höher als die anderen Werke der Verfasserin: »L'éducation de Laure« , »Le mandarin«, »Voyage autour d'un grand pin«, »Dans les Alpes« , die alle nur ein sehr mittelmäßiges Talent verrathen, trotzdem man die Dame beschuldigt, die Kinder ihrer Muse nicht ohne fremde Nachhilfe zur Welt gebracht zu haben. Aus dem Kriege stammt der Deutschenhaß, aus dem Madame Adam kein Hehl macht. Sie träumt Revanche, und sie sieht das beleidigte und Rache schreiende Frankreich in sich selbst verkörpert. Monsieur Adam war todt, die Rosenkränze der Liebe welkten, Madame Adam sehnte sich nicht nach den geweihten Rosenkugeln, die mit Heiligen-Legenden einschläfern, sie hatte das Bedürfniß, zu schaffen und zu wirken, und da sie das große Vermögen ihres Gatten geerbt hatte, gründete sie »La nouvelle revue« , bestimmt der monarchischen »Revue des deux mondes« den Rang abzulaufen. Die Revue ward von verschiedenen Seiten begünstigt und diente von Anfang an antideutschen Gesinnungen, die in den Briefen über äußere Politik, welche Madame Adam selbst schreibt, besonders hervortreten. Juliette ließ sich gern die Egeria Gambetta's nennen, aber die Beziehungen der Beiden wurden in der letzten Zeit sehr locker. Gambetta gehörte nicht zu denen, welche sich von einer Damenhand lenken ließen. Frau Adam schrieb 1878 an einem phantastischen Roman »Greque«. Die Vorrede enthält die Widmung des Buches an Henner, der eben im »Salon« sein bekanntes Bild »Elsaß« ausgestellt hatte. »Sie nannten das trauernde Mädchen Elsaß, ich nenne die Griechin, die ich schildere, im Herzen nicht anders«, schreibt Madame Adam, die sich plötzlich mit Vorliebe auf das Studium der Griechen warf und ein Buch »Griechische Dichter« veröffentlichte. Der Vollständigkeit halber führen wir noch den Roman »Laide« an, ein Buch mit krankhafter, unnatürlicher Grundlage, nicht frivol in der Darstellung, aber durchaus frivol in der Empfindung. Ein Vater verstößt seine mit allen Geistesgaben und Herzenseigenschaften ausgestattete Tochter, weil sie häßlich ist, d.h. farblose Haare und einen grauen Teint hat. Ein junger Mann, den das Mädchen liebt, wirbt um dasselbe, weil seine Maitresse auf diese Verbindung nicht eifersüchtig ist. Helene, so heißt die Häßliche, wird schließlich schön und als »Schöne« von Vater und Mann geliebt. Das Buch ist tolles Zeug ohne feines Verständniß für das menschliche Herz. Die anti-deutsche Gesinnung der Madame Adam geht mit russophilen Neigungen Hand in Hand. Der Kaiser von Rußland, Alexander der Zweite, hat sich wiederholt der Revue als Organ bedient, Großfürst Constantin gehört zu den Madame Adam nahestehenden Personen. Er dinirt bei der Dame und zeichnet dieselbe jederzeit mit Wohlwollen aus. Als Madame Adam einmal mitten im Winter eine Reise nach Rußland unternahm, erschöpfte man sich in den verschiedensten Versionen. Die Einen behaupteten, sie sei beauftragt ein Bündniß zwischen Rußland und Frankreich zu Stande zu bringen, und werde von Petersburg nach Wien gehen, um durch den Beitritt Oesterreichs die Tripel-Allianz vollständig zu machen; die Anderen meinten gar, sie hole russische Hilfe für Gambetta 's ehrgeizige Pläne; wieder Andere erklärten, sie suche russisches Gold für die »Novelle Revue«, und eine andere Version behauptete, sie hätte in Vorausahnung der Börsen-Katastrophe derselben aus dem Wege gehen wollen. Ein Journal colportirte die Nachricht, die russische Kaiserin habe die Dame zu sich geladen. Das Nächstliegende wurde nicht besprochen. Madame Adam empfand vielleicht das Bedürfniß, Sensation zu erregen, und wußte, daß die Reise an die Newa dazu ein prächtiges Mittel sei. Sie erhoffte einen Triumphzug, die Pariserin dachte es sich wunderschön, die russischen Bären an ihren Schlitten zu spannen, mit Alexander III. die Constitution, mit Aksakoff die Nihilisten zu besprechen und von der nordischen Kaiserin als fine fleur der Pariser Welt in die intimen Cirkel gezogen zu werden. Da verkündete Rochefort plötzlich im »Intransigeant«, die Kaiserin habe sich geweigert, Madame Adam zu empfangen. Der Triumphzug in Moskau und Petersburg nahm nicht den gewünschten Verlauf, und trotzdem Madame Adam durch ihre Thätigkeit für die Verunglückten des Wiener Theaterbrandes sich in Wien warmer Aufnahme versichert glaubte, kehrte sie schnurstraks nach Paris zurück, mehr als je ergrimmt über den eisernen Kanzler, dessen Griffe überall hinreichen. Man erzählte, daß Madame Adam ihre prachtvolle Besitzung in Cannes verkaufte, und brachte das mit der Börsen-Katastrophe und mit dem Mißlingen der Revue-Angelegenheit in Rußland in Verbindung. Madame Adam ist zweifellos eine energische und ungewöhnliche Frau, aber das Interesse an der Politik überwuchert bei ihr die Theilnahme an humanistischen Interessen. In ihrer Ausnahmsstellung sehr zufrieden, fällt es ihr niemals bei, für die Gesammtheit der nach vielen Veränderungen im code civil schmachtenden Frauen einzutreten. Madame Adam ist noch immer eine imposant schöne Frau, sie sieht nicht älter aus denn 35 Jahre. Ihre ganze Erscheinung ist ebenso elegant als anmuthig. Sie spricht lebhaft, klar, bestimmt, verträgt keinen Widerspruch, ohne heftig zu werden, ist immer sehr beschäftigt, daher sehr zerstreut. Sie macht weitmehr den Eindruck einer liebenswürdig sein wollenden Aristokratin, als den einer bedeutenden, geistig hochstehenden Republikanerin. Ihre Stimme ist von angenehmer Klangfarbe, sie spricht sehr schnell, findet für Jeden ein freundliches Wort, läßt sich ungern in ein längeres Gespräch verwickeln, dem sie aufmerksam folgen müßte. Sie hat viel gesehen, viel gehört und hat die Eigenschaft der meisten Frauen, rasch aufzufassen. Allgemeines, gründliches historisches Wissen besitzt sie nicht, sie denkt auch nicht gern intensiv nach und ist gewohnt zu imponiren und keinen Tadel zu erregen. Der Salon der Dame ist ein Sammelplatz der Fremden, die auf das Pariser literarische und sociale Leben neugierig sind und, gewöhnlich enttäuscht, nicht wagen, ihre Enttäuschung einzugestehen. Man trifft mehr Russen, Polen und Walachen bei Madame Adam als Pariser. Die Pflicht der Hausfrau beschränkt sich an solchen Abenden darauf, einen Gruß mit jedem Gast zu wechseln. Dieser Pflicht kommt Madame Adam stets freundlich lächelnd nach. Die große Anzahl der anwesenden Personen schließt jedes Gespräch von allgemeinem Charakter aus. Die Correspondenten der verschiedenen Journale suchen ängstlich eine Neuigkeit zu erhaschen und nehmen, indem sie sich von der Mühe des Abends erholen, die Beruhigung mit in ihr Café, daß der Weltfriede noch ungestört sei. Wer in engem Rahmen manche interessante Person schauen will, kann im Salon Adam Physiognomie-Studien machen. Unter den hervorragenden Besuchern fallen Dumas und Daudet auf. Madame Adam hegt die feste Ueberzeugung, daß Elsaß und Lothringen wieder französisch werden müssen; sie erklärt offen, mit jedem Faden, den sie in das Gewebe einschießen könnte, glücklich zu sein, und hegt den Ehrgeiz, am politischen Webstuhl mitschaffen zu wollen, nicht ohne in das Gewebe ihre Chiffern zu fügen. Das sonnig klare Auge des französischen Genius liest klar auf dem Grunde der Menschenseelen, und eine Thräne trübt den strahlenden Blick, der Genius schaut hinüber nach der stolzen Germania, und von seinen Lippen fallen flüsternde Worte: »Sie tragen mich auf der Lippe, ihr eigenes Ich im Herzen.« Germania aber fährt mit der schlanken, kühnen Hand glättend über die silbernen Wogen des Rheines. »Fließe ruhig, mein treuer, starker, deutscher Strom.« Claude Vignon. (Madame Noëmi Rouvier.) Gambetta hatte in der Kammer sein Ultimatum gegeben und damit sich und dem »grand ministère« das Todesurtheil gesprochen. Ganz Paris discutirte die nahe Ministerkrisis, an der nur sanguinische Correspondenten der ausländischen Presse noch zweifelten. An dem Sonntag nach der Kammerdebatte fuhr ich nach Passy zu Madame Rouvier. Die Gemalin des Handelsministers hatte ihren Empfangstag. Es schien mir interessant, gerade in diesem Augenblick den Salon der vielgenannten und vielbesprochenen Dame kennen zu lernen. – Seither sind die Ereignisse im politischen Leben genau so eingetreten, wie man sie damals in der unmittelbaren Nähe Gambetta's vorempfand. Das Denkwürdigste, das von jenem Nachmittage in meiner Erinnerung haften blieb, ist das Bild der Herrin des Salons, Madame Rouvier, selbst. Als das »grand ministère« ans Ruder trat, versicherte die Gambetta feindliche Presse, die Frauen der fremden Botschafter würden Paris fern bleiben, um nicht zur entente cordiale mit den Gemalinnen aller Minister gezwungen zu sein. Wenn man mir aber von Madame Rouvier redete, empfand ich, daß diese Frau eine Individualität von Bedeutung sein müsse, die man mit anderem Maße zu messen habe. Madame Noëmi Rouvier, née Cadiot, veuve Constant = Claude Vignon. In diesen verschiedenen Namen liegt ein Stück Biographie. Magdalena wusch des Heilands Füße, und dieser verzieh ihre Sünden. Die glückliche Aspasia aber bedurfte in ihrem heiteren Griechenland weder irdischer noch überirdischer Vergebung. Die Menschen waren zu allen Zeiten gleich. In jeder Epoche leben Tugend und Sünde. Verschieden ist nur die Auffassung der Zeit und das aus derselben entspringende Urtheil. Die Charakterzeichnung, die man von lebenden Personen zu entwerfen wagt, ist eigentlich nur eine grausam-moderne Vivisection. Wie der Mensch aber gewöhnlich gegen das Thier barmherziger ist als gegen seines Gleichen, so verschafft er dem Thiere zum Mindesten Schmerzlosigkeit durch die Narkose. Unsere Nächsten, deren Seelenleben wir ebenso bloßlegen, wie die äußeren Vorgänge des Daseins, empfinden zumeist alles Leid der Operation, die durch einen einzigen Satz der Alten gerechtfertigt erscheint: »De mortuis nil nisi bene.« Somit haben wir die Pflicht, die Wahrheit, auch soweit sie Tadel in sich schließt, noch von den Lebenden zu sagen. Der alte Spruch adelt das Verfahren und gestattet nicht dasselbe als Indiscretion aufzufassen. Claude Vignon gehört zu jenen Erscheinungen, die frappiren müssen, von denen man lange reden kann, auch ohne sich um die Details ihres Lebensganges zu kümmern. Der Mädchenname Madame Rouvier's ist Noëmi Cadiot, ihre Geburt fällt in das Jahr 1832. Das junge, äußerst intelligente Mädchen zeigte große Anlage für die bildende Kunst. Mit seinen Fingern formte es aus Wachs, aus Thon allerlei Figürchen, und bald gelang es dem interessanten blonden Mädchen die Aufmerksamkeit des großen Bildhauers Pradier auf sich zu lenken. In dem Atelier des berühmten Künstlers arbeitete Noëmi mit Fleiß und Talent, dort entzündeten ihre großen blauen Augen manches Feuer in den Herzen der jungen Männer, welche den spröden Stein in lebende Gestalten wandelten. Schon 1853 stellte die junge Noëmi im Salon die Büste Romieux' aus, welche allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Romieux stand im Zenith seines Ruhmes: der imperialistische Präfect, der geistvolle Vaudevillist war eine Tagesgröße des beweglichen Paris. Noëmi schien keine gewöhnliche Frau. Ihre lebhafte Phantasie, ihr feuriger Geist, ihr eigenartiges Wesen schufen einen Nimbus um ihre Erscheinung. Viele hervorragende und bedeutende Männer zollten der Künstlerin Bewunderung und übertrugen diese in vielleicht höherem Grade auf das fesselnde schöne Weib, das in unruhiger Sehnsucht nach einem Ideal, in verzehrendem Grübeln sich plötzlich in die Kreise eines Mannes gebannt sah, der, ein Abenteurer-Leben führend, lange Zeit in der Gesellschaft von sich reden machte. In der schwarzen Soutane des Priesters war Abbé Constant eine Wiederholung der leichtlebigen Abbés unter den französischen Königen. Das Priesterkleid deckte alle Sünden. Es lebte sich darin nur um so bequemer, es lebte sich um so freier. Abbé Constant, ein kleines und häßliches Männchen, gab sich als eine Art Cagliostro, als einen Wundermann, als einen Grafen St. Germain. Er nannte sich Professor der Magie; er war auf die Erde gekommen, um den Stein der Weisen sich dienstbar zu machen, um den blöden Augen der Menge die Wunder der Urkräfte zu enthüllen. Er war erschienen, um das sündige Weib zu erlösen, er schleuderte eine Anzahl von Schriften magischen, kabbalistischen Inhalts in die Welt, die gierig verschlungen wurden. Selbstverständlich barg sich ein Epicur unter der Maske, aber dieser Mann wußte zu fesseln. Noëmi Cadiot erlag seinem Einflusse und ward, als Abbé Constant das geistliche Gewand abgestreift hatte, dessen Gattin. Eine Zeit lang interessirte die junge schöne Frau sich lebhaft für die übersinnlich-sinnliche Philosophie und sie ward die aufmerksame Schülerin des genialen Schwindlers. Bald aber durchschaute sie das Spiel; ihre kühne Intelligenz, die Gradheit ihres Wesens scheuten vor der hohlen Lüge zurück, Constant war überdies ein aus Princip ungetreuer Ehemann, Noëmi klagte auf Scheidung, und die sonderbare Ehe wurde nach mehrjährigem Bestande gelöst. Die junge Frau fand in der Arbeit Trost und Zuflucht. Sie formte die Amoretten, welche mit lächelnden Mienen auf die spielenden Kinder im Parc Montholon schauen, sie schuf die Statuen der Heiligen in der Kirche St. Denis du St. Sacrement, und sie modelte den Kopf des gefeierten Thiers. Es darf wohl Niemand Wunder nehmen, daß die junge Frau nicht zur Asketin ward. In jenen Jahren verband innige Freundschaft Madame Adam und Claude Vignon. Madame Adam ist eine kühl berechnende Natur, Claude Vignon ein feuriger Geist, ein Geschöpf, das etwas Vulkanisch-Elementares in sich schließt. Claude Vignon griff zur Feder, und seit dem Anfang der sechziger Jahre veröffentlichte sie eine Reihe von Romanen, auf deren Bedeutung wir in der Folge zurückkommen werden. Im Beginn des Jahres 1872 betrat Claude Vignon die Laufbahn eines politischen Correspondenten. Niemand war fleißiger in der Kammer, als die noch immer schöne, blonde, ernste Frau, die nach allen Richtungen hin Verbindungen pflegte, mit verzehrendem Eifer ihrem Beruf oblag, zu dem sie Beweglichkeit und Neugierde im Ueberfluß mitbrachte. Drei Jahre später starb der Abbé Constant. Claude Vignon war frei – frei, ein neues Band zu knüpfen oder einem alten die Weihe zu geben. Maurice Rouvier, der Deputirte von Marseille, stand längst im Zauberbann der bedeutenden Frau, die großen Einfluß auf ihn ausübte. Wie das gewöhnlich der Fall ist, that die Welt sehr erstaunt, als das Natürlichste, Selbstverständlichste geschah, als Maurice Rouvier sich mit Claude Vignon vermälte. Sie brachte in diese Ehe einen etwa sechzehnjährigen Sohn mit, der den Namen »Vignon« führt und jetzt Correspondent der »Indépendance Belge« ist, die einst von seiner Mutter trefflich vertreten wurde. Claude Vignon ist eine zärtliche, treffliche Mutter, die stets mit inniger Liebe an ihrem Kinde hing. Sonderbar, Paris, welches einerseits den Freibrief aller Laster ertheilt, ist auf der anderen Seite zuweilen von einer erschreckenden Prüderie. Es thut, als mangele ihm der offene Blick für das Naturgemäße und gefällt sich in der kleinlichen Auffassung verknöcherter Kaffeeschwestern. Claude Vignon ist geistvoll genug, um sich über manchen Angriff hinwegzusetzen, ihre ernste Arbeit ist ein Läuterungsproceß, wie ihn nur edle Naturen anstreben. Die vielseitige Begabung der außergewöhnlichen Frau äußert sich auch in ihren literarischen Schöpfungen; sie hat nicht nur eine Anzahl phantasievoller Romane geschaffen, in denen sich ein starkes Talent ausspricht, sondern auch mit Glück das Feld der politischen Journalistik betreten. Im Beginn der sechziger Jahre arbeitete sie an mehreren französischen Journalen und zwar mit so viel Klarheit, Schärfe und Präcision, daß die in jener Zeit hochbedeutende »Indépendance Belge« auf die Dame aufmerksam ward und ihr in der Folge die Pariser Correspondenz übertrug. Claude Vignon war in den Couloirs der Kammer eine wohlbekannte Erscheinung. Sie hatte zahlreiche Beziehungen zu hervorragenden Deputiren, zu leitenden Staatsmännern, zu bedeutenden Personen. Nach einer interessanten Debatte sah man sie rasch auf und ab wandern, mit diesem und jenem heftig debattiren. Eine der aufmerksamsten Zuhörerinnen mit rascher Fassungsgabe, bemerkte und wußte sie Alles, verwerthete sie Alles, und verstand sie, die geistreichsten Aperçus an die einzelnen Vorfälle zu knüpfen. Ihr offener Blick begriff stets die Situation, für welche ihr niemals die realistische Anschauung mangelte. Dieselbe Frau, welche aus dem todten Stein Amorinen schuf, die in kühler, ruhiger und bestimmter Weise die Geschichte des Tages verfolgte, eilte an ihren Schreibtisch, und im Dämmerlicht ihres Gemaches entstanden ihre Roman-Gebilde, durch welche ein idealer Zug geht, der mit manchen Schwächen versöhnt. Keinesfalls gehören die Romane Claude Vignon's zu der Alltagswaare, selbst die Verzeichnungen und Fehler sind interessant, weil sie dem innersten Denken und Empfinden der Verfasserin entsprechen. Die meisten Romane Claude Vignon's sind von einer und derselben Idee getragen. Der sündigen Frau, welche in dem Bewußtsein ihrer Schuld untergeht und sich durch Entsagung, Aufopferung, Arbeit Entsühnung schaffen möchte, fällt die Hauptrolle zu. Am lebhaftesten spricht sich dieser Gedanke in »Elisabeth Verdier« aus. Die schöne Frau flüchtet mit ihrem Geliebten, einem jungen Schriftsteller, aus dem Hause ihres reichen Gatten, indem sie diesen glauben läßt, daß sie ertrunken sei. Kurzem Glück folgt die Reue. Der Geliebte verläßt Elisabeth, und diese bleibt stark genug, alle Versuchungen von sich zu weisen, als Unterlehrerin ihr Brot zu erwerben und in der Folge einen kleinen Kreis verlassener Mädchen zu tüchtigen Arbeiterinnen heranzubilden. Nur eine Jugendfreundin Elisabeths weiß um deren Existenz. Ihr ehemaliger Geliebter ist ein Mann von großer Stellung, er hat Elisabeths Marotten von Volksarbeit erst verlacht, dann empfunden, daß er Elisabeth immer noch liebe, und als deren Gatte stirbt, bietet er ihr seine Hand an: Elisabeth aber nimmt den Schleier, um fortan ganz ihrem Werke zu leben, und ihr ehemaliger Geliebter Armand – jagt sich eine Kugel durch den Kopf. »Une femme romanesque« , eine der besten Schöpfungen Claudes, schildert eine edle Frauennatur, welche den Schein einer Untreue auf sich ladet, um einen Mann zu retten, der in den Banden einer anderen Frau liegt. In dem Novellen-Cyklus »La vie réelle« spricht sich frische Erfindungsgabe aus. Zwei Romane Claudes sind, wie es heißt, bestimmten Pariser Persönlichkeiten auf den Leib geschrieben. »Un naufrage Parisien« und »Revoltée« . Beide sind reich an spannenden Situationen, in beiden erregt die Heldin, wenn auch in der verschiedensten Art, unsere Theilnahme. Beide fesseln durch die Kraft der Darstellung, durch die Gewandtheit der Form und die glatte, gefällige Sprache, aber beide sind im Grunde unwahr und nach Effecten haschend. Die Thatsache, daß ähnliche Ereignisse sich wirklich abgespielt haben, ändert nichts an der ästhetischen Unwahrheit. Im großen Ganzen gelingen Claude Vignon die Schilderungen von Frauencharakteren weit besser als die von Männernaturen. Ihre Frauen haben Herz, Nerven, Leben, ihre Männer sind Puppen, die entweder Marionetten des Edelsinns oder moderne Verschrobenheiten von Salonschablonen sind. Ob Claude Vignon thatsächlich die Männer unterschätzt, ob sie so wenigen begegnet ist, welche ihr zum Muster, für ihre idealen Gestalten werden konnten, wer weiß es? So unumwunden Claude Vignon in ihren Romanen, welche gleich weit vom Materialismus der letzten Jahrzehnte, wie von dem Idealismus der Vergangenheit entfernt sind, alle Verhältnisse bespricht, so sehr sie die Dinge bei ihrem Namen nennt, so wenig sie das schlüpfrige Gebiet der Sensation scheut, so ernst bleibt ihre Auffassung, und indem sie die Frivolität schildert, perlt die Thräne in ihrem Auge, zuckt der Schmerz um ihren Mund. Sie spielt nicht mit laxer Moral, ihre Bücher sind keine Lecture für Töchterschulen, aber sie werden auf keine reife Frau mit süß schmeichelndem Gifte wirken. Sie hält an dem Grundgedanken jedes Dramas, an den Folgen der Schuld fest und zeigt dort, wo die Sünde ungeahndet bleibt, Hohlheit und Gemeinheit. Wie alle modernen Franzosen hat auch Claude Vignon im Staatsleben manche Wandlung gesehen. Unter Napoleon III. mag sie schon durch ihre persönlichen Beziehungen dem Imperialismus nicht abgeneigt gewesen sein, heute ist sie eine eifrige Republikanerin, die für alle Freiheitsideen warm eintritt. Ich hatte alle Romane der Dame gelesen, ihre Skulpturen gesehen, bevor ich ihren Salon betrat, bevor ich sie selbst kennen lernte. Madame Rouvier ist noch immer eine stattliche schöne Frau; ihre Gestalt überragt die Mittelgröße und neigt zu einem leichten Embonpoint, der jedoch, da er sich nicht mit Indolenz verbindet, nicht stört. Das bewegliche Mienenspiel ist höchst interessant. Aus den klaren Augen blickt ernster Wille, zuweilen scheinen dieselben kalt und forschend, das ganze Gesicht verräth Energie, ohne darum der Liebenswürdigkeit zu entbehren. Die Zeit, in der die Dame eine reizende Frau genannt werden durfte, ist allerdings vorbei, ganz lassen die Jahre sich selbst bei der anmuthigsten Französin nicht zum Stillschweigen verurtheilen. Aber die ganze Erscheinung Madame Rouvier's ist durch den Stempel hoher Intelligenz ausgezeichnet. Eine sehr elegante Toilette, mit großer Sorgfalt gewählt und geordnet, that den Vorzügen der bedeutenden Frau keinen Eintrag. In langen Falten floß ein schweres, schwarzes Moirékleid nieder, dessen Leibchen im Glänze reicher Jetstickerei dunkel flimmerte; die schönen Arme schimmerten unter schwarzem Spitzengewebe, das den Unterarm bedeckte, dunkle Handschuhe umschlossen knapp die volle Hand, eine Art spanische Mantille aus Spitzen lag auf dem Haar und war dort mit einer dunklen Rose befestigt. Madame Rouvier bewegt sich mit der Sicherheit einer Weltdame, sie findet für Jeden ein freundliches Wort und conversirt mit blitzender Lebhaftigkeit in einer Viertelstunde über die verschiedensten Gegenstände; aber – sie vermag es auch, sich mit Ernst in eine Sache zu vertiefen, diese aufzugreifen, von allen Seiten zu beleuchten und sie gründlich zu erörtern. Ihr Urtheil in jener kritischen Zeit war vollkommen sicher und richtig, sie sagte mit Bestimmtheit die Wendung der Dinge vorher, sie gab selbst kein Urtheil über Gambetta, aber sie resumirte scharf Alles, was dessen Freunde und Feinde ins Treffen führten. »Enfin, ma grandeur d'un jour se passe bien vite,« bemerkte sie lächelnd. Wenige Tage nach diesem Sonntag sah ich Madame Rouvier wieder. Sie fuhr eben in die Kammer, zur Entscheidung. – »Der gute Tact verlangte eigentlich, daß heute keine Abstimmung erfolgte,« meinte sie, »denn Abends sind die Minister bei Grévy zum Diner geladen, und nachher ist Empfang im Elysée. Die Minister wünschten nicht im Speisesaale Grévy's zu demissioniren.« Madame Rouvier bot mir einen Platz in ihrem Wagen an, wir plauderten während der Fahrt von den Reformprojecten, die Gambetta und sein Ministerium in Bereitschaft hielten. Madame Rouvier schien der Ueberzeugung zu sein, daß Gambetta fallen wollte , »und das ,« bemerkte sie, »gelingt immer«. Madame Rouvier und Madame Adam sind Feindinnen, sie haben einander einst genau gekannt – wahrscheinlich zu genau. Sie können es nun einander nicht vergeben, daß sie sich Beide aufgeschwungen haben, und keine das Mitleid der Andern braucht. Die Charakteristik Madame Rouvier's bliebe unvollendet, wollte ich nicht ihre Gefühle für Deutschland erwähnen. Sie ist eine leidenschaftliche französische Natur – der Deutschenhaß ist also selbstverständlich –, aber die Politikerin empfindet die Nothwendigkeit des Friedens, und ihr klarer Verstand ist der nationalen Phrase abhold. Gelegentlich bedauerte sie, der deutschen Sprache nicht mächtig zu sein, und fügte hinzu: »Wir lernen überhaupt zu wenig, aber es wird besser, wir holen nach,« und dabei blitzte es wie Begeisterung aus ihrem Auge. Der Wagen hielt, Madame Rouvier rauschte durch das von Menschenmassen gefüllte Haus in die Loge, um mit großer Aufmerksamkeit der Entwicklung des Kampfes zuzusehen. Ich schlenderte über die breite Seinebrücke in Gedanken verloren. »Eine interessante Frau, eine jener Gestalten, wie sie auf dem heißen Moorboden der Pariser Gesellschaft sich leicht entwickeln, bis sie plötzlich im Moore spurlos versinken.« So hatte ein Pariser Freund, Pariser pur sang , Madame Rouvier beurtheilt. Ich konnte ihm nicht ganz Recht geben. Claude Vignon ist kein Frauen-Ideal, aber sie ist origineller als viele ihrer Zeitgenossinnen. Wir sind anspruchsvoll geworden, ich bezweifle, daß der Schimmer der Unsterblichkeit Claude Vignon umleuchtet, aber sie ist ein Charakterkopf, zu dem die Natur edlen Stein verwendete. Selbst im weißesten Marmor finden sich häufig dunkle Adern eingesprengt. Olympia Audouard. Madame Olympia Audouard hat ein Buch, »Pariser Silhouetten«, veröffentlicht. Die Verfasserin schickt als Vorrede ihr Porträt in Worten und im Bilde voraus. Auf dem Titelblatte erblicken wir einen interessanten Frauenkopf, dessen Jugendlichkeit auf die Entstehung des Bildes in den schönsten Tagen der Dame deutet. Warum der Zeichner mit dem Gewande so sparsam war, ist mir nicht bekannt. Die Silhouette gleicht der Büste einer Antike. Madame Olympia Audouard ist augenblicklich Herausgeber und Chef-Redacteur des Journals »Papillon«. Paris besitzt vier weibliche Chefredacteure von Journalen, welche außerhalb der Modezeitungen stehen: Madame Adam für die »Nouvelle Revue«, Mademoiselle Auclerc für die »Citoyenne«, Madame Camille Delaville für den »Passant« und Madame Audouard für den »Papillon«. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß Olympia Audouard eine »Emancipirte« ist. Die Dame hat stets viel von sich reden gemacht. Der einzige ungalante Franzose, Vapereau (Herausgeber des berühmten »Lexikons«), gibt ihr Alter auf 52 Jahre an. Damit steht eine Frau, soferne sie jung sein will, in Frankreich am Rande der besten Jahre, aber noch immer innerhalb derselben; sie trägt helle Farben, decolletirte Kleider, begehrt nach neuen Verehrern, weil ihr die alten zu kalt sind, und entsagt keinem Anspruche der Jugend. Olympia Audouard, wie die meisten berühmten Pariserinnen, in der Provinz geboren und erzogen, stammt aus Aix. Sie heiratete sehr jung einen Advocaten und ward wenige Jahre hernach gerichtlich von diesem getrennt. Sie unternahm sodann große Reisen, durchstreifte Egypten und kehrte über Konstantinopel und Petersburg 1860 nach Paris zurück. In mehreren Versammlungen hielt sie feurige Reden für die Freiheit der Frauen und kam mit dem Gesetz über das Versammlungsrecht in lebhafte Collision. 1868 durcheilte sie Amerika und hielt auch dort eine Anzahl von Vorträgen, die durch die Unverfrorenheit ihrer Ansichten Aufsehen erregten. 1869 wieder in Paris, gelang es ihr, die Gunst Alexander Dumas' zu erwerben, und unter seinen Flügeln veranstaltete sie eine Reihe von Vorlesungen über die Frauen und Alles, was mit diesen zusammenhängt. In der Autobiographie, welche Madame Olympia ihren Silhouetten vorausschickt, sagt sie ihren Lesern ungefähr Folgendes: »Man erzählt in der Provence, daß die Leute, die im März geboren sind, einen Sonnenstrahl im Herzen und einen Hauch Mistral-Wind im Kopfe haben. Ich bin im März geboren und ich fühle Beides, den Sonnenstrahl und den Mistral. Ich habe zwei treue, treffliche Freunde: die Philosophie und die Arbeit. Mit 20 Jahren griff ich zur Feder. Seitdem habe ich 33 Bücher geschrieben und drei Zeitungen gegründet. Ich bin noch immer, seit 1862, 20 Jahre alt.« O, Du unerbittlicher Vapereau! »Ich überlasse meinen Feinden,« fährt Olympia fort, »das Vergnügen, zu behaupten, daß in der Literatur die Quantität nicht die Qualität aufwiegt. Ich habe Heimweh nach den fernen Wunderwelten, ich möchte von Gestirn zu Gestirn fliegen können. Um meine Sehnsucht zu beschwichtigen, durchstreifte ich drei Viertheile der Erde und photographirte sie moralisch für den Verleger Dentu.« »Meine besonderen Merkmale sind: Abscheu vor den rohen, vor den schlecht erzogenen Menschen, vor den Dummköpfen und den boshaften Klatschmäulern. Ich bin Republikanerin von lange her – meine Freunde sind fast Alle entgegengesetzter Meinung. Ich ziehe den Bösen dem Dummen vor, denn der Dumme ist ärger, als böse. Der Ausdruck »gute Einfalt« ist ein Irrthum. Ich habe eine unbesiegbare Abneigung gegen die Naturalisten. Ich bin Spiritistin und lache über Jene, die über mich lachen. Ich habe oft die Geschichte der Anderen, nie die meine geschrieben. Diejenigen, welche mich nicht kennen, verabscheuen mich; die mich kennen, sagen: Ein gutmüthiger, biederer »Junge!« – Und sie haben Recht. – Ich habe Fehler, welche meine Freundinen veröffentlichen mögen. Das ist meine Biographie, der Gegenstand spricht mich nicht an. Ich finde nichts mehr zu sagen.« Die häufige Wiederholung des »ich« ist für den bescheidenen Sinn bezeichnend. Das Credo der Dame bedarf keines Commentars. Für die wahre Befreiung des Weibes haben alle die Apostel der Frauenrechte nichts gethan – die Freiheit der Frau kann nur durch die höchste Uebung der Humanität und der Moralität errungen werden. Nicht die Frauen, welche Romane schreiben, sondern jene, die Asyle und Schulen gründen, die sich der Verlassenen und Verlorenen annehmen, sind auf der Höhe der Zeit. Nicht jene Frauen, die, wie Olympia Audouard, den Männern hundertfach die Worte »Wir sind besser, größer und klüger, als Ihr« ins Gesicht schleudern und ihre Ideale in der freien Liebe, in der schrankenlosen Leidenschaft suchen, werden in das goldene Buch der Menschheit eingezeichnet; sondern jene, die still und unbemerkt dem Manne als treue Gefährtinen den Kampf um's Dasein durchstreiten helfen oder, so sie allein in der Welt stehen, zu den Vereinsamten sagen: »Kommt zu mir, die Ihr mühselig und beladen seid« – die mit Wort und Beispiel die Jugend veredeln, die nach den höchsten Zielen der Menschheit streben. Frauen, wie Olympia Audouard, bekämpft man nicht, weil es vergebens wäre; man kann sich nur gegen die Richtung im Ganzen auflehnen. Die Romane der Dame tragen die Titel: »Wie Männer lieben«, »Russische Nächte«, »Die Frau seit 6000 Jahren«, »Das Leben der Geister oder die Welt nach dem Tode«. Einzelne Bücher, wie »Das Leben der Geister«, sind literarische Curiosa. Die Pariser Silhouetten Olympia's sind geschmackvoll gewählt – sie beweisen Frische der Auffassung, originelle Zeichnung; die Verfasserin gehört nicht zu denen, welche durch die Blume sprechen; sie versteht es jedoch, ihre Ansichten in ein Gewand zu kleiden, das trotz der leichten Schürzung stets decent und liebenswürdig ist. Es ist immer interessant, Frauen über einander urtheilen zu hören. In dieser Lage wird das Lamm zuweilen zum Tiger. Wenn eine Frau mit Geist der anderen auch Geist zugestehen soll, wird ihr dabei übel zu Muthe. George Sand, die doch wahrlich keine Rivalin zu fürchten hatte, ist in ihrem Urtheile über andere Frauen unglaublich hart. Wo sie sich Frauen anschloß, geschah es, weil sie der Notwendigkeit nachgab. Selbst im engsten Familienkreise machte sich dieser Zug bemerklich. George Sand betet ihren Sohn an und ist in Streit und Hader mit ihrer Tochter; George, die Frau mit dem heißen Herzen, fühlt erst an der Leiche ihrer Mutter, daß es doch etwas wie Blutsverwandtschaft gäbe. Ein objectives Urtheil einer Frau über die anderen gehört zu den Ausnahmen. Im Lob oder Tadel erfolgt das Vernichten. Ja, auch im Lob . Um daß die Welt das Selbst anerkenne, wird die Kritik mit der Sammtpfote geführt; um sich selbst die Berechtigung des Weihrauchs zuzuerkennen, wird er vor den Altären Anderer verbrannt. Olympia Audouard ist von diesem Fehler nicht frei. Wo sie von der Frau spricht, geschieht es mit der nachsichtsvollste Bewunderung. Das hindert aber nicht das Interesse, welches sich an die Erscheinungen knüpft, die sie in ihren Silhouetten vorführt. Ich beginne die armen Männer zu beklagen, heißt es ungefähr, sie waren Alles, Redner, Schriftsteller, Senatoren, Staatsmänner, Reisende, Akademiker u.s.w. Aus hundert Kehlen erscholl der Ruf: »Ehre den Männern!« Die Nachwelt war ihr Privilegium; mit Wollust badeten sie im Ruhm und setzten sich den Strahlenkranz der Großen auf das Haupt. Der Frau war die Schönheit eigen. Um sich für diese Superorität zu rächen nahmen die Männer den Ruhm. Und nun, im neunzehnten Jahrhundert, in welchem Dampf und Elektricität das Angesicht der Erde verwandeln, tritt auch die Aenderung in den Ideen ein. Man möchte sagen, es sei die schwindelnde Elektricität, welche sich der Frau mittheilte, sie aufrüttelte aus ihrer apathischen Ruhe. Und da stürzt sie sich hinein mit voller Dampfkraft in die Wissenschaft und den Fortschritt. »Zu sehen, wie die weißen Hände einige Fetzen dieses Ruhms an sich reißen, das muß unangenehm sein, das vertragen gewisse Wesen nicht, daher die schlechte Laune des Mannes. In Amerika wird die Frau Richter. In Europa ist sie Schriftstellerin, Journalistin, in Rumänien wird sie Akademiker.« Die Reihe der reisenden Frauen, welche Madame Audouard anführt, könnte noch um manchen Namen vermehrt werden, aber – was haben sie Großes gethan? Wo sind ihre Leistungen? Einige Reisebücher, das ist Alles. Auf diesem Gebiete brauchen die Damen wahrhaftig nicht stolz zu sein. Ungekannt und ungerühmt verfließen tausende von weiblichen Existenzen, die wahrhaft zum Wohle der Menschen wirken. Die Frauen der Missionäre, welche die halbnackten Wilden spinnen, stricken und nähen lehrten, welche ihnen zeigten, wie sie ihre Kinder und Kranken pflegen sollten, die grauen Schwestern in Cartun, die für Hunderte der verwilderten kleinen Geschöpfe Schule halten, die den kranken Wanderer dem Frieden und der Genesung zuführten: das sind die Kämpferinen, die Heldinen, die Märtyrerinen. Einige Blätter sind Madame Adam gewidmet; sie sagen uns nichts Neues. Um die Pariser Verhältnisse zu charakteristren, heben wir einen Satz heraus: »Wer in Frankreich nicht gute Diners gibt, wer nicht Soiréen veranstaltet, der wird es niemals zu Ansehen und Bedeutung bringen. Man darf behaupten, daß manche Akademiker ihren Fauteuil ihren trefflichen Köchen verdanken.« Wenn wir leider die Behauptung aufstellen mußten, daß die Frau die höchsten Ziele der Kunst nicht erreicht hat, so spricht ihr das nicht die Berechtigung des Strebens ab. Männer beweisen aber ihre Größe nur, wenn sie die strebenden Frauen nicht erdrücken und ihnen den Lebensweg nicht erschweren. Die Feder ist ein Erwerb, wie einer, und die Frau darf darnach greifen. Die Tagespresse ist sicher ein Feld, auf dem die Frau mit ihrer scharfen Auffassung der Verhältnisse, mit ihrer Findigkeit und Raschheit des Gedankens Ersprießliches zu leisten berufen ist. Noch warten die Interessen der Humanität und der Erziehung auf manchen Kämpen. Die französische Anschauung gefällt sich seit einem Jahrzehnt in der Ansicht, daß Mann und Weib mit einander im ewigen Kampfe begriffen sind, daß sie einander mit Vernichtung drohen. Die Aufgabe der modernen Frau ist nicht die Verfechtung dieser Thesen. Die Zeit ist groß und ernst genug, um Männer und Frauen auf den Kampfplatz zu lassen. – Jeder in seiner Weise. – Nur verfechte die Frau in der Presse nicht den Triumph socialer Umwälzungen, sondern die Heiligkeit der Familie, den Sieg der Humanität; sie hat doppelt, versittlichend und veredelnd, zu wirken, denn sie ist Weib und als solches die Kronhüterin der Ehre der Menschheit. Eine moderne Künstlerin. Gemischtes Blut, Racenkreuzung führt zuweilen eigenthümliche Resultate herbei. Es entsteht eine Species, die weder dem Vater, noch der Mutter gleicht, deren Eigenart jedoch etwas Sprunghaftes, beinahe Unvollendetes aufweist. Sarah Bernhardt ist das Product einer solchen Kreuzung, Ihre Mutter war eine holländische Jüdin, ihr Vater ein katholischer Franzose. Sie hat von Beiden die Intelligenz ererbt. In jeder anderen Hinsicht ist ihr Wesen ein Ausnahmsproduct. Nichts von dem kühlen Temperamente, dem strengen Ordnungssinne der holländischen Mutter, nichts von der Geschäftsklugheit des jüdischen Stammes, nichts von dem Sparsinne des französischen Vaters, nichts von der Einseitigkeit, mit welcher gerade der Franzose seine Talente zu entwickeln pflegt. Sarah ist keine Tradition, sondern ein Original; aber keines jener gesunden, vollkräftigen Originale, welche bahnbrechend, in der Menge die Sehnsucht, ihnen zu gleichen, erwecken, keine jener begnadigten Erscheinungen, welche, von Licht umflossen, ihrer Zeit entsteigen und die Höhe der Ewigkeit erklimmen. Sie ist ein krankhaftes Original, dem die reine Harmonie vollständig mangelt. Alles an ihr, das Wollen und das Können, ihr ganzes Wesen krankt am Mangel an Einheit. Es ist verschroben und verzerrt. Von der Ueberzeugung beseelt, Alles wagen und leisten zu können, läßt sie sich von dem Gaukelspiele ihrer Phantasie lenken und bestimmen. Den klaren, nüchternen Verstand bringt sie durch eine Phrase zum Schweigen. Die berühmte Tragödin ist zum Ueberfluß auch ein Pariser Kind. Sie wurde katholisch getauft und von ihrem Vater einem Kloster zur Erziehung übergeben. Ihr Geburtsjahr ist 1844. Als vierzehnjähriges Mädchen besuchte sie die Curse von Provost und Samson und erhielt, da sie große Befähigung zeigte, 1861 einen zweiten Preis für die Tragödie und ein Jahr später denselben Preis für die Komödie. Die Erscheinung des jungen Mädchens war frappirend, aber durchaus nicht einnehmend, ihre Gestalt hoch aufgeschossen, übermäßig schlank. Der feine Hals erschien zu lang, das schmale Gesicht von keinem jugendlichen Reize verklärt. Der Mund fiel durch seine Größe auf, die Augen blickten verwundert ins Leben – sie waren groß und blau und contrastirten mit dem rothblonden Haar, welches die Stirne umrahmte. Der Oberkörper erschien zu lang und verlieh der Bewegung die bekannten Schlangenwindungen. Der Eindruck, welchen man von dem Aeußeren der Debutantin empfing, war ein ungewöhnlicher. Die errungenen Preise berechtigten Sarah zu einem Debut auf dem Théâtre français . Das Publicum verhielt sich bei der Antrittsrolle, Iphigenia, kalt und ablehnend. »Unfertig«, »unreif«, so lautete das Urtheil. Niemand erkannte das Genie. Die Debutantin wandte sich dem Gymnase-Theater zu. Auch hier errang sie keinen Erfolg als Künstlerin. Ihre Erscheinung erregte jedoch ein gewisses Aufsehen; sie war anders als alle Anderen, fast unheimlich. Paris findet Gefallen am Absonderlichen. Man erzählt sich, daß die gefeierte Mars eine junge Schauspielerin, die vor ihr Probe spielte, mit den Worten: »Bitte, liebes Kind, wie viele Liebhaber haben Sie schon gehabt?« unterbrach. »Gar keinen,« erwiderte die Gefragte, stolz auf ihre Tugend. »Dann wollen wir die Probe verschieben bis nach dem ersten Liebhaber,« erklärte die Mars. Ob Sarah an den Ausspruch der Künstlerin dachte, ob die Macht der Liebe sie überwältigte, Thatsache ist, daß Mademoiselle Bernhardt sich von der Bühne für geraume Zeit zurückzog und ein Privatissimum jugendlicher Mütterrollen durchführte. Die Tragödie ruhte. Die ehrgeizige Künstlerin träumte von Triumphen auf anderen Gebieten, Sie griff zum Meißel und zum Pinsel, sie wollte malen und Sculpturen schaffen. 1866 war sie des Privatlebens müde und tauchte neuerdings, diesmal im Téâtre St. Martin auf. Sie spielte daselbst nur kurze Zeit. Der berühmte und einflußreiche Schriftsteller und Akademiker Camille Doucet verlangte, für Sarah ein Engagement im Odéon. Hier bot sich der Künstlerin zum ersten Male ein größerer Wirkungskreis. Sie spielte nacheinander die Gestalten Molière's, Coppé's, Shakespeare's und errang als Königin von Spanien im »Ruy-Blas« einen bedeutenden Erfolg. Die französische Bühne war damals noch ein beseeltes Instrument. Das Repertoire wechselte, die Bühne war keine Drehorgel, die hundert Mal nach einander, Abend für Abend, dasselbe Stückchen ertönen ließ. Die Kenner hatten an Sarah Gefallen gefunden; sie unterschrieb einen Vertrag mit dem Théâtre français . Der Anfang schien die Erwartungen des Publicums zu enttäuschen, bald jedoch fesselte Sarah als Aricia, als Phädra die Habitués. Man stand einem neuen Talente gegenüber. Die Künstlerin arbeitete mit unermüdlichem Eifer. Eines Abends gab man ein neues Stück: »Das besiegte Rom« von Parodi. Eine alte erblindete Greisin tritt, auf ihre Dienerin gestützt, vor das Publicum. Was war das? Wie gebannt hing die Menge an der Erscheinung dieser Blinden. Die edle, classische Haltung, das farblose, schmale Antlitz, die erloschenen Augen: so muß die alte Römerin ausgesehen haben. Ein Ruf der Bewunderung pflanzte sich fort durch das Haus. Der Genius Sarah Bernhardt's hatte seine Schwingen entfaltet und den Sieg an sich gerissen. Fortan stieg der Ruhm der Tragödin. Die bedeutendsten Rollen der französischen Dramen fanden in ihr eine begeisterte Interpretin. Eine junge Tragödin, das brachte Abwechslung, Leben. Sarah's Stimme war von bestechendem Wohllaut, sie kam in den Versen des Dramas ebenso zur Geltung, wie im Gespräche des Schauspieles. Das wechselnde Repertoire des Théâtre français ermöglichte es Sarah, ihr Können zu zeigen. Sie spielte die Zaire, die Phädra, Susanne in »Figaro's Hochzeit«, Donna Sol, die Tochter Rolands u.s.w. Die Sphynx war eine ihrer Glanzrollen, als Cameliendame berauschte sie die ganze und die halbe Welt. Ein modernes Geschöpf durch und durch, leistete sie besonders im modernen Drama Vortreffliches. Eine musterhafte Ehebrecherin, eine entzückende, gefallene Frau, eine unwiderstehliche Courtisane! Ihr lacertenartiger Körper konnte sich schmiegen und biegen, aus ihrem Antlitz sprühten Flammen, sie vermochte hinzureißen, so lange sie modern blieb oder antiken Gestalten das moderne Kleid anzog. Doch fehlte ihr die harmonische Ruhe in der höchsten Bewegung. Ihre Cleopatra erwachte in dem Himmelbett einer galanten Pariserin. Sie besaß alle Reize einer solchen, aber auch nicht eine jener Eigenschaften, die zu dem Bilde der stolzen ägyptischen Königin gehören. Sie war eine Lorelei, eine Sirene der Kunst, aber keine Muse. Sie folgte weder den Spuren der Rachel, noch denen der Mars, sie spielte sich selbst. Dennoch war man berechtigt auf die höchsten Leistungen zu hoffen. Da legte ein mächtiger Feind die Axt an ihr Künstlerthum. Ihre maßlose Eitelkeit berauschte sie. Ganz Paris sprach von ihren Absonderlichkeiten. Sie ging in Männerkleidung spazieren, ritt die tollsten Pferde, ließ einen Sarg in ihrem Salon aufstellen und sich in demselben photographiren; sie durchjubelte die Nächte, schlief Tage lang und verschloß dann Abends ihre Thüre, um Buße zu thun. In ihrem Atelier empfing sie nur in Männerkleidung, in der weißen Arbeiterblouse, Besuche. Die Hände waren voll Thon, die Cigarre steckte im Munde. So malte und meißelte die ruhelose Frau, bis irgend ein Freund ihr den Pinsel, ein Anderer den Meißel aus der Hand nahm und die Schöpfungen der genialen Sarah vollendete. Eines Tages machte sie eine Fahrt im ballon captif . Aus den Wolken zurückgekehrt, bemächtigte sie sich der Feder und schrieb für irgend ein Pariser Blatt die Empfindungen des Sessels, der das Glück gehabt, Sarah Bernhardt in die Wolken zu tragen. Der Pariser Witz belachte zuerst die excentrischen Launen der Dame, dann bekrittelte er und schließlich verspottete er sie. Längst schon schien ihr die Idee lockend, nach Amerika zu gehen, und da das Publicum des Théâtre français sich immer kühler und ablehnender verhielt, brach die verwöhnte Dame den Contract. Sie warb eine Truppe und schiffte sich nach Amerika ein. Die Yankees jubelten ihr zwar zu, aber allerlei Mühseligkeiten zerstörten den financiellen Erfolg des Unternehmens. Mit einem Plus an Enttäuschungen und Schulden kehrte die Künstlerin nach Europa zurück. Das bitterböse Buch, welches ihre ehemalige Freundin Marie Colombier über sie und ihr Treiben in Amerika veröffentlichte, ward gierig verschlungen. Das Théâtre français verlangte ein großes Pönale. Sarah schmollte mit Paris und den Parisern und so begann sie ihren Flug durch Europa. Das Publicum war ihr fast überall zu kalt. Plötzlich entdeckte sie zum so und so vielten Male ihr Herz und steckte sich den Ehering Herrn Damala's an den Finger, vorsichtig genug, auf eine in Frankreich ungiltige Art; sie ließ sich rasch wieder scheiden und verleugnete die Komödiantin in keinem Zuge. Nach Paris zurückgekehrt, erfand sie einen Onkel, um bei diesem ihr angebliches Vermögen verlieren zu können. Sie machte ihren achtzehnjährigen Sohn zum Theater-Director und erhob ihren Gatten zum Theater-Grafen, indem sie ihm für 30 000 Francs Schulden köstliche Pelze umhängte. Sie verhieß der Presse ein modernes Theater, einen Tempel des Schönen, und vergaß in ihrem Programm an nichts, als an die Mittel zur Durchführung desselben. Was kümmerten letztere die Fürstin Fedora? Allabendlich spielte sich Sarah mit solcher Virtuosität in die Rolle, daß sie schließlich an ihr Fürstenthum und die Millionen zu glauben begann, ein Glaube, dem allerdings der nothgedrungene Verkauf ihrer Juwelen einen empfindlichen Stoß versetzt hat. Der sinnlose Toiletten-Luxus Sarah's ist bekannt. Die Künstlerin, welche als schmucklose blinde Matrone das Publicum hinriß, studirt jetzt die Wirkungen der Toilette nicht weniger als diejenigen ihrer Rolle. Man nannte Sarah häßlich. Die Eitelkeit der Frau krümmte sich, sie wollte nunmehr auch durch ihre Erscheinung alle Anderen überstrahlen und so hat sie eine Sünde mehr begangen, indem sie jedes Stück, in welchem sie auftrat, zur Apotheose der Schneiderkunst wandelte. Sarah ist stets ruhelos. Zuweilen zerschneidet sie Toiletten, nur um sich zu beschäftigen. Die Wohnung der Künstlerin entspricht ihrem zerfahrenen Wesen. Sie schläft zwar nicht im Sarge, wie man dies lange behauptet hat, aber das bunte Durcheinander ihres Pariser Heims macht jeden einheitlichen Eindruck unmöglich. Das Schlafzimmer wird bald kohlschwarz drapirt, bald himmelblau und rosa ausgeschlagen. Aus den Ateliers wird heute aller Tand hinaus geworfen, morgen wird ein ganzer Trödelmarkt darin aufgestapelt. Diesem phantastischen Wesen entspricht auch das Leben der Tragödin. Zuweilen wird Niemand vorgelassen und dann wieder nach Gesellschaft gefahndet. Alles ist sprunghaft, unbemessen. Trotz der riesigen Summen, welche die Künstlerin erwirbt, lebt sie in der größten financiellen Unordnung. Von allen Seiten drängen Gläubiger. Die Einrichtung der Wohnung und der Lohn der Diener ist unbezahlt; man schuldet dem Fleischer, dem Weinlieferanten, dem Obsthändler, selbst dem Manne, der die Trüffeln bringt. Zuweilen setzt sich die Tragödin mit einem Achselzucken über all das hinweg, zuweilen leidet sie unter der Situation, niemals aber schläft in ihr die Sehnsucht, von sich reden zu machen. Heute von entzückender Liebenswürdigkeit und Einfachheit, freundlich und entgegenkommend, morgen kalt, abstoßend, unnahbar, gehört Sarah Bernhardt zu den Wesen, auf welche man nie rechnen kann. Der raffinirte Geschmack des Pariser Dandy findet freilich diese Launenhaftigkeit reizvoll, sie ist ihm am Weibe, was dem Feinschmecker der haut-goût am Wildpret ist. Dem schlichten Urtheil fröstelt es im Verkehr mit solchen Naturen. Die Schulbildung Sarah's ist höchst unbedeutend, woraus sich ihre Selbstvergötterung erklärt. Sie kennt ein wenig französische Literatur und Geschichte, von den Poeten des Auslandes Einen oder den Anderen dem Namen nach. Ihre Konversation ist lebhaft, sie spricht mit Vorliebe von sich. Ihre Sucht nach Genialität stammt theilweise aus der verletzten Eitelkeit der Frau. Sie hatte in ihrer Laufbahn Gelegenheit, die der Schönheit dargebrachten Huldigungen zu bemerken und Caricatur um Caricatur zu sehen, welche man von ihr, der Vielgefeierten, entwarf. Sie beschloß, ein geistiges Wunderwerk zu werden, das Ungewöhnlichste möglich zu machen und alle anderen Frauen in Schatten zu stellen. So griff sie nach dem Champagnerkelche der Selbsttäuschung und fand Leute genug, welche ihn mit ihr leerten. Die schwankende Gesundheit der Tragödin läßt kaum annehmen, daß sie ihrem aufregenden Leben lange Widerstand werde leisten können. Sarah Bernhardt wird auf dem einmal betretenen Wege schwer umkehren. Der Aesthetiker geht gleichgiltig an solchen Erscheinungen vorüber, sie ähneln Meteorsteinen, die aus dem heiteren Himmel der Kunst niederstürzen. In Sarah Bernhardt steckte einst der Stoff zu einer großen Künstlerin; sie hat ihr Pfund vergeudet und so ward sie eine abenteuerliche Virtuosin, deren Namen man im goldenen Buche der Kunstgeschichte dereinst vergebens suchen wird. Die Kunst ist eine strenge Göttin mit dem obersten Gesetze: »Du sollst keine fremden Götter haben neben mir!« Henry Greville. Dem Beispiele Aurora Dudevant's und Madame D'Agoult's folgend, haben die hervorragendsten weiblichen Federn des modernen Frankreich sich unter Männernamen in die Literatur eingeführt. Die moderne Frauen-Emancipation richtet sich zwar gegen diese Gepflogenheit und fordert von den Frauen, daß sie ihr Geschlecht nicht verläugnen und die Ruhmesleiter in ihrer eigenen Gestalt erklimmen sollen, aber vorläufig hat es mit der Erfüllung dieses Wunsches, dem sich praktische Bedenken entgegenstellen, noch gute Wege. Unter Henry Greville, einem Namen, der uns in der neuesten Romanliteratur auf Schritt und Tritt begegnet, birgt sich ein liebenswürdiger, weiblicher Charakterkopf, Alice Durand. Gerade der deutsche Leser wird durch die Romane Greville's gefesselt und angezogen. Sie sind unterhaltend und spannend, ohne Frivolität, drastisch und aus dem Leben gegriffen, ohne daß der poetische Duft durch den materialistischen Küchengeruch vertrieben würde. Wir können Greville mit einer viellieben zu früh dahingeschiedenen deutschen Frau vergleichen: Clara Bauer, unter dem Namen Detlew allbekannt, steht der Französin am nächsten, doch hat die Letztere vor der deutschen Frau eine tüchtige Ader liebenswürdigen Humors voraus. Greville (Alice Durand) ist ein Pariser Kind, das an der Newa groß geworden, außerhalb Frankreichs gelebt, den nationalen Fehler einseitiger Anschauungen nicht erworben hat. Viele der modernen französischen Schriftsteller schaffen Geschöpfe, die so sehr Product des Bodens sind, dem sie entstammen, daß man sie schon außerhalb des Pariser Weichbildes als unbeseelt verwirft. Greville hat mit diesen nichts gemein. Alice Durand erhielt in dem Hause ihres Vaters, des tüchtigen Philologen Henry, eine treffliche Erziehung. Das junge Mädchen arbeitete gleich dem Schüler irgend eines Lyceums, beschäftigte sich mit modernen Sprachen und alten Classikern. Der Vater folgte einem Rufe nach Petersburg, an dessen Universität er die Lehrkanzel der französischen Sprache und Literatur inne hatte. Alice begleitete ihn dahin, sie erlernte rasch das Russische und interessirte sich lebhaft für die neuen Verhältnisse, sowie für die Menschen, deren Charakter trotz der angelernten Civilisation so himmelweit verschieden von dem Pariser Typus war. Die empfangenen Eindrücke gestalteten sich in der Seele des Mädchens zu klaren Bildern. Alice griff zur Feder und sandte in die französische Tagespresse eine Reihe von Artikeln und Erzählungen, die vielen Beifall fanden. Die junge Schriftstellerin vermälte sich in Petersburg mit einem französischen Landsmann, Herrn Durand, Professor an der juridischen Facultät. Das Talent der jungen Frau entwickelte sich in der glücklichen Ehe in harmonischer Weise. Das Privatleben, in dem eigentlich nichts vorging, umfing sie wie die Aeste eines schützenden, schattenspendenden Baumes. Sie sah Schmerz und Elend, Gemeinheit und Niedertracht, Unglück und Verworfenheit stets durch den rosafarbenen Schleier ihres eigenen zufriedenen Ich. So kommt es, daß sie in ihren Romanen nach milden Ausklängen sucht, die Schmerzen gerne verklärt und dem crassen unvermittelten Elend, dem schonungslosen Fatum aus dem Wege zu gehen liebt. Greville entnimmt ihre Stoffe dem bürgerlichen Leben, zumeist den Kreisen des Mittelstandes. Nur einige der russischen Schöpfungen wurzeln in der hocharistokratischen Welt, wie die Liebesgeschichte, »Prinzessin Ogheroff«, gerade keine der besten Leistungen der Verfasserin. Aus den vielen Romanen greifen wir drei heraus, weil sie in drei verschiedenen Erdreichen wurzeln. Greville lebt seit 1872 in Paris, sie arbeitet mit französischem Thon und verwendet fremdländische Farben. Ohne mit den russischen Schilderungen zu brechen, hat Alice Durand doch auch französische Themas behandelt. Die gleichsam als Musterstücke geltenden Romane sind: »Die Prüfungen der Raissa«, »Die Heiraten Phillibertes«, »Ein Verrath.« Raissa, ein junges, sehr hübsches Mädchen, die Tochter eines überaus ehrenhaften, alten und unbemittelten Majors, wird auf dem Wege zu ihrem Klaviermeister überfallen, geknebelt, auf einen Schlitten gehoben und von drei jungen, trunkenen Garde-Officieren in ein verrufenes Wirthshaus geschleppt. Nachdem der eine der Officiere ihr gewaltthätig die Ehre geraubt, wird sie mit verbundenen Augen in einer entfernten Straße verlassen. Starr, thränenlos eilt sie nach Hause zu den mittlerweile vor Angst verzweifelnden Eltern. Sie erzählt den Alten das Geschehene und beschwört ihre Unschuld daran auf das Kreuz. Die ohnehin kränkliche Mutter stirbt an der Schmach der Tochter. Am Hofe lebt in hoch angesehener Stellung eine alte Prinzessin, zu dieser geht Raissa mit der Bitte, ihrem Vater eine Audienz beim Monarchen zu verschaffen. Der Vater meldet das Geschehene, der Kaiser erfährt die schmachvolle Handlung und schwört furchtbare Rache. Das Regiment wird zusammenberufen, Raissa hat in der Dunkelheit weder ihren Verführer, Grafen X., noch die anderen Officiere erkannt, die solidarisch zu büßen schwören. Drei Officiere, alle aus den ersten Häusern, darunter Graf X., der Neffe der alten Prinzessin, bekennen sich gleich schuldig und geben als Motiv eine in halber Trunkenheit beschlossene Wette an. Der Kaiser wüthet. Graf X. als der Höchstgestellte wird Raissa heiraten und sofort nach der Trauung mit seinen Gefährten nach Sibirien wandern. Raissa hat ein dunkles Vorgefühl, daß der Graf der Räuber ihrer Ehre gewesen sei. Die Officiere beschließen, sie durch Stillschweigen in Ungewißheit zu lassen und, da sie dieselbe nur für ein Intrigantin halten, die nach einer glänzenden Heirat strebte, so zu bestrafen. Die Trauung erfolgt in der kaiserlichen Capelle, Raissa betritt als Gräfin das Palais des erzwungenen Gemals, indeß dieser nach Sibirien jagt. Das würdevolle Benehmen der jungen Frau, die das Palais sofort verläßt, die Güter des Grafen mit großer Strenge verwaltet, selbst in Dürftigkeit lebt und die Revenuen nach Sibirien schickt, stimmen das allgemeine Urtheil günstig für Raissa. In der Folge erlangt Raissa die Freiheit der drei Gefangenen, sie darf nach Sibirien, um den schwer erkrankten Grafen zu pflegen, der sie erst als Urheberin seiner Leiden gehaßt hat und jetzt in Liebe zu ihr entbrennt. Der versöhnende Abschluß beendet »Raissa's Prüfungen«. Wir haben den Inhalt des Romanes erzählt, weil er gewagte, an der Grenze des Erlaubten stehende Situationen bietet. Aber gerade hier zeigt Greville ihre Meisterschaft. Das frivole Thema ist mit außerordentlicher Decenz behandelt. Wo Zola und seine Schüler rothe Lichter aufstecken würden, mildert Greville in feinfühliger Weise den grellen Schein. Die Verfasserin trifft den Conversationston der vornehmen Gesellschaft vollkommen, sie vermeidet Banalitäten und versteht es Maß zu halten, den Faden niemals länger zu spinnen, als es dem Leser angenehm ist. In dem zweiten von uns genannten Romane »Die Heiraten Phillibertes« stehen wir auf französischer Erde. Als echte Pariserin hat Greville für die Schwäche der Provinzbewohner, für alle Kleinstädter ein scharfes Auge und geißelnden Spott. In Philliberte wird der Charakter einer eingefleischten Provinzlerin geschildert, die sich in ihrem Altweibersommer in einen jungen Künstler verliebt, dem die übertragene Dame völlig gleichgiltig ist. Der Roman soll den Gegensatz zwischen Bildungsfähigkeit und Bildungsunfähigkeit durchführen. Ein Pariser Schriftsteller heiratet ein junges Landmädchen von großer Begabung, eine Verwandte Phillibertes. Das Buch, eine Dorfgeschichte, ist reich an gesundem Humor und fesselnder Darstellung einfacher Motive. Im »Verrath« begegnen wir der Pariser Gesellschaft. Greville faßt die Schwächen, die Hohlheit und Lüge mit klarem Verständnisse. Die Frau eines Unwürdigen, Madame Moissy, wird von einem ausgezeichneten jungen Manne René angebetet und, trotzdem die Welt sie für kalt und unnahbar hält, dessen Geliebte. René beschwört sie, mit ihm ins Ausland zu fliehen und nur der Liebe zu leben. Die Dame zweifelt an René's Empfindung und will dem Geliebten keine Kette werden. Sie weigert sich. Da unterbricht Herr Moissy, der jahrelang von seiner Frau getrennt war, das Stillleben der Liebenden, er fordert Valentine zurück. Diese folgt dem Gatten. Der verzweifelte René beschuldigt Valentine der Lieblosigkeit. Er sieht ein junges Mädchen, das Alles daran setzt, um ihn zu gewinnen, hält um dessen Hand an, weil Valentine ihm selbst zu dieser Heirat zuredet. René's Frau ist jedoch eine herzlose Coquette, Valentinen's Mann stirbt. René und Valentine empfinden die Unmöglichkeit ohne einander zu leben, der Conflict wird immer größer. Frau Moissy kann nicht die Geliebte des Mannes sein, dessen Frau eine Freundin in ihr erblickt. Von seinem herzlosen dummen Weibe gemartert, erschießt sich René, indem er seine Kinder Valentinen empfiehlt. Die von Gram Zerschmetterte lebt nur mehr für diese Pflicht. Die Kinder werden ihr zur Erziehung überlassen, denn die junge Witwe René's geht bald eine zweite Heirat ein. »Ein Verrath« ist auch in deutscher Sprache in mehreren Blättern erschienen. Das Buch, bis ans Ende fesselnd und spannend, bleibt dennoch nur eine schwache Arbeit. Wir stehen hier vor einem charakteristischen Merkmal der französischen Literatur. Das Einmaleins der Sittlichkeit, die klare scharfe Linie der Tugend und des Rechtes sind den Schriftstellern des modernen Paris zum großen Theil abhanden gekommen. Der Ehebruch legt allerlei Mäntel an, er wird durch die edelsten Gefühle, durch die feinsten Regungen psychologisch motivirt und in ein schneeweißes Gewand gekleidet. Die Pariser Realisten und Idealisten können ohne den Ehebruch nicht auskommen. Doch sonderbarer Weise tauchen die Letzteren ihre Federn nicht in Abscheu. Das Dichterwort: »Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch« gilt nicht mehr. Das Laster hat aufgehört Laster zu sein, es bekommt einen hochtrabenden Titel und wird psychologische Notwendigkeit. Greville wäre nicht Französin, wenn sie in diesem Punkte deutsche Anschauung hegte. Mit ihrer Toleranz huldigt sie vielleicht mehr der Mode als ihrem ureigenen Gefühle. Man hat sich gewöhnt, die Consequenz, der zufolge jede Schuld eine Sühne herbeiführen muß, umzustoßen oder doch eine äußerst milde Lösung herbeizuführen. Dieser Vorwurf trifft auch Greville, er charakterisirt ihre Leistungen als Producte der Zeit, er raubt ihnen den Anspruch, die Generation zu überdauern, welche in dieser Weise dachte, fühlte und handelte. Ewig ist nur, was von dem urewigen Sittengesetz beherrscht wird. Euripides, Shakespeare und Sophokles gehört die Ewigkeit – Flaubert und Zola gehören ihrer Zeit, man liest sie, wenn man Bilder derselben sucht. In der französischen Tagesströmung der Frauenfrage nimmt Greville stets eine achtenswerthe Stellung ein. Sie hat über die Arbeit der Frauen und den Unterricht der Mädchen schätzenswerthe Schriften veröffentlicht. Eine ihrer Erziehungsschriften wurde vom Staat in den Lyceen obligat eingeführt. Greville ist eifrige Republikanerin. Ohne das politische Gefühl der Pariserinen zu unterschätzen, läßt sich doch die Bemerkung, daß die Republik allen Frauen, die nicht der Geburtsaristokratie angehören, wesentliche Vortheile bietet, nicht unterdrücken. Während in der Monarchie die Gesellschaft nach den Ahnen der Dame fragt und mit ihren Gesetzen der Verschiedenheit der Stände unverrückbare Grenzen zieht, schwingt sich in der Republik Talent und Bedeutung sofort in die ersten Reihen. Es ist daher nicht zu verwundern, daß die Frauen von der Feder die blau-weiß-rothe Flagge hoch halten, sie sichert ihnen gleichsam den socialen Vortritt, ein Ding, um das seit Kriemhild und Brunhild mancher Streit entbrannte. Die zahlreichen schriflstellerischen Arbeiten haben Madame Durand-Greville behaglichen Wohlstand geschaffen. Die meisten ihrer Schriften sind vielfach aufgelegt worden. Die Dame ist eine einnehmende Persönlichkeit, munter und lebendig, wie die meisten ihrer Landsmänninen, durch das Talent, anregend und angeregt zu plaudern, ausgezeichnet. Sie ist eine häufige Besucherin des Salons der Madame Adam. Jene versöhnende Liebenswürdigkeit, der wir in den Romanen Greville's begegnen und die wir nicht selten durch einen kraftvolleren energischen Zug ersetzt sehen möchten, ist der Erscheinung der Schriftstellerin eigen und gereicht dieser nur zum Vortheile. Wenn man anerkennt, daß ein großer Theil der modernen französischen Literatur für den deutschen Familienkreis durch ihre derb materialistische, naturalistische Frivolität geradezu ungenießbar ist, wird man mit innigem Vergnügen daran denken, daß Greville eine lange Reihe von Romanen geschaffen hat, die zwar nichts mit der höheren Töchterschule gemein haben, sich zur Lecture für die Frauenwelt jedoch vollständig eignen. Es sei uns noch gestattet, eine Bemerkung über die Diction anzuknüpfen. Der Deutsche, welcher französisch liest, um sich in dem Idiom zu vervollkommnen, hat gegenwärtig alle Ursache in der Wahl der Schriftsteller vorsichtig zu sein. Unter den wie die Pilze aufschießenden Erzeugnissen befinden sich sehr viele Giftschwämme. Nicht der Inhalt allein, auch die Sprache gehört zu dem Verwerflichen. Der Fremde stößt auf eine Fluth von Ausdrücken, die er sich nur zu leicht aneignet uud die ihn in der französischen, guten Gesellschaft lächerlich machen. Es handelt sich nicht allein um die im Munde des Parisers erträglichen Localismen, sondern um den Jargon verschiedener Kreise, der nur persifflirend in die Literatur eintreten sollte. Es genügt nicht für einen Ausdruck oder eine Redewendung, zu sagen, man habe sie in einem französischen Buche gefunden, man muß auch wissen, ob dieses Buch als Gewährsmann dienen kann. Die Schriften Greville's vereinigen zwei Vorzüge: vornehme elegante Sprache und fesselnden Inhalt. Das gibt ihnen ein Anrecht auf die Gunst des lesenden Publicums. Wenn wir die leichtgeschürzte Auffassung manches ernsten Vorwurfes in den Werken der Schriftstellerin auch tadeln, es wird Vieles begreiflich. Man muß nur einen Tag die Luft an der Seine geathmet, nur einen Tag gelauscht haben, was die Wellen singen, was die Bäume flüstern. Lutetia ist eben keine Virginia. Alexander Dumas. Alexander Dumas fils , als Mitglied der »Académie« Einer der Unsterblichen, hat 1858 ein Drama »Le fils naturel« in die Welt gesandt, zu welchem er den Stoff aus seinen persönlichen Erinnerungen genommen hatte. Er selbst ist ein fils naturel , ein Kind der Liebe. Dumas père gleitet in seinen Memoiren flüchtig über das Verhältniß hinweg, welchem dieser Sohn entstammte, aber er spricht von der Klugheit und dem Scharfsinn des Knaben, dessen erste Erziehung die Großmutter, die Mutter von Dumas père , leitete. Mutter und Sohn hingen mit schwärmerischer Liebe aneinander; die alte Frau konnte dem Sohne nicht gram sein, der ihr ein verjüngtes Ebenbild ins Haus brachte; sie kümmerte sich wenig um die Thatsache, daß dieses Porträt ohne die bunte Schärpe des Maire zu Stande gekommen war Dumas père war zur Zeit, in der sein Sohn mit dem ersten Hanswurst spielte, noch nicht in die Reihe der französischen Literaten von Namen getreten. Er war Beamter in den Bureaux des Herzogs von Orleans, des nachmaligen König Louis Philippe, mit einem Gehalt von 1800 Francs. 1800 Francs! Drei Menschen sollten damit auskommen! »Schwer genug!« ruft Dumas in den Memoiren. Man darf mit Recht behaupten, daß die Liebe zu dem Söhnchen Dumas' Anstrengungen verdoppelte, sein Talent stählte. Der glückliche Vater legte bald den ersten goldenen Apfel des Erfolges in die Wiege des Knaben. Alexander Dumas fils blieb der Romantik, welcher sein Vater gehuldigt, möglichst ferne, aber er schuf eine Romantik besonderer Art, die von den Meisten für Realismus erklärt wird. Das Beispiel des Vaters blieb in vielen Stücken eine Warnung für den Sohn. Dumas père entwarf in einer begnadeten Stunde »Monte Christo« – das geniale Märchen, in welchem ein Mann, der mit unermeßlichen Schätzen die Gewalt des Geistes verbindet, gottähnlich die Menschen beherrscht. Zu Zeiten fühlte er ein Stück »Monte Christo« in seiner Brust, und dann rollte das Gold durch seine Hände, als könnte es kein Ende nehmen. Es ist aller Welt bekannt, daß Dumas Millionen erwarb und wieder ausgab, daß er ohne Vermögen mit den Worten starb: Ich kam mit zwei Napoleons in der Tasche nach Paris, ich verlasse es mit einem. Und die Leute sagen, ich hätte mein Glück gemacht.« Der Sohn geht praktischer zu Werke. Er kennt die Course eben so gut, wie das Versmaß, er liebt die Kunst und besitzt eine reichhaltige Galerie, aber er sammelt Bilder mit wahrem Speculationsgeiste. Er verwerthet jede Zeile und verzehnfacht jeden Louisd'or, kurz Alexander Dumas fils ist ein großer Dichter, doch auch ein guter Bankier. Er schreibt ohne es mehr nöthig zu haben. Er bewohnt sein eigenes, mit Reichthum und Pracht ausgestattetes Hotel und erzog seine Kinder wie ein gut situirter, ernster Familienvater, dessen Soll und Haben aufs Beste übereinstimmen. Alexander Dumas bezeichnet in der französischen Literatur eine ganze, große Epoche. Die moderne Zeit trägt seine Unterschrift, das moderne Drama ist sein Geschöpf. Er ist der Meister, welcher zuerst einer Gesellschaftsclasse den Namen gegeben, sie sodann in ein glänzendes Gewand gehüllt hat. Und wie ein geschickter Chemiker aus dem Aase leuchtende Stoffe und Wohlgerüche erzeugt, so hat Alexander Dumas in Fäulniß und Verwesung poetische Vorwürfe gesucht und gefunden. Als er, zwanzig Jahre alt, die »Cameliendame« schrieb, begann er ein gefährliches Spiel, um so gefährlicher, weil der Spieler reich an Talent und Begabung war. Er umkleidete die Dirne mit der Poesie, und aus dem Teufel wird ein gefallener Engel. Wenn Dumas die Verwüstung ansieht, die er angerichtet hat, so mag er an Goethe's Zauberlehrling denken. Viele Unberufene haben nach ihm die Verwandlungen vorgenommen, bis ihnen die Werke über den Kopf gewachsen sind und sie erdrückt haben. Der Meister mag satanisch lächeln, wenn er gewahr wird, wie die gerufenen Dämonen Liebe, Ehe, Sitte, Ehre, Moral, Familie in Stücke reißen und im wilden Vernichtungskriege das schneeweiße Ideal angreifen, diesem eine Maske umbinden, die Augen und die Lippen, die Wangen und die Haare färben und der Menge den Popanz hinhalten, welchen sie für die »Wahrheit« ausgeben. Mit siebzehn Jahren, etwas früher, als Schiller's Muse den Feuerwein der »Räuber« im dramatischen Becher credenzte, schrieb Alexander Dumas ein Gedicht, »Die Jugendsünden«. In den folgenden Jahren sah der Jüngling Spanien und Afrika. Er schrieb ein Buch, »Die Abenteuer von vier Frauen und einem Papagei«. Diese Erstlingswerke erregten kein Aufsehen – man sieht, der Pegasus nahm keinen hohen Flug, 1848 erschien der Roman »Die Dame mit den Camelien«. Es ist aller Welt bekannt, daß Dumas ihn einer schönen Sünderin auf den Leib schrieb, die, dreiundzwanzig Jahre alt, an Tuberkulose starb. Diese unpoetischeste Krankheit, zu welcher stets ein Spucknapf gehört, hat von jeher die Poeten angezogen, welche nur die hektischen Rosen auf den Wangen sahen und die Erstickungsanfälle des Hustens nicht hörten. Es läßt sich nicht erzählen, was die Camelie als Symbol angeblich bedeutete. In rascher Folge schrieb Dumas »Diane de Lys«, »Die Dame mit den Perlen«, »Das Leben zu zwanzig Jahren«, und ebenso rasch knetete er aus diesen Romanen Bühnenspiele zurecht, die sofort angenommen wurden und auf den verschiedensten Pariser Bühnen gefielen. Der junge Dichter brachte eine blühende gewandte Sprache mit, welche den höchsten Affecten gewachsen war und sich in den zierlichsten Wendungen zu bewegen verstand. Er besaß feurige, kräftige Phantasie, einen gewaltigen realistischen Zug und verstand es, diese anscheinenden Contraste prächtig zusammenzukoppeln. Dumas war endlich, als Sohn seines Vaters, sowohl in der Boheme, als im hohen Literatenthum zuhause und fand offene oder nur halb zugelehnte Thüren. Das Ministerium Faucher that für ihn das Beste, was es zu seinem Ruhm thun konnte es verbot seine Stücke, und dadurch wurden dieselben, als sie unter einem anderen Cabinet aufgeführt wurden, zu Sensations-Ereignissen. Endlich aber, 1864, begannen die Pariser doch gegen die Moral Dumas' aufzubegehren. Er hatte ihnen im »Damenfreund« allzuviel zugemuthet. Man fürchtete die Krankheit, als sie längst ausgebrochen war. Dumas und Seinesgleichen nehmen zwar für sich die Schutzpocken-Impfung in Anspruch; sie behaupten, der Menschheit im Spiegel die Warnung vorzuhalten. Ueber diesen naiven Glauben ist aber wohl Jeder hinaus. Die Courtisane aller Welt ist in der Cameliendame salonfähig geworden und die anständigen Frauen weinen über das Unglück der armen Marguerite, welche, so spät die wirkliche Liebe begreift, die mit dem Preise ihrer Sünden sich und ihrem Gellebten für einige Monate eine Idylle der Treue schafft, die verschlagen genug ist, einem alten Narren, der in der schwindsüchtigen Cocotte eine Aehnlichkeit mit seiner ebenfalls schwindsüchtig gestorbenen Tochter entdeckt, das Geld aus der Tasche zu ziehen, mit dem sie ihren Liebhaber, von dem sie aus Liebe nichts bezahlt nimmt, in einen Alphons verwandelt, den sie erhält. Seit zwei Jahrzehnten hat Alexander Dumas nicht allein eine Menge von Dramen geschrieben, sondern auch vielen seine Mitarbeiterschaft geliehen. »Demi-Monde«, »Die Fremde«, sind Spiegelbilder der Zeit, die man nach fünfhundert Jahren vielleicht wie eine Chronik betrachten wird. »Die Schuld einer Frau«, welche neben Girardin's Namen auch denjenigen Dumas' trägt, ist ebenso effektvoll, wie grausam und unnatürlich – Dumas stellt sich an den Scheideweg und ruft dem Weibe zu: Sieh, zwei Wege liegen vor dir. Werde Courtisane, beherrsche die Welt und den Mann, lache, schmücke dich, wechsle zuweilen eine Phrase über die Niedertracht des Alls und gehe leichtbeschwingt in goldener Freiheit durch die Gärten des Lebens. Genieße, werde geliebt – oder verleugne deine Jugend, deine Schönheit, lege die Sklavenkette um den Nacken, entbehre heute den Luxus, morgen die Herrschaft, vor Allem aber die Liebe, welche dein Mann dort empfindet, wo ihn die Eleganz und der Parfum umschmeicheln, welche er der Courtisane vielleicht mit dem Gelde bezahlt, das du ihm als Morgengabe gebracht hast. Dein Los ist das Elend – denn du bist eine »anständige Frau«. – Vor mehreren Jahren erschien, nachdem die Stücke »Die Frau des Claudius« und »Prinzessin Georges« über die Bühne gegangen waren – eine Broschüre » Tue la «. Es handelt sich um das Recht der Selbsthilfe, um die Erlaubniß, die ungetreue Gattin über den Haufen zu schießen, dem ungetreuen Gatten dasselbe anzuthun. Mit feiner Dialektik verbindet Alexander Dumas die Gewalt der hinreißenden Sophistik. Man liest erschüttert in seinen Blättern und fragt sich, wenn man die schrecklichen Bilder aus dem Leben und aus dem Geiste der Gesellschaft verfolgt: wie soll das enden? wohin steuert die Menschheit? Dieselbe Frage drängte sich auf, als Dumas 1880 außer » Tue-La «, das Bändchen "Die Frauen, welche tödten, sowie jene, die wählen«, schrieb. Nirgends ruft der Dichter nach dem Gesetze der Pflicht, nirgends schildert er diese in ihrer ethischen Bedeutung, nirgends lehrt, er die Philosophie der Resignation, die Unterordnung des Willens, und damit gibt er den Balsam aus der Hand. Er kann nur Wunden schlagen, aber keine einzige heilen. Nach Dumas sind Mann und Weib Feinde, nach Dumas ist dem Weibe in der Liebe nur die Mutterschaft Zweck, und das ist ein großer Irrthum. Das glückliche Weib lebt und stirbt für den Mann seines Herzens. Wo es in dem Kinde sein Alles sieht, findet es in dem Manne nichts . Die Mutterschaft ist eine Episode, die bis zu dem Tage währt, an dem das junge Geschlecht einer neuen Generation das Leben gibt – eine Episode, die durch unsere Cultur ausgedehnt wurde – aber wenn die jungen Schwalben längst der Alten vergessen haben, weil sie schon auf eigene Faust Nahrung suchen, hausen die Alten noch traulich zusammen. Unter den zahlreichen Romanen Dumas' erregt die »Affaire Clemenceau« sensationelles Interesse. 1874 wurde Dumas in die Akademie aufgenommen. Victor Hugo erschien ausnahmsweise in jener Sitzung und bemerkte, indem er Dumas seine Stimme gab, er bringe dem Sohne, was er in Folge seiner Verbannung dem Vater nicht geben konnte. Wie die meisten französischen Schriftsteller, ist Dumas auch in der Tagespresse thätig. Er hat in den verschiedensten Blättern Feuilletons geschrieben und unter dem Titel »Zwischenact« herausgegeben. Dumas ist jetzt 56 Jahre alt. Er ist groß und kräftig gebaut, sein ganzes Aeußeres verräth den Franzosen des Mittags, gemahnt an die Creolen. Das Haar ist kohlschwarz, der kühne Schnurrbart verleiht dem Gesicht fast einen militärischen Charakter, die dunkeln Augen spiegeln blitzschnell jeden Eindruck wieder. Er ist ein geistvoller, munterer Causeur, reich an guten Einfällen und meist guter Laune, was seine zahlreichen Freunde zu schätzen wissen, dabei ein trefflicher Erzähler, der, einmal angeregt, von einem interessanten Thema zum anderen übergeht. Alexander Dumas ist, wie wir schon erwähnten, ein großer Kunstfreund. Seine Galerie vereinigt die besten modernen Meister. – »Das Landhaus des Poeten«, von welchem die Ruinen Pompeji's noch Zeugniß ablegen, ist nicht ohne moderne Nachahmung geblieben. Das Publicum hat Alexander Dumas mit Ruhm, aber auch mit Gold überschüttet. Ueber seine Dramen stritten alle Parteien, aber alle gingen ins Theater und von allen zog Dumas Tantiemen ein. Ein neues Stück Dumas' ist gleichbedeutend mit einer Viertelmillion; man kann sich Zeit lassen mit dem Schreiben, wenn man so weit gekommen ist. Dumas ist ein ausgezeichneter Gatte und Vater; sein Hauswesen ist vortrefflich geordnet. Außer dem eleganten Heim in Paris besitzt der Dichter auch ein Landhaus in Puys bei Dieppe, dasselbe, in dem 1870 Dumas père verschieden ist. Alexander Dumas ist der Politik stets ferne geblieben. Er war Präsident des Schriftstellervereins, bis er, einer kleinen Reibung wegen, von dem Ehrenamte zurücktrat. Das Band der Ehrenlegion schmückt selbstverständlich seine Brust. Für und wider Dumas läßt sich streiten, seine Bedeutung muß Jeder anerkennen, denn er ist eine Individualität und ein Original. Vielleicht empfindet selbst er als Meister zuweilen Grauen vor seinem Werke, vor dem Phosphor, der der socialen Verwesung entströmt. Der Genius soll diese nicht allein aufdecken, sondern auch Mittel und Wege zur Reinigung der Atmosphäre finden. Aber im wilden Tanze tollen die Gebilde der Phantasie mit denen der Wirklichkeit umher; »die ich rief, die Geister, werde ich nun nicht los« – sagt der Mensch. Da mit einem Ruck bringt die elementare Kraft der Natur Donner und Blitz und über den Menschen blaut nach wüsten, vernichtenden Orkanen wieder ein reiner Himmel. Louis Blanc. Die französische Erde, welche Königsblut getrunken hat, auf der Kaiserthrone zusammenbrachen, ist sonderbar gemischt. Aus der Drachensaat der eingebildeten Weltherrschaft erwuchs ein Brod, an dem die Zähne stumpf geworden sind. Der Franzose hat den großen Fehler begangen, seine Ideale in der Politik statt in der Humanität zu suchen. Die Politik mit den Flammen des Meinungskampfes verbrannte die Gemüther. Was sind Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit Anderes als leere Worte, so lange immer und überall die Elenden mit ihren Wahrzeichen hervortreten? – An Stelle werkthätiger, hilfreicher Humanität ist die Social-Demokratie auf den Schild einer Fraction gehoben worden. So wie sie im Jahre 1848 erfaßt ward, glimmte in den Ideen derselben allerdings ein Funke idealer Begeisterung, aber der Funke wurde entweder zum vernichtenden Brande oder er erstickte in der eigenen Asche – er ward nicht zur wärmenden Flamme. Weder die Idee des Eigenthumes noch die des Staates im Sinne der Socialisten von damals läßt in ihrer Consequenz für die Humanität etwas hoffen. Das moderne Frankreich producirt unglaublich viel feine Köpfe und wenig scharfe, schneidige Individualitäten. Es tanzt um das goldene Kalb und sucht die nationale Ehre in Träumen von Revanche. Indem es auf sein ungeheures stehendes Heer blickt, vergißt es, daß dieser lebendige eiserne Wall mit der civilisatorischen Aufgabe nichts, aber leider auch gar nichts zu schaffen hat, sondern in Frankreich wie anderswo einen Damm gegen den Fortschritt der Civilisation und Humanität bildet. Frankreich hatte wenige Männer zu verlieren, die so selbstlos wie Louis Blanc einem Ziele zustrebten. Ihm war es heiliger Ernst mit der Idee der Volksbeglückung. Sein Wollen hielt freilich weder seinem Können, noch Dem, was er wirklich erreichte, die Waagschale. Die erste Revolution brauste wie ein Sturmwind daher; sie erbaute mit Blitzesschnelligkeit den Tempel der jungen Freiheit; der Mörtel der neuen Menschenrechte, mit dem Blute der Mitbürger gekittet, konnte kein Bau für die Ewigkeit werden. Die unvorbereitete Volksseele hatte kein rechtes Verständniß für die so rasch errungenen Kronjuwelen der Freiheit, und erst lange nachdem der schlaue Usurpator Bonaparte sie entwendet und nach seinem Geschmacke umgefaßt hatte, merkte das gute Volk den Betrug. Die ersten Tempel der Freiheit und Vernunft waren Kartenhäuser gewesen, die nächsten werden Monumentalbauten sein; aber solche entstehen langsam, Steinchen um Steinchen wird zusammen getragen, die freien Geister aller Nationen sind die Baumeister. Louis Blanc besaß den Glauben an eine edle und reine Volksseele, den alle Täuschungen, welche er persönlich erfuhr, nicht erschütterten. Seine socialistischen Ideen entstammten wahrhaft ästhetischer Empfindung. Er widmete dem Schönen und Hohen reinen Cultus. Solche Menschen werden immer verhindern, daß die Gemeinheit sich breit mache. Sie wirken, weil sie leben und durch ihr einfaches Dasein viel Böses und Unedles ungethan bleibt. Die flüchtigste persönliche Berührung mit Louis Blanc genügte, um einen unvergänglichen Eindruck hervorzurufen. Mir wurde Gelegenheit darüber zu urtheilen. Louis Blanc hatte von Freunden gehört, daß mir die heiße Grotte von Monsumano aus eigener Anschauung bekannt sei. Seit einem Jahre schwer leidend, interessirte sich der kranke Denker für den Aufenthalt in dem italienischen Teplitz. Man forderte mich auf, Louis Blanc zu besuchen. Ich fand den greisen Staatsmann in einer aufs einfachste ausgestatteten Wohnung. Er lag oder saß vielmehr halb liegend von vielen Kissen unterstützt auf einem braunen Ledersopha seines Arbeitscabinets. Seine Mienen waren bereits sehr verfallen, aber man merkte, daß der kranke Demokrat sein Aeußeres noch immer nicht vernachlässigte, sondern sorgfältig bemüht war, dem Besucher keinen unbehaglichen Eindruck zu hinterlassen. Da ich wußte, daß an die Reise nach Monsumano nicht mehr zu denken war, schilderte ich in matten Farben. Blanc entsann sich, daß Mazzini, Kossuth und Garibaldi einst Monsumano aufgesucht hatten. »Sie nehmen sich zu viel Mühe für einen alten unbrauchbaren Mann,« bemerkte er. »Ach! hätt' ich Monsumano in Gesellschaft meines Bruders Charles besuchen können, vielleicht hätten wir beide neue Lebenskraft gefunden.« Blanc sprach gewählt, klangvoll und verbindlich, trotz der Schmerzen, die ihm sein Leiden verursachte, frug er mich wie mir Paris behage, erkundigte er sich nach den politischen Verhältnissen Oesterreichs; da ich fühlte, daß ein längerer Besuch unstatthaft sei, verließ ich den berühmten Mann und nahm die traurige Ueberzeugung, daß sein Leben zu Ende gehe. In der That blieb mir bald nur noch die pietätvolle Erinnerung an den Todten. Hätte der bescheidene Mann einen Theil der Millionen besessen, welche Victor Hugo sein Eigen nennt, so würde er vielleicht die Verwirklichung mancher volkswirthschaftlich-politischen Idee versucht oder mindestens angestrebt haben. Victor Hugo, der » Lés Misérables « an die Stirne des Jahrhunderts schrieb, lebt als Millionär im Palaste; Louis Blanc lebte und starb in puritanischer Einfachheit. In seinem Aeußeren war er nichts weniger als ein Barricadenheld, er verleugnete niemals die nationale Neigung zur Elegance. Die Kleidung war sorgfältig gewählt, die Wäsche stets von tadelloser Reinheit, die kleinen zierlichen Hände waren selten unbehandschuht und die Füße steckten in tadellosem Schuhwerk. Mit dem sauber gekämmten Haar, dem freundlichen, intelligenten Gesicht, der zierlichen, ebenmäßigen Gestalt, glich Louis Blanc durchaus nicht dem Kämpfer der Tribüne, dem Redner, dessen Worte die Flammen der Empörung gegen das Bestehende entzünden. Aber so wenig der äußere Mensch der Vorstellung vom Volkshelden entsprach, eben so kraftvoll, schlicht und einfach war doch der Charakter des Politikers, der unentwegt, überzeugungstreu für seine Anschauungen Gut und Blut und Leben zu opfern bereit war, der die Aeußerung that: »Die Freude, sich zu opfern, ist das einzige Gefühl, welches mit der Handlung auf gleicher Höhe steht.« George Sand erinnert Louis Blanc an diesen seinen Ausspruch, als sie seine Versöhnung mit Mazzini anstrebte. 1853 waren Louis Blanc und Mazzini gleichzeitig in London, wo sie als politische Flüchtlinge Schutz suchten. Mazzini hatte einen Brief veröffentlicht, in welchem er die Schwächen der französischen Demokratie erbarmungslos aufdeckte und der Spaltung, der Uneinigkeit, der Zerfahrenheit derselben die Schuld an dem Untergang des republikanischen Principes in Europa beimaß. Louis Blanc entgegnete überaus heftig, nannte Mazzini einen ehrgeizigen Streber, worüber dieser sich nicht beruhigen konnte. George Sand trachtete sich ins Mittel zu legen und schrieb Mazzini, daß ihrer Ueberzeugung nach er und Louis Blaue im Innersten dasselbe dächten, und sie belegt das mit Citaten aus Blanc's Schriften. »Louis Blanc«, ruft sie aus, »ist eine durchaus reine, ehrliche Natur, solche Männer sind in jeder Lage gleich selten und schätzenswerth.« Louis Blanc und sein Bruder Charles lebten 1831 als Jünglinge in Paris. Sie waren so arm, daß sie in einem Dachkämmerchen hausten und mit schmalen Bissen vorlieb nahmen. Charles Blanc, von der hohen Befähigung seines Bruders überzeugt, duldete nicht, daß dieser das Wasser selbst hinauf in ihre Mansarde trug oder den Speisenvorrath holte. Die rührenden Züge, welche Daudet in » Petite chose « von der Liebe zweier Brüder aufzählt, von denen der Eine die Begabung des Andern neidlos und entzückt über die eigene Individualität stellt, könnten dem Leben der beiden Blanc abgelauscht sein. »Man soll nicht sagen,« meinte Charles, »daß Du durch solch' kleinliches Elend gegangen bist.« Welch' edler Stolz aber in den Jünglingen lebte, beweist der Umstand, daß sie, als ein Oheim ihnen statt der erbetenen Empfehlung einer Arbeit 500 Francs brachte, diese mit den Worten: »Was soll uns Geld? Wir wollen Arbeit!« zurückwiesen. Die große Zärtlichkeit der Brüder äußerte sich später fast auf mystische Weise. – Eines Tages rief Charles Blanc in Rouen aus: »Mein Bruder ist in Gefahr, ich habe hier, bei meinem Herzen, einen Stich gefühlt – ich muß fogleich nach Paris –« Als er in Paris ankam, traf er den Volksmann im Wundfieber – Tags zuvor, um die von Charles bezeichnete Minute, war er das Opfer eines Attentates geworden. 1838 hatte Louis Blanc in Paris das Blatt: »Die Revue des politischen Fortschrittes« gegründet. Nach dem Artikel: »Die Ideen Napoleons«, wurde er auf dem Heimwege aus dem Theater am 15. August 1839 überfallen und derart mißhandelt, daß er fast todt auf dem Platze blieb. Der junge Journalist hatte sich rasch in der liberalen Presse einen angesehenen Namen erworben. In der » Revue du Progres « veröffentlichte er seine berühmte Theorie » L'organisation du travai «(die Organisation der Arbeit), welche 1840 separat in Paris in Druck erschien. In diesem Jugendwerke legt Blanc sein Credo ab, das ihn als Idealisten kennzeichnet. Er entwickelt alle Pläne socialer Reform und schreibt das Elend der Massen dem Hervortreten des Individualismus und der daraus entstehenden Concurrenz zu. Er verlangt die Absorption des Individuums von der weiten Gemeinschaft, wo Jeder nach seinen Bedürfnissen empfangen und nach seinen Fähigkeiten geben solle. Eine Folge dieses Systems wäre die Gleichheit des Lohnes, trotz der ungleich producirten Arbeit. Mit dem ersten Bande seiner » Histoire de dix ans « begründete er seinen schriftstellerischen Ruf. Dieses Werk, das glänzend durch Stylistik, mit lebendiger und feuriger Diction viel interessante Enthüllungen brachte, richtete sich gegen die Juli-Dynastie, Der Verfasser wollte dieselbe stürzen und versetzte ihr mit seiner 1847 erschienenen » Histoire de la revolution francaise « einen empfindlichen Schlag. Blanc bekannte sich offen zum Socialismus und galt als ein Zukunftsmann der Arbeiter, welche von ihm die Reorganisation der Gesellschaft erwarteten. 1848 stellte er sich an die Spitze der Bewegung. Seinem Einfluß ist die Abschaffung der Todesstrafe zuzuschreiben. Unter den Männern vom Luxembourg war Blanc der wichtigste Stimmführer. Hier bereitete sich der Sturz der alten socialen Verhältnisse vor. Arbeitsgeber und Arbeiter tagten miteinander; hier kam die vielgefürchtete Arbeiterliga zu Stande, jener Bund, der in den weitesten Kreisen wie das Vorzeichen des Zusammenbrechens aller bestehenden Gesellschaftsformen angesehen ward. Wenn Blanc seine idealen Theorien in feuriger Rede auseinandersetzte, jubelten ihm Hunderttausende zu, aber der Idealist verlor Macht und Ansehen, als es galt, praktische Resultate zu erzielen. Louis Blanc mochte immerhin von Gleichheit des Eigenthums reden, er hätte niemals einen Angriff auf die Kasse des Nächsten angeführt. Er feierte noch einen Triumph am 17. März, wo ihm 200 000 Blousenmänner zujauchzten und ihm die Führerschaft anboten. Er fühlte sich ohnmächtig diese zu übernehmen. »Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los« mochte es in ihm erklingen. – Der alte Meister, die alte Ordnung, wäre ihm hochwillkommen gewesen. – Die Stimmung für Blanc schlug um, man behauptete, es sei ihm nicht Ernst mit seinem Streben, und unterschob ihm Volksverrath und reactionäre Gesinnung. Wohl ward er von Paris und Corsica in die Nationalversammlung gewählt, aber sein Referat über seine Thätigkeit erregte keine Sympathien – die Meute wendete sich gegen ihn. Schon am 15. Mai gelangte er nur durch die Hilfe zweier ehrlicher Gegner, Arago und Rochejaquelin, ungefährdet nach Hause. Auf neuerliches Trängen gab die National-Versammlung am 25. August in der Nachtsitzung die Erlaubniß zu Blanc's Verhaftung. Dieser war bei der Abstimmung zugegen und als 504 Stimmen gegen ihn und nur 252 sich für ihn erklärten, trachtete er zu entkommen. Wieder war es Arrago, der ihn mit Geld versah, und seine Flucht nach Belgien ermöglichte. Von hier wandte sich Blanc nach London. Er setzte dort seine literarischen Arbeiten fort und blieb, trotz der Versuche, welche von Seite Frankreichs unternommen wurden, ihn zur Rückkehr zu bestimmen, bis nach dem Sturze Napoleons in England. Erst nach dem Zusammenbruche des Kaiserreiches kehrte Blanc nach Frankreich zurück. Am 8. September 1870 langte er daselbst an, er hoffte noch auf eine Intervention der neutralen Mächte. Von verschiedenen Seiten, auch von der Regierung der Nationalvertheidigung, wollte man ihn bestimmen nach England zurückzukehren, um mit dem Cabinet Gladstone zu unterhandeln und die Sympathien des englischen Volkes zu Gunsten Frankreichs zu stimmen. Die Einschließung von Paris und die Weigerung eines Geleitsbriefes von Seite des preußischen General-Commandos verhinderten die Ausführung dieses Projectes. Blanc erklärte, keine, wie immer genannte Wahl anzunehmen, wurde aber dennoch bei den Communal-Wahlen einstimmig gewählt. Er gab sich verzeihlichen Täuschungen hin. Noch in den ersten Tagen des Januar beschwor er die Bevölkerung von Paris, den eisernen Reif der seindlichen Schaaren zu durchbrechen und in offener Schlacht das Schicksal entscheiden zu lassen. Nach der Capitulation erkannte Louis Blanc der Nationalversammlung nur das Recht zu, über Krieg und Frieden zu entscheiden. Er hatte als Volksvertreter 216,471 Stimmen von 328,970 Votanten. Er protestirte nach der Ernennung Thiers' zum Chef der Executivgewalt gegen den Rapport der Commission, welche die Republik als ein Provisorium zu behandeln schien. »Die Republik ist die nothwendige Form der nationalen Souveränetät.« Blanc stürzte sich mit Feuereifer in die Geschäfte, er erklärte, daß nur der allgemeine Volkswille, also ein Plebiscit, berechtigt sei, den Frieden mit Preußen abzuschließen; und wollte um keinen Preis französisches Gebiet abtreten. Er brachte einen Gesetzentwurf ein, der von den Mitgliedern der Nationalvertheidigung strenge Rechenschaft über alle während ihrer Administration vorgefallenen politischen und militärischen Acte forderte. Von seinem Platze auf der äußersten Linken bekämpfte er alle Versuche, die Monarchie wieder aufzurichten. Bei den Senatswahlen 1876 erhielt Blanc nur 87 von 227 Stimmen, dagegen wurde er im Februar dreifach zum Deputirten gewählt. Das fünfte und das dreizehnte Arrondissement sowie Saint Denis stimmten für ihn. Er nahm die Wahl des fünften Arrondissements an und behielt seinen Platz auf der äußersten Linken. Im Mai war er einer der 363 Deputirten, welche dem Ministerium Broglie ein Vertrauensvotum verweigerten. Zu Beginn der Session von 1879 unterstützte er vor der zweiten Kammer mit aller Kraft der Beredsamkeit das Project der vollständigen politischen Amnestie, welches Victor Hugo vor dem Senate befürwortete. In den letzten Jahren zog sich Blanc von dem öffentlichen Leben zurück. »Mir fehlen Kraft und Lust zum Kampfe,« meinte er, »und im Frieden erreicht der Volksvertreter sicherlich Nichts.« Man behauptet, daß Blanc Denkwürdigkeiten über die letzten Jahre geschrieben habe, daß die Herausgabe aber erst nach geraumer Zeit zu gewärtigen sei. Blanc war einer der eifrigsten Anhänger des allgemeinen Stimmrechtes. – Freilich ahnte er nicht den Mißbrauch, welchen Napoleon mit dem Plebiscit treiben sollte, ein solcher war nach Blanc's Idee überhaupt ausgeschlossen, denn er hatte den Satz aufgestellt: »Ueber die Republik als solche kann nie abgestimmt werden, sie ist die selbstverständliche unzerstörbare Grundlage der Gesetze und kann als Grundlage der Institutionen nie in Frage kommen.« Blanc war ein reines Kindergemüth, seine Handlungsweise war stets edel und großmüthig. In den ersten Jahren seines Aufenthaltes in London lebte er im Hause eines Friseurs, von dem er zwei bescheidene Stübchen gemiethet hatte. Bei diesem Friseur befand sich ein deutsches Mädchen, eine entfernte Anverwandte des Hausherrn, die verschiedene Dienstleistungen im Haushalte verrichtete. Eines Tages, in Blanc's Abwesenheit, wurde in dessen Wohnung eine Hausdurchsuchung vorgenommen und eine bedeutende Anzahl von Papieren mit Beschlag belegt. Einer Irländerin, die im selben Hause wohnte, erging es nicht besser. Das deutsche Mädchen erfaßte die drohende Situation, es bemächtigte sich blitzesschnell der literarischen Arbeiten Blanc's, brachte diese auf die Seite und erwies Blanc dadurch einen großen Dienst. Die Familie machte dem Mädchen heftige Vorwürfe, und dieses ging mit der Irländerin, welche gleich Blanc sofort ihre Wohnung verlegte. Blanc ließ die Beiden nicht mehr aus dem Auge. Der Verbannte trat der deutschen Vereinsamten bald näher, er fühlte innige Sympathie für das schlichte Geschöpf und binnen Kurzem schloß sie sich gänzlich Blanc an. Fern von dem geliebten Bruder bedurfte Blanc hingebender schwärmerischer Zuneigung, er nannte das deutsche Mädchen den Schutzgeist seines Lebens. Er setzte sich über die nationale Empfindung hinweg und hielt treu zu der Fremden. 1865 gab er ihr seinen Namen und so wurde Christina Groh seine Gattin. Viele haben über diese Ehe gelächelt. Madame Blanc war im Vergleiche zu ihrem Manne eine untergeordnete Intelligenz, sie besaß auch wenig Streben und brachte es nie dahin, gut französisch zu conversiren oder eine Seite in Blanc's Büchern zu lesen. Die nahen Freunde Blanc's zollten der Dame jedoch große Achtung, da sie die Treue und Liebe, die Sorgfalt, welche sie Blanc bewies, schätzten. Sie starb 1876. Victor Hugo erzeigte ihr die Ehre die Leichenrede zu halten. Das schöne brüderliche Verhältniß zu Charles Blanc entwickelte sich nach der Rückkehr Louis' von England in neuer, voller Harmonie. Louis Blanc, der kinderlose Mann, überschüttete den Bruder mit allen Schätzen der Zärtlichkeit. Der Tod Charles' traf ihn bis ins Mark. Er konnte sich von dem Schlage nicht erholen. Blanc hatte von jeher warme Neigung und inniges Verständniß für die Natur. Die Aerzte redeten ihm zu, in Nizza Heilung zu suchen, er meinte lächelnd: »Das ist wohl vergebens, aber das Sterben unter den lauen Lüften im Grün des Südens scheint mir schöner.« In hoffnungslosem Zustande kam er, begleitet von erprobten treuen Dienern, nach Nizza. Hier, wo der Lorbeer Ruhmeslieder singt, der Oelbaum Friedenspfalmen flüstert, ist Blanc verschieden. Sein Leichenzug in Paris gestaltete sich zu einer großartigen Kundgebung. An dem Tage wußte Jeder, daß ein Bannerträger der Wahrheit, einer von denen, die es wahrhaft ehrlich mit dem Volke meinten, gestorben sei. Die hauptsächlichsten Publicationen Blanc's sind außer der schon erwähnten »Geschichte der zehn Jahre« und der »Geschichte der Revolution«, die »Briefe aus London«, welche im »Temps« erschienen« und die gesammelten Artikel aus dem »Rappeil« »Fragen von Heute und Morgen«; einige Broschüren: »Keine Girondisten mehr«, »Die Republik ist untheilbar«, der »Katechismus der Socialisten«– erregten bei ihrem Erscheinen lebhafte Discussion. Blanc schrieb klar, schneidig und präcis. In der Geschichte der Elite-Naturen des neunzehnten Jahrhunderts bleibt einer Individualität und seinem geistigen Schaffen ein Blatt gesichert. Die Mode im historischen Gewande Die Veränderung in der Frauenkleidung, welche sich seit einigen Jahren vorbereitet, hat Frankreich zum Ausgangspunkt, und das ist aus manchen Gründen bedauerlich. Die deutsche Idee wäre wahrscheinlich tiefer in die Sache eingedrungen – die Wirkung würde vielleicht langsamer erfolgt, aber dauerhaft geworden sein. Heute vermag man diese Veränderung nur zu signalisiren und zu beleuchten. Ob sie bleibende Erfolge haben wird, kann noch Niemand bestimmen. Die Mode, welche sonst launisch nur nach Neuem suchte, hat in den letzten Jahren einen Sprung in die Vergangenheit gethan. Die ersten Zeichner entwarfen mit einemmale sogenannte historische Costume, die großen Kleiderkünstler führten dieselben aus, die eleganten Damen adoptirten sie und man sah plötzlich auf Festen in der großen Welt unsere Modernen in Gewändern der Vergangenheit, die an Glanz und Reichthum nichts zu wünschen übrig ließen. Man griff zurück bis in entfernte Jahrhunderte. Maria Stuart, Katharina von Medicis, Margarethe von Valois, Anna von Oesterreich, Luise la Vallière, Madame de Montespan, die Marquise de Pompadour, Marie Antoinette entsteigen den schweren Goldrahmen von Versailles und belauschen die bunte Gesellschaft, die, mit den Attributen einer fremden Zeit geschmückt, den Moschusduft aus den Bauschärmeln und Spitzentüchern scheucht und sich darin gefällt, im heiteren Jugendschein den Ahnfrauen zu gleichen. Das historische Kleid ist bisher in stylgerechter Nachahmung nur im Salon aufgetreten. Auf die Straßen- und Promenadentoilette hat es aber trotzdem nicht unbedeutenden Einfluß gewonnen. Der derzeitige Rock gemahnt an die Zeit der Pompadour, gehört aber der Hauptsache nach der Gegenwart an. Dagegen ist das Ueberkleid oder das Leibchen den Blättern der Geschichte entnommen. Sowohl das weite Gilet Louis' XV. als der frackartige Ansatz Louis' XIV., der Spitzleib Anne d'Autriche's und das mit Paniers versehene Jäckchen Charles' VI,, sowohl die schmalen Schultern als die aufgebauschten Aermel, ja selbst die langen zum Ellbogen reichenden Handschuhe sind eine Bekräftigung des Akiba-Spruchs, dem zufolge Alles schon dagewesen ist. Die Industrie begriff mit großer Findigkeit die Strömung des Tages, und mit einer an Zauberei grenzenden Schnelligkeit entstanden herrliche Damaste und Brokate, prachtvolle ciselirte Sammete, die in den alten, unverwüstlichen Farben die stylvollen, unübertrefflichen Muster der Renaissancezeit auf den Markt brachten. Gleichzeitig wurde zweierlei Spitzentechnik der Vergangenheit wieder aufgenommen. Beide Arten der Spitze sind ebenso schön als kostbar, ebenso edel durchbildet als rein stylisirt. Die Venetianer Spitze, jene herrliche Handnäherei, die einst die Gewänder der Dogaressen schmückte, wurde auf Anregung des Professors Stork in Wien durch die Fachschule des österreichischen Ministeriums den Arbeiterinnen des Riesen- und Erzgebirges gelehrt. Die Erfolge in dieser Spitzenarbeit sind so glückliche, daß man in der Lage war, der Prinzessin der Belgier, der Fürstin des Spitzenlandes, als sie sich mit dem österreichischen Thronerben vermälte, eine Garnitur dieser Spitzenarbeit zu bieten, deren tadellose Ausführung die schönste Blüthe dieses Kunstzweiges verheißt. Die Privatindustrie nahm sich der Gold- und Perlenspitze wieder an, welche, einst von den Mauren in Vollendung gearbeitet, von den Kreuzfahrern nach Europa gebracht und da von den Schloßfrauen und den fleißigen Bürgerinnen mit Geschick nachgeahmt wurde. Die köstlichen Spitzen aus Goldfäden und kleinen orientalischen Perlen bleiben wohl Jedem in Erinnerung, der aus der Truhe der Urgroßmutter ein Stückchen ererbt hat. Diesen Spitzen zunächst steht die schwere orientalische und spanische Stickerei, welche gerade in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte machte und die nur darauf zu warten schien, zur Ausschmückung der Gewänder herangezogen zu werden, welche von dem Luxusbedürfniß und dem Schönheitssinn der guten alten Zeit reden. Die Kleidung hat jedem Jahrhundert ihren Stempel aufgedrückt. Wir sehen das am besten, wenn wir Bilder, und zwar Frauenportraits von einst und jetzt, vergleichen. Die Portraits in historischer Tracht bleiben immer anziehend, originell und bedeutend, die von heute sind häufig Werke großer Künstler, und dennoch insipide, leer, charakterlos. Die Tracht der französischen Revolution war die letzte, welche auf bleibenden Werth Anspruch machen durfte. Seither erfand die Mode mit rasender Schnelligkeit ewige Abwechslung, ohne sich um die Linien der Gestalt, um die Gesetze der Schönheit zu kümmern. Gedankenlos, wenn es nur etwas Neues war, nahm man es hin und gedankenlos legte man es wieder ab. Nun, mit einem Schlage, gebietet die Erinnerung an die historische Tracht Halt. Wir haben dieser Erinnerung schon eine gewisse Stabilität der Kleidung zu verdanken, die zum Aerger aller Modepuppen von Tag zu Tag wächst. Mit einem Schlage interessiren sich die Damen für die Geschichte ihrer Kleider, und so beginnen sie praktisch einen Cursus der Aesthetik, der tief ins Leben greift. Wir haben schon erwähnt, daß die Bestrebungen der Industrie, schöne Stoffe zu schaffen, von Erfolg gekrönt waren, und dennoch geben wir uns über den dauernden Einfluß dieser Richtung keiner Täuschung hin. Die historische Tracht wird als Mode verschwinden, wie sie kam, wenn nicht ein mächtiges Agens geschaffen wird, das sich ihrer Motive bedient und aus den Bedürfnissen der Jetztzeit entspringt. Die historischen Costume sind außerordentlich kostbar, und da unsere Damen heute nicht, wie ihre Urmütter, ein Kleid für Lebenszeit anschaffen, sind nur wenige im Stande die Ausgabe für eine stilisirte Toilette zu machen. Mit diesem Grunde ist die Dauer der Mode für die obersten Schichten der Gesellschaft für eine kurze Zeit gesichert, aber in unserem Jahrhundert erhält sich nichts, was der Excentrität entstammt und nicht aus dem Volksleben herauswächst. Die historische Toilette für die höheren Stände ging jederzeit Hand in Hand mit der Volkstracht. Die Volkstracht ist vernichtet und somit auch das historische Costum für die Dauer unmöglich gemacht. Damit, daß die Anregung, historische Trachten wieder einzuführen, von Frankreich ausging, fehlen uns alle deutschen Charaktertrachten, unter denen manche, wie z.B. das schöne Gretchenkleid, geeignet wären, sich dauernde Bedeutung zu erringen. Unter den historischen Trachten ist die Wahl mit äußerster Vorsicht zu treffen. So wie nicht alles Neue schön ist, so ist auch nicht alles Alte brauchbar. Unter den altfranzösischen Costumen können wir nur aus der Zeit Charles' V. (1364) das erste Jäckchen, aus der Zeit Charles' VII. (1423) das erste lange Kleid als Leitmotiv annehmen. Die Periode Louis' XII. bietet uns nur die an einer goldenen Schnur hängende Gürteltasche, alles Andere ist geschmacklos oder unbrauchbar. Franz I. führt uns den ersten Spitzleib vor und auch einen brauchbaren Faltenwurf, dagegen ganz verwerfliche Aermel. Unter Heinrich II. finden wir Kleider, die sich auf das Heute vererben lassen, wenn man die Aermel ändert, die jede freie Action des Körpers unmöglich machen. Mit Franz II. bricht eine Morgenröthe der Kleidung an. Wir könnten uns keine reizvolleren Kleidungen für unsere Damenwelt denken als die stilvollen Gewänder der Hofdamen dieses ritterlichen Königs. Wir möchten vom Standpunkte einfacher Eleganz auch nur für jene Zeit lebhaft eintreten und vor der steifen Pracht Heinrichs III. und Charles IX. die Augen schließen. Jede der folgenden Perioden hat noch ihren sonderbaren Zauber. Louis XIII., XIV., XV. mit den prunkenden Damasten in Sammetgeweben und Louis XVI. mit den reizvollen, von der unglücklichen Marie Antoinette so geliebten Mousselines de l'Indes . Hier bleibt die Gegenwart stehen, sie schreitet nicht bis zur rothen Revolution vor und will mit Recht nichts vom Empire wissen. Es läßt sich nicht leugnen, daß auf diesem Wege in das Einst die Damen mit den Gesetzen der Schönheit und des guten Geschmacks vertraut werden, und es entsteht in Jedem, der die Toilette nicht mit frivolem Auge betrachtet, der Wunsch, daß diese Ausflüge in die Vergangenheit dazu helfen mögen, einen modernen schönheitsgerechten Stil des Anzugs zu schaffen. Unsere Zeit hat ihre Eigenthümlichkeiten, denen das Gewand Rechnung tragen muß, und mit dem Erwecken der Vergangenheit ist es nicht abgethan. Es gilt eben, eine dauernde, stabile, schönheitsgerechte Kleidung ins Leben zu rufen, die dem Zeitalter und seinen Bedürfnissen entspringt, die den Frauen von heute ihr eigenthümliches Cachet verleiht, ohne sie zu Spiegelbildern des Einst zu machen und ohne aus ihnen Puppen des Augenblicks zu formen. Für Künstler und Aesthetiker ist die Aufgabe, dem herannahenden zwanzigsten Jahrhundert eine eigene Tracht zu schaffen, wahrlich lohnend genug. Nur mögen alle Nationen zusammenwirken. Wenn alle das Ehemals prüfen, das Beste behalten, es mit dem Heute verschmelzen, so wird es zweifellos gelingen, das Aeußere der Menschen in Harmonie mit der Gegenwart zu bringen und danach die Lehren der Schönheit in der Kleidung festzustellen. Die Bewegung nach der historischen Tracht fassen wir als einen Anfang auf, als einen chemischen Proceß, aus dem sich die Zukunft hell und klar krystallisiren wird, und von diesem Standpunkte aus ist der Werth dieser Bewegung keinesfalls zu unterschätzen. Von diesem Standpunkte aus verdient sie die aufmerksame Beachtung aller Fachleute, aller Jener, die sich für die Bedeutung ihrer Zeit interessiren, deren Schönheitsbedürfniß auch in der äußeren Hülle zum Ausdruck gelangt. Eine schöne Mode und nicht eine neue Mode lautet das Motto eines vernünftigen ästhetisch fühlenden Volkes. Alinens Handschuh Von befreundeter Seite wurde mir aus Berlin ein Creditbrief für ein Pariser Haus gesandt. Gleichzeitig trug man mir Grüße an den Compagnon des Hauses, einen jungen Deutschen, auf. Als ich meinen Creditbrief präsentirte, frug ich nach dem mir bezeichneten Herrn Otto R. Dieser empfing mich in seinem behaglich ausgestatteten Gemach wohlthuend freundlich. Mit echt deutscher Gastlichkeit lud er mich sofort in sein Haus. »Speisen Sie morgen sans façon bei uns, wir plaudern dabei gemüthlich.« Ich nahm die Einladung nicht sofort an. »Nichts da, bei Alinens Handschuh, Sie müssen kommen«, rief Otto. Er bemerkte mein Erstaunen über das Anrufen einer ledernen, unbekannten Gottheit und ward etwas verlegen. »Verzeihung, der Ausruf entfuhr mir. Aber bei Alinens Handschuh gibt es keine Widerrede. Hoffentlich sind Sie ein wenig neugierig auf die Lösung des Räthsels, die morgen »entre le formage et la poire« erfolgen soll. Ich hole Sie ab.« Pünktlich erschien zur bezeichneten Stunde der junge Bankier bei mir und nach kurzer Fahrt in seinem eleganten Broom hatten wir das Ziel erreicht. Ich sah mich bald in einem jener reizenden Pariser Salons, deren coquetter bestrickender Zauber Jedermann gefangen nimmt. Otto stellte mich seiner Frau vor. Madame R. bot mir freundlichen Willkommen. Sie sah trotz ihrer neunjährigen Ehe mädchenhaft aus. Die mittelgroße, schlanke Gestalt war ungemein anmuthig, um den schön geformten Kopf legte sich in leichten Wellen goldbraunes Haar. Ganz eigenthümlich berührten die großen braunen Märchenaugen. Solche Augen gehören in Paris zu den Seltenheiten. Die Pariserinnen sind weder träumerisch noch naiv genug für diese Sterne. Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich, daß die Mutter der Dame von spanischer Abkunft war, und so hatte ich natürliche Erklärung für die schönen Augen gefunden. Die reizenden Kinder des jungen Ehepaares, ein achtjähriger Knabe und ein sechsjähriges Mädchen, wurden bald zutraulich. Sie sprachen, gleich der Mutter, fließend deutsch. Allerdings redete die junge Frau mit etwas fremder Betonung, aber sie drückte sich sehr gewählt aus; wie Jemand, der eine Sprache vollkommen beherrscht, und sie nach den besten Meistern erlernt hat. Die Mahlzeit verlief heiter und angeregt. Nach einem trefflichen Diner wurde der schwarze Kaffee in Otto's Bibliothek servirt. Zwischen zwei hohen Bücherschränken stand, von grünem Epheu umschlungen, eine weiße Marmorsäule. Auf dieser ruhte auf rothsammtnen Kissen ein zierlicher grauer Damenhandschuh, dessen Rücken eine wunde, verbrannte Stelle aufwies. Ueber dem Handschuh befand sich ein Glasgehäuse, wie man es sonst über Uhren oder Sèvre-Figürchen zu stellen pflegt. »Sehen Sie, das ist Alinen's Handschuh,« begann mein Wirth. Ich lasse die Geschichte der Reliquie folgen. Vom Jahre 1867 bis 1870 war Otto R. im Hause des Banquiers Armand beschäftigt; er führte die deutsche und englische Correspondenz und genoß nicht nur das volle Vertrauen, sondern auch die aufrichtige Zuneigung seines Principals. Im Winter 1869 kehrte Aline, das einzige Töchterchen, aus der Pension zurück, wo sie – in jener Zeit geschah das selten genug – sogar deutsch gelernt hatte. Otto wurde aufgefordert, am Sonntag in der Familie des Banquiers zu speisen; die jungen Leutchen aßen französische Trüffeln und sprachen über deutsche Classiker, für welche sich Aline lebhaft interesstrte. Das junge Fräulein bat Otto, etwas aus den Meisterwerken der Deutschen vorzulesen. Beglückt willfahrte der junge Mann diesem Wunsche. Die arme Madame Armand gähnte und legte Patience, indeß von Otto's Lippen die Feuerworte Don Carlos' und Egmont's fielen und die wißbegierige Aline den Schönheiten Mignon's und Gretchen's lauschte. Bald fühlten die jungen Leute, daß die Worte der erhabenen Dichtung ihr eigenes Empfinden ausdrückten. Die muntere Französin horchte träumerisch, wie ein deutsches Mädchen. Kein Wort von Liebe fiel, und doch wollte Otto nur den Tag seiner Großjährigkeit erwarten, um von Alinens Vater die Hand der Geliebten zu verlangen. Das bedeutende Vermögen des jungen Mannes, die stets bewiesene Zuneigung Armand's ließen ihn ein gutes Resultat hoffen. Der Banquier liebte seine Tochter, sein Geschäft und Frankreich mit Leidenschaft. Mitten in den rosigen Traum Otto's fiel die Kriegserklärung und nach heftigem Kampfe erklärte der junge Mann seinem Chef schmerzerfüllt, daß er scheiden und der Fahne folgen müsse. »Gehen Sie«, sagte der Banqnier, »kämpfen Sie gegen das Land, in dem Sie seit Jahren behaglich und friedlich lebten. Gehen Sie und erheben Sie die mörderische Waffe gegen Ihre bisherigen Genossen.« »Nicht Sie, nicht ich, wünschen den Krieg, Herr Armand, aber wir Beide werden unsere Pflicht thun diesseits und jenseits des Rheines. Ich werde mich diesen Abend bei Ihren Damen verabschieden,« fuhr Otto bewegt fort. »Ueberflüssig, ich überbringe Ihr Lebewohl,« versetzte Herr Armand. »So bleibt mir nur noch die Arbeit, mit der Sie mich beehrten, zu ordnen und einen Andern mit derselben vertraut zu machen. Leben Sie wohl, Herr Armand.« Mit einem Schlage sah sich Otto feindseligen Mienen gegenüber. Jeder ging ihm aus dem Wege. Was aber war dies Alles gegen den Schmerz, Alinen zu verlieren? Er sollte sie nicht wiedersehen!! Die Ziffern, die er als Schlußrechnung niederzuschreiben hatte, schwammen vor seinen Augen, er unterdrückte die aufsteigenden Thränen. Da glitt ein flüchtiger, leichter Schritt über das Zimmer. Aline! Die braunen Locken hingen um das lieblich geröthete Gesicht, die kleinen Hände bebten vor Aufregung. Sie streifte den hellen Handschuh ab und bot Otto die Hand, die dieser zum ersten Male an seine Lippen führte. »Sie wollen fort?« »Ich muß, Fräulein.« »Also Sie müssen fort, leben Sie wohl. Mama möchte Sie Abends nicht mehr sehen, weil Sie jetzt unser Feind sind.« »Ihr Feind, Aline, und Sie wissen, mein Herzblut –« »Still davon, Herr Otto. Leben Sie wohl, ich will in den schönen Büchern allein weiter lesen. Oh! wie leid mir's thut, daß Sie scheiden.« Die Atmosphäre des Comptoirs, die Anwesenheit der übrigen Beamten schützte Otto davor, eine Tollheit zu begehen und Aline zu Füßen zu stürzen. Diese war rasch in des Vaters Arbeitsstube geeilt: »Ich habe Herrn Otto, meinem Lehrer, doch Adieu sagen müssen,« hörte er sie sprechen und vernahm nur grollende Worte Armand's. Wer weiß, vielleicht war auch diesem ein Lieblingswunsch in die Brüche gegangen. Als Otto sich wieder auf das Cassabuch beugte, fand er den kleinen Handschuh darauf, den Aline abgestreift hatte. Rasch griff er danach. »Auf meinem Herzen sollst Du ruhen,« flüsterte er, ihm war, als sei der Duft von Alinens Wesen in dem kleinen Lederding zurückgeblieben. Im Feld-Lazarethe von Sedan lag ein schwer verwundeter, junger Officier. Eine Kugel war in die Brust gedrungen, eine zweite am Herzen abgeprallt. Als man den Verwundeten unter den Todten auf dem Schlachtfelde aufhob und ihn im Lazareth entkleidete, fand man auf seinem Herzen ein kleines Päckchen, einen zierlichen Damenhandschuh, von der Kugel gestreift und verbrannt. In den wildesten Phantasien begehrte der Kranke nach »Alinens Handschuh«, den die treue Diakonissin auf sein Lager brachte. Er gab ihm tausend Schmeichelnamen und als er sein Bewußtsein wiederfand, hütete er die Reliquie mit der größten Sorgfalt. Alinens Handschuh hatte ihm das Leben gerettet, er sah ein Zeichen darin, nicht auf die Geliebte zu verzichten. Sie mußte die Seine werden, sofort nach dem Frieden wollte er nach Paris, die Theuere zu erringen – Im Hause Armand's war das Unglück eingekehrt. Die Mutter Alinens war in der Belagerung gestorben, der Vater hatte sein Vermögen eingebüßt und Aline sollte einem gehaßten Manne an den Altar folgen. Der gefürchtete Bewerber hielt als Hauptgläubiger Armand's Schicksal in Händen. Schon am nächsten Tag sollte die Unterzeichnung des Ehecontractes erfolgen. Otto wollte verzweifeln. Er mußte um jeden Preis wissen, ob Aline noch seiner gedenke. Hatte sie ihn vergessen, so war es besser zu gehen; der Vater würde eine Verbindung mit dem Deutschen ohnehin erst nach schwerem Kampfe zugeben. Otto nahm Alinens Handschuh, schloß ihn in einen Brief und schrieb: »Geweiht und gefeit im Schlachtendonner von Sedan hat dieser Handschuh ein Leben gerettet, welches ohne die Hand, die er einst umschloß, ohne Alinens Liebe werthlos ist.« Aline jauchzte vor Glück, als sie das Pfand des Todtgeglaubten in Händen hielt. »Ich erwarte Sie in der Madeleine«, lautete ihre Antwort. In der alten Kirche, die so manches zärtliche Stelldichein schon beschützte, schwuren die Beiden einander Liebe, Treue und Ausdauer. Aline besprach mit Otto des Vaters Lage. Otto war reich, aber er durfte nicht daran denken, Armand Hilfe anzubieten, haßte doch dieser den Deutschen, nimmer würde er die Rettung durch ihn angenommen haben. Glücklicher Weise gelang es dem Liebenden, einen Freund Armands für seine Pläne zu stimmen. Dieser sollte mit Otto's Capitalien Armand beispringen, den alten Freund würde er nicht von sich stoßen. Der Plan gelang: der Banquier war überglücklich; er, dessen alte Firmatafel keinen Makel trübte, konnte seine Verpflichtungen einhalten. Damit entfiel für die Tochter der Zwang sich mit dem gehaßten Gläubiger zu vermälen, Otto wartete in seiner Heimat auf den Ausgang der Ereignisse, seine Braut besaß Muth, aber man durfte noch nicht daran denken, dem Bankier die Wahrheit mitzutheilen. Dessen Verbindungen mit Deutschland machten indeß die Wiederaufnahme der deutschen Correspondenz nothwendig. »Komme zurück, der Vater braucht einen Deutschen im Comptoir, biete ihm deine Dienste an,« so lautete ein Brief des Bräutchens, der Otto mit neuer Hoffnungsfreudigkeit erfüllte. Armand nahm den jungen Mann wirklich auf, die Geschäftsverhältnisse siegten über die Abneigung, langsam schmolz die Eisrinde des Nationalitätenhasses. Das Geschäft gedieh. Nach drei Jahren war Armand im Stande, seinem Freunde die vorgestreckte Summe wieder zu erstatten. Jetzt erst vernahm er den Ursprung derselben und halb erzürnt, halb gerührt, gab er seine Einwilligung zur Verbindung der jungen Leute. Die neue Firma heißt Armand und Comp. »Dem Handschuh meines süßen Weibchens«, schloß Otto seine Erzählung, »haben wir für alle Zeiten einen Ehrenplatz eingeräumt. War er doch der Schützer unserer Liebe. Sie lächeln mit Recht, aber ich habe mich daran gewöhnt, bei den verschiedensten Veranlassungen an den kleinen Handschuh zu denken.« »Und diesem Gedanken Worte zu leihen«, fügte ich hinzu. »Ja, bei Alinens Handschuh! das Wort gilt für alle Zeit und nun sehen Sie meine zweite Reliquie an.« Otto hob das Glasgehäuse ab, nahm den perlgrauen Handschuh von dem rothsammtnen Kissen. Ich erblickte das eiserne Kreuz. »Wenige Deutsche können sich solch französischer Revanche rühmen«, bemerkte ich, indem ich auf die glückstrahlende, junge Frau deutete. Behutsam legte Otto den Handschuh auf seinen Platz. »Da hat Ihnen der Schwätzer unsere Geschichte erzählt«, sagte Frau Aline. Schiller und Goethe haben uns zusammengeführt, da konnten uns doch Napoleon und Bismarck nicht scheiden. Valentine Aus einem Pariser Frauenleben Vor der Lieblings-Kirche der eleganten Pariser Welt, der Madeleine, hielt eine stattliche Reihe von prächtigen Wagen. Die Glocken ertönten, das festlich geschmückte Schiff der Kirche war dicht gefüllt. Am Hochaltar legte der Priester die Hände eines jungen Paares segnend in einander. Nach beendeter Ceremonie begab sich der Hochzeitszug in die Sacristei. Die schöne Braut, eine schlanke Brünette, trat auf ihre Mutter zu und schaute mit den glänzend schwarzen Augen, an deren Wimpern eine Thräne hing, in das sanfte Gesicht der blonden, anmuthigen Frau. »Ich bin glücklich, Mutter, o so glücklich«, flüsterte sie und die rosigen Lippen preßten einen Kuß auf die mütterliche Hand. In den schwarzen Fracks der Männer leuchtete das rothe Bündchen der Ehrenlegion. – Die stattliche Versammlung sprach Dr. Leo K. und dessen Gemalin, sowie dem jungvermälten Paare ihre Wünsche aus; es währte lange Zeit, bis sich die zahlreichen Hochzeitsgäste entfernten. Wenige Stunden später saß Valentine, die Gemalin Dr. Leons, sinnend in ihrem eleganten Boudoir. Das junge Paar war abgereist, die Schwestern der Braut flüsterten miteinander und theilten den Myrthenkranz als gutes Omen in kleine Sträußchen. Valentine fühlte sich etwas ermüdet. Die wechselnden Bilder des Tages zogen an ihrem Geist vorüber. Aus den schönen Zügen strahlte der Ausdruck inniger Zufriedenheit. Da klopfte es leise an die Thüre. »Darf ich eintreten, Valentine?« frug die Stimme des Doctors. »Gewiß Leo, ich habe dich erwartet.« Der Doctor trat auf seine Frau zu. »Ich freue mich auf eine ruhige Stunde, ich habe dir so viel zu sagen.« »Nicht jetzt Leo,« Valentine schüttelte den Kopf. »Ich muß fort, vielleicht begleitest du mich, es ist ein unaufschiebbarer Weg.« »Du entziehst dich gerne dem, was ich dir sagen will und doch muß es vom Herzen,« meinte der Doctor, indem er seiner Gemalin folgte, die mit elastischem Schritte zu dem Wagen eilte. Der Kutscher schob einen verdeckten Korb vorsichtig neben sich und rasch zogen die kräftigen Pferde an. Dr. Leo blickte verwundert auf seine Frau, als der Wagen durch die Vorstädte von Paris rollte. Valentine griff nach der Hand des Gatten, »Sei nicht ungeduldig,« bat sie. Man war vor der Pforte einer der Pariser Todtenstätten angekommen, der Père-la-chaise lag vor ihnen. »Deinen Arm, Leo,« sprach Valentine, die mittlerweile den Korb ergriffen und diesen von seiner Hülle befreit hatte. Das Brautbouquet der Tochter lag darin. Die weißen Orangenblüthen und der Flieder strömten süßen Duft aus; sie schimmerten so hell wie die weißen Marmorsteine auf den Gräbern. Leo fuhr mit der Hand nach der Stirne, als suchte er eine Erinnerung. Valentine ließ ihm keine Zeit zum Sinnen, sie schritt rüstig vorwärts und eilte jenem Theile des Friedhofes zu, welcher die Gräber der Unbemittelten enthält. Ein kleines Täfelchen, auf dem sie das Nummer des gesuchten Grabes verzeichnet hatte, diente ihr als Führer. Endlich war sie an Ort und Stelle, sie bog dichtes Gebüsch auseinander. Der grüne wohlgepflegte Hügel trug ein Steinkreuz, auf dem nur das Wort »Hermine« zu lesen war. »Ich bringe dir den Gruß unseres Kindes,« flüsterte Valentine, indem sie den Strauß auf das Grab niederlegte. »Vergib, du Verklärte, ich habe meine Pflicht gethan, verzeih' mein Glück und verzeih, daß ich dein Geschick unserem Kinde verschwieg. Ich konnte nicht anders, du weißt es.« Dr. Leon war es gewohnt, dem Tod in die Augen zu sehen, er war eines feste Mannesnatur, aber mächtige Erschütterung durchzuckte ihn, als er seine Frau an dem Grabe gewahrte. Er kämpfte die Thräne nieder, seine Lippen bebten. »Nun wollen wir heimgehen, Leo«, sprach Valentine mild und weich. »Du begreifst, die Todte konnte nicht warten und wollte ihren Antheil von dem heutigen Tage.« Diesmal war es die zarte Frau, welche den Mann führte. Wieder schwiegen die Beiden während der Fahrt. Als aber Valentine heimgekehrt, mit einem Winke Leo einlud, ihr in das Gemach zu folgen, da hielt sich dieser nicht länger. Er küßte die Hand seiner Gattin. »Ich war vorhin zu dir gekommen, um dir mein Herz auszuschütten und dir zu danken, du edle, gute Frau, lasse mich jetzt das thun, ich fühle mich unwürdig, einen Schatz, gleich dir und deiner Liebe, mein Eigen zu nennen.« »Sprich nicht so, Leo, du hast mich stets zur glücklichsten Frau gemacht, du hast der Menschheit so unendlich viel Gutes erwiesen, daß eine Schwäche deines Lebens längst im Schuldbuche getilgt ist. Rühme mich nicht, nur die Erfüllung meiner Pflicht ermöglichte unser Glück. »Ich habe dich nie nach jener schweren Stunde gefragt, in der nur dein Edelmuth mir das Recht gab, weiter zu leben,« sagte Leo. »Wenn du mir aber heute dein Vertrauen schenken wolltest, so würde das mein Herz erquicken.« Valentine trat zu ihrem Schreibtisch, sie öffnete eines der vielen Fächer und entnahm demselben ein Buch, das sie vor sich hinlegte, eine Kapsel, die sie ihrem Gatten überreichte. Er griff hastig darnach und während hohe Röthe seine Stirne überzog, flüsterte er: »Hermine!« »Nicht so, diese schönen lachenden Augen findest du in deiner Tochter Antlitz wieder,« bemerkte Valentine. »Leonie gleicht ihr ganz außerordentlich.« Valentine öffnete das zierliche Buch und schob dieses dem Gatten zu. »Lies,« sagte sie. Die Lampe verbreitete ihren weichen Dämmerschein in dem traulichen Gemache. Valentine war in einen der bequemen Lehnstühle gesunken. Der Doctor zog ein Tabouret an ihre Seite, und begann zu lesen. »Nach der Hochzeit,« heißt das erste Blatt. »Seit zwei Monaten bin ich Leo's Frau; wie liebe ich ihn. Seit ich denke, schien mir mein Schicksal mit dem seinen verknüpft. Ob er mich wieder liebt? thörichtes Herz, das sich gerne täuschen würde, indeß der kältere Verstand mir zuflüstert, daß Leo's Freundschaft und Aufmerksamkeit mir gehören – wo aber bleibt das heiße Aufleuchten der Liebe? Mein Leben soll der Aufgabe geweiht sein, ihn glücklich zu machen. Leon ist Arzt einer Abtheilung des Krankenhauses. Ich bin von meiner Mutter daran gewöhnt worden, häufig Arme und Kranke zu besuchen. Leo weiß nichts davon, ich gehe zu seinen Kranken und bringe ihnen ein kühlendes Getränk, eine wohlschmeckende Frucht. Die Kranken wissen nicht, wer ich bin, mir macht es unsägliche Freude, etwas für diejenigen zu thun, um welche Leo sich sorgt. November . Mir ist ein Schmerz widerfahren. Leo vernahm von meinen Krankenbesuchen und bat mich, diese einzustellen. Auf seiner Abtheilung sind Typhöse, mit denen ich nicht zusammenkommen soll. Er stellte mir frei, einen anderen Saal zu wählen, den einer seiner Freunde versorgt. Ich muß mich fügen, aber die Freude ist mir geraubt. December. Leo ist gut und liebevoll, zuweilen aber erscheint er, wie Einer, den ein Kummer drückt. Gestern sah er bleich aus und berührte das Diner nicht, er schob das auf Ermüdung, aber ich glaube nicht daran. Ich fahre fort Kranke zu sehen. Seit einigen Tagen interessirt mich eine junge Frau gar sehr, die wohl nicht mehr genesen wird. Das Fieber verzehrt die Arme, sie muß sehr schön gewesen sein und klagt fortwährend um ihr kleines Kind, das mitleidige Nachbarn der Assistance publique übergeben haben. Januar . Leon verbirgt mir etwas. Er ist schmerzlich bewegt, verweigert aber jede Antwort. »Du siehst Gespenster,« versuchte er mich zu trösten. Ich sehe nur Eines. Den Verlust seiner Liebe. Das aber sage ich ihm nicht. Mich fröstelt. Ich war heute bei meinen Kranken. Die junge Frau, Hermine, geht dem Tode entgegen, sie weiß es. Heute rief sie mich zu sich und bat mich, ihr Bekenntniß anzuhören; sie hat keine Freunde und bangt um ihr Kind. »Sie sind jung und glücklich,« sagte sie zu mir, »nehmen Sie sich des Kindes an.« Morgen will sie mir ihre Geschichte erzählen. Armes Weib! Am folgenden Tage . Armes, armes Weib – welch eine traurige Geschichte hat mir die Arme, unterbrochen von pfeifendem Husten, zugeflüstert. »Ich bin Waise, und im Waisenhause erzogen. Man nannte mich eine der besten Schülerinnen, doch fehlte es an Geld um mich auszubilden, es galt daher ein Handwerk zu erlernen. Ich ward Blumenmacherin und freute mich, wenn es mir gelang, ein Gebilde der Natur täuschend wiederzugeben. Nach meinem achtzehnten Jahre verließ ich das Waisenhaus, um für mich selbst zu sorgen. Ich miethete ein kleines Kämmerchen und arbeitete sehr fleißig. Bis zu zwanzig Jahren war mir jede Freude fremd, mein Leben war so eintönig, daß ich wie ein gefangener Vogel, der an die Gitterstäbe des Käfigs schlägt, gegen das Schicksal aufbegehrte. In der Fabrik, für die ich arbeitete, schloß ich mich an ein Mädchen an, dessen sprudelnder Frohsinn mir wohlthat. Dieses beredete mich, mit ihm einen Ball zu besuchen. Daher stammt auch mein Unglück. Sie kennen freilich nur die Liebe unter dem Orangenblüthenkranze. Wie viele solcher Kränze habe ich mit bebenden Fingern verfertigt – aber für unser eins ist die Liebe fast immer von der Schande begleitet. Euch Glücklichen erschließt die Liebe das Leben , uns Armen öffnet sie das Grab . Er, den ich liebte, war jung und schön, dabei gut und edel. Wir schwuren einander Liebe und Treue. Die wenigen seligen Tage möchte ich nicht hergeben, nun wußte ich was Leben heißt – ich dämmerte jetzt nicht mehr hin. Mein Geliebter miethete mir ein hübsches Zimmer. Nach wie vor ging ich in die Fabrik und nahm nichts zu meinem Unterhalte an. Nur kleine Geschenke zu meinem Putz konnte ich nicht zurückweisen. Mit einemmale schien es mir, als sei mein Freund verstimmt. Er leugnete, aber ich fühlte doch, daß etwas in seinem Leben vorgehe. Ich fühlte mich Mutter – wir hatten von der Ewigkeit unserer Liebe, aber nie von der Ehe gesprochen. Ich hoffte jedoch zuversichtlich, daß der Mann, den ich anbetete, sein Kind nicht verleugnen und mich zu seinem Weibe machen werde. Die Ansichten, welche mein Geliebter oft ausgesprochen, konnten keinen Zweifel aufkommen lassen, daß er eine Ehe mit mir als Pflicht anerkannte. Man nannte ihn reich; bitterlich weinte ich darüber. Wäre er arm gewesen, wie gerne würde ich Noth und Kummer mit ihm getheilt, von ihm angenommen haben! Eines Abends erwartete ich zur gewohnten Stunde vergebens den heißgeliebten Mann. Ich wartete Tag um Tag – vergebens. Die Beschäftigung mit den vielen giftigen Farben griff meine Brust an. Die kleinen Ersparnisse mußten den Ausfall an Verdienst decken, ich kränkelte, immer näher rückte eine bange Stunde. Von ihm kein Wort, keine Nachricht. Nach einer furchtbaren Nacht lag an einem wundersüßen Morgen mein Kind neben mir. Ich hielt mich nicht länger und schrieb an den Mann meines Herzens. Martha kam mit dem Brief zurück– »abgereist« sagte sie, »kommt erst in vier Wochen wieder.« – Abgereist? ohne mir etwas zu sagen? Ein jäher Schmerz durchzuckte mich. Zum Glück für mein Kind fand ich in meiner Brust keine Nahrung für dasselbe, denn ich fühle, daß ich ihm den Todeskeim vererbt hätte. Ich erholte mich nur schwer und langsam; – da kam ein Brief« – Hermine stöhnte laut auf, mit Anstrengung redete sie weiter. »In dem Briefe stand, daß er mit blutendem Herzen sich von mir losreiße, seine Eltern hätten ihm seit Jahren eine Braut bestimmt, das Mädchen liebe ihn, er könne nicht zurücktreten ohne zwei Familien unglücklich zu machen, er wollte für mich und für das Kind, welches nun geboren sein müsse, sorgen, sein Banquier werde es mir an nichts fehlen lassen, ich möge ihm nicht fluchen, er liebe mich, nur mich, aber er wollte nicht wieder kommen, um uns den Abschied nicht zu erschweren. Ich weiß nicht, was in den nächsten Tagen mit mir geschah. Als mein erstes Weh mich nicht getödtet hatte, verließ ich meine Wohnung, um ein billiges Kämmerchen zu beziehen und die Arbeit für mich und mein Kind aufzunehmen. Es fiel mir nicht ein, von dem Treulosen Geld anzunehmen. Eher den Hungertod sterben. Mein Kind wuchs und gedieh – ich – ward schwächer und schwächer. Als ich nicht mehr arbeiten konnte, mußte ich in das Spital. Wie ein Engel sind Sie mir hier erschienen. Für mich durfte ich nichts von Demjenigen, der mich verließ, annehmen, sagen Sie ihm meine letzten Grüße und meine Verzeihung. Er möge für sein Kind sorgen.« – Das lange Sprechen hatte Hermine furchtbar angegriffen. »Den Namen Ihres Geliebten,« bat ich, »nennen Sie mir seinen Namen und den Ihres Kindes.« Hermine kämpfte mit einem Erstickungsanfall, sie rang vergebens nach Luft, die Krankenpflegerin entsetzte sich über den Zustand. Rasch eilte sie in den nächsten Krankensaal, in welchem eben der Arzt seine Runde machte. Sie kam gefolgt von meinem Manne zurück. Dieser trat an Herminen's Bett. Die Arme gewahrte ihn kaum, als sie einen herzzerreißenden Schrei ausstieß. – Mit äußerster Anstrengung faßte sie nach meiner Hand, die sie krampfhaft umschloß. Er, er , schrie sie, mein Kind – Leon. – Auch ich schrie auf und sah entgeistert in das todtenblasse Antlitz meines Gatten. – Der Arzt in ihm war stärker als der Mensch, er gab rasch einige Anordnungen für Hermine – zu spät. Noch hielt sie meine Hand umschlungen, ich fühlte, wie sie kälter und kälter ward. Von dem Gesichte wich der entsetzte Ausdruck, stiller Friede breitete sich darüber – einige tiefe Athemzüge und dann – dann – das war der Tod. – Ich selbst fühlte mich zerschmettert, ich küßte die Entschlafene und schritt hinaus. Leo war seiner Bewegung Herr geworden, ich sah ihn mit der Krankenpflegerin eifrig reden. In der diesem Tage folgenden Nacht kam kein Schlaf und keine Ruhe über mich. Ich schloß mein Zimmer ab und ließ Leo sagen, man möge mich nicht stören. Welche Nacht! – Ich sann und sann über mein zerstörtes Glück, über die arme, bleiche Todte, über das mir unbekannte Kind. In seinem Zimmer wanderte Leo auf und nieder. Am frühen Morgen sandte er mir ein Briefchen. »Durch die Krankenwärterin von deiner langen Unterredung mit Hermine unterrichtet, nehme ich im vorhinein deine Verfügung über unsere Zukunft an. Beschließe – ich habe nur zu gehorchen.« Wie ich mit mir rang! Sollte ich der Regung meines Herzens folgen und Leo verlassen? Wie aber konnte ich dann für das Kind sorgen? Liebte Leo mich nicht, so liebte er doch keine Andere, Hermine war todt – – – Im Spital erfuhr ich, ein Unbekannter habe erklärt, die Kosten von Herminen's Beerdigung zu tragen und ein Fleckchen Erde auf immerdar für sie gekauft. Ich erkannte Leon's Anordnung. Mir blieb nichts für die Todte zu thun übrig. Ich fuhr in das Kinder-Asyl. – Man brachte mir Herminen's Kind. Ein liebliches Gesichtchen lachte mich an. Die Kleine, gar nicht scheu, streckte die Händchen nach meiner Hutfeder aus und zauste mich am Haare. Nach einer eifrigen Besprechung mit der Vorsteherin des Asyls fuhr ich aus, kaufte die niedlichste Kinderwäsche, ein kleines Bettchen, und ließ alles in meine Wohnung schaffen. Ins Asyl zurückkehrend, fand ich die Förmlichkeiten nach Wunsch erledigt. Ich durfte die Kleine mitnehmen. Leo kehrte spät am Abend heim. Ich ließ ihn zu mir bitten, und da er sich meinem Zimmer näherte, bedeutete ich ihm, kein Geräusch zu machen. Am Bett des schlafenden Kindes sprach ich: Unser Kind, Leo, liebe es und liebe auch mich ein wenig um seinetwillen.« Wie der starke Mann zusammenbrach und weinte, wie er mir um den Hals fiel und mich seinen guten Engel nannte, das war der erste Lohn meiner Pflichttreue und fortan erblühte nur Segen aus dieser Stunde. Zehn Jahre später . Leonie gedeiht und wird ein reizendes Mädchen. Sie ahnt nicht, daß ihre Mutter in der Erde ruht. Ich konnte dem Kinde nichts erzählen, was einen Zweifel an dem Vater in sein Herz gesenkt hätte. Herminen's Geist vergibt mir diese Täuschung, die zum Glücke ihres Kindes nothwendig ist. Als ich mein erstes selbstgeborenes Kind in Leo's Arme legte, da war mir's, als sehe ich Hermine lächeln, als vergebe sie mir mein Glück. – – – Nach achtzehn Jahren . Mein Werk ist erfüllt. Leonie ist die glücklichste Gattin eines wackeren Mannes – Herminen's Geist wird zufrieden sein – – – – Das waren die letzten Worte in dem kleinen Hefte. Dr. Leo blickte ergriffen auf sein Weib. »Du mein Haussegen, laß mich dir danken, tausend und tausendmal. Wie elend hätte ich werden können, wie hätte ich es ertragen müssen, als Consequenz meiner Schuld und wie glücklich hast du mich gemacht. Wer hat dich gelehrt in der furchtbaren Stunde das Rechte zu finden?« »Die Liebe, Leo. Und diese Liebe hat reiche Frucht getragen, denn sie erwarb mir dein Herz, nicht wahr, Leo, es gehört mir?« »Mit jedem Schlage, seit ich dich so edel und gut handeln sah. Valentine, komm, wir wollen die Kinder küssen, bevor wir unserer Leonie den ersten Gruß in die Ferne senden.« Unter der Fürstenkrone. Nehmen wir an, die Geschichte beginne in Spanien, jedenfalls im Süden, wo das blaue Meer den marmornen Fuß der Paläste bespült. Die Ahnenbilder in den Hallen des alten Fürstenhauses schauen auf ein schönes, junges Weib mit dunklen Locken und träumerischen Augen. In den Prunkgemächern lächeln selbst die bleichen Märtyrer und die schmerzensreichen Madonnen aus ihren Goldrahmen nieder auf das reizende Geschöpf, dessen leichter Schritt wie der eines gefangenen Vögelchens über den Steinboden trippelt. Keines der Meisterwerke schien Eindruck auf die neuvermälte Fürstin zu machen. Sie kennt den Zauber dieser Umgebung nicht, weil sie ihn nie entbehrt hat. Von Kindheit an waren die gemalten heiligen Frauen ihre Vertrauten. Im Palaste des Vaters hat sie unter ihren Blicken gespielt und im Heim des Gatten ihnen befriedigt zugenickt: »Ihr seid auch da!« Donna Lucia war seit einem Jahre vermält, Don Alonzo, ihr Gemal, reich wie ein Krösus, freigebig und großmüthig. Aber der Fürst liebte Lucia nicht viel mehr als eine schöne Blume seines Gewächshauses. Er bemühte sich nicht, in die herbe, verschlossene Seele des jungen Weibes zu dringen, er ging neben seiner Gemalin wie ein vollendeter Kavalier, ruhig und leidenschaftslos einher. Er hatte die junge Frau auf den Wunsch seiner Mutter erwählt. Ein Freund der Jagd und der weiten Reisen, besaß er nicht viel Geschmack an der stillen Häuslichkeit. Aus den Liedern, welche die schöne Fürstin zur Harfe sang, erzitterte tiefes Weh. Betrachtete man die holde Frau, so war es, als blühe eine Blume ohne Sonnenschein, die sich nicht voll entfalten könne. Träge schlichen die Monde. Da kündigte der Fürst seiner Gemalin an, daß er ein Fest zu geben gedenke. Lucia sollte zum ersten Mal als Hausfrau wirken und so in die große Welt eintreten. Am Festabend strahlte der hohe Spiegel eine Erscheinung wieder, deren Liebreiz noch die in hundert Diamanten funkelnde Fürstenkrone erhöhte. Lange sprach man in der vornehmen Welt von der Zaubernacht im Palaste. Glänzende Feste folgten einander. Lucia war durch Rang und Reichthum die erste, durch ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit die gefeiertste unter den Frauen. Anfangs stürzte sie sich mit Jubel in das bewegte Treiben. Von Natur ernst und schwärmerisch, fand sie nicht lange Freude daran. Die Huldigung der gleichgiltigen Menge ließ ihr Herz leer. Don Alonzo war stolz auf seine Gemalin, die fleckenlos durch die Schaaren ihrer Bewunderer schritt. Heißer Empfindung schien er nicht fähig zu sein. Zwei Jahre verstrichen. Lucia fühlte sich immer weniger froh im Gebrause der großen Welt. Da begegnete sie im Hause eines Verwandten dem jungen Marquis Sylva, dessen Flammenblicke sie erröthen machten. Sylva war jung und feurig, er liebte Lucia und mit seiner prächtigen Stimme sang er für das schöne Weib schmelzende Lieder. Zuweilen sangen Lucia und Sylva zusammen und dann war der Fürstin zu Muthe, als müsse ihr Herz zerspringen. Die tugendhafte Frau sann auf einen Ausweg. Sie schützte Unwohlsein vor und zog sich auf ihre nahegelegene Villa zurück. Der Gemahl folgte ihr nicht. Er unterhielt sich am Spieltisch von Baden-Baden. Eines Tages saß die Fürstin im Garten der Villa; sie träumte unter Lorbeerbäumen. Betäubend erfüllte der Duft der Rosen und des Jasmins die Lüfte. Die schöne Frau las in einem Buche. Da hörte sie in der Nähe von einer Tenorstimme ein Liedchen singen. Sie erhob sich und spähte nach dem Sänger. Nicht weit von ihr war ein Mann, dessen Gesicht sie nicht sehen konnte, bemüht, die Pflanzen festzubinden. Er trug die Livrée des Hauses und mußte somit einer der vielen Gärtner sein. Milde und gütig trat die Fürstin näher. Der Sänger ließ sich in seiner Arbeit nicht stören. Plötzlich redete die Dame ihn an. Da wandte er ihr sein Gesicht zu. Die Sennora ward kreideweiß. »Sylva, Sie hier?« entfuhr ihren bleichen Lippen, »und in dieser Mummerei, was soll das?« – »Was soll ich überhaupt? Ich wollte Sie sehen, Ihnen nahe sein; was gilt mir mein Rang, mein Reichthum? Ich bin glücklich als Ihr Gärtnergehilfe, denn ich athme die Luft, welche Sie athmen, ich sehe die Rose an Ihrer Brust blühen, die meine Hand für Sie gebrochen.« – »Entfernen Sie sich, Sylva,« rief Lucia, »ich dulde Sie hier nicht.« – »Was da? Ich bin Antonio, der Gärtnerbursche. Versuchen Sie doch Ihrem Obergärtner zu erzählen, daß ich Marquis Sylva sei, der aus Liebe zu Ihnen die Dienstbarkeit erwählte! Welch' schöner Stoff das für die Gesindestube abgeben wird!« – »Es bedarf keiner Erzählung, ich sende Antonio, den Gärtnerburschen, fort.« – »Und was hat dieser verbrochen? Seien Sie nicht grausam, Lucia. Lassen Sie mich in Ihrer Nähe leben, ich fordere nichts, ich werde Ihren Weg nicht kreuzen.« Lucia schwieg und Sylva blieb. Mehrere Tage lang sahen die Beiden einander gar nicht. Da war Lucia, gerührt durch Sylva's Bescheidenheit, wieder an jenen Ort geeilt, an dem Antonio arbeitete. – Wochen verflossen. Die Wangen Lucia's glühten, ihre Augen leuchteten, ihr ganzes Wesen war in Flammen getaucht. Das Wunder der Liebe hatte sich dem jungen Weibe geoffenbart und mit den Schlägen seines Herzens zählte es den Pulsschlag eines zweiten Wesens in seinem Schoße. Die Offenbarung hätte Lucia gewiß mit Seligkeit erfüllt. Dann kam die Verzweiflung. Wie dem Gatten entgegentreten? Lucia war zum Weibe gereift. Sonst ohne Makel, nichts ahnend von List und Gefallsucht, sann sie jetzt auf Mittel, auf Hilfe gegen die Katastrophe. Freilich, Sylva wollte mit ihr fliehen, sie und sein Glück in der Ferne treu bewahren. Da erwachte der Stolz in der Seele der jungen Frau. – Würde Sylva immer so denken? Würde er nicht bedauern, sein Leben an das ihre gekettet zu haben? Nein, sie stieß den Gedanken an Flucht von sich. Noch sann sie über die nächste Zukunft, als Don Alonzo unerwartet heimkehrte. – Er sah zum ersten Male seine schöne Frau mit anderen als gleichgiltigen Augen. Die Veränderung in ihrem Wesen entging ihm nicht, er freute sich derselben, denn Lucia schien im jetzt schön und begehrenswerth. – Das gequälte Weib nahm die Huldigung des Gatten mit Lächeln entgegen und wenige Wochen nach Alonzo's Heimkehr ward die alte Fürstenwiege neu vergoldet, um den angekündigten Sprößling zu empfangen. Auf den weißen Spitzenkissen des Prunklagers ruhte die Fürstin. In der schimmernden Wiege schlief das Söhnchen, der Erbe des Hauses. Lucia lag in wilden Fieberphantasien. Alonzo, dem die Gemalin jetzt lieb und theuer war, hütete sie mit zärtlicher Sorge. Hin und wieder entfuhr der Name Antonio Sylva ihren Lippen, aber der Fürst achtete nicht darauf. Im Fieber gesprochene Worte haben keine Bedeutung! Einige Jahre verstrichen. Fernando, so hieß Alonzo's Söhnchen, wuchs heran. Der Vater liebte das Kind abgöttisch. Lucia widmete sich fast ganz dem Knaben; sie ging wenig in die Welt, desto mehr in die Kirche und in stundenlangen Unterredungen mit dem Beichtvater gedachte sie immer auf's Neue ihrer Sünde. Das Erbe der alten Fürstenkrone ging an einen Bastard über, daran war nichts zu ändern. Wieder verlebte die fürstliche Familie den Sommer in der Villa. Alonzo war für einige Tage zu einem Freunde gereist. Lucia weilte im Garten wie damals, nur daß nicht Sehnsucht, sondern Reue ihr Herz schwellte. Da mit einem Male hörte sie ihren Namen rufen. So rief nur Einer. Sylva in Antonio's Kleidung stand vor ihr. »Was wollt Ihr? Um Himmelswillen verlaßt mich!« rief die geängstigte Frau. »Nie und nimmer, ich ertrage das Leben nicht länger, ich muß unser Kind sehen, unsern holden Knaben.« Heiße Worte stürzten von Antonio's Lippen. Lucia bebte. Da mit einem Male krachte ein Schuß – lautlos sank Antonio um – Lucia schrie auf – sie rief um Hilfe. Da nahte auch schon eine Schaar von Dienern. Man trug Antonio fort – eine Leiche – und man begrub ihn auf dem Armen-Friedhof. Niemand wußte, wer den Schuß abgefeuert hatte. Don Alonzo, durch den Obergärtner in Kenntniß des Vorfalles gesetzt, befahl, eine Messe für die arme Seele zu lesen. Er schrieb seiner Gemalin, daß er seine Pläne geändert habe und sich einem Freunde anschließe, der eine längere Reise antrete. Er habe nicht Zeit, sie und den Knaben noch zu umarmen und werde wohl einige Monate fortbleiben. Lucia wandelte wie im Traume umher. Seit der Schreckensszene war sie wie versteinert. Die Leute begriffen die Wirkung des unglücklichen Vorfalls, obwohl Niemand den Zusammenhang ahnte; man wußte nur, daß Antonio in Lucia's Gegenwart getödtet worden sei. In der Gesellschaft besprach man das plötzliche Verschwinden Marquis Sylva's nicht sehr. Dieser hatte sich vor mehreren Jahren auf Reisen begeben, man vermuthete ihn in Afrika. Die letzten Briefe, die im Frühjahre eingetroffen, sprachen von naher Heimkehr. Als Sylva nun nicht kam, verbreitete sich das Gerücht, er sei am Fieber in Afrika gestorben. Nähere Nachforschungen ergaben, daß ein junger Mann, mit den Reisedokumenten Sylva's versehen, wirklich auf der Heimkehr in Carthum gestorben sei. Diese konnten nicht wissen, daß Sylva seinen Secretär mit allen Papieren in Carthum zurückgelassen habe und eiligst nach Spanien zurückgekehrt sei. So verketteten sich die Umstände. In Carthum kündete eine Marmor-Pyramide an, daß hier der edle Marquis Don Sylva ruhe, in Spanien schlich sich eine verhüllte Frau auf Antonio's Grab, um dasselbe mit Rosen zu schmücken. Don Alonzo blieb drei Jahre abwesend. Als er wieder kam, erschrak Lucia über die Veränderung seines Wesens. Er war kalt und unnahbar. Er blieb so, ohne einen Grund anzugeben. Nur Fernando umfaßte sein Herz mit aller Wärme. Der Knabe wuchs und gedieh, seine Intelligenz war staunenerregend. Fernando sah den Vater stets gütig und mild und konnte nicht fassen, warum er nur gegen die Mutter rauh und hart sei. Aus dem Kinde ward ein Jüngling, der die Mutter, die er überschwenglich liebte, leiden sah. Ein Lächeln auf die ernsten Züge Lucia's zaubern – dafür hätte der Jüngling sein Leben gegeben. In einer unglücklichen Stunde sagte er Alonzo, wie sehr es ihn wundere, ihn so hart und finster gegen die Mutter zu sehen. Da fuhr der alte Fürst furchtbar auf. – »Hat sie Dich geheißen, mir das zu sagen, die Schlange, die mein Leben vergiftete?« Vergebens beschwichtigte Fernando den Erregten. Lange angehäufter Groll machte sich Luft. Alonzo stieß die Worte hervor: »Oh, das elende, verfluchte Weib, wie ich es hasse, und dich, wie ich dich liebe! Und doch wisse, daß du ein Bastard, daß du nicht mein Sohn bist!« – »Nicht dein Sohn? und wer bin ich dann?« frug Fernando. – »Gehe hinüber aus den Dorffriedhof, dort schläft der, dem mein Weib Ehre und Tugend hingab. Ein Mann aus dem Pöbel, der meine Livrée trug, ein Diener des Hauses, der Gärtner Antonio. Geh', Junge, sieh mich nicht so an mit seinen Augen, ich habe ihn getödtet, und daß ich dich als mein Kind behandle, ist die Sühne. Du rächst den Todten, denn ich, der Rächer meiner Ehre, liebe dich.« Der alte Fürst war in furchtbarer Aufregung zusammengesunken. Fernando läutete dem Kammerdiener, man holte Aerzte. Als ein Aderlaß das zum Herzen strömende Blut vermindert hatte, erholte sich der Fürst. Wenige Wochen nach diesem Vorfalle kündigte in mehreren Pariser Journalen ein junger Mann seine Dienste als Lehrer oder Sekretär an. Im Quartier Latin von Paris lebte ein junger Student mehr, das war Alles, was die Weltstadt von der Tragödie wußte, die sich im benachbarten Staate zugetragen. Der junge Fürst hatte weder den Vater – wir fahren fort, Alonzo so zu nennen – noch die Mutter von seiner Reise in Kenntniß gesetzt. Er lebte in Paris wie der ärmste Student, fest entschlossen, in Zukunft Alles sich selbst zu danken und nichts mehr von dem Vater anzunehmen. Bald gelang es ihm, einige Unterrichtsstunden zu finden, die genug abwarfen, um sein Leben zu fristen. Der Sohn eines Fürsten wanderte im abgetragenen Rocke über die Boulevards. Man zeigte auf den Jüngling. In den Salons flüsterte man die Geschichte. Der alte Fürst richtete verzweifelte Briefe nach Paris. Fernando gab keine Antwort. Lucia schrieb: »Mein Sohn, ich bin eine Sünderin, handle wie du willst und mußt, aber vergiß nicht, daß auch ich edlem Blute entstamme, daß mein Vermögen das deine ist.« Lucia wußte nichts Genaues über den Inhalt der Unterredung zwischen Fernando und Alonzo. Sie errieth den Zusammenhang, aber sie dachte nicht einen Augenblick daran, daß der Fürst in Antonio wohl Sylva erkannt habe. So lastete auf dem jungen Manne die Doppelschmach, sich für den Sohn des treulosen Dieners und einen Bastard zu halten. Er wollte nichts von dem Vermögen der Mutter wissen. Alonzo sandte ungeheure Summen nach Paris. Fernando ließ sie an Arme vertheilen. So folgte ein Jahr dem anderen. Fernando's Studien waren beendet, er bewarb sich um ein Amt und erhielt es. Sein Leben floß ruhig und bürgerlich hin. Man sah ihn nie in der großen Welt, seine Thätigkeit hielt ihn in einer kleinen Provinzstadt fest. Er hatte eine bescheidene Stellung gewählt. Er war Lehrer geworden. Mit großer Pflichttreue leitete er den Unterricht der Kinderschaar. Die französische Regierung behielt den Sonderling im Auge. Der Grund des Zwiespaltes mit dem alten Fürsten war nur durch ein dunkles Gerücht bekannt. Nach dreijähriger Lehrtätigkeit sandte die Akademie Fernando die Ernennung zum Offizier der Akademie zu. Der junge Mann wies dieselbe in einem artigen Brief zurück. »Es ist noch nicht vorgekommen, schreibt er, daß ein Lehrer nach drei Jahren diese Würde erlangt hat. Die Auszeichnung gilt also dem Fürsten und dieser kann dieselbe nicht annehmen.« Nahe dem Orte, an dem Fernando lehrte, befindet sich die Stadt, welche der eleganten Welt zum Winteraufenthalte dient, Nizza. Die Gäste machten häufig Ausflüge in die Umgebung. In der Kapelle des Dorfes befand sich ein herrliches Madonnenbild. Fernando, der in seinen Mußestunden vortrefflich zeichnete und malte, hatte eine Kopie des Bildes begonnen. Wahrend er eines Tages an dieser arbeitete, erklangen Tritte in der Kirche. Er sah eine alte Dame, die sich auf den Arm eines Herrn stützte und ein liebliches Mädchen von kaum sechzehn Jahren. Fernando war es, als habe er noch nie in ein schöneres, reineres Antlitz geschaut. Das holde Mädchen trat näher. Man vermuthete einen Künstler von Fach in Fernando und die Dame redete ihn freundlich an. Die Familie, aus Fernando's Heimatlande, hatte sich in der Nähe des Dörfchens eingemiethet und lud den jungen Mann zu einem Besuche ein. Nach wenigen Tagen folgte Fernando der Einladung. Ines, so hieß das Mädchen, begrüßte ihn freudig. Wie die Zwei sich fanden und liebten? Nun, wie es schon oft geschah, wie es immer geschieht. Ines war aus vornehmem Hause; die Familie ahnte nicht, was Ines und Fernando bewegte. Zu spät erkannte dieser die Gefahr. Er fühlte, daß sie nicht mehr von einander lassen könnten, aber er faßte einen heroischen Entschluß. Die Ehre ging ihm über Alles, Entsagung war sein Los. Das Mädchen ward bleich und bleicher, denn Fernando war nach kurzem Lebewohl abgereist, in Geschäften, sagte er, und Ines mußte mit den Eltern heimkehren. Diese bemerkten die Kümmerniß ihres Kindes und wußten Fernando Dank für seine Entfernung. »Ein Ehrenmann, der den Unterschied der sozialen Stellung begriff.« Der alte Fürst Alonzo war schwer erkrankt. »Ich gehe dem Tode entgegen,« sprach er zu seinem Arzte, »wie lange habe ich noch Zeit? Ich muß noch acht Tage leben, um meinen Sohn zu sehen, dann in Gottes Namen!« »Ein Sterbender, der nicht sterben kann, bittet dich, ihm deine Verzeihung zu bringen. Ich bin bereit, deiner Mutter zu vergeben, wenn du sie in meine Arme führst,« so lautete Alonzo's Brief an Fernando, und dieser eilte in das Vaterhaus. Der alte Fürst, vom Finger des Todes gezeichnet, begehrte nach Lucia, die nur mehr ein Schatten ihrer selbst war. Er umfaßte den Sohn. »Ich weiß Alles, aber ich verzeihe dir; Fernando, obgleich der Sohn meines Gärtners, soll mein Erbe werden.« Lucia stöhnte in heißer Qual auf. »Alonzo, ich danke dir, seit ich dir die Treue brach, war mein Leben nur noch ein einziger Tag der Reue, aber der Mann, dem ich erlag, trug das niedere Gewand nur aus Liebe zu mir. Der Marquis Sylva und nicht dein Diener ist der Vater Fernando's. Genug der Lüge zwischen uns.« Die letzten Lebenstage des Fürsten verflossen beinahe heiter. Er besprach mit Fernando seinen letzten Willen und errichtete großartige Stiftungen. Sein Palais mit allen Kunstschätzen vermachte er der Stadt. Viele Millionen wurden für ein Hospital bestimmt. Es bleibt noch genug für dich, meinen Erben,« sagte der Fürst zu Fernando. Als der Sarg Alonzo's in dem Gewölbe der fürstlichen Gruft beigesetzt war, erschien der Sachwalter des Fürsten bei Fernando, der sich in dem Besitz des märchenhaften Vermögens von 300 Millionen sah. Der junge Erbe war mehr erschrocken als erfreut und das sonderbare Ereigniß, welches nun eintrat, versetzte die Welt in Erstaunen. Fernando entsagte der Millionen-Erbschaft und ließ sie auf seine Mutter übertragen. Lucia kannte die Energie des Sohnes, sie durfte sich nicht sträuben, die Erbschaft anzunehmen. Fernando behielt nur eine mäßige Summe für sich. Durch den alten Fürsten dazu bewogen, warb Fernando um Ines de Sylva Rio. Ein sonderbarer Zufall führte den Sohn Sylva's mit dessen Nichte in Liebe zusammen. Die alte Fürstin ist sehr fromm geworden, die Kirche und die Armen segnen ihre milde Hand. Vor einiger Zeit wies sie dem heiligen Vater die Einkünfte aus zwei Herrschaften in Italien für immerwährende Zeiten zu. Sie lebt in vollkommener Harmonie mit ihrem Sohne, dessen glückliche Ehe mit Kindern gesegnet ist, die dem Namen des Fürsten Alonzo eine neue Blüthe versprechen. Und der Schluß dieser wahren Geschichte? Nun, das Resultat ist ein glänzendes Palais mehr in Paris; Fernando ist noch immer ein strebsamer Gelehrter, aber dabei ein heiterer Weltmann und Ines trägt Diamanten und Toiletten, wie sie ihres Vermögens und ihrer Schönheit würdig sind. Somnambulismus in Paris. Das Hellsehen ist von altersher in Paris zu Hause. Dem König in der Wiege wurde das Horoskop gestellt. Die Astronomen lasen aus den Sternen sowie aus den Dämpfen ihrer Retorten die Zukunft, das Ende der Dinge. Katharina von Medicis, die sonst Alles wagte, erkühnte sich nicht, gegen die zwei Rugieri, ihre Astronomen, etwas zu unternehmen und überschüttete sie mit Gold. Als einer der Rugieri Katharina einst erzürnte, drohte sie ihm mit dem Kerker. »Madame,« erwiderte der Astronom, »dieser Kerker müßte gut eingerichtet sein, denn Sie selbst würden sich bald an keinem anderen Orte sicher fühlen.« Noch brodelte und dampfte die Hexenküche der Revolution, als auch schon die Lenormand, bestimmt durch den Ehrgeiz und die Goldstücke der feurigen, schönen Witwe Beauharnais, dem ersten Napoleon eine glänzende Zukunft prophezeite und es nicht unterließ, sich ihrer Gönnerin dankbar zu zeigen, indem sie Napoleon zurief: »So lange Josephine die deine ist, wird das Glück dir treu bleiben.« Die Gemalin Napoleon's, welche als Creolin doppelt abergläubisch war und der schon in ihrer Heimat, als sie noch Kinderschuhe trug, eine alte Zigeunerin viel Leid und großes Glück, ja sogar eine Krone prophezeit haben soll, versäumte bei keiner Gelegenheit, Wahrsagerinnen zu befragen. Die Lenormand verstand es, der Kaiserin zu imponiren und dennoch ihren Interessen zu dienen. Sie hielt Napoleon lange Zeit durch das Wort: »Mit Iosephinen wendet sich dein Glück« von der geplanten Scheidung zurück. Die zweite Kaiserin der Franzosen, Eugenie, erinnerte sich gleichfalls daran, daß eine Mulattin, später eine Maurin, ihr ein großes Schicksal geweissagt. Sie interessirte sich lebhaft für Somnambulismus, welcher einige Zeit in der eleganten Welt durch Karten und Kaffeesatz verdrängt worden war. Nicht selten fuhr sie unerkannt zu einer der Pariser Wahrsagerinnen, um sich Raths zu erholen. Als ein junges Mädchen ans dem hohen Adel in hysterische Krämpfe verfiel und während derselben abgerissene Worte über vergangene und künftige Ereignisse ausstieß, verfolgte die Kaiserin aufmerksam den Zustand und lauschte wiederholt den wirren Reden der Kranken, die sie auf einem Täfelchen verzeichnete. Das Paris der dritten Republik interessirt sich nicht minder für Hellseherinnen. Da die vielen amerikanischen und englischen Elemente auch den Spiritismus cultiviren, so ergibt sich ein um so bunteres Durcheinander. Im englischen Viertel fliegen die Tische, schreiben die Geister, stöhnen die Violinen, tollt der ganze Spectakel der vierten Dimension. Unter den eleganten Lebemännern finden sich immer Einige, welche sich den Magen an irdischen Genüssen verdorben haben und zu übersinnlichen übergehen. Speculative französische Köpfe haben aus dem Somnambulismus einen Handelsartikel gemacht, und mit ihrem großen Geschäftsgeist verstehen die Französinnen es prächtig, daraus Capital zu schlagen. Fern vom Centrum des Pariser Lebens umschließen die Mauern eines großen Hauses eine furchtbar traurige Gesellschaft. Die »Salpétrière« ist die letzte Heimat siecher, unheilbarer Frauen, das Asyl von Geisteskranken, Blöden und Epileptischen. Dort, wo die Zerstörung des Nerven-Apparats in wilden Dissonanzen ausklingt, waltet Professor Charcot seines ernsten Amtes. Vor einem großen Publicum von Fachleuten und gebildeten Laien erläutert der Gelehrte allwöchentlich die Erscheinungen des überreizten, kranken Nervensystems und der Hysterie. Hier werden Magnetismus, Hypnotismus und Somnambulismus ihrer Wunder entkleidet; hier werden sie in traurigen Exempeln gezeigt, wissenschaftlich beleuchtet und auf ihre natürliche Basis zurückgeführt. »Ich blasphemire nicht,« sagte Charcot einmal, »wenn ich behaupte, daß der Hysterie nichts unmöglich sei. So wie der Blinde durch sein entwickeltes Tastgefühl anders fühlt als der Sehende, so functionirt der kranke Nerven-Apparat anders als der gesunde.« An der Salpétrière sieht man Mädchen, welche auf weite Entfernungen hin Personen an dem Geruche, der von ihnen ausgeht, erkennen und alle Zustande, durch welche die Medien frappiren, aufweisen. Die Einen hören Engel singen, die Anderen bleiben mit geschlossenen Augen in den schwierigsten Stellungen, durch den Arm gestochene Nadeln werden nicht gefühlt, kataleptisch unbewegliche Leiber werden zu Pyramiden übereinander geschichtet, keiner dieser Körper empfindet die Last, die auf ihm ruht u.s.w. Charcot trachtet, während er ein überraschendes Experiment nach dem anderen zeigt, den Glauben, als ob ihm ein besonderes Fluidum innewohnte, zu zerstören und behauptet, daß jeder Arzt die gleichen Wirkungen erzielen müsse. Tout Paris aber denkt anders. Tout Paris findet die Hysterie, sobald sie hinter Spiegelfenstern in prächtigem Himmelbett wohnt, gar fesselnd und interessant. Was im Hospital eine Scheu erregende Krankheitserscheinung ist, das wird inmitten der Pariser Lebewelt zum pikanten Schaustück. Ein Unternehmer entreißt eine Hysterische dem Spitalbette, wo man sie heilen wollte, und bemüht sich, ihre hysterischen Erscheinungen und Anlagen weiterzuentwickeln – aus Geschäftsgründen natürlich. Tout Paris glaubt an Wunder und donnert über die Zweifler. Hat nicht auch das Wasser von Lourdes Gegner gehabt und dennoch mehr Nutzen gestiftet als zehn Facultäten? Und erst die stigmatisirte Louise. Fort mit allen wissenschaftlichen Theorien! Grün ist der Baum des Aberglaubens und goldene Früchte fallen dem in den Schoß, der ihn zu schütteln versteht. In den Pariser Zeitungen finden sich stehende Ankündigungen von Somnambulen und Kartenaufschlägerinnen. Die meisten unter ihnen erfreuen sich regen Zuspruchs und reichlicher Einnahmen. Die eleganten Viertel von Paris wie auch die Arbeiter-Quartiere haben jedes ihre berühmte Somnambule, deren Bezahlung sich nach den Mitteln der Clienten richtet. Man sucht die Hellseherin auf, um sich der Treue oder Untreue des geliebten Gegenstandes zu versichern, den Ausgang eines Liebesabenteuers zu erfahren oder ein probates Mittel gegen ein körperliches Leiden zu erhalten. In der Regel fordert die Sonmambule Haare, einen Brief oder sonst einen mit Fluidum durchtränkten Gegenstand. Vor einigen Jahren lebte eine Hellseherin, welcher man förmliche Wunderthaten nachrühmte, in einer überaus luxuriös eingerichteten Wohnung. Sie ließ sich in einem Salon consultiren, dessen schwarzsammtene Wände von den Himmelszeichen bedeckt waren; sie weissagte aus den bläulichen Dämpfen verbrannter Gewürze und trieb ihr Komödienspiel mit ungeheurem Erfolge. Eines schönen Tages war sie verschwunden – entführt von einem Verehrer magnetischen Fluids, behaupteten die Einen, wahrend die Anderen meinten, sie habe sich als Rentière ins Privatleben zurückgezogen und einen effectvollen Abgang gesucht. Gläubige Gemüther versicherten, es habe sie der Teufel geholt. So oft ein Unternehmer wie Donato auftritt, wächst der Zulauf der Somnambulen. Die blonde Lucile, das den Wienern wohlbekannte Medium Donato's, füllte allabendlich in Paris die Salle Herz mit dem elegantesten Publicum. Jeder Sitz kostete zehn Francs. Die schöne, üppige Dame ist nun der Wissenschaft verloren, sie magnetisirt nur mehr ihren Gatten, einen ehrsamen Tuchhändler. Im Faubourg St. Germain versammelte eine Dame aus den ersten Kreisen an jedem Freitag gläubige Anhänger, denen sie, vom Geiste erleuchtet, in ekstatischem Zustande Weissagungen vortrug. Die schlanke junge Frau, in weite, faltige Gewänder gehüllt, machte mit den blauschwarzen, aufgelöst über die Schultern wallenden Haaren, dem wachsbleichen Gesichte, den großen blauen Augen einen fast überirdischen Eindruck. Oft redete sie von religiösen oder politischen Dingen, zuweilen ließ sie sich in Prophezeiungen über die Angelegenheiten anwesender Personen vernehmen. Die Heiligen sprachen mit ihr und sie selbst war nur der Dolmetsch himmlischer Stimmen. War der Freitag vorüber, so consultirte die Dame alle Aerzte, um sich von ihrem Leiden heilen zu lassen. Nahte der Freitag wieder heran, so gerieth sie neuerdings in fieberhaften Zustand, welcher endlich in Hallucinationen seinen Höhepunkt erreichte. Während der Weissagungen, die sie mit lauter Stimme in elegischen Tönen verkündete, sah und hörte sie nichts von der Außenwelt. Als sie eines Abends gerade im besten Vortrag war, hörte mau einen furchtbaren Knall, dem heftiges Weinen und Schreien von Kinderstimmen folgte. Die Gesellschaft stürzte aus den geöffneten Flügelthüren in das nächste Zimmer, aus welchem der Knall vernommen wurde. Allen voran eilte die Prophetin, welche mit einemmale alles Hellsehen verlassen zu haben schien. Sie war nur noch die geängstigte Mutter, die sofort die Stimme ihrer Kinder erkannte und Gefahr für diese fürchtete. Der kleine Knabe und das sechsjährige Mädchen hatten neugierig den Vorhang von einer Glasthür zu schieben versucht, um das Treiben der Gesellschaft zu beobachten. Sie waren sammt den Kinderstühlchen durch die Glastafeln durchgebrochen. Im Fallen zerschnitten sie sich Stirn und Hände. Wer beschreibt das Erstaunen der Gesellschaft, als sie ihre Somnambule sofort eifrigst damit beschäftigt sahen, die Wunden der Kinder zu verbinden und die armen Kleinen über ihren Unfall zu trösten. Am nächsten Freitag Abends zählte Paris eine Sehenswürdigkeit weniger ... Madame B., in den eleganten Boulevard-Blättern als Somnambule annoncirt, galt als Specialistin in Herzenssachen und Kopfschmerzen. Auf Wunsch einer Freundin begleitete ich dieselbe zu der Wunderthäterin. Der Concierge wies uns in das dritte Stockwerk. Ein grauhaariges Männchen öffnete die Thür. Wir traten in einen kleinen, einfach ausgestatteten Salon, dessen Hintergrund eine podiumartige Erhöhung zeigte. Hier stand ein rothsammtener, offenbar für die Somnambule bestimmter Lehnsessel. Das Männchen stellte sich uns als Magnetiseur vor. Die Gestalt war sehr unbedeutend, dagegen trug das Gesicht, in welchem unter buschigen Augenbrauen scharf blickende, graue Augen leuchteten, einen energischen charakteristischen Ausdruck. Auffallend waren die wohlgepflegten, nervigen Hände, aus welchen das Fluidum strömen sollte, die aber auch mit nachlässiger Eleganz das vor der Consultation geforderte Goldstück anzunehmen verstanden. Der Magnetiseur verließ uns für wenige Augenblicke und kehrte dann in Begleitung der Somnambule zurück. Die Dame mochte dreißig Jahre zählen. Sie war klein und mager; ihr Gesicht, durch zwei große, dunkle, brennende Augen belebt, erschien gelb und mumienhaft. Langes, dunkles Haar wallte über ihre Schultern. »Das sind die elektrischen Schnüre, welche den Magnetismus empfangen und unter Umständen auch wieder ausströmen,« erklärte der Magnetiseur, indem er mit der Hand leicht über die Haarwellen fuhr. Die Dame setzte sich; einige Streichungen genügten, um sie in tiefen Schlaf zu versetzen. Meine Begleiterin reichte einen Ring und frug, ob die Person, welche ihr denselben gegeben habe, treu sei. Der kleine Mann hatte uns vorher erklärt, daß er jede nicht zur Sache gehörige Frage, jede Art Prüfung der Somnambule zurückweisen müsse. Wir sollten uns auf thatsächliche Fragen beschränken. Die Schläferin drehte den Ring hin und her und erklärte, es sei ein Nebel um die Person, welcher sie verhindere, deren Züge zu erkennen, schließlich versicherte sie, daß eine Frau um die Liebe derselben ringe, versprach jedoch meiner Begleiterin den Sieg über die Nebenbuhlerin, nur müsse sie stets sanft und geduldig sein. Begreiflicherweise imponirte uns diese Art des Hellsehens ebenso wenig wie die Behandlung der Kopfschmerzen. »Du leidest, weil dein Herz zu unruhig schlagt; lerne es beherrschen, mäßige dein Empfinden, grüble nicht, hasse nicht, bete täglich zu deinem Schutzheiligen, trinke Sodawasser und nimm von dieser Essenz.« Im nächsten Augenblicke hatte der Magnetiseur aus einem bereit stehenden, verschiedene Fläschchen und Büchschen enthaltenden Kasten ein kleines Flacon mit weißer Flüssigkeit genommen, welches er mit den Worten: »Nur zehn Francs, Madame!« meiner Gefährtin überreichte. Von der Dame über die Charakter-Eigenschaften des geliebten Mannes befragt, erging sich die Somnambule in Gemeinplätzen; mit einemmale griff sie an ihren Kopf, erklärte, nichts mehr zu sehen, und öffnete, gleichsam erschöpft, die Augen. Nach wenigen Minuten erhob sie sich von ihrem Lehnstuhle, machte uns eine artige Verbeugung und zog sich in das Nebenzimmer zurück. – Der Magnetiseur zeigte uns einen ganzen Stoß von Zeugnissen hoher Herrschaften, welche angeblich durch die wunderbaren Rathschläge der Hellseherin noch Heilung bei schweren körperlichen Leiden gefunden, nachdem alle Aerzte längst die Hoffnung aufgegeben hatten. Auf vielfache Erkundigung erfuhr ich, daß es bei andern Somnambulen ebenso uninteressant hergehe. Die Einen wüßten eben etwas mehr, die andern etwas weniger Geist aufzubringen. Mit ebenso viel Unglauben als Interesse folgte ich einer Einladung, welche ein Arzt an die gesammte medicinische Presse von Paris gerichtet hatte, um seine somnambule Frau vorzustellen. Die Sitzung sollte in der Wohnung eines bekannten Pariser Arztes stattfinden. Ein großer Kreis interessanter Leute war versammelt: Grauköpfe, die manch wissenschaftliches Problem gelöst, auf deren Gesichtern skeptisches Lächeln wohnte, Männer mit Physiognomien wie in Granit gemeißelt, die von ernster Gedankenarbeit redeten, jugendlich kräftige Gestalten, deren Intelligenz sie als Anhänger des Fortschritts erkennen ließ. Etwa fünfzig Herren waren dem Rufe gefolgt. Ausnahmsweise wurde mir als der Fremden, als der Frau eines Collegen, gestattet, anwesend zu bleiben. Die Herren discutirten. Der junge Mann, welcher sich als Magnetiseur präsentirte und die Herren als Collegen ansprach, war eine schlanke, kaum mittelgroße Erscheinung, sein Gesicht verrieth Energie und Intelligenz, seine Brust schmückten zahlreiche Orden. »Ich beschäftigte mich,« begann er, »seit Jahren mit den Wundern des Somnambulismus; ich habe bei meiner Frau, welche schon im Alter von zwölf Jahren in somnambule Zustände verfiel, getrachtet, diesen Hang, diese Richtung weiterzuentwickeln. In wie hohem Grade mir dies gelungen ist, werden Sie, meine Herren, selbst beurtheilen. Meine Experimente entstammen rein wissenschaftlichem Interesse.« Der junge Mann stellte nun seine Frau vor. Die Dame, ihrer Aussprache nach Italienerin, mochte höchstens zweiundzwanzig Jahre zählen, sie war mittelgroß, überschlank. Das Gesicht erschien wachsbleich, die dunklen Augen, unter denen sich blaue Ränder hinzogen, blickten müde und verschleiert. Sie trug ein weißes Cachemirkleid, das sich eng, fast faltenlos an Ober- und Unterkörper schmiegte und die Formen des ersteren scharf hervortreten ließ. Die Arme waren völlig entblößt, das Haar fiel in Ringeln auf die Schultern. Ziemlich deutlich erklärte die Dame ihre Bereitwilligkeit, die Vorstellung zu beginnen. Nach wenigen magnetischen Streichungen von Seite ihres Gemals versank sie in tiefen Schlaf, die Augen blieben jedoch weit geöffnet. Einige der anwesenden Herren überzeugten sich, daß die Pupillen nicht reagirten. Der Magnetiseur stellte zwischen einem der Anwesenden und der Dame den magnetischen Rapport her, indem er die Hände der beiden Personen in einander legte. Er bat den Herrn, in Gedanken seine Wohnung zu betreten und sich von der Somnambule begleiten zu lassen. Diese werde die Wohnung genau schildern. Nun begannen peinliche Minuten, die arme Hellseherin war offenbar ihrer Aufgabe nicht gewachsen; durch vielfache Andeutungen hatte sie zwar eine Straße im Quartier Latin als Wohnstätte des Doctors angegeben, in der Beschreibung der Wohnung jedoch konnte sie sich nicht zurechtfinden; trotzdem ihr der Fragende sehr liebenswürdig entgegenkam und ihr eine Menge von Fingerzeigen bot, bezeichnete sie die Lage und Einrichtung der Wohnung ganz falsch; sie litt offenbar unter der Angst, welche sich ihrer bemächtigt hatte, und gab mit leiser, wispelnder Stimme verwirrte Antworten. Ihr Gatte bemerkte das Lächeln auf den Mienen aller Zuseher und unterbrach den magnetischen Rapport mit der Frage: »Glauben Sie an Magnetismus, mein Herr?« – »Nein,« versetzte der Angeredete, »aber es würde mich freuen, durch Ihre Frau Gemalin eines Bessern belehrt zu werden.« Der Magnetiseur rief aus: »Jetzt begreife ich Alles; durch Ihren Unglauben gehen die mächtigsten Ströme magnetischen Fluidums verloren, nur dem Gläubigen enthüllt sich die Welt der Wunder.« Eine deutsche Gesellschaft wäre in lautes Lachen ausgebrochen, die Franzosen blieben artig und ruhig. – Der magnetisirende Doctor bat eine andere Person, in magnetische Verbindung mit seiner Frau zu treten. Der Erfolg war nicht besser, und abermals behauptete der Gemal, daß die Kraft der Somnambule an dem ungewöhnlich starken Unglauben der Gesellschaft zerschellen müsse. Das war selbst den artigen Franzosen zu viel. Lebhaftes Gemurmel erhob sich. Da zog ein älterer Herr ein versiegeltes Päckchen aus der Tasche. »Wir erlassen der Hellseherin alle Wunder; sie möge uns einfach sagen, was in diesem Päckchen ist!« – »Hier werden unglaubliche Zumuthungen gestellt; das Medium gehorcht nicht Ihrem Willen, das Medium hat sich nur nach mir zu richten und ich verbitte mir derlei Alfanzereien!« rief der erregte Magnetiseur. Heftige Aufregung bemächtigte sich der Versammlung. Scharfe Worte fielen, und nur mit Mühe gelang es dem Experimentator, die Aufmerksamkeit des Auditoriums neuerdings zu gewinnen. Der magnetische Rapport ward beiseite gelassen und es begannen nun die bekannten Kunststückchen. Die junge Frau ward steif und starr, verblieb in den schwierigsten Stellungen, ließ sich die Arme mit Nadeln durchstechen u. s. w. Einer der Zuschauer behauptete, die Production nur dann gelten zu lassen, wenn die Dame mit verbundenen Augen manipulire. Die nicht reactionirenden Pupillen seien kein Beweis für das Nichtsehen. Ein anderer der Anwesenden meinte, man habe gemg gesehen, um zu wissen, daß man bei Professor Charcot in der Salpétrière täglich weit interessantere Dinge beobachten könne. Eine andere Gruppe sprach über Katalepsie, und erläuternd berührte einer der Sprecher die Schlafende. Der Magnetiseur gerieth in furchtbare Aufregung. »Diese Zerrung muß meine Frau schmerzen, Sie haben kein bezahltes Medium vor sich, Ihre ganze Kritik ist höchst ungerecht, Sie haben sich nur zum Spott hier versammelt.« Ein erregtes Wort gab das andere. Der Hausherr empfand das überaus Peinliche der Situation. Er haschte nach einem anderen Ansprachsthema, und es gelang ihm, die Versammlung auf seine neuen elektrischm Apparate aufmerksam zu machen. Man gruppirte sich um dieselben in einem zweiten Salon und plauderte. Die Hellseherin war indessen erwacht, ihr Gatte sprach von störenden, mit einander ringenden Natureinflüssen, und bald verließ die Somnambule im dunklen Straßenanzuge den Schauplatz ihrer Niederlage. Die medicinische Presse hatte keine Ursache, eine neue Aera des Somnambulismus zu verzeichnen. Die Franzosen, welche einst officiell die Göttin Vernunft auf den Thron setzten, haben auch von diesem Thron manches Stück abgeschlagen ... Man zeigte mir in einem eleganten Wagen im Bois de Voulogne eine ziemlich corpulente, etwa fünfzig Jahre alte Dame, welche zwei reizende junge Mädchen, ihre Töchter, begleitete. Die Dame besaß ein großes Hotel in den Champs Elysées, eine Villa in Passy und folgende Biographie: Als Tochter eines Concierge betrat sie, fünfzehnjährig, in einer Féerie eine Vorstadtbühne; in einer Versenkung verletzte sie sich den Fuß und war, da sie fortan hinkte, gezwungen, der Bühne zu entsagen. Ihre Schönheit veranlaßte den Unternehmer eines cercle de jeu , sie als Buffet-Dame zu engagiren. Nach zwei Jahren erzählte ihr ein die Gesellschaft besuchender Magnetiseur, daß seine Somnambule ihm gestorben sei; sie erbot sich als Ersatz, jedoch gegen »Halb Part«. Paris, London, Rom und Madrid beschäftigten sich jahrelang mit der wunderwirkenden Hellseherin. Nach gethaner Arbeit beschließt diese ihr Leben als Rentière, nur noch damit beschäftigt, für die beiden Töchter, mit deren Vätern die Mairie nicht viel zu schaffen hatte, gute Partien zu suchen. Sie wird sie finden. Der Mode-Bazar und das Publicum. Eine statistische Uebersicht der französischen Handelsverhältnisse hat jüngst ergeben, daß die Ausfuhr Frankreichs in den letzten Jahren um viele Millionen abgenommen hat, während die Einfuhr in stetiger Zunahme begriffen ist. Vielleicht läßt sich ein Zusammenhang zwischen dieser und einer anderen Thatsache finden, die wohl geeignet ist, die Beobachter volkswirthschaftlicher Verhältnisse zu interessiren. Die riesige Stadt, welche als das Herz eines großen Organismus die weitesten Kreise mit dem Ausdruck ihrer Lebensthatigkeit erfüllte, war früher der Boden, auf dem jedes Geschäft, das fleißig betrieben wurde, Wurzel faßte und gedieh, denn mit dem ungeheuren Angebot stand die Nachfrage in richtigem Verhältniß. Die Concurrenz spornte den Geist zu mannigfaltigen Erfindungen an, die Leute waren ununterbrochen thätig; sie begannen mit einem kleinen Geschäftchen, dehnten dasselbe in der Folge weiter aus, arbeiteten viel, brauchten sehr wenig und zogen sich meistens noch im kräftigen Mannesalter als Rentier zurück. Dem Pariser Geschäftsmann schwebte von dem Tage, an dem er seinen Laden eröffnete, ein bestimmtes Ideal vor: ein eigenes kleines Haus in der Umgebung der Stadt mit einem Gemüsegärtchen daran, einige Obstbäume in demselben und schöne Rosenstämmchen auf der kleinen Terrasse. Passy, Auteuil, Asnieres, Enghien, Vincennes und wie die kleinen Orte in der nächsten Nähe der Weltstadt alle heißen mögen, waren das Ziel jener Träume, denen die praktischen Geschäftsleute Jahr um Jahr nachhingen, bis das ersparte Geld ihnen erlaubte, den Traum in Wahrheit zu verwandeln. Der Kaufmannsstand sowie der Industrielle beherrschten aber auch das Terrain. Sie gaben im Mittelstande den Ton an und ihr Einfluß auf die Gesellschaft, ihre Stellung, ihre Beziehungen hingen ausschließlich von der Höhe ihres Vermögens ab. Während man in London und England über den "Shop-keeper" lächelte, während die eigentliche Gesellschaft sich streng von der Handelswelt dieser Art abschloß, gelangte sie in Paris zu hochbedeutender Macht. Das Mark der Handelswelt war durch und durch gesund. Die Arbeit bildete das Princip, welches die Familie zusammenhielt und ihre segnende Wirkung weithin fühlbar machte. Mann und Frau waren miteinander von Beginn der Ehe zu gleichen Zwecken thätig. Man genoß mit zufriedenem Gefühl die Ruhe, welche nicht allzu lange auf sich warten ließ, da man mit einer bescheidenen Rente vorlieb nahm. Der feine Geschmack war ein Gemeingut des Handelsstandes, in welchem jeder Einzelne sich bemühte, die Mode durch Erfindungen seiner eigenen Phantasie zu bereichern. Jeder Kaufmann konnte auf einen gewissen Kreis von Kunden zählen, die er seinen Stamm nannte. Zwischen dem Verkäufer und Käufer herrschte Vertrauen, die Basis eines reellen Geschäftsverkehrs. Die Zeit, in welcher sich das Leben des Kaufmannsstandes in solcher Weise abspielte, muthet die gegenwärtige Generation wie ein Märchen aus verklungenen Tagen an. Die Physiognomie der jetzigen Pariser Handelswelt ist eine wesentlich andere geworden. Das Individuum ist untergegangen. Die Masse sitzt auf dem Thron. Kanonenstöße der Reclame bedrohen die Ohren des Publicums mit Taubheit. Die Zahl der Pariser Kaufleute, welche ohne Deficit arbeiten, welche ohne schwere Sorge dem Morgen ins Antlitz sehen, ist kleiner geworden, die glänzenden Schaufenster maskiren nur zu oft glänzendes Elend. Der Handel ist centralisirt, das Geschäft monopolisirt. Die Industrie arbeitet für wenige Massenabnehmer. Kein Wunder, wenn die Erfindungsgabe stagnirt. Die Stabilität der Mode, die sich seit wenigen Jahren bemerkbar macht, fußt nicht in vernünftigen Anschauungen, sondern in der Parole, welche die Massenconsumenten ausgegeben haben und welche dahin lautet, dem Alten nicht durch neue Erfindungen Concurrenz zu machen, die schließlich den eigenen Waarenvorrath aufs empfindlichste schädigen könnten. Die Macht liegt in der Hand der großen Bazars, dieser gigantischen Unternehmungen der Neuzeit. Alles ist darauf berechnet, das Kleingewerbe zu tödten, Alles zielt darauf, die Herrschaft über den Käufer zu erringen, durch alle denkbaren Mittel das Publicum anzuziehen und auf dem Weltmarkt den Sieg davonzutragen. In den riesigen Räumen des Geschäftes, in dem zuweilen ein Personal von etwa viertausend Personen den Verkehr mit dem Publicum vermittelt, wird der Käufer seiner Individualität entkleidet, er wird zur Nummer, die kaufende Menge wird nivellirt. Da ist Keiner, der durch langjährige Verbindung mit dem Hause Anspruch auf Vertrauen oder Auszeichnung machen dürfte, den Launen Aller gilt es zu schmeicheln. Die Zusammensetzung der großen Bazare gleicht einer ungeheuren Maschinerie. Rad um Rad greift ineinander, und diese Riesenmaschine stellt sich eine einzige Aufgabe: auf die Schwächen der Frauenwelt zu speculiren. Sie steigert deren Gelüste nach Luxus, sie zeigt ihr in zierlichster Anordnung eine Unzahl von Gegenständen, deren Besitz ihr gar bald nothwendig erscheint. Kühlen Blutes ist die Dame in den großen Bazar getreten, um beispielsweise ein wärmendes Jäckchen für ihren kleinen Knaben zu kaufen. Nach beendeter Wahl hat sie sich erinnert, daß es ihr noch an ein paar Handschuhen fehlt. Wie sie so dahinschritt vom Departement der Kindergarderobe bis zu dem der Handschuhe, hat der Sirenensang des Luxus sie unablässig umtönt. Durch weite Räume, in denen Sammt und Seide aufgespeichert und in berückendster Weise zur Schau gestellt sind, durch Hallen, in denen Hunderte von fertigen Kleidern, Hunderte von Mänteln, unzählbare Hüte die neuesten Gesetze der Mode verkünden, vorbei an den duftigen echten Spitzen, vorüber an den blinkenden, blendend weißen Schätzen von Leinen und Batist, vorwärts durch die Abtheilungen der Teppiche und Möbel bahnt sie sich einen Weg durch das reizende Durcheinander der Parfumerie-Artikel, der Lederwaaren, der Fächer, sieht sie über ihrem Haupte die große aus Sonnenschirmen gebildete Rotunde sich wölben, eilt durch die künstlichen Blumen, durch die in Prachtbänden prangenden Bücher, durch die unzähligen Spielwaaren, durch das Gewoge von Bändern; bis sie endlich zu der Abtheilung »Handschuhe« gelangt, sind alle guten Vorsätze vergessen. Am nächsten Morgen wird der elegante Wagen des Magazins vor der Wohnung der Käuferin halten: eine Fülle von unentbehrlichen Dingen, die ihr am Tage vorher ganz überflüssig erschienen sind, wird von dem gallonirten Diener überreicht. Die Rechnung zeigt nun allerdings eine erschreckende Summe, aber man ist befriedigt, denn der große Bazar versteht es, einer zweiten Leidenschaft der Frau, derjenigen des billigen Einkaufens, zu fröhnen. Wie hätte man an diesem Reste von Damast vorübergehen können, der so fabelhaft billig war, wie konnte man den Ausverkauf von Bändern und Spitzen ungenützt lassen? Müde und erschöpft hat man in dem Lesesaal gerastet, der den Käufern zur Verfügung steht. Auf dem Tische liegen in Prachtbänden die neuesten Jahrgänge von allerlei Modeblättern und Kostümbilder. Dort an jener grünen Tafel stiegen die Federn emsig über das Papier, welches der Bazar Jedem frei gewährt. Hier besorgt der Ehemann die Correspondenz, während seine Frau in den Schätzen wühlt; von hier flattert manch heimliches Liebeswort, manch verbotenes Briefchen hinaus. Die Dame ist nirgends so sorglos und unbeachtet wie hier. In unmittelbarer Nähe des Lesesaales drängen und drücken dichte Menschenmassen sich in eine Halle, in welcher sechs Diener ununterbrochen beschäftigt sind, Jedermann unentgeltlich Limonade und Fruchtsyrup zu verabfolgen. Mit den Kindern eilt man nach jener Abtheilung, in der die großen mit Gas gefüllten Ballons jede halbe Stunde von einem Beamten an die anwesende Kinderwelt vertheilt werden. Die vielen Hunderte von Kindern, die seelenvergnügt mit dem Luftballon in der Hand in Paris umherspazieren, machen treffliche Reclame für das Geschäft, denn auf jeden Ballon ist der Name des Hauses gemalt. Am nächsten Morgen, wenn die Waaren ins Haus gebracht werden, kehrt die Vernunft zurück. Was soll man mit allen diesen Vorräthen anfangen, wie die Rechnung bezahlen? Der Bazar hat für ein Auskunftsmittel gesorgt. Man ist bereit, Alles wieder zurückzunehmen, ja selbst bezahlte Gegenstände werden einfach wieder den Vorräthen einverleibt. Die Casse erstattet ohne Bemerkung den Betrag. Durch dieses Entgegenkommen werden die Handelsverhältnisse erleichtert. Der Käufer kauft rascher, weil er morgen das Gekaufte wieder zurückerstatten kann, aber der Korruption wird gleichzeitig augelweit die Thür geöffnet. Es ist etwas Alltägliches, daß Damen Hüte oder Confectionsgegenstände auswählen, sie am nächsten Tage bei einer Festlichkeit verwenden und wenige Stunden später zurücksenden. Es geschieht nicht selten, daß sogar Teppiche und elegante Möbel nach Hause gebracht werden, um gelegentlich eines Empfangstages zu glänzen und nach demselben in den Bazar zurückzuwandern. Man hat nach dieser Richtung hin Unglaubliches erlebt. Vor einiger Zeit hat der Schriftsteller Pierre Giffard ein bemerkenswerthes Buch über die großen Bazare veröffentlicht. Dieses Buch hat gewiß auch auf Zola gewirkt, dessen neuester Roman »Le Bonheur de Dames« das Leben und Treiben in diesen modernen Colosseen schildert. Giffard hebt eine Thatsache hervor, die ein furchtbares Licht auf die Gesellschaft wirft. Mitten in die glänzenden Räume, wo alle Schätze des Luxus aufgespeichert liegen, schleicht sich der Feind in der Gestalt des Diebstahles. Schrecklich genug sind es Frauen der guten Gesellschaft, welche jedes Gefühl mit Füßen treten und den elenden gemeinen Diebstahl zu ihrem furchtbaren Genossen machen. Eine Anzahl von Inspektoren ist bestimmt, auf alles Verdächtige zu achten. Unbegreiflicherweise sind die Diebinnen meist Frauen von hohen Beamten, von Würdenträgern des Staates, von Aerzten, Rentiers, Advocaten u. s. w. Die Heilkunde kennt allerdings einen Zustand, den sie Kleptomanie nennt, er kommt aber nur in verschwindend seltenen Fällen in Betracht. Giffard gibt an, daß in zwei Jahren in den Pariser Bazars zwölfhundert Diebinnen zur Verantwortung gezogen wurden. Der Inspector achtet genau auf die Schuldige; er geleitet sie in ein Gemach und ruft zwei Personen des weiblichen Personals, welche eine Durchsuchung vornehmen und aus den Aermeln, dem Muff oder eigens construirten Taschen gestohlene Objecte zu Tage fördern. Man hat Damen angehalten, die für zehn- bis fünfzehntausend Francs Spitzen entwendeten und hochadelige Namen trugen. In vielen Fällen verschmäht es der Bazar, die eleganten Diebinnen der Polizei zu überantworten. Man will keine bösen Zungen, man haßt das Aufsehen; man läßt sich von der Schuldbeladenen ein Attest geben, welches die Schuld bestätigt, und das man ihr gegen den Erlag einer bedeutenden Summe für die Armen zurückstellt. Die riesigen Stapelplätze des Luxus erzeugen als weitere Thatsache die Unmöglichkeit, den Preis einer Waare mit Verständniß zu bestimmen. Unablässig bemüht, das große Publikum anzulocken, werden zu diesem Zwecke die verschiedenartigsten Hebel in Bewegung gesetzt. Es gibt stets einige Artikel, die so billig feilgeboten werden, daß ihr Verkauf mit bedeutenden Verlusten verbunden ist. Die Menge stürzt sich auf dieselben und erwirbt nebenbei eine Unzahl von Dingen, an welchen der Bazar sich für den Verlust schadlos hält. Um immer frische und neue Waare zu haben, jagt ein Ausverkauf den anderen. Niemand weiß schließlich mehr, was eine Sache werth ist, man weiß nur, zu welchen Preisen man sie erworben hat. Eine fernere entsittlichende Wirkung der Bazare liegt in dem Umstande, daß durch sie die Eheschließungen im Handelsstande seltener werden, daß Mann und Frau sich nicht mehr zusammenfinden, um einer gedeihlichen Zukunft entgegenzugehen. Der verheiratete Beamte des Bazars, dessen Einkünfte nicht hoch genug sind, die Familie selbstständig zu erhalten, der darauf angewiesen ist, die Frau miterwerben zu lassen, öffnet dem Elend, der Armuth Thür und Thor. Man fordert von verheirateten Leuten mehr und bietet ihnen weniger, weil man recht gut weiß, daß sie schwer Stellung finden. Der Beamte des Bazars scheut daher selbstverständlich vor der Ehe zurück. Daß diese Umstände der Sittlichkeit und der Moral geradezu entgegenarbeiten, bedarf keiner Erwähnung. Man sollte glauben, der Industrielle erziele durch die Abnahme seiner Waare von seiten des Bazars große Vortheile. Allerdings ist es bequemer, für ein einziges großes Haus zu arbeiten, als eine Menge von Consumenten zu befriedigen. Es fehlt jedoch selbst diesem Bilde nicht an Schatten. Der Bazar weiß, daß der Industrielle auf ihn angewiesen ist, er bestimmt den Preis, er zwingt den Industriellen, seine Gebote anzunehmen, und kann ihn im Augenblick, wo er ihm den Rücken kehrt, zu Grunde richten, denn wo soll der Mann, welcher die Kundschaft eines Bazars verliert, rasch ein Aequivalent auftreiben? Der Bazar muß Alles daran setzen, billiger als jeder Andere zu verkaufen. Er muß daher dem Erzeuger die niedrigsten Preise dictiren, und dieser erzeugt Marktwaaren, die auf den Schein berechnet sind, dem Auge wohlgefallen, in der kürzesten Zeit jedoch sich in Schund verwandeln. Die Solidität, die treffliche Ausführung der Pariser Fabrikate hat bedeutend gelitten. Der nicht Eingeweihte macht sich schwer einen Begriff von der Größe des Consums. Der Umsatz in einem der größten Bazare betragt täglich ungefähr 1 600 000 Frcs. Dasselbe Haus versendet jährlich kleine Seidenmuster, zu denen für 300 000 Francs Seidenwaaren verschnitten werden. Paris zählt fünf bis sechs Bazare, die, glänzend fundirt, mit riesigen Mitteln das Geschäft monopolisiren. Bedauerlicherweise haben einzelne Kaufleute, um dem Stoß zu begegnen, nach einem falschen Mittel gegriffen. Sie trachten ihr Geschäft in einen Bazar zu verwandeln. Zu diesem Zwecke wurden allerlei Waaren aufgestapelt, die Reclamentrompete wurde geblasen, dem Publicum noch nie Dagewesenes an Billigkeit versprochen und alle erdenklichen Leimruthen aufgestellt, um die leichtgläubige Menge zu fangen. Der weitaus größte Theil dieser Geschäfte ist nur darauf basirt, die Käufer auszunutzen und zu prellen. Der Pariser Handel im Allgemeinen ist zertrümmert. Statt der ehemaligen Wohlhabenheit herrscht die Sorge. Eine kleine Anzahl von Elitegeschäften bleibt allerdings aufrecht; sie bieten das Beste und das Theuerste, aber sie können nur auf einen beschränkten Kundenkreis rechnen. Vor einiger Zeit haben die zwei größten Bazare von Paris in der socialen Frage Stellung genommen. Als der Strike der Tischler und Tapezierer ausbrach und die vereinigten Meister es als unmöglich erklärten, auf die Forderungen der Arbeiter einzugehen, als demzufolge die Werkstätten geschlossen wurden, erklärten die beiden größten Etablissements sich bereit, die Löhne zu erhöhen und allen entlassenen Arbeitern Beschäftigung zu geben. Diese Handlungsweise war ein Schlag mehr, den die Bazare der Industrie versetzten. Die Unterstützung der Arbeiter zwang die Meister, nachzugeben oder ihre Kundschaft in die Arme der Bazare zu führen. Das Capital, mit welchem die Bazare arbeiten, ist zum Theil durch Actien aufgebracht. In einem der Bazare sind selbst Geschäftsangehörige des Hauses mit drei Millionen Einlagen betheiligt. Ein anderer Bazar arbeitet mit dem Gelde geistlicher Congregationen. Die Bazare sind durch den ungeheuren Einfluß, den sie auf die Arbeiterbewegung, somit auf die sociale Frage nehmen können, geradezu gefährlich, und durch die Massenanhäufung des Capitals widersprechen diese Organisationen den modernen nationalökonomischen Grundsätzen. Die Mode hat die Bazare geschaffen, heute schaffen die Bazare die Mode. In der fortwährenden Bewegung aller Vorgänge wird aber auch der Augenblick nicht ausbleiben, welcher die Bazare aus dem Sattel hebt und dem Kaufmannsstande sein altes Gedeihen wiedergiebt. Das ist indessen nur dann möglich, wenn der Kaufmannsstand das Aeußerste an Solidität aufbietet und das Publicum durch schöne, preiswürdige Waare anzieht, anstatt die Bazare nachzuahmen. Aber auch hier heißt es in der schwierigsten Situation aushalten. Ein Ungefähr reicht hin, die Lage zu ändern.