Paul Rosenhayn Die drei aus Hollywood   Quelle: PDF mit freundlicher Genehmigung von www.alte-krimis.de I. Peter Thornquist fuhr verwirrt aus dem Schlaf empor. Er richtete sich im Bette auf. Das Zimmer war dunkel. Das Fenster, das auf den lichtlosen Hof blickte, war geöffnet; er wußte, daß er es am Abend empor geschoben und festgeriegelt hatte. Undurchdringliche Septembernacht lag über dem Geviert des Hofes. Thornquist fühlte noch das Klopfen seines Herzens, noch zitterte das jähe Erschrecken in ihm nach. Aber es mußte ein Irrtum gewesen sein. Vielleicht ein Traum. Ärgerlich lehnte er sich in die Kissen zurück. Da, plötzlich, kam von neuem der Ton durch die Nacht: jenes unerklärliche Gelächter. Es war also kein Irrtum gewesen. Er sprang aus dem Bett und ging über den weichen Fries, der den Boden bedeckte, ans Fenster. Alles war in schweigendes Dunkel gehüllt. Gleichwohl – aus einem dieser Fenster, die sich verhundertfachten, die in regelmäßigen und monotonen Reihen im Rechteck den Hof säumten, in acht, zehn, zwölf Stockwerken – aus einem dieser Fenster mußte dieses beklemmende Gelächter gekommen sein. Das war das Lachen einer Frau gewesen, er hatte es ganz deutlich gehört. Es war an sich gewiß nichts besonderes, wenn in einem Straßenblock, der aus Hotels und Boardinghäusern bestand, menschliche Stimmen aufklangen – aber dieser Ton hatte etwas so Unnatürliches und Furchterregendes gehabt, dieses Lachen in der Tiefe der Nacht – er fühlte es; in diesem gellenden Gelächter lag Furcht. Vielleicht Entsetzen. Merkwürdig, nichts neben ihm, unter ihm rührte sich. Hatte keiner außer ihm die Frauenstimme gehört? Aber das war diese verwünschte deutsche Weichherzigkeit. Immer noch ergriff es ihn, wenn er fremdem Leid begegnete; mitten im rasenden Tempo dieses New York konnte er stehen bleiben, sich um ein Kind, um einen Hund ängstigen. Die Menschen hasteten an ihm vorüber: Amerikaner, Neger, Zugewanderte – alle erfaßt von dem erbarmungslosen Tempo dieser Stadt, mit einem flüchtigen Blick auf den komischen Fremdling, der Zeit hatte – für andere. Ärgerlich über die Störung, nein, im Grunde ärgerlich über sich selbst, legte er sich von neuem schlafen. Das Ticken der Uhr störte ihn; sie stand auf dem Nachttischchen, er hatte sie bisher überhaupt nicht gehört; aber nun waren seine Nerven irritiert. Er knipste das Licht an. Zehn Minuten nach drei. Ein feines Summen tat sich auf; die Flamme hatte ein paar Moskitos angelockt; verdrießlich drückte er auf den Knopf. Nun war das Zimmer wieder erfüllt von jener bläulichen Dunkelheit, die alle Dinge in einen gefährlichen und unentrinnbaren Schleier hüllte. Er glaubte ein Geräusch zu hören, so als ob jemand mit leisen Schritten auf ihn zukomme; der Ton verstummte; plötzlich klang es aus einer anderen Richtung von neuem auf. Aber das waren die verdammten Nerven; er streckte sich im Bette aus, mit dem festen Willen, wieder einzuschlafen. Und bald schlief er wieder ein. Peter Thornquist schrak aus dem Schlaf empor – mit dem bestimmten Gefühl: du bist nicht allein. Er konnte sich keine Rechenschaft über das Warum geben – das kam aus dem Unterbewußtsein. Eine beklemmende Angst stieg in ihm auf. Er schaltete das Licht ein. Dort, am Fenster, stand eine junge Dame. Thornquist richtete sich betroffen auf. Ihm fiel ein: unweit des Fensters lief die Feuerleiter ... Die Fremde sah ihm unverwandt ins Gesicht. Sie war in einem dunklen Pyjama; sie war hübsch und jung. Während er sie betrachtete, trat in ihr Gesicht ein Ausdruck, den er nicht verstand. »Was wünschen Sie?« Die junge Dame zuckte beim Klang seiner Stimme zusammen. Nein: so sah keine Diebin aus. Und auch keine, die auf ungewöhnliche Weise ein galantes Abenteuer suchte. Sie war von dunklem Typ: das Haar fast schwarz, die Augen, in denen der angsterfüllte Ausdruck wuchs, schimmerten dunkelbraun. Diese Frau war vor irgend etwas geflohen. Vor einem Menschen. Vor einer Gefahr. Vor einer drohenden Katastrophe. Vor irgend etwas, was ihr Grauen eingeflößt hatte. Er sah, daß sie zitterte. Ein Laut kam aus dem Zimmer nebenan. Schritte klangen auf; deutlich hörte er murmelnde Stimmen. Die Fremde wandte betroffen den Kopf; sie drängte sich, wie in dem Wunsch sich unsichtbar zu machen, gegen die dunkle Portiere, die das Fenster umrahmte. »Sind Sie in Gefahr?« fragte er hastig. Die Schritte nebenan kamen näher. »Kann ich Ihnen helfen? Woher kommen Sie?« »Mein Herr –« ihre Stimme kam leise, furchterfüllt, durch die Stille des Zimmers. »Ich habe ... Ja, ich bitte Sie, mir zu helfen. Ich bin auf der Flucht ...« In diesem Augenblick klopfte es laut an die Tür: ein ganz bestimmtes Klopfen. Die Fremde stieß einen halb unterdrückten Schrei aus. Thornquist ging zur Tür, schloß auf und trat auf den Flur hinaus. Dort stand der Hotelbesitzer. Neben ihm zwei Fremde. »Mr. Thornquist?« »Was wünschen Sie?« Der eine der beiden, der Größere, er war von der kühlen und harten Gelassenheit des amerikanischen Beamten, sah Thornquist herausfordernd ins Gesicht. »Wir suchen eine Frau.« Gereizt antwortete Peter Thornquist: »Wie kommen Sie dazu, mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu stören?« Der andere, unbeirrt, als ob er den unfreundlichen Ton gar nicht bemerkte, nickte. »Diese Frau ist bei Ihnen.« »Das ist nicht wahr«, sagte Peter kopfschüttelnd. Dabei wunderte er sich über seine eigene Dreistigkeit, Im nächsten Augenblick mußte sich die Lüge herausstellen. Aber er fühlte, das war wieder diese verdammte deutsche Ritterlichkeit. Diese Frau war in Not. Sie wurde gehetzt. Er mußte sie beschützen. Der vor ihm Stehende schob ihn mit einer merkwürdig geschickten Handbewegung zur Seite und stieß die Tür auf. Nun mußte man entdecken, daß er die Unwahrheit gesagt hatte. Das Zimmer war leer. Der Große wandte sich halb herum, zu seinem Kollegen, der ihm, die Hände in den Hosentaschen, mit breitschultriger Gemächlichkeit folgte. Dann blickten die beiden auf Thornquist; in ihren Augen malte sich ehrliches Erstaunen. »Hier ist wirklich keine Dame?« fragte der Kleinere. »Ich sagte es Ihnen bereits«, wiederholte Peter, der weit erstaunter war als die beiden. Der Größere legte die Hand auf den Drücker zum Kleiderraum. Peter fühlte, wie ihm das Blut zum Herzen schoß. Jener riß die Doppeltür auf, automatisch schaltete sich das Licht ein. Der Zweite, der im Hintergrunde des Zimmers geblieben war, vielleicht um Peter den Rückzug abzuschneiden, sah dem Kollegen neugierig zu. Der nickte anerkennend: »Schöne Garderobe haben Sie! Der Smoking ist seine siebzig Dollars wert« und drückte die Doppeltür behutsam wieder zu. »Sie ist nicht da«. Der andere blickte unter das Bett, er ließ den Strahl der Taschenlampe hinter die Möbelstücke fallen. Das alles war überflüssig. Denn das ganze Zimmer war erleuchtet. Er blickte unter die Bibliothek. »Haben Sie sich jetzt überzeugt?« erkundigte sich Peter. »Hm. Sie erlauben ...« damit schlug der Größere, der offenbar der Führer war, die Bettdecke zurück. »Tja« sagte er. »Das ist eine merkwürdige Geschichte. Wir suchen eine gewisse Susie Lacombe . Filmschauspielerin soll sie sein. Sie ist weiß Gott nicht hier. Aber sie ist hier gewesen. Oder ich will mit Gene Tunney drei Runden boxen.« »Jetzt haben Sie wohl die Güte, die Tür von draußen zuzumachen.« Der Beamte kniff ein Auge zu und wandte den Kopf zum Fenster. Er schürzte die Lippen; indem er, den Blick auf eine unsichtbare Spur geheftet, auf das Fenster zutrat, nickte er dem Kollegen zu. Plötzlich drehte er sich zu Thornquist herum. » Was treiben Sie in New York?« fragte er, mit dem Finger inquisitorisch auf Thornquist deutend. Thornquist antwortete, indem er zur Tür ging: »Ich wünsche jetzt zu schlafen.« »Sie sind Deutscher?« fragte der andere, ohne sich im geringsten um die Abweisung zu kümmern. »Gute Nacht,« Damit machte Thornquist die Tür auf. »I say, old chap: so spricht man nicht mit uns. Entweder Sie sagen mir jetzt auf der Stelle, was Sie in New York treiben ... oder ich ...« Damit schlug er die halb geöffnete Tür krachend ins Schloß. Peter Thornquist zog fröstelnd den Kragen des Schlafanzugs hoch. Er ging langsam auf die beiden zu, die ihm mißtrauisch entgegenblickten; halblaut sagte er, so als ob er eine gesellschaftliche Floskel ausspräche: »Wie denken Sie über S-L-Y?« Die beiden sahen sich an. Sie wandten ihre Gesichter langsam, überrascht, Thornquist zu; wieder blickten sie einander an; wie auf ein unhörbares Kommando tippten sie mit den Zeigefingern an den Hutrand, und der Größere sagte: »Das ist etwas anderes. Also nix für ungut. Blödsinnige Geschichte das mit dieser Susie Lacombe. Aber was kann man machen? Wenn sie nicht da ist, ist sie eben nicht da. Habe ich recht?« »Zweifellos«, sagte Thornquist. »Well, sir. Tut uns leid, Sie gestört zu haben. Schlafen Sie ruhig weiter. Und sollten Sie was von dieser Susie Lacombe hören: telephonieren Sie an die Einundfünfzigste Division.« Noch einmal wandten ihm die beiden ihre betroffenen Gesichter zu; dann zogen sie geräuschlos die Tür hinter sich ins Schloß. Peter Thornquist stand einen Augenblick lauschend. Die Schritte der beiden verklangen in der Tiefe des Hauses. Er trat ans Fenster. Nichts war zu sehen. Ein Lichtstrahl flimmerte in das Dunkel des Hofes hinaus; aber alles war regungslos. Er zuckte die Achseln, drückte auf den Ausschaltknopf und ging mißmutig wieder schlafen. * Hollywood ... Die Pfeife des Regisseurs schrillt durch das Atelier: »Achtung ... Aufnahme ...!« Von der Decke tropft das Licht aus zwanzig Spot-Lights nieder; dreißig Quecksilberlampen flammen im Kreise auf. In den Ecken zischt es: hinter den Riffelscheiben der großen Aufheller. Der Primas hebt den Geigenbogen. Zwanzig Zigeuner fallen ein: ein Kálmán'scher Walzer. Der Regisseur nimmt das Megaphon. Vierzig Paare wirbeln durch den Saal; Ballnacht auf Schloß Klausenburg. Der Regisseur kommandiert: »Komparserie ... langsam auseinandertanzen! « Ein Dutzend Honvedoffiziere mit ihren Damen folgt dem Befehl. Aus der Menge löst sich ein junges Paar. »Fräulein Lacombe – Sie tanzen mit Ihrem Partner in den Vordergrund!« Wieder geht die Pfeife. Die Aufnahmeleiter nehmen das Signal auf; sie schreien in den Saal: » Licht aus! « Zischend erlöschen die Flammen. Nun fällt das Sonnenlicht auf geschminkte Gesichter. Auf den zerschlissenen Lack der Filmmöbel. Auf tausend Requisiten, denen das Grau des Tages mit einem Schlage ihren Zauber nimmt. Die junge Filmschauspielerin löst sich aus dem Arm ihres Tanzpartners; mitten im Saal bleiben die beiden stehen. Die Komparserie zieht sich zurück, gelangweilt, übermüdet. In die Winkel des Raums, wo Latten und Kabelschnüre aufgestapelt sind. Der Regisseur geht auf die beiden zu. »Großaufnahme!« Eben bringen zwei Boys ein Fahrgestell. Zwei andere montieren unter Assistenz des Kameramannes den Aufnahmeapparat auf die Tragfläche. »Licht!« Wieder flammt es auf; mit einem Schlage wird aus belanglosen Kulissen der Ballsaal des Schlosses Klausenburg. »Fräulein Lacombe – Sie nehmen den Arm Ihres Partners, Tanzen Sie langsam im Takt der Melodie mit ihm durch den Saal.« Die beiden schmiegen sich fester aneinander; in ihre Gesichter tritt ein zärtlicher und leidenschaftlicher Ausdruck. Während sie durch den Saal gleiten, folgt ihnen die Kamera. Der Operateur beobachtet jede Nuance ihrer Bewegungen; in wiegendem Rhythmus fixiert sich das Bild ihres Tanzes auf dem rollenden Zelluloidband. Der Regisseur ruft: »Fräulein Lacombe – Sie heben den Kopf! Nicht zu sehr, ein wenig tiefer, bitte. So, danke. Herr Boothby: Sie werden durch die Bewegung Ihrer Partnerin aufmerksam. Sie sehen ihr in die Augen. In die Augen, Herr Boothby – in die Augen, nicht auf die Schultern! So, ausgezeichnet, meine Herrschaften. Jetzt bleiben Sie in Ihrem Tanze auf einem Fleck. Deuten Sie nur annähernd den Rhythmus an. Ihre Blicke versenken sich ineinander – Sie fangen Feuer. Haben Sie verstanden, Herr Boothby, Feuer ! Ich danke. Aus!« »Licht aus!« echot der Chor der Aufnahmeleiter. Zischend erlöschen die Flammen. * Achtzig Komparsen strömten in die Kantine. Begleitet von Beleuchtern, Bühnenarbeitern, Malern, Friseuren und jenem Troß, der um das lockende Licht des Filmateliers schwirrt. Der Regisseur stand, den Bleistift in der Hand, in der Ecke und notierte die Einstellungen für die nächste Aufnahme. Drüben warteten zwei, drei Journalisten. Gespannt. Sozusagen schußbereit. Der Regisseur ging indessen durch die nächstbeste Tür von dannen. Ein Ereignis, das außerhalb aller Erwartungen lag. Während er die Treppe hinunterging, begegnete ihm Mr. Shamrock vom »Standard«, dem großen Filmblatt. »Hulloah, sir!« »Hulloah, sir!« »Gut, daß ich Sie treffe. Sie müssen mir den Inhalt Ihres Films erzählen.« Dumpf sagte der Regisseur: »Meinetwegen. Kommen Sie mit in die Kantine.« »Und dann: ich brauche ein Bild von Ihnen. Und von Miss Lacombe. Von ihrem Partner. Und vor allem von diesem Ladinser , dem Autor.« »Er ist noch nicht da. Wir erwarten ihn jede Stunde.« Während die beiden die Treppe hinuntergingen, zog Shamrock das Notizbuch: »Wie heißt der Film?« »Die Nacht von Klausenburg.« »... Klausenburg ... Wo liegt das?« »Der Film spielt in Ungarn.« »... In Ungarn. Ausgezeichnet. Ungarn liegt an der Nordsee. Nicht wahr?« »Zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer.« »... Schwarzen Meer ...« Der Regisseur stieß die Tür zur Kantine auf. Das Stimmengewirr der Statisterie schlug den beiden entgegen; Zurufe schwirrten um sie herum. »Kommen Sie mit. Wir gehen hinüber. In den Raum für die Solisten.« Sie gingen vorüber an den eleganten Frackherren; die hielten Frankfurter Würstchen in den Händen und kalifornische Maisbrötchen. An den Honvedleutnants, die geeiste Milch tranken und Grapefruit löffelten. Der Kellner kam ihnen entgegen. » Fräulein Griffith sucht Sie.« »Um Gottes willen!« der Regisseur erbleichte. »Kommen Sie, wir gehen in den Garten. Also, mein lieber Shamrock, Sie wollten den Inhalt des Films wissen. Passen Sie auf. Die alternde Fürstin Hannah Klausenburg kehrt mit ihrer Tochter Prisca auf ihr ungarisches Besitztum Klausenburg zurück.« »Die Prinzessin Prisca spielt Fräulein Lacombe?« »Ja. Mutter und Tochter haben jahrelang die Welt bereist. Der alte Fürst Klausenburg, in diplomatischen Diensten, ist vor längerer Zeit gestorben.« »... gestorben.« »Die Fürstin wird von den Aristokraten des Rába-Tales mit Mißtrauen aufgenommen: denn sie ist eine geborene Engländerin.« »Ich kann die Engländer auch nicht leiden.« »Auf dem Schlosse Klausenburg ist der junge Graf Faludi täglicher Gast.« »Faludi ... Der Teufel soll diese verrückten Namen holen! Wie schreiben Sie das: Faludi?« »Die Mutter verliebt sich in den jungen Grafen. Da, eines Abends, auf einem Ball, macht sie eine niederschmetternde Entdeckung: sie findet den Grafen in zärtlichster Umarmung mit ihrer Tochter Prisca.« »Kann ich dem Grafen nicht verdenken!« »Es kommt zu einer furchtbaren Szene zwischen Mutter und Tochter.« Irgendwo wurde eine Tür aufgerissen; über den Kiesweg kamen eilige Schritte, und eine Frauenstimme sagte: »Hier finde ich Sie endlich!« Entsetzt drehte sich der Regisseur um: »Guten Tag, Fräulein Griffith!« Der Journalist nahm den Hut ab. »Es ist unglaublich, wie man mich in Hollywood behandelt. Was sagen Sie? Es ist unerhört! Kein Londoner Regisseur würde dergleichen wagen. Denken Sie sich, mein Herr –« damit wandte sich die Erregte an den Journalisten – »der Direktor engagiert mich mitten aus meinem Londoner Theater-Engagement weg nach Hollywood. Er verspricht mir eine Bombenrolle ...« »... und zahlt Ihnen ein Bombenhonorar«, setzte der Regisseur hinzu. »Meine Kunst ist mit Geld nicht zu bezahlen, mein Herr! Ich komme in Hollywood an; wir lesen das Manuskript. Wir besprechen die Kostüme ... Da – können Sie sich so etwas vorstellen – da, einen Tag vor den Aufnahmen, bekomme ich einen Brief vom Direktor: er habe die Rolle anderweitig besetzt.« »Einen Brief mit einem Scheck. Nicht wahr, Fräulein Griffith? Mit Ihrem Honorar.« »Den Scheck habe ich zerknüllt und in den Papierkorb geworfen.« »Das ist Ihre Schuld!« »Er habe die ideale Vertreterin für die Rolle gefunden: eine junge Dame: dunkelhaarig von ungarischem Typ – es täte ihm leid. Sagen Sie selbst, mein Herr: muß ich mir das gefallen lassen? Kann ich mir das gefallen lassen?« Der Journalist trocknete sich die Stirn. »Und jetzt kommt das Schönste von allem. Ich erkundige mich so beiläufig, wer denn diese ideale Schauspielerin ist. Und wissen Sie, was ich erfahre? Eine kleine Statistin! Ein Mädelchen, dem ich Kleider geschenkt habe, dem ich ein paar kleine Rollen verschafft habe. Das ist der Dank! Diese Kanaille! Weil sie schön tut mit dem Direktor, oder mit dem Regisseur ...!« »Fräulein Griffith: Sie sind erregt ...« »Soll ich dabei etwa ruhig bleiben?« »Ich habe keinen Einfluß auf die Dispositionen des Direktors.« »Das ist eine Unwahrheit! Sie bestimmen die Besetzung!« »Nehmen wir einmal an, es wäre so ...« »Sehen Sie wohl: Sie stecken dahinter! Und warum? Weil ich nicht Ihr Typ bin!« »Nein, Fräulein Griffith, Weil Sie nicht der Typ sind, den die Rolle braucht. Und darauf kommt alles an.« »Warum haben Sie mich dann aus London geholt?« »Weil Sie eine ausgezeichnete Schauspielerin sind.« »Nun also.« »... und von scharmanten Manieren ...« »Meine Londoner Kollegen werden sich über mich lustig machen.« »Zeigen Sie ihnen den Scheck.« »Aber ich lasse mir das nicht gefallen! Ich erschieße den Direktor!« »Tun Sie das!« * » Aufnahme ...!« Ein Schloßzimmer im Chippendale-Stil: eine brünette junge Dame stürzt mit allen Anzeichen der Erregung auf die Szene. »Langsam den Kopf wenden, Fräulein Lacombe! Angstvoll nach der Tür sehen! Lauschen! So ... Gehen Sie jetzt auf Ihren Schreibtisch zu. Nehmen Sie aus der Schublade die Briefe, die der Graf Faludi an Sie gerichtet hat. Zünden Sie eine Kerze an. Nehmen Sie einen der Briefe. Falten Sie ihn auseinander. Halten Sie ihn in das Licht der Flamme.« Der Direktor erscheint. Er sieht sich unruhig um. Vermutlich nach Fräulein Griffith. »Auftritt Prinzessin-Mutter!« Die Tür wird aufgerissen. Die Schloßherrin tritt mit schnellen Schritten ein. Sie wirft die Tür hinter sich zu. Sie blickt sich im Raum um; in ihrer Hand blitzt eine Waffe. Mit einer Geste des Hasses stürzt sie auf die Tochter zu, senkt den Arm; ein Schuß fällt. »Fräulein Lacombe: niederfallen: den Leuchter mit der brennenden Kerze im Fallen mitreißen!« Die Prinzessin Prisca bricht zusammen. Die Flamme Züngelt am Gardinenschal empor. »Schluß!« Die Lampen erlöschen. * Susie Lacombe erhob sich. Der Direktor ging ihr entgegen, drückte ihr die Hand. Dann wandte er sich zur Seite, winkte, und ein junger Herr, eher klein als groß, dunkelhaarig, mit lachenden Augen, kam eilends näher. »Wissen Sie, wer das ist? Herr Ladinser! Der Autor unseres Films. Und hier: die Darstellerin der Hauptrolle: Fräulein Lacombe.« Der Ankömmling verbeugte sich und lachte. »Nun, wie gefällt Ihnen Ihre Prinzessin Prisca?« Herr Ladinser antwortete in geläufigem Englisch, das unverkennbar Wiener Akzent hatte: »Ich bin begeistert.« »Ist sie nicht ein großartiger Typ?« »Fräulein Lacombe ist der Typ, Direktor. So habe ich mir die Rolle erträumt.« »Wirklich?« Fräulein Lacombe richtete ihre glänzenden Augen auf den Begeisterten. »Draußen bin ich eben einer Dame begegnet. Sie suchte Sie, Direktor. Sie müßte Ihnen notwendig etwas sagen. Ein Fräulein Griffith.« »Wo war die Dame?« erkundigte sich der Direktor interessiert. »Dort drüben. An der Bureautür.« »Das ist ja interessant« sagte der Direktor. Worauf er zum Erstaunen der beiden nach der entgegengesetzten Seite davon ging. Ladinser stand vor Susie. Vielleicht mit einer gewissen Verlegenheit kämpfend. Er nahm stumm ihre Hand, um sie zu küssen; aber die Schauspielerin wehrte ab. »Bei uns in Amerika ist das nicht Sitte, Herr Ladinser.« »Verzeihung. Bei uns in Wien ...« »Ihr Manuskript hat mich außerordentlich interessiert« sagte Susie. »Sie sind ein großer Künstler, Herr Ladinser.« Er schüttelte den Kopf. »Wenn ich nicht ein so grundehrlicher Mensch wäre, würde ich jetzt Schönen Dank sagen und würde versuchen, Vorteile daraus zu ziehen, daß Sie mich für einen großen Künstler halten.« »Was für Vorteile?« »Nun – die Künstler haben Glück bei Frauen. Oder gibt es auch das in Amerika nicht?« Sie lachte. »Doch.« »Also heraus mit dem Geständnis: ich habe es mir mit diesem Film leicht gemacht. Ich habe ihn einfach aus den ungarischen Zeitungen abgeschrieben.« »Nach einem Roman? Einer fremden Arbeit?« »Nein. Für so schlecht dürfen Sie mich nun doch nicht halten. Der Prozeß der Fürstin Klausenburg beschäftigt augenblicklich ganz Ungarn.« »Es gibt eine Fürstin Hannah Klausenburg?« »Und eine Prinzessin Prisca. Oder richtiger gesagt: es gab eine. Genau wie in meinem Film.« »Danach wäre die Fürstin Hannah eine Mörderin?« »Stimmt. Sie ist in Budapest in Haft. Alle europäischen Zeitungen sind voll von diesem Prozeß.« »Glaubt man an ihre Schuld?« Ladinser nickte. »Die Mutter hat in ihrer Erregung in jener Nacht auf die Tochter geschossen. Sie versucht es zu bestreiten; aber der Schuß ist von den Dienstboten gehört worden. Ebenso der Aufschrei der Tochter.« »Entsetzlich!« Die Schauspielerin schüttelte den Kopf. Ladinser lachte. »Warum sind Sie so betroffen? Sie kennen doch das Manuskript wahrscheinlich längst von Anfang bis zu Ende.« »Ich habe doch bisher geglaubt, das alles seien Phantasien eines begabten Dichters.« »Sie sehen: ich bringe mich durch meine Wahrheitsliebe wieder einmal um alle Chancen.« »Und die Fürstin Hannah steht jetzt unter Mordverdacht?« »Wenn nicht ein Wunder geschieht, ist sie verloren.« Irgendwo knarrte eine Tür. Der Direktor kam mit dem Regisseur quer durch den Raum auf die beiden zu. »Welches Wunder könnte die Fürstin retten?« Ladinser wandte sich halb herum, dem Direktor zu. »Nun?« sagte er halblaut. »Wenn mitten in die Verhandlung hinein eine gewisse junge Dame in den Gerichtssaal träte mit den Worten: ›Ich bin die vermißte Prisca von Klausenburg ...‹ dann würde die Anklage ...« »Also dieser Film –« der Direktor blieb mit hochgezogenen Schultern, die Hände in den Hosentaschen, vor Ladinser stehen – »dieser Film ist das Merkwürdigste, was mir jemals passiert ist. Erst dieser Krach mit der Griffith – sie will abreisen, Hals über Kopf, einfach nach London zurück – und nun, das Neueste, denken sie sich: eben kriege ich einen Brief. Irgend jemand, der sich nicht nennt, bietet mir eine Summe, die ich selbst bestimmen kann – wenn ich den Film ›Die Nacht von Klausenburg‹ nicht drehe.« »Was werden Sie tun, Direktor?« fragte Susie. »Natürlich ablehnen.« »Aber wenn kein Absender angegeben ist?« »Die Anfrage kommt aus London. Ich soll postlagernd an das Postamt Finsbury Pavement telegraphieren. Der Herr kann lange warten.« »Es ist schade« sagte Ladinser mit dumpfer Stimme. »Hätte der Herr aus London sich nicht einfach vorher mit mir in Verbindung setzen können? Dann hätte ich das Manuskript nicht zu schreiben brauchen und hätte obendrein ein Honorar erhalten, wie es keine amerikanische Filmfabrik einem Autor zahlen würde.« » Endlich !« sagte eine weibliche Stimme, bei deren Klang der Direktor zusammenfuhr. »Jawohl. Ich bin es. Ivy Griffith. Da habe ich euch ja alle beisammen: den verehrten Herrn Direktor – den ehrenwerten Herrn Regisseur – und das saubere Fräulein Lacombe! Schämen Sie sich nicht, Herr Direktor, mir solch ein albernes Püppchen vorzuziehen?« »Nein« sagte der Direktor freundlich. »Ich werde die Künstler von ganz Hollywood gegen Sie alarmieren!« »Was wollen Sie, Fräulein Griffith? Haben Sie nicht Ihr Honorar erhalten? Bis auf den letzten Cent?« Verächtlich antwortete die Gekränkte: »Ich habe Ihren Scheck zerrissen und ihn in den Papierkorb geworfen.« »Merkwürdig« sagte der Direktor. »Jawohl, das halten Sie für merkwürdig! Für den künstlerischen Schmerz einer Schauspielerin haben Sie kein Verständnis!« »Ich sagte nicht deshalb: merkwürdig. Ihr Scheck ist nämlich prompt auf der Bank präsentiert und ausgezahlt worden. Es muß ihn wohl irgend jemand wieder aus dem Papierkorb herausgefischt und zusammengeklebt haben.« »Pah« Fräulein Griffith lächelte überlegen: »glauben Sie, ich wäre so leichtfertig, einen wertvollen Scheck im Papierkorb verkommen zu lassen?« Der Regisseur lachte. »Fräulein Lacombe, ich glaube, es wird Zeit, daß Sie sich umziehen. Wir drehen jetzt die Gerichtsszene.« * Der Pförtner kam die Kellertreppe herauf. »Fräulein Lacombe? Zweiter Stock – Zimmer Siebenunddreißig.« Er sah dem Besucher kopfschüttelnd nach; der ging mit schnellen Schritten die schmale Treppe hinauf. Ein paar junge Damen kamen ihm entgegen, blickten ihn forschend an; er nahm schleunigst den Hut ab. Soviel hatte er von Amerika bereits begriffen: daß überall und in jeder Lage des Lebens zuerst die Frau kam. Er ging an weißen Türen vorüber, mit zierlichen Nummerntäfelchen. Hie und da spähte ein Frauengesicht durch den schmalen Spalt. Der Schritt eines Mannes schien in diesem Hause aufzufallen. Alle hatten den gleichmäßigen Sweet-Girl-Ausdruck, der dem Schönheitsbegriff des Amerikaners entspricht. Nummer Siebenunddreißig ... Er klopfte. Ein Riegel wurde zurückgedreht; das erstaunte Gesicht Susie Lacombes blickte ihn an. »Herr Ladinser ...??« »Seien Sie nicht böse, Fräulein Lacombe. Und tun Sie mir den einen Gefallen: machen Sie die Tür etwas weiter auf.« »Warum?« fragte sie, ein bißchen schnippisch. »Damit ich hinein kann.« Sie lachte; aber während er ins Zimmer trat und die Tür hinter sich zudrückte, wurde ihr Gesicht ernst. »Ich habe Feindinnen, Herr Ladinser«, sagte sie. »Meine Kolleginnen sind neidisch; das ist kein Wunder: ich habe plötzlich Karriere gemacht. Das können sie mir nicht verzeihen. Man wird den Besuch eines Herrn bei mir falsch auslegen.« Ladinser machte ein todernstes Gesicht. »Ich werde also sofort wieder gehen. Aber nicht eher als bis ich Ihnen gesagt habe ...« »Um Gottes willen!« »Fürchten Sie nichts. Sie bekommen keine Liebeserklärung zu hören.« »Wirklich nicht?« »Kein Gedanke. Ganz ausgeschlossen. Ich habe gar keine Zeit für die Liebe. Und Sie auch nicht.« »Nun, dann bin ich beruhigt.« »Aber etwas anderes möchte ich mit Ihnen besprechen. Darf ich mich einen Augenblick setzen?« »Bitte.« Er ließ sich behutsam in den schmalen Schaukelstuhl nieder; sie blickte ihn erwartungsvoll an. Vielleicht ein kleines bißchen mißtrauisch. »Nun?« Er gab sich einen Ruck. »Wollen Sie ein Menschenleben retten, Fräulein Lacombe?« »Ein Menschenleben ... ich verstehe Sie nicht.« »Denken Sie sich –« er faßte in die Tasche – »ich bekomme eben einen Brief nachgesandt, den mir die Fürstin Hannah Klausenburg geschrieben hat. Einen herzzerreißenden Brief.« »Kennen Sie sie denn?« fragte Susie betroffen. »Gestern haben Sie mir doch erzählt, Sie hätten die Geschichte mit der Fürstin Klausenburg in den Zeitungen gelesen.« »Es ging so in der Eile gestern: da konnte ich Ihnen nicht alles so recht auseinandersetzen. Ich kenne die Fürstin. Vorigen Frühling machte ich ihre Bekanntschaft: in Cannes. Wir wohnten zufällig im gleichen Hotel: im Regina Palace. Die Fürstin verließ das Hotel selten. Aber es fiel mir auf, daß jedesmal, wenn sie spazieren ging, irgendwo in ihrer Nähe zwei Herren auftauchten. Sobald sie sich umsah, verschwanden sie im Gebüsch; in dem Augenblick, da sie sich dem Strande näherte, waren sie wieder in ihrer Nähe. Das war so seltsam, daß ich die Fürstin eines Tages daraufhin anredete. Eine Dreistigkeit, werden Sie sagen. Aber die Fürstin verstand mich sofort. ›Ja, mein Herr‹ sagte sie mit leiser Stimme, ›ich werde beobachtet. Ich werde verfolgt. Keinen Schritt kann ich allein gehen; immer sind die Häscher bereit zuzugreifen. Sie fürchten vielleicht, daß ich fliehen will; vielleicht, daß sie mit einem Selbstmordversuch rechnen. Und dabei bin ich unschuldig, mein Herr!‹ Sie werden sich denken können, daß meine Neugierde mit jedem ihrer Worte wuchs. ›Weshalb verfolgt man Sie?‹ fragte ich. Da brach die Unglückliche in ein trostloses Schluchzen aus. ›Man hat mich im Verdacht, meine Tochter ermordet zu haben. Ich schwöre Ihnen, daß ich unschuldig bin. Aber ich kann meine Unschuld nicht beweisen. Die Indizien sprechen gegen mich. Es ist wahr: ich hatte an jenem Abend eine furchtbare Szene mit der Prinzessin Prisca. Mit meiner Tochter ...‹ Und nun, während ihre Tränen langsam versiegten, erzählte sie mir die Geschichte von jenem Grafen Faludi. Sie schonte sich nicht, Fräulein Lacombe: sie gestand ein, daß sie bis zum Irrsinn verliebt gewesen sei in den schönen Menschen – mit jener Leidenschaft der alternden Frau, die um ihre letzte Liebe kämpft. Sie verschwieg mir auch nicht, daß sie in jenen Tagen ihre Tochter gehaßt habe. Aber der Rausch war bald verflogen. In dieser Nacht wurde alles anders: aus ihrem Anbeter wurde ihr ärgster Feind. Er erklärte in aller Öffentlichkeit die Fürstin Hannah für die Mörderin ihrer Tochter. Da erkannte sie, daß sie in jener Nacht die beiden einzigen Menschen verloren, die sie geliebt hatte: die Tochter und den Geliebten.« Susie antwortete nicht. Irgendwo im Hause knarrten Türen; Ladinser glaubte leise Schritte auf dem Korridor zu hören. »Hier ist der Brief. Wollen Sie ihn lesen?« Susie warf einen Blick darauf. »Die Fürstin schreibt in englischer Sprache?« »Sie ist geborene Engländerin.« »Geben Sie her.« Der Brief lautete: Mein lieber Freund, man hat mir die Riviera so sehr verleidet, daß ich abgereist bin. In London sprach ich auf der Ungarischen Gesandtschaft vor; aber der Graf Faludi lehnte ab, mich zu empfangen. Dann reiste ich weiter. Nach Paris. Auch hier, auch im Zuge, auf den Schiffen das gleiche Spiel: jeder meiner Schritte wurde bewacht. Das war unerträglich; eines Nachts beschloß ich, ein Ende zu machen. Aber als ich mich der Reeling näherte, ergriffen mich plötzlich zwei Hände. Nicht einmal das darf ich mehr, Ladinser. Mein Leben, mein Körper gehört der ungarischen Justiz. So habe ich etwas getan, was Sie für unbegreiflich halten werden: ich bin nach Budapest zurückgefahren. Doch: Sie werden mich verstehen, Ladinser: Sie sind ein Seelenkenner. Ich hoffte, man würde meine freiwillige Rückkehr als einen Beweis meiner Unschuld erkennen. Ach nein: wieder hatte ich mich geirrt. Die Türen meiner Bekannten in Budapest blieben mir verschlossen. Die Nachbarn, die reichen Schloßbesitzer im Tal der Rába betrachteten mich mit haßerfüllten Augen. Ich werde irrsinnig unter diesem entsetzlichen Druck. Immer wieder kann ich nur sagen: ich bin unschuldig. Aber niemand glaubt es mir. Es ist wahr, mein lieber Freund: ich habe damals die Erklärung verbreitet, meine Tochter, die Prinzessin Prisca, sei nach Budapest gefahren. Zu ihren Verwandten. Man hat heimlich recherchiert; und man hat, Sie sehen, ich verschweige Ihnen nichts, man hat festgestellt, daß meine Tochter in Budapest nicht eingetroffen ist. Man hat mich zur Rede gestellt, halboffiziell, immer in dieser entsetzlichen verbindlich-höhnischen Form; ich habe, in die Enge getrieben, zugeben müssen, daß ich gelogen habe. Warum ich gelogen hätte? Um eine harmlose Deutung für das Verschwinden meiner Tochter zu geben. Diese Erklärung sei wenig befriedigend. Ich müsse mich auf Schlimmes gefaßt machen. So stehen die Dinge, mein lieber Freund. Während ich am Schreibtisch meines Hotels sitze – denn ich bin längst von Schloß Klausenburg nach Budapest geflohen – glaube ich den Schritt meiner Verfolger zu hören. Ich meine den Blick ihrer argwöhnischen und feindseligen Augen zu fühlen; ich weiß, die Stunde kommt immer näher, in der ich verloren sein werde. Wenn Sie diesen Brief bekommen, bin ich vielleicht schon eine Gefangene. Retten Sie mich, Ladinser! Ihre unglückliche Hannah von Klausenburg. Susie faltete den Brief langsam, sichtlich bewegt, zusammen und schob ihn Ladinser zu. »Sie tut mir leid« sagte sie. »Eine Mutter ...« »Die Fürstin ist inzwischen verhaftet worden. Ich habe es in der Bordzeitung gelesen: auf dem ›Leviathan‹.« Susie erhob sich; auch Ladinser stand auf. Sie trat ans Fenster und blickte hinaus auf die besonnte Avenue, hinter der in sanfter Steigung die bläulichen Berge schimmerten. »Was wollen Sie tun?« fragte sie. »Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen.« Er sprach die Worte mit einer so eigentümlichen Betonung, daß sie sich überrascht umwandte. »Fahren Sie mit mir nach Budapest. Retten Sie diese unglückliche Frau!« Sie sah ihn an. »Ist das Ihr Ernst?« fragte sie erstaunt. »Jeden Tag kann das Verfahren eröffnet werden. Wenn mitten in die Verhandlung hinein die Tür aufgeht – wenn der Gerichtsdiener meldet: › Die Prinzessin Prisca Klausenburg! ‹ – dann ist alles gut.« »Und die Prinzessin Prisca ...?« »... werden Sie sein, Susie Lacombe .« »Ich ...?« Sie ließ die Arme sinken und sah ihm fassungslos ins Gesicht. »Ich soll die Prinzessin Prisca ... Aber das ist doch unmöglich!« »Nein, Miss Lacombe.« »Das Gericht würde doch zu allererst meine Legitimation fordern.« »Auch das ist nicht richtig. Man hat nämlich die Papiere der Prinzessin Prisca unter den Schriftstücken gefunden, die bei der Fürstin beschlagnahmt worden sind.« »Bei der Fürstin ... spricht das nicht sehr gegen sie?« »Allerdings ...« »Es muß doch jemanden geben, der die Prinzessin kennt.« »So merkwürdig es klingt: es ist niemand da. Ich habe damals, in Cannes, den ganzen Fall mit der Fürstin durchgesprochen. Als vor sieben Jahren der Mord ... das Unglück wollte ich sagen, geschehen war, hat die Fürstin ihren ganzen Haushalt aufgelöst und ist auf Reisen gegangen.« »Aber die Mutter selbst muß doch ihre Tochter kennen!« »Die Fürstin Hannah ...!« Ladinser lachte. »Darüber dürfen Sie unbesorgt sein. Die Fürstin würde Sie als ihre Tochter anerkennen, auch wenn Sie einen Buckel hätten.« Susie schüttelte den Kopf. »Was Sie da von mir verlangen ist ein Betrug!« »Betrug ...« er zuckte die Achseln; »wenn Ihnen das Wort so viel gilt ... nun ja. Es ist ein Betrug. Aber Sie retten ein Menschenleben.« Es klopfte. Das Zimmermädchen öffnete die Tür einen Spalt breit, mit einer betonten Diskretion, die Susie die Zornesröte ins Gesicht trieb. Sie meldete, daß Herr Maskelyne , der Filmdirektor, soeben vorgefahren sei, und daß er Fräulein Lacombe zu einer geschäftlichen Besprechung herunterbitte. Herr Maskelyne stand am Schlag seines offenen Packard, als die beiden aus dem Hause traten. Ladinser wollte sich verabschieden. Aber der Direktor machte eine einladende Armbewegung. »Gut daß Sie da sind. Haben Sie etwas vor?« »Nein, Direktor.« »Kommen Sie mit uns. Wir machen eine Rundfahrt. Ich zeige Ihnen Hollywood; dabei können wir ein paar geschäftliche Dinge besprechen.« Der Neger-Chauffeur wandte sich fragend zur Seite. »Richtung Los Angeles!« Der Wagen zog an. Er glitt vorüber an Pfeffer- und Olivenbäumen, über denen das warme Gold der steigenden Sonne lag. Der Himmel war von jenem unwahrscheinlichen Blau, das diesem Teil der Küste des Stillen Ozeans sein leuchtendes Gepräge gibt. »Also« sagte der Direktor, »hören Sie, Fräulein Lacombe: ich habe mich entschlossen, einen neuen Film herauszubringen. Mit Susie Lacombe in der Hauptrolle. Was sagen Sie dazu?« Ladinser, der auf dem Vordersitz saß, wandte das Gesicht zur Seite; Susie Lacombes Augen waren fragend auf ihn gerichtet. »Mit Susie Lacombe in der Hauptrolle. David Belasco hat ihn für mich geschrieben. Ich wollte ihn ursprünglich mit Norma Talmadge machen. ›Mitternacht‹ heißt er.« »Ich bin sehr glücklich, Direktor, daß Sie mich so fördern.« »Fördern? Ich mache Sie zum Star von Amerika. Das Geschäftliche besprechen wir morgen vormittag in meinem Bureau.« »Wann wollen Sie anfangen?« »Übermorgen.« Susie sah geradeaus. An Ladinser vorbei, der sie unverwandt betrachtete. »Wie lange Zeit rechnen Sie für den Film?« »Es ist eine große Sache. Ein Superfilm. Ich rechne dreißig Tage.« Der Wagen hatte die City hinter sich gelassen; südliche Landschaft tat sich auf, erfüllt von Duft und Farbe. Der endlose Strom der Autos raste in vier ununterbrochenen Reihen hinaus nach der Prachtstraße Beverley Drive. »Direktor«, begann Susie zaghaft. »Könnten Sie die Aufnahmen um zwei Monate verschieben?« Erstaunt fuhr der Gefragte herum. » Verschieben ?« »Vielleicht würde es gehen?« drängte sie. Der Direktor kniff die Augen zusammen. Er warf einen forschenden Blick in Ladinsers Gesicht. War das eine geschäftliche Spekulation? Sie will sich rar machen, dachte er bei sich. Ich soll verdoppeln. Immer dasselbe mit den Künstlern. Kaum fühlen sie Boden unter den Füßen, da schwillt ihnen der Kamm. »Also wieviel verlangen Sie?« fragte er kühl. Sie schüttelte lachend den Kopf. »Mißverstehen Sie mich nicht. Ich will weiß Gott den Preis nicht schrauben. Ich brauche nur zwei Monate Urlaub. Das ist alles.« Die verdammte Kröte ist schlauer als ich glaubte, dachte der Direktor halb bewundernd halb wütend. Dann sagte er freundlich: »Fräulein Lacombe – ich bin ein alter Filmmann. Wir wollen business reden. Sie haben etwas besseres vor, merke ich. Well, was bringt Ihnen dieses Geschäft? Was andere können, kann ich schließlich auch.« »Lieber Direktor«; sie legte dem Eifrigen beschwichtigend die Hand auf den Arm. »Halten Sie mich bitte nicht für berechnend. Es handelt sich nicht um ein anderes Geschäft .« Obwohl sie an Ladinser vorüberblickte, sah sie das glückliche Lächeln in seinem Gesicht. »Ich habe eine wichtige Mission in Europa. Ich brauche Urlaub. Auf kurze Zeit nur; in zwei Monaten bin ich zurück.« Herr Maskelyne wandte den Kopf zur Seite; teils um sein Erstaunen zu verbergen, teils um der Widerspenstigen nicht zu zeigen, daß er beleidigt sei. Hinter jenen früchteschwellenden Grapefruitbäumen lag ein weißes Schloß: Charlie Chaplins Besitzung. Dort, wenige Yards weiter, leuchtete wie ein antiker Tempel die Villa der Schwestern Gish aus dem dunklen Grün der Apfelsinenbäume. »Was, zum Teufel« platzte der Direktor heraus, »ist denn das für eine geheimnisvolle Mission, die Sie in Europa haben?« »Ich kann es Ihnen nicht so recht erklären. Ein Mensch ist in Gefahr. In Todesgefahr. Ich muß ihn retten.« »Was bringt es Ihnen ein?« »Nichts.« Der Direktor runzelte die Stirn. »Das wollen Sie mir erzählen?« Er fing den dankerfüllten Blick auf, den Ladinser der jungen Schauspielerin zuwarf. Kein Zweifel: das war der Anstifter. Bei ihm lag die Gefahr. »Halloh, Jimmy!« Der Neger auf dem Chauffeursitz wandte den Kopf zur Seite. »sir?« »Dieser Herr wünscht auszusteigen.« Verwundert folgte Ladinser der höflichen Aufforderung. Er machte Susie ein Zeichen, ruhig im Wagen zu bleiben. Der Direktor würdigte ihn keines Blickes, als das Auto von neuem anzog. »So, Fräulein Lacombe. Jetzt sind wir allein. So läßt sich's besser reden. Erkundigen Sie sich über mich. Noch nie hat mich ein Konkurrent aus dem Sattel gehoben.« »Aber Direktor!« »Das verstehen Sie nicht. Das hat mit Geschäft eigentlich nichts mehr zu tun. Es ist Ehrensache. Rund heraus: was muß ich Ihnen auf den Tisch legen, wenn Sie die Rolle der Renée in ›Mitternacht‹ übernehmen?« Fast verzweifelt antwortete Susie: »Wir reden aneinander vorbei.« »Zum Teufel! Halten Sie mich für einen Narren?« »Es hat keinen Zweck«, sagte Susie traurig. »Es handelt sich nicht um Geld. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.« Der Direktor schlug mit der Faust auf das Polster. »Jimmy!« »sir?« »Nach Hause!« * Ivy Griffith stieg aus dem Lift. Der Boy ging, die Mütze in der Hand, neben ihr. Ganz Bewunderung und Respekt. Denn er war ein kleiner Negerjunge und sie war eine große blonde königliche Engländerin. Der Boy stieß die Tür auf, meldete: »Miss Griffith!« und entfernte sich, die Mütze immer noch in der Hand, mit geräuschlosen Schritten. Direktor Maskelyne trat der Schauspielerin entgegen. Er sah ihr ins Gesicht, auf dem ein ruhiges und sicheres Lächeln lag, und deutete auf den Sessel. »Eine Zigarette?« »Nein, danke.« Damit ließ sie sich nieder, immer mit jenem Unterton einer kühlen Reserve. »Was würden Sie sagen, Miss Griffith, wenn ich Ihnen in dem neuen Film die Hauptrolle gäbe?« Der Direktor sah Ivy ins Gesicht. Er hatte vermutlich auf ein freudiges Aufleuchten in ihren Mienen gerechnet; aber sie sah ihn völlig unbefangen an. Eine kleine Pause entstand. Dann sagte die Schauspielerin: »Es freut mich, daß Sie sich meiner erinnern. Ich hatte das nach dem Bisherigen offen gestanden nicht erwartet.« »Eine fabelhafte Rolle, sage ich Ihnen.« »Wie heißt der Film?« »›Mitternacht‹, von David Belasco. Sie spielen die Renée.« »Kann ich das Manuskript einmal lesen?« »Gern.« Er faßte in den Schreibtisch. »Hier ist es.« Damit legte er ein grünes Heft vor Ivy nieder. Aber wiederum geschah etwas, was ihn in Erstaunen setzte. Ivy Griffith blickte über das Buch hinweg. »Nehmen Sie es ruhig mit nach Hause. Und rufen Sie mich morgen früh an.« »Sagen Sie, Direktor –« die Engländerin schnippte das Buch mit dem gekrümmten Zeigefinger zu ihm hinüber. »Haben Sie im Ernst geglaubt, Sie könnten mich mit diesem Schmarrn wieder versöhnen?« »Schmarrn? Belasco? Sie wissen nicht, was Sie reden, Miss Griffith!« Die Schauspielerin erhob sich mit einem Ruck. »Aber ich weiß, daß Sie diese Rolle vor mir dieser Lacombe angeboten haben!« sagte sie laut. »Und daß sie sie Ihnen vor die Füße geworfen hat! Ja, das weiß ich! Jetzt sind Sie in Verlegenheit. Jetzt erinnern Sie sich der Griffith! Nicht wahr: nun bin ich Ihnen gut genug? Als Lückenbüßerin! Oh nein, nein, mein lieber Direktor, so ganz sind wir in Europa Euch denn doch noch nicht ausgeliefert! Was ist dies für ein Land? Ihr glaubt, Euer Geld sei alles! Bei uns in England versteht ein Kohlenjumper besser mit Messer und Gabel umzugehen als bei Euch die Börsenfürsten! Jetzt wird mir die Geschichte zu albern! Nein, sage ich Ihnen! Schlagen Sie es sich aus dem Kopf! Wir lassen uns nicht von Euch beleidigen und hinterher mit einem Almosen wieder versöhnen!« »Wenn Sie eine so schlechte Meinung von uns haben«, wandte der Direktor fast schüchtern ein, »wenn Sie so gering von den Amerikanern denken – warum, wenn ich fragen darf, sind Sie dann eigentlich herübergekommen?« »Auch das sollen Sie wissen: ich hätte niemals daran gedacht, über den Ozean zu fahren; mein Vertrag mit dem ›Criterion‹ läuft noch zwei Jahre. Nur weil ich mich mit meinem Freund erzürnt habe, bin ich Hals über Kopf von London abgefahren. Nur um ihn zu ärgern, Direktor!« »Wozu erzählen Sie mir Ihre Liebesabenteuer?« »Das werden Sie gleich erfahren. Ich hätte trotzdem Ihren Engagementsantrag nicht angenommen – wenn mich nicht das Thema interessiert hätte. Nein, das ist nicht das richtige Wort: Es reizte mich, in diesem Film zu spielen. Alles aus Trotz gegen meinen Freund, Direktor. Das können Sie nicht verstehen, Direktor. Kein Mann kann das verstehen.« Maskelyne schüttelte den Kopf. »Was um Gottes willen hat Sie denn eigentlich an dem Film so gereizt?« »Auch das will ich Ihnen sagen.« Ivy Griffith trat zur Tür und legte die Hand auf den Drücker. »Sie wissen vielleicht, daß ›Die Nacht von Klausenburg‹ keine Erfindung ist. Wußten Sie das nicht? Dann hat Herr Ladinser Sie getäuscht. Der Fall Klausenburg beschäftigt die ganze europäische Presse. Und in seinem Mittelpunkt steht mein Freund . Sehen Sie: das ist es. Ich wollte ihn ärgern. Nein, ich wollte ihn kränken.« »So so« sagte der Direktor. »Das ist ja recht interessant. Aber warum glaubten Sie Ihren Freund zu kränken, wenn Sie diese Rolle gespielt hätten?« »Weil dieser Klausenburg-Film das Drama seines Lebens enthält. Er hat die ermordete Prinzessin Prisca geliebt. Seine vorgesetzte Behörde hat ihm zu verstehen gegeben: unter keinen Umständen dürfe von seinen Beziehungen zu dem Fall Klausenburg etwas in die Öffentlichkeit dringen.« »Man hat mir ein anonymes Angebot gemacht«, sagte der Direktor sinnend. »Nicht wahr? Unter einer Chiffre: postlagernd London Finsbury Pavement?« »Ganz recht!« »Fangen Sie an zu begreifen, Direktor? Das ist lieb von Ihnen.« »Wie heißt Ihr Freund, wenn ich fragen darf?« »Sie dürfen fragen. Er ist Attaché der Ungarischen Gesandtschaft in London. Und er heißt Graf Michael Faludi .« II. Peter Thornquist saß wartend im Vorzimmer der Englischen Botschaft. Von unten schlug gedämpft der Lärm der Straße Unter den Linden zu den Fenstern herauf. Irgendwo summte ein Klingelsignal durch die Stille. Gelegentlich, wenn sich eine Tür öffnete, hörte man den leisen Rhythmus der Schreibmaschinen. Der Botschaftssekretär trat ein; Peter Thornquist erhob sich. »Der Auftrag ist noch nicht eingegangen, Herr Thornquist. Aber der Botschafter sagt: es könne nur eine Frage von zwei, drei Tagen sein.« »Wollen Sie mir vielleicht auf alle Fälle einige Details geben? Ich könnte mich vielleicht inzwischen mit der Materie vertraut machen.« Der Sekretär warf einen schnellen Blick in Thornquists Gesicht; es schien, als ob er verlegen werde. »Leider unmöglich, Herr Thornquist.« »Sie haben noch keine Direktiven von Scotland Yard?« »Doch. Sie sind heute früh eingetroffen.« »Nun also?« Der Sekretär zuckte die Achseln. »Sie lassen nicht locker, Thornquist. Ich muß Ihnen also rund heraus sagen: Die Angelegenheit, in der Sie diesmal für uns auf die Reise gehen sollen, ist außerordentlich diffizil. Unser Auftraggeber befindet sich in hoher diplomatischer Stellung. Er wohnt in London; er hat Scotland Yard gebeten, einen Vertrauensmann zu wählen, der für diese besonders schwierige und delikate Aufgabe geeignet ist. Inspektor Fisher hat an den Rand des Briefes geschrieben: ›Wäre etwas für Mr. Thornquist‹.« Thornquist verbeugte sich. »Nun, Sie sehen wohl?« »In dem Aktenstück befindet sich indessen die Randbemerkung: ›Nach Lage des Falles dürfen die Interessen unseres Auftraggebers unter keinen Umständen der Diskretion des Beauftragten preisgegeben werden. Er ist daher immer nur soweit zu informieren, wie es seine Tagesaufgabe erfordert‹.« Thornquist nahm den Hut. »Sie sprechen wohl wieder vor?« Jener blieb wartend an der Tür stehen. »Wollten Sie noch etwas?« erkundigte sich der Sekretär augenzwinkernd. »Ich kann es nicht leugnen« sagte Thornquist. »Ich wollte in der Tat etwas. Nämlich Geld.« »Vorschuß? Tut mir leid. Sobald der Auftrag perfekt ist: selbstverständlich. Aber so lange müssen Sie schon warten.« »Well, good bye.« Thornquist schloß den Drehknopf des hohen Tores hinter sich und wandte sich zur Linken, den Linden zu. Dort drüben der Tiergarten glühte in herbstlichen Farben; das Licht der untergehenden Sonne übergoß die Baumkronen schmeichelnd mit tiefrotem Licht. Eben blinkte das grüne Signal auf; der Strom der Autos vom Brandenburger Tor, der sich widerwillig gestaut hatte, setzte sich in Bewegung. Ein offener Wagen, in dem eine junge Dame saß, fuhr an Thornquist vorüber. Das war gewiß nichts besonderes. Aber er fühlte plötzlich, daß ihn die Dame betrachtete. Wie unter einer unbegreiflichen Suggestion wandte er den Kopf. Und plötzlich erkannte er in der Insassin des Wagens die Frau aus jener Nacht in New York. Die Dame im Pyjama ... Er fühlte, wie ihm einen Moment lang das Herz stockte. Auch sie hatte ihn erkannt, es war kein Zweifel. Das war ihr schwarzes Haar, das waren ihre großen dunklen Augen, die so seltsam stilrein mit dem Dunkel des Teints harmonierten. Der Verfolger hatte ihren Namen genannt; hundertfach, im Tempo des Tages, hatte er den schwingenden Rhythmus dieses fremdartigen Klanges zärtlich wiederholt: Susie Lacombe . Und auch sie hatte ihn gesehen ... Er blickte dem Wagen nach. Ihm war, als ob sie zu ihm zurückspähe, aber das konnte eine Täuschung sein. Ein Trugbild seiner sehnsüchtigen Gedanken. Dann fiel ihm ein: wie hoffnungslos war das alles! In dieser Riesenstadt hatten sich zwei Wege gekreuzt, einen Atemzug lang berührt – um für immer auseinanderzuführen. Nein. Das war ein Irrtum. Der Wagen hielt . Die junge Dame stieg aus. Sie wandte den Kopf leicht zur Seite, ihm schien als ob sie ihn mit den Blicken suche. Aber die Straße war voller Menschen. Langsam ging sie auf das Hotel zu, vor dem der Wagen hielt. Vielleicht erwartete sie, daß er sie begrüßen würde? Ach nein, das alles waren Wünsche, Hoffnungen, Träume eines Verliebten. Als er den Hoteleingang erreicht hatte, war sie längst im Innern des Hauses verschwunden. Aber ihm fiel ein, daß er das Nächstliegende übersehen hatte; vermutlich wohnte sie in diesem Hotel. Er brauchte sich nur an der Rezeption zu erkundigen. Fast mußte er lachen bei dem Gedanken, wie einfach die Dinge sind, und wie sehr sich der Mensch bemüht, sie zu komplizieren. Thornquist ging hinein und fragte. »Miss Susie Lacombe?« Der Portier zuckte die Achseln. »Ich glaube nicht. Bitte warten Sie einen Augenblick.« Er schlug ein Buch auf, schloß es wieder; dann stellte er eine Frage ins Telephon. »Nein, mein Herr. Der Name ist hier unbekannt. Ein Fräulein Susie Lacombe wohnt nicht bei uns.« Nun stand er wieder am Anfang aller Dinge. Hier drinnen, in diesen Räumen, aus denen weiches Licht schimmerte, war die Frau, an die er alle diese Zeit gedacht hatte. Und er sah keine Möglichkeit, sich ihr zu nähern. Denn der Aufenthalt in diesem Hause erforderte Geld. Er faßte verstohlen in die Tasche. Die paar Silbermünzen reichten allenfalls für das Trinkgeld. Mißmutig trat er auf die Straße hinaus. Die Dinge erschienen ihm seltsam verändert: die Welt war grauer geworden. Dunkler. Illusionslos. Ein Windstoß fegte durch die Straße; er trieb kreisende Blätter vor sich her, Papierfetzen – wirbelnde Abfälle, reif für den Besen des Straßenkehrers. Während er, sozusagen gegen seinen eigenen Willen, langsam der Friedrichstraße zuging, die Augen nachdenklich auf den Boden geheftet, flatterte ein bläuliches Papier zu seinen Füßen vorüber. Betroffen blieb er stehen. Das Papier war vierteilig zusammengelegt. Diese blaugraue Farbe ... der Aufdruck ... er hatte gute Augen ... er fühlte, daß in dieser Sekunde irgend ein Gott ihm zulächelte. Daß mit diesem grauen Fetzen Papier das Glück an ihm vorüberwirbelte. Er sah sich verstohlen um. Niemand achtete auf ihn; keiner sah auf die Banknote, die dort lag: unter welkem Laub, Zigarettenstummeln, Papierfetzen. Er bückte sich hastig, ergriff den Schein; einen schnellen Blick auf die Zahl: Hundert Mark. Der Schutzmann dort drüben schien herüberzublicken. Gelassen schob Thornquist den Hundertmarkschein in die Manteltasche; dann ging er schlendernd an den erleuchteten Schaufenstern vorüber dem Hotel zu. * Merkwürdig: welches Selbstvertrauen ein Hundertmarkschein verlieh! Der Boy drehte, die Mütze in der Hand, wirbelnd die Glastür. Der Portier grüßte. Irgend jemand riß Flügeltüren auf. Die Garderobiere erschien. Mit zärtlichem Blick nahm sie Besitz von seinem Mantel, seinem Hut; er ging weiter, quer durch die Halle. Ein junges Tänzerpaar wiegte sich, umgeben von einem Kreis von Bewunderern, im Rhythmus der Tangomelodie. Er kannte die beiden: es waren der Baron und die Baronin van Steen, Amateure, die auf einer Konkurrenz alle Professionals besiegt hatten. Applaus setzte ein. Thornquist schlenderte suchend durch die Reihen. Susie Lacombe war nicht in der Halle. Er ging die Treppe hinauf, die zum Speisesaal führte. Jemand verbeugte sich. Wieder taten sich Glastüren auf. Über dem Saal lag jene Stille, die allen Hotelsälen der Welt um diese Zeit eigentümlich ist: die Erwartung eines festlichen Abends, erfüllt von funkelndem Licht, von Gläserklang, von Frauenlachen. Auch hier war die Gesuchte nicht. Von irgendwoher kam das gedämpfte Klirren des Silbers. Die kleine Jazzband warf quäkend die ersten Takte eines Foxtrotts in den Saal. Drüben, in einer Nische, saß eine Gesellschaft von dunkelhaarigen Leuten, die irgend etwas feiern mochten. Zehn oder zwölf. Russen. Im übrigen das bekannte Bild. Amerikaner, im Smoking, mit ihren Damen. Vielleicht im Begriff, in eine Revue zu fahren. Ein paar neue Gäste erschienen. Der Geschäftsführer, in eigener Person, blickte Thornquist erwartungsvoll entgegen und deutete auf einen Tisch in bevorzugter Lage: vis-à-vis der Jazzband. Peter Thornquist hatte ursprünglich die Absicht gehabt, seine Wanderung, sein Suchen nach Susie, fortzusetzen. Aber die einladende Geste des Geschäftsführers hatte etwas so Suggestives, daß Thornquist ihr gehorchte. Schließlich war es immerhin wahrscheinlich, daß sie in diesen Raum kommen würde. Außerdem vermochte er die große Vorhalle von hier aus zu beobachten; sie konnte das Hotel nicht verlassen, ohne daß er sie sah. Zwei Kellner erschienen diensteifrig. Der Geschäftsführer hob die Hand. Das bedeutet: ich werde die Bestellung selbst aufnehmen. Thornquist war von jenem Typ, der, Gott weiß aus welchen Kombinationen, den Hotelleuten Respekt einflößt. Vielleicht daß man ihm den Weltreisenden ansah; vielleicht war es das offene Lächeln, das die berufsmäßigen Menschenkenner für ihn einnahm. »Darf ich Cannelons in Straßburger Art notieren?« »Notieren Sie.« »Dann vielleicht eine Hühnerrahmsuppe?« »Bitte.« »Wie denkt der Herr alsdann über einen Bluefish in Portwein-Sauce? Sonst hätten wir noch Gekochte Lachsforelle mit Sauce Riche.« »Danke. Nein.« »Als Zwischengericht möchte ich Gedämpfte Lammrippchen vorschlagen. Oder zieht der Herr Römische Pastetchen vor? Oder, eventuell, Küken sauté Wissmann?« Thornquist fühlte, mit Daumen und Zeigefinger, nach dem Hundertmarkschein, der zusammengefaltet in der Billettasche steckte. »Pasteten.« »Sehr wohl, mein Herr. Darf ich etwas vom Kalten Büffet notieren? Wir haben heute frischen Hummer bekommen.« »Ich danke.« »Was wählt der Herr als Hauptgang? Roastbeef mit Bratensaft? Gebratenen Puter mit Kronsbeersauce? Gefüllte junge Masttaube?« »Puter.« »Was für Salate ...« »Ich glaube« sagte Thornquist, »ich werde von dem, was Sie notiert haben, einigermaßen gesättigt werden.« »Welche Weine nimmt der Herr zu den einzelnen Gängen? Hier ist die Karte.« »Schicken Sie mir eine Flasche Sekt. Burgeff.« »Sehr wohl, mein Herr.« Mit der ganzen Würde seines verantwortungsvollen Amtes riß der Direktor den Zettel vom Block und übergab ihn dem ausführenden Kellner. Es ist reizend, dachte Thornquist, während er dem geschäftig Davoneilenden nachblickte. Ich begehe eine Unehrlichkeit, einer Frau zuliebe, von der ich gar nicht weiß, ob sie überhaupt an mich denkt. Da kommt nun irgend ein Mensch im Frack daher, liest mir hochtrabende Gerichte vor, und ich bin wahrhaftig zu schwach, zu feige, um einfach Nein zu sagen. Und dabei besteht die größte Wahrscheinlichkeit, daß bei diesem ganzen Abend nichts herausschauen wird als ein lukullisches Mahl, aus dem ich mir nichts mache. Denn daß Susie Lacombe überhaupt noch erscheinen wird ... Es ist eine oft beobachtete Tatsache, daß den Menschen, die nicht über die Seelenkräfte verfügen, ihr Schicksal selbst zu meistern – daß solchen Menschen das Leben selbst oft überraschend zuhilfe kommt. Thornquist hatte sich, ganz gegen seinen Willen und gegen seine Interessen, in diesem Winkel des Saales niedergelassen, mit der Aussicht auf ein Abendessen, das ihn eine gute Stunde beschäftigen würde. Die Wahrscheinlichkeit bestand, daß in dieser einen Stunde, auf die alles ankam, seine Chancen zerrinnen würden: daß die Frau, um deretwillen er hier war, verschwinden würde, während er bei diesem verwünschten Souper saß. Verschwinden – trotz der herrlichen Aussicht über die Hotelhalle. Nichts von alledem geschah. Das Leben kam Peter Thornquist zuhilfe. In dem Augenblick, da er erkannte, daß alles aus war: Susie Lacombe betrat den Saal . Das war ein solch unerwartetes Glück, daß Thornquist dem Kellner, der ihm eben die Cannelons auf Straßburger Art servierte, einen geradezu liebevollen Blick zuwarf. Den dieser herzlich erwiderte. Aber im nächsten Augenblick schon erfror das Lächeln in Thornquists Gesicht. Denn Susie Lacombe war nicht allein . Sie ging an der Seite ihres Begleiters mit langsamen Schritten durch den Saal. Der Herr zu ihrer Rechten war eher klein als groß; er war dunkelblond und hatte lustige Augen. Ein Grund für Peter Thornquist, ihn zu beneiden. Denn er wußte, daß er, selbst wenn er fidel war, gewöhnlich ein durchaus ernstes Gesicht machte. Die beiden nahmen schräg gegenüber von seinem Tische Platz. Der Kellner kam. Sie gaben irgend eine eilige Bestellung. Susie schien keinerlei Notiz von Thornquist zu nehmen. Behutsam und diensteifrig brachte der Kellner die Römischen Pastetchen. Während er sie servierte, sagte er, offenbar durch Peters freundliches Lächeln von vorhin ermutigt: »Noch ein bißchen früh, mein Herr.« »Ja, ja« nickte Peter. »Noch ein bißchen langweilig hier. Aber der Herr wird sehen: in einer halben Stunde wird das Bild anders.« »So so.« Der Kellner entkorkte die Worcestershire-Flasche und stellte sie vorsichtig in den silbernen Behälter. »Der Herr wird sehen: es kommen schöne Frauen zu uns.« Thornquist nickte. »Kennen Sie vielleicht die Dame dort drüben? Die mit dem Herrn, der eben den Wein einschenkt?« »Nein, mein Herr. Ich kenne sie nicht.« Ein Lichtsignal leuchtete auf; der Kellner verschwand. Sie nimmt keine Notiz von mir, dachte Peter. Sie ist in den Herrn an ihrer Seite verliebt; man sieht es, daß sie verliebt ist. Vielleicht ist es ihr Mann. Aber während er sich bemühte, sich selbst zu beweisen, daß er ein Esel gewesen war, sah er plötzlich zu seinem Erstaunen, daß Susie, die den Kopf in die Hand gestützt hatte, zu ihm hinüberblickte. Während sie ihn betrachtete – es war keine Frage, sie betrachtete ihn – sprach sie zu ihrem Begleiter. Und nun sah Thornquist, daß auch der Herr an ihrer Seite seine Augen auf ihn gerichtet hatte. Es war nicht schwer, daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß die beiden von ihm sprachen. Der Kellner erschien, gefolgt von einem zweiten, der den Serviertisch heranrollte. Während der zweite den Puter liebevoll zerlegte, sagte der erste, indem er einen Löffel Sauce auf Thornquists Teller goß: »Hat der Herr schon den neuen Reklametrick gesehen?« Damit legte er einen zusammengefalteten Hundertmarkschein vor Thornquist auf den Tisch. Peter konnte sich nicht verhehlen, daß in diesem Moment ein entsetzlicher Gedanke in ihm aufstieg. Er entfaltete die Note; die Vorderseite war scheinbar korrekt, die eines Hundertmarkscheins; der Kellner wandte das Blatt herum. Auf der Rückseite stand: Der Staubsauger » Taifun « ist der beste. »Ulkig, was?« fragte der Kellner. »Sehr ulkig« nickte Thornquist. »Wenn man diesen Zettel so in die Hand nimmt, nicht wahr, man könnte denken, nicht wahr, es wär ein Hundertmarkschein. Ich wette, mancher Dumme aus der Provinz fällt darauf herein. Nicht wahr?« Peter fühlte in die Tasche, in der, zwischen Daumen und Zeigefinger knisternd, sein Schicksal ruhte. Wann wurde dieser verwünschte Kellner endlich fertig? Er tranchierte an dem Puter herum; er drehte die Sektflasche im Kübel; endlich goß er langsam und behaglich ein. Bei alledem hatte er dieses fatale Lächeln; ahnte er ... oder gingen die Nerven mit Peter durch? Er blickte hinüber zu Susie. Die beiden sprachen eifrig miteinander; wieder war es ihm, als ob Susie zu ihm hinübersähe. Wie schön sie war! Der fremdartige Reiz ihres dunklen Typs kontrastierte seltsam mit dem matten Glanz ihres roten Abendkleides. Er riß sich aus seiner Versunkenheit los. Der Kellner war fort. Endlich! Peter faßte in die Tasche. Indem er den Schein herauszog, wußte er, was nun kommen mußte. Er entfaltete die Note, langsam, gleichgültig. Er drehte sie herum. Auf der Rückseite stand: Der Staubsauger » Taifun « ist der beste. Eine Blüte ... Ein Reklamezettel ... Er drehte den Kopf zur Seite. Stand dort nicht der Kellner? Lächelnd? Beobachtete er ihn nicht heimlich? Nun kam er langsam näher; den Rechnungsblock in der Hand. Zum Teufel, es mußte einen Weg geben, aus dieser Klemme zu entkommen. Ein Peter Thornquist wurde nicht zum Zechpreller. Um ein paar lumpiger Mark noch dazu. Er hatte wenig Bekannte in dieser Stadt; aber er erinnerte sich des japanischen Attachés, den er von New York her kannte. Der mußte ihm aushelfen. Er erhob sich, um ans Telephon zu gehen. Der Kellner stand plötzlich vor ihm. »Der Herr wünscht zu gehen? Darf ich die Rechnung geben?« »Bitte.« Der Zettel war schon fertig ausgeschrieben; der Kellner riß ihn aus der Perforation. »Zweiundfünfzig Mark, wenn ich bitten darf.« »Wo ist das Telephon?« Der andere antwortete, mit einem kaum verhehlten überraschten Blick in Thornquists Gesicht: »Dort drüben, bitte« und sah ihm forschend nach, während er an den Apparat ging. Es wäre gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit gewesen, gegen alle Wissenschaft von der Macht der Serie – wenn Thornquist den Attaché an diesem Abend telephonisch erreicht hätte. Natürlich war der Baron Takuma nicht zu Hause. Und ebenso natürlich wußte niemand, wo er zu erreichen war. Man vermutete ihn im Speisesaal des Hotels, in dem Peter eben saß; aber das war eine Annahme, die er als irrig zurückweisen konnte. Also schön, dachte Peter, während er mit gleichmütigen Schritten an seinen Tisch zurückging. Ich werde dem Kellner also jetzt sagen, daß ich kein Geld habe. Den Gefallen, ihm zu erklären, auch ich sei mit jener Blüte hereingefallen: diesen Gefallen werde ich ihm nicht tun. Es gäbe vielleicht noch die Möglichkeit, an die Englische Botschaft zu telephonieren. Aber da man bereits unzweideutig Nein gesagt hat, wäre das von vornherein sinnlos. Außerdem: die Engländer sind in Geldsachen entsetzlich komisch; und endlich würde ich mir meine Chancen verderben. Ich muß sehen, wie ich durchkomme. Ich könnte sagen, ich hätte mein Geld zu Hause liegen lassen. Aber dann würde man vielleicht mit mir ein Auto besteigen, und zu Hause würde sich herausstellen, daß ich gelogen habe. Ich muß es draufankommen lassen. Das ist eine verdammte Situation, weiß Gott. Aber es ist die Strafe für diesen blödsinnigen Einfall: von gefundenem Gelde leben zu wollen. Gott sei Dank, der Kellner war nicht zu sehen. Das bedeutete eine kurze Gnadenfrist. Er sah hinüber. Auch Susie mit ihrem Begleiter war verschwunden. Dort, vor ihm, auf dem Teller lag die Rechnung. Zweiundfünfzig Mark ... Er nahm sie gleichgültig in die Hand. Das war kaum Verstellung; denn in der Tat hatte er sich in diesen zwei Minuten in seine Rolle als Zechpreller bereits hineingelebt. Während er die Rechnung zusammenfaltete, fiel sein Blick plötzlich auf den Stempel: Betrag erhalten. Und irgend ein Name, den er nicht lesen konnte. Was hieß das: Betrag erhalten? War das eine vorweggenommene Quittung in Erwartung der sofortigen Zahlung? Ja ja. So mußte es sein. Aber warum war dann der Kellner fortgegangen? Eben kam er durch den Saal. Als er an Thornquist vorbeiging, machte er eine respektvolle Verbeugung – und ging weiter. Er benimmt sich wie jemand, der ein gutes Trinkgeld bekommen hat, dachte Thornquist kopfschüttelnd. Dann, als jener zurückkam, winkte er ihn mit den Augen heran. »Mein Herr ...?« Herrgott, was wollte er ihn denn nun eigentlich fragen? »Womit kann ich dienen, mein Herr?« »Sagen Sie, Ober: was bedeuten diese Worte: Betrag erhalten?« Der Gefragte sah ihn an, mit einem Blick, aus dem deutlich die Worte sprachen: Ist dir vielleicht der Sekt ein bißchen zu Kopf gestiegen? »Das ist die Quittung, mein Herr!« »Das kann ich mir ungefähr denken«, antwortete Thornquist, ärgerlich über seine eigene Unsicherheit. »Ich meine: wer hat denn seinen Namen unter diese Quittung gesetzt?« »Ich, mein Herr«, antwortete der Kellner, immer erstaunter. Thornquist ließ nervös die Hand auf die Tischplatte fallen. »Sie erweisen mir ein großes Vertrauen«, begann er langsam; ja, das war die richtige Argumentierung; Peter hatte ein paar Semester Jura gehört, an die er sich bei solchen Gelegenheiten gern erinnerte. Der Kellner sah ihn verständnislos an. Peter fühlte, wie ihm der Mut angesichts der Hilflosigkeit des andern wuchs. »Stellen Sie sich einmal vor, ich würde jetzt behaupten: ich hätte diese Rechnung bezahlt. Die Quittung beweist es. Denn sie ist gestempelt und unterschrieben. Haben Sie keine Angst – ich werde es nicht behaupten! Aber gesetzt den Fall: was wollten Sie dann machen?« Der Kellner sah einen Augenblick schweigend auf Thornquist. Dann sagte er kopfschüttelnd: »Ich kann Sie mit dem besten Willen nicht verstehen, mein Herr. Diese Rechnung ist doch bezahlt .« »Bezahlt ...?« stammelte Peter fassungslos. »Aber die Zweiundfünfzig Mark lagen doch auf dem Teller. Als Sie in der Telephonzelle waren, habe ich sie selbst fortgenommen. Nicht wahr« – der Kellner warf einen diskret lächelnden Seitenblick auf die geleerte Sektflasche – »der Herr hatte es wohl vergessen ...?« Thornquist tat einen tiefen Atemzug. Dann, als ob er sich mühsam, durch den Nebel eines Sektrausches hindurch, einer belanglosen Tatsache erinnere, sagte er aufatmend: »Mein Gott – natürlich habe ich bezahlt! Ich hatte es in der Tat völlig vergessen!« Der Kellner machte eine verständnisvolle Verbeugung. Er nahm die Flasche, füllte das Glas mit dem Rest des Burgeff und zog sich mit geräuschlosen Schritten in den Hintergrund zurück. Peter blickte in der Runde. Niemand sah auf ihn. Wenn ein heimlicher Gönner in diesem Saale war, so hatte er keinen Grund, sich zu verstecken. Kein Blick traf ihn. Es war, als ob dieses Geld durch ein Loch in der Decke des Saales vom Himmel gefallen war. Direkt auf diesen Teller. Damit Herr Peter Thornquist aus Altona seine Zeche bezahlen konnte ... Wieder blickte er hinüber. An jenem Tische hatte Susie Lacombe gesessen. War es die Hellsichtigkeit des Verliebten – oder war es die geistschärfende Wirkung des Weins: mit einem Schlage wußte er, daß es Susie Lacombe gewesen war, die ihn gerettet hatte. Das war freilich eine neue Unbegreiflichkeit, die sich hier auftat. Woher wußte Susie von seinem Dilemma? Und welchen Grund hatte sie gehabt, ihm zu helfen? Wo war Susie? Sie dachte an ihn, das bewies dieses Geld. Denn daß es von ihr kam, daran war im Ernst kein Zweifel mehr. Er mußte sie wiedersehen. Schon um ihr das Geld zurückzugeben. An dem Klopfen seines Herzens merkte er, daß im übrigen noch einige andere Gründe für ein Wiedersehen vorhanden waren. Er faltete die Rechnung vierteilig zusammen, so wie der falsche Hundertmarkschein in seiner Tasche geknifft war. Da sah er plötzlich, daß jemand auf die Rückseite der Rechnung mit Bleistift geschrieben hatte: 6477 Fast hätte er den Zettel an die Lippen gedrückt: das war eine Botschaft von Susie ! 6477 ... offenbar eine Chiffre. Ein postlagernder Brief. Den er von ihr erwarten sollte. Wie verheißungsvoll das dastand: 6477 ...! Freilich: sie hatte vergessen, das Postamt zu nennen. Keine Kleinigkeit in einer Stadt, in der sich über hundert Postanstalten befinden. Aber, immerhin: welcher Verliebte würde nicht Mittel und Wege finden ... Der Saal füllte sich. Peter stand auf, glückselig, von zärtlichen und liebevollen Gedanken berauscht. Er ließ sich Hut und Mantel geben. Immer hatte er die Hoffnung, ihr noch zu begegnen. Irgendwo auf den Korridoren. In der Halle. Er trat in die stille Feierlichkeit der Linden hinaus. Die Fliesen des Trottoirs glänzten im bläulichen Licht der Bogenlampen. Sternenfunkelnd spannte sich der Herbsthimmel über der Stadt; über allen Dingen lag ein verheißungsvolles und zärtliches Leuchten. Er konnte sich nicht verhehlen, daß er verliebt war. Eben fuhr ein Auto vor. Es war erleuchtet, obwohl es leer war. Das fiel ihm auf. Er ging an dem Wagen vorüber, dem Brandenburger Tor zu. Während sein Blick über den glänzenden Lack der Limousine glitt, fiel ihm plötzlich die Zahl in die Augen: 6477 Das war die Chiffre, die auf der Rechnung stand ... Er blieb stehen. Der Chauffeur wurde aufmerksam; forschend blickte er dem Fremden ins Gesicht. Zu Peters Erstaunen fragte der Chauffeur plötzlich: » Sind Sie Herr Thornquist ?« Überrascht bejahte Peter. »Bitte steigen Sie ein.« Einen Augenblick stand der Aufgeforderte fassungslos. War das nicht am Ende doch etwa der Sekt? Er wußte zwar genau: dies waren die Linden – dort war das Hotel Bristol – hier stand ein Auto – hier leuchtete eine Nummer, die er kannte – trotz alledem: war das nicht der Gipfel der Unwahrscheinlichkeit, was sich hier vor seinen Augen zutrug? Er suchte eine Frau, die er in einer flüchtigen Minute, jenseits des Ozeans, gesehen hatte ... Diese Frau erschien plötzlich – verschwand wieder; und nun, in dem Augenblick, da wieder alles vorbei schien – in diesem Augenblick sagte ein herrschaftlicher Chauffeur: Bitte steigen Sie ein – und das konnte nur bedeuten: ich fahre Sie zu der Frau, die Sie lieben ... Gleichwohl. Man mußte im Unglück Haltung zeigen; wo stand geschrieben, daß man es nicht auch im Glück zumindest versuchen sollte? Er fragte also mit ruhiger Stimme: »Wohin wollen Sie mich fahren?« und war sehr stolz auf diese Worte. Der Chauffeur schien ein kleines bißchen zu lächeln. Aber er antwortete nur mit ruhiger Stimme: » Zu einer Dame .« Obwohl Peter diese Antwort erwartet hatte, setzte sie ihn dennoch in Erstaunen. Das ist doch im Ernst nicht möglich, dachte er bei sich. Dann, wie um sich selbst zu überrumpeln, stieg er ein. Augenblicklich zog der Wagen an. Während Peter sich halb betroffen halb siegesgewiß in die Polster zurücklehnte, glaubte er das leise Parfüm zu spüren, das in jener Nacht in New York sein Zimmer erfüllt hatte. Das mochte Täuschung sein. Dennoch: in diesen hellseidenen Kissen hatte vielleicht noch vor wenigen Minuten der schlanke Körper Susie Lacombes geruht. Der abendliche Tiergarten nahm den Wagen auf; schon sah er die Bogenlampen der Siegesallee. Während Peter mit jeder Drehung der Räder seinem geheimnisvollen und lockenden Ziele näherkam, dachte er bei sich: Es ist bestimmt schon außerordentlich reizvoll, wenn eine Frau, irgend eine Frau, die einem zufällig begegnet, einem auf solche Weise die Annäherung erleichtert. Wenn aber eine Dame, die man seit einem Vierteljahre sucht – in die man verliebt ist, an die man Tag und Nacht denkt – wenn einem eine solche Frau plötzlich ihren Wagen schickt mit der Aufforderung: Bitte steigen Sie ein – so ist das, scheint mir, ein geradezu unfaßbares Glück. Der Wagen bog aus der Siegesallee zur Rechten ein, in die Tiergartenstraße. Dann wandte er abermals zur Linken, in eine schmale Privatstraße. Die Bremse zog an; augenblicklich hielt das Auto. Der Chauffeur öffnete den Schlag. Peter stieg aus. Der Chauffeur ging voran. Er schloß die Tür der kleinen Renaissancevilla auf, die vielleicht ein Hotel war, vielleicht eine Pension, und trat ins Haus, seinem Passagier den Weg zu weisen. Die kleine Halle war halb erleuchtet. Der Chauffeur klopfte an eine Tür. Ohne eine Antwort abzuwarten stieß er sie auf und ließ Peter Thornquist eintreten. Fast gleichzeitig öffnete sich die Tür, die zu einem Nebenzimmer führen mochte. Aber zu Peters Überraschung war es nicht Susie Lacombe, die eintrat; sondern ein kleiner dunkelblonder Herr mit lachenden Augen. Derselbe, den er an ihrer Seite im Hotel Bristol gesehen hatte. Was bedeutet das? fuhr es Peter durch den Kopf, Ist das eine Falle, die man mir gestellt hat? Will dieser Mann mich vielleicht zur Rede stellen? Und wo ist Susie? »Ladinser,« sagte der Fremde mit einer Verbeugung. »Thornquist«. »Sie werden ein bißchen erstaunt sein, Herr Thornquist,« damit deutete Ladinser auf einen Sessel, »daß ich mir erlaubt habe, Sie auf eine so ungewöhnliche Art in mein Haus zu bitten.« Thornquist nahm zögernd Platz. »Ich muß gestehen: ich war nicht darauf vorbereitet, Ihnen zu begegnen. Ich hatte geglaubt ...« Der andere machte eine Handbewegung, die etwa besagte: Ich kann mir ungefähr denken, was du geglaubt hast. »Herr Thornquist«, begann Ladinser, »ich möchte fragen, ob Sie bereit wären, eine Reise zu machen. Eine interessante und wichtige Reise.« »Eine Reise ...«, wiederholte Thornquist unsicher. Also kein galantes Abenteuer, dachte er, ein bißchen enttäuscht. »Es liegt natürlich in Ihrer Hand, Ja oder Nein zu meinem Vorschlag zu sagen. Sie sollen mit einer Dame reisen.« Halt. Also doch ... »Was ist der Zweck dieser Reise? Mit wem soll ich fahren?« Über Ladinsers Gesicht ging ein Lächeln. »Mit der Dame, die Sie heute an meinem Tisch gesehen haben. Ich glaube, Sie kennen sie.« »Mit Fräulein Lacombe?« fragte Peter atemlos. Der andere nickte. »Natürlich nur wenn es Ihre Zeit erlaubt!« »In welcher Eigenschaft soll ich diese Reise mit ihr machen?« Ladinser betrachtete den vor ihm Sitzenden aufmerksam. Dann sagte er, indem er ihm in die Augen sah: »Sie sollen diese Reise zusammen machen: als Mann und Frau .« »Als Mann und Frau?« wiederholte Peter. Hier winkte ein seltsames, bestimmt ein reizvolles Abenteuer, soviel war klar. Aber warum kam man gerade auf ihn? Als ob ihm Herr Ladinser die Gedanken von der Stirn abgelesen hätte, fuhr er fort: »Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich gerade Ihnen einen solchen Vorschlag mache. Ich muß sogar noch einen Schritt weitergehen und Ihnen sagen: der Auftrag ist nicht ungefährlich.« Peter erhob sich. »Ich muß Sie schon bitten, mir reinen Wein einzuschenken, Herr Ladinser. Alles was Sie da sagen, ist recht rätselhaft.« Der andere machte eine Handbewegung. »Sie haben recht.« »Warum soll ich mit Fräulein Lacombe als ihr Mann reisen? Warum ist diese Reise gefährlich? Und – endlich – warum begleiten Sie Fräulein Lacombe nicht?« »Gut«, sagte Ladinser. »Ich will Ihnen alle diese Fragen beantworten. Der Name Lacombe ist ein Pseudonym. Die Dame ist in Wahrheit – ich darf auf Ihre Diskretion rechnen, nicht wahr? – eine ungarische Prinzessin.« »So so,« nickte Peter. »Eine ungarische Prinzessin.« »Weiter: die Mutter der Dame, die Fürstin Klausenburg, steht unter einer schweren Anklage. Um die Mutter zu retten, gibt es nur ein Mittel: ihre Tochter muß vor dem Gericht in Budapest erscheinen.« »Eine romantische Geschichte.« »Aber die reine Wahrheit.« »Ich glaube, ich habe etwas von einem Prozeß gegen eine Fürstin Klausenburg in Budapest gelesen. Hat sie nicht ihre eigene Tochter ...?« »Das ist es eben. Durch das Erscheinen der angeblich Ermordeten wollen wir die Anklage zu Fall bringen.« »Und Fräulein La... und die Prinzessin ... ist wirklich ihre Tochter?« »Nun ist in Ungarn eine mächtige Partei am Werke, die der Fürstin nicht wohl will. Sie wünscht die Verurteilung der Angeklagten um jeden Preis. Aus diesem Grunde muß die junge Prinzessin Prisca , wenn ich so sagen darf: unbemerkt nach Budapest kommen; erst im Gerichtssaal darf sie sich zu erkennen geben. Können Sie das begreifen?« »Ja.« »Ursprünglich wollte ich selbst die Prinzessin nach Budapest begleiten. Nun ist aber, ich weiß nicht wie, mein Name plötzlich in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Wenn man mich mit der Prinzessin entdeckt – und das wäre ein Leichtes – ist alles verloren; die Zeugin würde gar nicht nach Budapest kommen. Darum wäre es das Sicherste, wenn Sie mit der Prinzessin, als Herr und Frau Thornquist, fahren würden. Den Paß für Sie beide könnte ich beschaffen; ich habe Verbindungen. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, daß Sie auf meine Kosten reisen.« »Hm. Ich glaube, ich bin bereits in Ihrer Schuld«, sagte Peter zögernd. Ladinser lachte. »Sie meinen die Geschichte mit der Souperrechnung?« »Allerdings.« »Ja, – ich habe mir erlaubt die Kleinigkeit zu regulieren.« »Aber ich begreife nicht: woher wußten Sie, daß ich ... daß ich ...?« »Ich sehe, ich muß Ihnen die volle Wahrheit sagen. Die Prinzessin hat mir von Ihnen erzählt. Ich möchte sie nur einem perfekten Gentleman anvertrauen; Sie werden das begreifen. Seit mehreren Tagen bin ich dabei, Sie und Ihre Verhältnisse ein bißchen zu sondieren. Ich weiß, daß Sie ... also kurz und gut, Herr Thornquist: ich habe mir erlaubt, Ihre Rechnung zu bezahlen.« »Was ist also zu tun?« »Wenn Sie einverstanden sind, werden Sie mit ihr morgen abend als Mann und Frau nach Budapest fahren.« »Nichts weiter?« »Jedenfalls nichts von Belang. Sie können unterwegs mit der Prinzessin alles Nähere in aller Ruhe besprechen.« »Kann ich mit Fräulein Lacombe ... kann ich mit der Prinzessin ein paar Worte ...?« »Selbstverständlich. Wann Sie wollen. Sagen wir: morgen vormittag?« Ladinser ging an den Schreibtisch. Er zog die Schublade auf. »Hier ist auf alle Fälle ein guter Clément-Revolver. Er ist sehr klein; aber Sie können sich auf ihn verlassen.« Thornquist nahm die Waffe in die Hand. Sie war gesichert. Er zog das Magazin aus dem Lauf: sechs Patronen. »Sie sagten, die Aufgabe sei gefährlich?« »Ja. Jedenfalls müssen Sie damit rechnen, daß man Sie unter Umständen erkennt.« »Und dann?« »Dann würde man vor keinem Mittel zurückschrecken, damit Sie und die Prinzessin nicht nach Budapest gelangen. Vor keinem. « Thornquist straffte den Arm und bog ihn langsam einwärts. »Ich kann mich auf meinen Bizeps einigermaßen verlassen; ich führe einen ziemlich harten Schlag.« Ladinser lachte. »Umso besser. Auf alle Fälle: seien Sie vorsichtig! Schließlich: gegen eine Revolverkugel aus dem Hinterhalt ist der schönste Uppercut zwecklos.« Ladinser erhob sich. »Also?« »Ich bin bereit. Um es Ihnen offen zu sagen: das Abenteuer reizt mich. Die Gefahr zieht mich an.« »Sonst nichts?« fragte Ladinser, indem er seinem Besucher die Hand zum Abschied bot. Thornquist stand vor dem Manne, der ihm halb wie ein gutmütiger und harmloser Bohémien erschien – und halb wie ein skrupelloser Geschäftemacher. Immer noch hielt jener ihm die ausgestreckte Hand entgegen. Thornquist sah ihm in die Augen, in diese dunklen Augen, in deren Tiefe jenes seltsame Lächeln glomm ... »Ich möchte etwas fragen, Herr Ladinser: Sie haben sich die Aufgabe gestellt, die Fürstin Klausenburg zu retten. Das ist eine schöne und menschenfreundliche Absicht. Tun Sie es aus reinem Idealismus – Sie entschuldigen ein offenes Wort – oder ... oder ..?« »Aus reinem Idealismus«, antwortete Ladinser. Thornquist nahm die Hand. »Ich werde morgen abend mit der Prinzessin nach Budapest fahren.« »Gute Nacht,« – – – Ladinser stand immer noch, die Augen auf die Tür geheftet, hinter der Thornquist verschwunden war. Der Schritt des Besuchers verklang in der Halle. Nun ging die Haustür. Ladinser zog das Etui; er nahm eine Zigarette, die er zerstreut anzündete. Er ging ein paarmal gedankenvoll durchs Zimmer; dann riß er die Zigarette aus dem Mund und zerdrückte sie hastig im Aschenbecher. Die Tür ging auf. Susie Lacombe trat ein. »Nun?« »Er hat Ja gesagt.« Susie trat näher; es schien, als ob sie erröte. »Als mein Mann?« »Als Ihr Mann.« »Sagen Sie, Ladinser – sie legte ihm die Hand auf den Arm – »was glauben Sie: welchen Grund hat er gehabt anzunehmen?« Ladinser zuckte die Achseln. »Ich sehe nur einen Grund: er liebt Sie.« In Susies Gesicht trat ein versonnenes Lächeln. Leise fragte sie: »Wofür hält er mich?« Ladinser streifte sie mit einem schnellen Blick. Er nahm die silberne Dose vom Tisch, klappte sie auf und bot Susie eine Zigarette. »Für die Prinzessin Klausenburg.« * Thornquist schloß, erfüllt von kreisenden Gedanken, die Tür auf. Das Mädchen kam ihm entgegen: »Ein Bote hat einen Brief gebracht. Es wäre sehr eilig, hat er gesagt. Er liegt auf Ihrem Schreibtisch.« Peter knipste das Licht ein. Er erkannte sofort: das war eine Mitteilung der Botschaft. Das Schuldgefühl, das er, im Unterbewußtsein, während des ganzen Heimwegs brennend verspürt hatte, stellte sich jäh von neuem ein. Das war der Auftrag: daran war kein Zweifel. Und eben hatte er, in jungenhafter Verliebtheit, gegen alle Bedenken, gegen Sinn und Vernunft, ein Liebesabenteuer auf sich genommen. Eine gefährliche Mission – die ihn weitab führte vom Weg seiner Pflichten. Er hatte versprochen, morgen abend nach Budapest zu fahren. Mit jener Frau. Nun mußte er diesen Auftrag ablehnen; eine geordnete, gesicherte Existenz mußte er zurückweisen. Mißmutig brach er den Brief auf. Ein Scheck fiel heraus. Und ein Zettel mit der lakonischen Anweisung: »Morgen 21 Uhr 10 mit dem Expreß nach Budapest fahren. Weitere Informationen im Zuge.« III. Der Schlüssel drehte sich zweimal im Schloß. Fast ohne den Kopf zu wenden blickte die Fürstin auf. In ihren Augen war eine unruhige Frage. Aber während sich die schwere Bohlentür öffnete, nahm ihr Gesicht den gewohnten Ausdruck einer hochmütigen Gleichgültigkeit an. Der Uniformierte blieb, die Mütze in der Hand, im Türrahmen stehen. Er legte die Hände an die Hosennaht. Seine Augen streiften, vielleicht war es Verlegenheit, vielleicht der beabsichtigte Ausdruck eines tiefen Respekts, über die Einrichtung des Zimmerchens, die nicht ohne eine gewisse Eleganz war. Mit leiser Stimme sagte er: »Der Herr Doktor Saebenspurgk bittet Ihre Durchlaucht, die Frau Fürstin Klausenburg, um die Ehre einer Unterredung.« »Doktor Saebenspurgk?« Die Fürstin schüttelte den Kopf. »Wer ist das?« In Wahrheit kannte sie den Namen genau. Aber sie ignorierte ihn aus trotzigem Stolz. Der Wärter machte eine höfliche Verbeugung. »Der Herr Doktor Saebenspurgk, Durchlaucht, ist der Herr Untersuchungsrichter.« Die Fürstin runzelte die Brauen. »Wenn der Untersuchungsrichter mich zu sprechen wünscht – warum kommt er nicht hierher?« Der Mann in der Uniform wußte vielleicht nicht recht, was er auf diese Frage antworten sollte. Er begriff durchaus, daß eine Fürstin das Recht hat, eine Unterredung, selbst mit dem Herrn Untersuchungsrichter, nach Belieben anzunehmen oder abzulehnen; anderseits kannte er die Machtmittel eines Königlich Ungarischen Richters zu genau, um nicht zu wissen, daß in diesem Falle die Fürstin die Schwächere war. »Der Herr Untersuchungsrichter, Durchlaucht – bitt' schön, sehen selbst, Durchlaucht, der Herr Untersuchungsrichter hat all die Sachen, die er braucht, hübsch beieinander. Auf seinem Schreibtisch. Und das wo dahinter steht, im Regal. Der Herr Untersuchungsrichter müßt' alles dieses mitschleppen, wenn er wollte Zu Durchlaucht kommen, um hier alle kleinen und großen Sachen zu besprechen, bitt' schön. Darum hat der Herr Untersuchungsrichter gebeten, daß Durchlaucht zu ihm kommt.« Die Fürstin stand unmutig auf. »Es ist gut.« Die beiden traten auf den Korridor hinaus. Der Wärter verschloß die Tür sorgfältig; dann ging er, immer einen halben Schritt hinter der Fürstin, an ihrer rechten Seite den Korridor hinunter. Er beobachtete sie von der Seite; sie fühlte seinen Blick. Alle Menschen in diesem Hause, in diesem Lande blickten von der Seite. Man fühlte ihren Blick, aber wenn man den Kopf wendete, sah man in höflich lächelnde Gesichter. Irgendwo ging eine Tür. Ein Herr, groß, schmalschultrig, dunkelhaarig, mit einer mächtigen Hornbrille, kam ihnen entgegen. Es war der Oberstaatsanwalt Belvárosi. Sie kannte ihn wohl. Er machte eine tiefe Verbeugung, als er an ihr vorüberging. Er hatte, als junger Referendar, in ihrem Hause verkehrt. Ein Seitenkorridor zweigte ab. Der Wärter wendete sich zur Rechten und klopfte an eine Tür. Er trat ehrerbietig zurück; die Tür ging von innen auf. Die Fürstin trat ein. Vor ihr stand Doktor Saebenspurgk. Der Untersuchungsrichter. Sie betrachtete ihn aufmerksam, während er, wie alle andern in diesem Hause, sich tief und respektvoll vor ihr verbeugte. Sie wußte, daß er Deutscher war, Er hatte seinen Namen magyarisiert; aber man erzählte sich, daß er im Herzen Deutscher geblieben wäre. Die hellen blauen Augen, das dunkelblonde Haar, alles an ihm war deutsch. Er galt für einen der befähigsten Juristen Ungarns; dennoch hatte er keine Karriere gemacht. Die Untersuchung gegen den Prinzen Windischgrätz hatte in seinen Händen gelegen; er hatte sie mit Scharfsinn geführt. Mit so großem Scharfsinn, daß er, was allen anderen nicht gelungen war, die Überführung und die Verurteilung des Prinzen durchgesetzt hatte. Er mochte vielleicht auf Beförderung gerechnet haben; statt dessen war er an ein anderes Gericht versetzt worden. Jedenfalls galt er für unbestechlich. Das bedeutete immerhin: für gerecht . Sie blickte auf seine Kleidung, die mehr als anspruchslos war: unmodisch, betont unelegant. Das Jackett war zu eng, der Kragen krümmte sich im Nacken, die Hosen hatten nur die Andeutung einer Bügelfalte. Er war verbittert, das drückte sich in seiner Sprache, in seinem Habitus aus. An der Wand hing, neben dem Schreibtisch, ein Spiegel. Dieser Doktor Saebenspurgk sah nicht aus wie einer, der sich wohlgefällig zu betrachten pflegt. Hier war wieder eine jener kleinen Hinterhältigkeiten, die in diesem Hause gang und gäbe schienen; der Spiegel dort hatte sicher einen ganz bestimmten Zweck. Vielleicht daß der Richter scheinbar gedankenverloren den Kopf stützte, während der Vernommene ihm angstvoll gegenübersaß. Nun kam eine wichtige Frage. Vielleicht die Frage des ganzen Prozesses. Wie beiläufig warf der Richter einen unbemerkten Blick in diesen kleinen Spiegel – das verstörte Gesicht des Häftlings, der sich unbeobachtet glaubte, sagte ihm mehr als Nein und Ja. Die Fürstin blickte verstohlen hinein. Sie erschrak. Ihr Haar, dieses kastanienbraune, immer noch volle und reiche Haar der Vierzigerin, war in den wenigen Wochen ergraut. Ihre Augen, diese grauen klaren englischen Augen, waren glanzlos und trübe. Nur die Haltung war straff geblieben; aber sie wußte nur zu gut, welche Anstrengung es sie kostete, ihre innere Unruhe zu verbergen. Der Richter hatte bisher scheinbar keine Notiz von ihr genommen. Er mochte daran gewöhnt sein, daß sich die Gefangenen in diesem Raume erst innerlich zurechtfinden mußten. Sie kamen aus halbdunklen Zellen; dieses Zimmer aber hatte keine Gitter. Ungehindert fiel das Licht der Sonne herein. Dort reckte eine Esche ihre Zweige in den Himmel. Tausend Erinnerungen an die Freiheit dort draußen wurden wach. Der Richter wies, abermals mit einer höflichen Verbeugung, auf den Stuhl. Erst als sie Platz genommen hatte setzte auch er sich. Er schlug ein Aktenstück auf und wandte mit zwei, drei geschickten Bewegungen, die genaue Kenntnis des umfangreichen Bandes verrieten, die Blätter um. »Ich danke Ihnen, Durchlaucht, daß Sie mir die Ehre Ihres Besuches erweisen.« Er sah ihr plötzlich ins Gesicht; sie schwieg. »Der Anlaß Ihres Besuches freilich, gnädigste Fürstin, ist ein unendlich schmerzlicher. Bitte glauben Sie mir: ich kann die Schwere Ihrer Lage durchaus ermessen. Alle die in diesem Hause arbeiten, alle die der Justiz dieses Landes dienen, empfinden ihr Amt als schwer und grausam. Darum bitte ich Sie, jedes Wort, das ich spreche, nicht als persönlich, nicht als Kränkung aufzufassen. Denn mir liegt unendlich viel an Ihrem Wohlwollen.« Die Fürstin hob den Blick. »Warum sprechen Sie so, Herr Richter? Ich bin in Ihrer Gewalt, das wissen Sie. Das weiß ich. Ihre Höflichkeit ist nichts als Hohn. Was habe ich Ihnen getan, daß Sie mich verhöhnen?« Er schüttelte den Kopf. »Ihre Lage macht Sie verbittert, Durchlaucht. Ich kann das begreifen. Sie halten jeden, der Ihnen entgegen tritt, für Ihren Feind. Würde ich hart zu Ihnen sprechen, so würden Sie mich grausam finden; da ich höflich bin, fassen Sie es als Hohn auf. Gibt es nicht auch ein Drittes, Durchlaucht?« Sie zuckte die Achseln. »Sie sind der bessere Dialektiker, Herr Doktor Saebenspurgk. Aber Sie werden mich von meiner Meinung nicht abbringen.« »Ich kann es nicht ändern«, sagte er, indem er die Augen resigniert senkte, »ich kann Ihre Meinung nicht beeinflussen. Wir wollen also, wenn Sie es erlauben, von der Sache sprechen, wegen der Sie hier sind.« Indem er einen schnellen Blick auf sie warf, fragte er: »Bestreiten Sie nach wie vor Ihre Schuld?« Die Fürstin nickte. »Erlauben Sie mir, einige Feststellungen zu wiederholen, über die wir, wenn ich nicht irre, einer Meinung sind. Am 17. September 1921 fand in Ihrem Schlosse Klausenburg an der Rába ein kleiner Ball statt. Unter anderen war der junge Graf Faludi anwesend.« Der Richter blickte in den Spiegel. Er sah, daß in die Augen der Fürstin ein unruhiger Ausdruck trat. »Der Ball fand statt zur Feier des achtzehnten Geburtstages Ihrer Tochter: der Prinzessin Prisca. Ist das richtig?« »Ja.« »In der Nacht zwischen zwölf und ein Uhr fiel es Ihnen auf, daß Ihre Tochter verschwunden war. Und daß auch Graf Michael Faludi fehlte. Schöpften Sie Verdacht?« Leise antwortete die Fürstin: »Ja, Herr Richter.« »Worauf bezog sich dieser Verdacht? Empfanden Sie ihn als Mutter – oder empfanden sie ihn als Frau ?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nicht.« »Es tut mir leid, in Ihre intimsten Angelegenheiten dringen zu müssen. Aber ich glaube: daß Sie mich verstehen, Durchlaucht. Waren Sie unruhig, weil Sie Ihre Tochter auf verbotenen Liebeswegen fürchteten? Oder schöpften Sie Verdacht, weil Sie den Grafen Faludi liebten – und weil Sie auf den Gedanken kamen, daß ... daß er und Ihre Tochter ...« »Muß ich diese Frage beantworten?« »Nein.« »Ich danke Ihnen.« »Sie gingen jetzt in den Park, um den Grafen Faludi zu suchen.« Der Richter hob die Hand – »Oder um Ihre Tochter zu suchen. Oder beide ...« »Ich weiß nicht mehr, warum ich in den Park gegangen bin. Ich weiß nur, daß ich die Prinzessin mit dem Grafen ...« sie stockte. »Ja«, sagte der Richter leise. »Der Graf machte eine verlegene Verbeugung und ging in den Saal zurück. Seit dieser Stunde habe ich ihn nicht mehr gesehen.« »Nie mehr?« »Nie mehr.« »Es kam dann zu einer furchtbaren Auseinandersetzung zwischen Ihnen und Ihrer Tochter. Was in den nächsten Stunden geschehen ist, weiß niemand. Außer Ihnen, Durchlaucht.« »Es ist nichts geschehen, Herr Richter.« Er machte eine ungeduldige Handbewegung. »Es muß etwas geschehen sein. Der Instinkt des Kriminalisten sagt es mir.« »Ich ging in den Saal zurück. Allein. Mir schien, als ob die Stimmung frostiger geworden sei.« »Wäre es möglich, daß der Graf seine Freunde von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt hätte?« »Ich kann es mir im Ernst nicht denken.« »Wo war der Graf?« »Er hatte das Haus verlassen.« »Wo war Ihre Tochter?« »Ich hatte sie auf ihr Zimmer geschickt.« »Es lag im Seitenflügel des Schlosses?« »Als ich mich wieder unter die Gäste mischte, merkte ich deutlich, daß die Stimmung gegen mich war.« »Sollte das nicht Einbildung gewesen sein? Sie waren erregt, Durchlaucht; Sie hatten vielleicht ein gewisses Schuldbewußtsein ...« »Ich hatte kein Schuldbewußtsein, Herr Richter.« »Hm. Sie haben einmal geäußert, die Haltung Ihrer Nachbarn im Rába-Tal sei ausgesprochen feindselig.« Die Fürstin sah dem Richter ins Gesicht. »Zweifeln Sie im Ernst daran, Herr Doktor? Sie kennen dieses Land besser als ich. Sie kennen den Fall – diesen sogenannten Fall Klausenburg – Sie sind, wenn ich nicht irre, selbst aus fremdem Blut. Muß ich Ihnen erst beweisen, wie sich der ungarische Feudaladel gegen den Landfremden stellt?« »Nein«, sagte der Richter. »Ich glaube Ihnen, daß man sich feindselig gegen Sie verhalten hat.« »Aber Sie werden nicht ermessen können, wie sehr ich unter diesem Haß gelitten habe.« »Können Sie in dieser Hinsicht bestimmte Namen nennen?« Die Fürstin sah zu Boden. »Ja. Aber ich möchte Sie bitten, es mir zu erlassen.« »Was, glauben Sie, war die Ursache dieser Feindschaft? Schließlich hatten Sie dem Fürsten doch ein ungeheures Vermögen zugebracht.« »Wenn ich die Wahrheit sagen soll: es kamen wohl verschiedene Gründe zusammen. Man hat es dem Fürsten zeitlebens verübelt, daß er nicht eine ungarische Standesgenossin geheiratet hat. Man hat mir, mehr oder weniger versteckt, den Vorwurf gemacht, ich hätte mit meinem Gelde den Fürsten in berechnender Weise gekapert. Aber das ist eine Lüge.« »Das alles ist eigentlich kein Grund, Sie so zu hassen – wie man Sie gehaßt hat.« »Noch eins kam hinzu. Ich will es Ihnen offen sagen: ich habe aus meiner Abneigung gegen Ungarn kein Hehl gemacht. Ich habe den Baronen und Grafen, die bei uns verkehrten, gelegentlich zu verstehen gegeben, daß ich sie als bessere Analphabeten betrachtete. Der Baron Ripacs hat mir unzweideutig den Hof gemacht – so unzweideutig, daß mein Mann ihn auf meine Veranlassung bat, seine Besuche einzustellen. Wir begegneten uns später einmal an dritter Stelle: es war auf der Margareteninsel, im Restaurant New York. Der Baron hatte zuviel getrunken; er setzte sich zu uns an den Tisch, als ob nichts geschehen wäre. Ich glaube, er wollte ein Duell mit meinem Manne provozieren. Als er gar zu deutlich wurde, habe ich dem Baron gesagt, daß sein Verhalten mich nicht wundere in einem Lande, das nichts sei als ein künstlich amerikanisierter Balkan.« Der Richter lachte. »Er muß diese Äußerung weitergegeben haben; denn immer mehr spürte ich die Feindschaft.« »Ich will auch dieser Seite Ihres Falles Gerechtigkeit widerfahren lassen, Durchlaucht. Sie fühlten sich unter Feinden; es scheint kein Zweifel zu sein, daß alles Sie als Eindringling betrachtete. Nun steht doch aber eines fest: nämlich der Mord an Ihrer Tochter.« Die Fürstin schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht einsehen, daß der Mord an meiner Tochter feststeht. Vielmehr bin ich der Meinung, daß man mir diesen Mord erst einmal beweisen muß.« »Sie bestreiten ihn also nach wie vor?« »Ich sagte es Ihnen bereits.« Der Richter stand auf. Er öffnete eine Seitentür und sprach ein paar Worte in das nebenliegende Zimmer. Herein trat eine Dame, die am Ende der Zwanzig oder am Anfang der Dreißig stehen mochte. »Darf ich Sie mit dieser Zeugin bekannt machen?« Die Fürstin antwortete, an der Eintretenden vorbeisehend: »Nicht nötig. Ich kenne diese Dame. Es ist Fräulein Vilma Berény .« »Sie verkehrte bei Ihnen im Hause, wenn ich nicht irre.« » Nein .« »Fräulein Berény behauptet es.« »Fräulein Berény sagt die Unwahrheit.« Die junge Dame wollte eine heftige Erwiderung geben; aber der Richter hob die Hand. »Der Vater des Fräulein Berény, der Gestütsbesitzer Sandor Berény, war ein Freund Ihres Gatten.« »Auch das ist nicht richtig. Die Freundschaft bestand lediglich darin, daß Herr Berény meinem Manne viele Tausende schuldete. Und daß er das Geld noch heute schuldet.« »War nicht Fräulein Berény in der Mordnacht bei Ihnen eingeladen?« »Nein.« Der Richter stand auf. »Hier ist ein Widerspruch. Denn es steht fest, daß Fräulein Berény in jener Nacht: vom 17. auf den 18. September 1921, auf Schloß Klausenburg gewesen ist.« Die Fürstin heftete den Blick auf die junge Dame. Sie war von aufreizender Schönheit: das Haar rostrot, dazu, in pikantem Gegensatz, die seltsam irisierende Farbe ihrer Augen, die im Wechsel des Lichts vom hellen Blau bis zum dunklen Grau spielte. Das Kleid, von raffinierter Knappheit, umhüllte einen ebenmäßigen Körper. Vilma Berény ging wie unabsichtlich auf die Fürstin zu. Ihre Art zu gehen war von einer Grazie, die sichtlich nicht ohne Berechnung war. Der Richter sah an ihr vorbei. »Ich hoffe, die Frau Fürstin wird die Güte haben, sich jenen Abend ins Gedächtnis zurückzurufen. Dann wird ihr zweifellos auch mein Besuch wieder einfallen.« Die Aufgeforderte, regungslos, weder freundlich noch unfreundlich, erwiderte: »Ich habe gesagt, daß Fräulein Berény nicht zu den Gästen meines Hauses gehörte. Und ich wiederhole: sie ist auch an jenem siebzehnten September nicht mein Gast gewesen. Wenn Sie allerdings wünschen, daß ich Ihnen alle Leute aufzählen soll, die etwa an jenem Abend Bestellungen ausgerichtet oder Briefe überbracht oder andere Dienstbotenverrichtungen ausgeführt haben ...« »Durchlaucht!« »... dann muß ich allerdings zugeben, daß Fräulein Berény auf Klausenburg war. Nämlich um einen Brief zu überbringen .« »Sie haben sie also doch empfangen?« »Nein. Ich sagte es bereits, Herr Richter. Fräulein Berény wartete in irgend einem Vorzimmer, in dem alle Leute warten, die irgend ein Anliegen haben ...« Der Richter unterbrach sie. »Durchlaucht – ich sehe, daß Sie ... ich muß ein offenes Wort sagen ... daß Sie Fräulein Berény hassen.« »Nein. Ich hasse sie nicht. Sie ist mir viel zu gleichgültig.« »Es würde vielleicht manches erklären, wenn Sie mir den Grund Ihrer Abneigung mitteilen würden.« »Während dieses Fräulein Berény irgendwo wartete, wurde mir der Brief gebracht. Noch bevor ich ihn öffnete, wußte ich was darin stand: ihr Vater bat mich wieder um ein Darlehen.« »Haben Sie seine Bitte erfüllt?« »Nein.« »Wie groß war die Summe, die er wünschte?« »Fünfhundert Pfund.« »Wozu brauchte er das Geld?« »Sein Gestüt war über und über verschuldet. Es ist inzwischen in den Besitz der Gläubiger übergegangen.« »Sie schrieben nunmehr einen Antwortbrief, in dem Sie Herrn Berény mitteilten ...« »Nein. Ich ließ Fräulein Berény durch den Diener erklären, daß ich die Bitte ihres Vaters abschlagen müsse.« »Darauf entfernte sich Fräulein Berény?« »Nein. Sie machte den Versuch, mich zu sprechen. Aber ich lehnte ab.« »Fräulein Berény –« der Richter wandte sich an die Zeugin – »wußten Sie, als Sie den Brief brachten, daß auf Schloß Klausenburg Gesellschaft war?« »Nein, Herr Richter.« Die Fürstin erhob sich. Mit starrem Gesicht sagte sie: » Fräulein Berény lügt .« »Ich muß Sie bitten, mir solche Feststellungen zu überlassen. Im übrigen: warum sollte Fräulein Berény die Unwahrheit sagen?« Die Fürstin sah vor sich nieder. »Sie haben gehört, Fräulein Berény: die Fürstin Klausenburg behauptet, Sie hätten von der Gesellschaft gewußt, die auf dem Schlosse Klausenburg stattfand.« »Ich habe es nicht gewußt.« »Ich sage abermals:« die Fürstin hob den Arm – »Fräulein Berény sagt bewußt die Unwahrheit.« »Womit wollen Sie das beweisen?« »Ich habe einen Brief, den Fräulein Berény geschrieben hat. In diesem Brief spricht sie von der Gesellschaft am siebzehnten September und von ihrer Absicht, in dieser Gesellschaft ungeladen zu erscheinen. Unter irgend einem Vorwand.« »Ich habe der Fürstin Klausenburg niemals einen Brief geschrieben«, erwiderte Vilma Berény. »Weder diesen noch irgend einen anderen.« »Nun, Durchlaucht?« fragte der Richter. »Der Brief ist nicht an mich gerichtet. Sondern an eine dritte Person.« »An wen also?« Die Fürstin schüttelte den Kopf. »Das kann ich Ihnen nicht sagen.« »Fräulein Berény: manche Erwägungen sprechen dafür, daß die Frau Fürstin die Wahrheit sagt. Sie haben wahrscheinlich gewußt, daß auf Schloß Klausenburg Gesellschaft war. Finden Sie nicht selbst, daß es wenig aussichtsreich war, wenn Sie, mitten in dem Trubel eines Festes, mit einem derartigen Anliegen kamen? Die Bitte Ihres Vaters bedurfte doch schließlich einer gewissen Rücksprache zwischen Ihnen und der Fürstin. Zu dieser Rücksprache hatte die Fürstin gar keine Zeit. Denn sie mußte sich ihren Gästen widmen. Unter diesen Umständen sieht es tatsächlich so aus, als ob der Brief ein Vorwand gewesen wäre, der Ihnen den Weg nach Klausenburg ermöglichen sollte. Wollen Sie mir erklären, warum Sie nach Schloß Klausenburg wollten?« »Ich kann nur wiederholen: der Brief war kein Vorwand. Er war der Zweck meines Besuches.« Der Richter stand auf. »Es ist gut, Fräulein Berény. Für heute danke ich Ihnen. Sie werden weiteres von uns hören.« Die Zeugin machte eine Verbeugung vor der Fürstin; diese sah mit haßerfüllten Augen an ihr vorüber. Langsam ging Fräulein Berény der Tür zu ... Plötzlich sah der Richter voll Erstaunen, daß sich die Fürstin erhob. Es schien fast, als ob sie Miene mache, sich auf die Davongehende zu stürzen. Die Zeugin selbst mochte fühlen, daß sie in dieser Sekunde in Gefahr sei: sie wandte sich um; die Augen der beiden Frauen starrten sich haßfunkelnd an. Dann, mit einer schnellen und energischen Bewegung, schloß die Zeugin die Tür hinter sich. »Was war das?« fragte der Richter leise. Die Fürstin, mit halbgeschlossenen Augen, tiefatmend, ging mit schleppenden Schritten durchs Zimmer. Sie warf einen Blick auf die Tür; sie lauschte auf den Schritt, der draußen verhallte. Dann, indem sie sich mit einem verzweifelten Ruck aufrichtete, schrie sie in die Stille hinein: » Dort geht die Mörderin meiner Tochter !« »Was sagen Sie?« Der Richter sah nachdenklich, vielleicht mit aufsteigendem Argwohn, auf die völlig Gebrochene. »Die Mörderin ... welchen Grund sollte Fräulein Berény gehabt haben, Ihrer Tochter den Tod zu wünschen?« Und wieder flüsterte die Fürstin: »Ich kann es Ihnen nicht sagen, Herr Richter.« Eine Pause entstand. Der Richter, selbst offenbar verwirrt und erregt, ging, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab. Plötzlich vor der Fürstin stehen bleibend sagte er laut: »Sie müssen mir alles sagen, was Sie wissen, Durchlaucht. In Ihrem eigenen Interesse müssen Sie es tun.« »Ich habe Ihnen alles gesagt, Herr Richter.« »Wie ist es zu erklären, daß Sie in der Nacht um drei Uhr auf dem Korridor gesehen worden sind, der zu den Zimmern Ihrer Tochter führt?« Die Gefragte fuhr auf: » Wer hat mich gesehen?« »Ein einwandfreier Zeuge, den man Ihnen in der Verhandlung gegenüberstellen wird. Sagen Sie mir klipp und klar: ist es wahr, daß Sie in der Mordnacht auf jenem Korridor gewesen sind?« Die Fürstin tat einen tiefen Atemzug. »Ja,« stammelte sie. »Es ist wahr.« »Was wollten Sie dort?« Die Gefragte gab keine Antwort. »Ihr Schweigen, Durchlaucht, kann Ihnen zum Verderben werden. In ihrem eigenen Interesse bitte ich Sie zu reden.« Die Fürstin schüttelte den Kopf. »Gut. Dann werde ich fragen . Wollten Sie etwa zu Ihrer Tochter?« »Nein, Herr Richter.« Doktor Saebenspurgk schlug mit der Hand auf den Tisch. »Begreifen Sie nicht, Durchlaucht,« sagte er erregt, »daß jede Weigerung, die Sie aussprechen, Sie dem Todesurteil näherbringt?« Die Fürstin zuckte die Achseln. »Ich glaubte auf dem Korridor Schritte zu hören. Und leises Flüstern. Zwei- oder dreimal klingelte ich. Aber niemand kam.« »Wie erklären Sie sich das?« »Ich hatte nur wenige Leute; die Ballnacht war anstrengend für das Personal gewesen.« »Sie hatten englische Dienerschaft, nicht wahr?« »Ja. Ausschließlich.« »Nachdem Sie also zwei- oder dreimal geklingelt hatten, gingen Sie selbst hinaus, um nach der Ursache der Geräusche zu sehen. Konnten Sie etwas entdecken?« »Nein. Ich kehrte unverrichteter Dinge auf mein Zimmer zurück.« Der Richter erhob sich mit einer brüsken Bewegung. »Ich ertappe Sie auf einer neuen Unwahrheit. Ich weiß, daß Sie im Zimmer Ihrer Tochter waren .« Und indem er einen Brief aus den Akten nahm, setzte er hinzu: »Wünschen Sie, daß ich es Ihnen beweise?« »Nein, Herr Richter«, antwortete die Gefragte mit leiser Stimme. »Sie haben die Wahrheit gesprochen: ich bin im Zimmer meiner Tochter gewesen .« »Dann, bitte, erklären Sie mir auf der Stelle: warum haben Sie das bisher bestritten? Von allen Indizien, die gegen Sie sprechen, ist dieses beharrliche Leugnen das verhängnisvollste. Was bedeutet diese Taktik, die Sie systematisch verfolgen? Sie haben immer wieder erklärt: Sie hätten sich überhaupt nicht mehr um Ihre Tochter gekümmert. Ihren Dienstboten haben Sie erzählt, die Prinzessin Prisca sei zu Verwandten nach Budapest gefahren. Beide Aussagen erweisen sich jetzt als glatte Unwahrheit.« »Begreifen Sie mich nicht, Herr Richter? Ich wußte doch, daß ein gewisser Verdacht auf mich fallen mußte. Dem allen wollte ich von vornherein den Boden entziehen.« »Sie waren also um drei Uhr im Zimmer Ihrer Tochter. Was haben Sie mit ihr gesprochen?« »Meine Tochter war nicht anwesend.« »Das ist sehr merkwürdig, Durchlaucht. Was dachten Sie, als Sie das Zimmer leer fanden? Waren Sie nicht auf das höchste erstaunt?« »Gewiß.« »Gewiß ... gewiß ... Ihre Antworten sind unbefriedigend, Frau Fürstin Klausenburg! Waren Sie nicht außer sich? Gaben Sie nicht sofort Befehl, den Park zu durchsuchen? Taten Sie nicht alles was man tun kann, um Ihre Tochter zu finden?« Die Fürstin stand auf. Der Richter streifte sie mit einem Blick, ohne sich zu erheben. »Herr Richter ... Herr Doktor Saebenspurgk ... es wird mir schwer, diese Fragen zu beantworten. Denn sie betreffen die intimsten Angelegenheiten meiner Tochter – und eine Fürstin Klausenburg pflegt derlei Dinge nicht vor der Öffentlichkeit auszubreiten.« Doktor Saebenspurgk trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte. »Was sind das für Redensarten! Ihr Kopf steht auf dem Spiel, Frau Fürstin – wollen Sie da im Ernst mit Standestraditionen argumentieren? Ich frage Sie in aller Form: was geschah, als Sie entdeckten, daß Ihre Tochter nachts um drei Uhr nicht in ihrem Zimmer war?« »Ich suchte sie im Park.« »Das ist alles?« Die Fürstin schwieg. »War das Bett benutzt?« »Ja.« »Es war benutzt? Das ist eine neue Überraschung.« »Ich sehe Herr Doktor: Sie haben mich ganz offenkundig im Verdacht.« »Das ist Ihre Schuld.« »Nun gut. Dann muß ich Ihnen etwas sagen, was ich bisher keinem Menschen anvertraut habe: ich glaubte, als ich meine Tochter nicht fand – nein, ich war überzeugt: daß sie mit dem Grafen Faludi geflohen sei.« »Auch das klingt unwahrscheinlich. Denn eben Graf Faludi ist es, der Sie am unzweideutigsten beschuldigt, die Mörderin Ihrer Tochter zu sein. Er weiß ebensowenig um den Verbleib der Prinzessin Prisca wie alle andern.« »Das konnte ich in jener Nacht unmöglich ahnen.« »Aber selbst wenn Sie damit rechneten, daß ... daß der Graf Faludi und Ihre Tochter ... fühlten Sie nicht trotz dieser Sachlage die Pflicht, dem Verbleib Ihrer Tochter nachzuforschen?« Die Fürstin sah zu Boden. »Wenn meine Tochter ... mit dem Grafen Faludi gegen mich Stellung genommen hatte, so unzweideutig, daß die beiden miteinander geflohen waren – so hatten die beiden sich mit diesem Schritt endgültig von mir losgesagt.« Der Richter hob den Kopf. »Haben Sie den Grafen Faludi geliebt?« Die Gefragte blickte vor sich nieder, ohne zu antworten. »Im Laufe des nächsten Tages meldete man Ihnen, die Prinzessin sei noch immer nicht erschienen. Darauf erklärten Sie den Leuten, Ihre Tochter sei mit dem Mittagzuge nach Budapest gereist. Haben Sie das gesagt?« »Ja.« »Geben Sie zu, daß Sie damit eine offenkundige Unwahrheit ausgeprochen haben? Sie haben mir zwar erklärt: Sie hätten dadurch den Verdacht von sich abwenden wollen. Aber ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich als Kriminalist in diesem Verhalten nichts sehe als Schuldbewußtsein. Denn Sie rechneten demnach doch bereits mit einem Verbrechen, das an Ihrer Tochter verübt sein mußte.« »Es ist nicht ganz so, Herr Richter. Ich war um den Ruf meiner Tochter besorgt. Daß sie mit dem Grafen Faludi durchgegangen war, wurde mir langsam zur Gewißheit. Das hätte eine Skandalaffäre schlimmster Art gegeben. Um den Namen Klausenburg vor dem Gerede der Leute zu schützen, habe ich die Reise nach Budapest erfunden.« »Hat Ihre Tochter ihre Papiere mitgenommen?« Zögernd antwortete die Fürstin: »Ich wundere mich über diese Frage, Herr Richter. Denn Sie wissen selbst, daß man die Papiere meiner Tochter in meinem Schreibtisch gefunden hat.« »Überzeugten Sie sich, ob Sachen fehlten? Hatte Ihre Tochter Koffer mitgenommen? Wäsche? Kleider? Reisegegenstände?« »Ja. Es fehlte ein Koffer, zwei Kleider, etwas Wäsche.« »Hm, Das ist eine Angabe, die Sie nicht beweisen können?« »Allerdings.« »Sie sagen: Sie hätten das Verschwinden Ihrer Tochter mit dem Grafen Faludi in Verbindung gebracht. Halten Sie es für möglich, daß der Graf Faludi das Verbrechen ...?« Die Fürstin hob die Hand. »Ich bitte in meine Zelle zurückkehren zu dürfen.« »Wir sind auch dieser Spur nachgegangen. Selbstverständlich. Die Recherchen schweben noch.« Mit bitterem Lächeln sagte die Fürstin: »Der Graf Faludi ist mein erbittertster Ankläger...« »Das eben hat uns stutzig gemacht.« »Darf ich gehen?« Der Richter drückte auf den Knopf. Indem er hinter der vorgehaltenen Hand in den Spiegel spähte, fragte er plötzlich: »Kennen Sie einen gewissen Stefan Ladinser?« Er konstatierte, daß die Augen der vor ihm Sitzenden überrascht und unruhig zu ihm hinüberwanderten. »Stefan Ladinser ... Sie meinen den jungen Schriftsteller, der ... den ich an der Riviera kennen gelernt habe?« »Ich meine den, dem Sie eine halbe Million versprochen haben, wenn er Sie rettet.« Die Fürstin zuckte die Achseln. »Ich hoffe, Sie werden keinen Schuldbeweis darin sehen, Herr Richter: daß jemand sich bemüht, seine Unschuld zu beweisen.« »Es ist uns eine Mitteilung zugegangen: danach scheint dieser Herr Ladinser von Ihrem verlockenden Angebot Gebrauch gemacht zu haben. Wir erwarten ihn jeden Tag in Budapest. Es ist kein Zweifel, daß er versuchen wird, das Gericht zu düpieren. Nun, glücklicherweise sind genug Zeugen vorhanden, die die Prinzessin Prisca von Angesicht zu Angesicht kennen. Wenn auch Ihre englische Dienerschaft in alle Winde verstreut ist ... wir haben uns vergeblich in dieser Hinsicht bemüht – ein schlimmes Zeichen, Frau Fürstin – glücklicherweise konnten wir die Gäste aus jener Nacht vollzählig laden. Sie werden uns darüber Auskunft geben können, ob die junge Dame, die uns Herr Ladinser vermutlich vorführen wird, die Prinzessin Prisca ist.« Es klopfte an die Tür. Der Richter erhob sich. Dann sagte er wie beiläufig: »Ist Ihnen bekannt, Frau Fürstin, daß einige Tage nach ihrer Verhaftung der Englische Pavillon in Ihrem Schloßpark in Flammen aufgegangen ist?« »Ja«, sagte die Fürstin leise. »Aber dieser Pavillon war seit Jahren verschlossen.« »Die Ursache des Feuers ist unbekannt. Wozu wurde jener Pavillon übrigens benutzt?« »Wir bewahrten allerhand Möbel darin auf. Ich glaube, auch ausrangierte Kunstgegenstände; Bilder und Bronzen. Ich selbst bin nie im Englischen Pavillon gewesen.« Der Richter nickte. »Ich muß Ihnen, so leid es mir tut, eine Eröffnung machen, die unendlich schmerzlich für Sie sein muß, Frau Fürstin: man hat nach dem Brande in den Trümmern des Englischen Pavillons den verbrannten Körper Ihrer Tochter gefunden .« Die Fürstin streckte die Arme aus und schrie entsetzt: »Nein, nein... das ist nicht möglich!« Der Untersuchungsrichter schüttete den Inhalt der Aktentasche, die vor ihm lag, auf den Tisch. »Hier ist das Medaillon, das man bei der Toten gefunden hat. Hier ist das Armband; auch diesen Ring hat sie getragen. Und hier sind ein paar Kleiderfetzen, die wie durch ein Wunder unverbrannt geblieben sind.« Die Fürstin Klausenburg ging, die Hände an die Schläfen gepreßt, auf den Tisch zu. Mit zitternden Händen griff sie nach den versengten, verkrümmten, unscheinbaren Gegenständen, die dort lagen. Sie nahm sie in die Hand; ihre Finger krampften sich um den Ring, um das Armband, um die zerrissenen verkohlten Seidenlappen. »Meine Tochter ...« flüsterte sie. »Meine Tochter.« Dann, mit einem leisen Seufzer, glitt sie ohnmächtig zu Boden. IV. Die Tür der drahtlosen Telephonkabine rollte zurück. Der Boy erschien, die Depesche in der Hand. Er hastete, das Couvert emporhaltend, den Wagenkorridor hinunter: »Ein Telegramm für Herrn Peter Thornquist!« Das Rattern des D-Zuges verschlang seine Worte. Ein paar Reisende blickten flüchtig auf. Er lief weiter. »Ein Telegramm für Herrn Peter Thornquist!« Susie Lacombe saß mit ihrem Begleiter im Coupé Erster Klasse des zweiten Wagens. Die beiden waren allein; durch die Fenster, die weit geöffnet waren, floß weich und lind das Sonnengold des frühen Nachmittags. Zur Linken blitzte das silberne Band der Donau. Peter Thornquist war in den Anblick des leuchtenden Bildes versunken; Susie betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Der Zugwind hatte eine Strähne seines dunklen Haares in die Stirn geweht; das gab seinem Gesicht einen Zug von Weichheit, der in auffallendem Gegensatz zu seinem eigentlichen Wesen stand. Seine dunklen Augen blickten bestimmt und beherrscht auf die vorübergleitende Landschaft. Dieser ruhige junge Mensch war geistig und körperlich durchtrainiert; man erkannte es an jeder seiner Bewegungen. Er sah nicht aus wie jemand, der einer Frau zuliebe eine Torheit begeht. »Ein Telegramm für Herrn Peter Thornquist!« Sie blickte unruhig auf ihr Gegenüber. Das Abteil war vom Lärm des Zuges so sehr erfüllt, daß er nichts gehört hatte. Nebenan öffnete sich die Tür des Coupés. Jemand trat heraus. Sie konnte ihn im schrägen Winkel ihrer Blickrichtung undeutlich erkennen: sie schrak zusammen ... »Herr Peter Thornquist ...?« sagte draußen der Boy. In diesem Augenblick wandte ihr Begleiter den Kopf. Er erhob sich und öffnete mit einer hastigen Bewegung die Tür. »Bitte ...!« Im gleichen Augenblick verschwand der Reisende wieder ins nächste Coupé; sie hörte das Zurückrollen der Tür, die mit einem Krach ins Schloß schnappte. Thornquist trat wieder ein. Er stieß mit dem Ellenbogen die Tür zu; dann riß er den Umschlag auf und las die Depesche. »Hier«, sagte er lächelnd. Sie überflog hastig das Telegramm mit bangen Augen. Es lautete: Nehmen Sie heute D-Zug Wien–Budapest, abgehend Zweiundzwanzig Uhr Dreißig Südbahnhof. Abteil drei des ersten Wagens für Sie reserviert. Die beiden mitfahrenden Herren werden sich legitimieren und Ihnen weitere Instruktionen geben. S. L. Y. Susie gab das Telegramm zurück, mit einem nervösen Flimmern in den Augen, das ihm entging. »Ist das nicht eine glückliche Fügung?« fragte er lächelnd. »Sie müssen mit dem Nachtexpreß nach Wien; Herr Ladinser wünscht, daß ich Sie begleite. Im selben Augenblick bekomme ich von meiner vorgesetzten Stelle den Auftrag, mit dem Nachtexpreß nach Wien zu fahren. War das nicht ein herrliches Zusammentreffen?« Susie nickte gedankenvoll. »Und nun lautet meine neue Instruktion: mit dem Halbelf-Uhr-Zug heute abend nach Budapest fahren ... mit demselben Zuge, mit dem Sie reisen. Ist das nicht wirklich Glück, das ich habe?« »Ja ja«, sagte sie zerstreut. »Es ist wirklich ein glücklicher Zufall.« »Denn ich muß Ihnen offen gestehen –« er lächelte, ein ganz kleines bißchen verlegen werdend: »Ich weiß noch immer nicht recht, wofür ich mich im andern Falle entschieden haben würde.« »Nicht für mich?« fragte sie, ihm mit leiser Koketterie zulächelnd. Er zuckte die Achseln. »Also rund heraus: die Wahl wäre mir schwer geworden. Sie können das vielleicht nicht ermessen, was es für einen Mann bedeutet: seiner Pflicht zuwiderzuhandeln.« Sie wies auf die Landschaft dort draußen. »Sehen Sie die Türme – dort, im Dunst? Das ist Wien.« Er sah ihr bewundernd in die Augen. »Wie graziös Sie sind! Ihre Bewegungen erinnern mich an Lillian Gish.« Sie hob verstohlen den Blick. »Und ich darf Ihnen sagen,« er beugte sich vor und nahm ihre Hand, »ich bin glücklich, daß ich diese Reise mit Ihnen fortsetzen darf.« Sie lehnte sich lächelnd, mit einem befreiten Aufatmen, zurück. »Was haben Sie eigentlich gedacht, als Sie mich an jenem Nachmittag in Berlin wiedersahen?« Er zuckte unschlüssig die Achseln. »Das ist schwer zu beschreiben.« »Freuten Sie sich?« fragte sie. »Ich glaube, es war mehr als Freude. Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen: seit jener Nacht in New York habe ich immer an Sie gedacht. Ich hoffte tagaus, tagein. Wie ein Kind. Können Sie sich das vorstellen? Ich wußte, diese Frau – Susie Lacombe hatte Sie der Beamte genannt – diese Frau wird dir wieder begegnen. Du wirst mit ihr sprechen. Du wirst ihr tausend Dinge sagen.« »Tausend Dinge? Davon haben Sie bisher, glaube ich, kaum zwei oder drei gesagt.« »Es ist so schwer«, sagte er traurig. »Warum denn, um Gottes willen?« »Weil ich jetzt erfahren habe, daß Sie eine Prinzessin sind. Das alles ist so furchtbar hinderlich: die Anrede – die Distanz – ich glaube fast, Ihre Gefühlswelt ist eine ganz andere als die meine.« »Aber diese Prinzessin –« ihr Lächeln wurde stärker und sicherer – »aber diese Prinzessin ist doch Ihre Frau . Wenigsten –« beeilte sie sich hinzuzufügen – »wenigstens vor den Behörden«. Er wiegte den Kopf. »Eine Komödie. Die bald zu Ende sein wird.« Sie warf einen Blick auf das Telegramm, das zusammengefaltet auf dem Fenstertischchen lag. »Was bedeutet das: ›S. L. Y.‹?« Er schien die Frage nicht gehört zu haben. »Über eines habe ich mir bisher vergeblich den Kopf zerbrochen«, sagte er sinnend. »Darf ich davon sprechen?« Sie nickte. »Ich kann mir schon denken, was Sie wissen wollen.« »Warum sind Sie in jener Nacht in mein Zimmer gekommen? Vor wem sind Sie geflohen? Weshalb wurden Sie von den Beamten verfolgt?« Eine kleine Pause entstand. Er betrachtete sie aufmerksam. Vielleicht ein kleines bißchen mißtrauisch. Vielleicht auch nur mit dem zärtlichen Blick des Verliebten. »Was würden Sie von mir denken«, begann sie zögernd, »wenn ich jetzt sagen würde: bitte erlassen Sie mir die Antwort auf diese Frage?« Ein Windstoß trug den Rauch der Lokomotive herein; er schloß das Fenster mit einem schnellen Ruck. »Ich habe natürlich kein Recht, die Antwort von Ihnen zu fordern.« »So meine ich es nicht. Sagen wir einmal: wenn ich Sie nun einfach bitten würde: wir wollen über diese Sache später einmal sprechen. Vielleicht, wenn wir uns ein bißchen näher kennen gelernt haben?« Die Landschaft dort draußen wurde häuserreicher. Der Bahnkörper verbreiterte sich; Waggons standen zur Rechten, zur Linken rangierbereit auf abzweigenden Schienensträngen. » Wien ...« sagte er. Sie blickte forschend in sein Gesicht, über dem ein leiser kaum merkbarer Unmut lag. »Wenn ich Sie jetzt etwas fragen würde«, begann sie lächelnd, »würden Sie mir die gleiche Antwort geben...?« »Nein«, sagte er bestimmt. »Ich nehme Sie beim Wort. Also: was bedeutet S. L. Y.?« Er lachte. »Jetzt bleibt mir keine Wahl. S. L. Y. heißt: Scotland Yard . Wissen Sie, was Scotland Yard ist?« Sie nickte. »Die Londoner Polizeizentrale.« Und indem sie ihn mit großen fast erschreckten Augen ansah, fragte sie: »Sind Sie ein Detektiv von Scotland Yard?« Die Räder hämmerten über die Einfahrtsweichen des West-Bahnhofs; der Zug fuhr langsamer. »Nicht eigentlich«, antwortete er. »Ich habe die Welt ein paarmal bereist; dabei hatte ich durch Zufall Gelegenheit, ein paar kriminelle Rätsel zu lösen: in Montreal den Fall Bob Bantam; in Sydney das Rätsel der Selbstmordepidemie. Die Herrschaften in London wurden auf mich aufmerksam; als ich zurückkehrte, machte mir Scotland Yard ein Angebot. Da mein Geld inzwischen aufgebraucht war, nahm ich an. Seither stehe ich gelegentlich in Diensten von Scotland Yard: für besondere Missionen.« »Und darf ich fragen, welcher Art Ihre augenblickliche Mission ist?« Die Bremsen zogen an. Der Zug fuhr hämmernd in die dunkle Halle des Wiener West-Bahnhofs ein. Thornquist wies auf das Telegramm. »Auch wenn ich Ihnen diese Frage beantworten wollte – ich könnte es nicht. Sie haben selbst gelesen, daß ich meine Informationen erst heute abend, im Zuge nach Budapest, empfangen werde.« Susie faßte nach ihrem Koffer. Er kam ihr höflich zuvor. »Wenn nun die Mission, die Sie heute abend erhalten, Sie in eine feindselige Stellung zu mir bringen würde?« fragte sie, ihn über die Schulter ansehend. »Wofür würden Sie sich entscheiden?« Er blickte sie verdutzt an; dann brach er in ein herzliches Lachen aus. »Meine Mission gilt irgend einem Verbrechen; das ist sicher. Was hätten Sie, die junge schöne Prinzessin Prisca, wohl mit einem Verbrechen zu tun?« Gepäckträger erklommen die Trittbretter. Wanden sich in die Abteile. Stürmten mit dem Gepäck auf den Bahnsteig hinunter. Thornquist ging voran, den Weg für Susie bahnend. Plötzlich fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Sie wandte sich um. Zu ihrem grenzenlosen Erstaunen war es Ladinser . »Sie?« fragte sie verwirrt. »Was steht in dem Telegramm?« flüsterte er. Sie wies warnend auf Thornquist, der vor ihr ging; Ladinser machte eine abwehrende Handbewegung. »Wir fahren mit dem Abendzuge nach Budapest: um Zehn Uhr Dreißig. Im Abteil erwartet er Informationen von Scotland Yard.« Eben ging Thornquist die Stufen hinunter, die auf den Bahnsteig führten. Er wandte sich um. Susie nickte ihm hastig zu. »Haben Sie den ungarischen Diktionär studiert, den ich Ihnen gab?« »Gewiß.« »Können Sie die ungarischen Fragen beantworten, die man Ihnen stellen wird?« »Ich hoffe.« »Hören Sie, Susie: Sie müssen Thornquist dahin bringen, daß er den Zehn-Uhr-Dreißig-Zug versäumt.« »Versäumt?« wiederholte sie verwundert. Eben stand sie am Trittbrett des Waggons; er umklammerte ihren Arm. »Morgen früh«, flüsterte er beschwörend – »morgen früh beginnt der Schwurgerichtsprozeß in Budapest. Gegen die Fürstin Klausenburg. Wenn Thornquist heute abend den Zug erreicht, ist alles aus: auf der Fahrt wird er erfahren, wer Sie sind – und Sie werden morgen auf dem Schwurgericht in Budapest als Hochstaplerin verhaftet. Sie müssen sich heute als eine kluge und verführerische Frau erweisen, Susie: Sie müssen ihn dahin bringen, heute nacht mit Ihnen in Wien in ein Hotel zu gehen.« Sie errötete. »Verlangen Sie das im Ernst von mir?« fragte sie empört. Er wiegte beruhigend den Kopf. »Ich weiß, Sie sind klug. Taktvoll. Schlau. Sie werden ihm alles versprechen – und ihm nichts gewähren.« »Ich kann es nicht.« »Wollen Sie die arme Fürstin Klausenburg retten?« »Ja«, murmelte sie gequält. »Dann müssen Sie dem guten Werk zuliebe dies Opfer bringen, Susie. Sie werden alle Künste spielen lassen. Er muß sich rasend in Sie verlieben. Er muß Ihnen so rettungslos verfallen sein, daß er seine Pflicht darüber vergißt. Er darf nur den einen Wunsch haben: Sie in den Armen zu halten. Mit Gewähren und Versagen, mit Lächeln, mit Schluchzen – mit Ja und Nein müssen Sie ihn dahin bringen, daß er den verhängnisvollen Nachtzug nicht erreicht .« Thornquist kam, ungeduldig, der Menge entgegen, auf den Wagen zu. Er spähte durch das Coupéfenster. Susie riß sich los; sie ging hastig die Stufen hinunter, ihm entgegen. * Der Wagen fuhr den Kärtnerring herunter. Die beiden, noch das Neunzig-Kilometer-Tempo des Steyr im Blut, sahen sich mit verhaltenem Lächeln in die Augen. Susie blickte verstohlen zurück. Dort war wieder das Auto. In der Währingerstraße hatte sie es zuerst bemerkt. Eilfertig kam der Portier aus dem Hause. Der Steyr hielt. Ein Flaneur zog grüßend den Hut. Huldigung eines Unbekannten an eine schöne Frau: Wiener Art. Alle Dinge waren eingehüllt in diese weiche Atmosphäre, die der Nacht von Wien jene prickelnde spielerische Erotik gab. Über dieser ganzen Stadt schien es wie Musik zu liegen. Flüsternd sagte Thornquist: »Bitte bleiben Sie im Wagen. Ich lasse die Koffer bringen.« Susie blickte zur Rechten. Dort stand das Auto; es hielt jenseits des Hochstrahlbrunnens. Ladinser ...? ging es ihr durch den Kopf. Aber sie wußte im selben Augenblick, daß es nicht Ladinser war. »Wir haben das Doppelzimmer für die Herrschaften reserviert«, sagte der Empfangschef, während der Lift emporglitt. »Reserviert ... Doppelzimmer ...?« Thornquist schüttelte den Kopf. Der Lift hielt. Die beiden stiegen aus. »Bitte.« Der Empfangschef ging voran. Flügeltüren taten sich auf. Das Licht warf zärtliche und kosende Reflexe auf seidenbespannte Wände, die den Raum in farbige Helle tauchten. In prismenklirrenden Kristallüstern brach sich hundertfach das Licht, das gedämpft aus unsichtbaren Quellen strahlte. Der hohe Raum schimmerte in sonnenähnlichem Glanz. »Herr und Frau Thornquist, nicht wahr?« »Allerdings.« Thornquist nickte ungeduldig ... »Ich habe dem Gepäckträger die Koffer nur zur Aufbewahrung gegeben. Ich habe ihm ausdrücklich gesagt, daß wir mit dem Halb-Elf-Uhr-Zuge weiterfahren.« Der Empfangschef zuckte die Achseln. »Die Herrschaften wünschten ein Appartement, hat der Gepäckträger ausgerichtet. Bitte, mein Herr: dies ist das Schlafzimmer; und dort: die Tür zum Badezimmer ...« »Das muß ein Mißverständnis sein«, unterbrach ihn Peter ärgerlich. »Schaffen Sie meine Koffer zum ...« »Wie herrlich!« sagte eine Frauenstimme bewundernd. Es war Susie, die unbemerkt eingetreten war. »Denken S... denke dir: der Gepäckträger hat dieses Zimmer für uns bestellt!« Susie lachte. Einen schnellen Blick auf die Armbanduhr werfend sagte sie: »Wir haben noch eine ganze Stunde Zeit ...« Der Empfangschef, der seine Chance erkennen mochte, bestätigte, mit einer Verbeugung gegen die junge Frau: »Es ist das Fürstenzimmer, gnä' Frau. Wir vermieten es hauptsächlich an Hochzeitsreisende.« Peter räusperte sich. »Wie reizend«, sagte Susie. Als Peter sie erstaunt ansah, erkannte er, daß sie die Blumen meinte, die ihr eben der Empfangschef in einer Vase darbot: hellrote Rosen. »Aus dem Park von Schönbrunn«, sagte er stolz. »Ich habe einen schrecklichen Durst!« seufzte Susie, »Haben Sie nicht irgend etwas zu trinken? Vielleicht eine Flasche Sekt?« »Sehr wohl.« »Und ein paar Biskuits. Es ist gesünder«, setzte sie erläuternd hinzu. »Zweimal Teegebäck ...« »Und eine Schachtel Zigaretten.« »Sofort.« Der Empfangschef machte eine tiefe Verbeugung und ging hinaus. Susie trat ans Fenster. Sie schob die Seidenvorhänge ein wenig auseinander. Aus dem Dunkel des Schwarzenbergplatzes stieg die Flammengarbe der Leuchtfontäne Zum Nachthimmel empor. Sie betrachtete gedankenversunken das strahlende Wunder. Thornquist trat an ihre Seite. Sie nahm seine Hand. »Diese herrliche Fahrt nach dem Kahlenberg!« sagte sie leise. »Sie hat mich völlig berauscht. Wie schön diese Stadt ist! Wir in Amerika kennen nur: Tempo ... Arbeit ... Geldverdienen ... Hier haben die Menschen eine so graziöse Art, nichts zu tun. Dabei sehen sie glücklich aus. Mir scheint, es geht auch ohne unsere entsetzliche Hast.« Er sah ihr in die Augen, lächelnd, sichtlich von ihrer Stimmung mitgerissen. Auf ihrem Gesicht lag der Widerschein der Flammengarbe dort drüben. »Wenn ich nur wüßte, wie der Gepäckträger auf den Einfall gekommen ist, dies Zimmer zu bestellen ...« »Allmächtiger! Wollen Sie ihn zur Verantwortung ziehen?« »Nein,« sagte er lächelnd. »Ich möchte mich bei ihm bedanken .« Aber während sie betroffen, mit einem Evalächeln, den Kopf zu ihm emporhob, setzte er bereits hinzu: »Immerhin: wissen möchte ich doch, wie er auf den Gedanken gekommen ist.« »Ich bin ein ganz kleines bißchen müde«, sagte sie. Sie sah verlangend auf den Divan. »Das macht die lange Fahrt.« Es klopfte. Man brachte den Sekt. Das Teegebäck. Und die Zigaretten. Während Peter die Gläser füllte, streckte sich Susie wohlig auf dem gobelinbespannten Divan aus. »Bringen Sie mein Glas hierher. Nein. So nicht. Rücken Sie einen Stuhl heran. Stellen Sie Ihr Glas auf den Fußboden: dort! So ist es richtig. Und nun setzen Sie sich zu mir.« Er trank ihr zu. »Wundervoll«, sagte sie, das Glas, das sie in einem Zuge geleert hatte, ihm von neuem entgegenstreckend. »Geben Sie mir ... Ich glaube übrigens ...« ihre Stimme wurde leiser, »es macht einen schlechten Eindruck, wenn wir Sie zueinander sagen. Man könnte uns belauschen.« Und mit erhobener Stimme fuhr sie fort: »Gib mir noch ein Glas Sekt!« Er füllte die Gläser von neuem; wieder tranken sie. »Eine Zigarette!« Sie formte andächtig ein paar kleine Rauchringe. »Ich weiß, woran du jetzt denkst«, seufzte sie. »Nun?« fragte er lächelnd. »An deinen geliebten Südbahnhof. Du hast doch nur die eine Angst: daß du den Zug versäumen könntest.« Er lachte. Aber das hinderte ihn nicht, einen schnellen Blick auf die Uhr zu werfen. »Wir haben noch dreiviertel Stunde.« Sie warf sich unmutig herum. »Es ist unerträglich zu wissen, daß du in diesen herrlichen Räumen, in dieser herrlichen Stimmung bloß immer denkst: wir haben noch dreiviertel Stunde – jetzt sind es nur noch vierzig Minuten ... jetzt nur noch achtunddreißig ...« Und indem sie ihm zärtlich die Arme um den Nacken legte, sagte sie: »Hast du ganz vergessen, daß du eine Frau hast?« Er wich ihrem Blick aus. »Ich habe es nicht vergessen. Ich denke daran. Öfter als du ahnst.« »Wirklich?« »Und mehr ... mehr als gut ist.« »Mehr als gut ... kann den überhaupt etwas mehr sein als gut? Du mußt es mir sagen – ich will es hören, in dieser Stunde will ich es wissen: hast du mich lieb?« »Du weißt es«, sagte er gequält. »Warum machst du so ein schuldbewußtes Gesicht? Ist es eine Sünde, seine Frau zu lieben?« »Du weißt: der Standesunterschied ...« »Oh Gott! Oh Gott! Du bist ein echter Deutscher. Weißt du was? Denk einmal, ich wäre gar keine Prinzessin. Bilde dir ein, die ganze Geschichte mit Budapest wäre nur arrangiert, um jene Frau zu retten. Und ich wäre die kleine Filmschauspielerin Susie Lacombe aus Hollywood. Was würdest du dann tun?« Er sah sie an; in seine Augen trat ein flimmernder Glanz. »Wenn du Susie Lacombe wärest ... und nicht die Prinzessin Prisca ... dann würde ich dich jetzt in meine Arme nehmen. Dann würde ich Budapest – Budapest sein lassen.« »Nun also: Was hindert dich, es zu tun? Komm, gib mir noch ein Glas Sekt.« Sie tranken. »Das Licht blendet mich«, klagte Susie. »Ich glaube, dort ist der Schalter.« Gehorsam ging er hinüber. »Ist es recht so?« Sie nickte. Nun brannte nur noch die große Schirmlampe. »Komm her zu mir.« »Willst du eine Zigarette?« »Nein.« Er setzte sich auf den Rand des Divans. Und plötzlich umfaßte er sie mit beiden Armen. »Horch!« Sie lauschten in die Stille hinein. Eine Walzermelodie schwebte herüber. Man hörte undeutlich den schleifenden Takt der Tanzenden. »Möchtest du tanzen?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Ich möchte mit dir in diesem Zimmer sein. Nichts weiter. Gerade so wie es jetzt ist. Nichts darf sich ändern. Du sollst mich in deinen Armen halten ... du sollst mich küssen ... und du sollst nichts denken, als daß du mich liebst. Und daß ich dich lieb habe.« Er preßte sie heftiger an sich. »Ist denn alles andere nicht gleichgültig?« flüsterte sie. »Immer meint man: dies und das müsse jetzt, in der nächsten Minute, sein – und immer hätte es Zeit gehabt. Aber du und ich und unsere Liebe: das alles kann morgen schon vorüber sein. Wer weiß, was der neue Tag bringt? Vielleicht wirst du mich morgen von dir stoßen. Vielleicht wird eine andere kommen. Vielleicht auch, daß jemand die Hand nach mir ausstreckt – und daß ich ihm folgen muß. Gegen meinen Willen, wahrhaftig: denn ich liebe dich. Aber das Leben ist stärker als wir. Du sollst nicht fragen, ich kann es dir nicht erklären. Du sollst an mich glauben. Du sollst mich lieb haben. Mir sagen, daß alles andere auf der Welt jetzt versunken ist in dem Dunkel dieser Nacht. Dieser herrlichen Nacht, die uns beiden ganz allein gehört. Ich möchte schlafen, Liebster. Ich möchte schlafen: so wie jetzt, in deinen Armen – und ich möchte nicht mehr erwachen. Willst du bei mir bleiben?« »Ich darf nicht«, murmelte er. »Dann geh!« sagte sie seufzend. Er machte eine halbe Wendung wie um sich zu erheben; aber wie unter einem Banne zog es ihn von neuem zu ihren Füßen nieder. »Ich kann nicht«, flüsterte er. »Du bist stärker als ich. Du hast recht: hier ist das Glück – was kümmern mich jene Leute? Mögen sie warten – mögen sie vergebens warten. Vielleicht ist es morgen noch nicht zu spät. Vielleicht doch – was liegt daran? Ich bin jung – du bist jung. Wir haben uns lieb – ja – dies ist das Glück, Liebste. Das Glück, das ich in den Armen halte, der Rausch dieser Nacht, die vor uns liegt. Ich will sie mir nicht rauben lassen; kein Mensch hat das Recht, sie uns zu nehmen. Niemand darf sagen: du hast deine Pflicht nicht getan. Niemand darf mir jetzt befehlen als du. Nur du.« Er küßte sie; zärtlich preßte sie ihre Wange gegen die seine. »Sag mir noch einmal, daß du mich lieb hast.« »Ich liebe dich.« »Wie sehr liebst du mich?« »So wie nur ein Mann eine Frau lieben kann.« »Würdest du mich auch lieben, wenn ich ... wenn ich dich belogen hätte? Wenn ich nicht die Prinzessin Klausenburg wäre – sondern die einfache Susie Lacombe? Ich weiß, du wirst jetzt Ja sagen. Aber ich will wissen, ob es die Wahrheit ist.« »Es ist die Wahrheit.« »Du sollst es mir schwören.« »Ich schwöre es dir.« »Versteh' mich recht. Ich meine: wenn du nun morgen, oder später einmal vielleicht, erfahren solltest: das alles wäre nur ein Märchen gewesen. Oder, wie sagt man: ein Betrug ... was würdest du von mir denken?« »Ich würde dich trotzdem lieben.« »Genau so wie jetzt?« »Tausendmal mehr.« Sie küßte ihn schweigend. Er spürte den warmen Duft ihres Körpers. Zärtlich und verheißungsvoll schimmerte es vor seinen Augen: das rosige Fleisch ihrer Arme, der junge Nacken, der sich in weicher Linie gegen das Dunkel abhob. Ihr Kleid hatte sich verschoben; lockend glänzte die weiche Rundung ihrer Knie unter dem hellen Seidenstrumpf. Er atmete schwer. Schwül und schmeichelnd lag der Duft der Rosen über dem Raum. Eine Tangomelodie, gedämpft, voll verhaltener Begierde, rieselte durch die Stille. Dort standen die hohen Fenster gegen die Nacht. Seidenverhangen, abgeschlossen gegen die nächtliche Stadt, gegen dieses lebenswarme, blutvolle Wien. Er fühlte den heißen Atem dieser wollüstigen Nacht; die Sinnenfreude dieser Stadt nahm ihn gefangen, hüllte ihn ein, ihn und die schöne junge geliebte Frau an seiner Seite. Taumelnd erhob er sich. Seine Hand zitterte. Er löschte das Licht. * Es klopfte hart gegen die Tür. »Herr Thornquist?« »Was gibt's?« »Ein Herr ist unten. Er muß Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen.« Susie stieß einen unterdrückten Schrei aus. »Geh nicht hinunter.« »Ich muß«, murmelte er. »Mir bleibt keine Wahl.« »Wer kann es sein?« Er zuckte die Achseln. »Du weißt doch wer es ist.« »Jene Leute?« »Man hat mich auf dem Südbahnhof vergebens erwartet. Irgendwie muß es ihnen gelungen sein, mich hier ausfindig zu machen.« Es klopfte zum zweiten Male. »Ich komme!« Peter Thornquist trat hinaus auf den Korridor, nun wieder vollkommen Herr seiner Gedanken, seiner Nerven. Das Deckenlicht stach ihm schmerzend in die Augen. »Wo ist der Herr?« »Unten im Schreibzimmer.« Er ging die Treppe hinunter. Stufe für Stufe hämmerte der Gedanke in ihm: du hast deine Pflicht versäumt. Ein Page öffnete die Tür zum Schreibzimmer. Aus einem Klubfauteuil erhob sich ein Herr. Zu Thornquists Erstaunen war es Ladinser . »Sie?« fragte er verwundert. Und, wie in einer jähen Reaktion auf die Ängste dieser letzten Minuten, setzte er unfreundlich hinzu: »Was wollen Sie?« »Ich muß Ihnen etwas sagen. Etwas Ernstes.« Ladinser wies auf einen Stuhl. Thornquist blickte ihm erwartungsvoll, ein wenig argwöhnisch ins Gesicht. In Ladinsers Augen war ein seltsam gehetzter Ausdruck; er war blaß, das Haar wirr und strähnig. Er sieht aus wie einer, der Selbstmordgedanken hat, dachte Peter bei sich. Zugleich, seltsam genug, fühlte er sich erstarken an der Schwäche des andern. »Herr Thornquist«; der Sprechende kämpfte augenscheinlich mit einer aufsteigenden Verlegenheit – »ich habe Sie in ein Abenteuer gelockt, das gefährlicher ist als ich ursprünglich geglaubt habe.« Ladinser studierte das Gesicht seines Gegenübers. Aber es blieb unbeweglich; unsicherer werdend fuhr Ladinser hastig fort: »Ich habe Ihnen das seinerzeit verschwiegen. Ich gebe zu, das war ... das war ...« »Ich glaube, Sie machen sich unnötige Vorwürfe«, antwortete Thornquist kühl. »Außerdem täuscht Sie Ihr Gedächtnis. Sie haben mir ganz offen von den Gefahren gesprochen.« »Nun ja ... aber ich sehe jetzt, daß das Risiko für Sie viel größer ist als ich bisher glaubte. Eine Gegenpartei ist am Werke. Man will die Prinzessin nicht lebend nach Budapest kommen lassen.« »Auch das hatten Sie die Güte mir zu sagen.« »So so« murmelte Ladinser. »Nun ja ... mag sein. Also rund heraus: man plant einen Mordanschlag auf Miss ... auf die Prinzessin Prisca.« Thornquist sah ihn an. »Was also wünschen Sie mir zu sagen?« »Verstehen Sie mich immer noch nicht? Ihre Mission ist lebensgefährlich. Ich halte es deshalb für meine Pflicht, Sie von Ihrem Auftrage zu entbinden .« »Sie sagen selbst, daß die Prinzessin in Lebensgefahr ist. Glauben Sie im Ernst, daß ich sie in dieser Situation im Stich lassen werde?« Ladinser lächelte. »Sie haben eine hohe Auffassung von Ihren Pflichten, Herr Thornquist. Ich bewundere Sie.« »Es ist darum glaube ich müßig, daß wir über diesen Punkt weiter sprechen.« Der gequälte Ausdruck in Ladinsers Augen wuchs. »Ich fühle mich schuldig an dem Abenteuer, in das Sie sich gestürzt haben. Ich bin verantwortlich für Ihr Leben. Deshalb möchte ich nochmals sagen ...« »Sie dürfen über diese Dinge beruhigt sein«, wehrte Thornquist ab. »Wenn Sie es denn durchaus wissen wollen: ich bleibe bei der Prinzessin – weil sie meine Frau ist.« Der andere blickte unruhig auf. »Ihre Frau ...? Wozu diese Komödie? Sie wissen doch selbst am besten, daß das alles nur eine Notlüge gewesen ist. Sie ist in dem Augenblick zu Ende, da wir beide es wünschen.« »Aber ich wünsche es nicht, Herr Ladinser«, sagte Peter, sich erhebend. »Ich wünsche es nicht. Denn ich liebe die Prinzessin.« Ladinser starrte ihn an; totenblaß. Sein Kopf sank langsam nieder; er stützte die Stirn in die Hand. Eine kleine Pause entstand. Thornquist betrachtete sein Gegenüber erstaunt. Das Schweigen im Raume wurde langsam unerträglich. »Also doch ...« murmelte Ladinser. Und indem er sich mühsam aufrichtete, wiederholte er mit einem tiefen Seufzer: »Also doch ...« »Ich verstehe Sie nicht«, sagte Thornquist leise. Aber das war eine Lüge. »Warum soll ich mit der Wahrheit hinter dem Berge halten?« Ladinser erhob sich kraftlos. »Ich habe mich eben für stärker gehalten als ich bin. Es rächt sich immer, wenn jemand eine Last auf sich nimmt, der er nicht gewachsen ist. Ich rede Unsinn, nicht wahr, Herr Thornquist? Ach nein, es ist bitterer Ernst. Ich habe geglaubt, mit diesen Dingen spielen zu können: ich selbst habe Ihnen die Frau in die Arme gelegt – nun darf ich mich wohl nicht wundern, wenn ich bei diesem Handel der Geprellte bin.« »Sie sprachen von einer neuen Gefahr ...« Ladinser machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich hoffte, Sie würden zurücktreten – ich glaubte, Sie würden mir den Weg zu Susie Lacombe freigeben. Denn ich will es Ihnen ehrlich gestehen, Herr Thornquist: ich bin in diese Frau irrsinnig verliebt – seit jenem Tage, da sie mit Ihnen abgereist ist, kann ich keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. Alles kreist immer nur um das eine: um diese Frau, die ich selbst – ich blöder Tor – die ich mit eigenen Händen einem andern Manne zugeführt habe! Jetzt begreife ich erst recht: ich habe gehandelt wie ein Narr!« »Das tut mir leid, Herr Ladinser«, Thornquist, in einem seltsamen Zwiespalt zwischen Schuldgefühl und Triumph, sah an dem Verzweifelten vorüber – »aber es ist in der Tat nicht zu begreifen. Wenn Sie die Prinzessin so sehr liebten ...« Ladinser schüttelte den Kopf. »Daß ich sie so sehr liebte, habe ich erst richtig erkannt – als es zu spät war. Merkwürdig, nicht? Ein Mensch geht an Ihrer Seite, Hand in Hand mit Ihnen – er ist Ihnen gleichgültig. Eines Tages, aus irgend einem belanglosen Grunde, gehen Sie den gleichen Weg – allein – und nun auf einmal begreifen Sie: daß es Ihnen unmöglich ist, ohne diesen Menschen weiterzuschreiten; daß dieser Mensch der Sinn Ihres Lebens gewesen ist. Daß alles zu Ende ist. Daß die Welt grau und öde und leer ist, wenn dieser eine nicht neben Ihnen geht. Wenn Sie nicht seine Hand in der Ihren halten können. Ja – so ist es, Herr Thornquist.« »Es gibt so viele Frauen in der Welt, Herr Ladinser ...« »Nein, nein, nein. Für mich gibt es nur diese eine Frau.« »Weiß die Prinzessin von Ihrer Liebe?« »Nein.« »Dann freilich.« In Ladinsers Gesicht trat es wie ein aufschimmerndes Lächeln. »Sie sagten eben: es gibt so viele Frauen auf der Welt. Nun – wenn ich Sie nun bitten würde ... wenn ich Sie nun daran erinnern würde: es muß ja nicht gerade die eine sein ...?« »Herr Ladinser«, sagte Thornquist kühl. »Ich glaube, daß die Prinzessin mich liebt.« »Man irrt sich in diesem Punkte leicht«, antwortete der andere, vielleicht in einer letzten Hoffnung – vielleicht auch um Thornquist zu einem unüberlegten Wort zu drängen. Und indem er jenem voll ins Gesicht sah, fragte er unvermittelt: »Woraus schließen Sie, daß die Prinzessin Sie liebt?« »Ich glaube«, antwortete Thornquist, auf die Tür zugehend, »es hat keinen Zweck, daß wir über diesen Punkt weiterreden.« »Ich werde um sie kämpfen.« »Dann werden Sie gegen mich kämpfen müssen.« »So einig sind Sie mit ihr?« »Wenn Sie es denn wissen wollen – nun ja.« Der leidvolle Ausdruck in Ladinsers Zügen wurde stärker. »Also eine regelrechte Liaison?« »Diese Frage ist eine Unverschämtheit!« »Ich wollte Sie nicht beleidigen.« »Mich ... mich ... Sie beleidigen die Frau, die Sie zu lieben behaupten!« »Dann muß ich also gehen?« fragte Ladinser in einem völlig verändertem Tonfall. »Sie wissen nicht, was es heißt: unglücklich zu lieben. Sie können es nicht ermessen: Sie sind jung. Schön. Sieghaft. Ich habe nie Glück bei Frauen gehabt – vielleicht einmal auf ein paar Tage – dann kam ein anderer, lachend, mit dem selbstverständlichen Recht des Stärkeren – und ich war wieder allein. Immer ist es so gewesen; selbst in meinen besten Jugendjahren. Nun, da mein Haar anfängt zu ergrauen – nun ...« »Gute Nacht, Herr Ladinser«, sagte Thornquist. »Sie sind erregt. Morgen früh werden Sie alle Dinge in einem andern Lichte sehen.« »Morgen früh«, nickte Ladinser, »morgen früh ... ja. Mag sein.« Irgendwie war in seine Stimme ein neuer Klang getreten – so als ob ihm während seiner letzten Worte ein Gedanke gekommen wäre. »Sie sagen also, daß Sie Susie Lacombe lieben – und daß sie Sie wiederliebt. Nun, Herr Thornquist: ich bin derjenige, der Sie zusammengeführt hat. Da ist es nun wohl meine Pflicht, meine Rolle zu Ende zu spielen. Ich habe Ihnen manches über diese Dame gesagt. Aber ich glaube: ich habe einiges vergessen. Darf ich das Versäumte nachholen?« Die beiden Männer standen sich gegenüber. Sie maßen sich mit den Augen: Ladinser mit schrägem Blick, lauernd, mit dem fiebrigen Zittern eines Spielers, der eben alles auf eine letzte Karte setzt – Thornquist mit finsterem Gesicht – halb begierig die Wahrheit zu erfahren – halb in der Gewißheit einer Niederlage. »Gute Nacht«, sagte er. Dann wandte er sich um und ging mit schnellen Schritten aus dem Zimmer.– – Der Page, der am Drehausgang stand, sah ihn von der Seite an. Ging nicht ein Lächeln über sein Gesicht? Er durchschritt die Halle. Dort stand der Portier im Gespräch mit dem Oberkellner. Die beiden wandten nicht den Kopf, während er an ihnen vorüberging; aber er sah, daß sie sich ansahen, und daß sie ihm nachblickten, als er zum Lift ging. Was bedeutete das? Der Liftboy, diensteifrig, jung, anteillos, schloß die Tür. Er drehte das Hebelrad. Oben angelangt, öffnete er die eiserne Scherentür; und auch jetzt, während Thornquist, argwöhnisch geworden, den Jungen mit dem Blick streifte, sah er jenes süffisante Dienstbotenlächeln in seinen Augen. Mein Gott – das waren die Nerven, nichts weiter. Die kurze Unterhaltung mit Ladinser hatte ihn mehr erregt als er sich eingestand. Ein offener Kampf also, ein Kampf Mann gegen Mann. Aber ein Kampf, in dem er seines Sieges von vornherein sicher war ... Ein warmes Gefühl stieg in ihm auf. Hinter jener Doppeltür wartete die schönste Frau. Lohnte es sich nicht, für sie zu kämpfen? Für sie Gefahren auf sich zu nehmen – mochten sie kommen, woher sie wollten? Susie liebte ihn – ein goldener Lohn, schöner als er ihn je erträumt hatte. Sie vertraute ihm – sie war seine Frau geworden ... Er öffnete leise die Tür. Vielleicht schlief sie schon. Richtig. Das Zimmer war dunkel. Das Licht glühte auf. Dort stand der Divan. Ein wenig zur Seite geschoben – auch die Schirmlampe war verstellt. Er sah sich betroffen um. Nun: sie war sicher schlafen gegangen. Er ging mit leisen Schritten hinüber. Behutsam öffnete er die Tür. »Schläfst du?« Keine Antwort kam. Er lauschte in das Zimmer hinein. Nichts rührte sich. Kein Atemzug war zu hören. Beunruhigt knipste er das Licht an. Das Bett war unbenutzt. Das Zimmer war leer. Er wandte sich mit einem jähen Ruck um. Hastig ging er ins Wohnzimmer zurück. Mit nervösen Blicken spähte er in die Ecken und Winkel des Zimmers. Nun, im Schimmer des warmen sonnenartigen Lichts, schienen alle Dinge merkwürdig verändert: höhnend, gefühllos, hinterhältig. Auch Susies Koffer waren verschwunden. Er klingelte. »Wo ist ... wo ist meine Frau?« Der Etagenkellner antwortete, ohne eine Miene zu verziehen: »Die gnädige Frau hat das Hotel verlassen. Während der Herr unten im Schreibzimmer war.« »Wissen Sie, wohin sie gefahren ist?« »Die gnädige Frau hat ein Auto verlangt. Weiter kann ich dem Herrn nichts sagen.« Peter schlug dem Verdutzten die Tür vor der Nase zu. Wieder ging er, klopfenden Herzens, erfüllt von tausend beängstigenden Gedanken, kreuz und quer durch das Zimmer, sinnlos, ziellos, unfähig einen Gedanken zu fassen. Dort hatte ihr Koffer gestanden. Ein Buch, das er nicht kannte, war auf den Fußboden geglitten; es mußte ihr gehören, sie mochte es in der Eile des Packens verloren haben. Er hob es auf. Irgendein Roman, vermutlich. Er schlug das Titelblatt auf. Es war ein ungarisches Wörterbuch. * Die Kühle der Nacht schlug Peter Thornquist entgegen, als er, ohne Mantel, aus dem Hotel trat. Feuchter Wind strich durch die Straßen, irgendwoher aus den Bergen, von der fernen Donau. Wie gleichgültig das alles war: der sanfte, zärtliche Hauch dieser Stadt – nur angetan, die Menschen zu verwirren und ihnen den Blick für die klare und harte Wirklichkeit zu verschleiern! Die Straßen waren dunkel, merkwürdig, ungroßstädtisch; nur in weiten Abständen brannten noch Laternen. Wohin wollte er eigentlich? Er wußte es selbst nicht. Irgendein unbestimmtes Gefühl trieb ihn vorwärts. Vielleicht die Sehnsucht nach Susie – vielleicht die Hoffnung, ihr in diesem Straßengewirr doch noch zu begegnen – welch eine verzweifelte Selbsttäuschung, war sie doch vor ihm geflohen – vielleicht der Glaube an einen günstigen, unerklärlichen, gütig gesinnten Zufall. Er schlug den Jackettkragen hoch; es wurde kühler je mehr er sich der Vorstadt näherte. Eine letzte Möglichkeit gab es. Susie mußte nach Budapest – die Reise zu ihrer Mutter, Zweck und Ziel dieses ganzen Unternehmens, stand obenan. Das bedeutete: daß sie zu irgendeiner Zeit, zu einem Zuge, dessen Abfahrtstermin er zwar nicht kannte, am Südbahnhof abfahren mußte. Eine vage Aussicht zwar, überdies war, soviel er wußte, der letzte Zug abgefahren; gleichwohl: er mußte den Versuch machen. Ein Auto kam in langsamer Fahrt vorüber. »Foahrn ma, Eu'r Gnad'n?« »Südbahnhof!« Der Wagen wendete. Er fuhr am Schwarzenbergplatz vorüber und bog in eine endlose Straße ein: Prinz Eugenstraße, las er im Vorüberfahren auf dem Schild. Unmittelbar hinter dem seinen tauchte ein zweites Auto auf. Er erkannte es an der Nummer, die ihm, merkwürdig genug, schon vorhin aufgefallen war: 3333. Das erste Mal war es bei einem flüchtigen Blick aus dem Hotelfenster gewesen, als er die Nummer bemerkt hatte: der Wagen hatte wartend an der Bordschwelle gestanden. Dann, das zweite Mal, während er durch die stillen Straßen lief, war ihm die Zahl wieder in Erinnerung gekommen: das Auto fuhr fast neben ihm her. Er hatte dem allen keine sonderliche Bedeutung beigelegt, verwirrt und betroffen wie er war; aber nun, da dieser hellgraue Wagen zum dritten Male in seinem Gesichtskreis erschien, wurde er stutzig. Trotzdem – vielleicht ein Zufall. Ja, ganz sicher: nichts als ein Zufall. Ein Auto, das ebenfalls zum Südbahnhof fuhr. Peter nahm den Sprechschlauch: »Biegen Sie links ein!« »Nach dem Park?« Der Chauffeur schüttelte den Kopf. »Dös is falsch, des geht nach der Wieden.« »Ich weiß.« Gehorsam bog der Wagen zur Linken ab. Im nächsten Augenblick wendete auch das Auto 3333 nach dem Belvedere ein. In Peter Thornquist stieg es zornig empor. Ihm kam ein schneller Gedanke: das war Ladinser. Ladinser war sein Feind geworden. Er mußte sich wehren. »Halten Sie an!« Erstaunt über den merkwürdigen Fahrgast stoppte der Chauffeur. Das Auto hinter ihnen fuhr in kurzem Bogen an Thornquists Auto vorüber und hielt dann an der Ecke der nächsten Straße. Zu jeder anderen Zeit würde Thornquist über alle diese Dinge mit einem Achselzucken hinweggegangen sein. Jetzt, gereizt, argwöhnisch, übermüdet, wie er war, ging er mit schnellen Schritten auf den Wagen zu und riß die Tür auf. »Was wünschen Sie von mir?« Das Deckenlicht des Wagens blinkte auf. Es war nicht Ladinser, der im Auto saß. Zwei fremde Herren blickten ihm erstaunt entgegen. Ein wenig verwirrt, vielleicht ein bißchen beschämt, murmelte Thornquist, an den Hut fassend: »Ich bitte um Entschuldigung... ich glaubte, ein Bekannter... die Nummer Ihres Wagens fiel mir ein paarmal auf heute abend... ich sehe: lediglich ein Zufall...«, damit wollte er die Tür wieder schließen. Aber einer der Herren, seltsamerweise der entfernter Sitzende, stieg aus und sah ihm prüfend ins Gesicht. »Sind Sie Herr Thornquist?« fragte er. »Allerdings.« Thornquist blickte den Frager verstört an. Auch der zweite der Herren stieg aus. »Wir suchen Sie.« Betroffen stand Peter vor den beiden, die ihn mit unfreundlicher Sachlichkeit betrachteten. Der eine von ihnen, der kleinere, war dunkelhaarig, sehr elegant, im Smoking, über den lose ein dunkler Abendmantel gelegt war. Der Zweite, groß, blond, von nordischem Aussehen, ebenfalls im Smoking, war ohne Mantel. »Wer sind Sie?« fragte Thornquist, durch den unfreundlichen Ton verstimmt. Zu seinem Erstaunen kam die Gegenfrage: »Warum sind Sie nicht mit dem Halb-Elf-Uhr-Zuge nach Budapest gefahren?« Wieder blickte Thornquist die beiden verstört an. »Sie sind...?« Der Größere nickte. »Ja. Ich bin von Scotland Yard. Und dieser Herr – dieser Herr ist Ihr Auftraggeber, Herr Thornquist: es ist der Graf Faludi .« Das war also der Moment, vor dem er alle diese Stunden innerlich gebangt hatte. In einem jähen und gefährlichen Rausch hatte er alles in den Wind geschlagen. Nun, in der Kühle dieser nüchternen und harten Nacht kamen die Dinge erbarmungslos auf ihn zu. »Der Graf Faludi ...« murmelte er. Der Graf schloß langsam, mit betonter Ruhe, die Knöpfe des dunklen Mantels. Dabei sah er immerfort in Thornquists Gesicht, als ob er von ihm eine Rechtfertigung erwarte. Als sie ausblieb, fragte er schnell, sozusagen überrumpelnd, in fremdartigem Tonfall: »Warum haben Sie Ihre Pflicht versäumt, Herr Thornquist?« Peter zuckte die Achseln. Weshalb stand er diesem Manne eigentlich so schuldbewußt gegenüber? Er hatte eine Mission übernommen, gewiß. Er hatte seine Aufgabe bis zu einem bestimmten Punkt ausgeführt. Dann war eine Wendung eingetreten – nun wohl: man konnte einen Auftrag zurückgeben. Man konnte, Mann zu Mann, seinen Standpunkt erklären. Der Graf mußte einsehen, daß Thornquist Herr seiner Entschlüsse blieb, auch wenn er vorübergehend in den Diensten eines anderen stand. Trotzdem hinderte ihn ein Gefühl, ein Hemmnis, das er selbst nicht recht begriff, davon zu reden. »Nun, Thornquist?« fragte der Mann von Scotland Yard. »Wir warten.« Peter sagte leise: »Ich weiß von keiner Aufgabe. Man hat lediglich von einer Mission gesprochen, die erst erteilt werden sollte.« »Das ist nicht ganz richtig«, antwortete der Graf. »Zweifellos haben Sie meinen Auftrag angenommen. Ja, Sie haben ihn sogar zu einem gewissen Teil bereits ausgeführt. Denn Sie haben die Reise von Berlin nach Wien für mich gemacht.« Peter wiegte den Kopf. Du solltest wissen, dachte er bei sich, daß ich diese Reise eigentlich gemacht habe, weil sie zufällig mit der Reise der Prinzessin zusammentraf! »Die nächste Etappe war: Südbahnhof – Halb Elf. Stimmt das, Herr Thornquist?« »Nun ja. Immerhin: die eigentliche Aufgabe sollte ich erst im Zuge nach Budapest erfahren. Nun aber ist mir – ich bedaure es Ihnen gestehen zu müssen – eine wichtige private Angelegenheit...« »Ein Liebesabenteuer«, nickte der Graf. Der Scotland-Yard-Mann lachte. »Ich verbitte mir...« brauste Peter auf. »Sie dürfen sich nicht wundern. Herr Thornquist, wenn man Sie zur Rede stellt. Denn Sie haben, ich wiederhole es, Ihren Auftraggeber mitten in der Erfüllung Ihrer Pflicht im Stich gelassen.« Peter dachte an die Geliebte – an ihre heißen Liebesworte – an ihre plötzliche Flucht – an Ladinser. Wofür, für wen, hatte er sich so vergessen? Für einen flüchtigen Rausch – für eine treulose Frau, die vielleicht längst wieder zu Ladinser zurückgekehrt war. Die in den Armen des andern über ihn lachte, über diesen einfältigen Deutschen, der auf die ersten besten glatten Worte hereinfiel, die eine Frau ihm zuflüsterte... »Ich bin bereit, Herr Graf,« sagte er, »meine Mission wieder aufzunehmen. Ich hoffe, es wird nicht zu spät sein.« »Hm.« Faludi sah seinem Begleiter fragend ins Gesicht, »Sie sollten im Halb-Elf-Uhr-Zuge eine Dame beobachten. Ich fürchte, nun ist es zu spät.« »Was für eine Dame?« fragte Peter; er fühlte, wie eine leise Beklemmung über ihn kam. »Sie fährt nach Budapest. Um eine Mörderin zu retten.« »Eine Mörderin...« »Zu diesem Zweck gibt sie sich als ihre Tochter aus. In Wahrheit ist sie eine kleine Filmschauspielerin aus Hollywood. Von einem Abenteurer namens Ladinser zu diesem Zweck gedungen.« Peter faßte taumelnd nach dem Griff des Wagens. Die Dinge, verzerrt, verwischt, seltsam unkörperlich, unbegreiflich und unfaßbar, kreisten um ihn, schwirrten vor seinen Augen vorüber: die Prinzessin Prisca – das Wörterbuch – die Fahrt mit dem gleichen Zuge nach Wien – und nun: nun, da er es wie durch einen Nebel erkannte: ihr Bemühen, ihn mit allen Mitteln daran zu hindern, den Budapester Zug zu erreichen – der Besuch Ladinsers, der der Prinzessin Zeit und Muße verschaffen sollte, das Haus zu verlassen ... nun: da der Zweck erreicht war: da er den Budapester Zug freventlich versäumt hatte – nun ließ sie ihn einfach fallen. »Ja«, sagte Faludi, als ob er erriete, was in Peter vorging. »Die Weiber, Herr Thornquist!« Nein. Es konnte nicht sein. So konnte ein Mensch nicht lügen. So konnte eine Frau nicht handeln, an einem Manne, der sie liebte. Dem sie den letzten Beweis ihrer Liebe gegeben hatte ... Und dennoch. Es war kein Zweifel möglich. Wie sich in eine letzte Hoffnung flüchtend, stammelte Peter: »Vielleicht eine Tat aus Idealismus... eine Täuschung, die ein Menschenleben retten soll... ein frommer Betrug...!« »Nein«, sagte der Graf. »Ein Betrug, für den die Fürstin Klausenburg eine halbe Million ausgesetzt hat.« Peter hob mit unendlicher Mühe die Augen. Er sah auf den Grafen, der ihn mit finsterem Lächeln betrachtete. Sein Blick, unsicher, unstet, schuldbewußt, glitt zitternd hinüber zu dem Engländer, der gleichmütig, rosigen Gesichts, wie bei einem interessanten sportlichen Finish, dreinschaute. »Und wie... und wie... wie heißt die Dame?« fragte er mit stockendem Atem. Zitternd vor der Antwort. Der Graf streifte ihn mit einem schnellen Blick. Indem er die weißen Handschuhe glättend über die Finger zog, sagte er: »Sie heißt Susie Lacombe. Aber sie nennt sich Prinzessin Prisca Klausenburg.« * »Kérem szépen,« sagte Graf Faludi, »was soll nun werden?« Mr. Stanley, der Engländer, der rechts von Faludi ging, zwinkerte mit einem halben Auge hinüber zu seinem Kollegen Thornquist. Das bedeutete: Er sucht nach einer Brücke. Er möchte gern. Tu ihm den Gefallen! Thornquist, der links von dem Grafen behutsam um die Regenpfützen der Kärntnerstraße lavierte, hatte die stumme Aufforderung verstanden. Der Graf rechnete so: dieser Thornquist ist von der Susie Lacombe düpiert worden. Er hat ein Abenteuer gehabt, wie es sich ein Handlungsreisender erträumen mag: mit einer Herzogin – und nun hat er erfahren, daß es ihre Zofe gewesen ist, die sich in die Kleider ihrer Herzogin gesteckt hat. Jetzt, da die Entdeckung vor der Tür stand, ist sie auf und davon. Also: dieser Thornquist wird von Gefühlen der Enttäuschung, des Hasses erfüllt sein – er wird den Wunsch haben, sich zu rächen. Er ist also der beste Bundesgenosse, den ich mir wünschen kann. Das mochten die Gedanken des Grafen sein. Aber der Graf war ein Ungar – und der Mann, dessen Gedanken er zu erraten glaubte – dieser Mann war ein Deutscher. Einer, der anders fühlte als die Menschen hier, die ihre Empfindungen in weitausholenden Gesten auf die Straße trugen – und deren Gesten oft genug ein äußerlicher Ersatz waren für Empfindungen – die gar nicht vorhanden waren. Peter sagte sich selbst, daß, vom rein praktischen Standpunkt, der Graf recht hatte – dennoch vermochte er, so sehr er sich zwang, gegen Susie Lacombe keinen feindlichen Gedanken zu fassen. Mochte sie eine Täuschung begangen haben – sie hatte es sicher nicht getan, um ihn, Peter Thornquist, zu täuschen. Sie war in den Händen dieses Ladinser – er hatte ihr den irrsinnigen Plan eingeflüstert. Er. Ganz sicher: allein er steckte die Belohnung ein. Was Susie bewogen hatte, war nichts als das Mitleid mit einer unglücklichen, dem Tode verfallenen Frau. Er wußte, daß er keinen dieser Gedanken aussprechen durfte: der Graf hätte ihn mit staunendem Lächeln angesehen und hätte den Kopf geschüttelt. Und Mr. Stanley, der Kollege von Scotland Yard – dem war die Sache im Grunde völlig gleichgültig. Er machte eine amüsante Reise auf Kosten Faludis, eine interessante Jagd nach einem interessanten Menschen – ein Kampf, dessen Ausgang von vornherein nicht zweifelhaft sein konnte, denn der Gehetzte war eine kleine, schwache, armselige Frau. Juristisch im Unrecht, das Gesetz, die Menschen, die Stimmung gegen sich – und auf Seiten der Jäger war schlechthin alles: das Gesetz, die Macht, das Geld – das menschliche Recht. Trotzdem war dieser Stanley nicht übel. Er hatte ein offenes, nicht ungutmütiges, englisches Gesicht. Ganz sicher: ein Junge, mit dem man bei einem Whisky über manche Dinge sprechen konnte, die eigentlich nicht für Scotland Yard bestimmt waren. Er sah aus wie einer, der nicht nur ein Auge zudrückte – wie er es eben tat – sondern wenn es darauf ankam, auch beide. Richtig, der Graf sagte: »Ich verstehe Ihre Situation, Herr Thornquist. Ich weiß, daß Sie mein Bundesgenosse sind ...« Wieder schielte Peter hinüber zu Stanley. Der hatte die linke Wange ganz komisch aufgebläht; das bedeutete irgend etwas in der Londoner Gaunersprache, Thornquist wußte im Augenblick nicht was. Dieser Stanley verstand offenbar mit einem Schlage: daß Faludi die Dinge falsch sah. »Trotzdem,« fuhr der Graf fort, »trotzdem liegt mir nicht daran, diese kleine Susie Lacombe für ihre Dummheit hereinfallen zu lassen. Wissen Sie was? Fahren Sie mit Stanley hinter ihr her!« »Und Sie, Herr Graf?« fragte Stanley; aber man hörte, daß es nur eine rhetorische Frage war. »Ich habe morgen früh eine Besprechung. Mit dem österreichischen Minister des Äußern. Sie müssen sich vorläufig allein behelfen. Ich komme nach Budapest sobald ich frei bin. Aber gerade morgen vormittag ist der kritische Moment. Da müssen wir auf dem Posten sein.« »Gibt es eine Nachtflugverbindung?« fragte Peter. »Nein. Auch der letzte Zug ist fort. Es bleibt nur eins übrig: Sie müssen in dieser Nacht eine Parforcetour machen. Sie müssen mein Auto nehmen und alles herausholen, was die Maschine hergibt: so daß Sie morgen früh in Budapest sind: um halb zehn beginnt der Prozeß Klausenburg.« »Und dann?« fragte Stanley. Er hatte eine so trocken sachliche Art zu fragen; der Graf lachte. »Wenn dann die angebliche Prinzessin Prisca erscheint: so werden Sie auf sie zugehen und werden ihr sagen: ›Mach lieber nicht erst den Versuch. In dem Augenblick, da du vortrittst und sagst: ich bin die Prinzessin Prisca Klausenburg – in diesem Augenblick müßte ich den Betrug enthüllen. Das täte mir leid, aber ich könnte es nicht ändern. Also bring dich nicht unnötig in Gefahr – nimm den nächsten Zug und fahre dahin zurück, wo du hergekommen bist‹.« »Und wenn sie Nein sagt?« fragte Stanley. »Dann laßt ihr sie verhaften.« Peter fühlte, daß Stanley ihn ansah. Er konnte sich nicht verhehlen: der Graf war im Recht. Sein Vorschlag war im Grunde eine Selbstverständlichkeit. Und – noch eins kam hinzu: kein Zug ging mehr. Kein Flugzeug. Wenn also Susie nach Budapest unterwegs war – und das war keine Frage – so kam nur eine einzige Möglichkeit in Betracht: sie fuhr, genau wie er, im Auto . Irgendwo durch dunkles Land, durch Wälder. Irgendwo vor ihm her. Und wenn dieser Chrysler, der so aussah, als ob er ein verdammtes Tempo in sich hätte, sein letztes hergab – so bestand vielleicht eine entfernte Möglichkeit, Susie noch vor Budapest zu erreichen – und sie von ihrem wahnwitzigen Vorhaben abzubringen. Ohne daß sie ... ohne daß sie sich der sicheren Katastrophe aussetzte. Denn er hatte diese Frau in seinen Armen gehalten – und die Erinnerung an ihre zärtlichen Liebesworte war stärker als alle Aufträge des Herrn Grafen Faludi. »Hier ist Ihr Hotel,« sagte der Graf. »Wann können Sie reisefertig sein?« »In einer Viertelstunde.« »Hm. Noch eins.« Es schien, als ob der Graf ein wenig zögere. »Es wäre immerhin möglich, daß Sie nicht durchkämen. Das Burgenland hat schlechte Chausseen. In diesem Falle also – aber nur in diesem Falle – geben Sie bei der nächsten Telegraphenstation eine Depesche auf. An das Königliche Schwurgericht Budapest, causa Klausenburg. Teilen Sie dem Präsidenten mit, daß eine Hochstaplerin unterwegs ist – und daß man sie gebührend empfangen soll. Also, wohlverstanden: dies Telegramm schicken Sie nur ab, wenn Sie sehen, daß Sie nicht rechtzeitig zur Stelle sein können.« »Wie soll ich es unterzeichnen?« fragte Thornquist. »Mr. Stanley wird es zeichnen. Mit seinem Namen. Und Mr. Stanley wird es absenden. Der Name Faludi darf in dieser Angelegenheit nicht genannt werden.« * Der Sechssitzer, ein riesiger offener Chrysler, stand schon vor der Tür, als Peter Thornquist auf die Straße trat. Stanley hob winkend die Hand. Der Chauffeur, ein geschmeidiger Magyare, abgeschliffen durch London, durch manche Kontinentreisen europäisiert, dunkelhaarig, glattrasiert, mit schwarzen funkelnden Augen, sprang vom Führersitz. » Jó estet! « Damit nahm er diensteifrig die Koffer. »Kennen Sie den Weg?« fragte Thornquist. »Ganz genau, mein Herr. Wir fahren über Hegyeshalom, Raab. Komorn.« »Wie lange werden Sie brauchen?« Der Chauffeur schwang sich behende auf den Führersitz und schlug den Mantelkragen hoch. »Bis morgen früh sind wir da«, sagte er ausweichend. Die halb abgeblendeten Scheinwerfer warfen zwei riesige zitternde Lichtstreifen in das Dunkel hinein. Der Wagen zog mit einem kaum fühlbaren Ruck an und glitt, leise singend in verhaltener Kraft, durch das nächtliche Wien. Straßen zogen vorüber. Lichtlos, erfüllt vom dumpfen Schlaf der Großstadt. Das Weichbild der Stadt trat zurück. Die beiden Scheinwerfer blendeten auf, zwei riesige Lichtkegel bohrten sich in die endlose Chaussee. Ein mächtiger Häuserblock, strahlend erleuchtet, schnitt sich in die dunkle Silhouette. Maschinen summten. »Schwechat«, sagte der Chauffeur, »die Märzen-Bier-Brauerei.« Der Chauffeur verstellte den Hebel; das Summen des Motors wurde um einen Ton höher. Hundert Kilometer, las Thornquist auf der Tachometerskala. Jetzt kam Mr. Stanley aus sich heraus. »Reizender Mensch. Der Graf Faludi«, sagte er beiläufig. Thornquist nickte. Mit ernster Miene fuhr Stanley fort: »In meinen Augen der kompletteste Narr, der auf der Welt herumläuft.« »Nanu, Stanley?« »Haben Sie die Namen seiner verschiedenen Liebsten mal zu Papier gebracht? Material für eine kleine Kartothek.« Thornquist lachte. »Da war einmal die Prinzessin Prisca. Schön. Über die ist nicht zu reden. Sie ist tot. God bless her. Aber: da ist dann die Mutter von der Prinzessin. Ich will nicht heil nach Budapest kommen, wenn er mit der nicht ebenfalls was gehabt hat: Warum sollte sie sonst ihre Tochter kaltgemacht haben? Dann kommt, Nummer Drei, eigentlich Nummer Eins: diese Vilma Berény.« »Wer ist denn das?« »Der Graf ist neulich mal aufgetaut. Auf der Überfahrt; wir tranken Sherry. Der schmeißt diese Ostleute um. Und dann hatte er wohl auch ein bißchen Angst vor der Seekrankheit. Also kurz und gut: er hat mir gestanden: da wäre eine bildschöne Frau. Irgendwo in Ungarn. Die liebt ihn sehr. Tochter eines Gestütsbesitzers: Vilma Berény. Wenn ich ein bißchen was von diesen Dingen verstehe, dann ist sie seine Geliebte gewesen. Dann, Nummer Vier: die Schauspielerin vom Criterion: diese Ivy Griffith. Die kann ich übrigens nicht leiden.« »Kennen Sie sie?« »Aber sie ist ja bei ihm in Wien. Wenigstens war sie bis gestern mit ihm zusammen. Sie schienen irgendwas miteinander gehabt zu haben; ich glaube, die Griffith merkt, daß es auch andere schöne Männer gibt als ihren Michael Faludi. Und endlich – das ist mit Gottes Hilfe Nummer Fünf – ich glaube, er steht vor einer reichen Heirat. Mit der Tochter eines gräflichen Spritbrenners.« »Gibt es in Ungarn Spritbrenner?« »Ich glaube, er macht Tokayer. Vierbuttigen. Das ist der Grund, warum Faludi unter keinen Umständen seinen Namen genannt haben will: er fürchtet, die Partie könnte in die Brüche gehen. Und dann ist er verloren. Denn er hat Schulden, sage ich Ihnen – wenn er eine Stecknadel nimmt und das Adreßbuch aufpiekt – es trifft immer auf einen Gläubiger.« »Hat er denn so noble Allüren?« »Ich glaube, diese Griffith kostet ihn jedes Jahr ihr Lebendgewicht in Gold.« »Sie haben eine anschauliche Art zu reden, Stanley.« Der Wagen stürmte im Hundert-Kilometer-Tempo dahin. Chausseesteine flogen vorüber; das Summen verstärkte sich, wuchs, schlug echoartig zurück: das Massiv einer Ortschaft tauchte aus dem Dunkel auf. Lichtlos, eine saubere Dorfstraße. Lange Zäune, frisch gestrichen, erglänzend im Licht der beiden Lampen, rasten vorbei. Wieder schwoll der summende Ton ab, schon verklang das Echo hinter ihnen. Freie Landstraße. »Die Grenze kommt«, sagte der Chauffeur. »Hoffentlich machen sie uns keine Schwierigkeiten«, nickte Stanley. Peter faßte nach seinem Paß. Er schlug ihn auf. Sein Blick fiel auf die Worte: Peter Thornquist und Ehefrau; darunter Susies Bild. Wie reizvoll, selbst in dieser schlechten Photographie, ihr süßes Gesicht ihn anlächelte! In der Ferne blinkten Lichter. Merkwürdig – aus dem Unterbewußtsein stieg ein Gedanke in ihm auf, der ihm vorhin schon, bei den Worten des Grafen, blitzschnell durchs Gehirn gegangen war: vielleicht gab es hier irgend eine Möglichkeit, etwas über Susie zu erfahren. Vielleicht ... Und während er dies dachte, spürte er, wie die Beklemmung in ihm wuchs. Das war ein Herzklopfen, das aus den Tiefen der Seele kam. » Hegyeshalom « stand an dem hell erleuchteten Schild. Der Wagen hielt. Zwei Zollbeamte traten salutierend an den Schlag. Stanley, als Erster, zeigte ihm irgend etwas, ein Papier, das der Beamte nachlässig entfaltete, um es im nächsten Augenblick mit tiefer Verbeugung an Stanley zurückzugeben. »Sie haben nichts zu verzollen. Nicht wahr?« Stanley zeigte eine Flasche Whisky. Der Beamte lachte und gab ein Zeichen mit der Hand. Das besagte: »Sie können weiterfahren!« Peter wies seinen Paß. Während der Beamte einen flüchtigen Blick darauf warf, sagte Peter halblaut: »Wir suchen eine Dame. Sie muß vor kurzem hier durchgekommen sein.« Der Beamte sah ihn nachdenklich an, so als ob er in seiner Erinnerung suche. »In einem Wiener Auto?« »In einem Wiener Auto.« »Spricht die Dame englisch?« »Ja«, sagte Peter. Auch Stanley wurde aufmerksam. »Gewiß, meine Herren; diese Dame ist vor etwa Dreiviertelstunde hier durchgefahren. Sie ist unterwegs nach Budapest.« »War die Dame allein?« fragte Peter in aufsteigender Hoffnung. »Nein. Sie fuhr mit einem Herrn.« »Los!« kommandierte Stanley. »Wir müssen sie einholen!« Dunkle Landstraße nahm den Wagen auf. Der Chauffeur schaltete den großen Reflektor ein. Nun warfen drei flammende Lichtbündel Tageshelle in das nächtliche Land. Der Chauffeur machte, wie in Anerkennung der Tüchtigkeit seines summenden Motors, eine kleine Verbeugung, um den Schalthebel herunterzudrücken. Der Ton schwoll zum Diskant an; der Wagen, hüpfend wie in der Freude an seiner freigegebenen Kraft, schoß brausend durch die Nacht. Stanley zog die Uhr. »In zehn Minuten werden wir sie haben.« »Wie spät ist es?« »Zwei Uhr sieben.« Die Straße wurde schlechter. Brachland tat sich auf. Dunkle Felder zur Rechten, zur Linken. Der Chauffeur drehte das Suchlicht: Stoppeln ringsum. Stanley streckte die Hand aus und sah mißbilligend zum Himmel. Es begann zu regnen. »Glück muß der Mensch haben!« sagte er. Die Straße war bedeckt mit verstreutem Heu. Es war fast breiig geworden. Eine Kurve kam; der Wagen schlingerte. Augenblicklich verminderte der Chauffeur die Geschwindigkeit, mit einem entschuldigenden Blick auf die beiden. Der Regen wurde stärker. Es war, als ob die Nacht plötzlich den Atem anhielte; der Wind schwieg. Seltsam verstärkt, widerhallend in der Weite der dunklen Wiesen, schlug das Rattern des Motors durch die Stille. Der Chauffeur hielt das zitternde Steuer mit verkrampften Händen; mit einer schnellen Kopfbewegung deutete er zum Himmel. Peter sah hinauf. Wie seltsam hatte sich das Bild der Wolken dort oben verändert! Das bleierne Grau war verschwunden; aus einem schmalen Spalt blinkte Mondlicht hervor; für einen Augenblick übergoß es die Erde mit seinem freundlichen Schimmer. Aber zur Rechten, zur Linken, über dem ganzen Horizont ballten sich schwere, dunkle, treibende Wolken, verschwimmend in ihren Konturen. Erfüllt von einem bösen gelblichen Licht; Wolken, die wie mit einem Lineal plötzlich gegen den Horizont zu abgeschnitten schienen. »Gewitter«, wollte Peter sagen; aber er kam nicht dazu; denn in diesem Augenblick zischte ein Blitz, ein greller bläulicher viergezackter Blitz aus den Wolken auf die Erde nieder; fast im gleichen Augenblick knatterte der Donner über das nächtliche Land. Ein Regenstoß folgte. Einen Moment lang hörte man nur das Prasseln des Regens, alles war in bläuliches Grau getaucht. Wieder mußte der Chauffeur die Geschwindigkeit vermindern. Ein neuer Blitz zuckte nieder; er entlud sich zwischen zwei Wolken; wie eine riesenhafte Geißlersche Röhre stand die Lichterscheinung einen Atemzug lang am Horizont, violett, rötlich, bläulich, weißlich spielend. Der Chauffeur deutete nach vorn. Die beiden sahen sich an. Blinkte dort, verschwindend, wieder auftauchend, vielleicht jenseits der dunklen Masse, die ein Wald schien, ein rotes Licht auf? Aber schon im selben Augenblick war es wieder verschwunden. »Geben Sie ihm noch einen Zahn«, sagte Stanley. Gehorsam, immerhin mit einem unsicheren Achselzucken, legte der Chauffeur den Hebel nach vorn. Die Geschwindigkeit wuchs. Aber das Prasseln des Regens wurde stärker. Nun tat sich der schweigende Himmel auch dort drüben im Süden auf – Feuerspiel bedeckte ihn plötzlich. Wenige Sekunden später hallte der Donner herüber; schon zuckten neue Blitze aus dem Zenith; rechts und links, von Horizont zu Horizont, stand der Himmel in Flammen. In der Ferne flimmerten Lichter. Vielleicht eine Stadt. Oder ein Flecken. Dumpfes Rauschen kam aus der Ferne, wie das Brausen des Meeres: Sturm . Er schlug ihnen entgegen, peitschend, mit Heulen, mit Sausen, wie tausend Gelächter stand es in der Luft; Stimmen kreischten über die Felder, höhnische Pfiffe gellten an ihnen vorüber; es war als ob die Unterwelt gegen diese Fahrt aufgestanden wäre. Plötzlich brach, fast unmittelbar vor ihnen, mit Donnergepolter ein schwerer Telegraphenpfahl quer über die Straße. Der Chauffeur riß das Steuerrad herum; das Auto bäumte sich auf; es drohte umzuschlagen. Einen Augenblick dachten die drei: nun ist alles aus. Wir sausen ehe wir diese Worte zu Ende gedacht haben gegen den verdammten Telegraphenpfahl. Wenn wir uns dann zwei- oder dreimal überschlagen haben... Das Auto fuhr mit dem linken Rad gegen das Hindernis. Es schlug im Halbkreis nach links herum, mit den beiden rechten Rädern gegen das Massiv des dunklen Pfahls. Wieder kam ein greller Blitz, der einen Moment die Szene erleuchtete: die regendurchnäßte, sturmdurchwühlte Straße, die drei Männer, die sich schweigend an das schleudernde Fahrzeug klammerten. Das Auto stand. Aber der Chauffeur machte vergebliche Anstrengungen, es wieder in Bewegung zu setzen. »Panne«, sagte Stanley. »Was nun?« »Jetzt müssen wir telegraphieren«, fuhr Stanley fort, indem er das rechte Auge schloß und mit dem linken Peter anblinzelte. »Wie lange wird die Reparatur dauern?« Der Chauffeur, der vollkommen ruhig sein blessiertes Fahrzeug betrachtete, sagte: »Anderthalb Stunde.« »Wir werden Ihnen helfen.« »Hören Sie,« sagte Stanley, »wenn nicht alles täuscht, ist dort drüben eine Stadt. Zum mindesten: ein Städtchen. Tun Sie mir den Gefallen, Thornquist: gehen Sie hinüber, so schnell es geht, klopfen Sie irgend einen Schlosser heraus. Schicken Sie ihn hierher.« »Wenn Sie meinen ...?« »Sie täten mir einen Gefallen damit.« Peter steckte die Hände in die Taschen und stampfte durch den Schlamm der Landstraße dem Orte zu, dessen Lichter flimmernd durch die Nacht grüßten. Dort war die Werkstelle eines Schlossers. Merkwürdig genug: sie war erleuchtet und man hörte von drinnen eifriges Hämmern. Peter ging hinein. Der Meister arbeitete mit zwei Gehilfen an einem Wagen. »Wir haben eine Panne. Können Sie sofort mit mir nach der Landstraße fahren?« »Gewiß, mein Herr.« Das Auto, an dem die drei arbeiteten, trug das Wiener Zeichen A XIX 2628 »Wem gehört dieser Wagen?« Der Schlosser zuckte die Achseln. »Weiß nicht, mein Herr. Ein Herr und eine Dame. Sie wohnen nebenan; im Gasthof Danubia.« »Ein Herr und eine Dame ...?« Der Schlosser mochte sich über den eifrigen Frager wundern. »Ich weiß nichts näheres, mein Herr.« »Haben Sie mit der Dame gesprochen?« »Nur mit ihrem Begleiter. Sie selbst kann wohl kein Ungarisch. Denn sie sprach in einer fremden Sprache mit ihm.« »Hotel Danubia ...« sagte Peter sinnend. »Warten Sie, ich bleibe hier. Sie können das Auto nicht verfehlen: es mag etwa dreihundert Meter von hier liegen. Auf der Strecke nach Raab. Sagen Sie dem Herrn: er möge nach dem Hotel Danubia kommen. Es sei sehr wichtig.« »Ich fürchte, Sie werden keinen Platz bekommen im Gasthof Danubia, mein Herr. Man feiert dort eine große Hochzeit. Hören Sie die Zigeunermusik? Das ganze Haus ist besetzt. Zoltan Kuvasz, der Juckerhändler, hat die Hochzeit ausgerichtet. Für seinen Schwiegersohn. Ganz Bábolna ist auf den Beinen.« »Vielleicht ist in der Schenke noch ein Platz für mich. Oder wird man mich überhaupt nicht hereinlassen?« Der Schlosser legte die Hand auf das Herz. »Oh, mein Herr – Sie kennen die ungarische Gastfreundschaft nicht! Man wird Sie herzlich einladen. Man wird Ihnen einen Ehrenplatz anweisen. Man wird alles tun, was man Ihnen an den Augen ablesen kann. In unserem Lande ist es Sitte, daß man dem Gast die Räder seines Wagens versteckt, damit er nicht abreisen kann!« Durch die regenfeuchte Straße scholl der Gesang der Hochzeitsgäste. Ein Chorgesang, offenbar mit politischem Einschlag. Das Haustor war grell erleuchtet. Peter drückte auf die Klinke; schon wurde die Tür von innen geöffnet. Heller Lichtschein empfing ihn, hundert Menschen sahen ihn an. Hundert Menschen, die im Kreise saßen und gestikulierend, mit den Händen den Takt schlagend, ein Lied sangen. Männer, Frauen und Kinder. Der Wirt kam auf den Gast zu. Er verbeugte sich höflich, fragte zunächst auf Ungarisch nach Peters Wünschen; dann auf Deutsch. Er sei Siebenbürge, erzählte er stolz; Peter möge dies Haus als das seine betrachten; es werde sich Rat schaffen lassen. Der Gesang schwoll an. Der Wirt gab freiwillig den Kommentar: Segn', o Herr, mit frohem Mut reichlich den Magyaren, schütz ihn gegen Feindeswut in des Kampfs Gefahren; gönn nach langem Mißgeschick ihm ein Jahr der Freude, hat's bezahlt, der Zukunft Glück, mit vergangnem Leide. Peters Augen wanderten durch den Saal. Von Susie war nichts zu sehen. Der Wirt, der das zerstreute Wesen seines Gastes bemerken mochte, erkundigte sich nach dem Näheren. Wie beiläufig sagte Peter: »Ich glaube, Bekannte von mir müssen denselben Weg gekommen sein. Haben Sie nichts von ihnen gesehen? Ein Herr und eine Dame?« »Spricht die Dame Englisch?« fragte der Wirt strahlend. »Gewiß.« »Sie sind an der richtigen Stelle, mein Herr. Die beiden wohnen hier. Ja, ich kann Ihnen etwas Angenehmes mitteilen: sie müssen in wenigen Minuten unten sein. Die Dame ist sehr schön. Nicht wahr? Stimmt es? Nun: sie hat versprochen, an der Hochzeitstafel Platz zu nehmen. Sie will ein amerikanisches Liebeslied singen: zu Ehren des Brautpaares.« Peter trank den roten Landwein in einem hastigen Zuge aus: Durst, Erschöpfung – die Erregung über Susies Anwesenheit, alles dies überfiel ihn nun, in dem Augenblick, da er endlich am Ziel war. Mit einem andern ... Konnte ein Mensch so schnell vergessen? Konnte eine Frau sich so kalt berechnend in die Dinge fügen? Aber vielleicht war das keine Liebesangelegenheit, in jenem kleinen Hotelzimmer über ihm? Aller Wahrscheinlichkeit nach war es kein anderer als Ladinser, der mit ihr reiste. Als ihr Beschützer. Ladinser selbst aber hatte ihm gestanden – daß Susie ihn nicht liebe. Er seufzte. Eine Frau dachte heute so – und morgen so. Wehmütig sah er auf das Brautpaar, dessen heiße Blicke sich zärtlich suchten. Jemand kam auf ihn zu, stellte sich offenbar vor, nahm seine Hände, schüttelte sie. Er verstand kein Wort, aber alles hier atmete die Atmosphäre einer offenen und ehrlichen Gastfreundschaft. Pärchen hatten sich gefunden; untergefaßt schlenderten sie Körper an Körper durch die Tischreihen. Die Burschen flüsterten: »Angyalom!« – Mein Engel! – Verschämt blickten die Mädchen vor sich nieder; die Männer kühner werdend, drängten: »Edesem!« – Meine Süße! Wo blieb Susie? In dem Taumel der Liebe, der durch dieses Haus ging, mußte er an sie denken. Von neuem setzte die Kapelle ein. Alles sang stehend mit: Unsre Väter führtest du über Karpats Höhen ihrer neuen Heimat zu, mit des Sturmes Wehen. Und wohin durchs weite Land Theiß und Donau ziehen, sieht man rings an ihrem Strand Arpáds Stamm erblühen. Die Sänger sahen erwartungsvoll auf Peter. Er erhob sich, applaudierte und nickte ihnen freundlich zu, Eljen-Rufe schwirrten durch den Saal. Ein beleibter Bauer kam auf ihn zu, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sagte mit tiefem Baß: »Kedves barátom!«: Lieber Freund! Geschäftig sprangen ein paar Burschen herbei, mit Weinkaraffen in den Händen. Sie schenkten ein. Die beiden Männer tranken stehend. Der Wirt kam eilends heran. »Sie kommen! « sagte er atemlos. Die Tür ging auf. Ein dunkelhaariger Herr trat ein. Dunkeläugig. Der typische schöne Mann ... Nicht Ladinser . » Wer ist das?« fragte Thornquist. Das Gesicht des Wirts wurde verwundert. »Aber das ist doch der Gatte. Seine Frau muß jeden Augenblick kommen. Kennen Sie ihn denn nicht?« Hilflos zuckte Thornquist die Achseln. »Soll ich ihn an Ihren Tisch führen?« »Nein«, sagte Thornquist. »Welches Zimmer hat die Dame?« »Nummer sieben.« Peter fühlte, wie sich in diesem Augenblick die Reaktion auf die Erlebnisse dieser Tages vollzog. Seine Kräfte waren zu Ende, seine Nerven erschöpft. Alles war wie mit einem Messer zerschnitten. Die Musik, das Stimmengewirr, das über dem Saal stand, die freundlichen Blicke der gastlichen Menschen in diesem Hause – alles verschwamm zu einem grauen und unbegreiflichen Wirbel. Er wußte plötzlich, daß er keinen Teil hatte an ihren Freuden. Daß er ein Zuschauer war. Ein Zaungast des Glücks der andern. Nein. Verdammt: nein! Er war nicht zum Zaungast geboren. Das war momentane Nervenschwäche. An der sein Wesen keinen Anteil hatte. Er war gewohnt, die Dinge in die Hand zu nehmen, seine Ellenbogen zu gebrauchen. Der Mann dort drüben betrachtete ihn. Dieser dunkelhaarige, glatte schöne Mensch. Ganz sicher: er machte sich über ihn lustig. Eben engagierte ihn irgendeine Ilonka oder Aranka zum Tanz. Peter stand einsam. An sein finsteres Gesicht wagte man sich wohl nicht recht heran ... Nummer sieben ... Was hinderte ihn eigentlich, der Frau gegenüberzutreten und ihr zu sagen, daß sie erkannt sei? Daß man ihren wahren Namen wisse? Ihr mit großmütiger Geste den Rat zu geben, dieses Land schleunigst zu verlassen? Er stand jäh auf. Niemand achtete auf ihn im Getümmel des Tanzes. Er ging die ausgetretenen Stufen hinauf. Dort war Nummer Sieben. Durch das Haus dröhnte dumpf der Rhythmus des Tanzes. Die Melodie ging in einen Czardas über; nun hämmerte der stampfende Takt wie ein Symbol des stürmischen und verlangenden Lebens dort unten durch das Dunkel. Er klopfte an die Tür. Eine Frauenstimme fragte erschreckt: »What's the matter?« Jemand kam die Treppe herauf. Eine lange Gestalt, in einen Waterproof gehüllt, die Hände in die Taschen vergraben; selbst in der Wärme dieses Hauses mit aufgeklapptem Kragen. Das war Stanley. »Der Wirt schickt mich herauf. Warum sehen Sie diese Tür so an?« Peter machte eine Bewegung mit dem Kopf, die besagte: sei ruhig. Hier geht etwas vor! Jener verstand sofort. Er spitzte den Mund. »Susie?« fragte er leise. Peter, ärgerlich über seine eigene Unentschlossenheit, klopfte von neuem gegen die Tür, daß es krachend widerhallte. Diesmal kam keine Antwort. Aber man hörte den leichten Schritt einer Frau auf die Tür zukommen. Die beiden traten unwillkürlich zur Rechten, zur Linken, Spalier bildend wie zwei wachsame Jäger. Die Tür ging auf. Heraus trat eine große, blonde, fremde Frau. »Was wünschen, Sie?« fragte sie, auf Peter blickend. »Wer sind Sie?« Peter stand betroffen. Er wußte nicht, was er antworten sollte. Er wußte nicht, wer diese Frau war. Nur das eine begriff er: daß sich seit einer Stunde die Distanz zwischen ihm und Susie mit jeder Raddrehung vergrößerte. »Warum haben Sie bei mir geklopft?« Die Dame wandte sich zur Linken; ihr Gesicht erhellte sich. »Mr. Stanley ?« »Entschuldigen Sie«, sagte dieser. »Ein kleines Versehen. Wer ist übrigens der Herr dort unten? Der Graf Faludi ist er nicht, wenn ich recht gesehen habe. Kommen Sie her, Thornquist. Darf ich bekannt machen: mein Kollege Thornquist von Scotland Yard – Miss Ivy Griffith aus London! « Die beiden sahen sich schweigend an. Ivy Griffith reichte Thornquist die Hand. Sie war wohl die erste, die die Situation recht erfaßte. Mit dem schnellen Instinkt der Frau mochte sie begreifen: es galt, die beiden Männer hier, die um ihre Eskapade mit einem kleinen glutäugigen Honvedleutnant wußten, zu Freunden zu halten ... Von unten kamen helle Rufe, Füßescharren; wieder klang Musik auf, vielleicht eine Art Tusch. »Ja«, sagte Stanley. »Dann müssen wir also wohl jetzt nach Budapest telegraphieren: ›Eine gewisse Susie Lacombe wird voraussichtlich versuchen, dort als Prinzessin Prisca Klausenburg vor Gericht aufzutreten. Es wird ersucht ...‹« er kniff das eine Auge zu und schielte mit dem andern zu Peter hinüber. »Der Wortlaut ist so richtig, denke ich?« »Ja«, sagte Peter dumpf. »Wir müssen telegraphieren.« Der Wirt erschien eilfertig. »Wollen die Herrschaften nicht den Schluß des Festes mit anhören? Den ungarischen Ruf?« Schmetternd setzte der Rakóczymarsch ein. Er brach plötzlich ab; aus hundert Kehlen scholl es durch die Stille: »Nem, nem, soha!« Der Wirt nickte; trotz der Dunkelheit sah man, daß er bleich geworden war. »Das ist der Aufschrei unseres verstümmelten Landes. Er bedeutet: Nein! Nein! Niemals!« Wieder setzte unten das Scharren von Füßen ein: allgemeiner Aufbruch. Der Chauffeur erschien. Kotbespritzt. Sichtlich übermüdet. »Nun?« fragte Thornquist. »Es wird bis morgen früh dauern, sagt der Schlosser.« Stanley legte seine handschuhbewaffnete Linke auf Peters Schulter. »Diese Susie Lacombe hat Glück. Sind Sie sehr traurig darüber, Thornquist?« Peter ging zur Treppe. »Wir müssen telegraphieren.« Der andere schlug bedächtig den Kragen seines Mantels herunter und schickte sich an, die Handschuhe auszuziehen. »Wollen Sie nicht mitkommen, Stanley?« »Wohin?« »Mein Gott – zur Poststation.« »Überflüssig«, sagte Stanley. »Ich habe mit dem Postmeister Freundschaft geschlossen. Er ist unten. Auf der Hochzeit. Das ganze Nest ist unten. Er hat mir ein Geheimnis anvertraut: ganz Westungarn hat Sturm.« »Das ist ja riesig interessant«, sagte Peter. »Ja. Und alle telegraphischen Verbindungen mit Budapest sind unterbrochen .« V. Dr. Imre Farago ging, die Hände auf dem Rücken, mit kurzen napoleonischen Schritten vor der Barriere auf und ab. Er war klein, stattlichen Leibesumfanges – auch darin glich er dem korsischen Sieger – zum Unterschied von jenem indessen war er glattköpfig; der kleine zu einer Bürste verschnittene Schnurrbart schimmerte rötlich. Dr. Imre Farago hielt den Zwicker in der Rechten. Er ließ den Metallrand auf dem Daumen der Linken erregt tanzen; plötzlich, mitten in seiner Wanderung innehaltend, blieb er vor dem Königlichen Oberstaatsanwalt Belvárosi stehen. »Sagen Sie das im Ernst, Herr Königlicher Oberstaatsanwalt?« Der Gefragte, groß schmalschultrig, schwarzhaarig, Magyare in Reinkultur, in jeder Handbewegung seiner Würde bewußt, blickte über den kleinen Anwalt, der dort lächelnd vor ihm stand, gelassen hinweg. »Ich halte es mit der Würde meines Amtes für unvereinbar, auf die Frage, ob ich etwas im Ernst meine, überhaupt zu antworten. Der Herr Rechtsanwalt Farago darf es in jedem Falle und zu jeder Zeit als eine Selbstverständlichkeit unterstellen, daß ich alles, was ich sage, im Ernst meine.« »Dann darf ich bitten,« erwiderte der Verteidiger, nicht im geringsten durch die abweisende Tonart irritiert, »dann darf ich den Herrn Oberstaatsanwalt bitten, dem Königlich Ungarischen Gerichtshof gütigst erklären zu wollen, wie er zu der Meinung gelangt ist, daß das Feuer in dem Englischen Pavillon auf Betreiben der Frau Fürstin Klausenburg angelegt ist.« Der Präsident sagte mit seiner scharfen, hellen Stimme: »Herr Dr. Farago: der Herr Oberstaatsanwalt hat selbstverständlich das Recht, eine Vermutung zu äußern. Genau wie Sie, Herr Verteidiger, berechtigt sind, alle Dinge zu betonen, die für die Unschuld Ihrer Klientin sprechen. Ich muß Sie bitten, von Ihrer bisherigen Taktik, die fast einem Verhör des Herrn Oberstaatsanwalts gleichkommt, abgehen zu wollen.« Der kleine Doktor Farago lächelte. Man erzählte sich von ihm: er wäre Ungarns größter Schauspieler geworden, wenn er nicht zufällig den Einfall gehabt hätte, Ungarns größter Verteidiger zu werden. Er lächelte so aufreizend, daß der Oberstaatsanwalt wie hilfesuchend auf den Präsidenten blickte. »Herr Präsident«, sagte Farago. »Ich muß Ihnen gestehen, daß mich Ihre Worte mit tiefer Trauer erfüllen. Wir sind versammelt, um das Recht zu suchen – ich darf annehmen, daß wir uns über diese elementarste Aufgabe einig sind, Herr Präsident ...!« Der Gefragte nickte ungeduldig. »Es ist nun eins der grundlegendsten Kriterien des Rechtsuchens, wenn ich nicht irre, daß diejenigen, die dieses Recht suchen, von einer Prämisse zur andern schreiten. Und daß sie nicht, wie der Herr Königliche Oberstaatsanwalt, von außen herein unbewiesene Behauptungen als gegebene Tatsachen in die Wagschale zu werfen versuchen. Darf ich fragen, ob der Herr Präsident auch über diesen Punkt mit mir einig ist?« »Gewiß, Herr Doktor Farago.« »Dann bitte ich um die Erlaubnis, aus der Theorie in die Praxis übergehen zu dürfen. Ich bitte dem Herrn Oberstaatsanwalt ins Gesicht sagen zu dürfen, daß er einen Versuch macht, den der Herr Präsident selbst als unzulässig, damit also als verwerflich bezeichnet. Denn er versucht in der Tat, unbewiesene, im Gang der Untersuchung noch gar nicht gefundene, Dinge aus dem Nichts hervorzuholen, in der Absicht, uns glauben zu machen, daß diese Dinge bewiesen seien. Der Herr Oberstaatsanwalt rechnet, darüber kann kaum ein Zweifel sein, damit, daß die juristisch ungeschulten Herren Geschworenen Bewiesenes vom Unbewiesenen nicht so recht unterscheiden können; er versucht sie also im Sinne der Anklage, gegen die Angeklagte, zu beeinflussen. Ich bitte ergebenst, dies konstatieren zu dürfen, und ich spreche ferner die Bitte aus, daß derartige Versuche des Herrn Oberstaatsanwalts von jetzt an unterbleiben. Denn sonst dürfe sich mein verehrter Gegner nicht wundern, wenn meine Repliken mehr und mehr zu jener Art Verhör werden, wie sie einem Manne gegenüber, der fortwährend versucht, gegen die Vorschriften des Gesetzes zu verstoßen, am Platze sind«. Der Oberstaatsanwalt erhob sich. Totenbleich, mit Augen, in deren Tiefe es dunkel glühte. »Ich muß den Herrn Präsidenten um Schutz gegen derart unerhörte Anwürfe bitten. Der Herr Verteidiger glaubt es seinem Rufe – ich will nicht so taktlos sein, zu sagen: seinem Spitznamen – schuldig zu sein, hier um den Beifall der Galerie zu buhlen.« »Herr Oberstaatsanwalt!« schrie der Verteidiger. Aber in seinen Augen war ein so völlig ruhiger Ausdruck, daß man ihm ansah: er lachte innerlich über den erregten schwarzhaarigen Herrn dort drüben. Der Vorsitzende hob die Hand. »Ich möchte im Interesse der Sache bitten, meine Herren, diese persönliche Kontroverse zu beenden. Ich nehme an, daß die Herren im Ernst nicht die Absicht haben, sich gegenseitig zu kränken. In der Hitze des Gefechts unterläuft gelegentlich ein Wort, das schärfer ist als man beabsichtigte.« »Ich möchte betonen«, sagte der Anwalt, »daß ich persönlich vor der Person und den Fähigkeiten des Herrn Königlichen Oberstaatsanwalts Belvárosi die größte Hochachtung habe.« Aus dem Zuhörerraum kam unterdrücktes Lachen; zwei oder drei applaudierten. Der Vorsitzende rügte dies würdelose Verhalten mit ein paar scharfen Worten. Darauf erklärte Herr Oberstaatsanwalt Belvárosi, daß er gegen die Person des Herrn Doktor Farago nichts einzuwenden habe. Der große Saal des Schwurgerichts war von Menschen erfüllt bis in den letzten Winkel. An einem langen Tisch machten die Korrespondenten fast aller europäischen Staaten eifrig Notizen. Der Heiland am Kreuz, der über dem Sitz des Präsidenten hing, blickte in eine unabsehbare Reihe bleicher und erregter Gesichter, um die sich langsam eine graue dunstige Schicht zu bilden schien. Fast als ob ein Gewebe von Erregung, Furcht, Hoffnung, Spannung sich in diesem Saale sichtbar materialisiere. Die Angeklagte saß, äußerlich ruhig, hinter ihrem Verteidiger. Ihr volles Haar war in einem einfachen tiefen Nackenknoten zusammengehalten; ein matter grauer Schimmer lag darüber, der der kaum Fünfzigjährigen etwas Matronenhaftes gab. Ihr dunkles Kleid war hochgeschlossen; sie blickte starr geradeaus. Selbst die Ausführungen ihres Verteidigers, seine blitzschnellen Ausfälle, seine temperamentvolle Art, mit der er um jeden Zollbreit Bodens kämpfte, schienen sie wenig zu berühren. »Die Zeugin Vilma Bereny!« Durch den Saal ging Bewegung. Es war, als ob die Atmosphäre sich verdichtete; man fühlte, daß das Netz um die Angeklagte sich in diesem Augenblick fester schloß. Die Aufgerufene trat herein: jung, sieghaft, mit einem stolzen und ruhigen Lächeln in ihren irisierenden Augen. Kein Mann konnte sich der Schönheit dieser Frau entziehen; sie war sich dessen offenbar bewußt, als sie einen lächelnden Blick in der Runde warf. Der Einzige, der eine Ausnahme zu machen schien, war wieder der Doktor Farago. Er sah ihr mit einem Gemisch von Staunen und Mißbilligung entgegen, so wie man jemanden betrachtet, an dessen Anzug man einen peinlichen Defekt bemerkt. Er sah auf ihren hellgrauen Fehmantel, seine Blicke glitten betroffen abwärts zu ihren hellgrau bestrumpften schlanken Beinen, immer war dieser halb mitleidige halb boshafte Ausdruck in seinem Blick – der tatsächlich die Wirkung hatte, daß Vilma Berény, diese stolze, sichere Vilma Berény, unsicher wurde und suchend an sich niedersah. Sie konnte nichts entdecken; blitzschnell sah sie auf den Verteidiger; da er sie noch immer mit diesem sozusagen achselzuckenden Blick musterte, verlor sie vollends ihre Beherrschung. Doktor Farago trieb dieses kleine lustige Spiel so weit, daß er Blickfühlung suchte mit einem imaginären Bekannten in einem imaginären Winkel des Saals – so als ob er sich stumm mit ihm über irgend etwas Unmögliches in der Erscheinung dieser Zeugin unterhalte. Vilma Berény wurde blaß. »Fräulein Berény«, sagte der Vorsitzende. Die Zeugin zuckte bei der Anrede zusammen – eine Nervosität, die ein Erfolg des Herrn Doktor Farago war. »Fräulein Berény – Sie wissen, um was es sich hier handelt. Die Fürstin Klausenburg steht unter der schweren Anklage des Mordes. Was können Sie uns in dieser Sache mitteilen?« Die Gefragte zuckte die Achseln. »Ich will alles sagen, was ich weiß. Aber es ist nicht viel.« »Sagten Sie etwas, Herr Doktor Farago?« »Nein.« »Sie sind am Abend vom Siebzehnten – nicht wahr – Sie sind am Abend, vielleicht auch in der Nacht vom Siebzehnten auf den Achtzehnten September 1921 auf Schloß Klausenburg gewesen?« »Ja.« »Was wollten Sie dort?« »Mein Vater hatte mir einen Brief an die Fürstin gegeben.« »Weiter nichts?« »Nein.« »Der Inhalt des Briefes ist nicht besonders wichtig. Es handelt sich um ein Darlehen. Nicht wahr?« »Ja. Die Fürstin schlug die Bitte meines Vaters ab.« »Was taten Sie nun?« Zögernd antwortete die Zeugin: »Ich ... ich fuhr nach Pápocz zurück.« Doktor Farago hustete. Der Präsident warf einen schnellen Blick hinüber zu dem Anwalt, der zur Abwechslung den Kneifer aufgesetzt hatte und die Zeugin von der Seite betrachtete, wie man etwa einen Seiltänzer beobachtet, der ein halsbrecherisches Kunststück vollführt: lächelnd, staunend, mitleidig. »Fräulein Berény«, sagte der Präsident. »Hier stimmt etwas nicht. Bleiben Sie dabei, daß nur die Absicht, den Brief abzugeben, Sie nach Klausenburg geführt hat?« Vilma Berény antwortete nicht. »Das wäre nämlich kaum verständlich. Wenn man von jemandem ein Darlehen erbitten will, so pflegt man sich nicht just den Tag auszusuchen, an dem der Betreffende eine große Gesellschaft gibt.« »Ich kann nichts anderes sagen«, antwortete Vilma Berény leise. Doktor Farago trat auf die Zeugin zu. Er machte eine fragende Handbewegung gegen den Präsidenten; dieser nickte. Man glaubte das Atmen des menschenerfüllten Saals zu hören. Der Verteidiger sagte leise: »Wissen Sie, Fräulein Berény, daß Ihr Vater wenige Tage vor seinem Tode mir erklärt hat, er wisse nichts von einem Brief an die Fürstin Klausenburg? Er habe Sie nie, weder am Siebzehnten September 1921 noch sonst jemals zu der Fürstin Klausenburg geschickt?« Alles sah auf Vilma Berény, die erbleichend auf den kleinen Mann dort vor sich sah. »Hier ist die eidesstattliche Bekundung Ihres Vaters. Erkennen Sie seine Handschrift?« Die Gefragte nickte zögernd. »Und im übrigen ist hier das Notariatssiegel des Herrn Doktor Fejervary. Ihres Hausanwalts. Wünschen Sie, daß ich Herrn Doktor Fejervary hereinbitte? Er wartet nämlich draußen.« »Nein«, sagte Vilma Berény leise. »Dieser Brief ist von meinem Vater geschrieben; er enthält die Wahrheit.« »Wer hat also den Brief an die Fürstin geschrieben?« »Ich.« »Wenn ich sehr ungalant wäre, mein Fräulein, würde ich jetzt von einem Betrugsversuch sprechen. Und von einer Urkundenfälschung. Aber Sie dürfen völlig beruhigt sein: ich habe eine viel zu hohe Meinung von Ihnen – und ich bin ein viel zu überzeugter Bewunderer Ihrer glänzenden Eigenschaften, als daß mir ein solcher Gedanke auch nur im entferntesten durch den Kopf ginge. Sie wußten selbstverständlich von vornherein, daß die Fürstin Klausenburg ablehnen würde. Und Sie haben diesen Brief nur nach Schloß Klausenburg getragen, weil Sie ...« der Anwalt warf einen schnellen Blick in Vilma Berénys Gesicht ... »... weil Sie auf Schloß Klausenburg jemanden wußten, dem Sie zu begegnen wünschten. Stimmt das, Fräulein Berény?« »Es stimmt.« »Würden Sie sich entschließen können, uns zu verraten, wer die Person war, der Sie zu begegnen wünschten?« Der Staatsanwalt nahm das Wort. »Fräulein Berény ist selbstverständlich berechtigt, die Beantwortung dieser Frage zu verweigern, wenn sie sich durch ihre Aussage irgendwie belastet.« »Dann möchte ich die Aussage verweigern.« »So«, sagte Doktor Farago. »Sie möchten die Aussage verweigern. Tja. Das ist sehr schade. Denn wenn es nach Fräulein Berény geht, erfahren wir überhaupt nicht, was eigentlich in jener Nacht auf Schloß Klausenburg vor sich gegangen ist.« »Ich glaube, wir wissen es ungefähr«, sagte der Oberstaatsanwalt Belvárosi. »Glücklicherweise gibt es noch einen Menschen, der um den Zweck des Besuches des Fräulein Berény weiß: das ist die Frau Fürstin Klausenburg.« Die Angeklagte hob den Kopf. »Wollen Sie uns darüber Auskunft geben, Frau Fürstin?« fragte der Vorsitzende mit einem höflichen Neigen des Kopfes. »Ich möchte Sie bitten, mir diese Antwort zu ersparen, Herr Präsident.« Herr Doktor Farago schüttelte traurig den Kopf. »Es muß schwer sein, ein Aristokrat zu sein«, sagte er. Wieder stieg Lachen auf; selbst der Präsident lächelte. »An allen möglichen Ecken des Lebensweges, an denen wir Bürgerlichen unbekümmert vorübergehen, sind Widerhäkchen, in denen sich der Ehrbegriff des Aristokraten unweigerlich verfängt. Welches Hindernis erblicken Sie hier, Durchlaucht? Was hindert Sie zu sagen: Der und Der? Da es um Ihren Kopf geht?« Die Fürstin machte eine kleine halb beschwichtigende, halb hochmütige Handbewegung. »Gut«, sagte Farago. »Dann muß ich selbst es sagen.« Die Fürstin stand auf. »Ich verbiete es Ihnen, Doktor Farago!« »Ich bedaure. Meine Pflicht als Ihr Verteidiger steht mir höher als Ihre Standesbegriffe. Nehmen Sie es mir nicht übel, Durchlaucht: wenn Sie naiv genug sind, über derartige Kindlichkeiten zu straucheln – so bedürfen Sie einer starken Hand, die Sie darüber hinwegführt.« Und mit erhobener Stimme fuhr Herr Doktor Farago fort: »Der Herr, den Fräulein Berény auf Schloß Klausenburg zu sprechen wünschte, war der Graf Michael Faludi .« Nervöses Tuscheln ging durch den Saal; unterdrückte Ausrufe kamen aus den letzten Bankreihen. Der Vorsitzende wandte sich an die Zeugin; sein Gesicht war um eine Schattierung härter. »Ist das wahr, was Herr Doktor Farago sagt?« Vilma Berény, unter der Aufmerksamkeit des ganzen Saals, sah mit scheuen Augen in das Gesicht des Verteidigers, das nun gleichmütig, fast freundlich, dreinschaute. Zögernd nickte sie. »Sie haben uns also vorhin die Unwahrheit gesagt?« Da die Zeugin keine Antwort gab, sagte der Vorsitzende mit harter Stimme: »Danken Sie Gott, daß Sie noch nicht vereidigt sind. Im übrigen setze ich Ihre Vereidigung aus, bis Ihr Anteil in dieser ganzen Angelegenheit geklärt ist. Was wünschten Sie von dem Grafen Faludi?« Vilma Berény zuckte hilflos die Achseln. »Ich muß bitten, mir die Antwort auf diese Frage zu erlassen.« Doktor Farago putzte angelegentlich den Kneifer. »Dann werde ich mir erlauben, abermals für Fräulein Berény in die Bresche zu springen. Nicht wahr, gnädiges Fräulein: Sie liebten den Grafen Faludi?« Empört antwortete Vilma Berény: »Ich bitte mich gegen die Beleidigungen des Herrn Verteidigers in Schutz zu nehmen.« »Herr Doktor Farago fragt im Interesse seiner Klientin, Er hat nicht die Absicht, Sie zu beleidigen.« Der Anwalt ging mit seinen eigentümlich schlürfenden Schritten, die immer aussahen als ob er ein Wild beschleiche, auf seine Aktentasche zu. Er knipste sie auf und nahm, fast ohne zu suchen, einen kleinen rechteckigen Karton heraus; offenbar ein Bild. Der ganze Saal folgte ihm mit den Augen, als er, in der einen Hand den Kneifer, in der andern den Karton, auf die Zeugin zuschlürfte. Er hielt den Karton wie ein interessantes, vielleicht galantes, kleines Schriftstück in der Hand. Vilma Berény warf einen Blick darauf; ihre Hand griff haltsuchend nach der Barriere. Sie schloß die Augen und sagte tonlos: »Es ist wahr. Ich habe den Grafen geliebt.« Der Präsident war der kleinen Szene mit wachsender Aufmerksamkeit gefolgt. Er streckte die Hand nach dem Karton aus. Der Anwalt, mit einem wie entschuldigenden Blick auf die Zeugin, übergab ihm das Beweisstück. Der Präsident warf einen Blick darauf und sagte erstaunt: »Dieses Bild stellt ein kleines Mädchen dar. Was bedeutet das?« »Es ist die Tochter des Herrn Grafen Faludi«, antwortete der Anwalt leise. Der Vorsitzende wandte den Kopf zu Vilma Berény, die, die Augen gesenkt, vor ihm stand. »Was hat das mit der Aussage des Fräulein Berény zu tun?« Doktor Farago antwortete: »So seltsam es klingt, Herr Präsident – ich möchte dafür plädieren, daß man Fräulein Berény die Antwort auf diese Frage erläßt.« Durch den Saal ging ein leises beifälliges Raunen. »So so«, nickte der Präsident. »Danach können wir wohl als erwiesen annehmen, daß Sie den Grafen Faludi an jenem Abend zu sprechen wünschten. Wollen Sie uns also jetzt sagen, Fräulein Berény, wie Ihre Unterhaltung mit ihm verlaufen ist? Oder wollen Sie sich weiterhin durch den Verteidiger der Frau Fürstin, durch Herrn Rechtsanwalt Dr. Farago, Lügen strafen lassen?« »Ich will aussagen. Graf Faludi liebte mich; ich liebte ihn. Seine Besuche auf Schloß Klausenburg kamen zur Kenntnis meines Vaters. Er stellte mich vor die Alternative: entweder den Grafen zu heiraten oder alle Beziehungen zu ihm abzubrechen. Der Graf war in der letzten Zeit kühler gegen mich geworden – eine Frau fühlt, wenn Unheil im Anzüge ist, Herr Präsident! Ohne daß es mir jemand gesagt hatte, wußte ich, daß die Gefahr auf Schloß Klausenburg lag. Darum ging ich in jene Gesellschaft. Ich wollte den Grafen vor die letzte Alternative stellen: jene – oder ich!« »Wo erreichten Sie den Grafen?« »Ich traf ihn im Park. Ich erinnerte ihn an alles: an seine Liebe – an seine Schwüre. An sein ...« ihr Blick wanderte zu dem Bild hinüber, das vor dem Vorsitzenden lag, ... »er zuckte die Achseln. Dann sagte er mir unumwunden: ›Ich liebe Prisca Klausenburg. Verzeih mir – es ist stärker als ich; ich weiß, daß ich unrecht an dir handle – aber ich bin dieser Frau verfallen mit Leib und Seele‹ Ich erklärte ihm, daß ich alles tun werde, um diese Verbindung zu hintertreiben. Daß ich zur Mutter gehen würde, um ihr zu sagen: so steht es um den Grafen und mich – er ist ein routinierter und skrupelloser Frauenjäger – deine Tochter würde unglücklich an seiner Seite werden.« »Vielleicht liebte er die Prinzessin Prisca wirklich?« fragte Dr. Farago freundlich. Jede seiner Fragen hatte fühlbar den Zweck, die Zeugin zu einer unüberlegten Antwort zu treiben. »Genau so sehr wie er mich wirklich geliebt hat, Herr Doktor Farago«, antwortete Vilma Berény schluchzend; und keiner war im Saal, der in diesem Augenblick nicht mit ihr fühlte. »Der Graf gehört zu den Männern, die nur so lange lieben, wie sie nicht besitzen – und die in jenem Augenblick eine Frau fortwerfen, da sie sie im Arm gehalten haben.« »Was taten Sie, nachdem Ihnen der Graf diese Absage erteilt hatte?« Zögernd kam die Antwort: »Ich suchte die Prinzessin Prisca auf. Ich sagte ihr alles.« »Sie haben mit der Prinzessin gesprochen? Das ist neu. Was antwortete sie Ihnen?« Die Gefragte machte eine hilflose Handbewegung, »Sie glaubte mir nicht. Sie liebe den Grafen. Ich sei eine Verleumderin.« »Und dann ...?« »Dann trat die Fürstin-Mutter plötzlich auf uns zu. Sie sagte stirnrunzelnd: ›Ich kann mich nicht erinnern, Fräulein Berény eingeladen zu haben‹ So ging ich.« »Hat jemand noch eine Frage zu stellen?« »Bitte«, antwortete Doktor Farago. »Nur eine Kleinigkeit wollte ich noch wissen. Sie waren im Wagen nach Schloß Klausenburg gekommen. Nicht wahr?« »Gewiß.« »Wann verließen Sie das Schloß?« »Etwa zwischen neun und zehn Uhr abends. Genau weiß ich es nicht.« »Bestimmt nicht nach zehn Uhr?« Unsicher werdend antwortete die Zeugin: »Ich glaube nicht.« »Wieviel Zeit brauchen Sie, um nach Pápocz zu fahren?« »Ungefähr drei Stunden.« »Wie kommt es, Fräulein Berény, daß Sie erst gegen Morgen heimgekommen sind? Zwischen sechs und sieben Uhr in der Frühe. Wo waren Sie inzwischen?« »Mein Gott ...« Mit tränenschwimmenden Augen sah die Gefragte auf das Auditorium, das sie interessiert, vielleicht mit einem leise erwachenden Argwohn betrachtete – »nun ja – ich begreife, daß Sie mich diese Dinge fragen müssen – um die Wahrheit zu sagen: ich war völlig verzweifelt. Ich hatte Selbstmordgedanken... ich irrte am Flußufer entlang – immer mit dem Entschluß kämpfend: ein Ende zu machen.« »Das läßt sich hören«, sagte der Staatsanwalt. »Die Erklärung scheint mir absolut plausibel.« »Und Ihr Wagen?« erkundigte sich Doktor Farago. »Ihre Pferde? Ließen Sie das Gefährt solange an der Chaussee stehen, während Sie sich damit beschäftigten, am Ufer des Flusses umherzuirren?« Die Gepeinigte preßte die Hände vors Gesicht und rief in trostlosem Weinen: »Schützen Sie mich vor diesem furchtbaren Verhör!« »Ich kann Sie nicht davor schützen«, antwortete der Präsident. »Herr Doktor Farago hat mit Recht auf eine Lücke in Ihren Bekundungen hingewiesen. Auch ich muß Sie bitten, uns Auskunft zu geben, wo Sie in der Nacht gewesen sind.« »Ich sagte es bereits ...« »Was Sie uns erzählen, klingt nicht sehr überzeugend«, nahm Doktor Farago das Wort. »Man jagt nicht auf einer Chaussee dahin, um sich plötzlich darauf zu besinnen, daß man eigentlich besser daran täte, Selbstmord zu begehen. Die verzweifelte Stimmung, die zum Selbstmord führt, paßt nicht zu dem Tempo einer dahinstürmenden Rosselenkerin.« »Ich hoffte, wir würden am nächsten Baum zerschellen.« »Ich konstatiere, daß Fräulein Berény sich widerspricht. Sie hat uns eben erzählt, sie sei am Ufer des Flusses herumgeirrt, in der Absicht ...« »Ich glaube«, unterbrach ihn der Staatsanwalt, »wir alle können uns in die Stimmung eines Menschen, der vor dem Selbstmord steht, kaum hineindenken. Es wäre durchaus möglich, daß jemand auf die eine Weise und auf die andere Weise ein Ende zu machen versucht – und daß er schließlich, mürbe, zerschlagen, unfähig den letzten traurigen Entschluß zu fassen, heimkehrt. Vielleicht beschämt über die eigene Feigheit.« »Hm.« Doktor Farago schürzte die Lippen. »Möglich wäre es immerhin. Aber ich darf auf eine Äußerung meiner Frau Mandantin hinweisen, die der ausgezeichnete Herr Untersuchungsrichter Doktor Saebenspurgk protokolliert hat. Danach hat die Frau Fürstin beim Anblick der Zeugin Berény aufgeschrien: ›Dort geht die Mörderin meiner Tochter!‹ « Vilma Berény erhob sich betroffen, schweigend. Sie wandte sich zu der Fürstin herum – die beiden Frauen starrten sich an. »Haben Sie das gesagt, Frau Fürstin?« »Ja«, antwortete die Gefragte »Ich habe es gesagt, Fräulein Berény.« »Das ist eine unerhörte Anschuldigung!« Ihre Augen weiteten sich, ihre Stimme schwoll fast zu einem Schreien an. »Das wagen Sie zu sagen, Durchlaucht? Das wagen Sie von mir zu behaupten? Glauben Sie, wir alle wüßten nicht, warum Sie Ihre Tochter – Sie, Frau Fürstin! – umgebracht haben? Oh ... halten Sie uns nicht für töricht weil wir Ungarn sind und keine Engländer! Ich weiß, daß wir in Ihren Augen minderwertig sind – aber das hat Sie nicht gehindert, einen von uns so zu lieben, daß Sie seinetwegen einen Mord begangen haben! Jawohl, Frau Fürstin! Ich meine den Grafen Faludi! Der an mir genau so treulos gehandelt hat wie an Ihnen – der Sie ausgelacht hat, als Sie ihn an seine Liebesbeteuerungen erinnerten, die ihm so glatt von den Lippen gingen ... Und der Sie hohnlächelnd gefragt hat: ob Sie im Ernst als Rivalin Ihrer eigenen Tochter auftreten wollten ...« Hochrufe kamen aus dem Saal; das Magyarenblut hatte sich im Nu an der zündenden Rede entflammt. Hinzu kam wohl die Anspielung an die Rassenfremdheit der Angeklagten. Doktor Farago hauchte auf seinen Kneifer. »Die schönsten Reden des Fräulein Berény haben uns leider nicht die Antwort auf die Frage gebracht, was sie in der Zeit von zehn Uhr abends bis sieben Uhr früh getan hat.« »Haben Sie uns über diesen Punkt Mitteilungen irgendwelcher Art zu machen, Herr Verteidiger?« »Nein.« Der Präsident erteilte mit einer Handbewegung dem Staatsanwalt das Wort. Oberstaatsanwalt Belvárosi erhob sich. »Draußen ist ein Zeuge. Er hat eine wichtige Aussage zu machen, die, wie ich glaube, diesem Prozeß die entscheidende Wendung geben wird. Ich bitte ihn zu vernehmen.« Die Tür ging auf. Ein breitschultriger Fünfziger trat ein. Er hatte das Aussehen eines gutgenährten Kleinstädters, von dunkler Hautfarbe, mit dem höflichen Selbstbewußtsein eines wohlwollenden Geschäftsmannes. »Wie heißen Sie?« »Smirno Petrovich.« »Sind Sie kein Ungar?« »Ich bin geborener Kroate. Aber ich bin ungarischer Staatsangehöriger.« »Was haben Sie uns in dieser Sache zu sagen?« Der Ankömmling wandte den Kopf zur Rechten. Er sah auf den Verteidiger, der ihn mit halb geschlossenen Augen betrachtete. Sein Blick glitt über die Geschworenen; über das Richterkollegium; der Anblick der vielen Menschen, ihrer erwartungsvollen Augen, das feierliche Schweigen in diesem Raume, alles schien ihn zu verwirren. Dann blickte er, in einer plötzlichen Eingebung, auf den Staatsanwalt, der ihm ermutigend zunickte. Augenblicklich schien er seine Sicherheit wiederzugewinnen. »Nun?« »Ich war in der Nacht vom Siebzehnten auf den Achtzehnten September 1921 Aushilfsdiener auf Schloß Klausenburg.« Doktor Farago wandte sich an die Fürstin: »Durchlaucht – kennen Sie diesen Mann?« »Nein.« »Nun –« der Präsident machte eine begütigende Handbewegung – »das würde nicht viel beweisen, denke ich.« »Aber ich kenne die Frau Fürstin«, sagte Petrovich eifrig. »Und auch ihre Tochter, die Prinzessin Prisca.« »Was haben Sie uns über die beiden Damen zu sagen?« Herr Petrovich preßte die Hände ineinander. »Es war eine harte Nacht, damals auf Schloß Klausenburg. Wir hatten tüchtig gearbeitet, aber wir hatten auch gute Trinkgelder bekommen. Es war kurz nach drei Uhr in der Nacht, als mein Dienst zu Ende war. Ich ging durch den dunklen Park. Da sah ich, daß ich mich verirrt hatte. Das Schloßtor lag auf der andern Seite. Eben wollte ich zurückgehen, da sah ich aus dem Dunkel die Gestalt einer Frau auftauchen. Zu meinem Erstaunen erkannte ich die Frau Fürstin Klausenburg.« »Sagten Sie nicht, es wäre sehr dunkel im Park gewesen?« »Das Licht aus dem Pavillon fiel auf ihr Gesicht. Das interessierte mich weiter nicht. Ich wollte schon fortgehen – da öffnete die Frau Fürstin die Tür zum Pavillon. In dem hellen Lichtschein, der herausdrang, erkannte ich die junge Prinzessin Prisca. Es fiel mir auf, daß Mutter und Tochter sich zu so später Stunde an so abgelegener Stelle ein Rendezvous gaben. Plötzlich hörte ich einen lauten Wortwechsel. Interessiert trat ich näher. Da schlug die Tür des Pavillons zu. Aber ich spähte durch ein Fenster. Da sah ich, daß die beiden Frauen sich um irgend etwas stritten« »Woran erkannten Sie das?« fragte der Präsident. »Sie gingen auf einander zu, gestikulierten wild und schrien sich an.« »Hörten Sie, was sie sagten?« »Der Name Faludi kam vor. Weiter konnte ich nichts verstehen. Plötzlich zog die Fürstin zu meinem Entsetzen einen Revolver und schoß zweimal auf ihre Tochter. Die Tochter brach zusammen.« Die Fürstin sprang auf. »Er lügt!« Aber auch die Zuhörer waren aufgesprungen. Sie schrieen durcheinander. Zwei, drei riefen: »Mörderin!« Der Präsident ergriff die Glocke. Aber durch sein Signal hindurch hörte man das Geschrei der Zuhörer, das immer rasender anschwoll. »Mörderin! An den Galgen mit ihr!« »Was taten Sie nun?« erkundigte sich der Vorsitzende. »Ich klopfte wie irrsinnig an die Tür des Pavillons. Plötzlich wurde sie aufgerissen; die Fürstin stürzte an mir vorüber. Drinnen lag die Prinzessin leblos ausgestreckt. Ich beugte mich über sie; sie atmete schwach.« »Und nun?« »Dann lief ich zum Schloß, um die Dienerschaft zu alarmieren. Aber unterwegs fiel mir ein: kein Mensch wird dir glauben, was du da erzählst. Niemand wird es wagen, die Frau Fürstin für die Mörderin ihrer Tochter zu halten. Der einzige Zeuge: die Frau Fürstin selbst ... man wird dich für den Mörder der Prinzessin halten ... die Mutter selbst wird gegen dich zeugen. Da entschloß ich mich zu tun, als ob ich nichts gesehen hätte; ich rannte auf die Landstraße hinunter. Erst nach vielen Stunden kam ich zur Ruhe. Und ich hätte auch nie gesprochen, Herr Präsident – wenn ich nicht erfahren hätte, daß die Frau Fürstin jetzt die Dreistigkeit besitzt, die Tat zu leugnen.« Der Präsident blickte stumm im Kreise. Da war die Wendung, die dem Prozeß das entscheidende Gepräge gab. Er sah auf die Fürstin, die sich erhoben hatte; sie hatte die Augen geschlossen; vielleicht rang sie mit einer Ohnmacht – vielleicht war es die Erkenntnis, daß jetzt alles zusammengebrochen sei. Doktor Farago nahm das Wort. »Der Herr Zeuge hat uns zwar darüber belehrt, warum er so lange geschwiegen hat. Aber ich muß gestehen: ich kann mich seiner Logik nicht anschließen. Ein so erschütterndes Erlebnis macht man nicht mit sich allein ab. In jedem Menschen wohnt schließlich ein Urgefühl: der Begriff von Schuld und Sühne. Der Instinkt der Gerechtigkeit, Die Stimme des Gewissens muß dem Zeugen zugeflüstert haben: geh zum Oberstuhlrichter – melde ihm, was du gesehen hast – damit ein Verbrechen gesühnt werde.« »Nun, Herr Doktor,« sagte der Präsident – »ich glaube, das hat der Herr Zeuge wohl heute getan.« »Nach sieben Jahren!« »Ich bin anderer Meinung als der Herr Verteidiger«, nahm der Staatsanwalt das Wort. »Ein so erschütterndes Erlebnis, wie es der Zeuge gehabt hat, mag den einen dazu bringen, das Furchtbare hinauszuschreien – den andern, sich in verzweifeltes und grübelndes Schweigen zu hüllen. Offenbar ist der Herr Zeuge von dieser zweiten Art. Er hatte, ein einfacher Mann, einen blinden Respekt vor seiner hohen Herrin. Mit Entsetzen sah er, daß diese Frau, eine Fürstin, ein gemeines Verbrechen verübte ...« »Nein! Nein!« schrie die Fürstin auf. »Hinzu kam – er selbst hat es gesagt – die Furcht, man könnte gar ihn verdächtigen. Ist das alles zusammengenommen nicht Grund genug, zu schweigen?« »Ich glaube, der Herr Staatsanwalt hat recht«, entschied der Präsident. »Sind Sie bereit, Zeuge Petrovich Ihre Aussage zu beschwören?« »Gewiß.« »Hat jemand an den Zeugen noch Fragen zu richten?« »Es könnte sein,« sagte Doktor Farago, »daß ich immerhin noch einiges wissen möchte. Die Aussage des Zeugen kommt völlig überraschend. Ich möchte die veränderte Rechtslage mit meiner Klientin durchsprechen.« »Gut.« Der Vorsitzende erhob sich. »Ich schließe die Sitzung für eine Stunde.« * Der kleine Kossuth-Keller in der Alkotmánystraße, einen Steinwurf von der Königlichen Kurie entfernt, füllte sich langsam. Es war keiner in diesem verräucherten dunklen, ein bißchen unheimlichen Raume, der nicht mit seinem Nebenmann von dem Prozeß Klausenburg geplaudert hätte. Die ehrfurchtgebietende Gestalt des Präsidenten thronte an einem reservierten Tisch zur Rechten; eben tauchte auch das Asketengesicht des Königlichen Oberstaatsanwalts Belvárosi auf. Ein paar Gäste, denen aus irgend einem vielleicht nicht schwer zu erratenden Grunde an seiner Freundschaft gelegen sein mochte, erhoben sich; er grüßte leicht, ohne eine Miene zu verändern, und ging auf den Tisch des Präsidenten zu; schon erschien der Kellner. Merkwürdig – selbst in diesem neutralen Fleckchen Erde fühlte man die bedrohliche Nähe des schicksalerfüllten Hauses dort drüben: man spürte die Ausstrahlungen seiner Macht im gedämpften Klang der Stimmen, in den beherrschten Bewegungen; man ging, stand, sprach sozusagen mit einem furchtsamen Blick auf den Herrn Königlichen Oberstaatsanwalt Belvárosi. Nur einer machte eine Ausnahme. Das war der Herr Hof- und Gerichtsadvokat Doktor Imre Farago, der, zwickerbewaffnet, strahlend vor Eßlust, hinter einem gehäuften Teller jener herrlichen ungarischen Suppe saß, die offiziell Krautsuppe heißt und die der Ungar Korhelyleves nennt, was auf Deutsch Lumpensuppe bedeutet. Sie besteht aus Rahm und Fett, vermischt mit Kraut, Pökelfleisch und Wurst. Man sagt dieser Suppe nach, sie habe eine so suggestive Wirkung, daß sie die erbittersten politischen Gegner während der Mahlzeit zu Freunden mache. Doktor Farago also löffelte behaglich seine Lumpensuppe, als irgendwo eine Glocke klingelte. Er blickte flüchtig auf. Der Kellner erschien und meldete: »Herr Doktor Farago: Ihre Überlandverbindung!« Worauf Doktor Farago, ein großes Stück Wurst in den Mund schiebend, die Hände auf dem Rücken, durch den Raum schlürfte, gefolgt von ehrfürchtigen, bewundernden und neugierigen Blicken. Selbst der Präsident und der Oberstaatsanwalt sahen ihm nach. Doktor Belvárosi zuckte die Achseln und lächelte; der Präsident nickte bestätigend. »Er will sich einen guten Abgang schaffen«, sagte der Oberstaatsanwalt. »Ich denke, wir werden in zwei Stunden fertig sein«, antwortete der Präsident. »Ich bin übrigens auf acht Uhr zum Reichsverweser geladen; er wünscht Bericht über den Prozeß. Das wird eine späte Sitzung werden; Seine Exzellenz hat einen Haussekt – einen Törley, sage ich Ihnen ... ach nein, lieber Belvárosi, ich sage es Ihnen nicht; denn ich weiß ja, daß Sie keinen Alkohol trinken und keinen Tabak anrühren.« Belvárosi lachte. »Ich weiß nicht: soll ich Sie beneiden – oder soll ich Sie bemitleiden. Für mich fängt das Leben eigentlich erst recht an, wenn ich die Königliche Kurie verlasse; ich glaube, für Sie hört es dann auf.« Der Oberstaatsanwalt verzog den Mund. »Ich nehme meistens Arbeit mit nach Hause, Herr Präsident.« »Auch das noch!« seufzte der andere. »Wann werden Sie Minister werden?« Die Tür der Telephonzelle ging schnappend auf. Die beiden sahen hinüber; Herr Doktor Farago kam zurück, gleichmütig, den Kneifer in der Hand. Er grüßte freundlich. Der Präsident dankte, der Oberstaatsanwalt schien die Geste übersehen zu haben. »Er sieht unruhig aus«, sagte Belvárosi, jenem nachblickend. »Ich kenne das: je gefaßter er sich gibt, desto schlechter steht das Barometer. Er übertreibt grundsätzlich nach der entgegengesetzten Seite. Vielleicht hält er das für schauspielerische Tüchtigkeit. Wenn man aber seine Technik erst kennt, braucht man seine Gesten nur umzudrehen – und man hat die Wahrheit in der Hand.« Der Präsident folgte dem Advokaten mit den Augen. »Sie sind ein großer Menschenkenner, Herr Oberstaatsanwalt. Aber ich fürchte, bei diesem kleinen Farago läßt Sie Ihre Wissenschaft im Stich. Er ist von einer anderen Rasse als wir: er denkt anders. Das ist seine Stärke ...« Mahnend ging die Schalmeiglocke. Der Präsident stand auf; der Oberstaatsanwalt stand auf. Alles stand auf. Alles drängte zum Ausgang. In wenigen Minuten war der Kossuth-Keller geleert. Nur der Herr Doktor Farago saß noch behaglich bei seinem Kaffee. Der Präsident streifte ihn mit einem fragenden Blick. Doktor Farago nickte. »Béla! Einen Marillenschnaps!« * Der Herbstnachmittag klebte müde und neblig hinter den Fenstern des Gerichtssaales. Einzelne Lampen brannten; das Zwielicht wuchs, es gab den Dingen eine fühlbar trostlose Nuance. Man raunte sich ins Ohr: daß das Todesurteil gesichert sei. Die Fürstin selbst mochte die Wellen spüren, die unsichtbar durch den Raum gingen; sie war blasser, ihre Haltung war weniger sicher als am Vormittag. Wo blieb Farago? Ihr Blick irrte zur Tür. Nur sein junger Substitut hatte vor ihr Platz genommen. Er blätterte gewichtig im Aktenstück. Der Präsident hielt ein Telegramm in der Hand, dessen Inhalt er mehrmals nachdenklich überflog. »Ich habe dem Gerichtshof eine Mitteilung zu machen«, sagte er mit ernster Stimme. »Eine traurige Mitteilung: die Zeugin Fräulein Vilma Berény hat sich nach ihrem Fortgang vom Gericht das Leben genommen.« Seltsam – die Nachricht machte wenig Eindruck. Zu sehr waren alle Gehirne in den Bann der großen Tragödie eingefangen; eine kleine Figurantin in diesem Spiel lebte nicht mehr – das war der Lauf der Welt; hier stand wichtigeres auf dem Spiel. Ein paar mochten flüchtig an die junge temperamentvolle Schönheit denken, die vor wenigen Stunden frisch und blühend vor dieser Schranke erschienen war. »Hat die Verteidigung zu diesem Ereignis irgendwelche Anträge zu stellen?« Der Substitut des Herrn Doktor Farago stand auf. Er wurde puterrot; es war, als ob sich leise Heiterkeit bemerkbar mache. Aber ihm fiel zum Glück das Richtige ein. Er sagte darum schlicht: »Die Verteidigung behält sich alle Anträge vor.« Die Heiterkeit wurde stärker. Der Präsident faltete das Telegramm zusammen und nahm die Zeugenliste. »Baron Banffy!« Der Gerichtsdiener ging zur Tür. Er öffnete sie und rief auf den Korridor hinaus: »Baron Banffy!« Nach einer Weile kehrte er zurück mit der Meldung: »Der Baron Banffy ist nicht erschienen.« Kopfschüttelnd las der Präsident den zweiten Namen vor: »Graf Erdödyi!« Der Gerichtsdiener ging an die Tür. Er rief den Namen hinaus. Dann kehrte er zurück mit der Meldung: »Der Zeuge Graf Erdödyi ist nicht erschienen!« Der Präsident sah zum Oberstaatsanwalt hinüber. Der Prinz Juhász!« Der Gerichtsdiener rief den Namen auf. Er kehrte zurück mit der Meldung: auch der Prinz Juhász sei nicht erschienen. Der Vorsitzende schlug mit der Hand auf den Tisch. »Was bedeutet das? Hat die ganze Nachbarschaft des Schlosses Klausenburg die Flucht ergriffen? Die drei Zeugen waren mit ihren Damen in der Mordnacht Gäste der Angeklagten. Sie könnten uns vermutlich manches sagen, was von Wichtigkeit ist.« Er blätterte ungeduldig in der Liste: »Der Graf Erdmannsdorf! Der Ritter von Stephany! Die Baronin Corvin!« Der Gerichtsdiener meldete: daß keiner der Zeugen zur Stelle sei. Den Stuhl hinter sich fortstoßend stand der Vorsitzende auf. »Das ist eine Verabredung! Das ist abgekartetes Spiel! Durchlaucht: können Sie uns erklären, warum keiner von den Zeugen, die in jener Nacht auf Ihrem Feste waren, erschienen ist?« Die Fürstin hob den Blick. »Ich weiß zufällig, daß die Baronin Corvin am Lido ist. Hoffentlich glauben Sie nicht im Ernst, Herr Präsident, daß zwischen den nicht erschienenen Zeugen und mir irgend ein Einvernehmen besteht.« »Ich muß Sie bitten, Frau Fürstin, es meinem pflichtmäßigen Ermessen zu überlassen, was ich glauben oder nicht glauben soll. Fest steht: das Ausbleiben der Zeugen ist mehr als auffällig. Ich muß Ihnen eine kleine Überraschung bereiten: das Gericht wußte bereits, daß die Zeugen nicht erscheinen würden. Alle diese Herrschaften sind plötzlich von rätselhaften Krankheiten befallen worden, die sie zwangen, nach der Riviera, nach Ägypten, nach Italien abzureisen. Hier besteht irgend ein Zusammenhang. Man will Sie schonen: man will nicht, daß eine Frau, die einen ungarischen Adelsnamen trägt, verurteilt wird.« »Selbst das glaube ich nicht, Herr Präsident«, sagte die Fürstin. Sie warf einen fragenden Blick auf den vor ihr sitzenden Substituten, dessen hoher Kragen blendend weiß vor ihr leuchtete. Er erhob sich pflichtschuldig: »Im Namen meiner Mandantin muß ich gegen die Unterstellung Verwahrung einlegen, Ihre Durchlaucht könnte direkt oder indirekt die Abreise der Zeugen veranlaßt haben.« Der Präsident machte eine ungeduldige Handbewegung; schleunigst nahm der Substitut wieder Platz. »Ich darf Ihnen erklären, Herr Präsident«, fuhr die Fürstin fort, »daß alle die ungarischen Aristokraten, deren Namen Sie eben verlesen haben, meine Feinde sind. Vielleicht mit Ausnahme der Baronin Corvin.« »Ich sagte es Ihnen schon, Durchlaucht: ich glaube nicht eigentlich, daß Sie die Inspiratorin dieser Flucht sind. Aber ich bin überzeugt, daß diese Flucht eine Rücksichtnahme gegen Sie bedeutet... Herr Oberstaatsanwalt – bitte!« Doktor Belvárosi erhob sich. Mit seiner seltsam hellen Stimme, in deren Tiefe eine erbarmungslose Härte klang, sagte er, jedes Wort gleichmäßig betonend: »Es ist der Anklagebehörde zur Kenntnis gekommen, daß Sie, Frau Fürstin, einen gewissen Stefan Ladinser gedungen haben.« »Das ist eine Lüge!« »Ich muß Sie bitten, sich zu mäßigen. Ich wiederhole: einen gewissen Stefan Ladinser.« »Und ich wiederhole; das ist ... das ist ... Ich kenne Stefan Ladinser. Warum sollte ich leugnen, daß ich ihn kenne? Er ist unternehmungslustig ...« der Staatsanwalt nickte ironisch, »... ich habe ihn gebeten, alle Beweise, die für meine Schuldlosigkeit sprechen, zu sammeln ... ist das ...« Zum ersten Male verlor die Angeklagte die Haltung. Schluchzend fuhr sie fort: »Ist es eine Sünde, wenn jemand, den man des Mordes anklagt, sich verteidigt? Wenn er Beweise sucht, die diese Anklage entkräften sollen?« »Es ist nicht ganz so wie Sie sagen, Frau Fürstin Klausenburg. Sie haben diesem Ladinser eine halbe Million versprochen, wenn er Ihre Tochter – Ihre Tochter, Frau Fürstin – die Sie laut Zeugenaussage am Siebzehnten September 1921 getötet haben ...« »Das ist eine neue Lüge!« »... wenn er diese Tochter lebend in den Gerichtssaal bringt.« »Ist das nicht mein gutes Recht?« »Die geladenen und nicht erschienenen Zeugen nun, Frau Fürstin, sind die Einzigen, die die Prinzessin Prisca kennen. Die sie rekognoszieren könnten. Glücklicherweise scheint sich Herr Ladinser eines besseren besonnen zu haben. Aber gesetzt den Fall: diese Tür würde sich jetzt öffnen und eine Dame würde hereintreten mit den Worten: ›Ich bin die verloren geglaubte Prinzessin Prisca Klausenburg‹ – so wäre niemand da, der diese Behauptung widerlegen könnte. Und hier, in dieser Tatsache, erblickt das Gericht den Beweggrund für die plötzliche Abreise, ich darf wohl sagen: für die plötzliche Flucht der geladenen Zeugen. Daß die plötzliche Abreise dieser Zeugen also in Ihrem Interesse lag, bedarf keiner Beweisführung.« »Sie sprechen, Herr Oberstaatsanwalt, als ob ich des Mordes an meiner Tochter überführt wäre!« »Sie sind überführt!« »Nein! Nein!« die Stimme der Angeklagten schwoll zu einem Schreien an – »Nein! Nein! Das ist nicht wahr! Der Zeuge hat gelogen!« »Der Zeuge steht unter dem Schutz des Gerichts. Sie dürfen ihn nicht beleidigen.« »Und im übrigen: Sie sagen, es wäre jetzt niemand da, der die Prinzessin kennt? Der sie rekognoszieren könnte? Bin ich nicht da? Ihre Mutter? Bin ich nicht die Erste, die ihr Kind erkennen würde?« In das Gesicht des Oberstaatsanwalts trat ein Lächeln. Ein kleines, böses, hartes Lächeln. Das war die Wendung, auf die er gewartet hatte. Mit sanfter Stimme sagte er: »Es ist nicht zu leugnen, Durchlaucht: daß Sie die Erste sein werden, die erkennen würde, ob die Eintretende Ihre Tochter ist – oder ob sie eine Schwindlerin ist. Aber da das Eintreten der lebenden Prinzessin gleichbedeutend wäre mit dem Zusammenbruch der Anklage gegen Sie – so dürfen wir die Vermutung aussprechen, daß Sie die Eintretende als Ihre Tochter anerkennen würden – selbst wenn eine Negerin in den Saal treten würde.« Kichern kam durch den Raum. Man fühlte es: die Stimmung war wieder gegen die Fürstin umgeschlagen. »Ich wäre bereit, einen Eid auf die Wahrheit zu leisten.« »Das glaube ich Ihnen ohne weiteres, Durchlaucht. Aber leider werden Sie nach dem Gesetz dieses Landes nicht in die Lage kommen, diesen Eid zu leisten. Wir möchten Sie nicht in den Gewissenszwang bringen, sich durch einen Meineid das Leben zu retten.« Die Tür ging auf. Herein trat der Rechtsanwalt Farago. Endlich ... Er machte ein gleichmütiges Gesicht. Ohne jemanden anzusehen, schlürfte er auf seinen Tisch zu. »Ich glaube,« sagte der Präsident mit einem kleinen ärgerlichen Seitenblick auf den Verteidiger, »wir dürfen die Beweisaufnahme als beendet betrachten. Oder hat jemand noch eine Frage zu stellen?« Eben erhob sich Doktor Farago, um irgend etwas zu sagen, als es leise an die Tür pochte. Der Gerichtsdiener sah fragend auf den Präsidenten; der zuckte die Achseln. Es klopfte zum zweiten Male. Auf ein Zeichen des Präsidenten ging der Gerichtsdiener zur Tür und öffnete sie eine Spanne weit. Draußen mochte jemand stehen, den man nicht sah. Der Gerichtsdiener sprach ein paar leise hastige Worte – er wandte halb den Kopf in den Gerichtssaal hinein. Dann drückte er die Tür unentschlossen wieder zu und trat mit schnellen Schritten vor die Schranke. Erst jetzt sah man, daß er vor Erregung blaß geworden war. Er sagte mit lauter, ein wenig bebender Stimme: »Die Prinzessin Prisca Klausenburg!« »Was ist das?« Der Präsident stand auf; der Staatsanwalt stand auf; die Angeklagte hatte sich halb erhoben; sie hielt die Rechte mit gespreizten Fingern, wie in der Abwehr gegen eine unmögliche, befremdliche, unfaßbare Nachricht von sich gestreckt. Die Zuhörer auf den Bänken waren aufgesprungen; der ganze Gerichtssaal starrte auf den Gerichtsdiener, der diese unglaubliche Meldung gebracht hatte. »Die Prinzessin Prisca Klausenburg?« wiederholte der Präsident ungläubig. »Aber das ist doch nicht möglich ...!« Doktor Farago legte den Bleistift quer vor sich zu Häupten des Aktenstücks. Dann nahm er ihn wieder in die Rechte – das einzige Zeichen einer leichten Nervosität – und indem er gebieterisch auf die Tür zeigte, eine Geste, die ihn in diesem Augenblick tatsächlich seinem großen Vorbild, dem kleinen Napoleon, ähnlich machte, sagte er: »Ich beantrage, die Prinzessin Prisca Klausenburg zu vernehmen!« »Ja, ja«, erwiderte der Präsident. »Natürlich. Natürlich werden wir sie vernehmen. Wir werden jeden vernehmen, der uns in dieser Angelegenheit etwas zu sagen hat. Aber ich darf daran erinnern, daß hier eine Zeugin auftritt, deren Tod längst bewiesen ist.« »So so«, nickte Doktor Farago. »Längst bewiesen. Nun: wir werden ja hören.« Der Gerichtsdiener ging zur Tür. Er riß sie weit auf, machte eine einladende Handbewegung und sagte mit lauter amtlicher Stimme: »Die Zeugin Prinzessin Prisca Klausenburg!« Man glaubte in der lautlosen Stille, die sich in diesem Augenblick über den Saal legte, das Klopfen der Herzen zu hören. Nichts regte sich; es schien, als ob in der ganzen schweigenden Menschenversammlung der Atem stocke; man hörte das feine Rieseln des Regens auf den Fenstersimsen; es war, als ob die rinnende Zeit selbst in diesem Augenblick still stehe. Susie Lacombe trat ein. Sie blieb einen Moment zögernd stehen. Ihre dunklen Augen schweiften durch den Saal. Sie blieben auf dem harten Asketengesicht des Oberstaatsanwalts haften; sie wanderten weiter, dort, der breitschultrige ältere Herr mochte der Vorsitzende dieses Tribunals sein; und hier, nahe dem Fenster, war der Sitz der Angeklagten. Sie sah die Frau, die hoch aufgerichtet, totenblassen Antlitzes, ihr entgegenstarrte; sie sah ihr in die Augen – der Blick der Frau dort oben bohrte sich in den ihren. Vor ihr saß ein kleiner glattköpfiger Herr, der sie wohlwollend anlächelte. Offenbar ein Freund. Wahrscheinlich der Verteidiger. Er winkte ihr verstohlen. Sie nickte unmerklich und ging langsam auf ihn zu. Die Frau dort über ihm, auf dem erhöhten Sitz, machte eine Bewegung, die sie nicht verstand. Eben wollte sie irgend ein Wort sagen: eine Begrüßung, eine Erklärung – da kam die Stimme des älteren Herrn dort drüben, des Präsidenten, durch den Saal: »Ist das Ihre Mutter?« Susie drehte zusammenfahrend den Kopf zu ihm hinüber; wieder blickte sie zu der Frau dort zu ihrer Rechten, die sie unverwandt anstarrte; sie trat einen, zwei Schritte auf sie zu. Die Frau dort erhob sich taumelnd, kam mit wankenden Knien die Stufen herunter. Sie breitete ihre Arme aus, zitternd, wie eine unendlich schwere Last schleppend; sie trat mit einem plötzlichen Schrei auf sie zu, legte die Arme um ihre Schultern, und sank schluchzend an ihr nieder. »Ist das Ihre Mutter?« wiederholte der Präsident. Er war, sichtlich nicht ohne Bewegung, dem Vorgang gefolgt. Der Gerichtsdiener kam herbei; ein paar Männer, vielleicht Beamte, vielleicht Zuhörer, bemühten sich um die Fürstin. Sie erhob sich wankend, immer noch ihre Augen in die der jungen Zeugin getaucht. Der Oberstaatsanwalt erhob sich brüsk. »Ich muß Verwahrung einlegen«, sagte er mit scharfer Stimme – zum ersten Male in diesem Prozeß schien er wirklich erregt – »Protest gegen die frivole Komödie, die hier vor unsern Augen gespielt wird. Hier wird das Tribunal zur Szene – das ist eine Entwürdigung, eine Düpierung des Gerichts, gegen die ich die allerschärfsten Maßnahmen beantragen muß.« »Prinzessin Prisca«, der Vorsitzende maß die Zeugin mit einem strengen Blick. »Bitte treten Sie vor diese Schranke. Beantworten Sie die Fragen, die ich an Sie stellen werde.« Susie gehorchte zögernd. Der Vorsitzende betrachtete sie forschend. Sie war jung, schön, rassig; in ihren dunkelbraunen Augen lag ein sonniges Leuchten. »Zeugin – Sie wissen, daß Sie mit Ihrem Erscheinen in diesen Prozeß eine fundamentale Wendung bringen. Nicht wahr?« »Ja.« »Hat Ihnen irgend jemand eine Belohnung versprochen dafür, daß Sie mit dieser Behauptung vor der Königlichen Kurie erscheinen?« Susie schüttelte den Kopf. »Das bedeutet: Sie kommen freiwillig?« »Ich hörte, daß man die ... daß man meine Mutter des Mordes angeklagt hat. Darum bin ich gekommen.« »Können Sie sich legitimieren? Wenn Sie die Prinzessin Prisca sind, müssen Sie Papiere besitzen, die es beweisen.« Zögernd antwortete Susie: »Leider nicht. Meine Papiere sind, wenn ich nicht irre, im Gewahrsam meiner Mutter gefunden worden.« In schnellem Tempo, fast als ob er ihr auf die Fersen trete, fragte der Präsident: »Woher wissen Sie das?« Susie zuckte die Achseln. Dann, während sie den forschenden Blick des Vorsitzenden auf sich ruhen fühlte, sagte sie: »Ich habe es in der Zeitung gelesen.« »So so,« wiederholte der Präsident murmelnd. »Sie haben es in der Zeitung gelesen ...« und indem er ihr plötzlich ins Gesicht sah, fragte er: »Ist es Ihnen bekannt, daß man die Leiche der Prinzessin Prisca in den Trümmern des englischen Pavillons gefunden hat?« Susie warf einen erschreckten Blick hinüber zu der Fürstin; wieder sahen sich die beiden Frauen an. Die Fürstin schüttelte, vielleicht unbewußt, vielleicht absichtlich, den Kopf. »Noch eines möchte ich Sie fragen: kennen Sie einen gewissen Stefan Ladinser ?« Ein gebieterisches Klopfen kam vom Tische des Verteidigers. Der Präsident wandte unwillig den Kopf. Doktor Farago war aufgestanden. Er wies mit dem Bleistift auf die Tür, mit diesem glänzenden, violetten, glanzpapierumkleideten Bleistift, der in seiner Hand wirkte wie ein kleiner Feldherrnstab: »Ich stelle den Antrag, den Zeugen Smirno Petrovich, der uns die Geschichte von dem Mord im englischen Pavillon erzählt hat, hereinzurufen. Es haben sich ein paar kleine Unstimmigkeiten ergeben, die ich klarstellen möchte.« »Herr Verteidiger,« sagte der Präsident in ziemlich unfreundlichem Ton, »da die Prozeßleitung in diesem Saal mir untersteht und nicht Ihnen, so möchte ich Sie bitten, meine Amtshandlungen nicht zu unterbrechen.« »Herr Präsident,« antwortete Doktor Farago mit einer Verbeugung – »da die Wahrnehmung der Interessen der Angeklagten in diesem Prozeß meine Angelegenheit ist, so möchte ich bitten, sie mir nicht durch rein formale Einwendungen zu erschweren.« »Ich habe die Zeugin gefragt,« fuhr der Präsident mit erhobener Stimme fort, »ob es ihr bekannt ist, daß man die Leiche der Prinzessin gefunden hat. Ich habe sie ferner gefragt, ob sie einen gewissen Stefan Ladinser kennt ...« »Eben darum, Herr Präsident. Ich darf ohne weiteres annehmen, daß Ihnen genau wie mir nur ein Ziel vorschwebt: die Wahrheit zu finden. Das bedeutet: den Schuldigen – nicht einen Schuldigen.« »Ich begreife nicht, was das mit meinen Fragen an die Zeugin zu tun hat.« »Sie werden es sofort verstehen, wenn Sie den Zeugen Petrovich nochmals gehört haben.« Der Präsident blickte hinüber zum Oberstaatsanwalt. Der sagte, ein wenig ungeduldig: »Ich bin zwar der Meinung, daß hier zugunsten eines kleinen theatralischen Effekts ...« »Herr Oberstaatsanwalt!« »... um aber nicht in den Ruf zu kommen, daß ich mit verbissener Beharrlichkeit auf formalen Spitzfindigkeiten bestehe, möchte ich bitten, dem Ersuchen des Herrn Verteidigers stattzugeben. Zumal ich nicht wüßte, was uns der Zeuge Petrovich, der einen vernünftigen und besonnenen Eindruck gemacht hat, seinen Ausführungen noch Überraschendes hinzuzufügen haben sollte.« »Der Zeuge Smirno Petrovich!« Der Aufgerufene trat ein. Breitschultrig, breitspurig durch und durch gutsituierter, ein wenig eigensinniger Geschäftsmann. »Nun, Herr Rechtsanwalt?« fragte der Präsident. Doktor Imre Farago nahm den Zwicker von der Nase, blickte prüfend hindurch, schüttelte den Kopf, zog ein grünseidenes Taschentuch, was leises Gelächter auslöste, putzte die Gläser gewissenhaft und umständlich. Setzte den Zwicker wieder auf und schaute mit neugierigen Augen den dunkelhäutigen Mann an, der mit abweisendem Gesicht vor ihm stand. Plötzlich sagte er: »Ich glaube, der Herr Zeuge ist noch gar nicht vereidigt?« Petrovich wandte sich entschlossen zum Richtertisch herum. Die Bewegung hatte offenbar zwei verschiedene Bedeutungen: erstens, daß Herr Petrovich bereit sei, sich der Formalität der Vereidigung auf der Stelle zu unterwerfen – und zweitens, daß er eine Unterhaltung mit diesem kleinen unangenehmen Herrn, in dem er den Feind fühlen mochte, ablehne. »Sprechen Sie mir die Eidesformel nach!« Der Aufgeforderte hob die Hand. In diesem Augenblick sagte Doktor Farago: »Ich möchte verhüten, daß der Zeuge einen Meineid leistet.« Der Präsident sah stirnrunzelnd auf. »Was Sie da sagen, Herr Doktor Farago, kommt einer Beleidigung gleich. Der Zeuge steht unter dem Schutz des Gerichts.« »Gewiß, Herr Präsident. Aber ich glaube: auch die Angeklagte steht unter dem Schutz des Gerichts.« Herr Petrovich drehte sich um und sagte etwas auf Kroatisch, was niemand verstand. »Sie müssen schon deutlicher werden, Herr Doktor Farago. Wenn Sie nicht wünschen, daß dieser Herr Sie wegen der Kränkung zur Verantwortung zieht.« Doktor Farago zog die Uhr, »Ich erwarte einen Zeugen. Er muß jeden Augenblick hier sein. Da ich aber seine Aussage kenne, werde ich sie mit Erlaubnis des Königlichen Gerichtshofs kurz vortragen.« »Wer ist dieser Zeuge?« »Der Amtmann Arpád Rudnay, Königlich-Ungarischer Domänenverwalter auf Schloß Klausenburg.« »Rudnay ... ich erinnere mich: die Regierung hat ihn als Verwalter eingesetzt. Was hat Herr Rudnay uns Wichtiges zu sagen?« »Darf ich einige Fragen an den Zeugen Petrovich stellen?« »Bitte.« »Herr Petrovich ... was ich Sie jetzt fragen möchte, betrifft Ihr eigenstes Interesse. Von Ihnen wird es abhängen, ob Sie diesen Saal als ein freier Mann verlassen werden – oder als ... oder nicht.« Petrovich zuckte die Achseln und sah Herrn Doktor Farago von oben bis unten an. »Sie haben uns eine anschauliche Schilderung des Mordes gegeben. Nun sind im Park nur wenige Lampen; das werden Sie wissen, denn Sie waren ja, wie Sie sagen, vorübergehend auf Schloß Klausenburg in Dienst. Wenn auch nur an einem einzigen Abend. Wie war es Ihnen möglich, in dieser halben Dunkelheit zu erkennen, wen Sie vor sich hatten? Vielleicht war es gar nicht die Fürstin? Vielleicht war es ebensowenig die Prinzessin?« Der Staatsanwalt unterbrach den Fragenden. »Sie scheinen den Zeugen nicht ganz richtig verstanden zu haben. Er hat niemals behauptet, daß er die Szene im Licht der Parklampen beobachtet habe. Vielmehr hat er uns ausdrücklich erzählt, wie die Sache vor sich gegangen ist: die Tür des Pavillons wurde aufgerissen; helles Licht flutete heraus. Die Tür schloß sich wieder; durch die Scheibe beobachtete der Zeuge den Mordvorgang. Nicht wahr, Herr Petrovich?« Der Zeuge nickte eifrig. »Hier eben liegt die kleine Unstimmigkeit, auf die ich den Zeugen aufmerksam machen möchte. Ich habe mit Herrn Rudnay zu Beginn der Pause telephoniert. Es wird Sie interessieren zu hören, meine Herren: daß der englische Pavillon gar keine Beleuchtung hatte .« »Was ist das?« Der Präsident sah den Zeugen erstaunt, ehrlich entrüstet an. »Was ist das?« »Der Pavillon ist auch niemals in Benutzung gewesen. Er war vollgepackt mit alten Möbeln. Es war einfach physisch nicht möglich, daß sich dort die Damen ein Rendezvous gegeben haben können.« Eine kleine Pause trat ein. Der Präsident heftete seinen durchdringenden Blick auf den Kroaten, der schweigend vor ihm stand, den Hut in der Hand drehend. Der Instinkt des Kriminalisten mochte ihm sagen: dieser Mann hat gelogen. Er betrachtete den sich förmlich unter seinen Blick Windenden finster. Dann sagte er plötzlich: »Warum haben Sie das Gericht getäuscht?« Der andere zuckte hilflos die Achseln. Der Vorsitzende schlug mit der Faust auf den Tisch; erschrocken fuhr der Zeuge zusammen. »Wenn Sie mir nicht haarklein alles gestehen, lasse ich Sie auf der Stelle verhaften!« »Man hat mir Geld dafür gegeben ...« sagte der Ertappte leise. »Geld ... damit Sie falsches Zeugnis ablegen sollten?« »Ja.« »Wer hat Ihnen dieses Geld gegeben?« »Muß ich diese Frage beantworten?« »Selbstverständlich.« »Darf ich dem Herrn Zeugen ein wenig zuhilfe kommen?« mischte sich Doktor Farago in das Verhör. »Herr Petrovich: hier ist eine Liste der Nachbarn der Frau Fürstin. Sie sind nicht erschienen. Sie sind sämtlich krank geworden und mußten abreisen. Ist Ihr Auftraggeber unter diesen Herrschaften? Lesen Sie die Namen genau durch.« Herr Petrovich setzte eine Brille auf und überflog die Namen gewissenhaft mit den Augen. »Ja«, sagte er. »Der Name ist darunter.« »So ungefähr habe ich es mir gedacht,« sagte Farago. »Herr Präsident – Sie sehen: ein Komplott. Ein feiges, niedriges, gemeines Komplott gegen die landfremde Frau: bestimmt, sie ins Verderben zu stürzen. Denn, Herr Präsident, ich erkläre es feierlich: die Fürstin Klausenburg ist unschuldig!« Beifallklatschen klang auf. * Der Gerichtshof kam von einer kurzen Beratung zurück. Der Präsident verkündete: »Obwohl eine der Angeklagten ungünstige Zeugenaussage widerlegt worden ist, besteht der dringende Verdacht des Mordes gegen die Angeklagte weiter. Das Verfahren nimmt daher seinen Fortgang. Insbesondere ist die Auffindung der Leiche der verbrannten Prinzessin Prisca Klausenburg, die die Angeklagte selbst rekognosziert hat, von so grundlegender Bedeutung, daß alle Gegenbeweise dadurch ad absurdum geführt werden. Weiteres Beweismaterial wird beschafft werden.« Der Präsident machte eine kleine Pause. Er wandte sich an Susie Lacombe und sagte, ihr ins Gesicht sehend: »Was Sie betrifft, so ist das Gericht überzeugt, daß Sie nicht die Prinzessin Prisca sind. Es verkennt nicht den menschenfreundlichen Zweck, den Sie verfolgt haben; es will deshalb von Ihrer Bestrafung absehen. Unter der Bedingung, daß Sie diesen Saal und dieses Land augenblicklich verlassen und dorthin zurückkehren, woher Sie gekommen sind – unter dieser Bedingung sollen Sie frei sein.« Der Präsident zog die Uhr. »Ich stelle Ihnen eine Frist von fünf Minuten. Wenn Sie in dieser Zeit den Saal nicht verlassen haben, so sind Sie verhaftet.« Alles blickte auf Susie, die den Sprechenden schweigend angehört hatte. Sie mochte den versteckten Trick dieser spitzfindigen Erklärung herausfühlen; sie sagte, auf die Angeklagte blickend: »Ich werde bleiben.« »Sie werden bleiben?« wiederholte der Vorsitzende, scheinbar erstaunt. »Sie werden bleiben?« »Bestrafen Sie mich, wenn Sie es vor den Gesetzen verantworten können. Dies ist meine Mutter – und ich bin ihre Tochter – mein Platz ist an ihrer Seite.« In diesem Augenblick brauste ein Beifallssturm durch den Saal, der alles mit sich fortriß: alle Bedenken – alle Zweifel – und alle juristischen Spitzfindigkeiten, Die Zuhörerschaft mochte fühlen, daß der Vorsitzende, in den Spuren Salomos wandelnd, die Zeugin auf die Probe gestellt hatte – und sie jubelte der jungen, schönen Frau zu, die diese Probe so glänzend bestanden hatte. Man zerbrach die Barrieren – Trampeln – Lachen – Eljen-Rufe – Schluchzen kam durch den Saal. Alles stürmte auf die Angeklagte, auf die wiedergefundene Prinzessin Prisca zu – man umringte Mutter und Tochter – man schüttelte ihnen die Hände. Jubelrufe umschwirrten sie, Glückwünsche, Dankgebete. Auch Doktor Imre Farago war sichtlich gerührt. Er hatte mit der einen Hand die Rechte der Mutter erfaßt, mit der andern die Linke der Tochter. Er sagte ihnen hundert erfreute und schmeichelnde Dinge. Die Augen der Fürstin Hannah schwammen in Tränen. Er blickte verstohlen auf die junge Prinzessin. Und er sah, daß ihr Gesicht unbeweglich war, ihre Augen ausdruckslos, wie die eines Menschen, der einem fremden und gleichgültigen Ereignis beiwohnt. Aber der Herr Doktor Imre Farago hatte die Aufgabe übernommen: die Fürstin Klausenburg vor der Verurteilung zu retten. Und nicht: zu untersuchen, ob die Zeugin, die diese Rettung vollbracht hatte, die echte Prinzessin Prisca war – oder nicht. * Unter dem Druck des Volkswillens brach die Anklage zusammen. Die Angeklagte wurde vorläufig in Freiheit gesetzt. Das offizielle Urteil, eine rein formale Angelegenheit, war in den nächsten Tagen zu erwarten. VI. Susie Lacombe ging die Hoteltreppe hinunter. Der Geschäftsführer wartete, den großen Blumenstrauß in der Linken, am Podest. Er machte eine respektvolle, tiefe und schweigende Verbeugung und legte die Nelken in ihren Arm. Von unten schlug ihr wie eine leise und plätschernde Brandung das Raunen der Wartenden entgegen. Der Name Prisca drang flüsternd zu ihr empor. Als man ihrer ansichtig wurde, lüfteten die Männer die Hüte; die Frauen winkten ihr. Glänzende Augen, erregtes Stimmendurcheinander, begrüßte sie. Der Hotelier mochte mit einem Ansturm der Begeisterten gerechnet haben; eine rotseidene Schnur sperrte den Korridor zum Konversationszimmer ab. Susie trat ein. Betäubender Duft schlug ihr entgegen. Der Raum erstrahlte von tausend Blumen, leuchtend in allen Farben. Der Tisch war bedeckt mit Briefen. Mit Telegrammen. Mit Visitenkarten, die klangvolle Namen zeigten, Susie betrachtete alles dies: den leuchtenden, duftenden Raum, die sich zu kleinen Bergen häufenden Sympathiekundgebungen, mit glücklichem Lächeln. Eine Tür ging auf, Herren traten ein, verbeugten sich, sprachen verbindliche Worte, küßten ihr die Hand, legten Blumen nieder. Frauen kamen, führten Kinder an den Händen: Glückwünsche, Segenssprüche umschwirrten sie, hüllten sie und alle Dinge in diese Welle einer weichen und warmen Herzlichkeit. Wieder ging die Tür. Der Hotelier kam; er blieb im Eingang stehen und ließ eine Dame eintreten. Susie sah sie an. Sie trat einen Schritt zurück. Es war Ivy Griffith . »Durchlaucht ...« Ivy machte einen tiefen Knicks ... »Durchlaucht – wie freue ich mich, daß es mir vergönnt ist, Sie noch in Budapest zu erreichen! Befindet die Fürstin-Mutter sich wohl? Sie müssen nämlich wissen, meine Herrschaften –« sie wandte sich den Umstehenden zu, die der kleinen Szene mit wachsender Aufmerksamkeit folgten – »daß ich die Ehre habe, die Prinzessin Prisca seit mehreren Jahren zu kennen. Wissen Sie, woher ich eben komme? Von Ihrer Frau Mutter. Sie feiert in ihrem Stadtpalais das Fest ihrer Rehabilitierung! Der ganze Adel von Budapest ist versammelt. Alles gratuliert – nur über eine Kleinigkeit wundert man sich: daß die junge Prinzessin Prisca fehlt. Wollen Sie nicht hingehen, Teuerste? Kommen Sie – mein Auto steht vor der Tür.« Der Saal hatte sich mit weiteren Gästen gefüllt; Journalisten; auch Doktor Farago, der erfolgreiche Verteidiger, war eingetreten. Einige blickten sich an, einige zuckten die Achseln; man begriff, daß hier etwas Feindseliges im Anzuge war. Von außen kam ein dumpfes Raunen: fast als ob eine Menschenansammlung näher komme. »Hören Sie, Prinzessin?« Die Schauspielerin lächelte. »Das Volk von Budapest wünscht die Heldin des Tages zu begrüßen!« »Was wollen Sie von mir?« fragte Susie. »Was ich will? Warum so abweisend, schönste Prinzessin? Können Sie es mir verdenken, wenn ich von dem allgemeinen Taumel der Begeisterung mitgerissen bin? Nämlich« – wieder wandte sie sich den Umstehenden zu – »Fräulein ... ich wollte sagen: Prinzessin Prisca war meine Kollegin. Und, denken Sie sich: bis vor kurzem führte sie einen völlig anderen Namen. Einen ganz gewöhnlichen bürgerlichen Namen: Susie Lacombe. Wollen Sie es nicht glauben? Dann, bitte, kommen Sie in mein Hotel. Ich werde Ihnen einige Szenen aus einem Film zeigen, in denen Sie diese Susie Lacombe erkennen werden.« Das Raunen draußen schwoll an; der Hotelier, mit unruhigen Augen, ging zur Balkontür. Irgend ein Wort, ein Zuruf, ein Schrei flatterte zu den Fenstern empor; die Anwesenden sahen sich betroffen um. »Und wenn ich fragen darf: wo ist denn Ihr Begleiter? Der scharmante Herr Ladinser? Hat er seine halbe Million schon dafür erhalten, daß er eine Schwindlerin als Prinzessin Prisca vor Gericht präsentiert hat?« »Was ist das?« Jemand trat auf Ivy Griffith zu. Es war Doktor Farago. Alles blickte auf Susie. Sie war bleich geworden. Stockenden Atems antwortete sie: »Das Gericht hat entschieden. Es hat mich als Prinzessin anerkannt.« »Jawohl!« schrie Ivy ihr ins Gesicht. »Das Gericht hat entschieden, weil es betrogen worden ist! Soll ich es Ihnen beweisen? Bitte, Herr Doktor Farago: ich frage Sie: haben Sie gestern abend Herrn Ladinser seine Belohnung ausgezahlt – dafür, daß er eine Filmschauspielerin aus Hollywood als die verschwundene Prinzessin Prisca nach Budapest gebracht hat?« »Ist das wahr, Doktor Farago?« fragte Susie erbleichend. »Haben Sie Herrn Ladinser ...« Ihre Worte wurden übertönt von den brausenden Rufen, die von der Straße heraufschlugen. Der Hotelier öffnete die Balkontür. Gellende Pfiffe empfingen ihn; der Name Susie Lacombe scholl herauf. Plötzlich traf ein Steinwurf das Fenster, das klirrend zerbarst. »Großer Gott!« Der Hotelier stürzte ins Zimmer. »Man demoliert mir das Hotel! Sie müssen fort, Prinzessin ...!« Susie wollte antworten; aber das Schreien dort unten schwoll zum Brüllen an. Fünf, sechs Steinwürfe hagelten gegen die Scheiben, Splitter prasselten ins Zimmer. Die ganze Straße war angefüllt von Heulen, Pfeifen und Toben. Die Besucher sahen erschrocken auf Susie, auf die brüllende, heulende Straße dort unten; Türen wurden aufgerissen; Trampeln, Schreie, Rufe irrten durch das Haus. Nun stand Susie Lacombe allein mit Ivy Griffith, mit dem Hotelier. »Schlagt sie nieder!« brüllte es. Der Hotelier faßte beschwörend Susies Hände. »Sie müssen hinuntergehen, Sie müssen die Leute beruhigen.« »Ja«, sagte Ivy Griffith höhnisch lächelnd. »Das ist eine gute Idee.« Was nun kam, folgte so blitzschnell aufeinander, daß Susie kaum vermochte, die einzelnen Prämissen zu begreifen. Unten polterten krachende Schläge gegen die Türen, dumpf hallend schlugen Pforten zurück, Rufe, Trampeln von hundert Füßen hämmerte auf den Treppen. Im nächsten Augenblick wurde die Tür von neuem aufgerissen – keuchend, kaum eines Wortes mächtig, stand Peter Thornquist auf der Schwelle. »Wir müssen fort, Susie! Jeden Augenblick können sie hier sein. Man wird Sie totschlagen – kommen Sie mit – es gibt eine Katastrophe.« Er zog sie, ohne ein Wort abzuwarten, durch eine Seitentür in ein kleines dunkles, leeres Zimmer. Der Wirt folgte ihnen mit beschwörenden Gesten. Seitenräume, spärlich erleuchtet, taten sich auf. Irgendwo hing Dienstbotengarderobe; Peter raffte im Vorbeigehen ein paar Kleidungsstücke zusammen; das Trampeln kam näher. Man hörte deutlich das Rufen: »Wo ist sie – Betrügerin ...!« Dort war eine Tür. Sie war verschlossen. Er versuchte vergeblich, sie zu öffnen. Er stemmte sich mit aller Kraft seiner Schultern dagegen; die Tür sprang aus dem Schloß, flog krachend zurück. Er raste, Susie am Arm haltend, die schmale Nottreppe hinunter. Nun waren sie an irgend einem kleinen, unbeachteten Gärtchen, vielleicht an dem Hinterausgang. Er hängte ihr eilig ein Cape um. Draußen stand ein geschlossenes Auto. Während sie durch den schmalen Vorgarten rannten, kam ein Zuruf. Susie wandte sich zur Seite; es war Ladinser. Wo kam Ladinser her? Er war plötzlich da, die Gefahr hatte ihn herbeigeführt, vielleicht, daß er, in einer letzten ritterlichen Aufwallung, begriff: du mußt sie schützen, du hast sie hierhergeführt. Thornquist riß den Schlag auf. Er drängte Susie ins Wageninnere. Sie wollte sprechen. Warum stand Thornquist unbeweglich? Warum machte er keine Anstalten, sich zu ihr zu setzen? Sie wollte eine Erklärung sagen, vielleicht ein freundliches Wort. Sie dachte an jene Nacht in Wien – aber er sah an ihr vorüber. Der Chauffeur deutete nach drüben. Die Menschenmenge kam näher. Ein paar Neugierige mochten sie erspäht haben. Irgendwo fiel ein Schuß. »Sie sind gerettet, Susie«, sagte Thornquist. »Jetzt ist meine Pflicht getan. Leben Sie wohl.« Sie wollte antworten, sie wollte schreien, sie wollte, an Ladinser vorbei, den Wagen verlassen. Aber schon fuhr der Schlag zu, das Auto raste davon, in der Richtung nach dem Donauufer. »Gott sei Dank ...!« Ladinser blickte durch das kleine Fenster zurück. »Sie drohen hinter uns her. Richtig: einer notiert die Nummer unseres Autos.« »Das bedeutet?« fragte sie tonlos. »Das bedeutet, daß man dieses Auto in einer Stunde oder eher irgendwo anhalten wird. Nur schade, ihr Herren: dann werden wir diesen Wagen längst gewechselt haben.« Das Auto sauste durch die Vorstadt von Budapest. Glänzende Nachmittagssonne lag über der Donau, Rebenhügel schimmerten im Dunst der Ferne; das ganze leuchtende Bild dieser Stadt, heiter, schattenlos, mütterlich, grüßte abschiednehmend herüber. Ein paarmal versuchte Ladinser das Wort an seine Begleiterin zu richten. Sie blickte schweigend geradeaus. Plötzlich fragte sie: »Ist es wahr, daß Sie Geld dafür bekommen haben ...?« Er nickte. Wieder saßen sie schweigend nebeneinander. Die Straßen wurden weiter, leerer – Schienenstränge zweigten ab, zur Linken, zur Rechten. Hie und da glitten letzte Häuser vorüber. Plötzlich hielt der Wagen. Susie blickte Ladinser erstaunt an. Der stieg aus, als ob es die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre. Ein unscheinbares Haus, ziemlich groß, verfallen, ein kleines bißchen unheimlich, stand in der schrägen Nachmittagssonne. Ein Mann kam heraus, klein, untersetzt, mit flinken Mausaugen. Er grüßte fast unmerklich. Das Auto fuhr weiter. »Wir nehmen von hier aus einen anderen Wagen«, erklärte Ladinser ihr leise. »Einen Bauernwagen. Wenn alles gut geht, sind wir morgen mittag in Wien.« Er wies auf das Erlengebüsch zur Rechten; dort stand eine Bank mit einem rohgezimmerten Tisch. Ladinser ging mit dem Mann ins Haus. Die beiden sahen sich kurz nach ihr um. Alles hatte einen heimlichen und verräterischen Unterton. Susie ging mit müden Schritten auf die Bank zu. Dort, jenseits des Stromes, lagen die Herbstfelder. Marienfäden schwebten in dem bläulichen Dunst, über den Herbstzeitlosen. Ein Rabenschwarm flog auf. Ein langer Wagen, maisbeladen, schwankte rumpelnd stallwärts. Von rechts, von der endlosen Landstraße her, kam eilends ein Mann. Er trat in den Garten. Ohne sich um die Frau dort drüben zu kümmern, zog er eine Flasche und setzte sie an den Mund. Behutsam steckte er sie wieder fort, um sie mit einem plötzlichen Entschluß zum zweiten Male zu ziehen. Nun, da er näher kam, sah Susie, daß er taumelte. Er war von dunklem Typ, zigeunerhaft. Sicher war er einst ein schöner Mann gewesen, aber mit unendlicher Schwermut in den dunklen Augen, mit einem seltsam starren und trostlosen Blick. Plötzlich schien er Susie zu gewahren. Er zog den Hut und ging in demütiger Haltung auf sie zu. Während er vor ihr stand, taumelte er von neuem; erschrocken hielt er sich am Tisch fest. Das Getrappel von Pferdehufen klang auf. Der Zigeuner sah sich scheu um. Am Eingang, unter der alten Ulme, erschienen zwei Reiter: Landjäger. Sie stiegen ab, schritten eilends den verwahrlosten Gartenweg hinauf; sie sahen sich spähend um. Einer grüßte die junge Dame. Sie blickte zur Seite: vom Zigeuner war nichts zu sehen. Ladinser kam heraus, mit dem breitschultrigen, kleinen, flinkäugigen Hausherrn. Eine eifrige Unterhaltung entspann sich. Plötzlich stürzte der eine der Landjäger auf das Gebüsch zu und zerrte den Zigeuner, der sich winselnd wehrte, hervor. In Susie regte sich das Mitleid. Sie wollte ein begütigendes Wort sprechen. Aber Ladinser kam ihr zuvor. »Ein alter Dieb ..., man sucht ihn seit vielen Monaten. Wollen Sie wissen, wodurch er sich verraten hat? Man hat bei einem Hehler silbernes Gerät gefunden, das das Wappen von Klausenburg trägt.« Der Landjäger legte seinem Häftling Fesseln an. Ladinser deutete auf die Bank, mit einem bezeichnenden Blick auf die Beamten. Susie trat ein paar Schritte vorwärts. Er sagte leise, in englischer Sprache: »Es wird Zeit, daß wir über die Grenze kommen. Denken Sie sich: man hat die Fürstin Klausenburg auf's neue verhaftet.« »Mein Gott!« Er nickte. »Gleichzeitig hat man unsern Freund Peter Thornquist festgenommen. Wegen Begünstigung ...« »Und wir ...?« fragte Susie. »Wir ...?« er lachte. »Wir haben unsere Pflicht getan. Wir haben ...« »... das Geld in der Tasche. Das wollten Sie doch sagen?« Er zuckte die Achseln. »Nun ja.« Auch der zweite Landjäger salutierte und schwang sich auf sein Pferd. Die beiden führten den Häftling zwischen den Pferden. Am Halfter des rechten lief der Häftling. Die Beamten legten Trab ein. Der Zigeuner rannte aus Leibeskräften. »Und nun,« sagte der Mann mit den Mausaugen, »nun werde ich Sie nach Esztergom fahren.« Er ging hinüber in den Stall. Das Scharren von Pferdehufen drang heraus. »Nun, Susie?« Ladinser mochte fühlen, daß eine Veränderung in ihr vorgegangen war. »Nun, Susie?« Eben rollte der Wagen aus der Remise. Die Stalltüren gingen auf; zwei Rappen, glänzend und rassig, stampften den Boden. Der Besitzer deutete auf den Wagen. Der Geschirrjunge schnallte mit flinken Händen die Riemen ein; der kleine Breitschultrige schwang sich auf den Bock. Ladinser führte Susie an den Wagen; er hielt ihr stützend die Hand entgegen. Aber Susie, mit einem entschlossenen Kopf schütteln, sagte: »Fahren Sie allein. Ich kehre nach Budapest zurück.« * Während sich hinter der dunklen eichenen Tür des hohen Saals der letzte Akt des Falles Klausenburg abspielte, geschah dies: Die Tür vom Korridor ging leise auf, und der Rechtsanwalt Doktor Imre Farago trat ein. Er ging auf den Präsidenten zu, immer mit seinen langsamen, schlürfenden Schritten. Und er sagte: »Wir haben vor einer Stunde erfahren, Herr Präsident – daß die Leiche, die man im englischen Pavillon gefunden hat, die Frau des Zigeuners Janozs Meszlényi gewesen ist. Ihr Mann hat bekannt, daß sie eine Diebin war. Sie hat die Kleider, die Schmuckstücke der verschwundenen Prinzessin gestohlen. Sie hatte mehrere Wochen in jenem Pavillon kampiert; bis sie in jenem Feuer umgekommen ist – das sie vermutlich selbst fahrlässigerweise verschuldet hat. Damit, Herr Präsident, ist der Weg zu der Prinzessin Prisca frei; nichts spricht mehr für ihren Tod. Und um den letzten Punkt unter dies Kapitel zu setzen, will ich Ihnen jetzt die Prinzessin präsentieren.« Der Präsident räusperte sich. Er sah hinüber zu der Fürstin – und zu Peter Thornquist, der schweigend auf den kleinen Advokaten blickte. »Ist es am Ende wieder jenes Fräulein Susie Lacombe, das Sie uns bringen?« »Gewiß, Herr Präsident«, antwortete Doktor Farago freundlich. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Verteidiger. »Hier sitzt der Graf Faludi. Ihren Bemühungen ist es gelungen, sein Erscheinen durchzusetzen. Ich fürchte, dieser Zeuge wird uns endgültig bestätigen, daß Fräulein Lacombe – eben Fräulein Lacombe ist.« Doktor Farago zuckte die Achseln. »Wir werden sehen.« Er ging zur Tür. Susie Lacombe trat ein. »Die Prinzessin Prisca Klausenburg«, sagte Doktor Farago feierlich. Der Präsident blickte auf Susie – er sah auf die Fürstin, die sich mit glücklichem Lächeln erhoben hatte – er sah auf Thornquist, der fassungslos aufgesprungen war – und er blickte hinüber zu dem Grafen Faludi, der, die Arme weit von sich gestreckt, wie abwesend auf Susie starrte. »Nun, Herr Graf?« Graf Faludi ging mit zögernden Schritten, wie in der Furcht, aus einem beklommenen und unbegreiflichen Traum zu erwachen, auf Susie zu. Er blieb vor ihr stehen; zitternd erfaßte er ihre Hände; dann, mit einem tiefen Atemzug, wandte er sich zum Gerichtstisch herum und sagte mit verstörter Stimme: »Das ist die Prinzessin Prisca Klausenburg!« Doktor Farago ging auf den Grafen zu. Er schüttelte ihm die Hand. Dann wandte er sich zum Richterkollegium, streckte die Arme aus und machte eine tiefe Verbeugung, wie ein erfolgreicher Zauberkünstler, der sich unter dem rauschenden Beifall seines Publikums verneigt. * Der Wagen fuhr durch die Királystraße. Ein paar Neugierige sahen lächelnd auf die zwei jungen Menschen, die kaum einen Blick für ihre Umgebung hatten. Früher Abend lag über der Stadt, mit warmen, silbrigen Schleiern. »Immerhin,« sagte Peter, »immerhin ...« »Nun ja.« Susie lächelte. »Ich weiß schon ...« »Es wäre doch die einfachste Sache von der Welt gewesen, wenn du mir von vornherein gesagt hättest: ich bin die Prinzessin Prisca.« »Aber ich habe es doch gesagt ...« »Warum bist du vor mir geflohen?« »Ich wußte doch, man hatte dir zugeflüstert: sie ist eine Betrügerin.« »Eben das. Es wäre dir doch ein leichtes gewesen, dich zu rechtfertigen.« Der Wagen bog zur Linken ein: in die Franz Liszt-Straße. »Kannst du mich nicht begreifen«, sagte sie leise, in einem zärtlichen und fragenden Ton. Er blickte ihr überrascht in die Augen, und er sah das verschämte Lächeln, das in ihrem Gesicht aufstieg. »Kannst du nicht begreifen ...? Ich wollte dich ein wenig auf die Probe stellen. Daß ich dir gefiel, als du wußtest, das ist die Prinzessin: eine reiche Erbin – das war kein Wunder. Nein, Peter, ich wollte wissen: was wird er tun, wenn er an dir irre werden muß ... wird er sich von dir wenden ...? Gilt seine Zuneigung der Prinzessin ...? Oder liebt er dich ? Dich selbst – nicht deinen Stand? Nicht dein Vermögen?« »Und ... und habe ich die Prüfung bestanden?« Sie antwortete nicht. Aber er spürte den Druck ihrer Hand. Das Oktogon tauchte auf, mit dem weiten Aspekt der Andrassystraße. »Du bist mir noch eine Erklärung schuldig. Vor wem bist du in jener Nacht in New York geflüchtet?« Sie seufzte. »Du sollst alles wissen: ich bin geflohen vor den Menschen, die mich aufgestöbert hatten, die mich nach Ungarn zurückbringen wollten. Ich bin geflohen vor meiner Mutter. Ich haßte sie, ich wollte nichts mehr von ihr wissen. Nichts mehr von jenem Lande. Alles sollte ausgelöscht sein. Darum bin ich geflohen.« »Aber schließlich bist du doch nach Ungarn zurückgekehrt?« fragte er. Eben hielt der Wagen vor dem Portal. »Weil ich durch Ladinser erfuhr, daß meine Mutter in Todesgefahr war.« »Deine Mutter ...« Sie stiegen aus. Die breite Front des Hauses lag im Dunkel. Nur in einem Zimmer des ersten Stocks brannte Licht, das schimmernd durch die Stores fiel. »Und nun?« fragte er zögernd. Sie deutete hinauf, zu den erleuchteten Fenstern. Zärtlich hängte sie sich in seinen Arm. Das Portal öffnete sich. Eine Lichtwelle flutete heraus. Auf der Innentreppe, im Schein der Girandolen, stand mit glücklichem Lächeln die Mutter.   Ende.