Joseph Lauff Frau Aleit I Beim Kiwi Da liegt ein engbrüstiges Häuschen mit knallrotem Dach inmitten der weiten Niederung, und die tiefhängenden Ziegelpfannen berühren fast den umgeackerten Boden, der sich hier wellenartig von der grasigen Fläche aufhebt. Stocksteife Malven recken sich am niedrigen Giebel. Eine Kappweide mit dichtem Pfriemenschopf, in welchem ein Elstervogel sich angebaut hat, steht seitwärts der ärmlichen Kat und sieht von hier über die vorliegende Deichkrone bis weit in das niederrheinische Land fort. Weiter zur Rechten, aber noch diesseits des Deiches, erhebt sich ein stattlicher Häuserkomplex, den sie im Volke den ›Fingerhutshof‹ nennen, und zwar der auffallenden Giftblumen halber, die hier häufiger denn sonstwo ihre glockenförmigen, leuchtenden Korallen in heißen Sommertagen entfalten. Mehr dem Binnenland zu zeigt sich die markante Profilierung eines massigen Kirchturms. Aus blaugrünen Pappelkronen ragt er empor, steif, ohne jede Architektur – eintönig wie seine ganze Umgebung. Grelle Sonnenreflexe liegen auf dem Schieferhelm. Schwarze Punkte schweben dort auf und nieder. Es sind Dohlen, die Helm und Ziegelviereck umkreisen. Der Turm scheint sein Mittagsschläfchen zu halten; es ist so, als wenn er mit seinen Schallöchern über die Pappeln hinausgähnte. – Ein Flimmern und Zittern, eine öde Langeweile ging über die Landschaft. Die Gräser bewegten sich nicht, die Kühe lagen wiederkäuend umher, die Grillen hatten ihr Zirpen vergessen, und nur ein nadelfeines Schwirren und Summen war in der Luft, wo sich stahlblaue und goldglänzende Fliegen auf und nieder bewegten. Ab und zu taumelte ein müder Zitronenfalter vorüber. In der zitterigen Luft jenseits des Deiches verschwand er. Fast gleichzeitig strich der Elstervogel mit lautem Gegecker vom Nest, wiegte sich ruckweise über die Wiesen und bäumte in unmittelbarer Nähe des Fingerhutshofes auf eine breitgeästete Pappel. Ein grobknochiger Mann in den sechziger Jahren mit eigentümlichem Kleinschädel auf den mächtigen Schultern war aus der Tür der armseligen Kat ins Freie getreten. Eisgraue Haare rahmten den Hinterkopf ein. Etwas Wirres, Verwehtes lag auf dem harten Gesicht, das aussah, als wäre es mit ungeschicktem Schnitzmesser aus einem derben Holzklotz herausgeholt worden, und wären nicht die kobaltblauen, klaren Augen gewesen, man hätte den verwitterten Kerl für einen Idioten ansprechen können. Er trug klobige Holzschuhe an den nackten Füßen, war hemdärmelig und hielt eine Last frischgeschälter Weidenruten im Arm. »Oha!« sagte der Mann, ließ die weißen Gerten zu Boden fallen, schob die rechte Hand über die Augen und sah über den Deich fort. So stand er lange. »Schwere Brett noch mal! – noch immer nicht ...« »Was soll's denn?« Eine unscheinbare Person mit glattgescheiteltem Haar, die Frau des seltsamen Menschen, hatte sich über die Schwelle geschoben. Sie hinkte und machte dabei ein Gesicht, als habe sich auf demselben die Neugierde mit ungelenken Schriftzügen verewigt. »Na, Du da!« »Oha!« »Da gehn doch keine Aale auf dem Deich 'rum spazieren?!« »Ne – aber sonst wer, sonst wer!« rief der Angesprochene, ohne sich in seiner Beobachtung stören zu lassen. »Aber was ich schon sagte: er kommt nicht – kommt nicht.« »Wer denn?« »Der Deichgräf.« »Ach, der ...!« sagte die Alte. »Du hast ihn doch selber gesehen; Du siehst doch alles, was zwischen der Bunten Schleuse und Wissel vorbeikommt.« »Stimmt schon,« meinte das kurzbeinige Weibchen, »das ist so Schlag Klock zwölfe gewesen. Aber was hast Du denn überhaupt mit dem Deichgräf zu schaffen?« »Mutter, den will ich doch auch hier begrüßen, nach langen zehn Jahren auch hier begrüßen – der ist mir doch ans Herz gewachsen, der Deichgräf.« »Kiwi, nu hab' Dich man nicht.« »Oha! – hab' Dich man nicht?!« »Ja, hab' Dich man nicht,« legte sich jetzt die Alte ins Zeug, »denn der ist jetzt auch nicht besser als die übrigen Leute – der ist nobel geworden, der spuckt jetzt auf Dich gerade wie die da ...« Mit einer schnellen Handbewegung deutete die Alte über den Deich fort. »Wie die da in Neu-Luisendorf?« »Ja – wie die da über den Berg weg.« »Oha!« sagte der Kiwi. In seinen Augen begann es eigentümlich zu leuchten. »Schwere Brett noch mal! – ne, Mutter, da über den Berg weg, da gilt kein Prophet nicht, und es steht doch geschrieben: Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, der wird eines Propheten Lohn empfangen.« »Je – die wußten's wohl besser,« zuckte die Frau mit den Schultern. »Besser?!« Der Kiwi reckte sich auf und streckte beide Arme nach oben. »Wer mich aber verleugnet vor den Menschen,« rief er mit übergeschlagener Stimme, »den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater da oben. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folget mir nach, der ist meiner nicht würdig!« Mit einem tiefen Seufzer legte er beide Hände zusammen. »Es sind viele Wohnungen in meines Vaters Hause bereitet ...« begann er flüsternd zu beten, brach aber plötzlich ab und meinte: »Ne, Mutter – bevor die Neu- Luisendörfer selig werden, triumphier' ich zehnmal in das himmlische Reich ein.« »Ach, was,« sagte die Alte, »mit Dir ist heute mal wieder kein Reden.« »Oha!« stöhnte der Kiwi, »mit mir ist kein Reden?! – Mutter, wenn ich und die Bibel . , .« »Herr Jeses, laß mich mit Deiner Bibel zufrieden!« Der alte Mann stieß einen unartikulierten, fast tierischen Laut aus. Das Gesicht bekam einen kantigen Ausdruck. »Mutter, wenn ich und die Bibel ...« »Fang' lieber Schleie und Barsche und mach' Deine Aalreuse fertig, als hier auf Dein dämliches Prophetentum 'rum zu karrjolen! Wir haben's nötig. Die feinsten Bibelsprüche geben keinen Speck in die Pfanne – aber in die Hände gespuckt und arbeiten, Kiwi, das tut es.« »Will ich ja, Mutter – will ich ja, Mutter.« »Denn vorwärts!« »Je, Mutter, wenn nu aber das mit der Bibel...« »Schafskopp!« sagte die Alte und drehte sich mit unwirscher Gebärde der Tür zu. Da stand nun der Kiwi. Eine geraume Zeitlang revierten seine lichtblauen Augen verloren über Wiesen und Kolke, dann gab er sich einen merklichen Ruck: »Also denn 'ran an die Arbeit, aber mit Andacht.« Aus der verschlissenen Samtweste holte er einen irdenen Pfeifenstummel hervor, stopfte ihn mit Krülltabak, setzte ein Schwefelholz an der Velvethose in Brand und begann blaue Wölkchen und Kringel über die Landschaft zu blasen. »So'n Fraumensch!« muffelte er zwischen den Lippen, »mich und meine Bibel nicht estimieren zu wollen – und dann 's noch mit den Neu-Luisendörfern zu halten ...!« Er drehte sich in Richtung der Gegend, wo das verhaßte Nest etwa liegen konnte, streckte die Faust aus und sagte: »Aber wehe Dir, Chorazin! wehe Dir, Bethsaida! – Wären solche Taten zu Thyro und Sidon geschehen, als bei Euch geschehen sind, sie hätten vor Zeiten im Sack und in der Asche Buße getan. Doch ich sage Euch: Es wird Thyro und Sidon erträglicher ergehn am Tag des Gerichtes denn Euch. Und Du Kapernaum ...« »Aus!« schrie in diesem Augenblick eine keifende Stimme von drinnen. »Nu ist's aber satt und genug mit dem verfluchten Geseire. Marsch an die Arbeit!« »Schön, Mutter,« sagte der Kiwi, ließ sich im Schatten des Häuschens nieder, grapste die geschälten Weidenruten zusammen und begann die Gerten mit fingerfertigen Händen ineinander zu flechten. Eine große Stille war um ihn. Die weite Welt hielt den Atem an; nur die Weidengerten zischelten leise unter den arbeitsamen Händen, und ab und zu lief ein verlorenes Schwirren und Summen von den Wiesen herüber. Man hätte die Stille greifen können, so nah und ungeniert kam sie auf ihren weichen Schuhen gegangen, sah dem einsamen Mann über die Schultern und folgte den blauen Rauchwölkchen, die sich kräuselnd bei den niedrigen Ziegeln verfingen. Derweilen perlmutterte der Sonnenglanz über die endlosen Wiesenkomplexe. Die Fernen gaben sich wie ein resedenfarbiges Band, das den Horizont abgrenzte. Nur vereinzelte Baumgruppen hoben sich aus der grasigen Fläche, über welche kein Lüftchen streichelte, auf der sich kein Hälmchen bewegte, und die da lag wie eine schnurrende Katze am Ofen, hinter deren Ohren eine behagliche Hand kraute – verschlafen und träumend. Nur das eigentümliche, weltferne, kaum wahrnehmbare Schwirren dauerte weiter und weiter. Die einlullende Stille drückte dem Kiwi den Kopf leise nach vorne. Da kam der Elstervogel gegeckert und bäumte wieder bei seinem einsamen Nest auf. Das störte den Mann; er riß die Augen auf und sah träumend ins Leere. Das tat er gern, denn in einem solchen Halbdusel wurden alte Tage lebendig. Er konnte sich nicht aller Dinge erinnern; sein Gehirn war nicht wie dasjenige anderer Menschen, es war anders geartet, schwerfälliger, unbeholfener, es war belastet, wenn auch nicht ständig belastet, aber doch immerhin so angekränkelt, nicht alle Dinge in der richtigen Weise aufzunehmen, wie sie sich gaben. Nur vereinzelte Bruchstücke aus seinem früheren Leben drängten sich zeitweilig in seinen Ideenkreis hinein, ohne daß er die Kraft besaß, sie zu fassen, ordnungsgemäß aneinander zu reihen und zu einem regelrechten Ganzen zu fügen. Häufig sah er die Dinge an, wie man die Welt durch einen Straminrahmen ansieht: ungewiß, ohne bestimmte Konturen, nebelartig, verschleiert – und dann wieder bekam der Straminrahmen Risse, lichte Momente taten sich auf, die die Nebel zerstreuten und einen Zustand weckten, der von demjenigen gewöhnlicher Menschen kaum des Nennenswerten abirrte und einen Sinn für praktische Dinge hervorbrachte. Dabei lief häufig ein Scharfblick mit unter, der geeignet schien, die Geisteskräfte des Vereinsamten höher zu werten, wie sie es wirklich verdienten. Nein, der Kiwi war nicht für die Welt und das praktische Leben verloren, er hatte ein Recht darauf, sich zu betätigen, sich nützlich zu machen und Gottes belebenden Odem in sich aufzunehmen – aber dann kamen sie wieder, die Dämmerungen, die seltsamen Nebel, die am fernen Horizont aufstiegen, sich immer näher bewegten, sich türmten und steilten und schließlich aus ihrem Gewölk eine mächtige Hand vorschoben, die in ihren gekrampften Fingern ein aufgeschlagenes Buch hielt: und das war die Bibel ... die Bibel ...! Josias Spettmann oder, wie ihn die Leute nannten, der ›Kiwi‹ war nicht von Kind an mit dieser geistigen Mißbildung behaftet gewesen. Träumerisch, insichgekehrt – das war er allerdings, und seine wunderliche Körpererscheinung hatte häufiger Anlaß zu unliebsamen Zwischenfällen und Spötteleien gegeben, aber er blieb bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahre ein annehmbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft, baute in der kleinen Gemeinde seinen ergiebigen Acker, wußte seinen Nutzen zu ziehen und Geschäfte zu machen und verstand es, sein kleines Anwesen tatkräftig über Wasser zu halten. Daß er eines Tages beim Einbringen des Heues aus der Bodenluke gefallen war und die Augen seltsam verdreht hatte, war scheinbar ohne nachteilige Folgen an ihm vorüber gegangen. Nach einigen Wochen nahm er wieder seine hergebrachte Beschäftigung auf und sorgte wie früher. Ja, er verstattete sich sogar einen eigenen Rauch, warb um ein Mädchen, das nicht jung und nicht schön war, führte sie heim, lebte mit ihr einige Jahre – und da war es mit einem Male gekommen, so ganz mit einem Male gekommen. Über den Berg fort, auf der unscheinbaren Hügellehne jenseits der kleinen niederrheinischen Stadt, deren massiger Kirchturm aus den Pappelkronen hervorsah, war Josias Spettmann zu Hause. Hier in einer begüterten protestantischen Enklave, die vor Zeiten durch Friedrich den Großen in eine stockkatholische Bevölkerung eingesprengt wurde, hatte er seinen Kohl gebaut, geheiratet und in der Bibel gelesen. Inzwischen war ein ordinierter Adjunktus an Stelle des verewigten Geistlichen Prediger in der Neu-Luisendorfer Gemeinde geworden – und das geschah um die Zeit, da der Roggen in Blüte stand und so ein warmer, duftiger Ährenrauch über die weiten Felder dahinlief. Als es dann Winter wurde, das monotone Klappern der Dreschflegel von den Tennen herkam und der Kanonenofen sich rote Backen zulegte – da, eines Winterabends saß Josias Spettmann bei seinem Weib in der Stube und las in der Bibel. Aber die Frau verstand nicht, was er ihr vorlas, was er überhaupt wollte – er war heute so eigentümlich und seltsam. Draußen lag so ein kalter Schnee, der unter den Füßen zwitscherte, und die weiße Decke dämmerte bläulich ins Zimmer. Die große Standuhr ging wie gewöhnlich, der Kanonenofen plauderte wie an gewöhnlichen Tagen, die Lampe knisterte und brannte wie sonst, und dennoch ... Da klopfte Josias plötzlich mit der Faust auf den Tisch, schlug eine Stelle in der Postille auf und las mit scharfer Betonung: »Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren, auf daß es Dir wohl ergehe und Du lange lebest auf Erden. – Weib, hast Du das immer getan?« Die Frau sah ihn mit großen Augen an, »Nun?!« »Ja,« sagte sie verschüchtert, »Josias, das habe ich Zeit meines Lebens also gehalten.« »So?!« sagte Josias Spettmann mit verhaltener Stimme, schlug eine andere Stelle auf, erhob sich und las dann: »Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne Deiner Wahl anhangen, – Weib, hast Du dem immer Folge gegeben?« Die Worte saßen. Über das unschöne Gesicht der jungen Frau lief eine ängstliche Spannung. Was wollte ihr Mann denn? »Weib!« schrie dieser und hatte den Folianten erhoben. »So wahr mir Gott helfe ...« »Nein!« schrie Josias und schleuderte die Bibel in eine Ecke des Zimmers, »das hast Du nicht getan; Du hast es mit dem Prediger gehalten, Du hast es mit dem jungen Pfaffen auf der Tenne gehalten!« Das Weib machte ein stupides Gesicht und stieß einen gellenden Schrei aus: »Josias ..!« »Ha, Du ...!« knirschte dieser, umspannte ihr Handgelenk und sah ihr ins Auge. Sein Gesicht war eine Grimasse geworden. Jeder Zug, jede Linie in ihm war anders wie früher. »Du bist nicht auf der Tenne gewesen?« «Ja, ja, ja!« schrie das Weib auf. »Wann?« »Gestern Abend.« »Und ...?« »Ich habe Häcksel geschnitten.« »Und der Pfaffe ...?« »Das ist ja ein Unsinn, das sind ja ausgestunkene Lügen – das sind ja Gespenster ...! – So wahr mir Gott helfe!« rief sie noch einmal und warf die Arme nach oben, »der Herr Pastor hat nur in der Tür gestanden – hat mir 'nen guten Abend gewünscht und ist dann weiter gegangen,« »Oha!« sagte der junge Bauer, »das findet sich, das findet sich alles.« Mit beiden Händen griff er zum Kopf und preßte mit einem häßlichen Lachen die Schläfen. Es war ihm so, als wäre eine kalte, gespenstische Hand über seine Stirne gefahren. »Das findet sich alles!« Ungelenk nahm er hierauf die Bibel vom Estrich, riß die Tür auf und trat barhaupt und mit großen Schritten ins Freie. Draußen lag eine kalte, mondhelle Schneenacht gebreitet. Die weiße Decke quiekste und piepste unter den klobigen Schuhen, als wären dort erstarrte Mäuse wieder lebendig geworden. Die Sterne standen wie kaum wahrnehmbare, lichtschwache Punkte am Himmel. Es mochte gegen zehn Uhr sein. Anderen Tages war Sonntag. In der langen Dorfgasse wohnte kein Leben mehr; die Leute waren bereits schlafen gegangen. Nur weit hinten, neben der Kirche, flimmerte noch ein vereinsamter Lichtschein. Er kam aus dem Pfarrhaus. Die Tür stand allen Gläubigen zu jeder Zeit offen; so war es von jeher in der kleinen, orthodoxen Gemeinde gehalten worden. Ein heller Lichtbalken fiel quer über die Straße. In der behaglich durchkachelten Stube ging der junge Prediger mit großen Schritten auf und nieder. Er trug die feingegliederten Finger auf dem Rücken. So konnte er besser denken und sinnen und sich in dem blumenreichen Garten der Gleichnisse aus dem Neuen Testamente ergehen. Er überlegte seine morgige Predigt. Seine Augen waren von einer samtbraunen Tönung; in ihnen wohnte der Frieden. Jedesmal, wenn er sie gegen das Licht wandte, leuchteten sie auf, und dann stand da eine überirdische Verklärung geschrieben. Ohne anzuklopfen war Josias Spettmann ins Zimmer getreten. »Ah, guten Abend, Josias!« sagte der Prediger. »Darf ich wissen, was Sie in so später Stunde nach hier führt?« »Was mich nach hier führt ...?« fragte Josias. »Sie wissen,« ergänzte der Prediger in ruhigem Tone, »daß ich gern helfe, wenn es in meinen Kräften steht. Darf ich daher Ihr Anliegen wissen?« »Mein Anliegen ...?« Josias war näher getreten. Seine starren Finger umkrampften die Bibel; in den tiefliegenden Augen begann es zu leuchten. »Ich habe kein Anliegen«, sagte er abgehackt und in trockener Weise. »Schwere Brett noch mal! – ich wollte nur fragen, wo das geschrieben steht, was da heißt: Komm, laß uns buhlen bis an den Morgen, und laß uns der Liebe pflegen; denn der Mann ist nicht daheim, er ist einen fernen Weg gezogen.« Der Prediger wußte nicht, was er mit dem Fragesteller anfangen sollte. Er wich einige Schritte zurück, besann sich aber und meinte: »Ja, Josias, das steht in den Sprüchen Salomonis geschrieben.« »Das wissen Sie?« »Ja, das weiß ich, Josias.« »Und wo steht, Herr Pastor: Laß Dich nicht Deines Nächsten Weibes gelüsten.« Spettmann hatte die Bibel erhoben. Der Prediger entsetzte sich. »Ja, das, Herr Pastor ...« Der Geistliche behielt seine Fassung. »Das ist in den zehn Geboten enthalten,« sagte er ruhig. »Und Sie,« schrie Josias, »Sie schämen sich nicht und haben doch mit meinem Weibe ...« Seine Stimme schlug um; er taumelte rücklings. »Sie sind krank oder haben getrunken, Josias. Gehen Sie jetzt ruhig nach Hause. Der morgige Tag wird für Sie Erlösung bringen – Erlösung und Frieden. Und über das Geschehene will ich den Schleier des Vergessens ziehen. Und somit ...« Die liebevolle Art und Weise des Sprechers imponierte dem Kranken. Ohne daß er es zu hindern versuchte, wurde er von sanften Händen über die Schwelle geschoben. Er stand fröstelnd in der kalten Schneenacht und wußte kaum noch, was sich da drinnen begeben hatte. Es war alles so unbestimmt und verschwommen. Er hatte das Bewußtsein der eigenen Unvollkommenheit. Es kam ihm wie ein Traum vor, an dessen wirre Einzelheiten er sich nur schwer zu erinnern vermochte. Seine Gedanken flatterten wie Fäden im Wind; er konnte keinen mehr greifen. Da begab er sich kopfschüttelnd und taumelnd nach Hause. Er war ruhig wie ein Kind und gefügig wie ein Jagdhund geworden. – Die Nacht ging ohne weitere Kümmernis hin. Am frühen Morgen hingen frische Gardinen von den Fenstern herab; sie waren aus lichten Eisblumen zusammengesetzt. Die Sonne spielte darauf und weckte glitzernde Funken. Darüber freute sich Josias. Über seine kranke Seele lief eine heitere Stimmung. Fast gehobenen Mutes nahm er die Bibel unter den Arm und ging mit seinem Weibe zur Kirche. Es war der dritte Sonntag im Advent. Auf dem Altar brannten die Kerzen. Wie Armeseelchen standen die matten Flämmchen auf den hohen Wachsschäften. Die kleine Gemeinde war vollzählig erschienen. Mit klopfenden Herzen lauschte sie den Worten des jungen Predigers, der die Lehre des Herrn mit Engelszungen verkündete. Als er geendet, verließ er die Kanzel, wandte sich dem Altar zu und ergriff den Kelch, um das heilige Abendmahl zu spenden. Während der Handlung hatte Josias den Kopf auf die Bibel gesenkt und aus tiefster Seele gebetet. Jetzt erhob sich sein Weib von seiner Seite, faltete die Hände und ging dem Altar zu. Was wollte das Weib da?! – Eine starre Gewalt saß Josias im Nacken und riß ihn empor. Die schwindsüchtigen Flämmchen auf dem niedrigen Chor tanzten vor seinen Blicken. Er sah jemand kommen; die übrigen bemerkten es nicht, aber er sah es. Es war der unheimliche Geist, der ihn schon gestern abend heimgesucht hatte. Ein Riß ging über sein Gesicht; da verließ er die Stelle, wo er bislang gekniet hatte, und mit glutenden Augen trug er den kleinen Kopf auf dem mächtigen Nacken durch die Kirche bis zur Bank hin, wo das Abendmahl ausgeteilt wurde. Hochaufgerichtet hatte sich Josias an die Seite seines Weibes begeben. Der Priester erhob den Kelch und sprach die Einsetzungsworte: »Das ist mein Blut, das für Euch vergossen wurde!« und er gedachte ihn schon an den Mund des vor ihm knieenden Weibes zu führen. Da streckte Josias die Hand aus. »Halt!« schrie er mit geller Stimme, daß ein Schauer die Kirche durchfuhr, »hier diese ist des Blutes unseres Herrn nicht würdig. Zurück mit dem Kelch! Und Du da – schwören sollst Du mir hier auf die Bibel, daß Du mit meinem Weibe keinen Umgang gehabt hast, denn geschrieben steht: Du sollst Dich nicht Deines Nächsten Weibes gelüsten – nicht ehebrechen sollst Du!« Josias streckte die aufgeschlagene Bibel über die Bank fort. Der Prediger hatte seine Fassung verloren; seine Lammsgeduld war zu Ende gegangen. Er wußte nicht mehr, was er sagte, aber er sagte es dennoch. »Du Narr!« »Was?!« schrie ihm Josias entgegen. »Du Narr!« Der Kelch war dem Prediger aus den Händen gefallen. Da lief ein einziger Schrei durch die Kirche. Josias Spettmann war vornüber getaumelt. – Die Tage vergingen, und als Josias aus seinem Fiebertaumel erwachte, da hatte er kein Erinnern an das Vergangene mehr. Hinter ihm lag Nebel und Dunkel, und wenn er dort einzudringen versuchte, so tastete er nur in Finsternis. Er gesundete zwar, wie er eben zu gesunden vermochte, tat sein Tagewerk noch, blieb aber in unheimlicher Weise mit der Bibel verwachsen, prophezeite aus ihr, sagte gute Ernten und Mißernten voraus und hielt sich für einen, der gekommen, den bestehenden Dingen eine andere Wendung zu geben. Aber die Leute glaubten ihm nicht, und so wurde der Ärmste zum Gespött der kleinen Gemeinde. Das wurmte Josias, und sein Weib hatte Erbarmen mit ihm. Sie veräußerten ihren kleinen Besitz, ließen die Berglehne, zogen ins niedere Land und erstanden das ärmliche Anwesen, das sie jetzt noch bewohnten – und das war vor ungefähr fünfunddreißig Jahren geschehen. Hier, inmitten der endlosen Wiesen, der stillen Wasser und umgeben von dem eintönigen Gesäusel der Pappeln, fand Josias Ruhe und Frieden. Noch in seinen alten Tagen begann er Körbe und Reusen zu flechten, und wenn er nicht über seinen geschälten Weidenruten saß oder den Fischen nachging, streifte er viel in der Gegend umher, folgte dem Lauf der gurgelnden Wasser, war bei den Schleusen zu finden oder machte sich an den Deichen zu schaffen, die hier nach allen Richtungen hin das weite Tiefland durchquerten. Er wußte sie alle mit Namen zu nennen, kannte ihre Vorzüge und Nachteile – und wenn in Frühlingstagen die Kiebitze wieder ins Land kamen, dann folgte er mit lichtblauen Augen ihren Flugkünsten, sah sie schweben und schwanken und ahmte ihren charakteristischen Ruf nach. Und dann sagten die Leute, und besonders die auf dem Fingerhutshof: »Der Kiwi ist lebendig geworden, der Deichvogel ruft – nun ist der Frühling gekommen.« Aber auch zu anderen Zeiten und bei sonstigen Gelegenheiten ließ er seine Stimme ertönen. Horch, wie das lautet: »Kiwi! – Kiwi! – Kiwi!« Und er saß noch immer im Schatten seines ärmlichen Häuschens mit den hängenden Ziegelpfannen, verpaffte gekräuselte Rauchwölkchen aus seiner irdenen Pfeife und stierte ins Leere. Trotzdem arbeiteten seine Hände mechanisch weiter und weiter, Weidengerte fügte sich an Weidengerte; das Flechtwerk nahm Fassung und Form an und zeigte schon deutlich, was für ein Ding das werden sollte. Die Schatten waren länger und dünner geworden. Das Flimmern in der Luft hatte nachgelassen, eine angenehme Kühle wehte vom Deich, und auf den Wiesen wurden viele Stimmen lebendig. Von der kleinen Stadt her brummte die sechste Abendstunde herüber. Da erhob sich der stille Mann, warf seine Arbeit beiseite, schob seine rechte Hand über die Augen, wie er es schon vorhin getan hatte, und sah in die Ferne. »Noch immer nicht! – Nu wird's aber Zeit,« sagte der Kiwi, ging ins Haus und trat bald darauf wieder ins Freie. Er hatte sich eine abgegriffene Seidenmütze mit fettigem Schirmrand über die Ohren gezogen. Sein Pfeischen qualmte noch immer. Mit großen Schritten und klappernden Holzschuhen ging er ins Land fort. II Der Deichgräf Dr werdende Abend hatte den Wind aufgetan. Es war so ein recht steifer, ordentlicher Westwind geworden, der vom Vorland her über den Deich ging und das tiefgebräunte Gesicht eines hohen Mannes in den dreißiger Jahren anblies. Lässigen Schrittes und mit seinen Gedanken beschäftigt, strebte er der kleinen Stadt zu, die ihm schon geraume Zeit vor Augen gestanden. Erst vor wenigen Tagen von dem Gemeinderat und den Geschworenen als Deichgräf bestätigt, hatte er sich in seinem neuen Wirkungskreis umgesehen, hatte Schleusenwerke und die ihm unterstellten Dämme besichtigt, war bei einzelnen Landgemeinden vorgesprochen, um Einsicht in die pflichtigen Grundstücke, die Korporationsrollen und Reallasten zu nehmen, und stand nun im Begriff, heimwärts zu schlendern. Verschiedene Mißstände waren ihm während des Rundganges aufgefallen. Vieles ging ihm durch den Sinn, und er wußte schon jetzt, daß an mehreren Stellen tatkräftige Hebel angesetzt werden mußten, um erfolgreich Wandel zu schaffen. Mit seinen Bedenken hatte er bereits den Schöffen im benachbarten Wissel gegenüber nicht hinter dem Berge gehalten, war aber noch vor der Hand harten Köpfen begegnet, denn die vom Niederrhein haben's nicht eilig, sind schwerfällig im Denken und Handeln wie ihre Ackergäule, die breithufig und mit schellengeschmückten Kummetgeschirren durchs Land klingeln, eine Schwerfälligkeit, die besonders dann in die Erscheinung tritt, wenn es heißt, im allgemeinen Interesse einen Griff in den Beutel zu tun und die harten, blanken Taler auf den Tisch des Gemeindehauses zu legen. Allein das sollte schon werden; er, Gert Liffers, ließ sich nicht so ohne weiteres den Bauerndaumen auf seinen klaren Verstand drücken; er hielt sich Mannes genug, die Sonder-Atouts mit seinen eigenen Trümpfen überzukarten, ein Vorhaben, bei dem er allerdings nicht an den Kartenkönig, an den Donnerjü gedacht hatte, der drüben auf dem Fingerhutshof saß, dem bedeutenden Anwesen, dessen weitverzweigte Gebäulichkeiten mit den tiefhängenden Pfannen- und Strohdächern nunmehr weiter zur Linken in Sicht kamen. Jetzt hielt der Deichgräf den Fuß an und sah über die Landschaft. Ein gesegnetes Stück Erde lag vor ihm, eine grenzenlose Fläche, deren grüne Halme sich sanft gegen den Abendhimmel bewegten. Es war ein immenser Plan, der, nur von einzelnen Gehöften durchsetzt, sich bis ins Unendliche hinzog. Scharfbegrenzte Linien liefen hindurch, querten sich wechselseitig und gaben der weiten Ebene das Aussehn eines gewaltigen Netzwerks, in dessen Maschen sich kreisrunde Wasser befanden, die wie aufgeschlagene, unergründliche Augen gen Himmel blinkten. Bis weit zum Horizont hin ließen sich die charakteristischen Linien verfolgen, die der des Landes Kundige als Deiche erkannte und die, nach bestimmten Gesetzen geführt, den Zweck hatten, das vornehmlich im Frühjahr zurückgestaute Rheinwasser zu bannen, oder es in weniger gefahrdrohender Weise ins Binnenland überströmen zu lassen. Und ein kräftiger Geruch nach Ringen und Arbeit, ein wohltuender Odem nach fruchtbaren Schollen, nach Schweiß und Brot und Vieh war mit dieser niederrheinischen Erde verbunden, die jetzt vor den Blicken des Deichgräfs sich streckte und da lag, als wäre flüssiges Sonnenfeuer über die unabsehbare Fläche gelaufen. Und der Deichgräf konnte nicht anders, er beugte sich nieder, griff eine Hand voll Humus vom Boden, zerbröckelte ihn zwischen den Fingern und führte die warmen, kräftigen Partikel nach aufwärts. Seine Nüstern öffneten sich. Gierig zog er den Duft ein. Ha, wie das wohl tat! – Ein Hauch von Heimatserde war um ihn; dann ließ er die einzelnen Krumen zu Boden fallen, wo sie achtlos zerstäubten. Gert Liffers regte sich nicht von der Stelle. Er wurzelte fest, und träumerisch fuhr er sich mit der Hand über die Augen. Er glaubte sich allein – und war doch nicht allein; er merkte es nicht, aber lautlos war die Erinnerung an seine Seite getreten. Sie sah ihn mit großen, sehnenden Blicken an, streckte die Hand aus und zeigte hierhin und dorthin. Und sie raunte ihm alte Geschichten ins Ohr, alte Geschichten, die so wehmütig klangen, und die ihm schon seine Mutter erzählt hatte, wenn sie an der Waschbütte stand, verloren ins Weite stierte, als wenn sie dort ein seliges Glück zu finden hoffte, das sie einstmals besessen. Und die Erinnerung bewegte die duftigen Gräser, weckte allerlei Stimmen im Erlengebüsch, erzeugte riesige Schatten, die mit langen Beinen über die Erde stelzten – und dann kam eine alte Frau mit grauen Haaren und stechenden Augen und ging an der Krücke. Das war die Sorge. Und sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn heimwärts. Aber was sollte er da? – Allerdings – da stand ein wackliges Bettchen; auch ein Tisch war vorhanden, ja, sogar in einer Ecke der erbärmlichen Stube ragte ein Ding auf, das mit einem Brotschrank eine gewisse Ähnlichkeit hatte. Und um den Tisch piepsten und tanzten die Mäuse und machten allerlei Männchen. Aber bei Leibe nicht aus Lebenslust und zum Vergnügen! Es war lediglich Galgenhumor, der die viven Nagerschwänzchen noch lustiger machte und die Mäuseherzchen bewegte. Sie hatten ihr Bündel geschnürt und beschäftigten sich mit Ausziehgedanken, denn was sich im Brotschrank noch an Eßbarem vorfand, lohnte sich kaum der Mühe anzuschroten, geschweige denn hinunterzuknuspern, und endlich: die emsigen Tierchen waren barmherzig, wollten dem kleinen Gert die letzte Schnitte nicht nehmen, und so tanzten und piepsten sie denn hinaus auf die Straße, um anderwärts ihr Glück zu versuchen. Und Mutter Liffers sah ihnen nach und brachte die Schürze nach oben. Sie hörte schlurfende, mühsame Schritte; dann wurde die Klinke gedrückt – hüstelnd war jemand ins Zimmer gekommen. Das war die Alte von eben. Sie führte den kleinen Gert in die Stube, knöchelte auf den leeren Tisch und meinte: »Nu kann's wieder losgehn. Vorwärts!« Und Mutter Liffers war das Herz zum Zerspringen; sie sah sich um und um, nahm den kleinen Gert in die Arme und weinte bitterlich. – Und die Jahre vergingen. Ein kleines, unscheinbares Holzkreuz stand auf dem Friedhof da draußen. Die Inschrift war schon lange verwaschen ... Die Erinnerung wandte sich und deutete auf den Fingerhutshof, hinter dessen Gebäulichkeiten die verschwommene Ferne einen violblauen Schimmer angenommen hatte. Inmitten desselben ragten die Türme von Rees auf, Ein silberlichtes Band kroch am tiefen Horizont hin. Es war der Rhein, der dort langsam vorbei schlich. Der Fingerhutshof lag im Abglanz der untergehenden Sonne. Lichte Reflexe standen in den Fensterscheiben und blitzten ins Land fort. Ein Wagen knarrte und holperte durch die Niederung und fuhr ins Gehöft ein. »Das ist der Fingerhutshof,« sagte eine raunende Stimme. Unwillkürlich zuckte der Deichgräf zusammen. Was wollte die Stimme? Er suchte seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, aber sie blieben, und die Stimme begann in weichen Tönen zu sprechen, sie drang auf ihn ein und war schließlich so mächtig geworden, daß er sich ihres zwingenden Einflusses kaum noch zu erwehren vermochte. Die Vergangenheit wollte sich auftun ... »Ich habe genug gehört,« sagte der Deichgräf, stieß die Erinnerung zurück und ging seines Weges – und als er weiterging, als er in Höhe des Gehöftes gekommen, da saß ein kleines Mädchen an der Böschung des Deiches, still und in sich zusammengekauert, und hielt ein Bündel Wucherblumen im Schoß. Die näherkommenden Schritte störten es auf. Verlegen ließ es die abgerupften Blumen zu Boden fallen. Der Deichgräf wollte vorüber – da sah ihn das Kind an. Große Augen standen in dem feinen Gesichtchen. Die dunklen Haare waren auf der Mitte des Kopfes zu einem Knötchen vereinigt. Das kleine Mäulchen öffnete sich, die Hände versuchten unter die Schürze zu schlüpfen, aber Gert Liffers ergriff eine Patschhand und fragte: »Was machst Du hier, Kleine?« »Da – Blümchen für Mutter.« »Wie heißt Du?« »Threschen.« »Und weiter?« Das wußte das Kind nicht, oder die Verlegenheit ließ es nicht sprechen. Es schlug die Augen zu Boden und steckte den Zeigefinger verschüchtert ins Mäulchen. »Wo gehörst Du denn hin?« »Dahin,« sagte das Mädchen und deutete rücklings. Gleichzeitig hob es das Köpfchen – und da war es dem Manne, als wenn dunkle Wolken zerrissen, als wenn Schleier sich höben, als wenn vergangene Tage ihn ansähen, traurig und in stummer Entsagung. »Auf den Fingerhutshof?!« stöhnte der Deichgräf. »Ja,« sagte die Kleine. Gert hatte aufschreien mögen. Es kam über ihn, als müßte er sein verlorenes Glück, seine begrabenen Hoffnungen, seine einstigen Freuden und Leiden, sein Ein und sein Alles in diesem Kinde umarmen. Er hob es zu sich empor. Preßte es an sich, und lange, lange ruhte sein Mund auf der Stirn des verschüchterten Mädchens. »Aleit! – Aleit! – Aleit ..!« klang es aus zerrissenem Herzen. Eine Träne war auf die Wange des Kindes gefallen. Sanft ließ er es zu Boden gleiten. Noch einmal sah er das Kind an – tief in die Augen; dann war er weitergegangen. Aber vor ihm ging eine hohe Gestalt, und der Wind wehte einen florigen Schleier gen Himmel, und als er genauer zusah, da war es das Weib, das er verloren hatte für immer. Threschen hatte sich inzwischen wiedergefunden. Eilig grapste sie mit flinken Händchen die Wucherblumen zusammen, rutschte die steile Böschung herunter, und es währte nicht lange, da klapperten ihre blankgescheuerten Holzpantöffelchen auf ebener Erde. So schnell die hurtigen Beinchen es zu schaffen vermochten, ging es dem nahegelegenen Hof zu. Gert hatte sich noch einmal gewendet. Mit traurigen Blicken folgte er dem eiligen Mädchen, von dem nur das Köpfchen mit dem braunen Flechtenkrönchen aus den hohen Grashalmen hervorsah. Aber das Geklapper der zierlichen Holzschuhe dauerte weiter, und dann klang ihm eine fröhliche Kinderstimme zu Ohren. Und also tönte es in den Abend hinaus: »Helder op den Telder, Botter bei den Feß; Moder, maak de Döhr ens op En kiek es, we dor es!« »Helder op den Telder ...« sagte der Deichgräf. Die Brust krampfte sich ihm bei diesen Worten zusammen. Das hatte er doch auch früher gesungen – mit ihr gesungen, als sie noch klein war, Holzschuhe trug und in einem kurzen Röckchen umherging. Aber das war schon lange gewesen – lange, lange... Und seine Augen füllten sich mit Tränen, er sah in den Abend hinaus, und seine Lippen wiederholten wieder und wieder: »Helder op den Telder, Botter bei den Feß; Moder, maak de Döhr ens op En kiek es, we dor es!« und ob er wollte oder nicht: die Erinnerung ließ sich nicht verscheuchen. Sie war stärker wie er, sie war bei ihm, raunte ihm allerlei ins Ohr, und er bemerkte es nicht, daß die Schatten sich längten, daß so ein feuchter, kühler Hauch über die Wiesen dahinzog, und daß dahinten, wo der Deich eine scharfe Krümmung machte, ein eigentümlicher Mensch stand, der blaue Rauchwölkchen aus einer irdenen Pfeife in den Abend hinausblies und ihn schon lange beobachtet hatte. Der langaufgeschossene Mensch mit den sonderbaren Gesten, dem kleinen Schädel auf den mächtigen Schultern, setzte sich jetzt in Bewegung. Über seine harten, eingetrockneten Züge lief ein heiterer Abglanz. Ja, Josias Spettmann konnte auch freudig gestimmt sein, und er war freudig gestimmt, denn der dort hinten, der so allein stand, den hatte er seit langen Jahren nicht mehr vor Augen bekommen – und er hatte ihn doch schon als Junge gekannt, hatte mit ihm Barsche geangelt und ihm die Strömung des Wassers erklärt, wenn die Stauflut kam und die mulmigen Eisschollen übereinanderknirschten und sich wechselseitig zerrieben. Und der kleine Gert war ein gelehriger Schüler gewesen, hatte den Kopf auf die Dammflanke gelegt, als wenn es dort etwas zu hören gäbe und dann plötzlich gerufen: »Ohm Kiwi, da rummelt's, da will das Qualmwasser ans Taglicht!« »Qualmwasser?! – Unsinn! – Das sagen die Dämels!« »Ohm Kiwi, was ist's denn?« »Schwere Brett noch mal! – das ist das Herz des Deiches – das ist unruhig im Leibe geworden – das will 'raus – das will prophezeien.« »Ohm Kiwi!« »Na, was denn?« »Da laufen die Ratten!« »Die Ratten – mein Jüngsten?! – dann komm man; nu kann ich's auch nicht mehr halten: das will übers Land weg – das Wasser. Oha! was ich immer schon sagte ...« Und dann hatte er ihm eine Weidenflöte geschnipselt. »Da flöt' mal; mußt Dich proper durchs Leben hindurchflöten. Ein Kerl mußt Du werden, so 'n richtiger Deichgräf. Kannst es schon machen, denn Du hast mehr Akki dazu, wie alle die Hammels zusammengenommen zwischen Niedermörmter und Wissel. Nu aber lauf' man nach Hause, grüß' Mutter und laß Dir 'ne Brotschnitte geben.« – Und der kleine Junge war größer geworden, immer größer und größer, ließ, nachdem er seine Mutter begraben, die Scholle, wo er geboren, schleppte sich mit seinem Päckchen Sorgen und seinem Leid da draußen herum, hatte was prestiert in der Welt und war dann wiedergekommen. – Und nun stand er dahinten als Deichgräf, als ein Mann, den das Leben gerüttelt, der Schwielen in den Händen hatte, die er sich im Kampf ums Dasein erworben – und stierte und stierte ... Und der Wind ging säuselnd über das Tief, und die Grasspitzen wellten sich im laulichen Hauch – fern drüben wurde eine Sense gedengelt. Ein Wetzen und Schleifen glitt über die endlose Fläche. Ein kräftiger Erdgeruch entströmte dem Vorland, die Kolke begannen seltsam zu leuchten. Im nahen Gehöft wieherte ein Pferd auf, eine Kuh brüllte . .. und dann wieder die angenehme, helle Kinderstimme von eben: »Helder op den Telder, Botter bei den Feß; Moder, maak de Döhr ens op En kiek es, we dor es!« Die Stille des Abends gab alles in kristallischer Reinheit wieder. Der Deichgräf zuckte zusammen. Da hielt es den Kiwi nicht länger, »Buschur!« schrie er über den Deich fort. »Gert ...!« »Kiwi ...!« Und da standen die beiden: der kräftige, blühende Mann mit dem gebräunten Gesicht und dem stolzen Bewußtsein im Herzen, das Leben noch formen zu können nach seinem Geschmack und wie ihm es beliebte – und der andere, der armselige Mensch, der Gottesnarr, durch dessen Gesichtsfeld traurige Schatten huschten, irre Sterne lichterten, als müßte das sein, als wäre das so immer gewesen; und sie hielten sich bei den Händen gefaßt und konnten zuerst die richtigen Worte nicht finden. Und dann kamen die Worte. »Zehn Jahre ... !« sagte der Kiwi. »Schwere Brett noch mal! – das hat Euch zusammengeritten da draußen – nobel geworden – Kurasch in den Knochen ... Hahahaha! – es hat Euch gut gegangen, das seh' ich.« »Stimmt schon,« meinte der Deichgräf. »Und Ihr – wie steht's denn bei Euch noch unter den Pfannen?« »Noch immer bei Wege. Bastle an meinen Schälweiden 'rum, skandaliere mit Mutter, wenn die Schleie nicht beißen, höre, wie's rummelt im Deich – unsere Katze hat Junge gekriegt ...« und er zählte an den Fingern herunter: »Oha! – zwei hat Barthes van Laak auf dem Fingerhutshof, zwei sind zu Hause, drei sind versoffen und liegen im Kalkflack, und es wäre alles noch zu mäntenieren gewesen, wenn nicht immer die Bibel ...« Ein häßliches Lachen schlug dem Deichgräf entgegen. »Ja, Gert, wenn nicht das mit der Bibel ...! – Und er mußte doch schwören – der Schwarzrock. Aber er tat's nicht – tat's nicht, und er hat mich auch für 'nen Narren gehalten, und wer zu seinem Bruder Du Narr sagt ...« »Ja, ja,« suchte Gert Liffers einzulenken, »das ist aber schon lange gewesen.« »Was – schon lange gewesen?! – Erst gestern, mein Junge. – Aber die da hinten über den Berg weg, die lassen keinen Propheten nicht gelten. Und unsere Katze hat Junge gekriegt – aber ich sage Euch, Deichgräf,« und seine Stimme nahm einen prophetischen Ton an, »es wird Thyro und Sidon erträglicher ergehen am Tag des Gerichtes denn jenen, denn sie haben mir 'nen zölligen Knüppel zwischen die Beine geschmissen – und der Prediger hat nicht auf die Bibel geschworen – und ich mußte mit Mutter von unserm Acker herunter. Aber, Gert, das ist gut so gewesen, denn hier, mang den Katholischen, estimieren sie noch so 'nen alten Propheten. Und die jungen Katzen, die im Kalkflack liegen, mach' ich wieder lebendig, und die mit der Blässe kriegst Du denn, mein Junge. – Oha! – und was ich gesagt hab', brauchte ich nicht herunterzufressen, denn ich habe gesagt: Gert Liffers wird Deichgräf. Na, und bist Du nicht Deichgräf geworden?!« »Ich danke Dir, Kiwi.« »Nichts zu danken, mein Junge. Aber Freundschaft – die will ich.« »Freundschaft?! – die hast Du,« lachte der Deichgräf und hielt ihm die Hand hin. Über die kantigen Züge des Ärmsten lief ein freudiges Grinsen. »Na, denn ...« und er schlug kräftig in die dargebotene Hand ein. »Oha! – wie das gut tut, und da wir nu Freundschaft haben, darf ich auch wohl sprechen so frisch von der Leber herunter, denn die toten Katzen schenieren nicht weiter – und wer zu seinem Bruder Du Narr sagt ... Aber das ist nu schon lange gewesen – und da muß ich doch sagen: Deichgräf, paß Achtung – hier stimmt's nicht.« Mit einer grotesken Bewegung deutete der Kiwi just auf die Stelle, wo sie Fuß gefaßt hatten. »Hier rummelt was unten! – Hörst Du's nicht, Deichgräf?« »Ich verstehe so recht nicht.« »Nicht?!« machte der Kiwi, »aber das räsonniert schon, so lang ich's besinnen kann in meinem dämlichen Schädel. Hier sind die pursten Hammels vergraben.« »Ja, so,« meinte Gert Liffers, »von wegen des geringen Vorlands und der Führung des Deiches. Das eckt ja – und deshalb bin ich schon bei der Gemeinde vorstellig geworden. Hier muß der Spaten 'ran und abgewallt werden.« »Brav so,« freute sich der Kiwi. »Paß Achtung! – wenn hier nichts kunträr steht, kein Flügeldeich herkommt – beim nächsten Hochwasser biegt das und baucht das, und denn adjüs, Barthes van Laak; dann kriegst Du das Maul voll, dann schreit das, und brüllt das: Wasser – Wasser – Wasser!« »Stimmt schon,« sagte der Deichgräf, »und ich wundere mich, daß schon so lange in dieser gottssträflichen Weise ...« »Bauern,« grinste der Kiwi, »niederrheinische Bauern ...! – Hartköppe – Sturköppe ...! – Das geht so lange, wie's gut geht. – Aber die Blässe, die schwarze Katze mit dem weißen Stern auf der Schnauze, ist wieder lebendig geworden, und da haben die Sturköppe Einsehn bekommen, und Du bist Deichgräf geworden – und nu wird die Sache schon flutschen, denn ich und die Bibel ... Deichgräf, paß Achtung!« »Darauf verlaßt Euch,« versetzte Gert Liffers und schickte sich an, weiter zu gehen. »Halt!« sagte der Kiwi; in seinen wasserblauen Augen begann es seltsam zu leuchten, »Was soll's noch?« »Sieh' mal,« meinte der Alte und tastete nach der Hand des vor ihm stehenden Mannes. »Du bist mal so 'n ganz kleiner Junge gewesen – und Deine Mutter hatte nicht so viel wie das Schwarze vom Nagel – und Du hast gehungert, gehungert, gehungert. Und dann ist da so 'n ganz kleines Mädchen gekommen, so 'n Kiekindiewelt – und hatte Holzklumpen an und schwarzbraune Haare im Nacken ... Und Du hast mit mir Ratten gefangen, Ratten und Mäuse – und wir haben Barsche geangelt – und Du sahst, wie die Kiebitze flogen – und Du hast gehört, wie's in den Deichen kloppte und kloppte ... Und dann bist Du größer geworden – und das Mädchen ist auch größer geworden – und wir haben Freundschaft geschlossen – und Du hast mich für keinen Narren gehalten wie der schwarze Prediger in Neu-Luisendorf, denn wer zu seinem Bruder Du Narr sagt ... Oha! – und das ist angekreidet, angekreidet für immer. Und darum ...« Der Alte reckte sich auf. Der kleine Kopf mit den glutenden Augen hob sich auf den mächtigen Schultern. Der überlange Körper schien in den Abendhimmel zu wachsen. Er stand regungslos. Jetzt streckte er die rechte Hand über die Landschaft. »Deichgräf, was liegt da?« »Der Fingerhutshof.« »Richtig. – Wer wohnt da?« »Barthes van Laak« »Und wen hat er gefreit und geheiratet?« »Die Aleit.« »Richtig,« sagte der Kiwi, und seine Stimme nahm einen sonderbaren, fast drohenden Ton an: »Und ich sage Dir, Deichgräf«, und wieder deutete er auf das stille Gehöft hin, »das dürft Ihr nicht sehn, da müßt Ihr immer mit blinden Augen vorüber; der Fingerhutshof ist für Euch nicht da, der ist tot für Euch mit allem, was drin ist.« »Kiwi ...!« Gert Liffers fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Tot für Euch!« »Der da?!« Der Deichgräf wußte nicht mehr, was er fragte. »Ja,« sagte der Kiwi. »Streckt Ihr die Hand nach dem da – und ihr ... Der Donnerjü hat's geschworen: Gert Liffers ist nu wiedergekommen, hat er gesagt, aber versucht er's – streckt er die Hand aus ... Oha! – 'ne Bouteille mit Rotspon schlag ich ihm auf seinem Deichgräfenschädel zusammen. Und was Barthes van Laak sagt ...« »Kommt,« meinte Gert Liffers. Die beiden Männer gingen zusammen. Sie sprachen nicht weiter. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Dämmerungen krochen über das Land fort. Die Fernen hatten eine hyazinthblaue Tönung angenommen. Der Kalkflack, der jetzt so friedlich zur Seite des bauchigen Dammes vorüberflutete, gurgelte in weichen Lauten. Wasserblasen stiegen auf und zerplatzten an der ruhigen Oberfläche. Im Schilf war ein Flüstern und Säuseln. Hin und wieder wurde eine Dommel lebendig. In den nahen Erlenbeständen zwitscherte ein verschlafener Vogel. Das Dengeln hatte aufgehört. Vereinzelte Schnitter gingen nach Hause. Sie hielten die blanken Sensen geachselt. Das ersterbende Licht des Abends ruhte auf den blitzenden Schneiden. An der Bunten Schleuse trennte sich Gert Liffers vom Kiwi. »Auf Freundschaft,« sagte der Alte. »Auf Freundschaft.« Der Deichgräf wandte sich der kleinen Stadt zu. Nach einer halben Wegestunde hatte er seine Wohnung erreicht. Nicht weit von dem unscheinbaren Hause standen breitgeästete Linden. Ein warmer Lindenblütenduft kam ihm entgegen. Gert Liffers hatte sich bei der Laken-Sophie eingetan. Als er das Haus betreten wollte, stand die hagere Person auf der Schwelle. Sie war ganz in Schwarz gekleidet; ein großes, schwerkarätiges Goldkreuz trug sie auf der Brust. Sie machte eine tiefe Verbeugung. »Moijen Abend, Herr Deichgräf.« »Guten Abend.« Gert Liffers war auf sein Zimmer gegangen. Bis spät in die Nacht hinein brannte die Lampe auf dem Tisch des einsamen Mannes. III Tütütütü...! Das Haus, wo sich Gert Liffers eingetan hatte, war der Sophie Boß oder, wie sie die Leute allgemein nannten, der ›Laken-Sophie‹ zu eigen. Nach dem gottseligen Ableben ihrer frömmelnden Eltern, die jedes Kastemännchen aus Sparsamkeitsrücksichten dreimal in den Fingern herumgedreht hatten, war es ihr, als der einzigen Tochter, mit dem gesamten Mobiliar zugefallen. Hierzu kam noch ein kleines, auf der städtischen Sparkasse deponiertes Kapital von nahezu achthundert Talern. Da ferner Sophie von jeher ängstlich darauf gehalten hatte, die beiden Zimmer der oberen Etage gut an den Mann zu bringen, selber aber entweder zu Hause oder auf dem Lande herumschneiderte und gewissenhaft dafür sorgte, alles und jedes, was sie erübrigen konnte, einem dickwollenen Strumpfe einzuverleiben, so hatte sie das angenehme Bewußtsein, sorgenfrei und hoffnungsfreudig bis in die späteste Zukunft blicken zu dürfen. Mit den Jahren hatte der Strumpf ein stattliches Ansehen gewonnen, fühlte sich straff und rund an, als wäre die maschige Wolle über eine pompöse Wade gezogen – aber beileibe nicht über ihre eigene Wade, denn ihr Untergestell war von einer beneidenswerten Fülle soweit entfernt, wie der Gesang einer Dohle von dem eines Kanarienrollers. Alert, schnellfüßig, beweglich, kurz ein vives Frauenzimmer, das war sie, aber Waden hatte die Laken-Sophie leider Gottes in ihrem erbaulichen Leben niemals besessen. – Eine blitzblau angestrichene Tür schloß den niedrigen Flur ab; die schmalen Fensterruten, hinter denen blendend weiße Mullgardinen hingen, waren von der nämlichen Farbe wie die Tür und die aus Latten gezimmerte Bank, die von der Besitzerin des kleinen Hauses so günstig placiert war, daß man von hier aus die breite und lange Grabenstraße genau zu übersehen vermochte. Im Fenster, rechts neben dem Eingang, paradierte jahraus jahrein ein allmächtiger Kugelkaktus. Saftig, strotzend, über und über mit Warzen und sonstigen Auswüchsen bedeckt, lag er so selbstgefällig auf seiner irdenen Scherbe wie so 'n richtiger Protz mit Plüschpantoffeln und Schlafrock im Lehnstuhl – ein jovialer Protz, der an den lieben, langen Wintertagen nichts weiter zu tun hatte, als durch die Scheiben zu kucken, 'ne Pfeife zu rauchen und mit der goldenen Berlocke auf seinem Bäuchlein zu spielen. Kam aber der Sommer ins Land, wurden die Tage schwüler und heißer, begannen die unverschämten Schmeißfliegen empfindlicher zu stechen, dann trat an Stelle des samtnen Schlafrocks ein solcher von grünem Lasting, der über und über mit ziegelroten Blumen besteckt war. Und die Kelche wurden größer und größer, dehnten sich und streckten sich und schienen auf der spinatgrünen Kugel wie feurige Räder zu liegen. Je besser es die Sonne meinte, um so prächtiger begannen die Blumenkelche zu leuchten – und dann kamen die größeren Kinder aus der Nachbarschaft, hoben sich auf den Zehen in ihren blankgescheuerten Holzschuhen und meinten: »Hendrick, no kiek ens, Wilmke, no kiek ens! – de heelmoije Kaktus van Jöffer Boß het fürige Placke ...« und die Laken-Sophie begab sich alsdann unter die neugierigen Kinder, erzählte ihnen Wunderdinge von dem merkwürdigen Verhalten ihres eigentümlichen Pfleglings, der wohl an hundert Stunden hinter Amerika zu Hause wäre, nie Wasser bedürfe und so rund und groß werden könnte wie das mannshohe Bierfaß, dessen Inhalt der dicke Brauer Kobes van de Kamp alljährlich am ersten Kirmestage verzapfte. Sperrangelweit rissen alsdann die Kinder Augen und Mund auf, wunderten sich aber noch mehr über das pompöse Aussehn der Jöffer Boß, die so vornehm und feierlich tat, als wäre sie eine verwunschene Märchen-Prinzessin gewesen; denn sie war ganz in Schwarz gekleidet, hatte ihre strohblassen Haare mit Quittensaft an die Schläfen geklebt und trug auf ihren Schultern ein faltiges Pelerinchen, das aus wenigstens fünf geschachtelten Kragen zusammengestellt war. Dazu funkelte auf ihrem kaum nennenswerten Busen das emaillierte Goldkreuz, das an Größe dem des hochwürdigen Weihbischofs von Münster nicht um ein Titelchen nachgab; und der Kaktus blühte immer schöner und schöner – und die Laken-Sophie erzählte immer interessanter und seltsamer, gestikulierte dabei mit ihren langen Armen immer grotesker auf die gaffenden Kinder ein, reckte sich auf, bis sie schließlich so groß wurde, daß sie fast in das Zimmer der niedrigen ersten Etage zu sehen vermochte. Und der schwefelgelbe Kanarienvogel, der neben dem blühenden Kaktus schon seit vielen Jahren ein beschauliches Dasein geführt hatte, bekam's mit der Sehnsucht, gluckste und begann leise zu schlagen, bis er allmählich eine sanfte Wasserflötenrolle riskierte, die so lieblich klang, daß die kleine Gesellschaft in die Händchen klatschte, mit den Holzschuhen klapperte und glücklich davonlief. Der Kugelkaktus jedoch brachte eine neue Blume hervor; da ging die Laken-Sophie über die Schwelle und machte die blitzblaue Tür zu. – Auf der anderen Seite der Straße, dem bescheidenen Häuschen schräg gegenüber, standen sieben stattliche Linden. In ihrem Schatten lag ein gefälliges Anwesen. Grüne Jalousien hoben sich freundlich von der weißen Verkalkung. Seitwärts der Tür befand sich ein schwarzes Brett, auf dem zu lesen war, daß hier Johann Peter Gerechtsam als öffentlicher Notarius fungierte. Nicht weit vom Hause des Notars machte sich ein altertümlicher Giebel bemerkbar; er mochte dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts seinen Ursprung verdanken. Ganz aus roten Ziegeln aufgeführt, verkragt und mit derben Fialen ausgestattet, schickte er fünf sich immer mehr verjüngende Etagen nach oben, die hinsichtlich des Fensterschmuckes alle die gleiche Ausstattung aufwiesen. Die gehäkelten Vorsetzer, die Schirtinggardinen mit dem aufgedruckten Zeichen ›J.H.S.‹, welches ›Jesus, Heiland, Seligmacher‹ bedeutete, die Kollektion Nachtviolen hinter den Scheiben, in deren Mitte eine stattliche Meerzwiebel prangte – alle diese Dinge bewiesen zur Genüge, daß durch die Korridore und Stuben des hochgegiebelten Hauses ein stiller Geist schlurfte, der die hier wohnenden Menschen an derselben Strippe bewegte. Arme, gebrechliche Leute, aber auch solche, die auf ihrem Lebenswege einen kleinen Zehrpfennig beiseite getan hatten und sich in der Lage befanden, einen geringen Zuschuß geben zu können, hatten hier auf der Grabenstraße und von Gemeinderats wegen ein angenehmes, sorgenfreies Unterkommen gefunden. Obgleich kein stichhaltiger Grund vorlag, den merkwürdigen Ziegelbau mit dem Namen ›Armenhof‹ zu belegen, so war dennoch diese Bezeichnung schon seit Menschengedenken in der ganzen Bevölkerung gang und gebe gewesen. Ebenerdig, und zwar rechts vom Eingang aus, lagen zwei große Räume, die die ehrsame und schon ziemlich betagte Lisbeth Mömmes bewohnte, eine fünfundsechzigjährige, umfangreiche Dame, die, außer ihrer segensreichen Tätigkeit als Vorsteherin einer Kinderbewahrschule, in ihrem Nebenamt mit der Oberaufsicht des ganzen Hauses betraut war. Zur Winterzeit und an sonst unwirtlichen Tagen hielt sie die ihr anvertrauten Hühnchen und Hähnchen in der vorderen Stube zusammen; begann's aber draußen sommerlich und so recht behaglich zu werden, klebten die Schwalben ihre kunstvollen Nester an das alte Ziegelgemäuer des Armenhofes, dann zog die ganze, kleine Gesellschaft mit Stühlchen und Bänkchen auf die Straße hinaus, spielte im Schatten Ringel-Reihe-Rosenkranz oder machte sich mit Fingerhüten in etlichen Sandhaufen zu schaffen, formte Käschen und Torten und trieb sonstige Kurzweil, während Lisbeth Mömmes, mit einer schwarzen Hornbrille angetan, im Binsensessel neben der Haustür thronte, an einem nie fertig werdenden Wollstrumpf hantierte, zeitweilig über die runden Augengläser fortblinzelte und das kleine Kroppzeug bewachte. Hierbei fand sie noch Zeit und Muße genug, die vielfachen Obliegenheiten ihres Nebenamtes tatkräftig in die Erscheinung treten zu lassen. Eine fast holländische Sauberkeit machte sich bis in die entlegensten Winkel bemerkbar; die Stubendielen gaben sich proper wie gescheuerte Tischplatten, und der heilige Joseph, dessen Gipsbild aus einer Nische des unteren Korridors freundlich auf die Eintretenden herabsah, konnte sich auch nicht im geringsten über Vernachlässigung in betreff der ihm zugedachten Ehrungen beklagen. Auf seinem Postament flämmerte stets die ewige Lampe; zeitgemäße Blumen wurden allwöchentlich in Gestalt eines schmucken Kränzleins um das Bildnis gewunden, und nur wenn der Garten nichts mehr hergeben wollte und konnte, traten an Stelle der frischen Blüten weiße Papierrosen, die so eigentümlich rauschten und knisterten, wenn ein Lufthauch sich auftat und hüstelnd die weißgekalkten Gänge durchirrte. Alles und jedes in diesem Hause gab sich wie an einem seidenen Schnürchen. Die Pünktlichkeit selber ging in Gestalt einer würdigen Matrone, mit Kleisterlöckchen und einer blendendweißen Knippmütze ausstaffiert, treppauf und treppab, huschte lautlos über die weiten Flure, öffnete kaum wahrnehmbar die einzelnen Zimmer, sah hinein, ob alles in Ordnung, und zog die Gewichtsteine an – und fing bei Lisbeth Mömmes die prächtige Kuckucksuhr an zu rufen, so konnte man gewiß sein, daß fast gleichzeitig die sämtlichen Uhren im Armenhof, und zwar bis auf die Sekunde, in Tätigkeit traten. Allerdings: die eine meckerte, die zweite krähte, eine andere machte sich durch ihre sonore Stimme bemerkbar, während die des tauben Christ van de Lucht, der ganz oben in der dritten Etage hauste, so heiser sich anließ, daß Lisbeth stets darüber nachsimulierte, ob es nicht angezeigt wäre, der Ärmsten eine Tasse mit heißem Kamillentee hinter die Binde zu gießen. Aber wie dem auch sein mochte, die Hauptsache ließ sich nicht fortdisputieren: alle Uhren, die ihrem Bereich unterstanden, schlugen präzise zusammen, ein Zeichen, daß ein und dieselbe Pünktlichkeit und Ordnungsliebe alle Insassen des Armenhofes beseelte – und so auch heute. – Vier Uhr! Prompt begannen alle Uhren zu schlagen, und als der majestätische Kuckuck da unten seinen Schnabel zuklappte und zitternd die Holzflügel anlegte, stieß Lisbeth Mömmes ein scharfes »Tütütütü!« aus. Es war ihr alltägliches Locken, und die ihr unterstellten Kinder verstanden's. Fast gleichzeitig ergriff ein jedes von ihnen sein Holzstühlchen, seinen Fingerhut oder sonstiges Spielzeug und machte sich fertig, nach gemeinsam eingenommener Stippmilch und unter Führung der alten, gluckenden Henne, die sich inzwischen mit Rute, Hornbrille und Strickstrumpf bewaffnet hatte, auf die Straße zu pilgern. Lisbeth befand sich an der Spitze der kleinen Gesellschaft, und unter stetigem ,Tütütütü', das nur zeitweilig durch ein verwarnendes Schnalzen unterbrochen wurde, ging es nach draußen. Hier, unter Gottes freiem Himmel, auf einer fast menschenleeren Straße, machte sich das putzige Völkchen alsbald zwischen den aufgeschütteten Sandhaufen zu schaffen, faßte sich zuerst bei den schmutzigen Händchen und begann singend um die dicke Lisbeth zu tanzen, die sich inzwischen breitspurig auf ihren Binsensessel postiert hatte. »Schön so,« sagte die Alte, nickte äußerst gnädig und wohlwollend mit ihrer grellfarbigen Bänderfladuse und begann eifrig zu stricken. »Hopla, Marjännske!« sangen die Kinder; dann fielen sie in die Sandhaufen ein, und mohnblaue Tauben, mit buntem Schiller um den Hals, kamen vom nahegelegenen Rathaus geflogen, rucksten auf den Pflastersteinen herum und blähten ihre Kröpfchen – und die ehrwürdige Dame Lisbeth Mömmes saß mit ihrem runden Bäuchlein, dem hängenden Busen und der blaubedruckten Kattunschürze so steif und regungslos zwischen den Binsen, als wäre sie eine indische Pagode geworden. Und die Stricknadeln klapperten immer leiser und leiser, und über das Gesicht der resoluten Frau lief ein seliges Träumen. Kein Zweifel – sie konnte aber auch immer so angenehm duseln und träumen, ein Zustand, in welchem besonders der schöne Joseph von Ägypten ihre ganze Seele bewegte. Sie hatte überhaupt allwöchentlich zwei Tage zu verzeichnen, die sie die ›Glücklichen‹ nannte. Diese zerfielen ihrerseits wieder in den ›seligen Tag‹ und den ›ägyptischen Tag‹, eine Bezeichnung, die abhängig war von der jeweiligen Stimmung. Beim ›seligen Tag‹ grübelte sie sich in ihre Sterbestunde hinein, brachte ihren Nachlaß in Ordnung, ließ den Herrn Pastor kommen, empfing würdig die letzte Wegzehrung und schlummerte gottselig in ein besseres Jenseits hinüber, nachdem sie zuvor ein Begräbnis bestellt hatte, das sie unbedingt mit dem Tarifsatz ›prima Klasse‹ signiert haben wollte. Hier lag bei ihr jedenfalls der Hase im Pfeffer. Drei Geistliche mußten dabei sein, die Herren von der Orgel durften nicht fehlen, und der Herr Webermeister Janssen, der in seinen Mußestunden das Kornet à piston blies und auch an Kirmessen aufspielte, mußte mit seiner ganzen Kapelle den Trauermarsch ›Nu trinkt sie keinen Rotspon mehr‹ ihrem Sarge vorausblasen. Geld spielte hierbei keinerlei Rolle. Seit Jahren hatte sie für diese glückliche Stunde gespart, und sie freute sich jetzt schon auf den weihevollen Moment, auf die erstaunten Gesichter ihrer lieben Mitbürgerinnen, wenn sie so ›prima‹ auf den Kirchhof hinausfahren konnte. Während des ›ägyptischen Tages‹ hingegen trat sie in eine Art von Seelenverhältnis mit dem ägyptischen Joseph – und dieser Moment, ebenso groß und erhaben wie die ›selige Stunde‹, war für sie jetzt gekommen. Da saß sie und strickte – und das pharaonische Land wurde vor ihren geistigen Blicken lebendig. Sie hörte die gesprenkelten Schafe blöken, sah die hochbeinigen Kamele durchs Niltal schlendern, die hellen Schellen klingelten auf, und die bunten Fransen der Satteldecken wehten im Wind – und sie selber: mit Joseph, dem Sohne der schönen Rahel, ging sie am seichten Ufer spazieren, und sie führten sich Hand in Hand und sahen, wie große, himmelblaue Kelche auf dem ruhigen Nilwasser schwammen, das ihre Füße benetzte. Und Lisbeth Mömmes war glücklich, hätte es wenigstens sein können, wenn nicht das stolze, üppige Weib gewesen wäre, das sich selbstgefällig in den vollen Hüften wiegte und unter säuselnden Palmenkronen einherkam. Und das war die Potiphar, die Frau des ägyptischen Kämmerers, der den sanften Jüngling von den Israeliten gekauft hatte. Da geschah das Unglück, denn das nacktbusige Weib erwischte Joseph, den Sohn der schönen Rahel, am Ärmel und versuchte alsdann, den ganzen Mantel zu fassen. Und die Potiphar hatte Augen wie zwei glühende Kohlen ... und das war für die brave Mömmes doch äußerst genierlich. »Pfui!« sagte Lisbeth, und mit diesem ›Pfui‹ wurde sie wieder auf realen Boden getragen. Die schöne Fata Morgana löste sich auf, die schlanken Palmbäume, deren sanftes Rauschen wie Harfenklingen getönt hatte, schrumpften zu Kappesköpfen zusammen, die im Vorgärtchen des Armenhofes die schmalen Rabatten bedeckten, an Stelle der ägyptischen stand eine simple niederrheinische Sonne am Himmel, und wo bislang der heilige Nilstrom geflutet, gurgelte ein trübes Wässerchen durch die Straßenrinne vorüber. »Nichts mehr!« meditierte die würdige Dame und begann wieder in ihrer monotonen Weise zu stricken. »Nichts mehr!« – – – Seit dem Begegnen des Deichgräfs mit dem armseligen Kiwi waren etliche Tage vergangen. Die Linden vor dem Hause des Notars hatten ihren besten Blütenschmuck angelegt. Die Bäume sahen aus, als seien dichte Allongeperücken über ihre grünen Köpfe gezogen, rührten sich kaum und verstäubten nur von Zeit zu Zeit ihren gelblichen Puder. Über ihren Kronen lag der helle Mittag gebreitet, während tief unten eine stetige Dämmerung herrschte. In den mattgelben Blütenbüscheln war ein ewiges Summen und Näseln. Dort waren die Bienen beschäftigt. Schwerbeladen summten sie von hier in die benachbarten Gärten. Aber eine vertat sich, flog quer über die Straße und taumelte in die Stube des gegenüberliegenden Häuschens, wo Sophie Boß vor ihrem Nähtischchen saß und damit beschäftigt war, ein Stück Leinwand zu säumen. Mit einem leisen Aufschrei wedelte sie die Honigträgerin wieder ins Freie, seufzte so recht aus tiefster Brust heraus und begann weiter zu sticheln. Behaglich strömte der warme Lindenblütenduft von draußen ins Zimmer. Der Kaktus blühte schöner als gestern. Auch die letzte Knospe war aufgesprungen und hatte sich zu einer prächtigen Blume entfaltet. Ein schräger Lichtbalken fiel in eine verlorene Ecke der verschwiegenen Kammer. Glitzernde Sonnenstäubchen tanzten dort auf und nieder. Leise zwitscherte und dichtete der Kanarienvogel seine einfache Weise. – Allein die Laken-Sophie hatte nicht acht darauf, ihre Gedanken waren anderswo. Den rhythmischen Bewegungen der Nadel entsprechend, ließ sie einen Seufzer über den anderen fahren. »Jes, Marja, Joseph!« kam es von ihren blutleeren Lippen, »noch immer nicht oben! – Er ist gewiß auf dem Kirchhof. – Heut' ist der Sterbetag seiner seligen Mutter. – Wenn er doch käme – wenn er doch wollte! – Fünfhundert Taler im Strumpf, und das übrige auf der städtischen Kasse! – Er könnte den Himmel haben auf Erden. – Und dann die Betten! – Keine Gänseposen – alles nur vornehm. – Er könnte ...! – Gert Liffers ...!« Sophie Boß erschrak vor ihrer eigenen Stimme. Wenn sie jemand gehört hätte! »Jes, Marja, Joseph! – wenn jemand da draußen ...« Ihr schweres Ohrgehänge kam in eine nervöse Bewegung. Langsam drehte sie den Kopf über die Schulter und schielte zur Seite. Der Kugelkaktus stand noch immer auf der nämlichen Stelle; der Kanarienvogel dichtete weiter und vergnügte sich damit, eine getragene Rolle zu pfeifen. Nein – nichts Verdächtiges machte sich in der kleinen Stube bemerkbar; aber da draußen ... Die Laken-Sophie erhob sich. Auf weichen Pantoffeln, die sie sich selber aus verschiedenfarbigen Selfkantstreifen zusammengebastelt, ging sie lautlos ans Fenster und sah auf die Straße. »Gott sei gedankt!« sagte die Jungfer. Keine menschliche Seele war an ihrem Hause vorübergegangen. Alles war ruhig; nur da hinten – über die Straße fort – wer saß da?! – Richtig: die Lisbeth. – Allein, die konnte sie auch nicht weiter genieren. Im Gegenteil – es wäre vielleicht gar nicht so ohne gewesen ... Mit dem Bewußtsein, sich einer völligen Sicherheit erfreuen zu dürfen, dachte sie nachgerade daran, vom Fenster wieder an den Nähtisch zu schlurfen, als von drüben her eine wohlbekannte Stimme ertönte: »Mamsell Sophie! – Mamsell Sophie!« »As't üh belieft, Madam Mömmes?!« rief die Laken- Sophie zurück und streckte den Hals aus. Es war so eine althergebrachte Gepflogenheit zwischen den beiden geworden, sich wechselseitig ›Mamsell‹ und ›Madam‹ zu titulieren, denn was in den Honoratiorenkreisen der kleinen Stadt zur Tagesordnung gehörte, konnte auch füglich von ihnen beansprucht werden, und wenn auch im Volksmunde diese Bezeichnung im allgemeinen nicht aufkommen wollte – die beiden ließen sich in keinerlei Weise beirren, hielten daran mit zäher Verbissenheit fest und suchten, wenigstens für ihre Person, die obigen Titulaturen über Wasser zu halten. »Mamsell Sophie! – Mamsell Sophie!« klang es noch einmal. »Was soll's denn?!« »Hat Sie wohl Zeit, so' n bischen herüberzukommen?!« »Gern, Madam Mömmes! – Will nur noch das Bettuch absäumen – dann komm' ich!« Die Laken-Sophie war vom Fenster verschwunden. »Schön,« nickte Mutter Lisbeth, setzte ihre stämmigen Beine mit den graublauen Strümpfen und den Glasperlpantoffeln breit vor sich hin und begann wieder über die schwarze Brille zu äugeln. Die freche Potiphar und der sanfte Joseph von Ägypten waren längst vergessen. Sie beobachtete jetzt die kleine Gemeinde, die im Sande herumspielte, allerhand kurzweiliges Zeug trieb und ab und zu durcheinander purzelte, als gelte es, die verschiedenen Sandhaufen nach allen Regeln der Kriegskunst zu stürmen. Es war ein krauses Kleinkindergemüse, was da unter der energischen Zuchtrute der dicken Lisbeth webte und lebte: Flachskopfe, Blondköpfe, Hühnchen und Hähnchen, im Alter von zwei bis fünf Jahren, Krummbeinchen und Geradbeinchen, Bürschchen, die noch im Kleidchen herumtrippelten und solche, denen bereits das Hemd wie 'n aufgedrehtes Schweineschwänzchen aus dem Hosenboden hervorsah – kurz, eine ganze Kollektion von knirpsigen Menschlein reifte hier zufrieden und ahnungslos der späteren Leidensgeschichte einer strengen Gemeindeschule entgegen. Und so klein sie noch waren, schon jetzt machten sich bei ihnen die verschiedenen Temperamente in auffälliger Weise bemerkbar. »Kiekt ens,« schrie es bunt durcheinander, »Nöllecke Kunders ...!« und wenigstens fünfzehn Patschhändchen deuteten auf ein brombeeräugiges Bürschchen, das still und zufrieden neben Mutter Lisbeth auf einem Stühlchen hockte und sich eifrigst bemühte, Schuh und Strumpf von seinem linken Beinchen zu ziehen. Phlegmatisch, ohne sich im geringsten um die gaffenden Mäulchen seiner Mitkomparenten zu kümmern, hob er alsdann das Entblößte nach oben und schien die dicke Zehe seines rosigen Füßchens als ein passendes Pfeifchen estimieren zu wollen. Lisbeth Mömmes warf ihm einen strafenden Blick zu. »Nöllecke – pfui doch!« Allein Nöllecke Kunders ließ sich auch nicht im geringsten beirren. Mit philosophischem Gleichmut, einem Weltweisen nicht unähnlich, der die Quadratur des Zirkels zu ergründen hoffte, suchte er unentwegt dem gesteckten Ziele näher zu kommen. Endlich gelang's ihm. Mit einem behaglichen Schmatzton begann er alsbald an dem rosigen Pfeifchen zu rauchen. »Pfui doch!« Die Nemesis folgte mit glänzender Promptheit. Die dicke Lisbeth hatte ihm ›Eine‹ heruntergehauen. »Oh!« machte Nöllecke und schlug seine Brombeeraugen zu Boden. »Een, twee, drie!« zählte sein Nachbar zur Linken, wobei er jedesmal ein Löchelchen mit dem Zeigefinger in den feuchten Sand hineinstieß. Barthje van Bebber kniete vor dem geistreichen Machwerk. Melancholisch, betrübt wie der Schwanz eines sentimentalen Hammels, bammelte dabei sein hinteres Fähnchen aus der fadenscheinigen Hose, aus der die nackten Beinchen wie zwei feste Würste hervorsahen. Wehmütig, fast klagend kam das ›Een, twee, drie‹ von den Lippen herunter; jedes Wort schien Pech an den Schuhen zu haben. Nachdem dreimal sieben regelrecht angeordnete Löcher untereinander standen, setzte sich Barthje van Bebber auf sein trauriges Fähnchen, legte die schmutzigen Finger zusammen und sah den Spatzen zu, die eifrig an einem Roßäpfelhäufchen herumpickten. Ne – da war Marieke Bärendonk doch ein anderes Persönchen! Das hatte Leben von den kregelen Zöpfchen, die struppig in dem weißen Näckchen standen, bis zu den zierlichen Holzpantoffeln herunter. Geschäftig setzte sie Törtchen neben Törtchen. Unter Zuhilfenahme eines Fingerhutes mit jedesmaliger Spuckbeilage brachte sie diese niedlichen Dinger zustande. Und wenn sie so ein appetitliches Häufchen fertiggestellt hatte, klatschte sie in die Händchen und sang dann: »Jänsken, want ge freijen willt, Dann freit ok es met mi; Ek hef 'nen blanken Dahler, Denn gef ek gärne Di!« Und Nöllecke Kunders sang mit, und Barthje van Bebber sang auch mit, bis schließlich vierzehn muntere Kinderstimmen Marieke Bärendonks Kuchenbäckerei akkompagnierten. Und Mutter Lisbeth rückte ihre schwarze Brille nach oben, was so viel bedeutete als: »Man weiter so, Kinder – die Sache is schön so!« und die Sache ging weiter, bis endlich fünfundzwanzig wohlgeratene Törtchen in Reih und Glied standen, und dementsprechend der allgemeine Singsang verstummte. Nur einer von der kleinen Gesellschaft hatte nicht mitgesungen. Patzig, wie ein selbstherrlicher Bauer auf seinem eigenen Mist, hatte er währenddessen auf dem größten Sandhaufen mit gespreizten Beinchen gethront und standhaft jede Note verweigert. Minutenlang war er dabei mit gierigen Augen der Fabrikation der Kuchen gefolgt. Jetzt aber war's mit seiner Selbstbeherrschung vorüber. Mit einer Stimme, die man dem Dreikäsehohen kaum zutrauen sollte, begann er kategorisch seine Wünsche zu äußern. »Er auch haben will Törtchen! – Er auch haben will Törtchen!« »Bäh!« machte Marieke und brachte gleichzeitig ihre niedliche Zunge zum Vorschein. Allein sie hatte nicht mit der Kampfbereitschaft dieses kleinen Tyrannen, mit der prompten Antwort des Pinkelnikola gerechnet. Eine durch zwei Fäustchen regelrecht geworfene Sandsalve ließ das rote, bewegliche Läppchen so schnell wie möglich verschwinden. »Er auch haben will Törtchen!« schrie er von neuem und begann ungeduldig mit seinen festen Beinchen zu strampeln. Ja, der Pinkelnikola – das war so 'n richtiger Kerl noch! Den größten Sandhaufen hatte er von vornherein für sich in Anspruch genommen. Kecklich ragte neben ihm ein Papierfähnchen auf und zwar in den päpstlichen Farben. Das gehörte sich so, das mußte so sein, denn Mutter Lisbeth ließ andere Kulören nicht gelten, weil sie von der wohlüberlegten Voraussetzung ausging, man könne nicht früh genug mit der äußeren Betätigung des christkatholischen Glaubens beginnen, und so wurde denn in ihrem Wirkungsbereich nur eine weißgelbe Zusammenstellung des beliebten Spielzeugs geduldet. Aber auch abgesehen von diesem beherzigenswerten und äußerst löblichen Grundsatze – die päpstlichen Farben harmonierten ausgezeichnet zu dem frischen Gesicht des Fähncheninhabers, der so dreibastig dasaß, als habe sich der kategorische Imperativ des Herrn Immanuel Kant in diesem allerliebsten Bürschchen verkörpert. Das ganze, rosigüberhauchte Köpfchen strotzte von brutaler Gesundheit. Die Äugelchen blitzten, und auf der kugelrunden Stirn drehte sich so 'n lockiges, weißblondes, pfiffiges Toupetchen steil in die Höhe, durch welches die rötliche Kopfhaut, genau so rötlich wie die eines weißen Albinokaninchens, hindurchsah. Und dabei das selbstbewußte, impertinente Gesichtchen ...! – Kurz, alles in allem: das ganze Kerlchen war wie so 'n Borsdorfer Apfel, frisch, kernig, ohne Flecken und Schäden – direkt zum Anbeißen fertig. »Er auch haben will Törtchen!« Kampfbereit hatte er das Fähnchen ergriffen und Miene gemacht, kurzer Hand den ganzen Kuchenbäckerladen zu stürmen. Marieke Bärendonk, die nunmehr allen Grund hatte, ihren sorgfältig hergerichteten Schatz gefährdet zu wissen, verlegte sich auf ein kräftiges Schreien, zu dem sich Barthje van Bebber und Nöllecke Kunders als ausdauernde Helfershelfer gesellten. Ein Heidenspektakel ging los, und es wäre auch zu Tätlichkeiten gekommen, hätte nicht Mutter Lisbeth im richtigen Moment ihre nie versagende Zauberformel gefunden. Mit verheißungsvoller, etwas verschleierter Stimme begann sie: »Das is nu schon lange her. – Es war aber mal 'ne wunderschöne Prinzessin ...« Das wirkte! – Alles drängte sich um die Erzählerin und sperrte die Mäulchen. Nur der Pinkelnikola blieb wo er war, drehte aber doch das vollbackige Köpfchen in Richtung der Alten. Kregel sträubte sich dabei das blonde Toupetchen nach aufwärts. Lisbeth Mummes sprach weiter: »Es war also mal 'ne wunderschöne Prinzessin gewesen. Die war so schön, daß man sie nich ankucken durfte, denn sie hatte gläserne Beine, die doch jeden Momang so 'n bischen kaput gehen konnten.« »Oh!« machte Nöllecke Kunders. »Tut nichts, Nöllecke,« meinte die Alte, »sie war ja verwunschen un konnte daher gläserne Beine vertragen. Un sie wohnte in 'nem Pallä, das war ganz von Printen gemacht – un von Babbeltjes waren die Fenster – un von Moppen die Pfannen – un in der Plantage standen Bäume von Süßholz; da kam der Syrup man so pieplings herunter.« Dem Barthje van Bebber lief das Wasser unter der Zunge zusammen. Mit gierigen Augen sog er gleichsam all' die schönen Süßigkeiten und Leckertäten auf, die Mutter Lisbeth mit ihrem Munde zurecht machte und unentgeltlich spendierte. »Un da kam eines Tages so Schlag Klock gegen acht ein schöner König geritten ...« »Wer kam geritten?« fragte Marieke. »Ein feiner König, mein Kindchen.« »Der Tönig bin ich!« ließ sich eine herrische Stimme vernehmen. Nikola hatte von seinem hohen Thron aus gerufen. »Hast Dich was mit König!« erwiderte Lisbeth. »Ein unartiger Junge bist Du, aber kein König – un wenn Du nich still bist ...« Allein der kleine Querkopf blieb auf seinen ›Tönig‹ bestehn, machte ein grimmig Gesicht und schwenkte bedrohlich mit dem gelbweißen Fähnchen. »Weiter, weiter!« drängten die Kinder. »Un als er daherkam,« erzählte die Alte von neuem, »da riefen die Babbeltjes: Eß mich! – un die Moppen fielen vor lauter Pläsier von den Dächern herunter un wollten absolutemang dem feinen König ins Mundwerk spazieren.« »Oh!« rief Nöllecke Kunders dazwischen. »Un die verwunschene Prinzessin ging ihrem Herzallerliebsten durch die Süßholzplantage un die Syrupstropfen entgegen, hob die gläsernen Beine ein bischen un wollte den Lirumlarumlöffelstiel tanzen; un wie sie so tanzte mit die gläsernen Beine ...« »Da – bums!« ließ sich der Pinkelnikola hören. »Hu!« schrieen fast gleichzeitig die sämtlichen Kinder, aber weniger der armen Prinzessin und der gläsernen Beine halber, die sie wahrscheinlich an irgend einem Gartenkiesel zerschlagen hatte, als vielmehr in einer plötzlichen Anwandlung von Furcht, weil so ganz unverhofft die Laken-Sophie in Sicht kam. Und richtig, da kam sie – ruhig, bedächtig und so lautlos wie auf Fledermausflügeln, denn sie ging auf weichen Selfkantpantoffeln, die so wenig Geräusch machten, daß viele darauf schwören wollten, die Laken-Sophie habe niemals Beine besessen, sondern schwebe nur sanft dahin und zwar etliche Zoll über dem Boden. Der prächtige Pfiffikus und Wichtigtuer auf dem Sandhaufen verzog keine Miene. Mit dem unverschämtesten Gesicht von der Welt begegnete er den stechenden, stahlgrauen Augen der Jöffer Boß, die sich inzwischen eingefunden und Lisbeth Mömmes in seltsam hastiger und doch altjüngferlicher Zierlichkeit begrüßt hatte. »Witt, Witt, Witt!« kommandierte die Alte, »lauft mal so 'n bischen geschwind in die Hintere Stube un bringt für Tante Boß den piekfeinen Sessel.« Na – das geschah denn. Marieke Bärendonk und Nöllecke Kunders schleppten das Verlangte herbei, suchten aber so schnell wie möglich aus dem Bereich der hageren Jungfer zu kommen, die sich mit ihrer dünnen und gläsernen Stimme bei den Kindern bedankte, gleichzeitig aber ihren langen Hals derartig aus dem schwarzen Pelerinchen vorschob, daß man des Glaubens sein konnte, sie wolle mal in den Zimmern der ersten Etage so 'n bißchen herumvigilieren. Alsbald saßen die mageren und die fetten Jahre einträchtig nebeneinander, steckten die Köpfe zusammen und versuchten zuerst durch sondierende Blicke die innersten Gedanken sich wechselseitig abspenstig zu machen. Mutter Lisbeth jedoch, von lebhafterem Temperament, gerade aus und weniger diplomatisch veranlagt, brach zuerst das prüfende Schweigen. »Um tausend Gottes willen!« begann sie, »wo hat Sie denn in all der Zeit nur immer gestochen?« »Je, ja,« sagte die Lange und wiegte ihren Kopf rhythmisch auf dem langen Halse, daß sich ihre Ohrgehänge klingend bewegten. »Na, was denn?! – So spreche Sie doch; man hat doch auch so 'n bischen Interesse in den langen Jahren bekommen.« »Da drüben,« geheimnißte Sophie Boß und zeigte mit ihrem hageren Daumen über die Schulter. »Wo war's denn?« »Auf dem Fingerhutshof.« »Un was machte Sie da?« »Die Aleit hat so 'n kleinen Vogel bekommen. Alles wollte sie neu haben, neues Tischzeug und Bettzeug – und da habe ich denn so fünf Tage auf dem Hof 'rumschneideriert, von morgens bis abends, und habe alles extra geliefert.« »Ja, die da,« fiel die Alte dazwischen, »die kann's auch nich fein genug haben, die will immer Hurra nach oben – immer nobel un bis an die Wolken!« Um ihren Worten den gehörigen Nachdruck zu geben, schlenkerte sie dabei ihr rechtes Bein in die Höhe, daß die graubestrumpfte Wade in seiner ganzen Fülle sich zeigte, und der perlbestickte Pantoffel lustig davonflog. »Immer Hurra nach oben ...!« »Stimmt schon,« nickte die Lange, »und erst in vierzehn Tagen – da geht die Sache mal recht los. Denke Sie sich nur, Madam Mömmes ...« »Was soll ich denken? Man kann ja zuviel bekommen vor lauter Erregung.« »Hemden – neumodische Hemden ...!« »Was?!« »Und das ohne Ärmel ...!« »Nich möglich – nich die Menschenmöglichkeit, Sophie!« »Vom feinsten Battist ...!« ergänzte die Lange. Lisbeth Mömmes schnappte nach Atem. »Neumodische Hemden!« rief sie entsetzt, »vom feinsten Battist – un das ohne Ärmels! – Pfui, so 'n hoffärtig Fraumensch!« »Und denn noch mehr, Madam Mömmes.« »Um tausend Gottes willen! – was kann da noch mehr sein?« »Mutter Lisbeth!« rief das mit einmal. »Was soll's denn, Marieke?« »Der Nikola ...!« »Was macht denn der Nikola?« »Er tütet immer von hinten.« »Pfui!« »Ich bin Tönig – das tann ich,« kam es dicknäsig aus dem Munde des putzigen Kerlchens. »Noch einmal, dann gibt's was!« drohte die Alte, griff hinter sich und zeigte mit einer nicht mißzuverstehenden Handbewegung die Rute. »Oh – Mutter Lisbeth!« »Wart' Du ...! – Aber ich komme ja um,« wandte sie sich wieder an ihre Partnerin, »so spreche Sie doch. – Sie weiß was, Sie weiß mehr wie so 'n bischen, Sie weiß 'ne große Geschichte. Was is denn?« »Sie ist eifersüchtig,« sagte die Laken-Sophie mit aller Bestimmtheit. »Wer denn?« »Die Aleit.« »Auf wen denn?« »Ach, Madam Lisbeth ...!« seufzte die Lange, legte die Hände übereinander und begann unheimlich mit ihren Augen zu geistern. »Nu aber heraus mit die Sprache,« meinte die Dicke, »wenn Sie nich will, daß ich ins Geckenhaus komme.« In den Blicken der Laken-Sophie begann es elegisch zu leuchten. »Madam Mömmes, versteht Sie zu schweigen?« fragte sie mit sanfter Betonung. »Wie 'n Grab,« beteuerte Lisbeth. »Kann Sie das auf Ihre erste heilige Kommunion nehmen?« »Ja,« sagte Lisbeth, »das kann ich.« »Na denn,« lispelte Sophie Boß und schlug verschämt die Augen zu Boden, »die Geschichte ist also ...« »Mutter Lisbeth! – Mutter Lisbeth!« kam es abermals in Jammerlauten aus den Reihen der Kinder. Die Alte war aufgesprungen und gestikulierte mit Armen und Beinen: »Haltet die Münder, haltet die Münder! – Mamsell Sophie, ich bitte, man weiter.« »Aber ich muß Dir was sagen – ich muß Dir was sagen!« schrie Marieke Bärendonk und schluckte die Tränen herunter. »Denn 'raus damit, aber schnelles, Marieke.« »Der Nikola ...!« »Was soll's mit dem Nikola?« Die Kleine zeigte nach rücklings. »Jetzt läßt er sein Wässerchen fahren – und unsere ganze Sandbäckerei ...« Sie sprach nicht weiter. Das Erzählte genügte und schlug dem an und für sich schon lecken Faß vollends den Boden aus. Mit einer Geschwindigkeit, die man der korpulenten Person kaum zugetraut hatte, waltete Lisbeth Mömmes ihres Richteramtes. All' seiner äußeren Würden entkleidet, wurde der kleine König gepackt, übers Knie gezogen und hinten entblättert. »Er nicht wiedertun – nicht wiedertun!« versicherte der arme Knirps in allen nur möglichen Lauten. Es half ihm nicht; der kleine Übeltäter hatte seinen Richter gefunden. Kurzer Hand wurde das hochnotpeinliche Verfahren unter Strampeln und Schreien beendet. »So!« meinte Lisbeth und schloß wieder die Klappe. »Außerdem sag' ich's noch for Deinen Pappa. Marsch, daß Du fortkommst.« Heulend und die dicken Patschfinger am Höschen, steuerte der Gemaßregelte wiederum seinem thronenden Sitz zu. Dort ließ er sich nieder und bohrte die schmerzhafte Stelle tief in den Sand ein. Alles war gebrochen an ihm: sein Lebensmut, seine Dickfelligkeit und sein patziges Aussehen – nur das Toupetchen war das alte geblieben. Kregel wie immer stand das weißblonde Lockensträußchen nach oben. »So!« sagte Lisbeth Mömmes noch einmal, pflanzte die dicken Beine nach auswärts und setzte die Hände in die stämmigen Hüften. Fast gleichzeitig tönte die sechste Abendstunde vom nahegelegenen Rathaus über die Stadt hin. »Sechs Uhr,« meditierte die würdige Dame, drehte sich um ihre eigene Achse und meinte, zur Laken-Sophie gewendet: »Nu is die Schule aus – nu kann Sie mir alles noch einmal erzählen, denn nu kommen die Mütters.« »Schön,« lächelte die Jungfer mit wehleidigem Augenaufschlag, »ich kann warten – und warte.« »Das soll ein Wort sein, Mamsell Sophie,« entgegnete Lisbeth. »Nur 'nen kleinen Momang noch,« und dann rief sie mit lockender Stimme: »Tütütütü! – Tütütütü! – Nöllecke, Barthje – no kommen de Moders!« Und sie kamen von allen vier Winden der Stadt her, um ihre Kinder in die ›Heia‹ zu holen. »Tütütütü ...! – Mamsell Sophie, nur einen kleinen Momang noch.« »Ich warte.« Wie geistesabwesend stierte die Laken-Sophie vor sich hin. Wo war sie nur mit ihren Gedanken? Das wußte niemand, auch Madam Mömmes nicht. Aber die sollte es noch in der nächsten Stunde erfahren – und also geschah es. IV Orakel Mit dem Glockenschlage sechs tänzelte ein untersetzter Mann im hechtgrauen Flausrock aus seinem Spezereiwarenladen auf die Straße hinaus. Alles lebte an diesem geachteten Bürger wie die Blätter des Espenbaumes – nur das glattrasierte Gesicht nicht. Ernsthaft saß es zwischen den niedrigen Vatermördern, zeigte kein Mienenspiel, war weder traurig noch lustig und blieb immer dasselbe. Gewiß – sein Gesicht war von einer steinernen Ruhe, keine Fiber wagte es, sich auch nur im geringsten bemerkbar zu machen, und dennoch war auch diese starre, ernsthafte Physiognomie, wenn auch nur so ganz pizzikato, mit einem burleskkomischen Anflug behaftet. Im übrigen vibrierte aber alles an dem lebhaften Kerlchen, selbst das lange Pfefferrohr, das mit seinen grünseidenen Quasten und dem glänzendweißen Porzellankopf vom hellfrühen Morgen an bis spät in den Abend hinein aus einer Ecke des gekniffenen Mundes herabhing. Herr Spezereiwarenhandler Petrus Nagel war ohne diese Pfeife nicht denkbar. Wenn er hinter dem Laden stand und Zichorienkaffee, Nudeln oder Kandiszucker verkaufte – stets baumelte der glimmende Pfeifenkopf unter der Theke; bei allen merkantilen Erwägungen, am Stammtisch, in der Postkutsche und sonstwo – immer wurde er von seinem Pfefferröhrchen begleitet, und bestieg er sein Zweirad – Herr Spezereiwarenhändler Petrus Nagel huldigte diesem Sport in der außergewöhnlichsten Weise – dann paffte und qualmte er auf seinem schnellen Vehikel, daß die des Fahrens Unkundigen des berechtigten Glaubens sein konnten, die Maschine würde durch Pfeifenkopf und Tabak getrieben. Zwischen den straff nach vorne gebürsteten Schläfenhaaren, und zwar inmitten der Oberstirn, erhob sich eine lustige Tolle, die der glückliche Inhaber nur unter Zuhilfenahme von Papilloten erreicht haben konnte, und diese Tolle war so pudelnärrisch und seltsam, daß man ins Lachen geriet, wenn man sie ansah, und darüber nachgrübeln mußte, wie ein so fröhliches Ding auf solch einem Grund und Boden zu gedeihen vermochte. Inferner zeigte dieses Toupet eine derart verteufelte Ähnlichkeit mit dem Haarsträußchen des gemaßregelten Königs, daß man versucht war, verwandtschaftliche Beziehungen zwischen diesem und dem Herrn Petrus Nagel zu wittern – eine Vermutung, die zu Recht bestand und nicht auf tönernen Füßen umherging; denn laut Kirchenbuch und Standesregister wurde letzterem von seiner inzwischen gottselig verstorbenen Frau Petronella besagtes Bürschchen, und zwar vor nunmehr vier und dreiviertel Jahren, geboren – Beweis genug für die Identität der kregelen Haartracht. Also – Herr Petrus Nagel, der glückliche Vater von Nikola, tänzelte hinaus auf die Straße. Ein aufdringlicher Hauch nach Speiseöl, Zichorienkaffee, Süßholz und sonstigen Ingredienzien des flottgehenden Ladengeschäftes umgab ihn. Dazwischen kräuselte sich der Tabaksrauch in zierlichen Spiralen nach oben. Mit einem graziösen ›Wuppdich‹ schwang sich der Herr Spezereiwarenhändler auf das seitwärts der Haustür stehende Zweirad. Alles ging bei ihm wie der Minutenzeiger auf seiner neusilbernen Taschenhalosi. Mit dem ersten Schlage der sechsten Nachmittagsstunde hatte er seine Wohnung verlassen, mit dem letzten saß er im Sattel, querte den Markt und steuerte rauchend der Behausung der Lisbeth Mömmes und seinem Jungen entgegen. Drei Minuten spater hatte er bereits den knirpsigen Delinquenten beim Kragen gepackt, zu sich aufs Fahrrad genommen, hatte eine künstliche Volte geschlagen und war dann abgesaust – wer weiß wie sehr! – und in einem so rasenden Tempo, daß Sophie Boß sich an einer Stuhllehne halten mußte, um nicht schwindelig zu werden. Barthje van Bebber, Nöllecke Kunders und die übrigen Kinder trippelten unter Führung ihrer Mütter ebenfalls heimwärts, und als das letzte glücklich davonging, da gab Lisbeth Mömmes so einem recht tiefen, kompakten und erlösenden Seufzer die Freiheit. »Gott sei gedankt, daß die fort sind!« meinte sie sichtlich erleichtert. »Nu aber, Mamsell Sophie, wie war das soeben?« »Wie war das soeben?« fragte die Lange und tat wie aus allen Wolken gefallen. »Aber, meine liebe Mamsell Sophie, ich bitte Sie, um tausend Gottes willen noch mal! – Ich hab's ja auf meine erste heilige Kommunion genommen.« »Ach, so!« machte die Nähterin, als wollte sie ihre Gedanken in das richtige Nadelöhr fädeln. »Na ja,« versetzte die Dicke, »das is es ja eben! – Sie muß sich doch noch genau der ganzen Geschichte erinnern. Wie war doch die Sache? – Herr Gott, wie war doch die Sache? – Aber jetzt hab' ich's ...!« und mit einem wonnigen Grunzen schluckte sie die ihr plötzlich gewordene Erkenntnis herunter. »Jetzt weiß ich's: auf wen is die andere, ich meine die Aleit, denn eigentlich eifersüchtig gewesen?« Sophie Boß schob die Augendeckel verschämt über die stahlgrauen Blicke. »Seh' Sie mich einmal genauer an, Madam Mömmes,« sagte sie mit tonloser Stimme. »Sophie, Sie wird doch nich glauben ...!« Wie eine Dulderin und in frommer Ergebung legte Sophie Boß ihre Hände zusammen; dann schlug sie ihre Augendeckel wieder nach oben. »Ich glaube nicht nur,« entgegnete sie mit aller Bestimmtheit, »sondern ich weiß es. Auf mich ist sie eifersüchtig gewesen.« »Herr, Du mein Christus – das weiß Sie?!« »So gewiß,« versetzte die Lange, »wie ich hoffe, dereinstens selig zu werden.« Vor den Augen der Madam Mömmes begannen die gegenüberliegenden Häuser zu tanzen. Auch die ehrwürdigen Linden vor dem Hause des Notars verloren ihre schickliche Haltung, räkelten sich hierhin und dorthin und schüttelten so bedenklich mit ihren weißen Allongeperücken, daß der Puder nur so herumvoltigierte. »Aber wieso denn?!« entsetzte sich Lisbeth. »Gert Liffers ...!« stöhnte die Lange. Es war der einzige Laut, den sie vorbrachte. »Warum das?« »Weil er sich in allen Ehren bei mir eingetan hatte.« »Was?!« schrie die Alte und nahm wieder ihre Kampfstellung ein. Erst wurden die Beine auseinandergestellt und dann die Hände auf die stämmigen Hüften geschoben. »Pfui! – So' n Fraumensch dahinten! – Potiphar!« Bei dem Worte ›Potiphar‹ spuckte sie auf das mit Gras durchwachsene Pflaster. »Aber höre Sie, Sophie – das muß Sie mir alles genauer erzählen.« »Hier?« fragte die Lange. Ängstlich zog sie ihr Pelerinchen zusammen und drehte den Kopf über die Schulter. »Man kann immer nicht wissen ... die Leute sind heutigentages so seltsam. Alles hat Ohren, und ich bin doch noch immer ein Mädchen.« »Das is Sie,« bekräftigte Madam Mömmes mit einem so gesinnungstüchtigen Kopfnicken, daß die hellen Bänder lustig auf ihrer gestärkten Fladuse herumkapriolten, »das kann ich beweisen un darauf die letzte Wegzehrung nehmen. Aber das tut nichts. – Komme Sie man ruhig in die Hintere Stube. Da hört uns kein Mensch nich. Ich lasse den Wasserkessel so'n bischen erzählen, tu' so 'n paar Bischüttchen hinzu, un denn: bei so 'nem leckeren Täßchen mit Kaffee spricht sich das alles besser zusammen.« »Ach, ja!« nickte die Laken-Sophie mit ihrem glattgescheitelten Kopf und folgte der Alten auf ihren lautlosen Selfkantpantoffeln. In dem weiten Flur des Armenhofes verschwanden die beiden. – Die stattlichen Fenster der Hinteren Stube sahen auf den Garten hinaus, in dem sich an der rückwärts gelegenen Mauer die dicken Schattenmorellen schon allmählich zu färben begannen. Zwischen den scharf abgegrenzten Blumen- und Gemüserabatten flimmerte der Rheinkies. Eine träumerische Weltvergessenheit schien sich in diesem vereinsamten Gartenwinkel so recht behaglich zu fühlen; nichts regte sich zwischen den Stauden, und nur die hochbetagte Matrone, die Hüterin des Armenhofes, suchte auch hier ihr stilles und ordnendes Wesen zu treiben. Mit ihrer altmodischen Garderobe, dem Klöppelhäubchen und den verkleisterten Korkzieherlöckchen trippelte sie von Stämmchen zu Stämmchen, berieselte die trockenen Stellen und jätete mit spitzen Fingern das Unkraut aus dem lockeren Erdreich. Ab und zu schimmerte ihre schneeweiße Mütze über die Gartenbeete herüber – oder waren's die keuschen Lilien, die mit ihren Kelchen so fromm und gottesfürchtig zwischen den Lichtungen standen, als wär's Feiertag, und die Aveglocke begänne zu läuten? Ja – es waren Blumenkelche, große, schneelichte Kelche, und ein kleiner Rotschwanz saß auf der Gartenmauer und begann leise zu singen – leise zu singen. – Die liebe Nachmittagssonne fiel schräg in das Hintere Zimmer und umspielte Lisbeths Kirschholzkommode, auf deren Platte, und zwar inmitten eines gehäkelten Deckchens, das sehr einfache Gipsbild des heiligen Aloysius von Gonzaga placiert war. Seitwärts von ihm stand je eine Porzellanvase mit vergoldetem Rändchen, aus denen ebensolche Blumen hervorsahen, wie sie da draußen im Garten so feierlich blühten und ihren Balsam verstreuten. Kraft ihrer Seelenstimmung hatte Lisbeth Mömmes diesen jugendlichen Asketen zu ihrem Privat- und Sonderheiligen erhoben; sie betete zu ihm in allen nur möglichen Lebenslagen, sie vertraute ihm blindlings und hatte dieserhalb schon manchen Triumph zu verzeichnen gehabt, manchen Triumph, den sie anderenfalls wohl schwerlich erlebt haben würde. So zum Beispiel, was hätte sich nicht alles begeben können, wenn sie in ihren seligen Träumen ahnungslos mit dem schönen Ismaeliten an den frommen Wassern des Nils promenierte? – Und da war sie doch immer so glücklich gewesen! – Der Mond stand über der libyschen Wüste, fern jenseits des Niles – und in den Wassern waren flüsternde Stimmen – und flinke Gazellen kamen und leckten dem braven Joseph die Hände ... aber dann erschien sie: das Weib – die ekelhafte Person mit dem frechen Blick und dem durchbrochenen Kleid, das so dünn war wie Spinnweb ... Jetzt war's Zeit! – »Heil'ger Aloysius, hilf uns!« – Ein kurzes Stoßgebet –- und die Potiphar hatte ihre Macht verloren. Ja, Lisbeth Mömmes konnte sich auf den frommen Nachfahren derer von Gonzaga verlassen – und sein milder Blick streifte die riesige Bettlade, in deren Behälter sich wenigstens fünf mit blaugestreiftem Kattun überzogene Federkissen befanden, und er segnete das großblumige Sofa neben dem Schrank, wo Lisbeth gern so'n angenehmes Dämmerstündchen verträumte, ihr Schälchen Zichorienkaffee schlürfte und sich in vergangene Tage verlor, wo sie einmal jung gewesen, ein kurzes Eheglück durchkostet und dann als blutjunge Witwe zur Erkenntnis gelangte, daß alle irdischen Dinge nur Seifenblasen seien. Aber da oben, da oben ...! – Und dann kamen wieder andere Momente, lustige Aussichten; heitere Lichtblicke taten sich auf, denn man gehörte doch keiner Klausur an, war keinem Orden verpflichtet – man mußte doch leben und das Leben genießen und sein Täßchen mit Kaffee trinken, auf daß man Genuß habe und es einem wohlergehe auf Erden. Na, das letztere befolgte denn Lisbeth Mömmes auch in ausgiebiger Weise, und sie gefiel sich wohl dabei bis zur heutigen Stunde. – »So, da wären wir nu,« sagte die Alte, rückte den blankgescheuerten Tisch zurecht und nötigte ihren lieben Besuch auf das großblumige Sofa. »Danke!« nickte die Lange, ließ sich mit einer gewissen Feierlichkeit auf das Kanapee nieder, legte erwartungsvoll die Hände übereinander und huschte mit ihren stahlgrauen Augen in der Stube umher, als sei sie von Amts wegen in Eid und Verpflichtung genommen, auch das geringste Inventarienstück auf das genauste zu prüfen. Inzwischen holte die Dicke Tassen und eine weitbauchige Kanne herbei, stellte Bischüttchen und Waffeln auf den Tisch, rückte Zuckerdose und Wasserkessel zurecht und machte sich am Spirituskocher zu schaffen. Alsbald leckte denn auch so 'ne schöne himmelblaue Flamme nach oben, tänzelte auf und nieder und züngelte um die Messingteile des blankgescheuerten Kessels. »So!« sagte Lisbeth und setzte sich der ausgemergelten Sophie gerade gegenüber. Mit einem tiefen Seufzer begann sie: »So weit wären wir nu, denn alles hat seine Zeit: Steine sammeln un Steine verstreuen, verliebt sein un nich verliebt sein – aber daß ein verheiratetes Fraumensch ...« »Je!« machte die Laken-Sophie und schob bedauernd ihre Schultern nach oben, »man hat auch noch heutigentags Beispiele von schlimmen Exempeln ...« Sie sprach nicht weiter, ergriff aber ein Löffelchen und läutete damit gegen eine der vor ihr stehenden Tassen. »Bedenke Sie aber, Mamsell Sophie: ein verheiratetes Fraumensch ...! – un denn: sie is doch die leibhaftige Mutter von Threschen.« »Stimmt schon,« lächelte Sophie Boß so recht überlegen, als könnte ihr auch nicht die kleinste Falte des menschlichen Herzens entgehen, als hätte sie schon längst die subtile Frage gelöst, wieviel Erzengel auf einer Nadelspitze zu tanzen vermögen. »Stimmt schon, stimmt schon, meine liebe Frau Mömmes, allein, wenn man in Erwägung zieht, daß die nunmehrige Frau Aleit van Laak, geborene Hemskerk ...« »Ach, du mein Christus!« ereiferte sich die Behäbige und purrte den Docht der Spirituslampe ein wenig nach oben, »das sind abgestandene Brötchen, die niemand mehr annimmt.« »So?!« meinte die Lange und glitt mit ihren stechenden Blicken an der spitzen Nase herunter. »Abgestandene Brötchen?! – da bin ich denn doch ganz konträriger Meinung, – Was wollen zehn lumpige Jahre besagen?! – Alte Liebe, Frau Mömmes ...!« und bedeutungsvoll streckte sie ihren rechten Zeigefinger zur Decke. »Allerdings von seiner Seite – nicht rühr' an die Sache, aber bei ihr: da sitzt das noch immer, da vergißt sich so 'ne alte Geschichte so leicht nicht, denn sie hat so 'n heißes, brennendes Ding an der Stelle, wo unsereins nur ein einfaches, wenn auch liebevolles und inniges Herz trägt. Und die Augen, Frau Mömmes, die Augen ...! – Ne, ne, ne, meine liebe Madam, das weiß ich schon besser,« und energisch plättete sie mit ihren angefeuchteten Händen über die glattgescheitelten Haare, »die kann nicht vergessen und will nicht vergessen – und wenn das so weiter geht, dann ist sie zu guter Letzt noch imstande ...« »Un das weiß Sie so sicher?« »Madam Mömmes,« versetzte die Jungfer und lehnte sich ergebungsvoll in eine Ecke des Sofas, »wer Augen hat zu sehen, der sehe, und wer Ohren hat zu hören, der höre. Das steht irgendwo in meiner Handpostille geschrieben – und ich habe Augen im Kopf und Ohren zum Hören, und die Geschichte ist also.« »Na, endlich!« kam es wie eine große Erlösung aus dem Busen der stattlichen Dame. Jedenfalls stand sie unter dem Bann einer tiefen Erwartung, denn sie legte plötzlich ihre speckige Hand auf die Herzgrube, um das an dieser Stelle aufgetretene Pochen ein wenig zu dämpfen. »Denn los man!« »Das mögen nun vier oder fünf Tage her sein,« erzählte die Laken-Sophie mit verschleierten Augen, »da sitze ich mit meinem Nähzeug in der Eckstube des Fingerhutshofes, die nach vorne 'raus geht, und kann so recht nicht mehr sehen, denn draußen war's schon so 'n wenig schummrig geworden. So was Düsteres fingerte über den Deich fort. Da mit einmal sang das kleine Threschen im Hofe: Helder op den Telder, Botter bei den Feß; Moder, maak de Döhr ens op En kiek es, we dor es! Wie nett, dachte ich noch in meinem dösigen Kopfe und hatte gar kein Arg dabei, daß an dieses Begebnis sich 'ne große Geschichte anknüpfen täte.« »Aber wieso denn?« »Warte Sie ab,« meinte die Lange. »Sie pickt einem immer schon vorweg die dicksten Rosinen aus dem Neujahrsweck heraus, der noch lange nicht gar ist. – Aber wer spricht da?« Ängstlich drehte die Erzählerin ihren Kopf auf den Schultern. »Madam Mömmes, Sie hat doch soeben deutlich gesprochen?« »Ne,« sagte die Dicke, »man weiter.« »Seltsam!« muffelte Sophie Boß zwischen den blutleeren Lippen und begann weiter zu sprechen: »Ich hörte deutlich, wie Knechte und Mägde von den Wiesen, wo sie gemelkt hatten, zurückkamen. In den Ställen brüllte das Vieh auf, denn es war Futterzeit – und das Schummern wurde immer stärker und stärker. – Wollen man Licht machen, meinte die Aleit. – Schön, sagte ich, und die Bäuerin ging hinaus, um die Lampe zu holen. Aber sie kam nicht und kam nicht; das dauerte ewig und ewig.« »Warum denn?« fragte die Dicke und rückte unruhig mit ihrem kräftigen Hinterteil auf den Binsen herum. »Aber ich bitte Sie um tausend Gottes willen – wie Sie immerzu sagen – Frau Mömmes! – Meine besten Rosinen ...« »Ach, so!« machte die Alte und gab sich zufrieden. »Und sie kam nicht und kam nicht,« fuhr die Lange mit gespenstischem Ton fort, »bis schließlich die Tür ging, und sie ganz verbaselt und ängstlich hereinkam.« »Na, wer denn?« »Die Aleit.« »Gott, ne nich!« Madam Mömmes entledigte sich eines dicken Seufzers, der aber weiter nicht störte, denn die Laken-Sophie ließ sich nicht aus der Fassung bringen, machte eine geheimnisvolle Bewegung und sagte: »Sie hatte inzwischen mit Threschen gesprochen – und Threschen war auf dem Leedeich gewesen – und auf dem Leedeich mußte irgend 'ne große Geschichte passiert sein – 'ne große Geschichte. Das will ich beschwören.« Mit einem energischen Ruck streckte die Lange zwei Finger nach aufwärts. »Jesus Christus noch mal!« entsetzte sich Lisbeth, »man kriegt ja zu viel bei die gruselige Sache!« »Kann man auch kriegen,« bestätigte Sophie mit funkelnden Augen, »denn das kann ich beschwören – kann ich beschwören ...!« – und gedämpfter fortfahrend erzählte sie weiter: »Und von diesem Moment an hatte die Bäuerin keine Ruhe mehr in ihrem eigenen Zimmer. Sie lief um den Tisch 'rum, dreimal um den magahonischen Tisch 'rum, wo die großen Leinwandstücke man so gottsverschwenderisch aufgepackt waren, kuckte in alle Spinde und Schränke, wo's – so wahr mir Gott helfe zum ewigen Leben! – auch nichts weiter zu kucken gab wie an gewöhnlichen Tagen, und dann wurde sie stiller und stiller und setzte sich in eine Ecke des Zimmers. Aber das Lampenlicht fiel ihr direkt ins Gesicht, und wie ich sie mir so näher besehe – na, Madam Mömmes, was meint Sie wohl, was ich da unter meine Augen bekomme ...?« »Na, was denn?!« fragte Lisbeth in höchster Erregung. »Sie weinte – das Fraumensch, und trug doch 'nen regulären Trauring am Finger. In den Boden hinunter hätte ich mich so richtig hineinschämen mögen, wie ich das ansah, denn das kann Sie mir glauben, ich weiß schon auf das Gepfeife der Vögel zu laufen, ich kenne mich aus und tu' nicht so ohne weiteres drei mal drei für gerade verschleißen.« »Da hat Sie schon recht,« versetzte die Alte und stocherte mit einer Stricknadel in den Docht des Spiritusbrenners. »Also ich saß da,« begann die Laken-Sophie von neuem, »und stand gerade im Begriff, 'nen frischen Faden zu wachsen, als die Bäuerin sich aufhob, die Tränen verwischte und wie in Gedanken vor sich hinmurmelte: Helder op den Telder, Botter bei den Feß; Moder, maak de Döhr ens op En kiek es, we dor es! Es war dasselbe Lied von dem kleinen Threschen da draußen. – Das hab' ich früher auch mal gesungen, sagte die Aleit, auch mal gesungen, auch mal gesungen... und dann war sie näher getreten, tat wie so 'n schnurrendes Kätzchen, fragte so auf Umwegen 'rum nach Gert Liffers – und wann er zurückgekommen aus Holland – und warum er sich bei mir eingetan hätte – und wie sich jetzt der Deichgräf befände und immer so weiter. Aber da ist sie bei mir an die richtige Adresse gekommen! – Nichts hab' ich gesagt, mit Wachs hab' ich mir das Mundwerk verstopft, und geschwiegen hab' ich wie 'ne zehnpfündige Sterbekerze, die bei 'nem funkelnagelneuen und frisch gefirnißten Sarg steht. – Madam Mömmes, das bin ich ihrem echtgoldenen Trauring schuldig gewesen – ich mußte so handeln; aber das paßte ihr nicht, sie wollte was anderes, und da sie's nicht kriegte, ist sie bleich wie die gekalkte Wand hier in der Stube geworden. Na – und die Augen! – Madam Mömmes, die Augen! – Da stand's drin geschrieben – mit glühenden Zeichen geschrieben – genau so geschrieben wie das ›Mene Tekel‹ in dem lästerlichen Pallä des sibirischen Königs.« Die Laken-Sophie atmete auf. »Um Gottes willen – was denn geschrieben?!« drängelte Lisbeth. »Die Sünde – die eifersüchtige Sünde ...!« »Auf Sie?« »Auf mich,« konstatierte die Lange, »und dann hielt sie sich, was die Aleit ist, an der Platte des Tisches, als wenn ihr die Beine alle werden wollten unter dem Leibe, schüttelte entsetzt mit dem Kopf und nannte seinen wirklichen Namen. Nannte?! – Sie schrie seinen Namen: »Gert Liffers! – Gert Liffers...!« Die letzten Worte hatte die Erzählerin mit ihrer durchdringenden, gläsernen Stimme wie krähend gerufen. »Schrei Sie nich so!« entsetzte sich Lisbeth. Sophie Boß sah die Erregte mit toten Augen an. »Was kann ich denn dafür, ich muß doch die Wahrheit berichten,« bemerkte sie hastig, »und wenn auch die Sache schon an und für sich bedenklich genug war, sie wurde noch viel bedenklicher durch den fatalen Umstand, daß nebenan was nicht stimmte, denn grobe Schritte ließen sich hören, dann wurde die Tür aufgerissen – und Barthes van Laak war ins Zimmer getreten. »Wer?« zitterte Lisbeth. »Der Donnerjü – und so war er ins Zimmer getreten.« In ihrer ganzen Länge schnellte die Laken-Sophie vom Sofa, reckte sich auf, bekam ihr Goldkreuz zu fassen, preßte es nervös zwischen den Fingern und blitzte mit ihren gespenstischen Augen. »Höre Sie auf,« wehrte die Dicke ab, »ich sterbe ja vor Schreck am hellichten Tage!« »Glaub's schon,« sagte die Lange und ließ sich wieder in das Kanapee fallen, »ist's mir doch selber passiert, und ich hätte zuviel kriegen können, wie so der Donnerjü gleich 'nem kollrigen Bullen ins Zimmer marschierte, auf sein Weib losfuhr und mit so 'nem fürchterlichen und gotteslästerlichen Fluche herauskam. Gottverdomie noch mal! – so hat er gerufen – hör' ich noch einmal den Namen ›Gert Liffers‹ hier auf meinem Grund und Boden und dem Fingerhutshofe – dann Gnade Euch allen! – Und das Weib stand da und wollte in die Erde versinken. – Das konnt' ich nicht ansehn und meinte: Herr Barthes van Laak, ich habe von Gert Liffers gesprochen. – Auch gerufen – geschrieen?! – Ja, Herr Barthes van Laak, ich hab' auch geschrieen.« »Das war nobel von Ihr,« warf Lisbeth Mömmes dazwischen. »Damit hat er sich denn auch zufrieden gegeben,« ergänzte die Laken-Sophie, »und ist wieder in die Nebenstube gegangen. Ich aber hatte genug von dem Abend, packte mein Nähzeug zusammen und bin ganz stillkes und mit meinen eigenen Gedanken nach Hause gegangen. Ob ich noch mal hinmache, um die äußerst opulenten Hemden zu schneidern, das weiß nur unser lieber Herrgott da droben im Himmel.« Mit einer feierlichen Geste deutete sie dabei in Richtung der Decke. Frau Mömmes saß wie verstört und konnte keine Worte mehr finden, während die Lange den Hals gedreht hatte und zum Fenster hinaussah. Draußen war der Sonnenschein schon längst schlafen gegangen. Einzelne Schatten huschten an den Fensterscheiben vorüber. Es waren Fledermäuse, die beim Beginn der Dämmerstunden um die Häuser irrten. Allein die Helle des Sommerabends war noch immer hinreichend stark genug, um alles deutlich erkennen zu lassen. Jedes Blättchen da draußen zeigte seine scharfe Umrandung. Die Lilien standen wie kalkige Flecke im Grünen. Das Schweigen zwischen den beiden Schicksalsfrauen dauerte lange. Jede war mit ihren eigenen Ideen beschäftigt. Plötzlich jedoch wandte sich die Laken-Sophie und fragte: »Madam Mummes, was meint Sie?« »Ich?« »Sie hat doch soeben deutlich gesprochen?« »Keine Sterbenssilbe,« beteuerte die zur Rede Gestellte. »Nanu!« sagte die Lange, »hier wurde doch soeben durch die Nase geredet. Jedes Wort habe ich wie das Amen in der Kirche verstanden.« »Sie wird ja geradezu unheimlich mit Ihrem Gerede,« »Wieso denn?« »Weil ich nich mal ans Sprechen gedacht hab'.« »Dann ist jemand anders im Zimmer.« Die beiden sahen sich an. »I, prosit die Mahlzeit!« lachte schließlich die Alte und deutete auf den fauchenden Wasserkessel. »Der hat gesprochen.« Und richtig so war es. – In allen nur möglichen Tonarten ließ der kupferne Gesell seine Stimme vernehmen. Er fauchte und surrte, und dann schien es wieder, als spräche irgendein Bauchredner in einer verlorenen Ecke des Zimmers. Zeitweilig schnappte er nach Luft, begann ein gedehntes Klagen, gleichsam wie die getragene Melodie einer Kniegeige, durch die Nase zu ziehen, orgelte, was er auch nur immer auf dem Herzen hatte, in langen Kadenzen herunter, um dann wieder wie ein verschlafener Nachtwächter auf seinem verstimmten Horne zu tuten. Es war geradezu merkwürdig, daß die beiden Frauenzimmer das Verhalten des kochgaren Wassers so spät erst bemerkt hatten, zumal auch der Deckel schon längst aus seiner Reserve getreten war, in einem fort klapperte und auf dem Rande des Topfes herumhopste. Ein heißer Schwaden drängelte sich aus der zierlichen Tülle, strebte in langen Spiralen nach aufwärts und erfüllte die Stube mit dem Zauber jener geheimnisvollen Wasserbläschen, die in so anheimelnder Weise auf den Genuß des duftigen Kaffees vorbereiten. Mit regstem Interesse folgte denn auch die Laken-Sophie dem appetitlichen Hantieren der behäbigen Wirtin, die den bräunlichen Trank in der stattlichen Kanne ansetzte, einschenkte, etliche Stücke wasserklaren Kristallzuckers hinzutat und die Milch präsentierte. Sophie Boß war keine Freundin vom langen Nötigen. Sie genierte sich überhaupt nicht so leicht, griff ordentlich zu und tauchte ein Bischüttchen nach dem anderen in die duftende Brühe. Herrje, wie das schmeckte! Sie geizte denn auch in keiner Hinsicht mit ihrem sonst so spärlichen Urteil im guten Sinne, schleckte und lobte, was das Zeug halten wollte. Es konnte daher auch kein Wunder nehmen, daß sie bei ihrer Arbeit nicht weiter der soeben erzählten Affäre gedachte, den Fingerhutshof und seine Insassen vergaß und bald ein Wäffelchen, bald ein knusperiges Bischüttchen hinter das schwarze und sorgfältig gefaltete Pelerinchen spedierte. Ne – so 'nen feinen Nachmittag hatte sie sich schon lange gewünscht, den konnte sie sich rot anstreichen in ihrem Sankt Bonifaziuskalender...! – und dazu summelte der Wasserkessel so äußerst genüglich, und die Kaffeetassen klapperten so heimlich auf den Untersetzern, daß es ihr ankam, als habe sie schon jetzt einen Vorgeschmack der paradiesischen Freuden, die sie allerdings erst nach ihrem gottwohlgefälligen Ableben gründlich zu durchkosten gedachte. »Surre, surre!« machte der Kessel. Madam Mömmes war allerdings auch bei der Sache, konnte sich aber noch immer nicht von dem Banne des Gehörten befreien; es saß ihr wie 'ne Kartoffel im Halse. Sie konnte sich nun einmal nicht helfen: trotz des warmen Kaffees rieselte es ihr eiskalt über den Rücken, sie wollte alles wissen, sie wollte Aufklärung haben – die dicke Kartoffel mußte herunter. Und als sie nun wahrnahm, daß die lange Sophie Anstalten machte, den achten Zwieback und die achte Waffel vom Teller zu fingern und in die volle Tasse zu tunken, da hatte sie die ihr obliegenden Pflichten als Wirtin vergessen – totaliter und bis auf den letzten Schnipsel vergessen. Mit einem kregelen Hopser war sie von ihrem Sitze gefahren, breitete alle Finger über die Leckertäten aus und meinte: »Einen Momang, Mamsell Sophie! – Bevor Sie nu weiter dem feinen Backwerk die außerordentliche Ehre antut, möchte ich mir denn doch noch so 'ne kleine Frage erlauben.« »Bitte,« sagte die Lange und legte das Kaffeelöffelchen, mit dem sie gerade in der Tasse herumrühren wollte, mit einer gewissen Ostentation neben den Teller. »Um tausend Gottes willen noch mal!« ging Frau Mömmes unentwegt auf ihr Ziel los, »Sie hat mir da allerdings 'ne große Litanei hergebetet, die äußerst pläsierlich sich anließ, un die ich nich kumpabel bin, sofort zu begreifen – aber nu sage Sie mal: was hat Sie denn selber mit die ganze Geschichte zu schaffen?« Die Laken-Sophie saß wie versteinert. «Ich?« fragte sie mit aufgerissenen Augen. »Ja, Sie,« meinte die Dicke. »Aber – nu höre Sie mal!« »Wieso denn?« »Madam Mömmes, ich dächte, das müßte Sie doch längst herausgefühlt haben.« »Mit keinem Fitzel,« war die ruhige Antwort. »Herr, Du mein Christus...!« »Mamsell Sophie, man sachte! – Man kann doch nich durch die Türplanken kucken; man is doch ein bischen scharnierlich; man weiß zwar ein wenig, wenn auch nich alles – un ich dächte, Sie wäre so halber mit dem Herrn Sekretarius Knippscheer versprochen.« »War ich,« sagte die Lange, »bin ich einmal gewesen,« und in tiefer Ergebenheit ließ sie ihre Hände sanft in den Schoß gleiten. »Na – un?« fragte die Dicke. »Madam Mömmes,« entgegnete die Nähterin verschleierten Blickes, als müßte sie den dichten Flor von einer bisher nicht erkannten Tatsache heben, »wenn's Frühjahr kommt, werden die Butterblumen auf den Wiesen lebendig, wenn's Sommer wird, dann dengeln die Bauern und werfen das Korn auf den Boden, im Herbst kriegen die Äpfel rote Backen und purzeln vom Baume, und im Winter dann fällt das leise vom Himmel, bis die Welt eingeschneit ist und den Herrn Jesus Christus erwartet.« Madam Mömmes nickte vor dieser abgrundtiefen Erkenntnis. »Und wie das in der Natur so Mode geworden, so ist das auch justemang im menschlichen Leben. Der Mensch will Abwechslung haben – und darum: ich hab' mich verändert.« »I, was!« erstaunte sich Lisbeth. »Ich will kein Spierchen, kein Titelchen gegen den Herrn Sekretarius Knippscheer sagen,« dozierte die Laken- Sophie aufs neue. »Er hat seine Stellung, seinen reputierlichen Namen, hat was prestiert in der Welt – aber ich kann Ansprüche machen.« »Das kann Sie,« gab Lisbeth zurück, »weiß Gott im Himmel, das kann Sie!« Ein dankbarer Blick kam ihr von der Langen entgegen, die sich abermals in ihrer ganzen Größe erhoben hatte. »Madam Mömmes,« begann sie, »es ist zwar schon überall schummrig geworden, aber noch immer helle genug, um mich gehörig bekucken zu können. Na, was meint Sie von meiner äußeren Ansicht? – Hä?! – dran kann sich schon ein Mannsmensch so richtig berauschen; das sieht man nicht immer!« und liebevoll strich sie über ihren spärlichen Busen und dann an der schlanken Taille herunter. »Und weiter – drauf kann ich ruhig vor dem Herrn Pastor bestehen: 'ne reine Jungfer bekommt der Zukünftige, rein wie die frischgewaschene Häkeldecke auf der Kommunionsbank in unserer heiligen Kirche. – Ne, ne, ne, Madam Mömmes, solche Jungfern, wie ich eine bin, sind rar geworden auf dieser sündhaften Erde!« »Stimmt schon, stimmt schon,« akkompagnierte die Dicke, »un da is Sie denn auf Gert Liffers verfallen, so kurzerhand auf Gert Liffers verfallen?« »I, Gott bewahre!« entrüstete sich die in ihrer Ehre Gekränkte, »umgekehrt ist hier Trumpf in der Karte. Im konträrigen Gegenteil, liebe Frau Mömmes! Er selber, um es richtig zu sagen, ist vorliegenden Falls das herzliebe und unschuldsvolle Karnickel gewesen; denn warum hat er sich gerade bei mir eingetan? – Warum ist er nicht anders untergekommen? – Warum grüßt er mich immer so lieb auf der Treppe und lobt meinen Kaffee, wenn ich ihm jeden Morgen mit meinem schwersilbernen Tablett ...« »Neusilber, Neusilber!« warf Lisbeth dazwischen. »Wollt' ich auch sagen – wenn ich ihm mit meinem neusilbernen Tablett unter die Augen begegne? – Je, warum, Madam Mömmes?« Der Beweis war erbracht; ihre Partnerin konnte nicht anders, sie klatschte die Hände zusammen und meinte: »Wenn das noch passierte, dann könnten wir ›Halleluja!‹ singen un ›Tauet Himmel dem Gerechten, Wolken regnet ihm herab!‹« und es fehlte nicht viel, dann hätte Lisbeth Mömmes noch einen regulären Walzer vom Stapel gelassen. Allein, wie das so häufiger vorkommt: die ausgelassene Lustigkeit der kompletten Dame sprang nicht auf die andere über. Die Laken-Sophie stand schwer in Gedanken, fingerte an ihrem Goldkreuz herum und sagte: »Das ist alles recht schön und stimmt auch – aber wenn ich doch nur so 'ne richtige Gewißheit hätte, so 'n Spierchen Gewißheit!« »Was will Sie haben?« »Gewißheit.« »Wenn's weiter nichts is!« triumphierte die Dicke. »Die krieg' ich heraus; wollen mal so'n bischen das Orakel befragen,« und noch bevor Sophie Boß sich mit ihrem Staunen abgefunden hatte, war ihre Freundin auch schon aus dem Zimmer verschwunden. Die Lange stand nun allein in der Stube. »Orakel?!« fragte sie mit umflorter Stimme. »Sie will das Orakel befragen?« »Ja!« ließ sich jemand in ihrer Nähe vernehmen. »Um Gott nicht – wer spricht da?« Keiner hatte gesprochen, nur der Wasserkessel rumorte und warf mit einem lauten Stöhnen den kupfernen Deckel zu Boden. Draußen wurden die Schatten immer länger und tiefer. Nur noch eine schwache Dämmerhelle drängte sich durch die unverhangenen Scheiben. Lisbeth war wieder ins Zimmer getreten und legte zwei Kartoffeln neben den Kessel. »Wollen erst Licht anmachen,« sagte sie leise, »das gehört zu's Orakel,« ging hin, setzte zwei Kerzen in Brand, stellte sie neben das Gipsbild des heiligen Aloysius von Gonzaga und begann damit, die beiden Kartoffeln zu schälen. Alsbald waren die bräunlichen Spiralen mit scharfem Messer gedrechselt. Diese nahm sie und bestieg einen Stuhl, den sie in die Mitte der Dielen gerückt hatte. Atemlos folgte Sophie Boß dem geheimnisvollen Treiben der Dicken. »Jetzt muß Sie an nichts denken, wie nur an Ihren Geliebten.« »Das tu' ich,« seufzte die Lange und legte ihre rechte Hand auf den Busen. »Is Sie so weit?« »Das bin ich.« »Na, denn also!« Wie eine dicke Unterpriesterin der Velleda, die einst in den Wäldern der Brukterer weissagte und das richtige Wort fand, thronte Frau Mömmes mit ihrem umfangreichen Untergestell auf den eingetrockneten Binsen, das spätere Geschick einer noch unbescholtenen Jungfrau in Gestalt von Kartoffelschalen in je einer Hand haltend. Allerdings muß gesagt werden, daß Velleda und ihre Gefährtinnen noch zu den heidnischen Göttern flehten, Mutter Mömmes jedoch zur christkatholischen Kirche gehörte und dementsprechend auch ihre Formel einrichten mußte. Sie sagte denn also: »Kartoffelschale zur Rechten – ich werfe Dir im Namen des Vaters, des Sohnes un des heiligen Geistes! – Eins, zwei, drei ...!« und da flog die Schale über die rechte Schulter und fiel klatschend zu Boden. Die Laken-Sophie wollte in ihrer Erregung schon zuspringen. »Halt!« schrie die Beschwörerin, »ich bin noch nich fertig.« Und wieder begann sie: »Kartoffelschale zur Linken – ich werfe Dir im Namen des Vaters, des Sohnes un des heiligen Geistes! – Eins, zwei, drei – Amen!« Wiederum klatschte die Schale zur Erde. Vom Stuhl springen, eine Kerze ergreifen, auf den Dielen 'rumleuchten und dann einen Freudenschrei ausstoßen – dieses folgte so schnell aufeinander wie purzelnde Kegel, wenn die Kugel in die richtige Gasse hineinfährt. »Mamsell Sophie, ich bitte Sie um tausend Gottes willen noch einmal! – hier die erste Schale ein ,G' – die zweite ein ,L' ... das bedeutet?! – Karauschen un Maibutter – das bedeutet: Gert Liffers – Gert Liffers . . .!« »Lisbeth, Lisbeth!« jubilierte die Lange, »heilige Lisbeth – Sie verdiente, wie Elias in einem feurigen Wagen gen Himmel zu fahren!« Und die beiden Schicksalsschwestern lagen sich gerührt in den Armen und weinten vor Freude. Und der heilige Aloysius von Gips hatte die Arme gebreitet, und der dickbauchige Wasserkessel surrte dazu und begann lustig auf seiner kupfernen Tülle zu blasen – und da draußen! – da hatte der liebe Gott das helle, klare Licht der Vernunft ausgepustet – für heute ausgepustet, denn die liebe Sonne war schon lange untergegangen. V Bilder Eine angenehme Kühle ging über die niederrheinische Stadt hin. Sie wehte von den nahegelegenen Wiesen und den spiegelglatten Wasserkolken herüber. Und dann: man wußte nicht, woher die plötzliche Stille kam, aber sie war da, sie schien so überraschend gekommen wie die Fledermäuse, die zuerst ohne jedes Geräusch den Armenhof und dann die alten Ziegelmauern des Rathauses umkreisten, sich drehten und schwenkten und nach fliegendem Nachtgetier durch die verschiedenen Straßen revierten. Durch die hohen Linden vor dem Hause des öffentlichen Notars Johann Peter Gerechtsam gaukelte noch das letzte Gelb des ersterbenden Abends. Lautlos rieselten die überständigen Blüten der Lindenbäume zu Boden. Unter ihnen überzog sich die Erde mit einer rahmweißen Decke. Die Luft war ruhig; kein Blatt hatte den Mut, auch nur in Flüsterlauten mit seinem Nachbar zu plaudern. – Eine stille, eigentümliche Wehmut, wie sie sich zu gewissen Zeiten mit der dortigen Landschaft verbindet, lag auch heute über der kleinen Stadt, die schon längst ihr Tagewerk abgetan hatte und nunmehr sich anschickte, friedlich und ruhig in die Schattenwelt des Traumes hinüberzuduseln. Es mochte gegen neun Uhr sein. Nur hin und wieder flämmelte ein Licht aus den geöffneten Fenstern. Die lauliche Frische hatte alle nach draußen gelockt – und nun saßen sie da: Handwerker und Ellenkrämer, Gastwirte und sonstige Leute, erzählten sich die Tagesneuigkeiten, politisierten, besprachen die Notlage, die unbedingt eintreten mußte, wenn das Projekt der Eisenbahnlinie zwischen Wesel und Boxtel nicht perfekt werden sollte, und schätzten den Verdienst ab, den sie im Laufe der heutigen Geschäftsstunden eingeheimst hatten. Die meisten saßen hemdärmelig, hatten ihre Tuchmützen nach hinten gerückt und ließen sich von dem Rauch ihrer Kalkpfeifen umspielen, – Auf der einen Schmalseite des Großen Marktes erhoben sich zwei stattliche Kugelakazien. Hinter ihnen duckte sich ein proper gehaltenes Häuschen. Seitwärts der doppelschlägigen Tür befand sich ein Auslegefenster. Hanfseile, zu dicken Würsten übereinander gerollt, Gurten aus Flachswerg, Sackband in allen nur möglichen Sorten, Bindfadenknäuel, Zugstränge und farbige Schnüre standen oder hingen einträchtig hinter den Scheiben, deren Breite kaum genügte, all' diese Dinge in die rechte Beleuchtung zu stellen. Eine brennende Petroleumlampe mit grünem Blechschirm schwebte über der geräumigen Theke, hinter welcher sich ein schon betagtes Männchen damit vergnügte, den tägigen Erlös des Geschäftes nach Münzsorten zu ordnen und diversen hölzernen Schalen einzuverleiben. Trotz seines Alters und der rotgrauen Haare, die den Hinterkopf nur spärlich und sardellenartig bedeckten, schob sich dennoch aus der bärtigen Halskrause ein recht pfiffiges Gesicht vor, das in seiner Verschlagenheit unwillkürlich an die Physiognomie eines Fuchses erinnerte. Es war Sommerzeit – allein, was wollte das für Krispinus van Bommel besagen?! – Die Hitze hatte allerdings nachgelassen; von fünfundzwanzig Grad im Schatten war das Thermometer auf achtzehn gefallen – und dennoch: Krispinus van Bommel fröstelte immer. In einen etwas schäbigen Wintermantel gehüllt, ließ er die fettigen Geldstücke durch die dünnen Finger gleiten, ordnete pflichtgemäß seine Silber-, Nickel- und Kupferbrigaden, hoppelte fröstelnd auf den Füßen herum und ließ die Münzen in die bereit gestellten Holzbecken hüpfen. »Een en twentig, twee en twentig, drie en twentig ...« zählte der Alte. Er schien heute mit einem guten Tag abgeschlossen zu haben, denn die Sache fluschte man so; die Arbeit wollte kein Ende nehmen, und immer selbstgefälliger ging ihm die Manipulation des Geldsortierens von den Fingern herunter. Man sah es ihm an: Krispinus van Bommel war bewandert in derlei Geschäften. »Acht en negentig, negen en negentig – hondert! – Stimmt!« sagte der Zähler, verschloß die Kasse und drehte die Petroleumlampe herunter; dann griff er nach seinem niedrigen Filzhut, blieb noch, bis der Docht mit einem ängstlichen Puffen verlöschte – und begab sich nach draußen. Mit seiner haspeligen Hand, die immer nach etwas zu tasten schien, zog er die niedrige Tür hinter sich zu, setzte sich auf die seitwärts der Schwelle stehende Holzbank und schlug die dürren Beinchen übereinander. Jenseits des gewalmten Rathausdaches zuckte in diesem Augenblick eine bläuliche Helle. Fast gleichzeitig leuchteten die gegenüberliegenden Häusergiebel an ihren höchsten Spitzen auf und ließen das auf ihnen haftende Licht immer tiefer herabgleiten. Von hier aus kroch es langsam über den Boden, spielte um Krispinus van Bommel und bedeckte schließlich den Marktplatz. Der einsame Mann schreckte unwillkürlich zusammen. Es kam ihm draußen so kalt vor. Was konnte man hier in der kühlen Nacht nicht alles bekommen: Schnupfen, Heufieber – und die verteufelte Grippe! – und er war doch nicht mehr wie in früheren Jahren, wo er als junger Mann auf der Reepschlägerei stand und so kräftig mit den starken Schiffstauen hantierte, daß die lustigen Weibsbilder sich höchlichst darüber verwunderten, was er für ein begehrenswerter und munterer Kerl sei. Damals hätte er nur zugreifen brauchen; an jedem Finger bammelte ihm so ein kerniges Weibsstück: rote und braune und solche, die Haare wie Roggenstroh hatten. Er scharwenzte auch mit ihnen herum, ließ auf Kirmes manch lustigen Heller springen, hatte auch sonst seine Heimlichkeiten, die niemand etwas angingen – aber heiraten, wirklich heiraten vor Standesbeamten und Pfarrer ...! – Krispinus hatte doch auch seine Bibel gelesen; er hielt es mit dem Apostel Paulus, der der Überlieferung gemäß ein äußerst vernünftiger Herr gewesen sein mußte, und dieserhalb meditierte er damals auch im Sinne desselben: »Ein angetrautes Weib schenkt Kinder und Flöhe, Kinder und Flöhe bringen Sorgen zuwege, und Sorgen machen den feinsten Beutel zunichte – also fort mit Trauring und Weib und Kaninchenstall!« – und dementsprechend hatte er auch gehandelt, hatte stets sein pfiffiges Fuchsgesicht aufgesetzt und war bis auf den heutigen Tag ledig geblieben. – Klar und deutlich trug die Stille des Abends die abgemessenen Schläge der Rathausuhr herüber. Dreimal holte der Klöppel zum Schlag aus. »Schon ein Viertel nach neun,« sagte der Alte, erhob sich, zog die Schöße seines Paletots enger zusammen und gedachte, wieder in seinen düsteren Hausflur zu schlüpfen, als er ein helles Lichtchen bemerkte, das etliche Schuh hoch über dem Pflaster schwebte und in schneller Gangart auf ihn zusteuerte. Ein markanter Schein tänzelte als Spitzenreiter über den Boden. »Das ist ja ...! – He, Freundchen! – Freundchen!« schrie der Alte mit seiner krähenden Stimme. »Ah, schönen guten Abend, Mynheer van Bommel!« rief ihm Petrus Nagel entgegen, bremste ein wenig und sprang dann mit einem kecken Salto mortale und seiner brennenden Pfefferrohrpfeife vom Fahrrad. »Zackerzucker – wohin denn so spät noch?!« »Nach Schweinem – so 'n kleines Karambolagepartiechen verlieren!« »He, Freundchen! – Freundchen! – bei Ihm scheinen auch die Taler nicht alle zu werden?!« »Dazu langt es noch immer; man kann doch die Speziestaler nicht knappen!« »Schlechte Zeiten, miserablichte Zeiten ...!« »Und dabei sitzt Er in der Wolle bis über die Ohren. – Immer das alte Lamento!« Der Spezereihändler war näher getreten. »So im Vertrauen, van Bommel: sei Er mit von der Partie. Sein Herr Neffe ist auch da.« »Der Barthes ...?!« »Natürlich – auch Knippscheer, der Herr Sekretarius Knippscheer will kommen! – Und wenn der Donnerjü zur Partie invitiert – dann geht das nicht anders: holla, Markör, 'ne Bouteille ›Schwart Water‹! – Hals muß sie geben.« »Auch zwei – auch drei!« krähte der Alte und rieb fröstelnd die Hände zusammen. »Also ...?« »Ich komme.« »Bong!« lachte der Spezereiwarenhändler, schwang sich wieder mit seinem Pfefferrohr in den Sattel und strampelte weiter. »Bis später!« rief er zurück. »Bis später,« sagte Krispinus und folgte langsamen Fußes dem eiligen Lichtschein, der hopsend die breite Kesselstraße entlang fuhr. Vor ihm lief sein eigner Schatten. Grinsend sah ihm der Mond nach. Er machte genau so ein Fuchsgesicht wie der einsame Schleicher. Die helle Rüböllaterne über dem Aushängeschild ›Zum goldenen Anker‹, in welchem Karl Schweinem schon seit vielen Jahren eine rentable Ausspannung und Wirtschaft betrieb, winkte aus der Ferne herüber. Vor der Tür hielt ein offenes Schäschen, vor dem ein Brabanter Rotschimmel geschirrt war. Als der Alte die Höhe der Wirtschaft erreicht hatte, klang ihm das eigentümliche Geketsche von Billardkugeln entgegen. Auch etliche laute Stimmen ließen sich in der ersten Etage vernehmen. Gleichzeitig machte das Schäschen mit dem Rotschimmel kehrt und ratterte in entgegengesetzter Richtung des Angekommenen vorwärts. Krispinus van Bommel kannte das leichte Gefährt. Es war seinem Neffen, dem Fingerhutshöfer, zu eigen. »Der Donnerjü ist schon da,« sagte er leichthin. »Gottverdomie! – prompt wie immer, wenn's drauf ankommt, 'ne Buddel mit Rotspon zu stechen. Schönen guten Abend, Herr Schweinem!« »Gleichfalls, Krispinus!« »Danke.« Schlenkerbeinig, mit einem goldgestickten Troddelmützchen angetan, dessen unterer Rand fast die Nasenwurzel berührte, unterm rechten Arm zwei Flaschen mit Rotwein, unterm linken dito, invitierte ihn der biedere Gastwirt näher zu treten. »As't üh belieft, Mynheer van Bommel – ich bitte nach oben. Sie warten schon alle.« »Freundchen! – Freundchen!« schrie Krispinus in seiner höchsten Fistelstimme, »er will wohl mit seinen Bouteillen zu's Ewaldi-Kegeln mit Hurra und Vivat?!« »Je, Mynheer van Bommel, wenn der Donnerjü vorfährt ...« »Supsack!« erklärte das verhutzelte Kerlchen, schüttelte beifällig mit dem Kopf und knarrte die ausgetretenen Treppenstiegen hinauf. Hinter der ersten Biegung verschwand er. Gleich darauf klang ein wüstes Lärmen von oben. »Vivat, Krispinus! – Vivat, Krispinus!« Eine Stimme wies eine besonders brutale Klangfärbung auf. Sie gehörte dem Donnerjü, dem Besitzer des Fingerhutshofes. Dann wurde oben die Tür zugeschlagen – und wiederum ketschten die Billardkugeln zusammen. – – – Schon eine Stunde vorher, als der Mond noch wie eine kaum sichtbare Scheibe am tiefen Himmel stand, war Gert Liffers nach Hause gekommen. Heute hatte er die verschiedenen Balkensiele in der Nähe der Gipkeskat und die unter die Gerechtsame der Deichverwaltung fallenden Wiesenkomplexe besichtigt. Das Gras stand prächtig und reifte mit überlangen Rispen und Ähren dem zweiten Schnitt entgegen. Er hoffte durch den Verkauf ein Erkleckliches für den städtischen Säckel herausdividieren zu können. Er überschlug dieses und jenes, machte Pläne für die Zukunft und, so in Gedanken befangen, ging er schließlich auf großen Umwegen dem stillen Garten zu, wo die dunkelgrünen Lebensbäume standen, und wo so viele ruhten, die er noch von Angesicht zu Angesicht gekannt haben mochte. Vor manchem Kreuz blieb er stehn und las die Inschriften, die alle zu entziffern ihm aber nicht mehr gelingen wollte. Regen und Schnee hatten gehörig aufgeräumt; viele Buchstaben waren verwaschen, und etliche vom morschen Holz gleichsam eingeschluckt worden. Vor einem Kreuz aber kniete er nieder und küßte die aus dem Senkel geratenen Scheite. Seit seiner Bestallung war er schon zum dritten Male an dieser Stätte gewesen. Seine Mutter hatte hier ihre letzte Ruhe gefunden. Er blieb länger als sonst, denn heute jährte sich der Tag, wo vor soundsoviel Jahren ihr liebes Herz nicht mehr wollte. Die Sonne stand bereits als blutrote Kugel jenseits des Friedhofs, da er aufstand und sinnend nach Hause ging. Seine Schuhe waren bestaubt, sein Geist war müde, und die Fledermäuse hatten schon längst ihre Flugkünste aufgenommen, als er dort ankam. Im Häuschen war's totenstill, so still wie unter dem Bahrtuch, denn die Laken-Sophie wartete im Armenhof noch immer auf den großen Moment, wo die dicke Lisbeth in einem feurigen Wagen wie Elias gen Himmel fahren sollte. – Träumerisch setzte sich Gert Liffers an das geöffnete Fenster, stützte den Kopf in die Hand und sah auf die dunklen Lindenkronen, die betäubend ihre warmen Düfte verstreuten. Eine narkotische Welle folgte der anderen. Das süße Arom drückte ihm die Augenlider nach unten. Er hatte das unbestimmte Gefühl dabei, als wenn ihm eine kühle Hand über Wangen und Stirn führe, als wenn ein Gazevorhang ganz allmählich niedersänke, der alles verschleierte und ihm die gegenwärtigen Dinge entrückte. Aber die Vergangenheit schlug die Augen auf – die Kinderaugen mit dem seligen Lächeln. Längst vergessene Bilder rangen sich aufwärts; sie wurden klarer und größer, selbst die subtilsten standen in Nadelschärfe vor seinen geistigen Blicken. Er sah sie nicht mehr mit seinen jetzigen Augen an. Sie kamen ihm anders vor, so ganz anders – aber das wußte er, so hatte er sie einmal früher, in seiner Jugend gesehen. Etliche davon waren ihm bereits vor wenigen Tagen auf dem Leedeich begegnet. Allein die meisten fehlten ihm damals; sie wollten nicht aus ihrem Versteck heraus und scheuten das Taglicht. Jetzt aber reihten sie sich wie Kettenschaken zusammen und zogen scharf umgrenzt an seiner Seele vorüber. Sie folgten sich wie die wechselnden Figuren in einem Kaleidoskop: heitere, traurige und solche, die lächelnden Mundes eine Träne zerdrückten. Auch in seinem Inneren hatte sich vieles geändert; er fühlte nicht mehr so, wie er noch vor wenigen Augenblicken gefühlt hatte – und er selber, die äußere Erscheinung, der ganze Mensch ... Er war nicht mehr der Deichgräf Gert Liffers von eben. Er kam sich so klein vor, so zwergig; er kroch förmlich in sich hinein, wurde hilflos und liebebedürftig und sah sich schließlich als Kind neben seiner Mutter stehn, die an einer Waschbütte hantierte und verloren den schwarzen Vögeln folgte, so über sie fortflogen, immer weiter und weiter, bis sie schließlich im sanften Duft des Abends wie schwache Punkte zergingen. Er liebte seine Mutter vor allen anderen Menschen, ja mehr wie den Schutzengel, der allabendlich vor seinem Bett stand, ihn beschützte und einschlafen ließ, denn sie gab ihm alles, was sie zu geben vermochte, allein Geduld und Gottvertrauen mußten öfters die frischen Brotschnitten und die warmen Decken ersetzen. Außer seiner Mutter stand ihm der Kiwi am nächsten. Wenn er nicht auf seiner schwarzen Schiefertafel herumkratzen mußte, war er zwischen den Wiesen, hörte zu, was ihm der Deichvogel erzählte, und sah die Kiebitze fliegen. Und der Kiwi sagte ihm auch, daß seine Mutter einmal so hübsch gewesen sei wie 'ne richtige Heilige. Als er sie daraufhin ansah, da fand er, daß sie, trotz ihres verhärmten Gesichtes, noch immer so schön war wie die Mutter Gottes in Sankt Nikolai. Sie hatte dieselben Augen und dieselben Goldflechten wie jene. Mit diesem beseligenden Gefühl in der Brust war er fast siebenjährig geworden, und da erfuhr er eines Tages vom Deichvogel, daß sich bei seiner Mutter eine Änderung anbahnen würde. Es waren nur geheimnisvolle Andeutungen, die darauf hinzielten, daß er es von jetzt an gut haben solle – besser denn früher. Freudestrahlend ging er nach Hause. Vor der Schwelle steckten bereits die Nachbarsleute die Köpfe zusammen, und als er hineinging, da stand der Küster Adam Rüttjes im Zimmer und tat so freundlich und vertraut mit ihm, als wäre das schon immer so gang und gäbe gewesen. Er kannte den Mann von der Kirche her, wenn dieser in seinem schwarzen Gehrock und dem schwarzen Stock, an den sich eine brennende Schnur befand, so äußerst feierlich und gemessen auf dem Hohen Chor einherstolzierte, um dort die schwindsüchtigen Flämmchen auf die langen Kerzenschäfte zu setzen. Der Mann hatte soviel Liebe im Herzen und soviel Geduld auf den Lippen – allein der kleine Gert konnte sich nicht helfen: ihm gefiel das Gesicht nicht, das so glatt wie 'ne Eierschale war, an die Farbe von Wachs erinnerte und nur an den Stellen, wo das Schermesser täglich seine Schärfe ausließ, in einer zartbläulichen Tönung erstrahlte. Bei vielen herrschte indes die Ansicht vor, daß der Herr Küster Rüttjes mehr wie passabel aussähe, sogar Anspruch machen könne, für einen hübschen Mann gehalten zu werden, der das Herz auf dem rechten Fleck trage und wahrhafte Frömmigkeit mit gerechter Strenge verknüpfe. Man sah ihn nie ohne Rosenkranz. Selbst auf seinen einsamen Spaziergängen trug er ihn bei sich. Auch heute war die Schnur um seine rechte Hand gewickelt, und als er sie ihm mit einem wohlwollenden Lächeln hinreichte, fühlte der kleine Gert die Pockholzkügelchen an seinen ängstlichen Fingern. Eine bange, beklommene Traumwelt hatte sich seiner bemächtigt. Er wußte nicht warum, merkte aber trotzdem heraus, daß sich etwas begeben habe oder noch begeben würde, das mit seinem Innersten in direktem Widerspruch stände. Er glaubte ein Stück seiner Mutter verlieren zu müssen; schließlich war es ihm so, als hätte er sie schon gänzlich verloren. »Wir wollen Freundschaft halten, mein Junge,« sagte Adam Rüttjes. Die Stimme suchte einen möglichst heiteren und vertrauenerweckenden Ton anzuschlagen. Es gelang ihr auch vollkommen, trotzdem sich etwas Fettiges, Salbungsvolles mit einmischte. »Und er wird nun Dein Vater werden,« sagte die Mutter, »und ich hoffe, daß Du ihm ein guter Sohn wirst und ihn lieb hast, wie Du es allzeit mit Deiner Mutter gehalten.« Der kleine Gert sah sie mit großen Augen an. Die Tränen standen ihm näher wie alles andere. »Das wird er schon,« bestätigte der Küster, »er wird fleißig lernen und die Gebote des Herrn befolgen, damit er so werde wie ich, ein Diener des Allerhöchsten, dem die große Gnade zuteil wurde, immer dort verweilen zu dürfen, wo ihn der Odem des lieben Gottes umfächelt. – Nicht wahr, meine teure Marie, so soll es werden,« und er legte sachte die Hand mit dem Rosenkranz um die noch immer schlanke Taille des kaum dreißigjährigen Weibes. »Adam, das gebe der Himmel!« sagte sie schüchtern und versuchte durch eine unauffällige Bewegung aus der Umarmung und dem Banne der Pockholzperlen zu kommen. Hierauf sprachen die beiden lange und flüsternd zusammen und bemerkten es nicht, daß der arme Gert hinausgegangen war und dann wie gescheucht über die Straße davonlief, dem Deich nach, immer weiter und weiter, bis er an das kleine Haus mit den hängenden Ziegeln kam, wo der Deichvogel wohnte. Wie konnte nur der fremde Mensch seine Mutter berühren! – Er sah das Gesicht des Küsters mit seinen glattrasierten Backen vor sich und die blutleeren Lippen mit all der Liebe und der fetten Gnade darauf ... Er wußte nicht mehr, was er sagte und wollte, aber das wußte er: an diesem Nachmittage hatte er sich bitterlich ausgeweint am Herzen des Kiwi – und die Schwalben hatten so traurig gezwitschert, so traurig und seltsam ... Etliche Wochen später saß der kleine Gert Liffers mit seiner Mutter im Küsterhause. Mit der Giebelfront ging es nach der Kirche hinaus, dem Hof zu aber besaß es ein Gärtchen, das mit dem des Schulmeisters Jakob Hemskerk zusammenstieß. Die Hochzeit hatte im Juli stattgefunden, ohne lange Präliminarien, ohne Reden und Festessen, nur so ganz in der Stille, denn die junge Frau hatte noch niemals ein Kränzlein getragen, sie durfte es nicht, weil ihrer Vergangenheit etwas Meltau anhaftete, und alle Leute waren des Lobes voll über Adam Rüttjes, der es in seiner christlichen Nächstenliebe vermocht hatte, eine ›Solche‹ vor den Altar Gottes zu führen und zu seinem Weibe zu machen. Ja, dieser Mann hatte die Sanftmut der Tauben und die Milde des Erlösers in Pachtung genommen – sonst wäre ja auch sein Verhalten ein Unding und nicht zu erklären gewesen. Sie bedachten allerdings nicht, daß die nunmehrige Frau Rüttjes noch immer Reize besaß, wie sie nicht häufig vorkommen bei Menschen ihres Standes und Schlages. Ob daran der brave Küster gedacht haben mochte?!– Kaum glaublich! – Adam Rüttjes, so erklärten die Leute, wollte weiter nichts, als eine christliche Folie für sein späteres Leben – und sie hatten zudem noch die Großmut, der armen Marie das ihr so unerwartet in den Schoß gefallene Glück wirklich und so von ganzem Herzen zu gönnen. – Nun hatte auch der kleine Gert einen Vater gefunden, nun stand ihm eine prächtige Zukunft offen, und er brauchte nicht mehr hungrig zu Bett zu gehn, wenn der Küster mit gefalteten Händen das Turmportal betrat, um den ›Engel des Herrn‹ zu läuten. Allein der kleine Gert dachte gar nicht an eine prächtige Zukunft; er brachte es nicht einmal über sich, seinem Vater freundlich zu kommen, sondern schauderte immer, wenn dieser das Zimmer betrat und mit frommen Augen über die schöne Gestalt seiner Frau langsam hinwegstrich, die gedrückt in der Ecke saß und zu allem ›Ja und Amen‹ sagte, was der Küster ihr vorhielt. – Mit heimlichem Grauen ging er stets an der kleinen Kammer vorüber, die sich rechts vom Flur befand und eine Art von Ladenlokal abgeben mußte, in welchem Dinge lagen und hingen, die eigentlich zu dem traurigen Pomp eines Begräbnisunternehmers gehörten. Neben seiner sprichwörtlichen Frömmigkeit besaß Adam Rüttjes nämlich auch noch eine äußerst praktische und merkantile Veranlagung, und er sah nicht ein, warum er diese ihm von Gott überkommene Befähigung nicht ausnutzen sollte. Auf diese Weise betrieb er denn noch, sozusagen im Nebenamt, ein lukratives Geschäft, das allerdings nur Kunden benutzten, die mit verweinten Augen kamen und gingen. Jedesmal, wenn die Tür zu diesem Ladenlokal aufstand, schreckte der kleine Gert unwillkürlich zusammen. Ein atembenehmender, warmer Geruch war mit diesem kleinen Raum verbunden. Es duftete nach schwarzem Krepp und Wachs und Tannenholz, untermischt mit den Ausdünstungen von Hobelspänen und Firnis. Und wenn er hineinsah ... Da hingen und lagen so eigentümliche Sachen. Mit ihrer Dochtspitze nach oben bammelten lange, bleiche Kerzen von der weißen Decke herunter. Im Fenster waren wächserne Füße und Hände zur Schau gestellt, die bei Gelegenheit als Opfergaben benutzt wurden, und Schächtelchen mit Trauerbroschen und helle Beschläge von Zinn, die zur Verzierung der Särge dienten, und sonstige Gegenstände, mit denen man die Toten schmückte, wenn sie aufgebahrt wurden: wie beinerne Kreuzchen, Rauschgold, Wachsperlen und anderweitige Flitter. Eine schmale Stellage nahm die Hinterwand ein. Dort lagen schwarze Tuchstücke für Kleider, weiße Leinenballen und florige Stoffe aufgehäuft, deren Zweck nicht fraglich erscheinen konnte – und seitwärts davon ... Adam Rüttjes hielt stets zwei von ihnen auf Lager, um für unvorhergesehene Fälle gerüstet zu sein und Auswahl zu haben. Ein dritter Sarg stand auf den beiden und paßte nur für ein Kind in mittleren Jahren. Gerade von ihnen ging der eigenartige und Atem benehmende, warme Geruch aus. Man konnte aber sagen, was man wollte – Adam Rüttjes war, außer seiner Eigenschaft als amtierender Küster, der beste Geschäftsmann. Der kleine Gert hatte oftmals Gelegenheit, dieses beobachten zu können. Er tat's nicht gern; ein eisiges Frieren lief ihm stets über den Rücken; er hätte gehen können, allein er blieb und sah mit heißen Augen in diese Pompefunèbrestimmung hinein, wo sein Vater mit den armen Menschen verhandelte und Geschäfte abschloß, die nur darauf hinausliefen, die notwendigsten und allerletzten Dinge für einen wegemüden Erdenpilger zu ordnen. Und er sah die geröteten Augen der Überlebenden, die salbungsvolle Tätigkeit seines Vaters, der nicht müde wurde, mit dem ehrbarsten und mitleidvollsten Gesicht von der Welt die schwarzen Stoffe vorzulegen, ihre Vorzüge und Preislage in die rechte Beleuchtung zu stellen und es sich nicht nehmen ließ, höchst eigenhändig den leichten Krepp über die kräftigen Formen von leidtragenden Mädchen und jungen Frauen zu spreiten, um auf diese Weise Muster und Breite sachlicher beurteilen zu können. Alle Nebengedanken lagen ihm selbstverständlich bei dieser Manipulation so fern wie dem frommen Feldhasen energische Angriffsgelüste. Er hatte nur den Schmerz und die reelle Bedienung seiner Kunden vor Augen und wich nicht um Fingersbreite von dem schmalen Gewissenspfad eines verehelichten und christkatholischen Mannes. Und dabei saß ihm das samtne Küsterkäppchen so unschuldig auf dem Hinterkopf, und die schweren Lider fielen nach unten, und auf dem schwammigen Gesicht mit den bleigrauen Rasierspuren, das so glatt wie ein Ei war, brachen dann helle Schweißtropfen hervor, die unwillkürlich an die ausgeschwitzten Tropfen von frischgefirnißten Sargbrettern erinnerten, wenn die heiße Mittagssonne drauf kochte. Trotz seiner tadellosen Wäsche und des blankrasierten Gesichtes schien er mit einer Sargatmosphäre behaftet, die auch dem ganzen Hauswesen anklebte, auf die Gemeinschaft des ehelichen Lebens einwirkte und die Seelenstimmung seiner nunmehrigen Frau sichtlich bedrückte, denn der kleine Gert fand sie oft, wie sie in einer verlorenen Ecke saß und leise vor sich hinweinte. – In dieser Verfassung und still zusammengekauert sah sie eines Tages der Küster. »Was hast Du, Marie?« fragte er sie mit seiner fettigen, aber ruhigen Stimme, indem er sich mit einem blaubedruckten Kattuntuch den Schweiß von der Stirn wischte. »Du hast es doch gut hier?« »Ich bin auch zufrieden,« meinte sie in ihrer geduldigen Wehrlosigkeit. »Aber der Junge ...« »Nun?« »Du wolltest ihm doch Deinen Namen geben, wie ich auch Deinen Namen trage – und das wolltest Du, Deinem Versprechen gemäß, sobald wie möglich nach unserer Trauung besorgen.« »Gewiß, aber mit diesem Versprechen war auch eine Klausel verknüpft, die diesbezüglich unbedingte Anerkennung der väterlichen Autorität anordnete, verbunden mit Fleiß und gutem Willen, auf daß mein ehrlicher Name ... Allein dieser widerspenstige Bankert ...« »Adam ...!« schrie das gequälte Weib auf. »Vergib mir, Marie,« sagte der Küster, »wenn ich in meiner Erregung den wundesten Fleck Deines Lebens berührte, allein unter christlichen Eheleuten muß alles so lauter und klar sein wie das geweihte Wasser im Tempel des Herrn.« Marie ließ weinend die Hände in den Schoß fallen. »Aber der Herr Schulmeister Hemskerk ...« sagte sie mit ängstlichem Flüstern. »Was soll Hemskerk?« fragte der Küster. »Ist doch zufrieden mit ihm,« wagte sie schüchtern vorzubringen. »Ich aber nicht,« entgegnete er mit aller Bestimmtheit. »Er taugt nicht.« Sie kannte den Ton nicht wieder. Alles Fettige und Salbungsvolle war aus seiner Stimme gewichen. »Du wirst schon recht haben – schon recht haben,« meinte sie zaghaft. »Marie, hegst Du etwa Zweifel an meiner Behauptung?« »Nein,« schüttelte das arme Weib mit dem Kopf. »Das ist mir lieb aus Deinem Munde zu hören, denn zweimal habe ich ihm bereits den Verkehr mit dem Kiwi verboten, und zweimal hat er es vorgezogen, diesem verwahrlosten Menschen zu geben, was seinem Vater gebührte.« »Adam, er ist noch so kindlich ...« »Um so besser für ihn,« warf der Küster dazwischen, »weil ich noch Hoffnung sehe, das junge Stämmchen gerade zu biegen, und daher: wagt er es zum dritten Male – das Bürschchen ...« Sie sah ihm starr ins Gesicht. Was war das?! – Sie hatte als Wäscherin des Sonntags immer in einer dickleibigen Schrift gelesen, die sich ›Das Leben der Heiligen‹ betitelte. In diesem Buch war viel von Henkersknechten die Rede. Sie kannte deren Züge, denn was ihr das gedruckte Wort nicht sagte, das hatte sie in den widerwärtigen Holzschnitten gefunden – und so etwas, was diesen Leuten anhaftete, glaubte sie, wenn auch nur für eine Gedankenschnelle, in den Blicken ihres Mannes von neuem entdeckt zu haben. Allerdings, sie konnte sich irren – und sie war noch mit ihrer entsetzlichen Angst und ihren Gedanken beschäftigt, als sich die Tür öffnete und ihr kleiner Junge hereinkam, rotwangig und mit leuchtenden Augen. Scheu wollte er an seinem Vater vorüber. Das Heitere in seinen Blicken verging, als er diesen bemerkt hatte. »Wo warst Du?« fragte der Küster mit lächelndem Munde. Er lächelte wie einer, der sich bewußt war, ein angesehenes und verantwortungsreiches Amt zu bekleiden. »Da draußen,« lautete die schüchterne Antwort. »Bei wem?« »Bei Ohm Kiwi.« »Gert, Gert, Gert, . .!« wimmerte in diesem Augenblick seine Mutter. »So!« meinte der Küster. Er hob seine schweren Lider; die Augen feuchteten sich und blickten auf die Straße hinaus, als wenn sie dort etwas zu suchen hätten. Er hatte also richtig vermutet. Allein seine Seele blieb heiter – heiter und duldsam. Das gehörte sich so, und er hatte seine innige Freude daran, daß er sich dieses würdige Zeugnis ausstellen durfte. Nur seine Gesichtsfarbe wechselte; sie ähnelte dem Kelch einer im Schatten gewachsenen Lilie. Adam Rüttjes Aussehn erinnerte an die Züge eines kevelaerschen Heiligenbildes. Es war die personifizierte Güte und Milde. Nur sein Weib dachte anders darüber; wider Willen mußte sie an die groben Holzschnitte denken – und da waren so infame Gesichter ... »Hm!« lächelte der Küster noch immer; er schien noch duldsamer, milder, wehleidiger denn vorhin geworden. Sein Antlitz glich nunmehr dem einer Nonne, nicht etwa dem eines Paters – nein, dem einer Nonne, die, unberührt von der Schlechtigkeit der Welt, fast ihr ganzes Leben hinter friedlichen Klostermauern verbracht hatte. Mit runden, gutmütigen Augen blickte er auf den kleinen, verschüchterten Jungen, der ängstlich an der Borte seines Kittels herumknabberte. »Hm! – Du bist also wieder bei Ohm Kiwi gewesen?« »Ja,« sagte der Knabe. »Und warum bist Du denn zu ihm gegangen?« »Weil ich das früher immer gedurft habe.« »So!« machte der Küster und verzog keine Miene in dem friedlichen Antlitz, das an die Ruhe des Kirchhofs gemahnte. »Mann, so komme doch, bitte, zu Rande!« kam es flehend von den bleichen Lippen des armen Weibes herunter. Adam Rüttjes schenkte ihr keine Aufmerksamkeit. »Und was erzählte der Mensch Dir?« wandte er sich wieder an den kleinen Verbrecher. »Er erzählte vom lieben Gott, den Kuckucksblumen und dem bangen Herz, das immer im Deich klopft.« »So – das erzählte der Mensch Dir! – Aber Du weißt doch, daß ich Dir verboten habe, ihn aufzusuchen und mit ihm zu sprechen?« »Ja,« sagte der Kleine. »Das weißt Du bestimmt?« »Ja – das weiß ich bestimmt.« »Und Du bist dennoch zu ihm gegangen?« »Ja – ich bin dennoch zu ihm gegangen.« »Warum denn?« Die Blicke Gerts huschten scheu in die Ecke; dort suchten sie etwas. »Nun?« fragte der Küster. »Weil er meine Mutter so lieb hat.« »So!« nickte der Mann mit dem Samtkäppchen. »Da siehst Du, Marie, was aus Deinem Pflänzchen geworden, was draus noch werden kann, wenn es nicht durch eine liebevolle Hand sorglich gestützt wird.« Gewiß, die gesprochenen Worte trieften von einem gütigen Herzen, und dennoch: sie kamen wie giftige Fliegenpilze ans Taglicht. »Allerhand Ungehörigkeiten,« ergänzte Adam Rüttjes mit Wärme, »die er seinerzeit auf sein Kerbholz genommen, hab' ich mit dem Mantel der Liebe umkleidet. Jetzt aber – Du wirst es mir doch zugeben, Marie – ist das Maß in empörender Weise übergelaufen, und Du wirst es nicht wollen, daß hier dieses Haus eine Wohnstätte der Immoralität werde. Er verdient Strafe – oder, Marie, bist Du anderer Meinung?« »Nein,« sagte die Ärmste mit geröteten Augen, »er verdient es,« und biß die Lippen zusammen. Über das würdige und feiste Gesicht ihres Gatten lief der Abglanz innerer Befriedigung und seelischer Freude. »So gestattest Du wohl, daß ich mich mit Deinem Jungen für einen Moment absentiere? – Komm, mein Söhnchen.« Die Frau war aufgestanden und sah ihn mit erstorbenen Blicken an. »Was willst Du tun, Adam?!« »Seine Seele läutern, Marie – aber nicht durch Schläge, weil diese mir ein unchristliches Erziehungsmittel bedeuten. – Junger Strick, wenn's gefällig ist – ich warte.« Scheu, flehend, bittend gingen die Augen des Kleinen nach seiner Mutter hinüber. Diese schüttelte weinend den Kopf. »Es ist gut für Dich,« sagte sie tonlos. »Gehe mit Deinem Vater; es gereicht Dir und Deinem späteren Leben zum Besten.« Heftig schluchzte sie auf. Noch einmal glitten die Blicke des küsterlichen Biedermannes über das dünne Waschkleid und die schöne Gestalt eines Weibes, dann verließ er mit dem kleinen Gert Liffers die Stube. Die Sonne stand schon tief am Himmel, als er das jenseits des Flures gelegene Ladenlokal betrat und die Tür hinter sich abriegelte. Der Küster schob das Samtkäppchen etwas nach rückwärts, zog ein Messer aus der Tasche und machte sich an zwei Wachslichtern zu schaffen. Fingerfertig drehte er von jedem ein Stümpfchen herunter und zwar derart, daß über je einer Wachsscheibe von kaum Oblatenstärke der Docht noch lustig emporragte. Die Brennzeit war somit nur für wenige Minuten berechnet. Die Sorgfalt, mit der er hierbei manipulierte und vorging, machte seinem abwägenden Geist alle Ehre; man sah es ihm an: das harmlose Spiel gefiel ihm, künstlich suchte er es in die Länge zu ziehen; sein Gesicht erheiterte sich, und eine infernalische Freude ... Ach, was! – der Mann hatte keine infernalische Freude, er hatte nur seine Schuldigkeit, seine verdammte Pflicht zu erfüllen, er hatte nur ein junges Menschenleben zu retten – und daher ... So! – endlich war er fertig geworden. Ängstlichen Auges sah ihm der kleine Gert zu. Er dachte dabei fortwährend an seine Mutter. Aber was machte der Vater – was wollte der Vater?! Das sollte jetzt kommen. »Strecke die Hände!« gebot ihm der Küster, »und ich sage Dir, Du niederträchtiger Bankert, wenn Du nicht still hältst, nicht ruhig bist, nur mit der Wimper zuckst ...« Mit einer herrischen Gebärde stieß der salbungsvolle Halunke die Hand aus und deutete auf eine der duftenden Totenladen: »Dort hinein kommst Du, schläfst Du, bleibst Du – wenn Du nicht still bist.« »Mutter ... !« wimmerte das Kind und brachte die Händchen zur Seite. »Höher! – So ist's richtig, mein Söhnchen!« und mit aller Gemütsruhe brachte der Küster die präparierten Stümpfchen an die richtige Stelle – je eines inmitten der Handflächen, zündete die Dochte an und begann eifrig zu beten. Monoton hallten die gesprochenen Worte durch den kleinen Raum, der so dumpf sich anließ und nach Krepp und gefirnißten Tannenbrettern roch. Die Flämmchen duckten sich immer tiefer und tiefer. Und Adam Rüttjes stand dabei mit seinen verwässerten Augen, mit seiner Engelsgeduld in der Seele und der großen Liebe im Herzen. Er dachte nur an das christliche Heil des verdorbenen Kindes und betete immer lauter und lauter. Die erste Minute war vorübergegangen. Atemlos horchte die gequälte Mutter, im Zimmer über den Flur fort, auf das asketische Stammeln. Sie konnte ihr Grausen nicht los werden. Die zweite Minute – die dritte Minute ... Jetzt schlug ihr ein unterdrückter Schrei entgegen, dem ein langes Wimmern folgte. Das war die Stimme ihres Kindes gewesen. Sie wollte hinausstürzen, besann sich aber und ging langsam hinaus. Das Weib soll dem Manne Untertan sein ... Das wußte sie, das mußte sie halten – und als sie hinauskam, da trat der Küster aus der gegenüberliegenden Stube. Er war friedlich, würdig, ruhig wie immer. »Ich danke Dir, Marie,« sagte er mit schwerherabhängenden Lidern, »daß Du mir kein Hindernis in den Weg gelegt hast, und hoffe zu Gott, er wird sich des kleinen Sünders erbarmen.« Hierauf nahm er den Schlüsselbund, der neben der Ladentür hing, ging ins Freie und pilgerte dem Turmportal der Kirche zu, auf seinem Wege die ihm begegnenden Leute in aller Feier begrüßend. Ruhig schloß er das schwere Portal auf, ruhig ergriff er ein Glockenseil und begann in aller Ruhe den ›Engel des Herrn‹ zu läuten. Allversöhnend, erlösend, feierlich, zu allen Menschen sprechend, hallte der sanfte Ton der Angelusglocke über die Stadt hin. – – – Was war das?! – Da mußte jemand ins Haus getreten sein! – Die Tür hatte geklinkt und war dann wieder mit ihrem eigenartigen Geräusch ins Schloß gefallen. Der Deichgräf rieb sich die Augen. Er mußte sich erst zurechtfinden und fand nun, daß er geträumt hatte, aber was er geträumt hatte, das war einmal wirklich geschehen. Noch lag ihm das Geläut in den Ohren, und er wähnte noch immer ... Die Laken-Sophie war von Lisbeth Mömmes gekommen. Gert Liffers sah in den Abend hinaus. Über die gegenüberliegenden Lindenkronen rieselten schwache, silberne Lichter. Sie nahmen stetig an Helligkeit zu. Und als er auf die Straße hinaussah, da mußte es ungefähr um die nämliche Zeit sein, wo Petrus Nagel mit Krispinus van Bommel verabredet hatte, ein Billardpartiechen im ›Goldenen Anker‹ in die Wege zu leiten. Es stimmte. Und das Mondlicht küßte die Lindenblüten – und die Lindenblüten dufteten stärker – und der Deichgräf saß noch immer am Fenster und war wieder ein kleiner Junge geworden. Und er sah sich im Magistergarten sitzen unter türkischen Bohnen – unter blühenden türkischen Bohnen. Und der Garten des Schulmeisters Hemskerk stieß an das Anwesen des Küsters. Gert hatte beide Händchen verbunden. »Tag, Gert ...!« rief eine fröhliche Stimme. Und da kam so ein niedliches Mädchen gesprungen mit dunklen Augen und dunklen Haarschwänzchen im Nacken. »Wo bist Du?« »Hier bin ich!« Und das Mädchen hieß Aleit.   Es war Sonntagnachmittag heute. Gert hatte sich in den Nachbargarten geschlichen, wo die Feuerbohnen blühten, und die Pfirsiche schon rote Backen bekamen. Dicht unter dem Magisterfenster schlug ein Buchfink, tiefer zwischen den Bäumen ein zweiter. In seiner Nähe erhob sich ein Teil der alten Stadtmauer, die an dieser Stelle das kleine Anwesen des Schulmeisters begrenzte. Jenseits floß ein langsames Wasser vorüber. Die nierenförmigen Blätter der Teichrose lagen auf der ruhigen Fläche und zwar so dicht aneinander gereiht, daß sie fast gänzlich den sonst so klaren Spiegel bedeckten. Ein leichter Brückensteg verband das schmale Türchen in der Stadtmauer mit dem jenseitigen Ufer. Von hier aus führte ein mit Erlengestrüpp bewachsener Pfad zu den Wiesen hinab, die sich fast unabsehbar erstreckten und ganz allmählich in den blauen Horizont übergingen. Großväterlich choralten die Frösche in dem ruhigen Wasser. So ein kleines Stückchen Poesie war in den Magistergarten gefallen. Die Centifolien hatten allerdings ihren Flor schon beiseite gelegt; dafür aber blühte der Phlox, und ein verschwenderischer Duft ging über die Nelkenrabatten. Verschläfert fummelten die Bienen darüber hin; wie aus weiter Ferne hallten die Vesperglocken herüber. »Da bist Du ja – Kuckuck!« »Da bin ich.« »Du wolltest doch gestern schon kommen?« »Ich konnte nicht, Aleit.« Das herzige Ding sah ihn erstaunt mit ihren großen Augen an, die so weich und dunkel waren wie die Frucht der Weichselkirsche. »Und Du bist auch gestern nicht in der Schule gewesen?« »Nein.« »Warum nicht?« »Weil ich nicht konnte – ich durfte nicht schreiben.« Jetzt bemerkte sie die verbundenen Händchen. »Was hast Du?« »Verbrannt.« »Oh!« machte die Kleine und streichelte sacht über die Handflächen ihres lieben Gefährten. »Am Feuer?« »Nein.« »Am Licht?« »Ja – es werden wohl Lichter gewesen sein.« »Tut's weh?« »Jetzt nicht mehr, Aleit.« »Was hat Deine Mutter gesagt?« »Die hat geweint.« »Wie lange?« »Die ganze Nacht hindurch.« »Und Dein Vater?« Er gab keine Antwort. »Nun?« fragte das Mädchen. »Das weiß ich selbst nicht mehr,« meinte er zögernd, dann schwieg er und schlug die Augen zu Boden. »Du willst es nicht sagen.« »Ich darf es nicht sagen.« »Warum nicht?« Er verzog das Gesicht zum Weinen. Helle Tropfen liefen über die Wangen. »Dir ist was angetan worden!« schluchzte die Kleine, nahm ihren Schürzenzipfel und wischte ihm die Tränen herunter. Hierauf schlang sie ihr rechtes Ärmchen um seinen Nacken und meinte: »Du darfst nicht weinen, denn wenn Du es tust, so muß ich auch weinen und immer dran denken. – Komm', Gert, wir wollen lieber an unserem Kaninchenstall bauen.« »Ich kann nicht bauen,« sagte er traurig und hob die Hände nach oben. »Dann wollen wir die Frösche bekucken,« Und sie gingen durch das kleine Tor in der Stadtmauer, betraten den schmalen Brückensteg und besahen die Frösche, die zwischen Wasserlinsen und den Blätter der Teichrosen saßen, mit den Glimmeräugelchen gen Himmel blinzelten und verwundert in die Welt hinausschauten deren Ferne so duftig dalag, als wäre der große Malermeister mit einem zarten Ton von Schmaltebläue darübergefahren. Und dann gingen die beiden Kinder in die Wiesen hinein, die fast sonntäglich aussahen. Die Gräser flüsterten leise zusammen. Es war ein träumerisches Rascheln und Plaudern. Dazwischen gurgelten die Wässerchen, die sich unsichtbar unter den Halmen verliefen. In einer silberlichten Weide saß der ›Schulte von Bülow.‹ Als die beiden näher kamen, wellte er sich, einem safrangelben, bedachtsam geworfenen Federball nicht unähnlich, dem nächsten Erlenbestande entgegen. Von hier aus ließ er seine flötende Stimme vernehmen. »Yo bülow! – Bier hol'n, aussaufen, mehr holen! – Yo bülow, yo bülow!« »Gileo – bülow!« antwortete ihm der kleine Gert, »gileo – bülow! – Wir kommen!« »Wer ruft da?« fragte das Mädchen. »Der Willewal.« »Den kenne ich auch,« entgegnete Aleit, »denn er ist so groß wie'n holländischer Kanarienvogel.« »Größer!« versetzte Gert Liffers, »und er baut sein Nest ganz anders wie die übrigen Vögel.« »Wieso denn?« »Das hängt kopfüber-kopfunter vom Baum und sieht aus wie der Klingelbeutel, den mein Vater in der Kirche 'rumträgt.« »Wer sagt das?« »Der Kiwi.« »Der weiß wohl alles – der Kiwi?« »Alles,« bestätigte Gert und rief wieder dem schmucken Pirol zu: »Gileo – bülow! – Wir kommen!« Und der Vogel antwortete ihm und jauchzte mit seiner Flötenstimme herüber: »Hast Du gesoffen – bezahl' auch, bezahl' auch! – Gileo – bülow!« »Hast Du's gehört?« »Ja,« sagte Aleit, »der pfeift ja so schön wie der alte Derkum, wenn er auf seiner Klarnette herumbläst!« und dann klatschte sie vor Luft in ihre patschigen Händchen, daß der goldgelbe Willewal auf- und davonflog. »Gileo – bülow!« klang es aus der schimmernden Ferne. »Da sitzt er!« meinte Gert, und die Kinder gingen ihm nach und sangen, wie sie durch die blühenden Halme marschierten, mit fröhlichen Stimmen: »Krumme – krane, Willewale, Welle met no England fahre; England – dat es afgeschlote, En de Schlötel afgebroke. Welle ene neue make, De sall segge: quieks!« »Gileo – bülow!« antwortete ihnen der prächtige Vogel – und so, von duftenden Halmen umweht und unter heiterem Singen, waren sie auf eine sanftabgedachte Höhe gekommen, von der sich verschiedene Sommerdeiche abzweigten und ins Niederwild zogen. Akelei und Zichorienstauden bedeckten den Boden »Hier ist's schön!« jubelte das Mädchen. »Jetzt kannst Du mir Pfeifchen aus Weidenholz machen.« »Das geht nicht mehr,« meinte Gert Liffers, »die Zeit ist herum, denn die Stöckchen haben schon längst den Saft unter der Rinde verloren.« »Dann hole mir Blumen; ich will Dir ein Kränzchen zurecht binden.« Und Gert tat, was ihm Aleit geheißen. Mit geschickten Händen flocht sie Akelei und die blauen Kelche der Zichorie zusammen – und ihr Gesichtchen glühte dabei, und die dunkelbraunen Zöpfchen standen ihr wie zwei gedrehte Schwänzchen im Nacken. Und Gottes liebe Sonne war bei den Kindern und küßte ihnen Stirn und Wangen und die glücklichen Augen, in denen sich das niederrheinische Land widerspiegelte mit all seinem Zauber, mit all seiner Wehmut und all seinen Bildern, die der nur versteht, dem hier die Mutter das Schlummerlied an der Wiege gesungen. Es war einmal – und es ist schon lange gewesen! – Und Gert streckte plötzlich die Händchen und meinte: »Aleit, da sieh' mal!« »Wo denn?« »Da unten – da kommt die ganze Arche-Noah gezogen!« »Ach, Du!« lachte die Kleine, »das sind Wolken, die überm Walde heraufziehn.« »Wenn auch,« erwiderte Gert, »aber die erste sieht aus wie 'ne Schlange, und die wie 'ne echte Giraffe, und die wie so 'n Brummbär ...« »Stimmt schon!« jauchzte Aleit. »Jetzt seh' ich's auch – und Gott Vater sitzt in den Wolken und blitzt mit den Augen.« »Nein,« belehrte sie Gert, »ich glaube, das wetterleuchtet da hinten.« »Dann komm' mit nach Hause,« graute sich Aleit und erhob sich vom Boden. »Brauchst keine Angst zu haben,« beruhigte sie ihr kleiner Beschützer, »das fängt erst an, wenn der Sandmann herumgeht.« »Gert, woher kommen die Wolken, die so donnern und blitzen?« »Aus dem Meere,« behauptete der Kleine mit aller Bestimmtheit. »Wer sagt das?« »Der Kiwi. – Und da will ich auch noch mal hin, denn der Deichvogel hat mir erzählt, daß sie da Dämme auswerfen, so groß wie die Kirche, und dem Wasser sagen: bis hier und nicht weiter. Und das gefällt mir an den Menschen in Holland – und das will ich auch einmal lernen.« »Du willst doch Küster werden.« »Ich werde kein Küster.« »Warum nicht? – Dein Vater sieht doch so schön und heilig aus, wenn er mit seinem Samtkäppchen vor dem Herrn Kaplan geht und klingelt, und er ist doch immer dabei, wenn sie einem Menschen, der sterben muß, die letzte Wegzehrung bringen.« »Das tut nichts. Ich kann keine Wachskerzen leiden; die brennen so eklig.« »Ist das alles?« »Nein, das ist noch nicht alles. – Bei einem Küster weinen immer die Leute.« »Auch Deine Mutter?« »Was willst Du denn werden?« »Deichgräf.« »Deichgräf willst Du werden?« »Ja, so 'n richtiger Deichgräf.« »Wer hat Dir das gesagt?« »Der Kiwi – weil ich Kurasch dazu hätte.« »Weil Du Kurasch hast?« »Ja – und dann will ich hinaus in die Welt, wo sie die großen Schiffe bauen und schwere Pfähle kopfüber ins Wasser hineintun; das nennen sie Rammwerk.« Der Kleinen war das Weinen näher gekommen. »Was soll aus mir denn werden?« fragte sie kleinlaut. »Ich nehme Dich mit mir.« »Als was denn?« »Meine Frau mußt Du werden. Ich habe mir das schon lange gedacht – so 'ne richtige Deichgräfenfrau und nicht die Frau eines Küsters, denn die müssen immerzu weinen. Und Du sollst doch nicht weinen.« »Du bist lieb,« sagte Aleit und zerpflückte ihr Kränzlein, »Willst Du?« fragte Gert Liffers. Große Tränen standen in ihren Augen. »Ich möchte schon gerne, aber Dein Vater und die anderen Menschen ...« »Laß die man kommen. Du mußt Kurasch auf mich haben.« Sie sah ihn mit weichen Blicken an. »Die hab' ich schon lange – sieh nur!« Und das reizende Dingelchen hob sich auf leichten Zehen, schloß die Augen und spitzte das Mäulchen. Und da war es ihm so, als wenn die Mutter Gottes bei ihm stände, die Arme breitete und ihm sagte, er solle nur Mut haben. Und ihr Krönchen flimmerte dabei in einem so milden Feuer, daß er nicht anders wähnte, denn es seien Sternchen vom Himmel gewesen. Und die kleine Aleit stand noch immer mit geschlossenen Augen. Da beugte er sich nieder und küßte sie innig. Über ihr schmales Gesichtchen lief ein seliges Lächeln. Es war so lieb und gut, daß der kleine Gert des Glaubens war, ein milder Regen von weißen Maßliebchen müßte drauf folgen. Aneinandergeschmiegt und in die blaue Luft hinaus ragten die beiden Kindergestalten. Schweigend standen sie lange beisammen. Zwei lichtblaue Falter gaukelten spielend über den Deich fort. Ein verlorener Ton klang aus der Ferne herüber. »Horch!« sagte Aleit, »es läutet.« »Wo denn?« »Da hinten – über Moyland fort,« sagte sie mit fliegendem Atem und deutete in Richtung der Gegend, wo ein dunkelblauer Waldkomplex den Horizont abgrenzte, und die Wolken sich bleigrau umsäumten. »Ich glaube,« fügte sie mit scheuer Betonung hinzu, »da heirathen welche.« »Das sind keine Glocken,« sagte Gert Liffers, »das kommt aus den Wolken, Sieh' nur, da leuchtet's schon wieder. – Jetzt warte.« Er zählte bis dreizehn, da begann abermals die Stimme in der Ferne zu sprechen. »Hörst Du?« »Ja,« flüsterte Aleit und schmiegte sich an ihn. Und sie küßten sich wieder ... Schatten gingen über die Erde. Ein schwüler Duft nach Blumen und vertrockneten Halmen machte sich ringsum bemerkbar. Die Schwalben nahmen einen niedrigen Flug an. Kein Laut war mehr, als aus der Tiefe das Murren, als das Gurgeln der Wiesenwasser in der nächsten Umgebung. Gert hatte zu unrecht geweissagt. Das Wetter kam näher und wartete nicht erst auf den Sandmann. Ein merkwürdiger Brodem braute herauf; die Gräser begannen ängstlich zu rascheln, und überm Wald fort spielte die Hand Gottes geisterhaft mit verhaltenen Blitzen. Und Schleier zogen über die Landschaft, und in ihnen vergingen die Kinder – und Tage und Monde ... Und Jahre waren vergangen – und während dieser Jahre war auch ein dichter Nebel gekommen, kalt, fröstelnd, von Rauhreif durchsetzt, der sich an den Bäumen verfing und in die Häuser hineinkroch. Nur hier und da schwelte ein Lichtschein durch die wogenden Massen, um wieder ins Nichts zu versinken. Nur wenige Sonnenblicke standen dazwischen; fast freudelos war Gert Liffers in all diesen Jahren gewesen. Der unselige Geist, der im Küsterhause umherging, erschien wie ein giftiger Hauch, und wäre nicht die Liebe zu Aleit gewesen, hätte er nicht seiner armen Mutter versprochen ... so vieles wäre anders gekommen, so ganz anders gekommen! Allein er bezwang sich und biß die Lippen zusammen. – Adam Rüttjes war derselbe geblieben. Er ließ zwar keine Kerzenstümpfchen mehr zur höheren Ehre Gottes und zur Läuterung einer bedrängten Seele verbrennen, allein seine sonstige Erziehungsmethode nahm ihren systematischen, leidenschaftslosen Verlauf, deren schäbige Gewissenhaftigkeit an die Kleinkunst eines schofelen Parterre- Akrobaten gemahnte. Mit krankhafter Resignation ließ Mutter Marie alles über sich ergehen. Die schwüle Sargatmosphäre und der weiche, atembenehmende Wachsduft hatten ihren Willen zu Boden gedrückt – und dazu das stetige und monotone Rascheln der Rosenkranzperlen ... Es war immer dasselbe, immer dasselbe...! – Und Gert?! – Sein vormaliges ›Ich‹, zu einem jungen Mann herangewachsen, fand sich wieder bei einem Schleusenmeister in Utrecht. Er hatte diese Stellung dem rechtzeitigen Eingreifen und der Fürsprache des Bürgermeisters und dem Dechanten seines Heimatsortes zu danken. Hier zwischen Wasser und Schleusenwerken wehte ihn eine gesunde, holländische Luft an. Alles sollte sich finden, wenn er seine Lehrzeit herum und seiner Militärpflicht genügt habe. Er dachte dabei an seine Mutter und Aleit. Die Lehrzeit verging, er mußte zur Fahne und wurde in ein Pionierbataillon im fernen Osten verschlagen. Und als er hinauszog, da sahen ihm beide verweinten Auges nach – und als er die Wirtschaft ›Zum goldenen Anker‹ passierte, da stand der junge Barthes van Laak, der bereits vor fünf Jahren zur Reserve entlassen wurde, am Fenster, sprang hinaus und flegelte ihm mit einer Flasche Rotspon entgegen: »Wie kommen die Soldaten in den Himmel, Kapitän und Leutenant? Auf einem weißen Schimmel, Da reiten die Soldaten in den Himmel, Kapitän, Leutenant, Fähnderich, Sergeant, Nimm das Mädel ... Prosit, Du Gelbschnabel! – Deine Liebste soll leben – soll leben ...!« Der junge Rekrut wollte vorüber. »Holla – Du willst nicht?! – Gottverdomie, Du willst ihr und mir nicht Bescheid tun?!« »Hier nicht und bei solchem Spektakel erst recht nicht.« »Holla – dann will ich ihr Bescheid tun. Prosit – die Aleit soll leben!« »Soll leben – soll leben ... !« klang es aus dem Munde seiner Kumpane, die sich inzwischen ans Fenster gedrängt hatten. »Stillgestanden vor der alten Reserve!« kommandierte Barthes van Laak mit trunkenen Augen. Aber Gert Liffers war seines Weges gegangen. Ein harter Speziestaler klingelte hinter ihm her. »Den nimm und verfriß man ... Was kriegen die Soldaten zu fressen, Kapitän und Leutenant? Hurra – die Aleit ...!« Das Wort ging ihm nach und ließ ihn nicht wieder. Er glaubte es im Weichselwasser zu sehn, als ihm die ersten Begriffe des Pontonierens beigebracht wurden, es klang ihm von den Kämpen herüber, wenn er auf einsamer Wacht stand und der Mond jenseits der Sankt Jakobskirche heraufstieg. Die Weichselniederung erinnerte ihn an so vieles und an die niederrheinische Landschaft. ›Hurra – die Aleit soll leben!‹ – Wie mit feurigen Buchstaben standen ihm diese Worte vor Augen – und als am Weihnachtsabend die Kasernenstube im Kerzenglanze aufleuchtete, war ein Brief von seiner Mutter gekommen. »Fröhliche Weihnacht, mein Junge! – So ist das im menschlichen Leben, Du beklagst Dich, daß Aleit so selten noch schriebe. Die armen Leute haben auch ihr Päckchen zu tragen. Daß es dem Schulmeister Hemskerk nicht gut ging, hast Du schon vor langem erfahren. Der kalte Wind, der jetzt so stur über den Deich bläst, hat das schwache Licht gänzlich ausgepustet. Ihm ist wohl; jetzt weiß der Mann doch, wie er daran ist. Gestern nachmittag wurde er dicht beim Kalvarienberge begraben. Der Kiwi ging auch mit. Sie, was die Frau ist, will mit ihrer Tochter Aleit wieder nach Wissel, von wo sie gebürtig. Für die Stadt langt's nicht. Außer seinem Tintenfaß und dem schönen Zylinder hat der selige Hemskerk fast nichts hinterlassen. Aber alle Leute wundern sich über den jungen Fingerhutshöfer. Man soll's nicht für die Menschenmöglichkeit halten: allein Barthes van Laak ist mehr wie anständig gewesen. Er hat ihr – was die Hinterbliebene ist – nämlich ein kleines Häuschen bei Wissel zur Verfügung gestellt, wo sie sich einlegen könne. Es gibt doch noch barmherzige Menschen auf Erden! – Die Tochter wollte zwar nicht, aber junge Mädchen sind öfters so komisch. Du siehst also, hier ist manches anders geworden, und wenn es Dir weh tun sollte, halte den Kopf nur aufrecht, mein Junge: es gibt noch andere Mädchen auf Erden, und der liebe Gott sorgt schon dafür, daß keiner zu kurz kommt. Auch ich hoffe auf ihn, glaube an ihn und wünsche mir bald, daß er mich so ganz still und ganz leise ...« Gert Liffers las nicht weiter. Alles schien vor seinen Blicken zu tanzen. Der Feldwebel aber schlug ihm auf die Schulter und sagte: »Nur keine Trübsal geblasen; ich und der Hauptmann machen ihm unser Kompliment. Geht's so weiter mit ihm, bekommt er die Tressen, und dann kann's ihm nicht mehr verschlagen im Leben. Also – Tritt gefaßt, niederrheinischer Jung, und verlaß er sich auf seinen Feldwebel Gottlieb Masurek.« »Postskriptum, mein Junge. Soeben war die Verwitwete hier und sagte, sie könne sich längstens um Johanni verändern. Es sei der Wunsch vom jungen Fingerhutshöfer. Du aber, gib Gott und Deinem König die Ehre. Ich bete für Dich, und wenn ich's hier nicht mehr kann, will ich's dort oben besorgen ...« Gert Liffers schlich hinaus in die Weihnacht ... Und dann war das Frühjahr gekommen – Frühjahr an der preußischen Weichsel! Nächtelang schlugen die Sprosser auf den verschwiegenen Kämpen. Noch einige Male hatte Aleit geschrieben, dann verstummte sie gänzlich. – Es war Sommer geworden. Eines Tages, bei Gelegenheit des Appells, hatte der Feldwebel Gottlieb Masurek sein dickes Notizbuch gezogen. Er blätterte drin herum. »Gefreiter Liffers!« «Hier!« »Vortreten!« »Es tut mir leid,« sagte der harte Mann. »Hier – 'ne offene Depesche. Ich und der Herr Hauptmann sagen unser innigstes Beileid. Urlaub genehmigt.« Und Gert Liffers reiste Tag und Nacht, und als er zu Hause ankam, da war schon alles erledigt. Der Küster hatte sein Bestes getan. Die schönste Lade war ihm kaum gut genug gewesen. Die dicksten Wachskerzen brannten um die stille Frau, die endlich ihren Himmel gefunden hatte. Noch niemals war sein Gesicht so glatt rasiert wie am heutigen Tage, und noch niemals hatte er so breite Trauerflore um Oberarm und Zylinder getragen. Prompt drei Uhr wurde Marie Rüttjes, geborene Liffers, zur letzten Ruhe geleitet. Am Fenster des kleinen Magisterhauses stand Aleit mit verweinten Augen. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und preßte ihr Taschentuch gegen die Lippen. Als sie Gerts ansichtig wurde, wandte sie sich ab. Etliche Möbel standen vor der Haustür; man sah, daß hier ausgeräumt wurde. Gert konnte keine Tränen mehr finden. Auf dem Kirchhof blühten Rosen und Sommerlevkojen. Ein dumpfes Gemurmel ging über die Stätte des Friedens. »Requiem aeternam dona ei, domine!« »Et lux perpetua luccat ei!« »Requiescat in pace!« »Amen!« Und ganz zuletzt, ganz hinten, hinter einem dichten Lebensbaum hatte Josias Spettmann, der Kiwi, gestanden. – – – Reserve hat Ruh! – Nach Jahr und Tag stand über Sankt Jakob eine prächtige Spätsommersonne. Die sonst so melancholische Weichsel hatte sich mit ihrem schönsten Farbenzauber bekleidet. Die Ufer lachten, und violblaue Lichter spielten auf dem ruhigen Wasser. Auf der Weichselbrücke war ein rühriges Leben. »Wer treu gedient hat seine Zeit, Dem sei ein volles Glas geweiht ...« Mit Sträußchen am Hut, die Feldflasche umgehängt und mit bebänderten Stöcken zogen die jungen Landsmannschaften nach Hause. Am Bahnhof entließ sie der Hauptmann. Unter ihnen befand sich auch Gert Liffers. An seiner schmucken Reservemontur glitzerten Schnüre und Tressen. »Ohne Ihnen komplimentieren zu wollen, junger Mann – Sie haben mir Spaß gemacht zu Wasser und zu Lande.« Der Feldwebel wischte sich eine Träne herunter. »Denken Sie zuweilen an mich; hab's gut mit Ihnen gemeint. Addio!« Und da stand nun Gottlieb Masurek und sah zu, wie der Militärtrain gen Westen polterte und die Weichselniederung entlang fuhr. Fern drüben, bei den roten Kiefernstämmen, tauchte er unter. »Aus!« sagte Gottlieb Masurek, strich den Schnurrbart und marschierte nach Hause. – Aber Gert Liffers – was sollte er noch in der früheren Heimat?! – Die kleine Magisterwohnung hatten andere Menschen bezogen, dem Küsterhause haftete noch immer der wärmliche Duft an, und der Fingerhutshof hatte inzwischen seine neue Herrin gefunden. Nachdem er das Nötigste erledigt, trug er sich mit Abschiedsgedanken. Beim Dechanten und Bürgermeister sprach er noch vor, schüttelte ihnen herzlich die Hand, dann schnürte er sein Bündel und stattete der Mutter seinen letzten Besuch ab. »Nun ist alles Glück dahin,« sagte er tonlos und begab sich zum Kiwi. »Ich muß es drüben verwinden, und wenn's geschehen, vielleicht sehen wir uns im Leben doch noch mal wieder ...« Im Fingerhutshof blinkten die Scheiben; die Abendsonne spielte darauf. Gert Liffers wandte sich ab. Große Tränen standen in seinen Blicken, Er gab dem Deichvogel die Hand und ging seines Weges. Alsbald querte er die Stelle, wo er als kleiner Junge mit Aleit an jenem Sommerabend gestanden. Die Wiesen lagen wie damals. Die Gräser raschelten wie in jener Stunde, da er ihr von der Arche-Noah erzählt hatte, von seinen Plänen und seiner späteren Zukunft. Akelei und Zichorienstauden blühten am Deichranft, und genau wie damals spielte der werdende Abend mit seinen geheimnisvollen Blitzen fern über dem Walde von Moyland ... Gert hätte aufschreien mögen. Nur schwer riß er sich von der Stätte, die ihm einst so teuer gewesen – und noch war. Mit großen Schritten ging er vorwärts und in die dämmernde Landschaft. Und dann ... Zehn lange Jahre blieb er in Holland zwischen Wasser und Schleusen. Er begann das Leben mit anderen Augen zu sehen. Die heimatliche Scholle schwand vor seinen Blicken in eine immer größer werdende Ferne. Sein Herz wurde ruhig, seine Gedanken bekamen ihr Gleichgewicht wieder. Nur wenn's Frühling wurde, wenn die Maßliebchen blühten und die Kiebitze flogen – dann war es ihm so, als hörte er den Deichvogel rufen. »Kiwi! – Kiwi! – Kiwi ...!« Es war der sehnsuchtsvolle Gruß aus der Heimat. Zehn lange Jahre! – Er glaubte seine alte Wunde vernarbt – und da war die ehrenvolle Berufung gekommen. – – – »Herr Gott noch mal ...!« Ein blendendes Licht fiel in seine Traumwelt hinein. Erschreckt fuhr er auf. Die Laken-Sophie war mit einer Lampe ins Zimmer getreten. »Heelmoijen Abend, Herr Deichgräf!« sagte die Jungfer, knickste und stellte das Licht auf die Platte des Zylinderbureaus. »Ah, Jungfer Boß!« meinte Gert Liffers. »Nehmen Sie's mir, bitte, nicht übel, Herr Deichgraf, aber ich dachte: er kann so doch den lieben, langen Abend im Düstern nicht sitzen.« »Ich danke Ihnen.« »Nichts zu danken, Herr Deichgraf. Aber was ich Ihnen immer schon sagen wollte: Sie müßten sich jetzt mal so 'n pläsierliches Leben vergönnen. Das sind Sie sich selber schuldig, Herr Deichgräf, denn meine Freundin die Lisbeth ... um Gott nicht, was sagt doch die Lisbeth?! – Jetzt hab' ich's! – die meinte: Sie machten immer so 'n traurig Gesicht. Und ich bin der nämlichen Ansicht und dächte: Sie sollten sich aufmuntern und sich noch so 'n ganz kleines Gläschen Bier im ›Goldenen Anker‹ erlauben. –- Das könnte nicht schaden.« Mit ihrem süßesten Lächeln war sie näher getreten. »Bitte, bitte – tun Sie's mir zuliebe, Herr Deichgräf!« »Bei Schweinem?« »Ja, bei Schweinem, Herr Deichgräf.« »'ne Idee! – Das bringt die Gedanken zusammen.« »Das tut es, das tut es ...!« akkompagnierte die Jungfer. »Wie spät schon?« »Es geht erst auf zehne, Herr Deichgräf.« »Na, denn ...« »Mir zu Gefallen, Herr Deichgräf?! – Ach, ne – wie der Herr Deichgräf doch lieb sind!« Mit einer dankbaren Bewegung versuchte die altmodische Person ihren eingefallenen Busen zu fassen. Und Gert Liffers ging noch in den Abend hinaus. »Adjüs denn, Herr Deichgräf!« Der stille Mondschein empfing ihn. Mit großen Augen sah Sophie ihm nach, dann seufzte sie aus tiefster Seele: »Wenn er's doch täte! – Mein Bett sei sein Bett, meine Kinder seien seine Kinder ... Ach, Du lieber Herr Jeses!« VI Wenn die Billardkugeln ketschen Über das schmuddelige Billardtuch im ›Goldenen Anker‹ rollierten die Kugeln. Das gelbe Licht einer mächtigen Hängelampe, deren breitausgefaserter Docht das Rübsenöl aus einem fettigen Glasbehälter aussog, spielte mit den elfenbeinernen Dingern, die lustig gegen die Banden sprangen und sich mit hellem Ketschen berührten. Ein kompakter Tabaksrauch quirlte nach oben, stieß an die niedrige Balkendecke und senkte sich talwärts, um behäbigen Fußes über die grüne Fläche des Billardtuches zu kriechen. Dem Tabaksduft gesellten sich die intensiven Gerüche nach Bier und Likören, unter denen sich der fuselige Gehalt des ›Ollen Klaren‹ besonders hervortat. In wasserhellen Flaschen äugelte er mit ähnlichen seines Gelichters vergnügt von den blauangestrichenen Brettern eines offenen Spindes herunter, über dem sich der markante Kopf des ersten Reichskanzlers von einem Postament aus Gipsmasse emporhob. Rechts und links von ihm hingen Porträts von Pio nono und Leo dem Dreizehnten, grobe Bilder in Öldruckmanier, die es aber verstanden, das Pontifikalische der beiden Kirchenfürsten gehörig in die Erscheinung treten zu lassen. Um Leos Mundwinkel schienen die Rhythmen und zarten Figuren einer neulateinischen Ode zu spielen, während ein himmlisches Lächeln die gutmütigen Züge des ehemaligen Grafen von Mastai-Feretti verschönte. Man sah es diesem Lächeln nicht an, daß sich hinter ihm der energische Wille des Heißsporns und des irdischen Vize-Gottes versteckte, in Kraft dessen und der Überzeugung von seiner göttlichen Sendung er sich stark genug wähnte, den unerbittlichen Kampf gegen die Staatsgewalt aufzunehmen und auf Leben und Tod zu verfechten – und zwischen diesen Männern, zwischen dem himmlisch-seligen Lächeln und den zarten Schwingungen einer neulateinischen Ode – Otto von Bismarck... ! – Mit gerunzelten Brauen folgte er dem Spiel des Donnerjüs, der sich anschickte, die letzten Bälle der ersten Partie gegen Petrus Nagel und den Notariatssekretär Sulpiz Knippscheer zum guten Abschluß zu bringen. Aufmerksam, die Hände in den Hosentaschen vergraben, stand Krispinus van Bommel seitwärts des Billards, während der Kiwi an einem Ecktisch der Wirtsstube hockte und, den Kopf auf beide Hände gestützt, jede Karambolage durch unartikulierte Laute glossierte. Nur einmal in der Woche gönnte er sich sein Gläschen Dünnbier bei Schweinem, denn er mußte doch wissen, wie's in der Welt aussah, was das ›Niederrheinische Kreisblatt‹ erzählte, und wie die Kornpreise standen. Für heute hatte er sich in seinem konfusen Schädel ein umfassendes Urteil gebildet. Den irdenen Pfeifenstummel in eine Ecke des Mundes geschoben und die Holzschuhe nebeneinander gestellt, sah er von jetzt an dem Spiel zu. Wiederum hatte der Donnerjü eine glückliche Karambolage vollendet. »Noch vier Bälle, und Ihr habt die Zeche verloren!« schrie er aus vollem Halse. »Na, dann aber – prosit, Ihr Bauern!« Bevor er jedoch den Stoß riskierte, sondierte er die Gesichtszüge des Herrn Notariatssekretärs mit einem triumphierenden Lächeln. »Na, Kousin, hat er auch ›Puttputt‹ in der Tasche?« lachte der Fingerhutshöfer, indem er die Manipulation des Geldzählens auf dem Billardtuch exekutierte, »denn ohne dasselbigte kommt er mir heute nicht nach Hause. – Achtung, die Herren!« Dem Herrn Notariatssekretär Knippscheer sank das Herz eine ganze Etage nach unten. Über sein hageres und finnenblütiges Gesicht lief ein wehmütiger Abglanz, denn mit den letzten Stößen, die dem Gegner noch zukamen, standen Hausse und Baisse seines Bügelportemonnaies in engster Verbindung. Ging die Serie glatt hintereinander durch, waren vier Flaschen Bordeaux, jede zu 'nem harten Taler, fällig geworden, und wenn er auch mit seinem Mitkomparenten Petrus Nagel Halbpart machen konnte, für einen Mann seines Zeichens und Standes bedeuteten zwei Speziestaler ein kleines Vermögen; und so stand er denn da, auf sein Billardkö gelehnt – der lange Mensch mit dem widerwilligen Haar, dem beweglichen Adamsapfel am endlosen Halse und der tiefgrünen Ärmelstauche, die er zur Schonung seines an und für sich schon fadenscheinigen Rockes noch über den rechten Unterarm geschoben hatte, und wartete in nicht geringer Aufregung der kommenden Dinge. Der Herr Sekretarius Knippscheer war überhaupt einer der merkwürdigsten Kostgänger, die unter der Sonne des lieben Herrgotts gediehen. Von Natur ängstlich veranlagt, ungelenk und schwerfällig in jeder Bewegung, liebte er es dennoch, sich eine selbstgefällige und weihevolle Pose zu geben, wenn er es mit Leuten zu tun hatte, die entweder unter seinem Bildungsgrade standen oder sich genötigt sahen, in irgend einer verfänglichen Frage seine Winkelkonsulentenveranlagung in Anspruch zu nehmen. Den äußeren Menschen, die Redensarten und juristischen Floskeln hatte er seinem Gönner und Brotherrn glücklich abgelauscht, war aber von dessen Geist und Seelengröße so weit entfernt, wie der Paßgang eines Wüstenschiffes von dem zierlichen Kurbettieren eines Graditzer Pferdes. Hierzu kam noch eine übertriebene Sucht, seine sonn- und werktägliche Garderobe wie ein Kind zu verhätscheln. Gewiß, sein Gehalt ging nicht in die Tausende hinein, es hielt sich vielmehr in sehr bescheidenen Grenzen, Grund genug, Ausgaben und Einnahmen in sachlicher Weise balanzieren zu lassen – allein seine hierüber aufgestellten und peinlich durchgeführten Grundsätze überstiegen doch das Maß aller Begriffe. Vornehmlich hielt er die unteren Bekleidungsstücke für besonders pflege- und schonungsbedürftig. Er liebte sie, wie etwa ein kleiner Knabe seine Angorakaninchen. Befand er sich beispielsweise zwischen seinen vier Pfählen, so betrachtete er die rückwärts gelegene Klappe als Fallreep, ließ sie vor dem Sitzen herunter, um auf diese Manier den hinteren Boden vor dem verderblichen Einfluß der Rohr- und Binsensitze zu schützen, ein Verfahren allerdings, das er des äußeren Dekorums wegen nicht allerwärts handhaben durfte. Hier wurde anderweitig Hilfe geschaffen. Saß er vor seinen Aktenfaszikeln, so schob er stets einen frischen Papierbogen zwischen Hose und Drehstuhl, in der Kneipe tat irgend ein Zeitungsblatt die nämlichen Dienste, und hatte er sich mit dem lieben Gott zu besprechen, praktizierte er allezeit sein schwarzbedrucktes, rotbaumwollenes Schnupftuch unter die Stelle, der im gewöhnlichen Leben die Aufgabe zufällt, den ermatteten Körper in angenehmer und bequemer Haltung rasten und ruhen zu lassen. Dieser Eigentümlichkeit wegen hatte er sich mit dem Zunamen eines ›Geheimen Hosenrates‹ abfinden müssen, eine Titulatur, die er allerdings lieber mit derjenigen eines Geheimen Justizrates vertauscht hätte, wenn er sich auch nolens volens mit der ersteren Fassung begnügte, zumal seine Freunde und näheren Bekannten das Hosenartige strichen und ihn kurzerhand mit der gefälligeren und nobleren Bezeichnung ›Herr Geheimrat‹ beehrten. – Also der Herr Geheimrat stand auf sein Billardkö gelehnt und sah verschleierten Auges über die spangrüne Fläche, auf der die letzten Bälle ausgekämpft werden sollten. Die Situation lag verteufelt günstig für den reichen Fingerhutshöfer. Selbstgefällig wiegte sich der kurzatmige Mann mit dem Stiernacken und dem faltenlosen Bordeauxgesicht in den stattlichen Hüften. Sichtlich erfreut, weidete er sein Herz an der jämmerlichen Verfassung seines zweiten Gegenspielers. Mit einer kurzen Handbewegung schnellte er seinen martialischen Schnurrbart nach aufwärts und schlug mit dem Billardkö einen flirrenden Lufthieb. »Also – zum Ersten!« Der Donnerjü klappte zurück. »Freundchen! – Freundchen ...!« wunderte sich Krispinus van Bommel. »Bong!« sagte Petrus Nagel, der, trotzdem er mit dem Sekretarius Knippscheer gegen Barthes van Laak in Partie stand, nicht umhin konnte, den tadellosen Klappstoß seine Achtung zu zollen. »Prosit, Ihr Bauern!« lachte der Donnerjü und brikulierte zum andern die Bälle proper und ohne Federlesens von der rechten Bandagenseite herunter. »Freundchen! – Freundchen ... !« machte Krispinus. »Ich ...!« triumphierte der Spieler. »Prosit, Ihr Bauern! – so karamboliert der Fingerhutshöfer!« Der arme Geheimrat glaubte in den Boden zu sinken und wähnte bereits sein Portemonnaie mit der galoppierenden Schwindsucht behaftet, eine Voraussetzung, die der Wirklichkeit nah war, denn Barthes van Laak hatte in diesem Augenblick einen ›Quetscher‹ auf den Tisch des Hauses gelegt, daß ein anerkennendes »Donnerknippchen!« dieses Bravourstück unwillkürlich ergänzte. Die Bewunderung war eine allgemeine gewesen. Nur der Herr Geheimrat hatte geschwiegen. Lethargisch stierte er auf die rollenden Bälle. Er fühlte es, er sah es mit zuckenden Lippen: noch ein solches Stößchen – und zwei Speziestaler hatten an diesem Abend ihr beklagenswertes Jena gefunden. Er wußte es selber nicht, allein er war kreidebleich wie die Gipsbüste des eisernen Kanzlers geworden. Nur mit knapper Not konnte er sich in den fadenscheinigen Beinkleidern halten. Wiederum strich der Donnerjü den martialischen Schnurrbart nach aufwärts. »Das letzte Stößchen!« meldete der stiernackige Grund- und Wiesenbesitzer. »Achtung, die Herren – jetzt wird Vivat geschossen!« und mit einem schadenfrohen Seitenblick auf Sulpiz befahl er dem Schankwirt: »Los mit's Gift – vier Bouteillen ›Schwart Water‹! – die Herren bezahlen's!« Eine erwartungsvolle Stille ging um. Der große Moment prägte sich allen Gesichtern auf. Selbst der Kiwi erhob sich und war mit einem grunzelnden »Oha!« näher getreten. Siegesgewiß hatte sich der Donnerjü über das Billard gelümmelt. Er mußte sich strecken. Die Bälle lagen seiner Körperverfassung zu Ungunst. Er schob sich weiter nach vorwärts. »Halt!« wimmerte in diesem Augenblick der Herr Notariatssekretär Knippscheer. Der Donnerjü prallte zurück. »Gottverdomie, was soll's denn?!« »Sie spielen contra leges !« war die ängstliche Antwort. »Was – contra leges ?!« schrie ihn Barthes van Laak mit blaurotem Gesicht an. »Herr Geheimer, Sie sind wohl des Satans geworden!« »Recht hat er!« warf Petrus Nagel dazwischen. »Freundchen! – Freundchen!« legte sich Krispinus van Bommel mit seiner krähenden Stimme ins Mittel, »mit einem Fuß muß er den Boden berühren; sonst gilt's nicht.« Knippscheer reckte sich auf. Die unerwartete Hilfe war ihm gelegen. Der Adamsapfel kam in eine nervöse Bewegung, und der sonst so ängstliche Mann warf sich in Harnisch. »Die fides publica verlangt 'nen Fuß auf dem Boden!« warf er sich stolz in die Bresche, »und ich spiele nicht mit solchen, qui non possunt discernere functiones spielerorum de functionibus mogelandorum. Strictum jus für uns alle! Entweder Fuß auf den Boden, oder das Stößchen ist für gar nichts gewesen. Actum ut supra !« Dabei streckte er den Arm mit der schwarzgrünen Ärmelstauche so kategorisch über das Billard, als sei er berufen, ein drohendes Unheil von der friedlich unter der Hängelampe ruhenden Fläche zu scheuchen. »Na, denn, Ihr Viechskerle ... !« wetterte der Donnerjü und versuchte die indirekte Karambolage nach aller Vorschrift zu machen. »Letzter Point!« prophezeite er mit wütenden Blicken, legte sich vor und brachte das Kö in Bewegung – aber: jawoll und daneben gehauen! – an Stelle des gewollten Effektstoßes brachte er nur einen hundsgemeinen ›Kickser‹ zustande. »Gott verdammt noch einmal ...!« »Zackerzucker, Herr Neffe – da hat er daneben geschossen!« meinte Krispinus van Bommel. »Da muß man nicht, da soll man nicht aus der Fassung geraten, wo so'n dämlicher Hosengeheimrat ...! – Viechskerle seid Ihr!« »Sind wir, sind wir!« jubilierte Petrus Nagel, »aber er hat sich 'nen Kickser geleistet, 'nen Kickser geleistet ...!« und dabei sprang der lustige Spezereiwarenhändler mit dem ehernen Leichenbittergesicht so vergnügt um das Billard herum, daß er mit seinem hechtgrauen Flausrock, dem ein intensiver Geruch nach Zichorienkaffee, Gewürznelken und Süßholz anhaftete, das ganze Wirtschaftslokal durchräucherte. Dabei stand seine Tolle auf Vivat, die lustigen Beinchen kapriolten wie närrisch, und fröhliche Kräusel entstiegen dem Porzellankopf der Pfeife, als sei sie verpflichtet, von wegen glücklicher Wendung der Dinge, eine dankbare Weihrauchwolke gen Himmel dampfen zu lassen. Wohlgemerkt, das Gesicht hatte keinen Anteil an dieser Jubelouvertüre. Es blieb kalt, ehern, steinern, gefühllos wie immer. Dafür aber schrie sein Inhaber mit einem Heidenspektakel und unter stetigem Tanzen: »Er hat sich 'nen Kickser geleistet – der Donnerjü hat sich 'nen ekligen Kickser geleistet ...!« »Das ist nicht contrà leges ,« warf Herr Knippscheer sarkastisch dazwischen. »Genau derselbigten Meinung, derselbigten Meinung!« akkompagnierte der Spezereiwarenhändler, schottischte weiter und ließ seine Rauchwölkchen steigen. Das mußte nun doch den Donnerjü ärgern und ihm empfindlich in die Hochmutskiste hineingehn. Das tat's auch, denn er stampfte wie ein Mongolenhäuptling mit seinen Transtiefeln auf und schrie dem Tanzmeister entgegen: »Gottverdomie! – halten Sie ein mit Ihrem verfluchten Getanze. Entweder – oder! – jetzt sind Sie an der Reihe. Ich vertrage keine langen Fisematenten!« »Bong!« sagte Petrus Nagel, tänzelte dem Billard zu, billardierte aber in seiner entschuldbaren Aufregung glücklich daneben. »Au!« machte der Kiwi. »Unschuldsvoller Knabe – Sie Zichorienherzog!« hohnlachte Barthes und legte dem Verdutzten mit jovialem Lachen die Hand auf die Schulter: »So man immer weiter im Texte. – Herr Geheimrat, ich bitte.« » Ad exercitium nostrum ,« meditierte der Schreiber und versuchte mit einem Lächeln, das auf die Bezeichnung ›dulcamare-bittersüß‹ Anspruch erheben konnte, die Gefechtslage zu klären. Scharf fixierte er die zu treffenden Bälle, ging in die Kniebeuge, visierte noch einmal, um schließlich nach langer Erwägung, und nachdem er die verschiedensten Dessins in Gedanken durchchargiert hatte, die bündige Erklärung abzugeben: » In dubio – ich habe mich für das Doublieren entschieden.« »Denn man zu,« sagte Barthes van Laak und begann ungeduldig zu pfeifen. »Keine Störung,« meinte der Schreiber, »ich müßte sonst auch dieses Verhalten als contra leges erklären.« »Schuß!« mahnte der Fingerhutshöfer, »sonst verschalen die Pullen.« Der Geheimrat hatte gestoßen. »Freundchen! – Freundchen ...!« krähte Krispinus. Der Spielball war in die Irre gegangen. »Der kann seine Kollegen nicht finden!« lachte der Spezereiwarenhändler und exekutierte wieder seinen Pfeifen- und Indianertanz mit allen Schikanen. Dieses Mal aber war's ein wehleidiges Tanzen. »Rrrrrrr!« ahmte der Donnerjü dem ausgerissenen Ball nach, »der hoppelt ja 'rum wie'n drehkranker Hammel. Jetzt wird Schicht gemacht, aber Oho! und mit allen Klarnetten. Prosit, Ihr Bauern!« und mit einem piekfeinen Kopfstoß brachte er die drangsalvolle Situation in seinem Interesse zu einem glücklichen Ende. »Partie!« rief er lachend, daß die gesunden Zähne blank wurden, warf den Stiernacken zurück und salutierte mit dem Billardkö vor der Gegenpartei. »So spielt der Fingerhutshöfer!« trumpfte er auf. »Mach's ihm einer nach zwischen Wissel und Xanten!« »Höhöhöhö!« grinste der Kiwi. »Wer lacht da?« »Barthes, ich habe mir die Ehre genommen.« »Was so Viechskerle sich alles nicht nehmen!« »Oha!« grinste der Kiwi, »aber ich weiß wen, der billardiert und kartet Dir über.« »Na, wer denn?« »Das Wasser.« »Und wo denn?« »Am Leeloch.« »Das weißt Du?« »Das weiß ich. Da sind meine Katzen versoffen, da rummelt und kloppt das und karamboliert Dir eines Tages Hof und Scheuer und alles, was Dein ist, von der Pläne herunter.« »Unsinn!« »Fingerhutshöfer, das will ich auf die Bibel beschwören – auf das Buch, das ich dem Neu-Luisendörfer unter die Nase gehalten. Aber der wollte nicht schwören – und mußte doch schwören.« »Die alte Geschichte!« »Wenn auch – aber das mit dem Leeloch ist auch 'ne alte Geschichte. Da muß ein Kunträrdeich hindurch, und wenn Ihr nicht hört, kriegt Ihr eines Tages das Wasser, und alles wird rungeniert und zertöppert.« »Wer sagt das?« Der Deichvogel reckte sich auf. Mit der Hand fuhr er sich ungelenk über die eisgrauen Haare. »Ich und der Deichgräf.« »Äh!« machte der Fingerhutshöfer, »immer wieder der Deichgräf! – Gestern ist mir der Kerl schon begegnet – hochfahrig, langnäsig wie immer. Wäre besser geblieben, von wo er gekommen – da hinten in Holland. Aber das sag' ich Euch allen,« und er begann ungebärdig mit der Rechten zu schütteln, »versucht er wieder auf seinem verliebten Klimperkasten zu spielen – 'ne Bouteille mit Rotspon ...« Er schluckte die letzten Worte herunter. »Freundchen! – Freundchen ...!« »Du solltest Frieden machen, Fingerhutshöfer!« rief Josias Spettmann dazwischen. »Kiwi – Frieden mit dem da?! – Lieber Chausseesteine fressen.« »Aber das Wasser – das nimmt Dir mal die ganze Pläne herunter!« »Döskopp! – Blökt man, Ihr beiden! – Das zählt nicht mehr und gilt nicht mehr, als wenn ein paar Kühe herübergebrüllt hätten. Narren seid Ihr alle zwei beide!« »Narren?!« prallte der Kiwi zurück. Beide Arme hatte er nach oben geworfen, »Barthes!« rief er mit blitzenden Augen, »wer zu seinem Bruder Du Narr sagt ...« »Fertig!« kommandierte der Donnerjü. »Ich lasse mir meinen fidelen Gusto nicht stören, denn fidel bin ich heute. Fidelität macht nobel – und nobel bin ich immer gewesen.« »Freundchen! – das bist Du, das bist Du,« bestätigte Krispinus van Bommel. » Videant consules !« rief der Geheimrat. »Was heißt das?« »Wir regardieren die Sache,« lautete die prompte Erklärung. »Bong!« meinte der Spezereiwarenhändler, ohne mit der Miene zu zucken. »Viechskerle seid Ihr!« lachte der Donnerjü mit brutaler Stimme dazwischen, »aber dess ungeachtet und trotzdem bin ich nobel wie immer: ich nehm' die Partie auf mich und bezahle die Pullen!« und noch bevor die andern sich von ihrem Staunen erholten, hatte er sich breitbeinig aufgepflanzt, das Kö aufs Billard geworfen und in die rechte Hosentasche gegriffen. Jetzt wußte ein jeder, was kommen mußte. »Achtung!« spektakelte Barthes, »Herr Schweinem, ich bitte.« Der findige Schankwirt mit dem Stoppelkinn und der lustigen Bammelmütze verstand ihn, stellte sich ihm gegenüber und hob die rechte Hand in die Höhe. »Fertig?« fragte der Fingerhutshöfer. »Fertig,« lautete die ruhige Antwort. »Gottverdomie! – denn also. Was kosten die Pullen?« »Vier Talers.« »Los denn, Herr Schweinem!« »Höhöhöhö!« lachten die andern. »Lacht nicht so dreckig!« rief Barthes, zog einen Taler hervor, ließ ihn etlichemal in der Hand tanzen, um ihn hierauf wie 'n Einglas ins Auge zu kneifen. Fast gleichzeitig öffnete sich die Tür, und Gert Liffers war ins Zimmer getreten. »'nen guten Abend, die Herren!« »'nen Abend, Herr Deichgräf!« Der Donnerjü kümmerte sich den Kuckuck um diesen, ließ das Silberstück fallen, fing es auf und voltigierte es geschickt in die Hand seines Partners. »Die zweite Pulle!« Dasselbe Manöver. »Herr Schweinem, zum dritten!« Klingend fuhr das geworfene Geldstück zu den anderen Kollegen. »Herr Schweinem, zum letzten!« »Der Kerl bringt mich um!« schüttelte sich Petrus Nagel, hielt sich den Bauch und wollte bersten vor lauter Vergnügen. Dabei stand ihm das Toupet wie 'ne Harlekintolle kregel nach aufwärts. Er glaubte über den Anblick des protzigen Gutsbesitzers ersticken zu müssen, er wieherte, keuchte und dennoch: die merkwürdige Ruhe des Gesichtes erinnerte unwillkürlich an die Physiognomie eines Sargdeckels mit blanken Beschlägen. »Hahaha!« wälzte sich der lustige Erzeuger von Nikola. »Aus mit dem dreckigen Lachen!« warnte der Fingerhutshöfer, warf den Stiernacken zurück und klemmte sich wieder einen blanken Taler ins Auge. »Herr Schweinem ...!« Klimpernd sprang das letzte Silberstück zwischen die halbgespreizten Finger des Schankwirts. »Danke!« »An die Gewehre!« kommandierte der Donnerjü und stürzte als erster sein Glas Rotwein hinter die Binde. »Prosit, Ihr Bauern! – laßt Euch das traktierte ›Schwart Water‹ bekommen.« Mit einem hörbaren Ruck ließ er sich alsdann auf einen Stuhl fallen, invitierte die anderen ein Gleiches zu tun, und als der Herr Notariatssekretär Knippscheer die letzte Ausgabe des Niederrheinischen Kreisblattes zwischen Hose und Stuhl praktiziert hatte und den ersten Bordeauxduft unter die Nase erhielt, bekam er's mit der Begeisterung, riß sich auf und meinte mit einer schon halblallenden Zunge: » Hodie sumus sicut germani studentes, multum bibentes et nihil facientes – Dem generösen Spendierer – ein Vivat!« »Vivat!« und abermals »Vivat!« Für die prompte Ovation hatte der Donnerjü nur ein herablassendes Nicken, gab aber dem Wirt zu verstehen, daß er bei der zweiten Auflage 'ne bessere Marke anfahren müsse. Alleruntertänigst beugte sich Schweinem bei dieser Weisung vor, brachte Daumen und Zeigefinger zusammen und gab einem verständnisinnigen Schnalzer die Freiheit. »Lafitte?« Der Donnerjü nickte. »Aber, Freundchen! – Freundchen!« wandte sich Krispinus an Knippscheer, »wo kommt nur der feine lateinische Spruch her? Ich habe doch sonst nicht ...« »Nanu!« machte Sulpiz und tupfte mit dem Mittelfinger auf sein gestärktes Schemischen, was soviel bedeuten sollte, als: komische Frage, dämliche Unterstellung; natürlich auf meinem eigenen Grund und Boden gewachsen – eine beredte, wenn auch stumme Verteidigungsrede, die nur an dem fatalen Grundübel litt, auch nicht ein richtiges Jota für sich in Anspruch nehmen zu können. Sein Patron, Herr Notarius Johann Peter Gerechtsam, hatte seiner Zeit ein Poem unter dem Titel › Novus cantus cum salamandro ‹ zu irgend einer Notariatsversammlung gedichtet, und da er Sulpiz mit der Abschrift desselben beauftragt – na, und so weiter ... Warum auch nicht?! – Was so viele andere tagtäglich vollführten – warum sollte das nicht der Herr Sekretarius Knippscheer riskieren?! Er log drum frisch drauf los und verausgabte Münzen als seine eigene Prägung, die einer anderen Stempelmaschine entstammten. Mit einem überzeugungstreuen und langgezogenen › ipse fecit ‹ schlug er zuguterletzt auch die leisesten Zweifelgelüste des emeritierten Seilermeisters zu Boden, stieß einen behaglichen Ton aus und versenkte die finnenblütige Nase ins Weinglas. Inzwischen hatte sich Gert Liffers beim Kiwi niedergelassen, hatte die Beine übereinander geschlagen und blies nun, ohne sich um die andere Gesellschaft zu kümmern und in aller Gemütsruhe, den Rauch seiner Zigarre über den Tisch fort. Lustig klirrten die Gläser der Invitierten zusammen. Jeder drängte sich heran, dem großmütigen Spender die Hände zu schütteln. »Prost, Barthes! – Prost, Barthes!« Alle schwenkten das Glas gegen ihn, lobten und hofierten was das Zeug halten wollte, denn der Donnerjü bezahlte ja alles. Dem Geheimrat stieg der Weinduft zu Kopf. Wiederum sah er sich veranlaßt, diverse Münzen, die nicht aus seiner Präge gekommen, in Kurs zu setzen, hob den Hosenboden vom Niederrheinischen Kreisblatt und sagte: » Hodie obliviscimur omnes molestias et curas, tam praeteritas, quam praesentes et futuras ! – Herr Vetter, die Aleit!« Der Deichgräf fuhr zusammen. »Oha!« machte der Kiwi. »Die Aleit – die Aleit!« klang's dem Fingerhutshöfer von allen Seiten entgegen. »Und Deine Herzallerliebste!« stieß ihn der Donnerjü an. »Achtung, die Herren – die Laken-Sophie soll leben!« »Soll leben – soll leben!« riefen die anderen. » Ut Deus bene vertat ,« seufzte der Geheimrat aus tiefster Seele und stülpte sein Gläschen mit Rotwein hinter die Binde, setzte dabei aber ein so wehleidiges Gesicht auf, daß Barthes van Laak sich veranlaßt fühlte, ihm in die Trauerparade zu fahren. »Gottverdomie noch mal!« rief er mit jovialer Betonung, »unter'n Tisch mit der Sauertöpferei, in die Pierekull mit allem, was nicht lustig mit anstößt. Wenn der Fingerhutshöfer traktiert, will er nur fröhliche Menschen. Auch der da soll froh sein!« Mit heiserem Lachen war er von seinem Sitz gestolpert und deutete mit klobiger Hand auf den Kiwi. »Deichvogel, Achtung!« Er griff in die Tasche, klingelte drin herum und brachte einen blanken Taler zum Vorschein. »Deichvogel, Maul auf!« »Pfui!« brummte Gert Liffers. »Oha!« »Achtung!« Mit schnellen Fingern geworfen, klimperte die Münze gegen die Stirne des Kiwi und von hier auf den Boden. »Aufnehmen, versaufen!« kommandierte der Donnerjü. »Nimm's als Traktament für den guten Rat von wegen des Deiches. Prosit, Ihr Bauern!« »Schwere Brett! – wenn nicht das mit der Bibel ... !« sprang der Kiwi vom Stuhl und fuhr sich durch die spärlichen Haare. »Und der Prediger hat nicht auf die Bibel geschworen, aber das tut nichts. Hier im Katholischen estimieren sie noch 'nen alten Propheten – und ich rate Dir, Barthes: nimm Dich vor dem Leeloch zusammen. Oha! denn ich rate Dir im Namen des dreieinigen Gottes – aber Deine lumpigen Taler hole der Düwel!« Mit einem grimmigen Fluch stieß er den Holzschuh gegen das Geldstück, daß es klingend über die mit Sand bestreuten Dielen kullerte. »Friß Deinen Mammon selber herunter ... !« Über seine kantigen Züge lief dabei ein blödes und dämliches Grinsen. »Ich bitte – Friede und Freundschaft in meinem Lokal!« legte sich Herr Schweinem ins Mittel, klappte seine Schnupftabakdose auf und offerierte dem Fingerhutshöfer ein Prischen. Der Donnerjü schob ihn beiseite, trat einen Schritt vor, stellte sich breitbeinig hin und strich seinen Schnurrbart. »So, so, so – also das mit dem Leeloch! – Da bin ich ja an das rechte Kontor und die richtige Stelle gekommen.« Hierauf wandte er sich Gert Liffers zu und fragte, die Hände in den Hosentaschen vergraben: »Na, Herr Deichgräf, wie steht's mit der Sache?« Auf allen Gesichtern machte sich eine ängstliche Spannung bemerkbar. Der Geheimrat duckte sich, und Krispinus van Bommel blinzelte mit seinem Fuchsgesicht erregt durch die Rauchkringel, die Petrus Nagel in nervöser Hast über die leeren Bordeauxflaschen qualmte. Gert Liffers hatte seine Zigarre in einen Mundwinkel geschoben. »Ort und Stunde,« entgegnete er in ruhiger Haltung, »dürften wenig geeignet erscheinen, diese Frage zu erörtern.« »Warum nicht?! Man kann die Sache doch offen besprechen. Ich liebe Menschen mit offenen Visagen und 'ner offenen Meinung. Also, wo fehlt's denn?« »Muß es denn jetzt sein?« »Es wäre mir lieb. So 'ne Aussprache schluckt manchen Ärger herunter, denn was der Kiwi gesagt hat ...« »Das stimmt,« bemerkte Gert Liffers, »denn im Terrain, dem Fingerhutshof gegenüber, machen sich in der Deichführung offenbare Schäden bemerkbar.« »Am Leeloch?« »Am Leeloch,« sagte der Deichgräf mit aller Bestimmtheit. »Und Ihr seid schon vorstellig geworden?« fragte Barthes van Laak und begann in seinen schweren Stiefeln zu wippen. »Hier und in Wissel,« lautete die ruhige Antwort. »Und da soll was geschehen?« »Muß was geschehen. Es liegt in aller Interesse und vornehmlich in demjenigen des Fingerhutshofes.« »Na ja – und wenn 'ne Frage erlaubt ist: auf wen fallen die Lasten?« »Auf die pflichtigen Grundstückbesitzer.« »Wo steht das?« »In den Korporationsrollen aller Gemeinden.« »So, so!« meinte Barthes van Laak und drückte die Kniee nach hinten. »Zum Beispiel mein Grundstück ...?« »Müßte die Kosten im Speziellen tragen, weil der von mir projektierte Flügeldeich fast ausschließlich seinem Besitzstand zugute kommt.« »Ach, ne!« bemerkte der Donnerjü mit häßlichem Lächeln. »Da soll auch wohl Ihr funkelnagelneues Projekt meinen Grund und Boden als Fundamentierung benutzen?« Der Deichgräf nickte. »Am Leeloch?« »Allerdings.« »Weil Ihr es sagt und behauptet?« »Weil ich es behaupte,« »Kinder!« drehte sich Barthes van Laak um seine eigene Achse und klatschte giftlustig in die offenen Hände. »Hahahaha! – das wird ja 'ne prächtige Sache! – Das am Leeloch – das ist ja zum Lachen, zum Schreien ...!« Er schlug sich auf die Brust und streckte hierauf die geballte Rechte zur Decke. »Mir das – mir, dem Fingerhutshöfer! – Gottverdomie noch mal – mir das zu bieten! – Mir da so kurzer Hand 'nen hundsmiserablen Deich durch meine Wiesen kommandieren zu wollen! – Wofür denn?! – Weshalb denn?! – Warum denn?! – Hahahaha! – diese forsche Idee ist wohl 'nem Geckenhause entsprungen! – Kinder, die Sache ...!« »Herr Vetter, nur ruhig,« legte sich Knippscheer ins Mittel. Der Wein machte ihn mutig. Mit lallender Zunge und stolzer Pose verausgabte er wieder Münzen von anderen Leuten als seine eigene Prägung: »Hodie obliviscimur capitalia et usuras, Deichgräfios et alias ejus modi creaturas. Herr Vetter, laßt den da doch reden!« »Aber ich laß ihn nicht reden,« trumpfte Barthes van Laak auf. Der Deichgraf war aufgestanden. Ruhig und fest begegnete er den Blicken des Mannes, der ihm sein Höchstes und Bestes auf dieser Erde genommen. Gleichzeitig mit ihm hatte sich Petrus Nagel vom anderen Tische erhoben und war mit dem traurigsten Gesicht von der Welt näher getänzelt. »Ich bin nicht derselbigten Meinung, absolut nicht derselbigten Meinung, Herr Barthes. Man soll ihn ruhig aussprechen lassen. Unsereins kann nie auslernen und nur von einem solchen profitieren.« Er deutete mit der Spitze seines Pfefferrohres auf Gert Liffers und sagte: »Der Deichgräf ist Fachmann, und fachmännische Leute ... Bong! – ich habe gesprochen.« »Aber was Dummes,« gab der Donnerjü sein Petschaft darunter, »gesprochen wie so 'n verschnittener Bulle.« »Hihi!« krähte Krispmus van Bommel, »der Barth es kloppt doch immer auf den richtigen Nagel!« »Es ist ja zum Schreien, zum Lachen!« wandte sich der Donnerjü wiederum an seine Korona. »Kinder, am Leeloch! – mir da so ohne weiteres mein bestes Land zu verstänkern. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – das sollte ihm passen! – Für uns Bauern aber, die wir an der Erde hängen, wie 'n Kalb am Euter der Mutter – für uns ist so ein Verbrüderungsrummel immer zum Ekel gewesen. Ein jeder für sich und Gott für uns alle! Wir Bauern hängen am Besitz, an der Scholle – und darum können mir der Staat, die Gemeinden, die Geschworenen und alle Deichgräfe auf 'nen Hümpel getan und zusammengenommen den Hobel ausblasen. Stimmt's, Kinder, oder hab' ich was Dummes geredet?!« »Stimmt, stimmt!« schrieen die anderen, nur Petrus Nagel schüttelte den Kopf und sagte bedenklich: »Ich bin nicht derselbigten Meinung, absolut nicht derselbigten Meinung. Bong! – ich habe gesprochen.« »Auch egal, was so 'n Zichorienherzog für 'ne Meinung sich aufsteckt! Solche Gutachten sind man erbärmlich kalfatert und ersaufen schon ganz von alleine. Mir das beste Stück Land mang meinen Wiesen durch 'nen ruppigen Querdeich verschängelieren zu lassen! Da kann jeder Polizeidiener kommen und sagen, er wäre der Kaiser von Rußland. Prima Qualität! – Reinstes Käse- und Fettbutterterrain – Gras wie Roggenstroh und über Mannsmenschenhöhe – ein Doppelgespann mit zwei brabantischen Ackergäulen versäuft drin ... Und da will so einer wie der da ...! – Das ist ja, um aus seiner Haut und dem Tempel Gottes zu fahren!« Der Deichgraf biß die Lippen zusammen. »Ich verbitte mir, Fingerhutshöfer ...« »Ach, was – hier ist nichts zu verbitten. Ich verlange mein Teil und will meine Rechte. Der alte Deich hat meinetwegen schon hundert Jahre gehalten und hält auch noch länger ...« »Er tut's nicht.« »Tut's wohl!« »Und wenn ich Ihnen sage ...« »Höhö!« lachte der Donnerjü, »dann ist erst recht daneben gehauen. Die alte Geschichte von den frischen Herren und den nagelneuen Besen, Herr Deichgraf!« »Hier ist nicht von neuen Herren und frischen Besen die Rede. Hier liegt Notwendigkeit vor und ist Gefahr im Verzuge – und wo ich die Notwendigkeit einsehe, da verfecht' ich die Sache, bis das Wasser mir hier steht ...« »Nicht nötig!« »Wohl nötig!« »Nicht nötig!« »Wohl nötig!« »Und trotzdem,« wetterte der Fingerhutshöfer, »wagt es mir einer wegen des Querdeichs und sonstwie mein Terrain zu betreten oder um meinen Hof herumzuscharwenzen – sei's, wer es sei ...« In blinder Wut hatte er den Hals einer Flasche umgriffen. »Pfui!« sagte verächtlich der Deichgraf. »Auseinander, die Herren!« suchte sich Schweinem geltend zu machen. Ein Tumult entstand. »Weg da!« polterte Barthes. »Sei's, wer es sei – mit dieser Bouteille ...« Drohend hatte er die Flasche erhoben. »Sackerment! –- mit dieser Bouteille ...« »Donnerjü, geht schlafen. – Gute Nacht.« »Wa ...?!« Vom Kiwi begleitet, ruhig, ohne jede Erregung, verließ Gert Liffers das Zimmer. »Wa ...?!« schrie der Fingerhutshöfer noch einmal. »Der Kerl scheint mir imponieren zu wollen?!« »Tut er, tut er!« bekannte Petrus Nagel ehrlich Farbe, »und das gefällt mir am Deichgraf.« »Sie können mir leid tun – Sie Zichorienherzog!« »Bong!« sagte der Spezereiwarenhändler, »und nu trinken Sie man ihre Pullen alleine.« Und dabei tänzelte er mit seinem Leichenbittergesicht, seiner brennenden Pfeife und der kregelen Tolle wie ein Tanzmeister von einer ›Benehme‹ aus der gastlichen Wirtstür. »Fort mit Schaden!« lallte Barthes van Laak. »Ein Pereat dem Deichgräf und seine Proletengesellschaft! – Herr Schweinem ...!« »Zu dienen ...?!« » En avant , – vier Pullen Lafitte!« »Und er ist doch ein Supsack,« dachte Krispinus van Bommel und setzte sich wieder. » Ut Deus bene vertat ,« meinte der Herr Notariatssekretär, »wollen wir lustig sein, lustig sein, lustig sein!« »Wollen wir,« bestätigte Barthes van Laak und klemmte sich einen Taler ins Auge. Draußen ging der Nachtwächter vorüber und rief die Mitternachtsstunde. »Twelw hät de Klock ...!« Der Donnerjü riß das Fenster auf und jagte den harten Taler hinter ihm her. » En avant – da kommen die Pullen!« Und sie kamen in Wahrheit – kurzhalsig, langkorkig. Und draußen hatte Petrus Nagel sein Fahrrad bestiegen. Mit ›Heidi‹ ging's nach Hause. Aber hinter ihm rummelten die Worte des Donnerjüs: »Prosit, Ihr Bauern! – Prosit, Ihr Bauern!« VII Die Babbeltjes-Lena Allmählich verfloß der Sommer; Kranichzüge trompeteten in den herbstlichen Lüften, und Wildgänse kamen vom hohen Norden und fielen ins Ried ein, das um diese Zeit seine braunroten Wedel aufgesteckt hatte, sich raschelnd verneigte und allerhand Geschichten aus verklungenen Sommertagen erzählte. Auf den Wiesen da draußen war auch eine merkliche Wandlung vor sich gegangen. Kein bunter Flor belebte mehr die endlosen Flächen. Dafür aber stand Herbstzeitlose bei Herbstzeitlose, die in ihren maßlosen Schwärmen ein mildes, eintöniges Violett über die Niederung legten, das sich ausbreitete bis weit dahin, wo vereinzelte Windmühlen standen, und die Profilierungen der wuchtigen Rheindämme diejenigen des Binnenlandes durchsetzten. Die Tage gaben sich noch immer sonnig und klar, nur in den frühen Morgenstunden krochen dichte Nebel über die Landschaft, die so fröstelnd sich anließen, daß Jöffer Boß sich veranlaßt sah, ihren dicken Kugelkaktus vom offenen Fenster zu nehmen. Seit etlichen Tagen stand er schon hinter den weißen Mullgardinen, ließ sich eine Kanarienrolle nach der anderen vororgeln, fühlte sich wohl in seinem spinatgrünen Schlafrock und beobachtete das Leben und Treiben seiner schmächtigen Herrin, die zwar in pflichtgemäßer Weise ihrer täglichen Beschäftigung oblag, nähte und stickte, was das Zeug halten wollte, ihre Fingerfertigkeit jedoch mit so tiefen Seufzern verquickte, daß ein jeder annehmen mußte, ein bedrohliches Weh laure im Hinterhalt, um ihr hinterrücks und so ohne Federlesens das Herz abzustoßen – und sie hatte doch ein so großes und liebebedürftiges Herz, das nichts anderes wollte, als sich glücklich zu wissen und ein zweites glücklich zu machen. Andere Motive lagen nicht vor; nur die reinsten und lautersten Gedanken beseelten ihren jungfräulichen Busen, und nur die begreifliche Sehnsucht, das von ihrer Freundin Lisbeth Mömmes unter großen Feierlichkeiten in Szene gesetzte Orakel bestätigt zu wissen, ließ sie anders erscheinen denn sonst und gleichgültiger werden gegen äußere Dinge, die zwar nicht ihr Lebensglück ausgemacht, es aber doch vermocht hatten, ein liebevolles Interesse in ihr rege zu halten. Allein – was galten ihr noch Kanarienroller und Kaktus?! – Andere Zeichen waren an deren Stelle getreten. Und diese Zeichen ...?! – Zwei Schalen waren's, zwei lumpige Kartoffelschalen – zwei leblose Dinger, die Lisbeth Mömmes geschnitzelt und die ihr dann besonders Sorge und Kopfzerbrechen machten, wenn der Abend hereinbrach, und sie sich anschickte, lautlos unter die Federn zu schlupfen. Erschreckt und mit ängstlichen Blicken horchte sie auf. Über ihr gingen die Schritte des Deichgräfs. Es war ein monotones Schreiten da oben. Er arbeitete noch bis spät in die Nacht hinein; er ging seinen Gedanken nach; er suchte das Problem der neuen Schleusenwerke und des projektierten Deiches zu lösen und dachte nicht im geringsten daran, daß unter ihm eine ringende Menschenseele weilte, die mit Eifer daran war, den geheimnisvollen Schleier der Zukunft zu heben und in die tiefen Mysterien des Kartoffelschalenorakels zu dringen. Allabendlich saß sie zu einer gewissen Stunde aufrecht zwischen den Kissen und wiederholte die Worte, die Lisbeth Mömmes prophetischen Mundes gesprochen – aber was half ihr das alles! – Was frommten ihr die geprätzelten Tauben, die sie in der Pfanne hatte, wenn sie schließlich doch wieder Flügel bekamen und mit fröhlichem Rucksen auf und davon flogen?! – Sie hatte Träume, sehnsuchtsvolle Träume – die wollten Verwirklichung finden; sie hatte ein übervolles Herz – das schrie nach Erhörung; sie hatte einen begehrlichen Finger – der sehnte sich danach, einen Ring zu erhalten; sie hatte ein kleines Kapital und einen Strumpf mit mehr denn fünfhundert blanken Talern an Inhalt – die hielten's nicht mehr aus und wollten an den Mann gebracht werden; sie verfügte über einen wirklichen Verehrer – dem hatte sie vor der Hand den Laufpaß gegeben, und dennoch: der richtige fehlte, wollte nicht kommen, konnte sich wenigstens zur Zeit nicht entschließen, die alleinseligmachende und erlösende Formel zu finden. Dabei mußte sie täglich seine Stimme hören, seine Schritte vernehmen, sein liebes Gesicht sehen und allmorgens die Federposen seines Bettes aufmuntern – ein qualvoller Zustand, der schließlich dahin führen mußte, berechtigte Zweifel gegen die Wirksamkeit des seiner Zeit ausgeführten Kartoffelschalenorakels in ihrem Herzen keimen zu lassen. Dieserhalb klopfte sie denn auch gelegentlich an das richtige Kontor an, indem sie Lisbeth Mömmes in dieser Angelegenheit consultierte und ängstlich befragte. Aber die Dicke ließ sich in keiner Weise beirren, hielt ihre Prophezeiung selbstbewußt und steifnackig aufrecht, geheimnißte weiter und gab der Langen zu verstehen, daß jedes Ding seine Zeit haben müsse: Steine sammeln und Steine verstreuen, pflanzen und ernten, beten und an Kirmestagen 'nen Schottisch riskieren, leben und 'nen Sargnagel verschlucken ... man müsse sich nur gedulden und warten, denn Rom sei nicht an einem Tage erbaut, und Jakob habe doch auch ungezählte Jahre auf Rahel gelauert – alles Gründe, die mit Engelszungen redeten und doch nicht geeignet waren, die schweren Bedenken aus dem Herzen der Laken-Sophie völlig zu scheuchen. Sie mußte sich noch eine anderweitige Gewißheit verschaffen, noch ein anderes Urteil in sich aufnehmen, um ihre Seelenruhe wieder zu finden, denn sie wußte aus Erfahrung: doppelt hält besser, und jeder Strumpf hat an der Ferse wenigstens zwei gestrickte Einlagen nötig. So entschloß sie sich denn, die Babbeltjes-Lena aufzusuchen, ein greisenhaftes Weibchen, das schon seit Jahren in dem berechtigten Ansehn stand, mit einer gewissen Zuverlässigkeit in die Zukunft blicken zu können. – Heute war Sonntag – so'n schöner, klarer, herbstlicher Sonntagmorgen. In der kleinen Stadt gingen die Leute in Feiertagskleidern umher und machten sich fertig, dem Hochamt beizuwohnen, das jeden Augenblick eingeläutet werden konnte. Auf dem Großen Markt und zwar dort, von wo aus ein schmales Gäßchen zur Sankt Nikolaikirche hinführte, saß allsonntags die Babbeltjes-Lena mit ihrem fliegenden Kramladen, einer Art Butike, die aus Tisch, Stuhl, etlichen Töpfen, einem Spirituskocher und diversen Tüten mit Mehl und Kandiszucker bestand und mit einem streifigen Leintuch bedeckt war, um gegen die zudringlichen Sonnenstrahlen zu schützen. Hier fabrizierte sie die so beliebten Zuckerstangen, die unter dem Namen ›Babbeltjes‹ alle Welt entzückten und ihr einen erklecklichen Zehrpfennig einbrachten. Von Alt und Jung umgeben, waltete sie auch heute ihres delikaten Gewerbes, entnahm die klebrige Masse dem irdenen Töpfchen, rollte sie griffelartig mit beiden Händen auf der Tischplatte aus, bestreute die so gefertigte Stange noch mit einem Gemengsel von Zucker und Mehlstaub und brachte die noch lauwarme Ware gegen Entgelt von wenigen Pfennigen unter die Menge. Den Kindern lief beim Anblick dieser Herrlichkeiten das Wasser im Munde zusammen. Die Augen wurden größer und größer, die Hände streckten sich aus, Kupfer- und Nickelmünzen klimperten auf den Tisch, jeder wollte der erste sein, um sich in den Besitz der Näscherei zu setzen, so daß das fingerfertige Weibchen sich kaum in der Lage befand, der Nachfrage Folge zu geben. Den Kleinen imponierte die Alte, die trotz ihres schmächtigen Aussehns eine Art von Persönlichkeit darstellte. Den achtziger Jahren nicht fern, war sie dennoch mit einem flotten Klöppelhäubchen bekleidet, dem in der Schläfengegend zwei Spiralen aus Rotgold entwuchsen, die ihrerseits wieder ein Gesichtchen flankierten, das, wenn auch über und über mit Fältchen und Runzeln besetzt, den Anschein erweckte, als sei es frisch und gesund von einem Paradiesapfelbaume gefallen und schnurstracks zwischen die Spitzenhaube gepurzelt. Und dazu die Eulennase und die stechenden Augen ...! »Babbeltjes-Lena! – Babbeltjes-Lena!« »Allens mit Andacht, allens mit Ruhe,« versetzte die Alte, entnahm wieder eine kleine Portion dem irdenen Töpfchen, spuckte in die Hände und rollte von neuem, wobei sie in den herkömmlichen Singsang verfiel, den sie stets anzuwenden pflegte, wenn sie sich genötigt sah, die Geduld der drängelnden Kunden angenehm in die Länge zu ziehen. Und so spuckte sie denn, nickte taktmäßig mit der flandrischen Knippmütze und begann leise zu singen: »Guter Freund, ich frage Dir! Bester Freund, was fragst Du mir? Sag' mir, was is eine? Einmal eins is Gott alleine, Der da lebet, der da schwebet Hoch im Himmel un auf Erden, Der da gibt Präsente – Silke, falke, sente! Fertig! – Wer kommt nu an die Reihe?« »Ich!« rief eine fröhliche Stimme. »Da hast Du mir, Nöllecke Kunders,« sagte die Babbeltjes-Lena, reichte dem brombeeräugigen Bürschchen, das kaum auf die Tischplatte zu sehen vermochte, das Verlangte in die begehrlichen Händchen und sackte dafür ein abgeschlissenes Zweipfennigstück in die Tasche, hatte aber schon wieder eine frische Portion vor sich liegen und begann abermals mit näselnder Stimme zu singen: »Guter Freund, ich frage Dir! Bester Freund, was fragst Du mir? Sag' mir, was is zweie? Zweie sind die Tafeln Moses, Einmal eins is Gott alleine, Der da lebet, der da schwebet Hoch im Himmel un auf Erden, Der da gibt Präsente – Silke, falke, fente! Wer kommt nu an die Reihe? – Du, Barthje van Bebber?« »Ich hab' keinen Pfennig,« meinte der kleine Knirps mit rührsamer Stimme, sah leuchtenden Auges auf das mehlstaubige Lutschobjekt und wackelte dabei mit seinem hinteren Fähnchen, das betrüblich aus der fadenscheinigen Hose hervorsah. »Ich hab' keinen Pfennig.« »Da nimm Dich man, Barthje,« suchte ihn die Alte zu trösten, »Stich Dich die Sache man ein un sag' Deinem Pappa, daß Dich die Tante Lena das Babbelatje geschenkt hat.« »Oh!« machte Barthje van Bebber, und wieder tönte der vertröstende Singsang: »Guter Freund, ich frage Dir! Bester Freund, was fragst Du mir? Sag' mir, was is dreie? Dreie sind die Patriarchen, Zweie sind die Tafeln Moses, Einmal eins is Gott alleine, Der da lebet, der da schwebet Hoch im Himmel un auf Erden, Der da gibt Präsente – Silke, falke, sente! Fertig! – Nu...?« fragte das Weibchen. »Ich!« meldete sich ein patziger Bengel, auf dessen Blondkopf die Haare wie Drahtstifte standen. Das war dem Bocken-Wilhelm sein zweiter, der in der Kesselstraße wohnte und die unterste Knabenschule besuchte. »Nich ins Schemischen, Du infamigter Schlingel!« dekretierte die Alte. »Du hast mich noch gestern 'nen Pferdeappel in meine Beste Stube geschmissen,« »Das ist so ganz von alleine gekommen,« entschuldigte sich der kleine Verbrecher. »So?!« erzürnte sich das steinalte Weibchen, »un dabei hast Du noch lauthals gesungen: die Babbeltjes- Lene hat dachskrumme Bene. Aber das is auch wohl so ganz von alleine gekommen? – Nichts da! – Wer die Leute schimpfiert, kriegt nichts hier traktiert! – Iß Dich man, was Deine liebe Mutter parat hat, Du lausiger Pferdeappelinspekter. – Jetzt man weiter im Text. Wer kommt nu an die Reihe?« Marieke Bärendonk legte ihren Obolus auf die Platte des Tisches. »Danke, Marieke. Nächsten Sonntag bekommst Du mich ein Babbeltje gratis.« Die Zeit drängte. Die Kinder wurden ungeduldig, strampelten mit den Füßen und beobachteten den großen Zeiger der Rathausturmuhr, der langsam aber sicher auf zehn rückte und damit den Beginn des Hochamtes zu verkündigen hatte. »Babbeltjes-Lena! – Babbeltjes-Lena!« »Allens mit Andacht, allens mit Ruhe. – Ich kann mir doch nich entzwei schneiden wie 'n Weck mit Korinthen! – Wer kommt noch – wer will noch Babbeltjes haben? – Aberst, ich bitte, allens mit Ruhe! – Ihr könnt mich doch nich auf einmal mangieren!« Ein buntes Gemengsel von Kinderhänden streckte sich der Fabrikantin entgegen. »Macht sechse zusammen,« zählte die Alte, ging an die Arbeit, befeuchtete die Hände mit Speichel, fummelte die obligaten Verschen herunter und legte die fertigen Stücke auf Reihe. Als das fünfte sich tadellos den übrigen gesellt hatte, begann sie das letzte zu rollen, gummierte nach besten Kräften und sang dazu mit besonderer Andacht: »Guter Freund, ich frage Dir! Bester Freund, was fragst Du mir? Sag' mir, was is sechse? Sechs der Krüg' mit rotem Wein Schenkt der Herr zu Kana ein, Zu Kana in Galäa, 'nem Städtchen in Judäa. Ferner: fünf Gebot' der Kirche, Viere sind Evangelisten, Dreie sind die Patriarchen, Zweie sind die Tafeln Moses, Einmal eins is Gott alleine, Der da lebet, der da schwebet Hoch im Himmel un auf Erden, Der da gibt Präsente – Silke, salke, sente! Nu aber, Kinder, in die richtige Ordnung. Wer hat sich per primo gemolden?« Isidor Bendix, ein Kerlchen mit Korkzieherlöckchen und dem prächtigsten Lämmelgesicht von der Welt, hatte sich bis in die erste Reihe gedrängelt. »Ich möchte gefälligst um ßwei Stängelchen bitten, das Stück for umsonst.« »Wofür?« fragte die Babbeltjes-Lena. »For umsonst,« wiederholte der kleine Bendix mit der dämlichsten Bengelvisage, als wüchsen die köstlichen Leckertäten so ungeniert an den Fingerspitzen heraus, wie die Hagebutten an den Rosenhecken da draußen. »Ich bin nämlich der beste Freund von Barthje van Bebber – un Barthje van Bebber...« »Willst Du mir lieber nich gleich heiraten, Isidor Bendix?« »Nein,« sagte das prächtige Männchen, »aber ich will eintauschen dafor ßwei Matzen ßu kommenden Passah.« »Isidor fleut 'mal!« lachte die Alte. »Denn nich,« versuchte sich der kleine Hebräer aus seiner schiefen merkantilen Lage zu retten, gab aber seine prekäre Stellung nicht auf und brachte ein abgesetztes Bügelportemonnaie, das in besseren Tagen seinen Vater auf den Kuhhandel begleitet hatte, zum Vorschein. Seine früheren Vorschläge wollten nicht verfangen; jetzt spielte er seinen letzten Trumpf auf, indem er den Bügel aufknipste und mit der ganzen Hand in die untere Etage hineingriff. Die Verschmitztheit seines Volkes spielte dabei um das allerliebste Gesichtchen. Er schob die kleine Seidenmütze mit dem klebrigen Schirm weiter nach hinten. »Ich biete 'nen Pfennig for vier Babbelatjes,« sagte er endlich und glaubte damit den Wert eines ganzen Friedrichsdors in die Schanze geschlagen zu haben. »Isidor, fleut mal...!« Die Babbeltjes-Lena kam nicht weiter, denn die Rathausuhr holte zum Schlag aus, und feierlich hallten die Kirchenglocken herüber. Die Kinder verliefen sich, als die Verkäuferin ihre Zuckerherrlichkeiten mit einem buntbedruckten Wachstuch bedeckt hatte, die Hände zusammenlegte und die Kirchengänger musterte, die ihren fliegenden Kramstand passierten. Als erste segelte Lisbeth Mömmes in einer funkelnagelneuen Fladuse vorüber. Mit ihrem dickleibigen Gebetbuch, dessen Ledereinband mit einem aufgepreßten Goldkreuz verziert war, schien sie ihren frommen, aber nichtsdestoweniger äußerst stattlichen Busen stützen zu wollen, denn krampfhaft drückte sie die ›Blüten der christkatholischen Andacht‹ an ihr violettes Umschlagetuch, das auf alle Fälle ausgelacht worden wäre, wenn es sich über unzureichenden Inhalt beklagt hätte. Gleich darauf wurde Krispinus van Bommel gesichtet, in dessen Stapfen der Herr Notariatssekretär Knippscheer einherging. Mit anderen frommen Menschen verschwanden sie in dem rückwärtsgelegenen Gäßchen, das von der Marktseite her den Eingang zur Kirche vermittelte. Als einer der letzten machte sich Petrus Nagel bemerkbar – allerdings dem Äußeren nach nicht als gläubiger und bescheidener Kirchenbesucher, sondern als ein Stürmer und Dränger, hoch zu Stahlroß, in rasendem Tempo, 'nen fidelen Cylinder über die lustige Tolle geschoben und mit dampfender Pfeife. Letztere deponierte er bei der Babbeltjes-Lena, stürmte dann weiter, um mit seinem Herrgott zu sprechen – und als er davonfuhr, zogen die letzten vibrierenden Glockenklänge mit leisem Verklingen über die Stadt hin. Der Markt lag verlassen, die Alte war allein, so ganz allein inmitten der Pflastersteine, und nur Isidor Bendix, der kleine Isidor Bendix, schnürte noch wie ein lüsternes Füchslein und mit dem erklärlichen Hintergedanken um das verrammelte Paradies, dem bis jetzt verunglückten Geschäft vielleicht noch 'ne bessere Wendung zu geben und es somit perfekt werden zu lassen. Auf dem weiten Markt der kleinen niederrheinischen Stadt war kein eigentliches Leben mehr, wenn man von Isidor Bendix absah und etlichen Spatzen, die sich auf diverse Roßäpfelhäufchen postiert hatten und von hier aus sich wechselseitig anpriesterten. Die schmalen und breiten Giebelhäuser, die den räumigen Platz pagodenartig umstanden, erinnerten an holländische Mynheers, an gelangweilte Philister in Unterhosen von Flanell, die sich am hellichten Tage die Schlafmützen über die Ohren gezogen hatten, verschläfert ins Licht blinzelten und gleichgültig ihren Kanaster aus zerbrechlichen Kalkpfeifen verpafften. Beinahe über jedem Giebel stand so ein bläuliches, fast regungsloses Rauchwölkchen, das kaum merklich in den Himmel emporstieg. Alles war so Parmesankäsebestreut, so porzellanartigsteif und so tulpennüchtern, und wäre nicht der lauliche Herbstwind gewesen, der sich in der alten Marktlinde verfing und ab und zu ein goldenes Blättchen verstreute, man hatte annehmen können, das ganze kleinstädtische Leben wäre auf einer holländischen Treckschuit ins Niederland geschwommen, aber langsam, fein langsam, und die Langeweile säße nun im altfränkischen Reifrock auf einem Edamer Käse, habe sich eine goldene Brille aufgetan und rezitiere den stocksteifen Mynheers mit den brennenden Kalkpfeifen eine endlose Szene aus Joost van den Vondels ›Jephtha‹. Und da saß sie wahrhaftig – die Langeweile, wenn auch nicht in damastenem Reifrock und auf einem Edamer Käse. Sie las auch nicht aus Joost van den Vondel, sondern hatte etliche Papiertüten vor sich liegen, hockte auf einem wackeligen Sessel – und gähnte. Wahrhaftig! – zweimal gähnte die Babbeltjes-Lena über den friedlichen Marktplatz. Ihr greisenhaftes Paradiesapfelgesicht senkte sich in der weißen Klöppelmütze nach vorne, sie faltete die Hände zusammen und legte den Kopf auf die Seite, und es war ihr so, als kraute ihr die Einsamkeit so recht behaglich hinter den Ohren. Zwinkernd begannen sich ihre Augenlider zu schließen. Wie aus weiter Ferne rauschte die alte Linde herüber – die Babbeltjes-Lena hatte dessen kein Acht mehr. Hin und wieder drangen verlorene Orgeltöne ins Freie – die Babbeltjes-Lena ließ orgeln, was orgeln wollte, und sie bemerkte auch nicht, wie drüben beim Hause des Bäckermeisters Jan van de Linde eine schwarze Person auftauchte, die sich gemessenen Schrittes über den Marktplatz bewegte. Es war die Laken-Sophie, die also daherkam. Kein Geräusch machte sich unter ihren weichen Schritten bemerkbar. Wieder tönte die Orgel aus der nahegelegenen Kirche herüber. Unter ihren Klängen war Jöffer Boß bis zur fliegenden Butike gekommen. Das Pfefferrohr von Petrus Nagel im Arm, als wenn sie sich soeben erst ein Morgenpfeifchen vergönnt hätte, ließ sich die Alte noch immer von dem sanften Finger der Einsamkeit hinter den Ohren krauen. Die Babbeltjes-Lena war der verkörperte Friede – und diesem Frieden legte die Laken-Sophie ihre rechte Hand, welche einen blanken Taler umspannte, sacht auf die Schulter. Die selig Hinübergeduselte gab nur etliche unartikulierte Laute von sich und radebrechte schließlich in monotoner Weise zwischen den Lippen: »Guter Freund, ich frage Dir! Bester Freund, was fragst Du mir? Sag' mir, was is eine?« »Nanu!« dachte die Lange, räusperte sich verschiedene Male und rief dann mit ihrer gläsernen Stimme: »Heda, Babbeltjes-Lena!« Jetzt erwachte die Alte, und wie sie erwachte, da fühlte sie auch schon etwas Rundes, Talerartiges zwischen den Fingern, eine zuerst vage Erkenntnis, die sie aber jählings in die reale Welt versetzte, als sie das fettige Geldstück nicht nur durch den Tastsinn festgestellt, sondern außerdem noch durch zwei leibliche Augen konstatiert hatte. Mit einem feinen Schmunzeln schob sie den Taler unter das Wachstuch und meinte: »Jöffer Boß, Sie will mir befragen. Sie will sich bei mir hören lassen – hihihi! – un Ihren Zukünftigen wissen.« Die Lange stutzte. »Das weiß Sie?« flüsterte sie mit aufgerissenen Augen. »Ich geh' immerzu schlankweg aufs Ganze,« war die ruhige Antwort. »Mir kann keiner betrügen, denn ich kucke durch allens, als wenn's ein Glasfenster wäre.« »Um Gott nicht!« grauelte sich die Laken-Sophie, zog ihr Pelerinchen ängstlich zusammen und drehte den Kopf über die Schulter. »Nur keine Bange,« suchte sie die Alte zu trösten und schielte dabei auf den kleinen Hebräer, der noch immer in der Ferne umherschnupperte, dann aber, als er das Hoffnungslose seiner Lage erkannte, mit seinem großen Bügelportemonnaie langsam davonstrich. »Jöffer Boß, nur keine Bange. Isidor Bendix scheniert mir un Ihnen nich weiter. Also – ich bitte, denn ich habe heute meinen wirklichen Zustand,« und, wie so'n richtiger Heerohme im Beichtstuhl, lehnte sie sich gemächlich zurück, brachte ihr zusammengeknäueltes Taschentuch an den Mund und begann bedächtig mit ihren schweren Lidern zu blinzeln. Dann schloß sie die Augen. »Also – ich bitte, denn ich apportiere allens durch meine magnesianische Kenntnis. Sie wünschen?« Die Laken-Sophie beugte sich vor und hauchte ihr schüchtern verschiedene Flüsterlaute in das krause Gewirr der sorgfältig geklöppelten Haube. »Wie ich gesagt hab',« konstatierte die niederrheinische Sibylle mit sanftem Nicken des Kopfes, ohne dabei die Augendeckel auch nur im geringsten zu heben, und dann, sich in der Klangfarbe eines prophetischen Tones gefallend, gab sie einer Serie von Betrachtungen in langgezogenen Zwischenräumen die Freiheit. »Ich kenn' ihm,« also begann sie, »un er kennt mir auch, denn ich hab' ihn, als er noch so'n kleines Jüngsken gewesen, mit Babbelatjes gefüttert.« Pause. Eine freudige Wallung stieg der Laken-Sophie zum Herzen. »Un sein Antlitz is von frischen Kulören – un er is mal in Holland gewesen, hat aberst das Kleinod seiner einfältigen Seele nur für ›Eine‹ gerettet. Aberst 'ne andere ›Sie‹ sticht dazwischen.« »Stimmt, stimmt!« triumphierte die Lange, »und dieser anderen ›Sie‹ soll ich Hemden ohne Ärmel schneiderieren und mit 'nem neumodischen Ausschnitt.« »Is mich bewußt,« sagte die prophetische Alte, »un sie hat bereits ein Kind an ihrem Busen gesogen un wohnt am Leeloch, wo die Enten sich paddeln.« »Und das wissen Sie alles?« »Allens,« beteuerte die Babbeltjes-Lena, sagte aber nicht, daß ihr bereits vor Wochen Lisbeth Mömmes das zarte Geheimnis unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit anvertraut hatte. »Un er hat große Pläne im Koppe,« fuhr sie mit getragener Stimme fort, »denn er will das Vaterland retten, un wo er hineinstippt, da stippt er immerst hinein mit 'ner herkulanischen Forsche.« »Herr Je!« erstaunte sich die Laken-Sophie, »und wie er sich schreibt, das ist Ihr auch nicht verborgen?« »Is mich bewußt,« lautete die lakonische Antwort, und über das ernste Gesicht legte sich ein heiteres Lächeln, als blickte ihr geistiges Auge in eine sonnige Landschaft, wo prächtige Maibäume standen, und eine lustige Kirmesmusik in die Zehenspitzen kirmesfreudiger Menschenkinder hineinfuhr, »denn in meinem geistlichen Appartemang apportier' ich bloß mit die feinsten Gedanken. Un ich seh' 'ne Bettstellage mit zwei paarigen Schlumpen darunter – un das eine Paar sind mannbare Plüschpantoffeln – un das andere Paar sind weibliche Selfkantpantoffeln ...« »Höre Sie auf!« genierte sich die Lange, drückte aber stillbeglückt und mit inniger Ergebung ihre rechte Hand vor die Augen. »So!« machte die Babbeltjes-Lena, warf mit einem energischen Ruck ihre beichtväterlichen Allüren beiseite, ließ das Taschentuch fallen und meinte: »Un nu will Sie sicher auch wissen, ob die mannbaren Plüschpantoffeln von ihm sind?« »Ach, liebe Frau Lena ... !« »Na, denn soll Sie's erfahren,« sagte das Weibchen, griff unter das Wachstuch und brachte ein frisches Babbelatje zum Vorschein. Prüfend schaute sie dann zur Rechten und Linken, ob sie auch ihre Heimlichkeit hätte. Nur die Spatzen priesterten noch immer; vereinzelte Feldflüchter trippelten über den Marktplatz, sonst war alles ruhig und still in der weiten Umgebung. Auch die Orgel, die noch kurz vorher herübergelallt hatte, war so gut wie ohne Zunge geworden. Von spitzen Fingern gefaßt, hob sich jetzt die Zuckerstange nach aufwärts. Sie war so dick wie'n Zimmermannsbleistift, knusprig und von einer roggenmehlgrauen Färbung. »Ich bitte Ihnen jetzt stille zu stehn,« dekretierte die Babbeltjes-Lena, »un immerst an die Apportierung zu denken. – Tut Sie's?« »Ja,« nickte die Lange in stiller Verzückung und blinzelte wie 'ne verliebte Himmelsziege über den Markt fort. »Un alle bösen Gedanken muß Sie Ihrem jungfräulichen Herzen entschlagen,« klang es von neuem, »Sie muß der anderen ›Sie‹ freundwillig begegnen, keine eifersüchtige Feindschaft machen un in christlicher Demut die bestellten Hemden mit ohne Ärmels besorgen, sonst merkt Ihre Nebenbuhlerin die heimliche Sache, mischt sich dermang, un denn is mein ganzer Apport für die Katze gewesen.« »Das will ich, das will ich!« seufzte Jöffer Boß, trat einen Schritt näher und schickte sich an, den Zauber über sich ergehen zu lassen. »Denn man zu,« flüsterte die Alte. »Ich stecke Ihr also im Namen meines magnesianischen Zustandes dieses Babbelatje zwischen die Zähne, un das muß Sie 'runtermangieren, ohne mit die Fingers in die Nähe zu kommen. Kriegt Sie's ohne mit die Fingers Proper herunter, dann kommen Ihre Pantoffeln unters Bett bei die männlichen vom Herrn Deichgräf zu stehen – ißt Sie mich aber nich mit dem Munde alleine, hilft Sie nach, oder springt per Malör ein Stückchen vom Babbelatje herunter, so daß Sie's nich komplettemang im Magen bekommt, so muß Sie, leider Gottes, auf Gert Liffers verzichten un Ihre seinen Pantoffeln unter 'ne andere Bettstellage placieren. – Jöffer Boß, Sie hat mir doch gründlich verstanden?« »Ja,« sagte die Lange mit ängstlicher und fast scheuer Betonung, beugte sich vor und schlug ihre stahlgrauen Augen zu Boden. »Denn los mit's Geknabber!« versetzte das Weibchen und schob ihr das eigenhändig verfertigte Zuckerwerk zwischen die Lippen. »Der liebe Herrgott sei mit Sie!« Der Orakelaktus ging vor sich. Wie 'ne lange, glasharte Siegellackstange hielt Jöffer Boß das Babbelatje zwischen den Zähnen und begann alsbald glaubensfreudig zu kauen. Es war ein schweres Stück Arbeit und ein artistisches Wagstück auf dem Gebiete der Eßkunst, denn jeden Augenblick konnte die Katastrophe des Mißlingens einsetzen, konnte das eigenartige Ding abbrechen oder gar dem Munde entwischen, wenn nicht Überlegung und kaltblütige Vorsicht mit der Praktik sorgfältigen Kauens und Abbeißens Hand in Hand gingen. Allein die Laken-Sophie verstand es, alle Schwierigkeiten siegreich aus dem Felde zu schlagen. Schon war ein Drittel bewältigt. »Schön so, schön so!« triumphierte die Alte, »aberst – um Gottes willen! – kaue Sie weiter, kaue Sie weiter, denn da hinten kommt der Donnerjü in seinem Schäschen gefahren – un die Aleit is bei ihm.« »Wo denn?!« muffelte die Lange ängstlich zwischen den Zähnen. Das Orakelobjekt kam in ein bedenkliches Schwanken. »Kaue Sie immerst man weiter!« zischelte die Babbeltjes-Lena. »Sie fahren zur Kirche – un wenn Sie nich weitermangiert, kann Sie Ihre Selfkantpantoffeln ...« Immer dringlicher mahnte die Babbeltjes-Lena, immer eifriger lutschte und knusperte die Laken-Sophie an ihrer mehlbestreuten Zuckerstange herum, während der Donnerjü im blauen Leibrock und sonntäglich aufgeputzt, sein Weib neben sich und einen Kerl vor sich auf dem Spritzleder, in seinem flotten Schäschen vorüberkutschierte. Er liebte es, erst nach dem Evangelium dem Gottesdienst beizuwohnen, denn er machte auch in dieser Hinsicht keine gemeinsame Sache mit den übrigen Leuten. Der Fingerhutshöfer blies eben die erste Klarinette im Kirchspiel. »Tag, Babbeltjes-Lena!« Lustig knallte er dem prächtigen Gespann um die Ohren. »Prosit, Ihr Bauern!« Vorüber! – Der Donnerjü war mit seinem Weibe ins Kirchengäßchen gefahren, »Schön so, schön so!« meinte die Alte, sah dem Gespann nach und sagte: »Einmal eins is Gott alleine, Der da lebet, der da schwebet Hoch im Himmel un auf Erden, Ner da gibt Präsente – Silke, salke, sente! Gewonnen!« Beide Hände schlug sie klatschend zusammen. Die Laken-Sophie stand wie unter dem Eindruck eines elementaren Ereignisses. Sie war wie versteinert, wie leblos und gab sich keine Rechenschaft mehr von dem, was sich inzwischen alles begeben hatte. Nur das Eine wußte sie: mit Gottes Hilfe und durch ihren kräftigen Willen hatte sie sich siegreich gegen das glasharte Babbelatje behauptet – und diese Erkenntnis versetzte sie in einen transzendenten Zustand, in eine Art Verzückung, die geeignet erschien, ihr das irdische Gewand zu nehmen und sie geradeswegs in den Himmel fliegen zu lassen. Sprachlos sah sie auf das fröhliche Weibchen. »Gewonnen!« klang es ihr wie mit Harfentönen entgegen. »Sie hat sich rühmlich benommen, Sie hat die Apportierung bestanden ...« »Was hab' ich bestanden?!« »Die Apportierung – un Sie kriegt nu den Deichgräf.« »Ach, Lena ... !« kam es beglückt aus dem Munde der Langen. »Wie ist mir? – 'nen Stuhl, die Beine werden mir alle ...!« Das war das Einzige, was sie noch zu sagen vermochte. Mit einem tiefen Seufzer sank sie auf den untergeschobenen Stuhlsitz. Erst als die Alte ihr mit dem Schürzenzipfel eine Portion Luft zufächelte, kam Sophie Boß wieder zu sich. Sie rieb sich die Augen. »Wo bin ich?« »Bei mich.« »Und der Donnerjü?« »In die Kirche.« »Und sie?« »Auch in die Kirche.« »Und er?« Ein süßes Lächeln spielte bei dieser Frage um die eingekniffenen Lippen der hageren Jungfrau. Die niederrheinische Sibylle applizierte ihr einen jovialen Kickser zwischen die Rippen. »Jöffer Boß,« sagte sie mit kicherndem Tonfall, »der is Ihr nu sicher für immer.« »Und das glauben Sie selber?« seufzte die Jungfer, erhob sich tränenden Auges vom Stuhl und legte wie in gehobener und glücklicher Verfassung die Hände zusammen. »Ich apportiere in meinem offenbaren Zustand nur wirkliche Sachen,« war die ruhige Antwort. »Ach, liebe Frau Lena ...!« »Schon gut, schon gut,« wehrte die Orakelspenderin ab, indem sie ihr lockeres Haubenband völlig entschürzte und einen frischen Knoten mit tadelloser Schleife hineinschlug. »Nu hat Sie ihn, un er hat Ihr,« fuhr sie alsdann mit getragener Stimme fort, »un ich möchte nur bitten, mir bei der Hochzeiterei auch zu invitieren un mit 'ner ganzen Bouteille Anisette unter die Augen zu gehn, denn durch meinen magnesianischen Zustand bin ich doch gewissermaßen die Nährmutter Ihrer baldigen Brautschaft geworden, un da könnte ich doch wohl 'ne Bouteille mit Anisette verlangen.« »Gerne, gerne, liebe Frau Lena!« »Brav so,« versetzte die Alte, »un nu bedanke Sie sich beim lieben Herrgott für die auserwiesene Gnade, denn nächst mir hat er doch allens zum Besten gedreht – un an Gottes Segen is die Hauptsach' gelegen.« »Das will ich,« sagte die Laken-Sophie mit fester Betonung, nötigte die Alte noch zu einem Schälchen Kaffee für den heutigen Nachmittag, zog ihr Pelerinchen fester zusammen, und dann: erhobenen Hauptes und sanften Schrittes, den Herrgott auf der Brust und eine keusche, innige Liebe im Herzen, ging sie zur Kirche.   VIII Und Bath-Seba war schön ... Mit einer gewissen Feier und Formalität hatte inzwischen der Donnerjü in Begleitung seines Weibes die Kirche betreten. Draußen, in Gottes freier Natur, auf seinem Anwesen, zwischen Knechten und Mägden, beim Billardspiel oder vor seinen Bouteillen ›Schwart Water‹ ließ er mehr das Jovial-Brutale seiner Charakterveranlagung in die Erscheinung treten, während er hier, im Tempel des Herrn und unter den Augen einer gläubigen Gemeinde, den größeren Nachdruck auf ein gestrichenes Maß voll eisenfester Gemessenheit, phlegmatischer Ruhe und Würde legte, ohne dabei das Protzige und Hochfahrige seines Wesens gänzlich beiseite zu schieben. Das gehörte sich so für einen Mann, der über vierhundert Morgen fetten Ackers und Wiesenlandes verfügte, fünfundachtzig melkende Kühe im Stalle hatte und mit zwei Kutschpferden in silberplattierten Kummetgeschirren ausfahren konnte. Schon von alters her waren überhaupt die Fingerhutshöfer, ihres sprichwörtlichen Reichtums halber, estimiert in der Gegend, so auch Barthes van Laak, dessen Hand es meisterhaft verstand, die harten Taler splendid unter die Leute zu bringen, ein oftgeübtes Verfahren, das ihm ein gewisses pompöses Relief verliehen und seiner Person im Kreise von Verwandten und Bekannten eine Art von Beliebtheit verschafft hatte. Die eigene Sippe war freilich im Verlauf der letzten Jahre merklich zusammengeschmolzen. Außer seinem Ohm, dem Seilermeister Krispinus van Bommel und dessen Neffen, konnte er noch über einen weitläuftigen Vetter in der Person des Herrn Notariatssekretärs Sulpiz Knippscheer verfügen; allein er betrachtete diesen lediglich als ein verwandtschaftliches Kuriosum, als ein überflüssiges Anhängsel der van Laakschen Familie – und trotzdem: auch diesen armseligen Schlucker verstand er an sich zu fesseln. Eine spendierte Flasche, 'ne bezahlte Billardpartie oder sonst 'ne Gefälligkeit in klingender Münze ließen manche Kränkung vergessen. Sie spielten die Rolle von versüßten Latwergen und vergoldeten Pillen. Geben war überhaupt die starke Seite des Fingerhutshöfers, aber wohlverstanden nur dann, wenn es in seinen Kram paßte, oder in der Anwandlung einer plötzlichen Laune die Geldstücke sonstwie mobil gemacht wurden und Beine bekamen. Und so ein Moment schien gekommen, als er die Tür des von ihm gepachteten Kirchenstuhls hinter sich zuschlug. Gerade in diesem Augenblick war das Evangelium verlesen worden, und der Klingelbeutel erschien, um durch die heiligen Hallen zu meckern. Von Bank zu Bank und mit leiser Bettelstimme kam er näher und näher. Ja, der Klingelbeutel – das war es! »Pst! – Pst!« Der Donnerjü hatte sich bemerkbar gemacht und war dabei mit Daumen und Zeigefinger in die rechte Westentasche gefahren, aber mit einem solchen Aufwand von Breitspurigkeit und geberischer Würde, daß alle es sehen mußten. Ein großes Silberstück blinkte zwischen den kräftigen Fingern, wurde mit Ostentation in die Höhe gehoben und dann mit gönnerischer Miene zu den Kupferkumpanen geklimpert. Barthes van Laak hatte seine Pflichten als gewichtige Standesperson und Mitglied der christkatholischen Kirche hiermit erledigt und fühlte sich berechtigt, von nun an ein wenig zwischen den Bänken Umschau zu halten. Der Opferbeutel war inzwischen voran gewackelt. Mit sichtlichem Interesse verfolgte der Donnerjü den weiteren Bittgang. Er konnte an den Gesichtern der Menschen erkennen, was der klingelnde Bettelsack einheimste, und lächelnden Mundes registrierte er die Pflichtpfennige der einzelnen Geber. Da saß Lisbeth Mömmes. Sie wuscherte umständlich in ihrem gehäkelten Pompadour herum und gab dann. »Fünf Pfennige!« registrierte der Donnerjü und beobachtete weiter. Jetzt hatte Krispinus van Bommel zu spenden. Das verschlagene Fuchsgesicht zeigte keine merkliche Regung; nur die hageren Finger versenkten sich tief in den Beutel. »Unbestimmt!« verzeichnete Barthes van Laak, machte eine Drehung nach links hin und nahm den Herrn Notariatssekretär Knippscheer ins Auge. Fein säuberlich paradierte dieser mit seinem Hosenboden auf dem ausgebreiteten Sacktuch, dessen Enden knallrot unter der schwarzen Kleidung hervorsahen. Das sinnenblutige Gesicht war eitel Gottvertrauen und Andacht. Beim Nahen des Opfersackes schien sein Gebet an lauterer Inbrunst zu wachsen. Seine Gedanken waren nach oben gerichtet und hatten mit dem profanen Treiben nichts mehr zu schaffen. Das erste mahnende Zeichen ertönte. Der Herr Geheimrat ließ mahnen, was mahnen wollte, und betete weiter. Der kurzatmige Sakristan wedelte ihm mit der klingelnden Troddel bis dicht unter die Nase. Auch dieses verfing nicht. Nur ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort. Sulpiz neigte sich vor und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes. Als die dritte und letzte Aufforderung denselben negativen Erfolg hatte, drehte sich der Sakristan mit seiner schwarzpolierten Stange dem Herrn Spezereiwarenhändler Petrus Nagel entgegen. »Nichts!« konstatierte der Donnerjü und zwirbelte seinen martialischen Schnurrbart. Herr Petrus Nagel stand aufrecht. Mit hastigen Fingern knisterte er in den Blättern seines Gebetbuches. Keine Gedankenlänge stand das unruhige Kerlchen auf der nämlichen Stelle. Umschichtig setzte er bald den rechten, bald den linken Fuß auf die Seite, nahm eine tänzelnde Bewegung an und wiegte sich dabei flott in den Hüften, wie'n Magyar auf ungarischen Wollmärkten, wobei allerdings das landfremde, sauertöpfische Gesicht eitel Gram und Betrübnis über die betende Menge hinwegblies. »Bong!« machte der Spezereiwarenhändler, als an ihn die Reihe gekommen, griff sich noch fix durch die Haare und spedierte fingerfertig ein blankes Ding in den Beutel. »Hosenknopp!« buchte der Donnerjü mit kategorischer Ruhe, »so'n Viechskerl!« beugte sich vor und bemerkte, wie die Laken-Sophie eintrat, niederkniete und verklärten Gesichtes ihren Obolus darbrachte. »Gottverdomie,« dachte der Fingerhutshöfer, »was ist das, was soll das?! – Die hat ja ›PuttPutt‹ in der Tasche. Ich tu's nicht unter zweimal fünf Groschen. Da muß was passiert sein!« und hatte er sich hier über die gemachte Wahrnehmung des längeren aussprechen dürfen, es wäre ein vergebliches Bemühen gewesen, denn er war vor Erstaunen eine geraume Zeit lang so gut wie sprachlos geworden. »Zweimal fünf Groschen ... !« Seine Blicke waren weiter gehastet. Wer stand da – an der Säule dahinten?! Vor dem stillen Ernst dieses Mannes, der mit unterschlagenen Armen dem Gottesdienst beiwohnte, ging der Klingelbeutel schüchtern vorüber. Barthes van Laak hielt mit seinen Betrachtungen inne. Er bemerkte den Deichgräfen, er sah die unerschütterliche Ruhe des Insichgekehrten, der nicht so wollte, wie er wollte, der ihm von jeher ein Dorn im Auge gewesen. Nein, unterkriegen ließ er sich von dem nicht. Und wäre es fünfundzwanzigmal zu seinem eigenen Vorteil gewesen – gerade weil sie von ihm herrührten, wollte er von den Neuerungen in den Korporationsrollen nichts wissen. Und wenn er, der Deichgräf, absolut auf seinem Willen beharrte, wenn er Streit haben wollte, wenn er's weiter so triebe und die Deichgeschworenen gegen ihn aufhetzte – gut, er stand zur Verfügung, aber dann auch: Auge um Auge, Zahn um Zahn und Stirn gegen Stirne. Und sollte einer auf der Strecke verrecken: Kampf bis auf's Messer. Der Donnerjü warf Kopf und Stiernacken rücklings, kam aber mit der Musterung seines kompakten Ingrimms nicht weiter, denn der Dechant van Haag hatte soeben die Kanzel bestiegen. Der tolerante Geistliche konnte in Herzen und Nieren sehen; er wußte, daß sich manche in seiner Herde befanden, die das Jäten ihrer Äcker vergaßen und die Falter der Weltlust taumeln ließen über böses Gekraut und nichtsnutzige Blumen, die zwar dem Auge schmeichelten, aber eitel und nichtig waren für die Gewinnung des ewigen Lebens. Am Sonntag vorher hatte er unter leiser Anspiegelung über Stolz und Hoffart gepredigt, heute gedachte er über den Wert und die Pflichten einer gottwohlgefälligen Ehe zu sprechen, und also begann er: »Geliebte im Herrn! – Im zweiten Buche Samuelis, und zwar im elften Kapitel, steht also geschrieben: Und es begab sich, daß David um den Abend aufstand von seinem Lager und sahe vom Dach seines Hauses ein Weib sich waschen, und das Weib war sehr schöner Gestalt. Und David sandte hin und ließ nach ihm fragen und sagen: Ist das nicht Bath-Seba, die Tochter Eliams, das Weib Urias, des Hethiters?« »Hm, hm!« räusperte sich Sophie Boß, schob sich kommod in die Sitzbank zurück und drehte die rechte Gesichtshälfte mehr der Kanzel zu; um besser hören zu können. Der Dechant aber sprach weiter: »Und David sandte Boten hin und ließ sie holen in die Gemächer des Königs. Und da sie zu ihm hineinkam, blieb sie lange bei ihm und ging wieder nach Hause. Und das Weib war schwanger und ließ David verkünden und sagen: Ich bin schwanger geworden. Er aber schrieb einen Brief an Joab und ließ ihn durch Uria bringen. Und also stand in dem Brief geschrieben: Stellet Uria an den Streit, da er am härtesten ist, und wendet Euch hinter ihm ab, auf daß er erschlagen werde und sterbe.« Bei den letzten Worten blinzelte die Laken-Sophie in berechtigter Wissensbegierde zur Linken, woselbst ihrem Ermessen nach die grellilluminierte Sonntagshaube ihrer besten Freundin auftauchen mußte. Sie wollte doch wissen, was Lisbeth bei dem heiklen Thema für ein Gesicht machen würde. Allein Madam Mömmes war nicht bei der Sache. Die schwarze Hornbrille bis auf die Nasenspitze geschoben, hatte sie es vorgezogen, sanft und selig in die Gefilde ihrer beliebten Traumwelt hinüberzuduseln. Was galten ihr auch David und Bath-Seba! – hatte sie doch mit einem anderen biblischen Weib zu schaffen, das schlimmer war wie alle alttestamentlichen Frauen zusammengenommen, und sie war gerade dabei, im Interesse des keuschen Joseph einen zölligen Hasel aus der nächsten Hecke zu schneiden, um damit der gotteslästerlichen Potiphar unter die Augen zu treten, als der Prediger lauter wurde und mit eindringlicher Stimme den heiligen Text weiter erzählte: »Und da nun Joab um die Stadt lag, stellte er Uria an den Ort, wo er wußte, daß streitbare Männer waren. Und da die Mannen der Stadt herauskamen und stritten wider Joab, fielen etliche des Volks von den Knechten Davids, und Uria, der Hethiter, fiel auch.« »Gott, ne nich!« erschreckte sich Madam Mömmes, war aber des Glaubens, gedungene Mietlinge der Potiphar hätten Joseph von Ägypten erschlagen, und kam erst zu klarem Bewußtsein, als sie die Kanzelworte genauer verfolgte. Mit einem tiefen und glückseligen Seufzer konstatierte sie nun, daß alles bei ihr nur ein böses Träumen gewesen. In einem kurzen Stoßgebet quittierte sie daher bei ihrem lieben Herrgott für die glückliche Rettung des jungen Hebräers. Der Dechant aber streckte die Hand aus und meinte: »Da sandte Joab hin und ließ David ansagen allen Handel des Streites. Und David sagte zum Boten: Du sollst melden an Joab: Laß Dir das nicht übel gefallen, denn das Schwert frißt jetzt diesen, jetzt jenen. Und da Bath-Seba hörte, daß ihr Mann Uria tot war, trug sie Leid um ihn. Da sie aber ausgetrauert hatte, sandte David zu ihr, und sie ward sein Weib und gebar ihm ein Söhnlein. Aber dem Herrn gefiel die Tat übel, die David getan hatte.« »So 'ne Person!« fuhr die Laken-Sophie zusammen, »den lieben König David in solche Schwulitäten zu bringen ...« konstatierte, daß alle Weibsbilder nichts taugten, nahm natürlich ihre eigene Person, Madam Mömmes und die Babbeltjes-Lena von diesem Verdikt aus, und – weiß der Kuckuck warum! – sie konnte nicht anders: allein sie mußte bei der soeben gehörten Geschichte immer an Aleit van Laak denken, und als sie instinktiv den Kopf wandte und nachsah, fand sie die jugendliche Frau zur Seite des Donnerjüs sitzen. Und Aleit saß da ohne Bewegung und mit halb geschlossenen Augen. Sie fühlte sich neben ihrem Mann wie eine Pflanze mit durstigen Wurzeln, der eine heiße Prellsonne feuchtes und kühlendes Erdreich versagte. Nur wie ferne Glocken über den Wald weg, wie ein unbestimmtes, verlorenes Läuten klangen ihr einzelne Worte des Kanzelredners zu Ohren. Ein krankhafter Zug war ihr im Verlaufe der Tage zu eigen geworden. Sie war nicht ihr früheres ›Ich‹ mehr, seitdem sie erkannt hatte, daß das Wesen der Liebe Leidenschaft sei und heißes Verlangen, und es doch nicht vermochte, dieser heiligen Erkenntnis Rechnung zu tragen. Diese scheu verborgenen Gefühlsquellen waren in ihr noch immer lebendig; aber sie sträubten sich, ihre dämmernden Tiefen zu lassen, denn alles um sie her war so nüchtern und taghell, und sie sehnten sich doch, hinauszuströmen in ein verschwiegenes Waldtal und in eine Landschaft voll himmlischen Glückes. Und Sterne mußten stehn in der Höhe, und der Horizont mußte gegürtet sein mit einem olivenfarbigen Gürtel, und inmitten desselben mußte eine Pforte sich öffnen ... Sie kannte die Landschaft. Sie kannte die Sterne, die Dämmerungen und die hohen Pappeln, die über die Deiche gingen mit leisem Gesäusel. Sie hatte sie als Kind schon gesehn und später, als sie größer geworden. Und das Tor stand geöffnet, und jenseits davon konnte sie ihren Durst und ihre Leidenschaft stillen – und da sie eintreten wollte, versagten die Füße, und alles war eitel und nichtig gewesen. Und seitdem vibrierte eine ungelöste Dissonanz durch ihre bekümmerte Seele. Sie wollte Sättigung haben und konnte diese Sättigung nicht finden, sie hatte Durst und konnte dieses Dursten nicht stillen, sie fühlte die Schwingungen einer liebestrunkenen Sommernacht, ihr geheimes Regen und Reifen und den Zauber, der in den unbestimmten Rissen der massigen Baumkronen lebte und webte und dem Heer der Blütendolden entströmte ... Aber sie fühlte ihn nur, sie ahnte ihn nur – allein sie konnte nicht völlig genießen, nicht untertauchen in den Rausch der ersehnten Verzückung. Nur aus weiter Ferne, unbestimmt, dunkel und unerreichbar spielte die geheimnisvolle Sommernacht mit ihren berückenden Wundern. Und sie hatte keinen Anteil an ihnen; das Verlangen mußte ihre Seele verzehren. – »Und Bath-Seba war schön,« klang es von der Kanzel herunter, »und sie wußte, daß sie schön war und wusch ihren Körper mit köstlichen Essenzen, sie stellte ihre Reize zur Schau und betörte den König – und das war schlecht von dem Weibe, denn es hatte seine Keuschheit und die des Mannes hierdurch zu Grabe getragen und sich hierdurch versündigt, denn letztere ist, wie der selige Bischof Doktor Konrad Martin versichert, eine der schönsten Blüten des menschlichen Geistes und eine ragende Palme des Lebens. Sie befähigt den irdischen Waller zur seligen Anschauung Gottes, sie trägt ihn empor zu den Sternen des Himmels und läßt die Lilien des Friedens wachsen auf den Bergen der Myrrhen.« Und Aleit fuhr aus ihren lethargischen Träumen. Eine quälende Angst hatte sich ihrer bemächtigt. Sie war eigentümlich erregt. Nie gesprochenen Worte, die mystischen Dämmer, die Flämmchen, die wie leblos über den Wachsschäften standen, berührten sie seltsam, und es war ihr so, als sei ein plötzlicher Riß durch ihre Seele gegangen. Sie schien auf ferne Stimmen zu hören. Kaum merklich hob sie den Kopf, und zwei traurige Augen irrten suchend ins Leere. Wie ein Nebel lag es vor ihren verschleierten Sinnen. Und sie stierte in diesen Nebel hinein, als müsse sich dort eine Lichtquelle auftun, die sie führen sollte bis an jene Pforte, die sie vor Jahren gekannt hatte. Damals war sie wegemüde an der verheißungsvollen Schwelle niedergesunken. Das war jetzt anders geworden. Erhobenen Hauptes wollte sie den Eingang betreten, das durchweinte Leben vergessen und glücklich werden an glücklicher Stätte. Aber eine Stimme war bei ihr; die hatte sich gelöst von den anderen. »Die Lilien des Friedens wachsen nur auf dem Berge der Myrrhen,« sagte die Stimme, »und sie müssen welken, verderben, wenn niedere Regungen über sie fortgehn. Und wo die Schönheit sich auftut, da ist die Keuschheit gefährdet, und die Lilien des Friedens verderben, denn die Berge sind ledig der Myrrhen geworden, und um sie her ist eitel Dunkel und Wirrnis. Und Bath-Seba war schön vor allen Frauen in Israel, und ihre Schönheit brachte David zu Falle. Und wehe dem Manne, denn geschrieben steht: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib, denn es ist ein Greuel vor dem Herren und den Menschen ein Ärger.« Es war über Aleit wie ein mächtiges Brausen gekommen. Was sagte der Mann da auf ragender Kanzel? Wollte er den Menschen, die so nüchtern und mit stumpfen Gesichtern in den Kirchenbänken umhersaßen, ihr Geheimnis verkünden und ihnen ihre ganze Leidensgeschichte erzählen? Was scherte das alles die übrigen Leute – und war sie denn überhaupt schon vom Wege der Pflicht und in die Irre gegangen? – Nein! – Noch konnte sie erhobenen Hauptes unter die tuschelnde Menge treten und ihren Blicken begegnen, noch konnte sie getrosten Mutes ihr Kind an's Herz drücken – und dennoch, sie hatte das unklare Bewußtsein, als ob das Gesicht des geliebten Mannes über ihr stände, als ob er bei ihr wäre, sie emporrisse und mit ihr hinwegginge in die ersehnte Taumelnacht mit ihren liebestrunkenen Schwingungen und den ewigen Sternen. Und sie ging mit ihm, wohin er sie führte, und somit: sie hatte also dennoch gesündigt, gesündigt im Geiste, denn wer schon in Gedanken die Ehe gebrochen ... Und die soeben gesprochenen Worte ... Sie war schuldig, schuldig, schuldig! – Sie hätte untertauchen mögen in den wirren Nebel, der vorhin vor ihren Blicken gewesen. Und die Scham, die Selbsterkenntnis drückte ihre Seele zu Boden. Ihr Antlitz war kreidig geworden, als wäre der Tod mit kalter Hand darüber gefahren. Die durchsichtigen Nasenflügel öffneten sich über den Lippen. Etwas unkörperliches haftete ihrem Leibe an. Die halbgeschlossenen Augen verlängerten sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Die Lippen blieben geöffnet, als sehnten sie sich nach einem verzehrenden Kusse. Mechanisch fuhr sie sich über die Stirne. Mit einem leisen Seufzer sank sie in sich zusammen. Sie wußte es, und wenn sie es noch nicht gewußt hätte, so hätte sie es heute und in jetziger Stunde erfahren. Die Worte des Predigers waren zu deutlich gewesen. Für sie blühten keine Lilien mehr auf dem Berge der Myrrhen. Aber schön war Aleit van Laak trotz ihrer Sünde geblieben, und selbst Jöffer Boß, die doch alle Ursache hatte, die weiblichen Reize ihrer Nebenbuhlerin etwas tiefer zu hängen, um auf diese Weise gefesteter und mit größerem Erfolge in den Konkurrenzkampf treten zu können, war ehrlich genug, ihr den Zauber des Weibes nicht abdisputieren zu wollen. Allein – wenn sie sich wieder selber betrachtete ... Sie durfte schon zufrieden sein mit dem, was sie hatte. Hierzu kamen noch ihre inneren Vorzüge. Rein war sie – das konnte am besten Madam Mömmes bezeugen; ob aber Frau Aleit ein gleiches von sich behaupten durfte, das stand denn doch auf einem ganz anderen Brette verzeichnet, und somit, alles in allem: sie hatte schon eine erkleckliche Portion von inneren und äußeren Vorzügen in Pachtung genommen und konnte bestehn vor sich und anderen ihres Geschlechtes. Außerdem hatten zwei Orakel zu ihren Gunsten gesprochen, sie war siegreich geblieben und hatte die schöne Partnerin aus dem Felde geschlagen. Gewiß, die Ärmste konnte ihr leid tun; aber bei Lichte besehen: sie war doch nicht dafür verantwortlich zu machen, daß gerade ihr das Glück in den Schoß fallen mußte. Daß Aleit verheiratet war und sich trotzdem nach dem Deichgräfen bangte, das widersprach allerdings jedem christlichen Grundsatz und war nicht schön von der Aleit – mit Rücksicht aber darauf, daß die Liebe geeignet ist, die klarsten Sinne zu trüben, und im Hinblick auf die obwaltenden Umstände wollte sie ein Auge zudrücken und sich mit der christ-katholischen Nächstenliebe behelfen. Überhaupt, man dürfe mit seinem lieben Mitmenschen nicht allzustreng ins Gericht gehn. Diesen Grundsatz gedachte sie auch jetzt zu beherzigen – und eine Art von stiller Wehmut ergriff sie. Alles was recht ist – Sophie Boß war, abgesehn von ihren Eigentümlichkeiten und Schrullen, nicht nur ein ehrliches Mädchen, sie hatte auch ein gutes Gemüt und konnte mitleidig werden. Ja, sie wollte in ihrem Glück alle beglücken – auch Aleit, ihren Kanarienvogel, den Kugelkaktus. selbst den Herrn Notariatssekretär Knippscheer, dem sie allerdings, hinsichtlich ihrer eigenen Person und des erhofften Ringes wegen, nicht mehr zu helfen vermochte. Das war sie nicht nur ihrem eigenen Selbst gegenüber, sondern auch Gert Liffers schuldig, und daher, so schwer es ihr auch ankommen mochte: der Herr Notariatssekretär Knippscheer mußte eben in den sauren Apfel beißen und sich anderweitig vertrösten. Aber das wußte sie jetzt schon: sie wollte ihm stets ein treues und liebevolles Andenken bewahren. Und Aleit? – Um Gott nicht, die Ärmste! – Ihr gegenüber war sie aus einem Saulus ein Paulus geworden. In ihrem Siegesbewußtsein, bei ihren Liebestriumphen sollte auch die nicht zu kurz kommen. Sie wollte ihr alles vergeben, alles vergessen. Selbstverständlich mußten die neumodischen Hemden schneideriert werden; allein sie gedachte noch ein übriges zu tun, um die Sache so opulent wie möglich zu machen, Blauseidene Bändchen mußten zur Hebung des Ausschnitts partout angebracht werden, das gehörte sich nun einmal für die Frau des Fingerhutshöfers, und die Spitzen hierzu wollte sie aus ihren eigenen Mitteln spendieren. Ja, glücklich, glücklich sollte die Ärmste werden, glücklich wie sie. Sie konnte überhaupt keine traurigen Gesichter mehr leiden, und auch bei Gelegenheit ihrer demnächstigen Hochzeit mußte die Aleit dabei sein. Und an ihrer Seite sollte sie sitzen, und aus demselben Glas sollte sie trinken – und wenn sich die Gelegenheit böte: sie konnte sich auch hierzu verstehen und ihr den Versöhnungskuß geben. Und wenn Aleit es wünschte: gut, sie hatte nichts dagegen zu sagen – auch ihren Mann durfte sie küssen. Hiermit glaubte sie ihre Glückseligkeitsbetrachtungen endgültig beschlossen zu haben und quittierte mit einem tiefen Seufzer. Dabei schickte sie einen innigen Blick zu Gert Liffers hinüber, glitt seligen Auges an seiner männlichen Forsche herunter und dachte: »Alles Dir zuliebe, mein Engel – und unsre Pantoffeln ... Ach, Du mein lieber Herr Jeses ... !« Sie konnte das Übermaß ihres unverdienten Glückes nicht fassen. Sie zog das schwarze Pelerinchen enger zusammen, beugte sich vor und versuchte zu beten. Was zu viel ist, ist nun einmal zu viel; zu viele Bongbongs schaden dem Magen. Der Mensch kann nur eine gewisse Portion von Leckertäten vertragen. Sie mußte auf andere Gedanken kommen und ein Gegengewicht haben. Sie dachte deshalb an die Leidensgeschichte des Herrn, sie ließ sich die Marter von diversen Blutzeugen durch den seligen Kopf gehn, um ihren Gedanken 'ne andere Wendung zu geben – aber wie sie auch grübeln mochte, sie brachte keine andere Stimmung zuwege. Immer schöner, rosiger, einschmeichelnder gestalteten sich die Farbentöne auf ihrer Zukunftspalette. Die schrieen nach dem Papierbogen und wollten vertuscht sein. Erst malte sie an ihrem Hochzeitstage herum, dann nahm sie die Einzelheiten ihres häuslichen Glückes vor, und zwar der Reihe nach und den Jahreszeiten entsprechend. Sie war bis zum Winter gekommen. Ach, wie das schön tat! – Draußen war's schummerig. – Das Thermometer zeigte achtzehn Grad Kälte. Es fror die Spatzen vom Dache herunter. – Jetzt kam ihr Männchen nach Hause – ihr einziges Männchen. – Tag, liebes Gertchen! – Die Deichgräfenstiefel mußten herunter und durch angewärmte Filzpariser ersetzt werden, dann ward's erst gemütlich. – Ein Fidibus stand schon parat, und die Pfeife war fertig. – 'ne Buddel Warmbier kam, auch 'ne duftige Schüssel mit Grundbirnen und Rindfleisch. – Im Kanonenofen begann es zu knacken – und die Bratapfel quietschten – und sie saßen beide zusammen wie die Distelfinken im Rübsen ... Und denn ... ?! Unwillkürlich schob sie ihre Hand vor die Augen. Und denn ... ?! Sie genierte sich sichtlich, gab sich aber 'nen Ruck und tuschte dann weiter. Ja – und denn war es spät Abend geworden, und der Nachtwächter tutete draußen – und ihr Männchen sah nach der Hausuhr, die immer so gemütlich tickte und tackte, und meinte: Na, Sophie, wie wär's denn? – Und dabei zwinkerte er mit seinen treuen Augen verliebt ins Nebenzimmer. Na, und was ihr Männchen wollte ... Sie war doch 'ne brave und christkatholische Hausfrau und konnte nicht anders. Und der Nachtwächter tutete wieder – und dann hörte sie nichts mehr. Es war um sie her so angenehm düster geworden. Nur der Mondschein tippte mit scheuem Finger ins Zimmer ... Nein – sie hörte absolut nichts mehr, kein Sterbenswörtchen, kein Jota. Sie wußte auch nicht, daß die Predigt schon lange beendet; auch Präfation und Wandlung waren spurlos an ihr vorübergegangen, und sie wurde erst munter, als der Segen mit hellem Gebimmel erteilt wurde, und der frische Weihrauch ihr erlösend in die Nase hineinkribbelte. Jesus Christus, wo war sie ... ?! Ein Geschlurf von vielen Schritten brachte sie dann ganz zur Besinnung. Mit einem Päckchen voll gesammelter Weisheit schickten die Leute sich an, nach Hause zu gehen. Fast gleichzeitig machte sich in den vorderen Bänken eine starke Bewegung bemerkbar. Dort liefen die Menschen zusammen. »Was gibt's da ...?!« »Das ist ja nicht zu mäntenieren – die Sache!« »Ach, Du mein Heiland!« Aleit van Laak war in Ohnmacht gefallen. Sie hatte soeben ... und sie hatte ihn doch nicht mehr gesehen, seitdem er vor Jahren von ihr Abschied genommen. Der Donnerjü fluchte. »Gottverdomie, so ist eben das Weibsvolk! – Immer die Nerven!« Ihr Gesicht hatte den Anschein des kalten Marmors erhalten. Blaue Äderchen lagen auf den leblosen Schläfen. »Um Gott nicht!« entsetzte sich Sophie. Sie wollte ihr beispringen. Aber ein Diakon war gekommen. Mit dessen Hilfe geleitete Barthes van Laak sein Weib in eine Seitenkapelle – und da gingen Sophie Boß und Madam Mömmes nach draußen. Auch Gert Liffers hatte in Gemeinschaft mit dem jungen Lehrer, der von der Orgel kam, die Kirche verlassen. Sturm war in ihm. Noch immer klangen ihm die Worte zu Ohren, die der Dechant zum Schluß seiner Predigt gesprochen. Er wiederholte sie tonlos. »Und wehe dem Manne ...« »Herr Deichgraf, was meinten Sie eben?« fragte der Lehrer. »Nichts,« sagte Gert Liffers, aber ihm war so, als müßte er zusammenbrechen unter der Last seiner Qualen, Jetzt wußte er, daß es Kampf geben würde. Die Wundmale seiner großen Passion begannen von neuem zu bluten. Und draußen ... ?! Da standen die beiden Freundinnen und ließen die Kirchengänger einzeln Revue passieren. Aber Gert Liffers kam nicht. Er hatte das Gotteshaus auf einem Seitenwege verlassen. »Er betet noch,« tröstete sich die Nähterin und beobachtete weiter. Sie würde ihm schon zu Hause begegnen, und das wäre schicklicher und feiner, als hier auf der Straße seine Gefühle zur Schau zu tragen. »Das is nobel von Ihr,« meinte die Dicke, »ein ordentliches Frauenzimmer hält auf Turnüre,« stellte ihr violettes Umschlagetuch in die rechte Beleuchtung und sagte: »Nur so Potiphare und ähnliche Menscher poussieren am hellichten Tage un vor Gottes offenem Tempel. Mamsell Boß, ich muß Ihr meine Wertschätzung dartun. Sie hat den richtigen Plie un 'ne seine Erziehung, un das is immer bekömmlich im Leben.« »Das ist es,« bestätigte die Laken-Sophie und deutete auf den Spezereiwarenhändler, der sein Fahrrad, das er während des Gottesdienstes innerhalb des Portals deponiert hatte, mit einem fröhlichen Zungenschnalzer bestieg und wie ein brausender Sturmwind davonfuhr. »Bricht auch mal den Hals,« entsetzte sich die würdige Dame und schlug die Hände zusammen. »Mein Zeit nich, die verwogene Mannswelt ... !« Und wie sie das sagte, da ging der Herr Notariatssekretär Knippscheer vorüber. Mit einem großen Gebetbuch unterm Arm und ein tiefes Leid unter der frischgebügelten Weste, suchte er einen Blick von seinem holden Traum zu erwischen. Über sein hageres Gesicht spielte eine tiefgründige Wehmut. Sophie jedoch hatte die Augen zu Boden geschlagen. Die Dicke ging ihr mit einem sanften Stups unter die Rippen und kicherte leise. »Ich kann ihm nicht helfen,« meinte die Lange, »ich kann ihm nicht helfen ... !« und erzählte dann, um dem Gespräch eine andere und weniger verfängliche Fahrbahn zu geben, daß sie sich nach reiflicher Überlegung dennoch entschlossen habe, die opulenten Hemden für Aleit zu nähen und in kurzem fertig zu stellen. »Wa ... ! – Die ohne Ärmels ...?!« »Ja,« sagte die Lange verlegen. »Also doch Freundschaft geschlossen?« »Aber nur meinem Deichgräf zuliebe.« »Um tausend Gottes willen!« machte die Dicke und hob ihre ›Blüten der christkatholischen Andacht‹ gen Himmel, »Mamsell Boß, das bin ich nich kumpabel in meinem Kopp zu begreifen!« »Tut nichts, tut nichts,« fiel ihr Sophie dazwischen, »das kommt schon noch alles ...« und dann mußte sie wieder an ihr unbändiges Glück denken, an den Deichgräfen und die diversen Orakel. Wie ein Frühlingsbrausen ging es über sie her. Sie hätte springen mögen wie so'n blutjunges Zickchen zwischen Himmelsschlüssel, Butterblumen und Salbei – und über Wiesen und Bach fort. Sie hielt sich nicht länger. »Ach, liebe Frau Mömmes, ich muß Ihr was sagen. Auch die Babbeltjes-Lena ...« »So?!« machte die Dicke und zog das ›So‹ in die Länge, als wäre es ein handliches Knäuel Wollgarn gewesen, das wieder aufgesträhnt werden sollte. »Ja – aber nicht hier, Madam Mömmes. Heute mittag beim Kaffee ... Ich bitte Sie höflichst. Nur nicht konträremang sein. Die Babbeltjes-Lena kommt auch. Ich gebe mein feinstes Geschirr und nußbraune Waffeln zum besten. Und das kann Sie mir glauben, Madam Mömmes – alles präsentier' ich auf meinem neuen Tablett von pfundschwerem Silber.« »Neusilber, Neusilber!« warf die Dicke dazwischen. »Wollt' ich auch sagen. Neusilber, meine liebe Frau Mömmes.« »Schön,« sagte die behäbige Dame, und in aller Eintracht gingen die beiden nach Hause. IX Frühlingssturm Die Blätter waren inzwischen von den Bäumen gefallen. Die Nächte längten sich, und die Tage drückten schon um die fünfte Mittagsstunde schlummermüde die Augen zusammen. Die Windmühlen standen wie Giganten im Nebel. Der Herbstwind kam ihnen zu gunsten. Unermüdlich stakelten sie mit ihren segelbespannten Armen so energisch durch die dicken Lüfte, als müßten sie stattliche Fetzen aus der dunstigen Masse heraussäbeln. Bis spät in die Nacht hinein leuchteten ihre erhellten Lukenfenster über die Landschaft. So ging es allnächtens. Es wurde mit Überstunden gearbeitet; die Mühlen hatten zu tun, alle Gänge waren in Tätigkeit, dem Mahlwerk wurden Wannen voll Korn ins Maul geschoben, aus allen Öffnungen drängte sich der mulmige Mehlstaub und stiebte hinaus, als müßte die Erde ein Teil von dem zurückempfangen, was sie in so verschwenderischer Weise ausgeteilt hatte. Über alles Erwarten war die Ernte gewesen. Besonders beim Donnerjü; da hatte der Roggen weit über Mannshöhe auf den Feldern gestanden, und als die Lokomobile ihre Arbeit getan hatte, als die Fruchthändler kamen und ihre gespickten Lederportefeuilles herauszogen, um Zahlung zu leisten, wollte sich der Fingerhutshöfer nur durch harte Taler befriedigen lassen. Das sah mehr aus, präsentierte sich besser und gab der ganzen Bezahlungsaffäre 'nen kompakteren Anstrich. Papiergeld war ihm überhaupt aus tiefster Seele zuwider. Gold?! – na ja, aber am liebsten war ihm von jeher Silber gewesen. Das verlangte doch einen ordentlichen Raum, das konnte auch ein Blinder in Augenschein nehmen und ein Händeloser betasten – und so kam es denn, daß um Martini fünfundzwanzig handliche Geldsäcke in seiner schweren Eisenkiste Posto gefaßt hatten und seine Augen erfreuten. Und wie sie so standen, da war ihm der Hochmutsteufel noch mehr denn sonst in die Krone gefahren. Jetzt erst recht gedachte er, das verflixte Deichprojekt über den Haufen zu knallen, und wer es wagen sollte, den ersten Spatenstich auf seinem Grund zu riskieren, und wenn es selbst der König von Preußen beföhle ... Prosit, Ihr Bauern! – er, der Donnerjü, wolle keinem verwehren, sich mit ihm ins Einvernehmen zu setzen; er solle man kommen, aber so viel sei sicher: lebendig käme er nicht mehr von seinem Grund und Boden herunter. Und mit diesem Hochmutsteufel behaftet, der aus allen Knopflöchern herausvigilierte, räsonnierte sich Barthes van Laak so allmählich in den Winter hinein, sah den schwarzen Vögeln nach, die durch den Nebel strichen, schimpfte auf Gott und die Welt, daß es im Advent nicht grünte und blühte und keine Spargelstangen durch die Erddecke stießen, und registrierte nur dann eine fröhliche Laune und ein herzhaftes Späßchen, wenn es ihm gelang, irgend einen liebestollen Pferdeknecht abzufassen und aus der behaglichen Mägdekammer zu räuchern. Das war nach seinem Geschmack, stimmte ihn fidel und ließ ihn für etliche Stunden die tödliche Langeweile der trüben Wintertage vergessen, – Während all dieser Zeit war die Laken-Sophie nicht müßig gewesen. Ihrem heiligen Vorsatz getreu, eine aufrichtige und innige Zuneigung für ihre ehemalige Widersacherin im Herzen, war sie regelmäßig zu Aleit gepilgert, hatte großmütigen Sinnes die Spitzen und seidenen Durchziehbändchen spendiert und mit Aufbietung aller ihr zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte sich der etwas anrüchigen Hemdenfrage angenommen. Allerdings, mancher Seufzer war dabei mit untergelaufen, wurde als Fädchen durch die Nadelöhren gezogen und in die Leinwand gestichelt – denn Gert Liffers war noch immer nicht aus seiner Reserve getreten, um die angehäufelte Liebesspannung auszugleichen und endgültig zur Entladung zu bringen. Allein, wenn sie das Garn wachste und einzog, und die Lampe so behaglich in der Stube herumspielte, wenn der Wind da draußen durch die kahlen Pappeln sauste und die Wetterfahne bewegte, dann ließ sie sich auch angenehme und tröstende Gedanken durch den Kopf gehen und gestaltete sich die Zukunft nach ihrer Façon und nach ihrem Behagen. Und so saß sie denn eines Tages im Advent auf dem Fingerhutshof und schneiderierte, was nur immer das Zeug halten wollte. Erster Faden! »Noch immer hat er keine Kurasch gefunden,« sagte sie leichthin, »und der Inhalt meiner Gefühle ist ihm doch offenkundig gewesen. – Was bedeutet das alles? – Morgen vielleicht; ach, wenn es doch schon morgen wäre, mein Schätzchen! – Aber warum diese Prüfung, Herr, Du mein Christus?!« Zweiter Faden! – Gleichzeitig begann es äußerst gemütlich im blankgewichsten Kanonenofen zu poltern. »Tröstliche Stimmen im Leide!« meditierte die Lange. »Sie geben mir Einsicht, sie erleuchten mich, wie der heilige Geist die Jünger um Pfingsten erleuchtet – und Pfingsten ist Frühling. – Da liegt ja der Schlüssel von der ganzen Geschichte! – Paaren sich nicht auch die Turteltäubchen im Frühjahr? – Ach, und die Kätzchen! – Scheint ihnen der Maimond so behaglich über die langen Schwänze herunter, dann geht's los mit's Miauen – und was besagt das nicht alles?! Liebe, Liebe und abermals Liebe! – Pfingsten ist Frühling, und Frühling ist Liebe! – Gertchen, mein Gertchen, was du doch für'n poetischer Mensch bist!« Dritter Faden! – Der Kanonenofen hatte ordentlich rote Backen vor lauter Freude bekommen. Glühende Kohlenpartikel huschten knisternd in den Aschenkasten, während der Wind immer luftiger wurde und in der vielfach gekrümmten Ofenröhre rumorte. Ab und zu muhuten die Kühe aus den nahgelegenen Ställen herüber. »Wie gemütlich,« sagte die Lange und versenkte sich wieder in ihr wonniges Träumen. »Nun versteh' ich ja alles. – So'n Ausbund von Plie und seinem Benehmen und so'ne poetische Seele von Mannsmensch! – Gerne, gerne – ich kann ja warten, mein Liebling. – Er tut's ja, wenn die Buchfinken jungen und die gelben Butterblumen auf den Wiesen sich küssen. Ich kann ja warten, mein Liebling, und wenn ich drüber alt werden sollte. – Es ist ja so selig, zu warten ...! – Ich bedanke mich auch hierfür – auch hierfür ...!« Mit ihrer gläsernen Stimme hatte sie fast wie jubelnd gesprochen, dann verstummte sie plötzlich. »Na, Sophie ...« Begleitet von seiner Frau war der Donnerjü ins Zimmer getreten. »Herr Barthes ...!« Die Laken-Sophie glaubte eine Erscheinung zu haben. »Na, Sophie,« lachte der Fingerhutshöfer, »was soll's denn, und wem will Sie danken?« »Gert Liffers,« stammelte die Lange, die noch so viel Einsehen besaß, um beurteilen zu können, daß sie zu lebhaft geträumt hatte. »Gottverdomie – wofür denn?!« In Verlegenheit fuhr sie sich über ihre straffgescheitelten Haare. »Ach, Herr Barthes, er will mich doch nehmen.« »Was will der Deichgräf?« »Mich nehmen, Herr Barthes.« »Sie Schneegans ...!« Sie hörte noch ein brutales Gelächter und wie der Wind mit kreischender Stimme um die Fensterläden einen heidenmäßigen Spektakel vollführte. Sonst hörte sie nichts mehr; auch vor ihren entsetzten Blicken begann es zu schwimmen. Die grünlackierte Petroleumlampe tat noch einen närrischen Hopser; dann war auch dieses vorüber. »Sie Schneegans ...!« Noch einmal wollte sie das schändliche Wort wiederholen; es verlor sich aber, als hatte es sich selber gefressen. Und draußen war das erste Schneegestöber niedergegangen. Die weichen Flocken fielen stetig und immer. Erst herumgetrieben im Wind, ungewiß wo sie hinfallen sollten, bettete sich schließlich doch Daune bei Daune. Lautlos vom Himmel gekommen, schichteten sich die einzelnen Sternchen lautlos zu einer mächtigen Spreite, die alles mit ihren bläulichweißen Tüchern bedeckte. Es ging stark in den Winter hinein – und als nach Wochen ein lieber Geist über das Schneetuch daherkam, da zogen Glocken hinter ihm her, und vor ihm begannen ebenfalls die Glocken zu klingen, und die Leute legten die Hände in den Schoß, sahen sich glückstrahlend an und sagten: »Nun ist es Weihnachtsabend geworden.« – Mit ›Prosit‹ und ›Vivat‹ wurde alsdann von der letzten Stunde des alten Jahres Abschied genommen. Am Dreikönigentage gab Lisbeth Mömmes 'ne splendide Punschbowle mit frischgebackenen Waffeln und sonstigen Leckertäten zum besten. Es ging hoch und fidel her, und andern Tages behauptete sie mit aller Bestimmtheit, die heiligen drei Könige aus Mohrland gesehen zu haben. Sie konnte sich noch aller Einzelheiten erinnern. Auch nicht ein Titelchen war ihrem Scharfsinn entgangen. Kasper und Melchior seien äußerst höflich gewesen, und Balzer, der auf einem großen Kamele geritten, habe ihr Grüße vom ägyptischen Joseph gebracht und ihr dabei des längeren auseinandergesetzt, daß es der Potiphar hundsmiserabel im Jenseits erginge. Und daß alles der Wahrheit gemäß sei, darauf wolle sie ihre erste heilige Kommunion nehmen und zwar unbesehn und auf Leben und Sterben. »Schon möglich,« versetzte die Lange, als sie Wisserin wurde und sich über die, ihrer Freundin aufs neue zuteil gewordene Gnade des Himmels höchlichst erstaunte. Die Babbeltjes-Lena hingegen faßte das Erzählte von einem ganz anderen Gesichtspunkt ins Auge. Die Alte war überhaupt sehr egoistisch veranlagt, ließ sonstige Propheten und Hellseher, vornehmlich die modernen, nur schwer zu ihrem Rechte gelangen, hielt dabei mit ihren kleinen, aber gepfefferten Bosheiten nicht hinter dem Berge und meinte unter Berücksichtigung des vorliegenden Falles: »Da hast Du mir, meine teuerste Sophie! So 'ne Bowle hat's in sich, un wer nich die richtige Forsche besitzt, so'n Pünschchen, ohne übersinnig zu werden, estimieren zu können, soll die Nase davon lassen. Un die Appelsinen, die unsere liebwerte Freundin in die Terrine gestippt hat, hat sie wohl für die heiligen drei Könige aus Mohrland gehalten, un was das große Kamel anbetrifft, so is Madam Mömmes wohl selber das Tier mit die zwei Puckels gewesen. Un damit will ich mir empfohlen halten – adjüskes.« Mit leisem Gekicher schlurfte sie heimwärts. Ein wasserheller Tropfen fiel ihr von der geröteten Nasenspitze herunter. Und der Schnee zu ihren Füßen hatte das Ansehn von blendendem Zucker, und er hielt seine Weiße noch auf Wochen hinaus und zerfloß erst zu länglichen Streifen, als die Märzglöckchen mit ihren grünen Fingern das Erdreich durchstießen, um sich zu vergewissern, ob sie sich schon mit ihren zarten Nickeköpfchen herauswagen konnten. Um Okuli kamen die Vögel mit den langen Gesichtern ins Land, murksten und fielen ins Holz ein. Mit einem gleichmäßig trüben und düsteren Licht hatte das Frühjahr seinen Einzug gehalten. Dunstig lag es über der weiten Ebene, die nicht die geringste Hügelung aufwies und sich am Horizont wie eine schnurgrade Linie erstreckte. Nur von Deichen durchquert, schluckte sie unermüdlich die belebende Feuchte ein, die an lauwarmen Tagen in einem feinen Geriesel aus den niedrigen Floren sich löste. Grau in grau lag die Landschaft. Nur vereinzelt fiel ein Stück des entschleierten Himmels zur Erde. Und wenn es geschah, schälte sich so ein kleines Bild von Hoffnung und Frühlingsfreude aus der umdüsterten Flache. Dann begannen auch die jungen Wintersaaten zu leuchten, sonnige Lichter gingen darüber hin, und die Weidenbäume streckten ihre Kätzchen hervor und hatten das Aussehn, als seien sie mit hellgrünen Tupfen über und über besprenkelt. Aber dem farbenfrohen Bilde war keine lange Dauer beschieden. Wie gekommen, so rasch zerging es auch wieder, dämmerte ein und ließ sich von grauen Regenfäden schraffieren. Dampfende Ackerpferde, mit klingelnden Kummetgeschirren angetan, zogen über die endlosen Furchen. Die Pflugschar blinzelte trüben Auges gen Himmel. Pathetischen Ganges wackelten die Krähen ihr nach, bohrten ihren grindigen Schnabel nach Engerlingen ins fettige Erdreich, bäumten dann auf und krahaten von hier aus über das niederrheinische Land fort. Allwärts Mühe und Sorge und Arbeit um das spätere Keimen. Die jungfräuliche Erde schickte sich an, in das Stadium des Empfangens zu treten. Sie erschauerte unter dem Hauch des befruchtenden Geistes und sah verschleierten Blickes nach aufwärts. – Es war an einem Tag in der Woche, die Palmarum voranging. Über das Werden und Treiben hatte bislang die Ruhe des Todes gelegen. Senkrecht waren die Wölkchen aus allen Schloten gestiegen; auf den stillen Wasserkolken zeigte sich keine kräuselnde Furche. An diesem Tage aber tat sich der Sturm auf. Im grauen Regenmantel kam er gezogen und blies die schweren Pappelkronen, die eben einen zartgrünen Schimmer angesetzt hatten, gegen den östlichen Himmel. Frühlingssturm in der niederrheinischen Landschaft ...! – Und es war Abend geworden. Vom nahegelegenen Wissel her bewegte sich eine hohe Gestalt über den Deich fort. Über ihr ging flatternd Gewölk, das fast den ganzen Himmel bedeckte; nur am tiefen Horizont ruhte noch eine zitrongelbe Fläche. Der Schattenriß des langgestreckten Ortes, von wannen der Mann kam, lag wie ausgeschnitten auf der seltsamen Färbung, in deren Folie sich schwarze Punkte auf und nieder bewegten. Es waren Dohlenvögel, die verspätet durch den stürmischen Abend revierten. Der einsame Mensch war stehn geblieben und sah hochaufatmend in das gelbe Licht des ersterbenden Tages. Noch einmal blitzte es wie ein verheißungsvolles Leuchten dort auf, dann hatte der Sturmwind seinen Mantel darüber gezogen. Auch im Westen war es düster und florig geworden. Der Deichgräf ging weiter. Zu seiner Rechten gurgelten die rückgestauten Wasser des Rheines im Kalkflack. Sie hatten ihren Höhepunkt erreicht und stiegen nicht weiter. Für die Niederungen bestand in diesem Jahr keine Gefahr mehr. – Aber wäre es anders gekommen, hätte die zeitige Hochflut ihr tückisches Auge aufgesetzt und wäre nicht so lammfromm und friedlich gewesen – kein Zweifel, die Karte hätte eine verteufelte Volte geschlagen, die vielen die Augen geöffnet und manchen ohne Federlesens an die Wand gedrückt hätte. – Gewiß, der Fingerhutshof stand schon seit Menschengedenken auf der nämlichen Stelle und, abgesehen von etlichen Unzuträglichkeiten, war es ihm bei Hochwasserzeiten noch immer so leidlich ergangen. Allein, was sich früher als praktisch erwiesen und seinen Zwecken vollauf gedient hatte – eine veränderte Sachlage war berechtigt, das Bestehende aus den Angeln zu heben und es zum alten Gerümpel zu werfen. Und so hatte sich auch hier die Situation völlig geändert und erheischte, hervorgerufen durch die Durchschleusung des Kalkflacks, durch Verschiebung des Stromlaufs und die infolgedessen gezeitigten unvorhergesehenen Nebenumstände, eine einschneidende Deichregulierung, die, wenn sie damals als unbedingt nötig erkannt worden wäre, vornehmlich in Höhe des Fingerhutshofes hatte einsetzen müssen. Warnende Stimmen verhallten, und als der neue Deichgräf erschien, die schlummernde Gefahr aufdeckte, in sachlicher Weise seine Forderungen stellte und Vorschläge machte, da stieß er gleichfalls auf niederrheinische Köpfe, die nicht so ohne weiteres Hals geben wollten. Auch heute noch, bei Gelegenheit einer Geschworenensitzung im benachbarten Wissel hatte er vor tauben Ohren gepredigt und es nicht fertig gebracht, die Mehrheit der Stimmen gefügig zu machen und auf seine Seite zu bringen – und als nach Schluß der Sitzung noch der Donnerjü in die Wirtschaft hineinprotzte und zur Feier des unter den Tisch gefallenen Antrags 'ne Batterie langhalsiger Pullen bestellte und großmäulig entkorkte, da waren auch dem Deichgräfen Geduld und Langmut in die Wicken gegangen. »So seid Ihr Bauern,« hatte er mit hallender Stimme gerufen, »und so seid Ihr von jeher gewesen! – Wenn's an der Zeit ist, dem Wasser für späterhin den Weg zu verlegen, dann habt Ihr keinen Pfennig im Beutel – aber zeigt's Euch die Zähne, rüttelt's an Scheunen und Pfosten, und steigt Euch die Not bis zum Kragen, dann freilich, dann wollt Ihr. Aber was hilft's noch?! – Euer Rindvieh: versoffen! – Eure Äcker und Wiesen: verschlickt und versandet! – und Mordio schreit Ihr. Treibt's weiter – und es kommt, wie ich sagte, – Wasser und Feuer treiben kein Späßchen, lassen sich nicht beschwatzen und durch Bordeauxflaschen halten. – Nur Auge um Auge, Zahn um Zahn heißt's bei diesen. – In Fesseln und Ketten mit ihnen, sonst sind sie wie reißende Tiere. – Kenn's aus Erfahrung, aber, Ihr Bauern, Ihr wollt nicht – und somit: ich verlasse die Sitzung.« Und er war hinausgegangen. Und der Sturmwind war bei ihm und wehte ihm pfeifend den Mantel über den Deich hin. Verfluchte Bestimmung: gegen Dummheit, Bosheit und Dünkel seine beste Lebenskraft in die Schanze schlagen zu müssen. Er hätte denen, die ihn gewählt, die Bestallung vor die Füße werfen, den Kampf aufgeben und die Gegend verlassen sollen, wo ihm die Erinnerung auf Schritt und Tritt die Kehle verschnürte. Hier hatte ihm die Sorge von Kind an eine treue Geleitschaft gegeben, hier hatte er gedarbt und gehungert und seine Mutter begraben, und als wirklich nach langer Entbehrung sonnige Tage kamen, die ihm ein Glücksreis aus der Erdkruste trieben, da wurde es noch vor seiner Entfaltung verhagelt und elend niedergeschleudert. Alles, was er zu besitzen geglaubt, was er ersehnt mit durstender Seele – war nichts mehr. Nichts mehr –- denn er hatte sich und seine Liebe verloren. Und nun ...?! – Sie war ihm von der Seite, aus seinen Armen, aber nicht aus seinem Herzen gerissen – und das war ein Unglück. Sie webte um ihn, sie lebte in ihm und machte ihm die Nächte zur Qual und die Tage zur Trübnis – und in dieser Verfassung noch ringen müssen, arbeiten müssen und an eine Sache seine Kraft legen müssen, die er als richtig erkannt, aber nicht durchbringen konnte, grenzte an Wahnsinn, und dennoch, weil die Geschworenen ihm zu ungunst gesprochen, den Kampf aufzugeben – das wäre Fahnenflucht von Wasser und Deichen und der ehrlichen Sache gewesen. Und die Deiche waren ihm ans Herz gewachsen und die Wasser desgleichen – und Fahnenflucht hatte nicht in seinem Militärpaß gestanden, und somit ... »Weiter kämpfen, weiter kämpfen!« sagte Gert Liffers und ging gehobenen Sinnes über den Damm fort. Und seine Brust weitete sich. Der Frühlingssturm paßte so recht in die Gegend. Über das einsame Land ging seine majestätische Orgel; seine herrische Faust drückte die Wolken fetzenartig zu Boden, Und der Regen saß drin, und ab und zu begrüßte ein Schauer die verlangende Erde. Gert Liffers sah, wie die Pappeln sich duckten; er hörte ihr Ächzen und Stöhnen, aber er sah auch, wie sie sich nicht unterkriegen ließen, sich reckten und streckten und immer trotziger ihre niedergebeugten Wipfel erhoben. Sie peitschten verzweifelt und doch siegesgewiß gegen den Sturm an; also auch hier Kampf bis aufs Messer. Das gefiel ihm, das machte ihn heiter, denn was so armselige Pappeln vermochten ... »Also weiter kämpfen, weiter kämpfen!« rief er noch einmal, riß sich den Hut ab und ließ sich vom Brausewind die heiße Stirn umgreifen. Es lag etwas Trotziges, Heldenhaftes in seiner Erscheinung, wie er so barhaupt und mit flatternden Haaren über den Damm schritt, den er stärken wollte, den er mit Klammern umgeben und dem er Zähne ins Maul setzen wollte, um besser dem Anprall des gierigen Wassers begegnen zu können. Und er fühlte, daß die wuchtige Erdmasse seine Gedanken erriet und sich mit ihnen einverstanden erklärte. Ein dumpfes Rumoren war in ihr. Es war wie das Pochen eines geängsteten Herzens. Und neben ihm murrte das bleigraue Wasser, und über ihm zog es wie mit Fledermausflügeln, und vor ihm tauchten die dunstigen Riffe der kleinen niederrheinischen Stadt auf. Ihre markante Silhouette schob sich wie eine dunkelblaue Kulisse ins Vorland. Und näher zur Linken, mehr dem Innern zu, lag es wie ein zusammengekauertes Untier zwischen den Wiesen; auf unsichtbaren Tatzen schien es weiterkriechen zu wollen. Zwei schwache Lichtpunkte brannten wie Augen in der dunstigen Masse. Stetig gewannen sie an Helligkeit und gingen ins Weite. Und wo sie brannten ... Ein breiter Fahrweg, rechts und links von alten Weidenstümpfen flankiert, führte von dort aus dem Deich zu. Der kauernde Schatten war höher gewachsen – und breiter und tiefer, »Der Fingerhutshof!« stöhnte Gert Liffers. Hier war es. – Das Untier da hinten hatte ihm sein Liebstes gefressen. »Hier mußt Du mit blinden Augen vorüber; die Stätte ist tot für Dich, mit allem, was drin ist ...« Er preßte die Hände zusammen und drückte sie gegen die hämmernde Stirne. »Wer klagt da – wer ruft da?!« Keiner hatte gerufen, niemand, keine menschliche Seele; nur der Sturm, der Frühlingssturm klang ihm brausend, frohlockend und wie eine jubelnde Stimme zu Ohren. »Das jauchzt noch und lacht noch ...!« Er riß sich die Brust auf, daß der Sturmwind hineinfuhr. »Frühling im Lande, Frühling für alle! – aber hier ist kalter, frostiger Winter geblieben ...« Ein helles Gelächter ging über den Deich fort. »Weiter kämpfen ...!« Er wollte vorüber. Aber da stand ja Eine – wie ein Schatten und ohne Bewegung. Da war Eine – da war Eine ... Just an der Stelle, wo der Fahrweg an der Böschung emporkletterte und sich mit der Deichkrone vereinte – da stand sie. Und neben ihr war mageres Erlengestrüpp und ihr Gesicht ruhte wie ein weißer Fleck mitten im Dunkel, und der Wind blies ihr etliche Strähnen, die sich gelöst hatten, gegen den Himmel – und vor ihr ... Sie wollte sich von der Stelle bewegen – nur einige Schritte; der Sturm aber stieß sie zurück, als müßte er ein Begegnen verhindern. – Da breitete sie dem Manne beide Arme entgegen ... Ihre Nasenflügel bewegten sich krampfhaft; er fühlte die Sehnsucht in ihren brennenden Augen. Er aber war wie gelähmt auf der Stelle und konnte nicht vorwärts. »Du kennst mich nicht wieder,« sagte sie tonlos. »Aleit ...!« Mit einem wilden Satz war er bei ihr. Er hatte seine Arme um ihren Körper geschlungen. Sein Gesicht stand über dem ihren. »Aleit, Aleit, Aleit!« rief er mit verzehrender Stimme. Kein Erinnern mehr, kein Bedenken und nicht das Bewußtsein, daß sie sündig geworden! Ihr Körper zitterte unter der jähen Umarmung. Der Taumel ging über sie hin; die Zukunft losch vor ihnen aus, wie ein erbärmliches Licht, das unter dem Einfluß eines plötzlichen Hauches veratmet. Kaum, daß sie sich im Dunkel mit ihren Blicken erkannten, kaum, daß sie wußten, wie alles gekommen ... Keine Reue, kein Nichts mehr! – Endlich, endlich ...! – Nur die Stunde beherrschte sie und brachte ihre Lippen mit glühender Inbrunst zusammen. Und im verzehrenden Kusse standen beide: zwei Menschen, zwei glückliche Menschen, um niemals glücklich zu werden. »Gert ...!« »Aleit ...!« Und zu ihren Füßen lag das eingedunkelte Land, die niederrheinische Heimat, die weite Fläche mit ihren geworfenen Schollen und den dampfenden Wiesen, das Land ihrer Jugend, mit all seinen Träumen, mit all seinem Leid und all seinem Zauber. Und neben ihnen, da unten im Tief: der Fingerhutshof – der unersättliche Moloch, der alles verschlungen: ihre Jugend, ihr Lieben und all ihre Hoffnung. Aber die Stunde war wiedergekommen – noch einmal. In ihren Seelen war nichts mehr, als der Genuß des Augenblicks, der sie wieder vereinigt. Und um sie war Sturm, der Frühlingssturm der niederrheinischen Erde. Der riß ihr das Haar auf und warf es mit herrischer Faust auseinander und umstrickte ihn und sie wie mit schimmernden Netzen. Und der Duft des Haares und der Hauch des Weibes war bei ihm. »Und Du liebst mich noch immer?« »Noch immer, noch immer,« sagte sie schaudernd und grub ihre Finger ihm tief in den Nacken. »Da siehst Du – warum bin ich denn hier? – Warum trieb's mich hier hin? – Und ich habe Jahre gedürstet – und Du bist wieder gekommen – und die Quelle lag vor mir – und ich durfte nicht trinken – durfte die heiße Zunge nicht kühlen und meine Sehnsucht nicht stillen – eine eiserne Kette lag um mich – die hielt mich bis heute – da mußte sie springen – und wie sie entzweisprang ... Gert!« rief sie ängstlich, »Du verstehst das doch alles?« »Alles ...« Sie sah ihn mit toten Augen an. »Mich dürstet,« sagte sie leise. »Noch einmal an Deinem Herzen vergehn, das möcht' ich – noch einmal wie früher, dann nie mehr – nie mehr.« Sie drängte sich an ihn; er fühlte ihren zitternden Körper. Sie hatte ihren Kopf nach hinten geworfen und die Lippen geöffnet. Ihre Augen dehnten sich maßlos. Ein grünliches Feuer spielte in den verschleierten Tiefen. Das brannte wie verhaltene Flammen, die losbrechen wollten. »Glücklich werden ...« »Das sollst Du, das sollst Du ...!« kam es von seinen zuckenden Lippen. »Mit Dir durch den Sturm gehn, über den Deich fort – das will ich. Immer weiter und weiter und ohne Ermüden. Sturmweib, hörst Du das Wasser?! – So hat es schon früher gegurgelt, so hat es schon früher geplaudert, da wir noch Kinder waren, da Du noch in Deinem Flechtenkrönchen umhergingst und in Deinen Holzpantoffeln geklappert. Sturmweib, nun sind wir älter geworden, ein Riß ist durch unsere Herzen gegangen; der kuriert sich nicht wieder, für den ist kein Kräutlein gewachsen, dem kann auch der niederrheinische Sturmwind nicht helfen, der doch alles heilt und den Flieder weckt und den kräftigen Hauch der heimatlichen Erde in die Nasen hineinbläst Aber noch eins kann er nicht – und soll er nicht können! Die Erinnerung kann er nicht aus unseren zerrissenen Herzen wehen und nicht das alte Lied verwischen und forttreiben, das wir einstmals als Kinder gesungen. Das nicht – das nicht ...« Er hatte mit hastigen und sich überstürzenden Worten gesprochen. »Aleit, weißt Du von früher – aber das ist schon lange gewesen ...« Er schlug plötzlich einen sanften und ruhigen Ton an: »Und auf der Deichkrone sind wir gestanden, gerade wie heute, aber damals zwei Kinder – Du und ich, und die Erde hatte sich versteckt unter Kuckucksblumen und Primeln – und das alte Lied kam gezogen – hörst Du: gerade wie heute ... Helder op den Telder, Botter bei den Feß; Moder, maak de Döhr ens op En kiek es, we dor es ...« Die letzten Worte wurden unter Tränen begraben, »Damals,« schluchzte sie leise, umschlang ihn noch fester und inniger und barg ihren Kopf an seine Brust, als müßte sie dort den Herzschlag aus der Kindheit vernehmen. So standen sie lange, aber sie sprachen nicht mehr. Sie waren Kinder geworden, die durch einen Märchengarten irrten. Und die Holztauben riefen von ferne herüber – und der Willewal wiegte sich wie ein schwefelgelber Federball von Weide zu Weide – und sie standen wie zwei verwunschene Königskinder mitten im Flachland – und sie hatten in ihrem Zaubergarten alles vergessen: die Welt da draußen, und daß sie älter geworden, und den Frühlingssturm, der über sie hinfuhr – und sie sahen auch nicht, wie sich unmittelbar neben dem Deich, aber weiter stromaufwärts, ein Licht aufgesteckt hatte. Trüb und dunstig flämmerte es aus der Ferne herüber. Es konnte nur zu einem bestimmten Giebelfenster gehören, denn sonst war kein anderes Haus in der Gegend. Gewiß saß Josias daheim und las in der Bibel. Aber plötzlich verschwand es, tauchte dann nochmals auf, um kaum wahrnehmbar über die Erde zu kriechen. Langsam bewegte es sich neben der Deichflucht. Es war noch weit entfernt, zitterte unstet hierin und dorthin, als wenn es gälte, etwas Verlorenes wieder zu finden; dann haftete es für längere Zeit auf der nämlichen Stelle. Jetzt sah es der Deichgräf. »Du, Aleit ...« »Was denn?« »Da hinten ...« »Wo denn?« »Ah – Du! – Der Deichvogel ist lebendig geworden ...« Es schrie in ihm auf. Die ganze Wucht seiner Leidensgeschichte drückte ihn nieder. Mit einem dumpf abgebrochenen Laut befreite er sich aus der Umarmung des Weibes, das stöhnend zurückwich. Er wußte es ja: die kurze Spanne, wo er sie in seinen Armen gehalten, war eine sündige Spanne gewesen. Um dieses Weib war eine Hegung gezogen, und vor dieser Hegung stand ein Cherub mit flammendem Schwert ... Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib ...! Im Frühlingssturm waren sie zusammengekommen, im Frühlingssturm mußten sie scheiden für immer. Heulend fegte er die Fetzen ihres kurzen Liebesglückes durch die Sturmnacht und über den Deich fort. »Hier sitzt was und ringt was,« knirschte er zwischen den Zähnen, »und das muß sterben in mir – und will doch nicht sterben...« Mit einem häßlichen Lachen war er wieder an ihre Seite gesprungen. Wütend küßte er ihr Augen und Stirne. Hilflos war sie ihm preisgegeben. Er tastete an ihrem Körper herunter. Das Kleid klebte an ihrem fröstelnden Leibe. Er fuhr ihr über die gelösten Haare. »Und die sind mein einst gewesen ...!« Er hörte, wie ihr Herz gegen das seine hämmerte und pochte. »Und das ist mein einst gewesen ...!« Er gewahrte ihre heißen Lippen, wie sie brannten und küßten. »Mein einst gewesen – alles ist mein einst gewesen! – Und das soll ich lassen für immer?! Herr, Du großer Gott im Himmel da droben ... !« Der Ärmste hatte die Herrschaft über seine Sinne verloren. »Entreißen will ich Dich dem Untier dahinten,« keuchte er mit verhaltenem Atem. »Die Kleider Dir vom Leibe reißen, das will ich, in die Kammer will ich Dich tragen, wo wir allein sind – allein sind, besitzen will ich Dich mit Leib und Seele und allem, was Dein ist, denn Du warst mir gegeben vor Gott und den Menschen ... Aber, das ist ja alles ein Frevel, eine himmelschreiende Sünde ...! – O, Du, Du, Du ... !« Und der Frühlingssturm preßte ihre Herzen zusammen, und durch sein Brausen lief eine warnende Stimme. Sie hörte sie nicht – aber der Deichgräf hörte sie. »Aleit ...!« »Was hast Du?« »Nie mehr, nie mehr ...« Es war ihr so, als würde ihr der letzte Halt, das letzte Stückchen glücklicher Erde unter den Füßen genommen. »Nie mehr,« hauchte sie schmerzlich. Machtlos, haltlos sanken ihr die Arme am Leibe herunter. Jetzt riß sie die Augen auf. »Wer ruft da?!« Langgezogen, gespenstisch klang es aus der Ferne herüber. »Kiwi! – Kiwi! – Kiwi!« Ein herzzerreißendes Lächeln ging über ihr Antlitz. Noch ein letztes Umfangen – ein Abschiednehmen für immer ... »Küsse mich noch einmal,« sagte sie fiebernd. Und er küßte ihre Lippen – sanft und still, wie man das Allerheiligste küßt. Frei von jedem Gedanken an Sünde, rein und leidenschaftslos hatte er die Schuld, die er ihr eingeflößt, wieder von ihrem Munde genommen. »Nie mehr, nie mehr ...« Ein scharfer Regen kam nieder; er durchnäßte sie bis auf die Haut und preßte ihr seine kalte Feuchte in die fliegenden Haare. – Und sie stand da noch immer – allein und mit trostlosen Augen. Tränen hatte sie nicht und konnte auch keine Tränen mehr finden. Ihre Gestalt zerflatterte, zerging im Grau der ziehenden Nebel. Sie wußte nicht, was sie hier oben noch sollte – und dennoch blieb sie auf der nämlichen Stelle, So stand sie noch lange. Allmählich kam ihr Erinnern zurück. Sie fühlte wieder, was sich in der letzten Stunde begeben, und wäre ein Licht auf ihre Züge gefallen, die wachsende Erregung des Weibes wäre darauf bemerkbar gewesen, Ihre Fingerspitzen krampften sich ein, ihre Arme hoben sich am zuckenden Körper. Verlangend streckten sie sich dem fernen Geliebten entgegen. Aber er kam nicht mehr wieder. Da – ganz in der Nähe das nämliche gespenstische Rufen von eben. »Kiwi! – Kiwi! – Kiwi!« Da wußte sie, daß sie vergebens hier weilte. Sie hatte nichts mehr, als das Bewußtsein an das soeben Durchlebte, und das war auch nur ein schönes Träumen gewesen. Jetzt war auch dieses zergangen. Sie schloß die Lider mit einem unsagbaren Lächeln, das plötzlich auf ihren Lippen erstarrte. Aber sie hatte Tränen gefunden; dann ging sie. Im Weitergehen nestelte sie ihre aufgelösten Haare zusammen. Der Frühlingsregen prasselte stärker. Sie hatte den Hof erreicht. Der Hund wedelte ihr mit sanftem Gekläff freudig entgegen. Einzelne Knechte bewegten sich noch geschäftig zwischen den Ställen, Sie hatten der Kommenden nicht acht und gingen eiligst vorüber. Sie fütterten ab, um dann Feierabend zu machen. Einer von ihnen pfiff einen flotten Marsch, den er noch von seiner Militärzeit her kannte. Im Herrenhaus zur ebenen Erde war Licht. »Noch immer da,« sagte sie ängstlich, »und sie hat doch noch den weiten Weg nach Hause zu machen – die Ärmste! – Ich will anspannen lassen.« Sie rief einen vorübergehenden Knecht an. »Das Schäschen soll parat gemacht werden; Jöffer Boß soll nach Hause kutschieren.« »Well!« sagte der vierschrötige Mensch und ging zur Remise. Pfeifend setzte der Sturm über den Fingerhutshof. Die alten Pappeln wankten wie betrunkene Schatten im Nachtwind. Aleit ging weiter. Als sie die Tür zum erhellten Hausflur geöffnet, trat ihr Sophie Boß bereits reisefertig entgegen. Sie trug ihr Nähkörbchen unterm Arm und hatte über ihr Pelerinchen noch eine warme Mantille gehaspelt. Ihr Gesicht aber hatte das Aussehn, als wäre ein Weißtüncher darüber gefahren. »Mamsell Boß, was werden Sie denken ...« »Ich? – Gar nichts,« versetzte die Lange, sagte aber nicht, daß sie spioniert hatte. »So spät – und ich hätte beinahe den Nählohn vergessen.« »Macht nichts,« war die lakonische Antwort. »Sie können's mir schicken; ich will mich doch so wie so verändern.« Aleit überhörte die versteckte Drohung, die sie aus dem Gesagten doch herausnehmen sollte. »Mamsell Boß,« meinte sie kleinlaut, »ich habe anspannen lassen.« »Für wen denn?« »Für Sie.« »Jesses – warum denn?!« »Aber ich dächte – da draußen, bei dem Heidenwetter da draußen ...« »In 'nem Schäschen fahren, ist bei mir noch nicht Mode geworden,« versetzte die Lange. »Mamsell Sophie, ich bitte Sie, bei Ihrer zarten Verfassung ... Sie sollten sich schonen.« »Ich? – Bei meiner zarten Verfassung – mich schonen? – Wieso denn? – Und Sie?« Ein giftiger Blick glitt an ihrer Nase talabwärts, sprang von dort aus auf Aleit hinüber und kletterte langsam sondierend an dem durchnäßten Kleide herunter. »Und Sie?« fragte sie noch einmal, indem sie ihren Hals soweit wie nur möglich aus Pelerinchen und Mantille herausstreckte. »Warum denn? – Wieso denn?« Ihre gläserne Stimme schlug um. »Schmeißwetter ist Schmeißwetter!« schrie sie fast kreischend, »und wo Sie gestanden haben, da kann auch ich gehen und stehen, und wo Sie keine Bange gehabt haben, da brauche ich erst recht keine Bange zu haben, denn hier sitzt – Gott sei gedankt! – noch ein reines Gewissen. All mein Lebtagens bin ich 'ne reputierliche Jungfer gewesen – und wer in der Lage ist, das noch als Frau zu behaupten, der kann sich einmachen lassen ... Das wollte ich sagen und dann noch: in diesem Hause habe ich zum letzten Male geschneidert. Adjüs.« Und damit ging sie ab, durch den Regen, mit ihrem Nähkörbchen, ihrem Hasse und ihrer Mantille – ließ Schäschen Schäschen sein und nahm einen Schritt an, der sonst nicht zu ihrem Metier und ihren Eigentümlichkeiten gehörte. Ruhig, aber feste und mit aller Bestimmtheit stapfte sie ihren Ärger in die aufgeweichten Geleisespuren hinein, daß ihr die lehmige Matsche und Patsche bis über die Waden – ach, Gott! sie hatte ja keine – bis über die mit blauen und weißen Glasperlen bestickten Strumpfhalter hinaufspritzte. Und auf dem rechten Strumpfband stand ›Gedenke mein‹ geschrieben, und auf dem linken ›Üb' immer Treu und Redlichkeit‹, und über diese sinnigen und schönen Devisen legte sich nun erbarmungslos die ekelhafte und dreckige Feuchte des Fingerhutshofes. Auch egal! – So'n richtiger Ärger muß Ableitung haben – und so stapfte sie weiter, daß ihr die Spritzer immer toller um die Beine hofierten. Dem jedesmaligen Auftritt folgte ein langgezogenes Schnalzen und Schmalzen, ungefähr so, als wenn eine Kuh ihre Hufe aus einem saftigen Modder herauszieht – und als in aller Herrgottsfrühe der Donnerjü von seinen Triumphen und fünfundzwanzig Bordeauxflaschen, die er in Gemeinschaft mit seinen Kumpanen geleert hatte, heimkehrte, als er alsdann übernächtig und stieren Auges die seltsamen Spuren bemerkte, war er des berechtigten Glaubens, sein Leib- und Magenbulle habe über Nacht auf eigene Kappe Leine gezogen und sei feldeinwärts gestiefelt. – Und die Laken-Sophie war voran getrieben – und Aleit war in die Kammer gegangen und von hier aus an das Bett ihres Kindes. Hastig griff sie in die Kissen hinein und tastete nach der Hand ihrer Kleinen. »Threschen, hilf mir, schütze mich, erbarme Dich meiner ...!« Wimmernd brach sie in sich zusammen. »Mutter,« sagte das Kind und legte die Ärmchen um den Hals seiner Mutter. Dann ward es still in der Kammer. Draußen gingen inzwischen die Frühlingsstürme ums Haus und weckten mit Brausen und Sausen das schlummernde Leben, aber was tot war, vermochten auch sie nicht mehr ins Leben zu rufen.   X Der selige Tag und was weiter passiert Sonntag nach Ostern, und schönes Wetter da draußen! – Seit Menschengedenken konnte man sich nicht eines solchen Frühjahrs erinnern. Die Pfirsichbäume sahen aus, als seien sie direkt aus den rosigen Abendwolken gefallen, und die Kirschen standen so weiß und wattebauschig im Putz, daß man die Augen zuhalten mußte, um von all der Pracht nicht geblendet zu werden. Früher denn sonst hatten die Nachtigallen ihre alte Heimat bezogen. In wehmütigen Sehnsuchtslauten, tiefer und voller als in anderen Jahren, riefen sie ihr Liebeslied über die niederrheinische Landschaft. Im Garten des Herrn Notars Johann Peter Gerechtsam schlug eine – weiter zur Linken, zwischen den Johannisbeersträuchern und Obstbäumen des Armenhofes, eine zweite, und sie sang geradeswegs in das geöffnete Oberlicht des Fensters hinein, hinter dem Lisbeth Mömmes noch in ihrem großschichtigen Himmelbett ruhte. In ihrer ganzen Komplettigkeit, ehrbar mit zusammengefalteten Händen, wie es sich für Madam Mömmes doch immerhin schickte, lag sie zwischen den blaugestreiften Kattunkissen und ließ sich das feurige Lied der Nachtigall in ihre bunte Traumwelt hineinschluchzen. Die alte Kuckucksuhr nebenan begann jetzt die hölzernen Flügel zu strecken und ihr tönendes ›Kuckuck‹ zu rufen, und was sich gehörte, trat ein: sämtliche Uhren im Armenhof machten prompte und propere Arbeit. Alle ohne Ausnahme meckerten, krähten, klingelten und schlugen präzise zusammen. Selbst dem tauben Christ van de Lucht seine heisere Schwarzwälder zeigte ein tadelloses Benehmen. »Sechs Uhr!« gähnte Lisbeth, streckte sich noch so'n bißchen behaglich im Bett und wollte dann aufstehn, als sie sich noch rechtzeitig zwischen Duseln und Dämmern erinnerte, daß sie es heute mit einem schönen, klaren Sonntagmorgen zu tun hatte. Also heute war Sonntag. Na, denn aber auch! – da konnte sie noch immer so'n halbes Stündchen riskieren, tat's auch, rückte ihr Mützchen zurecht und legte sich gemütlich auf die andere Seite. Noch einmal sich auf ein Schläfchen verlegen – nein, dazu war es denn doch schon zu sehr hellichter Morgen geworden, aber noch so'n bißchen Nucken und Nüren, dazu langte es grad, und so verfiel sie denn wieder in ihre alte und liebe Gewohnheit und nahm kurzerhand ihren ›seligen Sonntag‹ beim Wickel. Ich sage ausdrücklich ihren ›seligen‹ und nicht ihren ›ägyptischen Sonntag‹, weil sie dieses Mal mit der peinlichsten Sorgfalt alle Vorkehrungen im Geiste bewerkstelligte, um ihr Begräbnis in möglichst solenner Weise in die Wege zu leiten. Gott, ne nich! – sie freute sich wirklich und aus ganzem Herzen auf die schöne Bestattung. Sie war also gestorben, aber wohlverstanden selig gestorben, hatte aber die ans Wunderbare grenzende Fähigkeit behalten, mit leiblichen Augen den ganzen Vorgang ihrer Beerdigung, und zwar alles nur ›prima‹ von A bis Z zu verfolgen. Auf ihrer Kirschholzkommode lagen die hierzu gemachten Ersparnisse, nach den jeweiligen Posten geordnet; in Summa fünfundachtzig Taler fünf Groschen. Der Herr Schreinermeister Pollmann brachte mit seinen Gesellen den Sarg an. Prima Ware; Eichenholz mit versilberten Zinkblechbeschlägen und doppelt gefirnißt. Kostenpunkt: zehn Taler drei Groschen. Stimmte. Dem Herrn Pastor, den Kaplänen und für Lesung der Totenmesse – fünfunddreißig Taler in Summa. Dem Küster – fünf Taler zwei Groschen. Für Totenhemd, Wachskerzen, Diverses: wie Häubchen, Papierrosen etc. – elf Taler netto. Der Lichtjungfer für prompte Bedienung – fünf Taler und ein Extrapräsent aus dem Nachlaß, nach eigenem Ermessen: entweder ihr schönes Gebetbuch »Blüten der Andacht' oder zwei Dutzend Paar Strümpfe, die in der Kirschholzkommode im obersten Fach lagen. Sie hatte also ›pläng puwoar‹, wie sich die Erblasserin auszudrücken beliebte, und brauchte nur zuzugreifen. Sechs Träger mit Zylinder und Gehrock, aber Oho! und mit frischgebügelter Wäsche und baumwollenen Handschuhen – jedem 'nen Taler, inklusive Schnaps und Zigarren. Alles in allem sechs blanke Taler zusammen. Dem Herrn Webermeister Janssen, aber nicht diesem, sondern dem Herrn Kapellmeister Janssen, für sich, seine Musikanten und die Trauermusieke – zehn Taler netto. »Ich bitte hierfür den Marsch ›Nu trinkt sie keinen Rotspon mehr' gefälligst spielen zu wollen, aber getragen un zweimal. Zuerst auf dem Markt un denn, wenn die Erde mir leicht wird.« Den Armen – zwei Taler. Und jetzt Strich unter das Ganze. In Summa fünfundachtzig Taler fünf Groschen. Madam Mömmes gab einem tiefen Seufzer die Freiheit. So, jetzt wäre das Geschäftliche in die Wege geleitet und – Gott sei gedankt! – sie war keinem was schuldig geblieben. Jetzt konnte die eigentliche Feier beginnen – und sie begann in so pomphafter Weise, daß die verstorbene Frau Mömmes über ihr eigenes Begräbnis aus dem Staunen nicht herauskommen konnte. Der Herr Pastor kam unter Assistenz seiner Kapläne, dann der Leichenbitter mit der funkelnagelneuen Pleureuse, der Küster mit dem frischrasierten Gesicht, dem man schon von weitem ansah, daß er's mit 'ner noblen und splendiden Leiche zu tun hatte. Jetzt erschienen die Träger. Sie rochen zwar so'n bißchen nach Wacholder und Sargdeckel, aber das genierte nicht weiter. Sie hatten sich für ihren Taler nicht lumpen lassen, ihren besten Anzug spendiert und 'nen breiten Trauerflor um ihren Zylinder gewickelt. Und alles was recht ist: würdig und ohne vorher in die Hände zu spucken, griffen sie zu und trugen den Sarg hinaus auf die Straße, wo bereits die Leidtragenden standen und sich nicht genug darüber wundern konnten, daß aus dem Armenhof ein so piekfeines Begräbnis herauskam. »Nein, diese Lisbeth!« »Sechspfündige Wachskerzen!« »Und diese Silberbeschläge!« »Und vier Heerohmes auf einmal!« »Und die ganze Musieke von Janssen!« »Ne – die hat in der Wolle gesessen!« »Wer das nur gedacht hätte!« So ging es bunt durcheinander, bis der Herr Kapellmeister Janssen das mit Krepp geschmückte Kornet à piston in die Höhe hob, um hierdurch das Zeichen zum Aufbruch zu geben. Endlich ...! »Oremus!« Es war ein großer Moment, als die vorderen antraten und die Responsorien einsetzten. Und sie hörte alles mit leiblichen Ohren, sie sah alles mit leiblichen Augen und wußte die Gnade des Allerhöchsten zu schätzen, der sie würdig befunden, ihr mit einer solchen Feier gewissermaßen unter die Arme zu greifen. Alles prima und von feinster Noblesse. Gott, ne nich – wie sie sich freute! Vorneweg gingen die Kleinen, Hühnchen und Hähnchen, das ganze Kroppzeug, das sie noch kurz vor ihrem Tode unter ihrer erzieherischen Fuchtel gehabt hatte: Blondköpfe, Flachsköpfe, Krummbeinchen, Geradbeinchen, welche mit Holzpantoffeln, andere mit Schuhen, Nöllecke Kunders, Marieke Bärendonk, Barthje van Bebber und die anderen alle. Gott, ne nich – wie rührend! – Sie mußte ordentlich ihr Schnupftuch vor den Mund nehmen, um nicht vor eitel Freude zu weinen. Auch der Pinkelnikola, Herrn Petrus Nagel sein Sprößling, war mitten dazwischen. Und die Kinder trugen schwarzseidene Schleifen, und der Pinkelnikola hatte sein Fähnchen auf Halbmast gezogen. Und hinterher kamen die Honoratioren der Stadt, denn sie wollten ihr doch auch die letzte Ehre erweisen. So, jetzt waren sie bis an die nächste Ecke gekommen; sie hörte noch, wie die dicke Bäckersfrau sagte: »Kiekt mal, Madam Mömmes wird wie 'ne richtige Fürstin begraben,« da – eins, zwei, drei ... Sie hätte aufjubeln mögen in ihrem doppelt gefirnißten Sarge ... Das Kornet à piston gab den Takt an, und das ›Nu trinkt sie keinen Rotspon mehr‹ zog in herzzerschneidenden Klängen über den Markt hin. Ja, nun wußte sie doch, wofür sie gelebt hatte, warum sie ihren lieben Herrgott verehrt und warum sie fünfundachtzig Taler und fünf Groschen gespart hatte. Da lag doch noch 'ne Idee in der Sache, da hatte sich doch das erbärmliche Leben gelohnt, wenn man endlich so erster Klasse in die Grube hineinkam. Und erst auf dem Kirchhof – auch hier alles nur prima: 'nen prima Weihwasserquast, mit dem der Herr Pastor, unter Assistenz seiner Kapläne, ihren Deckel besprengte, 'ne prima Leichenrede und 'nen prima Platz neben dem Herrn Bürgermeister und der ehrsamen Jungfrau Judula Anstoots, die früher Hebamme gewesen und genau auf den Kopf dreihundert und fünfundneunzig Kindern den Eingang ins Leben leichter gemacht hatte. Wenn das nichts besagte... Das besagte doch alles! – Und als der Herr Kapellmeister Janssen zum zweitenmal die wehmütige Rotspontrauermarschweise hatte aufspielen lassen und noch im Zweifel stand, ob er zur größeren Ehrung der verewigten Madam Mömmes vielleicht noch ein extra Kornet à piston- Solo draufsetzen sollte, räusperte sich der Herr Pastor in nicht mißzuverstehender Weise, schob seine Hände in die weiten Ärmelfalten des Rücklings und begann dann mit bewegter Stimme zu sprechen. »Geliebte im Herrn!« also kam es ihm fließend vom Mund, »ich sage Euch wahrlich: die edle Frau, die hier zwischen den teuren Eichenbrettern die letzte Ruhestätte gefunden, ist einmal lebendig gewesen, und wie sie prima gelebt hat, so hat sie auch, ihrem letzten Wunsche gemäß, ein prima Begräbnis gefunden. Ja, meine Geliebten im Herrn, Madam Mömmes war aus einem anderen Holze geschnipselt wie die übrigen Menschen. Ihr wißt es ja alle! – Begibt sich einer in den heiligen Stand der Ehe, dann ist Geld in Hülle und Fülle vorhanden; dann wird Tafel gemacht, und zum Ehebett geht es nur über eine niedergekämpfte Reihe von Flaschen. Tritt ein Weltneuling, und zwar kraft des Sakraments der heiligen Taufe, in die Gemeinschaft der katholischen Christen, dann natürlich geht das nicht anders – dann wird Taufschmaus gehalten, und die aufgetischten Spanferkel werden hierbei so aufs Geratewohl heruntergesäbelt, als wären sie so wohlfeil zu haben wie die Chausseesteine zwischen Moyland und Kleve. Und ferner, meine Geliebten in Christo! – wird einer gekeilt, dem Kriegerverein ›Es lebe der König‹ in Person beizutreten, dann ist magnum tumultum in Bänken – und das kostet Geld und abermals Geld und zum letztenmal Geld. Aber so einer berufen wird, durch den Gang zum Kirchhof in das ewige Reich zu gelangen – für einen möglichst feierlichen Eintritt in Gottes Behausung, dafür werden keine bedeutsamen Ausgaben gemacht, und ›Nix in der Sparbüchs‹ ist hier die Parole. Bei Madam Mömmes hingegen... O, diese Seele, diese gottwohlgefällige Seele! – die gab nichts auf irdische Genüsse – aber für ein solennes Begräbnis, dafür war sie zu haben, denn wie Ihr sehet, Geliebte in Christo, bei ihr ist alles nur prima. Sie hat nicht geknausert, ich weiß es, denn höret: pro sepulchro, pro cüsterio, pro wachskerziis, pro messis solemnibus, pro trägeris mortis et cetera et cetera hat sie hochherzigen Sinnes fünfundachtzig Taler fünf Groschen geopfert und somit ihren schönen Grundsatz betätigt: im Tode laß ich die Menschen noch leben. Ich aber kann daher kühnlich behaupten: Flügel sind ihr gewachsen, und aufgefahren ist sie gen Himmel und zur ewigen Freude. Madam Mömmes lebt nicht mehr, Madam Mömmes ist tot, Madam Mömmes ist ein Engel geworden. Friede ihr und ihrer sterblichen Asche. Amen.« »Oremus!« Die ersten Erdschollen ratterten auf den piekfeinen, gefirnißten Deckel ... Madam Mömmes konnte sich nicht mehr halten und weinte vor Freude. Diese Gelegenheit benutzte nun Herr Kapellmeister Janssen, sein projektiertes Kornet à piston- Solo doch noch vom Stapel zu lassen, tat's auch, vergriff sich aber in seinem mitgebrachten Notizbuch und blies statt eines feinfühligen Chorals ›So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage‹ herunter, so daß Kreuze, Gedenksteine, Kleriker und Laien nicht wußten, was sie zu hören bekamen. Und die schweren Sterbeglocken brummten dazwischen – und die Kuckucksuhr kuckuckte achtmal hintereinander – und alle Uhren im Armenhofe folgten ihrem Beispiel und schlugen präzise zusammen – und Madam Mömmes fuhr erschreckt in die Höhe und meinte: »Um tausend Gottes willen noch einmal! – ich bin ja noch immer lebendig – un nu hab' ich die Frühmesse verpaßt un muß nu ins Hochamt.« Mit einer Alertheit, die man der kompletten Dame nicht mehr zumuten sollte, war sie aus ihren warmen Federn gesprungen und in ihre Sonntagsstrümpfe gefahren. Aber Herrgott – der schöne Sonnenschein da draußen! – das mußte ja lustig stimmen, das mußte ja alle Todesgedanken verscheuchen, selbst wenn sie zu den angenehmsten gehörten – eine Tatsache, der sich auch die Würdige Madam Mömmes nicht mehr zu entziehen dermochte. Sie ließ also ihren ›seligen Tag\< schießen, freute sich des wiederum geschenkten Lebens, machte Toilette und spitzte sich während des umständlichen Verfahrens auf einen recht steifen Kaffee mit Beiwerks, den sie mit einer doppelten Portion Kraftzucker zu würzen gedachte. Alles ging ihr geschickt von der Hand. Nach eingenommenem Kaffee machte sie sich fertig, aber ›tipptopp‹ und verließ ihre Wohnung. Am Hause der Laken-Sophie standen die Fenster geöffnet. Selbst der warzige Kugelkaktus hatte es auch schon riskiert, sich in seinem grünen Schlafrock ins Freie zu wagen. Mamsell Boß hingegen ließ sich nicht blicken, war überhaupt während der letzten vierzehn Tage so gut wie verschollen gewesen. Krank war sie nicht, denn sonst hätte sie, Madam Mömmes, die Visiten des Herrn Doktors wahrnehmen müssen. Auswärts beschäftigt? – Auch das nicht, allein Lisbeth fühlte das Bedürfnis nicht in sich, ihr zur Klärung der Sachlage einen Besuch abzustatten. Sie war zuletzt drüben gewesen, und somit erforderte es der gewöhnliche Anstand, sich durch eine Gegenvisite beehren zu lassen. »Ne, ne, ne,« überlegte die Dicke, »wenn Mamsell Sophie was will, dann laß sie man kommen – ich bin immer zu haben,« ließ den spinatgrünen Protz stehn und begab sich zur Kirche. Hier bedankte sie sich beim lieben Herrgott so recht innig für den gehabten ›seligen Tag‹, hörte die Messe mit gebührender Andacht, schenkte sich aber die Predigt, weil sie den Worten des rothaarigen Kaplans so recht keinen Geschmack abzugewinnen vermochte, und verließ gehobenen Sinnes und mit dem Ausblick auf einen Löffel warme Suppe zu Mittag das Hochamt. Auf dem Marktplatz stieß sie auf die Babbeltjes-Lena, die bei ihrem Kram saß und mit ihrem Paradiesapfelgesicht und der frischen Klöppelmütze so recht in den niederrheinischen Sonntagmorgen hineinpaßte. Es war wie gewöhnlich still in der Runde. Madam Mömmes aber brachte Leben in das trostlose Schweigen. »Tag, Lena!« Ihre patschige Hand legte sich sanft, aber mit Nachdruck, auf die Schulter der Alten, die eben sich entschlossen hatte, so ein kleines Nickerchen zu halten. »Silke, falke, sente...! – Ah, Madam Mömmes ...! – schon mit unserem lieben Herrgott gesprochen?« »Wie sich das gehört, meine liebe Frau Lena. Alles meinem Gott zu Ehren – das gibt tägliches Brot, munteriert einen auf un stopft einem frische Federposen unter den Hintern, denn ein gutes Gewissen ...« »Hihihi!« kicherte das zahnlose Weibchen, »wie Madam Mömmes doch immerst so sein is! – Vielleicht ein Babbelatje gefällig?« »Merci,« wehrte die Dicke ab, »so'n Dings is mir mal früher bekömmlich gewesen; jetzt verschleimt's mir – un denn: heute zu Mittag habe ich so'n kleines Suppenhühnchen im Topfe.« »Prosit die Mahlzeit!« sagte die Alte und wischte sich mit ihrem Schürzenzipfel über den Mund fort, »prosit die Mahlzeit, meine liebe Frau Mömmes,« »Danke.« »Wenn unsereins doch auch mal so'n Hühnchen ...« »Kömmt noch, kömmt noch,« suchte die Dicke zu trösten, lenkte aber ab, als fürchte sie sich, das begehrliche Frauchen noch länger in ihrem lukullischen Garten herumspazieren zu lassen und voltigierte mit einem raschen Gedanken-Saltomortale auf ein anderes Thema. »Aber um tausend Gottes willen!« begann sie, »was ich sagen wollte, meine liebe Frau Lena . .. Man is doch auch nich von heute un gestern, man is doch auch nich vom Monde gefallen un hundert Stunden hinter Amerika auf Reisen gewesen – was is nur in Mamsell Sophie gefahren?! – Ausgepustet, wie so'ne Kerze ausgepustet, wenn die Fastenandacht vorbei is. Seit vierzehn Tagen nich mehr unter die Augen gekommen: man sollte ja meinen ...« »Aberst ich bitte Ihnen, meine liebe Frau Mömmes ...« »Na, was denn?« »Soeben – das heißt vor 'ner Stunde ...« »Un wo denn?« »Da hinten ...« »Bei wem denn?« »Stracks zu Mynheer van Bommel gegangen.« »Na, so was! – Was will sie denn bei dem alten Schürzenmarkör?« »Vielleicht hat sie ihre mannbaren Plüschpantoffeln verloren. Ich kann's so recht nich sagen, aberst dies weiß ich: sie hat mir geschnitten, sie hat mir eklig geschnitten; sie hat keine Benehmigung mehr un is stolz un mit 'ner herkulanischen Forsche an mir vorübergegangen.« Die Sprecherin war mit 'nem energischen Ruck vom Stuhle gefahren. Entrüstet streckte sie die Hand in Richtung des van Bommelschen Hauses. »Aberst so is das im menschlichen Leben,« mummelte sie zwischen ihren kauenden Lippen, »erst wird man angezapft wie 'ne milchende Ziege, un denn soll man sich noch bedanken un meckern. Aberst das gibt's nich; man hat doch auch seinen Stolz, meine liebe Frau Mömmes.« »Hat man, hat man,« tat ihr Lisbeth zu wissen und plättete sanft an ihrem Sonntagstuch herunter. »Ja, meine liebe Frau Mömmes, das nennt sich bedanken! – Hab' ich ihr da in meinem magnesianischen Zustand die besten Apporten gegeben un ihr allens mit die feinsten Kulören geschildert – un was tut nu die Lange in ihrem hochfahrigen Koppe? Sie hat mir nich mehr für voll angerechnet, un Sie soll sehen, meine liebe Frau Mömmes, sie is auch auf Ihnen pikiert, sie wird Ihnen schneiden, wie sie mir geschnitten hat von oben bis unten.« »Das wollen wir abwarten,« versetzte die behäbige Dame und warf sich selbstbewußt in ihre stattliche Weste. »Aberst einmal un nich wieder,« machte die Babbeltjes- Lena ihre Schlußnote darunter, »denn ich laß mir nich anlackieren von so einer, un wenn sie zehnmal ausgeschnittene Hemdens gemacht hat.« »Richtig,« bemerkte die Dicke, wollte noch mehr sagen, verhielt sich aber und sah steifnackig in Richtung der beiden Kugelakazien. »Ich seh' ihr gleichfalls,« meinte das eisgraue Weibchen und beobachtete auch ihrerseits die beiden Kugelbäumchen, zwischen denen die Laken-Sophie hindurchkommen mußte. Von Krispinus van Bommel bis auf die Treppenstufen begleitet, ging sie jetzt gesenkten Kopfes und auf weichen Sohlen allein ihres Weges. Ihr Kurs war direkt auf das Kirchengäßchen gerichtet. »Nu schneidet sie Ihnen,« prophezeite die Alte. »Die? – Mir?« entgegnete Lisbeth. »Das laß ich drauf ankommen,« sah aber gleichzeitig, daß Sophie gewillt schien, einen Haken zu schlagen. »Prosit die Mahlzeit!« triumphierte die Kleine, »Was ich gesagt hab': die zieht den Hals aus die Schlinge.« »Warte Sie ab,« war die lakonische Antwort und ein scharfes »Mamsell Sophie!« lief in einem fast befehlenden Ton über den Marktplatz. Die Lange stutzte. »Mamsell Sophie – hat Sie wohl Zeit, so'n bischen herüberzukommen?!« Das ging nun nicht anders, wollte sie nicht alle Freundschaftsbande zerreißen: Jöffer Voß hatte ein Einsehn, nahm den alten Kurs wieder auf und steuerte geradeswegs der Babbelatjes-Bude und den beiden Frauen entgegen. Langnasig, verärgert und 'ne Portion Gift und Galle unterm Herzen, hatte sie bald darauf Anker geworfen. »Ah, Mamsell Sophie,« sagte Lisbeth so von oben herab, »haben wir endlich auch mal die Ehre?« »Wieso denn?« meinte die Angeredete in patziger Weise. »Wieso denn? – Da frage Sie einmal die Babbeltjes- Lena. Nich Sie, sondern wir könnten pikiert sein.« »Hat Sie mir nich etwa geschnitten?« sondierte die Kleine. »Un is meine Visite nich etwa bei Ihr in den Dreckseimer gerutscht?« warf Madam Mömmes energisch dazwischen. »Das brauchen wir uns als ehrbare Frauen nich gefallen zu lassen.« »Man hat doch auch seine Turnüre,« meinte die Alte. »Oder is Sie etwa leidend gewesen?« fragte die andere. »Ich? – Nein – aber verärgert bin ich gewesen und schändlich betrogen.« »Hat Sie vielleicht Ihre Strumpfkasse mit die Talers verloren?« meinte Lisbeth mit stoischer Ruhe. »Oder is der seine Kanalljenvogel mit Tod abgegangen?« erkundigte sich die Babbeltjes-Lena. »Nein,« versetzte die Lange mit giftigen Blicken, »aber sie pieken mit Fingern auf mich, ich kann mich unter ehrlichen Menschen nicht mehr zeigen, ich muß mich zu Tode schenieren, denn die beiden Orakels sind schändliche Lügen gewesen.« »Oho!« machte Madam Mömmes und stellte ihre beiden Beine nach auswärts, »das weiß Sie so sicher?« »Schändliche Lügen!« »Meine Kartoffelschalen-Orakels ...?« »Un meine Babbelatjes-Apporte ...?« »Gestunken und alles gelogen, denn ich habe jetzt meine Sinne beisammen und tu' nicht mehr dreimal drei für gerade verschleißen. Nichts ist eingetroffen, alles ist daneben gegangen, und die ganze Geschichte ist an 'ne falsche Adresse gekommen.« »Un da will Sie mich für betrügerisch nehmen?« »Un mir?« akkompagnierte die Babbeltjes-Lena. »Ja,« sagte die Lange, »das tu' ich, das kann ich beweisen und ehrlich beschwören, wenn's vor's Gericht kommt.« »Dann schwört Sie sich in die siebente Hölle,« entgegnete Lisbeth. »Nein!« schrie die Laken-Sophie mit ihrer gläsernen Stimme. »Schrei Sie nich so auf dem offenkundigen Marktplatz.« »Mir egal,« versetzte die Nähterin, »ich geh' zum Herrn Pastor und erzähle ihm alles. Und denn wollen wir sehen, ob die Orakels auch vor ihm bestehen können.« »Halt!« erklärte jetzt Madam Mömmes mit aller Bestimmtheit. »Komme Sie uns nich mit die heilige Kirche. Aber ich frage Sie jetzt auf Leben und Sterben un auf Ihre Seligkeit: hat Sie damals, ich meine, als ich Ihr damals im Namen des Vaters, des Sohnes un des heiligen Geistes mit die Kartoffelschalen in die Zukunft hineinkucken ließ – ich meine, hat Sie nachher auch über den Ausgang geschwiegen?« Das war nun eine verteufelte Frage. »Ich meine geschwiegen,« sondierte Madam Mömmes mit einer verflixten Betonung, »geschwiegen gegen alle un jeden?« Die Laken-Sophie sah an ihrer Nase herunter und konnte keine Worte mehr finden. »Un wie is das mit meine Babbelatjes-Apporte?« fragte die Alte. »Hat Sie keinem auch nur ein Wörtchen verraten?« Drohend streckte sie dabei ihre zittrige Hand mit langem Zeigesinger nach oben. »Na, Mamsell Sophie – auf Leben un Sterben?!« Da kam ein unerwarteter Dreh in die Sache, Die Klägerin wurde zur Angeklagten. »Nein,« sagte sie betreten. »J-a–a–a!« kam es fast gleichzeitig aus dem Munde der beiden Sibyllen, und sie zogen das ›ja‹ in die Länge, als könnten sie das Ende nicht finden. Endlich gelang es, und als es heraus war, da hatte Madam Mömmes auch wieder Oberwasser bekommen. »Ja, meine Beste,« haspelte sie zungenfertig herunter, »wenn Sie das nich getan hat, wenn Sie nich dicht halten konnte un semmelwarm alles verteilt un unter die Leute gebracht hat . ..« »Ja, denn ...!« warf das kregele Weibchen bedauernd und achselzuckend dazwischen. »Denn natürlich,« zog Madam Mömmes mit salbungsvollem Augenaufschlag ihre Folgerungen aus der aufgestellten Prämisse, »denn natürlich is mir alles erklärlich geworden, denn natürlich darf Sie sich nich Stein un Bein verwundern un uns keine Vorwürfe machen. Sie spricht doch immer von Ihren dicken Korinthen, die ich Ihr aus Ihrem Kuchen herauspicken täte – na, un Sie, meine Beste? – Unsere Orakels sind auch feine Kuchen gewesen, die mußten erst garbacken werden. Sie aber hat's auch nich abwarten können, Sie mußte dran 'rumfühlen un so'n bischen probieren – un was Sie da 'rausgepolkt hat, sind keine poweren Korinthen gewesen, sondern kaptale Rosinen, un darum un deshalb: Sie hat sich selber in die Nesseln hineinposamentiert un kann nu Ihre lieblichste Hoffnung begraben.« »Un sich andere mannbare Plüschpantoffeln unter die Bettlade stellen,« ergänzte die Alte. »Ich hab' nichts mehr zu sagen; Madam Mömmes hat mir verdefendiert bis ins kleinste, un ich kann daher noch immerst bestehn mit meine magnesianischen Apporte – aberst Ihnen sag' ich nie mehr die Wahrheit.« »Weiß Gott nich,« setzte die Dicke ihr gewichtiges Siegel darunter, »wir werden uns hüten.« Die Lange stand wie versteinert. Das hatte sie denn doch nicht erwartet, und wenn sie auch zugeben mußte, daß die beiden Alten sich so ganz nicht im Unrecht befanden –- das war mehr, als sie zu ertragen vermochte. »Um dessentwillen muß mir dieses Unglück passieren!« kam es schluchzend von ihren blutleeren Lippen. »Ja,« dekretierte die Babbeltjes-Lena, »denn wer nich schweigen kann, hat keinen Anteil nich an unseren prophetischen Zuständen.« Die Lange ließ alles über sich ergehen; sie war weich wider Willen geworden, zahlte verschleierten Blickes die Pflastersteine und erging sich in sentimentalen Ergüssen. »Um Gott nicht!« meinte sie schließlich, »ich bin ihm doch immer so freundlich gewesen, habe keine Zichorien in seinen Morgenkaffee geschüttet und bin ihm doch allzeit äußerst nobel mit meinem silbernen Tablett ...« »Neusilber, Neusilber!« wurde sie von Madam Mömmes berichtigt. »Wollt' ich auch sagen – mit meinem neusilbernen Tablett entgegengekommen. Na – und gebetet ...?! – Morgens und abends – für ihn nur gebetet – und nu ...?« Die Laken-Sophie schob kurzer Hand das Sentimentale beiseite. »Und Ihr habt mir doch alles versprochen,« begann sie aufs frische und in gesteigerter Tonart, »aber alles ist gestunken und Bosheit gewesen. Der Herr Pastor müßte dahinter, der Herr Schandarm müßte dahinter, um so 'ner gottlosen und infamichten Person den Kopf zu zertreten.« »Wen meint Sie denn eigentlich?« fragte die Dicke, trat einen Schritt näher, nahm sie aufs Korn und praktizierte zum andern ihre Hände in die stämmigen Hüften, »Ihnen nicht und auch nicht die Babbeltjes-Lena. Ich meine die andere. Die hat sich gegen die christliche Nächstenliebe verstoßen – die hat sich gegen die zehn Gebote Gottes verstoßen – und mir kalten Herzens 'nen glühenden Dolch in den Busen getrieben.« »Wohin?« fragte Lisbeth. »In meinen jungfräulichen Busen. – Aber alles will wiedererlebt sein; unser lieber Herrgott läßt sich nicht für 'nen dummen Jungen verschleißen – unser lieber Herrgott kuckt bis in die hintersten Nieren. – Gott vergeb' mir die Sünde! – aber bei der da, da kann er was Nettes gewahr werden. Madam Mömmes, ich kann nicht mehr reden – Sie muß mich exküsieren – aber das will ich noch eben bemerken ...« In ihren Augen blitzte dabei ein häßliches Licht auf. »'ne Kerze hab' ich ihr aufgesteckt – so'n Talglicht mit 'ner richtigen Schnuppe; dran soll sie sich ihre Finger verbrennen.« Die Nähterin schnappte nach Atem. »Und das Talglicht, die Kerze ...« Langsam, aber bestimmt und mit aufgerissenen Augen drehte sie den Kopf in Richtung der beiden Kugelakazien, daß es den beiden Zuschauern ordentlich den Atem beklemmte, und streckte die Hand aus. »Und das Talglicht, die Kerze – die nennt sich: Mynheer van Bommel!« Das Wort war heraus, aber mit ihm war auch die Willenskraft des schwergeprüften Weibes gebrochen. Hilfesuchend appellierte sie an das Mitgefühl ihrer ehemaligen Freundinnen, schlug die Hände vors Gesicht – und weinte bitterlich. Es war ein Moment von erschütternder Tragik. Die Laken-Sophie hatte Tränen gefunden, sie, die doch immer bei allen nur möglichen und unmöglichen Gelegenheiten sich nicht aus der Fassung bringen ließ und dabei immer so von oben herabsah, als wenn sie 'ne Elle verschluckt hätte. Aber es war so: Mamsell Sophie hatte Tränen gefunden – und Tränen machen die böseste Stimmung zunichte. Lisbeth konnte überhaupt keinen Menschen weinen sehen, geschweige denn ihre beste Freundin von ehemals. Ihre herausfordernde Hüftenstellung löste sich auf, unter ihrer prächtigen Fladuse glättete sich das Gesicht zu einem friedlichen Ausdruck, Milde und Herzensgüte bekamen die Oberhand – und in friedlicher Absicht war sie näher getreten. »Mamsell Sophie,« begann sie mit vibrierender Stimme, »Sie kann mir leid tun un mir ordentlich rühren, denn wir sind doch immer die besten Freundinnen gewesen und die besten Kumpane.« »Weiß Gott, das waren mir immerst,« konstatierte die Babbeltjes-Lena und wischte sich mit ihrem Schürzenzipfel über die Augen. »Was mal gewesen is – das nehm' ich nich wieder,« tröstete die Dicke, »un Gert Liffers is doch nu einmal gewesen. Lasse Sie den Deichgräfen man schießen. Gegen umgestoßene Orakels soll man nich gegen anoperieren. Ziehe Sie 'nen Strich unter die alte Geschichte. – Sie kann doch noch immer andere Ansprüche machen. – Bleibe Sie bei Ihrem soliden und praktischen Leisten. – Ich dächte, Sie wäre mal mit dem Herrn Sekretarius Knippscheer ...« »War ich,« sagte die Lange, noch immer unter heftigem Schluchzen, »bin ich einmal gewesen ...« »Na, denn fange Sie man wieder von vorne an,« machte Madam Mömmes jetzt einen energischen Vorstoß. »Herr Knippscheer war für Sie der richtige Leisten; den kann Sie noch alle Tage haben. – Ach, Mamsell Sophie – habe Sie doch endlich ein Einsehn, un tu Sie's uns beiden alten Frauen zuliebe.« Und sie breitete die Arme und hielt sie ihr sehnsüchtig und aus versöhntem Herzen entgegen. Erlöst und beseligt stürzte sich die Lange an das warme und weiche Umschlagetuch der lieben Frau Mömmes, brachte aber noch unter Tränen die gepfefferten Worte zum Vorschein: »Gern, Madam Mömmes – aber dem da, dem Deichgräf, dem wird noch heute mittag gekündigt.« »Recht so,« sagte die Dicke, schluchzte heftig auf und strich ihr sanft über die strohblassen Haare.   XI wenn des Haarrauch weht Es war anderen Tages. – Der Westwind blies noch immer über den Deich hin; allein es war anders wie vor kurzem, wo er die Pappelkronen für Spielbälle hielt und weiße Schaumspritzer über die Dammkrone schickte. Es war ein Westwind wie gestern: weich wie Watte und wohltuend wie ein laulicher Odem. Mit liebevoller Hand streichelte er Wiesen und Felder, pochte an Borke und Bast und zupfte die Himmelschlüssel aus dem lockeren Erdreich. Dabei ging so ein feiner Duft über die Gegend, der in die Nasen hineinkribbelte und die Turmspitzen mit einem zartbläulichen Dämmer umhüllte. Haarrauch, nichts weiter als Haarrauch! – der aus Gelderland wehte und der Gegend von Zütphen, wo sie Heide versengten. In zarten Bändern nestelte er sich über die Erde. – Langsam, aber stetig kroch das zurückgestaute Wasser des Kalkflacks wieder dem Rheinstrom entgegen. Das überschwemmte Wiesengelände kam mit seinen höher gelegenen Stellen allgemach und hoffnungsfreudig zum Vorschein und gab den leberförmigen Blättern der Sumpfdotterblume Raum und Bewegung. Ja – es war heute so ein schöner, mit seinen Nebeln durchsetzter Frühlingsmorgen gekommen, der die Sinne erheiterte und aller Welt zurief: »'raus, und freut Euch des Lebens!« »Wollen wir,« sagte auch Herr Petrus Nagel gleich nach dem Mittagessen, gedachte aber das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, schlürfte noch sein Schälchen Kaffee herunter und dekretierte dann durch das Guckloch seines Kontörchens: »Junger Mann, anspannen lassen, Kollis verpacken, aber tuttswitt; ich mach' auf Geschäftstour.« »Servus!« antwortete eine vergnügliche Stimme. »Bong!« sagte Herr Nagel, schnellte vom Stuhl auf, tänzelte vor den Spiegel, brachte ein Taschenkämmchen zum Vorschein und striegelte seine Bonjourtolle noch etliche Zoll weiter nach aufwärts, nicht ohne dabei von Zeit zu Zeit einen Blick in den Laden zu werfen, wo Hannibal Pinsgen sich damit beschäftigte, den Befehl seines Prinzipals prompt in die Wege zu leiten. Hannibal Pinsgen war alles – aber auch alles und jedes. Er war der Sohn des in hiesiger Stadtgemeinde domizilierten Gendarmen, drei Käse hoch, war auf der humanistischen Bildungsleiter bis Quinta gestiegen, hatte dann aber die Papiertüten des Herrn Petrus Nagel gegen den langweiligen Cornelius Nepos in Umtausch genommen, hatte bei dieser Gelegenheit den ›Servus‹ aus seinen alten Verhältnissen mit hinüber gerettet, war der glückliche Inhaber von zwei bis tief in das Frühjahr hinein krebsroten und erfrorenen Händen, herrührend von winterlicher Beschäftigung mit Salzlake und Heringsbrühe, hatte ein radieschenfröhlich Gesicht, Stubsnase und kregele Augen, versuchte, nach dem Vorbild seines Prinzipals, sich 'ne Tolle wachsen zu lassen, begnügte sich aber wegen Mißlingens mit zwei Haarsechsen à la Sergeant, war eifrig, beflissen, sparsam, hatte siebenzehn Lenze auf seine Schultern geladen und schätzte sich glücklich, bereits im dritten Jahre sich in seiner jetzigen sozialen Stellung zu wissen. Wie gesagt, Herr Hannibal Pinsgen war alles. Er war Lehrling, Kommis, Packmeister, Verkäufer, führte die Bücher, sah kaum über die Theke, wenn er seine Kunden bediente, nahm den Warenbestand auf und zog die Bilanzen, war befehlender Herr über Essigtonne und Salzfaß, servierte bei Tisch, stand bei seinem Prinzipal in Kost und Logis und war jahraus, jahrein mit einer improvisierten Schürze aus Sackleinewand bekleidet, die mal einer Zuckerhutsendung als Umwicklung gedient haben mochte und in schablonierter Schrift die Worte enthielt: Vor Nässe zu hüten. Postskriptum. Er liebte; war sterblich und bis über die Ohren verliebt, leider aber ohne reelle Gegenliebe zu finden; zudem hatte er die Oberaufsicht über den Petrus Nagelschen Marstall, bestehend aus: Zweirad, Stallaterne und Handkarren, welch letzteren er selber handhabte, waren größere Sendungen von der Post zu holen oder dorthin zu bringen, während sein Prinzipal per Zweirad die Briefpost besorgte und auf demselben Vehikel häufiger auswärtige Kunden bediente. »Servus ...!« Die Nagelsche Frisur stand in tadelloser Richtung und Haltung, als Herr Hannibal Pinsgen nach viertelstündiger Tätigkeit Meldung erstattete. »Servus, Herr Nagel ...« »Na?« »Alles parat.« »Bong! – Wie Packung?« »Lenkstange rechts 'nen Holländer Käse; Lenkstange links drei Pfund Zichorienkaffee. Beides für Hendrik Kermes in Wisset.« »Schön, junger Mann – und am Sattel?« »'ne Tüte Muschkatnüss', dito mit Nägelkens, dito mit gestoßenem Pfeffer à Konto Kaldenhoven, dito 'ne solche mit Pottlot, 'ne Dose mit Hering und zwei Pfund Kaneelsbork mit beigesteckter Rechnung für Witwe Trompätt in Moyland. Und hier, aneinandergebunden, 'ne Bouteille ›Ollen Klaren‹ und 'ne dito solche mit Rübsenollig für dieselbigte Firma.« »Bong!« sagte Herr Nagel, legte sich die siamesischen Flaschen wie 'ne Bürgermeisterkette um den Hals, steckte sich noch 'ne Pfeife in Brand und begab sich, von seinem ›jungen Mann‹ begleitet, nach draußen, um hier sein aufgeschirrtes Stahlroß nach allen Regeln der Kunst zu besteigen. Fort ging's, als müsse er dem fliegenden Holländer in die Parade fahren und ihm Konkurrenz machen. »Servus!« rief Herr Hannibal Pinsgen noch hinter ihm her, begab sich dann in den Laden zurück und voltigierte hier mit seiner drei Käse hohen Statur, seinem Radieschengesicht und seiner improvisierten Schürze aus Packleinewand über die Theke, während Herr Petrus Nagel über den großen Marktplatz chassierte, die Giebelfronten vorbeitanzen sah, in die Grabenstraße einbog und die hinter prächtigen Linden geduckte Wohnung des Herrn Notars Johann Peter Gerechtsam passierte. Mit Klingeln und Volldampf ging es vorüber. Jetzt kam der Armenhof mit seinem angefressenen Giebel, seiner Kleinkinderbewahranstalt und seinen Schirtinggardinen in Sicht. Lisbeth stand breitbeinig, mit Hornbrille, Strickstrumpf und blaubedruckter Kattunschürze bewaffnet, inmitten der Haustür. Das schöne Wetter hatte sie mit ihrer kleinen Gesellschaft für einige Viertelstunden ins Freie gelockt, wo der Buchfink im Vorgärtchen sang, und die jungen Grastupfer sich schon neugierig zwischen den Pflastersteinen ans Licht drängten. Barthje van Bebber und Nöllecke Kunders spielten Schweineschlachten, indes Nikola mit grimmigem Gesicht, krummen Beinchen und geschultertem Fähnchen als Schildwache vor Madam Mömmes auf- und niedermarschierte. »Schön so,« lächelte Lisbeth, »man weiter so, Nikola; wirst mal Schersant bei's schwere Getränke.« »Nein – Tönig,« dekretierte der Buxenknopp und schilderte weiter. »Schön,« sagte Lisbeth, »kannst auch meinetwegen König bei die Japanesers werden,« hielt mit Stricken inne und ließ ihre Blicke liebevoll über die sauber abgeteilten Rabatten ihres Vorgärtchens gleiten, wo ihre dicken Bohnen bereits mit zartgrünen Läppchen durch die lockere Erdkruste drangen. Sie dachte dabei an den kommenden Sommer, an Schweinespeck und ihr Lieblingsgericht mit Dillsauce. »Heil'ge dicke Bohnenzeit!« freute sie sich im wonnigen Vorgefühl der zu erwartenden Dinge. Ihre Lippen wurden feucht. Instinktiv bewegten sich ihre Hände in Richtung des Magens ... und Barthje van Bebber quiekste dabei wie ein wirkliches Schweinchen, und Nöllecke Kunders praktizierte ihm sein Zeigefingerchen an die kitzeligste Stelle, daß er immer lauter quiekste und lachte und ein natürliches Ferkelchen abgab – und Madam Mömmes war gerade dabei, von ihrem Speck- und Bohnengericht auf Joseph von Ägypten überzuspringen, als Herr Petrus Nagel mit dampfender Pfeife und diversen Päckchen am Horizont auftauchte. »Kuck mal, Nikola,« sagte Frau Lisbeth, »da kommt Dein Pappa gefahren.« Die Aufforderung hatte sich Madam Mömmes sparen können. Der Kleine war wenigstens so hellsichtig wie sie selber gewesen. »Mittenehmen!« schrie er seinem Erzeuger schon von weitem entgegen. »Geht nicht, mein Junge!« »Ich will aber ...!« Nikola sprach nicht mehr in der dritten Person. Die verflossenen Monate hatten glättend auf ihn gewirkt. Abgesehn von seiner Sturigkeit, war er gebildet geworden und hatte gelernt, den kategorischen Imperativ auch in der Ichform von sich zu geben. Petrus Nagel kam näher. Zwei Armchen streckten sich aus. »Mittenehmen!« klang es zum andern, aber noch energischer und unter kurzem Gestrampel der lustigen Beinchen. »Geht nicht; ich mach' auf Geschäftstour nach Wissel und Moyland. Tag, Frau Mömmes ...« »Herr Nagel ...« Weg war der Kerl. – Wie 'ne Schnuppe gekommen, wie 'ne Schnuppe zum Teufel! – Von der Nagelschen Sippe war lediglich Nikola mit seinem Geheul und seiner Patzigkeit übrig geblieben. »Mittenehmen ...!« Es war ein vergebliches Rufen. Barthje van Bebber und Nöllecke Kunders hielten mit Schweineschlachten inne und kniffen ihn scherzhafterweise in die strampelnden Beinchen. Da war's alle mit ihm. Aus dem kleinen König entpuppte sich ein Tyrann in optima forma . An allem hätte er seine knirpsige Wut ausüben mögen: an Lisbeth, an Barthje van Bebber und Nöllecke Kunders; da er sich aber an die respektsvolle Dame nicht heranwagen durfte, die beiden Kumpane ihrerseits wieder über fixere Beinchen verfügten, er seinen ohnmächtigen Zorn aber irgendwo auslassen mußte, verfiel er unglückseligerweise auf Lisbeths Bohnenrabatten. Hinspringen, sein blondes Haarsträußchen wie so'n Maulwurfrüsselchen in den lockeren Boden hineinbohren, vor Erregung wiehern und quietschen, strampeln und mit seinen Pfötchen die Erde hinter sich werfen – das folgte alles so prompt aufeinander, hing so folgerichtig zusammen, daß ein Unbeteiligter seine helle Freude an dem Tun und Treiben des giftigen Mineurs haben konnte. Madam Mömmes hingegen dachte anders darüber. »Meine Rabatten ...! – Jüngsken ...!« schrie sie entsetzt, trollte sich zu ihm und meinte mit ironischem Beigeschmack: »Was man nich im Koppe hat, muß man auf den Hintern haben,« und – schnaaf dich! – die Katastrophe setzte prompt und mit elementarer Gewalt ein. «Ich sag's for meinen Pappa!« brüllte der Kleine. »Tu's man,« entgegnete Lisbeth, »mußt Dir aber dazu lange Beine besorgen, mein Jüngsken,« und wie ein sorglicher Gärtner den sammetpelzigen Wühler mit spitzen Fingern und an seinem Stummelschwänzchen aus der Röhre hervorzieht, so wurde auch Nikola durch einen kurzen Griff am Hosenboden wieder an das Licht der allbelebenden Sonne gefördert. »Nu sag's Deinem Pappa,« dekretierte die Alte. Das war nun allerdings leicht gesagt, aber schwer getan. Der Gemaßregelte machte daher auch gar keinen Gebrauch von der liberalen Erlaubnis, verlegte sich vielmehr auf das, was für ihn dem Bereiche der Möglichkeit angehörte: setzte sich auf seine torquierte Stelle, fauchte wie ein kleiner Kater hinterm Ofen und drohte ständig damit, es doch seinem Pappa sagen zu wollen, wenn dieser zurückkommen würde. – Vorwärts ...! Petrus Nagel war bereits in Höhe der Bunten Schleuse erschienen. Flüchtig strampelte er an jungen Erlen vorüber, die eine Zeit lang den hohen Fahrdamm begleiteten. Eine prächtige Merle sang in den grüngesprenkelten Zweigen. Der Haarrauch wehte darüber hin, glitt die Böschungen entlang und kroch von hier aus über die glatten Wiesen des Binnenlandes, wo die Angestellten des Fingerhutshofes damit beschäftigt waren, die mit dem Beginn des Frühjahrs entstandenen Maulwurfshaufen auseinanderzustreuen. Weiter zur Rechten lag das Anwesen selber. Die Elstervögel lärmten in den Pappelkronen, wo schon ihre rundlichen Nester entstanden. Nur mit einem scheuen Blick streifte Herr Petrus Nagel den protzigen Gutshof. Seit der Billardaffäre war er auf Barthes van Laak überhaupt nicht mehr gut zu sprechen gewesen. Wer gab ihm, dem Donnerjü, in aller Welt nur das Recht, sich so als Treffeljunge zu fühlen! – Warum und weshalb denn?! – Weil er über achtzig melkende Kühe und zwei Kutschpferde im Stalle hatte, einer Pulle nach der anderen den Hals brechen konnte, auf Gott und alle Welt skandalierte und im Schummern um die Mägdekammern herumstrich? – Eine von den Dirnen war ihm schon unter die Finger gekommen, daß sie mit einem vorne zu kurzen Rock in ihr Malör hineinkriechen mußte. Roggenstrohhaare hatte das Weibsbild, schön war sie auch und hatte zwei Augen im Kopfe ... Da war denn weiter auch kein großes Kunststück bei der ganzen Affäre! – Das hätte jeder andere auch besorgen können, und was die Bouteillen mit Langkork anbetraf ... »Bong! – können wir auch,« sagte Herr Petrus Nagel und flitzte verärgert an der unsympathischen Wirtschaft vorüber. – An diesem Nachmittag stand Barthes van Laak mit Kniestiefeln, kurzer Joppe und einer Zigarre zwischen den Zähnen in der Toreinfahrt einer seiner weitläufigen Scheunen und sah zu, wie sein Oberknecht ein neu angeschafftes Reitpferd im Kreise longierte. Nichts war ihm recht, er mäkelte an allem herum, schimpfte auf die erbärmlichen Gänge, auf den dämlichen Kerl und die verluderte Schindmähre, als ein kleines Männchen mit braunem, abgeschlissenem Rock, den Kragen bis über die Ohren geschlagen, hinter dem Staketenzaun auftauchte, mit seinem schwanken Rohrstöckchen an den Latten herumratterte und mit heller Stimme über den Hofraum hinwegkrähte: »He, Freundchen! – Freundchen...!« »Gotts den Donner noch mal!« muckte Barthes auf, »der kommt mir grade gepfiffen. Was gibt's denn?« »Haarrauch,« keuchte Krispinus van Bommel, haspelte näher und legte seinem Neffen die zittrige Hand auf die Schulter. »Haarrauch, mein Junge – und, ich kann mir nicht helfen, derselbigte erinnert so'n bißchen an 'ne brandige Sache. Es raucht wo und schwelt wo – und wo so'n brandiger Muff ist ...« »Kenn' das.« »Je – aber ...« »Was aber?« »Zackerzucker! – soll ich ihm so'n kleines Feuerchen unter der Nase abbrennen? Das macht 'nen klaren Kopf und bringt so'n wenig Licht in die Sache.« »Pressiert's?« »Wie man's nimmt, Herr Vetter.« Der Donnerjü merkte auf. »Etwa wieder die verdammte Deich- und Wiesengeschichte?!« schrie er ihn mit blaurotem Gesicht an. »Die gottssträfliche Affäre ist mir nun grade bis ans Maulwerk gegangen – oder ...« Langsam drehte er sich nach einem drallen Weibsbild um, das hochgeschürzt, mit roggenstrohtrockenen Flechten und einem blanken Milcheimer in der Hand über den Hof ging. »Oder«, der Donnerjü stieß seinen Ohm mit einem kurzen Lachen in die unteren Rippen, »meint er vielleicht ...« »Hihihi!« krähte van Bommel und musterte wie ein abgefeimter Kenner das Gangwerk und die derben Reize des schwerfällig sich entfernenden Mädchens. »So 'ne Waden...! – I, Gott bewahre, Herr Neffe! – 'nem mausenden Kater soll man das Handwerk nicht legen. – 'ne alltägliche Schose! – Reinste Privatsache! – Jeder ist sich selber der Nächste! – I, Gott bewahre, Herr Neffe! – ne – es muffelt aus 'ner ganz anderen Ecke.« Listig drehte er sein Fuchsgesicht im Kragen herum und deutete mit seinem schwanken Spazierstückchen in Richtung des Herrenhauses. »Freundchen! – Freundchen! – die mein' ich.« Barthes van Laak hatte das Aussehn einer gereizten Dogge bekommen. Er wäre dem impertinenten Menschen unmittelbar an die Kehle gesprungen, wäre nicht der Pferdeknecht gewesen, der gleichgültig und mit stoischer Ruhe noch immer an dem widerspenstigen Gaul herumexerzierte. »Du, Ohm ...« knirschte der Donnerjü und war näher getreten. Man sah es ihm an, wie es in ihm wühlte und bohrte. »Ruhe, Ruhe,« begütigte Krispinus van Bommel. »Ein wenig gelinder mit die tollrigen Pferde. Man tut ja sein Bestes, man will ja sein Bestes – aber nur nicht gleich mit ›Heidi‹ über den Zaun weg. Immer mang den Fahrgeleisen geblieben. Nur pure Vermutung, man weiß nichts Bestimmtes; vielleicht ist alles aus den bloßen Fingern gesogen – aber so 'nem Rattenkönig von ›Wenn‹ und ›Aber‹ soll man auch auf die Schnauze ...« »Stimmt,« keuchte der Fingerhutshöfer. Er schnappte nach Atem, wollte lachen, konnte aber nicht. Ihm war so'n Dings wie'n Wergstrick um die Kehle gezogen. »Kutt ki kutt!« stöhnte er endlich, »entweder so oder so, aber los dafür ...« »Hier?« fragte Krispinus und deutete auf den Pferdeknecht, der schon etliche Male herübergeschielt hatte. »So'n Viechskerl!« knirschte Barthes zwischen den Zähnen, »denn da hin.« Er machte eine nicht mißzuverstehende Geste, ging voraus, betrat, von dem fröstelnden Männchen begleitet, den Hausflur, warf die Tür zu seinem Privatzimmer auf, in welchem er seine Geschäfte mit Vieh- und Getreidehändlern abzuwickeln pflegte, und riegelte hinter sich und Krispinus van Bommel die Tür zu. – Für einige Augenblicke blieb es totenstill unter den Pfannen des Fingerhutshofes, als sei über seine Dächer ein schwarzes Laken gefallen. Selbst die Elstervögel, die ab und zu flogen, hatten ihr Lärmen eingestellt. Der Pferdeknecht lockerte die Longierleine, steckte sich 'ne frische Pfeife an und ließ den abgeäscherten Gaul verschnaufen. Mit stumpfem und leerem Gesicht, das wie rissige Borke aussah, grinste er der Milchkammer zu, aus der das trockenhaarige Mädchen von eben wieder herauskam. Mit bloßen Armen, die bis über die runden Ellenbogen mit Milch bespritzt waren, querte es den sandigen Platz, auf dem das angeleinte Pferd einen regelrechten Zirkel ausgetramst hatte. Die ganze Person atmete einen begierlichen und würzigen Duft aus. »Du, Stina ...« »Was soll's?« »Schlecht Wetter,« sagte er mit eckigem Lächeln. »Wieso denn?« »Es düstert und donndert.« »Wo denn?« »Da, wo die Großmoguls sitzen.« Er deutete mit breitem Daumen über die Schulter. »Beim Baas?« fragte sie lebhaft. »Wo denn anders! Da sitzt Hagel drin und kloppt Strunk und Stiel auseinander.« »Na, so was!« »Du, Stina ...« »Und ...?« »Mußt ihm mal wieder verliebt kommen. Das lenkt ab; sonst kriegen wir armen Kerls die ganze Prostemahlzeit zu fressen. Es paßt grad: die kommoden Hafersäcke stehn noch von früher.« Das Mädchen verfärbte sich. »Pferdsgesicht!« keuchte sie mit verhaltenem Ingrimm. »Was kümmert's Dich – und wenn es so wäre? Bin ich etwa mit Dir verheiratet – Du Schandmaul?!« »Ich meinte man, Stina. Oder willst Du's mit mir mal probieren?« »Rutsch mir den Buckel runter, Du Saukerl!« fauchte sie bitter und ging ihres Weges. »Te–r–a–a–b!« Die Leine straffte sich und wieder trabte das Pferd an. Inzwischen war eine bange Viertelstunde vergangen. Die Elstervögel, die sich eine Zeit lang still verhalten hatten, bäumten abermals mit lautem Geschrei auf. In den Ställen wurden die Gäule unruhig. Der drückende Alp löste sich, und die Stimmen im Herrenhaus, die sich bisher einer ängstlichen Zurückhaltung befleißigt hatten, waren plötzlich aus ihrer Reserve getreten. »Prosit, Ihr Bauern! – nu aber nichts mehr.« »Aber, Herr Neffe ...!« »Viechskerle alle! – Das ist ja nichts anderes, als einem 'ne Laus in den Pelz praktizieren.« »Freundchen! – Freundchen ...!« krähte van Bommel dazwischen. Er kam nicht weiter. Eine derbe Faust wurde krachend auf die Tischplatte getrieben. »Nichts mehr!« Polternde Schritte kamen; dann wurde die Tür aufgerissen. Barthes erschien auf der Zimmerschwelle, wandte sich aber nochmals zurück und streckte die Hand aus. »Selbst soll sie's sagen, was an dem ganzen Brimborium dran ist. Selbst soll sie's sagen.« Die ausgestreckte Faust geriet in ein nervöses Zucken und Zittern. »Aber mir ist so – ist so, als wenn ich so manchem das ganze Gerede rechts und links ums Maul klatschen müßte.« »Freundchen ...!« »Ruhe ...!« Bei dieser Wendung der Dinge rieselte dem alten Zwischenträger so etwas wie ein ungemütliches Behagen den Rücken herunter. Das hätte er sich vorher sagen können: mit dem Donnerjü war es nicht praktisch, gemeinsam Kirschen zu essen. Die ganze Mission hatte ihre bedenklichen Seiten. Das erkannte er jetzt. Sie war ihm so halber in die Kniee gefahren. »Zackerzucker! – man kann ja immer nicht wissen ... Ich will nichts gesagt haben.« Barthes sah ihn mit vernichtenden Blicken an. »Nicht?!« fragte er mit glutenden Augen. »So seid Ihr aber – alle miteinander! – Erst legt Ihr die Flinte an und knallt einem 'ne Ladung Schrot in den armen Kadaver, und nachher ist es nur ein pures Versehen gewesen.« Die zuerst nur zwischen den Zähnen mühsam gekauten Worte waren schließlich von einem verächtlichen Lachen begleitet gewesen. »Nichts gesagt haben?! – Das ist ja zum Schreien, das ist ja um die Kränke zu kriegen! – Aber jetzt,« und er reckte sich in seiner ganzen Größe und Kraft auf, »aber jetzt hab' ich was zu sagen. – Aleit ...!« Kleine Kalkpartikelchen lösten sich von den Wänden des Korridors, als er ihren Namen gerufen. »Aleit ...!« »So,« meinte Krispinus van Bommel, »jetzt kann ich wohl gehen, Herr Vetter?« Verschüchtert drehte er sich dem Ausgang entgegen. »Du? – Gehen?« fragte Barthes mit ironischem Beigeschmack. »Freundchen! – Freundchen ...!« »Hiergeblieben!« Der Alte prallte ins Zimmer zurück. Über den Fingerhutshöfer war eine eiserne, fatalistische Ruhe gekommen. Den Rücken gegen den Türpfosten gelehnt, ließ er den stiernackigen Kopf brütend auf die Weste herabsinken. Seine Blicke suchten etwas, konnten aber nicht finden, was sie suchten. Da kam sie. Sie kam schleppenden Ganges, als müßten ihre Füße sich von jedem Fleckchen Diele erst mühselig losreißen. Große Tränen waren in ihren Augen. Sie wußte, was ihr bevorstand. »Du hast mich gerufen,« meinte sie tonlos. Er sah ihr mit aufgerissenen Augen ins Gesicht, sagte aber nichts, sondern machte eine herrische Handbewegung ins Zimmer. Da ging sie hinein ... Wiederum nahte sich die unheimliche und fast beängstigende Stille von eben. Sie trug das monotone Geräusch der Standuhr, die sich draußen im Flur befand, deutlich und in bestimmten Pausen ins Zimmer. Plötzlich gab sich der Donnerjü einen Ruck und zerriß das quälende Schweigen. Er hatte die erlösende Wendung gefunden, nahm sich aber zusammen und sagte: »Du, sieh Dir den an; der will was.« »Aber, Herr Neffe ...« »Nicht?« lachte Barthes mit heiserer Stimme. »Er will nichts – er hat die Kurasch nicht – und hat mir doch 'nen Rattenkönig unter die Sparren geschmuggelt! Aber das will ich: hören soll er, wie ich diesem Rattenkönig die ekelhaften Köpfe zerkloppe.« Er war näher getreten. Ruhig hielt sie seinen stechenden Blick aus. »Darf man sich eine Frage erlauben?« Zäh kamen die Worte von seinen Lippen herunter. »Das darf man,« sagte sie zögernd. Sie wußte nicht mehr, was sie geantwortet hatte. »Na, denn ...« Er beherrschte sich und fuhr sich gedankensammelnd über die Stirne. »Wo bist Du an dem betreffenden Abend gewesen?« »An welchem Abend?« fragte sie mit erkünstelter Ruhe. »Wo die Sache passiert ist.« Sie sah ihn schweigend an. »Na, an dem Abend, wo ich nicht hier war – wo der Sturm ging – wo ich in Wissel ... Du weißt ja ... Gottverdammich! – wo ich den Bauern 'ne richtige Laterne aufstecken mußte. Du, wo bist Du an diesem Abend gewesen?« »Hier im Hause.« »Und bist nicht draußen gewesen?« »Ja, ich bin auch draußen gewesen.« »Was?! – In dem Luderwetter da draußen, bei den Erlen dahinten?« »Ja.« »Und niemand war bei Dir?« Sie gab keine Antwort. »Und niemand war bei Dir?« Seine Stimme zitterte, als er die Worte zum zweiten Male herausstieß. »Warum fragst Du?« »Weil es mein Recht ist.« »Und wenn ich nicht wollte?!« trotzte sie auf. »Ich bin kein Kind mehr und bin Herrin über mein Tun und Lassen geworden. Aber ich will Dir die Antwort nicht vorenthalten. Ja, ich bin bei ihm gewesen. Vielleicht liegt eine Sünde darin, aber ich konnte nicht anders. Ich habe mich abgefunden damit – was früher war. Es liegt hinter mir und ist jetzt tot.« »Was?!« schrie Barthes. Er verstand alles so recht nicht. Er wollte dem verfluchten Hinterbringer das Gegenteil beweisen und hörte nun aus ihrem eigenen Munde ... Er war sprachlos geworden. In der Ecke räusperte sich Krispinus van Bommel. Es war ein infames Räuspern, gewissermaßen eine Quittung auf das soeben Gehörte. Da verlor der Donnerjü seine Fassung. »Also doch!« knirschte er zwischen den Zähnen, »Ich bin kein Mensch mehr – ich bin in die Pfanne gehauen ...« Mit einem Satz war er bei ihr. Eisern griff er nach ihr und zwang sie vor einen Spiegel, der an der Schmalseite des Zimmers zwischen den Fenstern hing. »Da sieh hinein – Du!« Ein jähes Entsetzen fiel sie an. »Ich verstehe Dich nicht.« Ein verzerrtes Lächeln entstellte ihr Gesicht. Sie starrte ihn mit weltfremden Augen an, in denen es nicht mehr aufleuchten wollte. »Was soll ich?« »Da hinein sehn. – Da findest Du alles – da erkennst Du Dich selbst – da steht alles geschrieben – das kann kein Photograph besser machen und ist ein Stümper dagegen ...« »Barthes ...!« »Ausreden lassen – Gottverdammich! – ausreden lassen,« drang er, seiner Sinne nicht mehr mächtig, auf sie ein. »Da steht das Weib – das Weib, das mich betrogen und es mit 'nem andern gehalten!« »Hör auf!« schrie sie entsetzt und taumelte rücklings. »Ich kann Dich nicht hören.« »Das glaub' ich,« sagte er mit heiserem Lachen. »So sieht eine Ehebrecherin aus. – Dirne ...!« Sie griff in die Luft, als hätte sie eine Kugel getroffen, und war zu Boden geschlagen. Auf die Hände gestützt, mühselig und kaum ihrer Glieder mächtig, hob sie langsam den Kopf und sah ihn wie eine Sterbende an. »Das – sagst – Du – mir ...« hauchte sie schmerzlich; dann stieß sie einen markerschütternden Schrei aus. Es war wie der Schrei eines Abgestürzten, dem der letzte Halt unter den Füßen gewichen. »Mutter!« rief eine wimmernde Stimme. Beide Fäustchen gegen den Mund gestopft, war Threschen in die Stube gedrungen. Da schüttelte sich Barthes. Er hatte das Gefühl, da er das Kind sah, als sei ihm eine kalte Hand in den Nacken gefahren. Ihr Kind – sein Kind ... »Mutter, was hast Du?« Zwei Ärmchen hatten sich um ihren Nacken geschlungen. »Mutter, lieb sein – nicht weinen ...!« »Weg da!« donnerte Barthes. »Hier haben Vater und Mutter zu reden.« Die Ärmchen strafften sich fester. »Gottverdomie! – mach, daß Du fort kommst – oder ...« Da schlug ein Köpfchen zurück, und das Grauen war in ihm. Eine Kinderstimme durchgellte das Haus, als müßte sie das Unglück beschreien. Ein unheimliches Ding war auf die Kleine übergesprungen. Sie lief über den Hof und ins Freie hinaus – und drehte den Kopf um ... »Mutter! – Mutter!« »Zackerzucker, Herr Neffe,« drückte sich Krispinus van Bommel in eine verlorne Ecke. Das hatte er nicht gedacht, daß seine Mission auf solche Weise endigen würde. »Ach, was!« keuchte der Donnerjü, »was geht mich das Kind an?! – Mir ist was Richterliches in die Knochen gedrungen. Wissen will ich, woran ich bin. Ich muß doch reine Bahn schaffen zwischen uns beiden im Hause. Weib ...!« Er riß sie mit stummer Gewalt in die Höhe. Sie war bleich wie der Tod geworden. Mechanisch strich sie eine gelöste Strähne aus dem Gesicht; dann ging sie der Tür zu. »Wohin?« »Leb' wohl.« »Das sollte Dir passen: auf und davon gehn!« Seine Faust war ein Schraubstock, der sich um ihr Handgelenk legte. »Das sollte Dir passen ... Später – ja, dann findet sich alles. Aber jetzt, in diesem Momang: Schicht wird gemacht und das mit allen Klarnetten. Bekenne – oder ... Hier mit diesen zwei Fäusten ...!« Wie er aufstöhnte der Mensch! – Sein Stolz war um die Ohren geschlagen. Mit verbissener Wut konstruierte er sich die Dinge zusammen, reihte Glied an Glied und Schake an Schake. Er war mit seiner Gedankenkette fertig geworden. »Du bist seine Geliebte gewesen,« stöhnte er sinnlos, »er hat Dich besessen – der Viechskerl!« Ein Riß ging durch ihren gemarterten Körper. »Du lügst!« »Was ...?!« Er warf ihre Hand aus der seinen. »Der Viechskerl ...! – Aber in der Matsche und Patsche läßt ihn das Weib nicht. Natürlich! – Erfinderisch, brutal seid Ihr alle.« Sie reckte sich. Alle Duldsamkeit hatte sie von sich geworfen. »Und wenn es so wäre?!« Sie lachte bitter und höhnisch auf. »Ja, brutal ist das Weib,« fuhr sie fort, »das weiß ich, das hab' ich schon lange gewußt – und das seh' ich an der da – an Stina. Brutal bis zur bodenlosen Gemeinheit.« Das saß wie ein Peitschenhieb. Er stieß einen tierischen Laut aus, und eine tierische Wildheit ergriff ihn. »So helfe Dir Gott ...!« Er hatte die Fäuste erhoben. »Wag' es!« Furchtlos begegnete sie seinen funkelnden Augen. Ein Ruck ging durch ihre Gestalt. Ihr Oberkörper beugte sich rücklings; ihre Brust war straff und schwellend geworden. »Brutal bis zur Niedertracht – das ist die da gewesen ... Und Du ...?!« »Hier handelt es sich nicht um mich – Gottverdammich! – um mich nicht.« »Aussprechen lassen, aussprechen lassen!« fiel sie herrisch dazwischen, »nun bin ich an die Reihe gekommen und mache Gebrauch davon, Dir jetzt den Spiegel, aber ohne Zerrbild, vor Augen zu bringen. Unterbrich mich nicht. Warte ab, bis ich zu Ende gekommen, und kannst Du dann noch mit freier Stirn den Stein vom Boden nehmen – gut, dann nimm ihn vom Boden und wirf ihn; ich will ihn ertragen. Du weißt: ohne eigene Existenzmittel, arm und bedürftig, im Taumel, einem halben Zwange gehorchend, bin ich damals an der wahren Liebe vorübergegangen, um mein Schicksal in toller Verblendung an das Deine zu ketten – und das ist unser Unglück gewesen. Du allein warst nicht schuldig – gewiß nicht, aber ich bin Dir nur Ware gewesen. Daß meine Seele nach dem Verlorenen aufschrie, daß ich ihn noch einmal begrüßen wollte und ein Begegnen herbeiführte – das war Sünde, Verfehlung, aber menschlich entschuldbar, denn Du wirst mir doch nicht einreden wollen, daß ich bei Dir die echte Liebe gefunden.« »Und das steht alles in Deinem Katechismus geschrieben?« »Nein – aber hier in meinem Herzen geschrieben – und das sage ich Dir: hätte ich damals, vor Jahren, mehr Achtung vor mir und dem Weibe gehabt – es wäre anders gekommen, anders gekommen, wenn nicht Threschen gewesen. Langsam aber sicher keuchte ich den Kalvarienberg hinan – Stufe für Stufe, und jetzt bin ich oben. Und Du? – Betrogen hast Du mich, schändlich betrogen, hier in diesem Hause betrogen, mit der ekelhaften Dirne betrogen – und jetzt hast Du noch das raffinierte Vergnügen, sie mir Tag um Tag in diesem Aufzug vor Augen zu führen. – Wenn das nicht ...« Sie tastete sich apathisch über Schläfen und Haare und meinte: »So, nun habe die Stirn, den Stein aufzuheben und ihn auf mich zu werfen. – Nicht ich, aber Du ... Wenn einer die Ehe gebrochen: Du bist es!« Hochaufgerichtet stand sie ihrem Mann gegenüber. Aleit war schön in ihrer wilden Erregung. Ihr frauenhafter Körper legte die Milde beiseite. Aus der Angeklagten war eine Klägerin geworden. Etwas Dämonisches wuchs aus ihrem Leibe heraus. Das legte die Tatze auf seine Schulter und drückte ihn nieder. Ein Rätsel stand vor ihm – aber das wußte er: sie war in diesem Augenblick stärker wie er selber geworden. Er wollte ihr eine Antwort ins Gesicht schleudern und noch einmal die Klage erheben, allein ihm fehlten die Worte. Das quälende Schweigen dauerte Minuten. Der Augenblick im Leben zweier Menschen war da: zehn Jahre zusammengelebt, um jetzt auseinandergerissen zu werden. Langsam, fast hündisch, wendete er die Blicke auf Aleit. Etwas wie Scham, wie ein Empfinden, das nach Reue schmeckte, war in ihm. Es ließ sich nicht abschütteln, es krallte sich an ihn, es kroch in seine Seele hinein und brachte die niedergekämpften Gluten verhaltener Leidenschaft wieder ins Flackern. Mit gierigen Blicken glitt er an ihrem Körper herunter. – Roher Genußmensch, der er war, gewohnt seinen Leidenschaften keine beengenden Fesseln anzulegen, sah er ihren Reiz durch die Kleider hindurchleuchten. Während dieser Stunde war sie ihm fremd, aber um so begehrenswerter geworden. Es fröstelte ihn, und dann packte ihn wieder die Leidenschaft und trieb ihm das Blut stürmisch zur Schläfe. Hatte er sie denn nicht schon Jahre besessen? Mußte erst ein anderer kommen und ihn aufmerksam machen auf die berückenden Geheimnisse, die dem Leibe seines eigenen Weibes entströmten? Er phantasierte sich in einen Rausch hinein, in einen Rausch, der zur Begierde wurde, als er ihre stumme Ergebenheit und ihre stille Duldermiene gewahrte, als sie sich achtlos zurückbog, um ihre Haare zu ordnen, und er hierbei bemerkte, wie ihre Brust unter dem schmucklosen Kleide sich straffte. Etwas wie Wildgeruch war in seine Nase gedrungen. Sein stärkster Trieb, zugleich seine schwächste und verwundbarste Seite, das unbezähmbare Verlangen, sich an ihren herben Reizen betören zu wollen, erregte ihn mächtig. Sie war doch sein eigen, und nun wollte ein anderer kommen, ihn verdrängen und Besitz von ihr nehmen ... Einfach zum Lachen! – Da konnte ja jeder vorsprechen, um dieses begehrenswerte Leben zu kosten. Ja, das Verlangen war in ihm und rüttelte ihn, wie der Sturm den Baum in der Frühlingsnacht rüttelt ... Beschämt trat er näher. Sein Wille war niedergebeugt; das Weib in ihr hatte triumphiert und war Sieger geblieben. Kalt wie Stein, halb schuldig, halb schuldlos, aber noch ungebrochen in ihrer berückenden Schönheit, das Rätsel von eben, sah sie ihm starr in die Augen. »Du ...« keuchte er mit verhaltener Stimme. »Rühr' mich nicht an, bevor Du nicht ...« »Gottverdammich ...!« Er wollte sich aufbäumen – aber wieder wuchs das Dämonische aus ihrem Leibe heraus, und die Tatze von eben ... Scheu sondierten seine Blicke in ihrem ruhigen Antlitz. »Und er hat Dich nicht besessen – er hat Dich nicht ...?« »Nein.« »Und das kannst Du vor Deinem Herrgott beschwören?« »So wahr mir Gott helfe.« »Ah!« Er vermied ihren Blick, ging ans Fenster und sah über den Hof in die Wiesen hinaus, wo die Baumkronen bereits im Haarrauch schwammen und größer und grotesker erschienen, als sie in Wirklichkeit waren. Graue Tücher legte der Abend über Himmel und Erde. Nur im Westen, weit jenseits des Deiches, stand noch eine düstere Röte, die wie eine Fackel lohte. Und diese Fackel brannte ihm in die Seele hinein. Er wandte sich. »Gut, daß Du rein bist ...« Seine Kraft war gebrochen. Auch über seine tierische Lust strich in diesem Augenblick eine lähmende Stumpfheit. Menschliches Fühlen und Wollen war in ihm rege geworden. »Nachdem was soeben passiert ist – Aleit, ich bin im Unrecht gewesen – willst Du bleiben unter meinem Dach, unter den Sparren des Fingerhutshofes?« Ein Frieren kroch über sie hin. Sie beugte sich, mußte sich beugen, denn sie wußte, sie war nicht schuldlos. Ihr haftete ein Makel an, der drückte sie nieder, und dieses Makels wegen wollte sie ihr Kreuz tragen. »Aleit ...!« »Ja – um des Kindes wegen.« »Und um meinetwillen ...?« »Auch um Deinetwillen.« Da war ihr auch die letzte Spur von Sünde aus dem Herzen genommen, ihre Flügel aber waren gebrochen. »Und Du ...« Barthes drehte sich zu Krispinus van Bommel und streckte die Faust aus. »Wag's mir noch einer,« stöhnte er mit heiserer Stimme, »meinem Weib und mir an die Ehre zu kommen – Gottverdammich! – in der schwarzen Lake, am Leeloch, soll er verenden. Viechskerle alle miteinander!« Aleit hatte schweigend das Zimmer verlassen. »Freundchen! – Freundchen ...!« krähte der Alte. »Nichts mehr! – Und wer mir nicht Maul hält und weiter in der Sache herumrührt ...« Krachend schlug er sich auf die Brust. »Ihr kennt mich alle – der mag sich beim Fingerhutshöfer bedanken.« »Irren ist menschlich, Herr Neffe.« Krispinus griff nach Hut und Stöckchen und drehte sich scheu aus der Tür. Der Donnerjü begab sich ans Fenster. Alles lag grau in grau da draußen. Die Sonne war untergegangen.   XII Butterblume Threschen war weiter gelaufen – über die Wiesen, über den Kleeacker ... Eine tödliche Angst hatte sich der Kleinen bemächtigt. Es saß ihr im Nacken wie ein scheußliches Tier, das sie nicht mehr los werden konnte. Keuchend schlug sie den Weg ein, der vom Gutshof auf die breite Masse des Deiches hinaufführte. Jetzt stand sie oben, genau an derselben Stelle, wo vor vierzehn Tagen Gert Liffers mit ihrer Mutter gestanden. Ihr zur Linken raschelte das Erlengestrüpp. Sie schreckte zusammen. Noch immer glaubte sie, den Schrei ihrer Mutter und die gehässige Stimme ihres Vaters zu hören. Sie drehte den Kopf um. Da lag der Fingerhutshof; sie hätte ihn mit ihren Ärmchen greifen können. In den Scheiben der Giebelfront blenkerte das rote Licht der untergehenden Sonne. Es hatte durch den Haarrauch eine merkwürdige Färbung bekommen. Etwas Blutrünstiges war in ihm, und blutrünstig warfen die Fensterscheiben es wieder von sich. Threschen sah es. Die Kleine wußte nicht, daß dort die Sonne drin spielte. Blutige Finger ... Die Angst drehte ihr wieder das Gesicht nach vorne. Sie glaubte eine ekelhafte, graue Ratte im Nacken zu haben, eine von den dicken, langsamen Ratten, die die Pferdeställe bewohnen. Da bekam sie das Grauen ... »Mutter! – Mutter!« Aber die Mutter hörte sie nicht. »Mutter! – Mutter!« rief sie noch einmal. Keine Antwort erfolgte. Da lief Threschen van Laak über den Deich fort. – »Wo is Nikola?« fragte Lisbeth Mömmes, als sie ihre kleine Gesellschaft wie 'ne besorgte Glucke und mit lockendem ›Tütütütü‹ wieder von draußen ins Zimmer geführt hatte. Alle Kinder sahen sich erstaunt um. Der kleine Nagel war nicht da. »So 'ne Kröte!« erregte sich Lisbeth. Instinktiv richteten sich ihre Blicke auf den Spiegel, hinter dem eine Birkenrute einträchtiglich neben einer Pfauenfeder steckte. »Er ist der Letzte gewesen,« stellte Nöllecke Kunders fest. »Dann will ich mal nachsehen,« sagte die Alte, »vielleicht is er draußen geblieben. Un Du, Barthje van Bebber, kuckst mal in den hinteren Garten. Aber sag' ihm man gleich – 'ne Watsche bekommt er.« Lisbeth begab sich auf die Straße und Barthje durch den langen Flur in den Garten. Beide kamen unverrichteter Sache zurück. Sie hatten den kleinen Ausreißer weder auf dem Spielplatz noch im Garten gefunden. »Merkwürdig,« sagte Frau Mömmes. Sie setzte die Hornbrille auf, um besser sehen zu können, ging in ihr Schlafzimmer, vigilierte hinter den großen Schrank, bückte sich nieder, um festzustellen, ob der dreibastige Schlingel vielleicht unter ihre Bettstelle geflitzt sei. Es war ein schweres Stück Arbeit, wie sie so mit ihrem breiten Gestell auf den Dielen herumkriechen mußte. »Nikola, bist Du da?« Alles blieb still. Sie verlegte sich nunmehr aufs Bitten, »Nikolächen, bist Du unter mein Bettchen gekrochen? – Nikolächen, sag's man; Du sollst auch ein Babbeltje haben.« Keine Antwort erfolgte. »Junge – wenn ich Dich kriege!« Schwerfällig hob sie ihre breite Masse vom Boden. Ihre Blicke fielen auf die prächtige Kirschholzkommode. Auf dem gehäkelten Deckchen stand der heilige Aloysius noch immer zwischen den beiden Porzellanvasen mit Goldrand. »Heiliger Aloysius, hilf mir!« Sie sah ihm flehend und hilfesuchend in die gipsernen Augen. Der heilige Aloysius von Gonzaga wußte es auch nicht. Da flog ihr so etwas wie Angst an. Aufgeregt ging sie zu den Kindern zurück. Unterwegs fiel ihr der taube Christ van de Lucht ein, der oben in der dritten Etage wohnte. Sie wußte: der kleine Querkopf war schon früher einmal zu dem alten Armenhäusler geschlichen, um auf seinen Knieen ›Hoppa-Reiter‹ zu spielen. Das war ein erlösender Lichtblick. Sie freute sich ordentlich über ihren guten Gedanken. »Barthje,« sagte sie mit fliegendem Atem, »lauf' mal rasch zu Ohm van de Lucht in die dritte Etage, ob Nikola nich da is. Mußt aber schreien, sonst versteht es Ohm van de Lucht nich.« Stolz auf die ihm übertragene Mission stiefelte das putzige Kerlchen nach draußen. »Mußt aber schnell sein,« rief ihm Madam Mömmes nach, »die Sache pressiert mich!« »Ja,« bestätigte Barthje van Bebber und machte sich dran, in die höheren Regionen des Armenhofes zu steigen. Gewiß, die Sache pressierte, und Barthje war auch von dem heiligsten Willen beseelt, so fix wie möglich nach oben zu kommen, hatte dabei aber seine kleinen Potentaten nicht in Rechnung gezogen, denn die einzelnen Treppenstufen konnten schon einem ausgewachsenen Menschen zu schaffen machen, geschweige denn einem Kerlchen mit so knirpsigen Beinchen. Der Aufstieg fiel dementsprechend auch aus. Ein Füßchen wurde aufgesetzt, das andere nachgezogen und dann erst die folgende Stufe genommen. »Een – twee,« zählte Barthje van Bebber. Drinnen hörte man deutlich die emsigen Bemühungen des in wichtiger Mission abgeschickten Gesandten. Es war zum Verzweifeln. Das monotone Zählen wollte nicht aufhören. »Gen – twee, een – twee, een – twee ...« »Herr Jeses!« entsetzte sich Madam Mömmes und schlug die Hände zusammen. Jetzt hörte sie nichts mehr. »Gott sei gedankt!« Aber Barthje blieb lange. Jetzt mußte er da sein – jetzt hatte er seinen Auftrag erledigt – hoffentlich hatte er deutlich gesprochen – hoffentlich war der Alte oben gewesen ... Natürlich war er oben gewesen. Aber das dauerte ewig. Madam Mömmes blies Trübsal. Das nahm ja kein Ende. »Hätte ich doch dem Jungen nich die Jacke verhauen ...!« Sie hatte eine ganze Portion von Selbstanklagen auf Lager. Sie hielt sich für eine pflichtvergessene Frau, für eine schlechte Person, für eine Entehrte, der man unbedingt die Konzession, einer Kinderbewahranstalt vorzustehen, abknöpfen mußte. Sie hatte ein selbstquälerisches Vergnügen daran, sich in ihren eigenen Augen erbärmlich und verächtlich zu machen, ja, sie glaubte schließlich das Bedürfnis zu haben, sich mit einem alttestamentlichen Weib, das sie aus tiefster Seele verabscheute, in Parallele setzen zu müssen. Ja – das wollte sie. Energischen Schrittes trat sie vor den Spiegel, hinter dem Rute und Pfauenfeder steckten. Sie sah ihr eignes Konterfei in der glasigen Fläche und hatte ein häßliches Wort auf der Zunge. Es tat ihr leid, daß sie als christkatholische Person einen solchen Entschluß fassen mußte – aber sie durfte nicht schwach sein. Sie wollte sich ihre eigene Erbärmlichkeit schonungslos ins Gesicht schleudern; deshalb war sie vor den Spiegel getreten. »Potiphar ...!« Das Wort war heraus. Da wieder das monotone Zählen von eben. »Endlich . . .!« Wie eine Erlösung kam es über Frau Mömmes. »Een – twee, een – twee ...!« – dann nichts mehr. Aber jetzt ... Barthje van Bebber war ins Zimmer gewackelt, und hinter ihm ... Das Männchen trug eine Jacke von Wollgarn, hatte ein durchscheinendes Gesicht, etwas Verwehtes in den ausgebleichten Augen, ließ die Ohren fledermausartig über den Rand der tiefgezogenen Zipfelmütze herauswachsen, hatte die Enden seiner hechtgrauen Pantalons mit Zwirnsgarn über den Knöcheln zusammengebunden – und gähnte. »Barthje! – Herr van de Lucht! – Un Nikola ...?!« Lisbeth erstarrte. »Herr van de Lucht,« schrie sie ihn an, »war er nich bei Sie?!« »Natürlich – da gehört Öl an die Feder; aber ich kann's nicht. Da muß der Uhrmacher dahinter.« »Christus!« entsetzte sich Lisbeth, hielt sich die Hand seitwärts des Mundes und brüllte ihm direkt in die Ohren: »Herr van de Lucht, ich meine nich Ihren heiseren Kuckuck, ich meine: ob Nikola, Petrus Nagel sein Nikola, nich bei Sie gewesen?!« »Gestern?« »So eben!« »Nä.« »Nich?!« Der Armenhäusler schüttelte den Kopf: »Nä, seit vierzehn Tagen ist er nicht mehr oben gewesen.« Die Ärmste glaubte in den Boden versinken zu müssen, besann sich aber und schrie, was das Zeug halten wollte, dem Tauben entgegen: »Hier muß absolutemang was geschehn. Ich selbst kann nich fort, sonst täte vielleicht noch ein größeres Unglück passieren. Aber Sie – würden Sie nu vielleicht die Freundlichkeit haben un bei Hannibal Pinsgen anfragen, ob Nikola nich da is?« »Bei Hannibal Pinsgen?« »Ja!« »Ob Nikola nicht da ist?« »Ja!« »Gerne,« sagte Christ van de Lucht, zog sich die weiße Zipfelmütze noch tiefer und schlurfte nach draußen, »'ne Tränenkomödi!« seufzte er im Weitergehn. »Kinder, betet!« wandte sich Lisbeth Mömmes in ihrer Herzensangst an die kleine Gesellschaft, die still und verschüchtert in den Ecken umhersaß. »Kinderchen, betet, daß wir Nikolächen Nagel wiederbekommen!« In ihrer wilden Not und Bedrängnis verfiel sie auf die Geheimnisse des freudenreichen Rosenkranzes, zog die Perlenschnur, die sie für alle vorkommenden Fälle immer bereit hatte, aus der Tasche und begann in Stammellauten zu beten. »Heilige Jungfrau Maria – unsere Frau, unsere Mittlerin, unsere Fürsprecherin, versöhne uns mit Deinem Sohne, empfiehl uns Deinem Sohne, stelle uns vor Deinem Sohne. – Den Du, o Jungfrau, vom heiligen Geiste empfangen hast.« »Bitte für uns!« responsierten die Kleinen. »Den Du, o Jungfrau, zu Elisabeth getragen hast.« »Bitte für uns!« »Nöllecke Kunders, Du darfst jetzt an Deine Nagels nich knabbern. – Den Du, o Jungfrau, geboren hast.« »Bitte für uns!« »Den Du, o Jungfrau, im Tempel geopfert hast. – Pfui, Barthje van Bebber, Du darfst nu keine Fliegen nich fangen.« »Oh, Mutter Lisbeth ...!« »Barthje, sei artig. – Den Du, o Jungfrau, im Tempel wiedergefunden hast.« »Bitte für uns!« »Marieke Bärendonk, willst Du wohl mit die Finger in die Nase nich fühlen. – Hat Dir Deine liebe Mutter nich ein Sacktuch gegeben? – Vater unser, der Du bist in den Himmeln ...« Immer inbrünstiger schickte Lisbeth in ihrer Todesnot die besten Stoßseufzer und Gebete gen Himmel, gelobte, eine Wallfahrt gen Kevelaer zu machen und 'ne pfündige Wachskerze am Bildnis der allerseligsten Jungfrau zu opfern, wenn der liebe Gott nur ein menschliches Einsehn haben wolle und nicht jetzt schon gesonnen sei, einen Sargnagel für den kleinen Nagel zu machen. »Herr, erbarme Dich unser!« Während auf diese Weise das Geheimnis des freuden reichen Rosenkranzes gebieterisch bei dem Alleserbarmer anpochte und eindringlich um Erhörung flehte, hatte Christ van de Lucht bereits eine ganze Kollektion von Gerüchen, die ihm aus dem Nagelschen Spezereiwarenladen entgegenwehten, unter die Nase bekommen. Herr Hannibal Pinsgen, der knapp mit seinem Radieschengesicht über die Theke fortsah, war gerade damit beschäftigt, den Erlös eines soeben verkauften Pfundes Korinthen in die aufgelegte Kladde zu tragen, als der Armenhäusler in den Laden hineinkeuchte. »Servus, Mynheer van de Lucht,« komplimentierte dienstbeflissen Hannibal Pinsgen und praktizierte das Fragment eines Bleistiftes zwischen Spucklocke und den oberen Teil seines Ohres. »Womit kann ich dienen?« »Mit ...« »Sehr obligiert,« dienerte Pinsgen. »Sind Sie vielleicht Herr Hannibal Pinsgen?« »Servus.« »Merci!« wehrte der Taube ab, »ich brauch' keine Muschkatnuß und wollte nur fragen: ob Sie Herr Hannibal Pinsgen wären, Mynheer Nagel sein Pinsgen?« »Bin ich!« Er hatte sich dabei in den Zehen gehoben, um besser schreien zu können. »Dann wissen Sie auch, ob Nikola nicht hier ist?« »Nikola ...!« »Ob er nicht hier ist?« brüllte der Alte. »Hier nicht – aber bei Madam Mömmes in Pensionierung!« »Nä!« entsetzte sich Christ van de Lucht und kroch in sich zusammen, »da ist er nicht, bei Sie ist er nicht und bei mir ist er auch nicht gewesen ...« Jetzt ging auch dem jungen Mann ein Licht auf. »Was los?!« fragte er mit aufgerissenen Augen und versuchte sich größer zu machen. »Was los ist?! – Alles ist los – der Düwel ist los! – Wir können uns einmachen lassen! – Reinweg verschwunden! – Fort! – 'raus! – Nicht mehr zu finden! – Ich hör' schon, wie der Nagel in seine Totenlade gekloppt wird. – Das pinkt so und pinkt so! – Jesses – Maria ...!« »Malör!« zeterte Pinsgen, wollte seine Mütze erwischen, vergriff sich aber und stülpte sich eine wäscheblaue Papiertüte über die Ohren, turnte schnellbeinig, um sich einen Umweg zu sparen, über den Ladentisch, klatschte dabei aber eine Flasche mit feinstem Speiseöl von der Theke herunter und stürmte mit Papiertüte, Sackleinewandschürze und dem Vermerk ›Vor Nässe zu hüten‹ hinaus auf die Straße. »Brand! – Brand! – Zu Hilfe!« brüllte Hannibal Pinsgen. »Zu H–i–l–f–e!« An diesem Nachmittage saß der Bäckermeister Jan ten Hompel, der im Nebenamt die erste städtische Wasserspritze kommandierte, in seinem Hinterstübchen und stippte sich ein Korinthenbrötchen in die vor ihm stehende Kaffeetasse, die es hinsichtlich ihres kubischen Inhalts bequem mit einem bayrischen Literkrug aufnehmen konnte. In diesem Augenblick blieb ihm das eingeweichte Korinthenbrötchen teilweise im Halse stecken. »Frau,« schrie er mit blaurotem Gesicht, »was ist draußen für'n Spermang?! – Ich glaube, da brüllt wer – ich glaube, da brüllt meinem Nachbar Petrus Nagel sein Pinsgen. – Frau, das Vaterland ruft – da muß ich kräftig mit mang sein – das will mein Dekor so,« sprang auf, langte sich den Freiwilligen-Feuerwehrhelm vom Nagel, setzte sich das freiwillige Ungetüm mit 'ner auserwählten Forsche auf den Kopf, schnallte sich noch einen Ledergürtel mit 'nem Brandeimer aus Segeltuch um den Bauch und stolperte bäckerbeinig und in seiner Eigenschaft als Spritzenmeister der städtischen Handdruckspritze Numero Eins ins Freie. Man konnte es nun der Frau ten Hompel keineswegs verübeln, daß sie mit einem gewissen Stolz ihren braven Ernährer bis an die Haustür begleitete. Sie fühlte sich in diesem Moment so recht des Glückes voll, daß ein gütiges Geschick sie würdig befunden, ihr ein solch auserwähltes Stück von Mann mit in die Ehe gegeben zu haben. Herrgott im hohen Himmel, was war ihr lieber Manne überhaupt nicht alles! Gelernter Bäcker war er. Spritzendirektor, Vertrauensmann im Ausschuß des ultramontanen Wahlkomitees, ging bei der Fronleichnamsprozession mit 'ner dicken Wachskerze direkt hinter dem Allerheiligsten her, war stimmberechtigtes Mitglied der Mastviehprämiierungskommission und hatte es mit Gottes Hilfe fertig gebracht, sie, abgesehen von einem kleinen Malörchen vor der Ehe, siebenmal glückliche Mutter werden zu lassen. Das war denn doch 'ne große Sache! – und sie wollte mal sehen, ob sie es durch den Herrn Pastor nicht fertig bringen könne, ihm für diese Leistungen den Sankt Gregoriusorden zu verschaffen. Es brauche dem heiligen Vater nur richtig vorgestellt werden, aber das müsse nun fix geschehen, denn wenn der heilige Vater erführe, daß ihm so ein verdienstvoller christkatholischer Bürger noch nicht zur Dekorierung vorgeschlagen sei, dann könne es dem Herrn Pastor doch mal eklig in die Bude hineinregnen. Na, sie wollte nicht vorgreifen; der Herr Pastor würde schon alles richtig besorgen, und sie freute sich schon jetzt auf die Ehrungen, die ihrem Manne zuteil werden sollten, denn, Hand aufs Herz, er verdiente es wirklich – und nun ging dieser charakterfeste Ausbund von Familienvater, der Erzeuger von acht lebendigen Kindern noch hin, um sein unersetzliches Leben bei diesem fürchterlichen Brande in die Schanze zu schlagen. Sie sah ihn schon, wie er mit seinem fünfzig Meter langen Spritzenschlauch zwischen den brennenden Dachsparren stand, dem heillosen Feuerspektakel mal von so oben herab seinen fachmännischen Standpunkt klarmachte und überhaupt das Ganze kommandierte. »Männe, sei vorsichtig!« rief sie ihm noch nach, als er, mit dem ganzen feuerwehrlichen Apparat ausgestattet, auf die Straße hinaustrat. «Zu H–i–l–f–e!« Hannibal Pinsgen hatte das Unglück, ihm grad in die Finger zu laufen. »Pinsgen, wo brennt's denn?« »Zu H–i–l–f–e!« »Na, wo denn?« »Servus, es brennt nicht, ich hab' mich versprochen, aber der Nikola ...!« »Und brennt nicht?« »Brennt nicht – aber der Nikola ...!« »Was?!« geriet der Bäckermeister in Harnisch, »es brennt nicht mal, und ich hab' mich schon in meine neue Montierung geworfen! – Sie Drecksprophet, Sie Schweinemarkör von 'nem duseligen Rindvieh – mir nicht mal dieses Pläsierchen zu lassen und reelle Staatsbürger und Steuerzahler auf so 'ne infamige Leimrute zu locken! Da, Pinsgen ...« Herr ten Hompel war der gutmütigste Mann von der Welt, der ein Späßchen vertragen konnte. In seiner Eigenschaft als Spritzenmeister hingegen war er anderer Ansicht. Dann duldete er auch nicht das geringste Konträrchen, dann konnte er fuchsteufelswild werden, dann erinnerte er sich, daß er ein rechtes Handgelenk hatte, und dieses Handgelenk konnte mit fünf Fingern aufwarten – und diese fünf Finger dirigierte er nun so regelrecht in das Radieschengesicht von Hannibal Pinsgen, daß dieser sich dreimal mitsamt seiner Packleinewandschürze im Kreise herumdrehte. »Nichts für ungut, Herr Pinsgen,« empfahl sich der verärgerte Bäckermeister und ging mit Brandeimer und Feuerwehrhelm wieder nach Hause. Frau ten Hompel jedoch, die etwas von ›Nikola‹ gehört hatte und die Situation überschaute, wandte sich an den armen Handlungsbeflissenen und fragte: »Is er dot, Pinsgen?« »Halb!« brüllte dieser und war gleich darauf wie von der Erde verschlungen. »'ne Tränenkomödi!« schüttelte Christ van de Lucht den Kopf, machte noch der Bäckermadam 'nen ›Baselemanes‹ und ging dann gleichfalls nach Hause. – Ja, es war eine Komödie, wenn auch noch keine Tränenkomödie – aber das sollte bald kommen. – – – »Klipper – klapper ...!« Mit ihren blankgescheuerten Holzpantöffelchen arbeitete sich Threschen über das Fahrgeleise des schlüpfrigen Dammes. Sie lief in Richtung der Bunten Schleuse und ließ das Häuschen, in welchem Josias Spettmann wohnte, linker Hand liegen. Der Kiwi war gerade mit einer Last frischgeschnittener Weidenruten nach Hause gekommen, als er das Kind gegen den Abendhimmel bemerkte. »Schwere Brett noch mal!« dachte Josias, »da geht ja noch das Fingerhutsthreschen,« legte der Sache aber keine weitere Bedeutung bei, tauchte die schwanken Gerten in einen bereitgehaltenen Bottich mit Wasser und steckte eine Portion Grundangeln zu sich, um sie noch vor einblechender Nacht in die benachbarten Kolke des Binnenlandes zu setzen. »Oha!« Ein Liedchen vor sich hinpfeifend, stakelte er dann durch die feuchten Wiesen, wo die Kibitze auf und nieder schwankten und sich in allerhand Flugkünsten versuchten. Jetzt flogen sie schaukelnd und mit runden Flügeln gegen den Deich an. Dem armen Threschen saß noch immer die Angst wie eine graue, bissige Ratte im Nacken, und wie die Kleine auch mit den Ärmchen gestikulieren mochte – der ekelhafte Nager ließ sich nicht abschütteln, behauptete seinen Platz und sah ihr mit seinen blutschwarzen Äugelchen über die Schultern. Ihre müden Füßchen sputeten sich immer schneller und schneller. Wahllos lief sie dem Deich nach, der sich jetzt in einer fast schnurgraden Linie durch die weite Niederung hinzog. Rechts von ihr lagen die noch immer angeschwollenen Wasser des Kalkflacks. Die Sonne war tiefer gesunken. Sie brauchte nicht mehr lange, um gänzlich unterzutauchen. Vor ihrem Scheiden hatte sie noch glühende Tupfe über das Wasser geworfen. Blank und totenstill ruhten sie auf der endlosen Flache; manchmal schien es so, als riefen traurige Stimmen aus weiter Ferne herüber. Es lag etwas Dumpfes, Brütendes, Ahnungsvolles unter dem Himmel, das sich auch der ruhigen Tiefe mitgeteilt hatte. Ja, es war so, als wenn sich drüben etwas Weißes erhübe, näher käme, eigenartig heraufblenkerte und sich in Richtung der Bunten Schleuse bewegte. Die schwarzweißen Vögel, die bislang ob den Wiesen geschwankt hatten, erschienen jetzt über dem Wasser, strichen mit langsamen Schwingenschlägen dahin, überschlugen sich, um dann lautlos und in seltsamen Schnörkeln um Threschen zu rudern. Die Kleine kannte die gaukelnden Flieger. Immer enger zogen sie ihre säuselnden Kreise. Sie vernahm deutlich das weiche Sausen und Wuchteln der gerundeten Schwingen. Es hatte fast den Anschein, als wenn sie das Kind hindern wollten, weiter zu gehen. Aber die graue Ratte saß ihm noch immer im Nacken und trieb es weiter und weiter. Da gaben die großen Vögel ihre Warnungsversuche auf und strichen landeinwärts. »Klipper – klapper ...!« Threschen war voran gehastet. Aber wer stand da, an der Bunten Schleuse da hinten ...?! – Ach, Gott! – der hatte da schon lange und mutterseelenallein auf seinen strammen und festen Beinchen gestanden, und war ein kleines Kerlchen mit einem lustigen Vivatsträußchen über der Stirne, trug ein blaubedrucktes Leinewandschürzchen und rotwollene Strümpfchen und sah quietschvergnügt auf die blanken Häuschen von Wissel, die winzigklein in der Ferne lagen, als wären sie eigens hierzu aus einer Nürnberger Spielschachtel in die Gegend gestellt worden. Die Häuschen schienen ihn magnetisch gefesselt zu haben. Hin und wieder hatte er allerdings nach einer saftigen Butterblume geäugelt, die, in der steilen Böschung des Deiches wurzelnd, nur mit ihrem oberen Teile aus dem Wasser hervorsah. Blätter und Kelch ruhten strotzend auf der ebenen Fläche. Seine Fingerchen zuckten danach, aber er wußte: er stand hier auf Posten, durfte nicht fortgehn, auf die Gefahr hin, den schönen Moment zu verpassen, wo sein Vater weit hinten auftauchen würde. Und so stand er denn da, der kleine Sünder, ohne die geringste Ahnung davon zu haben, daß Madam Mömmes Himmel und Erde in Bewegung gesetzt hatte, ihn wieder zum Vorschein zu bringen, daß Christ van de Lucht zu Pinsgen gelaufen, daß Hannibal Pinsgen in seiner gerechtfertigten Angst und Bedrängnis die feinste Bouteille mit Speiseöl von der Theke gerissen, daß er ›Brand‹ und ›Zeter\< gerufen, daß Jan ten Hompel, von Kaffeetasse und Korinthensemmel fort, in die neue Feuerwehrmontierung gefahren, daß sein braves Weib ihm für diese wackere Tat schon so halber den Sankt Gregoriusorden verliehen, daß Pinsgen sich wegen zu voreiligen Schreiens mit einer handfesten Maulschelle abfinden mußte, und Christ van de Lucht die traurige Begebenheit für hoffnungslos erachtet und weinerlich als eine Tränenkomödie allererster Klasse signiert hatte. Nein – der kleine Sturkopf hatte keine Ahnung von der babylonischen Verwirrung. Er stand ruhig wie ein putziger Bleisoldat auf Posten und war nur von dem Wunsche beseelt, so bald wie möglich auf dem Vehikel seines Vaters nach Hause zu fahren. Er befand sich so ganz allein inmitten der weiten Niederung und hörte mit einer gewissen Beängstigung, wie es in den Schleusentoren rumorte. Nur der Westwind war bei ihm. Der blies ihn an und trieb seine Schürzenbändel nach aufwärts, daß sie fidel mit seiner kregelen Tolle hofierten. Hinter ihm, von der Stadtseite her, tönten verwehte Klänge. »Seß,« sagte er, als ihn lautes Holzschuhgeklapper aufschreckte. Jetzt erst bemerkte er das kleine Mädchen, das atemlos auf ihn zustürmte und sichtlich erfreut war, ein Lebewesen gefunden zu haben, dem es sein armes Herzchen ausschütten durfte. »Du ...!« meinte Threschen mit fliegendem Atem. »Was soll ich?« »Du bist Nikola Nagel,« sagte sie hastig. «Ja.« »Und bist bei Mutter Lisbeth in der Benehme?« »Ja – ich bin bei Mutter Lisbeth in der Benehme. Und Du?« »Ich bin Threschen vom Fingerhutshof,« schluchzte die Kleine. »Da hinten ...?« »Ja.« Jetzt sah er auch, daß sie geweint hatte. »Warum weinst Du?« fragte er kleinlaut. »Weil meine Mutter geweint hat.« »Weint die immer?« »Ja,« sagte Threschen. »Warum denn?« »Das darf ich nicht sagen,« versetzte sie schüchtern. »Sag's doch.« »Weil Vater...« »Oh!« machte Nikola und wischte ihr mit seinem Schürzenzipfel die Tränen herunter. »Hat er ihr gehaut?« »Das weiß ich nicht; aber so hat er vor ihr gestanden ... und da hab' ich Bange bekommen.« »Wenn er ihr gehaut hat,« patzte der Kleine auf, »dann muß sie's for den Schandarm sagen.« »Das darf man doch nicht.« »Ja. – Ich sag's auch for den Schandarm, weil mich Mutter Lisbeth gehaut hat.« »Und da bist Du fortgelaufen?« »Bin fortegelaufen.« »Worauf wartest Du jetzt?« »Auf meinen Pappa, ob er mir was mittegebracht hat.« »Und der ist immer lieb zu Dir?« »Immer lieb,« sagte er. Da kam's über Threschen, als wenn sein Herzchen alles verloren hätte. Die Kleine wußte nicht mehr, was sie anfangen sollte. »Mutter! – Mutter ...!« Wimmernd richtete sie ihre Blicke auf die braunroten Dächer, unter denen sie das Entsetzliche gehört und gesehn hatte. Da mußte der kleine Junge auch weinen. Erst tastete er verlegen nach der Hand seiner Gefährtin, dann aber legte er sein Ärmchen um ihren Nacken und sagte: »Threschen lieb sein, Threschen nicht weinen, Schandarm soll kommen und Vater zum Bullemann bringen.« Und Nikola war kleiner wie sie, und da geschah es, daß sein lustiges Haarsträußchen ihr Näschen berührte. Und das kitzelte so – und da mußte sie lächeln, und aus dem Lächeln wurde ein heiteres Lachen, und da sprang die ekelhafte Ratte mit einem großen Satz von ihrem Nacken herunter. »Bums!« sagte Nikola, griff Threschen herzhaft bei den Händchen, schwenkte die strammen Beine, daß es nur so eine Art hatte und meinte: »So, nun wollen wir tanzen.« »Und singen!« stimmte sie ein, und mit hellem Geklapper strampelten die Füßchen im Kreise umher, und Nikola krähte wie ein übermütiges Hähnchen, dem noch die Spuren der erst vor kurzem entschlüpften Eierschale an der lustigen Kehrseite klebten. »Klipper – klapper ...!« »Weiter!« kommandierte der ausgelassene Tänzer, und »weiter!« fiel Threschen dazwischen, und die Kinder hörten es nicht, daß wieder die traurigen Stimmen weithin über den Wassern laut wurden und immer näher und näher kamen. Auch der weiße Nebelstreifen von eben wanderte geheimnisvoll gegen den Deich an. Flattertücher waren's, die sich langsam voran bewegten, keine Ruhe hatten, sich drehten und wanden, als wenn sie etwas suchten und finden müßten, um es still und geräuschlos zu bedecken. Und eine weiße Hand streckte sich vor ... »Weiter, weiter!« lachten die Kinder. Sie tanzten und hopsten, bis Threschen die Holzschühchen anhielt und in den Abend mit heller Stimme hineinsang: »Helder op den Telder, Botter bei den Feß; Moder, wank de Döhr ens op En kiek es, we dor es!« »Helder op den Telder ...!« jauchzte Nikola, »und jetzt mußt Du meine Frau werden, denn ich bin Tönig, und denn wirst Du Tönigin vom Fingerhutshof, und denn singen wir immer: »Moder, maak de Döhr ens op En kiek es, we dor es!« »Das will ich,« sagte die Kleine und spitzte die Lippen. So heiter und guter Dinge wie in dieser Stunde war sie selten gewesen. Sie dachte an nichts mehr, sie vergaß Vater und Mutter und das Leid, was noch kurz vorher sich in ihr kleines Herzchen gefressen. »Moder, maak de Döhr ens op En kiek es, we dor es!« Wiederholte sie lachend, schlang die Ärmchen um ihren Partner und küßte den kleinen Hosenkönig mit ihrem roten Mündchen so recht aus tiefster Seele, als müßte sie sich ihm hierdurch für alle Zeiten verpflichten. Und der putzige Knirps hielt still und hatte Gefallen daran. Er kam sich vor wie der verwunschene Königssohn in der schönen Geschichte, die Mutter Lisbeth immer und immer wieder erzählen mußte. Er war wie verzaubert, rein wie verzaubert ... Seine blanken Äugelchen strahlten. Er suchte in ihren Blicken zu lesen, ob sie's noch einmal tun würde. Ja – er durfte hoffen; da hob er sich mit den Zehenspitzen und sagte: »Gib mir noch ein Küßchen.« Und sie küßten sich wieder. Es war ein seliges Kinderglück auf hoher Deichkrone – zwischen Himmel und Erde. Und die Sonne sah es und war lächelnd untergegangen, und der Wind sah es und wurde steifer und straffer, und das Wasser sah es und wurde seltsam und unruhig – und die Butterblume sah es und blühte schöner denn vorhin. Das Wasser furchte sich merklich und trieb große Zirkel gegen das Ufer. Es war so, als habe eine unsichtbare Hand einen Stein in die Tiefe geworfen. Leise begann die Butterblume mit ihrem schwefelgelben Kelche zu schwanken. Auf und nieder bewegten sich ihre leberförmigen Blätter. »Jetzt wollen wir ›Engelchen‹ spielen,« dekretierte der verwunschene Künigssohn, setzte auch gleich seinen Befehl in die Tat um, indem er seine Ärmchen bewegte, als seien ihm Flügel gewachsen. »Nein,« sagte Threschen dagegen, »das tu' ich nicht gerne.« »Oh!« machte Nikola und hielt mit seinen Flügelbewegungen inne, »aber warum nicht?« »Weil es meine Mutter nicht gern hat, denn Mutter sagt immer, wenn man das täte, dann würde man selber bald ein Engelchen werden – und ich will noch kein Engelchen werden. Aber König und Königin wollen wir spielen ...« »Wollen wir spielen«, gab sich Nikola zufrieden und stellte sich hin, als könnte es für seinetwegen mit dem ganzen Hofstaat und allen einschlägigen Zeremonien gleich losgehn. »Aber es fehlt was,« sah sich Threschen jetzt um. »Was fehlt denn?« »Das goldene Ding, wie's im ›König Nußknacker und dem armen Reinhold‹ steht, und was richtige Könige immer in der Hand haben müssen, – Aber wart' mal ein bißchen ...« »Da kuck mal!« jauchzte sie auf und starrte auf eine einzige Stelle, als wenn sie in tiefer Überlegung stände. Es war plötzliche Dämmerung eingetreten. Der Abend warf seine Schatten weit über die Tiefen hinaus. Die Fernen verloren sich in einem ungewissen Duft. Keine Lichter spielten mehr auf der verschwommenen Fläche. Das Wasser hatte eine düstere, fast schwarze Färbung angenommen und quirlte murrend gegen die Deichflanke. Selbst in unmittelbarer Nähe der Böschung waren nicht alle Gegenstände mehr deutlich erkennbar. Nur die Butterblume winkte herauf, scharfumrissen und leuchtend, als wäre sie aus lauterem Golde geschlagen. Sie kam frisch aus der schöpferischen Hand des ewigen Gottes. Eine magnetische Kraft ging von ihr aus. Sie lockte mit ihrem gelben Stern und winkte mit ihren Blättchen herüber, Saftgrün schwankten sie auf dem Wasser, das sie immer lauter umspielte und weiße Schaumspritzer über sie fortwarf. »Da steht ja das Ding, was Du in der Hand haben mußt!« jubelte Threschen. »Wart' mal ein bißchen, dann wirst Du so'n richtiger König.« »Oh!« machte der Kleine und streckte schon die Hand aus, um das Blumenszepter in Empfang zu nehmen. Und die Böschung war steil, und der Boden war schlüpfrig geworden ... Und Threschen beugte sich vor. »Wart' noch ein bißchen ...« »Ich warte.« Wieder riefen die klagenden Stimmen über das Wasser; dann war es wie ein dumpfes Rumpeln und langgezogenes Seufzen da unten. Mit schwarzen Augen sah es aus der unbekannten Tiefe. Der Nebel schwemmte herauf, und die weiße, geisterhafte Hand ... »Nikola. ..!« In diesem Augenblick stieß Threschen einen gellenden Schrei aus. Der kleine Junge wußte nicht, wer geschrieen hatte, denn die Stelle, wo Threschen gestanden, war leer. Da drehte ihm die Todesangst den Kopf auf dem Nacken herum. »Threschen! – Threschen ...!« »Herr Jesus Christus ...!« Hinter der Deichkrone tauchte ein hageres, bleiches Gesicht auf, dann eine Gestalt ... Es war Josias. Mit hastigen Schritten, einen heulenden Ton von sich gebend, lief er die Deichkrone entlang. Die eisgrauen Haare flatterten im Wind, der immer heftiger aus Westen nach dem Binnenland zublies. Von der Stadtseite her machten sich laute Stimmen bemerkbar, die wirr durcheinander riefen. Auch die von Hannibal Pinsgen war unter den Stimmen – dann ein dumpfes Schweigen und Brüten. Plötzlich ging ein jäh abgebrochener Laut durch die Totenstille. Es war weiter stromabwärts und hatte Ähnlichkeit mit der Klage eines verwundeten Tieres. Josias Spettmann hatte gefunden, was er suchte – aber er war zu spät gekommen. Heulend und mit seiner geringen Last in den Armen lief er in Richtung des Fingerhutshofes. »Kiwi! – Kiwi! – Kiwi. ..!« Trüb und verschüchtert, fast nebelhaft, dämmerte die erste Sichel des Mondes durch die Schleier des dichter werdenden Haarrauchs. Das Geheul des Kiwi drang bis auf das stille Gehöft. »Da muß ein Unglück passiert sein,« sagte der Knecht, der vorhin das widerspenstige Pferd longiert hatte und jetzt schwerfälligen Fußes vom Abfüttern kam, »der Deichvogel schreit so. – Aber was schadet's denn; 'ne Hand voll Kirchhofseide bringt wieder 'nen richtigen Dreh in die ganze miserable Geschichte. Die hier auf dem Fingerhutshof können's vertragen.« XIII Krispinus kommt wieder »Was ich gesagt hab',« meinte der Pferdeknecht mit dem eingetrockneten Gesicht, »es kam, wie es kommen mußte; der Deichvogel hat mal wieder richtig gewahrsagt; 'ne Hand voll Kirchhofserde ... Stimmt schon: Stina ist mit ihrer Tulpenkiste ausgerückt, der Baas und die Madam gehn ja nu wieder zusammen, aber das kleine Threschen wird nicht mehr lebendig. Wollen jetzt man die Pferde vor die Glaskutsche spannen.« Ein Dienstmädchen brachte eine weiße Pappschachtel. »Ignaz, hier ist Flor für die Schwepp und für die Wagenlaternen.« »Merci.« Weinend begab sich das Mädchen wieder ins Herrenhaus, wo Buchsbaum gestreut war, und die mit grauen Läden verstellten Fenster aussahn, als wären sie starblind geworden. Die Haustür stand sperrangelweit geöffnet. Im Flur ordnete ein halbwüchsiger Junge Narzissen- und Primelkränze. Es roch nach Buchsbaum und zerschnittenem Kalmus, ein intensiver Geruch, der durch die Sabbathstille, die im Hause herrschte, ein noch ganz besonderes Gepräge bekam. Den Perpendikel in der großen holländischen Standuhr hatte man angehalten und über den neumodischen Spiegel, der fast die ganze Schmalseite der Guten Stube einnahm, ein Musselintuch gezogen. Es war eine alte Gewohnheit, denn der Tote hat es nicht gern, wenn eine Uhr geht und eine unbehangene Spiegelscheibe über ihn fortsieht. Die Lichtjungfer, die hier ihres Amtes waltete, hielt streng darauf; sie gab den Abgeschiedenen, was den Abgeschiedenen zukam – kein Titelchen durfte dran fehlen. Jetzt saß sie mit ihrem süßlichen Gesicht und ihren süßlichen Manieren in der Küche, behauptete, daß das von ihr Angeordnete Totenrecht wäre, erzählte allerhand gruselige Geschichten, die bei Nichtbefolgung dieser Vorschrift eintreten könnten, und schlappte dazu den ihr traktierten Kaffee aus einer weiten Untertasse, in der etliche Zuckerstückchen langsam zergingen. Den verbleibenden Rest löffelte sie mit ihrem zerstochenen Zeigefinger in feierlichster Weise herunter, wischte sich den Mund ab und stülpte die Kaffeetasse nach unten. Sowohl hier wie bei dem kleinen Threschen hatte sie propere Arbeit geliefert. »Nur der Ehre wegen,« sagte sie zum Zweitmädchen, als dieses nicht umhin konnte, ihr etliche Komplimente über die ›feine Leiche‹ zu machen, »nur der Ehre wegen, und wenn Sie mal so weit ist und an die Reihe kömmt – ich halt' mir empfohlen.« Mit einem leisen Schrei war die so Invitierte in die äußerste Ecke der Küche gefahren. »Jesus, Maria ...!« »Alles muß ›Rips‹ gehn,« kicherte die Lichtjungfer, erhob sich und ging in die stille Kammer, um dortselbst die Wachskerzen anzuzünden und den letzten prüfenden Blick auf ihre Arrangements zu werfen. Die Kerzen brachten kaum eine Dämmerhelle in der geräumigen Stube zuwege. Nur der mittlere Teil war erleuchtet, während sich noch in den Ecken dunkle Schatten herumdrückten. Auf zwei Stühlen und zwischen schmalen Eichenbrettern lag Threschen. Die Lichtjungfer hatte alles sehr schön gemacht. Threschen lag wie verklärt, wie ein Heiligenbild, das man aus Wachs verfertigt hatte. Das also war der Tod! – Je zwei Kerzen standen zu beiden Seiten, je eine erhob sich am Kopf- und Fußende des Sarges, woselbst auch der Kranz aus Weidenkätzchen niedergelegt war, den Josias Spettmann spendiert hatte. Um Threschens Stirne waren rote Papierröschen geflochten; ebensolche bedeckten auch das Sterbehemdchen der Kleinen. Zarte Schaumgoldpartikelchen schimmerten darauf. Etliche dieser blitzenden Sternchen waren auf die durchscheinenden Händchen geglitten. Zwischen ihnen ruhte ein Kreuzchen aus Elfenbeinmasse, ein Erbstück der seligen Großmutter Hemskerk. Mit leisem Singsang tropfte das überschüssige Wachs auf die Messingbehälter. »Das hören die Toten gern,« meinte die Lichtjungfer und scheuchte eine Fliege von dem bleichen Mündchen des abgeschiedenen Kindes; dann schnuppte sie den Docht einer blakenden Kerze, setzte sich wieder und legte die Hände zusammen. Geduldig harrte sie der kommenden Dinge. Alles nahm seinen regelrechten Verlauf. Pünktlich stellten sich die Leidtragenden ein, unter denen sich auch Krispinus van Bommel, Petrus Nagel, der Kiwi, Herr Knippscheer, Hannibal Pinsgen und die Vertreter der umliegenden Bauernschaften befanden. Selbst Christ van de Lucht hatte es sich nicht nehmen lassen, dem armen Threschen die letzte Ehre zu geben. Punkt drei Uhr kam der Kaplan mit zwei Meßjungen und dem Küster gefahren. Kurz nachher erschien die Glaskutsche, die für Threschen bestimmt war. Der Kaplan sprach einige Worte, die sich auf den traurigen Vorfall bezogen, tröstete die Hinterbliebenen und weihte den Sarg ein. Ein Viertel nach drei Uhr setzte sich der kleine Zug in Bewegung. Oben am Fenster stand eine schwarze Gestalt. Ihre Augen waren gerötet. Ein irres Lachen rang sich von den zuckenden Lippen. Unmittelbar darauf hörte man ein dumpfes Gepolter. Die einsame Frau aber war vom Fenster verschwunden. Die Dienstmädchen liefen nach oben und schlossen wieder die Blende. Als Threschen den Hofraum passierte, brüllte eine Kuh in den benachbarten Stallen. Es war die Rote mit der schneeweißen Blässe. Tagtäglich hatte ihr das Kind frisches Heu in die Raufe geworfen und ihr die weiße Stirn gestreichelt. Seit drei Tagen hatte sie vergebens auf diese kleinen Liebesdienste gewartet. Erregt drehte sich der großäugige Kopf in Richtung des Hofes. Das Tier wollte nicht Ruhe geben. Klagend zitterte das dumpfe Gebrüll über das Trauergeleite. »Die Blässe,« sagte Christ van de Lucht, der mit Josias Spettmann, etlichen Knechten und Tagelöhnern als einer der Letzten im Zuge ging. »Stimmt,« bestätigte der Kiwi, »selbst so'n unvernünftiges Tier bangt sich nach Threschen,« dann machte er eine pompöse Handbewegung gen Himmel. »'ne Tränenkomödi!« schüttelte der Taube bedenklich den Kopf, als wenn die Sache nicht möglich wäre, und torkelte weiter. Langsam zogen sie deichwärts. Und die Welt war so schön, und die ersten Schwalben schossen durch die Luft, und in der Ferne schimmerte so ein duftiger Goldhauch, als wenn das tote Threschen da hineinfahren müßte. Dort schienen die Pforten des Paradieses zu sein, und das stimmte auch, denn die goldige Helle stand jenseits der kleinen Stadt über dem Friedhof. Von dorther begannen jetzt auch die Trauerglocken zu läuten – und wo das arme Threschen vorbeifuhr, da weinten die Himmelschlüsselchen im Grase, und die Männer, die im Felde zu tun hatten, nahmen die Mützen herunter, und die Frauen legten die Hände zusammen, und als bald darauf die kleine Stadt passiert wurde, da kniete Lisbeth mit Nöllecke Kunders, Barthje van Bebber und den übrigen Kindern vor dem Armenhof, während Marieke Barendonk aus einem Weidenkörbchen zerkleinerten Buchsbaum auf die Straße hinausstreute. Lisbeth Mömmes konnte sich in ihrem tiefen Schmerz kaum auf den Knieen halten. »So jung un schon sterben müssen!« Sie schluchzte auf, und große Tränen liefen ihr die Backen herunter. Nikola jedoch war nicht zu bewegen gewesen, mit ins Freie zu kommen. Stumpf und still hatte er vorher stundenlang gesessen, hatte auf die Erde gestiert und sein Schürzchen zerknäuelt, und als die andern Hinausgingen, wollte er bleiben – blieb auch, ging ans Fenster und drückte sein Näschen gegen die Scheiben. Er hörte seine Kumpane draußen beten – er betete nicht mit. Er sah wie sie weinten – und weinte nicht mit, aber das kleine Herz war ihm doch zum Zerspringen. Langsam und feierlich zog das tote Threschen vorüber. Da hielt's ihn nicht länger. Mit seinen kurzen Beinchen lief er nach draußen. »Mutter Lisbeth! – Mutter Lisbeth...!« »Was soll's denn, mein Junge?« »Soeben ist Threschen in den Himmel geflogen! – Da kuck mal...!« Und als Mutter Lisbeth aufwärts schaute, da flog eine weiße Taube nach oben. Der Zug bewegte sich über den Großen Markt und dann wieder zum Tore hinaus. Am Kirchhof standen die beiden Türflügel geöffnet. Jetzt verstummten auch die Glocken, Bald darauf war alles vorüber. – – – Ja, es war alles vorüber; nun konnte das Gras ruhig auf der geworfenen Scholle emporwachsen. Und es wuchs empor und wurde immer höher und höher. Kuckucksblumen blühten dazwischen und Krauseminze und Akelei, und die Heupferdchen turnten wie die besten Springer und Akrobaten darüber hin, rieben ihre harten Gazeflügel gegeneinander und geigten dann wieder den Toten auf, daß es ein wahres Pläsier war. Langsam ging es in den Sommer hinein. In den benachbarten Wiesen war das Gras so üppig gewachsen, daß es einem stattlichen Mann bis über die Brust ging. Eines frühen Morgens lief ein eigentümliches Zwitschern über die Wiesen. Die Halme hörten's nicht gern, denn mit jedem Gezwitscher, das so verträumt und anheimelnd in die schöne Gottesfrühe hinausklang, wurde ein Arm voll Schwaden zu Boden geworfen. Blitzend irrte das blanke Auge der Sense bis weit zu den angrenzenden Roggenschlägen hinüber, die auch schon so halbwegs dem Tode entgegenreiften. Noch war's wie ein grünlicher Hauch, der über die Roggenwogen hinlief, wie das elektrische Flimmern eines grauen Katzenfelles, bald aber war's ein Falben geworden, dann eine goldige Tönung, die so leuchtend erschien wie das Sonnenfeuer, das glühend am Himmel stand und Roggen- und Weizenfelder der Vollreife entgegenbrachte. Müde schlängelte sich der Kalkflack zwischen den Deichen. Er war kriechend und hündisch geworden. Selbst sein tückisches Auge lag unter Schwertel und Schilfrohr verborgen. Nichts deutete darauf hin, daß er sein schleichendes Wesen ablegen konnte, fähig war, die hemmenden Fesseln zu sprengen, um heulend seinen Sturmschritt über die bangende Ebene, über Wiesen und Gehöfte zu nehmen. Er ähnelte einem heruntergekommenen Subjekt, seicht, verschläfert, abgemattet, kaum imstande, unter der zuckenden Sonne sein Dasein weiter zu schleppen. Und die Schwalben schossen darüber hin und netzten ihre Schwingenspitzen in dem armseligen Wasser. – Für Gert Liffers war die Zeit der Betrachtung und die Zeit der Reue gekommen. Er stöhnte nach einem erlösenden Gedanken, aber dieser Gedanke kam nicht, er schrie nach einem Wort des Trostes, und niemand war da, ihm Tröstung zu geben; er wollte vergessen und in diesem Vergessen von seiner Seelenwunde genesen, allein das unnahbar Ferne war bei ihm, rang die Arme nach ihm, schmiegte sich an ihn und drückte den Mund auf seine dürstenden Lippen. Wie damals, so fühlte er noch heute das Brausen des Sturmes. In traumseliger Selbstauflösung hatte Aleit den Weg in seine Arme gefunden, und er hatte die Kraft nicht besessen, sich einzugestehn, daß sie für ihn unwiederbringlich verloren sein mußte. Ach, diese verzehrenden Küsse! In schauernder Lust fühlte er die Bewegungen ihres schlanken Körpers; nur stoßweise konnte sie atmen. Eine selige Verzückung lag auf ihrem Antlitz gebreitet, und ihr leichtgeöffneter Mund sehnte sich schmerzlich dem seinen entgegen. In willenloser Hingabe hätte sie ihm alles gegeben, alles geopfert, als ihre Blicke um Erbarmen flehten und ihre Lippen plötzlich erstarrten. Und dann war das ›Nie mehr‹ gekommen. Sie schieden und wollten scheiden für immer. – Noch einmal war es gelungen, den Sturm zu beschwichtigen und ihn in Schranken zu halten, aber was sollte nun folgen? – Da half keine Selbstverteidigung; keinerlei Gründe konnten darüber hinwegtäuschen: nur mit knapper Not war er in jener Stunde seinem Verhängnis entronnen. Aber wenn sich noch einmal der Sturm erheben sollte – was dann? Würde er nicht seinen Leidenschaften erliegen – würde er stark sein? – »Nie mehr – nie mehr!« – Er hörte die Worte, die er damals auf dem Deiche vernommen, die sie geraunt hatte, die er selber unter kaltem Frösteln gesprochen ... Und sie stand da noch immer, sah ihn mit weitaufgerissenen Blicken an, und ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Ihm war nichts mehr geblieben, er hatte alles verloren. Die Tore des Glückes leuchteten noch aus der Ferne herüber, aber für ihn waren sie für immer verschlossen. Und sie mußten für ihn verschlossen sein, er durfte nicht rütteln daran, sich nicht mit Gewalt den Eingang erzwingen, denn sonst ... »Nie mehr!« Noch einmal glaubte er die Stimme zu hören – da griff er nach dem Kelch der Entsagung und versuchte es, ihn bis auf die bittere Hefe zu trinken. Und wie er hinaussah, da schichtete sich eine Wetterwand bedrohlich im tiefen Westen. Und aus diesem Wetter wuchsen dunkle Wolken empor und schoben sich haltlos übereinander. Da mußte er an seine Zukunft denken, an die Einzelheiten von dem, was da kommen würde. Vor seinen Blicken türmten sich Sorgen auf und Jahre des Ringens, Jahre des Entsagens und der bitteren Arbeit, genau so bedrohlich wie die dunklen Wolken dahinten. Aber anstatt ihn niederzubeugen, wohnte die Kraft in ihnen, seinen Nacken zu straffen. Eine jähe Bewegung durchfuhr ihn. »Arbeit und Sorgen und ringen müssen ...!« Mit rascher Hand fuhr er sich über Stirne und Schläfen, als müsse er dort seine quälenden Ideen verwischen. »Arbeit und Sorgen ...!« Er hatte mit einer fast heiteren Stimme gesprochen. »Gut, daß Ihr da seid,« und mit großen Schritten verließ er das Zimmer. – Über den Fingerhutshof waren traurige Tage gekommen. Seitdem Threschen von hinnen gegangen und auf einer lichtblauen Wiese spielte, wo ein goldenes Sternchen an das andere sich reihte, schlich der Geist des Stumpfen und Dumpfen über die Schollen, lastete auf Menschen und Vieh und sah in die Ställe hinein, als müsse sein unheimlicher Blick den Kühen die Milch im Euter gerinnen machen und die Pferde mit dem Koller behaften. Er war auf den Feldern, wenn die Sense ihre Arbeit tat, schlich in die Kammern und drohte gallig mit der Faust in die Höhe, wenn die Elstervögel in ihren Kugelnestern rumorten. Gewiß, die Arbeit ging wie immer von statten, die Roggen- und Weizenschober standen so akkurat in der Reihe, wie sie es in früheren Jahren getan hatten, die Dreschlokomobile schaffte wie sonst, stampfte und fauchte und entkörnte die Halme – aber es steckte nicht mehr, es war ein widerwilliges, brütendes Schaffen und hatte den Anschein, als befände sich die süßliche Lichtjungfer mit ihrem zerstochenen Zeigefinger noch immer im Hause, um sich für etwaige spätere Fälle vorzubereiten. Allabends stand der hagere Knecht mit dem borkenrissigen Gesicht im Torweg und sah in die Höhe, ob die Totenlaken nicht wieder aufs Dach fielen, und horchte auf, ob der Kiwi nicht riefe. Aber nur der Schwalm revierte über die Wiesen und ließ in kurzen Pausen seine klagende Stimme vernehmen. Lautlos kam er geflogen, dann tauchte er unter in die Dämmerungen des sterbenden Abends. »Immer noch nicht,« sagte der Unglückssucher, »aber kommen tut's, so wahr ich mich von jeher Ignaz Kerlhof geschrieben,« latschte hofeinwärts und schnupperte sich an der erleuchteten Mägdekammer vorbei auf den dumpfigen Strohsack. Beim Donnerjü hatten sich die Stirn- und Schläfenfurchen noch tiefer gegraben. Sein stiernackiges Wesen war noch ärger geworden. Mit gedankenschwerem, grüblerischem Ausdruck, einen verhaltenen Ingrimm in sich hineinfressend, verbittert, gewillt, jedermann an die Kehle zu springen, ging er seiner tagtäglichen Beschäftigung nach und sah nach dem Rechten. Mit besonderer Vorliebe graste er hierbei die Weidenschläge am Leeloch ab, wo nach Ansicht des Deichgräfen die projektierten Anlagen hindurch sollten. Hier befand er sich auf der richtigen Stelle. Hier, wo nach seinem eigenen Ausspruch ein Doppelgespann mit zwei Ackergäulen in den übermannshohen Halmen zu ersaufen vermochte, hier auf diesem gefährdeten Käse- und Fettbutterterrain stampfte er seinen Grimm in den Boden und stieß seine Hand in das Erdreich. Die fruchtbaren, fettigen Krumen klebten an seinen Fingern, als er sie wieder herauszog, hafteten mit Zähigkeit fest und wollten sich von ihrem Besitzer nicht trennen. Die Anhänglichkeit grade dieses Stückchens ergiebiger Erde berührte ihn wohlig, verstärkte aber den Vorsatz in ihm, dem verhaßten Projekt bis zu seinem letzten Atemzuge in die Parade zu fahren. Selbst auf die Gefahr hin, daß der Viechskerl recht haben sollte, daß der Deichschaden richtig von jenem erkannt sei – lieber die Scholle versanden lassen, auf ihr wie'n räudiger Köter krepieren, als sie diesem verhaßten Menschen in die Finger zu spielen. Er selbst schaffte wie ein Stück Vieh – aus angeborenem Instinkt, ohne dabei an den erbärmlichen Geiz der Bauern zu denken. Wochen vergingen unter Schuften und Fluchen; den vergossenen Schweiß ersetzte er durch reichlichen Genuß von Bordeaux, bediente eigenhändig die Lokomobile und berauschte sich an dem Duft des aufgefahrenen Düngers, mit dessen Hilfe er im kommenden Jahr die ihm untertänige Erde wieder zu schröpfen gedachte. Er hatte Genugtuung, Freude daran, es war ihm zur zweiten Natur geworden, wenn er auch nicht wußte, warum er so wie ein abgeäschertes Pferd zwischen den Sielen und im Geschirr ging. Wofür überhaupt dieses Placken und Rackern, dieses monotone Säen und Ernten? Es war doch kein eigentlicher Segen dabei – und wem war er überhaupt mit seinem Schweiße verbunden? – Threschen war tot. Hierbei war ihm der liebe Gott mit seinem tollen Husarenstreich in die Quere gekommen – und sonstwie? Kein Kind und kein Nichts mehr! – und die Möglichkeit war doch immer gegeben, daß er plötzlich von seinen Ackergäulen, seinem arrondierten Besitz und der dampfenden Scholle fort mußte und nichts mitnehmen durfte, als das, was in die schmale Kiste hineinging, und das nicht einmal, also – wofür denn die Arbeit? – Aber sein Weib war noch da ... Der brütende Geist des Fingerhutsthofes legte ihm die schwere Hand auf die Schulter. Ja – seine Frau war noch da. Er hatte Frieden mit ihr geschlossen, weil er sich anders besonnen, weil ihn damals der Rausch gepackt hielt und dann: um den Skandal zu vermeiden. Aber der Rausch war verflogen, das Alltäglich-Nüchterne hatte sich wieder in den Sessel geflegelt und die alte Trübsal geblasen. Gottverdammich! – also für sein Weib nur gerackert ... und dieser Gedanke nahm Form und Gestalt an, bekam Fledermausflügel und begann leise um die Pfannen des Fingerhutshofes zu kreisen. Wenn die Dämmerung heraufkam, wurde das unheimliche Ding besonders lebendig, flatterte beständig um das verträumte Gehöft und ruhte nicht eher, bis wiederum in aller Herrgottsfrühe die Lokomobile stöhnte und stampfte, und sich das blanke Eisen der Pflugschar in die fette Erde hineinfraß. So war es schon seit Wochen gegangen, und dann hatte zu öfters ein kleiner Mann am Torweg gestanden, hatte mit seinem schwanken Rohr gegen die Latten gerattert und unter die Fledermausflügel gepustet, daß sie sich blähten und immer eifriger in ihr geheimnisvolles Schwingen gerieten. Zackerzucker, war das eine Freude! So stand er auch heute. Er hatte lange auf den Donnerjü eingesprochen. Ein dunstiger Abend war niedergegangen. Über die gedörrten Stoppeln liefen die nadelfeinen Stimmchen der Grillen. Gigantisch standen die ausgedroschenen Schober im Feld, wuchsen in den Himmel hinein und kontrastierten in ihrer Strohfärbung scharf gegen den Horizont, wo eine schieferblaue Masse auftauchte und sich schwerfällig heranschob. Zeitweilig zwinkerte in ihr ein verlorenes Licht auf. »Ratter – ratter!« machte das Stöckchen. »Also das ist Deine ernsthafte Meinung?« »Ich will nichts gesagt haben, aber man kann immer nicht wissen, Herr Neffe, wie's kommt,« meinte Krispinus van Bommel, zuckte die Schultern und schnarrte wieder mit dem lebhaften Röhrchen. »Dann wär's wohl das Beste ...« »I, natürlich wär's schon das Beste!« krähte van Bommel. »Kurzhalsig, vollblütig – und wenn's mit dem Rotspon so fort geht ... Ewert Langenberg hat's auch auf die Hobelspäne geworfen, na, und Matthes vom Orth ...?! Auf der Hühnerjagd ist er gestern in die Wicken gegangen. Rips sind die Kerle und konnten doch vierzigjährige Bäume versetzen.« »Das soll doch nicht heißen ... ?« »I, Gott bewahre, nichts soll das heißen ...! – Aber besser ist besser. Die ewigen Rotsponcampagnen ... So'n Langkork hat's in sich. Zuerst kribbelt er man so'n bißchen in der dicken Zehe herum; dann muckt er. Schließlich wird's dem Kerl aber über, er nimmt 'nen handlichen Knüppel und haut einem, als wenn das so zu seinem Geschäft gehörte, 'nen ›Schlag Neune‹ über den Schädel ...« »Malefizvogel!« schrie ihn der Donnerjü an. »Pst, pst!« machte der Alte, »immer sachte mit die bockigen Pferde, Herr Neffe! – Hier auf dem Fingerhutshof wachsen die Ohren länger und hören besser wie auf anderen Höfen. Unsere Heimlichkeit braucht doch keiner zu wissen. – Ich hab' gar keine Meinung, absolutemang gar keine Meinung, aber ich dächte: wenn's gemacht ist auf Leben und Sterben ...« »Gottverdammich, so eilig! – Na, Ohm – Du glaubst wohl...« «Ich?« «Ja.« »Ne,« entrüstete sich Krispinus van Bommel, »ich bin Hors de Konkurse, aber was meine Schwester, Deine selige Mutter, gewesen ist, die würde sich doch im Grabe herumdrehen, wenn nach Deinem gottseligen Tode ...« Krispinus verschluckte die letzten Worte, nahm den Hut ab und strich sich mit seinen, haspeligen Fingern die mageren Sardellenhaare nach vorne. Barthes van Laak sah über den Hof fort. Das Ding mit den Fledermausflügeln war wieder lebendig geworden. Es kam vom Leeloch her, drehte in der Nähe der Scheunen bei, wuchtelte heimlich bei den Sparren des Herrenhauses vorüber, um dann wieder gespenstisch seinen Rundflug zu machen. Tot und glasig lag es in den Fenstern des weiten Gehöftes. »Na – und ...?« fragte der Donnerjü wie geistesabwesend. »Was ist da noch viel zu bedenken,« meinte Krispinus, stülpte sich wieder den Filz über Kopf und Sardellen und dozierte an den Fingern herunter: »Der Hof ist von jeher in der van Laakschen Familie gewesen, Deine selige Mutter hat fünfundzwanzigtausend Taler derzeit in die Ehe geschossen, was darüber hinausgeht, hat der Fingerhutshof Deiner Bärennatur, Deinem Instinktus und Deinem barbarischen Fleiß zu verdanken. Stimmt's, oder hab' ich dem Hottehü 'nen brennenden Schwamm unter die Rübe geschoben?« »Stimmt,« sagte Barthes. »Also!« krähte der Alte, trat naher und flüsterte über den Zaun weg: »Den Rest kann Er sich bequem an den Knöpfen abklavieren. Sein Threschen ist tot –- sein Weib ist gelte geworden, bleibt so, bleibt so ... na, und da kann es doch immer passieren ...« »Was kann passieren?« »Nichts, gar nichts, Herr Neffe! – Aber ich dächte: uns allen geht mal die Atempfeife zu Ende – und die schöne Witwe bleibt übrig. Na – und die Witwe? – Sie hält kein schreiendes Balg zum Coupéfenster heraus, hat 'nen feinen Kadaver, sitzt bis am Hals in der Wolle – und überhaupt so. – Zackerzucker, Herr Neffe! – da sollte nicht einer kommen und sich in das propere Bett hineinposamentieren?!« »Halt's Maul!« »Gern!« schrie der Alte, »aber es gibt auch Menschen, die mit sehenden Augen und hörenden Ohren nicht mehr kucken können wie neugeborene Hunde und so taub wie 'ne Nuß sind. Ich für meine Person legte da so'n Riegelchen vor, so'n notarielles Äktchen, so'n Testamentchen auf Leben und Sterben und mit 'nem Siegel darunter, – aber 'nem festen.« Um seinen Worten den gehörigen Nachdruck zu geben, fuchtelte er mit seinem schwanken Röhrchen so forsch durch die Luft, daß es fast den Anschein hatte, als käme eine dicke Hornisse gefummelt. Der Donnerjü stand schwer in Gedanken. »Also testieren«, sagte er endlich. »Vor Notar und Zeugen, Herr Neffe.« »Gottverdammich! – und wie soll der verfluchte Testamentshase denn laufen?« »Einfach, Herr Neffe. Zuerst die Kirche. Die nimmt immer und gerne, 'ne Seelenmesse für ewig; kostet zwei- bis dreitausend Taler. – Man stirbt kommoder, gewissermaßen mit 'nem Freibillet für den Himmel – hat alljährlich sein Hochamt – die Herren von der Orgel singen – man bleibt im Angedenken der Menschheit und behalt sein lebendiges Honnör, wenn man auch tot ist.« »Weiter.« »Knippscheer, Barthes, Herr Knippscheer! Zwar man dritten Grades – ein lateinischer Döskopp – karamboliert unter aller Kanallje, aber er bleibt doch immer so zu sagen in der Verwandtschaft. Das tägliche Brot spart sich der Kerl ja so wie so schon am Hosenboden herunter. Und dann von wegen der Sophie! Die Leutchen konnten auf später rechnen und kriegten sich endlich. So'n Kapitälchen von achtzehn- bis zwanzigtausend Taler könnte nicht schaden.« »Hm!« meinte Barthes, »schon um diesem Original von Fraumensch auf die Strümpfe zu helfen ... aber man weiter.« »Je!« kratzte sich Krispinus van Bommel am Kopfe und ließ seine Ohren ein bißchen herunter, »man hat ja das Seine, man ist nicht von der Gocher Heide und hat Besen gebunden ... Also was meine Person anbetrifft – nur pro Forma, Herr Neffe. – Sterb' ich vorher, wird der mir übertragene Besitztitel auf den ältesten Sohn meines verstorbenen Bruders, dem Schulmeister Fennand van Bommel in Elten verschrieben, welch letzterer überhaupt als Universalerbe zu betrachten wäre. Bei dem geht kein Kastemännchen verloren.« »'ne Idee,« sagte Barthes – »und Aleit?« »Hat sie was in die Ehe mitgebracht?« »Nein.« »Denn 'ne andere Frage. Hat der Fingerhutshof vielleicht ein Interesse daran, daß später ein reeller Vertreter ihr zu Winterszeiten mollig die Bettfedern anwärmt?« »Auch das nicht.« »Dann bin ich folgender Meinung: hält sie sich proper, kriegt sie 'ne Rente, Herr Neffe; im konträrigen Falle, also wird wieder geheiratet, kein Dittchen.« »Strich drunter,« fiel der Donnerjü mit so einem verkehrten Lächeln und sichtlich erleichtert dazwischen. »Die Sache hat 'nen richtigen Dreh, besonders das mit Knippscheer. Dem Geheimen Hosenrat könnte geholfen werden. Will's mir mal durch den Kopf gehn lassen – und nun exküsiert mich; muß noch die verlumpten Kerle in den Ställen aufschwänzen. Also – Prosit, Ihr Bauern!« »Gut so,« grinste der Alte, reichte ihm noch die Hand über den Lattenzaun und sagte, indem er sich mit dem Stöckchen auf dem Schemischen herumtippte: »Aber Freundchen! – Freundchen! – was mich anbetrifft, nur pro Forma, Herr Neffe.« Dann ging er, drehte sich jedoch nochmals herum und plinkte ein Auge: »Hab' ich daneben gekuckt oder richtig gesehen: die Roggenstrohhaarige mit dem dicken Untergestell ist wieder ankutschiert und schafft nu wohl dahinten am Vorwerk?« »Daneben gekuckt.« »Irren ist menschlich,« zuckte Krispinus die Schultern, dann ging er den schmalen Weg nach, der sich über Wiesenkoppeln und Felder dem Leeloch zuschlängelte. »Und es ist doch die Lena gewesen,« sagte er lachend. »Herr Neffe, Herr Neffe ...!« Mit dem Rohrstöckchen schlug er eine lustige Volte. Es war dunkel geworden. Im Fingerhutshof zuckte ein Licht auf. Die Strohschober standen wie Soldaten im Gliede. Zwischen den Stoppeln glumsten noch einige Aschenpartikel, die die nun schlafende Lokomobile ausgeworfen hatte. Josias Spettmann trieb sich noch im Gelände herum. Er stieß auf Krispinus. »Kiwi, so spät noch?« »Oha!« grinste Josias, »jetzt beißen die Aale.« Mit seiner Rechten zeigte er auf das fernliegende Wetter. »Bei so was beißen sie immer. – Und Ihr – wohl so'n bißchen Unheil gebrütet dahinten?« »Esel – verfluchter!« Drohend streckte der Kiwi die Faust aus. »Wer zu seinem Bruder Du Narr sagt ...!« »Freundchen! – Freundchen ...!« Scheu drückte sich Krispinus aus der beängstigenden Nähe des hageren Mannes. »Oha!« sagte der Kiwi. Die Stimmchen der Grillen zitterten weiter. In der Ferne begann es ungemütlich zu murren. Matte Blitze setzten über die durstige Erde. XIV Sulpiz – mein Sulpiz ...! Während der ganzen Nacht murrte das Wetter am tiefen Horizont und konnte nicht zur Entladung kommen. Dabei wälzte sich eine erstickende, brütende Hitze über die Erde. Schon am Tage zuvor hatte sie wie ein Kanonenofen mit glühenden Backen gepustet. Die Vögel duckten sich davor, die Blätter ließen sich müde an ihren Stielen herunterfallen, die Menschen der kleinen Stadt schnappten nach Luft, begnügten sich mit dem Allernotwendigsten bei ihrer Leibesbedeckung und ließen die Jalousien herunter. Auf diese Weise ging's noch soeben; man konnte doch leben. Nur bei Jöffer Boß lagen die Dinge so hundsmiserabel wie möglich. Zwar hatte sie ihre angeborene Scheu und Zimperlichkeit kurzer Hand, unter Aufopferung von Kleid, Unterröcken und diversen sonstigen Gegenständen, bei Seite geworfen, spazierte auf ihren lautlosen Pantoffeln im puren Hemde herum, mußte sich aber, in Ermangelung von Jalousien und Läden, mit dünnen Schirtingvorhängen begnügen. Na, und so Schirtinggardinen ...! Ihre Zimmer waren alle nach der Sonnenseite gelegen. Nur die Schlafkammer, die früher Gert Liffers benutzt hatte, ging nach Norden hinaus, war efeuumsponnen und konnte es, was die Kühle anbetraf, dreist mit der Sakristei der katholischen Pfarrkirche aufnehmen. Aber da hinein gehen, um sich vor der infamen Hitze zu schützen, also gewissermaßen eine Gnade von dem früheren Inhaber annehmen – niemals! – das hätte ihr Prinzip unter keiner Bedingung gelitten. Hier hatte das Mannsmensch geatmet, hier hatte sein Kopf zwischen den Kissen gerastet, hier hatte er möglicherweise von der anderen geträumt und geduselt, ihr Liebeserklärungen gemacht und einem wahrhaft sorgenden Menschenkind den Todesstoß gegeben. »Infam!« sagte Sophie. Sie wollte mit der verrufenen Kammer absolut nichts mehr zu tun haben, drehte den Schlüssel ab und schwitzte gottergeben in ihrem Hemd und den Selfkantpantoffeln wie vorhin. Immer hanebüchener drängte sich die Hitze durch die Schirtinggardinen. Sie wirkte einschläfernd, lähmend. Selbst der Perpendikel im altmodischen Uhrgehäuse mußte die äußersten Anstrengungen machen, um das ihm von der Zeit vorgeschriebene Marschtempo inne zu halten. Nur zwei Kategorien von Lebewesen wurden in keiner Hinsicht behelligt. Im Gegenteil – sie waren äußerst vergnügt, konnten's nicht besser haben und freuten sich ihres gesegneten Daseins; Jöffer Boß nicht – aber ihr Kugelkaktus und die summenden Fliegen. Letzteres Viehzeug war überhaupt eitel Wonne und Wollust, stichelte tapfer drauf los und surrte dann ab, um in schamloser Weise auf Sophies gehäkelten Deckchen, den Kaffeetassen mit den vergoldeten Rändchen und dem neusilbernen Präsentierbrett der Liebe zu pflegen. Näselnd, dem feinen Ton einer gestrichenen G-Saite nicht unähnlich, gaben sie sich ungeniert und unermüdlich dem pläsierlichen Spiel hin. Indigniert wandte sich die Lange von der widerwärtigen Szene ab. Nein – so ein Fliegengeschmeiß hat doch gar keinen Anstand! – Da war ihr Kugelkaktus doch so ganz anders geartet, hatte moralisch Empfinden, trieb eine Knospe nach der anderen und erfreute durch seine keuschen Blüten die Menschheit. Der dickköpfige Amerikaner hatte draußen auf dem Fensterbrett Posto genommen. Der selbstgefällige Mosjö konnte es nicht heiß genug haben. Je empfindlicher die Sonne stach, um so molliger fühlte er sich, stellte seine Pracht in die rechte Beleuchtung und träumte von seiner noch schöneren Heimat. Gegen Abend ward's kühler. Das Wetter zwinkerte mit dem Auge wie einer, der niesen mußte, aber nicht zu niesen vermochte, und verlegte sich schließlich darauf, ungemütlich über die Erde zu murren. Gegen die dritte Morgenstunde kam aber Luft in die Sache. Der Pyrotechniker Mäsewinkel aus Kleve hätte das Feuerwerk nicht besser aufbauen können. Fünfzig Raketen standen mit einmal am Himmel. In kurzen Sätzen galoppierte der Blitz durch die Wolken, zuckte und stammte. Gierig schlürfte die durstige Erde den Regen. Vor dem Hause des Notars sausten die Linden und warfen ihre kranken Äste zu Boden. Mit fliegendem Ärmel wischte der Wind so'n bißchen über die Fensterbretter; auch bei Sophie Boß war er darüber gefahren. Das paßte aber dem dicknäsigen Protz nicht. »Halt – werda?!« schrie er den Wind an. »Gut Freund!« sagte dieser und nahm ihn beim Kragen. »Ich steche!« drohte der Kaktus. »Tut nichts!« höhnte der Wind und schmiß ihn herunter. Als Sophie zur Frühmesse gehen wollte, fand sie ihren Liebling am Boden. Abgesehen von etlichen Kontusionen war es ihm aber so leidlich ergangen; nur der ziegelrote Topf hatte Schaden gelitten. »Scherben bringen Glück,« tröstete sich die Lange, nahm den Enttopften mit spitzen Fingern vom Boden und verpflanzte ihn mit aller Sorgfalt. – Krispinus schlief bis tief in den Morgen hinein. Um die Mittagszeit schloß er seinen Laden ab, nachdem er zuvor einen festen Strick zu sich gesteckt hatte. Über sein Fuchsgesicht lief ein behagliches Schmunzeln, als er durch seine beiden Kugelakazienbäumchen hindurchging, lustig mit dem schwanken Röhrchen hantierte und seinen Weg nach dem ›Bessemhuck‹ einschlug. »Zackerzucker,« krähte er mit verhaltener Stimme in sich hinein, »wird das ein Pläsierchen!« Der ›Bessemhuck‹ war ein verlorenes Eckchen, eine Sackgasse, ein fast unmögliches Ding im Verkehrswesen der kleinen Gemeinde. Fünf Häuschen, alle mit schreienden Wasserfarben illuminiert, bildeten diesen lustigen Winkel. Das Schweinfurtergrüne besaß Grades Prußt, seines Zeichens ehrsamer Nagelschmied, außerdem privilegierter Führer der Treiberkolonne, wenn die Blätter von den Bäumen purzelten und für die Weidmannslustigen die Hasenjagd losging. Linker Hand vom Flur hauste er selber und ließ auch von hier aus sein ›Pinke – Pinke‹ ertönen. Das rechtsgelegene Zimmer hatte er untervermietet. Das niedrige Dach stieß bis dicht an die Haustür. Ein fixer Köter hätte bequem dort hinauf springen können. Seitwärts des rechten Türpfostens paradierte ein Blechschild, auf dem in weißer Ölfarbe geschrieben stand: Sulpiz Knippscheer, Königlicher Notariatssekretär, Berater und Beistand in den schwierigsten Rechtsangelegenheiten. Dem pompösen Titel entsprach in keiner Weise das Quartier, wo der Rechtsbeflissene hauste. Eine hölzerne Bettstelle, zwei Stühle, ein Tischchen, ein krankes Sofa mit grünem Ripsbezug, ein Spiegel, diverse Öldrucke von Benzinger – Einsiedeln – alles! – und wollte der Herr Notariatssekretär sich zwischen Tisch und Fenster den Rock anziehn, mußte er letzteres auswerfen, um nicht in die Scheiben zu stoßen. Zylinderbedeckten Hauptes hatte er niemals diese Stube betreten, war er niemals aus ihr geschritten; das durfte er nicht wagen, und hätte er es dennoch riskiert: der Zylinder wäre an der Balkendecke gestrandet, hätte Schiffbruch gelitten und es somit fertig gebracht, ein sehr empfindliches Leck in das Bügelportemonnaie seines Inhabers zu bringen. Also der Herr Notariatssekretär Sulpiz Knippscheer wohnte mehr als bescheiden, er wohnte überhaupt so bescheiden, wie er bescheiden an Selbstbewußtfein und persönlichem Mut war, obwohl er sich brüstete, der äußersten Linken der demokratischen Partei anzugehören und am liebsten Fürsten und Könige geköpft und die ganze Staatsgewalt zum alten Plunder geworfen hätte. Er räsonnierte auf Steuern und Militär, obgleich er niemals gedient hatte und keinen roten Heller an Steuern bezahlte, er wollte jeden Unteroffizier henken, wenn ihm sein Leiborgan von unmenschlichen Kniebeugen bei einem armen Rekruten erzählte, obgleich er keinen passenden Moment vorbeigehn ließ, seinem Unterstellten, dem halbwüchsigen Zeilenabschreiber Fritze Sötentitt, hinter die Ohren zu knallen, daß das Kerlchen von seinem Drehstuhl in das Aktenrepositorium turnte. Der bewaffneten Macht, dem Gensdarmen und Polizeidiener, stand er überhaupt als Feind gegenüber. Er hielt sie für reißende Tiere, für neronische Zuchtmittel, für Knebel der persönlichen Freiheit und schwur hoch und heilig, sie bei Gelegenheit an eine x-beliebige Scheunentür nageln zu wollen; erschien aber in Wirklichkeit die Pickelhaube oder der karmoisinrote Kragen, verwässerten sich seine grimmigsten Axiome zu Buttermilch, in welcher saure Kirschen schwammen. Kurz – er war ein Mittelding zwischen Rattenpinscher und Hammel, zwischen Hecht und Karpfen, er war ein pedantischer Tyrann, ohne den Mut zu haben, die eigene Person für seine Ideen in die Schanze zu schlagen. Er war ein demokratischer Hase: Demokrat, weil er alles besser wußte wie die staatlich gesetzte Behörde, Hase, weil's in seiner Natur lag – und dieser demokratische Hase saß heute auf seinem ripsenen Sofa und gönnte sich ein Schälchen mit Kaffee. Sein Schweinerippchen hatte er bereits zu sich genommen. Punkt drei Uhr mußte er wieder auf dem Bureau sein, hatte also noch hinlänglich Muße, sich zwei Stündchen einem süßen Nichtstun zu widmen. Gründlich kostete er diese ihm verbleibende freie Zeit aus, fuhr sich mit der Hand über das finnenblütige Gesicht und streckte die Beine. Nicht nur, daß er wie gewöhnlich den altmodischen Hosenboden als Fallreep benutzte – der Hitze wegen hatte er sich überhaupt der Sommerkarrierten entledigt, saß in puren Unterhosen, flegelte sich auf dem stöhnenden Sofa herum und ließ sich die himmelschreiende Ungerechtigkeit des preußischen Verwaltungssystems durch den Kopf gehn, wobei er die Vorzüge einer etwaigen Volksherrschaft auf das subtilste ventilierte, als es an die Tür klopfte und Krispinus van Bommel das niedrige Himmer beehrte. Der demokratische Hase schnellte vom Sofa. »Freundchen! – Freundchen ...!« beruhigte ihn der Eingetretene mit einer freundlichen Geste, »ich möchte mir eine kleine Frage erlauben.« »Bitte, bitte ...« »Knippscheer,« meinte der Alte und war näher getreten, »sind Sie bei einer richtigen Verfassung?« »Warum nicht, weshalb nicht? – Es ist doch nicht contra leges , wenn ich auf meinem gemieteten Sofa in blanken Unterhosen es mir so bequem wie möglich gemacht habe! Ich habe kein vis à vis , gebe kein Ärgernis, außerdem fehlt der doles eventualis , kann somit dem Sittlichkeitsparagraphen des Strafgesetzbuches ruhig begegnen.« »Mein' ich auch gar nicht,« sagte Krispinus, »und wollte nur wissen, ob Sie zurzeit kein körperliches Leiden ...« »Nie gehabt!« fiel Knippscheer dazwischen. »Auch kein kleines Defektchen? – Ich meine ein solches im Kopfe, das der Schonung bedürfte ... Knippscheer, Sie sind heute so komisch.« »Mynheer van Bommel, was haben Sie, was wollen Sie wissen?« stotterte Knippscheer. Das feierliche Benehmen des emeritierten Seilermeisters machte ihn stutzig. »Ich meine man so,« versetzte Krispinus, erfreut über die gänzliche Fassungslosigkeit des vor ihm stehenden Mannes. Hierauf zog er den Strick aus der Tasche und sagte, indem er ihn langsam entschürzte: »Anderen Falles – man könnte ja dieses Ding gewissermaßen als Zwangsjacke benutzen.« »Das ist contra leges !« entsetzte sich der geängstigte Schreiber, sah sich nach irgend einem handfesten Gegenstand um, der sich als geeignet erwiese, den Alten damit niederzuschlagen, gab diese Absicht jedoch sofort wieder auf und retirierte in einen äußersten Winkel des Zimmers, indem er unter heftigen Gestikulationen das sonderbare Verhalten des Besuchers immer wieder als contra leges gerichtet erklärte. »Spannen Sie mich nicht auf die Folter, Sie wissen etwas, oder ...« Plötzlich glaubte er den Besuch pathologisch nehmen zu müssen, schlüpfte ans Fenster, um dort nach Hilfe zu brüllen, fühlte sich aber von Krispinus jovial beim Kragen gefaßt, daß er anderen Sinnes wurde und wieder zurückfuhr. »Sie Glückspilz, Sie veritabler Glückspilz!« lachte van Bommel, wurde ausgelassen und lustig und schlug mit seinem biegsamen Rohr ein flirrendes Rädchen. »Aber Mynheer ...!« »Freundchen! – Freundchen! – Sie sollen alles erfahren – aber bedecken Sie zuerst Ihre menschliche Blöße. Eigentlich müßten Sie vor mir in Gala erscheinen – in Frack und Zylinder, denn was ich Ihnen mitzuteilen habe ... Hihihi! – Sie Glückspilz, Sie veritabler Glückspilz!« Was ist denn los?!« stammelte Knippscheer. »Erst 'rein in die Hosen, und dann halten Sie sich an Ihrem Kanapee fest. – Die Sache ist pompös, grandissimo, über alle Begriffe ...!« » Ut deus bene vertat! « stöhnte der Glückspilz und fuhr in die Sommerkarrierten. Erwartungsvoll sah er dem Alten ins Auge. »Halten Sie sich an Ihrem Kanapee fest?« »Ja.« »Na – denn: Sie werden erben – Sie werden Barthes beerben – Sie werden so'n Kapitälchen von achtzehn- bis zwanzigtausend Taler einstecken können ...!« »Jesus – mein Christus ...!« »Es ist noch nicht perfekt, aber das kommt noch, und dann können Sie Jöffer Boß eh'lich beglücken,« ergänzte van Bommel und erzählte nun haarklein, was er alles mit dem Donnerjü verabredet hatte. Der Herr Notariatssekretär stand da mit einem Gesicht, als sei er der Rajah von Lahore geworden und müsse jetzt mit einem gezähmten Tigergespann die edelsteinbesäten Dschungeln seines Landes befahren. In seinem Entzücken schmiß er den ganzen demokratischen Krempel beiseite. Der preußische Staat hatte doch eine mustergültige Verfassung. In seiner Verwaltungs- und Gesetzesmaschine klappte doch alles. Nein – dieses prächtige Erbrecht! Und die bewaffnete Macht! Blitzsaubere, ehrliche Kerle, die ihr Leben in die Schanze schlugen, um Vermögen und Besitztitel aller Staatsbürger gegen eine etwaige sozialdemokratische Gewaltherrschaft nachdrücklich in Verwahrung zu nehmen. Überhaupt das miserabele Stimmvieh! – Das allgemeine Wahlrecht müßte gestürmt werden; nur die besitzende Klasse dürfte noch stimmen. Große Pläne keimten unter seinem üppigen Haarwuchs. Konservativ war Trumpf in seinem Herzen geworden. »Erben, erben ...!« Das riesenhafte Kapital spazierte vor seinen beglückten Augen ins Zimmer: braune Scheine, blaue Scheine, Pfandbriefe, Konsuls, versiegelte Geldrollen auf putzigen Beinchen ... Dem Notariatssekretär gingen die Blicke über. Gleichzeitig griff ihm Frau Venus ans Herz und zeigte ihm Sophie. – Mit einem unterdrückten Jubelschrei taumelte er in die Arme van Bommels. »Erben, erben ...! Das ist nicht contra leges , nicht contra leges ...! »Pst!« machte der Alte, »nur Jöffer Boß darf es wissen.« »Ah!« Sulpiz streckte die Arme zur Decke, stieß sich aber und torkelte wieder auf das ripsene Sofa, um dort vor Freude zu weinen. Als er aufschaute, war Krispinus verschwunden. Vom Rathaus holte die Uhr aus. »Bureauzeit,« sagte Knippscheer, stülpte sich gewohnheitsmäßig, obgleich er es unter den obwaltenden Verhältnissen absolut nicht mehr nötig hatte, die tintenbekleckste Stauche über den rechten Ärmel und ging seiner Pflicht nach. Ging?! – nein er stolzierte seinem Bureau zu, unterwegs ein Programm entwerfend, nach dem er sein künftiges Leben einrichten wollte. Die spekulativ angehauchten Betrachtungen machten ihn selbstbewußter, stählten seine Willenskraft und verliehen seiner Engstirnigkeit einen weiteren Horizont. Sophie und das lachende Erbe! Kein Zweifel: er war nicht mehr die hungrige Seele von früher, die nichts weiter zu tun hatte, als für den morgigen Tag zu sorgen und auf die monarchische Staatsverfassung zu schimpfen. Erhobenen Hauptes, einem jovialen Champagneragrarier nicht unähnlich, ging er seinem Drehstuhl entgegen. Er mußte an sich halten, um nicht allen Passanten glückberauscht in die Arme zu fallen. In Höhe der Amtsstube begegnete ihm der Herr Polizeidiener Weber. Früher wäre er an dem Portepee und dem karmoisinroten Aufschlägen des Gewaltigen scheu vorübergeschlichen. Jetzt dachte er nicht mehr daran. Er trat auf ihn zu, schlug ihm vertraut auf die Schulter und schüttelte die Hand der bewaffneten Macht so treuherzig und biedermeiermäßig, als müsse er ein übriges tun und ihr sein patriotisches Fühlen und Denken auf Leben und Sterben verschreiben. Mit diesem Handschlage hatte er die demokratischen Schiffe hinter sich verbrannt, hatte ein frisches Bootchen bestiegen und war mit ihm in das konservative Fahrwasser hinübergesegelt. Für gewöhnlich betrat er das Bureau mit einer sauertöpfischen Miene, vigilierte scharf über Pulte und Aktenständer mit der bestimmten Absicht, einen Grund ausfindig zu machen, dem armen Sötentitt ›Eine‹ herunterzulangen. Heute schwang er sich gelenkig auf seinen Kontorstuhl, kicherte übermütig vor sich hin, wobei er gar so weit ging, dem verprügelten Zeilenschreiber eine ›Brasil‹ aus seiner Zigarrentasche zu offerieren. Fritze Sötentitt hatte auf Kirmes schon feuerfressende Kerle gesehn, die sich nachher als ganz gewöhnliche, sterbliche Menschen entpuppten, es war ihm ferner schon aufgefallen, daß der wütigste Köter sich beim Nahen eines schweren Gewitters weh- und demütig hinter die Ofenröhre versteckte – daß aber sein direkter Vorgesetzter, daß der Herr Notariatssekretär Knippscheer... Nein, es geschehen keine Mirakel mehr in den heutigen Zeiten! Hier konnte nur ein geistiges Manko die Zigarre gespendet haben. Fritze schnappte nach Atem ... » Sine ira et studio ,« kicherte Sulpiz, trat näher und hielt dem Erschreckten mit dem lustigsten Gesicht von der Welt die Zigarrentasche nochmals entgegen. Das überzeugte. Dem bierehrlichen Gesicht, dem heiteren Kichern, der duftigen Offerte konnte Fritze nicht länger widerstehn, griff zu und drückte mit einem äußerst devoten »Merci!« seine Nase bis auf den Kanzleibogen herunter. Das ganze Bureaupersonal wunderte sich über den sonst so griesgrämigen Knippscheer. Nein, dieser Wandel! – Sulpiz schien seine Feder in Sirup anstatt in gallige Tinte zu tauchen. Korrekt und unter stetigem Lächeln erledigte er die ihm übertragene Arbeit, schloß Punkt sechs Uhr sein Pult zu, invitierte noch den soeben Geehrten zu einem Gläschen Bier für den morgigen Sonntag und stolzierte dann, einen schweren Gedanken mit sich herumtragend, nach Hause. Mit diesem schweren Gedanken im Herzen löffelte er sein Abendsüppchen herunter, ging er zu Bett, ließ er sich von einer holden Fata Morgana umgaukeln, bis die Morgensonne ins Zimmer schien und ihm mit spitzen Strahlenfäden die Nasenlöcher berührte. Da erwachte Herr Knippscheer. Vor ihm stand ein baumstarker Kerl. »Ich bin der Entschluß,« sagte dieser, »also nicht lange gefackelt; »'rein in den Festfrack, Schlag Klock zwölf Uhr bei Mamsell Boß zur Visite, und denn ...« »Also ...?« »Natürlich!« »Gut,« sagte Knippscheer, erhob sich, machte Morgentoilette und goß sich zur Stärkung einen ›Bonekamp of Magenbitter‹ hinter die Binde. Unter den peinlichsten Vorbereitungen ging der Vormittag hin. Überrock, Beinkleider, Weste, Chemisettchen wurden einer genauen Prüfung unterworfen, schadhafte Stellen mit Tinte und Kreide aufgemuntert und die weißbaumwollenen Handschuhe in Seifenlauge gewaschen und im Fensterrahmen getrocknet. Schlag Viertel vor zwölf stand Sulpiz vor dem zersprungenen Spiegel, seifte sich ein, säuberte das Gesicht von den spärlichen Stoppeln, legte sich noch einen frischen Papierkragen zu, um alsdann und mit zappeligen Händen den weißen Batistschlips unterhalb des fidelen Adamsapfels zu knüpfen. Hierauf wurde der Zylinder nach allen Regeln der Kunst rückwärts und vorwärts mit der rechten Ärmelbeuge gestriegelt, ein frisches Sacktuch in die Brusttasche gesteckt, aber so, daß ein Zipfelende hervorsah, schließlich noch ein Fäserchen von der Weste heruntergeblasen – und jetzt konnte es losgehen. » Ut deus bene vertat !« mit diesen Worten gab sich der Geheime Hosenrat einen aufmunternden Druckser, zog die Baumwollenen über und verließ heroisch das Zimmer. Über dem Bessemhuck lag es still und stumm wie eine selige Vergessenheit; nur in der Ferne ließen sich die Stimmen sonntagsfroher Kinder vernehmen. Heldenhaft in seiner pompösen Ausstaffierung steuerte Knippscheer seiner Walstatt zu, ein Heldentum allerdings, das, je näher er der geliebten und doch so verhängnisvollen Schwelle kam, immer mehr abflaute und sich seines äußeren Dekorums beraubt sah. Es wurde brüchig, faulig, mit Wurmstich behaftet, bis schließlich der Angstmulm aus allen Hosennähten hervordrang. Schon wollte er abstoppen, den wichtigen Moment zurückschrauben und auf eine andere Stunde verlegen, schon hatte er nach einem Nebengäßchen mit der ausgesprochenen Absicht geäugelt, sich von hier aus wieder nach Hause zu birschen, als der Stolz in der Männerbrust ihn aber voranspornte, ihm den Klopfer der blitzblauen Tür in die Hand gab und ihm gebot, sein Glück zu probieren. Das tat denn auch Sulpiz. »Angtree!« sagte eine freundliche Stimme. – »Um tausend Gotteswillen!« erstaunte sich Lisbeth, die vor ihrer Haustür stand und bemerkte, wie sich Knippscheer die Ehre gab und bei Jöffer Boß hineinpromenierte. »Also doch die Kurasch gehabt – und das mit's Feinste: mit Zylinder un Gehrock. Da spinterisiert sich was an. Will man gleich die Sache besprechen un 'nen Knoten vorschlagen, dann hält's besser un doppelt un dreifach.« Aus der dritten Etage kam in diesem Augenblick etwas Nasses herunter. »Na – nu,« sagte Lisbeth, »da drippelt wer,« und blickte nach oben. Sie wollte schon mit einem Donnerwetter loslegen, als sie Christ van de Lucht gewahrte, der seine auf dem Fensterbrett stehenden Nachtviolen besprengte. »Mynheer van de Lucht!« schrie sie aus Leibeskräften. »As't üh belieft, Madam Mömmes?« »Ich muß mal schnellkens herüber. Würden Sie wohl nu die Freundlichkeit haben, so'n bischen zu mir zu kommen un nachkucken, daß keiner nich in meine Zimmers herumwuschert?!« »Welchen denn, Madam Mömmes – den weißgelben oder den grauen Kanalljenvogel?!« schrie der Taube aus seiner luftigen Höhe. »Ach, was!« brummte die Dicke, hob sich auf den Zehenspitzen und benutzte ihre vorgeschobenen Hände als Sprachrohr, »Ich meine: Sie möchten 'runterkommen un so'n Viertelstündchen meine Zimmers in Beobachtung halten. Ich muß mal nach Sophie!« »Tu' ich,« echote der Armenhäusler, wobei er seine Zipfelmütze aus dem Bereich der Nachtviolen zurückzog und sich alsdann in aller Gemütlichkeit nach unten bewegte. Inzwischen begab sich Lisbeth in ihre Wohnung, trat aber gleich darauf mit einem Knäuel Wollgarn und zwei hölzernen Stricknadeln bewaffnet wieder ins Freie. Trotz des heiligen Sonntags begann sie mit ihrer knechtischen Arbeit, machte sich auch gar kein Gewissen daraus, gegen ein kirchliches Gesetz zu verstoßen, denn sie lebte der Überzeugung, nur Gutes in die Wege leiten zu wollen, und da sie wußte: der Zweck heiligt die Mittel, so stand sie auch gerechtfertigt da vor Gott und den Menschen. Noch auf der Türschwelle murmelte sie mit geheimnisvoller Betonung: »Wickelschnur aus Wollgarn – ich stricke Dir im Namen des Vaters, des Sohnes un des heiligen Geistes! – Eins, zwei, drei ...!« und schlug Masche um Masche. So murmelnd und strickend, langsam und Fuß für Fuß, ging sie alsdann quer über die Straße, sah nicht zur Rechten und Linken, fand aber doch ihren Weg, der, von kleinen Ruhepausen unterbrochen, schnurgerade auf die blitzblaue Tür zuführte. Der Kugelkaktus stand als wohlgenährte Schildwache im Fenster. Der ganze Kerl sonnte sich in seinen grünen und pompejanischroten Kulören. Jedem anderen Menschenkind wäre der Amerikaner in seinem bunten Gewande aufgefallen. Lisbeth aber ließ Blüten Blüten sein, kümmerte sich nicht um den Dickwanst, hielt ihr Knäuel fest unter der Achsel, drückte mit dem Knie die nur angelegte Tür am Hause ihrer Freundin auf, dachte nur an ihre heilige Mission – und strickte, und also strickend trat sie ins Zimmer. Und wie sie eintrat: da saß die Laken-Sophie aufgelöst und weinend auf dem Sofa, und der Herr Notariatssekretär Sulpiz Knippscheer stand vor ihr, drehte seinen Hut zwischen den Fingern und machte ein Gesicht, als wenn sich die Welt aus den Angeln gehoben, und Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen müßten. Schneegestöber und Sonnenschein, Hoffnung und Zweifel, Zuversicht und desolate Verfassung ließen sich auf der Skala seines Mienenspiels deutlich erkennen. Erwartungsvoll hingen seine Blicke an den Lippen der schluchzenden Jungfer. »Herr Knippscheer,« platzte nun Lisbeth dazwischen, »man darf wohl ...! – Mamsell Boß, um tausend Gotteswillen noch einmal ...!« »Ach, meine liebe Frau Mömmes!« hob sich die Lange aus ihrer Seufzerecke, steuerte mit gespreizten Armen auf ihre Freundin los, barg ihr Gesicht an den treuen Busen der Dicken und stammelte mit fliegendem Atem: »Ach, die einzige Seele von Mannsmensch, mir mit so einem engelreinen Herzen zu kommen!« »Also richtig?!« »Ich weiß nicht, meine liebe Frau Mömmes ...« »Hat er nich klaren Wein in die Buddel gegossen?« »Das schon – aber man hat doch sein Häuschen und kann Ansprüche machen.« »Weiß Gott, das kann man,« bestätigte Lisbeth mit einem vielsagenden Blick auf den Ärmsten, »aber bedenke Sie: ›Frau Notariatssekretärin‹ is doch auch nich so ohne! Das is prima Klasse und kommt direktemang hinter den Landrat.« »Das weiß ich ja alles, meine liebe Frau Mummes, aber man hat doch seinen Schmier, denn man ist doch bis heute 'ne richtige Jungfrau gewesen.« Bei dem Worte ›Jungfrau‹ mußte sie bitterlich weinen. »Weiß Gott,« konstatierte die Alte und warf Knippscheer einen zweiten vielsagenden Blick zu, »das is Sie immer gewesen, keusch wie so'n neugeborenes Kälbchen. Aber, Mamsell Boß, das is nu anders geworden. Mache Sie keinen Spermang, un stolpere Sie nich über Zwirnsfäden, denn es steht geschrieben: Du sollst dem Manne folgen, un unter Schmerzen ...« »Jesus, Maria!« wehrte die Lange ab und duckte sich wie ein heuriges Häschen, »das geht nicht so einfach, man muß doch erst zur Besinnung gelangen, denn es steht auch geschrieben: Drum prüfe, was sich ewig bindet ...« »Wo?« fiel die Dicke energisch dazwischen. »In die Handpostille nich, un in die Bibel steht's auch nich geschrieben – also, ich bitte.« »Das weiß ich nicht,« entgegnete Sophie, »es tut aber auch gar nichts zur Sache; ich meine man bloß: man muß Rücksichten nehmen, man muß sich mit der Zukunft besprechen und zusehen, daß die sogenannten äußeren Interessen auch zusammengehören. Gottlob, ich kann von mir sagen: ich hab' mein Häuschen und mein kleines Kapitälchen ...« »Na – un Er?« fragte Lisbeth Mömmes, indem sie sich langsam an Knippscheer wandte und ihn vom Kopf bis zu den blankgewichsten Stiefeln sondierte. »Ich habe mein Salär,« erwiderte Sulpiz. »Je – sein Salär!« zuckte die Fragestellerin mit einem fast bedauerlichen Lächeln die Achseln, »zuviel zu's Sterben un zuwenig zu's Leben.« »Und denn das Testament; selbiges ist nicht contra leges , meine liebe Frau Mummes.« Sulpiz war aus der Rolle gefallen. »Was für'n Testament?!« fuhr die Dicke drauf los, wie ein Fisch nach dem Köder. »Ach, Gott ja, meine liebe Frau Mömmes!« sagte die Lange, »Herr Barthes van Laak ist ja wohl nun so freundlich gewesen, ein Kapital von achtzehntausend Taler auf ihn zu verschreiben,« und nun erklärte sie ihrer Freundin in aller Kürze, was Sulpiz vorher bei seiner Werbung des Längeren und mit juristischen Floskeln verbrämt ihr selber dargetan und auseinandergesetzt hatte. »Achtzehntausend Talers?!« wunderte sich Lisbeth. »Bis zwanzigtausend,« verbesserte Knippscheer, fühlte sich wieder, stellte den rechten Fuß ein wenig nach auswärts und begann selbstgefällig über seinen Zylinder zu streicheln. »Gott, ne nich!« konnte sich die würdige Frau noch immer nicht von ihrem ersten Erstaunen erholen, »zwanzigtausend Talers?! – So viel gibt es ja gar nich! – Un das, mein lieber Herr Knippscheer, steht schon alles geschrieben un mit 'nem dicken Stempel darunter?« »Nein,« schluchzte Sophie und machte sich an ihrem Taschentuche zu schaffen, »Madam Mömmes, das ist es ja eben!« »Aber das kommt doch,« warf sich Knippscheer ins Mittel, trat beherzt einen Schritt vor und versuchte eine Hand in die seiner Zukünftigen zu spielen. Willenlos ließ es Sophie geschehen. »Un darf man drauf rechnen?« inquirierte die Dicke, dann hob sie verwarnend den Finger: »Herr Notariatssekretär, wir können uns nich mit Fisematenten befassen!« »Madam Mömmes, ich bin ein ehrlicher Mann und sorge dafür, daß die Instrumentierung des Aktes vor Notar und Zeugen erfolgen wird – und zwar je eher, je lieber. Das bin ich mir und der ehrsamen Jungfrau hier schuldig.« Erschüttert wischte sich Knippscheer mit seinem Weißen Daumen über die Augen, »Gut,« sagte Frau Mummes, »dann kommen Sie wieder, wenn alles schwarz auf weiß steht un mit 'nem dicken Stempel darunter, denn man kann immer nich wissen; aber zur Aufmunterung kann Er sich jetzt schon ein Küßchen von seiner Zukünftigen holen.« » Ut deus bene vertat !« triumphierte der Glückliche, machte das schönste Gesicht seines Lebens und hielt den Mund in Richtung des zu erwartenden Kusses. Da konnte auch die härteste Seele nicht länger widerstehen. »Sulpiz, mein Sulpiz ...!« »Sophie ...!« Und die beiden lagen sich in den Armen und küßten sich lange. Sie hatten nur sich, sie lebten nur sich und hörten nicht die gemurmelte Formel, die weich und unter emsigen Stricknadelgeklapper sie schirmend umschwebte. »Wickelschnur aus Wollgarn,« raunte die Brave, »ich stricke Dir im Namen des Vaters, des Sohnes un des heiligen Geistes! – Eins, zwei, drei ...! – So, alles Pläsier hat ein Ende.« Sie war wie ein trennender, aber wohlwollender Engel zwischen Sulpiz und Sophie getreten und meinte: »Soweit wären wir nu; jetzt noch der Aktus, Herr Knippscheer, wie Sie un die Lateiners besagen, un denn geht alles so ganz von selber und programmmäßig herunter – wie die Würm, wie ich mir auszudrücken die Gewohnheit besitze: die Brautschaft, die Ehe, das Ehebett, die ganz kleinen ...« Lustig klatschte sie dabei ihrer Freundin auf die mageren Schultern. »Mit dem Gürtel, mit dem Schleier reißt der schöne Wahn entzwei,« sagte Sophie, schlug sich die Hände vor's Gesicht und suchte in den Bereich des schirmenden Sofas zu kommen. »Sulpiz, mein Sulpiz ...!« Sie lockte wie eine verliebte Wachtel im Kornfeld. Schon wollte der offiziöse Bräutigam dem Rufe folgen, um noch so ein kleines Küßchen auf Abschlag zu nehmen, als auch schon Madam Mömmes energisch dazwischen trat und auf das bestimmteste sagte: »Ich muß leider bitten, sich enthalten zu wollen. Das junge Mädchen steht allein in der Welt, weshalb ich mir genötigt sehe, mich gewissermaßen als Brautmutter Ihnen gegenüber zu offenbaren. Gehen Sie daher jetzt sittsam nach Hause, leben Sie dem kommenden Aktus un Ihrer heimlichen Liebe, un freuen Sie sich auf die späteren Freuden der Zukunft.« »Das will ich,« sagte Sulpiz entschlossen, »allein ich bitte darum, hinsichtlich des Testamentes vorläufig noch ein gewisses Schweigen freundlichst beobachten zu wollen.« »Wie kommen Sie mir vor, mein sehr verehrter Herr Knippscheer?!« warf sich Lisbeth ins Zeug. »Was mir anvertraut is, is justemang wie im Sarg un wenigstens fünf Fuß unter die Erde. Also ich bitte – un damit ...« Sie machte eine freundliche, aber nicht mißzuverstehende Geste. Da empfahl sich Herr Knippscheer und ging mit seinem Glück und seinem übervollen Herzen direkt zu Fritze Sötentitt, um mit ihm noch ein verspätetes Frühschöppchen im ›Goldenen Anker‹ zu trinken. »Das Häschen hätten wir!« triumphierte Lisbeth, als sich die Tür hinter Knippscheer geschlossen hatte, und warf sich zu ihrer Freundin aufs Sofa. »Lehre Sie mich Gattin und Mutter sein,« lispelte die Lange; mit seliger Inbrunst barg sie dabei ihren Kopf an die Schulter der treuen Gefährtin. »Sulpiz, mein einziger Sulpiz ...!« »Un die zwanzigtausend Talers!« rief Lisbeth, und dann wards still, so friedlich still in der kleinen Behausung. Man fühlte ordentlich, wie so ein behaglicher, traulicher Frieden auf Zehenspitzen umherging, die weißen Gardinen glättete, die Porzellanvasen zurecht rückte, sich überall zu schaffen machte, sich dann an das Mahagonitischchen setzte und mit glänzenden Augen auf die ruhige, sonntägliche Straße hinaussah. Man hörte das Geflüster der Linden, die vor dem Hause des Notars standen. Das Geruckse der Ringeltaube drang deutlich herüber. Träumerisch, wie eine feine Stimme aus verklungener Märchenwelt, wie etwas, das die Kinderzeit wachrief, kam es aus dem Lindengesäusel und dem Gurren der Taube, und die Seele brauchte nur die Flügel zu spannen, um rückwärts zu fliegen in vergangene Tage – ach, schon so lange vergangen! Ab und zu schoß eine eilige Schwalbe vorüber. »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit ...!« Wie das klang, wie das ans Herz griff und die Seele bewegte! – Und Christ van de Lucht stand vor der Haustür, sah in diesen Sonntagsfrieden hinein und wartete geduldig auf Lisbeth. Der Quast seiner weißen Zipfelmütze, der sich im laulichen Mittagswind auf und nieder bewegte, war der einzige unruhige Punkt in der stillen Umgebung. – Ein Sonntag am Niederrhein! – Unvergeßliche Heimat! – und die Linden säuselten weiter und weiter. Es war einmal – und das ist schon lange gewesen. XV Im ›Blauen Schiffchen‹ Auf dem Fingerhutshof krachten die Böden unter der Last des aufgespeicherten Kornes; allein der Donnerjü hatte kein Auge dafür. Mürrischer denn je lebte er in den Tag hinein, skandalierte in den Ställen herum, traute seinem Weib nicht mehr und war nur aufgekratzt, wenn er die Roggenstrohhaarige auf seinem bei Wisselward gelegenen Vorwerk besuchte. Er trieb's offenkundig und scherte sich den Teufel um das Gerede der Leute. Allmonatlich spazierten zehn Taler in die benachbarte Kreisstadt, wo er den bereits vor der Ernte geborenen Bankert untergebracht hatte, und wenn Stina in einem Extraschäschen den kleinen Schreihals besuchte, ließ sie bei der Weh- und Pflegemutter durchblicken, daß der Junge mal berufen sei, Trense und Kandare auf dem Fingerhutshofe zu führen; das habe ihr der Donnerjü in die Hand versprochen und heilig versichert. Unumschränkt herrschte sie selber auf dem Vorwerk da draußen, duldete keinen Widerspruch, drangsalierte Mägde und Pflugknechte, und wenn sich diese bei ihrem Herrn über das hochmütige Verhalten der Blonden beschwerten, hatten sie noch dessen Grobheiten herunterzufressen. Sie taten's mit verbissenem Ingrimm, ertrugen's aber unter dem Einfluß des für gewöhnlich auf dem Lande herrschenden Stumpfsinns, allerdings nicht ohne dabei die Fäuste in den Taschen zu ballen und auf das Luderleben der ›Schweinemamsell‹ weidlich zu schimpfen. Nur Ignaz Kerkhoff wagte sie nicht an den Wagen zu fahren. Zeigte sich der vierschrötige Kerl mit dem infamen und eckigen Lächeln auf dem Vorwerk, ging sie ihm aus dem Weg oder versuchte, ihrem Blick eine andere Richtung zu geben. Sie haßte den Menschen aus Grund ihrer Seele, sie fürchtete ihn, weil er immer derb und anzüglich wurde und sichtlich bemüht war, seine Hand schirmend über Aleit zu halten. Dafür aber war ihr Barthes mit Haut und Haaren verfallen. Sie wußte ihn zu nehmen, kannte den Reiz ihres Körpers und den Zauber ihrer milchweißen Zähne, und in dieser Gewißheit streckte und reckte sie sich allmorgens selbstgefällig im Bett, überließ anderen die Arbeit und verknüpfte bereits die rosigsten Dinge mit den späteren Tagen. Halb war's Liebe, was sie in betreff ihres Herrn fühlte, halb die unlautere Begier, offenkundig zu zeigen, daß sie mehr Gewalt über ihn ausübe, wie die legitime Frau es vermochte, Ihre behagliche Kammer ging ins Vorland hinaus, und zeigte sich in später Nachtstunde ein brennendes Kerzenlicht hinter den Scheiben, dann wußte Ignaz auf dem Fingerhutshof, was die Stunde geschlagen hatte. »Die Schweinemamsell hofiert schon wieder herüber,« pflegte er dann grimmig zu sagen, begleitete seine Verbissenheit mit einem höhnischen Lachen und ging auf den Strohsack. So war es Ende Oktober geworden. – Die Pappeln warfen ihre Blätter ab, Kalmus und Schilfrohr zogen die Schwerter ein, die Kappweiden streckten ihre kahlen Pfriemen gen Himmel, so daß es aussah, als wüchsen ungezählte Besen aus der niederrheinischen Erde. In den frühen Morgenstunden lag es wie bauschige Watte über den Kolken. In weißlichen Streifen dampfte es die Wassergraben entlang; die Krähen wurden unruhig, taten sich zu großen Schwärmen zusammen und ruderten tag' täglich um die Zeit der Dämmerstunde dem fahlen Licht des sterbenden Abends entgegen. – Heute zerteilte sich der Nebel frühzeitiger wie an den sonstigen Tagen. Die Luft war heiter und klar. Aus den nahegelegenen Bauernhöfen und Katen tönte die taktmäßige Arbeit der Drescher. Es mochte gegen zehn Uhr sein, als Barthes van Laak in Höhe des Leelochs einzelne Fuhrwerke bemerkte, die, aus verschiedenen Richtungen herkommend, alle Kurs auf den Deich nahmen, um scheinbar von hier aus nach dem benachbarten Wissel zu karren. Er kannte vereinzelte Schäschen. Sie gehörten nach Wissesward, Caldenhoven und Hönnepel. »Was denn los?« fragte er Ignaz, der mit zwei Gäulen von der Priestergemarkung kam, wo er die Weizenstoppel geworfen. »Je, Baas,« sagte der Pferdeknecht, »die fahren zur Schöffensitzung nach Wissel.« »Unsinn!« fuhr der Donnerjü auf, »die letzte ist doch erst im vergangenen Frühjahr gewesen.« »Wenn auch,« replizierte der Knecht, »sie wollen in die Hände spucken und mit der Peitsche dahinter.« »So?« »Well, Baas. Der Wasserbauinspektor von die Regierung war hier und hat mit Gert Liffers gesprochen.« »Gottverdammich!« knurrte Barthes und stieß den rechten Transtiefel ins Erdreich, »mit wem der Mensch nicht alles zu tun hat!« «Je, ja,« sagte Ignaz. »Noch vor acht Tagen haben die beiden an der Bunten Schleuse gestanden, und er, was ja wohl der Deichgräf ist, zeigte nach dem Leeloch hinüber.« »Mit dem Peitschenstiel sollte man dem Kerl auf die gierigen Finger kloppen,« »Höhö!« lachte Ignaz, »immer feste auf die Klamotten, aber mit Vorsicht, denn er, was der Deichgräf ist, haut wieder und schreibt 'ne deutliche Handschrift.« »Maul halten!« »Well, Baas.« Der Donnerjü strich sich verärgert die Schnurrbartspitzen nach aufwärts. Hinter dem letzten Gefährt, das von der kleinen Stadt herkam, zeigten sich flirrende Räder, die im Sonnenlicht blitzten. »Pittje Nagel!« meldete Ignaz. Über sein rissiges Gesicht flog ein lustiges Grinsen. »Was will der denn?!« erstaunte sich Barthes. »Auch nach der Deichschöffensitzung.« »Der?« fragte Barthes, »ist ja gar nicht berechtigt.« »Gewählt und geworden,« bestätigte Ignaz. »Hat von seiner Frau selig fünfundvierzig preußische Morgen an der Gänseward liegen, hat also Interessen, und da der Hechelkreuzer mit Tod abgegangen, ist er der Kerl mit Ärmels geworden und darf mit 'rein räsonnieren.« »Prosit, Ihr Bauern! – und solchem Zichorieninspektor wird Stimme und Urteil gegeben über Realverpflichtungen und Kaveln?« »Höhö!« lachte Ignaz. »Kutt ki kutt!« trumpfte der Donnerjü auf. »Mit 'ner Bouteille zwischen die Blase geschmissen!« »Man zu,« sagte Ignaz, »immer feste auf die Klamotten.« »Gegen elf Uhr will ich mein Schäschen parat haben.« »Well, Baas,« nickte der Pferdeknecht, räkelte sich schwerfällig über einen der Braunen und schaukelte heimwärts. Der Donnerjü folgte. Bis zum heutigen Tage hatte er die Betätigung des notariellen Aktes verschoben. Die Sache war ihm doch so halber gegen den Strich gegangen. Jetzt aber, wo die verflixte Deichangelegenheit wieder ins Rollen gelangte – weiß der Henker warum! – nahm das alte Gespenst wieder Fassung und Form an und beredete ihn, die notarielle Beurkundung seines letzten Willens unter schärfere Beleuchtung zu nehmen. Dieses erwägend, brachte er den Vormittag so lange auf den Kornspeichern zu, bis ihm Ignaz zur präzisen Zeit das Halbverdeck vorführte. Mit einem niederträchtigen Fluch ergriff er die Zügel und kariolte gen Wissel. – In der großen Schankstube der Wirtschaft ›Zum blauen Schiffchen‹ tagte die Deichschöffensitzung. Die Tür, die ins Honoratiorenzimmer führte, stand geöffnet; hier saßen etliche Zuschauer, die hinter ihrem Glas Bier der Verhandlung bislang mit sichtlichem Interesse gefolgt waren. Auf dem Schöffentisch selber lagen die Deichrollen, also die Verzeichnisse, welche die Besitzer und die Größe der deichpflichtigen Grundstücke, unter Einschluß der hierzu gehörigen Pfänder, enthielten. Scharfmarkierte Bauernköpfe aus der Niederung zwischen Kleve und Xanten, die kurze Kalkpfeife in die harten Mundwinkel geschoben, arbeitsame Menschen mit engwüchsigen Gedanken, die auf Gott den Herrn vertrauten und dem Papst mehr gaben, wie eigentlich dem Papst zukam, der staatlichen Gewalt hingegen soviel abzwackten, wie sie nur eben vermochten – also saßen sie und hatten abermals über den erneut vorgebrachten Antrag des Deichgräfen Meinung und Stimme zu geben, Petrus Nagel paßte in diese Gesellschaft wie der Peijatz unter dickblütige Totengräber. Man sah es diesen Querköpfen an, daß die meisten sich wieder mit der Absicht trugen, die dringliche Sache kurzerhand unter den Tisch fallen zu lassen und somit auf unbestimmte Zeit hinaus zu begraben. Gert Liffers hatte soeben gesprochen. In klaren Worten, auf die Vorteile und Einzelheiten seines Projektes eingehend, die Stellung der Regierung dem angeregten Vorschlage gegenüber betonend, hatte er es versucht, die kantigen Menschen für die Regulierung am Leeloch gefügig zu machen. Freilich, nicht der Donnerjü allein sollte pflichtig gemacht werden, auch die angrenzenden Grundstückbesitzer hatten nach Größe ihres Areals Buße zu geben, wenn auch die Hauptlasten sich auf Rechnung des Fingerhutshofes bezogen. Mit einem markanten Appell an die bessere Einsicht und unter dem zündenden Hinweis, sich der drohenden Gefahr und ihren bedenklichen Folgen nicht zu verschließen, legte er hierauf das Geschick des Tages in die Hände der Schöffen und ließ zur Abstimmung schreiten. Bekümmerten Herzens sondierte er hierbei die rings um den Tisch Sitzenden, die gestikulierend ihre Meinungen austauschten, die Köpfe zusammensteckten und mit schmalen Lippen ihren ›A. B. Reuter‹ verpafften. Petrus Nagel kam als Jüngster des Schöffenkollegiums zuerst an die Reihe. Mit 'ner Tanzmeisterstellung schnellte der Aufgerufene in seinem hechtgrauen Flausrock vom Stuhl, strich sich durch die Harlekintolle und ließ das dampfende Pfefferrohr aus der linken Mundecke bammeln. »Mynheers, Schöffen, Herr Deichgräf!« also begann er, »ich bin für gewöhnliche Zeiten nur ein gelernter Kaufmann und Spezereiwarenhändler mit eingetragener Firma und habe mein Lebtagens reellemang mit Zichorienkaffee, Gewürznelken, englischem Mostert und Süßholz gehandelt. Meine Firma habe ich von meinem Vater nach dessen gottseligen Ableben ohne Hypotheken und Schulden erhalten und hoffe, sie dereinstmals meinem Sohne Nikola rein und proper in die unschuldsvollen Hände geben zu können.« »Gehört nicht zur Sache,« höhnte der alte Viehweidshöfer. »Hier ist nicht von Zichorienkaffee und Mostert die Rede, sondern vom Deich, und Sie haben nur ›Entweder – oder‹ zu sagen; das Kaufmännische mag ja ein pläsierlich Geschäft sein, ist aber für uns ökonomische Leute bloß schnuppe.« »Bong!« sagte Nagel, »obgleich ich absolutemang nicht dieselbigte Meinung vertrete. Zum gelernten Kaufmann gehört Sprit und Benehmung, während so'n Niederungsbauer nur in Plüschpantoffeln und Schlafrock zuzusehen braucht, wie ihm sein fetter Ochse das Geld in die Tasche hineinfrißt.« »Zur Sache, zur Sache!« mahnte der Deichgräf. »Ich bitte um Ihre Stimme, Herr Nagel.« »Kommt,« sagte der Sprecher und blies eine so kräftige Knasterwolke zur Decke, als müsse er das soeben Behauptete wie Mett- und Leberwürste beräuchern. »Ich wollte auch nur festgestellt haben,« fuhr er fort, »daß ich kein geborener Bauer bin, sondern ein sterblicher Laie, aber doch soviel von der Sache begreife, um in aller Reellität meine Stimme auf den Tisch des Hauses niederlegen zu können, und da muß ich denn allerdings sagen: was der Herr Deichgräf von sich gegeben, das ist besser wie Guanodünger gewesen, und da können sich die Herren Bauern und Grundbesitzer nur ein Beispiel dran nehmen, denn er hat bewiesen, daß er ein christliches Herz hat für seine Mitkomparenten und nicht will, daß bei Großwasserzeiten die Ochsen vom Donnerjü und die übrigen Ochsen versaufen. Und das ist klug von dem Mann, und ich bin absolutemang derselbigten Meinung, und wer was dagegen sagt, der ist ein Esel, und das sage ich – und darum und deshalb. . .« Mit der vollen Faust schlug er sich auf Weste und Flausrock und machte sich einen Zoll größer wie bei sonstiger Gelegenheit: »Und darum und deshalb sage ich ›Bong und Amen‹ zum Antrag,« machte dem Vorsitzenden noch eine tiefe Verbeugung und meinte: »Sie haben meine Stimme, Herr Deichgräf.« Mit einem Gefühl innerlicher Befriedigung über seine wohlgesetzte Rede ließ er sich alsdann in den Rohrsessel fallen, gleichzeitig einen Duft nach Muskatnuß, Nelken und geschlagenen Rübsen von sich gebend, gewissermaßen, um sich selber das Weihrauchfaß um die Nase zu schwingen, hörte aber gleichzeitig, wie ein rasches Wägelchen vorfuhr, eine Tür aufgeschlagen wurde, jemand mit schweren Schritten das Honoratiorenzimmer betrat, und eine bekannte Stimme fünf Pullen ›Schwart Water‹ bestellte. »Sollte da etwa. . .« Er kam in seiner Betrachtung nicht weiter. Gert Liffers rührte die Schelle und ersuchte um die anderen Boten. »Herr Otten, ich bitte!« »Ich stelle mich auf den konträrigen Standpunkt.« »Herr Lörks!« »Ich stimme dem Antrag gemäß, weil ich die Sache estimiere und für richtig befinde.« »Herr Raths vom Entenbusch!« »Desgleichen.« »Herr Hoghoff von Hönnepel!« »Nein.« »Herr van der Mörmter!« »Abgelehnt.« »Herr Wesselink senior von der Gipskat!« »Dito, dito!« quittierte ein stämmiger Bauer mit grauem Haar und einem Gesicht wie aus einem saftigen Schinken geschnitten, »das braucht sich Barthes van Laak nicht gefallen zu lassen. Ich stimme wie Henn van der Mürmter.« »Bravo!« kam es lachend und brutal aus dem Nebenzimmer gefahren. Gleichzeitig klinkten verschiedene Gläser zusammen. »Nanu!« meinte Herr Nagel und quecksilberte erregt um seine eigene Achse. Dabei machte er ein Gesicht, als begebe sich Hannibal Pinsgen mit einem brennenden Licht in den Keller, um dortselbst eine Portion Benzin dem weitbauchigen Glasballon zu entnehmen. Das Gelächter im Nebenzimmer nahm einen verstärkten und herausfordernden Ton an. Eine leere Flasche wurde mit Ostentation in eine Ecke geschleudert. Der frische Ankömmling in dem Herrenstübchen schien den Krakeeler spielen zu wollen. Der Deichgräf erbleichte, behielt aber seine äußere Fassung. Nichts verriet, was sein Inneres bewegte; nur seine Stimme vibrierte, als er den Viehweidshöfer ersuchte, sich gefälligst zu äußern. »Hm!« machte dieser und strich sich mit Mittel- und Zeigefinger zwischen Hemdenkragen und Bartkranz, der von Ohr zu Ohr sich unter dem verschrumpfelten Doppelkinn hinzog. »Ich bin von Anno Toobak immer der Ansicht gewesen: wat mott, dat mott – en wat niet mott, dat mott niet. Der Preußische Staat und seine Beamtens wollen immer Neuerungs machen und stellen sich immer konträr der katholischen Kirche. Aber da steht alles, wie's steht, denn die Herren Kapläne predigen noch heutzutage genau dasselbigte, was der Herr Jesus Christus vor tausend Jahren gesagt hat, und dessentwegen ...« Petrus Nagel unterbrach ihn mit einer demonstrierenden Geste. »Mynheer Viehweidshöfer,« warf er energisch dazwischen, »der Herr Jesus Christus gehört in die Kirche und nicht mang die Deiche!« »Doch,« hielt ihm der knorrige Ökonom lebhaft entgegen, »weil er Erde und Himmel geschaffen hat und Dämme und Deiche, und daher, weil die Geschichte am Leeloch seit Anno Toobak bestanden, wird's der Herr Jesus Christus auch so wohl bestehn lassen wollen, denn das ist immer am Leeloch also gewesen, hat sich bewährt – und dessentwegen ...« »Menschenskind!« versuchte ihm Gert Liffers in die Parade zu fahren, »alle irdischen Dinge sind der Veränderung unterworfen,« »Oho!« sagte der Bauer, »bei mir nicht, auf meinem Hof nicht und in meinen Stallungens auch nicht. Das geht, wie es geht, und immer fahr' ich den nämlichen Mist auf den Acker: Langstroh mit Pferde- und Kuhdung, und wer da Kurzstroh hinfahren wollte, dem würde ich schön unter die Augens begegnen.« »Und trotzdem ist eine Regulierung geboten,« hielt ihm stammenden Gesichtes der Deichgräf entgegen. »Die in den letzten Jahren vorgenommene Durchschleusung des Kalkflacks, die hierdurch bedingte Verschiebung des Stromlaufs drängen gebieterisch darauf, Maßnahmen vorzunehmen, die imstande sind, eine etwaige Hochflut in Zaum und Zügel zu halten. Es ist mir daher rein unverständlich, wie einer den traurigen Mut haben kann, mit solcher Dickfelligkeit gegen sein eigenes Interesse zu wüten.« »Ansichtssache,« zuckte der Viehweidshöfer höhnisch die Achseln. »Wat mott, dat mott, war wat niet mott ... Ich bin der letzteren Ansicht.« Zornig schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch. »Ich lasse mir als Ökonomiker von preußischen und städtischen Beamtens keine Vorschriften machen. Also – nie und niemals, Herr Deichgräf!« »Bist mein Mann, Viehweidshöfer! – Prosit, Ihr Bauern!« »Danke!« nickte der Angeprostete in das Honoratiorenzimmer hinüber. Bleich wie der Tod war Gert Liffers von seinem Sitz gefahren. Er riß sich zusammen. Durch den Mann ging ein Zittern und Beben. »Also dahin ist es auch heute wieder gekommen!« rief er mit keuchendem Atem, »Noch zwei solche Stimmen – und die Totenglocke geht abermals über Deich und Projekt hin. Und wird sie geläutet – so wahr ich hier stehe – dann wird auch meine Stellung zu Grabe getragen. Noch ein solches Debakel wie im verflossen Frühjahr hier in diesem Hause, an diesem Tisch, vor diesen Pflichtigen Schöffen – dann bin ich zum letzten Male Euer Deichgräf gewesen. Ich bin auch ein Mann von Ehre im Leibe, laß mich durch Querköpfe nicht kuranzen und schinden und will, daß Unvernunft und böswilligen Treibereien durch bessere Einsicht ein Ziel gesetzt werde.« Gert Liffers wuchs über seine eigene Grüße hinaus. Im gerechten Zorn hatte er eine Deichrolle ergriffen, sie zerknüllt und mit einem verhaltenen Fluch über die Tischkante geschleudert. Verschiedene Herzschläge hindurch war ein bedrohliches Schweigen unter den Pfannen des ›Blauen Schiffchens‹ zu Wisset. Selbst im Nebenzimmer wagte niemand, die beängstigende Stille vor dem nahen Sturme zu stören, »Bevor also die verhängnisvollen Stimmen fallen – ich rekapituliere noch einmal. Der Staat, die Gemeinde, Ihr selbst habt mich auf diesen Posten gerufen, auf daß ich nach Pflicht und Gewissen, nach bestem Wissen und Wollen meines Amtes walte und mein Können verwerte. So wahr ich hier vor Euren Augen vielleicht zum letzten Male als Deichgräf amtiere, ich habe dem Staat gegeben, was des Staates, und dem pflichtigen Bauern, was das Interesse des Bauern verlangte. Ich für meine Person habe nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren. Ich habe meinen Ruf zu verlieren und meine Ehre in die Schanze zu schlagen, aber bevor ich mich hierzu verstünde, müßte ein erbärmlicher Adam in mich hineinfahren. Mag ein anderer kommen, der wider besseres Wissen und mit sehenden Augen die Dinge gehn läßt, wie es den Anschein hat, daß sie hintratschen werden. Ich aber bin nicht aus dem Holz gemacht, die Rolle eines solch traurigen Kumpanen zu spielen. Gewiß – beklatschen werdet Ihr ihn, so lange das Wasser nicht wild wird, so lang' es dahinschleicht wie ein Schwächling auf holperigen Krücken; aber wenn es seine Schwäche auskuriert hat, wenn es sich fühlt und die Krücken über den Deich wirft, dann dreht sich das Blättchen. Fluchen werdet Ihr ihm, anspeien werdet Ihr ihn, weil er nicht in guten Zeiten das Rückgrat besessen und die Stirne gehabt hat, Euch zusammenzurütteln und die Grillen Eurer schwerfälligen Bauernschädel zu Paaren zu treiben.« Gert Liffers suchte nach Atem. Eine Pause entstand. Der tiefe Eindruck seiner geharnischten Worte ließ sich jetzt schon erkennen. Selbst der Viehweidshöfer duckte den Kopf und klopfte verlegen die glimmenden Aschenpartikelchen aus seiner irdenen Pfeife. »Am Leeloch, also im Gelände des Fingerhutshofes, lauert die Gefahr,« begann Gert Liffers von neuem, »und wartet unter den jetzigen Umständen nur auf die praktikable Stunde, ihre Tatzen gierig in Euere Äcker und Wiesen zu schlagen. Nicht dem van Laakschen Terrain allein wird der kritische Moment verhängnisvoll werden, sondern Euch allen, vom Bolk bis zur Bunten Schleuse herunter. Genau wie ich, hat auch der Königliche Bauinspektor das Fatale der gegenwärtigen Lage beurteilt. Gewiß – das Leben geht nicht immer ohne Kompromisse, aber hier sind keine Kompromisse geboten. Hier heißt es, den Geldbeutel offen, Karst und Spaten genommen und graben und abermals graben und zum letztenmal graben!« »Ganz dieselbigte Meinung. Das geht an die Nieren!« ließ sich Petrus Nagel vernehmen. Der Deichgräf sprach weiter: »Aber Ihr wartet und wartet und pocht darauf, daß das Wasser in den letzten Jahren geschlafen und fast in unerklärlicher Weise gedöst hat. Wolle Gott, daß es noch ein weiteres Jährchen so hindöst, bis ihm der neue Deich vor die Nase gesetzt wird. Aber ich fürchte ... »Wofür sind denn die Fluchthügel vorhanden?!« warf der Viehweidshöfer dazwischen. »Nur um Eure Knochen zu retten. Seid Ihr damit zufrieden – allerdings, dann laßt das Deichprojekt schießen. Wartet, wartet, wartet, Ihr Bauern! Zu spät ist zu spät – und wenn die grimmige Stauflut daherkommt, sich aufreckt, sich aufbäumt und mit polternden Dreschflegelhölzern dazwischen hantiert und die Scholle versandet, als wäre der Tod über die Erde gegangen, dann,« und der Sprecher streckte die nervige Faust über den Tisch aus, »dann, wenn ich hier nicht mehr in meiner Stellung amtiere: so manchen von Euch, der annoch wie ein sässiger Freiherr sich aufspielt – ich werde ihn sehn, wie er sich bankrott die Faust gegen die Stirn stößt und die Stunde verdammt, wo er steif und stur wie der Fingerhutshöfer seine bessere Einsicht rechts und links um die Ohren geknallt hat. So, ich habe gesprochen, und es ist mein letztes Wort an dieser Stelle und in dieser Sache gewesen. Tut, was Ihr wollt – ich ersuche um die noch ausstehenden Stimmen. Herr Hövels, ich bitte!« »Donnerwetter!« kratzte sich der Viehweidshöfer hinter den Ohren, als der Deichgraf geendet, »wenn ich das vorhin ...« »Herr Hövels . . ,!« mahnte Gert Liffers. »Also denn – ganz Ihrer Meinung, Herr Deichgräf.« Um seiner Stimme den gehörigen Nachdruck zu geben, machte er mit Daumen und Mittelsinger einen kräftigen Schnalzer. »Herr Hartjes!« »Wie vorhin.« Die Entscheidung mußte jetzt fallen. »Der letzte Mann. Ihre Stimme, Herr Hasselt!« »Donnerknippchen!« schlug sich ein schwarzgekleidetes Männchen, mit steifen Bartstoppeln am Kinn, auf das bläulich gestärkte Schemischen, »nach solch einer Epistel ... Man kann Sie nur estimieren, Herr Deichgräf. Ich stimme wie Havels und Hartjes. Streu Sand drauf – und fertig.« »Hurra – sechs gegen fünf!« jubelte der Vater von Nikola, sprang mit einer erstaunlichen Beinfixigkeit auf den Stuhl, rief abermals »Hurra!« und »Lang' soll er leben!« und schwenkte dabei sein Pfefferrohr mit den beiden Bammelquasten über den Tisch fort, als habe er einen Tambourmajorstock in Händen und müsse nun den Takt für die leider nicht anwesenden Musikanten abgeben, »Holla, Markör, auf meine Rechnung und für eigene Firma: zwei Bouteillen vom Besten, aber dieselbigte Nummer wie sie Barthes gewohnt ist. Bong! – ich laß mich nicht lumpen. Auf das Wohl von Gert Liffers! – Der Deichgräf soll leben ...« »Viechskerl, verdammter!« Mit weinrotem Gesicht und verquollenen Augen war der Donnerjü auf die Schwelle getaumelt. Sich mit der Linken an den Türpfosten haltend, die Rechte vorgestreckt, schrie er den Schöffen entgegen: »Was – in dieselbe Tutetrompete wie der Zichorienherzog zu stoßen ... ?! Niederrheinische Bauern wollt Ihr sein – nichts da! – Erbärmliche Hammel seid Ihr, ohne Grütze im Kopfe und ohne Haar auf den Zähnen! Aber das Schlimmste: statt einem so schiefgewickelten Kerl von Beamten das Fell zu verhauen, reicht Ihr ihm noch höflichst den Prügel, damit er es proper bequem hat, Euch zu verdreschen. Aber Ihr Duckmäuser verdient es nicht besser – nein, verdient es nicht besser!« »Ruhe!« Gert Liffers war in Harnisch gekommen. »Ich fordere Sie auf, das Lokal zu verlassen.« Ein schallendes Gelächter schlug ihm entgegen. »Was?! – Sie?! – Sie maßen sich an, mir hier das Lokal zu verbieten – mir, dem Fingerhutshöfer, das Lokal zu verbieten?! – Mit welchem Recht und weshalb denn?!« »Weil Sie nicht als pflichtiger Schöffe gewählt sind.« Eine rasende Blutwelle stieg dem Donnerjü aufwärts. Er kannte sich nicht mehr, griff in die Luft, als müsse er dort einen Gegenstand fassen, um ihn seinem Widerpart an den Schädel zu werfen. »Mensch, infamer, daß Du mir im Leben immer in die Quere hineinmußt! – Schon damals vor Jahren – dann später bei Schweinem – dann auf dem Leedeich mit Aleit ...! – Aber wag's, mir den ersten Spatenstich in meinen Grund und Boden zu stoßen – wag's, mir das blöde Stimmvieh noch weiter auf meine Interessen zu hetzen ...! Deichgräf – Deichgräf – Deichgräf ...! – heute bist Du mir zum letzten Male in die Quere geraten!« Mit einem hastigen Ruck riß er eine leere Bouteille vom Tisch. »Gottverdammich! – zum letzten Male, Herr Deichgräf ...!« und von wuchtiger Faust geworfen, fuhr sie, dicht am Kopf des aufrecht stehenden Mannes vorbei, an die rückwärts gelegene Wand an. Mit einem gellenden Wehschrei zersprang sie. »Pfui, Barthes!« drangen die Bauern und Gutsbesitzer auf ihn ein. Ein wilder Tumult entstand. Stühle stürzten zu Boden. Grimmige Flüche hasteten laut durcheinander. »Pfui, Düwel ...!« Ehern, ruhig, ohne mit den Wimpern zu zucken stand Gert Liffers inmitten des beschworenen Aufruhrs. »Deichgräf – Deichgräf – Deichgräf ...! – wir müssen Abrechnung halten. Entweder Du oder ich, Wie'n Viech muß einer von uns zwei beiden verrecken ...! Saukerl – infamer...!« Mit gehobenen Fäusten, unartikulierte Laute hervorstoßend, der Herrschaft über seine Sinne verlustig, stürzte der Donnerjü vorwärts. Alles wich vor dem Rasenden scheu auf die Seite. Kalt wie Stein erwartete Gert Liffers den Angriff. »Schlage ihn nieder ...!« Blitzartig war dieser Gedanke sein eigen geworden. Schon stieß er nach einer Stuhllehne die Hand aus, aber eine Lähmung erfaßte ihn ... »Ist der Mann so gänzlich im Unrecht? Hast Du nicht nach seinem Weibe verbrecherisches Gelüste getragen? Reiße Dir das sündige Herz aus, das bis heute sich nach ihrer Liebe gebangt hat ...« Die Fäuste des Donnerjüs waren über ihm. »Schlage zu!« rief Gert Liffers. »Du hast ein gewisses Recht dazu, Du miserabeler Hundsfott!« Hochaufgerichtet, ohne auch nur die geringste Miene zur Gegenwehr zu machen, bleich wie der Tod, aber die leuchtenden Augen fest auf den Gegner gerichtet, harrte er des kommenden Faustschlages. »Mensch, schlage zu ...« Aber der Donnerjü schlug nicht. Matt sanken ihm die drohenden Fäuste am Leibe herunter. Und dann: wie ein feiges Tier, das den richtigen Angriff verpaßte, den Nacken gebogen, die blutunterlaufenen Augen zu Boden geheftet, taumelnd und lallend ging er rückwärts – schlich in das Herrenstübchen zurück und von hier aus ins Freie. »Die Augen ...!« knirschte er zwischen den Zähnen, ließ das Schäschen vorfahren und lenkte den Gaul Schritt für Schritt durch die Gaffer, die von dem Skandal angelockt, sich vor dem ›Blauen Schiffchen‹ eingestellt hatten. Am Schöffentisch waren inzwischen die Gemüter ruhig geworden. Über die Züge des Deichgräfen ging ein schmerzliches Lächeln. »Ich danke den Herren,« sagte er mit bewegter Stimme. »Ihr habt zu Euren Gunsten gesprochen, und meine Ehre ist rein aus der Affäre gegangen. Es war eine häßliche Stunde, aber wir sind Sieger geblieben. Und wenn Ihr mich weiter als Deichgräfen wollt – meine Herren, hier bin ich.« Die angeredeten Bauern sahen verlegen zu Boden. Manche harte und verschwielte Hand wischte sich eine Träne herunter. »Wat mott, dat mott,« riß sich der knorrige Viehweidshöfer zusammen, schritt auf Gert Liffers zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Herr Deichgräf,« sagte er, kaum seines Wortes mächtig, »was ich da soeben von Anno Toobak und dem Herrn Jesus Christus gesagt hab', das schluck' ich herunter, denn das ist dummes Zeug und 'ne altmodische Jacke gewesen. Und wenn Ihr mir noch die Hand geben könnt – Herr Deichgräf, hier ist sie.« »Viehweidshöfer ...!« machte Gert Liffers. Große Tränen wurden in seinen Augen lebendig. Hand in Hand standen der Deichgräf und der harte Niederungsbauer zusammen. »Und was da im Protokoll steht, was da notiert ist, von wegen meiner eigenen Stimme – das gilt nicht, das wird gestrichen, da setz' ich jetzt mein richtiges ›Amen‹ darüber. Jetzt – für den Antrag, Herr Deichgräf.« »Auch ich!« meldete sich Hoghoff von Hönepel. »Desgleichen!« sagten Otten und Wesselink senior von der Gipskat. Henn van der Mörmter trat ebenfalls heran und änderte sein vorhin abgegebenes Votum, so daß mit Stimmeneinheit die projektierte Regulierung am Leeloch durchgebracht wurde. Das war ein Sieg über alles Erwarten gewesen! Gert Liffers reckte sich auf. Die Erinnerung an das infame Begegnen schob er beiseite. Etwas wie eine nervige Kraft durchfuhr seinen Körper. Das war nach langer Zeit die erste glückliche Stunde in seinem bekümmerten Dasein gewesen! Er tat einen mächtigen Atemzug, als müsse er einen neuen Lebensquell in sich aufnehmen. Mit glücklichen Augen musterte er die Schöffen, die ihn umstanden und an seinen Lippen hingen. Selbstbewußte Menschen, kantig wie Kirchenpfeiler, störrisch wie die Stiere, die auf ihren saftigen Weiden brüllten und sich nur widerwillig dem aufgezwungenen Joch beugten ...! Zollweise und Schritt für Schritt hatte er sich die Herzen dieser kernigen und eichenholzharten Männer erobert. Ha, wie das wohl tat, wie ihn das entschädigte für alles, was er bislang an Qual und Widerwärtigkeiten durchgemacht hatte! Er trat unter sie, gab ihnen die Hand und sah jedem ins Auge. Er gewahrte nur leuchtende Blicke. »Männer der Niederung,« sprach er bewegt, »wir haben uns in dieser Stunde gefunden, und daß es so kam, das dank' ich Euch allen. Jetzt, wo Ihr mir Ellenbogenfreiheit gegeben, wo wir uns gegenseitig verstehen und gemeinschaftlich denselben Rammpfahl eintreiben – da fleckt das ganz anders, da ist die Arbeit ein köstliches Gut und eine herrliche Freude. Arbeit, Arbeit ...! – In Eurem Dienst, im Kampf mit dem Wasser – Ihr sollt Euren Deichgrafen erkennen, und gebe der Himmel, daß es noch nicht zu spät ist.« »Donnerknippchen!« sagte Franz Hasselt, »auf den können wir stolz sein.« »Sind wir!« jubelte Petrus Nagel und gab dem Wirt vom ›Blauen Schiffchen‹ ein freudiges Zeichen. »Gert Liffers soll leben,« rief der Viehweidshöfer. »Hurra – der Deichgräf!« »Hurra – der Deichgräf!« XVI Das Testament Die sieben stattlichen Linden vor dem Hause des Notars Johann Peter Gerechtsam neigten sich respektvoll voreinander, und jedes Mal, wenn sie eine Verbeugung gemacht hatten, wirbelte es goldig von den halbkahlen Ästen. – Es war Allerseelen geworden. Am Tage zuvor hatte der Frost eingesetzt, und während der Nacht hatte es geheimnisvoll geflirrt und geflimmert. Sternchen um Sternchen fiel, und am frühen Morgen lag die erstarrte Erde unter einem schimmernden Schneetuch. Der hölzerne Kruzifixus, der inmitten des Friedhofes aufragte, sah milde auf die Gräber hinab, die, nach großen und kleinen geordnet, sich in schnurgerader Richtung zu seinen Füßen gruppierten. Hinter dem eingeschneiten Holzstock streckte sich eine leuchtende Fläche. Es war so, als sei ein safrangelbes Brett auf den tiefen Himmel genagelt. Der Wind spielte mit den dürren Gräsern, die aus der Schneedecke vorragten. Viele Leute kamen und gingen; die wenigsten aber beachteten das kleine Grab, das mit einem gußeisernen Kreuzchen geschmückt war. Hier ruhte Threschen. Die Welt vergißt so leicht. Selbst die traurigsten Ereignisse flackern nur für eine kurze Spanne gen Himmel, ähnlich einem Strohfeuer, das aufflammt, um plötzlich in sich zusammenzufallen. Die Menschen haben etwas anderes zu tun, als solchen Ereignissen nachzuhängen. Sie kommen und gehn, schaffen und hasten, sorgen und mühen, hassen und lieben, bis endlich ein stiller Geist erscheint, leise die Fiedel spielt und mit ihnen, just wie es mit dem armen Threschen der Fall war, nach den vielen Kreuzen und Kreuzchen hinaustanzt. Und wie es dem unglücklichen Kinde erging, so wird es auch ihnen ergehen: sie werden vergessen. Nur wenige Menschen dachten an Threschen. Am frühen Morgen war eine schwarzgekleidete Frau an seinem Grabe gewesen. Lange hatte sie dort auf den Knien gelegen, hatte den kalten Schnee geküßt und die starre Erde mit ihren Tränen erwärmt und befeuchtet. Um die Mittagsstunde war der kleine Nikola gekommen. Mit verklammten Händchen legte er ein Kränzchen von getrockneten Blumen auf den Hügel seiner heimgegangenen Freundin. Traurig wehte der Wind seine Schürzenbändel über das Grab fort. Als es dann dunkel wurde, der hohe Kruzifixus sich mit den Floren des werdenden Abends umhüllte, wurden sieben kleine Geisterstämmchen auf der einsamen Stätte lebendig. Sie lebten eine geschlagene Stunde. Als sie ausgebrannt hatten, verließ Gert Liffers gesenkten Hauptes den Kirchhof. – Allerheiligen und Allerseelen vergingen. Der Frost war stärker geworden. In der Nacht, die dem Allerseelentage folgte, glänzten die Sterne in seltener Klarheit. Anderen Morgens hatten die alten Linden nur noch wenige Blätter. Der Wind grapste hinein und warf die letzten, goldgelben Herzen gegen die Fensterscheiben der Notariatsstube, in welcher die Sekretäre saßen und emsig mit ihren Federn auf den glatten Papierbogen hantierten. Die Tür, die in das Privatkabinett des Notars führte, stand geöffnet. In dem vorderen, blautapezierten Bureau, das auf die Straße hinaussah, standen verschiedene Regale, die einen Geruch nach Aktenstaub und eingetrockneter Tinte ausströmten. An einem schwarzangestrichenen Pult arbeitete Knippscheer, während Fritze Sötentitt ihm gegenüber saß und sich damit beschäftigte, Aktenschwänze zu schneiden, sie zu signieren und in die bereit liegenden blauen Deckel zu kleben. Knippscheer war wieder der gallige, grämliche, verbitterte Knippscheer geworden. In den ersten Tagen seliger Hoffnung hatte ihm der Himmel voller Geigen und Cymbeln gehangen; er war freundlich, aufgeräumt gegen jeden, beglückte sich zweimal in der Woche mit einem frischen Vorhemdchen, schob sich keinen Papierbogen mehr unter den Hintern und ließ die abscheuliche, tintenbekleckste Ärmelstauche beiseite – und zwar alles à Konto der zwanzigtausend Tälerchens, die ihm nach Aussage van Bommels der Donnerjü zu vermachen gedachte. Allein sein weitläuftiger Vetter kam nicht und kam nicht; seine Freudigkeit schrumpfelte wie ein überwinterter Apfel in sich zusammen, und je länger er harrte und hoffte, um so intensiver fiel er in seinen früheren Zustand, in seine Sparsamkeits- und Tyrannengewohnheiten zurück, bediente sich wieder des Hosenfallreeps, brachte die antiquierte Ärmelstauche aufs Frische zum Vorschein und traktierte Sötentitt genau in derselben Weise mit den obligaten Ohrfeigen, wie es der arme Bengel von früher gewohnt war. Sulpiz Knippscheer ärgerte sich über alles und jedes. Er konnte keine Fliege sehn, der er nicht den Garaus machen mußte, schimpfte auf das stetige Rascheln der Lindenblätter da draußen, behauptete, der infame Kerl von Materialist habe die miserabelste Tinte geliefert und sah dem Kanonenofen griesgrämig zu, wenn der fidele Gesell rote Backen bekam und lustig in die Stube hineinknackte. »Klatschdich ...!« Der arme Zeilenschreiber, von dem plötzlichen Glauben besessen, der wohlgezielte Hieb habe ihm gegolten, wäre vor lauter Schreck beinah von seinem Kontorstuhl gepurzelt, sah aber noch zur rechten Zeit, daß er daneben geglaubt hatte. Dagegen war die allerletzte Winterstiege, die ihm durch ihr anheimelndes Summeln und Summsen die Langeweile des Bureaus erträglich gemacht hatte, endlich ihrem Schicksal verfallen. Unwillig hatte sie Knippscheer mit einem breiten Lineal niedergehauen und auf einen funkelnagelneuen Stempelbogen geheftet. Ungewollt paradierte sie nun als Siegel unter dem ›Wir Wilhelm von Gottes Gnaden, König von Preußen‹. »Die wird nicht mehr mausig,« grinste der Notariatssekretär, »und so mag's allen ergehn, die da räsonnieren: gegen Demokraten helfen nur Soldaten.« »Herr Knippscheer,« sagte plötzlich der Junge. »Was soll's?« herrschte ihn der Angerufene an, unwillig über die verursachte Störung. »Bengel, was gibt's denn?!« »Herr van Laak kommt,« klang es verschüchtert, »und Krispinus van Bommel ist bei ihm.« »Wer?! – Wo?!« machte Knippscheer und war, ohne die Antwort abzuwarten, ans Fenster gesprungen, überzeugte sich von der Richtigkeit der aufgestellten Behauptung, schwang sich fidel auf den Büreaustuhl zurück, riß sich den Papierbogen unterm Sitz fort und praktizierte die Stauche mit unbändig-frohem Gekicher unter den Deckel des rasch aufgeschlagenen Pultes. Hierauf setzte er eine Gönnermiene auf, wie sie Sötentitt noch niemals erlebt hatte, griff kichernd in die Seitentasche und offerierte ihm, immer heftiger kichernd, das aufgeklappte Zigarrenetui. »Herr Sötentitt, ich bitte darum, sich gefälligst bedienen zu wollen.« Zum zweiten Male in seinem Leben sah sich das Aktenmännchen vor die unumstößliche Tatsache gestellt, daß der liebe Gott noch immer mit Zeichen und Wundern bei den Menschen umherging, besann sich auch keineswegs lange, da er die Launen seines Vorgesetzten kannte, griff dieserhalb mit einem alleruntertänigsten Diener in das volle Zigarrenleben hinein und langte sich ›Eine‹, während sein hoher Gönner die zusammengeklatschte Fliege betrachtete und in die fast wehmütig klingenden Worte ausbrach: »Tot, um nicht wieder aufzuwachen zu einem freudigen Dasein! Wie schade, wie schade! Soeben noch gelebt und gesummelt – die Ärmste! Und jetzt ...?!« »Herein!« Barthes und Krispinus waren ins Zimmer getreten. »Tag, Herr Geheimrat,« sagte der Donnerjü, »ist der Notarius zu sprechen?« »Bitte, hierneben.« Vor innerer Erregung war er kaum im Stande gewesen, zu antworten. Wie bei einer Walzermelodie prickelte es ihn bis in die Zehenspitzen hinein. Den demokratischen Standpunkt schmiß er beiseite, obgleich er sich ihm neuerdings wieder zugeneigt und noch vor einer halben Stunde sich selber das feierliche Versprechen gegeben hatte, in dieser allein richtigen und trätabelen politischen Ansicht leben und sterben zu wollen. Er betrachtete Barthes mit verklärtem Gesicht. In diesem Augenblick erschien der Notar, ein Mann in den sechziger Jahren, in der Tür seines Privatkabinetts. Mit seinen durchgeistigten Händen strich er sich langsam durch das graumelierte Schläfen- und Barthaar und meinte: »Herr van Laak, was verschafft mir denn die Ehre?« »Nur so'n kleines Äktchen auf Leben und Sterben.« »Also Testierung des letzten Willens?« »Richtig,« nickte der Donnerjü, »und wenn's angeht, noch heute. Die Geschichte muß mir doch endlich von der Leber herunter.« »Herr Knippscheer, zwei Zeugen,« wandte sich der Notar an seinen ersten Gehilfen und betrat mit seinem Klienten und Krispinus van Bommel sein eigenes Amtszimmer. Sötentitt wurde geschickt, die Zeugen zu holen. »ten Hompel und Pollmann!« rief ihm sein Gönner noch nach, dann ließ Knippscheer in nervöser Eile die Feder wieder über den gestempelten Papierbogen hasten. Die Buchstaben lachten ihn an, und die Schnörkel, die er in seiner Herzensfröhlichkeit machte, schnitten so vergnügte Gesichter, als sollten sie selber Miterben werden. Nein, was lag in dem Wörtchen ›Testament‹ doch nicht alles verborgen! Ehefreuden, 'ne mollige Stube, auch zwei, auch drei und ein sorgenfreies Leben für später ... »Sophie, Sophie ...!« kicherte und lachte Knippscheer in sich hinein, rieb sich die Hände und schlenkerte die Beine verliebt um den Drehstuhl. Die Ohren wurden ihm lang und versuchten durch die gemaserten Türfüllungen ins Nebenzimmer zu dringen. Sie hörten nur wenig. Die Besprechung nebenan bewegte sich in den Grenzen des üblichen Konversationstons, blieb ruhig und sachlich und erhielt nur zeitweise durch ein abmahnendes oder zustimmendes Krähen vonseiten van Bommels eine lebhaftere Färbung. Mit übereinandergeschlagenen Beinen, den Kopf nach vorne gesenkt und die Augen geschlossen, saß Herr Johann Peter Gerechtsam seinem amtlichen Besuch gegenüber. Mit sichtlicher Spannung schien er den Auseinandersetzungen seines Klienten zu folgen, bis er schließlich die Arme verschränkte, die Blicke erhob und den Kopf in bedenklicher Weise seitwärts bewegte. »So, das wäre nun alles;« schloß Barthes van Laak seine erläuternden Worte, »wobei ich mir allerdings die Frage erlaube, ob das Gesetz in dieser Form die Betätigung des Aktes gestattet und nicht berechtigt ist, mir 'nen Hemmschuh an den Radkranz zu legen.« »Zackerzucker – wieso denn?!« legte sich Krispinus van Bommel ins Mittel. Der Notar machte eine abwehrende Handbewegung. »Im allgemeinen Wohl nicht,« sagte er mit gelassener Ruhe, »obgleich ich Ihnen über die Art und Weise, wie Sie zu testieren gedenken, mein Befremden nicht vorenthalten möchte.« »So?!« krähte van Bommel, »das wäre denn doch 'ne kuriose Geschichte!« »Herr van Bommel, Sie sind wohl der Berater Ihres Herrn Neffen gewesen?« »Allerdings,« bestätigte dieser. Um die Züge des Fragestellers spielte ein ironisches Lächeln. »Herr van Laak,« sagte er dann mit einer gewissen Erregung und ohne sich weiter an den Alten zu kehren, »ich, in meiner Tätigkeit als amtierender Notar nicht allein, sondern vornehmlich in meiner Eigenschaft als fühlender Mensch, rate dringlich zum Frieden und möchte Sie in Ihrem Interesse und dem einer Zweiten freundlichst ersuchen, von der Niederlegung Ihres letzten Willens in dieser verletzenden Art und fatalen Gestaltung Abstand nehmen zu wollen. Ich weiß aus Erfahrung: auf der Mühle des Lebens reiben oft die Steine hart aneinander, unliebsame Konsequenzen werden gezeitigt, Verstimmungen, eheliche Zwiste laufen mit unter, Irrungen, die momentan das häusliche Glück untergraben, stellen sich ein, schaffen Wochen und Monde der Qual und bringen Unlust zur Arbeit, aber alles will nicht übers Knie gebrochen werden. Die Steine schleifen sich ab und gewöhnen sich allgemach an ein gemeinsames Schaffen, die Charaktere ergänzen sich, und die Herzen, die sich feindlich gegenüberstanden, harmonieren wieder und schlagen in alter Treue zusammen. Jeder voreilige, unüberlegte Schritt ist vom Bösen, und daher: ich bitte Sie dringend, die Angelegenheit vor der Testierung noch einmal prüfen und gewissenhaft überlegen zu wollen.« »Herr Notarius,« meinte der Donnerjü und schüttelte energisch den Kopf, »das ist ja alles recht schön, aber hier ist nichts mehr zu prüfen. Das ist vorher geschehen, und ich bitte darum, meinen Willen so zu Papier und unter Siegel zu bringen, wie ich das für richtig befunden.« Die Worte kamen ihm trocken und hart aus dem Munde; mit Mittel- und Zeigefinger klopfte er dabei in lebhafter Weise auf die Kante des Tisches. »Dann allerdings,« sagte der Notar, erhob sich und durchschritt etliche Male das Zimmer. Plötzlich blieb er stehn, zog mechanisch einen kleinen Schlüsselbund aus der Tasche und spielte wie in Gedanken damit, daß die einzelnen Teile sich klingend bewegten. Gleichzeitig fixierte er den Donnerjü mit milden Augen und fragte: »Also für den Fall, daß Sie ohne leibliche Erben mit Tod abgehen sollten, wird ein Testament in Kraft und Wirkung treten ungefähr des Wortlauts, wie Sie es soeben in meiner Gegenwart mündlich auseinandergesetzt haben?« »Ja.« »Ich rekapituliere daher: zum Universalerben bestimmen Sie Herrn Ferdinand van Bommel, Lehrer in Elten.« »Stimmt,« nickte Barthes. »Von diesem sind folgende Legate auszuwerfen: dreitausend Taler für die hiesige Kirche von Sankt Nikolai.« »Richtig.« »Dem Herrn Krispinus van Bommel, früher Seilermeister, jetzt Kaufmann, in hiesiger Stadtgemeinde domiziliert, beziehungsweise dessen rechtlichen Erben – die Liegenschaften, die im Flurbuch unter dem Titel ›In der Priesterkoppel‹ genannt sind.« »Freundchen! – Freundchen ...!« rief der Alte in seiner höchsten Fistelstimme, »wir wollen hoffen: meine rechtlichen Erben!« reichte seinem Neffen die Hand über den Tisch hin und versuchte, eine Träne zu mobilisieren. Der Notar sah fragend Barthes van Laak an. »Hat seine Richtigkeit,« bestätigte dieser. »Inferner: dem Herrn Notariatssekretär Sulpiz Knippscheer, ledig und ebenfalls domiziliert in hiesiger Stadt- und Kirchengemeinde – zwanzigtausend Taler in bar, eventuell Schadloshaltung durch Verpfändung der in der Gemeinde Wisselward liegenden Grundstücke.« »Wie ich gesagt hab',« konstatierte Barthes, »kein Titelchen fehlt dran, und ich bitte darum, nun voran zu machen und die Geschichte unter Zeugen und Siegel zu bringen.« »Wenn es an der Zeit ist,« sagte der Notar mit ernster Betonung. »Vorher aber habe ich noch einige Fragen zu stellen.« »Bitte.« »Herr van Laak, sind Kinder vorhanden?« »Nein.« »Und auch nicht zu erwarten?« Der Gefragte zuckte die Schultern. »Kaum,« sagte er schließlich. »Hat Ihre Frau Vermögen mit in die Ehe gebracht?« »Die?« fragte der Alte. »Kein Dittchen!« rief er alsdann höhnisch dazwischen. »Herr van Bommel, ich muß Sie dringend ersuchen, derartige Zwischenrufe unterlassen zu wollen. Sie passen nicht in die ernste Verhandlung.« Ein heiliger Zorn flammte in den milden Blicken des instrumentierenden Notars auf. Mit Gewalt suchte er seinen Unmut und seine Erregung niederzukämpfen. Endlich gelang's ihm. »Herr van Laak,« wendete er sich wieder an diesen, »Sie haben der Kirche ein Erkleckliches zukommen lassen, obgleich die ›Tote Hand‹ übrig genug hat und das ihr vermachte Kapital für die Allgemeinheit so gut wie verloren sein dürfte. – Sie sind willens, sich Ihren näheren und entfernteren Verwandten gegenüber äußerst generös und liebenswürdig zu zeigen, und das ist Ihr gutes Recht und ehrt Ihren Charakter in jeglicher Hinsicht, und seien Sie überzeugt: bei Ihrem Vermögen – ich gönn' es den Leuten, aber ich komm' nicht darüber: was – um Himmels willen! – kann Sie nur veranlaßt haben, Ihre Frau so zu behandeln?« »Oho!« knurrte van Bommel. »Die?« fragte der Donnerjü mit stieren Blicken und sah den Notar an. »Allerdings.« »Herr Notarius,« trumpfte der Donnerjü auf, »das ist meine eigene Sache.« »So,« machte Johann Peter Gerechtsam mit gelassener Ruhe, »Sie scheinen es allerdings zum Äußersten treiben zu wollen, möchte aber nicht unterlassen, Sie mit den Vorschriften des Erbrechts in Etwa befreundet zu machen.« »Ich bitte.« »Der überlebende Ehegatte des Erblassers,« zitierte der Notar unter scharfer Betonung jedes einzelnen Wortes, »ist neben Verwandten der ersten Ordnung zu einem Vierteile, neben Verwandten der zweiten Ordnung jedoch oder neben Großeltern zur Hälfte der Hinterlassenschaft als gesetzlicher Erbe berufen.« »Ist mir bekannt,« bestätigte Barthes. »Außerdem,« fuhr der Sprecher fort, »gebührt der hinterlassenen Ehefrau im letzteren Falle noch der gesetzliche Voraus.« »Auch bekannt – aber das schert mich den Teufel! – Enterbt soll sie werden.« »Soll sie,« nickte van Bommel. »Das ist mein Wille auf Leben und Sterben,« ergänzte der Donnerjü, »nur der Schulmeister Fennand van Bommel sei angehalten, ihr als Universalerbe jährlich siebenhundert Taler Mundgeld zu geben – heiratet sie wieder, wird auch dieses gestrichen,« »So ist es,« setzte der Alte einen gründlichen Strich unter die Auslassungen seines Neffen. »Kein Punkt soll dran fehlen,« sprach der Donnerjü mit erregter Stimme weiter. »So wird's gemacht und gehalten – nicht anders. Prosit, Ihr Bauern!« dabei nahm er ein Aktenstück, das vor ihm lag, in die Höhe und ließ es klatschend zurückfallen. »Nichts soll sie haben.« »Ruhe, Ruhe!« meinte der Notar, indem er beschwichtigend die Hand ausstreckte. »Ja, Barthes – ruhig mit die koll'rigen Pferde,« sagte van Bommel, »Du bist ja in Deinem Recht, und das kann niemand Dir nehmen.« »Herr Notarius, nu aber vorwärts,« knurrte der Fingerhutshöfer, »und wenn ihr selbst alle Hammel von Gesetzgebern beispringen würden . . .« »Herr van Laak, ich muß mir ernstlich verbitten ...« »Nicht so viel als das Schwarze vom Nagel bekommt sie.« Der Notar hielt an sich. »Herr van Laak, ich frage noch einmal: ist das Ihr letzter Wille, den Sie hierdurch bekunden?« »Mein letzter.« »Gut, dann bin ich gezwungen, wenn auch schweren Herzens, das Protokoll zu vollziehen,« sagte der Notar und ließ die Zeugen erscheinen, die ihm nach Namen, Stand und Wohnung bekannt waren. »Tag zusammen!« mit dieser Begrüßung traten der Schreinermeister Pollmann und Jan ten Hompel ins Zimmer. »Setzt Euch,« meinte der Notar, ließ sich selber nieder, schüttelte etliche Male den Kopf und begann dann zu schreiben. »Aber ich bitte, alles so in die Reihe bringen zu wollen, wie das mein Herr Neffe von Todes wegen verlangt hat,« glaubte Krispinus noch ermahnen zu dürfen, damit auch die kleinste Bestimmung nicht vergessen würde und ihre Richtigkeit habe. »Herr van Bommel,« war die ruhige Antwort, »ich ersuche Sie dringend, mich nicht zu stören, auf die Gefahr hin, Sie anderen Falles bitten zu müssen, das weitere hierneben abzuwarten.« »Na, denn...« sagte patzig der Alte, schlug die Beine übereinander und muffelte zum Fenster hinaus, wo die Spatzen in den Pyramidenbäumchen lärmten, und weiterhin eine ehrwürdige Windmühle ihre Flügel bewegte. Es war still in der Amtsstube geworden; nur das feine Gangwerk der Feder ließ sich vernehmen, die widerwillig ihre Arbeit verrichtete, als Barthes plötzlich unruhig wurde, sich verlegen räusperte und in die Worte ausbrach: »Gotts den Donner! – da ist mir ja eine Legatsbestimmung reineweg durch die Wicken gegangen!« »Und das wäre?« »Da ist ja noch die Stina Pannkuk vom Vorwerk!« ergänzte der Donnerjü die Liste der aufzunehmenden Legatare. »Zackerzuckcr, Herr Neffe ...!« »Und was wäre mit der?« fragte Johann Peter Gerechtsam. »Bedacht soll sie werden – sie und ihr Junge.« »Womit?« »Mit dem bei Wisselward gelegenen Vorwerk, inklusive Stallung, Remisen und dem hierzu gehörigen Grund und Boden.« »Ist das Kind unehelicher Abkunft?« »Allerdings.« »Und wer ist der Vater?« »Ist das nötig zu wissen?« »Es könnte nicht schaden.« »Gut denn – ich, Herr Notarius.« »Aber Freundchen! – Freundchen!« rief Krispinus dazwischen und war erregt in die Höhe gesprungen, »das gibt ein Skandälchen!« »Meine Sache,« hielt ihm Barthes entgegen, »bleibt so, und ich bitte Sie, Herr Notarius, das soeben Gesagte Wort für Wort protokollieren zu wollen.« Der Notar schrieb weiter. Der Donnerjü stierte auf den Boden. Er ärgerte sich über sich selbst und über die Art, wie er seine Liegenschaften an den Mann gebracht hatte. Sauer erworben und sauer bewirtschaftet! – und nach seinem Tode sollte der prächtige Besitz, auf den er stolz gewesen, den er mit zäher Willenskraft und mit zähen Fäusten gehalten, dem er sein Vergnügen, seine Tage und sein Leben geopfert, in alle Winde und unter Menschen, die ihn eigentlich blutwenig angingen, verstreut sein! – Himmel Sackerment noch einmal! – und hatte er überhaupt die Garantie, daß diese Kerle ihm seine Gutheit noch mal dankbarlich anrechnen würden?! – I, wo! – den ganzen liegenden und mobilen Besitz an Kinder und Kindeskinder verteilen, über den dämlichen Geber noch lachen – das würden die Kerle! – und er läge im Grabe und müßte noch hören, wie die vormals von ihm sauber bewirtschaftete Scholle knirschte und klagte. »Dummkopf!« murrte er zwischen den Zähnen. Krispinus van Bommel streifte ihn mit lauernden Blicken – und da erinnerte sich der Testierer wieder an das, was ihm alles begegnet, daß er kinderlos sei, und daß er seiner Frau noch einen Tort antun müßte. »Bleibt so,« sagte er mit verhaltenem Ingrimm und verfiel wieder in ein bedrohliches Schweigen und Brüten. Aber die Feder hastete weiter über den glatten Stempelbogen, und nebenan saß einer, dem wurde die Welt zu eng, der zählte die Minuten und spitzte die Ohren, gerierte sich wie ein verliebtes Kanin und suchte nach einem erlösenden Ausgleich, bis er schließlich einen solchen gefunden, die ihm zur Seite stehenden Sandstreufässer ergriff und die ganze Ladung dem armen Fritze Sötentitt über den Kopf stülpte. »Menschenskind!« jubelte er und umarmte hierauf den verdutzten und von seinem Drehstuhl gesprungenen Sandmann, »hast Du schon jemals in Deinem Leben Champagner getrunken?« »Nein,« stammelte Sötentitt, der in verzweifelter Überlegung stand, in welches Gefach seiner Herzenskammer dieser erneute Freundschaftsbeweis seines Gönners gehörte und rubriziert werden mußte. »Dann sollst Du's,« bestätigte Knippscheer und streckte die Hand aus, »auf meiner Hochzeit sollst Du schwimmen in diesem Zauberwasser von Frankreich, und ein Küßchen sollst Du erhalten von dem Weib aller Weiber!« Sötentitt entsetzte sich. »Sophie, Sophie...!« deklamierte der glückliche Spender, dann ging er hin und verbarg sein Gesicht in die Aktenfaszikel des Repositoriums, um dort seine Rührung herunterzuschlucken. Drinnen wurde eine klare Stimme lebendig. Nach halbstündiger Arbeit hatte der Notar das Schriftstück vollendet, worauf er, unter scharfer Betonung eines jeden Wortes und unter den erstaunten Gesichtern der zur Instrumentierung des Aktes hinzugezogenen Männer, das Niedergelegte zur Vorlesung brachte, »Stimmt das alles?« fragte er schließlich. Mit einem gewissen Bedauern glitten dabei seine sanften Blicke über das robuste Gesicht des Testierers. Der Donnerjü nickte. »Dann ersuche ich Sie, Herr van Laak, und die beiden Zeugen, das Protokoll unterschreiben zu wollen.« Der Donnerjü hatte die Feder ergriffen. »So geschehen in der Amtsstube des fungierenden Notars und am Tage, wie eingangs gemeldet,« lautete die Schlußformel. Er setzte seinen Namen darunter, desgleichen ten Hompel und Pollmann. »Adjüs, Herr Notar.« Die Konferenz war zu Ende. Im Nebenzimmer hatte Sulpiz Knippscheer in seiner Herzenspläsierlichkeit mit dem Daumen der rechten Hand ein Kreuz in der Hosentasche geschlagen. » Actum ut supra !« sagte er dann mit tiefer Verbeugung, als der Donnerjü, Krispinus und die beiden Zeugen vorbeidefilierten. Johann Peter Gerechtsam war indessen in seinem Privatkabinett ans Fenster getreten und sah in den Garten. Der letzte Herbstschmuck war von den schlanken Pyramidenbäumchen gefallen. Nichts Lebendiges mehr zeigte sich auf den gefrorenen Schollen. Die bunten Astern, die noch vor wenigen Tagen in Flor gestanden, hatten die Köpfe gesenkt und waren vom Frost über die starren Rabatten geworfen. Nun ruhten sie aus von ihrem kurzen Blühen auf Erden. Zarter Flutterschnee legte sich barmherzig über die abgestorbenen Blumen. Keine verspätete Vogelstimme ließ sich vernehmen; nur die Spatzen, die Bettelvögte, lärmten wie vorhin. »Winterszeit!« sagte Johann Peter Gerechtsam. Er mußte an den Donnerjü denken. »Alles kalt, starr, tot,« dachte er weiter, »nichts Erfreuliches, Herzerquickendes mehr unter dem Himmel, und so mag es auch in der Brust des Mannes aussehn, der soeben testiert hat. Gott gebe, daß bei ihm noch nicht alle Keime gestorben, daß sie aufwachen mögen, wenn der Buchfink wiederum schlägt, und die ersten Veilchen im Holz stehn.« Dann ging er hin, nahm das Testament und legte es zu den übrigen Akten. – Schon um die Mittagszeit spazierte Herr Sulpiz Knippscheer mit Jöffer Boß im Arm offenkundig und vor erstaunten Gesichtern über die Grabenstraße. Der erste Brautbesuch galt der hochverehrten Frau Mömmes. Sophie hatte ihr Bestes angelegt. Ihr Gesicht strahlte; nun hatte sie doch endlich den langersehnten Himmel auf dieser Erde gefunden. Und die dicke Lisbeth sah sie kommen, legte ihre Hände ergeben und zukunftsfreudig zusammen – und knickste und knickste.   XVII Et ging 'ne Pater langs de Kant ... Es nahm alles seinen geregelten Gang, das heißt in der Natur, bei der Laken-Sophie, Madam Mömmes, Sulpiz Knippscheer und vielen anderen Leuten, die sich hinter dem gemütlichen Ofen bei Bratäpfeln und ›Sechsundsechzig‹ amüsierten, winterschläfrig an ihren Pfoten saugten und sich mit dem zufrieden gaben, was ihnen die gestrengen Monde beschieden. Bei Gert Liffers jedoch ... Mit einer quälenden Unruhe im Herzen ließ er die klingenden Frosttage über sich ergehen, sah besorgt in die Zukunft und beobachtete vergrämelten Sinnes, wie sich die Kälte immer nachhaltiger und tiefer in die Erde hineinfraß. Ende November hatte er allerdings die Genugtuung, die Bestätigung des Projektes, um das er so lange gekämpft und gerungen, seitens der Regierung in Händen zu wissen. Alle seine Vorschläge hatten dort uneingeschränkte Zustimmung gefunden, sogar ein »Bravo!« war vom maßgebenden Dezernenten mit untergelaufen – er brauchte nur zu befehlen, die Spaten in Tätigkeit treten zu lassen, die Scholle zu werfen ... Spatengeklirr und geworfene Erde! – das war es ja eben, was er mit allen Fibern erstrebte, allein die sonst so humusreiche und gefügige Erde war graniten geworden, zeigte die Zähne, gab Funken, wenn das Eisen hineinstieß und setzte jedem Versuch, das nötige Pfahlwerk zu rammen, einen passiven Widerstand und ein verbissenes Knirschen entgegen. Mutter Erde wollte schlafen, sich ausrasten von ihrer beschwerlichen Arbeit; sie ließ sich nicht knechten – und der Mensch mußte sich fügen. Eine leblose Masse, mit schneeumkrusteten Flanken, starr, gefühllos, umnebelt, angeschrotet von glasharten Schollen, die heimtückisch seine Weichen benagten, lag der Deich inmitten der winterlichen Öde und harrte gleichfalls auf das schöpferische ›Werde‹, das ihn wieder belebte, die Grasnarbe weckte, sein Herz klopfen ließ und ihn kampfbereit machte, sich dem später entfesselten Wasser entgegenzustemmen. Während der Nacht blinzelten die Sterne höhnisch herunter, kam der Morgen, umfauchte ihn die Kälte noch grimmer denn vorhin, und wenn es Abend geworden, ging ein dunstiger Geist in Nebelhaube und Nebelschuhen über ihn fort, der von hier aus seinen dicken, erstarrenden Atem über die weite Landschaft hauchte. Auf dem Pfahlwerk der Bunten Schleuse hockten die Krähen, plusterten ihre Schwarzröcke und sahen den Schollen zu, die sich malmend zerrieben. Sinter Klaas war gewesen. Jöffer Boß hatte alle Hände voll zu tun, kramte in Heimlichkeiten und prickelnden Vorbereitungen herum, bis schließlich die Weihnachtswoche kam, Lisbeth Mömmes ihre Ungeduld nicht mehr zu zähmen vermochte und mit geheimen Augenzwinkern ihr die Frage nahelegte, wann sie ernst machen würde. »Ich wollte es eigentlich bescheiden und stillekes machen,« war die schüchterne Antwort, »nur Sie, Madam Mömmes, und die Babbeltjes-Lena sollten dabei sein.« Da war sie aber an die falsche Adresse gekommen. »Was?« sagte Lisbeth und setzte ihre Hände mit einem energischen Ruck in die stämmigen Hüften, »Sie in Ihren Rothschildverhältnissen – un denn stillekes machen?! – Wofür is denn das Geld auf die Sparkasse, wofür hat Sie geerbt, hat 'nen vollgestopften Strumpf un is Kaptalistin geworden?! – Prima wird's gemacht, mit 'nem öffentlichen Zug nach die Kirche, nachfolgendem Ball un 'ner Fetierung bei Schweinem. Un alles was recht is: Pollmann un Mynheer ten Hompel wird Sie einladen müssen, denn sie sind Zeugen bei dem notariellen Aktus gewesen, un Herr Spezereiwarenhändler Nagel, Nikola sein Pappa, muß Festordner werden, denn er is ein pläsierlicher Mann, Billardkollege von Ihrem Zukünftigen un versteht sich darauf, solche Festivitees mit 'nem gehörigen Awek aus die Kiste zu lassen.« »Geld ist ja da,« sagte mit einer selbstgefälligen Miene die Lange, »aber meint Sie das wirklich, meine liebe Frau Mömmes?« »Meinen?!« erstaunte sich Lisbeth. »Um tausend Gotteswillen – was sollen die Leute wohl denken! Das muß Honnör von Ihr sein, das muß Sie gewissermaßen als 'ne heilige Verpflichtung betrachten – un daß ich mich man gleich un von vorneherein richtig erkläre: ohne Musieke un 'ner prima Pollionäse geht's überhaupt nich.« Diesen schlagenden Argumenten konnte sich allerdings die Lange nicht mehr entziehen, und als Lisbeth schließlich in beredten Worten noch auf die Notwendigkeit hinwies, Gert Liffers durch eine opulente Hochzeit zu imponieren, ihm gewissermaßen das Gleichnis von den sauren Trauben vor Augen zu führen, versprach Sophie sich die Sache durch den Kopf gehn zu lassen und sie mit ihrem Bräutigam besprechen zu wollen. »Bong!« entgegnete Madam Mömmes, »wie der Herr Festordner sagt, un nu darf ich wohl fragen, zu welchem Termin Sie den Tag in Aussicht genommen?« »Ich meine am Dreikönigensonntag; auch mein lieber Sulpiz ist genau derselben Meinung.« »Un welche Gründe hat Sie dafür?« fragte die Dicke. »Zweierlei Gründe.« »Erstens?« inquirierte Madam Mömmes und streckte ihren Zeigefinger pielrecht nach aufwärts. »Weil es so ein heelmoijer Name ist, und ich die heiligen drei Könige immer verehrt hab'.« »Zweitens?« fragte Lisbeth und gab ihrem Zeigefinger noch einen dicken Kollegen, und zwar in Gestalt ihres Daumens. »Madam Mömmes, ich möchte nicht gerne ...« »Scharniere Sie sich mir gegenüber durchaus nich; ich bin doch auch mal eine verheiratete Dame gewesen.« »Na, denn ...« riß sich die Lange zusammen, »weil ich zu Gott hoffe, daß er mir im heiligen Ehestand drei Söhne beschert, von denen ich annehme, daß der erste Kaplan, der andere Küster und der Letzte vielleicht auch noch Kaplan werden könnte.« »Das is nobel gedacht,« konstatierte die Dicke und schlug sich mit der Hand auf den Schenkel, »das wird Ihr im Himmel angekreidet un is doch noch ein christkatholischer Standpunkt. Mamsell Sophie, was ich immer gesagt hab': Sie is ein leiblicher Engel in diesem Tale der Tränen. Aber der Herr Spezereiwarenhändler Nagel muß Festordner werden, un mit 'ner prima Pollionäse wird das Ganze bei Schweinem beschlossen.« Hierauf schob sie ihre Hornbrille nach aufwärts, nahm ihr Sacktuch und fuhr sich damit gerührt über die Augen. – – – Der Advent ging zu Ende. Der Weihnachtsbaum bekam seine vergoldeten Äpfel und Nüsse, Flitterschaum und bunte Lichter – und die Kerzen brannten nieder, knisterten noch etliche Male und verloschen alsdann. Und die Neujahrsglocken begannen zu läuten, Punsch wurde aus großen Suppenterrinen getrunken – und die Neujahrsglocken verhallten. Noch sechsmal schlief Mamsell Boß zwischen ihren jungfräulichen Kissen – und dann war der Dreikönigensonntag gekommen. Die überflüssigen Formalitäten der Ziviltrauung, die der Racker von Staat leider Gottes noch immer verlangte, hatten am Tage zuvor so ganz nebenher ihre Erledigung gefunden, dann aber, also am eigentlichen Fest der wirklichen Freude, ging's hoch her, wie Madam Mömmes ausdrücklich verlangt hatte. Petrus Nagel, dem in seiner Eigenschaft als Leiter des Festes der Wunsch nahegelegt worden war, nach eignem Ermessen die Teilnehmer aussuchen und einladen zu wollen, hatte in umfassender Weise seines Ehrenamtes gewaltet. Per Fahrrad und mit brennender Pfeife, der schneidenden Kälte Trotz bietend, war er von Pontius zu Pilatus gestrampelt, überall wirklicher Teilnahme und glücklichen Menschen begegnend. Krispinus van Bommel, die Babbeltjes-Lena, Madam Mömmes, Herr und Frau Pollmann, der Herr Bäcker- und Spritzenmeister ten Hompel nebst Gattin, selbst Fritze Sötentitt und Hannibal Pinsgen wußten die Ehre zu schätzen, sagten zu und versprachen nicht nur der kirchlichen Feier mit Andacht und gehobenem Herzen beizuwohnen, sondern stellten auch einen gesegneten Appetit mit nachfolgender Tanzbeinbewegung in Aussicht. Barthes van Laak mußte leider bedauern, ließ aber durchblicken, daß er nicht abgeneigt sei, ein splendides Hochzeitsgeschenk auf den Tisch des Hauses zu legen. Christ van de Lucht kam zuletzt an die Reihe. »Gerne!« brüllte er Petrus Nagel entgegen, und als dieser ihm durch die Blume zu verstehen gab, daß er, Christ van de Lucht, wegen angeborener Taubheit sich am besten dazu eigne, dreimal drei Böllerschüsse verknallen zu lassen, wenn der Hochzeitszug losginge, war er auch hiermit zufrieden und ging stehenden Fußes zum Polizeiamt, um sich die erforderliche Schieß- und Knallvorschrift von Rechts wegen ausstellen zu lassen. In der Wirtschaft von Schweinem hatten zwei Mägde drei Tage hintereinander damit zu tun gehabt, das Lokal mit Fähnchen und Tannenzweigen in die richtige Verfassung zu setzen, und als die glückliche Braut, unter Assistenz ihrer Freundinnen, die Schlafkammer gerichtet hatte und sagen konnte: »Nun ist alles fertig; die beiden Kissen vertragen sich und liegen verschämt nebeneinander« – da stand sie im Myrtenkranz und Schleier im Hausflur, umgeben von ihren Getreuen und harrte des Augenblicks, wo die Glocken von Sankt Nikolai sie in die Kirche geleiten sollten. Eine kalte, aber heitere Wintersonne flimmerte durch das Oberlicht der Haustür und umstrahlte die Jungfrau. Es waren Minuten süßen Harrens und Bangens, bis Gottes Stimme ertönte. Jetzt sprach sie in vollen Akkorden aus luftiger Höhe. »Los!« kommandierte der Festordner, riß die blitzblaue Tür auf und gedachte, sich als erster mit seinem Veloziped an die Spitze des Zuges zu stellen. Aber das ging nicht so einfach. Lisbeth hatte noch eine Überraschung, so eine Art von Vorfeier in Aussicht genommen, denn Marieke Bärendonk stand draußen, flankiert von Nikola und Nöllecke Kunders, die, mit weißseidenen Schärpen geschmückt, zwei Stechpalmsträußchen emporhielten, aus denen die Scharlachbeeren glückverheißend aufleuchteten. Die glückliche Braut stieß einen leisen, aber freudigen Schrei aus. Marieke Bärendonk knickste. Sie sollte ein Gedicht deklamieren, das sich rühmen konnte, den Herrn ersten Kaplan als Verfasser zu haben. »Voran, Marieke!« ermunterte Madam Mömmes das etwas verschüchterte Mädchen, »Tante Boß liebt Dir ja sehr un gibt Dir nachher auch ein leckeres Küßchen.« Das wirkte. – Mit heller Stimme ließ denn Marieke das sinnige Gedichtchen vom Stapel, und also begann sie: »Nicht zur Kirche fährst Du in 'nem Wagen, Nicht zu Roß; Doch von Liebe wirst Nu hingetragen – Sophie Boß! Kein Minister ist und auch kein Recke Dein Genoß; Doch er trägt das Herz am rechten Flecke – Sophie Boß! Edelmut von jeher, ohne Finte, Ihn umfloß; Tiefes Wissen schöpft er aus der Tinte – Sophie Boß! Frömmigkeit, ein Leben ohne Tadel War Dein Troß; Höchstes Glück nur brachte Dir die Nadel – Sophie Boß! Amor hatte lange keine Eile, Bis er schoß; Endlich aber schickte er die Pfeile – Sophie Boß! Glaube kaum, daß Dich die Herzenswunde Schwer verdroß; Denn ich seh' Dich lächeln hier zur Stunde – Sophie Boß! Reißt der schöne Wahn auch mit dem Schleier, Der Dich umschloß, Geh' getrost nur zu der heil'gen Feier – Sophie Boß! Denn gar bald dem Bunde sich verkettet Sproß auf Sproß; Glücklich Heim, wo stets man Windeln plättet – Sophie Boß!« Dankbaren Herzens neigte sich die also Fetierte zu dem kleinen Mädchen und gab ihm ein Küßchen. Petrus Nagel, hoch zu Rad, setzte sich an die Spitze des Zuges, vom Armenhaus her knallten die Böller und, begleitet von den neugierigen Blicken aller Nachbaren, die Türschwellen und Fenster besetzt hielten, ging es zur Kirche. Vorweg, unter Innehaltung eines getragenen Tempos, segelte Nagel, hinter ihm kamen Marieke Bärendonk, Nikola und Nöllecke Kunders, das Brautpaar folgte, akkompagniert von Krispinus van Bommel, während ten Hompel und Pollmann umschichtig ihre stattlichen Gattinnen führten. Madam Mömmes, ganz in lilafarbigem Stoff mit einem spitz darüber geworfenen Kaschmir gekleidet, ließ sich die Ehre von Hannibal Pinsgen antun, denn sie liebte die Jugend und frische Gesichter, wie sie denn überhaupt gerade bei diesem jungen Materialisten die gährende und vorwärtstreibende Männlichkeit zu beobachten Gelegenheit hatte. »Sehr obligiert,« lächelte Pinsgen, als seine Partnerin ihm zu verstehen gab, daß er seine Manieren habe und sich mit Damen zu unterhalten verstände, verlieh sich noch eine größere Forsche und dachte fast geringschätzig von Fritze Sötentitt, der, mit der Babbeltjes-Lena am Arm, einen zwar sehr bescheidenen, aber doch würdigen Schluß machte. Die Alte in ihrer prächtigen Bänderfladuse ging kerzengerade am Stock. Sie war kreuzfidel; das Paradiesapfelgesichtchen, durch die Kälte noch frischer gerötet, saß appetitlich zwischen den schneeweißen Rüschen. Die stattliche Kinnschleife bewegte sich ständig, denn Lena kaute jetzt schon die diversen Gerichte, die ihr Sophie geschildert und in Aussicht gestellt hatte, probeweise und zu ihrem eigenen Vergnügen, genau die Reihenfolge innehaltend, herunter. Die Zeremonien vor dem Altare bewegten sich in erhebenden Formen. Das war denn doch eine ganz andere Weihe, wie die traurige Errungenschaft der Aufklärung, wie der lächerliche Hokuspokus vor dem Standesbeamten! – Der Herr erste Kaplan sprach in fesselnder Weise und schilderte die Vorzüge einer christlichen Ehe, die nicht wie die heidnische in ihren Kindern dem Kaiser zu geben hatte, was des Kaisers, sondern mehr darauf Bedacht nehmen mußte, Nachkommen ins Leben zu rufen, die im späteren Dasein die freie Stirn haben würden, nur einem klerikalen Abgeordneten ihre Stimme zu geben. Und als er dann näher auf das bekannte ›Wachset und mehret Euch‹ einging, da konnte Madam Mömmes nicht umhin – sie mußte an den kleinen Küster und die beiden Kaplänchen denken, tat einen glücklichen Seufzer und dankte ihrem Herrgott für die ausbündige Gnade, ihr eine so glaubensstarke und für das Heil der Kirche vorsorgende Freundin verliehen zu haben. Dieselben Arrangements, die hinsichtlich des Einzuges in die Kirche maßgebend gewesen, blieben auch beim Ausgang in Kraft, nur mit dem Unterschied, daß der Festordner als nationalliberaler Mann einen dreimaligen Triumphgang um das auf dem Marktplätze stehende Denkmal des Reitergenerals Friedrich Wilhelm von Seidlitz vorgesehen hatte mit dran sich anschließender, feierlicher Festpromenade nach Schweinem. So geschah's auch, und Herr Schweinem stand vor der Wirtstür, empfing seine Gäste und dienerte ein über das andere Mal: »Große Ehre für mein einfach Lokal!« und der Herr Webermeister Janssen saß mit seiner ganzen Kapelle auf der Musikantentribüne und taktierte beim Eintritt den Trauermarsch ›Nu trinkt sie keinen Rotspon mehr‹ mit aller Akkuratesse von seinem hohen Podium herunter – eine sinnige Aufmerksamkeit von Seiten der jungen Frau, ihre behäbige Freundin an den ›seligen Tag‹ zu erinnern. Sie hatte sich nicht getäuscht. Die feine Widmung war auf fruchtbaren Boden und in ein dankbares Herzchen gefallen. »Gott ne nich –- die Sophie!« freute sich Lisbeth, wollte ihre Dankbarkeit auch sofort an den Mann bringen, verfiel dabei auf Hannibal Pinsgen und gab dem Ahnungslosen einen herzhaften Kuß auf die Radieschenwange, daß es einen prächtigen Knall gab. »Nun aber, ut deus bene vertat ,« trat Knippscheer aus seiner etwas ängstlichen Reserve heraus, »wollen wir lustig sein, lustig sein, lustig sein ...!« klatschte in die Hände und forderte die Gäste auf, gefälligst Platz nehmen zu wollen. »Das ist eigentlich meine Sache,« meinte der Herr Festordner, fügte sich aber und gab den Markören einen Wink, voran zu machen. Ein allgemeines »Ah!« erhob sich, als gleich nach der Suppe ein delikates Kalbsragout, mit Mürbeteigplätzchen garniert, angereicht wurde. Christ van de Lucht brüllte seinem Nachbar Pollmann ins Ohr, daß er so was noch nie in seinem gewiß erfahrungsreichen Leben gesehen habe, während der arme Fritze Sötentitt die Augen aufriß und nichts Eiligeres zu tun hatte, als sich den Hosengurt um einige Zoll weiter zu schnallen. »Bong!« sagte Petrus Nagel, erhob sein Gläschen mit Rotwein und prostete verständnisinnig nach dem jungen Frauchen hinüber. Die Babbeltjes-Lena hingegen fand keine Worte, um besser essen zu können, und es war unglaublich zu sehen, was dieses beinahe achtzigjährige Weibchen hinsichtlich eines guten Appetites zu leisten vermochte. Dreimal ließ sie sich anpräsentieren und fragte gleich hinterher, ob es jetzt westfälische Mettwürste mit Sauerkohl gäbe. Als ihr dieses bejaht wurde, nahm sie Gabel und Messer fester zur Hand und freute sich schon im voraus auf den hierauf folgenden Schweinebraten mit geschmorten Kartoffeln. Die mettwurstliche Ovation ging zu Ende, der Braten kam, und nachdem man ihn so vermöbelt hatte, daß nur noch die Schwarte von dem stattlichen Knochen herabhing, erhob sich der Herr Festordner, klingelte ans Glas und versuchte, das jovialste Gesicht seines Lebens zu machen. Er brachte aber trotzdem nur das Gesicht eines Karpfen zum Vorschein, der ängstlich nach Luft schnappt; das wirkliche Fidele seines inneren Menschen markierte die Tolle – und so legte er denn mit seiner Karpfenvisage los, aber ›gebuttert‹, wie Hannibal Pinsgen später nach der wohlgelungenen Rede sich ausließ. »Hochverehrte Festgenossen, meine Damen und Herren, Freunde und Gönner!« also ließ er sich hören, »Sie wissen, ich bin kein eingeborener Redner, sondern nur ein gelernter Materialist mit eingetragener Firma, die ich dereinstmals meinem lieben Sohn Nikola schuldenfrei zu hinterlassen gedenke.« »Das is nobel von ihm,« sagte Lisbeth Mömmes für sich. Der Anfang berechtigte zu großen Hoffnungen, und so legte sie denn die Hände erwartungsvoll zusammen, während Lena heimlich nach der großen Schlagsahnentorte blinzelte, die bereits mit ihrem pompösen Aufbau bei der Anrichte auftauchte. »Hochverehrte Festgenossen! – wenn zwei sich verheirathen tun, so sind sie auch gewillt, in den Stand der heiligen Ehe zu treten,« ergänzte der Redner, »und wie das ein Naturgesetz ist, daß immer zwei und zwei zusammengehören, wie zum Beispiel: Mostrich zu Pfeffer, 'ne Ölbouteille zu 'ner Essigbouteille, so gehört auch ein weibliches Wesen mit 'nem männlichen Wesen in denselbigten Hausrat.« »Sehr richtig,« nickte Krispinus. »Aber nicht dieses allein,« sprach der Aufgemunterte weiter, »sondern auch gewisse Kulören gehören zusammen, denn, wie schön sagt der Dichter: wo Schwarzes sich mit Weißem paarte, da gibt es einen guten Klang. – Schwarz – weil Tinte und Feder Herrn Knippscheer sein Metier sind, weiß – weil die junge Frau bislang nur mit properem Weißzeug hantiert hat. Und das sind die preuß'schen Kulören – und die bedeuten was Gutes.« »Gelb un weiß wäre mir lieber,« warf Madam Mömmes dazwischen. »Mit's Preußische benehm' ich mir nich gern, denn das is niemals mein Gusto gewesen.« »Bong!« sagte der Redner, »obgleich ich so recht nicht dieselbigte Meinung vertrete. Wir haben hier mit's Schwarze und Weiße zu rechnen. Der Herr Neuvermählte ist Beamter, gewissermaßen die rechte Hand seines Chefs, und muß darauf sehen, auf der juristischen Leiter voran zu klettern; er muß was prestieren im preußischen Reiche – und das tut er ganz sicher, denn er hat das Zeug dazu, vielleicht noch mal so'n halber Justizrat zu werden.« Der also Gefeierte schüttete in seiner Bescheidenheit ein Glas Rotspon nach dem anderen herunter. Lisbeth Mömmes sah Fritze Sötentitt an, ob dieser, als gleichfalls des Rechtes Beflissener, wohl den glänzenden Auslassungen über seinen älteren Kollegen beipflichten würde, und als Sötentitt beifällig nickte, da gab sie sich auch mit dem Gleichnis von den preußischen Kulören zufrieden. »Und dieserhalb,« lenkte Herr Nagel so ganz allmählich zum Schluß ein, »mögen die soeben kirchlich Getrauten, weil sie nun einmal zusammengehören, ihren Lebensnachen besteigen, und, mit 'ner schwarz-weißen Admiralitätsfahne am mittelsten Hauptmast, hinausschiffen ins Pläsier und mit immer Monetens im Kasten. Und aus diesem Lebensnachen sollen bald die kleinen Knippscheers herauskucken, die auf einjährig studieren, um gelernte Kaufmänners mit eingetragener Firma oder tüchtige Beamte zu werden, und, wenn's Krieg gibt, mitziehen wollen pro gloria et patria. In diesem Sinne: Herr und Frau königlicher Notariatssekretär Knippscheer sie leben ...« »Hoch, hoch, hoch!« ging das durch den Saal, und selbst Madam Mömmes, obgleich sie sich mit dem Schluß der Rede nicht so ganz einverstanden wußte, weil doch Sophie ihre Jungens für die Kirche bestimmt hatte, jubelte aus ehrlichem Herzen mit, ging dann aber zu Knippscheer, um ihn vertraulich und unter vier Augen zu bitten, nicht zu viel Rotspon zu trinken. »Das bekommt jungen Ehefrauens nich gut,« fügte sie erläuternd hinzu, »wie mir dasselbe aus eigener Erfahrung bekannt is,« suchte dann aber schleunigst wieder ihren verlassenen Platz zu gewinnen, wo die inzwischen herumgereichte Schlagsahnentorte nach ihrer Anwesenheit bangte. Sie griff denn auch herzhaft zu, legte noch ihrem Nachbar Hannibal Pinsgen ein Stück auf den Teller und ließ sie weiterpassieren. Schon lauerte die Babbeltjes-Lena. Endlich war sie an die Reihe gekommen. »Silke, salke sente – Der da gibt Präsente!« sagte sie schmunzelnd und langte sich 'ne Viertelstorte herunter. In Begleitung der Schlagsahnentorte erschienen drei Flaschen Champagner. Fritze Sötentitt wollte vor eitel Bewunderung in die Knie sinken und nahm ein mehr wie reichliches Deputat von dem prickelnden Zeug ein. Dann wurde Kaffee herumgereicht, und als auch diese Freude vorbei war, und die Babbeltjes-Lena das letzte Untertäßchen geschlürft hatte, machte sich eine gewisse Unruhe unter den geladenen Gästen bemerkbar. Frau Schreinermeister Pollmann hatte schon längst mit dem Kopf und den Zehenspitzen getänzelt. »Stühle 'raus! – Tische 'raus!« kommandierte der Herr Festordner, legte selbst Hand an, und als dieses besorgt war, zog er eine dicke Stearinkerze aus der Hinteren Fracktasche und schnipselte seine Späne von dem fettigen Lichtschaft herunter, um den Boden geschmeidig und für den Tanz geeigneter zu machen. So – nun konnte die Tanzerei losgehn. » En avant !« kommandierte er dann mit lustiger Stimme, eine Redensart, die er seinerzeit dem Donnerjü abgeluchst hatte, nahm Madam Mömmes verbindlichst bei der Hand, stellte sich mit ihr an die Spitze des Zuges, ließ das junge Ehepaar, dessen schlechtere Hälfte bereits mit Pendelbewegungen anrückte, hinter sich treten, schnörkelte graziös mit seinem fixen Beinwerk auf dem Platze herum und winkte mit seinem Taschentuch nach der Musikantentribüne hinüber. Mit einem nochmaligen » En avant !« und unter den getragenen Klangen des Pariser Einzugsmarsches führte er hierauf die Polonäse durch die Schweinemsche Wirtschaft treppauf und treppab, dann dreimal wieder im Saal herum, legte ganz neue Überraschungen ein, daß Madam Mömmes vor lauter Amüsement sich den Bauch halten mußte und ihren Partner für den gerissensten Ausbund aller Ballarrangeure erklärte, und machte mit dem sauersüßesten Gesicht die gewagtesten Tanzmeisterwitze, um schließlich die Promenade mit einem getragenen Walzer ausklingen zu lassen. Na – und der Walzer ...?! – Der Herr Festordner und Lisbeth waren zu guter Letzt nur noch solo beschäftigt, aber mit einem ausgeklügelten Raffinement, das mehr wie ein gewöhnlicher Tanz war. Unterm Petroleumkronleuchter und auf einem Fleckchen Diele, nicht größer wie 'ne porzellanene Vorlegeschüssel, führten sie die zierlichsten Pas aus – sie an ihn gelehnt, gefühlvoll, hingebend, und er mit der Grazie und weltfernen Versunkenheit eines Feueranbeters. Alles getragen, ruhig, fast ohne Bewegung – und doch eine getanzte Symphonie, eine verkörperte Gemeinschaft zweier Seelen, die sich endlich gefunden unter dem sanften Schein glücklicher Monde, dargestellt durch den Schweinemschen Petroleumleuchter. Die Babbeltjes-Lena war ganz in Andacht versunken. »Einmal eins is Gott alleine,« sagte sie tonlos, »aber meine liebe Freundin Madam Mömmes steht auch ganz alleine mit's Tanzen,« und dann genehmigte sie sich ein Gläschen Likör, das ihr präsentiert wurde. Mit dem herumgereichten Anisette, der besonders den Damen mundete, erstieg die Fidelität ihren Höhepunkt. Abwechselnd wurde Schottisch, Masurka oder ein sanfter Rheinländer mit Bummelbeilage interpoliert, dann wieder Anisette getrunken. Fritze Sötentitt lebte wie der reiche Prasser, ließ einen Knopf nach dem anderen springen, hob die juristischen Fähigkeiten Knippscheers, der sich kaum noch auf den Beinen zu halten vermochte, bis in den dritten Himmel hinein und sprach ihn ostentativ mit ›Herr Justizrat‹ an, eine wohlgemeinte Ovation, die ihm jedesmal ein Gläschen Likör von seiten der jungen Frau einbrachte. Aber wie das so häufig vorkommt im Leben: was ihn begeisterte, schlug dem armen Hannibal Pinsgen zur Melancholie aus. Er erklärte sich Madam Mömmes gegenüber für den unglücklichsten Menschen auf Erden, den Gottes Sonne beschiene, gestand ihr, daß er wahnsinnig liebe, ohne Gegenliebe zu finden, und daß er sich daher genötigt sehen würde, diesem kaum mehr zu ertragenden Zustand ein baldiges Ende zu geben. Dabei lief über sein kummerbedrängtes Radieschengesicht ein verzückt-überirdischer Abglanz. »Aber, Pinsgen!« meinte Lisbeth, die auch schon des Guten zu viel getan hatte, und drückte ihn an ihren stattlichen Busen, »weg mit die Grillen un Sorgen ...!« wedelte hierauf dem Herrn Kapellmeister mit ihrem weißen Taschentuch zu und meinte: »As't üh belieft, Mynheer Janssen! – Nur um Pinsgen aufzumunterieren, wollen wir das Lied von die ›Kermespopp‹ singen.« »Wollen wir! – Wollen wir!« jauchzten die andern. »Wird gemacht,« sagte Janssen. »Denn los!« freute sich Lisbeth, nahm ein Billardkö, sprang mit ihm, so gut wie es ihre Komplettigkeit zuließ, auf einen Rohrstuhl, fingerte an dem stocksteifen Stößer herum, als wenn sie eine Gitarre erwischt hätte, und sang dann: »Et ging 'ne Pater längs de Kant – En et was in de Mey, Mey, Mey! En noom en Nönnecke bei de Hand – En et was in de Mey, Mey, Mey!« »Weiter, weiter!« ermunterte sie Krispinus van Bommel. »En de Pater boorte de Nonn es op – En et was in de Mey, Mey, Mey! En danzt' dormet as 'ne Kermespopp – En et was in de Mey, Mey, Mey!« »En et was in de Mey, Mey, Mey!« sang die keusche Sophie mit ihrer gläsernen Stimme den Kehrreim. »Och, Herr Pater, no laat mi dat Nönnecke doch – En et was in de Mey, Mey, Mey! Söß krieg di – Gottdomie! – de Düwel noch – En et was in de Mey, Mey, Mey!« Sich vor Lachen die Seiten haltend, stand die Sängerin, hin- und herwackelnd, auf ihrem gefährlichen Stuhlsitz, hob umschichtig das rechte und linke Bein in die Höhe, daß ihre blaubestrumpften Waden sich zeigten und schlenkerte ihren linken Sonntagspantoffel übermütig über die Zipfelmütze des tauben Christ van de Lucht fort, »Mar de Düwel noom em doch beim Schlawitt – En et was in de Mey, Mey, Mey! Da war er die unsterbliche Seele quitt – En et was in de Mey, Mey, Mey!« Mit einem hellen Jauchzer sprang sie von ihrem Stuhle herunter, von allen beglückwünscht und von Hannibal Pinsgen bewundert – und was dann weiter passiert war ...?! – Selbst am anderen Tage, als sie ihr Anisetteräuschchen ausgeträumt hatte, war sie nicht mehr imstande, sich ein genaues Bild über den Ausklang der fidelen Hochzeit zu machen. Sie hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß sie noch zwei Likörchen getrunken, daß der Herr Festordner wie ein Schornstein geraucht, daß Hannibal Pinsgen ihr seine glühende Liebe gestanden, daß Fritze Sötentitt immer von einem Herrn Justizrat geredet, daß der junge Ehemann sich absolutemang auf den Schoß der dicken Bäckersfrau placieren wollte, und Sophie Himmel und Erde in Bewegung setzen mußte, ihn gefügig zu machen und glücklich nach Hause und in die mollig durchwärmte Stube zu bringen. Die kalten Sterne standen schon morgenwitternd am Himmel, als sie selber, und zwar unter Beihilfe des braven Christ van de Lucht, die eigene Schwelle erreichte. Mit knapper Not konnte sie sich noch in die Federn hineindrücken und die Kissen zurechtlegen; dann fuhr sie mit ihrem Bett Karussell durch die Stube. Und Herr Kapellmeister Janssen dirigierte wieder von seiner Musikantentribüne herunter, und Hannibal Pinsgen war wieder melancholisch geworden, und die Babbeltjes-Lena nahm wieder drei Tortenstückchen auf einmal, und sie selber sang immer und immer wieder von neuem: »Et ging 'ne Pater längs de Kant – En et was in de Mey, Mey, Mey! En noom en Nönnecke bei de Hand – En et was in de Mey, Mey, Mey ...!« bis sie endlich die ersehnte Ruhe gefunden. Ein Bild des Friedens, mit zusammengefalteten Händen schlief sie den Schlaf des Gerechten. Und die Kälte kratzte mit steifen Fingern an den Fensterscheiben herum, die Sterne wurden starrer und bleicher, und fern drüben im Kalkflack stöhnte unheimlich das Eis auf. Die heiligen drei Könige aber waren mit ihrem Stern wieder gen Mohrland gezogen.   XVIII Der Deich wird lebendig Oha!« sagte der Kiwi. »Mutter, das hätten wir nu wieder geleistet. Bis über Ostern hinaus hast Du nu wieder das richtige Brennholz. Rechts vom Ziegenstall liegen die Kloben und Stubben, links das kleine Gemüse: Abfall und Späne, aber mit so' nem richtigen Kien drin.« »Kiwi, nu hab' Dich man nicht,« sagte Frau Spettmann, die am offenen Herdfeuer stand und in der Abendsuppe herumrührte, »aber ich will zugeben, daß Du Dich ordentlich geplagt hast.« »Danke,« sagte Josias, zündete die Öllampe an und setzte sich mit der Bibel an den Tisch inmitten der Stube, schlug die Blätter mit angefeuchtetem Zeigefinger raschelnd herum, bis er nach langem Suchen die richtige Stelle erwischt hatte; dann begann er mit aller Andacht zu lesen und sich zu erbauen. Man hörte nur das feine Singen des Herdfeuers und das Knistern der trockenen Roggenstrohhalme, die Josias Spettmann der grimmigen Kälte wegen in seinen Holzschuhen hatte. Die Lampe verbreitete nur einen spärlichen Lichtschein, ließ aber alles größer, unbestimmter erscheinen und drückte die Schatten der beiden einsamen Menschen gigantisch gegen die gegenüberliegende Wand an. Schneeblau dämmerte der werdende Abend in das niedrige Zimmer, das gleichzeitig Küche und Werkstätte abgab, wenn Josias des schlechten Wetters halber nicht draußen arbeiten konnte. Tief am Horizont, kaum spannenweit ob der eingeschneiten Erde, stand das Bild eines merkwürdig großen Sternes. Er war im Sinken begriffen, und je tiefer er sank, um so größer schien sein Umfang zu werden. Wie ein lauerndes Auge sah er durch die unverhangenen Fenster. Sein kalter Schein wirkte sichtlich auf Josias, denn er wandte sich, sah das Gestirn an und meinte: »Mutter, nu sind die auch schon weitergezogen.« »Wer denn?« fragte die Frau und warf einen neuen Stubben ins Feuer. »Kasper, Melcher und Balzer,« lautete die ruhige Antwort, »und der Stern da unten läuft ihnen nach wie so'n feuriger Teckel.« »Lies man voran, Josias,« hielt ihm sein Weib entgegen, »dann schenierst Du nicht weiter; muß acht geben, sonst kocht mir noch die Grütze ins Feuer.« »Tu's man,« sagte der Kiwi, stemmte den Schädel in die klobigen Hände und vertiefte sich wieder in die Geheimnisse des biblischen Textes. Er mochte ungefähr eine Viertelstunde gelesen haben, als er plötzlich unruhig wurde, unverständliche Laute von sich gab und die Stelle zitierte, die von der Sündflut erzählte. »Ich will die Menschen,« also begann er, »die ich geschaffen habe, von der Erde vertilgen, vom Menschen an bis auf das Vieh, denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe. Und kam ein Regen auf Erden, vierzig Tage und vierzig Nächte.« »Was soll das nu wieder?« sagte die Alte verärgert und rappelte energisch mit den Kettenschaken, die über der Brandreite hingen. Der Kiwi aber ließ sich nicht stören. »Also nahm das Gewässer überhand,« las er in gemessenem Ton fort, »und wuchs so sehr auf Erden, daß alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden. Und es ward vertilgt alles, was lebte. Und das Gewässer stand auf Erden hundertundfünfzig Tage.« »So!« kam es von der Feuerstelle her, »also hundertundfünfzig Tage hat das Wasser gestanden?« »Richtig, Mutter!« sagte der Kiwi, »und nu wird's Zeit, daß wir uns 'ne Arche-Noäh bestellen.« »Was willst Du bestellen?« fragte die Alte. »'ne Arche-Noäh, denn das steht in der Bibel geschrieben – und was die Bibel besagt und bedeutet ...« »Du bist wohl verrückt!« trumpfte das Weib auf. »Wenn's keine Körbe zu flechten gibt und keine Barsche zu angeln, denn geht's wieder los mit dem alten Lamento. Mein Christus und Heiland ...!« Verzweifelt schlug sie die Hände zusammen. »Mutter, Du sollst sehn, wir müssen die Arche-Noäh bestellen.« »Menschenkind, bleib mir mit Deiner Arche-Noäh vom Leibe!« versetzte die Alte, hinkte heran und hielt ihm beide Fäuste vor Augen. »Weib!« schlug Josias auf den Tisch, daß die Bibel emporsprang, »ich hab' meinen Zustand und muß daher wissen, was not tut, und wie es der sündigen Menschheit ergehn wird am Tag des Gerichtes.« Er war aufgestanden; in dem knochigen Gesicht begann es zu leuchten. Mit großen Schritten ging er über den Estrich; hinter ihm raschelten die harten Roggenstrohhalme. Jetzt blieb er stehn; er war ruhig geworden. »Mutter, ich habe zu reden.« »Denn rede.« »Ich war gestern in Elten,« sprach er mit rauher Betonung, »und wer, wie ich, in Elten gewesen ist und gesehen hat, wie das schollert und donndert im Rhein, wie er's mit der Wut gekriegt hat, gegen die Krippen beißt und kühmt – und kühmt – und kühmt, Mutter, der muß sich fürs kommende Frühjahr 'ne Arche-Noäh bestellen.« »Wieso denn?« »Mutter, quer übers Wasser hat sich 'ne Eisbarriere gelümmelt – haushoch, turmhoch, als wär' sie expreß dort hingestellt worden, um uns 'nen Schrecken in die Knochen zu jagen. Da sitzt Malör drin und hat ›Mordio‹ unter den Schollen und steht bis nach Ostern. Und wenn dann das Stauwasser kommt und den Kalkflack heraufläuft ... Mutter, unser Deich kann's auch nicht mehr halten.« »Wofür ist denn der Deichgräf da?« »Der hat schon lange vorher gepredigt. Aber wollten die Bauern, wollte der sturige Fingerhutshöfer? Schwere Brett noch einmal! – sie wollten ja gar nicht, und jetzt, wo sie wollen, kommt so' ne miserablige Kälte und legt sich extraordinär übers Leeloch. Wir können nicht rammen – wir können nicht pfählen – wir können nicht schüppen ... Alles geht drunter und drüber: mausekapott, versoffen, tot, fertig – aus! – denn geschrieben steht an einer anderen Stelle: Da ließest Du, o Herr, Deinen Wind blasen, und das Meer bedeckte sie und sanken unter wie Blei im mächtigen Wasser.« »Denn bestell' Du Dir man 'ne Arche-Noäh bei Pollmann,« sagte die Alte mit giftigem Ausdruck. «Tu' ich auch, Mutter.« »Aber das sag' ich Dir, Kiwi,« drang sie erneut auf ihn ein, »ich bleibe hier, hier wo ich stehe, bis mir das Wasser die Röcke heraufkriecht.« »Denn versauf.« »Drecksprophet!« »Mutter, so hat mich schon der schwarze Neu-Luisendörfer geschumpfen!« »Ich kann mir nicht helfen, aber der Mann wird wohl recht gehabt haben.« »Weib!« brüllte Josias, »wer zu seinem Bruder Du Narr sagt ...« »Ach, was!« schnitt ihm die resolute Frau das Wort vor dem Mund weg, »jetzt wird Suppe gegessen: Grütze mit Speck drin,« klappte die Bibel zusammen, warf sie geschickt auf das Eckspind und stellte dafür zwei blanke Zinnteller auf die gescheuerte Platte. »So, nun laß Dir's bekommen.« »Oha!« machte der Kiwi und griff nach dem Löffel. Der kalte, unheimliche Stern am tiefen Horizont war untergegangen. Myriaden anderer strahlten dafür am unendlichen Himmel. Unter ihnen her ging ein Flimmern wie von kristallischen Nadeln. Die Scheiben in der verlorenen Kat umspannen sich mit glitzerndem Netzwerk. Plötzlich drang ein klagender Ruf von draußen ins Zimmer. So stöhnt die Axt, wenn sie ins Holz beißt. Das Weib blickte auf. »Das macht der Frost,« sagte Josias, »der hat wieder so' ne arme Weide gespalten.« Der jämmerliche Laut, der noch geraume Zeit nachzitterte, verlor sich allmählich. Dann ward's still. Die klare Winternacht hielt den Atem an, sie wollte das große Schweigen nicht stören, das über den Schnee ging. Bald darauf schlief auch das matte Licht ein, das bei den Kätnersleuten gebrannt hatte. – Der schneeblauen Sternennacht folgten noch viele andere. Der Rhein trieb nicht mehr; er lag wie angeschmiedet zwischen den Ufern. Drohende Stimmen unterliefen die glasharte Fläche. So ging es weiter mit frostigem Klingen. Erst um Quatember pfropften sich bauschige Nebel zwischen die Dämme. Die waren weich wie dunstige Schafwolle, hatten einen lauen Atem und hauchten damit gegen Schollen und steinharte Erde. Und schwerfällige Gliedmaßen wuchsen aus den wattigen Leibern heraus, dehnten und streckten sich, wälzten sich polypenartig über das Land hin und umarmten, was starr war. Da begann das kalte Herz der geknechteten Erde wieder zu schlagen, erst leise, kaum wahrnehmbar, dann immer stärker und stärker, bis am Tage Reminiscere die ersten Wässerchen sprangen, und stromaufwärts der Rhein in allen Fugen und Kanten krachte und mit Donnergeheul losbrach. Unaufhaltsam trieben und schoben sich die entfesselten Schollen dem Tal zu, polterten aber gegen die Barriere bei Elten, kräftigten die Sperre und geboten dem andrängenden Wasser rückwärts zu kriechen. Und es wandte sich rückwärts, trat ins Binnenland ein und drückte auf das noch stehende Eis der Nebenflüsse, daß es jammernd entzweibarst. Die Stauflut, die den Wind hinter sich hatte, walzte sich auch dem Kalkflack entgegen, grollte und murrte, arbeitete sich zwischen den massigen Dämmen empor, auf denen wieder die Grasnarbe lebte, warf die Schleusentore zu und stemmte die Ellenbogen zur Seite, daß die Deichflanken stöhnten. Tückischen Auges lag die lehmgraue Fläche, mit mulmigen Schollen durchsetzt, und nur auf den Augenblick lauernd, die sie beengende Fessel von sich zu stoßen. Schneeböen, mit Regen dazwischen, stöberten nieder – und wie noch vom Oberrhein beängstigende Nachrichten kamen, da hörte Gert Liffers, wie das Unglück mit energischem Knöchel anpochte und Einlaß begehrte. »Oha!« sagte der Kiwi. Täglich war er draußen und beobachtete das steigende Wasser. Den irdenen Pfeifenstummel im Munde, die fettige Seidenmütze tief in den Nacken geschoben, in schweren Holzschuhen, die quietschend über die aufgeweichte Dammerde glitten – so sahen ihn die Leute, so ging er stundenlang zwischen der Bunten Schleuse und Wissel und wartete auf den großen Moment, wo das Herz des Deiches wieder unruhig würde. Er bemerkte, wie die Maulwürfe in den Böschungen gruben – das gefiel ihm nicht; er sah Rattenlöcher, Mauselöcher – das gefiel ihm auch nicht; er hörte an verschiedenen Stellen das Qualmwasser gurgeln – das gefiel ihm erst recht nicht, aber solange der Deich nicht selber rumorte, sich ängstigte, aus seinem Innern herausschrie, solange hatte es noch gute Wege und war keine Gefahr zu befürchten. So vergingen die Tage. Die Stauflut war höher gestiegen, hatte aber ihr tückisches Auge verloren. Josias Spettmann ließ sich nicht irre machen, stand auf Posten und beobachtete weiter. Allabends legte er nicht weit von der Bunten Schleuse sein Ohr an die linke Flankenseite des Dammes, denn hier war nach seiner unerschütterlichen Ansicht die Pulsader der mächtigen Schutzwehr zu suchen. Alles blieb ruhig. »Schläft noch immer,« meinte der Kiwi, erhob sich, ging nach Hause und sagte: »Mutter, wir brauchen uns vorläufig keine Arche-Noäh nicht machen zu lassen.« »Gut Ding, was sich bessert,« hielt ihm die Alte vor und schenkte ihm einen Nordhäuser Korn ein. »Merci,« sagte Iosias. – So war der Montag nach Lätare gekommen. Der Abend dunstete herauf. Schwere Wolkenfetzen galoppierten aus der Tiefe vor. Der Sturm war hinter ihnen – der niederrheinische Sturmwind. »Oha!« brummte der Kiwi. Ein feiner Regen schlug ihm entgegen. Die Qualmfeuchte war im Vergleich zu den anderen Tagen stärker geworden. »Gefällt mir nicht,« sagte Josias, kniete nieder und legte wieder das Ohr an. Beide Hände stützte er auf den schlüpfrigen Boden. So kniete er lange. Er lauschte gespannt und glaubte schließlich ein Graben und Wühlen zu hören. »Das sind die Ratten, die infamigen Biester!« stöhnte Josias. Dann wieder nichts; nur seine eigene Schläfe hämmerte erregt gegen die Flanke. Immer fester drückte er das horchende Ohr an. Er war sich mit seinem Fühlen und Denken nicht einig. Krampfhaft griffen seine Finger in die lehmige Erde. Nichts ließ sich hören; nur der Regen war stärker geworden. Aber jetzt ... Ein Ruck ging über ihn fort; sein Körper schüttelte sich. Mit einem dumpfen Schrei war er aus seiner knieenden Stellung gefahren. »Die Bibel lügt nicht ...!« Er hatte mit bangen Lauten gesprochen; dann senkte er den Kopf und ging seiner Kat zu. Hier angekommen, straffte sich der gebrochene Mensch, riß die Tür auf und stolperte vorwärts. Sein Weib stand am Feuer. In seinen Zügen lag eine grimmige Botschaft. Sein Anblick war schreckhaft. »Was willst Du, Josias?« »Weib!« schrie der Kiwi, »nu ist doch die Geschichte gekommen, wie ich gesagt hab'.« »Wieso denn?« »Der Deich ist lebendig geworden!« »Schafskopp!« schrie sie ihn an, ergriff das Feuereisen und hielt es ihm dicht unter die Augen. »Weib!« donnerte Josias, »willst Du auch jetzt noch mein Prophetentum elend in die Saubohnen jagen?! – Im Klüverwasser schreit es nach Hilfe. Da sind auch meine jungen Katzen versoffen ... Und hundertundfünfzig Tage stand das Gewässer auf Erden.« Dann ging er mit großen Schritten in den Abend hinaus, selber so erregt wie das große Herz, was da im geängstigten Boden klopfte und pochte. Wiederum schleppte er seinen ungelenken Körper auf und nieder zwischen der Bunten Schleuse und Wisset, brachte die harten Hände seitwärts des Mundes und schrie dann. »Kiwi! – Kiwi! – Kiwi ...!« Langgezogen hallte es durch die Schauer der Nacht hin. »Nun ist es Frühling geworden,« sagten die Fingerhutshöfer. Allerdings war es Frühling geworden. Sie hörten das Niederfallen des Regens, der gegen Scheiben und Dachpfannen trommelte, und wie die Erde schlürfenden Mundes sich letzte. So war es alljährlich gewesen und war nichts Besonderes. Aber Ignaz, der Pferdeknecht, wußte es besser. »Baas,« meinte er anderen Tages zum Donnerjü, als er breitbeinig über den patschigen Hof ging, »der Deichvogel hat wieder bis zum hellichten Morgen gerufen.« »Hab's gehört,« sagte Barthes. »Wie wär's jetzt, wenn wir das Vieh bei Wisselward auf die Notstellen brächten?« »Bist Du auch so'n Kerl,« fuhr ihn der Donnerjü an, »der sich vor so 'nem Halunken von Schreihals und so 'nem bißchen Qualmwasser bange macht?!« »Je, Baas,« zuckte Ignaz die Schultern, »so'n reguläres Stauwater hat's in sich. Der Viehweidshöfer hat auch schon auf 'ne sichere Stelle getrieben. »Der Viehweidshöfer ist ein Kamel!« lachte Barthes. »Auch der Lörksenbauer ...« »Dito Kamel!« »Und Hoghoff von Hönnepel ...« »Noch dämlicher wie die beiden anderen zusammengenommen. Das sind überhaupt keine Bauern – das sind Hammel, denen der Hintere mit Eis geht.« »Je, denn ...« sagte Ignaz, kraute sich den Kopf und ging seines Weges. Der Donnerjü aber griff hinter sich, wo er eine geladene Doppelflinte postiert hatte, warf sie quer über den Rücken und schlenderte dem Leeloch zu, gewillt, in seiner verbissenen Wut jeden über den Haufen zu knallen, der es wagen sollte, den ersten Spaten in seinen Grund und Boden zu treiben. So hatte er es schon allmorgens seit Reminiscere getrieben, ohne sich klar zu machen, daß der Deichgräf grade jetzt, in dieser kritischen Zeit, alles eher getan haben würde, als den projektierten Neubau in die Wege zu leiten. Im Herbst – ja, wäre die Witterung anders gewesen, allein der Frost war ihm zuvorgekommen, hatte die Erde zu Feldsteinen gemacht und zu einer einzigen starren Masse vernietet, so daß nichts weiter übrig blieb, als den gegebenen Verhältnissen Rechnung zu tragen, zu retten, was zu retten war und die gefährdete Stelle mit den zu Gebote stehenden Hilfsmitteln provisorisch zu schützen. Die Dinge, wie sie jetzt lagen, ließen keine andere Möglichkeit zu, drängten darauf, mit den Wölfen zu heulen und das weitere dem lieben Gott in die Hände zu geben. Daran aber hatte Barthes van Laak nicht gedacht, stand täglich auf Posten und wunderte sich, daß die Schanzer nicht kamen, aber wenn sie kämen – schon des infamen Deichgräfen wegen: Purzelbäume sollten sie schlagen wie die Hasen im Kessel. Eine Stunde verging. Zu gerne hätte er die Flinte an die Backe gerissen und Feuer gegeben. Eher nach Kleve und vor die Assisen, als seinen jungfräulichen Boden verbiestern lassen! »Feuer auf diese Kanaillen ...!« Er harrte vergebens; da brachte er den Hahn in Ruh, machte Kehrt und ging dem Vorwerk zu, das drüben hinter den kahlen Baumkronen ungewiß aufstieg. Zwischen den einfachen Mauern konnte er wenigstens aufatmen und seinen Ärger verwinden. Hier hatte er Frieden. Mit seinem eigenen Weibe hatte er seit Betätigung des Testamentes keine Gemeinschaft mehr. Sie mieden sich ängstlich. Getrennt von Tisch und Bett, waren sie auch getrennt im sonstigen Leben. Aber der Stina war er mit Leib und Seele verfallen. Schon von ferne sah er das üppige Weib am Fenster stehn. Als er den schmalen Hofraum betrat, streckten sich ihm zwei weiße Arme gierig entgegen. Hinter sich knallte er lachend die Tür zu. – Die Baumkronen beugten sich vor dem Sturm, der aus Gelderland kam. Immer neue Schneewehen setzten ein. Regen und Graupelkörner waren dazwischen. Mit den Wölfen mußte geheult werden – und Gert Liffers heulte mit ihnen, daß es den umliegenden Grundbesitzern und Bauern in die Kniekehlen hineinfuhr. Noch am selben Tage sagte er die .Nothilfe' an, stellte Wachen aus und ließ in der folgenden Nacht an den zumeist gefährdeten Plätzen die Fanalfeuer brennen. Ein unruhiger Schatten hastete von einer Leuchte zur andern, brachte neues Werg zu und ließ sich von den flatternden Funken umspielen. Taktmäßig klopfte die Flut gegen den Damm an. Es war ein monotones Plaudern und Grollen, nur unterbrochen durch das Frühlingsbrausen, das unter dem mißfarbigen Himmel einherging. Von der kleinen Stadt her zitterten verlorene Klänge. Der Kiwi unterhielt die lodernden Feuer. Das instinktive Gefühl, helfen zu müssen, war in ihm. Am dritten Fanal begegnete ihm Gert Liffers. Er kam von Wissel her, wo die Nothilfe getagt hatte. »Bald geht's um Leben und Sterben, Herr Deichgräf!« sagte der Kiwi. »Das wird's wohl, Josias – kann aber noch tagelang dauern.« »Gott sei mit uns, Herr Deichgräf!« »Hoffen wir,« sagte Gert Liffers, hüllte sich fester in seinen Mantel und revidierte die Posten. Der Regen hatte nachgelassen. Ein eigentümlicher Brodem entströmte dem locker gewordenen Erdreich. Es roch nach Keimen und werdendem Frühling. Mit tiefem Atem sog Gert Liffers die berauschende Luft ein. Um das binnenwärts gelegene Schleusenwerk zu gewinnen, war er gezwungen, den Weg einzuschlagen, der dicht an den Gebäulichkeiten des Fingerhutshofes vorbeiführte. Fast ein Jahr hindurch hatte er diese Stätte gemieden. Jetzt ging das nicht anders, er mußte vorüber, wandte aber den Blick ab, um nicht in Versuchung zu kommen, um nicht die Sparren zu sehen, unter denen sie weilte. »Tot für mich,« hauchte er mit blutendem Herzen. Er wollte vorüber. Eine starre Faust drehte ihm das Gesicht wieder zur Seite, wo die Versuchung kauerte mit seltsamen Blicken. Und da saß sie und streckte die Hand aus. Deichgraf, was hattest Du Dir selber geschworen ...! Ein Licht brannte im mittleren Giebel – und hinter den Scheiben ... Aleit stand in der lichten Umrahmung. Sie war im Nachtgewand. Langsam zog sie ihr offenes Haar durch die geschmeidigen Finger. Die Blicke träumerisch auf die hin und wider spielende Kerzenflamme gerichtet, sah sie dennoch das brennende Licht nicht. Sie befand sich nicht mehr in ihrem Zimmer und den beengenden Wänden. Die Begierde nach alten Erinnerungen, nach einem neuen Leben ergriff sie. Sie gehörte nicht sich mehr. Ein Schauer fuhr über sie hin. Ihr Sehnen ging hinaus, wo die blühenden Gärten des Lebens sich dehnten. Und dieser Gedanke an Liebe erfüllte sie mit heißem Verlangen. Und das sollte sie alles entbehren, entbehren für immer! Ihr Inneres sträubte sich gegen das vage Empfinden eines verlorenen Daseins. Unter dem qualvollen Druck einer möglichen Schuld preßte sie die heiße Stirn gegen die Scheiben. Ihre Lippen waren geöffnet – und ihre weitaufgerissenen Augen starrten über das verschleierte Land fort, wo der Frühlingssturm ging, und die Erde sich sehnte, befruchtet zu werden. »Sein Weib ...!« Gert wandte sich ab; er kam sich verächtlich vor, verächtlich vor der da, die ihn nicht sehen konnte, und vor seinem Gewissen. Die Scham schlug ihm ins Gesicht; dann ging er geduckt, mit dem erbärmlichen Gefühl, sich an fremdem Eigentum vergriffen zu haben – wie ein Hund. »Wie ein Hund,« sagte er selber. – Anderen Tages war er wieder der Deichgräf. Der wütige Kampf um die Herrschaft hatte begonnen. Ums Morgengrauen rückten die Arbeiterkolonnen vor. Aus dem Binnenland brachten die Karren der pflichtigen Bauernschaften Faschinen und Schanzzeug. – Die Spaten klirrten und warfen, zu langen Gliedern gereiht, die Dammerde gegen Böschung und Flanken. Kommandoworte hallten dazwischen, Pfähle wurden gerammt und mit Weidenknüppeln durchflochten, und dabei stieg das Wasser stetig und immer. Bleigrau lag der Himmel darüber, umflorte die Gegend und peitschte nadelscharfe Regenstriemen über das verzweifelte Ringen. Vom frühen Morgen bis zum sinkenden Abend schafften die Spaten; sie klirrten während der Nacht und gaben nicht Ruh an den folgenden Tagen. Der Deichgräf belebte sie durch feurigen Anruf. Zweimal vierundzwanzig Stunden hindurch war er nicht aus den Kleidern gekommen. Das Fieber saß in ihm. »Du oder ich,« sagte er grimmig, biß die Zähne zusammen und harrte aus auf seinem verzweifelten Posten. Am Morgen des dritten Tages schien die Krisis zu nahen. Sturzwellen polterten gegen die Deichkappe an, bäumten sich auf und stierten gierigen Auges ins Binnenland, wie es dort aussähe, ob es schon Zeit wäre, loszubrechen, zu wühlen, zu graben, Kolke zu werfen und Sturmschritt über die hilflose Fläche zu nehmen. Der Deichgräf schlug sie aufs Maul, ließ Aufladungen machen und panzerte die Außenböschung mit Ankerfaschinen. Stöhnend brach das Element in sich zusammen. Aber wie er vorhergesagt hatte: in Höhe des Fingerhutshofes drohte das Unheil. Neugierige kamen aus der kleinen Stadt und den benachbarten Ortschaften, und auch solche kamen, die um ihr Eigentum bangten. Mit Raths vom Entenbusch und Hoghoff war auch der Viehweidshöfer erschienen. Verzweiflung stand auf ihren Gesichtern. Sie sahen das wütige Ringen, sie sahen, wie der Deichgräf mit Aufbietung seiner ganzen Kunst, mit Hintansetzung der eigenen Sicherheit, sich stemmte und wehrte. Sturm! – wie das brauste und heulte! »Die Binnenberme sackt ab!« schrie der Kiwi, »Sandsäcke vor!« kommandierte Gert Liffers. Die momentane Gefahr ging vorüber. »Respekt,« sagte der Viehweidshöfer, ging auf ihn zu, tastete nach seiner Hand und sah ihm ins Auge. »Offen und ehrlich – wie steht es, Herr Deichgräf?« »Legt sich das Wetter,« sagte Gert Liffers mit gerunzelten Brauen, »glaube ich's halten zu können; setzt aber nicht bald eine Wendung zum Besseren ein – Viehweidshöfer, ich bin auch nur ein Mensch – dann geht Gottes Wasser über Gottes Land hin, und dem da ...« Er zeigte zur Rechten. »Und dem da, Viehweidshöfer, kommt zuerst die heilige Schwerenot über den Nacken.« »Dem Barthes?!« riefen die Männer. »Ja – und ob so oder so, wollt Ihr ihm 'nen Gefallen tun, geht zu ihm und sagt ihm: er solle Menschen und Vieh in Sicherheit bringen, ich, für meine Person, garantiere für nichts mehr.« »Wollen wir,« sagte Hoghoff vom Hönnepel. »Adjüs denn.« »Adjüs denn.« Gert Liffers ließ die Deichkappe von den Neugierigen räumen. Die Arbeit ging weiter. – So war unter stetem Kampf die sechste Abendstunde gekommen. »Merkwürdig ruhig,« sagte der Kiwi. »Wenn's nicht die Ruhe vor dem Todeskampf ist,« war die wenig zuversichtliche Antwort. »Oha!« machte der Kiwi. Das Wasser schien lethargisch geworden, rollte nicht mehr, lachte nur kurz auf, aber mit eigentümlicher Härte. Die Weiten umdüsterten sich. Aschensäcke hingen in der Luft und gaben der an und für sich schon nachgedunkelten Fläche eine noch schwärzere Tönung. Nur hin und wieder zuckte ein tückisches Weiß auf. Gert Liffers verdoppelte seine Wachsamkeit, folgte dem langsamen Steigen des Wassers und beobachtete eine schwere Wolkenbank, die sich kaum wahrnehmbar über den Horizont verschob. Sie schien den Sturm und sein Brausen verschlungen zu haben; nur das eintönige Rammen der Pfähle dauerte weiter. Fern drüben bei Wissel leuchtete das erste Fanal auf. Die Niederungsbauern kamen nicht wieder, aber auch keine Hand regte sich in dem nahen Gehöft, der überbrachten Warnung Folge zu geben. Eine gewisse Trotzigkeit ging von den Gebäuden aus, die fast herausfordernd unter dem hämischen Blick der nahen Gefahr lagen. »Der Kerl tut's nicht, ums Verrecken nicht,« sagte der Kiwi, »aber Junge, Junge, Junge – wenn Dir der Satan über den Hals kommt ...!« Ängstlich sah der Deichgräf hinüber. Alles blieb ruhig; nur ein Wagen wurde aus der Remise gezogen. Die Abenddämmerung war stärker geworden. Eine Viertelstunde verging – eine bange Viertelstunde, als ein leichtes Gefährt, mit einem flotten Traber bespannt, aus der Torfahrt ins Feld bog. Obgleich es noch nicht völlig dunkel geworden, brannten doch schon die Laternen seitwärts des Spritzleders. Der Donnerjü lenkte die Zügel. Blind gegen jede Gefahr, versturt, dem Deichgräfen zum Tort und verrannt in eine vorgefaßte Idee, wollte er an der Arbeitsstelle vorüber. Im schlanken Trab kam er näher, mußte aber, der Sackung an der Binnenböschung wegen, die den halben Weg überwälzt hatte, jetzt langsamer fahren. Gert Liffers sah es und trat ihm entgegen. »Nicht weiter!« »Gottverdammich, was gibt's denn?!« »War der Viehweidshöfer nicht bei Euch?« »War da.« »Und die andern beiden?« »Auch da.« »Und haben Euch von der Gefahr unterrichtet?« »Hahaha!« lachte Barthes. »Und da habt Ihr die Stirn noch ...?!« »Weg da! – Dämliches Spukwerk! – Macht Kinder bang, aber keinen vernünftigen Menschen! – Platz jetzt!« »Hiergeblieben!« donnerte der Deichgräf. Arbeiter waren näher gesprungen. »Ich schickte die Bauern. Es geht um Hab und Eigen, um Leben und Sterben!« Der Donnerjü reckte sich auf. »Geschickt?! – diese blöden Hammel geschickt?! – Hasenfüße – Kanaillen! – Dieser Viechskerle wegen laß ich mir mein Karambolagepartiechen nicht stören.« »Und wenn ich selber Euch sage ...« »Gotts den Donner!« schrie Barthes, »dann mal erst recht nicht. Lehrt mich das Wasser nicht kennen! Flach wie so'n Teller. Und der Deich hier am Leeloch ... ?! – werft Euch doch nicht so patzig in Eure Deichgräfenweste! – der biegt nicht und baucht nicht. Viechskerle alle ...!« »Mensch!« hielt ihm Gert Liffers verzweifelt entgegen, »das kann jeden Augenblick kommen!« »Unsinn!« »Zurück! – Erbarmt Euch des Viehs, und wenn Euch das nicht mal kümmert – verlaßt Euer Weib nicht!« »Wa...?!« Bei dieser Wendung schoß dem Donnerjü alles Blut in die Schläfen. »Gottverdammich, was geht Euch mein Weib an?!« – Saukerl verfluchter! – Vorwärts!« »Barthes...!« Der Deichgräf war mit geballten Fäusten vorwärts gedrungen. Ein allgemeiner Wutschrei ertönte. »Schlagt den Hund nieder! – Mausekapott ...!« Ein Arbeiter fiel dem Gaul in die Zügel. »Oha!« schrie der Kiwi, »wer zu seinem Bruder Du Narr sagt ...« Drohend hatte er einen Spaten erhoben; das Eisen blitzte. »Gottverdammich! – Saukerle alle!« Der Donnerjü schwenkte die Peitsche. »Kutt ki kutt!« Ein wuchtiger Schlag ... »Haltet den Hund!« »In drei Teufels Namen noch mal!« Wieder knallte die Peitsche. »Allong!« Kein Halten mehr. Das geängstigte Tier bäumte sich auf, schlug mit den Hufen und riß den Arbeiter nieder. Wiehernd setzte der Gaul über die morastige Erde. »Dem hilft kein Gott mehr,« sagte Gert Liffers. »An die Arbeit!« Es war mittlerweile völlig dunkel geworden. Auf allen Wachen brannten die Feuer. XIX Ruhe – und dann ...?! Verschläfert räkelten sich die Stunden in den Abend hinein. Der bis zur Deichkappe angeschwollene Kalkflack hatte keinen steigenden Trieb mehr. Die Flut stand wie in Betrachtung, was nun weiter beginnen. Auch unter dem Himmel herrschte eine flaue Bewegung. Das Ungewisse, Flattrige hatte sich fast gänzlich verloren. Zeitweilig schob sich die Mondsichel durch die zerrissenen Fetzen. Die bedrohlichen Zeichen schrumpften in sich zusammen, und trotzdem: die Nacht war wie das rätselhafte Weib von Theben. Sie schlief mit offenen Augen und streichelte mit eingezogenen Krallen. Das Schreckhafte war aus ihrem Antlitz gewichen. Eine schmerzhafte Entsagung ging über sie hin, eine selbstquälerische Ruhe war in ihr, nur ab und zu unterbrochen von einem kurz abgestoßenen Wimmern, das, kaum gehört, in unmittelbarer Nähe verhallte. Die Wolkenbank am tiefen Horizont, über die in längeren Zwischenpausen ein verlorenes Licht fiel, hatte den Vormarsch eingestellt. Nur vereinzelte Glieder griffen nach vorn, als wollten sie sich weiter durch die schwere Luft tasten. Sonst herrschte auch hier das lähmende Brüten, das allgemein unter dem Mond war. Die Arbeiterkolonnen atmeten auf. Von allen Posten kam die gleichlautende Meldung: »Damm hält sich – kein weiteres Steigen bemerkbar.« Der Deichgräf hielt mit der Aufladung inne; nur das Eindämmen des Klüverwassers nahm seinen geregelten Fortgang. Gert Liffers befand sich in Höhe des Fingerhutshofes. Der Kiwi trat auf ihn zu. Er hatte kurz zuvor auf dem Boden gelegen. An seinem rechten Ohr haftete noch klebrige Erde. »Ich glaube, die Gefahr ist vorüber, Herr Deichgräf.« »Möglich.« Das ›möglich‹ kam gepreßt von den Lippen und lautete fast, als wäre ihm das Gegenteil lieber gewesen. Eine ähnliche Regung war in ihm. Zum ersten Male in seinem Leben beschlich ihn eine nichtswürdige Feigheit. Er scheute sich vor einem etwaigen Triumph seines Gegners. Wenn der Donnerjü recht haben sollte, wenn er sich selber getäuscht hätte ...?! »Erbärmlich!« stöhnte Gert Liffers. Der Böse wich von ihm. Es ging auf zwölf, als hastige Schritte neben ihm waren. »Wo ist der Deichgräf?« fragte eine vornübergebeugte Gestalt, die sich durch die Dunkelheit tappte. »Hier!« »Ah, guten Abend, Herr Deichgräf.« »Wer will was?« »Ignaz vom Fingerhutshof.« »Was soll's denn?« »Uns bangt so'n bißchen im Hof. Der Baas ist nicht da, kümmert sich den Düwel um Vieh und um gar nichts, hat keine Orders gegeben, und da wollt' ich mal fragen, wie's steht, und ob wir 'ne Hand voll Schlaf in die Augen tun können?« »Die Gefahr flaut ab,« sagte Gert Liffers, »wenn das schwarze Ding da hinten überm Wasser nicht 'raufkömmt. Ich aber an Eurer Stelle ...« »Hab' selbst dran gedacht,« unterbrach ihn der vierschrötige Mensch, »aber so auf eigene Kappe das Vieh aus den Ställen zu treiben ... Nachher schlägt uns der Donnerjü 'ne Forke über den Bregen.« »Oha!« machte der Kiwi. »Haltet wenigstens die Augen auf,« sagte der Deichgräf. »Momentan ist das Schlimmste vorüber – aber man kann immer nicht wissen.« »Wachet und betet, auf daß Ihr nicht in Anfechtung fallet!« rief Josias mit drohender Stimme. »Tun wir,« entgegnete Ignaz. »Die Pferde sind aufgehalftert, und die Kühe stehen mit dem Maul nach der Tür zu. – Gute Nacht denn.« Ignaz stolperte wieder von der hohen Böschung herunter. »Wachet und betet ...! – Man sollte ja den gottssträflichen Barthes wie 'ne Katze bei lebendigem Leibe versaufen!« Ingrimmig ballte Josias die Faust in Richtung des Weges, den der Donnerjü vor etlichen Stunden mit seinem Schäschen eingeschlagen hatte; dann legte er wieder das Ohr auf die linke Flanke des Deiches. Schaurig hallten die Stimmen der einzelnen Posten herüber, die sich gegenseitig anriefen. Im Pferdestall des Fingerhutshofes war Licht; dort stand Ignaz Kerkhoff auf Wache. Und Barthes ...?! – – – In der Wirtschaft zum ›Goldenen Anker‹ hatte Herr Schweinem alle Hände voll zu tun. Gäste kamen und gingen. An gewöhnlichen Tagen sah die große Hängelampe um diese Zeit schon auf leere Tische und Bänke. Heute hatte sie aber ein anderes Bild vor Augen. Die drohende Hochflut, die auch die kleine Stadt in Mitleidenschaft ziehen konnte, hielt die Gemüter in Aufregung. Bei Schweinem ließ sich das ›Für und Wider‹ am besten bereden; man hörte doch etwas. Bier und stetes Geschwätz ließen die Geister immer heftiger werden. Jedesmal beim Öffnen der Tür richteten sich alle Köpfe zum Eingang. »Na, ten Hompel, wie steht es?!« »Was Neues, Herr Pollmann?!« Aber wer auch kommen mochte, immer lautete die Antwort verschieden – eine verflixte Lage der Dinge, nur geeignet, die Situation noch mehr zu verwirren und die Meinungen noch intensiver aufeinander platzen zu lassen. Der einzige ruhige Punkt in der ganzen Gesellschaft war Barthes. Er hatte seine Billardpartie, die er mit Krispinus van Bommel und Knippscheer ausgespielt hatte, schon lange beendet. Jetzt saß er mit diesen und dem Bäckermeister Jan ten Hompel zusammen, ließ eine Bouteille nach der andern auffahren, schüttete ein Glas nach dem andern herunter, verhielt sich im übrigen ruhig und donnerte nur los, wenn er eine neue Flasche bestellte. »Herr Schweinem,« schlug er dann auf den Tisch, »'ne frische Bouteille – aber 'ne bessere Marke! – Prosit, Ihr Bauern – der Deichbruch soll leben!« Der Herr Notariatssekretär klappte jedesmal wie ein Taschenmesser zusammen, wenn der Donnerjü in so frevelhafter Weise ein derartiges Unglück beschwor und gewissermaßen die Gefahr provozierte. »Das ist contra leges , Herr Vetter!« wimmerte er, rutschte erregt auf seinem Rohrsitz herum und wußte vor Angst nicht, wohin er mit seinen Beinen sollte. »Bangbux, in die Kanne gestiegen!« Das wirkte, riß den Geängstigten wieder zusammen, hielt aber nicht lange vor, denn mit jeder frischen Bouteille brachte der Kerl die gottslästerliche Redensart aufs Tapet, so daß der arme Knippscheer nichts weiter zu tun hatte, als das Taschenmesser zu spielen, sich aufzurappeln, Bescheid zu tun, um sich dann wieder in die Rolle des Taschenmessers zu finden. Die Überschwemmungsgefahr trat ihm wie ein Gespenst vor die Seele. Laut Testament hatte er dereinstmals zwanzigtausend Taler zu erben, beziehungsweise war durch die bei Wisselward gelegenen Grundstücke schadlos zu halten und somit berechtigt, sich als Gutsbesitzer zu fühlen, allerdings mit der sich selber auferlegten Verpflichtung, alle Misere, die dieser Stand mit sich brachte, ertragen zu wollen. Daß aber jetzt schon das Schicksal so happig dreinschlagen könnte, machte ihn fassungslos und ließ den schönsten Traum seines Lebens wie eine Seifenblase zerplatzen. Der Donnerjü lästerte weiter, Knippscheer bat ihn, mit den Redensarten inne zu halten. Als aber alles nichts fruchtete, griff er zu einem verzweifelten Mittel. » Ut deus bene vertat ,« stöhnte er schließlich, »wollen wir beten.« Zerknirscht legte er die Hände zusammen. Ein dröhnendes Gelächter schlug ihm entgegen. Der Donnerjü hielt sich den Bauch, hatte aber schließlich Mitleid mit dem verzweifelten Menschen, schwadronierte das Blaue vom Himmel herunter, setzte langatmig auseinander, daß die befürchtete Katastrophe sich nur in den Köpfen der Narren befände, und alles seinen regelrechten Verlauf nehmen würde. Er kam aber mit seiner Vertröstung zu spät, weil der ins Bockshorn Gejagte nur noch mit halbem Ohr hinhörte und seine Aufmerksamkeit dem Herrn Petrus Nagel zuwendete, der drüben am Tisch die entgegengesetzte Meinung vertrat, mit der Pfeife die zähflüssige Luft durchfuchtelte, die Sündflut vorhersagte und dabei mit so schreienden Farben auftrug, daß selbst der phlegmatische Gasthausbesitzer näherrückte, um sich besser von den fulminanten Ausführungen durchschauern zu lassen. »Auch die Stadt kriegt was mit,« wetterte Nagel, »und wer 'ne melke Ziege im Stall hat, kann sie auf den obersten Boden spedieren, wenn er nicht puren Kaffee trinken will und nicht gerne hat, daß sie ihm mit allen Vieren davonschwimmt. Und der Herr Deichgräf hat dieselbigte Meinung. Basta!« Energisch, und gewissermaßen um dem Schluß seiner Rede einen nachhaltigen Druckser zu geben, blies er eine forsche Wolke zur Decke. Knippscheer war zu einem Taschenmesser geworden, das überhaupt nicht mehr aufklappen wollte. »Hörst Du das?!« wieherte Barthes, schlug dem armen Geheimrat auf die Schulter, daß es knallte, und schrie dann: »Hörst Du das, Knippscheer?! – Der dämlichste Hammel kann sich ein Beispiel dran nehmen. Sorg' man dafür, daß, wenn's losgeht, Deine Frau nicht im puren Hemd dem Zichorienherzog ins Bett schwimmt.« Ein allgemeines Gejohle, ein Grunzen, ein eruptives Gelächter folgte dieser hämischen Auslassung des Fingerhutshöfers. Der dicke Bäcker- und Spritzenmeister ten Hompel schüttelte sich. Er mußte krampfhaft an die Tischkante greifen, um in seinem Heiterkeitsausbruch nicht auf den Boden zu stürzen. Krispinus van Bommel riß sich den Kragen auf, um besser lachen zu können. Nur zwei lachten nicht mit. Das waren Knippscheer und Nagel. Eine tiefe, philosophische Traurigkeit hatte Knippscheer ergriffen, während der Herr Spezereiwarenhändler Puterrot und wie ein geladenes Siesemännchen emporfuhr. »Bong das mit der ehrsamen Frau Notariatssekretärin!« rief er über den Tisch fort, »Und wenn es wäre?! – Laß sie man kommen; sie wird estimiert, denn ich bin ein Mann von Noblesse.« Überzeugungstreu schlug er sich mit der flachen Hand auf den Flausrock. »Freundchen! – Freundchen ...!« höhnte van Bommel. »Auf Leben und Sterben!« bekräftigte Herr Nagel seine vorige Aussage. »Glaub's!« wollte der Donnerjü jovial aus der Haut fahren, »so'n Sirupsherzog tut keinem Weib was zuleide. Da müssen schon andere kommen!« Nagel trillerte mit Händen und Füßen. Er wollte was sagen, er wollte dem hundserbärmlichen Gutsbesitzer 'nen ›Schweinekerl‹ an den Kopf werfen, kam aber nicht dazu, da ihn ein wieherndes »Hallo!« übertönte, und als er endlich loslegen konnte, stand Barthes schon da, stülpte sich ein Glas Lafitte hinter die Binde und schrie dann: »Und so ein Kerl ›von Heringstonne und gar nichts‹, vor dem nicht mal ein Weib die Röcke zusammennimmt und auf und davon geht – will uns hier die Pferde scheu machen wollen?!« »Hü mit die Pferde!« grinste Krispinus. »Will wohl in die nämliche Kerbe hauen wie der Rammsbock von Deichgraf?!« ergänzte Barthes mit blaurotem Gesicht. »Überhaupt die Beamtenpackage! – Macht sich wichtig – der Hundsfott! – Nur um von der Regierung wie'n Pfingstochse prämiiert zu werden und schieren Hafer ins Maul zu bekommen, will er uns den Deich am Leeloch verkolken und die harten Taler aus der Nase herausziehen. Aber dabei ist er an den Fingerhutshöfer gekommen; ich kenn' meine Sache und weiß, daß der Leedeich sein lebtagens nicht nachgibt – Gottverdammich! – so wahr ich hier stehe.« »Bis Du ›Schlag Neune‹ bekommst,« dachte van Bommel. »So, meine Herren, das ist die Ansicht eines niederrheinischen Bauern, der das seine gelernt hat, mit unseren Verhältnissen vertraut ist, sich nicht vor jedem Hergelaufenen ins Bettstroh versteckt und vor jedem Hochwasser in die Kinderhose hineinkriecht – und jetzt bekuckt die Medaille von der anderen Seite und beseht Euch den da: den Mann von Noblesse mit der Frau Notariatssekretärin, die im bloßen Hemde heranschwimmt!« »Bravo!« ging es durch den Saal, untermischt mit Lachsalven, die die Scheiben erzittern machten. »Prosit, Ihr Bauern!« schwenkte der Donnerjü sein Glas in den Trubel, und er hätte noch weitergesprochen, wäre nicht in diesem Moment ein karmoisinroter Kragen ins Zimmer getreten. »Der Herr Polizeidiener!« kam es aus allen Ecken und von allen Tischen. Die Gesichter wurden lang, und die Hälse streckten sich. »Nichts Neues vor Paris?« suchte Herr Schweinem einen jovialen Ton anzuschlagen. »Was gibt's denn, Herr Weber?« sah sich der Donnerjü über die Schulter. »Gratuliere, Herr Barthes,« sagte der starre Mann des Gesetzes und klopfte umständlich mit seinem Bleistift auf das dicke Notizbuch. »Hier steht's, und ich hab's auch schon dem Herrn Bürgermeister gemolden: die Gefahr ist alle geworden.« »Hurra!« ging das durch den Saal. Der Alp, der fast auf allen gelastet, löste sich auf. »Man sollte den Kerl von Deichgräf massakrieren,« machte sich ten Hompel Luft. »Einen so in die Predullig zu bringen!« Das Taschenmesser klappte sich auf. »Herr Polizeidiener Weber, sind Sie auch richtig informiert?« fragte der noch immer verschüchterte Knippscheer. »Die Polizei irrt nie,« war die kategorische Antwort. »Da habt Ihr's, da seht Ihr's!« warf sich der Donnerjü in die Brust. »Was ich immer gesagt hab': ein Esel, wer's mit dem Deichgräfen gehalten! Herr Schweinem, 'ne andere Marke, aber was Moussierendes; der Pfropfen muß knallen, und – Gottverdammich! – das hier zum Teufel!« und aus vollem Halse lachend, die brennende Zigarre in eine Mundecke geschoben, kullerte er die ganze Flaschenbatterie, volle und leere Rotweinbouteillen, vom Tisch auf den Boden. »Herr Polizeidiener Weber, hierher – und in die Kanne gestiegen!« Alsbald knallten die Pfropfen. » Hodie obliviscimur Deichgräfios et alias ejus modi creaturas !« ließ sich der wieder ins menschliche Dasein zurückgekehrte Knippscheer vernehmen und schwenkte das Spitzglas. »Es lebe Barthes van Laak!« dienerte Weber. »'rein mit's Gift!« invitierte ihn Barthes, kniff sich, wie er es in der Weinlaune allezeit beliebte, einen harten Taler ins Auge, ließ ihn fallen, fing ihn auf, um ihn alsdann dem gewandten und geschäftskundigen Wirt in die Finger zu werfen. » En avant – immer neue Pullen, Herr Schweinem!« Die Wirtschaft hallte wider von dem rohen Gelächter. Jede geleerte Flasche sah den Keller nicht wieder. Splitternd knallte sie an die gegenüberliegende Wand an. Die Gäste verloren sich; allein Barthes und seine Kumpane waren seßhafte Leute. Sie blieben. So ging das noch lange. Es war bereits ein Uhr unter der qualmenden Lampe geworden, als Barthes sich aufhob. Seine Zunge lallte; der stiernackige, blauüberlaufene Kopf war ihm auf die Weste gesunken. »Herr Schweinem, anspannen lassen!« »Was – schon nach Hause?!« krähte van Bommel. »Nach Hause – in den dreckigen Fingerhutshof? – Niemals! –- aber ich will noch die Stina aufmuntern. Herr Schweinem, anspannen lassen!« »Freundchen! – Freundchen!« erkundigte sich van Bommel, »ist Er auch noch kumpabel zu fahren?« »Was?!« ranzte ihn der Donnerjü an, »mir hat noch keiner geholfen. Ihr, Viechskerle – Achtung!« Auf einer Dielenritze probierte er wankenden Schrittes die Gangbarkeit seines äußeren Menschen. Es ging noch. »Komm, Sulpiz, gib mir 'nen Kuß und nimm mir's nicht übel von wegen der Sophie. Hoffentlich bist Du kein Kerl wie der Lakritzenverkäufer!« »Höhöhö!« brüllten die andern. Gleich darauf meldete Karl Schweinem, daß das Schäschen parat sei. Von der ganzen Korona begleitet, das halbe Treppengeländer mitnehmend, stolperte Barthes nach draußen. Der Rotschimmel begrüßte ihn mit hellem Gewieher. »Brav so,« tätschelte er die Flanke des Tieres, »aber es geht nicht nach Hause. Auf dem Vorwerk kriegst Du Dein Deputat an Häcksel und Hafer.« Dann nahm er die Zügel. »Uffgesessen!« Schwerfällig, öfters daneben tappend und von den anderen geschoben, bestieg er schließlich den Bocksitz, rückte die Beine zurecht und griff lallend zur Peitsche. »Soll ich vielleicht mitfahren?« bot sich pflichtschuldigst der Herr Polizeidiener an, »es ist schon stockeduster da draußen.« »Sollte Ihm passen,« grinste der Donnerjü vom gepolsterten Leder herunter. »Allong, Liese – vorwärts!« Der Rotschimmel griff aus. Die Funken spritzten, und im schlanken Trab, ab und zu in einen ungewollten Galopp fallend, ging es dem Hanselaer Tor zu. »Erst die Chaussee, dann der Kommunalweg und dann an dem Ziegelofen vorüber,« dachte Barthes, als er über die steinerne Brücke ratterte und dann unter massigen Pappelkronen dahinfuhr. Die kalte Nachtluft machte ihm die umnebelte Stirn wieder lebendig. »Immer gradaus,« sagte er zu seiner eigenen Kontrolle. Die Nacht war noch immer ruhig. Selbst die sonst so lebhaften Bäume flüsterten nicht und waren stumm wie die Fische. Grau und gitterartig, ohne Bewegung streckten Sie die noch kahlen Aste über den Heerweg. Sie waren aber noch immer so dicht, das allgemeine Dunkel noch stärker zu machen. Nur in langen Zwischenräumen fiel ein kurz andauerndes Licht quer über die Straße. Der Donnerjü sah es. »Was – stockeduster?!« lachte er mit heiserer Stimme. »So'n Mann des Gesetzes! – Sauft wie'n Rinnstein, aber Champagner, um dann wie'n Pharisäer zu sohlen!« – Da hängt es ja zwischen den Wolken – das Möndchen!« Er schnalzte mit der Zunge. »Vorwärts, Lieschen! – sonst kriegt Stina den Iggel.« Die Chausseebäume machten Beine und sprangen vorüber. »Guter Mond, Du gehst so stille,« sang Barthes durch das Schweigen der Nacht hin. So war er zehn Minuten gefahren, selig, beglückt, nur mit der Roggenstrohhaarigen beschäftigt, als er plötzlich die Zügel straffte und den Rotschimmel anhielt. »Gotverdomie – was ist das?!« Er horchte. »Himmelsackerment noch mal! – das wird ja da oben lebendig.« Er sah in die Höhe. »So eben noch wie die Leichenbitter gewesen, fromm und wehleidig – und jetzt ...?! – das saust ja und braust ja!« Auch der Mond bedeckte sich wieder. Barthes konnte den plötzlichen Wandel der Dinge nicht fassen. Durch die kahlen Zweige ging ein Fauchen und Stürmen: Die Kronen beugten sich. Es ächzte dort oben, als spräche eine drohende Gefahr aus den Bäumen. Sollte der verteufelte Deichgräf ...?! – Unsinn! – Ich bin doch kein Hase wie Knippscheer?! – Te-r-a-a-b!« Der Rotschimmel legte sich wieder in die Sielen und preschte vorwärts. Der Donnerjü konnte die Finsternis greifen; kaum sah er den Kopf und die Mähnenhaare des Pferdes. Nur seitlich des Schäschens und ruckweise über die weißen Stämme der Chausseebäume weg hastete das Licht der beiden Wagenlaternen. Jetzt warfen sie ihren Schein weit über das Land fort. Die Bäume verloren sich, das offene Feld tat sich auf, und instinktiv lenkte das Gefährt in den Kommunalweg ein, der später am Ziegelofen vorbeiführen mußte. Offenes Feld, aber dunkel und düster! »Auch der Mond ist zum Teufel!« lallte Barthes und versuchte mit weitaufgerissenen Blicken in die Ferne zu dringen. Er gewahrte nichts, als tief am Horizont eine wuchtige Masse, die sich wütend herauswälzte. Stoßweise heulte dabei der Sturm über die Erde. Barthes schob sich den Hut in den Nacken. Er sah in die Richtung, wo der Fingerhutshof liegen konnte. Es war weit hinten – zur Linken. Das unbestimmte Gefühl, als habe von dort her jemand gerufen, war in ihm. Eine kalte Hand legte sich ihm schwer auf den Nacken. »Das ist nicht mehr wie vorhin; sollte doch Gert Liffers – der Großmogul ...?!« Mit einem kurzen Laut fühlte er sich plötzlich über das Spritzleder geworfen. Etwas Dumpfes saß ihm unter der Schädeldecke. Funken standen vor seinen Augen. Er riß sich gewaltsam aus dem betäubenden Zustand. »Der verfluchte Champagner ...!« Er wischte sich über die Stirne. »Nichts, nichts, nichts!« sagte Barthes und versuchte der Finsternis einen belebenden Punkt abzugewinnen. Die eine Wagenlaterne war ausgepustet; die andere irrte flackernd ins Feld. Sie streifte mit ihrem Licht ein langgestrecktes Ding, das sich platt auf den Bauch gelegt hatte. Inmitten stand eine kreisrunde Masse, die sich schlotartig nach oben verjüngte. »Der Ziegelofen,« sagte der Donnerjü und bemerkte jetzt auch, wie jenseits davon winzige Feuer, scheinbar zwischen Himmel und Erde ausgelegt, über der Niederung brannten. »Die Fanale! – da schuften die Kerle ...! – aber – prosit, Ihr Bauern! – ich bin richtig gefahren,« Er hatte nicht mehr weit bis zum Vorwerk. Als er dort ankam, verfing sich der Sturm winselnd zwischen den niedrigen Dächern. Er klagte und johlte, aber hoch darüber weg, bei den kahlen Baumkronen, die das Vorwerk umstanden, ließ er mit herrischer Gewalt seine Stimme wie die Stimme einer Posaune ertönen. Sie klang jubelnd, siegesgewiß, zeitweilig unterbrochen durch ein infernalisches Lachen. »Prrr!« sagte Barthes und warf die Zügel einem verschläferten Knecht zu, den er durch langes Trommeln gegen das Stallfenster herausgeklopft hatte. Das Blut hämmerte ihm gegen die Schläfen, als er die Scheiben über der Haustür erhellt fand. »Also noch munter – die Stina!« Gaul und Gefährt wurden in Stall und Remise gezogen. Er selber tappte sich vorwärts. Ein Windstoß warf ihn an der Schwelle zurück, als wollte er ihm den Eingang verwehren. »Gottverdammich ...!« Er griff nach der Klinke und hielt sich. Drinnen ließen sich eilige Schritte vernehmen. »Wer ist da?« »Barthes!« Er schlug mit der Stirn gegen die Planke; ein ähnlicher Zustand wie vorhin im Schäschen. Momentan wußte er nicht, wo er sich befand, und was um ihn vorging. »Champagner?! – Unsinn! – das ist doch sonst nicht bei mir Mode gewesen.« Der Riegel wurde geschoben. Licht! Es war nur eine plötzliche Helle; der Wind verschluckte die Flamme. Barthes hatte genug gesehn. Ein milchweißer Nacken und zwei kräftige Arme ... Er taumelte vorwärts. »Mag da drüben alles versaufen, verderben – Stina ...!« »Du!« Sie gingen. Gleich darauf flimmerte in der Giebelstube wieder das verlorene Licht auf. Es winkte nach den Fanalen, die weit unten über der Niederung brannten – ein trauliches Licht, aber ein Lämpchen, das zum letztenmal geworben und gelockt haben sollte. Langsam senkten sich die Schatten des Todes auf die sündige Flamme; sie mußte verlöschen, und das für immer. – – – Noch vor einer Stunde Ruhe und Hoffnung – und jetzt ... Wie das Gepfeife von betrunkenen Fuhrknechten durchschnitt es die Lüfte. Der Oberfuhrknecht stand weit über Moyland dahinten, stieß viehische Laute aus seinem schwarzblauen Kittel heraus, stampfte mit klobigen Stiefeln den lehmigen Boden und knallte in die Wolkenballen hinein, daß sie scheu und geängstigt davongaloppierten. Hinter ihnen her sprengte er selber. Mit tollem Gelächter hatte er sich auf eins der vorüberrasenden Wolkenpferde geflegelt, spornte und fluchte und trieb immer neue Peitschenhiebe in die stöhnenden Massen, die, aus Rand und Band gekommen, immer tieferen Flug nahmen und fast Erde und Wasser berührten, »Holla!« Klatschend fuhr die Geißel in die gurgelnde Tiefe. Die Flut bäumte sich auf, zuckte und ächzte und spritzte ihre weißen Kämme vor dem Sturmgesellen her, der mit heiserem Lachen dahinritt und das gequälte Element mit immer neuen Hieben traktierte. Ob sie wollten oder nicht, sie mußten – die Wogen, sie mußten sich beugen und taten's schließlich mit einem tückischen Aufblitzen ihrer gelbfleckigen Augen. Die stetigen Peitschenhiebe weckten eine schlummernde Gier auf. Ein wildes Entzücken, durchfuhr sie. Mit einem verlangenden Wonnegefühl, unter den zischenden Hieben immer brünstiger werdend, warfen sie sich dem Sturm in die Arme, gingen mit ihm, rasten mit ihm, um jenseits des wankenden Dammes ihr Brautbett zu finden. Für eine kurze Spanne fiel das Mondlicht über das Wüten und Wogen. Die Arbeiterkolonnen standen noch immer auf Posten, schafften auf Posten und suchten den Klüverdamm, als Druck gegen ein Weichen des Hauptdeichs, in die Höhe zu bringen. Qualmige Lohe ging über sie hin. Die rote Glut der Fackeln schleppte am Boden. Hoffnungslos klirrten die Spaten. Die Wendung war zu plötzlich, so gegen alles Erwarten gekommen. Hoch oben auf gefährdeter Stelle – der Deichgräf! – Sturzwellen gingen über ihn fort. Sein Leib fieberte in qualvoller Erwartung, Mit rauher Stimme gab er die einzelnen Kommandos. Er hielt aus, obwohl er keine Hoffnung mehr hatte. Ganze Faschinenbespreutungen wurden in die Tiefe gerissen. Flockiger Schaum setzte über die Böschung, die Risse und Narben bekam und im Flackerfeuer aussah wie ein Gesicht, in das sich die Pocke gefressen. Unter Knirschen und Fauchen bröckelte die Erde herunter. Der Deichgraf hielt sich an einem gerammten Pfahl, um nicht fortgerissen zu werden. Neben ihm hockte der Kiwi. Er kauerte inmitten von Ankerfaschinen, die er krampfhaft gefaßt hielt. »Ist Euer Weib in Sicherheit?« fragte Gert Liffers. »Ja – Weib und Ziege,« sagte Josias und brachte grinsend das Ohr auf den Boden. Minute auf Minute verrann. Eine wahnsinnige Angst hatte den Kiwi ergriffen. Er bebte um die hilflose Erde, um das Stück Grund und Boden, das er nicht lassen wollte, das ihm ans Herz gewachsen war und sich jetzt von ihm reißen wollte, um nicht wieder zu kommen. Hier half kein Arbeiten mehr, kein Beten und Fluchen! Sein Herz und das des Deiches klopften fiebernd gegeneinander. »Wie spät?« fragte Josias, ohne sich vom Boden zu heben. »Es geht auf drei,« war die ruhige Antwort. Vom Fingerhutshof drangen verworrene Stimmen herüber. Ignaz Kerkhoff übertönte sie alle. Laternen huschten zwischen den Stallungen und Scheunen auf und nieder. Gert Liffers atmete auf. Wiederum war eine bange Viertelstunde vergangen. Eine fressende Welle schlang gierig ein Stück der inneren Böschung herunter; dann raste sie jubelnd auf die andere Seite. Josias triefte. Klebrig hafteten seine eisgrauen Haare an den knochigen Schläfen. Er war kein Mensch mehr; wie ein Tier, wie ein horchendes Tier lag er gestreckt und mit geballten Fäusten in der sumpfigen Lache. Der Deich röchelte; er war wie von Todesnöten gerüttelt. Ein Zucken und Krümmen durchlief den gemarterten Körper. Die Flut stürmte gegen ihn an, als wollte sie ihm das Rückgrat zerbrechen. Die eingerammten Pfähle und Balken knickten wie Glasstengel ab. Plötzlich stieß der Kiwi einen gellenden Schrei aus und war in die Höhe gefahren. »Deichgräf! – Deichgräf ...!« »Was?!« »Das Herz will zerreißen!« »Mag's zerreißen.« Ihm ward frei und leicht zu Sinn. Die Last, die ihn jahrelang geknechtet und seine arme Seele geknebelt, erhob sich, strich von ihm und versank in die Tiefe. Mit gespreiteten Armen stemmte er sich dem heulenden Wetter entgegen. »Spült mich hinweg! – Erlöst mich, dann wäre alles vorüber, alles vorüber – und die alte Sehnsucht hätte ihr Schreien vergessen!« Von unten her kam ein dumpfes Geräusch. Die Arbeiter liefen zusammen. Unter seinen Füßen begann es zu wanken. »Elender,« schrie's in ihm auf, »Du bist gesetzter Deichgräf und willst die Dir anvertrauten Menschen verlassen!« Mit einem Sprung war er bei ihnen. Der Untergrund gab nach; die Binnenberme war ins Rutschen gekommen. Die Katastrophe setzte ein; der Klüverdämm konnte den Druck nicht mehr halten. Bald mußte der Deich den letzten Todesschrei lassen. Josias schlug verzweifelt die Hände zusammen. Alle Mühen und Sorgen waren vergebens gewesen. »Spaten in Ruh!« kommandierte Gert Liffers. Er gab das Ringen auf. Er war unter seine Leute getreten. »Ihr, die rechte Kolonne, zur Bunten Schleuse – die andere nach Wissel! Rollt die Fanale auf! – Vorwärts! – Wir haben vergebens gerungen. – Ihr, Kiwi, zur Stadt und laßt die Notglocke lauten. Gott helfe uns allen!« Die Arbeiter schwenkten die Mützen. »Hurra – der Deichgräf!« Eine Sturzwelle ging über sie hin. »Gott helfe uns allen!« Die Kolonnen trabten ab. Mächtig bauchte der Damm aus. Ein Racken und Brechen ... »Das reißt den Fingerhutshof fort!« Und der Deichvogel schrie – schrie – schrie ... Mit seinen ungelenken Gliedmaßen fuchtelte er durch die Finsternis. »Kiwi! – Kiwi! – Kiwi!« Wie das hallte und die Lüfte zerriß! Es übergellte den Sturm und das Kochen des Wassers. Vom Fingerhutshof kam ein dumpfes Brüllen und Blöken. Das Vieh ahnte die nahe Gefahr. Es zerrte an den Ketten und stöhnte. Gert Liffers sah das Gehöft, wie es, in sein Schicksal ergeben, gewillt schien, sich von den hungrigen Fluten verschlingen zu lassen. Ein Brausen war um ihn. Mit rasenden Sätzen ging es landeinwärts. Fünf Minuten – eine Ewigkeit ... Noch immer hörte er den Deichvogel rufen. Ein Stück des Dammes wurde in die Tiefe gerissen. Er kannte das Gepolter, das charakteristische Schlürfen und Zischen. Vom Hof drang wirres Geschrei. Jetzt war er drin – zwischen Scheunen und Ställen. »Nach Wisselward – auf die oberen Schläge!« »Schon besorgt!« brüllte Ignaz. Kühe und Pferde wurden vorbei getrieben. Gert befreite den heulenden Hund von der Kette. Ignaz Kerkhoff leitete die Arbeit mit Umsicht. »Die ersten müssen schon da sein,« knirschte der Knecht zwischen den Zähnen, »Ich besorge schon alles – aber dem Baas: ein Flegelholz auf den gottserbärmlichen Schädel!« Mit einem heiseren Lachen streckte der ungeschlachte Mensch die Faust in die Höhe: »Flegelholz auf den gottserbärmlichen Schädel! – Aber sein Vieh – das erbarmt mich.« »Und sein Weib?!« »Da oben ...! – Aber sie will nicht – sie will nicht ...! – 'ne Hand voll Kirchhofserde ist für sie wohl das Beste.« »Menschenkind ...!« Der Deichgräf stürmte dem Haus zu. Aus der Ferne brüllten die Tiere. Nur noch eine Viertelstunde, und sie waren gerettet. Er hörte noch, wie Ignaz Kerkhoff auf einem Gaul auf und davonjagte. Er war der Letzte im Hofe gewesen. »Aleit, Aleit ...!« Gert arbeitete sich durch die Dunkelheit weiter – die Treppen hinauf; dann blieb er stehen. Kalte Tropfen standen ihm auf der Stirn; es waren Tropfen, wie sie der Engel des Todes dem ringenden Menschen auf die gemarterte Stirn legt. Da die Tür zur Linken – nur angelehnt. Ein Lichtschein drängelte sich scheu durch die Spalte. Er stürmte ins Zimmer. Mit schon aufgelöstem Haar, am Bett zusammengekauert: das Weib, das Gesicht zwischen den Knieen. »Aleit ...!« »Du ...!« Ein Wimmern, ein Klagen – und draußen das Tosen des Sturmes ... Aufgerissen, schlang sie beide Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn. »Gert – Gert – Gert...! – Ich dachte schon ... Barmherzigkeit! – es wäre besser gewesen.« XX Herrgott, wie warst Du so fern! Gert – es wäre besser gewesen ...« Sie wollte schreien, sich seinen Armen entwinden, nicht hören, nicht sehen – sie wollte ... Aber eine Welle des Erschauerns brandete über sie hin, ein Sehnen, Suchen und Ringen war in ihr, eine klingende Saite durchfuhr ihre Seele ... Sie hatte den Kopf an seine Schulter gedrückt und wimmerte leise. Er zog sie ans Fenster – und wie er hinaussah ... Sie fühlte, was ihn bewegte. Den Kopf zurückgeworfen, sah sie ihn an mit halbgeöffneten Augen, die sich langsam erschlossen – und plötzlich, wie von dem Entsetzlichen dieser Stunde ergriffen, richtete sie sich auf, dem Geliebten entgegen, um dann zu erstarren. Gert riß sie an sich. Minute auf Minute verrann – und er ging nicht. Es wäre auch vergebens gewesen. Wie eine mächtige Domorgel brauste das Wasser herüber. Ringsumher Wasser ...! Und die Stunde war da, von der er gehofft hatte, daß sie niemals gekommen – die entsetzliche Stunde! – Wie ein Traumbild faßt es ihn. Die Wolken zerreißen, der Sturm gibt sich, eine unendliche Klarheit legt sich über die Fläche, wo noch kurz vorher Grausen und Finsternis herrschte. Er schließt die Augen, um nicht zu sehen, und dennoch sieht er alles in deutlicher Schärfe. Eine haarfeine, lichtweiße Linie grenzt den Horizont ab. Inmitten steht eine leuchtende Helle, ein magisches Licht, das ihn unwiderstehlich heranzieht. Eine Brücke führt über die schimmernde Tiefe. Grün wie Resede, zart getönt wie ein Wasserblatt grüßt sie herauf. Ungefährdet geht er hinüber, und wie er ins Licht geht und zurückblickt, ist der schwindelnde Bogen, der Weg, den er sicher gewandelt, in die Tiefe gerissen. Grau, bleiern, tot liegt jetzt das Wasser hinter ihm; aber vor ihm ist strahlende Helle, und das Lied aus verklungener Jugendzeit tönt ihm entgegen. Und inmitten des Lichtes ... Und dann ... ?! Nichts mehr ist um ihn, das ihn an das strahlende Leuchten erinnert, nur das Lied zittert nach, als würde es aus weiter Ferne nähergetragen. Ein kleines Gemach, ein verschwiegenes Lager mit weißen Gardinen, an der Wand ein Bild der Gottesmutter, darunter ein brennender Docht, ähnlich dem sanften Flämmern einer ewigen Lampe ... Seitwärts strahlt eine tiefgebrannte Kerze ihr Licht aus – nah dem Verlöschen. Und der Atem des Weibes ist bei ihm – ein Weib, das noch um ein verlorenes Kind trauert. Ein schwarzes Kleid, das sie in der Eile um sich geworfen, kann ihren blendenden Nacken nicht decken. Ihre Lippen sind geöffnet, die Augen geschlossen. Sie umklammert ihn mit verzehrender Inbrunst, denn sie kennt ihn von Jugend an; sie haben sich Treue gelobt, und die Liebe ist niemals in ihren Herzen gestorben – aber sie ist das Weib eines anderen geworden. Und er fühlt, wie ihr Körper an dem seinen erzittert. Er errät ihre Gedanken, ihr Sehnen und Wollen. Eine selbstlose, hingebende Liebe ist in ihr – aber diese Liebe ist sündhaft. Unruhig beginnt der Docht unter dem Bildnis der Gottesmutter zu flackern. Es ist, als wenn sich von draußen ein erneutes Stürmen erhöbe, ein wütiges Brausen, ein Schwellen und Wogen ... Das Weib ist schwer in seinen Armen geworden. Da wieder ...! Dumpf, gewaltig brauste die Orgel vom Deich her. Gert sah erregt hinaus, um sich nochmals von dem Gewißheit zu geben, was er schon vorhin klar erkannt hatte, da er ans Fenster getreten. Weit dahinten spritzte ein milchiger Gischt in die Höhe, um tosend nieder zu fahren. Wie ein weißes Phantom schritt die Flut durch die Nacht, dumpfe Schläge prallten gegen das Haus an, erschütterten Stiegen und Treppen, die sie gierig verschlangen. Wasser – überall Wasser! – Finsternis und das Heulen des Sturmes, eingekreist auf wankender Scholle und zu Füßen die hungrigen Wogen, die sich freuten, ihr Opfer gefunden zu haben ...! Die Sünde – die Sünde ...! Da flog ihn etwas wie Verzweiflung, wie Angst an. Seine Hände tasteten krampfhaft über ihren gebogenen Nacken. »Wir sind allein,« sagte er mit rauher Betonung, »das Wasser liegt um uns.« »Allein ...!« Er fühlte, wie sie in seinen Armen erwachte, wie sie ihn anblickte mit traumverlorenen Augen – weltfremd und seltsam. Und aus diesem Blick wuchs das Wesen heraus, das mit lechzenden Lippen sich fiebernd an ihn drängte und ihn erschauern machte, wie das Land in stillen Sommernächten erschauert. Er ahnte es deutlich: das war keine Gier, kein verdorbenes Wollen – es war das Mysterium, die Offenbarung, die Leidenschaft eines verlangenden Weibes, das endlich sich wiedergefunden und nach Liebe schrie wie die durstige Erde nach Wasser. Ein seliges Gefühl, so wonnig und weich, als wären ihre Glieder gelähmt, überkam sie. »Bei Dir ...! – Bei Dir ...!« hauchte sie mit ersterbenden Lauten. Keine Alltäglichkeit, keine Gemeinheit! – Willenlos, einer unbekannten Macht verfallen, drängte sie vorwärts. Sie glaubte vergehen zu müssen an der Brust des geliebten Mannes, den sie endlich gefunden. Und er sah ihr ins Auge – dem liebenden, hingebenden Weib tief in die Augen. Da zuckte es auf, da brannte die Lohe, das heilige Feuer, hinter dem etwas sein mußte, das an die Seligkeit und Freude des Paradieses gemahnte, des Paradieses, dessen lautere Stätte kein Frevel entweihte, wo das Erdenleid sich löste und hinging, und der Palmbaum des Friedens schattete über glückliche Herzen. Wild drückte er die Lippen auf ihren duftigen Scheitel. Sie schmiegte sich an ihn, immer enger und enger, sich hinwegsetzend über die kleinlichen Bedenken hämischer Alltagsnaturen, über Pflicht und Gewissen, über die Satzung des gewöhnlichen Lebens – und mit einem Sehnen tief innen, das alles verzehrte, was ihr sonst heilig gewesen. »Endlich ...! – Endlich ...!« Und da wußte er, daß sie ihm nichts mehr versagen konnte und wollte. Ein Drängen durchfuhr ihn, ein herrisches Wollen, das zu nehmen und an sich zu reißen, was ihm doch vor Gott und den Menschen gehörte. »Willst Du mein Weib sein ...?!« Er wollte es rufen – aber die Stimme versagte. Er hörte ein Klopfen. Es war so, als wenn von draußen ein Finger die Scheiben berührt hätte. Jetzt klopfte es wieder – leise, gespenstisch. Da warf er den Kopf herum; gleichzeitig schrumpfte das Kerzenlicht in sich zusammen, als wäre ein sanfter Hauch darüber gefahren. Eine eisige Kälte kroch über ihn hin. Ihren Kopf hatte er tiefer gezogen und sie fester umklammert. Sie sollte nicht sehen. Threschen stand draußen ... Tot, starr, im Sterbehemdchen, die durchscheinenden Hände gefaltet, Rauschgold und papierene Röschen um die Schläfen gewunden – so war sie aus den Wassern gestiegen. Nur die Augen lebten noch und sahen mit seltsamem Glanz durch die Scheiben. Unsagbar traurig waren sie auf ihn gerichtet; dann flammten sie auf – beschwörend und drohend. Er wich zurück; er konnte den Blick nicht ertragen. »Threschen ...!« Da schlossen sich die Kinderaugen für immer. »Was war das? – Wen riefst Du?« »Niemand, niemand!« stöhnte der Ärmste. Seine Stimme war hart und hatte einen metallischen Beiklang, »Mutter! – Mutter ...!« Rief es nicht draußen über den Wassern?! – War es nicht so, als hätte ein Kinderstimmchen, ein Liebeseelchen gerufen?! Ja, es hatte gerufen – es hatte gerufen! –- ging aber unter im Brausen des Windes, im Sturm der Leidenschaft, der sie mit gewaltigen Schwingen umrauschte und sie hinwegtrug aus dem Bereich des Entsagens in das unbekannte Land ihrer stammenden Sehnsucht. Ein letztes Ringen – denn noch lebte der Wille in ihm, sich vor dem Zusammenbruche zu retten und den Rückweg zu finden, aber ihre Lippen fanden sich wieder und wieder, ein unsagbares Lächeln verschönte ihr Antlitz, und er sah nur das Weib, das sich an seinen Küssen nicht satt trinken konnte. Die wundersamen, die traumbefangenen Blicke! –- Das Erschauern und Beben! – Sein Atem streifte über sie hin, und er spürte den berückenden Duft, der ihrem Leibe entströmte. Mit einem leisen Knistern verlöschte die Kerze. Dämmerhelle umgab sie; nur der schwimmende Docht vor dem Heiligenbilde strahlte noch Licht aus. Mit einer religiösen Scheu betrachtete er die Frau, die in seinen Armen ruhte. Ein grünliches Feuer blitzte auf im tiefen Grund ihrer Blicke. Ihr Kuß wollte kein Ende mehr nehmen. »Aleit – und Du liebst mich noch immer?!« »Ich kann ja nicht anders!« »Und jetzt?!« »Ah – Du, Du, Du ...!« »Himmlische ...!« »Mit Dir in den Tod! – Wohin Du willst! – aber nur einmal laß mich leben – und das Leben in Deinen Armen genießen ...!« »Jetzt für immer mein Weib – Du!« Er hatte das Kind mit den drohenden Augen vergessen, die Stimme, die auf dem Wasser gewesen; er hörte nicht das dumpfe Klagen und Lauten, den heulenden Ton der Sturmglocke, die jammernd anschlug, die Niederung erschreckte und den zagenden Menschen erzählte, daß sein Ringen auf dem Deich vergebens gewesen. Eine düstere Wildheit ergriff ihn. Jetzt waren sie für immer vereinigt. Regungslos standen sie nebeneinander, »Das erlöst!« hauchte sie tonlos. Da hob er sie auf und trug sie der Gottesmutter und dem ewigen Lämpchen entgegen. – Und der Rausch ging über sie fort – – – – – – – – – – – – – – – und die entfesselte Stauflut deckte das Land, das zwischen Wissel, Hönnepel und dem Rhein zu gelegen. Nur einzelne Striche, hier und da ein Gehöft, die Nothügel, das Vorwerk mit seinen breitausgelegten Baumkronen ragten darüber hinaus als die traurigen Überbleibsel einer fruchtbaren, keimenden Erde, die schon das Geheimnis des Empfangens durchkostet, sich dehnte und streckte, das Saatkorn erwärmte, es quellen ließ in der geworfenen Furche, um dann erbarmungslos in ihrer jungen Mutterschaft erwürgt und erstickt zu werden von einer brutalen Naturgewalt, die verächtlich, den geheiligten Schoß zerstampfend, über sie fortging. Und die Sturm- und Notglocke schrie über die gemordete Scholle, hallte in kurzen Sätzen von Viertelstunde zu Viertelstunde bis zum Morgengrauen, wo sie verstummte und ermattet von der nächtigen Arbeit einschlief zwischen ihren verrosteten Pfannen. Siebenmal hatte sie pausiert und siebenmal in kurzen, abgerissenen Stößen gelärmt und gepoltert. Als zum erstenmal ihre eherne Zunge sich löste, ging ein hoher Schatten, eine Mannsgestalt über Wasser und Erde. Der einsame Waller hatte es nicht sonderlich eilig. Sein Mantel bewegte sich nicht, obgleich die stärksten Äste sich beugten. Niemand sah ihn und konnte ihn sehen, niemand hörte ihn und konnte ihn hören. Er war nicht von dieser Erde, ging aber einem irdischen Licht nach, das mit heißem Flimmern durch die zeitweilige Finsternis zitterte. Es stand weit hinten in der Niederung, im ersten Stock eines langgestreckten Hauses, seitwärts der Ziegelei, die Barthes van Laak in seinem Schäschen passiert hatte, als er trunken und mit lallender Zunge von Schweinem gekommen. Wie ein Totenlämpchen, wie ein Lichtschein, der am Allerseelentage auf den Gräbern sich duckt, nicht weiter genährt wird, eine Spanne fortlebt, um dann still zu verlöschen, so blinkte es zuerst dem stillen Mann entgegen, der es nicht aus dem Auge ließ, weder rechts noch links sah, auf Wege und Stege nicht achtete, sich um das entfesselte Wasser nicht scherte, das fauchend hinter ihm herkam, sondern ruhig und ohne mit dem seltsam stillen Antlitz zu zucken immer geradaus ging. Als zum zweiten Male die Glocke ertönte und dann wieder verstummte, war er bis zur Lattentür des Vorwerks gekommen. Hier blieb er stehn, hob den Kopf und sah nach dem erleuchteten Fenster. Bald nachher trat er in den dunklen Hof ein. Ein Hund schlug an, um gleich darauf winselnd in die Hütte zu kriechen. Hier in der Nähe hatte das Licht im ersten Stock das Dämmerhafte, Trübe, Allerseelentagartige verloren. Grell fiel die Lampe über den Tisch hin und beleuchtete das stattliche Bett mit den Kattunvorhängen, das Sofa und die Mahagonistühle, mit denen der Besitzer des Vorwerks das sonst einfache Stübchen wohnlich ausmöbliert hatte. Die Blonde wußte es sich behaglich zu machen. Auf Geheiß ihres Herrn hatte sie kurz zuvor noch etliche Flaschen heraufholen müssen, hatte mit ihm angestoßen und auf eine fröhliche Zukunft getrunken. Nur leicht bekleidet saß sie ihm jetzt auf den Knieen, girrte ihn an und ließ den blendenden Schmelz ihrer Zähne verführerisch aufblitzen. Nichts haftete ihr mehr von Heuboden und Stall an. Sie hatte sich herausgemustert und verstand es, die Sinne des Mannes zu erregen und trunken zu machen. Den Arm um die Taille des Mädchens geschlungen, irrte er mit stieren Blicken an den Reizen des derben Weibes herunter, griff ihm in die trockenen Haare und Preßte mit stumpfem Lallen das Gesicht auf die schwellende Schulter. Dann riß er sich auf. »Vorwärts, Stina! – noch eine Bouteille,« »Trink nicht mehr, Barthes!« Eine heiße Blutwelle stieg ihm zu Kopf. »Gottverdammich ...!« Sie umschlang ihn so plötzlich und flüsterte ihm dabei so hastig einige Worte ins Ohr, daß er taumelnd zurückwich. »Ach, was!« versuchte sich der Donnerjü aufrecht zu halten, »ich muß erst dem verfluchten Deichgräfen ein Pereat bringen.« »Barthes, Du darfst nicht mehr trinken.« »Nicht?! – aber in meinem Wein soll er verrecken – der Hundsfott!« An die Wand gelehnt, machte er eine befehlende Geste. Da ging sie; sich in ihren vollen Hüften wiegend, schritt sie der Tür zu. Hier blieb sie stehen. Zum dritten Male mahnte die Glocke. Sie überhallte jetzt den Sturmwind da draußen und das Stöhnen der Bäume. Das traf und brachte die verfuselten Geister wieder zusammen. Barthes stieß einen heiseren Laut aus. »Das ist ja ...!« Eine unmäßige Wut rüttelte ihn und jagte ihm das Blut in die Stirne. »Das ist ja die Glocke! – Wasser ...!« »I, wo!« trumpfte das Mädchen auf, »das rappelt man an den Fensterläden im Hause. Ich geh' jetzt.« »Hiergeblieben!« stöhnte der Ernüchterte. »Keine Bouteille! – Mir ist so – mir ist so ...!« Er griff sich an die hämmernden Schläfen. Da sprang ihm das Weib bei. »Barthes, was hast Du – was ist Dir?!« Die Angst schnürte ihr die Kehle zusammen. Stieren Blickes sah er sie an, »So sprich doch, Barthes, so sprich doch!« »Stina, ich weiß nicht, aber mir ist so, als wäre jemand da draußen – im Hofe ...« »Bekriege dich man,« sagte sie, einen heiteren Ton anschlagend, um ihre eigene Furcht in die Wicken zu jagen, »ich will den Knecht rufen, daß er nachsieht, aber – um Jesus Christus! – es ist niemand da draußen.« Barthes riß die Augen auf; sie hatten ein glasiges Aussehen. Langsam drehte er den vornübergesunkenen Kopf auf dem Nacken herum und glotzte die Tür an. Im nahegelegenen Stall wurden die Pferde unruhig und rissen an den Halfterketten. Die Glocke verstummte. »Stina ...!« »Hör' auf!« schrie das Weib und drängte sich an ihn. »Man kriegt ja zuviel hier im Vorwerk!« Er sah blitzende Funken. Es war ihm so, als wenn eine Sense gewetzt wurde und dann die Halme durchschnitte. »Stina! – und es ist doch jemand draußen.« Er wankte nach vorne. Das Grausen schüttelte sie. Mit durchgebogenem Kreuz, die volle Brust gegen ihn stemmend, hielt sie ihn aufrecht. »'ne Bouteille – um den Viechskerl nieder zu hauen!« »Hör' auf!« kreischte sie gellend, »ich geh' auf und davon!« »Jetzt ist er auf den Stiegen im Hausflur ... jetzt kommt er ...!« »Ich halt's nicht mehr aus! – Zu Hilfe ...!« Der Donnerjü stieß einen röchelnden Ton aus. »Barthes! – Barthes ...!« Mit letzter Kraft zog er sie an sich; dann streckte er beide Arme zur Decke. »Der Viechskerl – er will was ...!« Ein Todesschrei brach aus seiner verschnürten Kehle. Die gekrampften Hände griffen ins Leere. Taumelnd drehte er sich um sich selbst; dann schoß er lautlos nach vorwärts – wie ein abgerackerter, verdursteter Mäher, den ein Sonnenstich in die kahlen Stoppeln geworfen. In die Stoppeln geworfen! – Wie auf Zehenspitzen, heimlich, ohne Bewegung, war jemand ins Zimmer getreten. – Bald darauf schlug die Glocke zum vierten Male an, lamentierte, schrie Zeter und Not über die ertränkte Erde und schwieg dann wieder. Langsam, schattenhaft, insichgekehrt wie er gekommen, so verließ der einsame Waller auch wieder das Vorwerk. Niemand hörte ihn und konnte ihn hören, niemand sah ihn und konnte ihn sehen. Ungesehen und ungehört ging er über Wasser und Erde. Hinter ihm Wurde das Licht im stillen Gehöft, das er soeben verlassen hatte, immer kleiner und kleiner. Schließlich war es nur ein irres, unscheinbares Fünkchen, das durch die Finsternis brannte. Während der ganzen Nacht behielt es den Atem. Erst ums Morgengrauen verlosch es. Das Pfeifen und Toben ließ nach; nur noch ein leises Gurgeln und Röcheln war unter dem Himmel. Kalte Lichter, schemenhaft, ohne Färbung gingen leblos über eine einzige, mattgraue Fläche. Fern, jenseits des Rheines begann es zu tagen. Fröstelnd, verklammt, ohne jeden heiteren Anflug wuchs der Morgen aus der Tiefe heraus. Was nicht vom Wasser bedeckt war, schauerte ihm öde und vergrämelt entgegen. Mit leeren Augen sah er in die Gegend, wo der Fingerhutshof aufdämmerte. – Übernächtigt, mit Lehm bedeckt und blöden Gesichtes ließ Josias Spettmann den Glockenstrang fahren. Mit einer großen Pose legte er die Hände zusammen und sagte: »Herr, Du mein Gott, wie bist Du so fern in diesen Stunden gewesen! – Amen.« XXI Der Trauerkaffee Die Babbeltjes-Lena schlief nie bis in den späten Morgen hinein. Sie war kurzschläfrig veranlagt, teils wegen ihres hohen Alters, teils aus Gewohnheit. Im allgemeinen waren ihr Bett und Federposen zuwider. »Man lebt nur einmal,« philosophierte sie immer, »das Leben is kurz, un das Bett is 'ne Art von Totenlade – also warum sich das Dasein einer Eintagsfliege aus freien Stücken un zwischen die Schlafkommode unnötigerweise noch kürzer machen?!« – und dabei hatte sie fast achtzig Jahre geladen, war niemals krank oder kränklich gewesen, kannte den Doktor nur von Ansehn und wußte seinen Namen lediglich von dem blankgeputzten Messingschildchen her, das ihn den Hilfsbedürftigen als Arzt für innere und äußere Krankheiten, Chirurg und Geburtshelfer in die Erinnerung brachte. Ihr Haus lag dicht neben dem seinen – also, wenn sie ihn nötig gehabt hätte ... Allein, sie brauchte ihn niemals, gab nichts auf alle ›Dökters‹ zusammen genommen, war im kalten Winter um fünf, und wenn die Nächte sich kürzten, bereits um vier aus den Kissen, sah, wenn es auch schon längst dunkel geworden, wie'n listiges Käuzchen, hörte wie 'ne richtige Spitzmaus und war noch immer viv auf den Beinen. So vernahm sie denn auch, wie kurz nach dem Verstummen der Notglocke beim Doktor nebenan dreimal die Klingel ertönte, ein Fenster sich auftat und eine sonore Stimme fragte, was es denn gäbe. Eine zweite erzählte nun in abgerissenen Sätzen, daß auf dem Vorwerk etwas passiert sei, der Donnerjü 'ne Art von Überfahrung bekommen habe und jetzt im Bett der Strohblonden läge und so ganz komisch die weiße Decke bestiere. »Wird wohl schon zu spät sein,« sagte der Doktor, »will aber kommen,« und damit knallte er das Fenster zu, daß es dem alten Weibchen bis in die äußersten Zehenspitzen hineinfuhr. »Da hast Du mir!« ereiferte sich die Babbeltjes- Lena. Entsetzt war sie in die Höhe gefahren. »Vorwerk – Donnerjü – Überführung bekommen ...!« zählte sie an den Fingern herunter, verschluckte aber das Bett der blonden Stina und betete dafür drei Vaterunser, um auf diese Weise der fürchterlichen Situation wenigstens das Sündhafte zu nehmen, kam aber in ihrer wehmütigen Betrachtung schließlich auf den Gedanken, daß möglicherweise Sophie Knippscheer hierdurch ein unbändiges Glück haben könne. »Herr, Deine Wege sind wunderbar!« sagte sie hierauf in gehobener Stimmung, »denn was dem einen seine Uhl is, is dem andern sein Kanalljenvogel,« nahm die Mühle vom Spind, tat fünfundzwanzig Bohnen mehr in den Trichter und mahlte sie dann, indem sie mit ihren lebhaften Augen beobachtete, wie der Morgen langsam an den gegenüberliegenden Dächern emporkroch. Trotz der nächtlichen Schrecknisse regte sich wieder das alltägliche Leben. Der Küster kleppte die Frühmesse an, der Bäcker gegenüber schlug die Läden zurück und stellte seine Brote aus, weiter zur Linken erschien die dicke Schneidersfrau im Hemd und in ihrer rotgepunkteten Nachtjacke am Fenster, gähnte und sah nach dem Wetter, während Herr Petrus Nagel mit brennender Pfeife auf seinem Fahrrad vorbeisauste, um Einsicht in die durch das Hochwasser verursachten Schäden zu nehmen. Alles beobachtete das eisgraue Weibchen. Nichts entging dem Spitzmausgehör und den haarscharfen Blicken. Als dann der Herr Doktor nach zwei langen Stunden zurückkehrte, die Haushälterin bald darauf in der Tür erschien, um frischgebackene Semmel zu holen, und Lena, neugierig wie sie war, von dieser herausbrachte, daß Barthes unter höchst merkwürdigen Umständen das Zeitliche gesegnet habe und ›Rips‹ sei, ihm auch trotz der großen Kunst ihres Herrn nicht mehr zu helfen gewesen, da konnte sich die Alte ungeachtet ihrer christlichen Barmherzigkeit und Nächstenliebe nicht halten: ein prickelndes, freudiges Wohlbehagen durchfuhr sie. Andächtig nickte sie mit ihrer großen Knippmütz, daß sich die Goldspiralen zitternd bewegten und meinte: »Vielleicht hätte ihm Kamillentee wieder auf die Beine gebracht – aberst besser is besser! Silke, salke, sente – Der da gibt Präsente! – denn nu hat Sophie zu ihre mannbaren Plüschpantoffeln noch die reiche Erbschaft für gratis bekommen,« schlug sich in aller Eile ihr Morgentuch um und begab sich zur Langen. – – – Fürchterlich hatte das Wasser draußen gewütet. Die Stadt, obgleich in den unteren Stellen durchflutet, war so leidlich aus der ganzen Katastrophe hervorgegangen. Aber im Tiefland lag die unheimliche Spreite ausgetan, die die keimende Saat bedeckte, Ortschaften umzirkte und die Hoffnung eines ganzen Jahres zerstörte. Die weniger massiven Gebäude waren vernichtet oder hingen windschief ob der lehmigen Fläche, und die noch kahlen Baumkronen ruhten darauf, als könne stündlich eine mächtige Hand kommen, um sie als gewaltige Kegelbälle über das angeschwollene Tief zu rollen. Der Fingerhutshof hatte am meisten gelitten. Bis unter die Dachsparren der Scheunen und Ställe züngelte das gierige Wasser, während die schwächeren Bauten überhaupt niedergestampft waren. Dem Hof gegenüber streckte sich der Leedeich mit zerrissenem Herzen. Wie reißende Tiere hatten die Fluten in seinen Eingeweiden gewütet. Auf Rufweite hinaus klaffte die entsetzliche Wunde. Fünfzehn nebeneinander gekoppelte Rheinschiffe hätten hindurchfahren können. Stetig bröckelte es von den zermarterten Flanken. Von den Fluchthügeln her brüllte das angetriebene Vieh. Schauerlich hallte es durch den trübfeuchten Morgen. »Deichgräf – Deichgräf – Deichgräf!« fröstelte der Viehweidshöfer in seinem durchweichten Kittel, »wenn wir Dir doch früher gefolgt wären ...!« Während der ganzen Nacht, den Rosenkranz zwischen den Fingern, hatte er zu Gott um ein gnädiges Gericht und eine milde Strafe gebetet. Als er dann aber ums Morgengrauen gewahrte, daß ihm zwölf seiner besten Milchkühe, dreiunddreißig Mutterschafe und fünf, erst kürzlich erstandene Rambouillet-Böcke fehlten, da fuhr ihm der Grimm unter den niederrheinischen Ökonomenschädel, daß es man so fauchte und rauchte. »Wat mott, dat mott,« schrie er den unglückseligen Rosenkranz an, »mar wat niet mott, dat mott niet ...! – Himmel, Herrgott! – wenn Du das nicht mal kannst, denn geh' Du auch selber man schwimmen mit die Kühe und Hammels!« Sinnlos vor Wut zerriß er die Schnur und schleuderte Kreuz und Pockholzkügelchen mit einem saftigen Fluch weit hinein in das röchelnde Wasser. Knechte und Mägde bekreuzigten sich, und das Vieh brüllte geängstigt auf, als der Viehweidshöfer sich mit diesem sichtlichen Sakrileg das Gewissen belastete. Ihm selber war's egal, was die Menschen von ihm dachten und hielten. Er skandalierte weiter und kam schließlich ganz aus dem Häuschen, als ihm mitgeteilt wurde, daß Barthes van Laak in der verflossenen Nacht mit Tod abgegangen. »Himmel, Herrgott!« schrie er da auf, »hat der Kerl noch zuguterletzt die große Nummer gezogen! – Kann das Malör nicht mehr sehn, braucht sich nicht die Schwindsucht an den Hals zu ärgern, während ich ...« Und der arme Donnerjü schlief ruhig und still dahinten im Vorwerk, fluchte nicht mehr und ließ keinen Pfropfen mehr springen. Die Hände mit den bläulichen Fingernägeln gefaltet, die Ohren durchscheinend wie Porzellanmasse, mit spitzer Nase und eingefallenen Schläfen lag er in der unbestimmten Dämmerhelle des verlorenen Zimmers und sah immer zur Decke – immer zur Decke ... Noch vor Abend wurde er in die kleine Stadt überführt, um vom Totenhäuschen der barmherzigen Schwestern aus drei Tage später beerdigt zu werden. – – – Die ungeheuerlichsten Vermutungen und Ansichten verknüpften sich mit dem plötzlichen Ableben des Fingerhutshöfers. Ohne etwas Bestimmtes zu wissen, setzte man die wunderlichsten und abgeschmacktesten Dinge in Kurs, zäumte sie auf, exerzierte auf ihnen herum, bis man ihrer überdrüssig wurde und sie lendenlahm wieder in den Stall des Vergessens hineinzog. Der Herr Polizeidiener Weber witterte sogar Mord und Totschlag in der heiklen Affäre, während Krispinus van Bommel dem wirklichen Sachverhalt am nächsten kam und kurzerhand seine Ansicht mit den Worten erklärte: »Stina, Ärger, Kurzhalsigkeit, Rotspon – Strich unter die Rechnung! – macht in Summa Summarum: ›Schlag Neune‹« – ein Additionsexempel, das ihm alle Ehre machte und den Vermutungsnagel so ziemlich regelrichtig in die Wahrscheinlichkeitskiste hineintrieb. Sophie Knippscheer, die das geheimnisvolle Geschehnis aus erster Hand und noch semmelwarm von der Babbeltjes- Lena erfahren hatte, bezeichnete den traurigen Vorfall als eine strenge, wenn auch gerechte Fügung des Himmels, dachte dabei an den getätigten Akt und sah durch eine rosarote Brille bis in die späteste Zukunft. Hingegen konnte ihr Mann, wenn auch kummerfreudig bewegt, den Gedanken an die fatale Testamentsklausel, betreffs eventueller Schadloshaltung durch die bei Wisselward gelegenen und wahrscheinlich verdorbenen Ländereien, so recht nicht los werden – ein bitterer Wermutstropfen in seinem sonst so blinkenden Erbschaftspokal. Als ihm aber Krispinus des längeren auseinandersetzte, daß diese Klausel infolge genügender Barmittel hinfällig sein würde, ließ auch er den traurigen und grübelnden Adam beiseite, schlenkerte den Wermutstropfen zu Boden und verstieg sich in seiner gehobenen Stimmung sogar soweit, dem armen Fritze Sötentitt statt einer Zigarre das ganze Etui nebst Inhalt in die glücklichen Hände zu drücken. Fritze Sötentitt, nicht gewöhnt sich lumpen zu lassen, rangierte dafür seinen noblen Vorgesetzten in die Reihenfolge der Räte zweiter Klasse – eine seine und sinnige Gegendedikation, wodurch er vornehmlich das empfängliche Herz der Frau Notariatssekretärin höchlichst erfreute. Gegen Abend kam denn auch Madam Mömmes so'n bißchen herüber, gratulierte und kondolierte in einem Atem, sprach ebenfalls von einem glücklichen Zufall und dem gerechten Walten der Vorsehung Gottes, um schließlich das Gespräch auf den eigentlich springenden Punkt ihrer Visite zu lenken. So rückte sie denn schließlich mit ihrer Reserve heraus und fragte: »Un nu, meine liebe Madam Notariatssekretärin, wie gedenkt Sie es denn eigentlich mit dem Trauerkaffee nach dem Begräbnis zu halten?« »Aber schickt sich das auch, meine verehrte Frau Mömmes?« »Schicken?!« erwiderte Lisbeth mit einem erstaunten Gesicht, als müsse sie die merkwürdige Frage aufs höchste bedauern, »ob sich das schicken täte, meine liebe Frau Notariatssekretärin?! – Das muß Sie als Ihre heilige Pflicht estimieren – das is Sie dem selig Verstorbenen schuldig. O kontrollör war' das ja grade, als wenn Sie Ihre Erbschaft, Ihre Rothschildverhältnisse verheimlichen wollte – als wenn da irgend etwas nich stimmte – als wollte Sie da so ganz stillkes mit 'nem Tusch- und Farbenpinsel darüber, um's nich den andern zu zeigen... Nein, nein, nein, meine liebe Frau Notariatssekretärin! – da muß Sie ein übriges tun un mit Ihrem ganzen Kaffeegeschirr in die Verlängerung springen. – Frau Aleit als solche rechnet nich mit. Die hat's mit ihrem Seligen purweg verdorben. Sie aber is die einzige Dame in der nächsten Verwandtschaft, die den richtigen Plie dazu hat. Sie muß also 'ran, denn der Tote würde sich krank ärgern un sich noch in seinem Grabe 'rumdrehen, wenn er nach seinem Begräbnis keinen prima Trauerkaffee bekäme.« »Wenn Sie denn glaubt, meine verehrte Frau Mömmes ...« »Glauben?!« entgegnete Lisbeth. »Um tausend Gotteswillen, meine liebe Madam Notariatssekretärin! – das weiß ich. Da braucht Sie nur bei der Lichtjungfer so'n bischen zu tippen, un die wird Ihr sagen, daß sich das also gehört, daß das Totenrecht is un da droben höllisch übel vermerkt wird, wenn nach so 'ner Erbschaft nich prima gedeckt is mit Rodongkuchen un Kaffee.« Zur Bekräftigung des Gesagten blickte die außer Atem Gekommene gläubig nach oben. »Schön,« ließ sich die Lange denn auch schließlich bereden, »aber dann soll die Sache mit meinem schwersilbernen Tablett...« »Neusilber, Neusilber!« warf die Dicke dazwischen. »Wollt' ich auch sagen, meine liebe Frau Mömmes – dann soll die Sache mit meinem neusilbernen Tablett auch äußerst feierlich werden.« »Soll denn ein Wort sein, Madam Notariatssekretärin, aber ich bitte ergebenst, auch Herrn Pinsgen beehren zu wollen, denn der junge Mann hat Lebensart un weiß sich auf prima Art honorig zu geben.« »Einverstanden,« sagte Herr Knippscheer, der inzwischen ins Zimmer getreten, »und da bliebe nur noch die Frage offen, wie wir uns im vorliegenden Kasus Mamsell Stina gegenüber zu benehmigen haben.« »Wem gegenüber?!« Sophie erstarrte, reckte aber noch schnell ihren Gänsehals aus der florigen Krause. »Mamsell Stina vom Vorwerk,« wiederholte Herr Knippscheer. »Sie hat doch, so zu sagen, in naher Beziehung zu Herrn Barthes – Gott habe ihn selig! – gestanden, und ist, laut Testament als erbberechtigt, mit in die Masse gekommen. Also...« »Sulpiz, Sulpiz!« rief Sophie mit ihrer gläsernen Stimme, »ich bin 'ne christkatholische Frau und bin mit Ehren in den heiligen Stand der Ehe getreten – und da willst Du mir die Schande antun und so ›Eine‹ ...« »Potiphar!« legte sich Madam Mömmes energisch ins Mittel. »Pfui!« »Bitte, bitte!« entgegnete Knippscheer und ließ dabei seinen tintenbeklecksten Zeigefinger überlegen auf- und niedervibrieren, »die Angelegenheit ist doch nicht so gänzlich in den Bereich des sittlich Verderbten zu weisen. Noch kürzlich hat der Herr Kaplan nichts darin gefunden, Mamsell Stina in den neubegründeten Verein für christliche Jungfern aufzunehmen, und deshalb...« »Wenn auch!« hielt ihm Lisbeth entgegen, »der Herr Kaplan is in Weibssachen nich immer kumpabel.« »Und kann nicht in solche schlechten Herzen hineinsehen,« stieß die Lange heraus, »aber wir können das, Sulpiz.« »Weiß Gott, das können wir,« bestätigte Lisbeth, »un ich stelle mir auf die Seite der Madam Notariatssekretärin.« »Und trotzdem,« meinte der Schreiber und schlug auf den Tisch, »ich weiß, was sich schickt und darf den Herrn Erblasser nicht desavouieren und ihm den Tort und die Schande antun ...« »Männchen, Männchen!« verlegte sich nun Sophie aufs Bitten, »Du weißt doch ...« »Was weiß er?« fragte die Dicke mit funkelnden Augen. »Ach, meine liebe Frau Mömmes ...!« »Nur heraus mit die Sprache, meine beste Frau Notariatssekretärin!« Mit einem tiefen Seufzer warf sich Sophie an die Brust ihrer Freundin. »Nun will er mir nicht mal den Gefallen und die Liebe erweisen – und bin doch und bin doch ...« »Was is Sie? – Spreche Sie doch! – Um tausend Gotteswillen – was is Sie, meine liebe Frau Knippscheer?« »In der Hoffnung!« stöhnte die Lange. Sulpiz knickte zusammen. »Un da wollen Sie, unbarmherziges Unmensch von Nashorn,« hielt ihm die Dicke zornig entgegen, »Ihre liebwerte Gattin in die Ungelegenheit bringen, un sie zu persuadieren suchen, mit der da vom Vorwerk aus ein un derselben Kaffeekanne zu trinken?! Sie entweihen ja Ihren eigenen geheiligten Tempel, denn meine Freundin is in ihrem jetzigen Zustand so gut wie'n geheiligter Tempel, sie is geweiht in die Kirche – während die andere, die Stina, für ihr Verhältnis mit dem nu da oben befindlichen Manne nich mal ein Patent mit 'nem preußischen Kuckuck von dem Herrn Standesbeamten bekommen hat. Sie sind ja ein Tyrannus, un können es verantwortlich finden ... Pfui! über Ihnen, mein sehr verehrter Herr Knippscheer.« Dieser geharnischten Epistel gegenüber mußte Sulpiz die Opportunitätssegel streichen und sich für machtlos erklären. Er ließ daher seine unbillige Forderung fallen, war mit den Anordnungen der beiden Frauen einverstanden und gab seiner noch immer leise vor sich hin weinenden besseren Hälfte ein wirklich herzliches Küßchen; dann verzog er sich in die sogenannte erste Etage, nahm Bleistift und Notizbuch heraus und rechnete nach, wie er am besten die zu erwartenden zwanzigtausend Taler anlegen könne. – Am dritten Tage wurde der Fingerhutshöfer beerdigt. Im Totenhäuschen der barmherzigen Schwestern fand eine einfache Vorfeier statt. Hier versammelten sich auch die Leidtragenden. Aleit erschien nicht. »Sie fühlt sich zu angegriffen,« meinten die Leute, fügten aber noch eine lange Serie von andern Gründen hinzu, um ihr Nichterscheinen erklärlich zu machen. Der Schulmeister Fennand van Bommel aus Elten, ein hellwimpriger, semmelhaariger Junggeselle in den zwanziger Jahren, hatte sich extra einen funkelnagelneuen Anzug geleistet und stand, in seiner frischen Eigenschaft als Universalerbe, mit der Langen am Kopfende des verblichenen Mannes. Er war tiefbewegt und betete stammelnd für das Seelenheil des so jäh aus der schönsten Lebenskraft fortgeschwemmten Testierers. Wegen seiner Strenggläubigkeit, seines reservierten Benehmens dem weiblichen Geschlecht gegenüber und des Umstandes halber, daß er neben seinem eigentlichen Beruf noch die Kirchenrendantenstelle in Elten verwaltete, hieß er allgemein ›der unbefleckte Empfänger‹, ein Ehrentitel, der um so mehr Rechtens war, als sein Inhaber auch noch als erster Chargierter der Aloysianischen Kongregation Vorstand und mit rührender Umsicht und Sittenstrenge die Pflichten, die die Präsidentschaft mit sich brachte, erfüllte. Hannibal Pinsgen hatte sich geschickt in die Nähe von Madam Mömmes gedrängelt, die ein weißes Taschentuch vor den Mund hielt, immerzu an ihren ›seligen Tag‹ denken mußte und nur wünschte, dereinstmals in einem so prächtigen Eichenholzsarg, wie ihn Barthes bekommen, bestattet zu werden. Der Firnisgeruch, der süßliche Duft nach Wachskerzen und welken Blumenkränzen benahm sie und machte sie nicht mehr fest auf den Beinen. Hilfesuchend blickte sie um sich, verfiel auf den Handlungsbeflissenen und lehnte sich an ihn. »Sie nehmen's mir doch nich übel, Herr Pinsgen?« »I, wie werde ich denn! – Im Gegenteil – ist mir 'ne auserwählte Ehre – sehr obligiert,« sagte Herr Pinsgen und bot ihr den Arm an. Der unbefleckte Empfänger warf den beiden einen aloysianischen Blick zu. Madam Mömmes kümmerte sich nicht darum. Sie wußte, was sie an Hannibal Pinsgen hatte. Er war keusch und rein wie der ägyptische Joseph. Punkt drei Uhr kamen die Geistlichen. » De profundes clamavi ad te, Domine ...!« Der Sarg wurde besprengt; dann ging es zum Kirchhof. Der Donnerjü konnte stolz auf die Beteiligung sein. Trotz der großen Not, in der sie sich zur Zeit selber befanden, hatten viele Grundbesitzer und Bauern aus der Umgegend es sich nicht nehmen lassen, ihrem seligen Kollegen die letzte Ehre zu geben. Selbst der Viehweidshöfer war erschienen und schritt, den harten Schädel vornübergebeugt und mit hallendem Knotenstock unmittelbar hinter dem Sarg her. Karl Schweinem und Krispinus gingen zusammen. Als der Trauerzug den Großen Markt passierte, meinte der Alte mit einem so recht grieflichen Lächeln: »Ich kondoliere Ihnen besonders, Herr Schweinem.« »Wieso denn?« fragte der Schenkwirt. »Das Jahr hat 365 Tage, Herr Schweinem,« dozierte Krispinus. »Jeden dritten Tag war der Donnerjü bei Ihm, Herr Schweinem – trank durchschnittlich drei Pullen, Herr Schweinem – macht in Summa Summarum dreihundertsechsundsechzig Bouteillen Rotspon zusammen, Herr Schweinem – und die muß Er sich weniger rechnen.« »Leider,« konstatierte der Inhaber vom ›Goldenen Anker‹. »Und somit mein herzlichstes Beileid, Herr Schweinem,« krähte Krispinus und lächelte über die bitteren Tränen, die Madam Mömmes hellauf in ihr weißes Taschentuch schluchzte. Aber sie mußte weinen, sie konnte nicht anders, denn gerade in diesem Augenblick intonierte der Herr Kapell- und Webermeister Janssen den imposanten Trauermarsch, den sie sich selber zu ihrem Begräbnis wünschte. »Alles is prima – alles is prima!« nickte sie der Notariatssekretärin zu und ließ sich von den getragenen Tönen weiter durchschauern. »Mir nur zu opulent und zu nobel,« dachte die Lange, »soll mir aber egal sein; wir sind nicht Universalerben – der unbefleckte Empfänger kann alles bezahlen.« Jetzt waren sie auf den Kirchhof gekommen. Der amtierende Geistliche, bis zu dem der Passus des Testamentes, kraft dessen die Kirche mit dreitausend Talern bedacht werden sollte, bereits durchgesickert war, streifte die Katastrophe im Vorwerk nur so ganz nebenher, schilderte dafür aber die Vorzüge des Verstorbenen im allgemeinen und dann im besonderen in leuchtenden Farben, stellte ihn als einen Landwirt kat exochen hin und rühmte seine Tatkraft als Wahlmann im Kampfe gegen den liederlichen Liberalismus. Mit einem warmen Appell an die Umstehenden, für das Seelenheil des leider zu früh verblichenen Mannes zu beten, beschloß er seine rührsamen Worte. »Amen!« sagte der unbefleckte Empfänger. Lisbeth schwamm in Tränen. »Das hab' ich nich gewußt,« sagte sie zu Hannibal Pinsgen unter stetigem Schluchzen, »daß Barthes ein so nobler Charakter gewesen.« »Ich auch nicht,« erwiderte Pinsgen, trat an die Gruft und warf eine ordentliche Schippe voll Erde dem Sarg nach. In gehobener Trauerstimmung verließen hierauf die Leidtragenden den Kirchhof. Tu es pulvis et ad pulverem reverteris ! – Punkt vier Uhr hatte Frau Knippscheer zum Trauerkaffee gebeten – Punkt vier Uhr begann er. Kein Titelchen fehlte. Inmitten des sauber gedeckten Tisches paradierte die stattliche Kaffeekanne auf dem neusilbernen Tablett. Ein wohlgelungener Rodongkuchen reihte sich an; dann kamen Waffeln, Sandtorten, Spekulatiusmänner und Printen, die dem Ganzen erst den eigentlichen Abschluß verliehen. Äußerst sinnig hatte Sophie ihren Kugelkaktus seitwärts der Kanne placiert, ihn aber mit einer Schleife aus Florstoff versehen, um hierdurch den eigentlichen Charakter des Festes auch äußerlich in die Erscheinung treten zu lassen. »Pompös!« meinte die dicke Lisbeth, als sie den ganzen Aufwand von Leckertäten gewahrte. Die Babbeltjes-Lena wuscherte gleich mit den Augen herum und wußte sofort, wieviel Teilchen sich auf den einzelnen Tellern befanden. Als Achtzigjährige erhielt sie den Ehrenplatz und kam neben Krispinus van Bommel und dem unbefleckten Empfänger zu sitzen. Das erste Trauertäßchen galt dem Fingerhutshöfer. Die allgemeine Weihe und Andacht, die hierbei herrschte, benützte die Alte dazu, die größten Rosinen aus dem vor ihr stehenden Kuchen zu picken und ein Spekulatiusmännchen vorweg auf ihren Teller zu bringen. Das Gespräch drehte sich hierauf um die einzelnen Teile der Erbmasse, Haftung der Nachlaßverbindlichkeiten und die Art und Weise, was jetzt zu geschehen habe, um den Testamentsstein so allmählich in ein gelindes Rollen zu bringen. Vornehmlich in der zuletzt aufgeworfenen Frage, gab der unbefleckte Empfänger zu verstehen, müsse jetzt vorangemacht werden; Leibeserben seien weder vorhanden, noch zu erwarten, und daher läge es im allgemeinen Interesse, die notwendigen Präliminarien sobald wie möglich in die Wege zu leiten. Alle Augen wendeten sich denn auch gleich auf Knippscheer und Fritze Sötentitt, die doch als rechtskundige Männer hierüber am besten Bescheid geben konnten. Fritze Sötentitt wollte schon losschießen, als ihm sein Gönner zuvorkam und aus dem Handgelenk den nachfolgenden Gesetzparagraphen zitierte. »Befindet sich ein Testament,« also begann er, »in amtlicher Verwahrung, so ist es unverzüglich nach dem Tode des Erblassers an das Nachlaßgericht abzuliefern.« »So, so, so!« krähte Krispinus van Bommel. Madam Mömmes, die große Stücke auf die juristischen Kenntnisse Sötentitts hielt, sah diesen an, was er wohl zu dem soeben Zitierten sagen würde. » Strictus jus ,« meinte der Kleine, lehnte sich selbstgefällig in seinem Stuhl zurück und schlug die kurzen Beinchen übereinander. »Gott ne nich, was Er alles nich weiß!« erstaunte sich Lisbeth, wollte noch mehr des Lobeserhebenden sagen, wurde aber von Knippscheer unterbrochen, der sich in wohlgesetzter Rede anbot, das weitere bei Notar und Gerichten veranlassen zu wollen. Inferner stellte er der Erwägung anheim, ob das Erbe gleich anzutreten sei, oder ob man in großmütiger Weise übereinkommen solle, der Witwe des Verblichenen mit einer Galgenfrist von etlichen Monaten nobel unter die Augen zu treten. »Ich habe kein Mitleid mit ihr,« äußerte sich der unbefleckte Empfänger, »denn der liebe und verewigte Erblasser wird wohl seine schwerwiegenden Gründe gehabt haben, sie, wie es ja auch wirklich geschehn ist, mit der ganzen Strenge des Gesetzes zu schlagen. Totenwille – Gotteswille! – und außerdem möchte ich in Parenthese bemerken, daß mir ein äußerst ehrenwerter Jüngling der hiesigen aloysianischen Bruderschaft die Mitteilung machte ...« »Was denn?! – Was denn?!« fragten die meisten. »Ich will's lieber verschweigen, und zwar mit Rücksicht auf die verschiedenen Damen ...« »Gibt's nich!« legte sich Madam Mömmes energisch ins Mittel. »Was anpräsentiert wird, wird auch genommen. Vorher die Kuchenkiste zuzuklappen – das is bei unsereins niemals Mode gewesen.« »Sehr richtig,« sagte die Babbeltjes-Lena. »Also bitte, Herr Neffe,« suchte ihn Knippscheer gesprächig zu machen, »die Damen haben nichts weiter dagegen.« »Dann in Gottes Namen!« erklärte der unbefleckte Empfänger und ließ die hellen Wimpern hinter den Brillengläsern herunter. »Das wird intressant,« meinte Lisbeth und stieß die Frau Notariatssekretärin an. »Möglich,« sagte die Lange. »Bewußer Jüngling,« rückte denn auch Fennand van Bommel nach langen Drehen und Wenden heraus, »hielt sich für berechtigt, des Glaubens sein zu dürfen, daß der hiesige Deichgräf, und zwar unter dem Vorwand, dem gefährdeten Fingerhutshof tatkräftige Hilfe zu bringen, die fragliche Sturmnacht ganz mutterseelenallein mit Frau Aleit in deren Behausung verbrachte.« »Jesus, mein Heiland!« bekreuzte sich Sophie. »Erst ums Morgengrauen sei dann ein lutherscher Tagedieb, mit Namen Josias Spettmann, gekommen, der den traurigen Mut gehabt haben soll, unseren Helden per Kahn aus seinem tête à tête zu befreien und auf gesicherten Boden zu bringen. Und deshalb, lediglich um ihr darzutun, daß ihr Verhalten sich nicht mit der Sittenreinheit einer christkatholischen Frau vereinigen läßt, bin ich der Ansicht, die ganze Strenge des Gesetzes ihr gegenüber in Kraft treten zu lassen.« »Ich denke anders darüber,« meinte Herr Knippscheer. »Wir sind nun einmal die glücklichen Erben, die beati possidentes , wie wir Juristen das nennen, wir haben das Recht, die Macht, mit anderen Worten das Heft in den Händen; in Anbetracht aber, daß die Gegenpartei, also Frau Aleit, nur das Nachpfeifen hat, möchte ich doch für mildernde Umstände plädieren und beantragen, ihr nicht sofort den Stuhl vor die Tür zu setzen.« »Das is nobel gedacht,« ließ sich Madam Mömmes vernehmen und wandte sich dann an Fritze Sötentitt, um dessen Meinung zu hören und sich von ihm Rat und Aufklärung zu holen. Das armselige Aktenwürmchen fühlte sich äußerst geschmeichelt, ließ sein angebissenes Rodongkuchenstückchen liegen und sagte: »Allerdings, meine hochverehrte Frau Mömmes, ist das strictus jus auf Seiten des Herrn Lehrers und Kirchenrendanten van Bommel ...« »Einen Momang,« unterbrach ihn die Dicke. »Sie haben das mit dem › strictus ‹ schon soeben gesagt; hakt das vielleicht mit Strumpfstricken zusammen?« »Nein,« belehrte sie Fritze, »das ist man so ein fachmännischer Ausdruck und bedeutet soviel wie: es werde Recht, oder ich schlage Dir die Knochen zusammen.« »So, so!« gab sich Lisbeth zufrieden. »Mein Herr Chef nun,« erläuterte Sötentitt weiter, »steht in seiner Replik nicht auf dem strictissimus jus des Herrn Lehrers und Kirchenrendanten, sondern hat der erbbenachteiligten Ehefrau gegenüber eine capitationa benevolentia , 'ne Art von Wohlwollen eintreten lassen, und ich kann nur sagen, daß nach meiner unmaßgeblichen juristischen Meinung solches nicht contra leges verstößt und geeignet ist, meinem Herrn Büreauchef das Zeugnis eines feinsinnigen und mildherzigen Beamten zu geben.« »Denn allerdings,« atmete Madam Mömmes auf, schlug mit ihrer Patschhand vernehmlich auf den Tisch und sagte dann so laut, daß es alle hören mußten: »Ich kann mir nich helfen – aber ich bin der Meinung des Herrn Sötentitt un des Herrn Sekretarius Knippscheer. Man darf ihr, was die Fingerhutshöferin is, nich so ohne weiteres von Haus un Hof verjagen un die Sitzgelegenheit fortfallen lassen. Sie is gewissermaßen doch auch eine Dame.« »Aber die Sittenreinheit ...?!« hielt ihr der unbefleckte Empfänger giftig entgegen. »Herr Jeses!« rief die Babbeltjes-Lena, »was is denn so Gefährliches bei die ganze Geschichte?! – War einer dabei?! – Hat wer was gesehen?! – Er hat ihr doch nur retten wollen mit seiner Herkulanischen Forsche, un als denn das Wasser kam, konnten sie doch nich kopfüberst hineinspringen, weil ich die Ansicht vertrete, daß sie niemals das Schwimmen gelernt hat. – Un nu, Herr Knippscheer, reichen Sie mir mal die leckeren Waffeln herüber.« Die Ansicht der Achtzigjährigen fiel auf fruchtbaren Boden, und als noch Krispinus und Hannibal Pinsgen sich auf ihre Seite schlugen, der unbefleckte Empfänger nicht mehr auf seinem sittenreinen Standpunkte herumexerzierte und schließlich zugab, der aloysianische Jüngling könne möglicherweise zu voreilig geurteilt haben, kam man nach längerer Debatte dahin überein, den Vorschlag Knippscheers zu billigen, der Witwe gegenüber weniger schroff zu verfahren und ihr alle Rechte noch auf drei Monate hinaus zu belassen. »Darauf trinken wir 'nen ordentlichen Likör,« sagte die Babbeltjes-Lena, »denn das bekommt mich so gut bei Aachener Printen und gibt dem schönen Kaffee erst so 'nen richtigen Abschluß,« ein Ansinnen mit dem sich Madam Mömmes auch völlig einverstanden erklärte, und dem die anderen zujubelten. Mittlerweile war es schummerig geworden. »Nu wird's gemütlich,« behauptete Madam Mömmes und rückte ihren Stuhl naher an Hannibal Pinsgen heran, der sich wieder mit melancholischen Anwandlungen trug und der dicken Lisbeth erzählte, daß er noch immer unglücklich liebe. Beim zweiten Gläschen Likör liefen dicke Tränen über sein Radieschengesicht, beim dritten wünschte er sich den Tod und beim vierten bedauerte er lebhaft, nicht vierzig Jahre alter zu sein, um seine herzensgute und gebildete Nachbarin heiraten zu können. Sie würde es gut bei ihm haben, versicherte er ihr unter strömenden Tränen, denn er fühle das Zeug in sich, eine Frau glücklich zu machen, worüber die Dicke so in Ekstase geriet, daß sie ihm mit dem Knie ein liebevolles Stößchen versetzte und nur bedauerte, ihm der ›Scharnierlichkeit‹ wegen kein Küßchen geben zu können. Aber später, wenn es dunkler geworden, dann solle das noch nachgeholt werden. »Sehr obligiert,« lächelte Pinsgen, fiel aber in seinen florigen Zustand zurück, als es plötzlich hell wurde, und Sophie Knippscheer zwei blankgeputzte Petroleumlampen auf den Tisch stellte. »Das wäre aber nich nötig gewesen, meine beste Frau Notariatssekretärin,« meinte die Dicke, »so'n Schummerstündchen hat doch auch seine angenehmen Kulören.« »Besser ist besser,« ließ sich der unbefleckte Empfänger vernehmen, »denn die Nacht ist keines Menschen Freund, und im Dunklen werden böse Gedanken lebendig.« »Das zielt auf mir,« dachte Frau Lisbeth. »So'n Knabe! – mir ein Küßchen als Sünde in die Pantoffeln schieben zu wollen. – Mein verehrter Herr Lehrer und Kirchenrendant,« ging sie dann gegen ihn vor, »nehmen Sie's mir nich übel, aber Sie sind ja ein nörgelndes Faktotum geworden. Wir sind ehrbare Frauen, un hier in dieser noblen Gesellschaft passiert keine Sünde. Alles wird offenkundig gemacht – un darum, Herr Hannibal Pinsgen, bekommen Sie das Versprochene jetzt schon,« umarmte den Verdutzten und gab ihm einen knallenden Kuß auf die Backe. »Hihihi!« feixte die Babbeltjes-Lena. »Un wenn Sie noch ein Übriges wollen, Herr Lehrer,« fühlte sich die Gekränkte berufen, weiter zu sprechen, »dann sing' ich noch das Lied von die ›Kermespopp‹, aber nich Ihnen zu Ehren, sondern nur zur Aufmunterierung von Pinsgen.« Der unbefleckte Empfänger wollte schon loslegen und in einer gepfefferten Philippika seine aufgestellte Ansicht vertreten, als er aber die herausfordernde Miene der energischen Madam sah, befragte er seine Uhr, und unter dem Vorwand, daß in einer Viertelstunde die Post nach Elten abginge, bedankte er sich bei der Frau Notariatssekretärin für die erwiesene Ehre, nahm seinen Trauerzylinder und ging, von Herrn Knippscheer bis zur Türe begleitet, der nahgelegenen Post zu. »Viel Glück auf die Reise, Herr Universalerbe!« rief ihm die Dicke noch nach, setzte sich wieder und murmelte zwischen den Zähnen: »Dieser Unbefleckte will uns hier mit seinem strictus jus noch den seinen Trauerkaffee der Frau Notariatssekretärin verderben ...!« »Ärgern Sie sich man nich,« rief die Babbeltjes-Lena, »denn nu, wo er fort is, geht's mit die Fidelität los. Wir haben lange genug um Barthes getrauert; aber allens hat seine Zeit. Der unbefleckte Empfänger is weg, der Tote is tot un begraben, der Kaffee is alle geworden – nu kommt wieder die Menschlichkeit an die Reihe, denn wir wollen doch leben,« erhob sich mit abstehenden Taschen, die sie so ganz nebenher mit zwei Stück Rodongkuchen, zehn Spekulatiusmännern und neun Aachener Printen gefüllt hatte, gab mit einem Löffelchen den Takt an und näselte hierauf mit ihrer Bindfadenstimme, daß es allen in die Glieder hineinfuhr: »Guter Freund, ich frage Dir! Bester Freund, was fragst du mir? Sag' mir, was is sieben? – Sieben sind die Anisetten ... aberst ich habe bis jetzt nur sechst bekommen – also ich bitte gefälligst, meine liebe Frau Knippscheer. Silke, salke senke, Der da gibt Präsente!« Mit einem spitzen Gelächter hielt das achtzigjährige Weibchen sein Glas hin. »Fein so! – Prosit, Alte!« krähte Krispinus – und die Damen wurden fidel und gesprächig, vergaßen den Donnerjü und das ganze Begräbnis – und als es neun Uhr abends geworden, konnte Sophie ihr eigenes Glück nicht mehr halten und gab dem Unterkollegen ihres Mannes durch die Blume zu verstehen, daß sie sich in der Hoffnung befände, worauf Sötentitt nichts eiligeres zu tun hatte, als seinem Vorgesetzten, dem Herrn Rat zweiter Klasse, ganz gehorsamst zu gratulieren, was diesen wieder veranlaßte, einige Flaschen Wein zum besten zu geben – und dann sang Lisbeth doch noch das Lied von der ›Kermespopp‹ mit begleitenden Brummstimmen – und so ging das weiter, bis die Babbeltjes-Lena so ganz unerwartet und wie aus heiterem Himmel es mit ihrem sogenannten Zustand bekam und wie'n Leichenhühnchen mit schrillem Gelächter in die Freude hineinschrie: »Kinders, das is ja die reinste Fidelität auf die Totenlade!« Das trübte die Stimmung in etwa, war aber doch nicht imstande, den günstigen Eindruck ganz zu verwischen. Gegen elf Uhr trennte man sich. »Un es is doch ein prima Trauerkaffee gewesen, meine liebe Frau Notariatssekretärin,« meinte die Dicke, als sie sich verabschiedete, und Hannibal Pinsgen um die Ehre bat, sie nach Hause begleiten zu dürfen. So gingen denn alle den behaglichen Federn entgegen. Nur der Herr Sekretarius Knippscheer konnte sich noch nicht entschließen, das Bett aufzusuchen. Der Tag war ein zu ereignisreicher gewesen. Er schwebte in den siebenten Himmel hinein. Seine kühnsten Erwartungen waren in Erfüllung gegangen. Die Begrabenen kommen nicht wieder; zwanzigtausend Taler durfte er sich somit reicher taxieren. Jetzt konnte er doch endlich das verhaßte Joch abwerfen, konnte sich in Kraft des vollwertigen Testamentes selbständig machen und jeden Tag das freie und honette Amt eines Auktionators ergreifen. Für ihn war der Wendepunkt in seinem Leben, die große Stunde gekommen. Mit diesen Gedanken und Erwägungen duselte er bis tief in die Nacht hinein. Sophie schlief nebenan bereits seit fünfundvierzig Minuten zwischen den schneeweißen Kissen. Er hörte deutlich ihr sanftes und melodisches Schnarchen. Da kam's plötzlich über den einsamen Federfuchser. Das sollte anders werden. Er hatte Vermögen – mußte es dementsprechend seinem Prinzipal in jeder Hinsicht gleichtun – mußte was prestieren vor der Welt und den Leuten. Mahagonistühle, Plüschsofas, Trumeaux und Spiegel mit Goldrand mußten angeschafft werden ... drum 'raus mit dem vorhandenen Bettel. »'raus mit dem Bettel!« schrie der Herr Sekretarius Knippscheer, »'raus mit dem Pröhlzeug!« griff zu und pfefferte, was er zwischen die Finger bekam, durch das geöffnete Fenster und hinaus auf die Straße. Stühle und Bilder ... dann kam das Geschirr an die Reihe – und dann die große Kaffeekanne mit dem goldenen Randchen. »'raus mit dem Bettel ...!« Lustig klang und klirrte es durcheinander. Die Nachbarn wurden lebendig – und Sophie sprang aus dem Bett, und als sie ins Zimmer trat, da stand ihr Gemahl wie ein Feldherr nach gewonnener Schlacht zwischen den Trümmern, sah sie lächelnden Mundes an und meinte: »Meine teuerste Sophie, wir haben's.«   XXII Die Mission Die Wochen vergingen, und die Wasser hatten sich schon lange verlaufen. Scheu und widerwillig waren sie von dem eroberten Land in ihr altes Bett zurückgekrochen, langsam, ingrimmig, wie aufgeschreckte Bestien, die ihr halberwürgtes Opfer nicht gänzlich zu töten vermochten. Grollend nahmen sie ihr gewohntes Gleis wieder auf, ließen sich einzwängen und gingen stromabwärts; aber ihre Spuren, die Wunden, die sie in ihrer blinden Wut hinterlassen, ließen sich auf Jahre hinaus nicht mehr verwischen. Tiefeingefressene Rinnsale schleppten sich über die Erde und hatten die gewaltigen Flächen durchschnitten, die sonst der Pflug auf Sehweite hinaus bearbeiten konnte. Parzelle drängte sich an Parzelle, saures Gras reckte sich auf, und wo früher üppige Wiesen und Äcker gelegen, wo die braune Krume bis zur Linie des Horizontes sich dehnte, hatte nunmehr der grimmigste Feind des Getreidebaues und der Wiesenkultur – der Sand die fruchtbaren Schollen brutal vergewaltigt. Wie Hermelin so leicht und doch für das keimende Leben ein Bahrtuch, legte er sich strichweise über die Felder, überlief die Hügelungen und duckte sich in die Mulden hinein – ein widerwärtiger Alp, unter dessen Umarmung sich die arme Erde nicht mehr zu erholen vermochte. Im Bereich des Fingerhutshofes hatte er am ärgsten gewütet. Streckenweise lag er wie Dünen geschichtet, und der Wind kam und verwehte ihn mit der Zeit auch auf solche Stellen, wo ihn die Flut nicht abgelegt hatte, und Ignaz Kerkhoff, der mit dem Tod seines Herrn provisorisch die Zügel ergriffen und die Bestellung der Felder besorgte, schüttelte jedesmal den Kopf, wenn er die verwahrlosten Weizenschläge vor Augen bekam, die im verflossenen Jahr und genau um die jetzige Zeit schon mit kniehohen Halmen aufwarten konnten. Es kam ihm hart an – dem vierschrötigen Menschen. »Alles verrungeniert,« sagte er dumpf vor sich hin, »aber so ist das im menschlichen Leben: was 'ne Hand voll Kirchhofserde für uns ist, ist 'ne Portion Sand für den Acker. – Höhö!« lachte er grimmig, »selbst Buchweizen tut's hier nicht mehr, und wenn wir's nicht aushalten könnten, wenn alles so aussäh' wie hier diese Schläge – dann adjüs Partie! – dann könnten wir hier 'nen feinen Bankerott anmelden und uns 'nen Bettelstock schneiden, aber 'nen festen. Höhö!« lachte er wieder, drehte sich um und schien auf ein fernes Spatenklirren zu hören, das aus der Gegend des Leeloches herkam. »Die Musik kommt zu spät,« meinte er schließlich. »Der Kapellmeister war da, aber die Musikanten fehlten – und jetzt wo sie da sind ...« Er machte eine unwirsche Handbewegung, steckte sich 'ne Pfeife an und schritt querfeldein über die versandeten Furchen. – Schon seit mehreren Wochen schaffte der Deichgräf auf der Gemarkung am Leeloch. Mit fieberhafter Tätigkeit hatte er das sanktionierte Projekt wieder aufgegriffen, hatte Arbeiterkolonnen angesetzt und die ersten Profile der neuen Anlage aus der Ebene herauswachsen lassen. Weithin tönte das heisere Pfeifen der Schubkarren, das Klingen der Spaten und das dumpfe Aufprallen der geworfenen Erde. Er selber mühte sich ab mit der verzweifelten Hast eines Menschen, der sich kopfüber in die Sielen hineinwirft, um sich im Schaffenstaumel Seelenruhe und Vergessen zu holen. Und er hatte es nötig, hatte was totzuschlagen und eine quälende Angst zu erwürgen; aber wie er auch rang und sich mühte – er konnte den Schrei nicht mehr los werden, den sie ausgestoßen hatte, als sie aus sündiger Umarmung erwachte und dann ins Morgengrauen hinausstierte mit toten Augen und zerrissener Seele. Er war zum Schurken geworden, hatte die Stirn gehabt, einem makellosen Weib gegenüber ... und wenn er auch jetzt alles gut machen konnte und gut machen wollte, die Sünde blieb und die Erinnerung ließ sich nicht scheuchen. Und wie alles gekommen?! – Er wußte es nicht mehr; aber wie sie dastand und in den fröstelnden Morgen hinausstierte – das sah er noch immer. Und dann wandte sie das Gesicht und meinte mit zuckenden Lippen: »Wir müssen uns hineinfinden – wir müssen vergessen. Leb' Wohl!« und dann hatte sie sich zum Gehen gewendet. »Wohin Du?! – Hast Du mir denn gar nichts zu sagen?« »Nichts mehr. Was hätten wir uns auch noch weiter zu sagen?« Dann ging sie ... Bald darauf war Josias Spettmann erschienen. – Und die Kiebitze flogen, und als die Weidenkätzchen abgeblüht waren, hatte Josias schon längst wieder seinen Einzug in das rote Ziegelhäuschen gehalten. In ihm war eine merkwürdige Wandlung vor sich gegangen. Er war wie verklammt und bangte vor einem nahenden Unheil. Stundenlang saß er bei seinen Weidengerten vor der Haustür, murmelte unverständliche Worte vor sich hin und blickte scheu in Richtung des Fingerhutshofes, wo wieder die Elstervögel lärmten und sich in den Pappelkrönen zu schaffen machten. »Von dort her kommt's,« sagte Josias, griff auf den Boden und warf einen Stein mit häßlichem Lachen weit über das Tief fort, als wollte er gleichsam das vermutete Unheil mit diesem Wurfe zerschmettern. »Den darfst Du nicht sehn, der ist tot für Dich mit allem, was drin ist, da mußt Du immer mit blinden Augen vorüber – und er ist doch hingegangen, der Deichgräf.« Tiefsinnig fuhr er sich mit der harten Hand über die Augen. »Oha!« stöhnte der Kiwi und sah den Kiebitzen nach, wie sie mit ihren runden Schwingen über Kolke und Dämme revierten. »Haben's gut,« meinte Josias, »denn wo Wasser gewesen, werden die Regenwürmer lebendig, und wo sie lebendig werden, fliegen die Vögel.« Und die Kiebitze flogen, senkten sich auf und nieder und wunderten sich, daß nicht mehr alles so war, wie es im Vorjahr gewesen. Den vielen Kolken hatte sich ein neuer zugesellt. Dreizehn waren's; jetzt waren's vierzehn geworden – und der vierzehnte lag oberhalb des Fingerhutshofes und zwar dicht an dem Wege, der von hier aus über den Bolk nach dem nahegelegenen Till führte. Nicht weit von der Durchbruchsstelle hatten ihn die tosenden Wasser in die Erde gefressen. Mit sturem Gepolter, immer dieselbe Stelle aufwühlend, hatten sie miniert und gebrochen und in stundenlanger Arbeit ein jäh abfallendes Becken geschaffen, das die Größe eines preußischen Morgens einnahm und jetzt wie ein starblindes Auge, unheimlich und düster, aus der weiten Niederung aufsah. Todestraurig, ein kleines Maar, vereinsamt und nur mit magerem Graswuchs umstanden, erzählte es eine lange Geschichte aus der Sturmnacht, von menschlichem Ringen und menschlicher Ohnmacht – und tückische Blasen stiegen aus der gähnenden Tiefe, und der Himmel blickte schmerzlich hinein, und die Gaukelvögel kamen, legten sich im Fluge quer auf die Seite und berührten mit ihren runden Flügelrändern den Spiegel, der verräterisch einen Abgrund bedeckte, wo früher Weizenboden lag und mannshohe Ähren sich auf und nieder bewegten. Und wenn es Abend geworden, grinste der Mond hinein, und Josias Spettmann kam dann gegangen, legte sich platt auf den Bauch, stützte den Kopf auf die Faust und wartete auf den Moment, wo sich eine Unglückshand aus dem Wasser erheben würde, die sich ausstrecken sollte und in den Fingerhutshof hineingreifen mußte. Allein die Unglückshand kam nicht und kam nicht; die Leute jedoch mieden die Stätte, gingen scheu und in einem großen Bogen an dem unheimlichen Kolk vorüber und nannten ihn das ›Totenwasser‹. Und die Kiebitze flogen ... Sie flogen bis in den Juni hinein, und als es Juli geworden, bestand der unbefleckte Empfänger auf seinen Schein, kutschierte von Elten in die kleine Stadt, wo die anderen Parteien wohnten, und verlangte klaren Wein in die Buddel. » Secretarii publici ,« mit diesen Worten empfing ihn Herr Knippscheer in Gegenwart seiner Frau, » secretarii pubici per totum annum diligentes et mulorum hominum negotia gerentes ... Hodie obliviscimur omnes molestias et curas – die Sache ist spruchreif geworden, das Nachlaßgericht ist verständigt, die Papiere wurden für ordnungsmäßig und rechtskräftig befunden, und meinetwegen können wir nun Frau Aleit alle Tage den Stuhl vor die Tür setzen. Das ist nicht contra leges , mein Bester, und wenn's Ihnen recht ist, will ich schon morgen, und zwar in Kraft meines Amtes als Testamentsvollstrecker, das Nötige einleiten und die Exmission tunlichst besorgen.« »In Gottes Namen denn!« nickte der unbefleckte Empfänger, »aber machen Sie's schonend, Herr Vetter, und wenn sie noch das eine oder das andere mitnehmen will – ich für meine Person habe gar nichts dawider, denn ich hab's mir inzwischen überlegt und will das Gesetz nicht bis zum Äußersten gehandhabt wissen, obgleich die treulose Frau es reichlich verdiente.« »Das allerdings,« bestätigte Knippscheer, »vornehmlich jetzt, wo das fatale Gerücht umgeht, sie trüge sich bereits wieder mit Heiratsgedanken.« »Und darf man wissen . ..?« »Kein Geheimnis, Herr Vetter – der Deichgräf.« »Mein Gott!« seufzte der unbefleckte Empfänger, »also dürfte mein Gewährsmann, der aloysianische Jüngling ...« »Schon möglich, Herr Vetter.« »Dann äußerste Strenge,« entrüstete sich Fennand van Bommel. »Was Gott tut, ist wohlgetan; man soll ihm nicht in die Zuchtrute fallen, und wenn Sie Madam Mömmes und der Frau Lena begegnen, dann sagen Sie ihnen, ich wäre nicht abgeneigt, ihnen ein Privatissimum über die Pflichten eines christkatholischen Weibes zu halten.« In tiefster Seele entrüstet, ließ er seine semmelblonden Wimpern herunter. »Zucht und Frömmigkeit sind die Zierden einer wirklichen Hausfrau,« dozierte er weiter, »und Sie, mein Bester, haben in dieser Hinsicht eine große Nummer gezogen. Eine keusche Lilie wurde Ihnen aus der Hand des Allerhöchsten gegeben. Ihr Kelch ist ein nieversiegender Bronnen, und ihre Staubfäden atmen Tugend und Liebe. Glücklich der Mann, dem solch ein köstliches Gefäß der Andacht und solch eine Gnade geworden.« »Ich weiß es zu schätzen,« versetzte Herr Knippscheer. »Ach!« seufzte die Frau Notariatssekretärin, knickste verschämt und präsentierte dem unbefleckten Empfänger ein Schälchen Kaffee. Der Unbefleckte war mit großen Plänen gekommen. Er hatte sich bereits einen Inspektor gedungen und ein Lehrbuch erstanden, das in sachlicher und umfassender Weise die Grundsätze einer rationellen Landwirtschaft entwickelte und dartat. Ein fast dreimonatliches Studium hatte ihn wissend gemacht und zu einem Ökonomen gestempelt. Er sprach denn auch in großen Worten darüber, entwickelte die Theorie der Düngung, gab der mineralischen vor der tierischen entschieden den Vorzug, erklärte den Humus für das Prinzip der Fruchtbarkeit, meinte, daß die Salze Lebensmittel der Vegetation seien, hielt nicht viel von Apatiten und Kali, sprach mit sachlicher Kenntnis von Kultivatoren und Feimengeräten, gedachte neue Getreidearten und Futtergewächse einzuführen, selbstverständlich unter Weglassung des alten Betriebssystems, um auf diese Weise einen größeren Nutzen aus der wieder verjüngten Scholle zu ziehn, legte aber schließlich in stiller Ergebung die Hände zusammen und meinte: »Und dennoch, was fruchtet auch hier der menschliche Geist und das menschliche Wissen! Spatenkultur und mineralische Düngung tun es allein nicht. Der dort über uns muß gnädig auf Mist und Acker herabsehn, denn an Gottes Segen ist doch alles gelegen.« So war denn der andere Tag, ein schöner Sonntagmorgen gekommen. Gleich nach dem Hochamt, also war verabredet worden, sollte die Exmissionsreise losgehn. Die zunächst Beteiligten ließen es sich aber nicht nehmen, dem Herrn Testamentsvollstrecker das Geleit bis zur Bunten Schleuse zu geben, hier zu warten, um dann später das erzielte Resultat brühwarm aus seinem Munde zu hören. Na – und so zogen sie denn gemeinsam hinaus: Herr Krispinus van Bommel, die Frau Notariatssekretärin, der unbefleckte Empfänger und Knippscheer. Letzterer besonders feierlich in weißer Weste, Zylinder und Gehrock und von Fritze Sötentitt als Adlatus begleitet. Herr Sötentitt war äußerst geschmeichelt. Mit Gesetzbuch und Aktenfaszikel unterm Arm stolzierte er nebenher, und als sie an der Behausung von Madam Mömmes vorbeikamen, räusperte er sich verschiedene Male, um die würdige Frau, die doch so große Stücke auf ihn hielt, so'n bißchen aufmerksam auf sein Kommen und seine Amtierung zu machen. Sie sollte doch sehn, daß sie sich keiner Täuschung hingegeben, und daß er wirklich der Mann sei, für den sie ihn immer gehalten und eingeschätzt habe. Allein Lisbeth erschien nicht. Sie hatte heute ihren ›ägyptischen Sonntag‹ – und das war schlimm für Fritze Sötentitt, denn nun mußte er leider darauf verzichten, sich in seiner ganzen Würde präsentieren zu können. Ein köstlicher Sonntagmorgen flimmerte über die niederrheinische Landschaft. Wo die Stauflut nicht gearbeitet hatte, dehnten sich üppige Wiesen, verschwenderisch mit dem zarten Fleischton der Kuckucksblume durchstickt, reihten die Kappweiden ihre silberlichten Hauben nebeneinander, und hob sich das zarte Katzengrau der Roggenfelder gegen den Horizont ab, der in dustigen Tönen erstrahlte. Wie eine blaugraue Insel drängte sich der ferngelegene Wald von Moyland dazwischen. Und eine Lerche stand hoch über dem Kalkflack, sang von Sonntagsstille und Gottesfrieden und einer besseren Zukunft, und die fünf Menschen gingen durch diese Sonntagsstille hindurch, fröhlich, beglückt, wohligen Sonnenschein im Herzen, aber nicht gewillt, den stillen Gottesfrieden auch einem andern Menschenkinde zu bringen. An der Bunten Schleuse trennten sie sich. Krispinus, Sophie, der unbefleckte Empfänger blieben hier in angenehmer Erwartung zurück und machten es sich im duftigen Grase bequem, während Herr Knippscheer, Sötentitt, Gesetzbuch und Aktendeckel den Weg zu dem stillen Gehöft einschlugen, das weltverloren im versandeten Tief lag. Und ein dunkler Vogel ruhte bewegungslos mit gebreiteten Schwingen darüber – ein brütendes Unheil, ein unheimliches Etwas, das, so ruhig es auch unter dem heiteren Himmel schweben mochte, verhängnisvolle Schatten herabwarf und ein bedrängtes Menschenherz mit Schauern umhüllte. Ja – um Aleit zogen sich trübe Schatten zusammen. Ein Flüstern und Raunen war um sie. Sie kannte die Stimmen und wußte, was sie zu gewärtigen hatte. Barthes war tot, und der Inhalt des Testamentes war ihr nicht verborgen geblieben. Allein – was sollte das alles?! – Wie verwehte Klänge des Alltags, wie gleichgiltige Dinge berührte es nur ihre geängstigte Seele. Sie hatte kein Verständnis dafür und wäre glücklich gewesen, bettelarm und ausgestoßen von hinnen ziehen zu dürfen. Nur vergessen – die Erinnerung töten – ungeschehen machen, was sie im Taumel auf sich geladen, das war es, was sie in dumpfer Verzweiflung und mit angstvollem Flehen hinausschrie, was sie erträumte und in ihrem namenlosen Schmerz von der Vorsehung zu ertrotzen versuchte. Vergessen, vergessen! – aber die Schuld war da, ließ sich nicht scheuchen, lag zu ihren Füßen wie ein scheußliches Ding, das sich aufrollte, um dann schlangenartig sich um ihr Denken und Fühlen zu ringeln. Und dann war es ihr wieder, als leuchte ihr durch die trostlose Öde ein Licht der Erlösung. Was hatte sie überhaupt ihrem Manne gegolten?! War sie nicht dem Mysterium einer reinen Liebe verfallen, und stand ihre Liebe nicht frei über den kleinlichen Satzungen und den starren Regeln der klügelnden Menschheit, um sich immer höher und höher zu heben und das sehnende Herz mitzuführen in das Reich der Verzückung? – Sie lauschte den berückenden Tönen, die Sehnsucht zum Geliebten entrang sich immer wieder ihrer verzweifelten Seele, sie durchlebte noch einmal die Stunde, wo sie so namenlos glücklich und doch so sündig gewesen, um dann wieder hinabgeschleudert zu werden in den Abgrund des Brütens und der dumpfen Verzweiflung. Wohin ihre Schande tragen und sich vor Gott und den Menschen verbergen?! Und sie kannte die Menschen, die gefühllosen Menschen! – und in schrecklichen Nächten erfuhr sie, wie sie höhnten und lachten und dann in die Worte ausbrachen: »Kreuziget sie – kreuziget sie! – denn sie hat sich an Gott und seinen heiligen Geboten versündigt.« – Ja, sie war erbärmlich geworden, sie hatte verdient, was sie riefen, und sie wollte hinausgehn, den Leuten ihre Schande erzählen und sich kreuzigen lassen von der hungrigen Menge. Mit diesem Empfinden schlich ihr das Leben dahin. Die Stunden reihten sich zu Tagen, die Tage zu Wochen, die Wochen zu Monden – keine Macht der Erde war imstande, ihr die Reinheit wiederzugeben ... als plötzlich ein leises und wunderbares Schwingen ihre Seele berührte. Erst nur wie ein Traum gehaucht, wie ein leiser Gedanke zitterte es über sie hin, um schließlich den goldigen Schimmer zartesten Empfindens in ihr freudenloses Dasein zu gießen. Ein geheimnisvolles Regen, eine Offenbarung war in ihr, als sei sie auf eine verklärte Stufe des Daseins gehoben, die sie allem Gemeinen entrückte, und sie wieder eintreten ließ in den Tempel der Reinheit und in das Haus, wo die Heiligkeit wohnte. Die Sünde hatte ihre Bangnis verloren. Ihr Leben gehörte nicht mehr ihr und dem Geliebten allein. Ein Hauch fraulicher Würde umgab sie. Träumerischen Auges sah sie einem stillen Werden entgegen, und in mächtiger Welle flutete die erwachende Mutterliebe über die schlaflosen Nächte und die quälerischen Empfindungen der verflossenen Monde. Und dennoch – was sollte das werden?! – Hatte sie nicht ihr eigenes Leben zerstört, um ein anderes Leben zu wecken, ein werdendes Leben, aus dem ihr langsam aber um so sicherer der zukünftige Richter aufwachsen würde?! – Ein wütiger Schmerz zerriß ihre Stimmung. Die ganze Ungeheuerlichkeit ihrer Bedrängnis trat ihr grell vor die Augen. Der kurze Glücksrausch verflog, abgelöst von einem starren Entsetzen, das sie gepackt hielt und einem Abgrunde zutrieb, dem sie unentrinnbar verfallen. Mit einem dumpfen Schrei rang sie sich aus ihrer wilden Betäubung. »Wo bin ich ...?!« Und draußen pochte ein Mann an, von dem sie wußte, warum er gekommen. Sie kannte ja die einzelnen Bestimmungen des Testamentes. Sie wollte ja gar nichts. Alles konnten sie haben – alles, alles! – Freudigen Herzens hätte sie selbst ihr karges Pflichtteil gegeben – allein das werdende Leben war da, konnte nicht verheimlicht werden ... aber einzugestehen, daß es nicht ihrem verstorbenen Manne gehörte, sich in den Staub treten zu lassen von erbarmungsloser Gesinnung und der Schmähsucht der Menschen – lieber ins Totenwasser und die Qual nicht mehr fühlen. »Nie!« schrie das gepeinigte Weib auf. Bald darauf hatte sich Frau Aleit wieder gefunden, aber ein zuckender Haß, ein Aufbäumen gegen das unerbittliche Walten des Schicksals hatte sich ihrer bemächtigt. Die Sünde trug ihre Frucht. – Gut denn, sie wollte auch das noch ertragen und, wenn es nötig sein sollte, es zum Äußersten treiben. Er mochte kommen. Aus ihrem blassen Gesicht leuchteten die Augen wie zehrende Flammen. »Herein!« sagte sie heftig. Da ging die Tür, und unter Assistenz seines juristischen Anhängsels war der Herr Sekretarius Knippscheer mit aller Förmlichkeit ins Zimmer getreten. »Frau Base,« sagte er mit verbindlichem Schmunzeln, »ich hoffe nicht ungelegen zu kommen.« »Zuvor eine Frage,« unterbrach ihn die Ärmste. »Ist die Anwesenheit Ihres Begleiters hier nötig?« »Nicht unbedingt,« entgegnete Knippscheer – aber was war das?! Der Ton machte ihn stutzig. Er glaubte einer vom Schicksal Gefaßten, einer Verzweifelten entgegentreten zu können und mußte nun zu seinem nicht geringen Erstaunen die Wahrnehmung machen ... Er kam in seiner fatalen Betrachtung nicht weiter. »Also nicht unbedingt nötig?« Sie hatte mit harter Stimme gesprochen. »Dann möchte ich Sie freundlichst ersuchen, das, was Sie mir mitzuteilen haben, unter vier Augen zu sagen.« »Wie Sie wünschen,« versetzte der Sekretarius etwas betreten und hieß seinen Beistand hinausgehn. »Nun zur Sache; also Sie kommen ...« »In dringlicher Angelegenheit, von wegen des Aktes und gewissermaßen mit solidarischer Haftung.« Über ihre Züge glitt ein verächtliches Lächeln. »Dann eine weitere Frage. Mit welchem Recht mischen gerade Sie sich, Herr Knippscheer, in eine Angelegenheit, die mich betrifft und nicht für alle bestimmt ist?« Na – so was! Das war doch geradezu eine Unverfrorenheit und ein impertinentes Verhalten. Schon wollte er andere Saiten aufspannen, beherrschte sich aber und meinte mit gewinnendem Lächeln: »In Kraft meines Amtes als Testamentsvollstrecker, meine hochverehrte Frau Base – und möchte mir daher in aller Freundschaft erlauben ...« Eine unwillige Geste unterbrach seine Rede. Der ganze Mensch, den sie in seiner kläglichen Würde und bis in die tiefste Herzensfalte durchschaute, war ihr schmerzhaft widerwärtig geworden. »Bitte, mein Herr,« sagte sie mit scharfer Betonung, »lassen wir alles und jedes, was nicht zur Sache gehört, aus dem Spiel, verschonen Sie mich mit derlei Beteuerungen; was Sie zu sagen haben – bitte, machen Sie's kurz, entheben Sie mich sobald wie nur möglich Ihrer Gegenwart und Ihres dienstlichen Hierseins. Mir wär's schon das Liebste.« »Was?!« fuhr Knippscheer zurück. Wie ein Peitschenhieb saßen die Worte. »Das mir?!« zischelte er und war hastig näher getreten, »wo ich doch nur Ihr Bestes gewollt habe. Lassen Sie's mir nicht entgelten, was Sie selber verschuldet. Sie kennen am besten die Gründe, die bei der Instrumentierung des Aktes maßgebend waren, und wenn die Testierung Ihren Erwartungen nicht entsprach, wenn der Erblasser sich genötigt sah, sein bewegliches und unbewegliches Eigen würdigeren Händen anzuvertrauen, wie die Ihren es waren, so kränken Sie wenigstens nicht in mir die sanktionierte Person des Gerichtes,« Ein frostiges Gelächter schlug ihm entgegen. Ein Gefühl des Ekels war über Aleit gekommen, als sie bemerkte, wie sich so ganz allmählich aus der heuchlerischen Maske des bevollmächtigten Mannes das Grimmige eines bissigen Kaninchens entpuppte. »Na denn, ich höre,« sagte sie schneidend, »und machen Sie's prompt – Sie hoher Gerichtsmann.« »Ich werde, ich werde!« keuchte das grimme Kaninchen und knöchelte auf den Aktendeckel, daß es stiebte und stäubte. »Von Rechts wegen,« sagte er mit giftigen Augen. »Laut Testament, errichtet vor dem Notar Johann Peter Gerechtsam und nunmehr deponiert bei dem Nachlaßrichter in Kleve, wurde Herr Fennand van Bommel, Kirchenrendant und Lehrer zu Elten, als Universalerbe des gesamten Nachlasses Ihres verstorbenen Mannes berufen.« »So!« lächelte Aleit. »Ja – und zwar mit der angehängten Klausel, etlichen verdienten Leuten diverse Legate, deren Zweck und Bestimmung Sie nicht weiter zu interessieren vermögen, behänden zu wollen.« »Also doch verschiedene Vermächtnisnehmer?« fragte sie mit spöttischem Anflug. »Gewiß.« »Zu denen auch Sie gehören, Herr Knippscheer?« »Allerdings.« »Glückliche Menschen! – Ich gönne es allen von Herzen. Und ich – was habe ich zu erwarten?« »Nichts – als nur das,« pointierte Knippscheer mit stillem Behagen, »was der Herr Testierer durch Verfügung von Todes wegen leider dem bestehenden Gesetz nicht zu entreißen vermochte.« »Ich danke.« »Nichts zu danken; die Hauptsache kommt noch, und sie will nichts weiter, als Ihnen die Mitteilung machen, gemäß der Sie innerhalb einer Frist von acht Tagen den Hof zu verlassen haben. Bemühen Sie sich daher um ein anderes Quartier; zu schwer dürfte Ihnen ja immerhin diese Schose nicht werden. Und ich freue mich herzlich, daß gerade mir die Ehre zuteil ward, Sie wegen Ihres unqualifizierbaren Benehmens mit Pauken und Trompeten und sozusagen mit allen Chikanen hinauskomplimentieren zu dürfen. Und somit, meine hochverehrte Frau Base ...« Schnellfingerig griff er nach seinem Zylinder, warf sich den blauen Aktendeckel unter den Arm und stolzierte in dem Bewußtsein, seine Mission mit dem Geschick eines preußischen Appellationsgerichtsrates erledigt zu haben, der Tür zu. Totenbleich reckte sich Aleit. »Eine letzte Frage, Herr Knippscheer.« »Bitte.« »Und das ist alles in dem Testament meines verstorbenen Mannes niedergelegt?« »Alles,« »Und ist nichts in dem Testament enthalten, schreibt das Gesetz nichts vor, was eventuell auf die Kinder Bezug hat?« »Müßige Frage – da keine Nachkommen des Testierers vorhanden.« »Und was sagt das Gesetz von einem noch nicht geborenen Kinde?« Knippscheer zuckte die Achseln: »Der Fall ist absolut von keiner generellen Bedeutung.« »Möglich – aber wie lautet die Fassung?« »Wer zur Zeit des Erbfalls nicht lebte, aber erzeugt war, gilt als vor dem Erbfall geboren.« Aleit schüttelte sich vor Entsetzen und Grauen. »Und wenn ich Ihnen sage ...!« schrie sie mit heiserer Stimme. »Was...?!« stammelte Knippscheer. »Ich fühle mich Mutter – und durch mich wird dem Fingerhutshof noch ein Erbe gegeben.« Die liebe Julisonne fiel in diesem Augenblick durch die Scheiben und umstrahlte Frau Aleit. »Sein Kind ...?!« zeterte Knippscheer. »Ja,« beteuerte Aleit, »das Kind meines verstorbenen Mannes – und jetzt ...« Sie machte eine herrische Handbewegung, dann hörte sie, wie die Tür jammernd ins Schloß fiel. »Sein Kind!« rief sie mit gellendem Aufschrei. »Hätte ich anders gehandelt ... Lieber ins Totenwasser, als die Schande ertragen. Herrgott, verzeih' mir die Sünde ...!« Der gespenstische Vogel, der mit gebreiteten Schwingen über dem Fingerhutshof ruhte, senkte sich talwärts. – Und da draußen blinkten die Wiesen, die Kuckucksblumen dehnten sich maßlos ins Weite, und eine heitere Gottesstille ging auf weichen Sohlen über Felder und Fluren und über die gemordete Scholle. Inzwischen saßen die übrigen Erben an der Bunten Schleuse und harrten sehnsüchtig auf die Rückkehr des von ihnen in wichtiger Mission beorderten Mannes. Die Zeit schien ihnen lang zu werden. Frau Sophie spielte zur Kürzung des Schneckenganges mit ihrem schwerkaratigen Goldkreuz, der unbefleckte Empfänger gab sich sinnreichen Betrachtungen über rationelle Bodenkultur hin, während der Alte an einer Weidengerte herumschnipselte, sein rotbedrucktes Sacktuch hervorzog und es als ein lustiges Fähnchen mit der äußersten Spitze der schwanken Weidenrute verknüpfte. »Für Knippscheer, um ihm ein Vivat zu bringen, wenn er zurückkommt,« meinte er dann so nebenher, setzte sich auf die Brüstungsmauer der Schleuse und sah den fetten Barschen zu, die sich da unten in dem kühlen Wasser plusterten. – Eine Stunde verging. Das erbberechtigte Kleeblatt, wenn auch etwas gelangweilt, harrte geduldig aus, denn alle freuten sich jetzt schon auf das delikate Nachrichtenschmäuschen, das Knippscheer sicherlich mit sehr pikanten Zutaten gespickt haben würde. Die fünfte Viertelstunde verging, als der unbefleckte Empfänger plötzlich in die jubelnden Worte ausbrach: »Sie kommen! – Sie kommen!« »Wo?« fragte der Alte. »Da hinten!« »Richtig – und wie fidel!« freute sich Sophie. »Jesses – ja!« krähte Krispinus, »die kommen ja gehoppelt wie'n kaptaler Rammler und ein putziges Häschen.« »Man sieht es ja, wie die reinste Freude aus ihren Sprüngen hervorleuchtet,« ließ sich der unbefleckte Empfänger vernehmen. »Das Recht triumphiert!« warf die Lange dazwischen. »Na – diesem unmoralischen Weib hat es aber mein Männchen mal gründlich gegeben.« Dann reckte sie ihren Gänsehals aus der florigen Krause, um besser sehen zu können. »Zackerzucker! – los denn dafür,« meinte Krispinus, schwenkte sein Fähnchen und forderte die anderen auf, mit ihm den beiden Abgesandten entgegen zu ziehen. Die drei frommen Menschen gingen denn auch mit wehender Schnupftuchfahne auf die Ankommenden zu, die in großen Sätzen über Wiesen und Kleeacker turnten. »Haben die Kerle 'ne Lunge!« kicherte Krispinus van Bommel. »Mit den Sendboten einer gerechten Sache ist Gott,« beteuerte der unbefleckte Empfänger, »er gibt ihnen Stärke.« »Denn man weiter!« johlte Krispinus und wollte vor Lachen bersten beim Anblick der lustigen Sprünge. Knippscheer war zwei Pferdelängen vor. Hinter ihm her stolperte Fritze Sötentitt mit Gesetzbuch und Akten. Weithin leuchtete der blaue Deckel ins Vorland. Sie waren bis auf Rufweite näher gekommen, als der geheime Hosenrat unartikulierte Laute von sich gab, stehen blieb und mit Händen und Beinen agierte. »Freundchen! – Freundchen! nur ruhig; wird sich alles schon finden!« schrie der Alte ihm zu und mußte dann sehn, wie Sulpiz zu einer Bildsäule erstarrte. »Nun gestattet er sich ein kleines Späßchen,« lächelte der unbefleckte Empfänger. »Stimmt,« bestätigte Sophie, »denn er ist immer so ein kleiner Duckmäuser und Schäker gewesen.« Jetzt stießen die Parteien zusammen. Sulpiz blieb wie versteinert. »Freundchen! – Freundchen ...!« Keine Antwort erfolgte. Auch das Aussehn Sötentitts verkündete Unheil. »Sulpiz – Männchen, so sprich doch!« »Hier stimmt was nicht,« versetzte Krispinus. »Männchen! – Männchen ...!« wimmerte Sophie. Da hielt sich Knippscheer nicht länger. Ein wütiges Keuchen war in ihm. »Aus!« sagte er brütend und ließ die Arme wie leblos herunter, »nichts mehr – die zwanzigtausend Taler sind einmal gewesen – sie stehn auf dem Papier, denn Aleit...« »Was denn?!« schrieen alle gemeinsam. »Sie ist in der Hoffnung.« Man hörte die Grillen zirpen und die Feldmäuse piepsen – so still war's mit einem Schlage geworden. Der Unbefleckte machte vielleicht das aloysianischste Gesicht seines Lebens. Sophie stand sprachlos, mit geöffnetem Munde, als wollte sie die Ringeltaube verspeisen, die mit reißendem Fluge über die Niederung herkam. Der Alte mit seinem Fuchsgesicht blieb allem gefaßt bei dieser plötzlichen Wendung der Dinge, denn er hatte genug und konnte somit die verpfuschte Geschichte mit ansehn. »Nu ist die muntere Kirmes zu Ende,« brach er das verzweifelte Schweigen, wandte sich dann an die Frau Notariatssekretärin und meinte: »Und was das Schlimmste ist – Ihr Herr Gemahl, der Testamentsvollstrecker, hat wohl so'n bißchen zu früh die feine Kaffeekanne mit dem schwervergoldeten Rändchen zertöppert.« »So'n Dämel!« sagte sie und kam wieder ins Leben zurück, »und wenn ich gewußt hätte . . .« Langsam drehte sie sich dem Fingerhutshof zu und stierte ihn an, als sei sie gewillt, ihm die heilige Pest unter die Sparren zu wünschen. Mit der Linken hielt sie ihr Goldkreuz umklammert. Die Blicke weiteten sich. Unheimlich, drohend stand die lange, schwarzgekleidete Person inmitten der Wiesen, »Und ich will's auf die Kommunionsbank beschwören mit einem heiligen Eide,« schrie sie mit heiserer Stimme und streckte die Schwursinger aufwärts, »das Kind ist nie und nimmer von Barthes!« Ein Schauder lief über den Rücken des unbefleckten Empfängers.   XXIII Kurz zuvor Es war wie ein unendliches, schwelendes Torfmoor. Weit jenseits glomm ein düsterer, glutroter Streifen, dem ein beängstigendes Leuchten voranlief. Und das Leuchten ging über die Grasnarbe der unheimlichen Stätte, aus deren Grund Dämpfe aufstiegen und zuckende Flämmchen. Tief unten brannte ein verzehrendes Feuer. Es brannte nicht eigentlich, glumste und schwelte nur, machte aber doch rechtschaffene Arbeit, denn es hatte bereits das ganze Land unterlaufen, wo Torf war, und saures Gras im Winde raschelte und sich traurig bewegte. Nur eine trügerische Decke lag darüber gespreitet. Keines Menschen Fuß wagte sie zu betreten, keine Spur eines Tieres ließ sich darauf sehen, denn die Fläche wellte sich und atmete einen todbringenden Hauch aus. Und doch gingen zwei Menschen darüber: Gert Liffers und Aleit ... und sie gingen immer weiter und weiter über die sündige Scholle und den wankenden Grund des Verderbens. Er hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt und sie an sich gezogen. Und sie schien von Floren umhüllt, die der Abendwind gegen das Licht des westlichen Himmels anblies. Nicht wissend, wohin der Weg sie führte und wie das enden würde, wandelten sie dem düstern Streifen entgegen, aus dessen Rissen ein Gebilde sich aufhob, das mit einer gestreckten Hand Ähnlichkeit hatte. Sie aber bemerkten die Hand nicht, denn sie gingen teilnahmlos, nur mit ihren Gedanken beschäftigt und mit geschlossenen Augen. Eine barmherzige Ohnmacht umfing sie – und dennoch erinnerte sich Aleit an die Einzelheiten ihrer Leidensgeschichte, aber sie erinnerte sich daran, als läge zwischen dem Heute und der sündigen Stunde eine unendliche Wegestrecke und nicht die kurze Spanne von nur wenigen Monden. Sie sah alles mit andern Augen, und dieses Sehen, durch das stille Bewußtsein verklärt, mit ihm durch unlösliche Fesseln verbunden zu sein, warf ein mildes Licht auf ihre gemarterte Seele und führte sie immer weiter in die Begebenheiten von vergangenen Tagen, wo sie glücklich gewesen, und das Leben sie noch nicht angetastet hatte mit ekelhaften Fingern, um ihr Stück für Stück aus dem Kranz der Freude zu nehmen. Ja, sie erinnerte sich – und sie stand wieder mit Gert zwischen den blühenden Wiesen, wo die Gräser flüsterten, und die Wolken unter dem Himmel gingen, als seien es Tiere aus der Arche Noah gewesen. Und Gert hatte verbundene Händchen, und die Glocken lauteten über den Wald hin, und dann schloß sie die nußbraunen Augen und spitzte ihr Mündchen – und dann wieder klapperten ihre Holzpantöffelchen über den Deich fort ... Im kleinen Magistergarten schlug ein Buchfink, tiefer zwischen den Bäumen ein zweiter, und es gab Nelken auf den Rabatten, die Feuerbohnen blühten, und im Stadtgraben schwammen die Wasserrosen mit bleichen Gesichtern – und Tränen lagen darin ... und dann war das Abschiednehmen gekommen ... Sie riß die Augen auf mit einem schmerzlichen Lächeln, das plötzlich erlosch. Mit unerbittlicher Genauigkeit hatte sie alles gesehen. Aber sie wollte nicht mehr sehen. Der Gedanke an den Tod hatte sie ergriffen. »Wohin gehen wir?« fragte sie schaudernd. »Wohin die Liebe uns führt.« »Und immer zusammen?« »Ja – immer zusammen.« Und sie gingen weiter über das schwelende Torfmoor, über die sündige Scholle und den wankenden Grund des Verderbens. Und der Abendwind kam stärker gegangen und blies ihren Schleier ungestümer gegen den Himmel. Der glutrote Streifen, der dicht über dem Horizont lag, dunkelte vor dem fliegenden Webwerk. Nur die Hand ließ sich nicht scheuchen. Sie wuchs über ihn fort und streckte zwei Finger nach oben. Da begann der Boden unter ihren Füßen zu Wanken ...   Mit dem Wachsen der neuen Deichanlage beim Leeloch verminderte sich allgemach das Interesse an den traurigen Ereignissen, die über Land und Leute der Niederung gekommen waren und besonders den Fingerhutshof heimgesucht hatten. Je weiter das Korn in Halm und Ähren schoß, um so weniger sprach man von den tiefen Wunden, die das Schicksal geschlagen, von den Verstorbenen, die eingegangen waren in den ewigen Frieden. Man ließ Gras drüber wachsen und den lieben Gott für das weitere sorgen. Die Ereignisse sind kurzlebig, haben keinen langen Atem – sind Eintagsfliegen, die absterben, wenn das grelle Licht der Neugierde sich sattsam mit ihnen beschäftigt. Die Testamentsangelegenheit freilich hatte die Gemüter länger in Aufregung gehalten, wie es wohl sonst zur Tagesordnung gehörte, und man hatte sich eigentlich darüber gefreut, daß das Konsortium aller Wahrscheinlichkeit nach um das erschlichene Erbe gekommen war und den verschiedenen Besitztiteln nachpfeifen konnte. Bald darauf wurde auch dieses wieder vergessen. Man ging mit der Schnelligkeit von Kankerspinnen auch über dieses Skandälchen hinweg und begnügte sich damit, Gert Liffers und Aleit als Versprochene zu wissen, die sich heiraten würden, wenn die vorgeschriebene Zeit der Trauer vorüber, und die Kinder wieder ins Holz gingen, um Veilchen zu suchen. Die Welt nahm seit vierzehn Tagen ihr alltägliches und arbeitsames Gesicht an. Der Viehweidshöfer hatte seine ersoffenen Milchkühe und Rambouilletböcke verschmerzt, besichtigte häufig die neuen Deichanlagen, die sich immer mehr aus dem Tiefland erhoben, schüttelte dem Deichgrafen die Hand und versprach mit ihm gute Nachbarschaft zu halten, wenn übers Jahr alles perfekt sei. Hannibal Pinsgen hantierte wieder hinter der Theke, trug seine obligate Sackleinewandschürze und bediente in alter Gewohnheit den Petrus Nagelschen Marstall. Sein platonisches Verhältnis zu Madam Mömmes war dasselbe geblieben. An schönen Julitagen saß Lisbeth auch wieder breitbeinig und mit perlbestickten Pantoffeln vor der Haustür, amtierte zwischen ihren Hühnchen und Hähnchen, und die Babbeltjes-Lena rollierte wie sonst, zog ihre Babbelatjes unter Hinzutun der nötigen Spuckbeilage wurmartig aus, brachte sie unter die Kinder und ließ im übrigen Gottes Wasser über Gottes Acker dahinlaufen. Denn bei Lichte besehn: was kümmerte sie auch nur im Geringsten das Schicksal der andern Leute? Mochte sterben, wer sterben wollte, wenn der Tod nur für sie nicht sein ›hölzern Gelächter‹ anstimmte und sie aufforderte, mit ihm so'n kleines Tänzchen im letzten Hemd zu riskieren. Nein – sie hatte gar keine Eile, konnte noch warten, und sie würde sich auch dann noch bedenken, wenn sie hundert Jahre geworden. Und das Grapsige der übrigen Menschen?! – Das konnte ihr absolut nicht gefallen. »Allens mit Ruhe, allens mit Andacht – un nähre Dir redlich!« – Gott sei gedankt! – das hatte sie immer hoch gehalten im Leben, hatte nie gelüstet nach des Nächsten Magd, Ochs, Esel und allem, was sein ist – und so war ihr denn auch keine Erbschaft an der Nase vorbeigegangen. Mit diesen Betrachtungen ging denn auch sie von den bösen Geschehnissen zur Tagesordnung über, bestreute ihre Babbelatjes mit Zucker und lobte Gott den Herrn und ihre eigne Ware. Für Fritze Sötentitt aber waren schlimme Tage gekommen. Er hatte überreichliche Muße, sich mit der Theorie der Wandelbarkeit des Glücks ins Einvernehmen zu setzen, da sein mißgelaunter Bureauchef wieder in seine altgewohnte Praktik verfiel und ihn mit Püffen und Aktendeckeln traktierte. – Nichts ist beständig auf dieser Erde, selbst die Laune eines königlichen Notariatssekretärs nicht, der sehen mußte, wie zwanzigtausend preußische Taler Beine bekamen und vorbeilaufen wollten. – So war denn alles wieder in Schick und Richte gekommen, und die Leute fanden sich im allgemeinen ab mit den geschehenen Dingen. »Wir wollen vergessen,« sagten die meisten. Vergessen ...?! – da waren sie aber an die falsche Adresse gekommen, denn die geschädigte Partei dachte gar nicht daran, ihr gutes Recht in die Bohnen zu schicken. Sie kämpfte im stillen, aber dafür mit verbissener Wut und mit der Hartnäckigkeit eines englischen Pintschers. Gleich nach der empfindlichen Abfuhr betrieb sie unter dem Vorsitz des Gemaßregelten ihre bösen Geschäfte und machte spitzfindige Arbeit. Alte Aussagen vom Donnerjü wurden zusammengetragen, seine Äußerungen hinsichtlich des ehelichen Verkehrs mit Aleit gebucht, das Für und Wider erwogen, bis schließlich der Herr Notariatssekretär soviel Material hinter sich hatte, um mit einem gewissen Erfolg die Feder ergreifen zu können. In achttägiger Maulwurfsfron, während welcher er sich noch durch die Wirrnis der Gesetzesparagraphen hindurchgrub, stellte er alsdann eine dickleibige Anfechtung im Brouillon fertig, schrieb sie säuberlich ab, setzte noch seinen Namen darunter und sandte sie im Auftrag der Erbberechtigten dem Klever Gericht ein, und zwar kraft der Behauptung, daß das zu erwartende Kind nicht dasjenige von Barthes van Laak sei, sondern im Ehebruch erzeugt wäre und somit auch nicht geeignet erscheine, die testamentarische Verfügung illusorisch zu machen. Die zuständige Behörde reagierte darauf. Der Antragsteller wurde dementsprechend beschieden. Der Beweis der Wahrheit sei anzutreten – von Rechts wegen und im Namen des Königs. »Können wir,« sagte der unbefleckte Empfänger – und da er dies sagte, war der Roggen da draußen in die erste Milchreife getreten, – Eines Sonntags saß Mutter Lisbeth in ihrem Hinteren Zimmer. Es ging auf Schlafenszeit, denn die Kuckucksuhr und mit ihr die übrigen Uhren im Armenhof hatten bereits ein Viertel vor zehn gemeldet. Fenster und Türen standen noch immer geöffnet. Ein warmer Geruch nach Goldlack und Sommerlevkojen einte sich dem angenehmen Duft eines weißen Rosenbuketts, das die behäbige Frau vor dem gipsernen Aloysius von Gonzaga placiert hatte. Sie selber las noch in den ›Blüten der christkatholischen Andacht‹, eine löbliche Sitte, die sie nie außer acht ließ, bevor sie ins Bett ging. Gläubigen Herzens betete sie die sich selber gestellte Portion von Seiten herunter, wendete die Blätter mit angefeuchtetem Daumen und war so in Betrachtung versunken, daß sie auch nicht das geringste bemerkte, was um sie vorging. Der taube Christ van de Lucht, der erst gegen Morgen eine Hand voll Schlaf in die Augen nahm, stand noch mit Pfeifchen und Zipfelmütze hinter seinen Meerzwiebeln und Nachtviolen am geöffneten Fenster und sah auf die Straße hinaus. Die lauliche Sommernacht hatte eine eigentümliche Dämmerhelle ausgetan. Die gegenüberliegende Häuserzeile war deutlich erkennbar. Christ van de Lucht hatte Augen, die denen der Babbeltjes-Lena nur um weniges nachgaben. Er sah besser, wenn die Fledermäuse und Nachtfalter flogen als bei hellichtem Tage, und die Leute behaupteten von ihm, daß es ihm ein leichtes sei, selbst durch geschlossene Fensterläden zu dringen und alles auszuspionieren, was eigentlich nur in den Bereich der traulichen Lampe gehörte. Er bemerkte denn auch, wie sich nach einiger Zeit die blitzblau angestrichene Tür am gegenüberliegenden Häuschen öffnete, und ein hoher Schatten herauskam, der die Straße querte, über das Pflaster zu schweben schien und sich lautlos auf das Portal des Armenhofes zu bewegte. »So spät noch?« fragte sich das verhutzelte Männchen und gab sich Betrachtungen hin, welche Bewandtnis wohl mit dem späten Kommen verknüpft sei. Inzwischen war der Schatten näher und näher geschwebt und hatte auf weichen Selfkantpantoffeln das Hintere Zimmer betreten. Madam Mömmes hörte und sah nicht. Ihre Gedanken waren bei Gott und auf der letzten Seite des interessanten Kapitels, das sich mit den Vorzügen einer seligen Todesstunde beschäftigte und dazu angetan war, einen sanften und erquicklichen Schlaf zu verbürgen. Sie betete denn auch so recht aus inbrünstigem Herzen – als sie plötzlich eine kalte Hand auf ihrer Schulter verspürte. »Tag, Madam Mömmes.« Mit einem heiseren Schrei fuhr denn auch Mutter Lisbeth von ihrem Buch auf, drehte sich um und sah entsetzt in das hohläugige Gesicht der Frau Notariatssekretärin. »Um tausend Gotteswillen!« bangte sie sich bis in die Wollstrümpfe hinein, »man kriegt ja zuviel, wenn Sie so heimlich hereinkommt.« »So?« fragte die Lange. »Ja – man is doch auch nur ein Mensch un hat keine Augen von hinten, un das weiß Sie doch selber: die Lichtjungfer is doch auch bloß aus purem Schreck gestorben un konnte es doch mit drei Mannsmenschen aufnehmen.« »Weiß ich,« bestätigte Sophie, »aber ich hatte es eilig und konnte mich nicht vorher ordentlich anmelden lassen.« »Eilig?« fragte die Dicke, »wo Sie seit Methusalemszeiten nich mehr in diesem Hause gewesen?! – Un wie Sie nu kommt, da kommt Sie heimlicherweise, zu schlafender Nachtzeit un auf Ihren duckmäuserischen Selfkant- Pantoffeln. Wo hat Sie nur in all den vierzehn Tagen gestochen? Man is ja nich neugierig – aber man hat doch Interesse an Ihr un möchte gern so'n bischen wissen, was eigentlich los is, wie's mit die Angelegenheit steht, ob Sie geerbt hat oder nich, un wie Sie sich persönlich in Ihrem besonderen Falle befindet, denn Sie is doch sozusagen gesegnet vom Himmel.« »Gesegnet?!« erstarrte die Frau Notariatssekretärin, stierte wie geistesabwesend ins Licht, ließ sich dann mit einem herzzerreißenden Seufzer auf einen Binsenstuhl fallen und meinte: »War ich, bin ich einmal gewesen, meine liebe Frau Mömmes.« »Um Gott nich – wieso denn?!« »Tippe Sie nicht an diese Geschichte, meine liebe Frau Mömmes. Ich muß einen schönen Traum von Mutterglück und Mutterliebe begraben. Furchtbar – sich so täuschen zu müssen! – und der Kinderwagen war schon in Bestellung gegeben.« »Also nur ein phantusmagoranischer Zustand gewesen?« »Ja – aber der Ärger, meine liebe Frau Mömmes! – So'n richtiger Ärger kloppt die feinste Hoffnung zusammen, als wenn's Erbsenstroh wäre.« »Un da is Sie also gewissermaßen wieder in 'ne ledige Ehe gekommen?« »Bin ich; ich habe entsagt und den geglaubten Zustand auf dem Altar der christkatholischen Demut geopfert.« »Das is nobel von Ihr,« sagte die Dicke, »un das wird notiert im himmlischen Anschreibebuch.« »Ist es schon,« entgegnete Sophie mit leuchtenden Blicken, »denn der Herr läßt seine Dienerin nicht in Ungnade fahren. Sieht Sie mir denn gar nichts an, meine liebe Frau Mömmes?« »Das ich nich wüßte.« »Dann muß ich es sagen: das Gericht hat dahinter gegriffen.« »Wo hinter?« »Hinter die Erbschaft.« »Wieso denn?« »Weiß Gott, Madam Mömmes,« sagte die Frau Notariatssekretärin mit wehleidigem Ausdruck, »ich und Sulpiz, wir wollen uns nicht an unrechtem Gut die Finger verbrennen und haben immer den Standpunkt vertreten: laß die Hände aus andermanns Sachen. Wir haben uns nicht an einer Wanze vergriffen, wenn wir wußten, daß sie fremden Leuten gehörte – aber wenn der Notar sein Siegel unter 'ne Sache gesetzt hat, so ist das, wie Sulpiz sich ausdrückt, im Namen des Königs geschehen und muß estimiert werden von den übrigen Menschen, selbst wenn es ihnen nicht paßt und ein Haar für sie in der notariellen Suppe herumschwimmt.« »Stimmt,« nickte die Dicke. »Aber sie tut's nicht.« »Wer nich?« »Die Aleit.« »Na, so was! – und da is sie, ich meine, was die Gegenpartei is, an die Gerichte gegangen?« »Sind wir,« bestätigte Sophie, »und wenn Sulpiz was aufsetzt, dann wissen die Herren in Kleve schon, wie sie sich ihm gegenüber zu benehmigen haben. Und die Herren kommen dahinter, denn sie kucken bis in die hintersten Falten des menschlichen Herzens. Sie decken alle Geheimnisse auf, sie haben Termin angesetzt, um der heiligen Kirche, den beiden van Bommels und den übrigen Erben ihr Recht zu verschaffen. Und darum bin ich jetzt noch extra gekommen, um Ihr das mitzuteilen, meine beste Frau Mömmes.« »Das is mehr wie honorig, meine liebe Frau Notariatssekretärin,« entgegnete Lisbeth. »Un da glaubt Sie selber, daß die angerührte Milch ordentlich buttert, un so'n wirklicher, appetitlicher Happen herausspringt?« »Wieso?!« erstaunte sich Frau Knippscheer. »Aber um tausend Gottes willen! – wie Sie selber sagen, meine liebe Frau Mummes – Sie kennen doch Stina noch?« »Die aus dem Jungfernverein mit die ferkelblonden Haare?« »Ja – die das Vorwerk geerbt hat.« »Kenn' ich,« entgegnete Lisbeth. »Und da muß Sie auch wissen, daß es Barthes van Laak in den letzten zwei Jahren immer mit diesem Frauenzimmer gehalten?« »Weiß ich.« »Und daß er selber mit Aleit...« »Is mir zu scharnierlich zu hören,« wehrte die Alte ab und sah hilfesuchend auf das weiße Rosenbukett und den gipsernen Aloysius von Gonzaga. »Aber da liegt ja der Hase im Pfeffer, den die Herren vons Gericht herausfingern müssen.« »Schweige Sie still, Madam Knippscheer; ich kann es nich hören!« »Denn nicht,« sagte die Lange und schlug mit ihrer wächsernen Hand auf den Tisch, daß Lisbeth ordentlich zusammenfuhr, »und da will dieses Fraumensch behaupten und uns weiß machen wollen ...« »Himmlischer Vater ...!« «Ja – behaupten und weiß machen wollen,« konstatierte die Lange, »denn sie ist meinem armen Sulpiz so rührsam und ehrlich mit ihrem zukünftigen Mutterglück vor Augen getreten, als wäre sie die Frau des Oberpriesters Zacharias gewesen.« »Das is aber 'ne kurjose Geschichte!« »Nur kurjos, meine liebe Frau Mömmes?! – Ein Gottesraub ist's, so wahr ich hier sitze und die ›Blüten der christkatholischen Andacht‹ bekucke, denn sie will ihren jetzigen Zustand benutzen, uns das Testament aus den Fingern zu spielen, den Kerl in unser Eigen zu bringen und mit ihm unser Brot zu essen, bis sie ersticken im Fett, und die ganze Prostemahlzeit verzehrt ist. Ja, behaupten und weiß machen wollen – das will sie, das Fraumensch; mit ihren interessanten Verhältnissen uns schlankweg betuppen, das möchte sie gern – aber mein Sulpiz...« »Frau Notariatssekretärin,« streckte Lisbeth Mömmes die Hand aus, »bevor Sie weiter erzählt, zuerst eine Frage.« »Bitte.« »Un Sie nimmt's mir nich übel?« »I, Gott bewahre, meine liebe Frau Mömmes!« »Dann möchte ich wissen: is das, was Sie bis jetzt alles gesagt hat, purste Wahrheit oder man bloß Ihr eigener Instinktus?« »Purste Wahrheit.« »Un da will Sie mit anderen Worten behaupten un durch so'n wirkliches Gericht festgelegt wissen, daß Aleit van Laak ...« »Ja!« schrie die Lange mit ihrer gläsernen Stimme so häßlich über den Tisch weg, daß Lisbeth sich entsetzt umsah, ob vielleicht jemand anders gerufen, denn es hatte zu infam und niederträchtig geklungen. »Aber warum denn?« fragte sie mit einer gewissen Beklemmung, denn nachgerade war es ihr unheimlich in Gegenwart der Langen geworden. »Warum denn?!« warf ihr diese entgegen, sprang auf und schwebte, als wenn sie keine Beine besäße, zwei Schritte vorwärts. In ihrem hohläugigen Gesicht begann es zu leuchten. »Na, höre Sie mal – das ist doch nicht so schwer zu kapieren!«' schraubte sie ihre durchdringende Stimme noch höher. »Das kommt – wie es überhaupt kommt im menschlichen Leben. Wo Rauch ist, da brennt was, wo's windet, da weht was, und wo ein leichtfertiges Fraumensch seine Schürze heraushängt, da werden die Mannsleute mobil, denn ein Weib ohne Zucht ist wie'ne Sau mit 'nem goldenem Nasenring – und bei der da dahinten: mit neumodische Hemden hat's angefangen, und mit 'nem regulären Ehebruch hat sie ihre Litanei und ihr Sündenregister beschlossen. Strich drunter – ich kann's anders nicht machen, meine liebe Frau Mömmes,« »Un das will Sie beweisen, un das kann Sie beweisen?« »Beweisen?!« rief Sophie mit einem schrillen Gelächter. Der taube Christ van de Lucht mußte es hören. »Beweisen – wo schon das hohe Gericht dahinter gegriffen?!« Mit einem häßlichen Grinsen tippte sie ihrer Partnerin gegen die Schulter, reckte den Gänsehals aus und sah mit einer giftigen Frage Madam Mömmes ins Auge: »Sie gehört auch wohl in die Familie des ungläubigen Thomas? – Hä!« Lisbeth schauderte. Sie verwünschte die Lange mit ihrem bedrohlichen Wesen in die siebente Hölle. Sophie war näher getreten. »Ha! – sonst könnte Sie eine so dumme Frage nicht stellen,« ergänzte sie mit demselben Lachen von eben, knöchelte mit ihren wächsernen Fingern auf dem Tisch herum, indem sie die Worte ausstieß: »Alles kömmt an das Licht des allmächtigen Gottes – alles – alles – alles...!« »Höre Sie auf,« hielt sich Lisbeth die Ohren zu, »man stirbt ja vor Schreck, bevor man noch die letzte Zehrung bekommen!« »Nein,« dekretierte die Lange. »Auf die Zeugenbank gehören alle zwei beide – und der Mannskerl soll schwören, wo er beim nächtlichen Deichbruch gewesen, und das Fraumensch soll schwören, mit wem sie's gehalten ... und dann wollen wir sehn, was bei der ganzen Geschichte herauskommt, und ob wir unsere zwanzigtausend Taler nicht kriegen. Und das mußte von der Leber herunter, das mußte ich sagen – und halte mich hiermit bestens empfohlen, meine liebe Frau Mömmes.« Lautlos, wie sie gekommen, ging sie auch wieder der Tür zu, kam aber nochmals zurück und brachte noch so ganz unbefangen zur Sprache: »Und es kann Ihr selber passieren, daß Sie auch noch als Zeuge vors hohe Gericht muß, denn Sie kennt doch ebenso gut wie ich die Sache von den neumodischen Hemden, denn damit hat's angefangen, meine liebe Frau Mömmes.« Jetzt ging sie wirklich. Geräuschlos schlich sie durch die langen Gänge nach draußen. Lisbeth stand sprachlos. »Als Zeuge nach Kleve ... ?!« Das war zuviel für die sonst so resolute Dame. Sie so in Angst und Schrecken zu jagen – das war entschieden nicht nobel von der Frau Notariatssekretärin gewesen! Überhaupt – was brauchte sie ihr mit so gruseligen Dingen zu kommen? Sie wollte ja nichts im Leben, als Ruhe und Frieden und höchstens noch eine gute Tasse Kaffee mit Zwieback. Zum ersten Male zweifelte sie an der lauteren Gesinnung ihrer bisherigen Freundin. Sie hatte die Begierde nach Geld und Gut hinter ihrer niedrigen Stirn wachsen sehen und keine Spur von wirklicher Nächstenliebe gefunden. Nein – das konnte ihr ganz und gar nicht gefallen. Und dann das Benehmen! – So unheimlich wie am heutigen Abend war sie ihr, noch niemals begegnet. Madam Mömmes sah sich um und um. Sie konnte die Angst nicht mehr los werden, schloß eiligst Fenster und Tür ab und kleidete sich aus, um so schnell wie möglich unter die Decke zu kommen. Alles kam ihr so seltsam und fremd vor. Es war unheimlich in dem geräumigen Zimmer. So ganz allein zu sein! – Und ihr eigener Schatten machte so sonderbare Männchen an der gekalkten Decke da oben. Was der nur haben mochte?! – Hilfesuchend sah sie sich nach einem wirklichen Schutz um. Der heilige Aloysius fiel ihr ins Auge. »Heiliger Aloysius, hilf mir!« sagte sie flehend, ergriff ihn, löschte das Licht aus und sprang mit dem gipsernen Mann unter die Decke. Jetzt hatte sie die ersehnte Ruhe gefunden. Im Armenhof ward's still, und freundlich sah das bleiche Mondlicht ins Zimmer.   XXIV Bibel Es war anderen Tages. Ein feuchter, duftiger Dunst lag über Wasser und Wiesen. Lauwarme Luft zitterte im weiten Bereich, glitt über die Gräser und faltete den Pfriemenschopf der alten Weide, die beim engbrüstigen Häuschen des Deichvogels stand, sacht auseinander. Die Sonne stand schon tief. Aus der Ferne kam jenes unsagbare Etwas gegangen, das an frühen Sommerabenden der langsamen Dämmerung vorausschwebt. Jenseits der neuen Deichanlage, deren Konturen sich durch die frischgeworfene Erde kenntlich machten, wogten die Roggenfelder im Wind. Es war so, als wenn ein stiller Geist durch das heranreifende Getreide ginge und mit liebevoller Hand das unendliche Meer der Halme bewegte. Weiter zur Rechten, über das Totenwasser fort, legten vereinzelte Sensen das Gras um. Ihr eigentümliches Singen klang so deutlich herüber, als wenn sie in unmittelbarer Nähe ihre Arbeit besorgten. Es erinnerte an ein weltfremdes Vogelgezwitscher, das kein Aufhören hatte, die Sinne benahm und sie einschläfern wollte. – Josias Spettmann stand an diesem Abend hemdärmelig vor der Tür seines kleinen Anwesens und sah in das Licht der untergehenden Sonne. Eine dumpfe Ahnung dämmerte schon seit Wochen in ihm auf. Stundenlang konnte er vor sich hin brüten, unverständliche Worte murmeln und dann wieder auflachen wie ein Kind, dem irgend ein nichtiges Ding, ein Garnichts in die Hand gedrückt wurde. Eine stete Unruhe haftete mehr denn früher seinem Wesen an; dabei hatte er das unbestimmte Gefühl, als wenn seine quälerische Angst Gert Liffers beträfe. Eine verzehrende Sehnsucht ergriff ihn. Er weckte die alte Zeit aus dem Schlaf, grapste darin herum, ohne die richtige Stimmung wieder finden zu können, er streckte die Hand aus, um an dem toten Glück seines armen Freundes zu rütteln, von dem er wußte, daß er es doch nicht mehr zu beleben vermochte – und so war das schon viele Wochen gegangen, in Erwartung von etwas Unheimlichem und einem nahenden Unglück. Und so auch heute. Er stand auf Lauer und wartete auf die kommenden Dinge. Seitwärts des Fingerhutshofes blenkerte der kreisrunde Spiegel des Totenwassers auf. Josias wandte den Kopf, Von dorther kam das durchdringende Zwitschern. »Oha!« sagte der Kiwi. Seine eisgrauen Haare wehten im Wind. Er hörte auf das Singen der Sense und das nadelscharfe Wetzen des Dengeleisens. Es war ein alltägliches Klingen, aber heute erregte es ihn. Er horchte lange hinaus. Mit jeder Sekunde wuchs seine Unruhe. »Mutter!« rief er plötzlich zurück, »da kommt einer – der will was.« »Wo?« fragte das Weib und sah zum Fenster hinaus. »Übern Deich weg – da haut einer mit 'nem blanken Messer über die Erde.« »Was da so dengelt?« »Ja.« »Das ist Ignaz; der mäht die Priesterkoppel herunter.« »Mutter, das ist kein gewöhnliches Mähen!« »Und wenn ich Dir sage ...« »Mutter, das ist kein gewöhnliches Mähen!« »Menschenkind!« drohte die Alte, »kommst Du mir wieder mit der verfluchten Geschichte?!« »Weib!« schrie Josias, »ich kenne doch Ignaz sein Schneiden. Das ist 'ne andere Sense; die singt akkurat wie 'n Totenvogel – hörst Du: Kumit, kumit! – und haut Menschen von der Koppel herunter.« »Schafskopp!« Er war wieder allein. Das regelmäßige Zischen verstummte. Die Arbeiter hatten Feierabend gemacht. »Und es ist doch nicht Ignaz seine Sense gewesen,« sagte der Kiwi, setzte sich auf die Bank, die neben der Tür stand, und spähte den schmalen Pfad entlang, der von der kleinen Stadt her hinunter zum Fingerhutshof führte. Die Geräusche, die bislang auf und über der Erde gewesen, schliefen ein. Die Stille des Abends machte sich geltend; nur noch verlorenes Hundegebell aus fernen Gehöften, ein näselndes Schwirren, das, ängstlich vor den lauten Stimmen des Tages, nunmehr deutlicher wurde ... Die Erde streckte sich aus und ruhte; sie war arbeitsmüde geworden. Auf dem schmalen Pfad, den Josias unter Beobachtung hatte, kam jemand gegangen. Bei seinem Näherkommen blitzte eine Montur auf, die ein kleines Männchen umschloß, das aber tapfer ausschritt und in Richtung des Fingerhutshofes marschierte. »Zapperlot!« machte der Kiwi, »das ist ja der Herr Polizeidiener Weber.« Unwillkürlich bemächtigte sich seiner wieder das unerklärliche Angstgefühl. Es züngelte um ihn, wie eine Flamme um ein trockenes Holzscheit. Der Polizeidiener war näher gekommen und wollte vorüber. »Buschur, Herr Weber,« sagte der Kiwi, erhob sich und ging ihm etliche Schritte entgegen. »Noch in Amtsgeschäften, Herr Weber?« »Leider,« konstatierte der karmoisinrote Kragen, »und wenn Sie mal wieder Aale oder Schleie angeln, dann denken Sie, bitte, an so einen geplagten Menschen wie ich bin.« »Gerne!« sagte der Kiwi, »soll mir 'ne Freude sein, denn Sie haben mich nie für einen Narren gehalten – aber das schwarze Luder dahinten ... und wer zu seinem Bruder Du Narr sagt ...« »Herr Spettmann, es gibt dämliche Menschen! – Besorgen Sie man die Aale und Schleie, und die preußische Justiz wird sich erkenntlich beweisen. – Auf später!« »'ne Frage, Herr Weber.« »Bitte.« »Hat wer was pexiert?« »Sie nicht – aber die da!« sagte der Herr Polizeidiener Weber, griff in die Brusttasche und brachte ein versiegeltes Schriftstück zum Vorschein. »Von Amts wegen; die Sache ist schon durchgedrippelt: Beweis ist anzutreten – Kind – Erbschaft – Zeugenbank – Hand in die Höhe – schwören ... 'ne Heidengeschichte!« »Die Ärmste ...!« »Dasselbe mit ihm. Hat's auch schon bekommen – das Schriftstück. Wie 'ne Kalkwand ist er geworden, als er's gelesen. Auch nach Kleve – Hand in die Höhe und schwören ... Konnte mir leid tun, denn er ist doch sonst ein Mann mit Kurasch in den Knochen – und dann so wie Billardkreide zu werden ...« »Ja – wenn die Ratten kommen! – Herr Jeses, Herr Jeses, Herr Jeses ...!« lamentierte Josias und warf den Kopf in den Nacken. »Das war's ja, warum ich gebangt hab'. Nach Kleve – Hand in die Höhe – und die hungrigen Ratten ...!« »Was für Ratten?« fragte Herr Weber. »Knippscheer, van Bommel und der unbefleckte Empfänger; dann die weiblichen Ratten: die Lange und die gierige Blonde; dann die dicke, schwarze, kirchliche Ratte mit dem Barett auf dem Kopfe ... Deichgräf, das war's ja – das mußte so kommen! – Hab' ich nicht immer gesagt: Da mußt Du mit toten Augen vorüber. Aber bist Du mit toten Augen vorüber gegangen? – Jetzt kommt's in die Schwurhand gefahren. – Herr Jeses – die Ratten ...!« »Dumme Geschichte – das!« sagte der strenge Mann des Gesetzes, »aber er kann sich ja 'rausschwören aus der Rattengesellschaft – und was sie ist: sie kann ja dasselbige machen.« »Wenn sie's aber nicht können, Herr Weber!« meinte Josias, reckte sich in seinen Holzschuhen auf und stierte unheimlich mit seinen lichtblauen Augen über das dämmrige Land fort, »wenn sie Hals geben müssen ...!« «Ja – denn,« zuckte der Herr Polizeidiener die Achselstücke und knabberte nachdenklich an seinem Sergeantenschnurrbart, »dann ist eben den armen Leutchen nicht mehr zu helfen. Ich bin zwar ein höherer Beamter, so zu sagen 'ne Instanz, und ich tat' es ja gerne – aber die Ladung liegt vor, der Herr Bürgermeister, das hohe Gericht und der preußische Adler stehen dahinter, und die gehen über die höchsten Instanzen. Also denken Sie an die fetten Aale und Schleien, Herr Spettmann. Zur gefälligen Notiz: ich bin jetzt zu Schreinermeister Pollmann in' der Grabenstraße verzogen ... Auf später!« »Adjüs,« sagte der Kiwi. Mit blödem Gesicht sah er ihm nach und verfolgte ihn, bis er die Einfahrt des Fingerhutshofes erreicht hatte. »Erst die männlichen und weiblichen Ratten,« mahlte er die Worte langsam zwischen den Zähnen, »dann die Fette mit dem schwarzen Barett auf dem Kopfe und jetzt noch Herr Weber. Auch 'ne Ratte, aber die frißt nur Schleie und Aale; die andern aber fressen menschliche Seelen. Doch ich sage Euch: Es wird Thyro und Sidon erträglicher ergehen am Tag des Gerichtes denn Euch. Und Du, Kapernaum...« »Aus!« rief die Alte aus dem wieder geöffneten Fenster. »Schön,« sagte Josias. Mit leisem Geklapper, den schmalen Kopf zwischen die Schultern gezogen, ging er dem Haus zu, taumelte in den Flur und von hier in die Küche. »Mutter, sie prozessieren gegen die beiden.« »Wer sagt das?« drehte sich neugierig das Weib um. »Herr Weber.« »So?! – und das von wegen der Erbschaft?« »Ja – von wegen der Erbschaft.« »Da soll aber ein Kind doch noch kommen?« »Mutter, das ist es ja grade. Unehrlich wollen sie's schwören lassen.« »Und das sind christkatholische Menschen?!« »Katholische – ja, aber keine Christen,« sagte Josias dumpf vor sich hin, »und es ist doch nicht Ignaz seine Sense gewesen. Ne, Mutter, die schneidet ganz anders.« Er war ans Fenster getreten und sah, wie der dunstige Sommerabend sich langsam in die Dämmerung und dann in das Schummerige der kommenden Nacht hineintrödelte. Er beobachtete noch, wie der Polizeidiener Weber vom Gehöft zurückkehrte, durch die Wiesenschwaden ging und bei der Bunten Schleuse untertauchte. Lautloses Schweigen ringsum! Am Fingerhutshof hellte ein Fenster auf. Kränklich und mit einem fast ängstlichen Leuchten blinzelte es durch die massigen Baumkronen, die in der Luft wie stockige Bälle hingen und sich leise bewegten. Josias Spettmann mußte an Allerseelen denken, an die schwächlichen Lichtchen, die auf den Gräbern waren und durch die Lebensbäume geisterten, als seien sie die Seelen der abgestorbenen Menschen. Mit der Hand fuhr er sich über die Stirne. »Oha!« sagte der Kiwi. – Zwei Tage vergingen; am Abend des dritten konnte Josias seiner Angst nicht mehr Herr werden. Schwer und regnerisch hing es in der Luft. Es war ungewöhnlich früh dunkel geworden. Auch nicht der geringste Sternenflimmer zeigte sich zwischen den hängenden Wolken. Ein schwüler Brodem, der Atem der befruchteten Erde, entströmte den Schollen. Fern über Wissel zwinkerte ab und zu ein gespenstisches Auge. Es hielt Josias nicht mehr zwischen den Pfählen, Er mußte hinaus. Barhaupt ging er durch die umdüsterten Wiesen. Früher war ihm der Deichgräf fast täglich begegnet – jetzt nicht mehr. Er hoffte noch immer, daß es sich andern würde – aber es änderte sich nicht. Den Fingerhutshof hingegen besuchte Gert Liffers regelmäßig und scheute nicht mehr das Gerede der Menschen. Er hatte den Kampf offen aufgenommen; an der kleinen Kat aber, wo er sonst so häufig angepocht hatte, ging er vorüber. Es konnte kein Zweifel mehr sein: er mied ihn absichtlich – und dennoch suchte ihn Josias. Und das tat er auch heute. Er ging in die Irre, und seine Angst wurde größer und größer. Planlos schweifte er über die dunstigen Flachen, ging an den Kolken vorbei und sah in den grauen Spiegel des Totenwassers hinein, in welchem die Widerscheine des fernen Wetterleuchtens sich singen. Josias hatte furchtbare Bilder und wähnte im Wegekreuz das Kruzifix zu sehen, vor welchem der Deichgräf die Schwurhand aufheben müßte. Drohend stand es jenseits des Wassers und wuchs in den Himmel hinein. Das packte ihn mit Fieberschauern. Josias stieß einen heulenden Ton aus. Das Kruzifix rückte näher – die mächtigen Weidenstümpfe wurden zu Richtern – das bleierne Wasser streckte sich als Anklagebank – und die Stimmen, die in der Tiefe wohnten ... »Deichgräf,« schrie er mit glutenden Blicken, »der Tag des Gerichtes will kommen! – Alsdann werden der Blinden Augen aufgetan, und der Tauben Ohren werden geöffnet werden ...!« Josias fürchtete sich vor seinen eigenen Worten. Er drehte sich um und torkelte heimwärts. Sein Weib schälte Kartoffeln für den andern Tag, als er mit verwehtem Geist und verwehten Haaren über die Schwelle stolperte. Die wackelige, heisere Standuhr, mit den krapproten Blumen auf dem Zifferblatt, schlug neun, als er eintrat. »Mutter,« lallte er mit ängstlicher Zunge, »heute ist 'ne ähnliche Nacht wie damals vor Jahren.« »Was für 'ne Nacht denn?« »Na, damals, wie der Schnee unter den Füßen wie Feldmäuse piepste – wie ich hinaus mußte – mit der Bibel hinaus mußte, um dem Prediger von Neu-Luisendorf ...« »Ach, was!« unterbrach ihn die Alte, »damals war Winterszeit und jetzt ist schon der Roggen milchreif geworden. Du hast wieder Deinen gottssträflichen Zustand.« »So?! – und kein Schnee liegt da draußen?« »Mäht man im Winter? – Du hast ja die Sense gehört.« »Richtig, Mutter; ja, das mit der Sense – und es ist doch 'ne ähnliche Nacht wie damals ... denn geschrieben steht: Komm, laß uns buhlen bis an den Morgen, und laß uns der Liebe pflegen; denn der Mann ist nicht daheim, er ist einen fernen Weg gezogen.« »Menschenkind, was soll das nur heißen?! – Was willst Du?« Drohend und mit geballten Fäusten war sie näher getreten. »Weib!« brüllte Josias, »störe nicht mein Prophetentum und meinen heiligen Zustand, Es ist ähnlich wie damals – und doch so ganz anders, wie es mit dem Neu-Luisendorfer Pfaffen gewesen.« Widerstandslos hatte sich das Weib in einen Sessel geworfen und die Hände vor die Augen geschlagen. »Herrgott, das alte Lamento! – Das alte Lamento ...!« »Oha!« machte der Kiwi. »Mutter, die Geschichte von damals...« »Josias, was soll's denn?!« »Damals sollte einer schwören und wollte nicht schwören ... Mutter, und übermorgen: ich glaube, da will einer schwören. – Der Mund des Unglücks hat sich aufgetan, und ich fühle die Kraft und das Müssen in mir, ihm das Maul zu verstopfen. Ich kann mir nicht helfen: ich muß mit der Bibel ...« Sein Geist wurde so klar, so klar wie er noch niemals gewesen. Der Straminrahmen, der sonst vor seinen Blicken lag, verflüchtigte sich. Erhobenen Hauptes ging er ins Nebenzimmer. Sprachlos sah ihm sein Weib nach. Gleich darauf kam er wieder – im Sonntagsrock, die Bibel unterm Arm und die seidene Schirmmütze im Nacken. Ohne ein Wort weiter zu sagen, ging er ins Freie. Eine große Mission im Herzen schritt er der Stadt zu. Es war noch dunkler denn vorhin geworden. Nur undeutlich kroch der Weg vor ihm hin. Rechts und links stand Erlengestrüpp. Es knackte darin, als wenn die alten Strünke Zwiesprache hielten. Jetzt kam freies Gelände – Wiesen und Kleeäcker; tief unten standen die Lichter der kleinen Stadt wie rote Pünktchen, die irgend eine zitterige Hand unregelmäßig ausgestreut hatte. Josias war eine kleine Wegestunde gegangen. Bisher hörte man seine Schritte in den Holzschuhen kaum. Jetzt klapperten sie in regelmäßigen Intervallen über das holprige Pflaster. Das trübe Licht der Straßenlaternen fiel ihm ins Gesicht. Josias sah merkwürdig, fast unheimlich aus, wie er so in seinem langschößigen Sonntagsrock, mit der Bibel unterm Arm und dem monotonen Holzschuhgerappel einherging. In seiner fast übermenschlichen Größe lenkte er die Blicke der Leute auf sich, die noch vor den Türschwellen saßen und sein spätes Kommen sonderbar fanden. »Da kommt der Kiwi,« sagten Männer und Frauen. »Buschur, Kiwi!« »Merci!« nickte Josias, machte eine große Handbewegung und klapperte weiter. Auf der Grabenstraße, dicht beim Kloster der barmherzigen Frauen, begegnete ihm Petrus Nagel. Er vertrat sich noch so'n bißchen vor dem Zubettgehn. »Guten Abend, Josias!« »Geb's zurück,« sagte der Kiwi, »aber wissen Sie, Nagel, was übermorgen passiert?« »Daß ich nicht wüßte.« Die beiden müssen nach Kleve – vor den ewigen Richter. Beten Sie, Nagel! – Beten Sie, Nagel!« Josias war weiter gegangen. Noch fünfzig Schritte – und er trat in die Beleuchtung einer Straßenlaterne, die das Häuschen mit der blitzblauen Tür unter ihr dunstiges Licht nahm. Knippscheer und Frau plauderten noch mit den Nachbarsleuten. Sie erklärten ihnen die Einzelheiten und die eventuellen Aussichten des Nachlaßprozesses. Jetzt hörten sie den hölzernen Gang des einsamen Menschen. »Was will der noch?« fragte die Lange. »Hat seine Heimlichkeiten,« meinte Herr Knippscheer. »So'n lutherscher Troddel ...!« höhnte die Frau Notariatssekretärin. Sie war unduldsam und konnte keinen andersgläubigen Menschen vertragen. Die andern lachten, blieben breitbeinig sitzen und grinsten dem Ärmsten ins Gesicht. Josias blieb stehen. »Du sollst Deinen Nächsten lieben,« sagte er schmerzlich, »und vor einem grauen Haupte sollst Du aufstehen; denn Du sollst Dich fürchten vor Deinem Gott, denn ich bin der Herr. – Aber was so'n Rattengezücht ist ...« Die Angeredeten vergaßen das Lachen und sahen verdutzt dem grotesken Mann nach, der seinem noch groteskeren Schatten nachstelzte, als sei er gewillt, ihm den Rang abzulaufen. Erst bei der nächsten Laterne gelang's ihm. Das rhythmische Holzschuhgeräusch ging die Grabenstraße entlang, querte den Großen Markt und bog in ein schmales Seitengäßchen ein, um bei einem niedrigen Haus, das einem Krämer gehörte und dicht an die Sankt Nikolaikirche sich schmiegte, zu verstummen. Im Fenster rechts und zur ebenen Erde war Licht. Hier wohnte der Deichgräf. Josias klopfte mit spitzem Knöchel gegen die Scheiben. »Wer ist da?« »Ich – Josias! – Deichgräf, mach auf!« Und ihm wurde aufgemacht. Mit zerrissener Seele trat ihm Gert Liffers entgegen. Alsbald standen sich die beiden Männer in einem bescheidenen Gemach gegenüber, wo eine Arbeitslampe auf dem Tisch brannte, die, mit einem grünen Schirm bedeckt, nur eine spärliche Helle ausstrahlen konnte. »So spät noch?« fragte Gert Liffers. »Ja.« »Und was wollt Ihr, Josias?« Er mochte es sich nicht eingestehen, aber beim Anblick des Alten, wie er so stand, wie er ihn mit den lichtblauen Augen ansah und die Bibel mit seinen knochigen Händen gefaßt hielt, gefror ihm das Blut in den Adern. Eine wilde, schmerzliche Saite begann in seinem Innern zu tönen, und sie weckte eine grausame Schärfe des Denkvermögens, die ihn zur Verzweiflung brachte. Er sah, was kommen würde, und erschauerte vor dem furchtbaren Ernst der gegenwärtigen Stunde. »Josias,« sagte er mit blutleeren Lippen, »warum seid Ihr so spät gekommen?« »Oha!« stöhnte der Kiwi. »Deichgräf, Du bist mal so'n ganz kleiner Junge gewesen – und hast gehungert, gehungert, gehungert ... Und da ist auch so'n kleines Mädchen gewesen mit Holzschuhen an den Füßen und Zöpfchen im Nacken ... Und Ihr zwei beide seid immer größer geworden, immer größer und größer ... Und meine Katzen sind versoffen im Kalkflack, und es wäre alles noch gut geworden, wenn nicht das mit der Bibel ... Aber das Weib hat 'nen andern genommen, und geschrieben steht: Wer die Ehe bricht mit jemandes Weib, der soll des Todes sterben.« »Mensch!« fuhr Gert Liffers auf, »Du willst also sagen ...« »Nichts will ich sagen, denn wer zu seinem Bruder Du Narr sagt ...« »Was soll's denn?! – Josias, was wollt Ihr?!« »Du bist geladen?« fragte der Kiwi mit entsetzlicher Ruhe. »Ja.« »Und Frau Aleit van Laak?« »Auch geladen.« »Und wann?« »Übermorgen um acht.« »In Kleve?« »In Kleve.« »Und Du willst sie heiraten, Deichgräf?« »Ja – sobald es mir das Gesetz erlaubt.« »Deichgräf ...!« schrie der hagere Mensch. Seine Stimme dröhnte. Und seine Gestalt wuchs empor; nichts Irres spielte in seinen Augen – nichts Krankhaftes. Der Mann ging über sich fort, er sprach sich selber Hohn – er war gewaltig geworden. Er tastete nach Gert's Hand und ergriff sie. »Deichgräf, was hast Du vor?!« »Ich?« »Ja – Du! – Übermorgen ist für Dich und sie der Tag des Gerichtes. Ich weiß nichts; keiner weiß was. Niemand hat gesehen, was zwischen Euch passiert ist – damals, als das Wasser kam und das Herz des Deiches nicht mehr wollte, als es kapott ging, kapott ging! Aber einer weiß es. Kannst Du vor diesem bestehn, kannst Du dem in die Augen kucken und sagen: So wahr mir Gott helfe! – gut, dann geh übermorgen mit ihr nach Kleve und schwöre. – Kannst Du es aber nicht ...« Der Kiwi machte eine bedrohliche Pause. Gert wollte antworten, eine Entgegnung stammeln, aber kein Laut drang von seinen verzerrten Lippen. Einen Moment blieb er bewegungslos stehen, dann stieß er einen kaum hörbaren, heiseren Laut aus, schlug sich mit der Faust vor die Stirne und knirschte: »Großer Gott! – wenn es so käme ... Josias ...!« Der Augenblick ersparte ihm nichts; er mußte sich halten, sonst hätte ihn die Stunde zu Boden geworfen. Aber der Kiwi reckte sich auf, immer höher und höher. Die Mütze war ihm vom Kopfe gefallen. Das gedämpfte Lampenlicht glitt über die spärlichen Haare. Etwas Heiliges legte sich um den Mann, den der Himmel gezeichnet hatte. Eine furchtbare innere Helligkeit hatte sich seiner bemächtigt. Er war näher getreten. Mit beiden Händen hatte er die aufgeschlagene Bibel in die Höhe gehoben. »Deichgräf ...!« Gert Liffers beugte sich vor der Gewalt der Erscheinung, »Hier ist die Bibel,« rief Josias mit tönender Stimme, »und in der Bibel stehn die Gesetze des Herrn! Drum gehe hin und lege Zeugnis ab, wenn Du vor Deinem Herrgott bestehen kannst – kannst Du es aber nicht – wisse Du: wer falsches Zeugnis ablegt und tut's mit gestreckten Fingern, dem wächst die Schwurhand späterhin mal aus dem Grabe heraus – heraus aus dem Grabe!« Langsam ließ er die Bibel herunter. Ein schmerzliches Lächeln glitt über die harten Züge. Fast in stiller Milde sah er auf den Mann, dem er einst die Jugend verschönt hatte. »Höre mich, Deichgräf ...!« Josias drehte sich um. Barhaupt und mit harten Schritten verließ er das Zimmer. Draußen ging gleich darauf wieder das monotone Holzschuhgeklapper. In steter Gleichmäßigkeit durchzog es die vereinsamten Straßen. Mit aufgerissenen Augen horchte Gert Liffers ihm nach, bis es verhallte. »Ich habe meine Arbeit getan,« sagte der Kiwi im Vorwärtsschreiten, »aber es bleibt so: es ist nicht die Sense von Ignaz gewesen; die schneidet ganz anders, schneidet ganz anders – und die Sense kommt wieder.«   XXV Und dann war es Abend geworden ... Langsam begann das neue Leben des anderen Tages sich um Gert Liffers zu regen. Er hatte das Bett nicht berührt, hatte die lange Nacht durchwacht und fröstelnd den Morgen erwartet, der ebenso dunstig und trüb wie der vorhergehende hinter der Sankt Nikolaikirche hervorkam und über die Dächer sich legte. Es war ihm so, als wenn er noch immer in Finsternis säße, und in dieser Finsternis stürmten die Gedanken mit erdrückender Wucht auf ihn ein. Wie Todesahnung kam es über ihn. Er dachte an seine Jugend, an sein Ringen und Streben, und er sah, daß alles vergebens gewesen. – Eine lähmende Angst räkelte sich über ihn hin. Scham, Verzweiflung, Reue fielen wie glühende Tropfen auf seine verwundete Seele. Seine eigene Schuld wuchs ins Ungeheuerliche, Mit hungrigen Augen suchte er der Gegenwart ein versöhnendes Bild abzuringen. Aber keine befreiende Schau tat sich auf. Er sah nur ein dunkles Tor, durch das er hindurchmußte. Und hinter dem Tor lag ein schmaler Weg, der ins Nebelhafte, ins ewige Schweigen hineinführte. Wie gerne hätte er diesen Pfad des Vergessens betreten! Ja – wenn er allein gewesen! – Was hinderte ihn daran, sein jämmerliches Dasein wie ein nichtiges Gut von sich zu werfen? – Das Schicksal hatte sich ihm gegenüber nicht gescheut, gründliche und fanatische Arbeit zu machen. Mit lange vorbereiteten, aber um so schärferen Schlägen hatte es seines Amtes gewaltet. Alles in ihm war zerstört und in die Brüche gegangen. Also warum noch die Sucht und das widersinnige Streben, sich an ein Ding zu klammern, das für ihn seinen Wert verloren hatte? Er scheute den Tod nicht. Er war ihm willkommen, denn in seiner Umarmung konnte er Vergessen holen – und Ruhe und Frieden. Gern wäre er von hinnen gegangen, allein sein Leben gehörte nicht ihm mehr, nicht ihm allein mehr. Ein zweites, ebenso schuldbewußtes, war damit verknüpft, und wenn er sein eigenes ablegen wollte, dann mußte auch das andere folgen ... Wie unter einer wuchtigen Marter fuhr er zusammen. Eine ungeheure Last drückte ihn nieder. Mit einem verzweifelten Laut umspannte er die hämmernden Schläfen. Er hörte ein dumpfes, weltfernes Brausen. Es lag weit hinter dem dunklen Tor, durch das er hindurchmußte – und das Brausen kam näher. Er lachte grimmig auf. Es war ein entsetzliches Lachen, das plötzlich abbrach. Über ihm schlug die Brandung eines verfehlten Lebens zusammen. Morgen war der Tag des Gerichtes ... Er sah Josias noch immer vor sich: den hageren Menschen mit dem abgetragenen Sonntagsrock, dem verwehten Haar und dem versimpelten Geist – und doch mit dem furchtbaren Ernst und der vernichtenden Offenbarung in den leuchtenden Augen. »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden vor Gott und den Menschen ... Nicht ...?!« fuhr Gert Liffers aus dumpfer Betäubung. »Auch dann nicht,« keuchte er mit verhaltenem Atem, »wenn es gilt, zwei gehetzte Menschenleben vor der Zerstörung zu retten?!« Was kümmerte es überhaupt Welt und Gericht, wenn er meineidig würde?! – Eine Verkettung von Leidenschaft und Schuld hatte ihn und sie bis an den Abgrund getrieben. Sie hatten gesündigt – aber waren sie deshalb so ganz erbärmlich gewesen?! – Hatten sie nicht ebenso gut wie die übrigen Menschen ein Anrecht darauf, sich endlich wiederzufinden, aber rein vor der Welt und unberührt von ihrem verletzenden Geifer?! – und gebot hier nicht eine zwingende Kraft, eine neue Schuld auf die alte zu kleben, um ein geliebtes Weib vor der Schande zu retten?! Und sie –- was würde sie selber beginnen?! – Würde sie ihre Leidenschaft gestehn, unter der sie gehandelt, und sich kreuzigen lassen von dem lüsternen Behagen einer erbarmungslosen und gehässigen Menge?! »Niemals!« gab er sich selber die Antwort. »Die fürchterliche Qual hebt ihr den Arm und streckt ihr die Finger ...« »Hund, Du ...!« rief eine verzweifelte Stimme. »Genau wie Du zum Verbrecher – wird sie zur Verbrecherin werden, und wie Dir, wächst auch ihr die Schwurhand dereinst aus dem Grabe ... und Du bist doppelt schuldig geworden.« Eine unsichtbare Gewalt schlug ihm die Tatze in die gemarterte Seele. Er griff sich mit der Faust an die Stirne. »Also bleibt nur das dunkle Tor für uns beide,« sagte er mit zuckenden Lippen. Ein Leuchten ging über sein verzehrtes Gesicht. Er wollte keine Seelen verkaufen, um ein Glück zu gewinnen, das nur ein vermeintliches war und auf tönernen Füßen umherging. Für ihn hatte das dunkle Tor seine Schrecken verloren, und für sie würde es noch seine Schrecken verlieren, denn jenseits der Pforte leuchtete das verheißungsvolle Licht der Erlösung, das ihr verfehltes Leben zu klären vermochte. Wer würde sie richten?! – Die Welt nicht mehr; sie konnte es nicht – und Gott ist barmherzig. – – – Langsam reihte sich Stunde an Stunde. Die Leute steckten die Köpfe zusammen. Die Ereignisse, die sich im Verlaufe der letzten Wochen allmählich verflüchtigt hatten, waren durch das Bekanntwerden des nahe bevorstehenden Erbschaftsprozesses wieder näher gerückt und lebekräftig geworden, und die im Testament bedachten, aber jählings aus ihrem süßen Traum gerüttelten Menschen sorgten dafür, daß die zu ihren Gunsten sprechenden Einzelheiten sich wurzelecht und bodenständig erhielten, um die öffentliche Meinung kirre zu machen und für sich zu gewinnen. Für die pikanten Zutaten arbeiteten Sophie und der unbefleckte Empfänger: sie in starrer Herzlosigkeit, und er mit wehleidigem Gesicht, salbungsvoller Betonung und unter Anrufung Gottvaters, des Sohnes, des heiligen Geistes und des aloysianischen Jünglings, dessen Andeutungen er sein ganzes Wissen verdankte. Heute war das Interesse besonders rege geworden, denn morgen ging's ja nach Kleve. Nur wenige, wie Petrus Nagel, der Viehweidshöfer, der Herr Notar Johann Peter Gerechtsam und andere hielten sich dem Gerede fern und hatten ihre eigene Ansicht. Selbst Madam Mömmes litt bei der Hochflut der umlaufenden Gerüchte unter skeptischen Anwandlungen. Sie war irre an ihrer besten Freundin geworden. Das Unerbittliche und Grapsige im Wesen der Langen, das sich vornehmlich in den letzten Wochen bekundet, hatte sie stutzig gemacht, und als am Nachmittag die Babbeltjes-Lena bei ihr vorsprach, gab sie dieser gegenüber denn auch klipp und klar zu verstehn, daß die Frau Notariatssekretärin nicht besonders nobel gehandelt habe. »Ich will Frau Aleit absolutemang nich verdefendieren,« meinte sie mit einer gewissen Bitterkeit in der Stimme, »aber sie, was die Lange is, sie könnte doch so'n bischen Rücksicht nehmen un das arme Fraumensch nich so gottserbärmlich in die Ungelegenheiten hineinziehn. Sie reißt ihr ja die Kleider vom Leibe un stellt sie splinterfasernackig vor die Augen der Menschheit. Das is mir zu scharnierlich, meine beste Frau Lena, un dabei tut sie ja immer, als habe sie unsern lieben Herrgott für sich alleine in Pachtung genommen. Aber so is das bei vielen christkatholischen Menschen: sie halten die fünf Gebote der Kirche un kehren die zehn Gebote des Herrn aus ihrem Herzenstempel heraus, als wären sie man Abfallgemüse un faule Kartoffelschalen. Das habe ich schon lange gemorken – un das gefällt mir nich an unserer bisherigen Freundin.« »Allens was recht is,« konstatierte die Alte mit ihrem frischen Gesichtchen, »sie macht ja 'nen delikaten Kaffee un piekfeine Waffeln, aberst ich gebe Ihr Recht: sie will allens haben un kennt keine Nächstenliebe – un deshalb estimiere ich sie für 'ne fiese Monarchin, un wenn sie nächstens an meine Theke vorbeikommt, dann halte ich über meine Leckertäten die Hände, sonst fingert sie mich noch die besten Babbelatjes herunter – un das brauche ich mir nich gefallen zu lassen.« Und damit ging sie, um gleich darauf Frau ten Hompel mitzuteilen, daß Madam Mömmes doch nicht so wäre, wie sie wohl aussähe, auf zwei Schultern trüge und die höchstehrenwerte Frau Notariatssekretärin in Grund und Boden verfluche, und gab der Erwägung anheim, ob die plötzliche Sympathie für Aleit van Laak, die sie bei Lisbeth herausgefühlt habe, vielleicht ihren wechselseitigen Liebhabereien entspränge. »Aber warum denn?!« erstaunte sich die behäbige Bäckersfrau. »Sehr einfach,« dozierte die Babbeltjes-Lena. »Beide haben ihre festen Verhältnisse. Die eine mit dem Deichgräf un, was Madam Mömmes is, mit dem ägyptischen Joseph. – Aberst so is das immer im menschlichen Leben gewesen: gleiche Kulörchen – gleiche Likörchen, oder wie wir das anders benennen: Büksken en Börstken – een Körstken.« »Schon möglich,« bestätigte Frau ten Hompel, »und nu möchte Sie wohl gerne, daß ich Ihr so'n kleines Anisettchen spendierte?« »Silke, salke, sente – Der da gibt Präsente!« stimmte die Babbeltjes-Lena zu, wischte sich über das blanke Gesichtchen und ließ sich in die Gute Stube nötigen, um dort so ein ganz minimales Schnäpschen hinter ihren gehäkelten Seelenwärmer zu gießen. Und Madam Mömmes?! – Arglos saß sie mit ihrem Strickstrumpf vor der Haustür und sah wie der Deichgräf vorbeiging. »Der geht nach dem Fingerhutshof,« meinte sie in tiefer Betrachtung. Etwas wie Mitleid regte sich im Busen der würdigen Dame. »Heute rot – un morgen vor die Assisen in Kleve,« sagte sie tonlos, schüttelte traurig den Kopf und sah in den Abend hinaus, der bereits in den gegenüberliegenden Fenstern blinkte und sich anschickte, langsam über die müde Erde zu kriechen. Nur kurze Zeit hatte die untergehende Sonne am tiefen Horizont gestanden. Dunstige Schleier deckten sie wieder zu, bevor sie noch schlafen gegangen. – Jenseits des Fingerhutshofes rauschten die Kornfelder durch den sinkenden Abend. Es war alles so deutlich! – Die einzelnen Ährenstimmchen drangen bis in das stille Gehöft, wo sich Ignaz Kerkhoff damit beschäftigte, Geschirr und Schäschen zu säubern, in dem morgen seine Herrin nach Kleve und vor das zuständige Gericht fahren sollte. Ignaz hatte seine eigenen Gedanken beim Putzen. Die Arbeit ging ihm schwer von den Händen. Fast widerwillig fügten sich die einzelnen Geschirrteile den klobigen Fingern. Als er fertig geworden, querte Gert Liffers den Hof, fragte nach Aleit und ging ins Herrenhaus, um nach wenigen Minuten wieder mit ihr ins Freie zu treten. Beide gingen den Wiesen zu, wo bereits die Nebel stiegen und alte Weidenköpfe bei den Wassergräben gespensterten Mit einem gewissen Unbehagen sah ihnen der Knecht nach. »Merkwürdig wie so alles gekommen!« knurrte er die Worte in sich hinein. »Threschen ist tot, der Baas ist tot, und nu soll sie sich selber noch auf ihrem eigenen Grund und Boden festschwören. Kapier' es, wer's will, ich kann's nicht kapieren.« Schwerfällig wiewackte er dem Pferdestall zu, leitete den Rotschimmel heraus, den er für die morgige Fahrt bestimmt hatte, und bearbeitete ihn mit Kartätsche und Striegel. Unruhig wieherte das Tier in Richtung des Weges, der am Totenwasser vorbeiführte. »Glaub's schon, glaub's schon!« strich er mit der Hand über die Kruppe des Pferdes, »hast es ja auch nicht pläsierlich auf Erden. Bist mit dem Baas ins Vorwerk gefahren, warst mit dabei, als sie Threschen begruben – und morgen ...« Ignaz schluckte die letzten Worte herunter. »Aber – Gottverdorie noch mal! – es düstert und donndert. Mit 'ner Wagenrunge sollte man der ganzen Erbschaftspackage die Schädel verkloppen.« Er stieß einen tierischen Laut aus und striegelte weiter. – – – – –   Immer intensiver rauschten die Ährenfelder herüber; die Stimmen des Abends waren lebendig geworden. Eine warme, treibende Sehnsucht lag ob der Erde gebreitet – und wie zwei Schatten gingen Gert und Aleit durch die dampfenden Wiesen. Er hatte den Arm um ihre Hüfte geschlungen; ihre Hände hingen lässig herab. Sie glich einer Kranken bei klarem Verstände, die mit dem Leben abgeschlossen hatte, und nicht begreifen konnte, warum sie immer noch lebte. Gert sprach in abgerissenen Sätzen auf sie ein. Sie hörte kaum, was er sagte und folgte willenlos, wohin er sie führte. Jetzt blieben sie stehn und schmiegten sich eng aneinander. Das weltferne Rauschen verlor sich; die Stimmen des Abends verzitterten allgemach, als wollten sie die Andacht der beiden einsamen Menschen nicht stören. So standen sie lange. Die große Stille, die sie umgab, war noch fühlbarer geworden. Nichts als der keuchende Atem des Mannes ließ sich vernehmen. Langsam fuhr er sich mit der Hand über die Stirne, als wolle er die fürchterlichen Gedanken, die in ihm waren, verscheuchen. Sie fühlte die brennenden Augen, die über ihr standen. »Was hast Du?« fuhr sie schaudernd zusammen. »Denke an morgen.« »An morgen – wo sie mich kreuzigen wollen ...« Sie stieß einen gellenden Schrei aus und umschlang ihn so plötzlich, daß ihm der Atem versagte. Alles stand vor ihr in entsetzlicher Klarheit: das Vergangene und die kommenden Tage. Das Schluchzen – das herzzerreißende Schluchzen, das kein Ende nehmen wollte ...! Sie drehte sich an ihn, als fürchte sie, ihn zum letztenmal im Leben so umarmen zu dürfen. Zitternd tastete sie nach seinem Gesicht, zog es nieder und küßte mit verzehrenden Lippen. »Gert, ich kann ja nicht anders – erbarme Dich meiner ...!« Da bog er ihren Kopf zurück und sah ihr ins Auge. Große Tränen standen in ihren ersterbenden Blicken. »Und Du willst nicht hingehn?« fragte er mit zerrissenen Lauten. »Ja – ich will hingehn.« »Mit mir?« »Ja – mit Dir will ich hingehn,« »Und da willst Du vor Gott und Deinem Gewissen ...?« Entsetzt sah sie ihn an, und ein wehes Staunen, das ihm die Seele durchschnitt, ging über ihr Antlitz, »Ich meine, ob Du vor Gott und Deinem Gewissen ...?« »Gert, aber die Menschen ...!« Er hörte die Angst durch ihre zitternde Stimme, »Alles zerstört und vernichtet,« stammelte sie aus gemartertem Herzen, nicht wissend mehr, was sie eigentlich sagte und wollte. »Wie sie mich ansehen – die furchtbaren Menschen! – Wie sie auf mich zeigen mit ihren schmutzigen Händen! – Bin ich denn wirklich so verdammenswert und schuldig geworden?! – Ja, ich will hingehn; aber ich steige nicht den Kalvarienberg hinauf – und das Station um Station und Stufe für Stufe.« »Du willst nicht?« »Nein – ich lasse mich nicht kreuzigen.« Beide Hände stemmte sie gegen seine Brust, als wollte sie sich seinen Armen entwinden. »Laß mich los, oder rette mich vor der gierigen Schande! – Sie greift nach mir, sie lacht über mich, sie will mich haben – die Schande ...!« »Aber Du mußt.« »Was?!« keuchte sie mit verhaltenem Aufschrei. Eine fürchterliche Ahnung war in ihr. »Gert – also das ist Deine ganze Liebe gewesen ...?« Mit einem dumpfen Laut war er ihr zu Füßen gefallen, umklammerte sie und wimmerte leise. »Verzeih mir, verzeih mir...!« »Du,« sagte sie mit tränenerstickter Stimme; »ich hatte geglaubt, Deine Liebe könnte Berge versetzen – und nun muß ich sehn, daß es Dir an Mut gebricht, das zu erretten und das zu erlösen, was Du in Schande gebracht hast. – Gert, das ist nicht die wahre Liebe gewesen.« »Weib ...!« kam es von seinen zuckenden Lippen. Sie schüttelte wie mit stillem Vorwurf den Kopf und wußte: die Gegenwart hatte ihr nichts mehr zu bieten, das Vergangene war furchtbar gewesen und was kommen würde ... Krampfhaft beugte sich ihr Oberkörper nach rückwärts. »Gert,« meinte sie ohne jede Erregung, ohne Klangfarbe in der ruhigen Stimme, »Du hast alles genommen, was ich zu vergeben hatte – alles, und nun willst Du kommen und den hungrigen Menschen sagen: Seht, das ist das Weib, das sein Bestes vertan hat. – Nun hat sich erfüllt, was sich erfüllen mußte, denn alles auf dieser Erde drängt nach Vergeltung. Aber daß Du mich so gering einschätzest und nicht einmal den Mut hast ... Ich kann es verstehen – aber es ist nicht die wahre Liebe gewesen.« »Sie ist es!« Wie im Wahnsinn war er vom Boden gefahren und hatte sie an sich gezogen. »Ich will ja alles, ich tue ja alles! Ich will büßen – gutmachen – ich will Dich erretten...!« Seine hervorgestoßenen Worte erstickten unter Tränen und Schluchzen. »Du...!« »Nein – Du wirst nicht gekreuzigt! – Du gehst nicht den Kalvarienberg hinauf – Stufe für Stufe ...! – Ich will Dich erlösen« ...!« »Gert...!« Ein Leuchten flog über ihr Gesicht. Die Lippen brannten; sie waren fiebrig geworden. Sie warf sich in seinen Armen herum und umklammerte ihn, als gälte es, ihn nicht mehr zu lassen. »O – Du – Du – Du ...!« Nichts mehr in stiller Runde, als nur das Schluchzen zweier Menschen, die in verzweifelter Qual mit ungewissen Empfindungen rangen. Und sie küßten sich, als wollten sie in ihrem Rausche vergehen. »Und wir fahren noch heute nach Kleve – in sofortiger Stunde,« keuchte er zwischen ihren verzehrenden Küssen. »Warum?« flüsterte sie in seiner Umarmung. »Weil wir zusammen fahren, und ich nicht will, daß die Leute Dich sehen. Du kennst doch die gierigen Menschen.« »Wie gut Du bist.« »Willst Du?« »Noch heute?« »Ja – es muß sein.« Sie stemmte sich gegen ihn, denn es war ihr so, als wenn eine unsichtbare Hand sie berührte. »Was hast Du vor?!« rief sie mit flammenden Blicken. »Dich erlösen,« sagte er mit erkünstelter Ruhe. Da schmiegte sie lächelnd den Kopf an seine Brust, als hätte sie nun endlich den ersehnten Frieden gefunden. Und wieder begannen die Ährenfelder zu rauschen, und wieder wurden die Stimmen des Abends lebendig, die in den Wassern gurgelten und in den betauten Halmen Zwiesprache hielten. – Und sie gingen durch die Wiesen zurück, in denen sich die Nebel wie ein zartes Webewerk ausgelegt hatten, und dann durch den Garten, wo die Kartäusernelken dufteten, wo die Feuerbohnen blühten wie damals im kleinen Magistergarten, als sie beide noch Kinder gewesen. Gert hatte Order gegeben. »Merkwürdig,« sagte Ignaz Kerkhoff. Die Sache wollte nicht in seinen borkenrissigen Schädel hinein; er ging aber doch und schirrte den Rotschimmel. Aleit befand sich bereits in ihrem Zimmer, um sich fertig zu machen; Gert war draußen geblieben. Alles Zeitmaß schien ihm abhanden gekommen. Er wußte nicht: waren es Minuten oder Stunden gewesen, seitdem er sich von ihr getrennt hatte. Seine Unruhe verstieg sich ins Ungeheuerliche. Er wagte es nicht, sich vom Flecke zu rühren; er schauderte vor seinen eigenen Schritten. »Jedes Menschen Geschick muß sich erfüllen,« murmelte er vor sich hin, »dem einen früher, dem anderen später – aber es kommt totensicher gegangen. Vielen schlägt es zum Sieg aus. Ich bin nicht Sieger geblieben und verlasse den Kampfplatz.« Er hatte fast mechanisch gesprochen und sah dem irren Schein der Laterne nach, der sich zwischen den Ställen bewegte. Verschüchtert gingen einzelne Mägde vorüber. Ab und zu ließ sich ein vages Klirren der Halfterketten vernehmen. Sonst war es still auf dem Hofe. Der frische Duft des jungen Heues drang aus den Wiesen herauf und erfüllte alles mit seinen Aromen. Regungslos standen die Bäume. Hinter ihren dunklen Massen breitete sich ein kaum wahrnehmbarer Schein aus. Der Mond schien im Aufstieg begriffen und sich mit schwachem Licht durch die dunstigen Schleier zu drängen. Gert Liffers stand noch immer auf der nämlichen Stelle. Er hörte und sah nicht, was um ihn vorging, doch als es ihm allmählich klar wurde, als er sich vergegenwärtigte, was eigentlich kommen sollte, und daß die Stunde des Abschieds bevorstand, da erbebte er vor tiefem Weh, schlug sich die geballte Faust vor die Stirn und weinte bitterlich. Die Minuten wurden zu Ewigkeiten und wollten kein Ende mehr nehmen – und dennoch war kaum eine Viertelstunde vergangen, als Ignaz mit dem bespannten Gefährt vor der Tür hielt, und zwei Wagenlaternen ihr grelles, abgegrenztes Licht über den Hof warfen. Fast gleichzeitig war Aleit erschienen. Sie schreckte auf und sah sich um. »Mir ist es so, als wenn eine Orgel ginge.« Sie glaubte wirklich einen brausenden Ton zu vernehmen. »Das macht das Korn,« sagte Ignaz, »das der Wind gegen den Himmel bläst. Aber in vierzehn Tagen liegt's schon.« Zögernd bestieg sie das Schäschen. »Und es duftet so süßlich...« »Das tut das Heu auf der Priesterkoppel,« entgegnete Ignaz und tätschelte die Flanken des Pferdes, das immer unruhiger wurde. Gert hatte neben ihr Platz genommen und die Zügel ergriffen. »Los!« gebot er mit herrischer Stimme. »Immer rechts halten!« rief ihnen Ignaz noch nach. Sie hörten es nicht mehr und kariolten bereits über den sandigen Weg, der vom Hof aus ins Freie führte und sich im seinen Nebel verlor. »Vorwärts!« Stieren Auges sah Gert in die Ungewisse Ferne. Ängstlich duckte sich Aleit an den Geliebten. »Siehst Du dahinten ... »Was denn?« »Wie das blinkert und blenkert!« »Der Kolk...?!« rief sie schmerzlich. »Ja – den hat der Dammbruch geschaffen.« »Und da bist Du gekommen ...« »Bin ich gekommen, zu Dir – und wir waren allein und sind glücklich gewesen.« »Gert...!« »Aleit...!« »Ach, Du – Du – Du...!« Mit beiden Händen hatte er jetzt die Zügel ergriffen. Er fuhr totensicher. Da schlang sie beide Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn. »Ach, Gert – so mit Dir durchs Leben zu fahren ...!« »Schön – was...?!« »Ach, so schön – so schön ...!« »Und Du gehst mit mir, wohin ich auch gehe?« »Wohin Du auch gehn wirst.« »Überall?« »Überall! – Mache mit mir was Du willst – nur lieben sollst Du mich immer und ewig.« »Immer und ewig! – Küsse mich, Aleit.« »Ach, Du ...!« Das Totenwasser leuchtete auf, und am Wasser – stand da nicht jemand, der wie gestern abend die Bibel emporhielt?! »Vorwärts!« »Rechts mußt Du fahren!« »Nein – links; wir fahren zusammen!« »Was tust Du?!« »Dich erlösen...!« »Gert...!« Er hörte nicht mehr – aufrecht stand er und riß den Gaul in die Tiefe. »Erfüllt...!« Dann toste das Wasser... Und über den Deich fort, weit, weit – war es nicht so, als wenn der Deichvogel riefe?! Kaum hörbar, undeutlich, verschwommen klang es herüber: »Kiwi! – Kiwi! – Kiwi!« Der Wind verwehte die Stimme. Über der Tiefe war es ruhig geworden – so ruhig wie die stillen Menschen da unten. Jetzt endlich, nach aussichtslosem Ringen, nachdem die armen Herzen nicht mehr wollten, wurde ihnen das Ersehnte. Auf der weiten Erde, die doch so groß und so schön ist und so voller Blumen, konnte es ihnen nicht werden, so eifrig sie es auch gesucht haben mochten. – Ein stiller Winkel, nicht größer wie zehn Schuh im Geviert und mit Gras überwachsen, gab es ihnen. Jetzt liegen sie dicht nebeneinander. Requiescant in pace . – Am Totenwasser steht schon seit langem ein einfaches Holzkreuz. Die Jahre gingen – und die Windmühlen mahlten wie immer, die Menschen hantierten wie sonst, und die Wiesen schneiten ein und grünten dann wieder. Es nahm alles seinen geregelten Fortgang; der Lebende hat recht, die Toten werden vergessen, und die Erinnerung an die beiden unglücklichen Menschen rückte in nebelige Ferne; man dachte kaum noch an sie, als wären sie niemals mit ihrem Leid und ihrem Schmerz und ihrer großen und heißen Liebe gewesen. Aber der Viehweidshöfer vergaß nicht. Und die Wasser kamen alljährlich und gingen alljährlich; allein sie nahmen keinen Sturmschritt mehr über die Niederung, sie verheerten nicht mehr und schreckten nicht mehr. Das mächtige Werk, das Gert Liffers seiner Heimat gegeben, gebot ihnen, so zu gehen, wie die Menschen es wollten und nicht mehr, wie sie selber es gerne getan hätten. Das Land hatte Ruhe, und der Viehweidshöfer ließ sich vom Schulmeister im benachbarten Wissel einen steifen Papierbogen beschreiben, tat ihn unter Glas und Rahmen und hing ihn in seine Beste Stube auf, daß alle es sehen konnten, die ihn in seinen alten Tagen besuchten. Auf dem Bogen stand aber also geschrieben: »Gert Liffers, so hier Deichgräf gewesen, zum steten Andenken. Achtet und ehret den Mann, denn er ging durch Licht, wir aber gingen durch Wirrnis, da wir nicht hörten und sahen,« Auch der Deichvogel vergaß nicht. Jeden Tag geht er ans Totenwasser, wo das einfache Holzkreuz sich aufhebt. Regungslos steht er dann zwischen den Wiesen. Ein verwehter Schmerz spielt um seine verschrumpfelten Lippen: »Armer Gert, arme Aleit! – keiner weiß was, aber eins ist gewiß: Ihr habt nicht falsch auf die Bibel geschworen.« Und dann treten ihm Tränen in die Augen, und er betet für beide. Ich habe ihn öfters gesehen, wie er da stand und während der Dämmerung in den stillen Himmel hineinwuchs. Und ich mußte auch an die armen Menschen denken, die im Leben den Frieden nicht finden konnten in der eigenen Heimat. Und dann war es Abend geworden – ein Abend am Niederrhein.