Joseph von Lauff Elisabeth Wandscherer die Königin Ein Scherenschnitt aus der Geschichte der Wiedertäufer Joseph von Lauff Ein Traumbild ist's, ein Traumbild nur, Als solches mag es bei euch weilen; Denn der Geschichte heil'ge Spur Geht tastend nur durch seine Zeilen. Erstes Kapitel Eine dumpfe, langatmige, grausige Glocke schlug an – hoch von Sankt Lamberti herunter. Dann eine Stimme, als hätte der furchtbare Thomas von Celano seine eigene Weise gesungen: »Dies irae, dies illa Solvet saeclum in favilla, Teste David cum Sibylla.« Hierauf Stille, atemberaubende Stille. Aber sie währte nicht lange, denn aus dem Kirchspiel Über dem Wasser tönte es gleichfalls herüber, nur schwerer und unbarmherziger. Dann aufs neue das Psalmodieren: »Tuba mirum spargens sonum Per sepulchra regionum, Coget omnes ante thronum.« »Dum, ding, dong!« Auch von Sankt Ludgeri schaukelte sich der Ruf einer heulenden Glocke über die Stadt hin, die unter diesem mißfarbigen Läuten erschauerte: »Dum, ding, dong! Dum, ding, dong!« und in dieses mißfarbige Läuten hinein wiederum und zum letzten Male die Stimme, die Stimme des furchtbaren Thomas von Celano: »Mors stupebit et natura Cum resurget creatura, Judicanti responsura ...« und es war, als wenn sich die Sonne verfinsterte, die Vögel im Laubgewind irre wurden und die Äpfel, die an den Bäumen reiften, zu Sodomsäpfeln wurden und in Staub und Asche zerfielen. Ich weiß nicht, wo ich mich befinde, woher ich komme. Ich weiß nur: ich bin allein und sitze in einem geräumigen Zimmer, das nackt und kahl ist wie die Hand des Todes. Nichts heimelt mich an. Jegliches ist von einer müden Traurigkeit eingebettet. Es riecht nach Krepp und faden Kirchhofsblumen. Es ist öde und leer um mich wie in der Thebais, wo selbst die Steine nicht wissen, was sie mit ihrem trostlosen Dasein anfangen sollen. Kein Mobiliar, keine Schildereien an den fahlen Tapeten, nichts, was imstande wäre, die Sinne zu erfreuen und eine freundliche Note in die Seelen und die Herzen der Menschen zu tragen. Nur an der mir gegenüberstehenden Wand hängt ein Spiegel, in dessen Scheibe matte Reflexe wohnen und düstere Schatten zu wandeln scheinen, aber es ist mir so, als wären aus diesem Spiegel die grausigen Glockentöne gekommen, als hätte inmitten des unheimlichen Glases Thomas von Celano gestanden und sein erschütterndes, niederziehendes und dennoch gewaltiges › Dies irae, dies illa ‹ gesungen. Nein, ich weiß nicht, wo ich mich befinde, woher ich gekommen. Es ist alles und jedes verwunschen um mich, mit dunklen Floren umhangen, von dem Hauch der Verwesung umschauert. Nur weiß ich: ich befinde mich irgendwo in Münster, der Bischofsstadt, der Stadt mit den vielen Kapellen und Kirchen, den hochgegiebelten Häuserzeilen, dem Pumpernickel, den endlosen Firmelkindern und Rosenkränzen, die nicht müde werden, ihre Pockholzkügelchen gegeneinander klimpern zu lassen ... aber ich ahne nicht, in welcher Straße ich bin, welches Haus ich bewohne, in welchem Zimmer ich mich aufhalte und was die dumpfen Glockenschläge und die traurigen Weisen des Thomas von Celano vorstellen sollen. Ich bin wie im Traume, in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen, und dieser Zustand zwischen Schlafen und Wachen wird von langsamen, fahlen Larven durchkrochen. Es ist ein Ziehen von Prozessionsraupen, ein Dahinschleichen ohne Anfang und Ende. Eine graue, quälende, herzbeklemmende Dämmerhelle liegt um mich, jene Dämmerhelle, die in den arktischen Kreisen wohnt, wo die Sonne bei Tages- und Nachtzeit sich am tiefen Horizont herumschleicht, ohne die Kraft aufzubringen, sich wieder gen Himmel zu schrauben. Mein Geist ist entangelt, meine Seele formt Bilder und Spiegelungen, denen ich nicht mehr zu folgen vermag. Trotzdem sehe ich mit Augen, die alles Gegenständliche deutlich erkennen lassen, und höre mit Ohren, die imstande sind, das Fallen der kleinsten Stecknadel in sich aufzunehmen. Eine eigenartige Stumpfheit ergriff mich. Ich ähnelte dem heiligen Dionysius Areopagita, dem letzten Endes nichts weiter übrigblieb, als seinen abgehauenen Kopf unter den Arm zu nehmen und damit nach St. Denis in Paris zu pilgern. Um mich schlängelten sich schattenhafte Kreise, Wandelsterne, Feuerfliegen. Ich wollte mich erheben, an das matterleuchtete Fenster treten, um mich zu vergewissern, in welchem Stadtteil, in welcher Straße ich mich eigentlich befände, aber meine Glieder verlähmten. Ich dachte daran, meine Stimme zu erheben, nötigenfalls zu rufen, um Hilfe zu schreien, allein meine Zunge versagte, wie sie dem Hohenpriester Zacharias am Brandaltare des Herrn versagte, als sein Weib ihm dartat, sie sei schwangeren Leibes geworden. Endlich gelang mir's, einen Schrei auszustoßen, von dem ich wähnte, er könne wie ein Mauerbrecher Türme ins Wanken bringen, Berge versetzen, und dennoch war dieser Schrei nur ein Nichts, ein winziger Hauch, kaum fähig, das langgestielte Blatt einer Espe auf die andere Seite zu legen. Dafür begann es aufs neue von Sankt Lamberti zu läuten, mit den nämlichen Intervallen wie kurz zuvor: mit denselben Greueltönen, die einem die Seele zerfleischten, als stießen furchtbare Schaufarenrufe hoch von Sion herunter. »Sion! Sion!« Die Dämmerhelle verlor sich, wurde zum Dunkel, das Dunkel zur Finsternis. Ich sah keine Hand mehr vor Augen. Gleichzeitig begann es in der mit gegenüberstehenden Spiegelscheibe aufzubegehren. In ihrer Tiefe flämmerte eine zehnpfündige Wachskerze auf einem messingenen Kirchenleuchter, eine bleiche, tropfende Wachskerze, die sich langsam vorwärts bewegte. Sie trat aus dem Spiegel, wandelte über die Dielen, drängte sich dicht an meine Seite, um dort stehenzubleiben. Ein mattes Licht zehrte am Docht, brachte aber so viel Helligkeit auf, die taube Finsternis aus dem grauen Zimmer zu scheuchen. Das karge Armseelchen knisterte mit dem Knistern eines Sargdeckels, bei dessen Anfertigung der Schreiner allzu frische Tannenbretter verwandt hatte ... und in dieses Knistern hinein – nochmals die Weise des furchtbaren Thomas von Celano: »Liber scriptus proferetur, In quo totum continetur, Unde mundus judicetur.« Meine Starre ließ nach. Neben mir hob es sich auf. Ich spürte einen heißen Atem über mich gehen, die unangenehme Berührung von kalten Fingerspitzen. Als ich den Kopf wandte, sah ich in das bleiche, strenge Gesicht eines Mönches hoch mir zu Häupten. Er trug weißes Habit, darüber schwarze Kutte und schwarze Kapuze. Es mußte ein Dominikaner sein, ein Schirmer der Inquisition, denn neben ihm standen zwei Doggen, die Zeichen des Ordens, ähnlich denen, wie sie die Wappenzimiere der Grafen von Zollern aufweisen. Der Wachsstock erhob sich hoch im Raume, gespensterte mit seinem mageren Flämmchen, als wäre am Docht das Zünglein einer Natter gebunden. Der Mönch regte sich nicht. Mir grauste in seiner Nähe, denn er kam mir vor, als hätte er mir irgendeine Botschaft von Peter von Arbues oder Torquemada zu überbringen. Ich irrte mich. Er war nicht von Peter von Arbues oder Torquemada entsendet. Sein Gesicht war ein Cherubsgesicht, das eines heilig Gesprochenen, nur entstellt von dem Schmerze der Welt und ihren unbarmherzigen Geschehnissen. Drei oder vier Minuten vergingen. Mir war es, als wenn ich auf einem Marterstuhl säße, als sänke der Boden unter mir fort, als griffen Dämonen nach mir, um mich rettungslos in eine purpurblaue Tiefe zu ziehen. Dabei brüllte es aus weiter Ferne herüber: »Sion, Sion! Tut Buße! Der Tag des Gerichts ist gekommen!« Gleichzeitig fingerte es mit Totenlampen von der Decke herunter, legte sich mir eine eisige Hand auf die Schulter. Ich glaubte mich dem Wahnsinn nahe zu sein. Ich sah das Haus mit den eisernen Stäben vor den Fenstern, das graue, düstere Haus, wo die Unseligen wohnen, die Grimassen und Gesichter schneiden, die im Geiste mit Prinzessinen Buhlschaft treiben, mit Zepter und Kronen spielen und sich für Könige halten ... und war ein Grausen um mich wie das Grausen zwischen den gekalkten Wänden dieses grauen und furchtbaren Hauses. »Rettet mich! Helft mir!« Der Mönch beugte sich vor, immer tiefer und tiefer. Sein kalter Atem hauchte mich an. Dann sprach er: »Schweige, du Erdenwurm. Hundert Jahre sind mir wie ein Tag. Ich bin mit Sinnen begabt, die die übrigen Menschen nicht haben. Ich sehe Gesichter, die mit Tränen überschüttet sind. Entzündet wie rote Wunden sind meine Erinnerungen. Sie haften mir an wie die roten Wunden am gekreuzigten Leib des Erlösers. Hörst du: Sion, Sion! Tut Buße! Der Tag des Gerichts will kommen! Das ›Dies irae‹ posaunt über Münster. Die Vergangenheit reißt die Augen auf vor eitel Entsetzen. Ich sage dir nochmals: Hundert Jahre sind mir wie ein Tag. Ein Ahasver – ich ging durch diese Jahre hindurch, nur, ich habe den Herrn nicht von meiner Türe verwiesen, habe mich nicht geweigert, sein Kreuz auf mich zu nehmen, bin schuldlos durch all diese Jahre gegangen ... und so möchte ich dir eine kleine Geschichte aus der großen Geschichte erzählen, als der Prophet und König von Sion das Kruzifix umkrallte, es gegen die Wolken stieß und dem Volke gebot: Auf die Knie und betet an den Gesalbten des Herrn, der da gekommen ist, die Welt zu befreien! Willst du sie hören,denn ich bin Zeuge dieser Geschichte gewesen?!« »Ich höre.« »Und willst du das Weib sehen, das durch diese Geschichte ging, schön wie der junge Morgen auf den Bergen, das Diadem um die weißen Schläfen gezirkt, mit Hermelin und Purpurmantel umkleidet, auf dessen blonder Flechtenkrone das Tageslicht und das Scheinen des Abends länger verweilte, als auf den blonden Flechtenkronen anderer Weiber?« »Auch dieses.« Der Mönch reckte sich auf. Sein Gesicht war zu einer Maske geworden. Er stammelte, und es war mir so, als wenn sich in dieses Stammeln Tränen verlören. Endlich sagte er: »Und willst du wissen, was mit diesem Weibe geschehen?« »Ich will es.« »So horche«, und er deutete mit der Hand in die Tiefe des Raumes. Der Wachsstock bewegte sich dieser Tiefe entgegen. Das matte Flämmchen begann stärker zu leuchten, erregter zu flackern. »Und sehen sollst du!« Die Stimme des Mönches war heiser geworden, aber in dieser heiseren Stimme lag die grenzenloseste Not und das tiefste Leid aller Tage und Zeiten. »Siehe und horche!« Noch einmal erging die dringlichste Mahnung. Da sah ich: ich sah das Haupt eines Weibes, und dieses Haupt war von unsagbarer Schönheit. Es hatte ein Medaillengesicht wie nicht mehr zu finden. Ich sah entblößte Schultern und Brüste, von einem zarten Goldflaum umgittert ... und die Brüste waren wie die, von denen es heißt: sie verstören die Sinne und lassen Vater und Mutter und alle Wonnen der Erde vergessen. Das Weib kniete am Boden. Rauhe Fäuste hatten Brust und Schultern blank und bloß gelegt. Der weiße Nacken blühte gleich dem Kelch einer Lilie. Mit Sternenschönheit ging es über sie, und dennoch war es kein Flimmern von Sternen, sondern das kurze Aufblitzen eines breitgelegten Schwertes, scharf wie eine Rasierklinge. Und das Licht auf dem Wachsstock erlosch, erlosch, als hätte es niemals zwischen Decke und Dielen geflämmert. Um mich lag die Finsternis mit den schweren Gliedmaßen eines furchtbaren Tieres. Aus solchen Finsternissen werden Götzenbilder geschaffen. Nun mußte etwas Entsetzliches kommen, ein Geschehen, fähig, einem das Gesicht in den Nacken zu drehen ... und also geschah es. Ein nadelfeines Sirren durchzischelte den düsteren Raum, der kein Leben mehr hatte. Ich fühlte gleich: das war die Sichel des Todes gewesen. Dann war es mir so, als begänne es schwer und langsam zu tropfen. Es erinnerte an das Tropfen von geschmolzenem Blei in eine Messingschale, die den Schall seltsam verstärkte ... und eine Stimme ertönte, die Stimme des Mönches: »Das ist das Blut der Elisabeth Wandscherer, der erwählten Königin von Sion. Und diese Elisabeth Wandscherer ...« Er hielt plötzlich inne, als bangte er sich, den Schleier von einem furchtbaren Geschehen zu nehmen. Ich lag in Totenstarre. Dann wachte ich auf. An der Seite des Mönchs schritt ich durch die Straßen Münsters.   Zweites Kapitel Wir gingen durch verlorene Gassen, durch Schnirkelecken, Stiegen und Winkel, bis wir nach langem Wandern, dem ich kaum zu folgen vermochte, auf den Prinzipalmarkt gelangten. Ich glaubte nur Lemuren zu sehen, nur Schatten, nur wesenlose Gestalten, die unter einem schleierfeinen Aschenregen zergingen. Es war seltsam und schaurig bei diesem Gehen und Schreiten. Auch hingen noch immer die Posaunenstöße und Glockenrufe zwischen Himmel und Erde; nur weniger grausam, gemäßigter, im Abklingen begriffen. Der Mönch stieß mich an. »Wir sind zur Stelle«, sagte er mit der gleichen Betonung jedes einzelnen Wortes. Etwas unendlich Trauriges ging über die Häuserzeilen, über die Pflastersteine, über die Kirche von Sankt Lamberti, die den weitgestreckten Markt wie ein unheimliches graues Phantom nach Norden begrenzte, und durch dieses unendlich Traurige vernahm ich die Worte: »Es gibt keine Richter für mich. Ich bin mein eigener Richter. Ich erkenne keine Schranken an, es sei denn, es sind die Schranken, die ich mir selber setzte in den Tagen der Freude und in denen des Schmerzes. Aber zumeist: die Zeit vermachte mir die Müheseligkeiten und Leiden Hiobs, sowie Jakobs Gram und Tränen. Ich erkannte längst, daß der Wohlstand meiner Seele zu einem Mißstand geworden war. Ihr Reichtum hatte sich in Armut verkehrt. Die Wundmäler der Lebensmarter haften mir an, als hätte ich sie erst gestern empfangen. Ich habe mir selber das ›De profundis‹ gesungen, und sing' es noch heute, und werde es singen bis zur Stunde, wo ich mir sagen kann: Du hast deine Ruhe gefunden. Du hast sie gefunden durch den Willen des Allmächtigen, Allgütigen, der da ist der Bringer der Freuden, der Vernichter der Wonnen und der Bevölkerer der Totenäcker. Wann ich sie finde, steht noch dahin, denn mein Leid ist ein unermeßliches Leid, und vor diesem Leid sind hundert Jahre wie ein Tag. Sie reihen sich aneinander wie die Grabsteine auf einem unermeßlichen Friedhof, ohne alle zu werden. Lasset uns beten ...« Wir standen vor einem Giebel, der sich nicht wesentlich von den anderen abhob. Nur schien er reicher gegliedert, stolzer und freier in den Himmel zu wachsen. »Hier beginnt meine Geschichte«, sagte der Mönch. »Durch diese Geschichte schreitet ein Weib, ähnlich der Himmelskönigin, hoheitsvoll und versonnen, schön wie die Prinzessinnen von Hochburgund oder die Frauen, die in Dalekarlien wohnen. Ich sah sie zum letzten Male vor dem Rathaus in Münster, im Angesicht der Arkaden und Bogengänge, reichgeschmückt, mit goldenen Pantoffeln angetan. Sie kniete am Boden, das Haupt vornübergeneigt. Ihre jungen Brüste lagen bis zu den Spitzen entblößt. Dann fiel ein blutrünstiger Nebel über mich her, und ich fand keinen Ausweg. Ich fand ihn nicht, obgleich ich heiß und bitterlich suchte, denn ich hatte immer nur Blut vor den Augen ... und als mein kärglich bestelltes Öllämpchen dem Erlöschen nahe war, was blieb mir da übrig? Nichts, als Dominikaner zu werden, als Ahasver durch die Zeiten zu wallen, den Wind einzufangen, um mit ihm meine heißen Schläfen zu kühlen. Dabei halte ich Herzeleide, die Königin, noch immer in meinen Armen, obgleich sie tot ist. Ich bin selber gestorben und dennoch gezwungen, Gottes Odem zu atmen und Gottes Sonne zu trinken. Mein Leben ist lange zu Ende, und doch muß ich leben. Das klingt widersinnig und ist mit Narrenschellen umwispert. Aber jedes Narrenschellchen klingelt die Wahrheit. Ich kann es nicht ändern. Die Geschehnisse in der Apokalypse sind furchtbar zu sehen, aber die Dinge, die sich in Sion abspielten, erinnern an die unerhörte Tat eines Großen auf Erden, der sein eigenes Weib, die schöne Herzogin, zwang, aus dem Schädel ihres Buhlen purpurroten Burgunder zu trinken. Er machte eine kurze Handbewegung. »Lassen wir das. Treten wir ein. Knipperdolling, der Schwertträger des Königs, der Mann über Leben und Sterben, hat heute Empfangstag.« Ebenerdig, links vom eingedunkelten Hausflur, lag ein eichenholzgetäfeltes Gemach mit niedrigem Hängewerk. Wir pochten nicht an, machten keine Anstalten, uns bemerkbar zu machen. Wie auf ein stummes Geheiß gingen die beiden Flügel sacht auseinander. Nur ein leises Seufzen der Angeln ließ sich vernehmen. Mit dem Schweigen einer Sterbekapelle fiel es über uns her. Der Raum war von einer eigenartigen Dämmerhelle durchgeistert. An einer düsteren Tafel saßen drei Männer. Vor ihnen lagen Schreibgeräte, Urkundenbündel, Bibel und Babel. Niemand kehrte sich an uns. Die Männer sahen uns nicht und hörten uns nicht, oder sie wollten nicht sehen und wollten nicht hören. Wir selber vernahmen unseren eigenen Schritt nicht, nicht den geringsten Laut unter den Füßen. Wir waren eben zu Schemen geworden, zu Lebewesen, die keinen Stoff und keinen Schatten mehr haben. »So wären wir fertig«, sagte einer der Männer, noch in den besten Jahren, hager und mager, mit einem Schwärmergesicht, so eine glutheiße steinichte Wüste mit ihrem Sonnenbrand ausgedörrt hatte. Dabei legte er die schmale, aber energische Hand auf die Bibel. »Rottmann, fertig – warum?« »Weil ich denke, Schwertträger des Königs, die Glocken und Posaunen von Sion haben Feierabend geboten. Das ewige Schaffen zermürbt. Des Tages Last war groß. Das Fleisch will nicht mehr, übergroßes Wirken und Denken bringt Verkehrtheiten auf, Dinge, die sich mit dem gesunden Verstande nicht ins Einvernehmen setzen. Also laßt mich. Ich sehne mich heute nach Ruhe.« So Rottmann, geboren zu Stadtlohn, einem kleinen Städtchen im Bistum Münster, an dessen mitternächtlicher Seite der Fluß Berckel vorbeifließt und einige Kornmühlen treibt, ein abtrünniger Pfaff, vor kurzem noch Prediger an Sankt Mauritz und nunmehr berufen, das Wort Gottes bei den Anabaptisten hoch und heilig zu halten. Seine eisengrauen Augen stachen wie Kardendisteln. Sie gingen schnurgeradeaus und versenkten sich tief in die Knipperdollings. »Hm!« sagte dieser. »Gewißlich, die Glocken und Posaunen haben Feierabend geboten. Seele und Leib sind der Ruhe bedürftig. Recht werdet Ihr haben. Schon fünf Stunden hintereinander kamen und gingen die Menschen. Wir hörten und sahen, und halfen den Bresthaften, und hielten den starren und widerhaarigen Köpfen die Faust gegen die Schläfen. Nur eins steht noch an«, und die Rechte des Gewaltigen rumpelte schwer auf die Tafel: »Nein, wir sind noch nicht fertig.« »Warum nicht, Gestrenger?« Knipperdolling spreizte die Beine, legte sich breit zurück und scheitelte den krausen Vollbart scharf auseinander. »Rottmann und Wandscherer, auf daß ihr es wisset: Ich habe Botschaft empfangen. Johannes Leydanus, der Herr und Gebieter über alle Reiche und Welten, hatte in der verflossenen Nacht wieder hohe Gesichte.« »Gesichte ...?!« rief der Asket, verkrampfte die Hände und richtete die eisengrauen Blicke strahlend zur Decke. Seine Stimme schwoll an: »Lobet und preiset den Vater der himmlischen Heerscharen, denn wir haben sie nötig – diese Gesichte. Ich gedenke des Tages, da der Gesandte des Herrn, der Prophet unter den großen Propheten, da Dusentschuer den Mund auftat und sagte: Ihr christlichen Mitbrüder, mir wurde kund und befohlen, daß Johann Bockelson von Leyden, der heilige und streitbare Mann, soll herrschen über den Weltkreis, über Kaiser und Könige, Fürsten und Grafen, Herzöge, Kardinale und Prälaten, so diese Erde bewohnen. Nimm hin das Schwert der Gewalt und bediene dich seiner, nimm hin den Purpur, um deine Lenden zu schürzen, nimm hin das Recht, die Menschheit gen Himmel zu führen oder ihr den Kopf gegen die Pforte der Hölle zu stoßen. So will es der Herr, und so mögest du in seinem Namen König von Sion werden.« Alles Müde und Müheselige war ihm wie Bettlergelumpe von den Schultern gefallen. Unter seinen Brauen begann es zu leuchten, aufzubegehren, mit dem grausamen Aufbegehren eines frischabgezogenen Rasiermessers. »Als König von Sion ...« zog er scharf durch die Zähne, warf seine Lichter auf Wandscherer, dann auf den gewaltigen Knipperdolling, um weiter zu sprechen: »Und also geschah es. Von Gott gewollt, ist er König geworden, von Gott gewollt, trägt er Zepter und Krone, regiert er die Völker, trägt er die große und heilige Sache der Anabaptisten über den Erdkreis, von Gott gewollt und im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes ...« und die hagere und doch nervige Hand des düsteren Predigers umkrampfte die des Statthalters wie mit eisernen Kettenschaken, »und von Gott gewollt, hatte er in der verflossenen Nacht wieder hohe Gesichte ...?« »Rottmann, Ihr sagt es, und eins dieser Gesichte, unheilig wie Galgenholz und doch heilig wie die tausendfach begnadete Lehre von der Wiedertaufe, machte ihn zittern und zagen und dennoch jubilieren zu den Freuden der ewigen Anschauung.« Da ließ Rottmann die Hand des Statthalters fahren, reckte sich auf, daß seine hageren Gelenke knackten und seufzten gleich dem dürren aufgeschichteten Holz in einer Tannenbeige. »Knipperdolling, und dieses Gesicht ...?« Seine Augen gluteten, als wäre ein Feuerbrand in ihre Tiefen geworfen. Der Statthalter des Königs erhob sich. Alles war schwarz an ihm, Gewand und Haupthaar, der kurz verschnittene, gescheitelte Bart, die Lichter unter der rückfliehenden Stirne. Mit der Linken umgriff er den goldenen Wiedertäuferpfennig, der ihm an einem feinen Kettlein auf der Brust ruhte. Die vorgestoßene Kinnlade öffnete sich. Feierlich begann er zu sprechen, geruhsam, aus tiefster Seele heraus, mit dem ernsten Gehabe eines Propheten und Sehers: »Es war um die Mitternacht. Die Steine kreisten über Münster. Sieben von ihnen standen, einer Krone ähnlich, über der königlichen Pfalz. Da fühlte er das Nahen der Stunde. Ein Engel des Lichtes erschien ihm, mit leiblichen Augen zu sehen, mit leiblichen Ohren zu hören, mit leiblichen Händen zu greifen – ein Cherub von den obersten Thronen, angetan mit siebenfältigen Schwingen. Der sagte: Wes Mund voll Galle und Bitternis ist, dem steht es nicht an, die lydische Flöte zu spielen. Mein Mund ist voller Galle und Bitternis und das Herz des himmlischen Vaters voller Sorge um Sion. Viel ist geschehen. Aber es mangelt noch vieles. Der Bischof steht draußen. Seine Fuß- und Stückknechte mehren sich täglich wie Wüstensand. Der wandelt gegen uns an, und aus dieser Trombe staubigen Sandes rumpelt die ketzerische Trommel: Ergebt euch! dum dirre, dum deine ...! Noch fußt das Reich nicht auf granitenem Fels, ist seine Kuppel nicht sattsam verankert und soll doch bestehen für ewiglich. Noch lagert Franz von Waldeck, der ketzerische Nimmersatt und Vielfraß, in befestigter Stellung, und soll doch geworfen werden durch die Schärfe des Schwertes. Viertausend streitbare Männer, mit Einschluß der Zugeströmten und Landstörzer, hausen in Münster, satt und genug, dem verfluchten ›Dum dirre, dum deine‹ in die Parade zu fahren und Gegenpart zu halten, satt und genug, um auf Jahre hinaus den heiligen Glanz zu erhalten. Aber was dann? Draußen mehren sich die gegnerischen Völker, zeugen wie die Karnickel in offener Wildbahn. Wir hingegen bleiben im Hintertreffen, gehen den Weg allen Fleisches ... und drum ist es der Wille des himmlischen Vaters: Dem wird Einhalt geboten. – So der Engel des Lichtes, und seine Schwingen rauschten wie Sturmgefieder.« Knipperdolling hielt inne. Er trug Schaum vor dem Munde. »Dem Baalspfaffen und seinem lästerlichen Anhang«, murrte er stumpf vor sich hin, »ist der Fäustling unter die Kinnladen zu stoßen, daß sie das Lachen verlernen, dazu Zähne und Blut vomieren.« Er stampfte auf. »So richtig, dann verliert auch das Kalbsfell des Belialpriesters sein gottverfluchtes ›Ergebt euch! dum dirre, dum deine‹, dann wird der König des neuen Tempels Luft, Atem und gute Gewohnheit beziehen – für immer und bis zu der Stunde, wo die Sonne abirrt und die Sterne sich in anderen Bahnen bewegen. So und nicht anders.« Mit einem dumpfen Laut brach er ab und stierte durch die bleigefaßten Scheiben, hinter denen die gegenüberliegenden Häuserzeilen bereits eindunkelten, als würde ein Musselinschleier darüber gezogen. Rottmann war dicht an seine Seite getreten. »Noch fehlt die Botschaft«, sagte er heiser. »Träger des Schwertes, wollet nicht abwegig werden. Wo ist der Engel des Lichtes geblieben? Wo ist sein Wort und die Tiefe des Wortes? Knipperdolling, besinnt Euch.« Und Knipperdolling besann sich. Sein Blick trat aufs neue in ein prophetisches Leuchten. Er sagte: »Und also sprach der Engel des Lichtes: Meine Tagsatzung, die ich bringe, ist im Kerzenglanz des Himmels sowie der Ewigkeiten geboren und an dich gerichtet, Johannes Leydanus. Nehmet sie auf, wie Gott sie gegeben. Laßt Euch nicht betören, geht durch die Strahlengarbe der großen Offenbarung nicht wie ein ungläubiger, sondern wie ein gläubiger Thomas. Drum höret auf mich, den Engel des Lichtes und den Cherub mit den siebenfältigen Schwingen, denn dieses ist der Wille des Vaters, und also gebietet der Herr über Leben und Sterben, über Tod und Verwesung.« Rottmann hatte die Hände gefallen. »Sprecht weiter, Schwertträger des Königs. Wir hören.« Und Knipperdolling sprach weiter. Dabei erfüllte er den Raum durch sein mächtiges Ich und die Gewalt seiner Rede. »Eine Ähre des Feldes gibt alljährlich eine dreißigfältige Ernte, das menschliche Weib ihre Frucht nur einmal im Jahre, und deshalb spricht der Herr über den Wolken: Ihr sollt den Acker einer gottwohlgefälligen Ehe besser und ausgiebiger bestellen, ihm reichlichere Betätigung abgewinnen. Die Wiedertaufe tut es allein nicht. Sion muß wachsen. In einspänniger Liebes- und Leibesgemeinschaft geschieht das nimmer und niemals. Ich sagte schon eben: viertausend Männer halten Tag- und Nachtwacht dahier, aber was ich nicht sagte, ist dieses: zehntausend mannbare Weiber harren noch immer eines gesegneten Leibes und ersehnen mit heißem Blut die gebenedeiten Worte: Ego conjungo vos in matrimonium. In nomine patris et filii et spiritus sancti ... und da sich nur viertausend wehrhafte und streitbare Männer in Münster befinden, Sion aber wachsen soll gleich den goldenen Bienenschwärmen unter der Hut des großen Zeidelmeisters, so sei auch den beweibten Männern geboten, das ›Ego conjungo vos in matrimonium – in nomine patris et filii et spiritus sancti‹ mehrfältig über sich ergehen zu lassen, auf daß das Reich sich mehre und Frucht trage bis an das Ende der Tage.« Knipperdolling schwieg. Er warf den Stiernacken zurück und stand in Verzückung. Rottmann lag auf den Knien. Seine Lippen stammelten: »Herr, nun mag ich getrosten Sinnes dahinfahren, denn meine Ohren hörten, und was sie hörten, kann Berge versetzen und Strömen gebieten, ein anderes Bette zu suchen.« Seine Stimme erhob sich: »Nun werden die brachliegenden Parzellen umgebrochen und sorglich bestellt, die sonst kein Pflugmesser hatten und keinen Samen empfingen.« Sein Wort jubilierte: »Heil dir, du Stadt der Gerechten, heil dir, mein Sion! Nun ist dir das Brot des Lebens und das Schwert der Stärke gegeben für ewiglich. Deine Feinde werden dahingehen wie Rauch vor dem Winde, deine Tempel werden das Opfer bringen mit Flammen, die die Sterne berühren.« Seine Stimme brannte gleich einer feurigen Lohe: »Wachset und mehret euch, ihr Töchter und Männer von Sion, auf daß ihr die Welten erfüllet durch die Kraft und Herrlichkeit eurer Lenden. Ego conjugo vos in matrmonium. In nomine patris et filii et spiritus sancti.« »Amen«, respondierte der Träger des Schwertes. Nur einer saß stumm an der Tafel, stumm wie ein Fisch aus der Tiefe des Meeres. Das war Hermann Wandscherer, der reiche Tuchherr aus dem Kirchspiel über dem Wasser. Er zählte zu den angesehenen Geschlechterherren in Münster. Sein Name hatte einen langen Arm. Er reichte weit und griff über die Meere. Als Vorsteher des Wollweberamtes, hatte er bis zu den jetzigen Wirren seinen Wohlstand gemehrt, dem münsterischen Handel und Wandel eine ausgeprägte Note gegeben. Seine Kontore und Faktoreien lagen zwischen der Jüdenfelder- und Hollenbeckerstraße. Von hier aus wurden emsige Beziehungen mit Flandern, Seeland, Brabant und dem fernen Osten unterhalten, die sich teils auf besondere Verträge und Privilegien, teils auf die Rechte und Verpflichtungen des hanseatischen Bundes stützten ... und wo es hieß: die Tuche Hermann Wandscherers sind wieder auf Lager, erzielten die aufgestapelten Waren doppelte und dreifache Preise. Aber kein Hochmut warf ihn aus der schlichten Bahn des Lebens, beredete ihn, die steile Leiter des Unerreichbaren zu erklimmen. Er blieb, was er war: der einfache, wenn auch selbstbewußte Mann vor Gott und seinem eigenen Gewissen. Des Hände lagen verkrampft auf der Tafel. Des Auge hatte die Starre des Todes angenommen. Des bleiches und glattrasiertes Gesicht war noch bleicher und glattrasierter geworden. Seine Blicke gingen ins Leere, ins Wesenlose hinein, als müßte sich dort ein gegensätziges Wunder aus dem Unermeßlichen ringen. Knipperdolling maß ihn mit suchenden Blicken und wog seine Gedanken. Sie kamen ihm zu leicht vor. Die Gewichte, mit denen sie wogen, schienen ihm keine zuständigen Gewichte. Er trat auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Was habt Ihr, Bruder in Christo? Warum fiel Euch nicht bei, das ›Amen‹ zu sprechen? Es ist doch also der Brauch unter Gleichgesinnten in Sion.« »Knipperdolling, ich komme mir vor, als wäre ich auf einem sandigen, menschenleeren und toten Eiland gestrandet. Dort kann ich nicht leben. Im übrigen – erspart mir die Antwort.« »Es wäre schon besser. Ihr hieltet mit Euren Gedanken nicht hinter dem Berge. Unter Gleichgesinnten blendet man nicht Herz und Laterne ab.« »Ich sage noch einmal und bitte darum: Erspart mir die Antwort.« »Warum das?« »Man soll gegen die Gesichte des Königs nicht angehen.« »Wie soll ich das nehmen?« Da erhob sich der Tucher, der Mann, der als der Gerechtesten einer die neue Lehre durchpilgerte, um an den Quell der Erkenntnis zu gelangen und lauteres Wasser aus dem Felsen zu schlagen. Das scharfgemeißelte Antlitz stand ehern im Raum. Eckig und spröde fielen ihm die Worte vom Munde: »Träger des Schwertes, das mit dem Engel des Lichtes ... Ich glaube sn den Engel des Lichtes, wie ich an die Bibel und die Auferstehung des Fleisches glaube, aber das mit der Botschaft ...« »Was soll's mit der Botschaft?!« »Ich meine, da Ihr nach einer Antwort gelüstet: Ich bin anderer Ansicht.« »Wieso das?« Um die Mundecken Knipperdollings zogen sich unwirsche Kanten. »Träger des Schwertes, möglich, der Satan hat die Worte des Cherubs verstört, sie umgeprägt und Falsches in die Ohren des Königs getragen.« Da hob sich Rottmann vom Estrich. Sein Blick war wie der eines Stieres, dem ein rotes Tuch in der Koppel begegnete. »Wandscherer«, rief er mit heißem Atem, »wie kommt Ihr zu dieser Auslegung, wo wir herzenseinig gingen bis zu dieser Stunde? Glaube! Nur so sind wir dem Göttlichen nahe. Nur so wird der Leib durch die Seele geknechtet. Alles übrige ist Nürnberger Tand oder eine mißtönige Schelle. Die Frage ist dringlich und läßt sich nicht abweisen: Seid Ihr Anabaptist oder seid Ihr kein Anabaptist?« »Mit Herz und Mund und aus tiefster Seele habe ich auf die neue Lehre geschworen, so wahr mir Gott helfe.« »Aber Ihr zweifelt?« »Rottmann, Ihr sagt es.« »Jeder Zweifel kommt aus trüber Gesinnung.« »Bei mir ist das anders. Mein Denken ist lauter. Mit beiden Füßen wurzele ich in gläubiger Erde. In Glaubens- und Handelssachen habe ich stets mit ehrlicher Elle gemessen. Die Evangelien und die Apostelgeschichte zeugen für mich.« »Gott offenbart seine Gesetze, und Gott hat die Macht und Befugnis, sie hinwegzunehmen oder ihnen eine andere Deutung zu geben.« Rottmanns Schwärmerantlitz gefiel sich in einem bitteren Lächeln. Es war herber denn Wermuth, schlimmer denn ein Aufguß von Schlehenwasser. »Ihr bangt wohl als Witwer davor, ein neues Weib oder mehrere an Euer Herdfeuer zu setzen, um Sion zu dienen?« »Das weniger. Ich bin über die Jahre hinaus. Meine Tage sind mehr oder weniger gezählt, schreiten bereits durch das Leuchten des Abends. In meinem Hause ist kein Raum mehr für eine freudenreiche Ehegemeinschaft. Mein Bett steht schon siebenzehn Jahre verwaist.« »Was fürchtet Ihr denn?« »Rottmann, ich habe eine mannbare Tochter.« »Das weiß ich, und diese Tochter ist schön wie eine Blume des Feldes. Sie ist ein versiegelter Garten und eine verschlossene Quelle. Drum freut Euch doch, daß ein Mann ihr beiwohne.« »Tue ich auch und harre der Stunde des Aufgebotes, denn sie ist mit dem Erbmann Raban von Bischopink von und zur Getter versprochen. Aber ich will, daß sie einspännig bleibe, daß ihrem zukünftigen Gatten nicht beikommt, sich ein zweites oder gar drittes Weib in ehelicher Gemeinschaft an die Seite zu legen; denn es ist ein Greuel vor dem Herrn.« »Wandscherer, wahrt Eure Zunge. Ihr hörtet doch die Botschaft des Cherubs mit den siebenfältigen Schwingen?« »Ich hörte sie, aber ich sagte schon vor wenigen Augenblicken: Möglich, der Satan hat die Worte des Engels verstört, sie auf einer nichtswürdigen Präge umgemünzt, ihnen eine anfechtbare Deutung gegeben und so Falsches in die Ohren des großmächtigen Königs getragen.« Seine Hand hob sich und senkte sich wieder. »Denn wisset: die Vielweiberei ist die Sittenlosigkeit von Ninive und Babel, die Belialwirtschaft von Arbela, die Unzucht von Amathont, wo die Weiber ohne Gürtel und Schleier unter den Ölbäumen sitzen und die Fremdlinge im Namen Melittas erwarten, sie der Verstörung anheimgeben. Sie ähnelt dem Weib in der geheimen Offenbarung Johannis, des Theologen, das da reitet auf einem mißfarbenen Tier, voll der Lästerung, bekleidet mit Scharlach und Rosinfarbe, mit Golde, Perlen und Edelsteinen, und trägt einen Becher in der Hand, voll Greuel und Unsauberkeit ihrer Hurerei, auf daß es die Menschheit verderbe und die Glorie des neuen Tempels hinwegnehme. So steht es geschrieben.« »Mensch«, schrie da der Prediger auf, »welch unreines Gefäß wagt es, seinen Inhalt in die Vorhalle des Herrn auszuleeren?« Mit starrem Griff umklammerte er die Rechte des Sprechers. »So also denkt Ihr vom Gesicht des Königs, Ihr, einer von den Zwölfen im Rat, den wir höher stellten denn viele im neuen Jerusalem? Aber meine Augen haben nichts gehört, meine Ohren sind taub geblieben wie die Brennnesseln, die keine Hitze mehr absondern; denn hätten meine Augen gesehen und meine Ohren gehört ...« und er schnürte die eingefangene Hand mit der Faust eines Herrenmenschen. »Nein, mein Ohr sei verschlossen, meine Zunge sei stumm gleich der des Zacharias am Brandaltare des Allerhöchsten. Ich bin tot in dieser Stunde, denn wär' ich es nicht – es könnte immer geschehen ...« Er gab die Rechte frei. »Ich will nicht sehen und hören, nicht wissen und wollen; nicht um Euretwillen, nicht um des Bruders wegen in Christo des rosinfarbigen Weibes gedenken, denn täte ich es ...« Und wieder das furchtbare Schweigen. Knipperdolling hatte sich abgekehlt. Er bangte um ein kostbares Leben. Seine Blicke gingen in den Abend hinaus, dessen spärliche Lichter sich immer mehr ins Diesige verloren. »Denn täte ich es ...« Hinter ihm hub Rottmann aufs neue an, mit verhaltenen Worten, mit Tränen und Bitternis in der Stimme: »Wandscherer, drohende Schatten stehen wider Euch auf, bedecken Euch, wollen Euch mit schwarzen Tüchern ersticken. Tut Buße, denn was den Patriarchen zustand, was David und sein Folger im Amte als gottwohlgefällig erkannten, da sie bei Harfenbegleitung in ihrer Herzenseinfalt anhuben zu singen: Sechzig ist der Königinnen, achtzig und mehr ist der Kebsweiber und der Jungfrauen; aber die nach unserer Umarmung Gelüste tragen, ist keine Zahl ... da wollt Ihr Euch auflehnen gegen die Botschaft des Abgesandten mit den siebenfältigen Schwingen? Bedenkt Euch. Wir stunden die Antwort, stunden sie um Euretwillen, um des Friedens willen im Reiche des Vaters.« Die einzelnen Worte fielen ihm hart, fast grausam von der Zunge, und dennoch: über das strenge Gesicht des Predigers zogen sich die Runen des Mitleids und die der Barmherzigkeiten. Hoch standen sich die beiden Männer gegenüber. Knipperdolling trat zu ihnen. »Wandscherer, zeigt Eure Handfläche – aber die rechte.« Seine Worte zerbrachen vor Erregung und tiefem Schmerz. In den fast erstorbenen Augen glimmerten die golddurchsprenkelten Pupillen wie die eines erregten Tieres. Die Handfläche lag zwischen Dielen und Decke. »Bedenkt Euch. Aber nicht lange. Die Zeichen sind bitter für Euch. Schuld und Schwert hausen dicht nebeneinander. Also bedenkt Euch.« Da zuckte Wandscherer zusammen, wenn auch nur für eine Augenblicksspanne. »Ich will es«, sagte er mit blutleeren Lippen. Erhobenen Hauptes verließ er das Zimmer. Die beiden sahen ihm nach, verstört und wortlos. Die grauen Fäden des Abends spannen sie ein. Sie wurden zu Schatten und zergingen wie Schatten. Stille umlagerte den getäfelten Raum bis in die äußersten Ecken. Nur draußen ging gedämpft die Trommel der Scharwache, genau so wie die des Bischofs, der weit vor den Toren sein Feldlager aufgeschlagen hatte: »Halliro! dum dirre, dum deine, Halliro! dum dirre, dum dum ...« und in dieses dumpfe Pochen hinein die Stimme Knipperdollings: »Wandscherer, möge der Herr es anders fügen, aber ich fürchte, du trägst bereits das Totenhemd unter der Ratsherrnschaube. Dir ist kaum noch zu helfen. Lasset uns beten ...«   Drittes Kapitel Ja, lasset uns beten ...! Die neue Lehre hatte Jahre um Jahre gleich einem wohlgemästeten Nagerpaar ein beschauliches Dasein in irgendeiner verlorenen Ecke gefristet, bis es sich als Männlein und Weiblein erkannte, ein Nagerpaar mit Rattenäugelchen und Rattenschwänzen, und Ratten vermehren sich wie die Heuschrecken des fernen Ostens, wie die Sterne unter dem blauen Kattun des Himmelreiches. Und die Brut gedieh unter der Emsigkeit der Tiere ins Unermeßliche, ging auf die Wanderschaft, um allüberall ihr Wachstum zu pflegen und neue Nester zusammenzutragen. Ratten! Was Ratten ...?! Nicht Ratten waren's, sondern Propheten, suchende Männer, führende Geister und Schwärmerköpfe, die auszogen für Gleichheit und Gütergemeinschaft, für den gebenedeiten Lohn, ihren heimgesuchten Brüdern durch Predigt und Wiedertaufe das Reich Gottes zu bringen ... und sie mehrten sich wie die Geschöpfe mit den klebrigen Schwänzen ... und pilgerten nach allen Gegenden der Windrose. Sie kamen aus Thüringen, aus Schwaben, aus Ostfriesland und Holland ... und ihre Zahl war maßlos, ihre Rede süßer denn Traubenbeeren, bitterer als Wermut mit Galle versetzt – alles in einem Atem genommen ... und wie der Bischof von Münster auch wetterte, Himmel und Erde in Bewegung setzte – die neue Lehre war nicht mehr aus seiner Diözese zu bannen. Da erhob sich Carolus, seines namens der Fünfte, in wachsendem Unmut und schrieb an den Infulträger, der nicht fähig war, sich der großen Not zu erwehren: »Wir von Gottes Gnaden, Carl der Fünfte, erwählter römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reiches. Unsere Gnade und alles Gute zuvor. Lieber Getreuer. Es ist Uns zuverlässig versichert worden, daß die Bürger der guten Stadt Münster gegen Unser wohlgemeintes und heilsames Edikt, ingleichen gegen die auf der letzten Tagung zu Augsburg gegebenen Reichs-Verordnung abtrünnige Priester und sonstige Leute in Deine Stadt aufgenommen haben, so das unerfahrene Volk durch ungeheuerliche Reden von dem wahren Wort Gottes ab- und in Irrtümer führen, sowie hierdurch Haß, Feindschaft und Aufruhr erregen. Solches treibet zu Mord, Schwächung der Weiber und blutigen Wirren. Da es aber Unser Amt von Uns fordert, diesem Übel durch klugen Rat und zeitigen Mitteln zuvorzukommen, so wollen und befehlen Wir ernstlich, daß Du, der Du Bischof der münsterischen Diözese bist, auf das, was in besagter Stadt vorgehet, genau acht gebest, die aufrührerischen Prediger nicht nur ihrer Ämter entsetzest, sondern sie auch an Hals und Kragen belangest, und die rebellischen Bürger mit der gebührenden Strafe belegest, auf daß die Unbeteiligten in Friedfertigkeit und Ruhe dahinleben mögen. Wir verbleiben Dir in Kaiserlichen Gnaden und allem Guten zugetan. Carolus.« Aber auch dieses verfing nicht. Es war zu spät. Der mächtige Heerzug ging vorwärts, unaufhaltsam, mit dem Weiterfluten eines unbekümmerten Stromes, dem es gelüstete, Gottes Wasser über Gottes Acker und weit ins Binnenland zu tragen. Thomas Münzer lag bereits auf der Strecke. Aus seinem Blut erhoben sich neue rebellische Köpfe. Die Bauern schlossen sich an. Ihr trauriges Lied dröhnte weit durch die Provinzen: »Reich wollen wir werden, Daß Gott erbarm! Was wir hatten, han wir verloren; Jetzt sind wir arm!« Es war nicht mehr zu helfen, kein Halten und Bannen mehr. Das bleiche Haupt der täuferischen Kirche stierte schon lange über die Mauerkronen und Zinnen von Münster. Während dieser Zeit standen die Herolde der Welt über den Wolken, angetan mit dem Gewand eines Leviten, weiß in gold und mit klingenden Silberschellen an den Ärmelstauchen. Sie waren wie Engel, ihre Gesichter wie Sonnen, ihre Haare gleich flammenden Feuergarben. Man erblickte nichts Höheres und Ehrfurchtgebietenderes zwischen Himmel und Erde. Und der erste Engel posaunete. Da erschauerte das Land Westfalen und die Hauptstadt in ihm, die Bischofsstadt mit den vielen Türmen und Kirchen, die ihresgleichen nicht hatten. »Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie der Vater aller irdischen und überirdischen Welten vollkommen ist von Ewigkeiten zu Ewigkeiten.« So die Posaune. Und die Posaune verstummte. Und als sie verstummte, siehe, da geschahen erschreckliche Zeichen und Wunder, die die Menschheit verstörten und von denen der Chroniste im Kirchspiel des heiligen Lamberti also erzählte: »Im Jahre des Herrn 1532 ließ sich im September etliche Wochen hindurch ein Schwanzstern sehen, der unter dem hellen Stern unter der Brust des Löwen, so man den Basilisk nennet, zuerst sichtbar wurde und durch die Jungfrau bis zur Wage seinen Lauf nahm. Sein Schweif ähnelte dem Reiherbusch, den die Großen unter den Sarazenen an ihrem Turban tragen, nur ins Tausendfältige und Abertausendfältige hinein, dazu glühender als die Flammen im Rachen des Behemoths, des Ungeheuers unter den Ungeheuern. Dieser nun wandelte sich im Laufe der Tage, nahm die Gestalt eines züngelnden Zweihänders an, dessen Spitze sich gegen Münster kehrte. Dann weiter: ein Hase, ein Geschöpf zwischen den Ackerfurchen, das sich sonst vor den Menschen fürchtet, des ferneren sich nur kümmerlich von den Gräsern und Dickwurzen des Feldes ernähret, kam aus freien Stücken durch eine der Torburgen und ließ sich dort greifen. Die Hühner ahmten die Hähne und die Hähne die Hühner nach, und die drei Sonnen, die plötzlich und ganz unversehens erschienen, täuschten die drei Religionen, die katholische, die evangelische und die wiedertäuferische, ebenso vor, als jene drei Sonnen – nach dem Tode Julius Cäsars – das Triumvirat. Und das nicht allein. In Harlem, einer Stadt in Holland, fand sich fast gleichzeitig ein toter Fisch, dessen Maul dreizehn Ellen an Maß hielt, an das Ufer geworfen. An selbiger Stätte nun war Johann Matthisson gebürtig, ein Anabaptiste vom reinsten und lautersten Wasser. Der reiste in Gemeinschaft mit seinem Weibe, der schönen Divara, ins Land der Roten Erde, um in Münster die neue Lehre unter die Menschen zu tragen. Ebenso machte sich Johann Bockelson aus Leyden auf die Strümpfe, ein Mann mit hohem Flug und stolz an Einbildung, ähnlich denen, die auf den Brettern tragieren und den Komödianten abgeben – woraus ersichtlich, was für ernste Bedeutung dem toten Fische zukam, dessen Maul dreizehn brabantische Ellen an Maß hielt. Kurz, es waren Zeichen und Wunder, die nicht zu den gewöhnlichen zählten.« Und der zweite Engel posaunete. »Tut Buße, der Tag des Gerichtes will kommen! Wer böse ist, der sei fernerhin böse; wer unrein ist, der sei fernerhin unrein. Aber wer fromm ist, der sei fernerhin fromm, und wer heilig ist, der sei fernerhin heilig. Denn Gott hat's ihnen gegeben in ihr Herz, zu tun seine Meinung, und zu tun einerlei Meinung, und zu geben ihr Reich dem Tier, bis daß vollendet werden die Worte Gottes.« So die Posaune. Und die Posaune verstummte. Der Chroniste von Sankt Lamberti aber verkündete weiter: »In damaliger Zeit standen sich Rat und der streitbare Bischof von Münster als Widersacher scharf gegenüber. Katholiken und Protestanten hieben in die nämliche Kerbe. Unfried und Zuchtlosigkeit an allen Ecken und Enden. Der Sittenmangel des Klerus schrie durch die Wolken. Die Sauglocke in allen Tonarten zu läuten, gefiel ihm besser, als das schlichte, christkatholische, seligmachende Messeglöckchen zu ziehen und ihm allein die Ehre zu geben. Gutes und Böses fanden sich in ein und demselben Hexenkessel zusammen. Nonnen entsprangen den Klöstern, gaben ihre Rosenkränze und Skapuliere preis und erfreuten sich der gewonnenen Lustbarkeiten. Das Domkapitel war machtlos dagegen. Beelzebub regierte, fiederte den Freien und Unfreien die Bolzen, blies mit vollen Backen in den Hader hinein, in den entsetzlichen Hader, dem Rat und Bischof immer mehr zum Opfer fielen. Schwärme von Wiedertäufern kamen ins Land, erfüllten Gassen und Straßen mit drohenden Rufen: ›Bekehrt euch! Alles geht den Wandel der Krebstiere. Der Tag der gerechten Rache will kommen! muß kommen! ist schon im Anmarsch begriffen!‹ und immer so fort, bis sich die Stunde erfüllte. Die hohen Magistratspersonen, unter ihnen Tillbeck und Knipperdolling, streckten die Hand über sie aus und brachten ihnen einen herzlichen Willkomm; der Klerus jedoch verfluchte und bannte ihre Seelen in die Leiber der grunzenden Säue von Gerasa. Das brachte neues Öl auf den Zunder. Der Rat trumpfte auf, der Bischof dagegen, und als ersterer schließlich erklärte, der neuen Lehre eine Freistatt zu bieten, verließ Franz von Waldeck, der Geweihte, die heimischen Mauern, siedelte sich in der Umgebung an, um im Lande bei Fürsten, Herzögen und Prälaten für die gerechte Sache zu werben. Hie Bischof, hie Knipperdolling! Und neben diesem stand der Schwärmer und Prediger von Sankt Mauritz, stand Bernhard Rottmann mit den eisengrauen Augen, die wie Kardendisteln stachen und Strohmieten anzünden konnten. Der nun ließ einen Scheiter errichten, ihn mit kostbaren Schriften, geistlichen und weltlichen Inhalts, befrachten, mit Büchern, die von der Kunst eines Avicenna und Galen erzählten, mit den preziösen Bänden der Kirchenväter und den zierlichen Dingen der Singer und Sager, mit den Werken der Forscher und Denker ... beschwor Pech und Schwefel in Lohe und Flammen hinein, und seine Stimme rollte über den gerichteten Scheiter, über Majuskeln und Minuskeln mit der Stimme des Behemoths, der eben dem Wasser entstiegen: ›Sündenbabel, deine Werke werden hiermit gerichtet. Ins Feuer mit ihnen! Nur die Bibel allein verbleibe im Tempel, den wir als Tempel von Sion und den des Vaters erkennen. Verbrennt, ihr Ausgeburten der Hölle, ihr Aufpeitscher des Fleisches, ihr Träger falscher Lehren und Predigten, fahret ins Nichts und werdet zu Asche!‹ Und der Scheiter züngelte hoch, als züngelte die Wirbelglut von Sodom und Gomorrha über die Stadt hin. Das Volk jubelte auf: Männer und Weiber. Die Weiber aber tanzten einen Ringelreihenrosenkranz um die rote Fackel, daß ihnen die Röcke bis zu den prallen Schenkeln aufwirbelten, ihre Frauenreize sich überkugelten. Dazu sangen sie: ›Hosianna! und Ehre sei Gott in der Höhe!‹ Rottmann stierte lange ins Feuer. Aus ihm sollte ein neuer Phönix erstehen. Er konnte warten und wartete. Seine Seele blieb ruhig. – Und der dritte Engel posaunete. Er posaunte mit Sturm und Allgewalt. »Die große Stadt wird verworfen werden vor dem Antlitz des Herrn. Ihre Lautenisten und Sänger sollen verstummen, als wären ihnen die Zungen geschält aus dem Halse mit dem Messer des Nachrichters. Wehe, wehe!« So die Posaune. Und die Posaune verstummte. Der Chroniste von Sankt Lamberti aber erzählte: »So war das Jahr 1534 gekommen. Im Jänner fiel Schnee. Er spreitete eine silberige Decke über Sion, über das neue Gottesreich. Die münsterische Heide stand in Brillanten und sonstigen Edelsteinen, die Türme schlugen sich einen preziösen Hermelin um die Schultern, als wollten sie als wahrhaft königliche Türme den Burgfrieden innerhalb der Mauern für immer und ewiglich ansagen. Einer der stolzesten unter ihnen war der Turm im Kirchspiel über dem Wasser. Draußen schnürten sich die Füchse bis zu den Torburgen heran, gierig nach Abfällen und Fraß, denn es waren mittlerweile kalte und bittere Tage gekommen. Und siehe: abermals wechselten Scharen von Anabaptisten von auswärts nach Münster. Sie pilgerten von den Niederlanden herüber. Ein Auserwählter führte sie. Der saß auf einem milchweißen Pferd, ein Mann mit feuerfalbem und fließendem Bart, ein Mann in der Kraft seiner Jahre, unerschrockenen Geistes, dazu redegewaltiger als der unselige Thomas Münzer, schlagfertiger als der fanatische Nikolaus Storch, Tuchweber aus Zwickau. Des Augen lagen tief in den Höhlen wie die eines Propheten. Hinter ihm erhob sich sein Weib, hochgewachsen, strahlend in der weichen Fülle des Fleisches, eine Valandinne und einer Königin ähnlich. Neben ihnen ritt ein Jüngling, dem war gegeben, das Wort zu lehren, Gesichte zu haben und Krone und Zepter zu führen ... und war nur ein Schneider aus Leyden, der bisher Elle und Nadel regiert, dabei aber in Gottesgelahrtheit gemacht, die Schriften gelesen und sich als Histrione auf den Brettern der Tabernen und sonstiger Gastwirtschaften gezeigt hatte. Man konnte weit in den Grafschaften Umschau halten, um auf einen stolzeren und mannhafteren Zeitgenossen zu stoßen. Er beherrschte seinen mausfahlen Gaul gleich der Besten einer in der Gefolgschaft Franz von Waldecks, des Bischofs, die in blauem Eisen daherritten. Ja, er ähnelte Saul in der höchsten Blüte seines Herrschertums. – Die nun begnadeten Münster, und als sie einzogen, wandelte sich die Stadt in eine solche des Taumels, die sich mit Belladonna und dem Safte der Mohnköpfe berauscht hatte. Tücher wurden ihnen zu Füßen gespreitet, Teppiche und sonstiges Webwerk ihnen zu Ehren in Erkern und Fensternischen gezeigt, ihnen ein Festmahl gegeben, als hätte Carolus, seines namens der Fünfte, bei einem Reichstag in seiner guten Stadt Augsburg Tafel gehalten ... und waren in der Speisenfolge Pfauen darunter und fünfzehnpfündige Rheinsalme, die im edelsten Rüdesheimer Ausbruch fortgespült wurden. Rottmann empfing die Ankömmlinge mit offenen Armen. Knipperdolling raste in seiner Verzückung, hatte Schaum vor dem Munde und begrüßte sie als Träger des Lichtes, als Pfeiler des gekürten Reiches und ernannte Matthisson zum Hirten und Führer des gläubigen Volkes. Heil dir und Ehre sei Gott in der Höhe! Der Sturm brach los. Adel, Klerus und viele wohlhabende Bürger wanderten aus, denn auch sie hatten Gesichte und fühlten bereits ein scharfes Messerchen im Nacken, von dem sie nichts Gutes erhofften. Sie stießen zum Geläger des geistlichen Würdenträgers. Dessen Wort und Krummstab waren inzwischen nicht müßig gewesen. Mit schwerem Stückwerk, mit Roß und Mannen war er unter Beistand seiner Bundesgenossen in Stellung gegangen. Seine Fähnlein wehten im Wind und bedrohten die Stadt der Erkorenen. Die aber schanzten, befestigten Wälle und Außenwerke und boten ihm Widerpart mit allen streitbaren Anabaptisten. Knipperdolling führte die Truppen, schwor sie ein auf die Fahne des himmlischen Vaters. Und die erste Kartaune rumpelte aus dem gegnerischen Lager herüber. Da betrat Matthisson, der Zugereiste, der Prophet aus Harlem, mit seinen Getreuen die Schanze, die nach Telgte hinaussah und die ganze Gegend beherrschte. Sein feuerfalber Bart wehte im Wind. Den scheitelte er in zwei mächtige Teile und ließ den Bart wieder dahinfliegen. Hochaufgerichtet erhob er sich neben dem größten Wallbrummer, den sie ›Ungeschlacht‹ hießen ... und er streckte die Faust ... und seine Stimme rollte dahin wie die eines Stieres, der Witterung hatte: ›Durch mich spricht der himmlische Vater. Ihr da draußen, Ihr seid ein Unflat vor dem Herrn, ein Bauchfüller, ein Federspiel der gelüstigen Weibsbilder, dazu ein Widersacher des Königs der Könige. Nieder mit Euch und Euern Helfershelfern. Ihr alle lebet im Tempel der Unzucht, denn Papismus ist Babel, ist der Pfuhl aller Sünden und fleischlichen Laster. Nieder mit euch, nieder in den Sud und den Qualm der Hölle!‹ und er strählte aufs neue den feuerfalben Bart in zwei mächtige Teile. Dann gab er ein Zeichen. Da tat ›Ungeschlacht‹ das Maul auf und spie unter Brüllen und Flammen eine hundertpfündige Steinkugel. Die wußte ihr Ziel zu finden und streckte die feindlichen Glieder, als wäre das Tier aus der Offenbarung über sie gekommen mit seinem Rachen voller Drachenzähne. Auf der benachbarten Kreuzschanze machte ›Hans Pumpernickel‹ die gleiche Arbeit, krachte und mordete. ›Hosianna! und Ehre sei Gott in der Höhe!‹ ›Prophet‹, sagte Knipperdolling, ›du bist wahrhaftig erschienen, um ein Heiland für Sion zu werden. Dein Mund ist ein Donnerkeil gegen die Feinde.‹ Der Prophet sagte nichts. Er lächelte nur und übergab seinen feuerfalben Bart wieder dem Winde. Abseits stand einer. Des Gesicht war starr wie eine Totenmaske. Der sprach nicht, aber er dachte: ›Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzeln gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringet, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Aber einer wird kommen, der trägt die Wurfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen, den Weizen in seine Scheune sammeln, denn er ist stärker als alle und keiner ist würdig, ihm die Riemen an den Schuhen zu lösen.‹ Das ›Hosianna‹ ging weiter. Der aber so dachte, war Johann Bockelson, der Schneidergeselle und Histrione aus Leyden. Er war viel gewandert in aller Herren Länder und hatte die Schriften gelesen. Der nun kehrte der Schanze, dem Donnermaul des ›Ungeschlacht‹ den Rücken und ging allein und still seines Weges.« – Und der vierte Engel posaunete. Er posaunete, wie der Wallbrummer auf der Schanze gerufen, so, wie sieben Donner ihre Stimme reden. »Schlage an mit deiner Sichel. Die Zeit, einzuheimsen, ist gekommen, denn siehe: die Ernte ist dürre geworden. Wehe, wehe!« So die Posaune. Und die Posaune verstummte. Der Chroniste von Sankt Lamberti aber erzählte: »Münster starrte in Waffen. Selbst die Weiber legten Krebs und Stauchen an, der guten Stadt ihre Dienste zu leihen, waren dazu von dem heiligen Willen beseelt, dem römischen Antichristen mit Pech und Schwefel zu benedizieren – im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Aber der römische Antichrist gebot seinen Söldnern, gegen Wälle und Gräben Sturm zu laufen, die Blutfahne über die Felder zu tragen, die Mauer zu brechen. Als solches geschah, erstieg der Herr seinem Grabe, gluckerten die Wässerchen, blühten die Himmelschlüsselchen, waren die Wiesenränder blau von Veilchen geworden. Ostern, Ostern! und sollte doch kein Auferstehen werden, sondern ein Sterben auf Erden, denn die Bischöflichen marschierten und die Anabaptisten ließen Gatter und Brücken herunter, zogen den Ketzern entgegen, um ihnen eine blutige Wiedertäufermette zu lesen. Schon von ferne dröhnte das Sturmbardiet der infulierten Söldlinge über die Heide. Es war das Lied, das sie schon vor Pavia und in Friaul gesungen hatten: ›Wir zogen in das Feld, Wir zogen in das Feld, Da hatten wir weder Seckel noch Geld – Strampede mi A la mi presente al vostra signori.‹ ›Her, her!‹ hielten ihnen die Sioniten entgegen. ›An unseren Saubohnen sollt ihr ersticken, an unseren geräucherten Mettwürsten euch elendiglich verfressen. Her, her! wir sind die frommen Knechte des ewigen Vaters‹, und siehe: auf seinem milchweißen Pferd führte sie Matthisson, der Zugereiste, der Prophet von Harlem, weißgekleidet, einen Kranz um die Schläfen, und wähnte so, ohne Waffen und Wehren, den Gegner zu fällen. ›Her, her! ihr Wiedergetauften, ihr Auserwählten unter den Völkern, höret und wisset: Mit dem Hauch meines Mundes wird die Tenne gesäubert, wird die Spreu vom Weizen getrennt, werden die schwarzen Schafe von den weißen geschieden. Die räudigen aber – über den Pferch sollen sie springen, als wäre ein westfälischer Fuhrknecht mit seiner Geißel dahinter. Mir nach! Mir nach! denn mein ist die Kraft und die Macht und die Herrlichkeit ...‹ und das milchweiße Pferd sprengte an ... und der feuerfalbe Bart zwirnte sich über die Loddenheide, als spännen die Schicksalsfrauen blutrote Fäden, als zischelten von der Schmiedeesse Thubalkains glühende Eisensträhnen. ›Mir nach! Mir nach!‹ – aber ein gegnerischer Söldner dachte anders darüber. Dessen Schwert maß drei Ellen. Das stand jählings über dem Haupt des Propheten ... und knisterte nieder ... und spaltete es mit der Schärfe der Schneide. Da fuhr Schrecken in die Reihen der Wiedergetauften ... und wäre nicht ein Großer erschienen ... Der ritt ein mausfahles Tier und war gerüstet wie Sankt Michael, der zur rechten Hand Gottes die Tag- und Nachtwache hält, sammelte die verlähmten Völker und trieb einen Keil in die Mannen des Bischofs. Noch einmal ließen diese ihr Sturmbardiet hören: ›Wir kamen vor Sibentod, Wir kamen vor Sibentod, Da hatten wir weder Fleisch noch Brot – Stampede mi A la mi presente al vostra signori ...‹ Dann aber, vor der Allgewalt dieses Gesandten, begann ein Flüchten unter den Trabanten und Landsknechten, wie seit Josuas Zeiten nicht mehr gesehen – weit über das Blachfeld, über Telgte hinaus und bis nach Warendorf zu ... und die Heide zeigte blutige Tümpel, ihre Blumen röteten sich, die Lerchen trugen Blut in den Schwingen, als sie gen Himmel stiegen und den Sieg der Anabaptisten verkündeten. Als solches geschah, erhob sich eine breite Gestalt am Tor des Stadthauses, focht mit Armen und Beinen und stierte gen Himmel, als müßten von dort die Cherubim und Seraphim des Paradieses herniedersteigen ... und trug einen wirren Bart und wirres Haar und einen Kopf auf den Schultern, der an den Buonarottis erinnerte: tiefliegende Augen, Stirn und Schläfen aus einem Eichenstumpen gehauen, die Nase mit eingefallenem First, aber dennoch nicht mißgestaltig. Der Mann war gleichsam aus den Wolken gefallen, direkt auf den Markt mit den Laubengängen, woselbst die erregte Menge auf und nieder flutete und das Ende des Kampfes erwartete. ›Herr, sei mit uns in der Stunde des Todes! Herr, erbarme dich unser, auf daß wir bestehen mögen vor deinem Angesicht!‹ Die Menschen rasten, lachten und weinten. Als sie des Sonderlings ansichtig wurden, erstarrten sie, denn sie erkannten ihn alle. Dann ein einziger Aufschrei: ›Dusentschuer! Das ist Dusentschuer aus dem Krummen Timpen! Auch ein Prophet und Gesalbter des Herrn!‹ ›Bin ich!‹ schrie dieser und wurde zur Salzsäule. Seines Zeichens Goldschmied, konnte er es getrost mit den Besten seiner Zeit aufnehmen, mit Jamnitzer und Benvenuto Cellini. Kirchen und Tempel, gefürstete Grafen und Prälaten bedienten sich seiner hohen Kunst. Edelfrauen kamen daher und scheuten sich nicht, sich von ihm betasten zu lassen, denn er nahm sich Muße und Zeit, Hals- und Brustgeschmeide ihnen anzupassen, mit breiter und behaarter Hand Schaken und güldene Kettlein kunstvoll zu nesteln und sich dabei des blühenden Fleisches zu erfreuen. Sie nahmen dabei die heimliche Gier, das faunische Gelüste in Kauf, denn nur ein Dusentschuer war wert und würdig, ihren Brüsten und Schultern den ihnen zustehenden Schmelz zu verleihen, sie lieblich und reich zu gestalten ... und während er bastelte, sprach er zwischen den schadhaften Zähnen: ›Wie schön ist dein Gang in den Schuhen. Deine Zierden stehen gleich aneinander wie Rehzwillinge am Quell. Sie sind mit Rosenknospen besteckt, und der Ruch ihrer Salben übertrifft alle Würzen. Du bist schön, meine Freundin, wie Thirza, herrlich wie Jerusalem, schrecklich wie Lanzenspitzen ...‹ um bald darauf wieder in seiner rußigen Werkstatt zu sitzen, das Vaterunser zu sprechen und irgendeine Monstranz oder ein sonstiges Kirchengerät mit preziösen Kleinodien zu umkrusten. Das war Dusentschuer, der Goldschmied aus dem Krummen Timpen zu Münster, mit Rottmann und Knipperdolling befreundet, ein Kenner und Ausleger des Alten Testamentes, als hätte er mit dem Schriftgelehrten Esra und der großen Synagoge auf du und du gestanden und die Schafe gehütet ... und stand auf dem Marktplatz und harrte der kommenden Dinge, bis sich jählings vom Kirchspiel des heiligen Ludgerus her ein lautes Pauken und Trompeten erhob und Johannes Leydanus, der Histrione und Prophet, in die Stadt eintriumphierte, auf mausfahlem Tier, in blauem Eisen und mit siegreichen Fahnen. Da ging ein Brausen und Schüttern durch Sion. Alles drang vor, umringte ihn und hob ihn vom Pferde mit der Glorie des Jubels, der an Wahnsinn grenzte. Neben ihm erhoben sich die Großen des Reiches, so Rottmann, Knipperdolling, Krechting, Dusentschuer und andere mehr, und war keiner unter ihnen, der ihm nicht mit leuchtenden Augen begegnete. Schon wollte Dusentschuer sprechen ... Da aber trat ein Weib vor, strahlend in der Schönheit der Jugend, eine Valandinne und einer Königin ähnlich. Die packte die Rechte des Siegers. ›Worauf wartet Ihr noch?‹ rief sie mit glutenden Augen. ›Mein Mann, der Große von Harlem, starb den Heldentod, sitzt nun zur Rechten des ewigen Vaters, umgeben von Aposteln und Blutzeugen, von Erzengeln und Engeln – und hier‹ – und ihre Blicke umgriffen den Jüngling von Leyden – ›steht sein Folger im Amte, denn er ist stärker denn alle, stärker als David, der Goliath, den Unbeschnittenen, niederwarf mit Schleuder und Bachkiesel. Ihm sei die Ehre!‹ Das schlug ein wie der Ruf einer Lärmkartaune vom hohen Wall herunter. ›Heil dem neuen Propheten! Heil dem Propheten und Führer!‹ Da aber Dusentschuer ... Der Mann war nicht wiederzukennen. Seine Blicke verkehrten sich gleich denen eines Fallsüchtigen. Der gigantische Leib geriet in ein Zucken und Aufbegehren. Er hatte Sonnen vor Augen, irre Sterne und Feuerfliegen, als hätte sie der Höllenbreughel in seinen krausen Sinnen erfunden. Dann straffte er sich. Die Starre ließ nach, und über Dusentschuer kam das Licht des himmlischen Vaters. ›Weib‹, hub er an, ›dein Wort ist ein reines Wort und ein lauteres Wort. Aber es scheint mir nicht rein genug, nicht lauter genug, nicht heilig genug. Ihm ward nicht gegeben, den wahren Grund der Dinge einem köstlichen Geschmeide einzuverleiben. Weib, dein Wort ist stark genug, der Menschen Herzen zu erschüttern, aber nicht stark genug, eine Welt zu entangeln und dafür eine neue in die alte zu legen. Meins aber tut es. Es ist stark wie der Tod und gleich einem Siegel der Dreifaltigkeit.‹ Die muskulösen Hände mit den haarigen Fingern schraubten nach oben, blieben dort haften, spreizten sich, als sollten sie zu Fittichen werden. ›Meins aber tut es ...‹ und seine Stimme schwoll an: ›Was wollt ihr! Der Prophet ging dahin, und sein hinterlassenes Weib schreit nach einem Folger im Amte. Nur einer ist würdig, in seine Stapfen zu treten. Aber das tut es allein nicht. Mit der Folge im Amte hat auch die Würde zu wachsen. So will es der Herr, der da spricht durch die Wolken, der da kommt im feurigen Wagen daher und in der Kraft seiner Fülle.‹ Und er riß sich empor. ›Nein, wir wollen nicht nur einen neuen Propheten in Sion, wir wollen einen König in Sion, einen Stellvertreter Gottes auf Erden ... und Johannes Leydanus sei König ...!‹ ›Sei König! Sei König ...!‹ Über Sion fiel ein Meer des Lichtes, ein Taumel der Verzückung, des Wahnsinns, der Raserei. Ein Freudengeheul machte die Häuserzeilen erschüttern. Trommeln rasselten. Immer mehr Volk strömte zu. Babel und Bibel, Himmel und Seligkeit, Verwesung und ewiges Leben – alles wirrte durcheinander wie am Tag des Gerichtes. Weiber entblößten sich, trugen ihre Nacktheit zur Schau, begannen zu tanzen, zu lachen, zu weinen, in schmerzlichen Litaneien ihre zermarterten Seelen zu läutern, während die Großen den Auserwählten umgaben, die Knie beugten, mit ihren Stirnen das Pflaster berührten. ›Johannes Leydanus sei König!‹ Der stand ehern, ohne mit einer Wimper zu zucken. Um sein Haupt büschelte eine Garbe, die früher keiner gesehen. Da ergriff Staunen das Volk. Es verstummte, wie die Menge auf Golgatha verstummte, als der Berg des Ärgernisses sich mit Schatten bedeckte und der Herr sich anschickte, seine Mission zu erfüllen. Dann brüllte es los: ›Sei König, sei König!‹ Knipperdolling bestätigte es, und Rottmann trat vor, brachte aus seinem Priestergewand eine silberne Kapsel, entnahm ihr mit spitzen Fingern die Salbe des ewigen Heiles. Feurigen Auges gebot er: ›Auserwählter, knie nieder‹, und der Prophet kniete zu Boden und wurde begnadet mit dem Öl des Herrschertums und dem Chrysam der Würde ... und als solches geschehen, lag das Volk auf der Erde, streckten sich die Menschen wie die Halme des Feldes, als wäre eine unermeßliche Polensense über ihre Köpfe geschliffen. Dusentschuer aber hielt das Schwert hin, und ein Schrei brach aus seinem Mund, der Schrei eines Kronenvergebers, ein Schrei, der ihn fast selber erschreckte und dennoch jubilieren ließ mit Zinken und Pauken, mit Harfen und Flöten, und die ganze Stadt des heiligen Tempels erfüllte: ›Heil König von Sion! Das Lamm Gottes steigt nieder, um dir die Krone zu geben, das Lamm Gottes spreitet dir den Purpurteppich zu Füßen, das Lamm Gottes ist bei dir bis zur Zeit der Erfüllung, wo du gen Himmel fahren wirst, um an der Seite des Lieblingsjüngers die Mahlzeiten einzunehmen ...‹ und er warf sich nieder und küßte die Erde ... und Münster schütterte unter der Gewalt dieser Worte. Johann von Leyden aber war in dieser Stunde Herr des Tempels geworden; er streckte sein Schwert und sagte: ›Rottmann, mein Bruder, in Kraft des mir gewordenen Amtes ernenne ich dich zum Sprecher und Beichtiger meiner selbst, auf daß du stehest, wie Fürsten zu lohnen wissen.‹ Und eine Trompete ertönte ... und abermals klang es von bleichen Lippen: ›Knipperdolling, du Starker und Werktätiger, sei Träger des Schwertes und der Gerechtigkeit und führe im Rate der Zwölfe den Vorsitz.‹ Und die Trompete lärmte zum andern. ›Krechting, sei Kanzler!‹ und siehe: ein kleiner, brandroter Mann mit listigen Äugelchen beugte sich bei seiner Ernennung, als neige er sein Haupt vor dem Tabernakel in Sankt Lamberti. Und zum dritten Male ließ die Trompete ihre Stimme vernehmen. ›Und Dusentschuer – Ihr ...‹ Der aber winkte ab: »Nicht so, o mein Herr! Wollet mir keine Gnaden erweisen. Sie stehen mir nicht an, denn ich hab' der Gnaden in Hülle und Fülle, habe mein Goldschmiedegewerk, und wird's mir in der Stube zu eng, leg' ich schmucken Weibsbildern lauteren Schmelz um das blonde Fleisch, und solches ist besser denn Kanzler zu spielen oder die Befugnis zu haben, 'nem Malefizgesellen den Kopf auf den Rasen zu legen ... aber insonsten: laßt mir meine Kunst und mein Aposteltum, um Euch zu lieben, o König, Euch zu dienen, o Herr, und durch Euch in den Himmel zu kommen, Amen.‹ So Dusentschuer, und er stimmte das Lied an: ›Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke ...‹ und trotz seiner Bescheidenheit – er wurde dennoch erhöht und erhoben und gesetzt über alles, was Sion besaß an Schätzen und Kleinodien, als da waren: Reliquiarien und Perlenschreine, Rauchgefäße, Patenen, Monstranzen, Ketten und Kettlein, Hafteln und Fibeln, Gold- und Silberspangen, mit Glasfluß versehen und mit köstlichen Steinen umkrustet an Werten so reich wie die besten Edelsitze im Münsterischen, über alles und jedes, gleichviel, ob es noch in Truhen oder Stollenschränken rastete, der Öffentlichkeit diente oder am zarten Fleisch der Patrizier- und Bürgerfrauen blühte wie die Wunder aus den Erzählungen der tausend Nächte und der einen Nacht ... und während noch das gewaltige Lied über den Markt und die benachbarten Straßen dahindröhnte, der König, von tausend und abertausend begleitet, das Haus Melchiors von Buren aufsuchte, die stattliche Pfalz, so auf dem Domplatz gelegen und ihm von Knipperdolling und anderen Großen in selbiger Stunde zugedacht wurde, schnürte sich Dusentschuer an den Rathauskeller heran, tauchte dort unter, um sich bei einem Becher roten Burgunders seiner hohen Kunst und seines Aposteltums zu erfreuen. Nach wenigen Stunden zogen die Sterne herauf. Münster träumte unter einem violblauen Mantel, bestickt mit goldenen Hornissen, kreisenden Bildern und lichten Perlenschnuren, als läge ein ewiger Frieden auf Erden, als hätte nicht während der lieben Mittagssonne ›Hans Pumpernickel‹ sein Bestes getan und ›Ungeschlacht‹ von den Wällen gebummert: ›Manne Ungeschlacht, so heiß ich, Stein- und Eisenkugeln schmeiß ich, Auf die Insul, hei! da scheiß ich – Ehre sei Gott in der Höhe!‹ und lächelten die Flinzelsternchen gleich Liebeseelchen aus unendlichen Fernen herüber. Gleichzeitig stand eine hohe Frau mit kupferfarbigem Haar in einer Fensternische, die auf dem Domplatz hinausführte. Von hier aus sah sie auf die Pfalz des Königs, woselbst noch einzelne Lichter aufgeisterten. Eines davon überstrahlte die anderen an Helle. Die hohe Frau rückte und regte sich nicht. So hatte sie schon lange gestanden, in einem Gewand von dünnem Gespinst, durch das sich die Einzelheiten ihres Körpers in bläulichen Schattenrissen hindurchzeichneten, berufen, die Sinne eines Mannes zu betören und trunken zu machen. Die nun ließ die gegenüberstehende Helle nicht aus den Augen. Ein prickelnder Schauer lief über sie hin. Die Kerzen, die in der Tiefe des verschwiegenen Gemaches flämmerten, begannen heller zu brennen. Die Nacht tat einen schwülen Atemzug. Divara aber sagte, indem sie ihre schmalen Hände in- einandernestelte: ›Johannes Leydanus, du kannst einen um die letzte Reu betrügen. Meine Sinne begehren. Sie lassen nicht ab, dich bei Tages- und Nachtzeit zu suchen, sich in deine Nähe zu träumen. Weise sie nicht ab, es könnte dir Schaden bringen. Mein Blut ist heiß nach dir. Noch kann ich es halten, aber wie lange noch? denn ich trage einen siedenden Durst im Heiligtum des Weibes. Denke an mich. Ich will Königin werden, gleichwertig dir, deine Gefährtin, deine Betreuerin, deine Helferin, sonst ist deine Krone nicht sicher auf Erden ...‹ und sie wandte sich den Kissen zu, woselbst sie noch in der verflossenen Nacht Seite an Seite mit dem gefallenen Propheten aus Harlem geruht hatte, und sie legte sich nieder, und ihre Seele wurde still und geruhsam wie die eines schlafenden Kindes. – Nur wenige Tage später streckte sie sich bereits in köstlichen Gewändern, ließ sich von Dusentschuer die marmelweiße Brust vergolden und seltene Steine durchs Haar flechten, denn sie saß hoch und hehr zur Rechten des Trägers der Macht und des Hohenpriesters im Tempel der Thronen und Herrschaften. Von allen Türmen der Stadt aber wehten übermütig die Banner und Feldzeichen der Wiedertäufer und höhnten den Bischof.« Und der vierte Engel posaunete. Aber es war kein lautes Posaunen, sondern nur ein Suchen und Tasten in einem diesigen Nebel. Auch der Chroniste von Sankt Lamberti ließ die Feder rasten. Er harrte der weiteren Dinge. Er brauchte nicht lange zu warten. Die Posaune des vierten Engels drang wieder lichter und klarer aus der Ferne herüber, und siehe: die Geschehnisse reihten sich aufs neue folgerichtig zusammen, wie die Muscheln am Meeresgestade, das Rieseln der Körner in einer Sanduhr, die Dinge im Weltenraum, die wir nicht zu enträtseln vermögen.   Viertes Kapitel »Wo bin ich?« »Wo du warst«, sagte der Mönch, und der Hauch seines Mundes war bei mir. »An der nämlichen Stätte, wo die drei Wiedertäufer saßen, um für des Reiches Wohl und Wehe Beratung zu pflegen. Aber unseres Bleibens ist nicht lange mehr. Wir müssen bald weiter.« Jetzt sah ich wieder. Noch immer stand die langgestreckte Tafel in meinem Bereich. Noch immer bemerkte ich die Schreibgeräte, dickleibige Aktenbündel, Babel und Bibel. Sie lagen unberührt an der nämlichen Stelle. Nicht um Haaresbreite hatte eine unbefugte Hand sie verschoben. Stille umlagerte mich. Nur draußen ging gedämpft die Trommel der Scharwache. Ich hörte ganz deutlich: »Halliro! dum dirre, dum deine, Halliro! dum dirre, dum dum ...« und in dieses monotone Trommeln hinein die wehe Stimme Knipperdollings: »Wandscherer, möge der Herr es anders fügen, aber ich fürchte, du trägst bereits das Totenhemd unter der Ratsherrenschaube. Dir ist kaum noch zu helfen. Lasset uns beten ...« »Ja, lasset uns beten.« Der Mönch sprach den schmerzenreichen Rosenkranz mit der Andacht eines Kindes, mit herzzerreißender Inbrunst, und während er die einzelnen Teile zerlegte, die mageren Pockholzkügelchen gegeneinander klingen ließ, schritten wir weiter, die Flure entlang, durch Stiegen und Türen, bis wir uns draußen befanden und schließlich das Kirchspiel über dem Wasser erreichten. Es war mittlerweile dunkel geworden, aber immerhin so viel an Helligkeit übriggeblieben, jedes Gegenständliche mehr oder weniger deutlich erkennen zu lassen. Wohin wir gingen, wußte ich nicht. Nur hatte ich das unabweisbare Gefühl des sicheren Geführtwerdens und daß mich der Mönch wie mein eigener Schatten begleitete. Unauffällig und ungesehen durchmaßen wir die schmalen Gassen und Gäßchen der abgelegenen Leischaft, bis wir schließlich vor einem breitauslagernden Giebel haltmachten. Der Mönch berührte den Klopfer, ließ ihn dreimal hintereinander fallen, ohne daß sich irgendwelches Geräusch erhob oder sich irgendwelche Schritte im Hause verlautbar machten. Dennoch öffnete sich die Pforte wie auf ein stummes Geheiß. Auf weichen Schuhen traten wir ein. Dann eine Türe ... Die Abendhelle geisterte plötzlich durch ein getäfeltes Zimmer, das die Fülle des bürgerlichen Wohlstandes aufwies: Truhen und Schränke, flandrische Teppiche, die den Schritt abdämpften, und Schildereien an den dunkel gehaltenen Wänden, von denen es hieß: Ludger tom Ringh habe sie in seinen besten Stunden geschaffen. Vom Flur her drang das gleichmäßige Pochen einer Standuhr herüber. Die Abendhelle zersträhnte allmählich. Schatten liefen über die Szene. In einer verlorenen Nische wurden Stimmen vernehmbar. Zwei Menschengeschöpfe, ganz von grauen Fäden umsponnen, drängten sich eng gegeneinander, herzensinnig und herzenseinig, mit heißen Lippen verbunden, die sich nicht mehr loslassen wollten. »Ich bete die Stunden an, die wenigen Tage, während wir zusammen sein dürfen.« »Ach – du!« kam es mit scheuen Lauten zurück. »Wie lange noch, und unsere Wünsche erfüllen sich, bis wir sagen mögen: wir haben nichts mehr zu wünschen.« »Möge der Himmel es geben.« »Er wird es.« »Raban, es wird immer trostloser hier, immer schlimmer in Münster, denn König und Bischof stehen hart gegeneinander.« »Das weiß ich, und ich dachte mir schon: warum gehen wir nicht? Hier ist kein Heil zu erwarten. Die Wirren und Glaubensspaltungen bedrängen uns täglich. Folge mir. Es haust sich besser auf Getter. In seinem Bering finden wir Ruhe. Auch auf der Getter lassen die Ringe sich wechseln.« Sie schauerte in seinen Armen zusammen. Sie fragte unter stillen Tränen: »Auch durch einen anabaptistischen Prediger?« »Das kaum«, versetzte er schmerzlich. »Wie kommst du darauf? Dort wird keiner sich finden.« »Raban, ich bin Anabaptistin, und wisse ...« Sie verschluckte die letzten Worte und warf sich in seine Arme, wie durch einen Sturmwind geschleudert. »Raban, so müssen wir warten.« »Das Warten hat Leid im Gefolge«, sagte er ruhig. »Die Dinge spitzen sich zu. Seltsame Gerüchte gehen um. Der Kalender sieht ernste Tage vor. Ob wir ihrer Herr werden, weiß ich nicht. Es heißt wohl: Fromme Kamele klingeln durch die Wüste und tun ihre Pflicht. Tu auch deine Pflicht. Sei ein Kamel und klingele weiter, trage die Last, die dir auferlegt wurde, ohne gegen die Satzung und sonstige Geschehnisse zu murren, so wirst du letzten Endes gesegnet vom Herrn und dein Ziel erreichen. Ich sperre mich dagegen. Ich gehe nicht mit. Duldsamkeit und Opferfreudigkeit sind verschiedene Dinge. Letztere schreitet immer in blankem Eisen einher, erstere nie. Ich weiß, was uns droht. Wir, die Bischopink, sind nicht gut angeschrieben bei Rottmann und Knipperdolling, und wenn ich auch selber die neue Lehre nicht abweise – die Edelsitze und ihre Geschlechter halten zum Bischof und seinen Fahnen, stehen den neuen Propheten und Gewalthabern in Abwehrstellung gegenüber. Elisabeth«, und seine Stimme wurde weich wider Willen, »ich trage Sorge um vieles. Es ist schon ein schweres, über Vater und Mutter hinwegzugehen, der Familiensatzung mehr oder weniger aufzusagen, um dem geliebten Weibe zu folgen, ihm die Pfade eines gesegneten Lebens zu ebnen.« Ihre Blicke weiteten sich. »Also Vater und Mutter und Sippe und Satzung...?!« Die Worte fielen ihr hart von den Lippen. »Nicht so, Elisabeth! Warum so bitter? wo dich Vater und Mutter, Sippe und Satzung auf Händen tragen?! Sie wünschen nur: komme zur Getter, bevor es zu spät ist.« »Zu spät?« fragte sie tonlos. »Wer weiß, was die nächsten Tage uns bringen. Im Widerstreit des Lebens und der Zufälle kann es immer geschehen, daß wir uns sagen müssen: Das Licht will erlöschen.« Da war es ihr, als hätte sie Blut auf der Zunge. Sie ließ von ihm ab. Ihre Blicke gingen ins Leere. »Soll also heißen«, sagte sie nach einiger Weile, »du gibst den Kampf auf. Deine Liebe ist nicht stark wie der Tod, vielmehr heimlich gesonnen, unser Gelöbnis absterben zu lassen.« Er fuhr auf, wie von einer Kugel getroffen. Er starrte sie an. »Auch das noch...?!« Mit verzehrender Wut hatte er sie an sich gerissen. Ein Schrei sprang von seinen zuckenden Lippen. »Ich liebe dich, und meine Liebe ist heiß wie das ewige Leben. Was willst du? Wie kannst du über mein Heiligstes hinschreiten wie über eine nichtige Sache, wo mein Herz sich nach dir und deiner Liebe verblutet?! Um deinetwillen beugte ich mich mehr oder weniger der neuen Lehre, kam ich in Widerpart mit meinem Gewissen, halte ich dir selbst in der Stunde des Todes den Mund hin, auf daß du mir die letzte Wegzehrung gibst – und nun soll ich kommen, um mein Gelöbnis dem Nichts preiszugeben?! Ich bin ein Bischopink, und ihr Wort gilt ebensoviel wie die Worte, die die Wundmale des Herrn predigen.« »Raban, das weiß ich!« »Dann mußt du auch wissen: rollt selbst der Kopf eines Erbmannes in den Sand – er hält noch die Treue zwischen den Zähnen.« »Ach Raban ...!« »Ja du – so ist das. Ich will nur: um deinetwillen – wir müssen zur Getter.« »Um Sion aufzugeben?« Ihr Haupt stand bleich zwischen Dielen und Decke. »Nein – du, aber um dein Leben zu retten.« »Warum das?« »Weil du schön bist, und Schönheit erregt die Gier derer, die die Macht haben, sie zu betasten, sie ihrem Gelüst willfährig zu machen. Auf Getter ist gute Hut.« Sie schüttelte unmerklich ihr Haupt mit dem Medaillengesicht: »Ich sagte dir schon: ich bin Anabaptistin.« »Willst also dartun: ich bleibe?« »Ja, Raban, ich bleibe.« »Mein Gott und mein Heiland!« Er warf sich zurück. Seine Arme schnürten fester und fester. Ihm war so, als würde eine ferne Totenglocke geläutet. »Gut denn, so bleibe auch ich. Dein Leben ist mein Leben, dein Sterben das meine. Ich wüßte nicht, was ich sonst anfangen sollte.« Er wollte noch mehr sagen. Aber seine Worte erstarben. Sie erstarben wie die letzte Helle in einem Fensterrahmen zerfasert, geruhsam, mit dem langsamen Hinwegnehmen durch Gespensterhände. In diesem Ersterben, in diesem Zerfallen stand ihr weißes Gesicht wie eine preziöse Erscheinung. Sie schwiegen, zwei Schatten zu einem einzigen Schatten vereinigt. »Raban«, fragte sie endlich, »hast du mir nichts mehr zu sagen?« »Nein, ich habe dir nichts mehr zu sagen.« Er machte eine hoffnungslose Gebärde. »Und wenn ich es täte, es würde nicht fruchten.« Sie drängte sich an ihn, weinte still an seiner Schulter und strahlte eine so warme Herzensminne aus, daß, wenn sie Rosenknospen berührt hätte, solche eher in Duft und Blüte stehen würden denn andere, die nicht die Gnade empfingen, von dieser warmen Herzensminne berührt zu werden. »Es ist ein banges Leben auf Erden«, sagte sie endlich. So standen sie lange. Dann vernahmen sie Schritte. In der Tiefe des Raumes begann es zu flämmern. Sie sahen: im Nebengemach stellte die Schaffnerin des Hauses einen vierarmigen Leuchter auf die freistehende Tafel, bestellte sie mit einer Kanne Burgunder und einigen Spitzgläsern, um dann so geräuschlos, wie sie gekommen, wieder den Flur zu gewinnen. Eine wohltuende Helle winkte herüber. »Gehen wir«, sagte Elisabeth. »Josepha weiß, was sie tut. Wir erwarten den Vater.« Sie traten aus ihrer Unruhe heraus und begaben sich in das matte Scheinen und Leuchten. Hand in Hand standen sie vor dem gespreiteten Tuch. Jetzt sah er: ihre Schönheit war reifer und strahlender geworden, ein Weib wie aus den Chören der Thronen genommen, in die blühende westfälische Heide gestellt, mit schwerer Flechtenkrone, von der Farbe des reifen Weizenkornes, mit Augen wie die der Blassen im Lande, wenn sie am Hellweg stehen, Gesichte haben und die kommenden Tage und ihre dunklen Geschehnisse absuchen, um wissend zu werden. Das stille Licht der weißen Kerzen hüllte sie ein, umkleidete jede Einzelheit ihres Leibes mit einem goldigen Flaum, mit dem Geflimmer von Myriaden winziger Sternchen, und als Rottmann ihr eines Tages im Hause des Vaters in ihrer ruhigen Schönheit begegnete, da brach der finstere Prediger in die Worte aus: »Komm, meine Freundin, laß uns auf das Feld hinausgehen und auf den Dörfern bleiben, auf daß wir sehen, ob die Granatäpfel ausgeschlagen sind und der Weinstock blühet, denn du verdienst es, reichlich Trauben zu lesen und Granatäpfel einzuheimsen, wenn sie in die Reife getreten. Gesegnet bist du unter den Anabaptistinnen und gebenedeit unter den Jungfrauen, denn du bist eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal, o Fürstentochter, und das Ebenmaß deiner jungen Glieder vermeldet die Kunst des Meisters, der sie bildete.« So der ernste Wiedertäufer, und auf seinem düsteren Gesicht spiegelte sich das Leuchten eines sacht dahingehenden Sommerabends. Seit dieser Stunde war sie Rottmann und seiner neuen Lehre verfallen. »Ja, du bist schön unter den Töchtern des Landes«, sagte auch Raban, »denn du bist eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal, o Fürstentochter«, und er fügte hinzu: »Deine Wangen stehen lieblich in den Kettlein und dein Hals in den Schnüren. Die Turteltauben auf Haus Getter würden aufs neue ihr Turteln aufnehmen, wenn sie dich sähen, wie ich dich in dieser Stunde sehe«, und seine Falkenlichter umgriffen die Fülle ihrer Jugend, die Reinheit ihrer ausgeglichenen Seele, und er hätte sie im Sturme des Herzens wild an seine Brust gerissen, um mit heißen Lippen und vollen Zügen ihre stolze Anmut zu trinken, hätte sich nicht draußen ein leichtes Hüsteln erhoben. Gleich darauf ging die Tür in den Angeln, und siehe: so wie er das Gemach Knipperdollings verlassen, erhobenen Hauptes, wenn auch mit blutleeren Lippen, trat Hermann Wandscherer über seine eigene Schwelle. Sein zerquältes Antlitz heiterte auf. »Raban und Elisabeth«, sagte er mit erzwungenem Lächeln, »so friedlich beisammen? Ein Vorrecht der Jugend. Kommt, setzt euch«, und er warf sich schwer in den Sessel, fast mit der Unrast eines kranken und alternden Mannes. Trotz des laulichen Abends begann er zu frösteln. »Vater, was habt Ihr?« »Eigentlich nichts von Bedeutung, mein Kind.« Er winkte ab. »Lassen wir das. Vieles muß man hinnehmen, ohne dabei die nötige Freude aufzubringen. Das Herz muß sich geben, sich den Geschehnissen anpassen, sonst bleibt es verwaist und ein Gefäß sonder Inhalt und Erquickung. Es gibt schlimmere Dinge. Nur nicht gleich mit dem Kopf ins Karnickelloch. Im Zwölfer-Ausschuß machen zuweilen die Ratten Spektakel.« Er ekelte sich. Seine Worte zerstückelten: »Zumal Ratten und Schermäuse zu den widerlichsten Geschöpfen rechnen. Pfui über diese Biester! Man sollte das Gezücht in die Dawert verweisen. Also fort damit ...« und seine Hand legte sich schwer auf den Tisch. »Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu tun, und wenn der Herr mit Blitzen und Wetterleuchten durch die Wolken redet, meint Pfaffheit und Antichrist, es ihm beim Kegelschieben gleichzutun, und bleibt doch nur ein Stammeln zwischen den Brettern der Rollerbahn.« Er stieß einen abgerissenen Schrei aus. »Jehova und Menschheit ...?! Zum Lachen! Es ist ja, um sich auf dem Blutanger mit dem krummbeinigen Pharisäer Schickme begraben zu lassen. Aber nur Ruhe, mein Kind. Es geht schon vorüber. Manchmal müssen die Säue getrieben werden, sonst ersticken sie an der Eichelmast, und das wäre doch ein leibhaftiger Jammer, auf die delikaten westfälischen Schinken und Mettwürste verzichten zu müssen. Carne vale « und er zog das › Carne vale ‹ langsam und mit einer gewissen Bitternis durch die Zähne. Dann lachte er still vor sich hin, aber dieses Lachen war ein häßliches Lachen. Er streckte die Hand und sagte: »Elisabeth, gib mir zu trinken. Mich dürstet. Die bei Knipperdolling und Rottmann verlebten Stunden machten Gaumen und Kehle trocken. Es waren Stunden des Leides und der Gegensätze. Sie gefielen mir nicht. Man hatte manches hinter Schaube und Wams zu schlucken, das einem den Atem versetzte. Aber wie schon gesagt: Lassen wir das. Es gibt schlimmere Dinge. Ihr Lieben, tut mir Bescheid. Das Morgen hat vielfach ein anderes Gesicht wie das Heute. Man soll das Kind nicht mit dem Bade verschütten, nicht gleich Feuer und Mordio rufen, wenn sich unter dem Buchenscheit irgendein mißliebiges Fünkchen erhebet. Die Himmelslichter sind noch nicht aus ihren Bahnen gerückt, und über Sion leuchtet noch die Sonne des Ewigen.« Er schwieg und spielte mit dem Fuß seines Kelchglases. Sie verstanden ihn nicht, Elisabeth nicht und Raban nicht; vielmehr war ihnen so, als hätte sich mit dem sonst so ruhigen und besonnenen Mann etwas Unheimliches in die Stube geschlichen. Um das Herz der Tochter legte es sich mit eisernen Ringen. So hatte sie ihren Vater noch niemals gesehen. Sie suchte in seinen Augen zu lesen, fand aber nicht, was sie suchte. Dann sagte sie leise: »Ich weiß es nicht, aber es ist alles so seltsam um dich und uns. Sonst waren unsere Zusammenkünfte Feste, voll des Genießens und der Heiterkeit. Natürlich nicht immer. Aber sie waren doch voll des Friedens und der Zuversicht.« Er hörte über sie fort und wollte nicht hören. Dafür ergriff er den Becher und meinte: »Tut mir Bescheid. Ich trinke auf das Glück meiner Kinder.« Die Spitzgläser klinkten sacht gegeneinander. Aber trotz des harmonischen Klingens, das ersehnte Behagen wollte nicht aufkommen. Der Tucher und Beisitzer des Zwölfer-Ausschusses wandte sich jählings. »Raban«, sagte er heiser, »gut, daß Ihr hier seid; denn wäret Ihr nicht gekommen, ich hätte noch heute zur Getter geschickt, um Euch holen zu lassen.« Über das scharfgeschnittene Bronzegesicht des jungen Edelmannes lief es wie Wetterleuchten. Er kannte das, wenn der stolze Tucher so redete. »Ist Gefahr im Verzuge?« fragte er hastig. In seinen Augen zuckte ein fernes Licht auf, das immer näher rückte. »Ja und nein«, gab der Alte zurück. »Glaubt Ihr, der politische Staat sei bedroht, der Bischof sei in seiner Heeresmacht stärker als wir, seine Stellung sei gefesteter als die Wälle und Schanzen des neuen Jerusalems, dem Könige gebräche es an Mut und Zuversicht – dann ist keine Gefahr im Verzuge, denn jegliches ist aus starrem Granit gebaut. Aber sie ist es, fährt der Satan in das reine Herz des Propheten, um giftig Gekräut auf den fruchtbaren Acker der reinen und unverfälschten Lehre zu streuen, sie ist es, wenn die Sehenden blind werden und die Hörenden in Israel das Hören vergessen. Ich bange um die Sehenden und Hörenden in Israel, denn die Schwalbe, die den alten Tobias heimsuchte, bedroht auch sie, und ich weiß nicht, ob ein Engel erscheint, ihnen die angehende Blindheit aus den Lichtern zu nehmen.« Er schwieg, um dann langsam zwischen den Zähnen zu mahlen: »Es wird dunkel in Sion und auf Moria. Ihr Antlitz verhüllt sich, denn das Herz der großen Seher hat sich verkehret und ihre Zunge spricht durch die Zunge der Unlauterkeit.« »Vater, Ihr irrt Euch!« Elisabeth war dicht an seine Seite getreten. »Ich irre mich nicht, denn das Grauen legt mir die Hand auf die Schulter.« Mit weitaufgerissenen Blicken stierte er die gegenüberliegende Wand an. In ihren Tiefen brannte es mit dem Flämmern von Holzmulm in alten Weidenstämmen. Langsam wuchtete er sich aus dem Sessel. Das hagere, glattrasierte Gesicht stand hoch im Raum, ohne Bewegung, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. »Es ist ein Schatten im Zimmer«, sagte er mit zerbrochener Stimme. »Er reckte sich auf im Hause Knipperdollings, als die Verstörung einsetzte und der sonst so nachdenkliche Rottmann dem Träger des Schwertes Beifall zusprach. Und dieser Schatten – er wanderte mit mir, drängte sich hier über die Schwelle. Dort steht er, und sein Anblick ist furchtbar.« Er machte eine abwehrende Geste. »Ich will ihn nicht sehen und darf ihn nicht sehen, denn in diesem Schatten zerfällt die Wahrheit und die Reinheit der Ehe, die Würde des Herdfeuers, die seelische und fleischliche Gemeinschaft zwischen Mann und Weib.« Sie sahen ihn fassungslos an. Auch Raban war an die Seite des Erregten getreten. Der Alte sprach weiter: »Ich schlage mein Lebensbuch auf. Es geschieht mit ruhigem Gewissen, denn jede Seite ist eine lautere Seite, jede Zeile eine Zeile des Unumstößlichen und der Selbsterkenntnis. Ich fehlte in kleinen, aber niemals in großen und ernsthaften Angelegenheiten. Ich suchte die Wahrheit und fand die Wahrheit. Eine Reform an Haupt und Gliedern tat not. Kleriker und Laien waren des leibhaftigen Gottes überdrüssig geworden. Statt Hora und Mette läutete in allen Kirchen und Klöstern die Sauglocke. Der Antichrist stand auf und lief gegen die Tagwacht an, gegen die heilige Stadt, gegen die Sauberkeit in Gedanken, Worten und Werken. Da hörte ich Rottmann«, und über das Antlitz des Sprechers lief es mit dem warmen Scheinen eines hohen Erinnerns, »ja, da hörte ich Rottmann, und mir war es, als schritte einer vor mir her in kamelhärener Schur, den Stab in der Rechten führend, ein Rufer in der Endlosigkeit der Wüste, von Gott gesetzt und angewiesen, den Unflat aus den Kirchen zu fegen, die Hallen zu säubern, männliches und weibliches Pfaffentum aus ihren Höhlen und Palästen zu schwefeln ... und siehe: der also daherkam, war Rottmann, und der also fegte und ausschwefelte, war gleichfalls Rottmann, und sein Wort kam aus dem Himmelreich und ging zu den Menschen.« »Und ging zu den Menschen«, wiederholte die Anabaptistin, »und lehrte im Namen des dreieinigen Gottes und taufte wieder im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, auf daß die Abwegigen, die krank an Haupt und Gliedern, wieder gesundeten, auferstünden aus dem Pfuhl ihrer Leidenschaften und Anfechtungen«, und sie streckte die Arme zur Decke wie in Verzückung, als käme der Geist über sie, als müßte sie noch einmal die Stunde erleben, da sie den Scheitel beugte und unter dem kühlen Tau des gespendeten Wassers erschauerte. »Ja«, fuhr sie fort, »durch Sion habe ich meinen Seelenfrieden und meine Ruhe im Herrn gefunden.« »Und Rottmann ...?« fragte der Tucher. Sein Antlitz war eisig geworden. »Ich schulde ihm Dank bis an das Ende der Tage«, sagte sie leise. »Auch dann noch, wenn sein Schatten wider dich aufsteht?« »Vater ...!« »Auch dann noch, wenn ich dir sage: Es wird Leid und Jammer über uns kommen – durch ihn und die Gesichte des Königs?« »Vater, was hast du?« »Ich sage dir, Kind, ich habe noch um Vieles Sorge zu tragen, noch manches zu ordnen und mein Haus zu bestellen, bevor der Tag mir zwischen den Fingern zerrinnt; denn ich irre mich nicht: bevor ich mich von Rottmann und Knipperdolling trennte, hat der Tod mich gezeichnet.« »Jesus ...!« Sie warf sich ihm abwehrend entgegen. Ein verhaltenes Schluchzen, und Vater und Tochter standen zusammen, gleichsam von einer einzigen Fessel umschlungen. Er glitt ihr sacht über die Flechtenkrone, die schwer war wie die Fülle einer tiefgoldenen Weizengarbe. »Nur keine Unrast«, sagte er nach einiger Weile. »Der Herr ist unerforschlich in seinem Tun und Lassen. Wir haben die Stunde zu nutzen und noch Tage zu durchmessen, die das Kainsmal an sich tragen. Vom Sauhirten bis zum römischen Kaiser ist ein weiter Weg, aber der aus der Wirrsal des Erdentales bis zur goldenen Pforte des Paradieses noch weiter und dornenvoller, dazu noch mit kantigen Steinen und Glasscherben gepflastert. Auch du, Raban, hast die Stunde zu nutzen, denn wir wissen nicht, wie die Vorsehung über dich und Elisabeth beschließt, ob sie euch trennt oder bindet.« »Was soll das?« Über der Nasenwurzel des jungen Erbmanns steilte sich eine eherne Rune. »Sie kann nur binden«, versetzte er schartig. »Ich gehe über Vater und Mutter, über Sippe und Satzung, über Irrung und Wirrung, um dem Weibe zu folgen, es in meine Arme zu schließen, es zu erkennen und nicht mehr zu lassen.« »Warten wir ab«, sagte der Tucher. »Die Gestirne wechseln. Zwischen ihrem Aufgang und Untergang kann sich vieles begeben. Auch das Wort ist wandelbar. Es ist weder in Erz gegraben, noch auf Felsen gebaut. Was heute gilt, wird morgen vielleicht zu den ungängigen Münzen geworfen. Solche Münzen sind Spreuicht. Aber setzen wir uns. Was mich bedrängt, fordert Ruhe des Leibes und völlige Rast der Seele, um sachlich zu sprechen ...« und sie setzten sich wieder. Wandscherer jedoch, der, als der Gerechtesten einer, Sion und die neue Lehre durchpilgerte, der die Hälfte seiner Habe und seines Gutes dahingab, um an das harte Gestein der Erkenntnis zu gelangen, aus ihm, gleich Moses, den lauteren Quell der ewigen Schaubrote und des Mannakornes zu schlagen, dazu der Nächstenliebe zu dienen, legte die Hände zusammen und sagte: »So wisset: Knipperdolling gefiel sich in Seltsamkeiten, in heißen Betrachtungen, denen ich nicht zu folgen vermochte, obgleich er sprach durch den Mund des Herrn der Erde und aller Fürstentümer und Grafschaften.« Er legte sich in den Sessel zurück. Seine Blicke umschleierten sich. »Johannes Leydanus«, also fuhr er fort, »hatte in der verflossenen Nacht seine Gesichte. Er empfing, wie er kundgab, Botschaft von dem himmlischen Vater, der da ist vom Anfang bis zum Ende, von Ewigkeiten zu Ewigkeiten. Ein Engel erschien ihm, von Hoheit umgeben, von Flammen und ihren Garben umzüngelt, schöner denn alle, die an der Bundeslade die Wache halten. Der redete ihn an und sagte: Höret auf mich, auf den Engel des Lichts und den Cherub mit den siebenfältigen Schwingen, denn dieses ist der Wille des Allerbarmers, und also gebietet der Herr über Leben und Sterben, über Blühen und Fruchttragen, über Tod und Verwesung.« Er unterbrach sich und warf leise dazwischen: »Alles und jedes, was ich jetzt bringe, liegt mir so klar auf der Zunge, als hätte es die Offenbarung bei mir lebendig erhalten, damit ich nicht Falsches berichte und mich in einer Salzwüste verliere. Drum höret. Der Entsandte aber redete dieses zum König: Die Ähre des Feldes gibt alljährlich eine dreißigfältige Ernte, das menschliche Weib ihre Frucht nur einmal im Jahre, und deshalb spricht der Herr über den Wolken: Ihr sollt den Acker einer gottwohlgefälligen Ehe besser und ausgiebiger bestellen, die Scholle emsiger umbrechen, ihr eine reichlichere Betätigung abgewinnen, sonst ist jegliches ein müßiges Tun, ein inhaltloses Spiel mit Kieselsteinen. Die Wiedertaufe tut es allein nicht. Sion muß wachsen, muß den Erdkreis sättigen. In einspänniger Liebes- und Leibesgemeinschaft geschieht dieses nimmer und niemals. Viertausend streitbare Männer halten Tag- und Nachtwacht dahier, aber zehntausend mannbare Weiber harren noch immer eines gesegneten Leibes und ersehnen mit heißem Blut die gebenedeiten Worte: Ego conjungo vos in matrimonium. In nomine patris et filii et spiritus sancti ... und da sich nur viertausend wehrhafte und streitbare Männer in Münster befinden, Sion aber wachsen soll gleich den goldenen Bienenschwärmen unter der Hut des großen Zeidelmeisters, so sei auch den beweibten Männern bei Leibes- bis zur Todesstrafe geboten, das ›Ego conjungo vos in matrimonium – In nomine patris et filii et spiritus sancti‹ mehrfältig über sich ergehen zu lassen, auf daß das Reich sich mehre und Frucht trage bis an das Ende der Tage. So das Gesicht des Königs und die Botschaft des Cherubs mit den siebenfältigen Schwingen.« Die Anabaptistin erhob sich. Ihr Medaillengesicht war bleich wie das des Herrn auf dem Kalten Stein geworden. »Und Rottmann ...?« fragte sie mit verkrampften Händen, die keine Ruhe mehr fanden. »Er sagte«, kam es mit verhaltenem Schmerz zurück, »nun triumphiere, mein Sion, nun freue dich, du Stadt der Auserwählten, denn nunmehr ist dir das Brot des Lebens und das Schwert der Stärke gegeben für ewiglich. Deine Feinde werden dahingehen wie ein Rauch vor dem Winde, deine Tempel werden das Opfer bringen mit Flammen, die die Sonne berühren.« »Also auch Rottmann ...?!« und ein Lächeln umspielte die Mundecken der Anabaptistin, das an das Lächeln einer Sterbenden erinnerte. »Und ich ...?!« Sie umgriff ihre Brust mit dem kurzabgerissenen Schrei einer Verzweifelten. »Und ich...?! ich hätte Mannesgunst und Mannesliebe mit anderen Weibern zu teilen ...?!« Der Tucher nickte. Sein Haupt fiel nach vorne. »So und nicht anders. Die Botschaft brennt wie ein tiefes Wundmal.« Sie warf sich herum. »Raban, wie ist das?!« »Her zu mir – du!« Mit mächtigen Armen riß er sie an sich, und seine Stimme flackerte: »Meine Hand soll absterben, sollte es ihr beikommen, Unlauteres zu begehen, sich um den Nacken eines anderen Weibes zu schmeicheln.« Der Tucher winkte ab: »Das hilft uns nicht und kann uns nicht helfen. Die Gesichte des Königs stehen wider uns auf.« »Es sind falsche Gesichte! Der Satan war mächtiger denn der Engel des Lichtes. Aus der reinen Lehre stieg die babylonische Metze ...« »Tat sie!« sagte der Alte mit bleierner Zunge, schwer und fast unverständlich, »denn das Weib auf dem rosinfarbenen Tier, mit Scharlach umkleidet, dazu voll der Lästerung und Unzucht, reitet durch Münster, auf daß sie die Menschheit verderbe und die Glorie von Sion hinwegnehme.« »Und das sagtest Du Rottmann und Knipperdolling?« fragte das junge Weib in tiefster Verstörung. »Ich tat es. Ich ließ nicht ab, mein Wort in die ungleiche Schale zu werfen. Es fruchtete nicht. Ich wurde mit dem Siegel des Todes gezeichnet. Aber ich hoffe noch immer: ein falsches Bild betörte den König, und dem babylonischen Weib wird das Gesicht in den Nacken gesetzt, auf daß es verdorre.« »Wohl«, sagte Raban, »aber das hindert mich nicht, Liebe und Herzenseinfalt zu sichern und ihnen ein geruhsameres Herdfeuer zu bieten.« Der Alte lächelte. »Und mich auf der Strecke zu lassen«, sagte er gefaßt und ruhig. »So nicht!« schrie Raban. »Auch Ihr ...« Er verstummte vor den Blicken des Mannes, der seine irdische Sendung auffaßte, wie es die Blutzeugen Christi taten. »Mit Herz und Mund«, sagte dieser, »und aus tiefster Seele habe ich auf die neue und schöpferische Lehre geschworen, so wahr mir Gott helfe. Das Verkehrte an ihr lasse ich hinter mir wie einen Stein in der Sandgrube. Dem Heiltum gehe ich nach, auf daß es mir Segen bringe ... und wäre mir durch falsch geleitete Zungen schon das Urteil gesprochen: es möge über mich kommen mit der Schärfe des Schwertes – ich harre der Stunde und empfehle meinen Geist dem himmlischen Vater, denn ich werde nicht fahnenflüchtig an Sion.«   Fünftes Kapitel Draußen ging der Sommerabend durch das Kirchspiel über dem Wasser. Die hohen Giebel ruhten im hellen Licht des Mondes. Millionen von Flimmerteilchen taten sich zu einem einzigen Filigrannetz zusammen, ein magischer Schleier, der alles umsilberte. Ein Stück davon geisterte ins Zimmer, vereinigte sich mit dem Leuchten der immer tiefer brennenden Kerzen. Langsam tropfte das Wachs auf die Schalen. Elisabeth Wandscherer stand an Raban gelehnt, dicht neben dem Vater. Sie trug ihre blonde Schönheit mit dem Ausdruck der Trauer, so wie sie Herzeleids tragen mochte, als sie über die Heide ging, um das atlasfarbige Band, das ihr die Himmelskönigin geschenkt und das sie verloren hatte, zu suchen. Über die einsamen Menschen senkte sich das Schweigen des Alleinseins. Keiner wagte es, die Stille zu brechen. Jeder war mit sich selber beschäftigt. Eine Bilderflucht löste die andere ab, eine Frage hetzte die andere, aber jeder fühlte auch, wie die Kettenglieder des Unheimlichen und Unabweislichen sich immer enger um Herz und Sinne legten ... und sie vernahmen nicht die drei einzelnen Schläge, die dumpf und schwer verlautbar wurden. Sie wiederholten sich nochmals. Sie waren gegen die Planken des äußeren Tores gerichtet. Dann Stille. Bald darauf ließen sich weiche Schritte vernehmen. Die Schaffnerin des Hauses trat ins Zimmer, grau gekleidet, in weißer Flügelhaube, deren Kinn- und Stirngebände das schmale Gesicht mit starrem Linnen umzingelte. Die weiten Augen richteten sich ernst auf Wandscherer. »Joseph ...!« »Herr«, sagte sie tonlos, »ich weiß nicht, ob ich noch gelegen komme, denn ich möchte nicht stören. Aber ich kann mir nicht helfen: einer steht draußen und wartet.« »Wer ist es?« »Der Sprecher des Königs.« Das Gesicht des Tuchers entfärbte sich für eine Gedankenspanne. Nicht länger. Dann sagte er, völlig Herr über seinen inneren und äußeren Menschen: »Mein Haus wird gesegnet durch den Fuß dieses Mannes. Lasset ihn eintreten. Er ist mir und den Kindern willkommen.« Die Schaffnerin ging. »Und wir ...?« fragte die Tochter. »Sollen auch wir gehen? Ihr habt gewiß mit Rottmann allein zu verhandeln.« »Bleibt. Was nötig erscheint, wird die Stunde erbringen«, und er trat dem Prediger entgegen, der noch dieselbe düstere Gewandung trug, die er bereits im Hause Knipperdollings getragen hatte. Er hielt sein Barett zwischen den weißen Fingern. »Ich heiße den Abgesandten Gottes und den Sprecher des Königs willkommen.« Rottmann gab ihm die Hand. »Ich danke der Güte. Ich weiß: die Türe Wandscherers steht jedem offen, sowohl in freudigen Tagen, wie in solchen, die mit den Tränen zu kämpfen haben. Man klopft an, und es wird aufgetan. Es ist wie im Hause von Bethanien, in dessen Krautgärtlein die silbrigen Ölbäume stehen. Dort ist wohl sein. Man befindet sich allzeit unter gleichgesinnten Menschen. Ein gutes Zeichen. Aber entschuldigt. Es ist spät unter dem Monde geworden.« »Wann Ihr auch kommt, die Stunde war für uns immer eine gesegnete Stunde.« »Immer?« fragte der Prediger und winkte lächelnd ab. Man sah es: in den eisengrauen Augen des gefürchteten Mannes wohnten nicht nur die Lichter des Unerbittlichen, sondern auch die der Versöhnung und die der Barmherzigkeiten. »Wartet«, sagte er nach einiger Weile, »der gute Hirt weiß seine abwegigen Schafe zu finden, sie wieder auf ergiebige Weidegründe zu führen.« Sein Blick schweifte zur Seite. Er gewahrte die Tochter des Hauses und Raban von Bischopink. Ein feines Lächeln spielte um seine Mundecken. Er trat auf sie zu. »Elisabeth Wandscherer«, fiel es ihm sacht von den Lippen, »erinnert Ihr Euch noch der Worte, die ich eines Tages an Euch richtete und die da lauteten: Gesegnet bist du unter den Anabaptistinnen und gebenedeit unter den Jungfrauen des Landes, denn du bist wie eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal, o Fürstentochter, und das Ebenmaß deiner jungen Glieder vermeldet die Kunst des Meisters, der sie bildete?« »Meister, ich erinnere mich.« »Ihr seid ein Kind meiner Grundsätze und Betrachtungen. Ihr sperret Euch nicht wider besseres Wissen. Ich sah Euch in meinen Predigten, wo es auch sein mochte: in der hohen Domkirche, in Sankt Mauritz, Sankt Lamberti, in der Kirche über dem Wasser, und wo ich Euch sah: die neue und gottwohlgefällige Lehre fand fruchtbares Erdreich in der Ackerkrume Eures jungen Herzens.« »Meister, so ist es.« »Und keine Hemmnisse bedrängten Euch?« »Meister, wenn ich sprechen darf ...« »Ich verstehe.« Eine leichte Handbewegung Rottmanns ließ die Anabaptistin verstummen. »Ihr werdet mir Scharfes entgegnen. Manches nicht billigen, was meines Amtes. Es ist besser, ich spreche zuvor mit dem Vater, denn ein rasch hingeworfenes Wort könnte die Suche nach dem irregegangenen Schäflein erschweren, wenn nicht hinfällig machen ... und das würde mir leid tun, um Euretwegen und um Eures Vaters willen, denn er und Ihr verdient es, im Licht zu wandeln. Denket daran. Eure Hand schmückt das goldene Reiflein. Auf Euch passen die Worte Salomonis: Ein tugendsam Weib ist edler und besser denn Perlen und Geschmeide. Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, an Nahrung wird ihm nicht mangeln. Sie tut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang. Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. Ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig. Ihr Mann lobet sie. Sie ist ein fruchtbarer Weinstock an der Wand ihres Hauses. Wie lange noch, und also wird es geschehen, denn Euer Herz ist vergeben ...« »So ist es. Aber wenn ich sprechen darf, Meister ... Ich hätte ein dringliches Anliegen.« Und wieder winkte der Prediger ab, denn was in den Tiefen ihrer Seele aufbegehrte, gefiel ihm nicht, machte ihn zurückhaltend und störte die Kreise seiner Erwägungen. »Mag es genug sein. Später vielleicht. Ich spreche mit dem Vater darüber. Sein Blick siel auf Raban. Dessen Lippen lagen hart zusammen, die Brauen scharf gegeneinander geriffelt. Rottmann trat näher heran. Seine Augen begannen zu suchen, als müßten sie etwas Verborgenes finden. »Ihr seid ein Bischopink, Herr?« »Ein Bischopink von und zur Getter.« »Aus dem Geschlecht der Erbmänner?« »Ihr sagt es.« »Einer von ihnen trug in hiesiger Diözese dereinstmals den Bischofsstab. So ließ ich mir sagen.« »Besteht zu Recht.« «Und Euer Besitz liegt vor dem Ägidiitor, in der Dawert da draußen, wo sich die Füchse gute Nacht sagen?« »Ja, in der Dawert. Wir sind stolz darauf.« »So?! und war vor Jahren kein Familienzwist im Hause der Bischopink?« »Nein. Im Hause des Bischopink gibt es keine Familienzwiste. Lilien und Rabenfittiche waren stets ein und desselben Sinnes. Da gibt es kein Hadern. Ihr irrt Euch. Unsere Devise lautet: Pro domo. Unter den Erbmännern stützt einer den anderen. Jeder fühlt sich dem Hause verpflichtet.« »Ein löbliches Tun, Herr. Aber irgendein Konflikt wollte die Grundfesten des Geschlechtes erschüttern.« »So richtig«, und über der Nasenwurzel Rabans feilte sich eine tiefe Furche. Dann sagte er, indem er die rechte Hand zur Faust ballte, sie aufhob und wieder fallen ließ, als wäre sie ein Waschholz gewesen: »Es war um die Zeit, als der päpstliche Stuhl eine erledigte Dompräbende dem aus dem Erbmännergeschlecht stammenden Wilderich von Vischopink zu übertragen hatte. Das hochnäsige Domkapitel tat Einspruch dagegen, willens, seine Kraft zu erproben. Es bestritt die rechtlichen Vorbedingungen und sprach jedem Erbmann die Ritterbürtigkeit ab. Da aber Wilderich Vischopink von und zur Getter ... Unter dem Beistand der Droste, der von der Tinnen und Clevorn trat er unter die Fetthämmel, Weiberverwüster und Pfründenschlucker, stülpte den rechten Ärmel zurück und hielt der Pfaffheit die starre westfälische und ritterbürtige Faust unter die Nase: Entweder ihr beugt euch, oder der rote Hahn kräht von euren Dächern herunter, daß die Diözese Mordio und Brand ruft, um der Macht und Herrlichkeit der Vischopink willen. Und sie duckten den Nacken wie die Schermausfänger, wenn eine starke Hand sie auf nichtsnutzigen Wegen ertappt, riefen nach Feder und Tinte ...und schrieben ...und erkannten die Ritterbürtigkeit an, langsam und widerborstig, aber sie erkannten sie an ... und der Kaiser setzte sein Siegel darunter.« Rottmanns Gesicht wurde schmal. Die weißen Lippen schrumpfelten ein. »Nicht übel«, sagte er nach einigem Besinnen. »Aber trotz der bösen Erfahrung halten noch viele Geschlechter und Edelsitze zum Bischof und den Unzuträglichkeiten seines Handelns. Auch die Bischopink. Wir mußten Front gegen sie machen.« »So ist es, Sprecher des Königs. Der Geist der neuen Lehre hat in seinen Heilswahrheiten noch wenig Eingang bei ihnen gefunden. Sie zögern noch und warten die Stunde ab.« »Und Ihr?« »Ich hoffe auf dem richtigen Wege zu sein, um den Geist zu erfassen.« Der Prediger sah ihn mit großen Augen an. »Und Ihr lebt auf der Getter?« »Ja, bei Vater und Mutter, um später nach dem Willen des Herrn das Erbe in eigene Verwaltung zu nehmen, ihm den alten Glanz und die alte Glorie zu erhalten, wenn ich es nicht vorziehen sollte, Magister der freien Künste zu werden.« »Sieh, sieh! ein Ritterbürtiger Magister der freien Künste! Das lobt seinen Mann ... und wo seid Ihr wissend geworden?« »Auf der Dreikönigen-Burse in Köllen.« »Wer waren Eure Magister und Doktoren?« »Ortwin Gratius aus Holzwick bei Coesfeld, der die Episteln Ciceros und dessen ›Buch von der Freundschaft‹ herausgab. Dann Jakob Sobius und Agrippa von Nettesheim, der von Maximilian in den Adelstand und zum eques auratus erhoben wurde.« »Vortrefflich! und was lest Ihr zur Zeit?« »Des wackeren Hermann von dem Busche ›Vallum humanitatis‹ , ediert bei dem geschickten Herrn Quentel Unter vier Winden.« »Brav so! Dieses Büchlein ließ sein Fähnlein tapfer im Winde wehen und knatterte dem Dominikaner und Ketzermeister Jakob von Hoogstraten die furchtbare Kapuze von der furchtbaren Tonsur herunter.« Rottmann streckte die Hand aus: »Raban von Bischopink, seid mir willkommen in Münster. Im Namen des Herrn – möge Euer Dasein an der Seite der Auserwählten ein gesegnetes werden.« »Meister, wenn ich sprechen darf und es zu sprechen erlaubt ist ...« Elisabeth Wandscherer stand hoch vor dem düsteren Eiferer, anzusehen wie aus den Chören der überirdischen getreten, nicht mit holder Jungfräulichkeit umkleidet, sondern angetan mit dem Gewand der Herbe und der Bitternis. »Meister ...« und ihre Augen wurden starr und kalt wie geschliffene Steine. Rottmann begegnete den geschliffenen Steinen mit der gleichen Kälte. Seine Stimme nahm einen verdrossenen Ton an. Er sagte: »Das Weib läßt nicht ab, zu fordern und zu feilschen ... und wäre ihm geboten worden, zehnmal zu schweigen. Das Weib ist spröder denn Akazienholz. Es geht allzeit seine eigenwilligen Pfade, obgleich es wissen sollte, biegen ist vielfach besser als brechen. Wollt mich doch endlich begreifen, Jungfer Wandscherer. Wenn ich Euch gegenüber meine Zunge versiegele, so geschieht es lediglich zu Eurem Nutz und Frommen, denn du bist eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal, o Fürstentochter, und das Ebenmaß deiner jungen Glieder vermeldet die Kunst des Meisters, der sie bildete. Ich sagte dieses schon zu wiederholten Malen, weil mein Herz Euch umschließt, weil ich aufbauen will und nicht niederreißen, weil ich Euch glücklich sehen und nicht ins Elend verweisen möchte, Euch nicht und den nicht, mit dem Ihr die Ringe wechseltet.« Er hob die Hand und senkte sie wieder. »Mein Amt ist ein schweres Amt, und es reut mich fast, Stadtlohn verlassen zu haben, um das Wort Gottes zu lehren. Im Hause des Vaters regierte das ehrsame Handgewerk, und er selber war der zufriedensten und besten einer unter den Schmieden in der weiten Grafschaft. Sein Folger zu werden, hätte mir Ruhe und Sässigkeit verliehen, wo ich jetzt nicht aus dem Sielengeschirr herauskomme. So auch heute nicht. Drum laßt mich. Ich habe mit dem Vater zu sprechen.« Da verstanden sie ihn, grüßten und verließen das Zimmer: die Anabaptistin und Raban von Bischopink, indessen Wandscherer den Prediger ersuchte, sich niederzulassen und des Tages Last und Mühe zu verwinden. »Recht werdet Ihr haben«, versetzte Rottmann, stülpte sein Barett über ein Zapfenholz, legte die Schöße seines dunklen Gewandes auseinander und ließ sich schwer in die Lehnen des dargebotenen Sessels fallen. »Ich bin müde«, sagte er mit verhaltenem Atem, »und trotzdem drängte es mich, noch zu später Stunde über Eure Schwelle zu treten, denn als Richtmann habe ich Winkelmaß und Kelle nicht aus der Hand zu lassen. Also ich kam, und warum ich es tat, mögt Ihr billig ermessen.« Der Tucher nickte und fühlte: die verhängnisvollen Begebnisse liefen aufs neue durch sein Gesichtsfeld. Aber einer war da, seinem Geschick eine andere Wendung zu geben. Der Prediger schwieg. Er sah lange in die sterbenden Kerzenflämmchen. »Es wird düster um mich«, sagte er endlich, ohne mit seinem Stieren innezuhalten ... und sah: es war ein schweres Tropfen und Fallen ... und hörte: das überschüssige Wachs pochte sacht auf die Silberschalen. Das erste Licht erlosch, das zweite; auch das dritte war dem Erlöschen nahe. Wandscherer erwachte aus seiner Betäubung. Er stellte neue Kerzenschäfte auf, entzündete sie und setzte sich gleichfalls. Die eisengrauen Augen Rottmanns erhoben sich langsam, erschlossen sich, wanderten in die des Hausherrn, um dort Fühlung zu nehmen und vor Anker zu gehen. Dann hub er an, unzusammenhängende Sätze zu sprechen, und redete stumpf vor sich hin: »Wer nicht mein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolget, der ist mein Jünger nicht – und wenn du zum Leben eingehen willst, so halte die Gebote. Gottes Segen steht über der Rechten, Gottes Fluch über der Linken der Stadt. Gog und Magog beginnen ihren Kampf, und die Hölle jubelt. Viele sind da, die da kommen in Schafskleidern, um sich als Propheten auszugeben, sind aber nichts weiter im Herzen denn reißende Wölfe.« Er wischte sich schwer über Stirne und Schläfen. »Ich habe die Gebote und die Satzung befolgt«, fuhr er gleichsam im Dämmerzustande fort, »stets die alleinseligmachende Lehre gepredigt. Ich halte mich einzig und allein an die heilige Schrift. Wer irgendeinem Bilde einen göttlichen Namen beilegt, selbiges in seinen Nöten anruft, unter dem Vorwand, sein Herr wolle es so, der ist ein gottloser Abgötterer. Die Kindertaufe ist vor dem himmlischen Vater ein Greuel. Wir wollen in dieser Hinsicht keine Gemeinschaft haben mit den Ansichten der Chorherren und Domizillaren. Ich verwerfe sie bis in die tiefste Tiefe der ewigen Brandscheite. Nur der mit Vernunft Begabte kann das heilige Wasser empfangen, und wehe dem, dem es beikommt, die geweihte Hostie auf den Tisch des Herrn zu setzen, denn er tut nichts anderes, als den großen Baal auf die Tafel zu stellen und ihm das Opfer zu bringen.« Dann fragte er mit schwerer Zunge: »Wandscherer, Ihr seid doch im Bilde?« »Ich bin völlig im Bilde, denn so habe ich es nach kurzer Einkehr allzeit gehalten. Aber warum fragt Ihr mich solches?« Rottmann stieß einen heiseren Laut aus. »Es ist immer gut, sich den Katechismus vor Augen zu stellen, Reue und Leid zu erwecken in ernsten Tagen, denn der Mensch hat seine Anfechtungen und schwachen Augenblicke im Leben«, und sein Wort nahm an Heftigkeit zu: »Ich will den Nasiräer Simson in seiner Stärke, in der Fülle der Haare, und nicht den geschorenen Simson im Nachthemd, dem sein Buhlweib Delila mit ihrer Schere die Kraft nahm und ihn also entmannte, daß die Philister über ihn kamen, wo es mehr denn je an der Zeit war, nochmals mit dem Eselskinnbacken dreinzuschlagen. Noch vor wenigen Stunden – ich bin an Euch irre geworden und hatte das Unterbewußtsein: Knipperdolling befaßt sich bereits damit, die Schärfe des Schwertes zu prüfen.« »Rottmann ...« Der Tucher wuchtete sich schwer aus dem Sessel. »So kommt Ihr, mir das Urteil zu sprechen? Ist es Gottes Wille, so geschehe es in seinem Namen.« Der Prediger schüttelte das Haupt. »Ihr irrt Euch. Wie käme ein Rottmann dazu? Ich bin eines Schmiedes Sohn, und meine Sinne sind lauter wie das Feuer auf der Esse meines Vaters. Es war ein friedfertiges Feuer. Meines Amtes ist es, den Frieden in die Häuser der Menschen zu tragen, und wo's not tut, böse Schatten hinwegzunehmen. Nur wollt Euch erinnern: wir sind gemeinsam in geheimer Sitzung bei Knipperdolling gewesen.« »Ja, ich erinnere mich.« Wandscherer sprach es mit aller Bedachtsamkeit. Rottmann fuhr fort: »Dann wißt Ihr auch: Johannes Leydanus hatte in der verflossenen Nacht hohe Gesichte, empfing den Cherub von den höchsten Thronen mit den siebenfältigen Schwingen, der ihm gebot, die Männer in Sion anzuhalten, sich mehrere Weiber an die Seite zu legen, sich ihrer in traulicher Gemeinschaft zu erfreuen, auf daß die Liebe ihr Genüge finde und der Acker des Herrn nicht elend verkümmere? Ihr erinnert Euch doch?« »Ja, Herr, ich erinnere mich.« »Und daß Ihr Zweifel hegtet, von Ninive und Babel redetet, von Belialswirtschaft, von der Unzucht in Amathont, wo die Weiber unter den Ölbäumen ihre Gürtel lösen und die Fremdlinge im Namen Melittas erwarten? und schließlich in die Worte ausbrachet: Der Satan hat die Botschaft des Cherubs verstört und Falsches in die Ohren des Königs getragen? Wandscherer, auch dessen erinnert Ihr Euch?! »Ja, ich erinnere mich.« »Mensch – Ihr ...!« und Rottmann erhob sich und legte beide Hände auf die Schultern des insichgekehrten Mannes, dessen Gedanken sich abmühten, die Spreu vom Weizen zu sondern. »Nein Ihr – dann wundert Euch nicht, daß das Schwert Knipperdollings in seiner Scheide unruhig wurde.« »Rottmann, geschrieben steht, es sollen nur zweie in einem Fleisch sein.« »Ruhe – Ihr! Ich will Eure Tochter nicht vaterlos machen.« »Wenn es der Geist aber also gebietet ...?!« »Kein Wort mehr! Schweigt und beugt Euch der Vorsehung. Wendet Euch nicht gegen die Gesichte des Königs. Haltet die Zunge. Laßt sie nicht umgehen, denn überall sind Lauscher und Zwischenträger, deren Bekömmnis es ist, dem Galgenholz oder dem Zweihänder Nahrung zuzuführen. Es sind boshafte Menschen, mit Schultern, die das Los eines Mehlwurms oder fetten Parteigängers tragen können. Ihre Seele aber ist tausendfältig durchlöchert. Solche Parteikrippenreiter find furchtbare Plagen. Jedes Wort stößt Euch weiter dem Abgrund zu ... und das kann ich nicht wollen ... kann ich nicht wollen ...« In den Augen des Predigers stand ein helles Wasser. Seine Rede zersträhnte. Er ließ die Hände herunter und flocht sie schmerzlich gegeneinander. »Nein, Wandscherer, ich will nicht, daß Euer Blut über mich komme. Wer Erbarmen zeigt, dem wird Erbarmen wiedergegeben. Gegen den aufgebotenen Freimann ist letzten Endes schwer angehen. Da kann selbst der Sprecher des Königs nicht helfen. Ich wende mich ab, damit ich vieles nicht sehe – um Euretwillen. Ich verstopfe meine Ohren mit Wachs, auf daß sie nicht hören – um Euretwillen nicht hören, denn ich will nicht, daß Ihr an Eurem Starrsinn dahingeht wie die köstliche Feldfrucht unter dem verzehrenden Hauche des Sonnenbrandes. Bestellt das Aufgebot. Gebt Eure Kinder zusammen durch mich, und dann: in Gottes Namen laßt sie ihres Weges ziehen, wohin es sie gelüstet zu ziehen, zum Rhein hin oder anderswo hin. Dort mag Eure Tochter sich ihres Mannes allein erfreuen; auch des wackeren Hermann von dem Busche › Vallum humanitatis ‹, ediert bei dem geschickten Herrn Quentel Unter vier Winden, gemeinsam mit ihm lesen, denn solches ist ein Trost in Betrübnis und Einsamkeiten. Und Ihr ...« und Rottmanns Stimme wurde warm und zusprechend wie das zutunliche Leuchten eines traulichen Herdfeuers, hinter dessen Holzbeige ein Heimchen geigt mit dem Zuspruch eines wohlwollenden Sachwalters ... und seine Hände hoben sich auf wie im Flehen: »Ich will nichts gesagt haben, und dennoch: um Euretwillen – ich flehe Euch an: Vermeidet selbst das heimliche Tun eines Totenwurms im Holzgetäfel Eures Hauses, setzt Euch nicht wider den Cherub mit den siebenfältigen Schwingen ... und wenn Ihr der Botschaft skeptisch gegenübersteht – Eure Zunge sei stumm, stumm wie das Bahrtuch auf dem Sarge eines Kapuziners, auf daß die Leutestuben und sonstige Stätten nicht hellhörig werden. So nur schwichtet Ihr die Unruhe des Schwertes.« »Herr, ich kann es nicht fassen. Ihr gebt mir hartes Brot zu kosten.« »Hartes Brot ist besser, als mit den Zähnen eines rumpflosen Kopfes in das fette Gras einer Wiesenkoppel beißen zu müssen. Laßt es genug sein. Meine Mission vollendet sich, und daß ich heute noch kam, so spät noch – bedenket: über einen bösen Handel soll man den neuen Hahnenkraht nicht wach werden lassen. Tut Euch besinnen und folgt mir, auf daß Ihr und Euer Anwesen gesund bleibet. Lebt wohl ...« und vom Hausherrn geleitet, trat der Prediger in die Nacht voller Sterne. Wandscherer folgte ihm mit flackernden Blicken. Er fühlte: er war nicht sein eigener Herr mehr, nicht mehr Herr über sein Tun und Lassen, über sein Wollen und Handeln, aber er dankte Rottmann aus dem tiefsten Grund seines Herzens. Langsamen Fußes ging der Prediger weiter. Vor ihm steilte sich der Schattenriß des gewaltigen Turmes der Kirche über dem Wasser in den mit Silbersplitterchen übersäten Himmel. Die Stadt war ruhig. Als er aber die Jüdenfelder Straße erreichte, glaubte er jenseits der Kreuzschanze ein dumpfes Murren zu hören. Das Murren verstärkte sich und stöberte die schlafenden Lüfte vor sich auf. Eine schwere Trommelhaut begann zu lärmen, gleich einem aufgescheuchten nächtigen Tier immer lauter über den Boden zu schnuppern. Hinter ihr her trotteten sionitische Männer. Sie hatten den infulierten Knechten einen unwillkommenen Besuch abgestattet und ihrem ›Strampedi mi A la mi presente al vostra signori‹ die derbe Bürgerfaust zwischen die Zähne gehauen, dazu dem Bischof einige vorgetriebene Werke mit Pech und Brand überschüttet. Jetzt kamen sie aus dem Scharmützel zurück, froh des gelungenen Streiches. Die Gottesknechte standen auf Wacht, auf Tages- und Nachtwacht. Das fühlte auch Rottmann. Er benedizierte die siegreichen Männer. Sion konnte ruhig schlafen, sich seines Gnadentums erfreuen. Sion war unüberwindlich. Sion herrschte über den Erdkreis und alle sonstigen Welten. Die Trommel verstummte. Mit ihr das Rumpeln und Murren. Indessen der Eselskinnbacken, den der Deutsche zur richtigen Zeit meistens vergißt oder vergessen will, mußte wieder heran und doppelt und dreifach regiert werden. Die samtblaue Nacht lichterte weiter mit ihren flinzelnden Sternchen, friedlich und allversöhnend. Nur drüben, weit im Vorland dahinten, erhob sich ein unheimliches Scheinen. Eine brandrote Lohe stand hoch und unbeweglich unter dem ewigen Himmel. Sechstes Kapitel »Ehret den König und seid willfährig seinen Geboten und Satzungen, denn der Geist ist in ihm, seine Zunge beflügelt durch den Willen des Schöpfers, der da war, der da ist, der da sein wird bis über das Maß der Ewigkeiten hinaus!« So predigten Rottmann und seine Prädikanten von allen Kanzeln herunter ... und in dieses Predigen hinein ließ sich die Stimme des vierten Engels vernehmen, der schon begonnen hatte zu posaunen, jetzt aber lauter und eindringlicher, mit dem Rufen einer mächtigen Tuba. Da erschauerte abermals das Land Westfalen und die Hauptstadt in ihm, die Bischofsstadt mit den vielen Türmen und Kirchen, den schönen Frauen und Jungfrauen, die ihresgleichen nicht hatten. »Kommet und sehet die große Hure des Weltenalls, der Milchstraße und der Wandelsterne, mit welcher gehuret haben die Könige der Erden und die da wohnen auf Erden, trunken geworden von dem Weine ihrer Hurerei.« So die Posaune. Und die Posaune verstummte. Der Chroniste von Sankt Lamberti aber tat einen tiefen Atemzug und erzählte: »Alles ging seinen geregelten Gang im neuen Jerusalem: Johannes Leydanus führte Zepter und Krone, dazu eine schwere, mehrfältige Kette mit vergüldeter Kugel, die zwei Schwerter durchstießen. Knipperdolling schritt ihm als Sachwalter finsteren Blickes zur Seite und trug die ihm durch Königsgnade überkommene Gewalt und Machtbefugnis. Er wandelte wie ein Großer und Starker durch die Straßen von Münster, und die meisten hatten nicht acht, daß der Mann einen Totengeruch an sich hatte, wenn der Wind kam, den Mantel hob und die Schwertseite freilegte. Krechting blieb Kanzler und der hochstirnige und redefertige Rottmann Sprecher des Königs. Die zwölf Ältesten und Propheten, die früher in schlichter Kleidung einhergingen, legten sich seidene und purpurne Watt zu, auch Ketten und sonstige Kleinodien, die sie den Kirchen und den verwaisten Edelsitzen entnommen hatten. Auch vierundzwanzig Räte hatte der König, dazu Kommandanten und Fähndriche für Fußvolk und Stückknechte, Trabanten und Pauker, reichgekleidet mit grünem und kastanienbraunem Tuch, kurz alles, was erforderlich schien, dem Herrn und Gebieter des neuerrichteten Tempels die Goldfolie eines von Gott gekürten Herrschers zu verleihen. Wie Salomo hielt er Gericht ab, wie Salomo tafelte er, wie Salomo betrat er die höchste Zinne der Stadtmauer, tausend zur Rechten und tausend zur Linken, und höhnte den Gegner, denn obgleich diesem der Erzbischof von Köllen, die Grafen von Schaumburg, von Isenburg und Nassau, von Waldeck, Bentheim und Wied Waffengefolgschaft gegeben – vor der tapferen Stirn der Anabaptisten brachen sich die gegnerischen Anstürme, wurden zunichte gleich Heuschreckenschwärmen, die sich abmühten, einen brennenden Holzstoß mit ihren Leibern auszublasen. ›Wartet nur, ihr Pfaffen und Belialpriester, ihr Fürsten und Gräflein, wie lange noch – und das Wasser der Wiedergeburt wird über euch kommen wie die Wasser des Roten Meeres, da sie Pharao nebst Anhang verschlangen und nichts wieder herausgaben, nicht so viel wie das Schwarze unter dem Fingernagel bedeutet.‹ So der König. Er lachte, und sein feines, schmales Gesicht mit den schweren Lidern und dem gescheitelten Bart blickte zur Seite. Dort stand einer, geruhsam wie die Stille zwischen den Gräbern, in rotem Wams, in roter Kapuze mit ausgeschnittenen Augenhöhlen. Dessen Hände und Ärmelstauchen ruhten auf der Parierstange des Schwertes. Sein vorgestoßenes Kinn berührte den Knauf. ›Worüber grübelt Ihr?‹ fragte Johannes Leydanus. ›Herr, über vieles.‹ ›Was heißt das?‹ ›Ich denke, was Ihr denkt.‹ ›Ich denke, solches Geschmeiß wird gerichtet.‹ Meister Hans aus der Grünen Stiege stellte sich breit in die Spreite. ›Herr, sollte ich meinen. Nicht lange gefackelt. Kopf ab!‹ Dann kicherte er wie 'ne aufgekescherte Ratte, wobei er zum andern sagte: ›Herr, wird doppelt und dreifach gerichtet‹, und als sich der Wind hob, drang der Totengeruch wieder von Knipperdolling herüber. Der Cherub aber mit den siebenfältigen Schwingen hub an, mit diesen Schwingen bedrohlich zu rauschen. Die aus dem Himmelreich übermittelte Botschaft wollte ihre Betätigung haben. Über Münster begann es zu raunen, zu flüstern: ›Die Ähre des Feldes gibt alljährlich eine dreißigfältige Ernte, das menschliche Weib seine Frucht nur einmal im Jahre. Sion aber soll wachsen, soll sich mehren gleich den goldenen Bienenschwärmen unter der Hut des großen Zeidelmeisters. Daher ist nötig: der Mann soll mehreren Frauen beiwohnen, auf daß die Welt und das Reich des neuen Tempels erstarke durch die Kraft und Herrlichkeit ihrer Lenden. Ego conjungo vos in matrimonium. In nomine patris et filii et spiritus sancti.‹ Rottmann und seine Nebenprädikanten waren ausersehen, diese Mission unter die Völker zu tragen. Aber bevor solches geschah, begann es schon unter den ledigen Weibern zu hummeln. Vornehmlich im Nonnenstift Über dem Wasser, dem Ida von Meerfeld als Oberin vorstand, gerecht und weise, gesonnen, den christlichen Mut aufzubringen, den ihr überkommenen Äbtissinnenstab in allen Treuen weiterzuführen, die jungfräuliche Keuschheit zu achten und dem Papste zu geben, was des Papstes, ein Gleiches seinen Kardinälen und Palafrenieren. Sie sprach ihren räudigen Schäfchen mit Engelstimmen zu, verhieß ihnen Zuckerbrot und ähnliche Süßigkeiten, beschwor Himmel und Erde, sich vom Stachel des Fleisches nicht unterkriegen zu lassen. Selbst, als sie in ihrer höchsten Bedrängnis mit ihren Getreuen, die ihr geblieben waren, als sie mit Ludgera von Linteloen und Sophia von Langen dreistimmig zu singen anhub: ›Wir sind im wahren Christentum, Herr Gott, wir danken dir! Dein Wort, dein Evangelium, An dieses glauben wir. Die Kirche, deren Haupt du bist, Lehrt einig, heilig, wahr. Für diese Wahrheit gibt der Christ Sein Blut und Leben dar ...‹ selbst das fruchtete nicht, brachte die Abtrünnigen nicht in den Pferch zurück, nicht auf den Weg der Einsicht und Bekehrung, fieberte vielmehr dem Satan die Bolzen, so daß die Damen und Laienschwestern des hochadeligen Stiftes ihr Gelübde preisgaben, die Röcke schürzten und mit freigelegten Paradiesäpfeln auf die Straße hinaustanzeten und dorten sich mit einem regelrechten und sündhaften, wenn auch getragenem ›Lirumlarumlöffelstiel‹ ergötzten. Das bisher zur Karenz verurteilte Blut wallte auf, heftiger als das siedende Wasser in einem Kessel unter der Brandreite. Dabei stunden einige aufrecht und schlugen die Hände zusammen; andere hoben sich durch rasende Sprünge, als wenn sie zu fliegen gedächten; weitere warfen sich mit dem Gesicht auf das Pflaster, spreiteten Arme und Beine solcher Art aus, als wären sie Sinnes, ein Andreaskreuz auf den Boden zu zeichnen. Aber alle lärmten und schrieen: ›Seid fruchtbar und mehret euch! Erfüllet die Erde! Auch wir wollen opfern, opfern in der Umarmung des Mannes, teilhaben an den Freuden ehelicher Gemeinschaft. Ehre sei Gott in der Höhe!‹ und item und item ... sie tanzeten weiter, über den Spiegelturm fort, über den Domplatz, die Ludgeristraße entlang, dann wieder zurück und der Jüdenfelder Straße entgegen.« So der Chroniste in der Leischaft des heiligen Lambertus. Dann legte er die Feder beiseite. – Um diese Stunde geschah es ... Der Mönch räusperte sich. Er geleitete mich an eine andere Stätte. Dusentschuer, der Prophet und Goldschmiedemeister aus dem Krummen Timpen, saß breitbeinig, zerstrudelten Kopfes und mit tiefliegenden Augen im ›Krug Über dem Wasser‹, so in der Jüdenfelder Straße gelegen war und von Moppchen Winkelsett, einer fünfundvierzigjährigen Matrone, behaftet mit dem zugehörigen Matronenspeck, geführt und gehalten wurde. Von seiner Werkstätte aus hatte er nur einen Hirtzensprung zu seinem tagtäglichen Dämmerschoppen zu machen. Ein Zinnkrug mit münsterischem Altbier stand vor ihm. Neben ihm thronte die Wirtin, breit und würdig, anzusehen wie eine Sonnenblume auf fettestem Ackerboden, denn der Stuhl, den sie mit ihrer Leibesfülle belegte, war räumig genug, zweien stattlichen Frauenzimmern bequeme Rast und Sitzgelegenheit zu bieten. Moppchen Winkelsett konnte sich sehen lassen. Ihresgleichen war nicht mehr in Münster noch in seiner weitesten Umgebung aufzutreiben. Zweihundertundvierzig Pfund klevisch Gewicht lasteten auf ihren Schuhen, und ihr seidenes Fürtüchlein barg so ausgesprochene Formen, daß sie geeignet erschienen, einer ganzen Anzahl von gierigen Kindermäulchen als Ressource zu dienen. Ihre Fülle mehrte sich stündlich. Und so kam es denn auch ... denn als sie eines Tages Grünzeug und Geselchtes auf der Fleischbank einhandeln wollte, mußte sie zu ihrem tiefsten Schrecken wahrnehmen: die Haustür weigerte Durchgang und Passierfreiheit, so daß Zimmermann und Mörtelmeister vorsprechen mußten, die Zufahrt wieder gangbar zu machen. Desungeachtet blieb sie ein appetitliches Weibsbild, mit samtbraunen Augen im Kopfe, rosigen Wangen und einem prallen Mäulchen wie Weichselkirschen, frisch und knappig vom ersten besten Baume herunter. Dazu trug sie einen kamelottenen Rock, klingende Ohrgehänge und eine neckische Haube, die mit einer Borte von Perlen geziert war. Ihr Ruf stand begründet. Nichts mangelte ihr an der Gesundheit des Leibes, an der Reinheit der Seele. Früher eifriges Marienkind, war sie zurzeit eine der eifrigsten Anabaptistinnen geworden, hatte durch Rottmann die Wiedertaufe empfangen und dabei so freundlich geschmunzelt, als wäre sie ein Kressenpflänzlein am Bachrand gewesen, das jede neue Berieselung als eine bekömmliche Wohltat hinnimmt und sich dieser erfreuet. Sie waren allein in der Wirtschaft: Dusentschuer und Moppchen Winkelsett. Hinter ihnen plauderte ein spärliches Feuerchen. Darüber hing ein Kessel am Sägblatt. Lichte Krüsel stiegen zur Decke, von der ein mächtiger Bartmannkrug niederbaumelte, ein Zeichen dafür: hier wird das echte münsterische Altbier verzapft; bloß Malz und Hopfen, sonder Zutaten. Tiefe Stille ringsum. Nur ein dickleibiger Brummer betrieb irgendwo sein Brummelgeschäft, bepunktete dann und wann die Spiegelfläche eines blanken Zinntellers und brummelte weiter, indessen Moppchen eifrigst dabei war, etliche Stricknadeln gegeneinander zu sticheln. Dusentschuer wischte sich den Schaum von den Lefzen, äugelte schief zur Seite, schwer in Gedanken, ob er die weiblichen Reize Moppchens als künstlerische ansprechen könne, bis er nicht umhin konnte, sein Kännlein auf den Tisch zu stoßen und verdrossen zu sagen: »Wir sitzen ja hier, als wenn wir beim Totenbier säßen, 'nen Trauerflor am Arm und 'ne Zitrone mang die Finger. Man sollte sich ja dem leibhaftigen Sauf- und Lustteufel verschreiben, um so 'n bißchen auf seine Kosten zu kommen.« Der Prophet schnipste mit Daumen und Mittelfinger. »Freut Euch doch, Moppchen!« »Freuen? Auf was denn?!« »Auf die heutigen Tage. Die grauen Fledermäuse revieren im Land daher, um Kirchtürme und Speicherluken. Mehr denn sonst. Die Luftkerfen sind gut geraten. Des freuen sie sich, und das besagt fette und bekömmliche Monatszeiten. Jegliches steht in Schwung und Schwanke. Auch die Guttaten des himmlischen Ernährers. Seine Botschaft ist zu uns gekommen, will über uns her wie die Flämmchen des heiligen Geistes in Jerusalem.« In seinen Augen begann es zu glimmen. »Die Mannskerle machen schon feine Gesichter, und den Weibsleuten wird's warm unter den Röcken. Sie werden sein wie die Hirsche und die Hirschkühe, die, die Wildfänge hoch, durch die Gestelle der Loddenheide trenzen und nach Vereinigung schreien ... und wenn ich Euch so im Stillen betrachte, dann muß ich immerhin sagen ...« Moppchen Winkelsett legte ihr Strickzeug ab, wie im Erstaunen. Dann klingelte sie mit ihren schweren Ohrgehängen. »Dusentschuer, was müßt Ihr denn sagen?« »Allerhand Achtung, Ihr seid lieblich anzusehen, properer als ein Viölchen an der Kanonengräfte. Ihr sitzt schön in der Wolle, ungefähr so wie 'n Hämperlingsweibchen im Rübsamen. Gleichsam aus dem Hohen Lied des Königs genommen, bloß etwas saftiger und mehr in die Breite gehend. Etwa so ...« und er stellte die beiden grapsigen Handflächen rundlich gegeneinander, als wäre er just dabei, 'nen Riesenkürbis, den die Pflanzengelehrten als Cucurbita maxima ansprechen, von irgendeinem Gartenmäuerchen zu heben. »Laßt man, laßt man, mein Täubchen! So was darf nicht im Verborgenen blühen, nicht elendiglich dahinwelken, muß an die Luft, unter Bebauung und Pflugmesser, um Sion und dem neuen Tempel zu dienen.« Er lachte. Moppchen Winkelsett streckte ihm entsetzt die Hände entgegen. »Lasset mich aus – Ihr! Lasset mich aus! Meine Zeit ist um. Mit den Mannskerlen hab' ich nichts mehr zu schaffen.« »Abwarten, Moppchen! denn wenn Johannes Leydanus es will und der Engel über Euch hinschattet, ich meine, wenn die Gebote es so anordinieren ... Dann aber, Moppchen, denket an mich, auf daß ich Euch zur richtigen Stunde alle Kostbarkeiten und Raritäten über und über vergolde." »Mensch – Ihr!« »Laßt gut sein. Der Lateiner sagt: Domine, libera animam meam a labiis iniquis et a lingua dolosa. O Herr! rette meine Seele vor frevlerischen Lippen und einer gleißnerischen Zunge. So richtig, denn ich habe keine frevlerischen Lippen, auch keine gleißnerische Zunge. Ich spreche Wahrheit und Lauterkeit. Drum denket an mich, wenn's nottut. Besonders an die Kostbarkeiten und Raritäten, denn der König hat mich gesetzt über alle Vergolder des neuen Reiches.« Moppchen warf sich erregt in ihren Lehnstuhl zurück. Ihr Busen war eine einzige Dünung, wie die Nautiker eine solche Erscheinung zu nennen pflegen. Ihr Blick bohrte sich tief in den des Propheten. »Dusentschuer, ich muß Euch was sagen.« »Men to. Was wollt Ihr denn sagen?« »Aber Ihr dürft's nicht verübeln.« »Ich verübele niemals.« Er hob die Schwurhand: »Niemals! ich nehm's auf die Gabel.« »Na denn ... Ihr seid das, was sie von Bänatz Derken berichten.« »Was berichten sie denn von Bänatz Derken?« »Bloß dieses«, und die würdige Matrone löffelte frisch von der Leber herunter: »Achter usse aolle Kerken Liggt begraven Bänatz Derken, In sien Jugend wass' t 'n Ferken, In sien Aoller wass 't 'n Swien – O Här, watt mag he nu woall sien?!« Da strudelte der Prophet von der Wirtshausbank, als wäre ihm irgendein stechendes Reptil unter das Sitzfleisch geraten. »Moppchen, dann 'ne Frage.« »Bitte.« »Könnt Ihr's mit 'nem Mannsmenschen aufnehmen?« »Mit zehnen.« »Auch mit mir?« »Warum nicht?« »Ich meine mit den ehrlichen Bettposen und sonstigen Zutaten?« »Pfui über Euch!« »Hei, du leckeres Wachtelhühnchen, du Schmalzlerche, du delikater Krammetsvogel, das fehlte mir gerade!« und Dusentschuer, der Prophet, nein, der münsterländische Jamnitzer, der westfälische Benvenuto Cellini, der Mann mit dem Haupt eines Michelangelo Buonarotti umarmte die Wirtin und klebte ihr einen herzhaften Kuß auf die prallen Weichselkirschen, daß es so knallte. Mit einem Satz war sie auf. »Fort, Ihr heilloser Schlecker, Ihr Weibsverführer!« und im Entsetzen stand ihre Zunge still, wie die Sonne auf Josuas Geheiß stille stand zu Gideon und der Mond im Tal Ajalon, als er die fünf Amoriterkönige schlug mit der Schärfe des Schwertes, sie trieb über Beth-Horon bis Malkeda und weit darüber hinaus. Währenddessen hatte Dusentschuer sich in den majestätischen Sessel geworfen, ihr den rechten Arm um die opulente Taille geschlungen. »Hei, du mein Hühnchen!« »Lasset mich aus! Ihr seid ja schlimmer wie 'n Miezekater in der Ranzzeit.« »Bin ich auch, Moppchen! Aber warum diese Umstände? Gott hat es wollen. Der Cherub mit den siebenfältigen Schwingen erleuchtete mich, wird auch dich noch erleuchten. Ich bin auch nicht so ohne. Habe mein Auskömmliches. Also in Gottes Namen: schmeißen wir einfach unsere Speckseiten und dicken Bohnen zusammen, auf daß es uns wohlergehe und wir noch lange leben auf Erden.« Moppchen Winkelsett warf ihm einen vielsagenden Blick zu, entblätterte sich gleich einer Pfingstrose, Blättchen um Blättchen, Stielchen um Stielchen, so daß sich ihm ihre Seele splitterfasernackig anpräsentierte. »Ach du!« seufzte sie schließlich und warf sich ganz durcheinander auf den Schoß des münsterländischen Benvenuto Cellini, als hätte sie endlich für ihr Jungferntum, für ihr Sehnen und Hoffen das richtige Deckelchen, den zuständigen Mann und das einzigwahre Dekoktum gefunden. »Ja«, rief sie aus, so recht aus tiefstem Herzen heraus, »ja, schmeißen wir unsere Speckseiten und dicken Bohnen zusammen. Der ›Krug Über dem Wasser‹ ernährt seinen Mann. Du dito desgleichen. Also warum nicht?! Ich bin immer offö und allzeit zu haben«, und unter diesem Zusammenschmeißen der Speckseiten und dicken Bohnen erhob sich ein Schnäbeln und Summeln, ein Streicheln und Schmeicheln, so da kein Ende nehmen wollte, bis der Prophet endlich Atem schöpfte und sich gezwungen sah, in die Ferne zu lauschen. Auch Moppchen Winkelsett wurde aus dem traulichen Gesäusel ihres Minnegärtleins gerüttelt, denn mit einem Male und dem Sturmschritt eines aufziehenden Wetters kam es die Jüdenfelder Straße herauf, unaufhaltsam, mit lautem Geschrei und hellem Weiberlachen dazwischen. Der Prophet schlug das Fenster zurück, lehnte sich auf die Straße hinaus ... Mit Zinken und Querpfeifen drängelte es immer näher und näher. Die städtischen Musici bliesen auf. Fliegende Schleier und tanzende Weiber! Dusentschuer riß sich mächtig zusammen, zog Moppchen näher heran und lärmte ins Freie hinein: »Hello! das sind ja die Schäfchen von Idachen Meerfeld und Sophiechen Langen aus dem Stift Über dem Wasser! So richtig! Früher hieß das: Schlägt irgendein Nönnchen irgendwo auf andermanns Gartenland sein Wässerchen ab – nach Jahresfrist steht ein prächtiges Klostergewese an der nämlichen Stelle. Jetzt ist die Medaille auf die Butterseite gefallen, jetzt heißt das: 'raus aus dem Stift, wir wollen keine Kloster mehr haben, kein Pläsierchen ohne Mannsleute, denn auch wir fühlen den Stachel, den uns der himmlische Vater unter die Rippchen pflanzte; Freiheit wollen wir haben, Gleichheit und Brüderlichkeit! Und Dusentschuer lachte: »Höre bloß, Moppchen!« und mit hellem Kreischen und Jauchzen tönte es herüber: »Seid fruchtbar und mehret euch! Erfüllet die Erde! Auch wir wollen opfern, opfern gleich den übrigen Weibern, teilnehmen an den Freuden ehelicher Gemeinschaft. Ehre sei Gott in der Höhe!« und item und item ... die abtrünnigen Stiftsfräulein jauchzten und tanzeten näher, ohne Ermüdung, ohne sich durch das Schwelen und Schwallen des warmen Sommerabends irre machen zu lassen. Die Liebesgeister peitschten sie auf, drängten ihre Lustbarkeiten herausfordernd aus Fürtüchlein und Skapulieren, als wollten sie aus ihren marmelweißen Brüstchen die köstlichste Liebfrauenmilch an den Mann bringen. In Höhe des Kruges begannen sie eine Gaillarde zu tanzen, und als sie sogar auf den Gedanken verfielen, eine saubere Passionesa durch die Jüdenfelder Straße zu hüpfen, da hielt's Dusentschuer nicht mehr aus. Es kribbelte ihm in Armen und Beinen. Der Geist kam über ihn mit Brausen, mit der Gewalt eines Boreas. Seine Haare stellten sich hoch, ähnlich dem Haarwuschel des ägyptischen Gottes Chnum von Elephantine, der sich als Ziegenbock manifestierte. »Hello Moppchen! machen wir's ihnen nach. Und du – du bist prächtiger anzuschauen, hast mehr herzuzeigen wie die Stiftsfräulein der Ida von Meerfeld. Denke an Aarons Schwester, als sie das Schilfmeer und seine Gefahren hinter sich hatte, denn im 2. Buche Mose, 15. Kapitel, 20. Vers steht also geschrieben: Und Mirjam, die Prophetin, nahm eine Pauke in die Hand und alle Weiber folgten ihr nach mit Pauken am Reigen. Tue das gleiche, und lasset uns singen und tanzen. Das macht den Herzfleck nicht unruhiger.« Und Moppchen Winkelsett wurde gleichfalls vom Geist überfallen, ergriff zwei zinnerne Topfdeckel von der Feuerstelle, spreizte sich stolzer als eine Fasanenhenne, wackelte ins Freie, zinndeckelte, was das Zeug halten wollte, und gesellte sich mit Dusentschuer den Pauken am Reigen. »Ehre sei Gott in der Höhe ...!« Da gab's Leben in Münster, in Sion, im neuen Jerusalem. Türen wurden geschlagen, Fenster geöffnet. Was Beine hatte, stolperte über Dielen und Dörpel auf die Straße hinaus, schmierte sein Schuhwerk und sprang in den Reigen. Man wähnte, im Rosengärtchen Hinter der Mauer zu sein, allwo die fahrenden Fräulein die Viola ziehen, den Herzkönig auf den Tisch knallen, auch sonstige Kurzweil betreiben, so lästerlich wurden die Röcke geworfen, so schamlos stellten die Weibsbilder ihre Reize zur Schau, als seien sie willens, dem Satan zwischen Schierke und Elend die Kerze zu halten, sich von ihm die Hexensalbe benedizieren zu lassen. »Ehre sei Gott in der Höhe ...!« Die Passionesa ging weiter. Schon tanzte man dem Buddenturm und den Wällen zu, allwo die Stückknechte auf der Kreuzschanze bei ihren Mörsern und Feldschlangen hantierten, lauter junges Blut, in überschwellender Kraft und mit rassigen Adern. »Hello, ihr Kriegsknechte!« rief Dusentschuer sie an, »hello, ihr wackeren Schirmer des Königs der Könige, des Geweihten unter den Geweihten! kommt zu hauf und nutzet die Stunde, denn Gott hat es wollen!« Und sie ließen es sich nicht zweimal sagen, sprangen herzu und wählten sich ihre Tänzerinnen aus den Stiftsdamen und den sonstigen Schönen. »Gott hat es wollen! Gott hat es wollen!« Sehnige Arme packten zu und schwenkten die Weiber. »Ehre sei Gott in der Höhe!« Der tollsten eine war Moppchen Winkelsett. Ihre zweihundertundvierzig Pfund klevisch Gewicht wirbelte im Kreise herum, als wenn es ein Federspiel wäre. Ihre Brust stürmte, die blanken Augen stielten sich vor wie die von Krustentieren. Dazu sang sie ein Lied, das die Massen begeisterte. Alle fingen es auf und begannen zu singen: »Loat uß sing'n dat nie Leed, Nie Leed, nie Leed, Wat bi Mönster iß passeert: Von Pastoor sien' Koh! Trialo, trialo, Von Pastoor sien' Koh la loh! Trialo, trialo, Von Pastoor sien' Koh!« »Heilo Moppchen!« schrie der Prophet, »man immer so weiter, denn Mirjam, die Schwester Aarons, nahm eine Pauke in die Hand, und alle Weiber folgten ihr nach mit Pauken am Reigen ...« und sie gewahrten es nicht, daß in weiter Ferne eine dumpfe Glocke anschlug, daß sich ein Raunen und schwergefügiges Lallen breit machte, als säße Notker, der Stammler, am Buddenturm und spräche sein ›Media vita in morte sumus‹ in den werdenden Abend hinein, denn plötzlich tat Moppchen Winkelsett einen gellenden Schrei, warf die Arme zum Himmel, um wie ein morsches Stück Holz niederzubrechen... über sie hin aber jauchzten die Stimmen: »Trialo, trialo, Von Pastoor sien' Koh la loh! Trialo, trialo, Von Pastoor sien' Koh!« Dann aber... Ein frommer Landsknecht zog den Sturmhut herunter, faltete die Hände und sagte: »Die kann man nicht mehr in den Atem zurückpfeifen, denn sie ist befreit von allen Zinsen, Steuern und Salzgefällen, von allen Brüchten und Zehnten, die uns die Staatskrippensetzer und Parteibonzen aufhalsen. Amen.« Dusentschuers Herrlichkeit war aus. Er drückte Moppchen die starren Augen zu. Unter tiefstem Schmerz beorderte er einige Spießknechte, ersuchte sie um Samariterdienste. Sie folgten ihm willig. Unter seinem Geleit trugen sie die nunmehr Verewigte, sein Herzblatt, seine Schmalzlerche und Wachtelkönigin – trugen sie Moppchen Winkelsett dem jetzt verwaisten »Krug Über dem Wasser« entgegen. Nichts mehr, nichts mehr! Aus dem satten Schellengeklingel war ein wehes Sterbeglöckchen geworden... und dennoch: bald darauf – die Passionesa ging weiter, als wäre gar nichts geschehen zwischen Erde und Himmelreich. Siebentes Kapitel Es geht in Mysterien über mich hin. Ich höre Geigentöne, die sonderlich klingen, widersinnig, als würden sie von Gespensterfingern aus einer kranken Geige hervorgezaubert, als gingen sie über eine unermeßliche und tote Heide, wo Lemuren hinter abgestorbenen Ginsterbüschen kauern und sich grausige Geschichten erzählen. Ich sehne mich aus diesen Geheimnissen fort, aus diesen Schatten und Nebeln, die nichts Frohes und Zusprechendes an sich haben, sondern immer mehr in einen unheilvollen Taumel hineinführen. Nur Schatten und Schattenhände! Ich ersehne lachendes Leben, grüne Weiten, satte Weizenfelder, Frauen mit Blumen im Haar – duftende Blumen, Frühlingsblumen und Sommerblumen: Veilchen an verschwiegenen Bachrändern, Salbei und Tausendgüldenkraut, Rosen im prallen Sonnenlicht, Rosen in schwülen Sommernächten, die von Erinnerungen leben, von einer nordischen Königin erzählen, deren seidengesponnenes Haar in das sanfte Scheinen des Pollichtes hinüberfließt. Aber ich wartete vergebens auf die Veilchen an verschwiegenen Bachrändern, auf Salbei und Tausendgüldenkraut, auf Rosen im prallen Sonnenlicht, auf solche in schwülen Sommernächten. Der Mönch trat wieder in meinen Gesichtskreis. Er trug weißes Gewand, darüber schwarze Kutte und schwarze Kapuze. Jetzt weiß ich: ich hatte ihn noch kürzlich gesehen, aber jünger, viel jünger. Nicht als Dominikaner mit dem zerwühlten und zerrissenen Antlitz, sondern als Jüngling, eine Baldurgestalt mit den sieghaften Blicken eines revierenden Falken. Nur über das Wie und Wo konnte ich mir keine Rechenschaft geben. Es verschwamm mir in Spiegelungen und Spiegelbildern. Aber in diesen Spiegelungen und Spiegelbildern erschien aufs neue die Wachskerze, die schwere Wachskerze auf einem messingenen Leuchter, die klingend abtropfte und sich geheimnisvoll weiter bewegte. Erst schwelte sie nur, dann flämmerte sie, dann begann sie stärker zu leuchten und eine Lichtgarbe von sich zu geben. »Kommt«, sagte der Mönch, »wir haben keine Zeit zu verlieren«, und als wenn sich mein geheimes Wünschen erfüllen sollte – ich trat in ein pulsendes Leben hinaus, in Sonnenlicht und Sonnenfreude, die über die tausendjährige Stadt dahinfluteten, als wollten sie den Ernst der Tage und des furchtbaren ›Tut Buße‹ mit ansprechenden Farben und sonstigen Zieraten umkleiden. Seidenweiße und azurne Bänder flatterten unter dem Himmelreich. Die stolzen Giebelzeilen auf dem Prinzipalmarkt erstickten unter Blumengirlanden, unter Buchengrün, Stechpalmen und purpurroten Rosen, die noch im Tau des jungen Morgens tropften. Fahnen und Banner gaben sich ein Stelldichein in den lustigen Winden, die von den Feldern herüberwehten, gesättigt vom Überfluß des Sommerertrages und dem Gehummel der einheimsenden Bienenvölker. Von allen Türmen und Basteien wehten die Feldzeichen. Mit hellem Geknatter begrüßten sie die Loddenheide, die mit ihrem ersten Blütenschmuck aufwartete, als wäre ein Nordlicht über die unabsehbare Niederung gespreitet, höhnten sie die fernen Lagerzelte der Bischöflichen, die schweren Soldknechte, die Partisane bei Fuß standen, aber noch immer nicht wagten, das Kalbsfell rühren zu lassen. Sion lag so unerschütterlich unter dem Himmelreich, als hätten die streitbaren Cherubim und Seraphim zehnfache Gräben um sein Weichbild gelegt, es mit einem zehnfachen Mauergürtel umzingelt. »Ehre sei Gott in der Höhe!« Von allen Gassen und Gäßchen strömten die Auserwählten dem Prinzipalmarkt zu, staunten und sahen: vor dem städtischen Hause, dessen Giebel seinesgleichen nicht auf Erden hatte, prunkte das Wappen des Gewaltherrn Johannes Leydanus, waren die Throne des Königs und der Königin Divara gerichtet, erhoben sich die Sessel der Großen und Machthaber des neuen Staates, hielten Trabanten die Wacht, die Helleparten geachselt, ausstaffiert mit grün und kastanienbraun-geflammten Wämsern. Aller Augen richteten sich auf zum ersten Stock des städtischen Hauses. Hier schaute Divara von einem Erker aus auf das Brausen und Wogen zu ihren Füßen. Sie ergötzte sich dessen, winkte mit der ringgeschmückten Hand und ließ ihr silberdurchwirktes Schleierlein wehen. Sie harrte des Königs. Auf dem kupferroten Haar trug sie ein Krönlein, reichgefaßt mit edlen Steinen und sonstigen Kostbarkeiten. Hinter ihr blühte ein Kranz von holdseligen Weibern, die sich der Herr der Welt bereits aus eigener Machtbefugnis als Nebenfrauen zugelegt hatte. Divara freute sich ihrer nicht, aber sie duldete sie, sah mit gerümpfelten Lippen über sie fort und ließ sie gewähren. Neben ihr erhob sich die vierschrötige Gestalt des Propheten Dusentschuer, der ihr noch in letzter Stunde den entblößten Nacken vergoldet und mit zierlichen Kettlein umkleidet hatte. Es geschah mit zitterigen Händen, denn er hatte das böse Geschehnis in der Jüdenfelder Straße und in Nähe des Buddenturmes noch immer so recht nicht verwunden. Daß sein fettes Wachtelhühnchen sich unversehens und auf eine so tragische Weise aus den besten Haferparzellen davongemacht hatte, lag ihm schwer auf der Seele. Selbst das lockende Fleisch der Königin hatte ihm die Sinne nicht aufgeheitert. Jetzt erst bemerkte sie sein Verstörtsein und fragte: »Was habt Ihr? Ich sehe Euch verstimmt und mißmutig, als wäre Euch Böses geschehen. Ist es um dessentwillen, was Euch in der süßen Herberg der fahrenden Töchter begegnete?« »In der süßen Herberg der fahrenden Töchter ...?« fragte er mit aufgerissenen Augen. »Herrin, ich bin in keiner süßen Herberg gewesen, selbst nicht in meinen kühnsten Träumen.« »Aber ich hörte davon. Auch ein Prophet kann straucheln, sich zeitweilig seines ihm von Gott verliehenen Amtes in einer schwachen Stunde entäußern. Man sagte mir: eine besonders umfangreiche und angeregte Dame sei Euch dabei unter den Händen verblieben.« Ihr Wort war gütig, ähnelte einem sanften Flötenhauch oder dem Pfuitzen der Vögel mit den langen Gesichtern über einsamen Waldgestellen. »Herrin! es sind lästerliche Zungen, die Euerer Königlichen Majestät solches vermeldeten.« »Himmel, was ist denn geschehen?« »Herrin, nur Einwandfreies, wenn auch überaus Trauriges. Viel Leid und Not ist in mein Leben gefallen. Die adeligen Fräulein aus dem Stift über dem Wasser hörten von der Botschaft des Königs. Da kam der Geist über sie, so daß sie die Jüdenfelder Straße freiheitsselig herauftanzten, um eines Mannes teilhaftig zu werden. Desgleichen kam der Geist über Moppchen Winkelsett, denn wir fühlten uns innig verbunden, tanzeten mit, die Jüdenfelder Straße hinauf bis zu den Wällen, die an den Buddenturm und die Kreuzschanze stießen, sie als Mirjam, die Schwester Aarons, und alle Weiber folgten ihr nach mit Pauken am Reigen ...« »Und da?« fragte Divara, ein unterdrücktes Kichern zwischen den perlenweißen Zähnen. »Herrin, und da ...« und der Prophet ließ einen tiefen Seufzer dahingehen, als wäre ihm das gebrannteste Herzeleid angetan worden. »Herrin, und da ... in ihrer höchsten Begeisterung warf sie ihre Arme nach oben, wie in Anbetung zu Gott, und der Herr war barmherzig und geleitete das unberührte Weib, die Jungfrau unter den Jungfrauen und die Braut des Propheten in seine ewige Wohnung.« So Dusentschuer. Etwas Nasses tropfte in seinen struppigen Michelangelo- Bart. »Das lautet anders«, sagte Divara und fügte leutselig hinzu: »So müßt Ihr Euch anderweitig umsehen, um auf Euren Geschmack und Eure Kosten zu kommen, denn ich ließ mir sagen: Ihr liebet die Angereiften unter den Weibern. Solches ist wohl zu verstehen, denn solche sind meist von frommer und stiller Gemütsart. Auch wissen sie das Hauswesen traulich herzurichten, ihm eine freundliche Note zu geben. Schade, sehr schade um die Verblichene!« und die schöne Königin mit dem kupferroten Haar und dem preziösen Krönlein auf dem schmalen Haupt hätte ihm noch des Längeren zugesprochen, wäre nicht in diesem Augenblick ein mächtiges Getöse und Rasaunen von den Wällen herunter gekommen. ›Jans Pumpernickel‹ tat das Maul auf und brüllte. ›Männe Ungeschlacht‹ tat's ihm nach, aber sein Brüllen war wie das Brüllen des Untiers in der Apokalypse. Die Grundfesten Sions schüttelten wie bei einem Beben. Es war der Auftakt zur Sitzung des Königs. »Kommt, Dusentschuer«, sagte Divara. »Wir dürfen nicht zögern. Geleitet mich zu ihm«, und sie hängte sich ein, und von den Nebenfrauen gefolgt, deren dünnes Kleidergespinst die liebe Sonne durchspiegelte, trat sie hinaus in Gottes heilige Morgenfrühe. Johannes Leydanus harrte bereits auf dem Gesteiger, begrüßte sie und die Nebenfrauen und hieß sie sich setzen zur Linken des eigenen Thronsitzes. Er selber blieb stehen. Sein stahlblaues Auge flackerte über die Menge, revierte hierhin und dorthin, faßte seinen Mann und ließ ihn eine geraume Zeit zappeln, um ihm dann wieder Raum und Freiheit zu geben, aber wen es gepackt hielt, dem rieselte es mit Eisnadeln über den Rücken. Und dieses stahlblaue Auge ... es machte Weiberherzen zu verbuhlten und närrischen Herzen, brachte Vernunft in Unrast und lächelte ohne viel Federlesens zu machen, Frauen- und Männerköpfe von den Schultern herunter ... und wie er so stand und seine Blicke flackern ließ: ein brausendes Hosianna schlug ihm entgegen, akkompagniert von allen Kirchenglocken, die von Morgen und Abend, von Mittag und Mitternacht die Macht und Herrlichkeit des Herrschers verkündeten. Regungslos fußte er auf dem mit Teppichen belegten Gesteiger, umgeben von seinen Getreuen und Ratgebern, als da waren: Knipperdolling in totschwarzem Samt, Krechting, der Kanzler, mit brandrotem Haar und listigen Äugelchen, der Prediger Rottmann, Hermann Wandscherer und noch viele, die zum engeren Ausschuß des hohen Rates gehörten, jeder den geschlagenen Wiedertäuferpfennig auf der Marderfellschaube. Einer stand abseits, gemieden und doch nicht gemieden, geruhsam, der verkörperte Tod, in rotem Wams und roter Kapuze, mit ausgeschnittenen Augenlöchern, genau so, wie er noch vor kurzem auf der höchsten Zinne der Mauerkrone gestanden hatte, die Fäuste um die Parierstange gelegt, das vorgeschobene Kinn in Höhe des Schwertknaufes. Meister Hans von der Grünen Stiege blieb der ruhende Pol in der ganzen Bewegung und Hegung. Der König machte eine kaum wahrnehmbare Geste, und wie auf ein zwingendes Geheiß des Schicksals schwiegen die Glocken in weiter Runde, wurden die Menschen ringsum zu toten Menschen, verstummten ›Jans Pumpernickel‹ und ›Männe Ungeschlacht‹, als hätte ihnen eine frevelhafte Hand die Zungen aus den Mäulern geschält. Johannes Leydanus ließ sich feierlich nieder. Mit beiden Händen umgriff er die vergoldeten Lehnen. In kurzen, abgerissenen Worten und Sätzen rief er mit heller Stimme über die Menge: »Nach alter Sitte und Satzung – ich halte Gericht ab. Hier ist die Stätte, das Gute vom Bösen zu scheiden. Die Wage irrt nicht ab, wiegt mit lauteren Gewichten, denn sie ist eine göttliche Wage. Als Vertreter des Herrn über den Weltenkreisen, ergeht meine Stimme: Wer Unrecht tat, der bekenne. Wer zu klagen hat, der klage, wem das Herz zu enge wurde, der trete vor, wem der häusliche Friede abhanden kam, der weise sich aus, auf daß Recht und Gerechtigkeit und gute Gewohnheit herrsche zwischen den Mauern.« Der Kanzler erhob sich: »Der trete vor, um Klage zu führen und Recht zu erwirken!« Und siehe: aus der weiten Hegung trat ein hohes Weib, verhärmt und verbittert, schlohweißen Haares und langsamen Fußes. Die nun führte einen fünfjährigen feinen Knaben an der Hand, blondlockigen Angesichtes, und schritt mit ihm dem teppichgeschmückten Gesteiger entgegen. Des Bübleins Augen glänzten groß und herrisch, wenn auch etwas verstört, aus dem trotzigen Kindergesichtchen. »Weib, was begehrt Ihr?« Die Ärmste schwieg vor den Worten des Königs. »Weib, was begehrt Ihr?« fragte der Herr des neuen Tempels zum andern. »Ich sehe: Ihr führt blaue Ringe um die Augen, dazu schneeweißes Haar – trotz Eurer Jugend. Es scheint so: Ihr habt schweres Leid zu ertragen.« »Ich trug es um meines Mannes willen, des Feldhauptmannes Peter van Kracht, der sich den Wiedertäufern verschrieb, als er erkannte, in ihrer Lehre ist das alleinige Heiltum zu finden.« »Und nun ...?« fragte der König. »Er fiel auf dem Felde der Ehre, Zaum an Zaum und Steigbügel an Steigbügel mit dem großen Propheten von Harlem. Mit ihm habe ich alles verloren.« »Vatti ist tot«, sagte der Kleine. Sein Mäulchen verzog sich zu einem bitteren Weinen. Der König stutzte. »Wie heißt du, mein Kerlchen?« »Wille van Tracht.« »So! und hast du deinen Vater gekannt?« fragte er leise. »Hab' ihn gekannt. Vatti war lieb.« »Und was willst du denn werden?« »Was Vatti gewesen: Hauptmann des Tönigs.« »Her, mein Junge!« und der Herrscher Sions riß den Knaben zwischen die Knie und küßte ihn heiß auf die Stirne. »Das blöde Volk vergißt. Seine Sinne wechseln schlimmer als die eines andalusischen Maulesels. Heute schreit es: Hosianna! anderen Tages bereits: Kreuziget ihn! Tagtäglich verdient es sein ehrliches Galgenholz, und solches Geschmeiß darf seine Stimme in die Schale legen.« Er packte das winzige Männlein beim rosigen Kinn. »Auf einen solchen Nachwuchs kann sich ein König verlassen.« Seine Rechte fuhr sacht über den Scheitel des Kindes. Die schweren Lider hoben sich wieder und sahen das Weib an. »Und Ihr – worüber habt Ihr zu klagen?« »Um Vieles. Um meines Leibes Notdurft und Ehre. Die Hiesigen vergaßen den gefallenen Mann, sperrten mir den Sold einer Witwe und hießen mich betteln gehen.« »Hunger!« sagte der Kleine. »Was?!« schrie der König. Seine stahlblauen Augen schienen blutunterlaufen. Die heißen Blicke suchten den Kanzler. »Krechting, was sagt Ihr dazu?« Der zuckte die Schultern. »Unerhört! Ich werde die Pfennigmeister befragen.« »Aber befragt sie gründlich, bis in die tiefsten Nieren hinein, daß sie Antwort oder Blut geben. Auch lasset sie wissen: noch einmal solche Hundsfötterei – und ihnen stolpern die Köpfe vom Leibe. Die ihr Leben für Sion ließen, werden erhöht und erhoben. Ihre hinterlassenen Frauen sollen nicht darben«, und zum Weibe gewendet: »Gehet! Das Recht soll Euch werden. Von nun an empfangt Ihr doppelten Witwensold, oder meine Rechte verdorre.« Noch einmal streichelte er über den blonden Scheitel des Kleinen und sagte: »Du sollst nicht mehr hungern.« »Danke, Herr Tönig.« Divara tupfte ihr Mundtüchlein gegen die Augen. Sie gedachte noch ein trostreiches Wort an die Frau des gefallenen Hauptmanns zu richten. Die aber war bereits mit ihrem Knaben in der Menge verloren und nicht mehr zu finden. Das Königsauge jedoch suchte die Stätte ab,wo die Säckel- und Pfennigmeister bei den öffentlichen Tagungen saßen. Ein Blitzen fuhr über sie hin wie ein Blitz im Gewitter. Da duckten sie sich, sahen sich an und machten Gesichter, wie sie die Juden bei der Bergpredigt machten. Und wieder die Stimme des Königs: »Wer Unrecht tat, der bekenne. Wer zu klagen hat, der klage, wem das Herz zu enge wurde, der trete vor, wem die häusliche Freude abhanden kam, der weise sich aus, auf daß Recht und Gerechtigkeit werde in Sion!« Der Kanzler erhob sich: »Der trete vor, um Klage zu führen und Recht zu erwirken!« Und siehe: einer löste sich aus einem nahen Menschenknäuel, ein stolzliches Männlein mit Spinnenwebhaaren und dem Gesicht einer Spitzmaus. Dessen Gang ging auf federnden Schuhen, als säße der aufgeblähte Hochmut in ihrem Brandleder. Es knarzte bei jedem Heben des Fußes. Der nun trat erhobenen Hauptes vor das mit Teppichen belegte Gesteiger und sagte: »Herr, ich bin Musikus, soll heißen: königlicher Flötist hier unter dem Bogen. Mein Leben ist dem Irdischen abhold, wohnt vielmehr in den Sphären der Ewigen.« »Sehr erfreulich zu hören. Und Eure Beschwerde?« »Herr, neben mir wohnt der Hutmacher Jodokus Schwarz. Der macht in Falbelhüten, Biberhüten und sonstigen Hüten. Das ginge noch an. Aber jede freie Minute, bis spät in die Nachtzeit, benutzt er dazu, leere Reimereien zu schmieden, auch selbige sich lauten Mundes vor die erregten Sinne zu stellen, als wären's Perlen aus dem indischen Meer. Vornehmlich sind's Rätsel und Vierzeiler, die er verfertigt, um sie fünfzigmal hintereinander an den Mann zu bringen. Und item und item ... noch kürzlich: ich war gerade dabei, ein zartes Adagio für die königliche Tafel einzustudieren, da beginnt dieser Schwarz mit einem Rätsel, das er im Kreise herumtrieb, als sollte es tollwütig werden. Natürlich blieb mein Adagio so gut wie verloren, blieb mitten im Dreck stecken, in Morastus und Mistus.« »Und wie lautete das Rätsel?« Der Flötist sagte grimmig: »Wirf mitten in den Ozean Ein kleines Hilfszeitwort; Als Herr und Lehrer wird es dann Erscheinen dir sofort.« »Und die Lösung davon?« »Meister.« »Gar nicht so übel. Und habt Ihr über sonst was zu klagen?« »Herr, eigentlich nein; denn ich bin ein genüglicher Mann, hause mit allen in Frieden und in erträglicher Selbstverleugnung, wie es sich geziemet für einen Gläubigen aus der Gemeine der neuen Lehre.« Johannes Leydanus maß ihn von oben bis unten. »Also sonst nichts zu klagen?! Dann macht Euch sofort auf die Strümpfe, Ihr heilloser Schwätzer, aber tragt Sorge dafür, daß Euer Adagio nicht im Mistus und Morastus stecken bleibt, es könnte immer geschehen, Euch in diesem Mistus und Morastus pfählen zu lassen. Bei nächster Gelegenheit – ich höre genau zu. Keine Note soll mir entgehen. Versagt Ihr – Ihr reitet auf einer räudigen Eselstute rücklings durch Münster, den Schwanz zwischen den Pfoten. Zwei Pauker voraus. Also empfehlt Euch. Ich will kein feiges Geschlecht in der Mauer. Man sollte vor Euch die Kirche verschließen und die Lichter ausblasen – Elendiglicher!« Ein helles Lachen erhob sich. Der etwas stolzliche Flötist sackte unter in diesem frohen Gewieher. »Krechting, was sonst noch?!« Und wieder die Stimme des Kanzlers: »Wer zu klagen hat, der klage, auf daß Recht und Gerechtigkeit werde in Sion!« Da trat ein mächtiges Frauenzimmer auf, ein Weib wie aus der Handpostille genommen, kernig und nicht unterzukriegen. Man sah es ihr an: wenn sie redete, so gab es grob Holz, wo sie den Fuß hinstellte, da vergaßen die Maisütchen, sich wieder aus dem niedergetretenen Grase zu heben. Die nun schob ihre majestätische Weiblichkeit dicht unter den Thronsitz und sagte mit dem ungenierten Gewutze der Säue: »Herr und König! ich bin gläubig bis in die Schlappen hinein, benenne mich Settken Niegentitt aus dem ›Hals‹, gelegen im Ludgerikirchspiel ... und hier ist mein Mann«, und sie schleppte einen Fünfkäsehohen vor Tribunal und Richterstuhl, so einen richtigen Stumpen, mit straffen Ohren, aber gutmütig bis zum äußersten Ertragen. »Herr und König!« geiferte sie fort und hieb in die nämliche Kerbe: »Diesem nun steigt seit etlichen Tagen der Hafer so in den Kopp, daß er sich bemüßigt fühlt, wie 'n verdammelter Hengst über Stränge und Latierbaum zu schlagen, obgleich ich Weibsbild genug bin, fünf solcher Kerle auf mein eigenes Konto zu nehmen.« Sie hatte Fett und Funken vor Augen. Um die feinen, mit zartem Flaum umgatterten Mundecken des Königs legte sich ein kaum wahrnehmbares Schmunzeln. »Man soll beide Parte hören«, versetzte er nach einigem Nachdenken. »Na, Niegentitt«, fragte er schließlich, »was habt Ihr auf die üble Nachrede Eures ehrlich angetrauten Weibes zu entgegnen. Aber bleibt bei der Wahrheit. Sie ist das Alpha und Omega der Tage.« »Herr«, sagte der Stumpen, und der fünfkäsehohe Malefizkerl reckte sich auf wie'n Pfauhahn über dem Eingangstor eines Bauernhofes, »Herr, bei meinem geweihten Buchsbaumzweiglein, mir ist das Frühjahr ins Blut geschlagen. Das ewige Einerlei im ›Hals‹ ist mir über. Immer bloß das Lärmen von Baßviolen und das von Aaskrähen im Hause geht mir über das Schluckzäpfchen. Man will auch mal 'nen munteren Stieglitz hören. Der munteriert einen auf.« »Weiß Gott«, fiel ihm die Klägerin ins Wort, »das stimmt auf den Tipfel, aber so reichhaltig, daß einem dabei die Haare zu Berge kriechen. Der geht an den ranzigen Speck wie 'n alter Kater an den Ballrian. Was die Großen aufstellen, das bekümmert mich nicht, geht mich nichts an, ist mir vollständig schnupper, denn mit den Großen kann sich unsereins nicht messen, indessen jedoch, was Jans Niegentitt aus dem ›Hals‹ mit mir aufstellen will, das ist aus des Teufels Unterfutter geschneidert. Maßt sich das Mannsmensch an, mir noch ein zweites und drittes Frauenzimmer an die Seite und in die Kammer zu legen, mir das eheliche Recht zu verlausen und Flöhe in meine Nachtjacke zu zaubern, um so den Pascha aller Türkenvölker in Münster spielen zu können. Aber laß ihn man kommen. Ich meine ...« Vor Grimm und Gram verstummte sie, als wäre ihr der Atem auf und davon gegangen. Sie schnappte nach Luft wie 'n Spiegelkarpfen zwischen Wasserlilien und Mummelblumen. Der König hörte über sie fort. Mit dem Schalk im Nacken wandte er sich an den Malefikanten. »Niegentitt, habt Ihr schon Umschau gehalten?« »Herr und König, ich tat es, denn es soll ja wohl 'ne himmlische Botschaft erschienen sein, die so was als gottwohlgefällig betrachtet, und da dachte ich mir: so 'ne mollige Rarität aus dem hochadeligen Stift Über dem Wasser ...« Er zoppte jählings zurück, als wären ihm alle Felle schwimmen gegangen, denn seine Lebensgefährtin, ein Weib wie aus der Handpostille genommen, war gerade dabei, vom Leder zu ziehen, den rechten Arm zu wuchten und ihm eine wohlassortierte Ohrfeige über die Wange zu striegeln. »Men to!« schrie sie los. »Immer men to! Aber kommst du mir wie 'n Pfingstvogel mit so 'nem Anhängsel dahergepfiffen, ich sage dir, Männe – Rattengift für dich und die Schlumpe! Ohne dieses sind deine Frühlingsbetrachtungen ...« »Ruhe!« donnerte der König. Ein Blitz zuckte von einer Schläfe zur anderen. »Herr und König, meine Dachpfannen sind heilig und meine Bekömmlichkeit ist ebenfalls heilig. Zwei Schinken in der Räucherkammer genügen. Mehr ist vom Übel. Das ›Mehr‹ holen die Fledermäus, vertragen mir meinen ehrlichen Namen. Was bleibt einem da übrig? Ohne Rattengift kann ich's nicht machen ...« und sie streckte die Arme und schrie in den Himmel hinein: »Nein, kann ich's nicht machen ...« »Aber ich«, sagte der Herrscher. Er warf den Kopf in den Nacken, dann führte er ihn langsam zur Seite. »Die bellt mir gegen 'nen Wind, dem ich nicht gewachsen bin. Redete einer mit Engelszungen dawider, es würde nichts fruchten. Da muß schon ein anderer gegenbellen.« Er nickte. »Meister Hans!« sagte er ruhig. Meister Hans aus der Grünen Stiege trat gemächlich vor, ohne viel Aufsehens zu machen. Mit gespreizten Beinen pflanzte er sich am Gesteiger auf. Feierlich legte er die Hand an den Griff des Schwertes. Ein kurzes Zucken – und ein schmaler Strich der Schneide wurde blank. Er harrte des richterlichen Wortes. »Dem Weib ist nicht anders zu helfen«, sagte der Herrscher. »Macht kurzen Prozeß und legt ihr den Kopf vor die Füße.« Die Schneide begann sich langsam zu strecken. »Kniet nieder!« »Mein Herr und mein König!« Die zum Tode Verdammte erstarrte, wurde zur Salzsäule. Gleich darauf stieß sie einen gellenden Schrei aus, strähnte ihr Haar wirr auseinander. Ihr Gesicht war weiß geworden, weißer als das Fleisch einer durchschnittenen Steckrübe. Dann stürzte sie vor, den Thronsesseln zu. Hier umklammerte sie den Schoß Divaras. »Herrin, Königin ...! rettet mich, helft mir ...!« Das Grauen des Todes senkte sich auf alle, die die weite Hegung umstanden. Kein Wort wagte es, auf die blutleeren Lippen zu treten. Nur das knieende Weib jammerte ohn' Unterlaß. Da sagte Divara: »Herr, vergebt ihr, um des Schreckens willen, den sie erduldete. Nehmt ihr das kalte Eisen aus dem Nacken. Ihr ist genug geschehen, denn sie ist schon dreimal gestorben.« Ihr Wort stand in Tränen. Johannes Leydanus erhob sich. »Das Weib gehorche dem Manne«, gebot er scharf durch die Zähne, »sonst geht jegliches seinen verkehrten Weg, ist kein Leben in der Stadt des heiligen Tempels. Die Tage reihen sich aneinander mit dem Gleichmaß von Kettenschaken. Der Ordnung gemäß. An jedem Tag aber hängen zwei Nächte. Diese Nächte sind nutzbar zu machen. Denn es sind ersprießliche Nächte. Warum es so ist, das wird Euch der Prediger Rottmann verkünden«, und dann zur Klägerin: »Ihr waret nahe daran, auf der Himmelfahrtsleiter in das ewige Dasein zu klettern. Vielleicht ist es besser da droben, vielleicht auch nicht. So Ihr aber gelobet, dem Manne zutunlich zu sein, seiner Kraft auch anderweitig Raum und Freiheit zu geben ...« »Herr, ich gelobe! Herr ...! Herr ...!« Es war ein Schrei, ein Befreiungsschrei aus der Umklammerung des Todes. »Dann gehet, haltet die Satzung und sündigt hinfüro nicht weiter«, und das Haupt des Herrschers wandte sich aufs neue an Krechting. »Noch sonst was?!« »Nichts weiter.« »So hat Rottmann das Wort«, sagte der König und setzte sich wieder. Und Rottmann erhob sich, legte die Falten seines schwarzen Gewandes zusammen und trat auf die Freiheit des Marktes hinaus. Seine Pulse hämmerten. Das Herz klopfte ihm bis zum Zerspringen. Aber seine Seele blieb ruhig wie die eines Kindes, das mit Kieseln und Wiesenblumen an einem Bachranft spielt. Sein Blick suchte den mit Teppichen behangenen Erker eines gegenüberliegenden Hauses ... und fand ihn ... und er sprach still vor sich hin: »Betet, auf daß euer Wunsch sich erfülle.« Ein feines Medaillengesicht verfolgte von hier aus jeden Schritt des Predigers. Zwei weiße Hände umspannten die junge Brust in tiefster Erregung. Und hinter dem Medaillengesicht ... »Gott schütze euch beide«, kam es von zuckenden Lippen. Inmitten der Hegung war eine Kanzel errichtet, mit Tüchern umkleidet, mit Sommerblumen geziert. Die nun bestieg Rottmann, und als er die einzelnen Stufen hinter sich ließ, brauste es ihm mit tausend und abertausend Stimmen zu: »Und täten sie auch fragen Mit vielen Worten gut, Ob Christus auch nicht wäre Von Maria Fleisch und Blut? Das hab' ich nie gelesen, Hab' ich vor ihnen bekannt, Wie soll der von Erden gewesen, Den Gott uns hat gesandt!«   Achtes Kapitel Der Himmel blühte in silberigen Blumen. Die hohen Giebelhäuser des Marktes standen in Licht und Glorie. In all den verflossenen Sommertagen hatte Münster nicht einen so verklärten Morgen gesehen. Weiße Tauben umkreisten in dichten Schwärmen den Turmhelm von Sankt Lamberti, gliederten sich zu langen Bändern und Streifen, zogen in hellen Geschwadern dahin, um auf leuchtenden Schwingen Gottes leuchtendes Angesicht über die Gläubigen, über klopfende Menschenherzen, über die Stätte eines benedeiten Geschehens zu tragen. Ja, das Himmelreich blühte. Lichte Kelche schaukelten sich aus der märchenblauen Höhe herunter, überschütteten Stadt und Land mit überirdischen Sternen, mit den Segnungen überirdischer Liebe und Duldsamkeiten. Das Reich Sion zeigte das Gesicht eines Gottgesandten. Meister Hans aus der Grünen Stiege trat wieder an seine frühere Stelle. Er und sein böses Geschäft wurde vergessen. Auch das Jammern des Weibes. Auch das Schmunzeln des heil aus der schlimmen Affäre gekommenen Jans Niegentitt. Nur die Worte der Königin blieben. Sie schmeichelten zwischen Himmel und Erde und waren wie die Stimmen von Äolsharfen. Sie sangen: »Herr, vergebt ihr, um des Schreckens willen, den sie erduldete. Nehmt ihr das kalte Eisen aus dem Nacken. Ihr ist genug geschehen, denn sie ist schon dreimal gestorben.« Und ihr wurde vergeben. Männer und Frauen standen im weiten Bering, die Blicke auf die Kanzel gerichtet, der Botschaft und des Wortes gewärtig. Die wühlende Erregung, die sich noch kurz zuvor wie eine häßliche Brandung vordrängte, ebbte zurück, gab einer hohen Erwartung Raum, kettete die Menschen enger zusammen, ließ sie an den Lippen des Predigers hängen. Dessen Sinne waren nach innen gerichtet, wo Sonne und Finsternis sich die Wage hielten. Die Hände auf das Holz der Kanzel gelegt, erfüllt von seiner hohen Mission und den Zweifeln, die manchmal über ihn kamen wie die ägyptischen Plagen, erwartete er den Geist ... und während er diesen erwartete, streckte sich Knipperdolling seitlich des Gesteigers in seinem totschwarzen Kleid. Das kurzverschnittene Haar stieß scharf unter der schmalen Kappe vor, die nur eine silberne Agraffe zierte. In dem düsteren, zur Seite gescheitelten Bart spielten die Lichter des Tages. Sie wurden zu Funken, die einen bläulichen Schein von sich gaben. Knipperdolling mit seiner wuchtigen Gestalt ragte über alle empor, die ihn umgaben. Er war wie König Saul unter den Seinen. Der nun wandte sich an seinen Nachbar und sagte: »Wandscherer, wir sahen uns lange nicht. Manch Wässerlein gluckerte derweilen vorüber. Das letztemal in der Sitzung mit Rottmann.« »Nein, wir sahen uns nicht – seit dieser Stunde nicht mehr.« »Damals nahm die Sitzung einen unerfreulichen Abschluß. Wort stand gegen Wort, Meinung gegen Meinung. Es waren bittere Augenblicke. Mein Herz bangte um Euch.« »So war es, Gestrenger.« »Das hat sich geändert.« »Ich hoffe dieses zu Gott.« »Es wird sein«, und der Schwertträger des Königs spielte verloren mit seinem goldenen Pfennig. Dann nach einiger Weile: »Ich hörte: heute wird Eure Tochter aufgeboten mit Raban von Bischopink von und zur Getter.« »So ist es.« Knipperdolling machte runde Augen. In ihrem dunklen Stern leuchtete es auf mit einem heimlichen Leuchten der Genugtuung. »Sie ist schön. Eure Tochter. Schön unter den Töchtern des Münsterlandes, schöner denn alle. Selbst der Liebe Abwendige werden in solchen Netzen gefangen.« »Das sagte schon Rottmann.« »Ja, Rottmann ...!« versetzte der Schwarze. Er lachte kurz auf. »Ihr trugt einen schmerzhaften Dorn im Fleisch. Mit einem solchen läßt sich nicht gut schlafen. Der quält Euch bei Tages- und Nachtzeit. Ich weiß es. Jetzt soll er entfernt sein – dieser Dorn.« »Wie meint Ihr das, Träger des Schwertes?« »Wie es so heißt ... trotz Eurer Gegensätze, Ihr und Rottmann habt euch auf einer annehmbaren Linie gefunden. Wenn man Rottmann kennt, ihm Herz und Nieren absucht, bis in die innersten Kammern vordringt – ich sage Euch, Wandscherer: seit Jesu Christi Leiden und Sterben ist solches nicht mehr unter der Sonne geschehen. Aber ich freue mich dessen, denn wollt Euch erinnern ...« und er näherte seinen Mund dem Ohre Wandscherers: »Nach jener Sitzung sagte ich still daher, wobei ich an Meister Hus dachte: Der trägt bereits das Totenhemd unter der Ratsherrnschaube. Ihm ist kaum noch zu helfen. Lasset uns beten ...« Der Mann im schwarzen Samt warf sich in seinem Sessel zurück: »Solches hätte mir die Seele zerrissen, wäre Euer allzufreies Wort offenkundig geworden. Gewiß, das Schwert soll regieren, wo's not tut ... und wenn es hier not tat – Fälle gibt's, wo man dem Schwert das Maul verbindet. Ich bin kein Lateiner, bin es niemals gewesen. Aber so viel weiß ich von der Domschule her ... Publius Virgilius Maro sagt an irgendeiner Stelle: Manet alta mente repostum , es bleibt tief in die Seele gesenkt. So hab' ich's gehalten – um Euretwillen." Er machte einen horizontalen Strich durch die Luft. »Gut so! Gut so!« sagte er heiser. Wandscherer tastetete nach seiner Hand: »Ich danke Euch, Knipperdolling«, und seine Zunge wurde schwer unter seiner Erregung: »Ihr meint es gut mit meinem Hause und mir. Es ist im Büchlein meiner Treue vermerkt und wird nicht vergessen.« »Laßt das. Ich habe wenig Anteil daran. Dankt Eurem Kinde. Es hat was an sich, was andere Kinder nicht haben. Auch Männer wie Rottmann sind sterblich.« Der Blick des Gewaltigen schweifte ab. »Wo ist Eure Tochter zu finden?« »Da drüben im Erker mit den buntfarbigen Teppichen.« »Ich sehe. Und Raban ...?« »Ist bei ihr.« »Geliebte ...!« Eine mächtige Stimme hub an, über den Marktplatz zu sprechen. »Ihr christlichen Mitbrüder, Freunde, ihr wahren Nachkömmlinge Abrahams, wollet mich hören.« Rottmann, der Prediger, hager und mager, der Mann mit dem Schwärmergesicht, das eine glutheiße, steinichte Wüste mit ihrem Sonnenbrand ausgedörrt hatte, der in bittersten Wintertagen nicht fröstelte, bei brütender Sommerhitze sich keines Schweißtüchleins bediente, revierte mit seinen eisengrauen Augen die Menge ab wie mit Falkenlichtern. Er wußte sich Herr seiner Kräfte. Er benutzte sie, wie ein Heerführer seine Truppen aufstellt und sie aufs beste verwertet. Bald plänkelte er, bald stürmte er vor mit fliegenden Fahnen, bald zog er sich auf seine Stellung zurück, um unwiderstehlich und letzten Endes auch das schwerste Hindernis aus dem Wege zu räumen. »Geliebte! Es geht ein frohes Offenbaren über das Reich hin. Keine Furcht wandelt uns an. Wir ähneln nicht denen, die da glauben, daß Christus von Marien menschliches Fleisch angenommen habe. Die es noch tun, haben das ewige Marterholz zu erwarten. Hinweg mit den Söhnen Esaus! Das Erbe gehört allein dem Samen Jakobs. Den inneren Feind überwanden wir durch die reine Lehre des Unerforschlichen. Den äußeren fürchten wir nicht. Da heißt es: Stirn gegen Stirn und Auge um Auge. Mag der Bischof, dieser Herzog des Unflats, dieser Verwüster in den stolzen Grafschaften der heiligen Überlieferungen auch Waffen gegen uns tragen, so reichlich wie die Perserkönige sie in altgeschichtlichen Tagen gegen das Volk der edlen Griechen aufbrachten, mögen seine Geschosse auch die Sonne verdunkeln, unsere Mauern zu brechen versuchen, daß die Ziegel und Dachpfannen ins Weite schnurren, gleich aufgestöberten Rebhuhnketten aus den Ackerfurchen – ungebeugten Mutes harren wir des Endes, des Endsieges; denn unsere Werke und Schanzen sind stark, unsere Wälle sind steil, unsere Gräben voll Wasser«, und seine Stimme brauste empor mit dem Flügelschlagen eines Adlers: »Wir haben den König der Könige, gesetzt von Gott und seinen himmlischen Thronen und Herrschaften. Er kennt die Pläne des Infulierten, seiner Helfer- und Helfershelfer, er setzt sein gutes Schwert gegen Carolum Quintum, diesen Antichristen und Verfechter des morschen römischen Stuhles. Er sucht ihm das lästerliche Haupt vor die lästerlichen Füße zu legen, auf daß sich der Schindanger färbe gleich dem Blutanger Hakeldama in Jerusalem.« Ein verhaltenes Jubeln und zusprechendes Raunen unterlief die Kanzel, setzte sich fort von einem Ende des Marktes bis dorthin, wo die Salzstraße sich abzweigte und Sankt Lamberti sein feingegliedertes Bauwerk in den silberlichten Azur emporsteilte. »Geliebte! Sorge jeder für sich, handle jeder nach der ihm überkommenen Arbeit und Werktätigkeit. Wer ein Schmied, der schmiede Wehren und Lanzenspitzen, wer den Fäustling zu tragen vermag, der trage den Fäustling, wer berufen ist als Samaritan, der pflege die Kranken und Weidewunden und bestatte die Toten. Seid friedfertig. Wer in der Fülle sitzet, sein Bruder aber darbet, der trage seinen überschüssigen Mist auf den mageren Acker des Bruders. Draußen bauen sie am Turmbau zu Babel; wir hingegen bringen Steine und Mörtel zusammen, um Sion als Feste aufzurichten, die ihresgleichen nicht findet unter den Sternen. Fördert Steine hinzu, Steine und Mörtel, bauet und laßt Senkel und Richtscheit nicht rasten, seid gleich denen, die die Starken in Israel hießen und zu sterben wußten, wenn es die heilige Sache erforderte. Bedenket, daß niemand gekrönt wurde, es sei denn, daß er sich die Krone erkämpfte. Fort mit dem dickwanstigen Priester, der, um Kriege gegen Sion zu führen, alle Schlösser der Diozös verpfändete, Kirchen und Kapellen ihrer Kleinodien beraubte. Führet Partisane und Morgenstern gegen Carolum Quintum, diesen Nimmersatt nach Weiberschönheit, diesen Heuchler und Verdreher der Wahrhaftigkeiten, sobald es ihm beifallen sollte, seine Troßknechte in Marsch zu setzen. Auf, auf, ihr Anabaptisten! Wir Täuferischen sind nicht vom Satan und seinen bösen Werken geblendet, nicht prahlerischen Sinnes. Wir wissen: ohne Kampf kein Erleben, ohne Blut kein Heimsen einer tausendfältigen Ernte ... und wir wollen eine tausendfältige Ernte. Aber um die zu gewinnen: Äxte und streitbare Männer sind nötig, diese Äxte unseren Widersachern in die Nacken zu setzen, die neue Lehre über den Erdkreis zu tragen. Her, her! und lasset euch sagen: Der Herr über den Wolken gebietet, und sein Cherub mit den siebenfältigen Schwingen rauschte hernieder, um unserem König und Propheten die Botschaft zu bringen.« Seine hageren Arme hoben sich auf und senkten sich wieder. Seine Hände ballten sich, um sich aufs neue zu öffnen. Seine Stimme rollte dahin, als würde ein schwerer Kriegs- und Sichelwagen über einen Knüppeldamm in Stellung gefahren. »Geliebte! Unser Herr und König, Johannes Leydanus, wandelt durch Licht, durch ein unendliches Meer der Erkenntnisse, den lauteren Blutzeugen gleich, den Wer-da-Rufern des himmlischen Vaters – dreitausend zur Rechten, dreitausend zur Linken, in blauen Kettenhemden, angetan mit züngelnden Schwertern und leuchtenden Lanzenspitzen. Als Gottsucher und Gottfinder sind ihm die Dudelsackpfeifer ein Greuel. Um solche hofieren nur Kleingläubige und Leisetreter. Gottsucher und Gottfinder wollen Posaunen, Posaunen hoch vom Tempel herunter, wenn sie zum Synedrium rufen. Und die Posaune posaunte ihm zu, und die Stimme des Engels war bei ihm.« Und Rottmann, der Prediger, der Sprecher des Königs, der Unerbittliche mit den eisengrauen Augen, wurde zu einem Minderer und Würger ausgesäter Drachenzähne. »Weiber und Männer dahier, wagt nicht zu zweifeln, falls ihr nicht wollet, daß das Wort über euch komme, so da erschien an der gekalkten Wand im Palast des Herrschers von Babylon: Mene tekel upharsin! Gewogen und zu leicht befunden. Es ist schwer zu sagen, wo das Werk Gottes einsetzet und das des Teufels aufhöret. Hier aber spricht der leuchtende Cherub mit den siebenfältigen Schwingen, spricht durch den Mund eures Herrn und Gesalbten im neuen Tempel von Sion.« Und seine Stimme war stark wie der Tod, der über Gräber schreitet: »Kniet nieder und höret die Botschaft!« Es rauschte wie ein Meer von sinkenden Halmen. Eine ungrische Sense, so schien's, sichelte ihres Weges daher. Sie kam von Morgen und wandte sich dem Abend zu, aber mit der Schnelligkeit eines Blinkfeuers, das die weite Umgegend mit hellem Blitzen absuchte. »Kniet nieder und höret die Botschaft!« Und tausend und abertausend knieten am Boden, durch die ungrische Sense in die Knie gezwungen. Alle, die da knieten, die da am Boden lagen, die da die Erde küßten, die Arme gespreitet, die Stirnen auf den Pflastersteinen, erschauerten unter den Worten des Mannes, dem die Kälte nichts antat, vor dem die Hitze abprallte gleich Eisgraupeln vor Panzerringen. »Geliebte! Licht schüttete vom Himmel herunter. Aus diesem niedergeschütteten Licht drangen die Worte: höre mich Sion! Gott hat dir die Wege geebnet, dich in den Garten geführet, den die Kundigen und Lichtsucher mit ›Eden‹ bezeichnen. Der Unflat und Schmutz der Zeiten liegt hinter dir. Du sollst ewiglich leben ... und daß du es kannst, hause und halte haus, wie die Patriarchen und Könige des alten Bundes es taten. Streue deinen Samen auf Ackerkrumen, die eine vielfache Ernte versprechen. Nicht auf Sand oder auf die ausgebrannten Schlacken, die das tote Salzmeer umlagern; dort gedeihen nur Asphaltbrocken, nur Sodomsäpfel, die einem unter den Händen zu Asche und Staub zerrieseln, zu Nichts werden. Alles Sonstige der Seele, der Anschauungen ist vom bittersten Übel, ist Eitelkeit über Eitelkeit, Verschwendung des köstlichsten Gutes, so ihr in euch berget. Ich bin das Wort und die Herrlichkeit und die Macht des ewigen Gottes, und wer meinen Worten nicht folgt, der trägt seit Anbeginn die Felonie zwischen den Rippen, der hebt das freche Fanal des Antichristen gegen die Menschheit auf. In dem Wachsen des Volkes allein liegt die Stärke des neuen Tempels. Drum ist Befehl des Cherubs mit den siebenfältigen Schwingen: Jedem Manne des berufenen Geschlechtes wird hiermit geboten und nicht nur verstattet, sich mehreren Weibern beizulegen, ihnen beizuwohnen, mit ihnen in treuer ehelicher Gemeinschaft für die Wehrhaftigkeit der einzig neuen Lehre Sorge zu tragen. Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden. Eher verdorre die Hand, werde das Licht in Finsternis verkehret... und so gehet denn hin und befolget die göttliche Satzung. Wachset und mehret euch und erfüllet die Erde!« Und Rottmann streckte die Arme. »Also geschehe es im Namen der großen Einheit, der heiligen Dreifaltigkeit. Lasset uns beten!« und er betete das Vaterunser mit verzehrender Inbrunst ... und während er betete, war ein Schluchzen zu seinen Füßen, ein verhaltenes Stammeln, ein ersticktes Aufbegehren der Sinne und des Fleisches, ein verstecktes Suchen nach den Freuden des irdischen und überirdischen Paradieses, bis jählings Himmel und Erde unter einem einzigen Jubel erschütterten: »Also geschehe es! Wachset und mehret euch und erfüllet die Erde!« »Erfüllet die Erde! Erfüllet die Erde!« »Mehret euch, ihr Kinder Israels, auf daß es euch wohlergehe und ihr ewiglich lebet!« »Ehre sei Gott in der Höhe!« und die Pauker und Zinkenisten des Königs fielen ein und trugen das ›Ehre sei Gott in der Höhe‹ weit hinaus, über Schanzen und Gräben bis hinein in das Geläger der Bischöflichen, in die Reihen der Söldner und Stückknechte, die sich weidlich erstaunten über den Jubel in der Stadt der Wiedergetauften und des auserwählten Volkes. Es waren aber auch Flüche darunter, Verwünschungen, Lieblosigkeiten, die sich in den Boden hineinfraßen, aus Furcht, offenkundig zu werden: »Wehe! Wehe!« Aber Rottmann hörte sie dennoch. Sein Zorn flackerte auf. »Wer murrt da?!« rief er von hoher Stätte herunter, schlug die Ärmel seines schwarzen Kleides zurück, rumpelte mit harter Faust auf das Kanzelbrett und donnerte über Gerechte und Ungerechte: »Wer nicht eins mit mir geht, der hebe den Stein auf und schleudere ihn gegen den Engel des Lichtes. Es wird ihn gereuen. Ihr Kleingläubigen – ihr! Aus euch sprechen die Kakodämonen Asmodi, Pampholini und Grimaldi. Mit meinen Schuhen – ich werde euch und ihnen die Köpfe zertreten. Soll ich über euch schreien: Gewogen und zu leicht befunden?! Wenn ja – ich werde gebieten: Meister Hans aus der Grünen Stiege waltet Eures Amtes, auf daß geschehe, was rechtens; denn Gott will Blut, wenn es die heilige Sache erfordert«, und sein Auge sichelte über die Murrer und Widersacher dahin, als säße ihnen bereits das blanke Gespenst im Nacken – das Schwert, der Hinwegnehmer aller Zinsen und Zehnten, der Tilger und Zerstörer aller sündigen Gedanken und Werke. Und siehe: die Widerspenstigen flehten mit kreidigen Gesichtern um Gnade und Barmherzigkeit ... und eine Stille war ausgetan wie die in der Grabkammer der Verwesung. Und in diese Stille hinein ... Rottmann stand wie ein Pfahl auf der Kanzel. Seine Stimme brauste gleich einer Domorgel zu Gott und seinen ewigen Thronen und Erzengeln: »So ist die Botschaft des Cherubs Gesetz und Satzung geworden. Sion mag sich des heutigen Tages erfreuen. Kommet zu hauf und singet mit mir: Und täten sie mich fragen, Wer unser Hauptmann wär', Ich tät zu ihnen sagen: Christus mit seiner Lehr'. Der hat uns den Frieden gegeben, Der treue Heiland gut. Dabei begehr ich zu leben, Versiegel's mit meinem Blut. Amen ...« und während die Zinkenisten eine feierliche und getragene Weise anstimmten, sprach er in dieses sanfte Klingen und Tönen hinein: »Für den Eintritt in den Stand der Ehe biete ich auf: Die ehrsame Jungfrau Christine Rhoden mit Matthias Klostermann aus dem Kirchspiel über dem Wasser, Anna Moderson, Witwe Zeelenmaker, mit Lambert zur Hege aus dem Kirchspiel des heiligen Ludger, die ehrsame Jungfrau Gertrudis von Kerkering aus dem hiesigen Stift der adligen Damen mit Klotterberend, genannt Riemenschneider, aus dem Kirchspiel Sankt Lamberti, die ehrsame Jungfrau Elisabeth Wandscherer mit Raban von Bischopink von und zur Getter, aus dem Geschlechte der Erbmänner, des Rechtes Beflissener und Bakkalaureus der freien Künste, wohnhaft auf und zur Getter, die ehrsame Jungfrau Maria Drolshagen von der Engkinger Mühle, auf dem Felde, wo es beginnt in die Höhe zu gehen, mit Bernard Osnabrüg, dem Vorkostmeister des Königs, wohnhaft im Kirchspiel des heiligen Ägidius. Der Herr sei mit euch und mache euch fruchtbar gleich den Ähren des Feldes. Diese wollen nichts anders, als blühen, empfangen und sich der Mutterschaft beugen. Für sie sind schon die Scheunen gerichtet und die Tennen bereitet. Drum kommt zu hauf. Psalter und Harfen erheben für euch ihre Saiten. Vernehmet den Lobgesang, denn für euch ist heute der Tag der Freude und des Geschehens ...« und er ließ die Paare sich reihen, trat unter sie und sagte: »Folget mir, ihr Töchter und Söhne des neuen Tempels, auf daß Johannes Leydanus euch sehe von Angesicht zu Angesicht, eure Nieren erforsche und sein Zepter über euch strecke, euch segne mit der Hand des Gerechten und dem Atem des ewigen Lebens«, und die Paare folgten der Anweisung, reihten sich und schritten unter Führung Rottmanns, des Predigers, dem mit Blumen und Girlanden austapezierten Gesteiger entgegen, bei vollem Ruf der Zinken, der Flöten und der Hörner, die gar säuberlich und artig sich in die Herzen der Menschen einschmeichelten. »Nur stetig«, sagte Rottmann und trat an die Seite der jungen Wandschererin. »Lasset alles Bangen beiseite. Der Herr wird dich führen, der Herr wird auch in dieser Stunde bei dir sein, auf daß dir nichts geschehe an Sorgen und Anfechtungen.« Sie nickte ihm zu. »Ich danke Euch, Meister.« In weißem Gewand, in wehendem Schleier, das Kleid durch einen mit Steinen umkrusteten Gürtel gerafft, schritt die Hochgemute an der Seite Rabans, von dessen Barett die dunkle Schwinge der Bischopink aufragte, still und versonnen ihres Weges. Das trunkene Sommersonnenlicht überflutete sie, legte sich breit und schwer über ihre Flechtenkrone, durchstickte das weiße Gewand mit tausend und abertausend goldenen Splitterchen, machte sie wert und würdig, das Feuer eines Opfersteines zu hüten, ihm die Kraft des Nieverlöschens zu geben. Staunen ergriff die Menge. Sie reckte die Hälse, umfaßte die hohe Gestalt mit heißen Sinnen, mit den Augen der Freude und der innigsten Wertschätzung. War jemals in Münster so etwas an Frauenschönheit erschaut? War diese Wonneseligkeit nicht aus dem Himmelreich auf die Erde getragen, auf daß das Wort sich erfülle: In einem schönen Körper wohnt der Geist der Verheißung?! »Elisabeth Wandscherer, du köstliche!« »Elisabeth Wandscherer, du makellose!« »Elisabeth Wandscherer, du Gebenedeite unter den Weibern!« so raunte und flüsterte es um sie her, so mit verhaltenem Beifall wurde jeder Schritt ihres schmalen Fußes begleitet, ließen die Menschen nicht ab, ihr liebes Bild zu begrüßen. Johannes Leydanus stieg vom Gesteiger. Divara erhob sich, desgleichen die Nebenfrauen. Lichterschnüre von Perlen und Florentiner Steinen strahlten von ihnen aus. Es war das Glitzern von Myriaden Sonnenstäubchen. Die Blicke des Herrschers gingen den Aufgebotenen entgegen, wichen nicht um Haaresbreite von der Linie ab. Er musterte scharf. Äußerlich gefaßt, begann es in seinem Inneren zu stürmen, aufzubegehren. Das Weiße in seinen Augen nahm einen gelblichen Ton an. Auf ein stummes Geheiß war Rottmann an seine Seite getreten. In gewissen Abständen folgten sich die bräutlichen Paare. Der König fragte jedesmal nach Namen und Stand, und als dieses ihm wurde, hob er das Zepter und segnete im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Jetzt zuckte er auf. »Und diese ...?« fragte er mit fliegendem Atem. Dem Prediger lief es heiß über die Seele. »Herr«, sagte er bedrückt vor sich hin, »Elisabeth Wandscherer, Hermann Wandscherers einzige Tochter. Ihr kennt ihn ... und Raban von Bischopink, Erbmann von und zur Getter.« »Laßt sie verweilen.« »Bleibt«, flüsterte Rottmann und tastete bewegt nach der Hand seiner Schutzbefohlenen. Auf der Estrade streckte sich Divara. Sie spielte erregt mit ihrem preziösen Halsgeschmeide, das einem Gutshof an Wert gleichkam. Ihr stilles Gesicht war weiß geworden, als wäre ihm der letzte Blutstropfen aus den Adern genommen. Sie wandte sich jählings. Eine der Nebenfrauen reichte ihr eine Phiole mit zusprechenden Essenzen. Da erwachte sie ins Leben zurück. Mit einem tiefen Atemzug umgriff sie das Tun ihres Mannes. Dessen Augen kniffen sich ein. Nur ein Spalt tat sich aus, dünn wie ein grüner Seidenfaden. In ihm geisterte ein heißes Feuerchen in brennender Marter. »Also Elisabeth Wandscherer ...?« Er sprach es mit seltsamem Flüstern, wobei sich seine Blicke langsam erschlossen und die brennende Marter lebhafter wurde. »Herr, so werd' ich gerufen.« »Und seid die Tochter meines ehrenfesten Rates aus der Zwölfergemeinschaft?« »Herr und König, Ihr sagt es.« »Seltsam, daß ich Euch früher nicht sah. Kostbarkeiten soll man nicht im Schreine belassen. Es fördert den Schmelz der Perlen nicht. Eine kluge Hand stellt so etwas öffentlich hin, auf daß sich auch andere daran erfreuen.« »Herr, ich stehe dem höfischen Leben fremd gegenüber. Das Hauswesen nimmt mich völlig in Anspruch.« Ihre Unrast steigerte sich. Sie fühlte: der Herrscher entkleidete sie mit heimlichen und kühlen Augen, betastete sie mit den Sinnen eines Kundigen. »Das klingt ja so bieder«, sagte er lächelnd, »als wär' es am Herd einer braven westfälischen Kossätenfrau groß geworden.« »Es ist mein heißes Wünschen, schlicht und einfach zu bleiben.« »Und das bei all dieser Schönheit?!« »Herr ...!« Ihre junge Brust begann heftig zu stampfen. »Nur Ruhe. Junge Bräute verfallen leicht dem Fieber und der Unstetigkeit. Keine übertriebene Hast. Nur die Zeit bringt Rosen. Allzufrühe Sonnentage machen ihr Düften hinfällig. Drum liegt die Frage nahe: Wann gedenkt Ihr den Tag der Hochzeit zu begehen? Ich möchte nicht mit leeren Händen erscheinen.« Um die Mundecken des Königs kräuselte sich ein häßliches Fältchen. Er trat näher heran, so, daß er fast ihren Kleidsaum berührte. Das junge Weib begegnete ihm mit dem Aufgebot ihrer ganzen Willenskraft: »Wie es die Satzung zuläßt. Vierzehn Tage nach der Verkündigung, Herr.« »Ihr habt es eilig, Jungfer Wandscherer. Die hitzigen Tage sind einer jungen Ehe nicht zuträglich. Die erste Liebe wünscht kühlere Zeiten. Ihr solltet die Feier aussetzen. Auf später. Vielleicht wenn es herbstet und die Blätter fallen.« »Herr, es ist also beschlossen.« Das Feuerchen mit der brennenden Marter verstärkte sich. »Jeder Beschluß läßt sich ändern. Besonders dann, wenn der Gebieter des neuen Tempels es wünscht. Man soll dem König willfährig sein, nicht ihm das Wasser abgraben. Es sprudelt in meinen Sinnen mit dem Sprudeln eines frohen Wiesenbrönnleins. Ich möchte Euch eine Gnade erweisen.« Mit feiner schmalen und beringten Hand zog er einen Kreis um Hals und Nacken der Elisabeth Wandscherer. Sie zuckte unter der leisen Berührung zusammen. Alles Blut drängte stürmisch in die Herzgrube zurück. Mit bleichen Lippen stammelte sie: »Herr, ich flehe Euch an: Lasset uns, bitte, gewähren.« »Ehe zwei Tage versinken, seid Ihr anderer Meinung. Die Vorfreude ist tiefer und nachhaltiger als die gesättigte Freude.« »Herr«, wagte es der Prediger, sich ins Mittel zu legen, »ich prüfte jegliches. Es steht kein Ehehindernis an ... und was der Himmel zusammenfüget ...« Ein eisiger Blick fiel auf Rottmann. »Schweiget. Ihr seid nicht befragt. Der Ruf einer mißratenen Kammerbüchse liegt mir nicht so schwer auf dem Ohr als Eure unerwünschte Belehrung. Ich will nur ihr Bestes. Ich möchte diese Anabaptistin durch meine königliche Gnade erfreuen. Hoch und hehr soll sie an ihrem Hochzeitstage die Ringe wechseln. Ein Geschmeide aus meiner Hand ...« »Herr, laßt es anstehen!« Rottmann hob beschwörend die Rechte. »Was Teufel!« herrschte der König ihn an, »hat sich irgendeine Saatkrähe aus der Dawert nach hier verflogen, um meine Pläne zu durchkrächzen? Wir stehen hier nicht an der Klagemauer der Juden in Jerusalem. Es ist ein leeres Geschrei in düstere Schwaden hinein. Ich kenne das von Holland her. Alle unwillkommenen Rufe ersticken dort im dichten Nebel, versintern im diesigen Wetter. Ich will keine Luderkrähen hier hören. Nur die Stimmen von angenehmen Vögeln. Ich will Freude um mich haben und zuckende Lichter«, und wieder begann er mit schmaler und beringter Hand seine lüsternen Kreise zu ziehen. »Hierhin gehört ein neues Kleinod, ein fürstliches Geschmeid. Es fertigzustellen – darüber können Wochen hingehen. Also – es bleibt dabei: wenn die Blätter fallen ...« Er warf den Kopf herum. »Dusentschuer!« Der Prophet sprang zu. »Ihr hörtet?« »Herr, jedes einzelne Wort.« »Und Eure Ansicht?« »Herr, meine Kunst würde sich freuen. Sie wüßte keinen höheren Vorwurf aufzutreiben. Unter Gottes Beistand könnte es ein Wunderding werden.« »So nehmt das Beste aus meinem Perlenschrein und fügt es würdig dieser Anabaptistin. Ihr bürgt mir dafür.« »Ich bürge. Hier gehen Kunst und Schönheit Hand in Hand. Das Geschmeid wird sich um etwas Köstliches fügen.« Ein heiserer Laut sprang auf. »Herr, sie bedarf keines neuen Geschmeides.« Erhobenen Hauptes war Raban vor den Herrscher getreten. Das Barett mit der Rabenschwinge der Bischopink hatte er sich vom Kopfe gerissen. Keine Fiber zuckte in dem totenstillen Gesicht. Unter den starren Brauen jedoch standen verhaltene Blitze. Die wichen denen des Königs nicht aus. Der sagte: »Was maßt Ihr Euch an?« »Herr, ich wollte nur dartun: Elisabeth Wandscherer möchte den alten Familienschmuck der Bischopink tragen. Solches ist gleichfalls mein Wunsch und mein Wille.« In dem schmalen Gesicht des Gekrönten zeigten sich die Zähne wie die eines Wolfes, blanker und weißer als Elfenbein. »Ich sollte doch meinen«, sprach er mit erzwungener Ruhe, hinter der das Unheil grinste, »ein Schmuck, aus der Hand eines Königs gegeben, ist höher zu werten, als der aus der Truhe eines Erbmanns von und zur Getter, und wäre dessen Geschlecht noch versippt mit den Insassen der Arche des Erzvaters. Königsgeschenke erhöhen und prägen die Würde. Geschenke von adligen Knechten ...« »Herr, wir sind keine Knechte«, und der junge Erbmann war wie sein Ahn Wilderich Bischopink von und zur Getter, als dieser die Ärmel zurückschlug, die Faust streckte und sie dem widerborstigen Domkapitel vor Schläfe und Stirn hielt. »Nein, wir sind keine Knechte. Sind es niemals gewesen. Wir standen allzeit in Harnisch und Eisen. Das Geschlecht der Bischopink saß schon ritterlich im Sattel, als die Staufer noch kaum daran dachten, ihre Pfeile zu schäften.« Johannes Leydanus gefiel sich in einem herzlichen Lachen. »Hab' ich nicht recht mit der Arche?! Brav so! Immer den Kopf stolzlich im Nacken.« Das junge Weib schrie auf: »Raban ...! Raban ...!« Sie warf sich gegen ihn an, umschlang ihn, stammelte, flehte: »Raban, was tust du?!« und dann mit einem herzzerreißenden Lächeln zu Johannes Leydanus: »Herr, wollet ihm das nicht entgelten.« Ihre Worte zerrieselten unter leisem Schluchzen. Der gekrönte Prophet winkte ab. »Nur keine Unrast. Nicht jedes Verbrechen wird an Hand und Haupt gestraft. Wer im Drange der Jugend fehlt, wird milde beurteilt, hat das Recht für sich, nicht mit Apothekergewichten gewogen zu werden. Ein Weiser wägt weise. Um Euretwillen Elisabeth Wandscherer – ihm soll nichts Arges geschehen. Nicht um Haaresbreite wird ihm ans Leben gegangen. Wie allzeit – frei mag er die Tore passieren, bei Euch Einlaß begehren. Kein Spießknecht soll ihm den Freizug versperren; denn ich muß ehrlich gestehen: seine Antwort war offen und hatte Haare auf den Zähnen. Nur kann man bei einer solchen offenherzigen Geradheit elendiglich stolpern, denn solch eine Geradheit wiegt schwer. Selbst in der widersinnigen Fastnacht, und mir ist so, als stände der Erbmann noch in der widersinnigen Fastnacht. Aber um Euretwillen habe ich dieses Stolpern behoben«, und er zog jedes einzelne Wort über ein eisernes Haspelwerk, »denn wäre es anders – sein Kopf rollte ihm von den Schultern herunter und weiter so fort, als würde mit ihm Kegel geschoben.« Sein stahlblaues Auge züngelte auf. »Und Ihr, Raban von Bischopink ... also Euer Geschlecht saß schon ritterlich im Sattel, als die Staufer noch kaum daran dachten, ihre Pfeile zu schäften?!« »Ja, Herr.« »Das ist preislich zu hören, denn in einem solchen Geschlecht, in seinen Nachfahren muß dickes Blut rinnen. Indessen, solches tut es allein nicht ... und wenn ich über hundert Schlösser, über tausend und abertausend Dienstmannen geböte, auch Gold aus einem Sturzacker zu heben vermöchte, aber Schaden an meiner Seele erlitte ... Ach was!« und seine Stimme wurde scharf und zupackend wie eine Kneifzange: »Eins tut not. Eines bindet und verpflichtet. Und dieses Eine ... habt Ihr die neue Lehre gefunden? denn ohne diese ist jegliches wie auf dem Altare eines Götzenbildes geopfert.« »Ich suche noch, Herr.« Ein bitteres Lachen. »Also – Ihr sucht noch? Vielleicht betreibt Ihr dieses saubere Geschäft bis zum Jüngsten Tage, wo die Toten aufgeboten werden, Antwort und Rede zu stehen, sich zu rechtfertigen vor ihrem Tun und Lassen ... und habt die Stirn, nach dem geweihten Leib einer anabaptistischen Jungfrau zu tasten?« Er streckte die Hand, die zartgegliederte, beringte Hand, auf deren Wink sich eine Rose entfaltete oder das Eisen eines Harnaschers blank wurde. »Also – Ihr sucht noch? Auch eine Antwort. Dann sucht, bis Ihr findet. Das kann immerhin einige Weile anstehen. Und deshalb: warten wir ab. Bis zur Erkenntnis und dem rechtschaffenen Finden lege ich Hand auf die Jungfrau. Kein Wort mehr. Es bleibt dabei ... wenn die Blätter fallen ...« Der König wandte sich jählings. Sein Antlitz war blutübergossen. Ein heißes Fieber zermarterte ihn, ein heißes Fieber nach diesem Weib, schön wie die Königin von Saba oder Sulamith an den Rieselbächen des Jordans, wo die Turteltauben sich im Lande vernehmen lassen. Sein unsteter Blick suchte. Dann fand er. Er gab Knipperdolling ein Zeichen. Der schickte es weiter, und keine fünfzehn Herzschläge vergingen, da dröhnten drei Posaunenstöße hoch von Sankt Lambert! herunter – ein Zeichen dafür: »Geht alle nach Hause. Johannes Leydanus hat Sitzung gehalten.« Neuntes Kapitel Mit dem heutigen Tage erklomm der König des neuen Jerusalems den äußersten Gipfel seiner Gewalt und Machtstellung. Die Stadt lag ihm zu Füßen, und in Kraft seines Willens sandte er noch in selbiger Stunde seine Apostel nach allen Seiten der Windrose, um die neue Lehre auch in die äußersten Ecken seines ihm vorschwebenden Reiches zu tragen. Nach Soest oder der Mittagsgegend zu: Joachim Kosser, den Weber, Philippus Butendick, Lorenz Vischer und Thyß Ummegrove. Nach Osnabrück oder auf die Seite gen Mitternacht: Heinrich Brentrup, den Metzgergesellen von der Liebfrauenstraße, Dionysius Vinne aus Freckenhorst und andere mehr. Nach Coesfeld oder auf die Seite gen Abend: den Heribert Beckmann, einstmals Küfermeister in den Domkellereien, Bernard Focke aus Münster und sonstige Männer, die sich auf das Wort und die Bibel verstanden. Nach Warendorf oder auf die Seite gegen Sonnenaufgang: Jans Klopris, den Bartholomäus Neteler, im übrigen der ›Faule‹ aus Holland genannt, den Anton Taschenmacher, der als Faxenmacher und Komödienspieler die Märkte absuchte, auch sonstige Auserwählte, reich an Gaben des Verstandes und der zusprechenden Rede. Der Bischof blieb machtlos. Ihm fehlten die Kräfte, die Stadt völlig zu umzingeln, ihr die Zufuhr abzuschneiden. Aus- und Eingang zu unterbinden. Er raste in ohnmächtiger Wut und schalt die ihm benachbarten Kirchenfürsten, daß sie ihm gegenüber mit dem schofelsten Rader albus geizten, auch nicht entfernt daran dachten, die ihm zugesprochenen Fußvölker und Reiterfähnlein marschieren zu lassen. Zudem umschlich die Pest seine Zelte, stündlich bereit, sich das erste Opfer aus seiner Umgebung und den zunächst gelegenen Lagerstätten zu greifen. Die weite Stadt durchraste ein Freudentaumel, und wenn auch vielfach die verheirateten Weiber ob der neuen Botschaft Zeter und Mordio schrieen, sich auflehnten gegen Gesetz und Satzung, sich zuschworen, den Männern von nun an die eheliche Gemeinschaft zu versagen – über sie hin peitschte das Gelächter und Schellenklingen einer entblößten Mänade, die das Fleisch aufgeiferte, das junge Frauenvolk und die Mannswelt wirbelsinnig machte, mit Tollkirschkränzen um Schläfen und Schultern, alle Straßen des heiligen Münsters durchjubelte. Da saßen sie nun wie im sündigen Babel – die Mannstollen, und harrten der Dinge. Sie saßen unter glühender Sonne, in schattigen Lauben, in heimlichen Verstecken. Sie lächelten süß, sie streckten die Hände, sie lösten die Schnürengürtel, um das ewige Opfer zu bringen, im Namen Istars, der Großgünstigen, der Fruchtbringenden, der Beherrscherin der Sterne und des Himmelreiches. Der Cherub mit den siebenfältigen Schwingen schlug mit seinem Flammenschwert Feuer und Funken. Die hatten es in sich. Mit hellem Gestieb knisterten sie in die Herzen der Menschen, ließen die Sinne sich in ihrer eigenen Lohe verzehren. Bis spät in den Abend hinein wogte es in den Straßen bis in die kleinsten Winkel hinein. Weiber und Männer fanden sich, gingen zusammen, lachten und weinten. Dazwischen begeisterte Rufe. »Der Himmel steht offen!« »Was Gott vereinigt, das soll der Mensch nicht trennen!« »Wachset und mehret euch und erfüllet die Erde!« Waren auch viele dazwischen, die riefen: »Tut Buße! Tut Buße!« aber die entsandte Mänade peitschte unter hellem Gelächter und Schellenklingen die Büßerrufe hinweg, erstickte sie unter dem heißen Duft ihrer Tollkirschkränze, ließ Feuerpfannen und Ehrenlichter in den Straßen herrichten und aufzüngeln. In den Schenken, Herbergen und Garküchen war reges Leben. Ein stetiges Kommen und Gehen. Der Tag mußte gefeiert werden, denn der Glanz Sions stieg immer höher und höher, gleich vergoldeten Lerchen, die sich vom ersten Licht des jungen Morgens umschauern ließen. Bloß in der Jüdenfelder Straße stand der Krug der heimgegangenen Inhaberin verwaist und einsam. Kein Krüsel erhob sich über dem Rauchfang, kein Lichtschein spiegelte mehr durch die mit Blei gefaßten Scheiben; nur eine einsame Ratte saß auf der Anrichte und äugelte sehnsüchtig nach dem Brotspind herüber, ob's nichts zu beißen und zu brocken gäbe. Aber das Spind blieb verschlossen, denn Moppchen Winkelsett hatte sich nach dem erregten Tanz beim Buddenturm still auf die Socken gemacht und thronte nun fromm und weißgekleidet an den ewigen Tischen, um dann und wann 'ne Kyrieleissemmel in die Dickmilch zu stippen oder 'ne getragene Passionesa zu tanzen, wenn's an der Zeit war ... und hätte doch noch so gerne die irdischen Freuden einer gottwohlgefälligen Ehe durchkostet ... Aber wie dem auch sei: Moppchen war glücklich zu preisen, denn gleich nach ihrem Hinscheiden hatte Dusentschuer zwar eifrigst getrauert, der Verewigten nachgeweint, dann aber den saftigen Krammetsvogel und das leckere Wachtelhühnchen aus der Tabulatur seines weiten Herzens gestrichen. Am Abend nach der einschneidenden Tagung auf dem Prinzipalmarkt zu Münster verlegte er seinen Stammtisch in die Wirtschaft ›Zum halben Mohrenkopf‹, in der Marievengasse gelegen. Hier führte Bänatz Tenkhoff, auch der ›ägyptische Joseph‹ geheißen, das Amt eines selbstlosen Zapfers, ein Männchen wie Milch und Blut, rein in Gedanken und Werken, ein Junggesell aus dem lautersten Spiegel gepurzelt und mit einem Haarschopf behaftet, als wäre er frisch von der Flachshechel gekommen. Sein Wandel war einwandfrei, und als eines Tages der Prediger Rottmann vorsprach, ihm die Taufe zu geben, sträubte er sich mit Armen und Beinen, immerzu schreiend: »Wenn du mich wiedertaufen willst, so tu's im Namen des Satans, des Fliegenherzogs, denn im Namen Gottes habe ich schon längst das heilige Wasser empfangen.« Aber Rottmann ließ sich nicht irre machen, taufte ihn dennoch, taufte mit einer so herzgewinnenden Strenge und Hingebung, daß der Zapfer ›Zum halben Mohrenkopf‹ in die Knie sank und unter heißen Tränen gelobte, Gott und der neuen Lehre zu dienen, einer der Getreuesten unter den Getreuen des Königs zu werden, und siehe: seit dieser Stunde war der ›ägyptische Joseph‹ ein gemachter Mann. Sein Anwesen florierte, seine Kundschaft mehrte sich gleich den Geschwadern der gelblichen Prozessionsraupen, wenn sie gierigen Maules ihre Wanderungen beginnen. Nur der Anblick eines Weibes blieb ihm ein Greuel, denn er wußte mit dem besten Willen nicht, was er mit einem solchen Geschöpf von der anderen Fakultät aufstellen sollte. Aber treten wir ein!   Die drei Posaunenstöße von Sankt Lamberti herunter waren längst verhallt, gingen dahin, als hätten sie ›Männe Ungeschlacht‹ und ›Jans Pumpernickel‹ mit ihren unersättlichen Mäulern verschlungen. Ich fühlte mich taumelsüchtig von all den Geschehnissen, die ich wachen Ohres gehört und wachen Auges gesehen hatte. Als wir den Marktplatz verließen, der Mönch und ich, in die zunächst gelegenen Gassen einbogen, um dem Gewühl zu entrinnen, klangen mir noch immer die entsetzlichen Worte zu: »Wenn die Blätter fallen.« Auch der Mönch mußte sie hören, denn ein herzzerreißendes Schluchzen ging von ihm aus, das meine Seele zermarterte. »Wenn die Blätter fallen ...« Was hieß das alles, was sollte das alles?! Ich sehnte mich fort aus dem Bereich dieser schlichten und doch furchtbaren Worte. Immer nur fort von all diesen schrecklichen und unlösbaren Dingen, in deren Schatten ein tiefes und großes Trauerspiel schlummerte. Ohne Zweck und Ziel irrten wir scheinbar durch die vielfach gewundenen Straßen von Münster. Willenlos ließ ich mich führen. Die Himmelsbläue verlor sich, dunkelte ein. Ein diesiger Nebel umgeisterte uns. Die Uhren riefen von den Türmen herunter, als wenn ihre Stimmen auf Baumwollsocken gingen. Für Raum und Zeit hatte ich jegliche Besinnung verloren. Wo wir uns befanden – ich wußte es nicht. Wie spät es war – mir fehlte jeglicher Anhalt, und wenn ich die Turmuhren, die über uns laut wurden, befragte, so meldeten sie stets die nämliche Stunde, und diese Meldung erging sich in zwölf bis einundzwanzig abgemessenen Schlägen. Nur war es mir so, als begännen die Nebel sich aufzuteilen, vereinzelte Pünktchen sich in den klaren Flächen zu zeigen. Gleich spitzen Nadeln stichelten sie vom Himmel herunter. Der Mönch schluchzte nicht mehr. Er hatte sich wiedergefunden. Fest und herrisch ging sein Fuß über das Pflaster. Einzelne Weiber begegneten uns, Hübschlerinnen in grünen Wylen und andere Frauen. Unter ihrem Zeug brannte die Liebe mit der Inbrunst einer Lampe in einer frischzugerichteten Hochzeitskammer. Spießknechte zogen vorüber, gefolgt von Feldschlangen und Viertelskartaunen, die auf den Wällen in Stellung gingen. Bald darauf war das Himmelsgewölbe voller Lichter und Sterne. »Wenn die Blätter fallen ...« Ich dachte kaum noch daran, gelähmt von all den Dingen, die ich während dieses Tages durchlebt hatte. Der Mönch machte eine stumme Bewegung, bog in eine schmale Gasse ein, hielt den Fuß an und sagte: »Hier sind wir zur Stelle.« Wir befanden uns vor einem schmalbrüstigen Haus mit hoher Fassade. Über der zweiteiligen Tür brannte eine rote Laterne. In ihrem Schein schälten sich die Worte aus der Wand heraus: ›Zum halben Mohrenkopf‹, ›Wirtschaft von Bänatz Tenkhoff.‹ Rechts und links vom Eingang brannten die Fenster in heller Beleuchtung. Ein fröhliches Gewieher von Männer- und Weiberstimmen drang ins Freie, verstärkte sich unter dem lauten Getöse von Zupfgeigen und Narrenschellen. Die Marievengasse stand unter dem Zauber der Freude. »Treten wir ein«, sagte der Mönch. Alsbald saßen wir in einer verlorenen Ecke, unbemerkt von den Gästen, die hier die ihnen gewordene Botschaft und ihre Erfüllung hochhielten und in aller Feier begingen. Inmitten des gekalkten Raumes, der seine Decke durch zwei Stockwerke hindurchschob, thronte Dusentschuer mit seinen Getreuen an einer mächtigen Rundtafel. Von seinem Binsenstuhl aus sah er auf das laute Treiben der Zugeströmten, die nicht müde wurden, den heutigen Tag festlich zu begehen. Herren und Knechte, Hörige und Freie, Frauen aus den besseren Ständen, auch solche, die bisher die Not des Lebens durchkostet hatten, wirrten, sangen und plauderten hier bunt durcheinander. Neben ihm saß Jans Niegentitt, der Stumpen aus dem ›Hals‹, dessen Weib noch vor wenigen Stunden nahe daran war, vor dem königlichen Tribunal den Kopf zu verlieren. Er blähte sich wie ein Bronzeputer, immer dabei, Umschau zu halten, um aus den anwesenden Jungfern, die sich's ringsumher bequem gemacht hatten, eine regelrechte Wahl für sein liebebedürftiges Herz zu treffen. Aber schön mußte sie sein, feiner noch als die Töchter Israels im Reigen Davids, des Königs der Könige. Seine Äugelchen flinzelten hierhin und dorthin, gleich Glühwürmchen in schwülen Juninächten. Er flüsterte Dusentschuer sein Anliegen zu. Der lachte. »Men to!« rief er lustig über die Tafel hin, »schon bloß aus dem Grunde heraus, deiner Alten den Brotkorb höher zu hängen«, und mit stillem Behagen goß der angeheiterte Prophet sein Glas Altbier hinter die Binde. Die Wirtschaft ›Zum halben Mohrenkopf‹ hatte heute ihren glorreichen Abend. Der ägyptische Joseph feixte wie 'n selbstzufriedener Igel, dem es gelungen war, ein Mausenest mit sieben fetten, piepsenden, langschwänzigen Mäuschen aufzustöbern, wenn es ihm auch offenkundig gegen den Strich ging, so viele Weibsbilder in seiner Schenke zu wissen. Aber was half es?! Sie ähnelten den Rinder- und Pferdebremsen, die sich nicht mehr fortscheuchen ließen. Sie klebten, als hätten sie Fichtenharz an Schuhen und Hinterbacken. Mit seinen Zapfjungen hatte er alle Hände voll zu tun, frische Bullenköppe herbeizuschleppen, geleerte Gläser zu füllen, Schinken und westfälische Mettwürste aufzuschneiden. Er überkugelte sich, wirbelköpfig von dem heillosen Getöse, den lauten Zurufen und dem immerwährenden Rasseln der Narrenschellen, dem minnesüßen Lautenieren der Zupfgeigen. Unauffällig verkrümelte er sich in eine verschwiegene Ecke, willens, sich dort ein halbes Stündchen Ausspannung und Ruhe zu gönnen. Die Zapfjungen konnten ja inzwischen die nötigen Geschäfte besorgen. Aber sein ruhender Zustand währte nicht lange. Eine dröhnende Stimme bellte ihn auf. »Wo steckt der ägyptische Joseph?!« Dusentschuer hatte gerufen. »Hier, Herr, hier!« »Zum Kuckuck noch mal!« legte Dulentschuer los, »du solltest dich schämen, der Frauengemeinschaft allzeit aus dem Wege zu schwänzeln. Aber warte nur ab: irgend 'ne Potiphar wird dich schon bald beim Kanthaken fassen – du Lellbeck, infamer! Dir werden noch Beine gemacht. Das übrige folgt. Siehst du denn nicht?! Immer men to und schnäuze die Räuber von den Kerzen herunter, sonst kann Jans Niegentitt seine Auserwählte nicht richtig unter Beaugenscheinigung nehmen. Holla! men to!« »Gleich,Herr, gleich!« und während Tenkhoff und seine Gehilfen mit den Lichtputzscheren hantierten, wo's not tat, neue Kerzen aufsteckten und schließlich dem ›Halben Mohrenkopf‹ wieder zu einer freundlichen Helle verhalfen, ließ sich der Prophet mit dem Michelangelokopf also vernehmen: ›Na, Niegentitt, wo ist denn die Auserwählte aus dem hochadeligen Stift zu finden?« »Herr, da drüben an der äußersten Tafel.« »Welche denn von all den Raritäten und Kostbarkeiten? Ich sehe wenigstens sechs nebeneinander.« »Die zweite von links, Herr, die mit dem leckeren Schnäuzchen.« »Dann, Niegentitt, los denn dafür! Nur Mannskerle wie der ägyptische Joseph lassen so 'n Fettnäpfchen stehen.« Der ›Halbe Mohrenkopf‹ dröhnte. Eine mörderische Lustigkeit setzte ein. Mit Kirmestrubel, Babel und Bibel zog es vorüber. Die Frauenzimmer wollten sich schütteln vor Lachen, denn Jans Niegentitt aus dem ›Hals‹, der Stumpen mit den blankgeputzten Äugelchen, der Mann mit den ausgesprochenen Frühlingsgefühlen, ging straff und stramm der äußersten Tafel entgegen und brachte wirklich und wahrhaft den herostratischen Mut auf, sich kurzerhand neben die mollige Rarität zu setzen, ihr den Arm um die Hüfte zu legen, von artigen Dingen und den anheimelnden Sächelchen des täglichen Lebens zu sprechen. Anfangs sträubte sie sich. Dann ließ sie gewähren. Wie die Weiber so sind ... und Jans Niegentitt aus dem ›Hals‹ drückte ihr einen saftigen Kuß auf das appetitliche Mäulchen. »Heilo! Heilo!« Im ›Halben Mohrenkopf‹ begann es aufs neue zu toben. Gläser klirrten zusammen, Hochs wurden ausgebracht, die Kostbarkeit aus dem hochadeligen Stift emporgewuchtet und feierlichst durch Stube und Küche und wieder an Ort und Stelle getragen ... unter Hosiannarufen und dem Absingen eines Psalms des königlichen Tänzers vor der Bundeslade – eines Psalms der Kinder Korah, vorzusingen auf der Gitthit mit acht Saiten. Der ägyptische Joseph versalzte, als er das Draufgängertum Niegentitts gewahrte. Ihm war es, als sähe er durch einen hänfenen Strick, dessen Schlinge sich jeden Augenblick zuziehen mußte. Vor eitel Entsetzen ließ er einen frischen Bullenkopp, den er irgendwo zubringen wollte, auf den Estrich stolpern, daß er in hundert und aberhundert Teilchen zerscherbelte. »Niegentitt, Niegentitt«, schrie er mit aufgerissenen Lichtern, »wenn das Settken Niegentitt wüßte!« »Laß sie man wissen«, hielt ihm Jans stolzlich entgegen. »Der König selber hat mir das mit der Auserwählten verstattet, gewissermaßen unter Beistand des Engels mit den siebenfältigen Schwingen sein Siegel darunter gewächsnet.« »Hat er«, bestätigte Dusentschuer, »und mir liegt es ob, der Hochzeiterin, wenn es so weit ist, Hals und Brust zu vergolden, auf daß sie würdig werde, dem Reiche des neuen Tempels Frucht und Fülle zu geben.« »Soll sie, soll sie!« schrie es laut durcheinander. Kasserollen und Kannen deckelten gegeneinander, ein Spießknecht trommelte auf den Tisch, dabei das Lied der Bischöflichen zwischen den Zähnen. Alle sangen mit: »Wir zogen in das Feld, Wir zogen in das Feld, Da hatten wir weder Seckel noch Geld – Strampede mi A la mi presente al vostra signori .« Der Mann übertrumpfte sie alle. Er sang falsch, aber gediegen, und in diesen Höllenspektakel hinein, bei welchem der bocksfüßige Satan selber den Taktstock führte, schrie der ägyptische Joseph wie ein hingestrecktes Kalb, dem das Messer des unbarmherzigen Schächters bereits an der Kehle herumkitzelte: »Christus, Christus! soll mein ›Halber Mohrenkopf‹ zu 'nem Sodom und Gomorrha werden?! Nein, diese Welt, diese Weiber ...! 'raus mit dem Weibervolk!« »Halt!« donnerte der Prophet. Alles Blut schoß ihm zu Kopf. Mit beiden Händen fuhr er in seinen struppigen Bart, zerwuschelte ihn noch weiter und hob sich breit aus dem Sessel. Wie ein Pfahl streckte er sich; wie ein Pfahl im Schleusenwasser übersah er die Umwelt. Alles verstummte, denn jedereins wußte: der Prophet war eine verträgliche Haut, ein Mann, der mit sich reden ließ, auch ein Auge zudrückte, wenn es die Umstände erheischten; aber wenn ihn der Hafer stach, ihm eine widerborstige Ansicht entgegenstolperte, dann war es 'ne ungemütliche Sache, gemeinsam mit ihm durchwachsenen Speck und dicke Bohnen zu essen. »Bänatz Tenkhoff, tritt vor«, sagte er so ruhig wie möglich. »Tritt vor, du Bangbux, du Gottes Ebenbild, das die Rockschöße zusammennimmt, wenn ihm ein vollgemessenes Frauenzimmer begegnet und so zum Gespött wird von allen, die 'nen kurzen Verstand, aber lange Haare besitzen. Tritt vor, oder dich soll der leibhaftige Satan ...« und der Ärmste trat vor, dicht vor die Rundtafel, in Reichweite Dusentschuers, der ihm die derbe Künstlerpratze auf die Schulter legte und ihn mit seinen tiefliegenden Buonarottiäugelchen durchstichelte. »Tenkhoff, was heißt das: 'raus mit dem Weibsvolk?! Ohne dieses wäre die Welt, in der wir leben, ein elendig Ding, rettungslos dem Untergange verfallen. Mensch, versteife dich endlich, denn Zeit ist kommen, sich auf sein Mannestum besinnen zu müssen. Sonst: das Gericht kommt über dich mit der Schärfe des Schwertes.« Seine Stimme rollte. Der Blick Dusentschuers ging schon ins Prophetische über. »Herr, was begehrt Ihr von mir?« stammelte Tenkhoff. Sein Gesicht wandelte sich in graue Asche. »Dein erbärmlich Tun sollst du ablegen, den ägyptischen Joseph mit Haut, Haaren und Schwarte ausklinken, denn dieser ist vor Gott und den Weibern ein Greuel. Du aber bist noch schlimmer als der ägyptische Joseph. Selbiger ist doch wenigstens Vizekönig, so 'ne Art von Pharao bei den Pyramiden geworden, und du ... bloß Zapfer in der Marievengasse, und wenn die Wirtschaft auch gängig ist – mit 'nem ägyptischen Vizekönigtum läßt sich der ›Halbe Mohrenkopf‹ doch niemals vergleichen.« »Herr, was soll ich denn aufstellen?« jammerte Tenkhoff und hielt sich sein Bäuchelchen fest, als wenn sich 'ne richtige Pferdekolik im Anmarsch befände. »Ein Kerl sollst du werden«, rief der Prophet, »ein Kerl mit Marks in den Knochen. Sieh dir bloß Jans Niegentitt an. Obgleich er sich in schönen ehelichen Umständen befindet – kaum war die Botschaft heraus, kaum fand Johannes Leydanus es nötig, dem Reiche Sion hinsichtlich seiner Vermehrung sachlicher auf die Strümpfe zu helfen, gleich war er dabei, unter den sprudelfrischen Frauenzimmern seine Auswahl zu treffen. Brav so, Jans Niegentitt! und du ... und du ... und du ...« »Herr ...! Herr ...!« Im ›Halben Mohrenkopf‹ begann es zu wiehern. »Was Herr ...?!« wetterte der Prophet. »Keine Ausflüchte mehr. Dein Junggesellentum lamentierte schon längst durch die Wolken, gab Ärgernis bei allen, die sich in die Weste werfen und mit dicken Zöpfen aufwarten können. Heute ist deine Stunde gekommen. In deinen vier Pfählen und der Marievengasse wimmelt's von artigen Dirnen. Wähle, denn heute ist Wahltag. Strecke die Hand – und an jedem Finger klebt dir ein munteres Frauenzimmer. Wenn nicht – Botschaft ergeht an den König, an den Zwölfer Rat, und Meister Hans aus der Grünen Stiege weiß deinen Hals zu finden. Also wolle oder wolle nicht...« »Ich will!« wimmerte Tenkhoff. Das sonst so tapfere Männlein wie Milch und Blut war ein Zerrbild seines früheren Ichs geworden. »Heilo! wie ist mir?« »Ganz trefflich!« hielt ihm Dusentschuer entgegen und rief über Tische und Bänke hin: »Holla, heda! wer von euch, ihr ehrsamen, großgünstigen und herzerquickenden Jungfern, wagt es, sich mit den eigenen Schinken auf die Binsenstühle des ›Halben Mohrenkopfes‹ zu setzen, selbstverständlich als Zapferin und biedere Hausfrau?!« Er klatschte laut in die Hände. »Zum ersten, zum zweiten ...!« Er lachte. »In der Marievengasse haust sich's gut beim ägyptischen Joseph. Also zum dritten und ...« Vier dralle, mannhafte und quicke Weiber kamen auf den ersten Anhieb gesprungen: die erste etwas allzu sehr in die Länge geraten, die zweite sanft, dazu lieblich anzuschauen, die dritte rassig wie 'n Angorakarnickel, die vierte aber, die vierte ... »Eine genügt vor der Hand«, erklärte der Prophet, »denn mit vieren auf einmal wird er nicht fertig. Sie kehren ihn und seinen inneren und äußeren Menschen von oberst zu unterst, lassen ihm kein ganzes Haar mehr am Leibe. Dem ist Rechnung zu tragen«, und mit salomonischer Weisheit, indem er auf die vierte deutete, entschied er: »Hier diese, sonst keine«, und siehe: eine stattliche Jungfer, blond wie ein eben aufblühendes Rapsfeld, mit blanken Kulleraugen und Waden, die keine zwei Mannshände umspannen konnten, präsentierte sich eine ländliche Schönheit, die verliebt den ägyptischen Joseph von der Seite beäugelte. Die gab sich so wohlgestaltet, daß selbst die Steinesel wieherten, wenn sie sich durch die Dorfstraße bemühte, denn ihre Hinterbacken waren voller denn zwei Säcke mit Sand, ihre sonstigen Zutaten eine besondere Laune des Schöpfers. Auf ihren Wangen, rund und rot, direkt aus dem Bungert gebrochene Paradiesäpfelchen, thronte die Unschuld eines aufgehäufelten Bauernmistes, von dem ein stattlicher Gockelhahn lauthalsig in die Landschaft hinauskrähte. »Wie heißt du?« rief der Prophet und kniff die Äugelchen wie 'n lausternder Ferkelpascha sacht gegeneinander. »Anna Flintrup, gewissenermaßen dem Schulten Flintrup die seine.« »Woher?« »Von Roxel.« »Passable Gegend ...! und wo in Stellung gewesen?« »Beim Herrn Generalvikarius, gewissenermaßen achter die Domkurie. Doch als dieser ausritschte, weil's ihm zu sengerig unter die Pfannen wurde, habe ich mich anderweitig in Münster benommen.« »Warum das?« »Weil das Münsterke mir zusteht und ich nicht willens bin, mich anderweitig unterzustellen.« »So! und ist Hoffnung vorhanden, etwas in die Ehe zu bringen?« »Jau, jau!« und Anna Flintrup wurde hochmütig und verfiel plötzlich in ihr Roxelsches Hochdeutsch: »Vatter is en eislick knickerigen Rentmeister, well bi'n eene schrappede, wat he kratzen un kriegen konn, un Mutter gewissenermaßen dito desgleichen.« »Also auch Wutztierchen am Schweinskofen?« »In Masse.« »Und westfälische Würste und Schinken in der Räucherkammer?« »Aber ich bitte ...!« »Und kannst du auch Pottast machen und Knabbels, um selbige in die frische dicke Milch zu stippen?« »Gewissenermaßen auch dieses.« »Das paßt für den ›Halben Mohrenkopf‹!« rief der Prophet ... und mit einer Stimme, die daherrumpelte mit der Gewalt eines Gemeinde- und Körullen, verkündigte er: »Im Namen des himmlischen Vaters, ich werde dir die Montur vergolden. Du und der ägyptische Joseph, ihr seid ehegelüstig und herzenseinig geworden. Morgen meldet ihr euch beim Prediger Rottmann, auf daß er das Weitere veranlasse, der König das Zepter über euch strecke und eure Brautschaft gesegne. Und nun: 'nen frischen Ausschank heran, auf daß auch wir unsere Pflicht und Schuldigkeit tun und den beiden Paaren unsere Ehrerbietung erweisen, auf daß sie wachsen, sich mehren und keine Nestelknüpferin oder ähnliches Geschirr über sie kommen möge.« »Men to! Men to!« jubelte es Jans Niegentitt, Bänatz Tenkhoff und ihren Auserkorenen aus allen Ecken und Kanten der Wirtschaft entgegen, und wiederum: die Schenke in der Marievengasse dröhnte. Eine mörderische Lustigkeit setzte ein. Mit Kirmesmusik, Babel und Bibel zog es vorüber. Die Frauenzimmer wollten sich schütteln vor Lachen, denn Anna Flintrup aus Roxel sprang auf den ersten besten Tisch, daß ihr die Beiderwandröcke bis zu den prallen Schenkeln emporwirbelten. »So, nu wollen wir gewissenermaßen unsere Brautschaft begehen!« Sie lachte aus vollem Halse. Dann sang sie das altmünsterische Volkslied, das noch vor kurzem Moppchen Winkelsett in Nähe des Buddenturmes angestimmt hatte: »Laot uß sing'n dat nie Leed, Nie Leed, nie Leed, Wat bi Mönster iß passert: Von Pastoor sien' Koh! Trialo, trialo, Von Pastoor sien' Koh la loh! Trialo, trialo, Von Pastoor sien' Koh!" Dusentschuer wurde gerührt wie'n preziöser Pfingsttag, dem so aus heiterem Himmel herunter ein unvorhergesehenes Unwetter seinen ganzen Blust- und Blütenreichtum mit Hagelschloßen benedizierte. Er konnte nicht anders, er mußte Moppchens und ihres glanzvollen ›Kruges Über dem Wasser‹ gedenken. Die Tränen wollten ihm kommen. Diese Gelegenheit benutzte Jans Niegentitt, an ihn eine vertrauliche Frage zu richten. »Herr«, sagte er heimlich, »wird auch der glorreiche König mir und dem entsprungenen Nonnenkittelchen die Ehe verstatten?« »Warum nicht?« »Auch dem ägyptischen Joseph und Anna Flintrup aus Roxel mit all ihren westfälischen Schinken und Mettwürsten?« Dusentschuer sah ihn groß an. Dann schnäuzte er sich mit der Allgewalt eines Weitsichtigen, den Lärm überhörend, der sich mästete vom Weibergequiekse und dem Getrommel des Spießknechtes, der dabei wieder zu singen anhub: »Strampedi mi a la mi presente al vostra signori.« »Warum nicht?« rief der Goldschmied zum andern. »Ja aber Herr, dem Erbmann von Bischopink und der ehrsamen Jungfer Elisabeth Wandscherer ...« Ein Schlag rumpelte auf den Tisch, daß ein Bullenkopp umkippte und mehrere Gläser zerscherbelten. Da stand der Prophet, weltentrückt und in höhere Regionen gehoben. Um seine Mundecke flackerte es, als wäre ihm ein siebenfältiges Schwert durch Leber und Nieren gestoßen. »Du Narre!« Das Wort polterte wuchtiger seines Weges als ein Pulverkarren von der schweren Arkeley. Alles verstummte. Keine Fliege wagte es, durch den ›Halben Mohrenkopf‹ zu summeln, geschweige sich in ihrem schamlosen Liebesspiel zu zeigen. »Jans Niegentitt, bist du etwa der Erbmann Raban von Bischopink von und zur Getter?« »Das weniger, Herr.« »Oder ist Anna Flintrup aus dem benachbarten Roxel mit Elisabeth Wandscherer in ein und demselbigen Atem zu nennen?« »Auch das nicht.« Jans Niegentitt wurde es schwül unter dem Sitzfleisch. »Na denn«, donnerte der Prophet noch etwas lauter daher, » manum de tabula . Hand von der Bibel, und vermeßt Euch nicht, den Erbmann und Elisabeth Wandscherer in Euren gemeinsamen Pott mit Geselchtem und Steckrüben zu werfen. Ihr reicht ja beiden nicht bis zum Nabel.« »Herr; ich meine man bloß ...« »Hier ist gar nichts zu meinen.« »Ja, aber das mit dem König ...!« »Der tut, was er will, und wer sich dawider in Spieß und Harnisch wirft, für den ist die hölzerne Dreifaltigkeit auf dem Galgenberg bei der Kanonengräfte errichtet. Euch Lumpenpack gibt er blindlings zusammen, ohne seine Zunge auf die andere Seite zu legen; aber mit dem Erbmann und der Elisabeth Wandscherer ... Herr!« rief er plötzlich, »Herr! Herr ...!« und sein Mund schäumte über, seine Augen begannen sich in ihren Höhlen zu drehen, als wären sie voll des süßen Weines geworden: »Ich sehe Strahlen, geweihte Strahlen, überirdische Strahlen ... und in diesen Strahlenbündeln versinkt ihr Erdenwürmer wie die Frösche in Laich und Kalmus, fahrt ihr in 'nem Teufels Schäschen ins klägliche Elend hinein ... aber Elisabeth Wandscherer ...« und über Dusentschuer kam sein Prophetentum in der üppigsten Fülle. Er wühlte sich durch das Gewirr seiner widerborstigen Haare, bekam Zustände gleich den Fallsüchtigen, um dann ruhig zu werden und mit erhobenen Händen über die anabaptistischen Männer und Frauen zu sprechen: »Strahlen nur Strahlen! und diese Strahlen gelten bloß ihr! Was Bischopink?! Was von und zur Getter?! Was die lange Reihe der Erbmänner?! Gewißlich ein braves und stolzes Geschlecht! aber immer noch nicht wert und würdig genug, der Elisabeth Wandscherer die Riemen zu lösen. Strahlen nur Strahlen! Strahlen fallen über sie her, diamantene Strahlen, Strahlen aus dem Himmelreich ... und mir wurde die Botschaft, diese Strahlen einzufangen, aus ihnen goldene Schuhe zu wirken, sie an die schmalsten Füßchen zu legen, aus ihnen die unschätzbarsten Kettlein zu treiben, selbige um den rosigsten Nacken zu schmeicheln ... denn höret und wisset: Alle himmlischen Erzengel und Cherubim, alle himmlischen Fürstentümer, Thronen und Seraphim sind sich herzenseinig geworden: Elisabeth Wandscherer soll Königin werden, sitzend zur Linken des Herrschers, erhöht und erhoben, schöner denn Divara, schöner denn alle die anderen. Königin ... Königin ... Königin ...!« Lallend fiel er in seinen Sessel zurück. Die weitgeöffneten Augen stierten ins Leere. Der Mann war ehrfurchtgebietend. Zwei Überirdische schienen an seiner Seite zu stehen, sonnenlicht-umkleidet, mit züngelnden Schwertern. »Königin ...!« Noch einmal stieß der Prophet das beseligte Wort von den blutleeren Lippen, dann fuhr er sich über die Augen, langsam und feierlich, und begann wieder nach seinem Glase zu tasten. Die Wirtschaft ›Zum halben Mohrenkopf‹ verharrte noch immer in Schummern und Schauern. Die Marievengasse war heilig geworden. Nur Anna Flintrup aus Roxel suchte heimlich nach der Hand des ägyptischen Joseph. Als sie diese gefunden hatte, ihr im übrigen Elisabeth Wandscherer, die prophezeite Königin, völlig gleichgültig war, summelte sie sacht die letzte Strophe des münsterischen Volksliedes vor sich hin, aber nur wie ein Flötenhauch, mit dem kaum wahrnehmbaren Pfuitzen der grauen Vögel, wenn sie um Okuli über die laulichen Waldblößen hinstreichen: »Äs de Magister nix mehr wuß, Sunk he Trialo tom Schluß Von Pastoor sien' Koh! Trialo, trialo, Von Pastoor sien' Koh la loh! Trialo, trialo, Von Pastoor sien' Koh!«   Zehntes Kapitel Um dieselbe Stunde hingen die Himmelslichter in unermeßlichen Schwärmen über der guten Stadt Münster. Man wähnte in der Werkstätte Dusentschuers, des Propheten, zu sein, so kunterbunt reihte sich alles und jegliches über- und untereinander. Smaragden und Saphire, Turmaline und Steine, die in einem Meer von berückenden Farben aufgeisterten, glimmerten in der Fülle ihres ewigen Lebens. Etliche Pyropen brannten so herrlich dazwischen, als wären sie aus dem Krongeschmeid der allerseligsten Jungfrau Maria gebrochen. Über dem Palaste des Königs, den einst Melchior von Büren bewohnte, glänzte der Stern aller Sterne, auch Frau Venus geheißen. Sein Licht war so blendend wie das aus dem Diadem der schönen Divara, das ihr Dusentschuer aus dem Domschatz des Bischofs Franz von Waldeck, des Weiberfreundes und Hanfspillers, heimlicherweise zugebracht hatte. Glanz, Licht und eine brennende Sehnsucht! Es war so, als hätte der Weltenschöpfer alle Schätze ausgetan, um den Menschenkindern seine Macht und Herrlichkeit zu zeigen, als geböte er ihnen, niederzuknien und mit Inbrunst seinen Psalm zu singen, der da die Herzen ergreifet: » Laudate Domnum, omnes gentes; laudate eum, omnes populi. « Aber es blieb ruhig und seßhaft unter der Himmelskuppel, in den Straßen der guten Stadt Münster. Nur ein einsamer Schatten wandelte still seines Weges durch das Kirchspiel Über dem Wasser. Als er das Stift der adeligen Damen passierte, dessen Insassen abtrünnig wurden, blieb er stehen. Im ersten Stock über dem Hauptportal zeigten sich einzelne Fenster erleuchtet. Gottes Not und Erbarmnis! trotz ihrer widerspenstigen und entsprungenen Schäflein – die Oberen hielten aus in ihrem verwaisten Kloster wie die Blutzeugen Christi im feurigen Ofen, wie die unter dem Fluch der hochnotpeinlichen Marterkerzen, dazu bestellt, den Delinquenten so 'n bißchen unter die Achselhöhlen zu lichtern – als da waren: die brave Äbtissin Ida von Meerfeld, die gesinnungsfrohe Ludgera von Linteloen, die preisliche Sophia von Langen ... und just wie damals, als ihnen die Weltsüchtigen, sonder Stirn- und Kinngebänden, nur mit den feinsten Hemden und Spitzentüchlein bekleidet, durch die Lappen gingen – auch jetzt noch, fest im Glauben, stark in der Liebe, immergrün in der Hoffnung – sie sangen das Lied aller Lieder, den Kampfgesang aller Kampfgesänge frei und offen durch die Nacht voller Wunderlichkeiten: »Wir sind im wahren Christentum, Herr Gott, wir danken dir! Dein Wort, dein Evangelium, An dieses glauben wir. Die Kirche, deren Haupt du bist, Lehrt einig, heilig wahr. Für diese Wahrheit gibt der Christ Sein Blut und Leben dar.« Preis, Lob und Ehre diesen seßhaften Jungfrauen im Dienst der alleinseligmachenden Kirche, die unentwegt gen Golgatha pilgerten, den Ölberg zur Rechten, den Berg des Ärgernisses zur Linken, spurgetreu bis in den Tod, im Angesicht des Gekreuzigten, der seinen letzten Seufzer für die Sündigen dahingab. Preis, Lob und Ehre der hochgemuten Gräfin Ida von Meerfeld, der gesinnungsfrohen Ludgera von Linteloen, der unberührten Sophia von Langen! Keine fleischlichen Anfechtungen wandelten sie an, keine irdischen Gelüste fanden Raum in ihren silbernen Herzen. Gottesbräute! Gottesbräute! Jesu Blut und Jesu Sterben begleitete sie wie der Duft der weißen Lilien, die noch jetzt in ihrem verschwiegenen Klostergärtchen blühten. Ihre Sinne wallfahrteten auf Selfkantpantoffeln, ihre Seelen auf Myrrhenhügeln im Gelobten Lande an den Gestaden des Sees Genezareth, über dem der Hermon blaut mit seinem ewigen Schnee und seinem ewigen Leuchten. Der Schatten ging weiter. Raban von Bischopink war bewegt bis in die innersten Nieren. Er gedachte der tapferen Frauen im Stift, der furchtbaren Szene vor dem blumengeschmückten Gesteiger, der entsetzlichen Worte aus dem Munde des Königs: »Wenn die Blätter fallen ...« und so schlicht sie auch waren, ein so liebliches Gedenken sich auch mit dem bunten Herbstlaub verband, wenn ein Blättchen sich um das andere löste, gleich einem vielfarbigen Schmetterling des Weges dahinschaukelte, um allgemach auf die müde Erde zu gleiten – hinter den fallenden Blättern stand eine gierige Hand, eine Tyrannenhand, die heimlicherweise einen köstlichen Frauenhals umzirkelte, Kreise um Kreise zog, Preziosen und Kleinodien bereit hielt, um eine jungfräuliche Brust zu schmücken und sich letzten Endes nicht scheute, dem reinen und weißen Leib eines versprochenen Weibes Gewalt anzutun, ihr stolzestes Heiltum zu entweihen. Eine Geierklaue umklammerte sein Inneres. Er wurde den Gedanken an die ›fallenden Blätter‹ nicht los. Dazu bedrängte ihn eine furchtbare Ahnung. Dieserhalb hatte er sich aus den Armen der Geliebten gerissen, um sich noch in später Nachtzeit Rat und Gewißheit zu holen. Den alten Wandscherer ließ er in tiefster Verdrossenheit, die Braut in heller Verzweiflung zurück. Beide harrten seiner Rückkehr mit bangen und verhaltenen Tränen. »Gehe mit Gott«, hatte ihm der Tucher noch nachgerufen, die Jungfer sich an ihn geworfen mit der Unrast einer Verstörten, ihn geküßt mit blutleeren Lippen, ihm unbewußt die Zartheiten ihres unberührten Magdtums zu kosten gegeben. Dann war er gegangen. Raschen Schrittes ließ er das Stift der adeligen Damen hinter sich, passierte den Spiegelturm und erreichte den Platz, den alte Linden umsäumten, nunmehr Sion geheißen. Hier angekommen, fielen elf einzelne Schläge von der hohen Domkirche über die Stadt hin. In einer kurzen Schleife erreichte er die Ägidiistraße, um von hier aus das Tor zu gewinnen, das nach Haus Getter und in die verwunschene Dawert hinausführte. Nichts regte sich im weiten Bering. Stadt und Umwallung lagen unter dem Zeichen von Grab und Schaufel. Nur dann und wann machte sich das kurze Bellen einer Feldschlange im Vorland verlautbar. Eine städtische Büchse antwortete. Gleichzeitig zuckte ein rasches Scheinen unter dem Himmelreich. So gelangte er an Tor und Verschanzung, gewahrte er das Blitzen von einzelnen Sturmhauben. Ein Spießknecht trat ihm aus dem Schatten entgegen. »Name und Feldschrei?!« »Raban, der Erbmann, und Ehre sei Gott in der Höhe.« »Und Euer Begehr?« »Ich habe mit dem Hauptmann der Torwacht zu sprechen.« »Wartet.« Der Spießknecht trottete ab. Gleich darauf ließ sich ein verrostetes Hüsteln, das Klirren von Sporen vernehmen. Ein gedrungener Mann mit zerfetztem Gesicht, den Eisenschaller übergezogen, mit Krebs und Beinschienen angetan, zeigte sich unter dem blanken Mondlicht. Schacht von Delfingen, kein unebener Gesell unter den Kostgängern des Herrn, hatte bereits unter dem Zoller Friedrich dem Alten, Markgrafen von Ansbach-Bayreuth, als Fähndrich gedient, später als Hauptmann den Verlorenen Haufen in der Schlacht vor Pavia im großen Tiergart vorgetragen, dann sich dem König der Wiedertäufer verschrieben. Nur auf Schwur und Sold gestellt, war er einer der Besten im Lager des großen Propheten. »Himmelverdammich! so bei ruhender Nachtzeit ...!« Aber sein zerfetztes Gesicht heiterte auf, legte sich in breite und schmunzelnde Falten, als er Rabans ansichtig wurde. »Potz Wetter und kein seliges Ende! So spät noch – zur Getter?« Hand lag in Hand. »Das weniger, Hauptmann. Nur – ich stehe in Seelennot und habe eine Frage an Euch. Wird sie verweigert, so weiß ich, Ihr dürft die Antwort nicht geben.« »Mir hat keiner die Zunge verboten.« Er lachte. »Wäre auch sonderbar. Um Euretwillen gewiß nicht. Weiß doch die Welt: auf Getter habe ich manchen guten Humpen gestochen. Die Bischopink verstehen's schon, 'nem braven Soldaten die Ehre zu geben. Also heraus mit der Frage.« »Ich meine: ist mir noch immer die Gunst verstattet, offen und frei das Tor zu passieren?« »Warum nicht? Es sei denn, der Bischof hätte hier Grund und Boden unter den Schuhen und stülpte uns die hochheilige Inful über die Naslöcher, und da solches noch aussteht ...« Die schwere Pratze des Feldhauptmanns legte sich breit auf Rabans Schulter. »Da habt Ihr's. Wäre auch schlimm, 'nem Bischopink die Ausfahrt und Einfahrt zu weigern. Noch sonst was?« »Ja, mein Ehrenfester, ich hätte noch sonst eine Frage.« Er stockte. »Dann kommt in die Wachtstub. Da läßt sich's besser und kommoder parlieren. Außerdem – man kann immer nicht wissen ...« Alsbald saßen sie in der bombensicheren Kammer des Hauptmanns. Dieser hatte hinter sich gegriffen, 'ne Kanne und zwei Becher auf das rohe Holz gestellt und diese gefüllet. »Den Bauchgott hab' ich im großen und ganzen den Laufpaß gegeben. Zu viel Schmausen macht fett. Dem Weingott hingegen singe ich noch immer ein ›Deo gratias‹ . Alten Landsknechtsbrauch soll man nicht umkommen lassen. Ist Malvesier, sogenanntes Freigut aus den wohlbestellten Kellereien des Generalvikars, und da selbiger das Hasenpanier aufsteckte, gab Johannes Leydanus seinen Feldhauptleuten zu trinken.« »Und Ihr dient ihm mit allen Fasern und Masern des Herzens?« »Mir gleich, wem ich diene. Heute brenne ich im Namen Gottes los, morgen im Namen des Satans. Wie's trefft. Mir gleich, ob Papist, Kalviner oder Anabaptiste. Nur die Wittenbergisch Nachtigall hat mir nicht vieles zu sagen. Wie mir geschieht, so geschieht auch dem anderen. Pocht seine Trommel mir ehrlich zu, antwortet die meine gleichfalls mit 'nem ehrlichen Pochen. Sonst nimmer. Wie der Herr, so's Gescherr. Wird mir der Sold in lauteren Golddublonen gezahlt, steht auch mein Schwur auf goldenen Füßen. Bis dato kann ich über den König und seine Pfennigmeister nicht klagen. Wie's gegeben wird, so wird wiedergegeben. Bietet mir allwoch ein rechtschaffen Weib, 'nen guten Gaul unter den Hintern, tagtäglich mein Brot, dazu 'nen ausgiebigen Haustrunk, und ich bin wunschlos bis zum Jüngsten Gericht, wo's heißt: Reif zum ewigen Schmoren oder zum ewigen Gloriasingen. Also sauft aus, und wohl mög's bekommen.« Raban tat ihm Bescheid. »Ja, wohl mög's bekommen, und nun ...« und wiederum begannen seine Worte zu stocken. »Erbmann, was habt Ihr?« Schacht von Delfingen sah ihm starr in die Augen. Er mußte genau zusehen, um dort irgend etwas Genaues erkennen zu können, denn die Laterne, die von der niedrigen Steindecke baumelte, fristete an ihrer Ölfunzel nur ein klägliches Dasein. Kaum, daß man das harte Tafelholz, Kanne und Becherlein zu unterscheiden vermochte. Raban von Bischopink tat einen tiefen Atemzug. »Hauptmann, ich bring's so recht nicht über die Zähne.« »Gottes Brand und Blut! Hakt das vielleicht mit dem heutigen Morgen zusammen ... mit der Brautschau am Gesteiger ... mit dem Willen des Gesalbten? Ich selber bin Zeuge gewesen, denn erst um die dritte Nachmittagsstunde habe ich Torwache bezogen.« »Hauptmann, so ist es.« »Also hier pfeift die Merle! Freut Euch doch. Erbmann. Ein königliches Geschmeid als Brautschatz gegeben, ist doch nicht alle Tage zu haben. Was verschlägt's, ob man zur hitzigen Spätsommerzeit oder in kühlen Herbsttagen die Zierlichkeiten seiner Herzallerliebsten vor Augen bekommt. Von wegen der königlichen Gnade sollte Euch dieses 'nen Hundeblaff gelten.« »Herr, ich meine, es ist für mich Gefahr im Verzuge.« »Wieso das?« »Wenn der König nun selber ...« Starr wie ein Bildstock stand Raban unter dem Schein der mißfarbigen Laterne. »Wenn die Blätter fallen ...« mahlte er langsam zwischen den Zähnen. »Also da geht's hinaus?« »Ja, da geht's hinaus, denn von Fürstengeschenken tropfen des öfteren blutige Tränen.« »Mensch, so verschreibt Euch doch mit Leib und Seele der neuen Lehre. Damit wird doch jede Unbill behoben.« Der Erbmann winkte ab. »Würde nichts fruchten. Ich sah das Auge des Königs. Das entkleidete sie bis auf den letzten seidenen Faden.« »Was Teufel ...!« Schacht von Delfingen tat einen langen Zug aus dem Becher. Dann wuchtete er sich strack in die Höhe. Sein Blick war unstet geworden. Eine gewisse Unrast bemächtigte sich seiner. »Erbmann«, sagte er nach einiger Weile, »ich verstehe jetzt richtig. Hier hilft keyn medezyn, das ist der minne pyn. Es ist ein schwer Ding neben dem Gepoch der Trommel zu ziehen, die Blutfahne im Verlorenen Haufen mit Ehren vorzutragen. Aber ein schwereres noch, ein schön und stolzlich Weib vor andermanns Gier und vor andermanns argen Gelüsten betreuen zu müssen. Man soll edles Holz nicht zum Feuer tragen.« Er fuhr mit steifer Hand durch den starren Schnauzbart und sagte: »Geschehenes kann man nicht ungeschehen machen, aber man kann vorbeugen, sonst erstickt man an seinem Begehren und der Liebe eines verlorenen Weibes. Also vorbeugen. Erbmann, vorbeugen ... sonst steht Eure Sache auf schwachen Füßen, wird über den Haufen geworfen.« »Herr, wenn ich sprechen dürfte, wenn ich Euch vertrauen dürfte wie dem Apfel in meinem Auge ...?!« »Schießt los! Jede Kugel aus 'ner properen Büchse ist für mich auch 'ne propere Kugel.« »Dann Feldhauptmann ...« und mit tiefer Qual kam es aus der Brust des Zermarterten, »dann möchte ich fragen: Besitzt Hermann Wandscherer, Mitglied des Zwölfer-Rates nebst Sippe, noch immer die Gerechtsame, freie Ausfahrt und Einfahrt zu haben?« »Das heißt, mitten ins Schwarze geschossen. Holla! das mit dem Freipaß! Bis jetzt noch. Ich für meine Person habe keine Gegenorder empfangen. Aber wollen mal hören.« Raban von Bischopink atmete auf, während sich der Feldhauptmann ins anliegende Blockhaus der Spießknechte begab, um dort Nachfrage zu halten. Plötzlich erhob sich da drüben ein lautes Geschrei. Es knallte wie einzelne Schüsse aus guten Feldstücken. »Luderfresse, infame! wann ist dieses Schreiben gekommen?« »Während der Ablösung. Um viere, Herr Hauptmann.« »Und wurde dir zu Händen gegeben?« »Wurde mir zu Händen gegeben.« »Für mich?« »Für Euch, Herr Hauptmann, aber der Hurenweibel kam gerade daher und befahl mir, zwei Weiber unter Visierung zu nehmen, die just dabei waren, Patrolle zu laufen, und da ... ich hab's beigesteckt ...« »Hundekanaille! und damit vergessen. Aber warte, mein Herzenskönig«, und Schacht von Delfingen legte los, daß Mauern und Sandsäcke der Ägidiitorburg in ein gelindes Zittern gerieten. »Morgen um viere ... hier auf der Strecke ... im Angesichte des Galgenholzes – du hörst die Teufelchen geigen, die Engelchen lautenieren zwischen den Schanzkörben und Faschinen dahier, denn dein Arsch wird Hochzeit halten mit der siebenschwänzigen Katze, sonder Besien, wie die Holländer sagen, und die Freuden der Hochzeiterei sind bei dir bis drei Tage vor Lambertiabend, wo die Münsterischen singen: Alles was auf Erden schwebet, ist die Taub' das schönste Tier ... und nun verschwinde, du Lump!« und eine schwergeladene Aufforderung krachte hinter dem Spießknecht Ludger Luderfresse her, als hätte sie ›Jans Pumpernickel‹ mit Stunk und Schwefel über Wall und Gräben gepulvert. »Blitz, Mord und Gewitter!« Mit einem erbrochenen Schriftsatz kehrte der Hauptmann zurück. An der Pulverkammer seines Herzens lag noch immer die Zündschnur. Es war die zweite, die er losbrennen wollte. Das zersplissene Gesicht erinnerte an den Klunker eines indischen Bronzeputers. Es schillerte in allen Kulören. Er bekriegte sich aber, denn Raban trat ihm entgegen, grauer denn durchgesiebte Asche, wenn auch die Selbstbeherrschung eines geschlagenen Mannes zwischen den Rippen. »Ich weiß, was Ihr bringt«, sagte er mit flackerndem Atem. »Nichts Gutes«, gab der Hauptmann zurück. »Neben einem Löwengehirn kann auch ein Fuchsgehirn wohnen, und dieses Fuchsgehirn machte schnellere Arbeit als das eines Erbmanns von Bischopink.« Er schluckte einen gepfefferten Fluch hinter die Feldbinde, trat in den Schein der matten Ölfunzel und zupfte den übel zugerichteten Schriftsatz hart auseinander. Dann las er, nicht wie ein Bakkalaureus oder ein sonstiger Schriftgelehrter, aber er las doch, wenn auch stockig und mit etlichen Kicksern und Fettflecken dazwischen: »An die Wachthabenden der sämmtlichen Torburgen. Nach Standes-Gebühr hochzuehrende Herren! Zur Kenntnis und unter dem Gepoch der Trommel bekannt zu geben. Mit dem heutigen Tage, gerechnet von Sonnenuntergang an, verläßt bis auf weiteres hin weder Menschenfuß noch Huf und Klaue die gute Stadt Münster. Alle Paßfreiheit wird hierdurch gestrichen. Unter jeder Bedingung. Vornehmlich gilt dies für die Herren des Zwölfer-Rates mit ihren Versippten. Lediglich, aus besonderer Vergünstigung heraus, sei dem Erbmann von Bischopink von und zur Getter verstattet, die Tore frei zu passieren. – Jeder Feldhauptmann, der die jeweilige Torburg befehligt, haftet mit seinem Kopf für die Order, es sei denn, er zöge es vor, von hoher Stange und mit tropfendem Hals ins Geläger der Bischöflichen zu revieren und den Kundschafter abzugeben. Mög's ihm zusagen. Gewächsnet und mit Unserm Siegel versehen. Im Namen des Königs: Krechting, der Kanzler.« »Merci!« lachte der Feldhauptmann. »Einfach Kopf und Kragen herunter und dann auf die Stange. Wohl bekomm's, dieses kurze Verfahren. Die von der Kanzelei wissen 'ne niederträchtige Feder zu führen.« Und er lachte zum anderen. Aber es war ein häßliches Lachen. »Drum auch das verfluchte Gepoch so um viere herum ... Wollen's nachholen«, und zu Raban gewendet: »Die haben ganze Arbeit gemacht und Euch das Konzept total vermistet. Die sind selbst den Feldschlangen und den Viertelskartaunen über, wenn's gilt, 'ne Portion heimlicher Gier dem Staatsgedanken einzuverleiben. Verdammich!« Er sah in ein starres Gesicht. Raban von Bischopink streckte die kalte Hand aus. »Ich habe hier nichts mehr zu suchen. Meine Mission ist zu Ende. Aber Treue um Treue, die fand ich. Ich danke Euch, Hauptmann. Ich will's nicht vergessen.« »Nichts zu danken. Nur das Feldgeschrei bleibt: Kopf oben behalten. Ihr sitzt mit Hermann Wandscherer und seiner Sippe in der Fuchsfalle drin, aber es müßte mit dem Teufel zugehen, solchen Fuchsfallen nicht ein Schnippchen zu schlagen.« »Und dann noch der Hohn«, keuchte Raban, »mir Paßfreiheit zu lassen. Ausgerechnet mir! Das klingt wie Fraß nach der Hölle.« Da traf ihn ein wuchtiger Schlag auf die Schulter. Es war die Pranke des Feldhauptmanns. »Ihr seid ein Bischopink, Erbmann. In der Dawert wird hartes, aber gesundes Brot gegessen. Da gibt's Hunde, die bellen nicht, aber sie beißen. Zeigt Euch der Erbmänner würdig. Ganz hürnern und ganz Horn. Schluckt's 'runter wie 'ne häßliche Pille. Und letzten Endes: treibt's mit Eurer Herzenstulpe wie der Fähndrich auf offener Walstatt. Euch bleibt die Fahne der Ehre. Wickelt Euch und das blonde Weib in das seidene Tuch und verkostet mit ihm das köstlichste Ding, was es gibt zwischen Himmel und Erde. Das verhagelt dem andern das beste Gemüse.« Ein verhaltener Schrei, und nochmals: »Ich danke Euch, Hauptmann.« Schacht von Delfingen wandte sich ab. Sein braves Soldatenherz wollte verbluten. »Mord und Brand ...!« Da sah er: er war allein in der Blockhausstube. Draußen gingen hastige Schritte. Der Erbmann hatte es eilig unter der Nacht voller Sterne. Das Herz schlug ihm mit der Gewalt eines Hammers. Hinter ihm begann die Trommel zu pochen. Sie pochte an der Ägidiitorburg. Schacht von Delfingen ließ die Vergatterung schlagen. Nun war's geschehen. Auch diese Hoffnung, die letzte Hoffnung war der Vermoderung anheimgefallen. Es mochte auf zwölf gehen. In seiner Verstörung hatte der Einsame einen kleinen Umweg gemacht. Die Ägidiistraße ließ er zur Rechten. Er befand sich in Höhe der Georgskommende und hörte die Aa in ihren Schleusenwerken rauschen. Hier vernahm er das Gerassel von Eisenkacheln und den gemessenen Schritt zweier Spießknechte. Sie begleiteten die breite und hohe Gestalt eines Befehlshabers, ganz in Schwarz gekleidet, den düsteren Bart nach beiden Seiten gescheitelt. In seinen Strähnen verfingen sich die lichten Splitterchen des hellen Sternenfeuers. Die Straße zog sich mondklar dahin. Die Schattenrisse der Häuser erinnerten an die von Scherenschnitten. Das Auge des Gewaltigen begegnete dem des Erbmanns. »Verhaltet Euch«, sagte er jählings, und den Söldnern gebot er: »Erwartet mich an der Ägidiitorburg, dicht neben dem Gatter. Das Weitere findet sich dort.« Da trotteten die Spießknechte stumm ihres Weges. Bernt Knipperdolling jedoch, der Statthalter und Schwerträger des Königs, just dabei, die Runde um Wälle und Schanzen zu machen, erhob sich als finsteres Phantom über den Pflastersteinen. »Raban von Bischopink ...?« »Herr, Ihr nennt mich mit dem richtigen Namen.« Der Schwarze trat näher heran. Seine Hand hob und senkte sich wieder. »Ihr kennt mich?« »Wer sollte den Träger des Schwertes nicht kennen!« »Gut so! Ein braves Gedächtnis empfiehlt. Ich möchte Euch fragen: Habt Ihr nichts wider mich in Gedanken, Worten und Werken? Ich frage, weil ich Eure Gesinnung erkennen möchte.« »Nichts Herr, in Gedanken, Worten und Werken.« »Ich frage nur deshalb«, fuhr der Statthalter fort, »weil sich viele ein falsches Bild von mir machen, mich lediglich im Hohlspiegel sehen, also verzerren; denn mein Amt ist ein strenges Amt, ein unbarmherziges Amt und meine Linke möchte oft der Rechten wehren, die Wage zu heben, um das Gewicht zu erfassen. Aber so ist das. Keiner, der einer neuen Lehre dient, um ihretwillen die Pflugschar ansetzt, den Boden umbricht, ihn vorbereitet zur Aussaat und Mahd, wandelt immer auf heiteren Gefilden. Vielfach hat er Blut an den Schuhen. Ich sage Euch das, weil Ihr wissen sollt: ich bin nicht wider Euch, Raban von Bischopink.« »Ich danke Euch, Herr. Euer Wort ist mir Trost in meiner Not und Bedrängnis.« »Ich weiß: Ihr wurdet an die Wegscheide gedrängt. Eure Gestirne nahmen den verkehrten Lauf an. »Wenn die Blätter fallen ...« das steht noch lange dahin; bis dahin kann sich noch manches begeben«, und Knipperdollings Stirne runzelte sich: »Von dem, was heute geschehen, ist mir vieles zuwider. Hoffnungen verdunkelten sich, und Blumen gerieten ins Welken. Es gibt Tage, die einem die Sinne umgarnen, aber gleichzeitig auch das Mal des Henkers aufdrücken. Ich sprach mit Wandscherer darüber ... und Ihr ...« und seine Rechte begann sich langsam zu heben. Sie deutete auf die Torburg, die im grellen Mondlicht herüberglitzerte. »Ihr seid dort gewesen, und von dorther kommt Ihr?« »Ihr sagt es.« »Und kamet zu spät. Ja, Ihr kamet zu spät. Schacht von Delfingen hatte bereits Order empfangen. So bleibt Euch noch eins«, und über das bleiche Gesicht Knipperdollings schattete es von Mitleid und Barmherzigkeiten: »Ja, so bleibt Euch noch eins. So Gott es zuläßt: um Wandscherer und Eurer jungen Liebe wegen – ich werde vorstellig werden. Vielleicht finde ich ein williges Ohr bei Johannes Leydanus, denn es ist noch nicht aller Tage Abend geworden.« Über Raban ging es mit dem brausenden Gefieder des Sturmes. »Herr, Herr, Herr ...! Ihr meint es gut mit mir. Aber glaubt Ihr denn selber, die Liebeswut der Tollkirsche könnte sich in ein entsagungsvolles Tränklein, der Schrei des Geiers in das Gurren einer Turteltaube verkehren?! Herr, ich habe meinen Glauben verloren!« Da gab ihm Knipperdolling die Hand. Er war bewegt bis in die tiefste Seele. »Lebt wohl«, sagte er ruhig, »aber hütet Eure Worte ... und laßt den letzten Faden nicht leichtfertig dahinfliegen.« Raban sah ihm mit leeren Augen nach. Die Schritte des Statthalters gingen tapfer über das Pflaster. Jenseits der Georgskommende begann er zu singen. Er sang einzelne Strophen des Psalms der drei Jünglinge im feurigen Ofen. Und also sang er: »Tage und Nächte, lobet den Herrn, preiset und rühmet ihn ewiglich. Eis und Fröste, lobet den Herrn, preiset und rühmet ihn ewiglich, denn er hat uns erlöset aus der Hölle, hat uns geholfen von dem Tode und hat uns errettet aus dem glühenden Ofen. Amen, Amen und Ehre sei Gott in der Höhe!« Ein seltsam lichtklarer Stern fiel vom Himmelreich. Er verlöschte über der Georgskommende. Mit seinem Verlöschen verhallte auch der Gesang der drei Jünglinge im feurigen Ofen.   Elftes Kapitel Der Morgen graute bereits, als Raban von Bischopink noch einmal sacht und sänftiglich über die schwere Flechtenkrone glitt, die wie ein goldenes Prunkstück an seiner linken Schulter ruhte. Die Kerzen waren dem Verlöschen nahe. Man hörte ihr langsames Tropfen, den matten Hauch ihres allmählichen Hinsterbens. Mann und Weib in der großen Fülle des Ermattens und der Auflösung, jetzt still und ruhig geworden, von barmherzigen Schemen umgeben, die auf Stunden hinaus das Vergessen bringen. Endlich war den Verzweifelten eine besonnene und friedliche Weihe geworden. Raban, der Erbmann, spielte heimlich mit den goldenen Fäden und drückte von Zeit zu Zeit seinen heißen Mund auf den Scheitel der Ruhenden. Mochte sie schlummern. Sie hatte es nötig. Der köstliche Hauch des Weibes war bei ihm. Noch einmal gedachte er des Feldhauptmanns mit dem gütigen Zuspruch, noch einmal des Schwertträgers des Königs, unter dessen schwarzem Gewand ein Herz pochte, das nicht zu den gewöhnlichen zählte, und siehe, ihm war so, als begänne sich aus Düster und Dunkel ein mattes Lichtchen zu schälen – das ersehnte Lichtchen, das Lichtchen, nach dem alle Ertrinkenden wie nach einem Strohhalm greifen. Neben ihm war ein Sprechen und Raunen. In einer Fensternische saß Hermann Wandscherer mit offenen Augen und gefalteten Händen. So hatte er schon gesessen, als ihm die Nachricht von Knipperdolling und der Ägidiitorburg wurde. Sein Geist irrte ab und gedachte der ihm gewordenen Fingerzeige. Er hatte sie aufgenommen in stummer Ergebung, mit dem stumpfen Lächeln eines verlorenen Mannes. Die Welt mit ihren Verzerrungen ekelte ihn an. Sie hatte ihm nichts mehr zu sagen. Nur die Sorge um das Geschick seines Kindes verband ihn noch mit dem Irdischen. Und diese Sorge, sie hatte sich an ihn geworfen wie eine hungrige Ratte. Die saß nun unter seiner dunklen Tuchschaube und begann heimlich an seinem kranken Herzen zu nagen. Er fühlte deutlich das Rinnen des tropfenden Blutes. Mit leeren Blicken stierte er in den werdenden Morgen. Hinter der Kirche über dem Wasser, auch Liebfrauenkirche geheißen, hub es an zu glumsen und zu glosen. Fahle Bänder streckten sich aus, spannen einen bleichen Glanz über Giebel und Häuserzeilen. Die Liebfrauenkirche stand mit ihrem gewaltigen Schattenriß auf dieser aufhellenden Folie wie der Fels Petri, lauter und ewiglich. Von dem mächtigen Turmstumpf, dessen Helm Knipperdolling hatte abtragen lassen, rief der Wächter die Tagwacht an. Der erste Morgenfalk kreiste um die ragende Zinne. Wandscherer folgte dem einsamen Flieger und flocht einzelne Sätze unvermittelt zusammen. Er sagte: »Ich bin mit den Reinen gegangen, denn Rottmann erschien mir als einer der Reinsten unter den Reinen. Sein Wort war lauter, seine Stimme die Stimme des Herrn. Ich sagte schon einmal: Da ich Rottmann zum erstenmal hörte, da war es mir, als schritte einer vor mir her in kamelhärener Schur, den Stab in der Rechten führend, von Gott gesetzt und berufen, den Unflat aus den Kirchen zu tragen, männliches und weibliches Pfaffentum aus ihren Höhlen und Palästen zu schwefeln, wie es unsauberen Tieren geschieht, die die Wohnungen fernsündiger und gläubiger Menschen verpesten.« Er schwieg einige Herzschläge hindurch, wischte sich über die bleiernen Augen, um dann weiter zu sprechen: »Und sein Wort kam aus dem Wortschatz der Unfehlbaren und ging zu den Strauchelnden, zu den Armen im Geiste und taufte sie wieder im Namen der heiligen Dreieinigkeit. Er umbrach den Acker der Unfruchtbarkeit, rodete Steine um Steine, Unkraut um Unkraut, säte lautere Saat in die geläuterten Schollen, und siehe: er erntete eine dreißigfältige Ernte.« Ein tiefes Aufatmen. Der Alte sprach weiter: »Der Geist Rottmanns ist noch immer lebendig, der grüne Anger, den er vor uns austat, ist noch immer ein grünender Anger, voller Knospen und Blüten und lieblich anzusehen. Aber viele sind dabei, diesen Geist zu entstellen, ihm die Reinheit zu nehmen, den grünenden Anger mit all seinen Knospen und Blüten zum Wasen zu machen, an dessen verdorrten Halmen und Grannen giftiges Mutterkorn aufgeht, denn im Buche der neuen Lehre blättern sie mit unreinen Fingern und lesen mit Augen, die die lautere Wahrheit in Unlauterkeit verkehren.» Das Taglicht stieg höher, verbreitete sich. Ein zweiter Morgenfalk kreiste um die ragende Zinne. Wandscherer erhob sich. Die fiebrige Stirne preßte er gegen eine der Scheiben. Die feuchte Kühle tat ihm wohl. Und nochmals begann der Alte zu sprechen, gegen die Fensterraute, gegen den Morgen, der das Glas mit seinem frischen Atem berührte: »Wie anders noch, als der große Prophet aus Harlem, als Johannes Matthisson auf milchweißem Pferd und mit feuerfalbem, fließendem Bart ausritt, um auf der Loddenheide die große Feldschlacht zu schlagen, aber dahinsank, im Angesicht des ewigen Gottes, die unverfälschte Lehre gleich dem Pelikan mit dem eigenen rinnenden Blut ernährend. Wie anders noch, als der andere kam, in der Unschuld der Jugend, und sein Haupt von Salböl triefte. Aber nun muß ich sehen ...« und er kehrte das Antlitz dem stillen Gemach zu, das aufheiterte in der jungen Morgenfrühe: »Herr, du mein Gott! Möglich, es wäre besser gewesen, ein anderer hätte statt seiner das Zepter ergriffen, wäre statt seiner König geworden, denn ich glaube nicht an den Cherub mit den siebenfältigen Schwingen, nicht an die Heilsamkeit der aufgepeitschten Sinne, nicht an das Weib auf dem rosinfarbenen Tier, nicht an die Botschaft. O du mein Jesus ...!« Vor ihm erloschen die Kerzen. Sie blakten unter häßlichem Atemholen. Er hob die Arme. »Ich will nicht und kann nicht ... und wenn Rottmann und Knipperdolling auch tausendmal glauben – ich glaube nicht und kann nicht mehr glauben.« »Vater ...!« Elisabeth Wandscherer erwachte aus dumpfer Betäubung, aus schwerem Traum, der sie nur noch verstörter gemacht hatte. Langsam streckte sie sich, als wäre sie von langem Siechtum auferstanden. Raban war bei ihr, umarmte sie, preßte ihren zermarterten Leib mit der Liebe eines Samaritans an seine Brust, drückte ihr einen Kuß auf die Lippen. Sie wehrte ihn ab. »Raban, was ist mit dem Vater? Hat der König gesprochen? Wollen die Blätter schon fallen?« Er winkte ab. »Ist Dusentschuer da?« fragte sie weiter, immer noch am schmalen Rande des Traumes pilgernd. »Ist er gekommen, mir das Angebinde, das furchtbare Angebinde mit den Perlen aus der Monstranz von Sankt Lamberti um den Nacken zu legen?« Sie schüttelte den Kopf. »Von diesen Perlen tropft der Angstschweiß Christi«, sagte sie leise. Sie wurde zu einem Bild, aus Stein gemetzet. Die junge Morgenfrühe umgitterte sie. Da wandte sie sich. Ihr Blick hing starr am Munde des Vaters. »Du – was hast du über das Geschick deiner Tochter beschlossen? Was soll ich tun, und was gebietest du?« Sie tastete nach der Hand des Geliebten. »Raban, es geht um Preisgeben und Hinwelken, um Erweckung und Wiederauferstehen.« Dabei hatte sie ihren Vater nicht aus dem Auge gelassen. »Warte, mein Kind«, sagte dieser. Sein Gesicht war ruhig geworden, als hätte die Hand des Todes es versonnen gemacht, es verklärt mit sanftem Streicheln. Dann redete er, aber was er redete, paßte nicht zu seinem verklärten Antlitz. Es war ein gekünsteltes Lächeln. Er sagte: »Alles Lachen ist verschüttet und abgetan in meinem Haus. Ich höre das Gekrächz von Krähenscharben. Sie wollen die Silberfischlein Petri aus meinem Weiher fischen. O ihr Kormorans! Ihr Verderber der stillen Teiche! Geschrieben steht: Ahasverus, der König, bestellte Männer in allen Landen seines Königreiches, daß sie schöne Jungfrauen zusammenbrächten gen Schloß Susan, und welche Dirne ihm gefiel, die sollte Königin werden an Vasthis Statt.« Er fuhr sich mit der weißen Hand über die Augen und sprach weiter, als gingen seine Worte unter einem sachten und befruchtenden Maienregen dahin: »Es war aber ein jüdischer Mann zu Schloß Susan, der hieß Mardochai, ein Sohn Jairs, des Sohnes Simeis, des Sohnes des Kis, ein Benjaminiter. Und er war Vormund der Hadassa, das ist Esther, eine Tochter seines Oheims; denn sie hatte weder Vater noch Mutter, und war eine schöne und feine Dirne ... und da ihr Vater und Mutter starben, nahm sie Mardochai auf zur Tochter und wartete ihrer.« Der befruchtende Maienregen hielt an, nur schien es, als begänne schon hinter dem befruchtenden Maienregen ein düsteres Wetter zu steigen, ein fernes Murren zu grollen. Er packte die Hand seines Kindes, die schmale und bleiche Hand, die schmal und bleich war wie die eines schuldlosen Priesters, berufen, die konsekrierte Hostie aus dem Tabernakel zu heben. »Und so wurde Esther genommen zu des Königs Hause, unter dem Schutz Hegais, des Hüters der Weiber ... wurde auch zu Ahasverus geführt, nachdem sie zwölf Monate im Frauen-Schmücken gewesen war, sechs mit Balsam und Myrrhe und ebenfalls sechs mit köstlichen Spezereien und Narden. Und er gewann sie lieb über alle des Harims und machte sie zur Königin an Vasthis Statt, denn ihr Antlitz war lieblich, ihre Zierden ragten wie Lanzenspitzen, und ihr Nabel faßte mehr denn eine Unze Benzoesalbe.« Und nochmals: »Eine Unze Benzoesalbe.« Er ließ die Hand seiner Tochter. Die Worte zerschroteten ihm zwischen den Zähnen, die Stimme wurde hart und zerbrochen, und er flocht die Finger gegeneinander, als er weiter redete, abgehackt und mit Augen, die aus den Höhlen hervorquollen: »Und Mardochai, der Jude, rieb sich die Hände, freute sich der ragenden Lieblichkeiten des erkorenen Weibes, denn siehe: er ging vor dem Herrscher in königlichen Kleidern, blau und weiß, mit einer güldenen Krone, angetan mit einem Leinen- und Purpurmantel ... und die Stadt Susan jauchzte und war fröhlich. War fröhlich ... war fröhlich ...!« Das Wetter brach los. Hermann Wandscherer hielt sich nicht länger. Sein Blut kam ins Stürmen. Er hatte ein brennendes Chaos vor Augen. Seine Hände krampften sich ein, lösten sich wieder, tasteten ins Wesenlose. »Und Susan jauchzte ... jauchzte ihm zu ... jauchzte dem Juden zu ... Mardochai, dem Kuppler ...! Himmel und Herrgott! Was ...?!« und seine Stimme schlug um: »Sehe ich aus wie Mardochai, der Jude, der seine Tochter verkuppelte in der guten Stadt Susan? Trage ich des Königs Kleider, blau und weiß, einen Leinen- und Purpurmantel?! Nein – ich bin nicht Mardochai, der Jude. Will es nicht sein. Eher verfaule mir die Zunge im Gaumen, verdorre mir die Hand, mit der ich die neue Lehre beschworen. Nein, ich bin nicht Mardochai, der Jude ...« und der sonst so stille und geruhsame Mann, dessen glattrasiertes Gesicht allzeit unter Gottes Frieden die eigene Seele widerspiegelte, wandte sich jählings – wie aus Eisen geschmiedet. Zwei Schritte trat er vor. Dann hoben sich seine Arme. Die Finger spreizten sich. Bleiern sanken sie nieder, legten sich breit und schwer auf die Schultern Rabans. »Ich denke an den Feldhauptmann von der Ägidiiburgpforte. Recht hat der Mann, und ich spreche mit seinen eigenen Worten: Ihr seid ein Bischopink, Erbmann. Schluckt's 'runter wie 'ne häßliche Pille. In der Dawert wird hartes, aber gesundes Brot gegessen. Da gibt's Hunde, die bellen nicht, aber sie beißen. Zeigt Euch der Erbmänner würdig ... und letzten und furchtbaren Endes: treibt's mit Eurem Weib wie der Fähndrich auf verlorener Walstatt. Euch bleibt die Fahne der Ehre. Wickelt Euch und das blonde Weib in das seidene Tuch und verkostet mit ihm das köstlichste Ding, was es gibt zwischen Himmel und Erde. Das verhagelt dem anderen die besten Gemüse ... und ich setze hinzu: Und wenn ihr dran sterbet.« Zwei weiche Arme warfen sich an ihn. »Vater ...!« »Du Einzige – du!« Liebevoll zog er sie an sich. »Die Fahne ist heilig, und eine verlorene Walstatt ist es doppelt und dreifach. Unter dem seidenen Tuch habt ihr in höchster Not die Freude des Paradieses gefunden – und nochmals gesagt: Und wenn ihr dran sterbet. Ich selber – ich stehe euch Pate, und hab' ich euch Pate gestanden, ich wende mich an Schacht von Delfingen und sage: Herr Feldhauptmann, hier meine Brust. Ein braver Mann wünscht durch einen braven Mann zu sterben. Stoßt zu ...« und er breitete die Arme, als sei er gewillt, den Stoß zu empfangen. Er taumelte. Raban und Elisabeth fingen ihn auf. Sie betteten ihn. »Der Geist will kommen ... ich sehe ... er reicht mir die Hände ...« Eine volle Morgensonnengarbe vergoldete den Leib des geworfenen Mannes. Sie verklärte sein bleiches Gesicht und schmeichelte ihm die letzten Worte von den schmalen Lippen herunter. Bald nachher standen die Herolde der Welt wiederum über den Wolken, angetan mit dem Gewand eines Leviten. Weiß in Gold und mit klingenden Silberschellen an den Ärmelstauchen. Sie waren wie Engel, ihre Gesichter wie Sonnen, ihre Haare gleich flammenden Feuergarben. Man erblickte nichts Höheres und nichts Ehrfurchtgebietenderes zwischen Himmel und Erde. Und der fünfte Engel posaunete. Da erschauerte das Land Westfalen und das Geläger des Bischofs und die Hauptstadt in ihm, die reiche Stadt mit den vielen Türmen und Kirchen, deren Altäre unter dem Reichtum ihrer Denkwürdigkeiten und Reliquien den Atem verloren. Der Engel aber posaunete: »Denn siehe: ein weiß Pferd ging hervor, und der darauf saß, hatte einen Bogen, und er zog sieghaft aus, auf daß er siegte. Und es ging heraus ein ander Pferd. Das war rot; und der darauf saß, dem ward gegeben, den Frieden zu nehmen von der Erde, und daß sie sich untereinander erwürgeten. Komm! Und es ging heraus ein drittes Pferd. Das war schwarz; und der darauf saß, hatte eine Wage in der Hand. Und ich hörte eine Stimme unter den Tieren sagen: Ein Maß Weizen um einen Groschen, drei Maß Gerste gleichfalls um einen Groschen; dem Öl und dem Wein aber tu kein Leid. Und nochmals: es ging hinaus ein viertes Pferd. Das war fahl; und der darauf saß, des Name hieß Tod, und die Hölle folgete ihm nach. Ich sah die Seelen derer, die erschlagen waren, und hörte sie rufen: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächest unser Blut an denen, die auf Erden wohnen.« So die Posaune. Und die Posaune verstummte. Und als sie verstummte, geschahen erschreckliche Dinge in Münster, die die Menschheit zerrütteten und von denen der Chroniste im Kirchspiel des heiligen Lambert also erzählte: »Eines Tages, nachdem die Bürger von Sion ihr Getreide von den erreichbaren Feldern hatten einbringen können, die Herbstzeitlosen bereits in einzelnen violetten Klümpchen die Wiesen bestickten, auch hier und da etliche Bäume schon ihre lichtfarbigen Golddublonen ausmünzten, hub es an, in bedenklicher Weise, wenn auch noch in weiter Ferne, mit dem eigenartigen Hummeln von Pferdebremsen und Hornissen zu tönen. Das Hummeln verstärkte sich, wurde zu einem rhythmischen Schreiten und Pochen. Dieses Mal ausgiebiger und nachhaltiger denn früher. Das ganze Vorland schüttelte unter dem Kalbsfell der infulierten Spießträger, dem Gebrüll der marschierenden Landsmannschaften. Der Bischof hatte sich in blankes Eisen geworfen, und seine Stirn war die eines Wiedergeborenen und Zuversichtlichen; denn er hatte Zufuhr erhalten, Zufuhr an klingenden Münzen, an Söldnern und Feldschlangen, die schon hier und da begannen, ihr ›Deo gratias‹ durch die Lüfte zu heulen. Der Kurfürst von Köllen, der grimmige Herzog von Braunschweig-Grubenhagen, sowie sonstige gefürstete Herren und Grafen weilten im Lager, um Johannes Leydanus nebst Anhang aus der nunmehr verpesteten Stadt Münster zu schwefeln, ihm das gotteslästerliche Dasein für ewige Zeiten ans Galgenholz zu bringen. Selbst der zugeknöpfte Landgraf von Hessen sandte Verstärkung. Seine beste Kartaune, auch die Teufelskanone geheißen, war in Stellung gegangen, bedient von zwölf Knechten und dem Stückmeister Fritze Lampadius, dem es ein leichtes war, Steine zu wälzen, Bäume zu entwurzeln und sein auserwähltes Feldstück zu einer wirklichen und wahrhaftigen Teufelskanone zu machen. Nachdem die Stadt schon drei Tage hindurch unter Feuer gestanden, befahl Franz von Waldeck, der Bischof, den ernsthaften Angriff. ›Hallo!‹ Da ließ Fritze Lampadius einen Gewaltigen fahren, ein Zeichen dafür: jetzt haben wir und die Herzallerliebste das erste Wörtchen zu sprechen ... und siehe: sie sprachen das Wörtchen ... und der Himmel barst und krachte wieder zusammen ... und vom massigen Turm der Kirche über dem Wasser löste sich ein Mauerbrocken, der bei seinem Niederstürzen zehn Häuser zerpochte, dazu eine Wolke Staubes aufwirbelte, wie Moses sie sah, als er auf dem Berge Sinai die zehn Gebote Gottes einholen mußte. Darob ließ Fritze Lampadius einen weiteren dahingehen und sagte: ›Das wäre geleistet, denn wenn der Heros der Arkeley und seine Teufelskanone ...‹ Er kam nicht weiter, verstummte vielmehr, wie die Großen verstummen, wenn ein Größerer das Wort an sie richtet. ›Brav so, Herr Stückmeister, das nenne ich mir mit Satanszungen geredet. Es stinkt nach Hölle und Schwefel, aber auch nach Lorbeerblättern und sonstigen Zutaten.‹ Der Bischof stand vor ihm. Von oben bis unten in blauem Eisen. Er rasselte mit Krebs und Kacheln und sagte zum andern: ›Ich bin nicht Christus, der Herr, aber ich bin sein Stellvertreter auf Erden. Heute werden keine Eselsfeste gefeiert, sondern Feste, die den Anabaptisten die Suppen verstänkern. Heute kalbt selbst die Haferraufe bei der Fuhrmannskneipe vor eitel Vergnügen. Nur weiter so, und ums Morgenrot stehen vierhundert Galgen in der guten Stadt Münster.‹ Dann ging er. Als er außer Hörweite war, gefiel sich Fritze Lampadius in dem nämlichen Spielchen und schmunzelte ganz verloren dahin: ›Kraut und Lot haben frei Fahrt! Vergönnt mir's, Herr Bischof! Den sollt Ihr fressen, wenn wir unsern ausbedungenen Sold nicht bis zum schäbigsten Rader albus empfangen, denn mit den geistlichen Machthabern ist gemeiniglich nicht gut Kirschen essen zusammen. Am priesterlichen Segen und Weihwasserquast fehlt's nicht. Die geben sie über die Maßen. Aber an klingenden Groschen – da hapert's. Statt sie in die ehrlichen Artollereifäuste zu legen, werfen sie selbige ihren Kebsen ins Mieder und freuen sich wie die Spiegelkarpfen, wenn sich die goldenen Füchse abwärts schnüren, über Brüstlein und Bäuchlein, um sich irgendwo ein gut Losament zu vergewissern, des gesicherten Unterkommens wegen und der Wohlanständigkeit halber. Also Herr Bischof ...!‹ und er ließ aufs neue die Teufelskanone laden und richten, um abermals einen tüchtigen Mauerbrocken aus dem Turm über dem Wasser herauszupoltern. ›Avanti!‹ und das Himmelreich barst und krachte wiederum mit einem heillosen Donner und Getöse zusammen. Aber auch die in Münster blieben nicht müßig. Schon Tage um Tage und Nächte um Nächte scharwerkten selbst die Weiber und Kinder, bestellten die Wälle mit eisernen und kupfernen Kesseln, taten Schwefel, Pech und Kalk hinein, um bei Gelegenheit den Feinden 'ne gesegnete ›Prosit die Mahlzeit‹ vorzusetzen. Sie richteten eiserne Gabeln, umwickelten solche mit Werg und Harzen, trugen Steine zusammen, stündlich bereit, mit ihnen die Sturmhauben der Gegner zu brechen, schanzten in den Kastellen und vorgeschobenen Werken herum und waren überall zu finden, woselbst äußerste Not war. Und Johannes Leydanus ...?! Als der erste Mauerbrocken zehn Häuser und damit fünfundsiebenzig Menschenkinder zerpochte, riß er sich aus den weichen Armen der Königin und denen seiner Kebsweiber ... rüstete sich ... schiente sich von oben bis unten ... jetzt ein anderer ... Sankt Michael ähnlich und ein wehrhafter Herzog unter den Herzögen. ›Stirb oder siege!‹ rief ihm Divara noch nach, schöner als die Herrin Vasthi, herrlich in ihrem blonden Fleisch, dem Glitzern von hundert und aberhundert Pyropen, den tönenden Kettlein. ›Ich werde‹, gab er lachend zurück, saß auf, ordnete seine Scharen und ließ sie marschieren im Namen des Geistes und seiner Gesichte. Das Volk jauchzte ihm zu. Seine Stimme war die eines heldischen Führers und Gerechten in Israel. Und item und item ... Als der zweite Mauerbrocken herausgepocht wurde, stand er bereits auf dem höchsten Bollwerk, das nach Telgte hinaussah und die ganze Gegend beherrschte, um von hier aus den Ansturm der Bischöflichen abzuweisen, ihm ein Ziel und Ende zu setzen. Neben ihm erhob sich die schwarze Gestalt Knipperdollings, düster, unwirsch, mit Floren umkleidet. Hier hatte schon vor Zeit Matthisson, der Prophet aus Harlem, neben ›Männe Ungeschlacht‹ gestanden, als dessen Stimme gegen den Feind rollte mit der Allgewalt eines brünstigen Stieres. Mit den nämlichen Worten bedrohte der König den vorrückenden Gegner: ›Durch mich spricht der himmlische Vater, der Sachwalter im Reich der ewigen Gestirne. Ihr da – Ihr seid ein Unflat vor dem Herrn, ein Widersacher des Königs der Könige. Hallo, du verrotteter Bischof! Fort mit Euch und Euren Helfershelfern; ihr alle lebet im Tempel der Unzucht; denn Papismus ist Babel, ist der Pfuhl aller Sünden und fleischlichen Laster. Hinweg mit dem gottfernen Narrentum! Nieder mit Euch, nieder in den Sud und den Qualm der Hölle!‹ und er streckte die Hand gegen den benachbarten Wallbrummer aus: ›Spei ihm ins Maul – dem Verruchten!‹ Und ›Männe Ungeschlacht‹ tat seine Pflicht. Sein Schlund öffnete sich mit dem Getose des Nilpferdes. Brüllen und zuckende Blitze! und unter Stank und Geleucht turtelte die Kugel dahin, schnaufte mit der Gewalt eines Untiers, um letzten Endes auf Mord und kaputt unter das bischöfliche Fußvolk zu schlagen. Gleichzeitig tat auf der benachbarten Kreuzschanze ›Jans Pumpernickel‹ die nämliche Arbeit. ›Hosianna und Ehre sei Gott in der Höhe!‹ Der König regte und rührte sich nicht. Er hatte Verzückungen. Engel stiegen hernieder, gesellten sich ihm, dreitausend zur Rechten, dreitausend zur Linken, alle gewappnet mit kostbaren Erzen, gleich den Besternten Salomos, des gewaltigen Königs in Israel. Keine Furcht wandelte ihn an. Er wußte: nicht die Wiedergetauften allein, auch die himmlischen Heerscharen liehen ihm ihre Schwerter und Schilde, waren ihm Beistand und Bundesgenossen. ›Hosianna und Ehre sei Gott in der Höhe!‹ Die Schlacht war im Gange. Unter schrecklichem Schall und Getöse, unter dem Schrillen der Schlegelpfeifen, dem donnernden Pochen der Pauken und Trommeln trugen die Bischöflichen ihre lebendigen und toten Waffen vor. Marschierende Spießknechte, Reitergeschwader, Faschinenbündel, umflochtene Strohmieten, Riedgras und Reisig, Leitern und flammende Torste, fliegende Fahnen und die eigentlichen Sturmkolonnen! und dazwischen das alte Lied, das mit Wolfgebelfer über die Ebene heulte: ›Wir kamen vor Sibentod, Wir kamen vor Sibentod, Da hatten wir weder Fleisch noch Brot – Strampedi mi A la mi presente al vostra signori ... ‹ und war kein Ende des entsetzlichen Singens und Blökens. Von vier Seiten her erfolgte der Angriff. Von der Agidiitorburg bis weit über die Kreuzschanze hin – in langen Reihen, in dunklen Geschwadern, mit dem klebrigen Ziehen und Zögern der Weinbergschnirkel, mit dem unwiderstehlichen Vorwärtsdrängen der Wanderheuschrecken. Dazwischen kläfften die Feldschlangen, rumpelten die Viertelskartaunen. Über Münster lagerte sich eine feuerfalbe Wolke, aus der Blitze züngelten, Donner niederkrachten, als hätte der Herr beschlossen, das heilige Sion der Erde gleichzumachen. Der König stand aufrecht. Nichts focht ihn an. Ruhigen Sinnes gab er seine Befehle. Knipperdolling hielt seinen mächtigen Flammberg gefaustet. Das nackte Eisen zuckte und gleißte, gierig darauf, dem ersten Kopf, der sich erdreistete, über die Mauerkrone zu stieren, die Schale zu spalten. Die ersten Stoßtrupps kamen in Sicht, füllten mit ihren Faschinen die Gräben, spreiteten Riedgras und Reisig darüber hin, um die Wasser passierbar zu machen. Verlorene Haufen drangen vor, mit Leitern und Maschinen gerüstet. Die legten sie an ... kletterten aufwärts ... stürzten zurück, glühendes Blei auf den Köpfen, brennende Pech- und Schwefelkränze um die zuckenden Nacken. Ein Heulen erfüllte die Lüfte, ein Gurgeln und Sterben den Raum zwischen Mauern und Gräben. Immer neue Spießknechte und Söldner warf der Bischof in den fauchenden Rachen, in die brennende und stinkende Hölle. Der König stand aufrecht. Nichts focht ihn an. Ruhigen Sinnes gab er seine Befehle, wußte er doch, Cherubim und Seraphim waren ihm Beiwacht, und als ihm Meldung wurde: auf dem rechten Flügel ist große Bedrängnis, lächelte er und ließ in aller Gemessenheit und Ruhe die Besatzung der Ägidiitorburg durch zweihundert seiner besten Knechte verstärken. Hier hielt Schacht von Delfingen, der Feldhauptmann, die Widerpart. Er stand in schwerstem Ringen und Würgen. Sein zersplissenes Gesicht war wie das eines kalkuttischen Bronzeputers. Eins lohnte sich ihm. Er hatte Luderfresse die Strafe erspart, die seinem Arschleder angedrohte siebenschwänzige Katze in Gnaden erlassen. Dafür focht dieser mit der Wucht und Beharrlichkeit eines westfälischen Kohlenbrenners von den Osninghängen. Beider Schwerter hämmerten dicht nebeneinander. Das des Feldhauptmanns stand blau in der Luft, um sich kurz darauf wieder blutig in den Himmel zu heben. Schon fünfundzwanzig infulierte Mannen hatte er ans Messer geliefert, von der Mauer geworfen, ihnen das »de profundis« gesungen. Der Umkreis dampfte. Aus dem Graben stieg Jammern und Zähneknirschen. Immer neue Köpfe schoben sich vor. Die Gegner verdoppelten sich, vervierfachten sich – gesäte Drachenzähne, aus denen geharnischte Männer emporwuchsen. Bischöfliche Köpfe, scheußliche Köpfe! »Vorwärts Luderfresse! Vorwärts mit Glanz und Gloria, mit Halliro! dum dirre, dum deine, Halliro! dum dirre, dum dum!« und wiederum wurden die Leitern leer, stolperten die Stürmer und Dränger mit zerspaltenen Schädeln in die grausigen Tiefen. Dann kam Verstärkung. Noch einmal ließ Schacht von Delfingen den Zweihänder spielen und rasierte einem gegnerischen Hauptmann Haupt und Eisenschaller von den Schultern herunter. Da war's alle mit ihm. Das Blei einer feindlichen Hakenbüchse durchriß ihm die Brust. »Brav so!« konnte er noch hinwerfen, »denn jede Kugel aus 'ner properen Büchse ist für mich 'ne propere Kugel. Gott helfe mir, Amen!« So starb Schacht von Delfingen in den Armen Luderfresses eines ehrlichen Soldatentodes, aber die Torburg tat einen tiefen Schnaufer und behauptete sich als der besten eine. »Halliro! dum dirre, dum deine ...« Noch viel Stunden währte das Ringen. Dann aber ... ums Abendwerden erschütterte Sion unter einem tausendfältigen Jubel: »Heilo, wir siegten!« Der Bischof war flüchtig. Cherubim und Seraphim zogen mit geflammten Schwertern ins Vorland. Unter ihrem Schutz und Schirm warf Johannes Leydanus die Abgewiesenen bis weit über ihr Geläger hinaus, schlug nieder, was die Schwerter seiner Mannen erreichten, und ritt, Knipperdolling zur Seite, wieder gen Münster, reich an Beute und Feldzeichen, getragen von der Gunst seines Volkes, als ein König unter den Königen, als Herr über den Weltenkreis, als ein wahrhaftiger Priester im neuen Tempel des neuen Jerusalems. ›Hosianna dem König!‹ Der geschlagene Bischof jedoch lagerte weit hinter Telgte. Auch Fritze Lampadius hatte seine Teufelskanone zurückführen müssen. Er war wie ein Hund, dem man den delikatesten Markknochen wieder aus der Schnauze gerissen. ›Verdammich!‹ Der kurze Stückmeister mit dem rostroten Haarschopf stieß einen gewaltigen Fluch aus. Das war ihm noch niemals begegnet im Leben, ihm und seinen Geschütz nicht, so abgeschmiert zu werden, so gottslästerlich um sein Honnör gekommen zu sein, und seine Faust drohte gen Münster, wo ›Jans Pumpernickel‹ und ›Männe Ungeschlacht‹ noch immer ihre Mäuler aufrissen und alle Glocken den Feier- und Lobgesang sangen: › Gloria in altissimis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis. ‹ Seine Faust drohte noch immer. ›Himmel verdammich, warten wir ab! Noch ist nicht aller Tage Abend geworden. Ich und die Teufelskanone haben auch noch zu sprechen. Dies schon als Vorschuß ...‹ und er machte kehrt, richtete sein hinteres Stückwerk und flammte. ›Wohl bekumm's und gute Verdauung!‹ Er lachte, denn um ihn war ein Duft nach westfälischem Lauch und westfälischen Zwiebeln. Neben ihm aber saß ein hessischer Spießknecht, der legte die Stirn in mürrische Falten und sang über die verlorene Stätte hin: ›Mir Landsknecht waren in großer Not, Es blieben wohl drei Tausend tot Zu Münster unter den Mauern. Wüßten mein Vater und Mutter das, Sie würden mir helfen trauern.‹ Glocken und weihevolles Abendrot! und in diese hinein ritten der König und Knipperdolling der Stadt zu. Der Träger des Schwertes, noch angegriffen von den Müheseligkeiten des Kampfes, warf ein schiefes Auge auf seinen hohen Begleiter. ›Herr‹, sagte er endlich, ›ich hätte eine Bitte an Euch, denn Zusage verpflichtet.‹ ›Und diese wäre, mein Lieber?‹ Das Auge des Propheten leuchtete in lauterer Himmelsbläue, denn er freute sich des heutigen Tages und schien wohlgeneigt, mit vollen Händen zu geben. ›Herr, gedenket des Raban von Bischopink und der Elisabeth Wandscherer.‹ ›Was sollen mir diese?‹ ›Herr, ich sage nur, gedenket der beiden.‹ Da wurde die Himmelsbläue aus den Lichtern des Königs genommen. Sie wandelte sich ins Graue hinein und ließ sich mit gelblichen Punkten durchsprenkeln. ›Träger des Schwertes‹, sagte er schartig, ›beschwert mich heute nicht mit Liebesgeschichten. Man muß solche Seelenpein hinwegbeizen. Vielleicht findet sich morgen eine gelegene Stunde.‹ ›Warum erst morgen, wo ich heute drum bitte?‹ ›Weil ich es will.‹ ›Herr, das ist eine bittere Antwort.‹ ›Nehmt sie für bitter; auch ich habe vielfach Wermut und Myrrhe zu schlucken. Laßt mich. Das Heute ist mein. Ich lasse es mir nicht gegen bessere Einsicht verludern.‹ ›Herr ...!‹ ›Ruhe, mein Bester.‹ Da schwieg Knipperdolling. Aber sein Antlitz verfärbte sich, wurde zu Kreide ... und an seinem Herzen nagte es mit den scharfen Zähnen eines bissigen Frettchens.« Der Chroniste von Sankt Lamberti jedoch tat einen tiefen Atemzug, spritzte den Kiel aus und legte die Feder beiseite. Wachen Auges harrte er der kommenden Dinge und des weiteren Geschehens. Zwölftes Kapitel Es war anderen Tages ... Unvermittelt erschien wieder der Mönch. Er trat aus dem Nichts, aus musselinartigen Floren, die keine Flore mehr waren. Neben ihm geisterte die unheimliche Kerze, um bald zu verlöschen. Unter seiner Führung wandelte sich der Schauplatz der Dinge. Wir gewannen den Domplatz, im Volksmund das ›heilige Sion geheißen.‹ Ein dunstiger, schwüler Septembermorgen überlagerte die Stadt, brütete in Straßen und Gäßlein, legte sich bleiern auf die Herzen der Menschen. Die alten Linden, die die weite Hegung umstanden, ähnelten den grauen Schwestern der ewigen Anbetung. Kein Blättchen kehrte sich auf die andere Seite, so still war es ringsum geworden, so müde, so mit den wächsernen Händen einer Lichtjungfer gezeichnet. Die dunstige und schwüle Morgenfrühe hatte alle Lebensfreude aus den Bäumen genommen, aus den Kehlen der gefiedelten Sänger, die sonst nicht müde wurden, ihre munteren Schlegelpfeifen ertönen zu lassen – und war doch ein Sieg gewesen, wie die Kriegsfama noch keinen über die münsterischen Heiden hinausposaunt hatte. »Das ändert sich«, sagte der Mönch. Das schmale Gesicht verlängerte sich. Etwas unsagbar Trauriges war bei ihm. Er hob den Kopf und schaute in das dichte Gewirr von Zweigen und Zweiglein. Seine Blicke hafteten bei einzelnen falben und gelblichen Flecken, die zwischen dem Astwerk hingen und sich nicht regten und rührten. »Das ist es«, sprach er leise in sich hinein, »das läßt sich nicht fortwischen, das wird immer gelber und falber, und ich möchte so gerne einen frohen Psalm Davids anstimmen, vorzusingen auf der Gittith mit acht Saiten, der da endet: Du tust mir kund den Weg zum Leben; vor dir ist Freude die Fülle und ein lieblich Wesen zu deiner Rechten ewiglich. Aber es bleibt ein vergebliches Mühen.« Seine Blicke lösten sich nicht von den welkenden Blättern. Sie zogen ihn an, sie waren ihm die Vorboten eines furchtbaren Geschickes. »Lasset uns beten«, und er betete das Vaterunser mit verhaltener Stimme. Zwischen den alten Lindenstämmen zeigten sich die grauen Mauern der hohen Domkirche, die des Herrscherpalastes und die des angegliederten Hauses der Königin und Kebsweiber, wo jegliches mit Gold und Silber bestellt war, köstliche Teppiche die Schritte abdämpften und rare Spezereien und Narden den gesättigten Reiz des Auserwählten noch bezaubernder machten. Der Mönch sah nach dem Anbau der Königin und dem der Kebsweiber, dann wieder nach dem Gewirr von Ästen und Zweigen, an denen die Zitronenfalter regungslos hingen. »Bald fallen die Blätter«, sagte er heiser. Er wandte sich ab. »Das ändert sich auch«, meinte er schließlich, und siehe: durch die Wipfelkronen ging ein Hin und Her, ein kaum wahrnehmbares Auf und Nieder, das an Wohllaut zunahm und sich allgemach verstärkte. Ein feines Lüftchen tat sich auf, zerstreute die stickigen Nebelschwaden und nahm die drückende Schwüle hinweg, die qualvolle Stunden hindurch unter den Bäumen gebrütet hatte. Eine milde, lauliche Septembersonne lachte vom Himmelreich. Ein munterer Buchfink schmetterte seinen ›Reiterherzu‹, ein zweiter die ›Zizigallweise‹, und es war letzten Endes ein Musizieren zwischen den Blättern wie in den Tagen des ersten Linden- und Buchengrüns. Mit dem Schlage neun strömte das Volk zu. Tausend Hände schafften und werkten, solche von Zimmerleuten und Schreinern, von Gewandschneidern und Zapfern, von Fleischermeistern mit ihren Gesellen und Garköchen. Tische und Bänke wurden genagelt, Girlanden gezogen, Velarien ausgespreitet, ein Mastenwald von fliegenden Fahnen errichtet, von buntfarbigen Tüchern, die anmutige Volten schlugen und in die ›Zizigallweise‹ und den ›Reiterherzu‹ gar lieblich hineinknatterten. Inmitten des Platzes erhob sich die königliche Tafel, reich bestellt mit allem, was nötig erschien, den Tag froh und in hoher Feier zu begehen, denn der Herr über alle Fürsten und Gaugrafen hielt heute sein Siegesfest, und jeglicher, der sich als gut anabaptistisch ausweisen konnte, wurde in Gnaden gebeten, sich an fünf gebratenen Ochsen, zehn Schweinen, Gänsen, Ferkeln und Legionen von Rauchwürsten, Geselchtem und Mistkratzern höchlichst zu delektieren – im Namen der Wohllust und eines unersättlichen Magens. Noch war kein Mangel an Proviant zwischen den Mauern. Die Magazine strotzten von den Früchten des Feldes, die Kornkammern krachten unter der Last der Roggen- und Weizensäcke, in den Ställen rappelten noch die Viehketten, kullerten die Truthühner, schnatterten die Entvögel, krähten die Hähne noch so gesinnungstüchtig von ihren Misthaufen herunter, als gölte es, den Anabaptisten die Mäuler zu stopfen bis zum Tage des Gerichtes. Die Fleischhauerzunft hatte alle Hände voll zu tun, ebenso die Bäckergilde, ebenso die Fraternitäten der Garköche und Bierbrauer. Immer mehr strömte das Volk zu: geladene Gäste und ungeladene Haselanten. Hosianna! Der Herr des neuen Tempels, der Lorbeergeschmückte, Johannes Leydanus hielt heute sein Siegesfest ... und als die zwölfte Mittagsstunde von der hohen Domkirche herniederbrummte, lief ein heller Trompetenschrei über die Hegung. Gleichzeitig öffneten sich die Tore der Hofburg und die des Frauenhauses. Alle Hälse streckten sich, alle Knie beugten sich und berührten die Erde. »Der König! Der König!« Unter Glitzern, mit klingenden Zinken und Pfeifen kam es seines Weges gegangen. Zwölf Pagen in den Farben des Gesalbten eröffneten den Zug. Aus ihren Gürteltaschen verstreuten sie Silberlinge, die frisch aus der Münze gekommen. Spießknechte und Harnascher schlossen sich ihnen an. Ihnen folgte Johannes Leydanus, gekrönten Hauptes, in lichtweißer Seide. Ihm zur Seite, das goldene Krönlein auf dem kupferfarbigen Haar, schritt Divara, die Herrin, schön wie der erste Morgengruß auf den Bergen, blendend in ihrer üppigen Fülle und Weibeshoheit, einer Valadinne ähnlich und dennoch keusch und züchtig wie eine Heilige zwischen brennenden Wachskerzen. Ein blühender Reigen von Nebenfrauen geleitete sie, zwölf an der Zahl, als da waren: Maria Heckerin, Christina Rhoden, Anna Laurenzin, Margaretha Modersonin und andere mehr, mit Gewändern bekleidet, wie sie die Hetären trugen auf der Insel Meropis, Spinnweben ähnlich und mit silbernen Sternchen durchzittert. Die Großen reihten sich an. Unter ihnen Knipperdolling und Krechting, Rottmann und Dusentschuer, nebst den Geschworenen des Zwölfer- Rates, alle in dunklen Schauben, geschmückt mit dem Wiedertäuferpfennig aus lauterem Golde. Den Beschluß machte einer in flammendem Rot. Der trug enges Gewand, eine ausladende Gugel mit geschnittenen Augenhöhlen, das aufgestellte Schwert zwischen den Händen. Meister Hans aus der Grünen Stiege war der ruhende Punkt, das letzte und gewichtige Wort in der Stadt des neuen Tempels. Nach der von ihm getätigten Arbeit war dem Gesetze Genüge geschehen, die lästerliche Zunge zu ewigem Schweigen verdammt worden. »Der König! Der König!« und nochmals brach das zwischen Bäumen und Tischen eingepferchte Volk in brausendem Jubel aus. Zinken und Pfeifen mischten sich ein, und von allen Türmen läuteten die Glocken ein sonores › Te Deum laudamus ‹ über die Stadt hin. Die im gegnerischen Lager mußten es hören. Der Bischof verfärbte sich, als wäre ihm die Gräte eines zehnpfündigen Weserhechtes zwischen die hochwürdigen Kiemen geraten. »O dieses Münster!« Aber Münster feierte, taumelte von einem Himmelreich in das andere, lobete Gott und pries seinen Johannes Leydanus als den Leviten aller Leviten, den Herrn der überirdischen Thronen und Herrschaften. Als zöge Jesus in Jerusalem ein, so wurde er begrüßt und erhoben, wurden ihm an Stelle der Palmblätter Astern und Nelken gestreut, auch sonstig duftiges Kräuterwerk, was die Gärten zu dieser späten Jahreszeit noch aufzubringen vermochten. »Hosianna – dem König!« Bald darauf waren die Throne besetzt, die Bänke eingenommen. Aufgelegt wurden: an den Tischen der Bürger prätzelnde Bratwürste mit westfälischem Kraut, während im Bering der Großen Pfauhähne ihre schillernden Räder schlugen und auserwählte Bissen sich anpräsentierten. Dann kamen: dort Rindslendenstücke, hie Schweinerippchen in bibbernden Sülzen und Galreien. Nach dem zweiten Gang erhob sich der König. Seine Stimme war die eines fadendünn geschliffenen Bidenhänders, weithin reichend und mit silbernem Klingen, »Geliebte im Herrn! Höret, ihr Völker, und vernehmet das Wort Gottes, der mir gebietet, an seiner Statt euch Gruß, Heil und Segen zu bringen. Die Zeit ist gewaltig, und gewaltige Zeiten werden nicht durch Schellenherzöge regieret. Durch mich spricht der ewige Vater, spricht Jesajas, der große Prophet, und also redet dieser in feurigen Zungen: Der Herr ist groß und gerecht. Er verschlingt den Tod, nimmt die Tränen von allen Angesichtern und wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen.« Er hob die Augen, und in diesen Augen spiegelten sich die blauen himmlischen Lichter. »Mache dich auf«, fuhr er fort. »Zeuch deine Stärke an, schmücke dich herrlich, du heilige Stadt Jerusalem, denn es wird hinfort kein Unreiner zu dir hineingehen. Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die den Frieden ausrufen. Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen: Dein Gott ist der König!« Er hob sein römisch Glas und hielt es dem Volk hin. »Sind nicht die Boten gekommen, o Sion, und haben sie dir nicht die Glorie der Schlachten verkündet? Sie kamen in Waffen und Wehren, mit flammenden Schilden und brachten die Nachricht: die Walstatt ist unser! Der Herr hat seine Wage gestreckt und gewogen, und siehe: das Reich vom neuen Tempel ist Sieger geblieben. Meine Apostel sind dabei den Weltkreis zu erobern und damit zu schließen. Drum freue dich, Sion, sei fröhlich im Geiste, feire die Stunde und mehre dich gleich den Sandkörnern auf den Dünen, gleich den Bildern unter den Bildern des Firmaments. Und des zum Zeichen: ich leere mein Glas bis auf den letzten güldenen Tropfen.« Und also geschah es ... und ein Brausen entstand gleich dem Brausen des Eichwaldes bei Sturm und Ungewitter, und dauerte fort, bis die Schaffner aufs neue ansetzten, dazu mit Fleiß auftrugen: Kapaunen, Watvögel und sonstiges Geflügel aus den benachbarten Baumbergen, Barben aus den Grüften der Stadt, Schweinsfüßchen in gesäuerten Aufgüssen. Dazu würzeten die Cantores das Mahl mit dem getragenen Liebe vom ›Löffeln‹, während die Spielleute sich schon heimlich danach sehnten, den üblichen Tanz mit Flöten- und Viola di Gamba-Begleitung beflügeln zu dürfen, alles zu Ehren Gottes und im Hinblick auf die ewigen Seligkeiten. Nach dem Mahle wurden ungesäuerte Weizenkuchen in Körben herumgetragen, der König brach sie den Tischgenossen mit den Worten: »Nehmet hin, esset und verkündet den Tod des Herrn.« Desgleichen die Königin. Sie reichte einen Becher mit Wein und sprach: »Trinket daraus und verkündet den Tod des Herrn.« Johannes Leydanus war fröhlichen Sinnes. Er scherzte mit Divara und seinen Nebenfrauen. Richtete auch zeitweilig ein heiteres Wort an Rottmann und Dusentschuer, vermied es aber, sich mit der geringsten Silbe an Knipperdolling zu wenden. Der saß in Unmut, der Königin schräg gegenüber. Auch trug er sich mit Gedanken, die seinem dunklen Gewand angepaßt waren. »Was habt Ihr?« fragte Divara und ließ ihren Fächer aus Pfauenfedern spielen. »Ich sah Euch nie so abwesend wie heute.« »Herrin, ein Tag ist meistens nicht so wie der andre.« »Das seh ich. Gibt es kein Arkan dagegen?« »Das schon, aber eine derartige Latwerg ist schwer zu erkaufen. Sie wird aus der Apothekerei des Königs bezogen, und Könige sind unbequeme Rechenmeister.« »Ich glaube, wir begegnen uns auf demselben Gedanken. Später, beim Tanze – ich habe mit Euch ein Wörtchen zu reden.« »Allergnädigste, ich harre des Tanzes. Möge es zu einem ersprießlichen Ende führen.« Sie nickte ihm zu, mit Augen, die Zuspruch und Gewährung verhießen. Gleichzeitig huben die Spielleute an. Der Hofmarschall hatte Order gegeben. Erst ein zartes Quinkelieren der Flöten, dann ein tremulierendes Fingern auf der Viola di Gamba, bis die Töne stärker wurden, sich harmonisch ineinanderfügten, um schließlich eine getragene Weise anzuheben. Da horchte die Welt auf. Das wirre Gerede verstummte. Bis in die tiefsten Tiefen des weiten Platzes hinein lauschte man mit verhaltenem Atem. Divara erhob sich. Mit schimmernden Augen hängte sie sich in den Arm Knipperdollings. Das sprühende, lachende Leben an der Seite des finsteren Mannes, dessen brütender Ehrgeiz den seines Herrn um vieles übertrumpfte – das erregte die Menschen. Die Stimme des Herolds ertönte: »Gebt Raum der Königin!« und die Königin tanzte. Es war eigentlich kein Tanzen, vielmehr ein getragenes Gehen und Schreiten, ein Gleiten und Wandeln, ein sanftes Sichwenden und -drehen unter schmeichelnden Tönen. Ihr kupferrotes Haar mit dem güldenen Krönlein leuchtete gleich einer Mandorla, ihre geschmeidigen Glieder wie Seltenheiten in silbernen Gewändern. Sie erregte die Sinne, wie es die Weiber im Tempel der Astarte zu Ninive taten, wenn sie die verheißenen Liebesstunden ersehnten, der Freier sich nahte und stammelte: »Unser Gebet sei das Rufen nach Schönheit. Nichts ist schöner als das Weib. Lasset die Toren schelten und lachen. Ich bete es an und sterbe am Weibe in Gedanken, Worten und Werken, die die Kraft meines Lebens dahinnehmen, aber mein Sterben ist köstlich, vollendet sich mit Rosen im Haare, mit einem glücklichen Lächeln auf den bleichen Lippen.« Lauter hofierten die Flöten und Geigen, inniger die Viola di Gamba. »Majestät, ich harre des Wörtchens.« Sie schmiegte sich an ihn. »Darf man Euch vertrauen?« fragte sie mit Fieberaugen. »Viele Wege in Sion sind Wege, auf denen man strauchelt.« »Herrin, verkennt mich nicht. Ich halte mein Blut zwischen den Fäusten.« »Habt Ihr mit dem König gesprochen?« »Herrin, ich tat es.« »Und worüber gesprochen?« Der Statthalter schwieg. Er kam beim Tanze der Tafel zu nahe. Er drehte ab und sprach mit heiserer Stimme: »Über den Erbmann.« »Ich sehe, unsere Gedanken sind dieselben Gedanken, wie ich eben schon sagte. Und gedachtet Ihr dabei der Elisabeth Wandscherer?« »Auch dieses.« »Und was sagte der König?« Ihr Atem flog, umhauchte den düsteren Bart ihres Partners, in dessen Fäden einzelne Funken des lichten Herbsttages glitzerten. »Sein Wort war herb und verdrossen. Es vertröstete mich auf die heutige Stunde. Aber ich glaube ...« »Was glaubt Ihr?« Divara hielt den Fuß an. Ihre Brust kam ins Stürmen, die feingeäderte Brust, auf deren schneeigem Weiß die ausgebrochenen Steine von Monstranzen und Ziborien in lauterem Golde prunkten. »Herrin«, gab Knipperdolling zurück, »mein soeben dargelegtes Bedenken gibt die beste Antwort. Die hierzu nötige Latwerg ist schwer zu erkaufen. Sie wird nur aus der Apothekerei des Herrschers bezogen, und solche sind unbequeme Rechenmeister.« Ein kleiner, goldbeschuhter Fuß stampfte auf. »Ich weiß, sie wiegen mit Skrupelgewichten und haben Blut an den Fingern. Aber ich will. Versteht Ihr – ich will.« Ihre Stimme zersprang wie eine überspannte Saite. Sie löste die Gürtelschnur ihres silbernen Kleides und knüpfte die Gürtelschnur wieder zusammen. Dann wurde sie ruhiger. »Noch heute habt Ihr mit dem König zu sprechen. In sofortiger Stunde. Ich bin des Hangens und Bangens müde. Mein Leib verzehrt sich darum. Ich habe qualvolle Tage und schlaflose Nächte hinter mir. Nicht um meinetwillen, denn eine Nebenfrau mehr oder weniger, das ficht mich nicht an, wirft meine Ruhe nicht aus dem Senkel. Das bißchen Drum oder Dran soll außer Rechnung bleiben. Weiber kommen und gehen, blühen auf wie Zentifolien, um andern Tages ihre Kelche hängen zu lassen. Aber um Elisabeth Wandscherer trage ich Sorge. Sie barmt mich. Ich werde ihr klagendes Auge nicht los, nicht ihr kleines, gefährdetes, armseliges Glück ... und somit: Mahnung ergeht, Euch vor Elisabeth und den Erbmann zu stellen, auf die Gefahr hin, meine Gunst zu mindern oder gar zu verscherzen. Ich will nicht, daß sich ein solches Geschöpf um Sion verblutet.« Sie tippte ihm sacht auf die Schulter. »Also – Herr Statthalter ...?!« In den tiefliegenden Lichtern Knipperdollings blitzte es auf mit dem Blitzen von Rasiermesserchen. »Herrin, hart auf hart wird es gehen. Aber ich werde, wenn auch zum guten Beschluß ein Kopf dahinrollen sollte.« »Schweigt«, sagte sie jählings. »Brechen wir ab. Ich fühle: zwei Augen beobachten uns«, und sie legte wiederum die Hand in die ihres Partners und tanzete weiter im Schmuck ihres kupferroten Haares mit dem güldenen Krönlein, dem sinnbetörenden Reiz ihrer geschmeidigen Glieder, beim hinreißenden Knistern ihres silbernen Kleides, bis Flöten und Viola di Gamba verstummten und sie wieder Platz genommen hatte zur Rechten des Königs. Des Stirne verfinsterte sich, trotz des Jubels des Volkes, der ihn von allen Seiten umtollte. Sein Blick war scharf auf Knipperdolling gerichtet, dessen Hand sich streckte und einen gestrichenen Becher ungarischen Weines seinem Munde zuführte. Er tat es als Ausgleich für seine erregten Gedanken, die ihm die Ader rauschen machten. Der Tokaier war gut, stammte er doch aus den heimlichsten Gefächern der Domkurie und schien Süße mit höllischem Feuer zu einen. Langsam schüttete er den schweren Trunk hinter die Samtschaube. Dann strählte er sich den Bart mit tiefem Behagen. »Ein preisliches Trinken!« rief Johannes Leydanus ihm zu. »Ihr führt eine treffliche Klinge, Herr Statthalter.« »Gott sei gedankt!« gab Knipperdolling zurück. »Es stünde mir auch schlecht an, wäre es anders.« »Wohl dem Manne, dem solches vergönnt ist, dem das Wort dabei nicht auf ein falsches Geleise gerät. Es könnte ihm übel bekommen.« »Hat keine Not. Je besser der Tropfen, um so schmackhafter die Rede, denn ich weiß schon von der Lateinschule her: Odi profanum vulgus et arceo , was wir deutsch übersetzen: Ich mag den gemeinen Pöbel nicht und halte ihn mir fern ... und für mich ist ein unbedachtsames Wort der niedrigste Pöbel.« Der König lachte. »Brav gesprochen!« Er rief hinter sich: »Dem Statthalter und Träger des Schwertes einen zweiten Becher voll schweren Weines, auf daß sein Mund noch freier und geläufiger werde! Angestoßen und auf ein langes gemeinsames Leben zusammen ...« und abermals bannte Knipperdolling den köstlichen Trunk hinter Wams und Samtschaube und sagte: »Zum Wohle der Menschheit! Möge das Alter Euerer Majestät wie das eines Methusalem und dazu ein gesegnetes werden.« »Wahrhaftig«, sagte der König, »Euer Geist bewegt sich auf glatten Dielen, und das nicht allein, trotz Eurer Leibesbeschaffenheit – Ihr tanzt noch immer eine saubere Sohle, versteht Euch auf ein minnigliches Walzen und Schleifen.« »Auch hierfür Gott sei gedankt! denn ich trage kein Fehl an Gliedern und Sinnen.« Und wiederum lachte Johannes Leydanus. »Daran möchte ich zweifeln«, sagte er brüchig, die Seher hart auf Knipperdolling gerichtet. »Ihr scheint ja alles zu können. Wenn's not tut, freßt Ihr sogar geröstete Maikäfer.« Die an der Tafel verstummten. Was wollte der Herrscher? Hier brütete ein Wetter am tiefen Horizont, gewillt, sich langsam vom Boden zu tasten. Knipperdolling erhob sich. »Herr, wie soll ich das nehmen?« »Nehmt es, wie Ihr es wollt.« »Herr, das ist keine Antwort für den Träger des Schwertes.« »Statthalter, so muß ich deutlicher werden. Ihr rühmt Euch keines Gebrechen an Sinnen und Gliedern. Ich bin anderer Ansicht. Euch fehlt es an Augenschärfe.« »Herr, das sagte mir keiner, wagte mir keiner zu sagen.« »Ich aber tu es, ich, der König von Sion.« Er streckte die Rechte. Sie deutete auf die Herren an gemeinsamer Tafel, die den Zwölfer-Rat bildeten. »Euch steht es an, für die Vollzähligkeit der Herren Sorge zu tragen. Vornehmlich am heutigen Tage.« Sein Wort nahm an Galle und Herbe zu. Die feine und doch harsche Gestalt straffte sich auf. »Ich wiederhole zum anderen: Euch fehlt es an Augenschärfe. Ihr zählt zwölfe der Angeforderten, ich aber nur elfe.« Knipperdolling stieß einen heiseren Laut aus. Dann wandte er sich: »Schaffner, füllt mir den Becher.« Er sprach es mit der Gelassenheit eines Mannes, der alles auf eine Karte setzt. Beider Augen begegneten sich mit der Kälte von Eiskristallen. Divara verfärbte sich. Die Lindenblätter säuselten ängstlicher. Selbst die Himmelsleuchte schien trüber zu brennen. Dunkle Schatten zogen herauf. »Herr«, sagte der Statthalter, »Ihr sucht was, um mir an den Kragen zu gehen.« »Das steht auf einem anderen Brette verzeichnet. Vorläufig bleibt es dabei: Ihr zählt zwölfe der Herren, ich aber nur elfe.« Da hob Knipperdolling den Becher. Frei und perlend stand er im Raume. »Ein Hoch dem König der Könige!« rief er mit ungebändigter Stimme über die Hegung. »Ein Hoch dem Herrn des neuen Tempels! Gott segne ihn, Gott erhalte ihn, Gott stärke ihn in seinem Werken und Wirken, in seinem Tun und Lassen. Als Mehrer des Reiches herrsche er über die Völker des Erdkreises, führe sie auf fette Weiden, die im Morgentau eines ewigen Frühlings stehen, versorge sie mit Manna und Honigwaben. Aber halten zu Gnaden, Herr König! Ihr irrt Euch. Meine Augen sind wie die einer Pantherkatze. Tag und Nacht sind sie gleich, verstören sich nicht. Genau wie Ihr – ich sehe den Rat der Zwölfer nur mit elfen besetzt. Der Älteste fehlt.« »Warum fehlte der Älteste?!« schäumte der König. »Weil er in Not ist. Der Älteste liegt auf den Tod!« »Wer liegt auf den Tod?« Knipperdolling setzte das Glas ab. »Hermann Wandscherer, der Tucher. Die Sterbeglocke sperrt schon das Maul auf. Stündlich kann sie mit ihrem Miserere beginnen. Er krankt um das Leid seiner Tochter. Herr, ich flehte schon gestern. Ihr verwiest mich auf heute. Jetzt ist die Stunde gekommen, die Stunde der Güte und die der Barmherzigkeiten. Herr, Euch wurde die Macht, zu richten und zu rechten, mit Feuer und blankem Eisen zu strafen, aber auch die heilige Macht und Obliegenheit, die Strauchelnden aufzurichten, den Mühseligen und Beladenen das Kreuz von den Schultern zu nehmen, auf daß Tod und Heimsuchungen ihre Macht verlieren ... und so bitte ich denn: Gedenket des Raban von Bischopink und der Elisabeth Wandscherer. Weigert Euch nicht länger. Benedeit ihre Ringe und gebt sie zusammen ... und auf daß es geschehe ...« und wiederum stand der Kelch frei und perlend in der Höhe: »Es lebe der gütige König, es lebe Johannes Leydanus!« Ein donnerndes Hoch brauste über Sion dahin bis in die entlegensten Kirchspiele. Der Herrscher zuckte mit keiner Maser und Faser. Er war ruhiger als der Kopf eines Sargnagels. Nur seine Lippen zischelten: »Ich will Dusentschuer sprechen.« Und Dusentschuer kam. Um das Buonarottigesicht mit dem verstrudelten Bart und dem wirren Haarschopf spielte ein zufriedenes Grinsen. Er wußte, was kommen sollte. »Herr und König, immer zu Diensten.« »Dann antwortet. Wie steht es mit der Arbeit, die ich Euch in Bestellung gegeben?« »Die Kettlein sind gerichtet, die Nesteln geflochten, die Schmelzsteine so halber eingesetzt. Es mangelt nur noch die Probe am Fleisch.« »Die wird Euch ...« und der König wandte sich ab, umschritt die Tafel und legte Knipperdolling die Hand auf die Schulter. »Ich danke Euch für den gütigen Zuspruch. Er kam von Herzen, das weiß ich, und Dinge, die von Herzen kommen, soll man auch in der eigenen Herzkammer treulich aufbewahren. Das soll hiermit geschehen. Das verspreche ich Euch. Aber erinnert Euch auch an die Worte, die ich seinerzeit an die Wandschererin richtete. Ich sagte: Am Tage der Hochzeit möchte ich nicht mit leeren Händen erscheinen. Geduldet Euch, bis die Blätter fallen.« »Herr, es geht um eine verzehrende Liebe.« Die Augen des Herrschers wurden zu bleiernen Augen. »Männlein, Männlein«, sagte er grantig, »Ihr seid Statthalter und Träger des Schwertes. Nichts weiter. Nicht mehr wie das Schwarze am Nagel. Drum mischt Euch nicht in solche Geschäfte. Sie bekommen Euch nicht. Ihr habt genug an Eurer eigenen Hausehre zu tragen. Es bleibt dabei: wenn die Blätter fallen. Was dann geschieht, das liegt lediglich in meinem Ermessen.« »Herr, Ihr seid als König heilig verpflichtet ...« Das Haupt Knipperdollings erhob sich. »Einer aus der Zwölfer-Gemeinschaft, ein Mann wie Hermann Wandscherer darf nicht durch das Leid seines einzigen Kindes über die Bretter gestreckt werden.« Auch Rottmann tat Einspruch. Mit erhobenen Händen trat er näher heran. »Herr, auch die Cherubim und Seraphim bitten um Milde. Eure Gnaden und Barmherzigkeiten würden das Himmelsgewölbe durchstoßen und eine frohe Botschaft vor den Sitz des Ewigen tragen.« »Schweigt und kümmert Euch um Euer Priestertum. Ich habe mit diesem zu sprechen«, und zu Knipperdolling gewendet: »Also Ruhe damit. Ein Buchstabe mehr, und es könnte Euch böslich ergehen.« Er tat einen jähen Blick auf Meister Hans aus der Grünen Stiege. Der zuckte in seinem roten Wams, das wie Mohnblumen blutete. Knipperdolling jedoch warf sich hoch. Alles tobte und zitterte in ihm. Der Wein machte ihn aufsässig, peitschte sein Herz, daß es ihm wie eine tobende Schleuse zurauschte, wild und gewaltsam. »Also böslich ergehen?! Das mir?!« und sein Wort rollte dahin, als hätte ›Jans Pumpernickel‹ von der Kreuzschanze gerufen. »Herr, das ist nicht Sitte im heiligen Sion. Man wirft keinen Anabaptisten über Bord, auch nicht die Liebe eines anabaptistischen Weibes!« »Und wenn ich es als König gebiete ...?!« »Auch dann nicht«, und eine mächtige Faust polterte auf Tisch und Tafeltuch. »Nein, auch dann nicht, Herr König! Was?! Stellte ich nicht mein eigenes Recht hintenan? War ich nicht Euer Schrittmacher? Habe ich Euch nicht zu Thron und Zepter gekürt, obgleich ich fühlte: auch du bist berufen?! Habe ich Euch nicht die Pfade geebnet, die Teppiche gespreitet, Euch erhöht und erhoben unter den Großen des Weltkreises?! Aber handelt Ihr so – so seid Ihr nur ein König des Fleisches, keiner vom Geist und im Sinne des himmlischen Vaters ... und ginge es nach Recht und Gesetz, kein anderer denn ich ...« und die flache Hand des Erregten schlug auf das düstere Wams, daß es krachte. »Mensch – Ihr, Ihr wagt es ...?!« Stirn stand gegen Stirn und Auge in Auge. »Das ist Königsverrat. Ihr steht auf der Reepschlägerei, mir den Strick auf der Haspel zu drehen. Ihr habt Werg zwischen den unlauteren Fingern. Dem wird Widerpart gesetzt. Meister Hans ...!« Der trat vor und legte Kopf und Gugel zur Seite, um besser hören zu können. Es wisperte etwas durch die Luft, das da lautete: »Wer der gesetzlichen Obrigkeit aufsagt, gehört ans Schwert.« Knipperdolling stand aufrecht. »In mir wohnt der Geist, und der Geist ist lebendig in mir. Was kann mir geschehen? Ich achte der Drohung nicht.« Da warf sich Divara zwischen ihn und den König. »Herr, laßt ihn das Wort nicht entgelten!« Sie schmiegte sich an ihn, sie schluchzte, sie weinte. »Herr ...! Herr ...!« Ihre Stimme überschlug sich in angstvoller Wallung. »Weib, ich weiß, was du spinnst. In diesem Gespinst wohnt Otterngezücht, das mir die Stunde verekelt. Aber ich werde diesem Gezücht wie Speicherratten die Köpfe zertreten. Ich bin wie Ziska vom Kelch, wie die beiden Prokope. Wer gegen sie war, küßte den Rasen. Ich habe es satt und genug, mit lampartischen Tücklein zu spielen.« »Herr, der Wein spricht aus ihm!« flehte sie weiter. »Er ist seiner Sinne nicht mächtig. Vergebt ihm. Wartet bis morgen. Bedenkt Euch, denn er wird Einsicht gewinnen.« Ihre blühenden Arme umhalsten ihn. Ihr silbern Gewand wurde eins mit dem seinen. Ihr kleiner Mund legte sich fest auf seine blutleeren Lippen. Sie ließ ihn nicht los. »Erbarmen! Erbarmen!« Er atmete schwer. Wie ein Messer wühlte sich sein Blick über die Hegung, als ob er Gewaltiges sähe ... denn plötzlich ... Das Volk drängte jäh auseinander, hatte des Vorgangs nicht acht, das sich an der königlichen Tafel abspielte. Mit schweren Atemstößen: »Tut Buße! Tut Buße!« kam es gefahren, wandelte es durch die erregte Menge – zerfetzten Kleides, zerzausten Haares und Bartes, entblößten Halses und mit Augen, wild wie die eines Stieres. »Tut Buße! Tut Buße! denn die Sonne verfinstert sich und die Sterne fallen vom Himmel herunter.« Mit mächtigem Stab, im Schweiß und Blut seines Angesichtes, in zerrissenen Schuhen und Strümpfen durchmaß der Fremde die Gassen, die sich ihm willig öffneten – unter lautem Geschrei und dem Toben einer aufgepeitschten und rasenden Herde. »Das ist Taschenmacher, der ausgesandte Apostel!« »Tut Buße! Tut Buße!« schrie dieser. Und siehe: so war es. Es war Anton Taschenmacher, der also daherkam, Taschenmacher, der Bekenner und Deuter, der früher als Komödiantenspieler die Märkte absuchte, auch sonstige Kurzweil betrieb, reich an Gaben des Verstandes und der zusprechenden Rede. Der nun trat vor den König und die Großen des Reiches, warf seinen Stab ab, streckte die Arme gen Himmel und sagte mit einer vom Rost der Tage und der Ängste zerquälten Stimme: »Herr, wie hat der Allmächtige die Tochter Sion mit seinem Zorn überschüttet! Er hat die Herrlichkeit Israels auf die Erde geworfen. Er hat nicht gedacht an seinen Fußschemel am Tag seines Zornes. Und also kommt es: die Weiber werden geschwächt in den Straßen von Münster und die Jungfrauen in den westfälischen Städten. Es will Abend werden in Sion.« »Unsinn! wo sind meine Jünger?« »Ich bin einer von ihnen.« Um des Gewaltherrn Stirne zuckte es auf. »Das seh ich. Wo bleiben die anderen?« »Die besten unter ihnen wurden gehenkelt und ihr Alter nirgends geachtet.« »Mensch, wovon redest du?« »Von Euren Aposteln, und ich bin einer von ihnen.« »Ich höre nicht richtig. Ich will wissen, wo sind meine Jünger geblieben, und wo predigen zur Zeit die, die ich gen Mitternacht sandte?« Da holte der Apostel seine hageren Arme ein, die wie gedörrte Stockfische waren, und sagte: »In Osnabrück wurden Heinrich Brentrup und Dionysius Vinne gerädert.« »Trotz meiner Salvakondukte?« »Ja, Herr, trotz Eurer Salvakondukte.« »Das sagt Ihr so ruhig?« »Ja, Herr, weil sich die Wahrheit der Ruhe befleißigt.« »Und die, die ich gegen Mittag und Abend schickte, das Wort zu verkünden, was ist aus diesen geworden?« Der König hatte Lohe und Brunst vor den Augen. Er streckte den Hals vor. »Gebt Antwort.« »Der Bischof machte kurzen Prozeß. In Soest hängt Lorenz Vischer am Galgen, in Coesfeld ließ er Bernard Focke und Heribert Beckmann im Feuer schmoren und ihre Asche zerstreuen.« »Und die übrigen alle?« Johannes Leydanus fuhr gleich einem Besessenen auf. »Hundekanaille, auch dieses soll dir von der Zunge herunter.« »Geköpft oder lebendigen Leibes begraben.« »Durch Bischöfliche?« »Durch Bischöfliche oder deren Helfershelfer.« »Du lügst!« raste der König und packte den Sendling an den Hals, daß er aufschrie. »Du lügst! Meine Jünger sterben nicht ... wollen nicht sterben ... können nicht sterben. Was der Herr des neuen Tempels entsandte, ist gefestet gegen Strick und Strang, gegen Feuer und Wasser. Bube, du lügst. Du willst nur mich und mein Zepter verkleinern, uns die Glorie nehmen – du Würger der Wahrheit«, und mit lautem Gezische!: »Und du allein bist übrig geblieben – du Feigling!« »Ihr sagt es!« schrie der Apostel und machte sich frei ... »aber kein Feigling!« Der Mensch wurde rasend. »Nicht feiger denn Ihr!« krächzte er mit heillosem Munde, mit geifernden Lippen. »Nein, nicht feiger denn Ihr, sondern größer, tapferer, frömmer in Gott und seinen Geboten. Tut Buße, denn Eure Widersacher werden über Euch kommen, wie sie über die Apostel kamen mit Strick und Strang, mit Feuer und Wasser. Sie sind stärker als Ihr, und mit ihnen schreiten die Chöre der Engel ... Tut Buße ...!« »Sperrt ihm das Maul, Meister Hans!« Ein einziger Aufschrei durchriß das Himmelsgewölbe ... und bevor er noch abstoppte, saß bereits der Apostel auf der blutigen Scholle, den abrasierten Kopf zwischen den Füßen. Das Entsetzen und die Stille unter dem Sargdeckel senkte sich über dem Domplatz. Die Menschen lagen auf den Knien. Schrecken ergriff sie, und dennoch: sie beteten für Johannes Leydanus, den Stellvertreter des himmlischen Vaters auf Erden. Der wandte sich. »Knipperdolling«, sagte er leise, »Ihr waret nahe daran. Aber Gott sei gedankt, Euer Kopf sitzt noch auf der richtigen Stelle ... und so Ihr mir versprechet ... Ich liebe des Caroli Quinti Tisch- und Tafelspruch: Immer klaren Wein in der Flasche. Also besinnt Euch, sonst – ich könnte zu einem Tamerlan werden«, und er wandte sich: »Trompeten und Pauken durch Sion! Dem Volke, was des Volkes ist. Es wird weiter gefeiert!« Dreizehntes Kapitel Wir gingen durch eine Reihe von Tagen, der Mönch und ich. Wir sahen Bilder und Spiegelbilder, die uns verlähmten, den Geist erschütterten; andere wieder, die plötzlich auftauchten, jeder Plastik entbehrten und spurlos zergingen; letztere zersträhnten einem zwischen den Fingern. Erinnerungen und Spiegelungen! Viele kamen mit stechendem Glanz und schreienden Lichtern; andere in düsteren Gespinsten, die jegliches mit ihren traurigen Maschen verhüllten. In diesen Maschen wohnen die Gedanken, die sich mit dem Tod beschäftigen, und solche Gedanken sind die ernstesten und herzzerreißensten im menschlichen Leben. Wir sterben alle, dürfen aber beglückt sein, daß wir die Stunde des Scheidens nicht wissen, nicht mehr hören, wie die Sterbeglocke anschlägt, nicht mehr sehen, wie und wann die bleichen Kerzen verlöschen. Nur eins verbleibt uns beim letzten Atemzuge, beim Erkalten der Stirne: das ewige Licht wird uns leuchten. Ich sehe in die Häuser der Menschen hinein, in den Palast des Königs, in den der Königin und Nebenfrauen, in die Schenke ›Zum halben Mohrenkopf‹, woselbst Bänatz Tenkhoff, der ägyptische Joseph, schon längst seine Anna Flintrup aus Roxel, dem Schulten Flintrup die seine, eingebracht hatte, sie in Küche und Keller und zwischen den ehelichen Federposen wie ein Heiltum behütete. Ich sehe das stolze Anwesen im Kirchspiel über dem Wasser, wo der Tod auf der Schwelle lauerte, stündlich bereit, dem Ältesten des Zwölfer-Rates den letzten Hauch von den starren Zügen zu nehmen. Ich sehe den König ... Er saß vor seinem goldenen Tisch, bedeckt mit Schreibgeräten und Schriftsätzen. Divara stand neben ihm, drückte ihren üppigen und stolzen Leib warm an den seinen. Mit ihrem bleichen und preziösen Antlitz und dem herzförmigen Mündchen rückte sie näher, preßte die Lippen auf seine Stirne und küßte ihn lange. »Seid gütig, barmherzig«, flüsterte sie ihm zu. »Wenn die Esel die Laute schlagen, tanzt irgendein Narre«, entgegnete er. Ihre linde, beringte Hand glitt ihm sacht über die Schläfen. »Lasset ihn tanzen. Er hat gesündigt, und ihm muß vieles vergeben werden – das weiß ich.« »Also mag er als Esel die Laute weiter schlagen«, sagte Johannes Leydanus. »Um deinetwillen – ich gebe ihn frei.« »Und Elisabeth Wandscherer ...?« »Weib!« fuhr er auf. »Du fürchtest dich wohl, eine solche Nebenfrau an deiner Seite zu wissen?« Sie warf sich zurück. Ihr Mund wurde spöttisch. Durch ihren stolzen Leib ging ein Zittern und Aufbegehren. »Ihr irrt Euch. Wo ich bereits mit so vielen Eure Gunst und Gnade zu teilen gewohnt bin, wird mir auch diese nicht lästig. Im Gegenteil: sie wäre mir herzlichst willkommen, müßte ich nicht heilig befürchten, es könnte daraus ein tiefes Trauerspiel werden.« Erhobenen Hauptes verließ sie das Zimmer. »Weiber...!« knirschte Johannes Leydanus, beugte sich vor und tauchte das Schreibrohr ein. »Dem störrischen Grautier jedoch muß man die Raufe mit goldenem Hafer bestellen. Solch Geschmeiß kann gefährlich werden.« Mit steilen Zügen legte er nieder: »Dem Statthalter des Herrn vom neuen Tempel und hocherfahrenen Rat Knipperdolling. Die Weisheit des Allerhöchsten erleuchte deinen Sinn, stärke deine Liebe, vermehre deinen Glauben, vergelte deine Dienste mit Wohltaten; sie bereichern dich und bringen dich endlich zu dem Erbe, so da niemals aufhören wird. Amen! Wisse, allerwertester Bruder, daß Ich durch dieses Mein gegenwärtiges Schreiben dich freundschaftlich daran erinnern will, was gestern geschehen. Die Eilfertigkeit und Übereiferung ist gemeiniglich eine üble Sache. Besonders dann, wenn derartige Mißhelligkeiten, die ans Recht gehen, unter dem bösen Einfluß des süßen Weines passieren. Dir ist nicht unbekannt, daß Ich einen Statthalter und etliche Räte habe, deren Hilfe und Dienst Ich keinen Augenblick entbehren kann, die überall, wo Ich gehe und stehe, zur Hand sein und Mir ihre treue Gefolgschaft leisten müssen. Ohne dieses geht's wie auf einer mißratenen Rollerbahn. Kegel und König purzeln eines Tages sonder Kugel und Zutun jählings zusammen, ohne den Mut aufzubringen, Krone und Köpfe wieder in die Höhe zu zwingen. Ich habe dich über alle gesetzt, bin mit Ehren dir gegenüber nicht sparsam gewesen. Ich ermahne dich derowegen, daß du Meiner Liebe nicht vergissest, noch dich mit Mir entzweiest, als dem noch alle Guttaten gar wohl in frischem Andenken schweben, welche Mir von dir und deinem bedeutsamen Geiste sind erzeiget worden. Es gibt Beispiele von Ministern und Kanzlern, die ihren Herrn verleugnen, selbst noch im Grabe. Noch kürzlich las ich als Nachruf: Der Knecht, der seinen Herrn bespuckte, War letzten Endes superklug: Bevor er noch sein Machwerk druckte, Floh er vor seinem eigenen Buch. So weit gingest du nicht, konntest du nicht gehen. Nichtsdestoweniger muß Ich des gestrigen Tages gedenken. Es war ein dies ater von der obersten Sorte und wurde zur Nacht ohne Sternenfeuer. Potentia Dei, robur meum. Gottes Kracht – Meine Macht. Du aber hattest den herostratischen Mut, Mir Meine Macht und Gottes Kracht aus den Händen zu winden. Das Schwert war dir nahe, und hätte Meine Dankbarkeit und Liebe zu dir Mir nicht den Zorn aus den Händen gewunden, dein Kopf wäre gefallen, genau wie der des sündigen Apostels und Jüngers. Heilo! Ich bin Sieger geblieben, und Ich freue Mich dessen, denn es wäre Mir bitter leid um Meinen lieben dahingegangenen Bruder gewesen. Es heißt wohl: Quem di diligunt, adolescens moritur. Wen die Götter lieb haben, der stirbt bald. Aber Ich will noch nicht sterben. Ich habe noch das Reich zu befestigen, seinen Glanz über den Erdball zu werfen, im Namen des himmlischen Vaters. Dazu habe Ich deine Hilfe bitter vonnöten. Also gib Mir die Hand. Es sei alles vergessen. Nur sei verständig, nicht hochmütig, bleibe fest im Glauben und treu deinem Herrn. Erinnere dich fleißig des Josua und Caleb und lies bisweilen in dem Buch Esther die Geschichte des Mardochäus. Gott aber schenke dir und Uns die Erkenntnis seiner Weisheit und aller Weisheit auf Erden. Und ob die Welt durch ihre Bosheit und ihren Stolz auch noch so aufgeblasen und närrisch wäre, In fide persiste salvus Carnis curam agat Deus. In allen Gnaden dein wohlgeneigter Johannes Leydanus.« Noch an demselben Tage, als es Abend wurde und der göttliche Zeidelmeister mit seinen goldenen Bienenschwärmen nicht geizte, vielmehr sie verschwenderisch über Münster ausstreute, standen der König und Knipperdolling Hand in Hand in der gegurteten Halle und sahen sich tief in die Augen. Johannes Leydanus aber sagte: »Und Ahasverus legte Zins aufs Land, auf die Inseln im Meere. Aber alle Werke seiner Gewalt und Macht und die große Herrlichkeit Mardochais, die ihm der Herrscher gab, das ist geschrieben in der Chronik der Könige von Medien und Persien. Denn Mardochai, der Jude, war der nächste nach ihm und groß und angenehm unter der Menge seiner Brüder.« Da neigte Knipperdolling sein Haupt und fürchtete sich.   Der düstere Thomas von Celano fand keine Ruhe im Grabe. Er stand hoch über den Wolken und sang über die Stadt hin: »Dies irae, dies illa, Solvet saeclum in favilla Teste David et Sibylla.« Dazu streckte er die beinerne Hand aus, die kaum eine Fleischfaser mehr herzeigen konnte. Da fielen die Blätter von den Bäumen herunter, lärmten die Häher in den Bocksdornhecken, trompeteten die Kranichvögel mit heiserem Schreien dem fernen Süden entgegen. Die Tage verloren ihre Hirtzensprünge, die Nächte gewannen immer mehr an Ausdauer und Atemschwere. Die Herbstzeitlosen standen noch in üppigster Blüte, um dann eines baldigen Todes unter den verfrühten Kälteschauern zu sterben. Bald darauf tänzelten auch die ersten Schneeflocken vom Himmel herunter, waren munter und guter Dinge und spreiteten einen köstlichen Silberschleier über das heilige Münster. Langsam ging es in den Winter hinein. Während all dieser Zeit war der Bischof müßig geblieben. Ihm fehlte es an Geld und sonstigen Hilfsquellen. Seine Hauptleute und Spießknechte zeigten wenig Neigung, für ein › Dominus vobiscum ‹ oder einen fünfhunderttägigen Ablaß sich eine testa di morte vor Gräben und Mauern zu holen ... und wäre nicht der brave hessische Stückmeister Fritze Lampadius mit seinem eigenen Hinterlader und der Teufelskanone gewesen, hätten ihm nicht ›Jans Pumpernickel‹ und ›Männe Ungeschlacht‹ ehrlich Rede und Antwort gestanden, man hätte des Glaubens sein können, die münsterischen Wirren wären wie das Hornberger Schießen verlaufen, so still war es zwischen Lager und Mauer geworden, als hätten die Luderkrähen das alleinige Recht, ihre Flug- und Marodeurkünste auf dem verwaisten Zwischengelände zu zeigen. Aber die Stadt blieb noch immer gefährdet. Nicht der äußere, aber der innere Feind war rüstig am Schaffen. Die Zufuhr setzte mehr oder weniger aus. Die Kornspeicher verloren allmählich an Fülle, die Fleischhauerbänke schrumpfelten an Waren ein und manchenorts saßen bereits die Ratten auf den Tischen, zwinkerten mit ihren blutunterlaufenen Äugelchen hierhin und dorthin und wollten Verköstigung haben. Dazu beteten die Kinder mit hungrigen Mäulchen: »Herr, gib uns unser tägliches Brot und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, in Ewigkeit, Amen.« Ja, es war Winter geworden, die Blätter raschelten über die verschneite Erde, aber schon lange vorher, und zwar an dem Tage, wo der Apostel auf dem roten Boden saß, den abrasierten Kopf zwischen den Füßen, hatte der Älteste des Zwölfer-Rates unter dem liebevollen Zuspruch des Predigers Rottmann die große Reise ins Jenseits, die keine Rückkehr verstattet, angetreten. Es war ein feierliches und heiliges Sterben gewesen. Als aber das Lächeln schwand, das seine Züge bis zum letzten Atemzuge verklärte, als die brechenden Augen noch einmal die Tochter suchten und fanden, um sich dann für ewig zu schließen, stieß Elisabeth Wandscherer einen herzzerreißenden Schrei aus, der die Sterne berührte. Raban fing sie auf. In seinen Armen erstarrte sie, als wäre auch ihr das Leben abgesprochen. Keine Trauer mehr, kein Entsetzen mehr. Beim Anblick des Verstorbenen ließ das Entsetzen ihre Züge versteinen. Unter ihren Brauen lohte der Haß auf, das Unversöhnliche, das mit Zentnergewichten auf ihrer Seele lastete ... und als der Vater beigesetzt wurde, die kranken Lichter der Wachskerzen die Gruft umstanden, blieben ihre Wimpern so trocken, als hätte sie das Weinen verloren. So vergingen ihr die Wochen, die Monde. Und da eines Tages ... es war zwischen Weihnacht und dem heiligen Dreikönigenfeste ... Der Erbmann saß bei ihr. Die Schaffnerin in ihrem grauen Gewand und dem weißen Stirn- und Kinngebände hatte gerade die Tafel gerichtet und zum Essen gebeten, da erhob sich Elisabeth Wandscherer, unvermittelt und mit Augen, die die Ewigkeit suchten. »Komm«, sagte sie tonlos. »Geliebte, wohin?« »Zu ihm.« »Aber Herrin«, fiel die Schaffnerin ein, »Ihr seid noch gestern in der Kapelle gewesen. Zu vieles Beten bringt nicht die ewige Ruhe, vergoldet ihm nicht die Tage im Himmelreich, macht es dem Seligen schwer, die Anschauung Gottes zu finden.« »Laßt mich, Josepha, der Geist hat es mir also geboten. Was wollt Ihr? Kümmert Euch nicht um mich, um meine Gedanken und Werke. Ich gehöre zu denen, die sich selbst nicht mehr kennen. Was bleibt mir noch übrig? Meine Tage sind gezählte Tage. Ich gehe den Weg allen Fleisches.« »Mein Gott, mein Gott!« stöhnte Raban. Er hatte sie in seine Arme genommen. »So ist es, Geliebter. Nur der Geist ist lebendig ...« und ihre Worte irrten ins Leere, ins Wesenlose hinein: »Komm, wir wollen jetzt gehen. Der Weg ist nicht weit; wir werden ihn finden. In der dritten Seitenkapelle der Kirche Über dem Wasser, da liegt er, da ruht er neben meiner heimgegangenen Mutter. Auch zur jetzigen Stunde ist die Kirche geöffnet. Ich weiß es. Die Menschen fehlen. Wir werden allein sein und uns aussprechen können. Wir haben es nötig. Am Grabe des Vaters wohnt die Ruhe und alles das, was uns tröstet. Es ist nicht zu verfehlen. Neben dem Taufstein und an der Stätte, wo die ewige Lampe einst flämmerte, da liegt er bestattet. Warte nicht lange. Gib mir die Hand, denn ich werde dich führen.« Sie fuhr sich hart über die Augen. »Man muß seine Sinne zusammennehmen, um nicht zu straucheln. Andere denn ich wären schon längst ins Straucheln geraten. Aber der Geist des himmlischen Vaters ist bei mir. Die Seligen der Wiedergetauften umschweben mich, leiten mich die richtigen Pfade, selbst dann, wenn sie in die Ewigkeit gehen.« Sie lag regungslos an der Brust des Geliebten. Der Gedanke an den Tod hatte sich an sie geschlichen. Nur die gefalteten Hände, die ihr müde im Schoß hingen, zeigten eine leise Bewegung. Die alte Schaffnerin schluchzte still vor sich hin. »Warum weinst du, Josepha? Um mich? Um Raban? Laß nur, unser Schicksal erfüllt sich.« »Ach Herrin ...!« »Erfüllt sich, muß sich erfüllen. Der König ...! Ich denke dabei an den Cherub mit den siebenfältigen Schwingen. Sie umschatten mich, berühren mich mit ihren Flügelspitzen. Josepha, bleib rüstig. Am Grabe des Vaters ist Wohlsein. Wir kommen bald wieder.« Kurze Zeit darauf standen sie in der Seitenkapelle. Ein mattes Schneelicht blaute durch die hohen Fenster, erfüllte die weiten Hallen der Kirche mit Dämmerungen. Die Gruft lag noch offen, nur mit einer leichten Erdschicht bedeckt. Der Grabstein fehlte noch immer. Am Kopfende des Heimgegangenen brannte ein schmales Döchtlein. Das warf ein mattes Scheinen über die geworfenen Schollen. »Vater ...!« Ihre Hände krampften sich schmerzhaft zusammen. »Um deinetwillen und aller Barmherzigkeit willen – gut, daß du den Tag nicht mehr flehest ...« und sie wandte sich jählings: »Raban, wie ist das? Die Blätter sind doch lange gefallen?« Er legte die Arme um sie und sagte: »Ja, mein Lieb, sie sind schon lange gefallen!« »Und wir harren noch immer auf des Königs Bescheid, und er versprach doch hehr und heilig, Botschaft zu geben. Wie ist das?« »Er tat es.« »Und siehe: die Botschaft blieb aus, und wir warten und warten.« »Er wird seine Gründe haben, der König«, versetzte er bitter. »Das wird er«, und ihre schmalen Hände umgriffen den Nacken, glitten über Schultern und Brüste. »Noch immer nichts. Ich taste und taste und finde weder Gold noch Siegelsteine.« Ihre Worte nahmen an Heftigkeit zu: »Du weißt doch: Juwelen, gebrochen aus Monstranzen, Kelchen und heiligen Gefäßen ... jegliches zu einem herrlichen Geschmeide vereinigt ... ein Geschenk des Königs ... und das sollte Dusentschuer herrichten. Aber noch immer nichts. Ich finde weder Schmelz noch güldene Kettlein«, und aufs neue umgriffen ihre schmalen Hände den bloßen Nacken, glitten über Schultern und Brüste. »Raban, wie ist das?« Die Brauen des Erbmanns traten näher zusammen. Eine Verstörung ging über ihn fort. Er gedachte des furchtbaren Augenblicks, als er auf dem Marktplatz vor Johannes Leydanus gestanden. »Elisabeth, ich sagte ihm ja: Herr, sie bedarf keiner Guttat. Als mir anverlobt, was bleibt ihr da übrig? Sie wird den alten Famlienschmuck der Bischopink von und zur Getter tragen.« »Schon richtig. Aber er fügte hinzu: Der Schmuck aus der Hand eines Herrschers gegeben, ist stolzer einzuschätzen als der aus der Hand eines Erbmanns. Solche erhöhen und prägen die Würde. Geschenke von adeligen Knechten hingegen ...« »Verdammich ...!« Sie legte den Arm um ihn her und schmiegte sich an ihn mit der Inbrunst einer Verzweifelten. »Raban, vergib mir. Es ist alles so furchtbar. Dieses Harren und Bangen ohne Erlösung. Dieses Sichsehnen nach Auferstehung. Die Blätter sind doch längst von den Bäumen ... und nichts, nichts! Aber er wußte um unsere Trauer im Hause, um das Sterben des Vaters. Möglich, er gedachte dieser Trauer und des Sterbens des Vaters und ließ die Tage dahingehen, um später ...« »Oder er wollte vergessen«, sagte er hastig. »Der und vergessen?!« Sie bäumte sich auf. »Ein König vergißt nicht. Dieser vor allem nicht. In seinen Augen sah ich Lichter, die die Brautkammer erhellten. Gedenke der Worte des Vaters. Gedenke der Esther ... und sie wurde zu Ahasverus geführt, nachdem sie zwölf Monate im Frauen-Schmücken gewesen war, sechs mit Balsam und Myrrhen und sechs mit köstlichen Spezereien und Narden. Und er gewann sie lieb über alle des Harims und machte sie zur Königin an Vasthis Statt, denn ihr Antlitz war lieblich, ihre Zierden ragten wie Lanzenspitzen, und ihr Nabel faßte mehr als eine Unze Benzoesalbe.« Sie warf sich in seinen Armen herum. »Wer wird es auch dem König verdenken, diesem Propheten im neuen Jerusalem, wo selbst der Cherub mit den siebenfältigen Schwingen ... und wenn Dusentschuer kommt, Dusentschuer mit den furchtbaren Händen, um mir das Juwel um den Nacken zu legen ... Großer Gott, heiliger Gott! was soll aus mir werden?! und du ...!« Ihre Augen dunkelten ein, ihre Lippen stammelten: »Wo du hingehst, da gehe auch ich hin, wo du bleibest, da bleibe auch ich. Aber was hilft mir das alles?!« schrie sie auf. »Ich sehe das Kettlein, und der Atem des Königs steht über mir. Er will was, er streckt seine Hand, er will mich betasten. Raban, halte mich fest, halte mich fest ...« »Geliebte ...!« Aber sie entglitt seinen Armen. Sie fiel in die Knie, beugte sich nieder und küßte die geweihte Erde, die noch immer des Steines harrte. Er neigte sich zu ihr. »Komm jetzt«, sagte er leise, so wie die Priester zu Sterbenden reden, die mit unruhigen Fingern über das weiße Linnen spielen. Sie hörte ihn nicht und wollte nicht hören. Ihr heißer Mund lag auf der eiskalten Erde. »Vater«, redete sie, »sei bei uns, bei Raban und mir ... und wenn das Schwerste über uns käme: dein letzter Wunsch sei uns heilig. Uns geschehe nach deinen Worten – in Ewigkeit, Amen.« Von Raban gestützt, erhob sie sich von den eisigen Fliesen. »Also geschehe es«, sagte einer mit versöhnenden Worten. Der Prediger Rottmann war auf leisen Schuhen in die Seitenkapelle getreten, ein brennendes Öllämpchen in der Linken, willens, es auf die Grabstätte seines dahingegangenen Freundes zu stellen. So hatte er es seit dessen Tode gehalten. Alle acht Tage erschien er mit brennendem Docht, um das Opfer zubringen. »Lux lucet in tenebris«, sagte er mit gemessener Stimme und stellte das Licht ab. »Ruhe in Frieden!« und zu den beiden gewendet: »Ich hörte und habe verstanden. Was euch bewegt – ich kann es verstehen. Vielen wäre es besser, sie hätten Totenerde im Munde, als noch das Leben zu haben. Aber wer das Leben noch hat, soll ringen und kämpfen um des Herren willen, auf daß er seine Gebote erfülle. Gott ist gerecht, und er kennet die Sinne und Einwürfe der Menschen. Was nicht in gutem Glauben geschieht, ist Sünde. Was hingegen in Liebe und gutem Glauben hingeht, ist jeglicher Schuld und jeglicher Sünde ledig ...« und er legte beiden die Hand auf: »Geliebte! Ich kenne den Willen des Heimgegangenen, denn ich nahm ihm das letzte Wort und den letzten Odem vom Munde. Er sorgte sich um eure späteren Jahre, um das, was die Menschen benötigen, herzenseinig und beseligt zu werden. Besser eine glückliche Stunde, um ein baldiges Sterben zu finden, als unter tausend und abertausend Stunden, die wie Seifenblasen erscheinen, ein unfrohes Dasein zu fristen. Ich segne euch beide, und geht es nicht anders, zwingt die Not eure Herzen enger zusammen – seid getrost im Herrn, denn ihr handelt im Zustand der Gnade. Gott hat es wollen. Es ist darin weder Schuld noch Sünde zu finden. Mein Segen bleibt euch dennoch für ewiglich.« Dann ging er. Auch Raban und Elisabeth Wandscherer verließen die Kirche. Sie traten in einen schneeblauen Abend, Hand in Hand und voll des heiligen Gedankens: »Mag kommen, was wolle – noch in letzter Stunde löst sich für uns das große Geheimnis, das selbst den Tod überwindet, denn Gott hat es wollen.« – – – Nur noch einzelne Schneesternchen glitzerten zwischen den Häuserzeilen, in denen allgemach die Fenster aufhellten. Ein weißes Leilach bedeckte die Erde, lag auf Gesimsen und Dächern, kleidete die gute Stadt in das Gewand der Gräber. Münster war ruhig. Nur zuweilen rumpelten ›Männe Ungeschlacht‹ und ›Jans Pumpernickel‹ von den Wällen herunter. Das kümmerte die Anabaptisten nicht weiter. Sie verließen sich auf ihre Spießknechte, auf die Stärke der vorgeschobenen Werke, ihrer Harnascher, auf den energischen Willen des von Gott gesandten Herrn und Königs, Johannes Leydanus. Nur bangten sie um die spärliche Zufuhr, um das Schwinden ihrer Bestände in Keller und Räucherkammern, woselbst sich schon vielfach die Mäuse genötigt sahen, an ihren eigenen Schwänzen und Pfötchen zu lutschen und bessere Zeiten herbeizusehnen. Mit Ausnahme natürlich. Fortunas Rad schütterte hierhin und dorthin. Bei den Begünstigten düftelte es noch nach Eingepökeltem, nach Sülzen und sonstigen Leckertäten. Auch in der Marievengasse. Im ›Halben Mohrenkopf‹ ließen sich kaum bedrohliche Mängel nachweisen. Küche und Keller erfreuten sich eines gemästeten Bäuchleins, denn der ägyptische Joseph hatte sich stets als guter Sachwalter seines Anwesens behauptet. Besonders in den jetzigen Zeitläuften, woselbst Anna Tenkhoff, geborene Flintrup aus Roxel, dem Schulten Flintrup die seine, als ehelich angetrautes Weib das Zepter führte und neues Leben in die Wirtschaft brachte. Alles florierte man so. Mit honiggelben Bernsteinperlen um Nacken und Schultern, die Ledertasche mit Silberschließe auf der stattlichen linken Hüfte, hielt sie gut Regiment, ließ sie bei braver Bedienung und Pflege ihre Kulleraugen herumscharmutzieren, so daß die Schenke ›Zum halben Mohrenkopf‹ bald zu den gesuchtesten zählte. Ihr zur Linken stand die bäuerliche Pfiffigkeit, zur Rechten der listige Erzeuger aus den nahen Baumbergen, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als seiner eingeborenen Tochter Speckseiten, Eingesalztes, zutunliche Faselschweine und sonstiges, was Klauen und Euter aufweisen konnte, gegen vollwertige Wiedertäufersilberlinge in die Marievengasse zu liefern – zur Ehre Gottes und zum Wohlergehen seines ihm zugetanen Schwiegersohnes. Der alte Schulte Flintrup aus Roxel war zufrieden mit ihm, denn Tenkhoff hatte sich völlig umgestellt, den alten Adam abgelegt und sich einen völlig neuen um den fetten und kurzbeinigen Kadaver gezogen. Seit seiner Verheiratung brannte er ergiebiger als ein Kirchenlicht. Alles glänzte und prunkte an ihm. Eine Lachsforelle konnte sich nicht flinker in einem Tobel oder in 'nem kristallblauen Sprudelwasser benehmen. Auch das Widersinnige mit dem ›ägyptischen Joseph‹ hatte sich bei ihm völlig gegeben, war elendiglich in die Brüche gegangen. Die Scheu vor dem Weibe lag hinter ihm. In den Armen der Gebenedeiten aus Roxel, die einer angespeckten Weindrossel nach der Lese gleichkam, war er anderen Sinnes geworden. Kurz, sie hatte ihm auf die Strümpfe geholfen, denn als wenige Tage vor der Hochzeiterei der Prophet Dusentschuer amtlich vorsprach, um ihr das Brautgeschmeide in Gestalt einer honigfarbigen Bernsteinkette anzupassen, war er Zeuge von so opulenten Wohlhabenheiten geworden, daß sich ihm die Sinne verkehrten und er sich ein angegrautes Wollschaf nannte, solange auf die ehelichen Freuden verzichtet zu haben. Er lebte fortan ein ganz anderes Leben. Die späten Abendstunden, wenn der ›Halbe Mohrenkopf‹ die müden Augen zumachte, wurden ihm zu wahren Offenbarungen, die warmen Kommoditäten zu Genußlichkeiten, die ihn in die Träume der tausend Nächte und der einen Nacht versetzten. Ja, ihm erschien sogar der Cherub mit den siebenfältigen Schwingen. Der redete ihm zu, sich noch ein zweites Weib an die Seite zu legen, welches Ansinnen er aber männiglich von sich wies, da er sich weidlich seiner besseren Hälfte erfreute und nicht mehr ihren offensichtlichen Reizen und treuen Augen zu entrinnen vermochte. So lebten die beiden in geordneten Verhältnissen, zufrieden mit sich und ihrem selbstgegründeten Paradeis, daß sie wie blonde Ferkelchen grunzten und fröhlich dahinvegetierten. Auch in der Schenke hellten die Fenster auf und legten rötliche Lichtbalken quer über die Schneespreite. Es war just um die Zeit, als Raban und Elisabeth Wandscherer die Kirche in der Leischaft über dem Wasser verließen. Die Frau hatte alle Hände voll zu tun. Sie trudelte hierhin und dorthin, munterte die Lichter auf, rückte die Krüge zurecht, unterhielt sich mit einigen anwesenden Gästen, alles nach der Schnur und mit freundlichem Lächeln, um schließlich die Tafel in einer abgesonderten Ecke mit einem funkelnagelneuen, lammweißen Tischtuch zu decken. Der ehemalige Joseph von Ägypten kam hinzu, mit noch etwas verwehten Augen und dem behaglichen Ausdruck eines Versonnenen, denn er hatte gerade sein Mittagsschläfchen gehalten und dabei gesägt, als gölte es, einen knorzigen Eichenstumpen in zwei gleiche Teile zu zerlegen. Er klebte ihr eine auf das prächtige Sitzfleisch. »Holla, was gibt's da?« Sie drillte herum, verärgert und mit heißen Augen. »Ach! du bist's?! Man weiter, mein Liebling. Mußt dich aber beeilen.« »Warum das?« »Wir kriegen Besuch, gewissenermaßen hohen Besuch.« »Von wem denn?« »Ja, wenn du wüßtest!« »Na, wer denn?« »Gewissenermaßen der Gevollmächtigte des Königs.« »Herr Jeses ...!« Dem braven Tenkhoff fiel das Herz in seinen weitläuftigen Hosenboden. Er mußte sich halten, um nicht auf die Dielen zu purzeln. »Nur keine Bange. Ihr Mannskerle schreit gleich Herr Jeses, Maria und Joseph. Der Prophet kommt. Dusentschuer hat sich angemeldet. Er will Schweinsohren verzehren, dazu unseren guten Spanier trinken. Men to, hab' ich gesagt, immer men to, denn so 'ne vornehme Kundschaft ist nicht außer Honorierung zu lassen.« Sie wischte sich mit ihren kleinen Wurstfingern über das appetitliche Mäulchen. »Denn bei Lichte besehen, Dusentschuer war es, der uns beide in ein und denselbigen Pott warf, uns gewissenermaßen als Brautleute anpräsentierte.« »Schon richtig«, und Tenkhoff kniff seinem Herzgold, wie er seine Hausehre zu nennen pflegte, in die Paradiesäpfelwange, »aber dann laß wenigstens den Vorhang herunter, wenn er sich über die Schweinsohren und den Spanier hermacht, sonst nasen die anderen hungrigen Mäuler an unseren Pökelfässern herum, denn offen gestanden, Schweinsohren und die heutigen Zeitläufte passen man schlecht zusammen. Ungefähr wie Swienegelstacheln und dein delikates ...« Sie hielt ihm den Mund zu. »Männe, Männe, und du bist gewissenermaßen der ägyptische Joseph gewesen?!« Sie lachte. »War ich, bin ich gewesen«, gab er zurück und zog dabei energisch seinen Ledergürtel herunter. »Aber die Pökelfässer ...! Es könnte schließlich um den ›Halben Mohrenkopf‹ sengerig stinken.« Sie zuckte die Achseln. »Ach was! Die armseligen Fässer! Wer die Eier hat, hat die Glucke noch lang nicht. Beim Schulte Flintrup in Roxel sind noch Ferkel in Masse. Laß sie man nasen ...« und sie nahm ihre Arbeit frisch wieder auf, stellte Teller und Assietten zurecht, ließ den Vorhang herunter und plazierte letzten Endes einen dreiarmigen Leuchter auf die gespreitete Tafel. »So, nu kann Dusentschuer kommen.« Und der Prophet kam, ganz Würde und Hingebung, in seinem besten Zeug, um Hals und Nacken die goldene Kette mit der Schaumünze. Die leuchtete auf dem schwarzen Tuch wie eine schöne Medaille. Von Sankt Ludgeri schlug die sechste Nachmittagsstunde, als Dusentschuer bereits das erste Gericht mit Schweinsohren und geschabten Ackerrübchen hinter sich hatte. Der Spanier war gut. Zwei halbe Pinten hatte er schon hinter Wams und Weste gegurgelt. »Bonus!« und er deutete auf die leergewordene Schüssel: »Von so was noch mal dieselbige Nummer.« Frau Tenkhoff, die ihm Gesellschaft leistete, machte kreisrunde Lichter. »Euerer Gnaden scheint es wohl zu bekommen?« »Jawoll! wir haben Kraut und Lot zwischen den Kiemen.« Im übrigen blieb er einsilbig. Er schien sich in seinem eigenen Glanze zu sonnen, trommelte auf den Tisch und harrte des neuen Gerichtes. Als es zugebracht wurde, zwinkerte das appetitliche Weibchen des öfteren nach zwei eingelegten Kästchen, die seitlich des hohen Gastes standen, ohne daß er Anstalten machte, der wohlberechtigten Neugierde ein befreiendes Ziel und Ende zu setzen. Bei der dritten halben Pinte gab Dusentschuer Hals her. Er wurde gesprächig, schob Teller und Schüssel beiseite und sagte: »Trefflich, ganz vortrefflich, meine liebe Frau Tenkhoff. Mit so was kann man dem blödesten Baalspriester die Seele aus dem Leib exorzisieren.« »Und die beiden Kästchen dahinten ...?!« »Ja so ...!« und der Prophet warf seinen graumelierten Kopf in den Nacken. »Bedeutsam, höchst bedeutsam, meine liebe Frau Tenkhoff! Selbst die Deuter und Totengräber können nicht über ihren eigenen Schatten springen. Unmöglich! aber es kann immer geschehen ...« Er fuhr sich mit den harten gelben Fingern, auf denen jedes Glied ein starres Haarbüschel zeigte, über den breiten und kantigen Schädel. Die braunen Raffzähne schoben sich über die gewulsteten Lippen. »Ja, meine Beste, es kann immer passieren ... Die beiden Schatullen dahier und was sie umschließen ... Von mir ...! Die Arbeiten von Alexandro Neri aus Florenz und die des Nürnbergers Jamnitzer sind als Meisterwerke und Raritäten einzuschätzen. Neri verfertigte Frauengürtel und Gewandschließen, wie sie kein Sterblicher auf die Beine stellte, auch Halskettlein und sonstige Dinge. Nur ich ...« und die flache Rechte legte sich schwer auf sein Wams, daß die armen Seelchen, die über den Lichtschäften standen, in ein unruhiges Flackern gerieten. »Um Gott nicht ...!« entsetzte sich Frau Tenkhoff. Sie hielt still wie ein Lämmlein. Verlähmt sah sie in die vorgestoßenen Augen des seltsamen Gastes. »Nur ich bin ihm über. Doppelt und dreifach. Auch dem Jamnitzer ... über als Prophet und gekürter Goldschmiedemeister Seiner Majestät des gekrönten Königs von und zu Sion.« Er streckte die Beine. Seine Blicke kamen ins Glühen. Die vierte halbe Pinte stand vor ihm. Tenkhoff schob erregt den Semmelkopf durch den vorgelegten Wandteppich. »Euer Gnaden, wenn es erlaubt ist ...?« »Warum nicht?« lachte Dusentschuer ihm zu und legte die Linke auf eines der Kästchen. »Nebenbei gesagt: Die eingepökelten Schweinsohren vom Schulten Flintrup in Roxel waren delikate Schweinsohren. Desgleichen der Spanier. Wir Künstler haben Aufmunterung nötig, sonst will der Geist nicht über uns kommen.« Er fuhr sich durch den zerrütteten Bart. »Darf ich weitersprechen, Frau Tenkhoff?« »Men to! Men to!« sagte diese, immer die Blicke auf die mit Silber beschlagenen Kassetten gerichtet. »Bonus!« und der Prophet kam in Wallung. Die Linke auf einem der Kästchen, mit der Rechten den güldenen Wiedertäuferpfennig zwirbelnd, begann er mit heißen Worten zu sprechen: »Ich sagte schon eben: Selbst wir und die Totengräber können nicht über den eigenen Schatten springen. Aber es kann immer geschehen ... Heilo! ein Stern wird aufgehen, wie ihn hier zu Land noch keiner erschaute. Er strahlt mit arkadischem Glanz, scheinet wie eine Himmelsleuchte, und sein Geschlecht ist das einer irdischen Königin. Propter reverentiam et securitatis causa , wie die Lateiner es nennen, wappnete ich mich mit der Stärke des Löwen und der Klugheit der Schlangen, denn ich habe eine hohe Mission zu erfüllen.« Er machte eine bedeutsame Pause und sah stumm in die Pinte. Wie allen Zeichendeutern und Wahrsagern, haftete auch ihm die Eigenschaft an, seine Worte dunkel zu setzen, die beschworenen Bilder aus einem mystischen Spiegel zu holen. Er atmete schwer, und schwer rangen sich ihm die wirren Sätze von den Lippen: »Alle Macht liegt bei Johannes Leydanus. Der muß früh aufstehen, der es wagt, ihm das Garn abzuspulen. Wer nicht tut, was seines Gebotes, der gehört an die hölzerne Dreifaltigkeit, wie sie hierorts den Galgen benennen, oder ans Schwert.« Seine Stimme erhob sich. »Wir sind in königlichen Geschäften, und heute noch werden in Nachbars Gärten die Birnen geschüttelt. Wäre es anders, ich müßte mit dem Manne aus dem Lande Uz sprechen, der da recht und schlecht war, gottesfürchtig und sonder Böses im Herzen, und der da redete: Meine Harfe ist eine Klage worden und meine Flöte ein Weinen. Aber der Herr steht auf der Tenne, die Wurfschaufel in der Hand und trennt die Spreuicht vom Weizen. Sehet, wie die Weizenkörner dahinfliegen, sich häufeln. Sie werden zu Siegelsteinen, zu Smaragden und leuchtenden Rubinen, zu Splittern, die da gleißen wie Gold, zu Geschmeiden und Perlschnüren, wie sie blühen unter dem Gewölbe des Himmelreiches. Sehet hier dieses!« und er nahm das erste Kästchen und öffnete es, und siehe: zwei Schuhe glänzten hervor, die waren so zart wie die Hand eines Kindes, von sämischem Leder, mit Filigran durchstickt und umsponnen, mit Beryll und böhmischen Granaten über und über bebildert. Frau Tenkhoff schlug die Hände zusammen und dachte bei sich: »Das ist 'n ganz Gerissener, der die Lampe erst ansteckt, wenn's wirkliche Nacht ist.« Dann laut: »Mein Gott und mein Heiland ... und wer soll sie tragen?!« »Oh!« rief der Prophet. »Mordio und Feuer! Spieglein, Spieglein ...! nur die Schönste im Lande«, und er nahm die zweite Kassette. Die war noch feiner gebildet, mit Schmelz versehen und das Wappen des Königs auf der Silberschließe: die Weltkugel, durchstoßen von zwei zierlichen Schwertern. Auch diese öffnete er; ein Glimmern und Glitzern, ein Glänzen und Blitzen erhob sich, als würden die Mirakel aus der Höhle Xa-Xa plötzlich aus ihrem Dunkel und Düster gehoben ... ein Geschmeide für den Hals eines Weibes, dessen Kunstfertigkeit und Glanz die Augen blendete und den Mund verstummen ließ. Die Wirtsleute standen in trunkener Anbetung. Ihre Augen stielten sich vor, vergrößerten sich, wurden zu Hummeraugen. Aber die junge Frau girrte nach Luft und Erlösung. Sie hielt's nicht mehr aus. »Mein Gott und mein Heiland ...! Gewissenermaßen ... und wer soll das tragen?« »Oh!« rief Dusentschuer und schloß die Kästlein voller Wunderwerke und Zeichen. »Mordio und Feuer! freue dich, Hälslein, freuet euch Brüstlein! Spieglein, Spieg- lein ...! nur die Schönste im Lande, der neue Stern wird es tragen. Der neue Stern, schöner denn alle und mit dem Geschlecht einer irdischen Königin.« Er hob sich auf und stand in Verzückung. »Heilo! aus der ehelichen Frucht ihres Schoßes wird sich ringen das Prinzlein als Folger im Amt, der da weidet und führet alle Völker auf Erden. – Heute noch, so um die neunte Abendstunde herum, wird sich in Münster Großes begeben. Ich wurde zum König geladen. Dort wird mir die Kraft und Herrlichkeit werden, am morgigen Tage Geschmeide und Schuhe um den köstlichsten Nacken, an die zierlichsten Füßchen ...« Er winkte ab und ließ sich schwer in den Sessel zurückfallen. »Lasset es hiermit genug sein. Der Geist sehnt sich nach Ruhe und dem stillen Genießen einer sanften Ermattung.« So Dusentschuer. Dann sah er mit verschmitzten Äugelchen auf Frau Tenkhoff: »Ich glaube, ich könnte noch die fünfte halbe Pinte gebrauchen. Der Spanier ist gut und über jedes Ermessen.« Vierzehntes Kapitel Am selbigen Abend waren die Fenster des Palastes mehr erhellt als an sonstigen Abenden. Auch im Frauenhaus flämmerte es an allen Ecken und Enden. Die Helle legte sich golden über den Schnee und strahlte so herausfordernd, als wären ungezählte Maltersäcke voller Dukaten dort ausgestreut worden, die Mahlschätze von vielen herzoglichen Frauen und Jungfrauen. Man glaubte über eine kalte Tenne von ausgedroschenen gelben Weizenkörnern zu schreiten. Der Wächter von Sankt Lamberti rief die siebente Abendstunde an. Zuweilen blitzte es von der Kreuzschanze und den Nebenschanzen herunter, dem ein dumpfes Murren folgte, ähnlich dem eines herumschweifenden Tieres. Die Satanskartaune hielt mit ihrer Antwort nicht zurück. Sie warf eine hundertpfündige Steinkugel so zielgerecht in die Ägidiitorburg, daß davon ein Stück der Bastei gebrochen in den Abend hinausgähnte. Dabei blieb es. ›Männe Ungeschlacht‹, ›Jans Pumpernickel‹ und die Teufelskanone des Stückmeisters Fritze Lampadius hatten sich für den heutigen Tag nichts mehr zu sagen, aber im Schutz der obigen zwei Wallbrummer konnten sich die Anabaptisten eines geruhsamen Abends und einer geruhsamen Nacht erfreuen, gemächlich dahinträumen, ohne sich eines böswilligen Anschlages des Heißsporns von Bischof versehen zu müssen. – Die Stunde führte uns, den Mönch und mich, aus der Marievengasse über die Straße des heiligen Ludger, den Roggenmarkt und den Bispinkhof in das Kirchspiel über dem Wasser. Unsere Schritte gingen gedämpft über die Schneedecke. Die unheimliche Wachskerze mit dem armseligen Flämmchen schwebte neben uns her, als wäre uns das brennende Licht zu einem ständigen Waller und Begleiter geworden. Noch immer gedachte ich der seltsamen Geschehnisse in der Schankstube ›Zum halben Mohrenkopf‹. Der Prophet und seine mit Silber beschlagenen Kassetten ließen mich nicht los. Das Frauengeschmeide und die zierlichen Schuhchen, die wie ein Wunder erschienen, sprachen mich an wie die Vorboten eines furchtbaren Trauerspieles. Ich hörte die Stimme des Propheten, erschauerte vor seinen finsteren Andeutungen und skurrilen Gedanken, vernahm seine schmalzige Zunge, das aufdringliche Begehren: »Ich glaube, Frau Tenkhoff, ich könnte noch die fünfte Pinte gebrauchen. Der Spanier ist gut und über jedes Ermessen.« Was wollte der Prophet? Was hatte es für eine Bewandtnis mit dem zynisch hingeworfenen ›Freue dich, Hälslein, freuet euch, ›Brüstlein‹, mit dem ›Prinzlein‹, das da weiden und führen sollte alle Völker auf Erden?! Es war mir, als habe ein vorzeitiger Pfingstvogel schon um Okuli seinen Ruf erschallen lassen, und solches bedeutet nichts Gutes. Der Mönch war seltsam erregt, sein Antlitz grauer und weißer, sein Schritt verlähmter und zögernder, vornehmlich, als wir uns unserm Ziele näherten und das adelige Nonnenstift hinter uns ließen, woselbst noch immer Ida von Meerfeld, Sophia von Langen und Ludgera von Linteloen in treuem christkatholischen Glauben ausharrten, gleich wackeren Soldknechten der alleinseligmachenden Kirche nicht um Haaresbreite wichen und wankten, sondern nur gesinnungstüchtiger die lauretanische Litanei und die vom allerheiligsten Herzen Jesu daherbeteten, um ihre abtrünnigen Schwestern und das Gezücht der Wiedertäufer an den Malleus maleficarum oder an die hochnotpeinliche Gerichtsordnung Seiner Majestät Caroli Quinti zu liefern. »Christe, erhöre uns!« »Herr, erbarme dich unser!« »Durch deinen süßen Wandel unter den Menschen!« »Durch deine Armut bis zum bitteren Tode des Kreuzes!« »Christe, erlöse uns!« »O du Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt – erbarme dich unser!« So Ida von Meerfeld und ihre Getreuen. Auch wähnte ich zeitweilig, das Gegeneinanderklingen von Pockholzkügelchen zu hören, das anhub, um wieder unter geheimnisvollem Murmeln zu schwinden. Der Mönch neben mir redete stumpf vor sich hin: »Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam.« Sein Gesicht wurde länger, die unheimliche Lohe der Augen zu einer grauen mißfarbigen Asche. Auch er schien das monotone Klingen der Rosenkranzperlen vernommen zu haben, aber es anders zu deuten. Ihm war es wie das Tropfen von Blut in eine Messingschale, die den Schall seltsam verstärkte, und die fallenden Tropfen mehrten sich, so daß sie fast den Ranft der Schale erreichten. »Christus, Christus!« sagte er heiser und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes. Sein Schritt war noch verlähmter und zögernder denn vorhin geworden; aber Willen und Wollen hielten ihn aufrecht. Die Häuser stellten sich enger und schmaler zusammen, bis ein stattlicher Giebel aus der Zeile herauswuchs, ähnlich den Adelshöfen, die jetzt verwaist in den Straßen Münsters trauerten. Beim Anblick des Hauses zuckte mein Begleiter jählings zusammen. Mit einem tiefen Seufzer trat er über die Schwelle. Die Tür öffnete sich ohne jegliches Zutun. Eine weite Halle empfing uns, nur matt durchleuchtet von einer Lichtquelle, die von der getäfelten Decke zu kommen schien. Seitwärts der Treppe erhob sich eine ehrwürdige Standuhr, von der es hieß, der Meister der rätselhaften Domuhr habe sie gleichfalls ins Dasein gerufen. Nicht nur die Zeit kündete sie an, sondern auch das wechselnde Licht des Mondes, den Auf- und Niedergang der Sterne, wie sie es taten bei ihrem Kreisen unter dem Himmelsgewölbe. Der schwere Perpendikel bewegte sich mit der Würde eines päpstlichen Legaten, gemessen und feierlich, als wenn er sagen müßte: »Ich habe keine Formel dafür, warum ich so handle, aber sie liegt mir auf der Zunge, so daß ich sie jeden Augenblick darlegen könnte.« Der Mönch hielt ihn an. »Wo Tränen sind«, sagte er mit bewegter Stimme, »sollst du nicht reden, und wo der Tod bereits an der Türe lauert, erst recht nicht. De profundis clamavi ad te, Domine! Domine, exaudi vocem meam! Wir sind im Hause der Elisabeth Wandscherer. Lasset uns die Riemen lösen und die Schuhe abtun, denn der Boden, auf dem wir stehen, ist ein heiliger Boden.« Er sprach es mit krampfhaft ineinander geflochtenen Händen. Hierauf trat er in eine dunkle Nische und weinte bitterlich. Niemand sah uns und konnte uns sehen, niemand hörte uns und konnte uns hören. Wir aber hörten und sahen, obgleich wir durch Traumland gingen, durch Traumland ohne Anfang und Ende, dem nur ein dunkler Vogel entschwebte, um im welken Schein des tiefen Horizontes sacht zu verlöschen.   Eine Tür im ersten Stock des weitläuftigen Hauses öffnete sich und schloß sich dann wieder. »Mein Gott, mein Gott!« sagte eine dunkle Gestalt mit weißer Flügelhaube, die eben das Zimmer verließ und zwei unbenützte Gedecke mit sich führte, »eine Hand voll Kirchhofserde wäre hier schon das beste. Die leben vom himmlischen Tau, von Tränen, die nie alle werden. Aber das kann doch nicht ewiglich währen. Das geht so ganz sachte in ein langsames Sterben hinein. Tote ziehen nach, denn der alte Herr Wandscherer ...« Sie verschluckte die letzten Worte, wandte sich nochmals zur Tür, die sie kurz zuvor zugeklinkt hatte, und begab sich auf der breiten Wendeltreppe in die unteren Räume. Ihre Flügelhaube geisterte wie ein grauer Nachtfalter durch Heimlichkeiten und Dämmerungen. Aber zwei waren im Zimmer geblieben. Das Gemach, das die Alte hinter sich ließ, atmete eine stille Wärme aus, ein trauliches Behagen. Im Kamin leckten gierige Flämmchen an einzelnen Buchenscheiten. Ein vierarmiger Leuchter schuf ein mattes Scheinen und Leuchten. Aus einem Nebenraum, dessen Tür sich halbgeöffnet zeigte, flämmerte das matte Licht eines ewigen Lämpchens herüber, über dem der Corpus des Herrn sich am Marterholz streckte. Es war ein tiefes Schweigen zwischen den eingedunkelten Wänden. Nur dann und wann das monotone Tropfen des niederrinnenden Wachses auf die silbernen Schalen. Schneeblau sah der Abend ins Zimmer. Zwischen den beiden einsamen Menschen herrschte die empfindliche Stille der Karwoche. Sie hielten sich bei den Händen gefaßt und saßen dicht nebeneinander. Zeitweilig berührten sich ihre Lippen wie mit Schmetterlingsflügeln. Sie hatten sich nicht mehr vieles zu sagen. Raban erhob sich. Er fuhr sich schwer über die Augen. »Du willst schon gehen?« fragte sie mit erstickter Stimme. Er gab keine Antwort und stierte geistesabwesend in die tiefer brennenden Flämmchen – Armseelchen, die an mageren Dochten zehrten. Da erhob auch sie sich. Sie trat dicht vor ihn hin, und einer plötzlichen Eingebung folgend, umschlang sie ihn mit weichen Armen. Mit durchgedrücktem Kreuz, die junge Brust gegen ihn stemmend, legte sie ihren Mund auf den seinen. Der Kuß wollte kein Ende nehmen in seiner schmerzhaften Keuschheit. So standen sie lange. Die große Stille, die sie umgab, war noch furchtbarer geworden. Nichts als der keuchende Atem des Mannes und der des hingebenden Weibes ließ sich vernehmen. Sie fühlte die heißen Augen, die über ihr standen. Es waren die eines weidwunden Falken, den ein tückisches Geschoß auf die Erde geworfen hatte. »Raban ...!« Ihr kalter Mund schmiegte sich fester auf seine zuckenden Lippen. Unter dem leichten Gewand, das sie nach dem Kirchgang angelegt hatte, erstarrte ihr jungfräulicher Leib, als wäre ihm alles Blut aus den Adern genommen. Er zeigte die königliche Anmut einer schmerzensreichen Niobe, nur schöner und die Sinne betörender. Dann schluchzte sie auf. »Und du willst schon gehen?« fragte sie nochmals, mit der Angst und den Nöten eines halbentseelten Weibes. »Die Zeit ruft, und du bist müde, Geliebte.« »Müde – bei dir ...?!« fragte sie mit aufgerissenen Augen. »Müde bei dir – wo ich allein bin und mich nach deiner Nähe verzehre?! Bleibe«, gebot sie, aus ihrer Starre erwachend, »und wenn die Nacht über uns käme und uns mit ihren Myriaden von Sternen bedeckte – was ficht uns das an! Freuen wir uns der jetzigen Stunde, der hereinbrechenden Einsamkeit, denn das graue Morgenlicht über den Dächern ... Wehe mir! das graue Licht über den Dächern ... Ihr Wächter von Sion, ihr Wächter von Sion ...! Der König ...!« Ihr Kopf sank nach vorne. Sie wurde schwer in seiner Umarmung. Mit erneuter Kraft zog er sie an sich, sprach zu ihr, glitt mit zitterigen Händen über ihre Flechtenkrone. »Ja, wenn die Nacht über uns käme«, hauchte er leise, »eine ewige Nacht und uns zudeckte mit Myriaden von Sternen – wie schön, wie schön!« und mit hungrigen Blicken suchte er der Gegenwart ein versöhnendes Bild abzugewinnen. Aber kein heiliges Licht tat sich aus, warf kein erfreuliches Scheinen über seine zermarterten Sinne. Er sah nur ein dunkles Tor, durch das sie hindurchmußten, er und sie, und jenseits des dunklen Tores atmete lediglich der Geist der letzten Dinge. Ihm war es, als wäre derVernichter allen Bestehens an seine Seite getreten. Ein kalter Mund hauchte ihn an. Er verstand seine Worte, die er ihm zuflüsterte: »Der Tod allein bringt das wahre Vergessen, die Erlösung von allem, was die Seele mit einem scharfen Messer verelendet.« Er scheute den letzten Schritt nicht. Gerne wäre er von hinnen gegangen, aber ein zweites Leben war bei ihm, und dieses Leben ... Nein! es wäre ein Sprung ins Bodenlose, eine erbärmliche Fahnenflucht. Unauffällig tastete er nach der Hand der Geliebten. Er nahm sie und deutete auf der Innenfläche die zarten Runen, die sie durchquerten, und siehe: sie vereinigten sich zu einem seltsamen Zeichen. Erschauernd sah er sich um, als wäre ihm der Skarabäus erschienen. »Raban, was hast du?!« »Ruhe, nur Ruhe. Es wird sich alles schon geben ... nur, es ist schwül hier im Zimmer.« »Ja, es ist schwül«, gab sie ängstlich zurück. »Es duftet nach Wachs und welken Kränzen ... und es sind doch keine Blumen im Zimmer.« »Nein, es sind keine Blumen im Zimmer.« Sie schreckte zusammen. Ein scheuer Finger pochte gegen die Türe. »Raban ...!« Sie löste sich jäh aus seiner Umarmung. Und wieder das Klopfen. Da riß sie sich auf. »Herein!« sagte sie endlich. »Aber Josepha, was gibt's denn? Kommt näher«, und die Alte trat ein, als wäre sie direkt aus der Leichenkammer getreten. »Ach Herrin ...! man sollte sich einen Fingerhut überziehen und dreimal gegen 'ne eichene Tischkante kloppen, so verklammt und unselig ist's heute im ganzen Anwesen.« »Was ist denn geschehen?« »Ach du liebes Herrgöttchen von Bentheim! mir ist ums Herz, als müßte ich 'ne schwere Gottestracht tragen. Der Perpendikel ist stehengeblieben, und die Gewichte hängen doch an der richtigen Stelle ... und dann noch ... so eben ... ich kriege noch zuviel von dem Schrecken ... Es läuft einem ordentlich kalt über den Rücken, wenn ich dran denke.« »Was hat sich denn sonst noch begeben?« »Na, wenn einer so plötzlich hinter den Scheiben steht, das Fenster einstößt, das unsereins so'n bißchen aufgemacht hatte, um frische Luft einzuholen, und einer einem dann was Geschriebenes mit weißen Fingern zustellt und sagt, es sofort in die richtigen Hände zu geben – ja, dann werden in Sion selbst die toten Juden lebendig und wollen Schweinsrippchen haben. Hier dieses ...« und sie holte etwas hinter der Schürze hervor, das Ähnlichkeit mit einem versiegelten Schriftsatz hatte. »Wer war es?« »Ich kann es nicht mit aller Genauigkeit sagen, aber ich glaube, es ist der Prediger Rottmann gewesen ... und der Mann ist doch sonst so vernünftig und weiß die Türe zu finden, statt als Spukgeist durch die Scheiben zu laustern.« »Gebt her! Er wird seine Gründe haben, Josepha. Im übrigen: riegelt alles genau ab und bringt noch einige Lichter. Möglich, ich habe den Tag zu erwarten.« »Den Tag ...?« fragte die Alte. Ihre Flügelhaube geriet in ein sachtes Rütteln und Schütteln. »Um Gott nicht! warum denn?« »Das wird der Morgen ausweisen. Fraget nicht weiter und geht.« Gleich darauf hatte die Schaffnerin das Verlangte zugebracht, neue Kerzen aufgesteckt und war dann mit einem wehen Lächeln um die schmalen Mundecken still ihres Weges gegangen. »Josepha, bis morgen«, rief ihr die Gebieterin noch nach. »Ja, Herrin, bis morgen ... und alle guten Geister loben den Herrn!« Elisabeth Wandscherer horchte auf die weichen abgehenden Schritte, den zerknitterten Schriftsatz zwischen den Fingern. Sie hatte das Gefühl, als vernähme sie den monotonen Gang einer blanken Sense durch ein unermeßliches Kornfeld, als stände sie mitten zwischen den ängstlich gewordenen Ähren, die sich unermüdlich dem tiefen Horizont entgegenwellten, über sie hin fuhr es mit dem kaum wahrnehmbaren Murren eines fernen Gewitters. Ihr eigenes Blut rauschte ihr zu. »Wenn die Sense doch einen seitlichen Weg nehmen würde«, dachte sie plötzlich. Aber die Sense schien anderen Sinnes. Sie arbeitete sich schnurgeradeaus und warf die Schwaden in vollen Garben zur Erde. Wie lange noch, und sie wurde selber unbarmherzig von der Koppel geschnitten. Sie straffte sich auf, wie die sich aufstraffen, denen nichts anderes übrig bleibt, als die letzte Wegzehrung zu empfangen ... ad manus ... ad pedes ... ad lumbos ... ad aures ... Sie erbrach das Schreiben und trat in den Lichtkreis der näselnden Wachsstöcke. Dann las sie. Sie war still und in sich gefestet beim Lesen. Nur ihre Farbe wechselte. Ihr Blick fiel auf Raban. Der war nähergetreten. Das Herz setzte ihm aus. »Was ist es?« »Was du und ich lange erwarten: der Gutschein für meine Kalvarienreise. Der Paß ist dringlich. Ich kann mich seiner nicht mehr entziehen, es sei denn, ein freiwilliges Sterben würde ihn hinfällig machen. Das kann ich um meiner Seele Seligkeit nicht wollen, denn immer noch lebt der Gedanke in mir: es gibt ein Wiedersehen bei den ewigen Tischen.« Sie atmete tief und bei vollem Bewußtsein. »Da lies«, sagte sie nach einiger Weile, »oder noch besser, ich tue es selber«, und sie tat es mit der sachlichen und kirchlichen Gemessenheit eines königlichen Kaufmanns und Schiffsreeders, der die eingegangenen Konnossemente begutachtet und jede wichtige Stelle einer doppelten Prüfung unterwirft: »Geliebte des reinen und wahrhaftigen Glaubens! Die Blätter fielen schon lange ... es ist stille geblieben ... und dennoch: die Stunde erfüllt sich. Es ist nichts mehr zu ändern. Mein letztes Bitten und Flehen verhallte wie der Schrei eines durstigen Tieres in der Wüste, die statt Brotes und Wassers nur Steine bietet. Wehre dich nicht, sperre dich nicht. Der Cherub mit den siebenfältigen Schwingen hat es so wollen. Er ist unerbittlicher denn wir alle auf Erden. Sei stark, meine Tochter. Gedenke der Frauen in Israel. David und Salomon hatten der Frauen mehr denn eine, und alle folgten ihnen frohen Sinnes und im Schmuck ihrer Kleider, die wie Silberquellen waren. Drum wisse: morgen ist Sion um eine Königin reicher geworden. Und du – gehe in Frieden. Laß dein Herz weit bleiben, auch das des Geliebten. Wir gehen durch Finsternis und öde Heidestrecken, um schließlich das Licht und fruchtbares Land zu gewinnen. Darauf hoffen wir, müssen wir hoffen, sonst ist alles ein Nichts und ein leeres Klingen unter der Sonne. Betet für mich, wie ich für euch beten werde bis zur Stunde des Todes. A custodia matutina usque ad noctem speret Israel in Domino. Von der Morgenwache bis zur Nacht soll Israel auf den Herrn hoffen. Also geschehe es – in Ewigkeit, Amen. Bernhard Rottmann, Prediger im Tempel vom neuen Jerusalem.« Sie ließ den Schriftsatz herunter. Nicht um ein Geringes hatten sich ihre Züge verändert. Raban stand starr vor Entsetzen, ein Wort auf den Lippen, das sich nicht losmachen konnte. Da sah er: sie hob nochmals das Schriftstück, geruhsam und mit der heiligen Weihe einer Feueranbeterin, die das Frühlicht auf den Bergen erwartet. »Auf daß es nicht in unzuständige Hände falle und es Rottmann nicht zum Schaden gereiche«, sagte sie tonlos und hielt Schrift und Papier in eines der zuckenden Flämmchen ... und alles zerflackerte, leuchtete noch einmal auf, um zu grauer, unansehnlicher Asche zu werden, die sich in sich selber verzehrte. »Das ist das Ende«, und ihre Augen gingen zu Raban, mit erkünstelter Ruhe, mit dem stillen Leuchten eines sterbenden Sommerabends. Sie wankte. An einer Tischkante suchte sie Halt. Mit eiserner Willenskraft zwang sie sich straff in die Höhe. »So geschehe denn, was der Herr über meinen Leib und meine Seele verfügte.« Ein Schrei: »Nein – du, so geschehe es nicht!« Raban war bei ihr ... sank in die Knie ... umfing ihren Schoß ... tastete sich höher und höher, bis er mit würgenden Händen ihre Schultern umspannte. »Weib – du, mir vom Himmel gegeben, mir von der Hölle von der Seite gerissen – erbarme dich meiner!« und ein Stürmen war in ihm, ein Brausen und Rauschen, wie ein Sturm auf westfälischer Heide, wenn er anhebt, die alten Kiefern zu brechen, als wären es Raen und Stengen eines gescheiterten und verlorenen Schiffes. »Elisabeth – du, lasse mich gehen. Ich will Stirn gegen Stirn und Auge um Auge ...!« »Wohin – du?!« »Zu dem Untier mit dem zackigen Reif um die Schläfen. Ihn würgen, das will ich, ihm den Schädel zertreten ...« Er drängte der Tür zu. »Raban, du sollst nicht! Ich will nicht. Was hülfe es auch? Nicht er, sondern du wirst zertreten.« Ein lautloses Ringen begann. Weib und Mann gegeneinander, gleichwertig in ihrer Not und Verzückung. Stammelnde Worte ... ein Aufbegehren in wilder Bedrängnis. »Raban, du willst über Bord!« »Nein, aber dem Hund an die Gurgel, an die angemaßte Krone – das will ich!« »Diese Krone verdirbt dich! Sie trägt der König von Sion!« »Und wenn auch! Herunter damit. Krone und Mensch sollen deinen Leib nicht betasten ...« »Das sei meine Sorge, Geliebter!« »Lasse mich – du!« Und wieder das verzweifelte Ringen ... das rauschende Blut in den Ohren... das Ächzen und Stöhnen ... die übermenschliche Kraft in ihr, ihm Türe und Ausgang zu sperren ... »Raban – ohne dich, wie soll ich denn leben?! Wie meine unseligen Tage verbringen?! Harre und hoffe ... und wenn alles zertrümmert: es gibt ein Wiedersehen an den ewigen Tischen!« »An den ewigen Tischen ...?!« Ein grelles Lachen durchgellte das Zimmer. »An den ewigen Tischen ...?! Und ich ...?!« und der Kampf tobte weiter ... immer der Tür zu ... mit verzweifelten Kräften ... »Ja Raban, an den ewigen Tischen!« Ihr Mieder zersprengte. Die junge Brust drängte sich vor. Eine purpurblaue Nacht fiel über ihn her, die Nacht des Grauens und die der Erfüllung. Er stand wie gelähmt, das Weib am Herzen, das seiner begehrte und das da stammelte aus tiefster Not seiner Seele, aus dem heißen Willen heraus, den Schleier seines unberührten Heiltums nur von reinen Händen heben zu lassen: »Raban, ich trage dein Ringlein. Es wird mir nicht von den Fingern gestreift. Ich nehme es mit mir bis zur letzten Stunde, und dann noch: es wird bei mir ruhen und rasten bis zur Auferstehung. Der Herr vereinigte uns und kann uns nicht trennen, nimmer und niemals. Und was auch geschieht – du sollst leben um mich, der Barmherzigkeit willen und des Trostes in meiner verzweifelten Einsamkeit willen. Und wenn sie mich abführen – was tut es? Nur leben sollst du, leben, leben ... denn was sollte ich tun, was beginnen, wenn ich mir sagen müßte: Nun hast du nichts mehr auf Erden, nicht mal so viel, das Kräutlein der Hoffnung in einer mageren Scherbe pflegen zu dürfen.« Sie warf sich in seinen Armen zurück. »Drum lebe um mich, und also geschehe es.« Ihr halbgeöffneter Mund erschien wie eine blutende Wunde. Eine jähe Eingebung durchblitzte sein Hirn. »Und deine Entweihung ...?!« rief er mit verzerrtem Gesicht. »Komme dieser Entweihung zuvor! Ich schreie nach Liebe. Erhöre mich, bevor es zu spät ist«, und mit der Kraft einer Gezeichneten, die nichts mehr zu gewinnen hat, aber viel zu verlieren, befreite sie sich, trat sie zurück, spreitete sie die Arme, einer Priesterin gleich am Brandaltare des Herrn. Die Lichter flackerten höher, wurden zu Flammen. Auf ihrem märchenschönen Gesicht ruhte das Leuchten des Erlösers. Er wollte ihr folgen, aber ihre Augen geboten: »Verharre! Ich habe dir ein letztes zu sagen. Es kommt aus reinem Munde und aus lauterer Seele«, und er blieb, wo er fußte, wurzelte an und las von den bleichen Lippen des hohen Weibes die selbstlosen Worte, die da redeten: »Ich bin keinem Rechenschaft schuldig und weiß, was ich tue. Wenn ich von hier gehe, so ist es ein Sterben für mich, und jedem Sterbenden ist es ein heiliges Tun, sein Höchstes und Bestes dem zu geben, der es hinnimmt als ein Opfer und ein treues Vermächtnis, zugestellt im Namen der Geliebten.« Ihre Blicke gewannen an Glanz und Feuer, an Hingebung und Innigkeit. »Raban, verkenne mich nicht. Halte mich nicht für eine der vielen, die in warmen Sommernächten im Schatten sitzen und ihre Gürtel lösen. Was ich sage und tue, geschieht im Sinne des himmlischen Vaters.« Ihre Worte blühten von ihrem Munde wie Lilien in einem Klostergarten, dann aber begehrten sie auf, flackerten unstet, wurden zu dunkelroten Rosen, die die köstlichen Juninächte durchleuchten. »O du ...! Raban, hier bin ich. Ich bringe das Opfer!« und einer Verzückten ähnlich, riß sie Mieder und Kleid weit auseinander, und siehe, das Wunder geschieht: aus dem klaffenden weichen Gewand wachsen die Zierden heraus, die das Hohe Lied preiset und von denen es also verkündet: sie sind wie Rosenzwillinge am Quell auf milchweißen Kuppeln von paradiesischer Schönheit. Eine heilige Schau prangte ihm zu. »Geliebte ...!« Und vor diesem Opfer und Wunder stürzte er nieder ... faltete er die Hände, als wenn er zu beten gedächte. »Elisabeth, ich bin deiner nicht würdig ... Herrin ... Geliebte ...!« Er umfing ihren Schoß und warf den Kopf in den Nacken. Sein Blick war wie ein Gruß an die Sonne. Über ihm strahlte sie in unvergänglicher Schönheit. Der Duft des Weibes war bei ihm. Er saugte ihn ein. Seine Pulse klopften im Fieber. Alle Sinne schreien in ihm ... verlangen ... begehren ... »Geliebte ...!« Er tastet sich höher. Sie lächelt, sie geizt nicht mehr mit der eigenen Schönheit, vor der die Harfen in Israel so Hohes und Liebliches singen, alle Harfen, die da singen am See Genezareth, wo der Flachs rosig blüht und die Hyazinthen an den Uferränften ihren süßen Weihrauch ausstreuen: »Und das alles willst du dem Könige geben?« »Dem König ...?!« Ein heiseres Lachen ... »Dem Untier mit der zackigen Krone ...?!« Er reißt sie an sich ... umschließt sie mit eisernen Fesseln ... »Ich dürste nach dir wie der Hirsch nach der Quelle.« »Dann – worauf wartest du noch?« »Auf die Stunde des Herrn.« »O du ...!« und sie flicht ihre Arme um den Hals des Geliebten, »Raban, dann ist diese Stunde gekommen. Trinke dich satt, trinke dich satt, bevor noch der König ...« und das Weib in ihr erschauert wie der Baum in der Frühlingsnacht, wenn der Sturm die Äste rüttelt und die Blüten zusammendrängt, auf daß sich ihre Stunde erfülle. »Nimm mich! Oh, wie ich dich liebe! So wahr mir Gott helfe!« Und wieder das Ringen, aber das Ringen um Leib und Seligkeit, das Kämpfen um heiße Erfüllung und das Versinken in die Nacht des Vergessens. Bei ihrem Drängen und Schreiten – sie kommen dem Leuchter zu nahe. Er stürzt und taumelt. Die Dochte erlöschen. Dunkel spreitet sich aus. Nur aus der Nebenkammer flämmert das ewige Lämpchen herüber. Der Corpus des Herrn streckt sich am Marterholz. Aber das dornenumkrönte Gesicht, das Gesicht des Dulders und Erlösers, es spricht sie frei von Schuld und Fehle, nimmt das Opfer entgegen, das sie zu bringen gewillt sind – in seinem Namen. Er fühlt: sie löst ihren Gürtel, sie streift ihr Gewand von den Schultern mit dem Gleichmut eines Weibes, das zum Opfern sich vorbereitet. Er vernimmt das feine Knistern beim Fallen und Niedergleiten, ähnlich dem fernen Säuseln der Bäume im Garten des Paradieses, und dennoch: es mutet ihn an, als umkleidete sie sich mit ihrer eigenen Keuschheit. Dann klingt es ihm zu: »Harfen durch Sion! Lobsinget den Herrn!« »Raban ...!« »Geliebte ...!« und er hebt sie auf mit glücklichen Armen, im Taumel, aber sieghaft und willensstark, und trägt sie durch heiliges Dunkel dem Kruzifixus und dem ewigen Lämpchen entgegen, während ihre Lippen zucken und stammeln: »Harfen durch Sion! Goldene und gottgeweihte Harfen durch Sion!« Über dem geweihten Hause flinzeln unzählige Sternchen. Eines davon löst sich aus dem lichten Reigen seiner Geschwister und fällt glitzernd hernieder. Fünfzehntes Kapitel Der Morgen graute. Wohl selten graute ein so furchtbarer Morgen wie der heutige über Münster. Er kam fröstelnd gegangen, mit Stab und Muschelhut, dem Pilger gleich, der nach langer unseliger Fahrt die geliebte Heimat aufsucht und sie öde und leer findet wie die Stätten am Toten Meer, wo das Grausen wohnt und die Sodomsäpfel einem in der Hand zu Moder und Asche zerfallen. Das Grauen wuchs in den Morgen hinein. Der Morgen in das junge Leuchten des Tages, das sich vergeblich abmühte, dem Hause im Kirchspiel Über dem Wasser ein Stück seines jungen Leuchtens zu geben. In allen Kammern und Gängen herrschte ein Schweigen, das man mit Ohren hören, mit Augen sehen, mit Händen greifen konnte. Die alte Josepha ging auf weichen Sohlen durch die vereinsamten Räume, ordnete dieses und jenes und wußte nicht, was sie eigentlich tätigte. Bald war sie an der Treppe und horchte hinauf, ob droben noch keine Stimmen laut würden, bald sah sie ins Freie hinaus, ob es Zeit wäre, die Türe zu entriegeln, um den Geschäften des Tages, dem Ein- und Ausgang der Menschen Rechnung zu tragen. Sie wurde dieses Wandelns nicht satt und ähnelte der Wallfahrerin, die an Stelle des ersehnten Wunders mit leeren Händen und abgetretenen Schuhen heimkehrte. In ihren wehen und verlorenen Sinnen sprach sie die Worte, die sie schon tags zuvor in heißer Erregung gesprochen hatte: »Eine Hand voll Kirchhofserde wäre hier schon das Beste. Die leben vom himmlischen Tau, von Tränen, die nicht alle werden. Das kann doch nicht ewiglich währen ... nicht ewiglich währen ... denn so was hören die Toten, und wenn die Toten es hören ...« Sie verschluckte die letzten Worte und trat an die Standuhr, den regungslosen Perpendikel wieder in Bewegung zu setzten. Sie tat es mit zagem Finger, mit einem Stoßseufzer auf den Lippen. »Im Namen des Vaters ...« Und also geschah es. Das Pendel machte auch einzelne Gänge, blieb dann aber stehen, um mit einem leisen Schrei aus seiner Angel zu stürzen. »Christus ...!« Dann ging sie ihrem Kämmerlein zu, mehr tot als lebendig. Über ihrem Haupt zitterte die Flügelhaube mit ihrem weißen Stirn- und Kinngebände. Gleich darauf lag das Haus wieder in seiner kirchenstillen Ruhe, als hätte sich die Hand des Todes darüber gespreitet. So vergingen die Stunden, und diese Stunden waren leblose Stunden. Und droben ...! Sie hatten schon wohl eine Zeitlang miteinander gesprochen, denn was sie gesprochen hatten, brannte noch in ihren trostlosen Augen. Jetzt schwiegen sie. Sie hatte aufgehört zu weinen und saß in dem großen Sessel am Kamin, auf dem sie schon am verflossenen Abend gesessen hatte, bevor sie den Mut fand, von dem heiligen Mysterium den Schleier zu heben und das Opfer darzubringen. Die Glut im Kamin war dem Erlöschen nahe. Nur dann und wann leckten die Flämmchen aus der Asche hervor, züngelten aufwärts, um aus den verkohlten Scheiten noch etliche Nahrung zu holen. Es blieb ein vergebliches Mühen, und so sanken sie denn in ihr eigenes Nichts zurück, matt und hinfällig, mit einem kaum vernehmbaren Knistern. Elisabeth Wandscherer stierte in das feine Glumsen und Glosen. Ihr Gesicht beherrschte den Raum. Es ähnelte einer Friedhofsrose, war aber stark und starr wie aus Marmor gehauen. Sie trug schwarzes Gewand, das goldblonde Haar zu einer stolzen Krone geflochten. Raban lag vor ihr, den Kopf ihr im Schoße, ihre Hände umschlingend, sie mit heißen Küssen bedeckend. »Fasse dich, Raban. Sei doch nicht ganz so verzweifelt, denn wisse ...« Sie beugte sich vor und berührte mit heißem Mund seinen Scheitel. Dann hob sie sich wieder, indem sie ihm ihre Rechte entzog und sacht damit seine Schläfe umschmeichelte. »Nach meinem Fortgehen«, begann sie zu sprechen, »wird jegliches hier seine alte Stelle behaupten. Nichts soll sich ändern. Raban, auch du nicht. Du wirst diese Stätte beziehen, hier deine Tage verbringen. Herrenfaust hält den Pflug blank. Alles wurde dir erb- und eigentümlich gegeben.« Er warf den Kopf in den Nacken. »Was – mir?!« lachte er höhnisch, »wo ich dich selber nicht habe!« Seine Augen waren blutunterlaufen. »Ja – dir«, sagte sie lächelnd und drückte sein Haupt wieder in die Falten des Schoßes, »es wird dir zu treuen Händen gegeben. Ich hab's in langen und bangen Nächten niedergeschrieben. Du hast ja alles von mir, meinen Leib und mein Magdtum – warum denn nicht dieses? Mit dem kärglichen Rest mag sich Johannes Leydanus abfinden. Ich habe ihm nichts mehr zu bieten. Tröste dich, Raban. Und wenn du auch fern bist, ich spüre dein Nahesein. Du bist bei mir zu allen Stunden der Tage, zu allen Stunden der trostlosen Nächte. Du siehst in meine Träume hinein, wie ich in deine Träume hineinsehe. In diesen Träumen – du wirst zu mir kommen, wenn ich allein bin. Dann werden wir von den Stunden reden, während welcher ich in deinen Armen empfing, was nur ein Weib zu empfangen vermag an Wundern und Hingebung, und wir werden aufs neue durchleben, was wir schon einmal durchlebten, Mund auf Mund, in seligem Geben und Nehmen bis zum restlosen Vergessen ... und so ein Traum kann zur Wirklichkeit werden.« »Er wird es«, stöhnte er auf. »Ja, er wird es, Geliebter. Und dann wirst du mir von der Getter erzählen, von der münsterischen Heide, wenn sie anhebt zu grünen, von ihren lichten Birken, die wie Königskinder anmuten, von deinen Jugendtagen, von Vater und Mutter und wie du dich einstellst, in meinem Sinn und in meinem Angedenken weiterzuleben. Und die Lampe wird brennen, uns beide umleuchten mit dem sanften Licht des Friedens und einer makellosen Gemeinschaft.« Und sie hob ihre Arme, die weich und weiß waren wie der Schnee da draußen, auf den Dächern und den toten Straßen, und ließ diese weißen Arme wieder in den Schoß fallen. Ihre Augen aber begannen zu leuchten. Ihr Mund blühte ihm noch einmal zu, schöner denn früher. »Küsse mich, Raban, und versprich mir um meiner Ruhe und Seligkeit willen: Stark will ich sein und nicht am Dasein verzweifeln.« »Elisabeth ...!« Er riß sich empor, hob sie fast gewalttätig auf und preßte seinen Mund auf den ihren. Mit dem Schnitt und Pfiff einer Peitsche fuhr es über ihn hin. »Geliebte ...!« Er drückte sie an sich und starrte sie an mit dem erfrorenen Ausdruck einer verzerrten Maske. »Du ...!« schrie er auf. »Ich habe doch auch ein Herz im Leibe. Soll ich es den Hunden zum Fraß vorwerfen, auf daß es Ruhe findet vor seinem eigenen Pochen und Rasen?! O du ...! Gott helfe mir, Amen.« Er ließ von ihr ab. Sie aber sagte ihm leise, erschütternd, mit stammelnden Worten: »Raban, ich bin am Ende meiner Kraft. Ich sagte dir alles, was ich dir zu sagen hatte. Sieh doch, wie elend ich bin, wie ich dulde und leide ... oder willst du, daß ich im Wahnsinn dahinleben und mich selbst und dich nicht mehr finde?« Sie lächelte. »Nein, das kannst du nicht wollen. Du wirst Barmherzigkeit üben um meinetwillen.« Da wurde er still, als wäre der Odem Gottes über seine Stirne gegangen und hätte seine Seele beruhigt. Sie aber streichelte ihm sacht über die Schläfen. »Da nimm ...!« und zum letzten Male bot sie ihm ihre Lippen, jetzt farb- und blutlos, die er küßte, als küßte er die bleiche Hostie des Altarsakramentes. Dann sank sie zurück, die Lehnen umfassend, die Augen weit auf den Eingang gerichtet, denn plötzlich ... Draußen erhoben sich eilige Schritte, die stockten, um jählings weiterzuhasten. Die Tür klinkte aus ... »Herrin ...! Ach Herrin ...!« »Was bringt Ihr, Josepha?« Ein stoßweises Röcheln: »Ach Herrin, da draußen ...! Das Haus wurde umstellt ...« »Was weiter, Josepha?« »Der Verweser des Königs, der Kanzler ... und dann noch ...« Die Alte versagte. Zwischen Stirn- und Kinngebände war das schmale Gesicht zu einem hilflosen Elend geworden. »Herrin, wie soll ich das nehmen ...?« »Als eine unabweisbare Fügung. Seid stark. Ich möchte Euch stark sehn, wenn Ihr mir die letzten Dienste erweiset. Ich bitte den Kanzler.« Da wankte die Alte hinaus, als hätte sie ihr Höchstes und Heiligstes auf den Kirchhof zu tragen. Raban war ans Fenster getreten. Ein feiner Blutstropfen sickerte ihm von den Lippen herunter. »Gebt Raum dem Kanzler!« Zwei Spießknechte in den Farben des Königs besetzten den Eingang. Gleich darauf erschien der gefürchtete Krechting, barhaupt mit rötlichem Spitzbart, schwarz gekleidet, den Wiedertäuferpfennig auf dem geriffelten Wams, eine königliche Order in der Rechten tragend. Ihm folgte Dusentschuer, verwehten Angesichtes, in Anschauung des Geistes, der ihn völlig beherrschte. Zwei Kammerfrauen und etliche Mägde, die Gewandkästen und sonstiges trugen, verhielten sich bei den Spießknechten und tuschelten heimlich. Elisabeth Wandscherer saß wie ein Steinbild. Ihre weitaufgerissenen Augen waren in Totenstarre auf den Gesandten gerichtet. Keine Wimper zuckte in dem weißen Medaillengesicht. Nur ihr Mund blühte auch jetzt. »Mein Haus ist ein friedliches Haus im geweihten Sion«, sagte sie zu Krechting gewendet, da dieser keine Anstalten machte, das Wort zu ergreifen, »und so hoffe ich denn, der Friede dieses Hauses leidet nicht Not oder wird sonstig gefährdet.« Der also Angeredete verneigte sich tief. »Herrin, ich habe eine Botschaft des Königs zu übermitteln. Wollt Ihr sie hören?« »Es geschehe nach dem Willen des Herrn.« Da entrollte Krechting das Pergament und las mit einer Stimme, die an die Schärfe von Kardendisteln erinnerte: »Wir Johannes Leydanus, König des Tempels im neuen Jerusalem, bringen der ehrsamen Jungfrau Elisabeth Wandscherer Unseren königlichen Gruß. Wir wollen das Schöne, Gerechte und Gute, wollen es schirmen mit starker Hand, bevor die Heimlichen und Schleicher kommen, es biegen und brechen oder mit ihren schmutzigen Händen besudeln. Ich bin wie Jakob, der seine Füße hob und mit reicher Karawane durch das Land klingelte, das gegen Morgen liegt. Dort wohnte Laban, und seine Tochter hieß Rahel. Und Jakob diente sieben Jahre um sie, und sie deuchten ihn, als wären es einzelne Tage, denn Rahel war schön, so schön, daß Wir mit Salomo sprechen: Weißt du es nicht, wie lieblich du bist unter den Weibern, so gehe hinaus auf die Fußtapfen der Schafe und weide deine Zicklein bei den Hirtenhäusern. Dort wird man's dir sagen. – Wir nun haben auch eine Rahel gefunden, dienen aber keine sieben Jahre darum, sondern bieten ihr mit Willen und Wissen des allwissenden Geistes die Brautgeschmeide, so ihr Werber ihr darbringet. Das Weitere liegt beim Amte des Kanzlers. In Gnaden Gegeben zu Münster. Johannes Leydanus.« Krechting hob langsam den Kopf mit dem rötlichen Spitzbart und den schmalen zusammengekniffenen Lippen, die nur sprachen, wenn sie es für richtig hielten, im übrigen schwiegen wie die toten Steine in einer Grabkammer. Er sah auf das Weib mit dem kalten Medaillengesicht. »Herrin, dieses die Botschaft des Königs.« »Und was begehrt der König von mir?« »Daß Ihr Euch schmücket mit frohen Kleidern ... daß die Kunst des Propheten Euch ziere und erhebe über alle Weiber des Landes ... daß die entsendeten Kammerfrauen und Mägde Euch hilfreich zur Hand stehen ... daß Ihr dem Kanzler folget, gemäß der Sitte und dem preislichen Anstand einer Anabaptistin, und Ring und Krone empfanget im Namen dessen, der Euch hierzu berufen. So Ihr hierzu gewillt seid, so sagt es. Die Zeit ist bemessen und die Stunde nicht fern, wo sich im Hause des Königs die Psalter und Harfen erheben, um der neuen Gebieterin, dem Kern aller Herzen, den Lobgesang darzubringen.« Und wieder die Antwort, kalt und frostig wie der Schnee in den Straßen von Münster: »Es geschehe nach dem Willen des Herrn, denn es ist doch nicht zu ändern.« Da wandte sich Krechting und gab den Kammerfrauen und Gürtelmägden ein Zeichen. Die nun traten vor und geleiteten die Gekürte in das Gemach nebenan, woselbst noch die Seufzer und Liebkosungen der verflossenen Nacht die verschwiegenen Wände umgeisterten. Nur eine der Gürtelmägde blieb zurück. Zwei mit Silber beschlagene Kästlein in den Händen, stellte sie sich neben Dusentschuer, den Goldschmied und großen Propheten. Von ihren schweren Wimpern tropfte es mit heißen Tränen. Die Spießknechte harrten noch immer am Eingang, unbeweglich wie die Sonnengläubigen im fernen Osten, wenn sich das Morgenlicht erhebt über dem Meer, das sie das Kaspische nennen. Die Zeit ging still ihres Weges, während Krechting das Zimmer durchmaß, mit brennender Stirn, das fahle Gesicht am Boden, als sei ihm auferlegt worden, die einzelnen Dielen zu zählen. Dann blieb er stehen. Ihm war so, als stände einer nicht fern, der dem Grabe entstiegen. Seine Blicke fielen auf Raban. Eine steile Falte grub sich ihm tief in die Stirne. Etwas Herbes und Wehes wollte ihm die Kehle verschnüren. Insonsten machten seine Augen nicht froh. Jetzt aber waren sie warm und gütig gegen Wollen und Wissen geworden. »Erbmann, wollt Ihr nicht gehen?« »Warum das?« »Um Euch Leid zu ersparen.« »Ich habe schon so vieles erduldet und kann auch dieses noch tragen.« »Erbmann, es wäre besser, Ihr ginget. Ihr versäuert Euch nur das Brot, das Ihr noch zu essen habt.« »Mag es versäuern. Es verschlägt nicht weiter. Ich befinde mich doch auf der Straße des Verfalles und der Nichtigkeiten.« »Ihr werdet Euch diese Strecke nur noch grausiger machen.« »Dann paßt sie zu meinem Leiden und Lieben. Drum laßt mich. Ich bleibe.« Der Kanzler zuckte die Schultern. »Ich kann es nicht ändern. Es ist ein Leben, das an Drähten zappelt. Ein solches Leben geht nicht durch einen Geigen- und Flötenreigen. Es barmt mich. Ihr solltet Euch diese Stunde nicht zumuten, denn solche Stunden schmecken nach der Speise der Abgestorbenen.« Raban machte eine wehe Bewegung. »Das soll nicht vergessen werden. Ich danke Euch, Kanzler. In Euch habe ich einen Menschen gefunden.« Ein sanftes Rascheln und Rauschen erhob sich. Elisabeth Wandscherer trat wieder ins Zimmer, in milchweißer Seide – in demselben Gewand, das sie zu Rathaus bei dem großen Reigen getragen hatte, als die mörderischen Wirren noch nicht Stadt und Menschen umlagerten. Ein Purpurmantel, in dessen Geweb goldene Flämmchen aufzüngelten, fiel ihr von den Schultern herunter. Brust und Nacken wuchsen aus Purpur und Weiß mit dem zarten Schmelz von lichtfarbigen Rosen. Zwei Gürtelmägde trugen die Schleppe. Die Kammerfrauen geleiteten die Herrin an die frühere Stätte. Dort ließ sie sich nieder. Mit geschlossenen Augen, heilig und hehr saß sie zwischen den Lehnen, eine königliche Frau aus längst vergangenen Tagen, die keinen Odem mehr hatte und die man schmücken wollte für die kurze Reise zum Grabe ... und dennoch: in dieser verstorbenen Frau wohnten Gedanken, schlimmer als vergiftete Messer, trostloser als die unermeßliche Ode der Thebais, wo die Stimme sich in sich selber verzehrt, als wäre sie niemals eine Stimme gewesen. »Was geschieht mit mir?« fragte sie aus ihrem quälenden Schweigen heraus. »Was der König in seiner Weisheit gebot«, versetzte der Kanzler. »So geschehe es nach seinem Willen. Ich warte.« Von draußen her kam in diesem Augenblick das Summen von Glocken, das sich merklich verstärkte und immer ernster und feierlicher wurde. Die hohe Domkirche begann den tönenden Lobgesang. Die aus den benachbarten Kirchspielen schlossen sich an. Schließlich war es ein gemeinsames Klingen und Singen ... und doch schien es, als würde unter diesem Singen und Klingen eine selig-unselige Frau zur letzten Ruhestätte getragen. »Es eilt«, sagte der Kanzler. »Herrin ...!« und Dusentschuer kniete nieder und küßte vor ihr den Boden. Die Gürtelmagd reichte ihm eines der Kästchen. Die Augen des Künstlers und Propheten verdrehten sich, begannen zu flackern. Seine gelben Raffzähne wurden lang, zeigten sich zwischen den gewulsteten Lippen. Seine Stimme war rauh wie die Schur eines Wolfes, obgleich er versuchte, mit dem Säuseln eines Blütenbaumes zu sprechen. Er sagte: »Gebenedeite! Was den Geist des himmlischen Vaters beseligte, beseligte auch meinen Geist. Er hieß mich schaffen und werken und das vollbringen, was eine höhere Gewalt mir eingab. Spieglein, Spieglein ...! Herrin, Ihr sollt von nun an schreiten in den Schuhen des Unbegrenzten, auf Schuhen, gesponnen aus Ophirgold und Wunderbarkeiten ...« und mit erregten Händen streifte er die Goldpantoffeln an die silbernen Füßchen. Am Fenster wollte einem das Herz auseinander. Und abermals: die Augen des Künstlers und Propheten verdrehten sich, begannen zu flackern, zu kriechen. Gleich Weinbergschnecken krochen sie aufwärts, immer höher und höher, bis sie am warmen Fleisch des Halses und dem der Schulter haften blieben. Dann erhob er sich. Die Gürtelmagd reichte ihm das zweite Kästchen, mit lauterem Schmelz versehen, das Wappen des Königs auf der Silberschließe: die Weltkugel, durchstoßen von zwei zierlichen Schwertern. Diesem entnahm er ein Halsjuwel, dessen Kunstfertigkeit und Glanz die Umwelt blendete und den Mund verstummen ließ. Die leere Kassette übergab er der Gürtelmagd. »Was geschieht mit mir?« fragte zum andern die selig- unselige Frau, indem sich ihre Blicke erschlossen und wiederum zufielen. »Was Johannes Leydanus in seiner Weisheit gebot«, versetzte der Kanzler. »So geschehe es nach seinem Willen. Ich warte.« Neben ihr war ein verhaltenes Schluchzen. Die Kammerfrauen konnten ihres auferzwungenen Amtes nicht froh werden. Sie weinten still vor sich hin. Die Glocken verstummten und begannen nach einiger Weile aufs neue zu läuten. Die Raffzähne Dusentschuers zeigten sich häßlich und abstoßend. Seine Stimme wurde noch rauher als die Schur eines Wolfes, obgleich er versuchte, mit dem Säuseln eines Blütenbaumes zu sprechen. Das preziöse Kleinod funkelte zwischen den brutalen Fingern, deren Gelenke gelbliche Haarbüschel aufwiesen. Er sagte: »Gebenedeite! Was den Geist des himmlischen Vaters beseligte, beseligte auch meinen Geist. Er hieß mich schaffen und werken, Wochen hindurch, Monde hindurch, und das vollbringen, was eine höhere Gewalt mir eingab. Spieglein, Spieglein ...! denn der himmlische Vater gebot mir in seiner Weisheit und seiner ewigen Erleuchtung: Du sollst dem Weib unter den Weibern güldene Kettlein machen, innig verflochten, mit silbernen Pünktlein dazwischen, voller Türkise, mit edlen Smaragden durchsetzt, lieblicher denn das Bündel duftiger Myrrhen zwischen den jungen Zierden, denn wisse: du bist schöner als Thirza, dein Hals ist wie der Turm Davids errichtet, mit Brustwehr gebauet, daran tausend Schilde hangen und allerlei Waffen der Starken.« Er wiegte das Geschmeide zwischen den Händen und ließ es im einfallenden Schneelicht aufleuchten. Seine Augen schlichen sich näher heran, kniffen sich ein, wurden zu spinnwebdünnen grünlichen Seidenfäden, die den Schmuck mit den sanften Linien des Halses und denen der Schultern verglichen. »Spieglein, Spieglein ...! und dieses Angebinde – ich formte es bei heiterem Sonnenlicht, beim spärlichen Scheinen der schwelenden Nachtlampe ... und brachte es zum Herrn des neuen Tempels ... und er und die Königin und alle Kebsweiber lobeten es und sprachen: Nie wurde Höheres erschauet! Drum trage es zu dem Weib aller Weiber, füge es ihm um Nacken und Schultern, auf daß sich davon die Brüste vergolden, zum Wohlgefallen des Königs und zur heiligen Schau aller Reinen in der Stadt der ewigen Gnaden und der Barmherzigkeiten ... und sein Glanz wird sich in ihren Augen widerspiegeln, wie die Teiche von Hesbon vor den Toren der Stadt den Glanz des neuen Jerusalems widerspiegeln. Und somit verstatte mir, Herrin ...« So der Prophet, und seine Hände, die den Prunk umfaßten, streckten sich aus, willens, ihn um das blonde Fleisch zu schmiegen und das Schlößlein springen zu lassen. Die selig-unselige Frau zuckte zusammen. Sie wollte sich der Berührung entziehen, aber die Finger griffen schon zu, gespensterten mit dem langsamen Behagen einer düsteren grauhaarigen Spinne über die gerundeten Schultern, ordneten und nestelten die einzelnen Schaken zurecht, tasteten an den Steinen herum, um sie dem künstlichen Gefüge des Ganzen einzureihen, während die wieder geöffneten Augen aus den Höhlen traten und die gelben Zähne zu Raubtierzähnen wurden. Dann knackte die Schließe. Der Prophet trat zurück. »Gebenedeite ...!« Zum letzten Male erhob er die Stimme. Heiser und gleichsam auf rauhen Wollsocken durchirrte sie die sterbensbange Kammer: »So geschehen im Namen des Königs und des himmlischen Vaters. Ihr aber, lebet fortan in Scheu vor Seiner Majestät, dem vergeltenden Richter, und denket daran: ihm wurde gegeben das Schwert und die Palme der Freude und die des Friedens ... in Ewigkeit, Amen.« Eine furchtbare Handlung neigte sich ihrem Ende entgegen. Krechting und Dusentschuer gaben ein Zeichen. Eine der Kammerfrauen neigte sich vor. »Königin, wollt Ihr geruhen ...« Dabei führte sie ihr Mundtüchlein gegen die Augen. Das Weib des Schmerzes erhob sich. Von den Kammerfrauen und Gürtelmägden geleitet, trat sie den bitteren Weg an. Kanzler und Prophet beschlossen den Zug. Noch einmal verhielt sie den Fuß. Ihr letzter Blick fiel auf Raban. Zwei weiße Gesichter begegneten sich, ohne sich wirklich zu sehen. Ein grauer, undurchdringlicher Schleier senkte sich nieder und trennte zwei sich verblutende Herzen. Unten im Hausflur stand die Alte und schluchzte. Sie nahm den Kleidersaum der Scheidenden und küßte ihn innig. Dann warf sie die Arme zur Decke. »Ach Herrin ...!« »Ihr sollet nicht weinen um mich. Gehet zu Raban, Josepha. Er ist mehr der Sorge bedürftig als ich.« Dann ging sie. Draußen harrte viel Volk, das ihr zujubelte unter dem Geläut aller Glocken. Sänften standen bereit. So verließ Elisabeth Wandscherer das Haus ihrer Väter, aber sie hörte nicht mehr den furchtbaren Schrei, der hinter ihr hergellte.   Und der sechste Engel posaunete. Und als er posaunete, da erschauerte das Land Westfalen zum andern, auch die Hauptstadt in ihm, die Stadt mit den vielen Kirchen und Kapellen, mit der neuen Königin in ihren Mauern und mit der blutenden Wunde in ihrem Herzen, die nicht zu stillen war und immerzu tropfte. Auch das Lager des Bischofs erschauerte, aber es war ein frohes Erschauern, denn sein Heer hatte an Zuwachs gewonnen, die Spießknechte mehrten sich, zumal die Gunstbezeigungen der benachbarten weltlichen und geistlichen Machthaber reichlicher ihre Subsidien zuströmen ließen. Über Münster aber ging eine Stimme. Die war die des Jesajas, des obersten aller Seher und Zeichendeuter, und also lautete sie: »Es kommt eine Zeit, da wird der Herr die Scheitel der Töchter Sions kahlmachen, ihnen ihre Spangen nehmen, den Schmuck an den köstlichen Schuhen, die Hefteln, die Gürtel, die Kettlein und Flitter, die Bisamäpfel und die Glöckchen an den rosigen Ohrläppchen. Höret, ihr Himmel! Ich habe Kinder erzogen, sie erhöht und erhoben, und sie sind von mir abgefallen. Das Haupt ist krank, und das Herz ist matt geworden. Was aber noch übrigbleibt von der gefeierten Tochter, ist wie ein Häuslein im Weinberge, wie eine Nachthütte in den Kürbisgärten, wie eine verheerte Stadt.« So die Stimme Jesajas, des obersten aller Seher und Zeichendeuter. Und die Posaune verstummte. Der Chroniste im Kirchspiel des heiligen Lambert aber schob sich ein frisches Papier unter die Hand und erzählte mit krauser und oftmals stockender Feder, denn sie sträubte sich vielfach, den Geschehnissen in der umlagerten Stadt Rechnung zu tragen und der Wahrheit die ihr zustehende Ehre zu geben. »So verließ Elisabeth Wandscherer das Haus ihrer Väter. In aller Feier und Form wurde sie eingeholt und zum Palast des Königs getragen. Johannes Leydanus empfing sie, umgeben von seinen Großen und Vertrauten des Reiches. Sein Antlitz war froh, seine Sinne verklärten sich, denn sein Herz war krank geworden aus Liebe und aus Neigung zu dem schönen Weibe. Nun war jegliches behoben, das ihn kränkte und härmte, und die Psalter und Harfen huben ihr Spiel an in der goldenen Halle des Mächtigen. Er sagte: ›Meine Zunge ist stumm. Nur die Augen sehen und sprechen, wie diejenigen sehen und sprechen, die das Licht des fernen Ostens erschauen: Du bist wie ein Weidenzweig an den Bächen des fruchtbaren Tales, und deine Wunderbarkeiten stehen nebeneinander wie Granatäpfel in voller Reife‹, und er führte sie in die goldene Halle, wo bereits Divara und die Kebsweiber in durchwirkten Kleidern ihrer warteten und sie empfingen, als wäre sie bereits ihresgleichen geworden. Nur um die Mundecken Divaras zuckte ein trauriges Lächeln, denn sie sah das Leid und die wilde Not, die das Herz der Zugebrachten durchzitterten. Eine Glocke schlug an. Mit hellem Wohllaut durchirrte sie die weiten Räume des königlichen Hauses. Ein hoher und schmalgesichtiger Mann trat zu den übrigen. Der trug das schwarze Kleid eines Gesalbten, und nannte sich Egbert Reimarus, angestellt als Prädikant im Kirchspiel des heiligen Ludgerus. Der sollte die Trauung vollziehen, denn Rottmann hatte sich geweigert, die heilige Handlung vorzunehmen, aus Gründen, die seiner Anschauung zuwiderliefen. Als der König solches vernahm, befahl er ihn zu sich, legte ihm die Hand auf und sagte, nicht ohne einen bösen Hohn in der Stimme: ›Rottmann, gedenket des Tages unter den Linden. Wäret Ihr nicht der Getreuesten einer, wäre nicht die Dreieinigkeit in Euch, das Heil der Wiedergetauften, Pfäfflein, Pfäfflein, Ihr säßet wie der lauthalsige Apostel auf der blutigen Erde, den Kopf zwischen den Füßen.‹ Da verfärbte sich Rottmann, begab sich in sein Kämmerlein, den verstörten Blick in die kommenden Tage gerichtet. Statt seiner vollzog Egbert Reimarus die anberaumte Trauung, legte beiden die Hände auf und gab sie zusammen im Namen des ewigen Vaters, der über den Sternen wohnt und die Welten regieret, als wären sie Federbälle oder sonstiges Kinderspiel. Johannes Leydanus aber führte sie an der Hand zu den hohen Thronen, die sich in der goldenen Halle befanden. Dort wies er ihr einen der Sitze an. Sie gehorchte mit dem Gehorsam einer Verlähmten, mit dem blinden Handeln einer Gezeichneten, die in lichten Mondnächten die Firste der Häuser überschreitet, auch sonstiges tut, was die Kraft des Menschen nicht wagt zu vollbringen. ›Herrin des Tages ...!‹ Da brachte ihm Krechting das goldene Krönlein zu, das er begehrte. Das nahm er mit spitzen Fingern und krönte damit das weizenblonde Haupt der Auserwählten und stand lange in stummer Verzückung und Geistesabwesenheit. Dann sprach er: ›So kröne ich dich, Herrin des Tages, und sitzen sollst du mir zur Linken, wie Divara zu meiner Rechten sitzet. Nichts soll dir mangeln. Meine Hände lege ich unter deine Füße, auf daß du siehst: ihr beide seid mir gleichwertig an Ehre und Ansehen ... und ich preise die Stunde, die meinen Todestag vor den deinen setzet. Also geschehe es dem Fleische und dem Geiste nach.‹ Hierauf drückte er der jungen Königin einen Kuß auf die blutleeren Lippen, die wie abgestorbene Lilien waren. Dann wieder die vorige Stille. Johannes Leydanus wandte die Blicke zur Seite. Nun hing in der goldenen Halle, neben dem Eingang, eine Tafel von Ebenholz. Die hatte Dusentschuer in heißer Arbeit gefügt, sie reichlich umsilbert und mit den Namen aller Weiber beschrieben, darunter ein Grübchen also zugerichtet, daß man ein elfenbeinernes Zäpfchen hineinstecken konnte. Gelüstete es nun den Herrscher, mit einer seiner Frauen allein zu verweilen, sie sacht in die Arme zu nehmen, brachte er das Zäpflein an die Stätte seines Willens und Wunsches. War die Auserkorene behindert, so stand ihr das Recht zu, das elfenbeinerne Zeichen weiterzugeben, nach Einsicht und bestem Ermessen. Die also Gekürte wurde von kundigen Gürtelmägden mit köstlichen Essenzen besprühet, mit zarter Leinewand und Purpur gekleidet und also zum Herrn des neuen Tempels geführet, auf daß er sich ihrer Gegenwart und ihrer Schönheit erfreue. Auf diese Tafel nun deutete er mit umwölkter Stirn und halbgeschlossenen Augen, die wie Irrlichter aufbegehrten. ›Königin und Herrin des Tages, siehe die Tabulatur meines Hauses! Sie ist für alle gesetzt, ist heilig, heilig und lauter wie der Hauch meines Mundes. Wer dagegen fehlet, dem zuwiderhandelt, dem ergeht es wie den widerspenstigen Zicklein, die da weiden auf den sanften Wiesenränften des Berges Gilead. Ihm wird das weiße Hälslein durchschnitten, weil er sündigte wider den Geist, der Sion umschauert ... Wein her ...!‹ und als ihm dieser zugebracht wurde, ließ er die neue Fürstin leben im Purpurstrom der Burgundertraube. ›Die Königin lebe ...!‹ Diese aber senkte das Haupt und drohte vom Throne zu fallen. Da sprangen die Kammerfrauen zu und brachten die Ärmste in die Gemächer der Leiden und der düsteren Schatten.« – – – Der Chroniste von Sankt Lamberti legte die Feder beiseite. Die Hand wollte nicht mehr. Die Arbeit erlahmte zwischen den Fingern, denn es war ein Herbes und Trostloses, was er niedergeschrieben hatte. Allein die Zeit drängte. Die Geschehnisse reihten sich dicht nebeneinander, legten Masken an, um die Greuel, die sie bargen, weniger furchtbar und abschreckend zu machen, denn das Trauerspiel in Münster ging mit den Schritten eines Riesen seinem letzten Ende entgegen. Dem braven Erzähler blieb der Atem stocken. Er dachte an Publius Virgilius Maro. Er fühlte: der sah ihm über die Schulter und flüsterte ihm aus seiner Aeneis die Worte zu: ›Obstipui steteruntque comae et vox faucibus haesit. Ich erstarre, die Haare sträuben sich mir, und die Zunge verliert ihre Geschäftigkeit.‹ Aber er zwang sich, und so schrieb er denn weiter: »Die Könige aus Morgenland waren längst ihres Weges gegangen. Sie kehrten zurück in das Reich, das jeglichem zugewiesen war. Mit ihnen wanderte der große Stern und nahm alle Helligkeit mit sich in die Gegenden des tiefen Ostens. Dafür begann es auf der Roten Erde zu grünen, zu schmeicheln und Knospen anzusetzen. Die Wiesenbächlein gluckerten stärker, die Vögel mit den rückfliehenden Lichtern und den langen Stechern pfuizten über die Schneisen und Gestelle der Gehölze, die die Loddenheide nach allen Richtungen hin durchquerten, und an den Uferränften der stehenden Gewässer und Gräften war es blau von Veilchen geworden. Sonnige Freude zwischen Himmel und Erde. Nur die in Münster wurden ihres Lebens nimmer froh. Alles und jedes zerrieselte ihnen zwischen den Händen. Der Bischof, reicher an Knechten und Subsidien, wenn auch nicht stärker an Mut und Tapferkeit, zog seinen Gürtel immer enger um Außenwerke und Wassergräben. Die Läger wurden näher gerückt, die Feldschlangen und Viertelskartaunen vorwärts in Stellung geleitet. Trotzdem hielt sich die Stadt durch den heroischen Mut ihrer Verzweiflung, und als um Okuli ein wütiger Angriff seitens der Belagerer scheiterte, schrie Franz von Waldeck, der Bischof, wie ein gereizter Kardinal, dem man aller Juwelen aus Mitra und Krummstab beraubt hatte. Aber den Anabaptisten gebrach es an Zufuhr. Ihr größter Feind, der Hunger, gesellte sich als Bundesgenosse den Spieß- und Troßknechten des hohen katholischen Priesters. Immer bedrohlicher stierte er über die Bollwerke, tastete in die Straßen und Häuser hinein, erwürgte die Breßhaften, ließ die Frucht im Leibe der Mutter rettungslos absterben. Zwischen Mauern und Lägern irrten Weiber und Kinder, gruben die Wurzeln des Unkrautes aus, fingen Schnecken und Feldmäuse, um damit ihre leeren Mägen zu stopfen. Letzten Endes erschienen ihnen die Fladen, so Ochsen und Kühe auf Felder und Wiesen hingeklatscht hatten, als Manna und eine Speise des Himmels. Ratten und sonstiges Ungeziefer wurden gesalzt und eingepökelt, wobei die Herzen verloren aufschrieen: ›O du entsetzliche Züchtigung! O du Pest des jüdischen Volkes!‹ Selbst im ›Halben Mohrenkopf‹ war Schmalhans Küchenmeister geworden. Keine Speckseiten mehr, keine gesulzten Schweinsohren mehr. Schulte Flintrup in Roxel stellte seine Lieferungen ein, und so hing denn auch hier in der gefeierten Kneipe der einst so ergiebige Knappsack außer Reichweite der gierigen Mäuler. So der Jammer im heiligen Münster. Aber das Bitterste! Es mangelte an Blei und Lot, an Pulver und Werkzeug, den Metzen und Wallbrummern die tägliche Nahrung zuzuführen. Sogar ›Jans Pumpernickel‹ und ›Männe Ungeschlacht‹ standen öfters müßig zwischen den Schanzkörben, waren müde und marode, während die Teufelskanone im gegnerischen Lager sich über die Maßen sättigte, als wären über sie die fetten ägyptischen Jahre gekommen. Sie schwamm in Blei und Lot, in Pulver und im Übermaß der ihr zugebrachten Stein- und Eisenkugeln, so da jede mit einem Zentnergewicht aufwarten konnte. Fritze Lampadius' Stückmeisterherz tat einen Hopser, war eitel Wonne und Seligkeit. Der stumpige Mann mit dem roten Haarschopf unter der rostigen Kesselhaube freute sich der jetzigen Tage wie ein kurzbeiniger Mistfinkenhahn sich seiner willigen und duckenden Weiber erfreute. Alle zwölf Minuten ein Knall und ein Schuß, wobei er jedesmal einen Wind wehen ließ, dem seine Gesellen Reverenz erwiesen. Tage- und nächtelang stand er im Feuer, bedachte Wälle und Torburgen mit seinem Teufelskraut, daß Breschen sich öffneten, Erd- und Ziegelbrocken nur so abschnurrten, als wäre der leibhaftige Satan in ungezählte Rebhuhnketten gefahren ... und eines Tages, als ihm ein besonders gutes Meisterproblem gelang, indem er ein gegnerisches Pulvermagazin auf der Kreuzschanze, dicht beim Buddenturm, in Gottes freien Himmel hineinpochte, daß die Wolken barsten und mit den Polenwölfen heulten, stand unversehens der Bischof hinter ihm und legte ihm die eisenumringte Hand in die Stückmeisterpfote. Er rasselte mit Kacheln und Schienen. ›Wenn Ihr nicht wäret, mein Lieber ...!‹ Zwei runde Schermausäugelchen blinkten ihm zu. ›Wir machen's, Herr Bischof, oder ich will nicht mehr Fritze Lampadius heißen. Gottes Erbarm und Gottes Arm sitzen hier in der Teufelskanone, und ich bin ihr Fürspruch und Zuhälter.‹ Da lachte der Bischof sein herzlichstes Lachen. ›Brav so, mein Söhnchen‹, und er drückte ihm fünfundzwanzig Golddublonen in die vom Pulverschleim umkleisterte Pratze. Dann ging er. Hinter ihm her wehte ein abermaliges Windchen, das nicht aus der Hand Gottes gekommen, vielmehr ihr Dasein den Zipollen verdankte, die der struppige Mann gern bei seinem ersten Frühstück als bekömmliche Zutat zu verspeisen pflegte. Aber dieses Windchen benedizierte den geistlichen Würdenträger vom Scheitel bis zu den güldenen Sporen herunter. ›Sankt Barbara hilf!‹ und abermals krachte die Teufelskanone. Die gute Stadt Münster schütterte davon bis in ihre Grundfesten hinein, als wäre mit dem heutigen Tage der Tag des Gerichtes und des Zornes gekommen. Aber Gottes Erbarm und Gottes Arm, wie Fritze Lampadius sagte, hielten auch bei den Wiedertäufern aus, geboten ihnen, die Zähne zusammenzubeißen, das zerbröckelte Ziegelwerk aufs neue zu errichten, den Hunger bis auf den letzten Hamster- und Rattenschwanz zu erdulden, auf den Herrn zu warten – auf ihn und seine himmlischen Geleitschaften. Dazu beteten Rottmann und die Prädikanten aller Kirchspiele feuriger denn an sonstigen Tagen. Gefesteter standen Krechting und Knipperdolling auf Posten, unheimlicher waltete Meister Hans aus der Grünen Stiege seiner Obliegenheiten. Sein Schwert trank sich satt, fast überdrüssig des hingegebenen Blutes. Dazu raste Dufentschuer mit größerem Eifer seines Weges daher, voll der Anweisungen, mit Augen, die eine Strohmiete hätten anzünden können. ›Tut Buße‹, schrie er durch die Straßen von Münster, ›und ehret den König, den Stellvertreter Gottes auf Erden! Werft euren Geifer auf den schwarzen Fasanen, den Bischof, da draußen – auf diesen falschen Ansager und Frauenschänder, auf diesen Allesfresser und Blutzapfer. Wo immer nur die Sauglocke läutet, da wird sie von diesem Pfaffen und Hurenweibel geläutet. Kreuziget ihn, oder noch besser: legt ihm des Meisters Strick um den fetten Hals und henkelt ihn an der größten Linde in Sion, im Angesicht des Domes. Tut Buße, tut Buße und ehret den König!‹ Seine rauhe Stimme erlosch, um auf einer anderen Stätte weiter zu rasen. Ja, ehret den König! Johannes Leydanus wankte und wich nicht. Unter seinen Augenbrauen flackerte noch immer die Lohe von früher. Er sprach mit der Stimme der Gewaltigen. Er glaubte mit dem heißen Glauben der Märtyrer, die ihr Alles für ihr gestabtes Ziel dahingaben. Er litt weder an Furcht, noch an Saumseligkeit. Er ähnelte dem Judas Makkabi und seinen Söhnen, so auch den Namen Hasmonäer führten und groß waren in Israel. Er trug sein Blut seinem Gott und seinem Volk entgegen, gesättigt mit Zuversicht und eisernem Willen, und unterfing sich, die Geschosse der gegnerischen Kammerbüchsen mit eigenen Händen aus den hohen Lüften herunterzuholen. Er übte Gerechtigkeit nach dem Gesetz der Anabaptisten und seiner Gesichte, richtete aber auch mit der Strenge des apokalyptischen Reiters, der da saß auf einem roten Tier, anzusehen wie ein Tier mit Scharlach übergossen. Er sprach mit den Worten Johannis auf Patmos: ›Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme höret und auftuet, zu dem werde ich eingehen und mit ihm das Abendmahl halten.‹ Aber er sah nicht den Hunger des Volkes oder wollte nicht sehen. Seine Kornkammer blieb voll, in den hintersten Gefächern seines Kellers lagerten noch Weine, die Herz und Zunge beseligten, ehemaliges Gut des schwarzen Fasanen da draußen. Er tafelte noch froh mit seinen Königinnen und Kebsen, erfreute sich ihrer, wie sich Salomo seiner schönen Weiber erfreute. Und das war sein großes Verhängnis, sein bitteres Elend und sein trostloses Sterben. Herr erbarme dich seiner!« So der Chroniste von Sankt Lamberti. Er legte die Feder beiseite und wartete auf größere Dinge, denn über dem Himmel stand längst die Pflugschar des Herrn, bereit, die Wolken zu durchschneiden, aus ihnen die Blitze zu holen, sie auf die Erde zu schleudern. Auch vernahm er die Worte: »Wehe der prächtigen Krone der Trunkenen von Ephraim, der welken Blume ihrer lieblichen Herrlichkeit, welche stehet über einem fetten Tal derer, die vom Weine taumeln!«   Der Mönch und ich betraten die goldene Halle, ausgestattet mit flandrischen Tapeten, eingelegten Stühlen, umsilberten Truhen und sonstigem Gerät, wie man es nur in den Häusern der Standeserhöhten vorfindet. Fünf siebenarmige Leuchter standen auf der königlich gespreiteten Tafel, jeglicher von einem Cherub getragen, einstmals die besten Schätze der Kurie und Adelshöfe. Selbst Dusentschuer fand sie wohlgebildet, der Hand eines ernsthaften Künstlers würdig. Diese nun verbreiteten eine warme und wohltuende Helle durch die gegurtete Halle. Das Mahl sollte beginnen. Trabanten und Kammerdiener standen bereit, dem Wink des Hofmarschalles zu folgen. Divara und alle Nebenfrauen harrten des Königs, reich geschmückt in ihren Kleidern, die wie Spinngewebe erschienen, in ihren Kettlein und Spangen, gefaßt mit Chalcedonen, Moostopasen und sonstigen Steinen. Als Johannes Leydanus erschien, begann ein gedämpftes Spiel von Flöten, Harfen und Psaltern, lieblich zu hören, gleich dem anmutigen Säuseln von Erlen an Wiesenbächen. Weihrauch kräuselte auf und erfüllte alle Dinge mit seinen Wohlgerüchen. »Ehre sei Gott in der Höhe!« sagte der Herrscher und ließ sich am Tafeltuch nieder ... mit ihm die anderen, ihrer Würde und ihres Ranges gemäß ... und als er sich niederließ und zur Seite blickte, da sah er: der goldene Stuhl zu seiner Linken war leer. Über seine Stirne züngelte ein hastiges Blitzen. »Was soll mir dies?« fragte er heiser. Divara verfärbte sich. Sie neigte sich zu ihm: »Du weißt doch – sie leidet.« »Wie lange soll dieses Leiden noch währen?« »Bis die Zeit sich erfüllet.« Mit halberloschener Stimme gab er zurück: »Bis die Zeit sich erfüllet? Das geht schon so Tage um Tage und Wochen um Wochen.« Der aufsteigende Zorn schnürte ihm die Kehle zusammen. »Das dauert so lange, bis ich zwei Harnascher schicke und sie an die Tafel befehle.« »Die Harnascher wissen nicht, was einer Königin ziemet.« ›Aber ich ...!« Und mit häßlichen Augen, die Unheil ansagten und drohten: »Besonders ihr gegenüber.« Sein Blick fiel auf die ihm gegenüberhängende Tafel mit dem silbernen Zäpflein. »Man weiß sie zu zwingen, denn Könige zürnen machen, heißt den Kopf von den Schultern verlieren.« Johannes Leydanus erhob sich. Herrischen Schrittes durchmaß er die Halle, betrat ein Nebengemach und krachte die Tür hinter sich zu. Gleichzeitig verstummten die Psalter und Harfen. Divara aber folgte ihm und trat ihm in ihrer ganzen Frauenschönheit entgegen. »Es ist nicht wohlgetan, was du soeben getan hast.« »Schweige. Könige sind Almoseniere im reichlichsten Ausmaß. Sie geben, wollen aber auch dankbare Kärrner. Der Große im fernen Osten, der den Tempel erbaute, hatte moabitische, ammonitische, edemitische, sidonische und hethitische Weiber, und keine unter ihnen verwehrte ihm die Stunde der Andacht und die einer zusprechenden Erbauung. Aber ein Weib unter den meinen ...« Die Wut verschloß seine Lippen. Divara schmiegte sich an ihn und sagte: »Sei milde. Laß es behoben sein.« Er aber fuhr fort: »Frauen hat's satt und genug, aber die, die mir aufsagt und meine Tage verdüstert, eine solche hat's nur eine in meinem Weltenreich. Ich fürchte, Meister Hans aus der Grünen Stiege muß sich bemühen und ihr ein Andreas Vesalius werden.« »Wer ist dieser Andreas Vesal?« »Leibarzt Seiner Kaiserlich Römischen Majestät.« »Du liebst es, grausam zu scherzen.« »Keineswegs. Ein Medikus wie Meister Hans kuriert alles von Grund aus. Vornehmlich widerspenstige Köpfe. Er verweist sie kurzerhand in das Reich mit den Totengesichtern. Dort lernen sie beten.« »Hör auf – du! Deine Rede ist furchtbar. Du weißt doch: sie leidet und kann die Stunde nicht finden. Sättige dich an meiner Nähe. Auch sie kann dir Erbauung und Andacht geben. Dann merkst du vielleicht, daß Divara noch in der Blüte des Sommers steht.« Er lachte mit dem Lachen eines Mannes, dem der Grimm zwischen den Zähnen schäumte: »Bist du eine Abisag von Sunem, von der man verkündet: ihr Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum und ihre Prunkstücke gleichen den Weintrauben, voll des Weines und der üppigen Fülle?!« Ihr Antlitz wurde aschengrau. »Ich war es bisher. Drum laß mich an deiner Seite verweilen. Folge mir und erfreue dich des gerichteten Mahles.« »Nein«, sagte er eisig. Da rauschte sie hinaus in ihrem beleidigten Stolz und ihrer gekränkten Hoheit und Würde. Er stierte ihr nach mit den Lichtern eines guten Hirschen, der vergrämt seiner abtrottenden Hirschkuh nachäuget. Hierauf trat er wieder in die Halle zurück. Er sah in weiße Gesichter. Hätte eine Fliege gesummelt, ihr Summeln wäre nicht verborgen geblieben. Es war, als kröche eine tote Hand über den Boden. Die brennenden Leuchter schrumpfelten ein, die köstliche Tafelspreite wurde zu einem Leichentuch. »Löschet die Kerzen!« gebot er. »Das Mahl ist beendet.« Da erloschen die Lichter, eins nach dem andern, wie sie am Tag Allerseelen auf den Gräbern erlöschen. Sechzehntes Kapitel Die weiße Flügelhaube Josephas bewegte sich durch die Räume des verwaisten Hauses, wie sie es seit vielen Jahren getan hatte. Seit dem Ausgang der Elisabeth Wandscherer hatte sich nichts im Tun und Lassen der Betagten geändert. Gewissenhaft folgte sie deren Befehlen und Anordnungen. Nicht um Haaresbreite wich sie davon ab. Sie diente Raban, wie sie der geliebten Herrin gedient. Sie betreute ihn, wie sie diese betreut hatte. Nichts änderte sie. Die Schildereien an den Wänden blieben an der nämlichen Stelle. Kein Stuhl wurde gerückt, keine Truhe in eine andere Ecke geschoben. Mit linder Hand spreitete sie das Bett der Heimgesuchten, wie sie es immer gespreitet hatte. Sie begnügte sich mit dem Wenigen, was ihr von Staats wegen zugeteilt wurde, und das beste davon ließ sie dem Erbmann zukommen, ohne daß dieser es wußte. Sie lebte ihr Leben, wie sie es vor Gott und ihrem Gewissen verantworten konnte, und gedachte tagtäglich der geliebten Herrin auf den Knien und mit bitterem Weinen. Nein, nicht das Geringste hatte sich im Patrizierhause im Kirchspiel über dem Wasser geändert, nicht so viel, daß man davon eine Schwalbe hätte aufscheuchen können. Nur der großen Standuhr in der Eingangshalle war wieder der frühere Odem gegeben. Der schwere Perpendikel bewegte sich aufs neue mit der Würde eines päpstlichen Legaten, der mit seinen Palafrenieren daherkam, sich wohlfühlend in der eigenen Würde und Machtbefugnis, gemessen und feierlich, ohne dabei mit seinem sonoren Auf und Nieder innezuhalten. Unter diesem einförmigen Klopfen und Pochen schaffte Josepha, sorgte sie, erhoffte sie eine Wendung der Dinge, ein Wiedersehen mit der Gekrönten in Sion, ein sanftes Schreiten in die immer stärker werdende Helle des ewigen Lichtes. Der Mönch und ich sahen das alles, sahen die weiße Flügelhaube unermüdlich durch die Gänge des räumigen Hauses einherschaukeln und sahen noch manches, das uns die Sinn verkehrte. Es zwinkerte noch. Der Tag verstreute sein letztes Feuerspielen über die Erde. Der große Flieder atmete Weihrauch bei Weihrauch, beglückte den Abend und kräuselte ein zartes Wölkchen in das offene Fenster der Kammer, das Raban seit dem furchtbaren Tage innehatte. Er saß bei der Lampe, und Schweigen umgab ihn. Neben ihm lagen die Werke des großen Duns, des Schotten, unter anderen die Kommentare zu den biblischen Büchern, die zu den Sentenzen des Petrus Lombardus und die heftigen Ausfälle, die er gegen Thomas von Aquino und die Thomisten geschrieben, vor ihm des wackeren Hermann von dem Busche ›Vallum humanitatis‹ , ediert bei dem geschickten Herrn Quentel Unter vier Winden in der Stadt der heiligen drei Könige. In diesem hatte er fleißig gelesen, schon Stunde um Stunde, mit heißer Inbrunst, mit pochenden Fibern, nicht um sein Wissen zu mehren, ihm die letzte Feile zu geben, vielmehr aus dem unwiderstehlichen Drange heraus, sein rauschendes Blut zu beschwichtigen, es geruhsamer und stiller zu machen. Das Haupt gestützt und müde der Arbeit, sah er über die Schriften fort in den laulichen Abend hinaus, den schon hier und da einzelne Sternchen durchstichelten. Die brutalen Schicksalsschläge hatten sein Aussehen um vieles geändert. Eine stetige Gedankenflucht durchmarterte ihn, durchfurchte ihm Stirn und Schläfen, krönte ihn mit Dornen, heftete ihn tagtäglich an das Holz der Qualen, durchstieß ihm die Seite, und als er eines Morgens sein Bild in der Spiegelscheibe betrachtete, wurde er bleich wider Willen. Er sah nochmals hinein, und ein heiseres Lachen durchgellte die Kammer, denn siehe: ein weißer Streifen, kreidig wie die gekälkte Wand, zog sich ihm von der linken Schläfe bis zur Mitte des Schädels. Da wandte er sich, und sein Sinn sann auf Rache. Noch desselbigen Tages ging er zur Torburg. Er stand nicht auf seiten des Bischofs, aber jetzt erhoffte er den Sieg seiner Waffen. So nur war das Heil zu erwarten, das geliebte Weib aus den Krallen des sakrosankten Tigers herauszuschälen – mochte kommen, was wollte: er hatte mit dem Infulträger zu sprechen. So ging er, mit seinem Freipaß versehen, zur Ägidiitorburg, pochte dort an und begehrte freie Fahrt zu seinem Erbe und Eigen. Der Hauptmann jedoch, der an Stelle des ehrenreichen Schacht von Delfingen die Schanze befehligte, zuckte die Achseln und bedeutete ihm: »Seit gestern: was binnen den Mauern der Stadt ist, bleibt binnen den Mauern, sieht den endgültigen Aufstieg und Glanz des neuen Tempels oder geht mit ihm unter. Euer Freipaß ist nichtig. Erbmann, ich kann Euch nicht helfen, so gern ich es täte, denn täte ich es, grinste mit der Morgenfrühe mein Kopf von der höchsten Stange ins bischöfliche Feldlager, und das wäre denn doch ...« »Nein«, sagte Raban. »Aber ich danke Euch, Hauptmann.« Er wandte sich um und um, und groß Trauern kam ihn an. Sein Blut rauschte ihm so mächtig zu, daß selbst das Geheul der Viertelskartaunen und Wallbüchsen es nicht einschläfern konnte, so heftig setzte das Feuer ein, als hätte der Hexenkessel des Fliegenfürsten über Stadt und Feld geschwefelt, um alles niederzuflammen, was in der Umgebung der Wälle noch unangefochten in die verschiedenen Läger des Bischofs hineintrotzte. Er fühlte, auch die letzten Reserven versagten. Sein Fuß wurde schwer. Sein Herz drohte auseinanderzureißen. Die abgemagerten Hände krumpften sich ein mit den müden Krampfversuchen eines Leprosen. »Nichts mehr!« So zerklirrte ihm ein Kristall zwischen den Fingern, aus dem er die spärlichen Tropfen einer vagen Hoffnung zu schlürfen gedachte. Eine ungeheure Wand stellte sich auf. Ein Hinüber gab es nicht mehr, und er war nahe daran, sich dem Magister sacri palatii zu verschreiben, sich das weiße Gewand der Dominikaner mit der düsteren Kapuze um den abgemergelten Körper zu legen. Er dachte daran, ja, er dachte daran, und seine Lippen stammelten: »Geliebte, Geliebte! O du, mein Weib – du! Du – eine Lilie im Tal, eine Rose in der Ebene von Saron! und nunmehr entblättert, von ekelhaften Händen zerpflückt und fern dem Erlöser und seinem Erbarmen!« Seit diesem Tage saß er über den Büchern, laß er die Werke Duns, des Schotten, vertiefte er sich immer verzweifelter in des wackeren Hermann von dem Busche ›Vallum humanitatis‹ , willens, das Vergessen zu suchen und doch außerstande, dieses heißersehnte Vergessen finden zu können. Nur das Grauen um ihn, das gleichmäßige und ewige Auf- und Niedergehen der Sterne, der aufdringliche Ruch nach Firnis, das monotone Näseln von erlöschenden Sterbekerzen. – Immer stärker atmete der Flieder im Krautgärtlein seinen Weihrauch aus, immer nachhaltiger legte sich die Hand des Geschickes auf die Schulter des Verzweifelten. Der lauliche Abend mit seinen pyrotechnischen Künsten hatte ihm nichts mehr zu sagen. Seele und Gedanken waren dem Verlöschen nahe. Da war es ihm so, als würde zaghaft gegen die Türe geknöchelt. »Herein!« sagte er müde. Die bleiche Flügelhaube der Schaffnerin drängelte vor. Dann trat sie selber auf weichen Schuhen ins Zimmer. »Was bringt Ihr, Josepha?« »Herr, daß ich's man sage: jemand steht draußen.« Sein Herz zuckte auf. »Nachricht von ihr?« »Ach, wenn es so wäre! Ich täte ihr mit tausend Lichtern den Eingang erhellen, ihn froh und freudig machen, denn sie liebte ja so die freudigen und frohen Lichtlein. Nein, Herr, aber einer möchte Euch sprechen.« »Wer ist's denn?« »Meiner Schwester Kind. Hat graue und dumpfe Tage hinter sich, obgleich sein Handwerk ein gesegnetes war.« »Wo schafft er?« »Er hat sein eigen Gewerk als Schreiner und Zimmermann am Eingang zum Honekamp und in hiesiger Leischaft gelegen.« »Wie heißt er?« »Heinrich Gresbeck. Auf sein Wort kann unsereins das Brot des Herrn essen und das Blut seines Bechers trinken.« »Warum weint Ihr, Josepha?« »Er wird es Euch sagen.« »So laßt ihn kommen.« Da ging die Alte und ließ Heinrich Gresbeck ins Zimmer treten ... und der da eintrat, war ein Mann in den besten Jahren, helläugig, ähnlich wie die Dohlenvögel es sind, und mit dem Gehabe eines offenen und freigeborenen Bürgers, wenn auch schmerzdurchpflügt und mit einem stumpfen Messer durchrissen. Der nun trat näher in seinem Eisenbrüstling und sagte: »Vergelt's Gott, daß Ihr mich anhören wollt. So bin ich nicht vergebens gekommen.« »Gresbeck, Ihr seid Anabaptist?« »Ich bin es.« »Und seid es noch heute?« »Mit Ausmaß.« »Erklärt mir.« »Herr, ich habe nicht auf linden Kissen geschlafen, bin nicht auf Sohlen gegangen, die ins Paradeis führten. Es heißt wohl: immerwährendes Dulden erspart einem das Fegfeuer. Ich glaub' nicht mehr dran, 'ne überjährige Eselstute gibt keine Fohlen mehr her«, und nun erzählte er, wie er auf Wanderschaft gewesen, sich mit Winkelmaß und sonstigem Gerät weiterzubilden, wie er heimgekehrt und zu Beginn des Wiedertäuferreiches ein ehrsames Mädchen geheiratet habe. Des ferneren: wie er fünfzehn lange Monde hindurch an den Freuden und Leiden der neuen Gemeinde Christi teilgenommen und nunmehr als Spießknecht auf der Kreuzschanze, nicht fern der Jüdenfeldertorburg, stände, um dort nächtlicherweise Wacht und Runde zu machen. »Und weiter?« fragte der Erbmann. »Herr, die Nacht vor der Geburt Johannes des Täufers ist nahe.« »Was heißt das?« Da begann es in den Augen des Mannes im Eisenbrüstling zu flinzeln. »Herr, in dieser Nacht soll sich Großes begeben.« »Gresbeck, ich verstehe Euch nicht.« »Ihr werdet es, Erbmann. Um Euch das auseinanderzusetzen, dazu muß ich einen langen Atem aufbringen, denn es muß tagen wie das Licht über dem Walde, sonst geht einer mit der Sense einher und schneidet auch die Breßhaften des Geistes, die Duldsamen im Herrn und alle, die reinen Herzens sind und nicht durch Sünde gingen, von der Koppel herunter. Herr, ich bin Wiedertäufer, aber, wie ich schon sagte: mit Ausmaß, denn seit die neue Lehre keine reine Lehre mehr ist, die Weiber das Heiltum ihres Leibes feilbieten, als wäre dieses Heiltum wie die Miste in den Wallgräben, seit der König dahinlebt wie die Herzöge der Türken und Ungläubigen, seit das Volk hungert und durstet, die Kinder an den welken Brüsten der Mütter absterben, wie die Fliegen absterben um die Zeit des großen Fliegensterbens – von da an fielen die Gebote von mir ab, als wären es Späne unter dem Hobeleisen.« Er atmete tief, um dann weiterzusprechen. »Und nun, wo es kracht in den Sparren und dem Balkenwerk des neuen Tempels, die Aussätzigen leben, die Gesunden sterben wollen ... Herr ...!« und er stieß die geballten Fäuste zur Decke, um sie mit einem wilden Schrei wieder einzuholen, »Herr, wo man meine Weihkerze zerbrach, mein Häuschen verunzierte, mir die Brust zerstieß und meine Stube dieserhalb zu einer Blutstube machte ... Herr, Herr! da geht das nicht weiter ... nein, da geht das nicht weiter ... nicht um 'nen Tipfel. Da muß einer vom Bauwerk herunter ... mit Kopf und Kragen 'runter, und wenn's ein Gekrönter wär', einer mit 'nem feinen Gesicht und mit gesalbtem Haar ...« Seine Stimme erlahmte, kroch heiser am Boden. Raban erhob sich. »Mann, was ist Euch geschehen?« Eine rissige Hand schlug sich auf den Eisenbrüstling. »Erbmann, was Euch geschehen. Woran Ihr heute noch blutet.« »Gresbeck ...!« »So und nicht anders ... denn gestern ... um's Abendwerden, als ich auf Wache ging und Runde machte ... zwei Hunde von drüben ... in den Farben des großen Propheten ... die packten zu mit groben Fäusten und führten mein junges Weib zu den goldenen Kammern, wo sie den schönen Leib vertrenzen und zunichte machen – und das heißt Stirn gegen Stirn und Auge um Auge.« »Gresbeck ...! Gresbeck ...!« »Erbmann ...!« und das heisere Wort erhob sich aufs neue vom Boden, drängte sich zwischen die Zähne und zischelte: »Erbmann, daran ist nichts mehr zu ändern, da heißt das: Stirn gegen Stirn und Auge um Auge.« Über das Gesicht Rabans legte sich eine graue Farbe. »Also auch Euch ...?!« »Ja, Erbmann, auch mir.« Und dieser mit brüchiger Stimme, indem er die Rechte Gresbecks wie mit einem Schraubstock umklammerte: »Und was wollt Ihr beginnen?« »Was ich schon sagte: ich stehe auf der Kreuzschanze, nicht weit von der Jüdenfeldertorburg, auf Wache ... kenne jeden Graben ... jeglichen Zugang ... jeglichen Schlagbaum ... jegliche Mauerscharte ... und die Nacht vor der Geburt Johannes des Täufers ist nahe.« »Das sagtet Ihr schon. Aber was soll's mit der Nacht vor der Geburt des Täufers?« »Herr, in einer solchen Nacht erfüllen sich alle Pläne und Anschläge. Die ist wie der Täufer selber. Erleuchtend, erlösend, befreiend. Die heult nicht mit den Wölfen, sondern erschlägt die Wölfe. Die hat es satt und genug vor Galle und Verdrossenheit. Die geht mit den Gerechten und nicht mit den Ungerechten. Die erhebt sich wider Rehabeam, den König in Israel, und gegen sein Weib, das mit dem Rauschen ihrer Füße zu den Türen hineinging ...« und er verfiel abermals in ein Stück seines Wiedertäufertums und sagte: »Und wird Israel übergeben um der Sünden willen des Königs, die er sündigte im Tempel des neuen Jerusalems ... und wird ihn schlagen mit dem eigenen Totschläger und seinen Samen vernichten bis zum letzten Spelz und bis zur letzten Granne. Das hat's auf sich mit der Nacht vor der Geburt Johannes des Täufers.« »Gresbeck – und Ihr ...?!« »Herr, ich spinne dem Bischof keine Seide zu, habe sie niemals gesponnen, denn unter seinem Krummstab war dem Gewerk minderwertig gedient, praßten die Großen mit der Gier der Hamstermäuse auf den Feldern, blieben die Weiber die Paradestücke des Domkapitels und der sonstigen Pfaffheit und nicht die des Bürgers, waren die Zeiten elendige Zeiten und kaum zu ertragen. Legte man den Tag auf die andere Seite, blieb er ein Tag wie seine Schwestern und Brüder. Also für den Oberpriester habe ich keinen seidenen Faden auf der Spule. Aber jetzt ... wir haben einen Rehabeam hier und ein Weib, das mit dem Rauschen ihrer Füße durch die Türen einherwandelt. Drum immer noch besser, mit dem da draußen das Kyrieleis zu singen, als mit dem Tiger und seinen silbernen Krallen das Vaterunser vom Maulwerk herunterzubeten. Das Kyrieleis muß herein ...« Die Hand Rabans schnürte fester und nachhaltiger. Dann gab sie die des verzweifelten Mannes frei. »Ja, das Kyrieleis muß herein! und Ihr – warum beehrt Ihr mich?« Da Gresbeck: »Herr, zum dritten Male, wenn es beliebt, denn aller guten Dinge sind drei, drei Gegrüßt seist du Maria, drei Gottheiten in einer Person, und so sage ich denn: Ich habe die Torwacht, kenne jegliches Mauerstück und jeglichen Ausgang ... und die Nacht vor der Geburt Johannes des Täufers ist nahe ... und somit ...« »Mensch, Ihr nehmt mir das Wort von der Zunge. Ihr wollt zum Bischof, um ihm Mittel und Wege zu zeigen ... und wann ...?« »Noch heute, wenn ich die dritte Runde aufmache.« »Und die Nacht des Täufers ist als die des Sturmes gedacht?« »So ist es.« »Und ich ...?!« »Ihr sollt mir Helfer sein, denn wir spinnen gleiches Maß und gleiches Leid, und das gibt 'ne propere Leinwand zusammen.« Raban durchfuhr es. Ihm klang es zu mit dem Gestampf von Hufen, mit dem Geklirr von Spießknechten, mit dem Rumpeln von brechenden Mauern und Ziegelbrocken ... und ein Licht ging ihm auf, wie ein Licht von einem hohen Berge herunter. Das schritt auf ihn zu, umleuchtete ihn, umbüschelte ihn, wurde zur Mandorla ... und in dieser Mandorla: sein Weib ... sein angebetetes Weib ... Er hätte aufschreien mögen, aber er stammelte nur: »Elisabeth, Elisabeth ...!« und nochmals ergriff er die Hand des Starken im Eisenbrüstling, des Starken mit den schmalteblauen Augen eines Dohlenvogels: »Gresbeck, ich bin Euer Mann, und noch in heutiger Nacht ...« »Nicht so!« gab dieser zurück. »Das brächte nur Schaden. Laßt mich erst machen. Ihr bleibt. Einer ist nötig zwischen Stadt und Mauer. Erst wenn die Trommel in der Sturmnacht pocht, wenn der Täufer seine Stimme erhebt und durch die Völker schreitet, dann steht an der Hobelbank und hobelt Eure Späne herunter. Erbmann, wie denkt Ihr darüber?« Raban sah ihm tief in die Lichter. »Ein Wort, ein Wille.« »So paßt mir's. Mit Gott denn!« »Mit Gott denn!« Da verließ Heinrich Gresbeck das Zimmer und ging seinem Dienst nach, um vor Hahnenkraht jenseits der Schanze zu sein und sich dem Bischof in Verpflichtung zu geben. Raban von Bischopink tat einen Atemzug, als wären ihm Wackersteine von der Seele gefallen. Er gedachte, weiterzulesen, aber aus den Lettern Duns, des Schotten, drang ihm ein grauenhafter Spittelgeruch zu. Alles tot: die Buchstaben, die niedergelegten Weisheiten und Wahrheiten. Nur leeres Gedresch, Fasnachterzeug und eitel Gerede. Die vergilbten Blätter des großen Mannes stanken nach Verwesung und Plattheiten. Mit Kankerspinnengelenken stakelte es von Zeile zu Zeile, über die Spitzfindigkeiten eines verlogenen und spintisierenden Geistes. Was sollte ihm dieses, vornehmlich in der jetzigen Stunde? Da war Heinrich Gresbeck, der schlichte Mann im Söldnerkrebs, der Rächer seiner Ehre, doch aus einem anderen Eichenkloben herausgeholt worden. Ja, Gresbeck! Dessen Gedanken standen auf Kampf, auf Wiedervergeltung. Der wollte leben um seines Weibes willen, um die Schande seines Bettes hinwegzunehmen, es wieder ehrlich zu machen. »Gresbeck, ich danke dir. Recht wirst du haben, denn wir spinnen gleiches Maß und gleiches Leid, und das gibt 'ne propere Leinwand zusammen. Ich will ...!« und seine Hand legte sich schwer auf die Schriften, die für ihn abgetan waren. Aus dem dunstigen Schein der Lampe trat er ans Fenster. Das alte Blut der Bischopink von und zur Getter rauschte ihm in den Ohren. Sein heißer Blick ging nach oben. Lichter bei Lichter, Sterne bei Sterne, in ewiger Ruhe, in lautlosem Wandel eines ewigen Friedens. Das flinzelte mit silbernen Kettlein, in goldenen Schnüren, mit dem sanften Scheinen von Myriaden von Perlen und Kleinodien ... ausgestreut von der milden und gütigen Hand eines kundigen Schatzmeisters. Eine Treuja dei, ein Gottesfriede, wie nicht mehr zu finden. Und dennoch: nur scheinbar, ihr Toren und Leichtgläubigen! Auch hier Kampf bis aufs Messer, bis zum letzten Atemzuge. Ein Geborenwerden aus zuckenden Flammenschlünden, ein Sterben in eisigen Räumen und Weiten. Welten stiegen herauf, Welten gingen dem Niedergang zu. Welten krachten gegeneinander, gleich den verlorenen Haufen auf unermeßlichen Walstätten, rangen um Sein und Nichtsein, mit der Wut der Verzweifelten, Welten zertrümmerten vor dem Willen des Ewigen. Raban von Bischopink sah das alles, erkannte das alles. Ein Sternlein nur glänzte ihm zu mit mildem Leuchten. Dieses Sternlein mußte leben. Er rang die Arme nach ihm. »Leben sollst du, Geliebte!« »Aber du ...« und die Rechte fiel geballt auf das Fenstergesims nieder, »Johannes Leydanus – du Weiberschänder, du Unchrist, du Verwüster des weiten Gottesgartens, sterben mußt du. Dein erträumtes Reich mit dem Brandmal Kains zwischen den Schläfen – dieses Reich geht zu Ende.« Und wiederum: »Dieses Reich geht zu Ende.« Er durchwachte den Abend, die Nacht, bis zum Grauen des Tages. Er verfolgte jede Minute, jede verrinnende Stunde. Er wußte: jetzt stand Heinrich Gresbeck auf Wache. In seinem Eisenbrüstling spiegelten sich die Lichter des Himmelreiches. Er vernahm die einzelnen Schritte des Mannes, der um sein verlorenes Weib trauerte. Er sah Feuer bei Feuer: die Feuer in den bischöflichen Lägern, nicht weit von den eigenen Mauern. Die Kreuzschanze ruhte in den Armen des Schweigens. Nur dann und wann: er hörte wirre Geräusche. Die Zeit rückte näher. Die Frösche choralten in den Gräften, die goldenen Äugelchen voll des Sternenlichtes. Vom Turm der Kirche Über dem Wasser fiel die Mitternachtsstunde herunter. Dann schlug es eins, dann zwei ... die Spanne, wo die Augen müde werden und die Seele durch Schatten wandelt. Jetzt ... Heinrich Gresbeck machte sich fertig ... zog den Sturmriemen an ... warf das befestigte Seil über die Brüstung ... ließ sich tiefer und tiefer ... durchpflügte das Wasser ... trat wiederum an Land und schnürte sich durch Erlen- und Weidengestrüpp, bis er den beizenden Ruch der Lagerstätten in den Windfang bekam. »Halt – Werda?!« »Gut Freund!« »Wohin?!« »Zum obersten Kriegsherrn.« Da wurde Heinrich Gresbeck in die hohepriesterliche Zeltstadt geleitet ... und Raban von Bischopink ließ sich nieder und erwartete das Grauen des jungen Lichtes über den Dächern. Während des bangen Harrens und Wartens sprachen die Feldschlangen und Wallbombarden von hüben und drüben. – Anderen Tages ... Hungrig und ausgemergelt stierten die Anabaptisten in das schwelende Land ihrer Hoffnungen. Sie sahen in die Fleischtöpfe hinein, aber es war kein Fleisch mehr darinnen. Sie stülpten die Milchkannen – kein Tröpflein wollte mehr fließen. Die Mütter boten ihren Kindern den Quell des Lebens, aber dieser Quell wollte nicht spenden, denn er war versiegt und hinweggenommen, als hätte der Dünensand ihn aufgesogen mit der heißen Gier eines verdurstenden Riesen ... und dennoch hofften sie, glaubten sie, beteten sie, und wenn sie auch schrien: »Gebt uns Brot um der Barmherzigkeit willen!« – Sion blieb ihr Hort, ihre starke Burg und Johannes Leydanus der König der Könige im Tempel des neuen Jerusalems. »Tut Buße!« Ein Schrei gellte auf. Dusentschuer, der Prophet, raste um die elfte Morgenstunde durch die Straßen von Münster, dem Täufer ähnlich, nur mit einem Ziegenfell bekleidet und den Stab in der Rechten führend. Alles strömte ihm zu, umkreiste ihn, hing an seinen wulstigen Lippen, die von Besessenheit und Schaum trieften. Sein Wort war das einer tollen Sirene. »Tut Buße! Tut Buße ...! Freut euch, ihr Herzlein! Hüpfet, ihr Füßlein! Ihr Fingerlein, zupfet die Gitthit und was sonst klinget und hofieret, denn wisset: die Tage der Erlösung sind nahe. Ein Feldgeschrei wird sich erheben, wie es niemals gehöret wurde auf Erden. Und alle, die es vernehmen, die Stölzlinge, die vor der Stadt liegen, werden erbeben, wie die Könige der Amoriter, die jenseits des Jordans gegen Abend wohnten, erbebten, werden erzittern gleich den Herzögen der Kananiter an den Gestaden des Meeres. Euer König aber lebt und regieret. Sein Wort reicht weit, und sein Schwert ist wie eine züngelnde Flamme. Sein Zepter nimmt euch den Hunger vom Munde, sein Eisen rasiert eure Gegner von den Ackerfurchen herunter, als wären sie Unkraut. Die Hunde über sie, die Hunde des Jehu, des Sohnes Josaphats, des Sohnes Nimsis, wie sie über Isebel kamen, da sie sich schminkte, das Haupt schmückte und auf die Straße hinaussah, um Jehu mit ihrem Angesicht und ihrem Glanz zu betören. Tut Buße! Hoffet auf Pfingsten, und ist Pfingsten gekommen, so meldet Johannes Leydanus: Der Feind ist geschlagen, die Frucht kommt herein, die Kornkammern strotzen vor eitel Fülle und Segen, die Brüste können die Milch nicht mehr fassen, und die Anabaptisten werden einhergehen in Samt und Seide, wohlgesättigt, mit kostbaren Ringen an den Händen, mit Spangen, Hefteln und mit klingenden Ohrgehängen. Tut Buße! Tut Buße ...!« So Dusentschuer, der Prophet, um an einer weiteren Straßenkreuzung die nämlichen Worte zu rasen. Das Volk strömte ihm nach, wie die Schäflein dem guten Hirten nachgehen, gibt er ihnen Aussicht auf fette und gesegnete Weide. Als er in der Höhe der Marievengasse gekommen, verließen ihn Gaumen und Zunge. Sie waren trockener als gesponnenes Werg, lechzender als die eines jagenden Hundes geworden. Noch einmal ertönte sein rauhes »Tut Buße!« aus der verrosteten Kehle: »Tut Buße!« Dann war's alle mit ihm. Mit listigen Äugelchen schnürte er sich in die Marievengasse hinein und trug Ziegenfell und Stab in eine verschwiegene Ecke des ›Halben Mohrenkopfes‹, um dort in aller Gemächlichkeit den Staub der Straße von sich zu tun, desgleichen dem dürren Hals mit einer Kanne mageren Dünnbieres aufzuhelfen, denn der Schank verzapfte keinen Xeres mehr, geschweige denn Weine, die ihn noch dreimal übertrumpften. Dusentschuer streckte sich in seiner Schur wie ein Scheich zwischen Dan und Berseba. Den geschälten Stab legte er ab. Da trat ihm Tenkhoff entgegen. Er kam aus der Küche. Aber um des Herrn Jesu Christi willen – wie sah der Mann aus! Der ägyptische Joseph war kaum zu erkennen. Alle Herrlichkeiten des Geistes und des Fleisches hatte er von sich getan, sie in die Rumpelkammer verwiesen. Sein Bäuchlein dahin, der Specknacken gleich einer Hutzelbirne verschrumpfelt, die Äugelchen, die sonst pfiffiger als die einer munteren Eidechse glänzten, schienen ausgebrannt, sein sprudelfrisches Lachsforellentum hatte mit dem sprudelfrischen Lachsforellentum nichts mehr zu schaffen. »Prophet, Prophet«, sagte er mit weinerlicher Stimme, »wo sind die Zeiten geblieben?! 'nen Dachs tut es jammern. Die Beine wollen ja noch, aber vom Kopf bis zum Nabel und noch weiter herunter sieht's elendiglich aus, mehr noch als elendiglich.« Er seufzte: »Die Schweinsohren mit Schabrübchen sind alle. Meine Frau kann den gestrigen Tag nicht mehr finden und bemüht sich damit, dicke Brummer einzufangen. Schulte Flintrup aus Roxel liefert nicht mehr, kann nicht mehr liefern. Die Bischöflichen schmarotzten ihm das letzte Ferkel und das letzte Kalb aus dem Stall ... Herrjeses! und dann noch: gestern abend hat mir so 'ne niederträchtige Feldbüchse den Küchenschornstein von den Ziegeln gehobelt, reineweg fortgehobelt. Prophet, Prophet und Euer Gnaden zu melden: Das geht so allmählich dem letzten und traurigen Mirakel entgegen ... das geht so ...« Sein Weib trat hinzu, anzusehen wie 'ne wurmstichige Saubohne. »Ja, Euer Gnaden, das geht so gewissenermaßen wie 'ner majestätischen Trommel. Erst Trumm-Trumm in allen Hecken und Hägen, und jetzt man noch so 'n poweres Wimmern, wie aus 'nem verklammten Hosenboden heraus.« »Ganz richtig«, bestätigte Tenkhoff. »Mensch – Ihr ...!« Dusentschuers Stimme rollte durch den ›Halben Mohrenkopf‹. Den abgelegten Stab umgriff er aufs neue. Er streckte sich abermals in seiner Ziegenschur, die etwas nach Bock stänkerte, wie ein großer Scheich zwischen Dan und Berseba. »Mensch – Ihr ...! Was wollt Ihr?! Habt Ihr nicht soeben meine große Prophezeiung vernommen?!« »Das schon, aber bloß so halber, bloß so 'n bißchen um die Ecke herum. Dann bin ich wieder nach Hause gegangen, um mir die leeren Pökelfässer zu betrachten. Nichts mehr, nichts mehr!« und er musterte die Fliesen seines Anwesens, betrenzt mit den Spuren verschütteten Dünnbieres. Da stampfte der geschälte Stab auf. »Seid Ihr des Satans, Tenkhoff?! Will der Antichrist über Euch her mit der Allgewalt des Baals und seiner Herrschaften?! Wenn ja – dann riecht's bei Euch nach Meister Hans aus der Grünen Stiege ...« »Christus ...!« Der ägyptische Joseph schlotterte an Armen und Beinen. »Oder ihr Kleingläubigen«, fuhr Dusentschuer fort, indem er seine Kulpsaugen vorstülpte und wieder einholte, »Ihr und die Frau – ihr tut Buße in Sack und Asche und erhofft die gesegneten Pfingsttage. Da werden die Schleusen des Paradieses sich öffnen, da schüttet es mit Manna vom Himmel herunter, da werden die Bischöflichen getrieben durch die Schärfe des Schwertes über Telgte und Warendorf hinaus, über Hiltrup und Hamm bis ins Land des Herzogs von Jülich, Berg und Kleve, den der himmlische Vater verfluche. Da werden eure Pökelfässer gefüllt und der König schreitet einher im Glanz seines Königtums, schreitet durch Sion, durch die Provinzen, bis er sein Reich gefestet hat bis an die äußersten Grenzen. Kinder des Fleisches, erharret das Fest der Pfingsten und werdet selig.« So der Prophet und legte den Stab wieder ab. »Ja – aber«, wagte Tenkhoff einzuwerfen, »es sieht man bloß so 'n bißchen schwach damit aus«. »Wieso das?« »Euer Gnaden zu melden, ein Spießknecht kam an, soeben, vor 'ner Viertelstunde vielleicht.« »Von woher?« »Von der Kreuzschanze, Herr.« »Wo sitzt er?« »Im Apostelstübchen.« »Soll kommen.« Und der Prophet reckte sich wieder. Dann funkte er den Neuling an, der das Apostelstübchen mit dem eigentlichen Schankraum vertauscht hatte: »Was bringt Ihr?« »Nichts Gutes. Die Ratten werden hellhörig und wechseln über die andere Seite.« »Seid Ihr Prophet oder nicht? Wenn nicht, dann redet deutlich und nicht in Rätseln.« »Na denn«, sagte der Spießknecht. »Heinrich Gresbeck ist über die Mauer.« »Seit wann?« »Seit der dritten Stunde.« »Wohin?« »Wohin soll er sein? Der Bischof hat Schmalz in den Töpfen, und für 'ne Portion Schmalz oder sonst was kann manches passieren.« »Unsinn!« »Herr, Knipperdolling dachte anders darüber.« »Wie – dachte anders darüber?« »Herr, der Hauptmann der Kreuzschanze sitzt zwischen Faschinen und Mauerscharte. Aber ohne Kopf. Der steckt auf der Stange und tut Heinrich Gresbeck begrüßen.« Der Prophet lächelte. »Was soll mir Gresbeck, was Knipperdolling, was der Hauptmann der Kreuzschanze?!« und seine Stimme wurde stärker als die eines Stieres, der die Kuh oder die Färse wittert: »Wer nicht auf mein Wort hört, der hört auch nicht auf das Wort des himmlischen Vaters. Wer sich meinem Prophetentum verschließt, der verschließt sich dem Paradiese. Ihr Armen im Geiste! fragt doch das Vieh, und es wird's euch lehren. Fraget die Vögel unter dem Himmel, und sie werden's euch zujubilieren. Fraget die stummen Fische, und sie werden's euch singen und sagen: In wenigen Tagen, um Pfingsten, kommt das Weltreich über uns mit Glocken und Ehre sei Gott in der Höhe. Amen.« Er sank schwer auf den ihm von Tenkhoff untergeschobenen Sessel. »Wenn's denn so ist«, versetzte die abgemagerte Weindrossel, »dann wollen wir uns gewissenermaßen mit dem neuen Glauben weiter benehmen.« »Wollen wir«, beteuerte Tenkhoff. »Dann mein Söhnchen, 'ne vollgemessene Kanne! Mich dürstet. Aber wenn's eben noch geht, 'ne solche mit Malz drin.« Und die Kanne kam. Da tat er einen gewaltigen Zug, der den letzten Tropfen aus der Tiefe erfaßte. »Kein Spanier, aber gut«, schmunzelte Dusentschuer, und er verfiel in ein langes Brüten und Sinnen.   Siebenzehntes Kapitel Pfingsten, Pfingsten ...! Das hohe Fest der Pfingsten war nahe. Trotz der Not und den Gebresten und dem furchtbaren Sterben in Sion – die Linden auf dem Domplatz schmückten sich gleich Bräuten, legten sich brabantische Spitzen an und dufteten in Wohlgerüchen gleich Balsamstauden im fernen Schiras. Sie säuselten und nickten sich zu, wie sie immer gesäuselt und sich zugenickt hatten, und trugen kein Leid um das fernere Geschick der Anabaptisten und das der Andersgläubigen ... und Pfingsten war nahe. Fünf Tage vor dem Fest, an dem die Flämmchen vom Himmelreich züngelten und die Apostel in der Gebethalle zu Jerusalem sprachekundiger denn Salomo wurden, pochte es wiederholt gegen die Tür des Hauses im Kirchspiel Über dem Wasser. Es war um die Zeit zwischen Mittagsmahl und Abendwerden. Ein Trabant in den königlichen Farben stand draußen. Ihm ward aufgetan, und er fragte nach Raban von Bischopink von und zur Getter. Bald darauf stand er vor dem Erbmann. »Was bringt Ihr?« fragte der Bakkalaureus der sieben freien Künste. »Im Namen des Königs«, sagte dieser, »morgen um die erste Mittagsstunde möchte Johannes Leydanus, der Herr über den neuen Tempel, Euch sehen. Ihr seid zur Tafel geladen.« Dem also Gebotenen wurde es schwarz vor den Augen. »Wer wurde sonst noch befohlen?« fragte er mit schleppender Stimme. »Der Sprecher des Königs, sein Kanzler und alle Herren des näheren Umstandes.« Raban hielt sich kaum auf den Füßen. »Um welche Stunde geladen?« fragte er fahrig. »Ich sagte schon, Herr, um die erste Mittagsstunde, wenn die Trommel pocht wie gebräuchlich. Herr, und die Antwort?« »Ich komme und danke der Gnade.« Da ging der Trabant. Aber Raban ... Aus seiner Schwäche heraus wuchs es auf mit der Größe und Stärke eines Herrn von und zur Getter. Schon oft hatten die Bischopink in schweren Nöten und Bedrängnissen gestanden, lagen am Boden, die Faust des Gegners am Eisenkragen, aber immer wieder rafften sie sich auf, ein Stück Erde zwischen den Zähnen, brachen der Ehre willen andermanns Schädel, wenn auch letzten Endes mancher von ihnen um eben dieser Ehre willen in den Sand beißen mußte. Jedenfalls – sie warfen Panier auf. Mit den goldenen Lilien im Wappen, zwei Rabenfittiche als Helmzimier – sie hielten die Fahnenwacht, stündlich, täglich, Monate hindurch, Jahre hindurch, bis sich die Jahre zu Jahrhunderten auskreisten. Das Panier entfiel ihnen nicht, es sei denn, sie deckten es mit ihrem eigenen Leibe, ihren eigenen Panzerringen. Heute jedoch ... ein solcher Ruf, eine solche Kampfansage war noch niemals ergangen. Es war ein Tasten ins Dunkle hinein, ein bevorstehendes Ringen mit diabolischen Mächten, die im Hintergrund lauerten, ein ungewisses Spiel mit den Pranken einer Pantherkatze. Oder waren es die eines Tigers? schleichende, grausame, entsetzliche Pranken. Packten sie zu, um ihn seinem verlorenen Weibe hinzuwerfen, langsam ihm und ihr die Krallen in die noch immer offenen Wunden zu schrauben? Dachte der Tiger daran, sich an ihren Qualen und Martern zu weiden, bevor er zuschlug und dem Trauerspiel ein Ende machte? und siehe und siehe: feierlich senkte sich ihm der düstere unheimliche Vorhang herunter, hinter dem sich die Leere austat und das letzte Seufzen zweier Menschenkinder spurlos in dieser Leere hinaussickerte. Und dennoch: der Jüngste seines Geschlechtes – Panier warf er auf. Er ballte die Fäuste. »Gut denn ... mit Rosen im Haare ... Johannes Leydanus, ich komme und danke der Gnade.« – Anderen Tages ... Der Mönch und ich sahen und hörten. Vor dem Hause des vertriebenen Herrn von Büren, nunmehr die Pfalz des Herrn der Welt und des Himmelkreises, standen zwei in geflammter Watt. Die rührten die Trommeln. Ihr lautes Gerumpel und Gepoch drang vom Domhof bis weit in die benachbarten Kirchspiele. Noch drei langgezogene Wirbel, und die Trommeln verstummten. Von allen Seiten strömte das Volk zu, hieß es doch, der König würde zu ihm sprechen, ihm Baumkuchen und Moppen an Stelle von verrotteten Dickwurzen oder sonstigen Abfällen darbringen, ihm endlich den heißersehnten Tag der Erlösung und den des allgemeinen glorreichen Gottesreiches verkünden. »Hosianna dem König!« »Hosianna dem Gesalbten des Herrn und Ehre sei Gott in der Höhe!« Wie ein Geheul von Tieren, die um des Hungers willen die Häuser der Menschen umlagerten, stieß es gen Himmel, durchlärmte es diese sonnenschöne Mittagsstunde. Dazwischen aber auch drohende Rufe, Schreie nach Recht und Vergeltung, das dumpfe Hämmern von Kammerbüchsen und Wallkartaunen aus dem Felde und von den Schanzen herunter, eine furchtbare Mahnung dafür: jemand steht draußen, einer, der mit eisernem Fäustling anpocht, schon Wochen um Wochen, schon Monde um Monde, der Einlaß begehrt und nicht mehr gesonnen ist, länger zu warten. Das Gewühl drängte vor, und wurde einer unter die Schuhe getreten, so war es nicht anders, als hätte man einen mistigen Strohhalm zertrampelt. »Gebt Raum dem Träger des Schwertes!« Von zwei Spießknechten begleitet, schritt Knipperdolling der königlichen Pfalz zu. Wie immer dunkel gekleidet, den güldenen Wiedertäuferpfennig auf der mit Marderfell verbrämten Schaube, ging er stumm und ernst über den Domplatz, betrat er die Vorhalle des königlichen Palastes. Hier stieß er auf Raban. »Erbmann, auch Ihr ...?!« »Träger des Schwertes, ich wurde geladen.« »Seltsam ...!« und eine schwere Falte furchte sich über die Stirne des Mannes in todschwarzem Tuch. »Viele, die geladen sind«, sagte er mit verschleierter Stimme, »werden des Tages nicht froh. Ich rede mit dem Heimgesuchten aus dem Lande Uz: Ihre Denksprüche sind Aschensprüche, ihre Bollwerke werden wie Lehmhaufen sein. Ich möchte Euch stärken mit meinem Munde und mit meinen Lippen trösten. Aber wenn ich schon rede, so schonet mein der Schmerz nicht; lasse ich's anstehen, so geht er nicht von mir.« »Gewaltherr, das Schlimmste kam über mich, so mag auch das Ende über mich kommen. Ich fürchte mich nicht und harre auch dieser Stunde.« »Lobenswert«, nickte Knipperdolling ihm zu. »Aber das stolze, fast zu rasche Vorwärtsdrängen der Jugend spricht aus Euch ... und ich frage mich immer: Wo ist die Stätte der Weisheit? Niemand weiß, wo sie liegt, und sie wird nicht gefunden im Lande der Lebendigen. Die Tiefe spricht: Sie ist nicht in mir, und das Meer spricht: Sie ist nicht bei mir. So schwanken wir wie Schatten zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Torheit und klugem Wollen. Man muß Kind bleiben, um die Weisheit zu erfassen.« Er legte ihm die Hand auf. »Jedenfalls Erbmann, laßt Euch nicht irremachen, festigt Herz und Nieren, spielt nicht augenfällig mit dem Weibe, das das Eurige war, und hütet Wort und Zunge. Versteht Ihr?« »Ich verstehe, Träger des Schwertes.« Ein Kämmerling trat zu ihnen. Sein Gesicht war das eines Totenkopfes. Die Augen lagen tief in den Höhlen. Nur spärliches Haar legte sich über den bräunlich angelaufenen Schädel, dessen Naht sich bis zur Stirn und den Schläfen verfolgen ließ. Er schien nach der Gruft zu riechen, ein Ansager und Vorbote aller Vernichtung zwischen den Mauern zu sein, ein Würger der Städte und ein Bevölkerer der Friedhöfe. Der nun nahm ihnen Waffe und Wehrgehäng ab und geleitete sie auf weichen Schuhen in das Vorgemach der goldenen Halle. Johannes Leydanus stand bereits inmitten des engeren Umstands und des Rates der Zwölfe. Er war in blütenweißer Seide gekleidet, die güldene Kette mit der Weltkugel um Hals und Nacken geschlungen, gekrönt und mit dem Schwert umgürtet. Er sprach mit Krechting, dem Kanzler. Über das feine bleiche Gesicht mit dem kurzverschnittenen Vollbart zuckten eilige Lichter. Sie gingen von einem zum andern, obgleich er eifrigst mit dem Kanzler redete. Dabei durchforschte er Herz und Nieren eines jeden, um der Seele und ihrer Tiefe näher zu kommen. Als er Knipperdolling gewahrte, trat er eiligst auf ihn zu, ohne Rabans zu achten. »Na Statthalter des glorreichen Tempels, ich hörte bereits. Diese verfluchte Geschichte vor einigen Tagen ... Doch Ihr seid besser beraten. Laßt mich wissen ...« »Herr, in einer ihm günstigen Nacht ging Gresbeck über die Mauer, ein sonst ehrlicher Mann und Anhänger des reinen Glaubens. Und dieses ...« Der König fiel ihm ins Wort: »Wirft das eine Stadt aus den Angeln?« Er lachte. »Sein Mütchen wollte er kühlen, der Viechskerl, von wegen der ihm genommenen Hausehre. Ein grobes Versehen seitens meines Marschalls. Das Weibsbild wertet keinen Rader albus, kaum tauglich zur Gürtelmagd ... und nun macht sich der Tugendbold auf, dem Infulierten das ›Sesam, öffne dich‹ in die Hand zu spielen.« »Das ist es.« »Tragt Ihr Bedenken?« »Herr, ein Verräter wertet viel im gegnerischen Lager.« »Blast mir keine giftigen Seifenblasen über die Seele. Sie zerplatzen, bevor sie noch ihr Ziel erreichen. Der Geist eines Spießknechts bricht keine Mauern und Torburgen. Aber der eines Hauptmannes ... Sein Name?« »Eberhard Schmising.« »Diesem Eberhard Schmising, der es geschehen ließ, einen der Seinen, einen der ihm Anvertrauten über die Gräben springen zu lassen ...« »Herr, ihm wurde sein Recht.« »Durch unseren gemeinsamen Freund?« »Nein, Herr, ich selber ...« »Was – Ihr?!« »Herr, die Sache war dringlich. Ich legte ihm den Kopf vor die Füße, und dieser Kopf stiert jetzt auf Telgte zu. Daran mag sich Heinrich Gresbeck erfreuen. Ich setzte ein Beispiel. Das hilft. Die übrigen Hauptleute werden klare Köpfe behalten, zudem nicht auf Augen und Ohren sitzen. In nomine patris .« »Knipperdolling, Ihr verdientet, an meiner Statt Recht zu sprechen und das Zepter zu führen.« Langsam wandte Johannes Leydanus das gekrönte Haupt. Sein Blick fiel auf Raban. Der begegnete ihm mit offener Stirne, ohne mit einer Fiber zu zucken. »Erbmann von und zur Getter, Ihr wißt Blut zu behalten. Das seh' ich. Es geht Euch nicht auf und davon, wie so vielen.« Er musterte ihn mit eingekniffenen Lichtern. »Ihr hörtet die Geschichte von Heinrich Gresbeck?« »Ich hörte sie, Herr.« »Gut so. Ihr habt die Probe bestanden. Ich verstehe jetzt manches. Erbmann bleibt Erbmann. Trotz Eures Leids – Ihr seid nicht über die Mauer gegangen ... und daher willkommen. Ich habe Euch eine Freude zugedacht. Sie wird heute bei der Tafel erscheinen und zu meiner Linken sitzen.« Er bot ihm die ringgeschmückte Hand. »Erfreut Euch ihrer und vergeßt, was Euch angetan wurde durch ein Gesicht des Vaters im Himmelreich.« Zwei Trompetenstöße gellten herüber. Die Türen zur goldenen Halle öffneten sich. Der Kämmerer mit dem Totenkopf erstattete Meldung: »Die Königinnen und die übrigen Damen des Hofes!« und ein Spielen hub an von Flöten und Zinken, ein solches von Harfen und Psaltern, die mit ihren Harmonien die Sinne betörten, die Herzen weit machten, ähnlich dem Spiel der Harfen- und Psalterträger Davids vor der Lade Gottes, als sollte Sion sich noch einmal an diesem unermeßlichen Wohllaut satt und genug trinken. Unter diesem Getön trat man in die goldene Halle, setzte man sich, Johannes Leydanus inmitten der Tafel, ihm zur Rechten Divara, ihm zur Linken Elisabeth Wandscherer, schön wie Bath-Seba, die Tochter Eliams, das Weib Urias, des Hethiters ... ihr Antlitz jedoch war weiß wie gebleichtes Leinen hinter Klostermauern, und ihre Augen brannten unter den zusammengerückten Brauen, als wenn sie die Anschauung des ewigen Lichtes herbeisehnten. Nur einmal stießen diese auf Raban, zur Rechten Knipperdollings, aber kaum drei Herzschläge hindurch. Dann suchten sie wieder die Spuren des ewigen Lichtes. Der Erbmann verkrampfte die Hände. »Behaltet Blut«, sagte sein Nachbar. Hinter dem König stand der Kämmerling mit dem bräunlichen Schädel, steif wie ein Galgenholz. Zeitweilig zeigte er die schadhaften Zähne. Der nun waltete als Mundschenk. Nach dem dritten Gang hielt ihm Johannes Leydanus den Becher hin, in dem früher sich der Wein in das Blut Christi verwandelte, den Becher des Tabernakels und des heiligen Geschehens. »Schenkt ein!« Der Kämmerling tat, was ihm geheißen ... und der Blick des Königs fiel auf den Erbmann von und zur Getter. Er umgriff den Kelch und sagte: »In schlaflosen Nächten blättere ich des öfteren in den Mären und Geschichten des fernen Ostens. In einer solchen Nacht las ich: Geht zu den Edlen, ihr Söhne der Edlen! denn es bestimmten Natur und Gesetz: Edle nur glänzen in den Taten des Edlen. Meidet jedoch die Niederen aus niederem Samen! Denn es bestimmten Natur und Gesetz: Niedere Taten kommen von Menschen aus niederem Blut und niederer Saat. Ihr nun seid edel geboren. Ich trinke Euch zu, Raban von Bischopink.« Und er trank ihm zu und hielt ihm den Becher hin. Da tat ihm Raban Bescheid, sah aber aus, als sei er aus der Marterkammer getreten. »Tut Buße ...! Tut Buße ...!« Draußen erhob sich ein Geschrei von Tausenden, die die königliche Pfalz immer wilder umdrängten. Die Söldner hatten kaum Macht, das schiebende Volk von den Toren zu halten. »Herr der himmlischen Heerscharen! Herr der Güte und der Barmherzigkeiten ...!« Der Lärm pochte gegen die Scheiben, brachte die Balken ins Schüttern, und diese Spanne des Tobens und des Dröhnens der ausgemergelten Dulder und Hungerleider benutzte Knipperdolling, seinem Nachbar zuzuraunen: »Traut seinen Worten nicht. Haltet die Augen klar und lasset Euer Herz zu Eis werden«, denn er sah, wie Raban und die junge Königin Blicke tauschten, die das Unheil heraufbeschworen. »Habt Ihr verstanden?« Ja, er hatte verstanden, konnte jedoch sein Wort nicht anbringen, denn das graue rasende Elend da draußen ergriff ihn. Immer herausfordernder klang es herüber. Unter dem Wolfsgeheul der Zugeströmten und Besessenen verstummten die Psalter- und Harfenspieler, klirrten dafür die kostbaren Gefäße auf der weiten Tafel. »Erhöre uns, o Herr!« Immer lauter und drohender: »Erbarme dich unser, o Herr!« Dann eine brüllende Stimme: »Unsere Weiber verhungern! Wir haben kein Brot. Selbst die Ratten in den Rattenlöchern sind alle geworden.« Eine zweite darauf: »König, wo bleibt das verheißene Reich, das Land, wo Milch und Honig fließen?! Dusentschuer predigte schon, aber wir glauben dem Propheten nicht mehr, denn seine Worte stolpern, als wären sie vom Weine trunken!« »Herr, wir fressen schon Unflat«, drohte es von einer anderen Stelle, »wie sollen wir da das verheißene Reich gewinnen?! Unter Unflat und faulen Kadavern gibt es kein Leben für die Anabaptisten. Hilf uns, sonst müssen wir glauben: der Bischof ist stärker als du, seine Macht reicht weiter als deine Macht!« »Erhöre uns, o Herr!« »Erbarme dich unser, o Herr!« Der Lärm tobte weiter, rüttelte an den Festen des Hauses. Das Galgenholz rührte sich nicht. Stand wie ein Pfahl. Nur zwischen seinen schadhaften Zähnen blenkerte ein häßliches Grinsen. Da warf Divara ein verstörtes Auge auf ihn und dann auf den König. Johannes Leydanus saß mit entstelltem Gesicht, wenn auch furchtlos und mit der Selbstbeherrschung eines Großen unter den Großen. Mit starker Hand umgriff er den Kelch. Der beulte sich aus und schrie unter den Fingern. Dann sprach er in sich hinein: »Brot wollen sie haben, die ewig Hungrigen. Ich kann ihnen kein Brot geben, wenigstens jetzt nicht. Aber Spiele, die hab' ich. Vielleicht wird ein solches noch fällig. Geduld sollen sie zeigen, die Palmesel.« Jemand war an seine Seite getreten. Der Kanzler. Der sagte: »Herr, wollt Ihr nicht sprechen. Euer Wort ist wie Öl auf einen wirren Tobel.« »Meint Ihr? Oder wären Pulver und Eisenbrocken nicht besser? Ein paar Handvoll genügen. Die sind immer zu haben.« Krechting verfärbte sich: »Herr«, versetzte er mit einer gewissen Unrast, »spottet jetzt nicht. Redet mit ihnen. Ihr versetzt Berge und laßt im Winter die Felder grünen.« Da erhob sich der König. Gemessenen Fußes begab er sich auf den freien Laubengang der goldenen Halle hinaus ... und als wäre ein Mirakel geschehen: der Sturm ebbte zurück, wurde zu einem einzigen Schweigen, als hätten sich Hof und die weite Umhegung mit Karpfen und Saiblingen des Meeres bevölkert. Lächelnd sah er auf die lautlose Menge, in das sonnenfrohe Scheinen des Tages. Alle Köpfe entblößten sich, alle Hände legten sich friedlich zusammen. Hätte sich ein Blättchen von den Lindenästen gelöst, sein Fallen wäre zu einem leisen Klingen geworden. Und Johannes Leydanus erhob seine Rechte. Da funkelte der Stein seines Ringes über die tausend und abertausend Häupter mit dem Leuchten des ewigen Gottesauges. »Geliebte, was steht ihr, was harrt ihr und blökt wie die Schafe an den Hängen des Berges Gilead?! Ihr wollt gute Weide. Wo aber ist gute Weide während böser Kriegsläufte zu finden?! Jetzt gilt's, das Maulwerk mit dem Sperrholz zu sperren. Wartet ab. Seid nicht verblödet. Wo Niedergang ist, da ist auch strahlender Aufgang, und euch wird ein strahlender Aufgang, der euch führt aus dem grauen Land des Entbehrens in das lachende Land der Erfüllung.« Ein einziger Schrei: »Erbarme dich unser, o Herr! Wir hungern, und unsere Kinder sterben uns an den Brüsten fort!« Des Königs Stimme rollte dahin: »Was schreit ihr, ihr Zweifler?! Oder wollt ihr wieder unter die Gerichtsbarkeit des bischöflichen Dominiums? Wenn ja, dann sagt es, ihr Strumpfwirker und Narren! Haltet euch fest an den Schwänzen eurer Stuten und reitet zu, reitet zu. Aber schon besser: ehret die Deuter des Landes, sonst wird euch das höllische Feuer. Was Dusentschuer verkündete, ist lautere Wahrheit, die Leuchte der Leuchten, zudem das Gesicht aus meinen verflossenen Nächten, die Verheißung der Thronen und Herrschaften. Ich bin wie Samuel, der da nahm ein Lämmlein und es dem Ewigen darbrachte. Ich schrie zu ihm für Israel, und er erhörte mich. Ich nahm einen Stein und setzte ihn zwischen Mizpa und Sen, hieß ihn Eben-Ezer und sprach: Bis hierher hat uns der Herr geholfen in seiner Güte und Weisheit, und er wird weiter helfen, wenn auch seine Prüfungen über uns kamen. Die heiligen Wasser, die aus der Ewigkeit fließen, versickerten. Aber ich werde sie zu neuem Leben erwecken. Sie werden eure Äcker befruchten, eure Wiesen berieseln mit dem Tau der Erquickung, sie werden euch fette Weide geben, reich bestellt mit saftigen Kräutern und schmackhaften Gräsern. Ich weiß es: Sankt Michael mit seinen Seraphim und Cherubim stehen mit ihren Schwertern bei Fuß, aber ein Zeichen von mir – und sie brechen los mit der Kraft ihrer Panzer, mit der Gewalt ihrer Zweihänder ... und herfallen sie über den Priester ... und würgen werden sie seine Stückknechte und Reitersleute, so daß ein Sterben sein wird, wie niemals gesehen auf Roter Erde, aber zugleich ein Jubel in Sion; an dem die Herzen fast brechen und der Verstand sich verwirret.« Und er holte zum Schluß aus: »Und wann es geschiehet?! Der Herr sprach aus der Wolke zu mir, und sein Wort war ein Rauch vom Ofen, seine Stimme ein überfließendes Gefäß aus den Gärten des Paradieses: Johannes Leydanus, wenn die Pfingststunde anhebt, wenn es züngelt zwischen Staub und Himmelreich – frei ist dein Volk wie der Vogel in den Lüften, und schwelgen wird es in den Genüssen des Lebens, wird sein das Volk über den Völkern und dem Herrn, seinem Gott, ein Wohlgefallen. Das sage ihm und sage es in meinem Namen, im Namen des Vaters, der da ist von Anfang der Dinge bis in das unermeßliche Reich der Ewigkeiten.« Da brach es los um ihn her, bevor es noch zu Ende gekommen: Tausende beugten die Knie, Tausende küßten den Boden unter ihren Füßen, Mausende rangen die Hände ihm zu, Tausende und Abertausende schrien und jauchzten: »Pfingsten! Pfingsten ...!« »Ehre sei Gott in der Höhe und heil unserm König!« »Heil dem Gesalbten!« »Pfingsten! Pfingsten! Heilige Pfingsten ...!« und es wogte zu Füßen des Herrschers mit den Wassern des Meeres, mit den Halmen des Kornfeldes, während er fühlte: unter ihm schwankten die Balken ... neigten sich die Mauern ... begannen die Ziegelbrocken zu stürzen und immer weiter zu stürzen. »Pfingsten! Pfingsten! Heilige Pfingsten ...!« Vor Johannes Leydanus neigte sich noch einmal das eigene Geschick, küßte sein Volk noch einmal die Erde, glaubten noch einmal die Großen seines Thrones an ihn und alle, die er erhöht und erhoben hatte ... und dennoch begann schon die Hand zu schreiben ... für ihn zu schreiben ... die nämliche Hand, die bereits dem babylonischen Könige geschrieben hatte, als er inmitten seiner Fürsten und Herzöge aus dem Becher des Tempels zu Jerusalem trank und den heiligen Namen Jehovas lästerte. »Pfingsten! Pfingsten! Heilige Pfingsten ...!« »Schon gut«, mahlte er zwischen den Zähnen. Er irrte sich nicht. Er sah das Verhängnis der kommenden Tage, genau so wie er den weißen Leib Divaras durch den feinen Dunst und Nebel ihrer Schleier erschaute. Hierauf streckte er sich. Er war wieder Johannes Leydanus geworden. Umdüsterten Sinnes trat er zur Tafel, das Auge starr und verzehrend auf die junge Königin gerichtet. Die zuckte auf unter ihrem goldenen Krönlein. Der Kämmerling rückte ihm den Sessel zurecht. Da wandte er sich: »Mann – du, du mit dem Leichentuch unterm Arm, gib mir zu trinken.« Der brachte ihm einen neuen Becher zu und füllte ihn mit Wein aus Burgund, leuchtender denn böhmische Granaten. Dann stand er wieder als ein starres Galgenholz hinter dem König, während die Spielleute aufs neue zu spielen begannen, gedämpft und mild, mit dem Säuseln von Aeolsharfen ... und durch dieses Säuseln hindurch die Stimme des Gastgebers: »Bevor wir scheiden – nochmals Dank, Erbmann von und zur Getter ... Ihr machtet mir die Tage und Nächte schwarz, schwärzer als das Buch, in dem der Satan seine schwarzen Taten verzeichnet. Es waren Tage und Nächte, an denen die Schnecken unterwegs sind. Das scheint behoben zu sein, denn Umstände walten ob, nach denen es kein Forschen gibt. Ihr kamt und seid nicht über die Mauer gegangen. Das ehrt Euch. Drum, so schwer es mir ankam, ich machte Euch Freude. Ihr saht sie und werdet jetzt das Vergessen wohl finden. Auch sie. Der böse Geist wird von ihr lassen, der gute Geist der Nachgiebigkeit und der ehelichen Gemeinschaft sich aber mir zuneigen. Auf daß es geschehe ...!« und er hielt ihm den Kelch hin: »Auf Freundschaft!« »Gebt keine Antwort, Erbmann«, raunte sein Nachbar. Da schwieg Raban, hielt ihm aber sein Kelchglas entgegen. Der König erhob sich. Mit ihm die anderen, die Königinnen und Nebenfrauen und alle, die zur Tafel geladen waren. »Gott segne den Tag!« sagte Johannes Leydanus. Festen Schrittes begab er sich zu der geheimnisvollen Ebenholztafel, die sich seitwärts des Einganges der goldenen Halle befand. Divara erbleichte. »Mein Gott!« stöhnte sie auf und nahm die Hand des Gekrönten. »Heut' gibt's kein Erbarmen mehr«, rief der Herrscher sie an. »Zur Nacht muß ein Sternlein herunter«, und er nahm das silberne Zäpflein und bohrte es langsam und umständlich unter den silbernen Namen der Wandscherer. »Königin Elisabeth, ich warte und harre der Stunde.« Da tat sie einen entsetzlichen Wehschrei: »Ach du, mein Ärmster ...!« Raban sprang vor. »Bleibt!« gebot eine Stimme ... die Knipperdollings. Aber der Verstörte ließ sich nicht halten. Da stand sie, das Weib seiner Tage und Nächte, die Augen geweitet, die Hände auf den jungen Brüsten gekreuzt, gekrönt und mit diabolischen Kettlein umknistert ... und doch die Gebenedeite am Fuße des Kreuzes, bleich wie das Sterben und siebenfältig Herz und Seele durchstoßen. »Geliebte!« »Geliebter!« »O du – mein Weib du ...!« und er lag ihr zu Füßen, umschlang ihre Knie, tastete sich höher mit der Wut eines Irren, umfing sie und preßte ihr einen heißen Kuß auf die Lippen ... und beide standen, als verlören sie sich in dem Nichts des Geschehens. Eine Verlähmung ging durch die goldene Halle. Der König trat näher. Keine Fiber in seinem Gesicht gab sein Inneres wieder. Er höhnte: »Laßt das. Keine Narrenpossen an der königlichen Tafel.« Das Weib im Arm, fuhr Raban ihn an: »Mensch – Ihr ...!« »Nur Ruhe, Erbmann von und zur Getter. Ihr denkt an Plündergut. Solches schiebt Ihr mir in die Schuhe. Ich weiß es. Aber Ihr irrt Euch. Was ich besitze, ist ehrlich erworben. Ihr habt kein Anrecht daran. Ich gedachte Euch eine Freude zu machen, und muß nun sehen: Ihr habt mir die Freude bitter vergolten.« »Sie ist mein Weib vor Gott und den Menschen!« »So – Euer Weib vor Gott und den Menschen?! Eine neue Post. Königin, wie denkt Ihr darüber?« Da wurden die Blicke der Angerufenen zu leuchtenden Strahlen. »Ja, König der Zeit, sein Weib vor Gott und meinem Gewissen. Er erkannte mich in der Nacht, die mich beseligte; es war für mich die Nacht aller Nächte.« Sie lächelte wie diejenigen lächeln, die das ewige Glänzen erwarten. »Weib, das Urteil habt Ihr Euch selber gesprochen«, und zu Raban gewendet: »Und Ihr ...?« »Die Bischopink von und zur Getter wissen zu sterben.« »Sterben?!« lachte Johannes Leydanus. Aber es war ein Lachen aus Moder heraus. »Sterben?! Ihr? – und das durch meine Hand?! Daß ich ein Narre wäre! Daß ich meine eigene Rache nicht kennte! Leben sollt Ihr ... sehen sollt Ihr ... hören sollt Ihr wie die Vögel der Lüfte, die Fische der Tiefe. Ich versprach Euch ritterliche Freiheit. Dies Wort wird auch heute und später gehalten ...« und seine Stimme dröhnte: »Spießknechte vor!« Und die Spießknechte traten unter die fiebernden Menschen. »Den nehmt. Aber kein Haar wird ihm gekrümmt, kein Fetzen seines Kleides geht ihm verloren«, und den Nebenfrauen gebot er: »Die da, die eine Königin war, geleitet und führt sie, so wie sie ist, ohne Erbarmen und Mitleid. Ich habe dem Volk ein Schauspiel zu geben. Sein Wort muß man halten.« Knipperdolling und Krechting hoben die Hand. »Herr und König ...!« »Wagt es, mir den Tag zu verkümmern und das Recht zu beugen. Keine Vergrämung. Recht muß sein, oder Sion ist eine Stätte der Trauer. – Kämmerling, her ...!« Und das Galgenholz kam. Dem flüsterte er etwas Hastiges zu. »Herr, Dein Wille geschehe.« Und der Mann mit dem Totenkopf verließ mit häßlichem Grinsen die goldene Halle.   Um die vierte Nachmittagsstunde dröhnte von Sankt Lamberti eine dumpfe Glocke herunter. Alle fünf Minuten schlug sie an, dann verstummte sie wieder. Gleich darauf pochten vor dem städtischen Hause zwei Trommeln. Die riefen das Volk zusammen. Auch die Herren des Zwölfer-Rates waren entboten. Widerwillig hatten sie dem Rufe Folge geleistet. Einer von ihnen sagte, als er die Zurüstungen sah: »Wär' ich nicht Heinrich von Schwerdrup, den sie den Beherzten nennen, ich könnte Raban von Bischopink um seinen Mut und seine Sprache beneiden.« »Schweigt,« versetzte sein Nachbar, »die Steine hören, und die Mauern erzählen es weiter«. »Soll mir egal sein. Der Salto mortale wird letzten Endes trotzdem gesprungen.« »Mensch – Ihr ...!« Das Weitere verhallte im Waffenklirren. Hundertundfünfzig Knechte in Eisenkrebsen und Schulterflügen umkreisten die Hegung, in deren Mitte das Blutleder ruhte. Zwischen den beiden Laubenzeilen des Prinzipalmarktes lag es gerichtet. Immer mehr strömten zu. Nur einer fehlte unter den vielen: der Prediger Rottmann. Der kniete in seiner Kammer auf dem Estrich, die Stirne am Boden und flehte gen Himmel. Es war zu spät. Auch das Gebet des Reinsten unter den Reinen hatte nichts mehr zu sagen. Das Blutleder redete eine zu herrische Sprache. Neben ihm harrte Meister Hans aus der Grünen Stiege, wie immer in Rot, das blanke Schwert zwischen den Händen, die Kapuze mit den starrenden Sehlöchern übergezogen. Er wartete. Das Galgenholz hatte ihn richtig gefunden. Bald darauf ... Von seinen Trabanten umgeben, erschien Johannes Leydanus, Knipperdolling zur Rechten, Krechting zur Linken, umbraust von dem Jubel der Zugeströmten. Aber wer genauer zuhörte, der fühlte: der Jubel war nicht mehr der frühere Jubel. Es war ein gemachter Jubel, ein Jubel, der bereits eine schleichende Krankheit in sich hatte und absterben wollte. Der König schien heiter. Er plauderte mit seinen Begleitern. Aber Knipperdolling und Krechting blieben vielfach die Antwort schuldig, schwiegen zumeist und zählten die Pflastersteine, die unter ihren Füßen fortschlichen. Die Glocke von Sankt Lamberti dröhnte noch immer. Alle fünf Minuten schlug sie an, dann verstummte sie wieder. An Ort und Stelle gekommen, überschaute der König die Hegung. Er freute sich des ihm zugetanen Volkes, das Kopf an Kopf stand und alle Fenster der umliegenden Arkadenhäuser besetzt hielt. Eine Bewegung entstand. Die Menge gab Raum. Inmitten des Waffengefolges kam einer gegangen. Des Antlitz war kalkig. Die Blicke aber hatten nicht an Leuchtkraft verloren. Sie waren wie Falkenlichter. Der Herrscher gewahrte den Mann. Er stieß einen verhaltenen Laut aus und zeigte das Weiße in seinen Augen. Es ging ins Gelbliche über. »Ihr seid pünktlich, Raban von Bischopink. Das ist Edelmannsart. So geziemt es Königen, aber auch Erbmännern, die bei Hofe verkehren. Kommt näher. Recht nahe. Ich will Euch ehren. Hier, mir zur Seite. Ich möchte Tuchfühlung mit Euch ...« und zu den Spießknechten mit einer kurzen Geste: »Fort mit euch! Als freier Mann soll er neben mir stehen. Der freie Mann neben dem freien Mann. So mein Gelöbnis ... und Fürsten haben ihr Gelöbnis zu halten.« Er wies die Zähne, die kleinen spitzigen Raubtierzähne. Raban begegnete ihm mit offener Stirn. »So kann ich wohl gehen, wenn Ihr nicht vorhabt, mich dem Nachrichter zu überliefern? Ein Freier hat das Recht, seine freien Wünsche zu äußern.« »Das ist nicht meine Absicht. Ihr bleibt. Später vielleicht. Aber jetzt: wie dem Volk, so habe ich Euch das versprochene Schauspiel zu bieten. Es wird Euer Gedächtnis stärken. Dazu Reue und Buße erwecken.« »Herr, ich habe Reue und Buße nicht nötig.« »Ihr habt es. Das müßt Ihr schon mir überlassen. Königswort geht über Edelmannswort.« »So soll ich mit eigenen Augen ...?« »Ihr sollt. Brüderlein, Ihr sollt. Sonst wäre mein Tun das Spiel eines Kindes, das sich ein Kartenhaus baut, um mit kindlichem Lachen die aufgerichteten Blätter fallen zu sehen. Mein Spiel ist ein furchtbares Spiel, eine danza macabre .« »So freßt das Wort ›Bluthund‹ herunter – Ihr Puppenspieler von König!« »Erbmann, bleibt ruhig. Ihr solltet von Königen lernen. Ich lernte es lange. Seht nur: meine Seele ist ruhiger als die Erde im Munde eines Toten. Diese Eigenschaft fehlt im Stammbaum und Wappen derer von Bischopink von und zur Getter.« Und seine Stimme schwoll an: »Ihr seid schuldig und dennoch nicht schuldig. Ihr liebtet das Weib, dem ich auf Geheiß des himmlischen Vaters meine Neigung zuwandte. Daß Ihr es liebtet, war Euer gutes Recht. Daran ist nicht um Haaresbreite zu rütteln. Aber Ihr wußtet: die Klaue des Löwen lag auf dem Leib dieses Weibes, und trotzdem: Ihr wagtet es, diesen Leib zu betasten. Ich gedachte eine Unberührte zu finden und fand eine Geschwächte. Ich gedachte reinen Herzens ein reines Fest zu begehn, und Ihr hattet den Mut, die Sabbatkerzen zu löschen.« »Mein Recht!« schrie der Erbmann. »Schon möglich, wenn Ihr im Büchlein herumblättert, das von Liebe winselt. Ich aber blättere in einem anderen Buche. In dem der Geschichte. Da geht Macht vor Recht ... und Ihr habt es gewagt, mir dieses Buch zu verelenden – Ihr Narre! Ihr seid mir entgegengetreten vor all meinen Großen – entgegengetreten in der goldenen Halle, um mich in der Gekrönten zu kränken, mir das Blut in Eis zu verkehren, und ich ließ Euch das Haupt auf dem Rumpfe, weil ich sah: Ihr wäret das Werkzeug und das blinde Spiel dieses Weibes. Ich kenne das Leben, seine Tiefen und seine Untiefen. Nicht der Mann verführet, sondern die Kehrseite ist hier Trumpf in der Karte. Ihr fordert das Weib als Eures, vor Gott und Eurem Gewissen ...?« »So ist es!« »Dann sollt Ihr sehen, zur Buße der Schuld, wie ich Euch in dieser Stunde zum Witwer mache. So geschehe wie Rechtens.« Ein langgezogener Wirbel verschlang die letzten Worte. Er kam vom nahen Domhof her. Dann pochten zwei Trommeln. Das Pochen kam näher, und unter dumpfen Schlägen nahte der Zug, der die dem Tode Geweihte, inmitten der Nebenfrauen, zur Stätte geleitete. Zwölf gleißende Weiber! Nur Divara war zu Hause geblieben. »Königin, Königin!« schrie es im Volke auf, aber aus beklemmter Brust, mit dem Schrei eines einzigen Menschen. Und die Königin kam, ein beinernes Kreuzlein zwischen den schneeweißen Händen. Mit der Ruhe der Schmerzensreichen betrat sie das Blutleder. Dabei verlor sie ihren linken goldenen Pantoffel. Das Sonnenlicht spielte mit ihm, als wäre er aus dem Glanz des Himmels gewoben. Ihr letzter Blick fiel auf Raban, und dieser Blick hatte noch ein herzgewinnendes Lächeln, als wollte es sagen: »Weine nicht, errege dich nicht um mich und mein Sterben. Ich gedenke der Nacht, der einen Nacht ... und diese Nacht ist für mich die Nacht aller Nächte gewesen.« Von einer Kammerfrau geführt, kniete sie nieder. Meister Hans trat vor und machte sich fertig. Das Schwert legte sich breit und glänzte in dem warmen Scheinen des Tages. Da geschah Unerhörtes, ein noch niemals Erschautes. Johannes Leydanus entriß dem Meister das Richtzeug. »Hund, du verfluchter! Weißt du noch nicht, was Satzung in Sion, im reinen Sion?! Königinnen, selbst unwürdige, werden nur durch den König gerichtet. Erbmann, sieh hin – du. Hinsehen sollst du!« – und dann ein Blitzen und Leuchten ... Vornübergestürzt, hielt Elisabeth Wandscherer ihr schönes und bleiches Haupt zwischen den Händen. Raban streckte sich, als hätte ihn eine Partisane durchlaufen. Dann sank er wie eine geborstene Säule. Stirne und Mund stürzten auf die Steine, die mit ihrem Blute bespritzt waren. Johannes Leydanus jedoch, der König der Könige, trat unter seine Kebsweiber, reichte zweien die Hände und gebot allen anderen ein gleiches zu tun. »Auf zum Tanz ...!« und unter dem Gesang ›Ehre sei Gott in der Höhe‹ tanzete er und die Frauen einen getragenen Ringelkringelrosenreigen um das Blutleder, um die Gerichtete, deren Seele längst bei den Ewigen weilte, und alle die ihm wohlgesinnt waren, folgten ihm nach mit Pauken am Reigen. Schleier senkten sich nieder. Barmherzig legten sie sich über die Stätte des bösen Geschehens. Schluß Und wieder die Stimme: »Dies irae, dies illa, Solvet saeclum in favilla, Teste David et Sibylla.« Ich weiß nicht, wo ich mich befinde und woher ich komme. Ich weiß nur: ich befinde mich in einem geräumigen Zimmer, das nackt und kahl ist wie die Hand des Todes. Nichts heimelt mich an. Es ist leer und öde um mich wie in der Thebais, wo selbst die Steine nicht wissen, was sie mit ihrem trostlosen Dasein anfangen sollen. Kein Mobiliar, keine Schildereien an den fahlen Tapeten, nichts, was imstande wäre, die Sinne zu erfreuen und eine freundliche Note in die Seelen und die Herzen der Menschen zu tragen. Nur an der mir gegenüberstehenden Wand hängt ein Spiegel, in dessen Scheibe Reflexe wohnen und graue Schatten zu wandeln scheinen. Ich fühle: Dämmerungen umziehen mich, hüllen mich ein. Bald darauf ist es dunkel um mich, als wäre alles Licht aus dem Zimmer genommen. Ich möchte dem entsetzlichen Räume entfliehen, bringe aber die Kraft nicht auf, nur ein Glied zu bewegen. Ich bin wie im Traum, in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen. Mein Geist ist entangelt, meine Seele formt Bilder und Spiegelungen, denen ich nicht mehr zu folgen vermag, und dennoch sehe ich mit Augen, die alles Gegenständliche deutlich erkennen, und höre mit Ohren, die fähig sind, das Fallen der kleinsten Steck- nadel in sich aufzunehmen. Ja, trotz des entangelten Geistes, ich sehe und höre. Ich sehe Flammen über Münster. Ich höre das Krachen von Feldschlangen und Wallbüchsen. Ich sehe Heinrich Gresbeck bei emsiger Arbeit ... wie er in der Nacht vor der Geburt Johannes des Täufers den Bischöflichen die richtigen Pfade weist ... wie diese vorbrechen und stürmen. Ich höre sie brüllen: »Wir zogen in das Feld, Wir zogen in das Feld, Da hatten wir weder Seckel noch Geld – Strampede mi A la mi presente al vostra signori. « Ich sehe Raban von Bischopink, Herrn von und zur Getter, wie er die Fahne gegen die inneren Werke vorträgt, gefolgt von einer Schar verzweifelter Männer, überdrüssig des Tyrannen des neuen Tempels ... wie er die Wälle besteigt, Bresche schlägt und sich mit Heinrich Gresbeck vereinigt, treu der Verabredung gemäß und treu seines Wortes. Ich sehe ein verzweifeltes Ringen zwischen den Schanzen, binnen den Mauern. Ich höre Pferdegetrappel, das Jubeln der Sieger. Ich sehe Franz von Waldeck einreiten mit Troß, Knechten und Stückwerk, mit Fürsten und Harnaschern ... wie er Gericht hält ... wie er Johannes Leydanus, Knipperdolling und Krechting das Leben abspricht, und sehe hoch am Turm von Sankt Lamberti hängen sie in eisernen Käfigen, die Leiber zermartert, die glasigen Augen auf die dunstige Tiefe gerichtet. Aus schwindelnder Höhe fällt eine Krone herunter. Sie zerschellt auf dem Pflaster. Ich höre ... Nein, ich höre nichts mehr und sehe nichts mehr. Über meine Seele geht das furchtbare Grausen des Suchens und Sehnens ... und das macht die Augen blind und die Ohren ihres Hörens verlustig. Und dann wieder ... Ein aufdringliches, warmes und mattes Scheinen und Leuchten hebt mir die Lider. Ich kann nicht anders, ich suche den Ort dieses matten Scheines und Leuchtens. Es drängt aus der Fläche des mir gegenüberhängenden Spiegels. Schatten und Bilder wechseln in der geheimnisvollen Zauberscheibe, gleich den Reflexen und Bildern in einem Kaleidoskop. In ihrer Tiefe flämmert eine zehnpfündige Wachskerze, die sich langsam vorwärts bewegt. Sie tritt aus dem Rahmen, wandelt über die Dielen, drängt sich dicht an meine Seite, um dort stehenzubleiben. Ein mattes Licht zehrt am Docht, bringt aber so viel Helligkeit auf, die lähmende Finsternis aus dem grauen Zimmer mit den fahlen Tapeten zu scheuchen ... und dabei klingt mir nochmals die Weise des furchtbaren Thomas von Celano zu: »Liber scriptus proferetur, In quo totum continetur, Unde munde judicetur.« Meine Starre ließ nach. Alle die wirren Ereignisse schließen sich mir zu einer einzigen Kette zusammen. Ich spüre einen heißen Atem über mir, wie mich schmale Fingerspitzen mit Eiseskälte berühren. Ich hebe den Kopf und sehe in das bleiche und strenge Gesicht des Mönchs, der mich durch den wilden Tobel dieser Geschichte führte. Er trägt wie immer das weiße Habit, darüber schwarze Kutte und schwarze Kapuze. Sein Gesicht ist das eines Cherubs, eines Heiliggesprochenen, wenn auch scharf und verzerrt, entstellt von den Schmerzen der Zeiten. Er sagt: »Hundert Jahre sind mir wie ein Tag. Ich bin mit Sinnen begabt, wie sie die übrigen Menschen nicht haben. Ich sehe Gesichter, die mit Tränen überschüttet sind, vor allem ein Gesicht, schön wie das Gesicht der Jungfrau in ihrem Sternenkranz. Und dieses Gesicht kannte das Weinen. Entzündet wie rote Wunden sind meine Erinnerungen. Sie gleichen den roten Rosen, die schreckliche und rohe Menschenhände zerpflücken. Ich sage dir nochmals: Hundert Jahre sind mir wie ein Tag. Ich ging durch diese Jahre hindurch wie Ahasver ... nur, ich habe den Herrn nicht von der Schwelle verwiesen, als er unter der Last des Kreuzes und der Dornenkrone niederbrach und sich nur mühsam zu erheben vermochte. Schuldlos bin ich durch all diese Jahre gegangen.« »Wer bist du?« Er macht eine stumme Bewegung. Er lächelt. Aber das Lächeln ist nicht von dieser Erde. Ein solches Lächeln wohnt nur über den Sternen. Er fährt sich über die Augen, um dann weiter zu sprechen: »Ich bin edel geboren, liebte Vater und Mutter wie meinen Augapfel und hatte eine köstliche Jugend. Auch die späteren Jahre waren Jahre voll der Frühlingsfreude, voll des Säens und Erntens, bis die Stunde erschien ... Und diese Stunde war furchtbar. Sie hätte mich zum Mörder gemacht, hätten mich nicht zwei liebende Arme davon abgehalten. Aber die unerbittliche Sense schnitt mir die schönste Lebensblume von der schönsten Blumenwiese herunter ... und so bin ich zu den Jüngern Christi gegangen.« Er schweigt. Seine Augen stehen in Tränen. »So bist du ...?!« »Ja, ich bin, der ich bin. Ich bin Raban von Bischopink, Erbmann von und zur Getter ... und ich benedeie die Nacht, in deren Fülle und Reinheit mir Seele und Leib einer Gebenedeiten zu eigen wurden durch die Weihe und den Segen des Ewigen im Himmelreich.« ... und das Licht der Kerze erlosch, als hätte es niemals geflämmert.