Wilhelm Walloth Das Schatzhaus des Königs Roman aus dem alten Ägypten Und die Ägypter zwangen die Kinder Israels mit Unbarmherzigkeit. 2. Mose, 1, 13 Erster Teil Erstes Kapitel Die Wüste! Wie ein Leichenhemd bleicht sie im Westen. Leer, öde, wie der Tod, liegt sie dort; ihre gelblichweißen Sandkörner dürsten unter der sengenden Sonnenglut bis an den Himmel; bis dahin, wo sich sein schönes Blau in gelbroten Duft verwandelt, stößt die arme, menschenverlassene, löwenbewohnte Wüste. Dort weiter im Westen liegt die Oase Amun, wie ein verlorner Smaragd, grün, blühend, üppig. Aber im Osten blinkt der Nil durch goldene Ähren. Welcher Gegensatz. Hier Tod, da Leben. Hier Trauer, dort Freude; denn haarscharf grenzt an den Sand das Gras, unmittelbar an den Garten Ägyptens stößt die Wüste; nur so weit die Überschwemmung des Nils reicht, gedeiht das Land. Und welches Land! Dort die nackten Arbeiter auf der Pyramide, wenn sie erschöpft die Werkzeuge sinken lassen, erquicken sich oft an dem Anblick dieses Landstrichs, der sich mit seinen Auen, Ährenfeldern, Kanälen, Häfen, Tempeln und rötlichen Steingöttern vor ihnen ausbreitet; dicht an die Wellen des Flusses geschmiegt, wie der goldschimmernde Prachtmantel eines Königs. Es sind jüdische Arbeiter, verachtete Ebräer, die dort unter dem Geißelhieb ägyptischer Bauaufseher, vom Glutwind der Wüste angehaucht, im Schweiße ihres Angesichts dem König Ramses das Grabmal bauen. Der Bau naht seiner Vollendung; Stufe türmt sich auf Stufe; bis zur höchsten Spitze schwindeln die Treppen empor, dort aber soll die Kolossalstatue des Königs ihren Platz finden. Dies schwierige Werk auszuführen, ist man im Augenblick beschäftigt. Eine schiefe Ebene führt über die menschenwimmelnden Treppen empor bis zum Gipfel des Riesengrabes. Auf diesem schiefen Weg steht das Steinbildnis des Königs. Die Arme dicht am Leib, die Hände auf den Knien, starrt es mit feierlicher Ruhe die zahllosen Arbeiter an, die bemüht sind, an Walzen und Stricken das granitene Ungetüm in die Höhe zu rollen. Auf den Knien des Bildes steht ein Oberaufseher, mit den Händen den Rhythmus angebend, unter welchem die Männer zu ziehen haben; ein vor ihm stehender Gehilfe markiert den Takt durch aneinandergeschlagene Stäbe. Zur Seite wandeln Wasserträger, von welchen der vorderste den schiefen Weg übergießt, die Bahn glatt und kühl zu halten. So bewegt sich das Bild des Königs langsam seinem Bestimmungsort entgegen. Unten hält der König in eigner Person und schaut von seinem Streitwagen aus dem Werke zu. Er ist im Begriff sich mit dem kriegslustigen Volk der Chetas in einen Kampf einzulassen, aber bevor er sein Ägypten verläßt, will er sein Bild auf den Gipfel seines Grabes gehoben sehen. Des Königs Züge blicken ernst. Seine Umgebung teilt die ernste Stimmung, denn das Werk, das sie anstaunen, ist ebenso wichtig als dasjenige, das sie im Begriffe sind, zu unternehmen; beide kosten Menschenleben. »Macht eine Pause,« befiehlt Ramses. »Laßt die Arbeiter einige Sekunden ruhen, reicht ihnen Wasser, laßt die Weiber Erfrischungen herbeitragen.« Dies geschieht. Der Koloß wird inmitten seines Weges eingehalten, die Stricke werden befestigt, der Koloß liegt vor Anker. Auch die Peitsche der Aufseher ruht. Aller Augen ruhen auf dem König, der wortkarg sein Bild mustert, wie es dort verderbenbringend zwischen Himmel und Erde schwebt. Verderbenbringend! Denn das geringste Versehen, ein falscher Zug, ein falscher Takt kann das Steingewicht der Statue zermalmend herabschleudern, Tausenden den Tod bringend. Und welch unglückliche Vorbedeutung, wenn das Bild des Königs herniedersänke von seinem Sitz? Alle Zuschauer, selbst die arbeitenden Ebräer sind sich der Wichtigkeit des Moments bewußt; sie sprechen wenig, Winke und Andeutungen ersetzen jetzt die Worte. Überall Schweigen der Erwartung, nur auf einer der obersten Stufen hat sich ein lebhafter Wortwechsel entsponnen. Dort liegt ein alter, weißhaariger Jude, schweißtriefend auf den glühenden Steinen der Treppe, neben ihm kniet ein jüngerer Mann von dunkler Gesichtsfarbe und scheublickenden Augen, die verstohlen unter den Wimpern hervorblitzen. »Vater,« flüstert die Stimme des jungen Mannes, »erhebe dich, der Aufseher bemerkt deine Ermattung. Du weißt, wir dürfen nicht ermüden, selbst das Alter nicht.« »Mein Sohn Isaak –,« mehr vermag die trockne Zunge des Alten nicht hervorzustottern. Der Sohn reicht ihm einen Wasserkrug und netzt die welken Lippen des Vaters. Lächelnd streicht der Ermattete nun über die Hand des Jüngeren, in seinem Auge glüht Dankbarkeit. »Nun aber raffe dich auf, Vater,« flüstert Isaak aufs neue, »willst du die Peitsche des elenden Ägypters kosten? Mache nicht, daß der Sohn sehen muß, wie der Rücken des Vaters blutet. Oh! mir kocht der Zorn im Herzen, wenn ich dich mißhandelt sehe.« »Laß mich hier liegen, bekümmere dich nicht um mich, mein Sohn,« erwidert ihm der Erschöpfte. »Verbeiße deinen Grimm zwischen den Lippen, dein Zorn kann mir nichts helfen, du erschwerst nur dadurch unser Elend. Mich werden sie bald zum Leichnam gepeitscht haben, aber dir, Isaak, wird die Pflicht, dich zu schonen. Was soll deine Schwester Rebekka beginnen ohne dich? Tue, was dir die Vögte sagen, widersprich ihnen nicht – gib mir die Hand darauf, Isaak, daß du geduldig die Beschimpfungen tragen, dich nicht widersetzen willst, bis sich der Herr dein Gott, gelobt sei er, vielleicht später über dich erbarmt.« Unwillig reichte der Jüngling dem Vater die Hand. Trotz lagerte sich in seinen Zügen, als aber der Vater bittend zu ihm empor sah, versuchte er zu lächeln. »Nun sind es vierzig Jahre, daß ich den Ägyptern die Steine zu ihren Bauten fahre,« murmelte der alte Jude. »Wann wird Jehova, gelobt sei er, das Leiden seinem Kinder enden und es genug sein lassen der Qual? O armes Volk der Ebräer! Deine Weiber gebären Sklaven, deine Männer erziehen gekrümmte Nacken. Dein Blut dient den stolzen Unterdrückern zum Mörtel, deine Kraft baut ihnen unsterbliche Monumente, Aussatz und Verdummung erniedrigen dich, dein Stamm ist ein Rudel Hunde geworden. Wie waren wir angesehen, als Abraham einzog in dies Land und der Vater Josephs seine Herde weidete im Lande Gosen! Gott unserer Väter, hast du keine Helden mehr, die dein Volk erlösen?« Bis hierher hatte der Alte vor sich hin gesprochen, als das Signal zum Weiterziehen des Kolosses ertönte. Die Aufseher riefen, ihre Peitsche klatschen lassend. Die Volksmasse erhob sich von den Stufen, um nach dem Seile zu greifen. Da bemerkte einer der Aufseher, ein nackter, wildaussehender Ägypter, wie der alte Jude das Seil, an welchem er zu ziehen hatte, kraftlos sinken ließ, der Sohn jedoch das entfallende hastig verstohlen aufhob, um zu seiner Last noch die des müden Vaters zu fügen. Rasch sprang Set der Aufseher hinzu. Ergrimmt packte er den Alten an der Gurgel und schrie ihm zu, augenblicklich selbst zu ziehen. »Herr, habt Erbarmen,« wimmerte der Hilflose, »ihr mutet alten Knochen zu, was kaum junge vermögen. Ich kann nicht weiter ziehen, meinen schwachen Händen entsinkt das Seil.« »Das werden wir sehen,« höhnte der Ägypter, den zu Boden Gesunkenen aufreißend, »und du ziehst, alte Mumie, so lange als dein Odem es aushält, in deinem elenden, aussätzigen Leib. Nimm das Seil zur Hand.« Nochmals versuchte der Greis das Seil festzuhalten, vergebens, es glitt zu Boden. Zähnefletschend schwang der Aufseher die Peitsche, denn schon begann der Koloß sich unter der Anstrengung von tausend Armen zu bewegen. Aber noch ehe der Riemen der Geißel niedersauste, sprang Isaak zwischen den Vater und den Aufseher, so daß er mit seinem Rücken die dem Hingesunkenen geltenden Hiebe auffing. »Willst du dich widersetzen, elendes Judengesicht,« rief nun der Wütende, dem bleichen, zitternden Isaak entgegen. Schon hatte er den jungen Ebräer am Arm ergriffen, um in grausamer Lust seine Rache an ihm zu befriedigen, als ihm ein lautes, vom Streitwagen des Königs hertönendes Rufen den Arm sinken machte. Auch Isaak wandte sich um. Dieses Rufen hatte seinen Grund, denn die Statue stand zum Schrecken aller schief auf ihrem Wege. Es war ungleichmäßig gezogen worden, und nun kam es darauf an, den Fehler vorsichtig wieder zu verbessern. Der Oberaufseher auf den Knien des Steinbildes rief und winkte, der König und sein Gefolge kamen in die heftigste Erregung. Die Aufseher gaben den Arbeitern die Schuld an dem Versehen, die Arbeiter den Aufsehern. Ein allgemeines Zanken begann, die Peitsche knallte allerorten, so daß für Augenblicke das Werk unterbrochen wurde. Endlich befahl der König Ruhe, man solle versuchen, das Bild auf den richtigen Weg zurückzuziehen. Mit großer Vorsicht begann nun die eine Hälfte der Männer unter der Anleitung ihrer Beamten den Koloß zu drehen. Kaum bemerkbar wendete er sich auf seinem Platze nach der richtigen Seite hin, mit atemloser Spannung folgten alle dem gefahrvollen Experimente. Plötzlich geschah ein Ruck, die Drehung geriet ins Stocken. Der Oberaufseher war der Ansicht, es müsse sich ein Splitter aus dem Boden der schiefen Ebene durch das Umdrehen der wuchtigen Masse losgerissen haben. Daraufhin wurde das Werk von neuem eingestellt. Dem Beamten auf den Knien der Statue ward eine scharfe Rüge vom Könige überbracht, Ramses sei äußerst ungehalten über die schlechte Ausführung des Planes. Dem armen Oberbeamten schwindelten die Sinne, Schweiß bedeckte seine Glieder, er versuchte ein letztes Aushilfsmittel. Mit dem Mut der Verzweiflung gab er den Befehl, alle Arbeiter sollten zu gleicher Zeit mit der Anstrengung aller Kräfte das Bild von seinem Platze bewegen, auch, wenn dabei der Boden des schiefen Weges Not litte, es käme jetzt nur darauf an, der Statue über diese eine unglückliche Stelle wegzuhelfen. Das Ziehen begann, aber der steinerne Ramses blieb unbeweglich. Die Vögte suchten die Kraft der Ebräer mittels der Geißel zu erhöhen, alle Muskeln schwellten an, dumpfes Ächzen entrang sich dem Busen Tausender, die Stricke spannten sich an bis zum Zerreißen, Fluchen und Beten ertönte in wunderlichem Gemisch – da – bewegte sich das Bild? Ja, es bewegte sich wohl, das heißt, es erbebte von oben bis unten, darauf erscholl ein dumpfer Krach, der Boden des schiefen Weges war zerrissen. »Weiter, rasch weiter,« schrie der Mann auf den Knien des Bildes. Jedoch, als dieser dumpfe Knall ertönt war, hatten die Juden, bis ins Innerste erschreckt, mit den Stricken nachgegeben. Nun erst bemerkten sie das Gefährliche dieses Nachlassens, denn die ungeheuere Masse begann sich langsam nach rückwärts zu bewegen. Bestürzt riß nun jede Faust, um das drohende Hinabrollen aufzuhalten, heftig nach oben; dadurch entstand in der Verwirrung eine solche Ungleichartigkeit des Ziehens, daß die Steinmasse in Schwankung kam und ihr hölzerner Weg knirschte und bebte. Nun aber verloren die Ebräer völlig den Mut, ein betäubendes Toben und Durcheinanderschreien machte jeden Befehl des Oberbeamten unverständlich. Einige ließen vom Ziehen ab, andere zogen, der Oberbeamte faßte sich verzweiflungsvoll an die Stirn – da – ein sinnlähmender Donner, ein einziger, gewaltiger Aufschrei aus tausend Kehlen, und die hölzerne Ebene sank samt ihrem Steinkoloß in sich selbst zusammen. Bis nach Memphis hin hatten sie den Donner vernommen; der Spaziergänger blieb stehen, seinen Nachbar zu fragen, was dies Rollen bedeutete; dem Sänftenträger stockte der Atem, dem Fischer am Ufer des Nil entsank seine Angel, der Brettspieler hielt im Zug inne, als dies Dröhnen in sein Zimmer drang; die Toten in ihren unterirdischen Wohnungen mußten emporfahren aus ihrem tausendjährigen Schlummer, der alte Nil schlug Wellen, gerüttelt von der erschrockenen Erde. Die mit dem Leben Davongekommenen standen zu Bildsäulen erstarrt ratlos da und sahen auf den Ort der Verwüstung. Einige Augenblicke hindurch war die ganze Szene bedeckt von einen. riesig aufwirbelnden Staubvorhang, erst als dieser gesunken, konnte man die Größe des Unglücks ermessen. Die mit rasender Schnelligkeit hinabgeschnellten Stricke hatten Hunderte von Menschen von den Stufen geschleudert; die Walzen und Rollen, umpackt von Ketten, zertrümmerten bei ihrem Sturze, was ihnen in den Weg kam; die schiefe Brücke zerquetschte alles Lebende, das sich über oder unter ihr befand; die ganze Pyramide glich einem Berg von Trümmern, zerschmetterten Leibern und Blut. Hilferufe, Todesröcheln, Befehle zerrissen die Luft. Die Unbeschädigten versuchten die Verwundeten unter den Trümmern hervorzuwühlen, was ihnen jedoch selten gelang. Der König schickte sofort einen Boten nach Memphis, Ärzte und Sänften zu holen, denn obgleich die Zerstörung hauptsächlich das verachtete Volk der Ebräer getroffen, fühlte Ramses in diesem Augenblick, als Zeuge des ungeheuren Vorfalls, Mitleid mit dem Leben seiner Arbeiter, die von seinem eigenen Bild getroffen sich blutend im Staube oder auf der Treppe wälzten. – Isaak hatte sogleich, nachdem der Donner des stürzenden Bildes verhallt war, seinen Vater neben sich vermißt. Mit Gewalt schüttelte er sich die Schauer des Entsetzens, die ihn überrieselten, von den Schultern, sprang die Stufen der Pyramiden hinab und wühlte verzweiflungsvoll, den Namen seines Vaters vor sich hinrufend, in dem Trümmersand und den Leichenmassen, die sich am Fuße des Gebäudes aufgetürmt hatten. Endlich nach langem Suchen gab seinem Weheruf eine schwache Stimme, die unter einem zerbrochenen Rollwerk hervorzukommen schien, Antwort. Mit Anstrengung aller seiner Kräfte gelang es ihm, sich durch die Pfähle, die Splitter, der zerstörten Maschine durchzuarbeiten, denn er gewahrte mit Schrecken, wie mitten in den Speichen der zerschlagenen Räder der Körper seines Vaters hing. Rascher, als er es selbst für möglich gehalten, gelangte er in die Nähe des Bejammernswerten, hob ihn sanft aus dem Gewirr der Trümmer und trug ihn sorgsam ins Freie. Hier angekommen, überzeugte ihn eine Untersuchung des bewegungslosen Körpers, daß zwar das Haupt des Vaters, getroffen von Balkenwerk, blutete, daß sich aber immer noch ein wenn auch mattes Fünkchen von Leben in dem verwundeten Leib regte. Behutsam schlich sich Isaak, den Körper des alten Mannes auf den Schultern, durch die Trümmer; unbeobachtet gelangte er auf den Weg, der nach Memphis führte. Die Aufseher waren zu beschäftigt, um sich um den einzelnen zu bekümmern; diesem Umstand hatte es der junge Ebräer zu verdanken, daß er ohne Anruf oder gar Aufenthalt weiterziehen konnte. Er floh von dannen, so rasch es seine arme Last erlaubte, scheue, angstvolle Blicke hinter sich werfend, ob man ihn nicht etwa verfolgte. Er war entschlossen, sich auf Tod und Leben zu verteidigen, sollte man ihn zum Stillstand zwingen. Es war ihm heilige Pflicht, den Vater in Sicherheit zu bringen. Da aber niemand an Verfolgung dachte, verlangsamte er seine Schritte, um dem Verwundeten, dessen leises Stöhnen ihm durch die kindliche Seele schnitt, keine Schmerzen zu bereiten. Er hatte die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ihm eine von der Oase Amun nach Memphis ziehende Karawane begegnete. Der Anführer der Karawane, ein stämmiger Ägypter, schien mit dem unglücklichen Alten Mitleid zu fühlen. »Wohin, wohin?« rief er von seinem Kamel herab den beiden zu. Isaak erklärte in kurzen Worten, er trüge einen sterbenden Vater; der Weg nach Memphis werde ihm immer länger, kaum könne er sich noch auf den Beinen erhalten. Der Anführer brachte die Karawane zum Stehen. »Der Weg ist nicht mehr weit, tritt näher, Freund,« rief er, »du magst deinen Vater hier auf eines der ledigen Kamele heben. Wir verweigern keinem Sterbenden die letzte Ruhestätte.« Isaak schleppte sich heran. Kaum aber ward der Führer des Näherkommenden genauer ansichtig, als er erschrocken Befehl zum Weiterziehen gab. »Bleibt nur, wo ihr steht,« rief er zurück, »ihr seid Juden. Dein Vater mag sterben, wo es ihm beliebt, bei uns findet er keinen Ort dazu!« – Und sie trabten weiter. Tränen der Wut und Scham perlten über Isaaks Wangen. »Armes Volk, armer Vater,« flüsterte er. »Oh! wann kommt die Stunde der Rache, wann werden wir als Menschen behandelt werden?« Er schleppte sich mühsam noch einige hundert Schritte weiter, schon sah man die Tempeldächer von Memphis gelbrötlich herüberleuchten, dann aber machte er, um sich, wie dem Alten, die nötigste Erholung zu gönnen, am Rande eines palmenumstandenen Brunnens halt. Das Haupt des Vaters hatte er sorgsam im Schatten auf schwellendes Moos gebettet; jetzt suchte er nach einem frischen Trunk für die zuckenden Lippen des Greises, da gewahrte er ein Tongefäß auf der Steineinfassung der Zisterne. Eben wollte er die Stirne des Vaters mit dem Inhalt des Gefäßes kühlen, als aus dem kleinen Palmenhain, der den Brunnen nach der östlichen Seite hin umgab, schreiend eine ägyptische Dienerin trat. »Ein Jude! Willst du mein Gefäß unberührt lassen, du Aussätziger,« zeterte das Weib und riß es dem Jüngling aus den Händen. »Hab' Erbarmen mit einem Sterbenden,« wollte der junge Ebräer einwenden, aber das Weib ließ nicht nach zu toben. Sie betrachtete das Gefäß von allen Seiten, wusch es an der Stelle, wo Isaaks Hände es berührt, unter fortwährendem Schmähen. Isaaks Inneres empörte sich. »Gönne mir einen Tropfen Wasser, du Unbarmherzige, mein Vater ist dem Sterben nahe, ein Tropfen könnte ihn retten, er und ich sind keine Tiere. Auch wir haben ein Recht, zu leben.« »Es wäre am besten,« keifte sie, »man ließ euch alle verdursten, ihr Fremdlinge, die ihr uns den fruchtbarsten Landstrich wegnahmt. Unser nun zu Osiris eingegangener König hat euch verwöhnt; wir aber wollen euch beweisen, daß ihr kein Recht habt, den Nil mit eurem Schmutz zu trüben.« »Warum,« entgegnete der Arme mit zitternder Stimme, »behandelst du uns Hilflose so geringschätzig, die wir dir nichts zuleid getan? Gib mir Wasser!« »Da nimm!« höhnte das Weib und spie dem Flehenden vor die Füße. Länger vermochte sich Isaak nicht zu beherrschen. Ein Sprung, ein Schlag und das Tongefäß lag zerschmettert am sandigen Boden. Schreiend jagte die Ägypterin davon. Der Brunnen war in dieser Jahreszeit fast ausgetrocknet; der Ebräer versuchte deshalb, das Wasser, das noch in den Scherben des zerbrochenen Gefäßes haftete, seinem Vater auf die Lippen zu träufeln. Kaum hatte er es so weit gebracht, daß der Ohnmächtige matt die Augen aufzuschlagen vermochte, um sie sofort unter leisem Wimmern wieder zu schließen, als allmählich näherkommender Hufschlag sein Herz in Schrecken setzte, Häscher möchten ihn verfolgen. Er sprang auf. Richtig, ein Zug nahte dem Brunnen, einige Sänften voraneilend. Erwartungsvoll beobachtet unser Freund den Zug. Schon dachte er daran, rasch mit seiner Bürde davonzueilen; allmählich bei schärferem Hinblicken jedoch schien es ihm, als wenn die Herankommenden nicht an Verfolgung dachten. Er beschloß, ruhig den Verlauf der Dinge abzuwarten. Bald entdeckte er, daß er umsonst Befürchtungen gehegt; die Männer näherten sich friedlich dem Brunnen, in ihren Sänften lagen einige durch den Sturz des Kolosses getroffene ägyptische Aufseher, die sie nach Memphis zu tragen den Befehl hatten. Der Anführer des Zuges wendete sich an Isaak. »Noch viele Verwundete warten auf unsere Hilfe,« begann er, »wir dürfen nicht rasten; unter den Trümmermassen liegt noch mancher Brave verborgen, der des Ausgrabens mit Verzweiflung harrt. Wir vertrauen deinem Schutz einstweilen diese drei Männer an, bis wir hierher zurückkehren. Überwache die Unglücklichen, es sind Aufseher, alle drei dem Tode nahe!« Man setzte die Sänften im Schatten der Palmen zu Boden. Isaak, des Gehorsams gewöhnt, nickte stumm vor sich hin; die Ägypter kehrten zur Pyramide zurück, bald machte sie gelb aufwirbelnder Sand unsichtbar. Gleichgültig schweiften die Augen des Ebräers über die drei Sänften – es waren ja ägyptische Aufseher, die dort mit dem Tode rangen, es waren ja seine Peiniger, seine Feinde – sollte er Mitleid mit ihnen fühlen? Sie waren ja nun kraftlos, die Geißel konnten sie nicht mehr schwingen, keine Befehle mehr geben! Alle lagen sie regungslos, wie Leichen unter dem grünen Baldachin der Palmen, Blutflecken auf den Gewändern, die Mienen ausdruckslos nach den Blättern gerichtet, die Augen glanzlos. Zuweilen huschte ein schmerzhafter Zug über eines der Gesichter. Isaak sah, wie sich eine große Fliege, deren Stich äußerst schmerzhaft, dem einen der Aufseher auf die Stirne setzte, um das Blut seiner Wunde, welches unter der Binde hervorquoll, zu schlürfen; der Hilflose versuchte das Tier zu verscheuchen; sein Stich verursachte ihm, wie es schien, unnennbare Qual. Der Jude aber sah teilnahmlos zu, wie sich der Elende abmühte. Dem anderen war der Verband von dem Arme gesunken, sein tropfendes Blut rötete das Gras; der Ebräer tat, als bemerke er nichts davon. Nun arbeitete sich der dritte Verwundete unter einer Last von Binden und Kissen hervor, schlug die geröteten Augen auf und stammelte ermattet: »Wasser!« Isaak sah gleichmütig zu ihm hinüber; da verwandelten sich seine bis dahin starren Züge. In seinem Auge leuchtete eine dämonische Lust, er lachte dem keuchend sich Abmühenden höhnisch zu. »Wasser,« lallte dieser noch einmal. Isaak sprang auf. »Du bist's,« rief er hinüber. »Du! Set! der meinen Vater schlug! Gott gab dich in meine Hände! O wie gütig ist Gott! Sieh her, elender Ägypter, hier liegt der, den du schlugst – erkennst du uns?« »Isaak,« hauchte Set, »reiche mir Wasser, ich werde dir's vergelten. Mein Kopf brennt, mein Eingeweide steht in Flammen, hab' Erbarmen.« »Erbarmen? Hattest du Erbarmen mit mir und meinem Vater?« »Ich befehle es dir, reiche mir Wasser!« »Befiehl so lange du willst und sieh zu, wer dir gehorcht.« Isaak wandte sich ab. Einige Minuten verstrichen lautlos. Endlich streckte der Aufseher noch einmal seine Arme aus. »Verzeihe mir, Isaak,« wimmerte er, »es ist wahr, ich bin euch ein strenger Herr gewesen, doch es soll besser werden. Ich verspreche es dir. Ich bin nun machtlos in deine Hände gegeben, wirst du deine Gewalt mißbrauchen? Bedenke, daß man dich zur Rechenschaft ziehen wird, tust du mir Übles.« »Was kümmert's mich,« murmelte der Ebräer, »kann ich nur meinen Rachedurst für diesen Augenblick befriedigen, später mögen sie mit mir anfangen, was sie wollen. Ich reiche dir kein Wasser. Leide Qual, wie wir sie litten.« Der Ägypter sank stöhnend zurück. Isaak war im Begriff, den Körper seines Vaters von neuem auf die Schultern zu laden, als ihn der Anblick des verschmachtenden Set zum Mitleid zu bewegen schien. Er schritt zum Brunnen, sammelte mühsam die letzten Wasserreste des zerbrochenen Gefäßes in einer Scherbe und hielt sie dem Ägypter vor die brennenden Lippen. Dieser erhob sich. »Beim großen Osiris,« sagte er, »ich will dir's lohnen, wenn ich genese! Du handelst schön an mir, Jude.« Eben beugte er seine lechzenden Lippen nach der feuchten Scherbe, als der Ebräer ein heiseres Gelächter hören ließ und, statt ihn trinken zu lassen, die Scherbe in den Sand schleuderte. Darauf überließ er den Sterbenden seinem Schicksal und wendete sich mit seiner lebendigen Last auf dem Rücken Memphis zu. Bald hatte er das Tor erreicht. Da lag es vor ihm, das gewaltige Memphis! Wie ein riesiges Gebirge von Türmen, Dächern und Hallen wölbte es sich in den Himmel, der sich erschrocken in sich selbst zu flüchten schien, befürchtend, dieser wogende Häuser-Ozean dränge bis in seine sonnigen Geheimnisse hinauf und belästige die ewigen Götter. Das war sie, die Stadt der Pyramiden, die Stadt des Apis mit ihren Göttern und Tempeln, ihrem Hafen, ihren stolzen Straßen! Er aber, der arme Jude, schlich sich furchtsam an den Posten vorbei, dem engen Schmutzviertel seines verachteten Stammes zu. Zweites Kapitel Im nördlichen Teil von Memphis war den Ebräern gestattet, zu existieren. Hier hausten sie ängstlich, wie die Mäuse in ihren Löchern, flohen das Licht und dienten ihrem Gott. Ein Jude, der sich in die anderen Stadtteile wagte, war fast immer schlimmen Mißhandlungen ausgesetzt, so daß sich die armen Geknechteten nur in ihren engen, schmutzigen Straßen behaglich fühlten. Manchen von ihnen zwang freilich ihr Gewerbe, auch die übrige Stadt aufzusuchen; dann schwebten die zu Hause zurückgebliebenen Angehörigen so lange in Angst, bis der Weggegangene wieder innerhalb der Grenzen seines Bezirkes gesehen wurde. Draußen im ägyptischen Stadtteil wogte, sobald die Abendkühle es erlaubte, eine dichte, bunte Menschenmenge. Sobald die Sonne sich zum Scheiden rüstete, sobald ihre letzten Strahlen die Gipfel der Pyramiden mit Purpur übergossen, ward es lebendig auf den Straßen von Memphis. Da ließen sie sich aus ihren Portalen tragen in prächtig bemalten Sänften, getragen von glänzend-schwarzen Sklaven, die vornehmen Beamten, die reichen Frauen, vielleicht um ein Bad im Nil zu nehmen. Da bot der Bäcker sein Brett, belegt mit kleinen Kühen oder Krokodilen aus Backwerk, schreiend an; da konnte man die zierlichsten Töpferwaren, die durchsichtigsten Glasschalen bewundern. Die Krieger schritten klirrend auf und nieder, die Priester ließen ihre Instrumente rasseln, wenn sie in den Tempel zogen oder eine von Klageweibern umheulte, grellfarbige Mumie zur ewigen Ruhe trugen. Da kehrten die Gespanne der Ackerbauer, beladen mit riesigen Kornähren, vom Felde nach Hause; die kleinen rotbraunen Kinder wälzten sich im rauschenden Gold des Getreides und der schlanke, nackte Jüngling lenkte, träge an ihren glatten Leib hingelehnt, die breiten Stiere. Da glänzten Fackeln auf den versteckteren Plätzen; ihr unheimlich düsteres Licht rötete den geschmeidigen Leib der Tänzerin, die, von Harfenspielerinnen und entzückten Zuschauern umgeben, Liebe in die Herzen der jungen Männer wirft. Einer solchen Gruppe sah ein kaum zwanzigjähriger Jüngling zu. Träumerisch, selbstvergessen stützte er sich an den Eckpfeiler eines Palastes, sein großer Blick hing teilnahmlos an der nackten Schönen, deren Zehen im Purpurschimmer der Fackeln über einen kostbaren Teppich zitterten. Er erkannte an ihrer helleren Hautfarbe sofort die Jüdin. Sie warf ihm, der ihr ohne Zweifel von allen ihren Zuschauern am meisten wohlgefiel, zuweilen einen brennenden Blick zu, aber der junge Mann beachtete solches nicht. Als das Rauschen der Harfen sich nun lauter erhob, die Bewegungen der Zügellosen heftiger wurden, so daß ihre großen Ohrringe klirrend mitzutanzen begannen, nährte sie sich ihm durch einen kühnen Seitensprung und streifte dabei absichtlich mit ihrem schönen Arm den seinen. Der Jüngling, durch die heiße Berührung aufgeschreckt, sah ihr erstaunt in die lächelnden Züge, in das von Goldflittern überhangene Auge. »Rebekka heiße ich,« flüsterte sie ihm zu, er aber wandte ihr verachtungsvoll den Rücken. Sie durchbrach den Kreis ihrer Zuschauer und rief ihm nach: »Fliehst du mich, weil ich eine Jüdin bin? Oh! ihr Ägypter haßt zwar die ebräischen Männer, aber ihre Frauen liebt ihr, wenn sie schön sind.« Der junge Mann gab den lachenden Zuschauern durch eine unwillige Bewegung der Hand zu verstehen, daß er das Weib nicht kenne. »Ich kenne dich, glaub' mir!« lachte sie, ihre blendenden Zähne blinken lassend, »du heißest Menes und bist der Sohn der reichen Aso, der Witwe des verstorbenen Oberhofmeisters unseres zu den Göttern eingegangenen Königs Seti I. Euer Palast liegt am Nilkanal, am südlichen Ende der Stadt, da, wo der Weg nach dem Mörissee führt. Willst du nicht bei uns bleiben, Menes? Ich liebe dich!« Menes schritt, ohne die Jüdin noch eines Blickes zu würdigen, davon; ihm nach erscholl das Gelächter der Spottenden. Der unangenehme Eindruck dieser Szene war in der Seele des jungen Mannes, sobald ihn der volksbelebte Teil der Stadt aufgenommen hatte, verwischt. Aber andere Schatten stiegen in seinem weichen, zu träumerischer Schwärmerei neigenden Gemüte auf. Er war der Sohn einer vornehmen Frau, deren Gatte am Hofe des verstorbenen Königs zu Theben eine hohe Stellung bekleidet. Seine Mutter, an Glanz und königliche Pracht gewohnt, hielt auf äußeren Rang. Sie ging mit dem ehrgeizigen Gedanken um, ihrem einzigen Sohne die Stufen zu den höchsten Ämtern zu bahnen, sie wollte ihn in der Stellung des Vaters sehen, dem Herzen des Königs am nächsten; zu diesem Zweck hatte sie beschlossen, daß Menes nach Ablauf seiner Studien, deren er in Memphis bei mehreren Priestern oblag, sich zum König nach Theben verfügen solle, um dort einstweilen als niederer Hofbeamter in die Reihen der fürstlichen Diener einzutreten, bis ihm allmählich der Rang seines verstorbenen Vaters zuteil würde. Daß dieser ihm zuteil würde, daran war kein Zweifel; nur liebte es Ramses II., seine Großen zuvor zu prüfen, ehe sie die höchsten Würden bekleideten. Die vornehme Ägypterin war übrigens mit dem Betragen ihres Sohnes keineswegs zufrieden. Wie oft mußte sie die schmucklose Einfachheit seines Anzugs tadeln, die einem künftigen Höfling nicht zieme; wie oft beklagte sie sich über die Farblosigkeit seines Kopftuchs, das sie gerne buntgestreift gesehen hätte; wie oft ermahnte sie ihn, Ringe mit kostbaren Steinen zu tragen, die sie ihm schenkte; er stieß sie verdrießlich von sich, die Kostbarkeiten und ging am liebsten halbnackt, nicht etwa um die Blicke der Frauenwelt auf seinen tadellosen Wuchs, seinen zartgeschmeidigen Muskelbau zu lenken, sondern weil er, wie er sagte, nicht gerne in seinen Bewegungen gehemmt sei. Allerdings schmückte ihn sein bräunlich angehauchter Körper mehr, als jedes Kleidungsstück; darauf aber achtete er ebensowenig, als seine Mutter; sie wollte Farben sehen. Wie oft erwähnte sie mit einem tadelnden Seitenblick, er ginge mit Musikanten, Malern und Bildhauern (in ihrem Auge Gesindel) lieber um, als mit hochgestellten Männern von vornehmer Erziehung und wohlgesetztem Betragen. Schon als Knabe war es die Lieblingsbeschäftigung ihres Sohnes, seiner Phantasie durch Zeichnen Ausdruck zu geben. Papyrusrollen und Wände mußten seinem Stifte herhalten; oft hatte ihn der Priester dabei ertappt, daß er auf die heiligen Rollen, die er ihm zum Studieren vorgelegt, Osirisköpfe, kleine Nilpferde, Mumien u. dgl. mit flüchtiger Hand gemalt. Zwar von seiner Handschrift waren alle seine Lehrer hingerissen, denn die Hieroglyphen schienen unter seinen Fingern zu leben, jedoch über seinen Glaubenseifer in bezug auf heilige Dinge hatten sie eine weniger günstige Meinung. Der Knabe frug ihnen zu viel. Die priesterliche Weisheit mußte oftmals verstummen vor diesen scharf eindringenden Fragen, welche schonungslos Irrtümer und Unmöglichkeiten der Religion aufdeckten, diese sogar manchmal leisem Spott preisgaben. Allen war es klar, Menes sei dazu bestimmt, die Tempel der Könige mit Wandmalereien zu bedecken, aber wie durfte solches geschehen? War doch der Vater des Kindes Hofbeamter gewesen! Wie konnte der Sohn einen anderen Beruf ergreifen! Dieser Zwang nährte einen verbitternden Groll im Herzen des Kindes und steigerte ihn zur Verzweiflung in der Brust des Jünglings. Verzweiflung im Busen schritt unser Held weiter, immer weiter von Straße zu Straße. Wenn er irgendwo eine schön bemalte Wand, eine hübsche Säule erblickte, konnte er lange betrachtend davor stehen bleiben, dieses tadelnd, jenes lobend in seinem heißen Inneren. Er fühlte, wie er vor manchem Bilde Hochachtung empfinden mußte, wie er aber im ganzen alles, was er bis jetzt gesehen, übertreffen zu können sich wohl bewußt sein durfte. Schon waren die Straßen in nächtliches Dunkel gehüllt, schon sickerte der Goldstrahl des Mondes um die Säulen der Paläste, ihren riesigen Leibern eine unheimliche Majestät verleihend. Der kühle Wind, der vom Nil herüber zu wehen begann, zeigte Menes an, daß er sich dem Hafen von Memphis näherte. Er umschritt den pylonartigen Vorsprung eines großen Handelshauses, ging eine kleine, enge Straße entlang und stand nun sogleich den Schiffen des Hafens gegenüber. Da lag der alte Nil und trug geduldig seine Last. Außer ägyptischen Fahrzeugen waren es hauptsächlich phönizische, die hier vor Anker lagen. Töpferwaren, Getreide und Haustiere an das Land zu schaffen, waren die Sklaven vornehmlich beschäftigt; auch Öl oder Gold aus den Bergwerken Äthiopiens war zu sehen. Doch näherte sich der Betrieb des Handels seinem Ende. Nur hier und da schritt noch gravitätisch ein reicher Kaufherr, nachdem er die Seetüchtigkeit seines Schiffes, den Wert seiner Ladung geprüft, der inneren Stadt zu. Bald trat Ruhe ein auf dem sonst so belebten Platze; kleine Lichter erglänzten auf den Schiffen, kleine Rauchsäulen schlängelten sich aus den Kajüten, wo die Familie des Schiffers sich ihr Abendmahl bereitete. Zuweilen ließ sich vom Maste herab die Stimme eines fremden Vogels, der dem inneren Afrika entstammte, vernehmen; zuweilen streckte eine Antilope, die für den Ziergarten irgendeines hohen Beamten bestimmt war, ihren zierlichen Kopf durch die Luke, oder es landete das letzte Boot eines größeren Schiffes, seine Ladung Papyrusballen oder an Seilen hängende Fische ans Land befördernd. Alles schwieg, nur der alte Nil rollte seine kostbaren Wellen durch die Ufer, die ihr reiches Kleid von Blumen und Ähren heiter in seinen heiligen Fluten wuschen. Menes schritt dicht an den Fluß heran, tauchte seine Hand in das heilige Wasser und kühlte sich seine heiße Stirne mit der Flut, die kostbarer denn Gold ist. Vor ihm erhob sich der Bauch eines phönizischen Kauffahrers. Auf demselben spielten mehrere Matrosen das Fingerspiel, worunter auch ein schwarzer Äthiopier. Anfangs wurde das Spiel schweigend fortgesetzt, allmählich aber, als die Finger heftiger flogen, entspann sich ein lebhafter Zank zwischen den Spielenden. Eben wollte sich Menes, angeekelt von dem kindischen Gezänke der Matrosen, abwenden, als einer derselben ihn aufforderte, als Schiedsrichter aufzutreten. Menes lehnte bescheiden ab, er verstehe das Spiel kaum, er kenne den Zusammenhang der Streitigkeit nicht. Der derbe Phönizier sprang die Schiffstreppe hinab, packte ihn am Arm und setzte ihm mit lauter Stimme auseinander, er habe die Zahl der Finger richtig geraten, die ihm sein Nachbar entgegengestreckt, dieser aber leugne nun, wolle ihn betrügen. »Zwei Finger hielt ich empor,« beteuerte der andere, »du aber sprachst: drei!« »Nein,« tobte der erste, »du hieltest drei empor. Nicht wahr, Herr, es waren drei! Ihr saht es?« – Dabei warf er Menes einen Blick schlauen Einverständnisses zu. »Meinetwegen hieltet ihr tausend Finger und die Fußzehen dazu empor,« lachte Menes ärgerlich, »ich sah und hörte nichts!« Er entwand sich der Hand des Phöniziers und ging. Kaum aber hatte er den Ort des Zankes verlassen, als er neben sich eine weiche Stimme vernahm. Erschrocken sah er sich um; die Dunkelheit, die bereits eingebrochen war, ließ ihn zwei weiße, weibliche Gestalten undeutlich erkennen, von welchen eine, die andere mit sich fortziehend, auf ihn zu schritt. »Myrrah,« lachte das Mädchen, »tritt näher, fürchte dich nicht, du darfst nicht so bescheiden tun, Kleine. Biete deine Blumen dem jungen Herrn an, er kauft dir gewiß einen Strauß ab – weil – nun, weil du hübsch bist!« Menes sah, wie die Angeredete, ein zierliches Judenmädchen, ihm verlegen ein Sträußchen entgegenhielt. Die andere drängte sich an ihn heran. Kaum hörbar flüsterte sie ihm in die Ohren: »Sie ist jung, unerfahren, Herr! laßt die Gelegenheit nicht vorübergehen, ich werde Euch unterstützen.« Dann lachte sie laut, sich zu der Verschämten wendend. »Ei wie! ei was!« polterte sie grämlich, »stecke es dem Herrn an die Verzierungen seines Halskragens, er nimmt es dann gewiß! Nun! näher! komm! tritt dicht zu ihm!« Wieder flüsterte sie Menes ein paar Aufforderungen ins Ohr, die diesen entrüsteten. »Schweige mir,« sagte er ernst, »tückische Verführerin dieser Unschuldigen. Dich aber warne ich, die du dieser Wilden so willig folgst! Hüte dich vor ihren Lockungen.« »Ei beim Apis und allen heiligen Krokodilen,« lachte die Begleiterin auf, »ich erkenne ihn jetzt erst? Er ist es! Es ist unser frommer Menes! Seht nur den sittenfesten Jüngling! Mit zwanzig Schilden hat er seine Tugend umgürtet!« Lachend sprang sie an die Seite des Jünglings, nahm, ohne zu fragen, ihrer furchtsamen Freundin den Strauß ab und nestelte ihn an des jungen Mannes Kleidung. Dieser aber fuhr betroffen zurück, denn Rebekka, die Tänzerin, stand vor ihm. Er schleuderte unwillig die Blumen von sich; als jedoch zufällig sein erzürnter Blick auf das andere der beiden Mädchen fiel, stockte ihm das heftige Wort auf der Zunge, das er in Bereitschaft hatte. Er sah, wie das flehende, schwarze Auge Myrrahs ihn um Verzeihung bat, er sah, wie sie vorsichtig die gemißhandelten Blumen vom Erdboden aufhob, und wie sie sich dann bescheiden zum Gehen wendete. Ein gewisses Mitleid überkam ihn, er faßte das Mädchen bei der Hand. »Dir zürne ich nicht,« sprach er mit weicher Stimme, »du scheinst sittsam und sanft, mein Zorn galt deiner Freundin.« »Sie ist meine Freundin nicht,« fiel ihm das Mädchen hastig ins Wort. »Nicht deine Freundin?« »Nein, o nein.« »Ich kann dich versichern, Jüdin, du erfreust mein Herz durch dies Bekenntnis. Aber warum gehst du mit ihr?« »Wir wohnen in demselben Hause zusammen, Herr,« flüsterte sie, ihre ovalen, großen Augenlider niederschlagend. »Ich suche ihren Umgang nicht, sie drängt sich mir auf! Ich verkaufe Blumen an reiche Leute, Herr, da ich arm bin, wie alle Juden, und geschmäht werde, wie alle Juden. Rebekka gefällt mir gar nicht, sie will mich zu Bösem verleiten, denn dadurch, sagt sie, könne ich, wie sie es tut, viel erwerben.« »Du aber gehst auf ihre Verlockungen nicht ein?« »Lieber will ich verhungern,« entgegnete sie voll Abscheu, indem ein tiefes Rot ihre weiße Stirne überflutete. »Öffentlich tanzen, wie niedrig. O Herr! Doch es ziemt sich nicht, daß Ihr mit der Jüdin sprecht. Zwar es ist dunkel, man gewahrt uns nicht, doch es gibt so schlimme Menschen. Ihr bringt mich und Euch in Gefahr! Erlaubt Ihr, daß ich gehe?« »Ich habe dir nichts zu erlauben,« sprach Menes befangen. »So lebt wohl!« »Darf ich dich – des Schutzes wegen, begleiten bis an dein Haus?« rief er der Gehenden nach. »Es ist besser, ich gehe allein,« tönte es ihm aus der Dunkelheit zurück. Sie verlor sich mit flüchtigen Schritten in den Straßen, Menes in einem eigenen Zustand träumerischen Hinbrütens zurücklassend. Noch klang ihm ihr weicher Flüsterton in der Seele nach, sein Auge suchte der Davoneilenden nachzuspähen; einige Zeit hindurch stand er regungslos auf demselben Ort. Da berührte ein warmer Hauch sein Ohr. »Nun, des frommen Jünglings Tugend fängt an, die Farbe zu verlieren,« kicherte es neben ihm. Ein rasches Umdrehen zeigte ihm Rebekkas listiges Gesicht, wie es hinter einer Mauer verschwand. »Ich hasse dies Weib,« murmelte er vor sich hin, indem er sich zum Nachhausegehen anschickte. »Sie ist ein freches, widerwärtiges Geschöpf, und immer finde ich sie da, wo ich sie am wenigsten suche, wo sie mich am meisten belästigt. Gewiß sinnt sie mir Schlimmes, ihr Gelächter klang verräterisch.« Im Weiterschreiten mußte er unwillkürlich wieder an Myrrah denken, wie sie so bescheiden die Augen vor ihm niederschlug und ihn fragte: »Ob sie nun gehen dürfe?« Wunderlich bestrickend klangen ihm diese Worte im Ohr. Ihr Herr zu sein, sie zum lieblichen Spielzeug zu haben, wie süß! Ein Lächeln spielte dabei um seine Lippen, das er aber sogleich mit Strenge unterdrückte. Er wollte sich auf andere Gedanken bringen, er dachte an seine Mutter, an die Stille der Nacht, an den Mond – vergeblich! das Bild der lieblichen Kleinen verfolgte ihn bis in sein geheimstes Empfinden. Wie töricht, ihn zu fragen: ob sie nun gehen dürfe? Aber sie ist eine Jüdin, ich muß sie aus meinen Gedanken verbannen, es ist nicht gut, sich mit Ebräern in Verkehr einzulassen. Wahrlich, hätte mich einer meiner Bekanntschaft mit dem Weibe plaudern sehen, mir würde Spott zuteil oder Strafe von der Mutter. So murmelte er vor sich hin, prüfende Blicke im Weiterschreiten um sich werfend. Die Nacht war nun völlig hereingebrochen, Straßen und Plätze lagen vom blassen Schimmer des Mondes kaum erhellt, die Volksmasse hatte sich ganz in das Innere der Stadt zurückgezogen. Menes hatte, verloren in seine Empfindungen, die bei seiner Naturanlage alle sofort mit einer tiefen, phantasievollen Heftigkeit auftraten, nicht auf den Weg geachtet. Bei der enormen Ausdehnung der Stadt waren ihm manche, besonders die jüdischen Stadtteile, fast völlig unbekannt, und ehe er sich's versah, geriet er in Unsicherheit, welche Straße ihn in den Palast seiner Mutter zurückführe. Wie ihm schien, näherte er sich dem am Nil gelegenen Teil des Judenviertels. Die Häuser waren niedrig, die Straßen enge und leer. Oft hatte es sich ereignet, daß Ägypter, die sich die Nacht hindurch in diesem Stadtteil aufgehalten oder ihn durchwandelt hatten, von keinem sterblichen Auge mehr gesehen wurden; sie waren habsüchtiger, rachsüchtiger Juden Beute geworden, ohne daß man je – selbst die Spur ihres Leichnams aufgefunden. Das Gewinkel der Straßen begünstigte dieses unsaubere Treiben, denn oftmals stießen die baufälligen Häuser so nahe aneinander, daß der Streitwagen eines Kriegers unfehlbar in dem Engpaß zerquetscht worden wäre, hätte er sich den Durchgang erzwingen wollen. Die aus rohen (mit Stroh untermischten) Backsteinen aufgeführten Wände dunsteten die am Tage eingesogenen Sonnenstrahlen glühend wieder aus; die kleinen blinzelnden Fenster berührten sich beinahe; der Mond wagte es kaum, in diese schwarzen, dem Laster, dem Schmutz und der Nacht geweihten Schachte hinabzulugen. Unserem Freund kam es in seiner Unbehaglichkeit vor, als wollten sich die Giebel über seinem Haupte schließen, wie Wellen. Immer weiter verlor er sich in den öden Windungen von Gäßchen; der Mond leuchtete ihm nicht, nur die kleine Lampe, welche die Buhlerin dicht an den Vorhang ihres Fensters gerückt, warf zuweilen einen traurigen Schimmer auf seinen einsamen Pfad. »Ist es mir doch, als sei ich in das Labyrinth geraten und könne nie mehr den Ausweg finden,« murmelte er vor sich hin. Es schien ihm gefährlich, in einem der Häuser anzufragen, wo er sich befinde; einen Vorübergehenden hatte er bis jetzt noch nicht wahrgenommen, denn die Nacht war allmählich weit vorgerückt; es war ihm, als müsse er die Nacht in diesem Gewinkel statt in seinem Bette zubringen. Bald wandte er sich rechts, bald links, bald ging er die Gasse hinab, dann wieder herauf; schließlich wirbelte ihm der Kopf; dieses Kriechen durch endlose Schneckengänge brachte in seinem Hirn ein schwindelndes Gefühl hervor; alle seine Gedanken begannen sich im Kreise zu bewegen; die Häuser mit ihren Fenstern tanzten vor seinen Augen; er mußte sich erschöpft an den Pfosten einer Türe lehnen, um zu überlegen, ob er hier bis zum Morgengrauen warten solle. Kaum hatte sich sein ermüdeter Geist erholt, seine Verwirrung sich gelegt, als ein leiser Pfiff ganz in seiner Nähe ihm das Herz rascher schlagen machte. Gleich darauf wurden in der nächsten Gasse schlürfende Schritte laut. Sollte man ihn belauscht haben? Sollte man ihn verfolgen? Seine aufgeregte Phantasie begann zu schwärmen; was brachten ihm die nächsten Sekunden? Gespannt lauschte er auf das näherkommende Geschlürfe, das von den behutsam auftretenden Füßen mehrerer Männer herzurühren schien. Nun hielten die Schritte inne; dicht neben ihm, da, wo das Haus in die andere Gasse einbog, wurde geflüstert. Noch konnte er die Flüsternden nicht sehen, aber ihre Worte verstand er. »Er ist ein Ägypter,« begann es neben ihm, »er ist vornehmer Leute Kind, laßt ihn unbehelligt weiterziehen; man wird uns verfolgen, tun wir ihm ein Leids.« »Wenn er vornehmer Leute Kind ist,« hörte der Lauschende eine andere Stimme, die ihm sogleich als diejenige des phönizischen Matrosen auffiel, mit welchem er vor ein paar Stunden gestritten, »wenn er vornehmer Leute Kind ist, überlaßt ihn mir. Unser Schiff segelt morgen nach Äthiopien; wenn wir ihn im untersten Kajütenraum unterbringen, wird kein Gott von seinem Vorhandensein Kunde nehmen. Ihr sollt reichlich dafür belohnt werden, ihr Juden, und wir werden, wenn wir ihn in Äthiopien zum Sklaven machen, ebenfalls unseren Vorteil daraus ziehen.« Menes erhob sich leise von seinem Stein, um der Gefahr, die bereits über ihm schwebte, zu entfliehen, denn an ein Verteidigen des Waffenlosen war bei solcher Übermacht nicht zu denken. Er hörte, wie seine Feinde leise miteinander stritten, augenscheinlich berieten sie die Art ihres Überfalls. Menes fühlte zum erstenmal in seinem Leben, daß der Mensch des Menschen ewiger Feind ist. Das Gefühl von Beklemmung machte in seiner Brust einer tiefen Entrüstung Platz; fast schämte er sich, daß er den Rückzug ergreifen mußte; er ballte die Fäuste, und wer ihm in diesem Augenblick ein Schwert in die Hände gedrückt, er hätte ihm verziehen, und wäre es sein Todfeind gewesen. »Wenn es den Schurken gelingt, mich zu knebeln,« sagte er sich selbst, »bin ich verloren; sie führen aus, was sie beschlossen. Ich muß mich im Schatten der Häuser davonschleichen.« Er hatte bereits den ersten Schritt getan, als er hinter sich ein Geräusch vernahm; gleich darauf fühlte er, wie sich ein Netz über sein Haupt senkte, welches man eifrigst bemüht war, ihm um den ganzen Körper zu schlingen. Eine gewandte Armbewegung befreite ihn von dieser Umschlingung. »Tretet aus dem Dunkel, ihr Schurken,« rief er zurück, den schwarzen Gestalten entgegen, die sich um die Straßenecke drückten, »ich sage euch, es wird euch schlecht zustatten kommen, wenn ihr mit mir verfahrt, wie ihr beschloßt. Morgen bin ich zum Mittagsmahl bei dem Nomarchen von Memphis geladen, dem mächtigen Metro, welchen Ramses an seiner Stelle zurückließ; glaubt mir, sobald man mich bei diesem Mahle vermißt, bietet mein mächtiger Freund alle seine Bewaffneten auf, mich aus euren schmachvollen Schlingen zu erlösen.« Diese rasch ersonnene Kriegslist verfehlte ihre Wirkung nicht gänzlich, die Gestalten flüsterten angelegentlich; sie schienen zu wanken. Vor Entrüstung und Aufregung zitternd, stand ihnen der verlassene Jüngling gegenüber, wohl fühlend, daß sein Leben unter einer Herde Panther weniger bedroht wäre, als unter diesen Habgierigen. »Ist es dein Wille, großer Osiris,« hauchte er, »soll meine Laufbahn enden, eh' sie begonnen? Oh! als ich heute morgen erfrischt, glücklich in dein strahlendes Angesicht sah, großer Sonnengott, da lächeltest du mir gnädig zu und verbargst mir, welches Unheil mir der Gott der Nacht jetzt bereitet. Weh mir! wie trügerisch sind die Götter!« Er tat ein paar Schritte, aber sofort war er von vier Gegnern umringt, die ihm jedes Entnommen unmöglich machten. »Warum besucht Ihr den Stadtteil der Ebräer?« knirschte ihm die schneidende Stimme eines kleinen, schwarzen, adlernasigen Mannes entgegen, »was suchst du in diesen Gassen?« »Ich verirrte mich vom rechten Wege,« sagte Menes trotzig. »Glaubt ihm nicht, Freunde,« lachte der andere. »Er ist ein ägyptischer Spion, er will uns arme Ebräer belauschen, um uns bei Gericht zu verklagen.« »Er stellt, wie alle, unseren Töchtern und Weibern nach,« beteuerte sein Nachbar, »tötet den Verführer.« »Was hat er überhaupt in dieser Nachtzeit in unserem Viertel zu tun?« »Er ist einer unserer Unterdrücker, den Gott – gelobt sei er – in unsere Gewalt gab!« »Mache dich bereit,« hörte der Bedrängte den phönizischen Matrosen flüstern, »in die Gefilde der Seligen zu wandern. Sein Halskragen ist mit Perlen durchwirkt, goldene Schnallen zieren seine Sandalen, an seiner Hand sehe ich einen Smaragden glänzen. Wenn wir ihn in den Fluß werfen, wer ahnt etwas von seinem Dasein.« Der Jüngling sah, wie der Matrose einen blitzenden Stahl aus seinem Gürtel löste. Die Genossen des Blutgierigen wechselten bedeutungsvolle Blicke. »Gib mir das Messer,« keuchte der kleine Jude, »ich stoße es ihm von hinten in den Nacken.« Das Messer ging in die Hände des Juden über, der sich anschickte, sich wie eine Katze zwischen die Hauswand und Menes zu schieben. Der junge Mann, der diese Bewegung bemerkte, drückte sich nun, um sich wenigstens den Rücken zu decken, fest in die verschlossene Türe des Hauses. So stand er bebend, zu allem bereit, starr in die gierig leuchtenden Augen des sich ihm nähernden Ebräers blickend. In dieser Lage verharren, das sah er ein, hieße, dem sichern Tod entgegengehen. Er faßte deshalb den verzweifelten Entschluß, über den Juden herzufallen, um sodann eiligst das Weite zu suchen. Näher, immer näher drängte sich der Ebräer. Schon fühlte Menes deutlich seine heißen Atemzüge; es war ihm, als müsse er die Türe, an die er sich lehnte, mit dem Rücken eindrücken, oder als könne er mit einem gewaltigen Satz über die Köpfe seiner Angreifer hinwegfliegen. Eben erhob der Jude sein Messer, als ihm Menes, ohne recht zu wissen, was er tat, einen furchtbaren Faustschlag auf den Mund versetzte. Mit blutenden Lippen, stöhnend, taumelte der Getroffene zu Boden. Seine Genossen unterdrückten einen Schrei der Wut und Menes sah ein, daß es jetzt um ihn geschehen sei; denn der Matrose bückte sich fluchend nach dem entfallenen Messer, während die übrigen zurücktraten, um sich durch einen Anlauf für den Überfall vorzubereiten. Schon machte sich der Jüngling, fest den Rücken an das Haustor stemmend, bereit, sein Leben wenigstens bis zum letzten Atemzuge zu verteidigen; schon hatte er die zitternden Fäuste zu wuchtigem Schlage erhoben, um die Zurückgetretenen zu empfangen, da kam es ihm vor, als gäbe die Türe, an welcher sein Rücken Schutz und Stütze fand, leise seinem Drucke nach. Noch hielten seine Angreifer mit ihrem Sturm zurück, noch war Rettung möglich. Ja! es war keine Täuschung – Menes ließ den Arm erstaunt sinken – die Türe erknarrte fast unhörbar in ihren Angeln, ein Riegel rollte leise zurück, eine kleine, weiße Hand schlüpfte aus dem kaum drei Zoll breiten Spalt, faßte unseren hilfsbedürftigen Freund am Kleide und zog ihn zwischen den Pfosten und die geöffnete Türe. »Rasch herein,« hörte er flüstern. Willenlos folgte er der Hand, denn jede Minute war kostbar. So behutsam, wie sie sich geöffnet, schloß sich die Türe wieder; Menes stand nicht mehr auf der Straße, sondern auf einem dunkeln Hausflur. Das Öffnen, Hereinziehen und Schließen war so lautlos, so rasch vollführt worden, daß die Habgierigen draußen auf der Straße sich nicht zu erklären vermochten, nach welcher Seite ihr Raub entwischt sei. Menes wachte wie aus einem schweren Traume auf, als ihm eine bekannte Mädchenstimme zuflüsterte: »Folge mir, du bist gerettet. Sobald der Morgen anbricht, kannst du nach Hause kehren; bis dahin muß ich dich in meinem Zimmer vor Verfolgung schützen.« »Myrrah?« hauchte Menes atemlos, »du – meine Retterin? Ich bin in deiner Wohnung? Ihr Götter, was beginnt ihr mit mir,« setzte er leise hinzu, »macht ihr mich elend, um mich im nächsten Augenblick glückselig zu machen?« »Stille,« beschwichtigte das Mädchen, während sie auf den Zehen in ihr Zimmer schlich, ein mageres Öllämpchen am Kohlenbecken anzündete und ihren Schützling bat, ihr zu folgen, »stille, damit die übrigen Hausbewohner nichts von dem Abenteuer bemerken. Komm, laß mich die Türe verriegeln. Tritt leise auf, setze dich hierher und beruhige dich, du bist noch ganz verstört.« Ihr Benehmen zeigte nicht die geringste Befangenheit, sie drückte den Zitternden, dessen Auge glühte, auf einen Stuhl. »Deute mein Benehmen nicht übel, guter Jüngling,« fuhr sie darauf mit holder Bescheidenheit fort, »ich hörte, als ich mich eben zu Bette legen wollte, unter meinem Fenster flüstern; als ich den Vorhang hob, übersah ich sofort deine unglückliche Lage und dankte Jehova, daß er mir vergönnt, dir behilflich zu sein. O, unser Volk ist verbittert, zürne ihm nicht, wenn es zuweilen in die Ketten beißt, die ihnen das Blut aus den Adern pressen; Verzeihe uns, wir sind nicht alle so. Nein, gewiß nicht.« Ihre Äugen füllten sich mit Tränen. »Daß nicht alle so sind, fühle ich es nicht an dir?« lispelte der erschöpfte Jüngling, dem Mädchen die Hand reichend, indem er ihr dabei einen Blick zärtlichster Dankbarkeit zuwarf. »Du sprachst sanft mit mir,« erwiderte sie, in sich versunken, »du verachtest mich doch nicht wie die anderen?« »Du tust mir weh, Myrrah, wenn du also fragst? Warum soll ich dich verachten?« »Ich wußte es,« rief sie, ihren Schützling mit freudigleuchtenden Blicken betrachtend, »deshalb rettete ich dir das Leben.« »Einem dir völlig Fremden würdest du es nicht gerettet haben?« frug er, um ihren Charakter zu ergründen. »Ich weiß es nicht,« sagte das Mädchen nachsinnend, »wenn er mich geschmäht, mich mißhandelt, wie die anderen Ägypter – oh! warum hätte ich ihm das Leben retten sollen?« setzte sie dann fast wild hinzu. Gleich darauf fuhr sie weicher fort: »Aber dir, der du sanft und gut bist, hätte ich es bewahrt dein Leben, selbst wenn du mich nicht geachtet, denn dein Leben« – sie zögerte, ein Lächeln erblühte dann auf ihren Lippen, als sie fortfuhr, »dein Leben ist mir kostbar, ich wollte, es wäre eine seltene Blume, die ich unter Glas hüten und pflegen dürfte! Aber ich weiß nicht, warum ich das alles sage.« Sie ward ernst. Sie zürnte sich selbst. Hierauf nahm sie die Lampe und leuchtete ihrem Freund hastig in die erblaßten Züge. »Dein Auge ist tief und edel, es blickt wie euer Sonnengott,« sprach sie träumerisch mehr zu sich selbst, als zu ihm, »dir würde ich in allen Stücken trauen, du kannst nicht betrügen. Sprichst du zu mir: lege dich vor den Rachen des hungernden Krokodils, ich würde es tun; würdest du mir zürnen, würdest du diese meine Brust schlagen oder bespeien, ich würde stolz darauf sein, von dir mißhandelt zu werden! Aber auch nur von dir – deine Grausamkeit wäre nur Wollust – jeden anderen aber, der dasselbe wagte, würde ich« – – in ihrem Auge brannte edler Zorn, sie hatte unwillkürlich die schöne, kleine Hand geballt. Da fiel ihr Auge auf seine Hand. »Aber du blutest,« rief sie erbleichend aus, nach dieser Hand fassend. Ihr vorher so stolz blickendes Auge verdunkelte sich, als das feuchte Rot an ihren Fingern haften blieb; ein schmerzvoller Ton entrang sich ihrer Brust. »Es ist nichts, Mädchen,« flüsterte Menes mit Anstrengung, denn das Benehmen Myrrahs hatte ihn, wie in einen süßen Halbschlaf gewiegt, »ich schlug meinem Angreifer auf den Mund; seine Zähne ritzten mir das Fleisch.« »Das ist gut,« lächelte sie unter Tränen zu ihm empor, »du bist mutig.« Diese Freudigkeit verwandelte sich sogleich wieder in die besorgteste Unruhe. Wasser war bald zur Hand, ein Tuch ebenfalls. Nun kniete sie nieder und streifte den Ärmel vom Gewand des Jünglings zurück, um sein Blut, das bis an den Ellbogen hinabgeflossen, aufzuwaschen. Als ihr dabei die schön gerundeten Muskeln seines Armes entgegenblühten, überzog ein ängstliches Rot ihre weißen Züge; nun erst schien ihr das Bedenkliche der ganzen Lage klar zu werden. Rasch strich sie das Gewand wieder über den Arm, stand auf, eilte an die Türe und sagte abgewendet: »Bleibe du hier, ich will heute nacht auf der Matte des Hausflurs zubringen.« »Eben erst sagten mir deine Lippen, Myrrah,« erwiderte ihr der errötende junge Mann, »daß du mir in allen Stücken trautest – es scheint, du traust mir dennoch nicht?« »Das ist wahr,« lächelte sie nun, »ich war recht töricht.« Menes, durch den Blutverlust geschwächt, stützte sich müde auf den Tisch, indem seine Glieder schlaff herabhingen. »Armer Mann, leidest du Schmerzen?« frug sie besorgt. Er lächelte ermattet. Darauf schritt sie vertraulich zu Menes heran, setzte die Lampe auf den Tisch, holte aus einer Holztruhe ein altes kleines Brot hervor und stellte daneben ein Gefäß mit Milch nebst einigen Datteln. »Dies ist meine Feiertagsmahlzeit,« sagte sie, »nimm, was dir die Armut bieten kann, du wirst hungern.« Obgleich anfangs Menes, gerührt von der Einfachheit des Mahles und der Gutmütigkeit des Mädchens, dankend die Berührung der Speisen ablehnte, mußte er schließlich, um seine nötigende Wirtin nicht zu beleidigen, von der Milch etwas zu sich nehmen. »Es ist keine Schweinemilch, die aussätzig macht,« hatte sie in traurigem Tone gelispelt, als Menes sich geweigert zuzugreifen. Daraufhin natürlich trank er. Kaum hatte Menes das Gefäß niedergesetzt und den Trank gelobt, so ließen sich auf der Treppe, die in das zweite Stockwerk führte, Tritte vernehmen. Erschrocken fuhr Myrrah empor. »Man kommt von oben,« hauchte sie, »ich muß dich verbergen.« Sie sah sich verlegen in dem Gemache um, das außer einem niedrigen, streuartigen Ruhelager, nebst einer Truhe, Stuhl und Tisch, nichts bot, hinter welchem sich Menes hätte verstecken sollen. Jedoch die Tritte kamen näher, die Not wuchs. »Das ganze Haus ist von Juden bewohnt,« klagte die Jungfrau, »wenn sie dich erblicken – weh dir! weh mir! wir sind beide verloren.« Nun hielten die Schritte an, dreimal pochte es an die Türe des Gemachs. »Lösche die Lampe,« riet Menes leise, »ich kaure mich hinter die Truhe, stelle du dich, oder besser setze du dich auf dieselbe.« Er sprang rasch hinter die Holzkiste, Myrrah zauderte, die Lampe zu löschen, jedoch schließlich blieb ihr, da es zum zweiten Male anpochte, nichts anderes übrig. Darauf eilte sie an die Tür, machte sie zwei Finger breit auf und frug: wer draußen sei, sie in ihrem Schlaf zu stören? »Ich bin es –« »Wer?« »Ich! Isaak.« »Du?« frug das Mädchen. »Und wie steht es um deinen kranken Vater?« »Rebekka, meine Schwester, ist bereits seit vier Tagen nicht nach Hause gekommen,« jammerte Isaak, dessen Bekanntschaft wir bereits gemacht. »Sie schwärmt draußen umher, während ihr Vater im Sterben liegt, die gottlose Tänzerin.« »Heute erst,« fiel ihm Myrrah ins Wort, »verkehrte ich mit ihr, sie hat sich manches erworben, sogar Gold. Ein reicher Bewunderer ihres Tanzes gab ihr drei goldene Ringe, sie könnte euch beide ernähren, wenn sie wollte.« »Sie tut es nicht,« klagte Isaak, »ich muß meinen armen Vater hungern lassen. Da wir nicht mehr an den Pyramiden arbeiten können, wird uns auch die Nahrungslieferung entzogen, die uns sonst zuteil ward. Ich bin gekommen, gute Myrrah, – dein mildes Herz – nicht wahr, es ist unrecht, daß ich mitten in der Nacht –« »Laß es nur gut sein,« sagte das Mädchen mit fast rauher Stimme, »du weißt zwar, daß ich dich nicht leiden mag, Isaak, aber deinen würdigen Vater kann ich nicht hungern lassen. Nimm hier den letzten Rest Milch nebst diesem Brot.« Sie reichte dem demütig vor ihr stehenden Isaak die Speisen. »Jehova mög' es dir danken,« stammelte er, »wenn ich dir einst ebenso aus der Not helfen könnte, es wäre der schönste Augenblick meines Lebens, gutes Kind.« Angeekelt von seinem kriechenden Wesen wandte sich Myrrah ab und frug nur: »Liegt dein Vater noch immer stumm?« »Du bist sehr gütig, daß du nach meinem Vater fragst,« sagte Isaak unterwürfig, das Brot mit gierigen Blicken betrachtend, »der alte Mann hat ein paar Worte gesprochen, jedoch er ist sehr matt, Rebekkas Lebenswandel stürzt ihn in die Grube.« Myrrah schloß entrüstet die Türe, denn sie wußte, daß Isaak von jeher den Lebenswandel Rebekkas begünstigt und zu seinen habsüchtigen Absichten ausgebeutet hatte. Als die Lampe wieder das kleine Gemach beleuchtete und Menes aus seinem Versteck hervorgekommen war, drückte der Jüngling ergriffen die Hände des Mädchens. »Du hast ein schönes Werk vollbracht,« sagte er. »Oh, wenn sie nur nicht so schlecht wären,« murmelte sie betrübt vor sich nieder. Hierauf erzählte sie, da Menes es von ihr zu hören wünschte, ihren ganzen Lebenslauf. Ihre Eltern hatte sie nie gekannt. Sie erinnerte sich noch dunkel, daß sie in frühester Jugend zwischen den Säulen eines Tempelhofs gespielt und daß sie dort zuweilen von einer vornehmen Dame besucht wurde, deren kostbare Sänfte noch jetzt ihr lebhaft vorschwebte. Alle Priester und Priesterinnen wichen dieser schönen, stattlichen Dame ehrfurchtsvoll aus, verbeugten sich vor ihr und frugen mit großem Respekt nach dem Befinden des Königs. Die mächtige Frau lächelte immer, scherzte fein mit ihrer Umgebung, reichte zum Abschied dem Oberpriester jedesmal einen goldenen Ring und frug, welche Fortschritte Myrrah gemacht, worauf ihr ein ältlicher Priester jedesmal die gewünschte Auskunft erteilte. Dieser Priester bewies ihr die größte Zärtlichkeit, sie lernte ihn wie einen Vater lieben. Eines Tages ließ sich die vornehme Dame in großer Erregung in den Tempel tragen. Einer langen stürmischen Unterredung, welche sie mit dem Oberpriester hatte, folgte allgemeine Bestürzung des ganzen Priesterkollegiums; die vornehme Dame sank zu Boden und weinte, der Oberpriester zerriß sein Gewand. Rasch eilten Tempeldiener herzu, um einen Stoß von Papyrusrollen zu verbrennen, welche irgendein Geheimnis bergen mußten; Myrrah freute sich bereits auf das lustige Feuer, aber der Eintritt von dreißig königlichen Schergen tat dem Werk Einhalt. Die Schergen durchstöberten die Rollen, die Worte: Verschwörung, Unterschlag usw. schlugen an Myrrahs kindliches Ohr; der Oberpriester wurde samt der vornehmen Dame auf Befehl des Königs zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in den äthiopischen Goldbergwerken verurteilt. Hier folgte in Myrrahs Erinnerung eine Lücke, sie findet sich in einem wilden, schwarzen Gebirge wieder, das von weißen Adern durchzogen, vielen Schachten den Weg in sein metallreiches Innere eröffnet. Tausende von Arbeitern sind dort beschäftigt, glänzendgelbes Metall aus Sand zu waschen, der zuvor in Mörsern zerstampft wurde. Die Sonne brennt, die Geißel der Aufseher treibt erbarmungslos zur Arbeit an. Sie selbst, das zarte Kind, muß Steine in Empfang nehmen, die aus den Schachten herausgewühlt werden. Ihre Hände bluten dabei, neben ihr kauert dieselbe vornehme Dame, die sich sonst in den Tempel tragen ließ, in zerrissenem Anzug, hohl, krank am Boden und gießt mit denselben Händen, die früher mit Perlen und Fächern spielten, Wasser über schmutziges Geröll. Manchmal empfängt sie einen schmerzlichen Blick von dieser Frau, manchmal einen brennenden Kuß, der ihr viel heiße Tränen an die Wangen drückt. Worte hört sie selten aus diesem blauen, welken Mund, nur von Seufzern quillt er über. Eines Tages sieht sie, wie diese Frau ein Schreiben empfängt, welches ihr ein königlicher Beamter vorliest. »Gnade!« stammelt sie freudebebend, preßt leidenschaftlich die kleine Myrrah an ihre Brust und sinkt zu Boden. Der Beamte beugt sich zu der Hingesunkenen nieder. »Zu spät,« hört sie ihn gleichgültig sprechen, »die Freude hat sie getötet.« Von diesem Zeitpunkte an bekümmerte sich keine Seele mehr um Myrrahs Dasein. Sie bettelte sich mühsam nach Memphis zurück. Dort war sie eifrigst bemüht, ihren Pflegevater aufzusuchen, jedoch vergebens. Gewerbsüchtige Ebräer bemächtigten sich des kleinen Mädchens, sie zum Tanzen oder allerlei Künsten abzurichten; dies scheiterte jedoch an der Sittsamkeit des Kindes. So lebte sie ein trauriges, gequältes Dasein dahin in den Jahren, die eigentlich der Freude geweiht sein sollten, ernährte sich mühsam durch kleine Handleistungen, Verkaufen von Blumen oder hungerte auch wohl, wenn ihre Schüchternheit zu groß war, sich auf der Straße zu zeigen. Menes hatte dies alleinstehende, verlassene Kind während ihrer Erzählung mit feuchten Augen, versunken in ihre lieblichen Züge, betrachtet. Als sie geendet, war es ihm, als spräche sie noch weiter, er wiegte sein Haupt träumerisch zu ihr hin und schien noch immer ihr Wort zu trinken. »Der Morgen erhellt meinen Fenstervorhang bereits,« sagte sie nach einiger Zeit erstaunt, »wir haben die letzten Stunden der Nacht rasch hinweggeplaudert und es wird Zeit, daß du gehest, Menes.« Menes fuhr aus seinem Sinnen empor. Ein Frösteln überschauerte ihn, als er darauf den Vorhang hob und die Straße in rötliches Grau getaucht vor ihm lag. »Der kühle Morgenwind haucht vom Nil her,« sagte er ermattet, »du hast recht, Myrrah, ich muß gehen. Man wird zu Hause angstvoll meiner geharrt haben, ich werde nicht freundlichen Empfang von meiner Mutter zu erwarten haben. Aber mir gilt es gleich, durchlebte ich doch in dieser Nacht die schönsten Stunden meines eintönigen Lebens – Errettung aus Gefahr, das süße Gespräch mit dir, den Einblick in deine gute, schlichte Seele.« Myrrah löschte die Lampe und öffnete die Fenster. Sie ward still, sie setzte sich bekümmert auf die hölzerne Truhe und schien an nichts mehr teilnehmen zu wollen, was um sie her vorging. »Du hast mir bei meinem Abschied nichts zu sagen?« frug sie Menes zärtlich. Das Mädchen schüttelte betrübt den Kopf. »Wirklich nicht? Nicht, daß ich dich wiedersehen darf?« Es erfolgte eine lange Pause. Beide standen sich, süße Qual im erregten Busen, gegenüber. Er wagte kaum verstohlen zu ihr aufzuschauen. Plötzlich schritt sie auf den Wandschrank zu, nahm ein Messer, das dort verborgen lag, legte es vor Menes nieder und hauchte abgewendet: »Töte mich.« Der überraschte Jüngling trat schaudernd einen Schritt zurück. Dann aber stürzte er vor, sie zu umarmen. Sie, als sie dies bemerkte, wich ihm aus. »Wie kannst du doch solch sündhaftes Wort über deine Lippen bringen,« stammelte er vorwurfsvoll. »Ich dich töten, der ich diesen Leib anbete, als sei er der einer Gottheit, der ich dich schützen möchte vor allem Unheil, vor Hunger, vor Schmähungen, der ich selbst der kleinsten Fliege nicht gönne, wenn sie über deine Hand laufen darf. Ich soll dich töten? Und weshalb wünschst du dir den Tod? Warum tust du mir dies Leid an, dich leiden zu sehen?« »Bedenke, wer du bist,« fiel ihm die Jüdin ins Wort. »Willst du,« lachte sie bitter auf, »willst du deiner vornehmen Mutter sagen, du habest mit der Jüdin gesprochen, daß sie vor dir entflieht? Willst du ihr die Jüdin als Braut über ihres Hauses Schwelle tragen: O glaube mir, du achtest mich nicht, wenn du dir auch fest vornimmst, mich zu achten.« »Lache nicht so wild, Myrrah,« rief Menes zitternd, »du tust mir weh! Wisse, daß ich dich achte, und hätte ich dich auf dem Felde die unsauberen Schweine hüten oder dich als Tänzerin den ekeln Reigen schwingen sehen. Nichts kann dich mir in Unehre bringen, nichts mich von dir vertreiben, dein Bild mir trüben, und wenn meine stolze Mutter mir darum zürnt, so mag sie es tun, ich bedarf ihrer nicht, deiner aber bedarf ich, um zu leben.« Myrrah war in lautes Schluchzen ausgebrochen. »Gehe! verlasse mich,« seufzte sie, »wenn du Spiel mit mir triebst, würdest du mich töten. Du stürzest mich, ich fühle es, ins Verderben. Mir wäre besser, ich hätte dich nie gesehen, oder ich stürbe gleich auf der Stelle, denn ich weiß nicht, was ich ohne dich beginnen soll, und mit dir leben darf ich nimmermehr.« Der junge Mann versuchte die Weinende zu beruhigen, er gab ihr die zärtlichsten Namen, versicherte sie, daß er jeden Abend in ihr Haus schleichen wolle, daß er ihr einen ergebenen Diener täglich senden wolle, ihr Nahrung zu bringen, sie aber wehrte heftig alle seine Liebkosungen ab, suchte ihr tränenüberströmtes Gesicht zu verbergen und rief ein über das andere Mal: »Gehe! Oh, hätte ich dir nicht dein Leben gerettet, hätten sie dich und mich getötet.« Nach vielen vergeblichen Versuchen, sich ihr verständlich zu machen, stand Menes auf. »Du willst, daß ich gehe! Gut denn, ich gehorche dir,« sprach er mit schmerzlichem Trotz. »So will ich dich denn nie mehr wiedersehen. Lebe wohl und vergiß mich, wie ich dich zu vergessen suche.« Schon hatte er die Türe erreicht, da sprang Myrrah auf, als ob sie ihn zurückhalten, sich an seine Brust werfen wollte, aber sie faßte sich gewaltsam, indem sie auf ihren Sitz zurücksank, die Arme und den Kopf erschlafft herabhängen lassend. Menes ging. Nach einigen Minuten flog durch das kleine Fenster ein Siegelring, den ein smaragdener Käfer zierte, zu Myrrahs Füßen nieder. Über eine halbe Stunde lang saß das Mädchen regungslos da. Draußen waren längst die Schritte ihres Freundes verhallt, die Straße füllte sich mit Menschen, die ihrem Gewerbe nachgingen; Aufseher traten in die Wohnungen, um Steuern zu erheben oder die jungen Männer der Ebräer zum Ziegelbrennen abzuholen. Wagen rollten, Sänften wurden getragen, das Brausen und Tosen einer Großstadt drang bis in das kleine Zimmer des Mädchens. Diese schüttelte endlich die schwermütige Erschlaffung von ihren Gliedern, hob vorsichtig den Smaragden vom Boden auf, küßte ihn, wickelte ihn in ein feines Tuch und barg ihn errötend an ihrer Brust. Hierauf nahm sie ihr Kopftuch, um an den Ufern des Nils Blumen zu suchen, damit sie Kränze und Sträuße daraus winden möchte, da heute abend ein vornehmer Ägypter solcher bedurfte, seinem Feste Pracht und Glanz zu verleihen. Als sie nach Ablauf von zwei Stunden ermattet in ihr niedriges Zimmer zurückkehrte – wer beschreibt ihr Erstaunen – da trug ihr Tisch eine kostbare Mahlzeit, wie sie solche noch nie gesehen, geschweige denn genossen. Gänsebraten, feines Gebäck, Datteln, Wein, breitete sich duftend vor ihren erstaunten Augen aus; sie jedoch ließ die Speisen unberührt. Drittes Kapitel Über dem Zimmer Myrrahs befand sich dasjenige des kranken, alten Juden. Die Lehmwand des Gemachs zeigte mehrere Löcher, durch die der Wind nach Belieben pfeifen konnte. Der ausgetretene Fußboden war nicht der reinlichste; an Tischen und Stühlen waren nur sehr zerbrechliche Exemplare vorhanden, deren Farbe in widriges Grau übergegangen war. Durch einen zerrissenen, grünen Vorhang schielte die Sonne über zerbrochenes Tongeschirr, welches am Boden stand. Auf einem sehr niedrigen, hölzernen Gestell, das mit etlichen Lumpen belegt war, lag der alte Mann; sein Atem kam zögernd über seine Lippen, schwer, mühsam hob sich seine Brust. Neben ihm kniete sein Sohn Isaak, mit ängstlicher Aufmerksamkeit in das matte, blasse Gesicht, die irren, glanzlosen Augen des Vaters blickend, zuweilen ihm den blutigen Stirnverband zurechtrückend oder mit Wasser seine Lippen befeuchtend. »Stirb mir nicht, Vater,« kam es aus Isaaks Busen hervor, »du weißt, ich liebe dich, verlasse deinen Sohn noch nicht, halte noch mit ihm in dieser elenden Welt aus.« »Wo bleibt Rebekka, deine Schwester?« frug mit einiger Anstrengung der Sterbende. »Ich sah sie nicht, so lange ich an dieser Wunde daniederliege, warum tritt sie nicht an das Sterbelager ihres Vaters?« »Verzeihung, mein Vater,« sprach der junge Mann, indem er hastig nach den zuckenden Händen des Alten griff, »Verzeihung deiner Tochter und mir! Wie konnte ich ahnen, daß sie so herzlos, so gottlos wird, als ich sie dazu verleitete, unserer Not durch Harfenspiel und Tanz ein Ende zu machen.« Über das Angesicht des Alten flog ein Schatten. »Ja, du warst es, der meine Rebekka,« keuchte er, »dem reichen Setineht in die Hände spielte, damit er sie verderbe, um uns –« »Um dich –« fiel Isaak bebend ein. »Um uns vom Hungertode zu retten,« fuhr der Greis fort. »Von diesem Tag an sank sie tiefer, immer tiefer; sie lernte sündhafte Tänze, bestrickende Gesänge und, was sie erwarb, das kam nicht mehr uns zugute, das brachte sie mit Kriegsknechten durch, oder kaufte sich elenden Goldflitter dafür, ihren unreinen Leib zu behängen. Sie war nicht schlecht, mein Kind, sie war munter, lebenslustig, heftig von Gemütsart – sind das Fehler? nein! doch es wurden Fehler daraus; das Gift schmeckte ihr süß, sie trank es in vollen Zügen aus den Händen der Ägypter, und jetzt ist sie völlig davon durchfressen. O Isaak, was tatest du mir an! Was hast du aus deiner Schwester gemacht!« Isaak beugte sich über seinen Vater und küßte ihm den welken Mund. »Denke nicht an die Mißratene,« bat er sanft. »Daß sie so geworden, wie sie ist, zeigt mir, daß ein schlechter Kern in ihr lag, und daß sie auch ohne meine Beihilfe geworden, was sie nun ist. Sieh! ich pflege dich, ich sitze Tag und Nacht an deinem Lager, ich hungere, ich bettle für dich – kannst du sagen, ich sei ein schlechter Sohn? Aber sie! was tut sie! sie lacht, sie tanzt, sie liebt, während ihr Vater –« »Rede nicht von ihr,« wehrte der Ermattete ab, »mir wird weh, Isaak, gib mir Wasser.« Isaak tat, wie ihm geheißen wurde. Dann kauerte er sich dicht neben das Haupt des Kranken, lauschte auf seine unregelmäßigen Atemzüge und sah dabei zuweilen mit verlangenden Blicken auf einen Napf voll Milch, den er für den Vater erbettelt hatte. Ja, manchmal streckte er unwillkürlich die zitternde Hand nach dem Getränke aus, ließ sie aber jedesmal sinken, sobald sein Auge das Gesicht des Verwundeten streifte. Er litt augenscheinlich grimmigen Hunger, der Arme, denn etlichemal fielen ihm vor Schwäche die Augenlider zu, jedoch die Pflicht, seinen Vater zu ernähren, gebot ihm dem heftigen Naturtrieb zu widerstehen, denn diese kleine Schale Milch sollte für diesen Tag die einzige Nahrung der beiden sein. Nach langem Stillschweigen bemerkte Isaak, wie sich plötzlich die Züge des Bejammernswerten seltsam veränderten. Er faßte nach der Hand seines Kindes und sah ihm mit einem feierlichen, geheimnisvollen Ausdruck in die Augen. »Isaak!« »Vater!« »Richte mich auf, ich muß mit dir sprechen.« »Ja, Vater.« »Aber rasch, denn ich fühle den Tod mir nahen.« Dann setzte er sich stöhnend mit Isaaks Hilfe empor, hieß diesen die Türe sorgfältig schließen, nachdem er sich umgesehen, ob niemand lausche, hieß ihn die Fenster verdunkeln und bat ihn, sein Ohr dicht an seine Lippen zu legen. Nachdem dies geschehen, atmete er noch einmal tief auf, ließ sich von der Milch reichen und begann: »Ich muß dir, ehe sich mein Auge auf ewig schließt, ein wichtiges Geheimnis anvertrauen, mein Sohn, das bis jetzt nur das meine war. Laß dir verkünden, daß ich als junger Mensch, unter der Regierung des vorigen Königs Seti des Ersten, half, eines der größten Werke zu vollenden, welches die Erde je sah oder noch sehen wird.« Hier brach er erschöpft ab, um Luft zu sammeln. Der Sohn hing gespannt an den Lippen des Vaters. »Ich war unter der Schar,« fuhr er flüsternd fort, nachdem er sich erholt, »die des Königs Schatzhaus bauen mußte.« »Wie? Du, Vater? Und du lebst noch?« »Alle die diesen Bau ausgeführt, sogar der Baumeister, mußten sterben, damit keiner verriete, wo sich das Haus befinde, oder auf welchen Pfaden man in sein Inneres gelangen könne. Sterben mußten sie, Isaak! Alle sterben.« Schmerzen zwangen ihn, sich zu unterbrechen; er drohte umzusinken; Isaak hielt ihn jedoch aufrecht. »Und du entkamst dem Mordschwert der Ägypter?« frug Isaak klopfenden Herzens, »doch erhole dich erst noch ein wenig, ehe du weitersprichst.« »Ich entkam,« begann der Alte aufs neue, seine Schwäche beherrschend. »Ich dachte, es ist einerlei, ob dich das Schwert eines Kriegers tötet, oder ob du im Innern des Gewölbes, das du bauen halfst, verhungerst, und so versteckte ich mich, nachdem alle übrigen Arbeiter bereits aus dem vollendeten Bau gebracht werden waren, in einer Kiste. Drei Tage lang hielt ich es dort aus, von Dunkelheit umgeben. Endlich tappte ich mich durch die mir wohlbekannten Gänge bis an das noch nicht vermauerte Tor. Von hier aus floh ich in den Schilf des Nil, wo ich mich wieder längere Zeit verborgen hielt, um meinen Verfolgern zu entgehen. Das waren fürchterliche Tage, mein Sohn, denn ich lebte von da an einem Tiere ähnlicher, als einem Menschen. Erst nach vielen Jahren, bis man mich vergessen oder mich tot geglaubt, ließ ich mich wieder sehen.« Diese Worte hatte der alte Mann röchelnd hervorgestoßen, man sah ihm deutlich an, wie er mit Angst ans Ende zu kommen suchte, um seinem Kinde, noch bevor der Tod ihm den Mund verschließen konnte, die ganze Tragweite des Geheimnisses zu entdecken. Isaak wollte einige Worte einwerfen, ihn bitten, sich zu schonen, jedoch er winkte ihm Schweigen zu und fuhr immer hastiger, immer angstbeklommener weiter fort: »Lausche nun meinen Worten, Kind, denn ich will dich durch das, was ich dir nun verkündige, glücklich, reich und mächtig machen. Ich hatte keinen Mut dazu, mein Vorhaben auszuführen, aber dir fehlt es nicht an Scharfsinn, Entschlossenheit und Erfindungsgeist, die Früchte zu genießen, die ich unberührt liegen ließ. Du wirst nachholen, was ich alter, furchtsamer Tor versäumt.« Isaaks Atem flog aufgeregt durch seine Lippen, er beugte sein Ohr dicht an den Mund des Vaters und trank dessen flüsternde Worte. »Ich will dir,« fuhr dieser fort, »den Weg beschreiben, den du gehen mußt, um in das Innere des Schatzhauses zu gelangen, wo die Goldgefäße stehen, angefüllt bis zum Rand mit Goldringen, mit Edelsteinen, wo du dir nehmen kannst, so viel dir Jehova erlaubt, denn die Feinde zu berauben ist keine Sünde. Wenn ich die Augen geschlossen, dann wird Pracht und Reichtum einziehen in meines Sohnes niedere Hütte; du wirst dir einen Palast bauen an den Ufern des Nil, du wirst wie die mächtigen Pharaonen auf Purpurpolstern ruhen, bedient von schönen Sklavinnen, du wirst deine vergoldete Gondel auf den Wellen des Nil rudern und dich tragen lassen in reich bemalter Sänfte. Isaak, du erhebst dich aus dem Staube der Knechtschaft, du setzest deinen Fuß auf die stolzen Nacken der Unterdrücker, du rächst deine Schmach, rächst deines Vaters Schande, deines Vaters Tod, denn, wer Reichtum besitzt, besitzt Macht. Verführe sie, verderbe unsere Feinde, und aus dem Grabe heraus will ich dich segnen; mein Geist wird dich schützen.« Der Alte hatte ermattet die Stimme sinken lassen, während Isaak mit erglühten Wangen, leuchtenden Augen seiner Rede gefolgt war. »Vater,« preßte der überraschte Sohn hervor, »mein der Schatz des Königs? mein? es ist keine Ausgeburt deines fieberkranken Hirnes? Ich, der verachtete, bespiene Jude, reich, mächtig, der Rächer meines Volkes? Vater, mir schwindelt, meine Sinne halten es nicht aus; mir ist, als sähe ich die Pracht des königlichen Schatzes vor mir glänzen, wie ein Meer im Abendstrahl, und die Edelsteine würden zu Flammen, mich zu versengen, das Gold dünstet giftiggelbe Gluthitze aus, mich zu ersticken – ich sehe mich in prächtigen Gewändern dahinschreiten, hohnlachend meinen Unterdrückern – Vater, mache mich nicht wahnsinnig vor schauderndem Entzücken.« Mit Anstrengung gelang es ihm endlich, seine schweratmende Brust zu bändigen, er richtete den zurückgesunkenen Sterbenden auf, sprach einige herzliche Worte zu ihm und küßte ihm im Rausche der Freude dankbar die Stirn. Der alte Mann begann nun in abgebrochenen Worten zu beschreiben, wohinaus Isaak sich zu wenden habe, um das Schatzhaus zu finden. »Du siehst, ich mache dir ein reiches Vermächtnis, teurer Sohn, so reich, wie es der reichste Königsbeamte seinem Sohn nicht hinterläßt,« stotterte er immer mühsamer, »nun sterbe ich gern, denn ich habe dich glücklich gemacht.« »Vater, du vergaßest, mir genau anzugeben, wo sich das Schatzhaus befindet,« rief Isaak angstvoll, »sammle deine Sinne, damit ich der Beschreibung genau folgen kann, denn, wenn ich keine Ahnung habe, in welchem Gebäude der Schatz liegt, wie soll ich ihn finden? Also, da wo der alte Königspalast von Memphis liegt, am Südostende der Stadt steht, umgeben von mehreren anderen Gebäuden, das Schatzhaus?« Der Greis beschrieb dem Sohn mit dem Finger aus dem Fußboden den Weg, den er zu gehen habe. Wenn er von der Stadt käme, sei es das dritte und größte der Gebäude; mächtige Pylonen ragten vor ihm in die Luft, aber die Türe, die in sein Inneres führe, sei so verborgen, daß kein Mensch ahne, wo sie sich befände, denn sie führe in der Rückseite des Palasts auf den Nil hinaus und sie erhübe sich gerade da, wo das Wasser des Flusses aufhöre, also, daß sie bei einer Überschwemmung gänzlich unter Wasser gesetzt sei. Eben wollte der erregte Isaak fragen, wie er denn diese Eingangspforte zu finden habe und durch welchen Kunstgriff sich der schwere Stein hinwegbewegen lasse, als sich draußen vor der Türe munteres Lachen vernehmen ließ. Isaak sprang an die Türe; kaum hatte er sie geöffnet, so tanzte mit heiterem Singen seine Schwester Rebekka in das Gemach, blieb aber, mitten in ihrem Gesang abbrechend, stehen, als sie ihren abgezehrten Vater sich langsam erheben sah. »Nicht in meine Nähe,« keuchte tonlos der bereits unter den Fittichen des Todes Weilende. »Hebe dich weg von dem Lager deines Vaters, du Verworfene, schütte nicht deine trübe Gier, deine niedrige Weltlust über sein dem Grabe geweihtes Haupt aus. Was kommst du meine letzten Lebensträume zu stören? Was trägst du diesen Mißklang in dies ernste Zimmer? Hättest du nicht warten können, bis dies Auge dich nicht mehr sieht, dies Ohr deine eiteln Gesänge nicht mehr vernimmt? Isaak, verbirg sie meinem Blick, ich will nicht in ihrer Nähe sterben.« »Vater, sie ist dein Kind,« bat der Bruder, seinen Vater sanft zurück auf das Lager zwingend. »Verzeihe ihr, nimm nicht deinen Unwillen, deinen Groll ins Grab hinab.« »Sie hat den Gott unserer Väter verlassen; wie, sollte ich sie nicht verlassen?« rief der Sterbende, zornige Blicke auf die Eingetretene richtend. »Sie hat unser Volk verlassen, hat sich mit den Fremden abgegeben; verkehre nicht mit ihr, Isaak, sage dich los von ihr, sie mag verhungern, sie bringt Schande auf unser Haupt, denn sieh nur, wie heiter sie aufgeschmückt ist, wie sie lachen, wie sie singen kann und –« Schwäche verhinderte ihn weiter zu reden; seine zum Fluche erhobene Hand sank schlaff auf das Lager; er fiel mit dem Haupt, einem Toten ähnlich, zurück. Isaak beugte sich verzweiflungsvoll über den kaum Atmenden; Rebekka stand wie betäubt, die Türe in der Hand haltend. Als der Vater verstummte, schritt sie erbleichend auf den still Daliegenden zu, aber Isaak wehrte ihr näher zu treten. Beschämt den Blick an den Boden geheftet, stand sie dort, bis dieser Blick zufällig auf ihre goldenen Armbänder fiel. Hastig streifte sie dieselben ab, in einem Moment flog der Goldflitterbesatz ihres Kleides unter ihren Fingern zu Boden und die Handtrommel entsank ihren Armen. Sie empfand mit Schauder, wie seltsam ihr leichtfertiger Schmuck stimmte zu dem erhabenen Augenblick, in welchem die Seele ihres Vaters Abschied nahm von dieser Welt. Tränen traten über ihre Augen und behutsam schlich sie sich an den Sterbenden heran, seine kalten Hände mit ihren heißen Zähren zu benetzen. So kniete sie lange um den Sterbenden beschäftigt, der nur noch einmal die Kraft hatte: »Zu spät!« zu hauchen. Wer sie in dieser Stunde gesehen hätte, würde sie für die besorgteste, zartfühlendste Tochter gehalten haben, und selbst der, der sie auf der Straße tanzen sah, er hätte ihr nun verziehen, so sehr war ihr ganzes Wesen umgewandelt, so sehr schien sie ihren Lebenswandel zu bereuen. Die beiden Geschwister gaben sich flüsternde Winke, deuteten sich an, daß es mit ihrem Vater merklich zu Ende ging. Schon schien es den beiden, die jeden Atemzug des Sterbenden zählten, als stocke plötzlich die regelmäßige Hebung der väterlichen Brust, schon schlug Isaak die Hände vor die Augen, den Todeskampf des Teuren nicht mit anzusehen, da erhob sich dieser noch einmal und verlangte, durch entschiedene, nicht mißzuverstehende Winke, Stift und Papyrusrolle. Als der Sohn ihm dies gereicht, sah er, wie die krampfhaft zuckenden Finger seines Vaters bemüht waren, mit der letzten Kraft etwas auf die Rolle niederzuschreiben, da ihm bereits die Zunge den Dienst versagte. Isaak erriet, daß es sich um die geheime Türe des Schatzhauses handelte, er verfolgte den zuckenden Stift des Schreibenden mit glühenden Augen, ja er vergaß fast, daß er sich in der Nähe des Todes befand; die Aussicht, den Schatz zu erlangen, überwand in diesem Moment den Schmerz um das brechende Herz des Vaters. Mit Bestürzung jedoch bemerkte er nach einiger Zeit, daß unter den Fingern des Sterbenden fast völlig unleserliche Zeichen hervorquollen. Er deutete dies dem Vater an, frug, was dieses oder jenes Zeichen bedeuten solle. Dieser sah flehentlich zu ihm auf, als wolle er sagen: entwirre meine Schriftzüge, die Finger gehorchen mir nicht mehr. Darauf ließ er den Stift fallen, legte mühsam die kraftlose Hand auf Isaaks Haupt, sank zurück, zuckte noch einmal vom Munde an bis in die Zehen hinunter und tat keinen Atemzug mehr. Rebekka brach in heftiges, verzweiflungsvolles Schluchzen aus, während ihr Bruder in dumpfem, tränenlosen Schmerz die Züge des Verblichenen anstarrte. Das Mädchen konnte sich nicht fassen, sie zerriß ihr Kleid, schlug sich die Brust, warf sich zu Boden, kurz, gab sich dem leidenschaftlichsten Jammer hin. Erst nach vielen Stunden vermochte sich Isaak so weit zu fassen, daß er die Papyrusrolle, auf die der Tote die wirren Buchstaben geworfen, zu sich steckte, um sie vor dem Auge Uneingeweihter zu bewahren. Während seine Schwester das Gesicht des Toten mit ihren Tränen badete, ihn laut um Verzeihung bat, ihn beschwor, ihre Reue anzuerkennen und noch ein liebes Wort an sie zu richten, zog er behutsam das Schriftstück hervor, um die Zeichen zu enträtseln. Kaum jedoch hatte er sich einigermaßen in die Rolle vertieft, um seinen Kummer zu vergessen, so fühlte er, wie ihm dies fast allzu gut gelang, denn von nun an fand kein anderer Gedanke mehr in seinem Haupte Platz, als der, Besitzer der geheimnisvollen Reichtümer zu werden. Den ganzen Tag bis spät in die Nacht hinein saß er über der Rolle. Er vergaß Schlaf und Speise, überhörte die Mahnung seiner Schwester und bemerkte nicht, daß man die Leiche seines Vaters aus dem Zimmer getragen. Eine wahrhaft dämonische Goldgier hatte ihm das wichtige Blatt eingeflößt. Als ihm Rebekka Vorwürfe machte über seine Teilnahmlosigkeit, gewahrte er erst, daß die Leiche aus dem Zimmer verschwunden war. Da übermannte ihn denn freilich eine Art Rührung, doch diese war bald wieder verwischt, als sein Auge das verheißungsvolle Blatt streifte. Endlich nach langem Brüten sah er ein, wie unmöglich es ihm sei, diese Zeichen zu entziffern, die da auf dem Blatte tanzten; er mochte die Rolle drehen und wenden wie er wollte, sie mit dem spärlichen Lämpchen beleuchten, wie er wollte, sie gab ihm keinen Aufschluß. Die Aussicht, die Schrift nicht lesen und somit den Schatz nicht heben zu können, stürzte ihn schließlich in eine solche Verzweiflung, daß ihm Tränen aus den Augen quollen und er nach vielem ratlosem Überlegen seine Schwester weckte, die bereits Müdigkeit und Schmerz in einen fieberartigen Halbschlaf versenkt hatte. Er teilte der verstört Dreinschauenden das Geheimnis mit, so gut er dies in seinem Erregungszustand vermochte. Rebekka, durch diese Mitteilung völlig wieder in ihre frühere stürmische Lebenslust zurückversetzt, machte sich sofort über die Rolle her. »Du bist gescheit,« meinte ihr Bruder schmeichelnd, » ein Weib hat mehr Scharfsinn als zehn Männer; dir gelingt gewiß, was mir nicht gelingen wollte: in dies närrische Gekritzel Sinn zu bringen, die abgebrochenen Worte klug zu verbinden, auf daß ich genau die Stelle kennen lerne, durch welche ich in das Innere des Gebäudes dringe. Diese Stelle muß ich genau kennen, denn Zeit, zu suchen, läßt mir die Gefahr des ganzen Unternehmens nicht.« »Hier steht,« begann Rebekka, nachdem sie die Schrift überflogen, »gleich im Anfang folgendes: die Türe liegt über dem Wasserspiegel des Nil.« – »So weit kam ich ebenfalls,« bestätigte Isaak, »dies hatte mir bereits der Vater mündlich mitgeteilt. Weiter, lies weiter.« »Halt,« rief das Mädchen, »höre, ob ich recht erraten, dies Zeichen, welches aussieht wie eine betrunkene Mumie, soll heißen: suche –!« »Möglich, Schwesterlein! Entziffere das Folgende.« Sie sann über dem Blatt, ihre Lippen bewegten sich, ohne zu sprechen. Nach einiger Zeit flüsterte sie: »Suche in der Wandmalerei –« »Wandmalerei! könnte dieser Schnörkel, der einem vor Lachen geplatzten Nilpferd ähnlich sieht, heißen?« warf Isaak heiter dazwischen, »wahrlich, ich beneide dich um dein scharfes Auge, schlaues Weib.« »Es sind Hieroglyphen,« belehrte Rebekka, »die du nicht völlig verstehst; der Vater bediente sich von nun an der ägyptischen Schrift. Also: Suche in der Wandmalerei das Bildnis des Gottes Sebek, welcher sitzt auf einem Thron und dessen Haupt dasjenige des Krokodils ist.« »Wir kommen zum Ziel,« jubelte Isaak, »weiter, teure Schwester; ich möchte dich küssen, Mädchen. Warum gab ich dir diese Rolle nicht schon früher, wir wüßten bereits die Stelle.« »Es ist klar am Tag,« fuhr Rebekka lesend fort. »Da, wo der Gott seine Hand auf das Knie drückt, genau da, wo er die Lotosblume hält, befindet sich – o Bruder, höre nur! befindet sich die Stelle, auf welche du schlagen mußt. Alsdann wird sich der Stein, wenn du dich wider ihn stemmst, in seinen Angeln drehen, eine Öffnung freilassend, durch welche du bequem in den Mittelpunkt des Gebäudes gelangen kannst.« »Wir sind am Ziel,« murmelte Isaak, indem er die Faust auf sein pochendes Herz drückte, »wir sind reich, wir sind mächtig. O Schwester, dies Glück ist allzu groß, ich glaube noch nicht an seine Wirklichkeit. Gib acht! das ist alles nur ein schöner Traum, bald werden wir erwachen und so arm und elend sein wie zuvor.« »Möglich,« sprach Rebekka, mit mühsam errungener Gleichgültigkeit, »daß der Königsschatz längst nicht mehr in dem Hause ruht, oder daß diese Schrift uns belügt, da sie der Fieberphantasie eines Sterbenden ihr Dasein verdankt; jedenfalls solltest du dir Mühe geben, deine Aufregung zu dämpfen, Isaak. Wir sind noch lange nicht am Ziel; Fassung, kalte Überlegung müssen uns nun die Mittel und Wege zu diesem gefahrvollen Werke zeigen; nur wenn wir mit ungetrübten Sinnen an die Arbeit gehen, kann es uns gelingen, den Schatz zu heben. Hitze und List sind Feinde! Der Listige muß hart und kühl bleiben.« »Aber auch deine Wangen sind gerötet, auch dein Herz schlägt rascher, liebe Schwester,« sagte Isaak, sich mit Gewalt stille auf einen Stuhl niederlassend. »Doch hast du recht, Leidenschaft taugt nichts. Es kommt nun vor allem darauf an, wann wir den schwierigen Gang wagen wollen.« »Halt,« rief die Tänzerin plötzlich, »hier steht noch eine Bemerkung auf der Rolle, die ich übersah; rücke die Lampe näher.« »Nun, kannst du sie enträtseln?« »Es steht hier,« begann das Mädchen nach einigen Augenblicken, »du solltest ein Licht mitnehmen, denn die Gänge des Gewölbes seien natürlich völlig in Finsternis gehüllt; auch sollst du nicht vergessen, die Steintüre bei deinem Eintritt wieder hinter dir zuzudrücken.« »Versteht sich von selbst,« lächelte Isaak, wie berauscht, »oh! der gute, besorgte Vater.« Nun überlegten die beiden Geschwister, in welcher Nacht und zu welcher Stunde das gefährliche Unternehmen gewagt werden solle. Wenn sie den Weg nur einmal gemacht, war es wohl leichter, ihn auch öfter zu machen; nur das erstmalige Eindrangen in das Schatzhaus erforderte gründliche Beratschlagung, große Vorsicht, denn möglicherweise konnte der ganze Plan vernichtet werden, wenn etwa Wachen die Gebäulichkeiten umlagerten. Daß ihr Leben dabei auf dem Spiele stand, verhehlten sie sich nicht, doch schien ihnen der Gedanke, mit diesen königlichen Reichtümern ihr Elend in glänzendes, unermeßliches Glück verwandeln zu können, wohl wert, auch das Leben an die Ausführung zu setzen. Endlich kamen sie dahin überein, Isaak solle sich, wenn ihm seine Arbeit es vergönne, vor allem einmal die Gebäulichkeiten beim Lichte des Tages ansehen, damit der Weg bei Nacht desto leichter zu finden sei. Der junge Mann schlich sich denn auch heimlich um Mittag von der Ziegelbrennerei weg, gelangte auch glücklich bis vor die Pylonen des Gebäudes, kehrte aber mit der betrübenden Nachricht zu seiner Schwester zurück, die Paläste würden von Kriegern Tag und Nacht bewacht. Rebekka ließ deshalb den Mut nicht sinken; sie wolle, sprach sie, am Tage der Ausführung des Werkes, die bewachenden Krieger dergestalt mit ihren Tänzen bestricken, daß sie vergessen sollten, zu welchem Zweck sie eigentlich vor der Pforte der Paläste stünden. Isaak war damit einverstanden. Tagsüber wurde ihm bei seiner Arbeit von den Aufsehern mehr wie sonst Zerstreutheit, Langsamkeit vorgeworfen. Das Kneten und Herausstechen der Lehmerde wollte ihm gar nicht recht gelingen; zuweilen sogar, wenn er einen Geißelhieb empfing, zuckte es wie Trotz um seine Züge, als wolle er sagen: »Wartet nur ab, bald werdet ihr vor mir zittern, wie ich jetzt vor euch, denn diesen nackten Leib umrauscht bald assyrisches Purpurgewebe, dieser schwielige Fuß ruht bald auf vergoldeter Sandale, dieser Mund, der jetzt schmutziges Wasser schlürft, hängt bald an äthiopischem Goldbecher und schlürft köstlichen Wein.« Mit ironischem Lächeln nahm er die Scheltworte in Empfang, musterte gleichmütig die stolzen Beamten, erlaubte sich zuweilen spitzige Reden und fügte sich mit verdrossenem Lachen den Befehlen. Einmal, als er sich ein wenig von der Arbeit erholte, zog er die Rolle hervor, um, wie er öfter tat, die Ratschläge des Vaters zu durchfliegen. Diese Unvorsichtigkeit wäre ihm beinahe schlecht bekommen; der Oberaufseher nämlich, der ihn beobachtet hatte, riß ihm das Blatt aus den Händen. »Was liest der elende Ebräer?« schrie er, »Lesen ist Gift für euch; das macht euch klug, und wir können euch nur brauchen, wenn ihr wie die Tiere seid. Lesen die Hunde auch? Für jeden Buchstaben einen Geißelhieb; entblöße den Nacken.« Isaak erbleichte; wenn des Wütenden Blick auf das Geschriebene fiel – er war verloren. »Was ist das für ein erbärmliches Geschreibe,« höhnte der Beamte weiter, »laß mich es lesen –« »Herr,« stammelte der verwirrte Jude endlich, »es sind – es sind Gebete!« »Wie?« »Ebräische Gebete, die Euch gewiß nur langweilen oder gar empören, gebt sie mir zurück.« »Gebete?« lachte der Ägypter, »wirklich? O du frommer und getreuer Isaak.« Schon entrollte der Aufseher das Blatt, schon begann er nach dem Anfang zu suchen; Isaak sah das Henkerbeil dicht an seinem Halse, er streckte die Hand krampfhaft nach dem Blatt aus; seiner wie zugeschnürten Kehle entrangen sich ächzende Laute. »Es ist nicht zu entziffern,« sagte der Aufseher, und aus seinen Händen flog der Papyrus in das Feuer, welches sich in der Nähe befand, um allzu nasse Ziegel rascher zum Trocknen zu bringen. Mit welch erleichtertem Herzen Isaaks Auge der Vernichtung des verhängnisvollen Schriftstücks folgte, läßt sich denken. Als er gegen Abend zu Hause ankam, trat ihm Rebekka, ihre Erregung dämpfend, entgegen. »Sieh, Isaak,« flüsterte sie, »mein Tanzen brachte nur an diesem Tag genug ein, um eine Laterne mit allseitigem Glasverschluß und diesen Dolch zu kaufen. Beides werden wir brauchen können, denn ich wünsche, daß du, sobald die Nacht über den Dächern von Memphis hängt, den gefahrvollen Gang nach dem Schatzhause wagst.« Isaak erbleichte bei dieser Auseinandersetzung. Rebekka, als sie gewahrte, wie er die Ausführung gerne hinausgeschoben, versuchte zu lachen. Sie warf sich darauf an seinen Hals, liebkoste ihn, streichelte ihm die blassen Wangen und bat ihn, Mut zu fassen; sie wolle, sobald der Mond aufgegangen sei, sich an die Paläste heranschleichen, um dort die Wächter mit ihren Künsten zu umstricken; er solle sich, solange dies geschehe, im Schilf des Nil versteckt halten, bis sie ihn rufe. »Mut, Brüderchen,« lächelte die Schlaue, »du zitterst, wie eine kranke Tänzerin, wie kannst du den Anblick der königlichen Kostbarkeiten ertragen? Ihr Anblick wird dir den Erstickungstod bringen. Sei feierlich und stille, wie ein ägyptischer Priester, wenn er sich vor seinem Steingott verbeugt. Schreite dumm und gleichmütig durch die Straßen, wie der Stier Apis, wenn er in Prozession umhergeführt wird, und lasse keine Seele ahnen, was du in deinem Busen für glühende Plane nährest. Übrigens werde ich den Dolch zu mir stecken, denn deinen zitternden Händen entfällt er, ich aber, die Biene, brauche den Stachel.« »Glaubst du, ich sei so mutlos?« sagte Isaak, »wenn ich zittere, ist es vor Entzücken, vor Erwartung; alle meine Adern sind gespannt zu dem Werk, wie Bogensehnen.« Darauf führte ihn Rebekka heiteren Sinnes vor einen reich mit Speisen besetzten Tisch, indem sie ihm erklärte, ein befriedigter Magen sei die Triebfeder jeder großen Tat, ein leerer Magen bedinge einen leeren Kopf, und Gott habe nur deshalb die Welt so schön schaffen können, weil er nie Hunger zu leiden brauchte. Sie habe mühsam genug Wein und Braten ersungen, aber er solle unbesorgt essen, sie würde vom Zusehen satt. Isaak fiel mit staunenswerter Geschicklichkeit über die Speisen her, indessen sie sich an seiner Gier ergötzte. Endlich machte sie ihn darauf aufmerksam, daß die Schüsseln geleert seien, und daß der Mond am Himmel stünde; es sei Zeit, zum geheimen Wagnis zu schreiten. Eben wollte Isaak die Laterne ergreifen, da pochte es heftig an die Türe. Ohne den Willkomm abzuwarten, schritt ein königlicher Beamter, angetan mit dem gestreiften Kopftuch, ins Zimmer, indem er eine Papyrusrolle entfaltete und dieselbe den beiden Erschrockenen, die schon an Gefangennahme dachten, vorhielt. »Lest,« sagte er kurz, »habt ihr verstanden? Was steht das Judengesindel und starrt mich an, als sei ich eine dem Grabmal entstiegene Mumie?« Rebekka gewann zuerst wieder die Sicherheit ihrer Sinne. Sie überflog das Blatt und sprach darauf zu Isaak, während der Beamte die Rolle einsteckte: »Es ist allen Juden verboten, so kündet dieses Blatt, heute und morgen ihre Wohnungen zu verlassen, weil Ramses, der Sohn der Sonne, siegreich zurückkehrt aus der Feldschlacht gegen die Chetas.« »Ja,« sagte der Beamte, »eure Gegenwart soll den festlichen Aufzug nicht entweihen, ihr Schakale. Aber einen Kuß könntest du mir doch reichen, Jüdin, du bist verflucht hübsch; so malen sie die Göttin Isis holdlächelnd auf die Wände des Tempels. Komm, kleine, weiße Schilfschlange, laß dich fangen.« Rebekka wehrte lachend ab, während sich der derbe, braunrote Ägypter, von Begierde entzündet, wild an sie schmiegte, reiche Belohnung bietend. Bald kamen noch einige Ägypter, brachten Wein und stritten sich um den Besitz der Jüdin. Isaak suchte ärgerlich sein Lager; dies Hindernis kam ihm sehr ungelegen; er sann darüber nach, ob er es vielleicht umgehen könnte, während die lebenslustigen Zechgenossen Rebekka in ein Nebengemach zogen, aus welchem bald Gesang und Gelächter das stille Haus durchtobten. * * * Menes hatte indes keinen Tag vorübergehen lassen, ohne eifrig danach zu trachten, mit dem Mädchen auf irgendeine Art, an irgendeinem Ort wieder zusammenzutreffen; leider lange erfolglos. Eine glühende, verzehrende Sehnsucht bemächtigte sich seines träumerischen Gemüts; die Abwesenheit ihrer Gestalt hielt seine Phantasie in beständiger Spannung; im wachen Traume sah er sie vor sich; auf den Straßen ließ er kein Gesicht an sich vorüber, ohne es beobachtet zu haben. Es wurde ihm klar, daß sie ihn absichtlich mied. Eines Morgens war er, eine halbe Stunde oberhalb Memphis, am Nil auf und ab gewandelt, um ein astrologisches Werk zu studieren. Der Ort war still; rings vom hohen Schilfe eingerahmt, war er wie gemacht zum heimlichen Studierzimmer. Das Geflügel im Schilf plauderte in der Ferne, die Frösche sangen ihr eintöniges Lied herüber, das stille Leben der Wassertiere bot Anlaß zu manchen sinnigen Betrachtungen. Sollte man, sagte er zu sich selbst, nicht glauben, wenn man das behagliche Treiben dieser kleinen Geschöpfe im goldglänzenden Wasser beobachtet, es fehle ihnen nichts, sie seien völlig glücklich! Und doch lauert auf jedes dieser Wesen schon ein anderes, welches seiner zur Nahrung bedarf. Keines dieser Geschöpfe ist seines Daseins sicher, ihr Leben ist nur eine Galgenfrist, viele dieser Tiere entstehen nur, um größeren zur Speise zu dienen. Ein solches Stückchen Uferschilf ist ein verkleinertes Bild des Menschenlebens. Menes hatte sich eben niedergelassen, eine Schnecke vor den Bissen eines wurmartigen Weichtiers zu retten, als ein nicht sehr entfernter Schrei an sein Ohr schlug. Rasch sprang er auf. Das war ein menschlicher Schrei! Wer konnte hier in der Nähe sein? Vielleicht ein wasserschöpfendes Weib, das von einem Krokodil überrascht wurde? Doch Krokodile ließen sich in solcher Nähe der Stadt kaum mehr sehen. Er lauschte gespannt; der Schrei wiederholte sich nicht; brütende Sonnenhitze lag auf dem entfernteren, blitzenden Nil, leise säuselte das Rohr. Hatte er sich getäuscht? War es eine Vogelstimme gewesen? Er bog um ein dichtes Schilfgestrüpp, hielt die Hand vor das sonngeblendete Auge und gewahrte im Rohr, wie in einem Gitterwerk, zu seiner größten Überraschung eine Gestalt. Diese Gestalt stand aufrecht mitten im Wasser; ihr Haupt hing, von einem Tuche bedeckt, auf die Brust herab wie geknickt; ihre Füße verschwanden unter den Wellen; so stand sie, wie eine steinerne Göttin. Ja, es war ein Weib, das dort stand und rätselhafterweise nicht untersank. Er bog das Schilf völlig zurück – bei allen Göttern! war sie es? sie! die er suchte und nicht fand? Myrrah! Und in welcher Lage befand sie sich! Was wollte sie hier? Seine Brust hob sich gewaltsam, er trat bis dicht an das Wasser heran und rief hinüber: »Myrrah! was beginnst du? Wie kommst du hierher.« Sobald diese Worte verklungen waren, zuckte es sichtlich über die Züge des Mädchens, es duckte das Köpfchen noch tiefer herab und machte eine abwehrende Bewegung. Nun erst, als diese Bewegung den Körper des Mädchens und das sie umgebende Wasser erzittern machte, gewahrte Menes, daß sie auf einem schwimmenden Baumstamm stand, der sich langsam über die Flut erhob und einige grünliche Äste zeigte. Hatte sie freiwillig diese gefahrvolle Stütze gesucht? Oder hatte ihr der Stamm als Rettungsmittel gedient? Aber warum bemüht sie sich nicht, den Baum ans Ufer zu ziehen? Das hätte sie leicht vermocht, Gebüsche boten sich allenthalben. »Ich will dir helfen, das Ufer zu gewinnen,« rief er hinüber. Rasch knüpfte er mehrere lange Binsen aneinander und warf dies künstliche Seil auf den Stamm, der bis jetzt noch kaum zehn Schritte vom Lande entfernt war. »Fasse das Ende, so kann ich dich herüberziehen,« rief er erfreut, ihr diesen kleinen Dienst leisten zu können. Aber wie lähmte ihn das Erstaunen, da sie sich keineswegs nach den Binsen bückte, sie zu fassen! Sie fielen neben ihr nieder, sie blieb bewegungslos. »Tue mir die Freundschaft,« sagte er, »und fasse das Seil, ehe der Baum weiter in den Fluß hineinschwimmt.« Sie blieb teilnahmlos mit gesenktem Haupte stehen. »Was ist mit ihr geschehen,« murmelte der Erschrockene. Sie schien völlig bei Bewußtsein und dennoch glich sie eher einer Toten als einer Lebenden. Er wiederholte seine Bitte, sie möge das Tau fassen, dringender; schließlich, als er bemerkte, daß der Stamm leise dem Binsenseil entfloh, schrie er sie in heller Verzweiflung an; ja, er gebrauchte sogar zornige Worte, tadelte ihren Leichtsinn, beschwor sie, es sei ihre Pflicht, sich ihm zu retten. Alles umsonst, nichts machte einen Eindruck auf die Unglückliche. Plötzlich ließ sich rechts im Schilf ein eigenes Rauschen vernehmen; unheimlich knisterten die Halme, zuweilen knirschten die Steine oder Äste, als schleppe sich ein schwerfälliger Gegenstand über sie hin. Menes zuckte zusammen, seine Lippen wurden blau, er rang unwillkürlich die Hände – denn durch das Gestrüpp glänzte und bewegte es sich grün. Der grüne Koloß kam näher, seine Schuppen regten sich geschmeidig; Menes' Auge hing verzweiflungsvoll bald an der zarten Gestalt Myrrah's, bald an diesem furchtbaren Wasserbewohner, der Menschenfleisch witternd herankroch, seinen warzigen Eidechsenschwanz gemächlich durch die sich beugenden Halme nachschleifend. »Du bist verloren – ein Krokodil,« mehr vermochte er nicht hervorzustammeln. Sie sank immer mehr in sich zusammen und verhüllte ihr Haupt im Schoße, wie es schien, gefaßt dem Entsetzlichen entgegensehend, auf welches sie wohl gewartet hatte. Da erhob sie sich noch einmal zur Hälfte, reckte ihre Hand wie dankend gegen Menes aus und sank darauf in die vorige Stellung zurück. Menes stand anfangs wie gelähmt. Was sollte er von Myrrah denken? War das nicht das Benehmen einer Wahnsinnigen? Wenn es nicht Wahnsinn war, was ihm da gegenüberstand, so war es nichts anderes, als der feste Entschluß, zu sterben; dieser leuchtete aus ihren schmerzlichen Augen, dieser drückte sich durch ihr Betragen aus. »Aber sie soll nicht sterben,« tönte es in seinem Inneren. Noch war das Untier ziemlich entfernt, noch war Rettung möglich. Wie von Sinnen riß er das Binsenseil aus der Flut zurück, knüpfte eine Schlinge aus dessen Ende und schleuderte es noch einmal in das Geäst des schwimmenden Stammes. O, ihr Götter! laßt es dort haften! laßt die Schlinge fassen! betete er, das Leben zweier Menschen hängt an diesem Seil, denn ihr Tod ist auch der meine. Er zog. Wahrlich! die Götter waren gnädig! der Stamm bewegte sich, die Schlinge hatte gefaßt. Aber das Seil war schwach; er bemerkte, wie sich die einzelnen Binsen voneinander lösten, er wollte es übersehen; nur ziehen, ziehen, ehe sich der zähnestarrende Rachen des Ungetüms näherte; es muß gelingen, die Götter werden den dünnen Binsen Eisenfestigkeit verleihen. Langsam schwamm der Baum näher; das Krokodil im Röhricht wurde immer deutlicher sichtbar, es schien nicht geneigt, sich seine Beute entgehen zu lassen. Menes schleuderte Blicke auf dasselbe, als seien diese imstande, es zu vernichten. Jetzt endlich stieß der Stamm ans Land, zitternd hob er die Hingesunkene empor und trug sie auf seinen Armen im rascheste Lauf eine Strecke weit vom Ufer hinweg. Dort, außer dem Bereich des Tieres, ließ er sie am Fuß eines Hügels nieder, beugte sich über die völlig Erschöpfte und rief sie zärtlich beim Namen. Als sie hierauf keine Antwort gab, sondern ihr Haupt krampfhaft auf die Brust preßte, wagte er es, dasselbe langsam in die Höhe zu heben. Kaum hatte er sie berührt, so schnellte sie empor; ein bitterer Ausdruck spielte schmerzlich über ihre bleichen Züge. »Du hast mich gerettet,« sprach sie rauh, »warum tatest du dies? Hab' ich dich gerufen? Hab' ich deine Hilfe in Anspruch nehmen wollen? Nein.« »Myrrah, sprich nicht so verstört,« sagte er mit zitternder Stimme, indes sein Auge sich mit Tränen füllte. »Wie bist du verwandelt – hassest du mich denn?« »Ich dich hassen?« frug sie tonlos, wie im Traum. »Ja, es scheint, du hassest mich.« »Und wenn es so wäre –« »Myrrah – du – o ihr Götter –« »Sei ruhig,« lispelte sie, »du verstehst mich falsch – ich hasse dich nicht, sondern ich müßte dich hassen.« »Warum suchst du den Tod, Unglückselige?« »Eben weil ich dich hassen muß,« klang es kaum hörbar aus ihrem Munde. Dann lächelte sie seltsam. »Was kümmert es dich,« lächelte sie, »sei fröhlich mit deinen Zechgenossen, erzähle ihnen, wie du ein armes Mädchen zum Narren gehabt; das wird sie erheitern, besonders wenn du sagst, es sei eine Jüdin gewesen. Sei wie die übrigen; beschimpfe mich doch, das ist bei weitem klüger. Hörst du?« Darauf eilte sie mit fliegenden Schritten von dannen, Menes in einem Zustand völliger Trostlosigkeit, tiefster Bestürzung zurücklassend. Sein Geist war ihm wie gelähmt; schwankend, einem Trunkenen ähnlich, folgte er der Fliehenden. Als er einige Tage später das Haus Myrrahs aufsuchte, um sich Aufklärung über ihr seltsames Benehmen zu holen, sagten ihm die Bewohner desselben, Myrrah habe das Haus verlassen, kein Mensch wisse, wohin sie sich gewendet. Viertes Kapitel Am Südende der Stadt liegt an den blühenden Ufern eines Nilkanals das palastartige Haus der reichen Witwe, der Mutter unseres Freundes Menes. Aus dichtem Blättermeere hebt sich strahlend, farbenschimmernd, Säule, Halle und Dach der Wohnung. In demjenigen Gemach, von welchem aus man den Blick auf den weithin ausgedehnten, blumenduftenden Garten der Villa genießt, sitzt die alternde Dame auf vergoldetem, mit rotem Polster belegten Stuhl, vor dem reich eingelegten Tisch, auf welchem in zierlichen Körben Früchte glühen, während ägyptische, äthiopische und ebräische, meist nackte Sklavinnen beschäftigt sind, die welkenden Reize der Matrone mit dem Duft der Jugend zu umheucheln. Eine schwarze Sklavin befeuchtet die runzlig werdende Haut der Dame eifrig mit ölartiger, duftender Salbe; eine andere tupft rötlichen Farbstoff auf ihre Wangen, während eine am Boden Kniende ihr den, mit einem Katzengesicht verzierten, Spiegel vorhält und eine hinter ihr Stehende den Halskragen ordnet, welcher die allzu breite Brust kunstvoll verdecken soll. Das Gemach ist reich bemalt; schöne Vasen, kostbare Glasgefäße, Statuen, Leuchter zieren seine Wände, Polster laden zum Ruhen ein; vor dem geöffneten Fenster hängt ein durchsichtiges Netz, das den Durchblick auf den sonnenschimmernden Garten, das Einströmen seines Duftes erlaubt, aber den Insekten verbietet, sich der empfindlichen Haut der Herrin zu nähern. Auf einem vergoldeten Stabe wiegt sich ein schillernder Papagei, unaufhörlich schreiend: »Iß und sei fröhlich.« Rotgelb eingefaßte Decken wehen von mehreren mit Schmuckgegenständen belegten Zederholztischen, indes viele Gestelle an den Wänden mit den Kleidern der Herrin behangen stehen. »Hassura, trage stark auf,« lispelt die vornehme Dame, »ich glaube, auf der Stirne will sich eine Falte bilden.« »O nein,« versichert eifrigst Hassura, obgleich sie selbst die Falte erschrocken wahrgenommen, »o nein! was Ihr für eine Falte haltet, ist nur ein vorübergehendes Weichwerden der Haut. Meine schöne Herrin ist so glatt wie die Blätter der Lotosblume, ihre Stirne ist eben wie die Wasserfläche des Teiches und die Scheibe des Metallspiegels, in welchem sie sich beschaut.« »O Gebieterin!« schreit plötzlich Assa, die Äthiopierin auf, »bei allen Göttern! – ich wage es kaum auszusprechen!« – »Was hast du? – Rede!« sagt die Dame, ängstlich nach ihrem Haupte greifend, auf welchem Assa die Haare ordnet. Assa läßt den Kamm zu Boden sinken, dann stammelte sie: »Ich bin unschuldig daran,« und sinkt ihrer Herrin zu Füßen. »Wirst du endlich sprechen?« sagt diese. »Wieder ein graues Haar,« tönt es von Assas erschrockenen Lippen. »Wie sprichst du? Du lügst!« entgegnet ihr entrüstet Asso, die Herrin, »wenn du lügst, ich lasse dir die Brüste mit glühenden Nadeln durchstechen.« »Hier, hier! o seht, Gebieterin, ob ich lüge,« beteuert angstvoll die Zofe, indem sie den Gegenstand des Entsetzens, ein unschuldiges, weißes Härchen, wie ein giftiges Insekt, zwischen Daumen und Zeigefinger feierlichst der Herrin vor die Augen hält. Diese schüttelte ärgerlich den Kopf. »Verbrenne es, Assa,« sagt sie endlich resigniert, nachdem sie nach genauer Untersuchung sich von der Wahrheit überzeugt. »Verbrenne es, und daß Metophis, der höchste Kanalbeamte, und Metro, der Nomarch, nichts davon erfährt, ihr Lieben. Wehe derjenigen, die plaudert – sie stirbt! Bei Isis! sie stirbt, denn der Nomarch gab mir gestern leise zu verstehen, daß er nicht abgeneigt sei, um meine Hand anzuhalten. Diese bekommt er nun freilich nicht, jedoch will ich mir keinen Liebhaber und Schmeichler verscheuchen, was graue Haare unfehlbar imstande sind. Netkro, die Perücke! Ich will von nun an eine Lockenperücke tragen.« Während man nun beschäftigt ist, Ketten und Skarabäen an den Gewanden der Gebieterin zu befestigen, berichtet ein mittlerweile eingetretener Sklave, daß bereits ganz Memphis auf den Beinen ist, den Festzug des siegreichen Ramses zu bewundern. Ramses habe den rückständigen Tribut von den Chetas durch eine einzige Schlacht erzwungen; der feindliche König sei selbst in die Hände des Siegers gefallen und werde den Festzug mit seiner Gegenwart zieren. Die vornehme Dame ist nämlich im Begriff, diesen Zug mit anzusehen; draußen vor dem Tor, das auf den Nilkanal hinausführt, harrt bereits die rot-, gold- und blaubemalte Barke, geführt von zwölf starken Ruderern. Sobald Asso vernommen, Memphis dränge sich bereits in buntem Gewühl durch die Straßen, kann sie ihre Ungeduld kaum mehr beherrschen. Die Nadeln werden zu langsam gesteckt, oder ritzen gar ihre Haut, die Sandalen wollen nicht sitzen, das Kopftuch hängt schief, kurz, keine der vorsichtigen Dienerinnen bedient sie zur Zufriedenheit. »Beeilt euch, ich komme zu spät,« mahnt sie unaufhörlich, mit den Füßen aufstampfend, ja zuweilen mit der flachen Hand Schläge austeilend, wenn sie glaubt, die Zofe sei allzu ungeschickt. Eine schlanke Assyrerin läßt die Armspange fallen. »Fort mit ihr!« befiehlt die Gebieterin wütend, »geißelt sie, bis sie blutet!« Man führt die Halbohnmächtige weg; die anderen Frauen wagen kaum zu atmen, wie ein Bann liegt es über dem Zimmer, alle schauen zitternd auf die Mächtige. Endlich ist das schwierige Werk des Ankleidens vollendet; die Dienerinnen atmen auf; sie erhebt sich. »Als ich noch bei Hofe weilte,« sagt sie, sich betrachtend, »sprach der König öfter zu mir, ich verstünde wie keine andere mich vorteilhaft zu schmücken.« Bei dem Worte »Hof« geht ein Ehrfurchtsschauer durch die ganze Dienerversammlung. Da dringen von fernher seltsame Töne in das Gemach, Töne, welche den Dienerinnen kalten Schweiß erpressen. Furchtsam schauen sie sich an; sie wissen, woher die Töne kommen, sie wissen, wer sie ausstößt. »Ei! ei! ich glaube, da stöhnt ein Weib,« sagt Asso vergnügt, »kann mir eine von euch sagen, wer so erbärmlich schreit?« »Herrin, du selbst gabst den Befehl: man solle die kleine Assyrerin –« erwiderte eine der Frauen. »Ah!« unterbricht sie die Witwe, »weil sie das Armband beschädigt? – geißeln? richtig. Nun, es ist gut!« Nach einiger Zeit werden die Schmerzensschreie der Gegeißelten dringender. Asso tut, als höre sie dieselben nicht. »Reiche mir eine der Früchte,« sagt sie und beginnt zu essen. »Ei, singt mein Vogel lieblich!« lacht sie, als die Gemarterte erbarmungswürdige Laute ausstößt. »Mein verstorbener Gatte,« fügt sie dann hinzu, »lobte meist die Art, wie ich das Kopftuch so geschickt zu tragen wisse. Hassura, rücke mir das Tuch noch ein wenig nach links – so, jetzt sitzt es recht. Ja! als ich noch bei Hofe weilte,« (das »Hof« wird besonders betont) »das war eine Zeit. Ihr albernen Geschöpfe würdet vergehen in Demut, wenn ihr diese Pracht jemals zu sehen bekämt.« Im Vorgefühl ihres Triumphes und des Eindrucks, den sie auf die Zuschauer des erwarteten Festzugs zu machen hoffte, beginnt sie leutselig zu werden, verschenkt kleine, abgenutzte Schmuckgegenstände und liebkost ihren Papagei. Plötzlich wendet sie sich an den eben eintretenden Verwalter ihres Landsitzes, einen ältlichen Assyrer: »Belises, ich bekam meinen Sohn Menes seit fast vierzehn Tagen nicht zu Gesicht. Hast du eine Ahnung davon, wo er sich, der Schwärmer, umhertreiben mag.« »Nein, gnädige Herrin,« erwidert sich tief verbeugend der Verwalter, »mir ist ebenso unbekannt wie dir, wo Menes verweilt. Zum letzten Male sah ich ihn im Tempel des Apis seinen Morgengottesdienst verrichten, dann entschwand er meinen Augen.« »Rätselhaft,« sagte die Witwe, »er scheint mich zu fliehen. Nun ja! es ist Wahrheit, unsere Art hat nichts Ähnliches, unsere Gedanken und Empfindungen gehen völlig verschiedene Wege; auch muß ich offen gestehen, ich fühle mich nicht zu ihm hingezogen. Jedoch zeigen sollte er sich mir zuweilen; das erfordert Austand und Sitte.« »Herrin,« begann der Verwalter nach einigem Schweigen, »du sprachst gestern davon, Menes solle sich vermählen. Du warfst diese Äußerung in gleichgültigem Tone hin. Oder sollte deine Absicht, ihn zu verheiraten, ernstlicher sein als es schien?« »Du erinnerst mich an das Wichtigste, Belises,« sagte die vornehme Dame, »es ist Zeit, daß Menes die Ämter seines Vaters übernimmt und sich ein ihm an Rang gleichstehendes Weib sucht. Er hat seine Studien im Priesterkolleg des Ptah-Tempels zu Memphis vollendet, er hat alle Schätze der Weisheit gehoben, er hat sich umgesehen in der Astronomie, der Mathematik, der Medizin, er hat gelernt einen Krieg zu führen und einen Staat zu lenken; es ist Zeit, daß er seine Kenntnisse praktisch verwertet; er darf nicht länger den Müßiggänger spielen.« In diesem Augenblick trat ein Sklave ein und meldete: Metro, den Nomarchen von Memphis, der im Vorzimmer warte, die Gebieterin zu dem bevorstehenden Festzug abzuholen. Kaum hatte der Sklave den Namen des Nomarchen genannt, so überflog ein aufgeregtes, süßliches Lächeln die herben Züge der Matrone. Sofort ward der Befehl erteilt, die Züchtigung jener Sklavin, die das Armband zu Boden fallen ließ, einzustellen; Belises ward entlassen mit der Vertröstung, heute abend würde sie sich noch einmal mit ihm über die Angelegenheit ihres Sohnes besprechen. »Wie? Er?« stieß sie hervor. »Rasch noch etwas Schminke auf meine Wangen, Assa. Aber so zerknittere mir den Kragen nicht, Assura. O ihr plumpen Geschöpfe, es könnte schon geschehen sein.« Sie fächelte sich Kühlung zu, ließ noch einmal mit einer mädchenhaft eiteln Hast ihren Anzug im Spiegel ordnen und besann sich, indem sie auf die Türe zuschritt, auf eine liebenswürdige Empfangsphrase. Schon hatte sie die Türe in der Hand, da stieß sie zurückschreckend einen Schrei aus, denn vor ihr stand, dicht in einen Mantel gehüllt, eine schlanke Gestalt. Die Gestalt schlüpfte behutsam in das Gemach, ehe man ihr den Eintritt zu wehren vermochte. Sprachlos vor Entrüstung sah Assa mit an, wie die Eingedrungene ihren Mantel ablegte, eine tiefe Verbeugung vor ihr machte, ihren zierlichen Fuß, ohne zu fragen, auf einen rotgestickten Schemel setzte und sich endlich als: Rebekka, die jüdische Tänzerin, vorstellte. »Und mit welchem Rechte trittst du unaufgefordert, unangemeldet in mein Zimmer, Jüdin?« herrschte sie die vornehme Frau an. »Weißt du, daß ich dich von meinen Dienern dürfte hinauspeitschen lassen, du unsäglich unverschämte, ehrlose Tänzerin? Rasch, verlasse dies Gemach, das du entwürdigst durch dein Hiersein!« »Um Verzeihung, hohe Frau,« sagte Rebekka listig lächelnd. »Ihr werdet ganz anders sprechen, sobald ich Euch den Grund meines Hierseins melde.« »Nun? Ich bin begierig zu hören, was mir eine Jüdin zu melden hat.« »Was ich zu sagen habe, betrifft Euren Sohn.« »Menes?« »So ist es.« »Rede.« »Nicht vor Zeugen, nur Euch allein darf ich anvertrauen, was ich über ihn weiß.« »Unnötige Vorsicht, Jüdin, rede.« »Es betrifft ein Geheimnis, kaum für die Ohren der Mutter bestimmt, geschweige für die der Sklavinnen,« sagte Rebekka mit auffallendem Ernst. »Du scherzest, Dirne.« »Ihr werdet bald erleben, daß mein Scherz sehr bitter schmeckt.« »Willst du drohen?« »Fast könnte ich es.« Asso besann sich; schon hatte sie durch einen Wink den Befehl gegeben, die Jüdin aus dem Zimmer zu weisen, als ihr der gewichtige Ausdruck im Gesichte der Tänzerin doch einige Neugierde erweckte. Sie gab ärgerlichen Befehl, sie mit der Jüdin allein zu lassen und warf sich dann in imponierender Lage auf einen Diwan, das Gesicht von der Tänzerin abgekehrt. »Sprich,« flüsterte sie, wie ermattet, indem sie einen Strauß zerpflückte, der ihr zufällig in die Finger geraten war. »Aber fasse dich kurz, ich habe nicht Zeit, dein Gerede mit anzuhören, das schließlich doch nur auf eine Bettelei hinauslaufen wird.« »Vorerst muß ich darum bitten,« sagte Rebekka, sich bescheiden auf einen Stuhl niederlassend, »daß Ihr mich nicht verratet, hohe Frau. Uns ist verboten, am heutigen Tage auszugehen; mich könnte nur die Wichtigkeit meiner Nachrichten, die ich Euch zu bringen habe, dazu verleiten, diesem Befehl zu trotzen.« Asso winkte bejahend mit dem Fächer. »Also von meinem Sohne, wenn du die Gefälligkeit hast,« setzte sie mit ironischer Höflichkeit hinzu. »Gewiß, von Menes,« lächelte die Jüdin. »Gute Frau, Ihr tätet besser, Euch auf das, was ich zu sagen habe, vorzubereiten, denn ich glaube, die unerwartete Offenbarung, die ich geben muß, möchte Euch ein wenig unsanft aus Eurer verachtungsvollen Gelassenheit aufrütteln.« Die Witwe warf den Kopf zurück, als wolle sie andeuten: sie in Erstaunen zu setzen, sei ein Ding der Unmöglichkeit. Ebensogut könne man eine Pyramide erschüttern. Ein höhnisches Lächeln glitt über das Gesicht der Dame. »Euer Sohn Menes liebt!« warf nun Rebekka mit möglichster Gleichgültigkeit hin. Da war es bereits um die Gelassenheit der vornehmen Dame geschehen, sie ließ den Strauß fallen, mit dem sie gespielt, und sah ihrem Besuch groß ins Antlitz. »Was wagst du zu behaupten,« sagte sie nach einiger Zeit dumpf. »Menes liebte, ohne meine Erlaubnis? Du weißt nicht, was du redest, ich fürchte, ich sitze einer Wahnsinnigen gegenüber. Ich kenne meinen Sohn.« »Ihr kennt ihn? Es tut mir leid, Euch sagen zu müssen, daß ich ihn besser kenne wie Ihr, hohe Frau. Er liebt. Ja! das tut er,« lachte Rebekka mit Behagen, »und zwar liebt er – erschreckt nicht zu sehr – eine meiner Abstammung. Nun? Ihr schweigt? Ihr erblaßt? Das hattet Ihr wohl nicht erwartet? Ja, ja! Die Liebe ist eine seltsame, schlaue Erfindung der Götter. Sie brennt wie Schlangengift und kühlt wie Honig. Sie macht uns zu Narren und Weisen zugleich. Freilich, Menes hätte so vernünftig sein sollen, von Euch zu erfahren, auf wen er die Glut seines Innern lenken solle, doch die Göttin der Liebe, die katzenköpfige Sechet, läßt sich nicht gebieten, sie brütete in der Glut des Mittags schwüle Dünste aus, die sie Eurem Menes ins Herz träufelte, sie leckte mit ihrem niedlichen Katzenköpfchen und, ehe sich's der arme Junge versah, verwandelte sie ihren Katzenkopf in den des Löwen – da liegt er nun, zerrissen von den Klauen der Unbarmherzigen.« »Du lügst! Du lügst! Du lügst!« unterbrach Asso schreiend die Sprechende, indem sie sich tigerartig emporschnellte und mit ihren zu Krallen gekrümmten Fingern die Polster zerkratzte. »Wiederhole mir noch einmal diese abscheuliche, echt ebräische Lüge, du weiße, glatte Schlange, und ich will dir die Augen ausreißen, ich will dich in den Morast des Nil werfen, daß dir das Getier dein verfluchtes Fleisch benagt. Mein Sohn verachtet so sehr, wie ich, euch schmutzige Insekten, die ihr am Ufer des Nil nur geduldet seid, die ihr jeden Augenblick fürchten müßt, ausgerottet zu werden, wie faules Unkraut. Ich sage dir, du lügst! Menes ließ sich nicht so tief herab, und wenn er vielleicht einmal eine eures Stammes für schön gefunden, so mag dies sein; seiner Jugend verzeiht man Schwärmereien, die Göttin Sechet will auch bedeutungslose Opfer haben. Doch merke dir, daß zwischen Liebe und Liebe ein Unterschied ist. Nie begehrt er eine Jüdin zum Weibe, mein Sohn, nie! Und wenn ich wüßte, daß er diesen Plan gehegt, wenn ich wüßte, daß er – eine Jüdin – – ha!« Sie warf sich ermattet auf die Polster zurück, ihren Halsschmuck zerreißend und ihn mit wütender Faust in das Zimmer schleudernd, daß die Perlen von den Steinfliesen in die Höhe tanzten wie betrunkene Sklaven. Kaltblütig, aber mit versteckter Lust im rachsüchtig leuchtenden Auge, reichte nun Rebekka der Witwe einen Siegelring, den ein smaragdener Käfer zierte. »Erkennt Ihr diesen Ring?« frug sie. »Diesen Ring –? Es ist – es ist der seine,« keuchte Asso. »Woher hast du ihn? Du hast ihn gestohlen! Gestehe es ein.« »Vor allen Dingen laßt meinen Arm los, Herrin,« sagte Rebekka, »ich gehe Euch nicht eher davon, bis Ihr die ganze Begebenheit kennt. Es bereitet mir viel zuviel Freude, Euch in den geheimnisvollen Lebenswandel Eures wohlgeratenen Sohnes einzuführen.« »So weißt du mehr über sein Leben wie ich?« frug Asso, den Arm ihrer Quälerin loslassend. »Hört mich an,« sagte diese. »Ich will dir zuhören,« sprach die Witwe resigniert. »Erzähle mir alles, was du weißt! Du scheinst mir aufrichtiger zu sein, als mir anfangs schien. Gib mir deine Hand und nimm die Versicherung, Jüdin, daß ich dir, wenn du mir wahrheitsgetreu berichtest, was mein Sohn ohne mein Wissen getrieben, ebenfalls Dienste leisten werde, auf welche Art es auch sei. – Verzeihe, daß ich mich hinreißen ließ.« »Gut,« entgegnete ihr das Mädchen, »darauf gehe ich ein, denn Ihr könnt Euch denken, daß ich nicht ohne selbstische Absicht hierhergekommen. Meine Mühe, die geheimen Pfade Eures Menes auskundschaftet zu haben, fordert Belohnung.« »Und woraus soll diese bestehen?« »Macht es möglich, daß ich in die Nähe des Königs komme,« erwiderte ihr die Jüdin, »ich brenne vor Verlangen, dem Sohn der Sonne meine Tanzkunst vorzuführen. Wenn Ihr dies bewerkstelligt – und ich weiß, Ihr könnt es, denn Ihr seid mächtig – dann bin ich Euch die ergebenste Freundin, dann sollt Ihr erfahren, was in und außer Memphis vorgeht, – denn, wie Ihr wißt, erfahren wir Mädchen gar manches Geheimnis, um das uns des Königs Statthalter beneiden könnte, – dann bin ich erbötig, Euch Eueres Sohnes Abenteuer bis auf den letzten Grund zu enthüllen.« Asso fühlte sich ein wenig geschmeichelt, als nun Rebekka begann, den Reichtum, die Schönheit und den Einfluß ihrer, wie sie sich ausdrückte, Beschützerin zu preisen; Rebekka, welche dies nicht ohne Genugtuung bemerkte, fuhr fort, ihre Schmeicheleien stärker aufzutragen. Sie lobte die glänzende Hautfarbe, den prächtigen Schmuck der Dame, ja ihr Lob erstreckte sich schließlich bis auf den Papageien und die Hauskatze herab. Asso versprach daraufhin, ihre Freundin dem Könige, durch Vermittlung des Oberpriesters Psenophis von Theben, vorführen zu lassen; Psenophis komme in einigen Tagen nach Memphis, um die Tempel zu inspizieren; sie werde ihn alsdann besuchen. Hierauf warf sich die Jüdin dankbar vor der Dame nieder, verschämt lächelnd um die Hände ihrer huldreichen Beschützerin bittend; dieselben wurden ihr gnädigst überlassen und sie drückte einen dankbaren Kuß auf diese. Rebekka begann nun auseinanderzusetzen, wie sie mit Menes schon öfter zusammengetroffen und wie sie belauscht habe, daß er Myrrah, eine ihrer Freundinnen, zuweilen besuche. Myrrah habe sich anfangs entschieden der Liebkosung ihres Freundes entzogen; Menes sei von da an stets die Straßen und Plätze auf und ab gewandelt, auf welchen sich Myrrah am meisten aufgehalten. Endlich nach langer Zeit sei es dem armen Liebeskranken geglückt, den Gegenstand seiner Sehnsucht aus dem Rachen eines Krokodils zu retten; hierbei erst habe er sie wieder einmal gesprochen. »Und das Endergebnis dieser Zusammenkunft?« frug die Witwe gespannt. »Beide trennten sich voll Feindschaft,« fuhr Rebekka fort, »Menes verlor die Spur des Mädchens gänzlich.« »Den Göttern sei Dank!« rief Asso, »vielleicht ist sie tot; er wird seine unsinnigen Absichten aufgeben, wenn er sie nicht mehr sieht.« »Ihr irrt, hohe Frau,« entgegnete Rebekka lächelnd, »er verfolgt seinen unsinnigen Plan nur mit glühenderem Eifer.« »Wie? Und sie –? die Verführerin – Myrrah lebt noch?« »Sie lebt; höret, auf welche Weise sie sich wiederfanden.« Bis dahin hatte Asso ziemlich ruhig der Erzählung zu gehört, sie schien kaum beunruhigt, denn sie nahm den Liebesdurst ihres Sohnes hin wie eine leichte Kinderkrankheit, von der jeder einmal befallen wird; sie lächelte sogar darüber, indem sie vor sich hin murmelte: »Ei! ei! das habe ich nie hinter seiner strengen Außenseite gesucht! Tut nichts. Wird bei Hof sein Glück machen.« Als nun aber Rebekka das Folgende vortrug, veränderten sich die bisher sanften Züge Assos bis zur Entstellung; Wut sprach aus ihrem Auge und sie durcheilte mit fliegenden Schritten das Gemach, Vasen und Glasgefäße, die ihr im Wege standen, zertrümmernd. Rebekka nämlich erklärte der Wütenden rund heraus, Myrrah befinde sich seit gestern fast unter einem Dach mit ihrer zukünftigen Schwiegermutter; Menes halte das Kind im äußersten Gartenpavillon, der dicht an den Nilkanal stößt, verborgen. Dies fand Asso natürlich unbegreiflich. »Wie kann er die Frechheit haben,« schrie sie. »Wie ist solches möglich! Wie kann die Dirne dort hingelangt sein. Rede, denn ich muß der Sache auf die Spur kommen.« Rebekka erzählte folgendes: Myrrahs Blumen hatten eines Abends spärlicher denn je Absatz gefunden. Nur ein Sträußchen hatte sie an einen dreisten, jungen Krieger, einen Bogenschützen, verkauft. Unter allerlei anzüglichen Scherzen wählte er den Strauß, und nachdem er, um recht lange in ihrer Nähe verweilen zu können, die Blumen wüst untereinander geworfen, ging er endlich, sich entschuldigend, er könne nicht zur Wahl kommen, die Blumen seien welk. Myrrah empfand Scheu vor seinen häßlichen Scherzen, vor seinen eigentümlich wilden Blicken; sie atmete auf, als er gegangen. Mit trübem Lächeln raffte sie ihre duftende Ware zusammen, den Heimweg zu suchen. Doch kaum hatte sie das Judenviertel betreten, so hörte sie Tritte hinter sich. Erschrocken blieb sie stehen. In der Dunkelheit gewahrte sie eine Gestalt, die auf sie zuschritt. Sie nahm allen ihren Mut zusammen und entfloh so hastig, als es ihre Müdigkeit und ihr Blumenkorb erlauben wollten. Sie hatte noch nicht ihr Haus erreicht, da fühlte sie sich von hinten um die Hüfte gefaßt; daß Menes nicht so keck sei, wußte sie; ein ihr fremder Mensch, den sie bis jetzt noch nicht erkennen konnte, schmiegte sich unter glühenden, wilden Liebkosungen und Gebärden, die ihr Ekel erregten, an sie. Der Schrecken schnürte ihr die Stimme im Halse fest, sie wagte nicht, sich umzusehen; als sie dies dennoch tat, erkannte sie ihren Blumenkäufer, den jungen Bogenschützen. »Ich habe dich belauscht,« sagte er keuchend, »vergib mir, schöne Jüdin. Mein Gebein zerschmilzt in Liebe zu dir, erlaube, daß ich dich nach Hause geleite.« »Laß mich meiner Wege gehen,« jammerte die Hilflose, »ich mag nicht mit dir verkehren; du weißt, wie strenge die Gesetze den bestrafen, der das tut, was du im Begriffe bist, zu tun. Hinweg!« Der junge Ägypter hörte nicht auf ihre Drohung. Myrrah, ihrer nicht mehr mächtig, sank in die Knie, die Hände flehentlich zu dem vor Begierde Rasenden emporhebend. Dieser packte sie am Arm und schleifte sie nach sich, um sie in eine völlig finstere Querstraße zu zerren. Des Mädchens Sinne umwölkten sich, sie fühlte, wie der Wütende hastig versuchte, ihr den Mantel von den Gliedern zu reißen; in diesem Augenblick aber sah sie dicht neben sich den Blitz eines Stahles aufflammen. Ein ihr wohlbekannter Arm drängte sich zwischen sie und ihren Verfolger; ein Schrei schlug an ihr Ohr; Blutstropfen spritzten feuchtwarm über ihr Gesicht, und der unverschämte Lüstling lag stöhnend am Boden. »Soweit,« schloß Rebekka ihren Bericht, »sah ich aus meinem Versteck die Szene sich abspielen; erratet Ihr, hohe Frau, wer der Retter des Mädchens war?« »Glaubst du in der Tat, Menes habe dem jungen Ägypter seinen Raub entrissen?« frug die Witwe. »Ich möchte darauf schwören,« entgegnete die Jüdin. »Wie kann sich,« sagte Asso, »der Junge so sehr hinreißen lassen! Als wäre es die Tugend einer Jüdin wert, einen Ägypter darum zu töten. O ihr Götter! warum kam Menes nicht eine Viertelstunde später, er hätte ja alsdann noch immer Zeit gehabt, den Krieger zu töten, und Myrrah – meinetwegen – im Nil zu ertränken.« »Die Liebesgöttin hat es anders beschlossen,« erwiderte Rebekka, nicht ohne einen Zornblitz im Auge, als sie in das kühle, lieblose Gesicht der Witwe schaute. »Ich fand,« fuhr sie fort, »als ich später den Schauplatz des Vorfalls betrat, jenen Ring, den, wie Ihr selbst sagtet, Menes getragen. Ich konnte meine Neugier nicht zähmen; den beiden nachschleichend, sah ich, wie der junge Mann die wieder zu sich gekommene Myrrah unterstützte, bis sie fähig war, mit seiner Hilfe langsam weiter zu schreiten. Ich folgte dem Wege der beiden durch die Stadt, die Richtung desselben verlor ich jedoch bald. Er verschwand mit seiner süßen Begleiterin hinter einem Gebüsch und ich sah ihn nur noch einmal in der Nähe deines Gartens, Herrin, als er die sich sträubende Myrrah auf seinen Armen weitertrug. Ihr weißer Mantel schimmerte hell durch die Nacht; rasch floh er dahin und nur zu schnell war er meinen Blicken entschwunden.« »Und du glaubst,« sagte Asso, »er hätte seine lebende Last hier in meinem Garten verborgen? Hältst du eine solche, an Tollheit grenzende Kühnheit für möglich?« »Was ist dem Liebenden unmöglich?« lachte Rebekka. »Ein Liebender ist ein Wahnsinniger, weiß das meine schöne Herrin nicht aus Erfahrung? Bei Hofe, sollte ich denken –« »Stille,« gebot Asso mit Würde, »bleibe ernst bei der ernsten Sache. Jedenfalls,« setzte sie dann dumpf hinzu, »ist deine Beobachtung eine Untersuchung wert – und wenn es sich herausstellt, daß – wenn Menes wirklich – wenn diese Jüdin unter meinem Dach! O! beim ewigen Sonnenglanz, ich will« – ihre Stimme verlor sich in unverständliches Wutgestammel. Sie ballte die Fäuste und stampfte mit dem Fuß auf. Rebekka sah mit stillem Triumph, wie der Stolz der Vornehmen litt, sie gönnte ihr diesen Ärger recht von Herzen. Als ein Sklave eintrat, um an den wartenden Nomarchen und das Fest zu mahnen, ließ Asso dem Vornehmen sagen, sie sei verhindert ihm zu folgen, heftiges Kopfweh mache es ihr unmöglich, er möge sich heute ohne sie behelfen. »Ich liebe meinen Sohn,« hörte dann Rebekka die Mutter vor sich hinmurmeln, »ich liebe ihn, ich möchte ihn erhoben sehen über die Häupter der Menschen; nicht an Kleinliches soll er sein Herz hängen, seine Kräfte verschwenden; beim Sonnenlicht! es ist Zeit, daß er sich von hier weg nach Theben verfügt, damit er aus diesem tatlosen Hinbrüten herausgerissen wird, damit er nicht Zeit behält, an unwürdige Zerstreuungen oder Jugendtorheiten zu denken, sondern, daß er seine Talente bewährt, vor den Augen seines Monarchen. Doch dieser Judenliebesgeschichte will ich sofort ein Ende machen.« Eben wollte sich die Witwe anschicken, einen Plan mit der Tänzerin zu entwerfen, um die geheimnisvollen Liebesabenteuer ihres Sohnes ans Licht zu ziehen, als sie durch die offengebliebene Türe denselben bemerkte, wie er langsam, selbstvergessen, die Säulenhalle herunterwandelte. Sobald sie dies gewahr wurde, gab sie der Tänzerin einen Wink, sich zu verbergen, denn, wie es ihr schien, näherte sich Menes diesem Zimmer. Rebekka schlüpfte hinter den grünen Vorhang, der das Ruhelager verbarg, Asso zog denselben glatt, rückte Tisch nebst Stuhl davor und setzte sich dann nachlässig nieder, eine Papyrusrolle zur Hand nehmend, damit es den Anschein haben solle, als sei sie ganz in das Studium derselben vertieft; dabei warf sie jedoch ungeduldige Blicke durch die Türspalte. »Jetzt muß es sich offenbaren,« rief sie leise hinter den Vorhang, »ich werde scharf beobachten, was in seiner Seele vorgeht. Hat er ein Geheimnis auf dem Herzen, so bleibt dasselbe meinem mütterlichen Scharfblick keine zwei Minuten lang verborgen, denn seinem Gemüt ist alle Verstellung unmöglich; zu lügen fällt ihm schwerer, als einem Höfling die Wahrheit zu sagen. Wahrhaftigkeit besitzt er leider oft in zu hohem Grade.« Nun beobachtete sie ihren Sohn, wie er langsam näher kam. Sogleich fiel ihr als verdächtiges Zeichen auf, daß er mehr auf sein Äußeres gehalten, wie er sonst pflegte, denn das Linnen seines Gewandes war von tadelloser Weiße, um das linke Armgelenk trug er sogar ein goldenes Armband, eine Verschönerung seines äußeren Menschen, die sie bisher noch nie an ihm wahrgenommen, selbst wenn er an hohen Festtagen im Tempel erschien. Die Freude an seiner schönen, schlanken Gestalt ward ihr hinreichlich durch die fast zur Gewißheit gewordene Vermutung verbittert, daß er ohne ihren Willen sich mit Geschöpfen niederer Art gemein gemacht hatte; dennoch überflog ihr Antlitz ein Lächeln der Befriedigung, als sie sah, wie er anmutig diese oder jene Blume vom Zweige bog, mit welcher kühnen Nachlässigkeit er Kopftuch und Mantel umgeworfen und wie elastisch seine glatten Arme jeder Bewegung des Körpers folgten. »Er könnte bei Hofe sein Glück machen,« murmelte sie, »schade, daß er gar zu ehrlich ist, dadurch verdirbt er sich alles.« Träumerischen Auges musterte Menes im zögernden Näherkommen die Statuen, die Säulen und gemalten Wände. Seine Mutter suchte vergebens hinter diesen weltvergessenen Mienen den heimlichen Verbrecher, den Schänder ihres Hauses; nichts Scheues lag in seinem Benehmen, nichts, was darauf hinzudeuten schien, er verberge den Blicken seiner Umgebung ein unerlaubtes Verhältnis. Nur etwas fiel ihr auf: das Auge des jungen Mannes strömte manchmal ein nie gesehenes, heiteres Licht aus; in diesem Blick, der meist so schwermütig am Boden hing, brannte heute zuweilen ein eigentümlich schwärmerisches Feuer auf. Nun hatte er endlich die Türe erreicht; ohne zu wissen, was er tat, stieß er sie auf, prallte aber nicht, wie er sonst wohl getan haben würde, beim Anblick seiner Mutter erschrocken zurück, sondern nickte ihr lächelnd zu. Asso traute ihren Augen nicht; das hatte er noch niemals getan, erzwungene Ehrfurchtsbezeugungen, unterwürfigen Gehorsam hatte er sonsthin stets seiner Mutter als Herrin des Hauses entgegengebracht, aber niemals freundliche Zutraulichkeit. Sie lud ihr Kind durch eine Handbewegung zum Sitzen ein. »Warum heute so geschmückt?« frug sie ihn. »Warum nicht?« gab er zur Antwort. »Das war sonst nicht deine Art,« sagte sie forschend. »So wird es dir zuliebe meine Art werden,« gab er gleichmütig zur Antwort. »Du bist heute aufgeweckt?« meinte sie. »Findest du?« lächelte er, »möglich! Die Luft ist heute so erfrischend, oder die Sonne strahlt heute heller. Ich weiß nicht! Gewiß, mir dünkt, die ganze Welt habe sich seit gestern verschönt, die Blumen duften süßer und die Götter, die ich wohl sonsthin grausame Tyrannen nannte, sind mir zärtliche Freunde geworden. Ja, liebe Mutter! sie haben ihre Welt doch lieblich eingerichtet, unsere Götter.« »Dein ganzes Innere scheint umgewandelt,« sagte die Mutter, »das ist mir sehr verdächtig.« »Verdächtig?« »Hast du mir nichts zu gestehen?« »Ich dir? Ja, gewiß, du hast recht! Ich habe – habe dir zu gestehen.« »Nun? Was? Sprich offen.« Ihre Augen hingen an seinen Zügen. »Daß ich mir gestern abend,« sagte er lächelnd, »einen Becher voll Wein aus Byblos durch deinen Haushofmeister reichen ließ.« Sie sah ihm verblüfft in das Gesicht. Darauf begann sie sich zu beschweren, daß er sie vernachlässige, fragte, wo er sich seither aufgehalten, wie er die Zeit verbracht; sie erhielt jedoch zur Antwort auf ihre vielen Fragen stets nur dasselbe gleichgültige Lächeln oder kurz hingeworfene Wortsplitter, mit welchen sie nichts anzufangen wußte. Auf die Frage, wie es mit seinen Studien stehe, antwortete er: das Wetter sei heute sehr schön! Als sie ihn über seine Geistesabwesenheit zur Rede stellte, meinte er, er sei noch nie so sehr bei sich selbst gewesen, wie heute. Sein Gemüt ist völlig verändert, dachte sie bei sich, indem sie ihren aufsteigenden Groll unterdrückte. Wohin kam sein verschlossenes, mürrisches Wesen? Wohin seine Beklommenheit mir gegenüber? Er respektiert mich kaum! Ihr Argwohn stieg, als Menes plötzlich, ohne jegliche Veranlassung, begeistert die Schönheit des sich ihm durchs Fenster zeigenden Gartens pries. Seine Mutter wollte seinem poetischen Ergusse Einhalt tun, er aber überhörte gänzlich ihre scharfen Dazwischenwürfe. Schließlich verlor sie gänzlich die Fassung; nach Worten ringend, ließ sie es geschehen, daß er – was bis dahin noch nie vorgekommen – einen Kuß auf ihre Hand drückte. Erstaunt sah sie, wie er hierauf langsam den Rückweg antrat, ihr beständig glückselig zunickend. Sie wollte ihn zurückrufen, aber ihre Verblüfftheit war zu groß, sie beschränkte sich darauf, den Kopf zu schütteln und zu schweigen. Kaum hatte Menes das Zimmer verlassen, so schlüpfte Rebekka aus ihrem Versteck hervor. »Nun, hohe Herrin,« begann sie lachend, »wer benimmt sich in dieser Weise? Habt Ihr ihn beobachtet? So benehmen sich nur Narren oder Verliebte! Und da Menes kein Narr ist – ich brauche die Folgerung nicht auszusprechen. Ihr habt Euch davon überzeugt, daß er vor Seligkeit kaum mehr weiß, ob er in Ägypten oder bereits in den Gefilden der Verstorbenen wandelt. Zeigt ihm eine häßliche Kröte, wie sie die Baalspriester in Phönizien verehren, und er wird sie für einen vom Himmel gefallenen Stern halten; haltet ihm übelriechenden Nilschlamm vor und er wird erklären, er röche Lilienöl, wie Ihr es in Euren Salbenschalen aufbewahrt. Die Welt ist ihm eine Rose, die er, wenn sie es verlangt, seiner Myrrah vor die Füße blättert. Ich kenne dergleichen Schwärmer, mein Gewerbe hat mich die Macht der Liebesgöttin ergründen lassen. Ja! man sollte es kaum glauben, daß ein schöner Arm, ein wohlgeformter Fuß einen Mann von Vernunft und Überlegung so völlig zum trunkenen Kind zu machen vermögen.« Asso warf sich in die Kissen ihres Lagers zurück, drückte stöhnend die geballten Fäuste vor die Stirne und rief unaufhörlich: »Es muß an den Tag, ich will es ergründen, und wenn es Wahrheit ist, was du vermutest, Jüdin, dann wehe ihm!« Die vornehme Dame hatte schon lange den Plan gehegt, sich, wenn ihr Sohn einst bei Hofe sein Glück mache, in den Strahlen seines Ranges zu sonnen. Er sollte der Schlüssel sein, der ihr die Prunkgemächer des königlichen Palastes öffnete, welche ihr seit dem Tode ihres Gatten verschlossen blieben. Ihr Herz schwoll auf beim Gedanken, daß ihr dereinst wieder, wie in ihren Jugendtagen, an der Tafel der Majestät zu speisen erlaubt sein sollte, daß sie es wieder hören könne, das Rauschen der Purpurvorhänge in den Vorsälen, daß sie ihn wieder einatme, den Duft der köstlichen Rauchwerke, die ihre veilchenblauen Wolken wälzten durch die schimmernden Säulen des Palastes. Ihre Phantasie bewegte sich nur in Bildern der Größe, der Macht, sie sah nur sich verbeugende Höflinge, wehende Priestermäntel, goldgestickte Tapeten und smaragdüberrieselte Frauengewänder. Und dies alles! diese entzückenden Aussichten, sollten nun von einer armen, hergelaufenen Jüdin vernichtet werden? Menes wollte sich durch eine solche Ehe am Hofe unmöglich machen? Unerhört! Mit freudig leuchtenden Blicken hörte die Jüdin den Drohungen, den Verwünschungen zu, welche die Wütende gegen ihren Sohn hervorstieß, denn Rebekka dürstete danach, Rache an Menes zu nehmen, der ihre Liebe zurückgewiesen und sein Herz einer anderen dargebracht. Nachdem sich die Entrüstung der Dame ein wenig beruhigt, begann Rebekka ihr vorzustellen, wie leicht es sein müsse, eines Abends die beiden Liebenden zu überraschen. Man müsse zuvor genau auskundschaften, in welchem der vielen Gartentempel er Myrrah versteckt hielt; alsdann wollten beide zusammen, sobald die Nacht hereingebrochen, den Gang nach diesem Tempel wagen, um die gewünschte Aufklärung zu erhalten und die Schuldigen zu strafen. Als hierauf Rebekka unter vielen Verbeugungen gegangen war, fiel es Asso plötzlich ein, daß sich gestern der Gärtner beschwert hatte, viele seiner Ländereien seien von unvorsichtigen Füßen zertreten worden. Sie ließ den Gärtner rufen. Dieser bestätigte: am äußersten Gartenhause, da, wo der Garten an den Nilkanal stieße, also sehr weit entfernt vom Wohnhause, seien mehrere Blumenbeete völlig verwüstet. Dieses Gartenhäuschen stand auf einer kleinen Anhöhe; er habe gestern einige Wachen um diese Anhöhe gestellt, den frechen Eindringling, wenn er etwa wieder hierher seinen Weg nehmen sollte, zu fassen. »Nun,« frug Asso lebhaft, »er kam nicht wieder?« »Nein,« entgegnete der Gärtner Petefi, »aber meine Jungen wollen durch den Fensterspalt des Tempels – Licht blinken gesehen haben – und –« »Nun? Was stockst du? Sprich!« »Ich weiß nicht, ob ich es sagen soll –« »Ich will es, rede –« »Verzeiht mir, Gebieterin – es wäre vielleicht besser, ich schwiege – erlaubt, daß ich gehe – ich habe zu viel gesagt –« »Das ist sonst nicht deine Art, lieber Petefi – rede, rede weiter – ich bitte dich –« »Je nun, wenn Ihr es denn wollt – hem! seht! Die Jungen behaupten, es sei ihnen der junge Herr dort in der Nähe des Tempels begegnet.« »Was? Menes?« »Eben derselbe.« »Bei Nacht?« »Bei Nacht! Eingehüllt in einen Mantel.« »Wirklich? Wirklich? Und was trieb er dort?« »Einige behaupten,« fuhr der Gärtner geheimnisvoll fort, als er sah, wie Asso erblaßte, »einige behaupten, er sei in eben diesem Tempel verschwunden!« »Verschwunden?« »Und im Inneren des Tempels hätte man Beten und Flüstern hören können.« »So! so! Nun, es ist gut.« Der alte Diener schüttelte bedenklich den Kopf. »Die Anzeigen häufen sich,« sagte Asso zu sich selbst, als der Gärtner gegangen war. »Ich wollte anfangs an die abenteuerliche Geschichte nicht glauben – jetzt aber –« sie hielt inne – »nein! nein! so sehr kann er sich ja nicht vergessen! Unmöglich! Vielleicht liegt er in diesem Tempel seinen Studien ob.« Dies schien ihr nun das Wahrscheinlichste. Da das Häuschen auf einer Anhöhe lag, mochte er von dort aus die Sterne beobachten; hatten ihm doch seine priesterlichen Lehrer öfter die Gestirne von dem Dache der Villa aus erklärt. Dies stimmte auch mit dem überein, was ihr am nächsten Tage der Gärtner von neuem berichtete. Er wollte nämlich gesehen haben, wie Menes sonderbare, in Tücher eingehüllte Gegenstände hinaus in den Garten trug. Wie, wenn dies astronomische Instrumente gewesen wären? Ja! sicherlich! denn sie wußte ja, daß die Astronomie nebst ihren Schlußfolgerungen dem Uneingeweihten ein Geheimnis bleiben mußte; aus diesem Grunde hatte also ihr Sohn das Studium der Himmelskörper vor ihr verborgen. Und konnte sein feierliches Benehmen, das er auf einmal an den Tag legte, nicht seinen Grund darin finden, daß er große Wahrheiten, glückliche Vorbedeutungen am Himmel entdeckt? Daß die Sterne ihm und seinem Leben günstig standen? Am folgenden Tage frug sie Menes geradezu, wie es mit seinen astronomischen Studien stehe. Er schien erstaunt und wollte ausweichen. Sie gab ihm zu verstehen, sie wünschte seinen nächtlichen Studien wenigstens einmal beizuwohnen. Menes erschrak darüber so heftig, daß er die ihm vom Sklaven gereichte Schale zu Boden fallen ließ und seiner Mutter erbleichend in die Augen sah. »Beruhige dich, teurer Sohn,« sagte sie, »ich will nicht in die göttlichen Geheimnisse eindringen, du wirst mich nicht für so verworfen halten, daß ich dein Gewissen dadurch belaste, von dir Aufklärungen über hohe Mysterien zu verlangen, nein! nur einen Blick möchte ich in jenen Tempel werfen, in welchem du ohne Zweifel deine Apparate aufbewahrst und deine Studien betreibst.« »Mutter, was verlangst du?« stotterte der Verwirrte, »du weißt, der ist des Todes, der uneingeweiht –« »Ich weiß, ich weiß, mein Teurer,« sagte sie, »aber trotzdem bitte ich dich, führe mich heute abend in den kleinen Gartentempel –« »Unmöglich,« stammelte er, »du weißt nicht, was du verlangst.« »Ich weiß genau, was ich verlange!« »Mutter –« »Deine Weigerung ist seltsam – Menes! Scheut dein Werk so sehr das Licht? Treibst du Unerlaubtes in dem Tempel?« Ihre Stimme ward scharf, drohend. »Unerlaubtes? Nein!« sagte er mit Festigkeit. »Nun, so will ich deinem Werke beiwohnen.« Nach einer Pause der peinlichsten Verlegenheit sagte er errötend: »Wohlan! Du magst einen Blick in den Tempel werfen, doch zuvor muß ich dem Oberpriester Kunde von diesem deinem Vorsatz geben. Ohne seine Erlaubnis könnte dir dieser Besuch falsch gedeutet werden.« »Wirklich?« frug die Witwe. »Wenn es sich so verhält, so will ich von meinem Wunsche abstehen. Ich möchte den strengen Oberpriester nicht erzürnen, möchte weder dich, noch mich in Unannehmlichkeiten bringen. Was du auch in dem Gartentempel nächtlicher Weile treiben magst, lasse dich nicht stören. Ich werde tun, als wüßte ich nichts von deinen Studien.« Menes atmete erleichtert auf. Asso aber nahm sich um so fester vor, in einer der folgenden Nächte den Tempel zu besuchen. Sie hoffte in ihrem Innern daselbst keine verborgen gehaltene Geliebte ihres Sohnes zu finden, sondern lebte der festen Überzeugung, er diene in diesem Tempel vielleicht irgendeinem ausländischen Gotte, etwa dem assyrischen Baal oder der Astarte, deren verrufene Kulte zwar in Ägypten gerade nicht verboten waren, die man aber doch gerne dem Auge der Offentlichkeit entziehen mochte. »Lieber,« sagte dies selbstsüchtige Weib, »will ich ihn vor dem Bildnis der phönizischen Mylitta die Weihrauchpfanne schwingen sehen, als vor einer lebendigen Jüdin.« Fünftes Kapitel »Hast du die Laterne?« frug Rebekka. »Ja!« »Und den Dolch?« »Ja.« »So schließe die Türe und folge mir hinaus auf die Straße. Oder gib mir lieber die Laterne, damit ich sie unter meinem Mantel verberge.« Isaak klappte den Metallschieber vor das Licht der Laterne. Beide Geschwister schlichen sich leise die Treppen des Hauses herab, öffneten das Tor und traten hinaus auf die dunkle Straße, um ihr gefahrvolles aber auch lohnendes Werk, das Auffinden des ihnen verheißenen, glückbringenden Schatzes zu unternehmen. Beiden mochte es nicht gerade behaglich zumute sein, als sie, prüfende Blicke um sich werfend, im Schatten der Häuser hinhuschten; jedenfalls aber war Rebekka um ein gut Teil gefaßter als Isaak, welcher seiner inneren Erregung durch fast pfeifendes Atemholen Luft machte. Lange sprachen sie kein Wort miteinander; Vorübergehenden wichen sie scheu aus dem Wege. Sie hatten den ebräischen Stadtteil durchwandert; es war nun ihre erste Aufgabe, die Kette der Schildwachen zu passieren, welche dieses Viertel umgab, denn noch immer war den Juden verboten, ihre Häuser zu verlassen. Zwar einer Tänzerin gegenüber, das wußte Rebekka, nahm man es mit diesem Gesetz nicht so genau, nur für die Sicherheit ihres Bruders war es ihr bange. »Halte dich dicht an meiner Seite,« sagte das Mädchen auf einmal erschrocken, »dort sehe ich zwei Krieger stehen.« Sie wichen in eine kleine Seitengasse aus; aber auch hier war der Durchgang erschwert, denn ein etwas größeres Fenster ebener Erde warf vor ihnen einen breiten Lichtstrom auf das Pflaster und hinter diesen Scheiben sahen sie mehrere, vielleicht acht wildaussehende, ägyptische Diener der öffentlichen Sicherheit um einen Tisch zechend versammelt. Wüstes Gelächter erscholl aus der Türe dieses Hauses. »Wäre es nicht vielleicht besser,« begann Isaak zögernd, »wir kehrten für diesmal wieder um? Morgen ist eine Nacht so gut wie heute, – es war ohnehin tollkühn, daß ich deinem Rate folgte.« »Rede nicht so furchtsam, Bruder!« entgegnete Rebekka, »du machst mich lachen. Wie oft soll ich dir sagen, daß heute die beste Nacht für unser Unternehmen ist, die wir finden können. Gestern zog der große Ramses durch unsere Stadt nach Theben, heute ist Nachfeier des Festes, d. h. jeder ehrliche Bürger und jeder tapfere Krieger hat heute sein wohlverdientes Kopfweh zu verschlafen, das ihm der feurige Wein von Kakem zugezogen. Wenn wir heute den Schatz nicht finden, finden wir ihn nie mehr.« »Wer weiß, ob dieser Schatz,« flüsterte Isaak, »nicht schon längst nach Theben gebracht wurde. Mich sollte es wundern, wenn er noch im alten Schatzhause liegt. Unser Vater war jung, als er das Gewölbe bauen half; lange Zeit ist indes verflossen.« »Einerlei, wir versuchen unser Glück,« riet die Dirne, »ich gebe die Schlacht noch lange nicht verloren.« Nun schoben sich beide in gebückter Stellung unter dem hellen Fenster des Schenkhauses vorbei. Sei es, daß einer der trinkenden Krieger den Schatten der beiden am gegenüberstehenden Hause gewahrte, oder daß vielleicht Isaak nicht vorsichtig genug unter dem Fenster hinschlich, kurz, kaum hatten sich die Geschwister etwa zehn Schritte von der gefährlichen Stelle entfernt, als sie hinter sich lautes Rufen vernahmen. »Dort hinaus flohen sie.« »Nein, hierher!« »Ich sehe sie am Ende der Straße! Ah! ein Weib dabei.« »Laßt sie uns anhalten. Gewiß sind es Juden.« So tönte es hinter den Fliehenden nach, die ihre Schritte zu verdoppeln suchten. Vergebens suchten sie zu entkommen, ihr Davoneilen mehrte nur den Argwohn der Verfolger; Rebekka blieb deshalb stehen und erwartete, gewaltsam sich fassend, die Näherkommenden. »Was wünscht ihr von uns?« sagte sie keck. »Hört die trotzige Dirne,« schrie ein stämmiger Wagenlenker, »sie tut, als seien wir die Schuldigen. Doch hübsch scheinst du zu sein, du Kecke.« Damit zog er ihr das Kopftuch zurück. »Wohin!« riefen andere, »wohinaus! Was habt Ihr bei Nacht in den Straßen zu tun? Ah! eine Laterne, ein Seil, gewiß gehen sie auf Diebereien aus.« »Ich bin Tänzerin,« sagte Rebekka furchtlos, während Isaak sich über die angstscheue Stirne fuhr, »wenn ich euch mit Tanz oder Harfenspiel aufwarten kann? Des Verdienstes halber seht ihr mich noch so spät durch die Straßen wandeln.« »Tänzerin, Tänzerin!« jubelte der Haufen. »Doch dein Geselle daneben an,« frug der Stämmige, »der da steht, als wolle er sich zur Mumie einwickeln lassen, was tut der bei dir?« »Mein Bruder,« warf die Dirne hin, »er beschützt mich gegen rohe Angriffe.« Alle lachten. Rebekka ward nun im Triumph in die Schenke geführt, während Isaak ohne weitere Umstände in ein kleines Waschhaus, das im Hofe lag, gesperrt wurde. Vor die Türe des Hauses stellte man eine Wache, da dieselbe nur mittels eines Holzriegels von außen verschlossen werden konnte. Rebekka trat in die Wirtsstube ein. Ihr Geist weilte sorgenvoll bei dem eingeschlossenen Bruder, sie strengte ihre ganze Erfindungskraft an, um einen Weg ausfindig zu machen, der sie und ihren Bruder aus dieser mißlichen Lage zu befreien imstande wäre; doch durfte sie davon natürlich nichts merken lassen; sie lachte und schrie so ausgelassen fröhlich, daß selbst schärfere Beobachter, wie diese weinerhitzten Krieger nicht erraten haben würden, was in ihrem ruhelosen, beklommenen Busen vorging. Man gruppierte sich um die Tänzerin, welche, nachdem sie die Kleider abgelegt, in die Mitte des Saales trat. Allgemeiner Beifall wurde ihrem Tanze gezollt; als er zu Ende war, hörte sie, wie eine Harfenspielerin, die sie zuvor nicht bemerkt, laut sagte: »Tanzen könne die Jüdin wohl, aber so geschickt die Harfe schlagen wie sie, das müsse sie wohl unterlassen.« Rebekka drehte sich um und gewahrte eine frech aussehende, nackte Dirne, die sich auf den Knien eines jungen Bogenschützen üppig wiegte. Der junge Bogenschütze küßte seine Schöne und bestätigte: »Ja! so trefflich die Harfe schlagen wie Rodopis könne niemand in Ägypten.« Da blitzte es durch Rebekkas erfinderisches Haupt! Ihr Plan war gemacht – gleichgültig warf sie hin: »Das käme doch noch sehr darauf an, sie erlaube sich zu behaupten, daß auch sie die Harfe nicht übel schlüge.« So bildeten sich zwei Parteien; die einen erklärten Rodopis für unübertrefflich, die anderen nahmen Rebekka in Schutz. Rebekka schürte diesen Wortwechsel durch geschickt hineingeschleuderte Witzworte, die wie Brandfackeln in die Herzen der Weinerhitzten zischten. Sie spielte schließlich geschickt die Beleidigte und brach sofort in einen Strom erheuchelter Tränen aus, der natürlich das Mitleid und die Entrüstung ihrer Partei mächtig erregte. Der junge Bogenschütze lachte und küßte seine Dirne, indem er rief, wer Rebekka beschütze, verstände nichts von der Kunst des Harfenspiels, seine Ohren seien taub, wie die der stummen Kolosse. Man solle doch Rebekkas Finger vergleichen mit denen der zarten Rodopis; hieße das nicht Nilpferdfüße vergleichen mit Lotosblumen? Sei Rodopis nicht schlank wie eine Papyrusstaude, wenn sie sich im Winde wiegt? Die Gegner bestritten das heftig. »Weine nicht,« sagte der stämmige Wagenlenker, »wer dich schmäht, hat es mit mir zu tun. Diesem jungen Hunde werfe ich meinen Weinbecher an den Schädel, wenn er noch einmal wagt, dich mit Nilpferdefüßen zu vergleichen. Hier, nimm die Harfe und spiele uns ein Lied.« Kaum hatte Rebekka einen Akkord gegriffen, so erhob ihre feindliche Partei einen solchen Lärm, pfiff und schrie dermaßen, daß von ihrem Trinklied nichts mehr zu hören war. Ihre Partei rief nun: »Ruhe! Stille! Spielen lassen! Zuhören!« Vergebens! Als nun schließlich, da das Mädchen unbekümmert weiter sang, ein Becher in die Saiten der Harfe geschleudert wurde, erreichte der Grimm des stämmigen Wagenlenkers den höchsten Grad, er riß die Harfe aus den Händen seiner Freundin und drückte sie so gewaltsam über den Kopf des Bogenschützen, daß diesem der Rahmen des Instruments auf den Schultern saß und die zersprungenen Saiten um den Kopf rauschten. Das war das Signal zum Kampf. In einem Augenblicke hatte sich ein dichter Knäuel von Armen, Beinen, Stühlen und Tischen gebildet. Die Weingefäße flogen, geschleudert von nackten Armen, wie Bälle durch das Gemach, die Glasbecher zersplitterten an den kahlen Köpfen der Kämpfenden, Schwerter und Beile wurden herbeigeholt; der Fußboden färbte seine bunten Ornamente bereits mit Blut. Diesen Zeitpunkt benutzte die Jüdin. Sie schlich unbemerkt zur Türe hinaus, öffnete den Riegel zu Isaaks Kerker und gab diesem durch Winke zu verstehen, was vorgefallen war. Ihr Bruder, der den Lärm des Streites vernahm, begriff sofort; der Mann, der ihn bewachen sollte, hatte längst dem anziehenden Reiz eines Handgemenges nicht widerstehen können, so daß die beiden Geschwister unbeeinträchtigt auf die Straße gelangten, von wo sie schleunigst den Hafen der Stadt zu erreichen suchten, um allen Nachstellungen zu entgehen. »Bist du unbeschädigt?« frug die Schwester. »Völlig,« gab er zur Antwort. Weiter ward zwischen ihnen dieser aufhaltende Zwischenfall nicht erwähnt, denn der Gedanke, ihrem großen Ziele immer näher zu kommen, verschlang jede Empfindung. Sie hatten den Hafen erreicht, in dessen stiller Flut die gewaltige Riesin Memphis ihre granitenen Füße wäscht. Die Schiffe hoben ihre Maste in die Nacht empor, die steinerne Treppe erhob sich majestätisch vor ihren Blicken, aber nur der Nachtwind und das Mondlicht huschten über ihre enormen Stufen; weit hinter ihnen verloren sich die zahllosen, wirr durcheinander geworfenen Dächer im Dunkel, von welchen einige sich in den Abgründen des Himmels zu verlieren schienen. Das eintönige Plätschern der Wellen an den Holzbäuchen der Schiffe unterbrach zuweilen melancholisch die tiefe, menschenleere Stille. Leise löste Isaak einen kleinen Kahn vom Ufer, schweigend bestiegen sie denselben. Da die Pforte des Schatzhauses, wie der Vater beschrieben hatte, über dem Spiegel des Nil lag, konnten sie nur auf diese Weise in das Innere dringen. Isaak führte behutsam die Ruder und so rauschten sie, ohne Worte zu wechseln, den Nil hinauf an den ungeheuren Tempeln, Palästen, Privatwohnungen und öffentlichen Gebäuden von Memphis vorbei, die sich mit stummer, finsterer Feierlichkeit in den mondbeglänzten Wellen beschauten. Gleich schlafenden Riesen saßen sie da, diese Säulenhallen, gleich versteinerten Göttern, die das Ende der Welt abwarten, um sich dann drohend zu erheben, die Menschheit zu vernichten. Bald hatten sie die Stadt hinter sich. Auf der einen Seite des Flusses traten die gelben Kalkberge, im Mondlicht gespenstisch schimmernd, hervor, mit ihren Zinken drohend in den Himmel greifend; auf der anderen Seite rauschte ein Akazienwald. Fernher aus dem Gebirge tönte heiseres Gebell der Schakale oder der einsame Schrei eines Raubvogels. Papyrusstauden drängten sich dicht in den Fluß herein; der Ruderschlag schreckte die Vögel, die sich darinnen niedergelassen, empor. Da legte Rebekka ihrem Bruder leise die Hand auf die Schulter und deutete, als dieser fragend empor sah, nach dem Süden. Dort über dem Palmenhain erhoben sich zwei dicke, schwarze, schief ansteigende Klumpen nebeneinander in den mattblauen Nachthimmel – es waren die Pylonen eines Palastes. »Wir sind zur Stelle,« flüsterte Isaak, »eines dieser Ungetüme ist unser Schatzhaus.« Der Kahn näherte sich dem ersten Palast, der zweite tauchte aus dichtem Gestrüpp auf und nun, nach wenigen Ruderschlägen, lag, umgeben von breitästigen Sykomoren, das Schatzhaus, ein finsterer Koloß, vor den beiden hocherregten Schiffern. Klopfenden Herzens betrachtete der arme Jude das Gebäude. Das also war der Ort, von wo ihm sein Glück kommen sollte? Diese schweigenden, geheimnisvollen Mauern bargen die Schätze, die sein Elend in ein blühendes Paradies verwandeln sollten? Er ließ das Ruder sinken, ein Gefühl wie Ehrfurcht und Schrecken hielt ihm die Sinne gefesselt. Auch Rebekka hielt den Atem an; dies massig aufragende Steinungeheuer, vom Mondlicht phantastisch überrieselt, machte selbst auf ihr im ganzen unempfindliches Gemüt einen Eindruck finsterer Erhabenheit. Eine Zeitlang sah sie, von Schauern überlaufen, empor, bis wo das breite, flache Dach scharf in den nachtblauen Himmel einschnitt. Doch nun galt es handeln. Ihr scharfer Blick suchte bereits ängstlich an der schief vor ihr aufgerollten Riesenwand, die mit bunten Gestalten und Hieroglyphen übersät war, das Bild des Gottes Sebek mit dem Krokodilhaupt. Isaak wachte nach und nach ebenfalls aus seinem Erstaunen auf; das Gebäude, das ihm anfangs wie ein großer Sarg erschienen war, betrachtete er allmählich mit nüchternen Blicken; er sah schließlich nur eine große Geldkiste in ihm. Sorgsam, die Papyrusstauden zurückdrängend mit dem Ruder, legte er an der Wand des Gebäudes an. »Siehst du den Gott Sebek?« frug er leise. »Nein, noch nicht.« »Halt, jetzt tritt der Mond hinter dem Gipfel der Kalkberge hervor – jetzt werden wir genauer prüfen können. Aber wie stille es hier ist. Kein Lüftchen regt sich, keine Welle. Doch! eben streifte mich ein kühler Wind. Sieh doch, wie uns die Berge zuschauen, mir scheint, sie nicken uns zu! Mir schaudert.« »Sei nicht so töricht,« ermahnte Rebekka, »betrachte die Dinge, wie sie sind, nicht, wie sie dir scheinen.« Fernherüber säuselte das Schilf; dicht neben ihnen ließ sich ein leises Schlürfen, ein eigenes Rollen vernehmen. »Was ist das?« frug Isaak. Das Schilf knickte, Wogen rauschten auf. »Halt!« flüsterte das Mädchen, »vielleicht nähert sich ein Boot, verbirg dich im Papyrus.« Das Rauschen der Wogen kam näher, die beiden Abenteuerer drückten ihren Kahn in das Gestrüpp, jeden Augenblick gewärtig, von einem vorüberfahrenden Segler entdeckt zu werden. Nun erfüllte ein Pusten die Luft, wie es Isaak noch nicht vernommen, gleich darauf schwamm eine schwarze Masse träg auf den Wellen heran. »Beruhige dich,« lachte Rebekka, »ein Nilpferd hat uns in Schrecken versetzt. Sieh, es hat uns bemerkt, es ändert seinen Weg.« Isaak hob, erleichtert aufatmend, seine Augen zu dem Palast empor; der Mond beleuchtete nun mit grünlichem, wehmütigem Glanze die schiefe Wand desselben. Beide ließen die Blicke über das Gewirr von bunten Gestalten schweifen, das da vor ihnen in die Höhe tanzte. Sie suchten lange! »Halt! Dort!« rief Rebekka endlich. »Wo?« »Gib mir das Ruder, ich geleite den Kahn bis vor das Bild.« Der Papyrus krachte unter dem Bug des Kahnes, bald schmiegte sich derselbe fest an die Riesenwand des Hauses. Richtig! da saß der Gott auf dem Thron, in der Hand die Lotosblume, das Krokodilhaupt starr emporgerichtet. Ein unheimliches, lebloses Bild, das aber in diesem Augenblick unserem Freunde zu leben schien. Ihm war, als könne es ihn mit der rotbraunen Faust erwürgen, er schauderte davor zurück, wie vor einer lebendigen Leiche. »Soll ich durch den Druck öffnen?« frug Isaak. »Ja, nur zu!« »Ich fürchte mich!« »Dummheit! So laß mich aufdrücken.« Aber selbst die Hand Rebekkas zitterte sichtbar, wie sie sich der Lotosblume näherte. Isaak beleuchtete nun mit seiner Laterne das Bild, und selbst Rebekka zuckte davor zurück, denn es schien ihr, als schaue es ihr drohend ins Auge. Ärgerlich über diese Schwäche legte sie endlich ihre Hand auf die weiße Lotosblume. Ein leises Knacken ward hörbar, diesem folgte ein metallenes Klingen, wie wenn zwei Schwerter aneinander hingleiten und nun sahen die beiden überrascht, wie sich unter dumpfem Dröhnen, das unheimlich in dem Gewölbe des Gebäudes nachhallte, das Bild des Gottes in die Mauer langsam zurückschob. Das Tor war also von Erz, nicht von Stein, seine Rollen und Federn waren trotz der langen Jahre, in welchen sie unbenutzt lagen, dennoch frisch, elastisch, wie am Tag ihres erstmaligen Gebrauchs – oder, frug sich der Schatzfinder besorgt: sollten zuweilen Beamte des Königs das Innere dieses Gebäudes betreten, die Kostbarkeiten zu überwachen? Hatte die Tadellosigkeit des Mechanismus hierin seinen Grund? – Vor den Blicken der beiden Schatzgräber lag nun ein völlig dunkler Gang. Als wolle er in die Unterwelt führen, als sähe der, der sich ihm anvertraut, nie wieder die Sonne, starrte sein schwarzer Rachen die beiden an; ein trockener, eisigkalter Hauch, der sie schaudern machte, wehte ihnen aus diesem Abgrund entgegen, wie der Atem aus dem Hals eines Pestkranken. Zögernd trat Isaak mit seiner Laterne, die glatten, regelmäßigen Wände beleuchtend, in diesen Gang ein, während seine Schwester den Kahn an einer Wurzel befestigte, die aus dem Gestein sprang, um dann ihrem Bruder zu folgen. »Vergiß nicht, das Tor wieder zu schließen,« sagte sie. »Ich rate, wir lassen es offen,« meinte Isaak, »wer weiß, mit welcher Schwierigkeit sein Öffnen verknüpft ist, wenn wir wieder zurück wollen.« »Nein, es muß geschlossen werden,« bestimmte Rebekka, »wie leicht könnte uns das offene Tor einem vorüberfahrenden Boot verraten.« Sie sah noch einmal scheuprüfenden Blickes den Nil ab- und aufwärts, ob sich kein menschliches Wesen blicken ließ; da aber die Wasserfläche still im Glanze des Mondes schlief, die Ruhe nur zuweilen vom säuselnden Schilfgestade unterbrochen wurde, zog sie die eiserne Türe aus der Mauer und drückte sie sorgfältig in das Schloß. Nun standen sie allein in dem ungeheuren Gemäuer; Nacht, Geheimnis ringsum, weit entfernt von jeder Hilfe, entrückt dem menschlichen Leben, in einer Welt, in welcher die Finsternis Königin ist, und das Schweigen sich mit dem Tod vermählt. Ein fröstelndes Grausen überlief beide, als sie nun weiter schritten, von einem Gang in den anderen, erst geradeaus, dann eine Treppe hinab, dann wieder auf ebener Erde, dann wieder hinauf, dann durch einen großen, mit wild dämonischen Gestalten ausgemalten Saal, dann durch eine Kammer. Nach einer viertelstündigen Wanderung hielten sie in einem größeren Saale an, der von Säulen getragen, an den Wänden Jagden, Kriegszüge, Opfer in grellbunten Bildern zeigte. Sie mochten bereits tief unter der Erde angekommen sein, und noch immer kein Zeichen, daß sie sich dem ersehnten Schatze näherten. Die Laterne des jungen Mannes zeigte nur, wenn ihr Schimmer durch die dicke, schwere Finsternis, an den Riesenwänden ohnmächtig dahinhuschte, Säulen, Wandgemälde, ein paar Urnen oder auch eine einsame Steinbank, auf die sich noch nie jemand gesetzt. Die Ruhe des Grabes, die hier unten weilte, die schwarze Luft, die sich bleiern auf die Brust legte, die trostlose Einsamkeit, der groteske Totentanz der Bilder an den Wänden, versetzte die beiden Wanderer in einen Zustand von unheimlich fröstelnder Aufregung. »Wir müssen weiter, Bruder,« flüsterte die Schwester, vor ihren eigenen Worten erschreckend, die ihr hohl, tonlos von der kaum erhellten Decke herabfielen, »dort sehe ich den Ausgang aus diesem Saal – sieh! eine kleine Türe, die in einen Gang führt! Rasch, daß wir zu Ende kommen. Nun, was stehst du? Ist dir bange?« »Gar nicht!« »Nun, so gehe voran!« »Ja, was ist denn das für ein dunkler Flecken, der mich da umschwirrt?« »Es wird eine Fledermaus sein, was kümmert's uns. Nur Mut, Isaak, bedenke, daß wir dicht vor dem unermeßlichsten Glück stehen.« »Wenn er nur noch vorhanden ist, der Schatz? Ich fürchte, wir haben uns umsonst hierher bemüht; das geht so weiter, Schwester – Säle, Gänge, Hallen, Kammern – sieh nur! wie riesig unser Schatten da an der Wand hinschwebt.« »Was geht dich dein Schatten an. Sieh dich nicht um.« »Mich friert, daß mir die Zähne aneinanderschlagen. Es ist gar zu tot hier unten.« »Sprich nicht soviel, du steckst mich an mit deiner Furcht. Nun, was stehst du plötzlich erbleichend still? Laß doch die Laterne nicht fallen, dann können wir bis zum Untergang der Welt hier hausen.« Isaak war, die Haare zu Berge, atemlos, schlotternd an Arm und Bein, mit allen Anzeichen des Entsetzens stehen geblieben, als er eben einen Pfeilervorsprung umschritten. »Sieh doch,« hauchte er, »sieh doch – –« »Siehst du Gespenster?« »Komm hierher – weh uns! Ein Mann dort – sieh! schnürt sich die Sandalen – was tun? . . .« »Wie sagst du? Ein Mann hier unten –? Du rasest!« Rebekka trat vor, prallte aber sogleich, gerade wie es Isaak begegnet, zurück. Was war das? Wirklich? Ein lebendes Wesen? Hier unten? Vielleicht ein Wächter? Sie nahm die Laterne zur Hand und trat mutig einen Schritt vor, ein lautes: Wer da! erschallen lassend, welches seltsam dumpfe Echos wachrief – richtig, da stand ein Mensch in gebückter Stellung – sie schlich auf den Zehen zur Seite, den Schein der Lampe nach dem Wesen richtend – kaum hatte sie dies getan, so stieß sie, zu Isaaks größtem Erstaunen, ein lautes Gelächter aus – das Wesen entpuppte sich als ein mit auffallend frischer, naturwahrer Farbe gemaltes Bild. Beide atmeten nach dieser Entdeckung auf und schritten weiter. Wieder hatten sie mehrere Hallen durchwandelt, wieder derselbe eintönige Anblick, dieselbe schauerliche Grabesruhe in dem unterirdischen Palast; endlos schienen sich diese öden Gemächer fortzusetzen in solchen schneckenartigen Windungen, daß sich zu dem Gefühl von Verlassenheit, das die Geschwister empfanden, noch die erschreckende Aussicht gesellte, sich schließlich in diesem Gewirr von Gängen und Treppen zu verirren, denn schon lag der Docht der Lampe bloß, schon war die größte Menge des Öles aufgebraucht. Und was beginnen, wenn die Lampe nicht mehr ausreichte, den Ausgang aufzusuchen? Diesen Gedanken drängten die beiden möglichst zurück; aber bald! rief es laut in ihrem Innern, sehr bald! mußte sich der verhängnisvolle Eingang zum Schatze zeigen, sonst – – weiter verboten sie sich, die Zukunft auszumalen. Sie standen jetzt vor einem ungefähr fünfzehn Fuß breiten Schacht, der augenscheinlich gegraben war, um dem Dieb Einhalt zu gebieten oder ihn zu verschlingen, wenn er unvorsichtig den Fuß weiter setzte. Rebekka sah zu ihrem Bruder empor. Isaak blickte ratlos in die Finsternis hinab. War es vom Schicksal bestimmt, daß ihre Habsucht nicht befriedigt werden sollte? Hatte der Vater vielleicht im Fieberwahn sein Geständnis gemacht? War nie ein Schatz vorhanden gewesen? Oder war er wieder aus dem Hause entfernt worden? War dieser Schacht wirklich das Grab ihres Glückes, ihrer Hoffnung? »O Vater, du sandtest uns in den Tod,« murmelte Isaak erzitternd. »Wir müssen umkehren, Schwester, hier ist nichts zu finden, als Grabesruhe und Steinwerk. Komm! Gehen wir schleunigst; ehe die Lampe erlöscht. Mir schwindelt der Kopf, meine Glieder sind von diesen anhaltenden Aufregungen wie gelähmt; kaum halte ich mich noch aufwärts.« »O Gott unserer Väter, ist es dein Wille, uns zu verderben?« frug nun Rebekka mit verhaltenem Groll. »Nein, Isaak, ich überlebe diese Schmach, diese grausame Enttäuschung nicht, die der Vater über uns verhängt. O, ich möchte den verstorbenen König Seti im Grabe bespeien, daß er mit seinen Schätzen Versteck spielt. Betrogen sind wir, uns narrt ein Dämon. Zu was noch leben? Wie malte ich mir bereits aus, wie ich mich durch die Straßen von Memphis in prächtiger Sänfte tragen lassen wollte. Ich hatte bereits im Geist einen Anzug, feiner, als derjenige der Königin; weißt du, Isaak, ich meine den Anzug, der, dünn wie Spinngewebe, die weißen Glieder des Körpers so reizend durchschimmern läßt. Ich sah mich schon bedeckt mit Edelsteinen. Mein Halskragen glitzerte von Perlen, ich ließ mir von schönen Zofen Narden und köstliche Salben über den Leib gießen, ich triefte von duftenden Ölen, ich spielte mit den Herzen der ersten Männer des Reiches – ich! Oh! in diesen Schacht möcht' ich mich werfen, denn aus diesen glänzenden Luftgebilden wird niemals Wirklichkeit, und das ertrage ich nicht.« Eben wollten sich beide zum Gehen wenden; Isaak hatte bereits den Ausgang erreicht, da leuchtete Rebekka, ohne zu wissen was sie tat, noch einmal in den Schacht hinunter. »Nichts? Gar nichts?« rief sie höhnisch. Doch was war das? Was schimmerte dort in halber Höhe in der entgegengesetzten Wand des Schachtes? Ist es ein Schild? Noch einmal taucht sie die Laterne in den Schlund. Es blinkt wie Metall. Sie ruft ihren Bruder, auch dieser gewahrt die Scheibe. Sie besprechen sich. »Ich will's versuchen,« murmelt Isaak aufgeregt, und schnürt sich ein mitgebrachtes Seil um die Hüften, tritt an den Rand der Schlucht und läßt sich langsam am Seile hinunter, während seine Schwester das Ende des Seiles um den Fuß einer Steinbank schlingt. Nun kann er mit den Zehen die Scheibe erreichen, er stößt wider dieselbe, es tönt hohl. Er läßt sich weiter herab, er hat das Metall mit der Hand erfaßt; ihm gehen die Augen über, so sehr pulsiert das Blut in seinem Kopf. Ein Griff ragt aus der Wand hervor. Er faßt diesen Kupferring, reißt ihn nach oben, noch einmal, noch einmal und – o trunkene Wonne! – Schacht, Licht, die Schwester, alles wirbelt ihm kreisartig um die Sinne – die Metallscheibe gibt nach, eine schmale Öffnung wird sichtbar. Aber ist das auch wirklich der Eingang zum geheimen Schatz? Er kriecht in die Öffnung hinein. Die bebende Rebekka, die Laterne mit den Zähnen packend, läßt sich ebenfalls am Seile herab und kriecht dem auf einmal mutig gewordenen Bruder nach, weiter, immer weiter, ohne ein Wort zu sprechen, halb wahnsinnig vor Erwartung; der schmale Kanal erweitert sich, ein purpurner Vorhang schließt ihn ab, sie reißen den Verhüllenden auseinander – was wird sich jetzt zeigen? – Eine kahle Wand? Eine Tür? Nein! nichts von beiden – der Schimmer der Laterne wird tausendfach zurückgeworfen, so lebhaft zurückgeworfen, daß die Geschwister die Hände vor die Augen halten, denn ihnen ist, als sprühten tausend Blitze aus diesem Raum, der sich in seiner ganzen funkelnden Großartigkeit vor ihren erschrockenen Blicken auftut. Triumph! rufen sie dann aus einem Munde; ihre Erstarrung macht einer fieberhaften Hast Platz, denn er ist gefunden, der Saal des Glücks, sie stürzen in sein Inneres, sie treten auf seine kostbaren Teppiche, sie betasten seine goldenen Urnen, seine Schalen, seine prachtblitzenden Tapeten, sie werfen sich auf seine Polster, sie greifen mit zitternden Fingern in seine mit Goldringen bis an den Rand gefüllten Kisten; das Ziel ist erreicht, das ist der langersehnte Schatz. Wie die Kinder durcheilen nun die beiden Erwachsenen diese unterirdische Welt des Reichtums; jeder Gegenstand wird, ohne irgend etwas davon zu nehmen, neugierig befühlt; nur Rebekka, rascher ihrer selbst mächtig, eignet sich sofort eine prächtige Perlenhalskette an. Als Isaak allmählich aus seiner freudigen Trunkenheit erwacht, leuchtet er vorsichtig an den hohlen Wänden des Saales empor, wobei ihm vor allem die Regelmäßigkeit auffällt, mit der die Reichtümer auf elfenbeinernen Tischen verteilt liegen. Gerade, als sei Ramses soeben erst durch die engen, teppichbelegten Gassen gewandelt, welche den Saal von allen Seiten durchschneiden, um sich an der Pracht seiner Kostbarkeiten stolzen Auges zu weiden, liegen rings die Gewänder, stehen die geöffneten mit Ringen oder Skarabäen gefüllten Truhen, hängen funkelnde Halsketten von goldenen Gestellen und bauschen sich die buntgewirkten Purpurpolster auf reicheingelegten Sesseln. Von Staub, von Moder ist hier nichts zu bemerken, wohl aber gewahrt Rebekkas scharfes Auge in einer mit Goldstaub ausgefüllten Schüssel noch den Eindruck der Hand dessen, der vielleicht vor fünfzig Jahren darinnen gewühlt. Freudigen Blickes deutet Isaak auf ein goldenes Schreibzeug, auf das silberne Modell eines Schiffes; Rebekka kniet in trunkenem Entzücken vor einem Putztisch nieder, bedeckt mit goldenen Kämmen, Leuchtern, edelsteinbesetzten Nadeln. Da, mitten in diesem Rausch des Entzückens zuckt plötzlich die Lampe der Geschwister ersterbend auf. Die Schwester springt entsetzt hinzu, um den Docht tiefer in das kaum mehr sichtbare Tröpfchen Öl zu tauchen und so wenigstens für den Augenblick das Erlöschen zu verhindern. Isaak steht wie gelähmt und sieht dem Sterben der Flamme zu. Keine Rettung? Im Übermaß ihrer Freude haben sie vergessen, wie spärlich es um die Nahrung ihrer Lampe beschaffen war; sollen sie jetzt inmitten ihres Glückes, umgeben von dieser Pracht, aus der sie mit vollen Händen schöpfen dürfen, umkommen? Schon neigt sich der Docht langsam zur Seite, schon stößt die Flamme dicken Qualm aus, als Zeichen ihres Endes, da fällt das Auge des zitternden Mädchens auf einen an der Wand glänzenden, prächtigen Silberleuchter. Rasch entschlossen fliegt sie mit ihrer Laterne herzu und berührt auf gut Glück mit der Flamme den Docht des hohen Kandelabers. Wird er zünden? Wird vielleicht noch ein Tröpfchen Öl in seinem metallenen Bauch geblieben sein? Fünfzig lange Jahre stand er unberührt, es ist undenkbar, daß der Brennstoff noch Leuchtkraft besitzt – und dennoch. Der Docht fängt Feuer; sie sind gerettet; der ganze Hohlraum der Lampe ist mit gelbem Öle angefüllt, genug, um ein Jahr lang den Docht zu tränken. Diese Entdeckung, so freudig sie im Augenblick von den beiden begrüßt wird, erregt jedoch auch ihre Besorgnis, denn sie verrät, daß von Zeit zu Zeit Inspektionen über diese Reichtümer abgehalten werden. Also ist Vorsicht nötig. Im Umdrehen stößt Rebekka zufällig an eine kleine Schatulle, diese fällt zu Boden und leert ihren glitzernden Inhalt auf den Teppich aus. Perlen, Edelsteine sind es, die in reicher Menge über den Boden rieseln, wie die Tautropfen, die ein Busch im Morgenwind abschüttelt. Rebekka läßt diesen Glanz lächelnd durch ihre Finger gleiten, während Isaak seine Taschen mit goldenen Ringen füllt. Der Schein der Lampe erhellt nun den Saal bis zur Decke; er strahlt in seinem eigenen Goldglanz, im Schimmer seiner Edelsteine, seiner Gemälde und Teppiche, Urnen und Schüsseln, wie ein Zauberpalast, wie ein Glutmeer, wie der Ort, in welchem die Sonne in den flammenden Nil versank. Längere Zeit vergeht schweigend; die Geschwister suchen nach Laune und Bedürfnis unter den Kostbarkeiten, ihre brennenden Augen schweifen hastig über die herrlichen Gegenstände; bald wird ein Kleinod gewählt, bald wird ein anderes wieder weggeworfen; man könnte sie vergleichen mit zwei Spaziergängern, die im Felde Blumen suchen, wenn nicht der ungeduldige Eifer, die zitternde Hast, mit der sie ihr Werk betreiben, diesen Vergleich unstatthaft machte. Plötzlich stößt das Mädchen einen Schrei aus. Ihr Bruder eilt herzu, er sieht sie am Boden über der umgestürzten Schatulle knien und, eine Papyrusrolle in den Händen, eifrig lesen. Ein geheimes Schubfach des elfenbeinernen Kistchens liegt zerbrochen. »Was hast du?« fragte er. »Lag dieser Papyrus in der Schatulle versteckt? Zeig' her!« »Ist es möglich,« hört er die Schwester flüstern. »Nun? Laß mich wissen, was dein Herz also in Schrecken versetzt. Du erbleichst? Deine Hände zittern? Das ist man an dir nicht gewohnt.« »Sie – die Tochter des Königs?« murmelt die Schwester. »Wer die Tochter des Königs? Welches Königs Tochter?« »Lies! Hier, lies!« ruft nun Rebekka mit bebender Stimme. »Lies! wenn das Wahrheit ist, was da auf dieser Rolle steht, wenn wir nicht träumen, wenn dieser Name, der hier angegeben steht, einem noch lebenden Wesen angehört . . . Dann, Isaak, was dann tun? Ich weiß nicht, ob wir uns zu dem Besitz dieses Dokumentes Glück wünschen, oder ob wir vor Wut und Verdruß rasend werden sollen. Lies! So lies doch und starre nicht so furchtsam auf das Blatt.« »Es sind Hieroglyphen, die ich nicht verstehe,« sagte Isaak. »Nun, so höre.« Darauf beginnt Rebekka folgendes Schreiben vorzulesen: »Ich, Seti I., der Sohn der Sonne, geliebt von den Göttern, geliebt von den Menschen, bekenne durch diese Schrift, die ich in dieser Schatulle aufbewahre, daß ich während meiner letzten Regierungsjahre mit Rahel, der Jüdin, in einem nicht zu billigenden Verhältnis gelebt. Rahel, die Jüdin, hatte mein Herz umstrickt, ich hielt sie für wahr und ehrlich, sie aber schmiedete mit dem Oberpriester Amni einen Anschlag auf mein Leben, weshalb ich sie in die Goldbergwerke Äthiopiens schickte, damit sie dort ihr Verbrechen büße. Diesem Verhältnis entsprang eine Tochter mit Namen Myrrah, welcher ich in Liebe zugetan war, deren Spur mir jedoch nach dem Tode Rahels verloren ging. Jetzt auf dem Totenbette, wo ich diese Schrift verfasse, überkommt mich Sehnsucht nach diesem Kinde und ich beschwöre jeden, dem diese Rolle in die Hände fällt, dafür Sorge zu – –« Von hier ab wurden die Schriftzeichen völlig unleserlich; deutlich ließ sich erkennen, daß sich die Hand des sterbenden Königs vergeblich bemühte, Ordnung und Zusammenhang in seine Buchstaben zu bringen, nur sein Name stand kräftig am Ende des Bogens. Schon als er den Namen: Myrrah! vernahm, war Isaak erblaßt. Rebekka sah ihn nach Beendigung dieses Schriftstückes fragend an: »Glaubst du in der Tat . . .?« stammelte Isaak. »Was?« frug sie barsch. »Was? Nun, daß Myrrah – du weißt, was ich sagen will!« »Die Tochter des Königs ist?« lachte die Jüdin höhnisch. »Alles trifft zu.« »Was trifft zu?« frug Isaak. »Myrrah hat mir einst ihre Lebensschicksale erzählt,« flüsterte sie, »daraus geht mir hervor, daß die in der Rolle erwähnte Rahel, die Mutter Myrrahs, die Geliebte Setis I. war. Auch mit der Verschwörung und den Goldbergwerken hat es seine Richtigkeit.« »Täuschst du dich nicht?« »Nein!« »Myrrah! eine Königstochter?« rief Rebekka neidvoll, »der Gedanke ist mir unfaßbar. Die arme, schwache Myrrah unter dem Baldachin des Thrones geboren? Nein! das hätte ich mir nie träumen lassen, und wenn man mir zuvor einen wahnsinneinflößenden Schlaftrunk beigebracht.« Rebekka durchwühlte noch einmal eifrig die Schatulle und zog gleich darauf ein kleines, auf Elfenbein gemaltes Bild aus ihrem Inneren. Sie wickelte das handgroße Elfenbeinblättchen aus seinen verhüllenden Leinwandbinden und hielt es dem erstaunten Bruder hin. »Hat dies Gesicht keine Ähnlichkeit mit dem Myrrahs?« frug sie. »Beim Himmel,« sagte er, »dieselbe Stirn und Nasenbildung; auch das eigentümlich Träumerische des Auges erkenne ich wieder.« Beide saßen einige Augenblicke schweigend da. Es ließ sich jetzt nicht mehr daran zweifeln, daß Myrrah die Tochter des Königs war, und die Gewißheit erfüllte die beiden Finder des wichtigen Dokumentes mit Neid und Verdruß. Sobald dieses Schriftstück in die Hände des jetzt regierenden Königs oder eines seiner Beamten fiel, war Myrrah aus dem Staube ihrer Abkunft emporgehoben. Sie, die jetzt noch an den Ufern des Nil Blumen suchte, Kränze im Schweiß ihres Angesichts wand, tagelang in der glühenden Sonnenhitze an den Straßenecken ihre Ware feilbot, Schmach zu erdulden hatte, kaum ihre notwendigsten Bedürfnisse befriedigen konnte, sie wurde, sobald dies Dokument an das Licht der Sonne trat, wie mit einem Zauberschlage auf den Gipfel der Sterblichen gestellt. Wie glücklich war das Kind! Von selbst fiel ihm sein Glück in den Schoß. »Wenn wir,« begann Rebekka leise, »wenn wir diese Rolle verbrennen, Isaak, wer ahnt die geheimnisvolle Verwandtschaft unserer Myrrah? Von dem Dasein dieser Rolle hat kein Sterblicher eine Ahnung in Ägypten und die Himmlischen pflegen zu schweigen auf ihren steinernen Stühlen. Wahrscheinlich wurde, da Seti sehr rasch starb, dies Testament, samt der Schatulle, in welcher es verborgen lag, hier im Schatzhause untergebracht, ohne daß es jemals ein Auge gelesen. Wir sind die alleinigen Wissenden; wenn diese Worte vernichtet werden, ist auch Myrrahs hohe Geburt vernichtet; sie ist, was auch wir sind, und Menes weiß nicht, wenn er ihren Mund küßt, daß er ein Königskind in den Armen hält, deren Liebe ein halbes Reich wert ist.« Sie näherte das dünne Blatt der Lampe, um es auf ewig zu zerstören. Isaak aber hielt ihren Arm zurück. »Halt,« rief er, »du kannst nicht wissen, wie uns diese Rolle einst zustatten kommen mag. Wer weiß, ob sie uns vielleicht später gute Dienste leisten wird, wenn wir uns bedroht sehen. Wir verbergen sie besser vor den Augen der Welt, dann ist sie gewissermaßen zerstört, kann aber von uns zu jeder Zeit benutzt werden.« Rebekka fand diese Vorsicht gerechtfertigt und verbarg, nachdem sie noch einmal einen Blick darauf geworfen, die Rolle in ihrem Kleide. »Danken wir dem günstigen Zufall,« sagte sie darauf heiter, »der uns dies Blatt in die Hände gespielt. Nun mag meine kleine Myrrah ihr Leben in Dürftigkeit zubringen, während wir im Reichtum schwelgen.« »Wenn sie,« kicherte Isaak, »eine Ahnung hätte von dem königlichen Blut, das in ihren Adern rollt?« »Oder wenn Menes diese Rolle entdeckt?« sagte Rebekka. »Nun, dafür, daß er sie nicht findet, soll gesorgt werden. Doch dies Dokument wird meinem Haß nur neue Nahrung geben, ich werde nicht aufhören, dies Königskind in Lumpen zu verfolgen. Ich nehme ihr sehr übel, daß ein König ihr das Leben gab; sie hat sehr unrecht an mir gehandelt, daß sie sich von einer königlichen Geliebten gebären ließ. Dies war ein Verbrechen und verdient strenge Strafe.« Sie dachte dabei an Asso und den Plan, Myrrah mit ihrem Liebhaber zu überraschen. Asso hatte sich zwar in der letzten Zeit sonderbarerweise diesem Plane abgeneigt gezeigt, aber sie hoffte, die Witwe wieder für denselben zu gewinnen. Einige Augenblicke hindurch starrte sie, auf die Vernichtung ihrer verhaßten Nebenbuhlerin sinnend, in die bläuliche Flamme der Lampe, dann raffte sie hastig, wie aus einem finsteren Traume erwachend, ihre verschiedenen Kostbarkeiten zusammen, klopfte höhnisch lächelnd auf die Stelle ihrer Brust, an der sie das Testament des Königs verborgen und forderte Isaak auf, mit ihr das Schatzhaus zu verlassen, da der Morgen bereits seine purpurnen Flügel über Memphis erhoben haben mochte und sie vor Tagesanbruch wieder zu Hause sein mußten. Rasch packte auch Isaak seine Kleinodien in ein Bündel, füllte seine Kleider mit Gold an und trat, nachdem er seine Lampe an der des Schatzhauses getränkt hatte, den Rückweg an. Sie hatten Gänge und Säle lautlos durchschritten und standen wieder vor der Ausgangstüre. Sie wußten, daß sie dieselbe verschlossen hatten, aber sei es, daß dies nicht auf die richtige Art geschehen war, oder daß während ihres Eindringens ins Innere die Türe fester in das Schloß gefallen war, kurz, sie wollte sich trotz der vereinten Anstrengungen beider nicht mehr öffnen lassen. Rütteln, Schlagen und Ziehen half nichts, die Eisentüre blieb unbeweglich. Was tun? Beiden lief es eiskalt über den Rücken. Waren sie wirklich gefangen? Eingeschlossen in diesem Grab? Lebendige Mumien? Isaak riß sich an den vorspringenden Steinen die Nägel blutig und war nahe daran, in lautes Wehklagen auszubrechen, wenn nicht seine Schwester, allen ihren Mut zusammennehmend, ihm diese Schwäche untersagt hätte. Sie versuchte über diesen lästigen Aufenthalt zu scherzen, suchte ihn als eine Neckerei des Zufalls hinzustellen; ihre Blässe, ihr Zittern strafte jedoch ihre Heiterkeit Lügen. Isaak rüttelte nun wie ein Unsinniger an der Eisenplatte; das Echo gab ihm höhnende Antwort. »Jehova! Jehova!« wimmerte er, mit dem Kopf an die Türe sinkend, »hilf deinen Kindern. Sprenge diese Wand, nur du vermagst es.« »Behellige Jehova nicht mit solchen Kleinigkeiten,« versuchte Rebekka zu witzeln, »er hat Wichtigeres zu tun. Gehe! nimm die Laterne, eile noch einmal rasch zurück in den Saal, ergreife dort irgendein Instrument, mit dem sich die Stahlfeder der Türe, die ich durch diesen Spalt blinken sehe, zurückschieben läßt. Gehe, guter Bruder, und bekümmere dich nicht um den schnarchenden Jehova – wir sind selbst unser Jehova!« Nach einigem Weigern entschloß sich Isaak, den Weg zurückzumachen. Rebekka wartete lange im Dunkeln; Minute auf Minute verrann; schon bereute sie, daß sie ihm nicht gefolgt. Die Dunkelheit umgab sie wie ein erdrückender Panzer, die Beklommenheit raubte ihr den Atem. Er kam immer noch nicht. Hatte er sich verirrt? War ihm ein Ungeahntes zugestoßen? Sie rief seinen Namen in die Nacht hinein – endlich glänzte ihr von weitem ein Licht entgegen. Das Licht kam näher, Isaak schwankte, ein Messer in den Händen haltend, heran. Dieses Messer setzte nun Rebekka in das Schlüsselloch, während Isaak sich gegen die Türe stemmte, sie zurückzudrängen. Endlich, endlich bewegte sie sich, langsam rollte sie in die Wand zurück. Sie waren erlöst aus den Banden des Todes, und da schaukelte sich auch zu ihren Füßen der geduldig harrende Kahn. Hastig sprangen sie hinein und ruderten heimwärts, denn schon glühten die gelben Kalkberge im Osten rötlichblaß, schon versank der Mond. Kühl blies der Wind; ein behagliches Schaudern überkam die Geschwister, sie streichelten zärtlich ihre mit Goldringen beladenen Säcke und malten sich bereits aus, was sie nun zuerst sich anzuschaffen benötigt wären. Fast gerieten sie in heiteren Streit über diesen Punkt, denn Rebekka strebte nach Schmuck, Isaak wollte eine schöne Wohnung gekauft wissen, womöglich eine Villa am Nil. Ihre Phantasie schwelgte in den üppigsten Bildern, sie wurden nicht satt, ihre künftige Haushaltung auszumalen, als sich aber die ersten Strahlen der Sonne glorienhaft über Memphis erhoben und Stadt und Fluß und Gebirg in diesem brennenden Sonnenkusse verschmolzen, küßten sich beide schweigend und gedachten des Vaters im dankbaren Herzen. * * * Am Morgen des folgenden Tages wurde Rebekka durch wiederholtes Rufen aus dem Schlafe gestört. Sie sah sich, prächtig angetan, auf dem ägyptischen Throne und verzehrte ebendaselbst eine Dattel, deren Überreste sie einem Priester an den kahlen Schädel warf, als dieses Traumgebilde durch das schon erwähnte Rufen und Pochen verwischt ward. Voll Bestürzung eilte sie an das Fenster und das erste, was ihr dort entgegenglänzte, war der kahle Schädel eines Priesters. Ist es derselbe, frug sie sich, noch halb träumend, den du eben mit Dattelkörnern beworfen? Doch sieh! die Glatze stieg aus einer bunten Sänfte, ein Sklave überdeckte die Ehrwürdige mit einem Kopftuch und vor Rebekkas erstaunten Blicken stand, das Leopardenfell umgeschlagen, in milchweißes Linnen gehüllt, ein stattlicher Priester. Der erste Gedanke, der ihr durch das erschrockene Gehirn zuckte, war: wir sind entdeckt, man hat unseren nächtlichen Gang belauscht! wir sind verloren!! Jedoch Schergen konnte ihr Auge nicht erspähen; um die Sänfte waren friedliche Diener beschäftigt; der eine von diesen entfaltete jetzt einen großen Schirm und hielt ihn über den mit dem Leopardenfell; während sich ein kleinerer, ebenfalls weißgekleideter Mann an die Seite des Priesters schlich. Beide schienen zu flüstern. »Nun, wird denn bald hier aufgemacht,« rief eine rauhe Stimme vor der Türe, »läßt man den Oberpriester Psenophis warten?« Rebekka öffnete und herein trat der stattliche Leopardenfellträger. Seine listig funkelnden Äuglein rollten lebhaft, als er Rebekkas ansichtig ward; er schien sie mit den Blicken betasten zu wollen und flüsterte seinem Nebenmanne einige Worte zu, die dieser lachend erwiderte. »Was steht zu Diensten, hoher Herr?« sagte die Jüdin demütig, »o ihr Götter! Euer hoher Besuch, mein Gebieter, beschämt mich.« Hierauf schlug sie, Schamröte erkünstelnd, die Augen nieder. Sie mochte denken, der Herr finde Gefallen an ihr, denn da er noch immer schwieg, ergriff sie ihre Handtrommel und frug, ob er einen Tanz begehre. »Nur ein paar Stellungen,« sagte der Priester freundlich. Rebekka warf ihre Tücher von sich, stellte sich auf die Fußspitzen, reckte die Arme gen Himmel und beugte sich kühn zurück, bis ihr Haar den Fußboden berührte. »Genug,« sagte der Priester. Alsdann wendete er sich an seinen Begleiter. »Sie wird dem König gefallen, denke ich,« flüsterte er, mit den Augenlidern zwinkernd. »Mein Kind,« redete er alsdann die Jüdin wohlwollend an, »willst du mir einen Gefallen erweisen?« »Jeden, o Herr!« »Nun, so sei heute abend, sobald die Dunkelheit hereingebrochen, zu Hause,« sagte der Priester. »Weiter verlange ich nichts von dir. Alsdann wird ein Sklave zu dir treten, tue, was er von dir verlangt.« »Jedoch –« »Frage nicht,« sagte der Priester bestimmt. »Tue, was dieser Sklave von dir verlangt. Du hast ein geschmeidiges, fischartiges Wesen an dir, du wirst dein Glück machen. Dein Glück! Hörst du?« Er erhob sich, flüsterte der erstaunten Jüdin das Wort: Asso! zu und schritt rasch von dannen. Nun erst ahnte Rebekka, um was es sich handelte. Mit der glühendsten Ungeduld erwartete sie die Nacht. Kaum war die Sonne verschwunden, so schmückte sie ihren Leib aufs reichste, wusch, badete und salbte sich, daß sie glänzte wie ein geschliffener Spiegel und lachte oft so überlaut auf, daß Isaak für ihren Verstand zu fürchten begann. »Ich bin so glücklich,« sagte sie, »ich möchte die ganze Welt umarmen.« Es war völlig dunkel geworden, als ein schwarzer Äthiopier von elefantenhaft breitem Gliederbau in das Gemach der Geschwister trat und nach Rebekka frug. Rebekka nannte den Namen: Asso! und sogleich verneigte sich der schwarze Riese demütig vor ihr. »Heil dir!« sprach er, indem er ein großes Tuch entfaltete, »Heil dir, Herrin!« »Was soll dies Tuch?« frug Rebekka erstaunt. »Trete darauf,« sagte grinsend der Sklave. »Gehe in das Nebengemach, Isaak,« befahl Rebekka. Isaak ging, einen fragenden Blick hinter sich werfend. »Befindet sich der König noch in den Mauern von Memphis?« frug Rebekka den Äthiopier leise. Dieser aber verzog seine Züge zu einem scheußlichen Grinsen, tat, als wisse er nicht, was sie ihn gefragt, und hatte, ehe sich Rebekka noch dagegen wehren konnte, das Tuch um ihren Leib geschlungen. »Halte dich still,« lachte das schwarze Ungeheuer, indem er die menschliche Last mit Leichtigkeit auf seinen Rücken lud, »halte dich still, bewege dich nicht, man darf nicht vermuten, daß ich ein Weib trage. Es muß Geheimnis bleiben.« »Ich werde ersticken,« keuchte Rebekka. »Suche dir ein Luftloch,« entgegnete der Sklave, dem es ein behagliches Schmunzeln entlockte, als er die schönen Glieder der Tänzerin sich an die seinen schmiegen fühlte. So ging es in die Nacht hinaus. Rebekkas Herz klopfte zum Zerspringen, denn, sagte sie sich, gehe ich meinem höchsten Ziele entgegen, so wird es von mir abhängen, vielleicht mit meinen Tänzerfüßen des Thrones geheiligte Stufen zu betreten! Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß man sie geradewegs in den Palast des Königs trage, und schon war ihr ränkevoller Geist mit dem Plane beschäftigt, die Gattin des Monarchen, die sittenstrenge Urmaa nofru-ra (eine Tochter des Königs von Syrien) aus den Armen ihres Gemahls zu verdrängen. Zitternd umklammerte sie den Nacken ihres Trägers und manchmal krauste sie dem schnaubenden Riesen zärtlich hinter den Ohren, der alsdann durch ein leises Kichern sein Wohlgefallen ausdrückte. Jetzt fühlte sie, daß er eine Treppe hinanklomm, flüsternde Stimmen umschwirrten ihr Ohr, durch das verhüllende Tuch glänzten Lichter, dicht neben sich hörte sie die Stimme jenes Priesters, der sie besucht. Sie drückte die Augen zu und ein Beben der Erwartung überlief ihren Leib . . . die langersehnte Minute schien gekommen. Zweiter Teil Erstes Kapitel Im Parke der reichen Witwe Asso steht ein kleiner tempelartiger Bau, um dessen Dach breite Sykomoren rauschen, die das Silber des Mondes, das auf ihren Blättern ruht, herniederträufeln in die Spalten, die Gesimse und Fenster des zierlichen Häuschens. Rings um dasselbe zieht sich dichtes Gebüsch, welches sich auffallenderweise, trotz der vollkommenen Windstille unaufhörlich bewegt. Bald blinkt es in seinem finsteren Geäst hell auf, bald glaubt man, es sei lebendig geworden und werde nächstens davoneilen. Zuweilen fällt greller Fackelschimmer auf die Wand des Pavillons, dann liegt er wieder völlig im Dunkeln. Zuweilen knirscht der Kies unter der Wucht eines Schrittes, bald verstummt jedes Geräusch in der Umgebung des Hauses. Auch aus den Fensterläden des Tempels blitzt es manchmal; die aufgescheuchten Nachtvögel und Schmetterlinge umkreisen ängstlich seinen bemalten First und setzen sich auf den Katzenkopf der kleinen Sechetstatue, die sich an den rechten Türposten lehnt, und die verwundert ihr schwarzes Gesicht in die Nacht hinausstreckt. Sieht sie nicht die kleine schwarze Sechet, wie sich eine dunkle Gestalt bis an die Türe schleicht? Die Gestalt legt das Ohr dicht an die Bretter, winkt einmal nach dem Gebüsch zurück, in welchem ein weißer Mantel auftaucht und zieht sich sodann wieder auf den Zehen zurück. Was hat das zu bedeuten? fragt sich die schwarze Sechet, aber ihre Marmorarme liegen fest auf ihrer Brust, sie kann sie nicht erheben, um an die Türe zu pochen; sie kann nicht, was sie vielleicht gerne täte, ihre Stimme erheben, um den Bewohnern des Tempels, ihren Schützlingen, ein warnendes Zeichen zu geben. Denn, während die Umgebung des Gartenhäuschens unheimlich im gedämpften Glanze der Fackeln erzittert, bergen sich in seinem Inneren zwei Glückliche, die keine Ahnung haben von dem, was sich um sie her bereitet. In dem reich ausgestatteten Gemach sehen wir auf einem von goldenen Füßen getragenen Ruhelager, eine blasse, zarte Mädchengestalt, zu deren Füßen ein junger Mann auf kostbar eingelegtem Schemel sitzt, die Hände des Mädchens von Zeit zu Zeit innig an seine Lippen drückend. Er hält einen Stift in den Fingern und versucht die Züge des Mädchens auf eine Papyrusrolle zu zeichnen, wobei er erst auf das Mädchen, dann auf das Blatt schaut, auf dem sich Linie an Linie reiht. Auf dem runden, farbenstrahlenden Tische aus edelm Holz brennt eine zierliche Lampe; die Wände des kleinen Gemachs sind teils vergoldet, teils bemalt; von der Decke herab hüllen assyrische Teppiche die Fenster und geben dem ganzen Raum eine behagliche Stimmung. Niedliche Glasgefäße glänzen in den Nischen, und die grüne Statue der Isis thront vor einem kleinen Zimmeraltar. Der junge Mann hält mit seiner Arbeit inne, da das Mädchen ihr Gesicht plötzlich abwendet. »Zeichne mich nicht,« bittet sie, »ich bin nicht schön genug dazu.« Sauft nimmt sie ihm Stift und Blatt aus den Fingern, errötend ihr Bild betrachtend. »Es mag ähnlich sein,« fährt sie fort, »aber ich kann mich nicht selbst betrachten ohne Abscheu. Lege es weg.« »Ich hätte so gerne deine Züge aufbewahrt,« entgegnet ihr der Jüngling mild. Sie schüttelt den Kopf wehmütig lächelnd. »Das taugt nicht,« flüstert sie. »Warum?« »Es kommt nur vor wie ein Unrecht gegen den Schöpfer, ihm nachmachen zu wollen, was er so viel schöner geschaffen,« spricht sie mit gesenkter Stirne. »Mir graut immer, wenn ich Bilder sehe. Eure Gemälde in den Tempeln kann ich nie betrachten ohne Angst. Mir ist dann, als hätte der Maler Wesen geschaffen, die leben möchten und doch nicht leben können. Mich dauern immer die armen gemalten Menschen oft so sehr, daß ich um sie weinen könnte.« »Du gute Seele,« lächelte der Jüngling. »Ja, ja!« fährt sie heiterer fort, »als Kind betete ich stets für die gemalten Menschen euerer Tempel. Einmal brachte ich ihnen von meinem Brot, aber sie wollten es nicht annehmen, sondern sahen mich so starr an, daß ich zitternd davonlief.« »Wie ist dir,« fragt nun der junge Mann zärtlich, »du siehst zwar noch blaß aus, doch scheinst du kräftiger zu sein?« Er reicht ihr hierauf einen Becher, an dessen weingerötetem Rand sie nippt. »Mir ist wohl,« flüstert das Mädchen, in welchem wir nun, da sie sich ein wenig in die Höhe setzt, Myrrah erkennen, »mir ist wohl! denn bist du nicht so freundlich gegen mich? Pflegst du mich nicht seit jener schrecklichen Stunde, wo du mich aus den Händen jenes Abscheulichen befreitest, mit wahrhaft mütterlicher Sorgfalt? Eigenhändig trägst du mir Speisen herzu, hältst mich, die Gefahr nicht achtend, hier versteckt in diesem Hause und gibst dir unsägliche Mühe, meinen trüben Geist zu erheitern.« »Was mir, hoffe ich, gelungen ist?« fragt Menes. »Ja! ich habe nun den Schrecken überwunden,« sagt Myrrah, indem noch immer ein Schauder ihren schönen Leib überrieselt, wenn sie an das nächtliche Abenteuer denkt. »Nie mehr,« entgegnet ihr Menes, »will ich dich an diese häßliche Geschichte erinnern, Myrrah. Wir wollen sie vergessen, denn zwei Tage lang lagst du, obgleich dein Körper unverletzt war, zwei Tage lang lagst du in Fieberphantasien hier auf diesem Polster, so sehr griff dieses widrige Ereignis deine zarte Seele an.« »Es war eine furchtbare halbe Stunde, die ich durchlebte,« flüstert Myrrah, »aber du hast recht, schweigen wir davon.« Dennoch war dies Ereignis die Begründung von Menes' Glück, denn seine rasch eingreifende Hilfe füllte das Gemüt des Mädchens mit so reicher Dankbarkeit an, daß von diesem Augenblick alle ihre Bedenken schwanden, die sie bisher ihren Freund meiden hießen; sie liebte ihn, sie lernte seine edle Aufopferungsfähigkeit kennen, und als er nun gar sich mit liebenswürdiger Unbeholfenheit zu ihrem Krankenpfleger gemacht, glaubte sie in ihm einen Menschen zu besitzen, wie er nicht zum zweiten Male auf diesem Erdboden gefunden wird. Wie mußte sie oft trotz ihrer Schwäche lächeln, wenn er ihr die Kissen zurechtschob, oder mit edler Schamhaftigkeit sie, die Kranke, anfaßte, um ihr das Sitzen zu erleichtern. Wie lieblich stand seinen männlichen Zügen diese weibliche Verlegenheit, wie strenge wußte er oft seine aufglühende Empfindung zu dämpfen, wenn er sie in den Armen hielt, wie sehr ehrte sie dieses charaktervolle Entsagen. Nach einigem Schweigen nötigte Menes das Mädchen, von dem Antilopenfleisch zu kosten, das er ihr gebracht. Myrrah lehnte ab und sagte ganz leise: »Menes, ich denke mit Schmerzen an die Stunde, in der wir uns trennen müssen, aber sie ist nahe herangekommen; länger kann ich deine, für dich so gefahrvolle Gastfreundschaft nicht in Anspruch nehmen; dieser Tempel hat mich lange genug beschützt, bedenke, wie leicht er uns einst verraten könnte. Du selbst gestandest mir, daß du mehrmals des Nachts verdächtige Gestalten um die Anhöhe schleichen sahst; man ahnt vielleicht schon im Palast deiner Mutter, daß hier nicht alles so steht, wie es sollte – und dann bin ich jetzt kräftig genug, um wieder an meine Arbeit gehen zu können.« Menes beruhigte ihre Angst; er versicherte ihr, seine Mutter glaube, durch seine Reden getäuscht, er gäbe sich hier, in diesem abgelegenen Tempel, fremdem Gottesdienste hin; diese seine unschuldige Heuchelei verehre jeden Eintritt und lasse sie völlig ungestört. »Halt! Hörst du nichts?« rief plötzlich Myrrah. »Wo?« »Draußen vor der Türe?« »Nein.« »Mir war, als hörte ich den Kies knirschen.« »Es wird der Wind gewesen sein,« beruhigte Menes. »Menes, ich halte es hier nicht länger aus,« sagte die furchtsame Myrrah. »Morgen mit dem ersten Strahl der Sonne kehre ich heimwärts. Ich will dir nicht länger diese Last aufbürden, dich in Gefahr stürzen. Fast acht Tage schwebe ich deinetwegen in dieser Angst . . . aber höre nur! beim Himmel! das war ein menschlicher Fuß.« »Unmöglich, Liebste!« sagte Menes lachend, »die Furcht läßt dich Geräusche vernehmen, die nicht sind. Meine Mutter ist längst zur Ruhe gegangen, der ganze Palast schläft wie ein Grab. Komm, lege dein niedliches Haupt an meine Wange und laß uns träumen von seliger Zukunft. Dieser Tempel war, erzählt man, von je der Liebe geweiht; unsere Voreltern sollen darin der Astarte geopfert haben, und ich will es gerne glauben, denn ich fühle noch ihre bestrickenden Weihrauchdünste wehen, die sich in den Tapeten festgesetzt. Auch erzählt man, König Seti habe, als er einst bei meinem Vater gewohnt, hier in diesem Tempel eine Jüdin heimlicherweise geliebt.« Als Menes nun auf die Zukunft zu sprechen kam, wollte Myrrah hiervon nichts wissen. Auch der leiseste Gedanke an ihre Zukunft erweckte ihr Grauen. Sie fühlte, daß eine Ehe zwischen ihr und Menes so unmöglich sei, als wenn man die Pyramide des Cheops durch ihren Ohrring hätte drängen wollen. »Eher,« sprach sie mit aufgeregter, zitternder Stimme, »eher wird die Lybische Wüste ein See, als uns deine Götter das Glück der Vereinigung bereiten.« Menes wendete verschiedenes ein, auch von Flucht sprach er. Nach Äthiopien wollten sie entfliehen, sich in den Bergwerken verbergen, oder sie wollten eine Oase in der Wüste aufsuchen, um dort von der Welt geschieden zu leben wie zwei Vögel. Myrrah, weniger schwärmerischen Sinnes als Menes, wies ihm die Unmöglichkeit des Fluchtversuches nach. »Nein,« sprach sie leise, »schweige mir von solchen Träumereien; unser Glück besteht darin, daß wir mit einander unglücklich sein dürfen. Das ist das einzige, was uns das Schicksal erlaubt, mein süßer Freund.« Sie fiel ihm um den Hals, während sie unter Tränen schluchzte: »Oh, warum mußte es soweit zwischen uns kommen. Warum folgte ich dir hierher, warum rettetest du mich, als es mein Wille war, dem Leben zu entsagen, aus dem Rachen des Krokodils. Und doch! wenn ich dir ins Auge schaue, wenn ich am Klopfen deines warmen Herzens fühle, wie du mich liebst, o! dann muß ich mir doch gestehen, daß es noch ein Glück für mich gibt, daß deine Liebe die Bitterkeit meines Schicksals versüßt und meinem Leben einen Wert verleiht – ja! ich will leben und leiden um deinetwillen.« Menes beugte sich in unendlicher Ergriffenheit über das schmerztrunkene Mädchen, die Worte versagten ihm, er vermochte ihr nur durch Streicheln, Küsse und Liebkosungen anzudeuten, daß er alles Weh, das er über sie gebracht, mit ihr teilen wollte, daß er keinen anderen Gedanken im Herzen trage, als sich ihrem Dienste zu weihen, mit derselben Begeisterung, wie sich ein junger Priester seinem Gotte weiht. Myrrah sank endlich ermattet auf ihr Lager zurück, ihr Schmerz löste sich in weiche Wehmut auf, sie sprach nur noch davon, wie sie ihn unglücklich gemacht, da er die elende Jüdin liebe, und häufte Schmähungen auf sich selbst. Eben wollte Menes ihr sagen, daß sie ihn beleidige, wenn sie behaupte, er habe sein Herz an einen (wie sie sich selbst nenne) unwürdigen Gegenstand gehängt, als ein Geräusch, das auch ihn aufschreckte, die Stille des Gemaches unterbrach. »Sagte ich es nicht,« flüsterte die bebende Myrrah, »wir sind belauscht. O Jehova, schütze uns.« »Stille,« hauchte Menes, »laß uns horchen.« Leise ward am Riegel der Tür geschoben, er klirrte. »Es ist, wie ich sagte,« lispelte das Mädchen im Tone der Verzweiflung, »wir sind verloren.« Menes' Gedanken begannen sich bei dieser Entdeckung zu verwirren, er starrte nach der Tür, als sollte ihm von dort ein Geist erscheinen; erst das barsche Wort: »Aufgemacht!« welches in das Gemach gerufen wurde, flößte wieder Leben in den Versteinerten. Er eilte an das Fenster, nach vieler Mühe gelang es ihm, dasselbe zu öffnen; schwarze, hinhuschende Gestalten, blutroter Fackelglanz, das Gemurmel vieler Stimmen belehrten ihn, daß hier kein Ausweg sei. Nun wurden Werkzeuge an das Schloß gelegt, er erkannte deutlich die befehlende Stimme seiner Mutter, eine Stimme so schneidig, so hart, daß er unwillkürlich nach der armen, in ihre Tücher gehüllten Myrrah blicken mußte, denn es war ihm, als könne dieser lieblose Ton dies zarte Herz durchbohren. Welch einem Auftritt sah er entgegen! Er hätte Tränen des Ingrimms weinen mögen, obgleich er sich vorkam, wie ein ungezogenes Kind, das Strafe verdient hat und das nun vor der Geißel seines Meisters steht. Er hatte den herabgefallenen Fenstervorhang über Myrrah ausgebreitet, kaum aber war ihm klar geworden, welche klägliche Rolle er, sobald sich die Türe öffnete, spielen mußte, so stieg ein lebhaftes Trotzgefühl in ihm auf, mit einem entschiedenen Ruck befreite er Myrrah von der Umhüllung. »Nein,« rief er, »sie soll mich nicht gleich einem Verbrecher, der sein Verbrechen verbergen möchte, vor sich zittern sehen.« Sein für gewöhnlich so zaghafter Charakter konnte in entscheidenden Momenten eine ungewöhnliche, fast übertriebene Festigkeit annehmen. Er blickte mit düsterem Trotz nach der Türe, die unter den Axtschlägen seiner Feinde erbebte. »Hast du eine Ahnung davon,« frug er seine Geliebte, »wer uns verraten hat?« Diese jedoch vermochte nicht mehr zu reden, sie klammerte sich zitternd am Arm ihres Freundes fest. Die Türe erknirschte, keine Minute lang konnte sie mehr widerstehen. Mit pochenden Schläfen saß der Verratene da und sah die Türe zusammensinken, ihm war zumute, als könne er alle seine Verfolger mit dem Blitz seines Auges niederwerfen. »Laß sie kommen, mein Kind,« sagte er, »wen soll ich fürchten? Doch meine Mutter nicht? Und wenn ich sie fürchten muß, nun, so soll auch sie mich fürchten lernen, denn ihr Sohn verantwortet, was er getan, und opfert mit Freuden die Liebe seiner Mutter, wenn er die deinige dafür gewinnen kann. O, so ist's recht! schlagt zu, ihr Äxte. Ich benutze diese Gelegenheit mit Freuden, meiner Mutter zu zeigen, wen sie eigentlich zum Sohne hat und wie weit ihre Herrschaft über mein Leben geht.« Kaum hatte er die Worte gesprochen, so fiel prasselnd die Türe ins Zimmer. An der Türe erschien alsbald Rebekka, mit schlauem Gesicht auf das Paar deutend und wieder in der Dunkelheit verschwindend. Menes hatte der Tür absichtlich den Rücken gekehrt, er saß so stille, so sicher, als kümmere ihn der Überfall nicht und als gälte er einem anderen. Eine Hand, die sich schwer auf seine Schulter legte, veranlaßte ihn, den Kopf zu heben. Er stand langsam auf. »Du, liebe Mutter?« sprach er höflich, »nimm dir einen Stuhl, setze dich nieder.« Mit diesen Worten stellte er einen Stuhl neben Asso, die keines Wortes mächtig, mit verglasten Augen, bald Menes, bald die schluchzende Myrrah ansah. »Bitte, nimm Platz,« wiederholte Menes mit erzwungener Gleichgültigkeit, während seine Mutter, durch das ernste, gefaßte Benehmen ihres Sohnes völlig in Verwirrung gesetzt, vergeblich danach rang, die Wut, die Entrüstung, die in ihr kochte, durch Worte zum Ausdruck zu bringen. »Du erstaunst, liebe Mutter? Nicht doch! Das solltest du nicht. Ich bin dir Aufklärung schuldig und will nun offen sein. Höre mich also an! Vorerst vernimm, wer jenes Mädchen, das du hier bei mir siehst, ist, und unter welchen Umständen ich sie in meinen Schutz genommen.« Nachdem Menes, scheinbar völlig gefaßt, einige Diener zurückgewiesen, die sich in die Tür gedrängt hatten, um Zeuge des Auftrittes zu sein, begann er ruhig seine Erzählung. Er hob besonders hervor, daß Myrrah ihm einst das Leben gerettet, und gab deutlich zu verstehen, daß er sie liebe, auch entschuldigte er seine Heimlichkeit nicht, ließ aber durchblicken, daß ihm nicht viel daran gelegen sei, wie dieselbe von seiner Mutter aufgefaßt wurde. Es war das erstemal, daß Menes in Gegenwart seiner Mutter zeigte, er habe einen eigenen Willen; noch niemals hatte er mit solcher Sicherheit geredet, noch nie so fest seine Rechte verteidigt. Dies imponierte der Frau! Sie fühlte etwas von der Geistesüberlegenheit des Mannes über das Weib, einen Augenblick war sie in der Tat von dem entschiedenen Benehmen des Jünglings eingeschüchtert. »Du bist in kurzer Zeit zum Manne gereift,« sagte sie verlegen. »Du hast recht,« erwiderte er, »die Liebe hat mein Gemüt gekräftigt. Ich überschaue die Welt von einem höheren Standpunkt aus und weiß auch nun, wie weit die Rechte eines jeden gehen.« »Du willst mir, wie es scheint, das Recht verweigern, in dieser deiner Angelegenheit mitzureden – ist es so?« »Es kommt darauf an, was du für Rechte geltend machst,« sagte er kalt. »Und wenn ich nun deinen Schritt verwerfe?« »Wer hindert dich daran, das zu tun?« sagte er lächelnd, »aber wer hindert mich daran, deine Verwerfung nicht zu beachten?« Asso schoß einen bösen Blick auf ihren Sohn; sie fühlte, daß sie ihm gegenüber ziemlich machtlos dastand, desto heißer konzentrierte sich ihre Wut auf die Jüdin. Vielleicht wäre ihr Grimm nicht so rasch zum Ausbruch gekommen, wenn nicht Myrrah, der es unerträglich war, Mutter und Sohn in Feindschaft geraten zu sehen, aufgesprungen wäre, um sich der stolzen Dame zu Füßen zu werfen. »Verzeihung,« weinte die Geängstigte, »ich bin eine Jüdin! Verzeihung, hohe Frau. Wenn Ihr die Mutter dieses Jünglings seid, werft Euren Groll auf mich, nicht auf sein schuldloses Haupt.« Diese Worte gaben der Witwe ihre Fassung zurück; die Übermacht der in ihrem Busen aufgespeicherten Entrüstung ließ sie die Gegenwart ihres Sohnes völlig vergessen. Sie schleuderte einen Zornblick auf Myrrah, drängte die Arme der Flehenden zurück, die sich um ihre Knie schlingen wollten, und brach in ein konvulsivisches Gelächter aus. »Rebekka hatte also dennoch recht? Das also ist die Göttin, der er in diesem Tempel zu Füßen liegt? Das also ist die Schlange, die ihn verführt,« preßte sie hervor, »die ihn abhalten will, dereinst mit Rang und Würde geziert seiner Mutter Ehre zu machen? Diese ist es, die alle meine Pläne mit dem Hauch ihres verfluchten Mundes zerbläst?« Dann holte sie tief Atem, betrachtete die vor ihr Kniende mit höhnischen Blicken und stieß sie mit dem Fuße zurück, während Menes blaß, mit brennenden Augen der Entwicklung dieser Szene folgte, bis jetzt nicht fähig, tätigen Anteil daran zu nehmen. »Liebe Kleine, wie gelang es dir, den Vogel in dein Netz zu locken?« kreischte die Rasende. »Tatest du spröde? Weintest du ihm täglich vor? Oder entzückte ihn deine Keckheit? Hat er dir versprochen, dich zum Weibe zu nehmen?« »Hohe Frau, habt Geduld mit mir, ich will Euch alles sagen –« weinte sie. »Ich frage, ob er dir versprochen hat, dich zum Weibe zu nehmen?« »Gebieterin – ich habe –« »Ich will Antwort!« »O Menes, hilf mir – sie tötet mich –« »Hat er dir das versprochen?« »Er hat es – jedoch –« »Er hat es? Ha! also er hat es wirklich? Sehr gut,« lachte nun Asso auf, ohne auf die Nähe dessen zu achten, von dem sie redete. »Soweit ging der Schwärmer? Der Knabe? Ich weiß in der Tat nicht, ob ich über diesen Einfall lachen oder ob ich dich und ihn ernsthaft zur Rechenschaft ziehen soll! Ich glaube fast, zwei Wahnsinnige vor mir zu sehen, mit welchen man Nachsicht haben muß.« Menes hielt mit Gewalt an sich. Er preßte die Faust aufs Herz. »Er hat es mir versprochen, hohe Frau, mich zu seinem Weibe zu nehmen,« sagte nun Myrrah mit etwas festerem Tone, »aber nie, nie werde ich eine solche Ehe annehmen. Ich weiß, daß ich sein Weib unmöglich werden kann! Ich weiß, daß es meine Abstammung verhindert, daß es überhaupt alle Umstände verbieten. Nie stand mein Wunsch so hoch, ihn zu besitzen, aber wenn Ihr mich fragt, ob ich ihn geliebt, dann muß ich sagen: Ja! sofern ich die Wahrheit sagen will! Und darin, hohe Frau, darin, daß ich ihn liebte, werdet Ihr doch wohl keine Schande für Eure Familie erblicken. Lebt wohl, hohe Frau! Lebe wohl, Menes! Ich verlasse diesen Ort und meide euch beide auf immer. Menes, nimm meinen innersten Dank für deine opferwillige Freundschaft, für den schönen, aber unmöglichen Plan, den du gehegt hast. Ich gehe, und mit mir weicht hoffentlich der Gegenstand der Zwietracht aus eurem Hause. Folge mir niemand nach!« Sie ergriff mit zuckender Heftigkeit ihr Tuch, um sich zu entfernen, aber sie hatte noch nicht die Türe erreicht, als sie in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach, und mit den gestammelten Worten: »Alles vorbei –« sank sie, den Kopf an den Türpfosten gelehnt, langsam zu Boden. Soweit hatte sich Menes beherrscht, als er jedoch sein geliebtes Wesen so von Schmerz übermannt sah, kehrte er sich entrüstet zu seiner Mutter. »Da sieh her, Erbarmungslose, was du getan,« rief er. »Steh' auf, gutes Kind. Sie soll dir nichts anhaben, solange ich in deiner Nähe bin! Stehe auf! Ich werde, ob sie gleich meine Mutter ist, nicht dulden, daß sie dich beleidigt.« Asso erkämpfte ein Lächeln, das jedoch einem Grinsen der Wut täuschend ähnlich sah. »Fängst du an,« sagte sie, »ihr beizustehen? Natürlich! Der eine Rebell unterstützt den anderen. Ich erinnere dich daran, daß ich die Herrin des Hauses bin und daß mir Mittel zu Gebote stehen, meinen Willen durchzusetzen.« »Wenn dir an der Liebe deines Sohnes nur soviel gelegen ist, wie an der Liebe deines Haushundes,« entgegnete Menes, »so wirst du diese Mittel nicht in Anwendung bringen, sondern dich mit ihm in Ruhe zu verständigen suchen.« »Mit einem Rasenden verständigen? Dein Verstand scheint bereits in eine solche Verwirrung geraten zu sein, daß ich kein Wort mehr mit dir zu reden vermag. Übrigens, wenn du von meiner Mutterliebe sprichst, so erkenne sie darin, daß ich dir dieses Mädchen zu entziehen suche.« »Du verstehst weder mich,« erwiderte Menes, »noch dieses Mädchen.« »Und du gehst wirklich mit der Absicht um, sie zu deinem Weibe zu machen?« »Es ist mein fester Wille!« Asso besann sich einen Augenblick, indem sie ihrem Sohne prüfend in die Augen sah. »Menes, sei nicht töricht,« entgegnete ihm darauf Asso mit einer Milde, über deren Plötzlichkeit er erstaunte. »Lasse dich nicht betören von einer gewandten Gauklerin. Ich kenne ihre Tränen und ihre Edelmutsphrasen; ich kenne dergleichen Weiber, deren Reden du für bares Gold nimmst, indes es elendes Blei ist. Mein guter Sohn, es tut mir leid, dir die Augen öffnen zu müssen, damit du nicht, einem gaukelnden Phantom nachjagend, in den Abgrund stürzest. Um aller Götter willen, hüte deine rasche Phantasie vor den Reizen solcher Weiber; sie richten dich zugrunde, denn, während du treuherzig eine Oase zu betreten glaubst, stehst du plötzlich einsam in der glühenden Wüste. Sei nicht wie der Nil, teile nicht deine Gaben so ohne Unterschied jedem lächelnden Gesichte aus, sondern prüfe, wähle sorgsam.« »Und wenn ich nun geprüft hätte?« frug Menes. Er sah seiner Mutter forschend ins Auge; der sanfte Ton, den sie angenommen, tat ihm wohl. Er fühlte, wie er weich ward; daran, daß sie heucheln konnte, dachte der Offenherzige nicht. »Folge mir, mein Sohn, laß dies Mädchen ziehen,« fuhr Asso fort, »hänge dein edles Herz nicht an eine Unwürdige.« »Mutter,« entgegnete ihr der Sohn, »du scheinst zu glauben, ich sei das Opfer niedriger Heuchelei geworden?« »Das glaube ich.« »Ich danke dir für die sorgliche Überwachung meines Lebensweges, jedoch muß ich dich bitten, nicht eher zu urteilen, als bis du geprüft hast. Ich schwöre dir, daß in diesem Judenmädchen kein unedler Tropfen Blut fließt. Mir ward Gelegenheit, ihr Herz zu durchschauen. Du bist im Irrtum.« Asso lächelte schlau. Dann frug sie: »Willst du mir erlauben, einen kleinen Versuch mit dieser Dirne anzustellen, der dich rasch bekehren wird?« Ohne die Antwort des erstaunten Jünglings abzuwarten, streifte sie einen kostbaren Schmuck von ihrer Brust und hielt ihn, der wohl einem Landgut an Wert glich, der Jüdin vor die Augen. »Ich biete dir diesen Schmuck von großem Werte an, Jüdin,« sagte sie, »wenn du meinem Sohne offen die Wahrheit sagst. Ganz offen – verstehst du mich? Höflichkeit wäre in diesem Falle Heuchelei!« »Was soll ich ihm sagen?« frug Myrrah verwundert. »Sage ihm, du warst ein einfältiger Leichtgläubiger, den ich am Narrenseil führte. Ich liebe dich nicht! – sage ihm das, und dein ist dieser Schmuck, der dich für immer der Nahrungssorge entreißt.« »Gib acht, Menes,« setzte sie hinzu, »nun sinkt die Schminke.« Jedoch Myrrah schwieg. Ein Ausdruck innerster Entrüstung überflog ihre Züge, sie blickte der Dame groß ins Auge. »Ah!« rief Asso lachend, »nun legen wir die Großmutsmiene an. Du glaubst uns über deinen Charakter täuschen zu können, indem du Edelsinn heuchelst. Nun, so werden wir zu anderen Mitteln greifen. Höre! Du erhältst sogleich hundert Geißelhiebe, wenn du nicht augenblicklich eingestehst, du habest meinen Sohn verführt, um ihm Gold abzulocken! Gestehe also!« Asso klatschte in die Hände; sofort erschienen zwei schwarze Sklaven an der Türe. »Reißt dieses Mädchen vom Boden auf,« befahl sie, »und peitscht sie! Gib acht! Menes, wie rasch sie aus anderem Tone reden wird.« Es trat eine Pause ein. Die Sklaven ordneten grinsend ihre Geißelriemen, Menes starrte in sprachloser Überraschung seine Mutter an. »Gestehe,« herrschte Asso, »ich halte mein Wort. Du siehst dich in meine Hände gegeben. Ein offenes Geständnis kann dich retten.« Menes trat mechanisch einen Schritt vor und stammelte einige Worte. Seine Mutter lächelte ihm beschwichtigend zu und forderte die zitternde Myrrah von neuem auf, zu gestehen. »Jehova ist mein Zeuge,« hauchte diese, »daß mir niedrige Absicht fremd war – geißelt mich!« »Greift zu, Sklaven,« sagte Asso ungerührt, »beim ersten Hieb wird sie gestehen, was ich wünsche. Dergleichen Weiber bringt nur körperlicher Schmerz zur Vernunft.« Schon erhoben die hinzugetretenen Sklaven die Stäbe über dem Haupte der Unglücklichen, schon senkte diese ergeben ihren schönen Nacken. Da konnte sich Menes nicht länger beherrschen. Ein kräftiger Stoß warf den ersten Herangekommenen zu Boden. Dann schritt er mit entschlossener Miene so dicht vor seine Mutter, daß diese unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. »Mutter,« preßte er dumpf hervor, »beim großen Sonnengott beschwöre ich dich, reize meine Geduld nicht länger. Ich bin dein Sohn und habe dir seither stets gehorcht, hier aber gebietet mir die Pflicht und das Gefühl für Menschenrecht, deiner Hartherzigkeit Einhalt zu tun. Wenn du aus Liebe zu mir solche Grausamkeit begehen willst, muß ich dir versichern, daß ich alsdann deine Liebe herzlich gern entbehre, deine Liebe, von der ich bis zu diesem Augenblick eben nicht viel zu sagen weiß. Kein Gott und kein Mensch wagt Hand an dieses Kind zu legen, und nimmst du deinen unmenschlichen Befehl nicht sogleich zurück, so vergesse ich, wen ich vor mir habe.« Diese entschlossenen Worte trieben der Mutter eine Blässe auf die Wangen, von der man nicht sagen könnte, ob sie Furcht oder Wut bedeutete. Nach einigem Zögern winkte sie den Sklaven, abzulassen. Gleich darauf zwang sie ihren Zügen ein mühsames Lächeln ab. »Du weißt, mein Sohn,« begann sie schüchtern, »daß ich keinen anderen Wunsch im Herzen nähre, als dich glücklich und mächtig zu sehen. Diesem Wunsch schreibe es zu, wenn ich im Augenblick mich zu einer allerdings unschönen Handlung hinreißen ließ.« Menes atmete auf. »Es freut mich,« sagte er, »daß du dich selbst richtig beurteilst.« Man sah nun ihren Zügen an, wie sie bestrebt waren, einen immer zutraulicheren Ausdruck anzunehmen. Sie schien das eben Vorgefallene als einen kleinen Scherz hinstellen zu wollen, und gab zu verstehen, daß sie die Prüfung des Mädchens nicht bis zu tatsächlicher Körperstrafe fortgesetzt haben würde. Mitunter jedoch entfuhr ihrem freundlichen Auge ein versteckter Zornblick, der alle ihre schönen Worte, ihre glatten Bewegungen Lüge strafte. »Möglich, daß ich mich täusche, mein Kind,« sprach alsdann die korpulente Dame mit gewinnender Liebenswürdigkeit, ihre Hand auf ihres Sohnes Arm legend. »Dies Mädchen ist vielleicht nicht so schlimm von Charakter, als ich argwöhnte; vielleicht sogar besitzt sie alle Tugenden, welche du an ihr wahrnimmst, ich gebe es freudig zu. Jedoch mußt du mir erlauben, noch so lange einen gelinden Zweifel zu hegen, bis ich durch eine mehrmonatliche Beobachtung auch mein Herz von den Tugenden überzeugt habe, die das deine an diesem Mädchen entdeckt. Diese Zweifel, hoffe ich, werden bald zerstreut sein; jetzt bestehen sie freilich noch, aber, wenn du sicher auf den Charakter deiner Geliebten bauen kannst, so überlasse sie mir, ich will sie in die Schar meiner Dienerinnen aufnehmen. Stimmt das mit deinen Wünschen überein?« Hierauf lächelte sie süß zu dem Jüngling empor, der keinen Augenblick an der Aufrichtigkeit ihres Rates zweifelte. Was sollte er befürchten? Konnte er nicht den Göttern danken, wenn Myrrah eine gute Versorgung erhielt? Und wenn sie die Probe bestand, war es nicht möglich, daß Asso dieses Verhältnis mit immer günstigeren Augen ansah? Daß sie schließlich, gerührt von der Liebenswürdigkeit des Mädchens, keinen Anstand mehr nahm, die Verbindung zu segnen? »Du besinnst dich, mein Sohn?« frug die Witwe. »Nein,« erwiderte er, »ich gebe meine Einwilligung. Dieser edle Entschluß zeigt mir dein mütterliches Herz, zeigt mir dein schönes Wohlwollen. Nichts wünsche ich sehnlicher, als daß du die Vorzüge dieses Mädchencharakters kennen lernen mögest, damit du dein Urteil so bald wie möglich änderst.« »Wenn sie sich so zeigt,« flüsterte Asso, »wie du von ihr denkst, wollen wir sehen, was sich weiter tun läßt. Ich will ihr eine Mutter werden und euer Glück soll in mir kein Hindernis finden, jedoch –« Menes hatte, als er diese Worte vernahm, seiner Mutter Hand ergriffen. »Ja,« fuhr diese fort, »ich werde eurer Vereinigung alsdann nicht länger im Wege stehen, jedoch solange ich sie prüfe, deine kleine Braut, muß ich – ich bin es ihr schuldig – auch deine Liebe auf eine Probe stellen.« »Das ist nicht mehr wie recht und billig,« sagte Menes, »sprich, gute Mutter! Ich scheue keine Prüfung, ich unterwerfe mich einer jeden, die du mir auferlegst.« »Habt ihr euch beide,« fuhr Asso fort, »längere Zeit nicht gesehen, so werdet ihr über euere Neigung am klarsten werden. Die Zeit ist der beste Prüfstein der Liebe; ihr müßt euch trennen, um, seid ihr euch treu geblieben, euch desto inniger zu vereinigen. Während ich Myrrah als meine Tochter im Hause behalte, fordere ich von dir, Menes, daß du deinem Berufe nachgehst. Dir winken bereits die Ehrenstellen am Hofe des Königs, und erst gestern erhielt ich einen Brief des Oberkämmerers, worin er um eine Audienz für dich bei Ramses nachsuchen will. Es ist Zeit, daß du die Staffel betrittst, die dich auf den Posten deines verstorbenen Vaters geleitet, du kannst nicht mehr länger in Memphis müßig wandeln, das fühlst du selbst.« Mit Ungeduld hing das Auge der Witwe, nachdem sie also gesprochen, an den Zügen ihres Sohnes, der träumerisch zu Boden sah. Ohne Zweifel war sie aufs äußerste gespannt, was er auf diese ihre Forderung erwidern werde, denn sie wechselte mehrmals die Farbe und wischte sich den Schweiß hastig von der Stirne. Als Menes immer noch schwieg, verdüsterten sich ihre Blicke immer mehr, erst als er plötzlich zusammenzuckte und ihr groß in die Augen sah, versuchte sie wieder ihr eigenartiges Lächeln. »Nun, Menes,« sagte sie, »ich wünsche deine Meinung zu hören. Bist du so schwach, dich nicht von Myrrah trennen zu können, die du doch in guten Händen weißt! Sieh nur, dein Mädchen besitzt mehr Mut wie du.« Myrrah war vom Boden, auf dem sie bis jetzt gekauert, aufgestanden; ihre Züge drückten die beängstigendste Unruhe aus; auch sie wartete mit bebender Spannung auf die Antwort ihres Menes. Dieser richtete sich nun an seine Geliebte. »Was soll ich tun, Myrrah?« frug er. »Gib du mir deinen Rat zu hören.« »Wie?« rief Asso, »ein Mann fordert, den Rat eines unerfahrenen Kindes zu hören? Hast du keine eigenen Entschlüsse? Hängst du von fremdem Willen ab?« »Ich frage dich, Myrrah,« sagte Menes, »noch einmal, soll ich gehen? Dich verlassen? Du schüttelst traurig dein liebes Haupt? Aber dennoch werde ich es müssen. Meiner Mutter kann ich nicht unrecht geben, sie meint es gut mit mir und, wenn ich ihrem Wunsche folge, erzeige ich mir selbst den größten Dienst.« Er trat zu der Erblassenden heran. »Du bist stark genug, die Prüfungszeit, die wir uns beide auferlegen müssen, geduldig zu ertragen,« sagte er, sie umschlingend, »komme, tritt zu der Frau, die dein Wohl und das meine zu fördern versprochen, reiche ihr die Hand. Sie hat durch ihr rasches Handeln einen ungünstigen Eindruck auf dich gemacht, jedoch sie kann auch weich und gut sein, wie du bemerkst. Sieh! sie lächelt dich freundlich an, sie will dich zu ihrer Tochter machen; fasse Zutrauen zu der, die ich achten und verehren muß. Sie ist nicht so, wie sie sich dir anfangs zeigte.« Asso faßte die Hand der Widerstrebenden. »Mein Kind,« sagte sie mit sanfter Würde, »von deinem Benehmen wird es abhängen, ob ich dich lieben lernen kann. An mir soll es nicht fehlen, ich werde mir Mühe geben, mich an dich zu gewöhnen. Sei heiter, denn deiner harren glückliche Tage.« Da Myrrah regungslos mit niedergeschlagenen Augen dastand, wendete sich die Witwe an Menes. »Du siehst,« sagte sie, »meinen guten Willen, mir dies Herz zu gewinnen; es ist nicht meine Schuld, wenn sie meine Liebe abweist.« »Gönne ihr einige Tage Ruhe und Überlegung,« entgegnete Menes, »ich bin davon überzeugt, daß sie sich an dich anschließen wird. Noch zittert der Schrecken dieser Überraschung in ihrer Seele nach; wenn sich der Sturm gelegt, wird sie klarer einsehen, welche Wohltat sie durch dich genießt. Überlasse sie nur meinem Troste.« Asso wandte sich zum Gehen, ihr Auge glänzte wie das eines sieghaften Feldherrn. Hatte sie es doch erreicht, was sie wünschte, ihren Sohn diesem tatlosen Leben entrissen und einem ruhmvolleren entgegengeführt zu haben. Menes pries sich glücklich, daß die Dinge, die so ernst begonnen, eine so schöne, hoffnungerweckende Wendung genommen hatten; der Sturm, der drohend herangebraust war, löste sich nun in milden Duft auf; er hatte, wie er sich sagte, das Herz seiner Mutter besiegt; auch nicht die leiseste Wolke des Argwohns trübte den Horizont seines Glückes. Die Zukunft glänzte vor seinem Blick wie die Landschaft nach der Überschwemmung des Nil; die kurze Trennung von der Geliebten diente ja nur der Seligkeit zur Würze, und da diese Trennung unvermeidlich war, wie gut, daß er nun wenigstens Myrrah zufrieden im Arm des Reichtums wußte. Auch Myrrah, die sich anfangs unter Tränen dagegen sträubte, die Dienerin einer solchen Frau zu werden, gab schließlich den sanften Vorstellungen ihres Geliebten Raum und erklärte ihm, daß sie willenlos, was er von ihr wünsche, tun werde, daß sie jedoch gegen Asso eine unüberwindliche Abneigung gefaßt. Sie beschwor ihn, nicht jedem Worte seiner Mutter Vertrauen zu schenken, sie riet ihm zu prüfen, zu beobachten; Menes jedoch wies fast mit Entrüstung die Zweifel zurück, die das Mädchen in die Offenheit Assos setzte. Er tadelte ihr Mißtrauen und versicherte, seine Mutter ließe sich zwar leicht hinreißen, jedoch sei ihr Charakter höchst achtbar und unantastbar. »Ich habe dich gewarnt,« entgegnete Myrrah, »mehr kann ich nicht tun. Jedoch ich werde, auch wenn er mir Unheil bringen sollte, deinem Befehl folgen und will mich befleißigen, deiner Mutter zu gefallen. Sie soll nie über mich zu klagen haben.« Hierauf verfügten sich alle nach dem Palast zurück, Asso leutselig plaudernd an ihres Sohnes Seite wandelnd, Myrrah schweigsam und Rebekka den Dreien im Tanzschritte singend vorauseilend. * * * Von diesem Tage an hatte sich Menes nicht mehr über seine Mutter zu beklagen. Obgleich sie seine Zusammenkünfte mit dem Mädchen überwachen und dieselben öfter unterbrechen ließ, war doch ihr Betragen tadellos, behandelte sie die Geliebte ihres Sohnes mit der Achtung, die einer solchen gebührte. Menes ließ es nicht an Dankbarkeit fehlen; man hätte scherzweise sagen können, er verwandelte sich in den Geliebten seiner Mutter, mit soviel Höflichkeit trug er ihr den Sonnenschirm nach, mit soviel Galanterie bot er ihr bei Tafel die Schüsseln. Die Mutter ging auf seinen Scherz ein, nahm das galante Betragen einer viel umworbenen Hofdame an und wußte, graziös wie in ihren jungen Tagen, mit dem Palmblattfächer ihres Verehrers Schulter zu schlagen. Der vertrauungsvolle Jüngling wußte sich die oft nachdenklichen Falten der mütterlichen Stirne nicht zu deuten, seine Menschenkenntnis reichte nicht aus, um hinter der glatten Freundlichkeit dieser Weltdame das ewig arbeitende Herz der Intrigantin schlagen zu hören, und so lebte er in kindlicher Unbefangenheit dahin, im Wahne, seine Mutter füge sich seiner Autorität, während es sich gerade umgekehrt verhielt. Von seiner Abreise war bis jetzt nicht weiter die Rede gewesen; er schien ein Gespräch hierüber zu meiden. Eines Tages jedoch, als er durch die unteren Räume des Hauses schritt, um daselbst nach den Bruchstücken einiger alten Papyrusrollen zu suchen, fielen seine Blicke auf zwei bis obenhin mit prächtigen Gewändern angefüllte Reisekisten. Er beachtete dieselben nicht weiter, sondern schritt, nachdem er die Rollen vergebens gesucht, in das Gemach seiner Mutter, sie in heiterem Tone fragend: ob sie vorhabe, zu verreisen. Asso ergriff die Gelegenheit, sich über den Nutzen, welchen das Reisen einem unerfahrenen Menschen bringen könne, zu verbreiten, schilderte in lebhaften Farben eine Fahrt auf dem Nil, malte die Pracht Thebens und ließ vor ihres Sohnes Augen den Palast des Königs erstehen. Ein junger Mann, der noch nie seine Heimat verlassen, sagte sie, sei wie ein Schwert, welches noch nie aus der Scheide gezogen wurde, beide seien in gewissem Sinne verächtlich. Da Menes, der wohl fühlen mochte, worauf seine Mutter es abgesehen hatte, einen hastigen Blick durchs Fenster warf, als empfände auch er den allen Jünglingen eigenen Drang, in die Ferne zu schweifen, schritt Asso energischer auf ihr Ziel los. »Möchtest du reisen, möchtest du reisen?« frug sie, ihn erregt beobachtend. Menes seufzte auf. Sollte er reisen? Er kam so schwer zu einem Entschluß. Seine Phantasie, durch die Beschreibungen der Mutter entzündet, schwelgte bereits in der Ferne. Er sah sich in der Wüste von brennendem Sand umwirbelt, er sah sich auf den Wellen des Nil, vorübergleitend an herrlichen Baudenkmalen; eine verzehrende Neugier, die Geheimnisse Meröes zu entschleiern, kam über ihn, die seltsame freudige Erregung der Reiselust füllte ihm die Brust. Vor dieser Reiselust mußte sogar die Liebe zurücktreten; war es doch so süß, in der Ferne an die Geliebte zu denken, zu wissen: wenn du wieder nach Hause kehrst, empfangen dich offene Arme. Asso wußte ihren errungenen Vorteil klug zu benutzen, und als nun Myrrah mit niedergeschlagenen Augen in das Gemach trat, bemächtigte sie sich derselben sogleich, küßte und streichelte ihre Wangen, kurz, gab auf alle Weise zu verstehen, in welch guten Händen das Mädchen während Menes' Abwesenheit ruhte. Und dennoch konnte sich der Jüngling nicht entschließen, das Haus seiner Mutter zu verlassen; von einem Tag auf den anderen verschob er die Abreise; es war, als flüstere ihm sein guter Dämon Warnungen ins Ohr, über deren Rätsel zu brüten er nicht Zeit genug finden konnte. Wie oft hatte er sich gesagt: Der kommende Morgen sieht dich nicht mehr in Memphis! Aber ein zaghafter Blick aus Myrrahs Gazellenaugen brachte stets seine Entschlüsse wieder zum Wanken. * * * Asso mochte Gründe haben, ihren Sohn nicht zur Abreise zu drängen, sie vermied selbst allzuviel Gewicht auf die Beschleunigung derselben zu legen. Menes war ein zuvorkommender Sohn, wie ihn sich eine Mutter nur wünschen kann. Er trug Asso auf den Händen, war stets um sie beschäftigt, half ihr sogar beim Ankleiden und unterstützte seine Myrrah in ihren häuslichen Beschäftigungen, in welche sie allmählich eingeweiht wurde, da sie ihr Amt bereits angetreten. Das Verhältnis von Mutter und Sohn schien sich gänzlich umgewandelt zu haben, Scherz und Lachen trat an die Stelle der früheren verdrossenen Schweigsamkeit. Menes bezeugte seine Dankbarkeit in tausend Kleinigkeiten, ja er ließ sich sogar dazu herab, das ihm verhaßte Brettspiel zu erlernen, das seine Mutter allabendlich meist mit dem Nomarchen spielte, und brachte es in kurzer Zeit dahin, fast regelmäßig den Sieg davonzutragen, was Asso zu der Bemerkung veranlaßt: er habe ein entschiedenes Talent zum Feldherrn. Sogar an den Geruch einer gewissen Blume, den Asso über alles liebte, gewöhnte er sich, obgleich er ihm fast Übelkeit erregte. Er hatte indes seine Mutter im Verdacht, daß sie nur deshalb diesen Duft jedem anderen vorzog, weil ihn der verstorbene König Seti für den feinsten erklärt. Auch über den Stuhl, auf welchem dieser König gesessen, da er das Haus Assos mit seinem Besuche beehrt, und der wie ein Heiligtum aufbewahrt wurde, erlaubte sich Menes keine Scherze mehr. Mehr denn fünfzigmal ließ er sich geduldig diesen Besuch des Königs schildern, da er wußte, wie sehr Asso diese Tage als den Glanzpunkt ihres Lebens betrachtete, ja er unterdrückte stets das aufsteigende Lächeln, wenn sie nicht ohne Stolz erwähnte, daß der Sohn der Sonne sich nicht satt an ihrem damals sehr niedlichen Fuße habe sehen können, und daß er seinem Bildhauer den Befehl gegeben, diesen Fuß in Gold nachzubilden. Über die mysteriöse Liebesgeschichte des Herrschers schwieg sie standhaft. Myrrahs Leben war, verglichen mit ihrem früheren, ein blühender Rosenbusch. Sie aß mit Menes und Asso an einem Tisch, was natürlich den Neid der Dienerschaft heftig hervorrief, sie brauchte nicht viel zu arbeiten, sie hatte ein bequemes Zimmer, und dennoch blieb sie schweigsam, verschlossen. Kaum, daß ihr Menes' Zärtlichkeit ein wehmütiges Lächeln entlockte. Wenn er sie über ihr Betragen zur Rede stellte, nahm sie zwar für kurze Zeit ihre heitere Miene wieder an, jedoch ihr Lachen klang so erzwungen, ihre Zärtlichkeitsbeweise waren so feierlicher, ernster Natur, daß Menes sie einst betroffen ansah, wähnend, er habe ihre Liebe verloren. Da jedoch, als er ihr dies sagte, brach sie in einen Strom von Tränen aus, sank vor ihm zu Boden und rief: »Menes, gedenke meiner, wenn du im Königspalast zu Theben wandelst!« Hierauf eilte sie hinweg. Es war klar, sie malte sich die Versuchungen aus, deren Menes am Hof zu Theben ausgesetzt sein würde und ihr liebendes Herz erbebte, wenn sie sich verglich mit den reichen Töchtern der vornehmen Königsbeamten. Menes eilte ihr erschrocken nach; auf seine Beteuerungen erwiderte sie nichts; Tränen waren ihre ganze Antwort. Wenige Tage später kam ein Schreiben des Oberkämmerers an, welches Menes nach Theben rief und ihm gute Aufnahme im Königspalast versprach. Als Asso ihrem Sohne diesen Brief vorlas, überwältigte ihn ein heftiges Zittern. Er war keiner von denen, welche die Zukunft leicht in zu rosigem Lichte erblicken; bange Vorgefühle stiegen in ihm auf und eine gewisse süße Beklommenheit bemächtigte sich seiner, wie sie der fühlt, der mit warmen Gliedern in einen kalten Strom springen will. Myrrahs Zukunft war gesichert – die seinige fröstelte ihn unheimlich an, wie der Eingang zu einem Felsengrab. Zweites Kapitel Menes hatte Memphis verlassen. Der Abschied war von Asso mit Absicht so sehr verkürzt worden, daß, ehe Menes oder Myrrah recht zur Besinnung kamen, bereits Felder und Wälder sie trennten. Sie hatte Myrrah an den entlegensten Teil des Landgutes geschickt, um dort am Nilkanal Papyrusstauden zu sammeln, mit welchen sie Handel trieb. Menes wurde unterdessen hastig in eine Gondel gedrängt, die ihn in den Hafen bringen sollte, wo das größere Boot seiner harrte. Er selbst mochte einsehen, daß es besser sei, den Abschied auf diese Weise zu erleichtern, denn er frug kaum nach Myrrah, sprach überhaupt keine drei Worte während des ganzen Tages seiner Abreise. Seine zusammengepreßten Lippen, seine brennenden Augen ließen wohl auf die Erregung seines Inneren schließen, sein äußeres Benehmen jedoch verbarg seine Stimmung aufs sorgfältigste. Als er bereits in der Gondel stand und den tränenschweren Blick wie suchend über das Ufer gleiten ließ, bewegte er die Lippen zum Sprechen; da er aber fühlen mochte, wie in diesem Moment auch das kleinste Wort seiner männlichen Fassung ein Ende gemacht haben würde, erhob er die rechte Hand wie drohend und sah seiner Mutter mit einem Blick ins Auge, der in seinem tiefen Seelenweh alles sagte, mehr als es seine Zunge vermocht. Asso flüsterte ihm Trost zu und versicherte, getreulich über Myrrah wachen zu wollen; sie solle es haben in ihrem Hause wie in den Gefilden der Seligen. Als man Myrrah die Nachricht von der Abreise ihres Geliebten brachte, rang sie sichtlich nach Atem und verschloß sich darauf in ihrem Zimmer. Von dem Tage an, welcher ihr Menes geraubt, ging sie noch stiller wie zuvor ihren häuslichen Beschäftigungen nach, ohne sich in das Gespräch der übrigen Diener, zu welchen sie jetzt gehörte, zu mischen. Sie lebte lautlos für sich, mitten in dem Treiben des großen, reichen Hauses, einsam, abgeschieden von allem Umgebenden. Nichts vermochte ihr Interesse zu erregen; es war, als habe sich eine schwere Wolke um sie gelagert, welche ihr die Verbindung mit der Außenwelt verbot. Ihr Auge blieb tränenlos, aber der Ausdruck ihrer Züge erzählte von durchwachten Nächten. Ihrer Gebieterin begegnete sie mit scheuer Unterwürfigkeit, auch mied sie dieselbe, soviel es in ihrer Macht stand. Tadel wie Lob nahm sie mit derselben Gleichmütigkeit hin, man sah ihr an, daß sie eine Welt im Inneren trug, die sie mit der äußeren nicht in Berührung kommen lassen wollte. Das einzige lebende Wesen, mit dem sie schließlich noch umging, das ihr eine innigere Teilnahme erregte, war das kaum zweijährige Kind einer syrischen Sklavin, welche für die Reinhaltung der Gefäße zu sorgen hatte. Mit diesem Kinde beschäftigte sie sich, sobald es ihre Arbeiten erlaubten, an seine unschuldige Seele klammerte sich ihre vom Schmerz zernagte; dies Kind, mochte sie dunkel empfinden, war das einzige Wesen, dem sie nun, nachdem sie ihn verloren, trauen durfte; es war noch nicht fähig, sich zu verstellen, seine Liebe war aufrichtig; hier fand sie, was sie suchte – ungeheuchelte Hingabe, Trost und Erquickung. Als die kleine Netkro anfing, den alleinigen Umgang mit Myrrah langweilig zu finden, als sie sich weigerte, der Unglücklichen auf ihr Zimmer zu folgen, mußte die Arme sich wieder mit sich selbst begnügen, bis der Vater des Kindes, den der Zustand des Mädchens rühren mochte, auf ein Auskunftsmittel verfiel. Er gab Myrrah eine von ihm aus Holz geschnitzte kleine Gondel, welche dann auch bald Netkro wieder auf das Zimmer ihrer Freundin lockte; aber auch dieses Spielzeug besaß nicht lange Anziehungskraft auf das Kinderherz; nach wenigen Wochen mußte sich Myrrah die Hauskatze zur einzigen Gefährtin erwählen. Natürlich fehlte es nicht am Spott der übrigen Dienerinnen. Wenn sie aufgefordert wurde, mit den Zofen den Ball zu werfen und sie sich ohne Gegenrede hinwegstahl, rief man ihr allerlei Necknamen nach. »Sie hat die Sprache verloren,« lachte der Haushofmeister, wenn er ihr einen Auftrag gab und sie, nichts darauf erwidernd, ihn still ausführte. »Sie ist eine Eule und wird erst bei Nacht lebendig,« lächelte der Gondelführer verschmitzt seinen Ruderknechten zu, wenn sie Kissen in die Gondel trug, um dieselbe zur Fahrt zu rüsten, und ohne sie eines Blickes zu würdigen, an den begehrlich dreinschauenden Gesichtern vorüberschritt. »Sie dünkt sich mehr als wir, sie ist anmaßend,« sagte die erste Kammerdienerin Hassura, wenn die arme Jüdin überhört hatte, daß sie der Herrin den Morgentrunk nebst dem Gebäck an das Lager bringen möchte. Solange Menes sich noch im Hause befunden, war Asso dem Mädchen mit einschmeichelnder Freundlichkeit entgegengekommen, hatte sie »Mein Kind!« angeredet und ihr die Wangen gestreichelt. Von dem Augenblick an, als Menes das Haus verlassen, änderte sich das Benehmen des stolzen Weibes auffallend; sie bekümmerte sich kaum um ihre Schutzbefohlene, ja manchmal mochte es scheinen, als begünstige sie die Spöttereien der Diener. Ein Brief, den Menes von Theben aus an seine Mutter gerichtet und worin er Myrrah ihrer Sorge aufs dringendste empfahl, übte weiter keinen Einfluß auf die Handlungsweise der Frau. Myrrah gewahrte dies mit quälender Besorgnis; so sehr sie sich auch auf schlimme Tage gefaßt gemacht hatte, das, was sie nun zu erdulden gezwungen war, überstieg alle ihre Erwartungen. Aber selbst in ihrem tiefsten Seelenjammer schleuderte sie keine Vorwürfe auf das Haupt ihres Geliebten – er wollte ja ihr Bestes! sie mußte leiden, weil sein leichtgläubiges Herz sich in derjenigen geirrt, die er gezwungen war, als Mutter zu verehren. Ihre Unruhe stieg, als sie bald mehrere peinliche Beobachtungen machen mußte. Sie sah nämlich einmal, wie Asso, ehe sie sich zur Nachtruhe niederlegte, lächelnd dem Diener, der ihr den Abendtrunk zu reichen hatte, ein paar auf sie bezügliche Worte ins Ohr flüsterte, worauf dieser, ein keck aussehender, blutjunger Ägypter, feurige Blicke auf sie schoß. Myrrah entfernte sich, nachdem sie dies mit Abscheu bemerkt, hastig auf ihr Zimmer. Als sie die Türe geschlossen, hörte sie noch den jungen Diener häßlich auflachen. Bald darauf klopfte es leise an die Türe ihres Schlafgemachs, sie aber öffnete nicht. Ein andermal schalt sie der Haushofmeister in Gegenwart der Gebieterin mit rohen Worten, ohne daß dieselbe es ihm untersagt hätte. Diese Scheltworte überraschten sie, der man bis jetzt nur Freundliches gesagt, dergestalt, daß sie an diesem Tag wie von einem bösen Traume befangen einherschlich. Einige Tage später stach sie, als sie sich ungeschickt beim Ankleiden benommen, eine der Zofen mit einer goldenen Nadel in den Oberarm, wobei die Gebieterin tat, als habe sie diese Roheit nicht bemerkt. Des armen, verlassenen Kindes Mißtrauen wuchs, als sich von Tag zu Tag immer deutlichere Anzeichen einstellten, daß die Witwe das Versprechen, welches sie ihrem Sohne in betreff seiner Geliebten gegeben, nicht nur nicht zu halten gedachte, sondern daß sie diesem Versprechen durchaus zuwider zu handeln sich befleißigte. Einst hatte Myrrah ein Gefäß voll Datteln, das sie der Herrin zu reichen hatte, zu Boden fallen lassen; der Griff blieb in ihren Händen, während die Schale sich davon lostrennte. Dies Lostrennen trat so plötzlich ein, daß Myrrah sofort den Verdacht schöpfte, man habe den Henkel absichtlich vorher von dem Gefäß gebrochen, um ihn notdürftig wieder daran zu kleben, damit ihr dieser Unfall aufgebürdet werden könne. »Ich bin gewiß unschuldig, Herrin,« stammelte sie, »der Griff war kaum an die Schale befestigt.« »Ja, ja,« höhnte der Aufseher Mut, »unschuldig! Die Luft ist wohl schuld an dem Zerbrechen dieser Kostbarkeit? Oder ein böser Geist, der sich auf ihren Rand setzte, als du sie anfaßtest?« Sogleich versetzte der Erzürnte ihr einen Schlag mit der flachen Hand auf die Schultern. Myrrah wandte sich mit stummem, blassem Gesicht zu Asso; der schmerzliche Ausdruck ihrer Augen schien sagen zu wollen, sie habe so unbarmherzige Strafe nicht verdient; diese jedoch drehte sich um, dabei dem Aufseher hastig nickend, einen ermutigenden Blick zuwerfend. Der Aufseher versetzte ihr hierauf lachend einen zweiten Schlag, absichtlich dabei auf unverschämte Weise ihr Tuch vom Busen streifend. Das Mädchen, anfangs vor Entrüstung sprachlos, brach sodann in Tränen aus. »Tue nicht so zimperlich,« bekam sie von der Herrin zu hören. »Wenn dein Sohn wüßte, Gebieterin,« schluchzte die Gekränkte, »wie man mir seit den wenigen Wochen seiner Abreise hier begegnet – Oh! –« weiter ließ sie ihr Schmerz nicht kommen, ihre Stimme erstickte in einer nicht mehr zurückgepreßten Flut von Tränen. »Nun? nun? dann? Was würde dann der Fall sein, wenn er es wüßte? Glaubst du wirklich, er dächte noch an dich?« entgegnete die Herrin barsch. »O, du Leichtgläubige! Sei nicht töricht, Kleine. Du mußt erzogen werden. Gebildet werden. Dankbar sein solltest du für die Züchtigung, die ich dir angedeihen lasse. Du hast ja doch nur das Gnadenbrot.« »Oh! warum ließ ich mich betören, hierzubleiben,« flüsterte Myrrah, ihre Tränen gewaltsam unterdrückend, während Mut sie frech angrinste. Myrrah schickte heimlich einen Boten nach Theben mit einem Schreiben an Menes, worin sie ihr Leid klagte und ihn bat, zurückzukehren; sie wüßte nicht, was sie, wenn keine Hilfe nahe, aus Verzweiflung begänne. Der Brief enthielt so dringende Bitten, so innige Klagen, daß er, wenn sich Menes nicht von Grund aus verändert hatte, unbedingt einen tiefen Eindruck in seinem Gemüt hinterlassen mußte. Das fühlte die Verlassene, daran klammerte sie sich mit all ihrer Hoffnung – und sie erhielt auf diesen Brief nicht die kleinste Antwort! Sie wartete von Tag zu Tag, von Woche zu Woche – vergeblich! War ihr Schreiben unterschlagen worden? War ihr die Antwort ihres Geliebten vorenthalten worden? Oder – doch unmöglich! Menes konnte sie so schnell nicht vergessen; gewiß! er hatte ihr geantwortet. Plötzlich, nach mehreren Wachen, änderte sich das Benehmen der vornehmen Dame. Wenn sie an Myrrah vorüberschritt, blieb sie stehen, betrachtete sie mit mitleidigen Blicken oder streichelte ihr gutmütig über die Hand, dabei ausrufend: »Armes Ding! schlimme Erfahrungen!« Dies sonderbare Gebaren wiederholte sich so oft, daß sich das Mädchen allmählich ernstlich die Frage vorlegte, was ihre Gönnerin denn nur mit diesen Worten bezwecke, denn irgendeine, ihr bis jetzt verborgen gehaltene Ursache mußte doch diesem auffallenden Betragen zugrunde liegen. Sollte Menes erkrankt sein? Doch warum teilte sie dies ihr nicht offen mit? Eines Abends ließ Asso das Mädchen an ihr Lager rufen. Als sie eintrat, entfaltete die Dame eine Papyrusrolle, rückte den Schirm der Lampe zurück und frug Myrrah mit weicher Stimme: »Liebes Kind, liebst du meinen Sohn noch immer?« Das Mädchen sah betroffen empor. »Gewiß, hohe Frau,« war ihre schüchterne Antwort. »Ach! ach! du Gute! Wenn er nur ebenfalls einen so treuen Charakter besäße wie du! Ach, mein Sohn, mein leichtfertiger Sohn!« »Er ist gut und treu,« flüsterte das Mädchen, über dessen abgehärmte Wangen bei der Erinnerung an ihn ein verklärendes Lächeln glitt. »Gut und treu? Du Arme! Nein, denke dir, das ist er nicht,« sagte Asso, die Papyrusrolle seufzend entfaltend. »Wer wagt es, ihn zu verleumden,« entgegnete Myrrah fast herausfordernd. »Ich weiß, daß ich auf seine Treue bauen kann, wie ich ihn kenne, kennt ihn niemand auf Erden. In meinen Augen soll ihn mir nichts herabsetzen.« »Hier in diesem Brief wird mir gemeldet,« sprach Asso in bedauerndem Tone ruhig weiter, »daß er sich, denke dir, mein Menes, sich um die Hand Heseptas bewirbt, der Tochter des Oberfeldherrn! So angenehm mir nun eine solch vornehme Verbindung wäre, muß ich doch bedauern, daß seine Neigungen so schnell wechseln. Das wirft ein häßliches Licht auf sein Gemütsleben. Wie schnell hat er dich vergessen, gutes Kind. Ja, ich muß das sehr tadeln, es ist nicht zu billigen. Komm, gib mir deine Hand; ich will gut zu machen suchen, was er an dir verbrochen.« Myrrah schüttelte das Haupt, redete jedoch keine Silbe. Die Witwe fuhr fort, von der Wankelmütigkeit ihres Sohnes zu sprechen und bemerkte nicht, daß sich allmählich eine große Träne unter der Wimper des Mädchens hervorstahl. Mit den hastig hervorgestammelten Worten: »Das glaube ich nicht,« unterbrach endlich die Weinende den Redeschwall der vornehmen Dame. Mitleidig lächelnd klatschte Asso in die Hände, und sogleich erschien ein Sklave, dem sie auftrug, den Boten, der diesen Brief aus Theben gebracht, vorzuführen. Dieser Bote erschien im Reiseanzug und beteuerte die Wahrheit des Briefes mit solcher Sicherheit, daß Myrrahs Busen von quälenden Zweifeln zerrissen ward. Sie wankte und mußte sich setzen. »Ich habe einen Plan,« lächelte hierauf Asso geheimnisvoll, indem sie Myrrahs Ohr dicht an ihren Mund heranzog, »höre, wie wäre es, mein Kind, wir nähmen Rache an dem Treulosen! Er verdient Strafe!« »Wie? Wie meint Ihr?« frug das Mädchen verwirrt. »Nun sieh,« fuhr die andere fort, »wenn er erführe, du seiest seinem Beispiel gefolgt, du seiest, ohne ihn zu fragen, ohne seine Einwilligung, in den Stand der Ehe –« Aber Asso hatte noch nicht ausgeredet, als Myrrah sie mit der entschiedensten Gebärde des Widerwillens unterbrach und eiligst das Zimmer verließ. So sehr auch Myrrah an der Wahrheit dieser Nachricht zweifelte, schnitt sie ihr doch bei dieser raschen Mitteilung tief ins Herz. Sie fühlte in ihrer Bescheidenheit nur zu sehr, wie sie an allem, was die Männer fesseln kann, unter der reichen Tochter des großen Oberfeldherrn stand. Der Zweifel an der Treue ihres Menes war einmal in ihre Seele geschleudert und er tauchte von Zeit zu Zeit beim Arbeiten, beim Ruhen wieder auf, als beängstigender Traum oder düsteres Grübeln, so sehr sie sich auch klar machte, daß Asso keinen anderen Zweck verfolge, als sie zu betrüben, sie aus dem Herzen ihres Sohnes zu verbannen. War nicht dieser Heiratsvorschlag der deutliche Beweis, wie sehr Asso eine Trennung zwischen den beiden zustande zu bringen suchte? Aber Myrrah schauderte vor dem Gedanken, einem anderen anzugehören, zurück wie vor dem Tode, und selbst wenn Menes an der Seite eines fremden Weibes sein Leben, ohne ihrer zu gedenken, verbrachte – war es nötig, daß, weil er ihr untreu geworden, sie ihm wieder untreu werden mußte? Sie sah Menes am Hofe des Königs von Pracht umgeben, bewundert von schönen Frauen, die Frauen bewundernd, geehrt, umschmeichelt – aber kein Gefühl von Eifersucht stieg bei solchen Betrachtungen in ihrem Busen auf, kaum daß der Schmerz sich zu erheben wagte in ihr, sie wünschte ihm diese Triumphe, sie freute sich seines Glanzes. In unglücklichen Stunden schien es ihr sicher zu stehen, daß er sie vergessen habe; dann wieder machte sie sich Vorwürfe, an ihm auch nur einen Augenblick irre geworden zu sein. Zu einem war übrigens dieses Brüten gut; sie vergaß dadurch zu bemerken, wie man sie im Hause der Witwe immer geringschätziger behandelte. Hatte man es doch gewöhnlich nicht mehr nötig gefunden, ihren Platz bei Tische mit Speisen zu versehen; sie mußte oft tagelang Hunger leiden. Diese Herabsetzung fühlte sie jetzt, nachdem ihre Gedanken von jenem Zweifel hin und her gerissen wurden, nur noch wie durch einen dichten Schleier hindurch; die ganze Welt war ihr wie in Nebel gehüllt; selbst grobe Beleidigungen verloren ihr gegenüber ihren Stachel; sie konnte, ohne zu wissen, was sie tat, lächeln, wenn ihr eine Dienerin Schmähungen entgegenwarf. In diesem Zustand von Schmerztrunkenheit gewahrte sie auch nicht, wie ein dunkelbärtiger fremder Mann seit einigen Tagen im Hause verkehrte. Er schien oft stundenlange Unterredungen mit der Herrin zu pflegen, trat scheu, ja geheimnisvoll auf, warf, wenn er ihr auf dem Gange begegnete, Myrrah wohlwollende Blicke zu und wurde allmählich von der Witwe mit einer Art Freundlichkeit, ja Ehrerbietung behandelt. Die Diener steckten über die seltsame Erscheinung dieses schwarzen Juden neugierig die Köpfe zusammen; Gerüchte über seine Absichten tauchten unter ihnen auf; man brachte ihn in Verbindung mit Myrrah. Schließlich drang auch etwas von diesen Gerüchten in die Abgeschlossenheit der Jungfrau. Sie bekam abgerissene Reden über den rätselhaften Juden zu hören, die sie anfangs unbeachtet ließ, die sie aber später beunruhigten; man rief ihr Glückwünsche nach; ja der Gondelführer begegnete ihr auf einmal mit einer gewissen Achtung, der Aufseher des Hauses trug ihr sogar seinen Schutz an. »Glückliches Geschöpf,« sagte ihr einmal die junge Zofe, von der sie einige Wochen vorher in den Arm gestochen worden war, »glückliches Wesen, über dir walten die Götter sichtlich. Aber wenn du dies Glück errungen hast, dann denke an mich! Daß ich immer deine beste, treueste Freundin war.« Damit küßte die Zofe des Mädchens Wangen. »Welches Glück,« fragte Myrrah verwundert, »soll ich mir erringen?« »Welches Glück, ei du Schalk,« lachte die Schmeichlerische, »als wenn du das nicht längst erraten hättest! Ei du süßer Schelm, stellst dich unwissend?« »Ich weiß gewiß nicht, von was du redest,« sagte Myrrah, deren Gutherzigkeit der boshaften Zofe längst vergeben hatte. »Ha, ha,« lachte diese, »wie du bescheiden tust! Nun, nur so weiter, damit wirst du ihm gewiß gefallen, du kleine Beneidenswerte.« Mit diesen Worten schlüpfte sie lächelnd hinweg, das Mädchen in ängstlicher Spannung zurücklassend. Was bereitete sich um sie her im stillen? Welches Unheil schwebte bereits mit ausgebreiteten Schwingen über ihrem Haupte? Von welchen Händen ward der Pfad, auf dem sie ging, untergraben? Es war ihr, als lege sich ein schweres Netz immer enger und enger um ihren Leib; sie fühlte, daß man einen Plan geschmiedet, sie nicht völlig zu vernichten, doch unschädlich zu machen für ewig. Immer bedrohlicher wurden die Anzeichen des herannahenden Sturmes, immer banger ward es der Unglücklichen ums Herz. Endlich sollte sich denn dies Geheimnis, das wie auf Fledermausflügeln durch das Haus schwebte, lösen, endlich sollte ihr offenbar werden, vor welchem Abgrund sie bisher schlafend gelegen, in welchen Händen sie ihr argloser, ahnungsloser Menes zurückgelassen. Eines Abends saß Myrrah müde von des Tages Arbeit auf ihrem kleinen Zimmer; die Sonne schickte sich eben an, hinter einem Palmenwäldchen wie hinter einer Gardine zu verschwinden, um glühend rot ihr Bad im gelbflammenden Nil zu nehmen, dessen Wogen vor Sehnsucht brannten, bebten, den gewaltigen Râ, den Herrscher des Weltalls, in sich aufzunehmen. Myrrah hatte diesem Schauspiel durch ihr Fensterchen zugesehen; dann rückte sie ihr ärmliches, polsterloses Lager zurecht, setzte sich darauf und verzehrte eine halbverschimmelte Dattel, das einzige Abendbrot, das ihr für heute gereicht worden war. Die letzten Strahlen des Tagesgestirns sanken auf die kahlen Dielen des Gemaches und verliehen den rohen, öden Lehmwänden für einige Augenblicke den Goldglanz eines königlichen Prunksaales. Dann nahm allmählich der Purpurschein vom Himmel traurigen Abschied; die Dämmerung stahl sich schüchtern in das Zimmerchen. Das arme Kind hatte, fast stumpf, wenigstens teilnahmlos vor sich niedergeblickt. Die vielen schlaflosen Nächte, die beständige Herzensangst, die Qual der Ungewißheit über ihr Schicksal machten sich geltend; zu der geistigen Abspannung gesellte sich nun auch eine körperliche. Welchen Weg nahm ihr Leben? Was stand ihr noch alles bevor? Warum ließ Menes nichts von sich hören? Sie gestand sich selbst mit Schrecken, daß sie kaum mehr fähig sei, irgend etwas deutlich zu empfinden; es war eine völlige Gleichgültigkeit über sie gekommen; die Gedanken spielten willkürlich mit ihrem Herzen. So saß sie eine Zeitlang wie geistesabwesend; schon dämmerte es stärker, als die Türe leise aufgedrückt wurde. Kaum hatte sie dies bemerkt, so stand sie erschrocken auf, um sie wieder zu schließen; da schlang sich ihr ein weicher, warmer Gegenstand um Schulter und Hals. Sie stieß einen leisen Schrei aus; in ihrer Beklemmung war ihr, als habe ein männliches Wesen die Frechheit gehabt, sie zu umarmen, und schon wollte sie den Arm mit Entrüstung von sich stoßen, als dieser vermeintliche Arm begann ein leises Miau! auszustoßen. Die Hauskatze mit Namen »Schönlicht« war es, die sich zärtlich an das Mädchen schmiegte, von welchem sie manchen guten Bissen heimlicherweise erhalten, für den sie sich nun erkenntlich zeigen wollte. Freudig überrascht liebkoste sie das Tier, bei sich denkend: sie ist in diesem Hause die einzige, die mich liebt, die es ehrlich mit mir meint. Das zärtliche Lecken des Kätzchens rührte heute wie nie das Herz der Armen, sie fühlte nun erst recht ihre Verlassenheit, sie fühlte, welch treue Gefährten die Götter den Menschen in den Tieren gegeben, und fand es nun weniger seltsam, daß die Ägypter ihre Tiere einbalsamierten. Da drangen durch das geöffnete Fenster von weither die Töne eines Liedes nach Hause kehrender Schnitter in ihr Zimmer; melancholisch, einförmig schwebte die Weise vorbei, wie klagender Windhauch im Schilf; Harfenklänge mischten sich darein. Brust und Haupt der Einsamen hoben sich unter dem Einfluß dieser erquickenden Töne; ihr Auge füllte sich mit stillem Glanze, und als es zufällig draußen am Himmel die hoheitblickenden Sternaugen auf sich gerichtet sah, da kam es über sie wie eine Art Begeisterung, wie eine selig schmerzliche Trunkenheit; ein, fast möchte man sagen, erhabenes Lächeln umspielte ihre schönen, kummerblassen Lippen. »Nein, er liebt mich, er liebt mich; wie darf ich zweifeln,« rief es in ihr, »ich muß ausharren; nicht lange, so kehrt er zurück, mich zu befreien. Alle Pein will ich geduldig tragen, um seiner würdig zu heißen! Er liebt mich! Ich fühle es! Diese Töne, diese Sterne sagen es mir!« Die Töne waren verklungen, aber die freudig gehobene Stimmung im Busen der Verlassenen war geblieben. Es wurde still, heiter in ihr; sie empfand sogar Lust darin, sich unglücklich zu fühlen; ihr ganzes Wesen, alles, was sie tat und dachte, schien vom Schmerz der Entsagung geadelt; sie schritt einigemal leicht und frei durch ihr kleines Zimmer wie eine Königin. Doch diese Freude sollte nicht lange währen. Eben hatte sie sich gesetzt, den Kopf träumerisch an die Bettstelle schmiegend, ihren Geist um die ferne Gestalt des Geliebten schweben zu lassen, als sie derbe Tritte vor der Tür vernahm. Ein schwarzer Sklave trat ein. »Folge mir zur Herrin, sie will dich sprechen.« Myrrah riß sich gewaltsam aus ihren Schwärmereien. »Ich komme,« sagte sie, ihre einfachen Kleider ordnend. »Laß das,« erwiderte der Sklave. »Was soll ich lassen?« »Hier ist ein besseres Kleid für dich,« sagte der Schwarze, ein bisher verborgen gehaltenes Paket hervorziehend, »lege dein Kleid ab.« »Warum? Dieses Gewand gefällt mir nicht.« »Warum? Weiß ich das?« sagte der Sklave ärgerlich, »du sollst, das genügt. Ob dir das Gewand gefällt oder nicht, gilt gleich!« Myrrah entfaltete das Gewand. Es war einer jener kostbaren Stoffe, wie ihn nur die vornehmen Ägypterinnen trugen, wie es diese Damen liebten, so außerordentlich fein gesponnen, daß diejenige, die damit bekleidet war, ebensogut ohne denselben hätte erscheinen können, denn er ließ den Körper, wie als läge er in den kristallenen Wogen einer Badewanne, durchschimmern. Myrrahs Schamhaftigkeit fühlte sich verletzt, als sie sich in diesem Gewand dachte, sie gab es mit entschiedener Gebärde zurück. Der Sklave entfernte sich, als sie bemerkte, sie könne dies Gewand nicht anlegen, es widerstrebe ihr, kam aber sogleich mit dem Befehl zurück, man würde sie zwingen, wenn sie sich weigere, es zu tragen. Widerwillig fügte sie sich dem Befehl, entkleidete sich, und als die neuen Falten um ihre durchschimmernden Glieder flossen, trat der Äthiopier, der zuvor das Zimmer verlassen, wieder ein. »Ziere dich nicht,« sprach er zu der sich verschämt Abwendenden, sie wohlgefällig betrachtend, »du stehst jetzt im Begriff, dein Glück zu machen. Die Herrin wählte mit kluger Vorsicht dies Gewand, damit du dich vorteilhaft ausnimmst. Folge mir und fasse Mut. Es wäre besser, du trätest keck auf; deine Schönheit gibt dir schon das Recht, den Kopf hoch zu tragen, kleine Lotosblume.« Zitternd folgte sie dem Voranschreitenden durch die dunkeln Hallen. Eine bange Ahnung flog, wie ein aufgescheuchtes Wild, an ihrer Seele vorüber; sie fühlte, daß jetzt die Stunde einer Entscheidung für sie gekommen war. Die Diener, die sie vorübergehen sahen, blieben schmunzelnd stehen, mit lauten Worten ihre Schönheit bewundernd, was ihr Begleiter mit einem Gesicht hinnahm, das auf große Dinge hinzudeuten schien. Endlich hielt der Sklave vor einer Türe. Lautes Gespräch scholl aus dem Inneren; Myrrahs Herz schlug zum Zerspringen, als bei ihrem Eintritt das Gespräch einen Augenblick verstummte. Sie befand sich in dem teppichbelegten Schlafgemach der Herrin. Auf einem großen Tisch, der mit Papyrusrollen bedeckt war, stand ein schöngeschnitztes Schreibgerät, mit dessen Rohrfeder Asso lächelnd spielte, während hinter ihrem Stuhl ein junges, sehr aufgeputztes Frauenzimmer stand und ihr gegenüber ein Mann saß, welcher eifrig eine der Rollen überlas. Die auf dem Tische stehende metallene Lampe warf einen rötlich trüben Schein auf dieses Mannes Antlitz, dessen scharfgebogene Nase bis jetzt noch auf die Rolle herabgebeugt war. Myrrah, nachdem sie sich gesammelt hatte, erkannte mit der höchsten Bestürzung in diesem schwarzbärtigen, gelblich blassen Leser Isaak, und in der mit Goldflittern behangenen, überladen geschmückten Schönen hinter dem Stuhl der Herrin, Rebekka. Zugleich kam ihr jene Gestalt wieder in Erinnerung, die sich seit einigen Tagen so häufig in ihre Nähe gedrängt, und der sie bis jetzt keine Beachtung geschenkt – diese Gestalt, das wußte sie nun, war Isaak gewesen. Zu welchem Zwecke hatten sich die Geschwister hier eingefunden? Sie warfen ihr oft so bedeutungsvolle Blicke zu, sie sahen sich oft geheimnisvoll lächelnd an, dann schauten sie wieder vielverheißend auf die Eingetretene. Was rief die beiden gerade in diesem Augenblicke hierher? Warum diese feierlichen Vorbereitungen? Hier schien irgendeine ernste Verabredung getroffen, ein wichtiger Entschluß gefaßt worden zu sein, der vielleicht folgeschwer in das Leben der Verlassenen eingriff. Das ganze Benehmen der Versammelten deutete auf eine vorzunehmende Tat hin, die vorher in reifliche Erwägung gezogen worden war, und deren Für und Wider man in heftigem Gespräch beleuchtet. Myrrahs Gehirn ward wie von Schwindel erfaßt, sie sah und hörte kaum mehr, was um sie her vorging, erwartungsvoll blieb sie an der Türe stehen. Jetzt erhob sich neben Asso ein schmaler, feingebauter Ägypter, den sie zuvor noch nicht bemerkt hatte, da sein zierlicher Leib von den massigen Körperformen der Herrin bedeckt war. Lächelnd beugte er seinen kahlgeschorenen Schädel zu dieser herab. »Lebe wohl,« sagte er mit der jovialen Stimme eines alten Hausfreundes, »lebe wohl, meine Teuerste; die Zeugnisse und Schriftstücke, welche die Ehe dieses jungen Mädchens mit diesem Manne betreffen, sind geordnet, es steht nichts mehr im Wege, es wird nur noch deine Unterschrift gefordert, Asso.« Hatte Myrrah recht verstanden? Sprach man von ihr? Die Ohren summten ihr, sie mußte sich an dem Türpfosten halten. »O Gott meiner Väter, was steht mir bevor!« rief es in ihrem tief aufseufzenden Busen, »welche Schändlichkeit soll hier verübt werden? Nein, es ist nicht möglich! Ich habe mich getäuscht, ich träume! Das ist alles ein böser Traum!« Asso hatte sich erhoben. »Ich danke dir, Metro, für deinen Beistand,« sagte sie, »du hast mir einen großen Gefallen erwiesen.« »Gern geschehen,« lächelte der Nomarch von Memphis, denn das war er. »Du hättest dir übrigens denken können, daß eine Jüdin rechtlos ist, und daß du mit deiner Sklavin so ziemlich beginnen kannst, was du willst; solange du ihr nicht nach dem Leben trachtest, geht uns Beamten deine Behandlung nichts an.« Immer banger legte es sich um das Herz des gequälten Mädchens, die Worte des Sprechenden brausten wie Katarakte an ihrem Ohre vorbei. »Du willst schon gehen, Metro?« frug Asso mit angenommener Enttäuschung, »willst du mir meinen schönen Abend verderben? Du weißt, welchen Wert ich auf deine Unterhaltung lege, sie ist so erfrischend, so prickelnd, sie ist für mich, was das Lilienöl für eine schöne Mädchenbrust, sie glänzt und gibt Glanz, Duft.« »Du weißt zu schmeicheln, wie ein assyrischer Höfling,« lächelte Metro, sein Gewand in elegante Falten legend, »wenn ich in deiner Nähe gut zu sprechen weiß, ist das sehr erklärlich, denn wen ließe die Schönheit gleichgültig? Allen anderen gegenüber bin ich plump wie ein Nilpferd, wenn jedoch dein Auge auf mir ruht, strömen meine Worte dahin, wie die Wolken aus der Weihrauchpfanne des Priesters.« »Bleibe noch ein wenig!« »Unmöglich, liebste Frau! Geschäfte und wieder Geschäfte,« sagte der hohe Beamte eilfertig, »kann unmöglich bleiben, so gerne ich deine Gegenwart genieße. Erstlich: Kosten der neuen Wasserbauten berechnen! Neue Pläne für dieselben durchsehen; Arbeiter auszahlen! Dann des Königs Bildsäule unter meiner Leitung wieder aufrichten – du weißt, sie liegt beschädigt am Fuße der Pyramide. Soll ein ähnliches Denkmal werden, wie das des Königs Möris am Mörissee! Dann Truppen nach Theben senden – Staatsgeheimnis – bst!« Er legte wichtig den Finger auf den schmalen Mund. »Ist es wahr,« flüsterte Asso, sich an des Nomarchen Seite stehlend, als sie das Wort »Staatsgeheimnis« vernahm, »ist es wahr, Urmaa-nofru-râ, die Königin, habe mit ihrem Stiefsohn dem König feindselige Absichten gezeigt? Man flüstert von einer Verschwörung gegen sein Leben – selbst Psenophis, der Oberpriester, soll –« Rebekka hob bei diesem Wort lauschend das Haupt, jedoch der Nomarch fiel der hohen Frau hastig in die Rede. »In diesem Punkte, weißt du,« sagte er mit gemachter Heiterkeit, »hört unsere Freundschaft auf. Weiß von nichts, darf nichts sagen. Weiber zu Vertrauten nehmen? Lieber den Wind dazu nehmen, lieber die Wellen des Nil oder die geschwätzigen Vögel im Rohr. Gute Nacht! Mög' Isis deinen Schlaf bewachen bis zum Morgen.« Mit diesen Worten schlüpfte er behende durch die Türe, unserer Myrrah einen gnädigen Blick zuwerfend. Isaak legte das Schriftstück auf den Tisch, das er bis jetzt in den Händen hatte. »Es ist alles in Ordnung,« sagte er darauf mit kriechender Höflichkeit, »auch wage ich es, die Herrin daran zu erinnern, daß Myrrah eintrat.« »Eingetreten? Ah! ich habe es übersehen,« entgegnete Asso sich umwendend. »Gut! So will ich ihr dies Glück verkünden, was hältst du davon, Rebekka?« Ein listiges Augenblinzeln flog bei diesen Worten zu Rebekka hinüber, welche ein leises Kichern vernehmen ließ, das sagen zu wollen schien: ich bewundere dich, Herrin! »Komm näher, gutes Kind,« wendete sich sodann Asso an die verschämt im dunkeln Hintergrund stehende Myrrah, »komm, gib mir deine Hand. Nicht wahr, ich sehe es deinen Augen an – du bist erstaunt, uns hier in feierlicher Versammlung sitzen zu sehen? Gib acht! was sich dir nun enthüllen wird, lerne die Vorsorge deiner mütterlichen Freundin kennen. Ja, gewiß! ich habe mir dein Wohl sehr angelegen sein lassen, ich habe manche Nacht schlummerlos mit dem Gedanken hingebracht: wie ich dein Leben werde am glücklichsten gestalten können. Du wirst mir dies, hoffe ich, nie vergessen.« Sie strich mit ihrer warmen, breiigen Hand über die dunkeln Haare Myrrahs, während sie zu Isaak hinüber rief: »Ist sie nicht schön, Isaak? Welcher Wuchs! Welcher schlanke, zarte Gliederbau! Ja, mein Sohn hatte Geschmack.« Isaaks Blicke liefen funkelnd am Körper des Mädchens in die Höhe, was diese, obgleich sie nicht aufsah, mit Grauen fühlte. Eine unerklärliche Bangigkeit schnürte ihr den Atem in der Brust fest, es war ihr, als sei der letzte Augenblick ihres Daseins gekommen, oder als wolle man Menes vor ihren Augen hinrichten. »Sieh! gutes Kind,« fuhr die Dame gnädig fort, »dieser achtbare Mann, den du kennst, hat sich entschlossen, nachdem ich ihm dazu geraten – um es unverhohlen herauszusagen – –« Sie räusperte sich verlegen, die Worte wollten ihr nicht über die Lippen, endlich richtete sie sich errötend an Rebekka: »Sage es ihr, Rebekka,« flüsterte sie. Rebekka betrachtete ihre frühere Freundin mit einem halb mitleidigen, halb schadenfrohen Blick. Wohl mochte sie jetzt an die im Schatzhaus gefundene Urkunde denken – denn sie flüsterte ihrem Bruder die Worte: »Sieh! das Königskind,« in die Ohren und setzte dann laut mit scherzendem Tone hinzu: »Isaak hat, mit Erlaubnis, oder besser auf Wunsch Assos beschlossen, dein Gatte zu werden.« Nach diesem Ausspruch folgte eine Pause, aller Augen richteten sich neugierig forschend auf Myrrah. »Sieh nur, wie sie drein schaut,« lachte Rebekka zu ihrem Bruder hinüber, der ein wohlwollendes Gesicht zu machen suchte, was ihm aber nicht gelang. »Nun, du umarmst mich nicht?« sagte darauf Asso, »du nennst mich nicht deine gute Mutter? Schrick nicht zusammen und wirf keine solchen Blicke des Entsetzens auf den ehrlichen Isaak. Ich habe dich ihm zum Weibe bestimmt und er ist es zufrieden. Ich habe ihm im Westen von Memphis, an der Straße, die nach den Pyramiden führt, ein Landhaus gekauft, wo du mit ihm in glücklicher Ehe deine Tage hinbringen magst – sprich! wer hat mehr Ursache dankbar zu sein als du?« Asso hatte in der Tat dem Juden eine schöne Villa geschenkt, sowohl, um ihn leichter zu bestimmen, die Hand des Mädchens anzunehmen, als auch, um der Geliebten ihres hintergangenen Sohnes einigen Ersatz zu gewähren. Sie glaubte durch diese Schenkung ihr Unrecht völlig gut gemacht zu haben. Isaak seinerseits kam dieses Geschenk sehr erwünscht, durfte er doch von nun an seine aus dem Schatzhaus des Königs entwendeten Schätze dem Tageslicht offen zeigen, ohne daß er das Erstaunen der Welt zu sehr zu fürchten brauchte. Die Welt würde jedenfalls Argwohn geschöpft haben, wenn ein unbemittelter Ebräer urplötzlich, ohne ersichtliche Ursache, sich in einen reichen Mann verwandelt hätte. So aber ließen sich unter dem Deckmantel eines Geschäftes allmählich die goldenen Wogen des Schatzhauses bequem ausschöpfen. Welchen Eindruck die Enthüllung dieses grausamen Vorhabens auf Myrrah machte, läßt sich kaum schildern. Anfänglich hörte sie die Worte ohne ihren Sinn zu fassen; als man ihr dieselben noch einmal wiederholte, verriet nur ihre totenähnliche Blässe, der starre Ausdruck ihrer Augen und etwa das krampfartige Zucken ihrer bläulich gewordenen Lippen die innere Qual, welche ihr der Gedanke verursachte, für immer das Weib Isaaks sein zu müssen, und Menes schändlicher-, heimtückischerweise entrissen zu werden. Das also war das Geheimnis, welches sie so lange umschwebt? Man wollte sie hinter dem Rücken ihres Freundes, der keine Ahnung von der Abscheulichkeit seiner Mutter, von der traurigen Verlassenheit seiner Geliebten hatte, gewaltsam an einen Fremden verheiraten? Und gar an den verhaßten Isaak? Die Größe dieser Unmenschlichkeit sank wie ein stürzendes Haus über ihr zusammen; ihre Gedanken irrten zerschmettert durcheinander; nur die eine Vorstellung drängte sich immer wieder durch alle anderen hindurch: Für dieses Leben hast du ihn verloren. Dann wiederum rief es in ihr: »Oh, warum kann er nichts wissen von deiner Qual!« Es war ihr, als müsse sie ihn über Berg und Fluß erreichen mit ihrer Stimme, als müsse er in seinem fernen Theben unbedingt eine Ahnung haben von dem Elend, das man über sie zu verhängen im Begriffe stand. Wenn er jetzt schläft, muß ihm ein Traum sagen, was du leidest, wenn er froh bei Tische sitzt, muß ihm ein unerklärliches Weh, das ihn urplötzlich befällt, verkünden, was man mit dir vor hat. Es war ihr, als lief ein geheimnisvoller Faden von ihrem Herzen bis in das seine, und als könne es gar nicht anders sein, als daß er sogleich hier im Zimmer erscheinen werde. Dieser verzweiflungsvolle Wahn zerflog vor der Stimme der Gewalttätigen in sein trauriges Nichts. »Nun! wie gefällt dir mein Plan,« frug diese wohlwollend, »bin ich nicht eine gütige Herrin? O, du solltest das Haus sehen, das nun dein Eigen sein wird, diese Zimmer, diese Tische, diese Polster!« »Sie scheint noch ein wenig bestürzt,« sagte Isaak entschuldigend, »hohe Frau, wir müssen Geduld mit ihr haben, sie wird sich sammeln und uns dann Antwort geben; ich sehe ihr an, daß ihr dein Plan gefällt. Nicht wahr, liebes Mädchen?« Rebekka mochte etwas wie Mitleid fühlen, als Myrrah ihr großes, verstörtes Auge zu ihr hilfsbedürftig aufschlug; sie reichte dem Mädchen, das umzusinken drohte, einen Becher voll Wasser und schob ihr einen Stuhl in die Nähe. Als Myrrah lange mit sich selbst gerungen hatte, um das unerwartet Schreckliche zu fassen, um nur wieder zur klaren Übersicht ihrer Lage zu kommen, als sie gewaltsam die sinnberückende Betäubung abgeschüttelt hatte, in der ihr Geist unterzugehen drohte, war das erste, was sich ihr in ihrer Not aufdrang, daß es jetzt darauf ankam, sich zu verteidigen. Dies Gefühl, daß, wenn sie sich nicht kräftig zu wehren verstand, ihre Zukunft endlosem Jammer preisgegeben sei, erfüllte sie allmählich mit einer Art nervös aufgeregten Mutes. Sie erhob sich zitternd von ihrem Sitz, sah stolz im Zimmer umher und warf einen Blick auf die Witwe, der diese erröten machte. Sie wollte das Äußerste wagen, selbst, wenn es ihren Untergang zur Folge hatte. »Gebieterin,« stieß sie mit atemloser Hast hervor, »weiß dein Sohn von dieser deiner Absicht?« »Das sollte dich nicht kümmern,« entgegnete jene möglichst gleichmütig. »Verzeiht, es muß mich kümmern,« versetzte Myrrah mit fester Stimme, »ihm habe ich mich angelobt; er hat ein Recht auf mich; ohne seine Erlaubnis dürfen weder ich noch du einen solchen Schritt wagen. Er allein hat darüber zu entscheiden, ob ich das Weib Isaaks werden soll.« »Ich habe darüber zu entscheiden, Dirne,« sagte Asso streng, »nicht er und nicht du. Ich versichere dir, Mädchen, mein Sohn wird niemals dein Gatte, solange ich Odem habe, wird er es nicht. Darauf darfst du schwören. Und damit eine Verbindung mit ihm für alle Zeiten unmöglich wird – deshalb sollst und wirst du Isaak zum Gatten nehmen. Ich will es! Sei vernünftig, zwinge mich nicht zu Gewaltmaßregeln; ergreife die Hand deines Glaubensgenossen, die er dir freundlich bietet. Glücklich preisen würden sich Tausende in deinem Fall. Du steigst von der armen Dienerin bis zur reichen Frau – was willst du mehr?« »So willst du deinen Sohn hintergehen! betrügen!« rief nun Myrrah mit so lauter Stimme, daß die Rohrfeder aus der Hand Isaaks zu Boden fiel. »Willst mich zwingen, ihm untreu zu werden? Hüte dich! Wenn du mich nicht fürchtest, nicht vor meinen Vorwürfen bebst, so fürchte deine Götter, die ihr gerecht nennt, und die dein Unrecht mit Unwillen ansehen. Hüte dich vor der Stunde, da dein Herz auf der Wage liegt vor dem richtenden, gleich abwägenden Osiris, dem Richter im Lande der Toten; siehst du das Zünglein der Wage schwanken? Siehst du, wie die 42 Totenrichter dich mit scharfen Blicken durchbohren? Das heilige Tier des Toth, der Gott mit dem schauerlichen Hundekopf, berührt die Zunge der Wage; dein Herz steigt und steigt, es wird zu leicht befunden; und wenn du beteuern sollst, du habest zweiundvierzig Sünden nicht begangen – glaubst du, deine Richter ahnten deine Lüge nicht? Weißt du nicht, wie genau sie dort unten Buch führen über die Taten der Menschen?« Asso suchte die Schauer abzuschütteln, die ihr die Beschreibung des Totengerichts eingeflößt. »Die Totenrichter,« sagte sie wegwerfend, »rechnen diese Handlung zu meinen guten, nicht zu meinen schlimmen Werken.« »Bedenke, was du tust,« rief Myrrah mit so dringendem Ton, als hinge an jedem ihrer Worte die Entscheidung über Leben und Tod. »Fürchte deines Sohnes Zorn, wenn er zurückkehrt; fürchtet beide seinen Zorn, denn er haßt Isaak, wie ich ihn hasse.« Isaak zuckte zusammen. »Denke daran,« fuhr Myrrah mit wachsender Aufregung fort, »welchen Seelenschmerz du dem Zurückkehrenden bereitest, wenn er mich an der Seite eines anderen findet? Kannst du das deinem Sohne antun und bist ein Weib? Willst du vielleicht seine Mörderin werden? Dann handle so! Willst du, daß er zu deinem Mörder werde? Dann magst du so handeln – du herzlose, unnatürliche Mutter.« »Ich liebe meinen Sohn,« fuhr Asso auf, als habe sie dies Wort verwundet. »Ich liebe ihn; deshalb handle ich, wie ich handle. Ich weiß wohl, es wird ihm schmerzliche Überwindung kosten, dich an der Hand eines anderen zu sehen, jedoch er wird bald die Liebe seiner Mutter als Triebfeder hinter diesem Gewaltstreich entdecken, wird einsehen, daß sie so handeln mußte, und wird ihr dankbar die Hand küssen, daß sie ihn durch eine rasche, grausame, aber heilsame Operation von der Krankheit befreit, die ihm sein Leben zu verbittern drohte. Übrigens überlasse mir die Sorge, meinen Sohn zu beruhigen, denke an dein Wohl; wolltest du der Hemmschuh sein am Wagen seines Glückes? Das Steingewicht, das ihn von der Höhe, für die er bestimmt ist, herabzieht?« »Tut es nicht, hohe Frau,« jammerte die Arme, die Hände flehend zu der Gebieterin emporhebend. »Tut es nicht. Ich entsage Eurem Sohn; nie mehr will ich ihn sehen; gebt mir Erlaubnis, Memphis zu verlassen. Barfuß will ich mich von Stadt zu Stadt betteln, durch die Wüste bis nach Syrien; Euer Sohn soll nie mehr von mir erfahren, tot will ich sein für ihn; nur in Gedanken soll er mein sein – doch erlaßt mir das Schreckliche: dieses Mannes Weib zu sein. Möglich, daß Ihr es gut mit mir meint – hier ist Eure Güte Grausamkeit – lieber gebt mir Gift, als solch einen Eheherrn.« »Närrchen,« lachte die Dame, »erkenne dein Glück, komme zur Überlegung.« »Tut es nicht,« weinte die Unglückliche, ohne auf die Worte ihrer Feindin zu hören, »tut es nicht! Mehr kann ich nicht sagen.« »Gebt mir die Feder, ich will unterschreiben,« sagte Asso, »mein Wille ist unerschütterlich.« »Ihr macht mich elend,« rief Myrrah, die Hände faltend, »tut es nicht – laßt mich wandern –« »Wandern?« gab die andere zurück, »damit du auf Umwegen nach Theben gelangst?« »Mißtraut mir nicht – ich gehe nicht nach Theben, ich bin ehrlicher wie Ihr –« »Ich kenne solche Beteuerungen. Im Augenblick der Verzweiflung macht man sie, man schwört, streng nach seinen Grundsätzen leben zu wollen, ist aber die Not gemildert, oder kommt Gelegenheit, dann verblassen allmählich die Versicherungen. Angenommen, ich ließe dich ziehen. Vier Monate lang zögst du nach Norden, der fünfte sähe dich auf dem Weg nach Theben.« »Hohe Frau, Ihr irrt! Tut es nicht! Habt Barmherzigkeit! Seid Weib, nicht Hyäne! Kettet mich nicht an einen, den ich nicht lieben kann, das ist grausamer, als die langsamste Todesmarter.« »Stille! – Nur dieses Mittel gibt mir Gewißheit, daß zwischen euch beiden eine Verbindung nicht mehr möglich ist; nur durch deine Ehe zwinge ich Menes, von dir zu lassen, dich als tot zu betrachten, nicht durch deine Abwesenheit, deine Trennung von ihm, die bald keine mehr sein würde. Ich darf von meinem Entschluß nicht abgehen, so sehr ich fühle, daß er hart genannt werden kann. Gib mir die Feder, Isaak, ich will das Dokument unterschreiben. Ich tue es wirklich mit Widerstreben – aber – ich finde eben kein besseres Mittel, so sehr ich überlege.« Isaak brachte die Feder in den Farbstoff, sie der Witwe zu reichen. Myrrah verfolgte die Bewegungen der Frau mit höchster Spannung! Als die Feder die Rolle berührte, vermochte sie ihre Verzweiflung nicht mehr zurückzudämmen; alle Selbstbeherrschung, alle Unterwürfigkeit vergessend, fiel sie vor der Gebieterin zu Boden, mit der Kraft des Wahnsinns ihre die Feder haltende Hand von der Rolle zurückdrängend, dabei in die Worte ausbrechend: »So stehe du mir bei, Allmächtiger des Himmels!« »Macht mich los von der Rasenden,« keuchte Asso. »Nimm Vernunft an, Myrrah,« stöhnte Isaak, die Hingestürzte mit geheimer Lust betrachtend. »Schreib' nicht,« wimmerte das bejammernswerte Opfer gewalttätiger Hinterlist. »O Menes, warum weilst du fern! Eile, fliege herbei! O wenn du dies wüßtest – kann mein Schrei nicht bis zu dir dringen? Verkünden es dir deine Götter nicht, was man dir antut? Alles bleibt stille, kein Lüftchen regt sich, alles schweigt und bleibt fühllos – sie schreibt – es ist geschehen – nichts kommt mir zu Hilfe – ich muß es dulden, das Unerträgliche. Ich muß es dulden!« »Dulden,« stöhnte sie noch einmal aus tiefster, gequälter Brust hervor, dann sank sie mit dem Haupte machtlos auf die Tischplatte, während Isaak, unter tröstendem Zuspruch, sie sanft emporzuheben bemüht war. Während dieser wie im Wahnsinn hervorgestammelten Worte Myrrahs hatte Rebekka mit kaltem Lächeln die Hände des Mädchens, die sich krampfhaft um den Arm der erschrockenen Asso gekrallt, losgewunden und so der Witwe Raum und Zeit verschafft, rasch ihren Namen unter die Rolle zu setzen. Die vornehme Dame atmete aufgeregt, als sie die Feder nach Beendigung des Unterschreibens auf den Tisch warf und ihr Blick auf die Zusammengesunkene fiel. Selbst ihr schien dieser Auftritt peinlich, sie mochte daran denken, welche Verantwortung sie in diesem Augenblick auf sich genommen, welche Folgen diese herrische Tat nach sich ziehen konnte. Nach einer kurzen Erholungspause klatschte sie in die Hände, worauf zwei Schwarze erschienen. »Steht die Sänfte bereit?« frug sie mit noch unsicherer Stimme. »Ja, Herrin,« erwiderte der eine. »Gut! Isaak, ich überlasse es dir, dein Weib – denn diese Federstriche haben sie dazu gemacht – nach deiner Wohnung zu führen. Diese beiden Sklaven mögen dir bei diesem Werke behilflich sein, wenn es etwa nicht ohne Schwierigkeit ablaufen sollte. Die Sänfte steht bereit. Ich kann nicht länger hier verweilen.« Asso hatte die Worte hastig hervorgestoßen und entfernte sich dann rasch, um nicht Zeuge der jetzt folgenden, herzzerreißenden Szene sein zu müssen. Isaak suchte sich dem Mädchen verständlich zu machen; umsonst; sie klammerte sich an den Tisch, taub allen Bitten und Befehlen. Es blieb dem vor Begierde zitternden Eheherrn nichts anderes übrig, als seine Frau gewaltsam, wie eine festgewurzelte Efeuranke, von dem Tische loszureißen, wobei ihm Rebekka behilflich war. Eben wollten die Sklaven auf den Wink des Juden zugreifen, da trat bei der bisher wie ohnmächtig Daliegenden eine auffallende Veränderung ein. Ein plötzlicher Gedanke mußte in ihr aufgestiegen sein, denn in kurzer Zeit hatte sie sich gefaßt; sie erhob sich, wobei es wie Triumph über ihr blasses Gesicht leuchtete. Dann gab sie mit einer stummen Bewegung der Hand zu verstehen, es sei nicht nötig, sie mit Gewalt in die Sänfte zu bringen. In ihrem Auge schimmerte es wie eine entfernte Hoffnung, als sie sich jetzt zu dem erstaunten Isaak wendete. »Und du willst mein Gatte werden?« sagte sie mit einer gewissen höhnischen Ruhe. »Ja,« sagte dieser kleinlaut, »wenn du erlaubst –« »Und du fürchtest dich nicht vor mir?« frug sie weiter. »Fürchten? Warum? Ich liebe dich!« »Gut, ich folge dir!« brach sie das Gespräch mit seltsamem Lächeln ab. Sie schritt allen voran nach der harrenden Sänfte. Als sie fast den Ausgang erreicht hatte, entschuldigte sie sich, sie habe ihr Kopftuch vergessen, sie müsse noch einmal zurück. Ein Sklave wollte es holen, sie jedoch hieß ihn bleiben, sie wolle selbst gehen. Rasch eilte sie den Gang hinab nach dem Zimmer, das sie soeben verlassen. Kaum hatte sie es betreten, so warf sie einen aufgeregten Blick ringsum. »Dort sah ich ihn glänzen,« murmelte sie, »ja, er ist's.« Rasch schritt sie auf ein niedriges Eckbrett zu. Dort lag unter allerlei Schmuckgegenständen, Ketten, Armspangen und dergleichen ein kostbarer Dolch, wie ein alter Sünder unter unschuldigen Kindern. Hastig steckte sie den Glänzenden zu sich. »Du sollst mein bester Freund werden, kleiner leuchtender Mörder,« sprach sie mit wildem Lächeln, ihn streichelnd, um ihn darauf unter ihrem Brusttuch zu verbergen. »Dich legte mir Jehova hierher, auf dich ließ er meine Augen fallen in meiner höchsten Not, du leuchtest mir wie ein Strahl von oben. Sei mir dienstbar!« Sie wandte sich nach der Türe; sie bebte zurück, denn dort stand Isaak, ohne daß sie bemerkt hatte, wie er ihr gefolgt war. »Was suchst du?« rief sie erschrocken. »Dich,« sagte er. »Hier bin ich, laß uns gehen.« »Hast du dein Kopftuch gefunden?« frug er zärtlich. »Du siehst es,« sagte sie, ihn scharf beobachtend. Beide schritten nebeneinander der Sänfte entgegen, sie ungewiß, ob er Verdacht schöpfe, er liebestrunken, vor Sehnsucht kaum mehr seiner mächtig. »Du mußt dich wärmer kleiden,« lispelte er weich, ihr seinen Mantel umhüllend, »die Nacht ist kühl.« Als das Mädchen in der Sänfte Platz genommen, beugte er sich noch einmal zu ihr. »Verzeihe mir, Myrrah,« flüsterte er bebend, »verzeihe mir . . .« »Was soll ich dir verzeihen?« »Daß – daß ich dich liebe,« kam es verlegen über seine Lippen. * * * Das Haus, welches Asso Isaak geschenkt, lag im Westen der Stadt inmitten eines Gartens. Der Jude hatte klugerweise dem Mädchen mehrere Tage Zeit gegeben, sich von dem Unerwarteten zu erholen, ihre Geister zu sammeln. Er hatte es mit ihr gemacht wie derjenige, der einen anfangs unbändig sich zeigenden Papageien zähmen will, er hatte sie sich selbst überlassen, hatte sie kaum einmal des Tages gesehen und wenig mit ihr geredet. An diesem Abend wollte er es wagen, zum ersten Male sein eheliches Recht von ihr mit aller Entschiedenheit zu fordern, denn mehrere Anspielungen auf dieses Recht hatte sie bisher unwillig zurückgewiesen; jetzt, nach dem Verlauf einer Woche, hoffte der sehnsüchtige Ehemann auf günstigere Ergebnisse, denn nun mußte sich die Widerspenstige an ihn gewöhnt haben. Und konnte denn überhaupt ein weibliches Herz lange dem innigen Drängen eines glühenden Mannes widerstehen? Ihr entfernter Geliebter mußte allmählich dem gegenwärtigen Liebhaber weichen; das stille Bild des Entfernten mußte verblassen vor dem Andrang des Gegenwärtigen; und war nur einmal ihre Phantasie genugsam erhitzt von reellen Liebkosungen, wie konnten die nur eingebildeten eines Abwesenden noch Anziehungskraft auf ihr Herz ausüben. Es kam alles auf die günstige Stunde an, und diese glaubte Isaak an einem lauen, träumerischen Abend, der sich wie der Mund eines Liebenden auf das Niltal senkte, gefunden zu haben. Er kleidete sich in feines Gewebe und betrat das flache Dach seines Hauses mit klopfendem Herzen, mit unsicherem Schritt. Dort saß sie, kaum bekleidet, in der Ecke auf den schwellenden Kissen; ringsum blähten sich wollüstig die dunkelroten, assyrischen Vorhänge, die dem Dach, welches sie einschlossen, ganz das Ansehen eines behaglichen Zimmers verliehen, durch dessen Decke neugierig der Mond schielte. Dort saß sie abgewandten Blickes. Isaak stand nun neben ihr, seine Lampe auf den kleinen Tisch stellend, auf welchen sein Weib den Arm stützte. Welch ein Arm! wie bogen sich seine Wellenlinien weich nach dem Haupte empor; er zitterte leise, dieser weiße Arm, und als ihn der Erwartungsvolle berührte, kehrte sie ihm ihr von der Lampe geheimnisvoll umspieltes Antlitz zu. Noch zögerte er. »Wie glücklich könnten wir beide miteinander sein,« begann er endlich mit unsicherer Stimme. »Glücklich?« hauchte sie schaudernd, »glücklich?« »Wenn du diesen Menes vergessen wolltest. Reichtum und Ansehen ward mir zuteil, mir fehlt nichts mehr zu meinem Glück als deine Liebe. Was hängst du dein Herz an diesen Menes, der nicht deines Stammes ist? O Myrrah, wenn du mich nur mit der Hälfte der Liebe lieben könntest, die du diesem Fremden widmest, – ich wollte dir ein getreuer, zärtlicher Gatte werden, ein Gatte, wie du ihn vielleicht in Menes nicht findest, von dem du jetzt kaum weißt, ob er dein ihm ergebenes Herz nicht verlacht.« Beide schwiegen. Die Nachtluft spielte mit den Teppichen, ein Nachtfalter umschwirrte die Lampe, tiefe Stille überall; weit draußen in der Dunkelheit zeigten einzelne glühende Punkte die Stelle, wo Memphis lag, auf dessen flachen Hausdächern die Bewohner der kühlen Ruhe genossen. Isaak legte seinen Arm um den Nacken des Mädchens, sie rückte hinweg, von Grauen geschüttelt. »Isaak, ich flehe dich an,« sagte sie, »gib mir Wahrheit. Hat mich Menes vergessen? Du weißt es, o täusche mich nicht! Dir hat es Asso anvertraut.« »Was fragst du mich nach Menes,« entgegnete er düster. »War jene Botschaft erlogen? Liebt er mich noch? Isaak, bei allem, was dir heilig ist – rede!« »Ich bin nicht hierhergekommen, mit dir über Menes zu reden,« gab er barsch zur Antwort, »ich wollte, die Schakale nagten an seinem Gebein, die Sandkörner der Wüste tränken sein Blut. Du weißt, was ich von dir fordere, zögere nicht länger, denn mit meiner Geduld ist es zu Ende.« »Rufe deine Schwester,« preßte die Bebende hervor. »Meine Schwester?« »Sie nahm mich gestern in Schutz dir gegenüber, sie wird auch diesmal dich überreden, mich zu schonen –« Er starrte sie an. »Jehova, welche Blicke – Isaak! töte mich! Komm, töte mich und ich will dich preisen!« »Närrin, dich töten? Meine Schwester ist von hier weggereist,« entgegnete Isaak immer rauher. »Weggereist? So habe ich niemand, der mir beisteht?« rief die Verlassene aus. »Weh mir! sie war in letzter Zeit gut gegen mich, deine Schwester. Wohin reiste sie?« »Ziehe unser Gespräch nicht auf andere Gegenstände,« erwiderte der Jude hastig, »dies Mittel, das du auch gestern angewendet, habe ich jetzt durchschaut. Ich bin dein Gatte und will es nicht nur dem Namen nach sein.« Noch zögerte das Mädchen mit ihrem ganzen Stolze, dem Verlangenden gegenüber zu treten, noch dachte sie sein ungestümes Herz durch Klagen zu rühren. »Hab' Erbarmen, lieber Isaak,« bat sie, seine Hand ergreifend, »Gewalt hat dich mir zum Gatten gegeben, aber meine Liebe kann dir Gewalt nie und nimmer erringen – du kannst mich nie zu deiner Geliebten machen, höchstens zu deiner Sklavin, und ich hoffe, du bist zu edel, mich so tief zu erniedrigen. Wenn Menes zurückkehrt und mich so findet, wie er mich verlassen – o wie wird er dich belohnen, wie wird er dir danken. Nahe mir weiter nicht; laß mich deine Schwester sein, sei du mein Bruder; du sollst an mir eine aufopferungsvolle, unendlich dankbare Schwester finden, ein Wesen, das dich anbetet, deine Selbstüberwindung bewundert und dich wahrhaft liebt, – weil du entsagst! Wenn du mehr verlangst als ich geben will, muß ich dich hassen, aber zeigst du dich mir als großer Charakter, dann will ich die Deine sein – dem Geiste nach!« Isaak sah nach diesen Worten schweigend zu Boden. Hätte seine Schwester neben ihm gestanden, so würde er, gewohnt den Winken der Scharfklugen zu gehorchen, abgelassen haben, diese Unschuldige zu verfolgen; er hätte sich seiner Rechte begeben; heute aber, da er sich als alleiniger Besitzer des Hauses fühlte, dämpfte nichts seine Begierden; die Bitten der Unglücklichen schienen sogar anfachend auf dieselben zu wirken. Sein innerer Kampf war bald entschieden. Mit einem tigerartigen Griff faßte er nach Myrrahs Arm; umschlang die sich Abwendende und war eben nahe daran, einen glühenden Kuß auf ihre Lippen zu pressen, als er einen kalten Gegenstand auf der Brust fühlte, der ihm einen Schrei entlockte und ihn zurücktaumeln ließ. »Komm nur näher,« hörte er Myrrah ausrufen. Sie stand, tiefatmend, hoch aufgerichtet ihm gegenüber, die Augen von einem fast wilden Lichte erfüllt, ins Leere geheftet, einen Dolch in der zarten Faust. Nichts bewegte sich an ihr, als der Busen; die Locken hatten die Perlschnur zerrissen und hingen bis in ihren Nacken hinab; Isaak mochte, als er sie so stehen sah, nicht mehr an der Wahrheit jenes Dokumentes zweifeln, das Myrrah eine Königstochter sein ließ. »Ich bin zu allem fähig,« stieß sie, mit Schmerz und Zorn ringend, hervor, »zu allem bin ich fähig, wenn du wagst, mich zu berühren. Ich war sanft, ich bin es nicht mehr, der Gewalt setze ich Gewalt gegenüber. Entweder du oder ich! Wenn ich dich nicht töten kann, so sollst du mich blutend zu deinen Füßen sehen! Wähle, wer von uns beiden aus dem Leben scheiden soll.« Sie trat zurück, die Dolchspitze in ihren weichschwellenden Busen drückend. Ihr Gebieter starrte sie sprachlos an, – verbieten, sich zu töten, konnte er ihr nicht, hier war er machtlos. »Ich gehöre Menes,« sagte sie dann mit leidenschaftlicher Entschlossenheit, »keinem sonst. Und kann er mich nicht umarmen, so soll keiner mich umarmen. Dieser Mund, diese Brust ist sein Eigentum, das ich ihm bewahren werde, jedem gegenüber. Dieser Leib ist sein Tempel, er ist sein Gott; eher zerstöre ich diesen Leib, als daß ich ihn entweihen ließe.« Ihre gehobene Redeweise, der kühne Aufschwung, den ihr ganzes Wesen genommen, übten eine so niederschlagende Wirkung auf Isaak aus, daß er, einen scheuen Blick um sich werfend, das Dach sogleich verließ. Wohl mochte er seiner feigen Natur zürnen, aber was hätte er in diesem Augenblick anderes tun sollen, als sich fügen? Ihren Tod wollte er um keinen Preis herbeiführen, und das fühlte er, er hätte ihn herbeigeführt, wenn er auf seinem Wunsch beharrt; ihre Drohung bestand nicht in leeren Worten. Hätte er, nachdem er gegangen, die Unglückliche zusammensinken sehen, hätte er ihre unterdrückten mutlosen Seufzer vernehmen können, wohl wäre ihm seine verlorene Entschlossenheit wiedergekehrt. So aber verbiß er seinen Groll und gab einstweilen den Befehl, daß mehrere seiner Sklaven Tag und Nacht um das Haus schleichen sollten. So war er wenigstens sicher, Myrrah jede Flucht unmöglich gemacht zu haben; im übrigen stand ihm immer noch als letztes Mittel die Gewalt zur Seite, für heute begnügte er sich damit, seiner Gönnerin Asso von der zähen Widerspenstigkeit Myrrahs Kunde zu geben, um den Rat dieser entschlossenen Frau einzuholen. * * * Am Abend des folgenden Tages besuchte er das Schatzhaus. Nichts Störendes war ihm bis dahin begegnet, so oft er den geheimnisvollen Ort betreten. Diesmal aber fiel ihm auf, daß mehrere Gegenstände von Wert, deren Platz er genau kannte, weggestellt waren, andere sogar gänzlich fehlten. Sollte ein zweiter Dieb, gleich ihm, diesen Schatz bestehlen? Das war nicht anzunehmen. Als er genauer zusah, gewahrte er zu seinem unaussprechlichen Schrecken, daß man kleine Stäbe vor den verschiedenen Kisten errichtet hatte, an welchen Täfelchen mit Nummern gebunden hingen. Sollten königliche Beamte den Schatz durchsucht und die Entwendung der Kostbarkeiten bemerkt haben? Es überlief ihn heiß bei dieser Vermutung! Er nahm von den Ringen und Edelsteinen immer bloß die unterste Lage weg, ordnete die oberste wieder so, wie sie gelegen und war behutsam darauf bedacht, auch nicht das kleinste Stäubchen von seiner Stelle zu rücken, das ihn hätte verraten können. Auf diese Weise dachte er sich geborgen. Drittes Kapitel In den Hallen des Königspalastes zu Theben, dessen Säulen auf einer steinernen Plattform parallel mit dem Nil aufgereiht stehen, schritt am frühen Morgen ein junger Mann träumerischen Angesichts auf und nieder. Er trug ein buntes Kopftuch, auch war sein Lendentuch reichverziert; sein übriger Körper blieb nackt, schlanke, glatte Glieder zeigend. Man sah ihm an, daß er nichts oder wenig zu tun hatte, denn die Hände auf dem Rücken, die Augen an der ihn umgebenden Pracht weidend, wandelte er von Zimmer zu Zimmer, von einer Säulenreihe in die andere. Und doch schien ihn zuweilen ein banges Gefühl zu überschleichen; manchmal blieb er stehen; dann fiel sein Kinn auf seine schön gewölbte Brust langsam herab, das Auge umflorte sich oder sah mit schmerzlichem Ausdruck ins Weite. Der Säulenwald, den er durchirrte, trug majestätisch die wuchtige Decke; ein gelblich violettes, schwermütiges Licht, welches die Phantasie eigentümlich aufregte, quoll gedämpft von oben zwischen den Kapitälen herab oder gab den Schatten der ferneren Hallen dunkelpurpurne Farben. Die Luft, die man einatmete, schien von tiefrosigem Hauch durchweht; ein feiner Duft ließ darauf schließen, daß man hier zuweilen kostbares Rauchwerk verbrannte. Endlos reihten sich die Säulen aneinander. Das ermüdete Auge berauschte sich bald an teppichbelegten Gemächern, von deren Decken schwere Vorhänge geheimnisvoll herabflossen, bald bebte es vor langgestreckten, endlosen Gängen zurück, die in größere Säle führten, die wieder in Hallen mündeten und so weiter, immer weiter, bis sich schließlich Hallen, Wände, Säulen und Türen im Grenzenlosen zu verlieren schienen. Unheimliche, erdrückende Pracht prangte allenthalben von den Wänden dieser riesigen Gemächer herab, in derem leeren Umkreis sich der Mensch so verlassen vorkam, als läge er einsam mitten im Meere. Man wagte kaum zu atmen. Alles hier schien Ehrfurcht zu begehren. Stille ringsum; keines Höflings schleichender Fuß war zu hören, keines Soldaten Waffengerassel, keiner Sklavin rauschendes Gewand. Menes (denn das war der junge Mann, der diese Zimmer durchirrte), Menes fuhr sich mit der Hand an die Stirne. »Wo bin ich da hingeraten?« murmelte er, welches Murmeln sogleich die Echos gespenstisch wachrief. Gleich am folgenden Tag nach seiner Ankunft in Theben hatte er durch den obersten Kämmerer, der seine Empfehlungsschreiben geprüft und ihn als Sohn seines verstorbenen Freundes wiedererkannte, die Erlaubnis erhalten, dem Könige sich vorzustellen. Dieser Morgen war dazu ausersehen. Er übernachtete im Hause des Kämmerers, der ihm einige Vorschriftsmaßregeln gab, und die Sonne hatte sich kaum erhoben, so stand Menes schon klopfenden Herzens vor dem hohen Portal des Gebäudes, in welchem der Sohn der Sonne über Leben und Tod seiner Untertanen entschied. Als er eintrat, kümmerte sich keine Seele um seine Person. In den sonnigen Höfen würfelten oder kämpften die Soldaten; die Treppen der Hallen hinauf schlüpften, ohne ihn zu beachten, geschäftige Diener mit Goldplatten in den Händen, lautlos wie Eidechsen; Priester, Leopardenfelle um die Hüften, hohe Beamte in vollem Ornat, Papyrusrollen unterm Arm, schritten gravitätisch, aber schweigsam über die bunten Steinfliesen. Wachen standen regungslos, Beil oder Schwert im Arm, vor teppichverhüllten Türen. »Die Königin verlangt ihr Backwerk« – »der Prinz sein Bad« – »die Sänfte soll bereitstehen« – »der Zug der Musikanten soll sich ordnen« – solche und ähnliche Befehle zischelten sich vorübereilende Hofschranzen in die Ohren. Menes sah diesem Treiben verwirrt zu; seine angeborene Bescheidenheit, um nicht zu sagen Schüchternheit, verstärkt durch die Heiligkeit des Ortes, verbot ihm zu fragen, wo er sich hinzuwenden habe; auch fürchtete er diese, wie es schien, mit Geschäften überladenen Diener in ihrem Berufe zu unterbrechen; er wußte nicht, daß ein Höfling ein geschäftiger Müßiggänger ist. Das Empfehlungsschreiben nebst der Vorladung zur Audienz fest unter dem Arm haltend, schritt er endlich auf eine Wache zu. »Guter Freund, könnt Ihr mir nicht sagen,« frug er schüchtern, »wo ich den Audienzsaal des Königs zu suchen habe?« Die Wache gab, einen strengen Blick auf ihn schleudernd, keine Antwort. Er schritt beklommen weiter, eine Treppe hinauf, einen schmalen Gang hinab. Als er dort hinter einer Türe sprechen hörte, wollte er sich nähern, um anzuklopfen, jedoch ein hinter einem Vorhang hervorgeschlüpfter Sklave winkte mit beiden Händen ab. Auf sein verwundertes Befragen flüsterte ihm der Sklave zu, es dürfe diesen Gang kein Mensch betreten; hier befänden sich die Gemächer der Königstochter Asa-Termutis; diese studiere mit dem jungen Ebräer Mesu , dem sie einst das Leben gerettet und welchen sie beschütze, die heiligen Rollen. Menes frug nach dem Audienzsaal des Königs, worauf ihm der Sklave eine umständliche Beschreibung des Weges lieferte. Unser Freund gab sich vergeblich Mühe, die Weisung des Sklaven zu befolgen, nach einer halbstündigen Wanderung, die ihn durch ein Labyrinth von Gängen, Hallen und Sälen führte, mußte er sich das Geständnis machen, daß er sich gänzlich verirrt und daß er sich immer mehr verirren werde, wenn ihm nicht irgendein Gott einen, der Auskunft erteilen könne, in den Weg schicke. Dies Gewirr von Sälen verlängerte sich vor den entmutigten Blicken immer mehr; immer geheimnisvoller umschloß ihn die phantastisch bunte Dämmerung dieser Wohnungen, immer beängstigender wirbelten die Säle vor seinen eilenden Blicken, immer drohender rückten Decke und Wände auf ihn herein, immer wilder tanzten die grell gemalten Figuren ringsum. Endlich, er war gewiß durch drei- bis vierhundert Säle geeilt, zwang ihn die Müdigkeit, sich auf einer Bank niederzulassen. Ihm gegenüber war eine Szene gemalt, die das häusliche Glück der Ehe in lebhaften Farben schilderte. Es war ihm, als sei das Weib, welches dort ihren Gatten anlächelte, Myrrah. Dieser Anblick des liebenden Weibes, des zärtlichen Gatten verwischte ihm die Gegenwart vollständig; Audienz, Müdigkeit und Verirrtsein waren vergessen. Was mochte sie, seine Myrrah, jetzt in Memphis fühlen, welches Geschäft mochte sie in diesem Augenblick verrichten? Dachte sie an ihn? Ohne Zweifel! Leibhaftig stand sie vor ihm da; es war ihm, als hörte er ihre sanfte Stimme. Mit Wonne malte er sich jede ihrer Bewegungen aus, erinnerte sich an manchen ihrer tiefgefühlten Blicke, wiederholte sich leise, was sie ihm bei dieser oder jener Gelegenheit zugeflüstert. Manche Situationen traten mit solcher Lebhaftigkeit vor ihn hin, daß sie aufregend auf ihn zu wirken begannen. Er hatte ihr einige Tage vor seiner Abreise einen goldenen Ring zum Geschenk gemacht; als er diesen Reif an ihren zarten Finger schieben wollte, zeigte er sich zu enge; er schürfte ihr die Haut dabei und nahm in der Bestürzung darüber den blutenden Finger zwischen die Lippen, das Blut zu stillen. Sie hatte das nicht zugeben wollen. Jetzt erinnerte er sich dieser Szene so lebhaft, daß er unwillkürlich die Lippen wölbte und ein süßer Schwindel an seiner Stirne vorüberzog. Er sah sie erröten; die angenehme Verlegenheit, die ihn damals ergriff, erfaßte ihn jetzt wieder; er schwelgte in diesen Empfindungen, sie schlugen ihm über dem Haupte zusammen, er ging in diesen süßen Phantasien unter. Auch seine Mutter tauchte aus dieser Flut von Bildern vor ihm empor. Er pries sich glücklich, Myrrah in ihre Hände gegeben zu haben. So war sie doch vor Mangel geschützt, hatte ihr stilles Heim und reifte langsam für ihn heran, wie die Rose, die des Brechens harrt. Mit schauerndem Entzücken dachte er an die Stunde des Wiedersehens, jedoch fast mit Vorwurf rief er sich zu, wie er nur an Wiedersehen denken könne, da er kaum Abschied genommen. Viele Tage, viele Monate lagen noch zwischen dieser Stunde und der jetzigen. Ein unendliches Gefühl von Sehnsucht, von Heimweh beschlich ihn. Wie war er doch verlassen, verlassener wie sie. Sie durfte in der Heimat leben, hatte angenehme gute Menschen um sich; er war in der Fremde; Teilnahmlose umgaben ihn kaltherzig. Wer verstand ihn von allen diesen Tausenden! Glichen diese Menschen nicht lebendigen Mumien! Das also nannte man die Welt, dies Hasten und Jagen nach nichts, nach Genüssen, deren sich der Edle schämen muß? Die Götter werfen uns mittellos in diese Welt, sprach er zu sich selbst, und rufen uns zu: nun sieh, wie du dir hindurchhilfst. Selbst die Mittel, uns dieses zweifelhafte Geschenk, das Leben, zu erhalten, müssen wir uns mühsam erringen. Also, um nur überhaupt dies flüchtige Dasein uns zu bewahren, bedarf es schon qualvoller Anstrengung. Und ist dieses Dasein es wert, es sich durch endlose Kämpfe zu erhalten? Dies Dasein, besteht es doch bei Tausenden meist aus weiter nichts, als einem unklaren Traum mit wenig lichten Momenten? Ist dies Dasein der meisten nicht ein ewiger Kampf mit der Not, der der Kämpfer, und sei er der mutigste, endlich doch unterliegt? Und selbst dem besseren Teil der Menschheit dient diesem sein hellerer Überblick, seine tiefere Einsicht doch nur dazu, sich nach der kühlen Stille des Felsengrabes zu sehnen. Menes fühlte, daß ihm diese Reise mannigfache Eindrücke gegeben, daß sich sein Erkennen geschärft, seine Auffassung vertieft hatte; er sah mit anderen Augen in die Welt; auch mochte wohl die Trennung von der, die er liebte, seinen Gedanken höheren Flug verleihen, denn er fühlte, daß der Schmerz veredelt, indes die Freude verflacht. Eben versenkte sich seine Erinnerung in die Genüsse, die ihm diese Reise von Memphis nach Theben gewährt, er sah des Nil blühendes Ufer vor sich, an welchem reichbemalte Schiffe vorüberschwebten, er hörte das entfernte Rauschen der Palmenwälder, aus welchen rötliche oder blendendweiße Landhäuser schimmerten, eben tauchte das Bild der Wüste vor ihm auf, nach welcher er von seinem Schiffe aus einmal eine kleine Reise unternommen, als ihn plötzlich ein aus der Ferne kommendes Geräusch aus seinem Traume weckte. Was war das? Träumte er noch? Vernahm er so deutlich das Rauschen der Nilwellen? Nein, das Echo sandte ihm Musik; feierlich schwollen aus ziemlicher Entfernung melodische Töne an sein Ohr. Hastig sprang er empor, sich wieder seiner hilfsbedürftigen Lage erinnernd. Vergeude ich hier die Zeit mit nutzlosem Grübeln, rief er sich zu, aufmerksam nach der Richtung spähend, woher die Töne drangen. »Das ist Rettung,« sprach er dann, »dort muß ich Menschen antreffen.« Näher, immer näher kam er den Klängen; er hatte kaum drei Säle durchwandert, so befand er sich zwischen Säulen, die ihm den Durchblick auf ein schönes, großartiges Schauspiel, ein Morgenopfer, wie es ihm schien, des Königs gestattete. Mit starrer, plumper Erhabenheit saß der Gott Osiris auf seinem goldenen Throne, die Arme an den Leib gedrückt, die Hände auf den Knien, geradeaus blickend, von so dichten, blauen Weihrauchwolken umwogt, daß seine massigen Glieder wie aus einem Mantel hervorlugten. Vor ihm stand ein stattlicher, nicht mehr ganz junger Mann, dessen hohe, rotweiße Krone ihn sofort als den König kennzeichnete, wenn ihn nicht seine Würde, die angeborene Majestät seiner Bewegungen als solchen verraten hätte. Der König hob beide Arme zu dem Gotte empor; seine stolzen, freien Gesichtszüge zwang er zur Demut; allen Schmuck hatte er abgelegt; ein künstlicher Bart verlängerte das stark ausgeprägte, Herrscherwillen ausdrückende Kinn. Zu beiden Seiten des Bildes standen, mit erhabenen Mienen, Priester, silberne Gefäße voll Wein in den Händen oder die Weihrauchpfanne schüttelnd. Hinter diesen knieten Harfenspielerinnen, andere schwangen Handtrommeln im beweglich schönen Arm, während andere das Kem-kem schlugen und wieder andere einen Gesang zu der finster herabdräuenden Decke emporschickten. Der übrige Teil des halbdunklen Saales war mit betenden Kriegern erfüllt, die ihre Arme zum Zeichen der Demut vor sich niederhängen ließen. Der Gott schien gnädig lächelnd die Huldigungen hinzunehmen; manchmal schien es, als würfe er durch den Weihrauchschleier einen freundlichen Blick auf den Monarchen. Der scharf aromatische Geruch der Weihrauchmischung, die gellend betäubende Musik, die feierlichen Priester, von denen einige Federn auf dem Haupte trugen, die halbnackten Priesterinnen, die steinerne Ruhe des Gottes und das magische Licht, welches von oben durch die Säulen sickerte, die Szene in ein rätselhaftes Düster hüllend, dies alles wirkte auf Menes eigentümlich berauschend. »Heil dir, Osiris, Hochheiliger, Ewigstrahlender,« sangen die Priester, sich verbeugend, ihre Instrumente schwingend, »siehe gnädig auf den Sohn der Sonne; er naht demütig vor deiner Lichtheit. Hat er dir nicht wohlriechende Hölzer gegeben? Dir nicht verbrannt köstliches Rauchwerk? Hat er dir nicht dargebracht Miriaden Rinder im Lande deiner Heiligtümer? Ließ er dir nicht herbeibringen das dauernde Gestein für deine Tempel? Ja, du hast ihn umgürtet mit Gnade; deine Lichtheit umschwebte ihn im Kampf; seine Feinde warfen sich in den Strom, wie Krokodile in den Nil; er stürzte unter sie, gleich wie der Sperber niederstößt, gleich dem Gotte Baal im Momente seines Schreckens!« So brauste es feierlich durch die Hallen, bald wie knatternder Donner, wenn die Trompeten sich mit den Trommeln mischten, bald sanft hinsterbend, wie der Nachtwind, der den Papyrusstauden von den Geheimnissen der alten Pyramiden erzählt, oder von den Schrecken des glühenden Sandmeeres, wenn die Saiten der Harfe schwollen, hinüber in das Geflüster der Flöten. Menes stand hinten einer Säule, von wo aus er das Ganze übersehen konnte. Jetzt trat der König näher, um auf den Altar eine Goldschale voll Wein zu gießen. In diesem Augenblick hörte unser Freund neben sich ein Geräusch, wie das Schwirren einer Sehne, wenn sie gespannt wird; er drehte sich um – dicht neben ihm zu seiner Rechten kniete ein Bogenschütze am Boden, der eben im Begriffe war, einen Pfeil auf die Sehne zu legen. Was hatte ein Bogenschütze in solcher Stellung hier zu verrichten? Wollte er schießen? Und welches war sein Ziel? Der erstaunte Menes sah wie eine beringte Hand, die hinter einer Säule hervorkam, dem Knienden auf die Schulter tippte; ein leises: »Warte noch!« schlug an sein Ohr. Unserem Freund erregten die beiden Personen Verdacht; er beobachtete sie mit gespannter Aufmerksamkeit; das Blut strömte ihm vom Kopf nach dem Herzen zurück; krampfhaft preßte er seinen zitternden Leib an die Säule. Der Schütze neigte sich nun vor, setzte das Knie auf den Boden und zielte mit erhobenem, straffem Bogen nach dem König hinüber, der soeben, während alle niedersanken, den goldenen Wein aus der Schale langsam über den Marmor des Altars träufeln ließ. Nun erst wurde unserem Freunde klar, um was es sich hier handelte! Königsmord –! Eine fieberhafte Aufregung bemächtigte sich seiner, die ihn fast gänzlich um den Gebrauch seiner Kräfte brachte. War er nach Theben gekommen, um ein solches Schauspiel mit anzusehen? Sein reines Herz konnte es noch nicht fassen, das Unerhörte; auf den König schießen, hieß ihm auf einen Gott schießen. Was sollte er tun? Sollte er rufen? Er rief ein lautes »Halt!« In diesem betäubenden Stimmgemisch verlor es sich wie ein Tropfen im Meer. Die Gefahr wuchs; er zürnte seiner Tatlosigkeit; schon sank die Pfeilspitze drohend nieder; ohne zu wissen, was er tat, wie im Traume schritt er auf den Altar zu, dabei unaufhörlich mit den Armen abwehrende Bewegungen machend. Seine Beklommenheit ward vermehrt, als er zu bemerken glaubte, daß der links vom Altar stehende Oberpriester mit dem mörderischen Schützen Blicke wechselte; der Priester winkte mit dem Auge; Menes stürzte, die Arme hoch erhoben, auf den Altar zu, aber er hatte ihn noch nicht erreicht, als aus der Papyrusrolle, die er im Arm trug, mit ziemlicher Heftigkeit ein Pfeil zu Ramses' Füßen niederklirrte. Dem König entsank die Schale; ein Gemisch von Hilferufen, Wutgeschrei, abgebrochenen Akkorden des Gesanges erfüllte mit einemmal die Halle. Einige umringten den König, andere zogen die Waffen; Menes deutete nach der Stelle, woher der Schuß gekommen, hob den Pfeil vom Boden auf und überreichte ihn dem erblaßten König. Das Vorgefallene verbreitete sich mit Blitzesschnelle unter der Menge. »Mord! Königsmord!« brauste es von einem Winkel des Saales bis zum anderen; die kahlköpfigen Priester standen regungsloser als ihr Gott; wie ein immer steigender Sturm wogte die Masse auf und ab, Fragen, Antwortgeben, Verwünschungen durchbebten die dicke, weihrauchgeschwängerte Luft, bis sich schließlich, nachdem das Gerücht genugsam verbreitet, alle die vielen Stimmen in einem Schrei der Entrüstung auflösten. Am lebhaftesten war die Verwirrung an dem Ort, von dem der Pfeil geflogen kam, dort hatten die Nächststehenden einen Schützen aufgegriffen, der sich, ohne sich zu verteidigen, ruhig fesseln ließ, seinen Feinden trotzig in die Augen sehend. Während dieser Zeit stand der König mit sinnenden, träumerischen Mienen am Altar, ohne auf das Lärmen um ihn her zu achten. Der Oberpriester war ihm näher getreten, sein Beileid auszudrücken, aber der König warf ihm, als ihm jener die Hand reichen wollte, einen so wildverstörten Blick zu, daß sich der Priester sogleich zurückzog. Der Pfeil ging von Hand zu Hand; der König machte eine abwehrende Bewegung, als man ihm denselben noch einmal zeigen wollte. Als er seine hohe, schwermutumdunkelte Stirne hob, sah er zu seinen Füßen den von seinen Kriegern mittlerweile herbeigeschleppten mutmaßlichen Verbrecher, auf dessen augenblickliche Verurteilung die Umgebung harrte. Gewaltsam hatten sie dem Schützen den Nacken gebeugt, der König jedoch würdigte ihn keines Blickes, sondern reichte, den Ernst seiner Züge mit Anstrengung aufheiternd, dem neben ihm stehenden Menes die Hand. »Dir verdanke ich mein Leben,« sprach er sanft, »ich danke dir, wer du auch seiest; du sollst von nun an in meiner Nahe bleiben; du darfst dir den Namen ›Freund des Königs‹ beilegen.« Menes trat bescheiden zurück, aber Ramses ließ seine Zurückweisungen nicht gelten. »Wessen Leib dem König zum Schilde gedient,« sagte er, »der hat Anspruch auf die höchsten Gnaden, denn ein Gott hat ihn in die Nähe des bedrohten Königs geleitet. Dieser Pfeil würde mich hinweggerafft haben, wenn du ihn nicht aufgehalten, und ich betrachte dich als einen von meinem Vater, dem strahlenden Râ, dem Hochheiligen, Gesandten. Ich lege vertrauungsvoll meine Hand in die deine. Wen ich belohne, der nimmt den Lohn so willig hin, wie der die Strafe, den ich strafe, und dich belohne ich, um meinem Volke zu zeigen, wie sein Herr treue Dienste zu ehren weiß. Achtung und Ehrerbietung diesem Manne,« rief er dann seinem Gefolge zu, »er steht mir von diesem Tage ab an Rang kaum nach.« Menes mochte fühlen, wie klug der König handelte, ihn vor allem Volk so auszuzeichnen; das mußte den Eifer, ihm zu dienen, aufs äußerste schüren. Mit einem Blick auf den vor ihm knienden Bogenschützen fragte der Herrscher: »Erkennst du diesen als meinen Mörder?« »Er ist es,« sagte Menes, »er stand hinter jener Säule.« »Man suche aus ihm herauszubringen,« wandte sich Ramses an seine Umgebung, »wer ihn zu dieser Tat verleitet, und ertränke ihn sodann.« Das Morgenopfer wurde hierauf als beendet betrachtet. An Menes' Arm schritt der König durch die Reihen seiner ihn umjubelnden Krieger, gnädige, heitere Blicke um sich werfend, die nichts von innerer Unruhe verrieten. Den Eingang des königlichen Gemaches umdrängte eine solche Menge von herbeigeeilten Einwohnern Thebens, daß dem Herrscher kaum eine schmale, von Soldaten mühsam gebildete Gasse blieb, aus welcher sich ihm tausend Hände huldigend entgegenstreckten. Selbst vor ihm nieder warfen sich Frauen, ihm Blumensträuße überreichend, oder seine Füße zu küssen suchend. Ramses verteilte viele herzliche Worte unter die ihn Umdrängenden, bis er hinter dem Teppich des Einganges verschwand, welchen die Volksmenge noch so lange umstand, bis ein Kämmerer hinter denselben auftauchte, die Hand gegen die tosende Menge erhebend. Als allgemeine Stille eingetreten war, sprach der Kämmerer: »Der Sohn der Sonne dankt euch für die Beweise eurer Zärtlichkeit und Teilnahme. Nun aber bittet er sein Volk, ihn allein zu lassen. Dieser Vorfall hat sein Herz tief erschüttert. Er bedarf der Ruhe und Schonung.« Hierauf entfernte sich die Volksmasse auf den Zehen, um ihren geliebten Herrscher nicht zu stören. Menes hatte man auf höchsten Befehl ein Zimmer im Palaste angewiesen, in welchem er sich, über das eben durchlebte Ereignis nachsinnend, kaum zur Ruhe niedergelassen, als ein Diener ihn aufforderte, ihm vor das Angesicht des Monarchen zu folgen. Kaum hatte sich der Vorhang hinter ihm geschlossen, kaum umgab ihn das schimmernde Gemach mit seinen reichvergoldeten Möbeln, so gewahrte er mit Bestürzung die Veränderung, die in Ramses' Zügen Platz gegriffen hatte. Die noch vor einer halben Stunde heitere Miene war in eine tiefernste verwandelt; wie gebrochen lag die stolze Gestalt auf einem Ruhelager – ein auffallender Gegensatz zu der erkünstelten Gleichmütigkeit, die sie, solange ihr Volk sie sah, angenommen. »Hoher Herr,« begann Menes, von Mitleid ergriffen, »konnten die Ereignisse dieses Morgens Euern Mut so tief erschüttern –« »Verzeihe mir diese Schwäche,« entgegnete Ramses, sich aufrichtend, »du hast recht, ich sollte meinen Empfindungen nicht in solchem Maße nachgeben.« »Um deines Volkes willen solltest du es nicht, o Herr,« wagte Menes, trotzdem er sein vorschnelles Wort bereute, weiter fort zu fahren. Der König nickte traurig mit dem Haupte und sah schweigend vor sich nieder. »Denkt, ich bitte Euch, der Sache nicht weiter nach,« begann Menes aufs neue. »Irgendein Undankbarer, vielleicht ein Wahnsinniger hat diesen Plan gegen dein heiliges Leben geschmiedet. Heitere deine Stirne auf, zerstreue deinen Geist durch Jagd, Gesang oder Tanz. Wiegt die Liebe deines ganzen Volkes, von der du kaum erst die innigsten Beweise erhalten, nicht die Tat eines einzelnen auf?« »Eines einzelnen! junger Mann,« sagte der König bekümmert, während Tränen sein hohes Auge füllten. »Glaubst du, dies sei der einzige, der wünscht, mir das Herz zu durchbohren? Du irrst! Du kennst nicht das Leben, das ich seit einigen Monaten führe – ich bin bedroht von allen Seiten, wie ein edles Wild, auf das hundert Jäger Jagd machen – denn, laß dir sagen – doch stille!« Er unterbrach sich, winkte dem Sklaven, hinaus zu gehen und zog dann Menes auf sein Lager nieder, ihm vertraulich die Hand auf die Schulter legend. »Ich weiß nicht, wie du dich nennst, noch wer du bist,« fuhr er sanfter fort, »und dennoch vertraue ich dir; ich möchte mir an dir einen Menschen erziehen, der mir die Last der Krone tragen hilft, und der mit dem Schild der Treue vor meinem Throne steht; deshalb verbanne ich jedes Mißtrauen aus meiner Seele. Du bist der einzige, dem ich Mitteilungen dieser Art mache; vor meinem Lebensretter wage ich es, mein Inneres zu öffnen, meinen düsteren Vermutungen Worte zu leihen.« »Wenn ich, erhabener Gebieter, dein Vertrauen verdienen könnte,« entgegnen Menes mit Feuer, »o! wie würde ich mich glücklich schätzen. Immer habe ich mir gewünscht, einem Könige ratend zur Seite stehen zu dürfen, sein zweites, schärferes Auge sein zu dürfen, das in die Hütten der Armut dringt und durch die Tempelwände hinterlistiger Priester. In frühester Kindheit schon träumte ich mich in die einsame Stellung eines Herrschers; und mein kindliches Herz sagte mir: ein König ist nicht glücklich! Ja, ich dankte oft den Göttern, daß sie mich nicht auf einem Thron zur Welt kommen ließen.« »Dir will ich alles gestehen, was mich bedrückt,« rief der König aus, die Hand seines Freundes ergreifend. »Du verstehst mich; ich erkenne es an deinem Benehmen. Du sollst mir sein wie ein Vater, denn, wenn du mich auch nicht gezeugt, hast du mir doch das Leben zum zweiten Male gegeben, und nie kann ich dir dies vergelten; meine Gnade ist nur ein schwacher Versuch, die Schuld abzutragen, die du von mir zu fordern hast. Ja! du hast recht! Glücklich sind wir nicht! Deshalb habe ich mir immer einen Mann gewünscht, dem ich mich rückhaltlos hingeben könnte, ohne fürchten zu müssen, es trieben ihn nur selbstische Absichten in meine Nähe, denn die Diener eines Herrschers sind, trotz all ihren Schmeicheleien, seine größten Feinde! Wer ein Wort an uns zu richten hat, verlangt; keiner gibt – jeder verlangt! Es ist ein ödes Leben, dies Leben auf dem Thron; nur Toren können uns beneiden, nur Toren können sich mit der Krone auf dem Haupte glücklich fühlen. Einsam ist unsere Lage, einsam, wie die eines zerstörten Felsentempels – glühender Sand weht um seine umfalldrohenden Säulen, in seinem kühlen Inneren ragen die toten Steinbilder, weit um nichts als der blendende Sand oder nachts der schleichende Schakal; brütende Stille, glühendes Schweigen, hoheitgebietende Marmorwände!« Ramses stand auf. Das Zucken seiner Lippen verriet die krampfhafte Anstrengung, die er machte, seinen Schmerz zu bewältigen. Das deutliche Empfinden seines Unglücks in dieser Stunde hatte ihn mitteilsamer gemacht; sein sonst verschlossenes Innere strömte heute über; es schien ihm eine Art schmerzliche Wollust zu bereiten, in all seinen Wunden zu wühlen und sein fließendes Herzblut vor den Augen eines Mitfühlenden hinströmen zu lassen. Er schritt hastig im Gemache auf und nieder, während Menes ihm nachsah, feuchten Auges, tief ergriffen. Wenn die Maler Könige auf den Tempelwänden oder in den Grabkammern abbilden, geben sie ihrem Gesichtsausdruck eine heitere Hoheit, eine stolze Befriedigung – o! wie sehr, sprach Menes zu sich selbst, lügen ihre schönen Farben. Unter dem Baldachin baut die Sorge ihr Nest; der Glanz der Krone zieht den unheimlichen Nachtfalter, das Unglück! an, und er umschwärmt die leuchtende mit schwarzem Flügelschlag. Ich sehe ein, daß ich mich nicht getäuscht habe, wenn ich mir den Schmerz als unzertrennlichen Gefährten der Majestät dachte. »Nein! nein!« seufzte der Gewaltige vor sich nieder, »wem dürfen wir vertrauen? Ich kann nicht mehr an Liebe, Treue oder Tugend glauben. Selbst, wenn die Göttin der Wahrheit vor mich hinträte und mich von dem Dasein dieser edeln Eigenschaften überzeugen wollte, ich würde sie Lügnerin schelten. Liebe, Treue, Tugend, das sind Namen für Dinge, die nicht sind. Vor dem Sonnenlicht der Majestät schmilzt auch der festeste Charakter in Brei zusammen. Ich habe es erlebt. Erst gestern. Ich hörte von einem Juden, der auf die Fürsten schlecht zu sprechen war. Er ward mir als ein starker, harter Charakter gepriesen. Ich ließ ihn vor mich kommen. Er setzte mir scharfsinnig auseinander, warum die Fürsten auf Erden zum mindesten unnötig seien. Ich freute mich über seinen Freimut, wollte ihn aber trotzdem auf die Probe stellen. Er war arm; ich gab ihm eine einträgliche Stelle an den Kanalbauten. Da war es mit seinem Fürstenhaß vorbei – jetzt küßt er mir die Füße und fragt mich jeden Morgen besorgt: wie ich geruht habe!« »Und was wünschtest du,« frug Menes, »was er hätte tun sollen?« »Was? Die Stelle ausschlagen! Mich hassen hätte er sollen; dann würde ich vielleicht auch ihn gehaßt haben, aber ich hätte ihn nicht zu verachten brauchen. Es tut mir leid um den Mann!« – »Und dann unsere Einsamkeit,« fuhr der König fort. »Nur der Einsiedler in seiner Zelle mag Ähnliches fühlen. Wir haben weder Väter noch Mütter, noch Brüder oder Töchter, oder Söhne. Die Macht ist eine schlechte Entschädigung für einsame Jahre, Zerstreuungen ersetzen nicht wahre Freuden. Ich kann Tausende dem Tode geben, aber ich kann mir keinen einzigen zur Liebe zwingen, trotz aller meiner Macht! O ihr Götter! nehmt mir die Krone vom Haupt, sie brennt mir bis ins Gehirn hinab.« Menes stand auf und küßte seines Königs Hand mit einem solchen Ausdruck von innigem Mitleid, vermischt mit der edelsten Hingabe, daß Ramses ihn gerührt umarmte. »Du vertraust mir – verzeihe, daß ich es sage – du vertraust mir zu rasch, o Herr!« sagte Menes. »Du hast mich bis jetzt noch nicht genug geprüft, um mit Bestimmtheit behaupten zu können, daß ich alle die guten Eigenschaften besitze, die mir dein Edelmut wohl andichtet. Auch ich bin ein irrender, fehlender Mensch und der Dienst, den ich dir geleistet, ist dir keine Bürgschaft für meine Tugend.« »Was bezweckt deine Rede?« fiel Ramses, ernste werdend, ein, »willst du mich abschütteln wie einen lästigen Bettler? Weisest du meine Freundschaft zurück? Soll ich vor dir stehen als ein mächtiger Armer?« »Wie kannst du also sprechen, Herr,« entgegnete der Jüngling, »ich halte es für meine Pflicht, dich zu warnen, ehe du dich mir völlig hingibst.« Der König legte seine Stirne sinnend in Falten. Dann erwiderte er langsam: »Es ist wahr, ich bin zu leidenschaftlich in meinen Ergüssen, ich folge augenblicklich dem, was mir das Herz vorschreibt; du tust recht daran, mir dies ins Gedächtnis zurückzurufen, denn manchen Schaden hat mir mein rasches Vertrauen gebracht.« Hierauf legte Menes seinem Herrn die Empfehlungsschreiben nebst der Audienzerlaubnis vor. Der König, erfreut darüber, daß er in seinem Retter den Sohn eines treuen Dieners seines seligen Vaters gefunden, durchsah die Rollen und sprach hierauf: »Nicht diese Rollen, nicht diese Beweise, daß deine Familie unserem Königshause treu ergeben war, sind es, die mir dein Vertrauen erwecken; ich glaube deinen Augen mehr als diesen Schriftstücken. Stecke sie wieder zu dir, sie können meine Freundschaft zu dir nicht mehr verstärken.« Nun vertraute Ramses dem erstaunten Menes an, daß er argwöhne, seine eigene Familie sinne auf seinen Untergang. Besonders seinem Sohn Cha-em-dyam (der sonst sein Liebling gewesen) müsse er mißtrauen; auch seine Gemahlin Urmaa-nofru-râ hege schlimme Pläne im tückischen Busen. Nur seiner Tochter Asa-Termutis sei er versichert; er wisse, daß sie ihn liebe. Auf das Befragen des jungen Mannes, wodurch er sich den Haß seiner nächsten Verwandten zugezogen, erklärte Ramses, daß sein Sohn ebenso wie Urmaa-nofru-râ wünschten, das immer mehr sich verbreitende Geschlecht der Ebräer gänzlich vertilgt zu sehen. Es beruhe auf Wahrheit, meinte er, daß die Ebräer viele ihrer schlimmen Eigenschaften zum Nachteil seines Volkes zur Geltung brächten, jedoch könne er sich nicht entschließen, auf eine grausame Art gegen diesen Stamm vorzugehen. Die Priester, erzürnt über seine Langmut, seien seine heimtückischsten Feinde, ja ihre Verruchtheit fürchte er am meisten; ihrem Rate folgend, habe er (da auch das befragte Orakel zu Amun es gewünscht), wie er jetzt tief bereue, beim Antritt seiner Regierung den Befehl gegeben, alle erstgeborenen Ebräerkinder zu töten. Seine Lieblingstochter Asa-Termutis habe einen zarten Knaben gerettet, dem die Priester, da er sie an Weisheit überträfe, nach dem Leben trachteten, obgleich der Jüngling unter dem persönlichen Schutze der Prinzessin stände. Er wisse sicher, daß sein Vater Seti der Erste eine Jüdin geliebt, und ihm selbst gefielen die Weiber der Juden ihrer helleren Hautfarbe wegen; er wolle dies Volk allmählich mit dem seinigen zu verschmelzen suchen; Heiraten zwischen Ebräern und Ägyptern würde er aus diesem Grunde erlauben, wenn auch die Priester dagegen eiferten. Menes dachte dabei lebhaft an Myrrah, verbarg aber dies Geheimnis noch im hochaufschlagenden Busen. »Und so,« schloß der Monarch, »bin ich zwar als Sieger hervorgegangen aus den Kämpfen mit den Chetas; meine Kriegskeule ragte ob ihren Häuptern; sie sanken hin vor meinem Streitwagen wie Stroh, aber nun erhebt die Feindschaft meiner Nächsten ihr listiges Haupt, um mich zu vernichten; dieser Pfeil, den du heute morgen mit deinem Leib auffingst, wer weiß, ob er nicht vielleicht von meinem eigenen Fleisch geschmiedet, von einer Hand auf die Sehne gelegt worden war, die mich hegen und pflegen sollte. In meinem Reich herrscht Friede; jeder ist sicher; ein schwaches Weib könnte allein von Memphis bis Theben wandeln ohne Furcht! Nur ich selbst, der diese Ordnung mit der Schärfe meines Schwertes geschaffen, ich stehe unsicher auf einsamer Höhe; meine Familie bedroht mich, und dies Priestergeschlecht hebt seine Hand auf gegen mich!« Kaum hatte der Herrscher geendet, so wurden Stimmen vor der Türe laut. Ein Sklave meldete Urmaa-nofru-râ, Asa-Termutis, nebst dem Prinzen Cha-em-dyam. Des Königs Züge verfinsterten sich, als er die Meldung dieses Besuches vernahm, er wollte den Wink geben, die Eintrittbegehrenden nicht vorzulassen, doch ein Blick auf Menes bestimmte ihn anders. »Beobachte sie,« flüsterte er dem Jüngling zu, »ich hätte sie abgewiesen, wenn ich nicht dein Hiersein als Gelegenheit benutzen könnte, das Betragen meiner Verwandten von den Blicken eines unbeteiligten Zuschauers prüfen zu lassen. Du wirst mit Schrecken wahrnehmen, daß ich dir kein Märchen erzählt! Raffe all deinen Scharfsinn zusammen und suche in die geheimsten Falten ihrer Züge einzudringen.« Der Vorhang rauschte auseinander; die Königin, eine Dame von nicht unschönem, aber strengem Gesichtsausdruck rauschte in das Gemach, ihrem Gemahl mit studierter Rührung um den Hals fallend. »O Isis! wie ich erschrak, als die Kunde zu mir drang,« hauchte sie erschöpft, »dein kostbares Leben sei in Gefahr gewesen. Welch schreckliches Ereignis! Doch die Götter beschützen es; ich sehe dich gerettet.« »Hat er gestanden, wer ihn zu dieser Tat veranlaßt?« frug mit finsteren argwöhnischen Blicken der Prinz. »Das hat er,« erwiderte der König klugerweise. Er hatte sich in seiner Voraussetzung nicht getäuscht. Sobald ihm dies auf einer Unwahrheit beruhende Wort entfahren war, sah er den Prinzen bebend nach Fassung ringen. »Er hat – ja – unmöglich,« sagte er verwirrt. »Warum unmöglich?« frug sein Vater. »Und wer hat ihn zu dieser Tat verführt?« sagte der Sohn lauernd. »Wer? Ich weiß nicht!« »Wie?« »Er hat noch nicht gestanden,« entgegnete Ramses, einen Blick mit Menes wechselnd, »aber ich hoffe, er wird gestehen! Ich hoffe es, und dann wehe seinen Verführern.« »Sie verdienen zu sterben,« preßte der Prinz mühsam heraus, indem er seinen scheuen Blick am Boden hinkriechen ließ. »Ja! das verdienen sie,« sprach Ramses mit schlechtverhehlter Verachtung; »bereits ahne ich die Schändlichen, die mir meine Getreuen zu Werkzeugen des Verrats umwandeln; wer sie auch sein mögen, sie sollen meiner Rache nicht entgehen und müßte ich geweihtes Blut verspritzen.« Urmaa-nofru-râ lenkte absichtlich das Gespräch auf andere Gegenstände. Sie frug nach dem gezähmten Löwen, den Affen, den Teichanlagen im Park, beklagte sich über ihre Sklavinnen und warf gleich darauf ihrer Stieftochter Asa-Termutis mit herben Worten Lieblosigkeit vor, weil sie noch kein Wort an ihren Vater gerichtet habe, der doch heute morgen erst aus einer großen Gefahr befreit worden sei. Asa-Termutis, die gleich bei ihrem Eintreten mit einer Art Selbstvergessenheit auf Menes geblickt und bis jetzt ihr Auge kaum von ihm gewendet, richtete ihr Gesicht langsam auf ihre Mutter. »Lieblos nennst du mich?« sagte sie mit starker Betonung, »mich deucht, ich dürfte mit mehr Recht Euch undankbar nennen, denn wer ist hier derjenige, der unser Lob am meisten verdient? Und wen scheint Ihr völlig zu vergessen, ob er gleich in diesem Augenblick der beste Mann im ganzen Reiche ist?« Nach diesen Worten schritt sie mit schönem Anstand auf den beschämten Menes zu, legte, indem ein begeisterter Glanz ihr großes, von langen schwarzbemalten Wimpern umrahmtes Auge füllte und ihr Busen sich gewaltsam hob, ihre zarte, beringte Hand in die seine, also sprechend: »Edler Jüngling, du hast mir meines Vaters Leben bewahrt, ich danke dir inniger, als wenn du mir das meine gerettet. In mir dankt dir ganz Ägypten!« Menes fühlte, wie brennende Schamröte in seine Wangen stieg, er versuchte zu lächeln, einige bescheidene Worte zu sagen, aber dem Blick der edeln Königstochter gegenüber schlug er verwirrt die Augen nieder. »Sie tut recht, mein Kind,« rief der König aus, »ihm haben wir Dank zu zollen. Es freut mich, Asa-Termutis, daß du daran gedacht.« Asa-Termutis, wie sie Menes erröten sah, fühlte auch ihre Wangen erglühen; nun erst ward sie sich der Kühnheit ihres Benehmens bewußt; hastig machte sie ihre Hand von der Menes' los und umarmte ihren Vater, ihr Gesicht so ängstlich an dem seinen verbergend, als wolle sie es der Welt nie mehr zeigen. Ramses fühlte bald einen heißen Strom über seine Wangen rinnen. »Du weinst, mein Kind,« flüsterte er gerührt, »du weinst? Doch, ich kenne ja deine Art; jede heftigere Gemütsbewegung entlockt dir Tränen; so hieltest du es schon seit deinem dreizehnten Jahre – weißt du noch, als dir damals deine Gazelle starb, welche Tränen vergossest du? Man hätte den Nil damit zum Überschwemmen bringen können in einem Jahr der Dürre.« Sie schmiegte sich an den sehnigen Hals des Vaters und weinte weiter. »Ja, du liebst mich,« lächelte der König, hingerissen von der Zärtlichkeit seines Lieblingskindes, »diese stummen Tränen entzücken mich mehr als alle Glückwünsche meiner Höflinge, sie sind mir kostbarer, wie die Edelsteine meiner äthiopischen Bergwerke. Sie enthalten Wahrheit, sie strömen aus einer unverfälschten Quelle, und ich irrte mich, als ich sagte: ein König habe keine Töchter; mich wenigstens haben die Götter mit einer Tochter gesegnet, die mir mehr wert ist, als mein ganzes, großes Reich.« Diese Szene ward von der Königin, wie von ihrem Stiefsohn mit kaum verhehltem Ärger beobachtet. Sie warf ihm unaufhörlich Winke zu, die das edle Verhältnis ihres Gatten und Kindes ins Komische zu ziehen bemüht waren, während der Prinz, wie Menes deutlich gewahrte, finstere Blicke auf seine Schwester schoß, ja sogar mehrmals die Faust unter seinem Mantel ballte. Einmal beugte sich die Königin zu ihm hinüber, ihm etwas ins Ohr flüsternd, wobei sie verächtlich lächelte, indes er aufstampfte. Als das Königskind seine frühere ernstere Fassung wiedererlangt hatte, erkundigte sich Ramses nach ihren Studien, denn er wußte, daß sie nicht ungern ihren Geist leuchten ließ; schon in ihrer Kindheit hatte sie alle ihre Lehrer an Wissen übertroffen, und während ihre Gefährtinnen den Ball warfen oder den Kahn lenkten, hielt sie ihren jungen Kopf über alte Rollen gestützt. Sie erzählte ihm denn auch sofort mit geistsprühender Lebendigkeit von den Geheimnissen der Astronomie, in die sie sich neuerdings versenkt, erzählte ihm von ihrem Streit mit dem Oberpriester, der die Bahn der Gestirne falsch berechnete; auch berichtete sie von der heilenden Kraft mehrerer Kräuter, die sie in ihrem Laboratorium entdeckt. Dabei kam sie auch auf ein Kraut zu sprechen, welches sie nicht ohne inneres Grauen beschrieb. Es sei der größte Feind des Menschenlebens; in geringen Gaben genommen schläfere es ein, in größeren bewirke es den Tod. Urmaa-nofru-râ ließ sich dies Gewächs genau beschreiben und schien ausnehmend viel Interesse an seiner rätselhaften Kraft zu nehmen. Es seien schwarze Körner, verborgen in einer grünen Kapsel, erzählte Asa-Termutis, aber es sei am besten, man spräche nicht von dieser furchtbaren Blume, die irgendein böser Geist gesät habe, um die Menschen zu verderben. Dem König war das Interesse seiner Gattin an dieser tückischen Blume auffallend; er gab Menes einen Wink, den dieser verstand, denn er erblaßte vor Abscheu. Man unterhielt sich noch über diese Pflanze, als ein Sklave eintrat, meldend, der Verbrecher, welcher den Schuß auf die geheiligte Person des Sohnes der Sonne getan, verweigere jede Auskunft, durch wen er zu dieser Verruchtheit veranlaßt worden sei; stummes Kopfschütteln, trübes Lächeln sei seine ganze Antwort gewesen, solange man in ihn gedrungen. Während der Sklave diese Meldung machte, beobachtete Ramses seinen Sohn nebst seiner Gemahlin mit scharfen Blicken. Es entging ihm nicht, wie beide sich bemühten, gleichgültig dreinzuschauen. »Töte ihn,« sagte der Prinz möglichst gelassen. »Wenn er nichts gesteht,« warf die Königin hin, »warum ihn länger leben lassen. O! mein Gemahl, ich bitte dich, befreie deine Familie von der Angst, einen Ruchlosen, der nach deinem Leben trachtete, auf der Erde wandeln zu wissen. Du bist uns solche Vorsicht schuldig.« »Ihr meint, ich solle ihn töten?« frug Ramses. »Gewiß,« rief der Prinz. »Sogleich,« rief Urmaa hastig. »Bist du derselben Meinung, Asa-Termutis?« wandte sich der König an seine Tochter. »Mein hoher Vater,« flüsterte diese, »er hat verdient zu sterben, tausendmal verdient zu sterben, aber dennoch bitte ich dich, denn mich ergreift ein Mitleid mit dem Schändlichen, da mir jedes Leben, das die Götter gaben, heilig ist; schicke ihn in die Goldbergwerke Äthiopiens; dort mag er büßen, sich bessern. Mir dünkt, kein Mensch hat das Recht, das Leben des anderen zu fordern; zu strafen jedoch hat er die Pflicht.« »Deine Tochter spricht gut,« fiel ihr Menes ins Wort, »übe Großmut, erhabener Herr; sein Tod kann dir nichts nützen, sein Leben in den Bergwerken dir nicht schaden.« »Unmöglich,« tobte die Königin auf, »er muß sterben. Ihr seid beide schwache Seelen. Laß den Oberpriester die Sterne oder den Apis in Memphis fragen, er wird verkünden, daß die Götter den Tod dieses Bösewichts wollen.« Der König erhob sich, einen Zornblick auf sein Weib schleudernd; wohl mochte er ahnen, warum beide, sie und ihr Sohn, so eifrig des Schützen Tod forderten; sie wollten ihn verstummen machen für ewig. Ihm kam es darauf an, daß er rede. »Ruft ihn herein,« sagte er zu dem sich entfernenden Sklaven, »ich will den Mann selbst fragen, ob es sein Wille ist, sein Geheimnis mit in das Grab zu nehmen.« Bis zum Eintritt des Mörders ging Ramses in dem Gemache auf und ab, indes Urmaa, sobald sie vernommen, der Verbrecher solle hier erscheinen, erblaßte und sich mit sichtlicher Verwirrung erhob. »Komm, mein Sohn,« sagte sie mühsam, »verlassen wir dieses Zimmer, seien wir nicht Zeuge dieser peinlichen Szene; unsere feinfühlige Seele kann einen solchen Marterauftritt nicht mit ansehen.« Cha-em-dyam stand zitternd auf. »Es geht niemand aus diesem Gemach,« sagte Ramses, sich umdrehend, mit leiser Stimme. »Wie, mein Gemahl? Wie sagtest du? –« »Ihr sollt bleiben!« »Wir sollen? Du erlaubst uns nicht? – Du zwingst uns?« »Zwingen? Ich bitte euch!« »Wenn du uns nur bittest,« entgegnete Urmaa, gezwungen lächelnd, »so bitte ich dich ebenfalls, mir zu gestatten, daß ich gehen darf.« Keine Antwort!! »Hörst du, mein Gemahl?« »Ich höre!« »Und du gewährst meine Bitte nicht?« »Ich habe Gründe, sie nicht zu gewähren!« »Und diese sind?« »Einerlei!« »Ich begehre sie zu wissen!« »Zürnst du mir?« frug Ramses, da er zu bemerken glaubte, daß sich trotziger Vorwurf in die Stimme seines Weibes mischte. »Ihr beide sollt,« setzte er dann mit niedergekämpfter Erregung hinzu, »in meiner Gegenwart diesen Mörder beobachten, um zu ergründen, wer ihn gegen mein Leben mißbrauchen wollte.« Menes erriet, daß der König die Absicht hatte, zu sehen, welchen Eindruck wohl der Verbrecher auf seine heimlichen Freunde ausüben würde; er selbst zweifelte kaum mehr an einem Einverständnis. »Das ist ein anderes,« erwiderte die Königin, »mir klang aus deinen Worten eine versteckte Anschuldigung, ein Verdacht – doch genug –! Ich will meine Rechtfertigung anderen überlassen. Da kommt der Vorgeladene!« Mehrere Bewaffnete führten den Bogenschützen, den man völlig entkleidet und dessen Rücken Spuren von Züchtigungen zeigte, vor den König. Den hageren, starkknochigen Schützen überlief ein Zittern, seine Züge drückten Entschlossenheit aus, welche sich besonders in den fest zusammengekniffenen Lippen ausprägte. Er warf der Königin einen Blick zu, als er eintrat, welchen diese bedeutungsvoll erwiderte. »Du willst also nicht gestehen,« frug ihn Ramses gelassen, »wer dich dazu verführt, den Pfeil auf deinen Herrn abzudrücken?« Der Mann wechselte wieder einen verstohlenen Blick mit Urmaa. »Nein,« sagte er. »Gibst du mir keine Gründe an, warum du so gehandelt?« frug ihn sein Gebieter weiter, »tat ich dir ein Leid? Handle ich unrecht an dir? Hast du Grund, mich zu hassen?« Der Prinz schien ihm, wie Menes bemerkte, zuzuwinken, er solle schweigen. Der Mann schüttelte den Kopf und schlug sich auf die Brust. »Weißt du, daß du sterben mußt?« »Ich weiß es.« »Und daß du dir dein Leben erhalten kannst, wenn du Antwort gibst, wenn du gestehst?« »Ich schwur, zu schweigen,« sagte der Angeklagte dumpf. Mit dem Gefangenen war der Sklavenaufseher zugleich eingetreten; diesem gab nun der König einen Wink, worauf derselbe die Türvorhänge auseinanderschlug und dem zurückschaudernden Verstockten einen Knecht zeigte, der ein an der Spitze glühendes Eisen in seiner muskulösen Faust hielt. Menes atmete schwer auf, als er sah, wie der Knecht eintrat und das rauchende Eisen dem Nacken des Gefangenen näherte. Der Schütze zuckte zusammen, sein Kopf fiel keuchend auf seine Brust herab; Menes sah den Augenblick gekommen, wo ihm die Todesangst das Geständnis abzwingen mußte. Fragenden Blickes wendete sich der Knecht zu dem sinnenden Ramses; die Augen des Henkers funkelten grausam und sein nackter Arm streckte sich verlangend nach seinem Opfer aus. Eine Zeitlang schwebten alle Anwesenden in größter Spannung, ob der König zu diesem schrecklichen Hilfsmittel der Gerechtigkeit seine Zuflucht nehmen werde. Der König machte einen Schritt auf den Gefangenen zu. »Wie ist dein Name?« begehrte er zu wissen. »Hui!« hauchte dieser. Hierauf folgte eine Pause. Urmaa schien erleichtert aufzuatmen; die Festigkeit des Mannes mußte ihr Vertrauen erweckt haben; sie wagte mit mehr Sicherheit umherzublicken. »Nun, Hui,« begann der König milde, »ich könnte dich martern lassen, um dir dein Geständnis abzuzwingen; doch da du, wie du sagst, geschworen zu schweigen, will ich dich zu keinem Meineid verleiten. Du dienst denjenigen, die dich gegen mich gebrauchten, treu, bei allen Göttern sehr treu! denn du weißt, daß dich bereits der Tod an der Hand hält, daß du dich durch ein offenes Geständnis retten könntest, und dennoch verschließest du deine Lippen. Würdest du mir ebenso treu dienen, wie meinen Feinden?« Hui sah verwundert bald den König, bald die Königin an. »Ich hoffe es,« fuhr Ramses fort, »ich hoffe, ich habe einen treuen Diener an dir gefunden. Du sollst leben, du bist von dieser Stunde an in die Schar meiner nächsten Diener eingereiht. Meiner nächsten, hörst du? Dein Amt sei, mich beim Mahle zu bedienen.« Der Bogenschütze griff sich mit der Hand nach dem Kopfe, als wolle er sich von seinem Wachen überzeugen. »Was willst du tun,« rief die Königin aufspringend, »das heiße ich die Großmut zu weit getrieben, mein Gatte; vertraust du dein Leben einem Mörder an? Legst du dich auf einem geschliffenen Schwerte schlafen? Steh' um aller Götter willen davon ab.« »Laß mich gewähren,« entgegnete ihr der Gemahl. »Bist du es zufrieden? Hui, wirst du mich vielleicht lieben lernen, wenn ich dir ein freundlicher Herr bin?« »Herr, Ihr scherzt!« stammelte der Verwirrte. »Ich scherze nicht, es ist mein Ernst!« »Mich Unwürdigen wollt Ihr zu Euerm Diener ernennen?« Alle Anwesenden gerieten in die größte Bestürzung; Urmaa riß, ohne zu wissen, was sie tat, eine Verzierung ihres Kleides ab; Wut und Angst verzerrten ihre Züge. »Ich will es,« sagte der König, sie scharf anblickend. »Tut es nicht,« rief der Mann mit fast verzweiflungsvollem Ton. »Was hast du dagegen einzuwenden?« erwiderte der König ruhig. »Ich bin nicht wert solcher Gnade,« murmelte der Schütze leise, sich wie vernichtet seinem Gebieter bis vor die Füße schleppend. »Mache dich dieser Gnade wert; ich will nicht wissen, wer dich soweit gebracht, armer Mensch, nach deines Königs Leben zu trachten, jedoch ich sah dir an, daß diese Tat nicht aus deinem Herzen hervorkam. Wir wollen sehen, was wir aus dir machen können. Führt ihn weg und reicht ihm Speise und Kleidung.« Der König verließ, nachdem er dies gesagt, das Zimmer. Auch Urmaa ging mit ihrem Sohne, beide aufs äußerste bestürzt über diese Wendung der Dinge, deren Zeuge sie waren. Kaum vermochten sie ihre Verwirrung zu verbergen. Der Schütze kauerte noch so lange am Boden, bis die Krieger den Taumelnden fast mit Gewalt hinausführten. Menes aber pries sich glücklich, die Gunst eines solchen Herrn erworben zu haben und folgte der Königstochter zum Gebet in den Tempel. Viertes Kapitel Ramses konnte bald unseren Freund nicht mehr entbehren. In Staatsgeschäften hatte er seinen Rat zu erteilen, er mußte den König auf Schritt und Tritt begleiten, er schlief neben dem Gemach des Königs, er aß mit ihm an einem Tische, er ging mit ihm auf die Jagd. Oft, wenn das Herz des Königs dumpfe Schwermut bedrückte, verscheuchte Menes diese trübe Laune auf die zarteste Weise. Dafür suchte sein Herr sich ihm auf alle Art erkenntlich zu erweisen; nicht nur durch Worte gab er ihm seine Zufriedenheit zu verstehen, Geschenke, oft der prächtigsten Art, besiegelten sein Wohlwollen. So hatte er das Zimmer seines Lieblings aufs herrlichste schmücken lassen; Buntwirkereien glühten von den Wänden, Blumen prangten in Vasen, seine Speisen waren die ausgesuchtesten; er ließ ihm Gewänder von solchem Werte überreichen, daß Menes sich weigerte, sie anzulegen. Da der Palast von einer geheimen Verschwörung unterwühlt schien, war das Leben in demselben das Leben auf einem sturmgepeitschten Schiff. Kein lautes Reden, nur Geflüster schwebte durch seine Hallen; scheues Auftreten, ängstliches Umblicken, furchtsames Befragen allenthalben, als ob der Pfeil, der einst dem König gegolten, noch immer durch die Luft zische, als ob hinter jeder Säule die Faust eines Mörders lauern könne. Keiner traute dem anderen; Wachen vor jedem Ausgange, Krieger in allen Höfen, in den Vorgemächern, rings um das Gebäude. Ramses hatte seinem Freunde die Aufsicht über diesen kriegerischen Schutz anvertraut, hatte ihn also dadurch zum Behüter seines Daseins gemacht. Der Jüngling, obwohl stolz auf dies hohe Amt, liebte es dennoch nicht, aber er sah ein; daß er der einzige sei, dem sein Gebieter völlig sicher das Haupt in den Schoß legen dürfe. Menes verlegte das Schlafgemach seines Herrn in den Mittelpunkt des riesenhaften, stadtartigen Palastes; ringsum in den anstoßenden Gemächern verteilte er die treuesten Soldaten, so daß das Nachtlager des Königs mehr einem Feldlager glich, als einem Orte des Friedens. Die Königin nebst ihrem Sohne schliefen, nach Menes' Anordnung, im äußersten, wohl eine halbe Stunde entfernten Teile des Gebäudes. Natürlich begegnete Menes, seit er der Nächste am Thron geworden, seit er gewissermaßen das Fundament des Reichstempels bildete, vielen unfreundlichen, neidischen Blicken, er fühlte, daß sein Leben vielleicht nicht weniger bedroht sei, wie das seines Herrn, doch ließ er sich dadurch nicht irremachen. Einmal hatte der König nachts im Schlaf laut aufgeschrien; sofort schmetterten die Trompeten, rasselten die Trommeln; als Menes bestürzt an das Lager des Herrschers eilte, erklärte ihm dieser: er habe einen unheimlichen Traum gehabt. Von dieser Zeit an ließ der junge Mann Lampen in den Schlafgemächern aufstellen, die die Nacht zum Tage machten. Hui, der neuerworbene Diener, zeigte sich in jeder Hinsicht ergeben. Menes versuchte manchmal die Geheimnisse der Verschworenen, von denen Hui jedenfalls wußte, aus ihm herauszulocken, jedoch der Diener wich jedesmal aus, versichernd, er sei seinem Herrn treu bis zum Tod, nur solle man nicht von ihm verlangen, über das zu sprechen, was ihn zu jener Tat, die er jetzt bereue, getrieben. Ramses hoffte, diesen Menschen allmählich doch dahin zu bringen, ein Geständnis zu machen, welches ihm die Häupter der Verräter bezeichnete. Geschenke und freundliche Worte fruchteten nichts; Hui zeigte sich tief ergriffen, sobald sein Herr freundlich mit ihm sprach, aber er schwieg. Endlich beim Auskleiden, wobei er ihm behilflich zu sein hatte, stellte ihm Ramses ernstlich vor, wie sein hartnäckiges Schweigen nicht nur undankbar sei, wie er auch dadurch das Leben seines Herrn immer größeren Gefahren preisgebe. »Wenn du,« sagte ihm der König, »mir die Häupter dieser Verschwörung nennst, kann ich sie strafen, vernichten und auf diese Weise mich für immer sicherstellen, schweigst du aber, so wächst die Zahl der Schändlich immer bedrohlicher an, bis sie mir eines Tages den Todesstoß versetzen werden.« Hui, von dieser Milde beschämt, erwiderte nach längerem Kampf mit sich selbst, er wolle in dieser Nacht alle Namen der Häupter aufschreiben; dann könne man in seinem Zimmer diese Rolle finden, ohne daß er davon wisse; so habe er wenigstens seinen Eid: » keinem Ohr zu sagen, wer ihn zum Morde des Königs geworben «, nicht unmittelbar gebrochen. Der König gab erfreut seinem Freunde Nachricht von dem Entschluß des Dieners. Beide, die ganze Nacht mit Vermutungen und Beratungen hinbringend, konnten kaum den Morgen erwarten, der ihnen diese wichtigen Aufschlüsse geben sollte. »Ich werde sie in meinen Händen haben,« frohlockte Ramses, »und sie sollen mir büßen, selbst wenn mein eigenes Blut sich gegen mich empört.« Als die beiden beim Grauen des Tages das Gemach Huis betraten, um sich in Besitz des Aufklärung bringenden Dokumentes zu setzen, fanden sie – Schrecken, Entrüstung überfielen sie – den armen Menschen blutbesudelt auf seinem Lager mit einer tödlichen Wunde in der Brust; die Rolle lag noch unbegonnen neben dem Lager am Boden. Ramses erlebte einige fürchterliche Tage. Er schloß sich in sein Gemach ein, nahm keine Speise, saß sprachlos, schlummerlos, regungslos. Erst am dritten Tage durfte Menes vor ihn treten, der nicht weniger ergriffen war als sein Herr. Beide sanken sich, ihre Freundschaftsschwüre erneuernd, in die Arme und weinten. Also so weit gingen die Fäden dieser Verschwörung? Der König wurde belauscht? Man wußte von jedem Wort, das er sprach? Kannte jeden seiner Atemzüge? folgte jedem seiner Schritte? O, furchtbare Macht der Priester, der es gelang, alterprobte Treue zu untergraben, die ganze Umgebung des Monarchen mit ihrem Gifte zu durchfressen – mit welchen Mitteln war dieser unsichtbaren Schlange der Kopf zu zertreten? »Der Boden wankt unter meinen Füßen,« war Ramses' erstes Wort, als Menes ihm nahte, – »ich bin hilflos, ich kämpfe gegen unverwundbare Geister.« Menes gab aufbrausend den Rat, die Königin samt ihrem Sohne in die Verbannung zu schicken; jedoch Ramses wagte dies nicht. Er habe keine sicheren Beweise ihrer Schuld; es würde seinem Volke dieser Schritt zu unerwartet kommen; wenn er ohne Untersuchung so streng verführe, könnte man ihn der Ungerechtigkeit zeihen. Weder seinen Sohn noch seine Gemahlin wünschte Ramses von dieser Zeit an zu sehen. Sie durften beide nicht mehr vor seine Augen treten. Desto eifriger besuchte Urmaa den Tempel; alle Priester waren entzückt von ihrer Frömmigkeit. Man hob lobend hervor, sie bete für ihren Gemahl, der sie vernachlässige. Einige behaupteten, sie hätte schon mehreremal während des Gebetes nach dem Dolch gegriffen, da sie es nicht überleben wolle, wenn Ramses ihr seine Gunst entzöge. Oft konnte man die hohe Dame mit verweinten Augen in den Tempel schreiten sehen oder sie des Nachts rufen hören, sie fühle sich verlassen. Ihre Dienerinnen trugen mit geschäftiger Zunge in Theben umher, daß man fürchte, Ramses würde die zarte Seele seiner Gemahlin durch diese Härte töten. Menes ließ alle Speisen, die dem Monarchen vorgesetzt wurden, zuvor von zwei Negersklaven kosten. Als diese beiden Sklaven kurz nach der Ermordung Huis des Königs Morgentrank versuchten, verfielen sie darauf sogleich in Schlaf. Man beobachtete sie. Der eine kam nach Verlauf einer Stunde wieder zu sich, der andere wachte nicht mehr auf. Es war offenbar, die Milch war vergiftet und, wie Menes vermutete, mit jener Pflanze, für die sich die Königin kürzlich so lebhaft interessierte. Ramses schenkte dem von der Vergiftung wieder genesenen Negersklaven (dessen Körper man übrigens nie mehr völlig die frühere Kraft wiedergeben konnte) ein kleines Landgut, um seinen Untertanen zu zeigen, wie sehr er alle diejenigen zu belohnen wisse, die sich für ihn aufopferten. Vermehrt wurde der Verdacht, daß dieser Vergiftungsversuch von der Königin ausgegangen, dadurch, daß Menes einst, als er im Garten des Palastes gegen Abend lustwandelte, Urmaa-Nofru-râ begegnete, die sich sehr verwirrt aus einem Gebüsche stahl, indem sie eine Handvoll Blumen hastig hinter sich ins Gras warf, sobald Menes auf sie zuschritt. Befragt, was sie suche, erwiderte sie lächelnd, sie hätte ihrem Gemahl einen Strauß binden wollen. Sodann sprang sie eifrig von dem, wie es schien, für sie peinlichen Thema ab, erkundigte sich nach dem Befinden ihres Gemahls und gab zu verstehen, daß er sie nicht mehr liebe, daß er ihren Zärtlichkeiten ausweiche, was sie äußerst unglücklich mache. Ramses sei leichtfertig; schon als er in Memphis sich aufgehalten, hätte sie mit Entrüstung bemerkt, daß ihm eine jüdische Tänzerin wohlgefallen habe, welche ihm zur Nachtzeit heimlicherweise in den Palast gebracht wurde; sie wolle jedoch über diesen Gegenstand als züchtige Ehefrau schweigen; miteinander gebetet hätten die beiden jedoch schwerlich. Sie warf sich nun in die Brust, tadelte sehr strenge den Lebenswandel ihres Gemahls, der die Götter sicherlich erzürnen müsse, ließ durchblicken, daß sie mit den Göttern in viel innigerem Bunde lebe und daß sie alle Tage für das Seelenheil ihres Gatten bete, denn er wandle auf dem Pfade der Verdammnis. Sodann gelang es ihr, einige Tränen zu vergießen, zu wünschen, Ramses möge bereuen, und darauf mit viel Geschick, das auf ein tiefes Studium schließen ließ, in Ohnmacht zu fallen. Während sie ihre herbeigeeilten Dienerinnen hinwegführten, konnte man noch lange ihre Klagen das Echo des Palastes wachrufen hören. Die Dienerinnen liefen ab und zu, indem sie die Götter mit Fragen bestürmten, warum die gute Herrin so schwer zu leiden habe. Unserem Freunde füllte Abscheu das Herz; ein böses Weib, dachte er, ist gefährlicher als ein feindlicher Mann, ebenso wie die Ureusschlange gefährlicher ist als der Löwe. Er berichtete dem König diese Szene mit so deutlichem Widerwillen gegen Urmaa, daß sein Gebieter ihn nur um so wärmer an sein Herz drückte, ihm für die Sorgsamkeit, mit der er über ihm wachte, dankend. Zugleich aber verfluchte Ramses den Tag, an welchem er, um den besiegten König der Syrer zu versöhnen, dessen Tochter zum Weibe genommen. Doch noch ein anderes war es außer diesen Palastunruhen, was das Gemüt unseres Freundes in Spannung versetzte und ihn trotz der königlichen Gunst wünschen ließ, er könne diesem Ort der traurigen Pracht, des vergoldeten Elends und der Heuchelei baldmöglichst den Rücken kehren. Es kam ihm nämlich nach einiger Zeit vor, als ob Asa-Termutis ihm eine ungewöhnliche Teilnahme entgegenbringe, eine Teilnahme, die ihn oft beunruhigte; vergeblich suchte er sich einzureden, er täusche sich, vergeblich hielt er sich vor, seine Phantasie spiele ihm einen jener Streiche, wie sie ihren Schoßkindern oft spielt; die Königstochter sei vielleicht rasch erregbar, ungezwungen, und diese Temperamentseigenschaften halte er für heimliche Zuneigung. Sie treibt ihr Spiel mit dir, rief er sich zu, du dienst ihren königlichen Launen zum Balle. Wie sollte sie, die stolze Prinzessin, auf den unerhörten Gedanken verfallen, sich ihm, den eine weite Kluft von ihr trennte, mit anderen als rein freundlichen Empfindungen zu nähern? Er beobachtete sie schärfer, er bemerkte, wie sie, sobald er mit ihr sprach, errötete, sich verwirrte. Er überraschte sie einmal im Tempel des Amun, wo sie mit dem Ausdruck tiefsten Seelenleides auf den edeln Zügen vor dem Gotte lag. Als sie ihn bemerkte, konnte er sehen, wie sie mit Blitzesschnelle ihren Mienen den Anschein von Gleichgültigkeit zu geben suchte, was ihr jedoch sehr schlecht gelang. Manchmal war sie weich, sprach in hingebendem Tone mit ihm, dann wieder kehrte sie augenblicklich, ohne jeden vermittelnden Übergang, die Königstochter heraus, antwortete, als habe sie ihrer Würde vergeben oder ließ ihn sogar ihre Unzufriedenheit durchblicken. Besonders wenn er mit ihr bei Ramses speiste, benahm sie sich oft so stolz, so kühl, daß der König ihr einmal diese Härte vorwerfen mußte. Gleich darauf war sie so sehr umgewandelt, daß Ramses Ursache hatte, lächelnd ihre naive Vertraulichkeit zu zügeln. Menes verhielt sich diesen Launen gegenüber zurückhaltend; er dachte an Myrrah, und das Bild dieses einfachen Mädchens wurde, wie er fühlte, nicht verdunkelt von dem berauschenden Glanze des Königskindes, dessen Schönheit wohl blendete, dessen Geist überraschte, das aber nicht die nachhaltige Anziehungskraft besaß, die Myrrah eigen war. Die Königstochter hatte große Gefühle, witzige Einfälle, aber sie besaß nicht die bescheidene Demut, die auf Menes' Herz mehr Eindruck machte, als diese kühne Lebhaftigkeit. Wenn Menes sie abends nach ihrem Gemache, das über dem Hofe lag, begleitete, dankte sie ihm oft auf eine so auffallende Weise, daß der Jüngling erschrak. Zuweilen ertappte er ihren Blick, wie er trunken auf seinem Gesichte ruhte, so daß sie ihn dann errötend hastig abwandte; manchmal suchte sie ihn durch stolzes, beharrliches Anblicken aus der Fassung zu bringen, was ihr auch meistens gelang; noch besser aber brachte sie dieses zustande durch mutwillig geistreiche Fragen, die sie mit solcher Geschicklichkeit stellte, selbst beantwortete, veränderte und wieder stellte, daß unser Freund Mühe hatte, ihren Gedankensprüngen zu folgen, da seine Art zu denken mehr die gründlich langsame, als die leichte, sprühende war. Ein Tag war es, der Menes besonders lange im Geiste beunruhigte, und als ihn Asa-Termutis am Morgen dieses Tages einlud, eine Gondelfahrt auf dem Nil mit ihr zu unternehmen, ließ er sich von dem eigentümlichen Schicksal, das ihm bevorstand, nichts träumen. Sie hatte ihm vorgeschlagen, ihr Felsengrab, an dem der letzte Axthieb geschehen war, zu besichtigen; er möge sein Urteil abgeben über Architektur wie Malerei. Eine schlanke, vergoldete Gondel, deren bunte Segel im Winde des kaum beginnenden Tages rauschten, schmiegte sich zu Füßen des mächtigen Palastportales, aus welchem nun die Königstochter, umgeben von ihren Frauen, holdselig-glückliches Lächeln auf den Lippen, trat: wie der Mond, wenn er aus dem Dunkel der Wolken auftaucht. Menes schritt neben ihr her, zuweilen den großen Schirm regulierend oder eine Falte ihres durchsichtigen Gewandes ordnend. »Welcher frische, kühle Morgen,« sagte die Prinzessin heiter, während die kostbaren Sandalen ihres kleinen Fußes das schmale Brett betraten, das in die Gondel führte. Menes wollte ihr den Arm reichen, sie aber schwang sich lachend, gewandt, wie eine Tänzerin auf die Purpurpolster, welche schwarze Sklaven zurechtgelegt hatten. Die Gondel schwankte wie trunken, solch süße Last zu tragen. Menes nahm neben Asa-Termutis Platz, die Segel wurden gestellt und durch die aufbrausenden Wellen des alten Nil schwebte der Kahn mit seinen schöngeschmückten Insassen dem westlichen Ufer zu. Anfangs bannte der Anblick der herrlichen Landschaft ringsum jedes Wort; jedes Auge blickte bezaubert zurück nach dem stolz aufragenden Theben, wie es überglüht vom Morgenrot dalag, mit seinen Tempeln, Palästen, Säulenhallen und Palmen, gleich einem blutübergossenen, riesenhaften Ungetüm, dessen mächtige Glieder sich spiegelten im ängstlich zitternden Nil. Ein violetter Duft schwamm über dem ganzen Bilde, seine erschreckende Großartigkeit fast zur Lieblichkeit mildernd; ferner erhoben sich die Pylonen des Amun-Râ-Tempels wie zwei Steingebirge und in der fernsten Ferne tauchten scharfgezeichnet die Höhen des arabischen Gebirges gelblich hervor. Auf dem anderen Ufer, dem sie entgegensteuerten, blickten die schwarzen Wände der Totenstadt herüber, drohend, wie ein offener Sarg; weiter oberhalb sah man rotglühend die Steinkolosse des Amenophis auf ihren Stühlen sitzen, wie feurige Wächter des Morgenrotes, die Hände auf den Knien, die schweigenden Gesichter Theben zugekehrt, als könnten sie sich vor Bewunderung nicht fassen, all diese schimmernde Pracht zu schauen. Leise herüber wehte das Gemurmel der erwachenden Riesenstadt; man unterschied die Gesänge der Priester, das Ausrufen der Verkäufer, die Befehle der Kriegsleute. Dort öffneten nun die Bäcker, die Weber ihre Räume; der Schuster setzte sich an seine angefangenen Sandalen, der Färber ging an seine unsaubere Arbeit, die Fischer trugen ihre Netze, der Schreiner hobelte den Ziertisch eines Reichen oder belegte ihn mit kostbarem Holz und der Maler tauchte seinen Pinsel in die Farbe, um mit vorsichtigem Finger die Lotosblume oder das Krokodil auf das schönbauchige Porzellangefäß zu zaubern, aber auch der Mumienverfertiger schickte sich an, seine Leichen für ihre letzte Ruhe vorzubereiten. Allmählich erblaßte die Morgenglut; die Farben wurden schärfer, die Gestalten deutlicher; die Sonne übergoß Fluß und Stadt mit liebevoller Wärme. »Wie eigen,« sagte die Prinzessin, »an einem so lebenerweckenden Morgen haben wir nichts Besseres zu tun, als unser Grab aufzusuchen. Und doch wieder natürlich. Wir sollen auch im Taumel der Freude nicht vergessen, daß wir nur mit Erlaubnis des Todes fröhlich sind, denn hält er uns nicht stets am Gängelband? Und sind wir nicht Marionetten, die er tanzen läßt?« »Gewiß,« sagte Menes, versunken in den Anblick der herüberdräuenden Totenstadt. »Es ist gut, den Ort aufzusuchen, auszuarbeiten, schön zu bilden, an dem wir uns am längsten aufhalten. Die Wohnung des Lebenden gleicht einer schlichten Herberge, die er nach kurzer Rast verläßt, die Wohnung des Toten ist sein Reiseziel, dort soll er sich's behaglich machen.« Die Prinzessin hing an des Sprechenden Lippen. Als er geendet, schwieg sie noch einige Zeit, dann sagte sie: »Warum lieben wir aber dieses Leben, das uns nicht liebt, sondern uns unaufhörlich quält? Ist das Leben nicht wie eine Geliebte, die uns neckt, erzürnt, beleidigt, ja, wehe tut, und die wir trotzdem nicht verlassen mögen – weil – weil sie vielleicht doch so schön ist?« Menes dachte an Myrrah; ein Rot der Erregung stieg nach seiner Stirn, das die Prinzessin bemerkte, vielleicht aber auf sich bezog. Ängstlich schielte sie nach ihm hin über, und als der Jüngling sich niederbog, um eine im Wasser schwimmende Blume zu haschen, bat sie mit schmelzender Stimme, er möge ihr diese Blume geben. Er tat es; sie dankte ihm mit einem Blick, dem Menes absichtlich auswich. Dies Ausweichen empfand Asa-Termutis; sie lehnte sich zurück und schwieg, bis das Boot am Ufer anhielt, wo ausgestiegen wurde. Von hier aus zog sich der Weg südlich nach einem kleinen Tal, welches, als man es erreicht hatte, den Anblick auf ein tief in das Felsgebirge führendes Tor bot. An diesem Tor von imponierender Höhe arbeitete man noch; die Rinnen des gewaltigen Verschlusses wurden eben eingemeißelt; hohe Gerüste führten hinauf. Sogleich bei dem Erscheinen der Prinzessin bot der Baumeister unterwürfig seine Begleitung durch die Räume an, welche huldvoll angenommen wurde. Einige Arbeiter mußten voranleuchten, auch Menes ergriff eine Fackel, um bequemer seinen eigenen Weg gehen zu können, wenn ihm der der anderen nicht zusagte. »Also hier wird dieser Leib, einst zur Mumie verwelkt, beigesetzt?« sagte die Prinzessin mit einem Anflug von trübem Lächeln, in den finsteren Schacht hineinblickend. »Kühl und still ist es hier unten, mein Schlaf wird nicht leicht gestört werden. Hoffentlich ist es den Toten unmöglich, sich einen Schnupfen zuzuziehen, sonst fürchte ich, ich werde ihn tausend Jahre lang nicht mehr los.« Man trat in den dunklen Schlund ein, der die kleine Versammlung zu verschlingen und nie mehr herzugeben drohte. Der Baumeister beschrieb kunstverständig den Bau der Kammern, Gänge und Säle, darauf hinweisend, die Gemälde seien die besten, die er bis jetzt gesehen, doch sollten die Fackelträger des Rauches wegen nicht zu nahe an die Wände herantreten, denn die Farben seien noch feucht. Menes' Liebe zur Kunst erwachte stürmisch; er vergaß alles um sich her, ganz in den Anblick der schimmernden Bilder vertieft, die im beweglichen Glanz der Fackeln zu tanzen schienen. Der ganze Reichtum des Königshauses war an den Wänden wiedergegeben; Pferde, Wagen, Sklaven, Krieger, Herden, Barken, Fischteiche drängten sich in buntem Gewimmel. Im zweiten Saal, den sie betraten, fanden sie den Maler auf einem Gerüst stehend, die letzte Hand an den Kopf eines Gottes legend. Die Prinzessin grüßte ihn mit einer an Ehrerbietung grenzenden Freundlichkeit. »Ein stolzes Gefühl muß dich erfüllen, Meister,« redete sie ihn an, als er vom Gerüste herabkam, »da das Werk deiner Hände der Nachwelt Kunde geben wird von unserem Leben. Wie deutlich, wie rasch, wie leicht verständlich ist doch ein Gemälde, während die mühsam aufbewahrten Worte stets nur unvollkommen beschreiben können.« »Diese Gemälde werden dauern,« sagte der Maler stolz, sich über die hohe Stirne streichend, »dreihundert Zimmer gab mir deine Hoheit zu bemalen, viele Tausend Gestalten schuf ich mit der Kraft meines Pinsels und fast darf ich mich einen kleinen Gott nennen, denn ich schaffe wie er.« »Ihr seid zu beneiden, Maler,« sprach Menes ernst. »Leben zaubert Ihr dahin, wo der Tod wohnt. Die stummen Wände zwingt Ihr zum Reden und ein Bild des Menschendaseins wißt Ihr bedeutungsvoll an unserem Auge vorüberzuführen, von der Geburt bis zum Grab.« »Feiert mich nicht zu hoch, junger Mann,« entgegnete leuchtenden Auges der Greis, »seht dort die Buchstaben am Gesimse – es ist ein Hymnus auf die Sonne – im Wort ruht eine größere Macht als in der Farbe. Das Wort vermag gewaltiger das Gemüt aufzuregen als die Gestalt; in wenig Worten könnt Ihr im Flug des Augenblicks mehr Bilder an mir vorüberziehen lassen, als ich in zwanzig Jahren kaum zu malen imstande wäre. Auch steht hier ein Mann, der dasselbe Lob verdient wie ich, der Erbauer dieses unterweltlichen Palastes.« Nachdem der Architekt bescheiden das Lob abgelehnt, das ihm aus dem Munde der Prinzessin wurde, ging man weiter, immer tiefer in des Felsens Eingeweide. »Mein Grab gefällt mir,« sagte Asa-Termutis mit düsterer Zufriedenheit zu Menes; »mir ist, als schwebe ich, ein Geist, der dem Licht entsagte, durch diesen meinen ewigen Aufenthaltsort. Sieh! diese reichen Säle vom düsteren Fackelglanz unheimlich beleuchtet, wie sie sich schweigend ineinander fügen, wie sie sich mit stummer Hoheit auftun vor uns und mit ihrer öden Großartigkeit uns beängstigen; kann der Tod pomphafter auftreten? Sollte man nicht glauben, die kolossalen Säulenreihen seien sein Triumphzug? Ein Gefühl von banger Wonne, ein süßes Grauen beschleicht mich, wenn ich mich in meinen zukünftigen Zustand hineinträume.« »In diesen Sälen ruhen, abgeschieden von allem Lebendigen, die Einsamkeit und die Nacht zu Spielgefährten haben, allein mit diesen bunten Figuren, selbst nur noch eine bemalte Figur, ein Nichts, das einst Etwas war; ha! ha!« lachte sie dann auf, daß die Echos seltsam nachhallten; »kannst du dir vorstellen, wie ich als Mumie aussehen werde, Menes?« Die beiden schritten, in Gedanken verloren, weiter, nicht auf ihren dunkeln Pfad achtend. Allmählich begann die Phantasie der Prinzessin unter dem Einfluß dieser erhabenen schweigenden Nacht zu schwärmen. Das Aufregende, Bedrückende, das uns befällt, wenn wir uns tief unter der Erde wissen, bemächtigte sich ihres leicht entzündbaren Gemütes. Sie wollte ernst sein und lachte, sie wollte lachen und dies Gelächter erstarrte zu Ernst. »Wenn ich diese Glieder betrachte,« fuhr sie fort, »diese Glieder noch warm und lebensfrisch, wird mir seltsam zumut. Kannst du dir sie denken, eingewickelt in graue Streifen? Eine braune, vergilbte Mumie! Seltsam, daß dieselben Ohren, die jetzt noch begierig die Töne einsaugen, einst taub sein sollen, daß diese Augen, die so weit in die Ferne dringen, einst nichts mehr sehen, und gingen hundert Sonnen vor ihnen auf! Oh! der Tod ist ein großes Geheimnis.« »Deshalb dienen wir ihm auch geheimnisvoll,« erwiderte Menes, angesteckt von der wilden Laune der Prinzessin. »Es ist erhaben, daß ein einziger Mensch, dem ein zwei Schritt großer Raum genügte, der allen Bedürfnissen entsagt, alle diese Säle allein bewohnen darf. Es ist erhaben, daß er der Herr dieser Einsamkeit ist und daß man ihn ehrt, fast mehr als einen Lebenden, denn die Toten verdienen unsere Ehrfurcht.« »Über der Erde,« fuhr die Prinzessin in ihrer sich steigernden Fiebererregung fort, »über der Erde, welcher Tumult. Kriegerische Pracht zieht einher, von Fanfaren umtönt; der König besteigt den Thron, die Tribute unterworfener Völker stolz empfangend; der Priester beweihraucht seinen Gott, der Ehrgeizige ersinnt Ränke, den Goldgierigen lassen seine Reichtümer nicht ruhen, dem Liebenden hängt am Besitz eines einzigen Wesens die Welt – das Getreibe ist unendlich, der Lärm betäubend – und unter der Erde, welche Stille, welcher Gegensatz. Wie nichtig, wie des Hohnes würdig erscheint mir, da ich in diesen Räumen wandele, alles, wonach sich der Mensch sehnt, wonach er mit soviel Herzklopfen trachtet; wie deutlich sprechen diese Wände den Gedanken aus: wir sind tanzende Schatten.« Menes, dessen Phantasie an der Finsternis, der öden Stille des Ortes sich nun ebenfalls zu entzünden begann, schritt immer hastiger weiter. Das Blut stieg ihm zum Gehirn und trotz der Kälte des Raumes überrieselte Schweiß seine Schläfe, sein Atem ging rascher. »Ja,« sagte er, »manchmal kommt mir unser Wachen vor wie ein nur sehr leises Träumen, so daß man sagen könnte, wir schliefen, anstatt zu leben, unser Leben sei ein sehr wohlgeordneter Traum, der nur zu manchen Zeiten an das Erwachen streift, um dann wieder in desto größere Dumpfheit zurückzusinken. Denn ist das, was wir von den Dingen wissen, nicht bloß traumhafter Natur? Ist unser Überlegen doch nur ein unsicheres Tasten; selbst der klarste Geist tappt im Finstern.« Er stockte, drehte sich um und blieb dann stehen. »Was ist dir?« frug die Prinzessin, »warum erschrickst du?« »Über mein Wort ›tappt im Finstern‹ –« erwiderte er, »fiel mir ein, daß wir ebenfalls im Finstern tappen. Siehst du nicht, daß wir uns im Eifer des Gesprächs von unseren Begleitern entfernt haben? Wir ließen sie weit hinter uns, wir müssen danach trachten, wieder zu ihnen zu stoßen.« Als die Prinzessin sich mit dem Jüngling allein sah, in einem von der Fackel spärlich beleuchteten Gemach, weit von ihrem Schutze entfernt, schien sie zu erblassen; man sah ihr an, wie sie den hastigen Schlag ihres Busens zu dämpfen suchte. Auch Menes, wie sie bemerkte, fühlte sich eigentümlich bewegt. Seine Wangen, seine Augen glühten. War es nun die Aufregung des Gespräches oder die Bestürzung, sich allein mit dem Mädchen zu sehen oder hatte es eine andere Ursache, es überlief ihn ein heftiges Zittern; auch mußte er, wie er zürnend an sich beobachtete, gewaltsam seine Augen von der Königstochter wenden, da sich dieselben mit furchtsam süßem Ausdruck zuweilen unwillkürlich nach ihren Armen oder Schultern verirrten. Asa-Termutis eilte an den Eingang des Saales; er folgte ihr unsicher. Dort setzte sie sich einen Augenblick auf das hervorragende Ende eines Pfeilers, stand aber, als er näher kam, rasch auf, was ihr jedoch schwer zu werden schien, denn ihre Knie wankten sichtlich. Ihr Gesicht wendete sie stets von ihm ab. »Ich glaube, hierher müssen wir gehen,« sagte er mit beklommener Stimme, »dies ist die Grabkammer, ich erkenne sie an den gelben Wänden; dort auf dieser Erhöhung soll der Sarg stehen.« Sie befanden sich in einem weiten Pfeilersaal, in dessen Mittelpunkt sich ein Sockel erhob. Die Wände trugen auf goldgelbem Grunde Malereien, welche das Totengericht und die Seligkeit der Gerechtfertigten wiedergab. Auf diesen Gemälden erregte besonders der hundsköpfige Toth durch die Unheimlichkeit seines Ausdruckes, mit dem er das Zünglein der Wage lenkte, die Aufmerksamkeit. »Rufe,« sagte die Königstochter mit herrischem Ton, »rufe nach Huassa, meiner Dienerin, sie wird dich hören, sie wird uns zurückführen.« Menes wußte nicht, was er tun sollte, die veränderte Sprache der Prinzessin setzte ihn in Verwirrung; er schwieg unschlüssig. »Warum schweigst du?« sagte sie streng. »Rufe! Ich befehle es!« setzte sie hinzu. »Gebieterin, sogleich,« stammelte er. Da er noch immer verlegen schwieg, denn es befiel ihn auf einmal Furcht vor seiner eigenen Stimme, wendete sie ihr Gesicht zu ihm hin. Menes sah in zornige Züge, die sich jedoch, sobald sie des Jünglings tiefe Verlegenheit gewahrten, aufhellten; das herbe Wort schmolz im Munde der Prinzessin zu einem milderen, versöhnlichen um. »Verzeihe,« versuchte sie zu lächeln, »ich war heftig. Ich wollte dich nur bitten, mich sobald als möglich zu meinen Begleitern zu führen; du kennst die bösen Zungen am Hofe, gib ihnen keine Nahrung, laß uns eilig das Gefolge erreichen.« Menes schritt lautlos, mit hocherhobener Fackel voran. Am Zittern seines Armes konnte das Mädchen wahrnehmen, in welcher Gemütsverfassung sich der junge Mann befand. Sie hatten kaum einen kleinen Weg durch mehrere Hallen zurückgelegt, als ihnen schon wieder die Mauer haltzumachen gebot. »Wo sind wir?« frug sie betroffen. »Kenne ich mein eigenes Grab nicht? Hier aus dieser Kammer führt kein weiterer Gang, wir müssen umkehren.« »Ich will rufen,« sagte Menes. Nun strengte er seine Stimme an, daß die Echos unheimlich von Saal zu Saal rollten, aber keine Gegenstimme gab Antwort; die Prinzessin verriet keine Angst, im Gegenteil, eine sonderbare Heiterkeit verklärte geisterhaft ihre Züge; es kam plötzlich über sie wie eine krankhafte Erregung. Menes sah ihr ängstlich verwundert in die brennenden Augen. »Mein Grab liebt mich so sehr,« lachte sie, »daß es mich bereits als Lebende in sich aufnehmen möchte. Das ist seine Rache an der Sonne, die Nacht gibt uns nicht mehr her.« Ihr Blick fiel nun mit einer Art wilder Trunkenheit auf den jungen Mann, dem ihr Zustand immer unheimlicher ward; die Mißlichkeit ihrer Lage, das Beängstigende schien ihr plötzlich Freude zu bereiten. »O, ich wollte,« sagte sie mit unheimlichem Humor, »man fände uns nicht mehr, ich wollte, sie vergäßen uns; hier ist es kühl und still, alles ladet zur hingebenden Ruhe ein; hier möchte ich schlummern in den Armen eines werten Freundes.« Die letzten Worte erregten in Menes ein peinliches Gefühl. Sie schien dies nicht zu beachten, sondern legte, eigentümlich lächelnd, ihre Hand auf seinen Arm. »Wie denkst du dir das Sterben hier unten?« frug sie dann träumerisch heiter. »Durchaus nicht behaglich,« sagte Menes, »die finstere Todesstunde wird durch den Trost der Freunde, das Licht der Sonne wenigstens etwas erhellt; hier unten im Angesicht dieser erbarmungslosen Felsen, dieser tückischen Nacht denke ich mir das Sterben geradezu furchtbar.« Ein Schauer schüttelte ihn, als er sich in dem weiten Gewölbe umsah, aus dem ihm Finsternis wie eine augenlose Augenhöhle entgegenstarrte. »Hier unten,« setzte er hinzu, »würde mich Wahnsinn befallen, wenn ich ohne Fackel in dieser undurchdringlichen Nacht einherwandeln sollte. Bei dem bloßen Gedanken daran überlaufen mich Todesschauer. Nein! Nein! rasch fort von hier, mir geht der Atem aus, auf meiner Brust liegt's kalt.« »Mir ist es anders zumut,« flüsterte die Prinzessin tief aufatmend, »ich verstehe dich nicht. Ich wollte, deine Fackel erlöschte, ich wollte, diese Mauern rückten zusammen, immer näher, immer näher, bis uns ein Raum blieb, so klein wie ein Sarg, und dann,« sie unterbrach sich, ihr Blick starrte irr, glanzlos ins Dunkel, ihre bläulichen Lippen waren halb geöffnet, als wollten sie die Finsternis schlürfen. »Hohe Gebieterin, laß uns auf Rettung sinnen,« war seine beklommene Antwort. »Mir macht es weniger Vergnügen wie dir, hier unten dem Leben zu entsagen. Doch halt! – mir fällt ein, gab dir nicht der Baumeister den Plan des Grabes? Sieh nach, ich erinnere mich, daß du ihn in den Falten deines Gewandes verbargst.« »Ei! wie du lebenslustig bist,« entgegnete sie mit einem Anflug von bitterer Verachtung, »sehnst du dich danach, das Licht der Sonne wieder zu schauen? Ich – ich hasse die Sonne. Die Welt ist mir verdorben wie stinkendes Nilwasser. Was gibt mir das Leben? Essen, Schlafen, Langeweile. Ich will nicht mehr an die Oberwelt gelangen, auch du solltest so vernünftig sein! Was hältst du davon, wenn wir – sonderbarer Einfall – nicht wahr? wenn wir einfach hier blieben? Es ist droben so hell und heiß.« »Wie, Prinzessin?« frug er erstaunt, »was redest du? – ich flehe – suche nach dem Plan?« »Dem Plan?« »Unsere Lage ist gefährlich, er allein kann uns retten.« »Ach so,« lächelte sie müde, »du willst leben. Verzeihe, ich dachte, du seist so klug wie ich. Nun, wo finde ich denn den Plan? – Liebst du wirklich das Leben so sehr, Menes?« »Ich liebe es nicht,« sagte er entschieden, »aber ich möchte es nicht tatenlos verlassen.« »Du hast recht! Du bist ein Mann,« entgegnete sie träumerisch, »ich aber bin ein Weib! Und nicht wahr, mein Freund, du fühlst es auch – es ist eine Art Unglück, ein Weib zu sein –! Ich wollte – doch genug – hier, nimm den Plan.« Zögernd, langsam, wie im Traum gab sie ihm den Plan, ihm die Fackel abnehmend, damit er unbehindert sei. Er breitete die Rolle aus. Nach einigen Augenblicken hatte er sich orientiert. Eben wollte er sie wieder zusammenlegen, als der Schein der Fackel hastig flackernd über die Rolle huschte. Er sah erschrocken auf. Die Prinzessin hielt die Fackel in Händen, schwenkte sie seltsam, neigte sie bald zu Boden, drückte sie an die Mauer und führte diese sonderbaren Bewegungen mit einer Art Geistesabwesenheit aus, die sich durch ein dämonisches Lächeln auf ihrem erhitzten Gesicht erkennen ließ. »Was willst du beginnen?« rief Menes verwundert, nachdem er eine Weile diesem auffallenden Spiele zugesehen, »die Fackel wird erlöschen.« Sie hörte ihn nicht; der Ausdruck ihres Auges ward wie der einer Wahnsinnigen, ihre Lippen murmelten unverständliche Laute, ihr Körper begann zu beben. Noch einmal wiederholte Menes seine Aufforderung, ihm die Fackel zu geben; sie hörte ihn immer noch nicht, sie schien ganz in ihre düsteren Phantasien versunken. Nun hob sie die Fackel hoch empor. Menes, die Gefahr erkennend, sprang nach der Fackel, aber ehe er sie ergreifen konnte, lag sie, vom Arm der Prinzessin heftig geschleudert, am Boden. Dem lauten Aufschrei des jungen Mannes folgte dichte, schwarze Dunkelheit, die Fackel war erloschen. Zugleich war es, als fiel ein schwerer Körper zu Boden. »Was hast du getan,« rang es sich verzweiflungsvoll aus dem Busen des wie gelähmt an die Mauer Taumelnden; »wir sind verloren.« Ohne zu wissen, was er tat, tappte er sich an der Mauer weiter bis an den Ausgang; hier strengte er seine Stimme aufs äußerste an, brüllte und rief, daß die Wände bebten, nach den Namen der Dienerinnen. Die Dunkelheit war so dicht, daß er sie ordentlich zu fühlen glaubte. Seine Augen quollen aus den Höhlen, so sehr strengte er sie an, eine Spur ihrer Befreier zu erblicken, die Finger riß er sich blutig am Gestein, das er betastete, um den Ausweg zu suchen. Noch einmal rief er: »Hilfe! Hierher!« dröhnte es durch das Gewölbe. Diese Anstrengung raubte ihm bald den Atem, nur ächzende Töne kamen noch über seine Lippen. Wild jagten die Gedanken durch sein Hirn, sein ganzes Wesen schauderte zusammen bei den Vorstellungen, die in ihm auftauchten. Er rief den Namen der Prinzessin, von der er doch keine Antwort erhielt. Mühsam tastete er sich an den Ort, wo sie gestanden; sein Fuß stieß dabei an einen weichen Gegenstand; er beugte sich herab und ergriff zufällig ein Kleidungsstück, das ihm den Weg nach dem Haupte der zu Boden Gesunkenen zeigte. Sie aus ihrem Zustande zu erwecken, war ihm nicht möglich. Noch einmal suchte er den Ausgang, tastete sich von diesem aus weiter und war endlich so glücklich, den folgenden Saal zu erreichen. Doch bei diesen Bemühungen hatte er die Wand neben sich verloren, er stand von Nacht umgeben, ohne Stütze. Wohin sich wenden? Er schickte seine Stimme mit letzter Kraft durch die Finsternis – – Halt! war das nicht ein Ton aus der Ferne? Er rief, so laut er es vermochte – richtig! Das war Antwort! Das war eine menschliche Stimme, wie Gesang der Götter tönte sie in das Ohr des Bejammernswerten. Die ferneren Hallen röteten sich, Tritte wurden hörbar; der Feuerschein kam näher, das Jammern der Dienerinnen ward deutlicher vernehmbar; bald war der zum Tod erschöpfte, hoch aufatmende Jüngling vom bestürzten, suchenden Gefolge der Königstochter umringt. In wenig hervorgestoßenen Worten erklärte er das Vorgefallene, maß sich aber die Schuld bei, daß die Fackel erlöscht war. Alle dankten den Göttern für den glücklichen Ausgang des ernsten Ereignisses; die Dienerinnen weinten vor Freude, die Männer suchten ihre Bewegung hinter jubelnden Ausrufungen zu verbergen. Die Prinzessin fand man ohnmächtig am Boden liegen, sie erholte sich erst, als man sie in das Boot gebracht unter dem Einflusse des frischen Windes und des Übergießens mit Nilwasser. Menes saß in sich gekehrt am Steuer. Ihm stieg die quälende Frage auf: Hat sie mit Absicht die Fackel zu Boden geschleudert? Hatte ihre aufgeregte Phantasie den wahnsinnigen Entschluß geboren, hier unten mit ihm, den sie heimlich liebte und den sie doch nie den ihren nennen durfte, zu sterben? Zu Hause angekommen, wurde Asa-Termutis in ihr Gemach gebracht; ein hitziges Fieber stellte sich ein, wochenlang lag sie wild phantasierend zwischen Tod und Leben, ihre Gedanken weilten dann immer bei Menes; sie sah sich mit ihm in unterirdischen Gemächern oder auf dem Gipfel von Pyramiden. Bald war sie hoch entzückt, bald tieftraurig, bald wünschte sie zu leben, bald zu sterben, bald küßte sie ihren Vater, war ihm zärtlich, bald stieß sie ihn von sich, ausrufend, sie hasse ihn. Dritter Teil Erstes Kapitel Menes erhielt einen Brief von seiner Mutter, worin ihm dieselbe erzählte, wie sehr sie Myrrah ins Herz geschlossen. Sie könne sich gar nicht mehr von ihr trennen, auch Myrrah schien sich ihr nähern zu wollen. Menes solle ausharren, wenn ihm das Mädchen treu bliebe (was bei Jüdinnen vorher zu sagen freilich unmöglich sei), dann wolle sie nach Kräften sein Glück befördern. Menes küßte diesen Brief tausendmal. Daß sie ihm treu bliebe, daran zweifelte er keinen Augenblick, aber auch auf meine Treue darf sie bauen, sagte er sich, und wenn mich alle Königstöchter der Welt liebten und mich zum König machen wollten. Hätte er geahnt, was sich während seiner Abwesenheit zu Hause zugetragen, er hätte diesen Brief nicht mit so inniger Zufriedenheit an die Lippen gedrückt und sich nicht so herzlich Glück gewünscht, das Mädchen im Schutze einer solchen Mutter zurückgelassen zu haben. Aber die Götter sitzen schweigend auf ihren Stühlen, die Sprache der Luft ist uns unverständlich, und den Schmerzensschrei des Unglücklichen trägt kein barmherziger Wind zum Ohre dessen, der ihn hören sollte. * * * Menes hatte, um Asa-Termutis zu schonen, den Vorfall im Grabgewölbe anders hingestellt, als er sich zugetragen; er lud die Schuld, daß die Fackel erlöschte, auf seine Unachtsamkeit; als jedoch die Königstochter von dieser edeln Lüge ihres Freundes hörte, widerlegte sie dieselbe aufs eifrigste. Die Beschämung, die sie darüber empfand, daß der Hochherzige ihren Wahnsinn vor den Augen der Welt beschönigte, gab ihr bald den freien Gebrauch ihrer zerrütteten Sinne wieder; ihr Stolz war in dieser Krankheit ihr Retter, sie wollte dem Jüngling zeigen, daß sie ihr Unglück zu tragen vermöge; ja sie benahm sich von dieser Zeit an nicht nur zurückhaltend ihm gegenüber, sie legte es geradezu darauf an, statt Zuneigung Mißgunst durchblicken zu lassen. So war sie in den Augen des Hofes bald wieder das heitere Mädchen von früher, auf deren Wangen jene Krankheit nur noch einen bleichen Widerschein zurückgelassen; selbst ihren Vater wußte sie durch ihre Selbstbeherrschung zu täuschen. Das freudige Ereignis ihrer Genesung feierte dieser erstlich durch ein großes Dankopfer im Tempel, dann durch eine im großen Maßstabe angestellte Jagd auf Nilpferde. Er war gegen Abend ermüdet von der Jagd zurückgekehrt, als sich ihm der Oberpriester Psenophis vertraulich näherte. Ramses wollte ihn, da er ihn im Verdacht hatte, mit in die Verschwörung verwickelt zu sein, ungnädig abweisen, doch der gewandte Höfling tat als bemerke er die Schroffheit seines Monarchen nicht, und gab ihm durch allerlei dunkle Andeutungen zu verstehen, er habe ihm eine Überraschung bereitet. Der König, anfangs ungeduldig, frug, da allmählich seine Neugier erwachte, worin diese Überraschung bestünde; Psenophis lächelte geheimnisvoll. »Will mir mein Gebieter in den Park folgen?« frug er. Ramses war betroffen! Bei Nacht in den Park folgen? War das eine Schlinge? Sollte er einen Überfall argwöhnen? Er besann sich einen Augenblick und sagte dann: »Ich habe anderes zu tun, ich kann dir nicht folgen.« »Ihr versäumt viel,« sagte der Priester mit listigem Räuspern. »Warum tust du so heimlich?« frug der Herrscher, »was verbirgst du mir?« »Das, was den Menschen glücklich macht,« sagte der Priester zweideutig. Der König lachte. »Man behauptet, auch der Tod mache uns glücklich,« gab er zurück. Mit vorwurfsvoller Miene wendete sich Psenophis zum Gehen. »Habe ich solchen Argwohn verdient?« sagte er; »wenn es auch untreue Diener gibt, o Herr! müssen deshalb alle untreu sein? Doch laßt uns abbrechen, ich sehe, Ihr zieht vor, zu bleiben.« »Nun, nun,« begütigte der König, »es war nicht so gemeint. Wenn du denn durchaus unerbittlich bleibst und mir Rätsel zu lösen geben willst.« »Das will ich,« fiel ihm der Priester freudig ins Wort. Ramses trug noch seinen Jagddolch im Gürtel, auch wollte er nicht zu sehr durchblicken lassen, daß er Verdacht hege, er sagte deshalb leichthin: »Ich sehe ein, ich muß, wenn ich meine Neugier befriedigen will, deinem Wunsche Folge leisten. Führe mich denn in den Park, ich liebe die Abenteuer.« Der Priester ging voran, verstohlen schmunzelnd. »Du wirst staunen,« lächelte er, »du wirst die Erfindungsgabe deines Dieners preisen, Herr, wirst erkennen, wie sehr er auf dein Glück bedacht ist. Ja, ja! ich habe mich auch lange besonnen, welche Freude ich dir bereiten könne, bis mir endlich dieser Gedanken kam, den auch du gutheißen wirst.« »Du machst mich immer neugieriger,« sagte der König, seinen Dolch fester umklammernd, als sie an verschiedenen düsteren Hecken vorbeischritten, die der Mond zweifelhaft beleuchtete. »Wir sind bald an Ort und Stelle,« flüsterte Psenophis nach einiger Zeit stummen Hinwandelns. Einmal schien es dem König, als bewege sich, da er vorüberschritt, ein Myrtengebüsch etwas heftiger wie die anderen. Er prallte zurück. War das der Wind? War der Busch lebendig im Inneren? »Du tätest besser, mir zu sagen, was du mit mir beabsichtigst,« erwiderte ihm Ramses, mißtrauisch den beweglichen Strauch musternd. »Erlaube mir, mein Gebieter, daß ich es verschweige,« lächelte der Priester, sich demütig verneigend, »du würdest mir den Scherz verderben, ich hatte die Absicht, dich zu überraschen.« »Nun gut! nur weiter,« sagte der König, dem es doch nach und nach unheimlich zu werden anfing, als sie sich immer tiefer in den Gebüschen des Parkes verloren. Sie waren am Teiche vorbeigekommen, waren durch die Akazienreihe gewandelt, hatten den kleinen Obelisken hinter sich gelassen und bogen nun in ein Palmenwäldchen ein. Ramses sah beunruhigt rings in Büsche und Hecken, innerlich seinen tollkühnen Schritt bereuend. Wenn jetzt drei bis vier Bewaffnete über ihn herfielen, war er verloren. »Wohin führst du mich?« rief er mit beklommener, fast zürnender Stimme, indem er stehen blieb. »Seht Ihr dort dies weiße Dach?« sagte Psenophis ruhig, »das weiße Dach, welches aus den Palmenwipfeln ragt?« »Mein Badehaus?« frug sein Gebieter erstaunt. »Das ist unser Ziel.« Sie schritten weiter; das Badehaus war bald erreicht; unheimlich hallten ihre Schritte in der leeren, einsamen Rotunde wider, deren Pfeilerwände gespenstig im Mondscheine schimmerten. Am liebsten wäre der König hier wieder umgekehrt, das Herz begann ihm heftig zu schlagen, in jedem Winkel, jedem Schatten vermutete er Verräter, doch da er sich nun so weit eingelassen, war Umkehr eine Unmöglichkeit, jetzt galt es, den aufsteigenden Verdacht zu bekämpfen und im Notfalle königlichen Mut zu zeigen. Starken Trittes folgte er dem Priester durch die lange, schattenwerfende Säulenhalle in das kleine Vorgemach des Badesaals. »Und was nun?« frug Ramses mit lauter, in dem Raum widerhallender Stimme, als sie in dem behaglichen Gemach standen. »Habt die Gnade, durch diesen Vorhang in das Innere des Badesaals zu schauen,« lächelte Psenophis, »möglich, daß Ihr etwas erblickt, was Euch nicht ganz unbekannt ist. Ich bin es, der Euch durch diesen unerwarteten Anblick zu erfreuen suchte.« »Ich glaube, du willst mich zum besten haben, Psenophis?« rief der König, auf den Marmorboden stampfend; »welch törichte Spielerei treibst du mit mir. Bin ich ein Kind? Ich bin gewillt, sofort umzukehren.« »Ich flehe Euch an, hoher Herr,« entgegnete der Oberpriester, »werft einen Blick durch den Vorhang, ehe Ihr geht, dann wird sich Euch das Rätsel meines Betragens lösen.« Der König näherte sich verdrießlich der Spalte des Teppichs, schlug sie ein wenig auseinander, prallte aber, als er kaum den Kopf hindurch gesteckt, wie es schien, nicht unangenehm überrascht, zurück. Was sah er dort? Er sah über der smaragdenen Flut des Marmorbeckens eine tiefblaue Ampel schweben, deren geheimnisvolle Glut auf ein dicht an das Becken geschmiegtes Leopardenfell niederströmte. Auf dem fleckigen Felle lag, lang ausgestreckt, behaglich den Kopf hinten überhängend, ein nacktes Weib, dessen glatter, weißer Leib noch von den Perlen des genommenen Bades besprüht war. Nun hob sie den schlangenhaften Arm, zog sich den Schleier vom Gesicht und richtete ihr schmachtenddunkles Auge mit dem Ausdruck glühenden Verlangens nach dem Teppich, zugleich einen heißen, sehnsüchtigen Seufzer hören lassend. Dem König drang dieser Blick gleich einem feurigen Dolch in die Brust; erbleichend fuhr er zurück. »Psenophis, ist dies – ist dies nicht die Jüdin von Memphis – Rebekka?« flüsterte er, tief aufatmend. Aber es war kein Psenophis mehr zu sehen, er hatte sich unbemerkt entfernt, statt seiner stand ein grinsender Negersklave im Gemach. Die Schöne drehte sich ein wenig auf ihrem Lager um, mit beiden Armen verlangend in die leere Luft greifend, als könne sie dieser an ihrer warmen Brust Leben einhauchen. Ramses hatte richtig erkannt, Rebekka, die Jüdin, lag vor seinen Blicken, die Tänzerin, deren Liebe erweckende Bewegungen er in Memphis bewundert. Noch einige Minuten hindurch beobachtete der König die Tänzerin; wäre er nicht durch diesen süßen Anblick bis zur Trunkenheit hingerissen gewesen, er hätte bemerken müssen, daß die schöne Rebekka wohl wußte, wer sie beobachte, daß ihr verlangendes Armausbreiten, das Seufzen, das Blickeschleudern künstlich einstudiert war, Liebeslust im Busen ihres Beschauers zu erregen, denn Psenophis hatte das Mädchen unter sehr schmeichelhaften Bedingungen nach Theben eingeladen, damit es ihr gelänge, den König zu fesseln. Ramses gab dem Schwarzen, der erwartungsvoll hinter ihm stand, einen Wink, ihm zuflüsternd, er wünsche Rebekka im Palast innerhalb einer Stunde zu sprechen, man möge sie ungesehen zu ihm führen. Als sich Ramses entfernte, trat aus dem Schatten der letzten Säule der Oberpriester hervor. »Zürnt mein Gebieter?« frug der Schlaue. Der König drückte ihm freundschaftlich die Hand. Sein Verdacht gegen diesen Menschen war verflogen. Psenophis aber, als der König weiterschritt, sah ihm mit solch hinterlistigem, befriedigtem Lächeln nach, daß, hätte dies der Monarch erblickt, es sein Mißtrauen nur noch dringender wachgerufen haben würde. Der Sklave brachte die erwartungsvolle Rebekka in den Palast; bald öffneten sich ihr die Gemächer des Königs und darauf erschien er selbst, sich in eine eifrige Unterhaltung mit ihr einlassend. Diese Unterhaltung würzte die Jüdin mit solchem Witz, mit solch feiner, schelmischer Gefallsucht, daß von diesem Abend an ihr Schicksal entschieden war. Der König ward von ihren Launen bis zur Heiterkeit hingerissen; seine Umgebung kannte den ernsten Mann kaum mehr wieder, und alle dankten der schönen Jüdin, daß sie das Herz ihres Herrn in eine immerwährende Fröhlichkeit zu versetzen wußte. Nur die nächste Umgebung schüttelte den Kopf zu des Königs neuer Leidenschaft. Unter diesen war besonders ein alter Diener, welcher bemerkt haben wollte, daß die Jüdin mehreremal zur Nachtzeit verdächtigen Besuch empfing, der sich erst gegen Morgen aus ihren Zimmern entfernte, auch beteuerte er, gesehen zu haben, daß sie den Palast, sobald der König sich in seine Gemächer zurückgezogen habe, verließ. Der alte Mann teilte seine Entdeckungen Menes mit; dieser ließ Rebekka beobachten, aber seine Wachsamkeit führte zu keinem entscheidenden Resultat. Der König, dem man von diesen unsicheren Verdächtigungen nichts mitgeteilt, besuchte seine Geliebte eifriger wie zuvor; hier fand er, was er verlangte, Genuß, Erholung, Zerstreuung; hier durfte er sich der Strahlenkrone der Majestät entkleiden, hier durfte er Mensch sein, und die ehrgeizige Jüdin, die ihr Ziel erreicht hatte, wußte den Hohen von Tag zu Tag mehr an sich zu fesseln. In ihrem Zimmer, das der König abendlich besuchte, saßen, wie eine zum Galadiner geladene Höflingsschar, 8 bis 10 Papageien, die alle: »Ramses, ich liebe dich!« rufen konnten, sobald der Herrscher eintrat. Sie ließ es sich nicht nehmen, den König auf die Jagd zu begleiten, sie tanzte vor ihm, sie fuhr mit ihm auf dem Nil. Anfangs diente ihr der König nur zur Befriedigung ihrer Eitelkeit; sie sah in ihm eine reiche Goldquelle, doch bald heuchelte sie nicht mehr Liebesglück, sie empfand es in der Tat, denn Ramses war ein stattlicher Fürst, für den sich ein Weib leicht begeistern konnte. Urmaa-nofru-râ hatte natürlicherweise, obgleich man es ihr zu verheimlichen wünschte, rasch Kunde erhalten, daß eine Jüdin sie verdrängt aus den Armen ihres Gatten. Sie war einmal in das Gemach der Jüdin gedrungen, als diese soeben den geliebten Monarchen erwartete. Die Wut, die Eifersucht der hohen Frau kannte keine Grenzen; eine ägyptische Obstverkäuferin hätte nicht schlimmer schmähen können. »Königin,« erwiderte Rebekka trocken, »warum tobt Ihr? Warum schmäht Ihr mich? Sucht Euch doch die Liebe Eures Gatten zu erwerben, wie ich es getan, ich verhindere Euch daran durchaus nicht. Sprecht die Wahrheit: Habt Ihr versucht, Euren Gatten an Euch zu fesseln? Habt Ihr ihn nicht vielmehr auf alle Weise zurückgeschreckt?« Die Königin vermochte hierauf nichts zu erwidern, sie ging, Drohungen ausstoßend. Rebekka hatte sich vorsichtig nach der Abstammung Myrrahs erkundigt. Der König wußte von einem mit einer Jüdin erzeugten Kinde seines Vaters, war aber der festen Meinung, dieses Kind lebe längst nicht mehr, es sei verschollen. Die schlau sondierende Rebekka verhehlte ihm natürlich den Fund des Dokuments in der Schatzkammer; leichtfertig sprang sie auf ein anderes Thema über, im Inneren die unangenehme Gewißheit verbergend, daß Myrrah dies verschollen geglaubte Königskind sei. Ihr Trost war, daß ja kein Sterblicher das Geheimnis ahne; Dinge, von denen niemand weiß, sind so gut wie nicht vorhanden; wozu also Befürchtungen hegen? Eines Abends besuchte sie Ramses. Ermüdet von den anstrengenden Regierungsgeschäften war er auf die Polster gesunken. Sie bot ihm mit verführerischem Lächeln Speise und Trank. Da der König ermattet schwieg, nahm sie einen der Papageien auf die Hand, mit ihm ihr Spiel zu treiben, was dem König ein leichtes Lächeln abnötigte. »Mein Gebieter weilt nicht bei mir,« sagte Rebekka, ihn mit ihren kühlen, weichen Armen umstrickend, »sein Geist weilt bei Traurigem.« »Ich bin in Sorgen,« seufzte er, »um meiner Tochter willen. Mein Kind ist zwar genesen, doch liegt es noch immer wie ein schwarzer Flor über ihr. Ich fühle, daß sie sich Mühe gibt, heiterer zu erscheinen, als es ihr ums Herz ist. Sie spricht wenig.« »Sollte sie vielleicht heimlich lieben?« meinte Rebekka. »Scherze nicht,« entgegnete ihr der König ernst. »Mein Kind ist krank, körperlich krank.« Rebekka sprang von diesem traurigen Gegenstand rasch auf einen anderen über. »Wie steht es mit deinem Weib?« frug sie lachend. »Mein Weib hat mich besucht, Rebekka,« sprach Ramses finster; »sie speit Gift und Galle auf dich. Urmaa liebte mich nie, doch seitdem ich dich habe, die mich liebt, tut sie, als sei ihr das größte Unrecht geschehen und als liebe sie mich wie keine andere.« »Ich fürchte mich vor ihr, mein Gebieter,« lispelte Rebekka, sich an den Monarchen schmiegend, »sie wirft mir so tückische Blicke zu. Auch war mir mehreremal, als schliche sie des Nachts an meinem Fenster vorbei. Ich glaube, wenn sie es vermöchte, sie würde mich vergiften. Sie sinnt auf meinen Untergang.« Der König ballte die Fäuste. »Es muß etwas geschehen,« murmelte er, »ich werde sie verbannen, entweder nach Syrien oder vielleicht besser nach dem Süden.« »Das ist das einzige Mittel, dich und mich zu retten,« wollte Rebekka, erfreut über diesen Entschluß des Monarchen, entgegnen, als ein heftiges Pochen an der Türe sie unterbrach. »Wer stört mich?« rief Ramses. »Wichtige, unaufschiebbare Regierungsnachrichten!« ertönte es außen. »Es wird wohl Zeit haben bis morgen,« meinte Ramses, öffnete aber doch die Türe, da er wichtige Entdeckungen, die Verschwörung betreffend, zu vernehmen hoffte. »Wie? Ti? Du? mein Schatzmeister?« rief er erstaunt dem Eintretenden entgegen, »was bringst du mir?« Bei dem Worte Schatzmeister durchflog Rebekka ein unbehagliches Gefühl. »Ich bin es, Herr,« sagte der kleine Mann, aus dessen spitzigem Gesicht sich zwei scharfblickende Augen verstört vor dem Gebieter niederschlugen. »Nun, was fehlt dir? Warum redest du nicht?« frug der Herrscher. »Setze dich übrigens, ich sehe deine Knie wanken – was trug sich zu, mein guter Ti?« Der kleine Mann, der wie vernichtet auf den Stuhl gesunken war, rang vergeblich nach Worten, dabei hilflos auf seine zwei ihn begleitenden Wachen deutend. »Was soll mir das?« rief der Gebieter erschrocken, »ich bitte dich, rede! sammle dich, du steckst mich an mit deiner Verwirrung! Hast du etwa einer Zusammenkunft der Verschworenen im Schatzhause beigewohnt? Ist ein neuer Pfeil auf meine Brust unterwegs?« Endlich preßte der Schatzmeister mühsam heraus: »Beim großen Osiris! Herr, ich bin wie zerschmettert, ich weiß nicht, wie ich dir dies sagen soll! Oh, daß mir das begegnen muß! Mir, der ich dir gewiß stets ein treuer, ehrlicher Diener gewesen. Meine Ehre ist dahin, ich darf mich nicht mehr blicken lassen vor deiner Majestät! Ach! ich hatte doch so sorglich den Schatz überwachen lassen.« Rebekka drückte die Augen zu und tat, als schlief sie. »Ich verstehe nicht deine abgebrochenen Sätze zu enträtseln,« entgegnete Ramses. »Fasse dich! Ich kenne deine Ehrlichkeit, du tatest stets deine Pflicht, deine Angst vor meinem Zorn ist unnötig, ich zürne nur dem Pflichtvergessenen.« Dies Wort gab dem Verstörten seine Sinne wieder, und so berichtete er denn unter häufigen Anfällen von Schmerzausbrüchen, daß man den Schatz des Sohnes der Sonne zu Memphis bestohlen habe. »Es fehlen,« stammelte er, die Hände verzweiflungsvoll faltend, »vierhundert Goldringe, ein Kistchen voll Edelsteinen und das Goldschiff, das teuere Vermächtnis deines großen Vaters, welches er seiner Gattin anfertigen ließ. Hier ist das Verzeichnis.« Damit legte er eine Rolle auf den Tisch, mit den Fingern andeutend, welche Nummern fehlten. Rebekka hatte Mühe, während dieser Erklärung nicht aus ihrem geheuchelten Schlaf zu erwachen; ein brennendes Rot bedeckte ihre Wangen, aber es gelang ihr dennoch, ihre Fassung zu bewahren. Der König neigte sich zu ihr. »Rebekka,« sagte er, »hast du vernommen, was man mir angetan?« Rebekka fuhr hastig aus ihrem Schlummer empor. »Wie meinst du? Angetan? Was?« Man erklärte ihr das noch einmal, was sie längst wußte. »Was rätst du mir,« frug der König, »was soll ich tun, des Diebes habhaft zu werden?« »Es ist ganz unmöglich,« meinte Rebekka, »daß ein Sterblicher in ein solches Gebäude dringen kann. Der Schatzmeister muß sich geirrt haben.« Der Schatzmeister schwur, er habe sich nicht geirrt. »Dann,« sprach die Jüdin, »ist nur eines möglich.« »Nun?« »Daß einer der Wächter des Schatzes der Dieb war, denn wer sollte sich durch solche Mauern erschleichen?« Der Schatzmeister erklärte, es sei völlig unmöglich, daß einer seiner Wächter auch nur das kleinste Goldkorn zu sich stecken könne, denn er ließe jeden derselben, sobald er das Gewölbe verlassen, sich entkleiden und einer genauen Untersuchung unterwerfen. Rebekka bekämpfte ihre Verlegenheit; die Sache sei höchst rätselhaft, meinte sie, wodurch sie den anderen nichts Neues sagte. Der König gab hierauf den Befehl, heimliche Wachen um das Gebäude zu verteilen, und den Gang, der in dasselbe führte, mit einer eisernen Falle zu versehen, die den Dieb, wenn er eintrete, umklammere. Im übrigen tröstete er den armen Schatzmeister und versicherte ihn seiner Gnade. Rebekka beschloß sogleich ihrem Bruder zu schreiben, um ihm den Besuch des Schatzhauses ernstlich zu verbieten. Sie teilte ihm diesen Vorfall, dessen Zeugin sie war, bis in die kleinsten Einzelheiten mit und bat ihn, Myrrah nicht zu strenge zu behandeln, da sie doch immerhin königliches Blut in den Adern trüge. Zweites Kapitel. Einige Tage später lag Rebekka auf ihrem Ruhebett; der Tisch trug noch die Überreste eines Mahles – halbgeleerte Geschirre, vergossenen Wein. Das Fenster war geschlossen, träumerische Stille ringsum. Der König hatte sie eben erst verlassen; Müdigkeit senkte sich schwer auf ihre Augenlider herab, kaum vermochte sie den nahenden Schlaf mehr zu verbannen. Sie sah die verlöschende Lampe nur noch wie durch einen Schleier aufzucken, die bunten Ornamente an der Wand verschwammen vor ihren halbgeschlossenen Augen zu schwebenden Schatten, es fehlte nur noch eine halbe Sekunde, so versank ihr Geist völlig in jenem angenehmen Tod, den wir Schlaf nennen. Eben stellte sie noch eine letzte, ihr kaum mehr bewußte Betrachtung über den roten Isiskopf an, der mit schlauem Lächeln vom Getäfel zu ihr herübersah, schon begann der Isiskopf zu nicken, die Augen zu verdrehen, so daß sie fühlte, wie sich jetzt ein bizarrer Traum von verrückt gewordenen, Grimassen schneidenden Göttern ihres Geistes bemächtigen wollte, da – war das Traum oder Wirklichkeit? Da schien es ihr, als ob sich die Wand samt dem Isiskopfe leise bewege, zurückschob, und schließlich eine Öffnung bloßlegte. Noch war sie geneigt, auch dieses Bild für die Vorspielungen eines Traumes zu halten, als in dieser freigewordenen, schwarzen Öffnung ein Mann auftauchte, eintrat, die Wand nieder schloß und dicht bis vor ihr Lager schlich. Nun raffte sie sich aus ihrer Schlaftrunkenheit empor. Einen Schrei ausstoßend, sprang sie auf – die Gestalt zerfloß nicht in der Luft, sie war kein Gebilde entfesselter Phantasie. »Was willst du? Wer bist du?« keuchte die zum Tod Erschrockene. »Wie, hast du mich schon vergessen, kleines Kätzchen?« sagte die Gestalt. »Und bin ich es doch, der dich hier an den Hof brachte, dein Glück gründete.« Jetzt erkannte Rebekka den Eindringling; er war es, der sie in Memphis dem König vorgeführt, der sie als Werkzeug benutzt, den Monarchen zu umgarnen. »Du – Psenophis – der Oberpriester?« frug sie. »Ach! Du hast mich sehr erschreckt! Was willst du von mir in so später Nachtstunde? Du gehst geheimnisvolle Wege, wie es scheint.« »Ja, mein Kind,« lächelte er. »Wir müssen unsere Zuflucht zu seltsamen Mitteln nehmen, wenn wir unseren Zweck erreichen wollen. Jetzt laß uns aber von der bewußten Angelegenheit sprechen. Du erinnerst dich ja noch, unter welcher Bedingung ich dich hierher beschied, ich dein Glück förderte.« »Bedingungen?« frug Rebekka. »Ja! Ja! Ei! schon vergessen,« gab Psenophis schlau-freundlich zurück, ihre Wangen streichelnd. »Gutes Mäuschen! versprachst du mir nicht, zu unseren Diensten zu stehen, wenn ich dich von Memphis nach Theben befördere? Du hast nun mit meiner Hilfe erreicht, was du innig wünschtest. Ein Dienst ist des anderen wert, ich fordere nun den deinigen; jetzt zeige, daß du dankbar bist. Habe ich dir nicht zwei kostbare Armbänder auf unseres Prinzen Befehl geschenkt, damit du – nun, fällt es dir ein –?« »O Gott! o Gott!« stöhnte Rebekka dumpf, ihre Hand an die erblassende Stirne drückend, »ich dachte nie daran, daß ihr es ernst meintet – ich gab dir mein Versprechen im Wahn, im Traum.« »Nicht wahr, jetzt besinnst du dich?« sagte er mit dem liebenswürdigen Ton eines gutmütigen Liebhabers. »Nun sage, wie weit bist du mit ihm! Wann wird's geschehen?« »Du kommst also, mich zu mahnen?« »So ist's! Ich wollte fragen – wann das Pulver –« er brach ab und deutete mit nicht mißzuverstehendem Augenwink in einen der auf dem Tisch stehenden Becher. Rebekka schlug die Hände zusammen und drückte sie auf die Brust, starr vor sich niederblickend. »Nun?« lächelte der Priester mit verliebter Geziertheit, »wir, deine Freunde, warten sehnlichst auf diesen Moment. Es könnte bereits geschehen sein. Du hast alle Tage Gelegenheit. Eben erst aß er bei dir, vielleicht hättest du das Pulver unter seinen Wein mischen können. Hast du's nicht getan? Wie? Schade! Oder hast du vielleicht –« »Ich habe das Pulver verloren,« stammelte Rebekka. »Ist es nur das?« sagte er, »da ist leicht zu helfen. Hier ein neues.« Er legte ein Schächtelchen vor ihr nieder, das, als er es öffnete, schwarze Körner zeigte. »Diese,« fuhr er lachend fort, »in den Wein gegeben, befördern den Schlaf in auffallender Weise. Dem Schläfer wird so wohl dabei, daß er es für unnötig findet, wieder zu erwachen. Ha! Ha! schlaue Pulver. Treffliches Heilmittel gegen Zahnschmerzen. Aber sage, warum besuchst du unsere Zusammenkünfte nicht mehr, wir haben viele neue Pläne ersonnen. Der äthiopische Königssohn verlangt sehr nach dir. Stellst du dich nur halbwegs klug, so heiratet er dich.« Es folgte eine Pause; Rebekka starrte das vor ihr liegende Schächtelchen mit wilden Blicken an; der Priester wartete auf eine Antwort. Endlich stieß die Jüdin das Schächtelchen weit von sich. »Nun, was soll das?« frug Psenophis. »Nimm es wieder,« sagte sie entschieden. »Wie? verstehe ich dich recht – Du weigerst dich.« »Ich weigere mich, länger euer Werkzeug zu sein,« entgegnete ihm die Jüdin mit blitzenden Augen. »Als du mich hierher beriefst, mich in die Geheimnisse eurer Verschwörung einweihtest, da kannte ich noch nicht den, gegen den ihr eure Dolche richtetet, Ramses, meinen guten Herrn. Jetzt, da ich ihn kenne, will ich mit euch nichts weiter zu tun haben, ich sage mich los von euch und euern tückischen meuchlerischen Plänen! Verlasse mich! und rede mir nie wieder von einem Bündnis zwischen euch und mir!« »Unkluge Dirne,« lispelte Psenophis mit kaum unterdrückter Wut, »so willst du uns hintergehen! Glaubst, man könne sich in eine Verschwörung einlassen und dann sich zu jeder Zeit wieder daraus entfernen? Wer einmal Gift genommen, muß es bis an sein Ende fortnehmen, wenn er sich das Leben erhalten will. Du bist an uns gefesselt mit eisernen Banden, und zerreißest du diese, so zerreißest du deinen Lebensfaden.« »Gut denn!« rief Rebekka erregt aufspringend, »setzt euer Werk in Gang! Tötet mich! Ihr könnt es vielleicht! Ich habe den König lieben gelernt, ich liebe ihn heiß, innig, ich schütze sein Leben, suche es ihm zu bewahren, nicht aber es zu zerstören. Du magst mir drohen mit was du willst, nicht kannst du mich zwingen, meines Gebieters heiliges Leben anzutasten.« »Und wenn ich dir sage, daß du den Tod erleiden wirst, ehe die Sonne zweimal aufgeht, wenn du uns feindlich gegenüber trittst – unsere Leute sind gewandt –« »Versucht es, mich zu töten,« versetzte das Mädchen, »ich werde eure ganze Bande augenblicklich dem König verraten! Ich reiße den geheimnisvollen Schleier von euch weg, der euch bisher bedeckte, kenne ich euch doch alle mit Namen – kenne ich doch euern Versammlungsort. Der König soll erfahren, welche treue Diener er ernährt, ja es ist meine Pflicht, ihm die Augen zu öffnen.« »So, so! das also beabsichtigst du?« »Ja, und auf der Stelle!« »Auf der Stelle?« gab ihr Psenophis lachend zurück. »Glaubst du dich dadurch gerettet? Hast du vergessen, daß ich nur ein Wort zu sagen brauche, um dich zu stürzen? Wer bist du? Eine arme Jüdin von zweifelhaftem Ruf. Wer bin ich? Ein angesehener Mann im Staate. Wem wird man mehr Glauben schenken, mir, wenn ich dich, oder dir, wenn du mich verklagst? Und kann ich dem König nicht sichere Beweise geben, daß du mit dem Plan umgingst, ihn zu vergiften? Sieh! ich nehme hier diese Schachtel, ich eile sogleich an das Lager des Königs, ich brauchte ihm – nicht wahr, du erbleichst? Und selbst, wenn der König dir mehr Glauben schenkte wie mir, glaubst du, wenn er uns straft, gingst du leer aus? Du, die du zu uns gehalten, bis zu diesem Augenblick? Kann er dir noch trauen? Trauen, wenn ihm aus deiner Hand der Tod gedroht? Verbannung ist die geringste Strafe, die dir von ihm wird; darum frage ich dich noch einmal: Bist du uns Freundin oder Feindin?« Rebekka kämpfte einen heftigen inneren Kampf; es war ihr, als stieße sie eine Hand hinterrücks in einen Abgrund, während eine andere Hand sie gewaltsam von diesem Abgrund hinwegriß. »Antwort!« rief der Priester. Erschöpft sank die Jüdin auf ihr Lager zurück. »Gehe!« hauchte ihre zitternde Lippe. Psenophis entfernte sich durch die geheime Türe, der wie betäubt Dastehenden noch einen Zornblick zuschleudernd. Rebekka empfand die Wahrheit seiner Worte, aber sie war mit sich einig, der König mußte gerettet werden, sollte es auch ihr Untergang sein. Lange sann sie der Sache nach; jetzt verwünschte sie ihren unüberlegten Schritt, jetzt erst trat ihr die Zukunft und die Lage, in welche sie sich durch ihre Leichtfertigkeit verwickelt, mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen. Die Worte, welche sie eben vernommen, rissen sie aus dem Phantasieleben, in dessen Wonnen sie sich bis dahin gewiegt, grausam in die nüchterne Wirklichkeit herab. Der schmeichelnde Psenophis wußte ihr das Leben am Hofe so blühend auszumalen, er versprach ihr die Hand hoher Beamten, er wußte den Abgrund, über welchen er sie führen wollte, so sauber zu übertünchen, er erregte ihre Genußsucht, er kitzelte ihre Eitelkeit und sie, das unachtsame Weib, ging in die Falle, ehe sie es bemerkt, hingen ihr die Stricke um die Glieder. Was war ihr eine Verschwörung? Ihr war sie nichts als eine kleine pikante Aufregung ohne schlimme Folgen, ein amüsantes Spiel, das man so neben Wichtigerem her betreibt; nun erst ward ihr klar, daß die Sache auch ihre ernste, sehr ernste Seite haben könne, daß die Wellen, die sie sich selbst erregt, nun über ihrem Haupte zusammenschlagen würden; sie hatte lachend an eine Felswand geblasen, ohne daran zu denken, daß die kleine Erschütterung die Felsmasse zum Niederstürzen bringen könne. In den Versammlungen der Verschwörer hatte sie oft das große Wort geführt, hatte mit ihrem Einfluß auf Ramses geprahlt, hatte Pläne ersonnen, die ihr Bewunderer erworben, und bewundert wollte sie sein, um das übrige kümmerte sie sich nicht. Und jetzt – was gäbe sie darum, wenn ihr Fuß nie den Ort betreten hätte, an welchem die Verräter ihre Anschläge schmiedeten. Wie konnte sie auch ahnen, sie, die leichtlebige Tänzerin, welcher die Liebe bisher ein Kinderspielzeug gewesen, daß ihr das Schicksal dieses Königs so nahe gehen würde! Welch tückischer Gott hatte ihr diese tiefe Leidenschaft ins bewegliche Herz gepflanzt? Jetzt erst empfand sie mit Heftigkeit, wie innig sie dem Herrscher zugetan war, wie er durch seine stille Würde ihr flackerndes Naturell gefesselt, sie gebessert habe, wie seine ernste Ruhe zum Teil auf sie übergegangen war. Sie hatte geglaubt, der Verschwörung sich dadurch entziehen zu können, daß sie vermied, mit den Teilnehmern in Berührung zu kommen, und nun umarmte sie die finstere Macht, der sie längst sich entronnen wähnte, umarmte sie die Tückische aufs neue und rief ihr zu: Du bist uns verfallen! Was sollte sie beginnen? Wie sich diesem Dämon entziehen? War es noch möglich, sich seinem geöffneten Rachen zu entreißen? Ohne recht zu wissen, was sie in ihrer Betäubung tat, schlich sie sich auf den Zehen zum Schlafgemach des Monarchen, das unweit des ihren lag. Sie eilte durch die Nebengemächer, deren Steinböden mit schlafenden Kriegern bedeckt waren. Vorsichtig flog sie zwischen den Füßen und Armen der Schnarchenden hindurch, wie die Göttin des Traumes. Unbeobachtet gelangte sie in das Schlafgemach des Herrschers; da lag er im Purpurschein der Lampe auf den Polstern ausgestreckt, ruhig atmend, ein Bild männlicher Macht; sein kraftstrotzender Arm war herabgesunken; Majestät lagerte um ihn her, wie ein schlummernder Löwe. Sie betrachtete ihn mit Rührung, drückte hastig einen Kuß auf seine halbgeöffneten Lippen und eilte, wie von den Dämonen des Gewissens verfolgt, weiter. Zufällig kam sie an Menes' Schlafgemach vorüber. Diese Tür erschien ihr, als sie einige Augenblicke davor stehengeblieben, wie die Pforte zum Paradiese. Sie fühlte ihre Angst weichen, sie war erlöst, sie hatte es gefunden, was sie suchte, sie wußte nun, wem sie sich in ihrem Zweifel mitteilen durfte. Leise klopfte sie an. Sie hörte ein Sichrecken; Polster rauschten, das Gestell des Lagers knirschte. Nach einigen Augenblicken rief es: »Was soll's!« Ohne zu antworten, schlüpfte sie in das unverschlossene Gemach, wo sich Menes langsam von seinem Lager erhob, seinen Besuch eine Zeitlang schlaftrunken anstarrend. »Rebekka,« sagte er matt. »Höre mich an,« flüsterte sie, mit Mühe ihre Bewegung verbergend, »ich habe dir wichtige Mitteilungen zu machen, die Verschwörung gegen des Königs Leben betreffend. Dies Wort gab dem Jüngling sogleich seine Frische wieder; er sprang auf, verschloß die Türe und setzte sich dann erwartungsvoll auf sein Lager. War ihm Rebekka auch verhaßt, er wußte, daß sein König sie liebe, das war für ihn Grund genug, um sie ehrerbietig zu behandeln; er bot ihr einen Sitz an und hieß sie reden. Rebekka ging mit sich zu Rate, ob sie ihm ihre ganze Verwicklung in diese Verräterei kundtun solle, doch nach einigem Überlegen schien ihr dies unratsam. Ihre Erfindungsgabe reichte ihr ein Mittel, sich selbst vor Entdeckung zu schützen, ohne jedoch Menes etwas zu verheimlichen, was zur Rettung des Königs beitragen könnte. »Ich verlange erstlich von dir,« sagte sie, »daß du das, was ich dir nun mitteile, keinem Sterblichen anvertraust.« Menes versprach es. Sodann spiegelte sie ihm vor, sie habe zufälligerweise ein Gespräch belauscht, das zwei ihr Unbekannte vor ihrer Tür geführt. So sei sie in Besitz eines Geheimnisses gekommen, welches für die Freunde des Königs von großem Nutzen sein könne, sie habe nämlich dadurch erfahren, wo sich allabendlich die Verschworenen versammelten. Menes frug, begeistert von dem Gedanken, vielleicht seinem Herrn einen außerordentlichen Dienst leisten zu können, nach diesem Versammlungsort, und Rebekka beschrieb ihm denselben. Dieser Versammlungsort war die östliche Zelle des großen Amuntempels, zu dessen Verschönerung Ramses viel beigetragen. Sie konnte ihm den Weg nach dieser Zelle genau beschreiben, denn sie hatte dieselbe oft besucht, um an den Verhandlungen der Königsmörder teilzunehmen. Sie beschwor Menes, am nächsten Abend sich dorthin zu begeben, er würde gewiß in alle Pläne der Schändlichen eingeweiht, wenn es ihm gelänge, ihre Gespräche zu belauschen. Menes ergriff im Taumel des Entzückens die Hände Rebekkas, drückte ihr seine Dankbarkeit lebhaft aus und versprach, am Abend dieses Tages sich nach der bezeichneten Stelle zu begeben. Der Morgen glomm bereits rot in das Zimmer, als sich Rebekka erleichterten Herzens erhob. Nun, sagte sie sich, wird das Schwert der Rache auf meine verruchten Verführer so rasch niedersausen, daß sie nicht Zeit haben, mich zuvor zu vernichten. Nochmals bat sie den Jüngling, dem Könige nicht eher Meldung von dieser Entdeckung zu geben, als bis er die Namen und Pläne dieser Abscheulichen kenne, dann aber möge er rasch und ohne Aufschub handeln. An der Türe blieb sie einen Augenblick sinnend stehen. »Hast du mir noch Weiteres mitzuteilen?« frug Menes. »Ich – nein –« sagte Rebekka, deren Auge sich umflorte. »Deine Belohnung wird eine außerordentliche sein,« beteuerte der junge Mann, »du hast uns einen großen Dienst erwiesen.« »Das meine ich nicht,« flüsterte Rebekka; »ich wollte dich eigentlich fragen, ob du Nachricht von Memphis hast.« »Von Memphis? Ja!« »Nun? Diese lautet?« »Gut! Myrrah fühlt sich glücklich!« »Wirklich?« sagte Rebekka gedehnt. »Gewiß,« bestätigte Menes, dessen Augen zu leuchten begannen. »Du solltest vorsichtig sein,« warf sie hin. »Vorsichtig? Wie meinst du das?« frug er. »Ich meine, deine Mutter – darfst du ihr trauen?« »Warum fragst du so seltsam?« »Ich weiß selbst nicht. Sende einen Boten nach Memphis, dies kann unmöglich schaden,« sagte die Jüdin mit einem Anflug von Hast. »Unnötige Sorge,« lachte Menes vergnügt; »ich danke dir übrigens, daß du mein Verhältnis zu Myrrah meiner Mutter verraten, glaube nicht, ich zürne dir, du wolltest Böses stiften, aber die Götter wandelten es in Gutes um, du bist die Begründerin unseres Glückes.« Über das Gesicht des Mädchens glitt eine schmerzliche Wolke. Sie schloß die Türe, aber vor derselben blieb sie noch einmal stehen. »Ich muß es ihm sagen, dem guten Menschen, wie sein erhofftes Glück in Trümmer geschlagen wurde,« lispelte sie traurig. »Er dauert mich! Man hat ihn schändlich betrogen. Arme Myrrah! Armer Menes! Und meinen Bruder? . . . Pah! was liegt an ihm. Er ist feig und schlecht.« Sie ging weiter durch die dunklen Hallen. Ihre Gedanken wurden immer trüber; sie fühlte, daß sie unter Umständen sich selbst das Messer in das Herz gedrückt hatte, indem sie sich dem Willen ihrer mörderischen Verführer entzogen, ihre Anschläge verraten. Ihr ward so leicht und doch so ernst ums Herz! Sie wollte lächeln und mußte weinen. Ein schwermütiger Friede durchhauchte ihre Seele. »Was tut es,« murmelte sie, auf ihrem Zimmer angekommen, »lasse ich doch mein Leben für ihn, den König aller Könige, den Sohn der Sonne!« Sie sank schluchzend auf ihr Lager nieder, sie verstand sich selbst nicht mehr, ihr ganzes früheres Leben ekelte sie an, sie hätte ihm entfliehen mögen. Drittes Kapitel Menes erwartete unruhvoll den Abend dieses Tages. Er hatte Mühe, nichts von dem, was in ihm arbeitete, zu verraten, als der König, da er sich zur Jagd rüstete, ihn freundlich ansprach, fragend, warum ein so eigentümliches Feuer aus seinen Augen leuchtete. Er gab hastig dem ihn Bestürmenden zu verstehen, daß er den Verschwörern auf der Spur sei, könne aber bis jetzt nichts Näheres darüber sagen. Der König drang nicht weiter in den Wortkargen, da er ihm zu sehr vertraute. Nichts wollte unserem Menes heute gelingen, er ging in den Sälen des Palastes auf und nieder, unterhielt sich mit den Kriegern, gab den Sklaven zwecklose Aufträge und warf sich dann auf sein Lager nieder, umsonst nach Schlaf verlangend. Der Morgen war unter Nichtstun hingegangen, der Mittag kam mit seiner brütenden Glut. Er eilte an den Nil, ein Bad zu nehmen; das frische, schilfumrauschte Wasser kühlte sein erregtes Blut; als er darauf langsam am Ufer hinwandelte, überlegte er nochmals im Geiste den kühnen Schritt, den er zu tun vorhatte. Einige Benommenheit beschlich ihn freilich, wenn er daran dachte, diesen Verruchten allein gegenüberzustehen, möglicherweise entdeckt zu werden, jedoch die begeisternde Aussicht, der ganzen bübischen Verschwörung endlich auf den Grund zu kommen, zum zweitenmal der Retter des Königs sein zu können, überwog alle Gedanken an Gefahr. Wie er sich so zögernd, mitunter stehenbleibend, nach Theben zurückwendete, bemerkte er vor sich eine leichte Staubwolke, aus der glänzende Gewande hervorwehten. Er hielt an. Es schien ein königlicher Zug zu sein, dem er da begegnete; voraus schritten mehrere Bewaffnete. Inmitten desselben schwankte eine Sänfte, überdacht von schillerndem Schirm, dessen vergoldeter Stab in der Sonne blitzte; die schwarzen Träger waren geschmückt, neben ihnen gingen halbnackte Dienerinnen, den Schluß machten wieder Krieger. War dies die Königin, die in dieser Sänfte ruhte? Menes zog sich hinter den Stamm einer Sykomore zurück; das hohe Gras ringsum verdeckte ihn völlig. Der Zug kam näher; gerade an der Stelle, die sich Menes zum Versteck ausersehen, hielt er an. »Rastet ein wenig, Asa-Termutis fühlt sich angegriffen,« rief eine Stimme. Menes sah, wie sich die alte Dienerin Huassa über die offene Sänfte niederbog, besorgt fragend, wie sich die Herrin fühle; er erkannte, als sie sich umwendete, Asa-Termutis. Die Königstochter lächelte müde, sie schüttelte den Kopf, als man ihr Wein anbot. Der Jüngling fühlte das tiefste Mitleid mit der gebrochen auf den Polstern Ruhenden; sie schien von düsterer Schwermut umfangen, kein Wort kam über ihre Lippen, ihr heiterer Schmuck schien ihrem ernsten Gesichtsausdruck Hohn zu sprechen. Eine Handbewegung der Kranken genügte, um den Zug wieder in Bewegung zu setzen; er schwebte wie ein Traumbild vor den feuchten Augen des jungen Mannes vorüber, um am Gestade des Nil zu halten, wo Asa-Termutis auf Anraten des Arztes ein Bad nehmen sollte. »Sie könnte glücklich sein, Reichtum umfließt sie, Macht umstrahlt sie,« sagte Menes traurig, »und dennoch flieht das Glück von ihr. Wollten es die Götter, daß ich nicht die Ursache ihres Grames bin. Was ist es nur um die Liebe,« grübelte er im Weiterschreiten. »Warum empfinde ich nichts, wenn dieses schöne Weib mir ins Auge sieht, während mich ein Blick Myrrahs durchbebt wie Feuer. Warum sieht dies Königskind mehr in mir, als in jedem anderen Manne.« Als er den Hof des königlichen Palastes erreicht hatte, trat ihm der von der Jagd zurückgekehrte König in Begleitung eines älteren Mannes entgegen, welcher der Leibarzt zu sein schien. Der Arzt sprach mit bedächtigem Tone, während er die Runzeln seiner Stirn von Zeit zu Zeit bewegte oder seiner Rede mit einer ernsten Gebärde Nachdruck verlieh. Als er sich verabschiedet hatte, schritt Ramses gedankenvoll seinen Gemächern zu. Ehe er das Portal erreicht, ward er Menes ansichtig, stand still, bis dieser nahe herangekommen und schüttelte dann schmerzhaft sein ehrwürdiges Haupt. »Mein Freund, mein Retter,« sprach er, tief bewegt, »mein Leben hast du mir gerettet – oh! könntest du mir auch dieses Leben retten.« »Welches, mein hoher Gebieter?« frug Menes beklommen, ob er gleich wußte, wessen Leben gemeint sei. »Menes! ich fürchte – o, ihr Götter! wie werde ich's ertragen,« zitterte es von des Königs Lippen, »ich fürchte, die Götter wollen sie mir rauben –« »Mein hoher Herr! – faßt Euch –« wagte Menes abgewendet hervorzustammeln. »Der Arzt – sagt mir – o, meine Tochter! – sie stirbt.« Mit diesen Worten sank das Haupt des Herrschers auf die Schultern des jungen Mannes; eine Träne sah Menes über seinem Arm am Boden blitzend zerschellen. Doch nur einen Augenblick gab der Gewaltige seiner Schwäche nach, er raffte sich auf und schnitt langsam seinen Gemächern zu, Menes in der peinlichsten Mißstimmung zurücklassend. Zum Glück hatte der Jüngling nicht lange Zeit, über das Unheil, das er ohne seine Absicht heraufbeschworen, nachzugrübeln; der Abend sank auf die Gefilde nieder, das gefahrvolle Werk harrte des Vollführers. Nachdem er sich ein wenig ausgeruht, steckte er, um für alle Fälle vorbereitet zu sein, einen Dolch nebst einem aus starken Fäden gedrehten Seile zu sich und begab sich sodann klopfenden Herzens auf den Weg nach dem Tempel. In der Stadt war es bereits stille geworden; die Gewerbe ruhten, nur noch zuweilen ertönte der Hammerschlag des Schreiners. Türen und Fenster wurden der Abendkühle erschlossen; die Fischer kehrten vom Nile, die Krieger eilten zum Wein. Auf den Dächern der Häuser, unter bauschenden Vorhängen saßen die Bürger, die Abendluft zu genießen oder ihre Milch mit Datteln zu verzehren. Junge Mädchen warfen den Ball vor den Treppen der Wohnungen, oder man sah hinter den Fenstern zwei alte Leute vor einem kleinen Tische knien, die Steine des Brettspiels schiebend. Hastig eilte unser Freund quer durch die Stadt, ihrem nordöstlichen Ende zu, ohne in seiner Aufregung das Treiben der Menschen (was er sonst so gerne tat) zu beobachten. Bald ragten die riesigen Pylonen des Amun-Tempels vor ihm auf und bald war sein banger Fuß eingetreten in den ersten Hof des gewaltigen Gotteshauses, das wie ein lebendig gewordenes Gebirge unter dem zitternden Sternhimmel ruhte. Er schritt von Hof zu Hof, die letzte Zelle zu suchen, wo die nächtlichen Zusammenkünfte der Verschwörer statthaben sollten. Die Gegenstände waren kaum mehr zu unterscheiden, die weiten Höfe lagen weiß im Glanz des Mondes, wie ausgebreitetes Linnen, rings von finsteren Mauern umrahmt, die ihre schwarzen Schatten auf den schimmernden Sand gossen. Unser Wanderer störte durch seine Schritte zwei Geier von ihrem blutigen Mahl auf; in seinem hoch erregten Gemütszustande wollte ihm das häßliche Gekreisch der beiden wie eine Abmahnung erscheinen; er blieb einige Augenblicke stehen, bis zwei dienende Priester, die an ihm vorübergingen, nach seinem Begehren frugen. Hastig gab er zur Antwort, er habe noch ein Gebet zu verrichten, und eilte weiter. Heute imponierte ihm der mächtige Säulenwald, durch den er wandeln mußte, wenig, auch die Sphinxe ließen ihn gleichgültig, er hatte nur sein Ziel vor Augen, das ihn für alles übrige blind und taub machte. Bald war die letzte Zelle gefunden, deren Türe jedoch verschlossen war, ein sicheres Zeichen, daß die Stunde der Versammlung noch nicht gekommen; auch im Inneren ließ sich keine Stimme hören. Wie aber hineingelangen? Es war wichtig, vor allen übrigen in den Raum zu schleichen, da im anderen Falle die Entdeckung hätte unausbleiblich sein müssen; auch war das Tor zu massiv, um den Schall der Sprechenden deutlich nach außen dringen zu lassen. Was tun? Eile war nötig, jeden Augenblick konnten die ersten erscheinen. Halt! vielleicht hatte diese Zelle, wie viele des Tempels, keine Decke. Vielleicht war von oben in sie einzudringen. Der Jüngling stahl sich klopfenden Herzens eine Stiege hinauf. Richtig, die Decke der Zelle beschränkte sich auf ein von Säulen getragenes, sechs Fuß breites Steingesimse; durch den offenen Mittelpunkt konnten Sonne und Mond hineinscheinen. Aber wie hinuntergelangen? Er sah über den Rand in die Tiefe hinab. Zu erlauschen, was unten gesprochen wurde, war unmöglich; er mußte in das Innere der Zelle gelangen. Das mitgebrachte Seil ließ sich wohl an einer der hervorspringenden Dachverzierungen befestigen, reichte aber kaum bis in die Hälfte der Höhe. Doch dort stand eine Bildsäule Amuns, deren Haupt noch vielleicht acht Fuß vom Rande der Decke entfernt war; soweit reichte das Seil. Erfreut über diese Entdeckung, schlang Menes das Seil um eines der Ornamente; es berührte, hinabgelassen, die Steinschulter des im Sternlicht grünlich schimmernden Gottes. »Der Gott wird mir seine Entweihung verzeihen,« murmelte Menes aufgeregt, als seine Sandalen erst des Steinbildes Haupt berührten, dann auf seinen Schultern ruhten, dann auf seinen Armen hinabglitten und schließlich auf seinen Knien festen Boden suchten. Ein Sprung ließ ihn von dort die Steinfliesen der Zelle erreichen. So war er also im Mittelpunkt der Verschwörung, konnte hinter dem Rücken des Gottes, unsichtbar wie ein Geist, ihre Schändlichkeiten mit anhören. Die Säulen der Zelle standen regungslos, wie alte Krieger; über der Öffnung des Daches flimmerte der Sternhimmel; grün, wie eine Eidechse, schimmerte der Gott. Nun galt es ausharren. Ein Frösteln der Erwartung überlief Menes, die Knie zitterten ihm so heftig, daß er sich niedersetzen mußte. Es war eine seltsame Lage, er verhehlte es sich nicht. Die tiefe Stille ringsum regte die beängstigte Phantasie tief auf; er mußte zuweilen nach Atem ringen, so schwer legte sich ihm die Nacht und die spannungsvolle Erwartung auf die Brust. Er hatte vielleicht eine halbe Stunde voll Unruhe und Beklommenheit verbracht, als er draußen auf dem Gange näherkommende Schritte hörte. Mittels eines geschickten Schlages verbarg er das herabhängende Seil hinter dem Haupte des Gottes und lauschte. Was sollte sich ihm jetzt entschleiern? Welche Pläne schmiedeten die Gottvergessenen! Er war am Ziel, ihm war es vorbehalten, der Retter des Reiches genannt zu werden, und diese Gedanken erfüllten ihn mit Stolz. Die Türe ward geöffnet; Psenophis, der Oberpriester, schlich behutsam herein. Er trat auf den Altar zu, auf welchen er eine mitgebrachte Lampe stellte, deren Schein das grünliche Steinbild nebst den Säulen matt erhellte; dann winkte er nach der Türe; durch diese trat ein Sklave, mehrere Stühle hereintragend, die er im Kreise umherstellte. Kaum war dies geschehen, so hallte der Gang von neuen Schritten wider. Menes fühlte nun erst vollständig das Gefahrvolle seiner Stellung. Hoffentlich kam keiner der Eintretenden auf den Einfall, zwischen die Bildsäule und die Wand zu blicken. Hier stand oder besser stak der Tollkühne, still wie eine Leiche, selbst den Atem unterdrückend, soviel es gehen wollte. »Näher, nur näher,« rief Psenophis. »Ah! unsere Königin mit ihrem erlauchten Sohn.« »Wir sind es,« sagte Urmaa-nofru-râ, ihr Tuch zurückschlagend, »wir stahlen uns aus dem Palast. Noch niemand sonst hier?« »Es scheint, wir sind die ersten,« erwiderte Cha-em-dyam, finster um sich blickend. »Die ersten und die besten, nicht die ersten besten,« witzelte Psenophis, »doch da kommen auch die übrigen pünktlich. Nur herein,« rief er den Gang hinab, »ihr braucht eure Schritte nicht zu dämpfen. Wie könnte hier ein Lauscher in der Nähe sein, ich habe alle Priester längst entfernt.« Menes sah nun, wie einige ihm Unbekannte eintraten, die Anwesenden grüßten und sich zu ihnen setzten. Unter diesen befand sich ein dunkelfarbiger Jüngling, der, wie Menes aus den Anreden der übrigen erfuhr, ein äthiopischer Königssohn aus Meroë war. Nachdem alle Platz genommen, schloß Psenophis die Türe, holte die Lampe vom Altar – wobei ihr flackernder Schein vorüberhuschend den Winkel unseres Freundes streifte – und stellte sie mitten in den Kreis der Verschworenen. Als die Türe ins Schloß fiel, war es unserem Freund, als habe sich die Welt hinter ihm geschlossen. Er strengte alle seine Sinne aufs äußerste an. Nun galt es sehen, hören, behalten, nun saß er in der Höhle der Löwen – Umkehr unmöglich – er mußte ausharren, bis es jenen beliebte, zu gehen. »O großer Amun-râ, der du zornig auf diese Elenden herabblickst,« betete er inbrünstig, »leihe mir deinen Schutz. Wenn du mich wieder glücklich aus den Klauen dieser Schurken befreist, will ich, was ich vernommen, zum Wohl deines Sohnes, meines guten Königs, verwerten.« Das Durcheinanderreden der Versammelten ging in ruhigeres Gespräch über, als der Oberpriester, der Lenker des Rates, Stille gebot; der Lauscher hinter der Säule konnte jede Silbe vernehmen. Zuerst las Psenophis eine Liste ab, welche die Namen aller Königsfeinde enthielt; jeder antwortete, als er aufgerufen wurde, mit »Hier!« Es fehlte keiner. Sodann sprach Psenophis gewandt und schlau über den Zweck des ganzen Unternehmens. Er stellte Ramses den Zweiten als einen Unwürdigen hin, der die Fremden, die Juden zu sehr begünstige und die Kraft des Volkes in nutzlosen Kriegen vergeudete. Er hastete über jeden einzelnen Punkt geschickt hinweg, wußte die kleinen Fehler des Monarchen zu wahren Riesen auseinanderzutreiben und drückte die großen Eigenschaften des Gewaltigen zu Zwergen herab, tat dies aber mit solch verblüffender Zungengewandtheit, daß man ihm oft im Augenblicke recht geben mußte, und man erst später die Falschheit seiner Schlüsse durchschaute. Nachdem er lange genug als Sandkorn den Koloß Ramses bemäkelt, schloß er mit zündenden Worten, die ein lebhaftes Zustimmen seiner Schar hervorrief. Nun besprach man sich flüsternd, so daß unserem Lauscher der Beginn der Unterredung verloren ging. »Er kann nichts mehr verraten,« lachte die Königin, etwas lauter als die übrigen, »mein Trank hat ihn stumm gemacht. Dank diesem köstlichen Kraut!« »Ihr handeltet gut,« entgegnete Psenophis, »Hui hätte uns gefährlich werden können. Sehr gefährlich! Nun, vor seiner Verräterei sind wir gerettet; der Tod ist ein schweigsamer Bundesgenosse. Aber von anderer Seite droht uns Gefahr.« »Gefahr? Woher?« fuhr der Prinz auf. »Wo ist die schöne Jüdin, ich sehe sie nicht?« rief der äthiopische Königssohn dazwischen, »sie besucht unsere Zusammenkünfte nicht mehr.« »Eben von ihr droht uns Gefahr,« sagte Psenophis. »Wie? Von ihr? Unmöglich!« widersprach der Äthiopier, »sie liebt mich, sie ist uns treu ergeben.« »Sie liebt den König,« sagte Psenophis mit einem listigen Seitenblick auf die Königin, welche bei diesen Worten zusammenzuckte; »sie liebt ihn innig, sie hat mir mit großer Kühnheit getrotzt, sie weigert sich ernstlich, ihn zu töten.« »So töten wir sie!« preßte Urmaa-nofru-râ heraus. »Die waghalsige Dirne ist imstande, uns alle unter das Beil des Henkers zu liefern,« fuhr Psenophis fort, »der König ist ihr sehr gewogen; ich für mein Teil glaube, daß er, erfährt er, daß sie unserem Bunde angehörte, sie trotzdem begnadigen wird. Die Gefahr wächst von Stunde zu Stunde, rasches Handeln allein kann uns vom Verderben retten.« »Ich nehme es auf mich, dieser Jüdin das Sprechen unmöglich zu machen,« sagte die Königin mit finsterem Stirnrunzeln, »mein Herz ist an dieser Tat beteiligt, nicht bloß mein Verstand. Sie hat mir den Gatten gestohlen, dadurch allein verdient sie den Tod. Lächele nicht, Priester, über meine Eifersucht und lasse mich gewähren. Es wird mir gelingen, ihr ein Gift beizubringen, wenn sie es am wenigsten erwartet. Ich kenne ein Kraut, das, wenn man es im Zimmer verbrennt, einschläfernd wirkt. Habe ich sie dadurch betäubt, so wird es mir ein leichtes sein, sie für immer schlafen zu machen.« »Ich bin weit entfernt, Eurer gerechten Entrüstung zu spotten,« gab der Oberpriester zur Antwort, »hohe Frau, Eure Rache ist gerecht, ich selbst rate, der Tänzerin, sobald es möglich, Schweigen aufzuerlegen, da ein Wort von ihr hinreicht, uns alle zu vernichten.« Mit Befriedigung gewahrte der Oberpriester die Röte des Ingrimms auf dem Gesicht der Eifersuchtgequälten. »Vor allen Dingen bin ich der Meinung,« sprach nun der Prinz mit heiserer Stimme, »daß wir nicht länger dulden dürfen, wie sich ein fremder, aus Memphis kommender Mensch, jung, unerfahren wie ein Knabe, wie sich dieser Menes in der Gunst des Königs befestigt. Dieser Träumer ist es, der es bis jetzt unmöglich machte, einen Schlag gegen den König zu führen, denn trotz seiner Unerfahrenheit, seinem phantastischen Nichtstun lehrt ihn doch seine hündische Treue, wachsam zu sein. Meiner Ansicht nach muß er vor allen übrigen sich aus der Welt begeben.« Alle stimmten dem Prinzen bei. Menes in seinem Versteck erkannte mit Schaudern, daß er der Gegenstand des allgemeinen Hasses war, denn sein Name ward nur mit den heftigsten Gebärden der Entrüstung ausgesprochen, er fühlte, daß, wenn ihn diese Menschen in ihre Gewalt bekamen, keine Rettung mehr für ihn möglich war. Sie zerrissen ihn mit Worten, ihm war zumut, als sei eine Herde hungriger Schakale über seinen Leichnam hergefallen, als er diese gräßlichen Verwünschungen gegen sich ausstoßen hörte. »Der König wäre längst in seinem Grabmal zur Mumie vertrocknet,« rief Psenophis alle übertönend, »wenn diesem wortkarge Schwärmer nicht stets unsere Pläne durchkreuzte. Der Prinz hat recht: Vor allem müssen wir uns seiner entledigen.« »Morgen,« sagte Urmaa bestimmt, »dringe ich mit drei Sklaven in sein Gemach, lasse ihm einen Sack überwerfen, fessele ihn und –« »Nein, liebe Mutter,« widersprach ihr der Sohn, »ich habe ein besseres, schlaueres Mittel ausgesonnen, das weniger Aufsehen erregt und meine Rache glühender befriedigt.« »Ich lade ihn freundlichst ein, meinen Palast zu besuchen, denjenigen, der südlich eine halbe Stunde von Theben entfernt liegt. Dort zeige ich ihm einen Käfig, den ich angeblich für Nilpferde erbauen ließ. Ich öffne die Eisentüre, lasse ihn hineinblicken und in diesem Augenblicke müssen ihn zwei vorher instruierte Sklaven in das Innere stoßen, woselbst er verhungern mag. Kein Sterblicher wird ahnen, wohin er gekommen, denn dieser Käfig hängt da, wo mein Palast an das Gebirge stößt, über einem Abgrund, in welchen er später versinkt. Diese Strafe mag grausam sein, aber sie ist gerecht.« Man stimmte ihm freudig bei. In Menes' Busen stieg, als er die Worte des Entsetzlichen vernommen, nebst einem kalten Schauer, der ihn überlief, ein Trotzgefühl auf. »Du sollst mir büßen,« knirschte er, »du sollst sehen, wie sich der Träumer rächt. Gib acht! Du hast deinen Käfig für dich erbaut, Unmensch! Über euern Häuptern schwebt bereits unsichtbar das Schwert der richtenden Göttin, das schwarze Verhängnis.« Er vergaß seine gefährliche Lage über diesen Betrachtungen vollständig, bis ihn ein unerwarteter Zwischenfall wieder unangenehm an dieselbe erinnerte. Der Oberpriester stand nämlich plötzlich mit allen Anzeichen des Schreckens auf. »Was ist das?« unterbrach er die eifrig Redenden, »einen Augenblick stille!« Man schwieg. Menes war, als müßten ihm die Sinne vergehen. Sein Fuß, mit dem er zornig aufgestampft, hatte auf den Steinfliesen die Statue zu heftig berührt. »Was? Warum? Wo?« wurde gefragt. »Mir war, als hörte ich ein Schlürfen,« entgegnete der Oberpriester, sich umblickend. »Es wird die Lampe oder der Wind gewesen sein,« meinte einer. »Du hast dich getäuscht,« sagte ein anderer. Psenophis leuchtete einmal flüchtig mit der Lampe durch die Zelle, setzte sie dann wieder hin und gab zu, daß er sich geirrt habe. Menes atmete auf, er richtete sich empor und schickte ein stilles Dankgebet zu den Göttern, die den Schein der Lampe an ihm vorübergleiten ließen. Nun beratschlagte die Versammlung, auf welche Art am leichtesten der König beiseite zu schaffen sei, ob durch einen offenen Angriff auf sein Leben oder einen heimlichen Überfall. Der äthiopische Prinz versprach seinen kriegerischen Beistand, der Statthalter Ani sei bereits in Meroë, um Truppen zu werben. Die Königin riet Vergiftung, Cha-em-dyam wollte Schwert und Dolch gebraucht wissen. Es ward lange hin und her gestritten, die Parteien ereiferten sich, immer lebhafter wurde das Wortgefecht, das Menes mit dem Gefühl des tiefsten Abscheus, des bittersten Unwillens belauschte. Manchmal vergaß er sich in seiner edlen Entrüstung so weit, daß er leise Worte vor sich hin flüsterte, die glücklicherweise vom wilden Stimmengewirr ungehört verschlungen wurden, manchmal war er nahe daran, unbesonnen vorzutreten, ein vernichtendes Machtgebot dazwischen zu schleudern. Endlich, nachdem die Gesichter sich kampflustig erhitzt, die Augen der Verräter wild funkelten, erhob sich Psenophis kühl lächelnd von seinem Sitz. »Toren seid ihr,« rief er mit so dröhnender Stimme, daß die Streitenden verstummten. »Toren, daß ihr euch in einer Sache bekämpft, bei der nur die tiefste Eintracht zum Ziele führen kann. Doch hört mich an. Ich habe einen Plan ersonnen, den ihr alle als einen außergewöhnlich schlauen anstaunen werdet und vor dessen tiefsinniger Verruchtheit die Bosheit selbst beschämt schweigen müßte. Eure Anschläge, die ich bis jetzt vernommen, dienen nur dazu, die Wut des Volkes gegen uns, als die Täter, die Anstifter zu erregen, mein Anschlag hingegen lenkt den Verdacht nicht nur von uns ab, er vernichtet ihn überhaupt, weil – weil der Nil der Täter sein wird!« »Der Nil?« hallte es fragend in der Runde wider. »Ja, der Nil,« lächelte Psenophis, »der heilige Strom wird unser Bundesgenosse sein, den verdammungswürdigen König zu töten, der die verworfene Brut der Ebräer beschützt, der die Macht der Priester eindämmt, der sein Weib betrügt und Fremden sein Vertrauen schenkt. Hört mich an, wie ich es zu machen gedenke: Ich habe am großen Nilkanal nördlich der Stadt ein unterirdisches Gemach erbauen lassen, um der Sonnenhitze entgehen zu können, wenn Festlichkeiten abgehalten werden sollen; solche unterweltliche Prachtsäle sind nichts Seltenes, ihr wißt, daß viele Reiche dergleichen besitzen, oft ganze Monate dort unten zubringen, wenn sie die Sonnenhitze schlecht vertragen oder der Schlaf ihr heißes Lager flieht. In einen solchen Saal werde ich den König zum nächtlichen Gastmahl laden. Nun aber habe ich zuvor – das Werk geht in diesen Tagen bereits seiner Vollendung entgegen – den Nilkanal so dicht an der rechten Wand des unterirdischen Gemaches vorbeiführen lassen, daß das Öffnen mehrerer Riegel, einiger Zapfen genügt, die Wassermasse in das Innere des Zimmers hereinbrausen zu machen, und zwar stürzt sie aus solcher Höhe herab, daß, wie der Baumeister sagt, bis ihr drei zählt, der ganze Raum bis zur Decke mit dem wogenden Naß erfüllt ist. Die Geladenen, beim Weine Sitzenden werden also, kaum zur Besinnung gekommen, schon als Leichen in dem zum Meer gewordenen Gemache umherschwimmen. Auf diese Weise läßt sich der Tod des Königs einfach auf Rechnung des Zufalls schieben – die Wand des Saales konnte nun einmal den Druck des Kanalwassers nicht aushalten. Kein Mensch ist schuld an dem Unfall – der Nil hat es getan.« Als er geendigt und mit triumphierender Miene, wie ein siegreicher Feldherr um sich geblickt, schwieg die Versammlung noch einige Augenblicke. Ein unbehagliches Gefühl, ein demütigendes Grauen überschlich die Hörer, sie ernannten in dem kahlen Priester ihren Meister. Einige warfen Blicke des Neides, des geheimen Ärgers auf seinen glatten Schädel, der sich so stolz erhob, als gebühre ihm die Königskrone. Dann gaben alle kleinlaut ihre Zustimmung. Der Plan sollte in sechs Tagen, wie Psenophis angegeben, zur Ausführung gelangen, bis dahin werde das unterweltliche Werk, das Graben des Seitenkanals beendet sein. Nachdem man noch einige Bestimmungen festgesetzt und sich gegenseitig Treue gelabt, erhob sich die Versammlung. Psenophis nahm eine solche herablassende Herrschermiene an, als man sich trennte, daß Cha-em-dyam ihn mit mißtrauischen Blicken beobachtete, doch als der Oberpriester ihm ins Ohr flüsterte: »Wann dürfen wir dich den Sohn der Sonne nennen?« verklärten sich die düsteren Züge des Prinzen zu einem unheimlichen Grinsen. »In sechs Tagen, hoffe ich,« flüsterte er. »So hoffe auch ich,« erwiderte Psenophis, »und deiner Huld werde ich gewiß sein?« Statt aller Antwort drückte ihm der Prinz gnädigst die Hand. – Indessen hatten alle das Gemach verlassen; Menes war allein, befreit von dieser Meute; er atmete auf. Er trat aus seinem Versteck. Das also war das finstere Werk, das dem König drohte? Auf diese hinterlistige Weise wollte man ihn vernichten? Er ballte die Fäuste gegen die Türe und schwur ihnen alle die grimmigste Rache. »Sogleich zum König,« sagte er sich, »jeden einzelnen genannt. Eine Abteilung Krieger in das Haus eines jeden von ihnen abgeschickt und sie dann öffentlich vor den Augen des Volkes hingerichtet, ohne Verzug, ohne Gericht, ohne Verhör!« Er glühte innerlich, er mußte sich den Kopf mit beiden Händen halten, so schlug ihm das entrüstete Herz bis ins Gehirn hinauf, so wälzten sich ihm die Gedanken wild unter der brennenden Schädeldecke. Doch jetzt galt es handeln. Rasch weg von diesem Ort des Verbrechens, rasch zum König, er mußte aus dem Schlummer der Nacht geweckt werden. Keine Minute durfte verloren gehen, dies Bubenstück vor ihm zu entlarven. Der Jüngling kämpfte seine Erregung nieder, schwang sich auf den Sockel des Steinbildes und hatte eben das vom Dach herabhängende Seil mit der Hand erreicht, als er näherkommende Schritte auf dem Gange vernahm. Was tun? Herabspringen? Sich wieder verbergen? Er lauschte. Vielleicht gingen die Schritte vorüber. Nein! sie hielten vor der Türe. Das Schloß ertönte dumpf. O ihr Götter! Sie haben vergessen, die Lampe mitzunehmen, diese soll geholt werden. Rasch der Lampe einen Stoß gegeben, damit sie erlöscht. Sein Fuß erreicht sie, sie liegt zerschmettert am Boden; der Docht brennt aber noch matt im schwimmenden Öl. Er flieht hinter die Bildsäule; zu spät; die Türe wird geöffnet. »Was ist das?« hörte er den keuchenden Psenophis rufen. »Herbei! Es war jemand hier, wir sind belauscht!« Ferne Stimmen geben Antwort. Der Docht am Boden legt sich um und erlischt. Dem armen Menes schwinden die Sinne. »Herbei! Herbei!« dröhnte es durch die Hallen. Die kaum Gegangenen kehren lärmend zurück und sehen furchtsam, zweifelnd in das nunmehr dunkle Gemach. »Ich sah ihn im Schein der Lampe,« beteuert der Oberpriester. »Unmöglich!« ruft die Königin. »Er war's! Menes war's! Er hat sich versteckt.« »Wer warf die Lampe zu Boden?« schreit es im Chor. »Er! Er tat's, um sich zu retten,« entgegnet, am ganzen Leibe zitternd, der Priester. »Du träumst,« hallt es ihm zurück. »Da ist er; seht ihr dort das Seil vom Dache herabschweben?« stößt er auf einmal frohlockend heraus. »Bei Gott! Das ist ein Seil!« »Er hat recht, wir sind belauscht. Folgt mir, es soll sich sofort offenbaren.« Der Prinz stürzt in den dunkeln Raum, fällt über die Lampe und ruft wütend: »Wer hier?« »Tor! er wird wohl Antwort geben,« höhnt die Königin. Der Prinz gelangt bis an die Bildsäule. Da schreit er auf und flieht mit blutendem Arm zurück. »Ich erhielt einen Dolchstoß,« ächzt er, den Arm haltend. »Es ist am Tag,« schreit Psenophis, »wer folgt mir hinter die Bildsäule?« Einige der Verschworenen fassen ihre Dolche und dringen zögernd ein; Menes rafft seinen ganzen Mut zusammen, die Verzweiflung leiht ihm Riesenkräfte. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, er stürzt sich wie ein rasender Löwe mitten in die verblüfften Verschworenen, um auf diese Art durch Überrumpelung den Ausgang zu erzwingen. Vergebens! Sie fassen ihn! Ein paar Dolchstöße machen ihn wieder frei. Er rennt zurück, springt auf den Sockel und schwingt sich an dem Seile in die Höhe. Schon hat er den Rand des Daches erreicht, schon glaubt er sich hinaufschwingen zu können, da fühlt er eine Hemmung am Fuße, man hat ihn gefaßt und zieht ihn unter Gelächter und Triumphgeschrei zurück. »Ho! Ho!« brüllt der Prinz, »die Jagd ist zu Ende, die Antilope ist gefangen.« »Schneidet ihm die Lauscherohren ab!« schrien die übrigen. »Nein! Habt ihr meinen Käfig vergessen?« lacht der Prinz, »dahinein gehört das seltene Tier.« »Seht, wie es um sich beißt, wie es die Augen verdreht, wie es die Fäuste gebraucht. Wirst du uns nun dem König verraten?« tobt es wild um den Daliegenden. Menes ist es, als versänke er im Meere. Vor seinen Ohren rauscht's, vor seinen Augen ziehen flimmernde Bilder vorüber; die Gedanken: verloren zu sein; Myrrah in dieser traurigen Welt allein zu lassen; den König nicht retten zu können – zucken noch einmal wie qualvolle Blitze durch sein zitterndes Hirn, dann ist eine tiefe Bewußtlosigkeit die Folge seiner Anstrengungen und Aufregungen. Viertes Kapitel Wir kehren zu Myrrah nach Memphis zurück. Ihr glühender Liebhaber hielt sie in strengem Gewahrsam, zeigte sich ihr jedoch von dem Augenblick an, wo sie den Dolch auf ihn gezückt, nicht mehr. So lebte die Unglückliche in einem Zustand fortgesetzter Unruhe, denn, sobald sie Tritte vor ihrer Türe vernahm, vermutete sie den zudringlichen Isaak eintreten zu sehen. Und konnte sie sich auf die Dauer gegen seine Angriffe schützen? Wenn er ihr den Dolch wegnahm? Wenn er Gewalt brauchte! Sie traute ihm alles zu! Schon oft hatte sie die Spitze des Dolches auf ihre Brust gesetzt, jeden Tag nahm sie sich vor, zu sterben, zu jeder Nacht sagte sie: Dies muß die letzte sein; aber der Gedanke an Menes ließ ihren zum Streich erhobenen Arm jedesmal wieder sinken. Auch glomm selbst in dieser verdüsterten Seele noch ein Fünkchen Hoffnung, denn konnte nicht Menes plötzlich vor ihr erscheinen? Oder Isaak, gerührt von ihrer Standhaftigkeit, abstehen von seinem Trachten? Eines Abends trat Hadsa, die äthiopische Sklavin, die ihr Isaak gegeben, zu ihr ein. »Ach! gute Herrin,« sagte sie verwirrt. »Was bringst du mir,« entgegnete ihr Myrrah erschrocken, »du siehst mich so verstört an. Rede! Hast du mir Schlimmes zu melden?« »Ich sollte es verschweigen – wenn er mich hörte – es wäre um mich geschehen,« stammelte Hadsa, ängstlich die Türe schließend. »Aber du liebst mich, Hadsa, ich weiß es,« sagte die Gefangene, »du hast mich während dieser schmählichen Gefangenschaft oft getröstet, mir manche Stunde durch dein Geplauder erleichtert – nicht wahr, du sagst deiner Herrin, was ihr droht? Hat Isaak beschlossen – oh! sprich! mich mit Gewalt – du errätst –« Hadsa, deren Anhänglichkeit an Myrrah während der Zeit ihrer schlimmen Behandlung eine große geworden war und die der Hilflosen manchen Dienst geleistet, sank in die Knie und umarmte weinend ihre Gebieterin. »Rede, gutes Mädchen, hat er beschlossen, mich zu töten?« frug Myrrah gefaßt, das Furchtbarste zu hören. Hadsa schüttelte traurig ihr schwarzes Haupt und drückte der Jüdin weiße Hände auf ihre braune Brust. »Foltere mich nicht, Hadsa,« flüsterte die Jüdin, »rede! was hat man beschlossen?« Die Schwarze wendete ihr Haupt ab. »Man will,« kam es nun zögernd über ihre Lippen, »man will Euch – betäuben.« »Wie? Was will man?« »Euch betäuben – einschläfern –« »Du träumst – ich verstehe dich nicht – oder du wählst nicht die rechten Worte.« »Ich träume nicht! Ich belauschte sie! O Herrin, meine arme Gebieterin, Menes wird schändlich betrogen. Ihr habt mir ja oft erzählt, wie sehr Ihr ihn liebt, wie nur er Euch noch an dieses elende Leben fesselt, und nun will man das, was Ihr ihm mit soviel Mut bewahrt, will man Eure Treue ihm listig stehlen. Oh! auch ich kenne die Liebe, und ich würde mich lieber töten, als meinem Geliebten, wenn er auch nur ein armer Sklave ist, die Treue zu brechen.« »Aber ich begreife deine Worte noch nicht, Hadsa,« rief die zitternde Myrrah ahnungslos. »Was will Isaak tun? Erkläre mir seine Absicht deutlich.« Nun erzählte Hadsa mit keuchender Hast, wie sie Isaak belauscht, als er mit einem alten Weibe verhandelte, die ihm einen Schlaftrunk gebraut. Diesen gliederlähmenden Trunk solle er, habe die Alte gesagt, dem Mädchen in den Wein mischen, sie werde alsdann seinem heißen Verlangen nicht mehr widerstehen können, worauf Isaak die Alte reichlich bezahlt. Myrrah begriff nun endlich die ganze Verruchtheit des Planes. Aber war es denn möglich, konnte ein menschlicher Geist sich so tief erniedrigen? War, mit einer solchen Handlung verglichen, der Mord nicht eine ehrliche, achtbare Tat? Welch ein Abgrund von Scheußlichkeit gähnte sie an! Sie betrachtete ihren Leib und schauderte; Ekel, Entrüstung, unsäglicher Jammer durchwühlte sie; blutige Rachegedanken stiegen wie die Träume einer Wahnsinnigen vor ihrer inneren Seele auf. Stumm und starr saß sie auf ihrem Lager, keinen anderen Freund und Helfer, als ihren Dolch in der Nähe. An ihm hing ihr gebrochener Blick, an ihn klammerte sich der letzte Trost der Verzweifelten. »Oh! er soll mich schlafend finden, der Schändliche, tief schlafend und soll mich sehr still, geduldig und schön finden,« flüsterte sie mit irrem Lächeln, ein übers andere Mal, als die Äthiopierin gegangen war, da ein nahes Geräusch ihr Furcht vor Entdeckung eingeflößt. So saß Myrrah im Leben schon tot auf ihrem Lager. Zuweilen hob sie mechanisch die Spitze des Dolches und ließ sie dann wieder schwer, als wäre sie von Blei, herabfallen. Ein Sklave trat ein, das Abendmahl auf den Tisch stellend; sie regte sich nicht. Dort stand der tückische Becher, der das betäubende Mittel enthielt. Sie sah starr auf denselben; er dehnte sich vor ihren Blicken aus, er nahm die Züge Isaaks an. In einem Anfall von Wut ergriff sie ihn und schleuderte ihn auf den Fußboden. Dann warf sie sich ermattet, an Körper und Geist zerrüttet auf das Lager, geduldig den schrecklichen Augenblick erwartend, wo der Entmenschte zu ihr eintreten würde, im Wahn, sie liege, jedem seiner Wünsche ein willenloses Opfer, in tiefem Schlaf. Nur der eine Gedanke lachte sie mit gräßlichen, verzerrten Zügen an: Stelle dich schlafend und, wenn er dich in entwürdigender Umarmung an sich preßt, stoße ihm den Dolch ins Herz. Sie umklammerte das Eisen so fest, daß sie nicht bemerkte, wie es ihr in die Finger drang. Ein Tropfen nach dem anderen ihres jungfräulichen Blutes fiel zur Erde; dies Sickern des Blutes war der einzige Laut, welcher in dem Gemach zu vernehmen war. Draußen war es dunkel geworden. Der Vollmond quoll hinter den Sykomoren des Gartens empor; manchmal schwirrte mit schwermütigem Summen ein smaragdener Käfer in das Gemach, um das Haupt der Daliegenden; manchmal streifte ein leichter Wind ihr aufgelöstes Haar. Minute auf Minute verstrich, noch war Isaaks Schritt nicht zu vernehmen. Immer einsamer ward es um die Einsame, immer dunkler. Da – hörte sie nicht Klopfen? An die Türe klopfte eine leise Hand. Nein! Das Schloß ward geöffnet. War es der Schändliche? Wähnte er sie schlafend und wollte er jetzt an sein Verbrechen gehen? Sie hielt mit der zitternden Hand ihr hochaufschlagendes Herz – langsam vergrößerte sich jetzt die Türspalte – sie wagte nicht hinzusehen. Doch das waren keine Männerschritte. Eine weiche Hand legte sich auf ihre Schulter; wollte er sie umfassen? Sie zückte den Dolch, bereit zum tödlichen Stoß. »Herrin,« lispelte es neben ihr, »gute Herrin, hört mich an.« Die Gequälte sah empor, sie sah in das schwarze Gesicht ihrer Hadsa. »Kommt er jetzt?« wimmerte sie. »Hört mich, Gebieterin,« entgegnete die andere, »ich habe einen Weg gefunden, Euch zu retten – vielleicht für immer zu retten.« »Wie? Zu retten? O du gute, treue Seele, rede! – Doch du täuschest dich gewiß selbst; mein Gott hat mich verlassen, ich kann gerettet werden – ja! aber nur durch den Tod.« »Nein, gute Herrin, verliert den Mut nicht, Ihr habt noch treue Helfer,« ermahnte die Dienerin, »Ihr wißt, daß ich die Schließerin Eures Gemaches bin. Nun denn, ich habe beschlossen, Euch trotz allen Strafen, die mir drohen könnten, aus dem Zimmer entfliehen zu lassen; auch habe ich ausgespäht, wie die Türe des Hauses geöffnet werden kann. Wenn Ihr es wünscht, fliehe ich mit Euch.« Bei dem Gedanken an Flucht erhellten sich die Züge Myrrahs. »Aber hast du die Wachen vergessen, die das Haus umgeben,« sagte sie, »dein Plan wird unausführbar sein, denn wie gelangen wir durch die Wachen?« Nun setzte Hadsa mit fliegender Hast ihrer Herrin folgenden abenteuerlichen Plan auseinander. Die Sklavin Petafa war gestern gestorben; sie hatte sich, wie man annahm, aus unglücklicher Liebe ertränkt und lag nun in einem hinter dem Haus gelegenen Stalle auf der Bahre, von wo aus sie noch in dieser Nacht nach Memphis zum Mumienverfertiger gebracht werden solle, um daselbst einbalsamiert zu werden. Nun ging der Rat Hadsas darauf hinaus: Myrrah solle sich statt der Leiche der armen Petafa auf die Bahre legen; die Träger würden auf diese Weise unbewußt die Lebendige aus den Mauern ihres Gefängnisses tragen, denn selbst, wenn es ihnen einfallen sollte, das Tuch, mit welchem man die Leiche bedeckt, zu heben, wäre anzunehmen, daß sie in der Dunkelheit der Nacht ihren Irrtum schwerlich bemerkten. Als Hadsa geendet, erwartete sie, Myrrah würde sich sträuben, sich in ein solch gefährliches, ja schauriges Wagnis einzulassen, doch was war dieser Unglücklichen in diesem Augenblick Gefahr, Schrecken? Sie kannte nur die eine Gefahr, mit der betrachtet alle übrigen geringfügig erschienen, von Isaak überrascht zu werden. Nur fort von hier, rief es in ihrem Inneren, einerlei, auf welche Art, und so gab sie sogleich ihre Zustimmung zu diesem seltsamen Rettungsmittel, ja, sie fiel sogar der treuen Schwarzen um den Hals, ihr reiche Belohnung versprechend. Nun schlichen beide auf den Zehen durch die stillen Gänge des Hauses. Hadsa schob behutsam den Riegel von der Haustüre, lauschte, ob niemand ihre Schritte beachtete, zündete rasch eine kleine Laterne an und führte dann die entschlossene Jungfrau in den über dem Hofe gelegenen Stall. Sie traten zögernd ein. Der Raum war nicht groß. Dort hing ein ungestaltetes Stück nassen Segeltuches über einer Bahre, unter dessen harten tropfenden Falten ein menschliches Haupt wie im Spott verzogen hervorgrinste. Myrrah schauderte trotz aller ihrer Festigkeit zurück, als sie das triefende Haar der Unglücklichen erfaßte und als sie ihr, wie sie das Tuch zurückstreifte, in das gläserne Auge sah, von dem nur noch das Weiße leer in die Luft starrte. Aber sie faßte sich ein Herz. Es mußte sein. Mit Hilfe Hadsas gelang es, die Leiche von der Bahre zu heben und sie in einer alten Truhe, die im rechten Winkel des Stalles stand, zu verbergen. Bis hierher hatte der Mut Myrrahs standgehalten, nun aber, als sie sich auf die Bahre legen sollte, auf der die Tote ihren kalten Hauch zurückgelassen, befiel sie ein heftiges Frieren; sie bebte zurück. »Ich kann nicht,« jammerte sie, »das Tuch ist so naß und riecht so übel. O gute Hadsa, was soll ich beginnen?« Hadsa legte sich auf die Bahre, zog, ohne ein Wort zu erwidern, das Tuch über sich und erklärte, nachdem sie eine Weile gelegen, nur die Vorstellung davon sei so gräßlich. Dann stand sie wieder auf, der in Tränen ausbrechenden Myrrah Mut zusprechend. »Ich will es tun, um seinetwillen,« sagte diese endlich sich fassend, »was täte ich nicht, um mit Menes vereint zu werden und ihm diesen Leib unbefleckt entgegenbringen zu können. Ja, du hast recht, gute Hadsa. Es bleibt mir nichts anderes übrig, ich muß meinen Ekel, meinen Abscheu überwinden. Und was ist schließlich diese grauenvolle Lage, verglichen mit der anderen, die mir gedroht.« Kaum hatte sie geendet, als sich Schritte dem Stalle näherten. Sie hatte also keine Zeit, sich zu besinnen, einen Seufzer ausstoßend, warf sie sich auf die Bahre; die Schwarze zog sodann rasch das Segeltuch über ihren Körper. »Nun, wer da?« ließ sich an der Türe eine rauhe Stimme vernehmen. Mehrere Männer, von denen einige Fackeln trugen, traten ein. »Was suchst du hier bei der Toten, schwarze Ziege?« rief einer der Sklaven. »Ich –« entschuldigte sich die erschrockene Hadsa, »ich wollte die Arme noch einmal sehen. Ihr wißt, wir waren Freundinnen.« »So, so,« sagte der andere. »Aber beeilt euch,« entgegnete die schlaue Äthiopierin, indem sie aus dem Raum trat. »Die Tote riecht bereits. Ihr tut gut, sie ohne Zögern zu Hotep, dem Mumienverfertiger, zu bringen.« »Soll besorgt werden,« hörte Myrrah einen der Männer sagen, während sie zugleich fühlte, wie man sie in die Höhe hob. Bald darauf merkte sie am taktmäßigen Schwanken ihrer Unterlage, daß sich der Zug in Bewegung gesetzt. Ihre einzige Befürchtung war die, es könnte einem der Träger einfallen, das Tuch zu heben, sie wagte es nicht auszudenken, was ihr alsdann drohte; krampfhaft hielt sie sich an den Sprossen der Bahre, fest die Augen zudrückend, den Atem anhaltend und sich selbst Mut zu sprechend. Die Tropfen des nassen Tuches liefen ihr kalt den Nacken hinab; die Bewegungen der Träger wurden manchmal so ungleichmäßig, daß sie fürchtete, abgeworfen zu werden, doch als sie nun hörte, wie der Zug durch das Tor ins Freie schritt, wurde es ihr etwas leichter ums Herz. Wenn sie die Augen öffnete, sah sie vor sich das graue Tuch; doch gelang es ihr, unbemerkt den Kopf nach der rechten Spalte zu wenden, die ihr den Blick auf die nächtliche Mondlandschaft gewährte. Auf diese Art ließ sich auch besser Atem holen. Nach kurzem Marsch stellten die Träger die Bahre nieder und einer der Leute setzte sich ermüdet neben das Mädchen auf den schmalen Teil des Gerüstes, welchen ihr Körper freigelassen. Jeden Augenblick glaubte sie, dieser Mensch müsse ihre Atemzüge hören. Sie litt unbeschreiblich. Ihre Qual erreichte aber den höchsten Gipfel, als sie folgendes Gespräch mit anhören mußte. »Warum hat sie sich ertränkt?« hörte sie neben sich fragen. »Aus Liebe, sagt man,« versetzte ein anderer. »War sie hübsch?« frug der vierte Träger. »Kann's nicht sagen.« »Wartet, ich sehe sie hier durch die Öffnung des Tuches – nein, es sind ihre Haare.« Myrrah glaubte, der Zeitpunkt ihrer Entdeckung sei gekommen; das Bewußtsein begann ihr langsam zu schwinden. »Laßt die Decke liegen,« vernahm sie jetzt, »ich sehe nicht gern einem Toten ins Angesicht; die Kerls haben Augen, die einem noch tagelang anstarren und reißen den Mund auf, als wollten sie einen verschlingen.« Myrrah fühlte, wie das Tuch ein wenig hinweggerückt wurde. Der Zustand der Armen ward immer bedrohlicher, sie hatte mit übermenschlicher Anstrengung gegen ein aufsteigendes Krampfgefühl zu kämpfen, dessen Zuckungen ohne Zweifel zu Verrätern geworden wären; sie vermochte sich nicht mehr in dieser regungslosen Lage zu erhalten. »Bei allen Löwen Lybiens, sie war schön,« hörte sie dicht neben sich ausrufen, »sie hat eine prächtige Schulter, weiß, wie die Wüste im Mondschein.« »Du verliebst dich wohl gar in tote Reize, du Unmensch, und verlangst Süßes vom Tod. Pfui! halte dir die Nase zu,« entgegnete ein anderer. Alle lachten und der neben ihr Sitzende schlug mit der flachen Hand auf ihre Schulter, daß es klatschte. Ein Glück, daß die Verzweiflung all ihr Blut nach dem Herzen getrieben, wodurch sich ihr Körper leichenhaft kalt anfühlte, daß der Schrecken ihre Glieder lähmte und sie in einen Zustand von todähnlicher Bewußtlosigkeit versenkte, aus dem sie erst wieder erwachte, als die Gefahr vorüber war. Endlich, endlich, nachdem ihr Ohr noch durch viele unlautere Witzworte beleidigt worden, nachdem sie fast glaubte, sie könne es nicht länger ertragen, sie müsse aufschreien oder die gewaltsame Anstrengung, ihre Erregung zu verbergen, koste ihr das Leben, endlich hoben die Träger die Bahre und gingen weiter. Bald vernahm sie, daß die Sandalen der Männer Pflaster traten; sie waren in Memphis angelangt. Nach einem kurzen Weg hielten sie vor einem Hause, verhandelten mit einem aus demselben tretenden Manne und trugen, wie das Mädchen deutlich merkte, die Bahre in ein großes Mumienmagazin. Noch hörte sie, wie die Gehenden dem Mumienverfertiger sagten, die Leiche solle die einfachste, billigste Art der Einbalsamierung empfangen, wie der Mumienverfertiger mit dem Preis einverstanden war, und wie sich die Schritte der Träger verloren; dann verfiel sie in ein krampfhaftes Weinen, das ihr erst nach längeren, vergeblichen Bemühungen zu unterdrücken gelang. Als sie die Decke hinweghob, fühlte sie sich so matt, daß sie kaum aufrecht zu stehen vermochte, und dennoch galt es fliehen, fliehen, so rasch wie möglich, da die Arbeiter und Ausbalsamierer früh mit ihrem unsauberen Werke anfingen. Sie schluckte ihre Tränen hinab, beherrschte ihr Schluchzen und eilte auf die Türe der dunklen Werkstätte zu, durch deren Glasfenster ein müdes Mondlicht in die Halle drang. Im Weitergehen den Weg suchend, tastete sie auf einem naßkalten, glatten Gegenstande herum – – Was war das? Entsetzt fuhr ihre Hand zurück; im fahlen Trauerglanz des Mondes sah sie, daß sie zufällig einer Leiche in den Mund gekommen war. Nun erst bemerkte sie, daß sie unter sechs einzubalsamierenden Toten die einzige Lebende war; ringsum lagen die stummen Schläfer, dort ein reich Gekleideter in einem halbfertigen kostbaren Sarg, duftend von Wein und arabischem Balsam, hier eine arme Frau, deren Körper bereits zur Hälfte mit Myrrhen ausgefüllt war, während man ihre Arme mit Binden umwickelt hatte. Ringsum standen Geschirre, gefüllt mit Salpetersäure oder Kolophonium, lagen Masken, hingen Bissusbinden, hingen die Messer und Gerätschaften, deren man bei dieser traurigen Arbeit bedurfte. Ein Schauer überlief die von Gott und Menschen Verlassene, als ihr Auge diese schweigsame Gesellschaft überflog; es war ihr, als müsse die braune Mumie, die sie eben berührt, aufstehen, um Rechenschaft von ihr zu verlangen. Sie floh wie eine verfolgte Gazelle aus der Werkstatt auf die Straße nach dem Nil zu, um sich dort so lange im Schilfe zu verbergen, bis sich ein Schiff fände, das sie mit nach Theben nähme. Als sie so eilend dahinschritt, war es ihr mehreremals, als vernähme sie in der Ferne hinter sich das Rufen und Antreiben einer sie verfolgenden Meute. Fünftes Kapitel Wir verließen Menes unter den Händen seiner Entdecker. Als er wieder aus seiner tiefen Bewußtlosigkeit erwachte, fand er sich in einem Gemach oder besser einem Käfig eingeschlossen, in dem er kaum aufrecht zustehen vermochte und dessen Wände er mit den ausgestreckten Armen erreichte. Wo war er? Die schreckliche Gewißheit, daß der schändliche Prinz seine Drohung wahr gemacht, seinen Rachedurst dadurch befriedigt hatte, ihn in dies elende Gefängnis werfen zu lassen, überdrang ihn kalt. Und hatte er nicht trotz seiner Betäubung gefühlt, wie man ihn in diesen Kasten schob? Klangen ihm doch noch die höhnischen Worte des Tückischen im Ohre nach. Ja, diese Wände waren kein Phantasiegebilde, sie ließen sich betasten, sie hielten stand; er war das Opfer bübischer Rache geworden; das Gefühl innerer Beängstigung, welches uns erfaßt, wenn wir uns in einem bedrückend engen Raum befinden, der uns an der Bewegung hindert, überkam ihn mit solcher Macht, daß er in einem Anfall von Verzweiflung seine Fauste an Boden und Decke des Kastens wund schlug, aber die grausamen Wände gaben sein Gestampf, sein dumpfes Schmerzgestöhne höhnisch zurück, ohne sich zu öffnen; sie ließen ein metallenes Knarren und Summen ertönen, das dem armen Eingekerkerten wie triumphierendes Gelächter seiner Feinde erklang. Sterben? rief es in seinem sich krampfhaft zusammenziehenden und wieder gewaltsam ausdehnenden Inneren, sterben ist nichts! Aber auf diese Art sterben, oder was noch schlimmer, lebenslänglich in diesem Winkel zum Gerippe zusammengekauert hintrauern müssen!! O menschliche Bosheit, deine Erfindungskunst übersteigt die Blutdurst der Tiere. Manchmal glaubte er, der Ingrimm der Verzweiflung müsse ihm Kraft verleihen, den Boden des Käfigs zerstampfen zu können, doch wenn er sich umsonst abgemüht, sank er ermattet nieder, gleichgültig und stumpf auf die eisernen Platten starrend, die mit so unbarmherziger Festigkeit vor ihm aufragten. Oh! wenn sie es doch wüßten, seine Freunde, welche Schändlichkeit man an ihm verübt! Warum wußten sie es nicht? Er begriff es nicht, daß sie es nicht wissen konnten, es war ihm, als müßten sie es längst erfahren haben, als hielte nur Teilnahmlosigkeit sie ab, ihm beizustehen. Die Trostlosigkeit malte ihm, was er dachte, in verrenkten, übernatürlichen Gestalten. Jede, auch die kleinste Empfindung, schwoll ihm zum Ungeheuerlichen an; die Gedanken überstürzten sich in seinem Hirn, wie ein Rudel losgelassener Hunde zerfleischten sie ihn und fraßen an seiner Seele. War er denn wirklich gefangen? Unmöglich! Er träumte bloß. Er rieb sich die Augen und starrte seine Hände an, er machte ein paar Schritte in dem engen Raum, warf sich in eine Ecke und hielt sich den Kopf mit beiden Händen zwischen den Knien fest, denn es war ihm, als müsse sein kreisender Schädel aus den Fugen brechen. Da reckte sich der Wahnsinn vor ihm auf, wie ein gigantisches, blutrotes, verzerrt lächelndes Gespenst! Er drückte die Augen zu –: »Fort! fort! ihr Bilder! was wollt ihr!« – Es war so still! Er tat einen Schrei, der lange in dem Metall des Kastens nachzitterte. Umsonst! Die fieberhafte Beengung legte sich bleiern auf seine Stirne, der Atem floh pfeifend aus seiner gequälten Brust; er fühlte, wie seine Augen zu bluten und sich aus den Lidern zu drängen begannen. Endlich zwang er sich zur Ruhe. Du mußt! was nützt diese Aufregung! Fasse dich, halte dir das Herz im zerspringenden Busen fest. Ringe wie ein Zwerg mit dem Riesen Wahnsinn – er muß unterliegen. Er verfiel auf den Gedanken, Stellen aus der Heiligen Schrift herzusagen, und dies Deklamieren ehrwürdiger Sprüche, tiefer Weisheit besänftigte ihn ein wenig. Myrrahs Bild stieg vor seiner Seele empor. Einen Augenblick hindurch vergaß er völlig, wo er sich befand; sein Herz schwoll auf; eine süße Wehmutstrunkenheit durchzog ihn; er konnte weinen. Diese Tränen! o welches Labsal sie für ihn waren, sie flößten ihm eine erhabene Ruhe ein, und sein trauriger Kerker erschien ihm wie sein Grab, in das man ihn gelegt, um ihn ausschlafen und träumen zu lassen. Allmählich ging diese ergebene Ruhe in Schlaf über, den zwar wilde Träume zu einem höchst unerquicklichen machten, der aber immerhin Schlaf war, süße Täuschung, ein Betrug, den der gepeinigte Geist sich selbst schafft. Ja, aber diese Träume! Er fühlte im Schlafe, daß er träumte. Stiehlt sich das tückische Schicksal sogar in unseren Schlaf, um uns zu martern? Mit einem Stöhnen erwachte er. Nun erst, denn es war Tag geworden, bemerkte er deutlicher wie gestern die Luft- und Lichtlöcher, die der Käfig rings an der Wand trug. Aber wie? Waren es gestern nicht sechs Löcher gewesen und jetzt waren es nur fünf? Und da stand auch neben ihm eine Schale mit Wasser nebst einem kleinen Brot! Wo kamen diese Gegenstände her? Es war nirgends eine verschiebbare Öffnung zu sehen. Sein Kerker fing ihm an geheimnisvoll zu werden. Wenn mir Speise gebracht wird, überlegte er, muß sich ein menschliches Wesen dem Gefängnis nähern, ich kann mich also auf jeden Fall mit diesem Überbringer des Brotes in Verbindung setzen, sobald er nahe genug an die Wand herangetreten. Vielleicht, daß dieser Mensch mehr Erbarmen fühlt, als sein Herr und mir einen Weg zum Entkommen öffnet, wenn ich ihm große Versprechungen mache. Menes trank hierauf von dem Wasser, zu essen vermochte er nicht. In trostloser Ergebenheit ward dieser Tag hingebrütet; er fühlte, wie lähmend dieses öde Nichtstun auf Geist und Körper wirkte. Dazu kam eine grenzenlose Abspannung aller seiner Kräfte, die ihm unaufhörlich bald kalten, bald glühenden Schweiß aus allen Poren trieb. Er sagte sich, daß, wenn sich seine Lage nicht bald ändere, er unrettbar völliger Geistesumnachtung anheimfiele, denn schon war er nicht mehr ganz Herr seiner Gedanken, schon begannen sich dunkle, unheimliche Schatten um sein inneres Auge zu legen. Er ertappte sich oft auf völlig sinnlosen Einfällen, unlogischen Gedankenverbindungen, und manchmal war es ihm, als müßte er sich vor sich selbst entsetzen. Wenn er sich so in seinem Käfig umblickte, überrieselte es ihn manchmal, als schüttete man einen Feuerregen über seinen Rücken, sein Gehirn krampfte sich zusammen, doch er kämpfte mannhaft dies vernichtende durchschauernde Angstgefühl nieder. Der Abend kam und er zwang sich, wach zu bleiben, um dem Geheimnis des Brotüberbringers auf die Spur zu kommen. Gegen Mitternacht hörte er ein leises Klingen. Rasch fuhr er mit der Hand nach der Stelle, von wo ihm der Ton zu kommen schien; trotz der völligen Finsternis bemerkte er, wie ein kleines Türchen geöffnet ward, aus welchem eine Hand Brot und Wasserschale in den Käfig schob. »Erbarmen! Erbarmen!« schrie er mit Anstrengung aller seiner Stimmkräfte, »rette mich, wer du auch sein magst; dein Lohn soll ein ungewöhnlicher sein.« Die Türe fiel zu; man wollte ihn nicht hören. Zugleich knirschte es in allen Winkeln des Käfigs, als ob ihn ein Erdbeben erschüttert. Was bedeutet das? Diese Beobachtung raubte dem Unglücklichen alle Kraft, noch einmal zu rufen. Er wartete den Morgen zagend ab; eine furchtbare Entdeckung sollte sich ihm, als der erste Strahl der Sonne in seinen Sarg fiel, offenbaren – er bemerkte, daß von den fünf Luftlöchern, die ihm gestern Licht boten, nur noch vier vorhanden waren und – was sich ihm am schrecklichsten aufdrang, – daß sein Behälter sich von allen Seiten aus um zwei Fuß breit verkleinert hatte. Welch entsetzlicher Verdacht stieg in ihm auf! Er sah mit stieren Augen rings an den Wänden umher, er brach in Tränen der Wut und Entrüstung aus. Es war am Tage. Er konnte es sich nicht leugnen, diese unmenschlichen Eisenwände sanken auf irgendeine mit raffinierter Bosheit ausgedachte Weise, von außen in Bewegung gesetzt, jeden Tag mehr in sich zusammen. Das rätselhafte Knirschen, das er vernommen, war die Bewegung, das Rollen der mörderischen Maschine; er sollte bei lebendigem Leibe zerquetscht werden. Nahrung bot man ihm nur, um ihn lebendig einzusargen. Welche Aussicht! Daß man ihn töten wolle, davon war er überzeugt, das hatte er längst erkannt, daß aber der Mensch an der Qual des Menschen so tierische Befriedigung finden könne, das wagte er bisher nicht anzunehmen. Welchem Kopfe mußte dieser Plan entsprungen sein; wie konnten, wenn Götter lebten, sie solches Ungeheuerliche zulassen? Es begannen sich ihm von neuem die Gedanken zu verwirren, bis er schließlich gar nicht mehr fähig war, einen Gedanken zu fassen, eine Empfindung sich klarzumachen. Sein Geist war von der Vorstellung dieser erbärmlichen, unerhörten Todesart erdrückt, seine Seele wand sich wie ein zertretener Wurm unter dem Fußtritt der ehernen Notwendigkeit: zu dulden, zu leiden. »Und das muß ich mir von ihnen gefallen lassen, ich muß es lautlos tragen,« kam es manchmal traumartig über seine blassen Lippen. In lichten Augenblicken fluchte er allem, was da atmete, selbst von den Göttern wollte er nichts mehr wissen, sie schienen ihm von den Menschen geschnitzte, hohle Larven zu sein. Er wendete sich ab von dieser Welt, in der sich solche Ereignisse zutragen dürfen. Ja, selbst an Myrrah dachte er nur wie an ein täuschendes Luftgebilde, einen ausgeklungenen, süßen Ton; es begannen Zweifel in ihm aufzusteigen, ob sie überhaupt je gelebt, ob sie nicht vielleicht ihr Dasein nur seiner erhitzten Phantasie verdanke. Mit dumpfem Grauen erwartete er die folgende Nacht, die seinen Aufenthaltsort wieder um einige Fuß verkürzen, ihn noch sargartiger gestalten sollte. Als sich in dieser Nacht die Decke so weit herabsenkte, daß er nur sitzen konnte, wobei er sie mit dem Kopf berührte und er die Arme kaum mehr auszustrecken vermochte, rang er nach Bewußtlosigkeit. Er hätte den als Freund umarmt, der ihm einen Schlaftrunk gereicht, er wimmerte um Vergessen. Oh, könnte er sich doch töten, aber es fehlte ihm jede Waffe. Warum kann der Mensch nicht zu sich selbst sagen: Ich will sterben! und er fällt als Leiche zu Boden? Warum ist er zum Leben verdammt. Die Götter fesseln ihn herzlos an dies Dasein; er ist geboren, den Tod qualvoll zu erleiden, die Gewißheit desselben vor Augen zu haben. Er hatte, als sich das Brot hereinschob, gerufen – ebenso erfolglos, wie das erstemal. Nun kam die zweite Nacht langsam heran, noch eine und er war zermalmt. Oh, wäre diese Nacht schon da. Es wird dunkler in dem engen Behälter. Der Verlassene, dies Opfer mehr als tierischer Grausamkeit, liegt am Boden, den Kopf teilnahmlos herabgebeugt. Leicht ist's dem Weisen, erhaben zu sterben, wenn der Tod rasch, menschlich und schön an ihn herantritt, aber hier? Wer kann sich hier würdevoll auf die Schauer des Grabes vorbereiten, in diesem pressenden Sarg? Und dennoch wird Menes ruhiger, je näher das Furchtbare, Unaussprechliche an ihn herantritt. Es ist ja bald überstanden. Das Leben hat jeden Reiz verloren, es steht vor ihm wie ein magerer, ausgehungerter Sklave, den man mit einem Handwink entläßt. Geduldig erwartet er das metallene Knirschen des Kastens, das ihn um zwei Fuß enger schiebt, nur zuweilen steigt eine wilde Empfindung in ihm auf, als müsse er, die Eisenplatten auseinandersprengend, sich Luft machen. Er überwindet die Anfalle von Verzweiflung jedoch, indem er sich selbst laut Trost zuspricht, sich ermahnt und tadelt. Er will würdig sterben. Stirbt er doch für den König im Triumph der höchsten Pflichterfüllung. Das begeistert ihn, er kommt sich selbst größer vor, eine edle Trauer breitet sich über seine ermattenden Züge. Kommt der peinliche Augenblick immer noch nicht? Krachen die Dielen nicht? Er lauscht ergeben und stemmt die Ellbogen an die Wände. So verrinnt Minute auf Minute; das Luftloch verdunkelt sich, es wird Nacht. »Armer König, dein Schicksal wird noch trauriger sein als das meine,« flüstert er noch einmal seufzend vor sich hin, dann überfällt ein dumpfer Schlummer seinen Geist. Da läßt sich ein leises Krachen dicht neben ihm vernehmen, er fährt empor, er atmet schwer auf; sein Auge rollt kraß an den Wänden seines Kerkers empor, denn jetzt naht es; der letzte Augenblick naht. »O ihr Götter!« schreit der Erbarmungswürdige »steht mir bei!« Ein dumpfes Rollen, dem ein heftiger Knall folgt, betäubt sein Ohr; er fühlt, wie die Wände aneinanderrücken, wie die Decke sinkt. »Gnade!« kreischt er auf im Wahn, der hartherzige Maschinist würde ihn vernehmen. Darauf schwindet ihm glücklicherweise die Besinnung; er hat nur noch die dunkle Vorstellung davon, als ob ihn die sinkende Decke an die Schläfe getroffen, und als ob er samt dem ganzen Behälter in die Tiefe hinabglitte. Ein ohrzerreißendes Dröhnen, wie von zerbrochenen Ketten, Rollen und Stangen raubt ihm den letzten Rest von Bewußtsein. Sechstes Kapitel Indessen entfaltete sich im Hause des Oberpriesters ein ungewöhnlich reges Treiben, eine nie gesehene Pracht. Dies sonst finstere Haus leuchtete heute durch die Nacht; aus Türen und Fenstern strömte der Glanz unzähliger Lampen, seine sonst allbekannte Ruhe ward zur wimmelnden Emsigkeit; Sklaven huschen über die Treppen, verschwinden in Kellern, tauchen hinter Teppichen hervor, tragen Schüsseln, Becher, stellen Stühle, ziehen Polster herbei. Andere geben Anordnungen, wieder andere sehen zu, während es in der ferngelegenen Küche raucht, duftet, sprüht, rasselt und prasselt, wie in einem Bergwerk. Mitten durch diese fliegenden Tafeldecker, brottragenden Bäcker, dampfenden Köche, weinbespritzten Mundschenke, schreitet gravitätisch Psenophis im Ornat, mit dem gefleckten Leopardenfell geschmückt. Er spricht wenig, seine Mienen drücken glühende Erwartung aus. Zu ihm stößt die Königin nebst ihrem Sohne; bald hat sich ein Kreis um den Priester versammelt, alle Umstehenden stecken scheu die Köpfe zusammen, ihre Unterhaltung wird in flüsterndem Tone geführt, scheue Blicke deuten an, daß die Behaglichkeit, die heitere Geselligkeit von diesen Gästen fern geblieben sind. »Das Fest konnte seinen Anfang nehmen,« flüstert Psenophis, »die Tische sind mit Speisen besetzt, es ist alles Nötige in Bereitschaft, nur der König läßt noch auf sich warten.« »Geduld,« murmelt die Königin finster, »man kommt immer früh genug zu seinem Tode.« Diesen Worten folgt allgemeines Schweigen; die Verschwörer stehen vor ihrem Ziele, aber die Schatten, die dem furchtbaren Ereignis voranschreiten, legen sich beängstigend auf ihre Herzen; auch der Geringste unter ihnen fühlt die Wichtigkeit, den Ernst dieser Stunde – morgen trägt die Erde ein anderes Antlitz, morgen durchbebt die große Kunde ganz Ägypten, morgen liegt ein Gewaltiger zu Boden, seinen Fäusten entsinkt die Geißel, die er über die Völker schwang, morgen werden alle Felsentempel widertönen von Klaggeheule und schon öffnet das Königsgrab seinen steinernen Mund und spricht: tritt ein, Ramses, du bist mir verfallen! »Die Krane des Wasserwerkes,« fährt Psenophis leise fort, »sind gestellt, ein Kind kann den Saal unter Wasser setzen. Wenn wir ihn hier haben, gebe ich keine Dattel für sein Leben. Doch in mir steigt eine bange Ahnung auf! Ich weiß nicht warum! Dies Ausbleiben des Königs – wenn es nur nichts zu bedeuten hat. Zwar frug ich den Gott, und dieser versicherte mir durch sichtliche Zeichen, Ramses würde erscheinen – o ihr Götter, täuscht uns nicht! Wenn wir einen Verräter unter uns gehabt, wenn dem König eine Andeutung –« »Unsinn,« fällt Cha-em-dyam barsch ein, »der einzige Verräter, den wir zu fürchten hatten, ist vernichtet; heute ist der Tag, an dem er ausgelebt; während wir sprechen, zerdrückt ihn die Maschine, die meine Rache ersonnen.« »So ist er tot,« fragt Psenophis gespannt, »wirklich tot?« »Sicherlich! Wie könnte er entkommen.« »Ich gäbe viel für die Gewißheit seines Todes.« »Du kannst dich darauf verlassen,« lachte der Prinz hämisch, »er atmet nicht mehr, er kann uns nicht mehr schaden.« »Sahst du ihn tot vor dir liegen?« fragt Psenophis. »Das nicht!« »Nicht?« »Nein,« entgegnet der Prinz, »ist auch nicht nötig, ist sogar unmöglich, denn das Futteral, in dem er zerquetscht liegt, läßt sich nicht öffnen. O, eine köstliche Erfindung meines Baumeisters, ein wahres Meisterwerk der Mechanik. Hältst du es für möglich; von meinem Schlafzimmer aus konnte ich durch den Druck auf eine Feder das Ineinanderschieben der Metallplatten leiten.« Psenophis zollte der Maschine seine Bewunderung. Ihm wollte es augenscheinlich nicht gefallen, daß er nicht greifbare Beweise von Menes' Tod in Händen hatte, dies beunruhigte sein Gemüt, doch sprach er nicht weiter darüber. Die Verschworenen suchen nun ihr Unbehagen hinter erkünstelter Heiterkeit zu verbergen. Einige lachen über die Maschine des Prinzen, andere treiben mit den Dienern und Dienerinnen Scherz, andere besichtigen mit dem Baumeister die Wasserwerke. Noch ist immer keine Spur von dem Nahen des Geladenen zu erblicken. »Ich fürchte, Ramses hat Wind erhalten von unserem Werk,« seufzte der Priester, »er könnte längst hier sein, er sagte so freundlich zu, als ich ihn einlud, und nun bleibt er aus.« Man wartet lange vergebens; die Befürchtung, daß der König von dem Plan unterrichtet sei, den man gegen sein Leben geschmiedet, greift immer mehr um sich; die Gesichter der Verschworenen nehmen einen immer ängstlicheren Ausdruck an, einige geben sogar nicht undeutlich zu verstehen, man solle ohne Zögern fliehen, jedoch dem widerspricht die Königin eifrig: Flucht rette sie nicht, errege aber sogleich Verdacht. Man schickt mehrere Boten nach dem Königspalaste aus. Diese kommen mit der Antwort zurück, dem Könige sei plötzlich unwohl geworden, er habe sich beim Reiten den Fuß verstaucht, er werde aber trotz seiner Schmerzen das Fest mit seiner Gegenwart zieren, denn wortbrüchig wolle er nicht werden, er werde erscheinen, und wenn man ihn sterbend in den Festsaal tragen müsse. Diese Nachricht trägt viel zur Beruhigung der Harrenden bei; der Plan wird gelingen, nur etwas später, als man gehofft. Endlich ertönte ein langgezogener Trompetenschall durch die Nacht. Freudiges Aufatmen fliegt durch die ganze Versammlung. »Der König! Der König!« brauste es durch die Hallen. »Das Ziel ist erreicht, er ist da, die Schlinge ist ihm bereits um den Hals geworfen.« Alle eilten stürmisch an das Portal, den Herrscher zu empfangen, der arglos in sein Grab schreitet. Der Oberpriester gibt dem Architekten rasch noch einige Andeutungen, die dieser pünktlich auszuführen verspricht. Der Prinz ist der erste, der den Sohn der Sonne begrüßt. »Wo bleibt mein königlicher Vater,« spricht er einschmeichelnd; »die Gäste unseres freundlichen Wirtes harrten deiner lange.« Der König steigt aus der fackelumleuchteten Sänfte. Allen fällt seine Blässe auf, sein starrer Blick, die Hast seiner Bewegungen, doch schreiben sie solches auf Rechnung seines Unwohlseins. Er sieht sich rings um und bemüht sich dann zu lächeln. Es ist ein seltsames, geheimnisvolles Lächeln. »Wo ist unser freundlicher Wirt?« sagt er mit mühsam sich abgerungener Milde. Psenophis tritt, sich verbeugend, vor. »Unser Herr, den die Götter vor Unfällen bewahren wollen,« schmunzelt er, »sei willkommen unter seinen Dienern. Ich weiß, du liebst die unterweltlichen Säle, die Stille, die Kühle, die daselbst herrscht, tut dir wohl; aus diesem Grunde lud ich dich in ein solches Gemach.« Der Herrscher reicht ihm die Hand. »Verzeihe mein Verspäten, ein kleiner Unfall, der weiter keine Beachtung verdient, hielt mich zurück,« sagt er mit sich überstürzender Eile, »doch nun laß uns den Festsaal betreten, ich bin begierig, deine neuen Einrichtungen zu sehen.« Mit sichtlicher Hast drängt Psenophis seine Gäste nach dem unterirdischen Gemach, man sieht ihm an, daß er die Beute, die er nun einmal in den Klauen hält, sich nicht entgehen lassen will. Die Königin hält sich im Hintergrund der Säulenreihe verborgen, von wo aus sie stille, düstere Blicke auf ihren Gemahl schleudert. »Da schreitet er hin, der Judenliebhaber,« murmelt sie zwischen den Zähnen hervor. »Ich bin begierig, ob er in den Gefilden der Seligen auch schöne Jüdinnen findet, die ihm ihre Schönheit zum Opfer bringen. Jetzt wird ihn bald eine andere Geliebte umarmen – die tödliche Welle.« Der König ergreift seines Oberpriesters Hand, beide wandeln, anscheinend in gleichgültige, ja freundschaftliche Gespräche vertieft, dem unterirdischen Festsaale zu. Der König lobt die Anordnungen des Festes, die helle Beleuchtung des kühlen Raumes, den duftenden Blumenschmuck, den man auf den Boden gestreut, er lobt mit eigenem Lächeln die reichbesetzten Tische; die Malerei der Wände scheint seine Blicke zu erheitern. »Gute Gemälde,« sagt er lebhaft, als alles sich gesetzt. »Schöne Gemälde sehe ich da an den Wänden – wie lange mögen sie dauern?« »Wie lange, mein königlicher Gast? Welche Frage!« entgegnet Psenophis. »Solange wie diese Wände, dauern auch die Gemälde.« »Glaubst du?« fragt Ramses gleichmütig, einen stechenden Blick auf Psenophis schleudernd, der diesen erbleichen läßt. »Nun! mir scheint, diese Wand ist schlecht gebaut, ihr mischtet den Kalk zu dünn. Doch nun laßt uns zum Weine greifen.« Betroffen sehen sich die Verschworenen nach diesen Worten an. Der Prinz fixiert mißtrauisch seinen Vater, der mit auffallender Hast einen Becher voll Weines hinabgießt. Das Gespräch kommt schwerfällig in Fluß, nur scheues Geflüster, erkünsteltes Lachen ist vernehmbar, eine unheimliche Befangenheit lähmt die Lippen der Gäste. Psenophis flüstert der Königin leise zu: »Er schöpft Verdacht,« während die übrigen mit ihren Tellern spielen, von den aufgetragenen Speisen kaum kosten und scheu auf ihren Herrscher blicken. »Was flüstert ihr?« fährt der König die Königin an, die sich die Miene gibt, als ob sie sich langweile. »Nichts, Gebieter,« antwortet der Oberpriester. »Ich sagte: du liebtest den Wein.« »Den Wein? O gewiß, und ich hasse das Wasser,« ist des Königs kühl hingeworfene Antwort. »Herr, ich hoffe, daß Ihr den Wein nicht mehr gewässert findet, als ihn die Natur mit Wasser vermischt hat,« witzelt Psenophis, »bei Gott, wenn es sich anders verhielt, mein Mundschenk, der alte Weinschlauch, müßte vor Euren Augen geöffnet werden, damit sich bestimmen ließe, um wieviel er meine Schläuche erleichtert hat.« Der Mundschenk wird gerufen und beteuert seine Ehrlichkeit. »Laß ihn leben, guter Psenophis,« bittet der König, »er hat deinen Wein nicht verwässert. Aber sage mir: Was ist kostbarer, Wein oder Nilwasser?« »Ihr stellt schwer zu beantwortende Fragen, Herr!« versetzt der Verlegene, »ich denke, uns Ägyptern ist das Wasser des Nil die kostbarste Flüssigkeit.« »Stimmen damit alle überein?« »Meine Gäste – seid ihr nicht derselben Ansicht?« Alle sind derselben Ansicht. »Und dennoch,« lächelt der König, »wenn man mir die Wahl ließe, würde ich vorziehen, in einem Fasse voll Wein zu ertrinken, nicht in dem kostbaren Nilwasser – oder haltet ihr es umgekehrt? Ihr schweigt? Ich sehe euern erstaunten Gesichtern an, daß ihr Nilwasser vorzieht. Nun, nun, ich spreche ganz im allgemeinen, aber wenn ich einmal in die unangenehme Notwendigkeit versetzt würde, euch ertränken lassen zu müssen, glaubt mir, ich würde euch den Gefallen tun und euch in euer geliebtes Nilwasser setzen, dann mögt ihr die Fische spielen solange ihr wollt. Ich für mein Teil liebe das Trockene.« »Eure Laune Herr, ist eine sonderbare,« wagt der betroffene Prinz zu entgegnen. »Steh' auf, mein Sohn,« ruft der Herrscher plötzlich mit ernster Stimme. Dieser erhebt sich. »Auch du stehe auf, Psenophis – so! Und nun verbeugt euch vor mir – tiefer – noch tiefer. Gut so! Und merkt euch – noch bin ich König! Jetzt mögt ihr euch wieder setzen!« Verwundert sehen die Anwesenden auf dieses seltsame Spiel; in mehreren taucht der Gedanke auf, Ramses habe schon, ehe er den Festsaal betreten, zu viel des süßen Weines genossen oder sein Unwohlsein sei ernsterer Natur, es habe sich in ein heftiges Fieber verwandelt. Hierauf verrinnt eine Viertelstunde ohne außergewöhnliche Ereignisse. Der König scheint sehr aufgeräumt, er weiß durch seine lebhafte Unterhaltung die Gesellschaft zu fesseln. Da es alle bemerken, wie er öfter voll Unruhe nach der Türe des Saales blickt, wagt der Prinz ihn zu fragen: ob er irgend etwas vermisse. »Ich? Ja,« antwortet sein Vater, »ich erwarte jemand.« Psenophis will eben dem eintretenden Baumeister ein Zeichen geben, damit er die Krane in Bereitschaft setze, als an der Saaltüre ein Zusammenlauf entsteht. Dann nähert sich ein Sklave dem Stuhl des Oberpriesters mit zitternden Knien und flüstert diesem etwas in die Ohren, das er bebend vernimmt und das sogleich die Runde durch die ganze Versammlung macht. Alle stecken die Köpfe zusammen, allgemeine Beklommenheit malt sich auf den Zügen der Gäste, deren Augen sich angstvoll auf den König richten. Einige stehen auf, andere lassen erbleichend ihre Becher aus den Händen fallen. »Was setzt die ehrenwerte Versammlung also in Unruhe!« fragte der König, erstaunt um sich schauend. »Nun, gibt mir niemand Antwort? Was fiel vor?« Keiner wagt zu sprechen. Ramses wartet. »Psenophis, ich befehle dir zu sprechen.« »Herr,« stammelt dieser, »du scheinst uns in irgendwelcher Weise zu mißtrauen, mein Sklave berichtet mir: Rings um mein Haus habe sich eine Abteilung deiner Krieger versammelt. Zu welchem Zwecke? muß ich fragen. Wenn es meinem hohen Herrn gefällt, möge er gnädigst die Krieger aus dem Bereiche meiner friedlichen Wohnung entfernen.« »Erstaunt Euch das?« fragt der König mit bemerkbarer Ironie. »Was? Hoher Herr?« »Daß Krieger meine Begleitung bilden?« »Es ist – ich muß es gestehen – während eines –« »Leichenmahles wolltest du wahrscheinlich sagen,« fällt ihm der König ins Wort. »Hoher Herr –« »Nun?« »Festes! wollte ich sagen, nicht üblich, daß Krieger –« »Des Königs Leben bewachen?« endigt der Herrscher den Satz. »Dein Leben, Herr? Ist es nicht sicher?« »Nun hört mir diesen schlauen Kahlkopf,« lacht Ramses, wilde Blicke unter die Bestürzten werfend. »Mein Leben sicher? Würdiger Diener der Götter, könnte ich nicht an einer Gräte ersticken? Oder könnten mich nicht die eifersüchtigen Blicke meines liebevollen Weibes vergiften? Wer weiß, woher ihm Gefahr droht! Mein Leben ist nicht sicherer als das einer Maus, nicht sicherer als das Eure. Um einen fast unmöglichen Fall anzunehmen, könnte nicht diese Decke herabkommen, mich zu erschlagen? Zufall! werdet Ihr sagen – nicht wahr? Ich will Antwort!« »Hoher Herr! – Ihr fiebert.« Tiefe Stille, man hört die keuchenden Atemzüge der Gäste im Saale widertönen. »Oder könnte nicht der Nil plötzlich wahnsinnig werden,« fährt der König mit steigender Erregung fort, »und in diesem Anfall von Wahnsinn hier in dies Gemäuer einbrechen? Haha! ich muß lachen. Warum lacht Ihr nicht mit? Zufall, sagt Ihr? Wie, ist auch das Zufall, Priester, oder Berechnung? Antwort!« »Zufall, gnädiger Herr,« keucht dieser, am ganzen Leibe zitternd. »Nun, dann ist auch dies Zufall« – und hier steht Ramses auf, schleudert dem wie vernichtet dasitzenden Psenophis den vollen Becher mit wütender Gewalt ins Gesicht und springt mit einem Satze an die Türe des Saales. Eine lähmende Erstarrung hat sich bei der Entwicklung dieses Auftrittes der Verschworenen bemächtigt, sie sitzen wie Mumien, keiner wagt zu reden, keiner aufzustehen, die meisten sehen auf den König, der heftig atmend an der Türe steht, ein Bild edler Entrüstung. Sie fühlen schaudernd, daß sie verraten sind, jedem bangt für seine Zukunft, das Richtbeil hängt über ihren Häuptern. Um aber das Maß des Übels voll zu machen, die Gewißheit, daß sie entlarvt, sicherzustellen, erscheint nun plötzlich neben dem König eine Gestalt, deren sanfter Blick Psenophis ins Herz schneidet, wie ein Schwert, dessen traurige Gesichtszüge der Prinz anstiert, als seien es die eines Geistes. Wahrlich, wäre in dieser Versammlung der Gott Osiris im vollen Pomp seiner Majestät erschienen, das Erstaunen hätte nicht größer, die Zerknirschung nicht tiefgefühlter sein können, als es beim Auftauchen dieses Jünglings der Fall war. Der Prinz stöhnte auf, als er ihn erblickte, die Königin hielt sich die Augen zu, denn der totgeglaubte Menes stand neben dem König, dessen Hand die seines Retters ergriff. »Ja, er ist's!« donnerten des Königs Lippen unter die zu Bildsäulen Versteinerten. »Er ist's, den ihr auf wahrhaft wahnsinnig grausame Art vernichten wolltet; die Götter retteten ihn, damit er mich errette aus euerm verfluchten Wassergrab.« Nun erklärte Ramses kurz, wie Menes' Gefängnis, als es ihn zerdrücken sollte, aus den Fugen gegangen, wie der Boden, statt zu widerstehen, gewichen sei, und er der nachlässigen Bauart der Maschine sein Leben zu verdanken habe. Die Eisenwände, barmherziger als die Menschen, ließen ihren Raub entweichen, Menes stürzte in eine Felsenvertiefung herab, von wo aus er eiligst seinen Herrn aufsuchte, um ihm noch zur rechten Zeit von dem ihn erwartenden Verderben Kenntnis zu geben; der Herrscher hatte bereits den Fuß in die Sänfte gesetzt, als sein Freund atemlos bei ihm eintraf. Daher die Verspätung des Königs. Als der Herrscher mit dieser Erklärung zu Ende war, nahmen seine Züge einen ernsteren Ausdruck an, er betrachtete die zitternden Zuhörer einen Moment mit mitleidigen Blicken, dann aber, sich selbst zurechtweisend, rief er: »Nein! keine Gnade, ich muß hart sein!« Menes wollte ein gutes Wort für die wie Leichen Dasitzenden einlegen, aber der Gewaltige sah ihn strenge an, wenigstens gab er sich Mühe, seine aufsteigende Weichheit zu verbergen. »Ich weiß, was ich zu tun habe, Menes!« unterbrach er ihn, »deine Herzensgüte macht deinem Verstande keine Ehre, sie ist hier nicht am Platz. Menschen wie diese verdienen das Leben weniger wie die Tiere, mein großer Vater Râ würde mir zürnen, wenn ich länger seine heiligen Strahlen auf diese Sünder fallen ließe, wenn ich duldete, daß ihre verfluchten Sohlen die Erde länger beflecken.« »Aber dein Sohn, o Herr!« wagte Menes zaghaft einzuwenden. Über das strenge Gesicht des Fürsten glitt ein unendlich schmerzhafter Zug, er biß sich auf die Lippen. »Ich habe keinen Sohn!« sagte er tonlos. »Ich habe kein Weib!« Dann mußte sich der starke Mann an der Schulter seines Freundes halten, um nicht umzusinken. »Hört mich, ihr Unwürdigen,« begann er dann mit bebender Stimme die Verbrecher anzureden, die nun durch deutliche Zeichen ihre innere Angst verrieten. »Hört mich! Euer Leben ist beendet, schließt mit euern Göttern den Bund, ihr verlaßt diesen Saal nicht mehr.« Ein lang hinhallendes Klagegeheul unterbrach die Stimme des erzürnten Monarchen. Menes verließ die Türe, er konnte diesen Anblick nicht länger ertragen, denn seinem Auge boten sich die entsetzlichsten Bilder der Todesangst dar. »Gnade! Gnade!« jammerten die Unglücklichen, von den Stühlen sinkend. »Dieser arme, gequälte Mensch,« rief der König, »Menes, an dem ihr unverzeihlich gefrevelt, bat mich edelmütig, dein Leben zu schonen, mein Sohn, aber was du getan, übersteigt zu sehr alles menschliche Maß, du mußt büßen, ich kann dir nicht verzeihen, vielleicht vermögen es die Götter. Lebe wohl, mein Sohn! Lebe wohl, mein Weib! Lebt alle wohl! Ich tue, was mir menschliches und göttliches Gesetz vorschreibt.« Eiligst verließ der König die Saaltüre, die nun von seinen Kriegern geschlossen ward, da die Verzweifelten unter herzzerreißendem Geschrei sich auf dieselbe stürzten, den Ausgang zu erzwingen. Einige sinken in Ohnmacht, andere zerreißen sich mit Messern die Glieder. Das bald darauf folgende dumpfe Brausen verkündete, daß die Wogen des Nilkanals sich in das Gemach wälzten; die Erde bebte unter ihrer zermalmenden Wucht. Grausen packte die mit dieser Massenhinrichtung beauftragten Krieger, als das Wimmern der Ertrinkenden tief aus dem Schlund der Erde emporstieg, allmählich verschwebte und schließlich ganz verstummte. Der Mond sah mit schweigender Melancholie vom Himmel herab auf das zum Riesengrabmal gewordene Haus. Siebentes Kapitel Mehrere Tage waren verflossen. Noch lag es in des Königs Zügen, als hätte das Schicksal einen ewigen Kummer auf dieselben meißeln wollen, tatlos schlich er bei Tage durch seinen Palast, in der Nacht hörten ihn seine Diener stöhnen. Man fand am Morgen der furchtbaren Nacht einen Stab, den der Herrscher durchnagt hatte, so sehr fraß er seinen eigenen Jammer wieder, so wenig vermochte er anfangs Herrscher seines Zustandes zu werden. Menes hatte sich von den Schrecken seiner Einkerkerung erholt und suchte seinem Herrn das Seelenweh tragen zu helfen, was ihm auch insoweit gelang, als derselbe allmählich seinen Dienern wieder zugänglicher wurde und sich mit eisernem Fleiß in zerstreuende Regierungsgeschäfte vertiefte. Ein neues, jedoch ihn weniger tief berührendes Leid war für den Herrscher, daß Rebekka seit einigen Tagen schweigsamer wurde, was der Arzt innerer Erkrankung zuschrieb. Eines Abends, als der Herrscher bei ihr verweilte, erblich sie plötzlich, eine Schwäche überkam sie und man mußte sie mit starken Mitteln wieder zu sich selbst bringen. Der König hatte sich an die Jüdin gewöhnt, sie hatte ihm sein Weib ersetzt, und so zitterte er für ihr Leben, obgleich dies Leben wohl bisher ein wenig ehrenvolles gewesen. Ihm blieb nicht verborgen, daß sie eine innere Neigung zu ihm gefaßt, er vergalt ihr diese tiefere Teilnahme, ohne sie jedoch in dem Maße zu erwidern, mit dem sie ihm entgegengebracht wurde, er vergaß keinen Augenblick den Abstand, der sie von ihm trennte. Eines Morgens trat Ramses mit etwas hellerem Auge zu Menes, der gerade damit beschäftigt war, einen Brief an seine Mutter zuschreiben. »Ich komme von meiner Tochter,« sagte der Fürst, sich setzend. Menes fühlte bei diesen Worten ein Unbehagen, das er sich nicht zu erklären vermochte. »Ich habe mit ihr gesprochen,« fuhr er fort. »Ich hoffe, sie fühlt sich gesünder,« entgegnete Menes abgewandt. Der König nickte mit dem Kopfe. »Sie ist ruhiger,« flüsterte er. Dann, als erwachte er aus einem Traum, neigte er sich hastig zu seinem Freunde, sah ihm innig in die Augen und sagte mit mildem, fast schmelzend weichem Ton: »Weißt du, wie ihre Krankheit heißt?« »Hoher Herr,« erwiderte Menes, schwer aufatmend, als erdrücke ihn ein Felsgewicht. »Ich bin nicht Arzt, meine medizinischen Kenntnisse sind gering.« Ramses drohte ihm lächelnd mit dem Finger. »Schelm! weichst du mir aus,« sagte er. Menes beugte sich auf den Tisch, und tat, als ob er unter den Rollen eine suche, wobei er über und über errötete, was dem König nicht entging. »Ihre Krankheit heißt Liebe!« fuhr Ramses fort, »sie wird nicht daran sterben, hoffe ich, doch ich möchte sie davon heilen, sofern ich es vermag.« Die Verwirrung, von welcher Menes überrascht wurde, läßt sich kaum beschreiben, er begann heftig zu zittern, eine innere Seelenpein malte sich in seinem Auge, wie er sie kaum unter dem Eisendach seines Kerkers empfunden. Er fühlte, wie sich der Dolch, der in des Königs Worten lag, immer mehr seinem Herzen näherte, er ahnte schon den drohenden Zusammenstoß. Was sollte er beginnen, das Nahende abzuwenden? »Ich habe mit Asa-Termutis gesprochen,« begann der König aufs neue, nicht ahnend, welche Qualen er seinem Retter bereitete, »sie hat mir gebeichtet, unter Tränen gebeichtet, die Arme. Sie warf sich an meine Brust, und schien trostlos, dann schwebte sie wieder auf dem Gipfel des Glückes, um sogleich darauf wieder zerschmettert herabzusinken. Sie glüht, sie verzehrt sich – hörst du, Menes? – sie liebt; sie hat gebeichtet.« Der junge Mann wandte beständig das Gesicht hinweg. »Nun denn!« sprach der König weiter, »da du dir vorgenommen zu schweigen, sei es herausgesagt: Sie liebt dich! Du bist der Gegenstand ihrer Zärtlichkeit – also hat sie mir anvertraut.« Es war gesagt. Menes fühlte sich vor einem Abgrund stehen. »Du bist bescheiden, mein Sohn,« fuhr Ramses gerührt fort; »ich weiß es. Du träumtest dir nicht, daß dich so hohes Glück umstrahlen würde, deshalb stehst du nun stumm und ratlos. Gib mir deine edle Hand, mein zweimaliger Retter, wie könnte ich dir besser danken, als indem ich dir sie, die für dich glüht, zum Weibe gebe! Erst damit trage ich meine schwere Schuld ab. Erbebe nicht, erblasse nicht, und stehe nicht so niedergeschlagen – ich weiß, was ich sage. Wohl unerhört ist der Schritt, den ich tue, das war noch nie geschehen, solange sich der Nil durch diese Auen wälzt und die Pyramiden den Himmel durchbohren, aber ich mache es möglich; außergewöhnliche Verdienste verdienen außergewöhnlichen Lohn. Auch weiß ich, daß mein Volk diese Handlung gutheißt, kein Murren wird sich erheben bei dieser seltenen Hochzeit; sie lieben ihren König und verehren seinen Retter zu sehr, als daß sie Einwendungen gegen dessen Belohnung machen sollten. Nimm sie hin, sie sei dein.« Der König wollte den Jüngling umarmen, trat aber befremdet zurück, als er dessen trauriges, tränenfeuchtes Auge wahrnahm. Als Menes die Worte von des Königs Lippen fallen hörte, war es ihm, als gösse man heiße Bleitropfen in sein Herz. Er war im Rausch, er hörte nur halb. Durfte er diese große Gnade, diese überschwengliche Huld zurückweisen, ohne den Gebieter aufs tödlichste zu beleidigen? Konnte er sie annehmen, ohne ewig unglücklich zu werden und die schöne Seele, die er liebte, unglücklich zu machen? Was sollte er tun? Was konnte er tun? Einen Augenblick besann er sich – zugreifen! rief sein böser Dämon in ihm. Macht! Glanz, Ruhm! Alles ist dein. Dann aber stand sein Entschluß fest. »Es ist vorbei, ich bin verloren,« rief er aus, seinen Kopf von Schmerz überwältigt an die Wand des Gemaches stoßend, »ich muß meines Gebieters Gnade verlieren. Oh, warum mußte es so weit kommen. Warum haben mich die Götter dazu bestimmt, diesen edeln Mann und dies edle Mädchen zu kränken, warum vernichtete mich die Grausamkeit deines Sohnes nicht. Leb' wohl! Laß mich von dir ziehen, ich will hinaus in die Wüste, verbanne mich aus deiner erhabenen Nähe oder besser, töte mich.« Der erstaunte Monarch hörte diesen Ausbruch des Schmerzes kopfschüttelnd an. »Ich verstehe dich nicht,« sagte er dann gelassen, »beruhige dich und rede deutlicher. Warum soll ich dich verbannen? Warum mußt du meine Gnade verlieren?« »Weil –« hier stockte Menes, doch ein Blick in das freundliche Gesicht seines Herrn gab ihm den Mut, fortzufahren. »Weil ich deine Tochter nicht zum Weibe nehmen kann, hoher Herr. Tadle mich! Nenne mich undankbar, vernichte mich – aber du kannst meinen Entschluß nicht wanken machen.« »Und warum, fragt dich dein König, schlägst du diese hohe Gunst aus?« »Ich könnte lügen, ich könnte,« sprach Menes, »dir ausweichen, aber ich halte es unter meiner Würde, Ausreden zu suchen!« Und er sagte ihm, daß er Myrrah liebe, daß er ihr treu bleiben müsse, daß es sein fester Wille sei, sie und keine andere zu besitzen. Er sank dem Monarchen zu Füßen, bereit, von ihm verstoßen zu werden, bereit, statt seiner Gnade seinen Fluch mitzunehmen in die Wüste, in die er sich schon verbannt sah. Lange lag er so am Boden, die Stirne auf die Dielen gepreßt, heiße Tränen vergießend, und wartete vergebens auf eine Antwort aus seines Gebieters Mund. Als er endlich den Kopf hob, war der König verschwunden. Er war gegangen; voll Zornes gegangen, dachte Menes, er verliert nicht einmal ein Wort mehr an dich, seine Diener werden dir seine zürnenden Befehle überbringen. Menes hielt sich den ganzen Tag in seinem Zimmer auf, jeden Augenblick gewärtig, aus dem Palast gewiesen zu werden. Er war unfähig, etwas zu tun, er konnte nur still vor sich hinweinen, denn es war ihm, als verlöre er im König einen Freund. So saß er, bis die Sonne ihre letzten Strahlen dunkelrotblitzend auf das Gold und Elfenbein seines Arbeitstisches warf. Sein Blick überflog die heiteren Farben des Zimmers, das ihm so lieb geworden; ihm war, als müßten die Gestalten an den Wänden traurig die Köpfe hängen lassen, da er sie nie mehr wiedersehen sollte, aber sie taten es nicht, sie lachten teilnahmlos herab, hielten die Lotosblume und schlugen die Harfe, als sei nichts geschehen. Was konnte er dazu, daß er Myrrah liebte und die Königstochter ihm nur Freundin war? Jetzt erwachte um so stürmischer die Sehnsucht nach der blassen, kleinen Jüdin in ihm; er hätte aufstehen und, wie er da war, in einem Atem nach Memphis laufen mögen. »Ich muß zu ihr!« rief er laut. Sein Herz schwoll weh und süß unter dem Hauch liebenden Dranges, seine Phantasie malte sich ihre Gestalt. Da hörte er Schritte vor der Türe. Sie öffnete sich; er erwachte aus seinen Träumen und sah den König vor sich. Jetzt naht es, jetzt bin ich verloren, jetzt gibt mir der den Todesstoß, den ich anbete, fast wie ein Wesen höherer Art. Ist sein Blick drohend? Menes sieht flehend zu ihm empor. Ramses neigt sich mit feuchtem Auge zu ihm nieder, seine Stimme bebt tonlos, wie er ihm ins Ohr haucht: »Sprich nicht mehr davon!« und die beiden Männer sinken sich laut weinend in die Arme. * * * Niemals, mit keiner Silbe, erwähnte der edle Fürst diesen peinlichen Gegenstand wieder. Menes erkannte nur an seinem Ernst, wie sehr er seine Tochter bemitleide, aber die königliche Huld trübte sich keinen Augenblick für ihn. Der junge Mann erzeigte sich nun, da er dies bemerkte, seinem Wohltäter doppelt herzlich; die Zartheit, mit der sich diese beiden Menschen begegneten, war rührend; der Fürst fand seinen Sohn dreifach in dem Jüngling wieder, auch deutete er ihm mehreremal leise an, daß er die jener ihm unbekannten Geliebten gezollte Treue hochachte. – Es waren aus verschiedenen Teilen der durch Ramses eroberten Länder Sendungen von Tributen eingegangen. Gegen Abend des folgenden Tages nahm der Monarch die Gegenstände in Augenschein. Im Garten hatte man die Käfige der wilden Tiere aufgestellt, zwischen denen Ramses in Begleitung seines Freundes einherwandelte, sich besonders an den Affen Äthyopiens ergötzend, deren menschenähnliche Grimassen ihm manches Lächeln abnötigten. Er hatte sich noch nicht lange diesem Vergnügen hingegeben, als ein Diener ihn nebst Menes bat, ihm zu Rebekka zu folgen, es stehe schlimm mit der Jüdin Gesundheit. Rebekka hatte nämlich einige Tage das Zimmer gehütet; der Arzt hatte ihr Unwohlsein einer Erkältung zugeschoben, nun aber schien das Übel bedenklicher werden zu wollen. Sogleich verließ der König den Garten; Menes folgte ihm nach Rebekkas Gemach. Als sie eintraten, sahen sie Rebekka mit geschlossenen Augen auf dem Ruhebett liegen; der Arzt saß neben ihr, sie scharf beobachtend. Leise erkundigte sich Ramses bei diesem, welchen Weg die Krankheit genommen. Der Arzt wollte eben antworten, als Rebekka die Augen aufschlug, lächelte und, indem sie ihrem königlichen Freund müde die Hand reichte, sagte: »Ich danke dir, daß du kommst. Du siehst mich zum letztenmal.« »Redet sie irre?« frug der König erschrocken den Arzt, welcher der blassen, auffallend hohl blickenden Jüdin die Kissen ordnete. »Leider,« versetzte der Arzt bedächtig, »muß ich glauben, daß sie die Wahrheit redet, mein Gebieter.« »Die Wahrheit?« sagte der König mit matter Stimme. »Soll auch sie mir entrissen werden?« Ramses liebte die schöne Jüdin eigentlich nicht. Seine Neigung zu ihr war mehr sinnlicher Natur gewesen; die Beweglichkeit, die anmutige Schalkheit der Schönen hatten ihn wohl erheitert, jedoch ernstere, dauerndere Gefühle hatte sie ihm nicht einzuflößen vermocht. Als er sie nun elend vor sich liegen sah, als er sah, daß sie ihm genommen werden sollte, verbreitete sich seine Trauer mehr ins Allgemeine; er gedachte schwermutsvoll der Vergänglichkeit irdischer Schönheit, der Hinfälligkeit des Menschengeschlechts. »Vor den Pforten des Todes stehen wir noch nicht,« sagte er lächelnd zu der Kranken, »wir werden noch manche glückliche Stunde miteinander durchleben.« Die Kranke schüttelte traurig das Haupt. »Ich bin vergiftet,« lispelte sie, »ich habe geahnt, daß es so kommen werde.« Ramses wandte sich bestürzt zum Arzt, der das Wort der Jüdin bestätigte. Die verstorbene Königin müsse es noch bei Lebzeiten fertig gebracht haben, die Speisen der Unglücklichen mit schleichendem Gift zu versetzen, war des Arztes Meinung. Die Gaben hätten anfangs den Körper der Tänzerin kaum berührt, bis sie ihn nach und nach erschüttert; jetzt sei nicht mehr zu helfen, die inneren Teile seien zu bedeutend von dem Gifte durchdrungen. »Also auch gänzlich unbeteiligt Unschuldige ziehen sie ins Grab hinab?« rief der König. als er dies vernommen, aus. »Nicht Unschuldige,« entgegnete reuemütig die Jüdin, »ich war schuldig.« »Du – schuldig?« Sie klärte ihren Gebieter auf, erzählte ihm ihre ganze Verführungsgeschichte und stellte ihren Tod als gerechte Strafe hin. Der König war tief erschüttert, als er dies unter Tränen und häufigen Anfällen von Krämpfen hervorgestammelte Bekenntnis erhielt, er war aber edel genug, der Sterbenden keine Vorwürfe mehr zu machen. Menes erinnerte sich, daß die Verschworenen, als er sie belauscht, über Rebekkas Mitwissenschaft und Teilnahme gesprochen; damals hatte er diese Andeutungen nicht verstanden und sie weiter nicht des Nachforschens für wert gehalten. Er teilte dies jetzt dem König mit und bestätigte dadurch die Aussagen der Sterbenden. »Wir wollen davon schweigen, Rebekka,« sagte der König freundlich, »du bist nicht schuldig, die Gerichteten waren es, nicht du. Man hat sich deiner Schwächen bemächtigt. Auch ist deine Schuld schon dadurch gesühnt, daß du Menes den Ort der Verschwörung verrietest. Denke der Sache nicht weiter nach.« »Und so verzeiht mir, mein edler Herr?« schluchzte sie, sich an des Königs Hals werfend. »Ich verzeihe dir, du hast mir manche glückliche Stunde bereitet,« erwiderte der Herrscher mitleidig, »du standest meinem Herzen nahe.« Die Kranke sank mit glücklichem Lächeln auf den Wangen in die Kissen zurück. Der Arzt sprang ihr bei, ein starkriechendes Mittel vor sie hinhaltend, worauf sie sich wieder emporraffte. »Noch zwei Geständnisse muß ich machen,« preßte sie mit Anstrengung heraus, »deren Verheimlichung meine Seele bedrücken würde.« »Sprich ohne Furcht,« sagte der König mild, indem er ihre Hand ergriff. Sie gestand hierauf, wie sie nebst ihrem Bruder das Schatzhaus bestohlen, und drang darauf, daß der König noch in dieser Stunde einen Beamten nach Memphis schicke mit dem Auftrag, ihren Bruder zur Rechenschaft zu ziehen, dann sagte sie: »Er hat verdient, gestraft zu werden, er ist schlecht.« Der König gab den Befehl sogleich. Dies schien die Sterbende sehr zu beruhigen; sie ermahnte den abgeschickten Boten dringend zur Eile. »Der Gerechtigkeit ist Genüge geleistet,« flüsterte sie ermattet. »Nun habe ich nur noch ein Wort an Menes zu richten.« Menes trat näher an ihr Lager heran, er fühlte Mitleid mit der Verblassenden, ob er sie gleich nie geachtet. Ihr jetziger Zustand versöhnte ihn jedoch mit allen ihren Untugenden. Sie öffnete den Mund und rang vergebens nach Atem. Sie mochte fühlen, daß es ihr nicht mehr gelingen wollte, in ihrer Schwäche dies letzte Geständnis herauszubringen. Die Anstrengungen, die sie machte, um sich die Worte abzuzwingen, versetzten sie in die lebhafteste Aufregung. Alle standen ihr bei. Man sah ihr an, wie sie sich selbst zürnte, wie sie dann alle ihre Kraft aufbot, um das Wort »Myrrah« hervorzuhauchen, welches Wort natürlich nicht verfehlte, Menes in große Spannung zu versetzen. »Was willst du mir von ihr sagen?« frug er, in den verstörten Blicken der Sterbenden lesend, daß sie ihm wichtige, vielleicht folgenschwere Entdeckungen zu machen sich gedrungen fühlte. »Myrrah,« hauchte die immer mehr Erblassende, »kaum als du fort warst, – Isaak – du bist betrogen – von –« hier hob sich die Brust der Hinschwindenden krampfhaft – sie sah den Jüngling an mit einem Blick, mit dem sie alles sagen wollte, mit einem verzweifelten Blick, als wollte sie ihn fragen: »Errätst du es denn nicht? Sei doch nicht so töricht, hilf mir!« »Betrogen?« stammelte Menes, »von wem? Laß mich nicht im Zweifel, quäle mich nicht, du lügst nicht, ich sehe es dir an; am Rande des Grabes spricht man die Wahrheit.« Die Jüdin schüttelte den Kopf. Todesblässe überzog ihre Wangen, schwer und kalt fühlte Menes ihre Hand in der seinen, der Druck ihrer Finger ließ nach. »Sprich! von wem betrogen,« schrie er ihr laut in die Ohren, wie er sah, daß die Kräfte aus dem Körper der Sterbenden wichen. »O seid barmherzig, ewige Götter, gebt ihr noch so viel Kraft, daß sie es über ihre Lippen bringt, was sie mir sagen will, eine bange Ahnung befällt mein Herz –« Der König winkte dem Verzweifelten, denn es war zu spät. Ein unsäglich mitleidiges Lächeln traf aus dem Auge Rebekkas den jungen Mann. Tränen quollen über ihre Züge, man sah, wie sehr sie ihn und wie sehr sie ihre eigene Hilflosigkeit bedauerte. Dann ward dies Lächeln starrer, immer starrer, immer ausdrucksloser, immer versteinter; der Blick verglaste sich, die Lippen liefen blau an, – ein Schauer! und sie hatte ihr abenteuerreiches Tänzerleben beschlossen. Bewegt hatte sich der König von der Leiche seiner Geliebten entfernt, Menes jedoch starrte ihr noch lange in das regungslose Gesicht, auf dem nun kein Lächeln mehr erblühen sollte, das keinen Liebhaber mehr reizte. Menes war es, als müßten ihm diese starren Lippen noch verraten können, was sie aussprechen wollten. »Was hat sie dir verkünden wollen! Betrogen hatte sie gesagt. Betrogen! kaum als du von Memphis abgereist.« Auch diesen Isaak brachte sie in Verbindung mit Myrrah. Was konnte zu Hause geschehen sein? Die abgebrochenen Andeutungen der Sterbenden ließen seiner einmal erregten Phantasie keine Ruhe mehr, sie bildete sich, aus dem nebelhaft Ungewissen, selbstquälerische Gestalten, sie marterte sich ab zu erraten, sie zog die verwegensten Schlüsse, die er kaum auszudenken wagte, die nur furchtsam am fernsten Horizonte seines Gemüts auftauchten, um bald wieder anderen Platz zu machen. Diesen Zustand der Ungewißheit vermochte er nicht länger zu tragen. Er bat den König um Urlaub, nur die schleunige Reise nach Memphis könne ihn dieser Seelenmarter entreißen. Der König bewilligte den Urlaub, und nach wenigen Tagen sehen wir unseren Freund dem Hafen von Theben zuschreiten, wo ihn ein schlankes königliches Fahrzeug erwartete, das den Befehl hatte, ihn unverzüglich nach Memphis zu bringen. Er schritt in Gedanken versunken die breite Steintreppe hinab, welche sich in die Fluten des Nil tauchte, ohne auf den ihn umtosenden Lärm zu achten. Gleichgültig flog sein Auge über die Hunderte von Masten, die vor ihm in die Lüfte starrten, über die Warenballen, die, von kräftigen Schultern gehoben, einherschwankten. Er hatte nur sein Schiff im Auge, das er nun erreicht hatte, und dem er Flügel wünschte. Eben wollte er das Brett betreten, als er, ohne es zu wollen, an einen Verkäufer stieß, der ein halb Dutzend kleiner Vogelkäfige auf dem Kopfe trug. Die kleinen Sänger kreischten auf, der Mann fluchte, und Menes wollte ihm, um ihn zu besänftigen, rasch ein Geschenk reichen. Er hatte schon die Hand ausgestreckt, da fiel sein Auge auf das neben dem seinen liegende Schiff. Er hielt unwillkürlich inne, sah mit immer mehr sich vergrößernden Augen nach der Falltreppe hinüber und eilte dann in höchster Erregung mitten durch die dichteste Volksmenge auf das andere Schiff zu. »Wen sucht er dort?« frug sich sein ihn begleitender Diener, der nicht wußte, was er von dem plötzlichen Davonlaufen seines Herrn halten sollte. Menes hatte ein Weib das Ufer betreten sehen, bei dessen Anblick er im Anfang zu träumen glaubte. War sie es wirklich? Und zu welchem Zwecke kommt sie hierher? Er teilte kräftige Stöße aus, warf einen Kasten voll Gänse über den Haufen, trat einige Töpfe zu Staub, die ihm im Wege standen, und gelangte nach vielen Fährlichkeiten an die Treppe des Schiffes. Dort war leider die Gestalt, welche seine Aufmerksamkeit so lebhaft auf sich gezogen, nicht mehr zu erblicken. Sein Diener kam näher. »Rasch, folge mir!« rief er diesem zu. »Wir müssen sie finden. Eile mir nach.« »Wen sucht Ihr so eifrig?« frug der Diener. »Sahst du sie nicht, die Frau mit dem blauen Gewand?« frug Menes heftig, »die den Kopf so stolz trug? Drei Sklavinnen trugen ihr den Schirm.« Dem Diener war, als ob er eine solche Gestalt gesehen; er folgte dem voraneilenden Herrn, ebenso spähende Blicke um sich werfend, wie dieser. Sie waren durch mehrere Straßen geeilt, als Menes einen Freudenruf ausstieß. Dort wandelte eine stolz schreitende Dame dem Königspalast zu. »Sie ist's,« rief er, »es ist meine Mutter.« Noch wenige Schritte und er hatte sie erreicht. Das Wiedersehen war auf beiden Seiten ein wirklich herzliches. Menes küßte gerührt die Hände Assos und diese sah mit Stolz auf ihren so hoch in der Gunst des Königs gestiegenen Sohn. Bis in ihr fernes Memphis war die Kunde von seiner Erhöhung gedrungen. Wie oft hatte sie sich in Frauengesellschaften mit seinem Ruhme gebrüstet. »Du erfreust das Herz deiner Mutter,« sagte sie, »aber erlaube mir, daß ich dich jetzt mit mehr Ehrfurcht anrede als früher, mein mächtiger Sohn.« Ihr Benehmen ward ein sehr demütiges, sie verbeugte sich öfter respektvoll vor Menes, stellte ihn ihren Dienerinnen als einen Großen im Reiche vor und schien mit einer Art Genuß ihre Niedrigkeit zu betonen; man sah ihr an, daß sie in den Strahlen seines Ruhmes schwelgte, was ihn den Bescheidenen in nicht geringe Verlegenheit setzte. Auch bis zu ihr war die Kunde gedrungen, er werde die Tochter des Königs zum Weibe erhalten. Als sie danach frug, lenkte der Jüngling verstimmt von diesem Thema ab. Er wollte vor allem von Myrrah hören und stellte in dieser Beziehung mehrere Fragen, die Asso anfangs absichtlich überhörte, als er sich jedoch geradezu nach ihr erkundigte, nahm seiner Mutter Gesicht einen traurigen Ausdruck an. »Laß uns,« sagte sie, »an einen stillen Ort kommen, an dem wir ungestört sind, dort werde ich dir von Myrrah berichten, so lange zähme deine Neugierde.« Menes führte sie klopfenden Herzens in den Palast. Die scheue Zurückhaltung über Myrrahs Leben, die er in Zusammenhang brachte mit den Rätselworten der sterbenden Rebekka, flößten ihm Besorgnis ein; seine Mutter war von dem Augenblick an, als er den geliebten Namen genannt, sehr wortkarg geworden. Hastig schritt er voran nach seinem Zimmer, wo er für einige Erfrischung sorgen ließ. Natürlich ließ es Asso nicht an bewundernden Ausrufen fehlen, die Pracht des Königspalastes betreffend; die gute Frau kam fast um die Ruhe ihres Gemüts, als sie die reich ausgestatteten Zimmer ihres Sohnes betrat. Sie untersuchte mit wichtiger Miene die Teppiche, das Gold und das Elfenbein, sie frug nach dem Wert der Stickereien und wußte die Stoffe mit Namen zu nennen. »Und in solchem Glanze lebst du Glücklicher?« rief sie, indem sie ihn küßte, aber mit einer Ehrerbietung, die ihm ein Lächeln abnötigte. »Gewiß,« sagte Menes gleichgültig. Er dachte nur an die Nachrichten über Myrrah; was galt ihm dieser hohle Prunk, gern hätte er ihn hingegeben für ein Wort von der Geliebten. Als sich Asso an die sie umglänzende Pracht gewöhnt, fühlte sie sich bald nach Weiberart so heimisch darin, als sei sie unter dem Thronhimmel geboren. »Nun aber sprich mir endlich von Myrrah,« sagte Menes, ungeduldig auf einer kostbaren Schale mit den Fingern trommelnd. Asso nahm ihm behutsam die Schale aus den Händen, sie außer Bereich seiner Finger stellend; denn es sei doch schade um die teure Masse, meinte sie, der König würde zürnen, wenn sie zerbräche. »Myrrah!« begann Asso, sich über das nun aufgetragene Mahl hermachend, »o mein lieber Sohn, was soll ich dir über sie sagen? Laß mich heute schweigen über diesen unerquicklichen Gegenstand. Du siehst, ich bin ermüdet von der Reise, morgen wollen wir weiter darüber sprechen.« »Du kannst dir denken, wie sehr ich danach verlange,« sagte Menes, »von ihr zu hören, denn meine Neugierde ward durch allerlei Gerüchte, die zu mir gedrungen, in hohem Grade erweckt.« »Der Drang, dir von ihr Kunde zu geben, hat mich hierher geführt,« erwiderte ihm Asso ernst, »erkenne daran meinen liebevollen Eifer; doch bin ich noch zu erregt, um mit Ruhe von ihr zu sprechen. Erlasse es mir heute, mein Sohn.« Menes vermochte trotz allen Bemühungen nichts mehr über das Mädchen zu erfahren. Es blieb ihm nichts anderes übrig als der Mutter ihre Zimmer anzuweisen, die sich in der Nähe der seinigen befanden, und die der König, sobald er die Nachricht von der Ankunft Assos erhalten, ihr bereitwillig zur Verfügung gestellt hatte. Asso gab dem ungestüm in sie Dringenden nur einige Andeutungen, die seine Neugierde aufs äußerste spannen mußte, ohne sie zu befriedigen. Als ihr Menes am folgenden Tag zu verstehen gab, er habe von der verstorbenen Rebekka einen Wink über Myrrahs Lebenslauf erhalten, nickte Asso traurig mit dem Haupt, fuhr ihm zärtlich über die Wangen und nannte ihn ihren lieben Sohn. Nach einigen Tagen ließ sie zuweilen dunkle Bemerkungen über die Treue im allgemeinen fallen, verbreitete sich weitschweifig über die Unbeständigkeit gewisser Weiber und säte so auf jegliche Weise Besorgnis in das Herz ihres Sohnes, indem sie sich stellte, als könne sie das, was er endlich doch einmal erfahren mußte, ihm nicht sagen, ohne grausam zu werden und sie wolle diesen Akt der Grausamkeit so weit hinaus schieben als nur möglich, da es für eine zärtliche Mutter doch gar zu hart sei, den eigenen Sohn zu verwunden. Es läßt sich denken, daß, als er dies beobachtete, Menes' Gemüt nur zu sehr ahnte, welche traurige Nachricht man ihm verheimlichen wollte, er ward still und finster, er verlor sein offenes, zutrauliches Wesen völlig, ja er veränderte sich so sehr, daß selbst der König ihn oft mit besorgten Blicken betrachtete. Endlich vermochte er sich nicht länger zu beherrschen. Als er einst müde von einem Spaziergang heimkehrte, der seinen Geist, statt ihn zu zerstreuen, noch mehr verfinsterte, trat er vor seine Mutter, ihr geradezu erklärend, wenn sie ihm nicht sofort genaue Auskunft erteile, was sich mit Myrrah seit seiner Abwesenheit zugetragen, würde er noch in dieser Stunde nach Memphis segeln. So in die Enge getrieben, rückte denn Asso mit der Sprache heraus, indem sie ihren Zügen einen mitleidigen Ausdruck zu geben sich bemühte. Sie begann zögernd damit, sie habe Myrrah, wie sie versprochen, gepflegt, aber das Mädchen habe nur noch kurze Zeit nach seiner Abreise um ihn getrauert. Bald habe sich der Eindruck verwischt; den er auf sie gemacht, fröhlich singend sei sie durchs Haus gewandelt, als ob Menes nie gelebt. Dann berichtete sie, wie Isaak sich um ihre Hand beworben, und wie die leichtfertige Jüdin nicht lange gezögert, diese ihm zu geben. Sie, Asso, habe gar manchmal Myrrah aufgefordert, ihm, Menes, zu schreiben, sie habe dies leider immer abgelehnt, ja, sie müsse gestehen, die Treulose habe sogar öfter über Menes' ehrlich gemeinte Briefe gelacht. »Es sei ein gar zu guter Junge,« habe sie einmal gesagt, »aber sie könne nun einmal nichts dazu, daß sie Isaak, ihren Glaubensgenossen, mehr liebe als ihn.« Menes sah seiner Mutter starr in die Augen, während sie ihm diese klug erdichtete und mit den nötigen Pantomimen begleitete Erzählung vortrug. Dann erblaßte er, schloß die Augen und biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten. Er entfernte sich, ohne ein Wort zu entgegnen. Glaubte er dieses Märchen oder glaubte er es nicht? so fragte sich das ehrgeizige, listige Weib. Er war so ruhig geblieben, sie hätte ihn lieber in Wut ausbrechen sehen. Hatte sie vielleicht die Farben allzu stark aufgetragen und dadurch ihr Gemälde unwahrscheinlich gemacht? Oder tat die Erfindung bereits ihre Wirkung, haßte er die, die er einst geliebt? Das mußte sie zu ergründen suchen, um ihre weiteren Pläne darauf zu bauen. »Wenn ich ihm Schmerz bereite,« entschuldigte sie sich, »geschieht es ja in der Absicht, sein Wohl zu befördern.« Sie sah den Tag über ihren Sohn nicht mehr. Gegen Abend empfing sie ein Schreiben von ihm, das ihr in fast heiterem, wenigstens sehr gleichmütigem Tone ankündigte, er habe beschlossen, morgen nach Memphis abzureisen, um, wenn sich die Dinge so verhielten, wie sie ihm gesagt, an der Treulosen Rache zu nehmen. Dieser Entschluß kam der Mutter natürlicherweise sehr ungelegen, wie rasch mußte durch ihn die ganze Unwahrheit ihrer Erzählung enthüllt werden. Sie eilte sogleich zu ihrem Sohne, ihm diesen Vorsatz auszureden. Er hörte sie jedoch kaum an, sondern gab mit erzwungener Ruhe den Befehl, das Schiff zu rüsten. Als sie ihn genugsam mit Gründen bestürmt, die ihn in seinem Entschluß wankend machen sollten, frug er, anstatt ihr ihre Beweise umzustoßen: wie ihr die Zimmer gefielen, welche des Königs Gunst ihr angewiesen. Sie sah ihn verblüfft an, schüttelte den Kopf und wollte sich entfernen. An der Türe blieb sie noch einmal stehen. »Ist es dein fester Vorsatz, dich von der Untreue Myrrahs zu überzeugen?« frug sie. Er lächelte mit seinen bleichen Lippen, sah zum Fenster hinaus und nickte mit dem Kopf; sie fühlte an seinem seltsamen Benehmen, daß er ihr nicht mehr ganz traute. »Dann rate ich dir,« setzte sie hinzu, »die Jüdin zu töten. Höre nicht lange auf ihre Entschuldigungen, die solche Weiber immer in Bereitschaft haben, sondern töte sie, ohne sie zu hören, sie könnte dich durch ihre Beteuerungen umstimmen, denn du bist leicht gerührt.« »Verlasse dich darauf,« sagte Menes mit zweideutigem, finsteren Lächeln, »ich werde die Schuldige treffen.« Asso zuckte zusammen. »Ich will dir sagen, mein Sohn,« setzte sie mit einschmeichelnder Stimme hinzu, »was in dieser Sache das beste ist. Sieh! Du bist schwach, weichherzig. Überlasse es mir, die Elende zu strafen, mein Zorn wird nicht erweicht von ihren Tränen wie der deine; in dir bin ich beleidigt, und wenn Weiber hassen, hassen sie männlicher wie die Männer. Ich hasse sie – oh! wenn du wüßtest wie sehr.« Er schwieg. »Nicht wahr,« fuhr sie fort, »mein sei das Rachewerk? Du willigst darein?« »Du bleibst hier, Mutter,« entgegnete er entschieden. »Wie! Du sagst das so bestimmt, fast befehlend?« stotterte die Witwe. »Allerdings.« »Ich werde abreisen, mein Sohn.« »Du wirst es nicht! Ich werde es verhindern.« »Oh! ich bin also gefangen?« »Beinahe, ein wenig – bis ich wiederkehre.« »Mir scheint, du glaubst nicht an die Treulosigkeit Myrrahs?« sagte die zitternde Witwe. »Warum sollte ich nicht, bist du es doch, die sie mir verkündet,« lächelte der bleiche Jüngling, mit brennenden Augen seine Mutter durchbohrend. »Ist nicht alles möglich in dieser Welt? Auch der glänzendste, reinste Tautropfen wird Schmutz, wenn man ihn zu Boden schleudert, auch das blankste Gold erhält Flecken, wenn unsaubere Hände es betasten. Oh! es wäre ja möglich. Wer versteht eine andere Seele bis auf den Grund. Ich könnte mich getäuscht haben, denn ich war damals befangen, ohne Menschenkenntnis. Jedenfalls ist es Zeit, daß ich mir selbst Gewißheit hole.« »Du glaubst also, daß ich die Wahrheit gesprochen?« rief Asso. »Ich glaube nichts, ich will sehen,« sagte er ruhig. Die Mutter ging in großer Bestürzung. Sie hatte von der Flucht Myrrahs aus Isaaks Wohnung noch nichts erfahren, da sie, als diese Flucht ins Werk gesetzt wurde, bereits auf der Reise war, und sah sich deshalb schon im Geiste entlarvt vor Menes stehen. Was sollte sie tun? Ihm zuvorkommen? Myrrah töten lassen, oder am besten sich von Theben wegstehlen und selbst das blutige Werk vollziehen? Dieser Plan schien ihr der rätlichste, sie schauderte keinen Augenblick davor zurück in ihrem blinden Trieb, dem Sohne dieses Hemmnis auf dem Wege des Ruhmes hinwegzuschaffen. Myrrah mußte unbedingt vom Erdboden verschwinden, dann war ihre Entlarvung unmöglich, und Menes' Heirat mit der Königstochter ließ sich leicht bewerkstelligen. Ihr Entschluß stand fest, sie wollte ihn mit derselben Entschiedenheit ausführen, mit der sie ihn gefaßt. Noch heute nacht sollte sie ein Boot, das dem ihres Menes zuvorkommen mußte, nach Memphis tragen. Ehe sie den Palast verließ, bat sie Asa-Termutis um eine Unterredung. Sie fand das Königskind, dessen sich eine edle Resignation bemächtigt hatte, auf ihrem Lager sitzen, welches sie von jetzt ab frühe am Abend aufzusuchen gewohnt war. Asa-Termutis sprach fast kein Wort, sie schüttelte nur trübe ablehnend das Haupt, als Asso ihr zu verstehen gab, sie werde sich die größte Mühe geben, ihren Sohn mit ihr zu vereinigen. Nur einmal, als Asso frug, ob sie, Asa-Termutis, nicht selbst mit Menes sprechen wollte, um dadurch vielleicht auf sein Herz einzuwirken, erwiderte sie: »Er hat gesprochen!« Die Witwe ging auf ihr Zimmer, wo sie sogleich ihre nötigsten Dinge einpacken und zur heimlichen Abreise fertigmachen ließ. Auf dem Tisch fand sie ein Schreiben von Memphis. Der Nomarch dieser Stadt, ihr Freund, richtete einige Zeilen an sie. Kaum hatte sie die Hieroglyphen überflogen, als ihre Dienerinnen sie erbleichen sahen; sie trieb alle aus dem Gemache und las noch einmal mit gespanntester Aufmerksamkeit den Brief, der ihren ganzen Plan zerstörte. »Hohe Freundin,« begann dies Schreiben, »während der wenigen Tage Deiner Abwesenheit hat sich in Memphis des Merkwürdigen viel zugetragen. Ich halte es für meine Freundespflicht, Dir in kurzen Worten Kunde davon zu geben, da manches vorgefallen ist, was vielleicht für Dich von Wichtigkeit sein dürfte. Um mit dem weniger Auffallenden anzufangen: Myrrah ist ihrem Manne entflohen, kein Mensch weiß, welchen Weg sie genommen. Einige versichern, man habe sie nach Äthiopien als Sklavin verkauft, andere erzählen von ihrem Tod im Nil, wieder andere wollen sie auf einem Schiff, das nach Theben eilte, gesehen haben. Gestern trafen königliche Beamte in unserer Stadt ein und verhafteten Isaak. Ich darf Dir wohl, ohne mich in Unannehmlichkeiten zu stürzen, mitteilen, wessen man ihn anklagt. Er soll den Schatz des Königs beraubt haben, ein Verbrechen, das den Tod nach sich zieht. Als man ihn festnahm, verdankte man der Bosheit des Angeklagten die Auffindung eines höchst wichtigen Dokumentes, von dessen Inhalt ich Dir jedoch nur verraten darf, daß es seltsame Aufschlüsse über die Abstammung Myrrahs gibt. Dies Dokument – man flüstert sich viel darüber in die Ohren – hatte der Dieb im Schatzhause gefunden, hatte es wohl verwahrt und war gerade im Begriff, es für immer zu vernichten, als man es ihm noch zur rechten Zeit entriß. Dies Schriftstück wird in kurzem in den Händen des Königs sein; man ist gespannt auf die Eröffnung desselben. Wie ich eben erfahre, entzog sich Isaak dem Arm der Gerechtigkeit dadurch, daß er, als man ihn auf das Schiff brachte, um ihn nach Theben zu führen, sich in die Wogen des Nil stürzte. Man vermochte ihn nur als Leiche aus dem Wasser zu ziehen.« Die Witwe zerriß schwer aufatmend den Brief, als sie ihn beendet. Ihr ganzer Plan war vernichtet. Wenn Myrrah entflohen – wohin sollte sie anders fliehen, als hierher; war sie vielleicht schon in der Nähe? Wann traf sie ein? Jeden Augenblick konnte sie mit Menes zusammentreffen. Das mußte verhindert werden. An Isaaks Tod und die Auffindung des Dokumentes zu denken, ließ ihr die tödliche Überraschung über diese Flucht nicht Zeit; dieser Gedanke verschlang alle übrigen. Was sollte sie jetzt beginnen? Ihre Reise nach Memphis war unnötig geworden, aber auch Menes fand dort nicht mehr, was er suchte; das war ein Trost. Entdecken, wo sich Myrrah aufhielt und sie unbemerkt verschwinden lassen vom Erdboden, das war das einzige Ziel, welches ihr blieb, die einzige Aussicht auf Rettung. Späher im Lande umherschicken, keine Kosten scheuen, sagte sie sich, sie mußte gefunden werden, die entlaufene Jüdin, und wenn man Jahre auf das Suchen verwendete. Und da Myrrah jedenfalls den Weg nach Theben genommen, mußte sie nicht in der Umgebung dieser Stadt gefunden werden? Jetzt galt es nur zu verhindern, daß Myrrah ihr zuvorkam, zu verhindern, daß sie mit Menes zusammenträfe. Darin lag die Schwierigkeit; diese Zusammenkunft mußte um jeden Preis hintertrieben werden. In solche Pläne und Gedanken vertieft, eilte die aufgeregte Frau, ohne es zu wissen, durch den nächtlichen Park des Palastes, vorüber an all den kleinen Verzierungen und architektonischen Spielereien, die man dort angebracht, vorüber an den Grotten, Statuen, vorüber an Felsen und Büschen, ohne auch nur einen Blick auf ihre Umgebung zu werfen. Erst als sie im Vorübereilen beinahe an den kleinen Obelisken gestoßen wäre, erwachte sie aus ihren fieberartigen Träumereien. »Ruhe!« rief sie sich zu. »Diese Erregung kann nur schaden, sie raubt mir die kühle Überlegung. Es wird alles nach meinen Wünschen gehen, nur Geduld.« Dann ließ sich die Erschöpfte auf eine Bank nieder, sich die schweißtriefende Stirn wischend. »Ich spiele ein gefährliches Spiel,« murmelte sie vor sich hin, »aber ich habe den Mut, es durchzuführen, ich setze alles, selbst meine Ehre daran, es zu gewinnen, und wenn ich unterliege, unterliege ich mit Würde. Ich weiß, was zu meines Sohnes Bestem dient, ich werde unbarmherzig, ohne Rücksicht auf ihn oder andere, danach streben, ihn vor der Welt zu erhöhen, ihn groß und ruhmvoll zu sehen, und sollte auch der Fluch der Götter auf mir lasten und sollten diese Hände« – sie betrachtete sie – »Blut vergießen müssen. Ich scheue kein Verbrechen, wenn es gilt, ihn glücklich zu machen.« Ihre Liebe zu ihrem Sohne war Ehrgeiz. Sie fühlte nicht das Schändliche ihrer Pläne und Absichten, sie hatte eben völlig andere Ansichten von Menschenglück als er. Vor ihr lag der in den Nilkanal mündende Teich, silberblinkend wie der Rücken eines auf den Rasen geworfenen Schildes. Am Rande des Teiches neigte sich schmachtend eine Palme mit ihrem federartigen Büschel in den klaren, goldigblauen Nachthimmel. Der Mond zitterte schüchtern auf den Wellen des Teiches; ein Kahn, an dem sich die Wellen brachen, gluckste leise durch die Stille der Nacht. Dieses Wellenspiel klang manchmal wie ein schmerzlicher Hilferuf, und wenn sich das Rauschen der Zweige in das eintönige Wellengemurmel mischte, glaubte man zwei sich über ihr Unglück unterhaltende Menschen zu hören. Drüben in der Ferne verschwammen die schwarzen Dächer der entschlummerten Stadt in der Bläue der Nacht; wie Riesenarme, die sich verlangend emporrecken, ragten dort zwei Obelisken. Der Witwe ward es seltsam zumut in dieser Einsamkeit, in die sie sich, hingerissen von ihren Empfindungen, gewagt. Sie liebte die Einsamkeit nicht, sie fürchtete sich vor ihr. Eben war sie im Begriff aufzustehen, schleunigst den Heimweg zu suchen, als sie einen weißen Gegenstand bemerkte, der sich hinter einer dunkeln Hecke regte. War es ein Tier, das dort lauerte? Ein Reiher? Sie blieb sitzen, ihr Herz klopfte hörbar. Es knirschte in den Ästen. Der Kies knisterte, als wenn der Bauch eines Krokodils sich darüber hinschleppte. Das Gebüsch zerteilte sich jetzt, heraus schlüpfte eine zarte Gestalt, die furchtsam den vom Mond milchweiß beglänzten Pfad musterte, sich nach allen Seiten hin umsah und sich alsdann langsam vorwärts bewegte. Es war ein menschliches Wesen, das sich da versteckt hatte. Asso konnte nur erkennen, daß sie ein Weib vor sich hatte; weitere Beobachtungen ließen sich jetzt noch nicht machen. Die Gestalt huschte näher, anscheinend wollte sie nach dem Palast. Asso saß wie eine Bildsäule, die Gestalt mußte an ihrer Bank vorüber. Jetzt blieb die Gestalt stehen, jetzt zog sie die Falten ihres Mantels um den Leib, jetzt kam sie näher. Wer war es? Der Witwe begann sich eine freudige Ahnung aufzudrängen. Diese zarten Glieder hatte sie schon gesehen. Das furchtsame Wesen hatte die Bank erreicht; sie stutzte, als sie die regungslose Frau auf der Bank gewahrte; doch mochte sie dieselbe anfangs für ein lebloses Bild halten, denn sie wollte weiterschreiten. Kaum stand sie aber zwei Schritte vor Asso, als sie zurückbebte, wie von einer Schlange gebissen. Auch Asso war aufgesprungen, freudige Überraschung leuchtete aus ihren Augen. Sie hatte gefunden, was sie suchte. »Erkenne ich dich? Du hier?« knirschte sie, indem sich ihre Züge zu einem scheußlichen Gemisch von Wut, Schadenfreude und Heimtücke verzerrten. Ein Griff und sie hatte die Hand der Gestalt umfaßt wie mit Geierklauen. »Laßt mich los,« hauchte die Gestalt, in der Asso Myrrah erkannt hatte. Ja! sie war es, sie stand vor ihr, die Feindin, die Verhaßte, der Zufall, das Glück hatte sie in ihre Hand gegeben. Nun durfte sie aufatmen, die Erfüllung ihrer heißen Wünsche war in ihre unmittelbare Nähe gerückt. Auch Myrrah hatte die Furchtbare erkannt, von der all ihr Leid ausging, sie sah ihr in das kalte, herzlose Auge, hörte ihre schweren, heißen Atemzüge und konnte den eisigen Schauer, der ihr vom Gehirn den Rücken hinabrann, kaum zurückdrängen bei dieser Erkennung. »Ei! das trifft sich vortrefflich, meine holde Myrrah,« sagte Asso tückisch lächelnd, »ich freue mich, deine Bekanntschaft auf diese Weise zu erneuern, komm, laß uns ein Wörtchen zusammen wechseln, setze dich, du bist, wie man mir schrieb, entflohen; das war nicht recht, der gute Isaak liebte dich aufrichtig.« Wie kam Myrrah hierher? Ihre Lebensschicksale waren kurz folgende: Myrrah hatte, als sie sich nach ihrer glücklichen Flucht im Nilschilf verborgen, bald ein Fahrzeug entdeckt, dessen Führer bereit war, sie nach Theben zu fahren. Einige goldene Spangen und andere Kostbarkeiten, die sie ihm reichte, erhöhten des Mannes Eifer. Auf der Hälfte der Fahrt stieß Hadsa, die treue Schwarze, zu ihr; nun aber erklärte der Schiffer, zwei Personen seien ihm zu viel für sein Boot; er war unter keinen Umständen zum Weiterfahren zu bewegen, sondern lieferte die beiden Frauen einem größeren Schiffe aus, das Elfenbein von Äthiopien nach Memphis gebracht hatte und das nun über Theben seinen Weg nach seinem Vaterland zurücknahm. Der Kapitän des Fahrzeuges erklärte sich bereit, Myrrah und ihre Dienerin nach Theben zu befördern. Kaum befanden sich die beiden Frauen an Bord, als sie auch schon über Zudringlichkeiten dieses Kapitäns zu klagen hatten. Sie wollten ans Land gesetzt sein, jedoch der Äthiopier gab ihren Bitten nicht nach, sondern schloß die Verlassenen in einer unteren Kajüte ein. Sie errieten nun aus Winken und Andeutungen, daß man mit dem schändlichen Plane umging, sie in Meroë als Sklavinnen zu verhandeln. Einem seltsamen Auftritt jedoch hatten sie ihre Rettung zu verdanken. Des Kapitäns Bruder wollte nämlich die beiden Frauen für sich allein besitzen, was der andere nicht zugab. Oft hörten sie den heftigen Wortwechsel der beiden. Als das Schiff in der Nähe von Theben anhielt, trat der ältere Bruder zu Myrrah in die Kajüte, setzte sich neben sie und versuchte es, auf unverschämte Weise mit ihr zu scherzen. Myrrah, blaß vor Schrecken, bemerkte nicht, daß er vergessen, die Türe zu schließen, was hingegen Hadsas scharfes Auge sogleich entdeckte. Myrrah blieb stumm, Hadsa aber schlug ein überlautes Geschrei auf, sprang an die Türe und rief nach dem anderen Bruder, der denn auch sogleich herbeieilte, und wie er sah, was vorging, augenblicklich über den anderen herfiel. Beide Kämpfenden schlugen und bissen sich auf wahrhaft tierische Weise; schließlich wälzten sie sich auf dem Boden umher. Diesen Moment benutzte Hadsa, sie nahm ihre zitternde Herrin bei der Hand, führte sie aus der Kajüte die Schiffstreppe hinauf, und so entkamen sie leicht, da die Verbindungsbrücke des Schiffes noch nicht vom Lande zurückgezogen war. Hierauf flohen sie nach Theben, wo sie vor einigen Wochen angekommen waren. Während dieser Tage hatte sich Myrrah keine andere Aufgabe gestellt, als in Menes' Nähe zu gelangen, was ihr bis jetzt unmöglich gewesen. Heute hatte ihr Hadsa geraten, sich in den Gebüschen des Palastgartens zu verbergen, sie, Hadsa, wolle im Palast nach Menes fragen, um ihm mitzuteilen, wer auf ihn wartete. Das war geschehen, Myrrah aber konnte es nicht langer aushalten in ihrem Blätterversteck, sie wollte ebenfalls nach dem Palast eilen, denn Hadsa blieb ihr zu lange, und der Gedanke, in der Nähe des Geliebten zu weilen und ihm doch so ferne zu sein, wurde ihr unerträglich. Und nun! Alle Gefahren hatte sie überstanden; Jehova führte sie bis vor das Tor des Glückes, Isaaks Gewalt war sie entronnen, und nun öffnete sich ihr von neuem der Abgrund. Welcher tückische Zufall führte sie in die Arme der bittersten Feindin, in die Hände des Weibes, dem sie all ihr Elend zu verdanken hatte? Alles umsonst? Sollte sie im Hafen noch Schiffbruch erleiden? Nein! jetzt galt es siegen, jetzt galt es, die letzten Kräfte aufzuraffen, Hilfe war ja nahe, Hadsa konnte jeden Augenblick mit Menes in den Park eilen, sie war sicher, sie hatte keine Gefahr mehr zu fürchten. »Ich bin entflohen,« erwidert sie mutig auf Assos Anrede, »jetzt ist die Stunde gekommen, von der ich dir einst sprach, die Stunde, in der dein Betrug offen vor deines Sohnes Augen liegt. Jetzt erfährt er, welcher Mutter er getraut, jetzt sieh zu, wie du seiner Entrüstung entgehst.« »Weißt du so genau, ob er je erfahren wird, was ich für ihn getan?« höhnte Asso mit leiser Stimme, sich unheimlich rings umschauend. »Die Götter gaben mir die verhaßte Jüdin in die Hände. Du bist zwar in seiner Nahe, aber gib acht – wer die Dattel in der Hand hält, hat sie noch nicht im Munde.« »Wie soll ich das verstehen?« entgegnete Myrrah ruhig, »mein Ruf dringt bis in die Gemächer des Schlosses; weiche von mir, du kannst unsere Vereinigung nicht mehr hintertreiben!« »Nicht hintertreiben?« flüsterte Asso, in düsteres Hinbrüten versunken. »Als ich dir Isaak zum Manne gab, habe ich mehr getan, als mir die Pflicht gebot, damals schon hätte ich tun sollen, was ich jetzt entschlossen bin, zu tun. Ich danke euch, ihr Götter, daß ihr mich nun die Wolke hinwegnehmen laßt, welche den Strahl des Ruhmes verhinderte, meines Sohnes Haupt zu vergolden, jetzt ist er am Ziel, jetzt bricht die Schranke, die ihn von der Krone trennte; komme her, Myrrah, es ist nötig, daß du der Welt gute Nacht! sagst. Zeige, daß du Menes wahrhaft liebst, lasse dich töten, damit ihm der Weg nach den Sternen frei wird.« Myrrah sah beklommen, nach Luft ringend, in die lauernden Züge ihrer Feindin. »Erst, wenn sich das Grab über dir geschlossen,« murmelte Asso träumerisch, »wird mein Sohn die Kraft besitzen, die Hand der Königstochter zu ergreifen. Jetzt noch ist er wankelsinnig, aber wenn du fällst, wird er steigen; die Götter wollen deinen Tod; ich sehe, wie sie mir bestätigend zulächeln; – hätten sie sonst dich mir in die Arme geführt?« »Laßt mich ziehen, ungefährdet,« preßte die geängstigte Myrrah hervor, indem sie ihre Hand derjenigen der Witwe zu entreißen suchte. »Nein,« stöhnte die stolze Frau, »du entwindest dich mir nicht.« »Ich rufe,« keuchte Myrrah, »ich rufe nach Hilfe!« Sie sah, wie Asso einen glänzenden Gegenstand unter ihrem Gewand hervorzog. »Ihr wollt mich töten? Mit eigener Hand?« rief nun das Mädchen, »oh, warum hört er mich nicht. Menes! eile mir zu Hilfe! Rasch, ehe es zu spät ist! Man tötet die, die du liebst. So soll ich wirklich sterben, ehe ich ihn gesehen, ganz in seiner Nähe, unter seinen Augen sterben?« Ein mit Anstrengung aller Kräfte gegebener Stoß befreite sie von der Umstrickung der Gegnerin, aber kaum war sie aufatmend einen Schritt zurückgetreten, so sprang diese mit einem tigerartigen Satze dicht vor sie, und Myrrah sah die Schneide eines im Mondlicht funkenden Dolches auf ihren nur von dünnem Tuche bedeckten Busen gerichtet. Schon fühlte sie die kalte Metallspitze auf der warmen Haut, hastig griff sie nach der bewaffneten Hand und hielt die Zustoßende zurück. Aber den Kräften dieses Weibes war die von Flucht und Aufregung Erschöpfte nicht gewachsen, sie sank in die Knie, der Druck der bedolchten Faust ward immer gewaltsamer, der Gegendruck des Mädchens ward matter, immer matter, sie sah die Spitze näher rücken und schloß die Augen ohne weitere Abwehr, ja ohne Klageruf in ihr trauriges Schicksal ergeben. »Er soll dich nicht besitzen,« hauchte es dicht neben ihrem Ohr. Plötzlich hielt Asso mitten im Stoße inne; Myrrah öffnete noch einmal die Lider; ein Rauschen ließ sich rings in dem Gebüsche vernehmen, es zerteilte sich; Myrrah schrie auf, denn sie erkannte Hadsa, welcher eine Gestalt folgte, bei deren Anblick ihr Blut erst vom Hirn nach dem Herzen und von diesem wieder nach dem Hirn schoß. Asso stand wie zu Stein geworden. »Er ist's,« flüsterte das Mädchen tonlos, und ehe sie noch fähig war, sich zu erheben, sah sie, wie eine männliche Hand der wütenden Asso den Dolch aus der Faust riß, fühlte sie, wie ein zitternder Arm sie umfaßte, sich zwei brennende Lippen wie glühende Eisen in die ihren bohrten, hörte sie, wie eine von Tränen erstickte Stimme zärtlich ihren Namen rief. Sie streckte im Taumel der Wonne ihre Arme aus und klammerte sich an den dunkeln Körper, der sich über sie beugte, wie der Ertrinkende an den Felsen; all ihr Wesen drang dieser Brust entgegen, sie wußte nicht, wer es war, sie fragte nicht, sie dachte nicht, sie war nur ein einziges Gefühl, ein so gewaltsam seliges Gefühl, daß ihr Herz kaum zu schlagen wagte. Endlich fand sie, wenn auch nicht Worte, so doch Seufzer, Tränen. »Gefunden,« hauchte sie. »Mein auf immer,« hörte sie den Mund, der auf dem ihren ruhte, lispeln. Asso hatte die Erkennung der beiden Liebenden betrachtet wie eine Hyäne, der man den Raub entrissen. Nicht Verlegenheit, nicht Schrecken drückten sich in diesen eisernen Zügen aus, eher Verachtung. Menes legte das Mädchen, das sich kaum erholen konnte von der Überschwenglichkeit dieses Glückes, sanft in die Arme Hadsas, an deren Brust es in ein krampfhaftes Weinen ausbrach, und trat mit ruhigen Schritten seiner Mutter entgegen. Eine Zeitlang betrachtete er sie mit Blicken unaussprechlichen Schmerzes. Allmählich aber, als er sah, daß sein Schmerz auf die Mutter keinen Eindruck machte, sie im Gegenteil ihn herausfordernd musterte, nahmen seine Züge einen ruhigen, kalten Ausdruck an. »Mutter,« sagte er mit dumpfer Stimme, der man deutlich anhörte, wie sehr sie bemüht war, das innere Seelenweh hinter Gleichmütigkeit zu verbergen, »Mutter, was hast du getan!« Asso schwieg, sie sah stolz dem Sohn ins Auge, ihre Hand machte eine zuckende Bewegung. »Was hast du getan!« rief der Sohn noch einmal. »Ich habe alles erfahren – wie habe ich mich in dir getäuscht. Oh! oh!« seufzte er dann auf, »ich sagte: Mutter! diesen Namen verdienst du nicht mehr. Nein! du verdienst ihn nicht mehr.« Im hintersten Winkel von Assos Auge leuchtete es auf wie eine bange Überraschung. »Nein,« fuhr Menes fort, sich nun ganz seinem Schmerz überlassend, »du verdienst diesen Namen nicht mehr, und ich kann dir nicht ausdrücken, welchen Schmerz ich empfinde, da ich dies aussprechen muß. Ich hoffte darauf, daß du mir eine treue Ratgeberin würdest, ich hoffte auf deine wahre Liebe – damit ist es nun vorbei. Du hast keinen Sohn mehr, und weh mir, daß ich keine Mutter mehr habe. Doch lieber keine Mutter mehr haben, als eine solche, die den Sohn hintergeht. Und wie hintergeht! O ihr Götter! Hättest du mir dies alles zugefügt, was du diesem armen, unglücklichen, hilflosen Wesen getan, ich hätte dir verziehen, ich hätte überwunden, so aber hinter meinem Rücken diese zarte Seele peinigen, von der du wußtest, daß sie an mich gekettet ist mit allen Banden der Zärtlichkeit – das ist zuviel, das kann nur ein unmenschliches Wesen begehen, das kann ich dir nicht verleihen! In ihr hast du mich doppelt und dreifach gemartert, mich beleidigt, so tief beleidigt, daß, wärst du mir nicht von den Göttern zur Erzeugerin gegeben worden – daß ich – ja! es sei herausgesagt – mich nicht zurückhalten würde, dir diesen Dolch durch das arge, unmütterliche Herz zu stoßen.« Außer sich warf er ihr die Waffe zu Füßen, daß der Kies aufflog. Die Witwe packte, von den Worten ihres Sohnes getroffen, ihr Kleid und verwickelte ihre Faust in seine Falten; über ihre Züge glitt es finster, ihre Lippen bebten und es war, als ob sie den Eindruck dieser Worte abschütteln wollte. Dann drehte sie sich langsam um. Ein häßliches Lächeln umspielte ihre Lippen. »Oh, ein guter Sohn!« kam es aus ihrer keuchenden Brust, »der seine Mutter töten möchte! Tue es doch! Was hält dich ab! Durchstoße diese Brust, die dich genährt, die dich liebt, ja liebt, trotz alledem, was sie dir angetan!« »Mich liebt?« schrie Menes, ohne sich länger beherrschen zu können. »Kannst du nie, auch in diesem Augenblick, nicht aufhören zu heucheln?« »Und fragst du nicht danach, warum ich dies getan?« sagte sie, fast ohne den Mund zu öffnen. »Du tadelst mich? Du tadelst mich und weiter nichts. Du bedenkst nicht, daß ich vielleicht auch Lob verdiene.« »Lob?« »Ja! Lob!« fuhr Asso fort, deren harte Stimme zu zittern begann. »Ich war grausam, ich hielt es für meine Pflicht, grausam zu sein. So, wie ich handelte, war gut gehandelt, ich handelte so, weil ich dich liebte. Ja! schüttele den Kopf – liebte –! und –« ihr Ton ward nun so trotzig, daß Menes erschrak – »und ich würde wieder so gehandelt haben, wenn sich mir die Gelegenheit geboten und die Umstände es gefordert. Du bist ein Undankbarer,« rief sie dann, als Menes sie unterbrechen wollte. »Ein Sohn, der seine Mutter nicht versteht, ein Sohn, der seiner Mutter nicht würdig, ein kleinlicher Sohn, dessen niedriger Geist sich nicht aufzuschwingen vermag aus seinen erbärmlichen Zwecken, verächtlichen Zielen. Gut! nimm diese elende Jüdin zum Weib, beschließe dein Leben in Dunkelheit, hege sie, pflege sie, küsse sie, treibe das lächerlich-kindische Spiel, das sie Liebe nennen, das du mit dem Tier und mit dem geringsten Fischerknecht gemein hast, geh hin! pflanze dich fort, suche das Glück deines Lebens darin, deine Kinder zu züchtigen, habe kein höheres Ziel, als einen Enkel auf den Knien zu wiegen oder deinem Weibe ein neues Kopftuch zu kaufen, o pfui! dann aber nimm die Verachtung, die volle Verachtung deiner Mutter dahin, die dich zu Höherem bestimmte, du Schwächling! dem einst eine Königskrone über dem Haupte leuchtete und der sie ausschlug.« Asso hatte diese Worte leidenschaftlich hervorgestoßen. Ihre Stimme hatte sich gesteigert, kaum war ihr letztes Wort verhallt, als sie sich mit Heftigkeit umwandte und von dannen schritt. Menes sah ihrem festen, selbstbewußten Schritt an, daß sie von ihrer Würde, von der Löblichkeit ihrer Tat völlig durchdrungen war und gab es auf, ihr weitere Vorstellungen zu machen, die zu nichts geführt hätten. Einen Augenblick, nachdem sie gegangen, stand er noch in Nachdenken verloren, ihr traurig nachsehend. »Sie liebte mich nie,« sagte er sich, »Selbstsucht war ihre Liebe zu mir. Ich sage mich los von dieser Mutter, und es wird mir jetzt leicht, mich von ihr loszusagen, hoffentlich sehe ich sie niemals wieder; hoffentlich wirft ihre finstere Stirne nie mehr einen Schatten in mein strahlendes Glück.« Er schritt leuchtenden Angesichts auf Myrrah zu, die sich aus den Armen Hadsas losmachte, ihre Tränen trocknete, ihm verschämt entgegeneilte und, von seinen liebeswarmen Armen umschlungen, an seine Brust sank. Hadsa lächelte glücklich, als sie die in eine einzige Gestalt verschmolzenen Liebenden sah, eine Träne blitzte über die sammetne Schwärze ihrer Wangen und sie schlich sich stille davon, den Wonnerausch der Glücklichen nicht zu stören. »Und so halte ich dich endlich in den Armen,« flüsterte Menes, sich sanft mit ihr am Ufer des Teiches niederlassend, »so viel Weh, so viel Leid hast du durchkämpfen müssen, bis du Ärmste erlöst, an meinen Busen flüchten durftest! Oh! welche Prüfungen haben dir die Himmlischen auferlegt, meine arme, verfolgte Gazelle, meine keusche Lotosblume, die das Haupt so scheu unter den Wellen birgt. Oh, wenn ich doch nur eine Ahnung gehabt hätte von – ich will ihren Namen nicht mehr aussprechen – von ihren Hinterlisten, wenn ich doch eine Nachricht erhalten hätte von deinen Qualen, aber ich lebte fern von dir, glaubte dich im Schoße des Friedens, und erfahre nun, daß du weit Schlimmeres erduldet wie ich, du treue, standhafte Seele. Ich könnte mir zürnen, daß ich nicht gefühlt, wie du um meinetwillen littest, daß ich lächeln konnte, während du vielleicht weintest, Speise nahm, während du Hunger littest, süß einschlummerte, während du dich auf dem tränennassen Lager wälztest.« »Es ist vorüber,« hauchte Myrrah, ihren Mund an den seinen schmiegend, »sprich nicht mehr davon.« »Du hast recht,« lispelte er, sie in sich hineinziehend, »du hast recht, überstandenes Leid ist keines mehr. Sind wir doch nun doppelt selig im Rückblick auf die ernste Prüfungszeit, sie dient nur dazu, unser jetziges Glück mit einem Strahlenglanze zu umgeben; wie der Mond dort leuchtet auf dem dunkeln Grund des Himmels, so leuchtet nun unsere Liebe auf dem dunklen Grund überwundener Gefahren.« »Ich habe dich,« flüsterte sie, die Augen schließend, »weiter brauche ich nichts, nach Weiterem frage ich nicht, weiter weiß ich nichts mehr, ich habe die Welt vergessen!« Er fühlte ihren schwellenden Busen weich an seiner Brust brennen und es versagten ihm die Lippen, sie nach den Gefahren, die sie durchkämpft, eingehender zu fragen oder ihr die seinigen mitzuteilen. Die Erzählung derselben mußte späteren Tagen aufbewahrt bleiben. Er fühlte, wie sie sich sicher fühlte an seiner Brust, denn sie drückte sich zitternd in sie hinein, und er schwur sich: alles Leid ihr sorgsam aus dem Wege zu räumen, ihr die Tage so schön zu machen, als es ihm nur möglich sein würde, ihr nie ein mürrisches Wort zu sagen. Sein Auge weilte trunken erst auf den Reizen, die er umarmen durfte, dann auf denjenigen der Natur, die sein Liebesglück erhöhen zu wollen schienen. Über den Zinnen des Palastes stieg eine rosig angehauchte Glut empor, der Widerschein der Morgenröte. Das königliche Gestirn schickte seine glühenden Trabanten, die Strahlen durch die Nacht, damit sie die Palastsäulen seines Sohnes vergoldeten. Wie ein feuriges, marmornes Riesenschiff stand der Palast in dem grünwogenden Blättermeer des Gartens, berauschende Düfte umwehten zärtlich die Liebenden und ein erwachender Vogel grüßte sie mit seinem ersten Lied. Der Mond aber nahm milden Blickes von ihnen Abschied. Wie zitterte der Teich im fröstelnden Morgenwind, wie brannte der Palast, wie hold schlossen die Sterne die Augen, wie flüsterten die Zweige! Es ward den beiden so seltsam zumut, sie wollten doch lächeln und mußten weinen, ihr Blick ward tiefer und ihre Küsse glühten bedeutungsvoller. Und sieh! wer tritt dort aus dem Laubgang, begleitet von seinem reichen Gefolge? Wer winkt, daß die Trompeten schmettern? Es ist König Ramses, der Sohn der Sonne: die Strahlen seines Vaters umleuchten ihn triumphierend. Er schreitet auf den trunkenen Menes zu, er überreicht ihm eine Papyrusrolle; Menes betrachtet erst Myrrah, dann den König, er sieht, wie der König Myrrah umarmt und sie feierlich vor dem ganzen Hofe seine Tochter nennt. »Ja! Tochter!« spricht er, »also will es mein großer verstorbener Vater Seti der Erste, also hatte er es dieser Rolle anvertraut, die wir der Hand eines Verbrechers entrissen; Myrrah, so sagt dies Dokument, war meines großen Vaters Kind, und jetzt ist sie das meine!« Und die Großen des Reiches verneigen sich vor ihr, und die Trompeten und Trommeln und Harfen stimmen an den Hymnus der Liebe, der menschenbeglückenden, weltbezwingenden Liebe und alle schreiten ergriffen zum Tempel, dessen säulenprächtiges Innere sich majestätisch vor ihnen auftut. * * * Dort aber, fern auf dem blitzenden Nile rauscht ein vergoldetes Boot gen Memphis. Eine schöne, mädchenhafte Gestalt lehnt sich über Bord, ihr Blick sucht sehnsüchtig den Palast des Ramses, ihr Ohr lauscht den Trompeten, die von dort herüberschmettern. »Wie bist du glücklich, o Königskind,« singen ihre Sklavinnen, sie umtanzend, »du fliegst von Stadt zu Stadt, dir huldigen die Töchter Ägyptens, dir neigen sich die Palmen, die Pyramiden, dein Fuß wird bald die heilige Oase Amun betreten, wo du von nun an deinen Träumen leben kannst! Wie bist du glücklich, o Königskind! Dein Schmuck ist von Gold und edlen Perlen, dich lobt Isis, die Wunderbare, dir dienen schöne Sklavinnen, dir sind in Liebe geneigt die jungen Männer deines Volkes. Ja! in Liebe! in Liebe, und dein Grabmal ist reich bemalt, tief und verschwiegen! ja, du bist glücklich!« Aber aus den Augen des Königskindes rollt eine Träne in den aufrauschenden Nil und ihre Arme ringt sie nach Theben zurück!