Van Zantens törichte Liebe Aus bisher ungedruckten Papieren van Zantens Mit Vorwort, Ergänzungen und Nachwort des Herausgebers Herausgegeben von Laurids Bruun Vorwort Zum besseren Verständnis der beiden Schriftstücke von van Zantens Hand, die hier zum erstenmal der Öffentlichkeit unterbreitet werden, sowie zur Orientierung der dazwischenliegenden Begebenheiten, die die beiden Schriftstücke miteinander verbinden, und um schließlich auf die Bedeutung hinzuweisen, die das Ganze für die Beantwortung der Frage hat: »Wer war van Zanten?«, möchte ich folgendes vorausschicken: Der erste Schriftsatz ist das Tagebuch, das Pieter Adrian in seinem Vaterhaus in Amsterdam führte, von seinem fünfzehnten bis zu seinem sechzehnten Jahre. Es beginnt damit, daß er dem Papier seine Gefühle und Gedanken anvertraut, als sein Vater nach einer Reihe von Witwerjahren ihm seine Haushälterin zur Stiefmutter geben will. Das Tagebuch berichtet, wie Pieter Adrian unter dem starken Einfluß eines Buches, das sein französischer Lehrer ihm geliehen hat und das von dem Schiff »Antelope« und dem Schiffbruch auf einer Insel im Stillen Ozean handelt, den Entschluß faßt, dem Beispiel des großen James Cook zu folgen, aus der Schule (hier aus der Instrumentenmacherlehre, die ihm droht) durchzubrennen und zur See zu gehen; und es endet damit, daß Pieter Adrian sich um Mitternacht an der verabredeten Stelle einfindet, um sich an Bord eines Seglers, der nach Indien fährt, zu schleichen. Als zweiter Abschnitt folgt dann mein Bericht als Herausgeber. Er handelt davon, wie diese Flucht im letzten Augenblick verhindert wurde, von den darauffolgenden Ereignissen und der ernsten Krise, mit der sie endeten. Teils aus sehr kurzgefaßten, vereinzelten Notizen in van Zantens hinterlassenen Papieren, teils nach mündlichen Berichten, die van Zanten mir viele Jahre später, während unseres Beisammenseins in Bern und später in Paris, Siehe Vorwort zu »Van Zantens glückliche Zeit« . mitgeteilt hat, habe ich versucht, eine Darstellung dieser Erlebnisse bei seinem Onkel in Batavia in Romanform wiederzugeben. Diesen Bericht habe ich dem zweiten Schriftstück aus van Zantens Feder vorausgeschickt, weil die Kenntnis von van Zantens Erlebnissen in Batavia und seiner Liebesenttäuschungen zum Verständnis dafür, wie dies zweite Schriftstück überhaupt entstanden ist, notwendig war. Die Krise hatte damit geendet, daß van Zanten Batavia verlassen mußte, um eine Stellung als Leiter einer Filiale auf dem fernen, einsamen und ungesunden Tjelatjap an der Südküste von Java anzutreten. Dort, in aufgezwungener Einsamkeit, grübelte er beständig über das Erlebte. Es war die alte Geschichte von bitteren Erfahrungen, die das Gemüt so tief verwunden, daß sie alle jugendlichen Lebensbetrachtungen über den Haufen werfen. Er suchte nun in langen, viel zu langen Mußestunden dichterische Auslösung und verwirklichte dadurch zugleich einen alten Plan (siehe Tagebuch vom 17. Juli), der knappen, trocknen Erzählung von der »Antelope« und ihrem Schiffbruch Fleisch und Blut zu geben. Dieses frische Seemannsabenteuer hatte bestimmend auf seinen ersten, selbständigen Schritt im Leben eingewirkt, wie er es bereits als Knabe vorausgeahnt (siehe Tagebuch vom 25. Juli). So entstand das zweite Schriftstück von van Zantens Hand: »Madan Blanchards Abenteuer«, indem er durch die Dichtung das zu erlangen suchte, was das Leben ihm versagt hatte, als es ihn bei seiner ersten Ausfahrt aus dem Kurs drängte. Im Laufe des Herbstes 1865 bis zum Frühjahr 1866 hatte er sich mit der Niederschrift dieses Abenteuers getröstet, bei der Nachricht von der Hochzeit seiner angebeteten Kusine im August 1866 aber brach die Wunde von neuem auf, und Seemannsabenteuer und Dichterträume genügten ihm nicht mehr. Er brach sein Werk mit einem kurzen »Zusatz« ab, worin es heißt: »Das Leben ist mir zu ernst geworden, um darüber zu fabeln, es will gelebt werden.« Siehe » Zusatz « Der literarische Versuch »Madan Blanchards Abenteuer« blieb unvollendet, doch hat van Zanten auf der Rückseite des Bogens, auf dem der »Zusatz« steht, eine Bemerkung niedergeschrieben, die er »Entschluß« nennt, und woraus hervorgeht, daß er viele Jahre später die Absicht gehabt hat, für diesen seinen ersten literarischen Versuch einen Schluß zu schreiben und dann das Ganze zu veröffentlichen. Ich verweise auf den Abschnitt »Entschluß« mit Anmerkung des Herausgebers. Schließlich enthält das vorliegende Buch noch eine »Nachschrift«, worin ich ausführe, wie obengenanntes Werk über die »Antelope« und ihren Schiffbruch mir zufällig kürzlich in die Hände gefallen ist, ferner folgt eine Angabe über Art und Inhalt dieses Werkes und ein kurzer Hinweis darauf, wie groß die Bedeutung war, die dieses Buch sowohl auf van Zantens Lebensschicksal als auch auf seine Dichtung gehabt hat. Kopenhagen, im April 1930. Laurids Bruun . Pieter Adrian van Zantens Tagebuch vom 5. Oktober 1860 bis zum 23. August 1861 5. Oktober 1860. Nächsten Sonntag ist Hochzeit. »Ich will dir eine neue Mutter geben«, hat er gesagt, »du sollst sie Mutter nennen.« Nein. Sie ist keine Mutter. Glaubt er, daß ich mich nicht an Mutters sanfte, blaue Augen erinnere? So können Berghs schwarze Stecknadelaugen nicht blicken, sie kann den Kopf nicht in den Nacken werfen und lachen, daß die Locken fliegen, wie du, meine richtige Mutter. Ich wette, ihr strähniges, glattes Haar hat sich niemals gelockt. Ich werde »du« zu ihr sagen, weil sie Vaters Frau ist, »Mutter« aber sage ich nicht, das schwöre ich. Versucht sie eine Liebkosung, werde ich mich ihr entziehen, ruhig, aber bestimmt, ihr gerade in die schwarzen Stecknadelaugen sehen, damit sie begreift, daß sie »abgeblitzt« ist. Sonnabend abends: Die Trauung findet um zwei Uhr in der Wester Kirche statt. Pieter Adrian, jetzt gilt es, sich wie ein Mann zu benehmen! 16. Oktober. Ich habe mich gut gehalten, in der Kirche und auch später beim Festessen. Der alte Voß hielt eine hübsche Rede, dankte Vater für all die Jahre, in denen er Vaters rechte Hand gewesen ist, aber ich konnte ihm ansehen, daß er bei sich dachte: Das hättest du lieber nicht tun sollen, van Zanten. Einmal blickte er zu mir herüber, da wäre es fast um meine Fassung geschehen gewesen. Ich tat, als ob ich einen zu großen Bissen von der Torte in den Mund gesteckt habe und drauf und dran sei, zu ersticken. Die Torte war übrigens gut. Kochen kann sie. Sie stieß mit mir an, und ich nickte recht freundlich, sie braucht nicht zu glauben, daß wir Feinde sind. Sie soll nur wissen, daß ich sie nicht als Mutter anerkenne. 23. Oktober. Heute sah ich die »Andromeda« segelfertig im Hafen liegen und den Kapitän an Bord gehen. Der Brückenwärter Jaen sagt, daß die »Andromeda« auf einer der Kleinen Sunda-Inseln mit den Eingeborenen Abrechnung halten soll, weil sie mehrere Matrosen, die mit einer Schaluppe von einem unserer Kanonenboote an Land gefahren waren, überfallen und aufgefressen haben. Es war ein Staat, die Matrosen in zwei langen Reihen aufgestellt zu sehen, während der Kapitän eine Ansprache hielt; ich sah, wie er gestikulierte, und hinterher riefen die Matrosen Hurra. Einige waren nicht älter als ich. Die Glücklichen dürfen über das große, wilde Meer fahren, mit Wellen so hoch wie Häuser und grünen Inseln mittendrin. Wenn sie keinen Dienst haben, liegen sie unter Palmen und träumen. Die langen Blätter, die sich in dem weichen Wind wiegen, gewähren ihnen Schutz gegen die brennende Sonne. Sie gucken zu den Kokosnüssen hinauf, suchen sich die schönste aus und schicken die Malaien hinauf, um sie zu pflücken; die Malaien können wie Affen klettern, von denen sie die Kunst gelernt haben. Dort kennt man nicht Nebel und Kälte wie hier, dort wird ein Junge zu einem Mann ohne Lehrer, Grammatik und Polizei – das sagt Jaen, denn er ist selbst auf den Inseln gewesen in seiner Jugend. Wären die Matrosen den Eingeborenen nicht zu nah getreten, als sie mit der Schaluppe an Land gingen, so wären sie nicht gefangen und gefressen worden, sagt Jaen. Haben die Matrosen ihr Auge auf etwas geworfen, was den Eingeborenen gehört, so sagen sie: »Her damit, du schwarzer Hund!«, und wenn der Wilde es ihnen nicht freiwillig gibt, stoßen sie ihn fort und nehmen es sich oder bemächtigen sich der eingeborenen Frauen. »Ist das eine Art?« sagte der Brückenwächter Jaen. Gehört die Insel den Eingeborenen oder den Matrosen. Es fehlte gerade, daß irgendein Wilder zu uns herüberkäme und einem sein Sonntagsmädchen wegnehmen wollte, grün und blau würde er geprügelt werden, und fände der Holländer Geschmack an Menschenfleisch, er würde sich nicht genieren, den Wilden zu verspeisen. »Nach außen hin sind wir allerdings weiß«, sagt Jaen, »inwendig aber sind wir so schwarz wie die Wilden – das kannst du in der Schrift lesen, die Stelle, wo das von den gekalkten Gräbern steht, die kennst du wohl, wenn du auch noch nicht in die Konfirmandenstunde gehst.« Jaen gefällt mir, obgleich er nur ein »einfacher Mann« ist, wie sie sagt. Sie machte eine Szene, weil ich heute morgen mit ihm sprach, als sie auf dem Weg zum Markt vorbeiging; solche Leute, sagte sie, würden eingebildet, wenn man sich mit ihnen einläßt; sie wollte Vater fragen, ob es in seinem Sinne sei, daß sein Sohn sich mit einem einfachen Mann wie Jaen gemein macht. Das bestimme ich selbst, meine Liebe, und im übrigen kannst du dich darauf verlassen, daß es gerade in seinem Sinn ist. Schluß! 3. November. Ich habe »Midshipman Easy« ausgelesen, ein herrliches Buch! Wer so etwas schreiben könnte! Wie viele Menschen dieser Kapitän Marryat gekannt haben muß! Und er erzählt alles, was er von Menschen weiß, frisch von der Leber weg, so daß jeder es lesen kann. Ich glaube allerdings nicht, daß alles wahr ist. Es macht Spaß, von anderen zu lesen, aber ich möchte nicht, daß er etwas von mir erzählt. 5. November. Heute ging ich mit Monsieur Lenoir von der Handelsschule nach Hause. Er arbeitet nachmittags bei einem Bücherjuden in der Joden-Bree-Straat, denn er ist sehr arm. Seine Eltern sind tot, und er will nicht nach Lille zurück, wo er geboren ist; ich glaube, es steckt eine unglückliche Liebesgeschichte dahinter, sein Blick wurde so finster, und er sah zur Seite, als er davon sprach. Er mag mich gern, weil ich mich nicht über seine komische Sprache lustig mache wie die anderen, die ihn immer mit unschuldiger Miene nachäffen. Er fragt mich aus, was dies und jenes auf holländisch heißt. Er lebt von dem, was er in der Handelsschule und beim Bücherjuden verdient, dafür ordnet er die Bücher und fertigt einen Katalog auf französisch an. Als ich ihm von »Midshipman Easy« erzählte, daß es solch wundervolles Buch sei, sagte er, in meinem Alter sei es sein höchster Wunsch gewesen, Bücher zu schreiben, sein Vater aber habe es ihm nicht erlaubt. Und ich, sagte ich, wolle gern zur See und Inseln entdecken, die noch kein Weißer betreten habe, wie Cook, der meiner Meinung nach der größte Mann sei, der je gelebt habe. Ich aber sollte Instrumentenmacher werden wie mein Vater und sein Geschäft übernehmen. Was kann man da machen? Wäre mein Vater Kapitän und besäße ein Schiff, sollte ich natürlich Schiff und Stellung erben, und wollte ich Instrumentenmacher werden, würde mir natürlich das verwehrt. Und wäre es nicht möglich, daß ich zu beiden gar nicht taugte. – »Sie haben recht«, sagte er und nickte eifrig. »Wir sind doch nicht allesamt dazu veranlagt, in die Fußtapfen unserer Väter zu treten!« Ich begleitete ihn ganz bis zur Brücke hinunter und wäre gern mit in den Laden des Juden hineingegangen, aber ich glaube, es war ihm nicht recht, denn er bekam es plötzlich so eilig und sagte, ich müsse lieber gleich nach Hause gehen. 7. Dezember. In dem Buch über Cook und seine Entdeckungen bin ich bis Seite 170 gekommen. Es ist englisch geschrieben, aber nicht schwer zu lesen. Ein herrliches Buch, obgleich etwas zu viel über Astronomie und geographische Berechnungen drinsteht. Ich sitze mit meinem Mantel, denn in meinem Zimmer ist nicht geheizt. Sie steckt dahinter: Junge Leute dürfen nicht verwöhnt werden, sagte sie, und Vater stimmte ihr bei, zu seiner Zeit sei es auch nicht Sitte gewesen, sagte er. Sie wollen nur, daß ich mit meinen Schularbeiten unten bei ihnen sitzen soll, während sie Ecarté spielen, das ist der eigentliche Grund. Es ist so gemütlich, wenn die ganze Familie beisammensitzt, sagte sie – und man spart Kohlen. Was geht es sie an, es ist doch Vaters Geld. Aber sie weiß, wie man Vater nehmen muß. Ich antwortete, ich könne meine Mathematikaufgaben nicht machen, wenn im Zimmer gesprochen würde, und Monsieur Lenoir habe verlangt, daß wir unsere französische Aufgabe laut lesen sollten, der Aussprache wegen. Sie kann weder Französisch noch eine andere Sprache, nur ihr hausbackenes Amsterdamer Platt. Sie hat Vater gepetzt, daß ich »Schiffergeschichten« verschlinge, anstatt etwas Nützliches, das zum Fach gehört, zu lesen. Das fehlte mir gerade! »Übersicht über die Geschichte der physikalischen und optischen Instrumente, mit besonderer Berücksichtigung solcher, die für die Schiffahrt Verwendung finden«; das Buch hat er mir zum Geburtstag geschenkt, aber ich glaube, er hat es vergessen, denn er hat noch kein einziges Mal gefragt, wie weit ich gekommen bin. Ich will sie lehren, ihre Nase in meine Sachen zu stecken. 14. Dezember. Noch zehn Tage bis Weihnachtsabend. Heute hat sie Kuchenteig gemacht. Darauf versteht sie sich. Ich habe tüchtig in die Schüssel gelangt, während sie mit Vaters Schlafrock, in den er am Kamin ein Loch gebrannt hat, beim Schneider war. »Er wird alt«, sagte Hanneke an ihrem Waschfaß, »das alte Männeken muß nah an den Kamin rangehen, um sich warm zu halten!« Sie stand und redete mit sich selbst, wußte nicht, daß ich sie hörte. »Was schwatzt du da?« sagte ich und musterte sie von oben bis unten, daß sie puterrot am Kopf wurde. »Hier gibt's kein altes Männeken, daß du's weißt. Du bist nur zu dumm, um zu begreifen, daß ein Mann wie mein Vater, der so viele wichtige Dinge im Kopfe hat, nicht die ganze Zeit an seinen Schlafrock denken kann.« 13. Februar 1861. Ich habe das Buch über Cook ausgelesen. Ich finde, er ist der größte Mann, der je gelebt hat. Ich wünschte, ich sähe ihm ähnlich. Er brannte durch, als er in die Kaufmannslehre ging, fuhr zur See und endete dennoch als Präsident der Königlichen Gesellschaft. Wie traurig, daß gerade er von der Hand der Eingeborenen fallen mußte, und wie ungerecht vom Schicksal, wenn man bedenkt, daß doch er den Wilden Zutritt zu den Segnungen der Zivilisation verschafft hat. 11. April. Sie mischt sich in alles. Jetzt hat sie bestimmt, daß ich im August konfirmiert werden soll. 20. April. Heute haben die Konfirmandenstunden begonnen. Wir sind zweiundzwanzig, die Mädchen mitgerechnet. 23. Mai. Ich kann an vielen Dingen merken, daß ich erwachsen werde. Ich bin der größte von allen Jungen in der Handelsschule, und als ich mir heute die Haare schneiden ließ, fragte der Friseurgehilfe, ob er mich rasieren sollte. Ich wurde rot, sein Gesicht aber war ganz ernst, und auch keiner von den anderen, die im Laden saßen und warteten, lächelte. Es sprießt mir wirklich schon ein Bart, und fängt man erst an, ihn wegzurasieren, wächst er kräftig. Wie eine Hecke, wenn man sie beschneidet, sagt Jaen. 26. Mai. Heute war ich im Laden und brachte dem alten Voß einen Bescheid von Vater; seit Weihnachten hat er mich nicht gesehen. Er machte mir eine Verbeugung – das hat er noch nie getan – und schob die Brille in die Höh', um mich besser zu mustern. Er war gerade im Begriff, ein Opernglas für Mijnheer van Stratens hochaufgeschossenen Sohn Willem einzupacken. Willem ist anderthalb Jahre älter und einen halben Kopf größer als ich und hat eine Gesichtsfarbe wie Kalbsbraten. Wir gaben uns die Hand, seine war noch so feucht wie damals, als wir zusammen in die Schule gingen. »Sehr erfreut, dich zu sehen«, lispelte er gebildet und sah mir über den Kopf. »Was treibst du?« fragte ich ebenso vornehm. »Ich studiere.« Das letztemal sprachen wir uns auf der Prinz-Hendrik-Kade, wo er einen Schoner nicht von einer Kuff unterscheiden konnte. Er ist ein richtiger Stubenhocker und Muttersöhnchen. Der alte Voß sagte: »Will der junge Herr nicht auch ein Opernglas?« Sonst hat er immer Pieter gesagt, in seinen gutmütigen Augen war aber kein Spott. 15. Juni. Teures Tagebuch, du mein einziger Freund. Wenn ich sitze und schreibe, kommen die Nachtfalter aus der Dämmerung, umflattern die Lampe, werden von der Wärme nach oben getrieben, stoßen mit einem kleinen Knall gegen die Decke, und ihre Schatten zittern auf der grauen Wand. Mir ist, als verkörperten sie die Mißgeschicke, die mich den Tag über verfolgen, als kämen sie nach Sonnenuntergang durch mein Fenster herein, um mich auch hier zu quälen. Sitze ich aber an der Lampe vor meinem weißen Bogen und wehre mich mit der Feder, dann können sie mir nichts antun, denn indem ich die Ereignisse und Ärgernisse des Tages niederschreibe, ist es, als ob ich die kleinen surrenden Gespenster einfange und im Licht aufspieße, bis sie knistern und ohnmächtig sind. 16. Juni. Als ich heute mittag von der Handelsschule nach Hause ging, sah ich auf einem Segler, der heute morgen aus Batavia angekommen ist, eine Eingeborene, die ihr schmutziges Hemd auszog und in einem Eimer auf Deck wusch. Sie sang dazu, es klang, als ob sie gurgelte. Es fiel ihr nicht ein, sich zu ducken oder ihre Blöße zu bedecken, als sie mich sah. Im Gegenteil, sie zeigte mir ihre volle Brust in der Abendsonne und blickte mich lächelnd an. – Das Herz klopfte mir ordentlich. 17. Juni. Heute abend bin ich wieder bei der Brigg vorbeigegangen. Das Mädchen war nicht zu sehen, doch meinte ich ihr Gurgeln unter Deck zu hören. Ich pfiff, weil ich es nicht lassen konnte. Als aber ein dunkler Kopf aus der Mannschaftskajüte auftauchte, machte ich, daß ich fortkam. Liebes Tagebuch, außer dir habe ich niemanden, mit dem ich sprechen, dem ich mich anvertrauen kann. Und dir will ich gestehen, daß ich die ewige Langeweile, die mit »ihr« ins Haus gekommen ist, nicht mehr ertragen kann. Dies darf ich nicht und jenes schickt sich nicht! Nichts ist vornehm genug für sie, obgleich sie Gott weiß woher stammt! Manchmal sehe ich Vater an und denke bei mir: Hast du Mutter denn ganz vergessen? Wagt er nicht an sie zu denken, oder hat er kein Herz mehr? Sie sorgt gut für ihn, auch für mich, das muß man ihr lassen, und dennoch ist es im Hause so seltsam fremd und öde geworden. Sie ist so pflichtgetreu, daß es zum Kotzen ist. Keiner außer ihr hat im Hause mehr etwas zu sagen. 18. Juni. Heute abend habe ich einen Schimmer von dem indischen Mädchen gesehen. Sie kam aus der Luke und ging nach achtern in die Kajüte des Kapitäns. Ich räusperte mich, um mich bemerkbar zu machen, doch sah sie mich nicht, es war schon zu dunkel. Nachts träumte mir, ich sei drauf und dran zu ertrinken; sie reckte sich über die Reling, faßte mich am Arm und zog mich in ein Boot: »Kennst du mich nicht?« fragte sie in ihrer fremden Sprache. Ich zögerte, und ihre Augen wurden tief und dunkel vor Trauer. Die Brigg ist fort. Es ist so öde am Bollwerk geworden. Lebe wohl, indisches Mädchen! Vielleicht ist es gut, daß ich dich nicht wiedersehe. 23. Juni. Es ist abgemacht – das heißt, sie hat es bestimmt, weil sie findet, ich habe zuviel Zeit zum »Herumstreifen«, wie sie es nennt. Als ob es nicht mein gutes Recht ist, einen Spaziergang im Hafen und längs der Kanäle zu machen, wenn ich mit meinen Stunden in der Handelsschule fertig bin und nach der stickigen Luft in den Schulstuben meine Lungen lüften will. Es ist also abgemacht, daß ich in der Werkstatt praktisch arbeiten, Operngläser und Kompasse zusammensetzen soll. Vater fiel plötzlich »Die Geschichte der Übersicht über die physikalischen und optischen Instrumente« ein, und er fragte nach diesem und jenem, ob ich zum Beispiel wüßte, was ein Theodolit sei. Glücklicherweise mußte ich gerade zum französischen Unterricht. Er würde darauf zurückkommen, sagte er. Abends aber hatte er es vergessen. Der alte Voß wußte auch schon Bescheid, denn als ich ihm heute morgen eine Botschaft vom Vater brachte, schob er seine Brille auf die Stirn, räusperte sich feierlich und sagte, es freue ihn, daß er bald die Ehre haben würde, mich in die edle Instrumentenkunst einzuführen; es sei erfreulich und lobenswert, daß ein junger Mann die Lektüre nützlicher und belehrender Werke Romanen, Reisebeschreibungen und anderen nichtswürdigen Dingen vorziehe. Er habe, gehört, daß ich mich besonders für die Geschichte der physikalischen und optischen Instrumente interessiere – Vater hat offenbar mit mir renommiert –, und er würde mir gern seine Privatsammlung zeigen, er besäße Dinge, die nicht einmal im Königlichen Technischen Museum vorhanden seien. Er sollte ahnen, wie ich den alten Kram verabscheue. Ich, Pieter Adrian van Zanten, will zur See, die große Welt sehen, neue Inseln entdecken und nötigenfalls mich mit Eingeborenen schlagen! Im August werde ich konfirmiert, und dann wollen sie mich in die Werkstatt stecken und mir die Flügel beschneiden. 27. Juni. Als ich heute nach der Stunde nach Hause gehen wollte, winkte Monsieur Lenoir mir, und ich begleitete ihn. »Mir ist gestern beim Katalogisieren ein Buch in die Hand gefallen«, sagte er auf französisch, »das recht etwas für Sie ist.« Als er merkte, daß ich ihm schwer zu folgen vermochte, fuhr er in seinem drolligen Holländisch fort: »Es handelt von einem Schiff, der ›Antelope‹ das auf einer öden Insel strandete. Die Mannschaft blieb dort, bis sie sich ein neues Schiff gezimmert hatte und nach England zurückkehren konnte. Das Buch ist allerdings auf französisch geschrieben, aber es liest sich leicht, und es ist eine ausgezeichnete Übung, wenn man ein Buch in einer fremden Sprache liest, das einen wirklich interessiert. Es ist keine Abenteurergeschichte, verstehen Sie, sondern eine wahre Begebenheit aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts. Der Kapitän hieß Wilson, das Buch enthält Bilder von ihm und auch von mehreren Eingeborenen. Es scheint sehr spannend zu sein, und daß es auf einer wahren Begebenheit beruht, ist nur ein Vorteil, finden Sie nicht auch?« »Ja«, sagte ich, »Märchen kann man selbst dichten.« Er lachte und faßte mich um die Schulter. Er will mir das Buch das nächste Mal mitbringen, aber ich darf es niemandem zeigen und muß es schnell lesen, damit der Jude es nicht vermißt. 30. Juni. Heute habe ich das Buch erhalten. Es ist sehr groß, quadratisch im Format, fast vierhundert Seiten lang und mit wundervollen Bildern! Ein Bild stellt den König der Eingeborenen vor, mit einer Axt über der Schulter, und auf einem anderen sieht man ein Mädchen mit sanften schönen Augen, nackt bis an den Gürtel, das Ludée heißt. Sie hat ein wenig Ähnlichkeit mit dem Mädchen, das sich wusch, ist aber viel hübscher. Ich wollte, es wäre ein holländisches Buch, auf französisch kommt man so langsam vorwärts, daß man vor Ungeduld vieles überspringt. 7. Juli. Hüte dich! Hüte dich, Mevrouw van Zanten aus zweiter Ehe! Weißt du, hochverehrter Vater, und du, fast ebenso hochverehrter alter Voß, was Cook, der große Cook, tat, als man einen Krämer aus ihm machen wollte? Eines Tages sprengte er ganz einfach seine Ketten und ging zur See, ohne einer Menschenseele Lebewohl zu sagen! Hüte dich, sage ich nur. 13. Juli. Heute habe ich mit dem Brückenwärter Jaen gesprochen. Er winkte mich in seine Kajüte, als er mich vorbeigehen sah. Er sollte eine Abrechnung machen und konnte nicht damit zustande kommen. Als ich die Zahlen richtig zusammengerechnet hatte, betrachtete er mich bewundernd und sagte: »Da sieht man, wozu es gut ist, wenn man beizeiten etwas Ordentliches gelernt hat. Als ich in deinem Alter war, mußte ich mit einer Jolle hin und her fahren, bis ich so todmüde war, daß ich am Rudersitz festklebte.« »Glauben Sie«, sagte ich, »daß es angenehmer ist, auf der Schulbank festzukleben und den ganzen Tag Buchstaben und Zahlen anzuglotzen?« Er überlegte. »Hm, ein Spaß ist das auch wohl nicht«, meinte er ernst, »das gebe ich zu. Immerhin aber sieht man doch, wozu es gut sein kann, eins, zwei, drei, bist du mit einer Aufgabe fertig.« »Wenn ich mit dem Jungmann dort auf der Barke tauschen könnte, würde ich es mir nicht lange überlegen.« Es war »Willem der Schweigsame« von der Oranje-Reederei, der vorige Woche gekommen ist. Es ist gerade ein Jahr her, seit er seine erste Reise antrat, ich sah ihn vom Stapel laufen. Ein herrliches Schiff, wie eine Fregatte aufgetakelt und mit 32-Pfünder-Kanonen armiert. »Alles erstklassige Ware«, sagte der alte Voß stolz, »die Instrumente sind nämlich von uns.« Jaen guckte aus der Luke mit seinen kleinen zwinkernden Augen. »Jungmann auf dem da? Da gibt's Ohrfeigen zu den Mahlzeiten und zwischendurch mußt du auf dem Bauch über den Rahen hängen, bis dir die Zehen abfrieren.« Wem soll man glauben? 15. Juli. Es ist ein fabelhaftes Buch. Ich bin allerdings erst bis Seite 19 gekommen, denn ich habe mir vorgenommen, es ordentlich zu lesen und im Wörterbuch nachzuschlagen. Leicht ist es nicht, bisweilen mogele ich, schlage ein einzelnes Wort nach und errate die übrigen. Ich will es noch ein Dutzend Seiten probieren, geht es dann nicht besser, versuche ich es ohne Wörterbuch, denn je schneller man liest, desto lebendiger wird alles, schließlich ist es einem, als sei man selbst mit an Bord. Ich habe hier und dort in die Seiten geguckt und gesehen, daß ein Jungmann vorkommt, der Madan heißt, Madan Blanchard. Der Kapitän ist ein prachtvoller Mann, sehr klug, und die Eingeborenen sind gute Menschen, die die Weißen bewundern und ihnen Fische und Früchte bringen. Nachdem die Engländer sich eine Zeitlang auf der Insel aufgehalten haben, bekommen sie Heimweh, und der Kapitän und die Offiziere beschließen, ein neues Schiff zu bauen und damit nach Hause zu fahren. Als das Schiff fertig ist, meldet sich Madan und sagt, er wolle zeitlebens bei den Eingeborenen auf der Insel bleiben. Ich glaube, er ist in eine Wilde verliebt; davon steht nichts in dem Buch, es ist in einem sehr anständigen Ton geschrieben und enthält nicht viel von Gefühlen und dergleichen. Madan ist ja auch nur Jungmann, aber meiner persönlichen Meinung nach ist er verliebt, und außerdem kann er es nicht vertragen, unter Kommando zu stehen, er will ein freier Mann sein. Das steht übrigens auch nirgends, das Buch handelt meistens von den Eingeborenen, die sich gegenseitig bekriegen, und von den Engländern, die dem König und seinen Leuten helfen; das andere liest man zwischen den Zeilen. 16. Juli. Madan Blanchard interessiert mich sehr. Er ist gewiß auch blond gewesen, und wenn ich an Seelenwanderung glaubte wie der alte Voß – Vater sagt, das habe er während seines Aufenthaltes in Indien gelernt –, könnte ich mir denken, daß ich in einem früheren Leben Madan gewesen bin. Komischer Name: Madan Blanchard! Als Vokal nur a in beiden Namen, viermal a. Ich habe auch vier a in meinem Namen, das heißt, wenn ich Pieter nicht mitrechne. Adrian van Zaanten; und getauft bin ich Adriaan, also eigentlich kann ich mit fünf a aufwarten. 17. Juli. Ich habe eine Beschreibung von Madan gefunden; sie lautet folgendermaßen: »Madan Blanchard war ein merkwürdiger Charakter, ungefähr zwanzig Jahre alt, von Natur solide, aber mit Sinn für Humor. Sein Entschluß war um so merkwürdiger, als man wußte, daß er sich für niemanden im besonderen auf der Insel interessierte. (Hm! Falls er sich für jemanden interessierte, war es natürlich sein Geheimnis – Ludée?) Durch seinen guten Charakter und sein tadelloses Benehmen während der Reise hatte er alle für sich eingenommen, und als sein Entschluß bekannt wurde, taten alle ihr Bestes, um die Eingeborenen für ihn zu gewinnen. Da er bei seinem Entschluß blieb, interessiert es den Leser gewiß, zu erfahren, was aus diesem Mann wurde, der sich freiwillig von seiner früheren Welt absonderte, doch ist es zweifelhaft, ob uns jemals eine verbürgte Nachricht über ihn erreichen wird. Doch ist anzunehmen, daß er, falls er sich gut führte, auf der Insel ein Mann von großer Bedeutung geworden ist. Er war sehr mutig – eine Eigenschaft, worauf die Wilden großen Wert legen. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hatte er leider nichts gelernt, er konnte weder lesen noch schreiben. Dieser Mangel ist um so bedauerlicher, als seine »Erinnerungen« für diejenigen, die die einfache Natur lieben, wesentlich interessanter sein würden als die Memoiren, die zahlreiche europäische Staatsmänner und Minister hinterließen und mit denen sie der Nachwelt nichts anderes schenkten als die Enthüllungen schändlicher Pläne, heimlicher Unternehmungen und strafbarer Intrigen, mit denen sie den Frieden ihrer Jahrhunderte gestört haben.« Ich zeigte M. Lenoix diesen Abschnitt nach der Stunde. Er amüsierte sich darüber, besonders über den Schluß. »Damit verrät der Verfasser sich als ein Anhänger der ›Enzyklopädisten‹«, sagte er. Ich glaube, das hängt mit Rousseau zusammen; da ich aber die Schwäche meiner historischen Kenntnisse nicht verraten wollte, schwieg ich lieber. »Da er weder lesen noch schreiben konnte«, fuhr Lenoix fort, »wird er trotz der hübschen Worte, womit der Verfasser ihn schmückte, ein ganz einfacher Matrose, ein Jungmann, gewesen sein.« »Er hatte nichts gelernt, weil er durchgebrannt und zur See gegangen war – wie Cook und viele andere.« »Glauben Sie wirklich?« Ich merkte an Lenoix' Seitenblick, daß er meine Gedanken las, und wurde rot. »Es ist zu ärgerlich«, fuhr ich schnell fort, »daß kein Bild von ihm drin ist.« »Das fehlte gerade! Ein Jungmann! Nur vom Kapitän ist ein Bild da.« »Darum kann es doch ärgerlich sein«, meinte ich. »Gewiß. Ich weiß nichts Besseres, als daß Sie sich selbst ein Bild machen.« »Das verstehe ich nicht.« »Geben Sie ihm Fleisch und Blut, wie ein richtiger Dichter.« Ich wurde furchtbar rot und war drauf und dran, mich ihm anzuvertrauen. »Sie können sich ja an das halten, was Sie über ihn gelesen haben.« »Wie er aussah, ob er groß oder klein war und so, darüber hat aber gar nichts gestanden.« »Um so besser, dann können Sie Ihrer Phantasie freien Spielraum lassen.« Darin mußte ich ihm recht geben. Plötzlich konnte ich nicht mehr an mich halten. »Das mach' ich – das mit Fleisch und Blut.« »Recht so, mein junger Freund.« »Mal, wenn ich Zeit bekomme, will ich von ihm und seinen Kameraden, von dem ganzen Leben an Bord schreiben. Voran im Buch steht ein Verzeichnis über die ganze Besatzung, die hab' ich mir abgeschrieben, alle vierunddreißig Namen, vom Kapitän herunter, und was sie zu tun haben.« »Warum haben Sie die abgeschrieben?« fragte er und betrachtete mich aufmerksam. »Sie wollen das Buch ja zurück haben, und bekomme ich Lust, mal darüber zu schreiben, ihnen allen Fleisch und Blut zu geben, wie Sie vorhin sagten, dann muß ich doch wenigstens ihre Namen wissen.« »Das ist wahr«, sagte er und lachte. Eigentlich weiß ich nicht, warum er lachte, aber es kam ihm recht von Herzen. Ich mag ihn gern leiden. Als wir uns trennten, drückte er mir die Hand. Wenn ich das Buch zu Ende gelesen habe, werde ich meinen Entschluß fassen. 18. Juli. M. Lenoix reist fort. Schon in acht Tagen sitzt er in dem großen Paris. Eine Stellung als Bibliothekar ist ihm dort angeboten worden, und er ist selig. Nach der Stunde winkte er mir, und ich begleitete ihn ganz bis zur Brücke. Ich muß ihm das Buch schon übermorgen zurückgeben, er muß es noch mit Beschreibung und so weiter in den Katalog eintragen, bevor er abreist. Ich habe also nur noch zwei Tage und Nächte zum Lesen. 25. Juli. Lenoix ist fort, mein lieber Lehrer, der einzige, von dem ich etwas hielt. Er ist heute morgen abgereist, nachdem er sich von uns allen verabschiedet hat. Als er mir die Hand drückte, sah er mir fest in die Augen und sagte: » Et vous, mon cher van Zanten, j'espère avoir dans le temps de vos nouvelles, d'ici ou de quel-qu' autre part du monde – « Hat er erraten, woran ich Tag und Nacht denke? Als ich ihm neulich abends das Buch brachte – er saß vor seinem großen Katalog und hatte nur wenig Zeit –, war ich drauf und dran, ihm mein Herz zu öffnen, beherrschte mich aber und sagte nur: »Ich glaube, dieses Buch wird große Bedeutung für mich bekommen, obgleich ich nur die Hälfte gelesen habe.« Er richtete sich auf und betrachtete mich prüfend. Dann blätterte er ein wenig in dem Buch und sagte ernst, er hoffe, er brauche nicht zu bereuen, daß er es mir geliehen habe, » parce que « – er überlegte einen Augenblick – » eh bien, vous êtes un peu étourdi, mon pauvre ami, – réfléchissez-y bien !« Im Wörterbuch steht »leichtsinnig, zu dummen Streichen geneigt«, und »überlegen Sie es sich genau«. Lieber Monsieur Lenoix, ich habe es mir genau überlegt, aber ich will es mir noch einmal überlegen. Ich habe ja noch Zeit, die Konfirmation ist erst Ende August. 28. Juli. Heute morgen sah ich einen Schoner, ungefähr so groß wie die »Antelope«, der gerade in den Hafen gekommen war. Ich fing ein Gespräch mit dem Zweiten Steuermann an, der auf einer Bank saß und Wache hielt, während die Mannschaft die Segel zum Trocknen einholte. Das Schiff ist in Rotterdam zu Hause und nimmt Fracht nach den Kleinen Sunda-Inseln und zurück. Ich bot ihm eine Zigarre und durfte mir den Schoner ansehen. Ein hübsches Schiff, geräumig und sauber, es heißt »Peter Michailow« nach Peter dem Großen von Rußland, als er in Zaandam als Schiffszimmermann arbeitete. Es liegt hier einige Tage, um seine Besatzung vollzählig zu machen. Zwei Matrosen sind in Lissabon durchgebrannt; einen Jungmann suchen sie auch. »Können Sie mich nicht gebrauchen?« fragte ich halb im Scherz, halb im Ernst. Er musterte mich und fragte, wie alt ich sei. Sechzehn Jahre, log ich. »Bißchen schmächtig«, meinte er. Darauf fühlte er meine Armmuskeln: »Nicht übel«, sagte er. Er glaubte, es sei mein Ernst, und bot mir Handgeld. Ich fragte ihn, ob ich Papiere haben müsse. Da ging ihm ein Licht auf. »Wozu Papiere?« sagte er. »Die sind dazu da, daß man sich den ... damit abwischt. Wir brauchen nur den Mann, alles andere ordnen wir selbst.« »Werd' mir's überlegen«, sagte ich munter und ging von Bord. Als ich mich umdrehte, winkte er mir, als ob er sagen wollte: Wir sind einig. Wahrlich eine große Versuchung. Bevor ich aber so weit bin, hat »Peter Michailow« schon den halben Weg nach den Sunda-Inseln zurückgelegt. Ich vermisse das Buch schrecklich! Obgleich ich die halben Nächte gelesen habe, bin ich doch nur bis zum Schiffbruch gekommen; das Schiff lief auf das Korallenriff, und der Kapitän rief die Mannschaft auf Deck zusammen und sagte zu ihnen, jetzt seien sie dem Gesetz nach selbst Herren auf dem Schiff und könnten wählen, ob sie ihm gehorchen wollten oder nicht. Wie war es stolz und schön! Mir träumte heute nacht, ich stand auf einem Stein mitten im wilden Meer, und die Wellen schlugen darüber. Ich klammerte mich mit Händen und Füßen fest, um nicht hinabzugleiten, und dennoch hatte ich keine Angst, sondern erwartete voller Neugierde, was geschehen würde. Plötzlich sah ich eine grüne Insel, die näher und näher kam, bis der flache Strand, der in der Sonne schimmerte, ganz deutlich zu sehen war. Eine Frau stand dort und blickte zu mir herüber, sie winkte, und ich sah, daß es die Eingeborene war, die neulich auf Deck gewaschen hatte. 1. August. Heute ist der Erste, also noch drei Wochen bis zur Konfirmation. Vater fragte mich heute beim Frühstück, was ich mir wünschte. »Geld«, antwortete ich. »Was willst du mit Geld? Du hast doch, was du brauchst.« »Ich möchte gern nach Schluß des Handelskurses eine kleine Reise machen; das tun andere auch. Ich möchte von Stadt zu Stadt reisen, um mein Vaterland kennenzulernen.« Er antwortete nicht, nickte nur vor sich hin, als ob er an seine eigene Jugend dächte. Sie aber blickte verstohlen von ihrer Kaffeetasse auf, als ob sie mir nicht recht glaubte. Vielleicht schien es mir nur so, weil ich ein schlechtes Gewissen habe, denn ich kann nicht lügen. Aber es ist ganz richtig, was ich gestern las: Will man ein Ziel erreichen, muß man alle Mittel, die einem zur Verfügung stehen, anwenden. Übrigens ist es mir ganz Wurst, seit Mutters Tode ist es für mich im Hause so trübselig geworden, und wenn ich fort bin, wird mich keiner vermissen. 5. August Als ich heute nach Hause ging, machte ich einen Umweg über den Kai. »Peter Michailow« lag noch immer da. Als der Zweite Steuermann meiner ansichtig wurde, winkte er mir, daß ich an Bord kommen sollte, er hoffte wohl auf eine Zigarre. Ich sah, daß die Mannschaft, die auf Deck arbeitete, mich wiedererkannte. Der Bootsmann, der so rund wie eine Kugel ist, ehrte mich, indem er seinen Finger an die Mütze legte. Ich steckte ihm hinter dem Rücken des Steuermanns eine Zigarre zu, denn ich kann dem Steuermann ansehen, daß er auf Rangordnung hält. Sie haben einen Hund, der Nelson heißt, einen schwarzen Köter, halb Pudel, halb Terrier. Er knurrte und zeigte mir seine Zähne, als ich an Bord ging, hinterher aber beschnüffelte er mich, er konnte gewiß riechen, daß wir zu Hause eine Hündin haben. Auf der »Antelope« waren zwei Schiffshunde. Der eine war ein Neufundländer. 6. August. Heute nachmittag war der Zweite Steuermann nicht da. Der Kanonier, der im Begriff war, Stückpforten anzustreichen, erzählte mir, der Kapitän sei krank und heute morgen ins Krankenhaus gebracht worden. Der Bevollmächtigte der Reederei sei an Bord gewesen und habe gesagt, da der Kapitän das Schiff auf eigene Rechnung führe, könne es erst in See stechen, wenn er wieder gesund sei. Ich habe mir heute ein Dolchmesser gekauft, so eines wie der Bootsmann hat. 7. August. Heute war ich in der Stadtbibliothek, um nach dem Buch über die »Antelope« zu fragen; aber es war nicht vorhanden, es ist ja auch schon alt, vom Ende des vorigen Jahrhunderts. Darauf ging ich zu dem Bücherjuden, sagte, ich sei einer von Lenoix' Schülern, er habe mir von dem Buch erzählt, und ich wollte es gern leihen oder laufen, wenn es nicht zu teuer sei. Der Jude aber hatte es gerade nach England verkauft. Damit ist meine letzte Hoffnung, das wundervolle Buch je wiederzusehen, geschwunden. 17. August. Der Kapitän ist in der Besserung, aber er ist so schwach, daß er sich noch acht Tage erholen muß. Der Zweite Steuermann meint, daß »Peter Michailow« bei günstigem Wind am 27. oder 28. in See stechen wird. Ich habe bis zehn Uhr nachts in seiner Kajüte gesessen und den Plan mit ihm besprochen. Er habe Bedenken bekommen, sagte er, weil ich nach dem Gesetz zu jung sei, um auf eigene Faust etwas zu unternehmen. Ich erwiderte ihm, er habe neulich selbst gesagt, er pfeife auf das Gesetz, denn »Peter Michailow« würde nicht nach Holland zurückkehren, der Kapitän habe das Schiff übernommen, um für eigene Rechnung damit zwischen den Sunda-Inseln zu fahren. Wenn das Schiff erst auf hoher See ist, kann das Gesetz es nicht mehr erreichen, und wenn der Kapitän erst zwischen den Inseln hin und her kreuzt, kann die Regierung ihn nicht belangen. Im übrigen sei es ja eine alltägliche Geschichte, daß junge Leute durchbrennen und zur See gehen. Ich mußte ihm aber noch fünfundzwanzig Gulden mehr versprechen, bevor er seine Bedenken überwand. Habe ich mir selbst klargemacht, was ich eigentlich vorhabe? Wenn du mich sehen kannst, Mutter, so gib mir ein Zeichen, ob du dafür oder dagegen bist. 19. August. Als ich heute nachmittag nach Hause kam, hing im Vorzimmer ein riesiger Manilahut und ein Stock mit einem silbernen Tigerkopf als Griff. Aus der Staatsstube hörte ich eine polternde Stimme und Vaters Stimme, die höher klang als sonst. Ich war gerade im Begriff, in die Küche zu Hanneke zu gehen, um zu erfahren, wer der Fremde sei, als Vaters Frau herauskam, mit roten Backen und Augen, die ihr vor Geschäftigkeit steif im Kopf standen. Bevor sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, sah ich einen breitschultrigen Mann, mit gelben Nankinghosen und einem blauen Rock, der auf seinem breiten Rücken Falten warf. Er saß mit untergeschlagenen Armen und sprach mit einer dröhnenden Stimme, die im ganzen Hause widerhallte. »Es ist der Vetter deines Vaters aus Batavia«, sagte sie, »er ist heute morgen mit seinem eigenen Schoner angekommen; das Schiff liegt im Oosterlijk-Dock. Mach schnell, wasch und kämm dich und zieh deinen blauen Anzug an; er hat schon nach dir gefragt.« Onkel Clement ist seit mehr als zwanzig Jahren im Ausland gewesen. Vater hat erst neulich von ihm gesprochen, von ihrer gemeinsam verlebten Jugendzeit, und daß er fürchtete, er würde ihn nie wiedersehen. Und nun sitzt er drinnen in unserer Staatsstube! Eine große Begebenheit für unser einsames Haus! Und gerade jetzt! Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll. Was geht er mich im Grunde an? Beerben werde ich ihn nicht, denn er hat eine Tochter. Als ich hereinkam, erhob Vater sich und sagte mit seiner Feiertagsstimme: »Das ist Pieter Adrian, mein einziges Kind, Erbe meines Namens und meines alten Geschäfts.« Ich bekam einen roten Kopf, mir ging ein Stich durchs Herz. Wenn er ahnte! »Guten Tag und willkommen, Mijnheer«, sagte ich und betrachtete ihn. Er hat hervorstehende, blaue Augen, und eine graue Haartolle fällt ihm in die Stirn; sein Gesicht ist gelb und faltig, aber er sieht gutmütig aus; als er jung war, hat er gewiß Grübchen gehabt. Er legte mir seine große Hand auf die Schulter und sagte: »Onkel Clement heißt es.« – Dann zog er mich neben sich aufs Sofa und blickte forschend von mir zu Vater und wieder zurück. »Er hat Ähnlichkeit mit dir, Vetter«, sagte er. Er fragte, wie alt ich sei, und sagte, ich sei groß und kräftig für meine Jahre. »Und Sonntag sollst du konfirmiert werden?« sagte er. »Laß mal hören, was du dir wünscht. Her mit dem Wunschzettel, junger Mann. Mach keine Räuberhöhle aus deinem Herzen«, lachte er, daß es schallte, »nur die Lumpen sind bescheiden.« »Er ist ein komischer Kauz«, sagte sie – daß sie sich auch in alles mischen muß! –; »fragt man ihn, was er sich wünscht, so antwortet er nur ›Geld‹« »Er möchte eine Reise machen, bevor er seine Lehrzeit im Geschäft beginnt«, sagte Vater erklärend. »Er will sein Vaterland kennenlernen, sagt er.« »Recht so!« stimmte Mijnheer dröhnend bei, »und weißt du was, ich reise mit.« Zuerst glaubte ich, es sei ein Scherz. Plötzlich aber wurde er eifrig und fuhr sich durch sein volles, graues Haar. »Ich habe die alten Orte seit einem Menschenalter nicht gesehen. Was meinst du dazu, junger Mann?« – Er schlug mir aufs Knie. – »Wir reisen wie zwei Standespersonen, und ich bezahle das Ganze.« Was sollte ich antworten? Ich murmelte etwas von »großer Ehre« und »sehr dankbar«. Meine ganze Zukunft steht auf dem Spiel. An Vater, der doch mein natürlicher Ratgeber ist, kann ich mich nicht wenden. Er zwingt mich, ihm Kummer zu machen, weil er nicht einsieht, daß es keinen Zweck hat, mich an etwas zu binden, das mir zuwider ist. Ich brenne darauf, die große, weite Welt kennenzulernen, und statt dessen will er mich an eine Tretmühle fesseln. Sein Ehrgeiz ist ihm wichtiger als das Glück seines Sohnes, die Leute sollen eines Tages auf das alte Schild über der Tür zeigen und sagen: Nun hat der Sohn das Geschäft, und nach ihm wird ein anderer Sohn es übernehmen, und so immer weiter, bis auch diese solide Familie einst dem Gesetz des Niederganges zum Opfer fällt. Neulich sagtest du, jeder sei seines Glückes Schmied. Warum darf nicht auch ich versuchen, mein eigenes Glück zu schmieden, anstatt das zu behüten, was dein Vater und sein Vater für ihr Glück gehalten haben? Wenn ich die Welt kennengelernt habe, kehre ich vielleicht eines Tages zurück und übernehme freiwillig den Platz, den du mir jetzt aufzwingen willst. »Na, überleg dir's«, meinte Mijnheer Clement, als ahnte er, was mich im Innern bewegte. »Da gibt's nur eine Antwort«, fiel mein Vater ein: »Lieber Herr Onkel, wenn es Ihr Ernst ist, wird es mir eine Ehre und ein Vergnügen sein.« »Ich kann Pieter Adrian ansehen«, sagte sie (ich fühlte, wie ihre schwarzen Stecknadelaugen mir auf der Haut prickelten), »daß er von dem Angebot so überwältigt ist, daß er keine Worte finden kann.« Und als ich noch immer nichts sagte, nur einen roten Kopf bekam, fügte sie entschuldigend hinzu: »Er ist ein wenig scheu, Mijnheer.« »Ja, ja, er kann es sich beschlafen«, sagte Onkel Clement. Dann erzählte er von seinem Schoner, der nach seiner Tochter »Lydia« genannt ist. Sie hatte ihn getauft, als er vor zwei Jahren an ihrem vierzehnten Geburtstag vom Stapel lief. Er zeigte mir ein Bild von ihr, das er in einem Medaillon an seiner Uhr trug. Auf dem Bild war sie erst fünf Jahre alt, ein niedliches, kleines Mädchen mit blonden Locken und blauen Augen. Abends war ich zum erstenmal mit im Klub. Vater stellte mich stolz mehreren seiner alten Freunde und Kollegen vor. Einige kannten Onkel Clement aus ihren jungen Tagen. Er scheint ein reicher und mächtiger Mann zu sein, denn er wurde mit großer Ehrerbietung behandelt; er hat drüben ein Geschäft mit den Produkten der Eingeborenen; auf allen Inseln hat er Agenten, sagt Vater. 20. August. Heute morgen waren wir alle drei zum Frühstück an Bord der »Lydia«. Alles ist dort vom Besten und frisch gestrichen. Dreißig Mann Besatzung. Wir aßen bei dem schönen Wetter auf Deck unter dem Sonnensegel, jeder von uns hatte einen Eingeborenen aus Mijnheers Bungalow zur Bedienung. Sie waren ganz in Weiß gekleidet, mit Turban und Schärpe in den holländischen Farben. Auch die vier Eingeborenen, die mit ihren seltsamen Instrumenten auf dem Fußboden hockten und, während wir aßen, eine komische Katzenmusik machten, waren so gekleidet. Auf dem Kai war ein regelrechter Auflauf, ein Hafenpolizist mußte Ordnung halten. Onkel Clement stieß mit mir an. »Na, Herr Neffe, was wird aus unserer Reise? In den nächsten Tagen habe ich noch Geschäfte zu erledigen, in vier Tagen aber bin ich reisefertig, oder hast du vielleicht einen andern Herzenswunsch?« Der Wein hatte mir Mut gemacht. »Herzlichen Dank, Herr Onkel«, sagte ich und hob mein Glas. »Ich weiß wirklich nicht, ob ich ein würdiger Reiseführer bin für einen so großen Mann, wie Sie es sind. Ich kenne das Land selbst nicht, bin noch niemals gereist. Lieber will ich auf die Ehre und das Vergnügen verzichten, als mir hinterher Vorwürfe darüber zu machen, daß ich Ihre kostbare Zeit vergeudet habe.« »Bravo!« rief er mit seiner Posaunenstimme, während seine Augen funkelten (er trinkt gewiß häufig mal einen über den Durst), »das nenne ich eine wohlgesetzte Rede! Der Bursche hat einen guten Kopf« – er stieß Vater mit dem Ellbogen in die Seite und nickte vor sich hin. – »Vielleicht, Vetter Adrian, ist er zu etwas Besserem geboren, als Metallteile zusammenzuschweißen und Kunden zu bedienen. Weder du noch ich konnten solche Rede schwingen, als wir in seinem Alter waren.« Vater räusperte sich. Er fühlte sich geschmeichelt, aber die Worte waren dennoch nicht recht nach seinem Sinn. »Für wohlgesetzte Reden«, knurrte er, »kann man wohl in jedem Beruf Verwendung finden. Und ein gelernter und zuverlässiger Instrumentenmacher ist heutzutage ein seltener Vogel.« Es wurde nicht mehr von der Reise gesprochen, und ich war heilfroh. Am liebsten wäre ich Mjnheer wegen seiner Worte um den Hals gefallen. Der Gedanke schoß mir durch den Kopf: Soll ich mich ihm anvertrauen und ihn für mich gewinnen? Aber ich unterließ es, und wenn ich es mir recht überlege, sehe ich ein, daß Onkel Clement doch niemals gemeinsame Sache mit mir gemacht haben würde gegen meinen Vater, seinen Jugendfreund. Morgen soll ich mich also in der Kirche zu meinem Glauben bekennen. Ich weiß selbst nicht, woran ich glaube, außer an das eine, daß ich frei sein und über mein eigenes Schicksal entscheiden will. Glücklicherweise hat sie so viel mit dem Festessen zu tun, daß sie nicht mit zur Kirche geht: Sie will dem reichen und vornehmen Vetter ihre beste Kunst zeigen. Fühle ich ihre Augen auf mir, so weiß ich, daß ich jedes Wort wägen muß, denn sie scheint etwas anderes hinter meinen Worten zu wittern. Habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich wirklich etwas verberge, und ist sie schlauer als Vater, oder mißtrauisch, weil sie selbst etwas Verstecktes hat und andere danach beurteilt? Mit Vater kann ich leicht fertig werden, er ist eine ehrliche Haut. Noch drei Tage und Nächte, und in der dritten Nacht um zwölf Uhr sind die Würfel gefallen. Gott steh mir bei. 21. August. Ich stand im schwarzen Anzug vorm Altar, ganz wie ein erwachsener Mann, der größte von allen Konfirmanden. Vater und Onkel Clement saßen hinter mir im Kirchenstuhl, mit feierlichen Gesichtern, als wohnten sie einer Beerdigung bei. Als wir vorm Mittagessen versammelt waren, überreichte Onkel Clement mir zweihundert Gulden und eine goldene Uhr. Vater schenkte mir Mutters Bild, das über seinem Schreibtisch hing. Es hat einen geschnitzten Goldrahmen bekommen, den man aufstellen oder an die Wand hängen, aber auch zusammenklappen und in der Tasche tragen kann, Ich war so gerührt, daß ich ihm nicht danken konnte. Vater sah es und begriff. »Viel Glück, mein Junge«, sagte er und strich mir übers Haar. Wie soll ich es übers Herz bringen, ihn so zu betrüben! Liebe Mutter, ich will dich bei mir tragen, wo immer ich gehe und stehe. Gib mir ein Zeichen, daß du auf meiner Seite bist. Großes Festessen mit dem ganzen Personal und dem alten Voß an der Spitze; feierliche Reden. Der junge Dietrich aus dem Geschäft hatte ein Lied verbrochen, in dem er mich »du Sproß eines edlen Hauses« nannte. 22. August. Ich traf Kerck, den Zweiten Steuermann, in der Kneipe an der Ecke. Ich hätte ihn schon gestern morgen dort treffen sollen, konnte aber nicht fort, weil Onkel Clement gekommen war. Kerck hatte die »Lydia« im Oosterlijk-Dock liegen sehen, sie bewundert und erfahren, daß sie einem Großkaufmann aus Batavia gehörte. Als er erfuhr, daß es mein Onkel sei, bekam er Bedenken und sagte rein heraus, es sei nicht gut für einen geringen Steuermann, es mit einem so reichen und mächtigen Herrn, der sein eigener Reeder sei, zu verderben. Wenn die Familie erführe, daß ich mit seiner Hilfe durchgebrannt sei, könne es üble Folgen für ihn haben. Wir sprachen lange hin und her. Ich berief mich auf sein Wort, mußte ihm aber das Doppelte versprechen und fünfzig Gulden gleich geben, bevor sein Gewissen sich beruhigte. Bei günstigem Wind lichtet der »Peter Michailow« morgen gleich nach Mitternacht den Anker. 23. August. Mijnheer war heute nicht hier, er hat seinen Spielabend im Klub. Unten schlafen schon alle, ich kann Vaters Schnarchen bis hier oben hören. Vor kurzem hat Hanneke das Haus abgeschlossen und den Schlüssel in sein Versteck oben auf dem Schrank gelegt. Wenn sie ahnte, daß ich Vaters Reserveschlüssel in der Tasche habe! Dann ist sie die Treppe zu ihrer Bodenkammer heraufgepoltert, ist in ihrem Zimmer noch eine Welle hin und her gegangen, wie sie zu tun pflegt; jetzt schläft auch sie, und alles ist still. Ich sitze allein in dem alten Haus, wo ich geboren bin. Früher gab es hier so viele lauschige Ecken und Winkel, so viele Sonnenflecke auf den Fliesen im Vorzimmer, wo ich spielte. Seit Mutters Tod aber ist das Haus düster, kalt, unfreundlich geworden; Mutter aber geizte auch nicht mit Feuerung und Licht, wie sie da unten. Lebt wohl, meine lieben Bücher! Leb wohl, Fensterplatz, wo ich so manche Stunde vor meinen Schularbeiten gesessen und über den Hafen geblickt habe, während meine Gedanken weit fortwandelten zu den großen Schiffen, die ins Ungewisse fahren, um die Welt zu erobern. Der Wind ist günstig, der Wetterhahn auf dem Kirchturm zeigt in die gewünschte Richtung. »Peter Michailow« ist bereit, gleich nach Mitternacht den Anker zu lichten. Wie oft habe ich mich an Bord gewünscht und dennoch, in diesem Augenblick, wo meine Stunde geschlagen hat, zittere ich bei dem Gedanken, alles das zu verlassen, Gutes und Böses, was bisher mein Leben war. Liebes Tagebuch, du kleines, braunes Heft, das so manchen Abend meine einzige Zuflucht war, und dem ich alles, was in mir vorging, anvertraut habe, zum letztenmal sitze ich jetzt über dich gebeugt. Ach, es wird lange dauern, bis ich Zeit bekomme, wieder mit dir zu plaudern, denn in einer engen Kajüte, wo die eine Koje über der anderen liegt, kann der einzelne keine Ruhe und keine Einsamkeit finden. Darum mache ich Schluß jetzt. »Finis« soll darunterstehen, wie in den Büchern. Aber du sollst einen Platz dicht an meinem Herzen bekommen, neben dem Bild meiner Mutter. Alles ist bereit. Dort auf dem Bett liegt mein Bündel, das mein ganzes Hab und Gut enthält. Leb wohl alter Vater! Es ist deine eigene Schuld, daß ich kein Vertrauen zu dir fassen konnte. Verzeih mir und denk an Mutter; sie würde mich verstanden haben, wenn ich mich ihr anvertraut hätte. Lebt wohl, liebes Zimmer und alle meine teuren Habseligkeiten! – Mir ist, als müßte ich sterben. Soeben schlug die Uhr unten halb, und der Zeiger meiner neuen Uhr zeigt halb zwölf. Es ist Zeit. Finis! Van Zantens Abreise aus Amsterdam Ankunft und Erlebnisse in Batavia Bericht des Herausgebers Wie es zuging, daß Pieter Adrians Reiseplan noch in zwölfter Stunde eine Veränderung erfuhr und der Kurs, was die Reise und auch sein Leben betraf, so von Grund auf geändert wurde, darüber hat van Zanten keine Aufzeichnungen hinterlassen, über die Reise selbst, die ungefähr siebzehn Monate dauerte, mit langen Aufenthalten in vielen Häfen, hat er nur knappe Tatsachen angegeben, Wind und Wetter, Orte, Bekanntschaften und dergleichen. Dasselbe gilt auch von seinem ersten Aufenthalt in Batavia (vom 15. Februar 1862 bis zum November 1864), wo er, noch nicht zwanzigjährig, die bittere Enttäuschung erlebte, die für seinen Charakter, seine Sympathien und seine Zukunft entscheidend wurde. Was ich davon weiß, entnahm ich meinen Aufzeichnungen, die ich Abend für Abend, zuerst in Bern, später in Paris machte, wo ich van Zanten traf und lange Unterhaltungen mit ihm zu führen pflegte. Aus diesen Aufzeichnungen habe ich folgende Erzählung aufgebaut. Nachdem Pieter »Finis« unter sein Tagebuch geschrieben hatte, ergriff er das Zeugbündel, das auf seinem Bett lag, umfaßte sein liebes, altes Zimmer noch einmal mit einem langen Abschiedsblick, löschte die Lampe und schlich auf Strümpfen zur Haustür hinunter, öffnete sie mit dem Reserveschlüssel, den er aus der Schreibtischschublade seines Vaters an sich genommen hatte, zog die Tür leise ins Schloß und eilte im Schatten der Häuserreihe, damit das Mondlicht ihn nicht verraten sollte, zum Hafen. Er gelangte ohne Zwischenfall zum Kai, wo der Matrose mit der Schiffsjolle auf ihn warten sollte. Pieter blickte sich mit klopfendem Herzen um, bevor er sich aus dem Schatten des Lagerhauses über das breite, mondbeschienene Stück zum Bollwerk hinauswagte. Es wehte ein frischer Wind aus Nordosten, der die Wolken über den Himmel trieb; glücklicherweise glitt gerade eine Wolke über den Mond, die groß genug war, um ihn zu verdecken, und dennoch genug Licht durchließ, damit Pieter alle Schiffe, die am Kai lagen, deutlich erkennen konnte. Aber er sah weder die Jolle noch den Matrosen und stand ratlos mit seinem Bündel unterm Arm. Kerck hatte ihm auf die Seele gebunden, daß er pünktlich sein sollte, und er war pünktlich. Hatte der Matrose sich verspätet? Saß er in irgendeiner Kneipe und vergaß den jungen Mann, der alle Schiffe hinter sich verbrannt hatte und nun hier auf dem öden Kai stand, während eine unbarmherzige Wasserstraße ihn von seiner abenteuerlichen Zukunft trennte? Pieter blickte verstohlen zur Schifferkneipe an der Ecke. Hinter dem kleinen Fenster schimmerte mattes, rotes Licht; es war nach Mitternacht und die Tür verschlossen. Er drückte das Bündel an sich, als sei es ein Lebewesen, für das er die Verantwortung trug. Da hörte er ein Geräusch hinter einem Stapel Waren, die am nächsten Morgen an Bord eines halbgefüllten Prahms, der links an der Schiffstreppe lag, geschafft werden sollten. Er hörte plumpe, unsichere Schritte und eine trunkene Stimme, die ein Lied anstimmte. Pieter beugte sich noch einmal vorsichtig über den Rand des Bollwerks, um zu sehen, ob dort unten nicht doch eine Jolle liegen sollte. Im selben Augenblick tauchte hinter dem Warenhaufen eine Gestalt auf. »Guten Abend, Pieter.« Himmel, es war Onkel Clements Stimme, ein wenig belegt und nicht ganz sicher. »Wo willst du denn hin um diese Zeit?« Pieter schnappte nach Luft, er konnte kein Wort hervorbringen. »Ich komme gerade aus dem Klub«, fuhr Onkel Clement angeheitert fort, »wir haben feste getrunken, ich wollte mich ein wenig lüften. Und nun kann ich, weiß der Henker, das verfluchte Tor nicht finden. In unserer guten, alten Stadt gibt's ja nichts anderes als Kais und Kanäle, die alle gleich aussehen. Vorhin meinte ich die Torlaterne schon zu sehen, als ich aber darauf zugehen will, ist sie verschwunden, und ehe ich's mich versehe, stehe ich wieder hier auf dem Kai. Siehst du den Mond, Pieter? Der ist ebenso betrunken wie ich, haha-haha!« Damit schlang er seinen Arm um Pieters Schulter und zog ihn mit zur Ecke, während er ihn fast durch sein Gewicht zu Boden drückte. »Ich werde Ihnen den Weg zeigen«, sagte Pieter eifrig, während er innerlich verzweifelt war. »Als ich vorhin hier am Bollwerk saß, um mich ein wenig zu verpusten, wurde ich von einem Jungmann gepreit, der in einer elenden Jolle an den Riemen saß. ›Ich soll sagen‹, rief er mir zu, ›daß der »Peter Michailow« im Begriff ist, den Anker zu lichten‹.« Pieter erstarrte von Kopf bis Fuß. Das Spiel war verloren. Er suchte sich von dem schweren Arm zu befreien, aber es war ihm nicht möglich. »Und dann fragte er mich, ob ich nicht einen jungen Mann gesehen hätte, der um Mitternacht an der Schiffstreppe stehen sollte. ›Einen jungen Mann habe ich nicht gesehen‹, antwortete ich, ›aber den Teufel!‹ Er wartete noch ein Weilchen, auf die Riemen gestützt, als die Turmuhr aber Viertel schlug, spuckte er ins Wasser und sagte: ›Ich kann nicht länger warten, grüßen Sie ihn und bestellen Sie ihm von mir, daß der »Peter Michailow« in See gestochen ist.‹ Und damit ruderte er fort. Nach einer Weile kommt ein junger Mann mit einem Bündel unterm Arm, steht eine Weile und guckt in den Mond –« Pieter hielt den Atem an. Das verfluchte Bündel, er wäre am liebsten in den Boden gesunken – »Und was sehe ich, es ist Pieter Adrian van Zanten, das einzige Kind meines teuren Vetters.« Pieter war drauf und dran, unter dem Druck des schweren Armes zusammenzubrechen. »Und darf ich dich jetzt vielleicht um eine Erklärung bitten«, sagte Onkel Clement mit seiner natürlichen Stimme nüchtern, stark und mit unterdrückter Munterkeit. Ach, hätte er sich die Sache nur beschlafen! War diese schicksalsschwere Begegnung ein Zeichen von seiner Mutter? Konnte sie dort oben in ihrem Himmel sehen, daß er drauf und dran gewesen war, ein Unrecht an seinem Vater zu begehen und das Andenken an sie, das Teuerste, was er besaß, zu trüben? Er fühlte, wie ihm das Blut in den Adern brannte. Schließlich konnte er nicht länger an sich halten. Leidenschaftlich vertraute er Mijnheer an, wie er unter Einsamkeit und Langeweile gelitten habe, und flehte ihn an, ihn nicht an seinen Vater zu verraten. Bevor er es selbst wußte, waren ihm die Worte entschlüpft. »Lieber, lieber Mijnheer, sagen Sie meinem Vater nicht, daß ich durchbrennen und zur See gehen wollte.« »Wie Cook, nicht wahr? – James Cook?« brummte der allwissende Onkel Clement. »Ja – nein – ich will es nie wieder tun. Mein lieber alter Vater hätte vielleicht vor Gram einen Schlag bekommen. Lieber, lieber Mijnheer, nehmen Sie mich mit sich.« Jetzt war es Pieter, der sich an den Arm klammerte und ihn nicht loslassen wollte. »Lieber Onkel Mijnheer, nehmen Sie mich auf Ihrem stolzen Schiff mit nach Batavia! Ich will als Jungmann oder Schiffsjunge oder Koch arbeiten; alles, was man von mir verlangt, will ich willig und gehorsam tun und werde es Ihnen nie vergessen.« So war es zugegangen, daß Pieter Adrians Wunsch insofern erfüllt wurde, als er zur See kam und das große Meer befuhr; doch gelangte er zu keiner grünen Insel, die auf ihren Entdecker wartete, sondern kam nach Batavia in die Kaufmannslehre bei Mijnheer Clement van Zanten. Unterwegs, in einer stillen, sternklaren Nacht, jenseits des Äquators, als Onkel und Neffe bei einem steifen Grog beisammensaßen, um ihr Heimweh zu betäuben und von Zukunftsplänen zu sprechen, kam es an den Tag, warum der starke Mann in jener mondhellen Nacht auf der Hafenmole, am Ende der Gelderschen Kade, so völlig vom Rausch überwältigt worden war. Mijnheer war überhaupt nicht im Klub gewesen, sondern hatte in seiner gemütlichen Kajüte auf der »Lydia« gesessen, als ein einfacher Zweiter Steuermann namens Kerck, von Gewissensbissen und Nahrungssorgen gedrückt, spät abends noch um eine Unterredung mit dem mächtigen Reeder gebeten und dem Kapitän versichert hatte, daß sein Anliegen für Mijnheer von allergrößter Bedeutung sei. Vor den Reeder geführt, gestand er, daß er seine Hand zu dem Fluchtplan eines gewissen jungen Mannes geboten, er habe ja nicht geahnt, daß selbiger Jüngling zu Mijnheers erhabenem Familienkreis gehöre. Er sei der Auffassung gewesen, der junge Mann wäre einer von den vielen, denen unnützige Weisheit zu Kopf gestiegen sei und dem es nichts schaden würde, im Kampf mit den Elementen seine langen Glieder zu rühren. Mijnheer hatte ihn ruhig angehört, als der Sünder aber, in dem Glauben, daß Mijnheer ihm beistimmte, sich erbot, die fünfzig Gulden, die Pieter ihm zur Beruhigung seines Gewissens gegeben hatte, zurückzuzahlen, verlor er plötzlich das Gleichgewicht, denn Mijnheer hatte ihn in höchsteigener Person kopfüber die Treppe hinuntergeworfen, so daß die Goldmünzen klirrend herumrollten; der Kapitän, der unten an der Treppe gestanden und kaum Zeit gefunden hatte, sie zu bergen, packte den Sünder beim Kragen und beförderte ihn über die Reeling, so daß er auf der anderen Seite des Bollwerks landete. Bei selbiger Gelegenheit erfuhr Pieter Adrian auch noch, warum Mijnheer an jenem Abend im Klub am Spieltisch vermißt worden war, und warum, als ein Eilboote an Bord der »Lydia« geschickt wurde, der Bescheid zurückkam, Mijnheer sei zu Bett gegangen, weil er einen furchtbaren Anfall seines alten Leberleidens bekommen habe. In derselben Stunde aber hatte Mijnheer auf seinem Beobachterposten hinter dem Warenhaufen gesessen und seinen entgleisten Verwandten wieder auf den Pfad der Tugend zurückgeführt, indem er ihn vor irgendeinem schweren Schicksal gerettet – oder vielleicht auch daran gehindert hatte, einen ungewöhnlich großen Glückstreffer zu machen. Darauf hatte er Pieter mit an Bord der »Lydia« genommen, wo er seinen Abenteurerrausch in der Reederkajüte ausgeschlafen hatte und morgens nach Hause zurückgekehrt war. Pieter Adrian passierte den Äquator an Bord von Mijnheer van Zantens Dreimaster »Lydia« als freiwilliger Extra-Jungmann, sah die Sonne um zwölf Uhr mittags im Norden stehen, rundete anderthalb Monate später das Kap der Guten Hoffnung, lag sechs Wochen mit totaler Windstille vor Madagaskar, löschte Waren in Ceylon und Kalkutta, nahm andere Waren und die wichtigen Fässer mit Trinkwasser an Bord, lief Rangoon und Pulo-Penang an und landete schließlich am 15. Februar 1862, noch während der Regenzeit, auf der Reede von Batavia. Das Schiff führte kostbare Ladung, der Reeder selbst war an Bord, und alles war blitzblank und in schönster Ordnung. Dort, wo Mijnheer und das Schicksal Pieter Adrian hingeführt hatten, gab es wohl Felsen und Korallenriffe, aber keine Wilden, mit denen er kämpfen konnte. Das erste, was ihm begegnete, war ein Sumpf von Schlamm und Dreck, der Abladeplatz eines Flusses, der auf seinem gemächlichen Lauf durch dichtbevölkerte Gegenden gezwungen wird, alles in sich aufzunehmen, was Tiere und Pflanzen durch Jahrtausende, unter dem ewigen Wechsel der Monsune und Geschlechter, an Überresten zurücklassen. Dieser Sumpf war durch drei Jahrhunderte der Abladeplatz für den durch Malaria und Geldgier vergifteten Stoffwechsel der weißen Eroberer gewesen, bis Zivilisation und Reinlichkeitssinn, der nirgends besser gedeiht als in Holland, alle Sparsamkeitsrücksichten überwand. Die Holländer legten Kanäle an, wie sie es von Haus aus gewohnt waren, siedelten sich längs der kleinen Kanäle an grünen Ufern landeinwärts an und überließen den Schlamm den Eingeborenen. Tagsüber konnte man sich zur Not in dem alten Stadtteil von Batavia »Benedenstad« – »die niedrige Stadt« –, wie sie genannt wurde, aufhalten, wo die roten Backsteinbauten mit ihren blanken Fensterscheiben, den schmalen Türen und Kupferdächern in Reih und Glied dalagen, als ob die ganze Stadt in Holland erbaut und fix und fertig über das Meer hergeschafft sei; nachts aber begab sich keine weiße Seele mit einem guten holländischen Gewissen in das alte Hafenviertel, wo die Kanäle mündeten. Da die »Lydia« erst spät am Nachmittag angekommen war, blieb sie weit draußen auf der Reede liegen; man wollte den Anbruch des nächsten Tages abwarten, bevor man an Land ging. Ein herrlicher Garten, so groß wie ein Park, mit breiten, geschwungenen Wegen, wo zwei Sados bequem aneinander vorbeifahren konnten, mit glattem, rotem Kies bestreut, der alles Unkraut erstickte, wo die Rikschas wie über einen Teppich glitten. Die Rasen mit den langen Grashalmen schimmerten blank wie Pferderücken; zum Schutz gegen die Außenwelt hohe, dichte Hecken von rotblühenden Bougainvilleen, die weder Licht noch Geräusch durchließen, und hinter dieser lebenden Mauer reckten sich Palmen, als stünden sie auf den Zehen, um an dem Leben drinnen im Garten teilzunehmen, aus dem sie so oft helle, lachende Stimmen, einen dröhnenden Baß und Musik, Gitarre, Violine und Flöte hörten. Über blendende Sonnenflecke zwischen spielenden Schatten kam am 16. Februar 1862, nach einem Gewitterguß, dessen Tropfen noch an Blättern und Blumen zitterten, Mijnheer van Zanten in seinem feinen Sado angefahren. Ihm zur Seite saß ein junger Verwandter, in seinem besten Anzug aus himmelblauem Tuch mit goldenen Knöpfen. Pieter Adrians blonder, etwas ins Rötliche spielender Haarschopf leuchtete unter dem Schatten des Wagenverdecks. Er saß hochaufgerichtet und blickte mit staunenden Augen über die Ohren der Ponys, während der Schweiß langsam über Schläfe und Wangen auf den breiten Leinenkragen rann. Hinter dem Sado, der sie am Hafen abgeholt hatte, folgten zwei Büffelkarren mit dem Gepäck. »Sieh, dort!« sagte Mijnheer und zeigte auf etwas Weißes, das zwischen dem Grün hervorleuchtete. »Das ist mein Bungalow, meine Villa, mein Heim.« Ein weißes Gebäude mit leichten, feingewebten Matten vor den Fenstern. Aus dem Dunkel der Veranda tauchten die Umrisse langer Liegestühle, ein runder Tisch und ein hoher Spiegel auf, in dessen oberem Teil sich das Grün des Gartens spiegelte. Und unter dem hohen Bogen, dem Eingang zum Zimmer, stand eine helle Gestalt, die sich vorbeugte, um dem Getrappel der Ponys zu lauschen. Nein, zwei Gestalten waren es: eine zierliche, bewegliche, luftige, die andere breit, ruhig und gesetzt. »Hallo! – Lydia! – Kleine Maus!« klang es mit dröhnendem Herzenston aus dem Wagen, und Mijnheers behaarte, breite Hand schwang unter dem Wagendach ein Taschentuch, das in der Sonne leuchtete. Im nächsten Augenblick reckte das junge Mädchen sich über das Geländer, mitten in der Sonne, lachend, mit langen, blonden Locken, die auf ein ausgeschnittenes Kleid aus zartem Musselin herabfielen. Die blasse Röte der halberblühten Jungfrau, das Lächeln der blauen Augen, die lachend, melodische Stimme, das alles wirkte wie eine Offenbarung auf den abenteuerlustigen Jungen. »Willkommen zu Hause, Papa! Geliebter Pa! Vetter Pieter, willkommen!« War es nicht Musik? Die Stimme klang wirklich wie göttlicher Wohllaut durch die sonnengesättigte, duftschwangere Luft, die nach dem Regen voll von unsichtbaren Dämpfen war; von dem weit vorspringenden Dachgiebel tropfte noch das Wasser. Hinter Lydia tauchte Mevrouw van Ermelos würdige Gestalt auf. Sie hatte ihren wohlgeformten, festen Arm, der bis zum Ellbogen nackt war, um den Hals des jungen Mädchens gelegt, als wollte sie sie beschützen, während sie mit der anderen Hand das Taschentuch dem Wagen entgegenschwenkte, der gerade um das letzte Gebüsch wendete. »Willkommen zu Hause!« Ein festes, reifes Kinn, ein harmonisches, volles, bereits ein wenig faltiges Gesicht unter hochfriesiertem, leicht ergrautem Haar. Offene, fragende Augen, die dem Leben manches abgelauscht hatten, Augen, die gewöhnt waren, ihre Umgebung aufmerksam zu fassen, Matronenaugen, wach, gebietend, voller Fürsorge, aber ohne Illusionen. Es war die Verwandte und Freundin von Mijnheers verstorbener Frau, die sie als armes Mädchen nach Batavia begleitet hatte und mit der Zeit unentbehrlich geworden war. Sie wurde Lydias Patin und versprach der Mutter auf dem Sterbelager, daß sie das Neugeborene und ihr Heim niemals verlassen wollte. Mevrouw van Ermelo wußte, was sie versprach, und bezahlte den Preis mit ihrer Jugend, die in dem blassen Glück, für andere zu leben, welkte. Die Hunde, Lydias schlanke Windhunde, Beauty und Force, kamen bei dem Geräusch des herannahenden Wagens über die Rasen, setzten über das mannshohe Gitter, bellten vor Freude und sprangen dem Hausherrn, dessen Fährte sie so lange vermißt hatten, jubelnd entgegen und beschnupperten die zottigen Fesseln der guten alten Ponys, der Gespielen ihrer ersten Jugend. Während Lydia mit feuchten Augen an der breiten Brust ihres Vaters lag, machte Pieter Adrian Mevrouw seine eleganteste Verbeugung. Als ihr Blick auf dem blonden Haarschopf und dem rotbäckigen Knabengesicht mit den klaren, blauen Augen ruhte und sie den heimatlichen Dialekt hörte, füllten ihre freundlichen Augen sich mit Tränen; Erinnerungen an ihre fröhliche Mädchenzeit stiegen plötzlich in ihr auf: die Kanäle, die Hyazinthenfelder, ein Fluß, der sich zwischen flachen Ufern wand, freundliche kleine Häuser, aus denen Kinder gelaufen kamen, Schlittschuhläufer, die von Ufer zu Ufer eine Kette bildeten, während die Glocke der kleinen Kirche mit hellem Klang läutete; das alles hatte so lange unberührt in ihrem Gemüt gelegen. »Willkommen!« Während Lydia in den Armen ihres Vaters lag, hatte sie doch bereits Gelegenheit gefunden, den neuen Vetter zu mustern und sich über seine runde Kopfform und seine linkische Verbeugung zu amüsieren, jetzt lächelte sie ermunternd und ein wenig herablassend, als sie ihn erröten sah und die Bewunderung in seinem Blick las. Sie ging gnädig auf ihn zu, reichte ihm ihre kleine, volle Hand und schüttelte ihre Locken, eine Bewegung, die ihr von klein auf eigen gewesen war und die einen Gunstbeweis bedeutete für den, der eines Kusses noch nicht würdig befunden wurde. Bei dem Lächeln der Fünfzehnjährigen, durch das man bereits die Jungfrau spürte, errötete Pieter, fühlte, daß er errötete, verbeugte sich sehr verlegen, herzlich; dann, als ob er die Macht, die sie über ihn besaß, von sich abschütteln wollte, kehrte er ihr den Rücken, um seine Aufmerksamkeit der Veranda, den Möbeln und all den anderen neuen Dingen, die sich seinem Blick darboten, zuzuwenden. Ein Boy meldete, daß das Bad bereit sei. Mevrouw trieb zur Eile an, es sei gleich Lunchzeit. Mijnheer faßte Pieter bei der Hand, um ihm den Weg zu zeigen. Als das Gong zum zweitenmal ertönte, kehrten sie fix und fertig zurück, Pieter in einem blendendweißen Leinenanzug mit blanken Knöpfen. Zwei schlanke braune Boys gingen auf nackten Füßen lautlos hin und her, sie trugen lange weiße Kittel, die seidene Schärpe und der Turban waren rotweißblau, die holländischen Farben. Pieter saß auf einem hochlehnigen, rohrgeflochtenen Stuhl an Mjnheers Seite, gegenüber saß seine neue Kusine mit langen Locken, Augen blau und milchweiß, Wangen wie Porzellan und weichen, sanftabfallenden Schultern, lächelnd wie eine kleine strahlende und umstrahlte Göttin, die mit sich und der Welt zufrieden ist. Am Tischende, das große, vornehme Buffet hinter sich, saß Mevrouw, und auf ihren Wink reichten die Boys lautlos Teller und Schüsseln. Der Reis, der auf Pieters Teller lag, war so weiß, jedes Korn so voll und groß, wie er es noch nie gesehen hatte, und außerdem wurden ihm viele verschiedene Zutaten gereicht, mit denen er den Reis mischen sollte; aber er hatte keine Zeit, sich mit den Speisen zu beschäftigen, denn Mijnheer schwatzte ununterbrochen. Er war so froh, daß er wieder zu Hause war und seinem jungen Verwandten alle seine Herrlichkeiten zeigen konnte, so daß er abwechselnd auf seine gutmütige Art prahlte und Pieter mit verblümten Andeutungen, die sich auf seine abenteuerliche Abreise bezogen, neckte. Pieter mußte sich beständig wehren und versuchte das Gespräch auf andere Dinge zu bringen. Seine Kusine aber, die die Art ihres Vaters kannte, begriff, daß hier etwas Spaßhaftes verborgen war, und schließlich konnte sie nicht länger an sich halten, sie zwinkerte ihrem Vater schelmisch zu, platzte los, und Mijnheer stimmte dröhnend mit in ihr Gelächter ein, während er seine breite Hand versöhnlich über Pieters legte. Schließlich wurde auch Pieter angesteckt, er lachte, überwand dabei seine Verlegenheit und blickte seiner Kusine tief in die lachenden Augen, sie aber schlug die ihren vorsichtig nieder. Mevrouw warf Mijnheer einen fragenden Blick zu, hob die Tafel auf und gab dem Boy Bescheid, daß er den Kaffee bringen sollte. Mijnheer erhob sich geräuschvoll – der Boy zog schleunigst den Stuhl zurück – und begab sich darauf auf die Veranda, den Arm um sein kleines Mädchen, während Pieter voller Anstand auf Mevrouw wartete, die dem ältesten der Boys, der Sam Saj hieß und eine Art Haushofmeister war, noch einen Bescheid gab. Sam Saj hatte melancholische Augen, und Mevrouw erzählte Pieter, daß er in seinen freien Stunden wehmütige Melodien auf seiner Javaflöte spielte. Zwischen Frühstück und Mittag zog die Familie sich zurück, sogar Lydia zeigte sich nicht. Sam Saj führte Pieter auf sein Zimmer; es lag im oberen Stock, ein großes, geräumiges Zimmer mit der übliche Matte vor dem Fenster und einem Himmelbett unter dem Moskitonetz, das bis auf die Erde reichte. Unter der Decke hing etwas, das einer Fahne glich und durch das ganze Zimmer ging. Kaum hatte Pieter sich auf einen Liegestuhl gestreckt, der länger war als er selbst, mit flachen Lehnen, auf denen man den Arm ganz ausstrecken konnte, als die Fahne unter der Decke hin und her zu schwingen begann und einen wohltuenden Zugwind auf sein feuchtes Gesicht herabfächelte; er studierte das Phänomen, und sein Blick fiel auf eine Schnur an der Tür. Er öffnete sie und sah draußen einen Boy hocken, den Rücken gegen die Korridorwand, der mit geschlossenen Augen an einer Schnur zog. Er war also der Zugwind; er schien im Traum zu arbeiten, denn nicht die geringste Bewegung in seinem Gesicht verriet, daß er sich beobachtet fühlte. Als Pieter schließlich im Liegestuhl eingeschlafen war, wurde er von einem polternden, plätschernden Geräusch geweckt. Ein Gewitterguß, dicht wie Nebel, strömte hinter der Hängematte herab; fünf Minuten später hörte der Lärm wie auf Kommando auf, und nach wenigen Minuten schien die Sonne wieder. Es war, als ob Pieter eine Last von den Schultern genommen sei, seine Brust hob sich in einem befreiten, erfrischten Atemzug. Er trat ans Fenster, hob die Matte und füllte seine Lungen mit dem balsamischen Duft, den Blätter und Blumen nach dem heftigen Bad, das alle Poren gereinigt hatte, ausströmten. Er ging auf den Gang hinaus – zwischen Tür und Fußboden war eine Spalte wie bei allen Türen im Hause: damit die Luft freien Zugang fände, dachte er, – schlich leise, um niemanden zu wecken, zu der Treppe, die zu einem großen, offenen Platz, einer Art Hof führte, wo Zwerghühner sich im Schatten des Hauses in der lockeren Erde Löcher gegraben hatten. Auf der anderen Seite des Platzes lagen ein paar kleine Hütten, eine davon glich einem Hundehaus. Aber weder Beauty noch Force waren zu sehen, alles schien zu schlafen, nur aus einem langen, niedrigen Gebäude, mit einem Dach aus kunstfertig geflochtenen Blättern, klang ein Geräusch, als ob ein Pferd am Halfter zerrte – dort waren wohl die Ponys eingestallt. Er ging längs des Wohnhauses, bis er die Ecke erreichte, wo das Gitter endete; dort fand er die Tür, die zu der Einfahrt mit dem roten Kies führte, die von einem Beet mächtiger Rizinusbüsche mit breiten, gezackten Blättern eingefaßt war. Pieter ging über die verschlungenen Wege unter hohen Bäumen, wo das Regenwasser in den Wagenspuren blitzte, die die schweren Büffelkarren mit dem Gepäck hinterlassen hatten. Er folgte den Wagenspuren bis zu dem kleinen originellen Pförtnerhaus, das, ganz aus knorrigen Baumstämmen gebaut, mit Moos überwachsen und vergilbten Palmen- und Pandangblättern gedeckt war. Es lag gleich hinter der hohen Hecke, die den Park von allen Seiten umgab. Vor der Tür spielten einige nackte Kinder unter der Aussicht eines alten Mütterchens, das eine Pfeife rauchte. Ein Greis mit weißbehaarter Brust, bis an die Hüften nackt, erschien in der Tür und verbeugte sich bis auf die Erde, als er Pieters glänzende Goldknöpfe sah. Später erfuhr Pieter, daß es Sam Sajs Eltern waren, und daß das Haus die ganze Familie mit Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen, Kindern und Kindeskindern beherbergte. Mijnheer hatte den Garten mitsamt der Familie von dem früheren Besitzer übernommen. Als Pieter und Mijnheer heute vormittag durch das Tor gefahren waren, einem haushohen Bogen aus kunstfertig ineinandergeschlungenen Zweigen zwischen zwei abgestorbenen Riesenstämmen, hatte Mijnheer auf einige große Blumen gezeigt, die von dem Bogen herabhingen und auf den vertrockneten, moosbewachsenen Zweigen schmarotzten, und hatte gesagt, es seien Orchideen aus der Zeit des früheren Besitzers. Sie waren jetzt der Pflege des alten Pförtners überlassen, der seinerzeit dabei gewesen war, als das Pförtnerhaus, das damalige »Orchideenhaus«, gebaut wurde. Der vorige Besitzer war ein englischer Professor gewesen, der ein Menschenalter auf Java verbracht hatte, um Orchideen zu studieren. Der Professor hatte den Grund und Boden einem eingeborenen Fürsten abgekauft und dem Park den stolzen Namen »Garden of Health« gegeben, Mijnheer hatte den Namen beibehalten. Hier auf diesem Besitztum wohnte Mijnheer das ganze Jahr. In der schlechten Jahreszeit, wenn der Westmonsun von November bis April wehte, rauschte der Regen herab, und schwere Gewitter waren eine tägliche Erscheinung; dann war die Luft so schwül, daß Körper und Kleidung beständig naß waren; alles in Küche und Speicher schimmelte, die Bäche schwollen, Schlangen und Gewürm krochen in die Häuser, um sich vor der Nässe zu bergen. Anfang Mai aber kam die schöne Zeit, wo nach der Nässe alles um die Wette grünte und das Gewürm von der Feuchtigkeit in der Erde festgehalten wurde, bis die trockenen Winde kamen. Es war ein Ritt von fünfviertel Stunden von dem Landsitz bis zu dem hohen, dreistöckigen Backsteinbau mit dem Kupferdach und den Fenstern in altem Amsterdamer Stil, der vor ungefähr hundert Jahren von einem Matador erbaut wurde und jetzt Mijnheer van Zantens Geschäft beherbergte, das er selbst gegründet hatte. Die Faktorei, wie sie genannt wurde, lag in dem ältesten Stadtteil von Batavia, der ursprünglichen »Benedenstad« der Kolonisten, der »niedrigen Stadt«, wo sich nur noch Geschäftshäuser, Speicher und die Gassen des Araber- und des Chinesenviertels befanden, eine City, von Kanälen durchzogen und so ungesund, daß eine einzige dort verbrachte Nacht genügte, um einen Weißen auf Lebenszeit mit Malaria zu vergiften. Mijnheers Faktorei lag in der Nähe der javaschen Bank in Kali-Besar, an dem Hauptkanal Molenvliet, auf dem Prahme und Boote die Verbindung mit den weit draußen auf der Reede liegenden europäischen Schiffen herstellten. Durch den Molenvliet ging auch der Verkehr von der alten Stadt zu dem neuen, gesunden Villenviertel; dort lag »die Königswiese«, der große, mit Gras bewachsene Manöverplatz, mit dem Palast des Generalgouverneurs auf der einen und der stolzen Wilhelmskirche auf der anderen Seite, von dort gelangte man nach »Weltevreden« mit den Regierungsgebäuden und der Zitadelle Prinz Frederik Hendrik, dem Arsenal und dem Militärlazarett. Dann folgte eine Vorstadt der anderen, wo die Eingeborenen wohnten, mit ihren Blatt- und Bambushäusern, ihren kleinen Gärten, mit Hühnern und Schweinen, Kindern und Greisen, melancholischen Flötentönen und sprödem Saitengeklimper am Feierabend, mit qualmenden Fackeln und der funkelnden Sternennacht, die sich über der schwarzen Dunkelheit und allem, was sie birgt, wie ein Zelt spannte. Jeden Morgen, Punkt sechs Uhr, bestieg Mijnheer sein Pferd und ritt, von seinem Reitboy begleitet, in der frischesten Stunde des Tages zur Stadt längs des Flusses, wo jeder ihn kannte. Um ein Viertel nach sieben Uhr sah man seine hohe, breite Gestalt mit dem riesigen Manilahut in der Straße auftauchen. Bei dem Signal des Türwächters wurde das ganze Geschäftshaus zu einem summenden Bienenkorb. In dem Erkerzimmer des ersten Stocks, dessen Fenster zum Kai hinausgingen, erwartete Mijnheers junger Prokurist, Allan Woodford, der zweiunddreißigjährige Irländer (von der westlichen Inselhälfte), Koloniallöwe und Lebemann, den Augenblick, wo Mijnheer sich auf dem Kai zeigte, nachdem er durch die Speicher geritten war. Ein Boy sprang herbei, half dem Chef vom Pferd, Roland bekam sein Stück Zucker, der Boy warf eine Flanelldecke über den nassen Rücken des Pferdes, rieb Bug und Lenden und führte es in den Stall. Mijnheer Woodford stand abwartend vor seiner Glastür, um den Chef zu begrüßen und ihn durch alle Kontore zu führen, während sie die Geschäfte des Tages miteinander besprachen. Der Rundgang endete in Mijnheers großem, luftigem Privatkontor im zweiten Stock, einem turmartigen Eckzimmer, mit weiter Aussicht über die alte Stadt mit ihren Türmen und Dächern, ihren Nebeln von Hitze und Staub, dem Bergrücken im Süden und dem glitzernden Horizont des Meeres weit drüben im Nordwesten. Von Stadt und Kai, aus Speicher, Kanal und den Vierteln der Eingeborenen stieg ein vielfach gemischter Geruch herauf. Mijnheer aber hatte ihn schon so viele Jahre in der Nase gehabt, daß er ihn nicht mehr spürte. Woodford war bei den Farbigen nicht beliebt. Alle fürchteten ihn, viele haßten ihn zugleich. In dem vornehmen Viertel Rijswijk hatte er seine behagliche Junggesellenwohnung, wo er sich indessen nur des Nachts aufhielt; zu Mittag aß er im Klub, zusammen mit Kollegen aus anderen Faktoreien, und war er nicht im Geschäft, schwirrte er durch die Stadt, besuchte Konzerte, Militärparaden oder machte vornehmen Damen und ihren Töchtern seine Aufwartung. Er war im Besitz eines kostbaren Reitpferdes und eines Kontos bei dem besten Herrenschneider der Stadt, das stark belastet war. Seit dem Tage, als die Schaluppe der Faktorei ihn am Kai an Land gesetzt hatte, war er für die Stadt eine Errungenschaft geworden; der stolze Europasegler der Faktorei, »Das südliche Kreuz«, hatte ihn in Kalkutta an Bord genommen, denn sein Vater, der dort lebte, hatte es aus verschiedenen Gründen für zweckmäßig gehalten, daß sein Sohn trotz seiner Jugend Luftveränderung bekam. Bei dem alten Geschäftsfreund in Batavia, Mijnheer Clement van Zanten, eroberte der junge Woodford sich durch Fleiß, gute Manieren und Gefälligkeit sehr bald eine Vertrauensstellung. »Das übernehmen Sie wohl, Woodford!« war eine stehende Redensart bei ihrem Morgenrundgang geworden, und Woodford war noch keine zwei Jahre im Geschäft, als Mijnheer mit Genugtuung feststellen konnte, daß er sehr viel mehr Zeit für seine Zeitungen und die kleinen behaglichen Nachmittagsspielchen im Klub übrig hatte. Kurz entschlossen beförderte er Woodford zu seinem ersten Sekretär, und bereits ein Jahr später bekam Woodford Prokura. Nachdem Pieter vierzehn Tage als Gast auf dem Landsitz gelebt hatte, wurde er am 1. März um fünf Uhr morgens von Sam Saj geweckt. Punkt sechs Uhr, nach einem hastig eingenommenen Frühstück – er hatte sich beim Baden verspätet –, schwang er sich mit Hilfe des Reitboys auf das friedlichste Pony aus Mijnheers Stall, ein älteres Tier, das über den Dienst, zu dem es ausersehen wurde, außerordentlich erstaunt war. Pieter, der noch nie auf einem Pferderücken gesessen hatte, sah dem langen Morgenritt mit bangen Ahnungen entgegen. Mijnheer amüsierte sich im geheimen. »Herrlicher Ritt, nicht wahr?« sagte er, indem er sich im Sattel umdrehte. Pieter war etwas zurückgeblieben, und der Reitboy, der Befehl bekommen hatte, auf ihn achtzugeben, trieb das Pony zu größerer Eile an. »Ja«, antwortete Pieter und hob sich ein wenig im Sattel, »aber es ist reichlich warm so zeitig am Tage.« Das Wasser lief ihm kitzelnd über die Wangen, und das schlimmste war, daß er keine Hand frei hatte, um sich zu trocknen, denn er klammerte sich mit beiden Händen an die Zügel. »Du mußt die Zügel etwas lockerer lassen!« rief Mijnheer, der die Lage überschaute, »dann geht das Pferd ruhiger. Es ist ein gutmütiges Tier.« »Famoses Tier!« räumte Pieter ein, versuchte eine ungezwungene Haltung einzunehmen und die Zügel zu lockern. Das Pferd aber verstand seine Absicht ganz und gar nicht, und in der Freude über die wiedergewonnene Freiheit fing es plötzlich an zu galoppieren, so daß Pieter die Steigbügel verlor. »Himmel!« stammelte er, indem er sich mit beiden Händen an die Mähne klammerte, »ich glaube, ich falle herunter.« Im nächsten Augenblick war der Reitboy neben ihm, ergriff die Zügel, und Pieter konnte wieder festen Boden fassen. Woodford war sich über das, was bevorstand, klar, daß sowohl die Familie als auch das Geschäft einen Zuwachs bekommen sollte. Und als Mijnheers breites Gesicht in der Sonne auftauchte, funkelten Woodfords braune Augen in seinem blassen Gesicht. Eine tiefe Verbeugung vor dem Chef, und dann näherte der Prokurist sich dem jungen Mann, den Mijnheer vorstellte, nachdem der Reitboy ihm vom Pferde geholfen hatte. »Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen!« Die sympathische Stimme tat Pieter nach den Beschwerden des Rittes wohl. Woodford gab ihm mit einem kräftigen Druck die Hand, jeder einzelne der langen, schmalen Finger machte sich bemerkbar. Mijnheer legte seinen schweren Arm um Pieters Schulter. »Ein grüner Schößling, nicht wahr, Woodford? Ein Ableger aus der guten alten Heimaterde, aus dem wir eine schmucke und nützliche Pflanze ziehen wollen!« Woodford senkte sein wohlfriesiertes Haupt unter der Wucht von so viel Zutrauen. Komischen, dünnen Hals hat er, dachte Pieter bei sich. Mijnheers Stimme dröhnte durch das ganze Treppenhaus und wurde von der Deckenwölbung zurückgeworfen. In sämtlichen drei Stockwerken gab es sicher kein einziges Ohr, das sie nicht hörte und daraus auf die Witterung des Tages schloß. Woodford hatte das feinste Ohr und hatte gleich gemerkt, daß das Barometer günstig stand. Oben im Zimmer oder richtiger dem Glaskasten, denn bis auf die Wand zum Kai waren alle Wände aus Glas, ließ Pieter seine Augen voller Neugierde über das Bild schweifen, das sich hinter den Glaswänden bot: zwei Reihen Pulte, durch einen Gang getrennt, und an jedem Pult zwei Köpfe über Papiere und Akten gebeugt. Mijnheer versetzte Pieter einen Schlag auf die Schulter. »Wir haben einen herrlichen Ritt hinter uns, nicht, junger Mann?« Woodford lächelte verständnisvoll, als Mijnheer hinter Pieters Rücken diskret auf sein Hinterteil zeigte. »Ja, ein Ritt in der frischen Morgenstunde«, sagte Woodford mit dem feinen Humor, der ihm Mijnheers Herz gewonnen und dem er seine große Beliebtheit zu verdanken hatte, »das ist das Beste, was wir hierzulande bieten können.« Pieter gab seine Zustimmung ein wenig zaghaft zu erkennen, und Mijnheer warf einen barschen Blick über das hohe Pult, um sein Lachen zu unterdrücken. »Wo sind die Papiere?« fragte er. Woodford reichte ihm zwei große Bogen: »Hier ist der Kontrakt und die Kopie.« Nachdem Mijnheer sie überflogen hatte, reichte er sie Pieter. Pieters Blick fiel auf einige Worte, die unterstrichen waren und die er nicht verstand. »Supernumerärer Handelsangestellter ad interim .« Das Ganze war wunderhübsch mit einer schwungvollen Handschrift geschrieben, und Pieter fühlte sich fast beschämt, weil so viel Schönschrift und solch feines Papier an seine bescheidene Person verschwendet worden waren. »Wenn Herr – wie darf ich ihn nennen?« Woodford sah fragend von Mijnheer zu seinem jungen Verwandten. »Nennen Sie ihn recht und schlecht Pieter!« entschied Mijnheer; als er aber nach einem Seitenblick auf Pieters runden Kopf einen Schimmer von Mißvergnügen sah, mußte er an seinen Vetter, den hochachtbaren Bürger in Amsterdam, denken und verbesserte sich: »Herr Pieter! – oder noch besser: van Zanten junior , – ja, so soll er bis auf weiteres heißen, ich meine, bis er sich zu einer Stellung heraufgearbeitet hat, die einen Titel verleiht. Einverstanden, junger Mann?« Pieter nickte treuherzig und geehrt, und Woodford gab diensteifrig seinen Beifall zu erkennen, obgleich er gleichzeitig etwas herunterzuschlucken schien. »Ich meine natürlich im beruflichen Verkehr. Was die Herren für das Privatleben vereinbaren, bleibt ihnen überlassen. Und von dir, junger Mann«, fügte Mijnheer plötzlich ernst hinzu, als habe er verstanden, daß er Woodford soeben eine Pille zum Schlucken gegeben hatte, »erwarte ich, daß du dich der freundlichen Anleitung deines Vorgesetzten, Herrn Woodfords, würdig erweist. Nimm dir ein Beispiel an dem fleißigen, strebsamen Geschäftsmann, der aller Zutrauen genießt und sich durch Liebenswürdigkeit und angenehme Manieren überall beliebt gemacht hat.« Woodford errötete, seine schmalen Lippen bewegten sich, als ob er etwas sagen wollte, aber er beugte nur den Kopf und lächelte dankbar. »Herr Pieter wird vielleicht so freundlich sein, den Kontrakt zuerst durchzulesen«, sagte Woodford. »Das kann er nachher tun«, unterbrach ihn Mijnheer ungeduldig. »Schreibe deinen Namen dorthin.« Nachdem Pieter mit großer Sorgfalt seinen vollen Namen dorthin gemalt, wo der große Zeigefinger seinen Nagel eingedrückt hatte, gab der Chef seinem Prokuristen einige Anweisungen und fügte dann, an Pieter gewandt, hinzu: »Wenn Woodford dich herumgeführt und mit den übrigen Angestellten bekannt gemacht hat – wie heißt der junge Mann, neben dem er sitzen soll, doch gleich? Richtig, Ruyter –, dann komm in mein Privatkontor; wir wollen zusammen im Klub essen, Sie auch, Woodford. Also, alle beide Punkt zwölf Uhr in meinem Privatkontor.« Er klopfte Pieter Adrian den Rücken mit seiner großen Tatze und stieg summend, mit knarrenden Stiefeln, die breite Treppe hinauf. Sie standen mitten in dem großen Kontorraum, den Pieter durch die Glaswand gesehen hatte. Von sämtlichen acht Pulten folgten neugierige Augen jeder seiner Bewegungen. Am letzten Pult war für einen Dritten Platz gemacht worden. »Hier ist Ihr Reich, van Zanten junior !« sagte Woodford lächelnd, die Hand auf Pieters Schulter, indem er auf den leeren Platz zeigte, – »bis auf weiteres. Ich zweifle nicht, daß es Ihnen bald glücken wird, die nächste Stufe zu erklimmen. – Ruyter!« Ein kleiner, schwarzhaariger, blasser Bursche, mit abstehenden Ohren und ungewöhnlich schmalen, abfallenden Schultern, stieg schnell von seinem Stuhl herunter und nahm Aufstellung vor dem Pult, das ihm bis an die Achselhöhlen reichte. »Dieser junge Mann ist ein Verwandter des Chefs«, – indem Woodford seine Stimme hob, begriffen sämtliche sechzehn Köpfe, daß die Worte an sie alle gerichtet waren. Wie auf Verabredung stiegen sie alle von ihren Drehstühlen herunter und wandten sich Pieter zu, der errötend die Reihe herum nickte. »Van Zanten junior wird er im Geschäft genannt – das bitte ich zu merken! – In der persönlichen Anrede wird Herr Pieter genügen. Ich spreche sicher in Ihrer aller Namen, wenn ich die Hoffnung auf eine angenehme und nutzbringende Zusammenarbeit ausspreche.« Damit drückte er Pieters Hand, und auf ein diskretes Zeichen des ältesten Kontoristen traten sie einer nach dem anderen vor, um ihrem neuen Kollegen die Hand zu drücken. Pieter mußte unwillkürlich über die Feierlichkeit lächeln, und als Woodford mit einer komischen Grimasse einstimmte, mußte Pieter laut herauslachen. Es ist furchtbar nett von dem Prokuristen, dachte er, daß er nicht vergißt, daß er selbst noch jung ist und seinen Untergebenen gegenüber ein guter Kamerad sein kann. Alle die jungen Gesichter hatten ihre Feierlichkeit verloren, und im nächsten Augenblick schwirrten die Stimmen durcheinander. Als aber die weißen Umrisse eines anderen, vielleicht älteren und höheren Vorgesetzten als Woodford hinter der Glaswand auftauchten, sagte Woodford in einem anderen und scharfen Ton: »Nun bitte an die Arbeit, meine Herren!« Damit machte er kehrt und zog sich in seinen Glaskasten zurück. Pieter sah ihm verblüfft nach. Es war, als ob zwei ganz verschiedene Wesen in dem Menschen steckten. Das gab ihm mancherlei zu denken, und er kam noch später häufig darauf zurück. Ruyter zeigte Pieter, wie er einen Haufen Papiere, den man auf sein Pult gelegt hatte, mit Registriernummern und Datum versehen und dieselben Zahlen in ein dickes Geschäftsbuch eintragen sollte, das in einem Schrank neben dem Pult stand und mit beiden Händen gehoben werden mußte. Mit dieser Registratur, wie er es nannte, sollte Pieter seinen Tag beginnen. Eine verflucht langweilige Arbeit, wie Ruyter hinzufügte, bei der man einschlafen konnte. Dann gab es etwas, was Lagerzettel hieß, die in ein Buch übertragen werden mußten, das Lagerquartant hieß, mit einer Abteilung für Debet und einer für Kredit. Bei diesen Eintragungen riet Ruyter zu großer Vorsicht und erbot sich, Pieter einige Winke zu geben, wie er seine Arbeit am besten angreifen sollte, um sich unnütze Sorgen, die einen Anfänger bedrücken konnten, zu ersparen. Bei der Kontorarbeit, begann er, mußte man zwischen drei verschiedenen Arten von Arbeit unterscheiden. Vor allen Dingen gab es solche Eintragungen, die kontrolliert werden, und die man darum im eigenen Interesse mit großer Sorgfalt machen mußte, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, den ganzen Kram noch einmal machen zu müssen; dann gab es Arbeiten, die gelegentlich kontrolliert wurden, so daß man nie recht wußte, woran man war. Nachlässigkeit konnte eine Zeitlang gut gehen, aber es konnte auch eine Katastrophe geben, wenn man es am wenigsten ahnte; denn hier spielten reine Zufälligkeiten mit, zum Beispiel, ob der Vorgesetzte gut gefrühstückt oder schlecht geschlafen hatte. Mit anderen Worten, eine vorsichtige Natur sollte diese Arbeit lieber nicht übers Handgelenk machen. Die dritte Kategorie aber, Eintragungen, die gar nicht oder nur mit großer Mühe kontrolliert werden konnten, womit man in Anbetracht der Hitze nicht zu rechnen brauchte, bei solchen Arbeiten konnte man ruhig schlafen, es brauchte nur etwas dazustehen, was nicht gar zu unwahrscheinlich aussah, am besten etwas, was nicht von den vorhergehenden Zahlen zu sehr abstach. Diese Arbeitseinteilung, die Ruyter von seinem Vorgänger übernommen, hatte sich bereits bewährt, denn der Betreffende hatte Karriere gemacht und war Erster Sekretär an einer der größten Faktoreien in Benedenstad. Damit erhob sich Ruyter, um sich des zweiten Teils seiner Aufgabe zu entledigen. Auf der Haupttreppe, am Eingang zum zweiten Stockwerk, wo der Hauptbuchhalter residierte, stand ein vornehm gekleideter Boy und blickte mit halbgeschlossenen Augen hochmütig vor sich hin. Pieter griff unwillkürlich an die Mütze. Ruyter warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Das dürfen Sie nie tun«, sagte er ernst, »einen Eingeborenen grüßen. Mag er auch noch so fein herausgeputzt sein, so darf ein Weißer, der Achtung vor sich selbst hat, ihn überhaupt nicht sehen.« »Das gefällt mir nicht«, sagte Pieter entrüstet, »die Eingeborenen sind doch auch Menschen.« Ruyter warf ihm einen Blick zu, als ob er ihn für nicht ganz normal hielte. Pieter wurde dem Hauptbuchhalter, Mijnheer Wahoegen, vorgestellt, der in seinem Liegestuhl neben dem Schreibtisch lag, mit einem großen Papier in seiner alten, schmalen Hand; er hielt es sich dicht unter seine zwinkernden Augen mit den tiefen Augensäcken, die Brille hatte er sich auf die Stirn geschoben, auf der zu Pieters Erstaunen kein einziger Schweißtropfen zu sehen war. Eine Cerut hing ihm im Mundwinkel. Er kehrte ihnen den Rücken zu und machte bei ihrem Eintritt eine halbe Wendung mit seinem gelben, runzligen Hals, der aus einem gefalteten Batisthalstuch wie aus einer Bettdecke hervorsah. Er besaß die längsten Ohren, die Pieter je an einem Menschen gesehen hatte, ganz mit weißen Härchen bewachsen. Pieter bekam ihn überhaupt nicht von vorn zu sehen. Ruyter stellte Pieter stotternd vor und erhielt als Antwort ein kurzes Nicken, einen nachlässigen Druck der Hand, die trotz der Wärme feucht war, und ein Grunzen, das die welken Lippen mühsam hervorzubringen schienen. »Mein Gott, was für ein zahnloser Mummelgreis!« sagte Pieter, als sie wieder draußen waren. Ruyter sah sich vorsichtig um, bevor er seine Zustimmung zu erkennen gab und Pieter darüber aufklärte, daß der Hauptbuchhalter eine Kapazität sei. Er habe Woodford einmal sagen hören, daß ihm nichts entginge, was für einen Kaufmann in den Kolonien Interesse und Bedeutung haben könne, sogar der Chef beugte sich immer vor der Unanfechtbarkeit seines Urteils. An der Börse sagte man, Mijnheer Wahoegen stellte sein eigenes Gewicht in Goldwert dar. Woodford hatte verstanden, sich bei ihm einzuschmeicheln, wie Pieter später erfuhr, und dies war einer der Hauptgründe, warum Woodford sich trotz seiner Jugend im Geschäftsleben einen Namen verschafft hatte. Von der Buchhalterei begaben sie sich in das dritte Stockwerk. Dort gab es nichts von Interesse. Ruyter umfaßte es mit der Bezeichnung »ausrangiert und so«. Das Archiv wurde von dem jungen Herrn mit einem mitleidigen Lächeln abgetan; ferner war da ein Raum mit Registraturen aus älteren Jahrgängen in langen, grauen Reihen, von altem Staub bedeckt, ein Raum mit kassierten Pulten, Drehstühlen und anderem Inventar. Ein uralter Boy, »der Staubfresser« genannt, der an Farbe fast nicht von der Umgebung zu unterscheiden war, wohnte und schlief hier oben. Luft und Licht bekam er aus einer runden Luke im Holzwerk unter dem Kupferdach, wo Tag und Nacht eine Temperatur wie in der Hölle herrschte. Viele ahnten überhaupt nichts von seiner Existenz, geschweige ihrer Berechtigung, seine persönlichen Bedürfnisse rangierten unter dem Konto »Instandhaltung der Geschäftsräume, des Hofes und des Kais«. Ruyter bemerkte, indem er mit einer Handbewegung das Ganze umfaßte: »Dies hier oben habe ich Ihnen nur der Vollständigkeit halber gezeigt, im Grunde geht es uns nichts an.« Darauf schüttelten sie sich den Staub von den Füßen und den Jacken und liefen durch alle Stockwerke die Treppen bis zum Lagerraum hinunter, der in gleicher Höhe mit dem Hof und dem Kai lag, sich durch das ganze Haus erstreckte, mit zwei Toren zur Straße und zwei zum Kai. Hier unten herrschte der Lagerverwalter oder, wie er selbst genannt zu werden wünschte, der Musterchef Don Luis Gayo. Er thronte in dem großen, offenen Vorraum zur Straße, wo die Eingeborenen mit ihren Karren in Reihen vor der Tür hielten und sich zankten, wer zuerst gekommen sei. Don Luis Gayo war ein Mischling, halb Portugiese, halb Inder, knochendürr, mit erloschenen Augen und zitternden Händen. »Er ist Opiumfresser«, flüsterte Ruyter. Der Mann reckte seinen langen Hals über den spitzen Schultern, wie ein magerer Hahn, als er die beiden jungen Leute auf sich zukommen sah. Das Gerücht von Mijnheers jungem Verwandten war bereits zu ihm gelangt, und darum erhob er sich mit Würde und streckte Pieter lächelnd und heftig nickend seine lange Hand entgegen; es war sein heißester Wunsch, als Vollblut-Portugiese und Gentleman betrachtet zu werden. Bevor Ruyter es verhindern konnte, lag Pieters kräftige Hand treuherzig in den langen, nervösen Fingern, die ihre Beute nicht losließen, bevor der Mann eine blütenreiche Rede in einer furchtbaren Mischung von Holländisch, Portugiesisch und Englisch vom Stapel gelassen hatte. Pieter verstand keine Silbe, um so weniger, als dem Mann ein Cerutstummel im Mundwinkel hing und die ganze Zeit mithüpfte. Pieter lächelte und nickte und zog seine Hand zurück. Der Lagerverwalter zog mit zitternden Fingern einige Ceruts aus seiner verschwitzten Westentasche, Pieter aber dankte höflich, er habe noch nicht gefrühstückt. »Recht so, junger Herr«, der Lagerverwalter nickte und lachte, »niemals vor dem Frühstück rauchen. Sehr richtig! – Hoho! Sehr richtig!« Pieter lachte auch, obgleich er es gar nicht komisch fand, dem Mann aber schien so viel daran zu liegen, daß man mit in sein Lachen einstimmte, daß Pieter ihm den Gefallen tat. Schließlich ging das Gelächter des Musterchefs in einen Hustenanfall über, und dabei verlor er seine Cerut aus dem Munde. Während er auf der großen, schmutzigen Waage danach tastete, sprühten seine ruhelosen Augen solche Glückseligkeit, daß Pieter unwillkürlich zurückfuhr. Die Hitze schien dem Mann zu Kopf gestiegen zu sein. Ruyter zog seine Uhr. Sofort griff der Lagerverwalter in seine Tasche – ein Gentleman hat natürlich eine Uhr, wenn sie auch so groß wie ein Zwieback ist; Pieter wollte auch nicht zurückstehen, seine Uhr war ja aus Gold und noch ganz neu. »Wie alt ist er?« fragte Pieter, als sie endlich draußen und außer Hörweite waren. »Das weiß ich wirklich nicht. Ansehen kann man es ihm nicht, aber hier hat er mindestens schon an die zehn Jahre seine Schwindeleien betrieben.« Pieter sah ihn fragend an. »Das hat der Kapitän auf der »Lydia« neulich gesagt.« Da hörten sie ein Geheul, das draußen auf der Straße in den Reihen der Eingeborenen ein Echo fand. Als Pieter sich umdrehte, sah er, wie der Lagerverwalter seinen Stock über dem Nacken eines Eingeborenen schwang, der sich selbst und einen Sack, den er auf der Schulter trug, draußen in Sicherheit brachte. »Was ist denn da los?« »Das Übliche. Er hat wohl einen Anfall von Größenwahnsinn bekommen, weil Sie so töricht waren, ihm die Hand zu geben. Das passiert ihm selten, und nachher kann er nicht vertragen, daß die Eingeborenen ihm zu nahe kommen. Er ist, kurz gesagt, unmöglich in einem anständigen Geschäft, schloß Ruyter mit überlegener Miene, »auf seine Weise aber tüchtig, das muß man ihm lassen. Er ist kriecherisch und feige, vergißt niemals eine Beleidigung, aber weiß mit den eingeborenen Kunden umzuspringen. Neulich fragte ihn ein Zollbeamter, ob man solche olivengraue Gesichtsfarbe vom Opiumrauchen bekäme oder ob es ein Rassensymptom sei. Die Anspielung war nicht mißzuverstehen und geschah in Gegenwart mehrerer Eingeborener. Gayo bekam Krämpfe vor Wut, verfluchte den Zollbeamten, und eine Woche später lag dieser tot in seinem Schuppen ohne Wunde oder sonstige sichtbare Todesursache. Seitdem glauben alle, daß ein böser Geist in Gayo Wohnung genommen habe.« Wie befohlen, trat Woodford mit Pieter im Privatkontor des Chefs an, bevor das alte Glockenwerk der Wilhelmskirche seine zwölf Schläge getan hatte. Das Motorboot der Faktorei lag unter den Fenstern des Chefs mit ausgespanntem Sonnensegel bereit, die rotweißblaue Flagge wehte am Vordersteven. Nach kurzer Fahrt gingen sie auf einem großen, offenen Platz mit einem verwitterten Kirchturm im Hintergrund an Land und standen bald darauf im Speisesaal des Klubs. Ein Oberboy mit einem Kamm in seinem schwarzen Haar und in einem weißen Kittel, der ihm bis auf die nackten Füße fiel, kam herbeigesprungen und nahm Mijnheer Hut und Stock ab. Der Klub war ein majestätisches Gebäude, mit hohen Fenstern, einer geräumigen Halle und breiten, bequemen Treppen, deren dicke Läufer jedes Geräusch erstickten. Alle Fensterläden waren gegen die Sonne geschlossen, ein riesiger Fächer unter der Decke war in ständiger Tätigkeit. Mijnheers graue Stirntolle bewegte sich im Takt mit dem Luftzug. Mijnheer nickte und winkte den Klubgenossen zu, die an seinen Tisch traten, um ihn nach seiner Reise willkommen zu heißen. Pieter mußte sich unablässig erheben und seinen Bückling machen, wenn er als van Zanten junior , frisch importiert aus dem alten Lande, vorgestellt wurde. Dieser oder jener kannte Pieters Vater, fragte nach ihm und ließ sich aus der guten alten Stadt Amsterdam erzählen. Die Uhr war schon nach zwei, als die Mahlzeit beendet und man Kaffee mit Likör und Mijnheers Sonntagscerut im Lesezimmer genossen hatte. Der Kellner erschien mit dem letzten »Javabode«, und Woodford, der Bescheid wußte, erhob sich. »Ich habe jetzt keine Zeit mehr«, sagte Mijnheer, »habe noch eine Konferenz, Woodford aber wird dich in deine neue Wohnung begleiten.« Er reichte Pieter seine große Hand. »Was ich noch sagen wollte, ich habe dir eine tüchtige und ordentliche Haushälterin besorgt. Fehlt es noch irgendwo, so laß es mich im Kontor wissen. Was Sitten und Gebräuche anbelangt, so sind die Verhältnisse hier in Java in mancher Beziehung anders als in dem lieben Amsterdam – teils freier, teils enger und strenger. In diesen Dingen aber kannst du dir Woodford als Muster nehmen, darauf versteht er sich.« Und an diesen gewandt, fügte er hinzu: »Und von Ihnen, Woodford, erwarte ich, daß Sie ihm die richtige Form geben, die man hier in Batavia von einem Mitglied der Gesellschaft erwartet.« »Ich werde mein Bestes tun«, sagte Woodford mit einer Verbeugung. »Also auf Wiedersehen! Ich soll wohl von dir grüßen zu Hause? Und vergiß nicht, an Sonn- und Feiertagen bist du immer draußen am ›Garden of Health‹ willkommen, und wir hoffen, dich auch an anderen Tagen bei uns zu sehen. Als Pieter sich in der Tür umdrehte, lag Mijnheer bereits im Stuhl, mit geschlossenen Augen, die Zeitung auf dem Bauch. Unten auf der Kanalstraße, wo die Sonne brütete, winkte Woodford zwei Planki (Eingeborene mit Karren) herbei, und dann ging es durch das Rijswijk-Viertel, wo Woodford wohnte, an der Zitadelle vorbei, über den schönen großen Waterloo-Platz, auf dem die Gedenksäule mit dem holländischen Löwen stand, durch eine breite Straße mit vornehmen Villen und prachtvollen Gärten – Woodford erklärte, daß es das vornehmste Viertel der Stadt, »Weltevreden«, sei –, an der Kaserne vorbei mit dem Exerzierplatz, bis ans Ende der Straße, von wo Pieter einen Blick in die Viertel der Eingeborenen mit ihren Hütten zwischen Bambus, Bananen und Palmen tun konnte. Darauf bogen sie in eine Nebenstraße ein und hielten vor einem kleinen, zweistöckigen Haus, das mitten in einem alten Garten lag. Auf den ersten Blick sah man nichts als eine schmutzige, graue Mauer mit zwei Reihen Fenstern, vor denen Matten in der stillstehenden Luft regungslos hingen. Kein lebendes Wesen war zu sehen; als sie aber den Garten durchschritten hatten, wurde die Tür lautlos geöffnet, und Sam Saj, Mijnheers oberster Boy, führte sie zum oberen Stockwerk hinauf, wo die Türen zu den Zimmern weit offen standen; da war ein Salon mit einer Veranda zum Garten und eine kleine Schlafkammer dahinter. Woodford ging voran und hob die Fenstermatte, damit Pieter die Aussicht bewundern konnte: über Gärten und dem Exerzierplatz ragte die Säule auf dem Waterloo-Platz. Von der Schlafkammer sah man über die Dörfer der Eingeborenen, über Reisfelder, Kokosplantagen und das offene Land mit der Landstraße, wo er heute morgen geritten war. Hier und da blitzte der Fluß, das Land hob sich im Hintergrund bis zu einer Bergkette, die in der Ferne im blauen Nebel verschwand. Pieter spähte nach dem Landsitz aus, und Woodford, der gleich begriff, wonach Pieter Ausschau hielt, erklärte, daß der »Garden of Health« von jener Kokosplantage dort verdeckt sei. Sam Saj näherte sich auf lautlosen Sohlen und zeigte auf einen prachtvollen Strauß Bougainvilleen, der in einer Vase auf dem Tisch im Wohnzimmer stand. »Von Mevrouw!« sagte er und verbeugte sich ehrfurchtsvoll. Ein starker Duft von Vanille und Nelken stieg aus dem großen Strauß auf, und dahinter sah Pieter ein Glas mit zwei prachtvollen bunten Orchideen. »Von Kusine Lydia« stand auf der weißen Karte, die zwischen den Blumen steckte. Er beugte sich über die glühenden Bougainvilleen, um seine aufsteigende Röte zu verbergen. Woodford aber hatte sie gesehen, lächelte nachsichtig und begriff, daß der junge Mann jetzt gern allein sein wollte. Als Pieter aber Woodfords Schritte auf der Treppe hörte, war es ihm, als ob er den Boden unter den Füßen verloren hatte und noch nicht schwimmen konnte. »Guten Abend«, sagte plötzlich eine kleine, piepsende Stimme, und in der Tür zur Schlafkammer stand eine kleine, zusammengeschrumpfte Gestalt mit einem alten, grauen, runzligen Gesicht, aber lebhaften, schwarzen Augen. »Ich bin Mevrouw Hiencke«, sagte sie und knickste, »Witwe des seligen Sergeanten Jean Hiencke von dem dritten Kolonial-Regiment. Ich soll für des jungen Herrn Wohnung und Kost sorgen.« Sie trocknete sich die Hände an ihrer geblümten Schürze, und Pieter begriff, die Witwe des Sergeanten erwartete von ihm, daß er ihr die Hand geben sollte. Er drückte die kleine, runzlige Hand, und nach wenigen Minuten kannte er bereits ihren ganzen Lebenslauf, wußte, daß sie geborene Portugiesin (aus Makao) sei und ihrem Schicksal in Gestalt des seligen Jean bei einer Militärparade zu Ehren des Gouverneurs begegnet sei. Nach dem Parademarsch hatte dieser sich vor dem Tor der Kaserne erschöpft ins Gras geworfen, und sie sei zufällig vorbeigekommen und habe ihn mit Bananen erquickt. Mijnheer van Zanten – alle guten Engel mögen ihn beschützen – hatte Jean, nachdem er wegen eines Schadens am Bein seinen Abschied bekommen hatte, in seinen Dienst genommen; nun war er schon lange im Himmel, und sie lebte von der kläglichen Pension, die die Regierung ihr gönnte, und von dem, womit Mijnheer und Mevrouw van Ermelo – Madonna möge ihnen beiden zulächeln – sie bedachten. Das Haus gehörte Mijnheer, der ihr das obere Stockwerk überlassen hatte; sie vermietete an junge Herren, zwei wunderschöne Zimmer, nicht wahr? Bei großen Festen gehe sie draußen in der Villa zur Hand, denn in ihrer Jugend sei sie Küchenmädchen in der Küche des Gouverneurs gewesen. Pieters Weg morgens ins Geschäft, bevor die Sonne angefangen hatte, mit ihrer vollen Kraft zu scheinen, war wie ein Märchen: die militärischen Übungen auf dem großen Platz, die schattigen Gärten der Villen, wo die Palmen sich träge reckten, während die Gartenboys auf bloßen Füßen lautlos herumgingen und die roten Kieswege fegten, als ob es teppichbelegte Fußböden wären, der Waterloo-PIatz mit den vielen verschiedenen Menschenrassen in buntfarbigen Trachten. An der düsteren Zitadelle kam Pieter vorbei und am Klubgebäude, das um diese Tageszeit geschlossen war. Draußen auf der Treppe saß der Pförtner und bewachte die Boys, die den Fußsteig säuberten. Der würdige und beleibte Mann grüßte Pieter, indem er zwei Finger an seinen Tropenhut legte, der mit dem Abzeichen des Klubs versehen war. Pieter wollte gerade seinen nagelneuen Tropenhut abnehmen, als er sich erinnerte, daß es gegen die Sitte verstieß und außerdem ungesund sei, den Kopf in der Sonne zu entblößen. Was mußte man nicht alles lernen! Vieles, das ihm im ersten Augenblick nichtig erschien, von dessen Wichtigkeit er aber durch einen mißbilligenden Blick von Woodford, ja sogar von dem langweiligen Ruyter überzeugt wurde. Pieter, der sich seiner Arbeit mit Eifer und Gründlichkeit hingab, mußte bald erfahren, daß es eines Gentlemans unwürdig sei, sich mit Rechenfehlern oder dergleichen zu befassen. Nein, Toilettenfragen, Billard und andere Vergnügungen wurden als passende Themata während der Kontorzeit betrachtet. Als Pieter einmal die Erörterung einer geschäftlichen Frage durchzusetzen versuchte, verulkten die übrigen Angestellten ihn, so daß er errötend davon abstehen mußte. Der kleine Ruyter hatte offenbar mit seinen Ratschlägen recht gehabt, man mußte nur das Notwendigste so flüchtig wie möglich erledigen und zu erkennen geben, daß man über dergleichen Arbeit erhaben sei. War man ein Weißer oder war man es nicht? Na also! Der himmelweite Unterschied zwischen den Farben war etwas, was Pieter nicht recht eingehen wollte. Daß die Beobachtung solch kleiner Gebräuche des täglichen Lebens zu dem gehörte, was Woodford »die batavische Form« nannte, sollte Pieter bald erfahren. Als ein Monat vergangen und das Gerücht vom Auftauchen des jungen van Zanten allgemein bekanntgeworden war, richteten Woodfords Freunde den dringenden Wunsch an ihn, ihnen den jungen Mann vorzustellen, so daß Woodford Pieter eines Tages zum Lunch in die Junioren-Abteilung des Klubs mitnahm, die einen Stock höher lag als der feierliche Raum der Chefs. Woodford stellte Herrn Pieter Adrian seinen Kollegen und Freunden aus den anderen Faktoreien mit väterlichem Wohlwollen und zierlichen Wendungen vor. Pieter wurde mit überströmender Freundlichkeit empfangen, verhört und geprüft, und nach dem Lunch zeigte es sich, daß er solch ungewöhnliche Anlagen für die schwierige Kunst des Billardspiels besaß, daß er würdig befunden wurde, gegen einen entsprechenden Einsatz an den Wetten des Spiels teilzunehmen. Kurz gesagt, je mehr er von den heimtückischen Likören mit den klingenden Namen trank, desto mehr lieferte er sich aus. Alle wollten mit Herrn Pieter anstoßen, der so rührend unerfahren war mit Bezug auf die Wirkung des Alkohols, alle waren begeistert, seine Bekanntschaft zu machen. Man vergaß nicht nur, daß es mitten in der Kontorzeit war, sondern ging vom Lunch – »stillschweigend« ist nicht das richtige Wort, denn es herrschte ein solcher Lärm in den Junioren-Klubräumen, daß sogar der Inspektor allerhöflichst um etwas mehr Ruhe bat – wie von selbst zum Mittagessen über. Die Anzahl der Teilnehmer nahm beständig zu, und das Fest endete erst eine halbe Stunde, bevor das Lokal geschlossen wurde. So lange dauerte es, bevor die Spielleidenschaft von der Müdigkeit überwältigt wurde und ein energisches Wort von Woodford dem Gelage ein Ende machte. Als er nämlich Pieter als Mittelpunkt einer Gruppe älterer Gäste sah, um eine Batterie Flaschen geschart, deren Inhalt Pieter bisher nicht einmal dem Namen nach bekannt gewesen, von denen der Oberboy aber behauptete, daß sie von Pieter allein bestellt worden waren, beruhigte er den bekümmerten Kellner mit Hinsicht auf die Bezahlung, sorgte dafür, daß die verschiedenen Teilnehmer nach Hause gebracht wurden und nahm sich selbst Pieters an. Pieter, der Woodford erkannte, fiel ihm unter Tränen um den Hals. Woodford brachte ihn nach Hause und ins Bett und beruhigte die brave Sergeantenwitwe, die sich über Pieters plötzliche Erkrankung aufregte. Er forderte sie auf, ein gewisses Möbel in Pieters unmittelbare Nähe zu stellen und ihm den Kopf zu halten, ihn aber unter keiner Bedingung am nächsten Morgen zu wecken und ihn dem Schutz der Madonna zu empfehlen – womit die Witwe sofort einverstanden war – und im übrigen auf Pieters gesunde Konstitution zu vertrauen. Als Pieter sich am zweiten Tage nach dem Unwetter, das ihn sowohl um sein körperliches als auch moralisches Gleichgewicht gebracht, erholt hatte, wunderte er sich, als er in den Rasierspiegel blickte – eine ganz neue Anschaffung, nachdem er erfahren hatte, daß auch Ruyter sich rasierte –, daß er ganz unverändert sei. Auf dem Weg zum Kontor sah er, daß auch die Umgebung von dem Erdbeben unberührt geblieben war; schlimm war nur das Spießrutenlaufen durch die scherzhaften Bemerkungen der Kameraden. Auch Woodford schien unverändert, als Pieter ihm einen dienstlichen Bescheid zu überbringen hatte, der Prokurist saß in seinem Glaskasten nachlässig auf dem Drehstuhl, den Kopf hinter einem Papier in Folioformat verschanzt, die Füße auf dem Balken des Schreibtisches. Als er endlich aufsah und Pieters Blick begegnete, versteckte er sich schnell wieder hinter dem Papier; in Pieter stieg beim Anblick seines väterlichen Freundes ein peinliches Gefühl auf. »Na, Junior, wie geht's?« klang die freundliche Stimme hinter dem Foliobogen, und als keine Antwort erfolgte, fuhr er in vertraulichem Ton fort: »Hätte ich geahnt, daß Sie so unerfahren sind, van Zanten junior, würde ich mich Ihrer natürlich mehr angenommen haben; aber einmal ist keinmal. Was ich sagen wollte! Einigen meiner Freunde schulden Sie noch Geld von den Wetten, an denen Sie besser nicht teilgenommen hätten. Aber machen Sie sich keine Sorge, ich habe die Sache für Sie geordnet und den Herren den Text gelesen. Aber merken Sie sich eines, Junior: Spielschulden sind Ehrenschulden, darin ist man hier in Batavia sehr streng. Ich habe siebzehn Gulden für Sie ausgelegt, Sie können sie mir nach und nach zurückzahlen. Und damit Schwamm über Ihr kleines Pech.« Pieter erschrak über die bedeutende Summe. Er dankte, wie es von ihm erwartet wurde, hinterher aber stieg die Wut in ihm auf, und nur mit Mühe konnte er die Frage unterdrücken, ob dieser betrübliche Abend vielleicht eine Unterrichtsstunde gewesen war in der batavischen Form, von der Onkel Mijnheer gesprochen hatte. Van Zanten erzählte mir, daß er bereits seit »dem kleinen Pech« einen geheimen Widerwillen gegen das Abenteuer Batavia zu empfinden begann. Vor der Reise mit der »Lydia« war er nie aus Amsterdam herausgekommen, hatte darum auch den Unterschied zwischen dem Leben in der Hauptstadt und der Provinz nicht gekannt, wo man unter dem Vorwand, die Kultur zu heben, die Hauptstadt gern übertrumpfte oder, richtiger gesagt, karikierte; sonst würde er bereits damals erkannt haben, daß Batavia ein Provinzloch schlimmster Sorte und die »Blüte der weißen Eroberer« nichts anderes als eine Bande Schmarotzer war. Bisweilen wurde ihm ganz schlecht bei der geschraubten Feierlichkeit, mit der sie sich als »Weiße« brüsteten. Die einzige Schuld der armen Farbigen war ja, daß sie auf einer Insel geboren waren, die die Natur viel reicher und strahlender ausgestattet hatte als das Heimatland der Weißen; und kaum hatten die Weißen durch die Fahrt der großen Entdecker von diesen Reichtümern erfahren, als sie das Land schleunigst in Besitz nahmen und die Farbigen verjagten. Ob nicht manchem großen »Entdecker« während seiner Laufbahn vor den Folgen gebangt hat, bevor er das Ziel seiner Wünsche erreichte! Ob er nicht bisweilen von Angst überfallen worden und in Versuchung gekommen ist, die unsichtbaren Mächte, die dafür sorgen, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, zu bitten, seinen Sieg zu verhindern, weil ihm ahnte, daß er der Menschheit Unglück bringen würde? »Sehen Sie zum Beispiel den unsterblichen James Cook und seine Genossen«, ereiferte van Zanten sich eines Abends, »wie habe ich und viele der damaligen Jugend – nicht die Schlechtesten – für diesen Helden geschwärmt! Sie tragen zum Teil die Schuld daran, daß ich mein liebes, gemütliches Amsterdam verließ, um das große Abenteuer auf unbekannten Inseln in stillen Meeren zu suchen. Ja, ich sage es rein heraus: Hätte nicht der unschuldige Monsieur Lenoir mir die Erzählung von Kapitän Wilson und dem Schiffbruch der stolzen ›Antelope‹ in dem psychologischen Augenblick in die Hände gespielt, so säße ich vielleicht noch heute in meines seligen Vaters hochgeachtetem Instrumentenmachergeschäft. Hätten diese unternehmenden und treuherzigen Helden, die uns die Welt verdoppelten, geahnt, was den Spuren ihrer Siege folgen würde: Kampf um Gold, Silber, Diamanten, Gewürze, Zerstörung von Hab und Gut der Eingeborenen, gewaltsame Religionsbekehrung im Namen der Menschheit, hätten sie vorausgesehen, wie Schwärme von weißen Eroberern sich auf die neuentdeckten, unschuldigen Inseln stürzten und neue Lebensformen schufen, hätten sie die Brut von Woodfords und Konsorten vorausgeahnt, ich glaube, sie würden mit einem derben Seemannsfluch das Ruder gedreht, den stillen Meeren ihren Frieden und den Inseln ihren paradiesischen Zustand gelassen haben.« Aus dieser Bemerkung geht hervor, daß, falls Pieter Adrian van Zanten gleich nach Woodfords erster »Belehrung« in seiner Erkenntnis so weit noch nicht gelangt war, das Problem sich doch bereits in seinem Bewußtsein zu regen begann. Vielleicht begann er schon damals darüber zu grübeln, ob das Schicksal, das ihn durch Mijnheers Dazwischenkunft brutal aus einem Kurs trieb, den er, von seiner Abenteuerlust gedrängt, einschlagen wollte, eine Niederlage bereitete oder ihn vor etwas Schlimmerem bewahrt hatte, das sein Blick nicht erkennen konnte. Als Gegengewicht für die Niederlage »des kleinen Pechs« – das junge Gemüt ist ja glücklicherweise so eingerichtet, daß es sich selbst einen Ausgleich verschafft – suchte Pieter Trost in dem Gedanken an Lydia. Er umgab sie und den Zaubergarten, in dem sie lebte, mit Strahlenglanz und verliebte sich bis über beide Ohren in das von ihm selbstgeschaffene Götterbild. Er wollte Lydia gewinnen! Und als er seinen Kurs umgelegt hatte, statt Abenteuer Liebesglück, entsprach es seinem gründlichen Charakter, daß er dieses Ziel mit aller Macht verfolgte. Pieter Adrian ließ sich nicht betrügen und betrog auch niemanden. Dieser Vorsatz hatte das praktische Resultat, daß er sich nicht, Mijnheers wohlgemeintem Vorschlag zum Trotz, nach Woodfords Vorbild formen lassen wollte; dagegen lehnte er sich mit seinem angeborenen Zielbewußtsein auf. Er wollte dem kleinen Ruyter und den anderen Kontoristen zeigen, wer er war und zu was er taugte. Statt sich dem Billardspiel hinzugeben und sich um die Gunst anspruchsloser Mädchen der Halbwelt zu bewerben, lieh er Bücher in der Stadtbibliothek, um seine Kenntnisse zu erweitern. Zuerst fragte er nach dem Buch über Wilson und die »Antelope«. Es war nicht vorhanden. Der alte Bibliothekar legte ihm alles andere vor, was es an Reisebeschreibungen und dergleichen gab. Das alles kannte Pieter bereits. Der brave Mann aber, der in seiner Jugend eine Vorliebe für Rousseau und sein »Zurück zur Natur« gehabt hatte, empfahl Pieter seine Lieblinge. Pieter las dann auch mit vielem Vergnügen »Emile« und »Héloise« und legte mehr hinein, als eigentlich darin war. Die Hitze aber machte diesem Wissensdurst bald ein Ende; außerdem fragte er sich mit praktischem Sinn, was solch planloses Lesen einem Verliebten im Grunde zur Erreichung seines Zieles nützen konnte. Darum suchte er eines Tages in einer Nummer des »Javabode« und fand eine Anzeige: »Praktischer Unterricht in lebenden Sprachen, Warenkenntnissen und allem, was ein erstklassiger Handelsgehilfe nötig hat.« Ohne jemanden um Rat zu fragen – es machte ihm sogar im stillen Vergnügen, daß nicht einmal Lydia etwas davon ahnte –, meldete er sich zum Kursus und nahm jeden Nachmittag am Unterricht teil. Woodfords Erstaunen war groß, als er durch Zufall davon erfuhr. Wie der Prokurist darüber dachte, konnte Pieter nicht durchschauen. Natürlich lobte er seinen jungen Freund, Pieter aber fing einen Seitenblick aus Woodfords scharfen Augen auf, der ihm zu denken gab. Woodford war sich von Anfang an darüber klar gewesen, daß Pieter von Natur treuherzig, loyal und diskret war. Darum hatte er ihn mehrfach dazu benutzt, sich eines aufdringlichen Gläubigers zu entledigen, oder ihm mit geheimnisvollem Lächeln die Besorgung von Briefen an Freunde und Freundinnen anvertraut, indem er ihm mit einem blasierten Lächeln zu verstehen gab, daß es von Nutzen sein könne, als Vertrauensmann in vornehmen Kreisen zu gelten; auch darin mußte ein junger Mann, der die richtige batavische Form erlangen wollte, sich üben. Dies alles aber nahm ein Ende, als Woodford von der streberhaften Seite seines Mündels erfahren hatte. Auch kam es immer seltener vor, daß Pieter von Woodford mit einem Bescheid zum Chef entboten wurde; es konnten Wochen vergehen, in denen er von Onkel Mijnheer weder etwas sah noch hörte. Pieter fragte sich manchmal, ob dies ein Zeichen zunehmender oder abnehmender Gunst sei. Sehr erstaunt war er, als Woodford ihn eines Tages mit einem Auftrag in die Höhle von Wahoegen schickte. Der Alte kehrte ihm wie das vorige Mal seinen kahlen Nacken zu, während Pieter seinen Auftrag ausrichtete. Wahoegen brummte etwas, was Pieter nicht verstehen konnte; er wartete einen Augenblick, ob noch mehr erfolgen würde, und dabei ließ er seinen Blick über die Wände schweifen. Da sah er zwischen Geschäftskalendern und Zahlentabellen aus der ganzen Welt einen kleinen Spiegel eingeklemmt, und aus diesem Spiegel starrten ihn die kleinen, blinzelnden Augen mit den hängenden Augensäcken an. Wie schlau! dachte Pieter. Im selben Augenblick ertönte von den Lippen, die er nicht mehr im Spiegel sehen konnte: »Holt Er sich Bücher in der Bibliothek?« »Jawohl«, antwortete Pieter und warf den Kopf in den Nacken. Die Augen im Spiegel schlossen sich, und Pieter zog sich zurück. Woher wußte die alte Eule davon, und was ging es ihn an? dachte Pieter, während er gemächlich durch das verhältnismäßig kühle Treppenhaus ging. Sollte der Bibliothekar mit seinen guten, rotgeränderten Augen und den tiefen Falten im Gesicht seinen abendlichen Grog mit dem Alten zusammen trinken – sie mochten gleich alt sein. Bisweilen brachte die alte Hiencke, die ja draußen auf Mijnheers Landsitz beschäftigt wurde, den Bescheid, daß Pieter am folgenden Sonntag oder zum nächsten Musikabend erwartet würde. Dann klopfte ihm jedesmal das Herz. Als er eines Abends nach Hause kam, glühte ihm ein wundervoller Strauß entgegen, den die Hiencke mitgebracht hatte, und daran war eine Karte befestigt, worauf stand: »Lieber Vetter, wir erwarten Dich bestimmt Mittwoch, ich habe ein Menuett eingeübt. Könntest Du mir nicht ein gutes Buch mitbringen, ich langweile mich furchtbar. Viele Grüße von Deiner armen Kusine Lydia, die wie in einem Kloster lebt.« Pieter hatte schon lange gemerkt, daß es Lydia an passendem Verkehr fehlte. Woodfords Courmacherei paßte wahrlich nicht zu einem Geschöpf, das so gut und rein und warm war wie Lydia. Plötzlich bekam er einen Einfall. Gleich am nächsten Morgen begab er sich zur Bibliothek, um sich von dem Alten einen passenden Roman für ein junges Mädchen empfehlen zu lassen. Er hatte in dem »Javabode« von einem Buch gelesen, das in Amsterdam großes Aufsehen gemacht hatte; da er sich aber weder an den Namen des Buches noch des Verfassers erinnerte, konnte der Bibliothekar ihm auch nicht helfen und gab ihm ein anderes Buch, das er sehr empfahl. Pieter las den ganzen Nachmittag und die halbe Nacht, und vereinzelte Stücke noch einmal, um sich im Vorlesen zu üben. Der Abend kam, Lydia hatte großen Erfolg mit ihrem Menuett. Onkel Clement war in Gesellschaft und Woodford nicht eingeladen, Pieter war der einzige Hahn im Korbe. Darum faßte er Mut und bat die Damen, ob er ihnen etwas vorlesen dürfe. Lydia war begeistert – sie war immer von allem Neuen begeistert. Pieter las mit Schwung und Gefühl. Miß Ball, Lydias Klavierlehrerin, äußerte sich hinterher zu Mevrouw, daß sie so viel Gemüt bei einem jungen Mann von heutzutage nicht erwartet habe. Der Erfolg war unbestritten, die Fortsetzung wurde für die folgende Woche festgesetzt, und Pieter fiel die Ehre zu, eine ganz neue Gesellschaftsform eingeführt zu haben. Von nun an hieß es: »Unsere Musik- und Leseabende.« Obgleich Pieter eifriger als je sich zu einem erstklassigen Handelsgehilfen auszubilden versuchte, hielt er sich dennoch kraft seiner neuen Würde auf der Höhe der Literatur. Der Bibliothekar gab ihm ein kleines Buch, »Leekedichtjens«, von einem Verfasser namens Genestet, das vor einigen Jahren erschienen war und alle gebildeten Holländer für sich gewonnen hatte; es lehrte, daß man natürlich und wahrheitsliebend sein sollte, nicht nur in Worten, sondern auch in Handlungen. Das war gerade etwas für Pieter. Ein anderes Buch war fast gleichzeitig erschienen und handelte von den Kolonien; der Verfasser, Douwes Decker, war eine Zeitlang Vizepräsident in dem Distrikt Lebak, nicht weit von Batavia, hatte aber seinen Abschied genommen, weil er der Ansicht war, daß die Regierung die Eingeborenen ausplünderte. Das Buch hieß »Max Havelaar«, der Verfasser nannte sich »Multatuli«; Der Bibliothekar erklärte Pieter, dies sei Latein und bedeute! »viel habe ich ausgestanden«. Pieter fand, es sei ausgezeichnet; da es aber kein Roman war, meinte er, daß es nichts für Lydias Geschmack sei. Für sie war der alte Vater Hildebrand das Richtige. Pieter kannte den Namen bereits von der Schule her. Er konnte so wundervoll von dem alten Land erzählen, von Liebe und Familien und dem idyllischen Leben auf dem Lande. Es war recht ein Buch für Lydia, die ihr richtiges Vaterland ja nie gesehen hatte. Pieter las ein humoristisches Buch: »Camera obscura«, obgleich er mit dem Bauerndialekt, den er selbst kaum verstand, schwer fertig wurde. Mevrouw van Ermelo mußte ihn vielfach verbessern; sie war aus Nord-Holland, und das Buch machte ihr viel Vergnügen. Brachten diese Leseabende ihn aber eigentlich vorwärts? Gewiß, es gewährte ihm eine gewisse Befriedigung, daß er im Kampf um ein neues Ziel neue Wege gefunden hatte. Pieter hatte die Leseabende eingeführt, um seine kleine Kusine zu unterhalten (die, nebenbei bemerkt, an Lebenserfahrung mindestens fünf Jahre älter war als er). Er hoffte, dadurch ein Gegengewicht zu dem Einfluß ihres übrigen oberflächlichen und materialistischen Verkehrs, wie Woodford und Konsorten, zu finden. Denn dieser Herr hatte ja kein anderes Lebensziel, als Karriere zu machen und, daran zweifelte Pieter nicht, Lydia mit all ihrem Geld als Frau zu gewinnen. Und Lydia ließ sich gern unterhalten, sie seufzte mitfühlend, wenn ein Liebespaar kämpfte und litt, und war ein dankbares Publikum, wenn es etwas zu lachen gab. Sie hatte ein leicht bewegliches Gemüt, war gut gegen ihre Ponys, die sie mit Zucker verwöhnte, gegen ihre Tauben und Papageien und die schlanken Windhunde Beauty und Force. Ihren Vater vergötterte sie, und es war ihr größtes Vergnügen, wenn er sie mit auf seine Ausflüge in die Berge nahm, nach dem schönen Buitenzorg. Sie liebte es auch, Violine und Harfe zu spielen, noch mehr aber liebte sie es, mit veilchenblauen Augen und ihrem lockigen, blonden Haar dazusitzen und sich von einem hübschen und erfahrenen Mann wie Woodford, der ihre Neugierde durch gewandte Rede und zweideutiges Lächeln zu reizen verstand, bewundern, um nicht zu sagen – aber Worte klingen bisweilen so plump – begehren zu lassen. Ach, sie erschien sich selbst so erwachsen, so voller Lebenserfahrung, wenn sie Meinungen mit dem Prokuristen austauschte und beständig auf ihrem Posten sein mußte, damit er sich nicht über sie lustig machte. Recht unterhaltend aber war es auch, Pieter Adrians festen, blauen Blick auf sich zu fühlen oder seine mürrische Zurückhaltung zu beobachten, die, wie sie recht wohl begriff, ihren Grund darin hatte, daß er seine Gefühle ihr gegenüber zu verbergen suchte. Es war so spaßhaft, ihm den Kopf ein wenig zu verdrehen, und sie war ihrem Papa sehr dankbar, daß er ihr dieses neue Spielzeug von seiner langen Reise mitgebracht hatte. Lydia hatte eine gute Erziehung genossen, mehr durch Mevrouw van Ermelo als durch Mijnheer; letzterer hatte sie nur gelehrt, alles zu betrachten, als ob es ihr gehörte, und die Huldigung, die ihr zuteil wurde, als etwas Selbstverständliches hinzunehmen. Sie war untröstlich, wenn eine ihrer Tauben ein Bein gebrochen oder einer der Hunde seine Pfote verletzt hatte. Auch gegen die Dienstboten, sogar gegen die, die nur den Garten fegten oder Wasser trugen, war sie gut, daß sie aber aus demselben Stoff gemacht seien wie sie selbst, auf den Gedanken wäre sie überhaupt nicht gekommen. Sie war von Natur phlegmatisch, mehr geneigt, sich selbst zu bedauern und von anderen bedauert zu werden, als in Harnisch zu geraten, wenn ihr etwas gegen den Strich ging; trat aber jemand ihrem verwöhnten Dasein zu nahe, so konnte er nicht auf Nachsicht rechnen. Daß Kusine Lydia nicht ganz so engelhaft war, wie Pieter zuerst geglaubt hatte, darüber wurde er sich bald klar. Beim Vorlesen konnte irgendeine impulsive Bemerkung von ihr ganz anders ausfallen, als er gewünscht oder erwartet hatte, so daß er sie vor sich selbst in Schutz nehmen mußte, wenn er auf dem Nachhauseweg den Abend noch einmal überdachte. Er sagte sich, daß wir alle Fehler haben, obgleich man bei Lydia nur von ganz unbedeutenden körperlichen und seelischen Schwächen reden konnte. Hätte sich aber jemand erkühnt, Lydia eine allerliebste kleine Egoistin zu nennen (und was hätte sie in der Umgebung, in der sie lebte, anders werden sollen?) – ein Mittelpunkt, in dem sich alles Nahe und Ferne spiegelte –, so würde Pieter ihm aufs energischste widersprochen, ja es als seine Aufgabe betrachtet haben, solch übelgesinnten Menschen unschädlich zu machen. Damals. Saß er in seinem Zimmer und arbeitete fleißig, so war es Lydia wegen. Hob er den Kopf, so meinte er durch seine Fenstermatte hindurch, quer über Reisfelder und Kokosplantagen, sie in ihrer Wohnstube sitzen zu sehen; er hatte genau ausgerechnet, wo, der Himmelsrichtung nach, der Landsitz liegen mußte. Dort saß sie mit ihrer Handarbeit am Tisch, Mevrouw van Ermelo in der Sofaecke gegenüber, das Lampenlicht fiel über die zarten, weißen Hände, der Kopf mit den langen Locken war über die Handarbeit gebeugt, damit sie die seinen Seidenfäden besser sehen konnte. Bekam er hin und wieder Bescheid, daß ein Mittwochabend ausfallen müsse, wurde er so niedergedrückt, daß er am liebsten alles aufgegeben hätte. Was fühlte sie für ihn? Und wie sollte er ihr je sagen, was er für sie empfand, wenn sie nie allein waren? Wann würde er ihre kleine Hand in seine große, plumpe nehmen und ihr zuflüstern können, während sie errötend den Kopf beugte: »Liebe Lydia, zieh deine Hand nicht zurück, laß sie mich für immer behalten. Für dich arbeite ich, dir gehören alle meine Gedanken, und hüte dich vor einem anderen, dessen Namen ich nicht nennen will, der dir schmeichelt, aber nicht wert ist, daß er dir die Schuhriemen löst.« Wenn er beim Vorlesen hin und wieder den Blick von den Seiten hob, nachdem er sich vorher überzeugt hatte, daß die älteren Damen in ihre Näharbeit vertieft waren, und ihr mit den Augen alles zu sagen versuchte, was er fühlte, so blickte sie nur erstaunt auf und nickte ihm zu, als ob sie sagen wollte: gut, lies nur weiter. Eines Abends – ach, es war ein herrlicher Abend – wäre es ihm fast geglückt. Er fühlte selbst, daß er nie besser vorgelesen hatte – alle waren bewegt; Sam Saj hatte Tee und Eingemachtes gebracht. Als er nach einer Weile kam, um zu melden, daß der Wagen vorgespannt sei, war Miß Ball noch nicht fertig. Sie sollte für Mevrouw indische Stickseide in der Stadt bei Pemplin \& Brothers besorgen, für ein Kissen, das Mevrouw in Arbeit hatte und einen Goldfasan vorstellte. Die Damen begaben sich in Mevrouws Zimmer, um die Farbenproben herauszusuchen, und Pieter und Lydia waren endlich allein. Sie hörten die Ponys draußen schnaufen. »Komm!« sagte sie und lief hinaus. Beauty und Force, die ihren Platz zu jeder Seite ihres Stuhles hatten, sprangen bellend um sie herum. Es war wundervoller Mondschein. Lydia streichelte die Ponys und strich ihre Wange an ihrem Maul. Während sie einen Augenblick zum Mond hinaufsah, faßte Pieter Mut und nahm ihre Hand. »Lydia!« flüsterte er. Das Herz schlug ihm so heftig, daß er kein Wort mehr hervorbringen konnte. Sie lief davon und zog ihn an der Hand, die er nicht loslassen wollte, mit sich. Fast wäre er gestolpert, so plötzlich war es gekommen. Glaubte sie, ihm läge an einem Wettlauf? Als sie einmal um das Gebüsch herumgelaufen waren, befreite sie ihre Hand und ließ ihn stehen, indem sie zu den Ponys zurücklief. Als sie ihn im Mondschein dastehen und so sehnsuchtsvoll zu sich herübersehen sah, tat er ihr leid. Sollte sie hingehen und dem dummen Jungen einen Kuß geben? Sie blickte sich nach Mevrouw van Ermelo und Miß Ball um; sie waren noch im Hause beschäftigt. Dann nahm sie eine Orchidee, die Sam Sajs alter Vater im Pförtnerhause ihr heute morgen, als sie vorbeiging, mit vielen Segnungen geschenkt hatte, von der Brust, sprang auf Pieter zu und streckte sie ihm entgegen. Indem er sie nahm, wollte er ihre Hand erhaschen, sie aber entschlüpfte ihm. »Lydia!« flüsterte er wieder. »Ein andermal!« sagte sie kokett. Sie sah noch, wie er die Blume an seine Lippen drückte, dann kehrte sie ihm den Rücken und eilte zum Hause zurück; Miß Ball stand bereits in der Tür und verabschiedete sich mit vielen Danksagungen. Sam Saj half ihr beim Einsteigen, setzte sich selbst auf den Bock neben den Kutscher, und Pieter schwang sich auf den Rücksitz. »Vielen Dank für den schönen Abend!« rief er zurück und winkte mit ihrer Blume. Oben auf der Treppe drehte sie sich noch einmal nach dem Wegen um, der gerade im Begriff war, um das Gebüsch zu biegen. Ihr blonder Kopf hob sich von dem sanften Mondlicht ab, es war ein Bild, das noch viele Tage in seinem Herzen haften blieb. Und in den darauffolgenden Wochen arbeitete er fleißiger als je. Die Tage vergingen, Monsune wechselten. Auch in Pieter Adrians Kontor, hinter Woodfords Glastasten, lag Veränderung in der Luft. Die sechzehn Angestellten, mit denen Pieter zusammensaß, hatten sich schon längst daran gewöhnt, Junior als einen langweiligen Patron zu betrachten. Ruyter hütete seine Zunge, wenn er mit ihm sprach; er wollte vermeiden, daß seine freundschaftlichen, aber vielleicht ein wenig gewagten Ratschläge später gegen ihn ausgespielt würden. Denn für solche Pflichterfüllung gab es nur eine Erklärung: man wollte die anderen so schnell wie möglich überflügeln, man war ja nicht umsonst Junior. Ein Mensch, der hinter dem Rücken seiner Kameraden einen Handelskursus besuchte, während andere Billard spielten und im Klub Feste feierten, war natürlich sehr verdächtig. Als auch noch das Gerücht auftauchte, Junior verbringe seine Abende in der Bibliothek, stand man vollkommen ratlos. Jemand hatte gehört, Junior sei »literarisch«. Man war sich nicht ganz klar darüber, was das bedeutete, von jetzt ab aber hielt man Pieter für einen komischen Kauz und zog sich von ihm zurück. Sobald er ins Zimmer trat, verstummte das Geschwätz von Pult zu Pult. Anfangs ärgerte Pieter sich, versuchte von neuem Anknüpfung, sah aber bald ein, daß alle sich gegen ihn verschworen hatten; und da kam sein angeborener Trotz zum Ausdruck, und es ging hart auf hart. Auch Woodford hatte von Pieters Besuchen in der Bibliothek erfahren, und eines Tages nahm er den Stier bei den Hörnern, rief Pieter herein und sagte, er habe im Klub davon gehört. Er lobte Pieters Fleiß und Interesse für ernste Dinge – warum aber sollte es ein Geheimnis sein? Allerdings habe er nicht das Recht, sich zu beklagen, da nicht einmal Mijnheer, Pieters Onkel und Chef, eingeweiht sei. Pieter errötete bis über beide Ohren. Er habe es Mijnheer sagen wollen, aber noch immer keine Gelegenheit dazu gefunden. Ob es nicht auch zu unbescheiden sei, wenn er von seinen eigenen Angelegenheiten sprach, um möglicherweise ein Lob herauszufordern? Pieter suchte in aller Eile alles das hervor, was zu seiner Entschuldigung dienen konnte. Tatsächlich hatte er in seinem blinden Eifer alles andere vergessen und nur an Lydia und sein eigenes geheimes Ziel gedacht. Wie gesagt, er habe keine Gelegenheit gefunden, und während der Regenzeit käme er ja auch nicht so oft zum Landsitz hinaus. »Ei sieh da, ich glaubte, Sie hätten die Damen recht häufig durch Vorlesen von Dichterwerken erfreut?« Pieter errötete von neuem. Er hatte das Gefühl, als ob Woodfords lebhafte schwarze Augen geradeswegs durch ihn hindurchsahen. Er stammelte, es würde ihn freuen und sicher die Damen auch, wenn Herr Woodford gelegentlich den Abenden beiwohnen wollte. Die falschen Worte aber blieben ihm im Halse stecken. Er fühlte sich wie ein Schuljunge, der auf frischer Tat ertappt ist. Und was hatte er denn getan, daß er sich dessen zu schämen brauchte? Seine Stimmung schlug plötzlich um: »Lernen hat mir immer Freude gemacht!« sagte er und warf den Kopf in den Nacken. »Und für Literatur interessiere ich mich sehr!« fügte er noch hochmütiger hinzu; als er aber in Woodfords Augen las, daß er die Grenze des Komischen erreicht hatte, wurde er wieder rot. Woodford war barmherzig oder klug genug, ihn nicht zum Äußersten zu treiben, und ging mit unveränderter Freundlichkeit zu etwas anderem über. Doch wußte er jetzt, was er wissen wollte, und kam in Gedanken häufig darauf zurück. Am folgenden Mittwoch holte Sam Saj Miß Ball in ihrer bescheidenen Wohnung am äußersten Ende von Nordwijk mit dem Ponywagen ab und nahm Pieter Adrian unterwegs auf, dort, wo der Weg vom Military Hospital in die Königstraße mündete. Es war ein stiller und verhältnismäßig kühler Abend, kurz nach dem Monsun. Frühlingsblumen sprossen bereits am Wegsaum, die Reisfelder standen unter Wasser, und die Eingeborenen mit ihren großen, flachen Strohhüten trippelten durch den blanken Spiegel und säten den neuen Reis. Der Himmel war wie ein ungeheures Blütenblatt einer blaßroten Rose. Die Ponys trabten munter dem Stall entgegen, und Sam Saj, mit gekreuzten Armen, den rotweißblauen Turban in die schwarzen Brauen gedrückt, saß neben dem Kutscher und sah aus, als ob er in dem stillen Abendfrieden auf das große Wunder wartete. Lydia und Mevrouw pflegten an schönen Abenden von dem Wohnzimmer, wo die Lampen bereits brannten, auf die Veranda hinauszugehen, wenn sie die Schellen der Ponys hörten, und Pieter konnte dann von seinem Platz durch einen Ausschnitt im Gebüsch Lydias helles Kleid sehen und ihren fröhlichen Abendgruß hören, bevor sie vorm Hause hielten. Heute abend ließ sich kein weißes Kleid blicken, aber er hörte Stimmen, dazwischen einen dröhnenden Baß, und als der Wagen vor der Tür hielt, wer stand breit und wuchtig unter der Türmatte? Ein väterlich wohlwollendes »Guten Abend« klang ihnen entgegen, und als Pieter Adrian herabgesprungen und Sam Saj Miß Ball beim Aussteigen behilflich war, erschienen auch Mevrouw van Ermelo und Lydia auf der Treppe. Es war das erstemal seit seiner Unterhaltung mit Woodford, daß Pieter Onkel Mijnheer wiedersah. Das Herz klopfte ihm, als er die Treppe mit erzwungener Ruhe hinaufstieg, und es nützte nichts, daß er sich selbst sagte, daß er ja nichts Böses verbrochen habe. Onkel Clement wollte ihm einen Schabernack spielen, das konnte er merken. Und richtig, nachdem Mijnherr Miß Ball begrüßt hatte, machte er Pieter eine tiefe Verbeugung. »Ah, sieh da, guten Abend, Her Professor und königlicher Kammervorleser! Welch eine Ehre für mein geringes Haus!« sagte er mit seinem dröhnenden Baß. »Ich habe bereits von dem großen Genuß erfahren, den Euer Hochwohlgeboren meinen Damen zu bereiten geruhen, und ich gebe mich der Hoffnung hin, daß auch ich Unwürdiger an der Andachtsstunde teilnehmen darf.« »Laß ihn doch!« bat Mevrouw und legte ihre Hand auf Miinheers Arm. Onkel Clement lachte schallend und ließ seine große Tatze so schwer auf Pieters Schulter fallen, daß er fast in die Knie gesunken wäre. »Du Geheimniskrämer!« rief er. »Macht man sich Sorgen, daß Monsieur in schlechte Gesellschaft geraten ist, weil man rein gar nichts über sein Privatleben hört, und dabei zeigt es sich, daß er sich in aller Stille als ein Tugendmuster ausbilden läßt. Literarisch ist Monsieur auch geworden, im Klub wird davon geflüstert, daß er heimliche Besuche in der Bibliothek macht, obgleich man glaubt, daß er ganz anderen Göttern huldigt.« Es wurde pflichtschuldigst gelacht, Pieter stimmte mit ein, obgleich er sich höchst ungern als Gesprächsthema sah. Mevrouw hatte mittlerweile das Buch gebracht, das ihrer Obhut anvertraut war – einen wundervollen Roman von dem alten Vater Hildebrand –, und den Lehnstuhl an den ovalen Tisch gerückt, wo die Handarbeiten schon bereit lagen. Miß Ball schlug vor, daß Lydia zuerst ihre Sonate zum besten geben sollte, da man die seltene Ehre und Freude von Mijnheers Anwesenheit genoß. Lydia aber wehrte sich; man war gerade zu einer so spannenden Stelle in dem Roman gelangt, sie könne unmöglich länger auf die Fortsetzung warten. Es wurde also für Mijnheer Platz gemacht, und er setzte sich mit der Miene eines strengen Richters, indem er sich den Spaß machte, dem Vorleser gerade ins Gesicht zu starren, als ob er sich keinen einzigen seiner künstlerischen Kniffe entgehen lassen wollte. Pieter schwitzte. Er räusperte sich und wollte dem neuen Zuhörer den Inhalt der vorhergegangenen Kapitel erzählen. »Das kannst du dir sparen«, sagte Onkel Clement, indem er es sich im Stuhl bequem machte, »falls ich etwas nicht verstehe, werde ich fragen. Marsch, los!« Pieter Adrian entfaltete alle Kunst, die ihm zu Gebote stand. Er gab den Sätzen den nötigen Schwung und veränderte seine Stimme, wenn er oder sie sprach, denn er las gerade eine Szene zwischen zwei Liebenden vor. Es war eine sehr schwierige Aufgabe; denn während er sein Bestes als Vorleser gab, mußte er gleichzeitig verbergen, daß seine Gedanken die ganze Zeit bei Lydia waren, ja, daß jedes Wort des Liebhabers an sie persönlich gerichtet war. Er fühlte Lydias und Onkel Clements Augen die ganze Zeit auf sich gerichtet und würde viel darum gegeben haben, hätte er erfahren können, ob Onkel Clement den richtigen Zusammenhang ahnte. Als der Held des Buches sich gerade verbeugte, um einen Kuß auf die weiße Hand der Geliebten zu drücken, erklang plötzlich ein Geräusch aus der Richtung, wo Mijnheer saß. Pieter stand das Herz still. Onkel Clement schien sich auf dem Stuhl umgedreht zu haben, wahrscheinlich beobachtete er Lydia, die etwas hinter ihm saß. Pieter klopfte das Herz so sehr, daß er eine kleine Pause machen mußte. Als er einen verstohlenen Blick zur Seite warf, stellte er fest, daß nur Mijnheers Bärentatze von der Armlehne auf seine Knie herabgefallen war. Kaum aber hatte Pieter wieder zu lesen angefangen, als er ein Stöhnen hörte. Oder war es ein Seufzer, den die rührseligen Worte Mijnheers breiter Brust entlockt hatten? Pieter spürte, daß auch Lydia bis ins Innerste bewegt war. Er hob den Blick, dankbar über Mijnheers Teilnahme an der Herzensnot der beiden Liebenden – Da sah er, wie Onkel Clements Kopf zur Seite geneigt war, die Augen waren geschlossen, und durch die geöffneten Lippen atmete er ruhevoll, wenn auch nicht gerade geräuschlos. Tief enttäuscht las Pieter weiter; als die Seufzer nach und nach zu einem nicht mißzuverstehenden Schnarchen wurden, griff Mevrouw ein. Mit ihrer sanften Hand weckte sie Onkel Clement und sagte: »Lieber Vetter, du hast heute wohl viel zu tun gehabt.« Mijnheer riß die Augen auf, blickte sich erstaunt um und faßte sich dann. »Sehr hübsch, sehr hübsch, so angenehm altmodisch, und du hast wie ein Hofschauspieler vorgelesen. Schade, daß ich das Vorhergegangene nicht kenne, aber ich werde es nachlesen, damit ich das nächste Mal den richtigen Genuß davon habe. Ja, liebe Kusine, es war ein heißer Tag für mich. Ich will lieber in mein Zimmer gehen und ein wenig ruhen, bis Sam Saj mit dem Tee kommt.« Er erhob sich geräuschvoll, verschwand hinter der Portiere und ließ sich nicht mehr sehen. Für Pieter aber wurde es noch ein herrlicher Abend. Der Monsun wechselte; Pieter Adrian bekam einen ernsten Anfall von Klimafieber. Vierzehn Tage lag er krank im »Garden of Health«, von Mevrouw und Sam Saj gepflegt eine Zeit, die er nie vergessen würde. Wieder wechselte der Monsun, wieder kam die Regen- und Winterzeit und wieder grünte und keimte es. Pieter saß in strahlenden Sternennächten hinter der Fenstermatte über Bücher und Hefte gebeugt und hatte kaum Zeit, dem Gesang der Zikaden in der Frühlingsnacht zu lauschen. Der Tag der Prüfung kam, es war der 29. Mai des Jahres 1864. Bereits vormittags hatte Pieter vor der hohen Handelskommission der Stadt seine Prüfung abgelegt und hatte das Diplom in der Tasche, das allen und jedem verkündete, er besäße die Reife eines perfekten Handelsgehilfen in der königlichen Residenzschaft Batavia mit der Hauptstadt gleichen Namens und in sämtlichen niederländisch-ostindischen Kolonien. Mijnheer hatte Pieter im Klub zum Essen eingeladen, und die älteren Herren beglückwünschten ihn und stellten ihn als Beispiel für die Jungen auf. Auch Woodford sparte nicht mit Anerkennung und machte beim Kaffee eine versteckte Anspielung, was die nächste Zukunft wohl für den tüchtigen jungen Handelsgehilfen in Bereitschaft habe. Trotz seiner Würde aber war Pieter noch immer nicht Herr über sein dummes Erröten, denn als ein Eilboote vom Landsitz eintraf – Sam Saj in höchsteigener Person, atemlos nach dem hastigen Ritt – und einen wundervollen Strauß von Mevrouw und Lydia ablieferte, wurde Pieter puterrot, so daß alle Welt erraten konnte, was sich in seiner Seele rührte. Natürlich macht Woodford sich über mich lustig, dachte Pieter erbittert. Er legte den Strauß neben sich, ohne die Karte zu lesen, die daran befestigt war. Als er aufblickte, sah er Mijnheers gutmütigen Blick lächelnd auf sich gerichtet, als ob er wie in einem offenen Buch in ihm läse. Am selben Tag sollte auf dem Landsitz ein Gartenfest stattfinden. Das war die erste Enttäuschung, die dieser Tag Pieter brachte. Er hatte sich ausgemalt, wie er im engsten Familienkreis mit seinem Diplom herausrücken und in Ruhe beobachten wollte, welchen Eindruck es auf Lydia machte. Das Gartenfest schien improvisiert zu sein, denn weder Mijnheer noch Mevrouw hatten etwas darüber geäußert. Mit seinem Examen konnte es jedenfalls nicht zusammenhängen, denn er hatte ja ein Geheimnis daraus gemacht. Oder sollte Lydia etwas geahnt und eine Hand mit im Spiel gehabt haben? War das Fest vielleicht nur als improvisiert dargestellt – mit ausgesucht weiblichem Takt, damit, falls er durchgefallen wäre, sie ihm die Schande ersparen wollte? Dieser Gedanke war zu schön, darein wollte er sich lieber nicht vertiefen! – Und leider zeigte es sich später auch, daß es ein Trugschluß war. Denn als Pieter, weil er fürchtete, in seiner Ungeduld zu früh zu kommen – das war ihm schon einmal passiert, als er noch nicht ganz auf der Höhe der batavischen Form war –, erst eintraf, als die meisten Gäste bereits versammelt waren, erlebte er die zweite Enttäuschung des Tages, das Fest hatte seinen Anfang genommen, bevor der eingebildete Ehrengast eingetroffen war. Er kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Woodford, der wie gewöhnlich Maitre de plaisir war, der Musik, die auf einer Estrade in der einen Ecke des Saales saß, ein Zeichen gab und dann mit Lydia, einer rosa Zephirwolke mit blitzenden Goldpailletten und veilchenblauen Augen, zu den Klängen eines pompösen Marsches den Ball eröffnete, nachdem er Mijnheer und Mevrouw, die mit den älteren Herrschaften an der Wand saßen, eine Verbeugung gemacht hatte. Als Mevrouw Pieter in der Tür stehen sah, ging sie ihm entgegen und beglückwünschte ihn; bevor er aber noch Zeit gehabt hatte, für den Strauß zu danken, führte sie ihm eine hellblaue Dame zu, in der er die Tochter des Steuererhebers, eine Freundin von Lydia, erkannte. Als der Zug durch den Saal marschierte, entdeckte Lydia bei einer Biegung Pieter, der mit seiner Dame als letztes Paar schritt, winkte ihm zu und rief: »Ich gratuliere!« Im selben Augenblick beugte Woodford sich zu ihr hinab, sie wandte ihr Gesicht zu ihm, er legte den Arm um sie, und Pieter sah, wie sie als erstes Paar durch den Saal tanzten, festlich, vornehm – und der ganze Abend war ihm verdorben, er nahm sich zusammen, verbeugte sich vor seiner Dame und gab sich eifrig dem Tanz hin; Lydia sollte nicht sehen, daß ihm die Suppe versalzen war. Seine Dame ließ sich in der Einfalt ihres Herzens von seinem angeblichen Temperament mitreißen. Ihre Augen strahlten, ihre Hand ruhte so hingebungsvoll auf Pieters Rockärmel, daß der Steuererheber und seine kleine, kugelrunde Ehehälfte, die dem Paar nachsahen, einen Blick miteinander wechselten. Pieter hatte ein Gefühl, als ob er sich im Bodenlosen verlieren würde, wenn er die Hellblaue, die Mevrouw ihm zugeführt hatte, losließe. Er zeigte sich mit ihr vor Lydia, so oft er konnte, und merkte gar nicht, daß seine Kusine so stark in Anspruch genommen war, daß sie seiner gar nicht achtete. Lydia und Woodford glitten dicht an ihm vorbei, und Pieter sah, wie sieghaft er sie durch den Saal führte. Er biß sich in die Lippe, er mußte Luft haben und führte die Hellblaue in den Garten hinaus. »Die Hitze, nicht wahr?« – »Ja, entsetzlich!« – Er konnte es nicht ertragen, Lydia in Woodfords Armen zu sehen, war es auch nur für die Zeit einer Masurka, eines neumodischen Tanzes, den Pieter noch nicht gelernt hatte. Die Hellblaue wurde von der Hitze in Pieters Blut angesteckt. Der Druck seines Armes verursachte ihr eine süße Unruhe, sie girrte sanft, während sie seinen Blick suchte, denn sie wußte, daß ihr großer naiver Blick ihre größte Schönheit war. War es dieser Blick oder war es ein Seufzer, der ihr entschlüpfte und den sie nicht zu verbergen suchte, plötzlich wurde es Pieter klar, daß eine Dame an seinem Arm hing, die Lydia zu verdrängen versuchte. Er stammelte einige Worte und kehrte ihr den Rücken. Er mußte Lydia sehen, der Masurka und Hitze zum Trotz. Er ließ die Hellblaue neben dem Gebüsch mit den bunten Lampions stehen und eilte zu dem strahlenden Saal zurück, wo die Tanzenden sich unter der Krone mit den flackernden Kerzen drehten. Am Eingang des Saales begegnete er Lydia – sie ging mit Woodford und seinem Freund Jonkheer van Heltz, dem Sekretär im Verwaltungsamt, dem besten Reiter und verwöhntesten Junggesellen der Stadt, um eine Erfrischung auf der Veranda einzunehmen. Lydia strahlte, sie ließ sich bewundern und beneiden, fühlte sich als Mittelpunkt und spielte die Erwachsene, um den beiden Salonlöwen ebenbürtig zu sein. »Amüsierst du dich, Pieter?« rief sie ihm im Vorbeigehen gnädig zu; von Triumph berauscht, gönnte sie auch ihm das Beste. »Glänzend!« erwiderte er so heftig, daß sie stutzte. Jonkheer van Heltz' überlegene Liebenswürdigkeit und Woodfords herablassende Aufforderung: »Kommen Sie, Junior, und trinken Sie ein Glas mit uns!« schnitt Pieter wie ein Messer durchs Herz. Ihm war, als ob ein anderer für ihn antwortete: »Danke, ich bin verabredet.« Er eilte in den Saal zurück und drängte sich mit großen, zornigen Augen durch die Paare. Am anderen Ende des Saales stieß er auf Mevrouw, die um Platz für Sam Saj bat, der – an der Spitze der anderen festlich gekleideten Boys, die Sandwiches, Salate und Backwerk brachten – hoch über seinem Kopf ein mächtiges Tablett mit Gläsern trug, in denen der kühle Arrakpunsch perlte, eine Spezialität des Hauses. Die Erfrischungen sollten draußen auf der Veranda an kleinen Tischen eingenommen werden, während die Musik pausierte. Im Salon oben – dem teuren Ort, wo Pieter so viele glückliche Mittwochabende verlebt hatte – saßen die prominenten und beleibten Herren, rauchten Mijnheers berühmte Ceruts, tranken seinen Arrakpunsch und spielten Ekarté und Whist. Lärm und Gelächter erklangen von dort, und Mijnheers dröhnende Stimme gab einen Widerhall auf den Instrumenten, die während der Pause gegen die Wand lehnten. In Mevrouws Zimmer saßen die älteren Damen, nippten an den delikaten Süßigkeiten des Hauses, spielten Whist und erörterten zwischendurch Haushaltungsfragen, Kindererziehung und die letzten Moden aus Amsterdam. Mit halblauten Stimmen vertrauten sie sich Klatschgeschichten aus der Stadt an und was aus dem Palast des Generalgouverneurs herausgesickert war, wo das große Gartenfest der Saison und der darauffolgende intime Empfang für die Auserwählten der Gesellschaft in Vorbereitung war; eine der Damen wollte wissen, daß in diesem Jahre der junge Jonkheer van Heltz – man konnte ihn auch heute abend hier sehen – als Festarrangeur beauftragt war. Mevrouw bemerkte im Vorbeigehen Pieters zornigen Blick und legte ihre Hand auf seine Schulter, als wolle sie ihm ein Wort des Trostes sagen. Pieter aber wandte sich hastig ab, damit sie seine Verstimmung nicht sehen sollte; geschickt griff er nach einem Glas auf Sam Sajs Tablett, und Mevrouw drohte ihm lächelnd. Sam Saj erhob jetzt seine Stimme und verkündete den Gästen, was ihrer auf der Veranda an den kleinen Tischen wartete, wo kleine Lampen mit gelben Schirmen ein sanftes Licht ausströmten. Die Tanzenden ließen es sich nicht zweimal sagen und folgten Sam Saj auf den Fersen. Es entstand ein Gedränge an den Türen, und Mijnheer, der oben auf der Balustrade stand, die um den Saal herumführte, rief mit dröhnendem Baß herunter: »Herrschaften – nicht drängeln!« Man winkte und lachte zu ihm herauf; Mijnheer stand breit und wuchtig da, das gutmütige Gesicht unter dem grauen Haarschopf strahlte, während er lächelnd nickte und drohte. Neben ihm stand sein guter Freund und Duzbruder, der Hauptkassierer an der Javaschen Bank, der wegen seines Witzes bekannt war; er konnte die gewagtesten Dinge sagen, ohne sein Gesicht zu verziehen, das wie aus Holz geschnitzt war. Er hatte gesehen, wie Pieter das Glas von Sam Sajs Tablett genommen hatte und machte Mijnheer darauf aufmerksam, der den erglühenden Jüngling mit dem blauen Rock und der weißen Weste anrief. Mit dem Glas in der Hand bahnte Pieter sich, nach rechts und links Stöße austeilend und empfangend, einen Weg zum Kabinett hinauf. Ein Boy hatte Mijnheer und den Bankkassierer bereits mit Gläsern versehen, und sie stießen mit Pieter an, denn auch der Bankkassierer hatte im Klub von Pieters Examen gehört. Auch der Steuererheber, der Vater von Pieters hellblauer Dame, trat jetzt hinzu, und die drei älteren Kavaliere stießen feierlich, aber mit einem Schelm im Auge, mit dem perfekten Handelsgehilfen an. Pieter mußte nach allen Regeln der Kunst mit ihnen trinken. Onkel Mijnheer führte nach altem holländischen Brauch das Kommando: Glas gegen Glas, Auge in Auge – das Glas im rechten Arm geschwungen und zurück, Glas an die Lippen, Auge in Auge und eins, zwei, drei geleert und Boden nach oben gekehrt, um zu zeigen, daß kein Tropfen mehr drin ist; zum Schluß ein feierlicher Händedruck, der von Mijnheers Seite so wohlgemeint war, daß Pieter fast vor Schmerz aufgeschrien hätte. Pieter atmete erleichtert auf und wandte sich dem Saal zu. Von weitem begegnete ihm Woodfords lebhafter Blick, der ihm überallhin zu folgen schien: in Wirklichkeit aber suchte Pieter ihn beständig, denn er konnte das erste Bild, das ihm an diesem Abend der Enttäuschungen vor Augen gekommen war, nicht vergessen: Lydia und Woodford, die zusammen den Ball eröffneten. Jedesmal, wenn er daran dachte, stieg der Zorn in ihm auf, und dennoch konnte er sich nicht von ihnen fernhalten. Woodford hatte ihn gefragt, ob er ein Glas mit ihnen trinken wollte. Gut, der Augenblick war jetzt gekommen. Er verbeugte sich vor den drei alten Herren und eilte dorthin, wo die rosa Zephirwolke sich in der sanften, gelben Beleuchtung der Veranda bewegte. Sie war gerade im Begriff, sich mit ihren beiden Kavalieren an einen Tisch zu setzen, der frei wurde, als Pieter hereintrat. »Lydia«, flüsterte er und berührte die rosa Wolke. »Aber Pieter, ich habe ja noch gar keine Gelegenheit gehabt, dir zu deinem Examen zu gratulieren!« Sie gab ihm die Hand, er aber drückte sie so heftig, daß sie sie nach einem hastigen Blick auf sein Gesicht zurückzog. Hatte er zuviel getrunken? »Vielen Dank für die Blumen«, murmelte er. »Die waren ja von Tante.« Woodford, der sie unter den Arm gefaßt hatte, zog sie mit sich, und der Junker schob sich geschmeidig zwischen sie und Pieter, damit niemand sie des kleinen Tisches, den sie sich ausgesucht hatten, berauben sollte. »Setz dich zu uns«, sagte Lydia; Pieter aber hatte sich bereits tiefgetränkt abgewandt. Es war Lydia, als ob ein Schatten auf den strahlenden Augenblick fiel; und während Woodford, unter dem Verwand, es ihr bequem zu machen, ihre zarte, kühle Schulter mit seiner heißen Hand berührte, rief sie Pieter nach: »Du kommst doch Mittwoch! Die Geschichte ist gerade so spannend, und Tante hat das Buch eingeschlossen.« Er nickte, halb zurückgewandt, vermied aber ihren Blick. Von nun an ging er einsam und still herum, bald drinnen im Hause, bald draußen im Garten. Wo er auf einen Boy mit einem Glas stieß, trank er, um seine Enttäuschung hinunterzuspülen; es begann bereits vor seinen Augen zu wogen und in seinem Kopf zu schnurren. Ich glaube, du hast genug getrunken, dachte er bei sich, im übrigen aber war es ihm ganz schnuppe. Während er durch den Garten schlenderte, überkam ihn plötzlich das Verlangen, in Mevrouws gute Augen zu blicken, er wollte sie im Saal suchen. Auf der Verandatreppe aber begegnete er dem Junker, der, ganz aufgelöst vor Hitze, auf dem Weg in den Garten war. »Pardon«, sagte er. Und als er sah, daß es Pieter war, legte er ihm den Arm um den Nacken. »Kommen Sie mit in den kühlen Garten!« schlug er vor und fächelte sich mit seinem rotseidenen Taschentuch. Pieter folgte ihm schweigend. Der Junker hatte reichlich getrunken und schwatzte wie ein großer, vergnügter Junge, während sie zusammen durch den Garten gingen. Er schwärmte von Amsterdam und fragte Pieter, ob etwas in der guten alten Stadt los sei, als ob Pieter soeben erst aus Holland gekommen wäre. Er lachte und gähnte abwechselnd. »Ist es hier im Grunde nicht ziemlich langweilig?« fragte er plötzlich, indem er stehenblieb. Pieter stimmte ihm aus ganzem Herzen bei. Der Junker lachte vergnügt und schob seinen Arm kameradschaftlich in Pieters. »Ich mag Sie gern leiden. Sie müßten nur 'n bißchen leichtlebiger sein – so lalalala – Sie verstehen, nicht? Was wolltest du mit dem dummen Examen? Ich kann nicht begreifen, wie jemand dazu in so 'ner Hitze Lust hat! – Ach, entschuldigen Sie, Monsieur, daß ich Sie geduzt habe. Und Sie haben es doch gar nicht nötig! – Sagen Sie mal, finden Sie es hier nicht furchtbar langweilig?« fragte er wieder, als ob es das Wichtigste von der Welt sei. Er sah zu dem erleuchteten Saal hinüber und drückte sein Monokel ins Auge, das ihm an einer seidenen Schnur um den Hals hing. »Ihre Kusine ist reizend, aber sonst! Hören Sie mal, Sie und ich und Woodford – übrigens netter Kerl – wollen uns noch einen vergnügten Abend machen, nicht? – Batavia ist ein furchtbares Provinzloch, aber ich kenne es wie meine Westentasche, kenne alle Schlupfwinkel – hahahaha! – Sehen Sie nur, wie Ihr hochverehrter Onkel Mijnheer dort oben sein Glas schwingt! Famoses altes Haus, besonders wenn er seine Würde vergißt. Ich habe ihn einmal gesehen, hahaha, als er, sagen wir, ›in Zivil‹ war.« Wie der Junker dort stand und so treuherzig und offen schwatzte, war er das ausgesprochene Gegenstück zu Woodford. Pieter fühlte sich zu ihm hingezogen. Als Jonkheer van Heltz in diesem Augenblick Sam Sajs mit den Arrakgläsern ansichtig wurde, winkte er ihm und schlug Pieter vor, daß sie Duzbrüderschaft trinken wollten. Pieters Laune verbesserte sich. Der Junker hatte wahrhaftig recht, hier war es verflucht langweilig. Ach, aber Lydia! Pieter war drauf und dran, sich seinem neuen Duzbruder anzuvertrauen, als Woodford auf der Treppe auftauchte, vom Tanzen und der Hitze überwältigt. »Hallo, alter Junge!« rief der Junker und schlug vor, sie wollten sich alle drei auf französisch empfehlen und irgendwo anders amüsieren. Woodford blickte erstaunt auf die beiden. Dann lachte er und legte vertraulich einen Arm um den Hals des Junkers, einen um Pieter, so daß sie ein vergnügtes Kleeblatt bildeten; vom Davonlaufen schien er nichts gehört oder verstanden zu haben. Seine Augen suchten immer nach der rosa Zephirwolke im Saal, wo die Paare sich im Tanze drehten. Pieter aber hielt ihn fest. »Verflucht langweilig«, wiederholte er, um den Vorschlag seines neuen Freundes zu unterstützen. Der Junker faßte ihn bei der Hand, und als Woodford noch zögerte, schob van Heltz seinen Arm unter den seinen und zog ihn mit in den Hof, wo er sich nach seinem Boy umsah. Fünf Minuten später rollten alle drei in van Heltz' nagelneuem Phaethon zur Stadt, während Woodfords und Pieters bescheidenere Beförderungsmittel leer folgten. Was weiter in jener Nacht geschah, hat van Zanten nur angedeutet. Wo der Junker, der begehrteste Lebemann der Stadt, der in Wirklichkeit aber nur ein großer, leichtsinniger, liebenswürdiger Junge war, sie in jener Nacht, als alle Lokale bereits geschlossen waren, hinführte, darüber ist Pieter sich wahrscheinlich selbst nicht klar gewesen. Anfangs versuchte Woodford, den Junker, sein bewundertes Ideal, zurückzuhalten, als dieser aber seiner kräftigen Jugend die Zügel schießen ließ, wollte Woodford auch nicht zurückstehen. Aus den Nebeln der Nacht behielt Pieter den Eindruck, daß die beiden einander zu überbieten versuchten, während Pieter in einer Mischung von Bewunderung und Beschämung zusah. Als der Phaethon von der Königstraße in das südliche Viertel der Stadt einbog – daran erinnerte sich Pieter deutlich –, gab der Junker dem Boy Weisung, in eine dunkle Seitenstraße zu fahren und unter einer dämmrigen Laterne vor einem Tor haltzumachen. Sie kamen in einen Raum, wo eine stark bezechte Gesellschaft versammelt war und Wein von halbentkleideten Mädchen aus Mischrassen serviert wurde. Pieter wunderte sich, warum sie alle so lustig waren; als aber eines der Mädchen mit einem Wald von schwarzem Kraushaar und üppigen Brüsten zu ihm sagte, er sei ein lieber Junge, und ihm einen Kuß mitten auf den Mund gab, wurde er sehr verlegen und errötete über und über, mußte aber mit in ihr Lachen einstimmen. Sie bekamen Champagner. Van Heltz, den alle zu kennen schienen, wollte nichts anderes trinken. Anfangs hielt Pieter sich zurück, davon aber wollte sein neuer Freund nichts wissen, und als Pieter schließlich ebenso selig geworden war wie die anderen, sollte das Lokal geschlossen werden. Die Boys gingen herum und löschten die Lichter, der Wirt erschien und bat und flehte, van Heltz aber ließ sich erst bewegen, den Ort seiner Freuden zu verlassen, als Woodford ihm den Namen eines anderen Zufluchtsortes ins Ohr flüsterte. Als sie im Wagen saßen, entdeckte Pieter zu seiner Verwunderung, daß sie ihrer vier waren. Eines der Mädchen saß da, in einen Mantel gehüllt. Es war eng im Wagen, sie kniff ihn ins Bein, aber es tat gar nicht weh; das ganze Leben erschien ihm spaßhaft. Dann erinnerte er sich, daß sie sich plötzlich in einem niedrigen Zimmer, eher einer Hütte, befanden, die von einer Laterne, die unter den Deckenbalken hing, spärlich beleuchtet wurde. In einer Ecke, gegen die Bambuswand gelehnt, saß ein altes Mütterchen mit einer Pfeife im Munde; sie schwatzte ununterbrochen, und neben ihr hing ein Papagei in einem Bauer und schimpfte, als die Fremden hereinkamen. Woodford und der Junker streckten sich auf den teppichbelegten Ruhebänken an den Wänden und schäkerten mit zwei Frauen, derjenigen, die sie selbst mitgebracht hatten, und noch einer. Natürlich gab es wieder etwas zu trinken. Die Alte rührte sich nicht vom Fleck, sondern schickte ein halbwüchsiges Mädchen auf bloßen Füßen mit einem Tablett herum, auf dem Flaschen und Gläser standen. Pieter wunderte sich über ihren starren, ausdruckslosen Blick, während sie ihm das Tablett reichte. Er wies sie ab, wollte nichts zu trinken haben, sie aber blieb stehen und starrte vor sich hin, bis ihm klar wurde, daß sie blind sei. Ein Tam-Tam begann zu brummen, eine gebrechliche Gitarre zu klimpern. Pieter suchte mit den Augen durch den dunklen Raum und entdeckte zwei braune Burschen, die in einer Ecke hockten; das Licht der Deckenlaterne spiegelte sich in ihren blanken Knabenaugen. Die Musik wurde wilder, und als die Burschen anfingen zu singen, sprangen die Frauen auf und schwangen sich im Takt zu der Musik. Vor Pieters Augen war ein Nebel, in dem alles durcheinanderwirbelte. Plötzlich aber sah er einen helleren Schein durch den Nebel, und nach und nach wurde ihm klar, daß die beiden Mädchen beim Tanz ihre Kleider abgestreift hatten und ihre nackten Körper um zwei hohe Leuchter schwangen, die die Alte oder das blinde Mädchen offenbar angezündet hatte. Der Schatten der Tanzenden schwirrte gespensterhaft über die Wände, während die Alte die Kleidungsstücke, die die Mädchen abgestreift hatten, geschickt mit einem Stock zu sich heranzog. Nach einer Weile drehten auch Woodford und van Heltz sich mit im Tanz. Die Alte stimmte krähend in den Gesang ein, der Papagei kreischte wie ein Rasender; und die Burschen saßen über die Instrumente gebeugt, aus vollem Halse brüllend, als gelte es einen Wettlauf. Pieter merkte, daß die Alte ihm mit heftigen Gebärden durch den ohrenbetäubenden Lärm etwas zurief, was er nicht verstand. Plötzlich griff sie nach dem blinden Mädchen, riß ihr das Zeug vom Leibe und stieß sie in die Mitte des Raumes. Das Mädchen tastete blind mit den Armen nach den Tanzenden, die Mädchen rissen sie mit sich in den wirbelnden Tanz und schleuderten sie Pieter lachend in die Arme, der auf dem Diwan lag. Er fühlte das Gewicht ihres Körpers, das war das letzte, dessen er sich erinnerte. Er kam erst wieder zu sich, als er Woodfords Stimme hörte: »Kommen Sie, wir wollen nach Hause.« Er sah nichts mehr von der Alten, den Mädchen oder den Musikanten, es war, als ob er das Ganze geträumt habe. Draußen beugte van Heltz sich aus dem Wagen und zog ihn lachend herauf. Der Schlaf hatte ihn gestärkt, die Nachtluft machte ihn ganz wach, und bevor er seine Wohnung erreicht hatte, war der Rausch verflogen. Woodford wollte ihm aus dem Wagen helfen, er aber stieß seinen Arm fort und eilte durch den Garten zu seinem Haus. Jontheer van Heltz rief ihm mit lallender Stimme »Gute Nacht« nach, Pieter drehte sich um und wünschte ihnen »Guten Morgen«. Als Pieter am nächsten Morgen Woodford im Treppenhaus des Kontors begegnete, mied er seinen Blick. Er hatte solche Wut auf Woodford, daß er sich zu verraten fürchtete, falls ihre Blicke sich begegneten. Es entging Woodford nicht, und wie es seine Gewohnheit war, faßte er den Stier bei den Hörnern, indem er Pieter beim Ärmel die Treppe mit heraufzog, wo niemand sie hören konnte, und mit bekümmerter Stimme zu ihm sagte: »Eine tolle Nacht, nicht wahr, Herr Pieter? Ich schäme mich geradezu. Dieser Jonkheer van Heltz kann nie genug bekommen.« Er streckte Pieter seine schmale Hand kameradschaftlich entgegen und sagte herzlich: »Wir wollen uns gegenseitig versprechen, daß so etwas nicht noch einmal passiert. Sie mit Ihrer Jugend und ich mit meiner Erfahrung sind zu gut für dergleichen – und außerdem – (er machte eine Bewegung, als ob er vor Ekel ausspuckte) – in Gegenwart von Eingeborenen! Wir wollen uns gegenseitig geloben, diese Nacht wie ein tiefes und betrübliches Geheimnis zu bewahren.« Pieter sah ihn verdutzt an. Er war drauf und dran, zu erwidern, daß er sich nichts vorzuwerfen habe. Woodfords Hand aber hielt ihn fest. Na, dachte Pieter, es ist immerhin ein gutes Zeichen, daß er sich schämt. Sollte ich ihn vielleicht zu streng beurteilt haben? Pieter erwiderte schweigend Woodfords Händedruck und eilte an seine Arbeit. Im Laufe des Vormittags traf die seltene Begebenheit ein, daß Mevrouw und Lydia vor dem Geschäftshaus vorfuhren. Woodford, der sie von seinem Glashaus erspäht hatte, eilte hinaus, und alle Kontoristen stürzten an die Fenster. Als Pieter, der am weitesten fort saß, ein Fenster erreichte, waren die Damen bereits ausgestiegen. Er sah, wie Woodford Mevrouw sehr ehrerbietig die Treppe hinaufführte und dann hinter ihrem Rücken Lydias kleine, weißbehandschuhte Hand an seine Lippen drückte, während er ihr etwas zuflüsterte. Pieter meinte, sie errötete, während sie ihre Veilchenaugen vorwurfsvoll auf Woodford heftete, offenbar warf sie ihm sein plötzliches Verschwinden gestern abend vor. Pieter ballte vor Wut die Hände, während er sich an seinen Platz zurückbegab. So war es also um Woodfords Reue bestellt! Wie war es nur möglich, daß er mit dieser Erinnerung ihrem unschuldigen Blick begegnen, ihre kleine Hand mit seinem falschen Lächeln an die Lippen drücken konnte! Die Damen kamen nicht mit herauf. Als sie hörten, daß Mijnheer das Kontor bereits verlassen habe, beschloß Mevrouw, daß sie zuerst ihre Besorgungen machen und ihn dann im Klub aufsuchen wollten. Pieter guckte durch die Glaswand über das Treppenhaus hinaus. Er sah, wie sie sich von Woodford verabschiedeten, der sich vor Höflichkeit nicht zu lassen wußte. Er meinte, Lydia winkte zu ihm hinauf, vielleicht aber hatte sie nur nach einer Fliege geschlagen; auf alle Fälle aber machte er eine Verbeugung. Die versöhnliche Stimmung, die Woodford durch seine Selbstanklage, durch seinen Händedruck in ihm geweckt hatte, war wie fortgeblasen. Während Pieter seine Lagerzettel registrierte, sann er wutbebend darüber nach, was er tun könnte, um Lydia vor Woodfords Nachstellungen zu bewahren. Noch eine Überraschung wartete seiner. Nach dem Lunch wurde Woodford zu einer Konferenz beim Chef gerufen, und als er zurückkam, winkte er Pieter zu sich in sein Glashaus. Als Pieter hereinkam, stand er vor seinem Schreibtisch mit einem Schreiben in der Hand und hielt folgende feierliche Rede: »Herr Pieter Adrian van Zanten, hiermit habe ich die Ehre und das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, daß der Chef in Anerkennung Ihres Diploms als perfekter Handelsgehilfe – und auf meine Empfehlung – Sie befördern und Ihnen Gelegenheit geben möchte, sich die praktischen Warenkenntnisse anzueignen, die ein junger Handelsmann nötig hat, um zu einer leitenden Stellung zu gelangen. Nun hat es sich gezeigt, daß die etwas veraltete Geschäftsführung in der Lagerabteilung – also unten bei Don Luis Gayo – einer Kontrolle bedarf, und der Chef hat Sie – ebenfalls auf meine Empfehlung – mit dieser Aufgabe betraut. Sie bekommen dadurch Gelegenheit, eine Probe Ihrer Intelligenz und Fähigkeit abzulegen.« Woodford senkte das Schreiben, das er in der Hand hielt, und machte eine Pause, damit Pieter seine Worte verdauen konnte. An dem verschmitzten Lächeln in Woodfords Augenwinkeln, das Pieter so gut kannte, sah er, daß seine Worte eine tiefere Bedeutung hatten. Er erinnerte sich an Ruyters Bemerkung gleich zu Anfang, als er von dem »Schwindel« des Musterchefs gesprochen hatte. Pieter sollte also offenbar mit dem ehrenvollen Auftrag bedacht werden, diesen Schwindel aufzudecken und ihm ein Ende zu machen. Wahrscheinlich keine angenehme Aufgabe, dachte er, der Portugiese war ja halb verrückt! »Eine beneidenswerte Aufgabe ist es nicht«, bemerkte Woodford, als ob er Pieters Gedanken erraten habe. »Immerhin ist es eine Beförderung, und glückt es Ihnen, dann ist Ihre Karriere gemacht.« Darauf schüttelte er die Feierlichkeit von sich ab, warf sich auf den Stuhl, legte die Füße auf den Schreibtisch, streckte Pieter seine Hand entgegen und sagte bedeutungsvoll: »Sie können sich bei mir bedanken, Junior. Mijnheer meinte, Sie seien reichlich jung für diesen Posten. Fast hätte ich es vergessen« – er stand auf und wurde wieder ganz Vorgesetzter –, »ich sollte Ihnen vom Chef noch sagen, Pünktlichkeit sei die erste Tugend für einen jungen Mann, und außerdem deutete er an, daß Sie sich die Kunst, die Eingeborenen auf den ihnen gebührenden Platz zu verweisen, noch nicht recht angeeignet hätten.« Obgleich Pieters Wut über den Handkuß, den Woodford heute morgen auf Lydias Hand gedrückt, noch nicht ganz verraucht war, mußte er zugeben, daß er Woodford zu Dank verpflichtet sei. Nach kurzem Zögern murmelte er etwas von »des Vertrauens würdig erweisen« oder dergleichen, und damit war die Audienz beendet. Als Woodford Pieter am nächsten Morgen bei Don Luis Gayo einführte, wurde Pieter noch einmal Zeuge von der Gewandtheit, über die Woodford verfügte. Jeder, der dieser Vorstellung beiwohnte, mußte den Eindruck gewinnen, daß Pieter dem Musterchef als die Hilfe zugeführt wurde, nach der er auf dem ihm anvertrauten Posten schon lange verlangt hatte. Jeden Abend, unmittelbar vor Geschäftsschluß, wurden die Lagerscheine des Tages auf Pieters Pult gelegt, damit er sie gleich morgens in den Lagerquartanten eintragen konnte. Desgleichen die Lieferscheine, das heißt die Quittungen der Prahmführer für die Waren, die sie im Laufe des Tages an Bord genommen und durch die Kanäle auf den Europafahrern draußen auf der Reede abgeliefert hatten. Der Lagerschein war die Quittung für die von dem Eingeborenen gelieferte Ware und gleichzeitig seine Zahlungsanweisung für die Kasse. Er wurde in zwei Exemplaren ausgefertigt, der Eingeborene behielt das eine, die Firma das andere. Außer der Warenart, zum Beispiel Schwarzer Pfeffer, war auf dem Zettel Gewicht und Raummaß der gelieferten Ware vermerkt. In der einen Ecke stand gedruckt: Musterwert, und darunter wurde die Preisklasse angegeben, nach der die Ware vom Musterchef eingeschätzt worden war. In einer anderen Ecke stand: Lagerverwaltung, und darunter wurde die Abteilung angegeben, wo die Ware gelagert werden sollte. Der Schein wurde von Gayo, Musterchef und Lagerverwalter, mit Datum und Stempel versehen. Auf dem Lieferschein waren die Art und Menge der Waren vermerkt, Buchstabe und Nummer der Lagerabteilung, wo die Ware gelagert hatte und von wo sie expediert wurde, außerdem Gewicht, Datum und Stempel des betreffenden Prahmführers. Die Schwierigkeit einer Kontrolle bestand darin, daß die auf dem Warentisch von den Eingeborenen eingelieferten Waren in großen Mengen den bereits vorhandenen Waren derselben Sorte einverleibt wurden, so daß es nicht möglich war, der einzelnen Warenpartie auf ihrem Wege durch das Lager bis zu ihrer Ablieferung am Kai zu folgen. Es war allein deshalb schwierig, weil die Eingeborenen ihre Waren in allen möglichen Verpackungen und Gewichtsmaßen ablieferten, während die verschiedenen Lagerabteilungen vorgeschriebene Verpackungen und Gewichtsmaße hatten. Von Zeit zu Zeit fand eine Kontrolle darüber statt, was die verschiedenen Lagerabteilungen empfangen und geliefert hatten, und dabei hatte es sich wiederholt gezeigt, daß die Summe der Gewichtsangaben auf den Lieferscheinen immer bedeutend niedriger war als auf den Lagerscheinen. Mit anderen Worten, es war ein Minus zu verzeichnen, das alles, was üblich war, weit überstieg. Dieser Umstand nun, der im Kontor schon lange bekannt gewesen war, hatte die Geschäftsleitung endlich von der Notwendigkeit einer Kontrolle überzeugt. Zahlreiche Stichproben hatten ergeben, daß die Lieferscheine (die Quittungen der Prahmführer) in Ordnung waren; sie stimmten genau mit den Quittungen überein, die die Steuerleute auf den Schiffen den Prahmführern gegeben hatten. Das Minus mußte also auf dem Weg von der Ablieferung durch die Eingeborenen bis zu der Ablieferung der in Ballen verpackten Ware an die Prahmführer entstehen. Daß Unterschlagungen vorlagen, schien außer Zweifel; Don Luis Gayo aber, dem die Sache mehrfach vorgelegt worden war, erklärte, er wüßte nicht mehr darüber als andere, die mit der Sache zu tun hatten. Zwischen Woodford, dem Musterchef und Pieter wurde nun vereinbart, daß letzterer während der Expeditionszeit seinen Platz neben dem Ladentisch haben sollte, wo die Eingeborenen ihre Waren von den Karren auf der Straße hinschleppten, damit sie auf der großen Waage gewogen werden konnten, hinter der Aru Ayub stand und seines Amtes waltete. Dort wurde Pieters Pult und Stuhl angebracht, so daß er nicht nur die große Waage übersehen und kontrollieren, sondern auch den Musterchef im Auge behalten konnte, der in einem kleinen Verschlag hinter dem Ladentisch saß, mit der Musterwaage (der kleinen Waage) und allem anderen, was zur Beurteilung der Ware gehörte. Nachdem das Gewicht der Ware im Verhältnis zum Rauminhalt festgestellt war, brauchte der Musterchef, dank langjähriger Übung, sich die Ware nur durch die Finger laufen zu lassen, um sich über ihren Wert klar zu sein. Der Verschlag, der gleich neben der Eingangstür lag, war durch eine Schranke von dem übrigen Raum getrennt, und der Zutritt dazu wurde von einem alten, vertrauenswürdigen Wachtboy mit großer Autorität geregelt. Im Hintergrund dieses Verschlages führte eine Tür zu einem kleinen privaten Raum mit Sofa, Stuhl, Tisch und Büfett, wo Zollbeamte und die persönlichen Bekannten des Musterchefs empfangen und bewirtet werden konnten. Hinter diesem Raum wiederum führte eine dunkle Wendeltreppe zur Buchhalterei. Ein halbwüchsiger Junge eilte auf einen Wink des Chefs zwischen diesen Räumen hin und her. Pieter nahm seinen Platz ein. Die Eingeborenen rissen Augen und Mund beim Anblick dieses neuen Mannes auf. Pieter konnte in ihren Augen lesen, daß sie sich vergebens den Kopf darüber zerbrachen, was diese neue Einrichtung bedeuten sollte. Sie sahen, wie Pieter sich vorbeugte, um das Gewicht abzulesen, das der Wieger mit lauter Stimme verkündet hatte. Sie sahen, wie er darauf Nummer und Buchstabe der Warenabteilung, wo die Ware aufgespeichert werden sollte, notierte. War das erledigt, hatte der Eingeborene selbst der Ware ein Muster zu entnehmen, einen kleinen Sack voll, einen Becher oder nur eine Handvoll, und diese Probe wurde unter den Augen des Wiegers längs des Ladentisches weitergegeben, bis sie den Verschlag des Musterchefs erreichte, der sie mit seinen langen, zitternden Fingern prüfte und dann mit seiner heiseren Stimme Pieter die Preisklasse zurief. Pieter wiederholte das Gehörte, wie der Matrose den Befehl des Steuermanns wiederholt, und notierte es auf dem Lagerschein, den er gerade ausfüllte. Auf diese Weise verging Stunde um Stunde. War der Tag vorbei und wurde das große Tor verschlossen, während der Wachtboy verspätete Eingeborene, die sich noch hineinzudrängen versuchten, energisch abwies, begab Pieter sich in den Verschlag des Musterchefs, um die im Laufe des Tages ausgefüllten Lagerscheine abzuliefern, die kontrolliert und abgestempelt werden sollten. Don Luis Gayo zeigte lächelnd die Zahnstummel, äußerte sich über das Wetter, zog einige Ceruts heraus und bot Pieter davon mit der Gelassenheit eines vornehmen Herrn. Rauchen war im Lager verboten; Gayo aber faßte alles, was Verbot hieß, mit dem Vorbehalt auf, daß es nur für die Untergeordneten galt. Pieter dankte, indem er demonstrativ auf das Plakat mit dem Verbot blickte, das gerade über Gayos Kopf hing. Obgleich die schläfrigen Augen des Musterchefs gleichgültig blickten, empfand er es doch jedesmal wie eine Kränkung, denn einem »weißen« Vorgesetzten gegenüber würde solch Grünschnabel das natürlich nicht gewagt haben. Pieter wußte nicht, daß er sich durch seinen Pflichteifer einen gefährlichen Feind schuf. Pieter nahm seine Kontrollarbeit sehr ernst und gebrauchte seine Augen. Auch die Scheine studierte er genau und verglich sie miteinander, um irgendeiner Unregelmäßigkeit auf die Spur zu kommen. Eines Tages fand er heraus, je geringer das Quantum der Ware war, die ein Eingeborener ablieferte, desto niedriger war die Preisklasse, in die der Musterchef sie einschätzte. In der Mittagspause machte er Gayo halb scherzhaft darauf aufmerksam. Dieser aber betrachtete ihn überlegen und sagte: »Kleines Quantum – fauler Bursche! Gewinnt seinem Grund und Boden nicht genug ab. Fauler Bursche, unzuverlässiger Arbeiter, behandelt und reinigt seine Ware schlecht. Darum: Kleines Quantum – geringe Ware – niedriger Preis! Ich kenne meine Leute, junger Herr, vergessen Sie das nicht. In alten Tagen gaben wir faulen Burschen Prügel, das gab gute Ware! Heutzutage Prügel verboten. Zunehmende Zivilisation, he?« höhnte er. »Was tun wir? Keine Prügel, aber schlechte Bezahlung, hö, hö, hö! Und beklagt der Eingeborene sich: ›Scher dich zum Teufel mit deinem dreckigen Sack, laß dich hier nicht wieder blicken‹ – Teils kann er nirgends anders hingehen, um seine Ware loszuwerden, denn wir Faktoreien haben die Eingeborenen zwischen uns verteilt, besitzen sie mit Haut und Haar, junger Herr, und teils ist der Bursche zu faul, um sich mit seinem Sack herumzuschleppen. Darum im Interesse der Firma: Kleines Quantum – kleiner Preis!« Er legte seine Hand vertraulich auf Pieters Schulter, beugte seine schlotternde Gestalt vor und flüsterte ihm andächtig ins Ohr: »Mijnheer Wahoegen hat mein System gutgeheißen, junger Herr, hat mir sogar dafür gedankt. Was sagen Sie dazu?« Pieter sagte nichts. Wenn Wahoegen mit im Bunde war, mußte er, Pieter, seinen Mund halten. Aber er dachte desto mehr, und wie schon so oft, taten die Eingeborenen ihm leid. Einige Tage später, kurz vor der Mittagspause, zeigte Pieter dem Musterchef einige Lagerscheine mit besonders großen Quanten. »Diese Waren haben alle erstklassige Preise«, sagte er. »Zufolge des Systems, das Sie mir neulich auseinandergesetzt haben, scheinen demnach auch große Quanten immer große Preise zu haben?« »Selbstverständlich«, sagte Gayo obenhin, offenbar stand er unter dem Einfluß einer größeren Dosis Opium, »ausgesuchte Leute, ausgesuchte Ware.« Ein kleiner, krummrückiger Eingeborener reichte Gayo im selben Augenblick sein Warenmuster, und während Gayo sich die Bohnen durch die Finger laufen ließ, fuhr er, zu Pieter gewandt, fort: »Merken Sie sich eines, junger Herr: Je größer der Kunde, desto besser die Behandlung! Auch das ist Kaufmannssitte, wie Sie mit der Zeit erfahren werden, im Interesse der Firma.« »Klasse drei!« rief Gayo und schob den Sack des Eingeborenen beiseite. Zu Pieter gewandt, fuhr er fort: »Sehen Sie hier in der Ecke: A Nr. 1 – lauter große Partien; die auf Abteilung A kommen, alles erstklassige Ware.« »Das habe ich bemerkt«, sagte Pieter und machte eine Pause, während der der Eingeborene sich furchtsam bei Gayo Gehör zu verschaffen suchte, was dieser übersah. »Merkwürdig ist aber«, fuhr Pieter fort, »als ich gestern abend den Bestand der verschiedenen Lagerabteilungen während des letzten Quartals aufnahm, die Lagerscheine mit den Lieferscheinen über dieselbe Menge verglich, da zeigte es sich von neuem, daß bei den großen Partien mit den erstklassigen Preisen das Verlust-Prozent wesentlich größer ist als bei den kleineren Quanten mit den niedrigen Preisen. Können Sie mir das erklären?« Der Eingeborene hatte aufmerksam von einem zum anderen geblickt, um sein Anliegen vorzubringen; jetzt streckte er Gayo seine Hände bittend entgegen. Gayo fächelte ihn irritiert fort, während er sich bemühte, Pieter eine würdige Antwort zu geben. »Sie dürfen nicht vergessen, junger Herr ...«, begann er, indem er seine knochigen Schultern hochhob und mit halbgeschlossenen Lidern auf Pieter herabblickte. Inzwischen war es dem Eingeborenen geglückt, sich zwischen Pieter und Gayo zu drängen, so daß letzterer den bittenden Blick nicht übersehen konnte. »Fünf Koppen«, Ein Kop ist 1/10 von einem Schepel, und ein Schepel ist 1/10 von einem Zack – 1 Hektoliter. flüsterte er und legte seine magere Hand auf den kleinen Mustersack, der noch vor Gayo auf dem Ladentisch stand. »Mach, daß du fortkommst!« fauchte Gayo und stieß die Hand beiseite. Darauf beugte er sich zu Pieter, wie ein Schulmeister, der seinem Schüler eine ernste Belehrung erteilt: »Sie dürfen die Ratten nicht vergessen, junger Herr!« Pieter konnte ein Lachen nicht unterdrücken. »Ach so, Sie meinen, die Ratten sind Feinschmecker und halten sich nur an die beste Ware?« »Klasse drei!« sagte der kleine Eingeborene eindringlich, »und ich habe gegeben fünf Koppen!« Gayo empfand Pieters Lachen als eine Kränkung seiner Würde. Er war um eine Antwort verlegen und benutzte gierig die Gelegenheit; seiner Wut Luft zu machen, indem er dem Eingeborenen den Sack entriß und über den Ladentisch schleuderte, so daß der Inhalt über den Fußboden floß. »Nimm deinen Dreck und verdufte!« schrie er. Und als es ihm nicht schnell genug ging, griff er nach dem Stock, der in der Ecke stand. Pieter hatte ganz mechanisch auf dem Block, den er in der Hand hielt, die Ware des Eingeborenen nach dem Zuruf des Wiegers notiert und darauf ebenso mechanisch, während seines Wortwechsels mit dem Chef, die Preisangabe »Klasse drei« geschrieben. Jetzt sah er den Inhalt des Sackes auf dem Fußboden verstreut, sah, wie der Eingeborene sich erschrocken aus dem Bereich des Stockes zu retten versuchte, und hörte sein gleichzeitig klägliches und empörtes Protestgeschrei: »Klasse drei! – Und ich habe gegeben fünf Koppen für zwei Schepel!« Während Pieter noch überlegte, ob er den Schein annullieren sollte, weil die Ware abgelehnt war, drangen ihm plötzlich die Worte des Eingeborenen ins Bewußtsein. Er sah die Augen des Mannes auf sich gerichtet, als wolle er ihn zum Zeugen anrufen. Bei dem Lärm waren andere Eingeborene herbeigekommen, und in den aufgerissenen Augen, die alle aus ihn gerichtet waren, stand die Frage zu lesen: »Verstehst du denn nicht?«; im selben Augenblick verstand er. Er blickte sich nach dem Musterchef um und sah ihn blau im Gesicht, mit verzerrten Lippen dastehen, die Schultern bewegten sich konvulsivisch, die Arme zitterten, offenbar war er im Begriff, einen Anfall zu bekommen. Der Wieger Aru Ayub kam herbeigeeilt, seine weißen Zähne knirschten vor Wut. Er entrang Gayos zitternder Hand den Stock und schlug damit auf den Eingeborenen los, der schreiend auf die offene Tür zuflüchtete, wo der Wachtboy ihn ergriff und festhielt, damit der Wieger sein Henkersamt verrichten konnte. »Fegt seine Ware zusammen!« rief Pieter einigen Lagerarbeitern zu, die mit offenem Munde dastanden, den Besen in der Hand, und dem Schauspiel mit Genuß zusahen. Zögernd setzten sie sich in Bewegung, indem sie den Chef verstohlen anblickten; Gayo stand noch da, die Augen starr auf den Sünder gerichtet; die verzerrten Lippen versuchten umsonst einen Fluch zu formen. »Nein!« stieß er schließlich hervor und schlug durch die Luft nach den beiden Arbeitern, die sofort innehielten. Jetzt aber war Pieters Blut in Wallung geraten. Mit einem Satz war er bei der Tür und entriß dem Wieger den Stock. »Laß ihn los!« rief er mit erhobenem Stock dem Wachtboy zu, der dem Eingeborenen die Hände auf dem Rücken zusammenhielt. »Nein«, keuchte der Musterchef wieder, der noch immer dastand und mit den Händen durch die Luft fuchtelte. Der Wachtboy wußte nicht, was er tun sollte. Als er aber einen Blick auf Pieters dunkelrotes Gesicht und die blauen Augen, die Blitze zu schießen schienen, geworfen hatte – etwas Ähnliches hatte der Boy noch nie gesehen –, ließ er die Hände des Eingeborenen los und rannte mit Gebrüll aus der Tür; er glaubte sich von dem bösen Geist des rotglühenden Weißen verfolgt; und die übrigen drückten sich ängstlich in die Ecken. Bei diesem Anblick verflog Pieters Wut, er mußte beinah lachen, als er sich den Schweiß vom Gesicht trocknen wollte und dabei den Stock in seiner Hand fand. Er drehte sich um und stieß mit dem Wieger zusammen, der mit einem Satz zur Seite sprang. Da erklang aus Gayos Verschlag ein dumpfer Laut, und der Musterchef war nicht mehr zu sehen; er lag auf dem Fußboden und stampfte gegen die Schranke, wie ein Pferd gegen seine Stallwand; Schaum stand ihm vor dem Munde. Pieter befahl dem Wieger und den beiden eingeborenen Arbeitern, den Musterchef auf das Sofa in den hinteren Raum zu legen und ging selbst mit hinein; er fühlte sich für den Kranken verantwortlich. Es hielt schwer, den sich wie wild gebärdenden Mann in den engen Raum zu tragen, der voll von Kisten stand. Als er mit dem Fuß gegen eine Kiste stieß, sprang der Deckel auf, und der Inhalt strömte heraus – es waren Bohnen. Als der Arzt kam, nach dem Pieter geschickt hatte, war der Anfall überstanden. Der Musterchef aber war noch so schwach, daß der Arzt ihn in einem Planki in seine Wohnung tragen ließ. Nach dem Besuch des Arztes suchte der Wieger Woodford auf, der beim Lunch saß, um ihm von dem Vorgefallenen zu berichten und sich als Stellvertreter für seinen kranken Vorgesetzten anzubieten. Pieter aber wartete ruhig Woodfords Rückkehr ab und verriet nichts von den Worten, die er gehört, noch von dem Verdacht, den er gefaßt hatte. Er wollte niemanden anklagen, bevor er sich über das ganze Verfahren klar war und Haupträdelsführer, Werkzeug und Hehler gemeinsam überführen konnte. Sein Instinkt sagte ihm, daß er Woodford keine Gelegenheit geben durfte, sich in die Sache zu mischen, bevor er sich völlige Klarheit verschafft hatte. Woodford war insofern mit Pieters Eingreifen einverstanden, als der Musterchef offenbar krank gewesen war und nicht gewußt hatte, was er tat. Andererseits aber schärfte er Pieter ein, daß alle Äußerungen des Mißvergnügens von seiten der Eingeborenen als Aufsässigkeit betrachtet und mit Strenge niedergeschlagen werden müßten. Mit bedeutungsvollem Blick erinnerte er Pieter an die Motte von Mijnheer, die er ihm übermittelt hatte, als er sein neues Amt antreten sollte: den Eingeborenen ihren richtigen Platz anzuweisen. Bei dem Vorgefallenen hatte die Disziplin ernsten Abbruch gelitten, denn in den Augen der Eingeborenen war ja nichts Schlimmeres passiert, als was sie schon häufig gesehen hatten, wenn Gayo seine Anfälle bekam, ohne daß jemand eingegriffen hatte. Um den Schaden wiedergutzumachen, sollte der Musterchef sich darum eine Zeitlang zu Hause halten, damit die Eingeborenen den Eindruck bekamen, daß es sich diesmal um einen ernsteren Fall handelte, der ein ärztliches Eingreifen notwendig gemacht hatte. Während dieser Zeit nun sollte Pieter Gayos Amt übernehmen und von dem Wieger Aru Ayub unterstützt werden. Als Pieter am nächsten Morgen in den Lagerraum kam, um die Tagesarbeit zu beginnen, kam der Wieger ihm entgegen und verbeugte sich vor aller Augen tief vor ihm mit gekreuzten Armen; gleich darauf aber gab er ihm durch ein heimliches Zeichen zu verstehen, daß er ihm unter vier Augen etwas zu sagen habe. Als sie in Gayos kleinem Privatraum standen, versicherte Aru Ayub Pieter, daß er sein Gott, sein Vater und seine Mutter sei. Darauf forderte er ihn unter tiefen Verbeugungen eindringlich auf, sich Gayo gegenüber nicht merken zu lassen, daß er, Pieter, die Andeutung des Eingeborenen verstanden habe. Er flehte Pieter an, er möge ihm erlauben, die eingelieferten Waren zu wiegen und zu messen, wie er es zu tun pflegte, denn teils wüßte er nicht, wie er es sonst machen sollte, teils würde der Musterchef, wenn er wieder gesund wäre, ihn wegen der gelieferten Muster zur Rechenschaft ziehen. Entdeckte der Chef aber, daß eine Veränderung geschehen sei, dann würde er ihn, Aru Ayub, beschuldigen, daß er ihn verraten habe, und würde den bösen Geist, der in ihm wohne, auf seinen unschuldigen Diener Aru Ayub hetzen. Er vertraute Pieter die Geschichte von dem toten Zollbeamten an und riet ihm, mit weit aufgerissenen Augen, sich seiner eigenen Sicherheit halber den Musterchef nicht zum Feind zu machen, damit nicht auch er eines Tages mausetot vor dem Ladentisch liegen würde. »Ich habe es mit eigenen Augen gesehen«, schloß er warnend. Daraus entnahm Pieter, daß Aru Ayub das Werkzeug war, entweder aus Angst vor Gayo oder aus Geldgier, und daß er auch darüber Bescheid wußte, wie Gayo seine erschwindelten Waren aus dem Lager brachte und zu Geld machte. Er überlegte einen Augenblick, ob er Aru Ayub mit seinem, Pieters, bösen Geist drohen und auf diese Weise den wahren Sachverhalt aus ihm herauspressen sollte. Doch beschloß er, den Eingeborenen in Frieden zu lassen. Für ihn, Pieter, handelte es sich um eine Aufgabe, die er lösen sollte, und mit der Spur, die er gefunden hatte, auch bald gelöst haben würde; für Aru Ayub aber handelte es sich um eine Verräterei, die ihm, wenn auch nicht den Tod, so doch eine Angst bringen würde, die vielleicht schlimmer war als der Tod. Die Arbeit ging ihren gewohnten Gang. Aru Ayub nahm die Waren in Empfang, wog sie und rief Maß und Gewicht zu Pieter hinüber, der sie wiederholte und auf dem Schein notierte. Er sah, wie die Eingeborenen selbst aus ihrem Warenbestand eine Probe nahmen; wenn sie zu Pieter gelangt war, prüfte er die Ware, wie Gayo es zu tun pflegte, und verkündete dann mit lauter Stimme: »Klasse eins.« Wenn er den Preis auf dem Lagerschein notiert hatte, nahm Gayos Gehilfe den Sack mit dem Muster und brachte ihn irgendwo hinter der Schranke unter. Als Gayo sich eine Woche später wieder zum Dienst meldete, reichte er Pieter die Hand, als ob nichts geschehen sei. Pieter erkundigte sich teilnehmend nach seinem Befinden, übergab ihm die Rechenschaft und versicherte wahrheitsgemäß, daß alles seinen gewohnten Gang gegangen sei. Eigentlich fühlte Pieter sich erleichtert, daß Gayo zurückgekehrt war, denn es war ihm peinlich, eine Untersuchung gegen ihn in Gang zu sehen, während der Mann krank und wehrlos war. Jetzt konnte er sich seiner Aufgabe wieder ohne Skrupel widmen. Er verschaffte sich einen Hauptschlüssel und begab sich hin und wieder nach Feierabend auf Abenteuer in den großen Speicherraum. Als er einmal spät unterwegs war – es war einer von den offiziellen Klubabenden, die bis in die Nacht dauerten –, betrat er den Speicher zu einer nächtlichen Runde. Er hatte sich eine Taschenlaterne mit einer starken Linse angeschafft, die auf- und zugeblendet werden konnte. Die Ratten flüchteten bei seinen Schritten nach allen Seiten, nur einige, von dem Licht geblendet, starrten mit ihren funkelnden Augen in die Lampe. Es war unheimlich, und Pieter eilte unverrichteter Sache wieder hinaus. Eines Abends, gerade als er im Begriff war, die Lampe zu löschen und hinauszugehen, hörte er das Geräusch von knarrenden Stufen. Es kam von dem Raum hinter Gayos Verschlag. Er blendete ab und ging vorsichtig näher. Jemand kam mit schleichenden Schritten oder barfüßig die Wendeltreppe herab. Schnell versteckte Pieter sich hinter einen der großen Stützballen, die die Decke trugen. Bald darauf sah er bei dem schwachen Licht, das durch das Fenster fiel, eine Gestalt aus Gayos Raum kommen, einen kleinen Mann, der sich zwischen den Kisten bewegte, als sei er dort zu Hause. Pieter hörte, daß ein Zündhölzchen abgerissen wurde, eine Kerze wurde angezündet und in eine Flasche gesteckt. Darauf nahm der Mann einen Besen und begann zu fegen; offenbar verrichtete er ganz unbekümmert seine Arbeit. Pieter trat hinter dem Balken hervor und begann zu summen, als ob auch er hier seiner Arbeit nachginge, während er die Lampe über dem Boden suchen ließ. Der Mann hörte überrascht und neugierig zu fegen auf, Angst schien er nicht zu spüren. Pieter trat ganz nahe an ihn heran, richtete die Lampe auf ihn und fragte: »Wer bist du?« Ein altes, welkes Gesicht mit erloschenen Augen starrte ihn an. Pieter meinte, dieses seltsam blicklose Auge, diese welken Züge mit ihrer gespensterhaften Unbeweglichkeit schon einmal gesehen zu haben. Richtig, es war ja »der Staubfresser« aus dem obersten Stockwerk. »Was machst du hier?« fragte Pieter. »Fege.« »Bist du Lagerarbeiter?« Der Eingeborene nickte und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Die Tür zu Gayos Raum mit der Wendeltreppe hatte er offenstehen lassen. In einer Ecke zwischen Kisten stand ein Schubkarren mit einer Kiste, die mit einer dunklen Masse halb gefüllt war. Eine Schaufel und einige halbgeleerte Säcke lagen herum. Pieter meinte, der Mann sei geistesschwach, da er weder Furcht noch ein schlechtes Gewissen verriet. »Fegst du hier jede Nacht?« fragte Pieter. Der Mann schien die Frage nicht zu verstehen, starrte nur unverwandt in die Linse, als Pieter sie abblendete, wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. »Und wohin bringst du das alles?« fragte Pieter. Der Mann setzte seine Arbeit fort, als ob er nichts gehört habe. Pieter sah ein, daß es keinen Zweck hatte, ihn weiter auszufragen; er blieb stehen und folgte der Arbeit mit den Augen. Als die Kiste auf dem Schubkarren gefüllt war, schob der Staubfresser sie zur Rückwand von Gayos Raum, wo bereits eine ganze Reihe von derselben Sorte stand. Er stellte die gefüllte Kiste auf die Erde und lud statt ihrer eine leere auf den Karren, schob sie zu der Stelle, wo gefegt werden sollte, und setzte seine Arbeit fort. »Wie lange sollst du hier noch arbeiten?« versuchte Pieter noch einmal. »Bis ich fertig bin«, antwortete der Mann und zeigte über den Fußboden zum Verschlag des Musterchefs. Dort im Dunkeln, unter dem Ladentisch, standen Säcke verschiedener Größe, und auch Gefäße mit Mustern in losem Gewicht. Auf dem Fußboden schwamm es von Bohnen, die aus einem offenen Sack gerollt waren. Es war also die Aufgabe des Staubfressers, die Muster zur Weiterbeförderung zu sammeln. Jemand mußte es ja tun, dagegen ließ sich nichts sagen. Wo aber wurde der Inhalt dieser Kisten und Säcke hingebracht, wo landeten sie und wurden in Geld umgesetzt – das war die Frage. Pieter lag lange wach und dachte darüber nach. Als er am nächsten Morgen seine Arbeit neben Aru Ayubs großer Waage, wohin er nach Gayos Genesung zurückgekehrt war, begann, konnte er die Erlebnisse der Nacht nicht vergessen. Suchend glitt sein Auge durch den langgestreckten Raum. Es folgte den Lagerarbeitern, während sie auf ihren Schubkarren die abgefertigten Waren zu den mit Buchstabe und Nummer bezeichneten Warenverschlägen rollten. Er beobachtete die Gesichter der Eingeborenen – viele kannte er bereits –, studierte ihr Mienenspiel und ihre Gesten und lauschte ihrem Gespräch, wenn sie sich bei den Wegkreuzungen begegneten. Da sah er einen Eingeborenen von der entgegengesetzten Ecke mit einer hochgeladenen Schubkarre kommen. Sie fiel ihm auf, weil die anderen immer nur eine einzelne Kiste oder einen Sack auf ihrem Schubkarren hatten. Pieter folgte ihm mit den Augen, bis er durch die schmalen Wege zwischen den Warenverschlägen das andere Ende des Ladentisches erreicht hatte. Zu seiner Verwunderung sah er, wie der Eingeborene die Klappe des Ladentisches hob, seinen Schubkarren durchschob, die Klappe wieder hinter sich zuschlug und mit seinem schwergeladenen Karren auf den Wieger bei der großen Waage zuging. Pieter konnte das Gesicht des Mannes nicht sehen, es wurde von der Ladung verdeckt. Als er den Karren aber drehte und auf die Waage zukam, sah er das Profil. Es war der Staubfresser! Er sollte bei Aru Ayubs großer Waage abliefern, was er im Laufe der Nacht zusammengefegt hatte. Im selben Augenblick verstand Pieter den ganzen Zusammenhang. Der Musterchef hatte durch sein Werkzeug, den Wieger, den Eingeborenen zu verstehen gegeben, daß die Wertschätzung der Ware davon abhing, wie groß die Probe war, die zur Verfügung gestellt wurde. Auf diese Weise hatte der Chef ein reines Gewissen, weil der Eingeborene selbst die Größe des Musters bestimmte. Der große Lieferant, der ein großes Muster zur Verfügung stellte, bekam den höchsten Preis, der kleine aber nur, wenn er von seiner kleinen Lieferung einen unverhältnismäßig großen Teil opferte. Für diese aufgezwungene Bestechung hielt der Musterchef die Eingeborenen dann durch die Kasse der Firma schadlos, indem er ihnen teils erstklassige Bezahlung zusicherte, teils auf dem Lagerschein das volle Gewicht notierte, also ohne Abzug des Musters, das hinter dem Ladentisch des Chefs verschwand und das Minus ausmachte; der Staubfresser sammelte das Ganze zusammen, ohne zu ahnen, daß er mitschuldig war. Und anstatt das Erschwindelte um die Ecke zu bringen und einem Hehler zu Hehlerpreisen zu verkaufen, krönte Gayo sein Werk, indem er seiner eigenen Firma ganz einfach das bereits Bezahlte zu höchstem Preis verkaufte. Letzten Endes, so schloß Pieter seine Betrachtungen, hatten die fernen Kunden der Faktorei auf den europäischen Märkten den Verlust zu tragen, da die Waren, die mit höchstem Preis bezahlt wurden, sich wahrscheinlich als drittklassig erweisen würden. Hier, dachte Pieter, lag das größte Übel, denn früher oder später mußte ja eine Firma, die schlechte Ware lieferte, in der Konkurrenz mit anderen, ehrlichen Handelshäusern den kürzeren ziehen und langsam, aber sicher ihrer Auflösung entgegengehen. »So liegt die Sache, meine Herren!« schloß Pieter mit berechtigtem Selbstgefühl den Vortrag, den er in Gedanken vor einer Versammlung batavischer Handelsmatadore hielt, die um einen grünen Tisch saßen, mit Mijnheer an der Spitze. Die Sache war reif, um vorgelegt zu werden. Als Pieter sich am nächsten Vormittag bei Woodford einfand, um seinen Bericht abzulegen, fand er, daß eine Veränderung mit dem Prokuristen vorgegangen war. Er war gleichsam größer geworden. Ob er das Große Los gewonnen hat? dachte Pieter bei sich. Fröhlich summend, drehte Woodford sich um, schlug Pieter auf die Schulter und fragte: »Was gibt's, Junior? Sie sehen so feierlich aus.« Pieter sagte, es handele sich um die Kontrollangelegenheit. »Ach so«, sagte der Prokurist gelangweilt; er schien sich den heiteren Morgen ungern durch Unannehmlichkeiten verderben zu lassen. »Was haben Sie denn zu berichten?« »Ich habe einen schriftlichen Bericht verfaßt«, begann Pieter sehr ernst, »und da die Sache viel wichtiger für das Ansehen der Firma ist, als vorauszusehen war, möchte ich anheimstellen, ob es nicht besser ist, ihn dem Chef persönlich vorzulegen.« Ein helles Lächeln machte sich auf Woodfords Gesicht breit. Es begann in den Augenwinkeln, verteilte sich in Strahlen über die etwas eingefallenen Schläfen, zog sich über die mageren Wangen, bis es die schmalen Lippen erreichte. »Auf Ihre Anheimstellung muß ich leider erwidern«, begann Woodfort vergnügt, »daß Mijnheer, Ihr Onkel, gerade gestern seine jährliche Ferienreise angetreten hat. Er ist nach Buitenzorg gefahren, wo er seine Jagdgefährten trifft, und wird kaum vor sechs Wochen zurück sein. Er hat mir die Ehre erwiesen, mich während seiner Abwesenheit als Stellvertreter einzusetzen. Lassen Sie mich darum hören, was Sie zu berichten haben, ich werde dann entscheiden, ob die Sache bis zu seiner Rückkehr ruhen soll – oder ob ich selbst eine Entscheidung zu treffen wünsche.« Warum er bei dieser Mitteilung etwas wie Angst empfand, darüber ist Pieter sich nie recht klar gewesen. Er wollte etwas sagen, doch war es ihm nicht möglich, ein Wort über die Lippen zu bringen. Darum nahm er seinen schriftlichen Bericht und entfaltete ihn. »Bitte mündlich, Junior!« bat Woodford, indem er mit scherzhaftem Entsetzen auf das umfangreiche Dokument zeigte. Pieter begann. Anfangs ging es nur schwer, schließlich aber redete er sich warm. Woodford hörte ihm aufmerksam zu, während er seine langen, blanken Nägel, auf die er stolz war, rieb. Hin und wieder sandte er Pieter einen kurzen Seitenblick oder ließ ein leises Grunzen hören, das sowohl Anerkennung als auch Zustimmung oder nur Erstaunen bedeuten konnte; erst als Pieter Wahoegen nannte, wurde Woodford so interessiert, daß er seine Nägel vergaß. Pieter schloß mit dem Hinweis darauf, wie schädlich die Sache für das Ansehen der Firma auf den europäischen Märkten werden könnte. »Sehr interessant, Junior!« sagte Woodford. »Wer hätte das von Don Luis Gayo gedacht!« »Ja, nicht wahr«, meinte Pieter, »da er so eitel ist und gern für einen Ehrenmann gehalten werden will, sollte man glauben, daß er vor allen Dingen ehrlich sei.« »So meinte ich es allerdings nicht!« Woodford unterdrückte ein Lächeln. »Was nun Ihre Auffassung betrifft, daß der Ruf der Firma auf europäischen Märkten geschädigt sei, ja, daß das ganze Unternehmen sogar seiner Auflösung entgegengehe – –«, Woodford machte komisch entsetzte Augen, »so kann ich Ihnen die Beruhigung geben, daß in jeder Faktorei Schwindeleien vorkommen, nur die Methode ist verschieden. Und natürlich sind es die Kunden, die den Verlust tragen müssen; die Faktura soll ja alles decken und noch dazu einen Überschuß geben; wovon sollten wir anderen sonst leben? So viel Schlauheit aber hätte ich dem Portugiesen nicht zugetraut!« fügte er mit ehrlicher Bewunderung hinzu, »das ist das Gerissenste, was ich bisher in diesem Fach erlebt habe! Um allen Unannehmlichkeiten der Hehlerei zu entgehen, verkauft er uns unsere eigenen Waren! Das ist geradezu genial. Und den halben Idioten dazu zu verwenden, den niemand kennt, den sogenannten Staubfresser, der den Zusammenhang gar nicht ahnt und kaum zwei zusammenhängende Worte herausbringen, darum auch unmöglich mehr aussagen kann als ein Besen, eine Schaufel oder eine Schubkarre!« Er dankte Pieter im Namen der Firma, beglückwünschte ihn zu der glücklichen Lösung des Rätsels – vielleicht habe er die Sache etwas eifriger betrieben, als sie im Grunde wert sei –, was aber natürlich sein Verdienst nicht verringerte. Wie gesagt, vorerst wollte er die Sache überdenken und ihm dann später Bescheid sagen. Vorläufig dürfe Pieter mit niemandem darüber sprechen, damit keiner im Lager Unrat ahne. Und damit legte er Pieter beschützend eine Hand auf die Schulter und schob ihn wohlwollend hinaus. Wieder spürte Pieter das seltsame Angstgefühl; es war, als ob es von der schmalen Hand auf seiner Schulter ihm durch den Körper kroch. Als Pieter einige Tage später aus dem Lager kam, begegnete er Woodford, der aus der Buchhalterei trat. Als ihre Augen sich trafen, wußte Pieter sofort, daß der Prokurist mit Wahoegen über ihn gesprochen hatte. »Ich habe soeben mit dem Alten gesprochen«, sagte Woodford, dem das Aufflackern in Pieters Blick nicht entgangen war. »Wir sind übereingekommen, die Sache bis zu Mijnheers Rückkehr auf sich beruhen zu lassen. Also, Junior, vorläufig dichthalten und gute Miene zum bösen Spiel machen.« Er zögerte einen Augenblick, sah sich um und fuhr dann flüsternd fort: »Ich kann Ihnen anvertrauen, daß Gayo heute morgen bei mir gewesen ist und sich über Sie beklagt hat. Er behauptet, Sie hätten an dem Morgen, als er krank wurde, die Disziplin in Gegenwart der Eingeborenen verletzt.« Pieter hatte eine zornige Erwiderung auf den Lippen, Woodford aber faßte ihn am Arm und bedeutete ihm zu schweigen, indem er einen vielsagenden Blick auf die Treppe warf, wo die Boys mit Bescheid und Papieren von Abteilung zu Abteilung eilten. »Also Diskretion, Sie verstehen!« Der Vorgesetzte sprach zu einem Untergebenen, das war nicht mißzuverstehen. »Von dem, was ich Ihnen soeben gesagt habe, wissen Sie nichts, ebensowenig wie Gayo ahnt, daß Sie etwas davon erfahren haben.« Als Pieter in der Mittagspause desselben Tages Gayo grüßte, konnte er ihm nichts anmerken. Er war freundlich und lächelte wie immer, äußerte sich über das Wetter, sicherte sich einen Extra-Händedruck; dagegen hatte Pieter das Gefühl, daß das Personal, von Aru Ayub und abwärts, ihn mied, als ob er etwas an sich habe oder etwas von ihm ausgehe, das für einen Eingeborenen gefährlich sei. In ihren Augen aber las er weder Zorn noch Furcht; wichen sie seinem Blick aus, so war es eher, als ob vernünftige Leute ihre Fenster schließen oder sich von vereinzeltstehenden Bäumen fernhalten, wenn es blitzt. Einige Tage darauf bat Woodford Pieter ganz kurz – er hatte es überhaupt in dieser Zeit, wo er den Chef vertrat, sehr eilig –, er möge sich auf der Seite des Ladentisches halten, die ihm von vornherein angewiesen war, die andere sei das Gebiet des Musterchefs. Während Mijnheers Abwesenheit ruhte ein beständiger Druck auf Pieter, er konnte sich von dem Angstgefühl, das ihn an jenem Tag befallen hatte, nicht frei machen. Ihm war, als müsse er beständig auf seiner Hut sein, ohne daß er sich darüber klarwerden konnte, wo oder wer der Feind sei. Auch draußen auf dem Landsitz spürte er, ob nun mit Recht oder Unrecht, einen ihm feindlichen Einfluß. Während Mijnheers Abwesenheit hatte nur einmal ein Leseabend stattgefunden, und Woodford war unangemeldet gekommen, mit vielen Entschuldigungen. Er hatte gefragt, ob er zuhören dürfe, war überhaupt überströmend liebenswürdig gewesen, auch gegen Pieter, und dennoch – ja, Pieter wußte selbst nicht, was es eigentlich war. Am darauffolgenden Mittwoch war Miß Ball krank gewesen; Sam Saj war mit dem Bescheid ins Kontor gekommen, Woodford aber hatte ihn Pieter überbracht. Pieter grübelte darüber, ob vielleicht Mijnheer selbst dahintersteckte. Hielt er das Interesse für die Literatur vielleicht für sinnlos, fürchtete er, es würde Lydia Fliegen in den Kopf setzen, oder was mochte es sonst sein? Hatte es vielleicht im Familienkreis irgendeine Meinungsverschiedenheit, einen Wortwechsel gegeben, wofür die Literatur die Schuld bekam? Auf alle Fälle konnte Pieter sich nicht von dem Verdacht frei machen, daß Woodford seine Finger mit im Spiel gehabt habe. Eines war sicher – das hatte Pieter Sam Saj entlockt –, Woodford stand auch außerhalb des Kontors mit Mijnheer durch reitende Stafetten in Verbindung. Was die Damen betraf, so hatte Pieter ihnen allerdings nichts anmerken können; außer jenem einzigen Mittwoch hatte Pieter nur durch Sam Saj oder Frau Hiencke von ihnen gehört; einmal war Mevrouw bei ihren Einkäufen in der Stadt auch im Kontor gewesen und hatte ihr Bedauern darüber ausgesprochen, daß man auf Grund von Mijnheers Abwesenheit und Miß Balls Krankheit nicht Gelegenheit habe, ihn so häufig wie sonst zu sehen. Indessen ging die Arbeit im Kontor von Tag zu Tag auf dieselbe Weise weiter. Pieter stellte sich mit Absicht blind und taub – was blieb ihm auch anderes übrig? Er drückte Gayo die Hand, als ob nichts passiert sei, jedesmal, wenn es diesem Mischling behagte, einem Zollbeamten oder vor wem er sonst prahlen wollte, zu zeigen, wie freundschaftlich er mit dem jungen Verwandten des Chefs stand. Pieter lächelte den blöden Augen zu, wiederholte Ayubs Zuruf von der großen Waage und Gayos Preisangaben, notierte alles mit gebührendem Ernst und sah von Woche zu Woche den Staubfresser als eingeborenen Lieferanten mit Gayos gestohlenem Gut an der Waage erscheinen. Dieses falsche Spiel ärgerte und demütigte ihn, so daß er es eines Tages satt hatte und beschloß, ihm ein Ende zu machen. Eines Tages, kurz vor Mittag, begab er sich zu Woodfords Glashaus. Er sah, daß der Prokurist in seinem Büro war, aber hinter der Milchglasscheibe sah er auch die Umrisse einer anderen Gestalt. Er setzte sich draußen auf die Bank. Nachdem er eine Weile umsonst gewartet hatte, beschloß er, die Angelegenheit bis morgen zu verschieben, als die Tür endlich aufging und, von Woodford höflich begleitet, Don Luis Gayo heraustrat. Er stieß gegen Pieter, der sich erhoben und einen Schritt auf die Tür zu gemacht hatte. Als Gayo sich umdrehte, um sich wie ein Gentleman zu entschuldigen, sah er, mit wem er es zu tun hatte. »Ah, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, lieber junger Herr«, sagte er schnell gefaßt, und hob seine Arme wie zu einer Umarmung. »Hier an der nährenden Quelle sehen wir uns wieder!« Er kicherte selbstzufrieden über den poetischen Ausdruck, der ihm von den Lippen geflossen war. Pieter konnte sich des feuchten Druckes der mageren Hand nicht erwehren. Als Gayo mit seinem schwankenden Gang die Biegung der Treppe erreicht hatte, winkte er zurück, während sein Gesicht von der Glückseligkeit strahlte, die eine genügende Dosis Morphium hervorzuzaubern imstande war. Woodford stand hinter der halbgeöffneten Tür und amüsierte sich über den Auftritt. »Wissen Sie, was ich hier habe?« sagte er, als er die Tür hinter Pieter geschlossen und ihm einen Stuhl angeboten hatte. Damit zeigte er ihm einen Foliobogen mit großer, geschnörkelter Schrift und Fingerabdrücken auf dem Rande, deren Berührung der patente Woodford vorsichtig vermied. »Es ist eine Klage von Don Luis gegen Don Pieter Adrian van Zanten wegen Übergriffs und Disziplinverletzung im Beisein von Eingeborenen. Außerdem soll der Beklagte an einem ernsten Krankheitsanfall des Klägers schuld sein, der eine Woche schmerzhaften Krankenlagers zur Folge hatte, wofür ein ärztliches Attest vorliegt. Es wird Schadenersatz verlangt für Arztkosten und Kreditschädigung.« Woodford lachte herzlich, fügte dann aber ernst hinzu: »Immerhin sind Zeugen da, daß Sie seinem Untergebenen, dem Wieger, verboten haben, seinen Befehl auszuführen, ihm seinen Stock fortgenommen und den Arbeitern Konterorder gegeben haben. Und was das Schlimmste ist, Sie haben einen Eingeborenen in seiner Aufsässigkeit unterstützt.« Pieter fuhr auf. »Allerdings. Da Gayo offenbar nicht bei Sinnen war. Ich habe nur getan, was recht war, alles andere ist Lüge.« »Ruhig! Ruhig! Ich berichte ja nur. Es ist Gayos Darstellung, und er behauptet, daß er Zeugen hat. Wie Sie aber sehen, liegt eine schriftliche Klage in bester Form vor, die wir nicht übersehen können, um so weniger, als er ausdrücklich verlangt, daß sie dem Chef persönlich vorgelegt wird.« Woodford legte seine Hand beruhigend auf Pieters Schulter, und wieder – stärker als je – war es Pieter, als ob ihm ein Strom heimlicher Feindschaft von der schmalen Hand durch den Körper rann. »Übrigens trifft es sich so günstig«, fuhr Woodford fort, »daß Mijnheer gerade heute, früher als erwartet – einer seiner Jagdfreunde ist krank geworden –, zurückgekehrt ist. Davon hat Gayo erfahren, und da ich gleich nach dem Lunch beim Chef zum Vortrag befohlen bin, muß ich ihm diese Sache mit den anderen, die auf seine Rückkehr gewartet haben, vorlegen. Also entschuldigen Sie mich. Auf später.« Nachmittags schickte Woodford nach Pieter. Er empfing ihn stehend, war Vorgesetzter, ohne Lächeln, kühl, knapp. »Ich kann Ihnen mitteilen, daß die Sache zwischen Gayo und Ihnen bei meiner Konferenz mit dem Chef nur ganz kurz erwähnt wurde, es gab so viele wichtigere Dinge zu besprechen. Der Chef hat mir aufgetragen, Ihnen seinen Gruß zu überbringen, die Anerkennung der Firma für Ihren Eifer auszusprechen – abgesehen von dem Fehler, den Sie in jugendlichem Diensteifer begangen haben – und Sie zu bitten, gegen sechs Uhr draußen auf dem Landsitz zu sein; er hofft, daß er dann eine Viertelstunde übrig haben wird, um die Sache näher mit Ihnen zu besprechen. Wie knapp seine Zeit nach seiner Rückkehr ist, werden Sie daraus ermessen können, daß er mich zu fünf Uhr bestellt hat, damit wir bei einem frühen Mittag, wir beide ganz allein, sogar die Mahlzeit zu wichtigen Besprechungen ausnützen können.« Woodford sollte also mit Mijnheer allein essen! Das mußten wahrlich wichtige Besprechungen sein! Pieter beobachtete ihn aufmerksam. Ja, eine Veränderung war mit Woodford vorgegangen, er war gleichsam ansehnlicher geworden, mehr Vorgesetzter, weniger lächelnd, weniger Kamerad, obgleich doch Pieter gleichzeitig aufgerückt und ihm dadurch eigentlich näher gekommen war. War ihm das Amt als Stellvertreter zu Kopf gestiegen? Und gleichzeitig war er soignierter als sonst, geradezu elegant. Der nagelneue Schlips war fest um den hohen, modernen Kragen gebunden, die Hemdbrust und die plissierten Manschetten waren aus Seide – die neueste Mode, die Jonkheer van Heltz bei dem letzten, vielbesprochenen Empfang des Generalgouverneurs eingeführt hatte. Und auch der Rock war neue, Pieter sah es erst jetzt. Wie er über der Schulter saß, die schlanke Taille umschloß! Funkelnagelneu herausgeputzt, höhnte Pieter im stillen, als ginge er auf Freiersfüßen! Geck, Affe! dachte Pieter, während ihm das Blut zu Kopfe stieg, von dem hatte man sicher keinen »Fehler, in jugendlichem Diensteifer begangen«, zu fürchten...! Er warf den Kopf in den Nacken und sah Woodford fest in die Augen, als er antwortete: »Ich danke Ihnen für die Übermittlung des Bescheides. Die Sache aber ist so wichtig für mich, daß ich mir erlauben werde, meinen Onkel so frühzeitig aufzusuchen, daß ich Gelegenheit habe, ihm selbst meine Sache vorzulegen und das Urteil aus seinem eigenen Munde zu erfahren.« Woodford machte eine hastige Wendung, als fühlte er eine Waffe gegen sich gerichtet. Seine Lippen öffneten sich erstaunt, und ein hastiger Seitenblick streifte Pieters Gesicht. »Ich habe Ihnen meinen Auftrag ausgerichtet«, sagte er. »Was Sie danach zu tun gedenken, bleibt Ihre Sache.« Er zuckte seine Achseln und wandte Pieter den Rücken. Pieter merkte, daß er zu weit gegangen war und eilte fort. Hatte er A gesagt, mußte er auch B sagen. Er schickte einen Bescheid ins Lager hinunter, daß er den Rest des Tages verhindert sei, und verließ das Kontor. Er eilte nach Hause, kleidete sich um, machte sich so fein wie möglich, in dem unklaren Gefühl, daß seiner ein Wettkampf wartete, fest entschlossen, sich nicht aus dem Felde schlagen zu lassen. Auf Freiersfüßen! dachte er. War es wirklich so, dann mußte er, der Lydia liebte, sie vor diesem Menschen, der ihrer in keiner Weise würdig war, bewahren. Sie und ihre Angehörigen ahnten ja offenbar nicht, was Woodford für ein Halunke und Verführer war; er, Pieter Adrian, wollte ihnen die Augen dafür öffnen. Pieter mietete einen Sado bei dem Neffen der Sergeantenwitwe, in derselben Straße, wo er wohnte, und versprach ihm doppelte Bezahlung, falls er in vierzig Minuten draußen auf dem Landsitz sein würde, das hieß nämlich, zehn Minuten vor der Zeit, die Mijnheer für Woodford bestimmt hatte. Pieter wußte, daß Woodford mit einer Rikscha hinauszufahren pflegte, das war das schnellste und sicherste Beförderungsmittel auf der Landstraße. Denn Woodfords Reitpferd war viel zu kostbar, um es fremden Händen anzuvertrauen, falls ihm unterwegs auf dem schlechten Wege etwas zustieß; falls aber der Rikscha-Kuli Arme und Beine brach, dann in die nächste Hütte mit ihm und mit einem anderen weiter. Was war das Leben eines Eingeborenen wert? Pieter hielt scharf Ausguck unterwegs, er kannte die Entfernung genau und wußte, daß er mit wenigstens fünf Minuten Vorsprung rechnen konnte. Zu seiner Erbitterung aber war etwas an dem einen Hinterrad nicht in Ordnung, sie mußten haltmachen, damit der Kutscher die Schraubenmutter fester anziehen konnte. Während sie am Wegsaum hielten, sah Pieter eine Rikscha näher kommen. Er stieg aus und beugte sich hinter den Wagen, als ob er dem Kutscher helfen wollte. Und durch die Speichen sah er Woodford in größter Eile vorbeirollen, ohne sich umzusehen. Kurz darauf war sein Wagen so weit, daß sie weiterfahren konnten. Der Staub der Rikscha lag wie eine rollende Wolke ein gutes Stück Wegs vor ihnen. Sie erreichten die Kokosplantage, fuhren hindurch, und vor ihnen lag der Landsitz »Garden of Health« mit seinem dunklen Park und dem hohen Blumentor. Das kleine Pförtnerhaus wurde repariert. Pieter sah ein Gerüst, das zwischen dem Tor und der Bretterwand des Hauses errichtet war, ein Eingeborener war im Begriff herunterzuklettem und sah den beiden Fahrzeugen, die sich näherten, entgegen, die Rikscha voran, die Sado hinterdrein. Neben dem Tor stand ein kleiner gebückter Mann; es war Sam Sajs Vater, der drauf und dran war, das Tor zu öffnen; wahrscheinlich erkannte er Woodfords lange Gestalt, die bei den Stößen auf der schlechten Landstraße auf und nieder hüpfte. Pieters Kutscher fuhr alles, was das Zeug halten wollte, und seufzte jedesmal hörbar, wenn das gebrechliche Fahrzeug einen Stoß bekam. Pieter wunderte sich, warum Woodford es so eilig hatte, er sollte ja erst um fünf Uhr auf dem Landsitz sein. Klopfenden Herzens dachte er, ob Woodford vielleicht jemand anders guten Tag sagen wollte, bevor er bei Mijnheer antrat? Pieter trieb den Kutscher zur Eile an, ohne darüber nachzudenken, wie peinlich es sein würde, wenn sie Seite an Seite ihren Einzug hielten. Was war das? Pieter griff unwillkürlich durch die Luft: Er sah, wie die Rikscha einen gewaltigen Sprung machte und mitten auf dem Wege umkippte; offenbar war sie dem Gerüst zu nahe gekommen, denn es schwankte wie nach einem Stoß. Im nächsten Augenblick hörte Pieter ein furchtbares Geschrei. Der Kuli lag auf dem Boden, während Woodford mit seinem Stocke auf ihn einschlug. Dann wurde es still. Pieter sah, wie Woodford seinen Rock auszog und gegen das Licht hielt. Er säuberte ihn, so gut es ging, zog ihn wieder an und eilte zu Fuß durch das Tor. Als Pieter das Tor erreichte, lag der Kuli noch auf dem Wege; er war bewußtlos. Blut rann ihm über den entblößten Rücken und vermischte sich mit dem Staub der Landstraße. Als Pieters Kutscher den Kuli aufhob, um ihn ins Haus zu tragen, schlug er die Augen auf. Stöhnend befühlte er seinen Rücken und versuchte die Glieder zu bewegen. Nichts war gebrochen, das Blut rann aus den Wunden, die Woodfords Stock ihm geschlagen hatte, sie entlockten ihm die Schmerzenslaute. Mühsam richtete er sich auf und zeigte auf das Gerüst, wo eine Latte baumelte, die in eine Radspeiche gegriffen und die Rikscha umgeworfen hatte. Der Pförtner erklärte gestikulierend, daß ein Nagel in Mijnheer Woodfords Rock ein Loch gerissen habe. Pieters Kutscher zog die zerschmetterte Rikscha beiseite, während die beiden Alten dem Verletzten, der bei jedem Schritt wimmerte, ins Haus halfen. Nachdem die Frau Wasser geholt hatte, wusch Pieter die blutigen Striemen aus und machte aus seinem großen neuen Taschentuch einen Verband. Pieters erster Gedanke war, Woodford mit seinem Wagen einzuholen und ihn wegen seiner Roheit gegen den Kuli zur Rechenschaft zu ziehen. Doch sah er ein, daß es nur einen Skandal geben würde, und welches Recht hatte er, sich da hineinzumischen? Was würde Mijnheer, was die Damen dazu sagen? Woodford würde den Spieß umdrehen, würde ihm seine Samariterdienste gegen einen elende Kuli vorwerfen, der seine wohlverdiente Strafe bekommen hätte! Vor den Augen seines Vorgesetzten – im Beisein von Eingeborenen! Und was dieses Argument in Mjnheers Augen bedeutete, das wußte Pieter. Um Lydias Mißfallen nicht zu erregen, entschloß er sich, einen Skandal zu vermeiden. Auch sah er ein, daß er sein Gemüt beruhigen mußte, bevor er Woodford gegenübertreten konnte. Er ließ den Wagen auf dem rückwärtigen Weg zum Hause fahren, während er zu Fuß durch die Hauptallee ging. Er wollte ein wenig unter den hohen Bäumen schlendern und sich fassen; da der Wettlauf aufgegeben war, hatte er keine Eile mehr. Veranda und Gartenzimmer waren leer, als Pieter schließlich das Haus erreichte. Er streckte sich auf einem Liegestuhl in einer Ecke der Veranda, wo Lydias Papageien ihn gleich zu unterhalten begannen. Hin und wieder meinte er Mijnheers Stimme aus dem kleinen Speisezimmer zu hören. Plötzlich stand Sam Saj grüßend in der breiten Türöffnung zum Saal. Das Geschwätz der Papageien hatte ihm verraten, daß Besuch gekommen war. Er machte ein bekümmertes Gesicht, denn die Herren aßen ja dort drinnen, er aber hatte keinen Bescheid bekommen, ein drittes Kuvert aufzulegen. Pieter beruhigte ihn, er sei nur zu früh gekommen, Mijnheer erwarte ihn erst um sechs Uhr. Hatte Sam Saj jemanden gern, so war er imstande, dem Betreffenden Wünsche und Fragen vom Gesicht abzulesen. Darum berichtete er gleich, daß Mevrouw ihre Migräne habe und zu Bett liege, aber zum Abend aufstehen wolle, daß Fräulein Lydia mit ihr auf dem Zimmer gegessen habe und jetzt im Begriff sei, sich umzukleiden. Er wolle ihr Pieter gleich melden, und sie würde sicher nicht lange auf sich warten lassen. Am liebsten hätte Pieter Sam Saj wegen dieser einfachen, tröstenden Worte die Hand gedrückt, Sam Saj konnte ihm also ansehen, daß er trostbedürftig war. Ich muß mein Gesicht besser in der Gewalt haben, dachte Pieter und preßte seine Lippen aufeinander. Für Speise und Trank dankte er, was er soeben erlebt, hatte ihm jeglichen Appetit genommen. Er wollte hier still im Schatten sitzen und ruhen, während er wartete. Die Papageien beruhigten sich. Die große summende Einsamkeit des Parkes legte sich auf ihn und schenkte ihm süße Erschlaffung nach einer schlaflosen Nacht und einem rastlosen Tag, dessen aufregende Stunden sich gejagt hatten, ohne Auslösung zu bringen. Er wußte selbst nicht, wie lange er dort gelegen, den Kopf auf Mevrouws Kissen, einem kunstvoll gestickten Goldfasan, dessen Entstehen unter fleißigen und liebevollen Händen er Mittwoch für Mittwoch verfolgt hatte – wußte nicht, wie lange die Orchideen in dem großen Kristallglas auf dem Tisch mit ihrem Duft seinen Traum von Lydia genährt hatten. Er fuhr in die Höhe, als er Mijnheers Stimme und Woodfords knarrende Schritte auf dem Fußboden hörte. Pieter war noch etwas schlafbefangen, als er sah, wie Mijnheer Woodford eine Cerut und Feuer reichte. Satt und zufrieden stand er da, die zwei untersten Knöpfe seiner Weste geöffnet, und blies den Rauch seiner Cerut von sich. Pieter hörte, wie er zu Woodford sagte: »Das übernehmen Sie also.« Im selben Augenblick entdeckte er Pieter. »Da bist du ja.« Pieter eilte auf ihn zu und begrüßte ihn. Woodford zog sich diskret in die andere Ecke der Veranda zurück. »Entschuldigen Sie uns so lange«, sagte Mijnheer zu ihm und fügte hinzu: »Die Damen werden bald kommen, und eine von ihnen wird Ihnen sicher gern den häßlichen Riß in Ihrem neuen Rock nähen.« Woodford nickte lächelnd. »Du verstehst wohl«, fuhr Mijnheer, zu Pieter gewandt, fort, indem er durch den Gartensaal ging, »daß ich mit Woodford sehr ernste Dinge zu besprechen hatte, darum konnte ich dich nicht zum Mittagessen bitten, und ich habe, ehrlich gesagt, ganz vergessen, Sam Saj zu sagen, daß du später kommst – Mijnheer sah sich nach dem Boy um –, »aber ich hoffe, daß du etwas zu essen bekommen hast – sonst –« »Vielen Dank«, sagte Pieter, »ich habe zu Hause gegessen.« »Schön, laß uns dann zur Sache kommen.« Mijnheer räusperte sich und schritt schneller aus. Kaum hatten sie das Arbeitszimmer erreicht und die Tür hinter sich geschlossen, als er herausplatzte: »Das ist ja eine schöne Geschichte –« Er sah Pieter zornig an, die dicke Halsader schwoll unheilverkündend. Pieter aber, der auf alles gefaßt war, richtete sich höher auf und sagte: »Ich erlaube mir, Sie daran zu erinnern, Mijnheer Onkel, daß mir durch Ihr Wohlwollen und auf Empfehlung des Prokuristen eine bestimmte Aufgabe anvertraut wurde – eine wenig beneidenswerte Aufgabe, wie der Prokurist selbst sagte –, durch die ich meine Intelligenz beweisen und auch meine Warenkenntnis erweitern sollte. Ich habe mein Bestes getan und die Aufgabe gelöst.« »Gelöst, ja, das bestreite ich nicht – in der Realität, aber in der Form, Monsieur? Was habe ich hören müssen?« Er nahm ein Papier vom Schreibtisch, das Pieter gleich erkannte. »Hier liegt eine Klage vor von unserem langjährigen Lagerverwalter und Musterchef. Du wirst verklagt wegen Verletzung der Disziplin in Gegenwart von Eingeborenen.« »Der Mann war von Sinnen. Statt sich gekränkt zu fühlen, sollte er sich lieber bei mir bedanken, daß ich einen Skandal verhindert habe. Was aber bedeutet das alles im Verhältnis zu dem verbrecherischen Schwindel, den ich aufgedeckt habe? Ich appelliere, Mijnheer Onkel, an Ihren bekannten – Ihren bekannten –« »Unsinn!« donnerte Mijnheer. Da sah er, wie in Pieters rundem Kopf eine heftige Röte aufstieg, und eine Mischung von Respekt und Wohlwollen trat unwillkürlich in Mijnheers Blick. »Darauf komme ich später zurück. Wie gesagt, es ist nicht meine Absicht, dir die Anerkennung zu versagen, die du verdient hast, das wirst du gleich sehen. Aber ich habe dir bereits früher eine Warnung zukommen lassen, weil ich hin und wieder gehört habe –« Mijnheer stand auf und stellte sich breitbeinig vor Pieter, der ebenfalls aufgesprungen war. Wieder leuchtete trotz des Ingrimms ein gewisser Respekt in seinen Augen, den barschen Ton aber änderte er nicht, als er fortfuhr: »Du hast eine merkwürdige Vorliebe für die Eingeborenen, ein Interesse für ihr Wohl und Wehe, das durchaus nicht am Platz ist – und das wir im Geschäft nicht dulden können. Diese jugendliche Unreife mußt du abstreifen, wenn du es hier zu etwas bringen willst. Die Eingeborenen dürfen nie und unter keinen Umständen vergessen, wo sie hingehören, sie müssen sozusagen immer unter der Peitsche stehen. Falsch angebrachte Humanität können wir hier draußen nicht gebrauchen, dadurch bringst du mich, deinen Verwandten und Chef, in eine schiefe Stellung! Das fehlte gerade! Weißt du, was Wahoegen, der hochgeschätzte Senior unserer Firma, ja von ganz Batavia, sagte, als Gayos offizielle Klage ihm zur Begutachtung vorgelegt wurde: ›Und wäre er auch der Sohn des Chefs, so können wir ihn hier im Hauptkontor nicht gebrauchen.‹« Er machte eine Pause, und Pieter duckte sich unwillkürlich. Auf solch grobes Geschütz war er nicht vorbereitet; er konnte keine Worte finden. »Verfluchte Geschichte!« Mijnheer ging auf und ab, die Hände auf dem Rücken. Schließlich blieb er vor Pieter stehen. »Na, junger Mann, tröste dich! Glücklicherweise hat Woodford einen Ausweg gefunden, der alle Teile befriedigen wird. Siehst du, gerade heute ist eine sehr wichtige Entscheidung für die Firma getroffen worden. Als Anerkennung für Woodfords ganz vorzügliche Geschäftsleitung während meiner Abwesenheit – ich kann dir anvertrauen, daß die ›Stellvertretung‹ eine Probe war, die er mit Glanz bestanden hat, er hat unter anderem der Firma wichtige Geschäftsverbindungen zugeführt, aber darauf verstehst du dich noch nicht –, na, kurz und gut, ich habe Allan Woodford heute als Kompagnon in meine Firma aufgenommen. Dieses Ereignis haben wir mit unserem kleinen Diner zu zweien besiegelt. Du bist der erste, der die Ehre genießt, davon zu erfahren, im Vertrauen, offiziell wird es erst in einer Woche bekanntgegeben werden. Und der Zufall will, daß Woodfords erste Amtshandlung in seiner neuen Stellung dich betrifft. Sie gibt Zeugnis von seiner loyalen und verständnisvollen Denkweise, indem er dir in Anerkennung deiner Verdienste eine Beförderung gewährt – eine Beförderung, verstehst du –, während er gleichzeitig den Musterchef, den du in jugendlich übertriebenem Eifer gekränkt hast, zu seinem Recht kommen läßt. Ich kann dir erzählen, daß der Musterchef in seiner Klage den festen Entschluß äußert, sich zurückzuziehen, falls du weiter im Lager beschäftigt wirst. Natürlich stützt er sich dabei auf Wahoegens ziemlich unverblümte Erklärung und fügt hinzu – übrigens sehr taktvoll –, daß es ihm sehr peinlich ist, in dieser Weise gegen einen nahen Verwandten des erhabenen Chefs aufzutreten, und versichert zum Schluß, daß er gegen dich persönlich nicht das geringste habe, daß er deine vortrefflichen Eigenschaften schätze, wie aber solle er in Zukunft seine Autorität den Eingeborenen gegenüber bewahren, nach dem, was in Gegenwart sowohl von Arbeitern wie Lieferanten geschehen sei? Im übrigen verweist er auf seine bereits im voraus stark angegriffenen Nerven und so weiter, und so weiter.« Er machte abermals eine Pause, und abermals stand Pieter verblüfft, wortlos. »Du begreifst wohl«, begann Mijnheer wieder und faßte seinen jungen Verwandten am Rockaufschlag, »du begreifst wohl, daß es aus verschiedenen Gründen notwendig ist, dich aus dem Hauptkontor zu entfernen, jedenfalls bis auf weiteres. Da nun in unserer südlichen Filiale Tjelatjap gerade ein Posten frei geworden ist – der alte Grooft ist vor einer Woche hier in Batavia ins Krankenhaus eingeliefert worden –, so haben wir uns entschlossen, dir diese Filiale und Schiffsstation als selbständigem Leiter anzuvertrauen. Ein selbständiger Leiter hat das Gehalt eines ersten Angestellten hier im Büro, außer den Repräsentationsgeldern und so weiter. Du siehst also, daß ich recht hatte, als ich es eine Beförderung nannte. Unsere einzige Sorge ist, daß du für den Posten zu jung bist, aber das bessert sich ja mit den Jahren – haha – und wir sind überzeugt, daß du dein Bestes tun wirst, um dich unseres Vertrauens würdig zu erweisen.« Es dauerte eine Weile, bevor Pieter sich gefaßt hatte und den Dank stammeln konnte, den Mijnheer offenbar von ihm erwartete. Er beugte den Kopf tief, als er Mijnheers ausgestreckte Hand drückte, er wagte den Kopf nicht zu heben, weil seine Augen voller Tränen standen, Tränen der Kränkung, der Enttäuschung, des Schmerzes – ach, Lydia, Lydia! Mijnheer, der es für ein Zeichen der Dankbarkeit und des Gehorsams hielt, klopfte ihm väterlich die Schulter. »Tjelatjap liegt der berühmten Blumeninsel gerade gegenüber, die ebenso schön wie ungesund ist. Ihr mußt du dich fernhalten, darfst nur bei Sonnenuntergang zu ihr hinüberblicken, wenn die Abendwolken wie violette Decken über den niedrigen Bergen hängen. Ich bin einmal dort gewesen, und es war sehr schön. Aber einsam, sehr einsam wird es dort für dich sein, doch du liebst ja die Einsamkeit, das hast du mir schon in Amsterdam anvertraut, und in gewisser Weise verstehe ich dich. Außerdem hast du dort Gelegenheit« – Mijnheer lachte munter und rieb sich das Kinn – »die Eingeborenen in der Nähe zu betrachten und sie kennenzulernen, wie sie wirklich sind. Denn ich glaube, deine Vorliebe für sie stammt aus den Reisebeschreibungen oder deiner Abenteuerlust, denn du bist ja auf der Suche nach Abenteuern, nicht wahr? Darum wird es dir gut tun, eine Dosis Wirklichkeit zu schlucken und dir die Sache mal in der Nähe anzusehen, hahaha. Außerdem bekommst du Zeit in der Einsamkeit, dich deiner anderen Vorliebe, der 'Literatur', zu widmen; ich werde dafür sorgen, daß du aus der Bibliothek Bücher zugeschickt bekommst. Ja, ja, jeder nach seinem Geschmack. Ich war auch einmal jung und hatte meine Passionen, wollte zum Zirkus, haha, Schulleiter oder dergleichen werden. Hörte ich von einem Wanderzirkus in der Nähe, gleich ritt ich viele Meilen, machte Dummheiten, und mein Vater schalt: ,Aus dir wird nie etwas Gescheites werden, du mit deinen Clowns und Zigeunern!' Ehrlich gestanden, eine kleine teuflische Tänzerin kurierte mich durch ihre Falschheit. Und jetzt kann ich keinen Zirkus mehr vertragen. So wird es auch dir gehen, darum erzähle ich es dir, hast du dir erst die Hörner abgelaufen – deine Literatur und all die komischen Ideen –, wirst du in aller Stille ein vernünftiges und nützliches Mitglied der Gesellschaft werden. Junges Blut – junges Blut! Merk dir meine Worte, ich spreche an Vaters Statt zu dir. Also pflege du nur deine Literatur in der Einsamkeit, bis du sie satt bekommen hast. Ist ein Pferd auch noch so durchgängerisch, schließlich kehrt es doch zu der gefüllten Krippe zurück. Das ist meine Meinung.« Pieter Adrians anhaltendes Schweigen hatte Mijnheers freundliches Gemüt weich gestimmt. Er klopfte ihm wieder die Schulter und sagte sanft und heiter: »Also, ich gratuliere! Wir werden dich vermissen, das kannst du mir glauben! Aber es gibt ja etwas, was Ferien heißt, und die Entfernung ist nicht größer, als daß du die Reise in fünf Tagen zurücklegen kannst, einen Tag zur See, bis Pekalonga, und von dort vier Tage über Land durch die Provinz Banjumas – herrliche Jagd gibt's dort. Nun aber mußt du mich entschuldigen, ich habe noch allerhand mit Woodford an diesem bedeutungsvollen Tage zu besprechen. Hier hast du eine Cerut, mach einen Spaziergang durch den Park und laß dir deine neue Stellung durch den Kopf gehen. Mittlerweile werden die Damen herunterkommen, und du kannst einen gemütlichen Abend mit ihnen verleben, während ich mit Woodford noch Geschäftliches zu erledigen habe.« Als Pieter von seiner Wanderung durch den Park zurückkehrte und gerade um das letzte Gebüsch biegen wollte, hörte er Lydias Stimme oben am Hause. Das Blut schoß ihm zum Herzen, es war so lange her, seit er sie gehört hatte. Wahrend er auf das Haus zueilte, dachte er, daß es nun mit den Mittwochabenden vorbei sei, bald würde eine Reise von fünf Tagen zwischen ihnen liegen. Der Gedanke schnitt ihm so tief ins Herz, daß er einen Augenblick stehenbleiben mußte, um die Beklemmung zu überwinden. Als er schließlich um das Gebüsch bog, sah er Lydia in einem neuen, weißen Kleid neben dem runden Gartentisch stehen, über Woodford gebeugt, der auf der Bank vor ihr saß. Sie waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß sie ihn gar nicht sahen. Lydia hatte beide Hände auf Woodfords Schulter gelegt, jetzt hob sie die eine langsam, und im selben Augenblick begriff Pieter, was dort vorging – sie nähte den Riß in seinem Rock. Wahrscheinlich hatte Woodford auf der Veranda gesessen, als sie herunterkam, und hatte sie gebeten, den Riß in seinem Rock zu nähen – Mijnheer hatte ihn ja selbst dazu aufgefordert. »Was haben Sie mit dem Sünder gemacht?« hörte Pieter Lydia fragen. Woodford schwang seinen rechten Arm, als hielte er einen Stock. »Sie können mir glauben, das passiert ihm nicht wieder!!« Er lachte kurz und hell auf. Und Lydia stimmte mit ein. »Ihr schöner, neuer Rock«, sagte sie mit ihrer weichen Stimme und strich wie in Gedanken über die Stelle, die sie genäht hatte. »Dank!« flüsterte er, griff nach ihrer Hand und küßte sie. Errötend senkte sie ihren lockigen Kopf. Da sprang er auf und drückte ihre Hände gegen seine Brust. So standen sie eine Weile. Da sah Pieter, wie Woodford ihre Arme hob, und sie legten sich willig um seinen Hals. Er beugte seinen Kopf zu ihr herab, und ihre Lippen begegneten sich. Madan Blanchards Abenteuer Literarischer Versuch von Pieter Adrian van Zanten Vorbemerkung des Herausgebers Schon im Tagebuch Siehe auch Vorwort und Nachwort des Herausgebers. zeigt van Zanten Lust und Drang zum Dichten. Seinem französischen Lehrer, der ihn mit dem überaus interessanten Werk über die »Antelope« und ihren Schiffbruch bekannt gemacht hat, sagt er, er möchte einmal, wenn er Zeit bekomme, »wie ein richtiger Dichter« den knappen und dürren Worten des Buches Fleisch und Blut geben. Die Gelegenheit dazu bietet sich zuerst, als sein Aufenthalt in Batavia bei seinem Onkel mit einer ernsten Krisis endigt und sein bedrängtes Gemüt während einer langen, erzwungenen Periode der Einsamkeit für die bittere Lehre der Wirklichkeit Zuflucht in dichterischer Auslösung sucht. Das liebe Buch taucht in seiner Erinnerung auf, Stoff und Vorstellungskreis beschäftigen seine Phantasie, und es entstehen eine Reihe lebendiger Bilder von Personen und Ereignissen, die er unter dem Titel »Madan Blanchards Abenteuer« zusammenfaßt und die hier zum erstenmal veröffentlicht werden. Niclas Tyacke saß rittlings auf der Brustwehr und blickte schwermütig zur »Antelope« hinüber. Sie wiegte sich mit ihrem breiten Bug und dem Achterkastell auf den sanften Wellen; der Südwind blähte die Spitzsegel, die zum Trocknen gehißt waren. Oben im Ausguckkorb saß der Zimmermann und besserte etwas aus, Tyacke konnte ihn an seinem roten Halstuch erkennen. Tyacke meinte, er habe nie ein schöneres Schiff gesehen. Es lag dort auf dem Wellenspiegel und blickte schnippisch auf seine Stückpforten herab, wie eine Jungfrau auf ihre kleinen Brüste: »Komm mir nicht zu nah!« Alles an Bord, die Kojen, die Takelage, die Verpflegung und die Besatzung waren erstklassig, und das alles hatte er aufgegeben wegen des Ersten Steuermannes, dieses verfluchten Irländers mit seinem hängenden Schnurrbart und dem Haarbusch auf der Stirn. Man war ja nicht umsonst Schotte, eigensinnig wie ein Schotte, dumm wie ein Schotte, verhöhnte er sich selbst. Er spuckte im weiten Bogen über das Wasser, schwang sein Bein über die Mauer und schlenderte durch die Praya grande, die in einem langgestreckten Bogen längs des inneren Hafens ganz bis zur Mole hinausführte. Die Luft war feucht und schwül, der Himmel hing tief und grau. Obgleich die Sonne nicht schien, blendete das Licht, so daß man die Augen zukneifen mußte. Sein Kopf schmerzte, als säße er in einem Schraubstock. Sollte ein Taifun im Anzug sein? Er seufzte melancholisch und wandte die Augen von dem armierten Schoner ab, mit seinen dreihundert Tonnen und kleinen Schießlöchern, sandte ihm einen letzten, entsagungsvollen Blick und schritt dann über die breite Promenade, indem er den Schatten unter den alten Alleebäumen aufsuchte. Die Sonne hatte gerade die Wolken durchbrochen. In dem Palast des Gouverneurs waren alle Läden in der Mittagshitze geschlossen, bei Fußsteig davor war blendend weiß. Wen sieht er da? Wahrhaftig, Dull kommt aus einer knarrenden Tür, einen kläffenden Hund auf den Fersen, er kommt aus dem Hause des Superkargos, das blanke Schild der Kompanie hängt über der Tür. Dull trägt die Ledermappe des Kapitäns mit dem goldverzierten Wappen unter dem Arm. Thomas Dulton war Niclas' Kamerad auf der »Antelope«. Niclas aber möchte nicht gesehen werden; er biegt in eine Seitengasse ein, die zur Hauptstraße führt, wo die Chinesen mit großen, flachen Strohhüten und Zöpfen, die bis an die Füße reichen, auf lautlosen Filzschuhen längs der Häuser schlendern und sich über die offenen Auslagen beugen; die eingeborenen Kaufleute wohnen in kleinen Holzkäfigen über ihren Läden, nur hin und wieder sieht man ein gemauertes Haus. Lange, breite Papierstreifen hängen von den Hausfassaden herab, verkünden den Namen des Kaufmanns und preisen seine himmlischen Waren. Eine schreiende Sau, die geschlachtet werden soll, wird, mit den Beinen nach oben, in einem großmaschigen Netz von zwei halbnackten Kulis an Stangen getragen. Hühner stieben bei dem Geschrei auseinander, ein herrenloser Köter versucht dem Schwein an die rote, schreiende Schnauze zu fahren. Für Niclas ist das alles nichts Neues, es ist schon seine dritte Reise nach dem Osten, dennoch wundert er sich über all die seltsamen Geschöpfe, die es auf Gottes Erde gibt. Etwas weiter fort in der Straße sieht er einen Seemann, der mit einem Satz von den hohen Stufen eines Hauses mit offenstehenden Fenstern herabspringt; aus dem Hause klingt eine miauende Mädchenstimme und eine dreisaitige Gitarre, wie sie von den Geishas in den Teehäusern gespielt wird. Es ist ein Jungmann mit einer Stupsnase und blondem Haar, das ein wenig ins Rötliche spielt. Niclas mustert ihn, während er auf ihn zukommt. Ein Grünschnabel, denkt er, der wie er selbst durch einen Zufall an Land gespült worden ist und sich schon eine Weile hier aufgehalten hat, denn sein Gesicht hat die frische Salzwasserfarbe verloren; wahrscheinlich wird von seiner Heuer nicht mehr viel übrig sein. Sicher ist er Stammgast bei dem Chinesen dort an der Ecke und wohnt bei einem seiner Mädchen. Niclas kennt den Rummel, und weil er selbst einsam ist, tut der Grünschnabel ihm leid, der abseits geraten zu sein scheint. Er muß an seine erste Reise nach dem Osten und die Hitze denken. Der Bursche biegt in die Rua de Felicidad, die Straße des Glücks, ein; dort geht er langsam und betrachtet die Spielhöllen. Zwar weiß er genau, in welche er gehen will, aber es macht ihm Spaß, die Schilder zu betrachten. Hinter viereckigen Papierlaternen steht der Name des Geschäfts über der Tür, mit chinesischen Buchstaben und auf portugiesisch; der junge Mann kann weder das eine noch das andere deuten, aber er weiß, was drinnen los ist. Madan Blanchard – so heißt der blonde Jungmann – tritt in das Haus ein, wo sein Mädchen, eine kleine, rundbäckige Miezekatze mit schwarzem, blankem Haar und seidenen Pantoffeln an den Kinderfüßen, mit ihrer Mutter auf ihn wartet. Sonst hat sie ihren Stand neben dem Eingang von Wong-wos Spielhaus. Abends, wenn die Papierlaternen angezündet sind, kommt sie und ihre Mutter, falls das Geschäft gut gewesen ist, in der Rikscha angefahren, und wenn es schlecht gewesen ist, watscheln sie mühsam auf ihren verkrüppelten Füßen. Die Mutter führt die Tochter am Arm, denn sie ist blind. Auf ihrem Gesicht liegt stets ein süßes Lächeln, als dächte sie an etwas Hübsches mitten in dem Gedränge. Dieses Lächeln hatte es Madan angetan, als er ihr und der Mutter am ersten Abend begegnete; er kam aus Wong-wos Spielhaus, voller Erwartung, zu allem möglichen aufgelegt, und erbot sich, die kleine Blinde auf seinen Armen zu tragen; die Mutter dankte ihm, und Bi-Fi, so hieß die Kleine, gab gleich ein Stück auf ihrem dreisaitigen Instrument zum besten. Bevor es Nacht wurde, hatte die Mutter ihn Wong-wos Glücksspiel gelehrt, »einzigartig in den Feengärten des Ostens«, hatte erfahren, wieviel er noch von seiner Heuer besaß, hatte versprochen, es für ihn aufzuheben – »Makao sei voll von Dieben« – und hatte ihm ein behagliches Heim verschafft, bestehend aus zwei kleinen Stuben, nicht größer als Kanarienvogelbauer, die er für eine angemessene Summe mit Bi-Fi teilen durfte. Wenn Madan von seiner Morgenwanderung im Hafen zurückkehrt, wo alle ein- und ausgehenden Schiffe ihn interessieren, ißt er mit Bi-Fi auf chinesisch zu Mittag, das hat er schnell gelernt. Dafür hat er sie dies und das von dem täglichen Leben in seiner Heimatstadt aus der südwestlichen Ecke von England gelehrt. Seemannsausdrücke, gute Manieren und andere nützliche Dinge. Das hat Veranlassung zu viel Gelächter gegeben, und sie hat ihn in verschiedene Teehausgebräuche eingeweiht, die für einen jungen Mann, der vorwärts will, nicht unwesentlich sind. Das war im Jahre des Herrn 1783. Auf diese Weise vergeht der Tag, und mit Eintritt der Dunkelheit beginnt Bi-Fis Arbeitszeit. Sie nimmt an der Ecke vor dem Eingang des Spielhauses Aufstellung und miaut zu den Klängen der dreisaitigen Gitarre, indem sie Vorübergehende mit ihrem süßen Lächeln lockt, sie mit ihren blinden Augen daran erinnert, daß Konfutse ihnen eingeprägt hat, man solle dem Leidenden Barmherzigkeit erweisen. Die Abendstunden, die Madan Blanchard allein totschlagen muß, verbringt er in Wong-wos Salon und versucht sein Glück innerhalb der Grenzen der Summe, die Bi-Fis Mutter ihm jeden Abend von seiner eigenen Heuer auszahlt. In den Spielsälen sitzen alte und junge Chinesen um den grünen, viereckigen Tisch. Ein Chinaboy mit einem blanken, unbeweglichen Gesicht wie ein Zifferblatt klaubt mit einem Bambusstab, regelmäßig wie ein Pendel, die durchlöcherten chinesischen Geldstücke, die in einem Haufen vor ihm auf dem Tisch liegen, Stück für Stück auseinander. Das Fantam-Spiel ist sehr einfach. Man setzt auf 0, 1, 2 oder 3. Der Bankier ordnet die Münzen in kleinen Haufen zu vieren, und die Zahl der Münzen, die schließlich übrigbleibt, 0, 1, 2 oder 3, hat gewonnen. Den Einsatz, den man gemacht hat, bekommt man dreifach zurück, abzüglich acht Prozent für die Bank. Hier und in der Opiumbar geben die kleinen, fleißigen Arbeitsbienen mit den schiefen Augen ihren elenden Tagelohn aus, um das bißchen Honig zu saugen, mit dem sie am Leben kleben. Von den hohen, dreibeinigen Stühlen starren sie mit blanken Augen auf den Tisch, wie Ratten ins Licht, die fahlen Gesichter sind unbeweglich, nur der Blick lebt. Will der Schlaf sie überwältigen, gibt es im Nebenraum Ruhelager, wo sie sich ausschlafen können. Auf diese Weise vergeht die Nacht. Oben auf der Galerie, die rings um den Saal herumläuft, sitzen Seeleute, die Heuer und Mußestunden totschlagen. Aus der Stadt kommen Kontoristen aus der Superkargo-Gesellschaft (sie wollen nicht gesehen werden und sitzen im Hintergrund), Aufseher aus den Lagerhäusern am Hafen und Matrosen, die sich wie Fische auf festem Boden gebärden. Sie sitzen zwischen Chinesen aus der Chinastadt, die ein eigenes Geschäft besitzen. Man legt seinen Einsatz in einen Korb, der an einer Schnur unter der Decke hängt und auf den grünen Tisch hinuntergehißt wird, der Gewinn wird hineingelegt und zu den Spielenden auf der Galerie heraufgezogen. Die Spieler sitzen auf niedrigen, bequemen Stühlen und nippen an den Dingen, die das Spielhaus gratis verabreicht; sobald der Gast seinen Platz gewählt hat, wird von einer schmalen, gelben Hand lautlos eine kleine Schale mit einer Zigarette, einer Mandarine, einer Pflaume ober dergleichen vor ihn hingesetzt. Madan folgt dem Spiel mit großen Augen, in denen sich das Licht der Deckenlampe spiegelt; er liegt mit beiden Armen über der Balustrade und winkt hinunter, wenn jemand nach oben blickt. Jedesmal, wenn er sein Glas Gin ausgetrunken hat, setzt der Boy lautlos und ungebeten ein neues vor ihn hin. Er ist schon halb betrunken, als Niclas Tyacke hereinkommt und neben ihm Platz nimmt. Madan entdeckt ihn und nickt; der Korb hängt gerade vor ihm. Er legt seinen Einsatz hinein und hält ihn zurück, damit auch Niclas seinen Einsatz machen kann. Er stößt ihn kameradschaftlich in die Seite: »Macht Spaß, nicht?« und läßt den Korb los. Nachdem das Spiel wohl zehnmal wiederholt worden ist und Niclas gewonnen hat, ladet er Madan ein, irgendwo ein Glas mit ihm zu trinken. Während sie durch die Straße gehen, erzählen sie sich gegenseitig das Wichtigste aus ihrem Leben; Madan ist mit der »Mermaid« nach Makao gekommen und will Heuer nach Europa nehmen, wann es ihm paßt, das heißt, wenn er kein Geld mehr hat. Er wird beinahe nüchtern, als er erfährt, daß Niclas mit der »Antelope« gekommen ist, seine Augen glänzen, während Niclas erzählt. Der Steuermann, ein verdammter Irländer, hatte eines Tages behauptet, daß zwei ausgewachsene Schotten nicht imstande wären, es mit einem achtzehnjährigen Irländer aufzunehmen; da hatte Niclas ihm angeboten, auf der Stelle das Gegenteil zu beweisen, und wäre nicht Thomas Dulton dabeigewesen und hätte ihn beim Kragen gepackt, er würde den Ersten Steuermann vor den Augen der ganzen Mannschaft niedergeschlagen haben. »Dieser eingebildete Idiot!« sagt Madan und spuckt in weiten. Bogen aus. »Die Irländer von der Westküste sind alle eine verfluchte Bande. Meine Mutter war Irländerin, aber natürlich von der Ostküste. ›Trau nie einem Irländer aus dem Westen!‹ sagte sie immer.« Niclas wurde Madans Freund und Beschützer, weil seine Mutter Irländerin von der richtigen Sorte war. Auf Madans Empfehlung kehrten sie bei China-Tom ein, der Tee mit Gin und Bitter in seinem offenen Laden mitten auf der Straße verabreichte. Niclas spendierte. Madan spielte mit dem Zopf eines jungen, spindeldürren Chinesen, der vor ihnen saß und sich den Zopf wie einen Zügel um den Leib geschlungen hatte, ohne weiter darüber nachzudenken, begann Madan den Zopf abzuwickeln, bis der knochendürre Chinese fast vor Wut explodierte. »Nimm dich in acht!« sagte Niclas warnend, »es ist dasselbe, als ob jemand dir die Hosen auszieht.« Madan war so weit heruntergekommen, wie Niclas sich selbst nur ungern sehen würde. Darum beschloß er, sich des Kameraden anzunehmen. Er faßte ihn unter den Arm, China-Tom puffte ihn in die Seite und rief ihnen »Gute Nacht« und »Auf Wiedersehen« zu. »Halts Maul!« sagte Niclas und bugsierte Madan um die Ecke des Büfetts. Als sie draußen auf der Straße standen, wollte Madan nach Hause, nach Cornwall in England; als sie aber die Straßenecke erreichten, wo Bi-Fi ihren Stand hatte, besann er sich eines Besseren und wollte zu seinem Mädchen es sei Sünde um die Kleine mit den blinden Augen. Mag er sich zuerst ausschlafen, dachte Niclas und begleitete ihn zu seinem Kanarienvogelkäfig. Morgen aber – Kaum war es Tag geworden, als Niclas vor der Tür erschien und nicht aufhörte, mit der Faust dagegen zu donnern, bis die Mutter kam und ihn hereinließ. Madan schlief noch, aus dem Käfig klang Schnarchen und Miauen. Mittlerweile hielt Niclas eine handfeste Abrechnung mit der Alten und zwang sie, ihm den elenden Rest von Madans Heuer auszuliefern, schreiend und drohend mußte sie zusehen, wie Niclas in den Kanarienvogelkäfig einbrach und Madan von der Bettmatte hob, während Bi-Fi sich wie ein Kreisel drehte und ihre Beute mit Zähnen und Krallen verteidigte. Es war erstaunlich, wie die funkelnden, gelben Augen der armen Kleinen, die angeblich blind war, jeder Bewegung von Niclas zu folgen vermochten, und wie treffsicher sie ihn mit Gegenständen aus dem Zimmer – auf Einzelheiten wollen wir lieber nicht eingehen – bombardierte. Niclas kleidete seinen neuen Freund, der viel zu schläfrig war, um selbständig zu handeln, notdürftig an. Zum Schluß warf ihm sein kleines blindes Mädchen noch ihren seidenen Pantoffel an den Kopf, während sie seine Mütze zur ewigen Erinnerung behielt. Eine Tasse glühendheißen Tee mit Rum bei China-Tom brachte Madan vollends zur Besinnung, und Arm in Arm schlenderten die beiden Freunde durch die Praya grande, wo die chinesischen Boys im Begriff waren, vor den Herrschaftshäusern zu fegen. Niclas gab ihm sieben Schillinge, das war alles, was er von der Heuer gerettet hatte. Darauf setzten sie sich selbander auf die Brustwehr, wo Niclas gestern morgen gesessen hatte. Niclas zeigte auf die »Antelope«. »Sieh dort!« Madan riß die Augen auf. Nachdem er sich an dem herrlichen Schiff satt gesehen hatte, richtete er sich höher auf, schlug mit der Hand auf die Mauer, daß es klatschte, und schwur, daß er dort Heuer suchen wollte, mochte der Kapitän auch ein Irländer von der Westküste sein. Niclas überlegte. Er wollte Dulton vor dem Büro des Superkargos auflauern und ihn zu Rate ziehen. Er seufzte tief, ihm war das Paradies ja verschlossen, des verfluchten Steuermannes wegen. Kaum hatte er seinen Entschluß gefaßt, als ein bekanntes Pfeifen vom Wasser her sein Ohr erreichte. Die Schaluppe der »Antelope« glitt sacht über die blanke Wasserfläche, von einem Waisenhausknaben gerudert. Am Steuer saß Dulton, sein Freund und Kamerad, Thomas Dulton, der immer durch eine Zahnlücke pfiff. Engländer, zuverlässig, ob es eine Schlägerei oder Sauferei galt, ein guter Kamerad, obgleich er Bursche beim Kapitän war. Diesmal ging Niclas ihm nicht aus dem Wege, es war auch keine Zeit mehr, denn Thomas Dulton hatte ihn gesehen, das konnte er an seinem Pfeifen hören. »Gut gerudert!« Die Schaluppe glitt auf den Strand, und Thomas sprang mit seinen langen, dünnen Beinen über den Steven. »Wie geht's, Alter?« Er streckte Niclas seine Hand entgegen, sein Arm war lang und mager, nackt bis zum Ellbogen. Niclas spuckte gemächlich über den Kopf des neugierigen Waisenhausjungen hinweg, um ihm seine Geringschätzung auszudrücken. »Mir geht's famos«, sagte er mürrisch; »wie lange wollt ihr eigentlich noch liegenbleiben?« Dull faßte die goldverzierte Ledermappe fester unter den Arm, gab dem Jungen Bescheid, daß er ihn drüben an der Brücke erwarten sollte, schwang sich pfeifend über die niedrige Brustwehr und setzte sich neben den Schotten mit den breiten Schultern und dem mageren, sehnigen Körper. Durch das offenstehende Hemd sah man eine Sonne mit Strahlen und einen Anker auf der sonnengebräunten Brust. »Der Super kommt morgen nachmittag mit dem Arzt und dem Kapitän an Bord, und gegen Abend stechen wir in See.« Niclas blickte zum Schiff hinüber und sah, daß es segelfertig war. »Geht's nach Hause?« fragte er, als ob es für ihn das Gleichgültigste von der Welt sei. Dull pfiff geheimnisvoll. »Was sollen wir mit einer Ladung von sechzehn verfluchten Chinesen, wenn's nach Hause geht? Und der Proviant riecht auch nicht nach Rückreise.« »Was denn? Geht's auf Entdeckungsreisen?« Niclas schielte, das tat er immer, wenn etwas ihm zu Herzen ging. Madan hatte seine großen, blauen Knabenaugen weit aufgerissen. »Eine richtige Entdeckungsreise?« fragte er und dachte an James Cook. »Bei mir zu Hause leben zwei Matrosen, die Cooks letzte Reise mitgemacht haben, der eine ist Leuchturmwächter, der andere –« Er packte Dulton am Arm: »Könnt ihr nicht einen Jungmann gebrauchen?« Dulton musterte ihn von oben bis unten mit zusammengekniffenen Augen, während Madan die Brust vorschob und sein reiches, blondes Haar in den Nacken warf. »Irländer?« fragte Dull ein klein wenig überlegen. »Ja, aber von der Ostküste«, war die prompte Antwort, »Madan Blanchard! Zwanzig Jahre alt!« Er bekam einen roten Kopf, denn als er »Grünschnabel« in Thomas Dulls erfahrenen Augen las, hatte er sich schnell ein Jahr älter gemacht. Dull blickte von Madan zu Niclas, und als der Schotte zustimmend nickte, pfiff er sich ein Stück, während er überlegte. »Können sich ja mal vorstellen«, sagte er und zeigte mit dem Daumen auf das Bürohaus. Madan machte ein dummes Gesicht. »Beim Superkargo«, erklärte Niclas. Er schielte zu seiner lieben »Antelope« hinaus, das Herz schnürte sich ihm zusammen, und mit einem scheuen Blick auf Dull fügte er hinzu: »Soll ich mitgehen?« Dull verstand ihn. Er und der Schotte waren auf der Reise gute Freunde geworden, und er wußte, daß der Super dem Kapitän einen verfluchten Portugiesen aufschwatzen wollte. War Niclas da nicht eher dran? Dull richtete sich höher auf; man war nicht umsonst Bursche des Kapitäns und des Ersten Steuermannes, der ja schließlich auch ein ganzer Kerl war, obgleich er von der Westseite Irlands stammte – wenn Niclas ihm eine Entschuldigung machen würde – »Ich werd' mal mit dem Kapitän reden«, sagte er und pfiff durch seine Zahnlücke. »Was aber willst du mit dem Steuermann machen?« Er kniff die Augen zusammen und sah Niclas von der Seite an, während er einen Triller pfiff. Niclas schielte. Sollte er den Schuft um Entschuldigung bitten? »Sag mal, wie war es damals eigentlich«, sagte Dull, der ihm helfen wollte, »warst du nicht ein wenig betrunken?« »Keine Spur.« »Hm«, meinte Dull gedehnt, »ich glaubte, du hattest dir auf der Freiwache ein paar Gläser hinter die Binde gegossen.« »Hast du das wirklich gemeint?« Niclas betrachtete ihn mit unschuldigen Augen. »Ja, ich kann mir nicht vorstellen, daß du den Steuermann in nüchternem Zustand verprügelt hättest.« Dabei pfiff er vor sich hin; es klang, als ob er sagen wollte: »Mach deine Dummheit wieder gut.« Niclas blickte zu der »Antelope« hinüber, als wollte er ihr das letzte Lebewohl sagen. Schließlich aber meinte er mit großer Selbstüberwindung: »Mag sein, Dull, daß ich ein paar Schnäpse zuviel getrunken hatte.« »Sag es ihm selbst«, riet Dull mürrisch. Darauf schwang er sich über die Brustwehr und begab sich pfeifend auf den Weg zum Büro. Niclas und Madan blickten ihm verblüfft nach. »Meinst du, daß wir uns beide beim Super melden sollen?« rief der Schotte hinter ihm her. Dull sagte über die Schulter gewandt: »Erwartet mich unten bei der Schaluppe.« Auf diese Weise wurde aus dem Engländer Dull, dem Schotten Nick und dem Irländer (von der Ostküste) Mad ein dreiblättriges Kleeblatt, das der Schiffsarzt später » The united Jacks « nannte. Nick und Mad kamen spät abends an Bord, gerade bevor der Kanonier die Retraite blies. Kapitän Wilson hielt nämlich angesichts der kleinen koketten Kanonen auf der »Antelope« streng auf seemilitärische Sitten. Zeitig am nächsten Morgen, nachdem das Spülen und andere Arbeit erledigt waren, nahm Nick die Gelegenheit wahr, um seinen neuen Freund mit den Einzelheiten auf dem herrlichen Schiff bekannt zu machen, mit der Takelung, der Raumverteilung und allem anderen. Schließlich kam die Reihe an die Menagerie, bestehend aus Chinesen und anderen lebendigen Tieren. Nick stellte sie dem staunenden Mad vor, wie sie sich in seinem eigenen derben und nüchternen Schottengehirn spiegelten. Als Dull, im Begriff einen Auftrag des Kapitäns auszuführen, pfeifend vorbeiging, lauschte er einen Augenblick Nicks Vortrag, und als der Schotte um Bekräftigung bat, nickte er, machte eine kleine Bemerkung und ging mit der Beschützermiene weiter, die ihm als Vertrauten des Kapitäns anstand. Ihm hatten die beiden Burschen es zu verdanken, daß sie an Bord der »Antelope« Heuer bekommen hatten, und ganz leicht war es nicht gewesen, denn der Steuermann hatte zuerst nichts von Nick wissen, sich seiner nicht erinnern wollen, bis Nick mit der Mütze in der Hand unter Dulls Augen mit schwerster Überwindung seines schottischen Starrsinns die Entschuldigung vorbrachte, die Dull ihn gelehrt hatte. Zum Glück war der Kapitän gerade vorbeigegangen und hatte den Fall zu seinen Gunsten entschieden. Das Schiff war geladen mit Hoffnungen, Spekulationen, Wünschen und Träumen, Kanonen und Munition und außerdem mit einem Ziegenbock, einer trächtigen Ziege, einem jungen Ochsen, einer Kuh mit ihrem Kalb, drei jungen Hähnen und vierzehn Hühnern, einem Gänserich, drei Gänsen und zwei Hunden: einem Neufundländer, »Sailor« genannt, einem herrlichen Wasserhund mit schwarzem Fell und klugen, ausdrucksvollen Augen, und einem rotbraunen Setter, der auf den Namen »Nobody« hörte. Außerdem gab's zahllose Schiffsratten und alle jene intimen Haustiere des Menschen, deren Bestimmung im menschlichen Haushalt bisher noch niemand erkannt hat. Über dieses schwimmende Reich, das bald von neuem einem ungewissen Schicksal auf dem Meere entgegengehen sollte, war Kapitän Henri Wilson unbeschränkter Herrscher. Er war ein hochgewachsener Mann von siebenundvierzig Jahren, mit einem glattrasierten, fest geschlossenen Mund, wortkarg und würdevoll. Seine Stirn war gewölbt, er hatte hängende Backen, der Kopf saß steif und ernst auf der strammen, weißen Halsbinde. James Cook, der seit vier Jahren tot war, hatte ihm stets als Muster vorgeschwebt, und er gab sich der Hoffnung hin, daß es noch unbefahrene Meere und unentdeckte Erdteile gäbe. Jene glückliche Insel, wo alle guten Dinge dem Menschen in den Schoß fielen, lag jedenfalls noch irgendwo auf dem Meere und wartete darauf, daß ein begnadetes Schiff durch einen vom Himmel gesandten Passatwind auf seine lächelnde Küste geworfen würde. In London hoffte man im geheimen auf diese Insel, der Hohe Rat der Gesellschaft rechnete schon mit ihren Produkten, an der Börse wurde darin spekuliert; und in dem leichtsinnigen Frankreich träumte sogar die Königin von ihr und führte mit ihren Hofdamen ein Spiel auf, als sei die Insel bereits entdeckt und in die Gärten von Versailles überführt. Kapitän Wilson war unter vielen Schiffsführern (ein blindes Werkzeug in der Hand der weitblickenden Kompanie) für den Vorposten im Fernen Osten ausersehen. Vorerst war er nach der Insel Makao, die Seiner Portugiesischen Majestät gehörte, geschickt worden, wo ihn ein versiegelter Befehl in dem Büro der Kompanie erwartete. Es war eine willkommene Aufgabe für den ehrgeizigen und pflichtgetreuen Mann, und die »Antelope«, die nicht weniger edel und empfindsam war, wurde von den Vorbereitungen angesteckt, so daß sie bis in ihre Kanonenmündungen erzitterte, wie sie dort lag und mit dem Achterkastell auf und ab wippte, konnte ein jeder ihr ansehen, daß sie zu etwas Höherem bestimmt war. Nicht nur, daß Kapitän Wilson die offenen und geheimen Pläne der Gesellschaft aufs beste ausführte, er war auch ein guter, fürsorglicher Vater. Sein Sohn, ebenfalls Henri mit Namen, sechzehn Jahre alt, machte die Reise mit, denn der Kapitän nährte im geheimen die Hoffnung, sein Sohn würde das Werk seines Lebens weiterführen. Henri der Zweite war ein hübscher Junge mit ererbten Wilsonschen Tugenden, blauäugig, mit Abenteuererzählungen ( Life and strange surprising adventures of Robinson Crusoe ) vollgestopft, und tat als jüngster Kadett auf dem Schiff Dienst. Wie Henri der Erste trug auch er an Sonn- und Feiertagen einen Anzug aus bestem englischem Tuch mit blanken Knöpfen; in diesem Gefieder waren sie über jede Alltagsarbeit erhaben. Auch ein jüngerer Bruder des Kapitäns befand sich an Bord. Man konnte Matthias Wilson keinen erstklassigen Vertreter der Familie Wilson nennen, er war im Gegenteil die Ausnahme, die jede Regel bestätigt, er war weder würdevoll, noch sah er gut aus, im Kopf hatte er nicht viel, dafür aber wuchs ihm ein mächtiger Bart; er hatte dunkle Augen, mit denen er auf halb schelmische, halb mürrische Art zu zwinkern pflegte. Tatsache war, daß er in französischen Kriegsdiensten gestanden hatte, doch hatte er, soviel in der Familie bekannt war, nichts anderes von diesem Kreuzzug mit heimgebracht als eine Narbe auf der linken Wange. Der Kapitän, der sich seines jüngeren Bruders nie ganz sicher fühlte und es ratsam fand, ihn stets im Auge zu behalten, hatte ihn als Bootsmann angestellt, obgleich er, seiner maritimen Ausbildung gemäß, nur recht und schlecht Matrose war. Dafür erwartete er allerdings, daß Matthias ihn über alles, was auf dem Vorderdeck vorging, wo die Besatzung ihr internes Leben lebte und in kritischen Augenblicken das Schicksal manches Schiffes von einem blinden Instinkt, der vielleicht die Stimme Gottes war, entschieden wurde, auf dem laufenden erhielt. John Sharp, Schiffsarzt und Chirurg Seiner Majestät, war ein kleiner Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit einem großen Kopf; sein Haar war bereits durch vieles Studieren und vielleicht auch durch ehemalige Leidenschaften ein wenig gelichtet; als Junggeselle und Arzt aber fehlte es ihm nicht an dem erforderlichen Gleichgewicht zwischen Pflicht und Lust. Den Kranken gegenüber trat er energisch auf, war aber gutmütig und kannte keinen Standesunterschied; er legte großen Wert auf gutes Essen und noch mehr auf einen guten Tropfen. Dr. Sharp gegenüber konnte Kapitän Wilsons Würde schwer standhalten; sie waren beide leidenschaftliche Schachspieler, und das Schachbrett führte sie nach kleinen Zusammenstößen immer wieder zusammen, weil kein anderer da war, mit dem sie spielen konnten. William Dewis war der einzige Passagier auf dem Schiff. Er war ein vierzigjähriger, wohlhabender Junggeselle, mit runden, fröhlichen Augen in einem vollen, rotbäckigen Gesicht; er war ganz und gar mit seinem eigenen freundlichen und wohlwollenden Ich beschäftigt, sein Äußeres war immer zierlich und patent. Er besaß eine Vorliebe für die Natur, vom Sternenhimmel bis zu den niedrigen Formen der Tier- und Pflanzenwelt, seine Begeisterung war leicht geweckt. In seiner Villa in Greenwich besaß er ein hübsches kleines Observatorium, das sein Onkel, ein verdienstvoller Schiffsführer der Kompanie, ihm hinterlassen hatte. Da Dewis außerdem für Porträt- und Landschaftszeichnung begabt war, lag es nahe, daß er sich für die Weltumseglung gemeldet hatte, als man im Klub davon munkelte, daß Kapitän Wilson dazu ausersehen war, den neuen Schoner »Antelope« nach Makao zu führen, wo versiegelte Befehle seiner warteten. Allerdings hatte Dewis trotz seiner romantischen Veranlagung in seiner Jugend nie daran gedacht, zur See zu fahren. Doch war er stets ein großer Anhänger von James Cook gewesen; als Astronom hatte er den großen Seehelden bewundert, der sich seine ersten Sporen dadurch verdiente, daß er mit einem Schiff der Regierung nach Tahiti fuhr, um die Venus in dem Augenblick, als sie quer über die Sonnenscheibe wanderte, zu beobachten; es war am 3. Juni 1796. Ein Liebhaber der Astronomie wie William Dewis hätte Jahre seines Lebens für solch köstlichen Augenblick hingegeben, aber ach, es war ihm nicht vergönnt, denn die Himmelskönigin würde dies erst in 105 Jahren wiederholen, das wußte er als Astronom nur zu gut. Madan hatte sich kaum an Dewis' ausgeprägter Zivilistenerscheinung satt gesehen – er saß in seinem Deckstuhl mit der großen Tombatuhr in der Hand, um festzustellen, ob die Sonne pünktlich unterging –, als er zwei Kadetten unter der Kommandobrücke auftauchen sah. Im selben Augenblick erklang ein Gebrüll aus der offenen Luke, wo die Chinesen in einem Haufen beisammensaßen und ihren Abendreis mit Stäbchen verzehrten. Als Madan den Kopf wandte, sah er, wie der eine der beiden Kadetten, ein derbgliedriger Bursche mit einem sommersprossigen Gesicht, hastig etwas unter seine Jacke versteckte. Madan faßte Niclas am Arm und platzte vor Lachen. Er hatte das Ende einer Spritze unter der Jacke gesehen, der Kadett hatte den Reis eines alten spindeldürren Chinesen mit Salzwasser überspritzt; der Chinese wandte sein flaches, schiefäugiges Gesicht verblüfft aufwärts, und als er sich darüber klargeworden war, daß nicht das Meer an dem stillen Abend Wellenspritzer über Bord sandte, hatte er das Gebrüll ausgestoßen. »Das ist Richard Sharp«, erklärte Niclas, »der Neffe des Arztes. Henri, der Sohn des Kapitäns, und er sind Schulkameraden. Wilson hat den ganzen Tag nichts anderes als dumme Streiche im Kopf, die er mit würdevollem Gesicht Richard mitteilt, der sie ausführt; wird dieser vergnügte Lümmel dabei entdeckt, bekommt er allein die Schuld, auf den Sohn des Kapitäns fällt natürlich kein Verdacht. So war es schon in der Schule, Richard bewundert Henri über alles in der Welt, und als Henri mit dem Schiff seines Vaters fahren sollte, ließ er nicht locker, bevor er auch mitkam.« Aber auch ein anderer hatte beobachtet, was Madan gesehen hatte. Der Erste Steuermann, Philippe Benger, der Irländer von der Westküste, war gerade von der Brücke heruntergekommen, wo der Zweite Steuermann ihn abgelöst hatte. Die beiden Jungen versuchten sich schleunigst zu drücken, als Richard aber über die Ankertrosse steigen wollte, die halb aufgerollt auf der Backbordseite lag, faßte Benger ihn am Kragen. Henri versuchte ihm geschickt ein Bein zu stellen, Benger aber hielt Richards Eselsohr mit eisernem Griff fest. Man hörte ein Klatschen und einen Fluch, Richard wälzte sich in dem Loch der Trosse, wo Benger ihn nicht mehr erreichen konnte. Henri nahm als Kapitänssohn eine würdevolle Haltung ein. » What's the matter, sir? « fragte er streng. Aber es half ihm nichts; denn obgleich der Ire angesichts der Ähnlichkeit des Knaben mit dem Kapitän unwillkürlich stramm stand, so ließ er sich doch nichts weismachen. Er bekam einen roten Kopf, biß sich in die Oberlippe mit dem kleinen kurzen Schnurrbart, griff nach der Spritze und warf sie eins, zwei, drei über die Reling. Ohne eine Erklärung zerrte der Steuermann Richard aus dem Trossenloch und verabreichte ihm zwei gehörige Ohrfeigen, wovon die eine, das war unverkennbar, Henri zugedacht war, der sich außer Schußweite befand und in kampfbereiter, würdiger Haltung dastand, die der seines Vaters so sehr glich – das wußte der Schlingel –, daß Benger sich hütete, die Züchtigung mit einem feindlichen Wort zu begleiten, das später gegen ihn gewendet werden konnte. Denn der Kapitän sah mit großem väterlichem Respekt zu Henri dem Zweiten auf; der Junge pflegte allen väterlichen Vorwürfen mit einem überlegenen Achselzucken zu begegnen, als wollte er sagen: »Henri, demütige nicht den wehrlosen Träger und Erben deines großen Namens.« Madan betrachtete die beiden Burschen mit glühendem Interesse, während der Erste Steuermann davonschlich – er hatte etwas Schleichendes in seinem Gang, wie Madan feststellte. »Im Navigieren ist ihm keiner über«, versicherte Nick mit schottischem Gerechtigkeitsgefühl. Benger war ein Streber; er stammte aus einem kleinen Seemannsheim in Greenwich, war fleißig, aufmerksam, nüchtern, katzbuckelte nach oben, war unbeliebt bei Untergebenen; man sagte ihm Härte und Neid nach. Der Kapitän konnte in ihm wie in einem offenen Buch lesen und verwandte ihn zu allerhand unangenehmen Geschäften, während er selbst in seiner Glorie dastand. Benger hatte sich an seinen Uriasposten gewöhnt und knurrte nicht mehr; wandte der Kapitän aber, mild und gnädig, den Rücken und ließ die Verantwortung auf Bengels Schultern ruhen, so blickte dieser ihm mit haßerfülltem Blick nach und hob seine mageren Hände, als wolle er den Himmel in seiner Not zum Zeugen gegen dieses üble Komödienspiel aufrufen. Benger verabscheute Chinesen, konnte die Luft nicht vertragen, die an klaren Abenden aus dem, engen Raum drang, wo die sechzehn Chinesen nicht Platz genug hatten, um sich zu strecken; als gewissenhafter und pflichterfüllender Steuermann aber erlaubte er nicht, daß einer der Besatzung ihnen auf den Kopf oder in ihr Essen spuckte oder sie mit einer Zange an ihrem Zopf nach oben zog, ein beliebter Sport auf vielen Chinaschiffen. »Wer ist das?« fragte Madan und zeigte auf eine hagere Gestalt, die auf dem Ankerspill hockte und mit träumenden Augen zur Praya grande hinüberblickte, die im letzten violetten Schein der untergehenden Sonne lag. Der Mann trug einen alten portugiesischen Uniformrock, eine Schärpe um den Leib, eine schwarze Mütze auf dem rabenschwarzen Haar, enganliegende Hindubeinkleider mit Querfalten und Sandalen. Das Gesicht war olivenfarben wie die Haut der im Osten geborenen Portugiesen, eine schmale Nase zwischen ängstlich blickenden Augen, die so schwarz waren wie der Nachthimmel. Als er sich beobachtet sah, drehte er den Kopf mit einem Blick wie ein Weiser, der sich die Welt drei Schritte vom Leibe halten will, und machte eine Bewegung mit seiner rassefeinen Hand, als ob er sich eine Fliege von der Backe fächelte (vielleicht war es wirklich eine Fliege); sein blasser Mund hatte einen Zug von Melancholie, den Ausdruck eines Ehrenmannes, der aus seinem Vaterland ausgewiesen ist. »Ein Bengale«, erklärte Niclas, »Thomas Rose heißt er. Er ist aus der höchsten Kaste und darf kein Fleisch essen. Wenn die beiden Burschen« – er zeigte auf Henri und Richard, die wieder etwas vorhatten – »sich vor ihm aufstellen und ihre Würste essen, dann kehrt sich alles in ihm um, als ob er zusähe, wie jemand eine tote Ratte ißt. Die Offiziere dulden ihn nicht in der Messe, und für die Gesellschaft der Unteroffiziere fühlt er sich viel zu vornehm, darum schwebt er so zwischen Himmel und Erde.« Nick machte eine bezeichnende Handbewegung. »Wir haben ihn in Kalkutta an Bord genommen, er ist Dolmetscher, hat viele Jahre unter Malaien auf den Inseln gelebt; ich glaube, er hat sich mal in Bengalen etwas zuschulden kommen lassen, denn ein Hindu aus der höchsten Kaste rührt sonst keinen Hund von einem Malaien an.« Madan überlegte eine Weile und fragte nachdenklich: »Habt ihr schon Gebrauch vom Dolmetscher gemacht?« »Nein, wir sind von Kalkutta geradeswegs nach Makao gesegelt.« »Du sollst sehen«, Madan strahlte über das ganze Gesicht, »es gibt eine Entdeckungsreise! Wozu braucht der Kapitän einen Dolmetscher, falls wir auf der Heimreise nur die bekannten Häfen anlaufen?« Nick bekam plötzlich Respekt vor dem Grünschnabel, den er aus den Armen der blinden Bi-Fi gerettet hatte. Das war ja klar wie Kloßbrühe, was wollte der Kapitän mit einem malaiischen Dolmetscher, falls die »Antelope« nicht fremde Gewässer befahren sollte? »Dumm bist du nicht«, meinte er voller Bewunderung. Die Sonne war inzwischen untergegangen, und Arm in Arm begaben die beiden Kameraden sich in den Mannschaftsraum zur Freiwache. »Guck mal den da«, flüsterte Nick, als sie an einem ältlichen Matrosen vorbeigingen, der rittlings auf der Reling saß und vor sich hinmurmelte. »Der heißt Wilson, wie der Kapitän, Thomas Wilson, und ist es wahr, was er fabelt, wenn er betrunken ist, so ist er ein heimlicher Verwandter des Kapitäns. Der Kapitän läßt ihn nicht hochkommen, sagt er, einer Frauenzimmergeschichte wegen oder dergleichen. ›Ich will mir die Zunge nicht verbrennen‹, sagt er, ›aber eigentlich hätte ich das Schiff führen müssen, falls alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. Und dieser Matthias, den er zum Bootsmann gemacht hat, obgleich er auf der »Mermaid« nur Kartoffeln geschält hat, der ist ebensowenig sein Bruder wie ich selbst. ›Er soll sich hüten‹, sagt Thomas, wenn er betrunken ist, ›eines Tages, wenn der Direktor an Bord kommt, werde ich, Thomas E. Wilson, mit der Mütze in der Hand vor ihn hintreten und sagen: »Mylord, gestatten Sie, daß ein einfacher Mann, dem Unrecht geschehen ist«‹ – mehr sagt Thomas nicht, er hütet seine Zunge. Und er sagt es nur, wenn er betrunken ist, dann schiebt er die Schultern in die Höhe und hat tatsächlich Ähnlichkeit mit dem Kapitän. Wenn er Kapitän Wilson auf Deck begegnet, grüßt er mit betrübter Miene und seufzt, als wollte er fragen, warum er seinen leiblichen Vetter oder Bruder, oder was er sonst ist, nicht hochkommen läßt.« »Also ein Verrückter!« meinte Madan und lachte. Nick betrachtete seinen neuen Kameraden wieder bewundernd, weil er gleich das Richtige erkannt hatte; er selbst war immer im Zweifel gewesen, ob nicht doch etwas dran sei; man hörte soviel von der Schlechtigkeit der Menschen. Madan aber hatte gleich festgestellt, daß Thomas Wilson ein versoffener Idiot sei. »Kannst du den da bei der Wassertonne sehen? Er zündet sich gerade eine Pfeife an, das ist der Oberkanonier John Blanch, ein Krieger von der richtigen Sorte; er hat seinerzeit Cook begleitet, als sie nach Tahiti fuhren und ein Gespenst am Himmel, eine Art Halbgöttin, Venus genannt, betrachten wollten; sie zeigte sich nur ein einziges Mal, am 3. Juni; laß dir nur an einem Sonntagnachmittag von ihm erzählen, wenn er erst loslegt, hört er gar nicht wieder auf.« Nick schnupperte durch die Luft, es war fast windstill, dennoch zog ein herrlicher Bratenduft von dem Mittagstisch des Kapitäns nach vorn. Gleich darauf tauchte der weiße Leinenrock des Kochs Jack Swift in der Kajütentür auf. Er balancierte mit einer zugedeckten Schüssel, von der der wunderbare Duft ausging, auf die Messetreppe zu. »Der gemeine Hund!« sagte Nick mit Überzeugung, »er ist der größte Geizkragen des ganzen Königreichs. Jetzt kannst du nur seine weiße Jacke sehen, aber warte nur bis morgen! Er hat zwei Rosinen in seinem fettglänzenden Gesicht, sein Kopf ist so rund wie ein Kohlkopf mit blonden Locken, er dampft und stöhnt immer vor Hitze, und wenn er mit seinen dicken Lippen lächelt, sieht man die häßlichen Pferdezähne. Er ist so fett, weil er alle Reste lieber selbst frißt, als sie einem anderen zu gönnen; sogar Sailor und Nobody beklagen sich über ihn.« Im selben Augenblick kamen die Hunde von achtern angesprungen, als hätten sie gehört, daß von ihnen gesprochen wurde. Sie hatten Nick nicht an Bord gehen sehen, darum gab es jetzt eine freudige Willkommensszene. Während der Neufundländer an Nick hochsprang und ihm das Gesicht leckte, bellte Nobody den neuen Mann an, bis Nick ihn Madan vorstellte, indem er ihm empfehlend die Schulter klopfte; nachdem der Hund sich davon überzeugt hatte, daß Madan so roch, wie ein neuer Mann riechen muß, durfte Madan ihm ins Maul gucken und das Fell streicheln; damit war ihre Freundschaft besiegelt. Das erste, was Madan sah, als er am nächsten Morgen seine Nase aus der Mannschaftskajüte steckte; waren zwei lange Jungen von ungefähr fünfzehn bis sechzehn Jahren. Sie waren blaß und schmächtig, trugen blaue Röcke mit Metallknöpfen, Kniehosen und gelbe Strümpfe; sie hatten weder Hut noch Mütze auf ihrem langen, blonden Haar. »Morgen, Jungen!« sagte Dulton, der hinter Madan aus der Kajüte stieg. Die Knaben drehten sich um und grüßten die beiden, als seien sie Chorknaben bei einer Morgenmesse. Madan betrachtete sie erstaunt, sie aber nahmen keine Notiz von ihm. »Das sind die Christ-Church-Knaben James und Edward«, sagte Dulton, der gern jede Gelegenheit ergriff, um andere zu belehren, »es sind Kinder armer Eltern vom Christ-Church-Hospital in der City, Erziehung und Verpflegung bekommt man dort umsonst, aber wie du siehst, wird man nicht fett dabei. Wir nennen sie die Waisenhausjungen«, fuhr er fort, als lese er aus einem Schulbuch vor, »diese beiden machen ihre erste Seereise; wenn die Reise beendet ist, werden sie abgeliefert, und wir bekommen ein paar andere; es geht der Reihe nach. Im großen ganzen sind es nette Jungen, haben sie ihre Verlegenheit erst überwunden; der eine hat schon rudern gelernt« – Dull pfiff zwischen den Zähnen –, »der andere, der längste, sollte dem Koch in der Küche zur Hand gehen, aber es zeigte sich, daß er linkshändig ist und nicht dazu taugte; jetzt putzt er Kompasse und Griffe und anderes Zeug aus Tombak. Die armen Bengel können einem leid tun, bisher sind sie den ganzen Tag, am Morgen, Mittag und Abend, mit Gebeten und Kirchengesang gepäppelt worden. Man hat seine liebe Not, ihnen die beiden Kadettlümmel vom Leibe zu halten, sie sind den beiden immer auf dem Nacken, weil sie im Hospital nicht lernen, sich zu wehren; sie dürfen sich nicht hauen, aller Streit wird mit Gebetbüchern und dergleichen beigelegt.« »Da brat mir einer 'nen Storch«, sagte Madan und wunderte sich, daß es Wesen gab, die nicht gelernt hatten, sich mit der Faust zu wehren. Am Nachmittag desselben Tages, es war der 20. Juli 1783, erhielt Kapitän Wilson seine Papiere und versiegelten Befehle in dem Büro des Superkargos ausgehändigt. Nach einem feierlichen Abschied begab er sich an Bord, von dem Superkargo, Kollegen und Bekannten, die sich zufällig in Makao aufhielten, begleitet. Zuerst schickte er den Ersten Steuermann in den Lastraum hinunter, wo die Chinesen untergebracht waren, die der Kapitän mit Erlaubnis der Kompanie verwenden konnte, wie er es für gut befand. Der Steuermann kam mit dem Ältesten der Chinesen zurück, und der Kapitän zahlte ihm in Gegenwart der Offiziere das Gehalt pro Kopf aus, das in Makao der übliche Tageslohn war. Kurz darauf wurde der Anker gelichtet. Der Superkargo, die Kollegen und Freunde gingen von Bord, und die kleinen Kanonenmündungen der »Antelope« spien neunmal Feuer und Rauch als Abschiedsgruß. Majestätisch, alle Segel gesetzt, glitt die »Antelope« mit ihren vierunddreißig Mann Besatzung und ihren sechzehn Chinesen aus dem Hafen. Noch aber war sie nicht auf die offene See gekommen, als das Wetter, das den ganzen Tag grau und unbeständig gewesen war, anfing bösartig zu werden. Der Wind sprang von der einen Ecke in die andere, so daß der Kapitän gegen neun Uhr den Entschluß faßte, vor Anker zu gehen und abzuwarten, wie das Wetter sich beim Morgengrauen entpuppen würde. Morgens klärte sich das Wetter auf, und nachdem die »Antelope« vorsichtig zwischen den kleinen Inseln hindurch in die Bucht hinausgesteuert war, spähte Nick, der das Fahrwasser von früheren Reisen her kannte, gespannt über Himmel und Meer und guckte hin und wieder verstohlen zum Kapitän hinauf, der auf der Kommandobrücke stand. Nach einer Weile sah er, daß das Ruder umgelegt wurde, nicht nach Süden, sondern nach Osten, in der Richtung auf das weite, gefährliche Chinesische Meer zu, mit den bekannten und unbekannten Inseln. Die »Antelope« tanzte auf den Wellen, die einen Augenblick von der Längsseite kamen, und als der Wind die Segel ganz füllte, machte sie einen Luftsprung, als ob auch sie voller Stolz und Erwartung dem großen Unbekannten entgegenginge. Nick folgte der Fahrt mit größter Aufmerksamkeit, galt es doch zu erraten, welche Segelorder der Kapitän hatte. Daß das Schiff, nachdem die Inseln außer Sicht waren, geradeswegs nach Osten steuerte, bedeutete jedenfalls, daß es nicht den Heimweg einschlug. Als Nick am vierten Nachmittag, bei dunklem Gewitterhimmel, mit Blitzen am Horizont, den Ausguckmann oben im Mastkorb »Land in Sicht« verkünden hörte und von dem Dritten Steuermann Cummins, der die besten Augen auf dem Schiff hatte, erfuhr, daß man auf die Bashi-Inseln zusteuerte, da pochte sein Schottenherz wie wild, denn dort ging der Weg zu dem Großen oder Stillen Ozean, wo Cook die Inseln gefunden, die er die Gesellschaftsinseln nannte, und wo er die Venus von der Insel Tahiti aus gesehen hatte. Und richtig, kaum hatte die »Antelope« den Kanal nördlich von der Insel passiert, als der Kurs geändert wurde. Bei Regen und Sturm ging es in südöstlicher Richtung, wie es sich gehörte, falls die Inseln in der Ferne das Ziel waren. Eines schönen Tages beobachtete der Ausguckmann Vogelscharen und Fischschwärme, die Oberfläche des Wassers zeigte Kräuselungen, hier sah man einen Bambusstamm, dort Kokosschalen treiben; man befand sich in der Nähe einer Insel. Niclas hüpfte das Herz vor freudiger Erwartung. Wollte der Kapitän hier einlaufen? Proviant brauchte man nicht einzunehmen, es war nicht einmal mehr Platz dafür an Bord. Der Kapitän erschien auf der Kommandobrücke und beratschlagte mit dem Ersten Steuermann, worauf dieser, wortkarg und verdrießlicher als je, den Befehl weitergab. Die Bootsmannspfeife ertönte, und im nächsten Augenblick enterten die Matrosen die Takelage; Segel wurden gerefft, das Ruder umgelegt. Die »Antelope« machte ihre Reverenz vor Wind und Wellen und drehte in einem vollendeten Bogen nach Süden. Nick atmete tief auf; man würde die Insel nicht anlaufen, das Ziel lag fern, so fern, wie seine Gedanken nicht reichen konnten. Wohin aber ging die Reise? Dort im Süden lagen ja die Großen Inseln, auf denen die Holländer Herren waren. Ihre mächtige Handelsgesellschaft mit den armierten Schnellseglern sorgte dafür, daß andere Nationen sich nicht an den Gewürzinseln vergriffen. Dahinter aber, noch weiter südlich, hatte Cook die Blumenbucht in Australland gefunden und war längs der herrlichen Küste bis zu der engsten Wasserstraße der Welt gesegelt, die das Australland in zwei gleiche Teile teilte. War das ihr Ziel? Wollte Kapitän Wilson wirklich die Arbeit des unsterblichen Cook fortsetzen, von der der Tod ihn vor vier Jahren zu früh abberufen hatte? Nick blickte unwillkürlich zum Kapitän hinauf. Er stand würdig in tiefen Gedanken versunken und blickte zum südlichen Horizont hinüber. Nick rechnete noch einmal alles zusammen, was für eine lange Reise sprach: der Überfluß und die Art des Proviants, Haufen von getrockneten Fischen, chinesische Schinken, der Bock und die trächtige Ziege, der Ochse und die Kuh mit ihrem Kalb und alle anderen Tiere; von allen war ein Paar da, wie in der Arche Noah. Er dachte an die vielen Schießwaffen und die reichliche Munition und die Geheimnistuerei, bevor sie Makao verließen. Lief man nicht die bekannten Inseln an, bedeutete es höchstwahrscheinlich, daß man dem Fernen und Unbekannten zustrebte! Sicher, man wollte die Großen Inseln erreichen, sich bis zum Australland vorwärtskreuzen, die schmale Wasserstraße aufsuchen und von dort das ferne und unbekannte Meer befahren, das der große Kapitän nicht mehr erreicht, weil der Tod ihn zu zeitig hinweggerafft hatte. Niclas vertraute Madan seine geheimen Gedanken an und blickte mit großen, dunklen Augen in die Ferne, die sich im geheimnisvollen Nebel verlor. Sein Herz lief Sturm, seine Wangen brannten. Ja, ja, man befand sich auf einer Entdeckungsreise. Madan folgte dem Kapitän, wo er ging und stand, mit bewundernden Blicken, schließlich bemerkte es der Kapitän und nickte ihm von der Brücke zu. Madan errötete wie ein junges Mädchen und war glücklich. Die Temperatur stieg mit jedem Tag, die Mittagssonne stand bald im Zenit, dann würde man den Äquator erreicht haben, wo man jeden Augenblick von einem breitgebauten, großschnauzigen Holländer gepreit werden konnte, dessen Stückpforten doppelt so groß waren wie die der »Antelope«. Sie gerieten in Windstille, der blanke Wasserspiegel wurde nur von sachten Dünungen gehoben. Eines Tages, als man mit vollen Segeln kaum einen Knoten in der Stunde lief – es sah aus, als ob das Schiff ganz still läge –, ließ der Kapitän die Chinesen an Deck rufen; sie krochen aus der Luke, grinsend und miauend, indem sie der Besatzung demütig aus dem Wege gingen, sogar die Waisenhausjungen fühlten sich ihnen gegenüber wie Geschöpfe aus einer besseren Welt. Die Gelben schielten aus ihren schiefen Augenspalten und versuchten sich wie erschrockene Hasen zu verstecken. Als sie entdeckten, daß Boote neben dem Segler bereitlagen, rollten sich auf Deck zusammen und schrien wie Schlachtvieh. Nick und Mad konnten nicht begreifen, was vor sich ging. Der Erste Steuermann kam von der Kommandobrücke herunter und sagte einige Worte zum Dolmetscher, der seine Hinduhosen hochzog und dem Ältesten der Chinesen mit höflichen, zierlichen Bewegungen seiner schmalen Hände klarmachte, daß sie rudern sollten. Die Chinesen mißverstanden die Handbewegungen des Dolmetschers: sollten sie wirklich durch das Wasser gezogen werden, wie man ein Stück Zeug spült? Sie zitterten am ganzen Körper, hüllten sich in ihre weiten Ärmel, jammerten wie Katzen. Und als der Älteste am Zopf zum Fallreep geführt wurde, erhob die ganze Gesellschaft ein ohrenzerreißendes Geheul. Der Dritte Steuermann und Thomas Wilson banden ein Tau um den Alten, schwangen ihn über die Reling und fierten ihn in die Schaluppe hinunter, wo zwei Matrosen ihn in Empfang nahmen, auf eine Ruderbank setzten, ihm ein Ruder in die Hand gaben und ihm zeigten, wie er es halten sollte. Als die Zopfträger sahen, daß sie auf dem Trockenen bleiben durften, hörte das Gejammer auf. Die Schaluppen stießen vom Schiff ab, die eine wurde von Cummins, die andere von Wilson gesteuert. Die Besatzung der »Antelope«, die über der Reling hing, brach in ein Hurra aus, spuckte ins Wasser und rief Witze zu den armen Gelben hinüber, die gute Miene zum bösen Spiel machten, während sie sich an die Riemen wie an Brunnenschwengel klammerten, die ihnen einen Stoß versetzten, falls man nicht nachgab. Kommandorufe begleiteten handgreifliche Unterweisungen, das Wasser spritzte hoch auf und überstäubte die Insassen, wenn ein Ruder schlecht geführt wurde, die Boote hoben und senkten sich, dieser und jener von den Ruderern schlug einen Purzelbaum, und die Mannschaft hing über der Reling und lachte sich halbtot. Die »Antelope« bekam Schlagseite, weil alle in Lee standen, sogar das Schiff schien sich vor Lachen zu krümmen. »Kannst du sehen, daß ich recht habe?« Nick stieß Madan in die Seite, der aber hörte nicht, nickte nur. Es war eine fixe Idee des Schotten geworden, über die versiegelte Order zu grübeln: Warum brachte man Chinesen, die wasserscheu waren, das Rudern bei, wenn man nicht auf gewagte Abenteuer auszog, bei denen jeder richtige Männerarm nötig war, um Eingeborene und Kannibalen zu bekämpfen? Madan starrte mit Verwunderung in seinen großen Augen in das Unbekannte, das in seiner üppigen Phantasie mit jedem warmen Tag unter der Sonne des Äquator phantastischere Formen annahm. Zwei Tage später stürzten vom frühen Morgen bis zum späten Abend Wolkenbrüche auf das Schiff herab. Tags darauf war es wieder trocken, und die Sonne brannte. Der Proviant wurde nach oben gebracht, der Reis auf Deck ausgebreitet und getrocknet. Die gedörrten Fische waren wie nasse Tücher, die chinesischen Schinken schwitzten Wasser; die Sonne aber tat ihre Arbeit. Allerdings mußten die Schinken noch einmal eingesalzen werden, dafür hielten sie sich desto länger. Auch Kanonen und Munition wurden nachgesehen. Kaum aber war das Deck geräumt, alles wieder an seinen Platz gebracht und jedes Loch, durch das der Regen sich Bahn gebrochen hatte, zugestopft, als ein Sturm aus Süden losbrach, das ganze Schiff zum Beben brachte und es auf den Gipfel eines Wogenberges hob, der geradeswegs in den Himmel hineinzuführen schien. Im nächsten Augenblick stürzte der Berg zusammen, das Schiff schwankte, klammerte sich nur noch mit seinem Achterkastell an das Element, hielt den Atem an vor Entsetzen und kam erst wieder zur Besinnung, als es sich auf dem Grunde des kochenden Wassers befand. Es wurde ein Tanz, wie nur die Allerältesten an Bord sich eines ähnlichen erinnern konnten. Als der Zorn von oben sich entladen hatte, die festgezurrten Segel wieder gelöst werden konnten und man Zeit hatte, sich umzublicken, entdeckte man, daß alle Tiere umgekommen waren, bis auf drei Hühner, die sich unter einem Balken, der sich gelöst, festgeklemmt hatten, und den jungen Ochsen, der zwischen zwei Pfählen lag, die Zunge aus dem Hals, mit entsetzten Augen. Die trächtige Ziege hatte mitten in einem Wolkenbruch geworfen, der Dritte Steuermann meinte ihr Meckern gehört zu haben, hatte aber keine Zeit gehabt, darauf zu achten. Das Tier lag mit seiner Leibesfrucht zwischen den Beinen, aus seinem gespannten Euter sickerte ein dünner Strahl von Milch, als ob das Leben sich selbst aus seiner Hülle befreite. Sonntag, der 10. August, brachte klares Wetter und ruhige See. Gegen Mittag aber, kurz nachdem der Kapitän auf der Schanze vor versammelter Besatzung die Andacht verrichtet hatte, kam wieder Wind auf. Vorn am Horizont blitzte es, nach und nach donnerte es aus allen Himmelsrichtungen, und als es dunkel wurde, sah man es bald im Süden, bald im Osten und Westen blitzen. Um die Mitternachtszeit stand der Kapitän auf der Kommandobrücke und schickte die Mannschaft auf die Rahen, um die Segel zu reffen, als der Ausguckmann auf dem Fockmast rief: »Brandung vorn!« Im selben Augenblick ging ein Stoß durch das Schiff, der wie ein Seufzer klang, als ob die stolze »Antelope« mitten ins Herz getroffen sei. Ein Augenblick tiefen Schweigens folgte, als ob das Schiff mit allem, was drauf war, den Atem anhielte. Es ging ein Beben durch alles Lebende, vom Kapitän bis zum Schiffshund Nobody, im nächsten Augenblick aber lehnte das Leben sich mit verstärkter Intensität gegen die Gefahr auf, die sich so brutal gemeldet hatte; ordnungsmäßig und taktfest begab jeder Mann sich an seinen Platz, kein überflüssiges Wort, keine Klage. Nur aus der Luke tauchte ein blasses Chinesengesicht nach dem anderen auf; sie miauten und schrien, bis der Zweite Steuermann die Luke und ihre Münder zuschlug. Der Kapitän stand hochaufgerichtet auf der Kommandobrücke und blickte sich um, seine Kommandos klangen knapp und bestimmt. Der Erste Steuermann kam notdürftig angekleidet aus der Kajüte gestürzt, er hatte geschlafen, als das Schiff auf Grund gestoßen war. Der Kapitän wechselte einige Worte mit ihm, die niemand verstand. Die Wasser kochten unter dem Rumpf des Schiffes, rasten und schlugen, der Schoner aber stand unerschütterlich fest, wie sehr das ungeduldige Meer auch gegen die Planken donnerte. Die Nacht war dunkel und sternenlos. Nur hin und wieder beleuchtete ein Blitz die brausenden Wasser nach allen Seiten. Der Dritte Steuermann hatte das Leck auf dem Boden gefunden. Die Pumpen arbeiteten mit voller Kraft, das Wasser aber stieg so schnell, daß man es mit dem bloßen Auge verfolgen konnte. Zuerst wurden alle Segel eingezogen, dann Kugeln, Pulver und Waffen auf der Schanze in Sicherheit gebracht. Brot, Reis und alles Eßbare, das durch Seewasser verdorben werden konnte, wurde nach oben gehißt, wo das Wasser es nicht erreichen konnte. Inzwischen waren der Zimmermann John Polkinghorn und seine Leute damit beschäftigt, die Masten und Rahen zu fällen, um das Kentern des Schiffes zu verhindern und um Material zu haben, woraus man Flöße bauen konnte. Als der Mast von vorn nach achtern über das Schiff fiel, erhoben die Chinesen ein einstimmiges Geheul. Der Kapitän ließ sie an Deck bringen. Sie kauerten in einem Haufen, und die Kadetten Henri und Richard wurden als Wächter über sie befohlen. Ein unschädlicher Posten, der sie daran hinderte, in ihrem Eifer an anderer Stelle Schaden anzurichten. Der Zweite Steuermann bekam Befehl, die beiden Schaluppen und die Jolle zu Wasser zu lassen; sie wurden mit Waffen und Proviant geladen, jedes Boot bekam einen Kompaß. Zwei Matrosen hatten ihre liebe Not, die Boote vom Schiff fernzuhalten, damit sie nicht gegen den Rumpf geschlagen und zerschmettert wurden. Die Brandung siedete und rauschte, und der Wind zerrte heulend an dem Wrack. Als der Dritte Steuermann meldete, das Wasser habe die Luken erreicht, gab der Kapitän Befehl, daß die ganze Besatzung auf der Schanze antreten sollte; man schützte sich so gut es ging gegen Wellen und den Regen, der jetzt zwischen den Windstößen herabzuprasseln begann. Jeder einzelne an Bord wußte, daß das Schiff in wenigen Stunden verlassen werden mußte. Darum schnitt es allen ins Herz, als der Kapitän mit dem Ersten Steuermann zur Seite die Hand hob, als Zeichen, daß er eine Ansprache halten wollte. »Das Los, auf das jeder Seemann vorbereitet sein muß, hat uns ereilt. Unsere Lage ist dadurch noch schwieriger geworden, daß wir uns in einem Fahrwasser befinden, das uns unbekannt und wenig befahren ist. Auf Hilfe können wir nicht hoffen, wir müssen uns auf unsere eigene Kraft verlassen. Darum gilt es: Kopf hoch! Ein schlechter Kerl, wer verzweifelt! Darum gilt es: Keine Zwietracht! Ein Schuft, wer weniger an seinen Kameraden denkt als an sich selbst! Darum gilt es: Gehorchen und nicht verzagen! Der sei verflucht, der der Gemeinschaft schadet und feige nur an sich denkt!« Der Kapitän ließ seinen Blick von einem zum andern schweifen. Jeder einzelne erwiderte den Blick fest, die Älteren ruhig und entschlossen in der Erkenntnis der Gefahr. Der Passagier Mr. William Dewis konnte ein »Hört, hört!« nicht unterdrücken, wie er es von den Sitzungen in seinem Klub in Greenwich gewohnt war; sämtliche Offiziere sahen ihn einen Augenblick an, jeder dachte sich sein Teil. Der Kapitän überhörte es. Die beiden Christ-Church-Knaben stützten sich gegen die Reling. Das lange, blonde Haar flog ihnen bei den Windstößen um die Ohren. Sie waren blaß, zitterten in ihren langen Röcken und wünschten, sie wären zu Hause in ihrem Hospital. Der Jüngere hielt den Rücken seiner Hand vor sein blasses Gesicht, um die salzigen Spritzer der Wellen oder Tränen abzuwischen; als der Ältere aber sah, daß die Augen des Kapitäns auf ihnen ruhten, zog er die Hand des Jüngeren zurück, und sie standen stramm wie unverzagte junge Leute auf einem gefährlichen Posten. Dicht neben der Treppe standen Niclas und Madan, die Mützen in der Hand. Als die Augen des Kapitäns sich auf Niclas hefteten, schienen Niclas' starke, schottische Augen ihm zu antworten: »Verlassen Sie sich nur auf mich, Kapitän. Ich habe alles erraten, was in den versiegelten Orders stand, als der Kurs nach Süden umgelegt wurde. Lassen Sie uns so bald wie möglich in die Rettungsboote gehen, und wenn es hier etwas zu entdecken gibt, wird die Mannschaft der ›Antelope‹ nicht hinter anderen zurückstehen.« Wie er den Kapitän dort so hochaufgerichtet stehen sah, das glattrasierte Gesicht unbeweglich, dachte er, daß er dem unsterblichen Cook glich, und daß er, Niclas Tyacke, es den Besten seiner Besatzung gleichtun wollte. Madan hätte am liebsten Hurra gerufen, aber er wagte es nicht. Er strahlte über das ganze Gesicht, denn endlich war das Abenteuer da! Er preßte seine Mütze zwischen den Händen und nickte dem starren Gesicht des Kapitäns mit einem breiten Lächeln zu. Die Augen des Kapitäns verweilten einen Augenblick auf seinem Gesicht, ein Aufleuchten kam in seine ernsten Augen. Der Kapitän beratschlagte leise mit seinen Offizieren. Als sie sich geeinigt hatten, wandte er sich wieder an die Besatzung, und jetzt befahl er nicht mehr, sondern sprach wie ein Kamerad zu Kameraden. »Ihr wißt, wenn wir das Schiff verlassen, dann sind wir alle gleich, befehlen kann nur der, der dazu erwählt wird. Darum frage ich euch: Wollt ihr mich zu eurem Führer wählen? Wollt ihr mir freiwillig gehorchen, wie ihr mir früher auf Grund des Gesetzes gehorcht habt?« Der Erste Steuermann rief zuerst ja, und während die Augen des Kapitäns auf die Mannschaft geheftet waren, gaben alle nach und nach ihr Einverständnis zu erkennen. »Ich danke euch«, sagte der Kapitän und beugte den Kopf, »ich werde mein Bestes tun. Bevor ich aber das Kommando von neuem übernehme, möchte ich in aller Kameradschaft den Vorschlag machen, daß wir uns gegenseitig versprechen und geloben, allem Alkohol zu entsagen. Bevor wir in die Boote gehen, wollen wir eine Extramahlzeit einnehmen und dazu einen Schnaps trinken, weil wir naß und müde sind; dieser Schnaps aber soll der letzte sein.« Alle gaben ihr Einverständnis zu erkennen, nur der alte Thomas Wilson betrachtete seinen Namensvetter mit einem vorwurfsvollen Blick, als meinte er, daß diese Verhaltungsmaßregel eine Spitze sei, die besonders gegen ihn gerichtet wäre. Die Mahlzeit wurde eingenommen und der Schnaps verabreicht. Es war noch einige Stunden vor Tagesgrauen, und bevor es hell wurde, konnte man sich nicht über die Brandung wagen. Wer wußte, ob das Schiff so lange halten würde? Als der Kapitän sah, daß mehrere der Älteren, die ununterbrochen seit sechsunddreißig Stunden gearbeitet hatten, sich kaum mehr aufrecht halten konnten, ließ er noch einen großen Schnaps verabreichen. Das aber war auch der letzte. Thomas Wilson seufzte laut. Der Kapitän befahl der Mannschaft, so viel anzuziehen, wie sie tragen konnten, denn es war nicht möglich, Schiffskisten oder Rucksäcke mit in die überfüllten Boote zu nehmen, die längs der Leeseite bereitlagen und nur mit Mühe davor bewahrt werden konnten, an der Schiffswand zu zerschellen. Der Zimmermann und seine Gehilfen, die der Erste Steuermann unter der Besatzung ausgewählt hatte, begannen beim Licht der Schiffslaternen, die häßlich flackerten, die gefällten Maste und Rahen zurechtzuhauen, damit sie, sobald der Tag graute, über Bord geworfen und zu einem Floß zusammengezimmert werden konnten. Vereinzelte Blitze erhellten hin und wieder die Dunkelheit. Cummins, der Dritte Steuermann, der die besten Augen hatte, meldete dem Kapitän, daß er am südlichen Horizont die Umrisse einer flachen Insel gesehen habe. Auch der Bootsmann Thomas Wilson trat auf der Kommandobrücke an, rund und mit feuerrotem Kopf, Arme und Beine standen ihm vom Körper ab, denn er hatte alles, was er an wollenem Unterzeug besaß, und seine Sonntagsjacke angezogen; er meldete, daß er Land gesehen habe, aber im Osten; er zeichnete die Konturen, Berge und Täler, in der Luft, fand aber keinen Glauben und bekam auch nicht den Extraschnaps, auf den er als Belohnung gehofft hatte. Beim Morgengrauen tauchte drei bis vier Seemeilen südlich eine palmenbewachsene Insel hinter einer blauen Lagune auf, die die Insel von dem Riff trennte, wo die »Antelope« noch immer wie festgenagelt saß. Die Brandung umbrauste den Schiffsrumpf, die Sturzseen aber versuchten nicht mehr die Schiffswand einzuschlagen, wie sie es in der Nacht getan hatten. Der Kapitän hatte sich völlig angekleidet, zum letztenmal auf seine Koje gestreckt und den Befehl gegeben, daß man ihn beim ersten Tagesgrauen purren sollte. Als Thomas Dull, wie gewöhnlich, mit dem Rasierwasser kam, nach einem Streit mit dem Koch, der rasieren unnötig fand, wenn man ertrinken oder von Eingeborenen gefressen werden sollte, war der Kapitän schon wach. Dull sah, daß er ein Bild aus einem Rahmen an der Wand löste, das eine Dame mit Hängelocken vorstellte in einem rosa Kleid mit einer Rose an der Brust. Dull hatte angenommen, daß es Frau Wilson sei. Der Kapitän schickte ihn fort, um seinen Sohn zu holen, und begab sich dann auf die Kommandobrücke, wo Benger auf Wache gestanden hatte, blaß und verärgert, nachdem er sechsunddreißig Stunden ununterbrochen gearbeitet hatte. Nachdem die Insel und das Fahrwasser gründlich beobachtet und eine Stelle im Riff gewählt war, wo die Durchfahrt zur Lagune für die Boote am günstigsten schien, begab der Kapitän sich mit Benger und dem Zimmermann in den Lastraum, um das Leck noch einmal in Augenschein zu nehmen. Das Wasser aber stand so hoch, daß jede Hoffnung, den Schaden zu reparieren und das Schiff zu retten, ausgeschlossen war. Bei ruhiger See bestand die Möglichkeit, daß die »Antelope«, die aus dem allerbesten Holz gezimmert war, sich noch eine Zeitlang auf der Klippe halten konnte. Früher oder später aber würden Windstöße und Sturzseen im Verein ihr den Rest geben. Kam das Wetter auf, das drüben in der Windecke mit Sturm und Regen drohte, würde sie sicher bei dem ersten Anprall zerschellt werden. Der Kapitän und der Erste Steuermann inspizierten zusammen noch ein letztes Mal Besatzung und Schiff, indem sie sich in jeden Raum, der noch zugänglich war, begaben. Der Zimmermann und seine Leute hatten die ganze Nacht gearbeitet, sie hatten Holzwände herausgesägt, um das Floß damit zu verstärken und um Balken zu gewinnen, aus denen man später ein Haus bauen konnte. Jetzt erhielt der Zimmermann Befehl, alles Zimmerholz an Deck zu schaffen und unverzüglich das Floß zu bauen. Als sie mit den schweren Stücken des Großmastes hantierten, die sich in ihre eigenen Taue verfilzt hatten, stolperte Gotfred Minks, der älteste Quartiermeister, der seine letzte Reise machte – nach der Heimkehr wollte er sich in den Ruhestand setzen –, über das Tauwerk und fiel luvwärts ins Wasser. Bevor eines der schwergeladenen Boote, die auf der Leeseite lagen, hinübergelangte, hatte ihn die Brandung ins Meer gespült. Sie sahen, wie er einen Arm in die Höhe reckte, dann war er verschwunden. Er hatte alles angezogen, was er besaß, so daß er ganz unförmig und außerstande war zu schwimmen. Es war wahrlich seine letzte Reise geworden. Das Meer war ruhiger geworden, so daß die Leute auf dem Floß arbeiten konnten, das am Achterkastell vertäut lag. Mittlerweile wurden die Schaluppen zur Abfahrt bereitgemacht. Madan lag vorn auf dem Bauch über dem Klüverbaum, den er mit dem Beil bearbeitete. Der Schaum der Brandung spritzte ihm ins Gesicht; tief unter sich in dem klaren Wasser sah er rote und grüne Flammen, es waren Korallenriffe, wie er wußte. Plötzlich sah er ein Aufblitzen im Schaumwirbel, es war ein fliegender Fisch, der mit seinen kleinen roten Augen das ungeheuere Tier betrachtete, das seinen Schatten auf das Wasser warf. Etwas entfernt ragten zwei dunkle, runde Felsen aus dem Schaum. Was war das? Plötzlich begannen sie sich zu bewegen – Madan hatte noch nie Schildkröten gesehen, aber sein Sinn war so auf Wunder eingestellt, daß die Tatsache, daß zwei Felskuppen, von Sonne und Salz gekitzelt, sich zu bewegen begannen, ihn gar nicht in Erstaunen setzte. Er zog einen Schiffszwieback aus der Tasche, zielte und traf, das Tier aber schien es gar nicht zu merken. Im nächsten Augenblick aber strich ein Vogel mit ausgebreiteten Flügeln durch den Schaum, schnappte im Gleitflug nach dem Zwieback, hielt ihn in seinem großen Schnabel und ließ ihn wieder fallen. Fast hatte Madan alles das, was ihn bewegte und ihm die Brust zu sprengen drohte, herausgesungen. Warum mußten sie hier liegen und die Zeit vergeuden, anstatt in die Boote zu gehen und die Insel, die sie entdeckt hatten, im Namen Seiner Britischen Majestät in Besitz zu nehmen? Da rief die Pfeife des Bootsmannes die Besatzung auf Deck, und Madan kletterte vom Klüverbaum herunter. Der Kapitän stand mittschiffs auf der Brücke. Madan nahm an, daß die Mannschaft für die Schaluppen ausgewählt werden sollte und beeilte sich, um als erster an der Spitze zu sein. Benger sollte die große Schaluppe steuern, Cummins, mit den scharfen Augen, die kleinere, und Matthias Wilson, der Bruder des Kapitäns, die Jolle, die kein Segel führte. Die Augen des Kapitäns blickten prüfend über die Besatzung, die sich um ihn drängte. Sein Blick heftete sich auf William Dewis, den Passagier, der voranstand; die runden Augen mit dem beständig erstaunten Blick aber rührten ihn nicht, obgleich der Astronom den Finger in die Höhe reckte wie ein Schuljunge, der sich meldet. Niclas hatte gesehen, wie Madan herbeigestürmt war: er zog ihn jetzt am Arm näher, so daß sie beide dicht vor dem Kapitän standen. Zusammen wurden sie für Bengers Boot ausgewählt. Madan war drauf und dran, Hurra zu schreien. Niclas aber preßte seinen Arm, so daß er verstummte. Die Lage war zu ernst: sie sollten ihre geliebte »Antelope« verlassen und vielleicht Zeugen sein, wie sie vom Meer zerschellt wurde; außerdem war der alte Minks über Bord gegangen, nein, es war kein Grund, um Hurra zu rufen. Zu Richard Sharps großem Ärger mußten die Kadetten zurückbleiben; es war das erstemal, daß Richard auf seinen Kameraden und besten Freund böse war, denn wäre er nicht der Sohn des Kapitäns, Henri Wilson II., würden sie natürlich unter den besten Kräften für den gefahrvollen Posten ausersehen worden sein. Alles in allem gingen zwölf Mann in die beiden Schaluppen. In dem Augenblick, als auf Bengers Befehl abgestoßen wurde, standen alle, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen, stramm; der Erste Steuermann stand hochaufgerichtet am Steuer, sein sehniger Körper folgte dem heftigen Auf und Nieder des Bootes mit geschmeidigen Bewegungen. Die Boote gelangten glatt über das Riff, das Wasser der Lagune war ruhig. Der Kapitän folgte den Booten von der Kommandobrücke aus, bis sie hinter einer Landzunge verschwanden. Als das Floß fertig und gehörig vertäut war, wurde der Zimmermann John Polkinghorn, der große Walliser mit den baumstarken Armen, auf die Kommandobrücke gerufen, und der Kapitän drückte ihm die Hand. Der Ausguckmast war gefällt, von vorn und achtern aber wurden die Stromverhältnisse und Ebbe und Flut genau beobachtet, durch das Fernglas betrachtete der Kapitän die lange, flache Insel, die im Süden ganz schwach sichtbar war, mit Bergen und Klüften, letztere waren bisweilen so tief, daß man nicht unterscheiden konnte, ob es ein und dieselbe Insel oder eine Gruppe von Inseln war, die sich voreinanderschoben. Ein sanftes Blau lag über den Tälern; hier und dort, hauptsächlich im Süden, schimmerte es grün durch den Nebel wie von bebauten Feldern auf den Abhängen. Auf dem höchsten Punkt war ein dunkler Fleck, offenbar dichte Waldungen, vielleicht aber waren es nur Büsche und langhalmige Gräser, die von Schwärmen von Seevögeln umkreist wurden. Nach einem Tag voller Geschäftigkeit und Spannung meldete der Zweite Steuermann gegen vier Uhr Boote im Süden. Gleich darauf sah der Kapitän das Segel der großen Schaluppe, und bald konnte man alle drei Boote erkennen, die sich durch das gekräuselte Wasser der Lagune, gegen Strom und Wind, zurückkämpften. Als Benger in Hörweite gekommen war, rief er dem Kapitän durch die hohle Hand zu: »Gute Botschaft! Trinkwasser! Keine Eingeborenen!« Alle hatten es gehört, und Hurras begrüßten die Ankommenden. Als die Boote die Brandung erreicht hatten, kommandierte Benger: »Riemen aus dem Wasser!« Die Mannschaft stakte die Boote vorwärts, von dem Zweiten Steuermann dirigiert, der auf der Leiter stand, die der Zimmermann an der Reling befestigt hatte; von dort konnte er durch Gischt- und Schaummassen die bestbefahrbaren Stellen zwischen den Riffen erkennen. Die Männer kletterten an Bord, und während Benger dem Kapitän berichtete, erzählten die Männer ihren Kameraden so aufgeregt von dem Erlebten, daß der Steuermann um Ruhe bitten mußte. Die Insel, meldete Benger, schiene unbewohnt. In einer stillen Bucht, von hohen Abhängen umsäumt, waren sie über einen Strand von Korallensand an Land gewatet. Sie hatten die nächste Umgebung durchsucht, ohne eine Spur von Menschen oder großen Tieren zu finden. Auf den Abhängen wuchsen Büsche, eine Art Myrten, und Bäume, die wilden Kirschbäumen glichen; auch Palmen und Kokosbäume hatten sie gesehen. Vom Abhang rieselte im Zickzacklauf eine Quelle, und das Wasser war süß, rein und frisch. Benger hatte fünf Mann mit Cummins als Führer zurückgelassen, damit sie einen guten Lagerplatz suchen und den Boden ebnen sollten, um eine Hütte zu bauen. »Wie soll die Insel heißen?« rief eine Stimme durch den Lärm. Der Kapitän blickte sich nach dem vorlauten Sprecher um, aber niemand meldete sich. Die, die am weitesten entfernt standen, reckten die Hälse, Madan sah sich vorwurfsvoll um, und auch Niclas sah aus, als wollte er sagen: »Jetzt ist keine Zeit für Kindereien!« Die beiden Kadetten Henri und Richard aber näherten sich Mr. Dewis, betrachteten ihn mißtrauisch, bis er böse wurde und sagte, was denn dabei sei, wenn er wirklich gefragt habe, einen Namen müßte die kleine freundliche Insel doch haben. Damit aber hatte er das Spiel verloren. Henri ll. nannte ihn von nun an »das unangebrachte Fragezeichen«, und die Waisenhausjungen, die den Sohn des Kapitäns bewunderten, spendeten Beifall; der Ältere erlaubte sich sogar den Witz, einen Lehrsatz des Church-Hospitals zu zitieren: »Don't ask questions, sir.« Die fünf, die auf der Insel zurückgelassen waren, wurden von allen Jungen beneidet. Madan und Nick hatten sich auch dazu gemeldet, und Cummins schien auch willig gewesen zu sein, der verfluchte Irländer von der Westküste aber hatte abgelehnt, weil sie zu jung waren. »Es ist eine Aufgabe für Erwachsene«, hatte er gesagt und sich die Schnauze mit dem Rücken seiner Hand abgewischt, wie er zu tun pflegte. Eines aber konnte er ihnen nicht nehmen, dachte der erzürnte Madan: Niclas und er hatten die Insel zuerst betreten! Als die Riemen eingezogen worden waren und sie sich vorwartsstakten, waren sie schnell entschlossen vom Steven durchs Wasser gesprungen und hatten den Strand zuerst erreicht. Nick und ich, dachte er, haben die Insel in Besitz genommen, und ich bin Nick noch um einen Schritt zuvorgekommen, weil er im Lauf stolperte. Es ist meine Insel, dachte er bei sich und brüstete sich. Hat hier einer das Recht, sie zu taufen, so bin ich es. Daß du es weißt, du verfluchter Hund von einem Irländer von der Westküste. Das Floß wurde jetzt mit Reissäcken, getrockneten Fischen, Schiffszwieback, Schinken, den drei überlebenden Hühnern und den Überresten des jungen Ochsen beladen, der am Morgen verschieden und gleich, so gut es eben ging, zerlegt und von dem Koch eingesalzen worden war. Außerdem wurde das beste Tauwerk, Handwaffen, Munition und zuletzt das notwendigste Werkzeug geladen, das man auf einer öden Insel nicht würde missen können. Zuletzt wurden die Chinesen, die auf einem Haufen gesessen und alles, was vorging, mit zitternden Gliedern und Entsetzen in den blanken Augen verfolgt hatten, zwischen den Warenballen als Ballast verteilt, und unter Todesstrafe wurde ihnen verboten, ihre Plätze während der Überfahrt zu verlassen. Dann wurde das Großsegel über das Floß gebreitet und festgezurrt. Benger übernahm die Führung. Aber es wurde fast Abend, bevor alles bereit war. Von der Kommandobrücke warf der Kapitän einen letzten Blick auf das Schiff, seinen Stolz und seine Hoffnung; seine Augen folgten den Linien, die selbst mit gefällten Masten und eingedrückten Rändern noch stolz und schön waren. In dem feierlichen Schweigen sagte jeder Mann in seinem Herzen der »Antelope« das letzte Lebewohl; über kurz oder lang würde sie vor aller Augen in den Wogen verschwinden. Jeder sah, wie die Lippen des Kapitäns zuckten, als er seinen Kopf entblößte; alle nahmen ihre Mützen ab. »Streicht die Flagge!« befahl er mit lauter Stimme. Während das bunte Tuch langsam an der Stange herabglitt, sprach der Kapitän laut das Vaterunser, als sei das Schiff ein lebendiges Wesen, dessen Seele der Gnade Gottes empfohlen würde. Über Niclas' Backen rannen zwei große Tränen, und als Madan es sah, schluchzte er wie ein Junge, trotz der lockenden Abenteuer, die seiner warteten. Der alte Kanonier überreichte dem Kapitän, der die Brücke verlassen hatte, die Flagge. Als alles bereit war, gab der Kapitän das Zeichen, der Oberbootsmann ließ seine Pfeife ertönen. Von Deck, aus der Mannschaftskajüte, von Treppen und Luken rief er die Mannschaft zusammen, und alles ging in die Boote. Nachzügler, die noch unten gewesen waren, um ein teures Andenken aus der Schiffsküste zu retten, einen Tabaksbeutel, von lieben Händen gehäkelt, ein Bild aus der Heimat, kamen angelaufen. Schließlich war das Schiff verlassen. Benger, der die Route vom Morgen her kannte, führte von der großen Schaluppe aus, die das Floß im Schlepptau hatte. Er war bereits abgestoßen und steuerte mit äußerster Vorsicht durch die Wellen über die Spitzen der Riffe. Der Kapitän wartete in der Jolle am Fallreep mit vier Mann und den beiden Hunden an Bord, bis Benger das Floß über die gefährlichsten Stellen geführt haben würde, als er plötzlich einen Laut aus dem Lastraum des verlassenen Schiffes hörte. Er nahm einen Überblick über die Mannschaft, während der Oberbootsmann an seiner Seite ein anhaltendes Pfeifensignal gab. Da tauchte der große Kopf des Zimmermanns aus der Luke auf. Zuerst schleuderte er seine Axt auf Deck und dann einen Haufen Türfüllungen, die er im letzten Augenblick noch herausgeschlagen hatte. Dann kroch er selbst herauf, mit aufgekrempten Hosen und nackten Armen, von Wasser triefend. »Bin schon da!« nickte er vergnügt lächelnd. »Ich wollte dieses Zeug noch mitnehmen.« Der Kapitän gab ihm einen Rüffel, der wie eine Lobrede klang. Als er in die Jolle kam, hätten die Hunde das Boot fast gekentert, weil Polkinghorn ihr ganz besonderer Freund war. Nachdem man die Türfüllungen noch auf das Floß geladen hatte, bugsierte Benger das Floß durch die Brandung; ein paar der zuverlässigsten Leute in der Schaluppe und auf dem Floß manövrierten mit den Schlepptauen und Stangen. Ein Wind kam auf, Sturzseen spülten über das Floß, das bisweilen so weit hinter der Schaluppe zurückblieb, daß die Wellenköpfe es vor den Leuten auf der Schaluppe verbargen. Der Kapitän stand hochaufgerichtet in der Jolle und folgte dem Manöver, auf seinem totenblassen Gesicht konnte man lesen, was auf dem Spiel stand. Der Wind umheulte das Wrack des verlassenen Schiffes, und jedesmal, wenn das Floß gegen ein Riff stieß, klang durch den Sturm das Geheul der sechzehn Chinesen, die sich mit Händen und Füßen an die zusammengezimmerten Planken klammerten. Der Kapitän rief hinüber, daß jeder auf dem Floß, der bei der Arbeit entbehrlich sei, festgezurrt werden solle, damit niemand über Bord gespült und, die Fahrt durch Rettungsarbeit nicht aufgehalten werde. Die Schaluppe und das Floß schienen kaum vorwärts zu kommen, das verlassene Schiff war noch immer nah. Das Floß wurde mehr von Wind und Strom als von Benger und seinen Helfern gesteuert, und die Segel konnten nicht gesetzt werden, solange man das Floß im Schlepptau hatte. Wie lange würde es noch dauern? Bald kam die Nacht – Der Kapitän ließ die Jolle so nah wie möglich an die Schaluppe heranrudern. Ein Tau wurde hinübergeworfen, aber erst nach dem dritten Male glückte es Benger, es zu ergreifen, und nun waren die sechs Riemen in der Jolle behilflich, die schwere Ladung durch die Brandung zu schleppen. Es dauerte eine Stunde, bis die Boote das ruhige Wasser der Lagune, das die Insel vom Riff trennte, erreichten. Endlich konnte Benger die Segel setzen. Der Kapitän löste das Schlepptau und überließ es den Schaluppen, das Floß zu bugsieren, während er auf die Landungsstelle zusteuerte, wo er anlegen und dann zurückkehren wollte, um dem Floß beim Landen behilflich zu sein. Als die Schaluppen sich der Insel näherten, wurden sie von der Strömung aus dem Kurs getrieben und entfernten sich von der Bucht. Nachdem sie eine Weile vergebens gekreuzt hatten, ließ Benger die Segel einholen und kommandierte die Mannschaft an die Riemen. Je mehr sie sich der Insel näherten, desto stärker wurde die Strömung, trotz des anstrengenden Ruderns kam man kaum vorwärts, die Kräfte versagten schließlich, und die Dunkelheit näherte sich mehr und mehr. Da ließ Benger das Floß mit den festgezurrten Chinesen an einem Dreggeranker vertäuen und nahm die Mannschaft in den zwei Schaluppen an Bord, die jetzt so schwer geladen waren, daß sie bis an die Reling im Wasser lagen. Kaum war der Kapitän mit seiner Jolle an Land gekommen, als er sie löschen ließ und dann mit vier Mann wieder hinausschickte, um den Schaluppen und dem Floß zu Hilfe zu kommen. Inzwischen war es dunkel geworden, man konnte die Ruderschläge hören, aber nichts mehr sehen. Der Kapitän preite durch die Nacht, die Antwort aber klang so fremd und fern – vielleicht war die Mannschaft erschöpft –, daß die Leute in der Jolle stutzten und glaubten, Eingeborene lägen dort draußen in ihren Booten, denn auch die Ruderschläge klangen leichter und schneller als die, die sie gewohnt waren. Die fünf Mann, die auf der Insel zurückgeblieben waren, hatten dem Kapitän die Mitteilung gemacht, daß sie im Laufe des Tages Spuren von Bewohnern gefunden hatten, Knochen, Asche, Fischgräten und hier und dort Kokosnuß- und Kakaoschalen. Nach einer Weile aber tauchten die Schaluppen und das Floß aus der Dunkelheit auf, und alles war eitel Freude, als man zusammen in die Bucht ruderte, an deren Ufer ein Stück Boden geebnet und ein Zelt für die Nacht errichtet war. Man feuerte einen blinden Pistolenschuß ab, zündete damit einen Docht an und machte Feuer neben dem Zelt. Abwechselnd trocknete man das nasse Zeug am Feuer; da alle mehrere Kleidungsstücke übereinandergezogen hatten, war niemand bis auf die Haut naß geworden. Man verzehrte Brot und Käse und trank das Quellwasser der Insel, das allen vorzüglich schmeckte. Es fing an zu regnen, die Winde kamen stoßweise, das Zelt gab Schutz gegen die Wetterseite, und die Mannschaft wurde in zwei Schichten geteilt, die eine legte sich zum Schlafen, während die andere die Boote auf den Strand zog, damit sie nicht fortgespült werden konnten. Die Waffen, die in ein Segel eingewickelt waren, wurden ins Zelt getragen. Eine Wache sollte für die erste Nacht auf der unbekannten Insel gewählt werden, und der Kapitän hatte die Mannschaft aufgefordert, sich freiwillig dazu zu melden. Niclas und Madan waren die ersten, die sich meldeten. Nick, als der Älteste, bekam die erste Wache, Madan die Hundewache. Das Zelt lag in der Rundung der Bucht, dicht neben dem Abhang, der so steil war, daß Eingeborene sich unmöglich herabschleichen konnten, etwas weiter fort aber bildete eine Spalte im Felsen gleichsam einen natürlichen Pfad, der zu dem waldbekleideten Gipfel hinaufführte. Dort übernahm der Bruder des Kapitäns die erste Wache; er hatte Befehl bekommen, nicht nur seine Ablösung, Thomas Dulton, sondern auch Madan zu wecken, der Niclas auf seinem Posten bei den Booten, einige hundert Schritte vom Lager entfernt, ablösen sollte. Als Madan um Mitternacht aus dem Schlaf gerüttelt wurde, wußte er nicht, wo er sich befand. Er meinte, er würde angegriffen und wollte sich mit Matthias schlagen. Beim schwachen Schein des Feuers erblickte er plötzlich die Schlafenden ringsum, ein Zeugbündel neben dem anderen, er glaubte, er sei Gefangener in einem Zauberland. Schließlich erkannte er Matthias' Stimme, die ihn barsch anfuhr; er erinnerte sich der »Antelope«, die dort draußen lag, von Meer und Sturm umheult, und im nächsten Augenblick besann er sich darauf, daß sie sich alle auf einer fremden Insel mitten in dem gewaltigen Ozean befanden. Keiner wußte, was ihrer dort wartete, Menschenfresser oder wilde Tiere! Lagen sie vielleicht schon dort oben auf dem dunklen Abhang auf der Lauer? Was flüsterte und tuschelte dort so unheimlich in den Büschen? Waren es die Stimmen böser Geister, die darüber beratschlagten, wie sie die Fremden in der ersten Nacht vernichten konnten? Als eine unförmige, schlafende Gestalt sich auf dem Boden wälzte, meinte Madan, es sei ein Gespenst, und voller Entsetzen packte er Matthias am Arm. Im nächsten Augenblick aber besann er sich: er sollte ja die Hundewache nach Nick übernehmen, hatte sich selbst dazu gemeldet. Er sollte allein in der teuflischen Dunkelheit dort hinten bei den Booten auf und ab gehen, während Ungeheuer sich von Gott weiß woher auf ihn stürzen konnten, bevor er um Hilfe zu rufen oder zu schießen vermochte. Gut, ich bin bereit! Er warf den Kopf in den Nacken und schob die Brust vor. Wer glaubt hier, daß ich mich fürchte? Laßt mir nur ein wenig Zeit, bis ich mich an die Dunkelheit gewöhnt habe. Geradeaus gegangen, bis Nick mich anruft »Wer da!« – Jawohl, ich bin bereit. Als er sah, daß Matthias inzwischen Dulton geweckt hatte, rief er ihm zu, indem er seiner Stimme einen heiteren Klang zu geben versuchte: »Gute Wache!« und begab sich auf den Weg. Als er aber glaubte, daß man ihn nicht mehr sehen konnte, fing er an zu laufen. Seine jungen Beine zitterten, er schämte sich und versuchte taktfest mit dem Gewehr auf der Schulter zu marschieren. »Wer da?« »Ablösung – Madan.« Unwillkürlich betastete er Nick, ob er es auch wirklich sei. »Wie war's? Hast du etwas gesehen?« Nick gähnte, daß es in seinen Kiefern knackte. »Was soll ich gesehen haben?« Als Nick in der Dunkelheit verschwunden war und Madan seine Schritte nicht mehr hören konnte, fühlte er sich von aller Welt verlassen, dem Unbekannten, das von allen Seiten drohte, preisgegeben. Während er zwischen den Schaluppen hin und her schritt, fragte er sich selbst wieder und wieder, ob er ein Mann oder ein Feigling sei. Er blickte über die Lagune, lauschte der fernen Brandung und ließ dann seinen Blick landeinwärts schweifen, über die Landzunge, die die Bucht im Osten einschloß, zu der Stelle, wo seiner Schätzung nach das Zelt lag, bis zur Landzunge, die die Bucht im Westen abschloß. Während er zwischen den leeren Booten hin und her schritt, betete er zuerst das Vaterunser im Takt mit seinen Schritten, summte darauf das Lied vom munteren Jack, der keine Furcht kannte und sein Leben wieder und wieder für König, Fahne und einen Kuß seines Mädchens wagte. Das beruhigte ihn. Und da sich nichts Ungewöhnliches ereignete, wurde er schließlich ganz mutig und dachte an die Abenteuer, die ihm bevorstanden. Zusatz 27. August 1866. Hier muß ich Schluß machen, kann Madan nicht weiter auf seiner abenteuerlichen Reise begleiten. Der Schiffbruch bedeutete keinen Schiffbruch für ihn, im Gegenteil, er begrüßte ihn mit Freuden, wie eine Einleitung, obgleich das Abenteuer anders ausfiel, als er sich zu Anfang der Reise gedacht hatte. Er wollte reich an Sieg und Ehren heimkehren, wie auch ich es in meinen Knabenjahren träumte, und auch er wurde aus seiner Bahn gerissen. Wahrscheinlich ist es folgendermaßen zugegangen: Eine Eingeborene hat sich in ihn verliebt und ihm freigiebig ihre Arme geöffnet – und er hat sich nicht losreißen können. War es ein Abenteuer? Nein, es war ein Mißgeschick. Er hat sich nicht entwickelt, und wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Als ich zum erstenmal von ihm las, wurde ich von ihm und seinem Abenteuer so stark ergriffen, daß er mir wie mein zweites Ich erschien, und ich gelobte mir, aus dem trocknen Bericht und den knappen Worten ein lebendiges Bild von ihm und seiner Umgebung zu formen. Seine Schuld ist es nicht, daß er mich jetzt nicht mehr interessiert, ich bin ein anderer geworden, das ist die Sache. Das Leben ist mir zu ernst geworden, um darüber zu fabeln, es will gelebt werden. Der Hauptgrund ist nicht, daß ich in meiner Liebe enttäuscht wurde, sondern daß ich die Kehrseite der Zivilisation zu sehen bekam, ich sah die weiße Frau wie eine Karikatur der ursprünglichen »Wilden«, sah natürliches Lebensgefühl zu »batavischer Form« entstellt. Würde ich nun wie Madan auf der Insel bleiben und mit den »Wilden« leben, könnte man es nicht als Abenteuer bezeichnen, sondern es wäre eher eine durchdachte, durch die Ereignisse meines Lebens bestimmte Handlung, eine Zuflucht, ein Weg zur Rettung. Denn jemand, der einen Schiffbruch wie ich erlitten hat, lebt beständig in der Hoffnung, daß er vielleicht unter einem anderen Himmelsstrich eine natürlichere Wirklichkeit finden kann. Anmerkung des Herausgebers Zwischen van Zantens Papieren fand ich eine formelle Einladung von Mijnheer Clement van Zanten zur Hochzeit seiner Tochter Lydia mit seinem Kompagnon Mijnheer Allan Woodford, den 3. August datiert. Diesen Brief kann van Zanten erst um den 8. August erhalten haben. Unter seinen Papieren befindet sich auch eine Kladde zu einem Brief, datiert den 10. August, worin er sehr formell bedauert, daß er wegen eines Magenübels die lange, beschwerliche Reise, hin und zurück, nicht anzutreten wage. Die Hochzeit sollte am 27. August stattfinden. Obiger Zusatz« zu »Madan Blanchards Abenteuer« ist also an Lydias Hochzeitstag geschrieben. Entschluß Ohne Datum. Es ist entschieden, ich will Schriftsteller werden, will das Buch über »Meine glückliche Zeit« herausgeben. Und habe ich Erfolg, will ich versuchen – obgleich so viele Jahre vergangen sind –, einen Schluß zu meinem ersten literarischen Versuch »Madan Blanchards Abenteuer« zu schreiben und auch ihn herausgeben. Dieser »Entschluß« steht auf der Rückseite des Bogens, auf dem der »Zusatz« niedergeschrieben ist; es besteht hier also ein Zusammenhang. Er ist ohne Datum; da aber »Meine glückliche Zeit« als ein abgeschlossenes Werk darin erwähnt wird, kann die Bemerkung erst im Jahre 1876 niedergeschrieben worden sein, also zehn Jahre nach dem »Zusatz«, zu Anfang der Zeit, die van Zanten selbst seine »ästhetische Periode« nennt. Ich verweise auf das Vorwort zu »Van Zantens glückliche Zeit«. Der Entschluß gelangte nicht zur Ausführung, van Zanten trat überhaupt zu seinen Lebzeiten nicht als Verfasser auf. Das erwähnte Erstlingswerk erschien erst vier Jahre nach seinem Tode. Ich möchte noch bemerken, wenn es in genanntem Vorwort heißt, daß das Buch teils auf holländisch, teils (von Kapitel X) auf englisch geschrieben ist, und daß zwischen diesen Abschnitten mindestens zehn Jahre liegen, dies wahrscheinlich auf einem Irrtum beruht. Zwischen den hinterlassenen losen und sehr knappen Tagebuchnotizen aus dieser Zeit findet sich eine Notiz über »meine Übersetzung«, die sich offenbar auf den vermeintlich originalenglischen Text des halben Buches bezieht. Doch ist anzunehmen – auch durch das Manuskript wird diese Annahme gestützt –, daß das Buch tatsächlich während seines zweiten Aufenthaltes in Batavia ganz auf holländisch verfaßt und der vermeintlich später auf englisch geschriebene Teil eine Übersetzung von van Zanten selbst ist. Nachdem er den Beschluß gefaßt hatte, das Buch zu veröffentlichen, hat er vielleicht überlegt, daß die Herausgabe auf englisch günstiger sein würde. Später mag dann dieser Teil auf holländisch abhanden gekommen sein, so daß das Manuskript halb auf holländisch, halb auf englisch vorlag. Daß der Beschluß nicht zur Ausführung kam, hat wahrscheinlich seinen Grund in van Zantens von ihm selbst so oft bedauertem Wankelmut. Mir, der ich ihn so gut gekannt habe, erscheint es durchaus nicht unwahrscheinlich, daß er, nachdem er die Probeübersetzung angefertigt hatte, selbst nicht schlüssig werden konnte, ob er das Buch in seiner Muttersprache oder lieber in der Weltsprache Englisch herausgeben sollte. Über van Zantens Leben auf der einsamen und ungesunden Insel Tjelatjap mag noch folgendes hinzugefügt werden. Wie Mijnheer vorausgesagt hatte, nahm van Zanten seine Zuflucht zu Büchern, in den vielen müßigen Stunden des ersten Jahres gab er sich ganz dem Lesen und Studieren hin. Da die Bitterkeit fortfuhr, in seinem Gemüt zu nagen, versuchte er sich Erleichterung zu verschaffen – seine eigenen Worte –, indem er aus seinem alten Plan (siehe Tagebuch, 17. Juli) Ernst machte und von Madan und seiner Abenteuerfahrt ein lebendiges Bild ausarbeitete; damals war der Plan ein Ausdruck seiner Sympathie für Madan gewesen, jetzt war es der Versuch, in der Dichtung das zu finden, was das Schicksal ihm versagte, als es ihn zu einem Handelsmann statt zu einem Seemann und Abenteurer wie Madan gemacht hatte. Vom Herbst 1865 bis zum Frühjahr 1866 hat er Trost in dieser Arbeit gefunden; durch die Mitteilung von der Hochzeit aber ist die Wunde wieder aufgebrochen, und die Bitterkeit hat den Heilungsprozeß unwirksam gemacht. (Siehe »Zusatz«.) Die Arbeit auf der Insel – ohne Mischblut-Vermittler, in direktem Umgang mit den Eingeborenen, teils Landleuten, teils Fischern – verlief reibungslos. In Tjelatjap, das so fern von der großen Stadt gelegen war, hatte man sich noch keine Vorstellung davon gebildet, was und wieviel man zu fürchten hatte, und daß man vor dem weißen Halbgott auf der Hut sein mußte. Van Zanten lernte dort eine so einfache und treuherzige und zugleich kindliche Rasse kennen, daß er sich kraft seiner tiefen Menschlichkeit nicht nur zu ihr hingezogen fühlte, sondern im Bewußtsein seiner natürlichen Überlegenheit jeden zu seinem Recht kommen ließ, ohne Rücksicht auf die Farbe. Noch war kein Jahr vergangen, als er es auf diesem Wege so weit gebracht hatte – zum Erstaunen von Mijnheer und der Firma –, daß man anerkennen mußte, in ihm eine allererste Kraft zur Bearbeitung jungfräulicher Reviere zu haben, das heißt abseits gelegener Inseln, wo die Weißen noch keine Gelegenheit gehabt hatten, sich unangenehm bemerkbar zu machen. Unmittelbar nach der Hochzeit 1866 erhielt van Zanten von Mijnheer persönlich ein Schreiben. Zuerst erkundigte er sich nach Pieters Gesundheit, die offenbar in dem ungesunden Klima gelitten habe, da man seine Anwesenheit bei dem großen Familienfest hatte missen müssen. Dann folgte eine Beschreibung des pompösen Festes und viele Grüße von Mevrouw: »Sie fühlt sich so einsam, seit Lydia aus dem Nest geflogen ist« –, und schließlich machte er ihm das vorteilhafte Angebot einer Stellung als selbständiger Aufkäufer auf der Insel Jap (zur Karolinen-Gruppe gehörig), wo die Faktorei ein Depot einrichten wollte, um von dort neue und ferne Inseln, »die den Segen der Zivilisation bisher noch nicht kannten«, für die Firma zu gewinnen. Diese Arbeit sollte van Zanten organisieren und leiten. Van Zanten griff mit Freuden zu. Sobald eine Ablösung für ihn gefunden war, reiste er nach Jap und blieb dort bis zum Februar 1872. Wie und wann van Zanten schließlich in die Nähe der Pelli-Inseln kam, wo Alis Insel ein paar Tagereisen von ihren Schwesterinseln entfernt liegt, das ist bereits in dem erwähnten Vorwort zu »Van Zantens glückliche Zeit« berichtet worden. Nachwort des Herausgebers Eines Tages, im Juni 1928, wurde mir als Herausgeber der weltbekannten Van-Zanten-Bücher aus einem Antiquariat in Paris ein gut erhaltenes Exemplar von einem seltenen französischen Buch angeboten, in dessen Besitz man durch einen glücklichen Zufall gekommen war. Der umständliche Titel des Buches heißt in der Übersetzung: »Bericht von den Pelew-Inseln«, gelegen im westlichen Teil des Stillen Ozeans; ausgearbeitet auf Grund von Journalen und Mitteilungen von Kapitän Henri Wilson und mehreren seiner Offiziere, die im August 1783 auf der »Antelope«, einem Post- und Frachtschiff der Ostindischen Kompanie, Schiffbruch litten. Übersetzt aus der von Herrn George Keate, Mitglied der kal. Gesellschaft und des archäologischen Instituts, besorgten englischen Ausgabe. Paris Le Jay fils 5 Maradan, Buchhandlung. 1788. Das Buch hat einen Umfang von 384 Quartseiten und ist mit einer geographischen Karte und zahlreichen Kupferstichen versehen. Es ist im viertletzten Jahr des ancien régime erschienen, noch während der königlichen Zensur, die erst 1791 aufgehoben wurde, und trägt darum ganz unten auf dem Titelblatt den Stempel: » Avec approbation et permission «; nach dem Titelverzeichnis und der Druckfehlerliste steht folgende offiziöse Anmerkung: »Ich habe im Auftrag von Monseigneur dem Großsiegelbewahrer ein Manuskript gelesen mit dem Titel: ›Kapitän Wilsons Reise auf der »Antelope« etc.‹. Dieses Werk ist um so interessanter, als es mit den Sitten und Gebräuchen eines bisher unbekannten Volkes bekannt macht, deren Eigentümlichkeiten von einem gelehrten Schriftsteller in England geschildert und veröffentlicht wurden. Paris, den 26. August 1788. gez. Mentellek.« Unter dieser Bekanntgabe ist in seiner ganzen feierlichen Länge (mehr als eine Quartseite in Petit) das Kgl. Privilegium abgedruckt, gegeben von Louis (» par la grace de Dieu Roi et France et de Navarre «) an die Buchhändler Le Jay fils \& Maradan, unterfertigt (» par le Roi en son Conseil «) Le Begue. Nach einer historischen Übersicht über die Entdeckung der Inseln wird geschildert, wie der armierte Schoner »Antelope« von etwa 300 Tonnen am 20. Juli 1783 von Makao mit versiegelten Orders in See stach, wie er mit widrigen Winden zu kämpfen hatte und am 10. August, kaum drei Wochen nach der Ausfahrt, vor einer Insel der Pelew-Gruppe, die die Eingeborenen Oroolong-Insel nennen, auf ein Riff lief. Dann folgt die Beschreibung des eingeborenen Königs Abba-Thulle, seiner Brüder und Minister. Sie zeugt von sympathischem Verständnis für die Eingeborenen. Kriege zwischen den Königen der verschiedenen Inseln werden eingehend geschildert, bei denen die Engländer eine entscheidende Rolle spielen, dank ihrer Schiffskanonen, die man mitsamt anderem Material und dem größten Teil des Proviants an Land gerettet hatte, bevor das Schiff auf dem Riff von den Wellen zerschlagen wurde. Zum Dank bekommen die Engländer die Insel geschenkt, auf der sie gestrandet sind. Sie bauen ein neues Schiff zur Heimreise. Als das Schiff fertig ist und die Rückreise bevorsteht, meldet sich ein gewisser Jungmann Madan Blanchard, von dem bisher nichts berichtet wurde, nur sein Name steht auf der Mannschaftsliste, und bittet, ob er auf der Insel bleiben dürfe. Der Kapitän versucht ihn von seinem Vorsatz abzubringen, als es aber nichts nützt, teilt er ihn dem König mit, der es als eine große Höflichkeit von seiten der Weißen auffaßt. Er dankt dem Matrosen und verspricht, ihn mit zwei Frauen, Haus und Boden und dem Rang eines Ministers auszusteuern. Weiter erfährt man nichts über Madan. Um sich für die Freundlichkeit der Engländer erkenntlich zu zeigen, äußert der König den Wunsch, daß sein zweitältester Sohn, der blutjunge Lee-Boo, mit dem Schiff nach England fahren und unter persönlicher Aufsicht des Kapitäns in die Gottähnlichkeit der Weißen eingeweiht werden solle, damit er als Lehrer und Führer seines Volkes heimkehren kann. So geschah es, und alle hatten den fröhlichen und treuherzigen jungen Mann gern. Er kam nach London und wohnte bei dem Kapitän und seiner Frau; den ersten nannte er »Kapitain«, die Frau aber »Mutter«. Bereits in dem darauffolgenden Jahre 1784 wurde er, kaum zwanzig Jahre alt, von einer in London grassierenden Pockenepidemie hingerafft. Er liegt auf dem Friedhof von Rotherhithe begraben, wo die englisch-ostindische Kompanie ihm ein Denkmal errichtet hat. Das Buch beschäftigt sich recht eingehend mit politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen in König Abba-Thulles kleinem Inselreich. Sitten und Gebräuche der Bevölkerung werden beschrieben, Werkzeuge und Waffen; man bekommt einen Begriff von der geistigen Verfassung, dem Charakter und den religiösen Vorstellungen der Eingeborenen, und das Buch schließt mit einem Wörterverzeichnis der Eingeborenensprache. Als einzigen Passagier hatte die »Antelope« einen gewissen Mr. Dewis an Bord, Siehe »Madan Blanchards Abenteuer«. von dem berichtet wird, daß er Zeichentalent habe. Diesem Talent ist das Bild Abba-Thulles und einer Frau seines Hauses, Ludée, zu verdanken (von der übrigens nichts weiter erzählt wird); das Bild des Kapitäns ist eine Reproduktion nach einer Malerei von Russell, Mitglied der Kgl. Akademie. Außerdem fand sich noch ein Bild von dem verschanzten Zeltlager der Schiffbrüchigen. Daß ich mich so eingehend mit dem Buch über die »Antelope« und dem Schicksal ihrer Mannschaft beschäftige, hat seinen Grund darin, daß es solch starken Eindruck auf van Zanten gemacht hat. Als er, um bittere Erfahrungen zu vergessen, Zuflucht in dichterischer Betätigung sucht, gibt dieses Buch ihm den äußeren Stoff, Vorstellungskreis des Buches befruchtet seine Phantasie, obgleich es so lange her ist, seit er es gelesen hat. (Siehe »Entschluß«, Seite 182 Es ist interessant, wie van Zanten bereits in seinem ersten literarischen Versuch Erlebtes zu verwenden versteht: Woodford, Irländer von der Westküste (S. 51) wird als Motiv im Abenteuer benutzt (S. 145), das blinde Mädchen aus der Hütte in Batavia (S. 97) kehrt im Abenteuer wieder (S. 139). In Wahoegen (S. 59) mit den langen, behaarten Ohren wild der aufmerksame Leser übrigens leicht das Modell, sogar der Name erinnert daran, zu Wahuja in »Van Zantens glückliche Zeit« erkennen, usw. ) Doch ist das Buch auch an und für sich interessant, ein Zeitdokument von allgemein menschlicher Bedeutung, nicht nur durch die Originalität und Neuheit des Stoffes, sondern auch wegen seines lebendigen, fast modernen Verständnisses für das Verhältnis zwischen weißen und farbigen Rassen. Es ist das ancien régime , das sich kaum ein Jahr vor der »Erklärung der Menschenrechte«, also unmittelbar vor der großen Revolution, auf Entdeckungsfahrt in ferne, neutrale Gebiete begibt. – Dieses Werk, meine ich, verdient aus hundertundfünfzigjähriger Vergessenheit hervorgeholt zu werden, und ich behalte mir vor, falls die Lesewelt sich genügend dafür interessiert, später eine gekürzte Ausgabe zu besorgen. Über den Einfluß, den das Abenteuer der »Antelope« auf van Zanten ausübte, möchte ich zum Schluß noch folgendes bemerken: Aus dem »Zusatz« (Seite 181) geht hervor, daß van Zantens Interesse für das Werk nach dem Erlebnis in Batavia abnahm. Das früher so hochgeschätzte Buch konnte ihm keinen Stoff mehr zur Beantwortung der Frage geben, die sein Gemüt jetzt ganz erfüllte; im Verhältnis zu dem Ernst und der Tiefe dieser Frage erscheint das Buch nur wie ein Spielzeug – eben nur wie ein Abenteuer. Lange hatte er sich mit der Vorstellung getröstet, daß das Schicksal es gut mit ihm gemeint, ihn vielleicht vor Schlimmerem bewahrt hatte, als es ihn, bevor die Reise noch begonnen, aus dem Kurs trieb. Als er aber einen schlimmeren Schiffbruch erlebte, als das Meer ihm bereiten konnte, fragte er sich selbst, warum seiner Fahrt über das Meer Hindernisse in den Weg gelegt worden waren, – konnte das etwas anderes als ein böses Geschick gewesen sein? Diese Frage, die jeder Schiffbrüchige sich wohl in einem ähnlichen Fall stellt, beschäftigte van Zanten bis zu seiner letzten Stunde. Wir wissen nicht, zu welchem Resultat er gekommen ist. Für uns aber steht fest, daß, falls er diesen Schiffbruch nicht auf seiner ersten Ausfahrt erlitten hätte, wir nie etwas von der glücklichen Insel erfahren, nie »Ali«, »Toko« oder die übrigen Van-Zanten-Werke kennengelernt haben würden. Wieviel davon Dichtung, wieviel wirklich Erlebtes ist, wird kaum jemals festgestellt werden. Doch in der Überzeugung, daß auch für van Zanten ein tieferer Zusammenhang zwischen »den großen Schmerzen« und »den kleinen Liedern« bestanden hat, können wir vielleicht die Frage beantworten, indem wir darauf hinweisen, daß seine lebendige und bunte Dichtung das Resultat des bunten und rastlosen Lebens wurde, das der Schiffbruch in Batavia zur Folge hatte. An den Früchten sollen auch Lebensschicksale erkannt werden. Hier folgt nun eine der Erzählungen van Zantens: