Laurids Bruun Der unbekannte Gott Zweiter Band Ralph ging auf Deck zwischen Helen und Schehanna, während der Dampfer träge an den nahen Sandabhängen vorbeiglitt. Als die Sonne den Horizont berührte, wandte Schehanna sich zum Gehen. Helen streckte die Hand aus, um sie zurückzuhalten, erinnerte sich aber im selben Augenblick, daß es ihre Andachtsstunde sei. Ralph lehnte sich gegen die Reling und sah ihr nach, wie sie mit ihren gleitenden Schritten durch die Menge der Passagiere ging, die sich nach dem Mittagessen Bewegung machten. Als ihr weißes Kleid in der Kajüte verschwunden war, nahmen Ralph und Helen ihre Wanderung längs der Deckstühle unter den Kajütenfenstern wieder auf. Stewards in weißen Jacken gingen geschäftig mit Erfrischungen hin und her. Aus dem Damensalon, dessen Fenster offen standen, erklang geschicktes Klavierspiel von einem Dilettanten. Elektrisches Licht wurde angezündet, Bridge-Partien kamen in Gang, und das Leben ging in neuer Gruppierung weiter. Ralph zog Helen mit nach vorn, hier aber drang der Lärm der Passagiere der zweiten Kajüte, die unten walzten, zu ihnen herauf. Da führte er sie auf das Kapitänsdeck hinauf, wo seine Doppelkajüte lag, die einzige, die frei gewesen war, als sie in Port Said an Bord gingen. Abbas war im Begriff alles für die Nacht zu richten. Ralph ließ ihn auf Deck zwischen den Rettungsbooten Stühle aufstellen und schickte ihn dann fort. Sie setzten sich und blickten schweigend über die Menzaleh-See, die sich meilenweit nach Westen erstreckte. Noch glühte der Horizont, plötzlich aber versank das Licht in der Dunkelheit hinter dem verblassenden See. Gedämpftes Sausen ertönte aus der Ferne; eine Wolke erhob sich vom Wasserspiegel, wie ein Schleier, der vom Winde erfaßt und fortgetragen wird, sie fing das schwindende Himmelslicht auf ihrem Rücken auf und glitt flüchtend auf die Stelle zu, wo die Sonne verschwunden war. Es waren Vogelschwärme, die von der Watstelle aufflogen und sich in der Nacht verloren. Ihre Gemüter glitten ineinander, ohne Worte. Er nahm ihre Hand, die so dicht neben der seinen niederhing, und sie wußte, daß jetzt kommen würde, was sie seit jenem Tage, als sie krank in der weißen Villa gelegen, bis zu jener wunderbaren Nacht in Schehannas Zelt aus ganzer Seele gewünscht hatte. Jene Nacht, als sein Leben in Gefahr war, und Schehanna, die den Herrn des Lebens kannte, ihr Gebet in das ihre eingeschlossen und ihr den Preis verkündete, – als sie dem unbekannten Gott sein Leben abgekauft hatte. Wenn sie jetzt das Versprechen brach, das sie blind gegeben hatte, dann würde er von neuem von Unglück betroffen werden; jeder Kuß von ihren Lippen, würde eine Falle sein. »Helen, wollen Sie meine Frau werden?« Sie klammerte sich mit beiden Händen an die Reling des Schiffes, beugte den Kopf und flüsterte: »Ich kann nicht.« »Warum nicht?« Sie beugte sich herab und blickte in den Kanal, von dessen dunklem Spiegel die entzündeten Himmelslichter ihr entgegenblinkten. Er wartete, aber es kam keine Antwort. Waren der Druck ihrer Hand, die Wärme ihrer Stimme nur eine Gabe, die eine gütige Frau jedem schenkt, der in ihr Leben tritt? – War alles das, was er aus ihren Worten gehört zu haben meinte, nur der Widerhall von Tönen aus seiner eigenen Seele? Hätte er seinen Arm um sie gelegt und ihr ohne Zögern ins Ohr geflüstert: Helen, warum wollen Sie es leugnen – ich weiß ja, daß Sie mich lieben – dann hätte sie vielleicht die Kraft gehabt, sich loszureißen, es zu leugnen aber wäre sie nicht imstande gewesen. Jetzt machte sein Zweifel es ihr leichter. Sie konnte jeden seiner Gedanken nachempfinden, und als er seine Frage wiederholte, antwortete sie ohne Zögern: »Ich liebe Sie nicht.« Sie sah von der Seite, daß seine Hand fester um die Reling griff, und sie fühlte, wenn sie nur eine Minute noch zögerte, dann mußte sie die Arme um seinen Hals schlingen und ihr Wort zurücknehmen. Hastig wandte sie sich zum Gehen. Sie wollte »gute Nacht« sagen, aber die Stimme versagte ihr den Dienst. Sie wußte nicht, wie sie an den Hunderten von unbeschäftigten Blicken, die ihr von den Liegestühlen folgten, vorbeigekommen war, ohne ihre Gemütsbewegung zu verraten. In ihrer Kajüte warf sie sich aufs Bett und bohrte den Kopf in die Kissen, um das Weinen zu ersticken, das sie schüttelte. Schehanna aber hörte sie dennoch. Den Blick auf die schwache Dämmerung des Kajütenfensters geheftet, flüsterte sie das Gebet der guten Worte, der guten Gedanken und der guten Taten für Helens verwundetes Herz. Weder Helen noch Schehanna erschienen beim ersten Frühstück. Ralph hatte die ganze Nacht wach gelegen und gesonnen und gesonnen. Jetzt, wo er zwischen den leeren Plätzen saß, sah er ein, was er getan hatte. Er hatte durch sein unerfahrenes Vorgehen die Kameradschaft zwischen ihnen gestört. Jetzt blieb ihm nur eines übrig: sich zurückziehen und sie in Ruhe lassen. Das erwartete sie von ihm als Kavalier; sie würde nicht zu Tisch kommen, bevor sie die Gewißheit hatte, daß er seinen Fehler einsah und Schritte tat, um ihn wieder gutzumachen. Sie hatte ganz recht. Was aber konnte er tun, ohne sie dem neugierigen Geklatsch der Gesellschaft an Bord auszusetzen, die nichts Besseres zu tun hatte, als sich mit dem lieben Nächsten zu beschäftigen. Er stand auf, ging ins Lesezimmer und setzte sich zum Schreiben. »Liebes Fräulein Herz! Ich habe mich so plump wie ein Schuljunge benommen. Verzeihen Sie mir. Sobald wir an Land sind, werde ich aus Ihrem Leben verschwinden, an Bord aber läßt es sich nicht machen. Ich werde das erste und zweite Frühstück in meiner Kajüte einnehmen, schlage Ihnen aber vor, daß wir wie bisher alle drei zusammen Mittag essen, um kein Geklatsch herauszufordern. Sind Sie nicht damit einverstanden, bin ich bereit, unter dem Vorwand krank zu sein, auf meinem Deck zu bleiben. Nehmen Sie keine Rücksicht auf mich, ich habe Beschäftigung genug. Wenn Sie heute nicht zum Mittagessen kommen, gehe ich davon aus, daß Sie lieber allein essen wollen. Ralph Cunning.« Indem er das Kuvert schloß, hörte er durch das offene Fenster einen Passagier zu einem anderen sagen: »Der Berg drüben mit dem zackigen Gipfel ist der Sinai.« Er hob seinen Blick zu dem wilden Felsen hinter dem öden Land. Sein Leben erschien ihm so leer wie die Landschaft. Als er ihren Namen auf das Kuvert schrieb, stand ihr teures Gesicht so lebendig vor ihm, daß er fühlte, wie schwer es ihm werden würde, die Bande zu lösen, die sich so fest um sein Herz gewickelt hatten. Sein Blick verdunkelte sich, und bevor er es zu hindern vermochte, fiel eine Träne in die feuchte Tinte, und die Schrift floß aus, so daß er ein neues Kuvert schreiben mußte. Er schickte Abbas mit dem Brief nach unten, und kurz darauf sah er Schehanna aus der Kajüte auf sich zukommen. »Fräulein Helen liegt mit Kopfschmerzen zu Bett, hofft aber, daß sie zum Mittagessen kommen kann.« Ralph blickte ihr forschend ins Gesicht, ob sie etwas wüßte. Sie preßte ihre schmalen Hände gegen die Brust, wie sie zu tun pflegte, wenn ihr Gemüt in Bewegung war. In den großen scheuen Augen war nichts Ungewöhnliches zu lesen, um den Mund aber bebte es wie von einem frischen Schmerz. Er sandte sie mit einem Gruß zurück und wandte sich ab. »Was jetzt?« dachte er und ließ seinen Blick über das Promenadendeck gleiten, wo die Reisenden in Liegestühlen der Ruhe pflegten. Ganz hinten in der Reihe saß ein Chinese in einem dunkelblauen Seidenkaftan; das gelbliche Pergamentgesicht starrte unter dem Mandarin-Käppchen unbeweglich zu den roten Bergen hinüber. Er sah aus, als ob er schliefe. Ralph aber hatte bei Tisch den auffallend lebendigen Blick hinter den schmalen Lidern in dem starren Gesicht bemerkt. Jemand hatte gesagt, daß er der Gesandte einer Großmacht sei, den die neue republikanische Regierung zurückgerufen habe. Seine Frau saß schweigend und unbeweglich neben ihm, in einem sackförmigen Seidenkostüm, das ebenso schwarz und blank war wie ihr Haar, das mit einem Nackenkamm von großen Perlen aufgesteckt war. Dort spazierte der riesengroße Fürst von und zu Schreckenburg mit einem österreichischen Baron, der sich beehrt fühlte und Mühe hatte, mit dem Fürsten Schritt zu halten. Die Affenarme des Fürsten reichten ihm bis an die Knie; alles an ihm war so unnatürlich in die Länge gezogen, daß es aussah, als ob es ihm schwerfiele, alles das, was im eigentlichen Sinn seines war, zusammenzuhalten. Ob es mit seinem Fürstentum wohl ebenso ist, dachte Ralph. Am anderen Ende des Promenadendecks winkten zwei junge Amerikaner mit ihren Shuffleboard-Schaufeln einer jungen frischen Landsmännin, die auf sie zueilte. Unter Lachen und Scherzen wurde das Deck mit Kreide eingeteilt und das Spiel begann. Ralph ärgerte sich über ihr lautes Benehmen. Sie spielten gerade vor Helens Kajüte, die mit Kopfschmerzen drinnen lag. Sollte er hingehen und sie bitten, ihren Spielplatz zu verlegen? Er unterließ es. Sie würden den Landsmann in ihm wittern. Alles das, was er fliehen wollte, war hier in seiner unmittelbar in Nähe. Er brauchte nur ein paar Schritte zu tun und würde mitten drin sein. Das war ja die Fifth-Avenue – der Benzingeruch ihrer Automobile haftete ihnen noch an. Und dort, hinter der Wand in ihrer unmittelbaren Nähe, klopfte der Puls einer anderen Welt, einer wesentlicheren und wertvolleren, in zwei Frauenseelen, die so verschieden an Ursprung, Vorzeit, Sprache und Kultur waren, wie Menschen es nur sein können, und dennoch so innig vereint. Es war ihm nicht vergönnt in ihre Welt einzudringen; er war durch seine Vergangenheit gebunden, gelangte nicht weiter als bis zu seinen lärmenden Landsleuten, die sich vor Helens Kajüte belustigten. Er ging auf sein Deck hinauf, streckte sich in dem Stuhl, starrte zu den öden Bergen hinüber und fühlte sich unsagbar einsam. Dort blieb er den ganzen Tag. Abbas kam herauf, ohne daß Ralph nach ihm geklingelt hatte, unter dem Vorwand, sein Messer zu suchen, in Wirklichkeit aber hatte Schehanna ihn geschickt, damit er sich nach seinem Herrn umsehen sollte; sie konnte den Ausdruck in seinen Augen nicht vergessen, als sie ihm Helens Bescheid gebracht hatte. Ralph schickte ihn fort und ließ sich das Mittagessen in seine Kajüte bringen. Helen war nachmittags aufgestanden und hatte an der Mittagstafel teilgenommen. Nach dem Essen begab sie sich auf das Kapitänsdeck, von Schehanna gefolgt. Ralph merkte schon von weitem, wer sich näherte. Während Schehanna an der Treppe stehenblieb, von dem blühenden Oleander gefesselt, der aus der Kajüte des Kapitäns auf Deck gestellt war, ging Helen mit ausgestreckter Hand auf Ralph zu und sagte: »Lassen Sie uns Freunde sein.« Wie sie dort stand, warm und hingebungsvoll, der Puls unter dem festen, runden Hals klopfend, der Mund zwischen Lächeln und Weinen bebend, die zitternde Falte zwischen den Brauen, und die großen, dunkelgrauen Augen von dem weichen, flammenden Haar eingerahmt, das von der Wärme an der Schläfe klebte, – so hatte sie an jenem Abend im Marmarameer vor ihm gestanden, als sie ihm von ihrem Leben erzählte. Er sah sie an und dachte: Diesen Kopf soll ich nie zwischen meinen Händen halten! Er sah sie an und dachte, wie kann sie nur glauben, daß ich mich mit so wenig begnügen würde. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Es ist am besten für uns beide, wenn wir uns trennen.« Es war ihm Ernst, nicht mal ihre Hand hatte er genommen. Während sie in der Nacht wachgelegen hatte, war es ihr ein Trost gewesen, daß sie ihn morgen und alle Tage wiedersehen, seine Stimme hören und ihm nah sein würde. Was schadete es, daß sie nicht die Seine wurde? – Er aber war klüger, stärker, gewohnt, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Und sie sah jetzt an seinem festgeschlossenen Mund, daß er recht hatte. Es gab keine Frist für ihr Opfer. Wollte sie ihr Versprechen halten, dann mußten sie sich trennen. Der Schmerz überwältigte sie, nicht nur ihr eigener, sondern auch seiner, ja, vor allem seiner; sie versagte ihm ja, was ihm gehörte, was ihr Wille ihm ganz zu geben bereit war. Sie ließ ihm die bittere Demütigung zuteil werden, daß er sich geirrt, daß sein Herz in etwas gelebt hatte, was nie war und nie werden sollte, während sie selbst das süße Bewußtsein seiner Liebe behielt und dessen, was hätte sein können, wenn nicht – Ihr Schmerz wandelte sich in Trotz. Was bedeutete ein Versprechen an eine Macht, die sie nicht kannte? – War sie ihrer selbst mächtig gewesen, als sie es gegeben hatte? – Ralph wäre gewiß auch ohnedem gesund geworden. Sollte sie ihm alles erzählen, ihn selbst die Verantwortung tragen lassen? – Oh, er würde lachen, würde sie in seine Arme nehmen und furchtlos die Mächte herausfordern, die ihn bedrohten. Er würde seiner Liebe wegen freudig sein Leben aufs Spiel setzen. – – – Nein, nein – die Angst vor jener entsetzlichen Nacht, als das Unsichtbare nah war, packte sie so heftig, daß sie sich umwandte und die Hand nach Schehanna ausstreckte, als wolle sie sie um Hilfe anrufen. Schehanna sah und verstand. Sie eilte herbei und brach das lange Schweigen, indem sie Ralph bat, ihnen seine Kajüten zu zeigen. Als Helen zu Bett gegangen war, sagte sie sich selbst, daß sie aus Liebe zu ihm stark sein müsse. Sie vermieden jedes Gespräch, das ihre Gedanken zurückführen konnte. Er unterdrückte alle Wärme, die in unbewachten Augenblicken in ihm aufsteigen wollte; sie folgte ihm getreulich darin und tat ihr Bestes, damit die Stimmung ungezwungen und munter wurde. Schehanna war für sie beide ein Ableiter; an sie richteten sie das Wort, wenn der Augenblick sie zu entwaffnen drohte. Es wurde mit jedem Tage wärmer. Helen litt häufig an Kopfschmerz, der Mattigkeit und Willenlosigkeit im Gefolge hatte. Sie warf sich auf ihrer Koje hin und her, ohne Ruhe zu finden, während draußen, nur durch eine dünne Wand von ihr getrennt, das Leben auf Deck mit Spiel und Scherz seinen gewohnten Gang ging. Die beiden jungen Amerikaner hatten sich wieder den Platz vor ihrer Kajüte als Spielplatz ausgesucht. Der eine machte seiner schlanken Landsmännin den Hof, Helen konnte hören, was sie sich aus ihrem Leben in der Heimat anvertrauten. Der andere hatte eine klangvolle Stimme und ein offenes Knabenlachen, das beruhigend auf Helens Gemüt wirkte. Eines Tages stellte er sich Ralph als Sekretär eines Vergnügungsausschusses vor, der sich zur Veranstaltung von Preisspielen gebildet hatte, Shuffleboard, Ringwerfen, Zweikampf zwischen Herren, Bridgespiel für ältere Herrschaften und noch mancherlei. Die Preise sollten am Tage des Kapitänmittags an die Sieger verteilt werden. Ralph lehnte kurz, fast unwillig ab; Helen tat der verblüffte Ausdruck im Gesicht des jungen Amerikaners leid und sie lächelte freundlich, um Ralphs Schroffheit wieder gutzumachen. Als sie sich mit Kopfschmerzen entschuldigte, meinte der junge Mann, daß Sport dagegen gerade gut sei. Er drang in sie, und als Ralph ihn mit einem unwilligen Blick musterte, überkam sie eine plötzliche Lust, Ralph ein wenig eifersüchtig zu machen. Sie zeichnete sich als Teilnehmer im Shuffleboard-Spiel, bei dem sie so häufig Zeuge gewesen war. Helen spielte zusammen mit Herrn Millney, seinem Freund und ihrer jungen Landsmännin. Ralph sah von weitem zu, mißmutig und stumm. Ihr Lachen schnitt ihm ins Herz, und er ärgerte sich über sich selbst. Er gab sich die größte Mühe, seinen Mißmut zu unterdrücken, wenn Helen beim Mittagessen lebhaft wurde und von dem Spiel des Vormittags erzählte. Sie übertrieb ein wenig und gab genau auf seine Miene acht; es war das Weib in ihr, das trotz Gelübde und Vorsatz sein Recht forderte. Es gewährte ihr einen armseligen Genuß, wenn sie sah, wie die Eifersucht sich durch einen unfreiwilligen Blitz in seinem Auge, einen unbewachten Zug seines Mundes verriet. Das war alles, was sie von ihrer verbotenen Liebe genießen durfte. Ihr Spiel war gefährlicher als sie ahnte. Ralph war eine zu schwere Natur und verstand sich zu wenig auf Frauen, um zu begreifen, was in ihr vorging. Er horchte auf ihr Lachen, folgte dem Spiel ihrer Augen und wachte über die halbvertraulichen Worte, die sie mit dem Amerikaner und seiner Gesellschaft wechselte. Er grübelte über das, was sie gesagt hatte, wenn er allein auf seinem Deck über die Reling gebeugt stand und dem gleißenden Meerleuchten im dunklen Wasser folgte. Er wog und prüfte, und wenn sie zusammen waren, stellte er ihr Fragen, die er sich ausgedacht hatte, um ihre Seele zu ergründen. Er fand, daß sie gegen Millney mit der hübschen Stimme ebenso offen war, wie gegen ihn. Wahrscheinlich saßen sie abends zusammen und vertrauten sich ihr Leben und ihre Gedanken an, wie er und Helen es getan hatten. Der Harvard-Student, Sohn eines reichen Mannes, der niemals Sklave der Arbeit gewesen war, verstand sich gewiß besser auf Frauen als er. Bald bereute er seine Zweifel an der Tiefe ihres Wesens und tat ihr im geheimen Abbitte. Bald wappnete er sich mit Stolz und sagte sich, daß er nichts verloren habe, wenn sie so leichten Kaufes zu haben sei. Um die Gedanken an Helen von sich abzuschütteln, begann er sich den anderen Passagieren zu nähern. Er blieb im Rauchsalon sitzen, rauchte und trank und nahm an den Wetten über die Schnelligkeit des Dampfers teil. Er sprach von dem drohenden Weltkrieg; er näherte sich, auf die Gefahr hin erkannt zu werden, zeitig gealterten Landsleuten, die von demselben Tyrann gezeichnet waren, der auch den Fuß auf seinen Nacken gesetzt hatte, und unterhielt sich mit ihnen über die Überschwemmung, die den westlichen Staaten von Chinesen und Japanern drohte. – Wenn er aber spät in der Nacht auf sein Deck kam und sich in seinen Liegestuhl warf, schüttelte er all das, wovor er geflohen war und was seine Fangarme von neuem nach ihm ausstrahlte, von sich ab, und Helen aus der weißen Villa stieg mild und strahlend vor ihm auf, wie an jenem Abend, als sie ihr Leben vor ihm entfaltete und sagte: »So einsam bin ich, daß ich einem Fremden mein Herz öffnen muß.« »Mir sind Sie keine Fremde« – hatte er geantwortet. Und er griff durch die Luft, wie er damals nach ihrer Hand gegriffen hatte. An Bord fand ein Maskenball statt. Alle kamen in Kostümen zum Festessen, ausgenommen der Chinese und die ernsten Geschäftsleute, die sich nicht stören lassen wollten. Ralph hatte bestimmt, daß er sich fernhalten wollte, und er hoffte im geheimen, daß auch Helen nicht teilnehmen würde, ebenso wie Schehanna, deren Religion sie von solchen Festen ausschloß. Bei Tisch aber erzählte sie ihm, daß sie in einem Kostüm von Schehanna kommen würde und bat ihn, auch an dem Ball teilzunehmen. Er schlug es kurz ab. Am nächsten Tage aber, als das Mittagessen sich näherte, änderte er seinen Entschluß. Der Gedanke, daß Millney ihr Kavalier werden würde, stimmte ihn im letzten Augenblick um. Er lieh sich Abbas' nationalen Festanzug, einen Kaftan aus gestreifter Seide, den er nicht mehr trug, seit er gelernt hatte, nach dem Paradies Europa zu streben. Helen war strahlend schön in dem einfachen weißen Kostüm mit der dunkelvioletten Mäanderborte. Sie hatte sich vorgenommen, das Vergangene in dieser einen warmen Nacht zu vergessen, jung und ausgelassen zu sein, wie in ihren ersten Studententagen. Indem sie mit Ralph zu Tisch ging, bildete sie sich ein, daß er ein Fremder sei – sein Kostüm unterstützte sie darin – ohne Sorge und ohne Verantwortung, jung wie sie selbst, mit Fest im Herzen. Ihre Freude steckte ihn an, und der Champagner tat das seine. Er wurde heiter und ausgelassen. Jetzt sah sie das Knabenlachen wieder in dem scharfen Profil, das sie den ersten Abend, als sie beisammen waren, so angezogen hatte. Sie freute sich darüber und senkte es in ihr Herz. Ihre Wangen röteten sich, sie wandte sich dem strahlenden Saal, dem Leben zu, das ihr von überall entgegensprudelte. Sie grüßte mit ihrem Glas zu Millney hinüber; Ralph vergaß seine Eifersucht und grüßte auch, und Millney versäumte aus seinem Glas zu trinken, so erstaunt war er über die Veränderung, die mit Helens verdrießlichem Begleiter vorgegangen war. Als der Tanz begann und sein Arm zum erstenmal um ihrer Taille lag, als sein Blick dem ihren begegnete, der feucht wurde, als habe er eine wunde Stelle in ihrem Innern berührt, da fiel ihm ein Satz ein, den er mal irgendwo gelesen oder gehört hatte: Eine Frau muß genommen, nicht überredet werden. Und er beschloß, alles Gewesene über Bord zu werfen, sich ihr ohne scheue Anbetung zu nähern, den Kampf aufzunehmen und sie zu gewinnen, koste es, was es wolle. Sie fühlte es. Ueberwältigt von Glück und Schmerz und zugleich Angst, schloß sie die Augen. »Nur diesen einen Abend,« gelobte sie sich in ihrem Herzen. Dann gab sie sich ganz dem Tanz in seinem Arm hin. Schehanna erwachte und richtete sich mit klopfendem Herzen auf. Der Schweiß rann ihr in Tropfen über den Hals. Sie meinte, daß sie auf aufgeregter See triebe; ein kalter Wind strich über ihren Scheitel, gellendes Kreischen von dunklen Geistern klang ihr in den Ohren. Noch unter der Verzauberung des Traumes stehend, starrte sie auf den schwachen Schein, der durch die gelbe Gardine fiel. Schließlich aber wurde die Verzauberung von dem Schnurren des elektrischen Windfächers gebrochen. Von dem Fächer rührte der kalte Hauch auf ihrer Stirn her – und plötzlich wußte sie Bescheid. Es waren nicht Aeshmas Geister, die vor ihren Ohren kreischten, sondern das Schiffsorchester, das zum Tanz spielte, so daß sie es bis in die Fingerspitzen hinein fühlte. Wie ist es nur möglich, dachte sie bei sich, daß ihnen das Freude macht! – Ob es nicht eher eine Sitte ist, um ruhelose Geister zu verscheuchen, die des Nachts das Schiff umschweben? Sie stand auf und kleidete sich an. Als sie die Tür öffnete, blieb sie geblendet stehen beim Anblick des Lebens, das am anderen Ende des Decks wirbelte. Sie sah die roten und weißen Lichter an der Takelung, sah das schwirrende Spiel von bunten Gestalten, die sich in der Lichtfülle drehten. Sie sah die blanken Hörner der Musikanten blitzen; von ihnen gingen die Schreie aus, die ihr in den Ohren gellten. Was mag das bedeuten, dachte sie und glitt näher, wie eine Maus, die wehrlos vom Licht angezogen wird. Sie stieß mit dem Knie gegen einen Liegestuhl, der außer der Reihe stand. Aus der Dunkelheit über der hohen Reling faßte der Monsun nach ihrem Haar, das sie in der Eile nicht aufgesteckt hatte. Der heiße Wind verstärkte noch das Fieber in ihrem Blut. Ein Steward eilte mit einer Schüssel Butterbröte für den Rauchsalon vorbei; er warf ihr einen erstaunten Blick zu, als er den Ausdruck in ihren Augen sah; sie zog sich scheu an die Reling zurück, wo das Licht nicht hinreichte. In der Tür zur Salontreppe sah sie Abbas. Er stand auf einem erschlichenen Platz und reckte den Hals. Sein Mund war geöffnet und er blinzelte mit großen blanken Augen in die wunderbare Herrlichkeit. Er sah sie, als sie vorbeiglitt, aber er achtete ihrer nicht; die wundervoll lächelnden europäischen Frauen hatten sie schon längst in den Schatten gedrängt. Dort drinnen schwangen sie sich mit glühenden Wangen, mit Augen, die im Rausch des Tanzes strahlten. Die weißen Hälse hinter der dünnen Umhüllung bebten im Takt zum Tanze; er beneidete die Hände, die um die schlanken Taillen greifen, die Augen, die unter die Hülle spähen durften. Die Hände zitterten ihm vor Erregung. Das war das Paradies Europa, das ihm zum Klang der Pauken und Trompeten sein Glück und seine Lust offenbarte; das waren die strahlenden Houris, nach denen seine drusischen Träume sich sehnten. So nah war er, daß er zu ihnen hineinsehen konnte – und dennoch so fern. Schehanna hatte ihren Kopf gegen das blaffende Segeltuch gelehnt, das zum Schutz gegen den Wind ausgespannt war. Sie stand im Dunkeln, der Tanz unterm Lichterglanz, die wirbelnden Paare in dem bunten Putz schlugen wie eine Brandung gegen ihre Seele. Wie sie sich zulächelten, während sie sich durch den Raum wiegten – die Frauen in den Armen der Männer, das Gesicht zu ihnen emporgehoben, Brust gegen Brust wogend, die Lippen geöffnet, als atmeten sie süßen Duft. Wirken denn Töne Wunder, dachte sie, daß alle Feindschaft der Liebe weicht? – Schweben die Geister des Lichts über ihnen? Sie sah einen glühenden Kopf begehrend über eine halb entblößte Brust gebeugt. Sie sah ein Weib mit blanken Augen, das seinen Hals einem flammenden Blick darbot, wie Durstende einem gefüllten Becher entgegenlächeln. Es wurde ihr schwarz vor den Augen. Aeshma-Daeva beschattete das Licht mit ihren Fledermausflügeln. Diven schwebten wie Fliegen mit Feuerschwingen hin und her, bis sie einen Weg zwischen den heißen Lippen fanden, und das Lächeln zu Grimassen verwandelten. Sie sah gequälte Seelen durch Dunkelheit gejagt, prunkende Kostüme wurden zu schimmernden Leichenkleidern, und das Begehren in den blanken Augen leuchtete wie Glut durch das tiefe Dunkel. Sie wollte fliehen, das Entsetzen aber machte sie starr, und das Gebet erreichte ihre Lippen nicht. Da merkte sie, wie etwas an ihrer Seele rührte, und sie sah Ralph und Helen drüben an der Kajütenwand vorbeigehen. Sie sah das Lächeln um ihren Mund und den Blick in seinen Augen, während er sie vom Tanz fort zu dem menschenleeren Deck führte, das sich vorn in der Dunkelheit verlor. Sie sah, wie Helens Lippen den seinen erwartungsvoll entgegenzitterten, und sie hörte ihr lautloses Gebet, »nur dieses eine Mal«. Sie sah Jahi, die böse Versucherin, ganz in ihrer Nähe schweben, ihre Seele beugte sich Helens zu – Da stieß Schehanna einen Schrei aus und sank zu Boden. Die Musik hielt inne, der Tanz brach ab. Ralph trug sie, von Helen gefolgt, in ihre Kajüte. Vor dem Mittagessen fuhren Helen und Schehanna zur Esplanade hinaus, wo Reisende aller Länder sich trafen, um den Sonnenuntergang überm Meer erglühen zu sehen. In zwei langen Reihen glitten die leichten Rickschaws über den breiten Fahrweg zwischen der Stadt und dem Gall Face Hotel. Der Strom, der hinausging, floß neben dem Strom, der zurückkehrte. Helen sah viele Gesichter, die sie vom Dampfer her kannte. Es war ein Winken und Lächeln. »Wie geht's?« – »Herrlich, nicht wahr?« klang es im Vorbeifahren. Seidenstoffe schimmerten in hellen Farben, Parfüms lösten sich von heißer Frauenhaut und trieben mit der Luft. Zwischen einem Wirrwarr von Seelenkontakten wurden Blicke entzündet und verlöschten wieder, Lächeln des Wiedererkennens, Seufzer der Erinnerung von hastig rückwärtsschauenden Herzen lebten für einen kurzen Augenblick auf und wurden von einem neuen Anschlag, einem neuen Ton verdrängt. Helen fühlte sich vom Strom ergriffen und mitgerissen. Es war, als ob eine Hand den Griff um ihr Herz gelöst habe. Sie vergaß Schehanna, die hinter ihr fuhr, vielleicht weil sie zum erstenmal von ihr vergessen worden war. Schehanna saß mit weitgeöffneten Augen da, die dennoch nichts sahen, ihr Blick war auf die Welt hinter dem Vorhang gerichtet. Sie hatte nachts im Traum Navsari und den rinnenden Fluß gesehen, und Dasturan Dastur hatte sie zu sich gewinkt. Jetzt lächelte sie in der sicheren Erwartung, daß sie dem Priester aller Priester begegnen würde; die Stadt hatte sicher einen Adaran, es galt nur, ihn zu finden. Das Blut schoß Helen in die Wangen: Ralph kam ihnen entgegengefahren. In seinem weißen Anzug saß er unter der schmalen Kalesche. Das Sonnenlicht fiel ihm in einem schrägen Gürtel vom Knie bis zur Brust. Sie hatte noch gerade Zeit, den mißmutigen Ausdruck in seinen Augen zu erspähen, als er sie entdeckte, und an dem Wechsel in seinem Blick sah sie, wie ihre eigene Wärme sein Gemüt entfachte. Ralph berührte den rechten Arm des Kulis mit seinem Stock; sein Wagen bog aus der Reihe und schloß sich Helens an. Die formellen Worte, die sie zum Gruß wechselten, wurden fast von der Woge gesprengt, die in ihnen emporschlug. Ralph brach das Eis. Es wirkte wie eine Befreiung, als er sagte, und seine Stimme klang heller als sonst: »Kommen Sie morgen mit nach Kandy – lassen Sie uns Paradinyja, den Garten des Paradieses, zusammen sehen!« Sie fühlte sich so überrumpelt, daß sie nichts zu sagen vermochte; aber sie nickte und ihre Augen wurden dunkel. »Ich hole Sie morgen um acht Uhr ab.« Er ließ seinen Wagen zurücklenken und grüßte, ohne ihrem Blick zu begegnen. Im Schwunge nickte er Schehanna zu, sie aber sah ihn nicht, hatte nichts gesehen: sie saß zurückgelehnt, die Hände über der Brust zusammengepreßt, der Blick verschleiert, ein stilles Lächeln auf den Lippen. Es wurde Schlafenszeit, ohne daß Helen Schehanna ein Wort über den geplanten Ausflug gesagt hatte; sie konnte sich nicht entschließen, ob sie sie mitnehmen sollte oder nicht. Als der Morgen kam, faßte sie einen schnellen Entschluß und sagte durch die offene Tür: »Ich fahre heute nach Kandy. Du kannst inzwischen nach deinem Adaran suchen. Der Portier wird dir gewiß sagen können, wohin du dich fahren lassen mußt.« Sie sagte es wie ein Schulmädchen, das zu einem Stelldichein geht, und nannte Ralphs Namen nicht. Sie fürchtete, daß Schehanna in der Tür erscheinen und sie mit dem angstvoll fragenden Blick betrachten würde, der ihren Willen lähmte. Schehanna aber zeigte sich nicht, ihre Gedanken weilten bei ihrem Traum. Es wurde ein herrlicher Tag. Sie fuhren durch Pettah, die Stadt der Eingeborenen, wo ein reger Verkehr von Händlern war, die zum Markt wollten; eine hohle Tonne aus Segeltuch oder geflochtenem Stroh, mit Bambusbändern zwischen vier Räder gespannt, das war die ganze Beförderung. Der Kutscher saß halbnackt in der Tonnenöffnung, mit den Beinen zwischen den Ochsenschwänzen baumelnd; mitten in der Tonne lag die Familie zwischen Obst und Gemüse. Frauen, die zur Arbeit eilten, mit ihren Säuglingen auf der Hüfte, trugen ein weißes Hemd lose über der Brust, und bunte Röcke, die im Gürtel zusammengerafft waren; die torfbraunen Arme waren bis an die Schultern nackt. Der Singhalese, der mit der Würde eines freien Mannes dahinschlenderte, trug sein Haar zierlich in Knoten, mit Nackenkamm aufgesteckt; auch er trug einen Rock, der Oberkörper aber wurde von einer weißen, einreihig geknöpften Jacke verdeckt. Der Tamule dagegen trug nichts weiter auf seiner schweißglänzenden, schokoladenfarbigen Haut als ein vielfach geschlungenes Lendentuch, das ihm bis über die Mitte des Schenkels fiel. Sie fuhren durch flache Flußwiesen, wo europäische Kühe bis an die Knie im Gras standen. Aus überschwemmten Gebieten ragten die hohen Halme des jungen Reis und zeichneten ein Netzwerk von Schattennadeln in das sonnenbeschienene Wasser. Ein Reiher, schwarz und weiß, mit geschwungenem Hals, spazierte anmutig nickend zwischen den Halmen. Ueber die Ebene strich in tiefem Flug eine Schar grauer Vögel, die von der Eisenbahn aufgestört worden waren. In einer Hecke von schwellenden, hochroten Blumen flogen kleine Papageien ein und aus. Dort waren Schwärme von Krähen, die ganz heimatlich schrien. Und klang es nicht von dunklen Punkten hoch oben in der Luft wie Lerchengezwitscher? Sie frühstückten im Speisewagen. Während der Mahlzeit strichen die ersten kühlen Luftzüge durch die offenen Fenster; es war die Luft von den Bergen, denen sie sich jetzt in großen Kurven näherten. Sie blickten in die wolkenlose Luft hinauf, die wie von Millionen frei in der Luft schwebender Kristalle glitzerte, und in deren Blau die fernen Berge sich mit weißen Gipfelzähnen festbissen. »Sehen Sie den höchsten Gipfel dort,« sagte Ralph, »das ist der Adamsberg.« Seine Hand berührte die ihre, als er sein Glas hob um zu trinken. Ihre Augen trafen sich, und sie wurden ganz benommen von dem Glanz ihrer Blicke, von dem festlichen Rausch, durch den die wunderbare Pracht der Erde ihr Gemüt erlöst hatte. Und es geschah, daß sie beide im selben Augenblick dasselbe fühlten: daß sie zu etwas unübersehbarem Neuen emporgehoben wurden, worin ihre Seelen sich noch nicht zu entfalten vermochten. Helen schloß die Augen. Ein plötzliches Schamgefühl zwang sie, sich vor seinem Blick zu decken; sie fühlte, daß ihr Wesen sich wehrlos dem seinen entgegenneigte. Und eine Ahnung stieg ihr aus der Tiefe ihrer Seele ins Bewußtsein und formte sich zu Worten: Nicht im Mann und nicht im Weib, sondern im Menschenpaar erreicht das Leben seine Vollkommenheit und geht den Weg zu Gott. Paradinyja – ewiggrüner Garten des Paradieses, umsäumt von dem Fluß, der auf weißen Gipfeln entspringt! Die Quelle rieselt vom Weißen zum Grauen und vom Grauen zum Grünen, rieselt in besonnener Eile wie der, der ahnt, was er in seinem Schoß birgt; und ist sie bis dorthin gelangt, wo die Plantagen auf den Abhängen von der Sonne durchglüht werden, dann fließt sie ruhig und gelassen wie der, der fühlt, daß er reift – und gelangt sie hinab zu dem von neuem erschlossenen Eden, dann ist sie schwanger von keimenden Generationen, dann ist sie der Lebensfluß selber, der sich wie ein Kranz um das Heim der ewigen Kräuter legt. »Sieh, ich bewache den Nabel der Erde,« flüstert er. Und die schlanken, grünen Bambusriesen, die von Regenzeit zu Regenzeit in Hainen längs seines Ufers emporschießen, beugen sich über seinen Spiegel und flüstern: »auch wir wachen.« Vor dem Garten war kein Flammentor und kein Cherub. Zwei uralte Gummibäume klammerten sich mit gerunzelten Riesenwurzeln an die Erde, als seien sie ungeheure Drachen, die vom Tode überrascht worden waren, während sie den Eingang bewachten, als wären sie in den letzten Zuckungen erstarrt. Drinnen im Schutze ewiggrüner Riesenbäume war die Luft heiß und von Duft geschwängert: da waren Vanille, Kakao, Balsam. Und alle Töne der Natur klangen dort: der Orgelbaß der wuchtigen Kronen, die flüsternden Violinen des Laubwerks, das zitternde Cello des schlanken Bambus, wenn er seine Säbelblätter gegeneinander schliff, das zappelnde Tamburin des Gummilaubes. Das Flötenspiel der schwarzen Tropendrosseln zur Klarinette der Wasserquellen und die gellenden Trompetenschreie der roten Papageien – all die Laute, die Adam jeden Morgen weckten und die Sehnsucht in ihm gebaren, die zu einer goldenen Frucht von Lust und Glück, Eva genannt, reifte, während der Schmerz noch jenseits des Lebensflusses gefesselt lag. Es glitzerte im Licht wie von Feuer, das Flügel bekommen hat; es knisterte wie von Harz über heißen Flämmchen. Lianen krochen in heißer Umschlingung an jungen Feigenstämmen hinauf, sich gierig nach schweren, zum Fallen bereiten Früchten reckend. Orchideen wimmelten wie lasterhafte Gedanken aus seltsamen und verwirrten Gemütern. Bougainvilles fluteten wie eine einzige rote Wolke. Hibiscus erglühte von hellroter Lust, und Lilien bogen sich in stillem Glück über ihre Stengel. Dort wanderten sie – zwei Menschen – vereinigt wie das erste Paar, sich gegenseitig spiegelnd, stark und frei, und dennoch mit einem Willen zwischen sich, der seine Mauer unsichtbar trennend aufrichtete, wenn die Flammen ihrer Seele zusammenschlagen wollten. »Was kann es sein?« dacht« Ralph und forschte in ihren Augen. Und ihre Seele tastete gegen die Mauer und fragte: »Ja, was kann es sein?« Sie wechselten gleichgültige Worte über die Herrlichkeit des Gartens, die Hitze, das Licht – Worte, die das Schweigen ausfüllen, die Einsamkeit der Seele verdecken sollten. Hier, wo alle Lebenskräfte in vereinigter Fülle wirkten, wo Lebewesen nur getrennt waren, um zu einem höheren Zweck verbunden zu werden, hier gingen sie allein wie zwei Flammen, die nicht zueinander kommen konnten, obgleich ihre Körper von demselben Lebensdurst, der in allem um sie herum brannte, zueinander gezogen wurden. Sie aßen Tiffin in Kandy – der uralten singhalesischen Hauptstadt. Nachher wanderten sie längs des Pfades um den stillen, blanken See, der unter Gärten träumt. Sie nickten den schönen, singhalesischen Frauen zu, die ihnen blumengeschmückt mit ihren Säuglingen begegneten, und die Frauen lächelten mit ihren sanften Augen. Sie kamen zu dem Tempel, wo Buddhas heiliger Zahn aufbewahrt wird. Dort saß eine Familie von wallfahrenden Birmesen auf ihren Matten, den Kopf in den Schoß gebeugt, während die Finger über die stachligen Fruchtkerne des Rosenkranzes tasteten und die Seelen in stummer Anschauung des liegenden Buddhas versenkt waren. Es duftete von Tempelblumen, die vor der Statue geopfert, qualmte von Räucherhölzern, die für gläubige Seelen entzündet waren, die den seligen Gott nicht selbst erreichen konnten. Sie fütterten die heiligen Schildkröten in dem tiefen Bassin hinter der zinnenbekränzten Tempelmauer. Sie gingen über die Brücke und lasen Buddhas Geschichte, die in Reliefs aus Granit erzählt wurde. Auf der Veranda des Hotels aßen sie zu Mittag, der Tropenhimmel funkelte über den roten Seidenschirmen und die Nacht trug ihnen kräutrige Düfte aus den dunklen Gärten zu. Ralph sah nach der Uhr. »Wir erreichen den Zug nicht mehr,« sagte er. Er rief nach dem Kellner und bestellte ein Automobil. Das Gefühl, ihm wehrlos entgegenzugleiten, ergriff sie von neuem. Sie merkte, daß sie auf ihrer Hut sein müsse – mehr vor sich als vor ihm. Solange sie durch die Stadt fuhren und Licht aus Häusern und Laternen ihnen zublinkte, floß das Gespräch leicht und munter. Das Leben der Hütten glitt in bunten Bildern an ihnen vorbei; ein seltsames Kostüm, ein singender Bettler, eine todmüde Familie, die vor ihrer Strohhütte hockte und die Abendpfeife zu einer eintönigen Unterhaltung genoß. Als aber die Hütten den Plantagen und Hecken Platz machten, als nur der vereinzelte Lichtschein vom Herdfeuer einer einsamen Palmenhütte oder eines verspäteten Automobils vorbeihuschte, als die Nacht ihre Seelen einander zuwandte, da war es, als ob alle Gesprächsthemen sie plötzlich im Stich ließen. Sie waren in der Gewalt der hohen Tropennacht, die von Leben bebt wie von Seelen, die entzündet werden und in Wechselspiel zwischen Augenblick und Ewigkeit erzittern. Sie lauschten dem erhitzenden Gesang der Zikaden in der warmen Nacht; sie sahen Feuerwürmer wie winzige Flämmchen in den vorbeieilenden Gebüschen; die Flämmchen schwirrten zwischen den Blättern, fanden sich und vereinigten ihr Leben und ihr Licht zu einem doppeltleuchtenden Stern. Sie merkten die Nähe der Bergwand durch die heiße Luft, die ihnen von dem sonnendurchglühten Fels entgegenschlug; auf der anderen Seite des Wagens kam die Luft kühl aus dem tiefen Abgrund. Das Schweigen war wie ein atemloses Flüstern zwischen ihnen, das nach den richtigen Worten suchte; nach und nach aber wurden sie still. In der ruhevollen Vereinigung ihrer Seelen kamen sie einander näher als je, und ihre Hände fanden sich. »Der Himmel brennt!« sagte Helen und zeigte auf den dunklen Grund, wo eine Zickzacklinie von Feuer flammte. Ralph erklärte, daß man Wurzeln aus einem gerodeten Boden hoch oben auf dem Abhang verbrenne, um einer neuen Plantage Platz zu machen. Helen konnte ihre Augen nicht von der flammenden Linie losreißen, sie war wie ein Zeichen am Himmel. Ralph legte den Arm um ihre Schulter und zog sie behutsam an sich. Er merkte, wie es in ihr wogte, sie leistete keinen Widerstand. In ihrer Erregung aber war etwas Hilfloses, das sie in seinem Arm heilig machte. So saßen sie, während sie an den letzten Plantagen vorbeisausten, die wie mit elektrischen Lämpchen übersät waren. Helen aber sah es nicht, sie hatte die Augen geschlossen. So saßen sie, während das Auto längs des Flusses unter hohen Kokuspalmen vorwärtsraste. Sie kamen an Hütten vorbei, wo Hunde wütend hinter der geflochtenen Wand bellten. Sie sahen den Lichtschein über der Stadt, und noch immer lag sie in seinem Arm. Sie fuhren über die gebrechliche Brücke, und der Wagen rüttelte so heftig auf den ausgefahrenen Balken, daß sie gegeneinander geworfen wurden. Helen hob den Kopf und ihre Augen trafen sich. Sie waren wieder zwei, Ralph und Helen, mit der trennenden Mauer zwischen sich. Ihre Wangen glühten, sie löste ihre Hand aus der seinen, und Ralph bereute im selben Augenblick, daß er sie nicht geküßt hatte. Der Mond war aufgegangen, er hing rot und dunstig über den Palmensilhouetten. Vor ihnen auf der Landstraße ertönten laute, aufgeregte Stimmen; sie befanden sich in der äußersten Vorstadt, wo Hütte neben Hütte lag. Ralph reckte sich vor, um zu sehen, was los sei: Im selben Augenblick hielt der Chauffeur das Auto an. Ein Tonnenwagen, der umgefallen war, sperrte den schmalen Weg. Der Zebuochse hatte sich niedergelegt und nahm seelenruhig den Schwall von Schimpfworten entgegen, den der halbnackte Tamule auf seinen Buckel herabregnen ließ. Die Wagenachse war beim Sturz gebrochen, und auf der Landstraße lag es voll von Früchten, die im Mondschein leuchteten. Einige spindeldürre Landsleute waren aus den nächsten Hütten gekommen; sie kratzten sich die Arme, keiner aber machte Miene zu helfen. Es war nicht möglich vorbeizukommen. Der Chauffeur wollte über die Brücke zurückfahren, aber es war ein großer Umweg, und Helen schlug hastig vor, daß sie das letzte Stück Wegs zu Fuß gehen wollten. Die Uhr war etwas nach elf. Aus einem mattengedeckten Haus erklang der eintönige Gesang einer melancholischen Frauenstimme; hinter einer geschlossenen Veranda zankten sich ein Mann und eine Frau, während ein Kind weinte. Sie kamen an einem düsteren Tempel vorbei, mit gemalten, chinesischen Figuren auf der Vorderseite. Etwas weiter hin war eine Unterbrechung in der Häuserreihe. Ein dunkler Garten mit einem Eisengitter davor, viel zu vornehm für die einfache Umgebung. Als sie ganz nahe herangekommen waren, sahen sie ein niedriges, weißgekalktes Haus hinter den Gebüschen. Während sie standen und es betrachteten, kam eine weiße Gestalt aus der dunklen Tür des weißen Hauses und bewegte sich durch den Garten auf sie zu. Als sie in den Mondschein hinaustrat, faßte Helen Ralphs Arm: »Schehanna,« flüsterte sie. Im selben Augenblick blieb die Gestalt stehen und hob den Kopf. Ihre Augen blitzten durch die Dunkelheit und sie nickte, als habe sie sie gerade jetzt erwartet. »Er ist dort drinnen!« Helen wurde tief ergriffen von der Feierlichkeit in ihrer Stimme, sie verstand, daß Schehanna ihren Adaran gefunden hatte. Im selben Augenblick trat ein Mann aus der Tür. Er war barhäuptig, seine hohe, schmale Stirn leuchtete im Mondschein. Ein seltsam ergreifender Ernst lag über der Erscheinung, wie sie dort hochaufgerichtet unter den Sternen stand, die Hand um den langen, weißen Bart. »Dasturan Dastur,« durchfuhr es Helen. Er wandte sich und wurde ihrer ansichtig, zögerte eine Sekunde wie jemand, der sich auf etwas besinnt, das er nicht vergessen darf, und ging langsam durch den Garten auf das Gitter zu. Schehanna verneigte sich, die Hände vor der Brust, als er an ihr vorbeiging. Vor der halbgeöffneten Gittertür blieb er stehen und sagte mit lauter Stimme: »Weh dem, der auf dem schmalen Weg stolpert!« Helen fühlte seinen Blick bis ins Herz hinein. Dann hob er die Hand zum Gruß, wandte sich und ging zum Haus zurück. Schehanna lief zum Gitter, öffnete die Pforte und kam zu ihnen hinaus. Ralph sah mit Erstaunen den strahlenden Ausdruck ihres Gesichts; so hatte er sie noch nie gesehen. Sie erzählte aufgeregt von den Erlebnissen des Tages; plötzlich aber wurde sie auf den Ausdruck in Helens Augen aufmerksam und verstummte. Die Straße lag öde und leer vor ihnen im Mondenschein. Sie gingen, ohne Richtung und Weg zu kennen, bis sie einen Marktplatz erreichten, wo sie Rickshaws sahen. Ralph weckte einen Kuli, der auf dem Boden seines Rickshaws schlief, den Kopf auf dem Sitz. Dann ging es im schnellen Trab zu Helens Hotel. Ralph wollte sie in ihre Zimmer hinaufbegleiten, Helen aber lehnte es ab. Er wunderte sich über ihr verändertes Wesen. Als er auf der Hoteltreppe stand, ihre Hand zum Lebewohl in der seinen, versuchte er in ihrem Blick zu lesen; aber es war zu dunkel. »Dank für den schönen Tag!« flüsterte er. Ihre Augen ruhten eine kurze Sekunde auf seinem Gesicht; er empfand einen unbestimmten Schmerz dabei. Dann ließ sie seine Hand mit einem plötzlichen heftigen Druck los. Und die Hoteltür schloß sich hinter ihnen. Es war schon spät am Vormittag, als Ralph aus einem Traum von Helen erwachte. Ihm hatte geträumt, daß sie in seinem Arm säße, den Kopf an seiner Schulter, und ihre Hand in der seinen, wie bei ihrer nächtlichen Fahrt. Der Traum war so lebendig gewesen, daß er den Kopf drehte, um ihr guten Morgen zu sagen – aber es war nur das Kopfkissen, das leicht und weich gegen seine Schulter lag. »Sie muß und soll die meine werden!« sagte er laut und sprang aus dem Bett. Er nahm das erste Frühstück in der Halle ein und fuhr dann zum Museum im Viktoria-Park, besah die Teufeltanz-Masken, die die Eingeborenen in alten Zeiten zur Vertreibung von Krankheiten benutzten, und studierte die Bewegungen des »lebenden Blattes« im Glasschrank. Als er nach Hause kam, gab der Portier ihm einen Brief, den ein Bote vom Grand Hotel gebracht hatte. Er war von Helen. »Wenn Sie diesen Brief bekommen, bin ich mit Schehanna abgereist. Ich sage nicht wohin, damit Sie mir nicht folgen. Nur eines will ich Ihnen sagen: ich habe ein Gelübde getan, das ich weder Ihret- noch meinetwegen zu brechen wage. Darum muß ich fort. In der Hand des unbekannten Gottes liegt es, ob wir uns wiedersehen. Dank für all die glücklichen Tage, ich werde sie nie vergessen. Helen. Schehanna läßt Ihnen sagen, daß der Tag kommen wird, wo auch Sie sehen und verstehen werden.« Ralph las den Brief noch einmal und steckte ihn zu sich. Dann schob er den verblüfften Portier einfach beiseite und ging ans Telephon. »Hallo! – Sind Sie der Portier vom Grand-Hotel? – Hier Ralph Cunning, Galt Face Hotel! – Ist Fräulein Herz abgereist?« Es dauerte eine Weile, bis der Hauptportier kam. »Sie wissen es nicht? – Unsinn! – Wohin ist das Gepäck geschickt worden?« Aber es glückte ihm nicht, einen Bescheid zu bekommen. Der Portier räumte ein, daß ihm Schweigen auferlegt sei. Ralph telephonierte nach Cook. Dort erfuhr er, daß vor zehn Minuten ein Dampfer nach Tuticorin, der Endstation der südindischen Bahn, abgegangen sei. Er eilte hinaus und sprang in einen Rickshaw, der vorm Hotel hielt. So schnell der Kuli laufen konnte, ging es über die Esplanade im glühenden Sonnenschein. Der Schweiß lief in Strömen über den braunen Hals des Läufers, seine Wolljacke klebte mit dunklen Stellen an seinem Rücken. Ralph schlug ein Geruch von ranzigem Oel, womit die Haut des Kulis eingerieben war, und von altem, staubgemischtem Schweiß ins Gesicht, aber er achtete des Gestankes nicht. Die Glastüren in Cooks Bureau waren weit zu der breiten Treppe geöffnet. Ueber den Ladentischen summten die elektrischen Luftfächer, durch den hohen Raum ging ein ununterbrochener Zugwind. Trotzdem war es so warm, daß Ralph der Schweiß in kitzelnden Tropfen über den Hals lief. Er stellte sich dem Chef vor und erbat sich die Passagierliste des Dampfers, der eben nach Indien abgegangen war. Herr Dickson, ein langer, magerer Engländer, mit tropenerschlafftem Blick, sah Ralph zuerst prüfend an und reichte ihm dann das Papier, indem er bemerkte, daß die Liste in Zeitungen veröffentlicht würde. Ralph fand Helens und Schehannas Namen. »Wann geht der nächste Dampfer?« »Morgen zur selben Zeit.« »Geben Sie mir die beste Kajüte.« Während der Engländer notierte, trat ein Herr heran, der an der Kasse bezahlt hatte. »Leben Sie wohl, Herr Dickson!« sagte er und streckte dem Chef eine kräftige, behaarte Hand hin. »Leben Sie wohl, Herr Davis, guten Erfolg für Ihre Forschungen.« Ralph blickte flüchtig auf. Es war ein kleiner untersetzter Herr mit schwarzem, glänzendem Haar, das in der Mitte gescheitelt war. Hinter der goldenen Brille musterten zwei braune, ungewöhnlich lebhafte und intelligente Augen Ralph mit fast aufdringlichem Interesse. »Broad Way,« dachte Ralph bei sich und blickte fast unwillig fort. »Entschuldigen Sie, Herr Davis, habe ich Ihre Kajütennummer notiert?« rief Herr Dickson hinter dem Fremden her. »Nr. 3,« rief Davis zurück. »Danke sehr.« Dickson zeigte auf den Plan, den er vor Ralph ausgebreitet hatte. »Sie können Nr. 1 bekommen, Herr Cunning. Nr. 3, die Kajüte, die Ihr Landsmann belegt hat, ist freilich besser. Erstklassig sind übrigens beide Kajüten nicht. Auf dieser Route gehen nur alte Dampfer.« »Das ist mir gleich.« Ralph bekam seine Nummer und bezahlte an der Kasse. Dann ging er auf den Zollkai hinaus, setzte sich im Schatten auf eine Bank und blickte übers Wasser. Kleine Motorboote schossen puffend über die schmutzigfette Wasserfläche, auf dem Wege von und zu den großen Dampfern, die auf der Reede vor Anker lagen. Auf den Anlegetreppen saßen Tamulen, Fährleute, das Kinn auf den schwarzen Knien, miteinander schwatzend. Ein Polizist ging in seinem braunen Khakianzug auf und ab, seinen dünnen Bambusstock schwingend. Zwei Singhalesinnen saßen ehrbar über ihre Handarbeiten gebeugt, in weißen Blusen, mit Blumen im Haar, und hüteten englische Kinder, die mit ihren Puppen »Besuch« spielten. Ralph folgte einem Rauchstreifen am Horizont. Vielleicht war es Helens Dampfer – ein letzter Gruß von ihr. Wie eigenmächtig sie mit ihrer beider Schicksal gehandelt hatte! Er zog ihren Brief heraus und las ihn noch einmal. Jetzt erst beachtete er Schehannas Gruß. »Wo auch Sie sehen und verstehen werden.« – Er sah sie vor sich, die Hände gegen die Brust gepreßt, die Augen auf etwas geheftet, was nur sie allein sah. Wußte sie von dem Gelübde, wovon Helen schrieb? – Hatte Helen es vielleicht ihr gegeben? Es hatte Tage gegeben, wo er fest geglaubt hatte, daß Schehanna in ihn verliebt sei und daß sie darunter litt, ihn und Helen zusammen zu sehen – und es hatte Tage gegeben, wo er überzeugt war, daß es nicht der Fall sei. Aber etwas Geheimnisvolles war zwischen ihnen gewesen – kämpften sie aller Freundschaft zum Trotz um ihn? – War Schehanna nicht immer gerade in dem Augenblick dazwischen gekommen, wo er sein Ziel bei Helen erreicht zu haben meinte? Und war Helen ihm nicht Mal für Mal entschlüpft, um sich desto inniger und stärker an Schehanna anzuschließen? »Es liegt in der Hand des unbekannten Gottes, ob wir uns wiedersehen.« Er erinnerte sich der Tage in Baalbek und Damaskus, er erinnerte sich ihrer Gespräche über das Wesentliche und Wertvolle, über Gott, der sich vor den Menschen verbarg. Und plötzlich, wie an jenem Tage, als er allein und verzweifelt in der Wüste umherirrte, war es ihm, als ob das Leben einen doppelten Boden habe. In einem hellseherischen Augenblick erschaute er sie beide, und sah ein, daß es unnütz sein würde Helen zu folgen. Er erhob sich und ging über den Zollkai: Auf dem offenen Platz beim Königin-Viktoria-Denkmal blieb er stehen und blickte zum Hotel an der Ecke hinüber. Dort auf der Treppe hatte er sie zum letztenmal gesehen. Es waren kaum zwölf Stunden vergangen, und dennoch waren sie einander schon so fern. Er frühstückte in Helens Hotel. Hinterher setzte er sich im Rauchsalon in einen bequemen Lederstuhl, nahm eine Zeitung, aber er ahnte nicht, was er las. Wie gleichgültig ist das alles, dachte er und schlummerte in der Wärme ein, bis die Zigarre ihm aus dem Mund fiel. Im selben Augenblick setzte die Nachmittagsmusik mit dem neuesten Walzer ein; es war, als ob die munteren Töne ihn verhöhnen wollten. Ein furchtbarer Lebensüberdruß überfiel ihn, und er erhob sich, ohne zu wissen, was er mit sich selbst beginnen sollte. Er schlenderte auf die Straße, nahm einen Rickshaw, fuhr eine weite Tour nach Mount Lavinia hinaus und kehrte erst zum Mittagessen zurück. Abends ließ er sich zur Pettah fahren. Als er den großen Marktplatz erreichte, verabschiedete er den Kuli und schlenderte aufs Geratewohl durch die winklige Gasse. Eingeborene hockten vor den Haustüren und rauchten aus ihren Lehmkrukenpfeifen. Sie blickten dem weißen Mann, der zu dieser Stunde durch ihre Stadt streifte, verwundert nach. Ein riesiger Tamule strich hart an ihm vorbei. Ein eingeborener Schutzmann drehte sich nach ihm um, unschlüssig, ob er den Spuren des Weißen folgen und ihm seine Dienste anbieten sollte. Eine lachende Gesellschaft von Herren und Damen in Gesellschaftstoilette, die einen Abendausflug vom Hotel aus machte, fuhr in einer langen Reihe von Rickshaws an ihm vorbei. Einige von den Herren winkten lustig im Vorbeifahren, er aber erwiderte ihren Gruß nicht. Was war es für ein Verlangen nach etwas unklarem Höheren, das ihn lähmte, was seine Gedanken nicht zu formen vermochten und wonach er doch greifen mußte? Hatte er eigentlich nicht nur die Schule geschwänzt? – Konnte er etwas Besseres tun als nach Hause zurückkehren und seiner Arbeit nachgehen? Tat er zu Hause nicht doch Nutzen – was Menschen nun einmal unter Nutzen verstehen? Hatten nicht Tausende ihr Brot, wenn sein Gehirn sie in Gang setzte? Und tat er hier etwas anderes als Zeit und Geld verschleudern? Da brachen jene Gedanken aus der Wüste wieder durch sein Gemüt, als er mit dem unbekannten Gott allein war und glaubte, daß er sterben müßte: Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Wie war es möglich; daß ich mich einer Tätigkeit ganz widmete, ohne die Gewißheit zu haben, daß ich meine Aufgabe damit erfüllte? Er blieb stehen und blickte zum Mond hinauf, so unschlüssig und hilflos wie noch nie. Er war inzwischen zu der dunklen Oeffnung in der Häuserreihe gelangt, zu dem Eisengitter, hinter dem der Adaran lag. Er durchlebte die Szene von gestern noch einmal und zögerte, ob nicht Dasturan Dastur sich auch jetzt zeigen würde. Er wollte gerade kehrtmachen, als er Schritte auf dem Sand hörte. Hinter dem dunklen Gebüsch links kam ein kleiner untersetzter Mann in Khakianzug und Tropenhelm zum Vorschein; er kehrte dem Gitter den Rücken und richtete seine Aufmerksamkeit auf etwas, das er in der Hand hielt. Ralph sah, daß die Gittertür nur angelehnt war, und trat ein. Beim Knarren der Pforte wandte der Mann sich um und trat ins volle Mondlicht – Ralph erkannte zu seiner größten Verwunderung den Herrn, den er bei Cook getroffen hatte. »Wir sind Landsleute!« sagte der Fremde und führte die Hand an den Hut. »Ich bin Professor Davis aus Chicago.« Ralph nannte seinen Namen. Davis fuhr fort: »Die Gittertür stand offen, darum benutzte ich die Gelegenheit, um eine Aufnahme von dem kleinen Parsentempel zu machen. Am Tage bekommt man keine Erlaubnis dazu.« Er klappte seinen Apparat zusammen und schloß sich Ralph an. Ralph beabsichtigte, ihn abzuschütteln, sobald sie auf die Landstraße kamen. Bevor er es sich aber versah, hatte Davis sein Interesse geweckt. Der lebhafte Amerikaner erzählte, ohne sich unterbrechen zu lassen oder auf Zustimmung zu warten: »Ich bin Ethnograph und reise morgen nach Indien. Sie hörten ja bei Cook, daß wir denselben Dampfer benutzen werden. Hier in Colombo habe ich nur alte Bekannte von einer früheren Studienreise besucht. Diesmal ist mein Ziel Südindien, das ist die Gegend, wo die ältesten dunklen Rassen mit den Weißen zusammenstoßen und von wo man die Beweise herschaffen muß.« Er drehte sich um und prüfte, ob er von der Straße noch eine Aufnahme von dem weißen Adaran hinter dem dunklen Gebüsch machen wollte. »Nein,« sagte er, klopfte auf den Apparat und ging weiter, »dies eine genügt mir. Ich bin sehr froh mit dem Bild. Ich will Ihnen nämlich sagen, die Parsen sind ein sehr wesentliches Glied in meiner Beweisführung. Man behauptet, daß sie die Urquelle sind, aus der sowohl Juden- wie Christentum und später der Islam geschöpft haben, während die Quelle selbst noch so ungemischt und unangefochten fließt wie in Urzeiten. Das ist Unsinn! Ich behaupte, daß auch der Parsismus umgeformt worden ist von unserer alles besiegenden weißen Kultur, die, nachdem sie in Europa stark geworden, die Staaten erreicht hat und von dort im Begriff ist, langsam auch die ganze mongolische Rasse umzuformen. Man deutet auf das Alter der heiligen Bücher der Parsen hin, aber das ist ein Falsum. Die alten Dasturen haben Legenden vom Heiligen Geist, den Erzengeln und der Jungfrau, die den Erlöser gebären soll, vom Christentum entliehen. Sie haben sie nach ihren eigenen Vorstellungen umgebildet und in ihre Schriften hineingeschmuggelt. Sie haben den Ehrgeiz, die älteste, einzig wahre, patentierte Religion der Welt zu sein und spekulieren darin, daß sie sowohl Christentum wie Judentum, Islam wie Buddhismus besiegen wollen; so klug sind sie, daß sie es verschmähen Proselyten zu machen. Wenn Sie morgen Parse werden wollen und sich im Panchayat in Bombay melden, dann dankt man Ihnen für Ihr freundliches Interesse, bedauert aber. Da gibt's keine Tür, durch die man hereinschlüpfen kann. Sie machen nicht in Religion, haben keine Reisenden, um das Geschäft zu erweitern, wie die Christen und ihre Missionare. Sie warten, bis die Frucht reif ist und ihnen von selbst in den Schoß fällt. Reif? Nein, bis Christentum und Judentum und Islam in Tagesstreit und Priestergezänk verfault sind und sich durch Rassenkämpfe gegenseitig vernichtet haben, bis von den alten Religionen nichts anderes übrig ist als ein allgemeines Seufzen nach reinerer Seelenverfassung, nach einem Licht, das die verzweifelte Dunkelheit der Gemüter zu heben vermag. Dann stellen die Parsen sich ein und übernehmen den Nachlaß. Reinheit und Licht – das sind wir! Streben nach aufwärts, das sind wir! Alles, was eure Priester euch davon gelehrt haben, das haben sie von uns entliehen. Denn wir sind das gemeinsame Ziel für alle Religion der Welt, und wir wußten, daß ihr zurückkehren würdet, wie die Quelle zum Meere zurückkehrt, woher sie geronnen. Nur herein, ihr verlorenen Söhne, die Tür steht offen, jetzt schlachten wir das gemästete Schwein! Kluge Leute, Herr, aber ich habe ihnen in die Karten geguckt: in Wirklichkeit ist es unser Kulturwein, den sie in ihre alten Flaschen gefüllt haben und uns unter eigener Etikette vorsetzen. Sehen Sie diesen kleinen Adaran hier – wissen Sie, warum er mir so wertvoll ist? Ich will es Ihnen sagen: weil er nicht nach demselben Rezept gebaut ist wie die alten, es ist eine Aenderung damit geschehen, ein Zugeständnis an die Zeit , von der englischen Kirche entliehen, ein Verstoß gegen die uralten parsischen Regeln. Was es ist, das ist mein Geheimnis. Ich bin sehr froh mit diesem kleinen Bild.« Ralph hatte nur schwer mitfolgen können, so schnell floß der Strom von den Lippen des Professors. Als Davis Kraft und Luft zu einem neuen Erguß schöpfte, benutzte er den Augenblick zu einer Frage: »Sie sagten, daß Sie etwas beweisen wollten. Da Sie mir bereits so viel mitgeteilt haben, würden Sie mir vielleicht auch sagen, was Sie beweisen wollen. Sonst verstehe ich von alledem nichts.« Davis wandte ihm seine funkelnden Augen zu, und der Mond blitzte auf dem Gold seiner Brille. »Habe ich Ihnen das noch nicht gesagt?« fragte er erstaunt. »Mit Vergnügen, Herr. Ich behaupte,« er blieb stehen und schlug seine Hände gegeneinander, »ich behaupte, daß unsere weiße Kultur, aus welcher Quelle sie ihren Ursprung auch haben mag, so stark von der Ueberlegenheit unserer Rasse geprägt ist, daß sie wie eine Naturkraft überall eindringt und andere Kulturen umgestaltet, selbst dort, wo man mit Fleiß darüber gewacht, daß jede Berührung ferngehalten wird, wie z.B. bei den Brahmanen und Parsen. Ich behaupte, daß diejenige Rasse, die der weißen einmal begegnet ist, entweder in friedlichem Verkehr oder im Krieg, rettungslos dazu verurteilt ist, die Eigentümlichkeit ihrer eigenen Kultur zu verlieren. Und es ist gut so; denn es ist das Gesetz des Lebens, daß der Starke den Schwachen besiegen soll. Ich behaupte, daß die Entwicklung auf dem besten Wege ist, eine überwältigende amerikanische Kultur zu schaffen, die die übrigen Kulturen auflösen und verschlucken, ja, ihr Rassengepräge in einer verhältnismäßig kurzen Zeit verwischen wird. Es wird sich nicht überall friedlich abwickeln; gegen Japan z.B., das uns mit den Waffen schlagen will, die es von uns selbst entliehen hat, werden wir strenge vorgehen müssen. Aber schließlich wird es doch so weit kommen, verlassen Sie sich darauf, Herr, und es ist nicht unmöglich, daß Sie und ich es noch erleben werden.« »Das ist also der Zweck Ihrer Reise?« fragte Ralph und musterte die kleine gedrungene Gestalt mit den funkelnden Augen und den lebhaften Bewegungen. »Ja – das heißt –« Davis schlug die Augen nieder und beugte den Kopf, so daß sein glattrasierter Nacken sichtbar wurde, der breit und hart wie der eines Ringkämpfers war, – »ich bin Ethnograph, nicht Politiker, ich prüfe jede einzelne Rasse in typischen Exemplaren und weise nach, wie selbst die besten davon wie Motten um unser weißes Licht schwirren, einig vollbewußt, wenn auch widerwillig, andere ohne es zu ahnen, – und ich will beweisen, daß sie nichts Besseres tun können, als unsere Lehre so schnell wie möglich anzunehmen, weil das ihre einzige Chance ist.« Ralph erinnerte sich seines Gespräches mit Gamâl im Marmarameer. Er sah die bleichbraunen Augen mit dem stechenden Blick vor sich, die bläulichen Lippen, das Gesicht mit den Leberflecken, und hörte ihn mit seiner sanften, verschleierten Stimme fragen: Kann es sich für uns denn lohnen, eure Lehre anzunehmen? Hat euer Wissen euch glücklicher gemacht? Und er dachte: Ich selbst bin auf der Zinne dessen gewesen, was dieser selbstzufriedene Professor unter weißer Kultur versteht, aber ich habe mich wie ein Gefangener dabei gefühlt. Ich zog mit meinem ganzen Wissen aus – und was ist das Resultat geworden? Daß ein junges verkommenes Ding mit der Farbe einer kranken Perle – eine Frau, mit der es mir nicht einfiel mich zu vergleichen, als ich sie aus dem Elend dieser Welt rettete – mich das Dasein eines höheren Lebens ahnen ließ, zu dem sie und die Ihren Zutritt haben, obgleich sie weder etwas von Mathematik noch Brückenbau wissen, während ich außerhalb stehe, mit dem armseligen Trost, daß der Tag kommen wird, »wo auch ich sehen und verstehen werde«. Da stand nun dieser sprudelnde Chicagomann und seine Augen funkelten vor weißem Selbstgefühl, während er für die Unmündigen in der ganzen Welt alles ordnete, als ob es nur ein Rechenstück sei »Ich bezweifle, daß wir so überlegen sind,« sagte Ralph und blickte in die Augen, die vor lauter Aufmerksamkeit seelenlos waren, »und ich glaube, daß, wenn die Besten um unser weißes Licht schwirren, wie Sie sich ausdrückten, sie die Gefahr nur kennen lernen wollen, während sie auf bessere Zeiten warten; und was die Massen anbelangt, so weiß ich nicht, ob sie nicht besser daran täten, sich von der weißen Kultur fernzuhalten und in ihrer eigenen zu bleiben.« Davis explodierte. Er warf seinen Kopf hin und her und fuchtelte mit den Armen; sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln, so daß seine Goldplomben im Mondlicht blitzten. »Kommen Sie mit!« sagte er und streckte die Hand so heftig vor, daß Ralph unwillkürlich einen Schritt zurückwich, »machen Sie die Reise mit mir und überzeugen Sie sich selbst, wer von uns recht hat, Sie oder ich. Ich werde Ihnen beweisen, daß die Lebensbedingungen der Eingeborenen besser und glücklicher werden, wenn sie unsere Lehre annehmen.« Ralph stutzte. Der Gedanke zündete in ihm. Sich selbst davon überzeugen – das war es ja, was er gewollt hatte, als er von Konstantinopel auszog. Da aber war sie ihm in den Weg gekommen. Und in dem Augenblick, wo er es sich überlegte, ob er wie ein Schuljunge, der die Schule geschwänzt hat, zurückkehren sollte, da bot sich ihm von neuem eine Gelegenheit in der Gestalt dieses kleinen lebhaften Landsmannes mit den goldblitzenden Zähnen und der Brille. Glücklicher und besser! Er hatte geglaubt, daß das Wesentliche und Wertvolle etwas sei, was einem klar werden müßte, wenn man sich nur erst ins Leben stürzte. Aber es war anders gekommen. Wenn er sich nun diesem hitzigen Jäger anschloß, um mit eigenen Augen zu sehen, was ursprüngliche Menschen unter Glück verstanden, vielleicht daß er dann schon auf dem Wege war, es zu finden – denn das Wesentliche und Wertvolle waren doch sicher die einzigen Früchte, mit denen das Glück auf die Dauer gedeihen konnte. Und während er suchte, würden neue Gedanken die Sehnsucht nach Helen aus seinem Gemüt verdrängen; er wollte vergessen, was vergessen werden sollte. Ralph schlug ein. Ralph und Davis fuhren durch eine breite Allee von hundertjährigen Feigenbäumen. Zu beiden Seiten des Weges lagen Gärten mit weißen Brahmanenhäusern hinter Buschwerk, und hin und wieder ein moderner Bungalow. In den launenhaften Palmenkronen, die nicht wußten, nach welcher Seite sie sich neigen sollten, spielte ein leichter Morgenwind. Jetzt hielt der Wagen vor der Pforte eines Gartens in europäischem Stil, mit großen Rasen, schattigen Gebüschen, und im Hintergrund einem uralten Banyanbaum, der mit seinen lotrechten Wurzelsäulen wie ein ganzer Hain war. »Dort drüben liegt das Kollegium!« sagte Davis und zeigte auf ein zweistöckiges Gebäude, vor dessen ganzer Fassade sich eine säulengetragene Veranda streckte. Davis kannte den Vorsteher des anglo-indischen Instituts und hatte ihn telegraphisch von ihrem Kommen unterrichtet. Der Führer lief ihnen voraus mit ihren Visitenkarten; kurz darauf erschien ein Herr auf der Veranda, grüßte mit der Hand und eilte auf sie zu. Herr Barnett war ein magerer, mittelgroßer Engländer mit freundlichen, blassen Augen in einem gelblichen Gesicht; mit seinem zierlich frisierten grauen Bart und seinen weißen Händen machte er einen patenten Eindruck. Sie nahmen in Liegestühlen auf der Veranda Platz, von wo sie einen Ausblick auf einen großen gutgehaltenen Rasen hatten, der in der Sonne leuchtete. Die Schüler strömten gerade zur Frühstückspause aus dem Kollegium. Barnett lud seine Gäste zum Frühstück ein. Während sie darauf warteten, lenkte Davis das Gespräch auf das, was ihn hergeführt hatte: Ralph sollte seine Theorie von einem Mann bestätigt bekommen, der seit einer Reihe von Jahren die Aufgabe gehabt hatte, die Segnungen der weißen Zivilisation unter die Eingeborenen zu bringen. Barnett erzählte, erst etwas müde und schleppend, nach und nach aber von Davis' Fragen angespornt, mit nervöser Lebhaftigkeit. Während seiner langen Tätigkeit war er mit allen möglichen Eingeborenen zusammengekommen, sowohl mit der Oberkaste, den zweimal geborenen Brahmanensöhnen, die auf dem bloßen Körper über der linken Schulter den heiligen Baumwollfaden trugen, als auch mit gewöhnlichen Sterblichen, die ein Brahmane nicht berühren darf, ohne sich hinterher zu waschen, und mit denen er weder zusammen speisen noch trinken darf. Jetzt rief er zu drei jungen Leuten hinunter, die verstohlen zu der Veranda hineinblickten, indem sie vorbeigingen: »Hallo, Krishna!« Ein junger Mensch, schmächtig und bartlos, mit der hellbraunen Haut, die der Oberkaste der Südindier eigentümlich ist, löste sich von der Gruppe los und eilte auf den Rufer zu, während ihm ein Schatten von Verlegenheit ins Gesicht stieg. »Sieh her, Krishna, diese Herren, gute Freunde aus den Staaten, sind hergekommen, um Ihr altes teures Vaterland zu studieren.« Krishna beugte den Kopf und führte seine Hand anmutig zur Stirn. Er trug die Brahmanentracht und ein seidenes Käppchen auf seinem schwarzblanken Haar. »Und dies, meine Herren, ist Rama Krishna Nambutiri Pandit. Oh, er hat noch viel mehr Namen.« Krishna nahm auf der äußersten Kante eines Liegestuhles Platz, die schmalen Hände im Schoß, und den vollen, aber doch zurückhaltenden Blick auf Barnetts Mund geheftet. »Dieser junge Mann ist seit sechs Jahren verheiratet, jetzt ist er achtzehn; seine Braut, die er nur einmal in seinem Leben, an seinem Hochzeitstage gesehen hat – ist es nicht so, Krishna? – ist jetzt dreizehn Jahre alt. Seine Familie, die zu den hochvornehmen Nambutiri Brahmanen gehört, wohnt jenseits der Nilgiri, der ›Blauen Berge‹. Solange er studiert, hat er seinen eigenen kleinen Hausstand hier in der Stadt, mit Dienern, Wasserträgern, Kehrichtfegern und so weiter. Eine von den Witwen der Familien führt ihm das Haus und sorgt für ihn. Es ist die Frau seines verstorbenen Bruders, sie wurde Witwe, als sie sechs Jahre alt war – sie ist eine sehr ernsthafte Dame, nicht wahr, Krishna?« Krishna nickte lächelnd. »Sie erlaubt keine Versündigung gegen Kaste und Religion – und ist doch erst siebzehn Jahre alt.« Ralph blickte fragend von Krishna zu Barnett. »In alten Zeiten, ja, vor nicht mehr als fünfzig Jahren, hätte sie ihrem Schwager nicht das Haus führen können – aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht mehr am Leben gewesen wäre; denn als treue, und keusche Gattin würde sie eine Sati geworden sein, das heißt, sie würde ihrem Mann auf den Scheiterhaufen gefolgt sein, trotz ihrer Jugend. Wenn Sie nach Benares kommen, werden Sie am Ufer des heiligen Flusses zahlreiche Sati-Monumente sehen, hochgestellte Steine mit einem Frauenarm, zur Erinnerung an treue Gattinnen. Das ist jetzt natürlich von unserer Regierung verboten worden.« »Welches Recht haben Sie, eine Sitte zu verbieten, die so tief in der Denkweise eines uralten Volkes wurzelt?« fragte Ralph und richtete sich kampfbereit aus seiner liegenden Stellung auf. Davis richtete sich ebenfalls auf und wollte antworten, während Krishna von einem zum anderen sah, mit einem dunklen Schatten auf seinem Gesicht. Barnett machte eine abwehrende Bewegung und beeilte sich fortzufahren: »Heutzutage leben sie als Witwen weiter in der Familie des Mannes, ernst und freudlos, stets in Weiß gekleidet, der Farbe des Schmerzes. Sie können sie zeitig am Morgen sehen, Kinder und alte Frauen durcheinander, wenn sie zum Flusse gehen und Wasser für die Familie in großen runden Messinggefäßen holen, die sie auf dem Kopf tragen. Sie wissen, daß sie den Tod ihres Mannes verschuldet haben; das Unglück, das von früheren Leben an ihnen haftet, hat ihn so zeitig in den Tod geführt. Sie verbringen ihr Leben büßend indem sie für andere arbeiten. Ihr Schicksal gleicht dem der ehemaligen alten Jungfern in Europa. Und obgleich sie die Opfer einer unerbittlichen Sitte sind, wachen sie doch am strengsten über all das Hergebrachte. Die Tausende von Witwen in allen Altern sind die schlimmsten Feinde der Zivilisation. Als Dienstmädchen und Haushälterinnen achten sie streng darauf, daß die Jungen auf dem richtigen Weg der Reinheit wandern, den ihre Vorfahren seit zweitausendfünfhundert Jahren vor ihnen gewandert sind. Nicht wahr, Krishna,« – er wandte sich mit einem müden Lächeln an den jungen Mann – »sie ist sehr bekümmert über all das, was Sie bei den kastenlosen Europäern lernen, die sich mit dem einen Leben begnügen müssen, das sie von ihren Eltern bekommen haben, während Sie und all die Ihrigen mehrmals geboren worden sind und noch eine Anzahl von Leben vor sich haben, wovon das eine immer leichter und weniger sorgenvoll wird als das vorangegangene – vorausgesetzt, daß ihr in jedem Dasein so lebt, daß die Seele mehr und mehr von dem Schmutz, der von dem früheren Leben daran klebt, befreit wird. Ist es nicht so, Krishna?« Der junge Mann lächelte nicht; er senkte die Lider und ein Ausdruck von Hoheit kam in seine Züge. Die Schulglocke begann jetzt vom anderen Ende des Gartens zu läuten; Krishna erhob sich, grüßte ebenso wie vorhin, anmutig, höflich, aber doch unendlich zurückhaltend und eilte leichtfüßig davon, wie eine Antilope, die sich nach der Ebene sehnt. Als er über den Gartenweg laufen wollte, kam ein junger Tamule, nur mit einem Lendentuch bekleidet, mit seinem Besen vorbei. Als er den jungen Brahmanen sah, blieb er stehen und machte ihm ein Zeichen zu. Krishna kehrte ihm schnell den Rücken, während der Kehrichtfeger auf dem Wege vorbeieilte. Erst als er sich ein Stück entfernt hatte, ging Krishna weiter. »Warum wartete er?« fragte Ralph. »Es war ein Feger, ein Paria, ein Kastenloser. Wenn Krishna ihm Auge in Auge gegenübergestanden hätte, würde er sich beschmutzt haben und hätte nach Hause gehen müssen, um sich zu reinigen. Darum machte der Bursche ihm rechtzeitig ein Zeichen zu; denn wer ist er, daß er einen Brahmanen besudeln dürfte?« »Wir sind aber doch auch kastenlos, wir Europäer,« sagte Ralph und lächelte. »Das sind wir. Darum kam er uns auch nicht so nah, daß Sie ihm die Hand geben konnten. Ich muß immer darauf achtgeben, daß ich meinen Schülern aus der höchsten Kaste nicht in Gedanken die Schulter klopfe oder dergleichen, denn ich weiß, daß sie dann unter irgendeinem Vorwand verschwinden, um sich zu reinigen.« »Aber er lächelte zu allem, was Sie sagten; man merkte ihm keine Verachtung an.« »Verachtung nicht gerade. Es ist ein durch Jahrhunderte entwickelter Instinkt, der unüberwindlich geworden ist. Wenn er einen Europäer berührt, hat er dieselbe Empfindung als wenn, wir eine Kröte oder eine Ratte anfassen. Er hat auch den unüberwindlichen Abscheu seiner Vorfahren vor Fleischspeisen. Neulich kam er, weiß vor Wut, und beklagte sich, weil einer der Sudra-Schüler ihn einen Hühneresser gescholten hatte. Krishna ist allerdings auch der vornehmste von allen; in seinem offiziellen Brahmanamen trägt er den Titel ›Fürst der Fürsten, der blumengeschmückte, der ehrengekrönte‹. Er ist nach drei Göttern genannt und hat alles in allem vierzehn Namen.« »Aber er ist doch hier im Kollegium!« platzte Davis heraus. »Wie eigensinnig sein Vater auch auf seine Kaste hält, so hat er seinen Sohn doch hierhergeschickt, damit er von unserer weißen Kultur lernen soll. Wie ich Ihnen sagte: selbst die Widerstrebenden schwirren wie Motten ums Licht.« Barnett hatte sich zurückgelehnt und machte keine Miene sich zu äußern. Ralph war in seine eigenen Gedanken vertieft, und Davis fuhr fort. »Sehen Sie, die Seelenwanderungslehre ist unter anderem ein Zeichen von der Unterlegenheit ihrer Kultur, von versagender Denkfähigkeit, trotz ihres hohen Rufes! Ich meine, daß die Inder noch an dem alten Widerspruch festhalten, über den unsere Kultur schon längst hinausgekommen ist, dem Widerspruch zwischen dem Dasein als einem Uebel, von dem man sich befreien muß, und der Freude am Leben, die doch auch diesem jungen Mann aus den Augen leuchtete, dem Selbsterhaltungstrieb, den auch der Brahmane in sich trägt. Das Leben ist für sie eine Wanderung auf das befreiende Ziel, den Tod zu; nichtsdestoweniger bestreben sie sich getreulich, ebenso wie wir, den mühsamen Weg so lang wie möglich zu machen, die Befreiung so spät wie möglich und auf jedem nur denkbaren Umweg zu erreichen. Ist das nicht eine absurde Schlußfolgerung, die jeden denkenden Hindu davon überzeugen müßte, daß der Ausgangspunkt verkehrt ist?« Davis wandte sich so triumphierend an Ralph, daß alle seine Goldplomben blitzten. »Nein,« sagte Ralph ohne seine Stellung zu verändern, als ob er gerade über dasselbe nachgedacht hatte und jetzt seinen Gedankengang laut fortsetzte, »wenn der Selbsterhaltungstrieb ein Ausdruck für die angeborene Lebensfreude wäre, dann müßte er bei Alten und Kranken, bei denen sich nachweislich alle Lebensfreude in Schmerz verkehrt, von selbst fortfallen. Das ist aber nicht der Fall; bei der überwiegenden Mehrzahl der Menschen setzt sich die Selbsterhaltung bis zum Todesaugenblick fort. Das deutet darauf hin, daß der Selbsterhaltungstrieb Ausdruck für etwas ganz anderes und wahrscheinlich für dieses ist: das Leben, ist eine Frist, die bis zum Letzten ausgenutzt werden muß, weil es etwas gibt, was vorm Tode erreicht werden soll, und darum muß man die Zeit so lang und den Umweg so weit wie möglich machen. Dies wiederum deutet darauf hin, daß das bloße Leben nicht das höchste Gut ist, sondern daß das, wie man lebt, irgendeine Bedeutung für das Individuum hat, das instinktiv eine Wirkung über den Tod hinaus ahnt. Der Tod ist folglich nur eine Stufe auf einer Leiter, ein Formwechsel in einem Prozeß, der den gradweisen Fort- oder Rückschritt des Ichs bedeutet. Das haben die Brahmanen schon vor Jahrtausenden eingesehen, darauf ist ihre Kultur aufgebaut – während wir modernen Weißen diese Erkenntnis entweder als Mystik von uns schieben oder, wenn wir etwas Aehnliches glauben, weder uns noch unserem Nächsten gestatten, in Taten danach zu leben. Als ich in den Staaten lebte, meinte ich ebenso wie Sie, daß ich auf dem Gipfel der Zivilisation stehe, und als ich einst in einem Buch über den Osten las: ›Keine Unwissenheit ist so tief wie die des gebildeten Weißen,‹ da lächelte ich und meinte, daß der Verfasser entweder ein Dummkopf oder ein Spaßvogel sei. Je weiter ich aber nach Osten komme, desto klarer wird es mir, daß der Mann ernst war und daß er recht hat. So ist es mit der Ueberlegenheit unserer Zivilisation beschaffen, die wir mit Gewalt den anderen aufzwingen wollen. Ich frage wieder: Welches Recht haben wir, die Verbrennung der Witwen zu verbieten, wenn die Vorstellung einer so ernsten und edlen Rasse sie fordert?« Barnett richtete sich im Stuhl auf, die wohlgepflegten Hände lagen auf den langen Armlehnen. »Sie vergessen das Christentum und seine Gebote,« sagte er, indem er seine blassen, grauen Augen ernst auf Ralph heftete. »Nein, das Christentum soll nicht zwingen und verbieten. Wenn es nicht überzeugt und für sich gewinnt, ist es keine überlegene Religion.« »Ich kenne keinen Missionar, der mit Zwang und Verbot arbeitet.« »Nicht? Ist es nicht Aufgabe der Missionare, Tag für Tag, Jahr für Jahr diese Einfältigen, die ein anderes Gemüt und Herz haben, denn die Farbe allein macht ja den Unterschied nicht, über den Gott der Liebe zu belehren? Sie lehren sie, ihre Nächsten wie sich selbst zu lieben und ihren Feinden zu vergeben – aber Jahr für Jahr haben diese Einfältigen gesehen oder wenigstens von ihren Vätern gehört, wie diese Weißen, die diese Lehre predigen, über das Meer kamen und ihr Land raubten, ihre Städte einnahmen und ihnen untersagten, den Geboten ihrer Religion zu folgen, wenn sie gegen die weiße Moral verstießen. Ist das vielleicht nicht Zwang und Verbot?« »Sie sind ein Kulturfeind,« rief Davis. »Sie vergessen, was wir den Völkern als Entschädigung gegeben haben.« »Als Entschädigung für ihre Freiheit und das Land ihrer Vorfahren?« »Ja gerade. Wir haben ihnen das Glück eines geordneten Staates gegeben, mit Rechtspflege und Hygiene und öffentlicher Fürsorge – wir haben ihnen Zutritt zu unserem überlegenen Wissen auf allen technischen Gebieten gegeben; haben sie nicht Eisenbahnen, Telegraph und Telephon bekommen?« »Und Irrenanstalten und Gefängnisse.« »Auch das.« »Wie ist es dann aber möglich, wenn das wirklich von so großer Bedeutung wäre, daß die Bevölkerung krampfhaft an der alten Lebensweise festhält: Wasser aus dem Fluß trinkt, statt aus der städtischen Wasseranlage –« »Wasser, das durch die Leitung gegangen ist, darf von keinem aus den höheren Kasten getrunken werden,« unterbrach Barnett in sachlichem Ton, »das ist unrein.« »Aber schleimiges, pestinfiziertes Flußwasser,« rief Davis und seine Augen funkelten vor Eifer, »worin tote Katzen und halbverbrannte Glieder von Pestkranken schwimmen, das wird jeden Morgen in Benares getrunken – zu Tausenden können Sie die Eingeborenen dort bis an den Leib im Fluß stehen sehen, arm und reich, seidengekleidet und in Fetzen, wie sie sich den Mund mit dem heiligen Wasser spülen, das schmutziggelb ist von dem Abfluß der großen Städte, das es unterwegs aufgenommen hat.« »Da sehen Sie selbst,« Ralph beugte sich ebenso eifrig vor, »was haben also all die Segnungen genützt, die wir den Völkern als Ersatz für die freie Ausnutzung ihres Bodens und ihrer Arbeitskraft geboten haben?« »Die Zivilisation wird nicht weniger wertvoll, weil man sie in Unkenntnis nicht zu schätzen versteht. Aber gerade das wollen wir sie lehren. Bei einigen geht es schneller, bei anderen langsamer. Aber es wird schon kommen – und nachher wird man uns dankbar sein.« »Jawohl. So wie die Japaner uns gedankt haben, nicht wahr?« Davis wurde plötzlich still. Er kniff die Lippen zusammen, als wolle er sich zwingen von etwas zu schweigen, was sich ihm auf die Lippen drängte. »Wohl nicht alle«, sagte er nach kurzer Pause zu Barnett gewandt, »nehmen die Lehren so langsam und zurückhaltend an wie der Brahmanennachwuchs. Ich glaube, daß die Sudra –« »Ja, allerdings –« Barnett richtete sich auf und blickte über den Garten. Dann erhob er sich, trat zwischen die Verandasäulen und rief zu einer Gruppe europäisch gekleideter junger Leute hinüber, die munter auf dem Rasen mitten in der Sonne lärmten. »Shankar!« rief er. Ein junger Mensch löste sich aus der Gruppe und kam quer über den Rasen gelaufen. Es war ein fetter Bursche mit großen, etwas stumpfen Augen, die unter den Lidern hervorquollen; unter dem weißen europäischen Anzug bebte der schwere Körper von überflüssigem Fleisch; ein strenger Geruch ging von ihm aus. Er grüßte die Fremden mit einem frohen Lächeln und sein Blick ging neugierig von einem zum anderen, während der Professor ihm auftrug einige Bücher aus der Bibliothek zu holen. »Das war ein Vellala,« sagte Barnett, als er gegangen war, »das ist die vornehmste Kaste der Sudra. Sie sind ursprünglich Bauern, behaupten aber, daß sie zu den Vaisyas gehören, den zweimal geborenen Ackerbauern der obersten Kaste – das ist ungefähr so, als wenn ein Großbauer sich zu einem Rittergutsbesitzer machen will. Sie besitzen sehr viel Ehrgeiz, und da die Brahmanen sie nicht anerkennen wollen, halten sie sich an die Weißen und tun alles, um der Regierung, die ja wie sie sehen, sogar über die Brahmanen Macht hat, zu dienen. Sie sind vielfach als Eisenbahnbeamte und Gerichtsschreiber angestellt. Es sind intelligente und dienstwillige Leute. Ein Europäer kann sie beleidigen soviel er will, sie lächeln und wedeln nur; wenn sie sich aber zum Herrn über ihn machen können, was ihnen übrigens selten gelingt, dann rächen sie sich. Sie haben sich von allen alten Kastenvorschriften freigemacht, trinken Alkohol, essen Fleisch und machen sich über ihren alten Hinduglauben lustig; ich glaube aber, wenn sie in Not geraten oder Furcht ihnen die Besinnung raubt, dann erinnern sie sich der Dämonen; die meisten tragen heimlich irgendein Amulett, das sie offenkundig verleugnen. Zu ihrer Entschuldigung kann man anführen, daß sie wie andere, die zu den niedrigen Kasten gehören, nie eine eigentliche Religion gehabt haben; denn die ganze alte Kultur liegt in den Händen der Brahmanen, die seit Jahrhunderten neidischer als Kirchenväter des Mittelalters darüber gewacht haben, daß keiner aus der niedrigen Kaste mehr von der richtigen Lehre, geschweige von den heiligen Schriften erfahren hat, als die Priester mit den Interessen der obersten Kaste vereinbar fanden. Sanskrit, die heilige Sprache, ist ebenso unverständlich für einen gewöhnlichen Hindu wie für einen Europäer, der sie nicht studiert hat. Sie ist das ausschließliche Eigentum der Brahmanen, die der Ansicht sind, daß die niedere Kaste von keiner anderen unsichtbaren Macht als der furchteinflößenden etwas zu wissen braucht. Die Sudra bekamen also nur den Aberglauben; die Brahmanen lehrten sie, daß sie in beständiger Gefahr von Dämonen und Fetischen schwebten, und daß es keinen anderen Ausweg ihnen zu entschlüpfen gäbe, als sich kontant mit den Brahmanen, die die heiligen Schriften und heimlichen Beschwörungen kannten, abzufinden.« »Da sehen Sie,« sagte Davis zu Ralph, »welche Möglichkeiten unsere Kultur diesen Millionen gegeben hat, die seit Jahrhunderten von einer tyrannischen Oberklasse, die auf ein eingebildetes Erstgeburtsrecht pochte, in Unwissenheit gehalten worden ist. Ist es vielleicht nicht ein unschätzbares Gut, daß sie sich jetzt von jahrhundertaltem Druck freimachen können? – Eine ähnliche Chance gaben die Staaten den niederen Kasten Europas, als sie ihnen ein Land öffneten, wo sie ihre Kräfte entfalten, freie Bürger in einem freien Land werden konnten. Die niedrigen Kasten Indiens sind an ihre Scholle gebunden; da sie nicht zu uns herüberkommmen können, sind wir Weißen mit unserer Kultur, unserer Freiheit und unserem Kapital zu ihnen gekommen.« »Wo ist die Freiheit, die sie gewonnen haben? – Wir haben ihnen neue Herren gegeben und sie zu Steuerobjekten gemacht. Wo ist die Freiheit, die wir ihnen gaben? – Die Wissenden unter ihnen wollen die Freiheit nicht gutwillig annehmen, ausgenommen einzelne Weitsichtige, die ebenso wie die Japaner erfaßt haben, daß sie eine Weltwaffe ist, die man sich aneignen muß, um sie später gegen uns zu wenden.« Ein scharfer Blick aus Davis' Augen traf Ralph und er schob mit gedämpfter Stimme ein: »Das ist eben die Frage; das ist – –« Er hielt inne, preßte die Lippen fest aufeinander und nickte Ralph zu, daß er fortfahren möge. »Und die anderen, die Einfältigen, eignen sich unsere Kultur nur an, um sich über die emporzuschwingen, die sie tyrannisieren – also aus reiner Spekulation. Wie viele aber empfangen unsere Kultur freiwillig in Erkenntnis des Vorzuges vor ihrer eigenen?« Ralph erinnerte sich Gamâls Worte und fügte unwillkürlich hinzu: »Aus Herzensbedürfnis?« »Das sind allerdings nur wenige,« sagte Barnett und sah Ralph ernst und wohlwollend in die klaren Augen. »Aber es wird schon kommen. Und Sie haben recht, letzteren Weg müssen wir alle einschlagen.« »Ich bezweifle, daß wir jemals dorthin gelangen, da wir vom verkehrten Ende angefangen haben.« Und wieder zitierte er Gamâl, diesmal ohne darüber nachzudenken: »Nur zwei Wege führen zur Kultur, der Herzensweg und der Interessenweg. Wir haben mit Zwang angefangen, und darum haben wir vorläufig auch nichts weiter erreicht, als die anderen des Friedens und Glückes zu berauben, das darin liegt, mit den Vorfahren in Übereinstimmung, im Gleichgewicht zu sein. Statt dessen haben wir ihnen die Unruhe des Kulturbegriffes und die hilflose Halbheit gegeben, die dadurch entsteht, daß man das Alte fahren läßt, ohne das Neue zu halten. Wenn sie aber erst einmal richtig zugegriffen haben, werden wir sehen, daß wir einen neuen Wurf von Welteroberern großgepäppelt haben – denken Sie an die Japaner! – Der Tag wird kommen, wo wir Weißen seufzen werden: ›Warum ließen wir sie nicht in Ruhe?‹ Und das Ganze kommt davon, weil wir den Männerweg und nicht den Frauenweg eingeschlagen haben.« Ralph wunderte sich selbst über seine letzten Worte, die ihm unversehens über die Lippen gekommen waren. Barnett sah ihn an und schwieg. Davis beugte sich vor und sagte mit derselben gedämpften Stimme wie vorher, aber ohne Heftigkeit: »Sie sprechen wie ein Kulturfeind. Aber das, was Sie andeuten, ist tatsächlich eine der wichtigsten politischen Fragen im Augenblick. Das ist es, was –« Wieder brach er ab und schloß die Lippen fest um das Ungesagte, während er auf seine Hände herabblickte. Barnett richtete sich auf und sagte: »Ehe ich es vergesse, Herr Davis, Sie baten mich in Ihrem Brief, Ihnen einen Ort anzugeben, wo Sie alle südindischen Rassen und niederen Kasten vereinigt finden könnten. Ich habe darüber nachgedacht und möchte Ihnen den Basar in Kotagiri, einer kleinen Stadt westlich von den ›Blauen Bergen‹, empfehlen, nicht weit von Ootacamundi, wo die Regierung von Madras während der Regenzeit ihren Sitz hat. Dort können Sie gleichzeitig die Bekanntschaft eines der eigenartigsten Stämme Indiens machen, der Todas, die ebensolch helle Haut wie wir haben, und regelmäßige arische Züge. Sie leben mit ihren heiligen Ochsen und Kühen in den engen Tälern der ›Blauen Berge‹.« »Von ihnen habe ich gelesen,« sagte Davis und war wieder Feuer und Flamme. »Darauf freue ich mich sehr.« »Sie sind im Aussterben begriffen. Bei der letzten Volkszählung waren es nur noch achthundert Köpfe. Sie sind fast unberührt von unserer Kultur und haben ihre tausendjährigen Gebräuche unverändert bis auf den heutigen Tag bewahrt.« »Dort können Sie sich überzeugen, ob Ihre Theorie von dem Glück der Unberührten Stich hält,« sagte Davis mit einem spöttischen Lächeln zu Ralph, der sich interessiert aufgerichtet hatte, »daß sie am Aussterben sind, ist indessen kein gutes Zeichen.« »Es gibt dort fast doppelt so viele Männer wie Frauen,« fuhr Barnett fort, »denn es ist Sitte, daß man die überflüssigen Mädchen gleich nach der Geburt tötet, und für mehr als ein Mädchen pro Familie meinen die Todas keinen Gebrauch zu haben.« »Genau wie bei gewissen Südseevölkern. Und ihnen sollte etwas weiße Kultur nicht not tun?« Ralph antwortete nicht. »Die Folge davon ist,« fuhr Barnett fort, »oder wer weiß, vielleicht ist es die Ursache, – Tatsache ist jedenfalls, daß dort Vielmännerei herrscht, indem eine Frau, außer mit ihrem ursprünglichen Mann, mit all seinen Brüdern oder, wenn er keine Brüder hat, mit seinen nächsten Anverwandten verheiratet ist. Eine besondere Vereinbarung ist nicht erforderlich, man meint, daß sich das von selbst ergibt. Daraus folgt natürlich wiederum, daß die Geschlechtsmoral auf einer sehr niedrigen Stufe steht.« »Selbstverständlich – genau wie auf gewissen Südseeinseln –« sagte Davis und wandte sich triumphierend an Ralph: »Ob unsere weiße Kultur dort nicht auch eine Mission hat?« »Sie haben ohne Zweifel recht,« sagte Barnett höflich, »aber ganz ohne Verbindung mit den Weißen sind sie natürlich nicht geblieben. Jedenfalls haben sie unserer überlegenen Kultur zweierlei zu verdanken, ebenso wie die von Ihnen genannten Südseeinsulaner. Das eine ist der Gebrauch von Zündhölzern –« Davis nickte und zeigte Ralph seine Zähne in einem Lächeln, das sagte: Selbst bei diesen Widerstrebenden mit ihrer jahrhundertalten Kultur, selbst in diesen engen Tälern hinter den ›Blauen Bergen‹, ist unsere Kultur wie eine unwiderstehliche Naturkraft durchgedrungen. »Die alte Methode, Feuer durch Reiben von Holzstücken hervorzubringen, wird jetzt nur noch beim Anzünden des Tempelfeuers verwendet.« »Und was ist das andere?« fragte Davis ungeduldig. »Syphilis. Daran stirbt der Stamm aus .« Davis schwieg. Ralph aber schlug mit den flachen Händen auf die Stuhllehne und lachte. Im selben Augenblick kam der Vellala mit den Büchern zurück. Er stand unschlüssig, ob er an den Fremden vorbeigehen und sie auf den Tisch legen dürfte, bis Barnett sich seiner erbarmte und die Hand danach ausstreckte. »Sind Sie nicht am Nilgiri zu Hause, Shankar?« fragte er. Der Vellala legte den Kopf einschmeichelnd auf die Seite und sagte, froh, daß er den Erwartungen entsprechen konnte: »Ja, Herr – der Hof meines Vaters liegt nur zwei Meilen von Kotagiri entfernt.« »Haben Sie mich neulich nicht um Heimaturlaub für ein oder zwei Wochen gebeten?« Die Augen des Vellala ruhten schwer auf Barnett, um den vollen Sinn dieser Frage zu erforschen. Darauf antwortete er einschmeichelnd: »Ja, Herr, wenn es gefällig ist.« Barnett wandte sich an seine Gäste: »Ich möchte Ihnen vorschlagen, meine Herren, wenn es Ihre Absicht ist, die Reise zu machen, sich Shankar anzuschließen. Er wird gegen eine entsprechende Vergütung gern Ihr Führer sein. Nicht wahr, Shankar?« »O ja, Herr, mit größtem Vergnügen.« Etwas vorsichtig und zögernd aber fügte er hinzu: »Gegen eine kleine Vergütung und Kost und Tabak.« »Das Reisen ist in dieser Gegend beschwerlich. Außer in den großen Stationsstädten, wo Sie wie hier im Bahnhofsgebäude selbst wohnen können, finden Sie weder Dakh, Bungalow noch Sarai. Sie sind auf Zelte unter freiem Himmel angewiesen. Aber die Reise lohnt sich dennoch sehr. Denn außer all dem ethnographisch Interessanten finden Sie in den ›Blauen Bergen‹ die beste Jagd von ganz Südindien.« Ralph und Davis schlugen sofort ein, und es wurde verabredet, daß Shankar sie am nächsten Morgen auf dem Bahnhof, wo sie wohnten, treffen sollte. Shankar trat von einem Fuß auf den anderen, den Kopf einschmeichelnd auf die Seite gelegt, zögernd, ob er gehen solle. Davis und Ralph sahen ihn fragend an, Barnett aber erhob sich mit einem launigen Schimmer in den bleichen Augen, trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. »Lebe wohl, Shankar! Auf Wiedersehen!« Der Vellala strahlte übers ganze Gesicht, und als Ralph und Davis ihm auch die Hand drückten, glänzte er geradezu vor seliger Untertänigkeit. Sein Herz hatte Frieden gefunden, und er eilte hinaus. »Er legt sehr viel Wert darauf, daß man ihn als Kavalier behandelt,« sagte Barnett, »das ist seine schwache Seite.« »Nun,« sagte Ralph, »dagegen läßt sich nichts sagen.« »Ebenso ängstlich wie mein junger Brahmane war, Ihnen zu nah zu kommen, ebenso begehrlich ist Shankar danach, der europäisierte Sproß der unteren Kaste. Das kennzeichnet den Unterschied.« »Und die Segnungen der weißen Kultur,« sagte Ralph mit einem Seitenblick auf Davis; der Ethnograph aber tat, als ob er nichts hörte. Ein weißgekleideter Boy mit einem vielfach geschlungenen Turban auf dem Kopf und einem breiten Gürtel um den Leib, kam lautlos auf bloßen Füßen herein, zog den Türvorhang zum Eßzimmer zur Seite und stellte sich stramm und unbeweglich neben der Tür auf. »Tini adsja!« sagte er – »die Mahlzeit ist bereit.« Barnett gab ihnen seine Karte für einen Brahmanen, den er kannte, einen Pandit, Gelehrten, einen Damarkarthas, Mitglied des Tempelrates. Dieser konnte ihnen das größte indische Gotteshaus viel besser zeigen als die gewöhnlichen Führer, die man beim Stationsvorsteher bekam. »Noch eine Frage,« sagte Barnett, indem er sie durch den Garten zum Wagen geleitete, »haben Sie sich einen eingeborenen Diener verschafft?« Davis antwortete, daß sie bisher damit gezögert hätten, weil es ihre Absicht gewesen sei, ihn zu Rate zu ziehen. »So rate ich Ihnen, nicht mehr als einen zu nehmen,« sagte Barnett. »Er kann Sie beide bedienen und gleichzeitig Dolmetscher sein; das ist nämlich das wichtigste. Zwei würden sich nur beständig darüber zanken, wessen Kaste und wessen Herr der vornehmste ist, und würden die Untergebenen ausschelten, bis diese mitten in der öden Gegend davonlaufen. Ein Sirdar – oberster Diener – genügt für Ihre persönliche Bedienung; das übrige Personal, Koch, Wasserträger und Pferdejunge, können das übrige besorgen.« Barnett versprach, den Pandit, an den er sie gewiesen hatte, zu benachrichtigen und ihn zu bitten, einen Diener für sie in Bereitschaft zu halten. Als Ralph und Davis zum Bahnhof zurückkehrten und in den Erfrischungsraum gingen, um ihren Nachmittagstee zu trinken, kam Abbas ihnen entgegen, mit einem breiten Lächeln auf seinem leichtbeweglichen Gesicht. »Ich habe einen alten Bekannten getroffen,« sagte er, »der sehr froh wurde, als er mich sah. Er wartet nebenan, um Sie zu begrüßen, Herr Cunning.« Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und Abdul-Hassan kam Ralph mit ausgestreckten Armen entgegen. Die etwas glasartigen, braunen Augen leuchteten, und um die Denkerfalte auf seiner hohen Stirn zitterte es von liebenswürdigen Fältchen. Das Wiedersehen mit dem Scheik rief alle Erinnerungen von Kairo in Ralph wach – die Tage, wo er erst dem Glück und dann dem Tode näher gewesen war als jemals. Sowohl Helen wie Schehanna lebten bei diesem Wiedersehen auf, und die Bitterkeit über das plötzliche Ende ihres Zusammenlebens griff ihm von neuem ans Herz. Man könnte es an seinen Augen und der Furche um seinen Mund sehen. Abdul-Hassan zog seine Arme wie ein Paar Fühlhörner zurück. Da beeilte Ralph sich, seine Hände mit einem herzlichen Willkommensgruß zu ergreifen. Er stellte ihm Davis vor und nötigte ihn zu bleiben. Sie frischten Erinnerungen von dem Besuch in El-Azhar und dem Abenteuer in der Wüste auf. Abdul-Hassan war offenbar unterrichtet, denn er vermied es, Helen und Schehannas Namen zu nennen. Schließlich berichtete Ralph, daß sie sich getrennt hätten und jeder seines Weges gereist sei. Offenbar waren der Scheik und Abbas während der halben Stunde, wo sie zusammen auf Ralph und Davis gewartet hatten, gute Freunde geworden. Abbas stand die ganze Zeit hinter seinem Stuhl, lächelte, wenn der Scheik lächelte und kopierte unbewußt seine Handbewegungen. Mitten in diesem schwarzen Lande, wo Abbas alles so unbekannt und unheimlich war, erschien ihm der Scheik, der ihm in Beyrut fern und fremd gewesen wäre, wie ein Genosse aus der Heimat. Als Ralph den Scheik fragte, was ihn nach Indien geführt habe, verschwand das Lächeln in dem mageren Arabergesicht. »Die Mahdi-Bewegung,« sagte er ernst. »Sie ist im Begriff, sich über Aegyptens Grenzen zu breiten.« »Ich dachte, daß Sie gegen die Bewegung gesichert seien, weil Sie so viele Senussijen zwischen Ihren Schülern zählen.« Abdul-Hassan sah mit einem hastigen Blick auf. »Ich habe meine Tätigkeit aufgeben müssen. Meine Reise ist eine Flucht.« »Und was machen Sie hier in Madura?« Abdul-Hassan zögerte. Dann sagte er gedämpft: »Ich warte und beuge vor.« »Ist das Ende der Zeiten gekommen?« fragte Ralph mit einem heiteren Blinzeln. Aber er bereute seinen Scherz, als er sah, daß Abdul die Farbe wechselte. »Mißverstehen Sie mich nicht!« beeilte er sich hinzuzufügen, »ich führte nur Ihre eigenen Worte von unserem Gespräch in der weißen Villa an – entsinnen Sie sich nicht?« Abdul überlegte einen Augenblick. »Ich kann Ihnen nichts anderes sagen,« bemerkte er darauf, »als daß es in Indien annähernd fünfundsechzig Millionen Mohammedaner gibt, und daß einige der angesehensten hier in der Gegend wohnen.« Als Abdul-Hassan hörte, daß sie im Begriff standen, weiter nach Westen zu reisen, und daß sie durch den Brahmanen, an den Barnett sie empfohlen hatte, einen eingeborenen Diener bekommen sollten, erbot er sich, inzwischen Abbas zu übernehmen. Abbas konnte ihn nach Bombay begleiten, wohin er sich in nächster Zeit begeben wollte, um dort wieder mit Ralph und Davis zusammenzutreffen. Abbas machte keine Mördergrube aus seinem Herzen, daß er der Reise nach Westen am liebsten aus dem Wege ging; er war kein Held, hatte nie gejagt und erblaßte, wenn von Tigern und Elefanten die Rede war. Er wand sich vor Ralph wie ein Kind, das Prügel fürchtet. Ralph ärgerte sich über seine Feigheit, sah aber ein, daß er ihnen nur beschwerlich werden würde, und willigte mit einem höhnischen Achselzucken ein; Abbas vergaß dieses Achselzucken nicht und legte es in seiner Erinnerung zu den Prügeln, die Ralph ihm einst in der weißen Villa vor Kairo gegeben hatte. Abends meldete sich ein junger Mann, mit engliegenden Augen in einem außerordentlich schmalen Gesicht; er war vom Pandit Ramalingam geschickt worden. Davis, der ihn zu Ralphs Erstaunen in seiner eigenen Sprache anredete, bemerkte, daß er für einen indischen Diener ein ungewöhnlich vertrauenerweckendes Aeußere habe. Er erzählte Ralph, daß die Tiyan-Kaste, der er angehörte, seit Jahrhunderten den Weißen an der Malabarküste gedient hatte, erst den Portugiesen, dann den Holländern und schließlich den Engländern, und daß es eine eurasische Bastardrasse gäbe. Davis meinte, daß Chundri – so hieß ihr neuer Diener – zu dieser gehörte, weil seine Haut so ungewöhnlich hell war. Chundri sollte von Ramalingam Pandit grüßen und sagen, daß er es als den glücklichsten Tag seines Lebens betrachten würde, wenn die fremden Gelehrten sich morgen nachmittag um sechs Uhr vor dem östlichen Gopuram einfinden wollten. Dann würde er ihnen das Heiligtum der fischäugigen Minakshis zeigen. Ferner sollte er ihnen sagen, daß morgen früh ein Fest im Kali-Tempel bei dem großen Teppa-Kulam vor der Stadt stattfände, das sie nicht versäumen dürften. Chundri hätte den Auftrag, sie rechtzeitig an den richtigen Ort zu geleiten. Voller Sonnenschein lag auf einem niedrigen, weißgekalkten Gebäude ohne Fenster, unter einem verfallenen Ziegeldach. Es war der Kalitempel. Auf dem breiten Wege vor dem Tempel wimmelte es von Kindern. Greise und Frauen hockten unter jungen Feigenbäumen. Vom Eingang, den Ralph und Davis noch nicht sehen konnten, erklang ein ohrenbetäubender Lärm von krähenden Männerstimmen, Flöten und Trommeln. Als ihr Wagen in einer Wolke von Staub an der Seite des Gebäudes vorfuhr, erstarrte alles Leben und die Hälse reckten sich nach den Fremden, wie ein Schwarm wilder Vögel, die plötzlich überrascht werden und sich noch nicht klar darüber sind, nach welcher Seite sie sich wenden sollen. »Kali ist Siwas Frau,« sagte Davis, »die Göttin der Diebe, Räuber, Gaukler und Mörder. Sehen Sie sich nur die Physiognomien an, die verleugnen sich nicht.« Es war wirklich eine ausgesuchte Sammlung von den niedrigsten Existenzen. Aus den erschrockenen Blicken leuchtete eine Mischung von neugieriger Angst, kriechender Unterwürfigkeit und verkrüppeltem Lebenswillen, typisch für diejenigen, die daran gewöhnt sind, von anderen gescheut zu werden, und die als einzige Waffe die Fähigkeit besitzen, bessere Leute mit der Unreinheit ihrer Nähe zu besudeln. »Was sind das dort für Leute?« fragte Davis Chundri, der auf dem Kutscherbock saß. »Die ganz Schwarzen dort hinten sind Jrulen aus den ›Blauen Bergen‹. Sie ernähren sich von Honigsammeln. Die Alten dort sind Leute aus Telugu, die herkommen, um zu betteln. Und die dort, die sich das Tuch übern Kopf geworfen haben, sind aus Kalla, Vieh- und Hühnerdiebe, die nur zur Stadt kommen, wenn für Kali ein Fest gefeiert wird. Der dort mit dem vollen, krausen Haar und den abstehenden Ohren ist wohlbekannt hier in Madura. Er ist der Häuptling der Kalla und kommt nur her, um die Diebesgelder einzukassieren, vier Annas, die arme Familien, die vor der Stadt wohnen, den Kallas im Jahr bezahlen müssen, damit sie ihnen ihre Hühner nicht stehlen.« »Eine Risikoprämie, die die Polizei überflüssig macht,« sagte Davis. »Was würden Sie zu solchem Justizsystem in den Staaten sagen?« »Ganz fremd ist es uns wohl nicht,« meinte Ralph trocken, »und ich glaube sogar, daß man die Rechtssicherheit auf diese Weise billiger hat.« Ein altes abgezehrtes Weib mit weißen Haarsträhnen um die abstehenden Ohren, Augen, die in tiefen Höhlen glühten, und einem Mund wie ein verzerrter Spalt in dem durchfurchten Gesicht, kam auf den Wagen zugehinkt und streckte ihre nackten, hageren Arme zu den Fremden hinauf. »Yeruku, Sahib, Yeruku!« krähte sie. »Was bedeutet das?« fragte Davis. »Wahrsagen, Herr, wahrsagen! – Es ist eine alte Korawa-Hexe,« Chundri verzog das Gesicht, als ob er sich an ihrem Anblick verbrannt habe. Ihr auf den Fersen folgte eine Schar aufgeschossener Bengel, die nur ein schmales Lendentuch am Körper trugen. Sie umringten den Wagen, reckten die Arme und schrien mit der Alten um die Wette, die sich umdrehte und nach ihnen schlug. »Das ist Korawa-Brut,« sagte Chundri verächtlich, »der schlimmste Räuberstamm in ganz Indien. Heute sind sie hier, morgen dort. Wenn sie einen Ohrring stehlen, reißen sie das Ohr mit ab.« Ein Schlangenbändiger, der im Tempel gewesen war, trat jetzt vor die Tür. Als er den Wagen sah, stürzte er schreiend darauf zu und begann unter einem unaufhaltsamen Wortstrom den großen flachen Korb, den er an einem Band um den Hals trug, zu ordnen. Die Kinder schob er beiseite, hockte sich mitten im Staub nieder, stellte den Korb neben sich, wickelte sich ein schmutziges Tuch um den Arm, nahm eine Lehmflöte und begann eine unerträglich gellende Musik zu flöten. Kurz darauf hob eine Brillenschlange ihren flachen Kopf aus den Lumpen im Korb, bewegte die gespaltene Zunge mit rasender Schnelligkeit hin und her, als suche sie Linderung vor der teuflischen Musik und sprang dann mit einem Ruck in ihrer ganzen Länge aus dem Korb. Sie wand sich um das Tuch an seinem Arm, schlängelte sich um seinen bärtigen Hals und verschwand ganz plötzlich in dem Lendentuch eines Knaben, der gaffend gleich daneben stand. Der Junge machte einen Luftsprung vor Schreck, und alles lachte. Der Schlangenbändiger grinste boshaft mit seinen Zahnstummeln, sagte dem Burschen einige ermahnende Worte und befreite ihn schließlich, indem er die Schlange um den Hals faßte und in den Korb hineinzog. Ralph warf ihm Geld zu, und der Bettler stürzte sich mit einem Strom von Danksagungen darauf. »Yeruku, Sahib, Yeruku!« schrie die Hexe noch immer und machte Ralph Zeichen zu, daß er ihr seine Hand geben sollte; schließlich machte sie Miene, seine Hand zu greifen, Chundri aber schlug nach ihrem Arm, daß sie zur Seite taumelte, während sie ihn wie eine Katze anfauchte. Ralph warf ihr ein Geldstück zu. Sie griff es in der Luft auf und zog sich mit einem Wortschwall zurück, indem sie sich mit den demütigsten Gebärden im Staube verbeugte, während die Jungen lachend um sie herumsprangen und ihre blitzenden Zähne zeigten. »Sie stößt Flüche aus,« sagte Davis und sah fragend zu Chundri auf, der zustimmend nickte, über Davis' Wissen erstaunt; aber er war nicht zu bewegen, ihre Worte zu übersetzen. »Der Schlangenbändiger ist auch ein Korawa,« sagte er. Die Hexe stand neben ihm und zeigte ihm ihr Geldstück; sie gingen zusammen zur Mauer und setzten sich zu einem Haufen Männer und Frauen, die in der Sonne lagen. »Es ist eine ganze Korawa-Bande,« sagte Chundri, »die Kali geopfert haben. Wahrscheinlich haben sie einen größeren Streich vor.« Ralph und Davis stiegen aus dem Wagen und begaben sich zum Eingang, vor dem eine Estrade war, die von vier grobgeschnitzten Holzsäulen unter einem Strohdach getragen wurde. Sie wurden von den Kindern umringt, die nach Geld schrien. Auch die alten Bettler hatten sich erhoben und hinkten mit ausgestreckten Händen hinter ihnen her, ihre einförmige Betteltirade singend. »Sahib hätte der alten Hexe nichts geben sollen,« sagte Chundri, »jetzt bekommen wir die Bande die ganze Zeit hinter uns her. Wenn man einem etwas gegeben hat, wollen alle haben.« Vorm Eingang schlug ihnen ein strenger, erstickender Geruch entgegen; im selben Augenblick sahen sie einen blutigen Pfahl und, auf einem Stein davor, eine große Pfütze von rotem Blut, das in der Sonne dampfte. »Pfui Teufel!« Davis hielt sich die Nase zu. »Das ist noch von der Opferung bei Sonnenaufgang,« sagte Chundri. »Was hat man geopfert?« fragte Ralph und betrachtete einen Haufen junger Männer, die mit entblößtem Oberkörper und vorgestreckten Händen auf der Estrade knieten. Diese Augen waren wie in Trunkenheit verdreht, die Gesichter zu einem tierischen Lächeln verzerrt. Gleich neben der Blutpfütze saß ein gebückter Greis, lange, weiße Haarbüschel fielen ihm auf die spitzen Schultern, und auf der knochigen, nackten Brust hingen gedrehte Bartsträhnen. Die blinden Augen starrten glasklar und blind unter der knorrigen Stirn hervor, wo drei wagerechte weiße Striche über der Nasenwurzel gemalt waren. Haar und Bart, Backen und Hände waren mit Blut bestrichen; hin und wieder tauchte er seine Handflächen in die Blutlache und erneuerte das Blut auf Brust und Stirn, während er seinen Gesang oder seine Rede unaufhörlich herplapperte. Jedesmal, wenn er nach einer Strophe den Kopf beugte, fielen die Jungen in krähendem Chor ein. »So haben sie seit Sonnenaufgang dagesessen.« »Und jetzt ist die Uhr zehn,« sagte Davis und sah auf seine Uhr. »Was haben sie geopfert?« fragte Davis wieder. Chundri zuckte die Achseln. »Was weiß ich, Sahib,« er wich Davis' Blick aus, »das tägliche Opfer ist ein Zicklein. Bei den großen Festen kommt jede Familie mit ihrem Zicklein, oder, wenn sie sehr arm ist, nur mit einem Hahn.« Davis sah sich nach allen Seiten um, um Spuren von Häuten oder Knochen zu entdecken, aber es war nur das Blut da. »Sehen Sie dort,« sagte er und zeigte auf eine gemalte Holzfigur gleich rechts in der dunklen Türöffnung, »dort haben wir die furchtbare Göttin.« Eine Gestalt in halber Menschengröße, ein unförmlicher Kopf mit Elefantenzähnen, stiere, rote Augen und eine langausgestreckte Zunge, die ihr bis auf die Brust hing – das war die Göttin Kali, Siwas Frau! »In alten Zeiten«, fuhr Davis fort, »begnügte Kali sich nicht mit weniger als einem neugeborenen Kind. ›Das Blut von Menschenopfern‹, heißt es, ›erfreut Kali tausend Jahre‹. Ich kenne einen Anglo-Inder, der behauptet, daß noch heutigentags bei festlichen Gelegenheiten heimlich Menschenopfer gebracht werden.« »Unserer weißen Kultur zum Trotz!« »Finden Sie vielleicht, daß auch das zulässig sein sollte?« fragte Davis ärgerlich. Ralph antwortete nicht. Durch die Türöffnung blickte er in den Tempel hinter der Estrade. Aus dem dunklen, fensterlosen Raum klang gedämpftes Murmeln und leises Schleifen. Tief drinnen flackerte eine Reihe qualmender Lichtstummel auf dem Fußboden, wie Rampenlicht in einer Jahrmarktsbude. Sie beleuchteten den geschnitzten und bemalten Fuß eines Götzenbildes, dessen Beine und Körper sich nach aufwärts in der Dunkelheit verloren. Vor dem Altar bewegte sich etwas, was bald die einen, bald die anderen Lichter beschattete. Ralph strengte seinen Blick an und wurde eines hellen Gewandes gewahr, das den Bewegungen folgte; er ahnte Arme, die sich schwangen, und einen Kopf, der sich im Takt zu dem leisen Gemurmel bewegte; und jetzt sah er auch, daß das schleifende Geräusch von nackten, tanzenden Füßen herrührte. Er wandte sich zu Chundri um und zeigte in den Tempel. »Das ist die Dewadasi,« sagte dieser. Davis sah sie jetzt auch und erklärte interessiert: »Das ist eine Tempeltänzerin, eine von denen, die wir Bajaderen nennen. Jeder Tempel und jeder Gott hat seine.« Ralph wollte hinter den Pfahl treten, um in den dunklen Raum zu gelangen; indem er aber über die Blutlache sprang, und der Greis und die Jungen begriffen, was er vorhatte, fuhren sie wie ein Mann in die Höhe und versperrten ihm den Weg mit drohenden Gebärden. Ralph griff nach der Tasche, wo er seinen Revolver hatte; Davis aber faßte ihn heftig am Arm und flüsterte: »Lassen Sie! – Diese sind vom Gott besessen und zu allem fähig. Wenn Sie mit Gewalt eindringen, kommen wir nicht lebendig von hier fort.« Auch Chundri machte ihm mit angstvollen Augen Zeichen zu. Ralph trat zurück. Die Jungen setzten sich knurrend, manch wildrollendes Auge aber folgte Ralph und Davis, als sie zu der staubigen Landstraße zurückkehrten. Dem Tempel gegenüber lag Teppa-Kulam, ein mächtiges Bassin, zu dessen heiligem Wasser breite Steinstufen hinabführten. Dorthin eilten einige junge Mädchen aus dem Kali-Tempel. Sie gingen wie im Schlaf, mit matten Zügen, die Lider tief über die Augen gesenkt; als sie einigen jungen Leuten begegneten, die vom Bade zurückkehrten, ging es wie ein krampfhaftes Zucken durch die Jüngsten, und ihr Mund verzog sich wie vor Ekel. Chundri lächelte lüstern; Davis' stets waches Auge sah es und er fragte, wer die Mädchen seien. »Sie haben vorm Angesicht des Gottes Hochzeitsnacht gefeiert,« sagte er und sank mit einer zynischen Geste in die Knie – »man kann sehen, daß es dabei heiß hergegangen ist.« »Hochzeitsnacht?« fragte Ralph erstaunt. »Diese schmutzigen, schlechtgekleideten Mädchen sahen nicht sehr bräutlich aus.« Davis lachte laut auf. »O nein, es ist auch nur Chundri, der sich poetisch ausdrückt. Das Kali-Fest wird mit Orgien niedrigster Art gefeiert, für die junge Frauen sich opfern, um ihren Gott zu ehren.« Männer und Frauen standen bis an die Brust in dem lauwarmen Wasser. Wenn sie herausstiegen, klebte der dünne Stoff, blank und dunkel von Nässe, an ihrem Körper und zeigte ihre Formen; die Frauen verstanden es, behende den Rücken zuzukehren, so daß kein Männerblick sie kränken konnte. Ohne den Körper zu entblößen, wechselten sie sogar vor aller Augen das nasse, schmutzige Hemd mit einem trockenen, das über der Balustrade hing. Als Ralph und Davis im Begriff waren, in den Wagen zu steigen, kamen zwei Frauen aus dem Tempel, von einer alten Frau in einem weiten, grauen Kittel begleitet. »Sehen Sie dort die Dewadasen!« rief Chundri, »sie haben ihren Tanz jetzt beendet. Die Alte ist eine Daja, die sie behütet.« Ein kleiner Zebu-Wagen, den Ralph noch nicht bemerkt hatte, fuhr im selben Augenblick vor. Kinder und Bettler umringten die Dewadasen, die lächelnd Geld unter sie warfen, während sie sich einen Weg zum Wagen bahnten. Ueber ein enganschließendes Unterkleid von dunkelroter Seide war ein blendend weißes, goldgesäumtes Gewand geschlungen; die nußbraunen Arme waren bis zur Hälfte des Oberarmes entblößt, und unter dem Gewand sah man die nackten Füße bis etwas über die Knöchel. An allen Fingern trugen sie Ringe, um die Arme wickelten sich Schlangenreifen von Gold und um die Fußgelenke massive gedrehte Silberringe. Auch die Zehen waren mit Ringen geschmückt, die statt Edelsteinen blitzende Spiegelscheiben hatten; in dem blanken Haar, das in der Mitte gescheitelt und glatt über die Ohren gekämmt war, blitzte es von Gold und Perlen. Die Aelteste trug ihren Kopf voll Selbstgefühl und Anmut wie eine Königin. Unter der schöngeformten Stirn trafen die weitgeöffneten, strahlenden Augen die Fremden mit einem Blick, der gleichzeitig anzog und fernhielt; es sprach sowohl Stolz wie Abscheu und Verlangen aus den dunklen Augen. Davis lüftete unwillkürlich bewundernd den Hut; das junge Mädchen öffnete voller Erstaunen die dicken Lippen, die dunkel und blank waren, wie zwei reife Früchte. Sie schlug die Augen nieder und warf den Kopf zurück, indem sie in den Wagen stieg, während die andere, die kaum erwachsen war, die Fremden verstohlen mit einem neugierigen Kinderblick musterte. Die Daja murmelte allerhand, worauf niemand achtete, während sie beschwerlich auf dem Rücksitz Platz nahm. »Sie war nicht übel,« sagte Davis und sein Blick folgte dem Wagen, der runde Staubwolken aufwirbelte, »frei und würdig wie eine Königin. Man sollte nicht glauben, daß sie nur eine Tempeltänzerin ist.« »Wenn unsere weiße Kultur von ihr Besitz ergriffen hätte, würde sie die freie Würde schon längst verloren haben. Wenn sie unserem Wesen überhaupt zugänglich ist; ich glaube, daß das Begehren eines weißen Mannes sie ganz unberührt lassen würde.« »Unberührt?« Davis wandte sich ihm mit funkelnden Augen zu, »sahen Sie nicht den abenteuerlustigen Blick ihrer Augen! Ich möchte auf das Gegenteil wetten, falls wir die geringste Aussicht hätten, das Experiment zu machen.« »Haben Sie sich verliebt?« fragte Ralph und lächelte spöttisch. Nach dem Fünfuhrtee verließen Ralph und Davis den Bahnhof; sie wollten um sechs Uhr beim Tempel sein, wozu der Brahmane Ramalingam sie aufgefordert hatte. Hinter ihnen glühte die Sonne am Himmel. Auf dem braunen Rücken des Läufers lag der Schweiß in blanken Flächen. Es war ein hochaufgeschossener Junge mit einem riesigen Turban, dessen Zipfel wie Wimpel hinter ihm herflatterten. Er lief in langen, regelmäßigen Sprüngen vorm Wagen und schwang seinen Stock von links nach rechts, während er in einem durchdringenden Messeton den Geistern der Luft und wem er sonst auf dem staubigen Weg begegnete, verkündete, daß hier zwei weiße Könige in ihrer Majestät daherkämen. Hühner flogen schreiend nach allen Seiten. Ein hungriger Paria-Hund, der an einem Vogelaas nagte, knurrte gereizt. Zwei elende Wasserträger gingen in großem Bogen um sie herum und wagten erst wieder zu atmen, als die Erscheinung glücklich vorbei war. In rasendem Lauf ging es an einer Lehmhütte vorbei, gelb und grau wie das Flußwasser, mit einem dunklen Türloch unter dem Verandadach, aber ohne Anzeichen von Leben. Noch eine und noch eine in dem goldenroten Schein, der wie ein Schleier über den steinigen Feldern lag. Die vereinzelten Häuser wurden zu einer Straße. Männer kamen vom Felde, mit Messern, Hacken oder Körben. Weißgekleidete Witwen auf bloßen Füßen, das Genick steif und die Hüften beschwert von dem gewaltigen Messinggefäß, das sie auf dem Kopf trugen, kamen mit Wasser vom Fluß für das Nachtessen der Familie. Jetzt machte der Wagen solch heftige Schwenkung, daß Davis fast herausgeflogen wäre. Chundri drehte sich auf dem Bock um und zeigte nach oben. Dort, am Ende der schmalen Gasse, hob sich eine dunkle Masse himmelwärts. Es war der größte von den Riesentürmen des Tempels. Er bestand aus zehn bunten Bilderstockwerken, die zu einer langgestreckten Pyramide von sitzenden und tanzenden Göttern und Göttinnen mit schwellenden Brüsten und Hüften übereinandergetürmt waren, in dunklem Stein ausgehauen. Es war wie ein verstummtes Geschrei von Tausenden beseelter Steinleben, zum Preis des Ewigen, ein lärmender Lebenskampf von andächtigen Menschengedanken, die alle zu Licht und Raum hinaufstrebten und mitten in der Ekstase beim donnernden Halt des Gewaltigen, der Ruhe in seinem Himmel haben wollte, erstarrt waren. Diesen Eindruck machte es auf Ralph. Sie fuhren an einem mannshohen Eisengitter entlang, das das Grundstück des Tempels einfriedigte, und dort lag wieder ein Gopuram mit Menschengewimmel davor. Das war der Eingangsturm. Ein Strom von braunen Gestalten, die sich bemühten, durch den Anblick der Fremden nicht verunreinigt zu werden, wogte ein und aus. Es war die Andachtsstunde nach des Tages Arbeit. Man kam mit Blumen und wollte beten, jeder hatte ein Anliegen, das wiederum das eines anderen kreuzte, alle aber stiegen zur veilchenblauen, dunstigen Wölbung hinauf. Die Kinder, die den Wagen der Weißen umringten, wichen zur Seite, als sich jetzt ein älterer, korpulenter Mann näherte. Er hatte traurige schwarze Augen über welken Wangen, die sich zu einem Lächeln verzogen, als er sich vorbeugte und die Hand grüßend zur Stirn führte. Es war der Brahmane Ramalingam. Als Davis ihn auf Hindustanisch anredete, blitzte es in seinen matten Augen auf, und er setzte sich gleich in Bewegung, zuvorkommend, aber mit einem Selbstbewußtsein, so sicher und anspruchslos, wie nur der es hat, der weiß, daß sich nicht ein einziger Tropfen unreinen Blutes in den Saft seines Stammbaumes gemischt hat, und der nie jemandem begegnet ist, der daran gezweifelt hat. Er schritt ihnen voran durch den ungeheuren wimmelnden Haufen unter dem flachen Dach. Sie kamen durch einen halbdunklen, breiten Gang, der von bemalten Holzsäulen getragen wurde, durch eine Vorhalle, wo Licht zwischen zwei Reihen Sandsteinsäulen, die zu Göttergestalten ausgehauen waren, hereinfiel. Hinter den Säulen hatten die Tempelhändler Auslagen von Amuletts, Blumen und Räucherhölzern, aber auch von ganz weltlichen Dingen, Hausgerät und billigen Gegenständen aus europäischen Fabriken ausgebreitet. Am Ende der Vorhalle, zu jeder Seite des breiten Tores, das zum eigentlichen Tempelraum führte, standen Siwas Söhne: der Kriegsgott Subrahmanyi, furchtbar in seinem versteinerten Zorn, und Ganesh, der Glücksgott, der seinen Elefantenrüssel gemütlich zwischen seine Steinknie gesenkt hielt. Auf dem Boden lag es voll von Bettlern, die sich erhoben, durcheinanderschrien und mit ihren Stöcken auf die Steinfliesen klopften, als sie der weißen Männer ansichtig wurden. Ramalingam machte den Weg mit einigen drohenden Worten frei und die Bettler zogen sich knurrend zurück. Es roch nach Stall; der schmutzige Steinboden war mit Stroh bedeckt. Da erklang von rechts ein gellender Trompetenstoß, und gleich darauf tauchte ein mächtiger Elefant auf. Auf dem Rücken hatte er eine violette Seidendecke und ein befranstes Käppchen auf dem Kopf. Er lächelte verschmitzt mit seinen kleinen gelben Augen, als machte er sich heimlich über seine eigene Heiligkeit lustig. Der Führer rasselte mit einer Blechbüchse, Ralph warf eine Münze auf die Erde; der Elefant strich mit dem Rüssel durch den Schmutz, fand die Münze und ließ sie in die Büchsenöffnung fallen. Davis nahm eine falsche Rupie, die er am selben Morgen bekommen hatte, und warf sie auf die Erde. Sie klirrte über den Fußboden und rollte zu einer Säule, wo ein junger Krüppel lag, die Krücken neben sich. Er reckte sich nach der Münze, richtete sich an seinen Krücken auf und schleppte sich auf seinen welken Beinen, die am Schenkel nicht dicker als der Krückenstock und im Kniegelenk gegeneinander gebogen waren, über den Boden. Während seine großen Augen in heiligem Zorn glühten, warf er Davis die Rupie an den Kopf, indem ein Strom von zornigen Worten ihm den Schaum auf die Lippen trieb. Die Bettler rings umher klapperten mit ihren Stöcken und wiederholten seine Worte. Der Führer machte kehrt und zog das heilige Tier, das so schamlos verhöhnt worden war, mit sich fort. Ramalingam erklärte in seinem gebrochenen Englisch, daß der Krüppel ein sehr heiliger Mann sei, und er warf Davis einen mißbilligenden Blick zu, der lachend erklärte, daß er die Intelligenz des Elefanten auf die Probe stellen wollte. Der Brahmane hatte alles Interesse für die Fremden verloren. Er führte sie durch das Bassin, »der Teich der goldenen Lilien«, wo einige Hindus bis an den Leib im Wasser standen und ihre Andacht verrichteten, ohne seinen Gästen Zeit zu lassen, das Schnitzwerk der Säulen zu bewundern. Durch ein Bronzetor kamen sie in einen langen, breiten Gang, wo unter den Deckenbalken zahlreiche fliegende Hunde hingen; es stank wie in einer Menagerie, und die Tiere schwirrten ihnen um die Ohren. In der Mitte des Ganges war eine Türöffnung zu einem viereckigen Raum, wo ein Götterbildnis stand. Beim Lichtschein einer vereinzelten Kerze, die auf dem Altar brannte, sahen sie dasselbe, was sie am Morgen im Kali-Tempel gesehen hatten: wechselnde Schatten von Körpern, die sich im Tanz schwangen. Ramalingam wollte vorbeigehen; Davis aber, der der Tür am nächsten war, meinte die Dewadasi wiederzuerkennen; er ging einen Schritt näher und zog Ralph mit sich. Da beeilte Ramalingam sich, ihnen den Weg zu versperren. »Den Weißen nicht erlaubt!« sagte er streng. Die Dewadasi erstarrte im Tanz und ihre Augen suchten die Fremden, die den Abendfrieden des Gottes kränkten. Ramalingam aber machte ihr ein Zeichen, daß sie sich nicht stören lassen sollte. Bis an die Taille entblößt, mit einem violetten Schleier um ihr schwarzes Haar, drehte sie sich vor dem Gott, bald die schönen Arme über dem Kopf schwingend, bald sie ihm im Gebet entgegenstreckend; sie legte sich nach hinten und bot dem Gewaltigen ihren Schoß dar, beugte darauf die üppig gerundeten Schultern tief zum Steinboden, mit den Fingerspitzen die Erde zu Füßen des Gottes berührend. Ralph sah, wie ihre Augen jedesmal, wenn sie ihren Kopf von dem Gott abwandte, Ramalingam suchten; und die Augen des Brahmanen funkelten vor schmerzhafter Gier. Der Schein der einsamen Kerze ließ sein Gesicht gelblich wie das eines Toten erscheinen. Der Schatten ihres Schleiers fiel abwechselnd über seine Züge und die des Gottes: Ramalingams waren im Anschauen nicht weniger erstarrt. Es war, als habe er die Gegenwart der Fremden ganz vergessen. Er stand mit vorgebeugtem Kopf und starrte und starrte, als ob die dunkle Flamme ihres Körpers seine Seele verbrenne und ihn vergehen ließe; und je mehr er bei ihrem Anblick verging, desto stärker glühte ihm das Verlangen entgegen, desto tiefer funkelte der dunkle Schmerz in ihren großen blanken Augen. Was ist es, was sie zusammenbindet? dachte Ralph. Im selben Augenblick klang es wie Metall auf dem Steinboden. Die Dewadasi hielt inne und beugte sich über ihren linken Fuß; der Ring von ihrem großen Zeh war entzweigesprungen und rollte über die Erde. »Das ist der Tali-Ring,« flüsterte Davis, »der Trauring des Gottes. Sehen Sie nur ihre Angst!« Die großen, blanken Augen starrten voller Entsetzen auf den Fußboden. Auch Ramalingam war beim Laut erwacht und sah aus, als ob ein böses Wahrzeichen ihn getroffen habe; er beugte sich herab, um den Ring zu suchen, damit keine unreine Hand ihn berühren sollte. Der Ring war Davis vor die Füße gerollt, sein scharfer Blick sah ihn beim gelblichen Schein der Kerze blitzen. Er beugte sich herab und nahm den Ring auf; er war breit, mit einer großen, runden Spiegelscheibe von Silber. Er hielt ihn hoch und ließ das Metall im Licht blitzen. Das Mädchen stand mit unbeweglich vorgestreckten Armen, im Tanz erstarrt; ihre Brust wogte heftig, die großen dunklen Pupillen hingen wie festgezaubert an dem heiligen Ring in der unheiligen Hand. Indem Davis ihr den Ring reichte, flüsterte er ihr einige Worte in ihrer eigenen Sprache zu. Ein Kälteschauer durchbebte sie, ihr Blick suchte Ramalingams und glitt dann zum Ring zurück; statt aber danach zu greifen, zog sie sich zum Gott zurück, als ob sie dort Schutz suche. Davis folgte ihr und wiederholte flüsternd seine Worte. Schließlich streckte sie die Hand aus, nahm den Ring und beugte den Kopf vor seinem Blick, als ob er ihr Herr sei. Sie verabschiedeten sich von Ramalingam, der stumm und düster war; seit dem Unglück mit dem Ring hatte er kein Wort mehr gesagt. Als sie im Wagen saßen, fragte Davis: »Na, wollen Sie wetten?« »Was?« »Sie meinten, daß eine Dewadasi dem Begehren eines weißen Mannes unzugänglich sei.« Ralph betrachtete ihn neugierig; sein Blick war ernst und die Augen funkelten hinter den Brillengläsern. »Sie sind also wirklich ins Herz getroffen!« sagte er neckend. Davis antwortete nicht. »Was haben Sie ihr zugeflüstert?« »Bleiben Sie bei Ihrer Behauptung von heute morgen?« fragte Davis statt zu antworten. »Selbstverständlich.« »Ich flüsterte: ›Beim südlichen Gopuram, wenn der Mond aufgegangen ist.‹« »Und Sie glauben, daß sie kommt?« »Wollen wir wetten?« »Warum nicht. Was gilt die Wette?« »Daß sie vor Ablauf einer Woche die meine ist – sagen wir, Donnerstag morgen bei Sonnenaufgang. Wenn nicht, habe ich verloren.« Ralph sah ihren seltsam verzauberten Blick wieder vor sich, als Davis ihr den Ring reichte, und ihre demütige Kopfbeugung, als sie ihn nahm. »Das ist ungleiches Spiel,« sagte er, »Sie wissen, daß das Unheil mit dem Ring eine Bedeutung hat, die ich nicht kenne. Sie haben sie vor dem Zorn des Gottes gerettet oder dergleichen, so daß sie Ihnen verpflichtet ist. Das aber hat nichts mit Leidenschaft zu tun. Darum aber handelte es sich. Wenn sie aus freiem Willen die Ihre wird, dann haben Sie gewonnen, sonst nicht.« »Wie soll das festgestellt werden?« »Wenn ich aus ihrem eigenen Mund höre, daß sie bereit ist, alles zu verlassen, um Ihnen zu folgen, dann haben Sie gewonnen; dazu können Sie meinetwegen so viel Wochen oder Monate gebrauchen wie Sie wollen.« Davis überlegte einen Augenblick. »Gut!« sagte er dann, »was wollen wir wetten?« »Das überlasse ich Ihnen zu bestimmen.« »Gut!« Davis wandte sich zu ihm und sagte mit leiser Stimme, als fürchtete er, daß jemand es hören könnte: »Wenn ich gewinne, müssen Sie mir einen Dienst erweisen, um den ich Sie zu gegebener Zeit bitten werde – und umgekehrt. Einverstanden?« Ralph kniff die Augen prüfend zusammen. »Wir kennen einander ja noch wenig, aber ich gehe davon aus, daß wir beide Ehrenmänner sind und nehme Ihre Wette an.« Seine Jagd in den ›Blauen Bergen‹ aber wollte Ralph nicht aufgeben, und so einigten sie sich denn, daß er allein mit dem Vellala Shankar und dem Diener Chundri aufbrechen sollte. Davis wollte ihm entweder später folgen oder von Madura aus Nachricht senden, wann sie sich in Bombay wieder treffen wollten. Aus einer kleinen niedrigen Tür der blinden Tempelmauer tauchte eine Gestalt auf, blieb stehen, starrte lauschend durch die zunehmende Monddämmerung, und bewegte sich darauf auf den Turm zu, der seine düsteren Götterbilder zum Himmel streckte. Es war ein altes Weib in einem grauen Kittel, der ihre Gestalt einhüllte und auch Kopf und Haar bedeckte. Sie starrte spähend zu dem dunklen Palmenhain hinüber, der die Abfallstelle des Tempels war, und durch den ein Pfad zur Stadt führte. Der Fremde schien mit den Verhältnissen vertraut zu sein, da er diesen unreinen und öden Ort zum Stelldichein gewählt hatte. Da sah sie drüben eine Gestalt – einen Brahmanen im langen, weißen Gewand. Erschrocken trat sie in den Schatten des Turmes zurück; der Brahmane aber hatte sie entdeckt, es war ihr unmöglich, ihm ungesehen im Mondlicht zu entschlüpfen. Sie ging darum quer über den offenen Platz zwischen Tempel und Hain. »In wessen Auftrag gehst du hier?« Die Frau wunderte sich über den fremden Klang der Stimme, über die blitzenden Augen und das Lächeln der großen weißen Zähne. Sie sah gleich, daß es keiner von den Brahmanen des Tempels sei. Im selben Augenblick begriff sie, daß er es war, den man sie zu suchen ausgesandt hatte. Davis besaß eine Brahmanentracht von seinem früheren Aufenthalt in Indien her, wo er häufig verkleidet herumgestreift war. Er erkannte die Daja, die morgens die Dewadasen zum Kali-Tempel begleitet hatte. Sobald sie durch die Tür in der kleinen Mauer gekommen waren, wurde sie gesprächig. Er aber verstand nur aus ihrem Geflüster, daß die Dewadasi Kantra hieß und der ehrenwerten Golla-Kaste angehörte. Es war dunkel, wo sie gingen, an dem Gestank und dem raschelnden Leben über ihren Köpfen aber merkte er, daß sie sich in dem Fledermaus-Gang befanden. Da fühlte er am Luftzug, daß sie in einen größeren und weiteren Raum kamen; durch Oeffnungen im Dach fiel das Mondlicht auf eine tanzende Steingöttin, die vier Arme über ihren Kopf hob, mit einem geheimnisvollen Lächeln um die schmalen Augenritzen; er sah Säulen im Viereck, hinter- und nebeneinander, wie die Felder eines Schachbretts, die sich in unübersehbaren Reihen in der Dunkelheit verloren. »Warum führst du mich durch die Halle der tausend Säulen?« »Um niemandem zu begegnen.« »Wem sollen wir begegnen?« »Es ist die Liebesstunde des Gottes, wo die Brahmanen in seiner Schlafkammer ein und ausgehen. Heute war es Kantras Nacht, Ramalingam aber ist heute nachmittag krank geworden.« »Ist er ihr Herr?« »Ja, durch ihn kommt der Gewaltige zu Kantra, wenn es ihre Nacht ist. Aber er ist alt und verträgt nicht mehr viel.« Endlich waren sie am Ziel. Eine Tür öffnete sich in der Dunkelheit, und die Daja führte ihn bei der Hand in einen Raum, der so klein war, daß der Laut ihrer Schritte keinen Widerhall gab. Sie zündete einen Lichtstummel an, und Davis begriff, daß sie sich in ihrem Zimmer befanden. Es hatte keine Fenster, nur eine viereckige Luke hoch oben, die mit einem Tuch verhängt war. Von der Decke hing eine Lehmkruke herab, mit einer heiligen Basilwurzel voll hellroter Blumen; in der einen Ecke stand ein Mattenbett. Aus einem alten ungelüfteten Schrank roch es stark nach getrockneten Nelken, und aus Kleidern, die an den Wänden hingen, kam ein unreiner Frauendunst, der ihm Uebelkeit verursachte. »Warte!« sagte die Alte, steckte den Lichtstummel in einen Eisenspieß an der Wand und verschwand in der entgegengesetzten Ecke durch eine Tür, die so niedrig war, daß sie sich bücken mußte. Davis wartete. Außer dem Mattenbett und einem kleinen Tisch aus Sandelholz war keine Sitzgelegenheit da. Er setzte sich mit untergeschlagenen Beinen aufs Bett und überdachte seine Lage. Fast war er im Begriff, seine Kühnheit zu bereuen, als er ein Rascheln an der Tür hörte und eine Gestalt in der Ecke auftauchen sah, die einen Schal um Kopf, Schultern, Hüften geschlungen hatte, der ihr bis auf die nackten Füße fiel, wo Ringe beim Schein der Kerze an den Zehen blitzten. Die Tür wurde von einer unsichtbaren Hand geschlossen. Sie waren allein. Ein starker, würziger Wohlgeruch, worin Rosenöl der wichtigste Bestandteil war, strömte ihm aus der dunklen Ecke entgegen, wo die Gestalt unbeweglich stand. Er erhob sich und wollte auf sie zugehen, sie aber streckte die Hand abwehrend aus, und als er gehorchte, kam sie zögernd auf ihn zu, bis sie ihm so nah war, daß er sehen konnte, wie ihre großen blanken Augen ihm entgegenleuchteten. Der abweisende Stolz vom Morgen war nicht mehr in ihnen, sie hatten einen seltsam verzauberten Blick, der wie im Schmerz an ihm hing, während sie mit gebeugtem Kopf vor ihm stand, die blutroten Lippen im Takt des Pulsschlages bebend. Er beugte sich herab, griff nach ihrem Fuß und hob ihn auf, um zu sehen, ob der Ring bereits wieder instand gesetzt und an seinem Platz sei. Sie las die Frage in seinen Augen, als er zu ihr aufblickte, und lächelte mit weißen Zähnen. Ihr Fuß bebte, während die gesalbte Haut in seiner heißen Hand lag. Sie streckte ihre nackten Arme abwehrend aus; das Licht brach sich in den Schlangenreifen. Da ließ er ihren Fuß los, griff mit beiden Händen um ihre rechte Hand und zog sie neben sich auf das Mattenlager. Sie folgte ihm widerstandslos, ihre Augen wichen nicht von den seinen. Er sah, wie das Erstaunen, neben dem Fremden zu sitzen, ihr Bewußtsein langsam erreichte, ohne daß die Verzauberung dadurch gebrochen wurde. Seine Hände glitten an ihren Armen entlang, als sie aber über ihre feste, runde Brust tasteten, die von zwei sich kreuzenden Seidentüchern gehalten wurde, brach die Verzauberung, und das Bewußtsein erlangte wieder Herrschaft über ihr Gemüt. Sie schob seinen Arm beiseite und wollte aufspringen, er aber hielt sie zurück. Sie drückte sich gegen die Wand und bebte in seinem Arm, ihre Brust wogte und die Pupillen erweiterten sich im Takt mit dem klopfenden Puls. Er sprach zu ihr von ihrer Schönheit. Sie schien seine Worte nicht zu verstehen, wie sie so zurückgelehnt lag, die Augen auf ihn geheftet, geblendet von dem Licht in seinem Blick, dem seltsamen Klang seiner fremden Stimme lauschend. Seine Hand strich beruhigend über ihren Arm; er flüsterte all die süßen Worte, deren er sich auf hindustanisch erinnern konnte, bis es ihm schließlich glückte, die Unruhe ihres Gemüts zu dämpfen. Und jetzt hörte er zum erstenmal ihre Stimme. »Warum wolltest du mich treffen?« »Weil du so schön bist.« Sie lächelte; klein und spitz und gelb, wie die eines schuldfreien Raubtieres, waren die Zähne, die sie zeigte. »Wo ist dein Kamerad?« »Er reist in den ›Blauen Bergen‹, während ich bei dir bleibe.« »Bei mir?« Ihre Augen wurden feucht; sie wandte sich zu ihm und berührte seine Hand. »Weißt du nicht, daß ich die Braut des Gewaltigen bin?« »Ja, aber ich weiß auch, daß du dir wählen kannst, wen du willst, wenn du nicht beim Gott bist. Ich weiß, daß du dir Reichtum und Gold zu seiner Ehre sammeln kannst.« Ihre Augen streiften ihn musternd, von dem schwarzen Haar – dem Turban hatte er der Wärme wegen abgenommen – über die viereckige, kräftige Stirn, die dicken Brauen, über die glatten Backen, den starken, geraden Hals und längs der Arme über die kurzen, schwieligen Hände, die ihre willenlose Hand fest umspannten. Sie verglich ihn in Gedanken mit dem, was sie kannte, und der dunkle Schmerz, den er bereits einmal in ihrem Blick gesehen hatte, brach von neuem hervor. »Du bist ein Kastenloser, ein Unreiner,« sagte sie, zog ihre Hand aus der seinen und versuchte aufzustehen; er aber hielt sie zurück. »Ich muß diesen Schleier verbrennen,« sagte sie und spreizte ihn mit zwei Fingern ihrer linken Hand vor seinen Augen, »ich muß dieses Kleid wechseln,« – sie strich mit der Hand über das Seidentuch auf ihrer Brust – »darf es nicht berühren, bevor es dreifach gereinigt ist, weil ich an deiner Seite sitze, du kastenloser Fremdling. Ich muß meine Augen viele, viele Male in dem heiligen Wasser baden, weil sie sich für dich geöffnet haben.« »Was schadet das? – Für das Gold, das ich dir geben werde, wenn du die meine gewesen bist, kannst du dir so viele Schleier und Gewänder kaufen, wie du willst, – und deine Augen werden von dem heiligen Wasser nur noch schöner werden.« »Wie soll ich je wieder bei dem Gewaltigen schlafen, wenn ich mich mit einem Kastenlosen beschmutzt habe? – Er kann meine Gedanken lesen, ohne daß ich sie ihm sage.« »Warum willst du bei ihm schlafen? Hat er nicht Frauen genug außer dir? – Ich kann dir soviel Gold geben, daß du seiner Gnade nicht bedarfst.« »Er wird mich mit seinem Zorn verfolgen,« sie zog sich schaudernd gegen die Wand zurück und ihr Gesicht verdunkelte sich. »Du kannst mir dorthin folgen, wo meine Götter herrschen und wo seine Macht nicht mehr hinreicht.« Sie sah ihn erstaunt an. Das konnte ihr Sinn nicht fassen. »Das ist unmöglich,« sagte sie nach einer Weile – »sein Zorn reicht über die ganze Welt. Weißt du, welche Strafe diejenige trifft, die sich einem Kastenlosen hingibt?« Ihre Finger spielten auf seiner Brust, während sie sprach, und ihre Augen hingen an dem Lächeln seines Mundes. »Wenn jemand erfährt,« – er merkte an dem Beben, das durch ihren Körper ging, daß ihr Wille sich bereits dem seinen gebeugt hatte – »wenn jemand erfährt, daß ich die deine gewesen bin, dann werden mir Nase und Ohren abgeschnitten, und ich werde von dem Angesicht des Gewaltigen verjagt. Das ist die Strafe.« »Wie sollte jemand davon erfahren?« flüsterte er, seinen Mund dicht an ihrem Ohr, so daß er durch den Ambra den süß berauschenden Urduft ihres Haares spürte, während sie den warmen Hauch seines brennenden Atems auf ihrer Wange fühlte. Seine Hände tasteten über ihre Brust, seine Knie berührten die ihren, seine Füße suchten ihre nackten Füße, – da raschelte es in der Ecke, und eine flüsternde Stimme ertönte von der niedrigen Tür: »Ramalingam!« Es war die Daja, die es voller Entsetzen flüsterte. »Ich erkenne seine Schritte.« Davis sprang auf und sah sich nach einem Versteck um. »Komm!« Die Daja winkte ihn zu sich in die Ecke, während Kantra aufsprang, ihr Gewand glättete und den Schleier ausbreitete. Anscheinend war sie ruhig, aber ihr Herz klopfte heftig und sie lauschte atemlos auf die Schritte. – Jetzt konnte auch Davis sie hören. »Bleibe hier!« sagte die Daja zu Kantra, die ihnen folgen wollte. »Wenn er das Bett des Gottes leer findet, kommt er zu mir, um zu fragen.« Davis wandte sich in der Tür um. »Wann sehe ich dich wieder?« Sie hob den Kopf und atmete schwer. »Morgen beim Kali-Tempel, wo du mich gestern sahst.« Mit plötzlicher Heftigkeit streckte sie die Arme nach ihm aus; er meinte, sie wollte ihn zurückhalten und überlegte einen Augenblick, ob er der Gefahr trotzen sollte. Sie aber hatte sich bereits abgewandt, und jetzt erinnerte er sich, daß diese Armbewegung »auf Wiedersehen« bedeutete. Auf dem Gang vor der Tür, durch die er hereingekommen war, ertönten Schritte. Die Daja ging voran, und Davis duckte sich durch die gegenüberliegende Tür; sie fiel lautlos hinter ihm zu, und er hörte nichts mehr. Sie standen im Dunkeln. Er zündete ein Streichholz an, die Daja aber blies es entsetzt aus. »Komm!« flüsterte sie und führte ihn bei der Hand mit sich. Sie bogen um eine Ecke, noch um eine – dann blieb sie lauschend stehen. Aus der Dunkelheit tönten ihnen schleppende Schritte entgegen. Sie riß ihre Hand an sich. »Die Tempelwache. Dort –« flüsterte sie und schob ihn hinter eine Säule, »rühr dich nicht, bevor sie vorbei ist.« Sie beugte sich herab, nahm ihre Sandalen ab und lief auf bloßen Füßen über den Steinboden, der schleimig war von dem Schmutz der Tempeltauben und fliegenden Hunde. Davis hielt den Atem an und lauschte. Kaum war der Laut ihrer Schritte verhallt, als er wiederum das regelmäßige Schleppen hörte. In der Ferne tauchte ein Lichtschein auf; er flackerte zwischen den Säulen, kam näher; schließlich war er so nahe, daß er die Umgebung dabei erkennen konnte. Er schlüpfte hinter Säulen, die weiter fort standen. Da sah er zwei Männer, die je eine Laterne an einer Stange vor sich hertrugen, sie von rechts nach links schwenkend. Sie sprachen nicht zusammen, der eine blickte nach rechts, der andere nach links. Als sie ganz dicht bei ihm waren, sah er ein altes, welkes Gesicht mit einem tödlich erschrockenen Blick auf die Säulen gerichtet, hinter denen er stand. Sie haben ebensoviel Angst vor mir wie ich vor ihnen, dachte er. Wenn ich mich ihnen zeigte, würden sie mich für einen Dämon halten und voller Entsetzen fliehen. Der Laut der Schritte und der Laternenschein starb zwischen den Steingöttern hin. In weiter Ferne knarrte eine schwere Tür mit einem Metalllaut. Ein dumpfes Gepolter, und er war allein in dem heiligen Raum. Als das Licht vorbeiglitt, hatte er sich die Richtung der Säulenreihen gemerkt; jetzt wand er sich vorwärts, bis er den Gang erreichte und eilte in die Richtung, aus der die Wache gekommen war, davon. Er lief an einer Mauer entlang, folgte ihr tastend mit den Händen, bis er durch ein Tor kam und in den Arkaden stand, die den Teich der »goldenen Lilien« umgaben, auf den ein schwacher Schein des Sternenhimmels fiel. Aus dem Bassin kam ein prustendes und schnaufendes Geräusch, und drüben bewegte sich ein ungeheures Etwas schwerfällig auf die Steinstufen zu. Schwere, schleppende Schritte ertönten, und er sah zu seinem Entsetzen die gewaltigen Umrisse eines Tempel-Elefanten, der, nachdem er von dem heiligen Wasser getrunken hatte, sich durch die Arkaden bewegte, den Rüssel suchend vorgestreckt. Ließ man die heiligen Tiere hier nachts frei herumgehen? Nachdem sein Schreck sich gelegt hatte, fiel ihm ein, daß er den Ausweg finden könnte, wenn er dem Elefanten folgte, der sicher auf dem Wege zu seinem Stall war. Er eilte auf die andere Seite des Teiches hinüber und schlich hinter dem Tier her, das er nicht mehr sehen konnte. Plötzlich verstummte der Laut der Schritte, und als er sie nach einem Augenblick wieder hörte, kamen sie näher, anstatt sich zu entfernen. Von Entsetzen gepackt, eilte er zurück, mit vorgestreckten Händen. Die schleppenden Schritte folgten ihm schwer und hastig. Der Schweiß lief ihm über die Stirn, in wenigen Minuten würde das wilde Tier ihn erreicht haben. Er lief was er konnte und dachte nicht mehr daran, seine Schritte zu dämpfen. Bald stieß er hier, bald dort gegen etwas an, er eilte nur vorwärts, die Finger gespreizt und den Mund weit geöffnet, um zu fühlen, ob sich ihm ein Hindernis in den Weg stellte. Die Schritte waren jetzt ganz dicht hinter ihm, er hörte das Tier im Lauf stöhnen und prusten. Endlich merkte er einen offenen Raum vor sich, er schien in den Fledermaus-Gang zurückgelangt zu sein, mußte also die Halle der tausend Säulen zur Rechten haben. Für einen Elefanten war es unmöglich, sich durch die Säulen zu drängen. Er atmete befreit auf – das war die Rettung. Indem er auf die Säulen zueilte, stieß er mit der Stirn dagegen. Kurz darauf hörte er das Tier stöhnen beim vergeblichen Versuch hindurchzukommen und vor Wut auf den Lehmboden stampfen. Schließlich gab es den unnützen Kampf auf und trampelte durch den Gang zurück, bis der Klang seiner Schritte schließlich verhallte. Davis war gerettet, die Nacht aber mußte er zwischen den Säulen verbringen, wo es über seinem Kopf und zwischen seinen Füßen von allem möglichen Getier raschelte. Endlich graute der Tag. Schwaches Licht sickerte durch die tanzenden Steingöttinnen. Steif an allen Gliedern von dem unbequemen Lager zwischen umgestürzten Säulen, schlich er vorsichtig durch den langen Gang und erreichte die Vorhalle, ohne jemandem zu begegnen. Hinter einer Säule versteckt, wartete er, bis die Wärter kamen und den Elefanten die Tore öffneten, um die heiligen Tiere zum Morgenbad zu geleiten. Er nahm die Gelegenheit wahr, mit dem letzten und größten Elefanten hinauszuschlüpfen. Es war derselbe, dem er die falsche Rupie zugeworfen hatte. Ob es auch derselbe war, der ihn in der Nacht verfolgte? – Hatte er ihn trotz der Dunkelheit wiedererkannt und sich für die zugefügte Kränkung rächen wollen? Ein Kameltreiber, der auf dem offenen Platz lag und sich den Schlaf aus den Gliedern reckte, wurde seiner ansichtig. Mit einem Ausruf des Erstaunens weckte er seinen Kameraden und zeigte ihm den schmutzigen Brahmanen, der aus dem Heiligtum herausgeschlichen kam. Sie besprachen umständlich und entrüstet, was wohl einen zweimal Geborenen veranlaßt haben konnte, sich so tief zu erniedrigen. Der Zug kam angebraust und hielt mit einem Ruck. Auf dem eingefriedigten Platz, wo die Eingeborenen mit ihren Bündeln die Nacht zugebracht hatten, wurde es lebendig. Wer von weither zu Fuß gekommen war, mußte oft mehrere Tage in dem Schuppen logieren. Das Gitter wurde erst geöffnet, als Ralph, der einzige weiße Passagier, und einige würdige Sudra-Kaufleute, die in dem Abteil für die Oberkaste fuhren, untergebracht waren. Unter Oberaufsicht von Shankar, der den eingeborenen Stationsaufseher kopierte, der, mit weißbehandschuhten Händen auf dem Rücken, vornehm auf dem Bahnsteig auf und ab spazierte, schalt Chundri mit den Trägern herum. Ralph zählte das Gepäck nach. »Wo ist die Handtasche!« sagte er zu Shankar, der darauf hielt, daß alle Befehle durch ihn gehen sollten – »das wichtigste Stück!« Shankar gab den Verweis mit gerunzelten Brauen an Chundri weiter, der zurücklief und die Tasche im Restaurant fand. Er wollte sie mit sich in das Diener-Abteil nehmen, Ralph aber behielt sie bei sich. Während Chundri unter lautem Protest der Träger Geldstücke unter sie verteilte, guckte Ralph aus dem Fenster seines Abteils und amüsierte sich über das Gewimmel von braunen Körpern in flatternden, schmutzigen, weißen Gewändern, die jetzt aus dem Schuppen herausströmten, mit Angst im Blick durcheinanderrannten, Bündel auf dem Rücken, Kinder und Greise im ausgestreckten Arm hinter sich herziehend, während der Stationsvorsteher sie mit hitzigen Worten zu den mit Gittern versehenen Viehwagen trieb, die auf sie warteten. Endlich war alles in Ordnung und der Zug konnte abfahren. Viel bekam Ralph bei der rasenden Fahrt durch die Staubwolken nicht zu sehen. Flache, steinige Felder mit vereinzelten Palmen, unter denen der Hirt und sein Hund Schatten gesucht hatten. Hecken von Kaktus und Aloen. Ein Dorf von Lehmhütten mit Palmendächern. Geier und Habichte, die über den Feldern kreisten, so zahlreich wie Krähen in Europa, und in der Ferne ein blaßblauer Schatten am Horizont – die Berge. Bei einem Knotenpunkt gab es zehn Minuten Aufenthalt. Sofort war der Bahnsteig voll von nackten Füßen auf dem glühenden Sand; ein buntes Paria-Gewimmel von Braun und Weiß puffte sich vor der Wasserkumme des Stationsgebäudes, wo klares Wasser in einem ungebrochenen Strahl rieselte. Man prügelte sich, um seine Messingschale zuerst zu füllen. Die Glocke läutete. Stationsvorsteher und Zugführer trieben die Eingeborenen, die zu ihren Wagen zurückeilten, mit lautem Zurufen an. Ein altes zahnloses Weib, das von einem Manne mitgezogen wurde, der einen zugedeckten Korb an einem Band um den Hals trug, konnte nicht schnell genug mitkommen und war drauf und dran zu fallen. Das Paar erinnerte Ralph an die Korava-Hexe und den Schlangenbändiger aus dem Kali-Tempel. Als er aber genauer hinsah, waren sie im Gedränge verschwunden. Während des Aufenthaltes hatte Chundri das Bad, das zu Ralphs Abteil gehörte, zurechtgemacht. Als Ralph fertig war, war die Sonne untergegangen; die Dunkelheit senkte sich ohne Dämmerung übers Land, plötzlich blitzten die Sterne auf. Ralph saß eine Weile am Fenster und betrachtete das Treiben der Feuerfliegen im Pisanghain. Erinnerungen an den Garten des Paradieses stiegen in ihm auf; ohne das elektrische Licht anzuzünden, machte er, trotz des Staubes, alle Fenster auf, um Luft für die Nacht hereinzulassen, und legte sich auf den Sitz, wo Chundri ihm mit dem Bettzeug, das er wie jeder weiße Reisende mit sich führte, ein Lager bereitet und mit einem Moskitonetz umgeben hatte. Er erwachte aus einem Halbschlaf, als elektrisches Licht vorbeiglitt und der Wagen beim Rangieren schwankte. Im selben Augenblick sah er, wie ein magerer Arm blitzschnell durch das niedrige Fenster griff; die Hand hatte schon den Griff der Handtasche gefaßt, die am Fußende seines Bettes stand, als Ralph auffuhr und nach der Hand griff. So glatt, als sei sie mit Oel beschmiert, entglitt die Hand ihm, die Tasche aber war gerettet. Er zog die Staubnetze vor die Fenster und legte sich wieder zum Schlafen nieder. Im Laufe des Vormittags erreichten sie den Fuß des Berglandes. Im Westen hoben die Gipfel sich leicht und blau von schweren weißen Wolken ab, die entferntesten waren so blaß wie der Schatten eines Tautropfens auf einem Rosenblatt. Sie verließen den Zug und stiegen in eine kleine schmalspurige Bergbahn. Es ging in kühnen Schwingungen, die in die Bergwand hineingehauen waren, aufwärts – durch Wälder, wo Palmenkönige einsam über Pöbel von Unterholz ragten, während Holzfarne anmutig in der leichten Brise fächelten. Gegen Abend erreichten sie ihr vorläufiges Ziel, die kleine Stadt Kotagiri, wo Shankar sich wie zu Hause fühlte; der Hof seines Vaters lag nur zwei Meilen von hier entfernt. Ralph war zeitig auf und wanderte mit Shankar und Chundri durch die Stadt, die sich mit einem höher und einem tiefer gelegenen Viertel an der Bergwand entlangstreckte. Shankar wollte Ralph den vornehmen Teil zeigen, wo die mohammedanischen Händler wohnen und die Brahmanen ihre Häuser haben, deren Eingangstüren mit gespreizten Händen bemalt sind, zum Schutz gegen böse Augen. Ralph aber wollte die richtige Stadt der Eingeborenen sehen, und Shankar führte ihn durch eine winklige Gasse von Hütten, aus Flußschlamm gebaut, mit Dächern aus Stroh oder ungebrannten Ziegeln. Einige halbwüchsige Jungen kamen mit einer toten Ziege angeschleppt, die so stank, daß Ralph sich die Nase zuhalten mußte. »Was wollen sie damit?« fragte Ralph. »Sie essen sie,« antwortete Shankar. »Das Fell verkaufen sie an die Gerber.« Weiterhin begegnete ihnen ein kleines nacktes Mädchen, das zwei tote Ratten, deren Schwänze zusammengebunden waren, triumphierend durch die Luft schwang. »Essen sie die auch?« »Ja, die Bewohner sind Nayadier, Hundeesser. Sie verunreinigen einen Brahmanen schon auf dreihundert Schritt.« Auch Shankar machte einen großen Bogen um sie herum. Als Shankar sah, wie der Anblick Ralph anwiderte, konnte er sich nicht enthalten hinzuzufügen: »In alten Zeiten aß kein Hindu Fleisch; das haben sie von den Sahibs gelernt.« Ralph antwortete nicht. Er sah ein, daß, nachdem diese Verachteten erst einmal ihren Abscheu vor tierischer Speise überwunden hatten, der Instinkt in ihnen getötet worden war. Gleichzeitig war ihnen die Unterscheidung zwischen frischem und verdorbenem Fleisch abhanden gekommen – eine Grenze, die unter Indiens Sonne so schnell verwischt wird. Vielleicht hatte das Verbot, Fleisch zu essen, letzten Endes hierin seinen Grund. Es war richtig: die Weißen hatten das Gesetz der Natur bei diesen armen Schwarzen untergraben. Es war Markttag. Vom anderen Ende der Straße schlug ihnen der Lärm der Feilbietenden und Handelnden entgegen. Zu jeder Seite des Basars erstreckte sich eine Reihe von Buden unter schmutzigen Sonnensegeln; der Markt wurde von mohammedanischen Händlern beherrscht. Shankar machte den Führer und erklärte. Hier lagen indische Decken zwischen seidenen Sandalen und Lederpantoffeln; dort mächtige Rosenkränze von großen Rudraksha-Kernen, stachlige Steinfrüchte, größer als Pfirsichkerne, blank und braun. Dort Lingam-Schmuckstücke, und hier die heiligen Salagramsteine, das Symbol Vishnus, des Erhalters. Zwei halbnackte, sehnige Burschen schafften sich Platz, indem sie die Menge mit vielen verführerischen Worten zur Seite drängten. Es waren Dommara, Bambusakrobaten, eine Art Zigeunerrasse. Sie kletterten an langen, schwankenden Bambusstangen in die Höhe und machten hoch oben in der Luft Kunststücke, die auf der genauen Beherrschung der Elastizität des Bambus beruhten. Zwischen den Zuschauern, die mindestens so interessant waren wie die Gaukler, meinte Ralph abermals die Korava-Hexe und den Schlangenbändiger vom Kali-Tempel zu erkennen; als er aber genauer hinsah, waren sie verschwunden. »Was ist das für ein Mensch?« Ralph zeigte interessiert auf einen knochendürren Menschen, unbestimmbaren Alters, der auf sie zukam, während er eine kleine Glocke läutete, die er in seiner Rechten hielt. Obgleich er schmutzig und verstaubt war wie ein Landstraßenbettler, wich die Menge doch vor ihm zurück; dieser und jener warf eine kleine Münze in die Lehmkruke, die ihm am Gürtel hing. Er trug einen faltigen, ziegelsteinfarbigen Talar, der ihm bis auf die nackten Füße fiel; der eine Zipfel war über die linke Schulter geworfen. Eine Flöte hing ihm an einer Schnur auf der Brust, er setzte sie hin und wieder an den Mund und entlockte ihr langgezogene Klagelaute. Das Haar hing ihm in langen, mit Asche bestreuten Strähnen über die Schultern. Auf seinem Turban lag ein Kissen aus bunten Lappen, und darauf wieder ein Büschel von Stroh und welkem Gras, das von einem umgekehrten, strohgeflochtenen Trichter zusammengehalten wurde. Unter diesem Ungeheuer von einem Hut, der seinen Kopf zwischen die Schultern zu drücken schien – er wackelte im Takt mit seinen Schritten von rechts nach links – starrten aus dem mit Asche eingeriebenen Gesicht zwei wasserklare Augen, in denen die kleinen Pupillen wie Kugeln auf einem Springwasser hüpften. Es war kein Blick in diesen Augen; sie waren wie durchsichtige Häute, über eine innere Strahlenkraft ausgespannt, die jeden Augenblick herausstrahlen und sich verbluten konnte. »Das ist ein Sannyasi, ein heiliger Bettler, der beständig wandert. – Wie alt bist du, Vater?« Der Sannyasi heftete seine Augen auf Ralph, als ob er es sei, der gefragt hatte. Sie ruhten so lange auf ihm, bis Ralph seine Augen niederschlug, mit dem seltsamen Gefühl, daß der Blick ihm wehgetan habe. »Ich bin seit meinem dreizehnten Jahr gewandert.« »Warum begannst du zu wandern, Vater?« »Um mich von dem Blick einer Frau zu befreien.« »Wie lange bist du gewandert?« »Fünfmal bin ich von dem heiligen Fluß zu Sundareshvars Tempel in Madura gewandert.« »Bist du jetzt frei?« »Nichts klebt mehr an meiner Seele. Alles ist Blendwerk.« Er reichte seine Lehmkruke hin, empfing Ralphs Gabe ohne Gruß und ging langsam weiter, seine Glocke läutend. »Dort kommt der Tahsildar!« sagte Shankar. Ein älterer, gebückter Mann, in einem langen, weißen Mantel, mit einem schneeweißen Turban, kam mit würdigen Schritten über den Markt, von zwei großen, derbgliedrigen Tamulen mit bunten Turbanen und Stöcken in der Hand gefolgt. »Das ist der Oberste von Conoor; er kommt alle vierzehn Tage ins Tal, um Gericht zu halten.« Shankars Augen leuchteten vor Ehrfurcht, und sein Kopf wackelte auf dem fetten Hals, wie er zu tun pflegte, wenn etwas sein leichtbewegliches Gemüt in Bewegung setzte. Kaum eine Stunde später waren Ralph und Shankar auf dem Weg zum Stadthaus, wo der Tahsildar Gericht hielt. Es hatte sich nämlich folgendes ereignet: als sie ins Hotel zurückkamen und Ralph auf sein Zimmer ging, um sich vom Staub zu reinigen, vermißte er seine Handtasche. Der Wirt wurde gerufen und das Personal verhört, vom Portier bis zum schwarzen Wasserträger, aber keiner hatte etwas Verdächtiges gehört oder gesehen. Shankar riet, daß man den Tahsildar gleich aufsuchen sollte. Sicher hatte einer von den Marktbesuchern die Gelegenheit benutzt, während in der Mittagsstunde alles ausgestorben war, um durchs Fenster zu steigen. Der Tahsildar fragte Ralph nach Namen und Reiseziel, er mußte die Handtasche und was drin war, genau beschreiben. Daß sie seinen Paß und übrigen Papiere enthielt, schien ihn weniger zu interessieren, als daß eine kostbare Reiseuhr darin gewesen war. Ralph erzählte, daß er bereits nachts im Zuge erwacht sei und gesehen habe, wie ein Arm durchs Fenster nach der Tasche gelangt habe. »Bahnraub ist ein Fach für sich,« sagte der Tahsildar und schüttelte den Kopf, »man soll seine Fenster schließen, wenn man reist.« Shankar zog Ralph beiseite und forderte ihn auf, von der Korava-Bande zu erzählen, die er beim Kali-Tempel in Madura getroffen und von der er einen Schimmer im Zuge und im Basar gesehen zu haben meinte. Als Ralph ihn fragte, warum er es nicht selbst sagen wollte, blickte er sich ängstlich zwischen den schwarzen Gesichtern um, die längs der Wände saßen, mit abstehenden Ohren und hervortretenden Augen, in angstvoller Erwartung, daß sie von den beiden großen Tamulen, die mit ihren Stöcken an der Tür standen, zum Verhör herangezogen würden. »Das ganze Räuberpack steckt unter einer Decke,« flüsterte er. »Wenn ich sie verriete, würden sie sich bei jeder Gelegenheit an mir rächen; an einen Weißen aber wagen sie sich nicht heran.« Ralph tat, wie Shankar ihm geheißen. Der Tahsildar nickte und machte sich in einem schmutzigen Taschenbuch Notizen. »Die Tasche und die Papiere werden wir wohl eines Tages finden,« meinte der Alte, »aber die Uhr,« – und er schüttelte mißbilligend den Kopf, als fände er, daß derjenige, der mit dergleichen Wertsachen herumreiste und andere in Versuchung brächte, der eigentliche Missetäter sei. Es dauerte zwei Tage, bevor alles zur Abreise bereit war. Shankar, der nicht mit auf die Jagd wollte – er sagte, daß er den Hof seines Vaters besuchen möchte, in Wahrheit aber zitterte er ebenso vor Schießwaffen wie vor wilden Tieren – Shankar reiste selbst nach Conoor, um Zelte, Konserven und andere notwendige Dinge, die Ralph aufgeschrieben hatte, zu besorgen – es zeigte sich, daß in Conoor alles merkwürdig teuer war. Dienerschaft sammelte er in Kotagiri, wo er mit dem Tahsildar beratschlagte, der einen Shikari (Jäger) zu schaffen versprach, der Wichtigste von allen, der Weg und Steg kennen und außerdem Dolmetscher sein mußte. Es war ein großer, schlanker und geschmeidiger Sudra, mit einem angenehmen, treuherzigen Gesicht und festgeschlossenen Lippen unter dem dünnen Schnurrbart. Er brachte Büchsen zur Auswahl mit, sowohl für » large game « wie » small game «. Ralph entschied sich für letzteres. Teils des Diebstahls, teils Davis' wegen, wollte er nicht zu lange fort bleiben. Eine Jagd auf Großwild, an der sie beide teilnehmen konnten, mußte auf ein späteres Mal verschoben werden, mit einer besseren Ausrüstung als hier zu beschaffen war. Ralph wählte sich eine Büchse, und nachdem er mit Shankar verabredet hatte, wie er ihm eine Botschaft zukommen lassen konnte, falls Davis eine Mitteilung schicke, oder Ralphs Anwesenheit des Diebstahls wegen notwendig werden sollte, konnte die Abreise endlich stattfinden. Sie ritten an einem schäumenden Fluß entlang, der bald von Unterholz und verworrenen Lianen verdeckt wurde, so daß nur das Brausen des Wassers über dem Steinboden seine Anwesenheit verriet – bald mit Silberschein zwischen jungen Bambusschößlingen blitzte, bald weiß und hochbusig bis an den Pfad stieg, so daß ein Fehltritt des Ponys sie in den Schaumwirbel gestürzt haben würde. »Sieh dort!« sagte der Shikari, der voran ritt; er hielt sein Pferd an und zeigte auf einen fernen Bergrücken, wo die Höhen, von dunkelgrünen Wäldern bekleidet, sich wie Kulissen hintereinander schoben, bis sie sich im Hintergrunde zu einer blassen Bergmasse vereinigten, aus der sich ein weißer Gipfel fast lotrecht zu dem dunkelblauen Himmel hinaufhob. »Das ist der Mukurti Peak, das Heiligtum der Todas. Sein Anblick allein befreit sie von Sünde.« Nachdem sie eine knappe Stunde geritten waren, stand die Sonne bereits so tief, daß die Felswand, die sich zur Rechten neben dem schmalen Pfad erhob, in dunklem Schatten lag; nur der Gipfel flimmerte noch in güldenrotem Glanz. Während Ralphs Augen auf der schönen Beleuchtung ruhten, erhoben sich plötzlich über den kahlen Kamm zwei Menschengestalten, ein Mann und ein Weib. Wie eine Offenbarung aus einem höheren und reineren Dasein standen sie dort, mit schimmerndem Glanz auf ihren schönen, länglichen Köpfen, die keinen anderen Schutz gegen die Sonne hatten, als ihr volles, dunkles Haar, das in einem Kranz um die hohe Stirn des Mannes lag, und dem Weibe frei an der weichen, runden Wange hinabfloß. Sie standen unbeweglich wie Bildsäulen in ihren langen, weißen Gewändern, auf ihre Stäbe gestützt, während sie auf die Fremden herabblickten. Ihre Gesichtszüge waren regelmäßig, die Haut hell und von europäischem Gepräge, ihre Haltung frei und die Gestalten harmonisch, mit jener natürlichen Stattlichkeit, die alten und reinen Rassen eigen ist. Ralph hielt erstaunt sein Pferd an. »Das sind Todas,« sagte der Shikari. Ralph war noch in ihren Anblick versunken, als sie sich langsam und würdig einen Weg über den steilen Abhang bahnten. Der Shikari erklärte, als ob Ralph gefragt hätte: »Die Todas benutzen keine Pfade. Sie gehen immer den geraden Weg, wie hoch sie auch klettern und wie tief sie auch herabsteigen müssen; daran werden sie von klein auf gewöhnt.« Als die beiden Todas den Pfad erreicht hatten, führten sie die Hand grüßend zur Stirn, und betrachteten die Fremden mit unbekümmerter Aufmerksamkeit in den großen Bergaugen. Der Shikari, der sich notdürftig in der Sprache der Todas verständlich machen konnte, erfuhr, daß ihre Mad (Stadt) kaum eine Stunde hinter dem Berg in einem weißen Tal lag, wo sie ihre Weiden hatten. Ralph ließ fragen, ob er auf ihren Ebenen sein Lager aufschlagen und einen Tag bei ihnen bleiben dürfe, um ihre Tempel und heiligen Kühe zu sehen. Der Mann breitete seine Arme wie zu einer Umarmung aus, und der Shikari erklärte, daß die Todas ihrer Gastfreiheit wegen bekannt seien. Die Sonne war schon längst untergegangen, als sie auf dem Pfad die Ebene erreichten. Ringsherum wurde der Horizont von der schweren, schwarzen Masse der Berge verschlossen. Ueber ihnen aber funkelte der Himmel in der kalten Nacht wie von Tausenden von blitzenden Lanzenspitzen. Todas eilten heim zu ihrem Dorf. Sehen konnte Ralph das Dorf nicht in der Nacht, aus dem ungeduldigen Brüllen eines Ochsen aber schloß er, daß es ganz nah sei. Bevor die Zelte noch errichtet waren, hatte der Koch Feuer gemacht und das Essen gewärmt. Ralph war ermüdet nach dem langen Ritt in der starken Bergluft und begab sich gleich nach der Mahlzeit zur Ruhe. Beim ersten Morgengrauen erwachte er, kleidete sich an und ging hinaus. Vor ihm lag das Tal in einem Becken von dunklen Bergen, nur über den östlichen Gipfeln begann der Himmel zu erblassen. Ueber der Ebene war der feuchte Morgennebel in wogender Bewegung, als ob ein unruhiges Leben darunter nach Befreiung strebte. Eine Kuh begann zu brüllen, eine andere antwortete, und zarte Kälberstimmen erklangen aus geschlossenen Ställen. In Ralphs Lager aber schlief noch alles. Da hörte er das Geräusch von Schritten, der Nebel vor ihm teilte sich, und dort stand der Toda von gestern zwischen zwei jüngeren, die ihm an Augen und Stirn so ähnlich waren, als ob sie seine Söhne seien. Ralph grüßte und zeigte lächelnd auf die Zelte, wo die anderen noch schliefen. Als die Sonne überm Berge aufstieg, wandten die Todas sich ihr zu, verneigten sich tief, führten die Hand mit gespreizten Fingern zur Stirn und riefen »Swami« (Herr und Gott). Der Alte betrachtete Ralph verwundert fragend; aus seinen großen morgenklaren Augen sprach deutliche Mißbilligung, daß er nichts tat, um den Herrn des Lebens zu ehren. Die Ursprünglichkeit ihres Wesens ergriff Ralph stark. Er fand, daß sie recht hatten und fühlte sich geringer als sie. Die Nebeldecke zerrann unter dem hervorbrechenden Licht und fiel wie klare Tauperlen auf das frische Gras, das in wogenden Flächen das Tal bedeckte. Dort lagen die Hütten und schimmerten in der Sonne mit ihren runden, strohgeflochtenen Dächern, die an zwei Seiten bis zur Erde reichten. Vor den Hütten standen Männer und Frauen, die Hand schützend vor den Augen und starrten die Fremden an. Von einem eingefriedigten Platz hinter einem kreisrunden Steinwall in halber Manneshöhe, erklang das ungeduldige Gebrüll der Kühe. Ralph konnte ihre aufwärtsgebogenen Hörner und dunklen Mäuler über dem Zaun sehen. Aus einem länglichen Schuppen mit einem Dach auf Pfählen, brüllten Kälber durcheinander; jedes konnte die Stimme seiner Mutter erkennen und beantwortete ihren Ruf. Indem Ralph an den Hütten vorbeiging, wurde er von allen mit der Hand auf der Stirn, auf dieselbe gelassene würdige Weise gegrüßt wie gestern. Es gab kein Gekicher, kein Geflüster, es war, als ob ihn eine Schar Kronenhirsche aufmerksam, mit blanken Augen ansahen. Eine Bande von jungen Burschen, bis an den Leib entblößt, standen etwas abseits, frierend, jeder mit einem Bambusgefäß in der Hand. Jetzt kam ein Greis mit langem, weißem Bart aus der größten Hütte, grüßte die Sonne und verweilte einen Augenblick, um seine Augen ans Licht zu gewöhnen. Dann ging er langsam und schwankend weiter. Ein Weib, das ihm auf seinem Weg begegnete, kniete nieder und hob mit beiden Händen seinen Fuß zu ihrer Stirn hinauf; und desgleichen tat jede Frau, die ihm auf seinem Weg begegnet«. Die Männer dagegen verneigten sich und führten die Hand mit gespreizten Fingern zur Stirn, wie sie die Sonne begrüßt hatten. Als der Alte den Rundplatz zwischen den Hütten erreicht hatte, gab er den wartenden Burschen ein Zeichen. Sofort liefen sie auf die Einfriedigung der Kühe zu. Sobald die Kühe ihrer ansichtig geworden waren, brüllten sie wie besessen. Die Pforte wurde geöffnet, und die dunkelbraunen Tiere drängten herbei, alle auf einmal, so daß sie weder vorwärts noch rückwärts kommen konnten, während die langen Hörner sich ineinander verfilzten. Die Burschen, die für jede einzelne einen Namen hatten, mußten sie mit ihren Stöcken auseinandertreiben. Kaum waren sie frei, als sie im Galopp über die Ebene rasten, so daß der Dampf ihnen aus den erhobenen Mäulern rauchte. Sie machten nicht halt bevor sie eine Wiese erreichten, die bis an den kleinen Fluß ging, der das Tal durchfloß. Dort drängten sie sich ans Ufer, um zu trinken. Die Burschen folgten ihnen bedächtig mit ihren Gefäßen; bevor sie aber die Wiese erreicht hatten, hallte die Luft von einem gellenden Chor wider – vom zartesten Gewimmer bis zum lauten Blöken, das bereits wie Brüllen klang. Es waren die Kälber aus dem länglichen Schuppen, der bereits geöffnet worden war; sie kamen angestürzt, hüpfend, mit gekrümmten Rücken, erhobenen Schwänzen, mit den Beinen zappelnd, die kleinsten wurden beim Wettlauf umgerannt und blökten kläglich, bis auch sie schließlich mitkamen und ihre Mutter fanden, die ihren Kopf vom Fluß nach ihnen umwandte und, das Maul von Wasser triefend, mit einem zärtlichen Gutenmorgen zu sich herangrunzte. Als Ralph und sein Gefolge die Wiese erreicht hatten, war das Melken bereits in vollem Gange. Von den Kälbern umschnuppert, die auch heranwollten, lagen die Burschen auf den Knien, die Bambusgefäße unter den gespannten Eutern und melkten. Drüben auf dem anderen Ufer des Flusses standen mehrere Stiere und sahen zu, brummend und zornig. Ralph fühlte sich seltsam bewegt. Es war ihm, als ob die »Blauen Berge«, die seit dem Morgen der Zeiten dieses stille Tal von der übrigen Welt abgeschlossen, es auch über jede Zeit hinweggehoben hatten. Aug in Aug mit Sonne, Mond und Sternen, ohne andere Ereignisse als den Pulsschlag, der niemals aufhört: Tag und Nacht, Frühling und Herbst, war es ein Ort geworden, wo nur das Ursprüngliche und Einfache gedieh. Er fühlte sich in dem funkelnden Morgen, der über dem fruchtbaren Wellenland lag, von einem seltsamen Heimatgefühl ergriffen. Er erinnerte sich an Barnetts Worte, und dachte, ob es wirklich der letzte ungemischte Rest seiner arischen Vorfahren war, der hier wie vor Jahrtausenden lebte? Er fand, daß er nie dem Wertvollen und Wesentlichen näher gewesen war als jetzt, und wünschte einen Augenblick, daß er zeit seines Lebens hier bleiben könnte, – aber nicht allein. Die Erinnerung an Helen legte sich wie ein nagender Schmerz auf sein Gemüt. Nachdem Ralph sich von den Todas verabschiedet hatte, verbrachte er einen ganzen Tag damit, Vogelwild im Bergwald zu jagen. Er und der Shikari waren voran, Chundri folgte ihnen mit Zelten und Pferden. Wo der Weg zum heiligen Berg sich mit dem Weg zum Wasserfall vereinigte, den Ralph auf Chundries Anraten unbedingt sehen mußte, wollten sie wieder zusammentreffen. Als Ralph und der Shikari den Ort erreichten, wo der Paikarafluß sich schäumend mit dem Pavakbach vereinigt, begegnete ihnen ein armer Jogi, der auf bloßen Füßen durch den Sand trabte, mit seinem Stab in der Hand und einer Kumme am Gürtel. Er trat zur Seite und blieb stehen, um zu betteln. Ralph warf ihm eine Münze zu. Der Jogi verbeugte sich mit vielen Danksagungen, machte aber keine Miene, weiterzugehen. Der Shikari begriff, daß er noch etwas auf dem Herzen hatte, und winkte ihn heran. »Das ist ein Golla,« sagte der Shikari und wandte sich zu Ralph. »Er hat einen Brief für Sahib von Shankar in Kotagiri.« Der Golla gab ihnen zu verstehen, daß er sie allein sprechen müsse. Sie ritten so weit vor, bis keiner vom Gefolge sie mehr hören konnte. Da erzählte der Jogi, daß er mit der Eisenbahn von Madura nach Kotagiri gekommen sei, um Sahib einen Brief zu bringen. In Kotagiri habe er Shankar getroffen. Da er aber den Brief keinem anderen als Sahib selbst übergeben dürfe, habe Shankar ihm angewiesen, wie er ihn finden könnte. Er öffnete einen der großen Rudrakshakerne seines Rosenkranzes, der ihm in einer doppelten Kette um den Hals hing, und nahm ein zusammengerolltes Stück Briefpapier heraus. Als Ralph ihn fragte, von wem es sei, heftete er seine großen scheuen Augen auf ihn und reichte ihm das Papier, als ob er sagen wollte: Lies es, dann weißt du Bescheid! Ralph gab es dem Shikari zum Uebersetzen. Darauf stand: »Rette deinen Freund, Sahib. Er ist von den Brahmanen gefangengenommen worden.« »Hast du dieses Papier von einer Frau?« fragte Ralph durch den Shikari. Der Golla nickte. »Einer Dewadasi?« Der Golla legte zwei Finger auf den Mund und antwortete nicht. Ralph ließ sich einen Pferdejungen mitgeben, der ihm den Rückweg zeigen und den nötigen Proviant tragen sollte. Dann ritt er so schnell die Ponys es vermochten nach Kotagiri, während der Shikari mit den andern folgte. Er ritt den ganzen Tag und fast die ganze Nacht; sie schliefen nur einige Stunden und hielten abwechselnd Wache. Im Laufe des Vormittags ritten sie in die Stadt ein, und Ralph traf Shankar, der ihn im Hotel erwartete. Als Ralph nach Madura kam, suchte er sofort Barnett auf, um ihn in alles Geschehene einzuweihen. Der Engländer war sehr bedenklich und verurteilte Davis' Benehmen mit stärkeren Ausdrücken, als man seinem zurückhaltenden Wesen zugetraut hätte. Er riet aufs bestimmteste davon ab, was auch Shankar getan hatte, die Polizei in die Sache einzumischen. Er meinte, daß Davis auf dem Gebiet des Tempels selbst, wo die englische Obrigkeit nichts zu sagen hatte, verborgen gehalten würde. Der Madura-Tempel hatte seine eigene Gerichtsverfassung, die ausschließlich in den Händen der Brahmanen lag. Kränkte man ihr Recht, kam man in Gefahr, daß Davis aus dem Weg geräumt würde, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen. Das klügste würde sein, den Versuch zu machen, mit dem Absender des Briefes in Verbindung zu kommen. Ralph telegraphierte an den Shikari, und dieser antwortete, daß es ihm geglückt sei, dem Golla zu entlocken, daß er den Brief von einer Dewadasi seiner eigenen Kaste bekommen habe; dieser hatte sie eines Morgens beim Kali-Tempel getroffen, wo sie ihn für denselben Abend neben den südlichen Gopuram bestellt hatte. Ralph begab sich wieder zu Barnett, der ihm mitteilte, daß er bei Ramalingam gewesen sei. Der Brahmane war freundlich und entgegenkommend gewesen, hatte sich aber ganz unwissend gestellt und ihn an den Oberbrahmanen verwiesen. Auch ihn hatte Barnett aufgesucht. Der alte Weise hatte wissen wollen, was es für ein Verbrechen sei, das in dem heiligen Tempel begangen wäre, da man den Rat verdächtigte, solch ernste Vergeltung geübt zu haben. Das hatte Barnett nicht zu verraten gewagt, aus Furcht der Sache mehr zu schaden als zu nützen. Ralph verlor die Geduld und schwur, daß er den ganzen hohen Rat von gedungenen Banditen einfangen und als Geiseln behalten wollte, bis sie Davis ausgeliefert hätten. Darüber wäre Shankar fast auf den Rücken gefallen, aber auch Barnett riet auf das bestimmteste von jeder Art Tempelschändung ab. Nicht allein, daß Davis dadurch unschädlich gemacht werden konnte, sondern das Leben aller übrigen Weißen in der Umgebung würde auch in Gefahr kommen. Es gab keinen anderen Ausweg als List. Wieder vergingen einige Tage, ohne daß Ralph dem Ziel einen Schritt näher gekommen wäre. Er war zu Barnett ins Kollegium gezogen, da er nicht im Bahnhofsgebäude wohnen bleiben konnte, dessen Zimmer, den Bestimmungen zufolge, nur Durchreisenden vorbehalten waren. Eines Morgens erschienen zwei feierliche Sikhs im Kollegium, mit einer Vorladung für Ralph vor den Richterstuhl des Bezirks, wegen seiner gestohlenen Handtasche. Die ganze Korava-Bande war verhaftet und von dem Tahsildar in Conoor dem Gericht in Madura übergeben worden, damit dort in Ralphs Anwesenheit ein Verhör stattfinden konnte. Shankar wollte sich damit entschuldigen, daß er seine Studien im Kollegium nicht versäumen könne, Barnett aber gab ihm frei, und wie ungern er es auch wollte, mußte er Ralph zu dem Schloß des alten Königs Tirumala begleiten, wo sich die Gerichtsräume der Stadt befanden. Durch ein gewölbtes Granittor fuhren sie in einen viereckigen Schloßhof, der von hohen Säulengängen mit reich geschnitzten Kapitälen umgeben war. Eingeborene bewegten sich zwischen den Säulengängen, wie in dem Vorhof eines europäischen Gerichtsgebäudes; da waren Advokaten mit ihren Klienten, Richter und Bevollmächtigte, die zu ihrem Kontorstuhl eilten, Zeugen, Schreiber und Boten, und eine Ordenspolizei von schlanken, ernsten Sikhs, mit großen hellbraunen Turbanen über hochgewölbten Stirnen und wehmütig blickenden Augen. Shankar bebte am ganzen Körper und warf seine Blicke umher. Und als sie durch den Säulengang die Tür erreicht hatten, die zu dem achteckigen, gewölbten Gerichtssaal führte, war es mit seiner Fassung vorbei. Der Türwächter hatte die Flügel bereits zur Seite geschlagen, und Ralph blickte in einen hohen, gewölbten Raum mit Oberlicht. Auf einer Art Katheder saß ein eingeborener Richter mit einer großen, runden Hornbrille, den flachen Kahlkopf mit dem feisten Nacken über einen Haufen Akten gebeugt. Auf einer Bank vor ihm saß eine Reihe ernster, weißgekleideter Eingeborener, aufmerksam, wie Schüler in einem Hörsaal: das war die Jury. Neben dem Katheder saßen eingeborene Schreiber an kleinen Tischen, mit Bergen von Akten vor sich, und im Hintergrund saß eine Reihe eingeborener Männer und Frauen längs der runden Wand, die angstvollen Tieraugen auf die kahlköpfige Gottheit oben auf dem Katheder geheftet. Einige von ihnen hatten Handeisen mit Fesseln an Händen und Füßen; Ralph erkannte beim ersten Blick sowohl den Schlangenbändiger, wie die runzlige Hexe, die ihm hatte wahrsagen wollen. Das alles hatte auch Shankar gesehen. Er trat hastig zur Seite und war nicht zu bewegen, mit hineinzugehen. Ralph zog ihn mit sich in den Säulengang, und hier bekannte Shankar, daß er Furcht habe. Wenn er sich im Gerichtssaal zeigte und gegen die Bande aussagte, würde er ein zu Tode Verurteilter sein. Er würde eines Abends, wenn er im Garten des Kollegiums ging, einen Dolchstich in den Rücken bekommen, oder von hinten durch einen Schlangenbiß vergiftet werden. An Weiße wagten sie sich nicht heran, aber ein Eingeborener, der sie verraten hatte, konnte ihrer Rache sicher sein. Shankars Hände zitterten und sein Blick flackerte unruhig; es war kein Zweifel, daß er die Wahrheit sprach. Da bekam Ralph einen guten Einfall, den er sofort verwirklichte. Er faßte Shankar am Rockkragen und sah ihm in die Augen mit einem Blick, der wie Stahl funkelte. »Ich will Ihnen etwas sagen, Shankar: entweder sorgen Sie dafür, daß Davis seine Freiheit wiedererlangt, und dann sollen Sie fünfhundert Rupien bekommen, außer der Summe, die Davis Ihnen geben wird – oder ich lasse die Korava-Bande wissen, daß Sie es sind, der sie bei dem Tahsildar verraten hat. Sie haben also die Wahl.« Shankar wand sich kläglich. Wer war er, daß er das Siegel der Brahmanen brechen konnte? Der Bursche tat Ralph leid und er räumte in seinem Herzen ein, daß er brutal gegen ihn handelte, aber es war der einzige Ausweg, der ihm blieb, und er ließ nicht nach, bevor Shankar sich ergeben hatte. Shankar verfiel auf eine List, um Davis zu befreien. Er stellte sich wie ein Bußfertiger, der das Gelübde getan hat, den ganzen Tag mit Beten im Tempel zu verbringen, um eine Sünde zu sühnen, die er auf seiner Reise begangen hatte. Sobald das Tempeltor geöffnet wurde, kam er, den Arm voll großer gelber Tempelblumen, die er rings herum bei den Altären verteilte, bei Sundareshvars, der Fischäugigen, und bei Ganesh, am meisten aber opferte er vor der großen Siva-Statue, die Ralph ihm beschrieben hatte, – jenem Altar, vor dem sie die Dewadasi tanzen gesehen und wo sie ihren Tali verloren hatte. Er wanderte durch die langen, schwülen Gänge, bis der Schweiß ihm vom Körper rann, saß mit gebeugtem Kopf und gekreuzten Beinen am Eingang zum »Teich der goldenen Lilien«, anscheinend wie ein Jogi in Schauen versunken, in Wirklichkeit aber dem Gespräch der Tempelwärter, Tempelfeger, Elefantenwärter, Lichtreiniger und aller anderen, die durch das breite Tor ein- und ausgingen, lauschend. Er bekam auch die Dewadasen zu Gesicht, sowohl die, die rechter wie linker Hand angetraut waren, wenn sie von ihrem Morgenspaziergang heimkehrten und durch die Gänge zu ihren Zimmern gingen. Nach Ralphs Beschreibung aber war es ihm nicht möglich, festzustellen, wer die richtige war, und sie anzureden war eine Unmöglichkeit. Eines Abends sah er eine alte graugekleidete Daja nach Hause gewankt kommen, kurz bevor der Tempel geschlossen werden sollte. Sie schluchzte und trocknete sich die Augen. Shankar hielt sie an und fragte, ob sie ihm nicht sagen möchte, wie er aus dem Tor herausgelangen könne, nachdem es geschlossen sei; denn er sei mit der Anzahl von Gebeten, die ihm zur Buße vorgeschrieben seien, noch nicht fertig, und müsse am nächsten Morgen zeitig, bevor das Tempeltor geöffnet würde, weiterreisen. Er wolle ihr geben, was sie verlange, und er zeigte ihr seinen Beutel mit vielen blanken Rupien. Die Daja forderte ihn auf, ihr durch den Fledermausgang zu folgen, und zeigte ihm eine Tür, wo er anklopfen könne, wenn er fertig sei. Dann wolle sie kommen und ihn hinauslassen. Er fing ein Gespräch mit ihr an und fragte sie, warum sie so traurig sei. Erst wollte sie nicht mit der Sprache heraus, schließlich aber machte sie ihrem Kummer Luft und vertraute ihm an, daß sie das einzige Wesen verloren habe, das ihr teuer sei. Ihre geliebte kleine Dewadasi, die sie aufgezogen hätte, sei aus dem Tempel entflohen, niemand wüßte wohin. Er wagte nicht weiter in sie zu dringen, er konnte ihr ansehen, daß sie fürchtete, bereits zuviel gesagt zu haben. Nach einer Weile aber begann sie wieder klagend: Wie groß das Unglück auch sei, so hoffe sie doch, daß sie nie zurückkehren würde; denn wenn sie es täte, würden die Brahmanen ihr Ohren und Nase abschneiden lassen. Denn so wäre die Strafe für eine Dewadasi, die das Lager des Gottes beschmutzt, indem sie sich einem kastenlosen Fremden hingegeben habe. Shankar versuchte sie nach dem Fremden auszuforschen, über ihn aber ließ sich die Daja kein Wort entlocken. Dann begleitete sie Shankar hinaus; er gab ihr zwei blanke Rupien, sah aber im selben Augenblick, daß er zu freigebig gewesen war, denn mitten in ihren Danksagungen traf ihn ein mißtrauischer Blick aus den betrübten, grauen Augen. Die Hoffnung, die Ralph genährt hatte, daß sie durch Hilfe der Dewadasi, die Davis' Geliebte gewesen war, ihn befreien konnten, war also zunichte geworden. Jetzt konnten sie auf niemand anders bauen, als auf sich selbst. Wenn Barnett recht hatte, daß Davis innerhalb des ungeheuren Tempelraumes verborgen gehalten würde, mußte zwischen der Dienerschaft des Tempels jemand sein, der den Gefangenen bewachte und ihm Nahrung brachte. Darum faßte Ralph im Verein mit Barnett den Entschluß, daß Shankar und er sich verkleidet eine oder zwei Nächte im Tempel verbergen wollten, um die Wache auszuspionieren und dadurch zu erfahren, wo das Gefängnis war. Wenn auch dies mißglückte, wollte Ralph nicht länger zögern, sondern gleich nach Madras reisen, um persönlich dem Gouverneur von allem Mitteilung zu machen, obgleich er dann nicht umhin konnte, zu verraten, wie tief Davis religiöse Gefühle gekränkt hatte, die von der englischen Regierung geschützt wurden, und dadurch im Grunde nur den verdienten Lohn geerntet hatte. Was aber blieb ihm anderes übrig? Ralph begab sich, als wohlhabender Sudra verkleidet, zur Abendzeit mit Shankar in den Tempel. Sie versteckten sich in der Halle der tausend Säulen, bis sie hörten, daß das große Tempeltor zugeschlagen wurde. Ralph hatte für alle Fälle seinen Revolver bei sich und eine elektrische Taschenlampe, die Barnett ihm verschafft hatte. Er tastete sich durch die Säulen vorwärts, während Shankar ihm zitternd folgte; der arme Vellala ahnte in jedem raschelnden Laut das Spiel der Dämonen, und sagte die halb vergessenen Beschwörungen seiner Kindheit vor sich hin. Der schwache Luftdruck aus der schmalen Oeffnung unter dem Dach verriet, daß sie endlich den langen Korridor erreicht hatten. Da hörten sie ferne, schleppende Schritte. Shankar klammerte sich an Ralphs Arm, überzeugt, daß es der Gewaltige selbst sei, der von seinem Altar herabgestiegen sei, um sie zu vernichten. Ralph aber war sich bald darüber klar, daß es das Stampfen der heiligen Elefanten im Stall sei, das zwischen den Säulen widerhallte. Ralph machte sich Bewegung, um nicht vom Schlaf übermannt zu werden. Da er die elektrisch Laterne nur im Notfall zu benutzen wagte, tasteten sie auf Strumpffüßen längs der Mauer und zwischen Säulen umher, ohne zu ahnen, wo sie sich befanden. Endlich dämmerte der erste bleiche Morgen durch die Oeffnung unterm Dach. Die ungeheuren Spinngewebe an der Mauer traten aus der Dunkelheit hervor; Säulen tauchten auf, wie in Flor gehüllt, bis das Licht die schwellenden Hüften und runden Beine der tanzenden Göttinnen, die aufgerissenen Rachen und großen leeren Augenhöhlen der Greife entschleierte. Shankar hatte sich bei dem zunehmenden Licht mehr und mehr beruhigt, als ein seltsamer Laut, ein taktfestes Klopfen in der Ferne von geheimnisvollen, schleppenden Schritten gefolgt, sein Ohr erreichte und ihn von neuem zusammenfahren ließ. Der Laut kam immer näher. Sie traten hinter die Säulen; nachdem sie eine Weile gewartet hatten, sahen sie den heiligen Krüppel, der sich über Davis' falsche Rupie erbost hatte, am Ende des Fledermausganges im Halbdunkel auftauchen. Es war, als ob eine der verzerrten Figuren von der herabsickernden Dämmerung ins Leben gerufen worden sei, sich aus der Umarmung der Säule gelöst habe und jetzt wie ein leibhaftiger Dämon mit verkrüppelten Beinen, den lahmen Unterkörper hinter sich herschleppend, halb noch Stein, auf sie zukäme. Das taktfeste Klopfen, das ihnen ins Ohr gedrungen war, rührte von den Krücken her. Die knochenmageren Schultern schoben sich unter dem Gewicht des lahmen Körpers, den die Stöcke trugen, bis an die Ohren, während der große Kopf wie eine schwere Blume auf einem dünnen Stengel beim Gang hin und her wackelte; in dem seltsamen Glanz der Augen leuchtete es wie aus einer anderen Welt, und auf dem leichenfarbigen Gesicht lag ein Lächeln von solch machtvoller Bosheit, wie nur der lächeln kann, der fühlt, daß sein irdisches Elend einen Gott dazu verlockt hat, ihn zum Werkzeug seiner Rache zu machen. Der Krüppel bog nach links ab und verschwand in der Dunkelheit des erzenen Tores. Als kein Laut mehr zu hören war, wagte Ralph sich hinter der Säule hervor; Shankar versuchte vergeblich, ihn zurückzuhalten, und da er nicht allein zu bleiben wagte, sah er sich genötigt, ihm zu folgen. Sie erreichten das Tor und blieben wieder stehen, um zu lauschen. Alles war still. Ralph schlich sich in den dunklen Torraum, von wo sie die innere Halle ganz bis zu dem Heiligtum der Fischäugigen übersehen konnten. Nichts Lebendes war zu sehen und zu hören; es war, als ob der Krüppel in die Erde gesunken sei. Hier mußte also eine Treppe zu einem Tempelkeller sein. Ralph wagte nicht seine Lampe anzuzünden, er ging an der Mauer entlang und fühlte mit den Füßen, ob nicht irgendwo eine Treppe nach unten führte. Da erklang ein seltsam gurgelnder Laut über ihren Köpfen, verstummte und begann von neuem, und löste sich schließlich in ein menschliches Gelächter voll übermütiger Bosheit aus. Da wurde es Ralph klar, daß der große weiße Vorraum, wo sie standen, der Aufgang zu einem der mächtigen Gopurams war, die ihre zehn Stockwerke zum Himmelsnabel erhoben; und gleichzeitig wurde es ihm klar, daß der Gefangene nicht unter der Erde, sondern in einem geheimen Raum des Turmes gesucht werden müsse. Ihm ahnte, wer der Lacher war und was das Lachen bedeutete. Und als er einen Laut hörte, wie von einem kranken Tier, das sich in seine Höhle hinunterschleppt, einen Laut, der sich dem Ort näherte, wo sie standen, faßte er im selben Augenblick einen Entschluß. Er folgte dem Geräusch und entdeckte, indem er sich vorwärts tastete, eine Türöffnung in der Mauer, hinter der breite, schleimige Steinstufen zu pechschwarzer Dunkelheit hinaufführten. Er schob Shankar hinter die Tür und stellte sich selbst daneben. Der schleppende Laut erreichte jetzt die Türöffnung und der Krüppel taumelte heraus, die Krücken hinter sich herziehend. Dann hörten sie, wie er sich mit Beschwer erhob, die Krücken unter die Armhöhle schob, um den Weg zurückzuhumpeln, den er gekommen war. Er erreichte die Türöffnung und stand dort, sich wie eine phantastische Silhouette gegen das Licht der Halle abhebend. Da sprang Ralph hervor und griff mit beiden Händen von hinten um seinen dünnen Hals. Ein Schauder durchfuhr ihn, als er den Adamsapfel unter seinen Fingern zurückweichen fühlte; er brauchte nicht fest zuzudrücken, denn die Gestalt sank unter einem leisen Röcheln zusammen, während die Krücken die Arme in die Höhe schoben, als ob sie sich betend zum Himmel streckten. Ralph stopfte dem Krüppel sein Taschentuch als Knebel in den Mund und band ihm die Hände auf den Rücken, mit den Enden seines eigenen Lendentuches. Shankar mußte bei dem Krüppel Wache halten und versteckte sich in der Dunkelheit hinter ihm, damit die leuchtenden Augen ihn nicht mit ihrer Bosheit treffen, oder davon Kenntnis nehmen sollten, wer es war, der sich gegen das heilige Werkzeug der Götter vergangen hatte. Ralph tastete sich die schleimige Wendeltreppe hinauf; indem er die Hand an der Mauer entlanggleiten ließ, fühlte er eilig flüchtendes Getier unter seinen Fingern und zog sie schaudernd zurück. Als er die dreißigste Stufe erreicht hatte, fiel Licht von oben herab; und als er noch einige zwanzig Stufen hinaufgestiegen war, stand er mitten im Morgenlicht vor einem viereckigen Guckloch, das Ausblick auf die Stadt bot, zwischen zwei riesenhohen Statuen von Sivas Frau, Parvati. Er konnte das Dach des Bahnhofes hinter den Tamarinden erkennen, und einen Schimmer vom Fluß im Westen; der Mond schwamm wie eine Schneeflocke auf dem noch blassen Himmel. Er untersuchte die Mauer, fand aber weder Luke noch Tür. Er stieg die Treppe weiter hinauf, die jetzt keine Wendeltreppe mehr war, sondern in viereckigen Absätzen um den Kern des Turmes anstieg. Als er zwanzig Stufen gestiegen war, stand er abermals vor einem Guckloch, diesmal auf der entgegengesetzten Seite des Turmes, nach Osten gewandt. Das blendende Licht der aufgehenden Sonne hinderte ihn, die einzelnen Gegenstände in dem mächtigen Tempelviereck, in das er hinabsah, zu unterscheiden: dort waren Dächer und wieder Dächer an den Ecken mit Statuen geschmückt, ein offener Hof, wo er ruhende Kamele zu sehen meinte, und ein Bassin zwischen hohen Säulengängen, in dem er den »Teich der goldenen Lilien« erkannte. Ein schwer stöhnender Seufzer der erwachenden Stadt stieg zu ihm herauf, ein Seufzer, der der Bürde des Lebens galt, die abermals getragen werden und die Summe der Leiden um den Schmerz eines neuen Tages vergrößern sollte. Ein Gefühl, als ob er selbst von dem zunehmenden Licht zu Boden gedrückt würde, ließ ihn den Kopf beugen; ein seltsames Gefühl des Mitleids, unbestimmt und dennoch stark ergreifend, brachte sein Herz zum Zittern. Im selben Augenblick war es ihm, als ob der Seufzer in seiner unmittelbaren Nähe erklänge – der Seufzer eines lebenden Wesens dicht neben seinem Ohr. Er ging noch einige Schritte nach links, und entdeckte in der Mauer ein viereckiges Loch, nicht größer als eine gewöhnliche Fensterscheibe, die mit Eisen vergittert war. Darunter befand sich eine Pritsche von Stein, und im selben Augenblick begriff er, daß der Krüppel hier gesessen und sich an der Not des Gefangenen ergötzt hatte. Neben dem Loch, mitten in der Mauer, war eine metallene Tür, die mit zwei schweren Eisenriegeln verschlossen war. Ralph klopfte das Herz aus Angst, in welchem Zustand er seinen Reisegefährten finden würde. Er preßte sein Gesicht gegen die Eisenstangen in der Oeffnung und guckte in die Dunkelheit hinunter, aus der ein stöhnendes Schnarchen zu ihm heraufklang. »Davis,« rief er. Keine Antwort. »Davis,« rief er noch lauter und klopfte mit seinen Knöcheln gegen das Eisen. Da erinnerte er sich seiner Taschenlaterne, er zog sie heraus und richtete das Licht auf die Dunkelheit. Da sah er ungefähr sechs Meter unter sich ein menschliches Wesen in Brahmanentracht auf einer Pritsche sitzen, gegen die kahle Mauer gelehnt, den Kopf schlafend auf die Brust gesenkt. Ralph löschte sein Licht sofort wieder aus und bückte sich; das stöhnende Schnarchen aber klang ungestört weiter. Da erinnerte er sich, daß Davis als Brahmane verkleidet, die Dewadasi aufgesucht hatte. Wieder zündete er die Lampe an und rief noch einmal. Da hob der Gefangene den Kopf und seine Hände griffen tastend an die Augen, um sie gegen das blendende Licht zu schützen. Ralph hörte einen Ausruf und erkannte die Stimme. »Davis,« rief er, »ich bin es – Ralph Cunning!« Ein heiserer Freudenruf klang zu ihm herauf. Davis war aufgesprungen und trat so dicht an die Luke, wie er kommen konnte. Die achttägige Gefangenschaft in der Dunkelheit hatte ihn mager und blaß gemacht, die schwarzen Bartstoppeln gaben seinem Gesicht ein verändertes Aussehen, nur die lebhaften Augen schienen unverändert. »Nehmen Sie sich in acht,« flüsterte Davis, »sobald die Sonne aufgegangen ist, kommt die Tempelwache und windet Essen und Trinken zu mir herab.« »Haben Sie Not gelitten?« »Ich habe von Hirsengrütze und Ghi gelebt und habe das Wasser des Flusses trinken müssen. Versuchen Sie, ob Sie etwas bei der Tür machen können. Aber beeilen Sie sich, denn die Tempelwache muß gleich hier sein.« Ralph untersuchte die Tür. Sie hatte kein Schloß, aber zwei eiserne Riegel, die ganz einfach hochgehoben werden konnten. Das war die Sache eines Augenblicks. Die Tür drehte sich in ihren Angeln, und Ralph sprang die Steinstufen hinunter. Davis ließ sich Zeit zu einem wortlosen Händedruck, griff nach seinem Notizbuch, das neben ihm auf der Steinpritsche lag, nahm seine Sandalen, die er während der Nacht gelöst hatte, und eilte die Treppe hinauf. Sein Gesicht verzog sich zu einem krampfhaften Lächeln, als er von neuem das Prickeln des Lichtes auf seiner Haut spürte, die Augen mußte er bei dem ungewohnten Glanz zusammenkneifen. Er atmete die Luft in vollen Zügen und eilte dann, von Ralph gefolgt, die Stufen hinunter. Als sie die Wendeltreppe erreichten, tasteten sie sich im Dunkeln weiter, den Atem bei jeder Stufe anhaltend, um zu lauschen. Da kein Laut zu ihnen drang, schloß Ralph daraus, daß die Tempelwache noch nicht gekommen sei, denn wenn man den Krüppel geknebelt angetroffen, Shankar gefunden und gebunden hätte, wäre das alles wohl nicht so still vor sich gegangen, daß sie nicht etwas davon gehört hätten. Wenige Augenblicke später standen sie im Vorraum und sahen in der schwachen Tagesdämmerung den Krüppel zusammengebunden neben seinen Krücken, wo Ralph ihn verlassen hatte. Shankar kam aus seinem Versteck hinter dem Türflügel hervor, blaß und zitternd von der Höllenangst, die er ausgestanden hatte. Er bat sie, ihn zuerst hinausschlüpfen zu lassen, damit sie ihn vor den Blicken des Krüppels decken konnten; denn wenn er seiner ansichtig wurde, würde er vor Sonnenuntergang ein toter Mann sein, solch furchtbares Vergehen war es, sich an dem mißgestalteten Heiligen zu vergreifen. Sie ließen den Krüppel liegen – lange würde es ja nicht dauern, bis die Wache ihn fand – und eilten in die Vorhalle hinaus, wo die Tempelbuden lagen. Shankar suchte und fand die Gewänder, die die Handelnden trugen, wenn sie bei der Arbeit waren. Sie nahmen jeder einen Kittel, um ihre schmutzigen Kleider zu verbergen, und Shankar nahm sich noch extra einen, den er zu einem kunstvollen Turban um seinen Kopf schlang, so daß sein Gesicht ganz verborgen war und man ihn für einen jener Bußfertigen halten konnte, die sich selbst dazu verdammen, mit verhülltem Kopf zu gehen. Auf Davis' Rat begaben sie sich zum Tor der Elefanten, das bereits ein früheres Mal seine Rettung gewesen war. Sie warteten hinter Säulen versteckt, bis sie die Tiere in den Ställen beim Laut der Schritte ihrer Wärter prusten und schnaufen hörten. Der Wächter rief den heiligen Tieren durch das geschlossene Tor zärtliche Morgengrüße zu. Dann hob er den Riegel und die metallenen Flügel öffneten sich knarrend. Ralph trat mit seinen beiden Begleitern vor. In der rechten Hand hielt er den Revolver unterm Mantel verborgen. In der Maske des wohlhabenden Sudra – mit geschwärzten Brauen und Walnußfarbe auf Gesicht und Händen – rasselte er vor den Ohren des erstaunten Türwächters mit Silbergeld und drückte ihm einige Rupien in die Hand. Erst als sie glücklich alle draußen waren, kam der verblüffte Tamule zur Besinnung. Sie begegneten einem Bauern, der mit Gemüse zum Markt fuhr. Der Ochse trabte gelassen, während der Kutscher halb schlafend auf der Wagenstange saß und seine Morgengebete murmelte. Shankar rief ihn an, ohne sein Gesicht zu zeigen, und für fünf blanke Rupien nahm der Mann sie alle drei auf. So saßen sie denn zwischen Mangofrüchten und Bananen, so gut es ging, während der Kutscher den Schwanz des armen Zebus drehte, als ob er ein Korkenzieher sei, um den Ochsen mit der schweren Last anzutreiben. Noch während der Fahrt kam Shankar mit seiner Forderung: Sein Leben sei in Gefahr, er müsse gleich mit dem Morgenzug auf und davon, bevor das Ereignis bekannt würde. Ralph gab ihm, was er an Geld bei sich hatte, und als sie vor dem Kollegium abgestiegen waren und der Wagen so weit fort war, daß der Kutscher weder sehen noch hören konnte, stellte Ralph ihm den Scheck auf fünfhundert Rupien aus, den er ihm versprochen hatte, und Davis fügte noch zweihundert hinzu. Shankar lief durch den Garten, quer über Rasen und Beete, winkte von weitem mit der Hand und verschwand über den Zaun, um einen Richtweg zum Bahnhof einzuschlagen. Barnett trafen sie nicht an, er war von Schulstunden in Anspruch genommen, und Ralph wollte nicht, daß man ihn störte. Während sie badeten und sich umkleideten, sorgte der Sirdar dafür, daß für sie aufgetischt wurde. Nachdem sie gegessen hatten, machten sie es sich auf den Liegestühlen in der Veranda bequem und Davis erzählte. Ramalingam hatte ihn nachts in dem Raum der Daja mit der Dewadasi überrascht. Tempeldiener, die im Hinterhalt warteten, hatten ihn übermannt und zum Gefängnis im Turm gebracht. Am nächsten Vormittag hatte man ihm einen Brief vom Oberbrahmanen in merkwürdig korrektem Englisch überreicht. Der Tempelrat schrieb, wenn er auf Ehrenwort dem Tempelrat seine sämtlichen Koffer und Papiere zur Durchsuchung vorlegen und sich freiwillig der Geldbuße, zu der er wegen Tempelschändung verurteilt sei unterzöge, würde man ihn sofort freilassen. Als er sich weigerte, wurde er wie ein eingeborener Gefangener behandelt und bekam auch die Kost derselben. Ralph war erstaunt über das großmütige und kühne Angebot der Brahmanen. Welcher Kniffe hatte er sich selbst bedienen müssen, um den armen Shankar zu zwingen, gegen sein besseres eingeborenes Ich zu handeln? In seinem Herzen hielt Ralph mit den Brahmanen. Er sah ein, wie tief Davis sie gekränkt hatte, und schämte sich im Namen der weißen Kultur, daß es nur einer elenden Wette wegen geschehen war. »Sie sind billiger davongekommen, als Sie verdient haben!« sagte er und sah Davis fest in die Augen. Der Amerikaner sah ihn erstaunt an, dann zuckte er die Achseln und lachte. »Wie aber stellen wir fest, wer die Wette gewonnen hat?« fragte Ralph nach einer Weile. »Die Dewadasi werden wir kaum jemals wieder zu Gesicht bekommen.« Davis hörte mit Glanz im Blick von dem Brief, den sie Ralph geschickt hatte; und als Ralph erzählte, daß sie nach Aussage der Daja spurlos verschwunden sei, rief er: »Gott sei Dank! Sonst hätte man sie verunstaltet!« »Ich kann die Wette noch gewinnen,« fügte er nach einem Augenblick der Ueberlegung hinzu. »Sie sollen sehen, wir begegnen Kantra noch wieder.« Ralph wollte nicht fragen, Davis aber erzählte aus eigenem Antrieb, wie wertvoll es für ihn sei, das Leben einer Dewadasi kennen gelernt zu haben. »Wir sind viermal zusammen gewesen und Sie können mir glauben, daß ich die Zeit gut ausgenutzt habe.« Ralph lächelte und Davis beeilte sich hinzuzufügen: »Nicht in der Erotik allein. Ich habe sie ausgefragt und sie hat mir aus ihrem Leben erzählt. Sobald ich Zeit habe, werde ich es niederschreiben.« »Auch ich habe dies und jenes erlebt,« sagte Ralph und erzählte von seiner gestohlenen Handtasche, dem Besuch bei den Todas und der Jagd in den »Blauen Bergen«. Davis interessierte sich am meisten für die gestohlene Handtasche und wollte hierüber genauer die Einzelheiten wissen. »Ich glaube, hier haben noch andere als die Korava-Bande ihre Finger im Spiel gehabt.« »Wen meinen Sie?« »Ich glaube, die Brahmanen haben uns seit dem Tage, wo wir Ramalingam besuchten, auf der Nase gespielt.« »Welches Interesse sollten sie an uns und unseren Handtaschen nehmen?« »Dasselbe Interesse, das sie an meinen Papieren nahmen.« Davis zuckte die Achseln und begann den Fahrplan zu studieren, der auf dem Tisch lag. »Wir müssen so bald wie möglich fort. Shankar hat recht, es ist nicht ratsam, daß wir uns in der Stadt zeigen, besonders nach der Geschichte mit dem Krüppel. Wir wollen den Nachtzug nach Bombay nehmen.« Und so wurde es bestimmt. Den Rest des Tages blieben sie im Kollegium. Barnett fuhr zum Bahnhof, wo er das Notwendige mit dem Stationsvorsteher verabredete, Ralphs und Davis' Rechnung bezahlte und ihr Gepäck beförderte. Als es Zeit war, fuhr er sie persönlich, mit Kutscher und Diener auf dem Bock und zwei Läufern auf dem hinteren Sitz, in gestrecktem Galopp zum Bahnhof. Als Ralph auf dem Bahnsteig stand, mit Barnetts Hand zum Abschied in der seinen, sagte er: »Tun Sie mir bitte den Gefallen, Herr Barnett, und teilen Sie dem Gericht mit, daß ich die Klage gegen die Korara-Bande zurückziehe. Davis sah erstaunt auf und wollte ihn unterbrechen; Ralph aber übersah es. »Sorgen Sie dafür, daß alle freigelassen werden.« »Aber warum in aller Welt?« fragte Davis. »Des Gleichgewichtes wegen!« sagte Ralph mit einem Lächeln, das weder Davis noch Barnett sich zu deuten vermochten. In seinem Herzen hatte er einen Rechnungsabschluß gemacht, und das Saldo war nicht zu Davis' oder seinen eigenen Gunsten ausgefallen. Was Davis von der Dewadasi erzählte: Sie ist auf dem Lande in der flachen Ebene geboren, wo das Telugu-Volk zu Hause ist. Sie ist aus einem Hirtengeschlecht, ihr Stamm hat seit Jahrhunderten Schafe und die kleine dunkle Zebu-Kuh gehütet. Sie ist aus der Kaste der Golla, harmlose Leute, genügsam und ehrbar; selbst ein Brahmane kann Milch und Butter aus ihrer Hand entgegennehmen, ohne sich dadurch zu verunreinigen. So angesehen sind sie, daß sie bei Tempelfesten mit den Goldschmieden in einer Reihe sitzen. Zur Zeit der Nabobs waren es Gollas, denen man anvertraute Geld von Stadt zu Stadt zu bringen. Sie waren treu und zuverlässig, ihr Herz war jeder Mißgunst verschlossen, ihr Gemüt standhaft gegen Ueberredung. Was in ihrem Bündel, in den Falten ihres Lendentuches oder an heimlichen Stellen auf ihrem braunen Körper verborgen lag, war so sicher, wie ein Samenkorn in der Erde, das noch nicht zum Licht emporgeschossen ist. Ihr Vater war reich an Vorfahren, aber arm an Schafen. Aus seiner kleinen runden Palmenhütte stiegen nur Seufzer zu dem Gewaltigen empor, dessen Schatten schwer auf seinem Kopf lasteten. Böse Dämonen kamen aus den schwarzen, heimtückischen Dschungeln, mit Seuchen für seine Herden; sie nahmen den Schafen die spärliche Wolle und ritten sie, bis sie am ganzen Körper zitterten und die Angst ihnen in feuchtem Schweiß aus den kranken Augen rann. Die Gollas dürfen so viele Frauen nehmen wie sie wollen – Amram hatte nur zwei, zwei Schwestern, die wie Blumen in seinem Schatten lebten und sein Brot und seine Not teilten. Amram war arm, aber reich an Kindern. Sie hüteten seine Schafe, während er Reis baute. Sie sammelten Kuhdünger für den Herd auf der neidischen Erde, die vor Verlangen nach Wasser trocken und rissig war. Kantra war die Aelteste. Sie war zehn Jahre alt, zart und schmächtig, sanft und scheu wie die Antilope, die unsicher auf ihren zierlichen Beinen steht, wenn sie grast, aber eine Feder von Stahl wird, wenn sie um ihr Leben läuft. Ihre Augen waren wie zwei blanke Kugeln, in deren Spiegel die äußere Welt sich mit der inneren begegnete. In ihrem Blick brannte bereits die dunkle Flamme des Blutes. Amram sah sie an warmen, schweigenden Abenden leuchten. Er sah, wie ihre Lippen bebten, sah sie schwellen und von Glut brennen. Siva hatte sein Auge auf sie geworfen, von seinem Licht leuchteten sie. Und Amram faßte den Entschluß, daß er dem Gott geben wollte, was er sich erkoren, und der Gott würde ihm sicher gute Tage dafür spenden. Eines Tages, als Amram in der Mittagsstunde unter seinem Feigenbaum schlief, fiel plötzlich ein Schatten, breit und würdig, über den sonnigen Sand, wo der Schatten des Feigenbaumes nicht hinreichte. Amram richtete sich auf und sieh, es war, wie er sich gedacht hatte: ein mächtiger, ein schwangerer Schatten war es – es war der Oberbrahmane vom Kodi Maram (dem großen Tempel), der sich herabließ, den edlen Abdruck seines Körpers auf den armseligen Sand zu werfen. Amram sprang auf, um dem Edlen zu Füßen zu fallen, damit das unreine Licht seiner Augen den Reinen nicht beschmutze. »Mach' dich bereit zu wandern. Bring diese Botschaft meinem Freund, dem Brahmanen Ramalingam, Damarkarthas (Mitglied des Tempelrates) in Sundareshvars Tempel in Madura. Es ist eine Aufschrift gegen Zahnschmerzen. Verwahre sie so gut, als ob sie dein eigenes Leben sei, damit kein böses Auge die Kraft der Worte vernichte. Der Gewaltige wird inzwischen nach deiner Herde sehen und wenn du zurückkommst, wirst du sie mit einer Zebu-Kuh und zwei schwarzen Böcken bereichert finden.« Amram küßte den Fleck der Erde, worauf der Reine seinen Fuß gesetzt hatte, dann stand er auf, um sich bereit zu machen. Als er zur Hütte kam, trat Kantra ihm entgegen mit dem Jüngsten, zappelnd und nackt in ihren Armen – die Sonne traf ihre Augen und ihre weißen Zähne. »Nimm mich mit,« bat sie. Amram stutzte bei dem Glanz ihrer Augen. Sie ist ein reiches Geschenk, dachte er, legte seine Hand auf ihren Kopf und segnete sie. »Komm mit,« sagte er, »ich will dich Sundareshvar schenken.« Kantra fragte nicht. Ihre Mutter aber, die es hörte, beugte den Kopf; sie hatte auf das gelauscht, was Amram in schlaflosen Nächten gedacht hatte, wenn der Regen vom Dach der Hütte sickerte. Am selben Abend zogen sie davon, wie zwei arme Jogi verkleidet, den Bettelsack auf dem Rücken, die Lehmkruke am Gürtel und den Stab in der Hand, damit niemand ihren Auftrag erraten sollte. Das Blatt, das der Oberbrahmane ihm gegeben hatte, verbarg Amram zusammengerollt in einem der stachligen Kerne seines Gebetkranzes; der Kern war ausgehöhlt und mit Leim wieder verschlossen. Sie wanderten, solange die Nacht von Mond und Sternen hell war. In der Mittagsstunde erbettelten sie sich Schutz gegen die Sonne unter einem heiligen Baum oder in dem Schatten einer gastfreien Hütte. Sie tranken aus dem Fluß, und wenn sie zu einem Dorf kamen, schlugen sie mit dem Stock auf ihre Lehmkruken, blieben vor jeder Hütte stehen und sagten »Bicham, Amma, Bicham« (Almosen, Mutter, Almosen), bis die Frau ihnen Hirsengrütze und Ghi gab. Als sie Madura erreicht hatten, fiel es ihnen leicht, den Weg zum Tempel zu finden, denn die vier großen Gopurams überragten alle Häuser der Stadt. Beim Eingang des Tempels nahm Amram seine Tochter bei der Hand und drängte sich bis zur Vorhalle durch. Er achtete nicht der Stöße, die er bekam, sondern strebte auf die Steinsäulen zu, dorthin, wo die Bettler sich aufhielten. Er kaufte einen Lingamstein in einer Bude hinter der Säule, und erfuhr, daß der Brahmane Ramalingam auf seinem Wege zum Altar des Gottes dort vorbeikommen würde. Kurz daraus konnte er an dem Geschrei der Bettler hören, daß der Brahmane in der Vorhalle war. Als der Brahmane in seinem weißen Gewand an den Bettlern vorbeiging, warf Amram sich ihm zu Füßen, streckte ihm seine Lehmkruke entgegen und rief: »Bicham, Bicham. – Oh, du Reiner – gib dem armen Amram, der nur Lehm ist, den du mit deinem Fuß zerbrechen, nur Staub, worauf du treten kannst, ein Almosen, und Sira wird dir, Ramalingam, ebenso große Gnade erweisen, wie deinem Freund, dem Oberbrahmanen in Kodi Maram, dem Reinsten der Reinen, der dir durch mich, den Demütigsten aller Demütigen, seinen Gruß sendet!« Als er den Namen nannte, streifte Ramalingams Blick ihn – wie zufällig. Er verlangsamte seine Schritte, während er Almosen nach rechts und links austeilte. »O du Reiner,« rief Amram wieder. »Siva schütze dich vor allen Plagen, Lendengicht und Schnupfen, Kopfweh und Zahnschmerzen ! – Verweile einen Augenblick und lasse dich herab, den Glanz deiner Augen auf meine Tochter fallen zu lassen, die schöne Kantra, die ich dem Gewaltigen schenken will.« Bei dem Wort »Zahnschmerzen« glitt das Auge des Brahmanen wieder wie zufällig über Amram und das Kind an seiner Hand, das Amram jetzt vor sich schob. »Folgt mir,« sagte er. Als der Brahmane die großen Erzflügel des Tores erreicht hatte, winkte er Amram im Halbdunkel des Tores zu sich heran. »Was bringst du mir?« fragte er leise. »Ein Mittel gegen Zahnschmerzen, o du Reiner, von deinem Freund; dem Oberbrahmanen in Kodi Maram.« Amram zählte die Kerne seines Betkranzes, bis er den richtigen gefunden hatte, öffnete ihn und nahm das Blatt heraus. Ramalingam steckte es zu sich, ohne es zu lesen. »Es ist gut,« sagte er und ließ einige Rupien in Amrams Lehmkruke fallen. Amram warf sich nieder und küßte die schmutzige Erde vor seinem Fuß. »Willst du sonst noch etwas?« »Ja, du Reiner, ich bringe dir meine Tochter Kantra, die die Sonne in ihrem Blick hat. Wenn ihre Flamme erst entzündet ist, wird sie zur Lust des Gewaltigen lodern, ihre Seele wird in Siva verlöschen und ihr Körper in seinen Armen zu Asche verbrennen. Es ist eine reiche Gabe, die der arme Amram, der Demütigste unter den Demütigen, dem Gewaltigen zu Füßen legt, damit er mein Haus und meine Herde segne.« Ramalingam begegnete Kantras Blick. Er sah ihren schlanken Wuchs, die weiche Röte ihrer Lippen, das Beben des Pulses unter dem zarten Hals. »Folgt mir,« sagte er. Sie gingen durch eine Reihe von Göttern, die die reiche Gabe des armen Amram mit ihren Steingesichtern musterten. Sivas Frau, Parvati, maß den geringen Umfang ihrer Hüften und ihre zarte Brust. Ganesh mit dem Elefantenkopf, die Hände auf den Knien, lächelte spöttisch. Kantras Herz schlug laut vor Angst, sie bohrte ihre Finger in Amrams Arm, so daß es ihn schmerzte. Sie gingen an dem »Teich der goldenen Lilien« entlang, wo heilige Männer im Schutz der Säulen saßen, Opfergefäße um sich herum breitend, Gebete mit verhülltem Kopf murmelnd. Schließlich waren sie am Ziel. Bei einem Druck von Ramalingams Hand drehte sich eine kleine Tür von dunklem Erz in ihren Angeln. Sie befanden sich in einem dunklen Raum; die Tür schloß sich hinter ihnen. Amram hielt lauschend den Atem an; er wußte nicht, ob man sie allein gelassen hatte, oder ob der Brahmane noch bei ihnen war, er wagte nicht zu rufen, und konnte sich nicht rühren, denn Kantras Arme umklammerten ihn bebend. Da tauchte an der Wand vor ihnen, nicht höher als ihre Knie, ein Lichtschein auf. Das Licht kam näher, stieg bis zu ihren Gesichtern hinauf, und plötzlich sahen sie eine qualmende Kerze an einer Eisenstange, die sich aufwärts bewegte. Sie sahen einen mächtigen Schatten über eine Mauerwölbung flattern. Es war ein Riese an der Wand vor ihnen, ein Ungeheuer aus Stein, der diesen Schatten warf; er trug eine Schlangenkrone auf seinem Haupt und hatte vier Arme, wovon zwei hochgehoben und zwei gesenkt waren. In den hochgehobenen hielt er eine Antilope und einen Dreizack, in den gesenkten eine Schlinge und eine Trommel. Um die Lenden trug er ein Tigerfell. Links neben der Statue stand ein länglicher Stein, der ihnen bis zum Gürtel reichte, ein kahler, glatter, oben gerundeter Zylinderstein, um den sich eine in Stein gehauene Schlange wand. Es war ein Lingam. Das Bild von der Kraft des Gottes, und der Raum, in dem sie standen, war das Allerheiligste. Rechts neben dem Tisch des Gewaltigen lag sein heiliger Steinochse, mit erhobenem Kopf, ein Seidentuch auf dem Rücken zum Schutz gegen die Nachtkälte. Jetzt war das Licht ganz dicht bei ihnen. Eine ältliche Frau in einem losen, grauen Kittel trug es; sie war aus einem Loch in der Mauer zwischen den Beinen des Gottes hervorgekommen. »Dies ist Adytum, die Schlafkammer des Gewaltigen,« sagte Ramalingam, »dort hinten in dem Raum steht sein Bett.« Amram warf sich vor dem Gott auf die Erde und als er wieder auf seinen Füßen stand, fragte er: »Wer ist diese Frau?« »Eine Daja – eine von denen, die die Dewadasen des Gottes hüten und ihm sein Lager bereiten.« Die Daja befestigte die Eisenstange mit der Kerze an der Mauer neben dem Gott. »Entkleide sie,« sagte Ramalingam, »damit der Gott seine Gabe schauen kann.« Die Daja tastete mit ihren knochigen Händen über Kantras Kittel, das Kind zog sich schaudernd zurück, Amram aber sandte ihr einen zornigen Blick. Da riß sie sich selbst das weiße Tuch von der Brust, so daß ihr bebender Mädchenkörper bis zum Gürtel entblößt war. Ramalingam riß die Augen auf und zeigte auf ihr Lendentuch. Kantra zögerte. Amram aber faßte sie am Arm, und sie löste die Enden des Lendentuches und ließ es fallen, während sie ihr Gesicht mit den Armen verhüllte. Dort stand sie nackend vor dem Angesicht des Gewaltigen, der ihr das Leben geschenkt hatte und dem sie es zurückgeben sollte. Sie dachte nicht an Siva, sie dachte nur an den aufgerissenen Blick, der auf ihr ruhte und sie musterte. Amram war stolz auf seine Tochter. Jetzt erst sah er, wie reich seine Gabe war. Sein Auge suchte das unbewegliche Gesicht des Gottes, um ihn zum Zeugen aufzurufen. Aber es war kein Zug, kein Lächeln um seinen Mund, kein Beben der Lust um seine Nasenflügel. Kantra fühlte eine Hand auf ihrer Brust und eine Hand auf ihrer Hüfte, Ramalingams heiße und lebendige Hand, die ihr das Blut in einem Strom zum Herzen zwang, ihr die Kehle zusammenschnürte und die Knie matt machte. Die alte Frau sah sie schwanken und faßte sie um die Schultern. Ramalingam und die Daja wechselten einige Worte. Amram konnte an ihren Mienen sehen, daß die Gabe den Beifall des Gottes gefunden hatte. Die Alte zog Kantra den Arm vom Gesicht, klopfte ihr die brennende Wange mit ihrer runzligen Hand und wickelte sie wieder in das Lendentuch ein. Kantra aber entwand sich ihren Händen und bekleidete sich selbst. »Zu welcher Kaste gehörst du?« fragte Ramalingam und musterte Amrams Bettlerkleidung. »Ich gehöre zu dem ehrbaren Gollavolk« – Amram richtete sich höher auf und hielt seinen schmutzigen Kittel mit vorsichtig gespreizten Fingern von sich ab – »dies scheinheilige Jogigewand habe ich nur angelegt, um dir den Brief zu sichern, oh, du Reiner – denn wer wird einen Bettler berauben?« Ramalingam nickte. »Ich will dir ein Gewand schenken, das eines Golla würdig ist. Ist sie dein einziges Kind?« »Nein, du Reiner, sie ist die Aelteste von neun.« »Hast du nur Mädchen?« »Nein, zwei Söhne.« »Warum willst du dich von dieser trennen?« Der Brahmane beugte seine gewölbte Stirn zu ihm herab und sah ihn mit Augen an, die Amram bis ins Innerste drangen. Während der Wanderung hatte er sich eine blühende Rede ausgedacht, von seiner Liebe zur Gottheit; bei dem Blick des Brahmanen aber welkten diese Worte und fielen auseinander. »Weil ich so arm bin,« sagte er und sah wie ein Hund zu seinem Herrn auf. »Einen anderen Grund hast du nicht?« Amram überlegte redlich, aber er wußte keinen. »Hat sie irgendeine heimliche Krankheit?« »Nein, du Reiner, sie ist gesund und warm wie die Sonne.« »Hat sie ein trotziges, widerspenstiges Gemüt, das den Abendfrieden von deiner Hütte verscheucht?« »Nein, du Reiner, sie ist gut und heiter, wie die weißen Lämmer, die auf meinem Hof spielen.« »Ich glaube dir. Deine Gabe ist angenommen. Ich danke dir im Namen des Gewaltigen. Seine Augen werden über deiner Hütte leuchten, so daß kein dunkler Geist der Dschungeln sich dir zu nähern wagt, er wird dein Haus und deine Herde segnen und sie fruchtbar machen.« Ramalingam öffnete die Erztür und ließ Amram vor sich hinaustreten. Kantra sprang herzu, um ihm zu folgen, der Brahmane aber hielt sie sanft zurück. Sie stieß einen Schrei aus, und Amrams Herz hörte zu schlagen auf. Er sollte nie mehr die Sonne ihrer Augen sehen, die munteren Quellen ihres Lachens hören; ihre Hand würde nicht mehr Ghi von der Milch schöpfen, ihre Arme nicht mehr die Kleinen, die noch nicht gehen konnten, tragen. Er wandte sich in der Tür um und streckte die Arme nach dem bebenden Leben aus, das er sich vom Herzen gerissen hatte, um es dem furchtbaren Gott der Vernichtung in die Arme zu werfen. »Lebe wohl!« flüsterte er, während die Tränen ihm aus den Augen brachen. »Lebe wohl!« stöhnte er und suchte vergebens nach jemandem, den er um Schutz für sie anflehen konnte. In seiner Seele war es dunkel geworden, er fühlte sich so klein, wie ein Sandkorn auf dem Wege unterm Rad des göttlichen Wagens. Gottes barmherzige Gnade, in dessen Arm sie lag, auf sie herabzuflehen, das war alles, was er für sie tun konnte. Niemand konnte ihr helfen, sie mußte selbst den Willen haben, sich dem Gott, dem sie geweiht war, würdig zu zeigen. »Sei treu gegen den Gewaltigen!« Das war das einzige, was er zu ihrem Schutz zu sagen wußte. Ihr Blick klammerte sich voller Entsetzen an den seinen, so sehr fürchtete sie sich vor der Dunkelheit, die hinter ihr war. Ihre Lippen öffneten sich zu einem Schrei, um ihn zurückzurufen; aber er erstarb, als sie merkte, daß er ihr seine Arme entgegenstreckte, nicht um sie mitzunehmen, sondern um ihr Lebewohl zu sagen. Sie war bereits losgerissen, – er stand draußen, fern, verschwunden. Als die Tür den Faden, der von ihrem zu seinem Blick spann, durchschnitten hatte, hörte er ihr lautes Weinen, bis auch das hinter der Tür erstickte. Kantra lernte drei Jahre lang. Sie wohnte im Dajahaus, das in die linke Tempelmauer eingebaut war, der Welt und ihrem Lärm abgewandt. Dort wohnte sie mit vier anderen Dewadasen ihres Alters, die alle dem Gott geschenkt, aber noch nicht reif waren, ihm geweiht zu werden. Die Daja war selbst einmal Dewadasi gewesen, aber sie hatte nicht die Fähigkeit besessen, ihr Opfer, das in der völligen Hingabe an den Gott besteht, ganz zu geben. Von der tötenden Liebe hatte sie eine Glut geraubt, die stark genug war, ihr selbst das Leben zu bewahren und ihre Seele zu verhindern, ganz in dem Gewaltigen zu verlöschen. Ihre Sinne waren nicht treu bis in den Tod gewesen. Ueber den Rest, den sie bewahrt hatte, wachte sie mit neidischer Angst, weil sie wußte, daß sie in ihrem nächsten Leben dafür büßen würde, daß sie den Gott im Stich gelassen hatte. Lesen und Schreiben lernten die kleinen Bajaderen von den Brahmanen. Jede hatte ihren Lehrer; im Tempeltanz und Gesang aber, Ankleidekunst und Körperpflege unterrichteten die Dewadasen sie; jede hatte eine Schülerin, die ihr folgen mußte, wenn sie ihr Amt verrichtete, ausgenommen in den nächtlichen Stunden beim Gott. Die Schülerin mußte ihr zum Bade folgen, um die Kunst der Reinigung und der Gebete zu lernen; sie mußte zugegen sein, wenn sie morgens und abends vorm Bild des Gottes im Tempel tanzte. In ihrer Kammer mußte sie sich jeden Morgen in den uralten Götterliedern üben. Die Dewadasi lehrte sie die Wege der Liebe und die Anfangsgründe in dieser Kunst. Die Dajen aber, bei denen sie wohnten, paarweise in kleinen Kammern, die hoch oben an der Tempelmauer eine kleine Luke hatten, so daß man kaum den Kopf hindurchstecken konnte – die Dajen erzählten ihnen, wenn die Abendandacht vorbei war, was sie in ihrem langen Leben von Liebeskunst erfahren und gelernt hatten. Sie sprachen ihnen von des Lebens höchstem Ziel, dem völligen Vergehen in der Liebe, um ihre Lustgefühle zu wecken. Die Daja war die getreue Helferin der Brahmanen. Die Reinen erfuhren heimlich alles von den kleinen Bajaderen, damit sie sich beizeiten eine davon wählen konnten. Und dem Brahmanen, der seine Wahl bereits getroffen hatte, bahnte sie einen Weg zu dem jungen Gemüt, bis die Augen des jungen Mädchens schwer von Sehnsucht wurden, wenn sie nur den Namen hörte. Ramalingam hatte sich Kantra bereits in dem Augenblick erwählt, als sie nackt, die Augen mit den Armen bedeckend, vor ihm gestanden hatte. Die Daja hatte es sofort gesehen; und da Ramalingam der Letzte war, dem sie in ihren Dewadasitagen gedient hatte, gönnte sie ihm vor allem das Beste; sie verwandte ihre ganze Sorgfalt auf Kantra. Kantra hatte sich schnell in ihrer Kammer eingelebt. Dort war ein weicheres Lager, als sie es je gekannt, dort waren Spiegel, Kämme und Bürsten, die von Oel und Essenzen dufteten. Sie durfte tun, was sie wollte, nur nicht allein ausgehen. Entweder war sie mit ihrer Schlafkameradin, einem kleinen bronzefarbenen Sudramädchen, zusammen, oder mit ihrer Dewadasi, einem vollbusigen Vellalaweib, mit vollen Backen, gewölbten Augen und runden, starken Beinen. Sie blickte auf Kantra herab, voll Spott über ihre keimende Schönheit, neidisch auf Ramalingams Gnade. Sie lehrte sie nur das Notwendigste, und Kantra fürchtete sich vor ihr. Ramalingam aber wagte nicht, sich hineinzumischen, denn die Vellala war eine zur rechten Hand angetraute Dewadasi und die Auserwählte des Oberbrahmanen. Sie diente ihm allein, ihr Herz aber gehörte Ramalingam. Nach der Mittagsstunde kam der Brahmane in die Kammer der Daja. Er kam, um Kantra von den höchsten Dingen zu unterrichten, die keiner von der Kaste ihres Vaters jemals wissen durfte. Er kam, um ihren Geist zu bilden, damit die Hingabe an die Lust ein um so größeres Opfer für den Gewaltigen werden konnte. Auch Englisch lehrte er sie. Sie saß allein bei ihm in der Kammer, wo es stark und kräuterig nach den blaßroten Blumen der Basilwurzel duftete und nach der heiligen Tulasipflanze, die nach der Nymphe Tulasi genannt ist, die Krishna liebte und in ein Kraut verwandelte. Dies Kraut wächst in dem Hause eines jeden rechtgläubigen Hindus in einer Lehmkruke, zusammen mit dem Waldapfelbaum, Sivas heiliger Baelpflanze. Ihnen brachte die Daja ihre täglichen Gebete zum Opfer und bespritzte sie mit Wasser, das sie im Fluß geholt hatte. Ramalingam unterrichtete sie von der heiligen Dreifaltigkeit: dem Schöpfer Brahma, dem Erhalter Vishnu und dem Vernichter Siva, die vereint das heilige Wort »Om« sind, das nicht vor unreinen Ohren genannt werden darf. Er lehrte sie Gatrya, das tägliche Gebet, das der Besitz der Zweimalgeborenen ist und mit »Om« anfängt, mit »Om« endigt und alle sieben sichtbaren Welten anruft, in denen »Om« offenbart ist. Während er mit seiner leisen, dunklen Stimme sprach, lagen ihre zarten Finger in seinen heißen, lebensvollen Händen. Er strich über den zarten Flaum ihrer nackten Arme und beugte sich über sie, so daß sie seinen brennenden Atem auf ihrem bebenden Hals fühlte. Ihre Augen wurden groß und voll, während sie auf den beweglichen Falten um seinen beredten Mund und dem Muskelspiel seiner starken, glatten Wangen ruhten. Noch wußte sie nicht, was Liebe war, obgleich die Dewadasi ihr die Wege gewiesen und die Daja ihr das Glück derjenigen gepriesen hatte, die sich in ihre Tiefe versenken konnte. Eines Tages aber, als es sehr warm war, und Ramalingam seine Hand auf ihre Knie legte und seinen Blick tief in ihre dunklen Augen senkte, wurde der heftige Brand plötzlich in ihrem Schoß entzündet. In jener Nacht lag sie wach, schlang die Arme um ihr Kissen, rief seinen Namen und klagte und weinte. Die Daja erwachte, kam an ihr Lager und sah, daß sie reif war, Sivas Braut zu werden. Wenige Tage später führte die Daja sie vor das Panchayat der Dewadasen. Erst entkleidete man sie und musterte ihren Körper; dann mußte sie singen und den Tempeltanz vortanzen. Darauf wurde sie zum Oberbrahmanen geführt, dem alten Weisen, der Kopf und Hals wie ein Geier hatte, kahl, gelb und runzlig. Sie mußte ihm vorlesen und -schreiben; er fragte sie nach den höchsten Dingen, die Ramalingam sie gelehrt hatte, und die Prüfung war bestanden. Am nächsten Morgen ging die Daja mit ihr durch den Säulengang zum »Teich der goldenen Lilien«. Sie badete sie in dem heiligen Wasser, salbte sie mit Rosenöl und rieb ihr Haar mit Ambra ein. Dann geleitete sie sie wieder in die Kammer und kleidete sie in ein neues Gewand von Seide mit goldenen Borten. Sie pflückte die heiligen Blumen von ihrer Basilwurzel und schmückte ihr schwarzes Haar damit. Sie legte schwere Silberringe um ihre Fußgelenke, und um ihren Oberarm den Schlangenring von Gold, den Ramalingam zur Trauung geschenkt hatte. Den ganzen Tag mußte sie fasten. Abends kam die Vellala-Dewadasi, um sie zu holen. Sie führte sie durch den dunklen Fledermausgang, durch die Säulenhalle, zu Sivas heiligem Schrein, wo die Brahmanen vor dem Gewaltigen und seiner Frau, Parvati, versammelt waren – die Bronzestatuen, die bei Prozessionen gebraucht wurden. Kantra tanzte zum erstenmal vor dem Gott in eigener Person. Nach dem Tanz trat der Oberbrahmane vor, bespritzte sie mit Wasser aus dem heiligen Fluß, während er sein Gatrva betete. Sie warf sich vor dem Gott nieder, der sie mit seinem Steinangesicht betrachtete. Während sie auf der Erde lag, sprach der Oberbrahmane die Trauungsgebete. Darauf nahm er von dem ausgestreckten Arm des Gottes den Tali – eine Kette aus schwarzen Kernen, mit dem Lingam-Zeichen des Gottes in der Mitte, befahl ihr, sich zu erheben, legte sie um ihrem Hals und band die Enden zusammen. Darauf nahm er ein Armband, das an einem Finger des Gottes hing, schloß es um ihre linke Hand, und schließlich steckte er einen Ring mit einer spiegelblanken Silberplatte an den großen Zeh ihres linken Fußes. »Durch diesen Tali binde ich dich an den Gott, du darfst ihn nicht lösen, weder von Hals, Hand noch Zeh.« Sie hingen Blumenketten um ihren Hals, Basilblumen, Blätter vom Bael und die gelben Tempelblumen, die so süß gegen Abend dufteten. Schließlich führte der Oberbrahmane sie mit allen Brahmanen und Dewadasen im Gefolge, durch den langen Gang zu der kleinen Erztür, die sich an jenem ersten Tage zwischen ihr und ihrem Vater geschlossen hatte. Die Tür öffnete sich und dort stand Sundareshvar in dem Lichtschein einer düsteren Kerze und erwartete seine Braut. Seit dem ersten Tage war Kantra nicht in diesem Raum gewesen. Sie blickte scheu zu dem Gesicht des Gewaltigen auf und meinte, daß der Schatten eines Lächelns über den Mund ihres Herrn glitt. Sie fürchtete sich nicht mehr vor ihm, sie dachte nur an das, was ihr bevorstand daß der Gott in Ramalingams Gestalt zu seiner Braut kommen würde. Es war nicht Platz für alle in dem engen Raum. Die Tür blieb offen stehen; einer nach dem andern aber drängte sich herein und opferte, Gatrya betend, Blumen zu den Füßen des Gewaltigen legend. Darauf gingen sie leise hinaus, und schließlich waren Kantra und die Daja allein. Die Daja dachte an ihre eigene Hochzeit, als sie blumengeschmückt hier gestanden hatte. Sie schloß Kantra in ihre Arme und wünschte ihr, daß sie eine bessere Dewadasi werde als sie es gewesen war, daß sie dem Gotte treu sein, und daß ihr Leben in seinen Armen vergehen möge. Dann nahm sie ihr die Blumenketten ab und hing sie über die vier Arme des Gottes. Nachdem das geschehen war, entkleidete sie sie und zeigte dem Gott das Seidengewand mit den goldenen Borten, bevor sie es zusammenlegte, damit er sehen konnte, wie schön es war. Als Kantra nackt vor dem Gewaltigen stand, wo sie vor drei Jahren scheu und zitternd gestanden hatte, richtete sie sich voller Stolz auf, weil sie die hohe Stellung einer Dewadasi erreicht hatte, noch dazu die einer Valangai (rechter Hand Angetraute), breitete ihrem Herrn und Bräutigam ihre junge feste Brust entgegen und gelobte ihm, getreu bis in den Tod zu sein. Die Daja legte ihr einen weichen Mantel um die Schultern und führte sie bei der Hand zu dem Loch in der Mauer. Sie duckte sich und kroch mit Mühe hindurch, ohne Kantras Hand loszulassen. Der Raum, in den sie gelangten, war ganz dunkel, von heißen, schweren Düften voll. Sie traten auf weiche Teppiche. Die Daja führte sie, bis ihr Fuß gegen eine Matte stieß. Kantra beugte sich herab und tastete neugierig durch die Dunkelheit. Die Matte war über ein zierliches Gestell von Bambusrohr gebreitet. Die Daja zog sie wortlos aufs Lager herab, denn der heilige Ort durfte nicht von irdischer Rede verunreinigt werden. Solch warmes, weiches Lager hatte Kantra noch nie gehabt. Die Daja schob ihr ein Kissen unter den Kopf und breitete eine Decke über sie, preßte darauf Kantras Hände und Kopf gegen ihre welke Brust und verließ den Raum lautlos auf einem anderen Weg, als sie gekommen waren. Kantra meinte den Laut und Luftzug einer Tür zu vernehmen, die geöffnet und geschlossen wurde. Dann war sie allein, ihren Herrn und Gott erwartend. Plötzlich wurde sie von Angst erfaßt. Sie zitterte, daß die Matte unter ihr schwankte. Sie bohrte ihre Finger in das weiche Lager, während das Blut so heftig in ihrem Hals klopfte, daß sie kaum atmen konnte. Sie meinte stundenlang gewartet zu haben, als sie das Geräusch von schweren Schritten im Nebenraum hörte. War es der Gewaltige, der von seinem Platz herabstieg? Ihr war, als hörte sie, wie er seine Kleider ablegte. Ging die Tür? Hörte sie Stimmen? War es Ramalingam, der kam, um dem Gewaltigen seinen Körper und seinen Dienst anzubieten? Sie lauschte so angestrengt, daß ihr Herz zu schlagen aussetzte. Da ertönte das Gleiten von Schritten über den Steinen. Das Wunder war geschehen, der Gott hatte Ramalingams Gestalt angenommen, war zum Menschen geworden und kam jetzt zu ihrem Lager, um seine menschliche Braut in seine menschlichen Arme zu schließen, zur Erinnerung an damals, als sein Auge auf die Tochter des Madura-Königs gefallen und er in einer Männergestalt, Sundareshvar genannt, zur Erde herabgestiegen war, um Hochzeit mit der Prinzessin zu halten und eine Woche bei ihr zu verweilen. Seit jener Zeit hatte der Gewaltige Geschmack an der Liebe irdischer Frauen gefunden, und jetzt kam er zu ihr, einem armen Gollamädchen. Sie sah nichts, hörte nichts mehr, plötzlich aber merkte sie, daß eine Gestalt neben ihrem Lager stand, fühlte, wie sie sich über sie beugte. Sie streckte die Arme entsetzt gegen die lebendig gewordene Dunkelheit, und stieß gegen einen Kopf, der sich über sie beugte. »Kantra!« Es war die weiche, dunkle Stimme des Brahmanen. Im selben Augenblick schwand die Angst aus ihrem Herzen, sie löste sich in Tränen auf, die ihr aus den Augen brachen, während es in ihrer Kehle lachte. Jubelnd schlang sie die Arme um seinen Nacken und preßte ihre brennenden Lippen auf den beweglichen Mund, den sie schon so lange geliebt hatte. Sie erwachte aus schwerem Schlaf, als ein Lichtstrahl von der Decke herabfiel. Sie drehte den Kopf und sah, daß sie allein auf ihrem Lager war. Sie weinte, weil er sie verlassen hatte. Da erinnerte sie sich beschämt, daß es nicht Ramalingam, sondern der Gott in seiner Gestalt gewesen war, der sie in die Arme geschlossen hatte. Während der ganzen glücklichen Nacht hatte sie dem Gott keinen einzigen Gedanken geschenkt! Ob er, der wahrscheinlich nebenan wieder auf seinem Platz stand, es in ihrem Herzen lesen konnte – ob er es an ihren Augen sehen würde, wenn sie heute vor ihm tanzte? Wenn er das konnte, dann konnte er auch in ihrem Herzen lesen, daß in dieser Nacht ein Augenblick gewesen war, ein seliger Augenblick, wo sie zu sterben wünschte, weil sie so glücklich war, wie sie nie geträumt hatte. Jetzt begriff sie, was es hieß, daß sie dem Gott alles geben, ihm in ihrer Liebe getreu bis in den Tod sein sollte. Kantra bekam ihre eigene Kammer neben denen der anderen Dewadasen in der inneren Tempelmauer; durch den halbdunklen Säulengang war sie von dem innersten Tempel getrennt, wo der allerheiligste Altar des Gottes in der Mitte stand, und in der südwestlichen Ecke seine Schlafkammer hinter der kleinen Erztür war. Die Daja weckte sie eine Stunde vor Sonnenaufgang. Sie ging mit den andern zum »Teich der goldenen Lilien«, badete und hielt ihre Andacht in dem heiligen Wasser. Wenn sie an der Reihe war, zündete sie das heilige Licht Kumbarti an und trug es zum Altar des Gottes im Allerheiligsten, tanzte nackt bis zum Gürtel den Morgentanz und sang dazu. In der Mittagsstunde fächelte sie abwechselnd mit den andern die Hitze vom Steinkopf des Gewaltigen, mit dem Chamarafächer, der aus dem Schwanz des Tibet-Ochsen gemacht ist. Wenn sie keinen Dienst hatte, fuhren sie und ihre Schülerin in dem kleinen Zebu-Wagen der Dewadasen zum Kali-Tempel bei dem großen Teich, um Sivas Frau anzubeten, die grimmige, rachsüchtige Kali mit den vielen Namen, damit sie ihr nichts Böses bei ihrem Eheherrn nachsagen solle. Sie gab den Bettlern von ihrem Tempelgeld, ergötzte sich an dem Spiel der Kinder, an der Akrobatenkunst, der Dommara, dem Gaukelspiel der Schlangenbändiger und ließ sich von den Korava-Hexen wahrsagen. Sie lächelte den jungen Brahmanen und andern zweimal Geborenen zu, die ihr auf ihrer Fahrt durch die lange Banyanallee begegneten; sie lächelte und kniff die Augen zu, um sie dann weit und voll zu öffnen. Wenn einer von ihnen von ihrer Schönheit gefesselt stehenblieb, ließ sie ihre Zungenspitze gegen die Oberlippe spielen, während sie ihn von der Seite unter halbgeschlossenen Lidern betrachtete, wie sie es gelernt hatte, und wie sie es die Kleine lehren sollte, die neugierig und aufmerksam an ihrer Seite saß. Sie tat es, ohne darüber nachzudenken, denn nur einer war in ihren Gedanken – der Gewaltige in Ramalingams Gestalt. Es war ihr Recht, Nächte und Tage, wo sie dem Gott nicht zu dienen brauchte, andere Männer aus der Kaste der zweimal Geborenen zu besuchen. Sie durfte dienen, wem sie wollte und für den Preis, den sie selbst bestimmte. Aber es dauerte lange, bevor Kantra sich dazu entschließen konnte; sie fühlte Widerwillen dabei, statt Lust. Ramalingam stand beständig dazwischen. Aber sie wollte reich und vornehm werden. Sie wollte werden, wie die Vellala-Dewadasi – »ein wandernder Fleischbaum, der Goldfrüchte trägt« – wie der alte Sanskrit-Dichter sagt. Sie hatte von zwei Dewadasen gehört, die sich so viel Geld verdient hatten, daß sie einen mächtigen Teppa Kulam zu Ehren des Gottes bauen ließen. Das wollte Kantra auch tun. Sie zwang sich, einem jungen Brahmanen zu Willen zu sein, der ihr auflauerte, wenn sie sich außerhalb des Tempels zeigte. Sie bekam viel Geld von ihm, obgleich er sie enttäuscht verließ. Kantra vertraute sich der Daja an – sie weinte über ihr unglückliches Schicksal, daß sie arm und gering bleiben müsse; wenn sie dem Gott kein frohes Herz opfern konnte, würde er sie gewiß verstoßen; und das alles nur, weil sie keinem andern als dem Gott selbst, in Ramalingams Gestalt, die Lust geben konnte, die die andern für Geld von ihr verlangten. Die Daja aber wußte Rat: Ebenso wie nicht Ramalingam selbst, sondern der Gott in seiner Gestalt sie in die Arme schloß, so sollte sie sich vorstellen, daß es nicht der zufällige Gast war, der ihr Lager teilte, sondern Ramalingam in seiner Gestalt. Sie sollte die Augen schließen und nur an ihn und den Gott in ihm denken, dann würde auch diese Umarmung ein Opfer für den Gewaltigen sein. Kantra tat, wie die Daja sie gelehrt hatte. Es glückte ihr, und als sie es erst gelernt hatte, ging kein junger Brahmane mehr enttäuscht und beschämt aus ihrer Kammer. Ihre Wangen röteten sich, ihre Brust schwoll, ihre Hüften reiften; sie trug ihren Kopf stolz und froh unter dem Gnadenstrahl Gottes, der aus Ramalingams dunklen, milden Augen und seinem beweglichen Mund auf sie herablächelte. Kantra sammelte Gold und Edelsteine. Sie lernte es, ihr Opfer kostbar zu machen; und wenn ein neuer Anbeter ihre Gunst suchte, beriet sie sich mit der Daja, die ihr treu zur Seite stand. Kantra schickte ihrem armen Vater und ihren Geschwistern, die sie auf den Armen getragen hatte, Geld. Seine Herde gedieh und vergrößerte sich. Amram war nicht mehr arm, seine Frauen blühten; bald wurde er der erste Mann in der kleinen Stadt und die Männer kamen zu ihm, um Rat und Hilfe von ihm zu erbitten, da das Auge des Gottes auf seiner Hütte ruhte. Je reicher er wurde, desto mehr war er von seinem Wert überzeugt, und er bezweifelte sogar, ob der Gott ihn für seine reiche Gabe auch genügend gelohnt habe. Alles, was Kantra opferte, opferte sie zu Ramalingams Ehre. Nur beim Gedanken an ihn glühten ihre Sinne auf. In den Nächten, wo er im Namen des Gottes bei ihr war, verlöschte ihre Seele, und ihr Körper lag in seinem Arm wie ein bebendes Opfer, das dem seligen Tod getreu ist. Diese Nächte aber wurden seltener und seltener. Ramalingam war nicht mehr jung; Kantra sah die Macht in seinen Augen schwinden, sie merkte die Ohnmacht am Beben seiner Hände, sie sah, wie seine Wangen schlaff und gelb wurden, und fürchtete, daß er krank sei. Sie weinte und sprach mit der Daja. Die alte Frau nickte und nickte, wollte aber nichts sagen. Sie hatte es schon lange gemerkt. Sie ging zu Ramalingam und vertraute ihm Kantras Klage. Der Brahmane suchte heimlich Aerzte auf; er gebrauchte alle Mittel, die er in alten Sanskrit-Büchern über die Kunst der Liebe fand. Für eine kurze Zeit glühte das Dunkel seiner Augen von neuem auf, für eine kurze Zeit wurden seine Hände wieder heiß und stark und lebendig; hinterher aber brach er zusammen. Und wenn Kantra ihn tags darauf vorm Altar sah, erschrak sie über seine gebrochene Gestalt, seine welken Züge. Sein beweglicher Mund war schlaff und müde, und es war, als ob sich die starken Linien seines Kinns gelockert hätten. Kantra zitterte vor Angst, daß der Gott den Körper verstoßen würde, der ihm viele Jahre so treu gedient und nur durch die Gewalt seiner Gefühle verbraucht war – sie fürchtete, daß der furchtbare Gott, der keine Barmherzigkeit gegen Schwache kannte, ihn wegwerfen und einen anderen wählen würde, der stark und warm genug war, um seine Fülle zu tragen. Kantra war verzweifelt, denn sie wußte nicht, wie sie dem Gott dienen sollte, wenn er nicht mehr in Ramalingams Gestalt zu ihr kam. Wenn sie sich nicht mehr in Ramalingams Arme hineinträumen könnte, würden auch die anderen, die zu ihr kamen, sich enttäuscht und beschämt von ihr wenden, wie in der ersten Zeit. Sie würde arm und gering werden, und wenn sie dem Gott keine Lust mehr zu opfern hatte, wie sollte sie ihm dann getreu bis in den Tod sein? Der Gott würde seine Augen von ihr wenden, sie würde alt und welk werden wie die Daja. Kantra schenkte ihr Gold und ihre Schmucksachen der Schatzkammer des Gottes, um ihn milde zu stimmen. Sie betete zum Lingam, dem aufrechten Stein, wie sie die Frauen beten sah, deren Schoß unfruchtbar war. Ramalingam sah es, ohne daß sie es wußte. Er sah die Tränenspuren in ihren Augen, er merkte die Angst an ihren Händen, die sich bebend um seinen Nacken schlossen. Er fühlte den Schmerz in ihrem Seufzer, wenn sie vergeblich darauf wartete, daß ihre Seele in der seinen vergehen und ihr Körper wie ein Opfer in seinen Armen liegen sollte. Er führte ihr junge Brahmanen zu, die er dazu auserwählt hatte; aber sie konnte ihnen nicht dienen, und er sah ein, daß auch Kantras Zeit vorbei sein würde, wenn der Tag kam, wo er dem Gott seinen Körper nicht mehr leihen konnte. Sie ward ihm teurer als je; er tat sein Aeußerstes, um sie zu erfreuen, und wenn ein seltenes Mal das Vergessen sie übermannte und das Opfer vollbracht wurde, dann weinte sie vor Freude in seinem Arm und wollte ihn nicht lassen, bevor es Morgen wurde. Aber es geschah seltener und seltener, und der Tag kam immer näher, wo man es nicht mehr vor dem Oberbrahmanen würde verbergen können. Dann würde der Gott, dessen Lager keine Nacht leer stehen durfte, sich durch den Oberbrahmanen einen neuen Körper wählen, und wenn Kantra diesem nicht dienen konnte, eine andere Dewadasi an Stelle der Treulosen. Da geschah es, daß ein kastenloser Fremder ihren Weg kreuzte. Helen erwachte mit einem tiefen Seufzer. Einen Augenblick lag sie und blickte suchend zur Decke; dann zog ihr Herz sich zusammen, während die Erinnerungen des gestrigen Tages über sie hereinbrachen: der glückliche Augenblick, als sein Blick auf den Grund ihrer Seele drang; das Mittagessen auf der Hotelveranda unter den roten Lichtern; die Fahrt in der funkelnden, tropischen Nacht, als ihr Kopf sich auf seine Schulter senkte und ihre Lippen sich gefunden hätten, wenn die Fahrt nicht so plötzlich unterbrochen worden wäre. Und das Wunderbare – die weiße Gestalt im Mondschein, und die Worte, die die Stimme in ihr Gemüt gesenkt hatte. Vorbei. Der letzte heftige Händedruck auf der Hoteltreppe – der letzte Schimmer des eckigen Kopfes mit den ernsten Augen, der sich zu ihr emporgehoben hatte, die unklare Ahnung in ihnen – und dann die plötzliche Dunkelheit. Als die Tür hinter ihm zufiel, machte sie eine Bewegung, um ihn zurückzurufen. Aber sie tat es dennoch nicht. Die unsichtbare Hand, die seit jener Nacht in der Wüste beständig über ihr gewesen war, wollte es nicht. War es Dasturan Dasturs im Mondschein leuchtende Hand, dieselbe, die er emporgehoben hatte, als er sagte: »Wehe demjenigen, der auf dem schmalen Pfad stolpert.« Helen stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Sie meinte, sie müsse sich niederwerfen und weinen, so brannte die Abschiedswunde. Als sie sich aber ihrem Schmerz hingeben wollte, war da etwas in ihrem Herzen, das sie von der Tür, die sich hinter ihm geschlossen hatte, zurückrief, hinaus in einen hohen, weiten Raum mit neuem Licht. »Mein armes, gequältes Herz kann nicht mehr weinen!« dachte sie. Was waren es für Töne aus dem Nebenzimmer? Ach, es war Schehanna, die sang. Helen hatte sie noch nie singen hören; es klang wie steigendes und fallendes Wasser. Helen öffnete die Tür und sah ins Zimmer. Schehanna stand mitten im Sonnenlicht, das durch die weitoffenen Fenster hereinflutete. Sie stand mit hocherhobenen Armen das Licht glänzte wie eine Glorie in ihrem dunklen Haar, das ihr noch von der Nacht ungeordnet um den Kopf hing. Schehanna hörte sie nicht, so sehr war sie in die auf sie eindringenden Erinnerungen ihres leichtbeweglichen Gemüts vertieft. Ihr schlanker Körper wiegte sich hin und her, während sie sang. Helen konnte nur das Wort Navsari unterscheiden, das sie beständig wiederholte. Helen rief sie an. Da wandte Schehanna sich um und senkte ihre Arme, während das Blut ihr in den Kopf stieg und ihre Pupillen verdunkelte. Es war nur eine augenblickliche Verlegenheit – dann glitt sie mit ihren lautlosen Schritten durchs Zimmer und schlang ihre Arme um Helens Nacken; ihre Augen wurden von Lächeln oder Tränen geblendet, oder vielleicht nur von dem hereinströmenden Licht, in das sie geblickt hatte. Sie legte ihren Kopf hingerissen an Helens Hals, die sie heftig an ihre Brust drückte. Schehannas Bewegung ließ auch Helens Herz überfließen; aber es war Schmerz, nicht Glück, der sich in Tränen auslöste; und als sie erst angefangen hatte, konnte sie nicht wieder aufhören; je mehr sie weinte, desto leichter wurde ihr ums Herz. Sie sprachen nicht. Worte waren überflüssig. Als Helen sich aber endlich ausgeweint hatte, und ein wehmütiges Lächeln durch den Tränentau brach, begann Schehanna zu erzählen, was sich gestern ereignet, wie sie ihren Adaran gefunden und Dasturan-Dastur getroffen hatte. Er hatte zu ihr von ihrem gemeinsamen Heimatort gesprochen, den er auch seit einem halben Jahr nicht gesehen hatte; so lange war er unterwegs gewesen, um die Tempel der reinen Lehre in Indien zu besuchen. Aber jetzt – heute – fuhr er zurück über das große Wasser, und dann ging es heimwärts. Er hatte sie eingeladen, mitzureisen, sie hatte ihm von ihrer wunderbaren Rettung erzählt, von Ralph und Helen; und er hatte sie beide gesegnet. Schehanna hielt inne, und Helen verstand, daß sie noch mehr gesagt hatte – was sich in der Wüste ereignet und was sich auf dem Dampfer zugetragen hatte. Von einer plötzlichen Eingebung getrieben, die sie selbst erstaunte, als sie ihr von den Lippen kam, sagte Helen: »Nimm mich mit.« Schehanna schwang sich herum vor Freude und preßte die Hände gegen ihre Brust. »Das wollte ich ja gerade – das wollte ich ja gerade.« Das Blut strömte Helen zum Herzen. Sie sprang auf in Angst wie jemand, der weiß, daß es das Leben gilt. – Sie griff nach Schehannas Händen, die sich ihr entgegenstreckten, als verstünden sie, daß man Hilfe von ihnen erwartete. Und Schehannas Blick begegnete dem ihren. Er war plötzlich tiefernst geworden, als ob er ihre bebende Seele zu einer reineren und stärkeren Seele, die sie nicht enttäuschen würde, emporhöbe. Schehanna, die zarte und scheue, nahm Helen, die stolze und starke und reiche, in ihre Arme wie eine Mutter; sie drückte ihre heißen Wangen, die noch feucht waren, gegen ihre Brust und flüsterte mit ihrer sanften Stimme die Gebete der guten Gedanken, guten Worte und guten Taten über ihrem Haupt. Eine Stunde später waren die Koffer gepackt, die Rechnung bezahlt und die Billette bei Cook bestellt. Helen schrieb den Brief an Ralph, und gegen elf Uhr brachte das Boot des Hotels, mit dem Portier an Bord, Helen und Schehanna und ihr Gepäck zum Dampfer, der zur Abfahrt bereit in dem stillen Wasser lag, das von Oel und Schmutz in allen Farben des Regenbogens schillerte. Sie suchten vergeblich nach Dasturan-Dastur. Er war nicht zwischen den Passagieren der ersten Klasse. Schehanna ging aufs Zwischendeck hinunter, durchsuchte alles von vorn nach achtern und kam freudestrahlend zurück. »Ich habe ihn gefunden. Ich sagte ihm, daß du mit seiest und er lächelte, als ob er es bereits wüßte.« Als der Dampfer sich in Bewegung setzte, wandte Helen sich zur Stadt um, wo Ralph zurückblieb. Es ging ihr wie ein Stich durchs Herz. Ob er jetzt wohl ihren Brief las? Und sie suchte Schehanna auf, um sich gegen den saugenden Schmerz zu wehren, der sie überwältigte. Schehanna verstand sie; sie nahm ihre Hand und zog sie mit sich übers Deck, wie ein Kind über alles Neue was sie sah, plaudernd, bis es ihr schließlich glückte, ein Lächeln auf Helens Lippen hervorzurufen. Helen schlief unruhig. Die Bewegungen des Schiffes wiegten sich in ihre Träume hinein; sie meinte, daß sie im Automobil an Ralphs Seite säße und die Schwankungen des Wagens sie immer näher aneinander drängten. Schließlich sprang sie auf, von dem funkelnden Licht geweckt, das durch das Ochsenauge fiel. Sie blickte über eine perlmutterfarbige Meeresfläche, die sich im Takt mit den Bewegungen des Schiffes hob und senkte. Die Sonne konnte sie nicht sehen, sie schien gerade aufzugehen, denn die Strahlen glitten unter das Sonnensegel längs der blanken Fläche. Sie kleidete sich schnell an, warf einen Blick zu Schehanna hinein, fand sie tief schlafend, und eilte aufs Deck hinauf, um in dem zunehmenden Licht Zuflucht vor der Sehnsucht zu suchen, die der Traum von neuem in ihrem Herzen lebendig gemacht hatte. Das Deck war öde. Auf der Kommandobrücke stand ein schläfriger Steuermann und blickte verstohlen zu ihr hinab, während sie hin und her wanderte. Unten auf dem Zwischendeck ging ein Matrose mit aufgekrempelten Beinkleidern und spülte die Planken, während er dabei flötete. Wie sie dort stand und übers Meer zu der fernen Küstenlinie hinüberblickte, die aus dem Nebel auftauchte, bemerkte sie mehrere große Vögel, die das Schiff umkreisten. Sie wandten den Kopf wachsam und neugierig zum Steven des Schiffes, als ob dort etwas sei, was ihre Aufmerksamkeit auf sich zöge. Helen folgte der Richtung ihres Blickes und entdeckte hinter der Ankerkette eine weiße Gestalt. Sie trat einige Schritte zur Seite und sah, daß es Dasturan-Dastur war. Hoch und allein stand er dort, das Gesicht auf die ferne Küste gerichtet. Er streckte die Hände aus. – Grüßte er die Sonne, oder reckte er sie dem Land seiner Sehnsucht entgegen? – Es sah aus, als flüstere er vor sich hin, als spräche er mit jemandem, der unsichtbar zugegen war. Er war es, den die Vögel kreisend mit ihrem Blick suchten. Zog er sie mit seiner Stimme zu sich heran? – denn er warf ihnen kein Brot hin. Lauschten sie einer Sprache, die er und sie gemeinsam hatten? – Sie stand in seinem Anblick versunken; da wandte er den Kopf zu ihr um und der Blick seiner wundersamen, strahlenden Augen traf sie wie an jenem Abend vor dem Adaran, als er die Worte flüsterte, die sie nicht vergessen konnte. Er hob die Hand zum Gruß und nickte wiedererkennend. Helen merkte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, als sie wiedergrüßte; dann wandte sie sich und kehrte zu ihrer Kajüte zurück. Sie fühlte seinen Blick im Nacken und hatte die größte Lust, zu ihm hinunterzugehen. Aber sie wagte es nicht, denn Schehanna hatte ihr von all den Rücksichten erzählt, die er nehmen mußte, damit nichts Unreines seinen Atem kreuze. Eine Stunde später begann das Leben an Bord sich zu rühren. Sportgekleidete Anglo-Inder trafen sich auf Deck und begannen gleich die Begebenheiten vom Hockey-Klub in Madras zu bereden. Eine alte englische Lady wurde von ihrer Kammerjungfer mit vielen Kissen in einen Liegestuhl gebettet, der ihren Namen trug. Jetzt zeigte Schehanna sich vor ihrer Tür. Es belustigte Helen, die Unruhe in ihren Augen zu sehen, während sie das Deck absuchten; ein tiefer, glücklicher Schlaf hatte sie verspätet. Helen versteckte sich vor ihr und sah, wie ihre Unruhe zu Angst wurde. Sie wirft sich vor, dachte Helen, daß sie mich zu lange allein gelassen hat; sie weiß, wie verwundet ich bin, und sehnt sich danach, mit ihren weißen, zarten Händen zu heilen. Die Tränen stiegen Helen in die Augen, und der Gedanke an den, den sie verlassen hatte, überwältigte sie von neuem. Helen sah Dasturan Dastur nur selten; als die Kajütenpassagiere und ihr Gepäck vom Dampfer auf die flache Küste von Tuticorin abgesetzt worden waren, wo der Madras-Expreß wartete, trennte der weiße Priester sich von den übrigen. Der Zugführer, der ihn zu kennen schien, wies ihm ehrerbietig ein Coupé zweiter Klasse mit herabgelassenen Gitterfenstern an, das für ihn reserviert war. Während der Reise sahen sie ihn nur ein einziges Mal, als er bei einer Kreuzungstation ausstieg, um auf einem anderen Wege die Stadt zu erreichen, deren Adaran er unterwegs besuchen wollte. Schehanna ging auf den Bahnsteig, um ihm einige Worte zum Abschied zu sagen, während sie mit gebeugtem Kopf und auf der Brust gekreuzten Armen vor ihm stand. Sie erfuhr, wann und wo sie ihn in Bombay besuchen sollte. Helen wagte ihr nicht zu folgen, aber während er sprach, weilte sein Blick auf ihr, und sie fühlte, wie damals an Bord, daß er in ihren Gedanken las und ihren Sinn prüfte. Zeitig am Morgen erreichten sie Bombay und fuhren durch die erwachende Großstadt zu dem mächtigen Taj-Mahal-Hotel, das am Kai lag und über das blaue Meer blickte. Schehanna hatte keine Ruhe, sie wollte gleich weiter nach ihrer Heimatstadt. Es kostete Helen Mühe, sie zu überreden, sich einen Tag und eine Nacht nach der zweitägigen Reise auszuruhen. Am Morgen brachte Helen sie zur Bahn. Schehanna hatte sie gebeten, sie zu begleiten, Helen aber wollte bei dem ersten Wiedersehen mit ihren Eltern nicht störend zugegen sein. Schehanna versprach, daß sie gleich schreiben und am übernächsten Tag zurückkehren wolle, um Helen zu holen, damit sie ihr die Orte zeigen konnte, von denen sie ihr so oft erzählt hatte. Als Helen vom Bahnhof zurückkehrte, bereute sie, daß sie nicht mit Schehanna gefahren war. Ein eisiges Einsamkeitsgefühl schnürte ihr das Herz zusammen. Sie blickte trostlos über die sonnenglühende Promenade, wo Parias den schweren Staub in runden Wölkchen auffegten, während elektrische Straßenbahnen wie in Europa vorbeiklingelten. Automobile mit geschäftigen Kontoristen rollten über den roten Kies. Engländerinnen machten ihre morgendliche Spazierfahrt. Vornehme Kinder kehrten vom Tennisplatz zurück, mit Gouvernante und Aya auf dem Vordersitz. Alle waren weiß gekleidet, daß es die Augen blendete. Sie sah einen hohen, spitzen Glockenturm in englischem Stil; ein massives Bankgebäude, eine öffentliche Bibliothek oder ein College aus solidem Granit; Schutzleute an der Ecke; Ladenfenster hinter blendenden, weißen Markisen. Große prahlende Reklameschilder und anderes internationales Geschäftsleben, das sie durch ganz Europa verfolgt und in Kairo vertraulich gegrüßt hatte, begegneten ihr hier wieder, erinnerten sie an die Heimat und machten das Gefühl von Vereinsamung noch bitterer. Sie ging in den mächtigen Speisesaal, um zu frühstücken. Das Orchester spielte dieselben Walzer, die sie in Kairo und Colombo gehört hatte. – Diesen hatte man bei Shepheard gespielt, als Ralph und sie aus El-Azhar zurückkehrten – zu den Tönen dieses Walzers und jenes hatte sie mit ihm auf dem Ball an Bord getanzt. Tränen stiegen ihr in die Augen, sie konnte nichts essen. Sie trank Kaffee in der großen Halle, die sich mit hohen Bogen zum Meere öffnete. Wie sie dort saß und in das blitzende Blau hinaussah, mit den fernen Dampfern auf der Reede, fühlte sie einen plötzlichen Schmerz in ihren Augen. Erst wurde es dunkel vor ihrem Blick, dann begann es zu flimmern, als ob die Luft von tausenden von spiralförmigen Würmern erfüllt sei. Sie schloß die Augen und hielt die Hand davor, bis der Schmerz nachließ und sie wieder sehen konnte. Als er aber kurz darauf zurückkehrte, ging sie auf ihr Zimmer, um die Augen zu baden. Sie war etwas schwindelig, während sie die breite teppichbelegte Treppe hinaufstieg, es verlor sich aber ganz, als sie ihr nasses Taschentuch eine Weile gegen die Lider gedrückt hatte. Wahrscheinlich habe ich die Sonnenglut heute morgen auf der Straße nicht vertragen können, dachte sie, und legte sich in den langen Liegestuhl; sie war müde und matt und schlief schließlich ein. Am nächsten Tage wäre Helen am liebsten auf ihrem Zimmer geblieben. Das Müdigkeitsgefühl wollte sie nicht verlassen, auch die Augen taten ihr weh. Sie konnte das Alleinsein aber nicht ertragen, Erinnerungen überwältigten sie. Sie sah ihr verflossenes Leben klarer vor sich als je. Ein erinnerungsschweres Bild nach dem andern erschien, bis Ralph die Bilderreihe unterbrach. Noch in Konstantinopel, auf der wunderbaren Fahrt durch das Marmarameer an Syriens strahlender Küste, war es das Leben um sie herum, Himmel und Meer in ihrer Lichtfülle. Gesichter und Typen gewesen, die in Bildern an ihrem Bewußtsein vorbeigeglitten waren. Auch Damaskus und Jerusalem hatten ihr eigenes Gepräge und Leben gehabt, wenn auch nebelhafter; von Kairo an aber war alles, was sie gesehen hatte, nur wie wechselnde Dekorationen gewesen, von denen Ralph und Schehanna und sie selbst sich abhoben; und schließlich trat alles Aeußere zurück, und sie sah nur ihn. Sie versuchte zu durchdringen, was eigentlich in jener wunderbaren Nacht in der Wüste geschehen war. – Was war es für eine Macht gewesen, die sie von ihm, dessen Bild sie unauslöschlich in ihrem Herzen trug, fortgezwungen und vielleicht für immer aus ihrem Leben entfernt hatte? Eine merkwürdige Doppeltheit war in ihrem Gemüt, als ob zwei Gesichter in ihrem Innern sich anstarrten, weit verschieden, obgleich beide ihre Züge trugen. Ein nagender Schmerz von Sehnsucht war in ihr – und dennoch fühlte sie mitten in ihrem Kummer einen Unterstrom von etwas Trostreichem. Sie schloß die Augen, lauschte lange erstaunt darauf und dachte: was geschieht mit mir? Welches Schicksal wird in meinem Gemüt vorbereitet? Oh, jetzt schnitt der Schmerz plötzlich wieder durch ihre Augen, und alles wurde dunkel und flimmerte. Sie stand auf und badete ihre Augen, bis der Schmerz nachließ. Anzusehen war den Augen nichts, sie waren weder rot noch trübe, im Gegenteil, der Blick war strahlender, die Pupillen größer und dunkler als vorher. Nach dem Frühstück fuhr sie mit einem Führer durch die Stadt; sie besuchte den großen Viktoria-Park mit seinen Tigern und Löwen; sie ritt auf dem ungeheuren Mietselefanten zusammen mit einer englischen Lehrerin und ihren Parsen-Schülern; sie fuhr durch die Stadt der Eingeborenen, wo sich das Leben vor den niedrigen Häusern in seinem ganzen bunten Schmutz abspielte. Sie sah die Markthallen mit den wunderbarsten Früchten und seltsamsten Fischen, und kehrte auf der breiten Promenade längs der Bucht unter herrlichen alten Bäumen zurück. Der Tag ging zu Ende, ohne daß Helen einen Brief von Schehanna bekam. Sie erkundigte sich beim Portier – zweimal am Tage kam Post – und schließlich beruhigte sie sich damit, daß das Wiedersehen Schehanna so überwältigt hatte, daß ihr keine Zeit zum Schreiben geblieben war. Auch am nächsten Tag kam kein Brief; als Helen zu Bett ging, sehnte sie sich sehr nach Schehanna. Jetzt, wo sie zu den Ihren zurückgekehrt ist, dachte sie mit einem tiefen Seufzer, bin ich ihr nichts anderes, als eine Fremde und Unreine. Aber sie bereute ihren Verdacht gleich wieder und tat Schehanna im Herzen Abbitte. Nachts hatte sie einen seltsamen Traum; sie erinnerte sich seiner nicht, als sie erwachte, nur ein Eindruck von Angst war in ihr zurückgeblieben. Als aber auch der dritte Tag zu Ende ging, ohne daß sie einen Brief empfangen hatte, wurde sie ernstlich besorgt. Sie überlegte, ob sie telegraphieren sollte, erfuhr auch, daß es ein Telephon in Navsari gab; aber sie hatte versäumt, sich die Adresse geben zu lassen, weil es so sicher gewesen war, daß Schehanna gleich schreiben würde. Hab ich beide verloren? dachte sie und brach einen Augenblick in Verzweiflung zusammen. Vielleicht war der Brief an eine falsche Adresse gegangen. – Schehanna mochte in ihrem Glücksrausch nur den Namen geschrieben, und die Adresse vergessen haben – oder war ihr etwas zugestoßen? Der Gedanke an ein Eisenbahnunglück, Ueberfall, Entführung fuhr Helen durch den Kopf. Was sollte sie machen? Da kam sie auf den Gedanken, den Portier nach Dasturan Dastur zu fragen. Er telephonierte zum Panchayat der Parsen und erfuhr, daß der Priester in den nächsten Tagen in Bombay erwartet würde. Helen fuhr zum Panchayat hinaus; es lag abseits in einem kleinen Haus, vor der Welt verschlossen. Sie wurde in ein halbdunkles Zimmer geführt, wo ein alter Mann sich vor einem Pult erhob und sich sagen ließ, was sie auf dem Herzen habe. Er suchte Schehannas Namen und Familie in einem großen Protokoll und versprach, daß er sich in Navsari erkundigen und Helen Bescheid ins Hotel schicken wollte. Es vergingen mehrere Tage, ohne daß ein Bescheid kam. Endlich am vierten Tage, als Helen zum Panchayat fahren wollte, sah sie einen jungen Mann in der Vorhalle stehen, in einem europäischen Rock, aber mit dem blanken, braunen, hellen Hut der Parsen auf dem Kopf. Der Portier stand dabei und versuchte die Adresse auf dem Brief, den er gebracht hatte, zu deuten. Als er Helen sah, wußte er Bescheid und gab ihr den Brief. Helen eilte auf ihr Zimmer, um ihn allein zu lesen. Er war auf englisch geschrieben und hatte keine Unterschrift. Dort stand: »Schehanna Modi, nach der Sie gefragt haben, ist in Navsari gewesen, hat die Stadt aber bereits vor einer Woche wieder verlassen. Sie fand nicht, was sie suchte. Ihr Vater ist bald nach dem Verlust seines Kindes vor Kummer gestorben; ihre Mutter hat das Haus verkauft und ist in eine große Stadt gezogen. Wir wissen nicht, wo sie ihren Schmerz verbirgt. Ahura-Mazda leite sie den einzig richtigen Pfad! – Ashem Vohu.« Helen ließ sich nicht Zeit zum Weinen, jetzt hatte sie all ihre Kraft und Klugheit nötig. Sie sah die zarte Gestalt von Schmerz zusammengebrochen – sie sah die verzweifelte Dunkelheit der großen Augen, hörte das leise Jammern tief in ihrer Brust. – Sie sah, wie sie die zarten Hände hilflos über der Brust preßte, während sie zu alten teuren Orten schwankte, wo ihr aus jeder Ecke, die jetzt in fremden Händen war, Erinnerungen entgegenflüsterten. Sie sah sie am Ufer und hörte sie den Namen ihres Vaters über den rinnenden Strom flüstern. Vor einer Woche, – sie hatte also nicht Freunde und Bekannte in Navsari aufgesucht – war nicht klagend von Haus zu Haus gegangen, sondern war gleich in die große Stadt zurückgekehrt. Vor einer Woche – wo war sie jetzt? – suchte sie ihre Mutter – aber warum war sie nicht ins Pachayat gegangen und hatte dort nach ihr gefragt? – Warum war sie nicht ins Hotel zurückgekehrt? Bedeute ich ihr nicht mehr, daß sie meinen Trost und meine Hilfe verschmäht? – Nein, nein, ihr mußte etwas zugestoßen sein. Helen schloß die Augen vor Schmerz. Da sah sie Schehanna in einer engen Gasse, die hilflosen Hände auf der Brust – sah die verstörten Augen, die suchend über einen Haufen Menschen flackerten, die sich um sie drängten, düster und arm. Dann verschwand das Ganze wieder, und Helen schlug die Augen auf. War es eine Vision gewesen? Sie fühlte plötzlich mit Bestimmtheit, daß Schehanna in Not war. Was sollte sie nur tun? Helen fuhr zur Polizei, wo sie einem jungen Sekretär ihre Not klagte. Er gab ihr das Versprechen, daß die Polizei ihr möglichstes tun wolle, um ihren Schützling zu finden, obgleich es eigentlich Sache des Panchayats sei. Er versprach, Helen zu benachrichtigen, sobald sie eine Spur gefunden hätten. Zwei Tage verbrachte Helen in unerträglicher Spannung. Sie fuhr stundenlang durch die große Stadt, durch die Viertel, wo die Parsen wohnen, in der kümmerlichen Hoffnung, daß der Zufall sie zusammenführen würde. Sie dachte einen Augenblick daran, Ralph zu telegraphieren, so allein und hilflos fühlte sie sich, aber sie unterließ es dennoch. Er konnte ja auch nicht mehr tun als sie. Es war der wärmste Tag, den sie erlebt hatte. Die Hitze und die ununterbrochene Spannung hatten ihr die letzten Kräfte genommen; zu der seelischen Not kamen noch die Augenschmerzen, die schlimmer waren als je. Sie sagte sich, daß es notwendig sei, einen Arzt aufzusuchen, aber sie konnte sich nicht dazu entschließen. Sie war ganz ohne Energie. Am Nachmittag lag sie in ihrem Zimmer mit einem nassen Tuch auf den Augen. Als der Schmerz endlich nachgelassen hatte, ging sie zu Bett und schlief gleich ein. In Schweiß gebadet fuhr sie in die Höhe. Es war stockdunkel um sie herum; sie wußte nicht, wo sie war. Ihr Herz schlug heftig und sie tastete voller Angst durch die bodenlose Oede, in der sie zu schweben meinte. Da hörte sie ein Klopfen an der Tür, und das Gefühl von Zeit und Ort kehrte plötzlich wieder. Sie zündete das elektrische Licht an und lauschte. Da klopfte es wieder, lauter als zuvor. Sie sprang auf, ging zur Tür und fragte, wer da sei. »Hier ist ein parsischer Priester,« hörte sie die Stimme des Portiers, »der Sie durchaus sprechen will.« Helen rief hinaus, daß sie in einigen Minuten unten im Salon sein würde. Sie sah nach der Uhr, es war fast zwölf. Ihre Hände zitterten vor Aufregung, als sie sich ankleidete. Was war geschehen? Als Helen hinunterkam, wartete der Portier auf der Treppe und wies sie in den kleinen Lesesalon. Dort stand eine vornübergebeugte, schmalschultrige Gestalt. Als Helen hereinkam, hob sie den Kopf und zwei große klare Augen trafen sie aus einem blassen, übernächtigen Gesicht. Er blickte sie unverwandt an, als wolle er sie bitten, ihm über die Kluft, die sie trennte, hinwegzuhelfen. »Schehanna?« fragte Helen und faßte nach einem Stuhlrücken, voller Angst vor dem, was sie zu hören bekommen würde. »Ich bin Darab,« sagte er mit leiser Stimme. Helen dachte einen Augenblick nach, dann erinnerte sie sich, wer es war. »Sie sind Schehannas –?« Sie hielt inne, um nicht an etwas Empfindsamem zu rühren – und sagte statt dessen: »Sind Sie nicht der junge Priester, den Schehanna von Kind auf gekannt hat?« Darab nickte. »Sie war meine Braut!« sagte er still. »Schehanna ist krank, sie liegt im Krankenhaus und hat mich gebeten, Sie zu holen.« Helen griff mit beiden Händen nach dem Stuhl. »Was ist geschehen,« flüsterte sie und sah ihn flehend an. Darab berichtete – mit wenig Worten – still und einfach, hin und wieder innehaltend, während er die Lider gesenkt hielt und der schmale Mund bebte, bis er wieder seiner Stimme Herr wurde. Helen stand vor ihm, den Blick in dem seinen, das Herz unter seinen Worten erzitternd. Darab erzählte, daß man Schehanna in dem Viertel der Eingeborenen gefunden hatte – hilflos und verstört, von Tür zu Tür schwankend, um nach ihrer Mutter zu fragen. Als die Polizei sich ihrer annahm, jammerte sie und setzte sich zur Wehr, weil man sie nicht weiter suchen lassen wollte. Niemand kannte sie und sie selbst konnte keinen Aufschluß über sich geben; sie hatte alles, was seit ihrer Entführung geschehen war, vergessen, wußte nichts mehr vom Hotel noch von Helen. Da ihre Augen in Fieber brannten, und sie sich kaum vorwärtsschleppen konnte, wurde sie zum Pestonji Kama, dem Parsen-Hospital für Frauen, gebracht. Dort hatte sie mehrere Tage bewußtlos gelegen, gestern aber war sie zur Besinnung gekommen und hatte sich ihrer Vergangenheit erinnert; sie hatte Darabs Namen genannt und man hatte nach ihm in Colaba geschickt. Das Wiedersehen hatte sie sehr angegriffen, aber sie gönnte sich keine Ruhe, bevor sie ihm alles von ihrer Errettung und von Helen und Ralph erzählt hatte. Obgleich es sie quälte, daß Helen trotz ihres Versprechens nichts von ihr gehört hatte, wollte sie nicht, daß man nach ihr schickte, bevor sie wieder etwas zu Kräften gekommen sei, um sie nicht zu betrüben. »Heute mittag versank sie in einen Halbschlummer,« schloß Darab und wich Helens Blick aus, »und als sie vor einer halben Stunde erwachte, bat sie mich, Sie zu holen.« Die Bewegung band Helens Zunge; sie konnte nichts sagen, nicht fragen, ihre Augen aber versuchten die Wahrheit von seinen Lippen zu lesen. Am stummen Beben um seinen Mund sah Helen, daß Schehanna sie gerufen hatte, weil sie fühlte, daß sie sterben sollte. Helen fuhr mit Darab zum Hospital. Durch eine moderne, luftige Halle kamen sie zu einem Gang, wo die Aller-Heiligen-Schwester, die die Nachtwache hatte, ihnen entgegenkam. Sie ging mit kleinen, lautlosen Schritten voran, wie ein Wesen, das der sanften Nacht angehört. Aus den Oeffnungen über und unter den Halbtüren klangen leises Husten, stilles Jammern. Der Karbolgeruch rief Kindheitserinnerungen in Helen wach; sie sah ihres Vaters Krankenhaus vor sich, wo sie selbst tätig gewesen war, wie jene blasse, eilfertige Schwester, die dort vor ihnen ging, nach einem langen, schweren Tag, mit Müdigkeit kämpfend. Die Erinnerung an ihren Vater vermischte sich auf seltsame Weise mit dem Bild von Schehanna. – Sie konnte ihren warmen, sprechenden Blick auf sich fühlen, es war gar nicht unheimlich, nur seltsam – unwillkürlich sah sie sich nach ihr um – gleichzeitig aber war Schehanna nicht neben ihr und nicht vor ihr, sondern schien in ihr selbst zu sein – der dunkle, schmerzvoll liebende Blick sah von innen auf sie. Der Eindruck war so lebendig, daß sie nicht einmal Erstaunen darüber fühlte. »Ihr Ferved eilt mir entgegen, weil sie fürchtet, daß ich zu spät komme,« sagte Helen – der Gedanke aber brachte ihr keinen Schmerz, er war nur wie eine Andacht in ihrem Herzen, – »und meines Vaters Ferved sieht, daß ich dem großen Augenblick meines Lebens entgegengehe, er hat seinen Anteil daran, weil er Anteil an mir hat – wir sind ja alle drei vereint.« Die Schwester blieb vor einer Tür stehen, die nur angelehnt war; sie drehte sich um und heftete ihre ernsten Augen streng auf Helen, als ob sie fragen wollte, ob sie auch wüßte, was ihr bevorstehe. Helen lächelte. Sie glaubt, daß ich mich fürchte, dachte sie – als ob irgend etwas in der Welt uns zu trennen vermag; und als die Schwester nach dem Türdrücker griff, dachte sie: was hat ihre kleine, zarte Hand für große, geschwollene Adern. Die Tür glitt lautlos auf. Ein hoher Raum, von einer einzelnen elektrischen Flamme oben in der Decke schwach beleuchtet, kahle Wände und ein Bogenfenster, das zu der dunklen Nacht hinausführte. Mitten an der Wand, mit dem Fußende ins Zimmer hineinragend, ein niedriges Bett – und auf dem weißen Kissen Schehannas schwarzes Haar, das schmale, weiße Gesicht und ihre großen, weitgeöffneten Augen. Die Wiedersehensfreude durchbrach das Dunkel des Blickes; ein Lächeln leuchtete auf. Der Seufzer: »So bist du also doch noch rechtzeitig gekommen,« löste die Spannung des schwachen Herzen, so daß die Brust befreit zusammensank und der Kopf zur Seite fiel, zu matt, um das Nicken, das er vorgehabt hatte, auszuführen. Um die erloschenen Lippen blühte das alte, unvergängliche Lächeln. Die Schwester, die sie hereingeführt hatte, zog sich zurück. Helen warf sich neben dem Bett auf die Knie und ergriff die Hände der Kranken. »Schehanna!« flüsterte sie, während Tränen ihr aus den Augen tropften. Schehannas schmale Hand glitt über Helens Schläfe. Sie lächelte Helen entgegen, als sei sie bereits dort, wo die Rede keine Worte und das Wort keinen Laut mehr hat, und der Gedanke wie eine Brise zwischen den Seelen streift. Die Krankenpflegerin kam mit Gläsern herein, die sie auf den Nachttisch setzte. Darab fragte sie flüsternd, warum die Kranke hierher gebracht sei; vor einer Stunde hatte er sie im Gemeinschaftssaal verlassen. Die Schwester ließ ihren Blick über die Kranke schweifen und antwortete nicht. Schehanna aber hatte seine Frage verstanden und antwortete für sie: »Weil ich sterben muß.« Dabei strahlten ihre Augen. Sie richtete ihren Blick auf Darab, der am Fußende des Bettes stand, und flüsterte: »Erinnerst du dich noch des Flusses?« Darab beugte sich vor; er nickte, sprechen konnte er nicht. »Wir begegneten Dasturan Dastur. Weißt du noch – Wer sich rein wie das Licht bewahrt, soll die weiße Haoma auf dem Berge Elbur pflücken und ein ewiges Leben haben.« Darabs Tränen fielen auf Schehannas Hand. »Warum weinst du?« Ihr Blick wurde dunkel und betrübt, »ich werde bei dir sein, wenn du mich rufst.« Helen küßte ihre Hand, und Schehanna strich ihr übers Haar. »Vergiß mich nicht,« flüsterte sie – Helen horchte ihr die Worte aus der Brust – »vergiß nicht das Licht –« Sie schloß die Augen, die Kugeln zitterten unter den durchsichtigen Lidern und ein Krampf ging durch ihren Körper, der sich darunter wand. Die Aller-Heiligen-Schwester beugte sich über das Kopfkissen und faßte nach ihren Schultern, um sie zu stützen. »Bahram,« seufzte sie, »meine kleine blasse Blume –« Darauf drehte sie den Kopf, als ob jemand neben sie getreten sei. Ihre Hand bewegte sich unruhig – versuchte sie eine andere Hand zu greifen? »Sei nicht böse,« bat sie, »du befreitest mich aus der Dunkelheit – jetzt kämpfe ich für dich um das Licht.« Sie schlug die Augen auf und blickte sich im Zimmer um, bis ihr Blick Helen traf. »Alles ist weit, weit fort – so nebelhaft –« Ihre Hände tasteten über Helens Kopf, und Helen näherte ihr Gesicht dem ihren. Sie sah an ihrem Blick, daß sie an Ralph dachte. »Warum brennen deine Augen?« flüsterte sie und strich mit ihrer fieberheißen Hand über Helens feuchte Lider – »tun sie dir weh?« Helen nickte: »Sie haben mir seit mehreren Tagen weh getan.« »Fürchte nichts! – Eines Tages wird er im Licht zu dir kommen.« Sie strich ihr liebevoll über die Stirn. »Tun sie dir sehr weh?« fragte sie, als sei sie ein Kind auf ihrem Schoß. »Sei geduldig – der heilige Geist wird dich zum See Kasava geleiten – dort sollst du baden und die Augen des Reinen werden sehend werden.« Eine Erinnerung dämmerte in ihr und glühte in ihren Augen auf. Sie tastete mit der Hand über die Kette, die sie am Halse trug, – eine silberne Kette mit vielen kleinen Amuletts: eine Hand, ein Fisch, ein Hakenkreuz, ein Anker, eine Schlange. Es war die Kette, die die Zigeunerin in Konstantinopel Ralph gegeben und die er später um Schehannas Hals gehängt hatte. Sie bringt Glück, hatte er gesagt. Sie hatte keine Kraft mehr, sie zu lösen; als Helen aber sah, was sie wollte, hob sie Schehannas Kopf vorsichtig vom Kissen und nahm ihr die Kette ab. Schehanna ließ sie durch ihre dünnen Finger gleiten, während sie der Erinnerung, die sich daran knüpfte, zulächelte. Während sie sie Helen um den Hals hing, wurde ihr Blick groß und feierlich; ihre Lippen bewegten sich und Helen hörte sie flüstern: »Du strahlende Jungfrau – du sollst Astvatereta empfangen.« Ihre Hände fielen müde auf die Brust herab; ihr Kopf sank zur Seite wie eine Blume, deren dünner Stengel verwelkte. Mit seligen Augen starrte sie zum Schatten an der Decke hinauf. »Seht, – die Tchinvat-Brücke!« Sie öffnete die Hand und streckte sie zur Seite, als ob sie sie jemand reichte, der neben ihrem Bett stand. »Führ mich hinüber – ich bin bereit!« Und ihre Augen bewegten sich unter den Lidern, als ob teure, bekannte Seelen um sie herumständen und auf ihren letzten Blick warteten. »Ich komme,« flüsterte sie, und ihre Stimme wurde leiser und leiser, schließlich war sie nur noch ein Atemhauch. »Oh, hier ist es leicht zu wandern, seht, die Wage, wie sie leuchtet – wer den einzig richtigen Pfad wandelt –« Die Worte erstarben auf ihren Lippen. Die feine Falte um den Mundwinkel erschlaffte in einem glücklichen Lächeln, das sich bebend allen Linien ihres Gesichts mitteilte, während die Lider in seliger Müdigkeit über die Augenkugeln herabfielen. So lag sie, bis ihre Brust mit Seufzen und Stöhnen zu arbeiten begann, und ihre Finger unruhig über die Decke tasteten. Darab kniete neben ihrem Bett nieder und nahm ihre Hände, um ihnen Ruhe zu geben; die Hände aber widersetzten sich, es zuckte unruhig über ihren Brauen. Plötzlich bekam ihr Gesicht einen lauschenden Ausdruck; sie wandte den Kopf zur Tür; obgleich ihre Augen noch immer geschlossen waren, schien es, als ob sie unter den Lidern dorthin blickten. Mit einem Seufzer fiel sie zur Ruhe. Helen hörte Schritte und sah, daß Dasturan Dastur in der Tür stand. Die Krankenpflegerin legte ihr Ohr auf das Herz der Kranken, lauschte eine Weile, erhob sich dann und sagte: »Noch atmet sie.« Helen machte dem Priester Platz. Um den schmalen Mund lag ein wundersames Lächeln, wie er dort stand, den langen, weißen Bart in seiner linken Hand, während er auf das blasse, glückliche Gesicht herabblickte. Er legte seine Hand auf ihre Stirn. Schehanna schlug die Augen zu ihm auf, und das Lächeln seines Mundes glitt auf ihr Antlitz über, als ob sie im selben Augenblick das sähe, was er sah, und dazu lächelte. »Rein ist deine Stirn, rein ist dein Mund, rein ist deine Seele.« Helen kniete mit den andern nieder, während der Priester das Todesgebet sprach. Sie verstand nichts davon und dennoch drangen ihr die Worte ins Herz. Als er geendet hatte, beugte er sich über Schehanna; klare Glückstränen perlten in ihren großen Augen, während ihr Blick fest in dem seinen ruhte. Er legte seine Hand auf ihre Stirn und betete das Glaubensbekenntnis, das Schehanna Wort für Wort wiederholte, ohne daß ein Laut über ihre Lippen kam. Darauf wandte er sich zu Darab, der sich erhob und die Handtasche öffnete, die Dasturan Dastur mitgebracht hatte. Er nahm eine zugebundene Lehmkruke heraus und goß etwas von ihrem Inhalt in eine Kupferschale, über die er eine weiße Serviette breitete und sie ans Bett trug. Es war der Unsterblichkeitstrank, der heilige Parahom, im Allerheiligsten des Adaran aus dem Saft von Haoma- und Granatzweigen bereitet, mit geweihtem Wasser und geweihter Milch vermischt. Darab band Dasturan Dastur den Pedanschleier vor Nase und Mund, damit kein menschlicher Atem das Göttliche berühren sollte. Der Priester nahm die Schale, näherte sie Schehannas Mund, und ließ einige Tropfen auf ihre Lippen fallen. Nachdem Schehannas Mund sich um den heiligen Trunk geschlossen hatte, deckte er die Schale wieder zu und reichte sie Darab. Dasturan Dastur kniete wieder, umfaßte Schehannas Hände mit seinen beiden und drückte sie gegen sein Herz, während er mit lauter, singender Stimme Ahuna-Vairyu, das Gebet der einundzwanzig Worte sprach. Nach dem Gebet blieb er noch eine Weile liegen, ihre Hände in den seinen, den Blick unverwandt auf den ihren geheftet. Dann legte er ihre Hände kreuzweise über die Brust und erhob sich. Als Helen sich vorbeugte, um Schehanna das letzte Lebewohl zu sagen, sah sie, daß ihre Augen gebrochen waren. Auf dem weißen Antlitz leuchtete ein großes Lächeln. Helen legte schluchzend den Kopf auf ihre Brust. Sie vergaß alles um sich her beim Gedanken an das Herz, das jetzt unter ihrer Wange erkaltete. Da legte eine Hand sich auf ihren Kopf. Sie blickte auf, es war Dasturan Dafturs. Er sagte nichts, sah sie nur an; bei seinem Blick aber wich ihre Sorge einer befreienden Freude, wie sie sie noch nie empfunden hatte. Sie folgte der Eingebung ihres Herzens, ergriff seine Hand und drückte sie gegen ihre Augen. Helen lag bis spät in die Nacht hinein wach. Sie weinte nicht, denn Schehanna war bei ihr in ihrem Herzen. Noch nie war sie ihr so nah gewesen, es war, als ob sie flüsterte: wir werden uns nie mehr trennen. Und in ihrem Innern war ein dämmerndes Licht. In ihren halbwachen Träumen meinte sie, das Licht sprieße aus einem Lichtkorn, das in der Nacht in der Wüste in ihr Gemüt gelegt worden war. Dort hatte es die ganze Zeit gelegen, bis Schehannas Segen es gehoben und Dasturan Dasturs Hand die Keimblätter zur Entfaltung gebracht hatte; und jetzt lag es wie ein kleiner leuchtender Keim auf dem Grunde ihrer Seele. Am dritten Abend nach Schehannas Tod schickte Dasturan Dastur Helen die Mitteilung, daß die Seele den toten Körper verlassen und ihre Wanderung auf der schmalen Brücke begonnen habe, wo Diven und Darvanden schwärmen, die die Seele zu sich ins Dunkel herabzuziehen versuchen. Sie wandere an der Hand des Erzengels auf die goldene Wage der Gerechtigkeit zu, auf der ihre Gedanken, Worte und Taten gewogen werden sollten, bevor der hohe Richter Mithra sie nach Bihisht, dem Reich des Lichts, führen konnte, wo die Guten wohnen. Am nächsten Morgen um zehn Uhr sollte die Leiche zum Turm des Schweigens gebracht werden, und Helen sollte zur Pforte in der weißen Mauer kommen, wenn sie Schehanna die letzte Ehre erweisen wollte. Helen fuhr zu der Malabar-Anhöhe hinaus, die ihre Tempel und Bungalow-Gärten über die blaue Bucht erhob. Sie fuhr den Zickzackweg zwischen Anlagen und blühenden Büschen zur Mauer des Tempelgartens hinauf, wo hohe Zypressen zum Himmel strebten, wie Seelen nach Licht, während Dunkelheit ihre Wurzeln umklammert hält. Der Wagen hielt am Ende einer breiten Allee und Helen stieg aus. Eine weiße Mauer schlängelte sich vom Fuß der Anhöhe herauf, kreuzte die Allee und führte in sanfter Steigung zu dem offenen Tor auf der Spitze der Anhöhe, wo das Dach des weißen Adaran zwischen Palmen und Zypressen sichtbar wurde. Bei einem kleinen Holzpavillon wartete ein alter Mann in Mobedtracht. Er verneigte sich vor Helen und sagte, daß er sie in den Tempelgarten geleiten sollte, wo Dasturan Dastur sie erwarten würde, wenn die Leiche vorbeigetragen und die heilige Handlung vorbei sei, der sie nicht beiwohnen dürfe. Er führte Helen nach rechts, wo die Mauer am niedrigsten war. Von hier konnte sie den Weg des Todes hinabblicken, der sich zwischen weißen Mauern mit breiten, niedrigen Stufen zur Anhöhe zog. Sie hatte noch nicht lange gewartet, als der Leichenzug bei einer Biegung weiter unten auftauchte. Vier Nasr-Salars, Totenträger in weißen Gewändern, trugen eine lange, schmale Bahre auf ihren Schultern, auf der die Leiche ausgestreckt lag, von Scheitel bis Fuß in blendende, weiße Tücher gehüllt. Nach ihnen kamen zwei alte graubärtige Männer und nach ihnen wieder Darab und ein anderer junger Mobed, alle weiß gekleidet; das war das ganze Gefolge. Plötzlich merkte Helen eine Unruhe in der Luft über ihrem Kopf. Sie sah in die Höhe; zwei große Geier hatten sich von den hohen Bäumen auf der andern Seite der Mauer erhoben und kreisten über der Bahre, indem sie ihre kahlen, gelblichen Köpfe herabstreckten; bald legten sie den Kopf auf die eine, bald auf die andere Seite, und aus den gebogenen Schnäbeln klang ein knarrendes Flüstern, als zankten sie sich über das, was sie sahen. Es durchschauerte sie; sie blickte zur Seite und begegnete Darabs Blick. Der Leichenzug erreichte die letzten Stufen und den Torrahmen, schwenkte um die Ecke und verschwand hinter der Tempelmauer. »Erst wird gebetet,« sagte der Alte, als Helen Miene machte, zu folgen. Einige Minuten vergingen, da erklangen drei klare Glockenschläge. Der Alte an Helens Seite faltete die Hände auf der Brust und wandte sich der Sonne zu. Wieder erklangen drei Schläge und kurz darauf noch drei, die zitternd in der stillen Luft verklangen. Bei jedem Glockenschlag murmelte der Alte sein Gebet, und Helen erriet, daß es die bösen Gedanken, bösen Worte und bösen Taten waren, die mit Glockenschlägen und Gebeten fortgemahnt wurden. Sie warteten noch eine Weile, bis oben auf Fliesen Schritte ertönten. Der Alte öffnete die Pforte der Mauer, ging zum Tor hinauf, guckte hinein und winkte ihr, daß sie kommen sollte. Helen stand in dem offenen Torrahmen und blickte in den großen stillen Garten hinein – mehr ein Garten des Lebens als des Todes – wo die Parsen hingehen, um in dem Schatten ewig grüner Bäume die Seelen zu treffen, die der Tod von der Fessel der Dunkelheit befreite – wo sie hingehen, um an der Seite des Teuren zu sitzen und der Stille zu lauschen, die ihrem Herzen etwas von dem Leben zuflüstert, das durch den Tod geboren worden ist. Gerade vor ihnen führte die Allee zu den Türmen hinauf, sie war mit Kies belegt und von Unkraut und Staub gereinigt. Jetzt bog der Leichenzug von einem Seitengang in die Allee ein und bewegte sich langsam und schweigend, bald im Schatten, bald in der Sonne, so daß die weißen Gewänder leuchteten. Helen blickte zum Tempel hinauf. Dort stand Dasturan Dastur auf der obersten Stufe, die zu dem Vorhof des Adaran hinaufführten – er nickte ihr zu, und während er auf sie zuging, warf Helen einen Blick auf den heiligen Ort. Links war ein Brunnen, eine hohe Kumme mit einer Marmorstufe, wo ein junger Herbad im Begriff war, Wasser aufzuwinden; an jeder Seite des langen, viereckigen Vorhofes saßen weißgekleidete Parsen längs der Mauer, in stille Gebete vertieft. Am Ende des Hofes war die Tür zum Tempel geöffnet; in der Tiefe desselben, hinter einer Gittertür, sah sie die hohe Feuervase auf ihrem Steinfuß, die Feuerkrone hing von einer Kuppel auf sie herab. Der Zot ging lautlos hin und her, mit Handschuhen an den Händen, den weißen Padanschleier vor Nase und Mund. Aus der Tür wogte der duftende Rauch von Sandelholz, das der Zot bei der Totenmesse mit einer Silberzange auf das heilige Feuer gelegt hatte. Dasturan Dastur nahm ihre Hand in seine und führte sie durch eine Blumenanlage mit schmalen, zierlichen Fußwegen zu einer niedrigen Steinmauer, die den Garten abschloß. Vor ihnen, einige hundert Schritte jenseits der Mauer, erhob sich der größte der fünf Türme des Schweigens, von hohen, schlanken Palmen umgeben; er war rund und weiß, mit kahlen, lotrechten Wänden, wie ein zweistöckiges Haus. Ringsherum war die Erde ausgehölt, nur gerade in der Mitte führte ein Erdweg zwischen zwei niedrigen Mauern von Stein zu einer viereckigen Oeffnung, die wie ein schwarzer Fleck mitten in der Mauer saß. Dasturan Dastur sagte nichts, fuhr nur fort, ihre Hand in der seinen zu halten, während er zum Turm hinüberblickte. Auf der Mauerzinne saßen ein paar alte Geier und wackelten müde mit den Köpfen, die sie zwischen den Schultern geduckt hatten; ein dritter ordnete seine verfilzten Federn mit Schnabel und Krallen. Von einer Palme flog ein anderer durch die hohe, klare Luft quer über den Turm, und jetzt entdeckte Helen, daß ringsherum in den Bäumen Scharen von großen Vögeln zwischen den Blättern saßen. Der Leichenzug bog jetzt von der Allee links ab. Während Darab und der andere junge Mobed zwischen den Bäumen stehenblieben, gingen die vier Totengräber mit der Bahre auf den Turm zu, von den beiden Alten gefolgt. Als die Bahre mit der weißen Leiche in der Sonne auftauchte, erhoben die Totenvögel sich aus ihrem Versteck in den Bäumen; sie schlugen mit den mächtigen Flügeln und umkreisten den Turm mit gestreckten Hälsen. Indem die Bahre die Oeffnung in der Mauer erreichte, ließen die Vögel sich in einer Reihe auf dem Mauerrand nieder, ohne Geschrei und Streit, als hätte jeder seinen vorherbestimmten Platz, junge und alte durcheinander. Die vier Nasr-Salar stellten die Bahre auf den Rand der Oeffnung, schoben sie in das Dunkel hinein und traten zurück, während die beiden Alten zu der Luke hinaufkrochen und sie zuzogen. Als Schehannas Leichnam in der Dunkelheit des Turmes verschwand, war es mit Helens Selbstbeherrschung vorbei. Als würde es ihr erst jetzt richtig klar, was mit dem zarten Körper geschehen sollte, begann sie plötzlich zu zittern; die Knie versagten ihr und das Herz hämmerte in ihrer Brust. Am liebsten wäre sie davongelaufen, aber sie fühlte sich zu schwach dazu, und Dasturan Dasturs Hand hielt sie zurück. Die großen Vögel bewegten sich unruhig. Sie stießen sich gegenseitig und breiteten die Flügel aus, um das Gleichgewicht zu bewahren, während sie sich über den Mauerrand reckten, um in das Innere des Turmes hinabzusehen. »Jetzt wickeln sie die Leichentücher ab,« sagte Dasturan Dastur, und Helen sah es vor sich, wie die beiden Männer den Leichnam hoben und die Tücher entfernten. »Jetzt geben sie den Körper der Dunkelheit zurück, nackend wie aus Mutters Leib. Auf dem schmalen Rundgang tragen sie ihn zu dem Platz, der zwischen weißen Knochen für ihn ausersehen ist, – sieh, jetzt liegt das, was Schehannas Behausung war, auf dem Rost unter dem Auge des Himmels.« Helen schloß die Augen, aber es half nichts; als ob es weder Dunkelheit noch eine trennende Mauer gäbe, sah sie den nackten Körper ausgestreckt, den Kopf mit dem langen, losen Haar zur Seite geneigt, wie im Schlaf. »Sieh, wie die Todesvögel den Hals nach ihrem Futter recken!« Kalter Schweiß trat auf Helens Stirn, das Herz tat ihr weh, aber Dasturan Dastur ließ ihre Hand nicht los. Die Falltür ging in die Höhe, die beiden Männer kamen zum Vorschein und sprangen zur Erde. Im selben Augenblick erhoben die Vögel sich, ein Gewirr von Riesenflügeln überschattete den Turm, seltsame, halb lüsterne, halb klagende Laute klangen durch die Luft. Die Männer zogen die Luke hinter sich zu, und in dem Augenblick, wo sie mit einem Knall zufiel, falteten die Vögel ihre Flügel zusammen, stürzten sich mit heiserem Jubelgeschrei hinab und verschwanden unter der Zinne. Die Männer gingen fort, ohne zurückzusehen, der eine trug das Leichentuch, der andere die Bahre. Sie sah das Gesicht, das sie liebte, – die Augen, die noch in ihrem Herzen leuchteten, den zarten, unschuldigen Körper, den kein unreiner Gedanke jemals befleckt hatte, wehrlos den lüsternen Schnäbeln preisgegeben. Sie rang nach Atem und stöhnte bei der Vorstellung. Dasturan Dastur faßte ihre Hand fester und sagte: »Das blasse Antlitz war nur der leere Spiegel ihrer Seele. Der Glanz ihrer Augen war nur der Tau von dem reinen Atemhauch ihres Herzens. Das Auge selbst war das Auge der Dunkelheit. Sieh, jetzt nimmt der Totenvogel das linke, – er löst es mit einem einzigen Hacken seines Schnabels, und sieh, sein Weibchen nimmt das rechte. Dort tauchen sie über der Zinne auf – sie fliegen zu dem großen Baume dort drüben, um den Kleinen im Nest das Beste zu bringen.« Helen weinte; sie versuchte ihre Hand aus seiner zu ziehen, Dasturan Dastur aber zog sie näher zu sich heran und hielt sie fest. »Warum weinst du? – Hat nicht die Dunkelheit ein Recht auf das, was des Dunkels ist, und das Licht auf das, was des Lichtes ist?« Wieder blickte er mit leuchtenden Augen hinüber, als durchdringe er Mauer und Dunkelheit. »Siehst du den, der seine Krallen in ihr Haar gegraben hat, sieh, jetzt beißt er ihre Kehle durch – und der, der seine Klauen in ihre weiße Brust geschlagen hat, er sucht nach dem toten Klumpen, der einst ihr Herz war.« Helen schloß die Augen, es war, als ob ihr das Herz in der Brust erstarrte. »O nein,« bat sie, während ihr die Tränen über die Backen liefen; sie lehnte sich an ihn, um nicht umzusinken. Er drückte ihre Hand, um ihr Kraft zu geben und sagte: »Warum weinst du? – Sieh, Schehanna steht ja an deiner Seite.« Da war es, als ob eine Hand um ihr Herz faßte und ihr Leben von ihrer Wärme gäbe; es war, als fühlte sie Schehannas Atem auf ihrer Wange, als flüstere ihre sanfte Stimme ihr ins Ohr, sie schlug die Augen auf und begegnete Dasturan Dasturs leuchtendem Blick. Sie atmete tief in unsagbarer Rührung, matt nach dem großen Schmerz, der so plötzlich von ihr genommen war, und ihre Tränen versiegten. Als er sah, daß sie nicht mehr bebte, daß ihr Herz sie nicht mehr schmerzte, lächelte er und drückte ihre Hand. »In einer halben Stunde ist es vorbei. Dann hat die Dunkelheit genommen, was der Dunkelheit gehört, und Schehannas Ferved ist in dem Reich des Guten, das hier und dort ist, in dir und in mir, das überall dort eindringt, wo die Dunkelheit hinausgedrängt wird.« Sie gingen durch den Garten zurück. Helens Herz war zu erfüllt von dem Erlebten, als daß sie sprechen konnte. Als sie aber am Tore standen, und Dasturan Dastur ihre Hand ergriff, um ihr Lebewohl zu sagen, da blickte sie über den Weg des Todes, der längs des Hügels auf die Welt und die unbekannten Wege, die ihrer harrten, zuführte, und eine Angst so plötzlich und so heftig überfiel sie, daß sie seine Hand preßte und sagte: »Was soll ich tun? – Wo soll ich hingehen? – Ich bin ja ganz allein.« Dasturan Dastur blickte ihr lange und fest in die Augen; um seine schmalen Lippen unter dem weißen Bart lag das seltsame Lächeln, das sie bereits an Schehannas Totenlager gesehen hatte. »Gehe deinen Weg nur ruhig weiter,« sagte er, »folge dem Licht, das in deinem Herzen dämmert, trage die Bürde der Dunkelheit ohne Bitterkeit und Zorn, und du wirst den Gott finden, den du suchtest, als du in die Welt reistest. Wer den einzig richtigen Pfad wandert, dem wird es des Guten wegen besser ergehen.« Sie nahm den Trost seiner Worte in ihrem Herzen auf, gleich darauf aber dachte sie: wenn ich nur nicht so allein wäre, niemand, für den ich leben, niemand, den ich lieben kann – und ihre Gedanken suchten schmerzlich Ralph. Dasturan Dastur sah, was sie dachte und sagte: »Komm morgen vormittag zu mir ins Panchayat, dann werde ich dir etwas mit auf den Weg geben, was dir helfen wird.« Als Helen am nächsten Morgen erwachte, war ihr Gemüt nach einem festen Schlaf zur Ruhe gekommen; aber sie war matt und ihr Körper war wie zerschlagen, als habe sie tags vorher einen langen Weg gemacht und sich todmüde zur Ruhe gelegt. Beim Portier erkundigte sie sich nach dem Fahrplan; sie wollte nicht länger in Bombay bleiben, wo alles sie an die Angst und den Schmerz, den sie durchlitten hatte, erinnerte, sondern noch am selben Abend weiter nach Agra reisen, wohin sie bereits in Colombo bei Cook ein Billett gelöst hatte. Sie versuchte zu erraten, was es wohl sein könnte, was Dasturan Dastur für sie habe, und sobald sie gefrühstückt hatte, fuhr sie zum Panchayat hinaus. Sie wurde in dasselbe halbdunkle Zimmer geführt, wo sie schon einmal gewesen war. Der alte Mann hinter dem Pult erhob sich, aber diesmal fragte er nicht, er wußte von ihrem Kommen und ging ins Nebenzimmer, um sie zu melden. Während Helen wartete, erlebte sie von neuem die Angst und Spannung, die sie das letztemal hier ausgestanden hatte. Es waren nur elf Tage her. Wie war alles verändert. Wie hatte sie sich selbst verändert! Die Sorge um Schehanna war nicht mehr eine offene Wunde, sondern eine heilige Wehmut, mit einer seltsam unbestimmten Sehnsucht vermischt. Obgleich sie oft in einer plötzlichen Wärmeaufwallung Schehanna bei sich fühlte, blieb dennoch ein leerer Platz neben ihr. Keine Hand, die der ihren in einem warmen Druck begegnete, wenn sie sie ausstreckte, kein Ohr, in das sie hineinflüstern, kein tiefes, feuchtes Auge, in das sie ihren Blick senken konnte. Die Tür ging auf und Dasturan Dastur stand im Zimmer, aber er war nicht allein; an jeder Hand hielt er ein kleines Parsenmädchen, in feinen, reinen Musselinkleidern, mit Seidenschleiern über den dunklen Köpfen. Sie waren kaum drei Jahre alt und glichen einander auf ein Haar. »Es sind Zwillinge,« sagte er, »die ihre Mutter vor einem Monat verloren haben, ihr Vater starb im vorigen Jahr. Sie sind aus dem uralten Stamm der Sanjana, demselben, dem auch Schehanna angehörte. Sie sollen zum Orphanat in Kalkutta. Liegt das nicht auf deinem Wege?« Die Kleinen verschlangen Helen mit weit aufgerissenen Augen, während sie sich gegen Dasturan Dasturs Knie drückten. »Nimm sie mit dir auf deiner Reise und bringe sie der Vorsteherin des Parsen-Orphanats. – Ich will dir einen Brief an sie mitgeben – willst du?« Helen erinnerte sich der Kinder, die sie zu Hause zurückgelassen hatte, und der ganze mütterliche Drang ihres Herzens, denen zu helfen, die Hilfe not hatten, glühte wieder in ihr auf. Sie kniete neben den Kleinen nieder und vergaß zu antworten. Und sieh, die eine streckte ihr eine kleine runde Hand entgegen, die dieselbe helle Olivenfarbe hatte wie Schehannas. Als die andere es sah, tat sie das gleiche, und Helen lag auf den Knien, mit zwei kleinen, warmen, klopfenden Pulsen dicht an ihrem Herzen. Wie er in meinem Sinn zu lesen versteht, dachte sie, er kennt mich besser, als ich mich selbst kenne. Sie sah zu ihm auf und dankte ihm mit einem Blick. »Sei Vater und Mutter für sie,« sagte er, »und sie werden Vater und Mutter für dich sein.« Helen dachte: wenn ich mich von ihnen trennen muß, wird es einen neuen Herzenskummer geben; vielleicht ist es besser für mich und sie, wenn ich es abschlage. Sie erhob sich und fragte in einer plötzlichen Eingebung: »Kann ich sie nicht ganz behalten?« »Nein, sie gehören zu uns und wir wollen keinen von den Unsern hergeben.« »Was kann es dann nützen,« sagte Helen mißmutig. Dasturan Dastur sah sie an und antwortete: »Ihr Licht ist dein Licht, denn du und sie seid eins.« Helen verstand nur unklar, was er meinte, die klaren Kinderaugen aber zogen sie an. Sie beugte sich wieder herab und drückte die beiden dunklen Köpfe gegen ihre Brust. Dasturan Dastur sagte, daß die eine Astva hieße und die andere Anahita. Astva und Anna will ich sie nennen, dachte Helen. Er bot ihr an, daß er ihr ein parsisches Kindermädchen für die Reise verschaffen wolle, Helen aber schlug es ab, sie wollte sie selbst hüten, und erzählte von dem Hospital ihres Vaters, von der Tätigkeit, die sie in ihrer Heimat zurückgelassen hatte. Dasturan Dastur nickte, als ob er es schon lange gewußt hätte. Hatte Schehanna es ihm erzählt, oder war es wirklich möglich, daß das Licht dieser Augen das durchdringen konnte, was in ihrem Gemüt verborgen war, daß er wie in einem Buch zu lesen vermochte, was mit sichtbaren Zeichen in der Erinnerung geprägt stand? Als Helen von dem Priester Abschied nahm, legte er seine Hand auf ihre Stirn und flüsterte einige Worte, ein Gebet oder einen Segen, den sie nicht verstand. Die Kleinen nahm sie gleich mit sich, ihre Habseligkeiten und den Brief an die Vorsteherin wollte er ihr noch vor Abend ins Hotel schicken. In der Tür wandte Helen sich noch einmal um, von dem Blick angezogen, den sie über sich leuchten fühlte. »Auf Wiedersehen am Ziel der Reise!« sagte er. Helen zögerte; sie verstand ihn nicht, wagte aber nicht zu fragen. Sie ruhte in seinem Blick und vergaß Zeit und Ort, bis seine Stimme sie wieder zur Besinnung rief. »Ich komme, wenn du recht von Herzen rufst.« Da durchrieselte es sie von Kopf bis Fuß, von der Tiefe ihres Wesens bis in alle feinsten Fäden desselben, dieselbe befreiende Freude wie in jener Nacht, als sie weinend an Schehannas Leichnam gesessen und seine Hand sich tröstend auf ihren Nacken gelegt hatte. Als Ralph und Davis nach Bombay kamen, wurden sie wie verabredet auf dem Bahnhof von Abdul-Hassan und Abbas empfangen. Der Scheik mit dem schmalen Gesicht und der lotrechten Stirnfalte stand auf den Zehen und blickte starr in die Coupéfenster, als der Zug unter dem ungeheuren Dach einfuhr, das das Geräusch der zischen Lokomotive vielfältig zurückgab. Seine hochgezogenen Brauen zitterten im Takt mit den Stempelschlägen, die die mächtige Bahnsteighalle erzittern machten. Er meinte sich immer in Lebensgefahr, wenn er diesen Laut aus Jinns und Shaitans Welt hörte. Als Abbas seines Herrn ansichtig wurde, schwenkte er seinen neuen hervorragenden Schmuck, einen weißen Tropenhut, der ihn dem Paradies Europa um einen Schritt nähergebracht hatte. Abdul-Hassan blickte Ralph mit seinen weißen Zähnen strahlend an, glücklich, daß er für diesmal mit dem Leben davongekommen wäre. Abbas entfaltete seine ganze Ueberlegenheit beim Expedieren des Handgepäcks seines Herrn, dessen Anzahl und Aussehen genau in seiner Erinnerung eingeprägt stand. Er erlaubte keinem von den Kulis, ja, nicht einmal Cooks Mann, dessen Uniformmütze ihn schon lange geärgert hatte, etwas anzurühren, bevor er alles in zwei Haufen auf dem Bahnsteig geordnet hatte. Einen sorgfältig geordneten Haufen für Herrn Ralph, einen nachlässig zusammengestellten für Herrn Davis. Er sah gleich, daß die braune Handtasche fehlte und schlug die Hände zusammen vor Erbitterung, als er hörte, daß das silberbeschlagene Wunder, dessen glatte, braune Haut seine eifrigen Finger so oft gestreichelt hatten, gestohlen war. Schließlich war alles auf den Wagen des Hotels geladen. Abbas sprang auf den Kutscherbock, nickte Cooks Vertreter, der mit den Gepäckscheinen in der Hand dastand und die Herrschaft ehrerbietig grüßte, herablassend zu, und darauf fuhr der Wagen über den dunklen Kies davon. Unterwegs erzählte der Scheik, wie es ihm und Abbas in der fremden, wundersamen Stadt ergangen sei. Sie hatten ein gutes und billiges Logis im Arbeiterviertel, hinter dem großen Pferdebasar Bhendi gefunden, wo er, Abdul-Hassan, einige alte Schüler getroffen habe. Sie bogen zu dem Palmenhof des Hotels Taj Mahal ein, wo hunderte von Fenstern ihnen aus den vornehmen, roten Flügeln entgegenstarrten. Der Portier führte sie persönlich zu ihren Zimmern. Nachdem sie sich durch ein Bad von dem Staub der indischen Hochebene gereinigt, der durch Fenster und Kleider dringt, und sich von Kopf bis Fuß umgekleidet hatten, traten Ralph und Davis wie neugeboren in den mächtigen Speisesaal, wo Herren und Damen aus allen Gegenden der Welt beim Frühstück saßen. Das Orchester spielte, die Windfächer schnurrten unter der Decke, weißgekleidete Hindudiener bewegten sich lautlos zwischen befrackten Oberkellnern; es war Neuyork und London in festlich exotischer Ausgabe. Als es dem Inspektor schließlich gelungen war, ihnen einen Tisch zu verschaffen, rieb Davis sich die Hände, zeigte seine goldschimmernden Zähne und sagte: »Das ist etwas anderes, als das schwarze Loch in Madura.« Er bestellte Champagner und setzte sich ein ausgesuchtes Frühstück aus der Tageskarte zusammen. In der Halle, wo das Meer sich hinter den hohen, offenen Mauerbögen blendend blau vor ihrem Blick breitete, stieß Davis' immer spähender Blick auf einen Herrn, der in einer Ecke des Saales saß, die Beine unter sich hochgezogen. »Sehen Sie den dort!« Ralph drehte sich um und erkannte Gamâl-ed-din.« Er ging ohne Umstände auf ihn zu. »Guten Tag, Herr Gamâl, also hier trifft man sich wieder!« Der Scheik heftete seine blaßbraunen Augen auf Ralph. Ueber das gelbliche Gesicht mit dem grauen Vollbart und den vielen Leberflecken glitt ein Schatten; er zog die Füße herunter und richtete sich halb auf. »Ich freue mich sehr, Herr Cunning,« sagte er und drückte ihm herzlich die Hand. »Wir erinnern uns also noch unserer Namen,« sagte Ralph mit einem Lächeln. »Ja, ja,« sagte der Scheik ernst, »wie könnte ich den Ihren vergessen.« Sein Blick streifte Davis, der einige Schritte von ihnen entfernt stehengeblieben war. Ralph wandte sich ihm zu und stellte ihn vor. »Wir haben uns zuerst auf dem Dampfer von Konstantinopel und später in Damaskus getroffen. Herr Gamâl ist ein gelehrter Mann, ein Professor-Scheik, also ein Kollege von Ihnen.« Gamâl erkundigte sich höflich nach Davis' Fach, wandte sich dann wieder Ralph zu und fragte: »Und Ihr liebenswürdiger Reisekamerad, die junge Dame aus dem fernen Land, werde ich das Vergnügen haben auch sie wiederzusehen?« »Nein, wir trennten uns in Colombo und reisten in verschiedene Richtungen.« Dasselbe hatte er vor drei Wochen Abdul-Hassan gesagt. Seltsam, daß er abermals auf eine lebendige Erinnerung an die glücklichsten Tage seines Lebens stoßen sollte. Der Scheik blickte mit halbgeschlossenen Lidern vor sich hin. Es war unklar, ob er über Ralphs Worte grübelte oder nur von der Wärme betäubt war. »Wissen Sie, daß Ihr Schützling, Abdul-Hassan aus El-Azhar, hier in der Stadt ist?« Der Scheik nickte. »Leider halten sich augenblicklich viele hier auf, die denselben Grund haben wie ich.« »Politik?« Die Augen des Scheiks streiften ihn unter den halbgeschlossenen Lidern. Darauf sagte er mit seiner nachsichtigen Stimme, deren Ralph sich noch so gut erinnerte: »Ja – insofern als wir vor einer mahdistischen Bewegung geflohen sind, die sich gegen alle die gewandt hat, die nicht stark genug im Glauben sind, um die Sache Islams mit dem Schwert zu fördern. Ich bin ja sogar ein Abtrünniger, wie Sie wissen – ein Christ. Ich bin stets ein Flüchtling.« Davis' Augen funkelten hinter der Goldbrille. »Wer will denn Krieg?« fragte er und senkte seinen Blick in die glasbraunen Augen. Der Scheik zog seinen Kopf zurück bei der brutalen Rücksichtslosigkeit dieser Frage und sagte nach kurzem Zögern: »Haben Sie niemals von der mahdistischen Bewegung gehört, Professor Davis?« »Allerdings. Ist augenblicklich etwas im Gange?« »Das Feuer glimmt stets unter der Asche, und wenn es Nahrung findet, flammt es auf.« »Und wer gibt ihm augenblicklich Nahrung?« Der Scheik zuckte die Achseln und wandte sich von ihm ab. Ralph lachte. »Verzeihen Sie ihm, Scheik, Davis gehört zu den modernen Forschern, die vor keiner Zurückhaltung Respekt haben. Wir kennen diesen Typ zur Genüge in den Staaten. Sie sind schlimmer als Detektive.« Bei dem Wort Detektiv fiel Ralph sein Vorhaben in Bombay ein. »Das ist richtig,« begann er und nahm an Gamâls Tisch Platz, mit dem Rücken zu Davis, »erinnern Sie sich noch Schehannas, des Parsenmädchens, von deren Schicksal ich Ihnen erzählte?« Der Scheik öffnete seine Augen ganz, sah ihn aufmerksam an und nickte. »Sie sagten mir, daß ich nichts unternehmen sollte, bevor ich den Ort des Verbrechens erreicht hätte. Jetzt bin ich da, was raten Sie mir zu tun?« Der Scheik blickte mit zusammengekniffenen Augen vor sich hin. Er strich sich über den struppigen, grauen Bart und sagte: »Wo ist sie jetzt?« »Ich weiß es nicht. Sie reiste mit Fräulein Helen.« »Und was wollen Sie erreichen?« »Die Bestrafung des Verbrechers.« »War sie nicht in Navsari zu Hause?« Ralph staunte über sein Gedächtnis. »Ja, und ich nehme an, daß sie jetzt dort ist.« »Dann würde ich an Ihrer Stelle dort hinfahren und sie aufsuchen. Mich dünkt, Ihre Bemühungen werden nutzlos sein, wenn Sie nicht ihr und der Ihrigen Einverständnis haben.« Das war einleuchtend; er wollte bereits den nächsten Morgen hinfahren. »Ein praktisches Resultat aber werden Sie kaum erreichen.« Ralph blickte ihn verblüfft an. »War es nicht ein afghanischer Pferdehändler?« »Ja.« »Ich kenne die Afghanen, sie sind Asiens listigster Stamm, und ein Pferdehändler ist der schlaueste Hund von allen. Der läßt sich nicht fangen.« Der Scheik lächelte still vor sich hin, als ob Erinnerungen an seinem Auge vorbeiglitten. »Das ist auch gleichgültig,« sagte Ralph ruhig, »ich habe nicht die Absicht, ihn verhaften zu lassen, ich will ihn nur ausfindig machen.« Der Scheik sah ihn fragend an. »Die Strafe werde ich selbst besorgen.« »Selbstrache ist gegen das Gesetz!« fiel Davis ein; er war ein Mann der Ordnung, wenn es andere galt. »Nicht gegen mein Gesetz,« sagte Ralph schlagfertig. Der Scheik saß wieder unbeweglich und grübelte oder schlief. »Jetzt ist gerade der große Pferdemonat, der Frühjahrsmarkt, wo frische Zufuhr aus Persien und Arabien kommt. Wenn der Afghane nicht bereits hier ist, wird er sicher in den nächsten Tagen eintreffen. In Bhendi-Bazar werden Sie sich nach ihm erkundigen können.« »Bhendi-Bazar?« »Ja, das ist das Viertel der Pferdehändler.« »War es nicht dort, wo Abdul-Hassan Logis genommen hatte?« Ralph wandte sich fragend zu Davis um, der das Kinn in die Hand gestützt hatte und seine scharfen Augen auf Gamâls unbewegliches Gesicht geheftet hielt. Davis hörte ihn nicht. »Wie genau Herr Gamâl über alles unterrichtet ist!« sagte er, als entschlüpfte es ihm wider Willen. Gamâl heftete seinen Blick auf ihn und zog ihn wieder unter die gesenkten Lider zurück. »Dessen bestrebe ich mich stets!« sagte er mit der sanften, nachsichtigen Stimme, die ihm eigen war. Es war, als ob er hinzufügte: Ich sehe wohl, daß Sie mich zu verletzen suchen, ich bin aber unverwundbar, und verzeihe Ihnen. Ralph fuhr nach Navsari, ging auf gut Glück durch die lange Hauptstraße der kleinen Stadt, lächelte den Kindern mit den ernstfragenden Augen zu, und wurde durch den lautlos gleitenden Gang der jungen Frauen an Schehanna erinnert; es war, als ob sie von dem Glauben an das siegende Licht, der auf dem Grunde ihrer großen Augen schimmerte, durch die unreine Welt getragen würden. Er begegnete einem jungen Mann, der ihm der Tracht nach ein Mobed zu sein schien. Der junge Mann schüttelte den Kopf, als Ralph nach Schehanna fragte. Vielleicht spreche ich den Namen falsch aus, dachte er, oder Schehanna ist nur ein Vorname, den hunderte von Frauen tragen – als ob ich in einer kleinen Stadt in den Staaten nach Jane oder Mary fragen würde. Er deutete Schehannas Schicksal mit wenigen vorsichtigen Worten an; die Augen des jungen Mannes aber wurden nur größer und größer, während er mit vorgebeugtem Kopfe lauschte; es fiel ihm augenscheinlich schwer, die Sprache zu verstehen. Erst als Ralph Dasturan Dastur nannte, leuchtete sein Blick auf, sein Gesicht kam in Bewegung, und Ralph verstand, daß er ihm einen Ort in Bombay bezeichnete. Ralph ließ sich den Namen aufschreiben. »Parsee Panchayat«, stand da und ein Straßennamen. Ralph kehrte mit dem ersten Zug zurück und noch am selben Abend suchte er die Adresse auf. Das Haus war geschlossen, die Fenster geblendet wie ein dicht verschleiertes Gesicht. Von einem Sikh-Schutzmann, der ihm mit aufmerksamen Augen gefolgt war, als er an der Straßenecke vorbeifuhr, erfuhr er, wann das Panchayat geöffnet würde. Am nächsten Morgen traf Ralph einen alten Mann, der in einem halbdunklen Vorzimmer an einem Pult saß. Als Ralph Schehannas Namen nannte, blitzte es seltsam in seinem öden Blick auf. Ralph deutete seine Handbewegung wie eine Aufforderung, sich zu setzen, es war aber kein Stuhl da. Der Alte verließ ihn und Ralph lauschte dem Straßengeräusch, das durch die Fenstersprossen drang. Es war unleidlich heiß im Raum, obgleich alles getan war, um das Licht auszuschließen. Ralph rührte sich nicht, und dennoch brach ihm der Schweiß in Tropfen aus und rollte ihm über die Schläfen in den Halskragen. Als eine Tür hinter seinem Rücken leise aufglitt, erwachte er aus seinem Halbschlummer. Er drehte sich um und sah die weiße Gestalt mit der hohen, schmalen Stirn, die er vor dem Adaran in Colombo gesehen hatte. Dort stand der Priester aller Priester, die Hand um den Bart, wie er in jener Nacht hochaufgerichtet unter den funkelnden Sternen gestanden hatte; jetzt aber sah Ralph auch seine Augen, die wundersam leuchtenden Augen unter den buschigen Brauen. Ralph hatte noch nie solchen Blick gesehen; er war von solcher Hoheit und Aufrichtigkeit, daß er das Außenwerk von Miene, Haltung und Lächeln durchdrang, das Menschen über die offenen Stellen, durch die die Seele vorwärtsstürmen und wo sie getroffen werden kann, zu legen pflegen. Ralph fühlte, daß diese Augen bis in sein Innerstes sahen, und er errötete dabei, obgleich er sich nicht bewußt war, daß er etwas zu verbergen hatte. Sein Blick suchte die Hände des Priesters, um sie mit den Augen zu vergleichen; es waren schmale, fast durchsichtige Hände mit großen blauen Adern, in denen er das Blut seines starken Herzens strömen zu sehen meinte. »Sie fragen nach Schehanna Modi,« sagte der Alte mit tiefer, ruhiger Stimme. Es war, als ob die Stimme sagte: Schehanna und Helen, Helen und Schehanna – ich weiß alles; wieviel aber verstehst du davon? Ralph richtete sich höher auf und sagte: »Sie kennen ihr Schicksal. Ich bin hergekommen, um den zu strafen, der ihr Unglück verschuldete.« »Sie bedarf keiner Rache mehr.« Eine Ahnung tauchte in Ralph auf und machte sein Herz stärker schlagen. »Sie ist im Licht.« Als Ralph seiner Bewegung Herr geworden war, bat er Dasturan Dastur, ihm mitzuteilen, was geschehen war. Der Alte bedachte sich einen Augenblick, dann erzählte er von Schehannas Krankheit und Tod. Ralph sah sie wieder vor sich, wie er sie in der Waschmühle des Sultans gesehen hatte, als sie ihr Klagelied zu ihm hinaufsang. Er hatte sie dem Leben zurückgekauft, sie hatte seines dafür gerettet. Dann war sie freiwillig seiner Hand entglitten, warum? Er sollte es nie erfahren. Der Zorn flammte in ihm auf. Er ballte die Hände und seine Augen blitzten. Dasturan Dasturs Blick, der ihn nicht losgelassen hatte, las seine Gedanken. »Dunkelheit wird nicht durch Dunkelheit vertrieben,« sagte er, »sondern durch Licht.« Ralph antwortete nicht. Das bleibt meine Sache, dachte er. Er wollte nicht mit dem alten Heiligen streiten. »Wo ist Helen?« fragte er. Er sagte es ohne Ueberlegung, als sei es selbstverständlich, daß der Priester Bescheid wüßte. Dasturan Dastur zögerte. Ralph war es, als ob der Blick des Priesters seine Seele faßte und sie vor sich ins Licht hielte. »Sie ist auf dem Wege,« sagte er schließlich. Ralph hatte das Gefühl, als ob er zu etwas erhoben würde, was weit über seinen Verstand ginge, doch wollte er sich diesem Eindruck nicht hingeben. Er spricht in Rätseln, dachte er, ich muß ihn dazu bringen, daß er sich vernünftig äußert. »Auf dem Wege?« fragte er und versuchte zu lächeln. Sein Lächeln aber verlöschte vor dem Blick, der stärker war als seiner. Trotzdem brachte er seine Frage vor. »Auf dem Wege – wohin?« »Dorthin, wo kein Auge hinreicht.« Ralph kämpfte, um seinen Kopf klar zu halten. Daß sie auf dem Wege zu ihrem Schicksal ist, dachte er, braucht mir kein Weiser zu sagen, das bin ich auch – und du – wir alle. Er wollte fragen: In welcher Stadt? aber er brachte es nicht über die Lippen. »Ist sie allein?« fragte er statt dessen. Der Alte schwieg, Ralph aber meinte, daß er den Kopf geschüttelt hatte. »Wer ist bei ihr?« »Das Licht in ihrem Herzen.« Ralphs Augen hingen geblendet an dem Blick des Alten, der sein ganzes bewegliches Gesicht überstrahlte. Er sah nur diese Augen, vergaß Zeit und Ort, bis er den Druck seiner Hand fühlte und wieder zur Besinnung kam, wie man plötzlich erwacht und einen Traum flüchten sieht. »Leb wohl, bis wir uns wiedersehen!« Ralph beugte den Kopf. Obgleich er die Worte ganz deutlich gehört hatte, klangen sie in seinem Herzen, als ob Dasturan Dastur gesagt hätte: suche auch du den richtigen Weg. »Hat er mich wirklich hypnotisiert?« fragte Ralph sich, als er nach Hause fuhr. Er heftete seinen Blick auf das, was ihm auf dem Wege begegnete, machte sich sorgfältig klar, was er sah und hörte, bis er begriff, daß er sich davon zu überzeugen versuchte, daß sein Verstand in Ordnung und er noch der richtige Ralph in der wirklichen Welt sei, keine eingebildete Person in einem Traumspiel. Er wollte nicht in eines anderen Gewalt sein, wollte los von dem Blick, der noch auf dem Grunde seiner Augen ruhte. Ralph zog unter der Hand in Bhendi-Bazar Erkundigungen ein und erfuhr, daß der Afghane vor einigen Tagen mit seinem eigenen Schiff aus Karachi gekommen sei und seine Pferde ausgeschifft habe, die jeder, der kaufen wollte, im Basar besehen konnte. Nach dem Mittagessen suchte er Gamâl auf, der sich die Zeit damit zu vertreiben schien, daß er mit hochgezogenen Beinen in der Halle saß und über das blaue Meer starrte, als ob er nirgends anders für seine Träume Platz finden könnte. Heute leistete Abdul Hassan ihm Gesellschaft. Auch er saß mit hochgezogenen Beinen da, es schien, als wetteiferten sie, wer am längsten schweigen könnte. Ralph berichtete von seiner Reise nach Navsari und dem Besuch bei Dasturan Dastur. Gamâl hörte aufmerksam zu und als Ralph schwieg, sagte er: »Das Kismet holt uns alle ein.« »Was ist Kismet?« »Das Schicksal – nun haben Sie wohl Ihren Plan, Ihr Leben des Afghanen wegen aufs Spiel zu setzen, aufgegeben?« »Nein,« sagte Ralph, »er hat Schehannas Leben zerstört und soll dafür büßen.« Darauf erzählte er, was er erfahren habe, und bat Abdul-Hassan, bei einem fingierten Pferdehandel Dolmetscher zu sein. Der Scheik sah ihn entsetzt an und weigerte sich energisch. Ralph versprach ihm eine ansehnliche Belohnung und versicherte ihm, daß er nur die Rolle eines zufälligen Dritten dabei spielen sollte. Professor Davis, dessen Abenteuerlust durch die Affäre in Madura nicht geschwächt worden war, war gleich zur Teilnahme bereit, stellte aber die Bedingung, daß Ralph nicht selbst richten, sondern den Afghanen der gerichtlichen Obrigkeit übergeben sollte. Ralph war es recht. Nur in dem Fall, daß es dem Afghanen glücken würde, aus Mangel an Beweisen zu entkommen, behielt er sich seine Selbstrache vor. »Bevor das indische Gericht mit dieser Sache fertig ist,« sagte Davis, »sind sowohl Sie wie ich über alle Berge.« »Dann kehre ich zurück.« »Wenn Sie so gerechtigkeitsdurstend sind, begreife ich nicht, warum Sie Ihre Klage gegen die Korava-Bande in Madura zurückgezogen haben.« »Das ist eine Sache für sich,« antwortete Ralph kurz, und begann seinen Plan zu entwickeln, der in allen Einzelheiten verabredet wurde. Abdul-Hassan und Abbas bekamen auch ihre Rollen zuerteilt. Letzterer flehte, daß man ihn davon befreien solle; aber seine Anwesenheit war notwendig, weil er außer Ralph der einzige war, der den Afghanen damals gesehen und seine Identität bezeugen konnte. Davis sollte als Privatsekretär eines englischen Lords auftreten und im Namen seines Herrn Pferde kaufen. Am nächsten Morgen, als Davis zu dem wartenden Auto kam, um mit Abdul-Hassan als Dolmetscher und Abbas als Diener zum Basar zu fahren, nahm der Chauffeur ihn beiseite und teilte ihm mit, daß weder der Scheik noch Abbas zu Hause gewesen seien, als er sie abholen wollte, wie man ihm aufgetragen hätte. Und der Wirt hatte keinen von ihnen gesehen, seit sie tags zuvor das Haus zusammen verlassen hatten. Davis stellte ein Kreuzverhör mit dem Chauffeur an, fand aber nichts Verdächtiges an seinen Antworten. Er fragte den Portier, aber auch er hatte nichts von dem kleinen Scheik gesehen, seit er gestern nachmittag mit Herrn Cunnings Diener zusammen das Hotel verlassen hatte. In der Dienerabteilung wurde nachgefragt und der Portier telephonierte durch alle Stockwerke, aber im ganzen Hotel war kein Abbas zu finden. Als der Tag zu Ende ging und auch der Vormittag des nächsten Tages, ohne daß der Scheik oder Abbas auftauchten, sah Ralph schließlich ein, daß er seinen Plan aufgeben müßte. Dies und jenes in Abbas' Benehmen fiel ihm jetzt wieder ein, das ihm auffällig gewesen war, ohne daß er demselben weitere Bedeutung beigelegt hatte. Er erinnerte sich Abbas' haßerfüllten Blicks, als er sich damals in der weißen Villa weinend vor Wut und Schmerz unter den Oleander geworfen hatte. Während mehrerer Tage hatten sie Gamâl nicht gesehen. Er saß nicht auf seinem gewohnten Platz in der Halle. Der Portier berichtete, daß Herr Gamâl einen Anfall seines alten Leberleidens bekommen habe und sich in seinem Zimmer aufhielte. Davis schlug vor, daß sie ihm einen Besuch machen wollten, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen und ihm zu erzählen, wie recht er gehabt, als er Ralph prophezeite, daß es ihm nicht glücken würde, den listigen Afghanen in seine Gewalt zu bekommen. Als Ralph und Davis zeitig am Vormittag durch den langen, halbdunklen Korridor im dritten Stockwerk zu Gamâls Zimmer gingen, dessen Nummer sie sich hatten sagen lassen, sahen sie, wie etwas weiter fort eine Tür geöffnet wurde. Eine spindeldürre Gestalt in einem faltigen, hellen Talar kam heraus und glitt auf nackten Füßen lautlos auf sie zu. Im Halbdunkel konnten sie sehen, daß er einen trichterförmigen Hut aufhatte, der seinen Kopf zwischen die Schultern herunterzudrücken schien, so daß er beim Schreiten von rechts nach links wackelte. Als er nur ein kleines Ende von ihnen entfernt war, blieb er stehen und zögerte, machte dann kehrt und eilte an der Tür vorbei, aus der er eben herausgekommen war, auf das andere Ende des Korridors zu. Ralph meinte, daß er die merkwürdige Kopfbedeckung schon mal gesehen habe, konnte sich aber nicht erinnern, wo. Davis folgte der Gestalt aufmerksam. Als der Mann die Biegung des Korridors erreichte, wo aus einer offenstehenden Tür Licht fiel, sah Davis, daß er langes, aschgraues Haar hatte, das ihm bis an die Schultern reichte. Davis hatte sich die Tür gemerkt, wo die Gestalt herausgekommen war; als sie sie erreichten, blieb er stehen, lauschte einen Augenblick, trat dann dicht heran und klopfte an. Ralph sah zu der Nummer des Zimmers auf. »Sie irren sich,« sagte er und hielt Davis zurück, »es ist erst die nächste Tür.« Davis hieß ihn schweigen und runzelte die Brauen. Als keine Antwort erfolgte, öffnete er die Tür und sah ins Zimmer. Es war ein leeres Schlafzimmer. Er schloß die Tür wieder und ging weiter, ohne ein Wort zu sagen. Ralph klopfte an die nächste Tür, erkannte Gamâls Stimme, und öffnete. Gamâl erhob sich von einem Liegestuhl unter dem hohen Fenster, dessen Sprossenflügel trotz der Wärme geschlossen waren. Er trug einen langen, gestreiften Rock, in dem Ralph die Djubbe wiedererkannte, in der er ihn auf der Treppe zum Crédit Lyonnais in Konstantinopel gesehen hatte; inzwischen war sie also zum Schlafrock degradiert worden. Der Scheik kam ihnen freundlich entgegen und drückte ihnen feierlich die Hand. Er sah müde aus. Ralph erkundigte sich nach seinem Befinden und der Scheik erzählte von seinem Anfall; während der letzten zwei Tage hatte er nichts gegessen. »Ich bin Ihnen sehr dankbar, meine Herren, für Ihre Freundlichkeit,« sagte er mit seiner sanften Stimme, »aber sprechen wir nicht mehr von meiner Krankheit. Es ist ein altes Leiden, das in bestimmten Zwischenräumen wiederkehrt, so unfehlbar wie Sommer auf Frühling und Herbst auf Sommer folgt.« Davis blickte sich interessiert im Zimmer um. »Wie behaglich Sie hier wohnen,« sagte er in konversierendem Ton und zeigte auf die Tür zum Nebenzimmer, »nebenan ist wohl Ihr Schlafzimmer? – Ist es ebenso groß und luftig wie dieses?« »Wohl kaum,« sagte der Scheik. Nachdem sie Platz genommen hatten, erzählte Ralph von Abdul-Hassan und Abbas, die spurlos verschwunden wären. Die Neuigkeit schien den Scheik zu schmerzen. Er murmelte einige arabische Worte und sagte: »Also haben die Madhisten ihn schließlich doch gefunden.« »Und Abbas?« fragte Davis. Der Scheik starrte vor sich hin, als suche er in seinem Gedächtnis, dann schüttelte er den Kopf. »Den kenne ich nicht.« »Fürchten Sie nicht, daß auch die Reihe an Sie kommen wird?« fragte Davis, »auch Sie sind ja ein Flüchtling.« Gamâl ließ seinen Blick über Davis' energisch vorgebeugtes Gesicht gleiten. »O nein,« sagte er sanft, »ich vermeide das Viertel der Araber und gehe ehemaligen Glaubensgenossen aus dem Wege. Solange ich mich zwischen Touristen bewege, genieße ich den gleichen Schutz wie diese.« »Auch einem Touristen kann dies und jenes zustoßen,« sagte Davis, und erzählte, wie Ralphs Handtasche mit allen Papieren gestohlen worden sei. Der Scheik blickte vom einen zum andern und zuckte schweigend die Achseln. Davis' Augen hingen unverwandt an Gamâl. »Können Sie begreifen,« sagte er, »welches Interesse Diebe im tiefsten Innern Indiens für Herrn Cunnings Papiere haben? Einem Globetrotter wie Cunning, dem Amerika zu klein geworden ist?« Der Scheik musterte Ralph unter halbgeschlossenen Lidern. »Wenn ich es noch gewesen wäre,« lachte Davis und erzählte in humoristischen Wendungen von seinem Liebesabenteuer in Madura. »Also das ist der Zweck Ihrer Reise« – Gamâl lächelte nachsichtig. »Ja – ein Ethnograph muß auch die Frauen des Landes kennen lernen. Aber ernsthaft gesprochen: ich würde es begreiflich finden, wenn man einen Professor wie mich verdächtigt, der keine Gelegenheit vorbeigehen läßt, um herumzustöbern, auch dort, wo er der Meinung der Eingeborenen nach nichts zu suchen hat. Meine Handtasche aber hat vor einem offenen Fenster gestanden – ich schlafe immer bei offenen Fenstern – und keiner hat sich daran vergriffen.« Der Scheik betrachtete seine mit Leberflecken bedeckten Hände und erwiderte nichts. »Ist man wirklich hier in Indien so nervös? – Was fürchtet man denn eigentlich?« »Was weiß ich?« Der Scheik blickte mit einem müden Ausdruck in seinem unbeweglichen Gesicht zu ihm auf. »Wir ermüden Herrn Gamâl,« sagte Ralph und erhob sich, »vergessen Sie nicht, daß wir einen Patienten besuchen.« Der Scheik wehrte ab, erhob sich aber dennoch zum Abschied. »Unten in der Halle begegnete uns eine hochinteressante Figur,« sagte Davis, als er zum Abschied dem Scheik die Hand drückte. »Ein Eingeborener in einem hellen Talar mit einer mächtigen Kopfbedeckung, die einem umgekehrten Weidenkorb glich. Er hatte bloße Füße und aschgraues Haar, das ihm bis auf die Schultern reichte. Kann das ein Jogi gewesen sein, ein heiliger Wanderer? – Es ist schon lange mein Wunsch gewesen, einem solchen zu begegnen. Ich wollte ihn anreden, aber er war scheu und eilte vorbei. Glauben Sie, daß es ein Sannyasi war?« Bei dem Wort Sannyasi fiel Ralph plötzlich ein, wo er diese merkwürdige Kopfbedeckung schon gesehen hatte. Der heilige Bettler, den er auf dem Markt in Kotagiri getroffen, während Davis in Madura war, hatte sie getragen – warum aber sagte Davis, daß sie dem Mann in der Halle begegnet waren? Der Scheik blickte unter halbgeschlossenen Lidern vor sich hin, als suche er in seinem Gedächtnis. »Ich weiß es nicht, ich habe nie solchen Mann gesehen.« Als Ralph und Davis Gamâl verlassen hatten und wieder durch den Korridor gingen, fragte Ralph plötzlich Davis, indem er ihn scharf ansah: »Warum sagten Sie Gamâl, daß wir dem Sannyasi in der Halle begegnet sind?« Davis überlegte einen Augenblick. Dann fragte er statt zu antworten: »Achteten Sie darauf, daß Gamâl sagte, er habe solchen Mann nie gesehen?« Ralph nickte. »Der Mann ist aber notorisch aus seinem Schlafzimmer gekommen.« Ralph entsann sich, daß Davis die Tür zum Nebenzimmer geöffnet und nachher Gamâl gefragt hatte, ob es sein Schlafzimmer sei. »Also,« entschied Davis, »entweder ist der heilige Wandersmann ein Dieb – oder Herr Gamâl-ed-dîn lügt.« »In Ihnen ist ein hervorragender Detektiv verloren gegangen,« sagte Ralph und lachte. Nach dem Frühstück, das sie zusammen eingenommen hatten, fuhr Davis allein aus. Er habe etwas in der Stadt zu besorgen, sagte er. Sie blieben noch einige Tage und durchstreiften die verschiedenen Viertel von Bombay. Davis führte Ralph zu den Türmen des Schweigens, die einen starken Eindruck auf ihn machten; er mußte die ganze Zeit an Schehanna denken. Am Abend vor ihrer Abreise lud Ralph Gamâl zum Mittagessen ein. Nachdem sie gegessen hatten, tranken sie den Kaffee in dem großen Rauchsalon, wo das Orchester die neuesten europäischen Operettenmelodien spielte. Der Scheik erhob sich mit vielen Entschuldigungen – seine Gesundheit verlange, daß er zeitig zu Bett gehe. Und da Ralph und Davis zeitig am nächsten Morgen reisen wollten, bevor der Scheik aufgestanden war, verabschiedeten sie sich von ihm. Ralph dankte ihm für das angenehme Beisammensein; auch Davis, dessen stärkste Seite Liebenswürdigkeit sonst nicht war, drückte ihm auffallend herzlich die Hand und sprach die Hoffnung aus, daß sie sich in einem andern Winkel Indiens wieder begegnen würden. Als Gamâl gegangen und der gewohnte abendliche Whisky serviert war, sagte Ralph: »Ich möchte wissen, was der Scheik eigentlich hier in Bombay vorhat. Heute nachmittag, als ich an meinem Fenster stand und durch das Fernglas eine Schar Eingeborener beobachtete, die zu einem festlich geschmückten Schoner hinausgerudert worden, sah ich an Bord unseren Scheik im eifrigen Gespräch mit einigen turbangeschmückten Herren. Ich möchte darauf wetten, daß er es war. Aber sagte er nicht, als ich ihn fragte, wie sein Befinden sei, daß er die ganze Zeit zwischen Frühstück und Mittag geschlafen habe?« Davis nickte mehrmals vor sich hin, ohne zu antworten; er saß und sann. Darauf rückte er seinen Stuhl näher an Ralph heran, beugte sich zu ihm, nachdem er ihre Umgebung an den nächsten Tischen gemustert hatte und sagte: »Der Scheik scheint eine vielseitige Natur zu sein. Vorgestern hat man ihn in einen Hindutempel hinter Pinjra Pol hineingehen sehen, wo kein Weißer Zutritt hat. Gestern morgen zu einer Zeit, wo wir andern noch in süßem Schlaf lagen, ist der arme leberkranke Mann in einem Haus im Chinesenviertel gesehen worden, und am selben Abend gegen elf Uhr hat er den heimlichen Klub der Japaner besucht.« »Sie haben ihn also verfolgen lassen?« »Ja.« »Warum?« »Sport!« »Unsinn,« sagte Ralph ärgerlich, »weswegen haben Sie ihn in Verdacht?« »Ich habe alle und niemanden in Verdacht.« »Mich auch?« Davis lächelte mit all seinen Goldplomben. »Sie auch – natürlich.« Sie lachten alle beide herzlich. Am nächsten Morgen reisten sie weiter. Es waren erst fünf Tage vergangen, seit Helen Bombay mit den beiden kleinen Mädchen und einem eingeborenen Reisediener, den Cook ihr verschafft, verlassen hatte; aber schon hatten die Kleinen sich so an sie gewöhnt, daß sie wetteiferten, auf ihrem Schoß zu sitzen, obgleich sie ihre Sprache nicht verstanden. Wenn Helen einen Wagen nahm, um Agra zu besehen, saßen sie bei ihr auf dem Sitz und zwitscherten wie Vögel an einem Frühlingstag über all das Seltsame, was sie sahen. Das Hotel, in dem sie wohnten, war ein vornehmer alter Bungalow aus der älteren britischen Zeit. Es war ein einstöckiges Gebäude mit einem Säulenportal, das in einem ungepflegten Garten lag mit Büschen und Küchengewächsen, die Helen nie unter diesem Himmelstrich vermutet hätte. Als sie von der Ausfahrt zurückkehrten, bekam Helen wieder einen Schmerzanfall in ihren Augen, Dunkelheit, Flimmern und Schwindel. Es war zum erstenmal seit dem Tage in Bombay, sie hatte ihre Augenkrankheit ganz vergessen. Jetzt bereute sie, daß sie es versäumt hatte, in Bombay zu einem Augenarzt zu gehen; hier in Agra gab es sicher keinen. Nachdem sie ihren Nachmittagstee getrunken hatte, brachte sie die Kinder zu Bett. Außer dem Salon hatte sie ein großes luftiges Zimmer mit zwei Betten; die beiden Kleinen schliefen zusammen in dem einen. Zu dem Zimmer gehörte ein Ankleideraum und ein Badezimmer. Die Möbel waren vornehm und solide, wie in einem alten englischen Patrizierhaus. Helen hatte gerade über 1857 gelesen; sie stellte sich vor, daß das Haus und die Möbel damals einem hohen Militär gehört und ein unternehmender Eurasier das Ganze nach seinem Tode auf Spekulation gekauft hatte, um später ein Hotel daraus zu machen. Sie stellte sich vor, wie die eingeborenen Aufrührer nachts durch das niedrige Fenster eingedrungen waren und die Frau des Obersten und seine Kinder getötet hatten, während er selbst irgendwo fern von ihnen kämpfte. An der Wand hing ein alter gefleckter Kupferstich von einem Offizier zu Pferde mit einer Lobpreisung in zierlicher Schönschrift darunter, und an der gegenüberliegenden Wand hing eine große Lithographie von einem Vizekönig in Gala. So intensiv dachte sie sich in diese Vorstellung hinein, daß sie zusammenschauerte, als sie draußen am Fenster eine Gestalt vorbeigleiten sah, und sie beruhigte sich erst, als sie hinaussah und nur den Rücken eines alten unschädlichen Bettlers erblickte, in einem langen, ziegelsteinfarbigen Talar, mit bloßen Beinen und einem merkwürdigen, hohen Strohhut auf dem Kopf, der so schwer war, daß sein Kopf beim Schreiten wackelte. Sie hatte den Führer und den Wagen zu sechs Uhr bestellt, um zu Taj Mahal, »Das schönste Grabmal der Welt« hinauszufahren, denn im Reiseführer stand, daß man es gegen Abend sehen sollte. Sie lächelte über ihre Gespensterangst am hellichten Tage, war aber doch besorgt, die Kleinen an dem fremden Ort allein zu lassen. Sie schliefen ruhig, die Arme umeinander geschlungen, wie es ihre Gewohnheit war. Da hörte sie einen Wagen auf dem Kies des Gartens vorfahren, er hielt vor dem Portal und kurz darauf kam der Wirt, ein scheuer, ehrerbietiger Sudra und meldete ihn. Er errötete, als Helen ihn fragte, ob er verheiratet sei. Als er hörte, um was es sich handelte, wurde er sichtlich erleichtert und versprach, daß seine Frau sich zu den Kleinen ins Zimmer setzen sollte, bis Helen zurückkäme. Sie wunderte sich über seine Verlegenheit, sie wußte nicht, daß sie als weiße Frau unrein war, und daß seine Frau deshalb nichts mit ihr zu tun haben durfte. Helen bestieg den Wagen, von dem Führer gefolgt, einem kleinen, dicken Mann, in einem schwarzen, baumwollenen Rock, der bis an den Hals zugeknöpft war, mit einem weißen Turban und engen, weißen Hosen. Er hatte einen graugesprenkelten, dichten Vollbart und kaute die ganze Zeit Betel. Sie fuhren um die Festung herum, durch eine Anlage in englischem Stil, mit schönen großen Rasen und vereinzelten Gebüschen. Der Führer wandte sich von dem Bock zu ihr und zeigte über die Gärten zum Horizont: »Taj Mahal!« Sie sah eine weiße Kuppel gegen den veilchenblauen Himmel. Durch ein ungeheures Tor bogen sie zu dem Vorhof des Schlosses ein; dort waren Flügel mit Arkaden, eine ehemalige Karavan-Seraj für Pilger und ihre Familien. Sie fuhren bei dem Portalgebäude vor; es war hoch wie ein dreistöckiges Haus, aus rotem Sandstein mit eingelegten Marmorplatten, von einer Reihe kleiner Kuppeln gekrönt, die von Säulen getragen wurden, durch die der Himmel leuchtete, als ob es Saphire seien. Als sie aus dem Wagen stieg, fiel ihr Auge auf eine Equipage, die in der Nähe wartete. Kutscher und Diener hatten vielfach geschlungene Turbane und eine rote Schärpe um die langen, weißen Röcke. »Das ist der Wagen eines Rajahs,« sagte der Führer. Sie betraten das Torgewölbe, das hoch und geräumig wie die Vorhalle einer Kirche war. Ihre Schritte hallten hohl zwischen den kühlen Mauern wider. Sie gingen an einem vornehmen Hindupaar, das ganz in Weiß gekleidet war, vorbei, – der Mann hatte eine Perlenspange und Federagraffe an seinem Turban, die Frau einen langen, weißen Seidenschal über ihrem Haar. »Das ist ein Rajah und seine Rani!« flüsterte der Führer. Helen blickte von der Seite zu ihm auf, als sie vorbeigingen: Ein rundes Gesicht mit glanzvollen Augen, eine feingebogene Nase mit nervösen Flügeln, dunkelrote, blanke Lippen und ein Kinn, das rund und weich wie das einer Frau war. Jetzt kamen sie zu einer offenen Terrasse und sieh – Dort lag Taj Mahal, hoheitsvoll, blendendweiß, am Ende eines langen, schmalen Bassins, zwischen weißen Marmorbalustraden, die den Garten mit seinen hohen Zypressen und dunklen Feigenbäumen, Blumenbeeten und Gebüschen durchschnitten. Helen wurde ergriffen von dem Anblick, und der Führer verstand, daß er schweigen sollte. Die weißen Marmorbalustraden zu beiden Seiten des Bassins streckten sich wie ein leuchtender Pfad dem blendenden Wunder entgegen, das sich über dem Dunkel des Gartens erhob – aus weißem Stein gemeißelt, wie ein Raub an der Vergänglichkeit. Dort lag es – ein gedeuteter Traum, eine ewige Wirklichkeit. Es dauerte lange, bevor Helen sich losreißen konnte, und indem sie über die Marmorfliesen schritt, meinte sie, daß sie dem Licht auf dem einzig richtigen Weg entgegenwanderte. Der Führer wurde wieder gesprächig. Er erzählte von dem großen Schah, der dieses Feenschloß seiner Liebe und seiner Sehnsucht errichtet hatte, zur Erinnerung an seine geliebte Arimand Banu, »die Zierde des Palastes«. Er erzählte, wieviele Millionen, wieviele Jahre und wieviel Arbeitsleben der Bau gekostet hatte, berichtete von dem Baumeister, dem, wie die Sage erzählte, beide Hände abgehauen wurden, damit er die Erinnerung an diese Liebe und diesen Verlust nicht kränken sollte, indem er ein neues Symbol der Unsterblichkeit für andere schuf. Helen erreichte das Ende des Pfades. Vor ihr erhob sich das weiße Schloß höher und mächtiger, als es ihr aus der Ferne erschienen war. Jetzt erst sah sie seine volle Pracht, die symmetrischen Seitenbogen um die hohe Mittelwölbung und das Gitterwerk der Marmorwände, das in dem schönsten Spitzenmuster geschnitzt war. Sie wandte sich um und blickte den Weg zurück, den sie gekommen waren; dort am Ende des Bassins lag jetzt der Würfel des Vorgebäudes mit den sechsundzwanzig Kuppelsaphiren, von hohen Zypressen, üppigen Feigenkronen, dem ganzen bunten Dunkel eingerahmt. Da stießen ihre Augen auf zwei Menschen, die ihnen entgegenkamen. Es war der Rajah und die Rani. Helen hatte sie ganz vergessen. Das funkelnde Dunkel seiner Augen traf sie, als er die Brauen hob und sie anstarrte. Er war mittelgroß, fest und harmonisch gebaut, ein starker Hals und athletische Glieder; sein Kopf saß stolz auf breiten, runden Schultern, als ob er sich noch nie gebeugt habe. Jeder Zug verriet den Herrscher, dessen Machtgefühl unbewußt, weil ererbt ist. Die Rani an seiner Seite mit dem Silberschleier über dem grauen Haar glich ihm, als ob sie seine Mutter sei; was aber bei ihm Macht und Kraft war, war bei ihr in Sanftheit aufgelöst. Ihre Augen waren verblichen, aus den weitgeöffneten Pupillen aber sprach eine Mischung von nachsichtiger Milde und weitschauender Klugheit, die wunderbar beredt wirkte. Sie standen dort auf dem weißen Pfad so lebensvoll in der Fülle ihrer weißgekleideten Körper, daß sie Helens Traumwanderung störten. So überfließend von Sinnenleben stand er da, daß er ihr fast den Atem benahm, als sei er ein Ausgesandter der Dunkelheit, die sich auf ihre Schönheit und Kraft berief und sich dem Licht gegenüber behaupten wollte. Helen errötete unter seinem Blick. Sie merkte es und wandte sich ab, um es zu verbergen. Sie folgte dem Führer zu der offenen Tür, zu dem Nadelauge, das in das Heiligtum führt. Die Halle unter der Kuppel war Halbdunkel. Sie mußte ihre Augen erst an den Wechsel gewöhnen, bevor sie etwas unterscheiden konnte. Das Tageslicht, das durch die hohen Bogenfenster fiel, wurde durch Marmorgitter gesiebt; das Licht, das hindurchschlüpfte, wurde abermals von einer Scheidewand, einem achteckigen Schirm aus Marmor von mehreren Metern Höhe, der in zierlichen Spitzenmustern ausgehauen war, gehemmt. Und dahinter, genau unter der Kuppelwölbung, die sich hoch oben in der Dunkelheit verlor, standen zwei Sarkophage aus gelbem Marmor, mit Blumenornamenten aus Karneol und edlen Steinen, mit Mohammeds neunundneunzig Namen in Gold geprägt. Es war Hoheit in diesem Raum, ein Kirchenfrieden, wie Helen ihn noch nie gespürt hatte. Sie fühlte den Drang niederzuknien, während sie zu der dunklen Wölbung hinauflauschte, deren Tiefe sie nicht erspähen konnte. Der alte Muezzin, der das Grab hütete, hob sein scharfes Profil, seine schweren Augenlider, und sandte seinen Allahruf zur Höhe hinauf; er wurde wie ein hinsterbender Chor von seligen Seelen zurückgeworfen. Helen meinte, daß sie dem Gott, den sie suchte, nie näher gewesen sei als in diesem Symbol, das aus totem Stein geschaffen war. Als Helen aus dem Dunkel der Grabhalle auf die weite Terrasse hinaustrat, klang ihr ein Ausruf entgegen. Einige zwanzig Schritte von ihr entfernt, auf der Treppe, die zum Marmorpfad führte, hockte eine wunderliche Gestalt mit einem Ungeheuer von einem Hut auf seinem wackelnden Kopf. Helen sah ein knochendürres Gesicht, mit grauer Asche eingerieben, auf sich gerichtet. Zwischen den langen Haarsträhnen, die ebenfalls mit Asche bestäubt waren und die bis auf die Schultern fielen, starrten sie zwei seltsam farblose Augen an, in deren Pupillen eine kleine dunkle Kugel wie auf einem wasserklaren Häutchen zu zittern schien. Als er die mageren Arme grüßend zum Kopf erhob, erkannte sie den ziegelsteinfarbenen Talar und den seltsamen Strohhut. – Es war derselbe Bettler, den sie nachmittags vor ihrem Fenster gesehen hatte. Von den welken Lippen strömten die Worte wie Verse, als ob er eine feierliche Messe lese. Der Rajah stand an der Seite seiner Mutter vor dem Bassin, wo Helen vor kurzem gestanden hatte, und blickte über die Perspektive. Da plötzlich schienen die Worte des Bettlers seine Aufmerksamkeit zu wecken; er wandte sich hastig um, begegnete Helens Blick und machte eine heftige Bewegung, als wolle er sich ihr zu Füßen werfen. Seine Mutter griff nach seinem Arm – auch sie hatte die Worte gehört. Seine Brust wogte, seine Schultern zitterten, seine vollen Lippen öffneten sich unter schweren Atemzügen, während seine Augen Helen mit einem Blick trafen, der ihr das Blut in die Backen trieb. Ein Blick, mit dem er sich voll flammender Anbetung ihr zu Füßen warf, und sie gleichzeitig mit einer eigenmächtigen Selbstverständlichkeit an sich riß, als habe er diejenige getroffen, die ihm von Ewigkeit an gehörte. Helen stand einen Augenblick wie benommen, während die unverständliche Rede des Bettlers weiter an ihrem Ohr vorbeiströmte. Da begannen ihre Knie zu zittern, und mit einer Kraftanspannung wandte sie sich von dem Rajah und dem Bettler ab. Sie drehte sich zu dem Führer um, der sich einige Schritte zurückgezogen hatte; als sie aber sein Gesicht sah, wurde ihr allen Ernstes unheimlich zumute, denn auch er starrte sie mit feierlichen Augen an, als ob ein Wunder geschehen sei. »Was ist denn geschehen?« fragte sie. Unwillkürlich führte er die Hand grüßend zur Stirn und fuhr sich über die Augen, als wollte er sich auf das besinnen, was sie gefragt hatte. »Was will dieser Bettler?« fragte Helen. »Es ist ein heiliger Mann, ein Wanderer, der der Welt entsagt hat – ein Sannyasi.« »Was sagt er denn?« Der Führer zögerte mit der Antwort, er blickte von dem Heiligen zum Rajah, der sich nicht vom Fleck gerührt hatte. »Können Sie ihn nicht verstehen?« fragte Helen ungeduldig. Noch zögerte der Führer, als aber Helen Miene machte zu gehen, flüsterte er vorsichtig, als fürchte er etwas Vermessenes zu sagen: »Er hat Ihnen Willkommen geboten.« Helen sah ihn erstaunt an. »Er sagte: ›Sei gegrüßt, du strahlende Königin! Wahrlich, wahrlich, wahrlich, du bist Mumtaz-i-Mahal – die Zierde des Palastes. Welch unerbittliches Karma hat das Rad deines Daseins so gedreht, daß du in der Gestalt einer weißen und fremden Frau zurückkehrtest?‹« Helen wandte sich erstaunt zu dem Bettler um, der sich vor ihrem Blick neigte, ohne in seiner Rede innezuhalten. Sie blickte verstohlen zum Rajah hin, der noch auf demselben Fleck stand. Auch die Rani neigte den Kopf und führte die Hand grüßend zur Stirn; der Rajah stand unbeweglich, als sei er festgenagelt. Helens erster Gedanke war, daß der Bettler mit seinen ungeheuren Schmeicheleien um ihren Geldbeutel warb. Sie wunderte sich, daß selbst der Führer das nicht erkannte – steckten die beiden vielleicht unter einer Decke? Sie sah dem Mann scharf in die Augen, erblickte darin aber nur Erstaunen und Ehrfurcht. Sie lächelte spöttisch in die zitternden Kugeln der farblosen Augen, aber es war kein Wechsel in dem weißen Blick des Bettlers zu spüren. Er ist verrückt, dachte sie. Als sie aber ihren Blick über den Rajah und die Rani gleiten ließ, mit einem vorsichtigen Lächeln, das an ihre gesunde Vernunft appellieren sollte, begegnete sie einem so völligen Mangel an Verständnis, daß es ihr klar wurde, daß das, was der Sannyasi in seinem heiligen Wahnsinn zum besten gab, für sie die unfehlbare Offenbarung eines Sehers sei. Sie mußte an Ralph denken. Wie würde er ihre Erhöhung genossen haben! Er hätte sie sicher nie anders, als »die Zierde des Palastes« genannt. Schehannas Augen aber würden dunkel geworden sein vor Bekümmerung, und ihr Herz würde das Gebet der guten Gedanken, guten Worte und guten Taten, zum Schutz gegen Zauberei geflüstert haben. Helen warf drei Rupien in den Schoß des Sannyasi. Das ist nicht viel für solch vornehmes Gespenst, dachte sie, aber sie konnte sich nicht von dem Gedanken freimachen, daß der heilige Mann auf ihren Geldbeutel spekulierte. Ohne in seinem Redefluß innezuhalten, strich er die Münzen mit seiner linken Hand ein, während er die rechte Hand grüßend zur Stirn führte, als Helen, vom Führer gefolgt, an ihm vorbeiging. Die Sonne war im Begriffe unterzugehen. Die letzten Strahlen glühten auf den kleinen Kuppeln des Vorgebäudes. Der Garten lag unter schwerem Abendschatten da, nur die Gipfel der Zypressen und die vollen Kronen der Feigenbäume atmeten noch im goldenen licht. Als Helen das Ende des Bassins erreicht hatte, wandte sie sich, um noch einen letzten Schimmer von dem weißen Traumschloß zu erhaschen. Dort lag es, die hohe Kuppel im Abendlicht errötend, wie die Wange einer edlen Frau unter einem brennenden Augenpaar, die goldenen Nadeln der schlanken Minaretts zum Purpur des Himmels emporgehoben. Schon schwiegen die Vögel, – nicht ein Windhauch bewegte den Traumschleier. Die schöne Dunkelheit stieg mehr und mehr zum schwindenden Licht hinauf. Mitten auf dem Marmorpfad sah sie den Rajah im Gespräch mit dem Sannyasi, der sich wieder niedergesetzt hatte, während die Rani sich bescheiden zurückhielt, wie es Pflicht der indischen Frauen ist. Helen sah, daß sie von ihr sprachen. Des Rajahs Kopf war ihr zugewandt, während er den Worten des heiligen Mannes lauschte. Ale Helen ins Hotel zurückkehrte, erhob die Frau des Wirtes sich von ihrem Platz am Bett der Kinder, ergriff ihre Oellampe und zog sich grüßend zurück, mit scheuem Lächeln und abgewandtem Blick. Helen konnte nicht einschlafen, so verwirrt tummelten sich die sonderbaren Eindrücke in ihrem Kopf; als Hintergrund errötete die hohe Kuppel im Abendlicht. Das Echo dahingeschiedener Seelen aus dem dunklen Gewölbe vermischte sich mit der unverständlichen Rede des Sannyasis. Sie versuchte, sich »die Zierde des Palastes« vorzustellen, obgleich sie nie ein Bild von ihr gesehen hatte. Sie träumte sich in ihr Leben hinein, das von einer Liebe getragen wurde, die stärker als der Tod war. Sie lächelte bei dem Gedanken, daß sie, Helen, die Frau aus dem blassen, kalten Norden, von einer nüchternen, überzivilisierten Rasse, als Behausung für die Seele der Mumtaz-i-Mahal ausersehen sei. Dennoch reizte es ihre Phantasie. Sie lebte sich in das Abenteuer hinein, der Schah nahm die Gestalt des Rajahs an, athletisch und harmonisch, die seine Nase, die starken Augen; und seine flammende Anbetung trieb ihr von neuem das Blut in die Wangen. Schehannas Augen starrten ihr dunkel und unruhig ins Herz, Ralph gab aus der Ferne acht. Wieviel Mühe sie sich aber auch gab, sein teures Gesicht an Stelle des liebenden Schahs zu setzen, so wollten seine hellen, scharfen Augen doch nicht recht dazu passen. Schließlich war es ihr, als ob das Bild in der Dunkelheit um sie her Leben bekäme, ihr Herz fing an zu klopfen. Es war, als ob etwas Gewaltiges und Lebendiges sich ihr von draußen näherte. Obgleich sie wußte, daß sie alles sorgfältig verschlossen und einen Koffer vor die Tür gerückt hatte, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie an einem fremden Ort schlief, wurde ihr doch unheimlich zumute. Sie fuhr in die Höhe: Raschelte nicht etwas an den Läden vor ihrem Fenster? Sie lauschte atemlos. War es ein Flüstern von Stimmen, oder nur das Spiel des Windes in den Büschen? Sie wurde unwiderstehlich von ihrer Angst gezogen, erhob sich, trat ans Fenster, lautlos, auf bloßen Füßen, und guckte durch die kleine Oeffnung am Riegel. Sie blickte in Monddämmerung hinaus und meinte, daß weiße Gestalten sich zwischen den Büschen entfernten und hinter den lotrechten Wurzeln eines mächtigen Banyan-Baumes verschwanden; es sah aus, als ob der alte Baum in der Geisterstunde von Zaubersäulen aus der Erde gehoben würde. Sie eilte zu ihrem Bett zurück, zündete das elektrische Licht an, nahm ein Buch und schlief schließlich ein. Am Tage nach der Begegnung mit dem heiligen Bettler, verließ Helen Agra. Der Aufenthalt in dem einsam gelegenen Hotel mit den alten Bildern an den Wänden war ihr unheimlich. Sie meinte, daß es in den vielen halbdunklen Winkeln raschelte, und wollte nicht noch eine Nacht hinter den Fensterläden zubringen, wo sie voller Angst in die phantastische Monddämmerung zu den Zaubersäulen des Banyan-Baumes hinausgestarrt hatte. Sie kam abends in Benares an und ging mit ihren kleinen Mädchen gleich nach dem Mittagessen zur Ruhe. Sie wollte am nächsten Morgen zeitig aufstehen und zum Fluß hinabfahren, um zu sehen, wie die Gläubigen den Aufgang der Sonne während ihres Bades in dem heiligen Wasser begrüßten. Als Helen das Hotel in einem Wagen verließ, lag weißlicher Nebel über der flachen Wellenlandschaft. Die runden Kronen der Feigenbäume flossen wie waldbekleidete Halme auf der weißen Fläche. Im Osten war die Luft von goldener Morgenröte durchströmt, die ihre Augen so blendete, daß sie nicht hineinzusehen vermochte. Von dem mächtigen Flußtal kam eine sanfte Brise angestrichen und setzte den Nebel in Bewegung. Die staubige Landstraße schlängelte sich durch die alten Akazien, sie zischelten und flüsterten, wenn der Wind durch ihre Kronen strich. Die kleinen Mädchen zwitscherten mit den Vögeln um die Wette, während Helen den Erklärungen des Führers zuhörte, der sich vom Bock zu ihr herabbeugte. Jetzt lichtete sich der Nebel, der goldene Schein breitete sich über den Himmel, färbte die Tempeltürme, die sich am Flußufer erhoben, und blitzte auf den nadelspitzen Minaretts der Aurangzeb-Moschee. Sie bogen in eine enge Gasse mit zerfallenen Häusern ein, kamen zu einem Marktplatz, wo ihnen die Wärme des gestrigen Tages aus den weißen Mauern eines dichtverschlossenen Maharajah-Palastes entgegenschlug. Sie fuhren über den Platz, der Wagen hielt, und Helen sah zu ihrer Verwunderung, daß der Fluß gerade unter ihr lag. Sie stieg aus, nahm die kleinen Mädchen bei der Hand und wurde von dem Führer eine breite Steintreppe mit vielen niedrigen Stufen hinuntergeführt, die von unregelmäßigen Absätzen ohne Pflasterung unterbrochen wurden, wo es voll Abfall lag. Sie blieb stehen und blickte über die gelbgraue Wasserfläche, die sich breit und träge bis zu der flachen, kahlen Küste auf der andern Seite erstreckte. Das war der Ganges – der Fluß aller Flüsse – der ewig strömende Körper der Gottheit. Auf den reinen Gipfeln geboren, rinnt er mit der Geschwindigkeit des Lichts über abschüssige Felsen, die seinen Lauf und sein Anschwellen nicht zu hindern vermögen. Je weiter er aber ins Tal kommt, desto breiter wird die Umarmung, die ihn zurückzuhalten versucht. Die Schlacken der Erde klammern sich an ihn und trüben sein Licht, und der göttliche Strom trägt die Bürde der Dunkelheit auf seinen Schultern zum Meer hinaus, ebenso wie Karma die Seele durch die Dunkelheit des Lebens zum ewig leuchtenden Nirvana führt. Und wie das Licht der Sonne die Keime des Wassers aus den Armen des Meeres löst, sie zu den Wolken emporhebt und von neuem als Tropfen auf den eiskalten Bergzinnen gebiert, so lösen sich leuchtende Seelenkeime aus dem ewigen Schoß der Weltseele, um, abermals mit der Dunkelheit vermählt, eine neue Daseinsreihe zu durchlaufen. Das Boot, das vom Hotel bestellt war, wartete am Fuß der Treppe. Der Führer rief und winkte den Ruderknechten zu, die im vertraulichen Haufen auf der untersten Stufe saßen, aber sie hörten ihn nicht, so vertieft waren sie in die Erzählung eines Pilgers. Die Aussicht längs des Ufers war zu beiden Seiten von kleinen Tempeln mit spitzen Kuppeln, Lingamsäulen, Statuen von Sivas heiligen Ochsen, schmutzigen Mauern, die eine Treppe von der anderen trennten, versperrt. Auf allen Treppen drängte sich ein ununterbrochener Strom von Männern und Frauen und Kindern, die ins Wasser wollten. Als Helen die letzte Stufe erreicht und der Führer die Aufmerksamkeit der Ruderknechte geweckt hatte, sah sie, daß der Mann, der in ihrer Mitte saß und zu ihnen sprach, dieselbe merkwürdige Kopfbedeckung trug, wie der Sannyasi in Agra. Jetzt drehte er den Kopf zu ihr um und Helen sah, daß es derselbe war. Ohne sich zu erheben, reckte er seine Knochenarme zum Gruß in die Höhe und beugte seinen Kopf zur Erde. Er heftete seine weißen Augen starr auf sie und begann denselben einförmigen Vortrag, den er beim Grabschloß der Krondame gehalten hatte. Helen wurde bei der gaffenden Verwunderung, die sich in den Gesichtern der Ruderknechte ausdrückte, unruhig. Sie flüsterte dem Führer zu, daß er den heiligen Mann zum Schweigen bringen solle. Der Führer trieb die Ruderknechte zum Boot hinunter, beugte sich zu dem Bettler herab, flüsterte ihm etwas zu und drückte ihm einige Silbergroschen in die Hand. Der Sannyasi senkte die Stimme. Helen aber hörte sein Murmeln, bis sie mit den kleinen Mädchen über die gebrechliche Leiter an Deck gestiegen war; es klang beleidigt und unheilverkündend. Und als sie im Korbstuhl saß und das Boot von Land stieß, sah sie, wie er seine Arme nach ihr ausstreckte, während seine weißen Augen wild umherirrten. Sie meinte, daß er ihr drohte. Langsam fuhr das gebrechliche Boot den schmutzigen Strom hinab, langsam glitten die lebenden Bilder der Küste in bunter Reihe an ihrem Blick vorbei. Es gab nicht einen leeren Fleck, wo das Auge ausruhen konnte. Treppe neben Treppe, Plattform über Plattform, kleine viereckige Tempel unter kegelspitzen Dächern mit Wimpeln darauf, und über allem eine Reihe von Palästen, alte und neue, weiße und gelbe, meistens mit fest verschlossenen Fensterläden hinter öden Balkons. Jeder Maharajah, erklärte der Führer, der die Mittel dazu hat, baut sich einen Palast am Ganges, um einige Tage im Jahr am Ufer des heiligen Flusses zu verbringen und – wenn sein Ende sich naht – seinen Tod dort zu erwarten. An einer Stelle sah Helen weißgekleidete Dienerinnen auf einer breiten Palasttreppe, mit blitzenden Messinggefäßen, die sie reinigten und im Fluß füllten; auf den niedrigen Stufen lagen große weiße Tücher zur Bleiche. Dicht daneben auf einer Treppe trieben halbnackte Männer aus einer unteren Kaste ihre Büffel in den Fluß; einige standen bis an das Maul und die Hörner im Wasser. Dann kam wieder ein Badegaht, wo Eingeborene auf breiten Stufen hinunterströmten. Sie drängten sich in dem niedrigen Wasser – dunkelhäutige Südinder, olivenbraune Bengalen mit der weißen Brahmanenschnur über der Schulter und Sivas Merkmal auf der Nasenwurzel; die Frauen hatten ihr Haar mit einem lang herabhängenden Kopftuch verdeckt; die Einwohner von den Abhängen des Himmalaja, aus Nepal und Kashmir trugen dunkle, bunte Tücher, ihre Gesichter aber waren von dem Schnee der hohen Berge gebleicht. Die Badenden wandten sich der Sonne zu, die sich auf der anderen Seite des Flusses über dem Horizont erhob, schöpften Wasser mit ihrer hohlen Hand und warfen sie mit würdigem Ernst der glühenden Scheibe entgegen; manche der Andächtigen hatten Reiskörner mitgebracht, die sie als Morgenopfer von sich schleuderten. Einige gab es auch, für die das Ganze nur Bad und Reinigung war; sie beteten nicht, tauchten nur unter und wuschen sich, spülten sich den Mund mit dem von tausenden von staubigen Gliedern verunreinigten Wasser und bürsteten sich die Zähne mit einer faserigen Wurzel. Keiner achtete der fremden, unreinen Frau, die, in der weißen Farbe der Trauer gekleidet, auf dem Deck des langen Kahns vorbeiglitt, dessen Steven mit hocherhobenen Händen bemalt war, die Glück für das Boot und seine Besatzung herabflehten. Sie glitten an dem Leichenverbrennungsgaht vorbei, wo Scheiterhaufen neben Scheiterhaufen lagen, – neben einem halbausgebrannten, von dem der Rauch verkohlter Reste aufstieg, spielte ein frisch entfachter mit ausgelassenen Flammen um einen kahlen Schädel. Die Leichenträger schleppten Scheite von Holzstapeln herbei, die in Reihen an einer weißen Mauer hoch oben standen. Einige waren im Begriff Scheite für einen Toten aufzustapeln, der darauf wartete, daß er an die Reihe kam, wie ein Kind in weiße Windeln gewickelt, auf einer Bambusbahre ausgestreckt. Um ihn herum standen seine nächsten männlichen Angehörigen, bereit, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Zwei Männer kamen mit einer Leiche die Treppe hinab und zogen die Bahre erst durchs Wasser, um sie zu heiligen. »Das ist eine Pestleiche,« sagte der Führer, der die Zeichen kannte, »vor einer Stunde lebte er noch.« Daneben räumte ein Leichenträger einen kaum ausgebrannten Scheiterhaufen beiseite, – der Platz war knapp und mußte ausgenutzt werden; er fegte die verkohlten Reste der Leiche mit der Asche in den Fluß; und kaum fünfzig Schritte davon entfernt, war wieder ein Badegaht, wo Männer und Frauen sich mit dem Wasser, das der Strom vom Verbrennungsgaht vorbeiführte, sich den Mund spülten und die Zähne bürsteten. Der Führer gab den Ruderknechten unter dem Deck ein Zeichen und das Boot lag einige Minuten still, damit Helen sehen konnte, wie die Leiche auf den Holzstapel gelegt wurde, der jetzt errichtet war. Der nächste männliche Angehörige trat vor; er wurde in das weiße Tuch gehüllt, in das der Tote gewickelt gewesen war; neben ihm stand ein Priester und reichte ihm Blumen und Reis, die er auf die Stirn des Toten legte; darauf gab er ihm eine Schale mit Milch, woraus er einige Tropfen auf den Mund des Toten träufelte, während der Brahmane mit gefalteten Händen Gebete hersagte. Dann bedeckten die Verbrennungsgehilfen die Leiche mit Holzscheiten, einer von ihnen reichte dem Verwandten ein rauchendes Scheit, das er zwischen die Holzstücke hielt, bis sie Feuer gefangen hatten; damit war die Zeremonie zu Ende. Etwas davon entfernt, von dem Verbrennungsort nur durch eine Mauer getrennt, saß auf dem Gaht der Witwen eine trauernde Frau, von Kopf bis Fuß in Weiß gehüllt, ihr Kopf ruhte auf den Knien. Und hier auf der Plattform erhob sich ein Sati-Stein neben dem andern, – in Stein gehauene Frauenarme – zur Erinnerung an treue Frauen, die ihren Männern auf den Scheiterhaufen gefolgt waren, bevor Fremde die Ausübung dieses höchsten Gebotes der Keuschheit untersagten. Der Führer gab den Ruderknechten ein Zeichen, und als der Kahn wieder durch den Strom glitt, wurde Helen eines Bootes ansichtig, das in schneller Fahrt von dem andern Ufer quer über den Fluß gerudert wurde; es war ein Boot von derselben Art wie das ihre, nur vornehmer ausgestattet; der dichtverschlossene Baldachin war aus karmesinroter Seide mit goldenen Fransen. Das Schiff wurde von sechs kräftigen Männern gerudert, die alle weiß gekleidet waren, mit roten Schärpen und roten Turbanen. »Das ist das Boot eines Rajahs,« sagte der Führer. Im selben Augenblick sah Helen, daß das Steuer umgelegt wurde und das Boot in einer scharfen Kurve geradeswegs auf das ihre zukam. Der Führer in Helens Boot rief den Ruderern unter Deck etwas zu; es entstand Verwirrung: einige ruderten back, andere vorwärts, und statt auszuweichen, fuhr der Kahn geradeswegs auf das andere Boot zu. Die vornehmen Ruderknechte schienen Helens Boot gar nicht zu beachten; sie ruderten ruhig weiter, als sei es ausschließlich Sache der andern, dem Zusammenstoß vorzubeugen. Der Führer schrie und fuchtelte mit den Armen, aber es war schon zu spät. Das Rajahboot stieß mitten auf den Kahn. Die morschen Planten gaben mit seufzenden Krachen nach. Helen griff nach den kleinen Mädchen, die zu ihren Füßen saßen; der Führer hielt ihren Korbstuhl im Sturz auf; die Ruderknechte unter Deck erhoben ein lautes Geschrei, und das Wasser begann durch das große Loch hereinzuströmen, so daß das Boot krängte. Während die Ruderknechte im Rajahboot von dem Kahn loszukommen versuchten, wurde der Türvorhang des Baldachins heftig zur Seite geschlagen; in der Tür zeigte sich ein Mann in einem roten Frack und einem Turban mit Perlenspange. Helen erkannte sofort den Rajah aus Agra. Hinter ihm sah sie die Umrisse der Rani, mit dem weißen Seidenschal über dem grauen Haar. Der Rajah hatte auch Helen erkannt. Ein funkelnder Blick aus den glanzvollen Augen traf sie mit derselben Heftigkeit, wie neulich, als er sich ihr nach der Rede des Sannyasi zugewandt hatte. Jetzt errötete sie nicht. Sie war zornig. Der Führer wußte weder aus noch ein. Die Ruderknechte schimpften, während sie den sinkenden Kahn an das Rajahboot festhakten. Von der Küste sahen die Badenden neugierig herüber, in ihrer Andacht gestört; nicht einer machte Miene zu Hilfe zu kommen. Der Rajah war aus dem Baldachin herausgetreten; er rief seinen Leuten Befehle zu, einige sprangen auf Helens Boot und versuchten das Deck zu erklimmen; die gebrechliche Leiter war beim Zusammenstoß zerbrochen worden. Der Kahn zog wie ein Schwamm Wasser, im nächsten Augenblick würde die Reling die Wasserfläche erreicht haben und das Boot sich von oben mit Wasser füllen. Der Rajah stampfte vor Ungeduld, die Rani rief Helen etwas zu und winkte mit beiden Armen. Helen aber wußte nicht, was sie tun sollte, sie wartete, die Arme um die kleinen Mädchen geschlungen, die weinten und vor Angst zitterten. Als die Reling schon das Wasser erreichte und das Deck sich zum Boot des Rajah hinüberneigte, umfaßte der Führer sie und zog sie mit sich zum Rand des Bootes, wo der Rajah und seine Ruderknechte mit ausgebreiteten Armen bereit standen, um sie zu greifen, wenn sie herüberspringen würde. Helen wollte die Kinder zuerst hinüberreichen, aber sie klammerten sich laut schreiend an ihre Knie. Der Rajah reckte sich, faßte mit beiden Händen eine Deckplanke, die über das gähnende Loch herausragte, und schwang sich mit seinen kräftigen Armen hinüber. Mit einem Satz, der das Boot zum Schaukeln brachte, war er an Helens Seite. Das Deck aber, dessen gebrechliche Planken beim Zusammenstoß geborsten waren, konnte sein Gewicht nicht tragen, es brach mit einem Krach zusammen, und Helen, die Kinder und der Führer fielen ins Wasser. Die Rani stieß einen Schrei aus, die Ruderknechte des Rajahs sprangen ins Wasser und zogen Helen und die Kinder ins Boot. Der Führer rettete sich auf das hintere Deck, wo die Ruderknechte in einem Haufen gedrängt standen, abwartend, was weiter geschehen würde. Der Rajah half sich selbst an Bord. Nach wenigen Augenblicke waren alle gerettet, und das Rajahboot, das durch die gewaltig vergrößerte Last tief im Wasser lag, ruderte vorsichtig auf die weiße Treppe zu, die ihr Ziel gewesen war, während der Kahn im Fluß verschwand, nur das oberste Deck war noch sichtbar. Unter dem Baldachinzelt, das sich hinter ihnen geschlossen hatte, holte die Rani alles herbei, was an Seidenkissen da war, um die triefende Nässe von Helen und ihren kleinen Mädchen zu trocknen, die nicht aufhören wollten zu weinen und die Augen mit dem nassen Haar rieben. Von der ängstlichen Fürsorge in ihren sprechenden Augen, der aufrichtigen Teilnahme der bebenden Hände, die so weich und sorgsam zugriffen, dem warmen Klang der tiefen, girrenden Stimme, ließ Helen sich versöhnen; obgleich das Englisch der Rani mit Hinduworten vermischt war, verstand Helen fast alles, was sie sagte. Als Helen und die kleinen Mädchen auf der breiten Treppe standen, die zu einem Palast mit offenen Fensterbögen und ausgehauenen Marmorbalkons; mit Teppichen über den Balustraden, führte, kam eine Schar Diener mit roten Schärpen unter allen Anzeichen des Entsetzens auf sie zugestürmt. Der Rajah blieb auf dem ersten Absatz stehen. Wie er dort in der Sonne stand, die nassen Kleider an der athletischen Gestalt klebend, sah Helen seiner Haltung an, daß er ihren Zorn fürchtete und hoffte, daß seine Mutter sie besänftigen würde. Helen wandte sich dem Führer zu und bat ihn, für einen Wagen zu sorgen; die Rani aber wollte nicht erlauben, daß sie und die Kinder in den nassen Kleidern blieben. Sie legte ihre Hände feierlich auf den Kopf der Kleinen, und Helen verstand aus ihrem ernsten Blick, daß sie für sie und die Kleinen Fieber befürchtete. Helen erinnerte sich an das, was sie im Fluß gesehen hatte, und der Gedanke, daß ihr das Wasser durch Nase und Mund gedrungen war, ließ ein solches Uebelkeitsgefühl in ihr aufsteigen, daß sie sich abwenden mußte. Sie beugte sich dem Willen der Rani und entsandte den Führer mit einem Bescheid ins Hotel. Der Rajah hatte sie gleich verstanden. Ein Ruck von unbeherrschter Freude ging durch seinen Körper; er wandte sich und sprang die Treppe im Sturmschritt hinauf. Als Helen von der sonnendurchwärmten Terrasse in das Halbdunkel der Halle trat, schlug ihr ein Duft von jahrealtem Parfüm entgegen. Er lag nicht hier und dort verstreut, sondern folgte ihr, während sie von der Rani die niedrigen, teppichbelegten Stufen hinaufgeführt wurde, wo schlanke, dunkle Eingeborene ihnen auf den breiten Absätzen begegneten und sich tief verneigten; derselbe Duft schlug ihr aus dem Schleier der Rani und den Kleidern der Diener entgegen; als Helen sich daran gewöhnt hatte, merkte sie, daß Rosenöl sein Hauptbestandteil war. Sie betraten ein Zimmer, dessen offene Bogenfenster zum Fluß hinausgingen. Breite, weiße Segel boten Schutz gegen die Sonne. Mitten im Zimmer stand ein Himmelbett mit schweren Seidenvorhängen. Zwischen den Fenstern war ein venezianischer Spiegel über einer niedrigen Konsole, an der Wand stand ein Waschtisch aus kunstfertig ausgehauenem Marmor. Ueberall auf dem weichen Teppich lagen seidene Kissen verstreut, und vor einem Divan, der von seidenen Kissen gebildet war, stand ein niedriger Mosaiktisch. Außerdem war da ein moderner Toilettentisch mit Spiegel, und Stühle in englischem Stil mit eingelegten Perlmutttverzierungen. In der einen Ecke stand ein mächtiger Kleiderschrank im Empirestil mit einer Krone darüber. So stillos war die kostbare Einrichtung. »Dies ist der Saal des Vizekönigs,« sagte die Rani. Der verstorbene Maharajah, der Vater ihres Sohnes, hatte einst Besuch von dem Vizekönig und seiner Frau gehabt. Während ihres Aufenthalts hatten sie den Fürsten überredet, seinen Sohn zum Studieren nach England zu schicken. Ein Jahr darauf aber starb der Maharajah, und der Sohn mußte zu seinem Reich zurückkehren. Seit der Zeit waren englische Sitten im Palast eingeführt worden. Die Rani klatschte in die Hände. Zwei weißgekleidete Mädchen kamen herein, nahmen Befehle entgegen und kehrten bald darauf zurück, die eine mit einem Waschservice aus Silber, das sie auf den leeren Waschtisch stellte, die andere mit weißen Tüchern. »Ich habe kein Kinderzeug mehr,« sagte die Rani und lächelte wehmütig. Sie wusch den Kindern Gesicht und Hände und wickelte sie in das Leinen, das das Mädchen gebracht hatte. Sie standen mit erstaunten Augen da und ließen alles über sich ergehen. Schließlich schob sie die Seidenvorhänge zurück und legte sie ins Bett. Wieder klatschte sie in die Hände, das Mädchen kam, empfing ihre Befehle und kehrte mit einem seidenen Unterkleid zurück, wie vornehme Hindufrauen es tragen, einem prachtvollen, geblümten Kaschmirschlafrock und goldgestickten Saffianpantoffeln. Helen betrachtete die Kleider geblendet – sie blickte auf das Abenteuer, das sie in ihr Reich gezogen hatte. Die Rani lächelte und sagte, daß sie zurückkehren würde, wenn Helen sich umgekleidet hätte. Helen entledigte sich ihrer nassen Kleider, wusch sich und zog das Kostüm der Rani an. Beim Anblick des Bildes, das sie in dem venezianischen Spiegel sah, vergaß sie alles, was sie an diesem wundersamen Morgen erlebt hatte, ihr Gemüt wurde von einem Wohlbehagen erfüllt, das alle Sorgen verdrängte und sie von der Vergangenheit in eine neue, strahlende Gegenwart führte. Als die Rani zurückkehrte, wandte Helen sich zu ihr um und ihre Augen fragten: »Kleidet es mich Hindudame zu sein?« Der Rani hob die Hände und betrachtete sie mit derselben Mischung von Staunen und Bewunderung, mit der sie sie vor Taj Mahal angeschaut hatte, als der Sannyasi seine lange Rede hielt. Dann wandte sie sich, nahm ein Flakon von dem Tablett, das das Mädchen trug, schüttelte etwas Pulver in eine Schale und goß eine dicke Flüssigkeit, die nach Pomeranzen duftete, über das Pulver. Darauf ging sie zum Bett, setzte sich auf die Kante und beugte sich zu den kleinen Mädchen herab. Helen sah zu ihrem Erstaunen, daß Astva lächelte und aus der Schale trank, die sie ihr bot. Da reichte auch die Schwester ihr Mäulchen hin. Die Rani deckte sie gut zu und begann mit tiefer, monotoner Stimme zu singen. Sie saß mit gebeugtem Kopf, die Hände auf den Köpfen der Kinder; Helen sah ihr an, daß sie in Erinnerungen versunken war. So verharrte sie, bis die lauschenden Kinderaugen blank und müde und schließlich vom Schlaf geschlossen wurden. Als sie sich erhob, gab Helen einem Gefühl nach, das sie trieb, die Hände der Rani gegen ihre Brust zu drücken. Die Augen der Rani ruhten dunkel und fragend auf ihr; Helen wurde verlegen und fragte, nur um etwas zu sagen, was sie den Kleinen gegeben habe. »Einen Schlaftrunk gegen Fieber.« Sie wollte, daß auch Helen ihn nehmen sollte. Helen trank davon, um sie nicht in ihrer mütterlichen Fürsorge zu verletzen; als sie aber die Schale aus der Hand setzte, fuhr der plötzliche Schmerz ihr wieder durch die Augen. Erst wurde alles dunkel, dann flimmerte es vor ihren Blicken, wie von fadenförmigem Getier. Ihre Lippen verzogen sich und sie hielt die Hand über die geschlossenen Lider, bis der Schmerz vorüber war. Ohne ein Wort zu sagen, zog die Rani sie ans Fenster, kehrte sie dem Licht zu und sah ihr aufmerksam in die Augen, die mit ungewöhnlichem Glanz strahlten. »Sie haben die Augenkrankheit,« sagte sie und schüttelte bekümmert den Kopf, »wie lange haben Sie sie schon gehabt?« Helen erzählte, wie lange es her sei, daß sie zum erstenmal den Schmerz gespürt und wie plötzlich er käme und wieder verschwände; wie ein junges Mädchen, das Schelte erwartet, sagte sie: »Ich weiß, ich hätte einen Arzt aufsuchen müssen, aber ich hatte soviele andere Dinge im Kopf.« Die Rani nickte. »Darauf verstehen eure Aerzte sich doch nicht.« Sie hob Helens Augenlider hoch und blickte ihr aufmerksam in die glanzvolle Iris. Darauf nahm sie ihre Hände und sagte: »Bleiben Sie bei mir, ich werde Sie kurieren, wie meine Mutter mich kurierte und ihre Mutter wiederum ihren Sohn. Es ist eine Kunst, die sich in unserem Geschlecht seit den Tagen des großen Schah Jehan von Mutter auf Tochter vererbt hat.« Helens erster Eindruck war Dankbarkeit und Freude, dann aber tauchte das Hotel in ihr auf, ihr Gepäck, die Reise, alles, worin sie noch bis zu diesem Morgen gelebt hatte. Verwundert über das, was mit ihr geschehen war, blickte sie sich im Zimmer um, als wollte sie sich überzeugen, daß sie auch wirklich hier stehe – in dem Palast eines indischen Rajahs am Ufer des Ganges. Ihr Blick suchte abermals den der Rani, der aufmerksam auf ihr ruhte. Dann kehrte ihr erster Eindruck zurück. Warum nicht? sagte eine Stimme in ihrem Innern. – Sie drückte die Hände der Rani gegen ihr Herz, wie sie es vor einem Augenblick getan hatte. »Vielen Dank,« sagte sie, ihre Augen aber sagten noch mehr. Und das Gesicht der Rani leuchtete vor Freude, so daß sie verjüngt und verschönt aussah. Sie klatschte in die Hände, das Mädchen kam herein und sie prägte ihr einen langen Bescheid ein, den das Mädchen wiederholen mußte, bevor sie ging. Während sie warteten, fragte die Rani Helen, ob sie allein oder mit ihr speisen wolle. Helen hatte den Rajah und seine offenbare Verliebtheit bei den Erlebnissen der letzten halben Stunde ganz vergessen. Jetzt tauchte der Gedanke an ihn plötzlich wieder in ihr auf. Die Rani mißverstand ihr Zögern und erklärte lächelnd, daß der Koch des Palastes in dem größten indischen Hotel, im Taj Mahal in Bombay, gelernt habe. Helen lachte über das Mißverständnis und bat die Rani, ob sie den Tag mit ihr teilen dürfe, soweit ihre fürstliche Stellung es erlaubte. Den Rajah nannte sie nicht, mit weiblichem Takt aber verstand die Rani, was Helen dachte, und indem sie ihr die Speisezeiten des Hauses nannte, sagte sie, daß der Rajah, den Sitten des Landes zufolge, für sich allein speise; nur eine Stunde gegen Abend pflegte er im Salon seiner Mutter zu verbringen. Zwei Mädchen, die beide Englisch konnten, würden Tag und Nacht zu ihrer Verfügung stehen, Helen brauche nur in die Hände zu klatschen, wie sie es bei der Rani gesehen habe. Sie schliefen auf der Matte vor ihrer Tür. Jetzt kam das Mädchen wieder herein, mit Flakons und Dosen aus altem ziseliertem Silber. Die Rani maß die Flüssigkeiten ab und goß sie in ein Gefäß, mischte und rührte sie, nahm dann ein feines Leinentuch, tauchte es in die Mischung und badete Helens Augen. Erst brannte es ein wenig, gleich darauf aber folgte eine wunderbar beruhigende Kühlung. So sollte Helen ihre Augen am liebsten jede Stunde baden; die Rani bereitete sie darauf vor, daß die Kur lange dauern würde, weil sie so spät begonnen wurde. Als die Rani sie verlassen hatte, wurde Helen von einer Schläfrigkeit überfallen, die ihr die Glieder schwer machte; sie legte sich neben den Kindern aufs Bett und dachte, daß die Müdigkeit gewiß von dem Schlaftrunk herrührte, als sie auch schon schlief. Sie erwachte von dem schallenden Laut eines Gongs. Sie sah auf die Uhr – die Uhr war zehn – es war Frühstückszeit. Auf dem breiten Korridor stand ein hochgewachsener Eingeborener mit einem Turban, der größer und prachtvoller war, als der der anderen, mit weißen Sandalen und Beinkleidern, die ganz bis auf die Fußgelenke fielen. Er verneigte sich mit großem Anstand und streckte ihr die Hand grüßend entgegen, worauf er sich umwandte und ihr den Weg zeigte. Es war der Sirda – der oberste Diener. Sie aßen in einem kleinen viereckigen Saal, wo nur ein Eßtisch und Stühle standen. Der Sirda blieb an der Tür stehen und überwachte die Anrichtung. Das erste Gericht war Karri. Was alles das war, was ihr auf silbernen Tellern zum Reis geboten wurde, dessen Körner größer und weißer waren, als sie sie je gesehen, konnte Helen nicht entscheiden – da waren mindestens ein Dutzend verschiedener Dinge, etwas war feingehacktes Lammfleisch, etwas anderes Fisch; Chutney erkannte sie auch; aber da waren getrocknete und eingemachte Dinge, wunderbar aromatisch, wie sie sie noch nie geschmeckt hatte. Es gab Rotwein in kleinen Kristallflakons, mit Pfropfen von massiv gehämmertem Silber – und es gab Sorbet und Zitronen und Pomeranzen in herrlich bemalten Lehmgefäßen. Sobald Helen aus ihrem Glas getrunken hatte, ergriff der Diener es, leerte den Rest in eine Kumme und schenkte von neuem ein, damit das Getränk nicht warm würde. Während der Mahlzeit wurde die Luft, die durch die offenstehenden Fenster kam, von einem mächtigen altmodischen Punkah in Bewegung gesetzt, der ebenso rot war, wie die Schärpen und Turbane der Diener. Er hing in seiner ganzen Länge unter der Decke und wurde von zwei Punkahmännern im Korridor gezogen. Als die Rani sich zurückzog, um zu ruhen, riet sie auch Helen, sich zu legen und gab ihr zu verstehen, daß von elf bis vier Uhr nur Diener und die niedrige Kaste eine Beschäftigung vornähmen; auch wäre es am besten für ihre Augen, wenn sie das Licht während der wärmsten Stunden mied. Helen fand ihre und der Kinder Kleidungsstücke getrocknet, gereinigt und zierlich über ein paar Stühle gebreitet. Trotzdem behielt sie das schöne Ranikostüm noch den ganzen Vormittag an, während sie auspackte und alles in ihrem neuen Heim einrichtete. Im Laufe des Tages erwachten die Kinder, erfrischt und hungrig. Helen klatschte in die Hände und die Kleinen bekamen zu essen. Wieder und wieder klatschten sie die Mädchen herein und fanden, daß es ein herrliches Spiel sei. Schließlich mußte Helen es ihnen verbieten. Vor Abend waren die Kinder so gute Freunde mit den Mädchen, daß sie sich von ihnen entkleiden und zu Bett bringen ließen. Nach dem Mittagessen führte die Rani Helen in ihren eigenen Salon. Ein behaglicher, hoher Raum mit dicken Teppichen, niedrigen Seidenkissen und Diwanen mit Goldbrokat überzogen. Kleine Ebenholztische im alten indischen Stil, und an den Wänden seidene Teppiche, wunderbar harmonisch in den Farben, kunstvoll mit Gold und Silberfäden bestickt, in Mustern, die Helen bekannt erschienen; schließlich erinnerte sie sich, daß sie diese Blumenornamente in der Kuppelhalle des Grabschlosses gesehen hatte – auf dem gelben Marmor der Sarkophage, mit eingelegten Edelsteinen. In einer Ecke stand auf einem Tisch aus dunklem Sandelholz ein Götzenbild aus Elfenbein, davor eine goldene Schale, mit Reis und Weihrauch, und in einer schönen, alten indischen Lehmvase stark duftende, gelbe Blumen. Ein Stein, größer wie ein Ei, grün wie Meerwasser, lag in einer silbernen Schale. »Das ist Krishnas Altar,« sagte die Rani und sah Helen an, als ob sie sagen wollte: »Jetzt hast du andere Götter, einst aber betetest du zu demselben Gott wie ich.« Plötzlich drehte Helen sich um. Der Rajah stand hinter ihr. Lautlos war er hereingekommen und hatte sie mit seinen glänzenden schwarzen Augen zu sich herangezogen. Dort stand er an der Tür, in einem hochroten Sammetfrack, der mit weißen Bändern gesäumt war, einem goldgestickten Gürtel und weißen Kaschmirhosen, die nach der Rajahmode faltig lagen. Er trug blitzende Lackschuhe, aber weder Kragen noch Manschetten. Der Rock schloß dicht an seinem starken Hals, darüber trug er eine Doppelkette von echten Perlen, die ihm auf die Brust fiel. Indem er sich vor ihr verneigte, merkte sie, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Sie nahm hastig neben der Rani Platz. Der Rajah blieb in einer entfernten Ecke auf dem Diwan sitzen, und Helen konnte sehen, wie das Blut Schatten über seine Schläfen jagte. Sie fühlte seine Augen wie einen Brand auf ihrer Backe und hütete sich, seinem Blick zu begegnen. Wenn seine Mutter ihn ins Gespräch zog, antwortete er einsilbig. Helen merkte bald, daß er sich durch ihre Nähe ebenso geniert fühlte, wie sie sich durch die seine. Sein Gemüt ließ ihm keine Ruhe, er ging von einer Ecke des Zimmers zur anderen; als sie sich schließlich erkühnte, ihm nachzusehen, war er verschwunden. Schließlich berührte Helen das Thema, das ihre Gedanken die ganze Zeit umkreist hatten. »Das Muster dort auf dem Teppich«, sagte sie und zeigte auf die Wand, »erinnert mich an die Sarkophage in Taj Mahal.« »Ja,« sagte die Rani. Es entstand eine Pause. Helen faßte Mut und fragte: »Haben Sie nicht ein Bild von der Krondame? Ich möchte sie so gern sehen.« Die Rani erhob sich, nahm sie, ohne ein Wort zu sagen, bei der Hand und führte sie aus dem Zimmer. Sie durchschritten einen teppichbelegten Gang, stiegen eine Wendeltreppe hinauf und standen in einem achteckigen Zimmer, mit zwei offenen Bogentüren, die zu einem überdeckten Balkon führten, von wo der Himmel, der bereits einen Abendschein bekommen hatte, ihnen entgegenleuchtete. Durch die hohe Marmorbalustrade des Balkons sah Helen die Stadt und den Fluß; gedämpftes Summen stieg von dort herauf. Helen blickte sich verwundert um, sie meinte, sie hätte dieses Zimmer schon früher gesehen: die Ornamente auf den Fensterbögen von eingelegten grünen, gelben und roten Steinen, die schlanken maurischen Säulen, die das Dach über dem Balkon trugen, und das Muster des Marmorfußbodens. Als Helen auf den Balkon hinaustrat und sah, daß es ein Rundgang war, der um das ganze Zimmer herumführte, und daß sie sich in einem achteckigen Turme befand, erinnerte sie sich, wo sie dies alles schon gesehen hatte. »Der Jasminturm in Agra, nicht wahr?« sagte sie und wandte sich fragend zur Rani. Die Fürstin nickte. Der Marmorturm, den der Schah seiner heißgeliebten Arimand Banu gebaut hatte, war hier bis in die kleinsten Einzelheiten nachgemacht. Nur der breite Diwan von aufgestapelten Seidenkissen mitten im Zimmer fehlte. Die Rani zog sie wieder ins Zimmer und zeigte auf zwei Wandteppiche, die sich gegenüber hingen und ganz gleich waren: auf hochrotem Grunde war ein Lebensbaum mit kleinen Vögeln und herrlichen Früchten gestickt. Als Helen die Teppiche eine Weile schweigend bewundert hatte, zog die Rani den einen beiseite: dahinter kam ein Brustbild auf Elfenbein gemalt, in ovalem Ebenholzrahmen, zum Vorschein. Es stellte eine Frau in Hoftracht dar, mit einer Rose in der Hand. Sie trug eine perlengeschmückte Kopfbedeckung, Perlenketten hingen ihr von den Ohren und eine vielreihige Perlenkette über den goldgestickten Bolero. Das reine Oval des Kopfes, von schwarzem Haar und weißen Perlenschnüren eingerahmt, der seine Bogen der Brauen, die mandelförmigen Augen mit dem violetten Traumdunkel der Pupillen auf der opalblauen Wölbung, die reine Linie der Nase, die zu den edel geformten Flügeln sanft abfiel, die sanft geschwungenen Lippen, die sich auf der Trefflinie des Mundes begegneten – alles atmete veredelte Sinnlichkeit in harmonischem Zusammenklang mit der Keuschheitslinie des Kinns. Es war die Krondame, Arimand Banu, die Heißgeliebte. Helen stand in Anschauen versunken, bis die Rani ihren Arm berührte und ihr das Bild hinter dem Teppich gegenüber zeigte. Ein stolzer Kopf mit einem starken und reinen Profil, ein fester Mund mit einem Lächeln, das Gutes und Böses verbarg; ein schwarzer Bart, der den hinteren Teil der Wangen bedeckte, in einem schmalen Band über den Mund lief und die festen und vollen Lippen, den hohen Spalt des Mundes und das lange Herrscherkinn freiließ. Das war der Herr der Krondame, der große Jehan. Um den Hals trug er eine Doppelkette von großen schweren Perlen wie die, die Helen an dem Hals des Rajahs gesehen hatte, ein Turban aus Perlenbändern mit dem Emblem der Schahs krönte ihn. Unter dem Bild der Krondame stand ein niedriger Tisch, auf dem ein goldgestickter Bolero, ähnlich dem, den sie selbst trug, wie eine Altardecke ausgebreitet lag. Der Marmorrahmen des Türbogens fing jetzt einen Purpurschein des Himmels auf. Tiefe Dämmerung legte sich über die Bilder, verlöschte die Farben und gab den edlen Gesichtern, die sich von dem geisterweißen Grund des Elfenbeins abhoben, ein geheimnisvolles Schattenleben. Helen konnte sich kaum von der Stimmung eines träumenden Lebens und lebenden Traumes freimachen, die mit den Schatten in diesem Zimmer emporstiegen, das von jeder Wirklichkeit, von Zeit und Raum losgelöst zu sein schien. Als die Rani ihre Hand berührte, fuhr sie zusammen und atmete tief auf; als sie sich in der Tür noch einmal umwandte, sagte die Fürstin: »Sie können wiederkommen so oft Sie Lust haben; die Tür ist immer offen.« Als Helen in ihr Zimmer zurückgekehrt war, wo die Kinder schon schliefen, öffnete sie die Fensterflügel, blieb im Dunkeln sitzen und ließ die Sternennacht, die von Millionen leuchtender Leben erzitterte, auf ihr Gemüt einwirken. Die Arme auf der Fensterbrüstung, blickte sie auf den Fluß hinab, wo eine vereinzelte Bootslaterne mit einem langen Lichtstreifen hinter sich, langsam über das Wasser glitt. Ihre Gedanken aber waren nicht bei dem, was sie sah, und nicht bei der Vergangenheit, sie waren weder in ihrer Heimat, noch auf der Reise; das alles lag irgendwo draußen wie ein Schleier, den sie abgelegt hatte – ihre Seele saß hier nackt und allein, Auge in Auge mit dem ewigen Augenblick, der oben im Turmzimmer auf sie herabgeatmet hatte, wie damals aus dem Dunkel des Kuppelgewölbes über dem Grab der Krondame. Sie hatte ein Gefühl, als ob die Wurzeln ihres Wesens halb ängstlich zurückweichend, halb neugierig verlangend, aus einem neuen Leben Nahrung sogen, und sie fühlte sich schwach wie eine Blume, die mit dem Kopf hängt, weil es ihrem Stengel noch an Festigkeit fehlt. Und wie eine Blume schloß sie sich schließlich vor der starken Nacht und schlief ein, den Kopf auf ihren Armen, bis sie von dem Spiel der Mücken auf ihrem Hals geweckt wurde. Sie fuhr in die Höhe, griff verwirrt um sich, in der Urangst des Menschengemüts vor dem Unbekannten, bis ihr Auge auf den Sternennebel und den Fluß fiel, und sie zum Augenblick zurückkehrte. Sie ging eilig zu Bett und zog das Moskitonetz über sich. Sie hörte einen sanften, regelmäßigen Laut vor ihrer Tür, besann sich darauf, daß es das Schnarchen der Mädchen auf ihrer Matte sei, und gab sich ruhig dem Schlafe hin, die kleinen Mädchen ihr zur Seite. Helen erwachte aus einem merkwürdigen Traum. Sie wuchs in einem Garten, zwischen vielen verschiedenartigen Blumen, einige groß und prangend, ohne Duft, andere klein und zart, mit edlem Blumenatem, und einige wenige, die zugleich groß und schön waren und herrlich dufteten. Die schönste von allen aber wuchs für sich allein in einem Beet unter dem Baum des Lebens. Sie meinte, daß sie nie eine schönere gesehen hatte und dachte: Ach, wenn ich doch diese Blume wäre! – Ihr träumte, daß das Licht und der Duft im Garten so stark seien, daß sie dadurch erwachte, aber daß sie, als sie erwachte, sich selbst sagte: Du duftest ja selbst, und sie versuchte, sich darüber klar zu werden, welcher Duft zwischen all denen, die ihr entgegenwogten, ihr eigener sei. Im selben Augenblick erwachte sie wirklich. Sie sah den Betthimmel über sich und die Kinder, die sanft neben ihr schliefen, der starke Blumenduft des Traumes aber verweilte noch. Sie konnte deutlich unterscheiden, daß es Rosenduft war, stark kräutriger Rosenatem. Sie richtete sich auf, zog das Moskitonetz zurück und hob den Bettvorhang zur Seite, um sich zu vergewissern, daß sie auch wirklich wach sei. Da sah sie neben sich auf einem kleinen Tisch einen Haufen großer goldenroter, indischer Rosen, und sie begriff im selben Augenblick, daß die Vorfahren dieser Rosen, die seit Jahrhunderten ihre Blumenseelen an diesem Ort ausgeatmet hatten, wie eine Atmosphäre über dem Palast lagen und ihr gleich entgegengeströmt waren, als sie über seine Schwelle trat, als wollten sie sie in ihr Reich hineinziehen. Sie begriff, daß das Mädchen sie dort hingelegt hatte, wie einen ersten Morgengruß; gleichzeitig aber wußte sie auch so sicher, als ob seine Karte zwischen den blühenden Blumenwangen gesteckt habe, daß der Rajah sie geschickt hatte. Helen machte sich nicht klar, woher sie es wußte, ja, sie wunderte sich nicht einmal darüber. Während sie sich ankleidete, lockten die Rosen sie beständig zu sich, der Traum tauchte in ihrer Erinnerung auf, und sie versuchte aus ihrem eigenen Spiegelbild herauszulesen, welch wundersamen Erlebnisse sie noch in dem Heim der Rosen erwarteten. Helen sah den Rajah nur während der Stunde, die er nach dem Mittagessen im Salon seiner Mutter verbrachte. Sie wechselten sehr wenig Worte miteinander. Wie am ersten Tage ging er in beständiger Unruhe von einem Diwan zum anderen; wo er aber auch im Zimmer war, beständig fühlte sie seine Augen auf sich, fühlte, wie sein Gemüt ihr mit einer seltsamen Kraft entgegenwogte. – Es war ihr herzlich zuwider, dennoch vermißte sie es, als er eines Nachmittags ausblieb. Wenn sie allein in ihrem Zimmer war, wurde sie bisweilen von einer seltsamen Empfindung befallen, als ob sein Wesen sich ihr aufdrängte; es war wie gewitterschwangere Lust, eine seltsam anziehende und wärmende Kraft, der sie sich nicht zu entziehen vermochte. Wenn sie in der mächtigen Marmorkumme des Badezimmers lag und die kühlende Fontäne aus der Lotosblume in der Mitte der Kumme auf sich herabplätschern ließ, wurde der Eindruck seiner Gegenwart bisweilen so stark, daß sie über ihre Nacktheit errötete und ängstlich auf die Marmorwände blickte. Sie bekämpfte dieses Gefühl aus aller Kraft, der Kampf selbst aber wirkte erregend. Bisweilen gab sie nach und ließ sich willenlos von der Kraft tragen, die um sie zusammenschlug, – wie eine Blume, dem Augenblick lebend, in glücklicher Unwissenheit von Vergangenheit und Zukunft, – bis sie erwachte, sich zusammennahm und sich selbst zu erklären versuchte, was in ihr vorging. Er war in der Luft um sie her, er war in ihren Träumen, dennoch, das fühlte sie mit Bestimmtheit, war sie nicht in ihn verliebt. Sie mußte über sich selbst lächeln, wenn ihr der Gedanke kam, daß er Ralph aus ihrem Herzen verdrängen könnte. Ein mächtiger Wille erzwang sich ihre Aufmerksamkeit, das war alles. Morgen für Morgen aber wurde sie von dem Duft der goldenen Rosen neben ihrem Bett geweckt. Häufig, wenn sie in ihrem Zimmer war, hörte sie Musik, und dann wußte sie, daß er es war, der ihr irgendwo im Palast etwas vorspielte, obgleich sie nie danach gefragt hatte. Jeden Tag, wenn sie nach dem Frühstück auf ihr Zimmer kam, um ihre Augen zu baden und in den heißesten und hellsten Stunden des Tages zu ruhen, stand eine Lehmkruke mit Sorbet auf ihrem Tisch; und jeden Tag war der Trank mit einem neuen Aroma gewürzt. Es war ein sehr warmer Tag. Helen ruhte auf dem Diwan, während die Kinder schliefen. Obgleich sie ihr Kleid ausgezogen und ihre übrige Bekleidung gelöst hatte, wurde sie von der Wärme gequält. Sie trank ein Glas nach dem anderen von dem würzigen Sorbet. Aber sie fühlte, daß sie immer durstiger wurde, je mehr sie trank; sie meinte sogar, daß der Sorbet ihr zu Kopf stiege, aber sie konnte nicht davon lassen, weil er lieblicher schmeckte und die Hitze größer war als je zuvor. Plötzlich bekam sie Lust, das Turmzimmer und die Bilder zu sehen. Die Tür war ja immer offen, wie die Rani gesagt hatte, und vielleicht war es dort kühler als hier. Sie zog ihr Kleid an und ging hinauf. Sie legte sich auf den Diwan und betrachtete das Bild, während sie an die Worte des Sannyasi dachte und ihre Züge mit denen der Krondame verglich, als ob wirklich eine mystische Verbindung zwischen ihnen bestehe. Freilich lächelte sie darüber, aber die Wärme und der Sorbet betäubten das Bewußtsein, so daß sie nach und nach die Beute ihrer Träume wurde, und nicht mehr davon loskommen konnte. Als ihre Augen auf den Bolero fielen, gab sie einer plötzlichen Eingebung nach; sie zog ihre Taille aus und kleidete sich in das Kostüm der Krondame. Es paßte ihr über der Brust und in der Länge der Aermel. Helen legte sich wieder auf den Diwan und gab sich willenlos dem wohligen Behagen eines Halbschlummers hin. Hinter dem Wandteppich meinte sie die gedämpfte Musik der Odalisken zu hören, ihr Blick ruhte auf Schah Jehans stolzem Profil. Sie träumte, daß jetzt die Abendstunde da sei, wo er kommen und ihr seine Liebe zu Füßen legen würde. Und sieh, der Vorhang glitt zur Seite, und dort stand der Schah, ihr Herr und Geliebter, in dem perlengestickten Kaftan, den er auf dem Bilde trug, die schweren Perlenketten um den kräftigen Hals. Ihr Herz klopfte, sie wollte sich gegen das auflehnen, was Bild oder Wirklichkeit war, aber es war ihr nicht möglich. Erst als er sich ihr zu Füßen legte und ihre Hände ergriff, erwachte sie ganz. Sie sah den Puls an seinem Hals klopfen, und die Dunkelheit in seinen Augen war so voll von Unterwürfigkeit, daß sie den Mut fand zu bleiben. »Geliebte,« flüsterte er mit einer Stimme, die von Erregung bebte, während seine heißen Hände die ihren umfaßten. Ihre Augen wurden von seinen glühenden Lippen gefesselt, die unter der Spannung seines Gemüts bebten. Seine Hand glitt liebkosend über den weichen Stoff des Boleros. »Warum hast du dich damit bekleidet?« Sie konnte nichts sagen, ihr Blick war wie festgezaubert an den seinen, ihr Gemüt an seinen Willen. »Sieh,« sagte er und hob ihre Hand, während Glück seinen Mund umlächelte, »das ist die Hand, die ich liebte! – Jeder Zug um deinen Mund ruft eine Erinnerung in meiner Seele wach.« Sein Blick versuchte in die unbewußten Tiefen ihres Innern zu dringen, um das Schlummernde zu wecken. »Antworte mir und leugne nicht die Wahrheit! – Kennst du mich, Schah Jehan, deinen Herrn und Geliebten?« Sie befand sich unter einem Zwang, den sie nicht zu brechen vermochte. Sie meinte, daß sie den Kopf schüttelte, aber es wurde nicht zur Wirklichkeit. Wieder ruhte sein Blick auf ihrer Hand, die er noch immer in der seinen hielt, und er begann ihr von seinem Schicksal zu erzählen. »Vor drei Jahren begegnete ich dem heiligsten Mann Indiens in einem Banyanenhain bei Patna. Er wußte nicht, wer es war, der zu ihm kam. Kaum aber war sein Auge auf mich gefallen, als er sich verneigte und mich willkommen hieß. Mein Geschlecht stammt von Schah Jehan ab, das wußte er nicht. Als er mich aber sah, sagte er: ›Heil dir, Schah Jehan, du Edelgeborener, der du zurückgekehrt bist im Blut aus deinem Blut, im Fleisch aus deinem Fleisch, sieh, einst wirst du der begegnen, die du über den Tod hinaus liebtest. An dem Grabe, ja, an der Schwelle des Schlosses, das du ihr zum Andenken errichtetest, wirft du ihr entgegentreten.‹ Und es ist geschehen, wie er sagte.« Er hielt inne, als zögerte er vor etwas, was er nicht zu sagen wagte. Kurz darauf aber fuhr er mit flüsternder Stimme fort: »Ich bin Mitglied des Khosti, des Ordens der verborgenen Bande, der alle Führenden in Brahmas Ländern verbindet. Während ich mich in Bombay aufhielt, wurde ich zum Rat der Höchsten berufen. Dort erfuhr ich, daß zwei amerikanische Männer nach Indien gekommen seien, deren Spur man verfolgen, deren Weg man kennen wollte. Der eine reiste mit einer europäischen Dame, die ihn aber plötzlich in Colombo verlassen hatte, und da das junge Mädchen, das sich in ihrer Gesellschaft befand, gestorben war, sei sie weiter nach Agra und Benares gereist. Diese Städte stehen unter meiner heimlichen Aufsicht und ich bekam den Auftrag, daß ich ihren Spuren folgen sollte. Ich befand mich mit meiner Mutter auf dem Wege nach Karachi und mußte meine Reise unterbrechen und umkehren, ohne daß ich ihr den Grund sagen durfte. Ich war sehr verdrießlich darüber, aber wenn der Rat der Höchsten befiehlt, muß man gehorchen. So reiste ich denn nach Agra, erfuhr, wo die fremde Dame wohnte, und hörte, daß sie nachmittags nach Taj Mahal hinaus wollte. Ich begab mich mit meiner Mutter ebenfalls dorthin, um sie zu sehen, und meinen Dienern Befehle zu geben. Gleich als ich dich sah, wurde meine Seele von deinem Blick gerührt. Und als der Sannyasi verkündete, wer du seist, – sieh, da begriff ich, wie wundersam sich das Rad zu meinem Glück gedreht hatte, wie der Rat der Höchsten, der mich von meinem Wege abrief, um seinen Plänen zu dienen, das Werkzeug eines noch höheren Rates gewesen war, der vervollkommnete, was der Heilige in Patna vorausgesagt hatte. Sie wollte nach Ralph und seinem Schicksal fragen, wollte wissen, warum sein Weg von dem heimlichen Rat verfolgt wurde. Sie war aber so ergriffen von dem, was der Rajah von seinem eigenen Schicksal erzählte, war so benommen von seiner Versunkenheit, daß Ralph und ihre eigene Reise in den Schatten traten. »Sieh,« sagte er und streckte die Hand aus, »diesen Turm ließ ich gleich nach der Begegnung mit dem Heiligen in Patna bauen, damit er bereit stünde, die Erwartete zu empfangen und die schlummernde Erinnerung in der Tiefe ihrer Seele zu wecken. Sieh, ich liege dir zu Füßen wie in ehemaligen Tagen – deine Züge sind verändert, aber ich erkenne das Licht deiner sanften Augen, das mir wie damals entgegenstrahlt – und ich sehe deine weißen Hände, die ich liebte, – und des Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, erinnere ich mich der Küsse von deinen Lippen und fühle deine Arme um meinen Hals.« Sie schloß die Augen und ließ sich dorthin treiben, wohin seine Worte sie führten. Unter dem Einfluß seines starken Willens nahmen unklare Liebesträume die Form von dunklen Erinnerungen an. Die Zeit stand still, es war, als ob ihre Seele sich aus den Umhüllungen von Jahrhunderten löste und mit dem Leben einer längst vergangenen Welt füllte. Da fühlte sie seinen Arm um ihrer Taille, seinen heißen Atem auf ihrem Gesicht. Sie erwachte, stieß ihn von sich und sprang auf. Indem sie den Bolero von sich warf, eilte sie hinaus – als sie sich in der Tür umwandte, sah sie, wie er die Arme nach ihr ausstreckte und hörte seinen stöhnenden Seufzer. Sie aß auf ihrem Zimmer. Abends, als sie sich entkleidete, flammte die Erinnerung an Schehanna, die seit dem Morgen, als sie in das Märchen eintrat, in ihrem Herzen geschlafen hatte, so heftig in ihrem Gemüt auf, daß sie weinen mußte. Sie durchlebte die letzte Nacht im Krankenhaus und suchte die Halskette hervor, die Schehanna ihr zur Erinnerung geschenkt hatte. Sie sah Dasturan Dastur vor sich und lauschte jedem Wort, das er gesagt hatte. Und als sie schließlich zu Bett gegangen war, schlief sie mit dem Vorsatz ein, daß sie am nächsten Tage abreisen wollte. Das Tageslicht und die Rosen weckten sie. Die kleinen Mädchen saßen im Bett und zwitscherten wie Vögel. Das Mädchen begleitete sie wie gewöhnlich zum Bade; und als der Gong zum Frühstück erklang, hatten die Ereignisse des gestrigen Tages ihre Farbe gewechselt. Was war denn geschehen? Sie halte sich von ihren Träumen fortreißen lassen – ob nicht der Sorbet schuld daran gewesen war? Jetzt lachte sie über ihre Angst, daß der Rajah Ralph aus ihrem Herzen verdrängen könne. Sie hatte von seinem blonden Kopf geträumt und fühlte, daß sie nicht im geringsten in den Rajah verliebt sei, sondern nur neugieriges Mitleid mit der tiefen Verwirrung seines beweglichen Gemütes empfände. Trotzdem sagte sie der Rani, daß sie abreisen wollte. Als sie aber sah, wie weh sie ihr damit tat – sie fragte Helen, was ihr Mißfallen geweckt habe, und bat sie, ihr nur zu sagen, was sie wünsche, und es solle erfüllt werden, – da hatte sie nicht das Herz, sie zu kränken. Sie sagte, daß sie nicht auf unbestimmte Zeit so große Gastfreundschaft annehmen könnte; die Rani aber schüttelte verständnislos den Kopf und erklärte, daß Helens Augen erst gesund werden müßten, bevor sie daran denken könnte, den Palast zu verlassen. So beschloß Helen denn zu bleiben, gelobte sich selbst aber, den Turm nicht wieder zu betreten. Die Tage vergingen, der eine wie der andere. Die Kinder liebten die Rani; sie durften sich zwischen den Kissen in ihrem Salon tummeln, soviel sie wollten. Sie spielte mit ihnen, zeigte ihnen Bilder, die auf Seide gestickt waren, wundersame Figuren aus Elfenbein geschnitzt und kunstfertige Schachteln, die ineinander paßten und von denen die kleinste nicht größer als ein Stecknadelkopf war. Helen badete ihre Augen, die Rani behandelte sie täglich. Die Schmerzanfälle wurden seltener, aber auch die Wärme nahm täglich zu – und Helen schauderte beim Gedanken an die sonnendurchglühten Eisenbahnzüge und den Staub der weißen Ebene. Der Rajah hatte sich mehrere Tage nicht im Salon seiner Mutter sehen lassen. Das einzige, was Helen von ihm gemerkt hatte, war der Morgengruß der Rosen, der Sorbet und das gedämpfte Zitherspiel, das sie in den toten Stunden des Tages in Schlaf wiegte. Eines Nachmittags aber stand er wieder im Salon, verneigte sich schweigend vor ihr, antwortete einsilbig und ging von Diwan zu Diwan, wie sonst; obgleich sie ihm den Rücken zukehrte, konnte sie fühlen, wo er sich im Zimmer befand. Die Rosen fuhren fort, ihre stumme Sprache zu reden. Wenn Helen in der Mittagsstunde auf dem Diwan ruhte, schlich die gedämpfte Musik sich durch Türen und Wände und drängte ihr sein Wesen auf. Die Wärme erschlaffte ihre Widerstandskraft. Sie sah das Bild der Krondame vor sich und glitt in ihr Reich, wie an jenem Tage im Turmzimmer. Sie sah den Rajah zu ihren Füßen, fühlte seine Hand auf der ihren, hörte seine leidenschaftlich flüsternde Stimme, merkte den heißen Atem seines Mundes auf ihrer Wange, das Zittern seiner Hände um ihrer Taille – und richtete sich beschämt auf, um kurz darauf, von der Wärme erschlafft, von neuem in erregende Träume zu versinken. Sie hörte ihn von seinen schlaflosen Nächten flüstern und ertappte sich errötend darauf, daß sie die Geschichte dieser Nächte kennen zu lernen wünschte. Die Sonne, die auf dem Palast brannte, brachte ihr Blut zum Glühen; und aus der Glut stiegen Bilder auf, vor denen sie errötete und von denen sie sich doch nicht freimachen konnte. Sie schossen wie Blumen in einem Treibhausbeet in ihrem Gemüt in die Höhe; sie war ihrer ebensowenig Herr, wie sie Herr war über Hunger und Durst, Einfall und Laune. Sie erinnerte sich der heißen Tage an Bord; sie erinnerte sich des Tanzes in jener Nacht, als Ralphs Arm um ihrer Taille lag, als sein Blick sie plötzlich an sich zog, und sie die Augen schloß, überwältigt von Glück und gleichzeitig von Schmerz und Angst, während es in ihrem Herzen flüsterte: »Nur diese eine Nacht.« Sie rief die Erinnerung an Schehanna zum Schutz in sich wach. Der reine Blick aber war nicht mehr in ihrem Herzen. – Sie suchte das Licht, das Dasturan Dasturs Worte in ihrer Seele entzündet hatten – aber es schien nicht mehr. Jetzt gleite ich der Dunkelheit in die Arme, dachte sie. Da aber flammte das Blut trotzig in ihr auf. Sie warf sich vor, daß sie damals, von Aberglauben geschreckt, Ralph aus ihrem Leben verstoßen hatte, träumte davon, daß sie ihn aufsuchen und zurückrufen wollte. »Ich bin dein – dein!« – Und er würde kommen, koste es was es wolle. Ach, er war so fern. Die Leidenschaft des Rajahs aber war über ihr sowohl Tag wie Nacht; die heiße Luft, die Schweißperlen auf ihrer Schläfe hervortrieb, wenn sie auch ganz unbeweglich lag, wurde zu dem heißen Hauch seines Atems. Ist Liebesglück etwas Böses? dachte sie, und seltsam genug schob sich das Bild des Rajahs vor Ralphs. Die funkelnde Dunkelheit seiner Augen verdrängte die hellen Augen aus ihrem Gemüt, obgleich ihr Herz seufzte: begnüge dich nicht – verliere dich nicht um deiner Sinne willen! War der Rajah verheiratet? – Sie ahnte es nicht. Sie hatte nie danach gefragt. Hier im Palast waren jedenfalls keine anderen Frauen als seine Mutter und deren Dienerschaft. Eines Tages, als die Rani von den Gärten erzählte, fragte Helen, wo sie lägen, und erfuhr, daß der Zenana des Rajahs außerhalb der Stadt in einem großen Garten läge. Helen wußte, daß Zenana Frauenwohnung bedeutete, – also sein Harem. Sie bat, ob sie die Gärten sehen dürfte, und die Rani fuhr am nächsten Tag mit ihr dorthin. Hinter einer hohen Mauer lag ein alter Garten, dessen Bäume ein rotes Gebäude mit vielen vergitterten Fenstern umschlossen. Das Tor wurde von einem riesengroßen Eingeborenen mit flachen Lippen und breiter Nase geöffnet. Unter seiner niedrigen Stirn lagen die trüben Augen in tiefen Höhlen; er schleppte seine Glieder, als seien alle Knochen in seinem trägen Körper gebrochen. Helen begriff, daß es der Eunuch sei, der das Frauenhaus bewachte. Er verneigte sich tief vor der Rani, maß Helen mit einem Lächeln, das sie schaudern machte, sie wußte selbst nicht warum, und ging ihnen voran durch einen schattigen Garten, wo große Pfauen auf den roten Kieswegen spazierten und kleine indische Tauben in den hohen Feigenbäumen girrten. Sie kamen an einem Springbrunnen vorbei, wo künstlicher Regen aus einem Leitungsnetz in die Höhe geschleudert wurde und auf Lotosblumen aus Marmor in einem runden Bassin herabfiel. Helen setzte sich einen Augenblick auf den Rand des Bassins und ließ ihre heißen Backen von der Kühle des Regens überstäuben. Sie schritten unter einem Laubdach von Schlinggewächsen, die sich gegen eiserne Bögen stützten. Plötzlich fiel ein Staubregen von dem Laub herab, und Helen sah, daß die eisernen Bögen Leitungsrohre mit kleinen Löchern besaßen, woraus das Wasser in einer kühlenden Brause über die Spazierenden herabstäubte. Vor dem Hause lag ein großer Rasen, der von allen Seiten mit dichtem Gebüsch umgeben war. Dort waren viele Frauen, die auf ihren Besuch warteten. Sie saßen auf weichen Teppichen im Schatten eines Banyanbaumes, die Beine unter sich gekreuzt, den Rücken gegen die weißgrauen Säulenwurzeln gestützt. Die meisten waren jung, die älteren unter ihnen waren zurückhaltend, als schämten sie sich ihres Alters. Sie waren mit seidengestickten, bunten Kaftanen bekleidet und hatten goldgestickte Saffianpantoffeln an den nackten Füßen. An den Armen hatten sie Schlangenreifen von Gold und Silber und schwere Armringe. Die Finger strotzten von edlen Steinen, und an den Fußgelenken trugen sie schwere, gedrehte Silberreifen. Das Haar fiel glatt und lang vom Scheitel über Schläfe und Ohren, während der Hinterkopf von einem herabhängenden, seidenen Schal bedeckt war. Als die Rani und Helen kamen, erhoben sich die Frauen und grüßten. Die Rajahmutter ging durch die Reihen und sagte dieser und jener einige Worte – Helen sah, daß es die jüngsten und hübschesten waren – dann nahm sie Helen bei der Hand und stellte sie mit wenigen feierlich klingenden Worten vor, die Helen nicht verstand. Die Frauen verneigten sich jetzt auch vor ihr und Helen versuchte sie auf dieselbe Weise zu grüßen. Eine trat aus der Reihe vor, sie war sehr schön, klein, aber vollkommen harmonisch gebaut. Mit einem Lächeln, das die schönste Perlenreihe von Zähnen entblößte, die Helen je gesehen hatte, breitete sie einen Teppich über den gepflegten Rasen, legte ein prachtvolles Seidenkissen darauf und lud Helen zum Sitzen ein, mit einer einschmeichelnden Bewegung ihrer kurzen, weichen Hände, die halb geschlossen waren, wie spielende Katzenpfötchen. Helen setzte sich, und während die Rani eine höfliche Unterhaltung mit den Schönen führte, hatte sie Gelegenheit, sie näher zu betrachten. Ueppig und träge waren alle, ihre Glieder waren nicht gewohnt, sich zu bewegen, alles was sie taten – und wenn sie auch nur an ihrem Kopftuch nestelten – geschah auf eine seltsam gleitende, fast schleichende Weise; Helen erschien es wie eine Mischung von Vornehmheit und Verhätschelung. Sie hatte den Eindruck, als ob sich hinter den stechenden Blicken, hinter dem unbeweglichen, seelenlosen Lächeln, das sie alle zur Schau trugen, ein heftiger Unwille gegen die Fremde ihres eigenen Geschlechts verbarg. Bei den Jüngsten war der Neid in den Augenwinkeln unverkennbar. Als Helen sah, wie sie sie heimlich musterten, weniger ihre Kleidung als ihre Brust, ihre Hüften, Lippen und Hände, da erkannte sie mit einer plötzlichen Klarheit, – die ihr mehr von den Gefühlen des Rajahs erzählte als alles andere, was sie bisher gesehen und gehört hatte, – daß diese Frauen in ihr eine Rivalin sahen, die sie aus der Gunst ihres Herrn verdrängt hatte, daß sie die Favoritin war, die ihnen die Nächte geraubt, die bisher zwischen ihnen geteilt gewesen waren. Wenn sie es gekonnt hätten, würden sie sie sicher getötet haben. Eine von ihnen nahm eine dreisaitige Zither und spielte der Fremden etwas vor, eine andere sang mit einschmeichelnder Stimme und zärtlich zugedrückten Augen ein Liebeslied dazu. Eine der älteren Frauen reichte eine goldene Schale herum, worin klebrige indische Süßigkeiten waren, die nach aufreizenden Parfüms dufteten. Eine andere ging herum und schenkte kühlen Sorbet aus einer Lehmkruke, ähnlich wie den, den Helen jeden Tag in ihrem Zimmer fand. Das Ganze dauerte eine Viertelstunde. Dann erhob sich die Rani, sagte wieder einige feierlich klingende Worte in singendem Ton, denen die Frauen mit niedergeschlagenen Augen lauschten. Die Rani lächelte jeder einzelnen zu und berührte die Stirn der Vornehmsten mit ihrer Hand, worauf diese die Hand von ihrer Stirn nahm und sie ehrerbietig gegen ihre Lippen drückte. Helen tat wie die Rani und nickte und lächelte jeder einzelnen zu. Als sie schließlich auf europäische Weise der Vornehmsten die Hand reichte, verneigte diese sich zum Gruß, stolperte aber im selben Augenblick über das Kissen, so daß ihre Hand einen Augenblick auf Helens Brust ruhte. Helen trat zurück, als ob sie einen elektrischen Schlag bekommen hätte; denn in dem tastenden Verweilen der Hand merkte sie die eifersüchtige Untersuchung einer Rivalin, sie begriff, daß das Stolpern absichtlich gewesen war, und auch ihre Augen glitten jetzt zum Vergleich über die andere Frau. Sie sah in der Oeffnung des Kaftans hinter der strammen Jacke, die indische Frauen auf dem Körper tragen, eine schön gerundete, feste Brust. Als sie wieder im Wagen saßen, fragte Helen vorsichtig: »Gibt es Kinder im Zenana?« Die Rani zuckte die Achseln, als ob sie sagen wollte: »Wie könnten solche Kinder empfangen?« Helen lag lange wach und grübelte über das, was sie erlebt hatte. Sie sah die leeren Augen, das tote Lächeln und dachte: das ist also das Glück des Begehrens, das ist die Frucht, wenn Liebe so unentbehrlich geworden ist, wie Essen und Trinken. Das war also der Geschmack des Rajahs, in all diesem hatte er bisher gelebt; sie dachte mit Schaudern daran, daß die Lust auf diese Weise Wesen ihres eigenen Geschlechts zu Sklaven der Launen eines Mannes machen konnte, so daß sie sich um die Liebkosungen, die er ihnen hinwarf, rissen. Ein tiefer Widerwille ergriff sie. Sie schämte sich ihrer Träume. Nein, es war nicht Liebe, sich von den Flammen des Blutes in heißen Tagen locken zu lassen. Niemals, niemals konnte sie einem Mann angehören, wenn ihre Seele nicht einverstanden war, sie konnte sich nur hingeben, wenn sie eine andere Seele voll und ganz dafür erhielt. Die Rani war morgens mit den Kindern ausgefahren, um ihnen den Zenanagarten mit seinen Blumen, Springbrunnen und Pfauen zu zeigen. Helen wollte die Gelegenheit benutzen, um den Tempel mit den heiligen Affen und Gyan Kup, den Brunnen der Weisheit, zu besehen. Der Sirda begleitete sie als Führer und Beschützer. Als Helen zurückkehrte, war die Rani noch nicht zu Hause; kurz vorm Mittagessen aber schickte sie Bescheid, daß die Kinder so glücklich im Garten wären, daß sie es nicht übers Herz bringen könnte, vor Abend mit ihnen nach Hause zu kommen. Helen mußte allein essen. Als Helen nach dem Mittagessen den Salon der Rani betrat, wo der Kaffee serviert wurde, war das Zimmer leer. Sie machte es sich in einem Ecksofa bequem, und schlief bald ein, müde nach dem heißen Tag. Sie erwachte dadurch, daß der Rajah vor ihr stand und sie anstarrte. Seit mehreren Tagen hatte er sich nicht gezeigt. Helen erschrak bei seinem veränderten Aussehen. Sein Gesicht war mager geworden, sein Blick hatte den funkelnden Glanz verloren und war matt, wie der eines Fieberpatienten nach der Krankheit. »Sind Sie krank?« fragte Helen mit unwillkürlichem Mitgefühl. Er starrte sie an, ohne zu antworten. Hatte er ihre Worte nicht gehört? Da brachte er schwer und stöhnend heraus, als ob das Sprechen ihm Qual verursachte: »Sie, die ich vom einen zum andern Leben liebte, wendet ihr Antlitz von mir.« Helen fühlte sich von dem Schmerz in seiner Stimme ergriffen. Dieser Kopf auf dem starken Halse, der nie gelernt hatte, sich zu beugen, war gesenkt. Etwas Gebrochenes lag über der kräftigen Erscheinung, als ob er jeden Augenblick vor ihren Augen zusammenbrechen könnte. »Wie ist es nur möglich,« sagte sie sanft, »daß eine unbedeutende nordische Frau zum Wohnsitz für die Seele der Krondame auserwählt wäre?« Seine Augen fielen auf ihren Fuß, der auf dem Kissen vor dem Diwan ruhte, ein Zucken ging über sein Gesicht, er legte sich auf die Erde, und indem er sanft mit seiner Hand über ihren Spann strich, flüsterte er: »Ehemals trug er eine perlengestickte, seidene Sandale.« Sie dachte an die Schönen im Zenana, die goldgestickte Saffianpantoffeln an ihren nackten Füßen trugen. Sie zog ihren Fuß zurück und sagte: »Wieviele Frauenfüße haben Sie schon in Ihrer Hand gehalten?« »Keinen, seitdem du zurückkehrtest.« »Gehören die Frauen draußen in den Gärten nicht Ihnen?« Sein Gesicht verzog sich vor Ekel. »Und gehören die Pferde in meinem Stall nicht mir? Und die Papageien und Pfauen in meinem Garten? Ich spiele mit ihnen eine Stunde oder zwei. Wie aber sollten sie den Weg zu meinem Herzen finden?« Ich will gehen, dachte Helen, aber er sollte nicht glauben, daß sie Furcht vor ihm hatte. Sie verweilte und sein Blick veranlaßte sie zu sagen: »Für den Mann, den ich lieben könnte, dürfte es keine andere Frau geben als mich.« Eine Hoffnungswoge schoß in ihm empor und machte seinen Blick leuchten. Er richtete sich auf und streckte ihr die Hände entgegen: »Ich sende sie morgen fort, wenn du willst. Es soll kein Haar auf ihrem Kopf, kein Duft von ihrem Atem übrig bleiben, wenn du es nicht willst.« Dankbarkeit mit Mitleid vermischt, flossen ihr in einem wärmenden Strom durchs Herz, so daß sie ihm wie selbstvergessen ihre Hand überließ. Er ergriff sie, drückte sie gegen seine fieberheißen Augenlider und hielt sie dann von sich ab, in ihren Anblick versunken. »Du hattest die weiße Haut deiner Vorfahren, der Parsen. Es gab nicht eine Stelle auf deinem schimmernden Körper, den meine Lippen nicht berührten.« Er führte ihre Hand an seine Lippen. Helen aber entriß sie ihm und erhob sich. Im selben Augenblick war auch er aufgesprungen, mit flammenden Augen stand er vor ihr, breitete die Arme aus und sagte: »Sieh, alles dies ist dein, der Palast, der Garten, alles ist dein.« Er ging auf einen Schrank von Sandelholz zu, dessen kunstfertige Schnitzerei Helen oft bewundert hatte. Indem er auf eine geschnitzte Blume drückte, sprangen zwei Flügel auf und eine Platte von Ebenholz, mit Elfenbein eingelegt, kam zum Vorschein. Er drehte an einer weißen Figur und die Ebenholzplatte sprang wie eine Tür auf und legte einen Raum mit offenen Fächern bloß. Aus diesen Fächern nahm er eine Schale nach der andern und setzte sie vor ihr auf den Tisch. Eine war mit echten Perlen gefüllt, so groß, wie die, die er um den Hals trug. In einer andern waren große schwere, ungeschliffene Rubine von tiefstem Burgunderrot, in einer dritten lauter leuchtende Saphire. Da waren Smaragde, wie der grüne Lenz, und Hyazinthe von funkelndem Feuer. »Das alles ist dein,« sagte er, »und alles, was dort draußen auf dem Schloß meiner Väter zwischen den Flüssen liegt.« Er griff mit vollen Händen in die Schalen, hob die blitzenden Steine zum Licht und ließ sie durch die Finger herabtröpfeln; ein Teil fiel auf die Erde, er aber achtete es nicht. »Sieh den Glanz – sieh die Glut! Wecken sie nicht Erinnerungen in deiner Seele.« Helen starrte benommen auf die blitzende Fülle. Es war ihr wirklich, als habe sie das alles schon früher gesehen – damals, als sie alles besaß, was reich und schön auf Erden ist. Mir träumt, dachte sie und griff sich an den Kopf, um die Gedanken festzuhalten, die durch eine Tür, die sich in ihrem Gemüt geöffnet hatte, davonzuflattern schienen. Er sah das bebende Traumlächeln um ihren Mund, ergriff ihre Hände und zog sie an sich. »Geliebte,« flüsterte er, »komm heute nacht in den Jasminturm!« Ein Nebel legte sich vor ihren Blick. Seine Stimme erreichte sie aus der Ferne. Ihre Hand lag willenlos in seiner, sie vermochte kein Wort zu sagen. Sie hatte ein süßes Gefühl, als ob sie unwiderstehlich in seine Arme glitte. Ich bin verloren, dachte sie während der Verzauberung – ich werde es nie verwinden – werde nie mehr Ralph zu sehen bekommen – Schehanna wird in meinem Herzen verlöschen ... Und dennoch war es selig so zu gleiten, gleiten – Schritte ertönten, sie hörte sie wie im Traum. Hinter ihnen wurde eine Tür geöffnet, sie wußte, daß es die Rani war, die zurückkehrte; dennoch erwachte sie nicht aus ihrer Verzauberung. Erst als die Kleinen auf sie zugesprungen kamen und sie ihre Hände auf ihren Knien fühlte, kam sie wieder zu sich. Eine tiefe Röte stieg ihr in die Wangen und ihr Blick suchte die Rani, als ob er sagen wollte: Ich wollte es nicht, aber er war stärker als ich. Die Rani umfaßte sie, den Rajah und die Juwelenschalen mit einem einzigen Blick ihrer großen Augen. Dann lächelte sie schwermütig und beugte den Kopf, als ob sie sagen wollte: Was geschehen soll, geschieht. Die Kinder erzählten und riefen durcheinander, ohne daß Helen ein Wort davon verstand. Sie nahm sie bei der Hand und ging gesenkten Kopfes aus dem Zimmer. In der Tür mußte sie sich umwenden; so stark war sein Wille. Sein Blick rief ihr zu: Komm zu deinem Lager im Turm heute nacht! Helen brachte die Kinder zu Bett. Sie hörte auf ihr munteres Geplauder, lächelte und nickte; sie tat alles, was sie sonst zu tun pflegte, aber es geschah wie im Schlaf. Sein Blick war beständig über ihr, lag auf ihrer Stirn, ihren Augen, ihrem Gemüt. Mechanisch machte sie sich für die Nacht fertig, setzte sich mit den Händen im Schoß aufs Bett und starrte auf die Uhr auf dem Nachttisch. Als der Zeiger elf zeigte, erhob sie sich und ging unter dem Zwang seines Blickes zur Tür. In demselben Augenblick aber, als sie sie öffnen wollte, wurde sie von einem Schrei aus dem Bett der Kinder geweckt. Sie lief hin und schlug den Vorhang beiseite. Astva saß aufrecht im Bett mit glühenden Wangen und fieberglänzenden Augen. Sie kniete nieder und zog die Kleine an sich. Ihr Herz schlug im Fieber, Helen konnte es an ihrer Brust fühlen. Sie rief sie beim Namen, bis Astva sie erkannte und sich wieder in die Kissen legte. Da ging ein Schauer durch Helen; denn der große fiebervolle Blick, der ihr aus dem Kissen entgegenstarrte, verwundert und vorwurfsvoll, war Schehannas Blick, wie er sich in ihrer Todesnacht tief in Helens Herz gesenkt hatte. Seit sie in das Haus des Rajahs gekommen war, hatte er dort nicht mehr geleuchtet. Helen umfaßte den kleinen Kopf mit ihren Händen und rief Schehannas Namen, während Tränen ihren Augen entquollen. Der Bann von ihrem Gemüt war gelöst, der Friede in ihr Herz zurückgekehrt. Sie fühlte, daß sie durch ein Wunder gerettet worden war; indem sie die kleine fieberheiße Hand gegen ihre Lippen drückte, erinnerte sie sich Dasturan Dasturs Wort«: »Sei Vater und Mutter für die Kleinen, dann werden sie Vater und Mutter für dich sein.« Ja, so hatte es sich erfüllt. Helen klatschte in die Hände und trug dem Mädchen auf, der Rani zu melden, daß eines der kleinen Mädchen erkrankt sei. Während sie am Bett wartete, mit Astvas Hand in der ihren, erstand Ralphs Bild in ihrem Herzen klarer als je. Sie fühlte, daß sie von dem Versprechen entbunden war, mit dem sie in jener Nacht in der Wüste sein Leben von unbekannten Mächten erkauft hatte. Warum sie es gerade jetzt wußte, das verstand sie nicht, sie fühlte es nur. Sie wußte, daß sie ihm für alle Zeiten angehörte, und sie gelobte sich, daß sie die Seine werden wollte, ohne Vorbehalt und ohne Bedingungen, wenn es ihr glückte, ihn wiederzufinden. Es war ein Glück, das hoch über alles Begehren stand, sie setzte ihr Leben ein, aber sie würde es erneut zurückbekommen – das war Liebe. Sie erinnerte sich der Worte, die auf dem Wege nach Kandy plötzlich zu ihr gekommen waren: »Nur im Menschenpaar wird das Leben vervollkommnet und geht den Weg zu Gott« – jetzt meinte sie sie zu verstehen. Ihr ahnte, was sie in jener Nacht in der Wüste getrennt hatte – sie waren unter die Herrschaft einer Auswahl geraten, eine unbekannte Macht hatte sie zurückgehalten, damit die Liebe so tief Wurzel in ihren Seelen schlagen konnte, daß sie sich nicht in Leidenschaft verlor, sondern zu der Vollkommenheit des Lebens wurde, die nach Erneuerung in einer höheren Form strebt. Schehanna hatte das ihrige dazu beigetragen, ohne es zu verstehen, erst in ihrer Todesstunde war es ihr klar geworden. Dasturan Dastur aber, der durch das Dunkel schaute, hatte es gleich gesehen und verstanden. Er hatte sie zu Schehannas Leichenbegängnis gerufen, um ihr zu zeigen, daß die Einigung der Seelen vom Tode unberührt bleibt. Und es war so: niemals war Schehanna ihr näher gewesen, als nachdem die Todesvögel ihren Körper verzehrt hatten. Sie dachte an Ralph und ihre Gespräche im Marmarameer. Er war hinausgezogen, um das Wesentliche und Wertvolle im Leben zu finden, sie , um den unbekannten Gott zu suchen. Hatte das, was sie suchten, sie nicht beide in ihre Hut genommen? – War ihnen das, was sie wünschten, nicht entgegengekommen? – »Wer den einzig richtigen Pfad wandelt« – dachte sie und beugte den Kopf im Gebet, daß die Macht, die sie nicht kannte, sie ferner auf dem richtigen Pfad durch eine ewige Auswahl der Liebe, der Vollkommenheit des Lebens zuführen möge. Helen setzte sich an den Tisch und schrieb auf ihre Visitenkarte. »Sie irren sich. Ich bin nicht Ihre Geliebte aus entschwundenen Tagen. Ich weiß es, denn endlich ist meine Erinnerung geweckt worden. Ich weiß, wen ich in einem früheren Dasein liebte, ich bin ihm auf meinem Wege begegnet, ich liebe ihn noch und werde ihn stets lieben, von einem Leben zum andern. Leben Sie wohl! Helen.« Sie klatschte in die Hände und trug dem Mädchen auf, diesen Brief dem Rajah ins Turmzimmer zu bringen. Die Rani kam; ohne ein Wort zu sagen, ging sie auf das Bett zu. Helen konnte an ihrem Gang sehen, wie erschrocken sie war. Kaum aber hatte sie Anna in tiefem Schlaf an Astvas Seite gesehen, als sie erleichtert aufatmete. »Es ist nichts von Bedeutung,« sagte sie, »die Schwester ist frisch und gesund.« Helen verstand nicht gleich, was sie meinte, erst als die Rani erzählte, wie die Kleinen den Tag im Zenat verbracht, wie die Frauen sie mit Konfekt und Früchten und süßen Getränken traktiert hatten, da begriff Helen, daß die Rani eine Vergiftung gefürchtet hatte – sie fand es anscheinend ganz naheliegend, daß eifersüchtige Frauen diejenige, die ihnen ihren Herrn genommen hatte, durch ihre Kinder treffen wollten. Astva bekam einen Schlaftrunk, schlief bis in den Tag hinein und war gesund, als sie erwachte. Da begriff Helen, wie es mit ihrer Krankheit zusammengehangen hatte, und sie dankte Schehanna in ihrem Herzen. Als Helen der Rani mitteilte, daß sie abreisen wollte, betrachtete die Fürstin sie mit einem Blick, der ihr zu Herzen ging. Helen beugte den Kopf und sagte leise: »Ich bin die Braut eines andern.« Die Rani schwieg. Etwas in ihrer stillschweigenden Bewegung aber veranlaßte Helen, den Kopf auf ihre Schulter zu legen – und während die Hand der Rani liebkosend über ihr Haar glitt, mußte sie weinen. Beim Mittagessen fragte Helen nach dem Rajah und erfuhr, daß er sich zeitig am Morgen zu seinen Gütern zwischen den Flüssen auf die Jagd begeben hatte. Als alles zur Abreise bereit war, bekam Helen Lust, das Bild der Krondame noch ein letztes Mal zu sehen. Ein merkwürdiger Anblick begegnete ihr dort. Ueber die Seidenkissen war Asche gestreut. In dem persischen Teppich vor dem Diwan, wo der Rajah zu ihren Füßen gekniet hatte, war ein tiefer Schnitt gemacht, und als sie zu dem Bild aufblickte, dessen Vorhang zur Seite gezogen war, fuhr sie zusammen. In der Herzgegend saß ein Dolch, der bis an den weißen Elfenbeinschaft hineingestoßen war. Sie empfand es wie einen Stich in ihrem eigenen Herzen und konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß der Dolchstoß ihr zugedacht und sicher auch sein Ziel getroffen hätte, wenn sie in dem Augenblick, wo er die Wahrheit erfuhr, bei ihm gewesen wäre. Helen kam am selben Abend nach Kalkutta und kehrte im Grand-Hotel ein. Am nächsten Vormittag fuhr sie, wie sie es Dasturan Dastur versprochen hatte, mit den kleinen Mädchen zum Orphanat der Parsen. Es lag in der Gegend, wo sich die großen Krankenhäuser befanden – ein zweistöckiges Gebäude mit einer Säulenhalle, in einem alten Garten, der von der Welt durch eine hohe, verfallene Mauer abgeschlossen war. Ein alter Pförtner, in dem langen, weißen Mantel der Parsen, deren Helen sich noch aus Bombay erinnerte, trat an ihren Wagen. Als er ihren Auftrag erfahren hatte, führte er sie und die kleinen Mädchen durch eine kleine Tür im Tor. Sie warteten in der schattigen Halle, während der Pförtner sie der Vorsteherin meldete. Helen setzte sich und blickte über den gutgehaltenen Rasen mit dem dichten, dunklen Gras, das ihr auch in dem Garten der Toten in Bombay aufgefallen war; auch die kleinen Blumenbeete erkannte sie wieder, die in geometrischen Mustern geordnet und von schmalen, kiesbelegten Wegen getrennt waren. Ein wundersamer Friede lag auf diesem Plätzchen, das an allen Seiten von dem Getümmel der großen Stadt umgeben war. Hier werden die Kinder es gut haben, dachte Helen. Der Abschied machte sie beklommen. Sie erinnerte sich, was sie an jenem Tage, als Dasturan Dastur ihr die Kinder übergab, gefühlt hatte: wenn ich mich von ihnen trennen muß, wird es von neuem ein Herzweh für mich sein. Sie zog die beiden Kleinen so plötzlich und heftig an sich, daß sie sie erstaunt anblickten. Bei dem Laut von gleitenden Schritten blickte Helen sich um. Vor ihr stand eine große, etwas behäbige Frau mittleren Alters mit dem langen, faltenreichen Florschal der Parsen um den Kopf. Ihr Blick begegnete Helens mit einem herzlich forschenden Ausdruck. Von Helen glitt ihr Blick über die beiden kleinen Mädchen; sie redete sie in ihrer eigenen Sprache an, und die Kleinen blickten verwundert und froh zu ihr auf. Da verzogen sich ihre Lippen zu einem ungewöhnlich schönen Lächeln und jetzt erst neigte sie den Kopf und reichte Helen die Hand zum Gruß. Helen überreichte ihr Dasturan Dasturs Brief. Nachdem sie ihn gelesen hatte, faltete sie ihn zusammen, neigte den Kopf mit einer eigenen ehrerbietigen Bewegung – Helen begriff, daß es eine Huldigung für den Priester bedeutete, bat Helen, in einem großen Korbstuhl Platz zu nehmen und setzte sich selbst ihr gegenüber. Sie fragte, und Helen erzählte von ihrem Aufenthalt in Bombay, von Schehanna und ihrer Begegnung mit dem Obersten der Parsen. Viele Minuten waren noch nicht vergangen, als die natürliche Mütterlichkeit der Vorsteherin die beiden Kleinen gewonnen hatte. Helen sah, wie sie sich an ihren Schoß schmiegten, während die Finger der Vorsteherin mit ihren schwarzen Locken spielten. Sie werden mich schnell vergessen, dachte sie und erhob sich, um den Abschied kurz zu machen. Die Vorsteherin lud sie zum Frühstück ein, Helen aber entschuldigte sich damit, daß sie zum Augenarzt müsse und erzählte von ihrer Krankheit. Die Vorsteherin sah ihr prüfend in die Augen und empfahl ihr das große Eden-Hospital, das in der Nähe lag. Sie nannte ihr den Namen des Arztes, nach dem sie fragen sollte, riet ihr, es nicht aufzuschieben und lud sie ein, so oft sie Lust hatte, ihre Schützlinge zu besuchen. Helen stand einen Augenblick zögernd, den Blick auf die Kleinen geheftet, deren Aufmerksamkeit sich von der Vorsteherin zu einer rotierenden Gartenspritze gewandt hatte, die ein Gärtner gerade auf dem Rasen in Gang setzte. Sie kniete nieder, zog sie an ihre Brust und küßte sie. Darauf erhob sie sich, indem sie mit ihrer Bewegung kämpfte; die Vorsteherin nahm ihre beiden Hände und dankte ihr im Namen der Parsen. Helen war nicht imstande, etwas zu sagen; sie eilte hinaus, wo der Pförtner wartete. Die Vorsteherin wollte sie mit den Kindern zum Wagen begleiten, Helen aber forderte sie mit einer Handbewegung auf, davon abzulassen. Ohne sich noch einmal umzublicken, ging sie mit schnellen Schritten durch den Garten, von dem Pförtner gefolgt. Als die Bäume sie vor den Kindern verbargen, hörte sie sie weinen und nach ihr rufen. Sie war drauf und dran, umzukehren, da aber hörte sie die sanfte Stimme der Vorsteherin und das Weinen verstummte. Als Helen im Automobil saß, wunderte sie sich, daß sie so leicht über den Abschiedsaugenblick hinweggekommen war, vor dem sie sich die ganze Zeit gefürchtet hatte. Sie prüfte ihr Herz und fühlte, daß es nicht Mangel an Liebe war, das ihren Sinn so leicht, ja, fast heiter stimmte. Im Gegenteil. Seit jener Nacht in Benares war eine seltsame leuchtende Gewißheit in ihrem Herzen, eine Hoffnung, die sich durch nichts verdunkeln ließ. Selbst die Schmerzen in ihren Augen, die jetzt wieder häufiger und heftiger geworden waren, seit die Bäder der Rani aufgehört hatten, vermochten ihr Gemüt nicht zu verdüstern. Helen fuhr geradeswegs zum Eden-Hospital – ein großes, modernes Krankenhaus, in der Nähe des medizinischen Kollegiums. Es war ein Hospital für Frauen und Kinder, wo die Schwestern von St. Johannis als Pflegerinnen wirkten. Der Arzt, ein junger Schotte, mit scharfen, kalten Augen in einem gelblichen Gesicht, untersuchte sie sorgfältig. Er fragte sie nach dem Verlauf der Krankheit und was sie bisher dagegen getan habe. Als sie von der Kur der Rani erzählte, horchte er interessiert auf; er wollte wissen, was die Rani in das Badewasser gemischt hatte. Da sie es nicht wußte, sagte er nach kurzer Ueberlegung: »Es war ein großer Fehler, daß Sie nicht gleich in Bombay zum Arzt gegangen sind. Unzweifelhaft hat die Behandlung der Rani die Krankheit zum Stillstand gebracht, was es auch für eine Wunderkur gewesen sein mag. Die Sache aber ist sehr ernst, und ich rate Ihnen dringlichst, hier in der Klinik zu bleiben.« »Welcher Gefahr setze ich mich aus, wenn ich nicht hierbleibe?« fragte Helen. Der Arzt sah ihr noch einmal in die Augen, zögerte, als überlege er, ob er sprechen oder schweigen sollte, zuckte die Achseln und sagte, indem er sich erhob, mit einem kleinen diplomatischen Lächeln: »Nun, der Gefahr, nicht geheilt zu werden.« Helen betrachtete ihn eine Weile. Dann sagte sie entschlossen und lächelnd: »Gut, ich bleibe.« Bei ihrem Lächeln blickte er sie etwas erstaunt an, nickte dann und sagte ermunternd wie zu einem Kind, das sich beugt: »So ist's recht.« Während Helen zum Hotel zurückfuhr, um ihre Sachen zu ordnen, wunderte sie sich wieder über sich selbst. Sie würde in dieser großen fremden Stadt krank im Hospital liegen – in der furchtbaren Hitze – ohne die Gesellschaft der Kinder – fern von allen, die ihr teuer waren – und dennoch war sie weder bitter noch betrübt. Die unbegreiflich leuchtende Gewißheit, die unauslöschliche Hoffnung in ihrem Herzen hob sie über alles hinweg. Von Kalkutta bekam Helen nichts zu sehen. Sie lag in einem hohen, luftigen Zimmer mit Kompressen auf den Augen. Vor den großen Fensterbögen waren dunkle Vorhänge, aber die Atemzüge der großen Stadt tönten Tag und Nacht zu ihr hinein. Der Arzt kam jeden Vormittag zu ihr, und Schwester Mary erneuerten die Kompressen viermal täglich mit ihren sanften Händen. Wenn sie nicht sehr beschäftigt war, setzte sie sich nach dem Mittagessen an ihr Bett und las ihr vor. Stundenlang war Helen mit ihren Gedanken allein, und diese Zeit dünkte sie die schönste. Sie dachte an Ralph, ihr ganzes Wesen war von ihm erfüllt. Auch in der Wüste hatte sie mit Liebe an ihn gedacht, damals aber war es ein Gefühl, das das Licht verdunkelte und ihr Gemüt verschloß – sie erinnerte sich, wie sie in der weißen Villa gedacht hatte: Ich, die ich auszog, um Gott und mich selbst zu suchen, gebe mich bereits damit zufrieden, daß ich einen Mann gefunden habe. – Damals ahnte sie nicht, daß gerade das der richtige Weg war. Bisweilen, wenn sie dem Leben draußen lauschte, stieg ein übermächtiges Liebesverlangen in ihr auf, so daß sie die Arme ausbreitete und wünschte, daß sie alles Lebende an ihre Brust drücken könnte. Es war ihr, als hörte sie ihren eigenen Herzschlag in allem, was sich um sie her rührte. Sie fühlte, daß der Zusammenhang des Lebens einst strahlend in ihrem Gemüt offenbart werden würde. Sie kannte undeutlich den Weg, den sie geführt worden war und dachte: Darum mußte ich Ralph in der Wüste entsagen, darum mußte ich Schehanna verlieren, darum liege ich hier und leide Schmerzen – das alles ist der Weg – und der Preis. Auf diese Weise waren zwei Wochen vergangen, nur von den Besuchen unterbrochen, die die Vorsteherin des Orphanats ihr mit den Kindern machte. Darauf durfte sie das Bett verlassen und ohne Kompressen sein, das Zimmer aber mußte halbdunkel bleiben, und sie durfte ihre Augen nicht zu Handarbeiten gebrauchen und nur wenig lesen. Helen merkte an der Wortkargheit des Arztes, daß er nicht mit ihr zufrieden war. Sie fragte Schwester Mary, und die Krankenpflegerin räumte ein, daß die Besserung sehr langsam vorwärts gehe, es wäre ein großer Fehler gewesen, daß Helen versäumt hätte, beizeiten zum Arzt zu gehen. Nachdem sie eine Woche außer Bett gewesen war, durfte sie in dem kleinen schattigen Garten sitzen, mit einem Schirm vor den Augen. Eines Tages erlaubte der Arzt ihr, den Schirm abzulegen. Nachdem einige Tage vergangen waren, ohne daß die Schmerzen zurückkehrten, sagte er, daß die Natur jetzt das übrige tun müsse. In der staubigen, sonnigen Stadt aber durfte sie nicht bleiben. Bereits vor einigen Wochen hatten alle Europäer sich zu den Badeplätzen auf dem Vorgebirge des Himalaja begeben. Und er riet ihr, nach der Villenstadt Darjeeling zu reisen, die siebentausend Fuß überm Meeresspiegel lag. Dort hatte das Eden-Hospital ein Sanatorium für Rekonvaleszenten; die Luft war staubfrei, stark ozonhaltig, echte Bergluft; dort war jetzt Frühling mit keimenden Kräutern und grünenden Büschen. Es war strömender Regen, als Helen mit Schwester Mary die Sealdah-Station verließ. Vom Abteil aus, das mit freistehenden Sesseln wie ein Salon möbliert war, sah Helen, wie die Erde durch Spalten und Risse die Feuchtigkeit einsog. Die Felder waren von der Hitze rissig geworden, das Gras verwelkt; Büsche und Blätter hingen schlaff und verquält, bei dem erquickenden Bad aber richteten sie sich auf, Helen konnte sehen, wie Leben sie von neuem durchströmte. Die Reisfelder dampften im Regen, ein Bach nach dem anderen wurde geboren und suchte sich einen Weg zu dem heiligen Fluß. Auf der Dampffähre, die Passagiere und Gepäck über den Ganges setzte, wurde das Mittagessen an zwei langen Tischen auf Deck eingenommen. In zwanzig Minuten hatte man das andere Ufer erreicht, wo der Eilzug wartete. Es regnete nicht mehr, die Luft war abgekühlt. Auf dem Bahnsteig gingen Helen und Schwester Mary von Abteil zu Abteil und lasen die Namen auf den Schildern, bis sie die Plätze fanden, die für sie reserviert waren. Bevor der Zug abfuhr, war es Nacht geworden. Der Reisediener, den Schwester Mary aus dem Krankenhaus mitgenommen hatte, kam herein und machte die Betten zurecht; Helen war müde und ging gleich zur Ruhe. Bei Tagesgrauen wurden sie vom Zugführer geweckt, der ihnen mitteilte, daß der Zug in einer halben Stunde in Silliguri sein würde, wo sie in die schmalspurige Bergbahn umsteigen mußten. Auf dem Bahnhof war reges Leben, dunkle Bengalen und hellere Bergbewohner, die nach dem Süden reisen wollten, mit Bündeln auf dem Rücken, drängten sich durcheinander. Das Signal ertönte und die kleine Bahn mit der außerordentlich starken Maschine setzte sich in Bewegung. Nach einer halbstündigen Fahrt durch eine fruchtbare Ebene mit indischen Bauernhöfen und europäischen Plantagen, fing das Terrain an zu steigen. Die schmale Bahnlinie lief auf den äußersten Abhängen des Himalaja in Schlangenlinien durch den Urwald. Palmen und Pisang wechselten mit tausendjährigen Feigenbäumen. Armdicke Lianen breiteten sich zwischen den Aesten und Stämmen, indem sie die Bäume zu einem Staat zusammenbanden, der sowohl niederdrückte, wie aufrichtete. Durch das üppige, dunkelgrüne Laub schimmerte ein grauweißer Stamm nackt und hohl, das Skelett eines Baumes, der sich noch aufrecht hielt, weil das kräftige Schlingwerk ihn vorm Umfallen bewahrte. Der Weg wurde steiler und steiler, die Kurven der Geleise kühner und kühner, bald lag ein waldbewachsener Abgrund zur rechten, bald zur linken Seite. Sie stiegen und stiegen in Kurven und Schleifen. Sie sahen die Eisenbahnschienen, die sie vor einer halben Stunde befahren halten, tief unter sich in einem Abgrund leuchten. Sie erreichten die Zone, wo Palmen nicht mehr gedeihen; noch ein Stück, und die Pisangs wurden klein und verkrüppelt und winkten so seltsam unterdrückt mit ihren breiten Flossen. Unter ihnen lagen die waldbekleideten Täler in bläulichem Dunst ineinander verschlungen. Es wurde kälter und kälter, sie mußten die Fenster schließen. Mächtige Teeplantagen bekleideten die südlichen Abhänge mit ihrem Dunkelgrün, woraus die Bungalows der Angestellten wie weiße Punkte hervorleuchteten. Die Stationsgebäude wurden kleiner und kleiner, die Bergwände grau und kahl. Die tropische Welt lag jetzt tief auf dem Grunde des blauen Dunstes, darüber erstreckten sich die hellen Haine der Laubbäume, bis auch sie den dunklen Eichen, Tannen und Fichten Platz machten. Helen blickte in einen Abgrund hinab, der so tief war, daß sie seinen Boden nicht mehr sehen konnte; die in der Felswand eingehauene Bahnlinie, woran der Zug sich klammerte, war ganz schmal. Von Schwindel erfaßt, schloß sie die Augen und griff nach dem Fensterrahmen. Plötzlich wurde der Weg breiter, Haus folgte auf Haus, freundliche kleine Gärten schimmerten mit Veilchen, Schlüsselblumen und blühenden Büschen. Dazwischen lief ein Fahrweg, wo tibetanische Tagelöhner mit ihrem Bündel auf dem Rücken standen und dem Zug mit schiefen Augen in dem flachen Gesicht zulachten. Der Zug hielt. Man war in Darjeeling. Helen stieg aus und befand sich in einer Villenstadt mit gut gehaltenen Wegen und Gärten in strahlendem Frühlingsgewand. Ihr war, als wäre sie im Laufe von achtzehn Stunden von dem erstickenden Sommer des Aequators zu einem Frühlingstag in einem norwegischen Gebirgsdorf gereist. Sie atmete die kühle Luft in tiefen Zügen und wickelte sich fester in ihre Reisedecke ein. Rings am Horizont reckte der Himalaja seinen Riesenkörper wie einen Midgardswurm zum Himmel. Lächelnde Tibetanerinnen mit munteren Angen, in langen Arbeitskitteln, Gürtel um die Taille, sprangen herzu und ergriffen das Gepäck; das waren die Gepäckträger der Stadt. Während sie zum Hotel fuhren, bekam Helen bei einer Biegung des Weges einen Ausblick über das mächtige Talgebiet, das sie eben durchfahren hatte, ein weißer Nebel aber verdeckte den Abgrund. Schwester Mary folgte der Richtung ihres Blickes und sagte: »Können Sie sehen, daß die Wolken unter uns sind?« Helen antwortete nicht, sie wiederholte im stillen: »Jetzt sind die Wolken unter mir.« Und es war ihr, als ob die Worte eine doppelte Bedeutung hätten. Ralph hatte sich vorgenommen, Helen zu suchen, nicht um sich ihr gegen ihren Willen aufzudrängen, sondern um ohne ihr Wissen bei der Hand zu sein, wenn sie Hilfe nötig hätte, weil sie jetzt allein war. Sie hatte ihm geschrieben: Ob wir uns wiedersehen liegt in der Hand des unbekannten Gottes. Das war ja ganz schön, die Hauptbedingung aber, daß sie sich trafen, war doch, allen Rätseln zum Trotz, daß ihre Wege sich kreuzten. Das erste was Ralph tat, als er nach Agra kam, war, sich in allen vier Hotels der Stadt zu erkundigen, ob dort eine junge Dame ihres Namens gewohnt habe, oder noch wohne. An drei Stellen sagte man gleich nein, und das Fremdenbuch enthielt keinen Namen, der als Helens gedeutet werden konnte. Im vierten Hotel aber bedachte der Portier sich einen Augenblick und fragte dann, ob es eine Witwe mit zwei kleinen Mädchen und einem Diener sei. Ralph schüttelte den Kopf und bat um das Fremdenbuch. Daß man sie für eine Witwe hielt, mochte ein naheliegendes Mißverständnis sein, da sie allein reiste. Daß sie sich einen Diener verschafft hatte, war nicht unmöglich, aber die kleinen Mädchen! – Das Buch enthielt keine Erklärung. Der Name, den der Portier als den der Witwe bezeichnete, war ganz unleserlich, offenbar von dem Diener im Namen seiner Herrin geschrieben. Nachmittags fuhren Ralph und Davis nach Taj Mahal, um das Grabmal in Abendbeleuchtung zu sehen, ebenso wie Helen es getan hatte. Ralph war die ganze Zeit mißmutig und schweigsam, war den Schönheiten des Grabmals nur widerstrebend zugänglich und schlug auf dem Heimweg Davis vor, der damit ganz einverstanden war, daß sie am nächsten Morgen abreisen wollten. Professor Davis, der alles schon von früher kannte, strebte vor allem Kalkutta zu, dem wichtigsten Ziel seiner Reise. Als Ralph alle Hotels in Agra aufsuchte, hatte Davis über seinen Landsmann gelächelt, der, wie er sagte, sich persönlich davon überzeugen wollte, ob Cook ihnen auch das beste Hotel der Stadt angewiesen hätte. Als sich aber genau dasselbe in Delhi wiederholte, gab Davis seiner angeborenen Neugierde nach, fuhr zu den Hotels und forschte die Portiers aus. Als er hörte, daß Ralph nach einer Dame gefragt hatte, beruhigte er sich. Sieh, sieh, dachte er, also verliebt! Darum seine kühle Ruhe gegen schöne und leicht zugängliche Frauen, die sie auf ihrer Reife getroffen hatten. Davis hatte sich oft darüber gewundert – ein Millionär und Junggeselle in seinen besten Jahren! In Delhi ging es wie in Agra: Als seine Nachforschungen ein negatives Resultat ergaben, verlor Ralph alles Interesse an der Stadt. Als sie von einer Ausfahrt zu der berühmten Festung zurückkehrten, schlug er Davis vor, schon am nächsten Tag nach Benares weiterzureisen, und Davis hatte nichts dagegen. Auch in Benares hatte Ralph kein Glück. Er erfuhr von der Witwe mit den kleinen Mädchen und dem Diener, von Helen aber keine Spur. Indessen fesselte ihn das Leben in der heiligen Stadt so sehr, daß er den Affentempel, den Weisheitsbrunnen besichtigte und zusammen mit Davis die Fahrt auf dem Fluß längs der Verbrennungs- und Badegahts machte. Sein Auge streifte den weißen Palast mit den Teppichen auf den Balkons und den offenen Fensterbögen, sein Sinn aber war nicht empfindsam genug, um die Ausstrahlung von Helens Wesen an diesem Ort, wo ihr Gemüt einen neuen Keim getrieben hatte, nachzufühlen. Als die Fahrt zu Ende war, und sie vom Kahn die niedrigen Stufen zu dem wartenden Wagen hinaufgestiegen waren, sah Ralph plötzlich zwischen der Schar staubiger Pilger die merkwürdige, trichterförmige Kopfbedeckung des heiligen Bettlers, den sie vor Gamâls Zimmer getroffen hatten. »Sehen Sie dort!« Ralph zeigte auf die Stelle, wo er eben noch den Mann gesehen hatte, aber weder er noch Davis konnten ihn mehr sehen. Bevor sie den Platz erreichten, wo die Gruppe saß, hatte er sich zu einem der anderen Gahts begeben. »Er ist ja nicht der einzige von der Sorte!« sagte Davis. Nachdem sie zu Mittag gegessen hatten, setzten sie sich auf das Dach des Hotels und genossen ihre Abendzigarre und den Whisky in der funkelnden Nacht. Da weckte ein leises Rascheln des Laubes unten im Garten Ralphs Aufmerksamkeit. Er beugte sich vor und blickte hinunter. Unter den Büschen am Rande eines Weges, der zu den Hotelfenstern führte, bewegte sich etwas Weißes; es war, als ob ein ungeheurer Pilz längs des Weges vorwärtskröche. Bei einer Biegung wurde der Pilz plötzlich ganz sichtbar und Ralph meinte, daß er die Kopfbedeckung des Sannyasis erkennen könne. Er berührte Davis' Arm; der aufmerksame Amerikaner aber saß bereits lautlos da, wie ein Raubtier auf dem Sprung und machte ihm mit den Brauen ein Zeichen sich nicht zu rühren. Sie wurden von der Balustrade der Terrasse verdeckt und ihre weißen Anzüge waren nicht von der weißen Mauer zu unterscheiden. Sie sahen, wie die Gestalt zur Hotelmauer kroch, sich langsam daran entlangschlich und die niedrigen Fenster erreichte. Darauf richtete sie sich auf und guckte der Reihe nach in die Fenster hinein. Schließlich verschwand sie um die Ecke. Davis starrte unbeweglich in die Richtung, wo die Gestalt verschwunden war, als ob er sie an die Stelle festnageln wollte. Dann begannen seine breiten Kiefer zu kauen, wie ob seine Art war, wenn er tief über etwas nachdachte. »Ich glaube, daß wir hier nicht ganz sicher sind,« sagte er schließlich und erhob sich. »Haben Sie Angst?« neckte Ralph. Davis ging zur Treppe, ohne zu antworten. Als sie sich in ihren Zimmern befanden, sagte Davis, der die Schlösser seiner Koffer prüfte, als ob Ralph jetzt erst gefragt hätte: »Angst? Haben Sie mein Abenteuer mit den Brahmanen in Madura vergessen?« »Meine Handtasche wurde mir gestohlen, bevor Sie Ihr Abenteuer halten – und Kotagiri liegt mindestens hundert englische Meilen von Madura entfernt. Eine Verbindung zwischen diesen beiden Begebenheiten kann wohl nicht gut bestehen? Außerdem wurde der Diebstahl ja aufgeklärt. Sie vergessen die Korava-Bande.« »Was wollten die elenden Räuber, die weder lesen noch schreiben konnten, mit Ihren Papieren?« Ralph lachte. »Viel Freude werden sie freilich nicht daran haben, selbst wenn sie sie den Brahmanen überlassen. Geheimnisse finden sie nicht darin.« »Was wollte der Sannyasi in Gamâls Schlafzimmer?« Jetzt begann Ralph zu verstehen. »Ah, Sie meinen, daß diejenigen, die meine Papiere durchschnüffelten, auch Gamâl in die Karten sehen wollten, als sie erfuhren, daß ich ihn kannte. Oder – ?« Alles, was er in Aegypten von der Mahdi-Bewegung gehört, was Gamâl und Abdul-Hassan von der Auflösung derselben und ihrer Flucht erzählt hatten, tauchte in seiner Erinnerung auf. War Gamâl solch gefährliche Bekanntschaft, daß man verdächtigt wurde, wenn man mit ihm verkehrte? »Jetzt verstehe ich,« sagte er und lächelte. »Sie riskieren Ihre Handtasche, vielleicht auch Ihr Leben, wenn Sie mit jemand reisen, der Gamâl kennt.« Davis biß sich in die Lippen. »Finden Sie eigentlich, daß mein Erlebnis in Madura auf Feigheit schließen läßt? – Wie Sie darüber denken, weiß ich nicht. In meine Reisepläne aber paßt es nicht, wenn ich in einen Hinterhalt gerate und spurlos von der Welt verschwinde. In Indien ist alles möglich, sage ich Ihnen, und –« Er hielt inne und überlegte einen Augenblick, bevor er fortfuhr. »Es ist jetzt das dritte Mal, daß wir den Sannyasi in einer verdächtigen Situation antreffen. Der arme Asket hat offenbar Pech, denn es ist doch ein höchst fataler Zufall, daß wir ihn auf dem Korridor vor Gamâls Zimmer trafen und nun hier in der stillen Nacht wachen. Ich meine aber, daß wir es als eine wiederholte Warnung betrachten und der Vorsehung dankbar sein sollten. Ich weiß nicht, was Sie beabsichtigen, ich aber reise morgen nach Kalkutta und werde mich dort inkognito aufhalten. Die Stadt ist groß genug, daß man sich dort auch als Weißer verbergen kann. Ich will mich in meiner Reise nicht von farbigen Banditen stören lassen, die von irgendeiner unbekannten Macht auf uns gehetzt werden.« Mit leiser Stimme fügte er hinzu, indem er jedes Wort wog: »Die Zeiten sind heutzutage so, daß jeder Fremde verdächtigt wird, und zwar von mehreren Seiten; wer einen Schritt von dem gebahnten Weg des Touristen abmacht, setzt sich einer heimlichen Verfolgung aus, dessen Ende er nicht übersehen kann.« Ralph überlegte eine Weile, indem er seinen hellen Blick auf Davis heftete. Dann klatschte er in die Hände und sagte: »Inkognito in Kalkutta, ja, das ist gut. Dann bekommen wir mehr zu sehen als die Hotels. Hier meine Hand – ich reise mit.« Im geheimen aber dachte er an Helen. Inkognito! Wenn sie ihn mit Vorsatz mied, würde er sie auf diese Weise leichter finden können. Als Ralph und Davis nach Kalkutta kamen, ließen sie ihr Gepäck am Bahnhof stehen und fuhren gleich zu Herrn Janoji Rao, einem vornehmen Inder, an den Davis von einem Universitätsschüler, einem jungen Hindu, Sri Rama, empfohlen war. »Rao bedeutet Fürst,« erklärte Davis, »es ist ein Name, den alle Brahmanen aus dem Mahrattageschlecht, dem Janoji angehört, führen. Uebrigens ist er wirklich aus einem Rajahgeschlecht von einem der vielen kleinen Staaten in Rajputana, dem Lande zwischen Bombay und Delhi, die alle unter britischer Oberhoheit stehen. Den Fürsten wird von einem politischen Agenten auf die Finger gesehen, der über ihre Politik und Wirtschaft wacht; im übrigen regieren sie selbst.« »Das heißt mit anderen Worten: man hat den Kern genommen, und ihnen edelmütig die Schalen überlassen.« »So kann man es auch nennen. Vergessen Sie aber nicht, daß, bevor die Weißen den Kern nahmen, wie Sie sagen, diese Fürsten nichts anderes taten, als sich gegenseitig die Kerne zu rauben, während die armen Untertanen mit Leib und Gut dafür bezahlen mußten. Jetzt dagegen herrscht Ruhe und Ordnung in ihren Ländern.« Ralph schwieg und dachte über seine Worte nach. Janoji Rao wohnte in dem ersten Hotel der Stadt, auf der breiten Cowringhee-Street, der vornehmsten und belebtesten Straße des europäischen Viertels. Davis schickte seine und Ralphs Karte zu ihm hinauf. Nach einigen Minuten erschien ein großer, schwarzbärtiger Hindu, mit einem strengen, verschlossenen Gesicht, in der Halle, grüßte feierlich und machte ihnen ein Zeichen, ihm zu folgen. »Warum wohnt solch vornehmer Mann in einem Hotel?« fragte Ralph, indem sie den langen, halbdunklen Korridor entlanggingen. »Er ist ein Abtrünniger!« Davis senkte seine Stimme mit Rücksicht auf den Diener, der natürlich Englisch konnte obgleich er sich ganz verständnislos stellte, »er hat in Oxford studiert, in Paris und Belgien gewohnt und sich in den Vereinigten Staaten aufgehalten, sehr gegen den Willen seiner Familie. Er kehrte unheilbar europäisch im Aeußeren und in seinen Lebensgewohnheiten zurück. Seine Familie betrachtete ihn als einen verlorenen Sohn. Seine Mutter, die alte verwitwete Rani in Rajputana, wollte ihn nicht einmal in seiner neuen Kriegsmalerei empfangen. Wenn man meinem Hinduschüler aber Glauben schenken darf, so gingen der Familie bald die Augen dafür auf, was es mit seinem Abfall für eine Bewandtnis hatte. Der Europäismus war eine Maske, unter der es ihm glückte, für das ›junge Indien‹ zu wirken, die Bewegung zu organisieren. Jetzt macht die Familie sich Sorge darüber, daß er zu hinduisch ist. Und es müßte merkwürdig zugeben, wenn die Regierung nicht dieselbe Entdeckung gemacht hat, denn Kalkutta ist das größte Spionennest der Welt. Die Regierung belauert die Eingeborenen und die fremden Weißen, besonders die Deutschen und Russen; die Brahmanen belauern die Regierung; die Fremden die aufrührerischen niederen Kasten und Anhänger der verschiedenen neureligiösen Bewegungen, die sich wiederum gegenseitig belauern. Innerhalb der rechtgläubigen Kasten belauert man sich gegenseitig, ob auch die Kastenregeln innegehalten und dem Geist der um sich greifenden Auflösung keine Zugeständnisse gemacht werden, und mitten dazwischen sitzen Japaner in ihren Gespinsten und belauern die ganze Gesellschaft, um kleine nützliche Winke für die Regierung in Tokio zu sammeln.« »Wenn Sie bereits so viel von Janoji wußten, bevor Sie noch im Lande waren, ist es begreiflich, daß die Regierung auch allerhand weiß.« »Dazu ist zweierlei zu bemerken. Erstens bin ich Amerikaner und nicht Engländer. Zweitens bin ich in meiner Stellung als Universitäts-Professor, besonders genanntem Schüler Sri Rama gegenüber, als erklärter Freund der Nationalisten aufgetreten. Allein kraft meiner Wissenschaft bin ich ein Beschützer des Rechtes aller Rassen. Mir kann man vieles anvertrauen, wie revolutionär es auch sein mag. Das wußte Sri Rama besser als einer.« »Aha!« sagte Ralph und lachte. Davis verzog keine Miene. »Ich brauche Sie wohl nicht erst um äußerste Diskretion für das zu bitten, was ich Ihnen freundschaftlich von diesen Dingen mitteile,« sagte er feierlich. »Bewahre!« antwortete Ralph. Ihre Blicke begegneten sich, ein plötzlicher Blitz von Unwillen traf Davis aus Ralphs scharfen Augen. »Was ist seine bürgerliche Stellung?« fragte Ralph kurz darauf. »Er ist ein Kollege von mir, insofern, als er die indischen Sprachquellen in der Bibliothek der hiesigen asiatischen Gesellschaft studiert. Uebrigens behauptet Sri Rama, daß er im geheimen Eigentümer mehrerer revolutionärer Zeitungen in Bengalen und Rajputana ist.« »Was wollen Sie von ihm?« »Er kann mir bei meinen Studien von Nutzen sein,« sagte Davis nach kurzem Zögern. »Ist es noch weit,« fragte er den Diener, der voranging. Der große Hindu zeigte auf das Ende des Korridors, merkte aber im selben Augenblick, daß er überrumpelt worden war, als er verraten hatte, daß er die englische Sprache verstand. Er drehte sich hastig wieder um, und Davis sah Ralph lächelnd an. »Ich hoffe,« flüsterte Davis, »daß Rao uns zu einer der Sitzungen mitnehmen wird, die in der Villa seines Onkels, eines alten, reichen Mannes, vor der Stadt abgehalten werden. Wenn Rao den Sitzungen beiwohnt, trägt er sein Mahratta-Kostüm, ebenso wie andere. Auch wenn er seine alte Mutter besucht; in einem anderen Kostüm will sie ihn nicht empfangen.« »Wie gut Sie Bescheid wissen!« Davis lächelte. »Ich unterrichte mich über alle diejenigen, die mir von Nutzen sein können.« Jetzt waren sie am Ziel angelangt. Der Hindu riß die Tür weit auf, zog sich ganz in den Hintergrund zurück und ließ die Fremden eintreten. Sie befanden sich in einem hohen Eckzimmer, mit zwei großen Fenstern, von denen das eine zur Esplanade, das andere zu einem vornehmen Eckhaus in der Seitenstraße hinausging. Ralph hatte eine stillose Einrichtung von europäisch-amerikanischem Zuschnitt, mit orientalischen Elementen vermischt, erwartet; Herrn Raos Zimmer aber hatte nicht das geringste Exotische an sich. Ein tiefer, weicher Teppich von derselben Grundfarbe wie die Tapeten an den Wänden, stimmte harmonisch mit den Sesseln überein, die an der Wand zwischen hohen Bücherborden standen. Eine geschmackvolle Bronzekrone an der Decke, vorm Fenster ein riesengroßer Schreibtisch, schwarz mit elfenbeinerner Schreibgarnitur. Mitten im Zimmer ein viereckiger Tisch mit Prachtwerken. Ein niedriger, breiter Diwan mit dunklem Leder überzogen, und einige Klubsessel im selben Stil. Das Zimmer war leer. Ralph hatte Zeit, sich die Bilder an den Wänden anzusehen: da waren erstklassige Photogravüren, ein Rembrandtporträt, ein Millet, Murillos Maria mit dem Kind, nichts, das einen persönlichen Geschmack verriet, nichts Intimes. In der Ecke zwischen den Fenstern aber entdeckte er auf einem Tischchen eine kostbare Wasserpfeife; endlich einmal etwas Orientalisches. Und jetzt begriff er auch, was es für ein eigentümliches Parfüm war, das das Zimmer füllte: ein Duft von Honig, welken Rosen, feinem Weihrauch, türkischen Zigaretten, all die Bestandteile, woraus ein ausgesuchter Wasserpfeifentabak zusammengesetzt ist. Da ging die Tür auf und ein hoher, schlanker Mann in den Dreißigern kam herein. Auf den schmalen Schultern trug er einen stolzen, schlanken Kopf, mit bläulichen Bartschatten von den Ohren bis zum Kinn. Das schwarze Haar legte sich glatt an die hohlen Schläfen; ein schimmernder weißer Scheitel reichte von der blanken Stirn bis zu dem hohen Kragen im Nacken. Die Gesichtsfarbe war beinah europäisch, mit einem gelblichen Rand um die tiefliegenden, glanzlosen Augen. Die Nase war fein gebogen, schmal und groß. Um die blauroten, hübsch geschwungenen Lippen, die dem Gesicht Ausdruck verliehen, hatten leidenschaftlicher Zorn, leidenschaftliche Freude und Kummer eine Spur gegraben. »Ich bin Professor Davis!« sagte Davis, als Raos Blick fragend von einem zum andern ging, und er trat lächelnd mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Rao faßte sie mit seiner langen, schmalen Hand und behielt sie, bis Davis Ralph vorgestellt hatte. »Das ist mein Freund Ralph Cunning, Ingenieur aus Neuyork, berühmt wegen seiner ›Himmelsbrücke‹.« Rao lächelte und drückte Ralph die Hand. »Es freut mich sehr – bitte nehmen Sie Platz.« Er sprach englisch, fast ohne Akzent; seine leichte Verbeugung, die elegante Handbewegung, mit der er sie zum Sitzen aufforderte, waren die Manieren eines Weltmannes. Ralph betrachtete ihn mit wachsendem Interesse, während Davis das Wort führte und die ganze Liebenswürdigkeit aufbot, über die sein Lächeln und sein kraftvoller Blick verfügten. Als Davis seinen Schüler Sri Rama nannte, wurde der Ausdruck in Raos höflich lauschendem Gesicht zum erstenmal persönlich. Die glanzlosen Augen bekamen Blick, die Spur um den Mund zeigte Freude. Er beugte sich näher zu Davis und fragte: »Wie geht es ihm?« Davis sprach sich voll Lobes über seinen Schüler aus, hob seinen Fleiß und seinen Charakter hervor und fügte hinzu: »Er und ich haben ganz dieselben Anschauungen, dieselben Sympathien. Ich bin stolz auf sein Vertrauen.« Raos Wangen färbten sich mit leisem Rot; er beugte leicht den Kopf, als sei er es, dem das Lob galt, und als Davis seine Brieftasche herausnahm und ihm den Brief überreichte, den Sri Rama ihm zur Empfehlung mitgegeben hatte, zeigte die Spur um den Mund ein wirkliches Lächeln, ein warmes und edles, das Ralph erfreute. Während er las, bewegten Raos Lippen sich, vielleicht weil sie den Worten folgten, vielleicht weil sie von Bewegung zitterten. Darauf faltete er den Brief zusammen und steckte ihn zu sich. Ein feuchter Glanz war in seinem Auge, als er sich zu Davis beugte und sagte: »Ich bin mit Sri Rama verwandt und liebe ihn wie einen Sohn oder einen jüngeren Bruder; seine Freunde sind auch meine Freunde.« Der Brief hatte sein Wesen verändert. Seine Stimme hatte etwas Einschmeichelndes, sein Blick etwas Warmes bekommen; es war, als ob er das Gefieder gewechselt habe. Bei der Unterhaltung über die Verhältnisse in Indien, die jetzt folgte, bemerkte Ralph, daß Rao ihm häufig prüfende Blicke zuwarf. Wahrscheinlich fühlte er sich unsicher, weil er nichts über Davis' Reisebegleiter wußte. Ralph wollte sich gerade erheben und verabschieden, als Davis es bemerkte und ihm zuvorkam. »Lieber Herr Rao, Sie können sich auf Herrn Cunning ebenso verlassen, wie auf mich. Wir haben dieselben Anschauungen über die Rechte der Rassen – ja, er geht fast noch weiter als ich.« Davis erzählte von der gestohlenen Handtasche und von dem Verdacht, der ihnen von Bombay nach Benares gefolgt war. Er erzählte von seinem eigenen Abenteuer mit Kantra, indem er es so darstellte, als ob der Wunsch, durch sie einen Einblick in Dinge zu bekommen, die den Weißen sonst verborgen blieben, ihn geleitet hätte. Rao lächelte. Ralph aber meinte, daß ein mißbilligender Ausdruck in seine Augen trat. Auch Davis sah es und beeilte sich hinzuzufügen, daß Sri Rama ihn darauf vorbereitet hätte, daß seine sprachlichen und ethnographischen Studien ihn verdächtig machen würden, wenn nirgends anders, so doch bei der Regierung. Ebenfalls Herr Cunning, der in Gegenden reiste, die ganz außerhalb der gewöhnlichen Touristenroute lägen, und der nicht einmal ein bestimmtes Ziel hätte, wäre natürlich Verdächtigungen ausgesetzt. Ob es möglich sei, daß der Raub der Handtasche von irgendeinem Dienstbeflissenen der heimlichen Polizei ins Werk gesetzt worden wäre? Rao zuckte die Achseln, leugnete es aber nicht. Sein Blick war geistesabwesend geworden, und Davis versuchte zu erraten, was sich in seinem Gemüt regte; er schien in diesem Nachsinnen eine Gefahr zu wittern. »Wie dem auch sei,« sagte er schließlich, »Cunning und ich sind uns einig geworden, daß wir uns inkognito in Kalkutta aufhalten wollen. Sieht er nicht aus wie ein Großkaufmann,« – er zeigte scherzend auf Ralph. – »Ist er nicht der Teehändler Herr Teddyson? – Und sehe ich nicht aus wie sein Sekretär, mit meiner goldenen Brille und meiner Geschäftigkeit – Der Sekretär Herr – – Parker? Nun wohl, die Herren Teddyson und Parker erbitten sich Schutz bei dem ›jungen Indien‹ gegen die Gewaltherrschaft.« Es wurde wie ein Scherz gesagt. Rao zog die Brauen zusammen und hob den Kopf, Davis aber legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: »Lieber Herr Rao, wir sind Eingeweihte. Ich wußte, wer Sie sind, bevor ich hierherkam. Ich bewunderte Sie lange, bevor ich Sie kannte. Sri Rama hat es mich gelehrt.« Raos Augen wurden dunkel. Er starrte Davis einen Augenblick durchdringend an, der seinen Blick lächelnd aushielt. Darauf beugte Rao den Kopf, als ob er sagen wollte: Ja, so ist es. »Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte er, indem er von einem zum anderen blickte. »Bezeichnen Sie uns bitte ein kleines Hotel, zweiten oder dritten Ranges, wo wir wohnen können, ohne die Aufmerksamkeit der Regierung zu wecken – einen Ort, wo keine weitgereisten Fremden einkehren, sondern Provinzkaufleute und Beamte. Und noch eins: Am liebsten muß der Wirt oder der Portier Japaner sein. Ich beabsichtige nämlich, mich von hier nach Japan zu begeben, die Sprache aber ist schwer, und es würde mir sehr von Nutzen sein, wenn ich Gelegenheit hätte, mich täglich darin zu üben und gleichzeitig Einblick in japanische Denkweise zu bekommen.« »Das läßt sich wohl finden.« Rao erhob sich und trat ans Fenster. Wie er dort im Profil stand und über die Esplanade blickte, in einem Gehrock der letzten Mode, die Hände auf dem Rücken, sich leicht auf den Hacken wiegend, erinnerte nichts daran, daß dieser Mann ursprünglich aus einer ganz anderen Umgebung war. Er sah aus wie ein Diplomat, der über eine Antwort nachdenkt, wie ein Millionär, der ein Börsenmanöver plant, während sein Sekretär auf Bescheid wartet. Rao begab sich vom Fenster zum Bücherbord, nahm einen dicken Band heraus – er sah wie ein Adreßbuch aus – schlug an mehreren Stellen auf und sagte schließlich: »Gleich vor der Stadt ist ein kleines drittklassiges Hotel, ›The old merchant‹, das einem intelligenten und tüchtigen Japaner, Herrn Danjuro, gehört, oder von ihm geführt wird. Ich habe ihm einst einen Dienst geleistet, wenn Sie ihn von mir grüßen und ihm sagen –« Rao hielt inne und nahm seine Visitenkarte heraus. »Wie waren doch noch die Namen?« »Herr Teddyson, Teehändler, und Herr Parker, Forscher der asiatischen Sprachen, der bei ihm Stellung genommen hat, um das Ziel seiner Wünsche, Asien, zu erreichen.« Rao lächelte und schrieb. »Geben Sie ihm diese Karte, dann wird er den Herren Teddyson und Parker das Beste verschaffen, was sein Haus vermag, und er wird tun, was in seiner Macht steht, um Ihnen bei Ihren Studien zu helfen.« Rao blickte von einem zum anderen, als erwarte er eine Antwort. Davis und Ralph bedankten sich und erhoben sich abschiednehmend. Ale Rao sie zur Tür begleitete, sagte er lachend: »Für die Verpflegung übernehme ich keine Verantwortung.« Er drückte ihnen die Hände, sprach die Hoffnung aus, daß er bald Gelegenheit haben würde, sie wiederzusehen und forderte sie auf, zu ihm zu kommen, wenn er ihnen mit irgend etwas helfen könnte. Als sie auf den Gang hinauskamen, glitt eine hohe Gestalt aus der Ecke und schritt vor ihnen her. Es war der Diener. »Seine Vorfahren«, sagte Davis, »haben sicher seit vielen Generationen Raos Geschlecht gedient. Er ist mit dem Bewußtsein aufgewachsen, daß er das unbedingte Eigentum dieses Mannes ist. Wenn Rao von ihm verlangt, daß er sich vom dritten Stock aus dem Fenster stürzt, wird er es ohne zu murren tun. Ein wunderbares Land!« Und Davis schritt in tiefen Gedanken hinter dem hohen Hindu her, – der sie an genau derselben Stelle in der Halle ablieferte, wo er sie vor einer Stunde abgeholt hatte. Von der stattlichen Cowringhee-Street gelangten sie durch eine schmale, öde Gasse zu einer stark belebten Verkehrsader – Bow Bazar – und weiter nördlich durch ein Viertel von Krankenhäusern. Darauf fuhren sie durch das stille Viertel der Missionskirchen – hier hörten Davis' Ortskenntnisse auf – und kamen durch schmale, bunt belebte Straßen zu einer Vorstadtstraße, wo sie an einer hohen, verfallenen Gartenmauer, hinter der alte Feigen- und Palmenbäume standen, entlangfuhren. Noch einige Häuser weiter lag »The old merchant«, ein gelbliches, zweistöckiges Gebäude, mit grünen Sprossenfenstern; Ralph meinte, daß es über hundert Jahre alt sei. Davis schickte den Chauffeur mit der Karte hinein. Kurz darauf kam ein kleiner schmächtiger Japaner, in einem engsitzenden, weißen Rock, an den Wagen und stellte sich als Direktor des Hotels, Herr Danjuro, vor. Ralph führte als Herr Teddyson das Wort. Wenige Minuten später waren sie in zwei kleinen Zimmern einquartiert, die zu einem Gärtchen hinausgingen, das sich mit dem alten Garten vereinigte, an dem sie kürzlich vorbeigefahren waren. Hinter Bäumen sahen sie Eisenbahnschienen zwischen verstreuten Fabrikgebäuden und dahinter wieder einen Schimmer von dem flachen, weißen Land, mit dunklen Flecken von Baumgruppen und vereinzelten Gehöften. »Hier ist es nicht übel!« sagte Ralph, nachdem er sich zwischen den alten Möbeln umgeblickt und die Liegestühle probiert hatte. Die Einrichtung erinnerte ihn an das kleine Hotel in Agra. So ungefähr mochte ein wohlhabendes Superkargo-Heim im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ausgesehen haben. Während Ralph es sich bequem machte, ging Davis zu der teppichbelegten Halle hinunter, in altem englischem Stil mit farbigen Fenstern. In einer halbdunklen Loge, hinter einer Schranke mit einem Glasfenster, das heruntergeschoben werden konnte, saß Herr Danjuro an seinem Schreibtisch. Davis gab ihm ihre Gepäckscheine, schwang sich vertraulich auf die Schranke und begann ein Gespräch mit dem Japaner. Herr Danjuro hatte dichtes, struppiges, schwarzes Haar, das von der Stirn in die Höhe wirbelte, als ob es aus einer Narbe wüchse. Die Augen blitzten aus den Augenspalten, blank und hart, wie zwei polierte Ebenholzkugeln. Ein erstklassiger photographischer Apparat, dachte Davis bei sich. Ein Untergesicht, das wie eine Maske erstarrt war, ein Mund wie ein Streifen geronnenes Blut, und große, glatte Ohren, die fest am Kopf lagen. Danjuro sprach gelassen, als habe er nie etwas anderes getan, als von einer halbdunklen Loge in einem kleinen Hotel das Wort zu führen; wenn er aber einen Befehl gab, verriet sein Tonfall, wie gedämpft er auch war, eine Überlegenheit, die unter größeren Verhältnisses, geschult zu sein schien. Sein Gesicht war ganz ohne Ausdruck, nur durch die Bewegung seines Kopfes verriet er eine verständnisvolle Seele. Davis konnte sein Alter nicht schätzen. Bisweilen sah er wie ein verlöschter Greis aus, bisweilen wie ein aufgeschossener Junge; wenn er sprach, bewegten seine dünnen Finger sich wie Fühlhörner. Davis stand mit Herrn Danjuro bald auf vertraulichem Fuß und faßte von Tag zu Tag mehr Interesse für ihn. Der Sekretär erzählte lustige Geschichten von seinem Prinzipal, der die fixe Idee hätte, seine Geschäftseinkäufe selbst zu machen und der nicht in den feinen Hotels wohnte, um sich nicht übers Ohr hauen zu lassen; der sich aber trotzdem den Luxus leistete, einen armen Gelehrten, wie ihn – Davis – als Sekretär mitzunehmen, um ihm Gelegenheit zu geben, seine Studien an Ort und Stelle fortzusetzen. Der Japaner amüsierte sich über seine Erzählungen. Er kam seinem Wunsch nach und sprach japanisch mit ihm, lachte über seine verkehrte Aussprache, berichtigte irrtümliche Anschauungen über das Sonnenreich im Osten und fand dazwischen Gelegenheit zu kleinen treuherzigen Fragen, die Davis mit ebensolch treuherziger Offenheit beantwortete. Gelegentlich erzählte Davis von Ralphs Pech mit der Handtasche, und der Japaner erkundigte sich voller Interesse nach Herrn Teddysons Stellung in Amerika, nach Art und Umfang seines Geschäfts, ob Herr Parker ihn schon lange kenne und was das eigentliche Ziel seiner Reise sei. Der gesprächige Sekretär ließ es nicht an Aufklärungen fehlen und vertraute ihm an, daß ihm allerhand Merkwürdiges in Herrn Teddysons Treiben aufgefallen sei, wie umgänglich er auch als Prinzipal wäre. Aber – was ginge das ihn an. Er kannte ihn noch nicht lange, ein Gönner hätte Herrn Teddyson auf ihn – Parker – aufmerksam gemacht, und so sei sein Wunsch, nach Asien zu kommen, erfüllt worden. Während Davis Japanisch studierte, ging Ralph seine eigenen Wege. Er hatte sich vergeblich bei Cook und in den Hotels nach Helen erkundigt. Jetzt versuchte er sich mit dem Gedanken zu versöhnen, daß sie bereits Indien verlassen habe. Er fragte sich selbst Tag für Tag, was er eigentlich in dieser Stadt wolle. Oft war er drauf und dran, Davis seine Reisebegleitschaft zu kündigen und nach Singapur weiterzureisen, um sich dort nach Amerika einzuschiffen. Das Ziel seiner Reise hatte er nicht erreicht, warum dann nicht ehrlich die Niederlage zugestehen und entschlossen nach Hause zurückkehren? Seine Untätigkeit quälte ihn, aber der Gedanke, seine ehemalige Tätigkeit wieder aufzunehmen, weckte nur Widerwillen in ihm. Wenn er des Morgens erwachte, ließ er sich indessen von dem fremdartigen Leben locken. Hier war so viel zu sehen und zu lernen für einen, der den Menschen hinter der Maske suchte, sowohl der weißen wie der schwarzen, für einen, der das Verhältnis zwischen Rassen und Zivilisation ergründen wollte. Er streifte im Automobil oder zu Fuß umher, suchte die Plätze auf, wo Weiße zwischen Eingeborenen verkehrten, wo die Rassen sich mischten, er ging zu den Docks und den großen Speichern am Fluß, wo Dampfer von verschiedenfabigen Händen im Dienst weißer Gehirne gelöscht und geladen wurden. Oft vergingen ganze Tage, wo Davis und er sich nur des Morgens sahen. Als er aber in einem Anfall von Mißmut Davis eines Tages mitteilte, daß er reisen wollte, machte Professor Davis, der sich in Kalkutta ungeheuer wohl zu fühlen schien, ihn darauf aufmerksam, daß ihr Aufenthalt erst acht Tage gedauert habe; er erinnerte ihn an den Besuch bei Rao, der ihnen sicher noch interessante Erlebnisse einbringen dürfte. »Der kleine Japaner«, sagte Davis eines Abends, als sie nach dem Mittagessen beim Kaffee zusammensaßen, »umfaßt Sie mit ungewöhnlichem Interesse.« Ralph sah ihn fragend an. »Wenn wir unsere Sprachstunden haben, forscht er mich immer nach Ihnen aus.« »Was will er denn wissen?« »Ihre Stellung in Amerika, Ihre Anschauungen und das eigentliche Ziel Ihrer Reise.« »Das ist nicht wenig.« »Es ist merkwürdig, wie der Verdacht Ihnen hier in Indien auf den Fersen folgt. Zuerst die Handtasche und die Papiere, dann der Sannyasi und jetzt ein Japaner!« Ralph lachte: »Eigentlich müßte man irgend etwas vornehmen, damit diese guten Leute etwas für ihre Ungelegenheit haben. Können Sie mir nicht irgendeine Spitzbüberei vorschlagen?« »Ernsthaft gesprochen – können Sie sich nicht einen Grund denken, warum man Sie im Auge behält? Auch Gamâl hat Sie ja, seit Sie im Osten reisen, mit Zwischenräumen verfolgt. Begegneten Sie ihm nicht zum erstenmal in Konstantinopel?« »Mich verfolgt? Davon weiß ich nichts. Es handelt sich eher um ein zufälliges Zusammentreffen.« »Und der Sannyasi?« »Nun ja,« – Ralph sann nach, – »ich habe mich nie mehr mit Politik beschäftigt, als meine Tätigkeit unbedingt erforderte; es sei denn, daß man mich als Mitglied der ›Verantwortungslosen‹ –« Davis wandte sich ihm zu: »– Der ›Verantwortungslosen‹ –?« Etwas in seinem Ton ließ Ralph aufblicken. Davis' Blick funkelte mit einer Mischung von Erstaunen und Mißtrauen, worüber Ralph lächeln mußte. »Ich bin nur ein unwürdiges Mitglied, insofern als ich nicht Milliardär bin. Die Himmelsbrücke verschaffte mir die Ehre.« »Ich könnte mir wohl denken,« sagte Davis nach einer kurzen Pause, während er jedes Wort wog, »daß man in gewissen Kreisen den heimlichen Klub der ›Verantwortungslosen‹ als einen politischen Faktor von Bedeutung betrachtet.« Ralph dachte nach. Die Sache fing an ihn zu interessieren. »Wann haben Sie Amerika verlassen?« fragte Davis. »Zwanzig Tage vor Neujahr.« »Glauben Sie, daß Gamâl weiß, daß Sie Mitglied der ›Verantwortungslosen‹ sind?« Ralph suchte in seiner Erinnerung. »Ich glaube, ich habe es ihm selbst erzählt, auf dem Dampfer im Marmarameer – als wir uns miteinander bekannt machten.« »Sehr unvorsichtig,« murmelte Davis. »Warum? – Er war übrigens in Neuyork bekannt und erinnerte sich meines Namens. Im übrigen finde ich, daß es eine Reise nur würzt, wenn man eine verdächtige Person ist.« »Aber es ist gefährlich.« »Haben Sie Angst, Herr Davis?« neckte Ralph wieder. »Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, Herr Cunning, daß ich keine Furcht kenne, mich dünkt, ich habe Sie bereits vom Gegenteil überzeugt.« Der Ton war gereizt, Davis war böse. »Können Sie nicht Scherz verstehen, Mann?« Ralph streckte ihm die Hand zur Versöhnung entgegen. »Wie gesagt: ich betrachte es als eine Würze, und das kann mir doch niemand verbieten. Ich möchte meinen Verfolgern sogar etwas für ihre Mühe bieten, sonst verlieren sie noch die Lust und lassen mich fallen.« »Daß Sie inkognito reisen, ist schon allerhand,« lachte Davis versöhnt, »ich möchte darauf wetten, daß Sie verfolgt werden. Ist Ihnen nicht irgend etwas aufgefallen.« Ralph dachte nach und schüttelte den Kopf. »In Zukunft werde ich genauer achtgeben.« »Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?« »Nun.« »Ueberzeugen Sie sich, ob Ihre Papiere durchsucht werden.« »Wie soll ich das anfangen?« »Legen Sie Ihre Briefe in eine ganz bestimmte Ordnung und notieren Sie sich genau, wie sie liegen; noch besser, machen Sie eine photographische Aufnahme davon. Man wird Ihre Papiere nicht untersuchen können, ohne sie wenigstens einen Millimeter zu verschieben.« »Sie sind ein Sachverständiger, Herr Davis.« »Ich bin Gelehrter. Genügt Ihnen das nicht?« sagte er grimmig. Eine Stunde beschäftigte Ralph sich damit, seine Briefe nach bestimmten Grundsätzen zu ordnen. Dann bekam er Lust Danjuro kennen zu lernen und ging in die Halle, um ein Gespräch mit ihm anzufangen und seine Neugierde zu reizen. Als er aber hinunterkam, war die Loge dunkel und leer und kein Danjuro zu sehen. »Das hätte ich Ihnen gleich sagen können,« sagte Davis, als er davon hörte, »nach acht Uhr abends ist Danjuro nie mehr hier.« »Ich glaubte, daß er hier wohnte.« »Das tut er auch. Aber er geht jeden Abend aus und kommt nicht vor nachts nach Hause.« »Woher wissen Sie das.« »Wie ich Ihnen schon häufig gesagt habe: von Leuten, die mich interessieren, weiß ich immer Bescheid.« Als Ralph am nächsten Tag bei Cook war, um seine Post zu holen, mußte er sich gedulden, bis ein Chinese in einem dunkelblauen, seidenen Kaftan abgefertigt worden war. Der Chinese sprach vorzüglich Englisch und der Angestellte von Cook behandelte ihn mit ausgesuchter Höflichkeit. Als er schließlich fertig war und sich zum Gehen wandte, trafen sich seine und Ralphs Blicke. In der lauernden Dunkelheit hinter den schmalen Augenspalten leuchtete ein Blitz des Wiedererkennens auf. Ralph sann nach, wo er diesen Mann schon mal gesehen hatte. In der Tür wandte der Chinese sich um, um seinen faltenreichen Aermel vom Türgriff zu befreien, und indessen ruhten seine Augen auf Ralph. Im selben Augenblick erinnerte Ralph sich des Chinesen vom Dampfer – des Gesandten, der sich auf der Heimreise befand, von seiner Frau begleitet, die die großen, echten Perlen getragen hatte, das blanke, schwarze Haar hoch im Nacken mit einem Kamm frisiert. Ralph erwähnte es dem Angestellten gegenüber; dieser aber meinte, daß es ein Irrtum sei. Herr Laou Wo war ein chinesischer Großkaufmann, der im Namen seiner Regierung hergekommen wäre, um über den Export von Opium zu verhandeln, der, so war die Uebereinkunft zwischen Indien und China, in einigen Jahren ganz aufhören sollte. Davon hatte Ralph noch nichts gehört, aber es interessierte ihn, weil es ihm ein Zeichen dafür zu sein schien, daß der Geist einer besseren Zivilisation im Begriff war, sich Bahn zu brechen. Handelten die leitenden, weißen Kreise nicht gegen ihr eigenes ökonomisches Interesse, wenn sie einer unterlegenen Rasse die Hand boten, damit sie sich von einer uralten nationalen Last befreien konnte? – Und war es nicht ein Beweis dafür, daß Indien den Geist der wahren Zivilisation erkannt hatte, wenn es freiwillig davon Abstand nahm, Geld an diesem Gift zu verdienen? Der Angestellte aber teilte offenbar Ralphs Anschauung nicht, und da augenblicklich kein anderer Kunde im Laden war, äußerte er sich rückhaltlos und weitschweifig darüber. Die Sache lag nämlich so: Nach den großen Boxeraufständen, die Hunderten von Weißen das Leben gekostet hatten und schließlich der europäisch-amerikanischen Zivilisation die Ausnutzung von Chinas natürlichen Reichtümern unmöglich machen würden, hatte man eingesehen, daß es notwendig war, den Mißbrauch von Opium aufzuheben, der letzten Endes die Ursache zu der Wildheit war, womit das besitzlose China aufgestanden, oder von heimlichen Gegnern der Weißen aufgestachelt worden war. Das Geld, das Indien verdiente, um China mit dem nationalen Gift zu versorgen, schien zu teuer bezahlt zu sein, und darum lieh die englische Regierung der Forderung der chinesischen Regierung ein offenes Ohr, die den Export beschränkt und schließlich ganz untersagt haben wollte. Man war sogar bereit, China dieses Recht zu einem noch früheren Zeitpunkt als verlangt zuzugestehen, wenn es beweisen konnte, daß es selbst kein Opium mehr produzierte. In dieser Angelegenheit war, soweit der Beamte wußte, Herr Laou Wo nach Kalkutta gekommen. Der Angestellte verhehlte nicht, daß er die ganze Sache sehr bedenklich fand. Herr Cunning durfte nicht vergessen, daß es sich um große Einnahmen der indischen Staatskasse handelte. Voriges Jahr hatte man nicht weniger als sechs Millionen Pfund Sterling eingenommen, obgleich in den vergangenen Jahren die Produktion des Opiums bereits, als Folge der Uebereinkunft, zum großen Schaden weitester Interessen eingeschränkt worden war. Als Ralph im Wagen saß, dachte er über die Worte des jungen Mannes nach. Sie schienen ihm ein Ausdruck für den Geist zu sein, womit die weiße Rasse durch Jahrhunderte ihre humane Aufklärung der Menschheit gegenüber praktisch betrieben hatte. Und er mußte an das denken, was Barnett in Madura von dem edlen Todastamm erzählt hatte, dem die Berührung mit den Europäern, von denen ein natürlicher Instinkt sie so lange ferngehalten hatte, das Leben kosten würde. O ja, – Ralph wußte so gut wie einer, was dabei auf dem Spiel stand, wenn man alte, fest erworbene Produktions- und Handelsrechte aufhob: die vielen, die plötzlich brotlos wurden, die Entwertung von Boden, Maschinen und anderem Kapital, das in der Branche festgelegt war, Lahmlegung von Eisenbahnlinien, Tonnageverlust, die Panik, die allein der Kursfall der Papiere mit sich führen würde! Wer wollte da von dem einzelnen verlangen, daß er in die Bresche ging – der einzelne, der weiß, daß sein Opfer nur ein unmerklicher Gewinn für das Ganze bedeuten würde, während es sich für ihn um seine ganze Existenz handelte. Nein, nicht der einzelne, der weiß, daß er nur einem Konkurrenten schenkt, was er aufgibt, sondern die Regierungen mußten hier einschreiten. Wozu waren sie sonst da? Wenn Regierungen nicht im Namen der Menschlichkeit auftreten konnten, waren sie nichts weiter als eine Interessenmajorität. Was war die Zivilisation dann anderes als ein Geschäft in großem Stil! Wenn das Christentum mit seinen Geboten der Nächstenliebe Regierung und Zivilisation nicht zwingen konnte, die Gesetze der Menschlichkeit hochzuhalten, dann war es nichts anderes als ein Sonntagskleid, womit brutale Begierde ihre Nacktheit bedeckte. Während Ralph so philosophierte, führte das Auto ihn am Schloß des Vizekönigs vorbei zur Esplanade, wo er von der Reihe der eleganten Gefährte aller Art aufgenommen wurde, die gleich nach Sonnenuntergang die vornehme Welt, sowohl die weiße wie die farbige, in hastiger Fahrt aus den erhitzten Häusern in die Abendkühlung führten. Ralph befand sich plötzlich mitten in der Reihe, im Takt mit den anderen, nach dem unzusammengesetztesten aller Lebensgüter schmachtend: nach frischer Luft. Er gab sein nutzloses Philosophieren mit einem Seufzer auf und dachte, wie in ironischer Selbstverteidigung: ich bin ja Mitglied der ›Verantwortungslosen‹, worauf er sich bequem zurücklehnte und seine Genossen betrachtete. Während Ralph den Korso auf der Promenade mitfuhr, hatte Davis im Hotel Besuch von einem Englisch sprechenden Herrn. Ein aufgedunsenes Gesicht, Säcke unter den Augen, spiritusglänzender Blick und ein fleckiger Khakianzug, so war die Erscheinung. Er blieb neben der Tür stehen und nahm erst nach wiederholter Aufforderung Platz. »Was bringen Sie mir, Herr Forbe?« fragte Davis und ließ seine Augen über den Khakianzug gleiten, der, wie sein Herr, bessere Tage gesehen hatte. Herr Forbe blickte sich vorsichtig um, beugte den Kopf vor, und sagte mit gedämpfter Stimme: »Herr Danjuro hat eine Opiumkneipe in ... street Nr. 340.« Davis sprang vom Stuhl auf und rieb sich die Hände, wandte sich wieder zu Forbe um, der ebenfalls aufgestanden war, und wartete auf weiteres. »Ungefähr um acht Uhr öffnet er die Kneipe, er geht von hier direkt dorthin.« »Was für Bedienung hat er?« »Zwei chinesische Boys, wovon der eine an der Tür Wache hält.« »Wer verkehrt dort?« »Soweit ich sehen kann, sind es Leute von den Dampfern und Lagerhäusern, meistens Chinesen und Japaner, aber ich habe auch einen portugiesischen Schiffer gesehen, den ich von früher her kenne.« »Kein Hindu? – Kein Siamese?« »Nein, Herr.« »Nur Leute der unteren Klassen?« »Ja, Herr. Soweit ich es beurteilen kann.« »Es ist gut.« Herr Forbe bekam sein Geld und neue Instruktionen und verließ das Hotel just in dem Augenblick, als Ralphs Auto vor der Tür hielt. Herr Forbe blieb einige Schritte davon entfernt stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden, und musterte indessen den Reisebegleiter seines Klienten. Einige Tage darauf begegnete Davis, als er von der Bibliothek der asiatischen Gesellschaft kam, wo er Rao vergeblich gesucht hatte, einem ältlichen Chinesen, im dunkelblauen Seidenkaftan, in der Tür des Hotels. »Wer war das?« fragte er Danjuro, der in der Halle stand und mit dem Hausknecht sprach. »Das ist Herr Laou Wo, er fragte nach Herrn Teddyson. Ich forderte ihn auf zu warten, aber er hatte keine Zeit und wollte wiederkommen.« »Kennen Sie ihn?« »Nein – hier ist seine Karte.« Darauf stand: Laou Wo – Teehändler, Kanton. »Sieh mal einer an – ein Kollege! – Was wußte er zu erzählen?« fragte Davis im leichten Unterhaltungston und setzte sich auf die Schranke, während Danjuro hinter dem Schreibtisch Platz nahm. Der Japaner legte seinen beweglichen Kopf auf die Seite, blickte nachdenklich mit seinen Ebenholzkugeln zur Seite und bewegte seine Fühlhornfinger, während er sprach. »Ja, was sagte er? – Er ließ sich allerhand von Herrn Teddyson berichten – wie lange er hier wohne – ob er große Geschäfte mache – ob ich glaubte, daß er Tee bei ihm kaufen wolle. Ich sagte, das würde er gewiß gern tun. War es nicht recht so? Ich meine, wenn man nichts weiß, muß man die Tür lieber offen halten, als sie zu schließen, nicht wahr?« Davis nickte. Danjuro blickte auf seine Fühlhörner herab und fuhr fort: »Darauf erkundigte er sich nach dem Hotel, und als er erfuhr, daß ich der Mann selbst sei – auf eine Weise – nicht der Besitzer, wie Sie wissen – aber doch der Direktor ...« Er blickte beifallheischend auf und Davis nickte wieder. »Da wollte er durchaus, daß auch ich Tee von ihm kaufen sollte. Ich sagte ihm, daß ich versehen sei. Der Mann aber wollte nicht locker lassen. Ist es nicht gut, wenn man entgegenkommend ist, Herr Parker, und hat man nicht immer Verwendung für Tee? Feinen und guten Tee – nicht teuer!« Danjuro nahm eine kleine Tüte, die auf dem Tisch lag, schüttete etwas davon in seine Hand, roch daran und bot Davis, der ebenfalls probierte und Beifall lächelte »Ich kaufte also – nicht zu viel.« »Wie in aller Welt aber hatte er Herrn Teddyson aufgespürt?« Danjuro legte seinen Kopf auf die Seite und ließ seine Ebenholzkugeln wieder durch den Raum irren. »Bei Cook – ja, bei Cook hatte er Herrn Teddyson getroffen.« Dann begann Davis japanisch zu sprechen und Danjuro antwortete, lachte und verbesserte, während er zwischendurch seine Arbeit tat, Rechnungen beglich, seine Bücher führte und dem Laufjungen Anweisungen gab. Abends, als Ralph und Davis vor dem offenen Fenster in ihrem Zimmer saßen und die schwache Kühlung genossen, die aus dem alten Garten heraufstieg, fragte Davis: »Sagen Sie mal, haben Sie in Ihrem Koffer nachgesehen?« »Wonach?« »Nach den Papieren.« Ralph erhob sich und legte die Zigarre aus der Hand. »Wir wollen gleich mal sehen!« Sie gingen in sein Schlafzimmer, wo sie zuerst feststellten, daß der Koffer noch genau an der bezeichneten Stelle stand. Darauf öffnete Ralph den Koffer und nahm die Briefe aus dem Raum, wo er sie versteckt hatte. Er nahm sein Notizbuch und verglich. »Sie sind berührt,« sagte er, »sehen Sie selbst!« Es war unverkennbar, daß der kleinere Brief, der zuoberst gelegen hatte, den größeren auf andere Weise bedeckte, als in Ralphs Notizbuch beschrieben stand. »Sehen Sie wohl!« sagte Davis. »Wer kann es nur gewesen sein, zum Teufel?« Ralph ging interessiert auf und ab. Davis zuckte die Achseln. »Es braucht weder Danjuro noch sonst einer vom Hotel gewesen zu sein.« Ralph trat ans Fenster, maß die Entfernung mit den Augen und ließ seinen Blick prüfend über die Mauer schweifen. »Hier kann niemand heraufkommen.« »Warum sollte man sich auch die Mühe machen, durchs Fenster zu steigen, wenn eine Tür da ist?« sagte Davis trocken. »Danjuro kann ja nicht den ganzen Tag in der Loge sein. Es ist eine Kleinigkeit, hier hereinzugelangen, wenn man weiß, daß wir nicht zu Hause sind.« »Der Chinese –!« Ralph wandte sich zu Davis um, »was in aller Welt wollte der hier?« »Ich dachte an keinen Bestimmten,« sagte Davis, »ich meinte nur, daß es nicht nötig ist, die Fenster zu Hilfe zu nehmen.« »Es tut mir nur leid,« sagte Ralph, »daß der Betreffende so wenig für seine Mühe gehabt hat. Ein Chiffretelegramm, eine verdächtige Broschüre, ein Manuskript oder dergleichen wären ihm sicher lieber gewesen.« »Andererseits hat er aber auch keinen einzigen Geschäftsbrief gefunden, der von Tee handelt. Ist das nicht seltsam, wenn man in dieser Branche reist?« Ralph lachte. »Sie haben recht. Ich bin in Wahrheit eine verdächtige Person. Ich werde mir ein scheues und hinterlistiges Wesen zulegen.« »Womit Sie wahrscheinlich gerade die entgegengesetzte Wirkung erreichen würden. Wer sagt Ihnen übrigens, daß der, der die Briefe untersuchte, Sie selbst jemals gesehen hat?« Ralph verharrte eine Weile nachdenklich. »Wenn wirklich etwas daran ist,« sagt« er, »dann muß irgend jemand einer Sache auf der Spur sein, die mit dem Klub der ›Verantwortungslosen‹ zusammenhängt. Denn der Umstand allein, daß ich Mitglied bin, ist doch noch kein Grund.« »Das ist nicht gesagt. Hier wird Spionage sportsmäßig betrieben. Man muß lieber zuviel als zu wenig wissen.« Darauf fuhren sie zu einem Hindutheater in der Beadonstraße, das Danjuro ihnen empfohlen hatte. Eines Nachmittags, als Ralph nicht zu Hause war, kam Herr Janoji Rao zu Besuch. Davis saß allein in der Halle einem Korbstuhl und sprach japanisch mit Danjuro, als das Auto draußen tutete. Davis blickte durch die Glastür und sah, daß die große, elegante Gestalt, die ausstieg, Rao war, von einem kleinen korpulenten Herrn gefolgt, mit einem Käppchen und einem losesitzenden, gestreiften Jackett über sehr weiten Beinkleidern, – es sah aus, als ob er Pyjamas anhatte. Aha! Gegenvisite, dachte Davis, eilte zur Tür und empfing seine Gäste mit einem Lächeln, das alle seine Goldplomben zeigte. Als sie durch die schmale Halle zur Treppe gingen, kam Danjuro aus seiner Loge und verbeugte sich tief. »Wie geht es Ihnen, Danjuro?« Rao nickte dem Japaner im Vorbeigehen zu, »ich hoffe, daß Sie gut für meine Freunde sorgen.« »Er ist ein vorzüglicher Wirt,« sagte Davis, »und ein ebenso tüchtiger Lehrer. Wir waren grade in einer Nachmittagsunterhaltung in seiner Muttersprache begriffen.« Der Japaner beugte untertänig den Kopf, während die Ebenholzkugeln von Rao zu Davis und wieder zurück liefen. Rao wandte sich nach dem Fremden um, der bescheiden in, Hintergrund stehengeblieben war, faßte seine Hand und zog ihn ins Licht, das durch die Treppenhausfenster fiel. »Darf ich vorstellen – Herr Maung Po, der darauf brennt, Ihre Bekanntschaft zu machen – Herr – ?« »Parker,« fiel Davis hastig ein. »Herr Parker! – Maung Po ist Birmese, Pongyi an der Schwe Dagon Pagode in Rangoon – er ist seit mehreren Jahren mein Nachbar in der Bibliothek und ein Kollege von uns beiden – aber viel gelehrter als ich.« Der kleine Birmese machte eine höflich protestierende Bewegung mit seinen vollen, beweglichen Händen, die er waschend gegeneinander rieb, ergriff Davis' dargebotene Hand und beugte sich herab, als ob er sie küssen wollte. »Freut mich sehr!« sagte Davis und ließ seinen lebhaften Blick auf ihm ruhen, während Rao fortfuhr. »Maung Po sah Sie gestern in der Bibliothek, als Sie nach mir fragten, es tut mir leid, daß Sie vergeblich gegangen sind! Als er hörte, daß Sie ein Kollege seien, erbat er sich die Ehre, Ihnen vorgestellt zu werden. Maung Po hat viele Verbindungen zwischen eingeborenen Gelehrten, sowohl hier wie in Birma, so daß er Ihnen bei Ihren Studien von Nutzen sein kann.« »Verzeihen Sie,« unterbrach Davis ihn und legte seine Hand auf den fetten Arm des Birmesen, »was ist ein Pongyi?« »Das ist ein birmesischer Mönch,« antwortete Rao. »Maung Po ist Mitglied eines hohen buddistischen Mönchordens, der sich dem Studium der Palischriften und ihrer Verbreitung, sowohl im Heimatlande als auch bei verwandten asiatischen Rassen gewidmet hat.« »Aha,« sagte Davis und betrachtete das Käppchen, »Sie haben also eine Tonsur?« Der Birmese, beugte den Kopf und entblößte lächelnd seine Glatze. »Wenn die Mönche zu Hause sind, tragen sie eine gelbe Toga, die den rechten Arm und die rechte Schulter freiläßt – sie sitzen im Schatten der Pagode, mit der Jugend zu ihren Füßen, und weihen sie in die Worte der Weisen ein, lehren sie Lesen, Schreiben und Rechnen, und ihr Titel ist Paya, was ›Hoher Herr‹ bedeutet. Ist es nicht so?« Der Birmese nickte heftig zustimmend mit seinem dicken, nußbraunen Kopf. Die runden Brillengläser glitten ihm auf die Nase und er zeigte alle seine Zahnstummel. »Aber Maung Po ist noch mehr,« fuhr Rao fort, während sie durch den Korridor gingen, – »abgesehen davon, daß er ein hervorragendes Mitglied der Birmesenkolonie hier in der Stadt ist –« »Herr Rao, – Herr Rao,« quiekte Maung Po protestierend mit seiner fetten Diskantstimme. Davis öffnete die Tür zu seinem Zimmer und ließ sie vor sich eintreten. »Abgesehen davon, sage ich, ist er der offizielle birmesische Dolmetscher der Regierung. Sie werden also begreifen, daß er ein Mann von nicht geringem Einfluß ist.« Raos Augen streiften Davis', ohne daß Maung Po, der hinter ihnen ging, es sehen konnte. »Es ist eine große Ehre für mich,« sagte Davis, »ich freue mich, daß Sie mir Herrn Maung Po vorgestellt haben.« »Wer von beiden hat Vorteil von dieser Bekanntschaft,« dachte Davis bei sich, »und was will Maung Po von mir?« »Ich bedaure, daß ich Herrn Cunning nicht antreffe!« sagte Rao, während sein empfindsames Lächeln einen entsprechenden Grad von Enttäuschung zeigte. Bum, da hatte er sich verraten. Davis schickte ihm einen abwehrenden Blick, aber es war zu spät. Maung Po, der auf dem Fußende eines Liegestuhles saß und seine Hände wusch, blickte mit seinen kleinen lebhaften Augen auf. »Ist er auch ein Gelehrter wie Sie, Herr Parker?« quiekte er. Davis griff entschlossen ein: »Mein Prinzipal, Herr Teddyson,« sagt« er mit Nachdruck, »ist Teehändler.« »Verzeihung – jetzt erinnere ich mich.« Rao machte eine entschuldigende Bewegung mit seiner langen, schmalen Hand; an den Fingern trug er keine Ringe. Sein Handgelenk aber umschloß ein massives goldenes Armband. Er sah Maung Po an und sagte mit einem ernsten Gesicht: »Sie müssen nämlich wissen, Maung Po, daß unsere Freunde inkognito reisen – sie möchten keine Aufmerksamkeit erregen, besonders nicht bei unserer erhabenen und hochweisen Regierung.« Was soll das heißen, dachte Davis verblüfft und suchte mit einem hastigen Blick eine Erklärung in dem Ausdruck um Raos Mund. Auch Maung Po schien verwirrt. Seine kleinen Augen blickten vorsichtig und heimlich forschend von einem zum anderen. »Aus gewissen Gründen,« fügte Rao hinzu und ließ plötzlich sein Lächeln leuchten. Das wirkte wie eine Erlösung. Maung Po erlaubte sich ein kleines glucksendes Augurenlachen. Davis machte eine Handbewegung und zeigte seine Goldplomben. Warum enthüllt er uns voreinander, dachte er. Soll es eine Vergeltung sein, weil ich ihn neulich überrumpelte? Oder will er mich an das »Junge Indien« binden, indem er mich an Maung Po verrät, der im Dienste der Regierung steht? Hat er ihn darum mit hergebracht? Oder – Davis warf einen blitzschnell forschenden Blick auf das feine Rassegesicht mit dem ausdrucksvollen Lächeln – ist er so tüchtig, daß er sich gleichzeitig Maung Po sichert, so daß er uns gegeneinander ausspielen kann, wenn es nötig sein sollte! Will er uns beide in der Tasche haben? Hm, was ich weiß, weiß ich. Wenn man mich aber für einen Eingeweihten ausgibt, will ich auch an deren Beratungen teilnehmen. Und Davis tat den nächsten Schritt: »Herr Rao,« sagte er mit offenem Blick und vertraulicher Stimme, »ich würde sehr gern einer Sitzung bei Ihrem Onkel auf seinem Landsitz in Balyganj beiwohnen.« »Wer hat Ihnen davon erzählt?« fragte Rao mit sanftem Erstaunen. Davis' scharfer Blick bemerkte, daß die gelbliche Haut um Raos tiefliegende Augen sich zusammenzog, als wäre an unsichtbaren Fühlhaaren gerührt worden. Maung Pos Gesicht war vollkommen unbeweglich. Sein Blick aber hing aufmerksam an seinen dicken Händen. »Mein guter Freund Sri Rama.« Rao blickte einen Augenblick auf die Wand gegenüber, dann sagte er: »Wenn mein Onkel Empfang hat, während Sie hier sind, wird es mir ein Vergnügen sein, Sie ihm und – den anderen vorzustellen.« »Vielen Dank. Es würde mich freuen, wenn ich Gelegenheit bekäme, soweit es in meinen Kräften steht, die Sache zu unterstützen, von der Sri Rama und ich so oft gesprochen haben, und für die ich mich lebhaft interessiere.« Rao betrachtete ihn mit einem Blick, den er nicht zu deuten vermochte. Dann beugte er den Kopf zum Dank und sagte zuvorkommend: »Ich werde Ihnen eine Einladung schicken, wenn es so weit ist.« »Ich treffe Sie wohl auch dort, Herr Maung Po?« »Mich?« Der kleine Birmese zuckle zusammen, blickte auf, sein Blick war dunkel vor Schreck. »Maung Po pflegt dort nicht zu kommen.« Rao legte seine schmalen Finger beruhigend auf den runden Arm. »Das kann er seiner Stellung wegen nicht.« »Ich verstehe!« Davis nickte verständnisvoll, »wir sehen uns aber in der Bibliothek.« Der Birmese nickte heftig bekräftigend mit seinem runden Kopf, seine kleinen Augen drückten Geehrtheit und Erwartung aus. Rao erkundigte sich, wie Davis und Ralph Indiens Hauptstadt gefiele. Davis äußerte sich mit überströmender Anerkennung über das, was er gesehen hatte – Museen, Denkmäler, Parks, die herrliche Esplanade, das intelligente Aussehen der Eingeborenen usw. Das alles aber sei ja nur die Fassade, und er und Herr Teddyson würden Wert darauf legen, die Stadt etwas näher kennen zu lernen als gewöhnliche Touristen. Indessen hätte es seine Schwierigkeiten z. B. die Nachtseite von Kalkutta kennen zu lernen, wenn man nicht geführt würde. »Daran hab ich auch schon gedacht,« sagte Rao, »und es war meine Absicht, Sie und – nun also Herrn Teddyson (Rao deutete mit einem Lächeln an, ob man nicht die Masken legen wollte) – zu bitten, an einem Tag, der Ihnen paßt, bei mir zu essen. Nachher werde ich Ihnen dann etwas von der Stadt bei Nacht zeigen. Nur fürchte ich, daß sie Sie enttäuschen wird. Wenn man aus den großen Städten des Westens kommt –« Davis protestierte und dankte. Schade, daß Herr – nun also Herr Cunning (Davis lächelte: Wir legen also die Masken ab, wenn Sie es wünschen) – daß Herr Cunning nicht zu Hause sei. Wenn Herr Rao aber bestimmen wollte, über welche Tage sie verfügen könnten, würde er einen Tag mit seinem Reisegefährten verabreden und sich erlauben, Herrn Rao einige Zeilen zu schicken. Rao gab den gewünschten Bescheid und erhob sich, um zu gehen. Als Davis seine Gäste hinunterbegleitete, tat er noch einen Schritt: »Wie gefällt Ihnen Herr Danjuro?« fragte er ohne Einleitung den kleinen Birmesen. Maung Po blickte mit seinen kleinen lebhaften Augen auf. »Ich habe ihn zum erstenmal gesehen.« Maung Po scheint ein scharfes Gehör und ein vortreffliches Gedächtnis zu haben, dachte Davis, denn er weiß sofort, wen ich meine, obgleich Danjuros Name nur einmal von Rao genannt wurde, als er ihn in der Halle grüßte. »Danjuro?« wiederholte der kleine Birmese und blickte gleichzeitig treuherzig auf – »mich dünkte, sie nannten Ihren Reisebegleiter vorhin mit einem anderen Namen.« »Danjuro ist der Japaner, der das Hotel leitet.« Sollte ich mich geirrt haben, dachte Davis, sollte Maung Po ein ungewöhnlich schlechtes Gehör und Gedächtnis haben, da er Ralph Cunnings Namen, der bereits mehrmals genannt worden ist, noch nicht behalten hat? – Maung Po war interessant, er wollte ihn nicht aus dem Auge verlieren. Als sie in die Halle kamen, war Danjuros Loge leer. Davis begleitete seine Gäste bis an das wartende Automobil. Er drückte Raos Hand herzlich, bedauerte, daß Herr Teddyson (der Chauffeur konnte ja alles hören!) nicht zu Hause gewesen sei, und freute sich, mit ihm der liebenswürdigen Einladung nachkommen zu können. Auch der Birmese dankte warm für den Besuch. »An einem der nächsten Tage suche ich Sie in der Bibliothek auf«, Davis legte seine Hand vertraulich auf die runde Schulter des kleinen Mannes, »und falls Ihre gelehrte Paligesellschaft Sitzung haben sollte, während ich hier bin, hoffe ich, daß Sie an mich denken werden. Ich habe das Prinzip, wenn ich reise, mir keine Möglichkeit entgehen zu lassen, interessante und intelligente Persönlichkeiten kennen zu lernen, besonders, wenn es sich um Studiengenossen handelt.« Der Birmese nickte heftig mit seinem runden Kopf und wusch seine Hände unzählige Male, während er Davis seiner Bereitwilligkeit versicherte. Die regelmäßige monatliche Sitzung würde in allernächster Zeit stattfinden. Man versammelte sich in der birmesischen Pagode, wo Fremde keinen Zutritt hätten, er aber würde sich bemühen, eine besondere Erlaubnis, ja, eine Einladung von dem obersten Pongy zu erwirken. Davis stand winkend in der Tür, als sie abfuhren. Kurz vorm Mittagessen kam Ralph nach Hause. Er war im Zoologischen Garten gewesen und hatte ein paar Königstiger gesehen, in ihrer ganzen ursprünglichen Wildheit; sie waren erst kürzlich in den Dschungeln auf der Saugar-Insel, die in der Mündung des Hooghly-Flusses, zehn Meilen südlich von Kalkutta liegt, eingefangen worden. Davis berichtete von dem Besuch, der neuen Bekanntschaft und der Einladung. Der Tag wurde gleich bestimmt und einige Zeilen auf Davis' Karte zu Rao geschickt. »Auch ich habe eine neue Bekanntschaft gemacht,« sagte Ralph, »meinen Kollegen, den Chinesen. Als ich von den Tigern kam, hatte ich Lust, ihn zu besuchen. Ich schuldete ihm ja einen Gegenbesuch. Seine Adresse bekam ich bei Cook. Er wohnt in einer viel feineren Gegend als wir, hat zwei Sekretäre und mehrere bezopfte Diener, außer der Dienerschaft seiner Frau. Wir haben uns eine halbe Stunde vom Geschäft unterhalten.« » Die Unterhaltung hätte ich hören mögen,« lachte Davis; er war in strahlender Laune über den wohlgelungenen Tag. »Bevor ich ging, kaufte ich ihm eine Partie Waren ab – wenn man reist, um Tee einzukaufen – nicht wahr?« »Was für eine Sorte?« »Ich erinnere mich nicht mehr – er hieß so etwas wie Suchong.« »Zeigen Sie mir mal die Probe, dann werde ich es Ihnen sagen.« »Die Probe? – Donnerwetter – Ich hätte natürlich eine Probe verlangen müssen.« »Wieviel haben Sie bestellt?« fragte Davis und schüttelte den Kopf. »Ich erinnere mich nicht mehr, ob es eine Kiste oder ein Kasten war, oder wie die Bezeichnung sonst heißt – davon war es aber jedenfalls eine halbe.« »Das können wir ja auf dem Bestellschein sehen.« »Bestellschein?« »Haben Sie keine Kopie davon bekommen?« »Nein. Er schrieb sich auf – ein halbes Quantum von diesem oder jenem – Preis soundsoviel per Kilo oder war es vielleicht fürs Pfund? – ich sagte einverstanden, und damit war die Sache erledigt.« »Wo soll der Tee abgeliefert werden?« »Hier im Hotel.« »Und wann?« »Morgen. Er wollte selbst kommen und das Geld einkassieren. Wie Sie sehen, ein prompter Geschäftsmann!« Davis betrachtete ihn eine Weile. Dann schlug er sich auf die Knie und machte seiner guten Laune Luft. Ralph versuchte ernst zu bleiben, mußte dann aber doch mitlachen. »Sie sind ja verrückt, Mann,« sagte Davis, »Sie haben Ihr Inkognito verraten. So würde sich kein vernünftiger Kaufmann benommen haben.« Ralph überlegte eine Weile mit einem ernsten Gesicht. »Es kam mir allerdings so vor,« sagte er, »als ob er mir etwas zu viel Hochachtung erwies, vorteilhaft für mich war der Abschluß wohl kaum. Aber dafür entlockte ich ihm allerhand über Opium, was mich mehr interessiert als Tee.« Ralph war auf und ab gegangen, von Davis' Blick gefolgt, der ihn aufmerksam beobachtete. Jetzt drehte er sich um, sah Davis treuherzig an und sagte: »Ich will Ihnen sagen, ich habe mir mit Absicht einen verdächtigen Anschein gegeben. Ich bilde mir nämlich ein, daß der Chinese seine Nase in meine Papiere gesteckt hat, und darum dachte ich folgendes: neulich sahst du, daß nichts in meinen Papieren war, was von Tee handelte, und heute hast du gesehen, daß nichts von einem Geschäftsmann in mir ist. Jetzt hast du also eine Nuß zu knacken bekommen. Das war's, was ich wollte.« Ralph fing an zu lachen. »Ich zweifle nicht, daß ich der Gesellschaft als Teehändler nicht ganz geheuer war,« wiederholte er und setzte sich, »denn die Sekretäre stellten sich auf, um mich zu beglotzen, als ich fortging.« Ralph lachte so herzlich, wie er lange nicht gelacht hatte. »Ich dachte es mir ja!« sagte Davis. Je mehr er über die Sache nachsann, desto ärgerlicher wurde er. Schließlich blieb er vor Ralph stehen und sagte gereizt: »Sie vergessen, daß Sie mich auch kompromittiert haben. Kein vernünftiger Mensch kann in gutem Glauben bei einem so untüchtigen Geschäftsmann Sekretär sein. Man wird uns beide verdächtig finden ... Unser Inkognito ist gründlich zerstört; eines schönen Tages werden wir auch noch die Regierung auf den Hals bekommen!« »Das wäre ein herrlicher Spaß!« sagte Ralph unangefochten und fuhr fort zu lachen. Am nächsten Morgen erfuhr Davis, daß Ralph den Chinesen um drei Uhr erwartete. Er fuhr zur Bibliothek, wo er Maung Po sagte, daß Ralph es sehr bedauert habe, den Gelehrten Pongyi nicht zu treffen. Der Birmese zeigte Davis Handbücher und seltene Werke; als geschlossen wurde, ließ er sich überreden, mit ins Hotel zu kommen, das nicht weit von der Pagode lag, um Ralph vorgestellt zu werden. Sie kamen just in dem Augenblick, als Ralph und der Chinese vor Danjuros Loge abrechneten. Davis konnte beim Anblick der riesiges Zinkkiste ein Lächeln nicht unterdrücken. Danjuro würde den Vorteil davon haben, denn die Kiste konnte hier ja nicht stehenbleiben und Ralph würde sie ihm natürlich billig überlassen. Danjuro saß an seinem Schreibtisch mit einem frommen Gesicht, in dem sich keine Munterkeit spiegelte. Ralph stellte Davis dem Chinesen als seinen Sekretär vor. Sie begrüßten sich mit großer Würde. Darauf zog Davis den kleinen Birmesen heran, der sich, wie gewöhnlich, hinter den anderen verborgen hielt, so daß er und der Chinese in dem vollen Licht standen, das aus dem Fenster des Treppenhauses fiel. Davis stellte vor. Laou Wo grüßte mit Vorbehalt, und der Birmese seinerseits maß seinen Gruß sorgfältig nach dem des anderen ab. Obgleich Davis sie scharf beobachtete, fand er keine Anzeichen, daß sie sich bereits kannten. Als Ralph bezahlt und seine Quittung bekommen hatte, begann er ein Gespräch mit dem Birmesen, während Davis den Teehändler übernahm und die Gelegenheit benutzte, um Ralphs Geschäftsehre, so gut es ging, zu retten. Bald darauf machte der Chinese Miene aufzubrechen.. Auch der Birmese verabschiedete sich. Ralph drückte ihnen die Hände und setzte sich wieder; Davis aber, sein Sekretär, begleitete sie ganz auf die Straße hinaus. Er fragte sie, ob sie nicht ein Automobil wünschten, ihr Weg aber führte sie in verschiedene Richtungen. Während sie noch Abschied nahmen, kam ein kleiner untersetzter Mann mit einem gestutzten, schwarzen Schnurrbart in einem blankgeschwitzten Gesicht, auf dem Fußsteig daher. Er war so in seine Zeitung vertieft, daß er gegen den Birmesen anrannte. Der Mann bat um Entschuldigung, lüftete den Hut, trat höflich zur Seite, um den Chinesen, der denselben Weg hatte wie er, vorangehen zu lassen und fuhr in seiner Lektüre fort. Davis blieb in der Tür stehen und blickte hinter seinen Gästen her. Dort trabte der kleine Birmese auf seinen runden Beinen; die Straße war ganz menschenleer. Nein, jetzt kam ihm ein Mann in einem fleckigen Khakianzug auf dem gegenüberliegenden Fußsteig entgegengeschlendert. Nach der anderen Seite, längs der alten Gartenmauer, entfernte sich der Chinese mit würdig gemessenen Schritten, die Hände in den weiten Aermeln; hinter ihm ging der kleine untersetzte Mann, der in seine Zeitung vertieft war. Eine zerlumpte Ticca gharis dritter Klasse kam durch die Straße gerasselt. Der Chinese verlangsamte seine Schritte und blickte ihr entgegen, während der Kutscher anhielt und die Peitsche hob; Herr Laou Wo aber fand das Fahrzeug unter seiner Würde und setzte seinen Weg zu Fuß fort. Darauf kehrte Davis zu Ralph zurück, der sich mit Danjuro über Tee und Opium und das Geschäft, das er eben abgeschlossen hatte, unterhielt. Nach dem Mittagessen im Hotel fuhr Rao, wie er versprochen hatte, mit seinen Gästen aus, um ihnen Kalkutta bei Nacht zu zeigen. Er hätte, sagte er, erst an eine Spielhölle gedacht, wo die Malaien und Chinesen vom Hafen und den großen Docks in schöner Gemeinschaft ihren Tagesverdienst durchbringen; aber es wäre ein zu gefährliches Unternehmen, denn Spielhöllen seien streng verboten und jeder gutgekleidete Fremde würde als Spion betrachtet. Statt dessen fuhr er sie zu der Straße der weißen Nächte, wo die hinduschen Freudenmädchen wohnen. Es war über Mitternacht. Von der Bow Bazar-Street, wo noch Verkehr war, fuhren sie durch ein ödes, nachtstilles Viertel zu einer langen, geraden Straße, wo Musik von Flöten, Zithern und Tam-Tam hinter Mauern erklang. Die Straße bestand aus niedrigen, zweistöckigen Steinhäusern; durch die Fensterläden fiel gedämpftes Licht, die Türen aber gähnten wie dunkle Löcher in den gelblichen Wänden. Hier und da war in der Mauer eine Nische. An einer Stelle brannte eine qualmende Fackel, die an der Mauer festgemacht war, und m der Nische lag ein Paria längelang und schlief wie in einem offenen Begräbnis. »Das ist die Nachtwache,« sagt« Rao und lachte. Der Chauffeur fuhr langsam, um das richtige Haus zu finden. Da sprang aus einer Tür ein Eingeborener, stellte sich vor das Auto und schwang eine qualmende Fackel in seiner rechten Hand. Es schien ein Zeichen zu sein, das der Chauffeur und Rao verstanden. Der Wagen hielt. »Hier ist es,« sagte Rao und stieg aus. Der Eingeborene ging voran und leuchtete mit seiner Fackel. »Ich habe mich erkundigt und erfahren, daß dies eins der besten Häuser sein soll. Hier verkehren die Hindustudenten aus den großen Kollegien, die hier in der Nähe liegen.« Sie kamen durch einen dunklen und engen Gang, wo sie hintereinander gehen mußten, und stiegen eine Steintreppe mit hohen Stufen ohne Geländer hinauf, die zum ersten Stockwerk führte; dort endete die Treppe in einer Galerie, die zu einem viereckigen Hof hinausging, der vom Sternenhimmel erhellt war. Sie kamen an einem Raum vorbei, aus dem halb lüsterne, halb melancholische Musik erklang, deren einförmige Töne übereinander stolperten. Die Tür war nur angelehnt, Ralph guckte hinein. Da saßen vier junge Burschen in der Hucke, die Köpfe über ihre Instrumente gebeugt. Der Raum war ganz kahl, auf der Erde stand ein Licht in einem Leuchter. Sie kehrten ihnen ihre Gesichter zu, ihre Augen waren blank, als wären sie von der betäubenden Musik berauscht. Sie schlugen den Takt mit dem Kopf, und ihr Mund lächelte wie die Lippen eines schwachen Kindes, das zeitig Lachen und Weinen verlernt hat. »Das sind die Söhne der Nacnevalen und Bajaderen,« erklärte Rao, »sie werden von Kind an, in Musik unterrichtet und verdienen sich ihren Unterhalt, indem sie zum Tanz der Frauen spielen und ihnen zu Diensten sind.« Sie bogen um eine Ecke der Galerie, wo alle Türen mündeten. Ein altes Mütterchen, mit einem großen Tuch um den Kopf, kam auf sie zu und rappelte eine blühende Rede auf englisch und herunter, indem sie unablässig die Hände zur Stirn führte. Auf ein Wort von Rao wackelte sie auf eine Tür zu und riß sie weit auf. Ein großer Raum, der mit einem Teppich über den ganzen Fußboden bedeckt war, bot sich ihrem Blick. In einer Ecke war ein niedriges Himmelbett, ebenso breit wie lang, mit Kissenrollen an allen vier Seiten. An der Wand hing ein Bild von Siva mit den vier hochgestreckten Armen. In einer Ecke war ein kleiner Altar, wo eine Tulsipflanze in einer Schale hing. Unter der Decke war eine Krone, die aus fünf qualmenden Talglichtern Licht spendete. Auf dem Fußboden lagen seidene Kissen verstreut und unter dem einen Fenster stand ein kleiner niedriger Tisch. Als sie hereintraten, erhob sich eine Frau vom Fußboden, ging ihnen entgegen und begrüßte sie mit ausgebreiteten Armen. Ralph mußte an die Sanskritworte denken, die Davis ihn einst gelehrt hatte: »Ein wandernder Fleischbaum mit Goldfrüchten beladen«. So war sie. Ueberreif, glatt und blank, als ob sie platzen würde, wenn man sie berührte. Goldene Früchte hingen an dem Fleischbaum, an den schön geformten, nackten Armen, dem dicken Hals, auf der hohen Schulterwölbung, an Fingern und Fußgelenken; und jedesmal, wenn der Baum sich bewegte, rasselten sie. Sie blickte lächelnd von einem zum anderen, ihre weißen Zähne zeigend, während ihr großer offener Blick sie musterte. Von den Schultern bis zu den Füßen, die von funkelnden Ringen blitzten, war sie in ein faltenreiches Tüllgewand, wie in eine Toga gehüllt; an den Schultern wurde die Kante eines dunkelroten Unterkleides sichtbar. Trotz des Smokings sah sie gleich, daß Rao indischer Abstammung war. Bevor er noch etwas gesagt hatte, war sie sich über die Situation klar: es war ein zweimal Geborener, der ihr seine weißen Gäste zuführte. Sie beugte ihren Kopf, als er sprach, mit ehrerbietig niedergeschlagenen Augen lauschend. Als sie aber antwortete, öffnete sie Blick und Lippen mit einer Schamlosigkeit, die sie kleidete, weil sie echt war. Ralph und Davis streckten sich auf den Kissen des Fußbodens und stützten den Kopf auf den Ellbogen, während Rao und die Nacnevali sich in der Hucke gegenübersaßen. Rao redete sie in ihrer eigenen Sprache an, sie aber antwortete mit Selbstbewußtsein, daß sie die Sprache der Weißen verstehe. »Du bist ein guter Junge!« sagte sie als Probe, mit einem kleinen gierigen Lachen zu Ralph, und legte ihre runde Hand, deren Nägel von Henna rosenrot gefärbt waren, auf sein Knie. Davis sagte ihr allerhand hübsche Dinge auf hindustanisch. Sie sah ihn erstaunt an und antwortete girrend, mit halbgeschlossenen Lidern. Da erklang Frauengesang aus einem Nebenzimmer, und Davis verstummte. Sie lauschten alle. Der Gesang hinter der Wand hatte einen Herzenston, der ihre Aufmerksamkeit weckte. »Wer ist das?« fragte Rao. »Eine Neue –« die Nacnevali zuckte nachsichtig ihre fetten Schultern. »Wem singt sie etwas vor?« »Sie ist allein.« Die Nacnevali strich sich mit der Hand über ihren runden Arm und sah auf ihn herab, als ob sie sagen wollte: betrachten Sie lieber meinen Arm, ist der nicht schön? »Warum singt sie?« Die Nacnevali wandte den Kopf langsam zur Wand, von wo der Gesang ertönte, zuckte wieder die Achseln und sagte halb spöttisch, halb nachsichtig: »Weil sie traurig ist.« »Du bist wohl nie traurig!« Raos Mund zeigte eine allwissende Melancholie, die so plötzlich den Schleier von seiner Seele zog, daß Ralph ihm einen Augenblick ganz nahe zu sein meinte. »Nein, es ist lange her.« Sie warf den Kopf in den Nacken, heftete ihren Blick unter den halbgeschlossenen Lidern auf Raos Mund und sagte: »Ein Sannyasi hat mir prophezeit, daß ich als Favoritin eines Rajahs wiedergeboren werden soll. Ich soll Rani werden und Söhne gebären. Vielleicht werde ich einst die Deine.« Wieder erklang der Gesang nebenan. Wieder hatte er einen lebendigen Herzenston; selbst die Nacnevali vernahm es. »Die da nebenan«, sie zeigte mit dem Kopf zur Wand, »trägt ein Kind, – darum weint sie. Die Törin!« Sie senkte die Stimme, die dunkel und warm wurde. »Wenn ich es wäre, würde ich vor Freude singen. Ein Kindchen!« Sie wiegte die Arme vor der Brust und blickte mit schiefgelegtem Kopf und niedergeschlagenen Augen darauf herab, als hütete sie einen kleinen, schwarzlockigen Kopf, der hilflos in ihrem fetten Arm lag; sie wiegte ihn gegen ihre unfruchtbare Brust. »Welcher Kaste gehörst du an und wie bist du hierher gekommen?« fragte Rao. »Ich bin aus dem Stamm der Sudra,« die Nacnevali legte die Hände selbstbewußt zusammen, »ich wurde in meinem achten Jahre Witwe, und da keine anderen Witwen in der Familie waren, mußte ich alle Arbeit allein tun, darum lief ich zu einer Nacnevali, die ich im Basar gesehen hatte, und bat sie, mich ihre Kunst zu lehren.« »Und jetzt bist du froh?« »Ich hab genug zu essen und zu trinken, an Liebe leide ich keinen Mangel. Zu arbeiten brauche ich nicht – und bin ich nicht fein wie eine junge Rani?« Sie zog die Toga über der Brust fester zusammen und wiegte ihren hocherhobenen Kopf, so daß die Goldfrüchte auf dem nackten Stamm des Halses rasselten; sie breitete das zarte Tüllgewand wie eine Decke aus, streckte ihnen ihre Armzweige entgegen und ließ das Licht von der Decke in den doppelt geringelten Goldspangen an ihren Handgelenken, in den ungeschliffenen Edelsteinen an ihren Fingern blitzen. »Still!« sagte Davis. Der Gesang hatte von neuem begonnen, aber es war nicht derselbe. Er beugte sich vor und lauschte angespannt. »Wer ist sie?« fragte Rao. »Sie ist Witwe, ebenso wie ich. Ein Augenpaar hat in die ihren gesehen, während sie für die anderen arbeitete; sie hat diese Augen heimlich bei Nacht gesucht und ist glücklich gewesen, bis ihre Liebe Frucht ansetzte, und sie mit ihrer Scham fliehen mußte, ohne Freunde und ohne Kaste.« Die Nacnevali hatte ihre Hände im Schoß gefaltet und sprach wie im Traum, die Lider über die trägen Augen gesenkt. »Ich glaube eher, daß sie eine entflohene Dewadasi ist,« sagte Rao und lauschte, »sonst würde sie nicht so gut singen können.« Er wiegte den Kopf, während er Worte zu der Melodie summte. Die Nacnevali lauschte mit geschlossenen Augen, dann fiel auch sie mit ihrer tiefen Stimme ein. »Was ist das für ein Lied?« fragte Ralph. »Die Klage der Jogan von Indarsabha, ein Schauspiel von unserem berühmten Amanát aus dem vorigen Jahrhundert; es wird in ganz Indien gespielt.« »Was bedeutet Jogan?« »Em weiblicher Jogi, eine bußfertige Wanderin auf staubigen Wegen, mit aufgelösten Haaren, das Gesicht mit Asche eingerieben. Sie ist von Indras Hof vertrieben worden, weil sie den Königssohn Gulfam liebt. So ruft sie ihren Geliebten,« – und Rao begleitete den Gesang mit Worten, die er ins Englische übersetzte: Ruhelos wandert mit Weh im Herzen sie, die dich liebt, – komm doch, o komm! Ruhelos wankt sie auf Straßen und Gassen, sucht dich vergebens – komm doch, o komm! Könnte dein Aug' in mein Herze blicken, würdest selbst herzkrank – komm doch, o komm! Ach, bin ein Gast in der Welt nur, der weiten, bald ist's vorbei – komm doch, o komm! Gottloser, sieh, am Gott ich verblute, sterbe vor Schmerz – eil dich, o komm! Davis hatte sich während des Gesanges erhoben und war hinausgegangen. Ralph hatte es bemerkt, aber er sagte nichts. Draußen auf dem Gang stand das alte Mütterchen. Davis zeigte auf die Tür zum Zimmer der Singenden. Die Alte wackelte darauf zu und schloß sie auf. Ein Duft von Ambra schlug ihm entgegen, den er wiedererkannte. Das Zimmer war klein. Das Fenster lag der Tür gegenüber, hoch oben an der Wand, mit Läden davor. In der Ecke stand ein niedriges Bett, ebenso wie das nebenan. Auf dem Teppich, den Rücken zur Tür gewandt, saß die singende Frau gegen eine alte Lederkiste mit Silberbeschlägen gelehnt, worin sich das Licht eines doppelarmigen Bronzekandelabers spiegelte, der auf der Kiste stand. Davis betrachtete sie, während die Tür hinter ihm geschlossen wurde. Sie war in ihren Gesang vertieft und überhörte sein Kommen. Der Ton verklang und löste sich in einen Seufzer auf. »Kantra!« Sie hob den Kopf, drehte sich um und sah ihn an. Ein Beben ging durch ihren Körper. Sie erhob sich, wich zur Wand zurück und starrte den Fremden neben der Tür an. Ihr Gesicht war eingefallen; das schwarze Haar fiel von der Stirn über die Ohren, es war nicht mehr blank und glatt wie ehedem. Aus den weitaufgerissenen Augen blickte dunkle Oede. Wo war der stolze Glanz geblieben, der gleichzeitig anzog und abwehrte, wo waren die funkelnden Schatten? Nur die Lippen waren rot wie damals; Davis sah, daß sie geschminkt waren. So stand sie, bis er ihr die Hand entgegenstreckte. Da schmolzen die starren Züge in einem wunderbaren Lächeln; sie glitt auf ihn zu und sank ihm zu Füßen. Davis sah an ihren Schultern, daß sie weinte, aber sie gab keinen Laut von sich. Er setzte sich neben sie und legte seinen Arm schützend um ihren Leib. Sie schmiegte den Kopf an seine Brust, und ihre Tränen versiegten. »Wie bist du hierhergekommen?« »Die Daja hat mir zur Flucht verholfen.« »Warum bist du geflohen?« »Hast du vergessen, daß man derjenigen, die sich mit einem Kastenlosen verunreinigt, Ohren und Nase abschneidet? Ich flüchtete vor dem Zorn des Gewaltigen und verberge mich hier.« Sie drückte sich an ihn wie ein Kind, das eine freudige Ueberraschung mitzuteilen hat. »Ich soll dir einen Sohn gebären,« flüsterte sie, und ihre Hände suchten die seinen. »Wo sind deine Ringe?« Sie wandte den Kopf und sah zu ihm auf. »Ich kann doch keine anderen Ringe tragen als deine! – Du zerbrachst meinen Taliring mit der Zauberkraft deiner Augen, während ich vor dem Gewaltigen tanzte, weißt du nicht mehr? – Er sprang klirrend von meinem Fuß zur Erde. Du nahmst mich ihm durch deine Zauberkunst. Jetzt habe ich alles zerbrochen und weggeworfen, damit du mir neue schenken kannst. Ich kann nur den Tali desjenigen tragen, dessen Sohn ich gebären soll.« Wieder schmiegte sie sich an ihn und schloß die Augen, während ihre heißen Hände die seinen umklammerten. »Erzähle, was geschehen ist.« Sie erzählte von Ramalingams Zorn, von ihrer Furcht vor dem Fluch des Gewaltigen, von ihrer Flucht bei Nacht in den Kleidern eines jungen Brahmanen, der sie einst geliebt und den sie durch die Daja um Hilfe gebeten hatte. Wie sie sich dann von Stadt zu Stadt durchgebettelt hatte, bald mit Gesang und Tanz, bald dadurch, daß sie ihren Körper demjenigen anbot, dessen Auge mit Begehren auf ihr ruhte, – bis sie die große Stadt erreichte, wo ein Schutzmann sie auf der Straße fand und in dieses Haus führte. Sie erzählte, wie verzweifelt sie gewesen sei, bis sie entdeckt hatte, daß sie ein Kind trüge. Da war neue Hoffnung in ihrem Herzen aufgeblüht, aber auch neue Angst, – die Angst, daß sie den Vater ihres Kindes nie wiedersehen würde. »Jetzt habe ich dich wieder,« sagte sie, und ihre dunklen Augen strahlten im alten Glanz, während sie seine Hände gegen ihr Herz drückte, »ich will dir folgen, wie dein Hund und dein Schatten.« »Dein Hund und dein Schatten –« das waren die Worte, mit denen Männer der niedrigen Kaste ihre Tochter demjenigen geben, der ihr Herr sein soll; das wußte Davis. Da erklang ein Laut, als ob jemand mit der flachen Hand gegen die Tür schlägt. Kantra wandte den Kopf und sagte einige Worte. Die Tür ging auf und das alte Mütterchen streckte die Hand mit einer Karte herein, die Kantra nahm und dann Davis reichte. Es war Ralphs. »Rao ist bereits gegangen, aus Diskretion oder Müdigkeit. Ich hab es satt, länger bei dem Fleischbaum zu warten, der mich vergeblich mit seinen Gold- und anderen Früchten zu locken versucht. Wollen Sie mich begleiten, – oder soll ich das Auto später zurückschicken.« »Es ist mein Reisegefährte, dem du die Nachricht schicktest, als ich der Gefangene der Brahmanen war – darf er hereinkommen?« Kantra nickte. Davis schrieb einige Worte auf seine Karte und gab sie der Alten, die neben der Tür wartete. Kurz darauf kam Ralph. Er blieb neben der Tür stehen, indem er vergeblich die Schöne vom Kali-Tempel in dieser verhärmten Frau wiederzufinden versuchte. Davis erhob sich und sagte: »Kantra ist vor Gott und den Brahmanen geflüchtet. Sie will mir folgen, wo ich gehe und stehe – wie mein Hund und mein Schatten.« Kantra las das Erstaunen in Ralphs Blick; sie beugte den Kopf zur Bestätigung und sagte: »Ich will den Tali desjenigen tragen, dem ich ein Kind gebären soll.« Davis sah ihn an, als ob er ihn an etwas erinnern wollte und Ralph verstand, daß er ihre Wette meinte. Er nickte. Davis hatte gewonnen. Kantra breitete Kissen auf dem Teppich aus, damit Ralph sich neben sie setzen konnte. Davis aber blieb stehen, sah nach der Uhr und sagte: »Es ist spät.« Sie sah ihn erstaunt an: »Willst du gehen?« »Ich komme morgen wieder!« Er wich ihrem Blick aus. Als er sich zur Tür wandte, klammerte sie sich an seinen Arm und sagte: »Nimm mich mit!« Er machte sich behutsam frei und klopfte ihr die Wange. »Ich sage dir ja, daß ich morgen wiederkomme.« Eine Ahnung stieg in ihr auf. Von seinem ausweichenden Blick sah sie in Ralphs helle Augen und entdeckte einen Schatten von Mitleid in ihnen, der ihre Angst noch steigerte. Sie warf sich Davis zu Füßen und umklammerte seine Knie mit ihren Armen. »Schwöre, daß du mich morgen mit dir nimmst.« Davis löste ihre Arme. »Morgen wollen wir über deine Zukunft sprechen.« Sie erhob sich mühsam und grübelte einen Augenblick über seine Worte. Als sie aber keine Zuflucht in ihnen fand, begannen ihre Hände zu beben und ihr Mund verzog sich, so daß die spitzen Zähne sichtbar wurden. »Sag mir die Wahrheit!« bat sie und faßte seinen Arm. Davis machte sich frei und begegnete im selben Augenblick Ralphs Augen, die voller Unwillen auf ihm ruhten. Sie fühlte, was in ihm vorging, wandte sich zu Ralph und warf sich vor ihm nieder. »Sag mir die Wahrheit!« flehte sie, die Hände zu ihm erhoben. Ralph richtete sie auf und sagte auf französisch zu Davis: »Sagen Sie ihr die Wahrheit. Das ist doch das wenigste, was Sie tun können.« »Also gut« – Davis richtete sich auf und begegnete ihrem Blick. »Ich werde dafür sorgen, daß weder du noch dein Kind Not leidest, aber ich kann dich nicht mitnehmen, es ist ganz unmöglich.« Sie schwankte bei seinen Worten. Sein Blick schlug sie zu Boden, aber sie erhob sich mit ihrer letzten Kraft. Voller Stolz über das Leben, das sie unterm Herzen trug, flammten ihre Augen, und sie atmete keuchend wie ein wildes Tier, dessen Junges in Gefahr ist. »Ich werde dich finden, wo du auch bist. Not und Pest werde ich auf dein Haupt herabbeschwören, du, der du mich aus dem Arm des Gewaltigen stahlst und seinem Zorn überließest. Ich werde mir Vergebung bei Ramalingam und den Brahmanen erkaufen, indem ich dich ihrer Rache verrate. Ich verfluche das Kind, das ich trage, und werde es mit meinen Händen erdrosseln, wenn es lebend aus meinem Schoß gelangt.« Sie ging stolzen Hauptes an ihm vorbei und ließ die Tür hinter sich offenstehen. Ralph sah, wie ihr Körper von Tränen geschüttelt wurde, die sie mit Gewalt zurückhielt. Als sie in den dunklen Gang kamen, hörten sie einen röchelnden Laut hinter einer geschlossenen Tür, und beruhigende Worte, als ob eine Mutter zu einem schluchzenden Kind spricht. Ralph meinte, die Stimme des Fleischbaums zu erkennen. Auf der Straße stießen sie auf einen Eingeborenen, der seine rauchende Fackel drohend hinter ihnen her schwang, als das Auto sich in Bewegung setzte. Eine Bande Musikanten hatte sich mitten auf dem Fahrweg niedergelassen; von dem Tamtamteufel besessen, achteten sie weder der glühenden Augen, noch des heiseren Signals des Autos, so daß der Chauffeur in einem Bogen um sie herumfahren mußte. Sie saßen schweigend nebeneinander. Ralph konnte den Ausdruck in Kantras Augen nicht vergessen. Ein brutaler Eingriff in den Lebensfrieden eines wehrlosen Wesens, – durch die Wette fühlte er sich mitschuldig. Er war gespannt, was Davis zu tun beabsichtigte, – die Sache war schwierig, das mußte er einräumen. Fragen aber wollte er nicht, denn Davis war ihm keine Rechenschaft schuldig. Davis starrte vor sich hin, seine Kiefer waren in kauender Bewegung, wie immer, wenn er nachdachte. Schließlich wandte er seinen Kopf zu Ralph und sagte: »Ich werde Cook die Sache anvertrauen und eine Summe für sie und das Kind aussetzen.« Ralph schwieg mißvergnügt. Und dennoch – gab es einen anderen Ausweg? – Merkwürdig, wie sicher so ein Fraueninstinkt den innersten Kern traf, ohne Umschweife und viele Worte. »Ich werde es mit meinen Händen erdrosseln, wenn es lebendig aus meinem Schoß gelangt« – klang es ihm noch im Ohr, mit der Wildheit des verratenen Weibchens. Ein sicherer Instinkt, denn welches Schicksal konnte einen Bastard von weißer Brutalität und indischer Sinnenglut erwarten, auf dessen ungeborenem Haupt der Fluch der heimatlichen Götter ruhte? »Sie haben Kantras Rache gründlich verdient!« sagte Ralph schließlich, als ob er einen Rechnungsabschluß machte. »Es ist weit bis Madura,« lachte Davis hart, »und ich werde mich hüten, mich dort wieder sehen zu lassen. Auch Kantra täte gut daran, an Nase und Ohren zu denken und den Brahmanen aus dem Weg zu gehen.« »Sie haben die Wette gewonnen,« sagte Ralph nach einer Weile, »welchen Dienst verlangen sie von mir?« Davis bedachte sich eine Weile. Dann sagte er: »Ich möchte Ihren Dienst für ein gelegenes Mal zugute haben.« Ralph schwieg. Er hatte halb und halb erwartet, daß Davis ihn gebeten hätte, an seiner Statt zu Kantra zu gehen und sie abzufinden. Er fühlte etwas wie eine Enttäuschung. War es das Verantwortungsgefühl innerhalb der weißen Brudergemeinschaft, das sich in ihm rührte? Als das Auto zu einem offenen Platz einbog, wurde eine kleine dunkle Gestalt im Mondlicht sichtbar, die aus einer engen Gasse kam. Davis drehte sich nach der Gestalt um. Auch Ralph meinte, sie bereits früher gesehen zu haben. »Das war der Birmese,« sagte Davis, und beugte sich zum Chauffeur, um von ihm den Namen der Gasse, aus der Maung Po aufgetaucht war, zu erfahren. Der Birmese verschwand auf der andern Seite des Marktplatzes, die Insassen des Wagens schien er nicht gesehen zu haben. Sie schliefen bis spät in den Vormittag hinein. Nachdem sie gefrühstückt hatten, fuhr Ralph allein aus. Davis klagte über Kopfschmerzen und sagte, daß er lieber in seinem Zimmer bleiben wollte. Eine Stunde später fuhr er trotzdem aus und ließ sich vor einem kleinen Speisehaus an dem stillen Ende der Bow Bazar absetzen. Hier traf er Herrn Forbe, der schon beim Frühstück saß. »Gibt's etwas Neues?« fragte Davis. »Nichts von Interesse. Laou Wo ist jeden Vormittag in dem Chinesentempel im Edenviertel. Er ist auf dem Telegraphenamt gewesen und hat eine Depesche nach Kanton abgeschickt. Nachmittags fährt er mit seinen beiden Sekretären spazieren.« »Geht er abends nicht aus?« »Nein.« »Und Maung Po?« »Geht zur Bibliothek, wo er sich den ganzen Tag aufhält, sonst geht er nicht aus.« »Auch abends nicht?« »Nein, Herr.« »Doch, Herr.« Forbe blickte verblüfft von seinem Currygericht auf. Davis berichtete, wo und wann er den Birmesen gesehen hatte. »Entschuldigen Sie, Herr, das war nach zwölf Uhr?« »Nun und?« »Länger als bis zwölf Uhr bin ich nicht engagiert.« Davis mußte zugeben, daß sie für die Nächte kein Uebereinkommen getroffen hatten. Darum bekam Forbe neue Befehle und einen Extrascheck. Bereits am nächsten Tage, als sie sich von neuem in dem kleinen entlegenen Speisehaus trafen, konnte der Mann mit dem fleckigen Khakianzug Mitteilungen machen, die Davis aufs lebhafteste interessierten. Ralph hatte abermals einen Anfall von Mißmut. Das einzige, was ihn davon abhielt, den ersten besten Dampfer nach Amerika zu nehmen, war die Hoffnung, daß Helen sich doch noch in Indien aufhielt, wie es ursprünglich ihr Plan gewesen war, und daß das Schicksal – Gott – der Zufall – sie dennoch eines Tages zusammenführen würde. Wüßte er, daß sie abgereist sei, würde nichts ihn gehindert haben, ihr in ihr fernes Heimatland zu folgen. Sie konnte und würde es sicherlich nicht verbieten, daß er ihren Weg kreuzte und eine Begegnung möglich machte; sie hatte ihn ja auf den unbekannten Gott verwiesen. Zu dem Mißmut gesellte sich auch ein unbestimmter Widerwille gegen seinen Reisegefährten. Davis' ansprechende, halb freche, halb freimütige Offenheit hatte hier in Kalkutta einer seltsamen Zurückhaltung Platz gemacht. Vielleicht lag es daran, daß seine Gedanken von Studien in Anspruch genommen waren. Entweder saß er in der Bibliothek oder er besuchte neue wissenschaftliche Verbindungen, wohin Ralph ihn nicht begleiten konnte. Dazu kam das letzte Erlebnis – das Abenteuer mit Kantra. Ralph konnte nur mit Ekel daran denken. Zu all dem kam die Wärme, die ihn bisher nicht sonderlich geniert hatte. Als Ralph Davis eines Tages mitteilte, daß er aus seiner Heimreise Ernst machen wollte, antwortete Davis scherzend, daß er gar nicht ohne seine Zustimmung reisen könne – denn er schulde ihm ja einen Dienst, und wie, wenn er nun den Dienst von ihm verlangte, daß er auf ihn warten sollte? Im übrigen wäre er bald fertig, viele Tage würde es nicht mehr dauern. Ralph ließ sich überreden, hauptsächlich, weil er selbst nicht wußte, was er eigentlich wollte. Eines Tages, als Davis in der Bibliothek saß, kam Maung Po freudestrahlend auf ihn zu und sagte, daß die Paligesellschaft am nächsten Vormittag in der Pagode ihre monatliche Sitzung abhalten würde. Es war ihm geglückt, bei dem obersten Ponghi die Erlaubnis zu erwirken, daß er Davis mitbringen dürfe, ja, man hatte ihm sogar eine Einladung ausgestellt. Er gab Davis zu verstehen, daß es eine große Auszeichnung sei, denn kein Weißer, außer dem Vizekönig, war bisher geladen gewesen. Davis dankte und versprach um elf Uhr präzise am Eingang der Pagode zu sein. Am selben Tage nach dem Frühstück hatte Davis eine lange Unterredung auf seinem Zimmer mit Herrn Forbe, der ungerufen gekommen war. Sie endete zur größten Zufriedenheit beider Parteien. Als Davis ihn verabschiedete, kam Ralph gerade nach Hause und sah, daß der Fremde einen Scheck einsteckte. Als er fort war, fragte er: »Wer war das?« »Ein Herr Forbe. Er ist Agent in indischen Antiquitäten und Kuriositäten. Ich habe allerhand Bücher und andere Dinge von ihm gekauft, die er für mich absenden soll. Im übrigen kann ich Ihnen mitteilen, daß ich jetzt Schluß mache. Ich bin wahrscheinlich schon morgen abend fertig.« Er berichtete von der Einladung des Birmesen zu der Sitzung am nächsten Tage; auch darauf hatte er noch gewartet. »Leider kann ich Sie nicht mitnehmen. Aber ich habe etwas anderes, was Sie interessieren wird. Neulich bat ich Herrn Forbe, der mich auch das vorige Mal, als ich hier war, bedient hat, mir Zutritt zu einer richtigen alten Opiumkneipe zu verschaffen. Das Gesetz hat diese Höhlen schon längst geschlossen. Diese oder jene aber führt noch ein geheimnisvolles Dasein in irgendeiner öden Gasse, von niemand anders gekannt, als von einer alten Klientel, die ebenso viel Wert darauf legt, im Schatten zu bleiben. Fremde haben nur Zutritt, wenn sie von einem Stammgast eingeführt werden, der für sie gutsagt. Eben teilte Forbe mir mit, daß er einen alten verhärteten Opiumfresser aufgespürt hat, einen ehemaligen portugiesischen Kapitän, der uns für Geld und gute Worte einführen will. Es ist ein Abenteuer, das man sich nicht entgehen lassen darf, obgleich es nicht ohne Gefahr ist. Wir riskieren, daß wir hinausgeworfen werden, wenn jemand uns verdächtig findet, und riskieren außerdem, daß die heimliche Polizei, die vielleicht auf uns oder jemand anders aus der Klientel ein Auge hat, die Höhle findet und eindringt, wenn wir gerade da sind, – und dann befinden wir uns mit dem Gesetz in Konflikt. Sind Sie mit von der Partie?« »Selbstverständlich.« »Wir müssen uns verkleiden, teils der verdächtigen Gäste wegen, teils damit wir die Polizei nicht auf die Spur bringen.« »Wenn wir verfolgt werden, meinen Sie?« »Ja. Forbe hat alles Nötige geordnet. Wir verlassen das Hotel zu Fuß, nehmen unterwegs ein Auto und fahren zu einem kleinen Speisehaus in der Bow Bazar, wo Forbe Stammgast ist. Dort werden wir zu Aufkäufern aus den Weststaaten verwandelt, die einen Ausflug von Pondicherry, wo das Schiff ihrer Firma liegt und ladet, gemacht haben, um die große Stadt zu sehen.« »Welche Art Verkleidung?« »Schifferzeug. Falsche Bärte und dergleichen sind wohl nicht nötig, für all das aber sorgt Forbe. Von dem Speisehaus begeben wir uns zu einem Zimmer, das der Kneipe schräg gegenüberliegt und das er gemietet hat. Die Opiumkneipe soll ein unschuldig aussehendes, stilles Privathaus zwischen andern gleichartigen sein. In diesem Zimmer will Herr Forbe uns den Portugiesen vorstellen, wenn er den Augenblick für geeignet hält, wo er hinüberschlüpfen und uns holen kann. Vor zwei, drei Uhr wird es kaum werden, denn bevor die Gäste und besonders der alte Chinese, der den Eingang hütet, eine genügende Anzahl Pfeifen bekommen haben, kann er es nicht wagen.« »Wie sollen wir uns in der Kneipe benehmen?« »Eine oder zwei Pfeifen rauchen und im übrigen tun, was die anderen tun.« »Wann wird es sein?« »Heute nacht.« Nachts etwas nach ein Uhr schlenderten zwei flotte, jüngere Schiffer durch eine winklige, öde Straße zwischen Sabha Bazar und Beadonstreet. Sie begegneten keiner lebenden Seele, und erreichten schließlich ein niedriges Haus, wo ein Mann in der Haustür stand und sie erwartete. Sie wurden zu einem kleinen Zimmer im ersten Stockwerk geführt. Die Einrichtung bestand aus einem viereckigen, strohgeflochtenen Tisch und drei niedrigen Bambusstühlen. Auf dem Tisch stand ein doppelarmiger Kandelaber, wie die Eingeborenen sie bei festlichen Gelegenheiten gebrauchen. Davis stellte Herrn Forbe vor, der zur Feier des Tages in einem Gehrock prunkte, der fast ebenso fleckig war wie der Khakianzug. Ralph trat ans Fenster, zog die Matte zurück und blickte hinaus. Im selben Augenblick löschte Forbe die Lichter. »Das geht nicht an,« flüsterte er, »man kann das Licht von drüben sehen. Der Chinese hat ein Guckloch in der Tür. Das beste ist, wir bleiben im Dunkeln sitzen, dann können wir uns am Fenster aufhalten und sehen, wann der Portugiese herauskommt und herüberschleicht; und ich kann mich bereit halten, ihn einzulassen.« Als Ralph seine Augen an das Dunkel gewöhnt hatte, sah er durch die sternenklare Nacht ein Haus schräg gegenüber, das etwas höher als die Nachbarhäuser war. Zwei niedrige Stufen führten zu einer Tür; die Fassade war kahl und dunkel, kein Lichtstreifen drang durch die Fensterläden. Forbe hatte für Getränke in der Wartezeit gesorgt; sie saßen in einem Halbkreis am Fenster, jeder mit einem Glas Whisky vor sich, während sie das Haus drüben im Auge behielten und nur flüsternd miteinander sprachen. Als sie eine halbe Stunde gesessen hatten, sah Ralph einen Mann in einen Mantel gehüllt auf der anderen Seite der Straße näherkommen. Vor der Tür der Opiumkneipe blieb er stehen; sie sahen nicht, daß er irgendein Zeichen machte oder einen Schlüssel hatte, die Tür aber öffnete sich wie von selbst und der Mann glitt lautlos hinein. Sie warteten eine Stunde, sie warteten zwei, ohne daß sich ein lebendes Wesen zeigte. Sie hatten bereits die Whiskyflasche zur Hälfte geleert, als Ralph einen Lichtschein am Fuße des Hauses zu sehen meinte. »Sehen Sie dort,« sagte er und zeigte auf den Schein, der im selben Augenblick verschwand, »ich sah Licht in einer Kellerluke.« »Wo?« fragte Davis und strengte seine Augen aufs äußerste an. Da weder er noch Forbe etwas gesehen hatten, meinte Ralph schließlich, daß es ein Widerschein auf der Mauer gewesen sei, und vergaß es. Ralph wurde schläfrig und schlummerte ein, Davis aber war springlebendig. Seine Augen funkelten durch die Nacht und seine Hände waren in beständiger nervöser Bewegung. Sein Kodak, den er immer bei sich hatte, stand auf der Fensterbank. Um sich zu beschäftigen, sah er ihn gründlich nach und setzte neue Platten ein. Ralph erwachte dadurch, daß das Tageslicht ihm in die Augen schnitt. Er fuhr auf, blickte in der Morgendämmerung über eine öde Straße, die er nicht kannte, und ahnte nicht, wo er sich befand. Da fiel sein Blick auf Davis, der in der Mitte des Zimmers saß, mit dem Kodak im Schoß, und auf Forbe am Fenster, der angespannt zum gegenüberliegenden Hause hinüberstarrte; und plötzlich erinnerte er sich, wo er sich befand. »Lassen Sie uns gehen,« sagte er und erhob sich, »jetzt kommt er doch nicht mehr.« »St!« flüsterte Davis. Er starrte in den grauenden Tag hinaus, sein Mund war angespannt vor Aufmerksamkeit, als ob er auf dem Sprunge säße. Ralph rückte seinen Stuhl an den Tisch und mischte sich ein Glas Whisky mit Wasser. Als er getrunken hatte, lehnte er sich in den Stuhl zurück und schlief wieder ein. Da wurde er von einem Schrei auf der Straße geweckt. »Feuer! – Feuer!« wurde geschrien. Ralph stürzte ans Fenster und sah einen jungen untersetzten Burschen mit einem schwarzen, gestutzten Schnurrbart, der gegen die Tür der Opiumkneipe donnerte, während er unausgesetzt Feuer rief. Darauf lief er zu den Nachbarhäusern und schlug auch dort Lärm. Ralph sah schlaftrunkene, entsetzte Gesichter aus den Fenstermatten der Nachbarhäuser gucken. Eine Frau in einer schmutzigen Jacke, mit bloßer Brust, beugte sich erschrocken aus dem Fenster, sah, wie Rauch sich aus der Kellerluke der Opiumkneipe wälzte, und zog sich schreiend zurück. Ein Fenster nach dem anderen wurde geöffnet, Matten wurden heruntergerissen und Sprossenläden knarrten in ihren rostigen Angeln. In einer Sekunde war die tote Straße lebendig geworden. Die Türen der Nachbarhäuser wurden geöffnet und die Bewohner wimmelten heraus, verstört, die Augen blank vor Angst. Auch aus dem Haus, wo Ralph und seine Genossen sich aufhielten, stürmten die Bewohner auf die Straße; das klappernde Geräusch von Holzsandalen und der schleifende Laut von Pantoffeln klang vor ihrer Tür. Obgleich der Rauch dick und dunkel aus der Kellerluke des Opiumhauses brodelte, war dort drüben noch kein Zeichen menschlichen Lebens zu sehen. Erst als die Flammen aus der Luke schlugen und längs der Mauer nach Beute leckten, wurde die Tür geöffnet. Ein alter Chinese mit weißem, strähnigem Haar und einem gelblichen verschwollenen Kopf kam zum Vorschein. Seine Hände zitterten; als er das Feuer sah, stieß er einen entsetzten Schrei aus und raste wie ein Besessener die Straße hinunter. In den Nachbarhäusern liefen die Bewohner wie Ameisen ein und aus, armseliger Hausrat wurde auf der Straße zusammengestaut; Kinder liefen halbnackt zwischen Frauen in langen, enganschließenden, baumwollenen Hemden und Männern mit nacktem Oberkörper und chinesischen Hosen. Man schrie nach Polizei und Feuerwehr. Ralph sah, wie der junge Bursche mit dem gestutzten Schnurrbart sich neben die offene Tür der Opiumkneipe, stellte und »Feuer« hineinschrie. Nach einer Weile erklang in der Ferne das erste Fauchen der Feuerwehr. Ralph wollte auf die Straße gehen, Forbe aber vertrat ihm den Weg mit einer ehrerbietigen, aber bestimmten Bewegung. Im selben Augenblick sah Ralph, daß Davis den photographischen Apparat auf die Fensterbank gestellt hatte, vor die Fenstermatte, so daß er selbst gegen Blicke gedeckt war; er guckte durch eine Oeffnung in der Matte, während seine Hände den Apparat einstellten. Es sieht ihm ähnlich, dachte Ralph, nur an seine Aufnahmen zu denken, während Menschen keine zehn Schritte von ihm in Lebensgefahr sind. Es flammte lustig in dem toten Haus; Ralph wollte gerade Forbe beiseite schieben und hinuntereilen, um den Bewohnern des Hauses zu helfen, als drüben im ersten Stockwerk ein Fensterladen aufgeschlagen wurde. Ein Mann beugte sich heraus und sah zur Tür und den leckenden Flammen hinunter. Seine großen schwarzen Augen waren blank vor Angst. Ralph erkannte ihn sofort. »Danjuro!« sagte er erstaunt. Davis nickte; er war in das Einstellen seines Kodaks vertieft. Die Flammen leckten zum ersten Stockwerk hinauf, erfaßten den Fensterladen, den Danjuro eben geöffnet hatte, steckten ihn in Brand und wurden von dem Zugwind ins Haus gesogen. Da endlich verließen die Ratten das bedrohte Nest. Zuerst kam ein junger Chinese, halb Knabe noch, stand eine Sekunde vor der Tür und rieb sich die Augen, während er aufs Haus starrte, fing an zu weinen und lief davon. Darauf sah Ralph Danjuro in der Tür auftauchen, in einen langen, weißen Mantel gehüllt. Auch Davis hatte ihn gesehen, er beugte sich über den Apparat, und da die Fenstermatte ihn genierte, riß er sie mit einem raschen Griff herunter. Er knipste, Danjuro war aufgenommen. Wieder und wieder knipste der Apparat, denn Davis machte Aufnahmen von allen, die drüben in der Tür zum Vorschein kamen, während sie einen Augenblick verstört und vom Licht geblendet zögerten. Ralph sah zu seiner größten Verwunderung den Chinesen, Herrn Laou Wo auf der Schwelle, im Schein des zunehmenden Tages unter flackernden Flammen. Ihm folgte der kleine Birmese Maung Po, die Augen blank und unruhig, wie die einer Ratte; erst starrte er entsetzt in die Flammen und ließ darauf seinen Blick hastig prüfend über die Leute auf der Straße gleiten. Es kamen mehrere, die Ralph nicht kannte; alle hatten etwas Lichtscheues und Aengstliches in ihrem Wesen, mehrere verhüllten sogar ihr Gesicht, indem sie so schnell wie möglich in der Menge zu verschwinden versuchten. Ralph sah, daß der kleine untersetzte Bursche mit dem schwarzen, gestutzten Schnurrbart ganz in der Nähe stand und die Tür im Auge behielt. Bisweilen streifte sein Blick auch das Fenster, wo Ralph und seine Genossen standen. Wenn er ein Spion ist, der uns beobachten soll, dachte Ralph, hat er die beste Gelegenheit dazu; es fiel ihm aber nicht ein, sich vom Fenster zurückzuziehen oder Davis zu warnen, dessen Augen vor Eifer blitzten. Sieh – dort kam eine Gestalt, in einen Mantel gehüllt, wie der Tahsildar in Kotagiri ihn getragen hatte. Statt eines Turbans hatte die Gestalt das Tuch über den Kopf geworfen, in der Eile aber glitt es auf die Schultern herab. Der Mann zögerte einen Augenblick, dann wendete er seinen Kopf ihrem Hause zu. Davis entschlüpfte ein Ausruf, Ralph sah ihn erbleichen, seine Hände aber ließen den Kodak nicht los. Es knipste, und im selben Augenblick erkannte Ralph das dunkle Haar, die weichen Mundfalten, den wehmütigen Ausdruck, es war Ramalingam. Die Straße war voll von Leuten, die riefen und schrien, und mehr und mehr strömten aus den Seitenstraßen herbei. Das Haus war von Flammen umsponnen, noch immer aber zeigten sich Nachzügler auf der Schwelle. Der Mann mit dem gestutzten Schnurrbart war durch die Hitze von der Tür vertrieben worden; jetzt war er damit beschäftigt, wie ein Schutzmann den Platz freizuhalten, damit die Feuerwehr, deren Signalhupe am Ende der Straße ertönte, ohne Aufenthalt ihre Arbeit beginnen konnte. Da war sie. Die Leute stoben auseinander, indem sie sich gegen die Häuserreihen drängten. Davis wollte gerade seinen Kodak zusammenklappen, als sich noch eine Gestalt in der Tür der Opiumkneipe zeigte. Davis beeilte sich von neuem, den Apparat einzustellen. Die Gestalt schien zu schwanken, vielleicht weil die brennende Hitze sie lähmte, vielleicht, weil es ein alter und schwacher Mensch war, der nur mühsam gehen konnte. Er zögerte in der Tür und sah sich nach der Feuerwehr um. Da kam Ralph der Gedanke, daß dieser Mann nur auf die günstige Gelegenheit wartete, wo die Feuerwehr aller Augen auf sich zöge, um unbemerkt zu entschlüpfen. Ralph fühlte, daß Davis dasselbe dachte; seine Augen ruhten brennend auf der Gestalt, die ganz in einem arabischen Mantel gehüllt war; den einen Zipfel des Mantels hielt sie zum Schutz gegen die Flammen vors Gesicht. »Kommen Sie!« rief der Bursche mit dem gestutzten Schnurrbart und sprang näher, um dem Schwachen, der nicht hinauskommen konnte, zu helfen. Er faßte ihn am Arm, um ihn über die Straße zu führen, bevor die Feuerwehr da war, dabei aber riß er ihm durch eine ungeschickte Bewegung den Mantel von den Schultern, so daß der graue Kopf von den Flammen beleuchtet wurde. Der Mann machte eine Bewegung, als ob er sich von der hilfreichen Hand befreien wollte, sah aber im selben Augenblick ein, daß es zu spät war. Er richtete sich zu seiner vollen Höhe auf, musterte die Menge und ließ seinen Blick über die gegenüberliegende Häuserreihe gleiten. Ralph begegnete den braunen Augen – eine Flamme beleuchtete das Gesicht mit den Leberflecken – es war Gamâl. Im selben Augenblick knipste Davis' Apparat zum letzten Mal. Er beugte den Kopf, damit Gamâls Blick ihn nicht treffen konnte und stieß Ralph vom Fenster zurück, aber es war schon zu spät. Ralph hatte einen Blitz des Erkennens in den braunen Augen gesehen. »Er hat uns gesehen!« sagte Davis, indem er hastig zurücksprang. »Und was weiter? – Schlimmer wäre es gewesen, wenn Ramalingam Sie gesehen hätte.« Davis machte einen Versuch zu lachen. Seine Hände zitterten so stark, daß er kaum den Apparat zusammenklappen konnte. Als die Spritzen ihre Arbeit begonnen hatten, schlichen Ralph, Davis und Forbe sich einzeln durch das Gedränge fort. Einer Verabredung gemäß, trafen sie sich wieder an der Ecke des Beadon square, wo sie einen Wagen nahmen und zum Speisehaus nach dem Bow Bazar fuhren. Hier kleideten sie sich um und wuschen sich. Während Ralph eine Tasse Kaffee trank, fertigte Davis Forbe unter vier Augen ab, worauf der Agent für indische Antiquitäten und Kuriositäten wie ein Feldherr nach einer gewonnenen Schlacht Ralph die Hand drückte, als ob dieser ihm die erhabene Tat gedankt hätte. Als sie wieder im Auto saßen, sagte Ralph zu Davis, indem er ihm fest in die Augen blickte: »Sie werden wohl einsehen, Davis, daß Sie mir eine Erklärung schuldig sind.« Davis starrte einen Augenblick vor sich hin, nickte dann und sagte: »Heute abend werde ich sie Ihnen geben, jetzt müssen Sie mir etwas Ruhe gönnen. Bedenken Sie, ich muß heute um elf Uhr zur Pali-Sitzung, und dazu muß ich frisch sein.« »Gut, also heute abend.« Ralph legte sich in den Wagen zurück, während der weiteren Fahrt wurde nicht gesprochen. Als sie ins Hotel kamen, streckte Ralph sich in seinen Liegestuhl und schlief gleich ein. Er erwachte erst gegen elf Uhr. Als er zum Frühstück herunterkam, war Davis bereits zur Pali-Sitzung gefahren. Ralph fragte nach Danjuro und erfuhr, daß der Japaner gestern abend krank geworden sei und zu Bett liege. Je mehr Ralph über die Ereignisse des Morgens nachdachte, desto rätselhafter erschienen sie ihm. Schließlich vertröstete er sich darauf, daß Davis ihm abends die versprochene Aufklärung geben würde. Nach dem Frühstück fuhr er zum Botanischen Garten auf der anderen Seite des Flusses. Er verbrachte einige Stunden im Schatten des mächtigen Banyanbaumes, der mit seinen Wurzelstämmen einen ganzen Wald bildete, obgleich es nur ein einziger Baum war, dessen Mutterstamm nicht mehr nachgewiesen werden konnte. Kurz vorm Mittagessen kehrte er zurück. Davis war noch nicht da. Als Ralph in sein Zimmer trat, sah er eine Handtasche mitten auf dem Tisch stehen. Er erkannte sie nicht gleich, fand aber bei näherer Untersuchung seinen eigenen Namenszug auf dem Beschlag. Es war die Handtasche, die man ihm in Kotagiri gestohlen hatte. Er öffnete sie, alle seine Papiere lagen in einem zierlichen Haufen, mit einem Bastfaden umbunden, beisammen; nicht ein einziges fehlte. Er klingelte und fragte den Kellner, aber weder er noch jemand anders im Hotel konnte Auskunft darüber geben, wer die Tasche gebracht hatte. Noch hatte Ralph sich nicht von seinem Erstaunen erholt, als der Kellner wieder hereinkam und ihm eine Karte überreichte, die ein Chauffeur während Ralphs Abwesenheit gebracht hatte. Es war Davis' Visitenkarte und es war Davis' Handschrift. Auf der Karte stand: »Konnte nicht am Pali-Fest teilnehmen, weil ich bei Cook, wo ich auf dem Wege vorsprach, ein Telegramm vorfand, das meine sofortige Abreise ins Innere des Landes für kürzere oder längere Zeit notwendig macht. Schicken Sie mein Gepäck zu Cook zum Aufbewahren. Gruß! Davis.« Ralph fuhr zu Cook und wurde nicht weiter überrascht, als er erfuhr, daß Davis keine Adresse hinterlassen, sondern nur um Aufbewahrung seines Gepäcks gebeten hatte, bis man weiteres von ihm hören würde. Nachdem Ralph zu Mittag gegessen hatte, dachte er über seinen Reisegefährten nach, so wie er sich im Licht der Ereignisse, die sie zusammen erlebt hatten, darstellte. Er ging ihn methodisch Stück für Stück durch, und kam zu dem Resultat, daß er ein notwendiges Produkt und eine treue Spiegelung der europäisch-amerikanischen Zivilisation sei, wie sie sich einerseits ihren Bewunderern darstellte, im Festanzug, auf den Gott des Fortschrittes gestützt, den Blick zum Licht emporgewandt, und andererseits, wie sie wirklich war – im Arbeitskostüm des grauen Werktages. Was hatte Davis eigentlich getan: in einer Laune, ein friedliches und glückliches Dasein zerstört. Es war ihm nicht eingefallen, Kantras Menschenwert zu respektieren, obgleich er stets so eifrig dafür eintrat, daß die weiße Rasse das Recht hatte, andern die Güter der Zivilisation aufzuzwingen, weil sie die Parole: Respekt vor dem Menschenwert, auf ihrem Banner trug. Er entzog sich seinen Verpflichtungen und überließ sie ohne Gewissensbisse ihrem Schicksal. Wenn Davis und andere das Leben und die Gewohnheiten dieser Unterdrückten studierten, benutzten sie das Wissen, das sie ernteten, um neue Waffen für die Herrschaft der Weißen über andere Völker der Erde zu schmieden. Ihr Land ist ihnen genommen, dachte Ralph weiter, und wenn sie, um das einzige, was man ihnen gelassen hat, ihre Rassenpersönlichkeit, ihr seelisches Erbe, zu schützen, in den Schatten zurückweichen, um der Berührung mit den Weißen zu entgehen, dann treten Davis und seine Gesinnungsgenossen auf und zwingen sie im Namen der Wissenschaft ins Licht hinaus, ins Licht der weißen Zivilisation! Ralph mußte sich offen gestehen, daß er auf seiten der anderen war; das hatte Davis ihn gelehrt – er würde es begreiflich finden, wenn sie sich einst heimlich zusammenrotteten und die Weißen vertrieben. Plötzlich überfiel ihn eine heftige Sehnsucht nach Helens und Schehannas reiner, warmer Menschlichkeit. Er erinnerte sich jenes Tages in der weißen Villa bei Kairo, als es ihm klar wurde, daß es zwei Reiche in der Welt gäbe: das des Mannes und das der Frau. Damals ahnte ihm, daß die Welt des Mannes die geringere sei! Jetzt sah er warum: weil sich in der Frau, dachte er, lebendig und unmittelbar das Gefühl für das Wesentliche und Wertvolle rührt, zu dessen Erkenntnis der Mann sich erst durchringen muß. Eine plötzliche Unruhe trieb ihn durchs Zimmer. Er erkannte die lückenhafte und zusammengesetzte Grundlage, auf der die weiße Rasse lebte, obgleich sie technisch und materiell mit Sturmschritten vorwärtseilte. Er sah ein, warum es so war, warum es so sein mußte. Die Zivilisation war eine einzige große Robinsonade, ein Bau, im Urwald begonnen, ohne Gerätschaften, im Kampf gegen Naturkräfte, nach einem Notbehelfsprinzip – man hatte die Dinge genommen, die am nächsten lagen, am leichtesten zugänglich waren, die man gefunden, aber nicht gesucht hatte. Begriffe und Lebensanschauungen hatten sich nach äußerlichen Dingen geformt, waren nicht von innen, vom Geist bestimmt worden. Man hatte gebaut, wie ein Kind in einem verwilderten Garten baut, wie Robinson seine Insel baute. Einst aber kommt der Tag, wo das Kind erwachsen und wissend wird und zu der Erkenntnis gelangt: dem allem bin ich entwachsen, es genügt mir nicht mehr. Einst kommt der Tag, an dem Robinson Zeit zum Nachdenken findet und sich selbst sagt: dies alles war nur Notbehelf, jetzt aber, wo ich Zeit und Erfahrung habe, will ich es von neuem aufbauen, schöner und besser, mit den Erfahrungen, die ich gesammelt habe. Je mehr er darüber nachdachte, desto klarer wurde es ihm, daß viele, viele, vielleicht die Mehrzahl der Wissenden und Schauenden, ebenso wie er, die Krise erkannt hatten, worin die Menschheit sich befand. Hatte Gamâl es nicht gemeint, war es nicht das, was die Einfältigen in Arabiens Wüste, die den Sternen am nächsten sind, ahnten? War es das, was Dasturan Dastur von seiner Höhe herab sah, und das Ende aller Zeiten nannte? War es das, was Schehanna in ihrem reinen Sinn fühlte, wenn sie sich vor den Geburtswehen, die der Welt bevorstanden, fürchtete? War es das, was sich in Helen rührte, wenn sie den unbekannten Gott suchte, damit er sich den Menschen offenbaren möge, um ihnen über den Wechsel hinwegzuhelfen, in einer Periode, wo die alte Lehre nicht mehr genügte, weil das Menschengeschlecht nicht mehr einfältig ist, sondern Erfahrungen gesammelt hatte, und nach einer neuen Offenbarung, einer neuen Einweihung seufzte. Während er dastand und zum Fenster hinausstarrte, war es ihm, als ob die Welt ihm die Frage zurückgäbe. Sie kam wie in einer Wellenbewegung auf ihn zu, unfaßbar und dennoch physisch fühlbar, auf eine seltsam übersinnliche Weise, wie ein Druck gegen seine Schultern, und er rang nach Luft, weil sie von allen Seiten auf ihn einzudringen schien. Und du selbst? fragte sie, du, der du auszogst, um eine Aufgabe zu finden? Ralph nahm Stellung zu der Frage. Er betrachtete sich selbst prüfend, als ob er einem Fremden gegenüberstände. Er war ein Mann in seinen besten Jahren, stark und frei und unabhängig, Herr über ein Vermögen, über das er verfügen konnte, – frei, weil er seiner alten Tätigkeit entwachsen war und noch keine neue ergriffen hatte. Wenn es einem Mann in diesen Verhältnissen vergönnt ist, die Dinge, wie sie sind und wie sie sein müßten, zu erkennen, – hat er dann nicht bereits eine Aufgabe bekommen? Ist er dann nicht dazu auserkoren, der kommenden Entwicklung den Weg zu weisen, und vorzubeugen, daß der Wechsel der Zeiten ein Ende aller Zeiten wird? Kann die Aufgabe aber durch menschliche Kraft gelöst werden? fragte er zurück. Oder verlangt sie göttliche Kräfte, weil sie eine mystische Verbindung mit dem Ewigen hat? Sind göttliche Kräfte, dachte er weiter, denn etwas anderes als Kräfte, deren Naturboden wir noch nicht kennen, – Götter, die wir noch nicht gefunden haben und zu denen uns kein anderer Weg führt, als das Gebet. Ja, Gebete! Die Alten meinten, daß Gebete eine Macht seien, der Gott auf die Dauer nicht widerstehen könnte. Alle primitiven Völker haben den Glauben an die menschliche Macht durch das Gebet. Er dachte an Schehanna: durch die Macht des Gebetes hatte sie ihn wie ein Sandkorn in der Wüste gefunden und sein Leben gerettet. Die tiefste Ursache zu dieser Macht ist, dachte er, daß das Gebet, der leidenschaftliche Wunsch, Kräfte freimacht, die uns selbst verborgen sind – wir beten zu uns selber – das Gebet ist eine Verdichtung von Seelenkraft, die vielleicht die Fähigkeit besitzt, die Seelenkraft, den Willen anderer unter unsere Herrschaft zu zwingen, einem Gesetz der seelischen Anziehung folgend, das mit dem für die Welt der Materie verwandt ist. Dann wäre das Gebet ein universelles menschliches Machtmittel, unabhängig vom Rasse- und Glaubensbekenntnis, das, je nach dem Maß der Innerlichkeit, mit derselben Kraft in Sivas, Buddhas und Christi Namen wirkt. Außer dem Gebet aber – dem leidenschaftlichen Wunsch , der erhebt und vereint – gibt es noch ein zweites menschliches Machtmittel: Den Zwang , den Weg des zwingenden Willens – und der ist es, den wir bisher eingeschlagen haben, der ist schuld daran, daß wir in eine Sackgasse geraten sind. Und damit war er bei einem Punkt angelangt, wo er bereits früher einmal gestanden hatte: der Zwangsweg ist der Weg des Mannes, den der Mensch eingeschlagen hatte, als er die Zivilisation mit seinem: »Du sollst!« aufbaute. Jetzt galt es, den Herzensweg einzuschlagen, der noch nicht erprobt war, den Weg des Weibes, der mit seinem »Willst du?« aufbauen will. Das Reich des Weibes, dachte er, wie er schon so häufig gedacht hatte, ja, mit Helen an meiner Seite. Und Helen stand vor ihm in einem neuen Licht. Er dachte an sie mit einem neuen Gefühl, es war nicht Verliebtheit und Leidenschaft, es war ein Gefühl tiefster Zusammengehörigkeit, ein Gefühl religiöser Art. Nur durch sie kann ich das Höchste erreichen, dachte er. Als Ralph erwachte, hatte er das heftige Verlangen, der Stadt und der erschlaffenden Hitze zu entfliehen. Er wollte in eine kühle Berggegend, wo er in Einsamkeit sich zu all dem sammeln konnte, was gestern zu ihm gekommen war, um endlich Klarheit über das zu bekommen, was das Leben von ihm verlangte. Gleich nach dem Frühstück fuhr er aus, um sich bei Cook einen Rat zu holen. Als er zur Esplanade kam, strich ihm eine frische Brise vom Fluß entgegen und da er Lust fühlte, durch den Edenpark zu gehen, stieg er aus und ließ den Wagen weiterfahren. Auf den gepflegten Rasen waren eingeborene Arbeiter damit beschäftigt, rotierende Spritzen einzustellen. Der künstliche Staubregen wurde von der Brise ganz bis zu dem breiten Kiesgang getragen, wo Ralph unter dem Schatten einer mächtigen Phönixpalme stand. Sein Kopf war erfüllt von den gestrigen Eindrücken, aber er war nicht imstande, sie jetzt zu durchdenken. Er war nur von dem einen Gedanken in Anspruch genommen: dem Wunsch, so schnell wie möglich fortzukommen. Er verweilte einen Augenblick, um die frische Kühlung des Staubregens auf seiner Wange, das Verdampfen der Tropfen in der heißen Luft zu genießen. Dann ging er weiter. Er kam an der Pagode vorbei, die man von Birma zum Schmuck für den Park hierhergebracht hatte. Die weißgekalkten Wände blendeten seine Augen. Er wandte den Kopf zur Seite, unbewußt von einem Blick angezogen, der auf ihm ruhte. Einige Schritte von ihm entfernt, stand im Schatten einer Palme ein alter Mann. Er hatte einen langen, weißen Bart, den er mit seiner linken Hand umfaßte. Unter der hohen, schmalen Stirn und den weißen Brauen glänzte ein wunderbar leuchtender Blick. Ralph sah, daß es Dasturan Dastur war. Er wurde so benommen, daß er zu grüßen vergaß. Ihm war, als ob der Priester schon vorher in seinen Gedanken gewesen sei. Jetzt zog ein unbewußtes Gefühl ihn zu dem alten Manne hin, der auf ihn zu warten schien. Ralph grüßte und ohne darüber nachzudenken, begann er ihm sein Herz auszuschütten. Er erzählte ihm, daß er müde von der Reise, von der Hitze geplagt sei und sich nach Einsamkeit sehne, weil er sich sammeln wolle, um Klarheit über sich selbst zu bekommen. Was er Davis nie und nimmer anvertraut hätte, teilte er dem fremden Priester mit, als ob es die natürlichste Sache von der Welt sei. »Ich war auf dem Wege zu Cook,« sagte er, »um mir von ihm raten zu lassen. Jetzt möchte ich statt dessen Sie fragen: wohin soll ich reisen?« »Nach Darjeeling!« sagte der Alte, ohne sich zu bedenken. Ralph sah ihm in die Augen und erinnerte sich, wie diese Augen in Bombay Macht über ihn bekommen hatten. Auch jetzt griff ihr Blick ihm warm und stark ums Herz. Es war ihm, als ob ein Lächeln um den weißen Bart lag; und plötzlich durchschoß ihn eine unerklärliche Freude. »Darjeeling – im Himalajagebirge?« Dasturan Dastur nickte. Ralph fühlte sich von einem Gefühl der Dankbarkeit ergriffen, als ob der Alte ihm einen großen Dienst erwiesen hätte. »Danke – ich werde Ihrem Rat folgen!« sagte er und streckte ihm seine Hand entgegen. Er fühlte, wie die leuchtenden Augen ihn in ihre Macht zogen, ebenso wie an jenem Tage in Bombay; jetzt aber reizten sie ihn nicht zum Widerstand, er gab sich freiwillig in ihre Gewalt. »Leben Sie wohl!« sagte Dasturan Dastur und reichte ihm seine schmale Hand. Ralph besann sich auf sich selbst – er behielt die Hand einen Augenblick in der seinen und suchte nach einem Wort zum Abschied, aber es fiel ihm nichts ein. Dasturan Dastur beugte den Kopf zum Gruß und blickte ihn an, als ob er sagen wollte: »Wir sehen uns wieder!« Dann ging er; und Ralph fragte sich, ob er diese Worte wirklich gesagt hatte. Er bestellte ein Billett bei Cook, der telegraphisch eine kleine Villa für ihn mietete, die durch den Tod eines hohen Beamten leer stand. Sie lag etwas abseits auf dem Bergabhang in einem Garten, oberhalb von Woodlands Hotel. Die Kost konnte er sich vom Hotel bringen lassen. Am nächsten Morgen reiste er nach Kalkutta. Helen wohnte mit Schwester Mary in einer Villa, die zum Sanatorium gehörte. Das kleine, freundliche Schweizerhaus, dessen Mauer von einer Kletterrose, die gerade Knospen angesetzt hatte, umrankt war, lag auf der Höhe des Gartens, der zu einem offenen Platz am Ende der Hauptstraße abfiel. Von ihrem Schlafzimmer aus konnte Helen über die Flieder- und Jasminbüsche, den hübschen Springbrunnen sehen, der zur Erinnerung an Sir Ashney Eden errichtet war, und wenn sie nach dem Frühstück auf der Bank unter der Espe saß, konnte sie hinter der hohen, dichten Hecke, die sie vor neugierigen Blicken schützte, dem Orchester der Stadt lauschen, das auf dem Platz spielte. In den ersten Tagen hatte sie gefroren, der Uebergang von Kalkuttas Hitze war zu plötzlich gewesen. Nachdem sie sich aber an die kalten Nächte und taufrischen Morgen gewöhnt hatte, erwachte sie jeden neuen Tag mit einem Heimatsgefuhl, das sie bisher auf der Reise noch nicht gehabt hatte und das in einem eigentümlichen Gegensatz zur Umgebung stand. Nicht allein, daß sie ihrer Heimat ferner war als je, sondern die Aussicht, die ihr des Morgens begegnete, wenn sie die dunklen Gardinen aufrollte, war sehr verschieden von einem Sommermorgen in dem Flachland ihrer Heimat: über lächelnden Gärten die gewaltigsten Bergmassen der Welt, bald in der Morgensonne leuchtend, bald mit schweren Wolkendecken drohend. Sie lebte wie in einem Traum von Frühling und Licht. Licht, das von den schneebedeckten Gipfeln kam, wo Flüsse geboren wurden und Leben entspringt, und Licht in ihrem eigenen Inneren, wo auch etwas Neues im Begriff war zu entstehen – sie wußte selbst nicht was. Das Herz war ihr so voll, daß sie sich nie allein fühlte, wenngleich sie sich oft selbst überlassen war; und es waren viele Stunden, denn Schwester Mary hatte noch andere Rekonvaleszenten in dem großen Sanatorium, die ihrer Obhut anvertraut waren. Ralph lebte beständig in ihren Gedanken, und doch von einem geheimnisvollem Etwas, das sie vergebens zu deuten versuchte, von ihrem Ich getrennt. Sie hatte eine dunkle Ahnung, daß sie es einst verstehen und daß ihr am selben Tage auch alles übrige klar werden würde. Helen war zu sehr von ihrem Innenleben in Anspruch genommen, um voll und ganz auf die Welt um sich herum achtzugeben. Dazu trug auch ihre Krankheit bei, denn als sie im Krankenhaus mit Kompressen auf ihren Augen gelegen, hatte sie sich daran gewöhnt, nach innen zu sehen. Hier oben in den Bergen war nach der offenkundigen Besserung ein Rückfall gekommen, mit großen Schmerzen und Schwäche. Der Arzt im Sanatorium stand fassungslos; dieser Fall trotzte jeglicher Erfahrung. Es war, als ob ihre Augen das Licht von den Bergen nicht vertragen konnten. Je schwächer sie wurden, desto reicher aber wurde ihr Inneres. Eines Tages, als Schwester Mary unwillkürlich ihr Mitleid verriet, sagte Helen: »Sie brauchen mich nicht zu bedauern, Schwester, ich fühle mich fast am wohlsten, wenn ich die Umschläge auf den Augen habe und nichts sehe. Dann ist es mir, als ob das Leben mir erst richtig nahe käme, als ob ich erst dann das Wesentliche erblickte.« Und sie fügte lächelnd hinzu: »Es wundert mich nicht, daß der Arzt meine Krankheit nicht verstehen kann, denn es ist tatsächlich, als ob meine Augen schlimmer würden, je weniger ich sie gebrauche. Wenn ich umhergehe und an nichts denke und meinen Blick von diesem zu jenem schweifen lasse, wie ich es früher tat, dann kann ich merken, wie meine Augen besser werden. Wenn ich aber im Garten sitze und sinne und die Augen am liebsten ganz schließe, dann merke ich, wie sie schwächer werden. Es ist, als ob sie sagen wollten: Wenn du uns entbehren kannst, wollen wir dir nicht mehr dienen.« An einem herrlichen, sonnenklaren Nachmittag begab Helen sich mit Schwester Mary auf den Weg, um die Sonne hinter den höchsten Gipfeln der Welt untergehen zu sehen. Von der Sternwarte gingen sie längs des Zickzackpfades zu dem tibetanischen Dorf Bhutia Bhusti, das wie ein grüner Fleck auf dem Bergabhang lag, das Antlitz den wilden Kämmen zugekehrt, durch die sich ein Pfad von tief unten zu dem öden Hochland von Tibet hinaufkämpfte und in der uralten Hauptstadt Lhassa endete. Schwester Mary zeigte ihr in der Ferne auf einem Felsabhang die weißen Mauern eines alten Buddha-Klosters, wo der beste der Tibetaner, der junge Dalaj Lama, just mit seinem Gefolge auf indischem Boden vor der Chinesenmenge, die seine Hauptstadt überflutete, Schutz gesucht hatte. Sie kamen zu dem alten, verfallenen Buddha-Tempel des Dorfes, mit seinen neun mannshohen Gebetmühlen vor der Tempeltür. Auf den Zeugrollen standen die Gebete geschrieben: »Om mani padme hum« . Sie sahen, wie eine arme Frau mit einem bekümmerten Gesicht die Mühle ein halbes dutzendmal drehte, und dann erleichtert davonging. Der Pfad, den sie beschritten, und das Tal unter ihnen lagen im tiefsten Schatten. Auf den kahlen Kämmen in Nordwest schien die Abendsonne. Es war kühl; die Brust atmete leicht und frei in der hohen, klaren Luft; Helen stellte sich vor, daß sie zum Gipfel wanderte mit Ralph an ihrer Seite. Sie ging gebeugten Hauptes, einige Schritte hinter Schwester Mary, die den Weg zeigte. Sie stiegen in Zickzacklinien beständig aufwärts; zu ihren Füßen waren keine Blumen, nur struppiges Gras und Büsche, die von dem Verlangen, sich zur Sonne zu kehren, ganz verzerrt worden waren. In dem stillen Abend, wo kein Laut ihr Ohr erreichte, wo der Himmel größer und weißer wurde, je höher sie stiegen, als ob er die Erde von sich schöbe und nur den schneebedeckten, reinen Gipfeln gestattete, sich blendend zu seiner Herrlichkeit zu erheben, hatte Helen ein Gefühl, als ob sie sich mit jedem Schritt mehr von der Erde entfernte. Wenn ich jenen Bergrücken dort erreicht habe, dachte sie, dann wird keine Dunkelheit mehr an meinem Fuß kleben, dann komme ich von der Erde los, die mich so lange getragen hat, dann schreite ich ins Licht hinaus, und das, das ich in mir habe, vereint sich mit dem, das draußen ist, – dann bin ich am Ziel. Der Bergrücken, auf dem sie und Schwester Mary sich befanden, warf seinen Riesenschatten auf die Abhänge jenseits des Tales. Ueber dem Schattenrand erhob der nackte Fels seinen Gipfel errötend in der Sonne, während die Dunkelheit unter dem Rand wie eine Seuche lag, die ins Verderben hineinführte. Der Rand war die Scheidewand zwischen Leben und Tod. Sie selbst ging noch in der Dunkelheit, wenn sie aber zum Rande gelangte, würde sie mit einem einzigen Schritt die Schwelle zum Leben überschreiten. Helen war so vertieft in ihren Traum, daß sie zusammenfuhr, als Schwester Mary sich umdrehte und sie beim Namen rief. Wie sie dort ein Stück über ihr stand, in ihrer weißen Schwesterntracht, mit der grauen Kopfbedeckung und dem grauen Kragen, war sie wie ein Wesen des Lichts, das über den Rand der Dunkelheit geglitten war, um sie über die Grenzscheide zu geleiten. Helen fühlte Schehanna in ihrem Herzen und dachte, ob es wohl ihr Ferved sei, der an Schwester Marys Seite stände und sie bei der Hand führte, ohne daß dieser etwas anderes bewußt war, als daß sie mit ihrem Patienten einen Abendspaziergang machte, um ihr den Sonnenuntergang über den Bergen zu zeigen. Helen nickte und eilte ihr nach. Schwester Marys Kopf hob sich bereits frei vom Himmel ab, in wenigen Minuten würde sie ganz im Licht sein. Der Bergrücken, der von unten wie eine scharfe und gerade Linie ausgesehen hatte, erwies sich in der Nähe als eine runde Kuppel, über die der Pfad zur Höhe führte. Sieh – dort stand Schwester Mary bereits in vollem Licht, das einen Strahlenkranz um ihre Kopfbedeckung wob. Helens Herz begann heftig zu klopfen. Sie konnte es nicht erwarten, lief das letzte Stück, bis auch sie dem Dunkel entrann und im Licht stand, das sie auf einer Strahlenbrücke frei und sieghaft zur ewigen Fülle emporhob. Der Gipfel dort drüben, dessen Fuß in der Tiefe von Dunkelheit umklammert lag, errötete wie eine jungfräuliche Braut, die über die unfaßliche Vereinigung von göttlicher Seligkeit in ihrem Herzen und brennender Luft in der Tiefe ihres Schoßes verwirrt ist. Helen wandte sich der Sonne zu. Mit weitoffenen Augen starrte sie in die glühende Scheibe, ohne des Schmerzes dabei zu achten, – bis alles um sie herum dunkel wurde und Schwester Marys Arm um ihrer Taille sie mit Gewalt vom Licht abwandte. Da schloß sie die Augen und einer plötzlichen Müdigkeit nachgebend, sank sie in die Knie, während ihr übervolles Herz sich in Tränen Luft machte. Schnell aber wurde sie wieder Herr ihrer selbst, und Hand in Hand gingen sie den Weg zurück, den sie gekommen waren. Helen war den ganzen Abend still, und Schwester Mary verstand, daß sie das Schweigen nicht brechen durfte. Als sie sich gute Nacht geboten hatten, und Helen in ihrem Zimmer war, floß das Herz ihr von neuem über. Sie warf sich vor dem Bett auf die Knie und betete mit tränenschweren Augen zu dem Gott, den sie noch nicht kannte: »Gib mir volle Klarheit, damit ich sehen kann, wohin wir geführt werden! – Wenn es so ist, wie ich ahne, daß Leid und Not der Preis ist, der uns zum Licht führt, dann will ich bezahlen, was es auch kostet. Ich will mein Schicksal blindlings aus deiner Hand kaufen, wenn du mir vergönnst, das Ziel zu erreichen.« Sie betete, bis die Müdigkeit sie überwältigte. Mit ihren letzten Kräften schleppte sie sich angekleidet zum Bett und schlief sofort ein. Ihr träumte, daß sie hoch über Wolken wanderte, mit Schehannas Hand in der ihren, sie stieg von Gipfel zu Gipfel, bis sie den allerhöchsten erreichten, der nur so breit war, daß sie gerade Fuß fassen konnte. Schehanna schwebte in der Luft ihr zur Seite und trug Schwester Marys graue Kapuze. Wie Helen dort stand, war ihr Kopf so voll von dem Licht, das ihr von allen Gipfeln entgegenstrahlte, daß er fast zerbarst. Da flüsterte Schehanna die Worte: »Hebe dich!« Sie verstand, daß sie nur den Fuß zu heben brauchte, um für ewig von der Dunkelheit befreit zu werden, die an allem Irdischen haftet. Ihr Körper würde von Licht durchstrahlt werden, wie ihr Kopf. Sie würde wie ein Kristall werden, so rein und klar und frei in der Luft schweben wie Schehanna an ihrer Seite. Als sie aber den Fuß heben wollte, fiel ihr Blick auf einen Gipfel, der noch im Dunkel unter ihr lag, und dort sah sie ihren Vater und Ralph Hand in Hand, die im Begriffe waren, sich auf einem anderen Weg zur Höhe emporzuarbeiten. Ralphs Blick ruhte unverwandt auf ihr, denn obgleich er so weit fort war, sah sie doch deutlich alle seine Züge. Sein Gesicht war ernst und voller Energie, wie bei jemandem, der um jeden Preis vorwärts will. Das Gesicht ihres Vaters konnte sie nicht sehen, es war ein Nebel davor, aber sie konnte merken, daß er unter dem Nebel lächelte. Sie streckte die Arme zu ihm hinunter und rief Ralphs Namen. »Warte!« sagte Schehanna und wollte sie zurückhalten. Aber es war schon zu spät, sie hatte den Fuß bereits gehoben, statt aber an Schehannas Seite frei im Licht zu schweben, stürzte sie tief herab – zur Dunkelheit oder zu Ralph, sie erfuhr es nicht, denn bei dem Fall erwachte sie und griff in höchster Angst um sich. Sie stieß gegen die Bettkante und richtete sich verstört auf, bis ihr die Besinnung zurückkehrte. Sie versuchte, den Traum festzuhalten, aber es wollte ihr nicht glücken. Sie erinnerte sich nur noch, daß er von Ralph gehandelt hatte, das übrige war Nebel. Sie wollte kein Licht anzünden, um nicht ganz wach zu werden; wenn sie wieder einschliefe, würde der Traum vielleicht von neuem beginnen. Sie begnügte sich damit, ihr Kleid aufzuhaken und alle Bänder zu lösen, dann streckte sie sich wieder unter die Decke und erwartete den Schlaf und den Traum. Aber sie wollten nicht kommen. Sie schlummerte einige Minuten und erwachte schließlich ganz bei dem Lärm eines ratternden Wagens. Sie wollte die Nachtlampe andrehen, die Elektrizität aber versagte. Sie stand auf und drehte an dem Kontakt bei der Tür, aber auch dort war kein Strom. Sie suchte nach Zündhölzern, fand aber keine. Da legte sie sich wieder nieder, um den Morgen zu erwarten. Ihre Gedanken schweiften zu dem gestrigen Tage, zu den Gipfeln und was sie dort erlebt hatte. Von neuem tastete sie nach dem Traum, – sie fühlte, daß er mit ihrem Erlebnis in Verbindung stände, aber sie fand ihn nicht. Die Zeit in dem dunklen Schlafzimmer wurde ihr lang. Sie stand auf, ging zum Fenster und hob die Gardine, um zu sehen, ob es noch nicht dämmerte, draußen aber war stockdunkle Nacht. Sie legte sich wieder ins Bett, schlief ein, und erwachte durch den Verkehr auf dem Platz, wo tibetanische Bauern jeden Morgen mit Blumen und Gemüse von ihren kleinen Hütten an den Bergabhängen zum Basar zogen. Endlich, dachte sie, und sprang aus dem Bett. Sie zog die Gardine zur Seite. Draußen über dem Garten lag der dichteste Morgennebel, den sie je gesehen hatte. Sie klingelte nach dem Mädchen. Als die Tür aufging, stand sie am Fenster und starrte in den Nebel hinaus. »Guten Morgen, gnädiges Fräulein!« »Guten Morgen! Bringen Sie mir bitte Zündhölzer, die Elektrizität versagt. Ich bin schon lange wach, aber konnte nicht sehen wieviel die Uhr ist. Was ist das nur für ein furchtbarer Nebel?« »Aber, gnädiges Fräulein,« sagte das Mädchen verwundert, »es ist ja heller Tag – und das Licht in den Lampen brennt.« Helen drehte sich um, sah erst zur Decke und dann zur Tür, von wo sie die Stimme des Mädchens hörte. Aber sie konnte weder das Licht noch das Mädchen sehen. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn, ihre Hände zitterten, es war, als ob ihr alles Blut plötzlich durch den Körper in die Füße sänke. »Brennt das Licht?« fragte sie mit einer Stimme, so schwach wie die eines kleinen Kindes. »Ich will Schwester Mary rufen,« sagte das Mädchen und eilte hinaus. Ihre Stimme hatte ganz fremd geklungen. »Ich bin blind,« sagte Helen zu sich selbst, dann tastete sie sich zum Bett und sank auf die Knie, den Kopf in den Händen vergraben – auf derselben Stelle, wo sie in der Nacht den unbekannten Gott angefleht hatte, sie zum Ziel zu führen, koste es, was es wolle. Das kleine einsame Holzhaus wurde »Die Eichenhütte« genannt, weil es im Schutz einiger alter Eichen auf dem Bergabhang oberhalb des Hotels lag. Der Garten war in Terrassen angelegt, wie ein Weinberg auf einem Flußabhang. Wenn Ralph dort oben neben der Sonnenuhr auf dem kleinen länglichen Rasen vor der Gartentür stand, konnte er die Stadt nicht sehen, die hinter einem waldbewachsenen Rücken lag, den der Berg vorgeschoben hatte. Verstreut liegende Häuser auf dem Abhang bis zur Bahnlinie hinunter lächelten den dunklen Eichen mit ihren blühenden Gärten zu. Der Ort gefiel Ralph und er lebte sich bald in dem kleinen Haus ein. Von seinem Fenster sah er quer über das Tal, auf dessen Grund der Fluß Ranjit tief, tief unten brauste. Dort drüben wurde die Wolkendecke von einem Wald von gewaltigen Bergmassen, die den Himmel versperrten, unterbrochen, und dahinter erhoben sich die einsamen, gezackten Schneegipfel der höchsten Berge der Welt, und über allem leuchtete Kichinjangas weißer Riesenzahn, der von einer lotrechten Kluft in zwei Teile gespalten wurde. Den ersten Tag benutzte Ralph dazu, um sich in der Gegend umzusehen. Er vermied die Stadt und suchte die einsamen Pfade auf, die in Zickzacklinien zu Höhe und Einsamkeit streben. Nach dem Mittagessen setzte er sich ans Fenster und starrte zu den Bergen hinüber, bis der letzte Sonnenschimmer hinter dem Felswall verschwand, und die Dunkelheit so hastig vom Tal heraufflutete, daß es war, als ob sie die Eichen und die Hütte in sich aufsog. Nachts hatte Ralph einen merkwürdigen Traum. Von der weißen Villa in Kairo begab er sich in die Wüste hinaus. Bald sah er, daß er sich verirrt hatte; er suchte und suchte, entfernte sich aber nur immer mehr. Plötzlich befand er sich auf einem öden Berg, der sich aus einer Senkung zwischen gewaltigen Wellen von dunklen, drohenden Felsmassen erhob. Während er nach der Seite blickte, wo die Sonne unterging, fiel sein Auge auf eine Reihe schwarzer Fahnen, die im Winde über dem Bergwall flatterten. Als er näher hinsah, entdeckte er, daß es gar kein Gebirgswall war, sondern eine dunkle und drohende Heermasse, die sich bereit hielt, auf den Gebirgswall auf der entgegengesetzten Seite des Himmels zu stürzen; aber auch dies war kein Wall, sondern ein Heer, nicht weniger schwarz und drohend, als das andere. Ralph erinnerte sich der Worte des Scheiks: »Wo ihr die schwarzen Fahnen seht, dort seht ihr das Zeichen!« Es ist der Mahdi und seine Leute, dachte er bei sich. Jetzt konnte er auch trotz der Entfernung das schmale junge Gesicht erkennen, mit dem rötlichgelben Wüstenteint, von dem weißen Haih eingerahmt; es saß hoch oben in den Wolken und bewachte das schwarze, dichte, drohende Heer. Als er aber nach der anderen Seite blickte, sah er Davis' dunklen Kopf und funkelnde Augen hinter der Goldbrille; auch er saß in den Wolken über seinem Heer. Das ist entsetzlich, dachte Ralph bei sich, während der Schweiß ihm auf die Stirn trat. Ist keine Rettung möglich? Er sah ein, daß er hier nicht stehenbleiben könnte, hier würde er zwischen den Heeren zerdrückt werden. Er eilte davon, indem er bei sich dachte, daß er Dasturan Dastur dort drüben auf dem Gipfel aufsuchen und um seine Hilfe bitten wollte. Er mußte höher und höher steigen. Das Licht von den ewigen Sternen leuchtete nur schwach, er konnte kaum sehen, wo er die Füße hinsetzte. Da hörte er ein fernes Getöse zwischen den Bergen und dachte: jetzt beginnt der Kampf! Verzweifelt streckte er die Arme zum Himmel und rief: Was kann ich tun, um es zu verhindern? Im selben Augenblick merkte er, daß jemand auf dem öden Pfad folgte. Er drehte sich um und sah einen Mann, den er nicht kannte, auf sich zukommen. Vielleicht weiß er Rat, dachte er und streckte ihm die Arme entgegen: Was können wir tun? Der Mann nahm seine Hand und sagte: »Kommen Sie, wir müssen uns eilen!« Ralph konnte sein Gesicht nicht sehen, als er aber seine Stimme hörte, dachte er: Ach, das ist Helens Vater. Er wunderte sich, daß er nicht gleich erfaßt hatte, daß er es sein müsse. Als sie ein Stück gegangen waren, erklang das Getöse wieder, noch stärker als vorher. Er blieb stehen und fragte wieder verzweifelt: »Was können wir tun?« »Es gibt nur eine Rettung,« sagte Helens Vater, »wir müssen den Todeskampf zu einem Geburtskampf machen.« »Ja, ja – ein Geburtskampf!« Ralph wunderte sich, daß er vergessen hatte, was er so genau wußte, just in einem Augenblick, wo Bedarf dafür war. »Ja,« sagte er, »wir müssen das Reich der Frauen bereiten, – in ihrem Schoß wächst die Zukunft.« »Nicht in dem der Frauen – sondern in dem der einzig auserwählten Frau. Denn sieh, die Zeiten sind zu Ende.« Wieder donnerte es zwischen den Bergen, stärker als vorher, und die Heeresmassen machten einen Buckel wie zwei ungeheure, schwarze Katzen, die aufeinander lauern. »Kommen Sie, wir müssen zum Gipfel eilen,« sagte Helens Vater und zog ihn mit sich, »wenn wir ihn nicht zur Zeit erreichen, ist keine Hilfe mehr möglich.« »Und wenn wir ihn erreichen?« fragte Ralph und blieb in atemloser Erwartung stehen. »Dann machen wir die Revolution zu einer Evolution im Mutterleib.« »Ja,« dachte Ralph, »das ist wahr – aber warum sagt er es so abstrakt? – Oh, er ist ja ein Mann der Wissenschaft.« »Wir machen den Tod zu einer Geburt, und der auserwählte Schoß wird das Weib empfangen, das über die Dunkelheit siegen soll. Sie allein soll es entscheiden, und für sich selbst, ihren Nächsten und ihren Gott verantwortlich sein.« »Sie allein soll es entscheiden« – wo hab ich diese Worte schon mal gehört, dachte Ralph. Richtig, diese Worte hat Helens Vater in seinem Testament geschrieben, von dem sie ihm in jener Nacht im Marmarameer erzählte, als sie die Blätter ihrer Krone entfaltete und ihn in ihr Inneres blicken ließ. »Ist der Erlöser ein Weib?« Die Antwort konnte Ralph nicht hören, denn ein furchtbares Getöse auf den Bergen übertönte die Stimme von Helens Vater. Entsetzt blieb er stehen und sah zu den dunklen Heeren hinüber. Es wogte und brodelte in ihnen, als ob es dicke, schwarze Rauchmassen über einem siedenden Feuer seien. Als er sich aber wandte, um Helens Vater einzuholen, war er nirgends mehr zu sehen – – Als Ralph erwachte, konnte er sich des Inhaltes seines Traumes nicht mehr entsinnen, der Eindruck aber saß wie ein Stachel in seinem Gemüt. Während er eine Morgenwanderung längs des Bergpfades machte, war eine unerklärliche Unruhe in ihm, ein unwiderstehlicher Drang zu handeln, zuzugreifen, sein Aeußerstes zu tun. Etwas bedrückte ihn wie eine Verantwortung, – etwas Drohendes, das er abwehren wollte, das er aber nicht von sich abwälzen konnte, wie gern er es auch wollte. Er setzte sich auf einen Stein am Wegsaum, und während er zu dem gewaltigen Felswall hinüberblickte, der den Himmel versperrte, brachen die Gedanken der letzten Tage in Kalkutta von neuem durch sein Gemüt. »Was kann man tun?« seufzte er, »wo soll ich angreifen?« Hätte er nur Helen zur Seite gehabt, sie würde es ihm sagen können. Sie hat den sicheren Instinkt für das, was das Leben fordert, dachte er, ich als Mann kann nur ins Werk setzen oder Widerstand überwinden, dort, wo das Leben oder das Schicksal mir einen Platz anweist! Noch eine Weile blieb er in tiefen Gedanken versunken sitzen, dann erhob er sich und schritt heimwärts. Als er so nah bei der Eichenhütte war, daß er die Sonne in dem Messingring der Sonnenuhr blitzen sehen konnte, fiel sein Auge auf einen jungen Mann, der auf das Haus zukam. Will er mich aufsuchen, dachte Ralph, oder ist es ein Morgenspaziergänger wie ich? – Er konnte sehen, daß es ein Engländer, ein junger Geschäftsmann oder dergleichen war. Jetzt erreichte er das Haus, ging aber nicht vorbei, sondern machte Miene, durch die Gartenpforte zu gehen. »Hallo!« rief Ralph. Der junge Mann blickte auf, Ralph winkte, und er kam auf ihn zu. Als er nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, nahm er einen großen gelben Brief aus seiner Brusttasche. »Was kann das sein,« dachte Ralph und beschleunigte seine Schritte. »Sie sind Herr Ralph Cunning?« fragte der Fremde und grüßte ehrerbietig. »Ja.« »Ich bin bei Cook angestellt und sollte Ihnen einen Brief übergeben, den wir heute morgen von unserem Kontor in Kalkutta empfangen haben.« »Danke.« Ralph streckte die Hand aus – »Ich bin beauftragt, Sie um einen Ausweis und eine Quittung zu bitten. Es ist ein Wertbrief.« Ralph ging voran aufs Haus zu. »Woher ist der Brief?« fragte er. »Ich kann es Ihnen nicht sagen, denn wir haben ihn in einem geschlossenen Kuvert bekommen, mit einem Begleitschreiben, worin das Kontor in Kalkutta uns bittet, den Brief sofort persönlich an den Adressaten zu besorgen.« Der junge Mann hielt inne, und Ralph konnte ihm anmerken, daß er noch mehr auf dem Herzen hatte. Er erwartete augenscheinlich, daß man ihn ausfragen würde. »Und warum sendet man einen der Herrn aus dem Kontor, statt eines Boten,« sagte Ralph und blickte ihn lächelnd an. »Wir meinten, daß es ein sehr wichtiges Schreiben sei.« – Der junge Mann versuchte vergeblich, sein Interesse zu verbergen. – »Wir haben es nämlich auf privatem Wege bekommen – durch eine Krankenpflegerin vom Edenhospital, eine persönliche Bekannte des Chefs in Kalkutta. Sie war gerade im Begriff zum Sanatorium hinaufzufahren und versprach, den Brief mitzunehmen.« »Das ist seltsam!« sagte Ralph und sah ihn erstaunt an. »Jedenfalls ist es ungewöhnlich. Als das Fräulein uns den Brief heute morgen brachte, erklärte sie, der Chef habe sie gebeten, ihn mitzunehmen, weil während der letzten Tage Stockungen in der Postbesorgung vorgekommen seien, und da der Brief eilte und Cook die Verantwortung für seine Ablieferung trug, so –« »Stockungen in der Postbesorgung?« Ralph sah ihn scharf an. »Ja, hier oben haben wir noch nichts davon gehört« – der junge Mann erwiderte Ralphs Blick – »aber unten weiß man ja besser Bescheid. Vielleicht hat die Regierung eine heimliche Zensur verordnet wegen der Unruhen in Tibet, und dadurch wird das Austragen der Post natürlich verspätet.« Als Ralph sich legitimiert und quittiert hatte, nahm er den Brief in Empfang. Er dankte dem jungen Mann für seine Mühe, bot ihm eine Zigarre an, die er höflich ablehnte, und begleitete ihn zur Tür. In dem großen gelben Kuvert, das Cooks Stempel trug, lag ein kleinerer versiegelter Brief. Er trug Ralphs Namen und Cooks Adresse. Außerdem stand darauf »Eilt«, »Nachsenden« und »Darf nur gegen persönliche Quittung ausgehändigt werden«. Das Merkwürdigste aber war, daß sich weder Freimarken, Poststempel noch sonst ein Postzeichen auf dem Brief befand. Er schien Cook mit einem privaten Boten erreicht zu haben, ebenso wie Cook ihn jetzt weiter expediert hatte. Der Brief enthielt vier dichtbeschriebene Bögen, und die Handschrift war Davis'. Lieber Cunning! Ich versprach Ihnen eine Erklärung. Hier ist sie. Ich gehe chronologisch zu Werke, das ist das Kürzeste. Also: Unsere zufällige Begegnung in Colombo war eine Chance, die ich ausnutzte. Ich forderte Sie auf, mein Reisegefährte zu sein, weil ich einsah, daß ich in der Gesellschaft eines Globetrotters besser gedeckt sein würde, als wenn ich allein reiste. Für eine falsche Flagge hatte ich gute Verwendung. Entschuldigen Sie meine Offenheit, zu Umschweifen ist keine Zeit. Meine erste Station war Madura, weil es ein Hauptherd ist. Kantra war eine günstige Gelegenheit, die ich ergriff, nicht aus Lust an erotischen Erlebnissen, sondern um die Brahmanen auszuspionieren. Von ihr erhielt ich die wertvolle Auskunft, daß Ramalingam in intimer Verbindung mit dem Oberbrahmanen des Tempelrates in Tangore (Kodi Maram) stehe, der mir als einer der Rädelsführer der Khofti, »der Orden der verborgenen Bande« genannt worden war, dessen höchster Rat die heimliche Brahmanenpolitik in ganz Indien leitet. Der Diebstahl, der an Ihren Papieren begangen wurde, war von größtem Interesse für mich, weil er bewies, daß man, trotz aller Vorsicht, Fährte von einer amerikanischen Gefahr bekommen hatte; man wußte nur nicht, wer der Betreffende sei, Sie ober ich. Gamâls Name war mir schon im voraus bekannt, er ist einer der Führer von Islams heimlicher Politik. Er wirkt unter einer vortrefflichen Maske, indem er vorgibt, zum Christentum übergetreten zu sein, und deshalb von seinen ehemaligen Glaubensgenossen verfolgt zu werden. Die zufälligen Begegnungen in Bombay und Ihre Bekanntschaft mit ihm kamen mir sehr gelegen; daß er Sie von Konstantinopel durch Syrien bis Kairo verfolgt hatte, legte Zeugnis davon ab, daß auch die Mohammedaner ihre Fühlhörner in Amerika haben. Er hatte eine Spur gefunden, und folgte ihr. Nur wunderte es mich, daß die Spur auf Sie deutete. Erst lange nachher, als ich zufällig erfuhr, daß Sie Mitglied des Klubs der »Verantwortungslosen« seien, verstand ich es. Ich beschloß, den Verdacht gegen Sie zugunsten meiner Aufgabe zu benutzen. Während ich Gamâl ausspionierte (Cook versieht mich überall mit Detektiven, seine ganzen unschätzbaren Kenntnisse stehen zu meiner Verfügung, ich kann unbeschränkte Geldmittel von ihm erhalten – alles – kraft einer Generalorder von einer Macht in Amerika, die sein Geschäft in der Hand hat; das werden Sie später noch verstehen), bestärkte ich ihn in seinem Verdacht gegen Sie, damit er auf der falschen Spur bleiben sollte. Ich konstatierte, wie Sie sich vielleicht erinnern werden, seinen Besuch in dem chinesischen Tempel und im Klub der Japaner. Dann war da der Sannyasi. Sie trafen ihn in Kotagiri, wo Ihre Tasche gestohlen wurde. Später sahen wir ihn in Benares, wo er nachts unseren Spuren folgte, – das alles deutete darauf, daß er eines von den beweglichen Organen der Brahmanen war, ein heiliger Wanderer ist eine sehr brauchbare Person. Sein Besuch im Hotel, den Gamâl leugnete , war von allergrößter Bedeutung, denn er bewies mir, daß die heimlichen Leiter der Mohammedaner mit den Brahmanen in Verbindung stehen. Danach galt es, so schnell wie möglich nach Kalkutta zu kommen, wo alle Fäden zusammentreffen. Das negative Resultat Ihres Suchens nach einer mir unbekannten Dame kam mir sehr zustatten. Sie wurden reisemüde und wollten so schnell wie möglich vorwärts. Rao hatte ich als Ausgangspunkt gewählt. Von meinem Schüler Sri Rama, dessen Vertrauen ich gewonnen hatte, wußte ich, daß Rao einer der Führer des »jungen Indiens« sei. Es galt festzustellen, ob das »junge Indien« allein stand, oder unter der Hand mit anderen heimlichen Kräften zusammen wirkte. Ich beschloß einerseits in Raos Argwohn, andererseits in seinem Vertrauen zu spekulieren. Erst aber mußte ich Sie davon überzeugen, daß Sie es Ihrem Reisegefährten schuldig waren, ihn nicht durch die Gemeinschaft mit einer verdächtigen Person, wie Sie es waren, zu kompromittieren. Sie neckten mich, taten aber, was Sie sollten, indem Sie darauf eingingen, inkognito zu reisen. Damit wollte ich zweierlei erreichen: erstens wollte ich Rao in Sicherheit wiegen. Wenn wir wirklich die Regierung so sehr fürchteten, daß wir nicht die Unbequemlichkeit scheuten, in einem schlechten, entlegenen Hotel zu wohnen, schienen wir wirklich Anhänger des »jungen Indiens« zu sein – damit gewann ich sein Vertrauen. Da ich inkognito reiste und darum keine gelehrten Verbindungen an der Universität oder im Klub aufsuchen konnte, mußte es Rao wie ein natürlicher Ausweg erscheinen, daß ich ihn bat, mir sowohl Verbindungen wie ein Hotel anzuweisen – dadurch spekulierte ich in seinem Argwohn. Rao wird, dachte ich, trotz allen Zutrauens nicht versäumen, eine so ausgezeichnete Gelegenheit, im eigenen und im Interesse der Sache, auszunutzen, und uns unter Aufsicht stellen. Er wird uns ein Hotel und Verbindungen anweisen, die willig sind, ihn mit Auskunft über uns zu versehen, wenn er dafür Gebrauch hat, – das heißt: er wird uns Leuten anvertrauen, die in seinen Diensten stehen, falls er über solche verfügt. Wie entscheidend es war, Klarheit über Raos Verbindungen zu bekommen, werden Sie später verstehen. Hauptsächlich zwei Dinge mußte ich wissen: Ob Rao mit dem Khofti der Brahmanen Fühlung hatte, trotz des offiziellen Gegensatzverhältnisses zwischen dem jungen und dem alten Indien, – vor allen Dingen aber, ob sein Kreis mit Japanern in Verbindung stände. Nebenbei wollte ich auch noch erfahren, ob er Fühler nach Birma und Siam ausgestreckt habe. Falls nämlich Japan seine Finger bei dem unterirdischen Indien mit im Spiel hatte, war kein Zweifel, daß Rao mit ihm in Verbindung stand. Auf Grund seines langen Aufenthaltes in Europa und in den Staaten hat man ein wachsames Auge auf ihn – er war mir schon von vornherein bezeichnet. Unmittelbar vor meiner Abreise forschte ich Sri Rama aus, und unter dem Vorwand, daß das Ziel meiner Reise diesmal nicht nur der Wissenschaft galt, sondern daß ich gleichzeitig für das »junge Indien« wirken wollte, gewann ich ihn dafür, mir eine sehr warme Empfehlung zu geben. Durch Raos Hände mußten die meisten Fäden laufen, wenn – welche da waren. Auf Grund seiner europäischen Lebensweise war er einer heimlichen Nachforschung leichter zugänglich als andere Eingeborene. Unter seiner »weißen« Maske hat er große Arbeit geleistet, die Maske aber ist zugleich eine Gefahr für ihn selbst, denn sie macht eine Berührung möglich. Es war nun meine Aufgabe, diesen schwachen Punkt auszunutzen, – sozusagen Nemesis zu sein. Sie erinnern sich, daß ich ihn mit einem Trumpf überrumpelte: »Lieber Herr Rao, ich wußte von Ihrem Freund und Genossen in den Vereinigten Staaten, wer Sie sind.« – Diese Einführung sagte für mich als Gesinnungsgenossen und Freund gut. Ich bat ihn, unter dem Vorwand, daß ich die Sprache studieren wollte, mir ein Hotel mit einem japanischen Leiter zu empfehlen, weil ich wußte, daß die Japaner vom Nachrichtendienst im Osten sich meistens mit solchen Stellungen decken. Wie gesagt: Ich rechnete damit, daß Rao, wenn er konnte, uns bei jemandem unterbringen würde, der unter seinem Einfluß stand. Denjenigen aber, dem er uns auslieferte, lieferte er gleichzeitig mir aus. Das war ein Anhalts- und ein Anknüpfungspunkt. Es zeigte sich, daß meine Berechnungen über Erwarten stimmten. Ich ließ meine Spürhunde seinen Spuren folgen, und fing, wie Sie selbst gesehen haben, sowohl Japaner wie Chinesen, Brahmanen und Birmesen – das ganze Koppel. Danjuro machte ich zu meinem Vertrauten, um seine Aufmerksamkeit auf Sie abzuladen. Sie waren ein höchst verdächtiger Teehändler, und ich ein verwegener Sekretär. Ich veranlaßte Sie, zu kontrollieren, ob Ihr Koffer untersucht würde; ich war es, der Ihre Papiere eines Tages berührte, als Sie aus waren. Ich tat es, um Sie in der Rolle zu bestärken. Das Spiel wirkte nach Wunsch. Der Chinese wurde auf Sie gehetzt, das war wahrscheinlich Danjuros Werk. Das alles war gut und schön, nur hatte ich nicht damit gerechnet, daß es Ihnen Spaß machen würde, eine verdächtige Person zu sein. Fast hätten Sie das ganze Spiel für mich verdorben, als Sie mit dem Chinesen wegen Tee verhandelten. Die Komödie war zu plump. Damit stellten Sie meinen guten Glauben in Frage. Glücklicherweise kam der Abschluß, bevor Sie noch weiteren Schaden anrichten konnten. In jener Nacht vor der Opiumkneipe hatte ich alle Karten in der Hand. Ich wußte von Forbe und seinen Leuten, wer in jener Straße verkehrte, außer Ramalingam und Gamâl, diese beiden waren die große und entscheidende Ueberraschung. Das Nest hatte ich gefunden, jetzt galt es, sie herauszulocken und zu identifizieren – auf die Platte zu bekommen. Der Kniff mit der Feuersbrunst war Forbes Idee. Der kleine untersetzte Mann mit dem gestutzten Schnurrbart, der in der Tür stand und »Feuer« rief, als die Ratten schließlich aus ihrem Loch kamen, hat Forbe alle Ehre gemacht – er war der Brandstifter. In dem Augenblick, als ich das ganze Koppel in meiner Kamera hatte, war das Spiel gewonnen. Die Verbindung war festgestellt, das Ziel meiner Reise erreicht. Welches Ziel? Hier ist es. In den Vereinigten Staaten hat der Konflikt mit Japan seinen kritischen Punkt erreicht. Sie erinnern sich wohl noch, daß, als zum erstenmal in Kalifornien davon die Rede war, die Einwanderung der Japaner nach dem Westen zu verbieten, Japan sich in Washington beklagte, und die Antwort bekam, daß Kalifornien als Einzelstaat selbstbestimmend sei. Unmittelbar vor Ihrer Abreise, als die Frage von neuem aktuell wurde, wandte Japan sich an die Bundesregierung und verlangte, daß sie eine Aenderung in den Bundesgesetzen veranlassen sollte, die darauf ausging, daß kein Einzelstaat sich Japan verschließen dürfte. Die kleinen Gelben verlangen für sich dasselbe Recht mit Bezug auf Einwanderung, Kapitalanlegung und Besitz von Grundeigentum, wie alle anderen Nationen. Sie machen unumwunden geltend daß ihr Volk auf einer höheren Kulturstufe steht, als die Amerikaner, da sie eine reine Rasse, ein gesammeltes Volk, eine Nation sind, die Amerikaner dagegen eine Mischung von allen möglichen zusammengelaufenen Nationen, daß ferner Japan friedlich zu der Welt der christlichen Kultur kommt und ihnen Arbeit und Kapital anbietet, während die Rasse, zu der die Amerikaner gehören, mit Gewalt und Brand zu den anderen Rassen gekommen ist und sich die Völker und das Land ihrer Väter unter dem Vorwand untertan gemacht hat, ihnen die Güter der christlichen Zivilisation zu bringen. Auch die Herrschaft der Vereinigten Staaten sei auf solche gewalttätige Unterdrückung, solchen Raub aufgebaut. Wenn man unter dem Feldruf »die gelbe Gefahr« das Verlangen der großen mongolischen Rasse, auf friedlichem Wege vorwärtszukommen, verdächtige, dann könne man das Vordringen der europäisch-amerikanischen Kultur mit größerem Recht »die weiße Gefahr« nennen, oder richtiger »die weiße Gewalttat« – denn dieser Ausdruck entspräche der Wirklichkeit noch weit mehr. Sie sehen, daß die Sache eine sehr ernste Wendung genommen hat. Die Sprache der Japaner ist derart herausfordernd, daß man dahinter den Beschluß ahnt, es zum Aeußersten kommen zu lassen. Die Regierung verhandelte mit dem Klub der Milliardäre und es wurde beschlossen, die Sache hinzuziehen, bis man untersucht hatte, welche Machtmittel dahinter stünden. Da es klar war, daß Japans Flotte allein nicht zu einer so kühnen Sprache berechtigte – die kleinen Gelben pflegen den Mund nicht so voll zu nehmen – bekam man im Klub der »Verantwortungslosen« den Verdacht, daß Japans Einfluß in Asien sich weiter erstreckte als bis nach China. Sollte Japan es verstanden haben, mit seinem mustergültigen System von heimlichen Agenten eine unterirdische Verbindung zwischen allen Ländern Asiens herzustellen? – Sollte es imstande sein, gegebenenfalls Indien gegen England aufzuhetzen? Tonkin gegen Frankreich, Java gegen Holland, Islam in Aegypten gegen die Engländer, in Syrien, Kleinasien und Persien gegen Rußland, die Philippinen gegen die Vereinigten Staaten, sollte es die Macht haben, Australien loszureißen, die Südsee-Inseln mit Beschlag zu belegen? – Das war die Frage, die man sich stellte. Man wurde sich einig, daß man einen Mann hinüberschicken wollte, der mit den Verhältnissen und den Sprachen vertraut war – unter einer glaubwürdigen Maske, mit unbegrenzten Geldmitteln, der die Aufgabe durch eine Untersuchung an Ort und Stelle praktisch zu lösen versuchen sollte. Cook, der die Millionärkunden aus den Vereinigten Staaten nicht entbehren kann, bekam den Auftrag, ohne den Zweck näher zu kennen, seine ganzen Lokalkenntnisse zur Verfügung zu stellen und im übrigen auf jede Weise behilflich zu sein. Der Ausgesandte mußte unbegrenzte Vollmacht und vollständig freie Hand haben. Denn ein Brief- oder Depeschenwechsel war in einem Lande, wo jeder als Spion käuflich ist, viel zu gewagt. Ich hatte alle praktischen und wissenschaftlichen Voraussetzungen, war schon einmal im Osten gewesen, kannte die Sprachen, hatte Rassen studiert – und besaß die Maske: meinen wissenschaftlichen Namen. Darum wurde ich der Mann. Man weihte mich in die Sache ein, legitimierte mich bei Cook als die wissenschaftliche Kapazität, dem er jede Stütze zukommen lassen sollte, und teilte mir alles mit, was man in der Eile durch die Konsulate und auf anderen Wegen über die lokalen Unruhezentren in Indien erfahren konnte. Denn darüber war man sich klar, daß in Indien alle Fäden zusammenliefen. Wären Sie nicht zufällig vorher abgereist, würden Sie als Mitglied der »Verantwortungslosen« von der Sache Bescheid gewußt haben, bevor Sie mich trafen. Also: existiert eine heimliche Verbindung zwischen den Rassen unter japanischer Herrschaft? Wenn eine Verbindung besteht, kann man als sicher annehmen, daß die Gefahr überhängend und die Frage der Einwanderung in Kalifornien nur ein Vorwand war, und daß Japan die Absicht hat, sobald der Augenblick günstig ist, zum Beispiel während eines europäischen Krieges, durch geschlossenes Vorgehen der gelben Rassen, die Weißen aus Asien zu verdrängen, um selbst den Platz als Vormund einzunehmen – wodurch es der Weltherrschaft ein großes Stück näher gerückt wäre. Wenn das der Fall ist, gibt es keine Wahl, ist keine Zeit zu verlieren. Während man die Großmächte von der Gefahr unterrichtet, muß man zugleich durch einen abschlägigen Bescheid in kränkender Form, Japan dazu zwingen, entweder Farbe zu bekennen, oder demütig Abbitte zu leisten. Falls Japan nicht unverzüglich letzteres wählt, will man zuschlagen, bevor die Situation für die Japaner noch günstiger wird, bevor die Organisation Zeit bekommt, zu voller Entwicklung zu gelangen. Man will die gelbe und andere farbige Gefahren ein für allemal aus der Geschichte tilgen, und vorbeugen, daß unsere erhabene, weiße Kultur jemals farbiger Besudelung preisgegeben wird. Man will zuschlagen, und der Klub der Milliardäre ist sich darin einig, daß er nicht nur den Staaten, sondern auch den europäischen Mächten weitgehendste Unterstützung zukommen lassen will. Durch diese Zusage hofft man eventuelles Zögern kurzsichtiger europäischer Mächte zu überwinden. Mit anderen Worten: man will den Rassenkrieg, der notwendig geworden ist, vom Zaun brechen. Als ich am Morgen nach unserem nächtlichen Abenteuer das Hotel verließ, sorgte ich dafür, daß die anderen und auch Sie erfuhren, daß ich zu der Sitzung der Paligesellschaft fuhr. Man hatte mich bei der Feuersbrunst gesehen und erkannt, Ramalingam konnte bezeugen, daß ich der verdächtige Mann sei und nicht Sie, ich mußte fort, bevor man mich zurückhalten konnte. Mein Plan war der: Wenn Danjuro im Hotel erfährt, daß ich zur Palisitzung gehe, kann Maung Po bestätigen, daß es richtig ist. Es gab keine günstigere Gelegenheit mich festzunehmen, als in der von der Welt abgeschlossenen Pagode, wo die Sitzung abgehalten wird. Denn es wäre immerhin gefährlich, mich auf offener Straße zu verhaften. Ich ließ das Auto vor einem Zigarrenladen halten, ging hinein, um zu kaufen, kam ärgerlich zurück und fragte den Chauffeur, von dem ich annahm, daß er mit im Spiel sei, ob er mir einen Hundert-Rupien-Schein wechseln könnte. Das konnte er nicht und darum ließ ich ihn zu Cook fahren, um wechseln zu lassen. Es war nur ein Vorwand. Ich wollte ein Telegramm abschicken, in dem ich meine Heimreise ankündigte, durch eine Hintertür hinausschlüpfen und den ersten besten Dampfer zum nächsten Hafen nehmen, um mich von dort nach Amerika einzuschiffen. Bei Cook aber fand ich ein Telegramm vor von der Druckerei in Neuyork: »Wann können wir das Manuskript über das Alter der Palischrift erwarten?« – Das war die verabredete Form für eine Anfrage. An demselben Tage aber, als ich Ihnen mitteilte, daß ich im Begriff stände, meine Studien abzuschließen, – ich hatte damals gerade die entscheidenden Auskünfte von Forbe bekommen – telegraphierte ich an die Druckerei: »Das Manuskript über das Alter der Palischrift seinem Abschluß nahe.« Dies Telegramm war also nicht abgeschickt worden, obgleich ich es persönlich eingeliefert hatte. Die Regierung konnte es nicht aufgehalten haben, – welches Motiv hätte sie haben sollen? – So weit also reichen bereits die heimlichen Fäden. Es war ein Glück für mich, daß ich es in jenem Augenblick erfuhr. Ein Telegramm über meine plötzliche Heimreise würde schicksalsschwanger gewesen sein, der Versuch, mich fortzuschleichen, hätte mir das Leben kosten können. Ich wagte nicht zu telegraphieren, nicht zum Hafen hinunterzugehen, weil sicher alle Dampfer unter Bewachung standen. Es war keine Zeit zu verlieren. Cook ließ mich durch eine Hintertür entkommen, und als der Chauffeur schließlich unruhig wurde und sich meldete, bekam er sein Geld und meine Visitenkarte, die Zeilen, die ich Ihnen sandte und die Ihnen offen übergeben wurden, damit alle sie lesen konnten. Cook hat mir bis auf weiteres ein Versteck verschafft. Wo, wage ich Ihnen nicht zu sagen, jede Nachforschung, Bote oder Brief könnten zu einer Spur führen. Auch dieser Brief kann verloren gehen, oder in unrechte Hände gelangen. Ich warte auf eine Gelegenheit, um ungesehen aus dem Lande zu entkommen. Wie ich es mir denke, wage ich nicht zu verraten. Nur soviel: Ich habe Grund zu der Vermutung, daß man unter dem Vorwand einer Verschwörung, auch die Regierung auf mich gehetzt hat. Ich glaube, Rao hat sich dazu mißbrauchen lassen, mich zu verdächtigen. Warum ich das glaube, wage ich Ihnen nicht zu sagen, aber suchen Sie ihn jedenfalls nicht auf! – Währenddessen aber vergeht die Zeit und die Druckerei wartet auf das Manuskript. Welche Bedeutung hat dieses »Manuskript«, das Material, das ich gesammelt habe, das Koppel in meinem Kodak? – Wird es ausreichend sein? – Ich meine ja! Es ist Beweis genug dafür, daß die Fäden geknüpft sind – wie weit sie bereits reichen, zeigt die Affäre mit dem Telegramm, – der Plan ist gelegt, die Organisation kann wirken. Wenn das aber der Fall ist, dann bedeutet jede Stunde Aufschub eine Vergrößerung der Gefahr, während man sie durch sofortiges Handeln in der Geburt erstickt. Darum meine ich, daß mein Material zum Krieg führen wird – Rassenkrieg. Wie aber mein Wissen den Vereinigten Staaten vorlegen, wenn ich hier festsitze? Wer soll es in die richtigen Hände bringen? Das sollen Sie. Auf Ihnen allein ruht jetzt die Verantwortung für das, was geschehen wird. Ich habe die Wette gewonnen. Jetzt stelle ich meine Forderung. Ich verlange von Ihnen den Dienst, den Sie mir schulden. Sie sollen persönlich die Nachricht den »Verantwortungslosen« überbringen. Am Fünften dieses Monats geht ein Dampfer von Kalkutta. Wenn Sie keinen anderen Bescheid von mir oder in meinem Namen bekommen (seien Sie sehr vorsichtig!), dann nehmen Sie den Dampfer und begeben sich sofort nach Ihrer Rückkehr zu dem Vorsitzenden in der Wallstreet. Zeigen Sie ihm diesen Brief, er kennt meine Schrift, erzählen Sie ihm alles, was Sie in meiner Gesellschaft gesehen und gehört haben, sowohl in der Brandnacht als auch vorher und bekräftigen Sie es durch Ihren Eid. Es ist mir geglückt, diesen Brief zu expedieren, ohne daß der Bote, ein ehrlicher Golla, weiß, wer ich bin und wo ich bin, – ich wage nicht Ihnen zu schreiben, wie es mir gelungen ist, um keine Spur zu verraten, wenn der Brief in falsche Hände fallen sollte. Wenn er aber Cook erreicht, wird er auch Sie erreichen, davon bin ich überzeugt. Geben Sie dem Boten eine Quittung, dann werde ich Gelegenheit finden, mich bei Cook zu überzeugen, ob Sie ihn empfangen haben. Aber kein Brief, das ist gefährlich, nur eine Quittung. Seien Sie vorsichtig bei Ihrer Abreise, es ist nicht ausgeschlossen, daß man diesen Brief geöffnet, gelesen und weitergesandt hat, um Sie in eine Falle zu locken. Und nun zum Schluß: Vergessen Sie nicht, daß auf Ihnen allein die Verantwortung ruht für die Vereinigten Staaten und die ganze zivilisierte Welt. Ihr ergebener Davis. Während der langen Tage, als Helen im Krankenhaus mit Umschlägen auf den Augen lag, hatte sie gelernt, im Dunkeln zu leben. Jetzt, wo die Sonne ganz verlöscht war, brannte das Licht in ihrem Innern mit immer hellerer Flamme. Wie sie in einer Vorahnung Schwester Mary gesagt hatte, so war es wirklich geworden: Das Leben und die Menschen kamen ihrem Herzen näher, weil ihr Augenlicht versagte. Die schöne, bunte Erde, die sie kennen lernen wollte, hatte ihren Sinn unbeständig und bunt gemacht, wie sie selbst es war. In der Welt aber, die sich jetzt in dem Licht ihres Inneren entfaltete, schienen die Wurzeln bloßgelegt zu sein, sie konnte sehen, wie das Zufällige und Unbeständige aus dem Bleibenden hervorblühte, wie das Buntscheinende und mannigfach Getrennte sich nur in der Linie des Auges brach. Was so spielend leicht, so verlockend in der schönen Welt erschien und was das Auge nicht in sich aufnehmen konnte, ohne das Gemüt irrezuführen, das war jetzt wie eine helle Kräuselung auf dem ewig wogenden Strom, der durch alle Lebenspulse floß. Helen fragte sich selbst, ob das Auge, das auf Gesichtspunkte und Entfernungen eingestellt ist, die nichts mit dem Herzschlag des Lebens zu tun haben, den Menschen nicht irreleitet, anstatt ihn auf den richtigen Weg zu führen. Für den Blinden, dachte sie, gibt es kein Blendwerk, er sieht nur das Wesentliche, das, was ist . Sie erinnerte sich des seltsam fernen, entrückten Ausdrucks in Schehannas Augen, wenn sie in ihren Gedanken vertieft war und im Licht aus ihrem Inneren sah, was sich im Verborgenen vorbereitete. Sie sieht aus wie eine Blinde, hatte Helen häufig bei sich gedacht, und auch Ralph hatte etwas Aehnliches geäußert. Je mehr Helen sich in ihre neue Welt hineinlebte, desto besser verstand sie Schehanna. Worte, die sie gesagt, ja, selbst ihr Lächeln, das so häufig mit der Wirklichkeit in keinem Zusammenhang gestanden hatte, tauchten in ihrer Erinnerung auf und wurden ihr plötzlich klar. Sie ertappte sich darauf, daß sie mit Schehannas Gedanken dachte, ja, es war, als ob Schehanna die alte Helen ganz aus ihrem Herzen verdrängt hätte. – Sie rief sich ihr Aeußeres in die Erinnerung zurück, – sah ihre Augen, ihre Stirn, ihre Hände, alles das, was die Schale um ihr Ich gewesen war, als es sichtbar auf Erden wandelte; und sie grübelte darüber, wie wohl die Seele den Körper sich zum Bilde formt, bis sie eine Erklärung fand: Ein Gedanke beginnt wie ein Keim im Dunkel, von der Hand eines unbekannten Säemanns gesät, oder aus einer Welt, wo unsichtbare Saatkörner millionenweise wirbeln, dorthin verweht. Er schlägt Wurzel im Gemüt, wächst und breitet sich, bis Worte und Wünsche wie Blüten und Blätter aus einem Stengel hervorschießen. Richtung und Geschwindigkeit des Gemütes werden bestimmt, Nervenfäden werden von Befehlen geprägt, die sie oft ausgeführt, von Taten, die sie lange geübt haben. Dieses Gepräge wiederum teilt sich dem Muskelspiel mit und sieh, eines schönen Tages steht das alles sichtbar vor der Welt, wie dieses Gesicht, dieses Lächeln, diese Haltung, dieser Gang, dieses Weinen und dieses Lachen. Alles aber sind nur äußere Triebe der Gedanken und Gefühle eines innerlich bewegten Gemüts. So ist es auch mir ergangen, dachte sie. Ich reiste fort und mein Sinn war allen Eindrücken geöffnet, aber noch ungeformt, mit unbestimmten, suchenden Wünschen und Hoffnungen. Ralph und Schehanna kreuzten meinen Weg, ob sie nun ausgesandt waren mich zu treffen, oder ich sie. Sein Anblick weckte Liebe, die von Dasein zu Dasein in mir geschlummert hatte, und aus ihren Augen fiel ein Schein in mein Gemüt, das dafür bereit war. Das Wachstum der Liebe in mir und das Licht aus Schehannas Seele hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin, hat mich umgeformt, so daß ich mich besinnen muß, um die alte Helen wiederzuerkennen. Die Helen, die nicht sehen konnte, tastete sich durch die Welt um sie herum; sie richtete ihre großen, blindstrahlenden Augen auf den Horizont, wo, wie sie wußte, die Berge waren – in ihrer Welt lagen sie beständig mit jungfräulicher Röte auf dem Gipfel da, während ihr Fuß sich an die Dunkelheit klammerte, wie sie es zum letztenmal in jener Sonnenuntergangsstunde gesehen hatte. Sie richtete ihre blinden Augen auf die Gärten und Häuser in der freundlich lächelnden Stadt über dem Tal und den Wolken, – und fragte sich selbst, ob all dieses Aeußere, ob all dieses Sichtbare vielleicht auf dieselbe Weise zur Wirklichkeit geworden sei, wie das Lächeln in ihrem, in jedes Menschen Gesicht und Muskelspiel: durch das äußere Wachstum von Gedanken und Gefühlen in dem einzig göttlichen Selbst, in dem alles lebt und sich regt? – Wenn es so ist, dachte sie, dann sind wir alle Kinder dieses göttlichen Selbst, das sein Leben und seine Erinnerungen in uns hat. Wir können es nicht entbehren, aber dieses göttliche Selbst kann auch uns nicht entbehren, die wir seine Lebensäußerungen sind. Was wir tun, tun wir in ihm. Blühen wir, blühen wir in ihm. Setzen wir Frucht, ist es Frucht von ihm und führen wir Krieg, ist es Krieg in seinem Inneren, als ob Gedanken in ein und demselben Gemüt um die Oberherrschaft kämpfen. War sie mit Schehanna, nachdem sie die Sehkraft verloren hatte, ganz verbunden, so war ihr Verhältnis zu Ralph ein anderes geworden. Es war, als ob der Verlust der bunten Welt um sie her, die Entfernung zwischen ihnen vergrößert hätte, als ob seine Seele in dem wurzelte, was ihr jetzt nicht mehr erreichbar war. Sie dachte beständig an ihn, er war beständig um sie, aber in einer Entfernung, die sie nicht überschreiten konnte. Sie fühlte, daß er ihr notwendiger war als je, sie empfand es wie ein Unrecht – gegen ihn, gegen sich, gegen die Welt? – daß er nicht auch in ihr lebte wie Schehanna. Etwas Unerklärliches war in ihr, was nur durch ihn zur Vollkommenheit gebracht werden konnte, – es war, als ob sie nur durch ihn zu einem Ganzen, zu einer Wirklichkeit erlöst werden könnte, die mehr als ein Gedankenbild war. Dahin war das ruhige Glück, das sie sonst gefühlt hatte, wenn sie an ihn dachte. Ihr Herz krampfte sich in namenloser Sehnsucht zusammen. Sie erwachte des Morgens mit einem Seufzer, als ob er ihr Kind sei, das man von ihrer Seite gerissen hätte. Während sie durch die Dunkelheit tastete, empfand sie es als das Ziel ihres Lebens, ihn mit ihrer Seele in Einklang zu bringen. Er wurde gleichbedeutend für sie mit allem Widerstand des Lebens; die unsichtbare Welt um sie herum, alles, was außerhalb ihres Ichs war, sammelte sich in ihm, er wurde die einzige Wirklichkeit des Lebens außerhalb ihres Selbst. Sie wußte, an dem Tage, wo er in ihr leben würde, wie Schehanna, würde der Zwiespalt in ihrem Gemüt für alle Zeiten gelöst sein. Dann war das Wunder geschehen, das ihr Ich und die Welt in ihrem Innern vereinigte, dann würde sie vollkommen glücklich werden. Dann mußte sie sterben und es würde die größte Seligkeit sein. Wenn sie aber darüber nachdachte, wie sie dieses Ziel erreichen sollte, kam Verzweiflung über sie, – dann empfand sie die Dunkelheit, in der sie wanderte, wie eine Hand, die sie zu Boden drückte, wann immer sie sich zu erheben strebte. Sie warf sich aufs Bett und weinte, Auge in Auge mit dem Gott, der sie geblendet hatte, als sie ihn um Klarheit bat. Sie wagte ihn nicht mehr zu bitten. Wie sie dort lag, mit ihrem Schicksal allein, hoffnungslos in der Dunkelheit, sogar das Licht in ihrem Inneren verleugnend, da traten ihr, wie in einer plötzlichen Eingebung, die Worte ins Gedächtnis; die Dasturan Dastur ihr beim Abschied gesagt hatte: »Ich komme, wenn du recht von Herzen rufst.« Sie warf sich auf die Knie, die Hände vor ihren nassen, blinden Augen, und bat den Priester aller Priester, daß er ihr in ihrer Not zu Hilfe kommen möge. Sie bat aus vollem, brennendem Herzen, und Schehanna bat mit ihr. Das Recht ist auf Seite der anderen – das war Ralphs erster Eindruck von Davis' Brief – und obgleich ich es einsehe, soll ich die Vollbringung von jahrhundertalter Gewalt vermitteln? Ich kann die Verantwortung nicht von mir weisen, weil ich durch mein Wort gebunden bin. Sein nächster Gedanke war: ich verstehe, warum die Herren sich um das Wohl der Zivilisation bemühen, ich verstehe, warum Davis zufrieden und im Gleichgewicht ist: Geschäft steht dahinter, Geldmachen. Er sah die Börse vor sich, wie sie aussehen würde, wenn die ersten Nachrichten wie eine Bombe in der Wallstreet niederschlugen. Er sah die Wut, hörte die Schreie, wenn die ungeheuren Werte von Hand zu Hand taumelten, auf den jeweiligen Besitzer drückend, bis sie ihn gezeichnet hatten, um ihn dann wieder treulos und spöttisch zu verlassen, und wie eine Lawine vom Rollen gemästet, in die Hände zurückkehrten, die sie in Bewegung gesetzt hatten, – die Hände, die die Karten halten, die »Verantwortungslosen« – welche blutige Ironie dieser Name enthielt! Er spie ihn mit einem Fluch aus. Totgeborene Frucht der Zivilisation, des Männerweges, der »weißen Gewalttat«. Da kam ihm ein Gedanke, der ihm fast den Atem benahm: Ist die Katastrophe unabwendbar, von oben bestimmt? – Ist der Weg der Entwicklung verscherzt? – Kann die Revolution nicht zu einer Evolution gemacht werden? Wo habe ich diese Worte schon mal gehört, dachte er. Er wußte nicht, daß es im Traum gewesen war. Ist es noch heute so, wie es damals in der Mythe von Sodom und Gomorrha war: gibt es nicht Gerechte genug, die die Vernichtung abwehren können? Ist dem so, dann laßt uns das Unabänderliche auf uns nehmen. Aber laßt uns den Todeskampf kurz machen, damit wir bei seinem Röcheln den Tönen eines keimenden Frühlings lauschen können. Mag die Zeit der Wehen zu einem Geburtskampf werden, woraus das Reich der Frau emporsteigen kann, mit der Herrschaft über das Gebet, dem großen menschlichen Machtmittel, der Brücke zwischen der Welt und dem Ich. Helen – warum bist du nicht an meiner Seite? Warum hält die Macht, die unsere Wege zusammengeführt hat, uns jetzt getrennt, wo das Leben mich mit einer Last bedrückt, die ein Mann nur tragen kann, wenn er eine Frau zur Seite hat? Was würde sie sagen? – Wozu würde sie raten? Beschmutze nicht deine Hände! Verschachere nicht dein Gewissen, wenn du auch dein Wort gegeben hast! – Du sprichst vom Herzensweg, versuche ihn einzuschlagen, du sprichst vom Reich der Frau – gründe es, der du reich bist und alle Kapitalisten kennst, die in der Wallstreet darauf lauern, Gold aus Blut zu ernten! Ja, Helen – wenn du mir helfen willst! Ich werde mein Wort halten und die schicksalsschwangere Botschaft überbringen, wenn ich sie aber vorgelegt habe, will ich ihnen einen Weg weisen, den man noch nicht gegangen ist, und der das Ende der Zeiten zu einem Wechsel der Zeiten machen soll, ich will überreden, bitten, drohen. Da ist Markhan, der eine kranke Frau hat, die er anbetet, – sie will ich zuerst gewinnen. Da ist James Weldon, der Gold für seine Tochter sammelt, – sie nimmt an aller Wohltätigkeit teil, sie will ich überzeugen. Da ist der alte Wyatt, an dessen Händen Blut von dem Eisenbahnstreik klebt, das ihn fromm gemacht hat, – sein Herz will ich zu gewinnen versuchen. Da ist Lawson, der für sein Leben fürchtet, und sich von Bluthunden und Detektiven umgeben läßt, – ihn will ich schrecken. Und auch Priester, die von der Religion der Liebe leben, sollten sie nicht zu gewinnen sein? Ich will mein Vermögen einsetzen, um Frauen aus allen Ständen, in allen Staaten aufzurufen. Ich werde sie organisieren. Ich will ihnen das Reich zeigen, das ihres ist, wenn sie gutmachen wollen, was der Mann verbrochen hat, wenn sie ihr »willst du?« gegen das »du sollst«, das bisher die Welt regiert hat, einsetzen. Ich will ihnen beweisen, daß auf ihnen die Wiedergeburt der Zivilisation – das neue Reich, beruht. Wenn sie nur wollen, dann ist es noch nicht zu spät, dann kann der Weltbrand noch verhütet, das Ende der Zeiten zu einem Wechsel der Zeiten werden. – Ja, .Helen – wenn du mir helfen willst! Er grübelte die ganze Nacht. Gedanken jagten einander, bis die Müdigkeit ihn übermannte. Plötzlich war es ihm, als ob sein Herz aus allen Fugen ginge. Lange saß er, ohne zu denken, ohne von sich selbst zu wissen, bis plötzlich aus der großen Oede eine wundersam stille Gewißheit in seinem Gemüt dämmerte. Es war wie ein Licht in seiner Seele: Alles liegt in der Hand des unbekannten Gottes. Und Ralph betete, wie er seit seiner Kindheit nicht gebetet hatte, – betete Mächte an, die er nicht kannte, bat sie, die Welt zu schonen, die Revolution für die vielen Gerechten zu einer Evolution zu machen. Das Gebet führte ihn in den Schlaf hinüber. Als er erwachte, hatte sein Gemüt sich beruhigt. Nur eines lebte in ihm: er wollte Helen suchen. Während er sich ankleidete, suchte er nach dem Datum, das Davis ihm als Abgangszeit für den Dampfer angegeben hatte. Der Fünfte stand da; heute war der Dritte, diesen Dampfer also konnte er nicht mehr erreichen, denn während er schlief, war der Entschluß in ihm gereift, daß er nicht abreisen wollte, bevor er Helen die Sache vorgelegt hatte. Seine Absicht war, gleich ein Billett nach Kalkutta zu lösen, von dort wollte er suchen und er zweifelte nicht, daß er sie finden würde. Als er sich auf dem Weg zur Stadt befand, hörte er den Zug tief unten dahinbrausen. Er sah den weißen Rauch längs der Felswand brodeln und von den Büschen eingefangen werden; den Zug selbst konnte er nicht sehen. Es ging ihm wie ein Stich durch die Brust: wäre ich eine Stunde früher aufgestanden, hätte ich den Zug erreicht und wäre bereits unterwegs gewesen. Als er die Stelle erreichte, wo der Pfad in den Fahrweg mündete, sah er einen Knaben mit einem Brief in der Hand daherkommen. Eine Eingebung sagte ihm, daß es eine Botschaft für ihn sei. Er blieb stehen. Der Junge grüßte und reichte ihm den Brief. Es war ein Geschäftskuvert mit Cooks Stempel, die Aufschrift aber, die groß und schwerfällig und seltsam fremdartig war, rührte sicher nicht von einem Angestellten des Kontors her. In dem Kuvert lag ein Blatt von einem Notizblock, wie sie auf Cooks Schaltertischen für Fremde bereitzustehen pflegten. Darauf stand: »Such' in Colombo«. Das war alles. Weder Ueberschrift noch Unterschrift. Das Blut rann ihm zum Herzen. »Wer hat dir diesen Brief gegeben?« »Ein alter Mann mit einem langen, weißen Bart. Ich traf ihn auf dem Wege zum Bahnhof, er wollte mit dem Zug.« Ralph nahm den Knaben ins Verhör. Es war kein Zweifel, es mußte Dasturan Dastur gewesen sein. Als Ralph zu Cook kam, fragte er, ob ein alter parsischer Priester ein Billett für den Frühzug gelost habe und wohin. Der Angestellte – derselbe, der Ralph Davis' Brief gebracht hatte – wußte gleich Bescheid. »Es war Dasturan Dastur,« sagte er voller Respekt, »er nahm zwei Billette direkt nach Colombo.« »Zwei Billette? War er denn nicht allein?« »Er hat ein Herren- und ein Damenbillett gelöst.« Ralph zögerte einen Augenblick, um Herr seiner Stimme zu werden. »War wohl eine Tochter,« sagte er im Unterhaltungston. »Darf ein Dastur heiraten?« Der junge Mann blickte nachdenklich vor sich hin, »ich glaube eher, daß es ein Mündel aus Kalkutta war, das er aus dem Sanatorium abholte.« »Sie haben sie nicht gesehen?« »Nein, er war allein. Es waren zwei Billette erster Klasse – der Angestellte schlug in seinem Buch nach – »und von Kalkutta aus einen Dienerplatz.« Ralph zögerte wieder einen Augenblick. Dann sagte er scherzend: »Woher wissen Sie, daß es nicht ein männlicher Begleiter war, da Sie die Dame weder gesehen, noch ihren Namen notiert haben; den Billetten kann man es doch nicht ansehen.« »Ich weiß es daher, mein Herr,« sagte der junge Mann gekränkt, »weil für die Nachtreise ein Schlafwagenplatz im Damencoupé bestellt wurde.« Ralph löste ein Billett, ließ sich alles Nähere über die Abgangszeiten und den Anschluß sagen, und reiste am nächsten Morgen. In Kalkutta erfuhr Ralph, daß Dasturan Dastur und Helen ohne Aufenthalt nach Tuticorin weitergereist seien. Er folgte ihnen mit dem ersten Zug und erreichte nach siebzigstündiger Reise Tuticorin. In der kleinen Hafenstadt herrschte ein viel regeres Leben wie damals, als er sie auf seiner Reise von Ceylon passiert hatte. Wenige Augenblicke nach seiner Ankunft hatte er auch schon den Grund erfahren. Vor dem Zollgebäude wurde er von einem Herrn aufgehalten, der seine Papiere zu sehen verlangte. »Wer sind Sie?« fragte Ralph. »Polizei.« Ralph zog seine Brieftasche heraus und zeigte ihm, was er bei sich hatte. Der Polizist sah die Schriftstücke aufmerksam durch. Dann gab er sie ihm zurück und sagte höflich: »Ich mache Sie darauf aufmerksam, Herr Cunning, daß Sie wahrscheinlich keine Erlaubnis bekommen werden, Ceylon zu verlassen.« »Warum?« »Wir haben Befehl bekommen, bis auf weiteres jeden Ausländer zurückzuhalten.« Ralph blickte erstaunt auf. »Warum?« »Krieg.« »Krieg?« Der Polizist nickte und fixierte ihn scharf. »Ich habe Darjeeling vor vier Tagen verlassen und seit einer Woche keine Zeitungen gelesen – Krieg sagen Sie?« Der Mann erzählte von den letzten Begebenheiten in Europa. »Also zu spät!« Wenn Japan den Augenblick günstig findet, z.B. während eines Krieges zwischen europäischen Großmächten – Gibt es nicht Gerechte genug? dachte er und beugte den Kopf. Plötzlich war es ihm, als ob ihm eine Last von den Schultern genommen sei. Wenn ich nicht reisen und keinen Boten senden kann, bin ich jeder Verantwortung enthoben. Jetzt gilt es nur sie zu finden, dachte er, alles andere entschwand seinem Gedächtnis. Er erklärte dem Beamten, daß er nach Colombo reiste, wo er eine Dame seiner Bekanntschaft treffen wollte. Der Mann überlegte einen Augenblick und erlaubte ihm dann sich zur Fähre zu begeben, die an der Brücke wartete, um die Passagiere über das seichte Küstenwasser zum Dampfer hinauszubringen. Als Ralphs Gepäck an Bord des Dampfers gebracht worden war, kam der erste Steuermann auf ihn zu, – Ralph kannte ihn von der vorigen Ueberfahrt – fragte ihn, ob er Herr Cunning sei, und teilte ihm mit, daß der Kapitän beauftragt sei, darüber zu wachen, daß er in Colombo an Land ginge. »Wo denn sonst?« »Sie könnten ja vom Dampfer an Bord eines andern Dampfers gehen, der im Hafen von Colombo liegt.« Sie lächelten einander zu und Ralph erfuhr, was die Zeitungen gebracht hatten. Die Reede von Colombo war von den Ereignissen geprägt. Mehrere große Paketdampfer lagen vorm Hafen und warteten auf Bescheid. Dampffähren und Motorboote eilten hin und her über das regenbogenfarbige Wasser des Hafens. Auf der Dampferbrücke stand es voll von Kontoristen, die auf Zeitungen vom Festlande warteten. Kein lautes Sprechen, nur ernste Gesichter, bekümmerte Augen, zurückhaltendes Lächeln. Ralph ging über den öden Platz an dem Denkmal der Königin Viktoria vorbei. Er blieb stehen und blickte zur Treppe des Hotels Grand Oriental hinüber, wo er Helen zum letztenmal gesehen hatte. In Gedanken erlebte er den Abschied noch einmal – den unerklärlichen Schmerz, den er bei ihrem Blick und ihrem hastigen, heftigen Händedruck empfunden hatte. Er erinnerte sich der nagenden Leere, die er nach Empfang ihres Briefes gefühlt hatte, des entsetzlichen Ueberdrusses, – und es wurde ihm klar, daß die Helen, die er in Darjeeling angerufen, nicht dieselbe war, die er in Colombo begehrt hatte. Ich selbst habe mich verändert, dachte er. Sein Gefühl war ein anderes geworden, – höher, reiner, geheiligt. »Ob wir uns wiedersehen, das liegt in der Hand des unbekannten Gottes,« – ahnte sie bereits damals, daß eine Wandlung geschehen müßte? Ralph dachte an seine Begegnung mit Dasturan Dastur: »Reisen Sie nach Darjeeling.« Er dachte an den Brief: »Suchen Sie in Colombo.« Ja, eine unbekannte Hand hatte gnädig geschenkt, was er vergeblich in Agra, Benares und Kalkutta gesucht hatte. Wenn aber er ein anderer geworden war – würde dann auch die Wandlung in ihr vollbracht sein? Würde sie, wenn sie wieder vor ihm stand, die sein, die er jetzt in seiner Seele trug, die seinem Leben und seiner Aufgabe not tat? – Wenn sie ihren starken, warmen Blick auf ihn richtete, würde sie dann in ihm, der endlich seine Aufgabe in der Welt gefunden hatte, den Ralph wiedererkennen, dessen Arm auf der Fahrt vom Garten des Paradieses um ihrer Schulter gelegen hatte? Er suchte ihren Namen vergeblich in dem Fremdenbuch des Hotels. Auch Cook wußte nichts von ihr oder Dasturan Dastur. Ralph aber fürchtete nichts, er wußte, daß die Zeit gekommen war. Gleich nach dem Mittagessen fuhr er zum Adaran hinaus. Er erkannte das Gitter wieder und hinter den dunklen Gebüschen, den niedrigen, weißgekalkten Tempel. Er öffnete die Pforte. Auf dem Kiesweg vor dem Hause begegnete ihm ein weißgekleideter Priester. Er erfuhr, daß Dasturan Dastur sich zum Adaran auf dem Berge Adam begeben hatte. Ralph eilte zum Bahnhof, den er seit jenem strahlenden Morgen, als er und Helen zusammen nach Kandy gefahren waren, nicht wiedergesehen hatte. Helen öffnete Dasturan Dastur ihr Herz. Sie sagte ihm, daß sie nach den Worten gehandelt, die er ihr mit auf den Weg gegeben hatte, als sie in Bombay voneinander schieden. »Ich bin dem Licht gefolgt, das in meinem Herzen dämmerte; ich habe die Bürde der Dunkelheit ohne Bitterkeit und Zorn auf mich genommen.« Sie erzählte ihm, daß sie erst begriffen habe, was Liebe sei, als sie der großen Versuchung auf ihrem Weg begegnet wäre und die Gewißheit bekommen habe, daß ihr Leben nicht ohne Ralph vervollkommnet werden könne. Als das Augenlicht sie aber verließ, da verstand sie es erst voll und ganz; denn wie sollte sie ihn in der Dunkelheit finden, in der sie wanderte? »Ich werde dein Auge sein,« sagte Dasturan Dastur, »bis du das Licht wiedergewinnst. Ich werde dich zu dem heiligen See auf Adams Berg geleiten, dort sollst du baden.« »Werde ich dann mein Augenlicht zurückbekommen?« »Dort wirst du sehend werden.« Und sie hatten zusammen Darjeeling verlassen. Sie saßen im Speisewagen auf dem Weg zur Höhe. Dasturan Dastur saß ihr gegenüber auf dem Platz, wo Ralph an dem Tage gesessen hatte, als sie nach Kandy zum Garten des Paradieses fuhren. Das Sprossenfenster stand offen, der Zug schwankte, und plötzlich merkten sie die Luft von den Bergen wie einen Hauch auf ihrer Stirn. Sie sah in der Erinnerung, was sie damals gesehen hatte: die Luft, die von Millionen Kristallen unter der Himmelswölbung leuchtete, Berge, die sich in dem ewigen Blau mit ihren weißen Gipfelzähnen festbissen. Sie sah Ralphs Blick aufleuchten und sie hörte seine Stimme, als er sagte: »Sehen Sie, dort ist Adams Berg.« Seine Hand hatte die ihre berührt, als er sein Glas hob, um zu trinken. Ihre Augen trafen sich und sie wurden von dem Glanz in ihrem Blick, von dem festlichen Rausch, mit dem die wunderbare Schönheit der Erde ihre Gemüter freigemacht hatte, benommen. Und sie erinnerte sich des Gefühls, das sie ergriffen hatte, als sie in etwas unübersehbar Neues emporgehoben zu werden meinte, und des plötzlichen Schamgefühls, das sie zwang, die Augen niederzuschlagen, weil sie fühlte, daß ihre Seele sich in jenem Augenblick wehrlos der seinen hingab. Da war es, daß die Worte in ihr geboren wurden: »Nicht im Mann und nicht im Weibe, sondern im Menschenpaar wird das Leben vervollkommnet und geht den Weg zu Gott.« Ja, so war es geschehen. Wie sie geahnt, so war es gekommen, das Neue war in ihr selbst geboren, wenn auch anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Ihre Seele hatte sich suchend und rufend der seinen zugeneigt, weil sie nicht anders konnte. Ja, das war die Einweihung, – würde die Vollendung kommen? Hätte er ihr jetzt gegenüber gesessen, dann würde sie die Hand genommen haben, die die ihre so zart und vorsichtig berührte; sie würde ihre Augen nicht schamhaft niedergeschlagen, sondern bis auf den Grund seiner Seele gesehen haben – – Ach, sie war ja blind. Tränen brannten hinter ihrem Blick, aber sie drängte sie zurück; und sie dachte: wenn Blindheit der Preis ist, will ich nicht darum bitten sehend zu werden. Sie verließen den Bahnhof und stiegen in den wartenden Wagen. Sie fuhren langsam den Berg hinauf. Nachdem sie eine Weile gefahren waren, merkte Helen einen kräutrigen Duft von Blumen und Wald; sie atmete ihn in tiefen Zügen und fragte Dasturan Dastur: »Was siehst du?« »Gottes Angesicht. Dort unten lächelt ein kleiner, glänzender Fluß zwischen gelben Ufern, Büffel erquicken sich im Strom. Ein Wald von Kokospalmen gibt Schutz gegen die brennende Sonne. Vögel mit roten Schnäbeln und blendenden Federn zwitschern über hängendem Laub. Eine Eidechse hastet über den kahlen Felsen, Goldkäfer blitzen im Licht. Blumen öffnen ihre Becher, alles ist eines – ein Leben, ein Gedanke, ein Gott, und alles bist du – und alles bin ich. Willst du hören, was die Vögel singen? Wir fürchten uns nicht, wir leiden nicht; denn nur der, der fürchtet, leidet; wir leiden nicht, wir fürchten uns nicht, denn jedem Geborenen ist der Tod gewiß, und jedem, der stirbt, ist die Geburt gewiß. Ich aber, der ich im Licht bin, mich kann Geburt und Tod nicht treffen.« »Warum ist es mir versagt, zu sehen?« »Es ist dir nicht versagt zu sehen!« »Wenn aber Blindheit der Preis ist, so nimm sie nicht von mir, sondern laß mich im Dunkel bleiben.« »Das Licht kommt in die Seele wie das Kind in den Mutterleib. Durch Empfängnis. Was dem menschlichen Auge verborgen ist, das sieht der Blinde besser, als der Sehende.« Helen schwieg. Kurz darauf berührte Dasturan Dastur ihre Hand und sagte: »Jetzt sehe ich Adams Gipfel gegen den blauen Himmel leuchten.« »Warum heißt er Adams Gipfel?« »Als Adam und Eva aus dem Garten des Lichtes vertrieben wurden, flüchteten sie auf einen Berg, von wo sie die Gipfel der Bäume sehen konnten, die ihr Glück beschattet hatten. Es war Kandys Garten und der Berg, den du dort siehst. Auf dem Abhang des Berges bauten sie sich eine Laubhütte, von wo sie jeden Morgen Gottes Auge über dem Garten leuchten sehen konnten. Und zum Gipfel dieses Berges führte Krishna den Königssohn Arjuna, als die Geschlechter der Erde sich im Kampf gegeneinander erhoben. Arjuna, der Streiter des Lichtes, sah ein, daß er sein ganzes eigenes Geschlecht töten müßte. Da klagte er Krishna sein Leid und weigerte sich. Vishnus heiliger Sohn aber führte ihn zum Gipfel und lieh ihm sein göttliches Auge. Und er sah, daß alle Geschlechter vom Tod gezeichnet waren und hörte eine Stimme, die sagte: ›Ich will Reiche vernichten, damit eine neue Zeit geboren werden kann. Du bist das Werkzeug, das ich mir ausersehen habe, aber auch ohne dich wird es vollbracht werden.‹« Dasturan Dastur blickte über die Dunkelheit der Erde, über die Heermassen, die aufeinander lauerten, dicht, dunkel und drohend; er hörte das ferne Getöse zwischen den Bergen und sein Auge suchte den, dem er den Weg gewiesen hatte. Helen aber, die es nicht wußte, dachte über seine Worte nach und wunderte sich. »Vishnus heiliger Sohn entstammte doch einer heidnischen Sage und nicht der Religion der Parsen?« »Sagen sind Sagen – bunt und mannigfach wie die Welt, – doch haben alle nur eine Quelle, ebenso wie die Lehre vom Licht alles menschliche Streben umfaßt, welchen Namen jeder einzelne seinem Glauben auch gibt. Alle Erlöser, welchen Namen sie auch trugen, haben für das Licht gekämpft. Muß der Priester aller Priester sie nicht alle ehren? – Jedesmal, wenn die Dunkelheit auf Erden Macht bekommt, entzündet der Herr des Lichts einen Funken in einer auserwählten Seele, gibt ihr ein göttliches Auge und Kraft von seiner Kraft, damit sie über das Dunkel siegen und aus dem Ende der Zeiten eine neue Zeit bereiten kann. Darum, wo immer uns eine auserwählte Seele begegnet, die mit göttlicher Kraft für das Licht kämpft, müssen wir sie ehren und anbeten; denn in ihr ist das Licht.« Der Pfad stieg an, die Pferde gingen Schritt für Schritt, und schließlich hielt der Wagen. »Hier endet der Fahrweg,« sagte Dasturan Dastur, »wir müssen noch einige hundert Schritt gehen, dann sind wir am Ziel.« Sie stiegen aus. Dasturan Dastur nahm ihre Hand. Als sie eine Weile gegangen waren, blieb er stehen und sagte: »Hier ist der alte Kreuzweg, wo die Pilger zwischen den Pfaden wählen mußten. Der eine wird der Männerweg genannt – er ist steil und steinig, biegt nirgends aus, aber steigt mit Stufen hinan, die in den Fels eingehauen sind; er ist gefährlich zu beschreiten, manch einer ist schon von Schwindel ergriffen worden und hinabgestürzt. Diesen Weg wählte Adam, als er den Gipfel erstürmte. Der andere ist der Frauenweg, er ist sanft und bequem, paßt sich dem Willen des Felsens an und überwindet ihn zuletzt; es ist ein Weg ohne Schwindel und Gefahr, wer ihn aber einschlägt, braucht mehr Zeit, bis er zum Ziel gelangt. Diesen Weg wählte Eva.« Wieder nahm er ihre Hand und führte sie längs des Bergabhanges, bis sie einen Duft von Sandelholz spürte, dessen sie sich aus dem Tempel im Garten der Toten erinnerte. Eine Glocke ließ drei kurze, silberklare Schläge ertönen, noch einmal und noch einmal. Helen blieb mit gebeugtem Kopf stehen; Dasturan Dastur aber ließ ihre Hand los und sprach die Gebete der guten Gedanken, guten Worte und guten Taten. »Der Zot begrüßt dich!« sagte er. Helen wandte ihre leeren Augen in die Richtung, woher das Geräusch einer Stimme kam. Sie hörte Worte von einer jungen feierlichen Stimme und neigte ihren Kopf zum Gruß. »Jetzt sind wir beim Adaran, es ist nur ein kleiner Tempel, von der Welt ungekannt; auf seinem Altar aber hat die heilige Flamme seit Jahrtausenden gebrannt.« Dasturan Dastur führte sie hinter den Tempel, zu dem Haus, wo der Zot wohnte, der ihr und Dasturan Dastur seine beiden Zimmer eingeräumt hatte. Ein Tempelherbad stellte ihnen Wasser bereit. Als sie sich nach der Reise gewaschen hatten, geleitete Dasturan Dastur sie in einen Garten hinaus, wo es zwischen den schmalen Fußwegen nach Ambra und Rosen duftete. Da wurde die Luft vor ihr dichter, sie trat auf weicheren Boden, ihre suchende Hand stieß gegen einen Stamm und sie hörte ein leises Rascheln über ihrem Kopf, als wenn ein Vogel ein Blatt mit seinem Flügel streifte. »Wo bin ich?« fragte sie und zog ihre Hand zurück. »Unter dem Baum des Lebens.« Dasturan Dastur legte den Arm um sie und führte sie in einen Hain von Stämmen, die ihr Kleid, ihren Ellenbogen und ihre Hand berührten. Die Luft war kühl und schwer; sie fühlte, daß sie sich in tiefem Schatten bewegte. Er führte sie zu einer niedrigen, weichen Grasbank, hieß sie Platz nehmen und drückte ihren Rücken sanft gegen einen alten Stamm. Dort saß sie und blickte mit ihren großen, blinden, strahlenden Augen vor sich hin. Und als sie ihren Mund zu einer Frage öffnen wollte, sagte Dasturan Dastur: »Hier zu deinen Füßen liegt der See, keine zwanzig Schritt und du bist auf dem Pfad, der längs seines Ufers führt. Das ist der See Kasava. Dort drüben liegt der Weg, wo wir fuhren, rechts leuchtet Adams Gipfel in der Sonne.« Der Tempelherbad brachte Brot und Obst und Tee. Als sie gegessen hatten, lehnte Helen sich zurück und nahm den Frieden in ihrem Herzen auf. Es war still und kühl unter dem Laubdach. Käfer summten leise, Blätter flüsterten über ihrem Kopf, sie meinte den Puls in dem glatten Stamm schlagen zu hören, gegen den ihr Rücken ruhte, den ewigen Kreislauf des Lebenssaftes, den stillen Atemzug der Blätter. Sie faltete die Hände in ihrem Schoß und der Strom glitt von dem Baum in sie über, stieg zu ihrem Herzen hinauf und kehrte wieder zurück. Ihr Puls schlug im Takt mit dem großen Puls der Natur, und die Augenlider fielen ihr zu. Als sie erwachte, streckte sie suchend die Hand aus. Dasturan Dastur ergriff sie. Sie wandte ihm ihre blinden Augen zu und lächelte, weil er noch bei ihr war. »Warum nennst du diesen Baum den Lebensbaum?« »Weil er nicht stirbt. Sobald ein Stamm alt wird, schießt ein neuer Ast hervor und strebt zur Erde; wenn er Wurzel gefaßt hat, sagt der neue zu dem alten: ›jetzt kannst du in Frieden welken, denn ich habe Wurzel gefaßt und werde deine Bürde tragen.‹ So vertauscht sich Alt mit Jung im Wechsel der Zeiten, während die Säfte von der Erde aufwärtsstreben und wieder zur Erde herab, in einem ewigen Kreislauf. Dieser Banyanbaum ist der älteste, den es gibt, er stammt aus dem Garten Eden.« Mit ihrer Hand in der seinen, erzählte Dasturan Dastur die Mythe vom Lebensbaum: »Als Adam und Eva aus dem Garten des Paradieses vertrieben wurden, brach er auf dem Wege einen Ast von dem Feigenbaum, in dessen Schatten sie gelebt hatten. Und als sie auf den Berg hinaufgelangt waren – hier – wo wir sitzen – als sie sich umwandten und den Garten Eden tief unten im Tal liegen sahen, da griff die Sehnsucht und der Kummer sie so heftig ans Herz, daß sie weinten, bis sie keine Tränen mehr hatten; aus ihren Tränen aber entstand ein See zu ihren Füßen. Und dies ist der See. Adam pflanzte den Feigenzweig vor ihrer Hütte, er schlug gleich Wurzel und wuchs und gewährte ihnen wieder Schatten. Eines Nachts aber sandte der Herr des Lichts einen Funken von seinem Schwert, um ihnen zu zeigen, daß seine Hand auch hier über ihnen sei. Der Blitz entzündete den Feigenbaum, damit sie sich nicht in seinem Schatten geborgen fühlen sollten. Adam aber beugte sich in Demut und dachte: ›Der Funke kommt von Gott.‹ Und er nahm eine Fackel von dem Baum, nährte die Flamme und pflegte sie, um Gott stets bei sich zu haben; und um die Flamme gegen Wind und Regen zu schützen, legte er Steine über sie und unter sie und um sie herum. So entstand der erste Adaran. Hier, wo wir sitzen, hat er gestanden. Adams und Evas Nachkommen verstreuten sich vom Berge aus über alle Gegenden der Welt. Wohin sie kamen, beteten sie das Licht an, das über ihrem Leben schien. Einer von Adams Söhnen aber nahm eine Fackel von dem Feuer auf seines Vaters Berg mit, wachte darüber und nährte sie auf seinem Weg. Als er zu Elburs Berg in Persien kam, war er des Wanderns müde. Er baute sich eine Hütte auf dem Bergabhang und errichtete einen Altar für das Feuer, wie sein Vater ihn errichtet hatte. Von ihm stammt das Geschlecht der Parsen. Er begnügte sich nicht damit, das Licht anzubeten, das vom Himmel scheint; er bewahrte das Feuer, befreite es von allem Unreinen, ehrte es und betete es an. Ueberall, wo seine Nachkommen lebten, führten sie eine Fackel von dem heiligen Feuer mit sich. Und es geschah, daß einer der Wächter des Feuers zu Adams Berg kam. Er fand den Baum des Lebens und den Steinaltar im Schatten desselben, aber er war kalt und leer. Da reinigte er den Stein, sammelte Holz, weihte es, und entzündete es an der Fackel, die er bei sich trug. Die Zeiten aber wechselten, und ein indischer König brachte Buddhas Lehre zur Insel. Buddhas Priester kamen zu Adams Berg, und als sie den Adaran fanden, wollten sie den Wächter des heiligen Feuers zu der neuen Lehre bekehren. Sie erzählten von dem Erlöser, der zur Rettung der Welt gekommen war. Als die Priester geendet hatten, sagte der Zot: ›Ich wußte, daß er gekommen sei!‹ Er führte sie unter den Baum des Lebens und zeigte auf einen jungen kräftigen Stamm, der just in der Erde Wurzel gefaßt hatte. ›Seht, dieser junge Stamm ist Buddha.‹ Und er fiel auf die Knie und sagte: ›Ich preise dich, Buddha, du neuer Schößling am Baum des Lebens, du, der du in der Dunkelheit Wurzel gefaßt hast, um die Bürde derselben zu tragen und dem Licht eine neue Zeit zu bereiten.‹ Die Priester aber sahen ihn verwundert an und wußten nicht, was sie sagen sollten.« Dasturan Dastur geleitete Helen durch die Stämme, blieb stehen und führte ihre Hand über die lockere Rinde eines alten Stammes. »Kannst du fühlen, daß er welk und hohl ist? Bald wird er unter dem Gewicht der Aeste zusammenbrechen.« Und er führte ihre Hand über neue Schößlinge, die wie Saiten in der Luft schwirrten; einige waren ganz jung und glatt und frisch, andere waren bereits lang und steif, und einer war der Erde so nah, daß seine Spitze einen Halm berührte. »Jahr für Jahr bin ich hergekommen, um den Baum zu befragen, Jahr für Jahr habe ich den Stamm bewacht, der im Begriff war zu welken, und die neuen Schößlinge, die zur Erde streben, um seine Bürde zu übernehmen. Sieh, das Ende der Zeiten ist nahe, denn einer der Schößlinge hat die Erde berührt.« Dämmerung senkte sich herab und Sterne funkelten auf dem Weg, der zum Baum des Lebens führte. Helen sah es nicht. Als aber die Luft feucht wurde, erschauerte sie und Dasturan Dastur geleitete sie in das Haus des Zoten. Der Tag ging zu Ende, als Helen zum See ging, um zu baden. Dasturan Dastur hatte sie vor das heilige Feuer geführt, der Zot hatte das Gebet der einundzwanzig Worte gesprochen, während der Herbad das Becken mit dem duftenden Sandelholz vor ihr schwang. Dann hatte er das weiße Opfertuch, das von geweihter Wolle gewebt ist, um ihre Schultern gelegt und ihr Haar gelöst. Dasturan Dastur führte sie zum See über den schmalen Pfad. Als sie am Ufer standen, legte er seine Hand auf ihr Haupt und sprach das Gebet der guten Gedanken, guten Worte und guten Taten. Als Helens Fuß das Wasser berührte, erschauerte ihr Körper, obgleich das Wasser von der Sonne warm war. Sie stieg die letzte Stufe hinab, und der See nahm sie in seine warmen Arme. Sie tauchte den Kopf unter, einmal, zweimal, dreimal. Dasturan Dastur ergriff ihre Hand und geleitete sie eine Treppe hinauf. »Sei gegrüßt, du strahlende Jungfrau!« sagte er mit lauter Stimme und verneigte sich tief zur Erde, »rein ist deine Stirn, rein ist dein Mund, rein ist deine Seele!« Er nahm das nasse Opfertuch von ihren Schultern, trocknete ihr Haar und ihr Kleid mit dem Tuch und hüllte sie von Kopf bis Fuß in das große weiße Laken ein, das Leichengewand der Parsen, als Zeichen, daß keine Dunkelheit mehr an ihrer Seele haftete. Er führte sie zur Bank und ließ sie allein, damit sie unter dem Baum des Lebens ruhen konnte. In der stillen Sonnenuntergangsstunde stieg der Lebensstrom aus der Erde in den Baum und wieder zurück. Die Lebenswoge schlug an ihr Herz und öffnete die Flügel desselben weit. Sie breitete die Arme aus, um das Erschaffene gegen ihre Brust zu drücken. Dann lehnte sie sich gegen den Stamm und schlief ein. Bei den letzten Sonnenstrahlen wanderte Ralph über den Pfad. Der See lag blank und golden da. Da sah er oben die weiße Gestalt unter dem dunklen Laub. »Sie ist es!« Und das Herz stand ihm still. Sie schläft, dachte er und ging so nah, daß er ihre Züge erkennen konnte. Die klare Stirn, die starken Brauen – das war Helen. Aber die Wangen schmal und bleich, und die Schmerzenslinie um den milden Mund, das war Schehanna. Verwirrt suchte sein Blick die sanft gerundeten Schultern, die hohe Brust. Da schlug sie die Augen auf – es war Helens Blick, aber seltsam verändert. Sie hob lauschend den Kopf – und sieh: sie preßte die Hände gegen die Brust, wie Schehanna es getan hatte, und dennoch war es Helen. Er schaute und schaute. Ja, es war eine andere als die, die er in seiner Erinnerung getragen hatte. Die Hoheit auf ihrer Stirn griff ihm ans Herz. Die Frau, die er liebte, war reiner und schöner, als er sich vorzustellen vermocht hatte. Darf ich mich ihr nähern, dachte er voller Ehrfurcht. Da richtete sie den Blick auf ihn; das Herz klopfte ihm erwartungsvoll, – sie aber rief ihn nicht, grüßte nicht; kein Zug ihres Gesichts verriet, daß sie ihn erkannt hatte. Habe ich mich denn so verändert, dachte er, trat einige Schritte näher und grüßte. Sie erwiderte seinen Gruß nicht, obgleich ihre Augen geradeswegs auf ihn gerichtet waren. Er blieb verwundert stehen, die Enttäuschung zwang ihn fast in die Knie. Sie hob den Kopf, als ob sie lauschte, und streckte die Hand suchend nach der Stelle aus, wo er stand. Da durchfuhr es ihn: Sie ist blind. »Helen!« schrie es in seinem Herzen auf und mit einem Sprung war er oben. Beim Laut seiner Stimme hatte sie sich erhoben, wie eine bebende Saite stand sie vor ihm, die blinden Augen auf ihn gerichtet. »Helen!« Da lösten sich die Fesseln. Das Lächeln brach auf ihrem Gesicht hervor. Die Augen wurden blank von Tränen. Von ihren Lippen kam ein Laut, halb jubelnd, halb schluchzend. Sie streckte die Arme nach ihm aus und schwankte. Er faßte sie um die Taille und zog sie an sich, während er ihre Seele hinter der strahlenden Leere der Augen suchte. Schmerz und Freude überwältigten ihn, so daß er nichts zu sagen vermochte. Ihre Hände tasteten über seine Stirn, von der Stirn längs der Wangen bis zum Kinn. Sie hob den Kopf und lauschte auf das, was die Finger sahen und erkannten. Dann legte sie ihre Hände um seinen Nacken, schloß die blinden Augen und sank in seine Arme. Und wie sie in seinen Armen ruhte, geschah das Wunder, daß die Welt in ihrem Herzen erstand und mit ihrer Seele eins wurde. Das namenlose Einfache erfüllte sie mit seinem Licht, so daß sie dabei erbebte. Und aus dem Licht erklang es: »Was du suchtest, sollst du empfangen!«