Edward Stilgebauer Der Börsenkönig   Die Lügner des Lebens   I. Der »lange Tag« ging zu Ende. Nur noch eine knappe halbe Stunde war es bis Sonnenuntergang, dann durften die Gläubigen wieder »anbeißen«. In dem kleinen, an der nordbayrischen Grenze gelegenen Marktflecken, dessen schindelgedeckte Hütten und Häuser von den lieblichen Höhen des Spessart umrahmt werden, schritt der Kantor und Vorbeter Perez Mandelbaum an der Seite seines einzigen Sohnes dem von seiner Familie seit fast einem Jahrhundert bewohnten Gehöfte zu. Die Unbill, die er und die Seinen samt allen Mitgliedern der kaum sechzig Seelen zählenden jüdischen Gemeinde jahraus, jahrein von Seiten der etwa sechstausend Köpfe starken bäuerlichen Bevölkerung des Städtchens zu erdulden hatten, sie war heute vergessen. Denn am großen Versöhnungstage verzieh man seinem Feinde und machte Frieden mit seinem Widersacher. Und nun gar er, der eben den Samen dieses Friedens und dieser Versöhnung ausgestreut hatte in die Herzen seiner Gläubigen! Wie ein wahrer Rabbi kam er sich in dieser Stunde vor. Nicht wie ein simpler Kantor und Vorbeter, der kaum im Talmud zu lesen verstand, der keine Studien und kein Examen hinter sich hatte. Nein, wie einer, der da wandelte über die Hügel Moria und Zion, wie einer, der da lehrte im Vorhof des Tempels und in den Schulen, ein Eiferer im Gesetz der Väter, ein Verkünder der Propheten, der Perez Mandelbaum auch in der Tat all sein Leben Tag und Nacht war. In seinem eigenen Innern und in dem Herzen des Sohnes, der wortlos an des Vaters Seite einherschritt, hallten sie auch alle noch nach, die großen, die schönen, die erhabenen Worte, die er eben in dieser Bußpredigt des großen Versöhnungstages an all die Gläubigen des kleinen Fleckens gerichtet hatte. In seinem Innern tönte es noch, wie er geeifert hatte gegen die Weltlust und die Hoffart, gegen die Habgier und die Geldsucht, die Unversöhnlichkeit und den Unglauben, die heute mehr denn je das Volk seiner Väter erfaßt hätten, das Volk, das Gott ausgetrieben aus dem gelobten Lande wie einst in den Tagen Babylons, das er wohnen lasse zur Strafe für seine Sünden als Knechte unter den fremden Völkern, in den großen Städten, dem der Herr Macht und Glanz und Reichtum verleihe, um es zu blenden und nur noch tiefer hineinzuführen in das Verhängnis, weil es die heilige Stätte des Tempels vergessen, das Volk, das mit den Unreinen zu Tische sitze und nicht mehr halte die Waschungen, die Satzungen und die Gebote. Von einer großen, reichen und fernen Stadt, in der er einmal als Knabe mit seinem Vater gewesen, hatte Perez Mandelbaum heute seinen Gläubigen in der Bußpredigt des großen Versöhnungstages erzählt. Von einer Stadt, in der alle großen Geschäfte in den Händen der Söhne seines Volkes seien, wo sie und ihre Frauen und Kinder führen in glänzenden Wagen, hielten die üppigsten Feste, wohnten in Palästen, äßen wie einst Herodes von goldenen Schüsseln und Tellern und mischten sich mit den Söhnen und Töchtern der Unreinen. Von einer Stadt, wo sie die Herrscher seien im Rate und in der Gesellschaft, wo die öffentliche Meinung, die Presse und das Theater, die Kunst und die Politik hinübergeglitten seien in ihre Hände, und wo dennoch Beelzebub, der oberste der Teufel, des Tages harre, sie alle zu vernichten mit dem Schwerte, mit dem Elias die Priester Baals, mit dem Titus die heilige Stadt der Väter schlug. Das alles hatte Perez Mandelbaum heute seinen Gläubigen verkündet. Und nun schritt er daher an der Seite seines einzigen Sohnes wie ein Prophet des alten Bundes, der dreimal das Wehe über die Sünden seines Volkes ausgerufen hat. In dem langen schwarzen, kaftanartigen Gewande sah Mandelbaums hohe, hagere Gestalt, die nun auf einer kleinen Anhöhe stand, wo sein Anwesen, »der Jiddehof«, lag, in der Tat wie der berufene Bußprediger des heutigen Tages aus. Glänzend schwarze, nach Altvätersitte geringelte Locken umwallten das infolge der engherzig eingehaltenen Fasten blasse Gesicht, das spitze Kinn verdeckte ein langer, schon angegrauter und schlecht gepflegter Vollbart, über dem die heute von der Aufregung leicht geröteten Wangen mit den scharfen Backenknochen unschön hervortraten. Das wunderbarste an der ganzen Erscheinung Mandelbaums waren aber die unter der hohen weißen Stirn wie vergraben liegenden, von starken Brauen und Wimpern geschützten, in fanatischem Feuer leuchtenden schwarzen Augen, in denen sich eine Welt von Liebe und Güte malen, und die in der nächsten Minute in leidenschaftlichstem Hasse aufblitzen konnten. Denn Perez Mandelbaum war der echte Sohn seines Stammes, so sehr ihm auch an gewöhnlichen Tagen des Jahres seine Volksgenossen aus dem Wege gingen, und so viel ihn die Praktischen und Schlauen, die Weltklugen und Vorwärtskommer zu verlachen pflegten. Er war geschnitzt aus dem Holze jenes großen Rabbi, gegen den er zetern und wettern konnte, und auch er wäre nicht der Letzte gewesen, um sich der von ihm als gerecht erkannten Sache zuliebe von Haus und Hof jagen, um sich für eine Idee ans Kreuz schlagen zu lassen. Freilich er war ja nur ein Kleiner, ein ganz Kleiner in dem großen Weinberge des Herrn, ein Tagelöhner, wie er sich selber gern in seinen Predigten zu nennen pflegte, den man allabendlich ablohnt und von dem man nicht weiß, ob man seiner Dienste am nächsten Tage noch bedarf. Geburt und Geschick hatten ihn festgenagelt an diesen kleinen Marktflecken, in den vor nun beinahe hundert Jahren sein Großvater Abraham Mandelbaum aus dem Pfälzischen als Viehhändler eingewandert war. Abraham war weniger schwärmerisch als sein Enkel Perez gewesen, er hatte mit allem und jedem Geld zu machen verstanden. Bald war ein Acker und bald eine Wiese von einem Bauern, der die Zinsen nicht hatte zahlen können, an den alten Abraham Mandelbaum gefallen, der sich nicht nur auf den Pferde- und Rindviehkauf, sondern auch auf die Geldgeschäfte vortrefflich verstanden hatte. Ein stattliches Haus mit Ställen und Wohnräumen, im Orte kurzerhand »der Jiddehof« genannt, erhob sich, als Abraham starb, an Stelle der Hütte, die er einst für ein paar lumpige hundert Taler kurz nach seinem Einzug in den Flecken gekauft hatte. Der Vater des Schwärmers war der Erbe des nicht zu verachtenden bäuerlichen Anwesens geworden, indessen der jüngere Bruder Jakob mit einer reichlichen Geldentschädigung in die große Stadt gewandert war. Dem war das Glück dort hold gewesen. Er war einer von denen geworden, gegen die der Neffe heute in seiner von kaum hundert Ohren gehörten Bußpredigt geeifert hatte. Er fuhr in einem glänzenden Wagen, er machte große Geschäfte an der Börse und dachte weder des Gottes seiner Väter noch seines Neffen Perez, unter dessen Leitung der väterliche Hof wieder mehr und mehr verarmte, und der schließlich zum Kantor und Vorbeter herabgesunken war, da er zum Viehhandel und Geldverleihen, die den Großvater und Vater einst reich gemacht hatten, offenbar kein Geschick besaß. An den jüngeren Bruder seines Vaters, Jakob Mandelbaum, dachte Perez, als nun ein liebevoller Blick aus seinen großen schwarzen Augen auf die schmächtige Gestalt des an seiner Seite stehenden einzigen Sohnes David fiel. Dem achtzehnjährigen Jungen war es in dem Flecken und auf dem »Jiddehof« zu enge geworden. Auch er war ein Schwärmer, aber nicht der Fanatiker von der Art des Vaters. Seine zügellose, ins Weite schweifende Phantasie ließ es ihm unmöglich erscheinen, auszuhalten auf dem Hofe seines Vaters, in dem kleinen Flecken, und wie dieser Kantor und Vorbeter einer sechzig Köpfe zählenden Gemeinde zu werden. Er wollte, er mußte hinaus in die große Welt, in die Stadt, gegen die der Vater auch heute in seiner Bußpredigt gewettert hatte. Schweren Herzens hatte sich Perez Mandelbaum endlich dazu entschlossen, einen Brief an seinen Vaterbruder Jakob in die große Stadt zu schreiben und diesen um Rat zu fragen. Und Jakob hatte voller Freundlichkeit geantwortet. Und dennoch, eine leise Schadenfreude hatte Perez aus diesem freundlichen Briefe herausgelesen, eine Schadenfreude darüber, daß der einzige Sohn des unpraktischen Schwärmers sich nicht wohl zu fühlen scheine in der frommen und weitabgewandten Stille des väterlichen Hauses, daß es ihn, gerade ihn hineinziehe in die große Stadt, wo das Geld pulsierte, und wo die Tausende, die Hunderttausende, die Millionen verdient und gewonnen, verloren und wieder erarbeitet würden, sie, die der Schwärmer Perez immer verachtet, gegen die er in all seinen Reden geeifert hatte. Geradezu unheimlich war Perez die übergroße Freundlichkeit gewesen, mit der sich seines Vaters Bruder Jakob des Geschickes seines Sohnes David annahm. Er selbst führe kein Geschäft in dem von David gemeinten Sinne, hatte Jakob Mandelbaum geschrieben. Er sei Börsenmakler und Immobiliensensal, was ja beides ein schönes Stück Geld abwerfe, aber zum Lernen für einen jungen Mann nicht das richtige sei. Perez solle seinen Sohn in ein großes Bankgeschäft als Lehrling stecken, und wenn David schlau sei, dann würde er später schon selber sehen, wie er vorankomme. In der Meinung, seinem lieben Neffen und dessen Sohn zu dienen, habe er daher mit seinem Geschäftsfreunde Harry Seliger, dem Inhaber des früheren Langschen Bankgeschäftes, gesprochen, und dieser sei bereit, David Mandelbaum zum 1. Oktober als Lehrling in seinem Bureau einzustellen. Der Junge solle also bis dahin seine Sachen instand setzen und sich am Morgen des 1. Oktober pünktlich um 9 Uhr in dem Langschen Bankhause, der jetzigen Kommerzbank, Kaiserstraße 63, bei dem Chef melden. Vor acht Tagen war dieser Brief in die Hände von Perez Mandelbaum gelangt und hatte diesem acht schlaflose Nächte bereitet. Heute war der große Versöhnungstag und der 29. September. Morgen sollte David die Reise in die große Stadt antreten, und dann war Perez auf dem einsamen Gehöfte und in dem kleinen Flecken allein. Denn Perez Mandelbaum war seit achtzehn Jahren Witwer. Zwölf kurze Monate hatte das unfaßbare Glück an der Seite seiner schönen Rebekka gedauert, die ihm noch der Vater gefreit hatte, denn selber hätte der schüchterne und weltverlorene Perez einem Mädchen gegenüber niemals den Mut zu einem Antrag gefunden. Auch hätte das damals der Sitte seines Vaterhauses und den Gepflogenheiten seines Stammes widersprochen, sich selber der Auserwählten seines Herzens zu nahen und dieser von Liebe zu sprechen. Heute freilich war das alles selbst in dem kleinen Marktflecken an der nordbayrischen Grenze ganz anders geworden. Aber damals! Da berief man das in allen jüdischen Familien wohlbekannte Schadchen, einen Mann mit feinen Kleidern, weltmännischen Manieren und diplomatischer Veranlagung. Von dem nahm man Vorschläge in betreff der heiratsfähigen Mädchen entgegen, und wenn man sich sattsam über Alter, Gesundheit, Familie und Vermögenslage der betreffenden unterrichtet hatte, dann machte das Schadchen den ersten schüchternen Versuch, bei der zukünftigen Braut und bei deren Familie anzuklopfen. So hatte es die alte gute Sitte der Väter verlangt. Freilich ganz so schablonenhaft war es bei der Werbung, die Rebekka Stein zum Weibe des Perez Mandelbaum gefordert hatte, nicht hergegangen. Der alte Stein, ein mit Töchtern reich gesegneter Familienvater, der seine liebe Not gehabt, hatte drüben im Bayrischen in einem kleinen Dorfe schlecht und recht gehaust. Das Geschäft hatte ihn mit Jakob Mandelbaum in jeder Woche zusammengeführt, denn er brachte die Kälber und schlachtreifen Rinder der Bauern in den Marktflecken zum wöchentlichen Verkauf. Feilschend und sich gegenseitig über- und unterbietend hatten sich Jakob Mandelbaum und Simon Stein liebgewonnen, und bei einem den Wochenmarkt beschließenden Tanzvergnügen in der »grünen Linde« war die schwarzhaarige Rebekka mit den dunkelbraunen Glutaugen eines schönen Abends plötzlich aufgetaucht. Vor den Augen des schwärmerischen Perez war sie aufgegangen wie ein schöner, leuchtender Stern im Dunkel der Nacht. Von Tag zu Tag war der stille und ernste Junge noch wortkarger und verschlossener geworden zur Verzweiflung seines Vaters, der einen praktischen und gewandten Geschäftsmann aus seinem Perez machen wollte, einen Mann, ähnlich seinem jüngeren Bruder Jakob, der in der großen Stadt saß und spielend die Hunderte und Tausende verdiente. Und eines schönen Tages war Perez, Tränen in den Augen, vor seinen Vater getreten und hatte zweierlei gesagt. »Vater,« hatte er gesagt, »ich muß mit Euch reden, Vater. Ich will ein Rabbi werden, der den Menschen das Heil und die Wahrheit verkündet, und, Vater, ich kann nicht leben ohne die schwarze Rebekka, gib mir sie zum Weibe und laß' mich werden ein Rabbi!« Da hatte der alte Handelsmann die Hände über dem Kopfe zusammengeschlagen und hatte seine Meinung gesagt in seiner Art und Weise: »Perez, Schemihl, biste meschugge?! E Rabbi willste werden, wo nichts is dran zu verdienen, und dem Stein seine Rebekka willste machen zu deinem ehelichen Weibe, wo nichts hat als fünf lebendige Schwestern und e ganz zerrissenes Hemd auf dem Leib?« Da hatten die hellen Tränen in den Augen seines Perez gestanden, und der Junge hatte kein Wort mehr erwidert und war davongeeilt. Drei Tage hatte der alte Mandelbaum auf seinem Widerstand beharrt. Aber als man nach drei Tagen immer noch nichts von seinem Perez gesehen und gehört hatte, da war er weich und ängstlich geworden, da ließ er die Wälder absuchen und die einsamen in der Gegend verstreuten Gehöfte nach dem Verlorenen, und endlich hatte man ihn halb erfroren und halb verhungert in einer Arbeiterhütte im tiefen Walde gefunden. Und damals war Moses Mandelbaum, der so viele übervorteilt und so manchen kleinen Mann um seine letzte Kuh und sein Gemüseländchen gebracht hatte, in sich gegangen. Er hatte an seine Brust geschlagen und hatte gerufen: »Gott, der Herr meiner Väter, ist ein gerechter Gott. Er hat mich gestraft in meinem Sohne, der will werden e Rabbi und heiraten das Mädchen, das ist arm. Gott hat mich gestraft.« Und noch an demselben Tage hatte er angespannt und war zu Simon Stein hinüber ins Bayrische gefahren und hatte selbst den Brautwerber um Rebekka für seinen Sohn Perez gemacht. Der alte Stein, der eine bettlägerige Frau und sechs unversorgte Töchter, eine schöner als die andere, wie er immer zu sagen pflegte, zu Hause hatte, war bei Moses Mandelbaums im Wirtshaus nach der Regelung des Viehkaufs erfolgter Werbung fast in die Erde gesunken. Ungläubig, als ob er nicht recht verstanden hätte, hingen seine großen hervorstehenden, graugrünen Augen an den Lippen seines alten Geschäftsfreundes. Als ehrlicher Mann stammelte er: »Mandelbaum, weißte was de redest, Mandelbaum, ich kann ihr geben nichts mit, als was se hat auf dem Leibe, Mandelbaum, und ihre Tugend, für die bin ich gut, Mandelbaum.« Aber Mandelbaum hatte eingeschlagen in die harte, ihm dargebotene Rechte seines Freundes Stein und hatte gesagt: »Siehste, Stein, mein Perez is geworden krank und siech nach der schönen Rebekka. Er will werden e Rabbi und er will verkünden der Welt das Recht und die Wahrheit un ich dachte aus ihm zu machen einen großen Geschäftsmann wie sein Onkel Jakob, was is fast ein Millionär drunten in der großen Stadt. Aber man soll nicht löken wider den Stachel, man soll sich nicht auflehnen, Stein, gegen den Willen des Herrn. Denn der Herr, der das Heer der Ägypter schlug in der Finsternis, hat die Macht, und des Herrn Macht ist ewig. Und wie der alte Elieser warb um Rebekka am Brunnen für den Sohn seines Herren Abraham, so werbe ich in Wahrheit um deine Rebekka für meinen Perez, damit sich die Hand des Herren nicht im Zorne auf uns senke. Denn mein Perez würde dienen sieben Jahre um deine Tochter wie der Erzvater Jakob um die Rahel und er fühlt in sich die Kraft des Herren wie Simson, den seine Mutter dem Tempel gelobte.« »Du bist ein frommer Mann und ein guter Mann, Mandelbaum,« hatte Stein darauf erwidert, »und nun komm mit zu meinem Weibe und zu Rebekka, daß ich ihnen künde die Freude, die uns durch deine Werbung is widerfahren.« So war es damals hergegangen vor neunzehn Jahren, als Perez Mandelbaum die schöne Rebekka Stein zum ehelichen Weibe begehrt hatte. Und kurz nach der Hochzeit war Perez der alleinige Erbe von dem »Jiddehof« geworden. Bei einem Viehtransport aus dem Bayrischen war der Vater tödlich verunglückt. Ein wütender Bulle, den der Alte nicht mehr bändigen konnte, hatte ihm mit den Hörnern den Leib aufgerissen, mitten auf der Landstraße zwischen dem Dörfchen und dem Marktflecken, und als man den furchtbar Verwundeten auf einem Leiterwagen endlich in das Krankenhaus brachte, hauchte er mit den Worten: »Gott segne meinen Sohn Perez,« seine arme Seele aus. Da hatte die Zeit der geistigen Reife und die der praktischen Selbständigkeit für den jungen Perez begonnen. Ein einziges Jahr ungetrübten Glückes war ihm an der Seite seiner Rebekka zuteil geworden. Des schlauen Simon Stein kluge Tochter hatte ihm die Idee, jetzt als verheirateter Mann noch mit dem Studium der Theologie zu beginnen, gründlich ausgeredet, sie hatte ihn darauf hingewiesen, sich dem Hofe und den Geschäften zu widmen, und in den kurzen Monaten seiner glücklichen Ehe mit Rebekka blühten Hof und Geschäfte in seiner Hand. Und bald nach der Hochzeit war die selige Stunde gekommen, da ihm sein Weib ins Ohr geflüstert, daß der Herr seinen Bund mit Rebekka gesegnet habe, und er, er sah darin ein sichtbares Zeichen der Liebe und der Gnade des Herrn, der ihn und seinen Samen groß machen wollte, wie den Samen des Vaters Abraham, dem er einst ein Land der Verheißung und den Segen für alle Geschlechter der Erde versprochen hatte. Und aus diesem wolkenlosen Himmel des Glückes hatte ihn eines Tages die Geburt seines einzigen Sohnes David gerissen. Drei Tage war das Kindlein alt, das Messer des Rabbi hatte gerade das Werk der Beschneidung getan, da befiel die Wöchnerin in der Schlafstube ein schweres Kindbettfieber, von dem es keine Rettung gab. Als Davidchen zehn Lebenstage zählte, trugen sie die arme kalte Rebekka hinaus auf den Friedhof in die Ecke, wo keine Blumen blühen und wo sich keine Rosen um Holz- und Eisenkreuze winden, wo die verwitterte, den meisten unlesbare Schrift der Väter auf den plump behauenen Steinen und den zerbrochenen Säulen kündet, daß hier der Herr über Leben und Tod das Ziel gesetzt hat einem Menschendasein, das da war wie ein Gras, wie die Blume auf dem Felde, die da frühe blühet und bald welk wird, die des Abends abgehauen wird und verdorret. Und eine solche Blume war auch die kaum zwanzigjährige Rebekka gewesen, der der Herr über Leben und Tod plötzlich ein Ziel gesetzt hatte, mitten in der Bahn. Und nicht allein ihr, mit ihr auch ihm, mitten in der Bahn! Denn mit dem Tode Rebekkas war der große Wandel in seinem ganzen Wesen eingetreten. Seit diesen Tagen war Perez Mandelbaum der stumme Perez geworden. Wie er heute schweigsam, fast wie ein Verklärter dahinschritt an der Seite seines Sohnes, so war er achtzehn Jahre lang an dessen Seite dahergegangen. Die Sorge um den Hof und die Geschäfte, die er zusammen mit Rebekka ein Jahr lang im Sinne seines Vaters schlecht und recht geführt, hatte er der alten Buxbaum überlassen, einer jüdischen Vettel, die zu den Kindbetterinnen pflegen ging, und von der man sagte, daß sie noch manche außer der jungen Rebekka Mandelbaum zu Tode gepflegt habe. Denn die alte Buxbaum, die damals schon halb taub und blind gewesen, hatte es sich nicht zweimal von Perez sagen lassen, sie solle doch auf dem »Jiddehof« bleiben und sich des armen kleinen, mutterverlassenen Waisenknaben annehmen. Sie war gerne geblieben, und unter ihren welken Händen wuchs Davidchen heran. Als die Rebekka mit Davidchen niederkam und bald darauf ihr junges Leben ließ, war die Buxbaum dreiundsechzig gewesen, nun war sie einundachtzig, aber immer noch flink auf den Beinen, und blind und taub und furchtbar dürr und häßlich anzuschauen, so daß kleine Kinder und schwangere Weiber einen Schrecken bekommen konnten. Aber gut war sie und verträglich, und ihr Pflegekind Davidchen hatte sie über alle Maßen liebgewonnen, je mehr der Vater seine eigenen Wege gegangen war und sich nicht um das Kind gekümmert hatte. Denn damals nach Rebekkas Tode war in Perez Kopfe aufs neue der Gedanke lebendig geworden, daß er ein Rabbi werden müsse, einer, der der Welt und den Söhnen und Töchtern seines Volkes die Wahrheit und das Recht verkündet. Und so hatte Perez Mandelbaum eines Tages Kind und Haus der alten Buxbaum überlassen und war hineingefahren in die Stadt, um sich dort für das Rabbinat vorbereiten zu lassen. Nach einem Vierteljahr war er aber zurückgekehrt auf den »Jiddehof«, krank an Leib und Seele, fast ein gebrochener Mann. Denn die Kenntnisse, die er sich in der Jugend angeeignet, sie hatten nicht ausgereicht zum Studium, und was er dort in der Stadt gehört und gesehen, hatte ihn mit tiefer Wehmut und mit Entrüstung gegen die Söhne und Töchter seines Volkes erfüllt. Und damals war ihm eingefallen, daß die großen Propheten und Bußprediger seines Volkes hinausgingen in die Wüste, sich vorzubereiten auf den heiligen Beruf eines Verkündigers von Gottes Strafgericht. Da war auch er menschenscheu geflohen in die Stille der Wälder und hatte voll Eifer und in heißer Inbrunst die heiligen Schriften seines Volkes studiert. Und da in vielen Monaten der Einsamkeit war es langsam klar geworden in seinem Kopfe und ruhig in seiner Seele. Aus der unendlichen Wölbung des blauen Himmels, im Rauschen der Blätter, im Erblühen und Verwelken der Blumen, im Sturmwind und Gewitterschauer hatte draußen in der freien Natur der Eine zu ihm geredet, der da war von Anbeginn der Welt, der da ist und der da sein wird in alle Ewigkeit. Den Einen und Gerechten, vor dessen Auge es keine Verhüllung, vor dessen Ohr es keine Lüge gab, hatte Perez Mandelbaum in der Einsamkeit seiner Wälder gefunden, und ihn, diesen Einen und Einzigen, allein in seinem Herzen und in seinen Sinnen, war er aus dem Bergwald, in dem er sechs Monate gehaust hatte, wieder hinabgestiegen in den Flecken, in das alte Gemäuer seines Hofes und hatte in der damals freigewordenen Vorbeter- und Kantorstelle den Beruf seines Lebens gefunden, dem er nun seit siebzehn langen Jahren mit einer an Fanatismus grenzenden Liebe an jedem Sabbat und an jedem Feiertage des Jahres oblag. Während der Vater in all den Jahren sich einzig und allein diesem seinem frommen Berufe widmete, war unter den welkenden Händen der alten Buxbaum der kleine David allmählich herangewachsen. Ein seltsamer, in sich gekehrter Mensch, dieser schmächtige, schwarzhaarige Judenjunge mit der scharf gebogenen Adlernase und den wunderbaren dunkelbraunen Augen, die das Erbteil seiner Mutter, der schönen Rebekka, waren. Schon um dieser Augen willen hatte Perez Mandelbaum das Kind nur verstohlen und von der Seite betrachten können. Sie erinnerten ihn an sein allzu früh verlorenes Glück, sie waren und blieben eine ewige Mahnung an die heißgeliebte Entrissene und sie brachen die notdürftig vernarbten Wunden seines armen Herzens immer wieder aufs neue auf. Um sich vor sich selber und vor dieser Erinnerung zu schützen, überließ Perez den kleinen David der alten Buxbaum, die dem Kinde und dem heranwachsenden Knaben nicht viel zu berichten hatte, die nichts anderes vermochte, als die welkenden Hände mit einer rührenden, mütterlichen Liebe über diese junge Menschenpflanze zu breiten. War doch die Buxbaum in ihrer Jugend einmal selber die glücklichste Gattin, die Mutter von fünf Kindern gewesen! Aber der Herr, der da gab, nahm auch wieder, nicht nur den Mann, den eine Blutvergiftung dahinraffte, nein auch die Kleinen alle fünf in einem einzigen Jahre, als eine Scharlachepidemie unter den Kindern des Fleckens gewütet hatte. Daß die Buxbaum damals nicht den Verstand verlor, daß sie sich aufrecht erhielt und noch die Kraft fand, sich als alleinstehende Frau dem schweren Gewerbe einer Kindbettpflegerin zu widmen, das verdankte sie einzig und allein ihrem Glauben, der da stärker war als der Tod, der die Berge versetzen konnte und der sich zu trösten vermochte mit dem Worte der Väter: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt. Etwas von diesem Glauben, der an Resignation unter die schwere Hand des Schicksals grenzte, hatte sie auch dem kleinen David beigebracht, der als Vier- und Fünfjähriger neben dem Misthaufen mit den Hühnern und Tauben des Hofes spielte, der als Sieben- und Achtjähriger mit den Kindern der christlichen Bauern und Handwerker in die Gemeindeschule lief, um die Buchstaben des Alphabetes und die vier Spezies des Rechnens zu seinem unverlierbaren geistigen Besitz zu machen. Die kleine jüdische Gemeinde verfügte nicht über eine eigene Schule. War ein Judenjunge oder ein Judenmädchen so weit, und konnten es die Eltern zu seiner Erziehung nicht in die Stadt geben, dann lief es eben mit oder vielmehr neben den andern in die öffentliche Schule, wo es allein oder zusammen mit drei oder vier Leidensgenossen auf der untersten Bank in der Judenecke saß und, was es von selber hörte und begriff, mit den andern mitlernen durfte. Denn der Herr Lehrer kümmerte sich wenig um solch einen Jungen und um solch ein Mädchen in einer Schule, wo der Religionsunterricht die Hauptsache war, und Hochwürden, der Herr Pfarrer, alle Woche einmal revidieren und nach den Hauptstücken des Katechismus fragen kam. In der Judenecke auf der untersten Bank hatte auch Davidchen Mandelbaum gesessen und die Glutblicke seiner schönen dunkelbraunen Augen hinüberschweifen lassen zu den vollbesetzten Bänken der Glücklichen, der blonden Knaben und Mädchen, die hier für voll angesehen wurden, mit denen sich der Herr Lehrer die ganze Stunde über beschäftigte, indessen er für seine Tafel, auf der er sich redlich mühte und plagte, kaum einen flüchtigen Blick zu haben pflegte. So hatte Davidchen Mandelbaum für sich allein in der Schule und zu Hause gelernt und gearbeitet. Als er zu lesen verstanden, war die Geißblattlaube hinten an der Gartenmauer unter dem hohen Nußbaum im Sommer sein Lieblingsplatz geworden. Hier hatte man eine weite Aussicht in die Lande, und hier ließ es sich vortrefflich phantasieren und träumen. Die alten Bücher, die er in des Vaters Zimmer und droben in der Bodenkammer gefunden, sie waren hier seine Freunde geworden. Freilich in vielen hatte er trotz aller Mühe, die er sich gegeben, nicht zu lesen vermocht. Viele waren in seltsam großen eckigen Buchstaben gedruckt, in hebräischen und aramäischen Lettern, wie er jetzt wußte. Trotz seiner Bitte hatte ihn der Vater nicht eingeweiht in die Kunst, diese Ungeheuer von Buchstaben zu lesen, und das hatte lange und tief gewurmt und genagt an seinem kindlichen Herzen. Denn er hatte sich eingebildet, daß gerade diese Bücher, die er nicht lesen konnte, die wichtigste Weisheit enthalten müßten. Aber bald fand er einen Trost in anderen Schriften, die, von niemandem gesucht und beachtet, in der Ecke der Bodenkammer verstaubten und vermoderten. Mit diesen schlich er sich in seine Geißblattlaube, und wenn der Herbst kam, und wenn der Wind in wildem Sturme um den »Jiddehof« pfiff, dann kroch er zu der alten Buxbaum an das Herdfeuer der Küche und las dort wundersame Geschichten in den alten Büchern von Harun al Raschid, dem großen Zauberer, von dem Schatze in der Höhle Xa Xa, von der schönen Melusine und der wundervollen Fatme. Auch gereimte Sprüche und Lieder fand er, und ganz plötzlich regte sich in seinem Herzen der Wunsch, auch solche Geschichten ersinnen und solche Lieder machen zu können. Aber trotz aller Mühe, die er sich gab, es wollte und wollte ihm nicht gelingen, bis eines Tages das große Ereignis in sein junges Leben trat, von dem er heute wußte, daß es ihn ganz heimlich und still, so ganz von selber aus einem Träumer und Phantasten zu einem Dichter gemacht hatte. Das war damals gewesen, als er, ein Vierzehnjähriger, in der Schule zum ersten Male gesehen, daß des reichen Mittelhofbauern blonde Marei viel goldenere Haare und viel blauere Veilchenaugen als all die andern Mädchen in der Klasse hatte. Das große Einmaleins und der Aufsatz, den sie zu schreiben hatten, waren ihm mit einem Male die gleichgültigsten Dinge von der Welt geworden. Wie ein Weltverlorener saß er in der Klasse in der untersten Ecke auf seiner Judenbank und starrte hinüber zu der blonden Marei, die die verzehrenden Blicke aus seinen dunkelbraunen Glutaugen wohl bemerkt hatte. Das war an einem heißen Julitage gewesen, und als er sich gegen Abend allein in seiner Geißblattlaube befand, kritzelte er mit seiner Bleifeder auf das fettige Papier, in das ihm die Buxbaum sein Vesperbrot gewickelt hatte, seine ersten Verse: »Deine Augen sind zwei blaue Sterne, die erblühten in der Sonne Schein, sind des Sommerhimmels hohe Ferne, sind des Berges schönster Edelstein. Deine Lippen sind des Meers Korallen, sind der Junirosen dunkle Pracht, sind Rubinen, die in Felsenhallen haßerfüllt der Höhle Gnom bewacht. Deiner Haare wunderbare Flechten sind das Gold in schwarzer Erde Schoß, drum im Kampf die rohen Männer rechten, sind des Jünglings bitteres Todeslos.« Dies war sein erstes Gedicht. Voll tiefen Schauers überflog er damals diese mit zitternder Hand geschriebenen Zeilen. Er las sie zwei-, dreimal langsam durch und zerknüllte das Papier, auf dem er seinen ersten leidenschaftlichen Gedanken an Marei den poetischen Ausdruck verliehen hatte, und warf den Knäuel weit von sich fort. Dann suchte er ihn behutsam unter den Steinen und Holzspänen, die in der Geißblattlaube lagen, wieder hervor und zerriß ihn in hundert kleine Fetzen, die er dem Spiel des sommerlichen Windes übergab. So schämte sich seine keusche Knabenseele des ersten tiefen und unvergeßlichen Eindrucks, den das Weib auf sie gemacht hatte. Mit niemandem, auch nicht mit der alten Buxbaum, sprach er von Marei; aber dieser selber konnten die werbenden Blicke nicht entgehen, die Davidchen Mandelbaum an jedem Morgen nach ihrem Platze richtete, und eines schönen Tages wurde es dem Mädchen zu bunt. In der Pause trat sie voll Zornes an ihn heran und sagte: »Das geht nicht, David Mandelbaum, daß du mich an jedem neuen Tage mit deinen Blicken verfolgst. Ich muß mich ja vor den Leuten schämen, denn du bist ein schmieriger Judebub, und ich bin eines reichen Bauern ehrsame Tochter. Hast du mich verstanden, David Mandelbaum?« Da hatte er den Traum seiner Nächte und die Hulderscheinung seiner seligen Jugendtage angestarrt mit einem einzigen großen und entsetzten Blicke, und dann war er davongerannt aus der Schule, trotzdem der Unterricht noch gar nicht zu Ende war. Oben auf dem Heuboden hatte er sich verkrochen und hatte geschluchzt, daß sich die Steine hätten erweichen können. Und seit jenem Tage war er fortgeblieben aus der Schule und hatte angefangen zu arbeiten, auf dem Hofe seines Vaters, wo es viel zu tun gab, da die alte Buxbaum fast nichts mehr sah, und da der Vater sich nur um seinen Beruf als Rabbi kümmerte. Der Lehrer hatte gesagt, wenn David Mandelbaum wolle, könne er ruhig fortbleiben, er habe genug gelernt und konfirmiert wie die andern Kinder würde er ja doch nicht, weil er bloß ein Judebub sei. Damals hatte sich David Mandelbaum bei Baruch Süßmann in der Marktgasse, in der Handlung, wo es alles gab, ein dickes Heft in einem festen Einbande gekauft. In dieses schrieb er alle seine Gedanken, wie sie ihm gerade in den Sinn kamen, bald in Prosa, bald in Reimen, und dieses Heft, in das er niemandem einen Einblick gewährte, war sein Heiligtum. Auf der ersten Seite des Heftes aber stand: »Ich bin ein Jud' mit rabenschwarzen Haaren, ein Kind der unheilvollen, düsteren Nacht; und du bist blond wie deine Väter waren, ich bin die Schwäche, und ihr seid die Macht. Ins Tal der Schatten hab' ich mich verloren, ihr wandelt in der Sonne goldener Pracht, doch auch die Sonne ward aus Nacht geboren und sinkt zurück in rabenschwarze Nacht.« Er wäre zufrieden gewesen als Tagelöhner auf dem Hofe seines Vaters, wenn nicht dieses Heft und diese Gedanken und Gedichte gewesen wären, die ihn immer und immer wieder aufs neue plagten und ängstigten. Dem Vater mit dem strengen Glauben an einen gerechten und strafenden Gott, dem Vater, der kein Wort für ihn übrig hatte, wagte er nicht sich anzuvertrauen, und die alte Buxbaum, die einst seine Spiele mit den Hühnern und Tauben des Hofes belacht hatte, verstand ihn schon längst nicht mehr. Aber wie der Vater suchte auch er draußen in der großen und freien Natur Trost und Erleichterung. Am liebsten trieb er die Gänse hinaus auf die von den sanften und bewaldeten Höhen der Berge umrahmten Wiesen. Von hier hatte man einen köstlichen Blick über den Flecken und nach dem nahen Walde, hinauf in den Himmel und weit hinaus in die Ebene, wo die Stadt lag, die Stadt mit den vielen tausend Menschen, die er alle nur vom Hörensagen kannte, die Stadt, von der der Vater in seinen Bußpredigten zu sprechen pflegte als von einer Stätte des Teufels, in der die Söhne und Töchter seines Volkes zugrunde gerichtet würden. Ach, wenn er sie nur einmal in seinem Leben hätte sehen können, die Stätte des Teufels, von der der Vater sprach. Aber so ganz allein aus sich heraus vor den Vater hinzutreten und diesem Manne zu sagen: Vater, ich will hinein in die große Stadt zu den Menschen, nach der Stätte des Teufels, wie du die Stadt immer nanntest, dazu hatte er nie den Mut gefunden, und er hätte ihn niemals gefunden, nie, nie in seinem Leben, wenn nicht die letzten Sommerferien den klugen Josef Süßmann, den Sohn aus der Handlung, wo er sein Heft gekauft, in den Flecken geführt, und wenn nicht dieser die Mission erkannt hätte, die David Mandelbaum in der großen Stadt zu erfüllen hatte. Der kluge Josef Süßmann, den sie in die große Stadt in die Judenschule geschickt hatten, und der jetzt dort bei Bär \& Sohn die Handlung lernte, der war in diesem Sommer gerade zur rechten Zeit gekommen. Ihm hatte Davidchen Mandelbaum draußen im Walde sein Herz ausgeschüttet, und ihm hatte er sein Heft gezeigt, in dem sich schon eine eng beschriebene Seite an die andere reihte. Und Josef Süßmann hatte alles gelesen, und dann hatte er gesagt: »David Mandelbaum, du bist e kluger Mensch, du bist e gescheiter Mensch, David Mandelbaum, du derfst nicht bleiben hier in dem Nest und du derfst nicht versauern bei deinem Vater. Du mußt hinein in die Stadt zu den Menschen und du mußt werden ein Schriftsteller und ein Journalist, die da schreiben die großen Zeitungen und werden gehört und gelesen von alle Lait.« – Und zaghaft, aber lohende Freude in seinen dunkelbraunen Augen, hatte Davidchen Mandelbaum den klugen Josef Süßmann gefragt: »Wie soll ich das anfangen, Josef, daß ich werde in der Stadt ein großer Schriftsteller und ein Journalist, was wird gelesen von alle Lait?« – Da hatte der kluge Josef Süßmann den Rotkopf in beide Hände gestützt, hatte sich hinter den Ohren gekratzt, und nachdem er lange nachgesonnen, hatte er endlich gefragt: »Du willst werden ein praktischer Mensch und willst sein ein schlauer Mensch, Davidchen. Und was ist ein schlauer Mensch, der fällt nicht gleich mit der Tür in das Haus. Hast du niemanden in der Stadt, keinen Verwandten oder Bekannten, der dich kann vorwärtsbringen und einschieben, der sich kann verwenden für dich bei Laiten von Einfluß und von Macht, denn nur durch die anderen Laite kannst du rasch und sicher in der Stadt vorankommen, Davidchen Mandelbaum?« Da war ihm Jakob, der Onkel seines Vaters, der die Hunderte und die Tausende in der großen Stadt verdienen sollte, endlich eingefallen, aber zugleich hatte er das Bedenken geäußert, daß der Großonkel kein Journalist und kein Schriftsteller, sondern ein einfacher Geschäftsmann sei. Aber Josef Süßmann hatte gelacht über sein Bedenken und hatte gemeint: »Was einer ist, das ist ganz egal, Davidchen, wenn er nur hat Geld und Macht und Einfluß, und wenn er hat mitzureden ein Wort und kennt die anderen Lait. Halt dich an deinen Großonkel Jakob und fang' an als Geschäftsmann, denn auch die Schriftstellerei und der Journalismus sind bloß ein Geschäft. Wenn du hast gelernt, wie gemacht wird das Geld, wie es wird gewonnen an der Börse, dann haste gelernt die Hauptsache in deinem Leben, Davidchen, dann kannste werden, was de willst. Dann wirste finden die Lait, die da machen die Bücher un das Theater un die Zeitungen und die öffentliche Meinung. Du bist ein Glückspilz, daß du hast deinen Großonkel Jakob Mandelbaum in der großen Stadt.« So war es gekommen, daß Davidchen Mandelbaum den Entschluß faßte, den Vater und den »Jiddehof« und die alte Buxbaum zu verlassen, um in die große Stadt zu gehen, um dort sein Glück zu versuchen, wenn er auch als Lehrbub in dem Langschen Bankhause bei Harry Seliger, von dem er nichts als den Namen kannte, den Anfang machen mußte. Etwas beklommen war es ihm heute allerdings um das Herz, sonderlich nach der Predigt des Vaters, der heute die Stadt, in die er hineinwollte, wieder als ein wahres Sodom und Gomorrha gemalt hatte. In seinem Stübchen stand der große Koffer, den er in den letzten Tagen sorgfältig und ganz allein gepackt hatte, denn die alte Buxbaum hatte wieder einmal das Reißen und konnte kaum mehr vom Fleck. Aber unter der Halle des altväterlichen Hofes erwartete sie jetzt trotz aller Schmerzen in den Gliedern die beiden Ankommenden, Vater und Sohn. Die schielende Sepherl, ein Kind von dreizehn Jahren, ein wahrer Ausbund jüdischer Häßlichkeit, hatte ihr beim Decken des Tisches geholfen, der an dem wundervollen, noch warmen Septembertage unter der gelbgewordenen Weinlaube vor dem Hause stand. Eine mütterliche Zärtlichkeit lag jetzt in dem ganzen Wesen der alten Buxbaum, die auch heute trotz ihrer Einundachtzig die Fasten gehalten hatte, als sich Davidchen an ihrer Seite am Tische niederließ. Sie hatte es bei Perez durchgesetzt, daß man gestern zum Abschied des Jungen die erste fette Gans des Jahres geschlachtet hatte; denn Grieben mit Kartoffeln waren von jeher das Leibgericht ihres vergötterten Pflegesohnes gewesen. Das Gänsefleisch wurde eingefettet oder eingepökelt und diente dann den Winter über als willkommene Speise an Stelle des bei den christlichen Bauern üblichen Schweinefleisches, das Moses den Kindern seines Volkes verboten hat. Es war ein wunderbares, fast alttestamentliches Bild, die drei im Scheine des scheidenden Tages unter der Weinlaube vor dem altväterlichen Hause das Brot des Sabbats brechen und die erste Mahlzeit dieses langen Tages mit feierlichem Ernste einnehmen zu sehen, die Greisin, die die welkende Rechte auf den Arm Davidchens gelegt hatte und ihn ansah mit Blicken der Liebe und Verehrung aus den schon trüb gewordenen und immer entzündeten Augen, den Mann in dem langen schwarzen Kaftan, der seine hohe schlanke Gestalt faltenreich umwallte und das Apostelhafte seines von künstlich gedrehten Schläfenlocken umrahmten, scharfgeschnittenen Gesichtes noch erhöhte, und endlich den Jungen, dem die Frische der Jugend und die Aufregung der für morgen bevorstehenden Abreise auf beiden Wangen brannten. Hinter den nahen Bergen, die über die von Hauswurz überwucherte Steinmauer des alten Hofes hineinguckten, war die Sonne längst zur Rüste gegangen, aber der Schein der im Westen aufsteigenden Abendwölkchen vergoldete noch die wie aus einer fernen Welt der Vergangenheit mitten in die hastende Gegenwart versetzte Gruppe dieser drei Menschenkinder, die sich so nahe standen, sich so liebten und sich dennoch so wenig zu sagen hatten, weil die lange Einsamkeit der Jahre das Wort zu einem kargen Gaste ihres Hauses und den Weg vom Herzen zu den Lippen allzu weit gemacht hatte. Als die Nacht herniedersank, erhob sich Perez Mandelbaum, der große Rabbi, von seinem Sitz, und die Hände feierlich ineinanderlegend, sprach er mit seltsam singender Stimme: »Wir danken dir, Gott der Väter, für diesen Tag der Buße und der Versöhnung, dessen Sonne deine Hand über uns niedergehen läßt. Wir danken dir, Gott der Väter, für Speise und Trank, und geloben, dem Armen das Seine zu geben und den Fremdling nicht zu hassen, und vor allem zu lieben den Sohn und die Tochter unseres Volkes, denen wie uns dein Segen geworden, und die du wie alle Menschen nach deinem Bilde geschaffen, Herr über Leben und Tod, Herr der Heerscharen. Amen!« Nach diesen Worten brach der Rabbi das Brot und reichte die Stücke seinem Sohne und der alten Buxbaum, und dann schenkte er den Birnenmost ein, den er zusammen mit David vor wenigen Tagen selber gekeltert hatte, draußen im Garten in der altväterlichen Kelter, die noch völlig ähnelte den Keltern, zu denen die Töchter seines Volkes vor Hunderten von Jahren die Trauben aus den Weingärten von Engeddi getragen hatten. Davidchen ließ sich die Grieben schmecken und das Brot und den Most, denn seit der Sonne Untergang am gestrigen Abend hatte er nichts mehr gegessen, und die Jugend verlangte trotz des hart herandrängenden und nahe bevorstehenden Abschieds ihr Recht. Schweigend vollendeten sie das Mahl. Und erst, nachdem der Vater die kurze Pfeife, die er an den Tagen der Feste ausnahmsweise zu rauchen pflegte, ausgeschmaucht hatte, nachdem er das Dankgebet an den Gott seiner Väter gerichtet, öffnete der große Rabbi den Mund, um sich zum Abschied an seinen Sohn zu wenden. Dem ward es ganz feierlich zumute, und die Tränen traten ihm in die Augen, während die alte Buxbaum andächtig die Hände faltete und am ganzen Leibe zitterte, als der große Rabbi Perez Mandelbaum sprach: »Mein Sohn David, du ziehst in die große Stadt zu den Menschen, und es ist dein Wille, und es ist der Wille des Herrn, des Gottes meiner und deiner Väter, daß ein Mensch Vater und Mutter verlassen soll, daß er soll ziehen aus dem Lande seiner Geburt und von seiner Freundschaft und aus dem Hause seines Vaters, wohin ihn Gott und seine Bestimmung rufen. Du willst werden ein Mann der Welt, ein Mann des Geschäfts, mein Sohn David, und es ist gut so; denn der Herr soll segnen deiner Hände Arbeit und die Gedanken deines Kopfes, wie er segnete den Erzvater Jakob, auf dessen Haupt der Erzvater Isaak seine Hand gelegt.« Der große Rabbi erhob die Hand und legte sie auf den Scheitel seines Sohnes, der vor ihm niederkniete, und dann fuhr er fort: »Aber gerecht ist der Herr, der Gott unserer Väter, ein eifernder Gott und ein wahrer Gott, ein Gott, der da sagte, ich dulde keine andern Götter neben mir, neben dem du kein Bildnis machen darfst und kein Gleichnis, nicht draußen vor den Menschen und nicht drinnen in deinem Herzen, denn der Herr will die Stätte deines Herzens teilen mit keinem, denn er ist ein einiger Gott. Darum gib du ihm in allem, was du tust und denkst, mein Sohn, dein Herz und laß dir seine Wege wohlgefallen. Dann wird es dir gut gehen, und du wirst lange leben auf Erden. Du wirst deine Frucht bringen zu deiner Zeit, gleich dem Baum, der da ist gepflanzet an dem Ufer des Jordan, dessen Blätter niemals verwelken können. Wandle nicht im Rate der Gottlosen. Tritt nie auf den Weg der Sünder, setze dich nie auf die Bank, wo die Spötter sitzen, sondern zeige Lust zum Gesetze des Herrn und trage seine Gebote in dir Tag und Nacht. Andere wirst du sehen in der großen Stadt drunten, die da verlassen haben das Gesetz Mosis, und die errichteten das goldene Kalb, wie die Kinder Israels in der Wüste, zu deren Füßen der Vater Moses die Tafeln des Gesetzes zerschlug, da sie tanzten um das Götzenbild, so daß sie alle Scham und Furcht des Herrn vergessen hatten. Solche wirst du finden in der Stadt, die da sind wie Spreu, die der Wind verstreut, die Gott läßt dahinfahren in seinem Zorn, an denen er heimsucht ihre Sünde an Kindern und Kindeskindern bis in das dritte und vierte Glied. Aber du, mein Sohn, sollst bleiben in Gott und dann wird Gott, der Herr unserer Väter, bleiben in dir. Der Baum sollst du werden, der da gute Früchte bringt, der da blühet und grünet in jedem neuen Jahre, so daß sich in seinem Wipfel sammeln die Vögel des Himmels, und daß die Menschen eine Freude an ihm haben. So wandle du, mein Sohn, in die Stadt durch das Leben, durch die Hütten der Mühseligen und Beladenen, durch die Paläste der Mächtigen und Großen und durch die Häuser der Reichen, ein Weiser, ein Kluger, ein Guter, dem der Herr den Segen gab auf seinen Pfad!« Bei diesen Worten küßte der große Rabbi seinen Sohn auf die Stirn, und als David die wundervollen dunkelbraunen Augen, die das Erbteil seiner Mutter Rebekka waren, aufschlug zu seinem Vater, fielen zwei heiße Tränen nieder auf seine Hände, die ersten, die Perez seit dem Tode seines Weibes wieder geweint hatte. Die Dämmerung lag auf dem Tal, und die Nacht kam. In dem Halbdunkel entschwand die hohe Gestalt des großen Rabbi den Blicken Davids, aber in seiner Hand fühlte der Junge den harten Deckel eines Buches, das ihm der scheidende Vater gegeben hatte. Leise schlich er sich in die Küche, und in dem Lichte des flackernden Kienspanes, den die alte Buxbaum in angeborener Sparsamkeit hier am Herde zu brennen pflegte, las er die Überschrift dieser von dem Vater eigenhändig geschriebenen Blätter: »Eine Lebensführung für meinen einzigen Sohn David Mandelbaum, aufgezeichnet in Stunden der Liebe und der Angst von seinem Vater.« Da stürzten dem Jungen die hellen Tränen aus den Augen über diesen Vater, der ihn je und je geliebt und der fast nie ein Wort mit ihm gewechselt hatte, und wie durch einen Schleier der Wehmut las er die erste Seite dieses seltsamen Buches, das er sich vornahm, auf seinem Herzen zu tragen. Und auf dieser Seite stand: »Der Herr, der Gott unserer Väter, ist ein gerechter Gott und ein strenger Gott. Sein Wort ist die Wahrheit, und die Lüge zerfließt vor seinem Angesicht. Er wandelt in einer Feuersäule und wohnt in einer Wetterwolke. Sein Arm ist lang und erreicht den Schuldigen am Ende der Erde. Seine Boten fliegen vor ihm her, die Lenden gegürtet und das Schwert der Rache in den Händen. Denn die Räder seines Wagens sind die Winde, und der Sturm ist sein Führer, und die Schlünde der Erde bieten vor seinem Zorne keine Flucht. Und fliehst du an die Enden der Welt, siehe, der Herr ist da, und bettest du dich in der Hölle, siehe, der Herr ist auch da, und nähmst du Flügel der Morgenröte und flögest du zum äußersten Meere, die Hand des Herrn wird dich erreichen, wenn du dein Herz mit dem Fluch der Sünde beladen hast. Lies in diesem Buche deines Vaters, was alles Sünde ist, was alles zur Sünde werden kann! Aber freundlich ist der Herr wie das Säuseln des Windes, der da kühlet deine brennende Stirn nach dem heißen Tage, wie der Strahl der Sonne, der da weckt am Morgen die Blumen aus dem Schlaf, daß sie erblühen und dastehen in all ihrer Kraft und Herrlichkeit, dem, der da wandelt die Pfade des Gerechten.« Die ganze Nacht kam kein Schlaf auf Davids Augenlider. Und lange starrte er empor zu dem sternbesäten Himmel, in dessen lichten Höhen nach dem Glauben seines Vaters der Herr wandeln sollte, der da war wie eine Wetterwolke, wie eine Feuersäule und vor dessen Arm es kein Entrinnen gab. II. Als Davidchen Mandelbaum sich in der neunten Vormittagsstunde des ersten Oktober dem stattlichen Geschäftshause Harry Seligers näherte, stand er eine lange Weile wie erstarrt still. Die Kommerzbank, wie sich das Langsche Geschäft seit seiner Erweiterung und Umwandlung in eine Aktiengesellschaft durch Seliger nannte, war in der Tat ein prächtiger Bau. Aus gelbem Mainsandstein massiv, diebs- und feuersicher aufgeführt, nahm es sich in der lebhaftesten Verkehrsstraße der großen Stadt aus wie eine Zwingburg, die wohl den Millionen der Welt Raum und Schutz in ihren Gewölben und Kellern bieten konnte. Überhaupt diese Stadt mit den hundert und aberhundert durch die Straßen flutenden, hastenden und drängenden Menschen, mit dem Wagenlärm und dem nicht endenden Läuten der Trambahnen, sie hatte schon am gestrigen Tage einen überwältigenden Eindruck auf Davidchen Mandelbaum gemacht. Bei einer alten freundlichen Frau namens Levy hatte er draußen in der Vorstadt ein kleines, bescheiden möbliertes Zimmerchen für zwölf Mark den Monat gemietet, und gleich gestern hatte er in einer alten Gasse des Ostens ein billiges Restaurant gefunden, an dessen halbblinden Fenstern ein Pappschild mit der Aufschrift verkündete, daß hier nach dem Ritus seines Glaubens gekocht wurde. Was wollte Davidchen Mandelbaum fürs erste mehr? Wie gebannt stand er jetzt vor dem hohen, zu seinem großen Erstaunen verschlossenen, schmiedeeisernen Gittertore der Kommerzbank, hinter dem ein reich livrierter Portier, einen von einer goldenen Kugel gekrönten Stab in der Hand, gravitätisch auf und ab ging. Wäre er nicht der völlige Neuling in der großen Stadt gewesen, es wäre ihm sicher aufgefallen, daß hier vor dem stattlichen Gebäude der Kommerzbank sich heute etwas besonderes abspielen mußte. Nicht nur, daß die Tore der Bank noch geschlossen waren, obwohl die Stunde des Geschäftsbeginnes schon längst geschlagen hatte, nein, es standen auch zwei Schutzleute vor dem Eingang des Hauses, und ein Häuflein erregter Menschen, deren Gebaren Davidchen Mandelbaum durchaus nicht zu begreifen vermochte, forderte erregt und vergeblich Einlaß in die Bank. Es mußte ein großes und bedeutendes Geschäft sein, dachte der kleine schwarzhaarige Judenjunge, in das ihn das Glück und die Verwandtschaft mit seinem Großonkel Jakob Mandelbaum führen sollten, wenn sich die Menschen in so früher Stunde vor dem palastartigen Hause drängten und stießen, und wenn es drinnen so voll war, daß man das Tor absperren mußte und niemandem mehr Einlaß gewähren konnte. Er nahm sich vor, geduldig zu warten wie die andern, die sicher größere Dinge als er, der neue Lehrbub, in der Bank zu erledigen hatten, und musterte mit seinen großen, dunkelbraunen Augen die Front des imponierenden Baues, dessen mit starken Eisengittern bewehrte hohe und helle Fenster so freundlich und einladend in den Strahlen der goldenen Morgensonne glitzerten und leuchteten. Am besten von allem gefiel ihm die Krönung des Ganzen, ein nackter Mensch mit Flügelschuhen, eine fast lebensgroße Figur aus Goldbronze, die droben inmitten des Firstes auf einer großen Kugel schwebte, und von deren glänzendem Körper die Sonnenstrahlen wie gleißendes Gold in seine Augen drangen. Daß der Mann mit dem Stabe und den Flügelschuhen der Gott des Verkehrs und des Handels sei, den die Heiden Merkur genannt haben, erinnerte er sich, einmal in einem Buche gelesen zu haben, und ganz stolz auf seine Weisheit blinzelte er dem alten Heidengotte wie einem Vertrauten zu, unter dessen Führung er nun auch einmal sein junges Glück versuchen wollte. Da fiel es ihm auf, daß das Menschenhäuflein vor dem Eingang der Bank von Minute zu Minute dichter und größer wurde, daß sich die Leute, die sich bislang unter den Augen der beiden Schutzleute gesittet und ruhig benommen hatten, immer ungeduldiger gebärdeten. Erregte Stimmen wurden hie und da laut. Neugierige und Straßenbummler gesellten sich zu den Wartenden, Bäcker- und Schusterjungen, die stehen blieben und einen Gassenhauer pfiffen, heruntergekommenes Gesindel, das mit ironischen Bemerkungen in die Fragen der Ungeduldigen und in die Anweisungen der Schutzleute hineinfuhr. Ein dicker, ganz vorn stehender Mann, der sich mit einem rot- und gelbkarierten Taschentuch die perlenden Schweißtropfen von dem fast haarlosen Schädel wischte, wandte sich eben an den betreßten Portier und sagte mit lauter Stimme: »Na, so machen Sie mal auf, Verehrtester, das Warten nützt Ihnen doch nichts, zahlen müßt Ihr, ich hab' den Depotschein hier in meinem Notizbuch.« Ein lautes Gelächter von Seiten der unbeteiligten Zuschauer bildete die Antwort auf diese drollige Apostrophierung des Betreßten, der sich durch nichts aus seiner würdevollen Haltung als Hüter der Kommerzbank herausbringen ließ. Der eine von den Schutzleuten packte einen laut lachenden und schreienden Bäckerjungen beim Ärmel und befahl: »Weitergehen, nicht stehen bleiben, wenn ich bitten darf, weitergehen, meine Herrschaften.« Die an dem Behelmten ganz ungewohnte Höflichkeit versagte ihre Wirkung nicht. Ein Dutzend Bummelanten, die die Sache nichts anging und denen das Warten zu langweilig wurde, setzte sich in Bewegung. Nur der Dicke brummte vor sich hin: »Was, warten soll ich nicht, ich warte. Zwölftausend Mark habe ich am 1. Juli eingezahlt, ich will doch sehen, wer mir hier das Warten verbietet, ich will doch sehen, ob ich nicht zu meinem Gelde komme, und wenn ich bis Weihnachten übers Jahr hier warten sollte!« Jetzt sah sich Davidchen Mandelbaum die Leute, die hier warteten, einmal näher an. Soweit er das beurteilen konnte, waren das keine großen Leute, keine von den Vornehmen, die er gestern allein bewundert hatte, die da fuhren in den mit zwei feurigen Pferden bespannten Wagen, und die sich scheuten, ihre schönen Kleider mit dem Schmutz der Straße in Berührung zu bringen. Schon der Dicke, der von den zwölftausend Mark gesprochen hatte, der eine gestrickte braune Jacke trug und ein paar hellgraue grobe Beinkleider, sah aus wie ein Bierwirt oder ein Handwerkermeister, wie einer, der immer gearbeitet hatte, und dem es sein Lebtag nicht schlecht gegangen war. Und auch andere gewahrte er unter den geduldig Wartenden, alte und junge Frauen aus dem Volke, die keinen Hut trugen und ein gestricktes Tuch zum Schutze gegen den Wind um den Kopf geschlungen hatten; Männer in abgeschabten schwarzen Röcken mit ernsten und bleichen Gesichtern, die, nach ihrer Kleidung und Haltung zu schließen, kleine Beamte oder Kaufleute sein konnten. Von dem nahegelegenen Riesenbahnhof, den er bei seiner Ankunft bewundert hatte, schlug es halb zehn. Eine gute halbe Stunde stand er nun hier mit den andern vor dem Eingang der Kommerzbank und wartete. Da trat der eine der Schutzleute an den Betreßten heran und wechselte mit diesem ein paar Worte. Davidchen Mandelbaum sah, wie der Portier einen Mann in das Innere des Hauses schickte, und wie die Wartenden sich auf die Zehenspitzen stellten und die Hälse reckten. Dann vernahm er die von dem Betreßten mit lauter Stimme gesprochenen Worte: »Wir haben soeben telephonisch Meldung aus der Villa des Herrn Seliger bekommen. Herr Seliger muß jeden Augenblick vor der Bank eintreffen!« Das Wort: »Herr Seliger muß jeden Augenblick vor der Bank eintreffen!« pflanzte sich nun von Mund zu Mund fort. Der vor dem Eingang stehende Menschenhaufen wurde wieder dichter, nur mit Mühe und unter Anwendung sanfter Gewalt gelang es den beiden Schutzleuten, den Weg für die Passanten frei zu machen. Gerade in dem Moment, als Davidchen Mandelbaum sich überlegte, was denn das alles zu bedeuten habe, als ihn plötzlich eine furchtbare Angst vor etwas Gräßlichem, was hier vorgefallen sein könnte, die Kehle zusammenschnürte, bog in scharfem Trabe ein mit zwei herrlichen Grauschimmeln bespannter Landauer, auf dessen Bocke, der tadellos gekleidete und glattrasierte Diener neben dem tadellos gekleideten und glattrasierten Kutscher saß, in die Straße und hielt nach wenigen Minuten vor dem Eingang der Bank. Schweiß und weißer Schaum bedeckten die schönen Pferde, die der Kutscher mit einem scharfen Ruck angehalten hatte. Laute Rufe, Verwünschungen und Flüche wurden jetzt laut. Jedes Kind in der Stadt kannte den eleganten, auf Gummirädern fast lautlos dahinrollenden Landauer, in dem Harry Seliger, der Vorstand der Kommerzbank, von seiner Villa in das Geschäft und von dort nach der Börse zu fahren pflegte. Der Diener in der hellbraunen Livree war vom Bock gesprungen und riß, den Zylinder ehrerbietig lüftend, den Wagenschlag auf. In diesem Moment klirrte eine Scheibe. Ein Bursche, den einer der Schutzleute sofort beim Kragen packte, hatte einen Stein gegen das Wagenfenster geschleudert, schrilles Pfeifen und lautes Johlen empfing den in eisiger Ruhe seinem Wagen entsteigenden Bankvorstand, der die gegen ihn heranflutende Menge mit einem kalten Blick aus seinen dunkeln und starren Augen verächtlich maß. »Gib das Geld her,« brüllte da einer aus der Menge, und andere, durch dieses brutale Vorgehen mutig gemacht, folgten dieser ersten Stimme und riefen: »Unser Geld, Schuft, Betrüger – der die Wechsel nicht mehr einlösen kann – unser Geld, unser Geld.« Ein verächtliches Lächeln, wie es nicht geringschätziger um die Lippen eines beleidigten Königs spielen konnte, zuckte nun wieder um den scharfgeschnittenen und sorgfältig ausrasierten Mund Harry Seligers und bildete die einzige Antwort des Bankvorstandes, der, den goldenen Zwicker auf der Nase, sich zunächst den Schaden besah, den sein Landauer erlitten hatte. Der also war der große Harry Seliger, dachte Davidchen Mandelbaum, der Börsenkönig, der Vorstand der Kommerzbank, der Mann, der die goldenen Millionen in Umlauf setzen konnte. Der seit einer halben Stunde geduldig wartende Judenjunge war ins Gedränge geraten, nun stand er ganz vorne, dicht neben dem Wagen, und da sah er sich den Gewaltigen genau an. Harry Seliger mochte die Fünfzig hinter sich haben. Seine Haltung in dem eleganten schwarzen Jackettanzug, den der aufgeknöpfte moderne Paletot sehen ließ, war noch eine ungebeugte. Finstere Entschlossenheit blitzte in diesem Momente, da Davidchen Mandelbaum ihn zum ersten Male in seinem Leben sah, aus Seligers Augen, und tiefer Ernst lagerte auf seiner hohen, stark gewölbten Stirn, die ein funkelnagelneuer Zylinder beschattete. Das Charakteristischste aber an dem ganzen blassen und interessanten, scharfgeschnittenen, jüdischen Gesichte war die erhabene Ruhe in diesen kalten, klaren Augen. Den Bart trug Harry Seliger in Kotelettform, wie ihn die Rotschilds zu tragen pflegten, und wie er seitdem für viele große und kleine Krösusse in der ganzen Welt typisch geworden ist. Wie ein Tierbändiger musterte Seliger den ganz dicht an ihn herandrängenden Haufen, die Hände der Vordersten rührten schon an seinen Körper; als seien sie unrein und beschmutzt, wehrte er sie mit einer leichten Bewegung, mit einem verächtlichen Blicke seiner kalten Augen von sich ab. »Das Geld her!« brüllte da wieder einer wie eine angegriffene Bestie, und der ganze Menschenhaufen drängte auf Seliger ein, da die Schutzleute jetzt keine Macht mehr über die aufgebrachten Leute hatten. Seliger zählte die Menschen, man sah es deutlich an seinen Blicken, die von einem zum andern schweiften, so wie er die Hunderte und die Tausende, so wie er die Millionen zu zählen gewohnt war. Sechzig bis siebzig Menschen mochten es nach seiner oberflächlichen Schätzung sein. Sechzig bis siebzig, die ihre Geldforderung von ihm befriedigt wissen wollten. Und wieder glitt das verächtliche, menschenmißachtende Lächeln um seine Lippen, dann erhob er die Hand und sagte mit lauter Stimme: »Was wollen Sie von mir? Ich begreife nicht, daß man auf mich warten und die Bank abschließen konnte. Die Depots werden sofort ohne Kündigung mit Zins und Zinseszins einem jeden an meiner Kasse ausgezahlt.« Er winkte dem Betreßten. »Öffnen Sie, Portier, schicken Sie mir den Hauptkassierer und lassen Sie die Leute einen nach dem andern in Ordnung eintreten.« Und dann mit erhobener Stimme: »Es liegen für fünfzehn Millionen unanfechtbare Werte in den Tresors der Bank.« Das Gittertor sprang auf. Hinter Seliger und Davidchen Mandelbaum, der sich rasch und aalglatt hineingezwängt hatte, flutete die Menge in den mollig durchwärmten Korridor des großen Bankhauses, vor dessen Kassenschaltern sie nun dicht gedrängt Kopf an Kopf stand. »Punkt zehn Uhr kommen die Herren vom Aufsichtsrat zu einer außerordentlichen Sitzung hier zusammen,« wandte sich nun Seliger an den tief dienernden Portier und schritt dann der in dem Erdgeschoß untergebrachten Hauptkasse zu, wo der Kassierer in unsagbarer Verwirrung seiner Befehle harrte. »Sind Depotkündigungen seit gestern eingelaufen, Grünert?« fragte Seliger den alten, schon im Dienst des ehemaligen Langschen Geschäfts ergrauten Beamten. »Jawohl, Herr Seliger,« lautete die Antwort. »In welcher Höhe?« »So weit ich es übersehen kann, für zwei Millionen und siebenmalhunderttausend Mark.« »Gut, Sie zahlen alles sofort in bar aus. Setzen Sie sich mit der Reichsbank in Verbindung, falls Sie nicht genügend bares Geld haben sollten. Das Guthaben bei der Reichsbank beläuft sich augenblicklich auf wieviel?« »Auf fünf Millionen und dreimalhunderttausend Mark, Herr Seliger.« »Schön. Und die Leute, die da draußen herumstehen, Grünert, wie hoch schätzen Sie diese Leute?« »So weit ich sehen kann, Herr Seliger, lauter kleine Leute mit Einlagen von tausend bis zehntausend Mark.« »Wird alles auf Heller und Pfennig ohne Kündigung sofort jetzt bezahlt, Grünert. Soviel um diese kleinen Leute zu befriedigen, werden Sie haben?« »Ich denke ja, Herr Seliger.« Ein befriedigtes Lächeln um die Lippen, stieg der Gewaltige die breite, mit Wurzener Läufern belegte Marmortreppe hinan zum ersten Stockwerk, in dessen Balkonzimmer sein Direktionsbureau gelegen war. Etwas echauffiert hatte er sich doch. Die Szene auf der Straße, vor den Toren der Kommerzbank, der Stein, den der freche Bursche gegen das Fenster seines Landauers geschleudert, sie hatten ihn doch aufgeregt. In diesem Augenblick, da er sich fast erschöpft in den weichen, vor seinem Schreibtisch stehenden Sessel niederließ, wollte es ihn mit einem Male bedünken, als sei er doch nicht mehr der zähe, der unbeugsame Harry Seliger der früheren Zeiten, über dessen Scheitel die Stürme der Gründerjahre und die Epoche der großen Börsenkrache spurlos dahingegangen waren, der einst in dem Hofe der von ihm in einem kleinen Städtchen am Rhein ins Leben gerufenen Jutespinnerei einem johlenden Haufen revoltierender Arbeiter, den Revolver in der Hand, standgehalten, bis das aus der nahen Großstadt herbeigerufene Militär kam. Der, der er vor fünfzehn, zwanzig Jahren gewesen, der war er am Ende heute doch nicht mehr, heute, wo er seine Kräfte mehr denn jemals in seinem Leben nötig hatte, heute, wo endlich das große Millionenprojekt, der Plan langer Monate, die Sorge von hundert schlaflosen Nächten, das stolze Gebäude seiner unbegrenzten Gewinnsucht und seiner zügellosen geschäftlichen Phantasie mit Hilfe des in der reichen Stadt angehäuften Großkapitals realisiert werden sollte. Es war ein gewagtes, ein tolles, ein nur für ihn allein denkbares Spiel, das er heute mit der Welt, mit der Börse, mit seinen Geldgebern trieb. Seliger verhehlte sich das nicht einen Augenblick. Und doch war dieser gefährliche Weg, den er heute beschritten, der einzig mögliche, wollte er sich nicht der Gefahr aussetzen, daß sein gewaltiger, sein ganzes Wesen berauschender Zukunftsplan, der ihn in der Tat zu einem König des Geldmarktes machen sollte, an der Zaghaftigkeit und Ängstlichkeit seiner Mitarbeiter scheiterte. Mit der schönen weißen Hand, deren kleinen Finger ein einziger auf Tausende geschätzter Solitär schmückte, strich sich Harry Seliger durch das schon stark gelichtete Haar. Dann holte er unter den auf seinem Schreibtisch liegenden Zeitungen die gestrige Abendausgabe des Handelsblattes hervor und las noch einmal mit einem Lächeln der Genugtuung, dem sich aber ein banges Angstgefühl untermischte, den gesperrt gedruckten und an der Spitze des Blattes stehenden Artikel: »Zu dem jüngsten Bankkrach in unserer Stadt. Der bei den Gerichten angemeldete Konkurs der seit Jahrzehnten bestehenden Bankfirma J. J. Stern \& Co. ist dem Zusammenbruche der Grundstück- und Länderbank auf dem Fuße gefolgt, und wenn nicht alle Zeichen trügen, dürfte dieses Désastre in unserer Finanzwelt nicht das letzte sein, das weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus die Gemüter in Aufregung versetzen und die Börse beunruhigen wird. Wie wir allerdings nur gerüchtweise erfahren, soll auch die angesehene und von allen Fachkreisen für fest gehaltene Kommerzbank (früher Adolf Lang \& Co.) stark engagiert und an den Verlusten der verkrachten Grundstück- und Länderbank beteiligt sein. Wenigstens wird uns versichert, daß im Laufe des gestrigen Tages präsentierte Wechsel in der Höhe von etwa einhundertundfünfzigtausend Mark an der Kasse der Kommerzbank nicht eingelöst worden sind.« Den Kopf in die Hand gestützt saß Harry Seliger einige Augenblicke überlegend vor dem auseinandergefalteten Zeitungsblatte, dann riß er ein Stück Papier von dem vor ihm liegenden Notizblock und schrieb: »Zu unserer Freude sind wir heute in der Lage, die gestern von uns gebrachte Notiz über die angeblichen Verluste der Kommerzbank (vormals Adolf Lang und Co.) bei dem Zusammenbruch der Grundstück- und Länderbank auf das energischste zu dementieren. Wie wir soeben erfahren, sind sämtliche infolge unserer Notiz gekündigten Depots an der Kasse der Bank auf Heller und Pfennig ausgezahlt worden. Die nicht eingelösten Wechsel, die die erste Veranlassung zu unserer Notiz gaben, haben sich schon im Laufe des gestrigen Nachmittags als Fälschungen erwiesen, über deren Ursprung man noch völlig im unklaren ist, die aber der Vorstand der Bank der königlichen Staatsanwaltschaft zur weiteren Verfolgung und Behandlung der Sache überwiesen hat.« Noch einmal überflog Seliger diese von ihm geschriebenen Zeilen, dann drückte er auf die elektrische Klingel. Dem eintretenden Boten befahl er: »Rufen Sie Fräulein Marbach.« Als diese, eine hübsche kleine Jüdin von etwa zwanzig Jahren, erschien, ordnete er an: »Schreiben Sie diese Zeilen drinnen in meiner Privatschreibstube mit der Maschine ab, Fräulein Marbach, kuvertieren Sie und adressieren Sie mit der Aufschrift ›Eilt‹ an die Redaktion des Handelsblattes. Die Notiz ist wichtig und muß noch in der heutigen Abendausgabe erscheinen. Sie werden den Brief daher durch einen Boten auf die Redaktion bringen lassen, und dann wissen Sie ja, daß alles hier oben Diktierte und Geschriebene strengstes Geschäftsgeheimnis ist.« »Jawohl, Herr Seliger.« Während sich die Kleine in das nebenanstoßende Schreibzimmer begab, folgten ihr Harry Seligers Blicke, und lange haftete sein Auge auf der Tür, durch die die anmutige Erscheinung der schlanken Jüdin verschwunden war. Ja, wenn er an frühere Jahre zurückdachte, da er noch der »schöne Harry«, der »unternehmende Harry« gewesen, da wäre es ihm auf ein paar braune Lappen mehr oder weniger nicht angekommen, um die kleine Marbach, deren Anblick auch heute wieder sein Blut in Wallung versetzte, zu seiner Geliebten zu machen, ihm, der anderthalb Dutzend Maitressen ausgehalten hatte, den seine Freunde einen Gourmet in der Liebe nannten, der lebte und leben ließ, der sogar Frau und Kinder in dem Einschlagen ihrer eigenen Wege nicht hinderte. Eine Kleinigkeit wäre es mit der kleinen Marbach gewesen, deren Vater gelähmt war und als Pfründner der israelitischen Armenstiftung lebte, die er vor zwei Jahren aus Mitleid in sein Geschäft genommen, und die infolge ihrer Klugheit und ihrer Verschwiegenheit wie keine zweite zu der Vertrauensstellung seiner Privatsekretärin geeignet war. Aber seit seine beiden Töchter Etelka und Edith herangewachsen waren, seit sein Ältester Leo selber solche Streiche die Hülle und die Fülle machte, und seitdem sein Weib, die blonde Hilde, ein altes Verhältnis mit einem Prinzen aus der Zeit ihrer Bühnenlaufbahn wieder aufgenommen, war es ihm, als sei er, der über Fünfzigjährige, nun berufen, die Ehre des Hauses wenigstens äußerlich wieder aufrecht zu erhalten und wenigstens dieses junge Blut, dessen Existenz er völlig in seinen Händen hielt, zu schonen. Als er sich eben bei diesen Gedanken ertappte, lächelte er wieder sarkastisch vor sich hin. Er, Harry Seliger, der Mann der ungeahnten Spekulationen an der Börse, der verwöhnte Liebling Fortunas, mit einem Male voller Skrupel einem Mädchen gegenüber, nach dem er nur die Hände auszustrecken brauchte, er, ein Moralfatzke, er, der dem Rabbi und dem protestantischen Pfarrer an einem Tage ins Gesicht gelacht hatte, weil sie Bedenken gegen die Erziehung seiner Kinder erhoben, die weder getauft worden waren, noch auch der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörten. Er, der dem Pfarrer gesagt hatte, er werde ihn bemühen, falls sich Etelka oder Edith für einen christlichen Gatten entschieden, und Leo werde sich wohl eine Religion der Lebensklugheit ganz allein zurechtzuzimmern wissen, denn Leo sei ein gescheiter Mensch, ein Philosoph, der seine eigenen Wege wandeln und Bücher und Theaterstücke schreiben wolle. Er, Harry Seliger, ein Mann der Skrupel, es wäre zum Lachen gewesen, wenn er nicht in solchen Anwandlungen die sicheren Vorboten des nahenden Alters vermutet hätte. Aber es waren nur wenige Minuten, während deren seine Gedanken bei dem schönen jungen Mädchen, bei den mißlichen Verhältnissen seines häuslichen Lebens und bei dem Philosophieren über die moralischen Anwandlungen seiner eigenen Persönlichkeit verweilten. Der Artikel des Handelsblattes zauberte bald wieder das große, das gewaltige Werk vor seine erregte Seele, das die Krönung seiner ganzen Lebensarbeit, das das Exempel auf die Rechnung aller seiner ungeheuren Spekulationen an der Börse bilden sollte. Langsam und in langen Jahren, mit kluger Vorsicht und mit der seinem Stamme eigentümlichen Zähigkeit hatte Harry Seliger das nach dem Tode Adolf Langs übernommene Bankgeschäft alten und kleinen Stiles in die Aktiengesellschaft in dem großen palastartigen Gebäude der Hauptverkehrsstraße der großen Stadt umgewandelt, dem er den stolzen Namen der Kommerzbank gegeben hatte. Alle Krisen einer unsicheren und wagehalsigen Zeit hatte Harry Seliger glücklich überstanden, durch alle Klippen und über alle Untiefen einer an manchen Tagen seines an Erfahrungen reichen Lebens wildbewegten See hatte er das Schifflein, dessen Steuer er in jungen Jahren übernommen, siegreich hindurchlanciert. Auf diese Weise war er der geworden, der er heute noch war, der vor keinem Mittel zurückschreckende, rücksichtslose Geldmann, der die Millionen nicht verloren gibt, wenn er auch nur noch einen geliehenen Tausender in seinen Händen hält. Nach dem Tode Adolf Langs, seines einstigen Gönners, des Besitzers der Millionen und der alten Bank, waren schwere Zeiten über das Land hereingebrochen. Der große Krieg zwischen Deutschland und Frankreich hatte für lange Monate alle Werte in Frage gestellt, hatte alle Spekulationen brachgelegt und das ganze geschäftliche Leben und Treiben einer Nation unterbunden, deren einziges Augenmerk auf die siegreichen Schlachten in einem fremden, fabelhaft reichen Lande gerichtet war. Und dann war plötzlich, fast über Nacht, der märchenhafte Umschwung gekommen. Ungeahnte Summen, von deren Größe man gar keine rechte Vorstellung gehabt, waren in die Kasse eines bislang fast armen Landes geflossen. Die Städte hatten sich gedehnt und gestreckt, sie wollten den Gürtel zersprengen, den man um ihre Hüften gelegt hatte. Ein neuer Schienenstrang entstand neben dem andern, und die Dampfmaschine ward mit einem Schlage Siegerin in einer neuen Welt. Neue Fabrikstädte schossen wie die Pilze empor aus der deutschen Erde, ganze Stadtviertel wurden an einem einzigen Tage gegründet und in knapp einem Jahre aufgebaut. Ein Unternehmungsgeist, wie er dem nüchternen deutschen Volke bislang völlig fremd gewesen, begann sich in allen Ecken und Winkeln zu regen, und wie ein belebender Strom neuen Blutes rollte das rote Gold durch das Land, dem man bislang im Schweiße seines Angesichts das Brot und des Lebens Notdurft mühsam abgerungen hatte. In dieser Zeit, da das Geld sozusagen auf der Straße lag, da man nur zuzugreifen brauchte, da sich der Wert der Grundstücke in wenigen Jahren infolge der allgemeinen Bauwut verzehnfachen konnte, waren die ersten großen Erfolge des heutigen Börsenkönigs Harry Seliger gefallen. Wie ein Fels hatte dieser energische schlaue Jude der allgemeinen Brandung standgehalten, hatte Million um Million aus dem Geldgeschäft Adolf Lang \& Co. herausgeschlagen, bis das Erbteil, das der alte Kommerzienrat hinterlassen, sichergestellt und aus dem Geschäfte ohne Schaden herausgezogen werden konnte, bis er selber der alleinige Inhaber des Langschen Bankhauses geworden war. Das Hypothekengeschäft war damals in einer wildbewegten Zeit die Spekulation des jungen Harry Seliger geworden. Mit Geld zu hohen, aber nicht wucherischen Zinsen, belieh er in einer Zeit, der das Gesetz keinerlei Beschränkung auferlegte, die von wagehalsigen Spekulanten angehäuften Grundstücke. Und er hatte Glück. War ihm ein Terrain, dessen Besitzer nicht mehr zu zahlen vermochte, zugefallen, dann fand sich in jenen Tagen schon ein zweiter, der sein Glück probierte, der das von dem andern begonnene und nicht zu Ende geführte Projekt wieder aufnahm und das an Seliger gefallene Grundstück um teures Geld und gegen eine neue auf dem Lande lastende Hypothek übernahm. Damals war der Großonkel Davidchen Mandelbaums Seligers rechte Hand geworden. Der Immobiliensensal und Börsenmakler vermittelte den Verkauf und die Belehnung der Grundstücke gegen eine hohe Provision, und Mandelbaum und Seliger sogen gemeinsam an dem Marke der durch die allgemeine Lage außer Rand und Band geratenen Unternehmer. Zusammen mit Mandelbaum, dem hartnäckigen, sparsamen und skrupellosen Geldeintreiber, diesem Genie in der Liquidierung einmal entstandener Forderungen, hatte er auch den Plan zur Umwandlung des Langschen Bankgeschäfts in eine Aktiengesellschaft ausgearbeitet. Denn Harry Seliger sagte sich damals, daß nur eine bedeutende Vergrößerung des Stammkapitals, das Hunderttausende im Jahre abwerfende große Hypothekengeschäft, das er lächelnd ein Bedürfnis seiner Zeit nannte, ermöglichen werde, und daß es ihm als dem Leiter und starkbeteiligten Teilhaber der Kommerzbank leichter sein werde, das eigene Kapital zu schonen, es allmählich ganz in Sicherheit zu bringen und sich mit den Zinsen des fremden Kapitals zu bereichern, als wenn er als alleiniger Inhaber bei jedem neuen Geschäfte an jedem neuen Tage die eigene Haut wieder zu Markte tragen müsse. So war denn mit Hilfe einiger Großkapitalisten und einer ganzen Anzahl kleiner Leute die Kommerzbank schon vor einer Reihe von Jahren zustande gekommen, und Harry Seliger, dem vertragsgemäß eine glänzende jährliche Tantieme zugute kam, schöpfte den Rahm von der Milch anderer, deren Kapital sich im besten Falle mit sechs bis sieben Prozent verzinste. Das war der eigentlich ideale Zustand, und so hätte es bleiben müssen, wenn ihn nicht vor wenigen Jahren, jetzt noch an der Schwelle des Alters, die wilde Spekulation wie in seinen jungen Tagen wieder am Kragen gepackt hätte. Der Mann, der von sich behauptete, daß ihm noch nie in seinem Leben ein einziges Geschäft mit Ausnahme seiner Heirat fehlgeschlagen, der bei einem Glase Wein gelassen sagte, daß ihm das Rollenlassen der Millionen zu einer lieben Gewohnheit geworden sei, er war im Innersten seines Wesens, wie er das oft in seinem Leben gefühlt hatte, ein Phantast. Es konnte ihm passieren, daß ihn eine Idee packte, daß sie ihn nicht losließ, tage-, wochen- und mondelang, wie den Spieler eine Zahl, auf die setzen zu müssen er durch einen Zufall sich einbildet, und auf die er so lange setzt, bis sie ihn zugrunde gerichtet hat. Und auch eben wieder in diesem Augenblicke, da er die Aufsichtsräte der Bank zu einer ausschlaggebenden Sitzung erwartete, liebkoste Harry Seliger die von ihm gefaßte und zum Entschlusse herangereifte Idee, deren Ausführung die Krönung seines Lebenswerkes werden sollte, und zu deren Verwirklichung er viel mehr als die Millionen der Bank, zu deren Verwirklichung er das Geld Hunderter und Tausender nötig hatte. Wie ein Träumer saß der große Geldmann da, den Kopf in die Hand gestützt, das Auge fest auf einen Plan geheftet, den er der Schublade seines Schreibtisches entnommen und vor sich ausgebreitet hatte. Denn alle die Gründungen, die er vor Jahren hypothekarisiert hatte, an denen er und sein Freund Mandelbaum soviel Geld verdient, blieben nun hinter diesem Riesenprojekte zurück. Wenn das einschlug, wenn nur die Hälfte seiner kühnen Erwartungen in Erfüllung gehen sollte, dann mußte sich das hier angelegte Kapital mit 60 Prozent verzinsen. Dann war er es, der die im Schoße der Erde schlummernden, von keiner Menschenseele geahnten Millionen ins Rollen brachte, denn wenn ihn nicht alles täuschte, barg dieser Boden, den er erworben und den er ausbeuten wollte, reichere Schätze als die Diamantfelder Südafrikas und die Goldgruben von Klondyke. Und ganz in der Nähe der Stadt lag dieses Terrain, mit einer Kleinbahn, wie er sie träumte, in zwei bis drei Stunden bequem zu erreichen. Nutzloses Brachland und wüstes Geröll, das den umliegenden armen Gemeinden gehörte, das nur hier und da von einer Wiese oder einem Streifen Waldes unterbrochen wurde. Freilich der Wald, das war sein Sorgenkind, der Wald war Krongut, in dem Walde lag das Jagdschloß eines kleinen Duodezfürsten, und an diesem Schlosse und dessen Rechten konnten in letzter Stunde alle seine Pläne scheitern. War doch der Plan, den er hatte, den er für sich allein in seinem Innern hegte, nicht kurzerhand, nicht auf geradem Wege, nicht so mit einem Schlage auszuführen. Sollte die ganze Sache in Kürze den gewünschten reichen Gewinn abwerfen, dann mußte die einsame und weltverlassene Gegend, in deren armen Dörfern ein paar elende Bauern hausten, dem Eisenbahnnetze angeschlossen werden, eine Kleinbahn mußte die Dörfer und das Gelände mit der Stadt verbinden, mußte den Verkehrsweg hergeben, auf dem die Millionen in die Hände Harry Seligers und seiner Teilhaber rollen sollten. Die Kleinbahn, die für ihn, den Kenner der Verhältnisse, für ihn, der da wußte, daß Kalilager mit unermeßlicher Ausbeute in diesem scheinbar wertlosen Boden ruhten, nur das Mittel zum Zweck sein sollte, mußte den andern als Zweck hingestellt werden, denn mit dem Momente, wo der Reichtum des Bodens nicht sein Geheimnis blieb, war es mit dem Erwerb weiteren Geländes zu einem Spottpreis für ihn aus. Das war der Traum seiner Seele. Eine neue Industriegegend wollte er mit einem Schlage herauszaubern aus einem bislang fast unbewohnten Stück Landes, die Bahn sollte dies Stück Land mit den Städten verbinden, Arbeiterkolonien sollten die armseligen Bauerndörfer werden, und die nur von ihm gekannten Schätze dieses Bodens sollten zum Erwerb Tausender und Tausender sich wandeln. Wenn ihm das gelang! Wenn er in dem von ihm erträumten Produkte das Mittel gefunden hatte, den teuern und immer seltener werdenden Salpeter von dem Weltmarkte zu verdrängen, wenn diese Lager, die er alle an sich zu bringen entschlossen war, das Dungmittel für die Gefilde und Äcker Deutschlands in ihrem Schoße bargen, wenn man die Methode fand, diesen künstlichen Dung auf eine billige Art und Weise herzustellen, dann, dann wäre er ein Segen für Millionen geworden, dann hätte er wie Faust dem Meere neuen Grund und Boden abgerungen, dann würde Fabrik um Fabrik erstehen aus dem heute nutzlosen und verachteten Gelände, und jede von diesen Fabriken würde die goldene Frucht aus allen Feldern der deutschen Erde ersprießen und erblühen lassen. Das war sein Traum. Wenn er sich ihm hingab, dann vernahmen seine Ohren das Ächzen der Spaten, die in die harte Erde drangen, das Rollen der Wagen, die auf den Schienen die Kalisalze in die Fabrik brachten, das Fauchen und Stampfen der Maschinen, die Stimmen der tausend und tausend Arbeiter, die sich im Dienste dieser neuen Industrie, ein Heer von Menschen, in dem Lande, das bislang eine Wüste war, angesiedelt hatten. Diesen Sommer waren es zwei Jahre gewesen, daß ihn der Zufall die wunderbare Entdeckung des Kalilagers nicht fern von der großen Stadt in jener abgelegenen, dem großen Verkehr noch nicht erschlossenen Gegend machen ließ. Wie alle Leute, die es sich leisten können, hatte auch er seine Schrullen. Im Sommer, wenn die Tage heiß und die Nächte schwül waren, im tiefen Winter, wenn eine weiche, weiße Schneedecke die weiten Gefilde bis an das ferne Gebirge bedeckte, dann pflegten ihn diese Schrullen zu packen. Dann verschwand Seliger plötzlich, ohne daß jemand eine Ahnung davon hatte, aus dem nervösen und hastenden Treiben der Stadt, aus dem aufregenden Wirrwarr der Geschäfte und verkroch sich Tage, oft ein oder zwei Wochen lang in irgendeinen abgelegenen Winkel, um sich auszuruhen und seine geistigen und körperlichen Kräfte wieder zu sammeln. Früher, in jungen Jahren, war er ein eifriger Jäger gewesen. In schönen Sommernächten und am neblichten Herbstmorgen konnte er damals regungslos lange Stunden auf dem Anstand verharren, bis die Sonne aufging und ihm den an einsamen Lichtungen des Waldes wechselnden Hirsch oder Rehbock zeigte. In den letzten Jahren hatte er die Jagd aufgegeben, es wollte ihn bedünken, seine Hand sei nicht mehr so sicher wie früher, und sein Auge nicht mehr so scharf. Aber als er im Sommer vor zwei Jahren in der Zeitung gelesen, daß die Feld- und Waldjagd der Gemeinde Walportshausen um den Spottpreis von sechshundert Mark zu verpachten sei, war er eines Tages dort hinausgefahren und hatte sich die Jagdrechte von dem Bürgermeister und den Gemeindevertretern zuschlagen lassen. Und damals hatte man ihm über die schlechten Trinkwasserverhältnisse in Walportshausen geklagt. Alles Grundwasser, das man grub, sollte eine rötliche Farbe und einen widerlich salzigen Geschmack haben, in den Kochtöpfen der Bauern setzten sich im Laufe der Wochen die Salzkristalle an, und das Fleisch, das man in diesem Wasser kochte, wurde rot, als ob es nicht frisch, sondern als ob es gepökelt sei. Das hatte Seligers Interesse erregt. Zunächst hatte er als Geschäftsmann nur die Möglichkeit und die Rentabilität einer Quellwasserleitung aus den nahen Bergen für Walportshausen ins Auge gefaßt. Als aber die von einem Chemiker auf seine Veranlassung vorgenommene Untersuchung ergab, daß es sich hier um Kalisalze handelte, die vermutlich in großen Mengen in dem Boden um Walportshausen lagerten, da hatte Seliger den Walportshausenern das generöse Versprechen gegeben, die Quellwasserleitung gegen eine ganz minimale Verzinsung des von der Kommerzbank vorzuschießenden Kapitals anzulegen, und über den kalihaltigen, das Dörflein umgebenden Boden war kein Wort mehr gefallen. Und wirklich, die Wasserleitung war in knapp einem halben Jahre gebaut worden. Seitdem galt Seliger, der sich im Wald vor dem Dorfe eine kleine Jagdhütte hatte anlegen lassen, bei den Bauern der ganzen Gegend als eine Art von Wohltäter, der ihnen die neue Wasserleitung aus reiner Menschenliebe so gut wie geschenkt hatte. Und im stillen, ohne daß jemand in der Stadt und in der Gegend davon irgend etwas ahnte, hatte der große Finanzmann seinen Plan weiter verfolgt und seine Forschungen fortgesetzt. Ein Laboratorium in Paris und eines in Wien hatten von ihm Proben der aus dem Wasser der Walportshausener Gegend gewonnenen Kalisalze erhalten, und die Chemiker in der französischen und österreichischen Hauptstadt hatten festgestellt, daß eine wirklich große Ausbeute an solchen Salzen einen völligen Umschwung in der Industrie der Dungmittelproduktion herbeiführen könne. Dann war der schwierigste Teile von Seligers heimlicher Arbeit gekommen. Er war auf dem Punkte angelangt, die Ertragsfähigkeit des Walportshausener Bodens an Kalisalzen feststellen zu müssen, ohne daß die Gemeinde, ohne daß die Unternehmer in der nahen Stadt etwas von den in dem Boden vorhandenen Reichtümern auch nur ahnten. Und auch diese schwere Aufgabe hatte Seliger glücklich gelöst. Eine fröhliche Jagdgesellschaft, Herren, die er bei seinem letzten Aufenthalte in Trouville kennen gelernt hatte, und die kein Wort deutsch verstanden, weilten acht Tage in Walportshausen. Sie waren Seligers Gäste und gingen mit ihm auf die Jagd. Und während die Bauernjungen als Treiber und Führer durch den Wald ein schönes Stück Geld verdienten, während man nach Füchsen und Dachsen grub und an den verschiedensten Stellen den Versuch machte, ob man das Walportshausener Grundwasser nicht doch wenigstens zur Berieselung der Wiesen verwenden könne, stellten die fremden Herren fest, daß unter dem unfruchtbaren Boden des Dorfes ein meilenlanges und meilenbreites Kalilager sich erstrecken müsse, dessen regelrechte Ausbeutung im Laufe der Jahre viele Millionen abwerfen werde. Nach vierzehn Tagen reiste die Jagdgesellschaft ab, und Seligers großer Plan stand fest. Das Gelände, um das es sich handelte, gehörte der Gemeinde. Der spärliche Graswuchs, der auf dem über den Salzlagern liegenden Boden gedieh, diente den Schafherden der Umgegend als Nahrung. Dem ganz beglückten Gemeinderat machte Seliger den Vorschlag, das von der Kommerzbank für die Anlage der Wasserleitung vorgeschossene Kapital nicht mehr zu verzinsen, sondern einen entsprechenden Wert an Grundstücken an die Bank abzutreten, die er später als Baustellen für die Anlage von Arbeiterwohnstätten verwenden wollte. Das Brachland, das kaum das nötige Futter für die Schafherden lieferte, war der Gemeinde um ein billiges feil, und bald kam ein Kaufvertrag zustande, nach dem die Kommerzbank, die in Wirklichkeit Harry Seliger hieß, in den Besitz eines meilengroßen Geländes in der Umgegend von Walportshausen gelangte. In den Finanzkreisen der Stadt zerbrach man sich vergeblich die Köpfe, was Harry Seliger mit diesem großen neuen Spekulationsobjekt eigentlich bezweckte. Da er aber diesen Ankauf ebenso wie damals die Anlage der Wasserleitung aus seinen eigenen Mitteln bestritt, und die übrigen Teilhaber der Bank zu weiteren aus diesem Ankauf entstehenden Verpflichtungen nicht herangezogen wurden, überließ man seine Pläne ihm und der Zukunft und mokierte sich im stillen über diese Kapitalsanlage des großen Finanzgenies, deren Zinsen wohl auf dem Mars oder auf dem Monde ausbezahlt werden würden. Und Harry Seliger war das gerade recht. Er ließ fast zwei Jahre vergehen, er ließ Gras über die ganze Angelegenheit wachsen, ehe er seinen Teilhabern und der Finanzwelt gegenüber mit einem neuen Plane hervortrat, der den von seiner Seite vollzogenen Ankauf des wertlosen Geländes bei Walportshausen plötzlich in den Augen der Welt in ein anderes Licht rückte. Aber nun war der Moment gekommen. Eine ganze Anzahl neuer Fabriken, die rüstige Leute aus der Landbevölkerung als Arbeiter nötig hatten, war in dem letzten Jahre vor den Toren der Stadt entstanden. Die Arbeiter klagten über den Mangel an billigen Wohnungen und die teuern Lebensmittelpreise in der Stadt, die Unternehmer über die von Monat zu Monat höher werdenden Löhne, die sie bewilligen mußten. Wer jetzt eine Verbindung schuf, welche die Leute vom Lande in einer halben Stunde billig zu ihrer Arbeitsstätte beförderte, der durfte getrost auf einen großen Erfolg rechnen. Eine Kleinbahn nach den weltverlorenen und menschenüberfüllten Nestern im Norden der Stadt war zum Bedürfnis geworden, und die Spur dieser notwendig gewordenen Kleinbahn führte, wie Harry Seliger richtig spekulierte, über Weilingen und Feldkirch nach Walportshausen. Seit Monaten manövrierte Harry Seliger, der allmächtige Börsenmann, der sie alle an der Hand hatte, in der Presse zugunsten der Kleinbahn Weilingen – Feldkirch – Walportshausen. Die Blätter aller Parteirichtungen hatten von Seliger inspirierte Artikel gebracht, die diese Bahn als eine Notwendigkeit hinstellten, als ein soziales Bedürfnis, die die Vorteile dieses Bahnbaues für Stadt und Land in tausend Zungen priesen und das schufen, was man Stimmung nannte, die das Geld für das großartige Unternehmen in den Taschen der großen und der kleinen Kapitalisten locker machten. Sogar die Volkswacht stand in diesem Falle auf Seligers Seite. Freilich saß der Verleger, der im vorigen Jahre neue Maschinen nötig gehabt hatte, bei der Kommerzbank tief in der Kreide. Und da im letzten Augenblicke – Harry Seliger konnte mit den Zähnen knirschen, wenn er daran dachte – waren die großen Krache gekommen, welche die kleinen und die großen Geldgeber in der Stadt vor den Kopf gestoßen hatten. Vor einem Vierteljahre der Zusammenbruch des alten Geschäftes J. J. Stern \& Co., und vor knapp drei Wochen der Konkurs der Grundstück- und Länderbank. Und an diese Krache hatte sich das Gerücht, das unkontrollierbare, das fürchterliche, das jedes Unternehmen lahmlegende wie ein Gespenst geheftet. Eines Mittags an der Börse war es plötzlich aufgetaucht, dieses Gerücht: die Kommerzbank sei bei den Verlusten von J. J. Stern \& Co. und von der Grundstück- und Länderbank in Mitleidenschaft gezogen. Und trotz aller Dementis hatte es sich gehalten, dieses lächerliche Gerücht, das mit einem Schlage in diesem Momente alle seine Pläne durchkreuzen konnte. Was war zu tun gegen ein solches Gerücht? Nur der schlagende Beweis der Solvenz konnte einem solchen den Grund und Boden entziehen. Aber woher ihn nehmen, diesen schlagenden Beweis! Wochen-, monate-, jahrelang konnte unter Umständen ein Institut von der Größe der Kommerzbank seinen Kredit hinziehen und die Welt durch immer neue und verschwiegene Anleihen in dem Glauben erhalten, daß es noch zahlungsfähig sei, wenn auch schon das Gespenst des Zusammenbruchs in allen seinen Räumen einherging. Nein, nur ein einziger großer Coup, der an einem einzigen Tage erbrachte Beweis, daß man in der Lage war, Millionen auszuzahlen, vermochte dieses Gerücht zu töten, und nur mit einem einzigen Schlage konnte das in diesem Augenblicke so notwendig gewordene und schon halb verlorene Vertrauen zurückkehren. Und zu diesem waghalsigen Schritte hatte sich Harry Seliger in diesen schweren Tagen, da für ihn sein ganzer großer Zukunftsplan auf dem Spiele stand, kaltblütig entschlossen, und dieser Schritt war ihm heute – wie er zu hoffen wagte – geglückt. Schon dreimal hatte es an die Tür geklopft und Seliger hatte es, gefangen genommen durch all diese Gedanken, überhört. Jetzt trat der Diener, den er vorhin nach Fräulein Marbach geschickt hatte, ein und meldete: »Da drunten ist ein junger Mensch, der sich bei Herrn Seliger vorstellen möchte, und Herr Dr. von Kutzleben wartet im Empfangszimmer.« »Was will der junge Mensch?« fragte Seliger. »Er heiße David Mandelbaum und sei zum 1. Oktober von Herrn Seliger als Lehrling für die Kommerzbank engagiert.« »Daß Sie von dem Unwichtigen immer zuerst reden müssen, Lorenz,« fuhr Seliger nun auf. »Schicken Sie den jungen Menschen zu dem Buchhalter Cohn, Cohn soll ihm seine Arbeit anweisen, und führen Sie Herrn Dr. von Kutzleben herein!« »Der Herr Seliger entschuldigen,« stotterte nun Lorenz, »der junge Mensch bestand darauf, den Herrn Chef selber sprechen zu wollen. Er sagte, er sei ein Großneffe des Herrn Jakob Mandelbaum, der doch ein alter Geschäftsfreund von Herrn Seliger ist.« Da mußte Seliger lachen über die Zähigkeit dieses sicher so weltfremden Judenjungen, der aus dem Nest am Spessart kam, über dessen Vater der alte Jakob Mandelbaum so oft seine Witze gerissen hatte, und in einer Anwandlung der Großmut und der Neugier entschied er: »So lassen Sie Herrn Dr. von Kutzleben noch fünf Minuten warten und führen Sie den jungen Menschen herein.« Davidchen Mandelbaum erschien auf der Schwelle. Im schwarzen verschnittenen Anzügelchen, den steifen Filzhut verlegen in der Hand drehend, die Röte der Aufregung auf den Wangen, am ganzen Körperchen zitternd wie Espenlaub. »Ich soll bestellen viele und schöne Grüße von meinem Großonkel Jakob Mandelbaum, wo ich bin gewesen gestern, und soll mich melden als Lehrbub bei dem Herrn Seliger für sein großes Bankgeschäft.« Belustigt musterte Harry Seliger den kleinen schwarzhaarigen Jungen vom Scheitel bis zur Sohle, und dann sagte er lachend: »Also dir ist es zu eng geworden in dem Dorfe, wo dein Vater haust als der große Rabbi, und du sollst werden ein großer Geschäftsmann, hat mir gesagt dein Großonkel Jakob Mandelbaum, wie die Rothschilds und die Hirschs und die Mendelssohns geworden sind große Geschäftsleute in einer großen Stadt.« »Ja so etwas will ich werden, Herr Seliger,« antwortete Davidchen Mandelbaum treuherzig. »Na, wenn du das willst, dann heiße ich dich in der Kommerzbank freudig willkommen,« lautete Seligers lachende Erwiderung, »und nun geh hinunter, mein Sohn, und frage nach dem Buchhalter Herrn Cohn, der soll dir zeigen, wie man einen Brief richtig adressiert und wie man die Marken aufklebt, damit sie nicht wieder abfallen, so daß der Empfänger Strafporto zahlen muß, denn das muß man wissen, wenn man ein großer Geschäftsmann wie die Rothschilds, die Hirschs und die Mendelssohns werden will.« Davidchen war sichtlich enttäuscht. Er hatte sich von seinem Empfange bei dem großen Harry Seliger als der Großneffe von dessen Freund Jakob Mandelbaum und von der Ansprache, die das Genie der Börse an ihn als den zukünftigen Jünger Merkurs richten würde, entschieden mehr versprochen. Ernüchtert wandte er sich zur Tür und stieg die Treppe hinab, um sich nach Herrn Buchhalter Cohn zu erkundigen und nach der Arbeit, die dieser ihm zu überweisen hatte. Noch hatte Davidchen Mandelbaum die im Erdgeschosse der Bank gelegenen Bureaux der subalternen Beamten nicht erreicht, als die hochgewachsene Gestalt des Dr. von Kutzleben in Seligers Direktionszimmer erschien. Seliger erhob sich, ging seinem Besuche, der kalt und förmlich nach einer tiefen Verbeugung in nächster Nähe der Tür stehen blieb, entgegen und reichte diesem die Hand. Es war ein oberflächlicher formeller Händedruck, mit dem der aristokratische Doktor diese Begrüßung des großen Geldmannes erwiderte. Etwas Anmaßendes, beinahe etwas Herausforderndes hatte die ganze Erscheinung, hatte das Auftreten des etwa dreißigjährigen Mannes an sich, den man wohl als den Typ des den höchsten Gesellschaftskreisen entstammenden Juristen bezeichnen konnte. Der bis oben zugeknöpfte schwarze Gehrock zeigte den neuesten Schnitt, an einer goldenen Schnur baumelte das unvermeidliche Monokle, das Dr. von Kutzleben bei wichtigen Entschließungen in das linke Auge zu klemmen pflegte. Das tadellos frisierte, hellblonde Haar war schon ein wenig gelichtet, der volle, wohlgepflegte etwas dunkle Schnurrbart gab dem harten und kalten Gesichte das im deutschen Vaterlande so beliebte martialische Aussehen, das fast zu einer gesellschaftlichen Schablone der männlichen Jugend zwischen dem 25. und 35. Jahre geworden ist. »Darf ich Sie bitten Platz zu nehmen, Herr Doktor«, begann Seliger das Gespräch. Kutzleben nahm den ihm angebotenen breiten Klubsessel dankend an, und die Handschuhe von den weibisch gepflegten Händen ziehend, sein Gegenüber mit einem fragenden Blicke aus den herzlosen blauen Augen messend, sagte er in langsam gesprochenen, gelangweilten Worten: »Sie haben mich wohl in meiner Eigenschaft als Rechtsbeistand hierher rufen lassen, Herr Seliger?« Die Art und Weise des Doktors machte Seliger etwas nervös. Die schon ergrauten Kotelettes mit der Hand streichend und sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, erwiderte er: »Allerdings, Herr Doktor. Sie sollen mir endlich Gewißheit darüber bringen, ob die fürstliche Regierung die Konzession zur Durchführung der Trace durch das fürstliche Jagdgebiet erteilt hat. Die Sache ist nun seit vier Monaten anhängig, eine Entscheidung dürfte selbst bei dem langsamen Geschäftsgange, den Behörden belieben, in dieser Zeit gefallen sein.« Gemütlich strich sich der Doktor seinen vollen Schnurrbart, dann sagte er immer in demselben gelangweilten Tone: »Die Angelegenheit ruht noch auf demselben Punkte, Herr Seliger, wie vor vier Monaten. Der Fürst ist auf Reisen im Auslande, in Spanien, wie ich durch einen Zufall erfahre, er selber muß seine Genehmigung erteilen, und vor seiner Rückkehr wird die fürstliche Forstverwaltung keinerlei Schritte in dieser Angelegenheit tun.« Seliger brauste auf. »So sollen wir warten, bis es dem Fürsten beliebt, von seinen Lustfahrten zurückzukehren?« »Es wird uns wohl nichts andres übrig bleiben, Herr Seliger,« lautete Kutzlebens gleichgültige Antwort. »Wenn das alles war, was Sie mir zu sagen hatten, dann darf ich unsere Unterredung wohl als beendet betrachten. Ich habe die Ehre, Herr Seliger.« Er erhob sich. »Nein, bleiben Sie,« rief Seliger. »Sie haben doch meine Einladung zu der außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrates erhalten. Sie findet um halb zehn statt, in wenigen Minuten. Sie dürfen nicht fehlen, weil ich heute die Gründung der Kleinbahn zur Sprache bringen muß.« »Auch ohne die Erteilung der Konzession,« kam es nun in ironischem Tone von Kutzlebens Lippen, »heute, nachdem solche Gerüchte über den Kredit der Kommerzbank in den Lüften schwirren?« »Sie werden die Erklärung dieser Gerüchte im Laufe der Sitzung erhalten, Herr Doktor. Jetzt habe ich nur die eine Frage, wird die Konzession von seiten der fürstlichen Regierung erteilt?« »Das kann kein Mensch wissen, Herr Seliger, kein Mensch, das liegt ganz in dem Ermessen Seiner Hoheit, ob Hoheit die Stille seines Waldes durch eine Eisenbahn gestört wissen will oder nicht!« Kutzlebens Ton brachte Seliger zur Verzweiflung. »Dann müssen wir eben ohne Seine Hoheit vorgehen,« sagte er rasch, »dann muß die Trace um den Wald herumgeführt werden, und die Kosten für die beiden Tunnels sind dann noch aufzubringen.« Kutzleben lächelte. Er weidete sich an der Verzweiflung des großen Geldmannes, der da von Unmöglichkeiten redete, von Kosten, die den ganzen Voranschlag des Bahnbaues über den Haufen warfen, zu deren Bewilligung die Geldgeber niemals zu haben waren. Diese Gedanken, deren Richtigkeit er selber nur allzugut einsah, las Seliger seinem Gegenüber von dem Gesichte ab, und in einer Anwandlung von Schwäche ließ er sich jetzt zu den Worten verleiten: »Aber Sie sind doch früher ganz anderer Meinung gewesen, Herr Doktor? Seine Hoheit haben doch Ihrem Herrn Vater, dem Herrn Ministerpräsidenten, freie Hand in allen diesen internen Fragen des Fürstentums erteilt, und wenn Ihr Herr Vater die Konzession –« Da unterbrach der Doktor Seliger. »Das war früher, Herr Seliger, im vorigen Winter, da lagen die Verhältnisse freilich ganz anders, als sie sich jetzt entwickelt haben, ich glaube nicht, daß mein Vater diesen wichtigen Schritt ohne die Genehmigung Seiner Hoheit tun würde.« »Spielen wir keine Komödie miteinander, Herr Doktor. Die Sache ist zu ernst und zu wichtig, spielen wir keine Komödie – die Konzession muß erteilt werden. Was ist Ihr Preis?« »Ich bedauere, in diesem Falle keinen Preis nennen zu können, Herr Seliger. – – Ja damals, als ich mich noch der stillen Hoffnung hingab« – Er schwieg. Kalt und herzlos waren seine Augen auf Seliger gerichtet, so daß diesem unwillkürlich die Worte entfuhren: »Bin ich denn ein Despot, Herr Doktor? Kann ich denn Etelka zwingen, wenn sie nicht will, wenn sie der Meinung ist, daß Sie nur die ihr in Aussicht gestellte Million Mitgift erheiraten wollen?« Kutzleben wandte sich ab. Eisige Verachtung, Haß und Bosheit kündeten seine Blicke, als er nun in kühler Ironie sagte: »Prinz Egon von Trachenstein ist der Bruder Seiner Hoheit. Der Prinz gehört zu den Intimen Ihres Hauses, Herr Seliger, lassen Sie sich den Einfluß des Prinzen nicht entgehen.« »Ich muß mir doch verbitten, Herr Doktor!« In wildem Zorn waren diese Worte von Seligers Lippen gekommen. Aber Kutzleben bewahrte seine Ruhe. »Es liegt mir völlig fern, Sie durch die Nennung des Prinzen zu beleidigen, Herr Seliger. Gerüchten über Damen der Gesellschaft messe ich keine Bedeutung bei, und Ihre Frau Gemahlin wird wissen, wie weit sie gehen darf, so gut wie sie weiß, daß sie als die Herrin von Millionen allem Gerede der Welt die Stirn bieten kann.« Da faßte sich Seliger. Auch er hatte endlich diesem gegenüber seine berühmte eisige Ruhe wiedergefunden. »Ich danke Ihnen für Ihren Rat, Herr Doktor,« sagte er nun in ruhigem Tone. »Die Konzession wird erteilt. Kommen Sie mit in den Sitzungssaal, ich denke, daß die Herren vom Aufsichtsrat der Bank bereits versammelt sind.« Es waren sieben Herren, die den Aufsichtsrat der Kommerzbank bildeten und die sich vollzählig in dem eleganten Sitzungssaale des Instituts zu der von Seliger einberufenen außerordentlichen Versammlung eingefunden hatten. Die prächtige Abundantia, die den schönen Saal als Deckengemälde zierte, paßte vorzüglich zu dieser Kollektion älterer und jüngerer Lebemänner, über die sie das goldene Füllhorn ihrer reichen Schätze verschwenderisch ausgoß. Nicht so still und gemessen wie an gewöhnlichen Tagen ging es heute in diesem Sitzungssaale zu. Die Herren, die sonst ihre Importen rauchend gemütlich und im Halbschlafe in den weichen Polstersesseln den von vornherein gutgeheißenen Rechenschaftsbericht des Bankvorstandes entgegenzunehmen pflegten, die sonst nichts als die Höhe der Dividende und die der Tantiemen interessierte, standen heute lebhaft diskutierend und mit den Händen ihre eindringlichen Reden begleitend in den Fensternischen. Ein glatzköpfiger Fünfziger mit einer fürchterlichen Nase ging, beide Hände in den Hosentaschen, auf dem hohen Smyrna auf und nieder, wie die Bestie im Käfig, die das ersehnte Stück Pferdefleisch erwartet, um es verschlingen zu können. Nur ein Dicker saß regungslos seine Henry Clay schmauchend auf einem der Sessel und spielte gelangweilt mit den schweren Berlocks seiner goldenen Uhrkette, von denen er eine ganze Auswahl auf dem runden Bauche hängen hatte. In der einen Fensternische stand Viktor Hahn, Generaldirektor der Vereinigten Aktienbrauereien und Mitglied des Aufsichtsrates von einem Dutzend von Aktiengesellschaften, ein Geschäft, das dem hageren und gewandten Juden eine jährliche Tantieme von 120 000 Mark einzubringen pflegte. Er hatte den Mitinhaber der Würzburgerschen Bank, den ehemaligen Prokuristen bei Cassel \& Söhne, Robert Müller, in die Unterhaltung gezogen. Auch Müller wurde von Kennern auf 100 000 Mark Tantieme geschätzt. Die Nachricht des Handelsblattes, daß die Kommerzbank, von der dieser Aktien in Höhe von dreimalhunderttausend Mark besaß, bei dem letzten Börsenkrache in Mitleidenschaft gezogen sei, war Robert Müller auf die Nerven gefallen. Voll Ungeduld erwartete er mit den andern Harry Seliger, der ihnen Aufklärung und Beruhigung über diese sensationelle Meldung des Handelsblattes verschaffen sollte. Der lebhafte Viktor Hahn, Generalkonsul der Republik Ecuador – dieser herrliche Titel und ein prächtiges Wappen an seiner Wohnung waren die lauten Verkünder dieser Ehren und kosteten nicht viel mehr, als was der Blechschmied für das Schild verlangt hatte – den Kenner auf zweiundzwanzig Millionen schätzten, redete mit Mund und Händen in ihn hinein. »Es ist unerklärlich, wie solch eine Notiz in das Handelsblatt gelangen konnte. Die Redaktion ist doch sonst so vorsichtig, Herr Müller, meinen Sie nicht auch, die vorsichtigste Redaktion der ganzen Welt? Und haben Sie gehört, einen Auflauf soll es gegeben haben, ich bin gespannt, was der Seliger zu der Blamage wird sagen können.« Robert Müller schüttelte den blonden Kopf. Er hatte die Geschichte an diesem Morgen schon etliche Male über sich ergehen lassen, aber er war viel zu vorsichtig, seine eigenen Vermutungen über den innern Zusammenhang der Vorgänge zu äußern. Das laute Schnarchen des Dicken, der in dem weichen Sessel eingeschlafen und dem die Henry Clay aus dem Munde geglitten war, unterbrach den Redeschwall Viktor Hahns. »Angenehme Ruhe, Herr Kommerzienrat,« hatte er auf den Lippen, aber er fürchtete den allmächtigen Eduard von Giloty, den Direktor der vereinigten Industriebanken und Aufsichtsrat aller namhaften Institute, dessen adeliger Name als Lockvogel in den Prospekten figurieren mußte, zu wecken und dann die Ungnade des Gewaltigen auf sich zu ziehen. Denn Eduard von Giloty, der Mann der großen Beziehungen, war das unentbehrliche christliche Relief, das man jedem neuen, mit jüdischem Gelde ins Leben gerufenen Aktienunternehmen zu geben niemals versäumte. Eduard von Giloty, Millionär von Hause aus, war ein ungemein harmloser Mensch. Hineingeboren in die Verwaltung der vereinigten Industriebanken, deren Gründer und erster Leiter sein Vater gewesen, ließ er sich von dem Strome tragen, in den ihn das Schicksal geworfen. Noch sein Vater war ein einfacher bürgerlicher Giloty gewesen, dem die Regierung vieles verdankte, und der deshalb durch einen mit dem erblichen Adel verbundenen Orden und den Titel eines geheimen Kommerzienrates ausgezeichnet worden war. Eduard hatte als Nobilitierter und als geborener Millionär gleich eine besondere Rolle gespielt. Vom Geschäft verstand er nichts. Das war auch nicht nötig, denn die vereinigten Industriebanken hatten treffliche Verwaltungsbeamte und waren nicht totzukriegen. Aber desto mehr verstand Eduard von Giloty vom Essen und Trinken, von Importzigarren und schönen Frauen, und die Genüsse auf diesen Gebieten hatten den jetzt Zweiundsechzigjährigen zu einem früh gealterten Manne gemacht, dessen dicken Leib man nur noch in einem von zwei eleganten Juckern gezogenen Coupé voranzubringen in der Lage war. Giloty nahm sich nichts übel. Die andern waren alle die reinen Waisenknaben gegen ihn. Was er jährlich an Tantiemen schluckte, ging in die Hunderttausende, fünf-, sechsmal im Vierteljahre hatte er eine Generalversammlung zu absolvieren und das bedeutete für ihn jedesmal einen Gewinn von dreißig- bis vierzigtausend Mark. Giloty redete niemals in den Versammlungen, er schmauchte die traditionelle Henry Clay und setzte, wenn die Sitzung beendet war, als erster seinen Namen unter das Protokoll. Ein G., wenn es sich um eine Bagatelle von zehntausend Mark handelte, ein v. G., wenn es die Zwanzigtausend überstieg, und wenn es sich der Mühe lohnte und die Hunderttausend erreicht waren, sein schön geschriebenes Eduard von Giloty, Geheimer Kommerzienrat. Den Gewaltigen in seinem Schlafe nicht zu stören, unterhielten sich die Herren jetzt mit unterdrückter Stimme. Jakob Mandelbaum, der ebenfalls dem Aufsichtsrate der Kommerzbank angehörte, war zu Robert Müller und Viktor Hahn getreten. Ihn interessierte die Sache am meisten, da er wußte, daß Seliger den Bahnbau Weilingen-Feldkirch-Walportshausen in allernächster Zeit zur Sprache bringen wollte, und daß die über die Kommerzbank zirkulierenden Gerüchte die Gründung der Bahngesellschaft am Ende vereiteln könnten. Und er war doch schon seit Monaten im stillen mit dem Erwerb des in Frage kommenden Geländes von Seliger betraut worden. Moritz Stern und Max Wassermann waren erst an diesem Morgen von außerhalb zu der von Seliger schon lange vorbereiteten außerordentlichen Versammlung des Aufsichtsrates der Kommerzbank eingetroffen. Sie saßen gleich Giloty an dem großen, die Mitte des Raumes einnehmenden grüngedeckten Tische und unterhielten sich leise über die in diesen Tagen erfolgte Kurstreibung der amerikanischen Petroleumwerte an der Amsterdamer Börse. Da trat Seliger in Begleitung des Dr. von Kutzleben ein. Die Begrüßung zwischen den im Sitzungssaal Versammelten und dem nun erscheinenden und ungeduldig erwarteten Vorstand der Bank war heute eine förmliche, fast kalte. Seliger merkte, daß die Herren ihn für die in dem Handelsblatt erschienene Nachricht mitverantwortlich machten, und das war ihm gerade recht. Dr. von Kutzleben hielt sich im Hintergrunde. Er wußte, daß eine gut gespielte Bescheidenheit von seiner Seite diesen Millionären immer imponierte und für ihn nur von Vorteil sein konnte. Auf eine einladende Handbewegung Seligers setzte man sich an den mit Aktenmappen, Zigarrentellern und Tintenfässern besetzten Tisch. Der Form entsprechend ergriff Eduard von Giloty als Vorsitzender des Aufsichtsrates zuerst das Wort und erklärte die von Seliger einberufene außerordentliche Versammlung für eröffnet. Dann meldete sich der Bankvorstand zum Wort: »Lassen Sie uns gleich auf die Hauptsache kommen, meine Herren,« begann Seliger. »Ich habe diese außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrates einberufen, um Ihnen das dringliche und schon seit Monaten einer Entscheidung harrende Projekt der Kleinbahn Weilingen-Feldkirch-Walportshausen, das ich zusammen mit unserm Rechtsbeistand, Herrn Doktor von Kutzleben, ausgearbeitet habe, zur Vorbereitung vorzulegen.« Jetzt vermochte Viktor Hahn, der Generalkonsul der Republik Ecuador, nicht mehr an sich zu halten. Er unterbrach Seliger, ohne daß er sich bei Giloty zum Wort gemeldet hatte, mit dem in gereiztem Tone hervorgestoßenen Satze: »Ich dachte, Herr Seliger, Sie hätten diese außerordentliche Versammlung einberufen, um den Aufsichtsräten der Bank Aufklärung darüber zu erteilen, wie es möglich ist, daß eine Notiz über die Insolvenz der Kommerzbank in dem Handelsblatte zum Abdruck gebracht werden konnte.« Alle andern nickten zur Bestätigung dieser Vermutung Viktor Hahns lebhaft mit den Köpfen, und Robert Müller, der Teilhaber von Cassel \& Söhne, sagte mit seiner sanften Stimme: »Wir erwarten allerdings eine Erklärung dieser peinlichen Zeitungsnotiz und des sich daranschließenden noch peinlicheren Vorfalles von Ihrer Seite, Herr Seliger!« Seliger lächelte. Die ganze Verachtung, die er gegen diese Strohpuppen, gegen diese Marionetten, die immer zu allen seinen Entschließungen Ja und Amen gesagt hatten und nun um ihr Geld bangten, auf dem Herzen hatte, sprach sich in diesem Lächeln des großen Geschäftsmannes aus. »Da Sie von mir eine Erklärung verlangen, meine Herren,« sagte er nun in gelangweiltem Tone, »so will ich Ihnen verraten, daß ich selber die in Frage stehende Notiz verfaßt und in das Handelsblatt gebracht habe, deren glänzenden Widerruf Sie heute abend lesen werden!« »Sie selber?« Wie aus einem Munde tönte diese erstaunte, empörte Frage dem Vorstand von Seiten seiner sieben Aufsichtsräte entgegen. »Sie selber?« »Ja, ich selber,« wiederholte Seliger noch einmal. »Meinen Sie, ich wollte mir meine Geschäfte ruinieren lassen durch Gerüchte, die in die Luft gesetzt werden, und die ich niemals beim Schopfe fassen kann? – Sie kümmern sich ja kaum um die Geschäfte der Kommerzbank, meine Herren. Sie finden sich einmal im Jahre zusammen, setzen Ihren Namen unter das Protokoll und streichen die Tantiemen ein, die wir erobert haben. Meinen Sie, ich wollte mir meine Geschäfte ruinieren lassen?« »Ich muß Sie doch bitten, Herr Seliger,« schrie Viktor Hahn, der Generalkonsul der Republik Ecuador, und Eduard von Giloty schnaufte: »Was haben Sie gesagt, ich habe Sie nicht richtig verstanden, Herr Seliger.« Die beiden von auswärts zugereisten Herren spitzten die Ohren, und Robert Müller schüttelte den blonden Kopf, um damit zu sagen, daß Harry Seliger in seiner Brüskierung des Aufsichtsrates doch wohl zu weit gegangen sei. Aber der ließ sich nicht irremachen. Wie er sie jetzt vor sich hatte, diese Halunken, diese Drohnen, die immer nur da waren, wenn es den Rahm abzuschöpfen galt. Das war ihm gerade recht. Wie heute morgen den kleinen Leuten auf der Straße, so trat er nun auch diesen entgegen, wie ein Bändiger, die Peitsche der Ironie und des Spottes in der Hand: »Ja, meine Herren, das habe ich getan, ohne Sie zu fragen, als Leiter und Gründer der Kommerzbank, auf dessen Schultern die ganze Last der Arbeit und Verantwortung ruht, ich ganz allein, weil ich mir meine Geschäfte nicht ruinieren lasse. Die Gründung der Bahn ist spruchreif geworden. Ich bedarf zu dieser Gründung Geld, viel Geld, soviel Geld, wie Sie aus Ihren eigenen Mitteln niemals bewilligen werden. Um nun dieses Geld zu beschaffen, muß der Kredit der Kommerzbank unerschüttert dastehen, und man hat diesen Kredit durch Gerüchte an der Börse zu erschüttern versucht. Nur der an einem Tage gelieferte schlagende Beweis der Solvenz der Bank vermag die Zuversicht des Publikums wiederherzustellen, vermag das Vertrauen der Finanzkreise, die ich zur Gründung der Bahn nötig habe, wieder zu erobern. Während Sie sich hierher bemühten, sind für eine Million Depots von meinem Kassierer innerhalb einer knappen Stunde an der Kasse ausbezahlt worden, wer seine Wechsel nicht einlösen kann und bei J. J. Stern und andern in Mitleidenschaft gezogen ist, der zahlt an einem einzigen Tage keine Million aus, meine Herren! Aus diesem Grunde, um alle Gerüchte in einem einzigen zu fassen und mit dem einen zu vernichten, habe ich selber die nicht nur Sie aufregende Notiz für das Handelsblatt geschrieben.« Viktor Hahn war sprachlos. Giloty schnappte nach Luft wie ein Weihnachtskarpfen, der in der Bütte keinen Tropfen Wassers mehr zu finden vermag, und die Herren von auswärts flüsterten leise miteinander. Der vorsichtige Robert Müller faßte sich diesmal als erster und meinte, sich an seine Kollegen vom Aufsichtsrate wendend: »Es ist wohl unsere Pflicht, meine Herren, schon im Interesse der kleinen, bei der Bank beteiligten Leute nach dem, was in dem Handelsblatte gestanden, eine Revision der Depots vorzunehmen, denn ich bin der Ansicht« – »Sie fürchten für Ihre dreimalhunderttausend Reichsmark, Herr Robert Müller,« lachte nun Seliger heiser, »seien Sie unbesorgt, wenn Sie die durch meine Worte gegebene Erklärung für die Notiz im Handelsblatt anzuzweifeln belieben und eine Revision der Depots vorschlagen, die für mich in diesem Falle den Vorwurf der Unredlichkeit bedeutet, dann werden Sie mir wohl gestatten, daß ich Ihnen Ihr Depot von meinem Kassierer vorzählen lasse, bevor ich hier meinen Austritt aus der Kommerzbank und die Kündigung der mir gehörenden und in Aktien der Bank angelegten Kapitalien zum Ausdruck bringe!« »Was hat er gesagt?« schrie da Viktor Hahn. Seliger drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel, und weder den vorsichtigen Robert Müller noch die um ihn drängende Gruppe der übrigen Herren Aufsichtsräte auch nur eines Blickes würdigend, befahl er dem eintretenden Diener: »Schicken Sie sofort den Kassierer in den Sitzungssaal, Bertrand, er soll das offene Depot des Herrn Robert Müller, Mitinhabers der Würzburgerschen Bank, zum Nachzählen mitbringen. Und die andern Herren? Wer von den andern Herren wünscht sich noch von dem unversehrten Vorhandensein seiner der Kommerzbank anvertrauten Gelder zu überzeugen, damit ich den Diener nicht zweimal zu bemühen brauche, in dieser meiner letzten Amtshandlung als Vorstand des unter Ihrer Aufsicht stehenden Instituts?« Bertrand war mit einem »Jawohl, Herr Seliger!« bereits wieder verschwunden, und alle, Robert Müller an der Spitze, drängten sich nun um den Bankvorstand, ihn durch Entschuldigungen und Bitten von seiner eben geäußerten Absicht zurückzubringen. Finster, den Kopf in die Hand gestützt, saß Seliger da. Von diesem kleinen Robert Müller hätte er dies am allerletzten erwartet. Auf alle Fragen und Bitten hatte er nur die eine Antwort: »Wir werden weiterreden, meine Herren, wenn der Kassierer da war, und sich Herr Robert Müller von dem Vorhandensein seiner Wertpapiere überzeugt haben wird.« Der Kassierer erschien. Es war Robert Müller ungemein peinlich, angesichts dieser Herren die eigentlich von ihm selbst geforderte Manipulation des Nachzählens der Wertpapiere vornehmen zu müssen. Flüchtig und zerstreut, aber dennoch beim Anblick der ihm gehörenden Schätze eine leise Erregung in seinem ganzen Wesen, eine flüchtige Röte auf den Wangen, kam er seiner Aufgabe nach. Vor Robert Müllers Augen verschloß der Kassierer die Pfandbriefe und Aktien wieder in die Ledermappe, in der sie seit dem Tage der Einzahlung geruht hatten, und verschwand lautlos. Wieder ergriff Seliger das Wort: »Ich erkläre hiermit meinen Austritt aus der Kommerzbank und kündige das von mir in die Bank eingezahlte Kapital zum nächsten vertragsmäßigen Termin.« Das bedeutete das Ende der herrlichen und von Jahr zu Jahr steigenden Tantiemen, die diese Herren von Seligers Arbeit skrupel- und mühelos geerntet hatten. Jetzt war der Moment für Eduard von Giloty gekommen. Wo es etwas einzurenken galt, war er am Platze. Pustend und mühsam erhob sich der Geheime Kommerzienrat von seinem Sessel und sagte: »Meine Herren! Es war ein Lieblingswort meines Vaters, des berühmten Johannes von Giloty, des Begründers der vereinigten Industriebanken: es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Und aus meinem eigenen Schatze füge ich hinzu: es wird überall mit Wasser gekocht, meine Herren. Wenn Herr Robert Müller in begreiflicher Erregung über die Notiz des Handelsblattes eine Revision der Depots verlangte, so war das nichts, was seinen Rechten und Pflichten als Aufsichtsrat der Kommerzbank zuwiderläuft, und wenn Herr Seliger als Vorstand der Bank in einem solchen Verlangen ein Mißtrauensvotum sieht, dann kann ich ihm das nicht verübeln. Aber wie sagt doch unser großer Dichter Schiller: ›Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.‹ Ich denke, wir schaffen die ganze mißliche Sache aus der Welt, indem wir erklären, daß wir uns mit dem Vorgehen des Herrn Seliger, betreffend die Notiz im Handelsblatt, einverstanden erklären und Herrn Seliger unseres unbeschränkten Vertrauens versichern. Was Herrn Robert Müller und Herrn Seliger nicht hindern soll, bei dem sich an diese außerordentliche Versammlung im Französischen Hof anschließenden Bankett durch eine Flasche Pommery und Greno extra dry die uns allen unliebsame Disharmonie aus der Welt zu bringen.« Alle, Robert Müller an der Spitze, erhoben sich von ihren Sitzen, und Seliger quittierte mit einem Nicken des Kopfes dieses ihm von dem Aufsichtsrat der Kommerzbank einstimmig erteilte Vertrauensvotum. Dann sagte er rasch: »Ich denke, nach diesem unliebsamen Zwischenfalle können wir nun endlich zu der Tagesordnung unserer Sitzung, der projektierten Kleinbahn Weilingen-Feldkirch-Walportshausen übergehen.« Fragend neigte Eduard von Giloty den dicken und geröteten Kopf nach allen Seiten, dann erhob er sich mühsam von seinem Polstersessel und sagte: »Ich erteile hiermit Herrn Seliger das Wort in Sachen der Gründung einer Aktiengesellschaft ›Kleinbahn Weilingen-Feldkirch-Walportshausen‹.« Devot und mit einer aristokratischen Verbeugung überreichte Dr. von Kutzleben dem an seiner Seite sitzenden Bankvorstand die umfangreichen, den Bahnbau betreffenden Papiere, die er seiner schwarzen Ledermappe entnommen hatte, und Seliger begann, den goldenen Kneifer auf die leicht gekrümmte Nase klemmend: »Der Voranschlag des Prospektes, der der Genehmigung des Aufsichtsrates der Kommerzbank bedarf, ist Ihnen vor einigen Wochen zugegangen, meine Herren. Er stützt sich auf die Kostenberechnung der Baufirma Julius Lehmann \& Söhne, die als die preiswerteste und annehmbarste aus dem seinerzeit von der Kommerzbank ausgeschriebenen Wettbewerb siegreich hervorgegangen ist. Es handelt sich, wie Sie wissen, um ein Objekt von rund siebzehn Millionen und fünfmalhunderttausend Mark, in welche Summe, so weit wie möglich, alle Eventualitäten, vor allem die Kosten der anzukaufenden Ländereien miteingerechnet sind.« Bei diesen Worten Seligers wurde Jakob Mandelbaum, der sich bislang ganz schweigsam verhalten hatte, lebendig. Siebzehn Millionen und fünfmalhunderttausend Mark, da kam ein netter Brocken auf den Ankauf der Immobilien, mit dessen Vermittlung ihn sein alter Freund Seliger schon unter der Hand und im stillen betraut hatte. Die lange, klapperdürre Gestalt des Juden mit dem Vogelgesichte und der furchtbaren Habichtsnase, der an der Börse nie anders als La Mancha genannt wurde, rutschte unruhig auf dem Sessel hin und her, und die Spinnenfinger Mandelbaums, die wie zum Zugreifen und Festhalten geschaffen schienen, kritzelten nun Zahlen und nichts als Zahlen auf den weißen Rand des vor ihm liegenden Handelsblattes, eine vorläufige Kalkulation der Provision, die bei diesem großen Geschäft für ihn abfallen mußte. Die Aufmerksamkeit der andern war völlig auf Seliger gerichtet, der in dem ihm eigentümlichen sachlichen und kühlen Tone fortfuhr: »Der Prospekt macht nun den Vorschlag, meine Herren, das gesamte Veranlagungs- und Betriebskapital der Kleinbahn in Höhe von fünfundzwanzig Millionen Mark in Prioritäten und Aktien zu tausend Mark einzuteilen, die zu dreiundeinhalb Prozent verzinst werden, von denen alljährlich ein den Einnahmen der Bahn entsprechender Teil durch Auslosung getilgt werden soll. Der Prospekt spricht die Absicht aus, die fünfundzwanzig Millionen des Baues allmählich zu emissionieren und die Zulassung dieser Aktien zum Handel an der hiesigen Börse zu beantragen. Die erste Abteilung, fünftausend Aktien à tausend Mark, würde mit dem ersten April des der Eröffnung der Bahn folgenden Jahres emissioniert und, wie ich hoffe, könnte die zweite Emission am ersten Juli desselben Jahres, keinen Zwischenfall vorausgesetzt, erfolgen. Alle Einzelheiten werden die Herren aus dem ihnen zugegangenen Prospekt ersehen haben. Ich füge noch hinzu, daß ich selbst fünftausend Vorzugsaktien, d. h. je tausend einer jeden Abteilung in Höhe von fünf Millionen Mark, also ein Fünftel des gesamten Betriebskapitals für meine Rechnung übernehme.« Die Aufsichtsräte reckten die Köpfe, als ob sie nicht recht verstanden hätten, und Eduard von Giloty legte die fleischige Rechte hinter die Ohrmuschel, um besser hören zu können. Ein Fünftel des ganzen Geschäfts übernahm Seliger selber, das mußte ja eine Bombensache sein, wenn der schlaue Mann von Anfang an eine solche Summe in das Unternehmen steckte. »Die Rentabilität der Bahn, für die die Konzession von Seiten der in Frage kommenden Behörden schon vor Monaten erteilt ist, steht außer Frage,« fuhr Seliger jetzt fort. »Die baldige Verbindung der volkreichen Orte Weilingen, Feldkirch und Walportshausen mit der Stadt ist ein volkswirtschaftliches und soziales Bedürfnis, da die meisten der in den städtischen Fabriken beschäftigten Industriearbeiter in diesen Dörfern wohnen. Aber auch der allgemeine Verkehr nach dem Gebirge dürfte sich nach dem Bau der Bahn heben und der Gesellschaft vor allem für die Sommermonate reiche Einnahmen sichern. Von dem Güterverkehr brauche ich gar nicht zu reden, denn Sie wissen ja selbst, daß die in Frage stehenden Dörfer infolge ihrer starken Bevölkerung reichlich konsumieren, und daß vor allem das so günstig gelegene Weilingen die halbe Stadt mit Gemüse versorgt! Da der Aufsichtsrat der Kommerzbank, in deren Namen sich die neue Gründung vollzieht, hier vollzählig versammelt ist, und wir mehr als beschlußfähig sind, stelle ich den Antrag, über die Gründung der Aktiengesellschaft ›Kleinbahn Weilingen-Feldkirch-Walportshausen‹ abzustimmen, damit wir die notwendigen Schritte zur Inangriffnahme des Bahnbaues allmählich einleiten können. Die Aktien dürften nach meiner Ansicht einige Wochen nach der Ausschreibung der Sache bereits überzeichnet sein.« Da meldete sich der vorsichtige Robert Müller, der schon wieder während der ganzen Auseinandersetzung Seligers die lebhafteste Unruhe gezeigt hatte, zum Wort. Es war ein bitterböser Blick, der ihn nun aus Seligers harten Augen traf, aber im Bewußtsein erfüllter Pflicht verharrte der Teilhaber der Würzburgerschen Bank und sagte in bescheidenem, aber festem Tone: »Meine Herren, ich habe den Voranschlag der Firma Julius Lehmann \& Söhne einer eingehenden Prüfung unterworfen und lese aus diesem Voranschlag wohl mit Ihnen allen heraus, daß diese Firma den Bahnbau für siebzehn Millionen und fünfhunderttausend Mark nur unter dem Vorbehalt übernimmt, daß die Durchführung der Trace durch das Jagdgebiet des in der Nähe von Walportshausen begüterten Fürsten genehmigt wird. Nach den von mir eingezogenen Erkundigungen würde aber eine Nichtgenehmigung dieser Linie den ganzen Bahnbau in Frage stellen. Es bliebe nämlich kein anderer Weg, als die Umgehung der fürstlichen Wälder – ein Umweg von nahezu vierundzwanzig Kilometern – und die Durchbohrung des Gebirges mittels zweier Tunnels hinter Feldkirch und vor Walportshausen, was die Kosten des Bahnbaues und den Ankauf des Geländes um Millionen verteuern würde. Und davon hat Herr Seliger uns nichts gesagt.« Tiefe Blässe im Gesicht und mit bebenden Lippen trat Seliger diesem hartnäckigen Gegner, der heute sein Verderben zu wollen schien, entgegen, und mit den Händen auf die Tischplatte schlagend, schrie er: »Wer hat Ihnen gesagt, daß die Konzession zur Durchführung der Trace durch den fürstlichen Wildpark nicht erteilt werde, Herr Müller, wer hat Ihnen das gesagt? Ich übernehme die Garantie, die volle Garantie, meine Herren, daß diese Konzession erteilt werden wird! Haben Sie mich verstanden?« Zitternd setzte sich Robert Müller, aber seine Lippen murmelten in das Ohr des ihm zur Seite sitzenden Viktor Hahn: »Die Nichtgenehmigung dieser Trace wirft den ganzen Bahnbau über den Haufen!« Auch diese leise gesprochenen Worte waren dem feinen Ohre Harry Seligers nicht entgangen. Sollte dieser Strohkopf mit seinen ewigen Bedenken, mit seiner Angst, die ihm an der Börse den Namen Hosenmeyer eingetragen, wieder das ganze Projekt in Frage stellen? Noch einmal rief er daher mit lauter Stimme: »Ich garantiere mit meinem ganzen Vermögen, daß die Konzession erteilt wird, meine Herren!« Da flog ein satanisches Lächeln um die schmalen Lippen Dr. von Kutzlebens, und er neigte sich tief über seine Akten, damit keinem die Schadenfreude, die sich bei dieser Erklärung Seligers auf seinem Gesichte malte, auffallen sollte. Es war zwei Uhr mittags geworden, als der Aufsichtsrat nach langer Debatte mit sechs gegen eine Stimme die Gründung der Aktiengesellschaft beschloß. Allerdings unter dem Vorbehalte, daß die Konzession zur Führung der Trace durch den fürstlichen Wildpark erteilt werden würde. III. In dem im Erdgeschosse der Villa Seliger gelegenen Billardzimmer langweilten sich die Sprossen des großen Börsenkönigs nach dem Diner. Die ältere, brünette Etelka und »das Kleine«, Edith, »das Schaf«, wie sie von ihrem Bruder Leo und ihrer Schwester genannt wurde, spielten eine Partie, indessen der einzige männliche Nachkomme des Hauses Seliger seinen Mokka nebst einer grünen Chartreuse schlürfte und eine Kyriazi nach der andern in Dampf aufgehen ließ. Sich vor seinen Schwestern nicht im mindesten genierend, lag er, die Beine lang ausgestreckt, auf dem mit einem türkischen Teppich überdeckten Diwan und summte leise vor sich hin: »Auf dem Baum', da hängt 'ne Pflaum'.« Er war ein fescher Junge von zweiundzwanzig Jahren, der älteste des Bankdirektors, der in seinem Äußern viel von der germanischen und blonden Mutter an sich hatte, während die Nasen der beiden Mädchen und deren etwas hervorquellende Augen die Vaterschaft des alten Seliger außer Frage stellten. Aber auch diese beiden waren eher hübsch als häßlich zu nennen. Vor allem Etelka hatte eine schöne Gestalt und ein interessantes Gesichtchen, während Edith mit den blonden Haaren, den blauen Augen und dem leicht gebogenen Näschen geradezu als Typ eines Mischlings zweier fast entgegengesetzter Rassen gelten konnte. »Sei doch nicht so blöde, Leo, und summe immer das faule Lied vor dich hin,« unterbrach Etelka jetzt die Partie, die sie mit ihrer Schwester erst vor wenigen Minuten angefangen hatte. »Du bläst einem die Ohren voll mit solch einem Stumpfsinn, und das Kleine spielt heute wieder, daß es den vor sechs Wochen im Zoologischen verstorbenen Chimpansen jammern kann.« Edith, das Schaf, das gleich beleidigt war, schmollte: »Dann such' dir doch eine andere Partnerin, Telka, wenn ich dir nicht gut genug spiele! Daß ihr zwei euch immer an mir reiben müßt.« »Ich danke für Obst und andere Südfrüchte,« lachte Leo, sich auf dem Diwan reckend und den Stummel seiner Kyriazi in einem langen Bogen nach dem Marmorkamin in der entgegengesetzten Ecke des Zimmers schleudernd, »da hab' ich bessere Dinge zu tun, als mich an dir zu reiben, Schaf. Wißt ihr schon, Kinder, daß das Schauspiel einen neuen Oberregisseur bekommen hat, der für die neuromantische Richtung schwärmt?« »Was geht das uns an,« lautete Etelkas gelangweilte Antwort, »ob neuromantisch oder altromantisch. Die Samstage sind mir der reine Ekel, wenn man in die Loge geschleppt wird und sich von acht bis elf Uhr zu Tode mopsen kann.« »Das ist deine Privatansicht, Telka, die Kunst bleibt doch das Einzige, was unsereinem dieses Leben einigermaßen erträglich macht.« Dann wandte er sich an Edith: »Nicht, Schaf, die Kunst bleibt das Einzige?« Edith sah sich nicht veranlaßt, ihm auf diese Anrede hin eine Antwort zu erteilen, und Etelka stichelte: »Ja, seitdem du wegen zu stark entwickelter O-Beine und allzu deutlichen Hervortretens deines Nasenrückens als Avantageur bei den Husaren nicht angekommen bist, ist die Kunst wohl das. Einzige, was einem christlichjüdischen Millionärssohn unserer Tage, der auf den schönen Namen Seliger hört, übrigbleibt. Nicht, Leochen? In diesem Falle neide ich dir deine oft gerühmte Männlichkeit nicht, da sind Edith und ich schon besser dran, wir erheiraten mit Papas Geld einen aristokratisch klingenden Namen und lassen die geborene Seliger einfach unter den Tisch des Hauses fallen. Nicht Edith, du kleines Schaf?« Sie lachte gezwungen und faßte die Schwester, die immer noch schmollte, und der die Tränen in den großen Froschaugen standen, zärtlich um die Taille. »Laß mich,« wehrte Edith ab, »erst beleidigt ihr einen mit euren Sticheleien und Liebesnamen, und dann soll man wieder gut sein. Ich danke für diese Behandlung. Ich werde Papa bitten, mich wieder in die Schweiz zu schicken, wo ich in Pension gewesen bin in Genf, und dort werde ich studieren, und ihr könnt mich alle hochachten mit euren Partien und euren Vergnügungen, die doch alle nichts taugen.« »Ob Papa Ja und Amen sagen wird,« sagte nun Leo zweifelnd, und zündete sich eine neue Zigarette an. »Und dann, Schäfchen, das mit dem Studieren und in die Schweiz gehen à la jeune Russe, das ist doch wohl kaum dein Ernst. Dazu amüsierst du dich doch hier in der Stadt viel zu gut, wären es auch nur die schönen Lieder von Davidchen Mandelbaum, die dich für den Augenblick an die Scholle fesseln müßten.« Eine Glutwelle stieg in Ediths Gesichtchen, als Leo diesen Namen nannte, dann lief sie wie ein ungezogenes Kind, die Türe hinter sich zuschlagend, aus dem Zimmer und schluchzte in dem an das Billardzimmer anstoßenden Speisesaale zum Herzbrechen los. Leo eilte ihr nach. »Sei doch gut, Schäfchen,« bettelte er. »So war's ja nicht gemeint. Es ist ja weiter nichts dabei, wenn man sich in deinem Alter andichten läßt und noch seinen idealen Schwarm hat.« Und Etelka trillerte, als Leo die sich sträubende Edith nach sich ziehend wieder in dem Billardzimmer erschien. »Erst achtzehn Jahr Johanna war und noch ein wahres Kind dabei. Man soll 'nem jungen Mann, wenn man's vermeiden kann, nicht allzutief in die Augen sehn.« Da heulte Edith wieder los. »Ich halt's nicht aus, in diesem Hause nicht, und mit Mama nicht und mit dir und Leo nicht, man kommt sich hier so entweiht, so gemein vor in dieser Umgebung. Alles wird in den Kot gezerrt, ich halt's nicht mehr aus.« »Na beruhige dich nur, Edithchen,« schmeichelte nun Etelka. »Wenn du erst zwei, drei Jahre älter bist, wirst du die Welt auch mit andern Augen betrachten. Dann wirst du nicht mehr weinen, wenn dir einer sagt, daß Davidchen Mandelbaum schöne Gedichte macht, und daß er dich anschwärmt, dann wirst du dich umsehen unter den Söhnen des Landes, wo es mit deinen Millionen ein Wappenschild zu vergolden und einem wirklichen Grafen aus der Patsche zu helfen gilt.« »Du hast den Grafen Waldburg im Sinn, Telkelchen,« nahm nun Leo das Gespräch auf. »Wenn du dich nur nicht irrst. Er steht bei den Leibulanen, ist Majoratsherr der allerdings schwer verschuldeten Güter Waldburg-Immenhausen und wird nach dem Tode seines kinderlosen und in der Irrenanstalt untergebrachten Onkels Seniorchef der gräflichen Häuser derer von Waldburg-Immenhausen. Ob der es trotz der Million Mitgift und den noch in Aussicht stehenden Millionen mit der Halbjüdin Etelka geb. Seliger riskieren darf, ist nun doch sehr die Frage, selbst wenn du dich wegen der Waldburg einmal von dem protestantischen und wegen der Immenhausen einmal von dem katholischen Pfarrer taufen ließest, Telkelchen, denn die Immenhausen sind alter Salzburgischer Adel. Wie man sagt, direkte Nachkommen von einem Erzbischof, der den Kindern seiner Haushälterin in Wien Namen und Titel zu verschaffen wußte. Dem Verdienste seine Krone.« Etelka schwieg. Auch ihr war es ja zweifelhaft, ob Eberhard von Waldburg-Immenhausen, Graf und Rittmeister bei den Leibulanen, dem sie schon mehr Avancen als gut war gemacht hatte, sich jemals zu einem Antrag entschließen würde, bei ihr, bei einer Seliger, trotz all der Millionen des Vaters. Am Ende gab es doch auch noch christliches Kapital genug, mit dem sich ein Mann wie dieser Graf arrangieren konnte. Sie trat an das Fenster und klopfte nervös wider die Scheiben. Eine trübe Stimmung überkam sie, und plötzlich, als wenn sie ihren Gedanken eine andere Richtung geben wollte, wandte sie sich an ihren Bruder Leo mit den Worten: »Ich begreife nicht, Leo, daß Frau von Giloty Mama und mich noch nicht zur Teilnahme an dem Winterfest des Krippenvereins aufgefordert hat. Das ist doch regelmäßig in jedem andern Jahre geschehen?« »Du meinst, weil die ganze Garnison immer dahin kommt, und weil der Graf bei dem Feste eine Hauptrolle zu spielen pflegt,« lautete Leos grausame Antwort. »Ach nein, Telkelchen, die Verhältnisse liegen in diesem Jahre anders. Der Krippenverein setzt sich doch zum großen Teil aus den Damen der hiesigen Regimenter zusammen, und die Leibulanen sind doch in Sachen des gesellschaftlichen Lebens das führende Regiment, über das auch Frau von Giloty nicht hinauskann. Hättest du nun wie ich in den letzten Jahren die Rang- und Quartierliste studiert, dann wüßtest du, daß der tolerante Oberst von Bredow durch einen aus dem Osten stammenden Freiherrn von Kolitzko ersetzt worden ist. Dem Kolitzko – der Name lautet ja schon so polnisch – geht der Ruf eines großen Antisemiten vor dem Herrn voraus. Er macht keinen Unterschied zwischen dem Westen und dem Osten, nicht einmal einen zwischen Berlin und Inowrazlaw, und so hält er von seinem Regiment alles fern, was, wie er sich ausdrückt, nach Knoblauch stinkt und auf Plattfüßen durch dieses schöne Leben geht. Darum bin ich bei dem Regiment nicht angekommen, und darum hat euch Frau von Giloty keine Einladungen mehr für das Winterfest des Krippenvereins geschickt, weil nicht Frau von Giloty, sondern Frau Oberst von Kolitzko das ausschlaggebende Wort zu sagen hat.« Etelka, die über Leo wütend war, weil er ihr die Wahrheit gesagt hatte, fragte nun ganz unvermittelt: »Was macht denn die Feretti, Leochen?« Dieser schwieg, und Etelka fuhr fort: »Die ganze Stadt weiß doch, daß sie seit drei Monaten deine Maitresse ist.« »Was ist denn das wieder, eine Maitresse,« fuhr nun die kleine Edith dazwischen. »Ihr sprecht immer so dumme Sachen, die ich nicht verstehen kann.« »Erzschaf,« lautete nun Etelkas Antwort. »Eine Maitresse ist eben eine Maitresse, so wie – na so wie die Mama und der Prinz von Trachenstein – weißt du es jetzt – so sind die Feretti und Leo. Davon haben wir neulich in unserem englischen Kränzchen gesprochen, und Hannah Ehrlich, die sich doch für unseren Leo interessiert, hat das sehr apart gefunden, weil doch die Feretti Italienerin und erste Dame im Corps de ballet ist. Ausländerinnen und Damen vom Theater werden ja in unseren Kreisen immer für sehr apart gehalten.« Das Gespräch wurde von dem eintretenden Diener unterbrochen, der den Besuch des Prinzen von Trachenstein meldete. »Führen Sie ihn doch gleich hinauf in den ersten Stock zu der gnädigen Frau,« sagte Etelka, »sie hat Migräne und ist in ihrem Schlafzimmer. Was sollen wir hier mit dem Prinzen von Trachenstein?« »Wie Sie befehlen, gnädiges Fräulein.« Lautlos wie er gekommen, entfernte sich der herrschaftliche Diener. »Dieses Volk, das auf Filzpantoffeln durch die herrschaftlichen Häuser über die hohen Smyrnas schleicht,« brummte Leo vor sich hin, »dieses Volk pflegt über die Interna besser unterrichtet zu sein als der Hausherr und die Hausfrau zusammengenommen. Ich hörte einmal einen, der renommierte, wenn er angetrunken war, von einer Warze, die seine Gnädige, eine Gräfin von Rosenheim, an einem nicht näher zu bezeichnenden Körperteil gehabt haben soll.« »Pfui Leo,« rief nun Etelka Entrüstung heuchelnd und doch sichtlich interessiert. »Du wirst gemein. Aber das kommt davon, wenn man auf der Hintertreppe verkehrt und schon mit siebzehn ein Verhältnis mit der Kammerjungfer seiner Mutter gehabt hat!« »Worauf ich mir nicht wenig einbilde, Telkelchen! Ich war damals noch Unterprimaner, und alle meine Mitschüler beneideten mich um meine ersten auf dem Felde der freien Liebe verdienten Sporen!« »Und das Consilium abeundi war die Folge, he, he,« – ärgerte ihn Etelka weiter – »und dann deine Reise nach Chaux de Fonds in das Institut des Pfarrers Colin, wo es keine Kammerjungfern und keine emanzipierten Mütter gab.« »Wenn du wüßtest, wie wir uns in La Chaux de Fonds amüsiert haben, Telkelchen, und dem Herrn Pfarrer mit seinen eigenen Töchtern ein Schnippchen schlugen. Jugend hat eben keine Tugend. Darf ich dir noch eine Zigarette anbieten, ich rauche nämlich auch noch eine.« Nun schmauchten sie beide zur Versöhnung darauf los. Die kleine Edith saß schmollend in der Ecke. Endlich brachte sie schluchzend hervor: »Aber das geht doch nicht, Telka, daß du den Prinzen durch den Diener einfach schickst in das Schlafzimmer von der Mama!« »Mauschle nicht, Edith,« brauste nun Etelka mit einem Male auf. »Das ist das Schlimmste, was du dir angewöhnen kannst. Ich sage dir, mauschle nicht und stelle die Worte richtig, Mama und ich haben es dir schon hundertmal verboten.« »Ja, Etelka hat ganz recht,« sekundierte Leo, »wenn du so fortfährst, Edith, dann machst du dich in der guten Gesellschaft unmöglich und dann kannst du noch trotz deiner Millionen mit deinem Gemauschel an Davidchen Mandelbaum hängen bleiben!« Das war der Kleinen denn doch des Guten zuviel. Tränen in den Augen verließ sie das Billardzimmer und flüchtete sich hinauf in den zweiten Stock in ihr Mädchenstübchen, wo sie sich von Herzen ausweinen konnte. Leo behauptete in das Wiener Café zu müssen, um die Rezensionen in, den Berliner Blättern zu lesen. Vorgestern sei eine große Premiere im Deutschen Theater gewesen, von deren Erfolg oder Mißerfolg er sich unterrichten wolle. So blieb Etelka allein, sie zog sich in die dem Billardzimmer benachbarte Bibliothek zurück und kramte aus dem unteren Teil des Bücherschrankes, wo die nicht eingebundenen Romane standen, Zolas Nana hervor. Die Szene, in der die nackte Nana auf dem Rücken des Ministers reitet, mußte sie noch einmal lesen. Sie hatte ihr zu ausgezeichnet gefallen. Unterdessen war Prinz Egon von Trachenstein die Treppe zum ersten Stockwerk der Villa hinangestiegen, wo die Gemächer der gnädigen Frau lagen. Den kostbaren Nerz legte er im Vestibül auf eines der hier stehenden Taburetts. Dann trat er vor den über der Toilette hängenden großen Kristallspiegel venezianischer Arbeit und musterte sein Äußeres. Eigentlich war er trotz seiner sechsundfünfzig doch noch ein schöner Mensch. Freilich als alter Herrenreiter, der er in seiner Jugend gewesen, hatte er nicht viel Fett angesetzt, und der verdammte Anfall, den er im vorigen Sommer gehabt hatte, dessen Charakter die Ärzte nicht erklären konnten oder wollten, hatte seine Spuren zurückgelassen. Sein Gang war seit jenem Tage ein wenig schlotternd geworden, und die rechte Seite der Unterlippe wollte sich nicht mehr in ihre normale Lage bringen lassen. Aber der mit allen Mitteln der Kunst gepflegte und ebenholzschwarz gefärbte Vollbart deckte diesen Mangel zur Not noch zu. Daß die rabenschwarzen Haupthaare ebenso wie die beiden Reihen blendend weißer Zähne der Kunst des Coiffeurs und des Zahntechnikers ihre Entstehung verdankten, hätte wohl auch das Auge eines Kenners kaum erraten, so paßte alles ineinander und so trefflich war die Natur in diesem Falle nachgeahmt worden. Prinz Egon von Trachenstein war mit der Musterung seiner äußeren Erscheinung in dem Spiegel des Hauses Seliger durchaus zufrieden und er wäre glücklich gewesen, wenn er sich mit dem inneren Werte in den Taschen seines funkelnagelneuen, natürlich noch nicht bezahlten Gesellschaftsanzugs ebenso einverstanden hätte erklären können. Aber du lieber Gott! Vollkommen war eben nichts auf dieser besten aller Welten, und so mußte er, der Sproß eines souveränen Hauses, dessen ältester Bruder mit der Herrschaft auch alles andere in die Tasche gesteckt hatte, schon zusehen, wie er in standesgemäßer Weise der ewigen Leere seines Portefeuilles einigermaßen auf die Sprünge half. Von der Schönheit seines äußeren Menschen waren die anderen, vor allem die Angehörigen des schwachen Geschlechtes, weit weniger überzeugt, als Prinz Trachenstein selber. Denn Dienstmädchen und Kammerkätzchen, denen er alter Kavaliergewohnheit gemäß in Backen und Arme zu kneifen pflegte, machten einen weiten Umweg um Seine Hoheit, seitdem einmal eine eine wertlose Münze des Kirchenstaates an Stelle eines Zweimarkstückes aus seiner fürstlichen Hand erhalten hatte, und sein einziger Trost war und blieb die dicke Hilde, wie er sie im Klub und im Kreise seiner Intimen schamlos nannte, mit der er einst als junger Leutnant ein Verhältnis gehabt hatte, und die dann auf einmal die reiche Frau Seliger geworden war. Hilde liebte ihn noch, und dieser Liebe hatte er es zu verdanken, daß er nicht längst unter Kuratel gestellt und von seinen einflußreichen Verwandten in einer Kaltwasserheilanstalt untergebracht war. Denn seine Hilde fand Mittel und Wege, ihn immer wieder, wenn ihm das Wasser bis an den Hals ging, ans Trockene zu ziehen. Daß man ihn hier so unbehelligt ein- und ausgehen ließ, mußte er in diesem Augenblicke auf einmal denken. Freilich der alte Seliger – scheußlicher Name – der kümmerte sich ja schon seit Jahren nicht mehr um seine blonde und dicke Frau. Das war ja das ewige Jammerlied, das ihm seine Hilde vorzusingen hatte. Der hatte nichts im Kopfe als seine Spekulationen und interessierte sich höchstens für ein halbreifes Gänschen, das ihm gerade über den Weg lief. So ein Gourmet, wie sie in diesen überfütterten Kreisen öfter vorzukommen pflegten, wo man auf ein paar Tausend nicht zu sehen brauchte, so einer, der die Spargeln nur im April und die Schoten nur im Mai aß. Aber schon um des Scheines willen hätte man doch ein Auge auf ihn werfen sollen. Ob man ihn wirklich mit seinen sechsundfünfzig Jahren für so ganz ungefährlich hielt, für einen alten Onkel, der die Händchen streichelt und sich die Filzpantoffeln reichen läßt. Ihn, den alten Lebemann, der so manche nette Chose mit den kleinen Mädchen hinter sich hatte, der trotz seines fürstlichen Namens und trotz der Verwendung seines regierenden Bruders einst seinen Abschied hatte nehmen müssen wegen einer tollen Kiste, die er in dem Nest von Garnison in seiner Wohnung in Szene gesetzt, bei der die kleinen Mädchen im Evakostüm den Wein kredenzt hatten, eine schwarze Maske vor dem niedlichen Gesichtchen, und wo sich jeder Kamerad die Seine nach den Vorzügen des Körpers ohne Rücksicht auf ein schönes oder häßliches Frätzchen hatte wählen müssen. Prinz Trachenstein kicherte in sich hinein, das seltsame, fast unheimliche Kichern, das er seit seinem Anfalle vom vorigen Sommer an sich hatte, seitdem die Beine schlotterten, und seitdem die rechte Seite der Unterlippe die falschen Zähne nicht mehr bedecken wollte. Ob man im Hause Seliger ihn, den alten Onkel, wirklich für so ganz ungefährlich hielt? Diskret pochte er an die ihm wohlbekannte Tür des Boudoirs der Gnädigen, und ein mit schwacher Stimme geflüstertes »Herein« belehrte ihn darüber, daß Frau Hilde Seliger wieder einmal einen ihrer berühmten Migräneanfälle haben müsse, eine Krankheit, die ihm die Erreichung seiner Ziele jedesmal wesentlich zu erleichtern pflegte. Denn die Migräne versetzte Hilde in eine weiche Stimmung, unter ihrem Einflusse fühlte sie sich als eine alternde, von ihrem Manne und ihren Kindern vernachlässigte, von Gott und den Menschen verlassene Frau, die der stützenden Hand eines liebenden Freundes, dem sie sich nicht dankbar genug erweisen konnte, doppelt und dreifach bedurfte. In dem kleinen Boudoir, in dem Frau Seliger sich anzukleiden und die Morgenstunden zu verträumen pflegte, entledigte sich Prinz Trachenstein der neuen hellgelben Glacehandschuhe und stellte den Zylinder auf das in der Mitte des Raumes stehende Mahagonitischchen, an dem die Herrin des Hauses den Frühtee einzunehmen pflegte, wenn sie ihre Migräne nicht dazu zwang, dieses wichtige Geschäft im Bett zu erledigen. Lange haftete das Auge des Prinzen auf dem mit gelber Seide und echten Brüsseler Spitzen dekorierten Toilettentische, dessen raffinierte Ausstattung die Theaterprinzessin von anno dazumal auf das deutlichste verriet. O, diese Puderquasten und Schminktuben, diese Massage- und Frottierinstrumente, von der Rolle zum Glätten der Falten an den Schläfen und auf den Wangen bis zu den Elfenbeinstiften, mit denen die Nägel gereinigt und mit rosiger Paste aufgefrischt wurden! Wie manche Nacht aus froher Jugendzeit wurde bei diesem Anblick wach in der Seele Trachensteins, der einst ein gern gesehener Gast hinter den Kulissen des Hoftheaters gewesen in den Garderoben, wo es manches Toilettengeheimnis zu erspähen gab, und wo das Kennerauge des Mannes von Welt in Anspruch genommen wurde, ob sich das Flitterröckchen der Ballerina nicht noch ein ganz klein wenig kürzer schürzen lasse. Ach ja, das waren noch Zeiten gewesen, da die Mutter des jetzt regierenden Bruders, seine Mutter, noch am Leben war, und die Schulden des Jüngsten, ihres Lieblings, immer wieder glatt bezahlt worden waren. Aus dem Nebenzimmer ertönte Frau Seligers schwache Stimme: »Aber so komme doch herein, Egon! Ich bin so schwach, ich bin so krank. Ich fühle deine Nähe, Geliebter, die mich erfrischt und die mir neue Kräfte gibt, und du kommst nicht.« Aus dem angenehmen Traume einer schöneren Vergangenheit in die rauhe Gegenwart versetzt, entschloß sich Trachenstein endlich, das Schlafzimmer Frau Seligers zu betreten. Es war keine angenehme Sache. Der scharfe Duft, der sich aus Moschus und Patschuli mischte und den Schweißgeruch der fetten fünfundvierzigjährigen Blondine kaum verdeckte, reizte ihn jedesmal zum Husten und benahm ihm den Atem. Und der Anblick, der hier seiner wartete, irritierte ihn womöglich noch mehr als dieser Geruch. Aber was war zu machen? Hilde und ihre unwandelbare Neigung zu ihm waren seine einzige Rettung. Er konnte nicht verhungern, er mußte standesgemäß leben, und seine Passionen spielten ihm an jedem neuen Tage einen neuen Streich. Also en avant zur Attacke, sagte er sich, wenn es auch nicht mehr die schöne Hilde aus den Leutnantstagen vor Jahren war. Als Trachenstein eintrat, hatte sich Hilde halb im Bett aufgerichtet. Ihr durch ein starkes Doppelkinn verunziertes Gesicht war auffallend gerötet, und unter der seidenen Decke, die in dem stark geheizten Zimmer allein ihren Körper bedeckte, traten die unschönen Formen der fettgewordenen Genießerin des Lebens häßlich hervor. »Egon,« begann sie wieder mit matter Stimme, »gib mir deine Hand, Egon, damit ich mich aufrichten kann. Ich fühle mich so schwach und so elend, als ob eine Zentnerlast auf mir läge, und meine Pulver helfen mir heute gar nicht.« Man sah dem Prinzen die Überwindung an, mit der er sich dem Bette näherte und seinen Stuhl dicht neben das Lager Frau Seligers rückte. Zärtlich streichelte er die weiße, kleine und fette, mit protzigen Brillantringen bedeckte Hand, die Hilde ihm reichte. »Ach, das tut wohl, das tut wohl,« sagte sie leise, »sich doch noch von einem Menschen auf der wehen Welt in all seiner Verlassenheit und in all seinem Elend geliebt zu wissen. Seliger vernachlässigt mich in der schamlosesten Weise, Er kennt nichts als seine Geschäfte, er ist ein Barbar, und die Kinder kümmern sich nicht um mich. Da habe ich denn niemanden auf der weiten, weiten Welt, als dich, Egon, den Freund meiner Jugend, der auch der alternden Frau sein Interesse und seine Liebe bewahrt hat.« Ihr diese Behauptung zu bekräftigen, führte Prinz Trachenstein die kleine, nach Essence de violette duftende Hand an die Lippen und küßte sie galant. »Wo hast du dir denn wieder diesen Anfall geholt, liebe Hilde?« fragte er teilnahmsvoll. »Ich kann dir den Vorwurf nicht ersparen, daß du des Abends zu viel ißt und dir am Tage zu wenig Bewegung machst. Wenn du das Haus verläßt, fährst du immer im Wagen, liebe Hilde, und das ist doch bei deinem Körperumfang sicher nicht das Richtige.« »Fängst du auch noch mit mir an?« klagte sie, »und Seliger, der Barbar, sagte neulich zu mir: Wenn du Steine klopfen und dein Brot verdienen müßtest, wärst du gesund wie ein Fisch im Wasser. Und nun fängst du auch mit mir an, Egon! Das habe ich doch nicht um dich verdient. Es sind doch meine schwachen Nerven, die mich so weit heruntergebracht haben. Neurasthenie, wie auch im vorigen Sommer der Sanitätsrat in Marienbad gesagt hat.« »Ich will dir ja nur zu deinem Besten raten, liebste Hilde,« wandte Trachenstein dagegen ein. »Wo bist du denn gestern abend gewesen?« »Im Theater, Egon. Man gab so ein modernes Stück, weißt du, so ein Stück, vor denen ich das reine Gruseln habe. Nichts für das Gemüt, keine ideale Liebe, keine reinen Gefühle, wie sie die Kunst und das Theater erst adeln. So eine Sache von lauter unlauteren und unsauberen Verhältnissen, und ich bin doch nun einmal ideal veranlagt; und lebe für alles, was wahr, edel und schön ist – das hat mich sehr angegriffen.« »Und nach dem Theater?« fragte Trachenstein weiter. »Da habe ich eine Kleinigkeit im Römischen König gegessen und bin dann sofort nach Hause gefahren.« »Hummersalat und Gänseleber und Makronentorte mit Sahne, wenn ich richtig vermute,« sagte der Prinz nun vorwurfsvoll. »Du darfst wirklich nicht gegen deinen eigenen Körper wüten, Liebste.« »Und du, was hast du gestern abend gemacht, Egon?« begann nun Frau Seliger, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Das war ihm gerade recht, wenn sie selber die ihn schon die ganze Zeit beschäftigende Frage aufbrachte. »Ich?« sagte er gedehnt. – »Wo soll ein alter Junggeselle wie ich, der keinen Menschen mehr auf der weiten Welt hat, seine Abende wohl vollbringen? – Im Klub bin ich gewesen, Hilde.« »Und hast wieder gespielt?« fragte sie. »A bah,« rief er aus, »gespielt, was man so nennt gespielt – hab' das Glück mal versucht – ist mir aber nicht hold gewesen die Dame Fortuna – dann bin ich früh schlafen gegangen.« Lauernd ruhten die Augen des Prinzen auf Frau Seligers Gesicht. War der Augenblick günstig oder nicht? Sollte er es wagen? Heute schon wieder wagen, nachdem sie ihm in der vorigen Woche erst mit einer respektablen Summe! – Und wieviel? – Das alles wollte er aus diesen Augen lesen, und deshalb sagte er, ehe er auf den Kernpunkt seines ganzen Besuchs einging: »Liebe Hilde – du mußt dich heute in deiner Krankheit sehr einsam und verlassen gefühlt haben!« Tränen des Mitleids mit sich selber und mit ihrem grausamen Schicksal traten in ihre schönen blauen Augen, und voll Wehmut kam es von ihren Lippen: »Ach ja, wenn wir Frauen alt werden, dann fällt ein Freund, nach dem andern von uns ab. Selbst der eigne Mann braucht nicht mehr nach uns zu fragen. Wenn ich dich nicht hätte, Egon!« Sie preßte seine Hand in der ihren und führte sie dann an ihren vollen Busen in die Gegend des Herzens, um ihn ihrer unwandelbaren Liebe und Dankbarkeit zu versichern. Und da sagte er denn das entscheidende Wort: »Liebe Hilde, ich will dir keine Komödie vorspielen, ich will meine Fehler und Sünden nicht beschönigen. Ja, ich bin wieder leichtsinnig gewesen, ich bin in meinen alten Fehler der mangelnden Vorsicht verfallen. Ich habe gestern abend wieder bedeutende Verluste im Bakkarat gehabt. Wenn du mir nur für einen Augenblick mit fünftausend –« Nun war es heraus. Einen Moment schwieg sie und sah ihn entsetzt an. Dann sagte sie weiter nichts als: »Willst du mir meine Schatulle herüberreichen, sie steht in der obersten Schublade des kleinen Waschschrankes. Ich habe den Schlüssel hier auf dem Nachttisch.« Als er die Schatulle holte, reute es ihn, daß er nicht zehntausend gesagt hatte. Wenn er das gewußt hätte, daß sie heute so weichherzig und so wehleidig war! »Aber sei vorsichtig, Guter, Bester, einziger Freund,« bettelte sie, während er die fünf Scheine zusammenfaltete und sie in seiner bis auf den letzten »blauen Lappen« geleerten Ledertasche barg. Rascher, als es in diesem Falle der gute Ton und die Höflichkeit zuließen, empfahl sich Prinz Trachenstein von seiner freigebigen Gönnerin. Der scharfe Geruch in dem Schlafzimmer der fetten Blondine war ihm nachgerade unerträglich geworden, seinen Zweck für heute hatte er ja erreicht, und so drückte er denn nicht ohne sichtliches Widerstreben einen Kuß auf die ihm von Hilde zum Abschied dargereichten vollen Lippen und bemerkte noch in sanftem Tone: »Schone dich nur ja recht, meine Liebe, damit der Anfall rasch vorübergeht. Es wäre doch jammerschade, wenn dich jetzt am Beginn der Gesellschaftssaison deine Krankheit ans Haus oder gar ans Bett fesseln würde.« In tiefem Mitgefühl mit sich selber und ihrem leidenden Zustand schluchzte nun Frau Seliger: »Ach Gott, Egon, ich bin eine alte Frau. Was kann die Welt mir noch gewähren? Man wird mich in den Salons und in den Ballsälen diesen Winter schwerlich vermissen.« Lächelnd drohte er mit dem Finger: »Na na,« meinte er schäkernd, »deine Freunde werden schon nach dir fragen, und neulich in dem Changeant aus hellem Samt hast du trotz allem manche viel später erblühte Rose in den Schatten gestellt.« Das gefiel ihr. Sie wurde ganz munter. Wenn er das sagte, er, der anerkannte Kenner der Frauen, der berühmte Viveur, von dem man sich immer noch Wunderdinge erzählte, da mußte schon was Wahres dran sein. Denn Prinz Trachenstein war ein Mann von Ehre, ein Kavalier, kein gemeiner Schmeichler, wie sie in den Salons der Welt die jüngeren und älteren Damen der Hautefinance zu Dutzenden wie die Schmeißfliegen umsummten. Einen Moment war sie ganz glücklich. Aber als die Tür des blauen Boudoirs hinter ihm ins Schloß gefallen war, packte sie plötzlich wieder das Gefühl ihrer Verlassenheit und Einsamkeit, und ganz unvermittelt schluchzte sie wie ein kleines Kind darauf los. Da trat die Zofe in das Zimmer und meldete, daß Herr Sanitätsrat Dr. Sartorius, den man auf Befehl der gnädigen Frau vor einer Stunde telephonisch angerufen habe, da sei und seine Aufwartung zu machen wünsche. Schneller, als man es bei Frau Seligers Körperfülle hätte vermuten sollen, fuhr diese im Bett in die Höhe und rief: »Gott, Babette, wie sehe ich denn aus? Kann ich mich denn so vor dem Sanitätsrat sehen lassen? Meine Haare sind ja in einem ganz desolaten Zustande! Reichen Sie mir rasch den Spiegel herüber. – So – so – und dann die Büchse mit dem rosa Puder, drüben steht sie im Boudoir auf dem großen Toilettentisch, schnell, schnell, Babette, wie sehe ich denn aus?« Babette brachte das Gewünschte, und mit ihrer kunstgerechten Hilfe gelang es Frau Seliger, das reiche blonde Haar, durch das sich nur ganz wenige Silberfäden zogen, rasch in Ordnung zu bringen und den Wangen mit Hilfe der Puderquaste eine rosige Farbe zu verleihen. Die Zofe hatte die zu dieser Handreichung notwendigen Utensilien eben in dem blauen Boudoir wieder an ihren Platz gebracht, als Sanitätsrat Sartorius eintrat. Ein jovialer Sechziger im langen schwarzen Gehrock, mit einem rosigen und runden Gesichte, die goldene Brille auf der etwas zu breiten Nase, den unvermeidlichen Spazierstock mit der silbernen Krücke, auf die er sich während seiner Konsultationen immer zu stützen pflegte, in der Hand. Er war beim raschen Hinansteigen der Treppen ein wenig außer Atem geraten und hielt nun das große rotseidene Taschentuch pustend vor den Mund. Es dauerte eine ganze Weile, bis er zu Worte kam, denn Dr. Sartorius litt schon seit einigen Jahren, obwohl er das niemals zugeben wollte, an Asthma. Endlich war er so weit, in Ruhe sprechen zu können und, seinen Stuhl dicht an Frau Seligers Bett setzend, die schönen hellen Augen teilnehmend auf seine Patientin geheftet, begann er nun: »Na, na, wo fehlt es denn heute wieder, meine liebe gnädige Frau? Das Wetter läßt sich in diesem Winter auch gar zu schlecht an. Heute haben wir einen infamen Nordwest bei einer Temperatur von kaum zwei Grad über Null. Und dabei der Nebel und die Feuchtigkeit der Luft. Da soll einer gesund bleiben! Alle Hände hat man voll zu tun. Das ist heute meine einunddreißigste Visite. Alles liegt an Influenza oder Grippe. Haben Sie sich auch der kalten Luft zu sehr ausgesetzt, gnädige. Frau?« Frau Seliger, die von dieser neuen Teilnahme, die man ihr entgegenbrachte, wieder ganz gerührt war, richtete sich nun halb im Bett in die Höhe und lispelte mit schwacher Stimme: »Ach nein, mein liebster Sanitätsrat, Sie wissen ja mein altes Leiden, die Neurasthenie, wegen deren Sie mich im vorigen Sommer nach der Kur von Marienbad in die reine Höhenluft von St. Moritz geschickt haben. Damals war es in der Tat viel besser, droben in dem schönen St. Moritz, wo die Luft so rein ist und so stärkend und so klar. Aber seitdem ich wieder hier in der Stadt bin, läßt mich's nicht mehr, liebster Herr Sanitätsrat. Ich fühle, daß meine Nerven bald am Ende ihrer schwachen Kraft angelangt sein werden.« »Lassen Sie mich einmal den Puls fühlen, gnädige Frau.« Mit einer matten Bewegung reichte Frau Seliger dem Sanitätsrat den dicken, auch im Bett mit einem Perlenbracelet geschmückten Arm, und Sartorius zählte, die Uhr ziehend, gewissenhaft die Schläge. »Ein ganz klein wenig Fieber scheint mir ja vorhanden zu sein, gnädige Frau. Ein ganz klein wenig Fieber. Ich werde Ihnen drei Migräninpulver verschreiben, von denen Sie je eines alle drei Stunden in einer Oblate nehmen werden. Das wird sie wesentlich beruhigen und zur Besserung Ihres Befindens beitragen.« »Schmecken die Pulver sehr schlecht?« fragte Frau Seliger ängstlich. »Sie nehmen sie ja in der Oblate, meine Gnädigste. Sie werden so gut wie nichts davon schmecken, wenn Sie die Pulver vorsichtig nehmen, so daß nichts auf die Zunge fällt. Ihre Zofe wird ja verstehen, wie man die Pulver reicht. Man tunkt die Oblate in ein Glas Wasser, legt sie dann vorsichtig auf einen Eßlöffel und schüttet das Pulver darauf. Dann faltet man die nassen Enden der Oblate übereinander und nimmt das Ganze mit einem Schluck Wasser.« »Haben Sie gut zugehört, Babette?« fragte Frau Seliger. »Jawohl, gnädige Frau!« lautete die Antwort der Zofe. »Es ist ja nicht das erste Mal, daß ich Ihnen die Pulver reiche.« »Aber die andern hatten einen andern Namen, Babette,« warf Frau Seliger ein. »Nicht wahr, Herr Sanitätsrat, was Sie mir damals verschrieben, ist Aspirin gewesen, nicht, so hieß es doch? Und jedes Pulver hat natürlich seine Eigentümlichkeiten und will speziell behandelt sein.« »Sie haben recht, gnädige Frau,« sagte Sartorius mit ernstem Gesicht. »À propos. Würden Sie mir einmal die Zunge zeigen?« Nicht ohne leises Widerstreben willfahrte Frau Seliger diesem Wunsche, und Sartorius meinte: »Ein ganz klein wenig belegt. Etwas Califig wäre da am Platze, die Verdauung ist doch nicht wesentlich gestört?« Frau Seliger wurde puterrot wie ein junges Mädchen, das der Arzt zum ersten Male im Leben die diskretesten Dinge ausfragt, und schüttelte nur leise mit dem Kopfe. »Von dem Califig nehmen Sie dann zweimal am Tage einen Eßlöffel voll, gnädige Frau. Ich kann wohl hier schreiben?« Sartorius setzte sich an den vor dem Fenster des Schlafzimmers stehenden eleganten Damenschreibtisch im Stile Louis' XV., an dem Frau Seliger, wenn sie sich nicht wohl fühlte, ihre Korrespondenz erledigte, und schrieb, sich mit seiner Patientin unterhaltend, die beiden Rezepte. »Haben Sie denn auch das scheußliche Stück gesehen, das sie jetzt im Schauspielhause geben, Herr Doktor, das neue?« fragte Frau Seliger. »Es hat einen nordischen Namen und ist von einem, na, wie heißt er denn –« »Meinen Sie Ibsen, gnädige Frau?« »Nein, ein anderer, doch egal. Es ist scheußlich, lauter unsaubere Verhältnisse und unmoralische Dinge. Man kann ein junges Mädchen heutzutage wirklich nicht mehr in das Theater schicken. Doch damit ich's nicht vergesse, Herr Doktor, meine Freundin, Frau von Giloty, sagte mir neulich, daß die Luft von Klosters noch stärkender für die Nerven sei, als die von St. Moritz. Wie wäre es mit Klosters im nächsten Sommer, natürlich als Nachkur für Marienbad, Herr Sanitätsrat?« »Ich habe für die gnädige Frau an ein stärkendes Seebad gedacht,« erwiderte Sartorius. »Vielleicht in der Bretagne oder in der Normandie, wenn Trouville nicht zu lärmend wäre?« »Gehen Sie mir mit Trouville,« wehrte Frau Seliger lebhaft ab. »Das ist ja das Dorado meines Mannes, es wäre mein Tod, wenn er mich begleiten wollte, so fällt mir sein Wesen auf die Nerven.« Sartorius lächelte. »Na, es ist ja noch Zeit bis zum nächsten Sommer. Vielleicht läßt sich auch ein stiller Ort an der holländischen oder belgischen Küste verschreiben. Sagen wir Middelkerke oder Zandvoort.« »Nur nicht zu still, liebster Doktor, auch die Stille kann auf die Nerven fallen, wenn es auch nicht gleich Ostende oder Scheveningen zu sein braucht.« Sartorius sah nach der Uhr. »Also drei Pulver, alle drei Stunden eins, und von dem Califig zweimal am Tage einen Eßlöffel voll. Ich werde mir die Ehre geben, morgen noch einmal nach dem Befinden zu fragen, gnädige Frau.« Während Frau Seliger den Besuch des Arztes empfing, amüsierte sich Etelka in dem Billardzimmer köstlich über den Prinzen Trachenstein. Der alte Onkel, wie die Mädchen im Hause Seliger den Prinzen nannten, der auch mal gerne was Junges sah, hatte es nicht unterlassen können, ehe er aus dem Hause ging, im Parterrestock einmal anzuklopfen. Hier war ihm die übermütige Etelka entgegengetreten und hatte ihn gefragt, ob sie ihm nicht mit einem Glase Marsala dienen könne. Trachenstein, der grundsätzlich nichts ausschlug, war Seligers lustiger Tochter in das Bibliothekzimmer gefolgt. Nun saß er hier der schlauen Brünette gegenüber und ärgerte sich weidlich, wie sich das helle Mädel über ihn lustig machte. Nachdem er das zweite Glas Marsala auf Etelkas spezielles Wohl geleert hatte und der naheliegende Gesprächsstoff über die jüngste Première und die bevorstehende Ballsaison erledigt war, fragte Etelka auf einmal ganz unerwartet: »Sie besuchen doch auch unsere Bälle, Hoheit?« Ein schmerzliches Lächeln zuckte um Trachensteins Lippen und verzog die schon ohne dieses Lächeln herabhängende Unterlippe. Selbst der Arm begann schon zu zittern, wenn er nach dem Glase griff, von dem schlotternden Gange ganz abgesehen, und da sollte er Bälle! Das Teufelsmädel, was die nur vorhatte, solche verfängliche Fragen an ihn zu richten. »Ich dachte mir, Hoheit,« fuhr Etelka in aller Ruhe fort, »Hoheit sind doch, so viel ich weiß, unverheiratet, und ich meine, ein Prinz adeligen Geblüts müßte doch bei unserer Damenwelt die schönsten und besten Aussichten haben. Wenn ich mir da so vorstelle, so über Nacht Hoheit und Prinzessin von Trachenstein zu werden, in den Gotha hineinzukommen, herrlich, herrlich!« Trachenstein glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Ein junges Mädchen aus der Hautefinance mit einer Mitgift von – von – wer wußte denn von wieviel – sagte ihm, dem Sechsundfünfzigjährigen, mit den schlotternden Beinen, mit dem gefärbten Vollbart, der Perücke und den falschen Zähnen solche Dinge? Aber freilich, man sah's ihm ja nicht an. Und sich stolz emporreckend, den Rest seiner männlichen Kraft zusammennehmend, meinte er: »Ach ja, ausgeschlossen ist es ja ganz und gar nicht, daß ich mich noch einmal verheiraten werde, gnädiges Fräulein. Aber unsereiner hat doch auch seine Ideale, und wenn ich könnte, wie ich nicht kann, d.\ h. wenn die Verhältnisse einmal günstiger für mich werden, was durchaus nicht ausgeschlossen ist, durchaus nicht, dann müßte es eine arme Adelige reinen Geblütes sein, der ich willig Hand und Herz schenken würde, meine Gnädige!« Etelka schüttelte sich vor Lachen, und Prinz Trachenstein sah ganz verblüfft drein. »Eine arme Adlige edlen Geblüts,« wiederholte sie langsam, »einen solchen Idealismus hätte ich allerdings nicht hinter Ihnen gesucht, Hoheit.« »Man täuscht sich manchmal in den Menschen,« erwiderte er mit philosophischer Ruhe. »Wenn es uns gelingt, die große Sache durchzusetzen – die noch vorhandenen Ersatzansprüche an den Fiskus für die annektierten Teile unsers souveränen Landes – dann, ja dann –« Ganz entzückt schlug er die Augen in die Höhe. »Ja, das sind viele, viele Millionen, mein gnädiges Fräulein, die der Fiskus dann an unser fürstliches Haus zu zahlen hätte, und die Rechtsansichten der größten in- und ausländischen Gelehrten sind in dieser Sache geteilt.« Da öffnete sich die Tür des Bibliothekzimmers, und Seliger erschien auf der Schwelle. »Hoheit erzählen mir soeben von den Ersatzansprüchen, die sein fürstliches Haus bei dem Fiskus noch geltend zu machen hat,« lachte Etelka. »Vielleicht kannst du ihm da einen praktischen Rat erteilen, Papa.« »Es wäre mir lieb, Etelka,« sagte nun Seliger, »wenn du mich mit S einer Hoheit eine Weile allein lassen wolltest. Ich habe nämlich eine wichtige Angelegenheit mit Seiner Hoheit zu besprechen und bin froh, daß ich Seine Hoheit durch einen Zufall hier getroffen habe.« »Wie du wünschst, Papa. Auf Wiedersehen, Hoheit.« Sie reichte Trachenstein die Hand. »Und bonne chance in Dingen der Ersatzansprüche, schon wegen der armen Adligen aus edlem Geblüte, der ich ihr Glück von Herzen gönnen würde!« Trachenstein hatte sich erhoben. Er war im Zweifel, was er jetzt tun sollte. Daß ihm auch der Zufall diesen Seliger in den Weg führen mußte, in dessen Villa er nur in Abwesenheit des Hausherrn zu verkehren pflegte. Was der nur von ihm wollte, der Börsianer, der Hebräer, dachte er verächtlich in seinem Innern. Ob der ihn am Ende zur Rechenschaft ziehen wollte. Ernst genug dazu sah er aus. Ein Duell! Er mit seinen schlotternden Beinen, wo auch der rechte Arm schon zu zittern begann. Ein Duell mit einem, pfui Deifel, er, Seine Hoheit Prinz Egon von Trachenstein, der Bruder des regierenden Fürsten Heribert, einst Rittmeister bei den Leibulanen, mit einem Seliger von der Börse! Das wäre ein Skandal, Donnerwetter ein Skandal! Wenn der was von ihm wollte, dann sollte er ihm doch seinen Sekundanten schicken, kommentmäßig, und das Ehrengericht würde ihm schon reinen Wein einschenken, ob sich ein Prinz mit einem Herrn Seliger von der Börse schlägt. Die bürgerlichen Gerichte würden dann die Sache entscheiden. Daß ihm der Zufall den in den Weg führen mußte! Was sollte er jetzt machen? Hier in der Villa, ihm Auge in Auge. Zum Auskneifen war es doch nun zu spät. »Darf ich Sie bitten, wieder Platz zu nehmen, Hoheit,« begann Seliger das Gespräch. »Es freut mich in der Tat, daß uns der Zufall heute hier so zusammengeführt hat, da das mir einen Gang in Ihre Wohnung erspart. Ich wollte Sie nämlich in einer wichtigen Angelegenheit um Ihre Vermittlung bitten, Hoheit. Selbstverständlich unter vollster Diskretion, wie das unter Ehrenmännern üblich, und Sie können sich meiner Dankbarkeit versichert halten, Hoheit.« Bei diesen Worten Seligers ging ein Leuchten über Trachensteins Züge. Also der Jude, der reiche Jude, bedurfte in irgendeiner Sache seiner Dienste, das hörte sich ja ganz anders an als das, worüber er sich eben Sorgen gemacht hatte, ein Duell, ein Skandal, ein Affront. Fast wohlwollend kam es nun von seinen Lippen: »Aber ich bitte, Herr Seliger, wenn es irgendwie in meinen schwachen Kräften stehen sollte, dann würde es mir ein Vergnügen sein, Herr Seliger.« »Es handelt sich zunächst um eine Anbahnung, Hoheit, um den Versuch, Ihren fürstlichen Herren Bruder, Seine Hoheit den Fürsten Heribert, für eine Sache zu interessieren, die in erster Linie für mich und dann aber auch für die Allgemeinheit und für Seine Hoheit den Fürsten von großem Vorteil wäre. Stehen Eure Hoheit in regem Verkehr mit Ihrem fürstlichen Herren Bruder?« »Passablement,« erwiderte Trachenstein, den ebenholzschwarzen Vollbart mit der weißen aristokratischen Hand streichend, »passablement.« »Hoheit ist der gegenwärtige Aufenthalt Seiner Hoheit des regierenden Fürsten bekannt?« »Mein Bruder gedachte den Winter in San Sebastian zu verbringen, weilt aber eben, wenn die Nachrichten der Kreuzzeitung über den Aufenthalt der Fürstlichkeiten richtig sind, in Cannes bei seinem Vetter, einem russischen Großfürsten.« »In Cannes?« Einen Moment überlegte Seliger, dann sagte er: »Würden Hoheit in meiner Sache und natürlich auf meine Kosten nach Cannes fahren, um Seiner Hoheit dem Fürsten ein Schriftstück zur Unterzeichnung vorzulegen, dessen ich zur Gründung einer neuen Aktiengesellschaft bedarf? Es handelt sich um die Konzessionierung eines Bahnbaues, dessen Trace zu einem kleinen Teile durch das fürstliche Jagdgebiet führt.« Trachenstein spielte den Unnahbaren. Bedenklich zog er die Brauen in die Höhe. Er wußte, daß ihn sein Bruder wohl kaum empfangen würde. Hatte sich dieser doch schon seit Jahren, seit jener Skandalaffäre mit den kleinen Mädchen, in deren Folge er den Abschied erhalten, völlig von ihm losgesagt. Aber die glänzende Aussicht, den Millionär, den Börsenkönig in seine Hände zu bekommen, war die Veranlassung, daß er erwiderte: »Sie bringen mich in die größte Verlegenheit, Herr Seliger. Sie wissen, daß ich gerne zu Ihren Diensten bin, aber, ich kann doch in meiner Stellung nicht so ohne weiteres gegen Entgelt den Vermittler spielen.« Er schwieg einen Moment, dann fuhr er langsam, Seliger unausgesetzt mit den lauernden Blicken betrachtend, fort: »Aber am Ende ließe sich doch ein Weg finden. Eben sprach ich mit Ihrem Fräulein Tochter darüber, daß unser Haus, daß insonderheit ich noch Ansprüche an den Fiskus wegen der annektierten Teile unseres Landes habe. Ich persönlich bin leider zu arm, die Sache allein bis zu den obersten Gerichten durchzuführen. Wenn nun Sie, Herr Seliger, einen Teil dieser Kosten tragen wollten, dann wäre am Ende eine Form gefunden, unter der ich, natürlich nur unter der Bedingung, daß, falls wir obsiegen sollten, auch Sie einen Teil der vom Fiskus auszuzahlenden Gelder erhalten würden –« Seliger lächelte. Er kannte den alten Prozeß des Hauses Trachenstein, den längst in allen Instanzen verlorenen, für den kein Finanzier mehr einen Tausender gab, und der nur noch im Kopfe des Prinzen Egon und einer seiner alten Tanten, die im Böhmischen wohnte, spukte. Fürst Heribert war seinerzeit abgefunden worden. Er hatte als Chef des Hauses unterzeichnet, und für den Anspruch seiner Verwandten zahlte der Fiskus keinen roten Heller mehr. Aber es war ihm lieb, daß Egon von Trachenstein in diesem vermeintlichen Anspruch das Mittel sah, sich in den Dienst seiner Sache zu stellen, und so erwiderte er: »Meine Angelegenheit ist allerdings sehr eilig, Hoheit. Die Bahn soll schon im Laufe des nächsten Sommers begonnen werden. Ich erkläre mich bereit, Ihren Prozeß zu prüfen und auch Geld in diese Sache zu stecken, aber nur unter der Bedingung, daß Sie auf meinen Vorschlag eingehen, als Äquivalent dafür persönlich bei Seiner Hoheit dem Fürsten in Angelegenheit der Konzession vorstellig zu werden. Also abgemacht. Reisen Sie nach Cannes. Legen Sie Ihrem fürstlichen Herren Bruder das Schriftstück zur Unterzeichnung vor, ich eröffne Ihnen zu diesem Zwecke an der Kasse der Kommerzbank einen Kredit von zehntausend Franks.« Im Innern frohlockte Trachenstein. Aber er war keiner von denen, die sich von ihrer Freude so leicht überwältigen lassen, und im Bewußtsein, in diesem Moment bei Seliger alles erreichen zu können, sagte er: »So gerne ich zu Ihren Diensten wäre, Herr Seliger, es wird mir nicht möglich sein, in diesem Moment nach Cannes zu fahren, heute nicht, morgen nicht, übermorgen nicht. Ich will ganz offen sein Herr Seliger. Wir haben heute den vierzehnten. Hier,« er zog ein Papier aus dem Portefeuille, in dem er vorher die von Hilde empfangenen Tausendmarkscheine geborgen hatte, und reichte es Seliger. Einen Moment zögerte dieser. »Gut,« sagte er dann, »Hoheit, gut, die Reise nach Cannes kommt mich teuer zu stehen. Aber es muß versucht sein. Das Akzept über fünfzehntausend ist zahlbar am fünfzehnten an den Geldverleiher Jeideles, Moses Jeideles, Brückenstraße 11. Reisen Sie. Jeideles wird sein Geld an der Kasse der Kommerzbank finden, und Sie fahren nach Cannes. Ich erwarte Sie morgen früh um zehn Uhr zu näherer Rücksprache aller Einzelheiten in meinem Bureau.« Nun hatte er dem Prinzen gegenüber, wie er glaubte, den richtigen Ton wiedergefunden. Höflich aber kühl geleitete er Seine Hoheit nach dem Tore der Villa und reichte ihm beim Abschied herablassend die Hand. IV. In dem obersten Stockwerk der geräumigen Villa Seliger hauste unter der Pflege einer Krankenschwester die Großmutter des Bankvorstandes. Nach dem vor drei Jahren erfolgten Tode seiner Mutter hatte Seliger die damals neunundachtzigjährige Greisin in sein Haus genommen trotz allen Widerspruchs, den Hilde gegen diesen Gast erhoben. Frau Rosenbusch hatte vor einigen Tagen ihren zweiundneunzigsten Geburtstag gefeiert. Seit Jahren konnte sie nicht mehr gehen, und nur die leuchtenden schwarzen Augen in dem hageren, fast pergamentenen Gesicht der in den Tagen ihrer Jugend wegen ihrer Schönheit berühmten Jüdin verrieten, daß das hinter dieser knochigen Stirn verborgene Gehirn noch in Tätigkeit sei. Den lieben langen Tag saß die Greisin, die runzligen und zerfallenen Hände ineinandergefaltet, an dem von der Schwester an das Fenster geschobenen Rollstuhl und starrte durch das ferne Gittertor des Parkes auf die Straße. Ihre schönen Augen, die noch glänzten wie in den Tagen der Jugend, waren schwach geworden, und mit der Sprache des zahnlosen Mundes; wollte es auch nicht mehr so recht gehen, nur das Ohr hatte das feine Gehör aus den Jahren der Kraft und der Gesundheit wie durch ein Wunder bewahrt, und das nimmer müde Gehirn der Greisin versenkte sich in die Erinnerung an ferne und fernste Jahre ihres langen Lebens, von denen sie an guten Tagen endlose Geschichten erzählen konnte, die aber nur der an die seltsame Aussprache des zahnlosen Mundes Gewöhnte verstand. In ihrer Seele waren noch die Tage lebendig, da der größte Teil ihrer Glaubensgenossen in einem engen und schmutzigen Viertel der Stadt zusammen gewohnt hatte. Sie erinnerte sich noch der Furcht, die man einstmals vor den wilden Horden der Franzosen empfunden, als diese plündernd durch das Tal des Rheins und des Mains gezogen waren, und des Siegesjubels, der durch ganz Deutschland gegangen, da man den großen Napoleon gefangen genommen und auf die Insel Elba geschleppt hatte. Von solchen Dingen und von den Sitten und Gepflogenheiten ihrer Stammesgenossen in jenen fernen Tagen pflegte Frau Rosenbusch in einem furchtbaren Kauderwelsch zu erzählen, und jedermann bewunderte die Geduld der Schwester, die solche Ausführungen der von den meisten für kindisch gehaltenen Greisin stundenlang mit anhören konnte. »Sie müssen den Vögeln vor meinem Fenster frisches Futter hinstreuen, Schwester Rosine,« sagte Frau Rosenbusch, nachdem sie drei volle Stunden regungslos wie tot in ihrem Rollstuhl gesessen hatte. »Wenn es Winter ist, müssen die Vögel Futter haben, sonst verhungern sie, und draußen liegt viel, viel Schnee, so viel Schnee, wie damals in dem schrecklichen Winter 18l2, da er Moskau erobern wollte, und da er wiederkam, arm und elend. Das war der Anfang von seinem Ende, Schwester Rosine, da er aus Moskau wiederkam. Damals bin ich ein ganz junges und sehr schönes Mädchen gewesen, Schwester Rosine. Können Sie sich das denken? Da war alles voll von Soldaten. Soldaten, wo man auch nur hinsehen mochte, nichts als Soldaten und Schnee. Da hat meine Mutter selig die silbernen Löffel im Keller vergraben, und mein Vater hat ein, ja, ja, ein metertiefes Loch unter dem Brunnenstein im Hof gemacht, wo er den ledernen Beutel mit den Goldgulden und den Silbertalern versteckte, damit ihn die Soldaten nicht finden sollten; und die Soldaten haben ihn nicht gefunden, Rosine, sie haben ihn nicht gefunden. Sie sind vorbeigegangen an dem Hause meines Vaters wie der Engel des Herrn an den Häusern der Söhne und Töchter meines Volkes im Lande der Ägypter, da er die Erstgeburt schlug.« Schwester Rosine, die an diese Gespräche Gewöhnte, erwiderte keine Silbe, und Frau Rosenbusch schwieg. Mit den glänzenden schwarzen Augen starrte sie wieder durch das Fenster, um dann nach einer Weile aufs neue zu beginnen: »Damals haben die Herren Kniehosen getragen, Rosine, und die Damen Perücken aus weißen Haaren. Das war noch eine schöne Zeit, da hätten Sie mich sehen sollen, Rosine, wie ich bei meiner Tante in Koblenz in Pension gewesen bin. Das Haus, in dem meine Tante wohnte, lag dicht am Rhein neben einem großen Hotel, in dem die französischen Offiziere ihr Mittagessen eingenommen haben. Da war einer, ein Marquis, ein wirklicher Marquis, Gaston de Villeroy, Rosine, der hat bei meiner Tante ernstlich einen Antrag gemacht. Er wollte mich heiraten, ich sollte Marquise werden, Rosine, auf seinem Schlosse in der Picardie. Können Sie sich denken, Rosine, daß ich Marquise werden sollte und daß ich schön war mit achtzehn Jahren?« »Aber gewiß kann ich mir das denken, Frau Rosenbusch,« lautete Rosines Antwort. Sie war ein hübsches und stilles Judenmädchen von fünfundzwanzig Jahren, dem das weiße Häubchen und die schwarze Tracht der Krankenschwester gut zu Gesichte standen. Vater- und mutterlos, hatte sie sich früh dem schweren Beruf im israelitischen Krankenhause gewidmet, und nur ungern hatte sie der Chefarzt in die Villa Seliger ziehen lassen. Aber Rosine war ein wenig schwach auf der Brust, sie mußte geschont werden, die Nachtwachen und das Heben schwerer Kranker vertrug sie nicht. So hatte der Arzt in der Stellung bei Frau Rosenbusch eine Art von Sinekure und vor allem eine Erholungsstation für Schwester Rosine gesehen. »Was haben wir denn heute für einen Tag, Rosine?« fragte die Greisin. »Wir haben Mittwoch, Frau Rosenbusch.« »So, so, Mittwoch; und was für einen Monat, Rosine?« »November, Frau Rosenbusch, Mittwoch den 20. November.« »So, November.« Die Greisin schwieg eine lange Weile, indessen Rosine ihre von dem Gespräch unterbrochene Lektüre wieder aufnahm. Endlich sagte sie: »Ein Mittwoch ist es gewesen, an dem ich mich mit Rosenbusch verlobt habe, Rosine. Soll ich Ihnen das erzählen, wie das zugegangen ist, Rosine, daß ich mich mit Rosenbusch verlobt habe?« Rosine ließ sich im Lesen nicht stören, aber Frau Rosenbusch fuhr unbeirrt fort: »Mein Vater selig hatte doch eine Lumpenhandlung, Rosine. Und mein Bruder Aaron ist als fünfjähriges Kind gestorben, und Gott hat meiner Mutter kein Kind mehr geschenkt, Rosine. Da war Rosenbusch Gehilfe in der Lumpenhandlung meines Vaters, und da fragte er meinen Vater eines Tages, ob er nicht könne einheiraten in das Geschäft. Und mein Vater hat ihn gern gehabt, weil er ist gewesen nüchtern und bescheiden und arbeitsam und gescheit, Rosine. Und da ist mein Vater gekommen zu mir eines Tages und hat gesagt: Schmücke dein Haupt, Rahel, und falte deine Hände und singe Dank dem Herrn, deinem Gott, denn ich habe gefunden für dich einen Freier, der mir lieb ist und wert, als sei er mein einziger Sohn, dein Bruder Aaron, den mir hat genommen der Wille des Herrn, meines Gottes. So ward ich Rosenbuschs Frau, Rosine, und ich habe es nie zu bereuen gehabt. Und das war an einem Mittwoch.« »Ich denke, daß Fräulein Edith heute heraufkommen wird, Frau Rosenbusch,« sagte nun die Schwester. »Sie ist gestern nicht bei uns gewesen, und sie kommt doch regelmäßig ein über den anderen Nachmittag.« »Was, Rosine?« »Fräulein Edith, Ihr Urenkelkind, Frau Rosenbusch, dem Sie doch so gerne von den Tagen Ihrer Jugend und Kindheit erzählen, und das Ihnen so gut zuzuhören versteht.« »Ach ja, Edith, meine Urenkelin Edith. Ich habe noch mehr Urenkelkinder, Schwester Rosine, nicht wahr, noch mehr? Wen hab' ich denn noch?« »Sie haben hier noch Herrn Leo und Fräulein Etelka, Frau Rosenbusch, aber in Koblenz und in Würzburg und in Wien werden Sie auch noch mehr Urenkelkinder haben, deren Namen ich nicht kenne.« »Ja, ich hab' auch noch mehr, aber Edith ist die Beste.« »Ja, sie ist die Beste, Frau Rosenbusch, hier im Hause die Beste,« erwiderte Schwester Rosine mit einem leichten Seufzer. Sie hatte schon zu viel unter Frau Hildes Launen, Leos Zudringlichkeit und Etelkas hochfahrendem Wesen zu leiden gehabt, als daß sie Ediths stille Bescheidenheit nicht angenehm empfunden hätte. »Sie sind nicht zufrieden hier im Hause, Schwester Rosine?« fragte da Frau Rosenbusch auf einmal. Rosine schüttelte den Kopf. Wie kam die Alte darauf? Doch bald maß sie deren plötzlicher Frage keine weitere Bedeutung bei. Sie kannte diese spontanen Lichtblicke in dem Wesen der Greisin, die manchmal an der Schwelle des Kindischwerdens noch einen klaren Gedanken fand. Sie blitzten auf wie Sterne aus dem Dunkel der Wolkennacht, um dann rasch, wie sie gekommen, wieder in einem Meere gleichgültiger Worte zu versinken. Aber diesmal schien die Klarheit im Kopfe Frau Rosenbuschs doch länger anzuhalten. Erstaunt, das Buch in ihrer Hand ganz vergessend, lauschte Rosine den Worten der Greisin, die ihr mit einem Male eine tiefe Wahrheit in ihrem Schoße zu bergen schienen. »Ja, Rosine,« sagte Frau Rosenbusch. »Edith ist die Beste. Wenn sie hier sitzt an meiner Seite und plaudert, dann verstummt mit einem Male vor meinen Ohren das Gemurre und Gemurmel, das ich ganz allein den ganzen Tag aus dem Innern dieses Hauses höre. Dann steigt meine eigne Jugend auf vor meiner Seele, und ich möchte Edith glücklich wissen mit dem jungen Manne, an dessen Seite sie hier schon so oft mir gegenüber gesessen hat!« »Sie sprechen von dem kleinen David Mandelbaum, Frau Rosenbusch?« fragte Rosine. »Heißt er so, der Schwarzhaarige, der manchmal kommt? Der mit den braunen Augen, der so schön sprechen kann und so hübsche Sachen liest?« »So heißt er. Er ist ein Dichter, Frau Rosenbusch. Einer, der im Geschäft des Herrn Seliger arbeitet, aber zu etwas Höherem als zum Geldverdienen berufen zu sein scheint. Was er Ihnen und Edith und mir hier vorliest, sind Gedichte und andere Sachen, die er selbst gemacht hat, Frau Rosenbusch.« Die Gedanken der Greisin schienen schon wieder bei einem anderen Gegenstand zu haften, denn ganz unvermittelt fuhr Frau Rosenbusch fort: »Was ich aus dem Innern dieses Hauses vernehme, Rosine, ist furchtbar, und ich allein vernehme es. Ihr meint alle, ich sei blind und taub, und sehe und höre nichts mehr. Aber mein Ohr hört fein, und meine Augen haben ihren Glanz noch nicht verloren, und das Ohr in meinem Innern vernimmt das Rauschen und Brausen und Singen des bösen Geistes, der in diesem Hause herrscht und der dieses Haus zugrunde richten wird, Rosine, wenn es ruft und zankt und schreit und weint hier unter meinen Füßen, und wenn die Töne der Lust, die Musik und das Lachen, nicht schweigen wollen da unten, bis der frühe Morgen tagt. Aber was schlimmer ist als alles dies, das ist die Gottlosigkeit, die da schreitet durch dieses Haus. Seliger ist abgefallen von dem Gott seiner Väter und hat sich gemengt mit der Tochter eines fremden Volkes. Und Leo ist abgefallen und Etelka ist abgefallen, und nur noch in den Augen Ediths lebt etwas von dem alten Glanze, der sich weidet an dem Worte des Gottes, der unser Volk durch die Wüste und aus der Gefangenschaft der Ägypter in ein gelobtes Land geführt hat.« Sie schwieg. Mit großen, glänzenden Augen blickte sie wieder durch das Fenster in die weite Ferne, wo die Sonne des scheidenden Frühwintertages blutrot am Abendhimmel stand. Da öffnete sich die Tür des Zimmers, und Edith trat ein. Gleich beim Erscheinen des jungen Mädchens bemerkte Rosine, daß sich die Kleine in einer hochgradigen nervösen Erregung befand. Ihre schönen blonden Haare waren verwirrt, ihre Wangen gerötet, und in den Augen standen zwei große, helle Tränen. »Sie haben ja geweint, Fräulein Edith, was ist denn passiert?« fragte Schwester Rosine. »Nichts, gar nichts, Schwester,« wich Edith aus. Hilfeflehend suchten ihre Augen die in dem Rollstuhl zusammengekauerte Gestalt der Urgroßmutter. Rosine bemerkte das wohl, und in dem Gedanken, daß es vielleicht gut sei, das junge Mädchen in seiner Erregung mit der Alten allein zu lassen, daß Edith vielleicht bei der Urgroßmutter ihr schweres Herzchen erleichtern wollte, meinte sie freundlich: »Nun setzen Sie sich mal, liebes Fräulein Edith. Sie sind ja noch ganz außer Atem, so rasch sind Sie die Treppe hinaufgesprungen. Ich werde jetzt in die Küche gehen und für uns drei ein Täßchen Tee bereiten, und da weinen Sie sich mal aus und erzählen Sie der guten Urgroßmutter, was Sie auf dem armen Herzchen haben.« Mit diesen Worten verschwand Schwester Rosine. Sie begab sich in die kleine im obersten Stockwerk der Villa gelegene Küche, die einst zu der Wohnung des Hausverwalters gehört, hatte, und. wo sie jetzt, die für Frau Rosenbusch notwendigen Kleinigkeiten an heißem Wasser oder Tee und Eiern selber zuzubereiten pflegte. Sobald Rosine draußen war, eilte Edith auf die Urgroßmutter zu, und vor der Alten in die Knie sinkend, barg sie den Kopf in den Schoß der Frau. Mit zitternden Händen strich die Greisin über des jungen Mädchens dichtes, goldenes Blondhaar, das sich so zart anfühlte, und das sie trotzdem nicht leiden konnte, denn die Töchter ihrer Familie waren bislang schwarz gewesen wie die sternenlose Winternacht. »Das ist gut, daß ich hier bin bei dir und bei der Schwester,« schluchzte die kleine Edith. »Ach, Urgroßmutter, dir kann man alles sagen. Du bist ein Mensch, und du bist verschwiegen wie das Grab, und es ist, als ob man sich allein, nur sich selber ein Bekenntnis ablegen würde, und viel schöner, viel heimlicher, viel erleichternder, als sich selber, Urgroßmutter! Urgroßmutter, wenn du sprechen könntest wie in früheren Tagen, wenn du reden könntest, du würdest mir helfen. Ich muß fort aus diesem Hause, fort, fort, weit fort, denn ich werde gemein in diesem Hause. Gemein mit den andern. Mama macht sich gemein, und Papa und Leo sind gemein, und Etelka, und sie alle wollen vergiften, was in mir ist, Urgroßmutter. Und Papa hält sich Maitressen, und Leo hat die Feretti, und Mama hat den Prinzen Trachenstein. Und Etelka will sich einen ergattern, und ich soll auch so werden, das haben sie schon alle beide gesagt. Und ich will doch nicht, ich kann doch nicht, Urgroßmutter, weil ich eine reine und große Liebe in meinem Herzen trage. Und da muß ich fort aus diesem Hause, weit, weit fort; in die Schweiz, wo ich schon einmal in Pension gewesen bin, will ich, Urgroßmutter. Dort will ich studieren, und nichts mehr hören will ich und nichts mehr sehen von all der Gemeinheit hier in dem Hause, in dem ich unrein werden soll und gemein und schlecht, wie Leo und Etelka schon schlecht und gemein geworden sind. Das sollst du Papa sagen, Urgroßmutter, daß ich fort will, daß ich fort muß aus diesem Hause!« Atemlos hatte sie das alles hervorgesprudelt. In dem pergamentenen Gesicht der Frau Rosenbusch leuchteten die großen dunkeln Augen, aber steinern blieb dieses Gesicht. Das feine Ohr, das den bösen Geist dieses Hauses auf Zehen durch die Räume schleichen hörte, vernahm kaum den äußern Laut all der Worte, in denen die arme kleine Edith ihr Herz erleichtert hatte, und der alte Kopf der Zweiundneunzigjährigen faßte deren Sinn nicht mehr. Aber beruhigend, als seien ihre Finger in köstlichen Balsam getaucht, strichen die welken Hände der Greisin über das blonde Lockenhaar und lullten den Geist des Kindes in schöne Träume, in dessen Blondkopf zum ersten Male im Leben die Kluft zwischen der reinen Welt des Guten und der rauhen Wirklichkeit der Dinge sich aufgetan hatte, und in dessen jugendlichem Herzen sich die erste zarte Knospe der Liebe zu entfalten begann, einer Kinderliebe zu Davidchen Mandelbaum, dem schwarzhaarigen Jungen, der die kleine blonde Edith in hundert jauchzenden Liedern seines reichen Herzens besang. Von alledem ahnte Frau Rosenbusch nichts. Die Urgroßmutter, an der fast vier Generationen vorbeigeschritten waren, starrte hinaus in die nun dunkler und dunkler werdende Ferne, und vor ihrem geistigen Auge stand wieder jener bedeutsame Mittwoch in ihrem Leben, da sie Rosenbuschs Verlobte geworden war. Schwester Rosine trat wieder ein. Sie deckte den kleinen, aus Rohr geflochtenen, in der Mitte des Zimmers stehenden Tisch und schob dann den Rollstuhl der Greisin vor diesen. Dann goß sie der Urgroßmutter und dem Enkelkinde den duftenden Trank in die Tassen und begann alsbald mit der schwierigen Aufgabe, Frau Rosenbusch zu füttern. Denn den zitternden Händen der Zweiundneunzigjährigen war es unmöglich geworden, irgendeinen Gegenstand selbständig an die Lippen zu führen, wie das hilflose Kind war sie wieder auf die liebevolle Unterstützung ihrer Mitmenschen angewiesen. Wie den Kindern, so pflegte Rosine auch Frau Rosenbusch einen sogenannten Pudding zu bereiten, indem sie die Tasse mit dem Tee oder dem Kaffee mit Weißbrotstückchen füllte und der Alten dann deren Inhalt langsam Brocken für Brocken mit dem Löffel reichte. Gerade hatte Rosine diese mühsame, nicht immer sehr appetitliche Aufgabe vollendet, als es mit jugendlichem Ungestüme an die Tür pochte. Edith sprang in die Höhe. Ihre Tränen waren versiegt. Das war niemand anders als Davidchen Mandelbaum. Denn seitdem ihn sein Großonkel Jakob einige Tage nach seinem Eintritt in die Kommerzbank bei der Familie seines Chefs eingeführt hatte, war der schlanke, schwarzhaarige Judenjunge aus dem kleinen Nest am Spessart, er, der die schönen großen braunen Augen seiner Mutter Rebekka sein Erbteil nannte, ein fast täglicher Gast in der Villa Seliger. Abends gegen sechs Uhr – die Kommerzbank wurde um fünf geschlossen – pflegte Davidchen Mandelbaum dann zu erscheinen in seinem schwarzen Sonntagsröckchen, mit dem steifen Hütchen, das er sich gleich am ersten Tage in der Stadt als Ersatz für seine gar nicht modisch aussehende Mütze gekauft hatte, mit dem breiten, manchmal gerade nicht blendend weißen Umlegkragen, die braunen Glacéhandschuhe, die er aus Sparsamkeit niemals anzuziehen pflegte, in den langen weißen Händen, deren nicht immer ganz gründlich gereinigte Tintenfinger seine geschäftliche und seine dichterische Tätigkeit verrieten. Seine sorglose Jugend und die völlige ländliche Unerfahrenheit mit allen gesellschaftlichen Formen und Vorurteilen der Großstadt hatten Davidchen Mandelbaum den ungezwungenen Verkehr in der Villa seines hohen Chefs so leicht gemacht. Seine harmlose Seele dachte nicht im entferntesten an tausend Dinge, die in der sogenannten Gesellschaft den ungezwungenen Verkehr der Menschen erschweren. Seliger hatte ihn dazu aufgefordert, wenn er sich einsam fühle und nichts Besseres vorhabe, nur in die Villa zu kommen. Da seien junge Menschen in seinem Alter, und da könne er Anschluß finden, und Davidchen Mandelbaum hatte sich das nicht zweimal sagen lassen. Zwar war ihm der um vier Jahre ältere Leo mit seinen Lebemannsmanieren durchaus nicht sympathisch. Der hänselte ihn am liebsten und stellte seine von den Lüsten und Sünden der Großstadt noch unberührte Unschuld vor allen Leuten an den Pranger. Auch die Weltdame Etelka, von der man nie wußte, ob sie im Ernst sprach oder ob sie einen aufziehen wollte, war nicht sein Fall. Diesen beiden ging Davidchen Mandelbaum schon seit Wochen geflissentlich aus dem Wege. Aber die kleine Edith mit den goldenen Haaren, die so blond waren wie die der einst besungenen Marei droben in der fernen Heimat, und die so schöne große Augen hatte wie er selber, die hatte er gleich in der ersten Stunde ihrer Bekanntschaft in sein Herz geschlossen, und ihr, nur ihr allein galt sein fast täglicher Besuch. Daß er zudringlich oder gar anmaßend erscheinen könne, daß diese Huldigung des Lehrlings der Kommerzbank gegenüber dem Töchterchen des Chefs nicht passend sei, daran dachte Davidchen Mandelbaum nicht. Droben bei der Schwester Rosine und bei der alten Frau, die nicht mehr gehen konnte, trafen sie sich. Dort war es schön und traulich, schöner und traulicher als auf dem Hofe seines Vaters in den heimatlichen Bergen; und wenn er Frau Rosenbuschs zitternde Hände betrachtete, dann mußte er immer an die Heimat und an die welkenden Hände der alten Buxbaum denken, die sich schützend über die fernen, schönen Tage seiner Kindheit ausgebreitet hatten, und unter denen er allein und einsam herangewachsen war. Schwester Rosine hatte gerade die altmodische, noch aus dem Haushalte der Frau Rosenbusch stammende Petroleumlampe angezündet und auf den Tisch gesetzt – die Greisin wollte von modernen Beleuchtungsarten nichts wissen – als Davidchen Mandelbaum in das Zimmer trat. Edith lief ihm entgegen, und die beiden Kinder schüttelten sich die Hände. Länger, als es bei einem gewöhnlichen Gruße üblich, hielt Davidchen Mandelbaum Ediths Hand in der seinen, und beim Anblick des lieblichen jugendlichen Paares glitt es wie sonnige Erinnerung über die pergamentenen Züge der Greisin. Ob sie wieder daran dachte, daß es auch ein Mittwoch war, da sie ihr Vater Rosenbusch als Braut zugeführt hatte? Die lange, stumme Begrüßung der beiden Kinder wurde durch Schwester Rosine unterbrochen, die sagte: »Nach dem Geschäft werden Sie wohl Hunger und Durst haben, Herr Mandelbaum. So setzen Sie sich, ich will Ihnen eine Tasse Tee einschenken und, wenn Sie es erlauben, ein Butterbrot streichen.« Genau so war er es von Hause aus gewöhnt, wenn er aus Wald und Feld gekommen war, und die alte Buxbaum seiner gewartet hätte. So saß er denn an Ediths Seite und verzehrte das Brot, das ihm Schwester Rosine gereicht hatte, schlürfte durstig den heißen Tee in hastigen Zügen und war glücklich. Das junge Mädchen betrachtete ihn mit leuchtenden Augen. Wie schön er war und wie männlich, mußte sie in einem fort denken, wie gut und glänzend seine großen Augen, und auf den Lippen sproßte schon der erste Flaum! »Wissen Sie, was ich heute getan habe, Fräulein Edith?« begann nun Davidchen Mandelbaum, nachdem er den letzten »Rest seines; Butterbrotes, verzehrt und seinen Tee ausgetrunken hatte. Fragend hingen die Augen des jungen. Mädchens an seinen Lippen, indessen Schwester Rosine schon wieder um Frau Rosenbusch, die eben nicht recht bequem in ihrem Rollstuhl saß, beschäftigt war. »Ich habe einen Auszug aus meinem Hefte gemacht, da es auf der Bank für mich doch nichts Gescheites zu tun gab. Wissen Sie, Fräulein Edith, aus dem Hefte, von dem ich Ihnen schon einmal erzählt habe, in: das ich alle meine Gedanken schreibe. Diesen Auszug habe ich Ihnen mitgebracht. Es steht viel verworrenes Zeug in dem Hefte, vor allem, seitdem ich hier in die Stadt gekommen bin.« »Zeigen Sie her,« rief Edith gespannt. Davidchen Mandelbaum zog ein kleines, schmieriges Notizbüchelchen, das in schwarzes Wachstuch gebunden war, aus seiner Tasche und reichte es Edith. Ihre Köpfe einander nähernd, blickten sie selbander hinein, und in dem freundlichen Lichte der alten Petroleumlampe las Edith mit zitternder Stimme, Tränen in den großen Augen, während Frau Rosenbusch eingeschlafen war und Schwester Rosine wieder in der kleinen Küche hantierte: »Ist es die Liebe, die in meine Seele Den schönen Strahl der stolzen Hoffnung senkte; Ist es die Liebe, die die Schritte lenkte, Daß ich mich aus dem Kreis der andern stehle? Ist es die Liebe, die die Abendwolke Mir röter malt in winterlicher Ferne Und feuriger die gottgeschaffenen Sterne, Die dort zu Häupten glühen meinem Volke? Ist es die Liebe, die die goldnen Locken So duftend macht, wie Sandelholz und Myrrhen;. Daß sie am Tag die Sinne mir verwirren, Daß mir des Nachts die munteren Pulse stocken? Ist es die Liebe, daß im Traum sich feuchten Die Augen, die geschaut das holde Wesen, Und daß wir beide Aug' in Auge lesen, Was jene fernen Wintersterne leuchten? Ist es die Liebe – – – – – – – – –« Sie schwieg. Sie konnte nicht weiter lesen, und ihn anstarrend mit den großen Augen, als ob sie ihn eben jetzt zum ersten Male in ihrem Leben sähe, nickte sie stumm mit dem schönen Kopfe in namenloser Verwirrung. Purpurrot waren ihre Wangen, auf die der grelle Schein der Lampe fiel. Sie waren allein in dem trauten Zimmer, Frau Rosenbusch schlief fest, tief atmend in dem Rollstuhl, und Schwester Rosine ließ sich nicht blicken. Und als wenn eine ungekannte und unverstandene Kraft sie zueinander zöge, näherten sich ihre Hände und sanken brennend ineinander. Er lag vor ihr auf den Knien, den Kopf in ihrem Schoß, die Augen zu ihr emporschlagend, den Mund ihren Lippen nähernd, und sie streichelte wie abwesend sein seidenweiches, dunkles Haar. »Ist es die Liebe, Edith?« stammelten seine Lippen. Und sie nickte unter Tränen, schluchzend, im tiefsten Grund ihres jungfräulichen Wesens zum ersten Male erschüttert: Die Liebe! Da besannen sie sich. Frau Rosenbusch hatte eine Bewegung in ihrem Rollstuhl gemacht. Im Zimmer erhob sich ein leises Geräusch. Es war die uralte Schwarzwälderkuckucksuhr, die zum Schlage ausholte. Mit hellem Ruf kündete der künstliche Vogel die erste Stunde ihres Glückes. Jetzt saß Davidchen wieder ganz still und vernünftig an ihrer Seite. Nur noch lose ruhte ihre Hand in der seinen, als schämten sie sich beide dieser ersten, so keuschen Berührung. Aber lange dauerte es, bis er wieder den Mut zu einem lauten Wort fand, so daß die feierliche Stille, in der sich ihre Seelen einander näherten, in der ihre jugendlichen Körper zueinander strebten, unterbrochen wurde. Erst als Schwester Rosine wieder eintrat und sagte: »So still, Herr Mandelbaum?« raffte er sich zusammen, und ohne daß er es gewollt hatte, plauderte er nun plötzlich von seinem Geheimnis, weil ihm gerade nichts anderes einfiel. »Wissen Sie, womit ich jetzt in meinen freien Stunden des Abends zu Hause beschäftigt bin, Fräulein Rosine?« Die Schwester schüttelte den Kopf und sah ihn fragend an. »Ich will ein großes Werk schreiben,« sagte er fest. »In den letzten Wochen bin ich mit dem Entwurf ins reine gekommen, und vor etwa acht Tagen habe ich mich an die Ausarbeitung gemacht. Es soll ein Stück werden, ein Theaterstück, Schwester Rosine.« »Und wo haben Sie den Stoff zu diesem Stück hergenommen?« fragte die Schwester, »das ist ja äußerst interessant.« Ediths Augen hingen an den Lippen des Sprechenden. »Woher ich den Stoff genommen habe, Schwester Rosine?« wiederholte Davidchen Mandelbaum. »Das weiß ich, offen gestanden, selber nicht, woher! Es ist mir eingefallen, aus mir heraus, ein phantastischer Stoff. Es ist, als ob alles aus meiner eigenen Seele wüchse und wüchse, und doch, wenn ich es näher betrachte, scheint es mir völlig fremd. Es ist kein modernes Stück und kein geschichtliches Drama, Schwester Rosine, es ist überhaupt nichts dergleichen, es sind auch gar keine Menschen, die in diesem Stücke spielen. Es sind zwei Seelen, die sich suchen und suchen und sich einst finden müssen.« Schwester Rosine lachte. »Also eine ganz phantastische Sache, Herr Mandelbaum?« »Wenn Sie es so nennen wollen. Ich weiß nicht, wie ich, es bezeichnen soll. Es ist etwas von dem, was im Grunde lebt, nicht das an, der Oberfläche, was wir mit den Händen greifen und sehen und hören können. Das nicht, Schwester Rosine. Was ganz anderes. Das, was sich plötzlich meldet in tiefster Stille im Winkel des Herzens, ohne daß wir es gerufen haben, und ohne daß wir es los werden können, das, was wir zu begründen nicht imstande sind, was uns beschleicht, wir wissen nicht warum, als Furcht und Angst, das da kommt auf leisen Sohlen und schwindet, wenn wir nicht hinhören wollen, das Leben der Seele, die eine andere Seele sucht und in uns weint und schreit und bittet, bis wir sie durch die Welt da draußen wieder übertönen lassen, und die einmal versunken oft nicht mehr gehört wird!« »Ich habe Sie wohl nicht recht verstanden, daraus wollen Sie ein Theaterstück machen, Herr Mandelbaum?« »Doch ja, Schwester Rosine. Sie müssen mich doch verstehen können und begreifen, was ich meine, Sie, die in der Einsamkeit weilen, Sie, die mit einer fast Abgeschiedenen hausen, und der täglich diese seltsame Stimme der Seele reden muß.« »Daß man der Stimme der Seele lauschen und diese Stimme vernehmen kann, das verstehe ich recht wohl, Herr Mandelbaum, das habe auch ich in vielen einsamen Stunden des Lebens erfahren. Aber was ich nicht verstehe, das ist das, wie man daraus ein Theaterstück machen kann.« »Das will ich Ihnen sagen, wie ich mir das denke, Schwester Rosine,« beharrte Davidchen Mandelbaum. Edith hatte ihren Stuhl ganz dicht an den seinen herangeschoben. »Ich denke mir eine Welt auf der Bühne,« fuhr der fort, »Schwester Rosine, die gar keine Welt mehr ist. Man sieht und hört alles wie in der wirklichen Welt, aber man sieht es durch einen Schleier, man hört es wie aus weiter Ferne, so wie man das Rauschen und Brausen, das Leben einer großen Stadt hört, wenn man auf einem hohen Turme über allen Menschen steht. Und was da vorgeht auf dieser Bühne, das dürfen keine gewöhnlichen Vorgänge des Lebens sein, und doch sind es wieder ganz gewöhnliche. Wie man es nimmt, Schwester Rosine.« Die Schwester schüttelte den Kopf; Aber Davidchen Mandelbaum ließ sich nicht irre machen. »An einem Beispiel,« sagte er, »wird das klarer. Nehmen Sie einmal an, man stellte in einem solchen Stück dar, wie das Alter den Menschen beschleicht. So wie es Frau Rosenbusch beschlichen hat. Der Mensch und das Alter, das wären dann die beiden Seelen, die sich suchen und finden müssen. Ein ganz gewöhnlicher Vorgang aus dem Leben und doch kein gewöhnlicher, wie Essen und Trinken, Heiraten und Voneinandergehen, nicht, Schwester Rosine? Da denke ich mir einen Herbstabend wie heute, schon mehr Winter als Herbst, ganz so wie heute draußen die Stimmung! Die Bühne stellt ein trauliches, lange von demselben Menschen bewohntes Zimmer dar, und an dem Ofen im Lehnstuhl sitzt der Mensch, dem das Alter seinen Besuch abstattet, und bei dem es sich dann als ständiger Begleiter für den Rest seines Lebens niederläßt. Eine weiche Stimmung kommt über diesen Menschen, er sehnt sich nach einem Unbekannten, nach einer andern Seele, und weiß nicht, wem diese Seele gehört. Der Raum, in dem er Jahre verbrachte, erscheint ihm heute einsam und traurig, und die Abendstunde, in der die Blätter draußen von den Bäumen fallen, weckt die Erinnerung an die vielen anderen Herbste, die er schon erlebt hat. Und da, da pocht es leise an die Tür, und das Alter erscheint. Es setzt sich an seine Seite, reicht ihm die Hände, spricht von den Erinnerungen ferner Jahre und Tage. Können Sie sich jetzt denken, wie ich es meine, Schwester Rosine?« Leise nickte die Schwester mit dem Kopf. »Jetzt kann ich es mir denken, Herr Mandelbaum. Aber sehr traurig müßte dieses Stück den Menschen stimmen, wenn er sieht, wie das Alter sein letzter und bester Freund geworden ist.« »Das war nur ein Beispiel. Ich könnte mir hundert solcher Stücke denken, in denen die gewöhnlichsten Vorgänge des Menschenlebens die allgemeinste Bedeutung gewinnen würden. Neulich las ich im Faust die Szene, wie die Sorge zu dem alten Faust kommt, und er unter dem Hauche ihrer Lippen erblindet. Das ist auch solch ein Suchen und Sehnen zweier Seelen, die sich fliehen und doch finden müssen, weil sie zueinander gehören und nicht voneinander lassen können.« Die Kuckucksuhr holte zum Schlage aus. Eine Stunde hatten sie so verplaudert. Kurz nach acht Uhr pflegte man in der Villa Seliger zu Abend zu essen, und so gegen sieben trat Davidchen Mandelbaum gewöhnlich seinen Heimweg an. Schwester Rosine machte sich um Frau Rosenbusch zu schaffen, die eben wieder aus ihrem Schlummer erwacht war. Ihr reichte Davidchen die Hand zum Abschied, Edith huschte an seiner Seite die Treppe hinunter. »Ich gehe ein Stückchen mit,« flüsterte sie im Hausgange, »es war so heiß droben bei Urgroßmutter, die kühle Luft tut mir wohl.« Rasch hatte sie ein Tuch um ihren Kopf geschlungen und war in den weiten Abendmantel geschlüpft. Nun schritten sie Seite an Seite durch den Park nach dem Gartentor, und Davidchen war es ganz feierlich zumute, da er zum ersten Male neben der Geliebten aus dem Hause ging. Wie ein Symbol schien es ihm heute. Als müsse er einstmals an ihrer Seite hinausschreiten aus diesem Hause in das reiche, vielgestaltige Leben, das er verstehen lernen und erobern wollte mit den Waffen seines Geistes und seiner Phantasie. Sie standen auf der Straße, und wortlos reichte er Edith den Arm. Leise schauerte er zusammen, als er fühlte, wie sie sich auf ihn stützte, wie sich ihr schlanker Körper sehnsüchtig an den seinen schmiegte. Und wie im Traume wandelten die beiden Kinder dahin. Der Mond stand am Winterhimmel, mit Sonnenuntergang hatte der leichte Frost der vorigen Nacht, der die Landschaft mit glitzerndem Reife überzogen, wieder eingesetzt. Ihr Weg führte sie durch die Gärten des Villenviertels nach den Anlagen, und im Schein der flackernden Gaslaternen, im Glanze des bleichen Mondes erstrahlte die ganze Umgebung, all die Bäume und all die Sträucher wie ein demantener Märchenwald, durch den der verwunschene Prinz seine entzauberte Prinzessin führt. Ferne Stunden der Kindheit erwachten wieder in dem Herzen Davidchen Mandelbaums, da er daheim auf dem alten Hof des Vaters die Geschichten gelesen, die seinem Geist den ersten romantischen Anstrich gegeben, die Geschichten von der Wunderlampe des Aladin, von den Schätzen in der Höhle Xa Xa und von der schönen Melusine, die gar kein Menschenkind, sondern ein Fabelwesen aus den Tiefen des Wassers gewesen war. »An was denkst du?« flüsterte Edith. Da sah er ihr holdes Gesichtchen inmitten der leuchtenden, silbernen Einsamkeit dieser märchenhaften Winterlandschaft, und da küßte er ihre Augen und ihren Mund. »Meine Prinzessin,« stammelte er. Und sie riß sich los und eilte wie ein flinkes Wiesel den Weg zurück, den sie eben gekommen waren. Er aber stand wie der Prinz in dem Märchen vor der das Schloß umziehenden Dornenhecke und starrte den Spuren nacht die ihr zarter Fuß in dem leichten Schnee, der die Wege der Anlagen bedeckte, gelassen hatte. V. Man war inmitten der winterlichen Hochsaison. Um diese Zeit, in den Monaten Januar und Februar, pflegte Frau Seliger Donnerstags alle vierzehn Tage ihre Empfangsabende abzuhalten. Kurz nach acht Uhr stellten sich die Gäste ein. Frau Seligers einstiger Bühnenlaufbahn entsprechend, setzten sich diese zum größten Teile aus den Vertretern der literarischen und künstlerischen Kreise der Stadt, der Presse und aus Theaterenthusiasten zusammen. Aber auch gegenwärtige und längst vergangene Größen der Finanz- und Handelswelt ließen sich hie und da blicken, Leute in Amt und Würden, Träger altadeliger Namen; von Zeit zu Zeit »sogar« Offiziere in blendenden Uniformen tauchten in ihren Salons auf. Denn Frau Seligers Empfangsabende genossen mit Recht in der ganzen Stadt eine gewisse Berühmtheit. Küche und Keller des Börsenkönigs, die an solchen Abenden seiner Frau und deren Gästen zur Verfügung standen, waren exquisit, die chronique scandaleuse aller derer, die in der Gesellschaft mitzureden hatten, wurde hier eingehend besprochen, Leute, auf deren Meinung man etwas gab, oder auch solche, die der Öffentlichkeit noch eine schöne Hoffnung waren, gaben hier über Werke der Kunst und Literatur ihr treffsicheres Urteil ab, berühmte Künstler und Künstlerinnen ließen sich herbei, ein Lied zu singen oder eine Pièce auf dem Flügel vorzutragen, und endlich winkte den Intimen in dem Spiegelzimmer der Villa ein solides Spielchen, bei dem die Einsätze in mancher Nacht die dreiziffrigen Zahlen überschritten. An solchen Abenden erstrahlte das Erdgeschoß der Villa Seliger in märchenhaftem Glanze. Vor den hohen Portalen des Parkes brannten die zehn Flammen in den beiden großen Gaskandelabern und warfen ihren weißen Schein weit hinaus auf die stille Villenstraße und tief hinein in den winterlichen Park, dessen Bäume und Sträucher ihre dürren Äste wie sehnsüchtig nach all dem Glanze, dem Lichte und dem Leben streckten. In dem eleganten Speisesaale, an dessen Längswand ein echter Makart für sechzigtausend Mark hing, gab es an kleinen Tischen kaltes Büfett. Die edelsten Weine aus dem Keller des Kenners Seliger flossen an solchen Abenden in Strömen, die speziell für ihn auf Kuba hergestellten Importen wurden in Originalkisten herumgereicht. Der erfahrene Feinschmecker war sicher, die Primeurs und Finessen der Saison hier vereinigt zu finden. Die größten Langusten von der französischen Küste, englische Austern von Whitestable, Hummern aus Helgoland, Kaviar von Astrachan, der kaum ein Körnchen Salz empfangen hatte, Poularden aus Bresse, Calville-Äpfel und Duchessebirnen, die gab es hier. Dazu alte Marken aus Seligers Keller, die ihre zwanzig Jahre gelagert hatten, einen Sherry pale, dessen Restbestand der Börsenkönig in Madrid hatte kaufen lassen, einen Lafitte und einen Larose, wie sie außer ihm nur noch die Rothschilds selber tranken, einen Johannisberger aus dem Privatbesitz des Fürsten Metternich. und einen Trabener von der hohen Domkirche in Trier. Und endlich knallten die Pfropfen der dickbäuchigen Flaschen mit den silbernen und goldenen Hälsen und schenkten je nach dem Geschmack der einzelnen Gäste die edelsten Produkte aus Epernay und Rheims in die schlanken Kelche. An solchen Abenden schwamm Frau Seliger in einem Meer von Wonne. Wenn sie so ihre Getreuen um sich sah, dann war sie Herrin des Hauses, Beherrscherin der Situation. Denn Seliger selber kümmerte sich um diese Feste nicht. Er wußte es einzurichten, daß er an diesen Donnerstagen regelmäßig etwas anderes vorhatte. Bald ging er in seinen Klub, wo er notwendig einen auswärtigen Geschäftsfreund, der nur für diesen einen Abend in der Stadt weilte, sprechen mußte, bald fand eine Nachtsitzung in der Kommerzbank oder eine Abendbesprechung mit einigen Aufsichtsräten statt. Kurz, er hatte immer eine Ausrede. Am Anfang war es aus diesem Grunde häufig zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und seiner Frau gekommen. Aber bald gab Frau Seliger jeden Versuch auf, ihren Gemahl zur Teilnahme an ihren Empfangsabenden zu überreden, und endlich gefiel sie sich darin, allein den guten Genius des gastlichen Hauses zu spielen und sich von gefälligen Freunden und Freundinnen als die von dem Gatten vernachlässigte Frau bedauern zu lassen. Als Graf Eberhard von Waldburg-Immenhausen, der schönste Offizier der Garnison, wie ihn der weibliche Teil der Gesellschaft schwärmerisch und voll Überzeugung nannte, vor etwa vierzehn Tagen die alljährlich übliche Einladung zu den Empfangsabenden in der Villa Seliger erhalten, hatte er die goldumränderte Karte scheinbar gleichgültig in den Papierkorb gleiten lassen. Wie kam diese Frau Seliger denn dazu, ihn immerfort mit ihren Einladungen zu behelligen? Niemals hatte er in der Villa einen Besuch gemacht, er gehörte doch ganz anderen Kreisen an. Fünf Jahre stand er nun hier als Rittmeister bei den Leibulanen, und richtig, in jedem Jahre erinnerte er sich deutlich, so etwa acht Tage vor Weihnachten war immer diese Einladung in die Villa Seliger in seine Hände gelangt. Seliger! Wie das klang! Das klang gar nicht mehr, das roch ordentlich. Er erinnerte sich, daß er beim ersten Male diese Karte tatsächlich an die Nase geführt hatte. Kam er doch damals aus dem fernen Osten, aus Lissa in Posen, in dessen Nähe auch ein Gut seiner Familie lag, aus einer Gegend, wo man bei einem Namen wie Seliger gleich an Knoblauch, ungelüftete Zimmer und alte Kleider dachte. Aber dann hatte er, der in der Börsenwelt damals noch ganz Unerfahrene, sich doch im Kreise seiner Kameraden so hinten herum vorsichtig nach diesem Seliger erkundigt. Und da hatte er Wunderdinge zu hören bekommen. Nicht nur über die Empfangsabende in der Villa, deren Sekt und Delikatessen ihn nicht zu reizen vermochten. Aber Wunderdinge über die Millionen, die dieser Seliger in seinem arbeitsreichen Leben umgesetzt haben sollte. Von Fabriken, die dieser Mann begründet, ganzen Vierteln, die er gebaut, Straßenbahnen, Wasserleitungen, Beleuchtungsanlagen von Städten und ganzen Distrikten, die er finanziert und ins Leben gerufen haben sollte. Da war er neugierig geworden. Aber standhaft war er geblieben, standhaft wie der Mann von Charakter, der, die Hunderte in der Tasche, an den Spielbänken des Lebens stolz und kühlen Blutes vorüberschreiten kann. So war es geblieben bis zum vorigen Sommer, da ihn der tückische Zufall des Lebens plötzlich dem Hause Seliger nähergebracht hatte. Er hatte seinen Sommerurlaub genommen und war nach St. Moritz gefahren, von wo er einige Hochtouren in das Oberengadin und auf dessen Gipfel unternehmen wollte. Und dort in dem großen eleganten Hotel war sie ihm zum ersten Male aufgefallen. Dort war sie ihm nähergetreten, das erste Weib, von dem er sich sagen mußte: »Donnerwetter, Eberhard, das ist Rasse!« In dem glänzenden Speisesaal hatte er eines Abends allein an seinem Tischchen das reichhaltige Diner eingenommen und eine Flasche Heidsieck dazu getrunken. Am Nebentisch saßen eine wohlbeleibte Blondine in den vierziger Jahren und ein Backfischchen von etwa sechzehn oder siebzehn, die er beide keines Blickes gewürdigt hatte. Und da, als der Kellner gerade die Lachsforellen servierte – er hatte das Monokel aus dem Auge fallen lassen, um deutlicher sehen zu können – da hatte sich in dem manchen Rassen eigentümlichen wiegenden Gange eine junge Dame von etwa zwanzig Jahren dem Tische genähert, an dem die beiden, offenbar Mutter und Tochter, speisten. Sie fiel auf in dem Saale, denn einige Herren blickten empor von ihrem Teller, und die Damen tuschelten miteinander. Und der erste Blick aus seinen Augen hatte damals den ganzen Liebreiz dieser ebenmäßigen Gestalt erkannt. Wie eine Elfe war sie in dem eng anschmiegenden Kleide aus mauvefarbener Seide durch den Saal gehuscht. Das blasse Gesichtchen mit den großen schwarzen Augen, umrahmt von einer Fülle dunkelbrauner Locken und freundlich zum Gruße geneigt, einen Strauß dunkelblauer Enzianen in der schlanken weißen Hand. Wie oft während des langen Diners war sein Blick hinübergeglitten zu dem reizenden Mädchen, von dem er nicht recht wußte, ob er es für eine Spanierin oder Südfranzösin, für eine Südamerikanerin oder eine Italienerin halten sollte, bis er endlich im Salon des Hotels Gelegenheit gefunden, den Damen durch Aufheben des den Händen der Mutter entfallenen Fächers einen Dienst zu erweisen, und es sich herausgestellt hatte, daß er Frau und Töchter des in seiner Garnisonstadt so berühmten Seliger vor sich habe. Frau Seliger war damals wie immer sehr bequem gewesen, und Edith im Vergleich zu ihm noch ein halbes Kind. Da war es denn wie selbstverständlich so gekommen, daß sich Etelka, die ihn schon in der Heimat, aber immer nur von weitem, bewundert, an ihn angeschlossen hatte, und die Matten und Almen in der Umgebung von St. Moritz hätten ein Stücklein erzählen können von zwei verliebten Menschenkindern, die dort oben an schönen Sommertagen Enzian und Alpenrosen zum Strauße gebunden und sich nie ein Wörtlein von ihrer Liebe gestanden hatten. Denn Graf Eberhard von Waidburg-Immenhausen, der Majoratsherr eines bürtigen Geschlechtes und Rittmeister in einem der feudalsten preußischen Regimenter war, wußte sich der schönen Millionärin gegenüber die nötige Reserve aufzuerlegen. Zu einer Erklärung war es nicht gekommen, durfte, sollte es niemals kommen. Die Sommertage in St. Moritz waren ein kurzer und schöner Traum gewesen, und in der Stadt stand der Graf dem Töchterlein des jüdischen Bankiers wieder so fern wie die Sonne der Erde. Und dennoch, als er vor etwa vierzehn Tagen das goldumränderte Einladungsbillett in seiner Hand gehalten und es resigniert in den Papierkorb geworfen hatte, da waren sie in seiner Erinnerung wieder aufgestiegen, die goldenen Sonnentage aus dem vergangenen Sommer, da er an Etelkas Seite, den Piz Bernina vor Augen, emporgestiegen war in die reine Luft der reinen Höhen dort oben, hinauf zu den jungfräulichen Bergen, auf denen es keine Rassenunterschiede und keine Standesvorurteile gab. Da hatte es wieder in seinen Ohren geklungen, das schalkhafte, das heitere, das goldene Lachen der schönen Jüdin, die gar nicht aussah wie eine Jüdin und doch wieder wie eine, in deren Körper und Gesicht sich all die Vorzüge der abend- und morgenländischen Rassen zu einem seltsam reizvollen Zusammenklang vereinigt zu haben schienen. Da hatte er den Zauber ihrer Stimme, das Blitzen ihrer klugen Augen im Geiste wieder empfunden, da hatte er wieder gesehen, wie der reine Morgenwind der Höhen ihr kastanienfarbenes Haar in krausen Löckchen vom Kopfe trieb, und da – hatte er das Datum des ersten Empfangsabends bei Frau Seliger notiert, nachdem er die weggeworfene Karte aus dem Papierkorb wieder herausgesucht hatte. Und nach langem, inneren Kampfe hatte er sich heute dazu entschlossen, die Villa des berühmten Börsenkönigs in der neunten Abendstunde aufzusuchen. Freilich, wenn er sich ernstlich fragte, so ganz selbstlos, so völlig ideal waren die Motive, die ihn dorthin trieben, nicht mehr. In der reinen Höhenluft der Berge von St. Moritz hätten sie schwerlich bestehen können. Dort wären sie weggehaucht worden von dem Winde der Firnen, der alles Niedrige und Gemeine in seinem Bereiche nicht aufkommen läßt. Die Verhältnisse auf Waidburg-Immenhausen hatten sich verschlechtert. Der Verwalter war der Bewirtschaftung der beiden Güter nicht mehr gewachsen und verlangte eine Teilung der Direktion. Die Hoffnungen, die der Graf auf sein drittes im Posenschen gelegenes Gut gesetzt hatte, waren durch die Überschwemmungen des letzten Frühjahrs und die auf diese folgende Mißernte vernichtet worden. Er mußte mit Verlust verkaufen, oder neue Gelder aufnehmen, oder aber – ja oder – da lagen die Motive, von denen er sich sagen mußte, daß sie vor dem strengen Forum seines edelmännischen Gewissens nicht stand zu halten vermochten. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb ging er hin. Als die einfache Droschke mit dem Grafen die hell erleuchteten Portale der Villa Seliger erreicht hatte – es war wenige Minuten nach halb zehn Uhr – ging es in den Gesellschaftsräumen des stadtbekannten gastlichen Hauses schon hoch her. Es war der erste, von den Intimen schon längst mit Sehnsucht erwartete Abend der Saison, und Frau Seligers Freunde hatten sich rechtzeitig und vollzählig eingefunden. Die dicke Herrin des Hauses trug ein schwarzes, tiefausgeschnittenes Kleid aus gemustertem Atlas, das überreich mit echten venezianischen Spitzen verziert war. Prinz Trachenstein pflegte zu behaupten, daß ihr diese Kleider am vorteilhaftesten stünden, weil Schwarz die Fülle des Körpers in diskreter Weise mindere, und das Dekolleté auf dem schwarzen Grunde bei Frau Seligers schwanenweißer Haut trefflich in die Erscheinung trete. Gewohnt, auf den Rat ihres ergebensten Freundes zu hören, hatte sich die Dame des Hauses auch heute an diesen Ausspruch des Prinzen erinnert und die schwarze, durch reichen Perlen- und Diamantschmuck gehobene Toilette gewählt. Sie sah imponierend aus, das mußte man ihr lassen. Trug sie doch auch um den immer noch schönen, blendend weißen Hals das berühmte Kollier, das ihr Seliger einst nach Gelingen einer großen Spekulation für einhundertundzwanzigtausend Mark gekauft hatte, das aus zehn Reihen gleichgroßer Perlen bestand und von einem aus Solitairs gebildeten Schlosse zusammengehalten wurde. Das auch von Kennern rückhaltlos bewunderte Stück stammte von einem Pariser Juwelier, der es für viele tausend Franken aus dem Nachlasse einer Tänzerin der Großen Oper, die einst zu Gambetta in Beziehungen gestanden haben sollte, erobert zu haben vorgab. Die Tatsache, daß die einstige Besitzerin dieses Schmuckes Tänzerin an der Großen Oper gewesen sein sollte, machte Frau Seliger dieses Stück besonders wertvoll. Unter der strahlenden Kristallkrone des blauen Empfangssalons, in dem sie an der Seite der noch dickeren Frau von Giloty saß, glänzten und funkelten die kostbaren Steine wie herrliche Sonnen auf ihrer sammetweichen Haut. Eine Gruppe jüngerer Damen und Herren war um die Hausfrau und deren Freundin versammelt und erging sich gerade in den von Frau Seliger so gerne gehörten Lobpreisungen dieser herrlichen Abende, an denen sich noch niemals ein Mensch gelangweilt habe. Edith und Etelka waren hier nicht zu sehen, aber Leo, Mamas Liebling, stand im tadellosen Smoking, eine Gardenia im Knopfloch, dicht neben seiner kleinen Feretti, inmitten der Gruppe und hörte interessiert den Ausführungen der kleinen Italienerin zu. Diese behauptete, daß der am städtischen Opernhause angestellte Ballettmeister Maderno keine Ahnung von einem richtigen pas de deux habe, und daß es seine Schuld sei, wenn sie bei dem Solotanze in der letzten Weihnachtsnovität »Das Mädchen aus dem Zauberlande« von Seiten der Presse schlecht behandelt worden sei. Die kleine Feretti, die ein kaum verständliches Deutsch und ein schlechtes Französisch skrupellos durcheinanderwarf und sich so in diesem Kreise, der ihre italienische Muttersprache nicht verstand, zu helfen versuchte, sagte: »Es is ein vrai crétin, das Maderno.« Alle lachten. »Der Maderno, willst du sagen, Herzchen,« verbesserte Leo. »Eh bien, der Maderno – quand je fais comme ça –« sie hob das Kleid und ließ die raschelnden Unterröcke und die reizenden, durchbrochenen, seidenen Strümpfe zu Leos Stolze und zur Freude aller anwesenden Herren sehen – »dann il faut anders. Man muß aber faire comme ça –« Frau Seliger war ganz Auge und Ohr. Sie erhob sich von ihrem Sessel, und ohne auf Frau von Gilotys vorwurfsvolle Blicke zu achten, erklärte sie: »Aber, meine liebe Feretti, den pas de deux haben wir seinerzeit am Hoftheater auch anders getanzt. Das machten wir comme ça – und dann comme ça – bitte Platz, meine Herren – comme ça et comme ça –« »Charmant, Mamachen,« rief Leo, »ganz charmant, wie du das heute noch fertig bringst!« Frau von Giloty machte ein indigniertes Gesicht. Das ging doch nicht gut, daß Frau Seliger hier in ihrem Salon vor den Augen der jungen Herren – – Auch diese selber schien das Taktlose ihrer Tanzübung einzusehen, denn sie sagte: »Ich wollte Ihnen nur andeuten, liebste Feretti, wie wir das damals vor zwanzig Jahren gemacht haben. Ja, ja, vor zwanzig Jahren, da gibt es nichts zu bemänteln, man ist eben eine alte Frau, aber sonst haben Sie vollkommen recht. Der Maderno ist ein Kretin.« Eine allgemeine Bewegung ging durch den Saal. Leo, der an diesen Abenden als maître de plaisir fungierte, klatschte in die Hände und kündigte an: »Frau Bürger von der Oper wird die Güte haben, ein Lied von Hugo Wolf vorzutragen, und unsere junge talentvolle Konservatoristin Fräulein Blum wird sie auf dem Flügel begleiten.« Mächtig rauschte Frau Bürgers gewaltige Altstimme von dem Musikzimmer her durch die Räume. Brausender Beifall tönte von allen Seiten. Die Stimmung war eine so begeisterte, die sich Frau Bürger zuwendende Aufmerksamkeit eine so große, daß man für einen Moment die hohe Gestalt des glänzenden Ulanenoffiziers übersah, der, von einem Diener geleitet, dem blauen Salon zuschritt, um die Dame des Hauses zu begrüßen. Nur dem Blicke Leos war Graf von Waldburg-Immenhausen nicht entgangen, und von ferne aus dem hintersten Winkel des sogenannten Palmenzimmers hatten ihn zwei Mädchenaugen erspäht. Wie der Märchenprinz vor dem Throne einer Königin stand jetzt der Graf vor Frau Seliger, und diese reichte ihm wie eine Königin die Hand zum Kusse. »Mein lieber Graf,« sagte sie in vertraulichem, ein wenig wohlwollendem Tone, »wie heißt es doch, das berühmte Zitat – – Nu, einerlei! Schön, daß Sie da sind. Daß Sie die herrlichen Tage von St. Moritz nicht vergessen haben. Sie erlauben doch: Meine Freundin Freifrau von Giloty, der Herr Graf Eberhard von Waidburg-Immenhausen, Rittmeister bei den Leibulanen, Signora Rosa Feretti von der Oper, mein Sohn Leo.« Der Graf verneigte sich, während seine Augen suchend durch den Raum glitten, in dessen Tür eben in der Tat die schlanke Erscheinung Etelkas auftauchte. Noch schöner, noch gereifter, noch herrlicher erschien sie ihm heute, als damals in dem glänzenden Speisesaale des großen Hotels, wie sie so einen Moment dastand auf der Schwelle des Zimmers, zögernd, die Augen weit geöffnet, als fürchte sie nur die Erscheinung ihrer eigenen Phantasie und nicht einen leibhaftigen Menschen vor sich zu haben. In dem kirschfarbenen Kleide aus glattem Atlas, das, mit Silberfäden wundervoll durchzogen, bei jeder Bewegung des schlanken Mädchenkörpers in all dem Lichte strahlte und funkelte, ein Diadem von Rubinen und Diamanten in dem kastanienbraunen, krausen Haar. Eine leise Bewegung zitterte durch die Stimme des Grafen, als er nun sagte: »Gnädiges Fräulein, Ihr dankbarer Ritter von den Matten und Höhen um St. Moritz möchte die Wintersaison in dem Hause Ihrer Herren Eltern nicht beginnen lassen, ohne Ihnen seine Huldigung zu Füßen gelegt zu haben.« Sie trat dicht an ihn heran und flüsterte: »Fast hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, daß Sie uns diesen Winter beehren würden, Herr Graf.« Aus dem Musiksaal tönten die Weisen eines Straußschen Walzers. Da reichte er ihr galant den Arm. Wie sie zu seiner hohen Gestalt paßt! dachte Frau Seliger, als das schöne Paar sich dem hellerleuchteten Salon zuwandte und in dem Schwarm der sich dort tummelnden jungen Leute verschwand. »Das wäre eine Partie,« sagte die wohlbeleibte Frau von Giloty zu der dicken Frau Hilde, als sich das stattliche Paar ihren Blicken entzogen hatte. Ein glückliches Lächeln flog um die Lippen der Hausfrau. Sie nickte lebhaft, so daß das Doppelkinn die von dem kostbaren Perlenkollier auf ihren schneeweißen Busen herabhängende Agraffe für einen Moment den Blicken der umstehenden Bewunderer entzog. In dem sogenannten Muschelsälchen wurde flott getanzt. Der stattliche Ulanenoffizier und seine reizende Dame, des Hauses älteste Tochter, erregten die allgemeine Aufmerksamkeit. Auch Leo drehte sich hier, im Arme die zierliche Feretti, und Davidchen Mandelbaum schwebte, den Arm um Ediths Hüften geschlungen, in einem Meer von Wonne. Bis gegen Mitternacht spielte die Musik, dann begann es in den festlichen Räumen der Villa Seliger allmählich leerer zu werden. Nach zwölf Uhr pflegten die alle vierzehn Tage stattfindenden Gesellschaftsabende gewöhnlich zu Ende zu sein. Freifrau von Giloty hatte sich von Frau Seliger verabschiedet, auch Graf Waldburg-Immenhausen war gegangen, Etelka in der seligen Hoffnung, daß dieser sein erster Besuch in der Villa Seliger nicht sein letzter sein werde, zurücklassend. Langsam verlief sich der Schwarm der Gäste, und der Moment war da, wo sich die Intimen des Hauses Seliger im Spiegelzimmer bei einem Glase Pilsener zusammenfanden. Am grünen Tisch saß da Seine Hoheit Prinz Egon Trachenstein, den man seit Wochen nicht mehr in der Stadt gesehen hatte. Er schien heute wohl und munter, ungemein aufgelegt und mischte mit einer eleganten Handbewegung ein Spiel funkelnagelneuer Karten, die ihm der Diener auf seinen heimlichen Wink soeben gebracht hatte. Der Rest der Seligerschen Gäste, die Dame und der Sohn des Hauses drängten sich um den Tisch. Edith war zu Bett gegangen, und Etelka saß traumverloren allein in dem Palmenzimmer, in dem sie vor knapp einer Stunde vielsagende Blicke mit dem Grafen Waldburg getauscht hatte. Neben Trachenstein stand Frau Seliger und blickte gespannt auf das Spiel, zu dessen Anfang der Prinz eben mit den Worten: »Mesdames et messieurs faites votre jeu,« aufforderte. Bei der im Hause Seliger gern gespielten Trente et Quarante pflegte der Prinz, von der Frau des Hauses unterstützt, die Bank zu halten. Es war etwa ein Dutzend Menschen, die den Spieltisch umgaben: Frau Seliger und der Prinz, Leo und die von ihm unzertrennliche Feretti, Frau Bürger, von der man wußte, daß sie eine ebenso vortreffliche Sängerin als leidenschaftliche Hasardspielerin war, drei jüngere, allerdings in Zivil erschienene Offiziere von dem in der Stadt garnisonierenden Infanterieregimente und zwei Herren, die Trachenstein aus seinem Klub hier eingeführt hatte, ein italienischer Herzog, namens Amadeo Falcone, und ein französischer Graf Montfleurant, zwei Fremde, die zum Besuche in der Stadt weilten, und denen Trachenstein einen vergnügten Abend versprochen hatte. Die Wangen der Damen und Herren begannen zu glühen, das Spiel kam in Fluß, es wurde heute hoch gesetzt. Leo, den seine väterlichen Taschengelder immer in den Fingern juckten, eröffnete auf Rat der Feretti den Reigen mit fünfundzwanzig Mark, die er auf inverse wagte. Wie ein gelernter Croupier mischte Trachenstein sein Spiel und zählte ab. Leo gewann. Das gab ihm und den anderen Mut. Er ließ den ganzen Gewinn auf inverse stehen. Couleur verkündete nach einer Minute die Stimme des Prinzen, und Trachenstein strich das Geld ein. Auch die fremden Herren, auf die es Seine Hoheit an diesem Abend in erster Linie ankam, wurden jetzt animierter. Montfleurant setzte tausend, und Falcone zweitausend Mark auf couleur. Mit einer eleganten Handbewegung ließ der Prinz die letzte ausschlaggebende Karte fallen, »inverse«, und in aller Seelenruhe strich er die dreitausend Mark ein. Die Augen aller Anwesenden begannen zu leuchten, die Wangen zu fiebern, der Spielteufel packte sie nun mit festen Krallen und ließ sie alles andere, sich und ihre Umgebung, vergessen. »Deux mille sur rouge,« rief Montfleurant, und Falcone, als ob er ihm ein Paroli bieten wollte, »trois mille sur noir«. Langsam mischte Trachenstein die Karten, bat Frau Seliger abzuheben und legte das Spiel: »Rouge«. Lautlos schob er zweitausend Mark von den durch Falcone gesetzten dreitausend dem Franzosen zu und nahm den Rest von tausend Mark an sich. Gerade als Trachenstein die blauen Scheine zu einem ansehnlichen Häuflein an seiner rechten Seite aufstapelte und die monotonen Worte: »Mesdames et messieurs faites votre jeu« wieder von seinen Lippen kamen, vernahm er dicht an seiner Seite eine wohlbekannte Stimme: »Ich darf Sie hier wohl zum Aufheben der Bank und zu einem Gespräche unter vier Augen bitten, Hoheit.« Entsetzt starrte der Prinz in zwei zornfunkelnde, nichts Gutes verheißende Augen, indessen Leo jäh die Farbe wechselte, und Frau Seliger sich erschöpft in einen Sessel gleiten ließ. Frau Bürger und die Feretti tauschten ein paar erklärende Worte miteinander. Die fremden Herren, die heute zum ersten Male in der Villa Seliger zu Gaste waren, mochten in dem nächtlichen Eindringling einen Geheimpolizisten vermuten. Da dieser aber sonderbarerweise nichts von Dableiben und Verhaftung verlauten ließ, beeilten sie sich so rasch als möglich den Ausgang des Zimmers und die Garderobe zu erreichen. Der Herr, der den schönen Spielabend so jäh gestört hatte, war Seliger. Kurz nach Mitternacht war er von einer geschäftlichen Besprechung in seine Villa zurückgekehrt und hatte von dem Portier erfahren, daß sich der Prinz, der seit Wochen nichts von sich hatte hören lassen, unter den Gästen der gnädigen Frau befand. Wutschnaubend, in dem festen Entschlusse, Seine Hoheit zur Rede zu stellen, hatte er die Gesellschaftsräume betreten und den Gesuchten beim Hasard in seinem eigenen Hause ertappt. Er hätte sich auf ihn stürzen und ihn würgen können, aber momentan kehrte seine Kaltblütigkeit zurück. Seine Frau und seinen Sohn sowie den Rest der Gäste keines Blickes würdigend, packte er nun den Prinzen, der keinerlei Miene machte, sich von seinem Stuhl zu erheben, vorne am Rock und schob ihn zur Freude der Unbeteiligten vor sich her in das Palmenzimmer, das vor wenigen Stunden Etelka und dem Grafen als Zufluchtsort zu trauter Aussprache gedient hatte. Die ganze Wut seines kraftvollen Temperamentes, der Jähzorn und das Gift des von dem Prinzen um sein schönes Geld hintergangenen Juden, sie kamen spontan zum Ausdruck: »Hier finde ich Sie,« zischte er den keines Wortes Mächtigen an, »hier in meinem Hause, bei einem Spiele, das die Gesetze auch im privaten Kreise verboten haben. Sie – Sie – Sie! Wo ist das Schriftstück, das Sie in Cannes zur Unterzeichnung vorlegen sollten? Wo sind Sie gewesen, was haben Sie mit meinen zehntausend Francs gemacht?« Endlich faßte sich Seine Hoheit. »Ich muß Sie doch ernstlich bitten, Herr Seliger,« stammelte er, »wenn Sie auch als Herr des Hauses ... ich muß Sie doch ernstlich bitten!« »Meine zehntausend Francs, wo sind sie, wo ist die Unterschrift?« donnerte Seliger. »Ich höre noch, ich bin nicht taub, ich verstehe, Sie brauchen nicht so zu schreien,« mahnte der Prinz und hüllte sich nun in die ganze Unnahbarkeit seines fürstlichen Standes. »Mein Bruder Seine Hoheit der regierende Fürst waren bei meiner Ankunft in Cannes schon nach Paris abgereist, und ich war daher leider außerstande –« »Lüge!« schrie Seliger, »gemeine Lüge. In Cannes sind Sie gewesen? Sie waren überhaupt niemals in Cannes. Mit euresgleichen, Freundchen, sieht sich unsereiner vor. Sie sind beobachtet worden, mein Lieber, von einem Angestellten des Argus in Mailand habe ich Sie beobachten lassen! Verstehen Sie mich! Sie sind von Mailand direkt nach Monte Carlo gefahren und haben dort meine zehntausend Francs an einem einzigen Abend verspielt. Der Mann, von dem ich das weiß, hat hinter Ihnen gestanden, er folgte Ihnen, als Sie durch die Säle geführt wurden und das Geld für die Rückreise von der Verwaltung des Kasinos erbettelten. Pfui Deufel, zehnmal in drei Deufels Namen pfui Deufel, und nun treten Sie mir nie mehr unter die Augen und meiden Sie mein Haus!« Wieder fühlte sich Seine Hoheit vorn am Rock gepackt und von dem starken und untersetzten Juden, der noch über herkulische Kräfte zu verfügen schien, durch die nun ganz leer gewordenen Säle der Villa Seliger nach dem Korridor gedrängt. Hier reichte ihm ein Diener Hut und Mantel. Erschöpft sank Seliger auf dem im Vorplatz stehenden Diwan zusammen. Er strich sich den perlenden Schweiß aus der Stirn und sagte leise vor sich hin: »Den wären wir los, den Halunken, doch was nun?« VI. Das Winterfest des Krippenvereins war die vornehmste gesellschaftliche Veranstaltung in der Stadt. In sämtlichen Räumen des großen Saalbaus wurde es alljährlich an dem dem Fastnachtsdienstag vorangehenden Samstag abgehalten und bildete den Hauptanziehungspunkt der Saison für alt und jung. Freilich nicht jedermann war so glücklich, für sich und seine Angehörigen Eintrittskarten zu dem Winterfeste des Krippenvereins zu erhalten. Das aus den Damen adliger Offiziere sich zusammensetzende Festkomitee war sehr prekär in der Frage, wen es in diesem Fall für salon- oder, wie man sich in gewissen Zirkeln auszudrücken pflegte, für »hoffähig« hielt. Die Spitzen der Zivil- und Militärbehörden, die Honoratioren der Stadt, die ersten Beamten- und Offizierskreise kamen dabei zunächst in Frage. Dann folgte die »misera plebs« der in engerem und weiterem Sinne Gewerbe- und Handeltreibenden, zunächst die christlicher Konfession, die über ein Jahreseinkommen von mindestens dreißigtausend Mark verfügten, und endlich auch die eine oder andere jüdische Familie, die man schlechterdings nicht übergehen konnte wegen des Einflusses, den das betreffende Familienoberhaupt an der Börse oder in der Stadtverwaltung hatte. Leute mit unter hunderttausend Mark versteuerter Revenuen kamen hierbei natürlich nicht in Frage. Noch in jedem Jahre war es Frau Seliger durch Frau von Giloty oder auch infolge der Beziehungen des Prinzen Trachenstein geglückt, für sich und ihre Tochter Etelka Karten zu dem Feste des Krippenvereins zu erhalten. Diesmal hatte Frau von Giloty nichts von sich hören lassen. Und der vielgerühmte Einfluß des Prinzen versagte völlig. Er hatte sich durch seinen Lebenswandel in der Stadt zu sehr kompromittiert, und die maßgebenden Kreise, welche wußten, daß sich des Prinzen Bruder, der regierende Fürst, völlig von ihm zurückgezogen hatte, begannen ihn zu meiden. Auch durch Frau von Giloty, die wie in jedem Jahre als einzige Kaufmannsgattin dem Komitee angehörte, war in diesem Jahre nichts zu erreichen gewesen. Denn seit wenigen Wochen weilte eine nahe Verwandte des kaiserlichen Hauses in der Stadt. Ihre königliche Hoheit hatte huldvollst das Protektorat über das diesjährige Fest übernommen. Der Andrang war infolgedessen ein doppelt großer, und die Auswahl von seiten des Komitees eine doppelt vorsichtige. Da trafen eines Tages, etwa eine Woche vor dem Feste, also für eine solche Veranstaltung noch in letzter Stunde, dennoch zwei Eintrittskarten in der Villa Seliger ein. Sie lauteten auf den Namen der Hausfrau und auf den von Fräulein Etelka und trugen den Vermerk, »eingeführt durch den Grafen Eberhard von Waldburg-Immenhausen, Rittmeister im Leibulanenregiment«. Noch ehe sich Mutter und Tochter über diese außerordentliche Liebenswürdigkeit des galanten Grafen beruhigt hatten, meldete der Diener den persönlichen Besuch Waldburgs. Voll Ungeduld harrten Frau Seliger und deren Tochter des Gemeldeten, der nach wenigen Minuten, strahlend schön wie ein Apoll, den blauen Salon betrat. »Meine verehrten Damen,« begann er, nachdem er Mutter und Tochter formell begrüßt hatte, »ich habe mir die große Freiheit genommen,. Ihnen gestern mit der Post zwei Karten für das Winterfest des Krippenvereins übermitteln zu lassen. Ich täusche mich wohl nicht in der Annahme, daß es Ihnen, verehrte gnädige Frau, und Ihnen, Fräulein Etelka ...« es lag ein zärtlicher, schmelzender Ton in der Stimme des Grafen, wie er diesen Namen aussprach; Etelka entging das nicht – »daß es Ihnen Vergnügen bereiten wird, an dem Feste teilzunehmen. Aber zugleich will ich auch eingestehen, daß ich aus egoistischen Motiven gehandelt habe. Nicht nur deshalb, weil es mir natürlich eine große Freude sein wird, diesen Abend in Ihrer Gesellschaft verbringen zu können ...« diese Worte schienen mehr an Etelka als an Frau Seliger gerichtet ... »o nein, das ist ja mehr als selbstverständlich. Mein durch die Übersendung der Karten ausgesprochener Wunsch, das Fest zu besuchen, schließt zugleich eine Bitte in sich. Wie Sie wissen, veranstaltet das Komitee in dem ersten, dem offiziellen Teile des Festes eine Reihe von künstlerischen Genüssen, die von Dilettanten aus unseren ersten Gesellschaftskreisen geboten werden. Unter anderem führt man auch ein kleines Lustspiel in Versen auf, das meine Wenigkeit zum Verfasser hat.« »Sie dichten, Herr Graf?« warf da Etelka dazwischen. Und »nein, wie interessant,« kam es von den Lippen Frau Seligers. »So in den Mußestunden, zum Hausgebrauch, meine Damen. Doch was ich sagen wollte. Ich weiß nicht, soll ich es Pech oder unerhörtes Glück nennen? Wir hatten schon einige Proben des kleinen Stückchens, in dem ich zusammen mit der Freiin von Löwenklau, der Tochter unseres Herren Stadtkommandanten, spiele, abgehalten, – das kleine Machwerk enthält überhaupt nur zwei Rollen – da legt sich das kleine Fräulein hin und bekommt eine Mandelentzündung. Das ist ja an und für sich nichts Gefährliches, aber so acht bis vierzehn Tage wird Fräulein von Löwenklau schon zu Hause bleiben müssen, und mit meinem Stücke und der Rolle ist es für das Winterfest nun nichts, wenn sich nicht eine hilfsbereite Fee findet, die mich plötzlich aus allen Schwierigkeiten befreit.« Er warf einen fragenden und bittenden Blick auf Etelka und zog zu gleicher Zeit ein kleines Heft aus der Tasche, das er ihr mit einer liebenswürdigen Verbeugung überreichte. Etelka fand kein Wort der Erwiderung. Sie als Partnerin des Grafen Eberhard von Waldburg-Immenhausen, das war ja kaum auszudenken, in einem von diesem verfaßten Lustspiel bei dem Winterfeste des Krippenvereins, zu dessen Teilnahme sich die ersten Kreise der ganzen Stadt drängten. Und anders als eine Aufforderung, daß sie für die Freiin von Löwenklau einspringen und deren Rolle übernehmen sollte, konnte sie die Worte des Grafen doch nicht auffassen. Endlich hatte sie sich gefaßt. »Es wird mich sehr interessieren, das Stück kennen zu lernen, Herr Graf,« sagte sie diplomatisch. Und er, der ganz vergaß, daß er sie ja noch gar nicht zur Übernahme der Rolle aufgefordert hatte, meinte: »Daß Sie das Stückchen kennen lernen, mein verehrtes gnädiges Fräulein, das genügt mir noch lange nicht, nein, Sie müssen mir gleich hier, noch heute versprechen, daß Sie die Rolle übernehmen und mit mir zusammen spielen wollen, denn Sie können sich denken, wie unendlich peinlich es mir wäre, wenn ich das Komitee in letzter Stunde im Stiche lassen müßte.« »Ich, ich soll...wirklich...« Einen Moment hatte Etelka die ganze Selbstbeherrschung, die ihr in anderen Lagen ihres Lebens in so reichem Maße zur Verfügung stand, verloren. Lächelnd strich sich der Graf den blonden Schnurrbart. »Sie sollen ja sagen, mein liebes Fräulein Etelka,« mahnte er sanft. »Ich bin keine gute Schauspielerin,« wich sie jetzt aus, »und am Ende gar Verse, die kann ich gar nicht gut sprechen. Erst müssen Sie mir erlauben, Herr Graf, das Stück einmal durchzulesen, damit ich Ihnen auch sagen kann, ob ich mich meiner ehrenvollen Aufgabe gewachsen fühle oder nicht.« Sie hätte die Rolle gespielt, und wenn es die der Hexe von Endor gewesen wäre. Das fühlte der Graf. »Also heute abend, mein verehrtes gnädiges Fräulein, erhalte ich den gewünschten Bescheid, und übermorgen, denke ich, werden wir die erste Probe veranstalten können. Ich setze nämlich voraus, daß Sie ein vorzügliches Gedächtnis haben und sehr rasch auswendig lernen werden, wenn Ihre Erinnerungen an Einzelheiten unseres Aufenthaltes in St. Moritz, die ich in der Tat vergessen hatte, einen solchen Schluß auf ein vorzügliches Gedächtnis zulassen sollten.« Eine leichte Röte bedeckte Etelkas Gesicht; als sich der Graf nun verabschiedete und sagte, er werde sich erlauben, gegen Abend seinen Burschen in die Villa Seliger zu schicken, um sich Etelkas definitiven Bescheid über die Übernahme der Rolle übermitteln zu lassen. »Und ja keinen Korb. Körbe kann ich nicht vertragen,« drohte er im Gehen lächelnd mit dem Finger. Als Waldburg gegangen war, ließ Etelka den Redefluß ihrer Mutter über die große Liebenswürdigkeit des Grafen geduldig über sich ergehen. Aber nach wenigen Minuten entschlüpfte sie in ihr im ersten Stockwerk der Villa gelegenes Mädchenstübchen und versenkte sich in das kleine Heft, das ihr der Graf zum Studium und zur Lektüre überlassen hatte. Also er war so etwas wie ein Dichter. Wer hätte das hinter ihm gesucht! Er, der schneidigste Reiteroffizier in der ganzen Stadt, der Stolz der Garnison, die Hoffnung aller adligen Damen und aller Schwiegermütter, er, Graf Waldburg-Immenhausen, der Schwarm ihrer Tage der selige Traum ihrer Nächte, er schrieb in seinen Mußestunden Einakter für den Hausbedarf und ließ sie am Winterfeste des Krippenvereins aufführen. Schon diese Tatsache allein war an und für sich so interessant, daß es sich lohnte, das kleine Heft durchzulesen, auch dann, wenn er sie nicht zur Übernahme der Rolle aufgefordert, und wenn sie nicht an seiner Seite vor allen maßgebenden Kreisen der Stadt an Stelle der erkrankten Freiin von Löwenklau hätte spielen sollen. Also doch! Das war der erste Gedanke, der durch Etelkas krausen Mädchenkopf huschte, als sie nun allein in ihrem elegant eingerichteten Zimmer auf der Chaiselongue lag und langsam in dem Schriftstück des Grafen blätterte. Also doch! So rasch und so völlig hatte er sie doch nicht vergessen können, so ganz waren die schönen Tage des vergangenen Sommers nicht aus seinem Gedächtnis entschwunden, wenn er sich auch dem Anscheine nach alle erdenkliche Mühe dazu gegeben hatte. Das hatte sie heute, das hatte sie neulich an dem Empfangsabende der Mutter, da er plötzlich wider alles Erwarten in den Salons der Villa Seliger aufgetaucht war, deutlich gemerkt. Sie hätte nicht Weib, nicht die schlaue Tochter ihres schlauen Volksstammes und nicht das Kind ihres stets berechnenden Vaters sein müssen, wenn ihr das entgangen wäre, wenn ihr es hätte entgehen können, daß eine leise Befangenheit in Waldburgs Wesen jedesmal an den Tag trat, wenn er sie anredete, daß die Freude als Unterton in seiner Stimme zitterte, wenn er mit ihr sprach, und daß es wie ein magnetischer Strom von Körper zu Körper ging, wenn sie ihren Arm in den seinen legte, wenn sie ihm die Hand reichte, oder wenn er beim Tanze den Arm um ihre Hüften schlang. Stillbeglückt, ein verliebtes Mädchen und zugleich ein raffiniert überlegendes Geschöpf, das etwas gemeinsam hat mit der buntschillernden Schlange, die ihre Beute umlauert und sie fassen will, die weiß, daß sie dieser die Bewegungsmöglichkeit gelähmt hat, lächelte Etelka vor sich hin. Sie hatte sich eine Zigarette angezündet und den schönen, schlanken Mädchenkörper behaglich auf den mit einem Pantherfelle bedeckten Diwan ausstreckend, las sie nun die Verse, die der Graf in seiner eleganten und kräftigen Handschrift in das kleine Heft geschrieben hatte. Sie kannte diese graziösen und doch so männlichen Buchstaben von gelegentlichen Billetten, die Waldburg in St. Moritz als Aufforderung zu einem gemeinsamen Spaziergang an sie gerichtet, und die sie schon damals bewundert hatte. Sprach sich nicht in der Schrift, wie sie schon des öfteren gehört hatte, der Charakter eines Menschen deutlich aus? Auch jetzt verweilte ihr Blick wieder mit Wohlgefallen auf diesen regelmäßigen und schönen Schriftzügen, hinter denen sich kein Arg und kein Falsch verbergen zu können schien. Der Inhalt der kleinen Bluette, die sie da las, war in der ersten Szene wenig interessant. Am Ende so, wie es bei solchen Gelegenheiten nicht anders sein konnte. Vollgespickt mit Anspielungen auf das Fest und auf ein wohlgeborenes Komitee, das alles zum Besten geführt habe. Es handelte sich um ein Zwiegespräch zwischen dem Pierrot und der Colombine. Ein volles Jahr hatte sich das Pärchen gemieden, er erzürnt über ihre Sprödigkeit, sie in der Meinung, von ihm vernachlässigt zu werden. Nun trafen sie sich endlich wieder auf dem Winterfeste des Krippenvereins, und aus den Vorwürfen, die sie gegen ihn erhob, klangen Sehnsucht und Liebe, die sie trotz allem in den langen Monaten des vergangenen Jahres völlig beherrscht hatten, mächtig hindurch. Und wunderbar, aus diesen einfachen Versen, so wollte es Etelka wenigstens dünken, sprach eine große und freie Seele, eine Seele, die ihr einer starken, ja einer selbstlosen Leidenschaft fähig zu sein schien. Eine Seele, die am Ende mehr wert war, als die ihre, mußte sie da einen Augenblick denken, wenn sie sich überlegte, daß in all den Monaten, die sie den Grafen kannte, und in denen sie täglich, fast stündlich an ihn dachte, immer wieder sein Titel und seine vornehme Geburt, seine außerordentliche Stellung, die er unter allen Offizieren der Garnison einnahm, und seine äußere Schönheit im Vordergrunde ihres Interesses gestanden hatten. Wenn sie mit sich ins Gericht ging, wenn sie ihre Gedanken und Gefühle aufrichtig prüfte, dann beherrschten sie in erster Linie die Empfindungen der Genugtuung darüber, daß ein Mann wie der Graf ihr ein wärmeres Interesse entgegenbringen konnte. Den Neid und die Eifersucht ihrer Freundinnen, das Gerede in den Kreisen der Gesellschaft, denen sie angehörte, das Aufsehen, das eine Heirat mit Eberhard von Waldburg-Immenhausen erregen würde, das alles war ihr bislang die Hauptsache gewesen. Und dann die glänzende Aussicht, mit den Millionen des Vaters sich und ihm das Leben so angenehm wie möglich machen zu können, als Gräfin mit einem glänzenden Namen, an der Seite eines Mannes, um den sie alle scheel ansehen würden, durch die Gesellschaft und durch das Leben zu wandeln, das war es gewesen, was ihr bislang als der Reize größter erschienen. Doch da sprach auf einmal die schlichte Stimme eines liebenden Herzens aus den einfachen Versen dieser Colombine, die ihn zum Verfasser hatten, die sie in den nächsten Tagen zu ihm vor den Augen und Ohren des Publikums sprechen sollte, und wie ganz anders stand er nun mit einem Male vor ihrem geistigen Auge da, er, der Graf, und nicht nur er, nein auch sie, für die es bislang in all ihrem Gelde nur die Jagd nach dem hohen Titel und der glänzenden Stellung dieses Mannes gegeben hatte. Wie rührend schlicht und einfach klang das simple Gefühl der Sehnsucht und der Liebe auch von diesen Lippen, auch aus diesem stolzen Herzen, das mit dreifachem Erz umpanzert durch dieses Leben getragen zu werden schien. Schon dreimal hatte sie die Stelle gelesen, die sie gleich beim ersten Male so tief ergriffen hatte. Sie konnte sich denken, daß sie diese Stelle mit Begeisterung und Inbrunst, mit Wärme und tiefem Gefühl würde sprechen können, wenn er als bereuender, in ihre Arme zurückkehrender Pierrot auf der Bühne vor ihr stehen würde. Sie sprang von dem Diwan auf und eilte durch das Zimmer. Ein Warmes, früher nie Gekanntes pulsierte mit einem Schlage durch ihre Adern, sie kam sich wie neugeboren, wie umgewandelt vor, als hätten die schlichten Verse des Grafen ein bislang in ihrem Herzen Schlummerndes plötzlich geweckt. Sie sah die Bühne vor sich und den hellerleuchteten Saal, angefüllt mit Menschen bis auf den letzten Platz. Und dicht vor ihr, da stand er, der Mann ihrer Träume, in der Tracht des Pierrot, die Augen bittend zu ihr emporgeschlagen, das Urteil der Liebe oder des Hasses, das Wort der Vereinigung oder des Abschiedes aus ihrem Munde erwartend. Leise sprachen ihre Lippen die Verse vor sich hin. Den ganzen Nachmittag schloß sie sich in ihr Zimmer ein und lernte die Rolle der Colombine auswendig. Auch in der Nacht kam kein Schlaf auf ihre Lider, und am folgenden Morgen wußte sie, daß sie wie keine andere an der Seite des Grafen das kleine Stückchen spielen werde. Aber noch ein anderes fühlte sie. Es war jetzt mehr als die Lust, vor den andern an seiner Seite glänzen zu können, die sie zu dieser ungewöhnlichen Anstrengung ihres Gedächtnisses veranlaßt hatte. Eine tiefe Liebe zu dem Werke seines Geistes hatte sie erfaßt. Denn durch die Verse dieses Stückchens waren ihre Augen plötzlich geöffnet worden. Sie sah in ihm nicht mehr den Grafen und den glänzenden Offizier, nicht mehr den schönen Mann, den alle ihre Freundinnen bewundert hatten, sie sah seine Seele, sie sah den Menschen, aus dessen Herzen die schlichte Wahrheit der Liebe des Pierrot zu seiner Colombine sprach. Schon gestern nachmittag hatte sie Waldburgs Burschen ein kleines Billett mitgegeben, in dem geschrieben stand, daß sie bereit sei, die Rolle der Colombine zu übernehmen, und daß der Graf, falls es seine Zeit erlaube, schon morgen zur Abhaltung einer kleinen Probe in der Villa Seliger vorsprechen könne. Nun harrte sie voll Ungeduld des den ganzen Tag über sehnsüchtig Herbeigewünschten, der endlich nach Erledigung seines Dienstes in der fünften Abendstunde erschien. In dem Palmenzimmer, das ihnen damals an Frau Seligers geselligem Abende seine Zuflucht gewährt hatte, erwartete Etelka den Offizier. Hier seien sie vollständig ungeniert, sagte sie, nachdem sie den Eintretenden begrüßt hatte, und hier könnten sie die Probe abhalten. »Sie haben wohl eine Leseprobe im Sinne, gnädiges Fräulein?« fragte jetzt Waldburg, nachdem er auf ihre Einladung hin in einem der bequemen Klubsessel Platz genommen hatte. Etelka, die in ihrer einfachen dunkeln Haustoilette sehr nett aussah, war gerade damit beschäftigt, eine prächtige, ihr von dem Grafen überreichte Maréchalnielrose in ihren Gürtel zu stecken, und sagte mit vielsagendem Lächeln: »Nein, Herr Graf, wenn ich mir etwas vorgenommen habe, dann führe ich es rasch und sicher zu Ende. Nicht von einer Leseprobe habe ich in meinem Billette gesprochen, sondern von einer Probe. Ich habe die Rolle in dieser Nacht auswendig gelernt.« Das siegreiche, bei ihren Worten um die Lippen des Grafen spielende Lächeln war ihr nicht entgangen. Es war ihr recht, daß er aus ihrem Eifer das Interesse herauslas, das sie nicht nur seinem Stückchen, sondern seiner ganzen Persönlichkeit entgegenbrachte, und dem festen und fragenden Blicke seiner offenen blauen Augen standhaltend, fuhr sie fort: »Das liegt einmal so in meinem Charakter, Herr Graf, festzuhalten, was ich einmal erfaßt habe. Vielleicht habe ich diese Eigenschaft von meinem Vater geerbt, den sie einmal an der Börse ›die Zange‹ getauft haben. Und wie oft hat Papa zu mir gesagt: Du hättest ein Mann werden müssen, Etelka, dann wüßte ich, wem ich die Direktion der Kommerzbank zu hinterlassen hätte.« Der Graf war nachdenklich geworden. »Das ist eine lobenswerte Eigenschaft, mein gnädiges Fräulein,« sagte er ernst, »und eine, die in unserer Zeit immer seltener zu werden pflegt, die Beharrlichkeit im Guten und – – im Schlimmen.« Lächelnd zog er einen wappengeschmückten Siegelring von seinem Finger und reichte ihn dem erstaunten Mädchen. »Es ist das Wappen des alten Geschlechts derer auf Waldburg-Immenhausen, gnädiges Fräulein, das Sie auf diesem Ringe erblicken. Die Umschrift ist die Devise, die sich einst der Ahnherr unseres Geschlechts im fünfzehnten Jahrhundert in seinen Schild eingraben ließ: ›quod habeo teneo ...‹ Ich weiß nicht, ob es gutes Lateinisch war, das der alte Herr damals verbrochen hat, aber zu dem, was Sie soeben von sich und Ihrem Herrn Vater gesagt haben, scheint es mir vortrefflich zu passen. Es soll in biederes Deutsch übersetzt heißen: ›Was ich in meinen Fingern halte, das gebe ich nicht mehr los.‹ Das haben doch auch Sie sagen wollen?« Ihre schönen Augen blitzten. »Ja, das habe ich sagen wollen. Wie seltsam, daß die Devise Ihres gräflichen Hauses gerade so zu meinem Charakter paßt!« Prüfend mit einem langen, fragenden Blicke sah sie ihn an, und er fühlte, daß sie, ganz abgesehen von den Millionen ihres Vaters und ihrem eigenen Liebreiz, mit einem Male eine wunderbare, fast unheimliche Gewalt über ihn gewann. Lange hatte sie den Ring betrachtet. Nun gab sie ihm diesen zurück und wiederholte mit klarer und fester Stimme: »Quod habeo teneo.« »Sie haben es rasch behalten,« versuchte der Graf zu scherzen. »Ich habe ein gutes Gedächtnis, Sie werden sich heute und wohl noch des öftern im Leben davon überzeugen,« antwortete sie ernst. Die Probe verlief zur vollsten Befriedigung des gräflichen Autors. Etelka hatte Temperament. Sie verfügte über ein ausgesprochenes deklamatorisches Talent. Das war denn doch etwas ganz anderes, als die süßliche Betonung und das erlogene Pathos der Freiin von Löwenklau. In weichem, schmelzendem Tone, voll natürlicher Wärme kamen Colombinens Sehnsuchtsklagen von Etelkas Lippen, so daß dem Grafen selber seine eigene Dichtung mit einem Male in einem ganz neuen Lichte erschien. Nicht nur um seiner selbst, auch um der Sache und des Publikums willen freute er sich jetzt ganz im geheimen über die Mandelentzündung der kleinen Löwenklau und über die neue Partnerin, die er für seine Bluette gefunden hatte. * Der Abend des Festes kam heran. In dem karnevalistisch dekorierten großen Saale des Saalbaus saßen Hunderte, Damen in den erlesensten Toiletten, Herren in Uniform und im Frack, die breite Männerbrust mit Orden geschmückt, denn das Winterfest des Krippenvereins war eine fast offizielle Veranstaltung. In der großen Mittelloge des Balkons hatte Ihre Königliche Hoheit mit ihrem Hofstaate Platz genommen. Sie war eine ältere, etwas korpulente Dame, die erst im Oktober ihre Residenz in die angenehme und klimatisch bevorzugte Stadt verlegt hatte, und die man heute eigentlich zum ersten Male offiziell in einem größeren Gesellschaftskreise bei einer doch mehr oder weniger öffentlichen Veranstaltung sah. Alle Operngläser richteten sich nach der Loge. Man diskutierte lebhaft über das gute Aussehen Ihrer Königlichen Hoheit und flüsterte sich die Namen der in der Mittelloge anwesenden Herren und Damen in das Ohr. Jetzt trat Ruhe ein. Hinter dem Orchesterraum, den man für heute in eine Bühne umgewandelt hatte, ertönte das Klingelzeichen. Eine junge Dame ... Freifräulein Alice von Biberfeld! flüsterten sich als Eingeweihte die Kenner der gesellschaftlichen Elite zu ... trat vor den Vorhang und deklamierte schlecht und recht einen Prolog, als dessen Verfasser der Zettel den Hofmarschall Ihrer Königlichen Hoheit, den Grafen von Ostenhofen-Ebenfeld nannte. Der Graf saß in der Mittelloge dicht hinter Ihrer Königlichen Hoheit. Kein Wunder also, daß der ganze Saal in atemloser Stille den furchtbaren Versen lauschte, deren Monotonie durch den gedankenlosen Vortrag des Freifräuleins von Biberfeld noch erhöht wurde. Donnernder Applaus ertönte, als die nicht häßliche Blondine, der das ausgeschnittene weiße Kleidchen griechischen Schnittes vorteilhaft zu Gesicht stand, endlich die sechzehn Strophen dieses Prologes zu Ende gesprochen hatte. Sie schlossen mit einer plumpen Huldigung an Ihre Königliche Hoheit, die dem Winterfeste des Krippenvereins erst den wahren Glanz und Schimmer fürstlicher Gnade verliehen haben sollte. Während Fräulein von Biberfeld mit einer devoten Verneigung nach der Mittelloge diese Verse in unterwürfigem Tone sprach, richteten sich aller Augen von der Bühne weg nach dem freundlich lächelnden Angesicht der Prinzessin, der diese Ovation gar nicht unangenehm zu sein schien: »Wie Glanz der Sonne kamst du zu uns nieder Und hebst dies Fest zu deiner Höh' hinauf!« Der Hofmarschall hatte sich lächelnd erhoben und dankte huldvollst sich nach allen Seiten verneigend. Das ganze Publikum schien wirklich tief ergriffen. Ein Schumannsches Lied, vorgetragen von der Hofdame Ihrer Königlichen Hoheit der Freifrau von Steinsdorff, bildete die Fortsetzung des Programmes. Die volle Brünette mit der schneeweißen Haut machte sich gut in der tiefausgeschnittenen dunkelroten Sammetrobe, die mit blühenden frischen Pelargonienzweigen geschmackvoll drapiert war. Sie leuchtete durch den ganzen Saal, und ihre Gefühle schienen so echt wie die Brillanten, die an ihrem nackten Halse funkelten. Auch Rittmeister von Borsig auf Gundlershof, ein Kamerad des Grafen Waldburg von den Leibulanen, machte mit seinem Violinsolo Furore. Das war doch etwas. Ein sichtbares Zeichen, daß der Sinn für Kunst, daß der Idealismus innerhalb unseres viel verlästerten Offizierskorps noch nicht im Schwinden begriffen waren, wenn es ein Mann in dieser Stellung, den der königliche Dienst an jedem neuen Tage für viele Stunden in Anspruch nahm, auf dem Gebiete der Musik zu solchen Leistungen brachte. Die von der für Geld engagierten Frau Bürger vorgetragenen Mendelssohnschen und Schubertschen Lieder, sowie die Klavierpiècen des berufsmäßigen Virtuosen Carelli, die man beide zur Füllung des Programmes herangezogen hatte, wurden zurückhaltend und höflich beklatscht. Man wußte eben, was man sich und »diesen Leuten« schuldig war, die man ja an jedem beliebigen Tage in der Oper und im Konzertsaal für fünf bis zehn Mark Entree hören konnte. Nun kam der Clou des Programmes, auf den alles im stillen voll Ungeduld und Spannung gewartet hatte. Ein Scherzo. Gedichtet von Eberhard Graf Waldburg-Immenhausen. Personen: Pierrot – Der Verfasser, Colombine – Frl. Etelka Seliger, so sagte der Zettel. Die dem Komitee des Winterfestes Näherstehenden wußten, daß dieses Fräulein Etelka Seliger, die Tochter des bekannten Börsianers, in letzter Stunde für die Freiin von Löwenklau wegen deren Erkrankung eingesprungen war. Aber die andern! – Seliger, Seliger! Der Name flog von Mund zu Mund. Etelka Seliger als Partnerin des Grafen Eberhard von Waldburg-Immenhausen in einem von diesem verfaßten Lustspiel! Das war ja gerade, als wenn sich der Reichskanzler plötzlich mit einem Hirsch oder Maier associiert hätte und nun die gemeinsame Firma dieser beiden im Staatsanzeiger erschienen sei. Seliger und Graf Waidburg-Immenhausen! »Der Vater soll ein Vermögen von dreißig Millionen in zehn Jahren zusammengeschachert haben,« flüsterte eine überschlanke, schon ältliche junge Dame ihrer Freundin in einer der ersten Sitzreihen des Saales ins Ohr. »Ist denn das der Seliger von der Kommerzbank?« fragte ein alter Offizier seine etwas schwerhörige Ehehälfte. Und diese sagte laut, so daß es alle Umsitzenden hören konnten: »Ja, Kuno, es ist der Seliger von der Kommerzbank! Unerhört. So ein Affront vor den Ohren und Augen Ihrer Königlichen Hoheit. Der Graf hat sie selber zur Übernahme der Rolle aufgefordert. Und hübsch soll sie sein. Ihre Mutter war ja eine Christin, Tänzerin – Tänzerin an einem kleinen Hoftheater. So ein Affront!« Das Klingelzeichen ertönte. Der Vorhang flog auseinander, die Bühne zeigte ein ärmlich ausgestattetes Zimmer, die Behausung des Pierrot, der sich eben zu seinem Ausflug zu den karnevalistischen Freuden des Winters rüstete. Aus der Tür des Nebenzimmers trat der Graf im Kostüm des auf Abenteuer ausziehenden Prinzen Karneval. Die Zeit ist da, so folge denn dem Rufe, Der jährlich trifft dein Ohr zur gleichen Stunde. Schon flog von Haus zu Haus die frohe Kunde: Es ist bereitet deines Thrones Stufe. Es wehen Fahnen durch die bunten Gassen, Und tausend Blüten fliegen in den Lüften, Den Winter füllt ein Meer von Frühlingsdüften, Sie harren dein, den Herrscher zu umfassen. Du nahst, ein König, und das holde Lachen Umkichert dich von tausend Frauenlippen. Wie, willst du nur am Freudenbecher nippen, Wo alle andern lebenstrunken prassen? Nein, Pierrot, vergiß den alten Kummer, Verlaß des Hauses leidgedrückte Enge Und misch' dich lebensmutig in die Menge, Die keine Nächte kennt und keinen Schlummer. Es ruft das Winterfest, das oft genannte, Auch heute zu erlesenen Genüssen Noch kannst du singen, Pierrot, trinken, küssen, Wenn Colombinchen auch dein Herz verbrannte. So schmettert zu dem Feste, ihr Fanfaren, Daß höher steig' der Schaum im Kelch des Lebens, Noch sind wir da, wir lebten nicht vergebens, Wenn wir auf dieser Erde trunken waren. Voran, hinaus ins Meer der Lichterfülle Wo tausend Herzen dir entgegen schlagen, Wo tausend Arme dich durchs Leben tragen, Entkleide du die Lust der neid'schen Hülle. Ja, einmal trunken sein am rechten Orte, Es ist das letzte Recht der Staubgeborenen Er zähle jeden Tag zu den verlorenen, Da er vorüberschlich der Freuden Pforte. Hinaus, hinaus zum glänzendsten der Feste, Wo sich im Tanze jubelnd dreht die Jugend, Des Lebens Freude sei des Lebens Tugend, Und von dem Guten nimm dir heut' das Beste! Mit diesen Worten wandte sich der Pierrot nach der Tür, durch die nun Fräulein Etelka Seliger als Colombine eintrat. Ein leises Geflüster ging durch den weiten Saal. Entzückend sah sie aus, geradezu entzückend! In dem kleidsamen Kostüm, an der Seite des hochgewachsenen Pierrot, dessen Blicke voll Bewunderung an ihr hingen. »Gar nicht so übel,« flüsterte da eine der Zuschauerinnen, die reinblütige Baronin von Kleber, ihrer Nachbarin ins Ohr. Ein leises Zittern der Erregung ging durch Etelkas Stimme, als sie nun mit den ersten Versen ihre Rolle begann. Aber bald fühlte sie sich ganz als Beherrscherin der Situation. Die Operngläser, die sich von dort unten auf sie richteten, vermochten sie nicht mehr aus der Fassung zu bringen. Die Nähe des Grafen gab ihr Ruhe und Kraft. O sie wußte, wie schön sie war, wie gut sie heute aussah, und sie hoffte, daß sie diese alle ausstechen und übertrumpfen werde. Von tiefer, echt mädchenhafter Empfindung getragen, quollen nun die sanften Worte des Vorwurfs und der Liebe von ihren Lippen, in denen sie die Stimmung der von ihrem Pierrot verlassenen Colombine zum Ausdruck zu bringen hatte. Die einzige Szene, aus der das Stückchen bestand, wurde zu einem Triumph für Etelka. Man fühlte, daß diese Colombine in der Tat zu ihrem Pierrot sprach, und lauschend folgte man der wohlklingenden Stimme des schönen Mädchens, bis das Ganze ausging in die von ihr voller Inbrunst gesprochenen Verse: Du heischst Vergebung, Pierrot, und du weißt, Nur Liebe ist des Weibes zartes Wesen. Ahnst du in tiefster Seele, was es heißt, Zwölf Monde bin ich fern von dir gewesen, Zwölf Monde irrte ich auf deiner Spur, Nun fand ich dich, und neu beginnt das Leben. Nimm die Geliebte, Pierrot, nimm sie nur, Denn wer sich selber gibt, der hat vergeben! Vor aller Augen schloß nun der Pierrot seine Colombine in die Arme, vor aller Augen hing Etelka Seliger an dem Halse des Grafen Waldburg-Immenhausen. »Das ist mehr als ein Spiel!« flüsterte man drunten im Zuschauerräume. »Das ist eine Liebeserklärung vor aller Welt.« Der Erfolg war ein ganzer. Dreimal hob und senkte sich der Vorhang unter dem ehrlichen Applause und den Vivatrufen der Anwesenden, und Hand in Hand mit dem Grafen erschien Etelka auf der Bühne, das Lächeln des Stolzes und des Glückes um die hochmütig geschürzten Lippen. Diesen allen, allen hatte sie heute ihren Sieg, das fühlte, das wußte sie, von der Bühne herab ins Gesicht geschleudert, den Sieg der kleinen jüdischen Bankierstochter Etelka Seliger in dem Wettkampfe um die Hand des Grafen Eberhard von Waldburg-Immenhausen, des schönsten Offiziers der Garnison! Das Scherzo bildete den Schluß des Programms. Sofort nach Fallen des Vorhangs wurden der Graf und Etelka in die Loge zu Ihrer Königlichen Hoheit befohlen. Der Hofmarschall stellte beide der Prinzessin vor, die sich in Lobeserhebungen über das Stückchen und die Darstellung nicht genug tun konnte. Als das schöne Paar die Loge verließ, sagte Ihre Königliche Hoheit zu einer ihrer Hofdamen: »Ein herrliches Paar, die sollte das Leben nicht füreinander gemacht haben?!« Die also durch eine Anrede Ausgezeichnete meinte mit einer tiefen Verbeugung: »Es wäre schade um den Grafen, Königliche Hoheit, Fräulein Seliger ist Jüdin, und Graf Waldburg der beliebteste Offizier in der ganzen Garnison!« Lächelnd warf der Hofmarschall, der heute wegen seines Prologes ein Lob seiner Prinzessin eingeheimst hatte und infolgedessen sehr mutig geworden war, dazwischen: »Na, ewig kann einer doch nicht Rittmeister bleiben, dreißig Millionen soll der alte Seliger haben. Da kann man sich schon beruhigt zur Bewirtschaftung seines Rittergutes zurückziehen, ob die Wiege der gnädigen Frau nun an den Ufern des Jordan oder an denen der Neiße gestanden hat.« Ihre Königliche Hoheit aber drohte lächelnd mit dem Finger: »Ei, ei, mein lieber Ostenhofen,« sagte sie dabei, »Sie bekommen ja ganz liberale Anwandlungen. Was würden Sie wohl sagen, wenn der junge Ostenhofen eines Tages mit einer Hirsch oder Löb in Ihr gräfliches Haus gerückt käme?« »Das ist bei uns etwas anderes, Königliche Hoheit,« erwiderte Ostenhofen ernst, »wer den Vorzug hat, zum Hofdienst herangezogen zu werden und dem regierenden Hause gewissermaßen nahesteht, dem erwachsen andere Verpflichtungen als dem freien Manne, der für sich und seine Kinder im fernen Osten des Vaterlandes seinen Kohl baut, wie das, so viel ich weiß, bei der Familie des Grafen von Waldburg-Immenhausen der Fall ist.« Als Graf Waldburg kurz nach Mitternacht Etelka und deren Mutter an den Wagen begleitete, flüsterte er in das Ohr des jungen Mädchens die vielsagenden Worte: »Ich werde also in acht Tagen von meiner Reise nach den Gütern zurück sein. Dann kann ich an jedem Tage mit deinem Vater sprechen!« Frau Seliger war so müde, daß sie diese leise gesprochene Bemerkung überhörte. Als sie im Wagen saß, fielen ihr die Augen zu, und Etelka lächelte still beglückt vor sich hin. VII. Der Termin für die Inangriffnahme des Bahnbaus Weilingen-Feldkirch-Walportshausen rückte näher und näher. Seliger befand sich in einer hochgradigen Erregung. Sein Versuch, die Konzession für die Führung der Trace durch den fürstlichen Wildpark mit Hilfe des Prinzen Trachenstein zu erlangen, hatte kläglich Schiffbruch gelitten, und die Konzession mußte erteilt werden, sonst traten die Geldgeber, die er nötig hatte, in der letzten Minute von der Finanzierung des großen Unternehmens zurück, und mit der Ausbeutung der bei Walportshausen entdeckten Kalilager war es für absehbare Zeit vorbei. Der große Unternehmer, der sich in einem langen Leben des Erfolges daran gewöhnt hatte, jedes, auch das unübersteiglich erscheinende Hindernis mit einem verächtlichen Lächeln zur Seite zu schieben, er stand heute zum ersten Male vor einer faktischen Unmöglichkeit. Zwingen konnte er den Fürsten nicht, die Erlaubnis zur Durchquerung seines Wildparkes durch die Bahn zu erteilen, die Geldleute zur Genehmigung der Mittel für den doppelten Tunnelbau zu gewinnen, war fast noch weniger möglich, nur ein Weg blieb offen. Durch irgendeine Vermittlung mußte die Konzession der fürstlichen Regierung auf geraden oder krummen Wegen erlangt werden. Hierüber nachsinnend, saß er auch heute wieder auf seinem Bureau. Noch waren die Mitglieder des Aufsichtsrates der Kommerzbank der Meinung, daß es seinem festen Willen gelingen werde, die Konzession für die Bahn durchzusetzen. Und zwei Gestalten waren es, mit denen sich seine Phantasie, während er über die Mittel zur Erlangung dieser Konzession nachsann, fortdauernd beschäftigte: Dr. von Kutzleben und seine Tochter Etelka. Er wußte genau, daß das Mädchen dem kalten und berechnenden Juristen, den nur die Protektion seines Vaters in die Verwaltung der Kommerzbank gebracht hatte, keinerlei Interesse entgegenbrachte, im Gegenteil, daß Etelka eine gewisse Antipathie gegen diesen zudringlichen Kutzleben empfand, das fühlte er. Und wenn er selber genau hinsah, dann konnte er das einem Mädchen wie Etelka nicht einmal übelnehmen. Verwöhnt und im Luxus erzogen, hatte sie, seitdem sie denken konnte, noch jeden ihrer Wünsche erfüllt gesehen. Sie hätte schon sehr dumm sein müssen, wenn sie nicht ganz genau wußte, daß sie eine glänzende Partie war. Daß sie schön war, sagte ihr der Spiegel an jedem neuen Tage, und daß sie Eindruck auf die Männer machte, konnte sie ruhig aus dem Schwarm von Verehrern schließen, der sich an ihre Fersen heftete. Und nun dieser Kutzleben! Er selber konnte ihn nicht leiden. Er, der sich für einen Selfmademan hielt, der das ihm allerdings durch einen glücklichen Zufall in die Hand gefallene Langsche Geschäft aus einer kleinen Privatbank zu einem Weltunternehmen emporgehoben hatte durch eigenen Fleiß und durch eigene Tatkraft, er selbst verachtete diesen Kutzleben, der sich an die Rockschöße seines Vaters, des in dem kleinen Fürstentume allmächtigen Ministerpräsidenten, gehängt hatte, und der nun durch eine reiche Partie vorankommen und ein maßgebender Faktor in der Leitung seiner Kommerzbank werden wollte. Aber, aber! Allmächtig war der Vater dieses Mannes in der Verwaltung des kleinen Staates, um die sich der fast das ganze Jahr auf Reisen weilende Fürst so gut wie gar nicht kümmerte. Ein Federzug von dem alten Kutzleben, und die ganze Frage nach der Konzession war mit einem Schlage aus der Welt geschafft. Sie wurde einfach auf die Verantwortung des alten Kutzleben hin erteilt, und der Fürst setzte nachträglich bei einem gelegentlichen Aufenthalte in der Heimat seine Unterschrift darunter. Schon mehrfach in den letzten Wochen, seitdem der Versuch mit dem Prinzen Trachenstein fehlgeschlagen, hatte Seliger bei Kutzleben auf diese Konzession angespielt. Er war so weit gegangen, ihm einen einflußreichen Posten in der Verwaltung der Kommerzbank und eine glänzende Gewinnbeteiligung in Aussicht zu stellen. Aber Kutzleben hatte die harten blauen Augen durchbohrend auf ihn gerichtet und mit einem verächtlichen Lächeln um die schmalen Lippen gesagt: »Aber, Herr Seliger, solche Bemühungen sind doch von vornherein erfolglos. Seitdem ich weiß, wie sich Ihre Familie der unseren gegenüberstellt, ist es doch besser, wir gehen getrennte Wege und regen uns nicht über Dinge auf, deren Verwirklichung eben zu den Unmöglichkeiten gehört.« Seliger hätte rasend werden können. Und von Tag zu Tag wurde die Sache dringlicher. Manchmal war er drauf und dran, selber nach Walportshausen zu fahren und dem alten Kutzleben seine Bitte zu unterbreiten. Der Ministerpräsident lebte nicht schlecht und brauchte viel Geld. Am Ende war die Konzession für ein paar lumpige Hunderttausend zu haben. Aber wenn nicht? Wenn der Alte von dem Sohne wußte, daß es hier alles zu gewinnen und nichts zu verlieren galt? Dann hätte er sich durch eine offene Aussprache mit dem Minister erst recht die Wege verbaut, dann wäre am Ende die Erteilung der Konzession auch um den letzten Preis, auch um Etelkas Hand, unmöglich geworden. Also galt es zu handeln, ohne Zaudern und ohne Rücksichtnahme. In Seligers Innerem reifte ein verzweifelter Entschluß. Der Bahnbau mußte begonnen werden. Die Konzession würde erteilt, hatte er damals in jener ersten Sitzung wider sein Wissen und seine Überzeugung ausgerufen. Die Konzession ist erteilt, hieß es nun mit einem Male in den Briefen, die er an die Interessenten versandte und die gestern aus den Räumen der Kommerzbank in alle Welt hinausgeflogen waren. Mochte man mit ihm anfangen, was man wollte, das Unternehmen mußte in Fluß kommen, die ersten Spatenstiche zwischen der Stadt und Walportshausen mußten gemacht sein, dann war an der Tatsache der ins Leben getretenen Aktiengesellschaft nicht mehr zu zweifeln und – dann konnte das letzte Mittel zur Erlangung der Konzession immer noch versucht, dann konnte der doppelte Tunnelbau immer noch als allerletzter Ausweg gewählt werden. Da war es wieder der vorsichtige Robert Müller gewesen, der ihm einen Strich durch diese Rechnung gemacht hatte. Heute morgen hatte er ihn besucht und nach den Einzelheiten der Konzessionserteilung gefragt. Das Schriftstück liege noch in dem Kabinett des Ministers in Walportshausen, hatte Seliger erwidert, und müsse zur persönlichen Unterschrift dem gerade in Paris weilenden Fürsten übermittelt werden. Bei dieser Auskunft hatte sich der lästige Frager beruhigt. Aber nun brannte ihm die Sache auf die Nägel. Und wenn Robert Müller – und das war sein gutes Recht – die Vorlegung der Konzessionsurkunde vor einer definitiven Beschlußfassung verlangte, und er sie in drei, in vier Wochen noch immer nicht präsentieren konnte, dann würde die erste große Unvorsichtigkeit die furchtbarsten Folgen nach sich ziehen. Er, Harry Seliger, der allmächtige Leiter der Kommerzbank, würde als Lügner entlarvt sein, man würde seinen Worten und Versicherungen keinen Glauben mehr schenken; und mit Recht, denn die Konzession, von der er in seinen Briefen gesprochen hatte, war in der Tat nicht erteilt. Wie Verzweiflung packte es ihn, wilde, rasende Wut gegen sich selber tobte in seinem Innern. So weit war es mit ihm gekommen, daß er bereits da stand an dem Punkte, wo sich deutlich Recht von Unrecht, Verbrechen von einwandsfreier Führung der Geschäfte schieden. Die Konzession mußte erteilt werden, einerlei um welchen Preis, denn Robert Müller hatte ihm an diesem Morgen die Pistole auf die Brust gesetzt. So mochte denn der Sohn des allmächtigen Mannes kommen, den er in dieser stillen Nachmittagsstunde allein in seinem Privatkontor erwartete, der Mensch, den er selbst haßte und verachtete, der – das wußte er – die Hand seiner ältesten Tochter und das Erbe seiner Millionen als Kaufpreis für die Unterschrift verlangen würde, die heute mehr als die Lebensmöglichkeit seines großen Unternehmens, die heute die Rettung seiner Ehre und seines Wertes im Kreise seiner Geschäftsfreunde, die mithin seine Existenz bedeutete. Er war nervös geworden in den letzten Wochen und Tagen. Schon viermal hatte er dem Diener geschellt und diesen gefragt, ob der Portier nicht die Ankunft des Herrn Doktor von Kutzleben gemeldet habe. Endlich trat der so oft Zitierte mit der Karte des sehnlich Erwarteten ein. Ein eisiger Schauer überlief Seliger, als er nach wenigen Minuten in das kalte, herzlose Gesicht des gewissenlosen Strebers blickte, der ihm nun, tadellos wie immer, gegenüberstand, ein liebenswürdiges und nichtssagendes Lächeln um die Lippen, die Augen, als wisse er gar nicht, um was es sich handeln könne, fragend auf das Gesicht seines Gegenüber gerichtet. »Setzen wir uns, Herr Doktor,« begann Seliger mühsam das Gespräch. »Sie rauchen vielleicht eine Zigarre?« Prüfend wog Kutzleben die ihm dargereichte dicke Bock in seiner eleganten, mit einem Siegelring geschmückten Hand. Nachdem er sie gemächlich angezündet hatte, sagte er in gedehntem Tone: »Es ist eine geschäftliche Angelegenheit, in der Sie mich kommen ließen, Herr Seliger?« Eine Minute herrschte tiefes Schweigen. Die Blicke der beiden Männer trafen sich wie die zweier Gegner, die sich im Kampfe messen wollen. »Es handelt sich um die Erteilung der Konzession für die Trace der Kleinbahn,« stieß Seliger hervor. »Um die Erteilung der Konzession?!« Erstaunt, befremdet hatte Kutzleben diese Frage an Seliger gerichtet. »Die Konzession ist erteilt, denke ich. So steht in dem Rundschreiben, das Sie in diesen Tagen an die Mitglieder des Aufsichtsrats und an sonstige Interessenten erlassen haben, Herr Seliger.« Seliger erblaßte. Nach wenigen Augenblicken faßte er sich. Und dennoch. In einem an ihm bislang unbekannten, fast zaghaften Tone kam es von seinen Lippen: »Es war eine Voreiligkeit, ein Irrtum, daß dieser Passus in den Briefen stehen geblieben ist, Herr Doktor, die Konzession ist in Wirklichkeit noch nicht erteilt.« Das schadenfrohe Lächeln, das bei diesen Worten um Kutzlebens Mundwinkel zuckte, war Seliger nicht entgangen. War er der Fuchs, der nun in der Schlinge saß? Als ob er etwas von sich abschütteln müsse, beschlich ihn in diesem Moment ein widerwärtiges Gefühl. Kutzleben schwieg. In langen Zügen schmauchte er die kostbare Zigarre. Dann stand er auf, ging langsamen Schrittes durch das Zimmer, blieb an dem Fenster stehen und trommelte wider die Scheiben. Endlich sagte er: »Da Sie mir Ihr Vertrauen schenken, Herr Seliger, Ihr Vertrauen in einer so heiklen Angelegenheit, so darf ich wohl annehmen, daß Ihre Fräulein Tochter ihre Gesinnung mir gegenüber geändert hat?« Seliger stieg das Blut zu Kopfe. Am liebsten hätte er diesem da die Tür gewiesen. Oder aber! Sollte er ihn fragen, ob es nicht doch einen andern Kaufpreis gäbe, irgendeinen andern, als die Hand Etelkas? Er hob den niedergesunkenen Kopf in die Höhe und sah Kutzleben scharf in die Augen. Der Mann da ließ nicht mit sich feilschen, der nannte seinen Preis, der schacherte und handelte nicht, wie er sein Lebtag geschachert und gehandelt hatte. Und in dieser Überzeugung kam es von seinen Lippen: »Bis wann kann ich die Konzession mit der provisorischen Unterschrift Ihres Herrn Vaters haben, Herr Doktor?« »An dem Tage, an dem meine Verlobung mit Fräulein Etelka Seliger offiziell geworden ist,« lautete Kutzlebens prompte Antwort. Kutzleben ging nach der Tür. Ohne sich umzuwenden, keinen Blick mehr auf den gebrochenen Vater werfend, verließ er das Zimmer. »Noch hab' ich Zeit, ein paar Wochen Zeit,« sprach Seliger laut vor sich hin, nachdem ihn der Unerbittliche verlassen hatte. Er kramte den Kalender aus seinen Papieren, und den Kopf in beide Hände stützend, stierte er auf diesen und redete leise mit sich selber: »Wir haben heute den 20. Februar. Am 1. April muß alles in Fluß sein. Also noch über einen Monat, fünf, sechs Wochen, so lange kann sich die Konzession vor den Leuten auf der Reise nach Paris befinden – dann wird sie erteilt werden! Ich werde Zeit haben, mit Etelka zu sprechen, sie vorzubereiten, sie umzustimmen, sie zu zwingen, wenn es nicht anders sein kann.« Gequält seufzte er auf. Und mit beiden Händen sein Gesicht bedeckend, schluchzte er auf einmal vor sich hin: »So weit, so weit, deine Etelka, dein eigenes Kind, deine älteste Tochter, so weit, so weit.« Draußen auf dem Korridor vernahm er Schritte. Da faßte er sich. Wenn der Diener ihm ein Telegramm oder sonst eine Mitteilung zu überbringen hatte! Aber die Schritte verhallten, und langsam legte sich Seliger in seinem Inneren seinen Plan zurecht. Etelka liebte ihn, sie war sein Ebenbild, dessen hatte er sich oft gerühmt. Sie war eigentlich sein Lieblingskind, mehr als der nichtsnutzige Leo und die sanftmütige Edith, die beide eher nach der Mutter geschlagen waren. Sie war noch jung, kaum einundzwanzig. Junge Mädchen ließen sich ja leicht zu einer Heirat bereden. Freilich, eine gewisse Antipathie hatte sie ja gegen Kutzleben, aber das würde sich schon überwinden lassen – wenn – – wenn ihr Herz nicht schon für einen anderen gesprochen hatte. Und das war, soviel er wußte, noch nicht der Fall. Aber sie war nicht umsonst sein Ebenbild, sie hatte seinen harten Kopf und seinen festen Willen, seinen Eigensinn, mit dem er an dem einmal Begonnenen hielt, dem er alle seine großen Erfolge zu verdanken hatte, der aber auch schuld an der Lage war, in die er sich nun gebracht sah. Nun, er, ihr Vater, den sie aufrichtig liebte, er würde Mittel und Wege finden, sie in der langen Zeit von fünf bis sechs Wochen zu gewinnen und zu überreden. Was stand ihm nicht alles zu Gebote, um ein ehrgeiziges und stolzes junges Mädchen wie sie gefügig zu machen! Mit Perlen und Diamanten konnte er sie überdecken, in die köstlichste Seide konnte er ihren jungen Leib kleiden. Pferde und Diener konnte er dem jungen Paare zur Verfügung stellen und ein Landhaus, ein Schloß, wenn sie das wollte, um das Opfer, das sie ihm bringen mußte, mit tausend Annehmlichkeiten zu umkleiden. Und dann! War Kutzleben denn wirklich so schlimm? Er war kein häßlicher Mensch, ein stattlicher und gebildeter Mann von kaum dreißig Jahren. Ihm war er ja nicht sehr sympathisch. Aber war das ein Grund, daß er kein liebender und rücksichtsvoller Gatte, kein sorgender und treuer Vater werden konnte? Wie viele Ehen waren schon aus Gründen der Vernunft geschlossen worden und waren sehr glücklich ausgefallen, viel glücklicher als solche, die dem Frühlingssturm einer elementaren Leidenschaft ihre Entstehung verdankten! Mit solchen Sophismen und Gemeinplätzen tröstete sich Seliger. Fast heiter und ganz zuversichtlich trat er gegen sechs Uhr den Heimweg in die Villa an, fest entschlossen, noch heute abend vorsichtig bei Etelka anzufragen, wie sie einer Werbung von seiten Kutzlebens gegenüberstand. Nach dem Abendessen fand er Gelegenheit, mit Etelka zu sprechen. Frau Hilde war wieder einmal wegen ihrer Migräne um 7 Uhr zu Bett gegangen. Leo hatte draußen »in Geschäften« zu tun, der neue literarische Verein »Die Kultur«, dessen Präsidentschaft er übernommen hatte, hielt heute seine Monatsversammlung ab, und Edith war pflichtgemäß in die Oper gefahren, um das Wochenabonnement nicht ganz verschimmeln zu lassen. Nachdem abgeräumt war, und nachdem der große Börsenmann, wie allabendlich, wenn er zu Hause war, den Handelsteil der Zeitung durchstudiert hatte, wandte er sich an seine ihm gegenübersitzende Tochter, die gelangweilt in einem neuen französischen Roman blätterte, und sagte in einem an ihm ganz ungewohnten sanften, ja weichen Tone: »Du könntest mir mal noch eine Kuba herüberreichen, Kindchen, sie stehen drinnen im Rauchzimmer im linken Eckschränkchen. Ich fühle mich heute abend so behaglich zu Hause, und bei einer guten Zigarre läßt es sich besser plaudern.« Erstaunt erfüllte Etelka die Bitte des Vaters. Das war sonst nicht seine Art, die Kinder zu persönlichen Dienstleistungen heranzuziehen. Er pflegte dem Diener zu klingeln und seine Befehle zu erteilen. Als sich Etelka wieder gesetzt hatte und die gewünschte Kuba brannte, lehnte sich Seliger behaglich in seinen Stuhl zurück und fragte: »Hast du schon von der neuesten Verlobung in unserer Gesellschaft gehört, Etelka?« »Man hört jeden Tag von einer anderen, Papa. Welche meinst du denn?« »Na, heute gegen Mittag wurde es brühwarm an der Börse erzählt. Die kleine Hanauer hat sich doch mit dem Freiherrn von Fichten, dem Leutnant bei den Husaren, versprochen.« »Hanauer, Molly Hanauer?« »Ja. Soviel ich weiß, hat der alte Hanauer nur eine Tochter. Ich für mein Teil verstehe das nicht, wie er sein einziges Kind dem Leutnant von Fichten geben kann. Er soll ja ein netter Mensch sein, aber arm wie eine Kirchenmaus. Im allgemeinen macht man doch die Erfahrung, daß solche Ehen mit hochgeborenen Herren, die sich an das dolce far niente gewöhnt haben und von dem Gelde ihrer Frau zu leben beabsichtigen, nach zwei, drei Jahren kläglich in die Brüche gehen. Der, Herr Gemahl pflegt seine feudalen Lebensgewohnheiten nicht aufzugeben, die gnädige Frau fühlt sich infolgedessen vernachlässigt hält ihm seinen Wandel vor und die Quelle, aus der er die Mittel zu seinem luxuriösen Leben nimmt, und der Skandal ist fertig.« Auf diese Ansichten des Vaters ging Etelka zunächst gar nicht ein. »Molly Hanauer?« wiederholte sie noch einmal, »ist es denn möglich? Sie war doch die häßlichste in unserer Klasse und hat einen schiefen Arm; und die nimmt der Freiherr von Fichten?« »Ja, siehst du, mein Kind,« lachte Seliger, »wenn man über die nötigen Mittel zur Instandhaltung eines freiherrlichen Haushaltes verfügt, dann ist es heutzutage auch mit einem schiefen Arm und dem Namen Hanauer nicht unmöglich, einen Husarenoffizier mit einem altadeligen Namen zu fesseln. Freilich, die Mittel gehören dazu. Aber, wie gesagt, mein Geschmack ist das nicht. Es gibt noch Leute, die ebenfalls arbeiten, die im Geschäftsleben drin stehen, die nicht nur zerstreuen, sondern auch erwerben können, und ich muß gestehen, daß mir ein solcher Mann, sei es ein Jurist oder Kaufmann, lieber ist, als ein Offizier, der im besten Falle an der Majorsecke scheitert und sich dann zur Verzehrung der Zinsen seiner Frau Gemahlin auf sein Rittergut zurückzieht. Ich zum Beispiel möchte mir nicht wünschen, daß eine meiner Töchter eine solche Partie machte, die für beide Teile nur Ärger, Kummer und Verdruß nach sich ziehen kann. Überhaupt, wenn ich so meine Lage und Leos literarische Schrullen bedenke, dann tröste ich mich immer mit dem Gedanken, daß ein tüchtiger Geschäftsmann als Schwiegersohn mir so viel wie ein leiblicher Sohn sein kann.« Etelka war nachdenklich geworden. Wo wollte der Vater hinaus? Umsonst hatte er dieses Thema, worüber er noch niemals in ihrer Gegenwart gesprochen, nicht angeschlagen. Eine Absicht führte er im Schilde. Sollte er durch einen Zufall vorzeitig von ihren Beziehungen zu dem Grafen Waldburg erfahren haben, und führte er das Beispiel der kleinen Hanauer an, um den Offizier von einer zwecklosen Werbung abzuhalten? Alles Blut schoß ihr nach dem Herzen, es kochte in ihren Adern. O, er sollte sie kennen lernen, er sollte sehen, daß Waldburgs Werbung keine zwecklose war. Oder aber! Hatte der Vater eine andere, eine bestimmte Absicht? Dachte er an einen Geschäftsmann, den er für seine Bank nötig hatte, und versuchte er leise bei ihr anzuklopfen, wie sie seinen Plänen gegenüberstand? Sie gab sich alle Mühe, so gleichgültig wie möglich zu erscheinen, und meinte: »Ich denke, Papa, wir können es ruhig dem alten Hanauer überlassen, ob er aus seiner Molly eine Freifrau machen will oder nicht. Übrigens daß Molly mir keine Anzeige geschickt hat!« »O, so weit ist es noch nicht. Man spricht nur in unseren Kreisen von dieser Verlobung, die noch nicht offiziell geworden ist. Es interessiert doch die Finanzwelt, daß wieder ein altes Geschäft wie das Hanauersche aus Mangel an dem richtigen Erben eingehen wird. Denn ich glaube nicht, daß der Freiherr von Fichten die Hanauersche Lederhandlung weiter führen will.« »Das glaube ich auch nicht,« sagte Etelka etwas gereizt. »Das wirst du von einem Herrn, der bei den Husaren steht, auch im Ernste nicht verlangen wollen, Papa!« »Wenn er sich nicht für zu gut hält, von dem Gelde, das mit dem Leder verdient worden ist, zu leben, dann allerdings ja,« beharrte Seliger. »Das neue Geschlecht hat eben seltsame Ansichten über Anstand. Es pflegt demjenigen, aus dessen Hand es die Moneten entgegennimmt, in manchen Fällen einen Fußtritt zu erteilen. Und schon aus diesem Grunde bin ich ein Gegner einer feudalen Heirat, Etelka, denn ich für mein Teil könnte es nicht ertragen, von einem Schwiegersohn, den doch schließlich ich bezahle, über die Achsel angesehen zu werden.« »Das würde –« beinahe hätte sie sich verraten. Sie schwieg. Etwas mußte der Vater doch gehört haben. Warum sprach er von solchen Dingen und immer wieder von seiner Auffassung einer Heirat zwischen der reichen Molly Hanauer und dem armen Freiherrn von Fichten? Etwas Lauerndes lag in dem Blick Etelkas, mit dem sie den Vater jetzt von der Seite musterte, etwas, das auch Seliger selbst in seinen Augen schlecht verbergen konnte, wenn er die Meinung eines geschäftlichen Partners von dessen Mienen abzulesen sich Mühe gab. Das Gespräch zwischen Vater und Tochter verstummte. Einen Moment nahm Seliger die Zeitung wieder auf, indessen Etelka, als sei nichts vorgefallen, in ihrem Buche blätterte. Da traf plötzlich und ganz unvermutet die Frage ihres Vaters an ihre Ohren: »Hast du denn schon einmal über deine eigene Zukunft nachgedacht, mein Kind?« Erstaunt hob Etelka die großen Augen von dem Buche und sah ihren Vater einen Augenblick erschrocken an. Dann faßte sie sich rasch und sagte in gleichgültigem Tone: »Über meine Zukunft, Papa? Ich denke, die Zukunft deiner Kinder, insonderheit die deiner Töchter, ist doch sichergestellt.« Seliger war wütend, daß dieses Mädchen ihm immer auswich. »So meint' ich es nicht,« erwiderte er nun in barschem Tone. Jeder Widerspruch reizte ihn. Widerspruch hatte er in seinem Leben nicht ertragen können. »Pekuniär ist eure Zukunft natürlich sichergestellt, he, he, mehr als sicher. Ich denke, ein junges Mädchen in deinem Alter denkt auch einmal ans Heiraten.« Nun war es doch heraus, das Wort, das er an diesem Abend so sorgfältig hatte vermeiden wollen. Nun war es trotz allem heraus. Sie hatte ihn gereizt. Und wenn er gereizt wurde, dann konnte er sich nicht mehr beherrschen. dann warf er aller Klugheit zum Trotze den Menschen gleich alles, was er auf dem Herzen hatte und sorgsam hüten wollte, in das Gesicht. Erschrocken fuhr Etelka empor. Sie war von ihrem Stuhle aufgesprungen und stand nun dem Vater gegenüber, den wohlbeleibten und untersetzten Fünfziger fast um Haupteslänge überragend. »Deine Fragen machen mir Angst, Papa,« stammelte sie in großer Erregung. »Heraus mit der Sprache! Was hast du vor? Was willst du von mir? Die Erzählung von Molly Hanauer ist nur die Einleitung deiner eigenen Wünsche gewesen. Was soll ich? Was sollen deine Reden?« Seliger hatte sich wieder gefaßt. Seine Erregung war momentan verflogen. »Diplomatisch – diplomatisch,« raunte ihm die innere Stimme ein über das andere Mal zu. »Diplomatisch, Seliger, sonst verdirbst du dir alles!« Es dauerte eine geraume Weile, bis er sich in seinen Gedanken die richtige Form, in der er ihr nun auf den Zahn fühlen wollte, zurechtgelegt hatte. Endlich sagte er: »Mein Kind, es hat mich etwas erregt, daß du vorhin so entschieden für die Heirat des Freiherrn von Fichten mit Molly Hanauer eingetreten bist. Es war mir gerade so, als ob –« »Als ob?« wiederholte Etelka, die Augen forschend auf ihn gerichtet. »Als ob du selbst am Ende solche Pläne im Schilde führtest,« vollendete Seliger. Etelka lachte gezwungen. »Ich und Pläne! Nein, Papa, du hast dich so entschieden gegen diese Heirat ausgesprochen, daß ich meine Schlüsse daraus ziehen konnte. Im übrigen, was gehen mich Herr von Fichten und Fräulein Hanauer an?« Sie zuckte geringschätzig mit den Schultern. »Die können machen, was sie wollen.« Sie war fest entschlossen, in dieser Stunde dem Vater ihr Geheimnis unter keinen Umständen preiszugeben. Erst mußte sie wissen, wo dieser mit seinen Fragen hinauswollte. Waldburg war heute nachmittag von der Besichtigung seiner Güter zurückgekehrt. Ein Rosenbukett in ihrem Zimmer, das der Bursche vor wenigen Stunden in der Villa abgegeben hatte, bezeugte seine Anwesenheit. Morgen oder übermorgen konnte er vorsprechen und bei dem Vater um ihre Hand anhalten. Heute mußte sie wissen, welche Pläne der Vater in seinem Inneren hin und her erwog. Und fest entschlossen, die Wahrheit unter allen Umständen zu erfahren, wandte sie sich nun an den Vater mit den Worten: »Es klingt ja beinahe, Papa, als ob du ganz bestimmte Pläne in deinem Innersten verborgen hieltest, und herausbringen wolltest, wie ich mich solchen Plänen gegenüber stelle. Merke dir das eine: Verkuppeln lasse ich mich nicht!« Einen Moment schwankte Seliger. Er mußte sich auf die Lehne seines Stuhles stützen, und es dauerte lange, bis er das geeignete Wort fand. »Habe ich denn davon etwas gesagt, mein Kind?« stammelte er endlich. »Nennt man es denn gleich verkuppeln, wenn ein Vater nach der Zukunft seines Kindes fragt?« »Es hörte sich beinahe so an, Papa, als du vorhin so unerwartet vom Heiraten gesprochen hast. Hat jemand, irgend jemand bei dir um meine Hand angehalten?« Diese knapp und gerade auf das Ziel lossteuernde Frage verwirrte ihn völlig. »Um deine Hand?« wiederholte er langsam, »ob jemand bei mir um deine Hand angehalten hat?« »Ja, Papa, heraus mit der Sprache! Der Jemand – das kann ich dir sagen – ist von vornherein abgewiesen, und wenn er ein Rothschild in Sachen der Bank sein sollte, denn ich, ich hab' zu heiraten und nicht die Bank!« Da trat die Blässe der Wut in Seligers Gesicht. Seiner selbst nicht mehr mächtig, rasend gemacht über diesen vom Zaune heruntergebrochenen Widerspruch, über die Kälte, mit der ihm diese Tochter den Fehdehandschuh hinwarf, schrie er: »Das werden wir sehen, mein Kind, wer hier Herr im Hause und Herr über die Millionen ist, von denen du träumst. Ja, Kutzleben hat um deine Hand angehalten, und ich, ich habe Kutzleben mein Jawort gegeben.« Ein schrilles Lachen von seiten Etelkas war die einzige Antwort. Hochaufgerichtet stand sie da. Ihre Nasenflügel bebten, und jeder Tropfen Blut war aus ihrem Gesicht gewichen, als sie nun die kleine Faust wider den Vater ballte: »Kutzleben? Kutzleben?« wiederholte sie in schneidendem Hohne. »Eher den Gassenkehrer draußen auf der Straße, eher werde ich deinen und meinen Namen durch alle Gossen der Welt zerren, als daß ich Kutzleben heirate, den Streber, den Lumpen, den Wüstling, als daß ich mich von dir an Kutzleben verkuppeln lasse. Dies ist mein letztes Wort, Vater!!« Schon stand sie an der Tür. Seliger hielt sie zurück. Ein Ringen, ein physischer Kampf entwickelte sich zwischen diesen beiden Kraftnaturen, die einander so ähnlich geraten waren, als ob Stahl und Eisen sich miteinander an Härte messen sollten. »Au, au,« schrie Etelka, deren Handgelenk Seliger mit seinen Fingern umkrallt hatte. Sie sollte, sie durfte ihm nicht entwischen, ehe er ihr nun alles gesagt hatte. Denn er hielt sie zu allem fähig. »Höre, höre, Etelka,« begann er nun in sanfterem Tone. »Ich habe Kutzleben mein Jawort gegeben, ich habe mein Wort, ich habe meine Ehre verpfändet. Ich bin verloren, wenn du mich im Stiche läßt, Etelka. Jeden Wunsch, höre, jeden Wunsch will ich dir erfüllen. Aber willige in die Heirat mit Kutzleben, in dessen Hände ich rettungslos gegeben bin.« »Laß mich los, so laß mich doch los,« wimmerte nun Etelka, »ich beiße, wenn du mich nicht los läßt, ich kratze, ich beiße! Niemals, sage ich dir noch einmal, niemals im Leben, und wenn du und wir alle verloren wären. Ich will nicht wissen, ich will nicht hören, was du mit ihm vereinbart hast, was für dich von diesem Kuppelgeschäft abhängt. Pfui, pfui Teufel, Vater, laß, laß mich los!« Die Wut und die Verzweiflung verdoppelten ihre Kraft. Sie hatte sich losgerungen aus Seligers eiserner Umklammerung, sie gewann die Tür und stürzte nach ihrem Zimmer die Treppe hinauf. Er wollte ihr nach. Aber das ging doch nicht. Die Dienerschaft, das ganze Haus wäre zusammengelaufen. Hilde konnte erwachen. Edith mußte jeden Augenblick aus der Oper zurück sein. So ließ er sie gewähren. Sie würde ja nicht gleich Hand an sich legen, sich zum Fenster hinausstürzen. Eine namenlose Angst packte ihn. Er lauschte nach oben. Nichts hörte er, nichts. Kein Fenster öffnete sich, kein Schritt wurde vernehmbar. Daß sie ihn auch förmlich gezwungen hatte, ihr die ganze brutale Wahrheit gleich in der ersten Stunde ins Gesicht zu sagen! Daß zwei so harte Köpfe so aneinandergeraten mußten! Und doch, am Ende war es ja gut, daß sie sich mit dem Gedanken vertraut machte. Morgen würde sie sich schon beruhigt haben und seinem Vorschlag kühler, objektiver, überlegender gegenüberstehen. Aber hinauf wollte er doch. Leise, von niemandem gesehen, schlich er sich die Treppen hinan. »Etelka,« bettelte er, an die Türe ihres Zimmers klopfend. Keine Antwort. Hatte sie am Ende doch – sich die Adern geöffnet, sich am Bettpfosten erhängt? Die schrecklichsten Bilder stiegen empor vor seiner aufgeregten Phantasie und führten einen tollen Reigen auf vor seinen Augen. Er, der Mörder seines Kindes! »Etelka,« wimmerte er wieder. Keine Antwort. Da stieg er wankend die Treppen hinunter, nahm Hut und Mantel und durchstreifte den Park, ob er Licht an ihrem Fenster bemerken würde. Und als er dieses sah, ging er auf die Straße, ein wenig beruhigt, seinen brennenden Kopf zu kühlen, denn im Hause, der heimkehrenden Edith gegenüber, hätte er es nicht aushalten können. Während er in höchster Erregung durch die von einem heftigen Regengusse gepeitschten Gassen und Straßen der Stadt eilte, um endlich in einem wenig besuchten Café einigermaßen zu Ruhe und Überlegung zu kommen, schmiedete Etelka droben in ihrem Zimmer ihren Plan. Die momentane und tatsächliche Aufwallung der Leidenschaft, in der sie sich bei den Enthüllungen der Absichten ihres Vaters befunden, hatte der kühlen Berechnung des ihr in reichstem Maße zur Verfügung stehenden Verstandes, dem klugen Abwägen der ihrer semitischen Rasse in hohem Grade eigentümlichen Vernunft Platz gemacht. In der Fensternische ihres Zimmers kauernd, schloß sie die Augen und ließ das ganze Erlebnis mit dem Vater noch einmal an ihrem geistigen Auge vorüberziehen. Wie spontan, wie jede andere Rücksicht in den Hintergrund drängend, war der Wunsch, nein der Befehl, der feste Entschluß, daß sie Kutzlebens Frau werden sollte, aus dem Innersten des Vaters hervorgesprudelt! Das war mehr als eine Laune, mehr als ein Lieblingswunsch, den sie als Tochter ihm erfüllen sollte. Das war eine Notwendigkeit, ein Entschluß, ein sorgfältig zurechtgelegter Plan, von dessen Durchführung für den Vater Dinge abhängen mußten, die seine Existenz als Geschäftsmann und als Leiter der Kommerzbank angingen. In welche Aufregung war der sonst so kühle und im Kreise seiner Familie gewöhnlich bedächtige Mann bei ihrer rückhaltlosen Absage geraten! Wie weit hatte er sich hinreißen lassen, wie viel hatte er sich vergeben! »Du rettest meine Ehre und meine Existenz, Etelka,« hatte er gesagt! Etwas Wahres mußte daran sein, er war nicht der Mann, mit solchen Dingen zu spielen. Dam kannte sie ihn zu gut. Also, er würde alles daran setzen, um seinen Willen zur Geltung zu bringen, um sie zu zwingen mit jedem ihm zu Gebote stehenden Mittel, Kutzleben und dessen Wünschen zu Willen zu sein Und er hatte die Mittel an der Hand. Zwar war sie volljährig, vor wenigen Wochen war sie einundzwanzig geworden, seine väterliche Einwilligung zum Eingehen einer Ehe hatte sie also nicht mehr nötig. Aber, er hatte andere Mittel an der Hand, wenn sie nicht ein rascher, ein womöglich noch heute zu fassender Entschluß von seinem Einfluß befreite! Sie war an den Luxus, an das Wohlleben ihrer bevorzugten Kreise gewöhnt, sie hatte nichts gelernt, was sie zur Erhaltung ihrer selbständigen Existenz hätte verwerten können. Mit einem Worte, sie war abhängig von ihm. Wenn er sich auf den Standpunkt stellte, daß er bei seinen Lebzeiten mit dem von ihm erworbenen Vermögen machen konnte, was er wollte, wenn er einer ungehorsamen Tochter seine väterliche Unterstützung entzog, dann hatte er sie in der Hand. In Wochen und Monaten des Entbehrens und der Demütigungen hätte er sie schon nachgiebig und mürbe machen können, denn einem Kampfe mit der Not war sie nicht gewachsen. Und Waldburg? Er liebte sie, daran zweifelte sie nicht, er war Kavalier durch und durch, er hatte ihr sein Wort gegeben, er würde sie nicht im Stiche lassen. Aber so töricht war sie doch nicht, daß sie nicht einsah, daß auch Waldburg die Millionen ihres Vaters nicht gleichgültig sein konnten, daß auch Waldburg, von dem das Gerücht ging, daß er mit der Bewirtschaftung seiner Güter Schwierigkeiten hatte, das Geld einmal benötigen würde, das für Seligers älteste Tochter und für deren zukünftigen Gatten bereit lag! Wie klug war es doch von ihr gewesen, daß sie trotz des leidenschaftlichen Aufeinanderprallens dem Vater mit keiner Silbe etwas von ihren Beziehungen zu Waldburg verraten hatte. Ein unvorsichtiges Wort hätte alles vernichten können. Denn Graf Eberhard von Waldburg-Immenhausen war nicht der Mann, sich bei einem Harry Seliger einen Korb zu holen, und ihr Vater hätte sich nicht geniert, dem Grafen die Tür zu weisen, ja ihn noch heute, wenn er gewußt hätte, daß hier das Hindernis für die Verwirklichung seiner Pläne mit Kutzleben lag, zu benachrichtigen, daß jede Bemühung um Etelkas Hand vergeblich sein werde. Wie gut, daß der Vater heute von alledem keine Ahnung hatte. Er wäre am Ende noch in dieser Stunde hingestürmt zu Waldburg und hätte ihn beleidigt, er hätte ihm vielleicht einen Brief gesandt, der den Grafen für immer von einer Werbung um ihre Hand abgehalten hätte. Denn der Stolz dieses Mannes war unberechenbar, ebenso wie seine Zuverlässigkeit und die Ehrlichkeit seiner Gesinnung für sie über jeden Zweifel erhaben dastanden. Was also war zu tun? Sie überlegte und überlegte. Abwarten, bis sich die Wogen des Grolles bei ihrem Vater beruhigt hätten, abwarten, bis Waldburg mit seiner Werbung hervortrat? Das wäre die Vernichtung ihrer ganzen Zukunft gewesen. Denn bei dem Vater handelte es sich nicht um eine Aufwallung des Grolles, nicht um den Wunsch seiner Leidenschaft, sondern um einen reiflich erwogenen und sorgfältig in allen seinen Einzelheiten zurechtgelegten Plan. Und Waldburgs von Seliger einmal zurückgewiesene Werbung würde nie im Leben wiederholt werden, dazu kannte sie den Grafen und dessen Auffassung, von dem, was er sich selber schuldig zu sein glaubte, viel zu gut. »Also handeln, selber handeln,« sagte sie nun halblaut vor sich hin. Quod habeo teneo: festhalten, was man einmal für sich in Anspruch genommen hat. Nur ein rascher, nur ein wie aus der Verzweiflung des Augenblickes heraus geborener Schritt konnte hier Rettung bringen. Aber welcher Schritt? Welches Mittel hatte sie in der Hand, den Vater zu zwingen? Wann war es für ihn eine Unmöglichkeit geworden, ihr Waldburgs Hand zu weigern? Wann mußte er einwilligen, ob er wollte oder nicht, einerlei, wenn auch alle seine andern Pläne darüber zunichte würden? Wenn, wenn – – Die Röte der Scham stieg ihr in das Gesicht bei dem Gedanken, den sie jetzt schaudernd faßte, und der ihr dennoch auf den letzten rettenden Ausweg hinzuweisen schien. Wann hatten Väter und Mütter allen Hindernissen zum Trotz schon in die Heirat ihrer Töchter gewilligt, selbst in verzweifelten Fällen, wenn es sich um eine Liebschaft mit dem Kutscher oder dem Diener gehandelt hatte? Wenn, ja wenn ... Aus ihrem nächsten Bekanntenkreise waren ihr zwei solcher Fälle zu Ohren gekommen. Karl Hartner, der Mitinhaber des Bankgeschäfts von Merzbach \& Co., der Mann der eingebildeten Cilly Merzbach, war Servierdiener im Merzbachschen Hause gewesen, und Tilly Schirokaner hatte ihre Heirat mit dem Hauslehrer ihres Bruders durchgesetzt, als der älteste Enkel des Hauses Schirokaner schon auf dem Wege in diese schlechteste aller Welten gewesen war, wie Leo in pessimistischer Anwandlung, das große Narrenhaus unseres Herrgotts, diese schöne Erde, nannte. Wenn sie, wie diese es wagte, wenn sie es heute noch, in dieser Stunde noch wagte, wenn sie va banque spielte, wenn sie alles auf eine Karte setzte und sich dem Grafen an den Hals warf!? Ein leiser Schauer, ein angenehmes Prickeln überlief, bei diesem Gedanken ihren Körper. Sie in den Armen des Grafen, nach dessen Umfassung sie sich in mancher schlaflosen Nacht schon gesehnt! Sie heute noch in seinen Armen! In ihrem Elternhause war in geschlechtlichen Dingen wahrhaftig kein Blatt vor den Mund genommen worden, Leo und die Mutter und der komische Prinz Trachenstein, die hatten vor den Ohren der jungen Mädchen Dinge erzählt, die der keuschen Edith das Blut in die Wangen getrieben, und über die sie selber sich in ihrem Innersten weidlich erregt hatte. Leos Verhältnis zu der Feretti kannte sie ganz genau. Und dann! Was hatte sie nicht alles gelesen, von jener Nana des Zola an, die eines ihrer Lieblingsbücher geworden war, bis zu den Demivierges des Prévost und dem Journal d'une femme de chambre ... O, sie kannte sich aus! Nicht als unerfahrenes junges Mädchen, nur noch körperlich eine Jungfrau, würde sie mit voller Überlegung dessen, was sie erreichen wollte, zu dem Grafen kommen, und, einmal die Seine geworden, würde sie ihn an sein gegebenes Wort erinnern und ihn zwingen!! Und wenn nicht, wenn ihr das nicht gelang? Ein Zittern lief über ihren Körper. Dann lächelte sie wieder siegesgewiß. Einer Sache zum mindesten war sie dann sicher: Kutzleben, den sie haßte, und den Antrag des Vaters, die war sie dann los!! Der korrekte Streber, der alles an seine Karriere setzte, für den auch sie nur eine Etappe in dieser Karriere sein sollte, würde niemals nach einer Blüte greifen, die ein anderer vor ihm gebrochen hatte!! Es war abenteuerlich, es war romantisch, es war verrückt, tollkühn, wahnsinnig, was sie jetzt tat. Aber einerlei! Ihr prüfender Verstand hatte ihr gesagt, daß dieser einzige Weg am Ende zum Ziele führen würde. Und dann?? Ein wahrer Liebestaumel hatte sie mit einem Male gepackt in dem wie zu einer fixen Idee gewordenen Gedanken, daß sie sich dem Grafen noch an diesem Abend in die Arme werfen, daß sie sich ihm anbieten wollte. Man hatte den Versuch angestellt, ihr das gute Recht auf das Leben zu verweigern, man wollte sie zwingen, sich dem ungeliebten Manne hinzugeben. Sie nahm sich das Recht, das ihr gehörte, sie warf sich dem an den Hals, der sie, den sie lieb hatte, was war dabei? Was hatte sie nicht alles in diesem Hause, in dem sie groß geworden, mitangesehen und miterlebt! Trotz ihrer einundzwanzig Jahre eine nette Sammlung von Ereignissen, die auch die Moral einer Lukretia ins Wanken hätte bringen können, und im Grunde ihres Wesens pfiff sie auf die sogenannte Moral. Was führte Leo für ein Leben offen vor aller Welt, er, der die Feretti in die Salons der Mutter mitbrachte und der sie den Intimen seines Hauses, wenn er bei guter Laune war, offen als seine Maitresse vorstellte. Und die Mutter selber! Auch heute noch trotz der Brüskierung von seiten des Vaters, der nichts sehen wollte, war Seine Hoheit der Prinz Egon von Trachenstein in dem Schlafzimmer der Herrin des Hauses ein täglicher Gast. Und der Vater! Die Villa Seliger hätte erzählen können aus früheren Jahren, da sie und Edith noch Kinder gewesen, wenn die Ballerinen der Oper und die Stars der Tingeltangels, die der Vater ausgehalten, hier alltägliche Gäste gewesen waren, Gäste, denen Frau Hilde, die einstige Tänzerin am Hoftheater, in liebenswürdigster Weise die Honneurs gemacht hatte. Also hier warf man sich nichts vor, hier hatte die landläufige Moral schon längst ein tiefes Loch bekommen, und das schöne Wort, »wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen,« würde ihr im schlimmsten Falle eine letzte Waffe im Kampfe mit dem Vater sein! Sie war entschlossen! Sie wollte sich den Grafen erobern, heute noch erobern, und einerlei, um welchen Preis! Ihr Plan gewann eine festere Gestalt. Schlau mußte sie sein, schlau und klug, wie es der Tochter ihres Volkes, dem Kinde ihres Vaters zukam. Wie war der Graf am leichtesten zu haben? Was wollte sie? Seine Geliebte werden, seine Maitresse, am Ende nur sein Bettschatz für diese eine Nacht? Nein, nein! Sie wollte ihn zwingen, ihn an sich fesseln, ihn womöglich – Da lag der Weg. Hilfeflehend, zerknirscht, eine Verfolgte, die sich in seinen ritterlichen Schutz begab, so mußte sie kommen. Wenn sie so kam, und wenn er das glaubte, dann hatte sie gewonnenes Spiel. Er hatte sich heimlich mit ihr verlobt, klipp und klar hatte er neulich am Abend des Krippenvereinsfestes hinter den Kulissen der kleinen Bühne, auf der sie zusammen vor den Blicken aller Welt gestanden, um ihre Hand angehalten. Sie war seine Braut. Nur der Umstand, daß ihn wichtige Angelegenheiten zu der Besichtigung seiner Güter gerufen, hatte ihn – zum Glück, wie sie sich heute sagte – davon abgehalten, gleich bei ihrem Vater vorzusprechen und um dessen offizielle Zustimmung zu dieser Verlobung zu bitten. Der Vater hatte ihr heute abend durch seinen Vorschlag, durch seinen Befehl, durch die rückhaltlose Offenbarung seines Willens einen Strich durch die Rechnung gemacht. Was war natürlicher als dies? Sie flüchtete sich in die Arme des Verlobten, sie rief seinen Schutz an. Sie waren zwei erwachsene Menschen, denen niemand auf der Welt Vorschriften zu machen hatte. Sie konnten heiraten, wann und wo sie wollten. Wenn sie ihn dazu brachte! Wenn sie seine Liebe zu ihr und sein ihr verpfändetes Wort in die Wagschale warf, wenn sie ihn dazu überredete, mit ihr irgendwohin zu fahren und dort die bürgerliche Trauung nach Recht und Gesetz vornehmen zu lassen! Was konnte dann Kutzleben noch wollen, was konnte der Vater machen, wenn er vor der Tatsache stand, daß Waldburg und sie Mann und Frau waren? Sie berauschte sich an diesem Gedanken. Ja, ja, so mußte sie Waldburg gegenübertreten, in dieser Nacht noch, mit dieser Forderung! Freilich, ein leises Angstgefühl beschlich sie wieder. So einfach, so ohne alle Formalitäten ging eine solche Heirat doch nicht ab. Er war Offizier, er bedurfte des Ehekonsenses von seiten seines Regimentskommandeurs, das wußte sie. Auf einem deutschen Standesamte mußten bestimmte Papiere vorgelegt werden, das Aufgebot hatte eine vorgeschriebene Zeit zu dauern. Aber, es gab doch auch Ausnahmen. Er mußte einen Ausweg finden. Sie kramte in der obersten Schublade ihrer Kommode, wo sie in einem besonderen Kasten wichtige Dinge, Dinge, die wenigstens ihr wichtig zu sein schienen, aufzubewahren pflegte. Briefe, die einst eine Rolle in ihrem Mädchenleben gespielt hatten, und da ein Pack von Papieren, den sie vor einigen Jahren, da man sie nach Vevey in die Pension geschickt, mit in die Schweiz genommen hatte. Die steckte sie zu sich, vielleicht konnte das eine oder andere ihr von Nutzen sein. Und dann, da lag ja das Einlagebuch, das der Vater für ein jedes seiner Kinder am ersten Geburtstage angelegt, und das er einem jeden, sobald es dazu imstande gewesen, in dem Prinzipe einer selbständigen Erziehung zur eigenen Verwaltung übergeben hatte. An jedem Geburtstage und bei sonstigen festlichen Gelegenheiten hatte er jedes seiner Kinder mit einem größeren Geldgeschenk erfreut. Ihre Einlagen bei der Deutschen Bank beliefen sich jetzt auf Grund dieses Buches auf neuntausenddreihundertundsechzig Mark. Sie hatte dieses Geld niemals nötig gehabt, seit ihrem ersten Lebensjahre waren neue Geschenke, waren Zinsen zu Zinsen gekommen. Auch dieses steckte sie zu sich. Wie auch alles ausfallen würde, ohne Geld durfte sie nicht sein. Dann packte sie das Notwendigste aus ihrem Schranke und aus der Waschkommode in eine elegante Ledertasche zusammen und verließ schleichenden Schrittes kurz vor halb zehn Uhr das Haus. In nächster Nähe der Anlagen, durch die einstmals Davidchen Mandelbaum an Ediths Seite in klarer Winternacht geschritten war, befand sich ein Droschkenhalteplatz. Hier rief sie einen der schlaftrunkenen Kutscher an. »Moltkestraße 52.« Kaum merklich zitterte ihre Stimme, als sie ihm wie selbstverständlich die Adresse des Grafen Waldburg-Immenhausen angab. Es war doch ein seltsam beklemmendes Gefühl, das sie erfaßte, als sie nun nach Einbruch der Nacht zu der im ersten Stockwerk des Hauses gelegenen Junggesellenwohnung des Geliebten emporstieg. So hatte sie sich das erste Alleinsein mit Waldburg denn doch nicht gedacht! Denn trotz all der freien Moral oder Unmoral, die in ihrem Elternhause herrschte, mit deren Zuhilfenahme sie sich vorhin zu Hause Mut zugesprochen hatte, sie war doch nun einmal in den Vorurteilen ihrer Gesellschaftsklasse aufgewachsen und fühlte, daß sie heute zum ersten Male das Haus verließ, um sich allein hinaus auf das uferlose und klippenreiche Meer der Abenteuer und des blinden Zufallsspieles zu begeben. Wie würde Waldburg ihren nächtlichen Besuch, auffassen, wie würde er sie empfangen, was würde er ihr erwidern? Er, der korrekte Offizier, dessen Leben bislang sicher in den starr konventionellen Formen seines Standes und seiner Kaste verlaufen war? Einen Moment hielt sie im Emporsteigen inne. Sie war tief verschleiert, damit sie niemand erkennen sollte, und niemand hatte sie erkannt. Wie, wenn sie jetzt noch umkehrte, wenn sie wieder nach Hause fuhr und ihm in einem Briefe die ihm und ihr drohende Gefahr auseinandersetzte? Sie mußte sich mit dem Arm an die Wand des Treppenhauses stützen, es flirrte ihr vor den Augen, die Füße trugen sie kaum. Jetzt war sie fast droben. Eine fürchterliche Angst, eine namenlose Scham packte sie da mit einem Male. Wie eine Dirne schlich sie sich ja wahrhaftig in nachtschlafender Stunde in die Häuser und bot sich dem Manne an, allerdings dem Manne, der sie liebte, und der ihr sein Wort verpfändet hatte, aber dennoch wie eine Dirne! Nein, das konnte sie nicht, trotz aller freien Moral nicht, das ging über ihre Kraft. Sie drehte sich auf dem Absatz um, die Treppe wieder hinabzusteigen, und, mochte passieren, was da wollte, wieder nach Hause zu fahren. Da knarrte drunten im Schlosse der Haustür der Schlüssel. Kam am Ende jemand, fand er sie hier auf der Treppe und würde er sie fragen, was sie denn in dieser Stunde hier in dem Hause wollte? Wer wußte denn, wer alles, hier wohnen konnte, in einem Hause, in dem man Wohnungen an unverheiratete Offiziere abgab? Vielleicht ein Kamerad Waldburgs, am Ende ein Student oder ein junger Kaufmann, der mit seiner Geliebten die Treppe heraufkommen würde, so daß das Mädchen sie als ihresgleichen ansprach. Mit aller Anstrengung, sich nicht vom Flecke rührend, lauschte Etelka nach unten. Sie hörte nichts, niemand kam die Treppe herauf. Da ging unten eine Tür, und zugleich erlosch die auf der Treppe brennende Gasflamme. Ein lähmender Schrecken befiel sie. Jetzt wurde ihr die Situation klar. Der Hausmeister hatte die Tür verschlossen und das Licht gelöscht. Sie war gefangen, ohne fremde Hilfe, ohne die Hilfe eines Menschen, der sie in ihrer kompromittierenden Situation überraschen würde, konnte sie nicht mehr aus dem Hause heraus. Hinter der Glastür des ersten Stockwerkes, wo der Graf wohnte, brannte noch Licht. Wie ein rettender Strahl erschien ihr dies Licht mit einem Male. Auf den Treppen konnte, durfte sie nicht bleiben, wenn man sie hier erwischt hätte! Man hätte sie am Ende als Einbrecherin festgenommen und auf die nächste Polizeiwache geschleppt! Und nur er, ihr Verlobter, der Graf, Eberhard konnte sie retten!! Am Ende fand sie doch noch einen Ausweg, wenn sie ihm jetzt gegenüberstand. Sie konnte zum Beispiel im oberen Stockwerk des Hauses bei einer Schneiderin oder bei sonst irgend jemand gewesen, konnte dort aufgehalten worden sein, und man hatte ihr das Haus vor der Nase zugeschlossen. Nun schellte sie hier und bat den Burschen, sie hinunterzugeleiten und ihr das Haus aufzuschließen, was war dabei? Schon freute sie sich, diesen Ausweg gefunden zu haben. Wenn der Bursche des Grafen die Tür öffnete, dann konnte sie dem ja ihre Bitte vortragen, konnte ihm eine Mark in die Hand drücken, und der Weg ins Freie stand ihr wieder offen. Ein Entschluß mußte gefaßt werden. Jeden Augenblick konnte jemand die dunkele Treppe heraufkommen und sie überraschen, jede Minute konnte das Licht auf dem Korridor des Grafen gelöscht werden, und sie war verloren. Leise zog sie die Klingel. Eine Minute, die ihr eine Ewigkeit dünkte, verrann. Dann wurde ein rascher, leichter Tritt drinnen laut. Sie kannte diesen Tritt, auf den sie damals vor der Probe der Bluette in der elterlichen Villa den ganzen Nachmittag gelauscht. Das war nicht der Tritt des Burschen, der mit dem schweren Gange des Kavalleristen über die Treppen und durch die Zimmer ging, und sich deshalb, wie sie wußte, schon des öfteren den Tadel des Grafen zugezogen hatte. Die Tür öffnete sich. Sie war keiner Bewegung, keines Wortes mächtig. Wie sie richtig gehört und vermutet hatte, der Graf selber stand vor ihr. Er erkannte sie nicht. Der dichte, schwarze Schleier, den sie vorhin zu Hause um ihr Gesicht und ihren Kopf geschlungen hatte, verhüllte, sie vollständig. Die Reisetasche zitterte in ihrer Hand. »Womit kann ich Ihnen dienen, meine Gnädige,« vernahm sie seine liebe Stimme. »Sie müssen sich in der Nummer oder im Stockwerk geirrt haben. Ich erwarte keinen weiblichen Besuch.« Das Verletzende dieser letzten Bemerkung, aus der sie schloß, was er von solchen Damen halten mußte, die man des Abends noch allein in fremden Häusern traf, nahm ihr den letzten Rest von Überlegung. »Eberhard,« schluchzte sie unter hellen Tränen, »hilf mir, Eberhard.« »Etelka!« Erschrocken, voll maßlosen Erstaunens hatte er ihren Namen ausgesprochen. »Komm, komm rasch herein, Etelka, wir wären ja verloren, wenn dich hier jemand erkennen würde. Gott sei Dank, ich bin allein, ich habe den Burschen schon in die Kaserne geschickt.« Von seinem stützenden Arme mehr getragen, als selber gehend, trat sie ein. Erst, als er die Tür des eleganten Wohnzimmers hinter ihr geschlossen hatte und er sie so vor allen profanen Blicken, wenigstens für den Augenblick, sicher wußte, kam es voll Angst und Sorge von seinen Lippen: »Aber um Gottes willen, Etelka, Mädchen, Geliebte, was ist denn vorgefallen, was konnte denn passieren, das dich zu diesem unverständlichen, zu diesem für uns beide gefährlichen Schritte bringen konnte?!« Sie hatte sich in die Ecke des Sofas gleiten lassen. Nun faßte sie sich. Daß er als Mann so vorsichtig und so ängstlich war, daß er in diesem Augenblicke nur an ihren Ruf und an die Leute zu denken schien, reizte sie zum Widerspruche, gab ihr einen Teil der fast verlorenen Tatkraft und Entschlossenheit wieder. »Unsere Liebe steht auf dem Spiel, Eberhard, unsere Zukunft,« stieß sie nun hervor. »Nur ein rascher Entschluß kann uns retten. Mein Vater hat meine Hand ohne mein Wissen einem anderen versprochen, er wird mich zwingen ...« »Beruhige dich, Etelka,« tröstete er mit sanfter Stimme. Angesichts ihrer Erregung hatte er den festen Entschluß gefaßt, seine Ruhe zu bewahren, welcherlei Enthüllungen sie ihm auch machen werde. Und sich zu beherrschen, das wenigstens hatte er in seiner langen militärischen Laufbahn gelernt. Er trat an sie heran und strich ihr das wirre Haar aus der von perlenden Schweißtropfen bedeckten Stirn. Dann nahm er das Tuch und trocknete ihr die Tränen aus den Augen. Und als er nun einen Kuß auf ihre vollen Lippen drückte, da erschauerte die schlanke, vor ihm in der Ecke des Sofas kauernde Gestalt des Mädchens, und ein leuchtender, ein fast siegreicher Blick aus ihren großen braunen Augen traf sein Gesicht. »Aber, Kind,« sagte er nun in sanftem Vorwurfe. »Weißt du denn, bist du dir denn klar darüber, welch unüberlegten Schritt du heute unternommen hast? Wenn dein Herr Vater unserer Verbindung seinen Widerspruch entgegensetzt, das ist doch bei vielen Vätern der Fall, dann hättest du mir das einfach schriftlich mitteilen sollen, und wir hätten gewartet, bis der Widerspruch deines Vaters gebrochen ist. Nun hast du mich in die schlimme Lage versetzt, dich mitten in der Nacht hier zu empfangen, und in die schlimmere,« fuhr er lächelnd fort, »auf Mittel und Wege zu sinnen, wie ich dich in tiefer Nacht ungesehen aus dem Hause herausbringen kann. Es hat dich doch niemand auf der Treppe erkannt? Bist du zu Fuß gekommen oder im Wagen? Ist das letztere der Fall, dann hoffentlich auch nicht der Kutscher, dem du dich anvertraut hast? Das Haus hier wird von lauter jungen Kameraden und sonstigen Junggesellen bewohnt, ist also kein Haus, in das sich ein anständiges junges Mädchen bei nachtschlafender Zeit fahren lassen kann. So viel weißt du doch?« Liebevoll und dennoch voll ernsten Vorwurfs waren seine schönen blauen Augen auf sie gerichtet. »Das hast du dir doch alles selber im voraus sagen können, Etelka,« fügte er jetzt noch hinzu. »Das habe ich mir alles gesagt, Eberhard,« sagte sie nun mit fester Stimme, »alles, was du mir da vorhältst, Eberhard, und dennoch bin ich zu dir gekommen, weil nur wir beide zusammen, wir allein uns retten können.« Erstaunt, fragend, ungläubig sah er sie an. »Ja, nur wir zwei allein,« wiederholte sie noch einmal in festem Tone. »So einfach wie du es dir vorstellst, liegen die Verhältnisse nicht, so leicht wird der Widerspruch meines Vaters nicht zu brechen sein. Seine Ehre, sein Wort hat er dem anderen verpfändet, daß er ihm mein Jawort bringen wird. Er hat mich an Dr. von Kutzleben verkuppelt.« »Wer ist das?« »Der Syndikus an der Kommerzbank, deren Leiter und man kann wohl sagen, deren Seele mein Vater ist. Es muß sich um wichtige geschäftliche Dinge, vielleicht geschäftliche Verlegenheiten handeln, daß mein Vater so weit gehen konnte, die Hand seiner ältesten Tochter als Preis auszusetzen. Aber er hat es getan, Eberhard, und durch einfache Worte und Vorstellungen wird er, wie ich meinen Vater kenne, von seinem Vorhaben nicht abzubringen sein.« Waldburg war nachdenklich geworden. Er glaubte gehört zu haben, daß die Ehen in den jüdischen Finanzkreisen in vielen Fällen aus ganz anderen Motiven, als aus der gegenseitigen Zuneigung der beiden zunächst Beteiligten zustande kommen sollten. Und deshalb fragte er nun: »Hast du denn für deine Behauptungen irgendeinen Beweis, Etelka? Ist dir irgendein Motiv bekannt, aus dem dein Vater solchen Wert auf eine Ehe mit Kutzleben legen sollte. Ist er ein reicher Mann, hat er irgendwelchen Einfluß oder irgendwelche Macht?« Etelka überlegte. Dann sagte sie: »Soviel ich weiß, ist sein Vater Ministerpräsident in Walportshausen, ob es damit im Zusammenhange stehen kann?« Und seltsam. Als Etelka den Namen Walportshausen nannte, erinnerte sich der Graf plötzlich eines Gespräches, das er an diesem Morgen in der Eisenbahn auf der Fahrt in seine Garnison mit angehört hatte. Der Name Seliger war von den beiden Herren, offenbar Angehörigen der Hautefinance, mehrfach genannt worden, deshalb hatte er hingehört. Man hatte von einem Bahnprojekt gesprochen, fiel ihm jetzt ein, dessen Trace von der Stadt nach Weilingen und Feldkirch führen und in Walportshausen endigen sollte. Die Namen waren in seinem Kopfe haften geblieben, weil er diese Ortschaften von Felddienstübungen her und aus dem letzten Kaisermanöver genau kannte. Das gab doch zu denken, wenn der Vater des von Seliger für Etelka erwählten Mannes Ministerpräsident in Walportshausen war, und Seliger als der eigentliche Urheber des neuen und interessanten Bahnbaus genannt wurde. »Was überlegst du dir, Eberhard?« fragte nun Etelka. »Wenn der Alte Ministerpräsident ist, dann kann die Sache allerdings ihren Haken haben,« sagte er ernst. »Sie hat ihn, glaube mir,« beharrte sie. Ein weher Zug der Trauer trat in das Gesicht des Grafen. Es klang fast wie Rührung, als er nun mit beinahe brechender Stimme die Worte sprach: »Und du kommst zu mir, Mädchen, wo unsere schönen Hoffnungen so trübe geworden sind?« »Liebst du mich, Eberhard?« Sie war von dem Sofa aufgesprungen, nun warf sie sich ihm lachend an den Hals. Mit jenem hellen, goldenen Lachen, das er auf den Bergen und in den Tälern von St. Moritz so oft an ihr bewundert hatte. »Etelka,« stammelte er, und seine Stimme zitterte. »Weil nur wir zwei zusammen uns retten können, tat ich diesen letzten, verzweifelten Schritt.« »Was hast du vor, Etelka?« »Fliehe mit mir, entführe mich. Dann wird der Vater müssen, ob er will oder nicht!« Nun war es heraus. Fest entschlossen, mit einer leidenschaftlichen Emphase und dennoch in einem Tone, aus dem er herausempfinden mußte, daß dies ihr voller Ernst war, hatte sie ihm diesen wahnwitzigen Vorschlag entgegengeschleudert. »Du bist von Sinnen, Etelka! Meine Stellung, mein Name, deine, meine Zukunft!« Sie lachte bitter. »Meine Zukunft wird eine elende, eine an Sünden reiche Ehe an Kutzlebens Seite sein.« Da nahm er sie in seine Arme, als ob sie ihm der Rivale entreißen wollte, und preßte sie fest an seine Brust. Sie aber riß sich los. »Bist du entschlossen, liebst du mich, oder fürchtest auch du für die Millionen, wenn uns der Vater auf die Dauer seines Lebens feind bleiben sollte?« Wie physisch von ihren Worten getroffen, wankte er zurück. Dann warf er sich vor ihr auf die Knie und stammelte: »Etelka, ich liebe dich! Du beleidigst mich ohne Grund, du tust mir unrecht. Freilich meine väterlichen Güter werden zu einem feudalen Leben kaum die Mittel abwerfen, und wir werden das eine oder andere verkaufen müssen, wenn wir mit deinem Vater in ewiger Feindschaft bleiben müßten. Aber gleichviel, du hast mein Wort, und ich bin gewohnt, mein Wort zu halten.« »Nur deshalb?« kam es in kaltem Tone von ihren Lippen. »Ich gebe dir dein Wort zurück, geleite mich hinunter auf die Straße, nicht beim Worte wollte ich dich halten, ich gebe dich frei.« Da lag er wieder zu ihren Füßen. »Etelka, Etelka,« stammelte er, »ich liebe dich, ich liebe dich, wie ich noch nie einen Menschen auf dieser Welt geliebt habe! Wo treffen wir uns morgen, ich bin bereit.« »Heute, nicht morgen, in dieser Nacht noch, Eberhard,« antwortete sie. »Ich muß aus dem Machtbereiche des Vaters, sonst sind wir beide uns verloren. Höre, ich habe den Plan erwogen. Du bist erst heute von deinem Urlaub zurückgekehrt, wann läuft er ab?« »Morgen mittag um zwölf.« »Du bittest morgen früh von irgendeinem Platze aus telegraphisch um Verlängerung deines Urlaubs und wir, wir reisen in dieser Nacht!« »Aber, Kind, es gehören auch Mittel zu einer solchen Reise, die sich unter Umständen Wochen, ja Monate hinziehen kann.« Wortlos reichte sie ihm das Einlagebuch, in dem er verständnislos blätterte. »Das sind meine Ersparnisse,« sagte sie in ruhigem Tone. »Sie können bei jeder Filiale der Deutschen Bank in bar gegen meine Unterschrift abgehoben werden, und sie werden reichen, bis wir irgendwo nach Recht und Gesetz Mann und Frau geworden sind.« »Und wo?« fragte er verwirrt, da er sich nun völlig in ihrer Gewalt, wie in der Macht eines Dämons fühlte. »In England,« antwortete sie. »Eine meiner Freundinnen, die geschieden ist und in Deutschland sich mit ihrem Liebhaber nicht verheiraten durfte, hat sich auch in England trauen lassen. Dort macht man keine Schwierigkeiten. Ich weiß es von ihr mit aller Bestimmtheit, sie hat mir noch neulich im Kränzchen die ganze Affäre erzählt.« Sie sah nach der Uhr. »Noch eine Stunde haben wir Zeit. Um elf Uhr fünfundvierzig fährt der D-Zug nach Köln, er hat direkten Anschluß nach Vlissingen, wo ihn morgen mittag der Dampfer erwartet. Morgen gegen Abend sind wir in London. Hat der Bursche deine Sachen schon ausgepackt?« Ein Blick in das Schlafzimmer zeigte ihm, daß der Reisekoffer noch unberührt dastand, so wie er ihn an diesem Nachmittag dem säumigen Diener übergeben hatte. Diesen in der Hand kam er zurück. »So komm,« sagte er leise und verließ mit ihr, keines Widerspruches fähig, das Haus. VIII. Nach zehn Tagen traf die erste Nachricht von Seiten der Flüchtigen in der Heimat ein. Sie war eine Sensation für die ganze Stadt. In den gesellschaftlichen Kreisen der Hautefinance und in den Kasinos des Offizierkorps wurde eine Woche lang von nichts anderem mehr gesprochen. Sie bestand in einer kleinen, goldumränderten und wappengeschmückten Karte, die allen Bekannten des Paares ins Haus geflogen kam. Die Aufschrift auf dieser Karte lautete: London, Westminster-Hotel. Als Vermählte empfehlen sich: Eberhard, Graf von Waldburg-Immenhausen Rittmeister im Leibulanenregiment und Majoratsherr der Güter Waldburg, Immenhausen und Erlwitz Etelka, Gräfin von Waldburg-Immenhausen geb. Seliger. Wenn einer glücklich war über diese ihn auf der anderen Seite zu Boden schmetternde Nachricht, dann war es der alte Seliger. Zehn Tage lang hatte er vergeblich im stillen Nachforschungen über den Verbleib seiner ältesten Tochter anstellen lassen, den die Besucher des letzten Krippenfestes allerdings mit dem grundlos verlängerten Urlaub des Grafen in Zusammenhang brachten. Noch in der Nacht der Flucht, von Mainz aus, hatte Waldburg ohne Angabe der Gründe, durch zwingende, später aufzuklärende Umstände veranlaßt, bei seinem Regimentskommandeur telegraphisch um eine Verlängerung seines Urlaubs auf drei Wochen gebeten, die ihm auch anstandslos bewilligt worden war. Dann hatte man in der Garnison von dem Grafen, den man auf einem seiner Güter glaubte, nichts mehr gehört, bis die sensationelle Nachricht von seiner plötzlichen, im Auslande unter so seltsamen Umständen vollzogenen Vermählung mit Etelka Seliger eingetroffen war. In den Kreisen seiner Kameraden galt der Graf von diesem Tage an als verlorener Mann, und einige Mitglieder des Hochadels, die wie er dem Korps der Leibulanenoffiziere angehörten, erklärten mit aller Bestimmtheit, Waldburg müsse in einem plötzlichen Anfalle geistiger Umnachtung diesen unseligen Schritt getan haben, denn für einen Mann von seinem Namen und seiner Stellung bedeute diese vom Zaun gebrochene Vermählung mit Seligers Tochter trotz aller Millionen des Schwiegervaters so viel wie Selbstmord. Nüchterne Leute unter den Herren Kameraden führten die Sache auf rein materielle Gründe zurück. Nach ihrer Ansicht hätte Waldburg eine unglaubliche Mißwirtschaft auf seinen Gütern angetroffen, Seliger hätte ihm deshalb die Hand seiner Tochter, um die er sich ja schön auf dem Krippenfeste offensichtlich bemüht habe, abgeschlagen, und er hätte im Einverständnisse mit dem Mädchen diesen letzten möglichen Schritt unternommen, um sich auch gegen den Willen des Vaters in den Besitz der Braut und der dieser in Aussicht stehenden Mitgift zu setzen. Von den Motiven abgesehen, kamen diese »Kenner des Lebens« der Wahrheit am nächsten. Daß sich Waldburg übrigens der Folgen seines Schrittes bewußt war und also mit voller Überlegung aller Umstände gehandelt haben mußte, ging aus einem Gerüchte hervor, das schon am Tage des Bekanntwerdens seiner Vermählung mit Fräulein Seliger in dem Kasino der Leibulanen umlief. Danach sollte er dem Regimentskommandeur schon von London aus zugleich mit der Vermählungsanzeige die unmittelbar bevorstehende Einreichung seines Abschiedsgesuches in Aussicht gestellt haben, da er gewillt sei, den königlichen Dienst zu quittieren und sich ganz der Bewirtschaftung seiner Familiengüter zu widmen. Über die Angabe dieser Gründe wurden weidlich Witze gerissen. Einen Abschied, den man in seinen Kreisen nach dem Vorgefallenen als eine unabwendbare Notwendigkeit betrachten mußte, zu erbitten, das war ja weiter kein Kunststück, und die Bewirtschaftung seiner Familiengüter, das konnte nach Einkassierung der Seligerschen Millionen eine ganz angenehme und possierliche Beschäftigung sein. Kurzum, es war wieder einmal eine Sensation, die größte dieses an Ereignissen so armen Winters, und die einzige der zu Ende gehenden Saison. In den jüdischen und in den christlichen Kreisen der Privilegierten hatte man gottlob wieder einmal etwas, wovon man sprechen konnte. Edith schämte sich in ihren Bekanntenkreisen. Ein junges Mädchen aus guter Familie, das mit seinem Bräutigam, der von den Eltern noch nicht einmal offiziell anerkannt war, nach England durchbrannte und sich dort trauen ließ, das konnte sie nicht fassen. So lieb sie Davidchen Mandelbaum hatte, ihm zuliebe wäre sie niemals durchgebrannt. Leo fand das Vorgehen seiner Schwester hochmodern. In seinen Kreisen prahlte er offen und mit Vorliebe von dem pikanten Fall. Er gerierte sich überhaupt als überzeugter Anhänger der freien Liebe und der wilden Ehe, bei der er zusammen mit seinem Mitstreiter Ibsen durchaus nichts Wildes finden konnte, und stellte den Intimen ein neues Drama in Aussicht, in dem die Flucht einer jungen Dame aus den besten Kreisen eine hervorragende Rolle spielen sollte. Ähnlich urteilte Frau Hilde, die mit einem Male an jedem Tage viel neugierige Besuche in der Villa zu empfangen hatte. Alle diese hofften interessante Einzelheiten über diese romantische Reise nach England zu erfahren, und Frau Hilde, die auf den gräflichen Schwiegersohn mit dem langen Namen nicht wenig stolz war, kargte mit phantastischen Erzählungen, die sie sich allerdings aus den Fingern saugen mußte, nicht. Nur Seine Hoheit Prinz Egon von Trachenstein war sehr schlecht auf die ganze Sache, auf diesen unerhörten Affront, wie er sie nannte, zu sprechen und hielt auch bei Hilde nicht mit seiner Ansicht zurück. Sie müsse doch wissen, meinte er, was sie als Mutter und anständige Frau ihrem Hause und ihrem Namen schuldig sei. Sie hätte ihre Tochter anders, anständiger, zurückhaltender erziehen sollen, dann wäre dieser Fall, der jetzt das überall belächelte Ereignis des Tages bildete, einfach undenkbar gewesen. Wie immer schwieg Frau Hilde gegenüber den Vorhaltungen des Prinzen. Sie war so sehr davon überzeugt, daß er als Hoheit und Bruder eines regierenden Fürsten in gesellschaftlichen Dingen das Richtige treffen müsse, daß sie ihm gegenüber an keinen Widerspruch dachte. Aber trotzdem prangte die gräfliche Heiratsanzeige an erster Stelle in der Visitenkartenschale ihres Salons, und die Krone, die über dem Namen ihrer Tochter prangte, berauschte sie an jedem jungen Tage aufs neue. Während der zehn Tage und Nächte, die man ohne Nachricht über den Verbleib Etelkas gewesen, war kein Schlaf auf Seligers Augen gekommen. Die Kommerzbank und die Konzession betreffend die Kleinbahn waren vergessen. Kein anderer Gedanke hatte Platz in seinem Gehirne gefunden, als der eine, daß er, er selber, seine älteste Tochter in Schande und Unglück, am Ende in den Tod gejagt habe, weil er die leidenschaftliche Aufwallung seiner egoistischen Wünsche nicht hatte bezähmen können. Wo hatte sich Etelka hingewandt, was hatte sie vor? Nur diese Fragen drängten sich in diesen Tagen in seinem Kopfe, und die Unmöglichkeit, eine Antwort auf diese Fragen zu erlangen, raubte ihm den Schlaf der Nacht und machte ihn vorzeitig zu einem alten, fast gebrochenen Manne. Kein Mittel hatte er an der Hand, Etelka mit einigem Erfolge zu suchen. Weder der Polizei noch seiner eigenen Familie wagte er Mitteilung zu machen von der Szene, die sich zwischen ihm und der Tochter abgespielt und der Flucht des Mädchens unmittelbar vorausgegangen war. Und doch war diese Szene der Grund ihrer Flucht, und er allein kannte diesen Grund. Daß Graf Waldburg in der Stadt nicht anwesend war, daß man dessen Reise in irgendeinen Zusammenhang mit der Flucht seiner Etelka bringen konnte, davon ahnte Seliger nichts. Wie ein Abwesender, wie ein Nachtwandler wie ein Verbrecher schlich er sich durch die Straßen, von seiner Villa in das Bureau und von dem Bureau in die Villa. In den ersten Tagen hatte er die Hoffnung nicht sinken lassen. Da war er der festen Ansicht gewesen, Etelka halte sich bei einer ihrer auswärtigen Freundinnen verborgen und werde schon über kurz oder lang Nachrichten geben. Als man aber drei, vier Tage nichts von dem Mädchen gehört hatte, faßte ihn eine namenlose Angst. Sie war eine stolze Natur, seine Etelka. Sie hatte sich ein Leid angetan. Der Fluß würde sie an seine Ufer schwemmen, oder man würde sie irgendwo in den Anlagen oder im Walde erschossen oder vergiftet auffinden. Furchtbar waren seine Gewissensbisse, erschreckend seine Lage, wenn er seinen nächsten Angehörigen gegenüber immer versichern mußte, daß er sich gar kein Bild davon machen könne, aus welchem Grunde Etelka noch in später Abendstunde das Haus verlassen habe, und wohin sie in aller Welt verschwunden sei. Denn weder mit seiner Frau noch mit seinen Kindern stand er so, daß er sich diesen rückhaltlos anvertraut hätte. Und endlich nach zehn langen Tagen kam für ihn die Erlösung, Er atmete auf. Von diesen furchtbaren Schmerzen, diesen verzehrenden Qualen und folternden Gewissensbissen war er wenigstens befreit. Etelka lebte. Er hatte sie nicht in den Tod getrieben. Mochte nun eintreten, was da wollte, mochte die Errichtung der Aktiengesellschaft zum Bau der Kleinbahn nicht zustande kommen, mochte ihn Kutzleben racheschnaubend des Betruges zeihen, mochten seine geschäftliche Ehre und sein Ansehen unter dieser schweren Anklage leiden, Etelka lebte, eine Nachricht aus London war von ihr eingetroffen, er, er hatte sie doch nicht in den Tod getrieben!! In diesem Gefühle atmete Seliger wieder auf, kam er wieder zu sich selber. Als er allein war und die Vermählungsanzeige in den Händen hielt, weinte er wie ein Kind. Dann machte er sich auf den Weg und gab, was er, seitdem er Leiter der Kommerzbank geworden, noch nie in seinem Leben getan hatte, eigenhändig eine lange Depesche an die Frau Gräfin Waidburg-Immenhausen im Westminster-Hotel in London auf: »Gott sei gelobt, mein Kind, daß wir endlich ein Lebenszeichen von Dir haben, und daß meine schlimmsten Befürchtungen nicht wahr geworden sind. Ich habe unrecht an Dir getan, Etelka, bitteres Unrecht, und die Tage, da ich nicht wußte, ob ich Dich noch zu den Lebenden zählen durfte, sind eine harte und gerechte Strafe für mich gewesen. Nun Du lebst und gesund und glücklich bist, ist alles wieder gut. Mögen die Verhältnisse sich entwickeln, wie sie wollen, und möge Deine Handlung für mich auch die schlimmsten Folgen nach sich ziehen, komm' zurück, mein Kind, in die Arme Deines Vaters, der um Dich in Todesängsten lebte und Dich nun um Verzeihung bittet.« Erst jetzt hatte er Ruhe. Zwei Tage später erhielt er aus London einen Brief Etelkas, nach dem er begierig faßte, wie der Verdurstende nach einem Trünke frischen Wassers greift. Die junge Gräfin schrieb: * »Lieber Vater! Dein liebes Telegramm hat Eberhard und mich maßlos beglückt. Verzeih' mir, aber nach dem, was zwischen uns vorgefallen, konnte ich nicht anders handeln. Daß Du das selbst einsiehst, lese ich zwischen den Zeilen Deiner Eberhard und mich hocherfreuenden Worte. Über alle Einzelheiten werden wir, wie ich hoffe, bald mündlich sprechen können. Wir verlassen morgen London, um auf einige Wochen auf der Insel Wight ganz unserem jungen Glücke zu leben, bis sich die Wogen des Erstaunens und der Entrüstung in meiner lieben Vaterstadt gelegt haben werden. Eberhard ist schon von hier aus um seinen Abschied als aktiver Offizier eingekommen. Deine dankbare und unendlich glückliche Tochter Etelka.« Die Zeilen dieses Briefes hatte er verschlungen, er hätte das mit der Grafenkrone der Waldburg-Immenhausen geschmückte Papier an seine Lippen führen und küssen können, so selig war er, daß seine Etelka noch lebte, daß sie sich kein Leid angetan hatte. Aber die gehobene Stimmung in Harry Seligers Innerem hatte nicht lange standgehalten. Wie ein Alp war es von seiner Seele gefallen, als er diese erste Nachricht von Etelka und dem Grafen aus England empfangen, als er wußte, daß sein Kind lebte, daß es sich infolge seiner Schuld kein Leid angetan. Nun lag die furchtbare Wirklichkeit wieder wie Zentnerlast auf seinem ganzen inneren Menschen. An der Börse mied man ihn. Die alten Geschäftsfreunde, Eduard von Giloty und Robert Müller an der Spitze, zogen sich von ihm zurück. In der Villa verkehrte nur noch »das Gesindel«, wie er die Gäste seiner Frau verächtlich zu nennen pflegte, der von ihm vergeblich hinausgeworfene Prinz Trachenstein und Konsorten. In der Bank saß er allein. Der große Betrieb, dem er vorstand, nahm zwar unverändert von Tag zu Tag seinen gewohnten Fortgang. »Ein Zug, der sich einmal im Fahren befindet, läßt sich so schnell nicht aufhalten,« pflegte Seliger zu sagen. Aber sehr selten kam jemand außer den Bediensteten, die irgendein geschäftlicher Anlaß hinaufführte, zu ihm in das Bureau. Hier hauste er die langen Stunden des Tages, oft bis tief in die Nacht hinein, ein einsamer und, wie er sich immer wieder sagte, ein alternder, fast gebrochener Mann. Des Abends zwischen neun und zehn Uhr trat er gewöhnlich den Heimweg in die Villa an und zog sich, von niemandem als von seinem Diener gesehen, in sein einsames Schlafzimmer zurück. Wenige Wochen nach dem Bekanntwerden von Etelkas Flucht hatte Doktor von Kutzleben seine Beziehungen zu der Kommerzbank endgültig gelöst. Seine Tätigkeit als Rechtsanwalt und Notar erlaubte ihm das, zumal da er vor kurzem auch zu Eduard von Giloty, dem Leiter der vereinigten Industriebanken, als juristischer Berater in lukrative Beziehungen getreten war. »Die Ratten verlassen das Schiff,« hatte Seliger mit einem trüben Lächeln gesagt, als ihm die Post den Scheidebrief Doktor von Kutzlebens übermittelt hatte. In diesen schweren Tagen und Wochen, da von dem Projekt der Kleinbahn auch nicht einmal mehr die Rede war, da die großen Pläne der Zukunft nur in Seligers Innerstem noch lebten und sich regten und selbst von diesem in furchtbarer Resignation zur Ruhe verwiesen wurden, war es nur ein einziger Mensch, der getreulich bei ihm standhielt: Klotilde Marbach, die seine Schreibmaschine bediente und die Korrespondenz des großen Bankdirektors zu erledigen hatte. Heiter und harmlos, mit ihrem silbernen Lachen erschien sie an jedem neuen Morgen bei dem verschlossenen und einsamen Manne und unterzog sich in dem kleinen Zimmer neben dem Privatbureau, in dem einst so große Pläne hin- und hererwogen worden, der von Tag zu Tag abnehmenden Arbeit, die von Seliger ins Stenogramm diktierten Briefe abzuschreiben und ihm diese dann zur Unterschrift vorzulegen. Wie oft ertappte er sich dabei, daß sein Auge den graziösen Bewegungen des hübschen, jungen Mädchens folgte, und daß er zu gleicher Zeit an seine unglückliche Ehe mit Hilde und an die furchtbaren Zustände in der Villa dachte, wo der Prinz, als sei er der Herr des Hauses, nach Hildes Willen ungeniert schaltete und waltete. Aber es war nicht mehr das alte, auf derber Sinnlichkeit sich aufbauende Interesse, das er Klotilde Marbach nach all den trüben Erfahrungen der letzten Wochen entgegenbrachte, wollte es ihn manchmal bedünken. Ein zwar zärtlicher, aber fast väterlicher Ton lag in seiner Stimme, wenn er der kleinen Marbach in mehr bittenden als befehlenden Worten einen Auftrag erteilte. War es ein Wunder? Er irrte sich nicht. Die Zeit verging wie im Fluge, und ein Jahr löste das andere gleichgültig ab. Ja, es war nichts anderes, als die bittere Wahrheit. So rüstig und so jugendkräftig er sich auch noch fühlte, an seinem letzten Geburtstage hatte er das sechsundfünfzigste Lebensjahr überschritten, und die Marbach war zwanzig. Gut und gern hätte er ihr Vater sein können, ja sogar schon ein recht ältlicher Vater. Er war sechsunddreißig Jahre älter als sie, war es da ein Wunder, wenn sich bisweilen ein väterlicher Ton in seine Stimme mischte, wenn er sie freundlicher, als das nötig war, manchmal wollte es ihm scheinen, zärtlich, anredete? Sollte er sich einen Vorwurf darüber machen, sollte er die Gefühle verdammen und, verbannen, die täglich und stündlich beim Anblick der kleinen Marbach emporstiegen in seinem einsamen Herzen, er, den seine eigene Frau mit einem halbgelähmten Prinzen in seinem eigenen Hause hinterging, er, der sein Lebtag kein keuscher Joseph gewesen, und der nun mit einem Male an der Schwelle des Alters die zarte Knospe einer späten Liebe zu einem jungen und reizenden Geschöpfe in seinem verlassenen Herzen emporkeimen sah? Warum war er so weich geworden, als er Etelkas Nachricht aus England empfangen? Nur aus diesem Grunde! Nur deshalb, weil in dem eigenen Herzen noch nicht alles verdorrt und verkümmert sein konnte, nur weil ihn die schönen und braunen Augen der kleinen Marbach an jedem neuen Morgen so rührend gefragt hatten: »Haben Sie denn immer noch keine Nachricht über den Verbleib Ihres Kindes, Herr Seliger?« Von der Kleinbahn war nicht mehr die Rede. Das große Projekt, von dem er einst gemeint hatte, daß es die Krönung seiner Lebensarbeit werden sollte, ruhte, und die unerschöpflichen Kalilager, die er in der Umgegend von Walportshausen angekauft hatte, ruhten auch. Was lag daran? Ob er ein paar Millionen mehr oder weniger hatte, ob Leo und Etelka und Edith das Geld dereinst mit noch volleren Händen zum Fenster hinauswerfen würden, das war doch schließlich gleich. Manchmal kam es ihm vor, als sei er gar nicht mehr er selber. Dem leidenschaftlichen Ausbruche seines Temperamentes und seiner unerschütterlichen Willenskraft, da er entschlossen gewesen, das Lebensglück seines Kindes um einen Börsencoup in die Wagschale zu werfen, war eine tiefe Apathie gefolgt. Wie ein Träumer und Nachtwandler, ein verliebter Narr noch obendrein, schlich er jetzt durch dieses an rauhen Kanten der harten Wirklichkeit so reiche Leben, er, Harry Seliger, der Begründer und Leiter der Kommerzbank, der große Unternehmer und Spekulant, der aus dem kleinen Bankier im Hause Adolf Langs der allmächtige Börsenkönig hatte werden wollen, und der es beinahe schon geworden war. Auch an diesem Nachmittage, es war etwa sechs Wochen nach Etelkas Flucht, saß er wieder einsam in seinem Bureau und blätterte in den Zeitungen, die, ein hoher Stoß, auf seinem Arbeitstische lagen. Und ganz plötzlich, während sein Auge über den Handelsteil der Blätter hinhuschte, über endlose Zahlen und Projekte, von denen man da sprach, erfaßte ihn ein seltsamer Gedanke, der noch niemals Platz in seinem vielbeschäftigten Gehirne gegriffen hatte. Es wollte ihn mit einem Schlage bedünken, als ob all das, was da stand, so furchtbar gleichgültig sei. Wie lange lebte der Mensch, sechzig Jahre, und wenn es hoch kam, siebenzig Jahre, dann zerfiel er in Staub und Asche, und was er in diesem Leben errungen, was er zusammengehamstert hatte, das war für ihn selber völlig gleichgültig. Die Eitelkeit des Lebens, von der schon der Prediger im Alten Testament so ergreifend gesprochen hatte, sie packte ihn heute. Was da in den Zeitungen stand, gleich, in fünfzig, sechzig Jahren, alles gleich, wenn er erst in der imposanten Familiengruft ruhte, und Leo und seine Töchter alles unter die Leute gebracht haben würden. Wozu also das alles? Er lächelte vor sich hin. Als sei er, Harry Seliger, für den es sein Leben lang nur Wechsel und Coupons, Diskont und Kapital und Zinsen gegeben hatte, mit einem Male ein Philosoph geworden! Ob die Kleinbahn fuhr oder ob sie nicht fuhr, ob das Kali in der Erde lagerte oder ob es ausgegraben wurde, für ihn im. Verlaufe von höchstens zwanzig kurzen Jahren völlig gleich! Und dafür hatte er Etelka, die erst einundzwanzig Jahre zählte, opfern wollen!! Er faltete das Blatt, in dem er gerade von der glänzenden Prosperität der amerikanischen Midland Railway, gelesen hatte, zusammen, da pochte man schüchtern an seine Tür. Wer konnte es sein? Es war schon sechs. Die Bank war geschlossen. Nur er, der kein Zuhause mehr hatte, saß noch allein hier und grübelte vor sich hin. Auf sein Herein erschien Klotilde Marbach. Seliger schrak heftig zusammen. Wie sah sie aus, das Kind, wie er sie zur Beruhigung seiner leidenschaftlichen Wünsche stets in seinem Inneren nannte. Dicke, rote, verweinte Augen, ein blasses, verzogenes Gesichtchen, und dann, sie, die sich stets in eine helle Bluse zu kleiden pflegte, ganz schwarz, eine Trauerkleidung, der man ansah, daß sie in aller Hast für die Minute zusammengestoppelt war. Das Fenster im Bureau stand offen. Man war zu Anfang des April, und der junge Frühling hatte in diesem Jahre mit einem fast sommerlichen, herrlichen Wetter eingesetzt. Die sinkende Sonne, die sich in den Scheiben des gegenüberliegenden Hauses spiegelte, ergoß ihren goldenen Schimmer über Klotildes so wundervoll schöne und jetzt so schmerzensreiche Gestalt. Einen Moment hingen Seligers Augen wie gebannt an diesem Anblick, dann fragte er endlich: »Aber um Gottes willen, Fräulein Marbach, was ist Ihnen denn, wie sehen Sie aus, was ist Ihnen passiert?« »Vater ist heute mittag plötzlich gestorben,« schluchzte sie nun mit brechender Stimme, »heute mittag um drei, gerade, als ich ins Geschäft gehen wollte, ich komme nur, mich zu entschuldigen, Herr Seliger, und nachzusehen, ob nicht etwas Wichtiges ...« Tränen unterbrachen ihre Rede. »So plötzlich?« fragte er rasch, »von einer Krankheit Ihres Herrn Vaters, wenigstens von einer ernstlichen, haben Sie mir doch nichts erzählt, Fräulein Marbach?« »Nein, er war auch heute morgen noch ganz gesund, ein Herzschlag, Herr Seliger, sagt der Arzt.« »Wie alt war denn Ihr Herr Vater?« fragte er nun teilnahmsvoll. »Er wäre im September sechzig geworden,« schluchzte sie. Da zuckte er leise zusammen. »So jung noch,« entfuhr es, ohne daß er es wollte, seinen Lippen. »Aber, so setzen Sie sich doch einen Moment, liebes Fräulein,« sagte er rasch. »Ich weiß ja, daß in solch einem Falle auch die aufrichtigsten Trostesworte des wahrsten Freundes ihre Wirkung verfehlen, aber glauben Sie mir, mein Kind, das ist der Schmerz der ersten Stunde, und Sie sind noch jung, Sie werden auch das überwinden, und wenn Ihr Herr Vater und ich selber längst zu Staub und Asche vermodert sein werden, dann werden sie noch leben und genießen, denn der Jugend gehören denn doch einmal die Zukunft und das Leben.« »O, Sie sind immer so lieb und gut zu mir gewesen, Herr Seliger. Das war auch meines armen Vaters letzter Trost. Immer, wenn er einmal davon sprach, daß er nicht ewig bei mir bleiben könne, daß er alt sei, und ich jung, dann haftete er sich an Sie, an meinen Chef, bei dem ich eine Stütze und einen Trost finden sollte. Und so bin ich denn auch in solchem Vertrauen zu Ihnen gekommen, Herr Seliger.« Es tat ihm wohl, daß heute, gerade in dieser Stunde, da ihn die Nichtigkeit des irdischen Besitzes mit voller Macht gepackt hatte, jemand, daß sie so zu ihm sprach. Und in einer Aufwallung seiner Gefühle sagte er: »Liebes Fräulein Marbach, Ihr Herr Vater soll sich in seinem Vertrauen nicht getäuscht haben. Denken Sie an mich, wenn Sie der Stütze und der Hilfe bedürfen sollten. Seien Sie versichert, daß ich Ihnen warme Freundschaft, daß ich Ihnen die Gefühle eines Vaters entgegenbringe!« Seine Stimme zitterte, und das Blut stieg ihm in die Schläfen, da er sich plötzlich bewußt wurde, welch furchtbare Lüge er soeben dem jungen Mädchen gegenüber ausgesprochen hatte. Aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb reichte er ihr die Hand und hielt ihre kleine zitternde Rechte in der seinen. Und sie, hingerissen von ihrem namenlosen Schmerze, ganz aufgelöst in Gram und Trauer, duldete die fast zärtliche Berührung dieses Mannes, der ihr soeben seinen väterlichen Schutz versprochen hatte, und der ihr in langen Tagen und Monaten gemeinsamer Arbeit auch in der Tat ein Vater gewesen war. Er hatte seinen Sessel dicht an den Stuhl gerückt, auf dem Klotilde Platz genommen hatte, und als ob er seine leidenschaftlichen und immer ungestümer sich regenden Wünsche nach dem schönen jungen Mädchen dadurch bannen und beruhigen könne, redete er, die kleine, liebe Hand streichelnd, leise in Klotilde hinein: »Gewiß, Ihr Schmerz ist groß, liebes Fräulein Klotilde, aber welcher von uns Menschen ist gefeit gegen solchen Schmerz? Wenn wir das Liebste, was wir auf der Welt haben, hergeben und begraben müssen, dann ist das bitter, unsäglich bitter, aber es ist Menschenlos. Doch ungeliebt durch dieses arme Leben zu wandeln, vielleicht betrogen, gehaßt und verlästert von denen, die einem alles verdanken, die einem darum am nächsten stehen sollten –« seine Stimme zitterte, er zuckte zusammen, – »glauben Sie mir, Fräulein Klotilde, das ist noch bitterer! 1« Ein fragender Blick aus ihren schönen braunen Augen traf ihn, ein Blick, der sein stürmisches Blut aufs neue in Wallung versetzte. Noch immer ruhte ihre Hand in der seinen, die sie ihm nicht zu entziehen wagte. Und nun suchte seine zitternde Linke ihr tief braunes, seidenweiches Haar, das unter dem kleinen schwarzen Krepphütchen, das sie sich an diesem Nachmittage in aller Eile zusammengesteckt hatte, widerspenstig hervorquoll. Er streichelte dieses Haar und berührte ihren blendend weißen Nacken. Schauer der Seligkeit, wie sie ihm seit Jahren nicht zuteil geworden, rannen wohlig und aufstachelnd durch sein heißes Blut. Auf ihrem schlanken Rücken ruhte seine Hand, und die Worte des Trostes, die er immer noch zu spenden versuchte, gewannen mit einem Male, einen Ton, vor dem er selber im Innersten seines Wesens erschrak. »So weit ist es mit dir, Seliger, so weit,« rief ihm die mahnende Stimme seines Gewissens, aber vergeblich, zu. »Wenn Sie einen Freund brauchen, Fräulein Klotilde, wenn Sie nicht wissen sollten, an wen Sie sich in Ihrem Schmerze und in Ihrer Einsamkeit zu halten haben, dann erinnern Sie sich meiner. Ich will Ihnen ein Freund, ein Berater, ein neuer Vater sein, glauben Sie! O, ich weiß, was Einsamkeit und Verlassenheit bedeuten, armes Kind. Einsam und verlassen bin auch ich in langen Jahren meines Lebens gewesen, einsam und verlassen, wie Sie es jetzt sind. Was können das Geld und die Macht und der Reichtum, wenn die Seele sich einsam fühlt, allein, ohne den anderen, der ihr erst Freude und Lebensmöglichkeit zu leihen imstande ist!« Erschrocken, die Augen groß und klar zu ihm aufhebend, sah sie ihn an. Wie der Mann da sprach, wie seine fahlen Wangen plötzlich zu glühen begannen, wie Farbe und Leben in sein sonst so blasses, fast marmorkaltes Gesicht stiegen. Und wie heiser seine Stimme klang, wie rasch, fast krampfhaft er diese Worte hervorsprudelte. Was war das? Ihr wurde angst. »Ich weiß ja, daß Sie mir der beste, der edelste Freund und Wohltäter sein werden, Herr Seliger,« stammelte sie in namenloser Verwirrung und griff nach dem Schirm, den sie neben sich an den Stuhl gelehnt hatte. Und er in dem tollen Wahne, daß sie ihm jetzt entfliehen und für immer entweichen müßte, völlig beherrscht von dem einen, einzigen, unabweisbaren Wunsche, sie endlich in seine Arme zu schließen, riß sie an sich und bedeckte ihr fieberndes Gesichtchen mit glühenden Küssen. »Um Himmels willen, was habe ich getan, lassen Sie mich los, Herr Seliger, haben Sie Erbarmen mit mir, lassen Sie mich los,« schrie das junge Mädchen. Aber er, fest entschlossen, die nun endlich errungene Beute nicht wieder fahren zu lassen, hielt sie mit Riesenkräften und zog sie zu sich nieder auf das in dem Bureauraume stehende Sofa, wo ein wildes Ringen zwischen dem alternden Manne und dem jungen Mädchen begann. Da gab sie endlich nach. Auch ihr Blut war in seiner rücksichtslosen Umarmung in Wallung geraten. Sie ahnte, sie wußte seit Wochen, daß er sie mit seinen Blicken verzehrte, daß er sie liebte, und sie kannte seinen Reichtum und seine unbegrenzte Macht. »Klotilde, Klotilde,« stammelte er, »ich will dir ein Freund sein, ich will dich auf Händen tragen, jeden Wunsch will ich dir erfüllen. Ich kann die Einsamkeit meines Lebens nicht mehr ertragen, ich bete dich an, Klotilde, sei mein, sei mein!!« Da fühlte er, wie sich ihr Arm fest um seinen Hals schlang, wie sich die gewaltige Anspannung ihrer Nerven und Sinne in einem heißen Tränenstrome löste, und die leise gehauchten Worte: »So mach' mit mir, was du willst,« trafen sein Ohr. Mit einem Jubelschrei sprang er auf. Er lag ihr zu Füßen. »Klotilde, Klotilde,« stammelte er wieder, »du, du wolltest mir die Kraft deiner Jugend schenken, Klotilde?!« Dann schloß er sie wortlos in seine Arme, und sie erwiderte seinen Kuß. Als sie von ihm ging, wußte er, daß sie zu ihm zurückkehren und ihn nie wieder verlassen werde. In fast heiterer Stimmung trat er kurz nach sieben Uhr den Heimweg in die Villa an. Moralische Bedenken altmodischer Natur, wie er sich gerne auszudrücken pflegte, kannte er nicht. Es war gut, daß es endlich so gekommen war, sehr gut, und vor allem, daß es so rasch und so unerwartet gekommen war. Er hätte es auf die Dauer doch nicht länger ertragen, die unglückseligen Verhältnisse in seinem Hause, die nun schon Jahre unverändert währten, und den von Tag zu Tag leidenschaftlicher werdenden Wunsch nach dem Besitze Klotildes, auf die er schon am ersten Tage, da sie ihre Stellung in der Kommerzbank angetreten, ein Auge geworfen hatte. Ja, mit ihr, an ihrer Seite, in ihren Armen würde er, der Sechsundfünfzigjährige, noch einmal jung werden. Es war schon dunkel, und die Gaslaternen brannten, als er durch die abendlich belebten Straßen der Stadt dem vornehmen Villenviertel zuschritt. Aber es war ein Genuß heute im Freien. Fast sommerlich warm ließ sich diese Frühlingsnacht an. Als er die Anlagen erreicht hatte, verlangsamte er seine Schritte. Wie balsamisch das schon duftete, die Hyazinthen, die der städtische Gärtner in diesen Tagen auf die großen Beete gepflanzt hatte. Früher, als in anderen Jahren begannen die Roßkastanien ihre blendendweißen und hellroten Kerzen zu entfalten, junger Frühling und junges Leben allüberall, wohin man sah. »Junge Liebe,« sagte Seliger fast schwärmerisch vor sich hin. Er hätte es nie gedacht, daß noch so viel in seinem Herzen schlummere, daß so viel in seiner Seele begraben lag, und nun mit einem Male nach dem hellen Sonnenlichte dieses neuen Lenzes rang. Eine Melodie, die ihm gerade einfiel, pfiff er leise vor sich hin, übermütig wie ein Gassenjunge, während er sich in Gedanken sein junges Glück in allen Einzelheiten verführerisch ausmalte. Mochte Hilde in der Villa hausen und den Prinzen empfangen, so oft ihr beliebte, ihn würde das nicht mehr genieren. Irgendwo in einem verborgenen Winkel der großen Stadt würde er schon für sein Geld ein stilles Plätzchen finden, ein von einem grünen Gärtchen umrahmtes kleines Häuschen, wo die Blumen blühen und duften mußten, wie hier, dorthin würde er seine Klotilde bringen, dort würde er sein verstohlenes Glück vor den neidischen Augen der Welt verbergen, und in diesen Hafen des Friedens würde er sich flüchten, hinaus aus einem offiziellen Heim, das ihm nachgerade zur Hölle geworden war. Wenn er sich so alles genau überlegte, es hatte eigentlich so kommen müssen, wie es gekommen war. Er grollte Hilde nicht. Wer hatte ihn denn damals dazu gezwungen, einer Tänzerin von einem kleinen Hoftheater die Hand zum ehelichen Bunde zu reichen? Niemand, kein Mensch auf der weiten Welt. Es waren also sein eigenster Wille und seine eigenste Torheit gewesen. Daß sie die Pflichten der Ehe nicht sehr schwer nehmen würde, hätte er sich als welterfahrener Mann denken können. Und dann, er selber. Ein treuer Ehegatte war er in besseren Jahren auch nicht gewesen. So war es gekommen, von Tag zu Tag mehr und selbstverständlicher, daß, nachdem die Kinder einmal geboren waren, ein jedes seine eigenen Wege ging, ohne daß eines das Recht gehabt hätte, dem anderen einen ernstlichen Vorwurf aus seinem Lebenswandel zu machen. Was hatte er nicht alles auf dem Kerbholz! Im Vergleich mit seinem langjährigen Sündenregister war die Rückkehr Frau Hildes in die Arme ihres Prinzen Trachenstein eine harmlose Sache. Sie hatte doch auch ein Herz, und er hatte sie daran gewöhnt, daß er sich niemals um sie kümmerte, damals schon, als er noch jung und unternehmungslustig gewesen, und als er in den fashionabeln Bädern Belgiens und Deutschlands und im Winter an der Riviera mit seinen Maitressen ein regelmäßig wiederkehrender Gast geworden war. Jetzt würde alles anders, noch einmal an der Schwelle des Alters würde er mit Klotilde wieder jung, würde, mußte alles gut werden. Er bog in die elegante Straße ein, in der die vornehme Villa Seliger inmitten des im Frühlingsglanze träumenden, herrlichen Parkes lag. Vor dem großen Gittertore hielt eine Droschke. Er beachtete sie kaum. »Trachenstein wird eben wieder bei meiner Frau sein,« dachte er, über sich und sein eheliches Leben lächelnd, einen Augenblick. Als er den Korridor betrat, meldete ihm der Diener, der ihn erwartet zu haben schien: »Im blauen Salon, Herr Seliger, warten zwei Herren schon seit einer halben Stunde. Sie sagten, den Herrn unbedingt persönlich sprechen zu müssen und haben sich nicht abweisen lassen.« Seliger sah nach der Uhr. »Halb acht, so spät,« meinte er kopfschüttelnd. Dann legte er Hut und Mantel ab und trat in den Salon. Der Diener hatte schon vor einer Viertelstunde die Gaskrone angezündet. Ihr helles Licht fiel, als Seliger den Raum betrat, auf zwei einfach in Schwarz gekleidete Herren, die leise, aber eifrig miteinander sprechend in der Fensternische des Zimmers standen und den eintretenden Hausherrn fürs erste nicht zu bemerken schienen. »Wer war das? Was wollten die, jetzt in vorgerückter Abendstunde?« fuhr es Seliger durch den Kopf. Ein unangenehmes Gefühl bemächtigte sich seiner, als ob von diesem Besuche nichts Gutes zu erwarten sei. Da drehte sich der eine der beiden um, so daß das volle Licht der Gaskrone auf seine Züge fiel. »Das richtige Schutzmannsgesicht,« müßte Seliger in diesem Augenblicke denken, und er konnte sich nicht helfen, ein jäher Schreck durchzuckte ihn. Aber er faßte sich rasch. »Was verschafft mir die Ehre, meine Herren?« fragte er. Nun konnte er auch dem andern ins Gesicht sehen, ein stämmiger, untersetzter Kerl, dem man den altgedienten Unteroffizier auf den ersten Blick ansah. »Sie sind Herr Harry Seliger, Leiter der Kommerzbank?« fragte jetzt der mit dem Schutzmannsgesicht. »Der bin, ich. Ich habe Sie soeben gefragt, was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft?« »Wir kommen im Auftrage der königlichen Staatsanwaltschaft, Herr Seliger, wir haben den Befehl, Sie zu verhaften!« Seliger wankte. Er war leichenblaß geworden. Der Mann mit dem Schutzmannsgesicht entfaltete ein Aktenstück, das er aus der Brusttasche gezogen hatte. Der amtliche Verhaftungsbefehl, wie Seliger auf den ersten Blick sah. »Darf ich Sie fragen, meine Herren, in welcher Angelegenheit der Herr Staatsanwalt –« »Wir haben keinerlei Erklärungen abzugeben,« lautete die gemessene Antwort, »nur den Befehl, Sie dem Herrn Untersuchungsrichter vorzuführen. Wir haben den Wagen unten warten lassen, Herr Seliger, und ich war der Meinung, daß die Sache am Abend weniger peinliches Aufsehen erregen würde.« Seliger hatte eine ironische Bemerkung auf den Lippen, einen Dank für diese an der Kriminalbehörde gewiß selten beobachtete zarte Rücksichtnahme. Aber er fürchtete, durch eine solch überflüssige Bemerkung die ausgesuchte Höflichkeit der Beamten in ihr Gegenteil zu verkehren, und so sagte er: »Ich komme eben von der Bank zurück. Sie gestatten wohl, meine Herren, daß ich erst einen kleinen Imbiß einnehme. Ich stehe dann sofort zu Ihrer Verfügung.« Er ließ sich in dem nebenanliegenden Speisezimmer Tee und eine kalte Platte von dem herbeigeklingelten Diener servieren und wunderte sich, mit welch gesundem Appetit er, seit wie lange nicht, diese Mahlzeit verzehrte, obwohl der eine der beiden Beamten es für nötig hielt, in der Tür des Speisezimmers Posto zu fassen und ihn zu beobachten. Nur ein Gedanke beherrschte während des Essens seinen Kopf. Was war vorgefallen, was konnte es sein, was hatte er sich zuschulden kommen lassen, woraus der Staatsanwalt das Recht herleitete, gegen ihn vorzugehen und ihn in seiner Wohnung festzunehmen? Und plötzlich kam es wie eine Erleuchtung über ihn. »Kutzleben, Kutzleben!« Der Name wirkte in seinem Inneren wie ein alles erhellender Blitzstrahl. Kein Zweifel war möglich, aus dem Passus seiner Briefe und Zirkulare, in dem es hieß, daß die Konzession für den Bau der Kleinbahn erteilt sei, hatte man ihm einen Fallstrick gedreht. Kutzleben gegenüber war ihm das unvorsichtige Geständnis entfahren, daß er den endgültigen Bescheid über die Erteilung der Konzession mit dessen Unterstützung erwarte, und aus Rache für dessen fehlgeschlagene Hoffnung auf eine einträgliche Verbindung mit Etelka hatte er ihn der Staatsanwaltschaft wegen Betruges denunziert. In diesem Gedanken atmete Seliger auf. Klipp und klar würde er vor Gericht beweisen, daß ihm nichts ferner gelegen habe, als die Absicht eines Betruges, daß er damals der festen Ansicht gewesen sei, die Erteilung der Konzession sei nur eine Frage der Zeit, und daß in einer voreiligen Redaktion der Zirkulare und Briefe die von der Staatsanwaltschaft zum Grunde der Anklage gemachte Stelle stehengeblieben sei. Der in der Tür postierte Beamte schien ungeduldig zu werden und sah nach der Uhr. Seliger erhob sich. »Wir können gehen, meine Herren,« sagte er, »ich bin bereit,« in dem Tone und der Haltung des Mannes von Welt, der sich auch in solcher Lage den untergeordneten Organen der Polizeigewalt gegenüber als der Überlegene fühlt. Im Dienstraum des Untersuchungsgefängnisses mußte Seliger lange warten. Er bat den diensttuenden Beamten, ihm die Erlaubnis zum Schreiben eines Briefes zu erteilen, was dieser auch bereitwillig gestattete. An wen sollte er schreiben? Hilde würde sich schwerlich ängstigen, und in der Villa ging die Kunde von seiner Verhaftung wohl schon von Mund zu Mund. Aber Klotilde!! Zum ersten Male seit langen Jahren wieder traten ihm Tränen in die Augen, als er nun schrieb: »Inniggeliebte! Ich hätte nicht gedacht, daß ich am ersten Tage meines unfaßbaren Glückes diese Zeilen an Dich, liebe Seele, die mir neue Kraft und neue Jugend schenkt, richten müßte. Aber die Schicksale der Menschen wandeln manchmal einen wunderbaren Weg. Infolge eines Verdachtes und, wie ich mit Sicherheit annehmen kann, einer Denunziation von seiten eines früher an der Kommerzbank Angestellten, hat man mich heute abend in meiner Wohnung verhaftet. Ängstige Dich nicht, süßes Herz, und schlafe gut, wenn Dich der Schmerz um den Tod Deines Vaters schlafen läßt. Es muß sich bald alles aufklären, und ich kehre in Deine Arme zurück. Angesichts der Tatsache, daß Du in diesen Tagen materieller Hilfe wohl am schwersten entbehren kannst, füge ich diesem Briefe einen Scheck über dreitausend Mark bei, die Du an der Kasse der Kommerzbank erheben kannst. Mit tausend Küssen Dein namenlos glücklicher Harry.« Er zog das Scheckbuch aus der Tasche und stellte das Formular aus. Dann verschloß er Brief und Scheck in ein Kuvert und bat einen Schutzmann, die Sendung einem Dienstmann zur sofortigen Besorgung zu übergeben. So war er wenigstens über Klotildes nächste Zukunft beruhigt. Aus dem Nebenzimmer trat ein Beamter mit der Meldung, daß der Herr Untersuchungsrichter das Verhör auf den nächsten Morgen vertagen werde. Seligers ruhige Stimmung geriet ins Wanken. Er hatte sofort den Antrag stellen wollen, ihn gegen Hinterlegung einer Kaution in beliebiger Höhe auf freiem Fuße zu belassen, nun mußte er wohl oder übel die erste Nacht in seinem Leben im Gefängnis verbringen. Man wies ihm eine Einzelzelle an. Die Beamten befleißigten sich alle eines zuvorkommenden und höflichen Wesens. Über die Behandlung, die er im Gefängnis erfuhr, konnte er nicht klagen. Im Vollgefühle seiner Unschuld und in der sicheren Hoffnung, daß man ihn nach dem ersten Verhör auf freien Fuß setzen werde, und daß dann die ganze Sache gerichtlich rasch aufgeklärt werden würde, verbrachte er eine leidliche Nacht. Freilich das Verhör am folgenden Morgen entmutigte ihn nicht wenig. Der Untersuchungsrichter, ein im Dienst ergrauter und verschlossener Beamter, der seine einzige Aufgabe in der raschen Überführung des Angeklagten sah, ging auf Seligers liebenswürdigen Ton nicht ein. Er behandelte den ganzen Fall streng sachlich und hielt sich an die Akten, die ihm von der Staatsanwaltschaft zugegangen waren. Auf die Frage des Angeklagten, ob er nicht gegen Stellung einer Kaution in beliebiger Höhe in Freiheit gesetzt werden könne, gab er die Antwort, Seliger müsse einen darauf hinzielenden Antrag bei dem Staatsanwalt einreichen und diesen Antrag begründen. Als der Untersuchungsrichter ihm am Schlüsse des Verhörs auf seine Frage mitteilte, daß Oberstaatsanwalt von Holtenhausen die Anklage vertrete, ward er einen Moment ganz mutlos. Er erinnerte sich, daß Kutzleben des öfteren von Holtenhausen und dessen Familie gesprochen hatte, mit der er sehr befreundet war. Am Nachmittage desselben Tages empfing Seliger den Besuch seines Rechtsbeistandes. Dieser scherzte über das Mißgeschick, das dem großen Bankdirektor widerfahren. Er rechnete mit aller Bestimmtheit auf einen Freispruch und versprach Seliger, bei der Staatsanwaltschaft sofort die nötigen Schritte wegen seiner Freilassung gegen eine Kaution zu tun. Wider alles Erwarten wurde das Gesuch des Angeklagten um Freilassung abschlägig beschieden. Der Fluchtverdacht sei bei den Vermögensverhältnissen Seligers auch gegen eine Hinterlegung von mehreren hunderttausend Mark nicht ausgeschlossen, hieß es in der Antwort. Er mußte sich in das Unvermeidliche fügen, ausharren im Gefängnis, bis der Tag der Hauptverhandlung vor der Strafkammer herangekommen war. Obwohl er alle zulässigen Vergünstigungen genoß, obwohl er sich selbst verköstigte und seine eigenen Zigarren rauchte, das untätige und einförmige Leben im Untersuchungsgefängnis, der Mangel an Bewegung und frischer Luft, die Sorge um den ungewissen Ausgang des Prozesses, das alles fiel schwer auf seine schon überreizten Nerven, und als nach langen drei Wochen der Tag der Verhandlung endlich herangekommen war, sah sich Seliger kaum mehr ähnlich. Es war ein alter, schwacher Mann, der dort auf der Anklagebank, von dem Gerichtsdiener geleitet, Platz nahm. Man hatte eine große Anzahl von Zeugen geladen, die über das Vorleben und die geschäftliche Zuverlässigkeit des Angeklagten aussagen sollten. Ein Schauer lief durch Seligers Körper, als er die Zeugenbank musterte. Wer saß nicht alles da: Robert Müller und Eduard von Giloty, Hahn, und alle die anderen, die einst an der Sitzung zur Konstituierung der Kleinbahnaktiengesellschaft teilgenommen hatten, und dort, dort saß auch Doktor von Kutzleben, mit den kalten, blauen Augen und dem nichtssagenden, gleichgültigen Gesicht, ein widerliches Lächeln um die fest aufeinandergekniffenen Lippen. Die Röte der Wut stieg Seliger in die Wangen, als er diesen Menschen sah. Kutzleben, der ihn zweifellos denunziert hatte, und der nun auch noch als Zeuge in seiner Sache vernommen werden sollte!! Und dann dort hinten. Voller Menschen war der enge Raum des Sitzungssaales. Viele Bekannte bemerkte er darunter, alle, die an der Börse etwas zu sagen hatten, die sich den sensationellen Anblick nicht entgehen ließen, Seliger, den großen Seliger, dem kein Problem zu schwierig, dem kein Hindernis unübersteiglich gewesen, auf der Anklagebank vor dem Richter zu sehen. Wieder lief ein Zittern durch seinen Körper, und wieder haftete sein Auge auf diesem kalten, diesem aalglatten Kutzleben, der sich eben seine braunen Handschuhe in aller Seelenruhe zuknöpfte. Und ein Gedanke stieg plötzlich auf in seinem Innern, ein Gedanke der Rache, der ihn nimmer lassen wollte. Wie, wenn er diesen Menschen hier an der Stätte des Gerichtes preisgab, wenn er mit Hintenansetzung seiner eigenen Interessen, ohne Schonung seiner eigenen Persönlichkeit diesen Kutzleben der allgemeinen Verachtung auslieferte?! Immer fester bohrte sich dieser Gedanke in sein Gehirn, immer leidenschaftlicher, mit einer wahren Wollust faßte er den Entschluß, angesichts aller dieser Menschen diesem Kutzleben die Anklage der Erpressung und der Mitgiftjägerei entgegenzuschleudern. Die Verhandlung nahm ihren Anfang. Die Aussage des Angeklagten war klipp und klar ohne Hinterhalt. Auf die Anklage der Vorspiegelung falscher Tatsachen und des versuchten Betruges, die der Staatsanwalt gegen ihn erhoben, habe er zu erwidern: Er gebe zu, daß der Passus über die erteilte Konzession in seinen Prospekten und Briefen stehengeblieben sei, aber er bestreite seinerseits jede betrügerische Absicht. Die Zirkulare und Briefe seien in einem Momente abgefaßt worden, da absolut kein Grund vorgelegen habe, an der Erteilung der Konzession von Seiten Seiner Hoheit des Fürsten von Walportshausen zu zweifeln. Er habe in gutem Glauben gehandelt, daß die Konzession erteilt werde, zumal er den Bruder Seiner Hoheit, den Prinzen Egon Trachenstein, nach Cannes geschickt habe, um die Unterschrift von Seiten des regierenden Fürsten zu erlangen. Prinz Egon Trachenstein, der nach dem Angeklagten als erster Zeuge vernommen wurde, drückte sich sehr gewunden aus. Die Sache war ihm verflucht unangenehm, ein Affront, wie er noch gestern zu Frau Hilde gesagt hatte. Er gab aber zu, von Herrn Seliger mit dem Auftrage, seinen fürstlichen Bruder um die Konzession zu ersuchen, nach Cannes geschickt worden zu sein; sein Bruder sei aber in der Zwischenzeit schon nach Paris gefahren, und er habe sich infolgedessen seines Auftrages nicht entledigen können. Die folgenden Zeugen, Eduard von Giloty und Robert Müller an der Spitze, sagten alle sehr günstig über Seliger aus. Sie waren einmütig der Ansicht, daß sie dem Angeklagten nach seinem ganzen Vorleben und seiner Geschäftspraktik einen Betrug nicht zutrauen könnten, und Eduard von Giloty ging sogar so weit, zu versichern, daß er in der falschen Angabe von der Erteilung der Konzession, einen Betrug im Sinne des Gesetzes nicht erblicken könne, da die Erlangung eines eigenen Vorteils durch das Zustandekommen des Bahnbaues Seliger ja noch gar nicht nachgewiesen sei. Als einziger Belastungszeuge und als letzter wurde Doktor von Kutzleben vernommen. Feierlich versicherte er unter seinem Eide, daß Seliger ihm bei einer Unterredung unter vier Augen selber gesagt habe, daß die in den Briefen und Zirkularen angekündigte Konzession tatsächlich nicht erteilt sei, daß er sich also den Interessenten gegenüber nach seinem eigenen Geständnisse der Vorspiegelung falscher Tatsachen und des Betruges schuldig gemacht habe. »Und wissen Sie noch, bei welcher Gelegenheit, Herr Doktor, ich Ihnen dieses Geständnis machte, das Sie jetzt aus Rache gegen mich ausspielen wollen,« schrie da Seliger und sprang von der Anklagebank auf. »Wissen Sie das noch?« Kutzleben erbleichte. Daß sich Seliger hier selber preisgeben würde, daran hatte er nicht gedacht. »Als Sie mir sagten, Herr Doktor, daß die Hand meiner Etelka der einzige Kaufpreis sei, um den Sie mir die Konzession durch Ihren Herrn Vater, den Ministerpräsidenten von Walportshausen, verschaffen wollten, wissen Sie das nicht mehr, Herr Doktor? Ja, meine Herren, so weit bin ich gegangen in meiner Verblendung, diesem Menschen wollte ich die Hand meines Kindes anvertrauen, weil er mir um diesen Preis die Konzession der Bahn versprach!« Kutzleben wankte, er brachte kein Wort mehr über die Lippen, auf seinen fahlen Zügen lasen alle das Geständnis seiner Schuld. Nach dem Vorgefallenen faßten sich Staatsanwalt und Verteidiger kurz. Eine Viertelstunde nach den Plaidoyers verkündigte der Vorsitzende das Urteil. Es lautete auf Freisprechung des Angeklagten, da der Gerichtshof nicht zu der Überzeugung gelangt sei, daß er in betrügerischer Absicht gehandelt habe. Als Seliger das Gerichtsgebäude verließ, traf er auf der Straße Klotilde, die keinen Einlaß mehr in den Saal bekommen hatte und die hier seit dem Beginne der Verhandlung seiner wartete. Unbekümmert um die Menschen, die ihn hier hätten überraschen können, schloß er das junge Mädchen in seine Arme. »Dank, Dank, Klotilde,« stammelte er, »die Zeit der Prüfung ist um, laß mich an deiner Seite und mit deiner Jugend ein neues Leben beginnen!« IX. An der Börse zirkulierte der faule Witz: Wer ist selig, und wer ist seliger? Und die Antwort auf diese wohlfeile Scherzfrage lautete: Die kleine Klotilde Marbach und der Direktor der Kommerzbank. Seliger hatte seine Pläne rasch verwirklicht. Im fernen und von der vornehmen jüdischen Gesellschaft fast nie besuchten Osten der Stadt, dort, wo sich eine schöne, aber einsame Hügelstraße nach einem ganz und gar nicht fashionablen Vorort erstreckte, hatte er sich für den Sommer ein kleines Gartenhäuschen gemietet, in dem er zusammen mit dem jungen Mädchen hauste. Es war ein Idyll. Die Glyzinen, die eben zu blühen begannen, rankten sich bis unter das Holzdach des im Schweizerstile errichteten Chalet, und in dem Efeu, der die Hinterseite des kleinen Nestes emporkletterte, bauten die Rotschwänzchen und die Kohlmeisen, daß es eine reine Freude war. Schon eine Woche nach der mit seinem Freispruch, endigenden Gerichtsverhandlung hatte Seliger mit Hilfe eines Sensals die kleine Besitzung, an der niemand mehr ein rechtes Interesse hatte – sie gehörte einer im Ausland wohnenden Witwe – ausfindig gemacht und sie für billiges Geld zu seinem Zwecke gemietet. Mollig, ja vornehm hatte er sie einrichten lassen, und Klotilde kam sich vor, wie eine verwunschene Prinzessin, wenn sie in seidener Matinée durch die behaglichen Räume rauschte, deren Nutznießung sie der Freigebigkeit ihres alternden Geliebten zu danken hatte. Eine Köchin, ein Hausmädchen und ein Diener, der zugleich als Kutscher zu fungieren hatte, bildeten das Personal des kleinen Hauses, dem der immer für das Internationale schwärmende große Börsianer den Namen »Mon rêve« gab. Das Apfelschimmelpaar, das in dem kleinen zu dem Häuschen gehörenden Stalle stand, hatte gute Tage. Denn nur selten fuhr Seliger in diesen herrlichen Frühlingswochen hinein in die Stadt, alle Tage einmal des Morgens nach der Kommerzbank, um dort nach dem Rechten zu sehen und seinen Austritt als Vorstand sowie die Zurückziehung der ihm gehörenden Millionen langsam vorzubereiten. An der Börse erschien er nicht mehr. Er hatte keine Lust, dort die neuesten Börsenwitze zu hören, die sich einmal mit ihm und seiner Klotilde befaßt hatten. Des Nachmittags ging es dann hinaus in den Wald. Ein kleiner Tannenschlag, in dessen Schatten es sich herrlich lustwandeln, und auf dessen weichem Nadelteppich es sich trefflich lagern und die Zeit verträumen ließ! Der ruhelose Mann, der ein Leben lang geglaubt hatte, daß er ohne den nervenaufreibenden Kitzel des steigenden und fallenden Spieles der Börsenwerte nicht existieren könne, schien ein verliebter Narr und Träumer geworden zu sein, der die zarte Hand seines Mädchens in der seinen dem Locken der Vögel lauschte und dem Zuge der weißen Wölkchen am blauen Firmamente nachsah. In der Villa, im Kreise seiner Familie vermißte man ihn nicht. Graf und Gräfin Waldburg-Immenhausen weilten schon seit einem Monat auf ihrem Gute Erlwitz, im Posenschen, das nach der Meinung des Grafen zunächst die Anwesenheit und das tatkräftige Zugreifen seines Besitzers nötig hatte. Der Abschied vom Militär war dem Grafen auf sein Gesuch hin in Gnaden bewilligt worden, und von dem ihm verliehenen Rechte zum Tragen der Uniform durfte er wie so viele an jedem patriotischen Ehrentage Gebrauch machen. Vor einigen Wochen war Leo, dem es in der Stadt zu langweilig geworden, nach Berlin übergesiedelt. So waren nur Frau Hilde und Edith in der Villa zurückgeblieben. Und droben im obersten Stockwerk vegetierte Frau Rosenbusch, der man aus dem jüdischen Krankenhause eine neue Pflegerin geschickt hatte, weil Schwester Rosine nicht länger entbehrt werden konnte, und deren Gesundheit zur Pflege der Schwerkranken im Spital durch den langen Aufenthalt in der Villa Seliger wieder genügend gekräftigt war. Frau Rosenbusch hatte diesen Wechsel in ihrer persönlichen Bedienung nicht mehr empfunden. Seit vier Monaten sprach sie überhaupt nicht mehr. Nur das Leuchten der großen, einst so schönen Augen und die Tatsache, daß sie noch Bouillon und schwere Weine, weiche Eier und Milchreis als Nahrung zu sich nahm, verbürgten, daß das Leben immer noch nicht aus dem widerstandskräftigen Körper der zähen, zweiundneunzigjährigen Jüdin gewichen sei. Wenn sich einer über Seligers Liebschaft mit Klotilde Marbach freute, dann war das Seine Hoheit Prinz Egon von Trachenstein. Zwar vor den Leuten und besonders Hilde gegenüber nannte er die Tatsache, daß der sechsundfünfzigjährige Mann mit dem zwanzigjährigen jungen Mädchen, auch noch einer Schreibmaschinenmamsell, wie er verächtlich sagte, zusammen in einem Gartenhäuschen lebte, einen unerhörten Affront. Aber die reichlichen pekuniären Mittel, die ihm Frau Hilde jetzt ungeniert zuwandte, das behagliche Leben in der vornehmen Villa, wo er täglich ein- und ausging, und das gute Essen hatten auf die Stimmung und das Aussehen das Prinzen ihre günstige Wirkung nicht verfehlt. Sichtlich begann er sich zu erholen. Seine Wangen waren nicht mehr so eingefallen, der Spindeldürre begann unter der guten Pflege noch einmal Fett anzusetzen, sogar sein Leiden hatte sich gebessert, die Unterlippe hing nicht mehr so tief herab wie früher, und er konnte ein Glas Sekt zum Munde führen, ohne mit der Hand zu zittern und die Hälfte des Inhalts auf Frau Hildes blütenweißes Damasttuch zu gießen. Das behagliche Zusammensein mit dem Geliebten ihrer Jugend ließ auch Frau Hilde wieder aufleben, die Entfernung Seligers aus dem Hause gab ihr neue Kraft. Sie fühlte sich nicht mehr ganz so einsam und verlassen, so vernachlässigt, so von Gott und der Welt beiseite geschoben wie früher. Ein Teil ihrer Lebenslust kehrte zurück, zumal da der schlaue Hausarzt auf einen neuen Trick verfallen war. Im Interesse ihrer körperlichen Schönheit hatte er ihr dringend zu einer Entfettungskur geraten, und es war ihm in der Tat gelungen, die bequeme und verwöhnte Dame, die für den günstigen Eindruck, den sie auf Trachenstein zu machen glaubte, fürchten mochte, zu veranlassen, etwas weniger Zucker und Mehl zu genießen und sich reichlichere Bewegung zu gönnen. Daß man sich dermaßen intensiv um ihr körperliches Wohlergehen kümmerte, regte ihre Lebensgeister aufs neue an. Massage und Gymnastik, Kneipp und Elektrizität waren gerade in die Mode gekommen, und wirklich, Frau Hilde raffte sich empor, sie mußte sich doch auch ihren beiden noch unversorgten Kindern, Leo und Edith, erhalten. Sie stand des Morgens um neun Uhr auf und übte zwei Stunden in einer gymnastischen Heilanstalt, bis ihr infolge der ungewohnten Anstrengung der helle Schweiß aus allen Poren rann. Seit Etelka sich so glänzend mit einem wirklichen Grafen und ehemaligen Offizier bei den Leibulanen verheiratet hatte, war ihr außerdem mit einem Male eine neue Lebensaufgabe erwachsen. Edith war achtzehn, und an ihr war es nun, das Töchterchen in die große Welt einzuführen. »Das Schaf«, wie Leo und Etelka Edith einst treffend genannt hatten, bedurfte dringend der Leitung von Seiten dieser Mutter. Zu lange hatte man es in der Tat wie ein ausgelassenes Lämmlein auf der Heide im Grünen grasen lassen. Die Besuche bei der alten Frau Rosenbusch, das Techtelmechtel mit Davidchen Mandelbaum, der Verkehr mit der Krankenschwester, die nur gar zu leicht solch einem jungen Ding verrückte Gedanken in das unreife Gehirn setzen konnte, das alles paßte mit einem Schlage Frau Hilde nicht mehr. Möglich, daß Trachenstein mit seinen feinen Manieren als Kavalier dahintersteckte, möglich, daß er Frau Hilde davor gewarnt hatte, diese junge und hübsche Menschenpflanze ganz sich selber zu überlassen. Als Edith ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert, zu dem ihr Frau Hilde einen kostbaren Perlenschmuck geschenkt, hatte die Mutter dem jungen Mädchen eine große Rede gehalten. Die Tage der Kindheit und die Jahre der Dummheiten seien nun vorbei, hatte sie im ernstesten Tone von der Welt gesagt. Sie trete jetzt in das Alter, wo aus einem Backfisch und Wildfang eine junge Dame werde, die ernstlich an die Gestaltung ihrer Zukunft und an ihre Pflichten gegenüber der Gesellschaft zu denken habe. Edith war anfänglich gar nicht einverstanden gewesen. Ihr gefiel es droben bei der Urgroßmutter, wo sie ungestörte Stunden der Zärtlichkeit mit dem verliebten und tolle Pläne der Zukunft schmiedenden Davidchen Mandelbaum verbringen konnte. Aber Frau Hilde ließ sich nicht abschrecken. Ins Gesicht sagte sie ihr, daß der Verkehr mit einem Lehrling der Kommerzbank durchaus kein geeigneter für eine junge Dame aus ihrer Gesellschaftssphäre und von ihren Ansprüchen sei, daß sie so gut wie Etelka auf eine Mitgift von einer Million zu rechnen habe, und daß sie wie diese ihre Hand einem veritablen Grafen oder gar einem Prinzen reichen könne und sich nicht mit einem vermögenslosen Judenjungen, der in der Kommerzbank die Portokasse zu verwalten habe, verplempern dürfe. Auf die Antwort Ediths, Davidchen Mandelbaum sei gar kein Lehrling, er sei ein Dichter, lachte Frau Hilde höhnisch auf. Was denn der wohl gedichtet habe? Sie habe noch niemals etwas von diesem Herrn Mandelbaum in den Zeitungen gelesen, Leo sei ein Dichter, der gehe jetzt in Berlin einer großen Zukunft entgegen. Und überhaupt sei die Literatur nur eine Beschäftigung für reiche Leute, aber nicht für einen Menschen, der mit hundert Mark Salär monatlich bei der Bank angestellt sei. Das hatte viele Tränen gegeben. Aber Frau Hilde hatte nicht nachgelassen. An jedem neuen Morgen hatte sie Edith ins Gebet genommen, und »das Schaf« hatte geglaubt, daß die Mutter in ihrem Rechte sei. Zwar die heimlichen Zusammenkünfte mit dem schwärmerischen Davidchen, das von Woche zu Woche schönere und glühendere Verse machte, droben in der Wohnung der Urgroßmutter oder draußen unter den blühenden Bäumen des Frühlings gab Edith deshalb nicht auf. Denn sie war weniger »Schaf«, als Etelka und die Mutter vielleicht annehmen mochten. Auch sie kannte ja die Gepflogenheiten ihres Hauses, und ganz im stillen sagte sie sich jetzt, daß eine Ehe mit einem Grafen oder einem Prinzen eine Liebschaft mit Davidchen Mandelbaum noch lange nicht ausschlösse. Denn auch ihr waren von den hohen Idealen, die sie einst aus ihrer Schweizer Pension mitgebracht hatte, im Laufe der Zeit manche verloren gegangen, und die heilige Furcht, die sie noch vor Monaten empfunden, die Furcht mit den anderen gemein zu werden, begann sich in dieser Atmosphäre des Leichtsinns und des Lebensgenusses langsam zu verflüchtigen. Das süße Nichtstun, die Putzsucht und die Eitelkeit, das behagliche Bewußtsein der Möglichkeit, allen seinen Launen die Zügel schießen zu lassen, das Duseln morgens in dem warmen Bette, und das Gedämmer in den Flaumenpolstern des Wagens, der schnell und lautlos auf seinen Gummirädern dahinfuhr, weckten auch in ihrem Herzen schlechte Gedanken. Eine entsetzliche Angst hatte sie im letzten Winter vor dem ersten Ball gehabt, den sie in Begleitung der Mutter hatte besuchen müssen. Nicht vor dem Schimmeln und nicht davor, wie sie sich mit den Herren unterhalten sollte, nein! Aber das Kleid, das ihr die Schneiderin für diesen Ball gemacht hatte, war nach ihrem jungfräulichen Gefühl schamlos gewesen. Und dennoch hatte sie es angezogen und hatte sich den Augen der Männer halbnackt, wie sie meinte, präsentiert. Und es war gegangen. Sie war nicht in den Erdboden gesunken, sie war nicht davongelaufen, es hatte ihr sogar Freude bereitet, wenn sie sah, daß die Blicke der Herren wohlgefällig auf ihrem alabasterweißen Halse ruhten und auf der zarten Rundung ihrer zierlichen Brüste, die die elfenbeinfarbene Seide der Taille nicht hatte verdecken wollen. Und seit dem Winter hatte ein gesellschaftliches Vergnügen nach dem anderen den Hauptplatz in Ediths Beschäftigung eingenommen. Jetzt kam die Frühlingssaison. Sie hatte Ruhe erhofft, aber Frau Hilde schleppte sie zu neuen Sensationen. Sie fand die nötige Sammlung nicht mehr. Denn seit dem Freispruch Seligers und seit ihrer völligen Trennung von dem Gatten suchte Frau Hilde etwas darin, überall dabei zu sein und sich bei jeder Gelegenheit sehen zu lassen. Und Edith gab der dicken Frau Seliger in ihrer Jugend und Anmut den plausibeln Grund, an allen Festlichkeiten teilzunehmen und überall eine Rolle zu spielen, denn die opferbereite Mutter tat eben alles für »das Kind«. Wenn Edith mit ihr erschien, wenn sie in dem von zwei prächtigen Rappen gezogenen offenen Wagen an ihrer Seite saß, dann konnte sie der allgemeinen Aufmerksamkeit sicher sein. Und das wollte sie. Sie wollte der Welt zeigen, daß sie sich aus Seligers offenem Bruche, nichts mache, und daß sie auch ohne ihn imstande sei, das Leben zu genießen. So ward Edith ihr Opfer. Und nur zu natürlich, immer mehr verblaßte das Bild Davidchen Mandelbaums in dem Herzen des jungen Mädchens, je mehr sich dieses dem leichtsinnigen und oberflächlichen Genüsse dessen, was gerade die Stunde dem Reichen bietet, hingab. Dinge, die sie früher gar nicht gesehen, an denen sie einst achtlos vorübergeschritten war, fielen ihr jetzt auf. Die Herren in erster Linie, die Frau Seliger grüßten und sich die Hälse nach der Equipage verdrehten, die jungen und fast noch mehr die alten, gefielen dem »Schaf«. Die Besorgungen bei der Putzmacherin und in den Kleidermagazinen, die Juweliergeschäfte und die Weißwarenläden zogen sie mit einem Male an. Ein Pariser Spitzendessous, das in einem der vornehmsten Geschäfte ausgestellt war, erregte ihre Bewunderung, der Preis der Diamanten und Perlen interessierte sie. Der weibliche Vampyr, der sich für Kinkerlitzchen, die ein Vermögen kosten können, an den Meistbietenden verkauft, war plötzlich unter Frau Hildens sachverständiger Leitung in der Seele des einst so harmlosen Dinges, des »Schafes«, wie sie Leo und Etelka spöttisch genannt hatten, erwacht. Es war ein herrlicher Samstagnachmittag zu Anfang des Mai. Unaufhörlich rollten die Wagen der vornehmen Welt jüdischer und christlicher Konfession über die den breiten und stolzen Strom überspannende Brücke und bogen in die schattige, mit Ahornbäumen bepflanzte Allee, die von dort nach dem am Rande des Forstes gelegenen prächtigen Rennplatz führt. Frau Hilde sah gut aus. Das Meergrünseidene und der mit weißen Straußenfedern überladene große neue Hut aus Florentiner Geflecht kleideten sie vorzüglich. An ihrer Seite im Fond des Wagens lehnte Edith in einer glatten Robe aus salmfarbenem Atlas, einen mit gleichfarbigen Bändern verzierten und mit Rosenknospen ausgeputzten Schäferhut auf dem Kopf. Den Rücksitz des Wagens nahm wie immer in den letzten Monaten der »Onkel« ein, Prinz Egon von Trachenstein. Er trug zur Feier des Tages einen blendend weißen Nanking, einen soeben für hundertundzwanzig Mark erstandenen Panama und im Knopfloch eine La France. Der große Feldstecher, den er umgehängt hatte, markierte den altgedienten Militär, den einstigen Herrenreiter und großen Sportsman. Der Seligersche Wagen war nach dem sachkundigen Urteil Seiner Hoheit in tadelloser Verfassung. Ein moderner viersitziger Landauer mit allen nur erdenklichen Bequemlichkeiten, der auf doppeltem Gummi lautlos dahinfuhr. Ernst, Seligers altgedienter Kutscher, und Karl, der neuengagierte Diener, ein früherer Offiziersbursche, dessen Disziplin Seine Hoheit in Entzücken versetzen konnte, trugen heute zum ersten Male die neue helle Sommerlivrée. Die beiden Rappen, zwei junge Tiere englischer Abstammung und voll Rasse, hatten wohl den tadellosesten Tritt von allen Herrschaftspferden der Stadt. Seine Hoheit fühlten sich in dieser Situation wieder einmal ganz auf der Höhe, auf die ihn Rang und Geburt gestellt hatten, und er unterhielt sich animiert mit Frau Hilde, indessen Edith die Insassen der vorüberfahrenden Gefährte musterte. In knapp einer halben Stunde hatten die Rappen den Weg von der Stadt nach der Rennbahn zurückgelegt. Hier herrschte das lebhafteste Treiben, denn bereits vor einer Stunde hatten die Rennen ihren Anfang genommen. Nachdem der Seligersche Wagen auf den Wagenplatz eingebogen war, und Seine Hoheit die Damen nach der ersten Tribüne geleitet hatte, begab er sich alter Gewohnheit gemäß zunächst nach dem Sattelplatz, um das Material zu besichtigen. Allem Anschein nach versprachen die Rennen gut besetzte Felder. Vor allem das Frühjahrshandikap für Vierjährige, das von Herren geritten werden mußte und das wegen der Persönlichkeiten der Reiter das größte Interesse in erster Linie in den Kreisen der Damenwelt erregte. Als Prinz Egon die Namen auf dem Programm studierte, glitt ein wehmütiges Lächeln um seine heute wieder mehr als in den letzten Tagen herunterhängende Unterlippe. Lauter Neulinge, nichts mehr von der alten Garde, in deren Reihen er einst vor dreißig Jahren als unbesiegbarer Champion geglänzt hatte. Er ging nach der Tribüne und überzeugte sich, daß den Damen nichts fehle, dann machte er als alter Pferdeenthusiast das nun folgende Jungfernhürdenrennen an der Barriere mit. Aber seine Aufmerksamkeit weilte nicht bei dem schön besetzten Felde, und nicht einmal das glänzend gerittene Finish, in dem Wanda die Favoritin Walkyre um wenige Nasenlängen schlug, verscheuchte die großen Gedanken und die kühnen Pläne, die er in seinem Inneren hin und her erwog. Der Tag zum Handeln war doch jetzt endlich gekommen. Seine Lage bedurfte dringend der Klärung. Wie lange noch, und die nur mühsam mit Versprechungen beruhigten Gläubiger konnten sich wieder melden. Unerschöpflich waren auch Frau Hildes Mittel nicht, solange er keine andere, keine sicherere Position in dem Hause des Börsenkönigs einnahm. Ein Glück, daß sie diesen Seliger freigesprochen hatten, sonst wäre alles vereitelt worden, er hätte sich zurückziehen müssen, denn zu einem Manne, der im Gefängnisse gesessen, hätte er, ein Sprosse fürstlichen Geblütes, unmöglich in nähere Beziehungen treten können. Aber so! Freigesprochen war eben freigesprochen. Zum Donnerwetter, die Zeit drängte. Sechs Monate hatten ihm seine schlimmsten Peiniger noch Frist gegeben, sechs kurze Monate, und drei davon waren am ersten Mai schon verstrichen gewesen. Daß Hilde auch noch immer ihre eifersüchtigen Bedenken hatte. Mit den Weibern, es war einfach gräßlich, nicht zum Aushalten, alle gleich, wenn es einmal auf diesen Punkt kam. Und dann! Welche Garantie hatte er denn, daß dieser Seliger der Schreibmamsell nicht eines schönen Tages überdrüssig würde, daß er dann nicht in die Villa zurückkehrte, ihm aufs neue die Tür wies, und daß dann alles vorbei sein werde! Noch heute mußte er Hilde wieder auf den Zahn fühlen, wie sie denn seinem Plane gegenüberstand. Er hoffte mit aller Bestimmtheit auf einen Sieg. Sie war eitel, maßlos eitel, tönende Namen fielen bei ihr immer in die Wagschale, und der seine hatte einen Klang. Seine Hoheit Prinz Egon von Trachenstein, das klang denn doch noch ganz anders als Graf Waldburg-Immenhausen. In blühender Kraft und Jugendschönheit sah er Edith die Treppe der Tribüne hinab auf den grünen Rasen schreiten. Sie ging auf eine Gruppe von jungen Damen zu, unter denen sie Bekannte haben mochte, die dort drüben mit einem Leutnant von den Leibulanen flirteten. Diesen Moment mußte er benutzen. Das nächste Rennen war schon das letzte, das Handikap, das er sich nicht entgehen lassen durfte, und im Wagen, in Ediths Gegenwart, da würde es wieder unmöglich sein. Mühsam, schon ein bißchen altersschwach, stieg er die steile Treppe zur Tribüne hinauf, auf deren vierter Reihe ihm der crêmefarbene, mit echten Venezianer Spitzen besetzte große Sonnenschirm die Anwesenheit Frau Hildes ankündigte. Als er neben ihr Platz genommen hatte, sagte er: »Es sind heute viel Bekannte auf der Rennbahn, geliebte Hilde. Die Herren von den Leibulanen sind fast vollzählig erschienen.« »Fast,« wiederholte Frau Hilde mit einem leisen Seufzer. »Du denkst an den Grafen von Waldburg-Immenhausen,« fuhr er fort, »der fehlt allerdings.« »Ja, der schönste Offizier der Garnison fehlt.« »Das hat er sich allerdings verscherzt,« sagte nun Seine Hoheit, »meiner Meinung nach hätte er das auch anders haben können, auch ohne diesen Affront, Seliger hätte schon nachgeben müssen.« Frau Hilde schwieg nachdenklich. »Hast du übrigens mit Edith gesprochen?« fragte er nun unvermittelt. Erschrocken sah sie ihn an. Dann traten die hellen Tränen in ihre großen, blauen Augen. »Egon,« schluchzte sie, »du bist mich leid, du willst mich zur Seite schieben!« »Aber, Geliebte meiner Seele, Königin meines Herzens,« sagte er pathetisch, »ich dich beiseite schieben, ich, der für niemanden anders als nur für dich allein lebt! Du kennst doch meine Lage!! Seliger wird zurückkehren, und dann ist alles, alles aus, wenn wir nicht vorher zu einer Klärung der Situation gekommen sind. Ich bleibe dir unverloren, Geliebte, ich bin dein, ob ich Edith geheiratet habe oder nicht. Du kennst doch selbst die Motive der meisten Ehen. Im Gegenteil, unser Leben wird sich noch harmonischer, noch inniger gestalten, teuerste Hilde, wenn ich erst vor den Augen deines Mannes und vor den Augen der Welt dein Schwiegersohn geworden bin!!« »Und Edith?« Frau Hildes Stimme zitterte. Sie hatte in diesem entscheidenden Augenblicke wirklich Mitleid mit dem Kinde. Erstaunt, verständnislos sah er sie an. »Edith? Was kann sie Besseres verlangen, als einen fürstlichen Namen und einen Gemahl, der sich doch, das wirst du, liebe Hilde, am ersten zugeben, vor aller Welt sehen lassen kann. Ihrer persönlichen Freiheit werde ich, wie ich dich schon des öfteren versichert habe, keinerlei Hindernisse in den Weg legen, vorausgeschickt natürlich, daß jeder Affront, der meinem fürstlichen Namen zur Unehre gereichen könnte, vermieden wird. Also, liebste Hilde, wenn du keine anderen Bedenken hast, als deine wirklich unbegründete Eifersucht, dann rette deine und meine Ruhe und sprich mit Edith, die mich gewiß in monatelangem Zusammensein ein wenig schätzen gelernt hat und die mir Achtung und Freundschaft entgegenbringt!« Frau Hilde weinte. »Das ist es ja gerade, Egon, wenn sie dich nicht leiden könnte, aber, wer sagt mir denn, daß sich nicht Liebe aus Achtung und Freundschaft entwickeln kann?« Nun mußte Seine Hoheit doch lächeln. Alles konnte er sich denken, es war kein Ding auf der Welt unmöglich, aber daß Edith ihm einmal Liebe entgegenbringen werde, das war denn doch – »Fürchte nichts, Hilde, und sprich mit Edith, ja sprich bald mit ihr!« »Ich muß es mir gründlich überlegen, Egon, gründlich.« Frau Hilde brach den Satz ab, denn Edith löste sich aus der Gruppe, mit der sie unten geplaudert hatte, und schritt wieder auf die Tribüne zu. Die Rennen gingen zu Ende. Man fuhr zurück. Zwischen Frau Hilde und dem Prinzen Trachenstein wurde heute kein Wort mehr in der für Ediths Schicksal so wichtigen Angelegenheit gewechselt. Es war ein harter Seelenkampf, der sich jetzt in Frau Hildes Innerm entspann, und Wochen dauerte es, bis sie endlich mit sich ins reine kam. So viel sie auch hin und her überlegte, so viele Gründe sie auch gegen diese sinnlose Heirat zwischen dem Prinzen und Edith ins Feld führen mochte, Trachenstein behielt doch am Ende recht. Ihr gegenseitiges Verhältnis war so, wie es war, unhaltbar geworden. Ein Mäntelchen war nötig, hinter dem sie ihre Beziehungen verstecken, ein Vorwand, durch den sie den täglichen Verkehr des Prinzen im Hause Seliger erklären konnten. Sie zermürbte sich das Gehirn, alles half nichts, sie weinte des Nachts in die Kissen heiße, bittere Tränen, sie war eine unglückliche Frau. Trachenstein hatte recht und wieder recht. Wenn Seliger zur Besinnung kam, wenn er der Schreibmaschinenmamsell den Laufpaß erteilte und eines schönen Tages in die Villa zurückkehrte, dann war es zwischen ihr und dem Prinzen aus. Wie anders, wenn er in der Zwischenzeit, da sich Seliger um sie und die Geschicke seiner Familie gar nicht kümmerte, ihr Schwiegersohn geworden war! Die Gerüchte in der Stadt, das Geschwätz der Dienerschaft würden verstummen, wenn die Welt erst eingesehen hätte, daß die Bemühungen Seiner Hoheit der liebreizenden Tochter und nicht der Mutter gegolten hatten. Und sie behielt den Freund für sich. Was war denn auch dieses Verhältnis schon seit Jahren anderes als eine Seelenfreundschaft, eine platonische Zuneigung zu einem der Edelsten der Nation, wie es Frau Hilde oft im Innersten begeistert und voll poetischer Verzückung nannte. In der Tat, sie verloren nichts, wenn Trachenstein Ediths Gatte geworden war, und sie gewannen alles. Niemand würde dann mehr das Recht haben, den intimen Freundschaftsbund zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter zu stören, aus dem die tolle Leidenschaft, mit der sich die Tänzerin einst in die Arme des lebenslustigen Reiteroffiziers geworfen hatte, längst gewichen war. Es war am besten so, Trachenstein hatte recht. Und nicht nur ihr gegenseitiges Verhältnis, auch Trachensteins eigene Situation, die der Klärung so dringend bedurfte, würde mit einem Schlage eine andere werden. Der Millionär Seliger konnte dem fürstlichen Gemahl seiner Tochter nicht weigern, was er dem Liebhaber seiner Frau ausgeschlagen hatte. Sein und ihr Lebensabend waren gesichert, seiner in pekuniärer Beziehung, und ihrer in bezug auf die stillen Wünsche ihres Herzens, die nur in dem Seelenbunde mit Seiner Hoheit ihre innerste Befriedigung finden konnten. Und Edith? Was war dabei? Wie viele junge Mädchen hatten nicht schon alternden Männern die Hand zum ehelichen Bunde gereicht, wenn diese eine glänzende Stellung oder einen weithin leuchtenden Namen in die Wagschale zu werfen hatten. Hatte sie nicht selber den Juden Seliger nur um seiner Millionen willen geheiratet, und es war doch gegangen, schlecht und recht. Und Seliger war damals noch ein Jüngling gewesen, während Trachenstein fast an der Schwelle des Greisenalters stand. »Auf Abbruch heiraten« hatte man das damals in den Kreisen der Ballettdamen an dem kleinen Hoftheater, dessen Star sie gewesen, genannt. Du lieber Himmel, jeder Mensch mußte in diesem Leben Opfer bringen, vollkommen war nichts auf der Erde. Und Edith war noch so jung, erst achtzehn, sie hatte noch das ganze Leben vor sich. Einmal Witwe geworden, stand ihr die Welt offen, und die Witwe Seiner Hoheit des Prinzen Egon von Trachenstein würde mit ihren Millionen noch ganz andere Abnehmer finden als die simple Edith Seliger. Je mehr sie sich mit diesen Gedanken und mit dem Vorschlage des Prinzen befreundete, desto schöner und sonniger malte sie sich die Zukunft aus. Ja, Egon war doch ein gescheiter Mensch. Für so ein junges Ding wie Edith, das in solch glänzenden Verhältnissen lebte, war die Ehe ja nichts als eine Spielerei. Wenn sie an ihre Jugend zurückdachte, an all die Entbehrungen und die Demütigungen, die sie als angehende Ballerina hatte durchmachen müssen, bis Trachenstein als der erste Erretter aus all ihrer Misere gekommen war, bis sie dann, von diesem verlassen, endlich Harry Seligers Frau geworden und endlich den Hafen erreicht hatte. Von all dem hatte Edith keine Vorstellung. Wie viele Opfer hatte nicht Frau Hilde gebracht, ein kleines Opfer, der Mutter zuliebe, konnte auch die verwöhnte Tochter bringen. Ein Opfer, das sie nicht einmal als solches empfinden würde. Frau Hilde hing so sehr an den Äußerlichkeiten dieses Lebens, daß sie sich Ediths Stellung an der Seite des Prinzen geradezu als eine beneidenswerte ausmalte. Seliger verfügte über die nötigen Mittel. Seinen Kindern gegenüber war er nie knauserig gewesen. Was konnte es Verlockenderes für ein junges Mädchen geben, als mit achtzehn Jahren seine eigene Herrin zu sein und im Golde wühlen zu dürfen? Was war sie mit achtzehn Jahren gewesen? Ein aus dem Elternhause entlaufener Nichtsnutz, der in der Ballettschule getanzt und sich des Abends mit einem Glase Milch und einem Stück trockenen Brotes begnügt hatte. Und Edith? In ihrem eigenen Coupé würde sie durch die Straßen der Stadt fahren, Kammerdiener und Zofen würden zu ihrer Verfügung stehen und eine schloßähnliche Villa würde sie bewohnen, die zu dem fürstlichen Namen ihres Gemahls im richtigen Verhältnisse stehen mußte. Und wenn sie klug war, wer hinderte sie daran, die Freuden der Liebe zu genießen, wie ja auch sie diese in ihrer Jugend genossen hatte, den alternden Mann und dessen Freundschaft der vereinsamten Mutter zu überlassen und, wenn sie denn keinen besseren Geschmack hatte, den »Dichter« David Mandelbaum in ihr Haus zu ziehen, um sich einen Trost und ihren Salons ein literarisches Relief zu verschaffen? Sie war beneidenswert, die kleine Edith, wollte es Frau Hilde bedünken. Eines Morgens endlich stand ihr Entschluß fest. Sie hatte wieder einmal eine schlaflose Nacht hinter sich, nicht einmal die sonst unfehlbaren, von dem Medizinalrat für solche Fälle verordneten Aspirinpulver hatten es vermocht, ihr den gesuchten Schlaf zu bringen. Gestern abend hatte Trachenstein sie wieder zur Entscheidung gedrängt. In den langen Stunden, während deren sie sich ruhelos in den warmen Daunen ihres Bettes hin- und hergewälzt, hatte sie sich ihren Plan zurechtgelegt. Sie wollte Edith überrumpeln, das war das beste, einem überraschenden, völlig ungeahnten Vorschlage gegenüber hielten solch junge Seelen am schwersten stand. In ihrer gymnastischen Kur in der therapeutischen Turnanstalt hatte sie heute einen Ruhetag. Auch dieser Umstand wirkte günstig auf ihre angegriffenen Nerven und gab ihr einen Teil der an den Turntagen sie völlig verlassenden Tatkraft wieder. Nachdem sie den ihr von der Zofe im Bett servierten Frühtee eingenommen und Toilette gemacht hatte, ließ sie Edith in das Boudoir rufen. »Setze dich, mein Kind,« sagte sie zu der eintretenden, sie erstaunt und fragend anschauenden Tochter, »ich habe eine wichtige Sache mit dir zu besprechen.« Die an Gehorsam gewöhnte Tochter, »das Schaf«, folgte den Worten der Mutter, und ihre großen blauen Augen waren forschend auf diese gerichtet. »Es ist eine wichtige, für dein ganzes Leben ausschlaggebende Angelegenheit, meine liebe Edith. Ich muß dich daher gleich bitten, mich in Ruhe anzuhören, gut aufzupassen und dir alles, was ich sage, auf das reiflichste zu überlegen. Eine hohe Ehre, wie sie nur wenigen Menschen zuteil wird, ist dir widerfahren, mein Kind! Seine Hoheit der Prinz Egon von Trachenstein hat gestern abend bei mir um deine Hand angehalten.« Jede andere Antwort hätte Frau Hilde erwartet, nur nicht das silberhelle Lachen, das nach diesen Worten, die sie soeben in heiligem Ernste ausgesprochen, Ediths Lippen entquoll. Sie wurde nervös. »Was soll das heißen, du lachst, mein Kind, wenn deine Mutter dich hierher ruft, um eine so ernste, eine für dein ganzes Leben wichtige Werbung mit dir zu besprechen?« »Aber, Mama,« begann jetzt Edith, »du willst deine Scherze mit mir treiben. Das ist ja doch unmöglich. Onkel Trachenstein, ach nein!« Sie lachte wieder. »Zu komisch, Onkel Trachenstein, auf dessen Knien ich geschaukelt habe, der mich auf seinen Schultern hat reiten lassen, den soll ich heiraten, das ist wirklich zu komisch!« Frau Hilde konnte keine Worte finden, indessen sich Edith vor Lachen schüttelte. Endlich hatte sich Frau Hilde gefaßt. »Ich weiß nicht, was du daran komisch findest, liebe Edith. Wenn du die Verhältnisse in unserer Gesellschaft mit klaren Augen betrachtest, dann wirst du bald anderer Meinung werden. Die meisten Männer sind viel, viel älter, als ihre Frauen, sie könnten oft die Väter ihrer Frauen sein, und dennoch sind gerade diese Ehen die glücklichsten geworden. Im Gegenteil, ein junger Mann ist ein Unglück für eine Frau, das habe ich in meiner Ehe bitter erfahren müssen, aber ein gesetzter Mann, der die Ausschweifungen, ja die Ausschweifungen, der Jugend hinter sich hat, der bietet allein die Garantie für ein glückliches Zusammenleben. Ja, mein Kind, du sprichst eben von Dingen, die du ganz und gar nicht verstehst! Aber davon ganz abgesehen. Glaubst du denn, daß sich jeden Tag ein Prinz finden wird, der bereit ist, nach allem, was vorgefallen, nach Etelkas Benehmen und nach Papas Prozeß, dir seine Hand anzubieten? Bedenke, ein bürtiger Prinz, dessen Bruder regierender Fürst ist, bedenke doch, mein Kindl« »Aber, ich will ja gar keinen Prinzen, Mama, das ist ja ein Irrtum von dir,« sagte nun Edith, und wieder begann sie zu lachen, »nein; das ist doch zu komisch! Ich und Onkel Trachenstein, zu komisch, ich kann mich über die Komik dieser Vorstellung gar nicht beruhigen! Weißt du, was die Leute, was die Dienerschaften im Hause behaupten, Mama?« Fragend, ein leises Zittern im Körper, sah Frau Hilde ihre Tochter an. Und diese fuhr fort: »Onkel Trachenstein ist dein Geliebter, sagen sie.« Bis in die Haarwurzeln errötete Frau Hilde. Aber sie faßte sich rasch: »Diese Leute sagen den Damen unserer Kreise mit Vorliebe solche Dinge nach, wenn auch kein wahres Wort daran ist, meine liebe Edith.« »Ach, Mama, das sind nicht nur diese Leute, die das sagen, auch Etelka hat das immer gesagt. Und außerdem, ich heirate einmal später, wenn mir niemand mehr etwas zu sagen haben wird, und wenn aus David Mandelbaum ein großer Dichter geworden ist.« Nun schlug Frau Hilde eine helle Lache an. Sie fand gar keine Worte. Vor Lachen konnte sie nicht zum Sprechen kommen. Schließlich ärgerte sich Edith. »Er wird ein großer Dichter,« rief sie. »Ja, wenn du darauf warten willst, meine Liehe, dann allerdings. Aber wer weiß denn, ob Herr Mandelbaum in zehn oder fünfzehn Jahren, wenn er einmal ein großer Dichter geworden ist, überhaupt noch etwas von dir wissen will, mein Kind. Dann bist du eine alte Jungfer geworden, wer weiß, wie du dann aussehen wirst, und Herr Mandelbaum! Die Dichter, das sind sehr merkwürdige Herren, mein Kind, ich kenne sie vom Theater her. Die besingen die jungen Mädchen und schwärmen sie an, und alle halbe Jahre brauchen sie eine andere Flamme, die ihrer Begeisterung neue Nahrung gibt. Einer solchen Gefahr, meine liebe Edith, würde ich mich nicht aussetzen, wenn ich mit achtzehn Jahren einen leibhaftigen Prinzen heiraten könnte! Und dann, schließt denn wirklich die Heirat mit einem Prinzen die Liebe eines Dichterjünglings aus?« Frau Hilde kniff die Augen zusammen und lächelte Edith verständnisinnig zu. »Das ist gemein, Mama,« rief das Mädchen. Frau Hilde ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen, sie lächelte wieder. »Du bist jetzt achtzehn, meine liebe Edith, du glaubst doch selbst nicht, daß Papa seine Einwilligung zu einer Heirat mit dem dir ungefähr gleichaltrigen Dichterjüngling geben wird. Bis du einundzwanzig bist, wirst du immer noch warten müssen, und wer weiß, ob dich Davidchen Mandelbaum dann noch liebt? Mit dem Prinzen ist das eine andere Sache. Du wirst dein eigenes Haus bekommen, deine eigenen Zofen und Diener, deine eigenen Pferde und dein eigenes Geld. Wie ich den Prinzen kenne, wird er der letzte sein, dir deine Freiheit zu beschneiden, und wenn ich du wäre –« Wieder schloß sie die Augen und blinzelte Edith unzweideutig zu. »Wenn ich du wäre, dann sagte ich frohen Herzens ›Ja‹, denn der Gemahlin des Prinzen kann Davidchen Mandelbaum gerade so gut seine Huldigungen darbringen, wie der kleinen Edith, und für ihn, für deinen Dichter, dessen du doch jetzt sicher zu sein glaubst, wird es größeren Wert besitzen, die in der Gesellschaft eine Rolle spielende Frau des Prinzen zu besingen, als den Backfisch, der sich zu Urgroßmutter Rosenbusch in die Mansarde verkriecht! Wenn ich meinem Dichter so von Nutzen sein könnte, meine liebe Edith –«. Jetzt wurde Edith ernst. Hatte ihr nicht Davidchen Mandelbaum erst gestern, Tränen in den Augen, erzählt, daß man ihm sein Stück »Das Alter« von seiten der Intendanz zurückgesandt habe, und hatte er nicht hinzugefügt, daß nur die Protektion beim Theater etwas auszurichten vermöchte? Wenn sie als Frau eines Prinzen, als Schwägerin eines regierenden Fürsten sich für Davidchens Poesien interessierte, am Ende hatte die Mutter doch nicht ganz unrecht! Frau Hilde bemerkte den Umschwung in Ediths Stimmung. »Ich will dich heute keineswegs zu einer Entscheidung drängen, mein Kind, denn ich sehe, daß du dir diese wichtige Sache doch reiflich zu überlegen entschlossen bist. Denke darüber nach! In ein paar Tagen werde ich dich wieder nach deiner Meinung fragen.« Etwa drei Wochen später gab Edith dem Prinzen von Trachenstein ihr Jawort. Frau Hilde hatte gesiegt. In so leuchtenden Farben hatte sie an jedem neuen Tage dem jungen Mädchen die Zukunft an der Seite des prinzlichen Gemahls geschildert, daß dieses nicht mehr hatte widerstehen können. Die Unabhängigkeit und das Leben einer »grande dame«, deren Mann über einen solchen Namen, und die selber über Millionen verfügte, die Prunkräume der fürstlichen Villa, die der Vater seinem Kinde für sein neues Glück einrichten würde, den herrlichen Trousseau, der in Paris bestellt werden sollte, die kostbaren Roben, die man für sie anfertigen, die Perlenschnüre und die Brillantenketten, die man ihr zu Füßen legen würde! Und dann hatte sie von den Dienern und den Zofen, von den Pferden und den Wagen, von den Gesellschaften und Festlichkeiten gesprochen, die den fürstlichen Haushalt, dessen unumschränkte Herrin sie sein werde, zum Mittelpunkt der auserlesensten Kreise der Stadt machen würden. Einen tollen Reigen führte die ganze Welt vor Ediths Augen auf, in ein blühendes und glänzendes Reich der Zukunft glaubte das junge, unerfahrene Ding zu blicken, nach dem sie nur die Hände auszustrecken hatte, und alles war ihr. Auch von der Hochzeitsfeier hatte Frau Hilde gesprochen. Ein noch niemals Dagewesenes sollte dieses Fest in der Villa Seliger werden. Sie zweifelte nicht daran, daß sich Trachensteins fürstliche Verwandte nach der Verlobung infolge der nunmehr glänzenden pekuniären Position Seiner Hoheit mit diesem aussöhnen und zu der Feier vollzählig erscheinen würden. Von der wundervollen Robe, die Edith für den Akt der Ziviltrauung anlegen, von dem Brautkleid, das ganz aus echten Brüsseler Spitzen hergestellt werden sollte, von der Taufe der weder jüdisch noch christlich Eingetragenen, von allen Einzelheiten war schon die Rede. Es gab so viel zu besprechen und so viel zu planen, daß man gar nicht recht zu sich selber, gar nicht zur Überlegung dieser folgenschweren Verbindung kam. Am Tage der offiziellen Verlobung, zu der Frau Hilde die schriftliche Zustimmung Seligers eingeholt hatte, benahm sich Seine Hoheit Prinz Egon von Trachenstein tadellos. Nachdem er sich versichert, daß Edith der Mutter ihr Jawort gegeben, machte er dem Kinde einen regelrechten Antrag. Im schwarzen Gehrock, der um seinen immer noch recht dürren Körper flatterte, die unvermeidliche La France im Knopfloch, erstattete er zwischen zwölf und ein Uhr seine Aufwartung. Unter lieblichem Erröten hörte Edith seine wohlgesetzte Rede an und nahm aus seinen Händen einen Strauß prächtiger Orchideen entgegen, sowie ein kostbares Lederetui, das das Brautgeschenk Seiner Hoheit enthielt, eine dreireihige Rivière aus Smaragden und Diamanten, die von einem Perlenschlosse zusammengehalten wurde. Man hatte dieses mit fünfzehntausend Mark ausgezeichnete Geschmeide ebenso wie den Orchideenstrauß dem künftigen Verlobten von Fräulein Seliger bereitwillig gepumpt. Denn schon vor dem Tage der offiziellen Verlobung hatte der Prinz, durch die Not gedrängt, ein Arrangement mit seinen Gläubigern getroffen, so daß die bevorstehende Vermählung Trachensteins und Ediths schon seit einigen Tagen in aller Munde war. Seliger hatte seiner Frau geschrieben, daß er gegen eine Verlobung seiner Tochter mit dem Prinzen Egon von Trachenstein nichts einzuwenden habe. Im ersten Moment empfand er die Mitteilung seiner Frau lediglich als eine Last. Er hatte sich völlig von seiner Familie zurückgezogen und kümmerte sich nicht mehr um sie. Aber dann. Wenn Edith damit einverstanden war, warum denn nicht? Der schmähliche Bund zwischen Hilde und dem Prinzen, der ihm Jahre seines Lebens vergällt halte, wurde so wenigstens äußerlich aus der Welt geschafft. Und weiter! Es war ein Gedanke von geradezu faszinierender Gewalt, der Seliger sogleich beim Lesen des Briefes, in dem Hilde ihn um seine Zustimmung zu der Verlobung Ediths mit dem Prinzen gebeten, gepackt hatte! Was ihm mit Etelka mißlungen, das blühte ihm am Ende ohne sein Zutun hier. Wie der in den Tiefen des scheinbar spiegelglatten Meeres ruhende Sturm, war es plötzlich in seinem Innersten losgebrochen mit elementarer Kraft. Wenn der Prinz Edith seine Hand zum ehelichen Bunde reichte, dann hatte er diesen Schuldenmacher und Lumpen, den er haßte und verachtete, in seiner Hand. Sein waren noch immer die Millionen, mit denen der sich arrangieren und ein fürstliches und verschwenderisches Leben bequem an Ediths Seite führen wollte! Ihn hatte er in der Hand!! Und der war der Bruder des Fürsten, von dessen Laune die Erteilung der Konzession abhing. Wie der Löwe im Käfig rannte Seliger in dem Gartensälchen des kleinen Häuschens, das er mit Klotilde teilte, auf und ab, nachdem er den Brief seiner Frau gelesen hatte. Alles Vergessene, alles längst Begrabene war in seinem Innern mit einem Schlage wieder erwacht. In dem Erdboden von Walportshausen, in dem Boden, der ihm gehörte, schlummerten die Millionen, die er zum Leben erwecken, die er vor einer staunenden Welt von Dummköpfen ins Rollen bringen mußte, er, Harry Seliger, der einstige große Leiter der Kommerzbank, der, wenn jetzt nicht alles trog, zukünftige König der Börse! Den Prinzen bekam er in die Hand, und der Fürst würde die Konzession erteilen, trotz Kutzleben und Genossen würde er sie erteilen, die Bahn würde gebaut, die Kalilager würden erschlossen werden, die ihm mehr bedeuteten, als die Diamantenfelder Südafrikas und die Goldminen von Klondyke. Sie würden erschlossen werden, und der Erde ungeahnte, unübersehbare, endlose Schätze würden ihm dienstbar gemacht. Wie ein Toller war er durch den Gartensaal, war er dann hinein in die Stadt gerannt und hatte den Brief auf die Post getragen, in dem er Frau Hilde schriftlich seine Zustimmung zu dem ungleichen Ehebunde Ediths mit dem Prinzen gab, wieder der alte Seliger, der in Klotildens Armen verjüngte, der das rote Gold in den Adern der Erde wie das lebendige Blut in dem Leibe eines Menschen pulsieren und wirken sah. Und wieder, zum dritten Male in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum stand das Haus Seliger im Mittelpunkte des öffentlichen Interesses. Die ganze Stadt sprach von der Verlobung und von dem Glücke Frau Hildes, der es gelungen war, zwei Schwiegersöhne edelster Herkunft für ihre Töchter, zwei Männer adeligen Geblütes ohn' all Verdienst und Würdigkeit zu ergattern. Sie selbst maß sich keinerlei Verdienst bei. Den zahlreichen Besuchen, die in diesen festlichen Tagen wieder in der Villa ein- und ausgingen, versicherte sie, daß sie weder bei Etelkas noch bei Ediths Heirat die Hand im Spiele gehabt, und daß die jugendliche Anmut und der holde Liebreiz ihrer Kinder wohl die entscheidende Rolle bei den alle Welt mit Freude erfüllenden Ereignissen gespielt hätten. Die ganze Stadt sprach von Ediths Verlobung mit dem Prinzen Trachenstein. Nur einer hatte keine Ahnung davon, Davidchen Mandelbaum. Er hatte sich im Laufe des Winters eine heftige Influenza zugezogen, von der er sich immer noch nicht erholen konnte. So hatte man ihm denn von seiten der Bank zu Beginn des Vorsommers einen vierwöchigen Urlaub bewilligt, den er in der Heimat auf dem alten »Jiddehof« bei dem Vater verbrachte. Aber auch dort in der freien Natur und in der reinen Spessartluft wollte es nicht viel besser werden, und voll banger Sorge betrachtete der »große Rabbi« seinen einzigen Sohn, der dermaßen mager und blaß aus der Stadt zurückgekommen war und der sich obendrein gar keine Ruhe gönnen wollte. Mit der alten Buxbaum sprach er oft und viel darüber, und ihr erzählte er auch, daß schon Davidchens Mutter auf der Brust nicht ganz fest gewesen, und daß er ernste Sorge für Davidchens Gesundheit und Leben habe. Aber Davidchen selber hörte nicht auf die gutgemeinten Ratschläge seines Vaters. Den ganzen Tag und die halbe Nacht saß er droben im »Jiddehof« in seinem kleinen Kämmerchen und schrieb und schrieb. Es sollte ein neues, ein anderes Drama werden, ganz anders als »Das Alter«, das man ihm zurückgeschickt hatte, ein modernes Stück aus dem Leben der Stadt da drunten, für das sich die Leute im Theater interessieren würden, und das der Intendant nicht von sich weisen konnte, weil es auf der Bühne von überwältigender Wirkung war. Nur zweimal in der Woche verließ Davidchen Mandelbaum den »Jiddehof« und stieg hinab in das kleine Städtchen. Dann ging er zur Post und warf eigenhändig einen langen Brief an Fräulein Edith Seliger in den Kasten. In diesen Briefen, von denen kein Mensch, am allerwenigsten aber sein Vater oder gar die alte Buxbaum, eine Ahnung hatte, schwärmte er von der großen Liebe zu dem holden Kinde, die sein Herz ganz erfüllte. Oft reichte die Prosa der Sprache nicht aus. Dann wurden es begeisterte Verse, die in glühenden Farben, in sinnlichen orientalischen Bildern, in wundersamen Vergleichen die Schönheit der Geliebten und seine große und unbezwingliche Sehnsucht ausmalten. Am Schlüsse einer jeden Epistel zählte er die Tage, die er noch Urlaub hatte, die er nach dem Ausspruch des Arztes auf dem Lande verbringen mußte, um dann jauchzend zu schließen: »und dann kommt ein frohes Wiedersehen.« Seit vierzehn Tagen hatte er keinen Brief mehr von Edith erhalten. Alle seine Anfragen, alle seine Klagen blieben unbeantwortet. Er ängstigte sich. War sie krank geworden, war ihr etwas zugestoßen? Da, endlich eines Morgens, sein Urlaub ging schon gewaltig auf die Neige, hatte der Landbote, der den »Jiddehof« zu besorgen hatte, einen Brief. Schon von weitem winkte er Davidchen zu und hielt den Brief in den Händen, und Davidchen rannte den Abhang hinunter, dem Boten entgegen, so daß er den Atem verlor und einen fürchterlichen Hustenanfall bekam. Als er sich mit dem Taschentuch den Mund abwischte, war dieses rot von Blut. Der Bote bekam einen gewaltigen Schrecken und sagte, das sei ein Bluthusten, und ein Bluthusten sei sehr gefährlich. Aber Davidchen Mandelbaum lachte und meinte, das schade nichts, das sei nichts anderes, als Nasenbluten. Er war ja so glücklich, einen Brief von Edith in seinen Händen zu halten und endlich zu erfahren, daß sie wohlauf und munter sei. Der Bote murmelte noch etwas von Vorsicht und dem Doktor. Dann ging er. Und Davidchen Mandelbaum las: »Liebes Davidchen! Schon lange wollte ich Dir schreiben und ich wußte nie recht, wie ich es anfangen sollte. Für Deine lieben Briefe und die herrlichen Gedichte meinen herzlichsten Dank. Sie haben mir alle so ausgezeichnet gefallen, und ich freue mich recht sehr von Herzen, wenn ich in der Lage sein werde, Dir als Dichter in größerem Maße förderlich sein zu können, als das bisher der Fall gewesen ist, und als ich dummes und unerfahrenes Ding, auf dessen Meinung ja kein Mensch gehört hat, dazu imstande war. Auch Mama ist der Meinung, daß mir das in kurzer Zeit viel leichter gelingen wird. Und nun erschrick nicht, Davidchen. Hier hat es nämlich eine große Veränderung gegeben, die entscheidend in mein ganzes Leben eingreift. Nach Mamas Willen habe ich mich nämlich vor vierzehn Tagen mit Seiner Hoheit dem Prinzen Egon von Trachenstein verlobt –« Davidchen Mandelbaum las nicht weiter. Ein schwerer Hustenanfall schüttelte seinen schwachen Körper, und dann schoß ein breiter, hellroter Blutstrom aus seinem Munde hervor. Der »Jiddehof« und die Berge und die Wiese, auf der er stand, tanzten einen tollen Reigen vor seinen Augen, dann wußte er von nichts mehr. Als er wieder erwachte, lag er in seinem Bette. Der Vater und der Doktor standen vor ihm und machten traurige Gesichter, und er erinnerte sich ganz dunkel, daß er vorhin einen Brief bekommen habe, und daß in dem Briefe gestanden, Edith sei mit dem Prinzen Trachenstein verlobt. Da schluchzte er laut auf. Und dann wurde ihm wieder ganz schwarz vor den Augen, so daß er den Vater und den Doktor nicht mehr sah. X. Und wieder einmal erstrahlte die Villa Seliger in hellstem Glanze. Es war in der ersten Woche des Oktober, und man feierte die Hochzeit Ediths mit dem Prinzen Egon von Trachenstein. Die Vorbereitungen zu der fürstlichen Vermählung, die Formalitäten, die Einholung des Ehekonsenses von seiten des regierenden Bruders Seiner Hoheit, die Erhebung der Braut zu einer Freiin von Ehrenfels, Ediths formeller Übertritt zum Christentum und ihre Taufe, das alles hatte doch mehr Zeit erfordert, als Frau Hilde und der Prinz angenommen hatten. Dann hatten das Weißwarengeschäft in Paris und die Schneiderinnen der Seinemetropole die Herstellung der zahllosen Dinge, die man dort in Auftrag gegeben, verzögert. Zweimal war Edith mit ihrer Mutter in der maßgebenden Stadt der Eleganz und des Luxus gewesen, und ihr Aufenthalt dort hatte sich auch länger, als unbedingt notwendig, ausgedehnt. Auch der Kunsttischler, der die fürstlichen Möbel nach eigens von einem flämischen Meister entworfenen Zeichnungen zu liefern übernommen hatte, bedurfte der Zeit, um das palastartige, in einem wundervollen uralten Parke gelegene Gebäude, das Seliger für sein Kind und seinen fürstlichen Schwiegersohn gekauft hatte, auszustatten. Frau Hilde war entzückt, daß man diesen Palast gefunden hatte. Er lag in derselben Villenstraße der Stadt wie ihr eigenes Heim, schräg gegenüber der Villa Seliger. Es war der Besitz eines russischen Konsuls, eines viele Millionen schweren Weinhändlers in Moskau, der einst eine Deutsche geheiratet und sich ihr zuliebe vor wenigen Jahren in deren Vaterstadt niedergelassen hatte. Nun war die Frau plötzlich infolge einer Ansteckung an Diphtherie gestorben, und der verwitwete Russe war nach Moskau zurückgekehrt. Das herrliche Haus war seit dem Frühjahr um ein billiges feil gewesen, und Seliger hatte es vorteilhaft an sich gebracht. Wie wunderbar bequem für Frau Hilde! Nicht einmal den Wagen brauchte sie anspannen zu lassen, nur ein paar Schritte über die Straße, und sie war bei ihren lieben Kindern, deren junges Glück mitzuschmieden, wie sie sich ausdrückte, die vornehmste Aufgabe ihres Lebensabends bilden sollte. So war der Sommer dahingegangen, und endlich war man so weit. Notdürftig genesen, war Davidchen Mandelbaum aus seinem heimatlichen Spessartdorfe wieder in die Stadt zurückgekehrt und hatte seine Beschäftigung an der Kommerzbank, aus deren Vorstand Seliger mit dem ersten Oktober definitiv ausgeschieden war, wieder aufgenommen. Sie bestand jetzt in der Hauptsache im Couponzählen, denn man hatte ihn zur weiteren Ausbildung seiner kaufmännischen Kenntnisse in die Wechselstube gesteckt. In der Villa Seliger ließ sich Davidchen Mandelbaum nicht mehr blicken. Nur ein einziges Mal hatte ihn Edith auf der Straße gesehen. Sie hatte im Wagen gesessen und sich nicht aufhalten können, da sie wegen der Anprobe eines Sommerkleides zu ihrer Schneiderin bestellt war. Aber sie war doch erschrocken, wie schlecht Davidchen Mandelbaum ausgesehen hatte. Noch viel schlechter, als damals, da er Abschied von ihr genommen, um seinen Erholungsurlaub in der reinen Gebirgsluft des Spessart anzutreten. So eingefallen und so gelb, die Backenknochen fast herausgetrieben. Das pechschwarze Haar, das er sehr lang zu tragen pflegte, hatte tiefe Schatten auf sein schönes, bartloses Jünglingsgesicht geworfen. Er sah in der Tat wie ein leidgebeugter Dichter aus. So mochte Heinrich Heine in Hamburg ausgesehen haben, mußte Edith immer denken, da er Volontär in dem Bankhause seines reichen Onkels gewesen und die wundervollen Lieder auf seine Cousine Amalie Heine gedichtet hatte, die gerade so wie sie einem älteren Manne die Hand zum ehelichen Bunde gereicht. »Aus meinen großen Schmerzen mach' ich die kleinen Lieder.« Das war eben Dichterlos. Und es ließ ihr lange keine Ruhe. Zu Hause angekommen, erzählte sie der Mutter, daß sie Davidchen Mandelbaum auf der Straße gesehen, und daß er aus Gram und Kummer ganz elend und blaß geworden sei, daß sie sich doch Gedanken mache, ob er ihren Brief nicht übel aufgenommen habe. Da lachte Frau Hilde und küßte ihre schöne Tochter auf die Stirn. »Aber mein Kind,« sagte sie, »er wird schon wiederkommen, wenn er vernünftiger und praktischer geworden ist.« Und nach drei Tagen hatte Edith diese Begegnung vergessen. Sie war auch zu sehr in Anspruch genommen. Vor allem, als Seine Hoheit die Brautvisiten mit ihr machte, als sie gar an den Hof von Walportshausen befohlen ward, um sich dem Bruder ihres Bräutigams, dem regierenden Fürsten, und dessen Schwester, der Herzogin von Winterburg-Bielingen, vorzustellen. Und nun war man endlich so weit. In dem wundervollen Speisesaale der Villa Seliger, wo der fürstliche Schwiegersohn des Hauses einst als Frau Hildes Intimus so ungeniert verkehrt hatte, war eine exquisite Tafelrunde zum Hochzeitsdiner versammelt. »Im engsten Familienkreise« hatte die Parole des Bräutigams gelautet. In Anbetracht der Anwesenheit seines regierenden Bruders und seiner herzoglichen Schwester hatte er sich die »Jüdenschaft« offiziell verbeten. Die Mitte der mit Gold und Silber überladenen, mit frischen Blüten überschütteten Tafel nahm das junge Paar ein. In seinem von einem Londoner Kleiderkünstler hergestellten – krëierten, sagte er selbst – Evening-coat, die Orden auf der schmalen Brust und das Myrtensträußchen im Knopfloch, sah Prinz Egon ganz jugendlich aus. Man hätte ihn heute auch für einen Vierziger halten können, meinte Frau Hilde. Geradezu »entzückend« war Edith im Brautkleid aus antiken Brüsseler Spitzen, zu deren Einkauf Hilde mit ihrer Tochter eigens von Paris aus einen Abstecher in die belgische Hauptstadt gemacht hatte. »Gar nicht jüdisch mit den blauen Augen und dem blonden Haare,« mußte die herzogliche Schwester zu ihrem Tröste immer denken. Nur die Nase, die gebogene Nase, ja, wenn diese Nasen nicht gewesen wären! Zur Linken des Bräutigams saß Frau Hilde. Sie hätte sich diesen Ehrenplatz nicht um alles in der Welt nehmen lassen, und wenn die herzogliche Schwester aus diesem Grunde in letzter Minute abgeschrieben hätte. Mit Diamanten war sie übersät, strahlend, wie sie seit Jahren nicht ausgesehen hatte. Nach höfischer Sitte tief ausgeschnitten in einer Robe aus erdbeerfarbenem Sammet, mit einer zwei Meter langen Schleppe aus Velours ornementé in den immer noch so üppigen, blonden Haaren ein Diadem, das sie eigenmächtig bei einem Brüsseler Juwelier für ein kleines Vermögen erstanden hatte. Zur Rechten der Braut saß Seliger, den neuen ihm von dem regierenden Fürsten von Walportshausen verliehenen Orden mit Brillanten vom roten Turmfalken auf dem Atlas des Fracks. Er unterhielt sich vortrefflich mit seiner Nachbarin, Ihrer Hoheit der Herzogin Adelgunde Isabella von Winterburg-Bielingen, die sich als einzige Dame der Tafelrunde in Schwarz geworfen hatte. Allerdings schwerste Seide, übersät mit Silberornamenten, die bei jeder Bewegung der etwa sechzigjährigen alten Dame mit dem blendend weißen Haarschmucke wie der Panzer einer seltenen Schlange glitzerten und funkelten. Anfangs war Ihre Hoheit die Frau Herzogin ihrem Nachbar, dem Börsenjuden gegenüber ein wenig zurückhaltend gewesen, aber allmählich taute sie auf. Um so jovialer und ungezwungener gab sich Heribert XXIII., der regierende Fürst von Trachenstein-Walportshausen, ein gemütlicher Herr von Vierundsechzig, mit einem weinfrohen Gesichte, dessen Barttracht auffallend an die des Prinzen von Wales erinnerte. Auch die schmalen, langen, wohlgepflegten Hände, die nur ein einziger unbezahlbarer Brillant, das Familienerbstück der Trachenstein-Walportshausen, das vor Jahrzehnten die fürstliche Krone geziert hatte, schmückte, verrieten, daß er mütterlicherseits englischer Herkunft war. Um den Hals trug er den höchsten Orden seines Hauses, das Brillantenkreuz von der weißen Lilie, und er scherzte mit Frau Hilde, von der er sich ganz im geheimen Streiche aus deren Theaterlaufbahn erzählen ließ. Er bedauerte immer wieder, daß eine Stadt wie Walportshausen leider das Halten eines Hoftheaters ausschlösse, denn er war, seitdem er denken konnte, ein enthusiastischer Freund von allem, was mit der Bühne in Zusammenhang stand. Graf Waidburg-Immenhausen, der zur Feier des Ehrentages im Hause Seliger die Uniform der Leibulanen angelegt hatte und so heute wieder als der schönste Offizier der Garnison glänzte, Etelka in fliederfarbener Seide, Leo, der eigens aus Berlin erschienen war, und der aristokratische Pfarrer mit dem schönen Namen von Huckenheim, der seine auf große Diners immer begierige, schon dickliche Frau, eine geborene Freiin von Bitterbach, mitgebracht hatte, machten den Rest der Tafelrunde aus. »Ein römisches Mahl,« scherzte Seine Hoheit Heribert XXIII. von Trachenstein-Walportshausen. Er schwärmte für die Antike, hatte in seiner Jugend Rom und Neapel, Sizilien und Griechenland besucht und einstmals seine Mußestunden dazu benutzt, eine sehr gelehrte Arbeit über die Reste alter Tafelgerätschaften aus Pompeji zu schreiben, die natürlich von der Akademie der Wissenschaften in einem ihm befreundeten größeren Nachbarstaate preisgekrönt worden war. »Die Zahl der Musen soll nicht überschritten werden, fordert ein römischer Gebrauch,« sagte er. »Wir sind elf, mein lieber Seliger, also schon zwei zu viel.« Seliger beeilte sich zu sagen, elf sei eine glückliche Zahl, sie sei unteilbar und stelle daher ein fest gefügtes Ganze dar. »Das ist wieder echt jüdisch, diese ewige Beschäftigung mit den Zahlen und ihren Eigenschaften,« dachte die herzogliche Schwester. Seliger war heute in vorzüglicher Stimmung. Ein Heidengeld zwar hatte ihn diese Ehe gekostet, und würde sie ihn noch kosten. Aber, was lag daran? Es war ja dazu da. Die Hauptsache war und blieb, daß Heribert XXIII. selber in seine niederen Räume als Gast eingekehrt war, daß es ihm gefiel, daß er sich mit seinem Bruder – eine sehr einfache Folge der Seligerschen Millionen – feierlich und offiziell ausgesöhnt hatte, und daß infolgedessen seine Hoffnungen auf das glückliche Zustandekommen der Kleinbahn trotz Kutzleben und Genossen wieder lebendig wurden, ja mehr als das, daß berechtigte Aussicht vorhanden war, den großen Plan, der die Krönung seines Lebenswerkes bilden sollte, in Bälde zu verwirklichen. Und deshalb ließ er sich nicht lumpen. Die Bahn und die Kalilager würden alles wieder hundertfach einbringen, was diese Heirat und der wahnsinnige Luxus, der heute hier entfaltet wurde, verschlangen. Ganz wie bei einem Könige stand auch hier hinter jedem Sitze ein galonnierter Diener, der die Gedecke zu wechseln, die köstlichen Speisen vorzulegen und die unbezahlbaren Weine einzugießen hatte. Ganz wie bei einem Könige richtete man sich nach Seiner Hoheit dem regierenden Fürsten. Sobald dieser Gabel und Messer aus der Hand gelegt hatte, wurde nach Seligers Weisung ohne Rücksicht auf die anderen abserviert. O, er wußte, was er Heribert und dem Rufe seines Hauses, das heute zu einer souveränen Familie in intimste verwandtschaftliche Beziehungen getreten, schuldig war! Vom Grand Hôtel du Louvre in Paris hatte er den dort mit einem Jahresgehalt von dreißigtausend Franken dotierten Chef de cuisine kommen lassen, seiner Tochter Edith dieses Hochzeitsmahl zu bereiten. Das mit dem Wappen der Trachenstein-Walportshausen und mit Ediths neuerworbener Krone geschmückte Menü, das kunstvoll mit Myrten- und Orangenblüten verzierte, wies eine Speisenfolge auf, die Herr Boisserée vom Grand Hôtel du Louvre als dernier cri bezeichnet hatte. Natürlich war es in französischer Sprache, dem Idiom der Höfe und der Diplomaten, abgefaßt. »Sie wollen uns umbringen, mein lieber Seliger,« hatte Heribert XXIII. gesagt, nachdem er dieses Menü gelesen, und der große Börsianer hatte zufrieden vor sich hingelächelt. Die fünfzehnhundert Franken, die Herr Boisserée als Honorar gefordert hatte, und die hundert Mark, die ihm Seliger pro Kuvert als Auslagen bewilligt, waren doch nicht umsonst ausgegeben worden. Nach der truite saumonée und den filets de soles erhob, sich der regierende Fürst. Es wurde still wie in einer Kirche, nur das leise Rascheln der seidenen Jupons, wenn eine der Damen eine Bewegung machte, unterbrach hier und da das feierliche Schweigen, das leise Froufrou, das in dieser Atmosphäre wundersamer Parfüms und köstlich duftender Weine und Speisen nicht unangenehm auffiel. »Werte Festgenossen, liebe Verwandte,« begann Seine Hoheit Heribert XXIII., indem er das Monokel fallen ließ, »ich will mich kurz fassen, denn Kürze ist der Rede Würze, und dieses köstliche Diner will nicht durch lange Betrachtungen unterbrochen werden. Aber es ist mir doch ein Herzensbedürfnis, als ältester und offizieller Vertreter unseres fürstlichen Hauses das Wort an Sie zu richten, um der Freude Ausdruck zu verleihen, mit der mich und uns alle, insonderheit meine herzogliche Schwester – ein ganz klein wenig lächelte Heribert XXIII. doch, Seliger wenigstens glaubte es zu bemerken – die Verbindung meines Bruders mit dem Hause Seliger erfüllt. Ich fasse alle unsere Gefühle und unsere Wünsche zusammen in die Worte: Das erlauchte junge Paar, es lebe hoch!« Eine brausende, von Leo mit Stentorstimme begonnene Ovation folgte diesen kurzen Worten. Hell klangen die feinen Kristallgläser aneinander. Nur einer ärgerte sich ganz im stillen, Pfarrer von Huckenheim. Denn regierender Fürst hin, regierender Fürst her, an ihm wäre es gewesen, den ersten Toast auf das junge Paar auszubringen. Wozu hatte man ihn denn eingeladen? Nur dazu, daß seine Frau etwas Gutes zu essen bekam? In der Kirche war Seine Hoheit der regierende Fürst auch nicht gewesen, seine Traurede hatte er also nicht gehört, und seines Berufes war es denn doch einmal, sich bei solchen Gelegenheiten auszuzeichnen. So schön hatte er es sich ausgemalt, von dem schlanken Efeu, der sich um den starken Eichbaum windet, hatte er sprechen wollen, und nun hatte ihm der regierende Fürst selber das Beste, das Hoch auf das junge Paar, weggenommen. Jetzt würde er gar nicht reden, er würde verzichten, beschloß er in seinem Inneren. Als das Diner zu Ende ging, ärgerte er sich aufs neue, über seine Frau. Sie entstammte einer bettelarmen Offiziersfamilie und hatte die unausrottbare Gewohnheit, immer etwas von Tische mitzunehmen, um es den Kindern mitzubringen. Auch hier unterließ sie das nicht und wickelte drei klebrige marrons glacés in ihr Taschentuch, weil Hänschen, ihr ältester, sie so gerne aß. Frau Seliger bemerkte das und gab dem hinter ihr stehenden Diener leise den Auftrag, für die Kinder der Frau Pfarrer etwas einzupacken. Frau von Huckenheim hatte ihren Zweck erreicht, indessen dem blonden Gemahl, der, obwohl vorzüglicher Kanzelredner, etwas geniert war, die Röte ins Gesicht stieg. Etelka, der die Ehe trefflich bekam, und der, wie die Leute zu sagen pflegten, ihr junges Glück aus den Augen strahlte, unterhielt sich mit Heribert über das Landleben und über die Fortschritte, die das Gut Erlwitz unter der Leitung ihres Gatten gemacht hatte. Leo renommierte furchtbar von Berlin. Er sprach mit seinem Schwager, dem Grafen von Waldburg-Immenhausen, der vor Jahren in Berlin auf Kriegsakademie gewesen war. Daß er Berlin heute nicht wiedererkennen würde, behauptete er. Das Diner war zu Ende. Galant reichte Heribert XXIII. Frau Hilde den Arm. Die Damen zogen sich zu einer Tasse Kaffee in den blauen Salon zurück, die Herren in das Palmenzimmer, wo Seliger die eigens für ihn auf Kuba gefertigten Importen zu kleinen Schalen nach orientalischer Art zubereiteten Mokkas reichen ließ. Eine reizende Aufmerksamkeit hatte er für den regierenden Fürsten, der ein leidenschaftlicher Raucher war, in petto. Die dicke Kuba, die ihm der Diener offerierte, trug ein rotes Bändchen mit der Aufschrift: »Heribert XXIII., Fürst von Trachenstein-Walportshausen.« »Eine neue exquisite Marke, Hoheit,« sagte Seliger, als Heribert das köstliche Kraut anzündete. Und der Fürst lächelte gnädig, wie immer, wenn er sehr gut gegessen hatte und dann bei der Zigarre angekommen war. »Nur nicht in den Handel bringen, mein lieber Seliger,« drohte er scherzend und klopfte dem Börsenkönig jovial auf die Schulter, »denn Walportshausen –« Er seufzte leise vor sich hin. »Quälen Eure Hoheit die Sorgen des Landesvaters?« schäkerte der durch den Wein und die prachtvolle Laune des Fürsten ganz übermütig gewordene Seliger. »Auch das,« gab Heribert lakonisch zur Antwort. »Man ist doch immerhin für so und so viel tausend Menschen in gewissem Sinne verantwortlich.« Dann schwieg er wieder und blies die blauen Wolken der herrlichen Kuba gedankenvoll vor sich hin. »Sagen Sie mal, mein lieber Seliger,« begann er nach einer Weile, »wenn ich nicht sehr irre, dann war doch vor einiger Zeit in den Blättern die Rede von einem Bahnprojekte, bei dem auch Ihr Name genannt wurde.« Das Blut schoß Seliger zum Herzen. Der Fürst selber begann hier von der Sache zu sprechen, die ihn schon in all den Monaten seit Ediths Verlobung wieder beschäftigt hatte, und von der er nicht wußte, wie er sie Heribert gegenüber aufs Tapet bringen sollte. Aufmerksam wandte Seliger das Ohr dem fürstlichen Sprecher zu, der ruhig fortfuhr: »Ich habe die Sache seinerzeit in Cannes in einer deutschen Zeitung gelesen und dann in Paris noch einmal davon gehört. Wenn ich nicht sehr irre, dann wurde Ihr Name, mein lieber Seliger, als erster unter den Gründern genannt. Es handelte sich, wie ich glaube, um den Bau einer Kleinbahn, die die Stadt mit Walportshausen über Weilingen und Feldkirch verbinden sollte. Wie kommt es denn, daß man gar nichts mehr von diesem segensreichen Projekte hört?« Seliger schauerte zusammen. »Segensreich,« hatte er denn recht gehört? »Segensreich« hatte Fürst Heribert XXIII. selber sein großes Unternehmen genannt! Nun faßte er sich Mut. »Ich weiß nicht,« begann er, »ob Eurer Hoheit die Einzelheiten über den allerdings sehr wichtigen Bahnbau bekannt geworden sind?« »Einzelheiten?« fragte Fürst Heribert, »Einzelheiten? Was kann es da für wichtige Einzelheiten geben bei dem Bau einer Bahn, die doch eine Lebensfrage für ein, wenn auch kleines, so doch volkreiches und daher erwerbsbedürftiges Ländchen ist?« Seliger glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Durch einen Zufall, aus den Zeitungen hatte der Fürst im Auslande von seinem Projekte erfahren, um dessen Konzessionierung man bei ihm vergeblich monatelang antichambriert hatte, und er selber erklärte jetzt die Bahn für ein volkswirtschaftliches Bedürfnis seines Landes! »Ja, so ist es, mein lieber Seliger,« sagte der Fürst. »Kein Opfer sollte man scheuen, um diesen Plan zu verwirklichen, Einzelheiten, kommen fürs erste, ehe die Sache gesichert ist, gar nicht in Betracht. Würde doch die Bahn die einzige Verbindung Walportshausens mit der Großstadt bilden, und das ist nach meinem Dafürhalten schon mehr als genug. Ich kann gar nicht begreifen, woran ein solches Projekt scheitern konnte!« »Kutzleben, Kutzleben,« klang es in Seligers Innerm, der Schuft, der Betrüger, der ihn auf die Anklagebank gebracht hatte, wo er selber hingehörte, der hatte das Gesuch um die Konzession unterdrückt, aus egoistischen Motiven unterdrückt und ihn hingehalten, bis die Geldgeber glücklich vor den Kopf gestoßen waren. Aber noch war es nicht zu spät. Was bedurfte er jetzt der anderen? Mit seinen eigenen Millionen, er ganz allein, würde er das große Werk verwirklichen, wenn Heribert selber tatsächlich auf seiner Seite stand! »Ich weiß nicht,« begann er jetzt, »ob Eure Hoheit wissen, daß dem Bahnbau unüberwindlich erscheinende Hindernisse in den Weg getreten sind?« »Unüberwindliche Hindernisse?« wiederholte der Fürst und schüttelte ungläubig mit dem Kopfe. »Tunnelbauten, die Hunderttausende verschlingen würden und die Rentabilität der Bahn in Frage stellen könnten,« versicherte Seliger. »Aber, mein Lieber,« lachte der Fürst, »wo sind denn da Tunnelbauten notwendig? Wollen Sie denn die Kirche mit ihrer Bahn ums Dorf tragen? Der direkte Weg nach Walportshausen führt doch unter Umgehung des Gebirges durch meinen Wildpark!« Nun hatte er es selber ausgesprochen, und Seliger, keiner Beherrschung mehr fähig, erzählte weiter in fliegendem Eifer: »Acht Monate hat das Gesuch um Erteilung der Konzession, daß die Trace ihren Weg durch den Wildpark Eurer Hoheit nimmt, in dem Kabinett Eurer Hoheit gelegen und ist nicht erledigt worden, so daß ich und alle Beteiligten annehmen mußten, daß Eure Hoheit dem Plane feindlich und ablehnend gegenüberständen.« »Himmel-Kreuz!« Fast wäre dem Munde Seiner Hoheit des regierenden Fürsten Heribert XXIII. ein derber Fluch entfahren. Aber noch faßte er sich rasch. »Mir hat ein solches Gesuch niemals vorgelegen, Herr Seliger.« Er lächelte. »Sie wissen, Ministerpräsidenten in kleinen Staaten sind manchmal sonderbare Käuze, zumal wenn sich der Regierende auf lange Zeit unterwegs befindet und seinen Beamten alles überlassen muß. Ich möchte nur wissen, was der Wildpark der Trace für ein Hindernis bieten soll? Die Ruhe der Säue ist doch nicht so heilig, und dafür, daß keine unter die Lokomotive gerät, läßt sich durch einen tüchtigen Drahtzaun sorgen, und an den Jagdtagen, da pürscht man eben einfach um das Bahngelände herum.« »Also wären Eure Hoheit entschlossen, die Konzession zur Führung der Trace durch den Wildpark zu erteilen?« Seliger schluchzte, Tränen traten in seine Augen, als er diese Frage aussprach, deren Beantwortung über den kühnen Traum seines Lebens, die im Boden von Walportshausen ruhenden Millionen ins Rollen zu bringen, entscheiden sollte. »Aber selbstverständlich bin ich entschlossen, diese Konzession zu erteilen,« antwortete der Fürst. »Ich müßte ja ein Esel sein, wenn ich es nicht täte. Und, weiter bin ich entschlossen, den zur Rechenschaft zu ziehen, der mir das Gesuch vorenthalten hat. Da zerbricht man sich selber den Kopf und setzt den Landtag in Bewegung um Anschluß an die Hauptbahn, und der geniale Plan unternehmenden Privatkapitals, der eine eigene Bahnlinie für Walportshausen schaffen will, wird achtlos beiseite geschoben! Himmel-Kreuz! Wenn Sie das Gesuch da hätten, mein lieber Seliger, ich würde es auch ohne den Kutzleben, schon ihm zum Trotz, auf der Stelle unterzeichnen!« Und wirklich, Seliger zog das Gesuch aus der Tasche. In dem Gedanken »man kann nie wissen« hatte es der vorsichtige Jude heute morgen in seinen Frack gesteckt. Auf einen Wink brachte ein Diener Tinte und Feder, und während man draußen nach alter Sitte das Myrtensträußchen des Prinzen Trachenstein vertanzte, das natürlich Leo, als dem einzigen Unverheirateten, zufallen mußte, vollzog Seine Hoheit der Fürst eigenhändig die Unterschrift, mit der er Seliger ungezählte Millionen, mit der er ihm den Triumph seines Lebens in die Hände legte. Da trat Edith ein. »Eure Hoheit entschuldigen,« sagte sie. »Um acht fährt unser Zug nach Venedig. Ich muß mich noch umkleiden. Ich sage Lebewohl.« Sie sah rührend aus in ihrer jungfräulichen Unschuld, mit ihren achtzehn Jahren, den bräutlichen Myrtenkranz auf der heute etwas blassen Stirn. »Der Kaufpreis,« mußte Seliger seltsamerweise in Erinnerung an das, was er einst Etelka hatte zumuten wollen, in diesem Augenblicke denken. Aber gleich wusch er in Gedanken seine Hände in Unschuld wie Pilatus vor allem Volke, und tröstete sich, daß nicht er, sondern Frau Hilde diese Heirat zustande gebracht. »Ich wünsche dir alles Glück, liebe Schwägerin,« sagte nun der Fürst, während sich Edith mit einem tiefen Knickse von Seiner Hoheit verabschiedete. Heribert XXIII. küßte sie auf Stirn und Wangen, dann reichte sie dem Vater den Mund. »Gottes Segen mit dir,« stammelte Seliger, »sein Segen über dich!« Er hatte ganz plötzlich, warum wußte er nicht, eine fromme Anwandlung. Edith ging. Vor dem hohen Portale der Villa wartete seit einer Stunde der Wagen. Es war ein fürchterliches Wetter. Es regnete in Strömen, und dazu tobte ein heulender Wind und trieb in den fast entlaubten Kronen der stolzen Bäume im Garten sein wüstes Spiel. Die Pferde wurden ungeduldig, zwei vierjährige, feurige Trakehnerhengste, die Seliger zusammen mit dem für seinen fürstlichen Schwiegersohn bestimmten Palaste von dem russischen Konsul übernommen hatte. Es war ihnen doch zu viel, so lange im Regen zu stehen. Nur mit Mühe gelang es dem Kutscher, sie noch für einige Minuten zu beruhigen. Am Arme Seiner Hoheit erschien Edith im Reisekostüm. Es war ein kurzer Abschied, denn der rasende Sturm riß dem die junge Frau geleitenden Diener den Schirm aus der Hand. Die Tür des Wagens schlug zu, und in schlankem Trabe eilten die jungen Tiere über den nassen Kies der Gartenwege nach der Straße. Trachenstein öffnete den Schlag: »Um die Ecke, über den Fasanenweg, es ist höchste Zeit,« rief er dem Kutscher zu. In scharfer Wendung, das Tempo nicht mäßigend, so daß die Räder die Hecke des Parkes streiften, bog das elegante Gefährt in die fast dunkle Seitenstraße, in der der Wind die Scheiben einer Gaslaterne zerbrochen und die Flamme verlöscht hatte. Da scheuten die Pferde. Man fühlte es in dem Wagen. Sie mußten kerzengerade in die Höhe gestiegen sein. In demselben Augenblicke erscholl ein markerschütternder Schrei. Auch Edith schrie auf. Im Halbdunkel glaubte sie eine fürchterliche Vision gehabt zu haben. Für Minuten schwand ihr das Bewußtsein. Kein Zweifel, man hatte einen Menschen überfahren. Trachenstein riß den Schlag des Wagens auf. »Voran,« schrie er, »voran, zur Bahn, zur Bahn,« in befehlerischem Tone. Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, in weitem Bogen lenkte er die Tiere um eine dunkle, regungslos im Kote der Straße liegende Masse, die wohl ein Mensch sein konnte. Ein wüstes Geschimpfe erhob sich hinter dem auf seinen Gummirädern fast lautlos davonrollenden Wagen. Ein Häuflein Menschen hatte sich an der Unglücksstätte versammelt. Gesindel, das sich schon den ganzen Nachmittag in der Nähe der Villa herumgetrieben und vergeblich darauf gewartet hatte, daß von der fürstlichen Hochzeitsfeier etwas abfallen würde. Der Hausknecht der Villa Seliger hatte zusammen mit dem Gärtner seine liebe Not gehabt, diese Leute in respektvoller Entfernung zu halten. In das Gärtnerhäuschen der strahlenden Villa trug man einen Schwerverletzten. Er war bewußtlos und blutete aus einer tiefen Stirnwunde, die ihm ein Huf der Pferde geschlagen hatte. Totenblässe im Gesichte, erkannte der alte Gärtner den jungen Herrn Mandelbaum, der früher so oft zu Fräulein Edith in die Villa gekommen war und der sich in den letzten Monaten nicht mehr hatte sehen lassen. Aber er wagte es nicht, die Herrschaften drinnen in der Villa von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen, zumal da Seine Hoheit der regierende Fürst den Hausherrn noch mit seiner Anwesenheit beehrte. Stundenlang hatte Davidchen Mandelbaum an diesem Nachmittage in Wind und Wetter verborgen an der Hecke der Seligerschen Villa gestanden. Von dort aus konnte man den Speisesaal überblicken, und hier hatte er der Hochzeit seiner Liebsten zugesehen. Dann war die Dunkelheit hereingebrochen, und immer noch hatte er ausgeharrt. War ein Unglück passiert, hatte er sich in wahnsinnigem Schmerze unter den Wagen des hochzeitlichen Paares geworfen? Es blieb ein Rätsel! Man hatte einen in der Nähe wohnenden Arzt benachrichtigt und einen Boten nach der Rettungswache geschickt. Endlich erschien der erstere, schüttelte bedenklich mit dem Kopfe und legte einen Notverband an. Nach drei Viertelstunden fuhr der Wagen mit dem roten Kreuze Davidchen Mandelbaum, der das Bewußtsein immer noch nicht erlangt hatte, nach dem städtischen Krankenhause. Der Gärtner verstand sich auf seinen Dienst. Er öffnete die nach dem Fasanenweg führende Seitentür des Parkes. Alles ging lautlos von statten. Denn der Fürst und die herzogliche Schwester, die sich vorzüglich zu unterhalten schienen, weilten immer noch in der Villa. Erst spät am Abend erfuhr Seliger von dem Unglück, das sich in nächster Nähe der Villa zugetragen hatte, und um wen es sich handelte. Als er Frau Hilde davon erzählte, bekam diese einen Weinkrampf. Noch in der Nacht benachrichtigte er den Vater des Verunglückten telegraphisch, daß sein Sohn schwer erkrankt sei, und daß seine Anwesenheit daher dringend gewünscht werde. Im Laufe des Vormittags traf der »große Rabbi« aus seinem einsamen Spessartflecken ein. Vierundzwanzig Stunden saß er regungslos, ohne einen Bissen zu sich zu nehmen, an dem Schmerzenslager seines Kindes, das in all der Zeit nur noch schwache Lebenszeichen von sich gab. Und in derselben Stunde, da Edith zusammen mit ihrem Gemahl das erste Diner im Hotel Bauer in Venedig einnahm, schwebte der Engel des Todes endlich durch das stille Zimmer im städtischen Krankenhause und legte die weiche Hand auf Davidchen Mandelbaums schmerzende und brennende Stirn. Da brach der »große Rabbi« vor der Leiche seines einzigen Kindes zusammen und schrie mit gellender Stimme, so daß es furchtbar in den stillen Gängen des Spitals widerhallte: »Gott meiner Väter, warum hast du mich verlassen?« XI. Wie die Bienenschwärme hafteten die Arbeiterkolonnen an dem Gelände zwischen der Stadt und Walportshausen. Italienische Erdarbeiter, die den Eisenbahndamm aufzuwerfen, die Schwellen und die Schienen zu legen hatten. Heribert XXIII. hatte die Sache in die Hand genommen, und Seligers Millionen, die in dem Tresor der Kommerzbank geschlummert und Zins auf Zinseszins gehäuft hatten, rollten. Das Glück war ihm wieder hold. Ein selten warmer, fast schnee- und frostfreier Winter begünstigte seinen großen Plan und ließ die Arbeiten im Freien fast ununterbrochen zu. Die stille Zeit drückte die Löhne herunter, die Leute waren froh, überhaupt Arbeit zu finden und sich nicht gezwungen zu sehen, die kostspielige Heimfahrt über die Alpen anzutreten. Es waren Hunderte und aber Hunderte, die Seligers Ingenieure an dem Riesenwerke beschäftigten. Denn Zeit war Geld, so billig wie in diesem Winter würde man die Arbeit so leicht nicht wieder bekommen, und spätestens um die Mitte des Sommers sollte der erste Zug von der Stadt nach Walportshausen fahren. Das fahrende Material wurde in Auftrag gegeben, und unter der Hand wurden unzufriedene Angestellte der Staatseisenbahn mit königlichen Versprechungen in den Dienst des neuen Unternehmens gelockt. Überall war der unermüdliche Seliger, aber am meisten in Walportshausen, wo er ein fast täglicher Gast im Schlosse des regierenden Fürsten wurde. Denn mit Heriberts Hilfe gelang eben alles. Die sonst endlosen Verhandlungen mit der Regierung und den in Betracht kommenden Stadtverwaltungen wurden durch den Einfluß des Fürsten im Fluge erledigt, die Weg-, die Bahn-, die Baupolizei komplimentierte in einem fort. Und Seligers mit einem Schlage zurückgekehrte eiserne Tatkraft, sein zäher Wille, die ungeheuren Konventionalstrafen, die er für jede Verzögerung des Bahnbaus in den Verträgen erzwang, sein eigener unermüdlicher Fleiß und seine goldene Rücksichtslosigkeit machten, unterstützt von besonders glücklichen Begleitumständen, das Unglaubliche wahr, das unmöglich Erscheinende zur Tatsache. Am ersten August des folgenden Jahres fuhr der erste mit Girlanden geschmückte Zug von Walportshausen in die Stadt. Das war ein Fest! Wie ein König stand Harry Seliger in der niedlichen, zierlich aus Holz gezimmerten Bahnhofshalle inmitten der Vivat schreienden Walportshausener, an der Seite seines hohen Gönners des Fürsten Heribert, der ihm zum Danke den höchsten Orden seines Hauses, das Brillantenkreuz von der weißen Lilie, verliehen hatte. Das Ministerium von Walportshausen, die Spitzen der staatlichen und städtischen Behörden und Körperschaften nahmen an der Feier teil, und die Schulkinder des kleinen Fürstentums besangen in einer von dem Lehrer gedichteten und komponierten Ode Herrn Seliger als den Vater des Vaterlandes. Schon in den ersten Monaten des Betriebes zeigte es sich, daß Seliger recht gehabt hatte. Die Bahn prosperierte, sie war ein Bedürfnis für die in Frage kommenden Ortschaften, für die kleine Residenz Walportshausen und für die große Stadt. Der Herbst war berückend schön. An jedem neuen Tage ergoß sich eine Flut von Ausflüglern in die Züge, welche die einzige Verbindung zwischen der volkreichen Stadt und dem nahen Gebirge herstellte. Nach vier Wochen, im September, wurde die Zahl der fahrplanmäßigen Züge der Kleinbahn verdoppelt, und man fuhr mit zehn, anstatt wie in den ersten Tagen mit vier Achsen. Seliger träumte von schwereren Lokomotiven, die er für die nächste Sommersaison einzustellen beschloß. Der Erfolg der ersten Monate war märchen-, war fabelhaft. Es schien, als habe die Erde ihren Schoß geöffnet, damit dieser Mann die offen vor seinen Augen daliegenden Schätze dieser Welt nur mit Händen zu greifen brauche. Und als der stille Winter wiederkam, als die Züge weniger und weniger wurden, als nur noch an schönen Sonntagen infolge der das Gebirge stürmenden Schlitten und Schneeschuhfahrer hie und da eine Überfüllung eintrat, da wühlte das Heer der italienischen Arbeiter in dem um Walportshausen liegenden Gelände, das Seliger schon lange an sich gebracht hatte, und an der Börse ging die Mär, daß der schlaue Jude mit der Bahn und den ihm gehörenden wertlosen Feldern und Wiesen, die Eigentum der Gemeinde Walportshausen gewesen waren, einen Besitz an sich gebracht habe, gegen den die Schätze in Tausend und eine Nacht ein Kinderspiel sein sollten. Und aus dem Boden von Walportshausen wuchs weithin leuchtend und alles überragend der erste Fabrikschornstein in die Höhe. Ihm folgten ein zweiter, ein dritter und ein vierter. Sie bezeichneten die Lage der Sudhäuser, in denen die kostbaren Kalisalze zu einem Dungmittel verarbeitet werden sollten, dessen Patent Seliger vor kurzem dem glücklichen Erfinder abgekauft hatte. Langsam und stetig wuchs das Werk. In den Tiefen der Erde wühlten die Italiener Stollen und Gänge in den wasserreichen Boden, die durch gewaltige Gerüste und Bretter getragen und gestützt werden mußten. Und weiß, blendendweiß leuchtete es allüberall aus dem Gestein, die Salzkristalle, die in rollende Millionen verwandelt werden sollten. Seliger hatte sich nicht getäuscht. Der Boden von Walportshausen barg unerschöpfliche Reichtümer, und er war auf die Welt gekommen, diesen Schatz zu heben. Die Qualität der Salze war vorzüglich, das neue Dungmittel mußte unter diesen Umständen den Weltmarkt erobern, es würde jede Konkurrenz, selbst die des chilenischen Salpeters, durch seinen beispiellos billigen Preis und seine Güte siegreich aus dem Felde schlagen. Er war auf dem Wege. Nichts, nichts in der Welt hielt ihn mehr auf. Wie der Kanonenkönig im Tale des Rheines, so wollte er hier in der Gegend von Walportshausen ein König in deutschen Gauen werden, der Kalikönig, wie er sich schon in den Zeitungen vor den Ohren der Handels- und Industriewelt des Reiches nennen hörte. Und während sich drunten im Tale Backstein zu Backstein fügte und so Sudhaus neben Sudhaus, Lagerraum neben Lagerraum, Versandstelle neben Versandstelle erstanden, während sich die Häuser für die Beamten und Angestellten der Kaliwerke, die Gebäude für die Bureaus und Verwaltungsräume langsam eines an das andere fügten, wuchs am Rande des Waldes, von dunkeln Tannen umsäumt, ein schloßähnlicher Bau in gothischem Stile, ein altertümliches und doch ganz neues Schloß, mit Ställen und Dienerschaftswohnungen fast über Nacht empor. Die Villa Berg, in der der König der Salze in unmittelbarer Berührung mit seinem großen Lebenswerke wohnen wollte, deren Prunkräume und Festsäle er mit Klotilde Marbach zu teilen entschlossen war. Denn in die Stadt zog ihn nichts mehr. In der Erde von Walportshausen hatte er sein neues Arbeitsfeld, in dem Städtchen die Freundschaft des Fürsten gefunden, und dort verachtete er alle, alle die, die einst seinen großen Plan, um dessen Ausführung sie ihn nun beneideten, zu Fall gebracht hatten, und die anderen, seine Familie, die ihm zur Last und zum Ekel war. Mochten die Fäden zwischen dem Palaste des Prinzen Egon von Trachenstein und der Villa Seliger hin- und hergesponnen werden, er kümmerte sich nicht mehr um diese Bande, bei der ein alternder, schon zweimal vom Schlage gerührter Wüstling der Gatte der Tochter und der Liebhaber der Mutter war. Es ekelte ihn an, und er hatte hier sein neues Feld. Er war wieder jung geworden, ein neuer, ein anderer, er fühlte sich glücklich mit Klotilde, er war ein König in seinem Reich. Als die Fabrik eröffnet wurde, als die von Seliger in Salzburg und Berchtesgaden engagierten Leiter der Werke ihren Einzug hielten, trat halb Walportshausen in seine Dienste. Es war ein guter und, wie es schien, leicht zu erwerbender Verdienst, der sich der Bevölkerung hier mit der Verarbeitung der Kalisalze unter der Leitung sachkundiger Chemiker bot. Nur die Arbeit drunten unter der Erde war nicht ungefährlich wegen der Grundwasser, die auch die sorgfältigst gebauten Stollen trotz aller Dampfpumpen immer wieder aufs neue zu überschwemmen drohten. Aber die Jugend Walportshausens und der umliegenden Ortschaften, die einst zu Fuße Meilen zu durchwandern gehabt, um Arbeit zu finden, befreundete sich rasch mit der neuen Industrie. Von Monat zu Monat wuchs der Wohlstand der Gegend, aus deren Boden Seliger wie mit einer Wünschelrute Millionen um Millionen schlug. Die weit hinab ins Tal grüßende Villa Berg, zu deren Besichtigung er weder Frau noch Kinder eingeladen hatte, die ganz allein ihm und Klotilde gehören sollte, war bezogen. Sie blickte stolzer drein, als das alte Residenzschloß von Walportshausen, in dem der verwitwete Heribert mit seiner gleichfalls verwitweten herzoglichen Schwester hauste. Villa Berg beherrschte das ganze Tal, in dessen Tiefen es jetzt dampfte und fauchte, rasselte und tobte von der Bahn und den Maschinen, die der Schöpfer dieser Villa wie der Zauberer im Märchen in diese Gegend gestellt hatte. Das Dungmittel ging in die Welt. Es schlug ein. Es regnete Bestellungen, bis in die fernen Gaue Rußlands, bis hinüber nach Amerika wollte man es haben. Sofort begann Seliger mit der lange geplanten Emission der Aktien »Kaliwerke Berg«. Fremdes Kapital sollte arbeiten, damit er das seine allmählich wieder herausziehen konnte ... Die ersten Tausend á 500 gingen an die Börse, man war vorsichtig, man kaufte langsam. Da traf eine Bestellung von seiten der ungarischen Regierung ein, die das neue Dungmittel in den Staatsdomänen probieren wollte. Das schlug durch. Die Zahl der Arbeiter in den Kaliwerken mußte verdoppelt werden, damit man dieser Bestellung gerecht werden konnte. Die Aktien der »Kaliwerke Berg« stiegen an einem Tage auf 672. Es war phänomenal, schwindelerregend, alle Hände schienen nach diesen Aktien zu greifen. An einem einzigen Tage, in zwei knappen Börsenstunden waren sie bis auf die letzte verkauft. Und ungemessene Schätze, Millionen von Kubikmetern Kalisalze lagerten noch, wie die leitenden Ingenieure versicherten, in dem Boden von Walportshausen – wenn die Wasser nicht gewesen wären, die Grundwasser, die über Nacht einen Stollen überschwemmen und die Arbeit langer Wochen zunichte machen konnten, Maschinen und Gebälke für immer in dem Schoß der Erde vergrabend. Tag und Nacht gingen jetzt die Dampfpumpen, die Wasser aus den Stollen an das Licht des Tages zu fördern und zu unschädlichen Abflüssen in die Wiesengründe unterhalb der Kalilager zu leiten. Das ächzte und stöhnte, das rasselte und rollte den ganzen Tag und die ganze Nacht wie ein maßlos gequälter organischer Körper, dem unter gewaltigen Schmerzen auch das letzte Tröpfchen Blut ausgepreßt werden soll! Und droben in der Villa Berg oder drunten in dem Direktionsbureau der Kaliwerke saß der unermüdliche Seliger und berechnete die Millionen, die das unfaßbar große Unternehmen schon verschlungen hatte, und die Millionen, die es wieder einbringen würde. Und während Seliger draußen in Walportshausen in rastloser, Million um Million zusammenschachernder Arbeit im Verein mit Klotilde seine Tage verbrachte und ganz im geheimen hin und her erwog, mit welchen Advokatenkniffen er eine Scheidung von Frau Hilde, der eine späte Ehe mit seinem Schatze folgen sollte, durchzusetzen vermöchte, ging das Leben in der Villa, drinnen in der Stadt und in dem Palaste des Prinzen Egon von Trachenstein seinen lustigen Gang. Freilich, klug war auch Prinz Egon endlich mit den Tagen des zunehmenden Alters geworden, die Zeiten der Wechsel und der Schuldscheine, des Spieles und der Wetten waren auch bei ihm nun vorbei. Bevor er sich in das neue Unternehmen gestürzt, hatte Harry Seliger zugunsten seiner Familie eine Teilung seines ungeheuren Vermögens vorgenommen. Ein Drittel seiner beweglichen Habe – es waren nicht ganz zwölf Millionen gewesen – hatte er in mündelsicheren, vierprozentigen Papieren fest angelegt. Die Nutznießung dieser imposanten Summe stand seiner Frau und seinen Kindern zu, und zwar so, daß je ein Viertel der Zinsen von der Bank nach Seligers Weisung an jedes der Beteiligten ausgezahlt wurde. Die Verfügung über das Kapital hatte er sich selber aber lebenslang vorbehalten. Mit den übrigen zwei Dritteln, dem stattlichen Reste von rund fünfundzwanzig Millionen, arbeitete er. Da war es denn kein Wunder, daß Frau Hilde zusammen mit Edith und ihrem Schwiegersohne bei einem gemeinschaftlichen Einkommen von einer Viertel Million jährlich zu leben verstand. Es war ein Verhältnis, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte, ein Dreieck, wie es noch niemals dagewesen war. Die Mutter und die Tochter als Geliebte und Ehefrau des alternden Lebemannes, dessen physische und moralische Impotenz, wie man annahm, die feste Garantie für das gute Einvernehmen zwischen den beiden Frauen bot. Wie an jenem Renntage, so sah man sie auch jetzt wieder in allen Straßen der Stadt und draußen auf den Promenadenwegen friedlich vereint in dem prächtigen Landauer, die Damen im Fond des Wagens gemütlich miteinander plaudernd, den Prinzen auf dem Rücksitze, seine Zigarette schmauchend, die unvermeidliche La France im Knopfloche. In den ersten Monaten ihrer Ehe war es Edith schlecht gegangen. Die Ärzte hatten sogar für das Leben der jungen Frau gebangt. Als sie nach ihrer Rückkehr aus Venedig von dem furchtbaren Ende Davidchen Mandelbaums erfahren, hatte es sie gewaltig gepackt. Ein schweres Nervenfieber, von dem sie sich nur langsam erholte, war die Folge gewesen. Nun hatte sie sich an alles gewöhnt und in alles hineingefunden. Wie eine orientalische Haremsdame verbrachte sie ihre Tage hin, sinnlosem und furchtbar gleichgültigem Genusse hingegeben, die Unsummen, die ihr mühelos zur Verfügung standen, für die Führung des fürstlichen Haushaltes, für Gesellschaften und wahnsinnig teure Toiletten nutzlos vergeudend. Alles Gute, was einst in ihrem jungen Herzen gelebt, was ihr von seiten Etelkas und Leos den Kosenamen »das Schaf« eingetragen hatte, schien gänzlich ertötet, völlig erstickt unter dem Wust von Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten, mit dem sie ihr Leben auszufüllen hatte. Wenn sie sich des Vormittags gegen elf Uhr aus den seidenen Kissen ihres Lagers erhoben und das warme, nach Eau de mille fleurs duftende Bad genommen hatte, dann erschien der Friseur, der allerhand Intimitäten aus anderen Häusern, wo er beschäftigt war, zu erzählen wußte, dann kam die Maniküre und schwatzte von den neuesten Modellhüten, die Madame Labouchère aus Paris mitgebracht hatte, und von den Kostümen, die in dem Erker der Firma Haas \& Sohn ausgestellt waren. Waren die gegangen, dann erschien der Diener, der ihr das Menü des Küchenchefs für das um drei Uhr stattfindende Mittagsmahl zur Begutachtung vorzulegen hatte. Dann fuhr sie aus. Vormittags immer allein, Besorgungen zu machen, Neuheiten anzusehen. Kurz vor drei Uhr war sie zurück. Das fast an jedem Tage gemeinschaftlich mit dem Gemahl und der Mutter eingenommene Diner verlief in den meisten Fällen sehr ruhig, da Trachenstein die üble Gewohnheit hatte, während des Essens die Sportzeitung zu lesen, und in dieser wichtigen Beschäftigung nicht gestört sein wollte. Dann schlief sie zwei Stunden und trank gewöhnlich, einer alten Mädchengewohnheit folgend, den five o'clock in einer vornehmen Konditorei in der Stadt. Über die Abende bestimmte der Prinz. War man nicht eingeladen oder hatte man kein Abonnement in der Oper oder im Schauspiel, dann war es gewöhnlich ein fashionables Restaurant, das er mit den Damen aufsuchte, eine alte Liebhaberei, eine holde Erinnerung an die schönen Junggesellentage, die er nicht gerne missen mochte. So ging es einen Tag wie den anderen im dolce far niente, dessen furchtbare Einförmigkeit sie nicht einmal mehr empfand. Aber seit einigen Monaten war eine große Veränderung in ihrem Zustand und ihrem ganzen Wesen eingetreten. So unglaublich die Tatsache klingen mochte, sie bestand doch. Edith war schwanger. Das fürstliche Haus Seiner Hoheit des Prinzen Egon von Trachenstein erwartete einen Erben. Es war geradezu lächerlich, mit welch rührender Sorgfalt der Prinz seit dem Tage dieser erhebenden Erkenntnis seine junge Frau umgab. An jedem Tage zweimal erschien der Hausarzt und vermerkte gewissenhaft den Fortschritt ihres Zustandes, verschrieb seine Mittelchen gegen die eintretenden Kopfschmerzen und Übelkeiten und ließ die junge Frau, deren Körper ja allerdings infolge der während der ersten Monate ihrer Ehe überstandenen schweren Erkrankung der Schonung bedurfte, von dem Bette auf die Chaiselongue und von der Chaiselongue ins Bett tragen. Bei ihrem immer noch hier und da sehr gereizten Wesen, bei der Schwäche ihrer Nerven und Muskeln, mochte der erfahrene Kliniker am Ende nicht ohne Grund eine durch irgendeine Unvorsichtigkeit herbeigeführte Fehlgeburt befürchten. Aber es schien unter seiner sorgfältigen Behandlung alles gut zu gehen, die kritischen Monate waren beinahe vorüber, Edith fühlte sich wohler, sie selber bestand darauf, auszufahren und sich in Haus und Park bewegen zu dürfen. Prinz Egons Brust schwoll im Hochgefühl seiner bevorstehenden Vaterschaft. Wenn es ein Knabe wäre, ein Prinz, ein neuer Egon von Trachenstein, Hoheit, der infolge der Seligerschen Millionen von vornherein zu den höchsten Stellen der Armee und des Staates berufen war!! Schwärmend von dem Sohn, der da kommen sollte – ein Mädchen durfte, konnte es gar nicht werden, da er sich in seinem Alter noch einmal bemüht hatte – saß Seine Hoheit auch heute wieder beim Mittagsmahle zur Seite seiner jungen Frau. Sie waren allein. Halb Witwer, wie er sich im Scherze auszudrücken beliebte. Die Geburt war frühestens in acht Wochen zu erwarten. So hatte Frau Hilde, die denn auch noch andere Pflichten hatte, endlich dem Drängen ihres Leo nachgegeben und war für ein paar Tage, nur für ein paar Tage, nach Berlin gefahren. Man sollte sie an jedem Tage telegraphisch über Ediths Befinden benachrichtigen, hatte sie vor ihrer Abreise angeordnet. Der Diener hatte gerade den Fisch serviert. Er war in die Küche gegangen, um sich den Braten anrichten zu lassen, da sah Edith zu ihrem Entsetzen, wie die Weinflasche, aus der der Prinz eben eingießen wollte, diesem aus den Händen fiel. »Egon!« schrie sie und sprang auf, »was ist dir, Egon?« Keine Antwort. Reglos saß Seine Hoheit auf dem Stuhle, den Kopf vornübergeneigt, die Arme schlaff herniederhängen lassend. »Egon!« schrie sie noch einmal. Sie rüttelte ihn, sie schüttete kaltes Wasser auf ihre Serviette und netzte ihm die Stirn. Keine Bewegung. Da sah sie die völlige Verzerrung seiner einen Gesichtshälfte. Das Auge war halb geschlossen, der Mund hing tief herab, und da sie jetzt seinen linken Arm berührte, sank dieser wie eine leblose Masse aus Blei in die vorige Stellung zurück. »Egon, Egon, was ist dir?« jammerte sie wieder. Aber der Prinz kam nicht zu sich, er lag in einer tiefen Betäubung, in die ihn der schwere, so unerwartet bei Tische eingetretene Schlaganfall versenkt hatte. Sie stürzte nach der Tür und klingelte dem Diener. Die Schüssel mit dem köstlichen englischen Roastbeaf fiel diesem beinahe aus der Hand. Zusammen mit seiner Herrin bettete er den Reglosen auf dem Diwan des Speisesaales. »Zum Arzt, schnell zum Arzt!« ordnete Edith an. Der Diener lief, so rasch ihn seine Füße tragen konnten, und alarmierte das ganze Haus. Sie war allein, allein mit dem Bewußtlosen, an dessen Lager vielleicht schon, ohne daß sie eine Ahnung davon hatte, der Tod treten konnte. Ein Schauer durchrieselte ihren jungen Körper bei dem Gedanken an den Tod. Sie allein mit dem Tod! Da trat ihre Kammerzofe zusammen mit dem Verwalter des Schlosses ein. »Seiner Hoheit ist ein Unglück zugestoßen, ich weiß nicht, was es war,« stotterte sie in namenloser Angst. »Haben Sie den Arzt benachrichtigt? Ist denn niemand hier in der Nähe, der helfen kann?« Und plötzlich fiel ihr die Krankenschwester ein, die drüben in der Villa, nur über die Straße zu laufen, den Dienst bei Urgroßmutter Rosenbusch zu versehen hatte. Ohne jemandem ein Wort zu sagen, instinktiv, als ob nur sie allein die Krankenschwester benachrichtigen und herbeirufen könnte, stürzte sie hinaus. Ein Tuch um den Kopf und hinüber über die Straße in die väterliche Villa, hinauf zu der Urgroßmutter. Ein Grauen hatte sie gepackt, eine wahnsinnige Angst, sie konnte den Anblick des Bewußtlosen und Verzerrten nicht mehr ertragen, es war ihr, als stürzten die Mauern und Balken des Palastes Trachenstein über ihr zusammen. Sie mußte hinaus. Die Tür der Villa Seliger war nur angelehnt. Niemand auf dem Flur, kein Mensch in den Gängen. Was war denn hier passiert? Sie stürmte die ihr wohlbekannten Treppen hinauf, atemlos kam sie droben an und betrat Frau Rosenbuschs trautes Zimmer. Im Lehnstuhl am Fenster saß die jetzt Fünfundneunzigjährige still und friedlich, reglos, wie sie Edith seit Jahren reglos zu sehen gewohnt war. Die Krankenschwester war nicht da. Edith öffnete die Tür zu dem nebenanliegenden Schlafzimmer. Auch hier war Schwester Brigitte, wie Frau Rosenbuschs neue Pflegerin hieß, nicht zu entdecken. Und mit einem Male, ganz von dem Gefühle, welchen Glückes sie einst in diesem trauten Zimmer teilhaftig geworden, überwältigt, warf sich Edith schluchzend vor dem Lehnsessel der Urgroßmutter nieder, und ihr vergeblich in Äußerlichkeiten, Reichtum und Luxus ersticktes besseres Ich brach sich mit einem Schlage in elementarem Ausbruch Bahn. »Ach Urgroßmutter, Urgroßmutter,« jammerte sie. »Ich bin gemein, ich bin schlecht geworden, wie ich es damals gefürchtet habe. Davidchen ist tot. Ich kann ihn nimmer zurückrufen in dieses Leben, und mein Mann« – sie schauerte zusammen – »du weißt es doch, Urgroßmutter, daß ich den Prinzen Trachenstein geheiratet habe? O, es ist schrecklich, Urgroßmutter, du sollst, du mußt alles wissen: hörst du, wie sich der Untergang deines Hauses vollzieht, arme Urgroßmutter, das sollst du wissen. Vater weilt schon lange nicht mehr hier im Hause, in der Ferne ist er mit einer fremden Frau, und die Mutter ist die Geliebte meines Mannes gewesen, verstehst du, Urgroßmutter, die Geliebte meines Mannes, und ich, ich habe es gewußt und habe es zugegeben und habe mich schlecht und gemein mit den anderen gemacht.« Ein Zittern lief durch ihre zusammengekauerte Gestalt. »Und der, den ich liebte, hörst du, Urgroßmutter, den haben sie totgefahren an meinem Hochzeitsabend mit meinem Brautwagen, und die Hufe meiner Pferde und die Räder meiner Equipage gingen über ihn weg. Verstehst du mich, Urgroßmutter, o, verstehe mich doch noch einmal in diesem Leben, sag' mir ein Wort des Trostes und der Rettung, Urgroßmutter!« Reglos und stumm blieb Frau Rosenbusch. Nicht einmal mit den Augen machte sie eine Bewegung. Und Edith fuhr fort: »Aber das Schrecklichste muß ich dir noch sagen, Urgroßmutter, dir allein. Ich werde ein Kind bekommen« – wieder schauerte sie zusammen – »ein Kind von dem alten Prinzen Trachenstein, den ich immer Onkel genannt habe. Weißt du, was ich gelitten habe, Urgroßmutter, als ich mit ihm so gemein geworden, daß ich jetzt ein Kind von ihm bekommen muß, weißt du das? Und er ist zusammengebrochen, er regt sich nicht. Da bin ich herübergekommen, Hilfe zu holen. Wo ist denn Schwester Brigitte, Urgroßmutter, wo ist sie denn?« Flehend schlug Edith die Augen zu Frau Rosenbusch empor und faßte deren Hand. Es war ein herzzerreißender Schrei, den sie jetzt ausstieß. Die Hand, die sie da immer noch in der ihren hielt, war eiskalt. Frau Rosenbusch rührte sich nicht. Und nun sah sie es mit den furchtbar geöffneten Augen einer entsetzlichen Erkenntnis: Sie hatte einer Toten gebeichtet! Der Boden wankte unter ihren Füßen. Sie hielt sich an der Lehne des Stuhles, in dem der Leichnam ruhte, und schrie: »Zu Hilfe, zu Hilfe!« Ein schneidender, furchtbarer, noch niemals gefühlter Schmerz zerriß ihren Leib. Sie rollte nieder auf den Teppich des Zimmers und riß sich in einem letzten vernünftigen Gedanken das enge Fischbeinkorsett, das sie trotz der Warnung des Arztes noch trug, vom Leibe! Sie heulte wie ein verwundetes Tier. Es war ihr unmöglich, sich zu erheben, wie schneidende Schwerter, wie haarscharf geschliffene Messer fuhr es durch ihren Leib. Sie krallte die Finger in den, wolligen Teppich, sie faßte ein von dem Sofa herabgeglittenes Kissen und zerbiß es mit den Zähnen. Der wahnsinnige, der furchtbare Schmerz, der nun, von den Hüften ausgehend, bis hinab zu den Schenkeln verlief! Da riß sie sich den Rock von den Beinen und schrie: »Zu Hilfe, ich sterbe, zu Hilfe, zu Hilfe!« Aber niemand schien sie zu hören, Frau Rosenbusch regte sich nicht. Furchtbar starrte ihr in dieser unseligen Stunde ihrer vorzeitigen Niederkunft, wie sie endlich schaudernd ahnte, das entstellte Antlitz der Toten entgegen. Wie häßlich war diese Alte jetzt im Tode! »Brigitte, Brigitte,« schrie sie mit gellender Stimme, und im ganzen Hause regte sich nichts; Sie fürchtete sich. Allein mit der Toten. Sie wollte, sie mußte hinaus. Mit aller Anstrengung versuchte sie sich zu erheben. Vergeblich! Das Kind, das sich aus ihrem Leibe dem Lichte entgegenringen wollte, riß sie nieder auf den Boden, hinab an die Stelle, von der sie immer in das gräßliche Antlitz der Toten sah! Sie schloß die Augen, sie konnte es nicht mehr ertragen. Und aufs neue packte sie der rasende Schmerz, der nun unaufhaltsam in mächtigen Stößen vom Rücken beginnend durch den Unterleib fuhr. Sie verlor das Bewußtsein. Sie sah nichts mehr von dem Zimmer, nichts mehr von Frau Rosenbusch, sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, und nur ganz leise glaubte sie zu empfinden, wie ein warmer Strom unaufhaltsam von ihren Beinen auf den Teppich des Zimmers rann. War das Blut?? Die Schmerzen ließen ein wenig nach. Aber schon wieder nahte eine tiefe Ohnmacht, alles wurde schwarz vor ihren Augen, sie wußte nicht mehr, was mit ihr vorging, und wo sie war. Nach einer halben Stunde fand sie die Krankenschwester, die infolge des plötzlichen Ablebens der Frau Rosenbusch den Kopf verloren, die die ganze Dienerschaft nach einem Arzt fortgeschickt hatte und schließlich selber zu einem solchen gelaufen war, noch immer bewußtlos auf dem Teppich des Zimmers. Sie war blutüberströmt, wie tot. Auf dem Fußboden lag der blutbesudelte Prinz, dem sie das Leben hatte schenken sollen, ein leise wimmernder, halbfertiger Embryo, dem der mit Schwester Brigitte herbeigeeilte Arzt nur wenige Stunden der Daseinsmöglichkeit gab. Drunten in der Villa, in ihrem einstigen Mädchenzimmer bettete man die junge Frau. Nach dem Vorgefallenen gab der Arzt wenig Hoffnung. Und er behielt recht. Am Morgen des folgenden Tages starb sie an dem ungeheuren Blutverluste, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben wie Davidchen Mandelbaum. XII. Es war ein unglücklicher Sommer gewesen. Monatelang hatte es fast ununterbrochen geregnet. Die Heu- und die Grummeternte waren verdorben, und Korn und Weizen am Halm verfault. Die den Weststürmen ganz besonders ausgesetzte Gegend von Walportshausen war von den Unwettern am härtesten betroffen worden. Nun kam der Herbst, und mit erneuter Gewalt setzte der Regen ein. Unermüdlich Tag und Nacht schüttete der Himmel seine Wasser über das Städtchen und dessen Gefilde. Selbst die Bittprozessionen der katholischen Geistlichkeit hatten nichts genutzt. Das ganze Land glich einem See. Von allen Strömen wurde Hochwasser gemeldet, Überschwemmungen allüberall, Wasser, nichts als Wasser, das immer noch im Steigen begriffen war. Seliger war der Verzweiflung nahe. Nur mit Mühe konnten die Wagen der Kleinbahn verkehren, an jedem Tage gab es neue Reparaturen an dem Bahndamme, den das Wasser zu unterwaschen drohte. Kein Mensch kam mehr aus der Stadt, höchstens hie und da einmal ein Neugieriger, der es riskierte, der sich den »See von Walportshausen« einmal ansehen wollte. Die zu Hunderten einlaufenden Bestellungen auf das neue Dungmittel, das sich so glänzend eingeführt hatte, konnten kaum zur Hälfte ausgeführt werden. Es war zum Rasendwerden. Wenn es noch eine Weile so weiter ging, dann mußte man die Arbeit auf den Werken einstellen. Und es regnete weiter. Die Ingenieure hegten ernste Befürchtungen. Unter Seligers Leitung hatte die Ausbeutung des Bodens unerhörte Dimensionen angenommen. Es war, als hätten Milliarden von Maulwürfen das ganze Erdreich unterminiert, und wenn es so weiter ging, wenn der Himmel kein Einsehen hatte, dann hielten die unterirdischen Bauten der Gewalt der Wasser nicht mehr stand. An jedem neuen Morgen machten die technischen Leiter der Werke ihren Chef auf diese furchtbare und in nächster Zukunft drohende Gefahr aufmerksam. Er wollte von nichts hören, er verschloß sein Ohr. Die Bestellungen lagen vor, sie mußten unter allen Umständen effektuiert werden, das war sein einziger Bescheid, denn die Anteilscheine der Kaliwerke zeichneten jetzt an der Börse 716. Aber schon ganz langsam trat die gefürchtete Reaktion ein. Die Gefahr, in der die Kaliwerke schwebten, konnte auf die Dauer der Öffentlichkeit nicht verborgen bleiben, mit welcher Anstrengung auch Seliger die Arbeiten über und unter der Erde aufrecht erhielt. Die Zeitungen berichteten von dem Hochwasser, von den Überschwemmungen in der Nähe von Walportshausen. Vierzehn Tage lang hielten die Scheine ihren Kurs. Dann begannen sie rascher und rascher zu fallen, in einer einzigen Woche um einhundertundsiebzehn Prozent. Erneute, verzweifelte Anstrengungen. Der vorsichtigste unter den Ingenieuren wurde kurzerhand von Seliger entlassen, einen solchen Hasenfuß könne er in seinem großen Betriebe nicht brauchen, sagte er. An seine Stelle als Leiter des gesamten technischen Betriebes trat ein Amerikaner, der das Menschenunmögliche möglich zu machen versprach. Tag und Nacht wurde gearbeitet. Die Schichten wurden verdoppelt. Neue Dampfpumpen wurden eingestellt. Wahre Ungetüme, die die Aufgabe hatten, das allem Vernichtung drohende Wasser an das Licht des Tages und aus den Stollen herauszubefördern. Schon seit einer Woche zahlte Seliger doppelten Lohn. Es war kein Leben mehr, keine Arbeit, es war ein unausgesetztes Ringen mit dem Tode, eine Schinderei. Bis an die Hüften standen die Leute unter der Erde im Wasser und brachen die Salzkristalle aus den höher gelegenen Partien aus. Wenn einer zwei Stunden in dem kaum fünf Grad warmen Wasser gearbeitet hatte, mußte er abgelöst werden. Und immer neue Kräfte schaffte Seliger heran. Die Bestellungen mußten ausgeführt werden, die Anteilscheine durften nicht tiefer fallen. Manchmal kam es vor, daß die Leute sich nach zweistündiger Arbeit kaum mehr nach Hause schleppen konnten, ihre Beine waren erstarrt, und die Frauen bereiteten warme Tücher, um die erfrorenen Gliedmaßen ins Leben zurückzurufen. Aber die Familien mußten leben, und eine andere Arbeit gab es nicht. Und in Walportshausen und den umliegenden Dörfern, die alle ihre kräftige Jugend in die Kaliwerke sandten, begann sich leise der Aufruhr gegen Seliger und sein Ausbeutesystem zu regen. Leute aus der Stadt waren gekommen. Sie hatten des Abends in den Wirtschaften Brandreden gegen diesen jüdischen Unternehmer gehalten, der in wenigen Jahren die ganze Bevölkerung zu seinen Sklaven gemacht habe. Harte Worte wurden gegen ihn laut. Den man einst den Vater des Vaterlandes genannt hatte, schimpfte man jetzt einen Halsabschneider und Mörder, der ganze Familien an das Messer liefern würde. Die Empörung wuchs, als in der Tat zwei mit Familie reich gesegnete Arbeiter einer Erkältung erlagen, die sie sich in dem Wasser unter der Erde zugezogen hatten. Aber Seliger war klug. Er bewilligte den Witwen eine lebenslängliche kleine Rente und man pries ihn wieder als einen edlen Mann. Und unweit der Villa Berg, an der Lehne, der sogenannten Magdalenenhöhe, grub man einen neuen Schacht. Auf Seligers Drängen hatte der leichtsinnige Amerikaner das waghalsige Werk trotz aller Warnungen unternommen. Denn Millionen von Kubikmetern Kali mußten unter der Erdrinde der Magdalenenhöhe lagern, und diese Schätze sollten nach Seligers festem Willen erschlossen werden. Der Vorgänger des Amerikaners hatte sich immer geweigert, auch nur mit einem Spatenstiche an die Magdalenenhöhe zu rühren. Sie sei ein natürliches Bollwerk und halte das ganze Gelände zusammen, hatte er behauptet. Nun wühlten seit Wochen Hunderte von Italienern in dem Leib des Berges, der wie ein schützender Wachtposten Walportshausen und die Kaliwerke nach Westen abschloß. Schon viele tausend Jahre hatte er den Wettern stand gehalten, die, von Westen kommend, über seinen tannenbedeckten Scheitel einhergezogen waren. Und in dem Schoße des Alten arbeiteten die Menschen. Der neue Schacht, den man jetzt grub, führte viele Meter tief unter die Erde in das Innere des Berges. Er sollte in einen neuen kilometerlangen Stollen münden, dessen Wände nach den Aussagen des Ingenieurs von porösem und kalihaltigem Gesteine gebildet werden mußten. Entsprang doch in einer Entfernung von nur wenigen Kilometern eine gewaltige Sole, deren chemische Untersuchung einen Salzgehalt von vierundzwanzig Prozent ergeben hatte. Den Edithstollen wollte Seliger diese neue Anzapfung des Schätze bergenden Gebirges nennen, zum Andenken an seine früh vollendete Tochter, wie er sich ausdrückte. Es war ein Freitagmorgen gegen acht Uhr, und es regnete wieder in Strömen. Um sechs Uhr hatte die erste Frühschicht in den Stollen begonnen, die in dem Wasser arbeitenden Mannschaften sollten gerade abgelöst werden. Seit einigen Tagen schon hatte der Amerikaner voll Entsetzen bemerkt, daß die große Sole an der Magdalenenhöhe von Stunde zu Stunde spärlicher floß. Gestern abend war sie plötzlich ganz ausgeblieben. Die gewaltige Quelle, die stündlich Tausende von Kubikmetern salzigen Wassers zutage förderte, mußte sich einen anderen Weg gebahnt haben, sie war abgelenkt worden, sie war verschwunden im Inneren des Berges, wie der Ingenieur in Gedanken voll Furcht und Schrecken feststellte. Noch am Abend erstattete er Seliger Bericht. »Es wird weiter gearbeitet,« entschied der Gewaltige. Und mit einem »Goddam« wandte sich der verantwortliche technische Leiter von seinem Brotherrn und ließ die Italiener weiter wühlen. Zwei Stunden hatte man am Freitag morgen noch gegraben. Da trat die Katastrophe ein; Sekunden dauernd, den Bruchteil einer Minute, und dennoch furchtbar. Seliger saß gerade in dem Direktionsbureau der Werke und ordnete die neuen Bestellungen, die an diesem Morgen besonders zahlreich eingelaufen waren. Es war wie ein Erdbeben. Die Fenster klirrten, das Haus wankte drei, vier Sekunden lang. Seliger sprang auf, an das Fenster, von dem aus er einen Überblick über die ganze Gegend hatte. Kein Zweifel, der Berg war in Bewegung, die Magdalenenhöhe war eingestürzt. Eine gewaltige Wolke von Schmutz und Staub benahm ihm jede Aussicht. Es dauerte Minuten, bis sich diese verzogen hatte, dann sah er einen mächtigen, über armdicken Sprudel, der viele Meter hoch wie ein Springbrunnen hinauf in den wolkigen Himmel drang, und drunten am Fuße des Berges einen wüsten Erdhügel von Schutt und Geröll, der Teil des Berges, den die ausbrechenden Wasser mit sich gerissen hatten. Keines klaren Gedankens mehr mächtig, stürzte er hinaus. Wohin er sah, bleiche, fassungslose Gesichter, Menschen, die den Kopf verloren hatten, die nicht wußten, wo sie eingreifen, was sie anfangen sollten! Das gab ihm momentan die Besinnung wieder. Wenn alle so durcheinanderrannten, wenn nicht er wenigstens, er allein, seine Geistesgegenwart bewahrte, dann konnte das Furchtbare von Minute zu Minute größere Dimensionen annehmen. Er faßte sich den ersten, dessen er habhaft werden konnte. »Ein Unglück,« stammelte er, »ein Bergsturz an der Magdalenenhöhe im Edithstollen. Melden Sie das nach Walportshausen, telegraphieren Sie in die Stadt, um die Feuerwehren, um Rettungsmannschaften, um eine Kompagnie Militär!« Der Unglückliche, der nicht wußte, welchen Auftrages er sich zuerst entledigen sollte, brauchte nichts zu melden. Das donnernde Getöse des Bergsturzes hatte man viele Kilometer weit gehört. Schon kündeten die Glocken von Walportshausen, daß etwas Furchtbares passiert sein mußte. Ihr klagender Ton mischte sich in das helle Klingen der Alarmglocke, die drunten am ersten Sudhause zum Zusammenrufen der Arbeiter geläutet wurde. Die sonore Stimme der großen Glocke von der Walportshausener Katharinenkathedrale machte den Anfang, dazwischen klang das helle Gebimmel des kleinen Glöckleins von dem Turme des fürstlichen Schlosses, Und endlich mischte sich der verstimmte Ton von der katholischen Stadtkirche Sankt Lorenz, die schon lange eine zersprungene Glocke hatte, drein. Und über die Felder, durch die weiche Regenluft trug der Wind die Stimmen der Glocken von Feldkirch und Weilingen, von Oberndorf und Niederthalheim, deren Wehren und Bürger zur Hilfe herbeigerufen werden sollten. Im Verlaufe von einer knappen Viertelstunde hatte sich ganz Walportshausen auf dem Gelände der Kaliwerke versammelt. Es war unmöglich, Ordnung zu halten, bevor die Polizei und das Militär aus der Stadt eingetroffen waren. Alles schrie durcheinander, einer lief dem andern in den Weg. Heulende Weiber, die nach ihren Männern fragten, weinende Mütter, die ihre Söhne suchten, wimmernde Mädchen und schreiende Kinder, die dem Rettungswerke, das doch endlich beginnen sollte, nur im Wege standen! »Nach dem Heribertstollen!« schrien die einen, »nach dem Isabellaschacht!« die andern. Gruppen lösten sich aus der Masse, sie drängten den Rufern, die die Richtung nach den genannten Stellen einschlugen, nach. Um halb neun Uhr fuhr die erste Schicht der um sechs Uhr in den Stollen hinabgelassenen Mannschaften unversehrt ans Tageslicht, von einem Triumphgeheul begrüßt. Die Vorarbeiter und Aufseher schafften endlich Ordnung. Rettungskolonnen wurden zusammengestellt, die sofort zur Hilfeleistung hinabgelassen werden sollten. Die aus den Stollen Zurückgekehrten erzählten, daß man bei ihnen unter der Erde nur ein dumpfes Rollen gehört habe, daß aber ein weiteres Einfahren in die Schächte äußerst gefahrdrohend sei. Das Wasser sei ihnen heute bis über den Leib gestiegen, bis an die Brustwarzen, behauptete ein besonders vorlauter Bursche. »Marsch nach dem Edithstollen!« kommandierte der Oberaufseher. Ein Zittern durchlief die Reihen der Rettungskolonnen. Nach dem Edithstollen, das bedeutete den Tod. Wer konnte wissen, was der Berg, der sich einmal bewegt hatte, noch alles im Schilde führte; wer hatte eine Ahnung, wie hoch das Wasser in dem unglücklichen Loche, das an diesem Morgen zweihundertundvierzig Italiener in seinen Schoß aufgenommen, gestiegen sei? Aber an Disziplin gewöhnt, folgten sie dem Führer. Seliger selber schloß sich dem Zuge an. Wie durch ein Wunder war die Einfahrt in den Edithstollen unversehrt geblieben. Seliger atmete auf. Noch war nicht alles verloren, noch war daran zu denken, daß man die dritthalbhundert Menschen, die hier eingefahren waren, retten konnte. Der Heribertstollen war leer, der Isabellaschacht war geräumt, Menschen standen genug zur Verfügung. Alles drängte nun nach der Magdalenenhöhe. Auch die Einwohner der Villa Berg, Klotilde an der Spitze, waren eingetroffen, an Seligers Seite stand Heribert XXIII., der soeben mit seinem Wagen von der Residenz gekommen war. Zweihundertundvierzig Italiener steckten unter der Erde. Man rief, man schrie in den Schacht, keine Antwort. Die Beherztesten umstanden den Korb, der nun hinabgelassen werden sollte. Heribert selber sprach jedem einzelnen Manne Mut zu, Seliger klopfte seine Leute auf die Schulter: »Voran, Kinder, in Gottes Namen voran!« Der Korb fuhr in die Tiefe. Fünf, zehn, fünfzehn Minuten langes, banges Warten. Kein Glockenzeichen, nichts, keine Antwort von den mutigen Männern, die die schwarze Erde verschlungen. Atemlos verharrte die Menge. Kein Wort wurde gewechselt. Tausende von Augen starrten auf das schwarze Loch, das in die Tiefe des Berges führte. Nun waren es zwanzig Minuten, nun eine halbe Stunde, daß die Rettungsmannschaften verschwunden waren, und immer noch kein Lebenszeichen. Da endlich ertönte die Glocke. In Fieberhast rissen die Männer den Förderkorb in die Höhe. »Das Wasser reicht bis in den Schacht, wir konnten nicht bis in den Stollen vordringen,« lautete der trostlose Bescheid. Wenn sich die Italiener nicht auf hoher gelegene Teile des Berginnern gerettet hatten, dann mußten sie alle ertrunken sein, ersoffen, wie diese Leute sagten, wie die jungen Katzen im Mühlbach. Da rasselten die Feuerwehren von Walportshausen und Feldkirch heran. Eine Viertelstunde später kamen die von Weilingen und Oberndorf, endlich die von Niederthalheim. Auch sie konnten nicht helfen. Ein zweiter, ein dritter Korb mit Rettungsmannschaften kehrte mit demselben Bescheide zurück. »Das Wasser reicht bis in den Schacht, wir können nicht in den Stollen vordringen!« Da blitzten Helme auf. Die Soldaten aus der Stadt, dann die Tiefbauarbeiter, die man entsandt hatte, und endlich auch die Polizei. Der Edithstollen wurde abgesperrt, Weiber und Kinder, Neugierige, alles, was man nicht nötig hatte, zurückgetrieben. Der die Kompagnie führende Hauptmann traf seine Anordnungen. Heldenmütig fuhren die ersten zwanzig Mann unter der persönlichen Führung des Offiziers in den Schacht! Vergeblich! »Das Wasser steht einen Meter hoch im Schacht. Wir können nicht vordringen,« meldeten die Zeichen an dem Stollenmundloch. Vergeblich! Da hielt es Seliger nicht länger. »Die Italiener können nicht alle ertrunken sein. Die Leute müssen gerettet werden,« schrie er. »Dreihundert Mark für einen jeden, den man mir lebend aus der Erde zieht!« Das half. Freiwillige meldeten sich. Mit einem lauten »Glück auf!« fuhren sie hinab. Nach einer Viertelstunde kamen sie zurück, totenblaß, schlotternd, wankend, daß es einen Stein erbarmen konnte. Die Wasser in dem Schachte hatten sich wie durch ein Wunder plötzlich in das Innere der Erde zurückgezogen. Am Eingang des Stollens waren sie auf die ersten Leichen gestoßen. Einen hatten sie aufgefischt, einen dicken, lustigen Piemonteser, den alle Leute kannten, er war aufgeschwemmt wie ein toter Frosch, und die Zunge hing ihm aus dem Halse. Ein Beben lief durch die Menge. Wie der aussah, scheußlich, und über zweihundert waren noch unter der Erde! »Voran,« schrie Seliger wie im Wahnsinn, »voran, fünfhundert Mark für jeden, den man mir lebend ans Licht zieht!« Wieder schnarrte das Seil, und hinab fuhr der Korb. Nach zehn Minuten ertönte das Klingelzeichen: »Auffahren!« Der Korb war schwer. Ein Grausen erfaßte die Menge, als sich sein Inhalt dem Tageslichte zeigte. Drei, vier, fünf, sechs, zwölf, einundzwanzig Leichen betteten die Soldaten in das nasse Gras. »Voran, voran, in das Innere des Stollens, dort müssen die Leute noch am Leben sein!« schrie Seliger. Entsetzen hatte ihn gepackt. Er dachte an das Goddam des Amerikaners, der ebenfalls drunten im Stollen war, und daran, daß sein wahnsinniger Befehl, die Arbeiten trotz der rechtzeitig warnenden Quelle fortzusetzen, dritthalbhundert Menschen das Leben gekostet haben könnte. Er war außer sich. Leichen und nichts als Leichen, was diese Menschen da an das Tageslicht beförderten. Schon wieder ein ganzer Korb voll, dreizehn, siebzehn, und doch mußten noch Lebende in dem Innern der Magdalenenhöhe sein. Es mußten noch Lebende dort sein, es war ja nicht auszudenken, zweihundertundvierzig Menschen, mit ihren Familien ein ganzes Dorf voll, die er mit einem Worte seines Mundes in den Tod getrieben haben sollte. Das konnte, das durfte nicht sein! »Dringt in das Innere des Stollens vor,« schrie er, »voran, weiter, weiter in das Innere, wohin sich die Lebenden geflüchtet haben! Weiter, weiter! Und wenn es ein Vermögen kosten sollte! Ich zahle tausend Mark für jeden, den ihr noch lebend bringt!« Aber die Rettungsmannschaften und die Soldaten verharrten in teilnahmslosem Schweigen. Sie hatten zu viel schon des Grausigen gesehen, mit ihren Händen zu viel Leichen gepackt, an zu viel Tote mit den Füßen und den Beinen gestoßen, als daß sie noch Sinn für Geld und Geldeswert gehabt hätten. »Und wenn ihr sie schwimmend erreichen, müßt,« beharrte Seliger. »Es sind noch Lebende in dem Berg, es müssen noch Lebende in dem Berge sein!« Und niemand regte sich. Da griff er in seiner Todesangst, gemartert von fürchterlichen Gewissensbissen, zu einem letzten, verzweifelten Mittel. »Gebt mir ein Licht, ich fahre selbst mit hinab, wir müssen sie retten, wer folgt mir?« Vor allen Leuten warf sich ihm Klotilde an den Hals. »Bleib,« jammerte sie, »bleib, du kannst ihnen nicht helfen.« Aber er schüttelte sie von sich ab und sprang in den Korb. »Voran,« befahl er, »in das Innere des Stollens, wohin sich die Lebenden geflüchtet haben, voran!« Vier todesmutige Männer folgten ihm, durch die Wasser, das Grubenlicht am Gurte, die furchtbare Wanderung in das Innere des Berges anzutreten. Das Seil schnarrte, der Korb fuhr hinab. Eisige Kälte, Moderluft, Dünste der salzigen Wasser umgaben ihn. In wenigen Sekunden war man viele Meter tief unter der Erde. Man stand bis an die Hüften im Wasser. Und »voran,« rief Seliger, »voran,« die Führung übernehmend. »Weeling, Weeling,« schrie er mit lauter Stimme, »Weeling I« Das war der Name des Amerikaners, der heute morgen mit den Italienern in das Berginnere vorgedrungen sein mußte. Auf dem glitschigen Grunde ging es vorsichtig bergeinwärts. Leichen schwammen auf dem Wasser, er achtete ihrer nicht. Die Lebenden, die Lebenden wollte er finden. Und in dem unsteten Lichte der in dem Gurt der Männer befestigten Lampen gewahrte er an den Wänden, die die Hacken der Italiener geschlagen, die glitzernden Salzkristalle. Weeling hatte recht. Eine Million Kubikmeter Kalisalze mußten noch unter der Magdalenenhöhe lagern. »Weeling, Weeling!« schrie er wieder. Keine Antwort. Nur das an den Wänden rollende Echo gab seine eigene Stimme hohl und grausig zurück. Sie waren an einer Biegung des Stollens angelangt, dessen Sohle sich mit einem Male beträchtlich hob. »Voran,« rief er wieder, »hinauf, nach oben können die Wasser nicht gedrungen sein!« Seine Leute waren ihm dicht auf den Fersen, er fühlte es. Aber plötzlich war es ihm, als versänke der Boden unter seinen Füßen. Mit beiden Händen tastete er in den Lüften und ergriff, als sei ein Wunder des Himmels geschehen, eine eiserne Stange, die die Italiener gerade an dieser Stelle in dem Gestein des Berges befestigt hatten. Eine gewaltige Sturzwelle brach in diesem Momente aus dem Innern des Stollens hervor, als sei es der Sprudel, der sich hier im Berginnern einen neuen Weg geschaffen haben mochte. Er hing mit den Händen an der Eisenstange, wie an einem Reck, und er sah, wie sich die Wasser einem Falle gleich aus dem Innern des Stollens ergossen. Wie das ungeheure Rohr einer Leitung, das geplatzt war, sah es in dem matten Scheine der Grubenlampe aus, wie eine am Leibe eines Menschen gerissene Arterie, aus der sich das Blut ergießt. Es war das Lebensblut des Berges, das er diesem hatte entreißen wollen. Noch immer hing er an der Stange. Mit aller Anstrengung arbeitete er sich empor, und endlich fanden seine Füße einen kleinen, kaum einen Viertelmeter hervorspringenden Rand an dem Felsen, wo er festen Stand zu fassen vermochte. Nun schwebte er über den Wassern, deren Gischt jetzt zu seinen Füßen rauschte und brauste, wie weiße Milch, und donnernd, furchtbar widerhallend in den Tiefen der Erde verschwand. Und erst jetzt dachte er seiner Begleiter. Sie waren nicht mehr zu sehen. Er schrie, er heulte, er rief. Er nannte ihre Namen mit lauter Stimme, einen nach dem anderen, deutlich, vernehmbar selbst über den gurgelnden Wassern der Tiefe, zehnmal, vierzigmal, hundertmal, bis sich seine Stimme erschöpft hatte. Keine Antwort, keine Regung, als das furchtbare Brausen und Kochen des Strudels da drunten, der sich durch den Edithstollen den Weg in die Tiefe gebahnt hatte. Der mußte sie mit sich fortgerissen, der mußte sie alle vier verschlungen haben. Entsetzen packte ihn. Er wurde sich seiner Lage bewußt. Wenn die Kraft seiner Arme versagte, wenn man nicht bald kam, ihn zu befreien, wenn ihn ein Schwindel packte, dann stürzte auch er hinab in den tosenden Strudel, der die anderen tief in das Herz des beleidigten Berges hinabgerissen hatte. »Der Berg ist heilig,« hatte der von ihm entlassene Ingenieur gesagt, »den berühre ich nicht, er ist der Wächter der Gegend!« Fieberschauer schüttelten seinen Körper. Wenn man nicht bald kam, dann war er verloren. Und wie sollte man kommen, auf welchem Wege, da die rasenden Wasser über die Sohle des Stollens rauschten? Seine Hände begannen zu schmerzen. Wenn er die Stange fahren ließ, dann war es vorbei. Trotz der eisigen Kälte, die das tosende Salzwasser um ihn verbreitete, trat ihm der Schweiß auf die Stirn. Er schob den Arm in die Stange, gottlob der Raum reichte gerade, vorsichtig einmal den linken und einmal den rechten und hielt sich so im Ellenbogengelenk. Dann rieb er seine Hände. Sie waren am Erstarren gewesen. Wie lange war er hier, wie lange sollte es dauern? Seine Taschenuhr konnte er erreichen. Wann war er eingefahren, genau wußte er es nicht. Aber so gegen Mittag mochte es gewesen sein. Die Uhr zeigte halb vier. War er denn schon so lange in dem furchtbaren Berg? War denn das möglich, hatte seine Todesangst der schleichenden Zeit Flügel verliehen, sie, die sonst Minuten in Stunden auseinander zerrt? Da faßte ihn eine neue Angst. Es war Herbst. In zwei Stunden würde die Nacht hereinbrechen und man würde das Rettungswerk am Ende abbrechen müssen. Freilich man wußte ja, daß er hier unten war, man würde das Menschenmögliche leisten, tröstete er sich. Die Zeit verrann. Seine Hände drohten alle Kraft zu verlieren, seine Füße vermochten kaum mehr auf dem schmalen Felsvorsprunge auszuhalten, der doch seine einzige Rettung war. Wenn ihn seine Kräfte verließen, wenn ihn der Schlaf oder eine Ohnmacht übermannten, dann, dann!! Er verschloß sich vor dem grausigen Schlüsse seiner Gedankenreihe. Er hatte die Lebenden im Inneren des Berges vergessen, er dachte nur noch an sich selbst. Wenn man nicht kam, wenn man zu spät kommen würde! Und plötzlich verlöschte das Licht, das er wie ein Bergmann in einem Gurt um seine Hüften trug. Schwarzes Dunkel, schaurige Kälte, nur das Brausen und Zischen des Strudels zu seinen Füßen, der jetzt in dem Dünkel der Nacht zu einem Katarakte anzuschwellen schien. Er wollte schreien, aber ein furchtbares Etwas schnürte ihm mit einem Male die Kehle zusammen, er konnte keinen anderen Gedanken fassen als den einen: »halte dich an der Stange, laß mit den Händen und Armen nicht locker, sonst bist du verloren!!« Sechzehn Stunden sollte die Lampe eines Bergmanns brennen. Und die seinige war verlöscht. War sie frisch gefüllt gewesen oder nicht? War es wirklich schon so lang? Vielleicht deshalb diese Schwäche. Er erinnerte sich plötzlich, in den Zeitungen von Bergleuten gelesen zu haben, die vier, fünf Tage in der Grube verschüttet gewesen und die der Meinung waren, daß es ebensoviel Stunden seien. Hier hörte eben alles Maß auf, das Maß der Zeit und des Raumes, das der Qual und das der menschlichen Kraft. Und plötzlich fiel ihm ein, daß er ja das Testament zugunsten Klotildes noch immer nicht unterzeichnet hatte. Er mußte heraus, er mußte gerettet werden, schon um Klotildes willen. Er rüttelte an der Eisenstange, die saß fest, Gott sei Dank! »Nur nicht schlafen, hur nicht schlafen, nur nicht hinabstürzen,« klang es jetzt wieder in seinem Innern, denn wieder kamen die Schwäche, der Schlaf, die vernichtende Ohnmacht, die ihn packen wollten. Und zuerst in dem Willen sich wach zu erhalten, wach und kräftig unter allen Umständen, begann er zu rechnen. Wieviel Kubikmeter Kali mochten wohl in diesem Edithstollen im Innern des Berges lagern? Waren es hunderttausend, waren es eine Million, waren es mehr? Es mußten; weit über eine Million sein, denn der Salzgehalt des Sprudels, der seit Jahren aus dem Innern des Berges kam, war unerschöpflich. Millionen lagerten in dem Berge, hundert, hundertundfünfzig Millionen, wenn man nicht nachgab, wenn man ihn auszubeuten verstand. Er rechnete, rechnete und rechnete. Schon um die Gedanken zu verscheuchen, die fürchterlichen Gedanken an seine Lage, die ihm in jeder Minute den Tod bringen konnte, die quälenden Gewissensbisse, wenn hier über den Wassern, viele Meter unter der Erde, die Vergangenheit an ihm vorüberzog, all die Sünden seines Lebens, durch die er die Strafe des Himmels fast heraufbeschworen hatte. Hilde und Leo, Etelka und Edith, die Seinen, deren ganzes Dasein ein einziges Gewebe aus seiner Schuld und aus seinen Sünden war! Und dann Klotilde, deren Jugend er gestohlen und an sich gerissen hatte! Wieder rechnete er, wenn es nur hunderttausend Kubikmeter Kalisalze waren, nur an all das andere nicht denken, jetzt nicht denken, fuhr es durch seinen Kopf. Und auf einmal faßte ihn ein tödlicher Schrecken. Was war das? Fühlte er nicht das spülende Wasser an seinen Sohlen, auf dem Felsen, der die Zeit über ganz trocken gewesen, war? Kein Zweifel, das Wasser stieg. War der Sprudel mit einem Male in der Tiefe auf ein Hindernis gestoßen? Fand er keinen Abfluß mehr? Das Wasser stieg! Er würde ertrinken wie ein Hund, wie die jungen Katzen im Mühlbach, wie die Leute gesagt hatten! Minuten, Stunden, Tage konnte es dauern, bis das steigende Wasser seinen Mund erreicht hatte, bis es ihm die rettende Eisenstange aus den Händen zwang! Er lauschte dem Gurgeln drunten in der Tiefe, er hörte, wie es matter und matter wurde, wie das Rauschen und Brausen sich in ein Murren und Raunen verwandelt hatte. Das Wasser stieg. Es überspülte das Leder seiner Stiefel, es drang eiskalt und feuchtend in seine Strümpfe ein. Wie lange konnte es noch dauern, dann würde er bald bis an die Hüften, bis unter die Brust, bis an den Hals im Wasser stehen und dann! Von der Dauer der Zeit hatte er jetzt keine Vorstellung mehr. Es konnten Stunden, es konnten auch Tage sein, daß er sich hier an die Eisenstange klammerte. Er hielt sich krampfhaft mit der Rechten und ließ die Linke los, um nach dem Wasser zu greifen, sich zu überzeugen. Seine Hand erreichte den Spiegel des Wassers. Es war ihm bis hoch über die Knie gestiegen und – – es stieg weiter. Seine Gedanken gerieten in Verwirrung. Er wußte nicht mehr, wo er war. Aushalten, aushalten, die Stange nicht fahren lassen, das war das letzte, was ihm zum Bewußtsein kam. Das Wasser, das Wasser! Und das Wasser stieg. Er fühlte an der Brust und im Nacken die eisige Nässe. Wie über seinen Leib kriechende Schlangen, die ihn umwinden und vernichten wollten, leckte das Wasser an seinen Knien empor. Und er rührte sich nicht. Aushalten, die Stange nicht fahren lassen! Da packte es ihn. Was es war, wußte er nicht. Das Wasser? Oder vielleicht die Rettungsmannschaften, die durch einen höhergelegenen, von der Überschwemmung freigebliebenen Seitenstollen glücklich den Weg zu ihm gefunden hatten?? Er empfand davon nichts mehr. Für Augenblicke entfloh ihm das Bewußtsein. Am Ende war das doch das Wasser, das ihn trotz allem mit sich in die Tiefe riß! Er schloß die Augen, und seine Hand ließ die rettende Stange los. Er konnte nicht mehr, mochte er fallen. Eine Viertelstunde später lag er im hellen Sonnenlichte an dem Ausgang des Stollenmundloches. Den übermenschlichen Anstrengungen der Rettungsmannschaften war es geglückt, ihn nach achtundvierzigstündiger Arbeit zu finden und zu bergen. Zwei Tage hatte er, ohne daß er es wußte, auf dem Felsvorsprung über den Wassern gestanden und ausgehalten. Halbtot hatte er stundenlang auf seinem Bette gelegen. Klotilde saß an seiner Seite. Nun öffnete er den Mund und in seligem Tone, der dem Mädchen das Blut in den Adern erschauern machte, kam es von seinen Lippen: »Im Edithstollen lagern eine Million Kubikmeter Kalisalze, das sind siebzig Millionen Mark.« * In der jüdischen Irrenanstalt Ebenezer sitzt ein Mann, ein Unheilbarer, ein gebrochener Greis von noch nicht sechzig Jahren in schlohweißem Haar, und zählt Knöpfe, hunderte von glitzernden Knöpfen, die er für Goldstücke hält. Denn nur so ist er zu beruhigen. Er addiert sie, multipliziert sie, erhebt sie ins Quadrat und ins Kubik. Von Zeit zu Zeit fährt er auf. »Im Edithstollen lagern noch eine Million Kubikmeter Kalisalze,« schreit er dann mit jauchzender Stimme, »das sind siebzig Millionen Mark.« Monate, Jahre kann es mit ihm noch so dauern, sagt der behandelnde Arzt, bis der erlösende Tod seinem Schauder erregenden Dasein ein Ende macht. * Und wieder feierte man das große Versöhnungsfest. Der »große Rabbi« in dem kleinen Marktflecken am Spessart ist ein alter Mann geworden. Er sitzt jetzt ganz allein in dem »Jiddehof«, aber noch immer predigt er mit unverminderter Kraft. Es sind Klagelieder über sein Volk, die er anstimmt wie ein Prophet des Alten Bundes, und sie sind von erschütternder Gewalt: »Stolz und schön war mein Bruder Juda, wie ein junger Löwe in den Wäldern des Gebirges, wie ein Füllen auf der Weide in seiner jungen Kraft. Stärke gürtete seine Lenden, und Kraft wohnte in seinen Pranken. Die Milde des Herrn leuchtete auf seinem Angesichte, und die Weisheit des Höchsten thronte auf seiner Stirn. Da stieg er herab von den Höhen des Gebirges in die Niederungen des Tales und mischte sich mit den Töchtern eines fremden Volkes. Wo bist du, mein Bruder Juda, ich kenne dich nicht mehr? Es wich die Stärke aus deinen Lenden und die Kraft aus deinen Pranken, und du bist nicht mehr der junge Löwe, der in den Wäldern des Gebirges wohnt.« So sprach der »große Rabbi«. Aber seine Stimme war schwach wie die Stimme eines Kindes. Sie verhallte auf dem weiten Wege in die große Stadt, und die Söhne und Töchter seines Volkes vernahmen sie nicht.   Ende.