Georges Ohnet Sie will Band 2 (Volonté.) Siebentes Kapitel Die Hochzeit Louis Hérault-Gandons hatte unter den glücklichsten Auspizien stattgefunden. Die Großmutter war vor Freude außer sich, und von seiten der Familie der Verlobten war zum Glück kein Verwandter da, der finster die Stirne gerunzelt hätte über die Verbindung dieses letzten Sprosses einer altadeligen Familie mit einem bürgerlichen Industriellen. Helenes Zukunft ward fürstlich sichergestellt, in den Ehevertrag wurde aufgenommen, daß sie eine Million mit in die Ehe gebracht. Bei Ausfertigung dieses Dokuments hatte jedoch der Notar der Familie Hérault die Entdeckung gemacht, daß Louis das Vermögen des Hauses schon in Bedenken erregender Weise angegriffen hatte, was er dem jungen Manne auch keineswegs verschwieg. Natürlich waren noch immer die Werke und das Gut Boissise vorhanden, ohne von dem persönlichen Vermögen der Großmutter Hérault zu sprechen; aber was bei Leuten von bescheidener Lebensführung schon Wohlstand wäre, reicht bei solchen, die auf großem Fuße zu leben gewohnt sind, gerade zum Notwendigsten. Vom ersten Tage an hatte Helene den richtigen Blick für das, was der gesellschaftlichen Stellung, in welche sie getreten, angemessen war. Ohne in dem Leben, wie es bisher geführt worden, merkliche Veränderungen eintreten zu lassen, regelte sie mit sicherer Hand den Verbrauch des Haushaltes in einer Weise, daß die verfügbaren Mittel nicht mehr überschritten wurden. Sie setzte ihren Mann durch ihre Bestimmtheit und Klarheit in Erstaunen und erfüllte die Großmutter, die niemals zu rechnen verstanden, mit freudiger Bewunderung. Uebrigens schien Louis ein andrer Mensch werden zu wollen. Seiner Frau zuliebe hatte er sich wieder mit den Geschäften befaßt und ging pünktlicher als je Tag für Tag nach St. Denis. Von all dem Schlimmen, das man dieser jungen Ehe prophezeit hatte, schien nichts einzutreffen. Allerdings mußte zugegeben werden, daß die Flitterwochen noch nicht vorüber waren, und bei einer Liebe, wie die Louis', waren sechs Monate keineswegs zuviel für diese Stimmung. Er betete seine Frau an, das war unleugbar, und sah nur durch ihre Augen. Sogar Emilie war angenehm überrascht; sie hatte bei ihrem Jugendfreunde entschieden weniger Ausdauer in seinen Gefühlen vorausgesetzt. Liebeleien, flüchtige Neigungen, mit einem Worte Strohfeuer, das hatte man dieser leicht erregbaren, wenig zuverlässigen Natur zugetraut; eine sich gleichbleibende, dauernde Liebe, das grenzte an ein Wunder, und Helene hatte dieses Wunder bewirkt. Der erste Winter nach ihrer Verheiratung war für die junge Frau eine Reihe glücklichster Tage. Ihr Mann, den die große Welt gelangweilt, hatte die wenigen Beziehungen, die sein Vater sich geschaffen, fallen lassen. In seinem Stolz auf Helene aber und in dem Wunsche, sie bewundert zu sehen, knüpfte er mit den alten Freunden wieder an und suchte neue zu gewinnen. Lereboulley, der ganz Paris kannte, war ihm hierbei behilflich. Das Hotel Hérault öffnete sich wieder in seinem alten Glanze, und die lichtdurchströmten Räume füllten sich nach langer Unterbrechung mit Gästen, die sich sichtlich gern dort einfanden. Helene war als Dame des Hauses von vollendeter Anmut und herzgewinnender Einfachheit. Die schärfste Kritik fand nichts an ihr auszusetzen, und man zählte sie in kurzer Zeit zu den hervorragendsten Frauen. Sie freute sich der Aufnahme, welche die Gesellschaft ihr zu teil werden ließ, freute sich namentlich Louis' wegen, der sich in seiner Eitelkeit unendlich geschmeichelt fühlte, und die Eitelkeit nahm keinen geringen Platz in seinem Charakter ein. Er gehörte zu den Leuten, die sich frischweg ruinieren, nur damit man von ihnen sagt, sie haben das schönste Haus, die besten Pferde, die glänzendsten Jagden, die hübscheste Frau. Zum Glück war seine Frau nicht nur wirklich eine der hübschesten, sondern auch vielleicht die klügste, und verhinderte ihn, allzu viele Dummheiten zu begehen. Er war von jeher gewohnt gewesen, sich von irgend jemand leiten zu lassen, und solange Thauziat sein Führer gewesen, hatte dieser ihn mit seiner großartigen Geldverachtung zur tollsten Verschwendung veranlaßt. Dieser Einfluß war nun nicht mehr vorhanden, denn Thauziat hielt sich, seit er in Boissise eine so schmerzliche Enttäuschung erfahren, sehr fern von dem jungen Paar, und Helene war herzlich froh darüber. Seitdem sie in die innersten Falten von ihres Mannes Herz geblickt, hatte sie erst ganz erkannt, welch gewaltigen Einfluß Clement ausgeübt, und wußte, daß es nur eines Wortes bedurfte, um diesen Einfluß von neuem mächtig werden zu lassen. Der tödliche Haß, den Louis in seiner Eifersucht auf Thauziat geworfen, war verschwunden, seit er sich im sicheren Besitze seines Glückes wußte, und auch wenn er wirklich Ursache zu diesem Haß gehabt, hätte derselbe schwerlich lange angedauert. Diese oberflächliche Natur wußte keine Empfindung festzuhalten, und leider gehörten seine besten Gefühle auch immer zu den flüchtigsten. Nicht ohne Bangen hatte daher die junge Frau in den erster Tagen ihrer Ehe sich seinem Wunsche gefügt, bei Lereboulley einen Besuch zu machen. Thauziat war einer der Hausfreunde, und sie fürchtete, ihm dort zu begegnen. Sie sagte das Emilie ganz offen, als dieselbe ihr vorwarf, daß sie sich so selten sehen ließ. Bei den ersten Worten, die sie jedoch sprach, unterbrach sie Fräulein Lereboulley: »Wenn du das fürchtest, kennst du Clement schlecht.... Er wird sich von dir fern halten und nicht ein Wort sprechen, das dich beunruhigen oder dir peinlich sein könnte.... Er besitzt ein außerordentliches Maß von Selbstbeherrschung.« Und in der That, jedesmal, wenn Helene und Thauziat sich auf einer Soirée oder einem Ball trafen, wich Clement ihr aus und verließ die Gesellschaft, sobald er annehmen konnte, daß sein Verschwinden nicht mehr auffällig mit dem Erscheinen des jungen Héraultschen Paares in Verbindung gebracht werden könne. Er führte dieses Ausweichen so konsequent durch, daß Louis ärgerlich darüber wurde und sein Benehmen gesucht und unnatürlich fand. Sie waren Nebenbuhler gewesen, war das aber ein Grund, sich nicht mehr zu kennen? Er hatte ja nichts gegen Clement, weshalb war dieser ihm noch immer böse? Sechs Monate waren wahrhaftig lang genug, um von jedem Liebeskummer geheilt zu werden: fortgesetzte Verzweiflung wirkte abgeschmackt, besonders bei einem Manne, den die Frauen so gern für diese eine Enttäuschung schadlos gehalten hätten. Er machte es Helene zum Vorwurf, daß sie sich einer Annäherung nicht günstig zeige, fand sie aber in diesem Punkt unerbittlich. Sie erklärte, daß es ganz unnötig sei, nach so langer Entfremdung die alten Beziehungen wieder anzuknüpfen. Zusammengeleimtes werde nie mehr ganz, moralische Risse lassen sich nicht heilen, und jedenfalls sei es nicht Louis' Sache, den Anfang zu machen. Wenn Thauziat, nachdem er ruhiger geworden, wieder offen und ehrlich wie ein Freund zu ihnen käme, so würde sie ihn sicher nicht von der Thür weisen. Sein systematisches Sichfernhalten sei ja gerade ein Beweis dafür, daß er nicht vergessen habe. »Fürchtest du vielleicht, er möchte dir den Hof machen?« fragte Louis spöttisch, mit der übermütigen Sicherheit eines Mannes, der sich geliebt weiß. »Vielleicht,« sagte Helene ernst. Sie wollte nicht eingestehen, daß sie einen intimen Verkehr mit Thauziat weit mehr für ihren Mann, als für sich selbst fürchtete. Bald darauf jedoch befreiten äußere Umstände sie von dieser Sorge. Lereboulley reiste mitten im Winter nach Smyrna, um dort ein großes Transportgeschäft zu studieren; es handelte sich um eine Dampferlinie zwischen Marseille und der syrischen Küste. Der Senator beabsichtigte, sich auf seiner Reise in Korinth aufzuhalten, um dort die Stelle in Augenschein zu nehmen, an welcher der Isthmus durchstochen werden sollte. Er wollte Thauziat mitnehmen, und die Reise sollte auf einer Dampf-Jacht ausgeführt werden, die Sir James gekauft hatte, um seiner Frau eine Freude zu machen. Die »Sirene« war eins der hübschesten Boote, die je ein Privatmann besessen. Es hatte vierhundert Tonnen, machte fünfzehn Knoten, und sein früherer Besitzer, Lord Mellivan Grey, überließ es seinem Landsmann Sir Olifaunt nur, weil er durch den Tod seiner Tochter die Lust am Reisen verloren hatte. Als Sir James Lereboulley seinen Ankauf eingestanden, war dieser außer sich. Hier handelte es sich nicht mehr um Bilder und Statuetten, sondern um eine Jacht, die nicht auf eine Etagere zu stellen war, sondern die im Gegenteil eine Schiffsmannschaft und Heizmaterial erforderte und täglich sich erneuernde Ausgaben mit sich brachte. Vierzehn Tage lang wurde denn Sir James auch von Lereboulley mit Vorwürfen überhäuft. »Wenn das Ding wenigstens zu irgend etwas gut wäre,« sagte er zu Sir James, »aber bei der kleinen Nußschale ist vermutlich von Seetüchtigkeit nicht die Rede, und bei der ersten besten Gelegenheit wird das Ding einfach untergehen. Und auf einem solchen Fahrzeug soll ich mit Ihnen reisen? Sie sind verrückt, mein Lieber, vollständig verrückt, und ich hoffe nur, daß Ihre Frau sich auf nichts einläßt. ... Wenn sie nicht von Sinnen ist, bleibt sie hübsch am Lande. Sollten Sie untergehen, Sir James, so werden wir Sie ja natürlich betrauern, aber Sie haben doch wenigstens nicht die arme Diana auf dem Gewissen.« Mit wahrer Wut prophezeite er fortgesetzt Sir James einen Schiffbruch ohnegleichen, und man hörte deutlich heraus, wie gern er am Ufer Augenzeuge dieses Unterganges sein würde, vorausgesetzt natürlich, daß die »Sirene« mit Mann und Maus, und vor allem mit seinem Freunde zu Grunde ginge. Sir James ließ sich aber durchaus nicht einschüchtern und wiederholte mit seinem gewöhnlichen Phlegma: »Diana hat die Jacht gekauft, und sie ist glückselig im Gedanken, das Mittelmeer auf ihrem eignen Boot zu befahren. Uebrigens ist die Jacht sehr hübsch und bietet die größte Sicherheit.« »Eine Nußschale, sage ich Ihnen, eine Nußschale,« brummte Lereboulley wütend, »und Sie wollen uns alle ersäufen.« »Ich habe mit der ›Sirene‹ ein glänzendes Geschäft gemacht,« erwiderte Sir James, »ich kann sie jeden Tag mit ungeheurem Nutzen wieder verkaufen.« »Ein Geschäft!« schrie Lereboulley zornig, »ein glänzendes Geschäft! Meinen Sie damit etwa den Gelegenheitskauf für die Kleinigkeit von viermalhunderttausend Franken? Haben Sie verstanden, Sir James, viermalhunderttausend Franken! Sie scheinen gar nicht zu wissen, was viermalhunderttausend Franken sind! Sie müssen bezahlt werden, Donnerwetter, denken Sie denn daran?« »Ich habe Sie benachrichtigt, wann die erste Zahlung zu leisten ist.« »Er ist himmlisch ... nein wahrhaftig, himmlisch,« stieß Lereboulley mit vor Zorn erstickter Stimme heraus. Sir James, dessen Geduld zu Ende war, schritt mit so zorniger Miene auf den Senator zu, daß dieser wie umgewandelt nur noch hie und da kleinlaut einen leisen Ausruf, aber keinen direkten Tadel mehr wagte. Schließlich gab auch Diana mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln die Erklärung ab, daß sie über diesen Besitz sehr glücklich sei, und das genügte, um selbst den heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Sir James und Lereboulley eine Ende zu machen. Die luxuriös ausgestattete Jacht war in Havre eingetroffen, und da Diana mehr als je darauf bestand, eine Fahrt durch das Mittelmeer zu machen, beschloß der Senator, sich auf der »Sirene« nach Smyrna befördern zu lassen. Er kam auf diese Weise einigermaßen auf seine Kosten und war ein paar Wochen mit Diana zusammen. Sobald man sich einmal darüber geeinigt, daß die Reise stattfinden sollte, gab man ihr vollständig den Charakter einer glänzenden, festlichen Vergnügungsfahrt. Man sprach überall davon, sogar etwas mehr, als Lereboulley lieb war, da er in Bezug auf Diana den Schein zu wahren wünschte. Emilies Bosheit, die, wenn es sich um die schöne Engländerin handelte, keine Grenzen kannte, war unerschöpflich in Sticheleien und Witzen über diese Reise, Als man sie eines Abends in Gegenwart ihres Vaters fragte, welchen Hafen Lady Olifaunts Jacht im Mittelmeer anlaufen würde, erwiderte sie: »Mein Gott, das ist doch ganz klar.« »Nun, welchen denn?« »Cythere.« Diese Ungezogenheiten, die Lereboulley teils aus Furcht, teils aus Liebe zu seiner Tochter nicht zu rügen wagte, waren ihm doch im Grunde sehr unangenehm. Für das Versprechen, Diana nicht mehr mit ihren satirischen Bemerkungen zu vernichten, hätte sie von ihm erlangen können, was ihr Herz nur irgend begehrte; allein das Vergnügen, die hübsche Frau, die ihrem Vater so teuer zu stehen kam, herunterzureißen, wo sie nur konnte, war so groß für das von der Natur vernachlässigte Mädchen, daß sie um keinen Preis darauf verzichtet haben würde, ihrer Laune die Zügel schießen zu lassen. Die Folge dieser spöttischen Angriffe war, daß die »Sirene« früher als festgesetzt die Anker lichtete, und Helene eines schönen Morgens zu ihrer wahren Herzenserleichterung erfuhr, daß Lereboulley und Thauziat sich auf der blauen Flut herumtummelten. Von diesem Augenblick an fühlte sie sich beruhigt und atmete freier auf, wodurch sie nur noch heller in ihrer Schönheit und ihrem Glück erstrahlte. Wenn eine Frau in der Gesellschaft die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht, so erregt sie leider in der Regel ebensoviel Haß und Neid als Bewunderung. Helene aber hatte den seltenen Vorzug, von den Männern bewundert und von den Frauen nicht verabscheut zu werden. Sie gefiel, aber man fühlte, daß sie ihre Macht nie mißbrauchen würde, und war infolgedessen nachsichtig gegen sie. Es war nichts Gemachtes in ihrem Wesen; sie gab sich wie sie war, und das war das beste, was sie thun konnte. Nur ein Ehrgeiz erfüllte sie, der, ihren Mann immer enger an sich zu fesseln. Auf dieses Ziel allein war all ihr Denken und Sinnen gerichtet und der Erfolg dieses Strebens war eigentümlicherweise der, daß ihre Liebe zu Louis sich immer mehr steigerte und vertiefte, indes die seine sich einfach gleich blieb. Indem bei ihr Herz und Gedanken sich unablässig mit dem hübschen Blondkopf beschäftigten, war sie dahin gekommen, ihn immer inniger zu lieben, und hatte sich so in ihrer eignen Falle gefangen. Louis war noch immer sehr verliebt; besonders an den Tagen, wo man seiner Eitelkeit als Gatte durch Lobsprüche schmeichelte, die Helene übrigens verdiente. Ein leicht vorauszusehendes Ereignis legte indes Helene im gesellschaftlichen Verkehr Beschränkung auf. Die Freude Frau Héraults war grenzenlos, und Louis hielt sich nach Kräften auf der Höhe des allgemeinen Enthusiasmus. Zwar liebte er Kinder nicht besonders, aber dennoch ließ der Gedanke, ein eignes Kind, womöglich einen Sohn, zu haben, eine ihm selbst bis dahin unbekannte Herzenssaite erklingen. Er gab seiner Frau den aufrichtigsten Beweis seiner Liebe indem er, als sie gar nicht mehr ausging, alle Abende zu Hause mit ihr verbrachte, ja, wenn Helene selbst ihm des Abends nach seiner Rückkehr aus St. Denis sagte: »Du mußt dich ja hier langweilen; geh doch ins Theater, es wird heute ein neues Stück gegeben,« so erwiderte er: »Nein, laß nur, das Stück wird noch lange genug gespielt werden, wir können es später miteinander sehen.« Dann schloß ihn seine Frau wohl in die Arme, strich ihm leise mit ihrer weißen Hand über die hübschen blonden Haare, schaute ihm tief in die blauen Augen, und wenn sie nichts als innere Ruhe und Heiterkeit in denselben las, küßte sie ihn, in glücklicher, beglückender Liebe. Uebrigens gab sie sich alle Mühe, ihm die Zeit so gut als möglich zu vertreiben; sie hatte viel gelesen und besaß eine lebhafte Phantasie und wußte anziehend zu plaudern und Louis' Interesse gefangen zu nehmen. Er bewunderte sie, und ihre Bildung setzte ihn in Erstaunen, sprach sie doch alle Augenblicke von Dingen, die er nicht kannte, und von Menschen, deren Existenz er nicht einmal ahnte. Nach und nach bekam er eine hohe Meinung von der geistigen Tüchtigkeit seiner Frau und fragte sie auch in Geschäftsangelegenheiten um Rat. Zuweilen sagte sie dann wohl lachend: »Wenn dein Großvater Hérault mich gekannt hätte, so würde er mich ganz gewiß in sein Comptoir gesteckt haben! Das wäre gar nicht so übel, denn ich glaube, ich hätte einen ganz guten Buchhalter abgegeben.« Sie wußte sich das Vertrauen ihres Mannes zu nutze zu machen und lernte nach und nach den Gang des Geschäftes bis in seine Einzelheiten kennen. Hierbei entdeckte sie, daß es sich in der Fabrik von St. Denis nicht nur um Fabrikation, sondern auch um Spekulationen handelte. Das Kupfer unterlag bedeutenden Schwankungen, und je nachdem eine Hausse oder Baisse eintrat, konnten die Ergebnisse schlecht oder gut sein. Die Hauptsache war nun, in der Zeit, wo die Preise niedrig standen, so viel Material wie möglich aufzustapeln und Apparate zu fabrizieren, die sich immer sehr teuer verkauften. Neuerdings war Ueberfluß an Kupfer vorhanden. Seit für Kanonen Stahl statt der Bronze verwendet wurde, hatte die Kupferproduktion eine bedeutende Einbuße erlitten, überdies waren neue Minen entdeckt worden, und namentlich Spanien erlitt infolge der Entwertung des Metalles große Verluste. Glücklicherweise hatte das Werk durch Lereboulleys Vermittlung einen großen Auftrag, eine ungeheure Lieferung von Metallhülsen für Patronen, erhalten, auch war das große Unternehmen eines Kabels zwischen Brest und Panama so gut wie gesichert. Trotzdem war Helene nicht frei von Sorge; sie hatte bei Louis eine gewisse Neigung zum Spekulieren bemerkt. Er dachte an nichts, als an die Möglichkeit, durch An- und Verkauf von Rohkupfer Geld zu verdienen, anstatt seine Werkstätten durch die Vervollkommnung der Fabrikation zu heben. Es war ihr darum zu thun, seinen Eifer nach dieser Richtung hin zu lenken und zu erhöhen, aber freilich war hierfür erforderlich, den ihm eigentümlichen Abscheu vor der Arbeit zu überwinden: daß er dies selbst nach Kräften zu thun bestrebt war, erkannte sie wohl an, und empfand oft und viel ein gewisses Mitleid, wenn sie sah, wie unendlich schwer der Kampf gegen seine eigenste Natur ihm wurde, und doch lag für ihn und die Seinen das einzige Heil darin, daß er beschäftigt war. Die alte Frau Hérault, die ihren Enkel bisher immer nur für Dummheiten passioniert gesehen hatte, konnte gar nicht begreifen, was unter Helenes Händen aus ihm geworden war, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte sie die mit Louis vorgegangene Wandlung für ein Wunder erklärt. Ein viel größeres Wunder sollte aber in Bälde geschehen. Eines schönen Abends um elf Uhr wurde ihr ein Urenkel geboren, und zum zweitenmal in seinem Leben vergoß Louis Freudenthränen. Am Bett seiner Frau sitzend, ihre Hand in der seinigen haltend, während der eben geborene kleine Hérault unter den freudestahlenden Augen der Großmutter aus dem Bade genommen wurde, genoß der junge Gatte eine der seligsten Stunden des menschlichen Lebens. Helene lag schweigend und blaß, aber mit einem Lächeln, das die ganze Seligkeit ihres Mutterglückes und Mutterstolzes verriet, in ihren Kissen. Louis hatte sich einen Sohn gewünscht, sie hatte ihn ihm geschenkt und verlangte nichts dafür, als ein wenig Besonnenheit, deren sie für ihre Ruhe und Sicherheit bedurften. »Bist du glücklich?« flüsterte sie endlich. »Ja,« erwiderte er mit dem Ausdruck tiefinnigster Liebe. »Jetzt heißt es, für zwei vernünftig sein, für mich und für ihn.« Er antwortete nicht, beugte sich aber zu ihr herunter und drückte einen Kuß auf ihre Stirn, der ihr mehr sagte, als alle Versicherungen und Schwüre. Am nächsten Morgen fand zwischen den jungen Eltern und dem Arzt, dem berühmten Rameau de Ferrières eine Konferenz darüber statt, ob Helene ihr Kind selbst nähren sollte oder nicht. Die junge Frau wünschte dies lebhaft, und die Großmutter, die ihren Sohn ebenfalls genährt, stimmte ihrer Schwiegertochter darin vollständig bei. Louis machte Einwendungen, und diesmal war er, was wegen der Seltenheit des Falles hervorgehoben zu werden verdient, unter den obwaltenden Verhältnissen der einzig Vernünftige. Rameau, dem die Entscheidung in letzter Instanz anheimgestellt werden mußte, erklärte, daß darüber, ob Frau Hérault ihr Kind nähren könne , nicht der geringste Zweifel vorhanden und daß in solchem Fall die Frage, ob eine Mutter es thun solle , überhaupt gar nicht aufzuwerfen sei, da diese Erfüllung ihrer heiligsten Pflicht sich bei einer richtig denkenden und körperlich dazu befähigten Frau von selbst verstehe. Von Helene gebeten, von Rameau gedrängt und von der Großmutter, die nicht die geringste Ahnung davon hatte, wie viel häusliches Unglück sie damit heraufbeschwören konnte, bestürmt, willigte Louis ein. Es war der erste und vielleicht der einzige falsche Schritt, den Helene in ihrem Kampf um ihr eheliches Glück that. So klar und richtig ihr Blick auch war, gebrach es ihr doch an Erfahrung. Sie glaubte ihren Gatten durch zwei rosige Kinderärmchen, die seinen Hals umschlangen, fester an den häuslichen Herd gefesselt und übersah dabei, daß sie nur sich selbst dadurch unlösliche Fesseln anlegte, und daß, wenn das Haus zur Kinderstube wurde, es diesem Lebemann, der kaum wieder an dasselbe gewöhnt worden, nicht darin gefallen konnte. Wie so häufig im Leben schlug das in bester Absicht Begonnene nicht zum Guten aus, und leider war es in diesem Falle nicht möglich, den Irrtum, wenn man ihn einmal erkannt, rasch wieder gutzumachen. Bald hatte die junge Frau Gelegenheit, die ersten Wirkungen ihres Entschlusses zu bemerken. Louis weigerte sich, seine Junggesellenbehausung, die er während der Geburt des Kindes wiederbezogen, und in der er sich höchst gemütlich befand, aufzugeben. Er hatte hierfür allerhand recht vernünftig klingende Gründe, wie die Rücksicht auf die Gesundheit des Kindes und der Mutter, und wenn er mit diesen Gründen zu Ende war, so legte er sich aufs Bitten, und Helene mußte ihm den Willen lassen. Sie hatte sich übrigens nicht zu beklagen. Louis war mehr als je im Geschäft thätig und suchte sämtliche Aktien seines Hauses in St. Denis wieder in die Hände zu bekommen, wozu ihm Lereboulley behilflich war. Er war auf dem besten Wege, das Werk seines Großvaters in würdiger Weise fortzuführen und durch Arbeit wieder zu erwerben, was er durch Lässigkeit verthan hatte. So war der Frühling vergangen und der August herangekommen. Helene, die in dem grünen, frischen Garten des Faubourg Poissonnière bis jetzt nicht sehr unter der Hitze gelitten hatte, sprach nun doch den Wunsch aus, einige Wochen in Boissise zuzubringen. Die Reise von Evreux nach Paris war für Louis, wenn er sie oft zu machen hatte, allerdings ermüdend; aber es war ja die stille Zeit, das Werk hatte seine Arbeit vermindert und die Maschinen stöhnten nur noch wie im Schlafe. Die Rückkehr nach Boissise, an das sich so schöne Erinnerungen knüpften, war eine große Freude für das junge Paar. Losgelöst von allen Beziehungen zur Außenwelt und Gesellschaft, durchwanderten sie die schattigen Laubgänge, suchten ihre Lieblingsplätze wieder auf, in liebenswürdiger Selbstsucht nur allein für sich und ihr Kind lebend, und wenn in diesen schönen Tagen die Rechte des Gatten nicht allzu sehr durch Helenes Mutterpflichten beschränkt und beeinträchtigt gewesen wären, hätte sie hoffen dürfen, ihn mit unzerreißbaren Banden an sich zu ketten. Lereboulley war inzwischen von seiner Orientreise zurückgekehrt und hatte sofort die Leitung seiner ausgedehnten Geschäfte persönlich wieder in die Hand genommen. Er war länger an Bord der »Sirene« geblieben, als er eigentlich im Sinn gehabt, aber einmal unterwegs, war es nicht leicht gewesen, den launenhaften Wünschen Dianas zu widerstehen, und im Grunde hatte er es so schön gefunden, als moderner Antonius mit dieser berückenden Kleopatra umherzuschiffen, daß er sich über den Zeitverlust zu trösten wußte. Thauziat war nach wenigen Tagen auf hoher See ganz wieder er selbst geworden; die finsteren Wolken, die bei seiner Abreise noch auf seiner Stirn gelagert, waren verschwunden, er war, wie früher, geistreich und sprühend, nur machte sich ein Anflug von misanthropischer Bitterkeit fühlbar, der von nun ab eine Eigentümlichkeit seines Wesens blieb. Dieser Sieggewohnte war plötzlich besiegt worden, und das war eine Wunde, die ihn sein lebenlang schmerzte. Er selbst sprach weder von Helene, noch von Louis und mochte es auch nicht, daß man in seiner Gegenwart diese Namen nannte. Diana hatte es einmal gewagt, aber es war ihr so schlecht bekommen, daß sie sich wohl hütete, einen weiteren Versuch zu machen. Es war klar, daß Thauziat noch immer schmerzlich litt, und Lady Olifaunt war der Ansicht, daß der Augenblick kommen müsse, in dem diese Leidenschaft und dieser Schmerz ihr zum Vorteil gereichen würden, indem sie ihr Mittel und Wege bieten würden, sich an diesem Louis für seine unverzeihliche Auflehnung gegen ihre Macht zu rächen, und ebenso an dieser stolzen, glücklichen und reinen Helene ihr Mütchen zu kühlen. Solchen Träumen mochte sie nachhängen, wenn sie auf dem Vorderteil des Schiffes auf weichem Kissen ruhend den Blick über die endlose Fläche der See schweifen ließ, während Lereboulley eine Partie Bezigue nach der andern mit Sir James spielte, der dabei eine unendliche Menge an Grog vertilgte, und Thauziat, auf der Kommandobrücke stehend, zu seiner Unterhaltung nach Möwen schoß. Sie waren so nach Smyrna gekommen, hatten Jerusalem und die heiligen Orte besucht, waren am goldnen Horn ans Land gegangen, hatten den griechischen Archipel durchkreuzt und waren schließlich in den Piräus eingelaufen. Athen, von dem sie sich Wunder versprochen, war ihnen wie ein kleines, schmutziges Nest vorgekommen, und sie hatten Griechenland sehr enttäuscht verlassen. Nach den Erzählungen der Dichter hatten sie erwartet ein märchenhaft schönes, herrliches Land zu betreten, und die Wirklichkeit, die sich ihren erstaunten Blicken bot, war höchst trübselig; statt der Wälder fanden sie Gestrüpp, statt der Flüsse Bäche und statt der Städte nur Trümmerhaufen. »Griechenland,« hatte Thauziat erklärt, »ist nur ein litterarischer Begriff, den man nicht im Südosten Europas, sondern in Homer, Sophokles, Aristophanes, Thucydides und Herodot zu suchen hat. Es ist ein glänzendes, in unsterbliche Erinnerungen gehülltes Gespenst, das man am besten nicht beschwört. Ihr Landsmann Byron, Sir James, war ein Narr, oder vielmehr ein Mensch von seltener Anmaßung, der seine Macht über die Gemüter an der Möglichkeit, einen Kadaver neu zu beleben, erproben wollte. ... Daß er daran zu Grunde gegangen, war nichts mehr als billig.« Sir James blickte einen Augenblick von seinen Karten auf und erwiderte nachlässig: »Byron war ein gewaltiger Dichter, er bekam eine Guinee per Vers bezahlt.« »Bravo, Sir James, immer poetisch,« rief Thauziat. »Dieser Maßstab für litterarische Kritik ist neu und zeitgemäß, Sie werden der Begründer einer neuen Art von Literaturgeschichte werden.« Auf diese Weise hatte man sich die Zeit zu vertreiben gewußt, und die kleine Gesellschaft war in heiterster Stimmung in Marseille gelandet und dann nach Paris zurückgekehrt. Es war im Monat Mai, und Helene stand auf der Höhe ihres Glücks. Lereboulley ging einigemal in den Senat zu den Abstimmungen, ergriff in einigen Kommissionen, in denen er Einfluß hatte, das Wort, brachte alle die während seiner Abreise in Aufschub geratenen Arbeiten wieder in Fluß und hatte innerhalb weniger Wochen zum großen Schrecken der Börse das Geld wiedergewonnen, welches die »Sirene« ihn gekostet hatte. Niemals hatte Thauziat solches Furore gemacht, wie in den Wochen nach seiner Rückkehr. Es war, als ob ein Dämon sich seiner bemächtigt hätte. Ein Abenteuer mit der Gattin eines reichen deutschen Bankiers hatte den größten Staub aufgewirbelt, was ihm ganz gleichgültig zu sein, ja ihn gar nicht zu berühren schien. Die Presse hatte sich des Falles bemächtigt und denselben in allen Einzelheiten geschildert. Die Folge davon war, daß er sich mit zweien der verbissensten Lokalberichterstatter schlug und einen nach dem andern abführte. Während einer ganzen Nacht legte er im Klub offne Bank und gewann hundertvierzigtausend Franken, die er am nächsten Morgen an verschiedene Wohlthätigteitsanstalten verteilte. Bei den großen internationalen Steeple-Chases in Auteuil hatte er mit »Braconnier«, einem Pferde, das er für dreitausend Franken nach einem Flachrennen gekauft und auf Hindernisreiten trainiert, den ersten Preis davongetragen. Kurz, er machte in der verschiedensten Weise von sich reden und war einen vollen Monat lang der Löwe der Gesellschaft. Eines Tages – Thauziats tolles Treiben mochte eben seinen Höhepunkt erreicht haben – hatte Lereboulley mit ihm Dringendes zu bereden, und da er ihn vergeblich bei sich erwartet, suchte er ihn in seiner Wohnung auf. Ohne sich melden zu lassen, trat er in das ihm wohlbekannte Arbeitszimmer Thauziats und fand zu seiner höchsten Ueberraschung den Freund auf dem Sofa liegend und – bitterlich weinend. Clement war sofort aufgesprungen und suchte dem Senator seine Bewegung zu verbergen, aber dieser hatte viel zu gut gesehen und gab sich alle Mühe, irgend welchen Aufschluß über die Ursache seines Kummers von ihm zu erlangen. Vergeblich! Thauziat that, als ob er ihn nicht verstünde. Er plauderte, ohne daß man ihm seine Erregung anmerken konnte, scherzte nach einigen Augenblicken und gab Lereboulley über die Angelegenheit, die ihn hergeführt, mit der größten Klarheit alle wünschenswerten Aufklärungen. Seinem stürmischen Wiederauftreten in der Welt folgte die Reaktion: er schloß sich in seine vier Mauern ein, ging nicht mehr aus, überließ sich den finstersten Stimmungen und Gemütszuständen und brütete tagelang in vollkommen verdunkelten Zimmern vor sich hin. Endlich schien er sein Gleichgewicht einigermaßen wiedergefunden zu haben und nahm, als Lereboulley in der nächsten Woche nach Evreux ging, eine Einladung dorthin an. Sir James und Lady Olifaunt zogen ebenfalls mit hinaus und zwar auf Dianas besondern Wunsch. Emilie, welche die schöne Engländerin in Paris zwar hin und wieder bei sich sah, sie aber diese Gefälligkeit teuer bezahlen ließ, hatte ihrem Vater aufs bestimmteste erklärt, daß sie die schöne Diana auf dem Lande nicht als Gast empfangen werde. Nach einer Szene, in welcher Lereboulley sich ganz aufs Bitten verlegt hatte und Emilie bitter und heftig geworden war, hatten Vater und Tochter ein Abkommen dahin geschlossen, daß der Aufenthalt Lady Olifaunts nur vierzehn Tage dauern und Emilie während dieser Zeit nach Boissise gehen sollte, wo Frau Hérault sie mit Freuden aufnahm. Die junge Dame hatte seit langer Zeit einen Plan, für dessen Ausführung sie bei dieser Gelegenheit die nötige Zeit zu finden hoffte. Die kleine Kirche von Theil, die zur Parochie des Schlosses gehörte, und die sehr alt und in romanischem Stil erbaut war, war an den Seitenwänden über den Bogen mit sehr merkwürdigen Wandgemälden, Szenen aus der Passion darstellend, geschmückt. Der Zahn der Zeit hatte diese Bilder stark mitgenommen, einige darunter wiesen nur noch schwache Farbenreste auf, und Emilie hatte dem ehrwürdigen Geistlichen, der sie in ihren Werken der Mildthätigkeit unterstützte, schon öfters gesagt: »Ihre Gemälde sind in einem ganz erbärmlichen Zustande, Herr Pfarrer. Ich werde wohl eines Tages mit meinen Pinseln kommen und denselben wieder ein menschliches Aussehen geben.« Allein bisher war es ihr nie gelungen, ein paar Wochen der Ruhe herauszufinden, die sie zur Restauration des armseligen Kirchleins hatte verwenden können, und sie freute sich nun, die langgeplante Arbeit in Angriff zu nehmen. Boissise war von Theil nur zwei Kilometer entfernt, und der Weg dahin führte auf wohlgepflegten Pfaden mitten durch den Wald. Gleich am nächsten Morgen nach ihrer Ankunft bei ihren Freunden lud sie ihren Farbenkasten, ihre Pinsel, kurz ihren ganzen Malapparat schon frühzeitig auf einen Wagen und begab sich, wie sie scherzhaft sagte, »auf Arbeit«. Sie hatte sich ihr Frühstück mitgenommen, das sie im Pfarrgarten verzehren wollte; die Freunde sollten sie nachmittags aufsuchen, um ein Urteil über ihre Leistungen abzugeben. Fast zu derselben Stunde, wo Fräulein Lereboulley in der Kirche von Theil auf die Leiter stieg, um sich an ihre Arbeit zu begeben, waren Lady Olifaunt, Sir James, Thauziat und einige junge Börsenmänner bei dem Senator in Evreux eingetroffen. Das Besitztum des parlamentarischen Vertreters des Departements lag an den Ufern des Iton, etwa fünf Minuten von der Stadt entfernt, und stieß mit der einen Spitze des Parkes an diese, während die andre Seite desselben an den Wald von Boissise grenzte. Das zum Teil aus Materialien des alten Schlosses von Navarra von Lereboulleys Vater erbaute Wohnhaus war im Jahre 1838 im Stile Ludwig XV. aufgeführt worden. Das große weiße Gebäude hatte zwei Seitenflügel und eine stattliche Freitreppe. Das Innere war mit außerordentlicher Pracht ausgestattet, und in dem mächtigen Erdgeschoß befand sich eine große Zahl von bedeutenden Kunstwerken, so daß man das Schloß des Senators in Evreux allgemein das Museum Lereboulley nannte. Der Park war auf Grundstücken angelegt, die er nach und nach seinen Nachbarn für schweres Geld abgekauft hatte, weshalb er auch von Zeit zu Zeit, wenn er Freunde darin umherführte, ihnen bemerkte: »Ich bitte um etwas Andacht, wir bewegen uns hier auf Zwanzigfrankenstücken.« Der sechzig Hektar große Park mit seinen Jahrhunderte alten Bäumen war dem von Boissise an Schönheit ebenbürtig. Die Blumenpracht war sogar hier noch großartiger als bei Frau Hérault, denn der Senator hatte die Leitung seiner Gärten Engländern übertragen, die überraschende Erfolge erzielten. So hatten die Rebentreibhäuser, in denen vom Monat Mai bis Ende Februar die schönsten und verschiedenartigsten Trauben reiften, einen europäischen Ruf erlangt. Nach diesem Maßstab war auch alles übrige eingerichtet. Vor einigen Jahren hatte Lereboulley den Einfall gehabt, sich eine Fischzucht anzulegen. Der Iton ging durch den Park und speiste dort einen malerisch angelegten Teich. Abgestufte, dem Alter der Forellen angemessene Bassins wurden erbaut, denen Cementkanäle das für die Zucht erforderliche frische, klare Wasser zuführen; Gitterwerke verhindern das Fortschwemmen der kleinen Forellen, die mit Hammelshirn und Fliegen ernährt werden; ein zehn Meter hoher Wasserfall stürzt sich in den See, durch den die silbernen kleinen Fische im Sonnenstrahl wie Blitze dahinhuschen. Lereboulley, der auch seine Grillen praktisch zu verwerten weiß, liefert alle Jahre zur Zeit der Fasten zehntausend Forellen auf den Fischmarkt von Paris, weshalb Thauziat eines schönen Tages einen Brief an den Senator und Fischhändler Herrn Lereboulley adressierte, was in der Stadt Evreux einen Sturm der Entrüstung hervorrief. Nachdem die Gäste Lereboulleys zwei Tage damit zugebracht, alle Merkwürdigkeiten des luxuriösen Haushaltes in Augenschein zu nehmen, überfiel sie jene Langeweile, die jeden Pariser erfaßt, wenn er achtundvierzig Stunden von seinen Boulevards abwesend ist. Lereboulley, den Sir James ganz mit Beschlag belegt, und an welchen er im Bezigue ein Waterloo nach dem andern verlor, stellte seinen Freunden die Ställe zur Verfügung. Täglich um drei Uhr, wenn die Hitze etwas nachgelassen, zog eine Kavalkade, allen voran Diana, durch das Parkthor und wandte sich dem Walde von Boissise zu. Die schöne Engländerin trug ein Reitkleid aus blauem Tuch mit weißer Piquéweste und einen kleinen grauen Filzhut; ihr folgten drei oder vier Reiter, darunter auch Thauziat. Obwohl sie auf einer in Lereboulleys Arbeitszimmer hängenden großen Landkarte Weg und Steg aufs sorgfältigste studiert hatte, wußte sie sich den Anschein zu geben, in aller Harmlosigkeit aufs Geratewohl den Wald zu durchstreifen und damit auch Clement zu täuschen, der keineswegs ahnte, welche Pläne sich allmählich in dem Kopfe der verderbten, aber liebreizenden Frau entwickelt hatten. Vielleicht war er auch von seinen eignen Gedanken dergestalt in Anspruch genommen, daß er seinen gewöhnlichen Scharfblick verloren hatte. Thatsache war, daß Lady Olifaunt seit vier Tagen Boissise umschwärmte, wobei sie jedesmal dem Schlosse näher rückte, wie der Raubvogel, der langsam über seinem Opfer kreist. Eines Abends, es mochte gegen fünf Uhr sein, wurde der kleine Flecken Theil durch Hufschlag aus seiner Ruhe aufgescheucht; die unter den Hausthüren schlafenden Hunde schlugen an, die im Staube scharrenden Hühner flogen gackernd in die Höhe, und Weiber und Kinder traten neugierig aus den Häusern. Es war Diana mit ihrem Gefolge. Die Tiere waren warm, und die Reiter durstig, und da auf dem Platze ein Gasthaus mit seinem von Weinreben übersponnenen Giebel zur Einkehr einlud, rief Diana ihren Begleitern zu: »Machen wir Halt! In dem Hause ist gewiß kühler Apfelwein zu kriegen. ... Wir lassen uns zu trinken geben, und inzwischen verschnaufen sich unsre Pferde. ... Das wird uns allen gut thun.« Thauziat stieg ab, um Diana aus dem Sattel zu heben, und die vier Reiter nahmen in einer schattigen Laube Platz. Es waren noch keine fünf Minuten vergangen, als ein mit zwei kleinen Pferden bespannter Wagen bei dem Gasthause vorüberrollte und unter dem Kirchenportal anhielt. »Das ist ja ein Wagen, der Lereboulley gehört,« sagte Diana, »Ich kenne die Livree. Ueberzeugen Sie sich doch einmal, meine Herren!« Man ging auf den Kutscher zu, der inzwischen abgestiegen war und vorn bei den Ponies stand. »Sind Sie bei Herrn Lereboulley im Dienst?« fragte Thauziat. Der Kutscher nahm den Hut ab und erwiderte: »Ja, ich komme aber von Boissise; ich gehöre zur Dienerschaft von Fräulein Emilie.« »Ah! Fräulein Emilie ist hier,« sagte Lady Olifaunt, wobei sie leicht die Stirn runzelte. »Ja, gnädige Frau, mit Frau Hérault. Das gnädige Fräulein malt in der Kirche.« »Das wollen wir uns doch einmal ansehen, Thauziat. Vielleicht ist das ganz interessant. ... Warten Sie hier einen Augenblick auf uns, meine Herren!« Clement folgte Diana, sagte ihr aber vor der Kirchenthür leise: »Was thun wir da? Wir stören Fräulein Lereboulley höchstens, da sie vermutlich im Arbeitskostüm ist.« »Und treffen Frau Hérault,« unterbrach ihn Lady Olifaunt boshaft lächelnd, »und vor der haben Sie offenbar Angst.« »Ja, ich habe Furcht vor ihr,« erwiderte er kalt, »und deshalb lassen Sie uns nicht weiter gehen!« »Ich aber habe keine Furcht, weder vor der schönen Helene, noch vor der klugen Emilie ... und ich gehe.« Thauziat machte eine Bewegung, als ob er Diana zurückhalten wollte, aber er wußte genau, daß sie auf die Erfüllung eines einmal ausgesprochenen Wunsches nicht so leicht verzichten würde. Er mußte sich also wohl oder übel entschließen, sie zu begleiten, obwohl ihm bange war, weniger vor einer Ungeschicklichkeit als einer Bosheit von seiten der Engländerin. Die kleine Kirchenthür fiel hinter ihnen ins Schloß, und das Düster, das sie plötzlich umgab, war so undurchdringlich, daß sie anfangs nichts unterscheiden konnten. Es war herrlich kühl in dem stillen, anspruchslosen Raume, und allmählich gewöhnte sich das Auge an die darin herrschende Dämmerung. Die Fenster der linken Seite waren mit langen Vorhängen dicht behangen, um ein falsches Licht zu vermeiden. Nur durch die Bogen der Fenster rechts drang das Licht, und die so beleuchteten Kapellen erschienen dadurch noch kahler und verfallener. Vor dem Altar war ein kleines Gerüst aufgestellt, auf dem Emilie etwa einen Meter hoch Platz genommen, während oben auf einem Strohstuhl Frau Hérault mit ihrem kleinen Jungen im Arm saß – offenbar der Künstlerin zu ihrem Bilde sitzend. Fräulein Lereboulley hatte ihre Renovationsarbeiten mit dem Altarblatt begonnen, und da die Jungfrau Maria vollständig verblichen war, ihr auch kein andres Modell zur Verfügung stand, so hatte sie ihre Freundin gebeten, ihr drei oder vier Nachmittagssitzungen zu schenken, Helene war in ihrem weißen Gewände, mit dem einfach über der Stirn gescheitelten, schönen hellkastanienbraunen Haar, dem Blick voll wahrster, innigster Mutterliebe, der auf ihrem rosigen, pausbackigen, einem Murilloschen Engelsknaben gleichenden Kinde ruhte, von überirdischer Schönheit. Ein Sonnenstrahl fiel schräg herein auf ihr Gesicht, weckte goldene Reflexe in ihrem Haar und umgab ihren Kopf mit einem mystischen Schein. Diana und Clement hielten an der Taufkapelle einen Augenblick inne und ließen ihre Blicke auf dem unerwarteten Schauspiel ruhen, dem eine solche Fülle von Reinheit entströmte, daß das Herz der schönen Engländerin sich zusammenkrampfte, und ein Seufzer sich ihren Lippen entrang. Einen Blick auf den neben ihr stehenden Thauziat werfend, der finster und nachdenklich dreinschaute, flüsterte sie neidisch: »Die Leute dort sind glücklich.« »Ja,« fiel Clement bitter ein, »und sie verdienen es, glücklich zu sein! ... Es sind reine Herzen, die sich an einfachen Lebensfreuden genügen lassen und keinen verzehrenden Leidenschaften, keinen ausschweifenden Vergnügungen nachjagen. ... Da sitzen die beiden Frauen in der schweigsamen, kühlen Dorfkirche, freuen sich des Beieinanderseins und des guten Werkes, das jede auf ihre Art fördert – schlicht und einfach wie der Rahmen, der sie umgibt, ist auch die Empfindung, die sie erfüllt! Hätten Sie Lust, stundenlang auf einem kaum abgehobelten Brett Modell zu sitzen, Diana? Nein, das sind Freuden, die nicht für alle Welt existieren, wir beide brauchen schon etwas raffiniertere Genüsse.« Seine Lippen zogen sich zu einem krampfhaften Lachen zusammen. Diana sah ihn an, schüttelte den Kopf und sagte dann sanft: »Machen Sie keinen Versuch, starkgeistig zu erscheinen, mein armer Clement, ich sehe ja doch, wie Sie leiden. ... Sie lieben sie also noch immer?« Er antwortete nicht, und kein Muskel zuckte in seinem leichenblassen Gesicht. »Gehen wir,« sagte Lady Olifaunt mit aufrichtigem Mitleid, »Sie haben recht gehabt, wir hätten hier nicht eintreten sollen.« Sie machten einige Schritte nach der Thür, als plötzlich die Stimme Emilies hell durch das Schiff der Kirche hallte. »Ist jemand hier? Ich höre schon eine Zeitlang sprechen. ... Sind Sie's, Herr Pfarrer?« Die schwachen Bretter knarrten unter ihrer Last. Emilie schickte sich an, herunterzusteigen. »Wir sind abgefaßt,« sagte die schöne Engländerin. »Jetzt heißt's, Haltung bewahren.« Sie trat aus dem tiefen Schatten des Seitenschiffes. »Sie sind's, Lady Olifaunt?« rief Emilie. »Sie in einer Kirche! Was führt Sie denn hierher? Wollen Sie etwa von der reformierten Kirche zum Katholizismus übertreten? Aber ist das nicht Herr Thauziat, der Sie begleitet?« Bei diesem Namen zitterte und erbleichte Helene; ihr Blick flog fragend und hilfesuchend zu Fräulein Lereboulley hinüber, die aber ebenso erregt war, wie sie selbst. »Liebe Emilie,« sagte Diana unbefangen, »wir hatten im Orte Halt gemacht, hörten, daß Sie hier in der Kirche arbeiten, und Herr Thauziat und ich konnten der Versuchung nicht widerstehen, Ihre Kunstwerke zu bewundern. Als wir aber,« fügte sie mit einem verbindlichen Lächeln für Frau Hérault hinzu, »bei unsrem Eintritt das entzückende lebende Bild zu Gesicht bekamen, vergaßen wir die Malerei.« »Dieses Kompliment, liebe Helene, gilt dir,« sagte Emilie, nervös auflachend. »Wie konnten Sie sich diese elegante Wendung wegschnappen lassen, Clement?« »Herr von Thauziat hat vermutlich denselben Gedanken gehabt, ohne ihm Ausdruck geben zu wollen,« erwiderte Diana ruhig und betrachtete die Gruppe durch eine große Schildpattlorgnette, welche ihr ein unglaublich hochmütiges Aussehen verlieh. Clement hatte sich, nachdem er Fräulein Lereboulley begrüßt, Frau Hérault genähert. Verwirrt und verlegen streckte sie ihm unwillkürlich die Hand entgegen, was er aber nicht zu bemerken schien. »Sie machen also Raffael Konkurrenz, Emilie?« fuhr Lady Olifaunt fort. »Ihre Madonna ist sehr gut ... ausgezeichnet! Der Bambino namentlich ist entzückend ... fast so reizend wie in Wirklichkeit!« Sie neigte sich zu dem Kinde nieder, das offenbar von dem Glanz der goldnen Haare und ihren blauen Augen gefesselt, die Aermchen nach ihr ausstreckte. »Ein richtiger Junge, gnädige Frau: er will Sie schon küssen,« bemerkte Emilie mit schneidender Ironie. »In diesem Falle erbitte ich mir den Kuß, wenn die Mama nichts dagegen hat,« sagte Diana gelassen und freundlich und hauchte einen Kuß auf die zarten Wangen des Knaben. »Man kann noch nicht erkennen, wem er mehr ähnlich sehen wird,« sagte sie, »was meinen Sie, Thauziat?« »Ich hoffe, daß er in allem seiner Mutter gleichen möge,« erwiderte Clement ernst, indem er sich tief vor Helene verbeugte und einige Schritte zurücktrat. »Trägt er denn nichts um den Hals?« wandte sich die schöne Engländerin an Frau Hérault. ... »Ich habe einige sehr schöne Korallenketten aus Syrien mitgebracht. Nicht wahr, Sie gestatten, daß ich dem herzigen kleinen Schelm eine derselben sende? Sie werden sehen, wie hübsch die rosenroten Perlen sich an seinem weißen Hälschen ausnehmen werden.« Ehe Helene Zeit hatte, zu antworten, nickte sie ihr einen Abschiedsgruß zu und wandte sich dann noch einmal an Emilie, die sie nicht aus den Augen gelassen hatte. »Haben Sie keinen Auftrag für Ihren Vater?« »Doch,« antwortete Fräulein Lereboulley, »sagen Sie ihm, ich hoffte recht bald in sein Haus zurückkehren zu können.« Sie winkte Thauziat freundschaftlich zu und ging, ohne sich weiter um Diana zu kümmern, wieder an die Arbeit. »Du bist sehr hart gegen die arme Frau,« sagte Helene, »sollte sie nicht mehr Nachsicht verdienen?« »Wohl weil sie dir Komplimente über dein Kind gemacht hat?« unterbrach sie Emilie. »Laß dich nicht von dieser heuchlerischen Person bethören! Du kennst sie noch nicht, und wirst hoffentlich auch nie Gelegenheit finden, sie näher kennen zu lernen, Ich warne dich und kann dir nur raten, sie stets von dir und deinem Hause fern zu halten. Von ihr droht dir ernste Gefahr.« Helene dachte an ihre erste Begegnung mit der schönen Engländerin in der Ausstellung, wohin Emilie ihr Porträt geschickt, und erinnerte sich, wie Dianas Augen damals mit einem ihr unbegreiflichen Ausdrucke des Hasses auf sie gerichtet gewesen, und ein banges Vorgefühl preßte ihr das Herz zusammen. Als ihr Blick aber auf den kleinen Pierre fiel, der sanft auf ihrem Schoße entschlummert war, wich alle Bangigkeit von ihr, sie drückte ihn an ihre Brust und es schien ihr, als ob sie mit diesem Talisman vor jeder Gefahr sicher sein müsse. Diana und Thauziat waren durch die Kirche zurückgegangen. Im Begriff, die kleine Thür zu öffnen, sagte die erstere: »Besonders redselig ist diese Frau Hérault nicht, wir haben nicht einmal den Ton ihrer Stimme zu hören gekriegt, aber hübsch ist sie – ich begreife vollkommen, daß sie Ihnen gefällt.« Sie traten heraus, und obwohl sie im ersten Augenblick von dem grellen Tageslicht geblendet waren, schien es ihnen, als ob die Gesellschaft, die unter der grünen Laube des Wirtshauses auf sie wartete, sich vergrößert hätte. Thauziat und Diana näherten sich und erblickten Louis Hérault, der in ein Gespräch mit ihren Freunden vertieft war. Er war von Boissise her zu Fuß durch den Park gekommen, und seine Ueberraschung war groß gewesen, als er sich auf dem kleinen Marktplatz von Theil plötzlich beim Namen rufen hörte. Noch größer wurde dieses Erstaunen aber, als er zwei Klubfreunde erkannte, die hier Apfelwein tranken und Cigaretten rauchten. »Wie! Ihr hier?« rief er aus. »Was in aller Welt, thut ihr denn hier?« »Wir warten auf Lady Olifaunt und Thauziat, die in die Kirche gegangen sind. Dann kehren wir zu Lereboulley zurück.« Die Stirn Louis' umwölkte sich. In die Kirche wollte ja auch er gehen, um Helene und Emilie dort abzuholen, Diana und Clement mußten sie also gesehen und gesprochen haben. War dieses Zusammentreffen von seiten des letzteren ein gewolltes, waren sie mit der Absicht hergekommen, Frau Hérault und Fräulein Lereboulley zu treffen, oder hatte nur der Zufall hier seine Hand im Spiele? Als er sich die Sache näher überlegte, schwand der Mißmut, der sich im ersten Augenblick seiner bemächtigt hatte. War es denn schließlich zu vermeiden, daß die beiden sich einmal wiedersahen? Mußte die Kälte, die Thauziat ihm gegenüber zeigte, nicht früher oder später schwinden, und konnten sie nicht wieder Freunde werden wie zuvor? War es da nicht im Gegenteil wünschenswert, daß endlich wieder ein leidliches Einvernehmen hergestellt wurde? Er erinnerte sich jedoch an das schroffe Benehmen Helenes und an den Widerstand, auf den er mit seinem Wunsch, sich mit Thauziat wieder zu versöhnen, bei ihr immer gestoßen war. Wie mochte sie sich Diana und Clement gegenüber verhalten? In Bezug auf Diana hatte er nicht die geringste Besorgnis; Helene hatte ja keine Ahnung von seiner so rasch geendigten Liebelei mit der schönen Engländerin. Aber Clement? Seltsam, der Gedanke, daß der Mann, welcher seine Frau so sehr geliebt, sich bei ihr befinde, ließ ihn vollkommen ruhig und erweckte keinerlei Eifersucht in ihm. Sein Vertrauen in die Charakterstärke Helenes war zu unbegrenzt, um auch nur das leiseste Unbehagen in ihm aufkommen zu lassen, und diese Sicherheit war ein großes Unglück für die junge Frau. Wäre Louis ihrer weniger gewiß gewesen, so hätte er sich gegen eine mögliche Gefahr in Verteidigungszustand gesetzt und hätte Sorge getragen, Thauziat und Lady Olifaunt sofort aus ihrer Nähe zu entfernen. Der Gedanke kam ihm aber gar nicht, und den Schutz, der einer eitlen und leichtfertigen Frau von seiten ihres Gatten zu teil geworden wäre, entging Frau Hérault wegen ihrer moralischen Ueberlegenheit. Als Louis Diana und Clement kommen sah, ging er ihnen entgegen. »Nun, da hätten wir ja die ganze Familie in Augenschein genommen!« rief die schöne Frau. »Erst Mutter und Kind und nun den Vater! – Guten Tag, mein lieber Herr Hérault, die Ehe scheint Ihnen ja recht gut zu bekommen, Sie sehen frisch aus wie eine Rose. Vorwärts, Thauziat, machen Sie kein sauertöpfisches Gesicht, sondern schlagen Sie frisch in die Hand Ihres Freundes ein, die er Ihnen schon seit einer Minute entgegenstreckt.« Vor dieser offen und herzlich ihm dargebotenen Hand blieb Clement einen Augenblick ratlos. Seiner Ehrenhaftigkeit widerstrebte es, einzuschlagen. Bis jetzt hatte er sich von Louis fern zu halten gewußt, um ihm seine Gefühle nicht zu verraten. Er hatte zu Helene gesagt: »Ich werde ihn nicht in Ihrem Besitz sehen können, ohne ihn zu hassen.« Haßte er ihn wirklich? – Nein, Haß gegen diesen Schwächling, das lag nicht in dem stolzen Geiste Thauziats! Er grollte ihm nicht, dazu fühlte er sich ihm zu sehr überlegen. Er wünschte nur, ihm nicht mehr zu begegnen und in keiner Beziehung zu ihm zu stehen. Und nun befand er sich plötzlich ihm gegenüber, ohne daß es ihm möglich gewesen wäre, ihm auszuweichen. Zwischen Louis und ihm war nur diese ausgestreckte Hand, die er ansah, ohne sich entschließen zu können, sie zu berühren. »Wenn ich ihm die Hand gebe,« überlegte er, »so täusche ich ihn, da ich ihm mit derselben nicht die alte Freundschaft zurückgeben kann. Ich bin also ein Schuft und ein Heuchler. Wende ich mich aber ab, so beraube ich mich damit jeder Möglichkeit, mich Helene wieder zu nähern; und ohne sie zu sehen, ohne mit ihr zu sprechen, vermag ich nicht mehr zu leben. Auf der einen Seite eine Infamie, auf der andern Verzweiflung.« Ein heftiger Kampf zwischen Selbstsucht und Stolz tobte in seinem Innern. Er machte eine zornige Handbewegung, erbleichte etwas und der Eigennutz siegte. Luis hielt zwar seine Hand Clement entgegen, aber er sah dabei Diana an, und niemals war ihm diese schöner erschienen. Das tadellos sitzende Reitkleid ließ die schönen Formen der hohen, schmiegsamen Gestalt deutlich erkennen, und unter dem grauen, mit herausfordernder Keckheit auf die blonden Haare gedrückten Hute leuchteten die kornblumenblauen Augen hervor. Ihre halbgeöffneten Lippen ließen die kleinen Perlenzähne sehen, und um ihren Mund schwebte ein spöttisches, sinnberückendes Lächeln. Der Kuß, den er an jenem Ballabend mit diesem berauschend schönen Weibe getauscht, brannte noch in seinem Herzen und trieb ihm eine wahre Fieberglut auf die Wangen. Er hatte Thauziat, er hatte Helene vergessen, sein Blut war in Aufruhr, er sah nichts als Diana in ihrem sündigen, unwiderstehlichen Reize. Die Hand Thauziats, die sich in die seine legte, entriß ihn seiner leidenschaftlichen Betrachtung; er drückte sie herzlich und hielt sie in der seinigen fest. »Du entziehst sie mir nicht wieder, nicht wahr?« sagte er mit Wärme. »Versprich mir, daß alles vergessen ist, was trennend zwischen uns gestanden.« Clement beugte sein Haupt herab und murmelte: »Alles!« »O, ich kenne dich zu gut!« fuhr Louis fort, »dein Groll konnte nicht von langer Dauer sein. Du hast Helene in der Kirche gesehen? Du hast mit ihr gesprochen? Ich werde euch wieder versöhnen und ihr werdet Freunde sein! Siehst du, mein lieber Clement, sie ist ganz und gar Familienmutter; wir sind große Philister geworden, und unsre Lebensweise würde dir sehr arm an Romantik und Leidenschaft erscheinen. Uebrigens bist du wahrhaftig nicht für die Ehe geschaffen und kannst dich glücklich schätzen, daß deine Grille, es einmal damit zu versuchen, sich nicht verwirklicht hat. Adler wie du sind nicht dazu geschaffen, daß ihnen die Flügel beschnitten werden. Bei einem bescheidenen Haushahn, wie dein ergebener Diener, da geht das. Und auch da ...« »Und auch da? Seh' mir einmal einer an!« rief Diana übermütig. Bei Louis' Worten hatte sich eine bittre Falte um Thauziats Mund gelegt. Der einstige Freund hatte versuchen wollen, die letzten Reste seines Grolles zu verscheuchen, und hatte nur ein verachtungsvolles Mitleid in ihm wachgerufen. Also auf diese Weise faßte dieser so heiß geliebte Mann sein Glück auf, das war alles, was er über diese anbetungswürdige Frau zu sagen wußte, deren Besitz ihm für sein ganzes Leben eine Flamme des Stolzes in dem Auge hätte entzünden müssen! Eine Familienmutter, ein würdiges Bürgerpaar! Wie in den grobgezimmerten Zauberpossen verwandelte sich der blumengeschmückte Triumphwagen in einen gemeinen Suppentopf! »Nun denn, mein lieber Herr Hérault, jetzt, da Sie uns dieses reizende Gemälde Ihres Glückes gezeichnet haben,« sagte Lady Olifaunt gravitätisch, »nehmen Sie unsre herzlichsten Glückwünsche entgegen! Sicherlich vermissen Sie nichts aus ihrem früheren Leben.« »Vielleicht doch,« sagte Louis, indem er die schöne Engländerin fast mit den Augen verschlang. »Nein, nein, sicher nicht! ... Sie müßten ja der undankbarste Mensch unter der Sonne sein. Sie haben jetzt Ihre Herzensruhe, ein geregeltes, geordnetes Dasein, das taugt Ihnen viel besser, als die Stürme der Leidenschaft, obgleich Sie soeben das Gegenteil darzuthun suchten. ... Die Füße warm halten und den Kopf kühl, dabei wird man alt, mein Freund.« »Sie spotten meiner, gnädige Frau, aber ich darf mich nicht darüber beklagen: es ist das ein Recht, das Ihnen zusteht.« »Wirklich zu gütig von Ihnen, mir sogar Rechte einzuräumen.« »Die Sie sich auch ohne meine Zustimmung nehmen würden.« »Allerdings pflege ich mir die Dinge zu nehmen, nach denen ich Verlangen trage.« Bei diesen Worten betrachtete sie Louis durch ihre Schildpattlorgnette mit halbgeschlossenen Augen und kokett grollender Miene: »Lassen Sie sich ja nicht einfallen, diese Aeußerung auf sich zu beziehen!« fügte sie wegwerfend hinzu. ... »Ueberdies zählt ein Ehemann gar nicht mehr – er ist ein Gefangener.« »Aber nicht so eng gefesselt, wie Sie anzunehmen scheinen,« erwiderte er lebhaft. »Erlauben Sie mir, Sie zu besuchen?« »Nein, mein schöner Herr, durchaus nicht. ... Bleiben Sie nur in Ihrem Taubenschlag! ... Thauziat, Sie sind Zeuge, daß ich mich weigere, Herrn Hérault zu empfangen.« »Ich werde trotzdem kommen,« sagte dieser lachend. »Werden Sie mir deshalb zürnen?« »Möglich!« Diana ging an ihm vorüber und ließ dabei unter ihrem zurückgeschlagenen Reitkleide einen reizenden kleinen Lackstiefel sehen. »Vorwärts, meine Herren, genug geplaudert! Wir haben noch eine gute Meile vor uns, um heimzukehren.« Sie näherte sich den Pferden. Ohne sie um Erlaubnis zu fragen, faßte Louis sie um die Taille und hob sie mit einem einzigen Schwunge in den Sattel. Mit ihrem bestrickendsten Lächeln blickte sie auf ihn nieder. »Ei! Solche Herkulesstärke hätte ich Ihnen nicht zugetraut.« Sie faßte die Zügel, gab ihrem Pferde leicht den Sporn, und, nachdem sie Louis mit der Hand einen Gruß zugeworfen, trabte sie, eine Staubwolke aufwirbelnd, von dannen. »Auf Wiedersehen, Thauziat! Adieu, meine Herren!« rief Hérault. Und allein auf dem Platze zurückgeblieben, in den Augen ein fieberhaftes Feuer, das Blut in heftiger Wallung, stieß er einen tiefen Seufzer aus; dann trat er in die Kirche. Auf der Landstraße galoppierte Diana an der Seite Clements. Eine Zeit lang ritten sie schweigend nebeneinander her, dann wendete sich Lady Olifaunt an ihren Begleiter: »Nun – da wären Sie ja, wenigstens äußerlich, mit Louis wieder versöhnt! Es ist besser so. Sie waren auf dem besten Wege, ein menschenscheuer Einsiedler zu werden.« Clement wendete seiner Freundin sein Gesicht zu, das finster wie die Nacht war. »Ich habe zweimal gelogen, in Wort und Handlung, Diana. Ich habe Louis meine Hand gereicht und habe ihm gesagt, ich hätte alles vergessen. Das ist das erste Mal, daß ich mich einer Feigheit schuldig gemacht, und ich leide namenlos darunter.« »Was für übertriebene Spitzfindigkeiten und Selbstquälereien! In der Liebe ist alles erlaubt! Haben Sie denn nicht gesehen, welch ein Beispiel Ihnen Ihr Pylades hierfür gab? Wenn ich gewollt, hätte ich ihn zu unserm Diner mitnehmen können! Er hat seine Frau während der fünf Minuten, die wir miteinander gesprochen, in Gedanken mehr als zehnmal verraten. Und Sie wollen sich mit Gewissensskrupeln abgeben? Sie sind ein allzu sentimentaler Paladin! Das ist ganz und gar veraltet, und ich bitte Sie, seien Sie doch ein moderner Mensch, denken und handeln Sie, wie man das in unserm Jahrhundert thut. Die Moral wird bei uns auf der Kursliste nicht mehr notiert, und heute sind nur noch die Dummköpfe tugendhaft!« »Ich hatte nur eine Religion, und das war die Ehre,« erwiderte Thauziat mit erstickter Stimme, »und an ihr habe ich gefrevelt.« »Ihre Religion, Clement, ist die Liebe zu einem Weibe. Und ist denn die Liebe nicht die gewaltigste Triebfeder der menschlichen Handlungen? Alles Große, was geschieht, ob eine Heldenthat oder ein Verbrechen, wird von der Liebe inspiriert. Gehören Sie denn nicht zu jenen, für welche eine hausbackene Allerweltsmoral nicht vorhanden? Lernen Sie doch, sich über die gemeine Welt erheben, mein lieber Clement! Lassen Sie sich von moralischen Banden fesseln, die nur existieren, solange Sie dieselben anerkennen? Wozu wäre man dem Dutzendmenschen überlegen, wenn man sich unter dasselbe Joch beugen wollte, wie er. Räumen Sie sich alle Hindernisse aus dem Wege und stellen Sie als einziges Gesetz Ihre Leidenschaft auf! So habe ich es seit langer Zeit gemacht, und ich bereue es nicht. Schließlich gibt es ja nur eins, das augenblicklich Wichtigkeit für Sie hat: Sie lieben.« »Wie ein Wahnsinniger,« sagte Thauziat. »Nun gut! Dann erinnern Sie sich einmal an das, was ich Ihnen vor mehr als einem Jahre gesagt habe: ›Sie werden in Louis Hérault einen Rivalen finden!‹ Ich hatte ein Vorgefühl von dem, was wirklich eingetroffen ist. Sie antworteten mir damals lachend: ›An dem Tage, wo das eintrifft, gebe ich ihn Ihnen zurück, das wird meine Rache sein.‹ Dieser Tag ist gekommen, Clement. Aber ich werde Ihr zartbesaitetes Gewissen schonen und Louis Hérault nicht von Ihnen fordern, sondern ihn mir ganz allein zurückerobern. Und wenn Sie dann die schöne Madonna verraten und beschimpft sehen werden von dem Manne, welchem sie einen Thauziat geopfert hat, dann wird wahrscheinlich Ihre Tugend endgültig zum Himmel hinaufsteigen, und Sie werden aufhören, ein Engel zu sein, um wieder ein Mann zu werden.« »Diana,« rief Clement heftig, »ich verbiete Ihnen...« »Unsinn!« sagte die schöne Engländerin, indem sie ihm ins Wort fiel, »eine Frau läßt sich nichts verbieten!« Und als Thauziat dennoch weiter reden wollte, bat sie ihn: »Schweigen Sie! Die Herren nahen! Sie könnten uns hören!« Mit leiser Stimme fügte sie hinzu: »Wenn die Frau, die Sie lieben, in Ihren Armen ruhen wird, dann erinnern Sie sich daran, daß Diana sie Ihnen errungen hat!« Achtes Kapitel Mit dem Herbst wurden die großen Unternehmungen wieder aufgenommen. Enger verbunden als je, leiteten Lereboulley, Thauziat und Hérault die ersten Vorbereitungen für die Kabelgesellschaft, und häufige Konferenzen wurden in den Bureaus Lereboulleys in der Rue Le Pelletier abgehalten. Es waren gewisse Vorfragen zu lösen, ehe man sich definitiv auf dieses wichtige Unternehmen einließ. Die englischen Gesellschaften waren über den Konkurrenzversuch aufs höchste bestürzt und bereiteten sich zu einem Kampfe bis aufs Messer gegen das französische Unternehmen vor. Man mußte auf eine möglichst niedrige Taxe bedacht sein und deshalb das Kabel möglichst billig herstellen, wenn man den Kampf mit einiger Aussicht auf Sieg aufnehmen wollte. So wenigstens setzte Louis die Sache seiner Frau mit einem Aufwand an Einzelheiten und einer Weitschweifigkeit auseinander, welche Helene einen hohen Begriff von den sich vorbereitenden Arbeiten gaben. Indessen begann der Eifer, mit dem er bei jeder Gelegenheit von dieser Angelegenheit sprach und mit dem er sein immer häufiger werdendes Ausbleiben am Abend auf Rechnung dieser Beratungen setzte, der jungen Frau eine gewisse Unruhe einzuflößen, und eines Tages, als Emilie im Faubourg Poissonnière dinierte, hatte Helene sie mitten in der Unterhaltung gefragt: »Wird dein Vater des Kabels wegen nach Amerika gehen, wie er im Frühjahr wegen der Durchstechung des Isthmus nach Korinth gereist ist?« Emilie hatte lachend erwidert: »Papa ist nach Korinth gegangen, um eine kleine Vergnügungsreise mit Lady Olifaunt zu unternehmen. Ohne die Jacht und ohne die reizende Dame auf derselben hätte er einen Vertreter geschickt. ... Uebrigens höre ich ihn nie von dem Kabel und von Amerika sprechen.« »Aber die Herren bringen ja alle Abende zusammen zu, um den Gründungsplan festzustellen.« Emilie warf einen raschen, prüfenden Blick auf die beiden: sie nahm an Helene eine gewisse Unruhe und bei Louis entschieden Verlegenheit wahr. Sie erkannte augenblicklich, daß ihre Freundin sie auf ein sehr gefährliches Gebiet zu leiten versuchte, und beugte deshalb schnell entschlossen jeder weiteren Frage mit der Bemerkung vor: »Das ist leicht möglich. ... Mein Vater spricht nie ein Sterbenswort von seinen Geschäften.« »Wenn er dir erzählen wollte, was wir miteinander durchberaten haben,« sagte Louis, der seine Fassung wiedergewonnen hatte, »würde es dich auch nur gründlich langweilen. Es handelt sich ausschließlich um technische Details und unabsehbare Ziffernreihen. ... Denke dir ...« »Gnade, mein lieber Louis,« rief Helene mit etwas erzwungener Heiterkeit. »Spare deine Auseinandersetzungen auf unser Alleinsein.« Sie sah dabei ihren Gemahl mit einem innigen Blicke an, der befassen sollte: »Ich höre dir ja gern zu; denn das belehrt mich!« Man ging rasch auf ein andres Thema über, allein nach Tisch entführte Emilie unter dem Vorwande, eine Cigarette rauchen zu wollen, Louis in sein Arbeitskabinett und richtete dort ohne alle Umschweife die Frage an ihn: »Du hast also Heimlichkeiten vor deiner Frau! Was sind das für Geschichten von Konferenzen, die du jeden Abend mit meinem Vater und Thauziat zu haben vorgibst? – Als ob mein Vater nach sieben Uhr, wenn er die Korrespondenz unterzeichnet, sich mit andern Dingen als mit seinen Vergnügungen beschäftigte! Solltest du etwa das Gleiche thun, mein Kleiner?« »Du faselst! Was denkst du denn von mir?« »O, mein Lieber, durchaus nichts, was bei deinem Charakter unwahrscheinlich wäre. Du hast das Glück gehabt, eine Frau mit dem Herzen eines Engels zu finden, und da ist die Möglichkeit groß, daß ihre Tugend dich langweilt, und du dem Laster nachläufst. Die Vorliebe für Gegensätze! ... Ihrer Liebe bist du sicher, deine Gedanken sind in dieser Richtung von keiner Sorge in Anspruch genommen, und du hast also Muße, dumme Streiche zu machen. Für dich wäre eine Frau notwendig, die dich unterm Daumen hielte und bei jedem Seitensprung ernste Maßregeln ergriffe; nur so würdest du im Zügel zu halten sein. Du würdest dann darauf bedacht sein müssen, dich zu verteidigen, und würdest keine Zeit finden, anzugreifen. Du bist zu glücklich – das ist die Moral von der Geschichte, und befindest dich auf bestem Wege, dies Glück zu untergraben.« »Meine gute Emilie, der Vortrag, den du mir zu halten die Liebenswürdigkeit hast, ist ja wie gewöhnlich recht pikant und geistreich. Ich bin tief gerührt von der gnädigen Meinung, die du dir über meinen Charakter gebildet! Aber auch große Psychologen täuschen sich hie und da einmal. Ich bin durchaus kein solches Ungeheuer, wie du dir denkst, und wenn ich etwas häufiger ohne meine Frau ausgehe, als vielleicht am Platze, so sind doch die Zerstreuungen, die ich dabei suche, recht unschuldiger Art.« »Es ist also doch etwas Wahres an meinen Vermutungen?« rief Fräulein Lereboulley aus. »An deinen Vermutungen gar nichts, nur die Thatsachen sind richtig. Ich kann nicht behaupten, daß es sehr amüsant wäre, jeden Abend bei meiner Großmutter und Helene daheim zu sitzen, um so weniger, als meine Frau sich nach Tische mit dem Kinde in ihr Zimmer zurückzieht und mir nichts übrig bleibt, als mich auf einen Fauteuil auszustrecken und meine Cigarre zu rauchen. Um neun Uhr kommt sie dann allerdings wieder zum Vorschein, aber wenn ich dir auch mit Vergnügen zugebe, daß ihre Gegenwart beglückend und anziehend ist, so findet man das auf die Dauer doch ein wenig einförmig. Was siehst du also Schlimmes darin, wenn ich unter solchen Verhältnissen das Bedürfnis empfinde, mich zu zerstreuen, mir ein wenig Abwechslung zu verschaffen, um nicht ganz in dem Familienleben zu versumpfen?« »Wohin gehst du denn gewöhnlich?« »Meistens in den Klub!« »Du spielst da wohl?« »Nur wenig, sehr wenig. ...« »Und du verlierst natürlich?« »Das geht so auf und ab. Bald gewinne ich, bald verliere ich. Nichts Beunruhigendes, ein philisterhaftes Spiel, wie es einem Familienvater zukommt.« »Du bist ganz sicher, daß du immer in den Klub gehst? Lüge mir nichts vor, ich erfahre doch die Wahrheit.« »Wohin soll ich denn sonst gehen?« »Du sollst gewiß nicht, aber ich fürchte, du gehst! Wenn du nur in den Klub gehst, warum sagst du es dann nicht deiner Frau? Dabei ist ja doch nichts Schlimmes, und es wäre doch wahrhaftig besser, als ihr Unwahrheiten aufzubinden. Du wirst eines Tages schön hineinfallen oder von jemand ohne böse Absicht verraten werden, und dann ist es um Helenes Vertrauen zu dir geschehen und damit um ihr Glück.« »Wenn ich ihr sage, daß ich in den Klub gehe, so beunruhigt sie sich – sie kennt das Leben nicht wie du und würde sich gleich vorstellen, daß ich da wieder mit einem Fuße in der Hölle stehe, der sie mich in ihrer Unschuld entrissen zu haben glaubt. ... Kurz, ich wollte Auseinandersetzungen vermeiden und habe es vorgezogen, ihre Ruhe nicht zu stören.« »Wohl und gut! Dann laß es aber nicht dabei bewenden, diese äußerlichen Rücksichten zu nehmen, sondern laß dir ihre Ruhe in der That und Wahrheit heilig sein! Aber wir schwatzen schon eine Viertelstunde, ein noch längeres Zusammenbleiben würde Verdacht erregen; gehen wir in den Salon zurück!« Diese Unterredung gab Emilie zu denken. Viel zu klug und erfahren, um die Auseinandersetzungen Louis' für bare Münze zu nehmen, nahm sie sich vor, herauszubekommen, was ihr Kamerad wirklich that. Sie wußte die Leute seiner Umgebung auszuforschen, und in acht Tagen hatte sie die Gewißheit, daß Louis die Abende, an welchen er sich seiner Familie entzog, bei Lady Olifaunt verbrachte. Helene ihrerseits war übrigens durch die Erklärungen ihres Gemahls ebensowenig getäuscht worden, aber, im Gegensatz zu Emilie, wollte sie ihren Argwohn keine Wurzeln schlagen lassen, und alle Bangigkeit und Angst, die sie quälten, schienen ihr leichter zu ertragen, als eine furchtbare Gewißheit. Sie fühlte, daß die Wahrheit den Verlust ihres Glückes bedeuten würde, und anstatt nachzuforschen, hielt sie sich Augen und Ohren zu. Die tapfere Frau hatte diese Schwäche! Ihr Kind war ihr Trost, in seiner Nähe vergaß sie ihre Unruhe und ihren Argwohn; in dem Verkehr mit ihm zeigte sie sich in der ganzen Fülle und Vollendung ihres Reizes und ihrer Schönheit. Wie strahlten diese ernsten, stolzen Augen von weicher, hingebender Zärtlichkeit, wie war ihr ganzes Wesen verklärt und gehoben von heiliger, unsäglich süßer Mutterliebe, wenn sie ihren Knaben schlafend in den Armen hielt, wie in einer weichen und warmen Wiege, wenn sie mit halber Stimme Liedchen sang, um ihn einzuschläfern, oder in ausgelassenem Spiel mit ihm umhertanzte, daß der kleine Gesell ein über das andre Mal mit seinem Silberstimmchen hellauf jubelte, dann bot sie ein Bild von bezaubernder Poesie. Dort hätte Louis sie aufsuchen, dies Bild voll Schönheit und Liebreiz hatte er in sich aufnehmen müssen, um sich in Geist und Herz eins mit ihr zu fühlen. Wenn er sie gesehen hätte so jung, so hingebend, so überströmend zärtlich, so hätte eine neue Liebe für sie in seinem Herzen erwachen müssen, eine Liebe, zu der ihn Rührung und Ehrfurcht gezwungen hätten. Er würde begriffen haben, daß Helene nicht nur eine ausgezeichnete Gattin, sondern auch eine bewunderungswerte Mutter war, und daß, wenn die Bande ihrer gegenseitigen Liebe für einen Augenblick etwas gelockert waren, stärkere Ketten, von der Dankbarkeit geschmiedet, ihn an dieses vollendete Geschöpf fesseln mußten. Aber anstatt ihr ins Schlafzimmer zu folgen, blieb er in seinem Rauchkabinett, eine Cigarre zwischen den Zähnen, oder im Salon, um eine Zeitung zu lesen. Vergeblich sagte ihm die alte Frau Hérault: »Sieh doch einmal zu, wenn man den kleinen Pierre in sein Bettchen legt. Du würdest über seine Artigkeit und Schönheit entzückt sein; das ist ein Kind zum Malen.« Louis lächelte überlegen bei diesen Ausbrüchen großmütterlicher Eitelkeit und Schwäche, wie er sich ausdrückte, und gab irgend eine abgenutzte Redensart zur Antwort, z. B. es sei notwendig, die kleinen Einzelheiten der Kindererziehung dem Auge des Gatten zu verbergen, und andres dergleichen. Er wies auf die Einrichtung der englischen »nursery« hin, die von der eigentlichen Wohnung möglichst weit entfernt liege, damit nicht all der Spektakel, den die kleinen Schreihälse vollführen, die Eltern belästige. »Aber, mein lieber Junge,« versicherte dann gewöhnlich die Großmutter, »dieser Kleine schreit nie, man hört ihn nur lachen und jauchzen, es ist ein Wunderkind. Und dabei gehalten wie ein Prinz! Ei – dieser junge Herr hat Spitzen ...« »Gewiß, er ist sehr niedlich! Aber – schließlich ein Kind sieht so ziemlich aus wie das andre! Spaß macht er mir erst, wenn er zu sprechen anfängt.« Frau Hérault seufzte bei dem Gedanken, daß ihr Enkel sich durch diese Lebensanschauung so viel süßer Freuden beraube, und da sie Louis nicht bewegen konnte, mit ihr in das Zimmer des Kleinen zu kommen, ging sie selbst mindestens zweimal hin und blieb in Entzücken versunken vor der Wiege des kleinen Pierre stehen. Sie betrachtete ihn, während er schlief, wie sich die kleine Brust in regelmäßigen Atemzügen hob, und bewunderte die blonden Locken, die zwischen den feinen Spitzen seines Häubchens hervorquollen, und die rosigen Fäustchen, die sich zusammenballten, als wollte das Kind sich an seinen süßen Schlaf festklammern. Um diese Zeit pflegte Helene am Fenster zu sitzen und kleine wollene Söckchen zu stricken. Ihre Gedanken flogen dann oft weit fort aus diesem glückdurchströmten Zimmer, wo sich ihr tröstender Engel befand. Sie fragte sich, ob sie nicht, von mütterlichem Egoismus verleitet, unrecht thäte, ihren Gatten ihrem Kinde zu opfern. Denn edelmütig wie sie war, richtete sie zunächst ihre Vorwürfe gegen sich selbst und entschuldigte Louis fast wegen seines Fernbleibens. Sie begriff, daß dieses Gebundensein, welches ihr eine Quelle reinster Freude war, ihm nicht zusagen konnte, daß dieses Leben dem jungen Weltmanne eintönig erscheinen mußte. Andrerseits mußte sie sich freilich zugestehen, daß er es mit ein wenig Selbstüberwindung doch zur Not ertragen könne. That sie denn nicht alles, was in ihren Kräften stand, um ihm sein Daheim so angenehm wie möglich zu machen, und hätte sie ihren Zweck nicht erreichen müssen, wenn er nur weniger oberflächlich und leichtsinnig gewesen wäre? Sie zeigte sich ihm gegenüber stets heiter und anmutig, ja sie trug selbst eine gewisse Koketterie zur Schau, die ihr sonst fremd gewesen, und verwendete große Sorgfalt auf ihre Toilette. Verlorene Mühe: ihr Gatte küßte sie zerstreut, richtete ein flüchtiges Kompliment an sie, ohne zu wissen, was er eigentlich sagte, lebte aber sonst vollständig von ihr getrennt. Sie hielt sich deshalb aber noch nicht für verlassen, und sagte sich immer wieder: »Ich muß ein wenig Nachsicht mit ihm haben. Sobald die Klausur, die meine Mutterpflicht mir auferlegt, zu Ende, wird alles wieder werden, wie es gewesen,« und geneigt, wie sie war, immer nur das Gute in allem zu sehen, träumte sie schon von einem neuen Honigmond. Wie fern ihr solches Glück lag, sollte sie bald erfahren. Seit Louis fast alle Abende ausging, war es ihr eine liebe Gewohnheit geworden, in das Zimmer ihres Gatten zu gehen und dort ein bis zwei Stunden allein zu bleiben. Es wollte ihr scheinen, als wäre sie ihm dort näher als anderswo und als ließe sie in dem schweigenden und leeren Raume etwas von ihrem Wesen zurück, einen Hauch ihrer Zärtlichkeit, der Louis schließlich rühren müsse. Sie ordnete die verschiedenen Kleinigkeiten, die auf dem Kamin standen, öffnete die Schränke und parfümierte seine Wäsche und Kleidungsstücke. Sie hätte so gern dem geliebten Manne selbst ihre Zärtlichkeit durch tausend kleine Dienste an den Tag gelegt; nun ordnete und liebkoste sie wenigstens mit leiser Hand die Dinge, die ihn umgaben und ihm dienten. Wenn sie dann ihre Arbeit als aufmerksame Hausfrau vollendet, setzte sie sich auf den Fauteuil Louis' und nahm die Broschüre oder das Buch, welches sie gerade aufgeschlagen vorfand, vom Tisch, um sich in den Geist des Abwesenden hineinzudenken und sich so mit ihm in eine innerliche Verbindung zu setzen. Manchmal geschah es ihr, daß sie gar nicht gewahr wurde, wie die Stunden verflossen, und eines Abends hörte sie ihren Gemahl, eine Operettenmelodie trällernd, heimkehren. Sie hatte gerade noch Zeit, sich zu erheben und mit ihrer Lampe hinauszueilen, da sie nicht in diesem Zimmer überrascht werden wollte, in dem sie ihm vielleicht als unberechtigter Eindringling erschienen wäre. Louis hatte keine Ahnung von der häufigen Anwesenheit seiner Frau in diesen Räumen. Das zarte und milde Parfüm, das sie dort zurückließ, wenn sie sich wie eine gute Fee, die in der Stille wacht, leicht und schweigend aus dem Zimmer zurückzog, war von ihm unbemerkt geblieben. Er fand stets alles in vollkommener Ordnung vor, aber er forschte nicht nach der Hand, die so umsichtig und leise alles für ihn zurechtlegte. Vielleicht hatte er nicht einmal bemerkt, wie unendlich viel besser alles im Hause gehalten war, seit sie darin waltete. Er war keine besonders ordnungliebende Natur und ließ Schlüssel, Geld und Papiere sich in seinen Taschen, auf dem Kamin und in allerhand Schalen und Vasen herumtreiben. Eines Abends – es fand eine Première im Palais Royal statt – war Louis sofort nach Tische ausgegangen. Helene hatte sich, nachdem sie ihren Knaben ins Bett gebracht und ihre Partie Karten mit Frau Hérault gespielt, mit schwerem Herzen in den kleinen Salon zurückgezogen, welcher vor dem Schlafzimmer ihres Gatten lag, und sich dort eingeschlossen. In der Einsamkeit des schwach beleuchteten Raumes waren plötzlich alle Sorgen, die sie seit langer Zeit halb unbewußt in sich trug, mächtig auf sie eingestürmt, und ohne daß sie sich hätte Rechenschaft geben können, weshalb ihr Herz gerade heute von so namenloser Angst erfüllt war, sank sie in einen Fauteuil und brach in leidenschaftliches Weinen aus. Es war, als ob sie ein nahes Leid vorausfühle, oder als ob sie plötzlich zum Bewußtsein eines bereits geschehenen Unglücks erwacht wäre. Tapfer und vernünftig, wie sie war, raffte sie sich nach einer halben Stunde wieder auf: sie fragte sich, was eigentlich der Grund dieser plötzlichen Schwäche sei, und da sie keinen anzugeben fand, schob sie dieselbe einer nervösen Aufregung zu. Verstimmt darüber, daß sie ihr körperliches Befinden in so ungewohnter Weise über sich hatte Herr werden lassen, richtete sie sich auf und nahm ihre ganze Fassung wieder zusammen. Sie wollte sich durch mechanische Beschäftigung zerstreuen und trat in das Schlafzimmer ihres Mannes. Mit einem Lächeln auf den Lippen sah sie es in derselben Unordnung, in der er es verlassen. Die Dienstboten befanden sich noch in der Küche, wo sie sich bei einem etwas lang ausgedehnten Mahle von des Tages Last und Mühe zu erholen pflegten, und waren noch nicht dazu gekommen, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Sie hob die auf dem Teppich verstreuten Kleidungsstücke auf, und als sie auf einem Leuchter eine Menge durcheinander geworfener Papiere erblickte, raffte sie dieselben zusammen, um sie in eine Schublade zu legen. Dabei fiel ihr eine Karte aus Pergamentpapier, die in der Ecke in stahlblauen gotischen Lettern eine lateinische Devise trug, in die Augen. »Amo et odi« lautete die Devise, und auf der Karte standen in einer steifen und großen Handschrift geschrieben die Worte: »Morgen um drei Uhr, Rue de Moscou.« Keine Unterschrift. Helene ließ die Papiere auf den Tisch zurückfallen und behielt nur das kleine Stück Pergamentpapier in der Hand. Sie vermochte ihre Augen nicht von demselben zu wenden. Die Devise, die sie nicht ganz verstand, schien sich mit ihren metallischen Lettern von changierendem Blau wie eine Viper zu ringeln, und dumpf fühlte sie im Herzen den Biß dieser vergifteten Buchstaben. Unwillkürlich brachte sie die Karte an ihr Gesicht, und das schwache Parfüm, das diese ausströmte, stieg ihr betäubend zu Kopf. Helene hatte die Gewißheit, daß diese Karte von einer Nebenbuhlerin kam. Ein Blutstrom färbte ihre Wangen purpurn, ihre Hände wurden zu Eis, und alles schien sich um sie zu drehen. Eine schreckliche Angst erfaßte sie und im bangen Vorgefühl einer Ohnmacht streckte sie die Hand nach einer Karaffe aus, die auf einer Platte in der Nähe stand, benetzte ihr Taschentuch und preßte es an ihre Stirn. Allmählich wurde sie ihrer Sinne wieder mächtig und studierte aufs neue die Karte, welche in der Rätselschrift ihrer Lettern das für ihr ganzes künftiges Dasein verhängnisvolle Wort barg. Morgen um drei Uhr. ... Warum mußte denn die Verabredung eine verbrecherische sein ? Inwiefern war sie berechtigt ohne weiteres anzunehmen, daß die Frau – da nun einmal kein Zweifel darüber bestehen konnte, daß eine Frau die Karte geschrieben – eine Geliebte war? Der Duft, der dem geheimnisvollen Blatte entströmte, bekämpfte all ihre Zweifel und schien ihr unwiderleglich zu beweisen, daß nur eins jener Geschöpfe, die durch sinnlichen Reiz den Mann zu bestricken und zu fesseln wissen, diese Zeilen geschrieben haben könne, deren giftiger Hauch wohl darauf berechnet war, sündige Erinnerungen zu wecken. Ja, es war eine Geliebte! Aber aus welcher Zeit datierte diese Karte? Hatte er sie heute morgen oder heute abend empfangen? War er, als er heute heimgekehrt, von seinem Rendezvous gekommen, aus den Armen jener Frau, noch berauscht von ihren Küssen? Oder wollten sie sich erst morgen um drei Uhr in der Rue de Moscou treffen? Rue de Moscou! Wo? In welchem Hause? Er mußte dasselbe schon kennen, da sie ihm die Nummer nicht besonders angab! Da man ihm den Ort bezeichnete, wo er sie an jenem Tage treffen sollte, mußte er sie auch anderwärts sehen können. Alle diese Gedanken kamen Helene nacheinander in logischer Folge; sie sah klar in dem sorgsam um sie gebreiteten Dunkel und wollte noch klarer sehen. Sie eilte zu dem Bücherschrank und suchte nach einem lateinischen Lexikon. Das Wort »odi« war für sie der dunkle Punkt des Rätsels, und es schien ihr, daß sich, sobald sie dasselbe verstünde, das Dunkel lichten würde. Sie fand das gesuchte Buch, und indem sie es bei dem Scheine der Wachskerze eifrigst durchblätterte, murmelte sie das geheimnisvolle Wort vor sich hin, als fürchtete sie, es aus dem Gedächtnis zu verlieren. »Odi – odi – odi! Ah da! Odi – ich hasse!« Sie sah auf die Karte und las: »Amo et odi!« Dann übersetzte sie: »Ich liebe und hasse.« Sie stellte das Lexikon auf seinen Platz zurück, schloß den Bücherschrank und kehrte totenbleich in das Zimmer ihres Gatten zurück und plötzlich erschien das Bild der blonden Frau, welcher sie mit Emilie zum erstenmal in der Ausstellung begegnet war, vor ihren geistigen Augen, und sie erinnerte sich, welch einen haßerfüllten Blick dieselbe auf sie geworfen hatte. Alle Ungewißheit war für sie vorüber, kein Zweifel mehr möglich: sie war es, und nur sie konnte es sein: Diana Olifaunt. Die Liebe und der Haß, die sie so vermessen vor aller Welt kundzuthun wagte, hatten Louis und sie zum Gegenstand; ihm galt die Liebe, ihr der Haß. Jetzt litt die klar und hellsehende junge Frau nicht mehr unter bangen Vorgefühlen, sondern ein wirklicher, wohlberechtigter Schmerz preßte ihr das Herz zusammen, nun wußte sie, was jene ahnungsvolle Traurigkeit zu bedeuten gehabt, und ein heiliger Zorn loderte in ihr auf gegen das Weib, das zum Räuber ihres Glückes geworden. Alles, was sie seit achtzehn Monaten erlebt, stieg wieder vor ihr auf; mit der festen Entschlossenheit eines überlegenen Geistes maß sie die Wirkungen und beurteilte die Ursachen. In dieser Stunde erkannte sie die Richtigkeit der Ratschläge, die ihr gegeben worden, und denen sie nicht gefolgt war. Sie erinnerte sich, daß Emilie ihr vor der Heirat das, was kommen mußte, vorhergesagt, Sie holte sie noch sagen: »Louis ist ein Kind ... heiraten Sie Thauziat!« Thauziat! Sie sah sein schönes Gesicht vor sich, wie ein düsteres und trauriges Phantom, das sich immer wieder in ihre Erinnerung drängte. Auch er litt, auch er war unglücklich. Wie er den kleinen Pierre betrachtet hatte, an dem Tag, als er in die Kirche gekommen war, und mit welchem Tone er, auf das Kind deutend, gesagt hatte: »Ich wünsche, er möge ganz seiner Mutter gleichen,« Wäre sie an seiner Seite glücklicher geworden? Ja, ganz sicher; das gestand sie sich jetzt selbst ein. Sie allein wäre der Mittelpunkt seines Denkens und Handelns geworden, er hätte sie als seine einzige Gottheit verehrt und ihr sein ganzes Sein zu Füßen gelegt. Die Thränen traten ihr in die Augen bei diesem Gedanken. Zornig und beschämt trocknete sie dieselben, schon dieser unfreiwillige Rückblick auf die Vergangenheit schien ihr ein Verrat an ihrem Gatten, Wenn er auch schuldig war, so hatte sie doch noch keinesfalls das Recht, ihre Gedanken abschweifen und irre gehen zu lassen, wie er es seinem Herzen gestattete. Das Gefühl ihres grenzenlosen Unglücks lastete centnerschwer auf ihr, wie wenn all das, was sie hinter dieser Entdeckung an Feigheit, Schande und Treulosigkeit ahnte, zu einer ungeheuren Last zusammengehäuft, mit einem Male auf sie herniedergestürzt wäre, um sie zu zerschmettern. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus; dann ward sie sich plötzlich wieder bewußt, wo sie sich befand und daß sie hier am wenigsten in ihrer Verstörung überrascht werden möchte, und festen Schrittes ging sie in den von ihr mit dem Kinde bewohnten Flügel hinüber. Sie durchschritt rasch ihr von einer Nachtlampe erleuchtetes Schlafzimmer und trat in das des kleinen Pierre. Mit einer Handbewegung hieß sie die Wärterin gehen. Dann setzte sie sich neben die Wiege nieder, lehnte ihr Haupt an das Eisengestell, an welchem die Vorhänge befestigt waren, in deren Schatten das Kind ruhig schlummerte, und hier endlich ließ sie den Klagen ihres tiefverwundeten Herzens freien Lauf. Sie litt fürchterlich, und doch regte sich kein Gedanke des Grolles gegen Louis in ihrer Seele. Sie hatte ihre Hände zum Gebete gefaltet, das in einfachen, rührenden, hingebungsvollen Worten zum Himmel stieg. »Mein Gott,« flüsterte sie, »du siehst mein Leid; ich bitte dich nur um einen Trost in dieser Welt, erhalte mir mein teures Kind. Solange ich ihn mir zulächeln sehe, solange seine kleinen Arme sich mir entgegenstrecken, habe ich kein Recht zu verzweifeln und will alles mit Ergebung tragen. Mein Sohn wird mein Trost sein, und vielleicht gelingt es mir, durch ihn seinen Vater zu mir zurückzuführen.« Ihre Thränen rollten auf das Kopfkissen, und einer dieser heißen Tropfen fiel auf die Stirn des Kindes. Es ward unruhig, drehte das Köpfchen und schlug einen Augenblick die Augen auf. Als es seine Mutter erkannte, lächelte sein kleiner Mund, und sein Auge strahlte in sonniger Bläue. Darauf schlief es ruhig wieder ein und kehrte zu seinem Traume zurück. Plötzlich fielen der Mutter die rosigen Kügelchen des Korallenkolliers an dem weißen Hälschen in die Augen, desselben Kolliers, das Lady Olifaunt ihm am Tage nach ihrem Zusammentreffen in der Kirche geschickt hatte. Es war ihr, als ob dieses Geschenk vergiftet sei, wie alles, was von dieser Frau kam. Sie löste behutsam das Kettchen von dem Halse des schlafenden Kindes, näherte sich dem Herde, wo noch ein helles Feuer brannte, und warf es heftig in die Flammen. Dann setzte sie sich wieder neben die Wiege und fuhr fort, den Schlaf des Kindes zu überwachen. Am nächsten Tage zeigte sich Louis beim Dejeuner sehr heiter und mitteilsam. Er trug eine überschäumende Freude im Herzen und wußte sie nicht zu verbergen. Die Blässe seiner Frau fiel ihm natürlich nicht auf, gehörte er doch jenen liebenswürdigen Egoisten an, die ohne weiteres annehmen, die ganze Welt müsse vergnügt sein, wenn sie es sind. Er scherzte mit seiner Großmutter und setzte Helene seine Finanzprojekte auseinander; kurz, er zeigte sich äußerst gnädig und erhob sich von der Tafel mit dem Bewußtsein, seiner Umgebung gegenüber ein großes Wohlwollen an den Tag gelegt zu haben. Ein weniger oberflächlicher Beobachter als Louis hätte Helenes kaum beherrschte Aufregung bemerken müssen. Sie hatte kein Wort gesprochen und das Frühstück kaum berührt, ein brennendes Fieber verzehrte sie, und jeden Augenblick setzte sie ihr mit Wasser gefülltes Glas an die Lippen, um das Feuer, das in ihrer Brust tobte, zu löschen. Sie hörte mit bitterm Lächeln das liebenswürdige Geplauder ihres Gatten an und sagte sich, daß nur die Freude, seine Geliebte am vorhergegangenen Tage gesehen zu haben, oder das Entzücken, sie heute noch zu treffen, ihn so anrege. Seine Heuchelei empörte sie. Sie hätte rohe und brutale Szenen diesen Lügen vorgezogen. Wenn er sich plötzlich vor sie hingestellt, ihr gerade ins Gesicht gesehen und gerufen hätte: »Genug der Täuschungen! Ich liebe eine andre Frau und gehe jetzt zu ihr!« so würde sie gesagt haben: »Recht so! Das ist grausam, das ist schlecht! Aber es ist wenigstens nicht feige. Du brichst mir das Herz, aber du stiehlst mir nicht mein Vertrauen, du besudelst mich nicht mit Küssen, die eine andre mit mir teilt.« Louis war kein solcher Held. Er setzte die Komödie fort, und während er heiter und unbefangen zu plaudern schien, waren seine Gedanken weit von hier. Als er von Tisch aufgestanden, ging er zu seinem Sohne, was er sonst nicht alle Tage zu thun pflegte. Helene folgte ihm in das Zimmer des Kindes, gespannt, zu sehen, ob der Verrat so vollkommen den Schein der Ehrenhaftigkeit annehmen könnte. Louis scherzte mit seinem kleinen Knaben, lächelte ihm zu, küßte ihn, schwenkte ihn auf seinen Armen mit aller Zärtlichkeit und herzlichen Freude eines ausgezeichneten Familienvaters. Die Ruhe und Sicherheit ihres Gemahls ließen fast in dem Geiste der jungen Frau Zweifel aufkommen, und sie fragte sich, ob sie nicht etwa geträumt habe. Um sich Gewißheit zu schaffen, wendete sie sich mit der raschen Frage: »Was hast du heute vor?« an ihn. Louis blickte nicht ohne eine gewisse Unruhe zu ihr auf, als ob er aus dem Tone ihrer Worte eine Drohung herausgehört hätte, und sagte: »Weshalb fragst du mich das?« »Weil ich mit Emilie verabredet habe, heute nachmittag die Stoffe für die Tapezierung meines kleinen Salons auszuwählen, und gern deine Meinung über dieselben gehört hätte.« »Um welche Zeit geschieht das?« »Um halb drei Uhr!« Er gab sich Mühe, verstimmt und ärgerlich dreinzusehen, als er erwiderte: »Oh – wie leid mir das thut, daß ich euch nicht begleiten kann – ich wäre sehr, sehr gern mit dir gegangen ... wir gehen so wie so viel zu selten miteinander aus ... aber das Geschäft geht allem vor. ... Man erwartet mich in Saint Denis.« »Kannst du nicht Nachricht geben lassen, daß du abgehalten seiest, zu kommen? Es ist erst ein Uhr, also noch hinreichend Zeit, und ich wäre so glücklich!« Helene hatte diese letzten Worte in einem Tone rührender Bitte ausgesprochen. Dieses Mal sah er sie nicht an; auf seinen Zügen spiegelte sich ein heftiger Kampf; er schien zu zögern, aber nach wenigen Sekunden antwortete er mit unsicherer, heiserer Stimme: »Entschuldige mich, es geht wirklich nicht. Es stehen ernste Interessen auf dem Spiel!« »Gut,« sagte Helene ruhig, während ihr Herz zum Zerspringen klopfte. Er näherte sich ihr, als ob er sie um Verzeihung bitten wollte, und sie an sich ziehend, küßte er sie inniger als sonst auf die Stirn. Sie wand sich heftig los, die Thränen stiegen ihr in die Augen, aber sie drängte sie mit Aufwendung ihrer ganzen Willenskraft zurück und hatte Selbstbeherrschung genug, ihm mit ruhiger Miene zu sagen: »Also auf Wiedersehen heute abend!« Darauf ging sie rasch in ihr Zimmer. Jetzt war für sie der letzte Zweifel beseitigt, allein sie wollte vollkommene Gewißheit haben und ihre Rivalin kennen lernen. Sie kleidete sich in aller Eile an, setzte ihren Hut auf, band einen Schleier vor, der dicht genug war, ihre Züge unkenntlich zu machen, und fuhr nach dem Hotel Lereboulley. Ihr war der Gedanke gekommen, Emilie alles zu enthüllen. Als sie Louis gesagt, daß sie mit Fräulein Lereboulley ein Rendezvous habe, war der Entschluß, dieselbe um Rat und Beistand zu bitten, schon gefaßt. Ihr Vertrauen zu Emilie war ein unbegrenztes, und sie bewunderte die Klugheit und Weltkenntnis ihrer Freundin. Keiner andern hätte sie die blutende Wunde ihres verletzten Herzens zeigen mögen, aber Emilie war ja eingeweiht in alle Bedenken, die sie vor ihrer Verheiratung empfunden. Für sie gab es kein Geheimnis in dem Leben des jungen Paares, Vielleicht hatte Fräulein Lereboulley mit ihrem Scharfsinn und ihrem Beobachtungsgeist die Lösung des Rätsels, nach der Helene suchte, bereits in Händen. Vielleicht konnte sie durch die Freundin alles erfahren und so jedem erniedrigenden Nachforschen, dem ihrer unwürdigen Spionieren enthoben sein! Ja, sie mußte sie befragen, sie anflehen, ihr alles zu gestehen, was sie wußte! Und in ihrer Hast, ihr ganzes Unglück klar kennen zu lernen, hätte sie den Lauf des Pferdes beflügeln, den Raum durchfliegen mögen, um diese selbstquälerische Neugierde befriedigt zu sehen. Der Wagen hielt: Helene sprang heraus, entließ den Kutscher und fragte voller Ungeduld, ob Fräulein Lereboulley zu Hause wäre. Der Portier antwortete bejahend und drückte an die elektrische Klingel. Ein Diener erschien auf der Rampe des Hauses. »Das gnädige Fräulein ist in ihrem Atelier,« sagte der Bediente, und Frau Hérault voranschreitend, führte er sie zum zweiten Stockwerk hinauf, öffnete eine Thür und zog sich ehrerbietig zurück. Emilie saß vor ihrer Staffelei und legte eben die letzte Hand an ein reizendes Blumenstück. Auf dem Tische vor ihr lagen in wirrem Durcheinander Rosen, Orchideen, Hyazinthen . und Farnkräuter, die ihr als Modell dienten. Als sie beim Aufgehen der Thür den Kopf wendete und Helene erkannte, ließ sie einen Ruf freudiger Ueberraschung aus. Die Palette am Daumen der linken Hand, eilte sie der jungen Frau entgegen, küßte sie, zog sie mit sich vor ihr Gemälde und hieß sie sich setzen. Und als Frau Hérault ihren Schleier hob und ihr vor Angst und Aufregung bleiches Gesicht zeigte, fragte sie besorgt: »Was ist vorgefallen? Weshalb siehst du so verstört aus?« Helene senkte das Haupt und war so bewegt, daß sie keine Worte fand. Daß das Geständnis ihres Unglücks und des Verrates ihres Gatten ihr so schwer fallen würde, hatte sie nicht gedacht, als sie hilfesuchend hierher geeilt war. Aber Emilie ahnte ja bereits, was Helene ihr mitzuteilen zögerte, und erleichterte ihr das traurige Bekenntnis, indem sie selbst zu fragen anfing: »Bist du wegen deines Mannes in Sorge?« »Ja,« antwortete Helene, und nachdem sie dieses Ja ausgesprochen, floß der Strom der Worte leichter von ihren Lippen, und sie legte der Freundin alle Beweisgründe für ihren Argwohn vor. Vergeblich suchte Fräulein Lereboulley Einwendungen gegen dieselben geltend zu machen und die Ueberzeugung der jungen Frau zu erschüttern. Konnte schließlich das verräterische Billet und Louis' Weigerung, Helene die für ihre Besorgungen bezeichnete Stunde zu widmen, nicht in einem rein zufälligen Zusammenhange stehen? Die Karte war nicht datiert. Vielleicht war sie für den vorhergehenden Tag bestimmt gewesen. Was bewies dann, daß Louis der Einladung wirklich gefolgt war? Und wer konnte schließlich wissen, ob Louis, selbst wenn das Rendezvous für heute gegeben war, dasselbe wirklich einhalten würde? »Das werde ich erfahren,« sagte Frau Hérault. »Und auf welche Weise?« »Ich werde ihm auflauern,« »Meine Liebe, das wirst du nicht thun!« »Ich werde es thun, zweifle nicht daran, es müßte denn sein, daß du mir die Frau nennen könntest, mit der Louis mich auf so unwürdige Weise betrügt!« »Woran sollte ich sie erkennen?« »An ihrem frechen Wahlspruch, der ein sehr passendes Motto für eine Dirne ist!« rief Helene. Sie zog ihr Visitenkartentäschchen hervor, entnahm demselben ein kleines Stück Papier, auf welches sie die lateinische Devise geschrieben, und reichte es ihrer Freundin. Diese wurde sehr ernst: sie hatte den Wahlspruch Lady Olifaunts erkannt. Lange betrachtete sie das Papier, als ob sie jeden Buchstaben einzeln studierte. So wäre denn also die Stunde bittrer Prüfungen für die arme Helene gekommen, dachte sie. Alle Qualen der Eifersucht hat sie bereits kennen gelernt, und nun wird sie alle Erniedrigung des Verlassenseins erfahren. Und diese furchtbare Diana ist es, die ihr mit kalter Grausamkeit das Gift tropfenweise einflößen wird. Ein Zittern überlief sie, wenn sie bedachte, vor welchem Abgrund die arme junge Frau stand und wie ein einziger Schritt genügte, sie in die grauenvolle Tiefe zu stürzen. Diana war, um zu ihrem Ziele zu gelangen, zu allem fähig; sie schreckte auch nicht vor dem entsetzlichsten Verbrechen zurück. Wenn ein Kampf sich zwischen den beiden Frauen entspinnen würde – und Helene war fähig und bereit, einen solchen aufzunehmen – so war das Aeußerste zu befürchten. Emilie hielt es für geraten, so lange wie möglich den Argwohn der Gattin zu beschwichtigen und die Entdeckung der Maitresse zu verhindern. Zu diesem Zweck durfte sie Helene nicht sich selbst überlassen; sie mußte sie begleiten und ihre Pläne zu vereiteln suchen. »Mir ist dieser Wahlspruch nicht bekannt,« sagte Emilie, indem sie den Kopf wieder erhob, »Aber er kann ebensogut der eines Mannes, als der einer Frau sein.« »Die Handschrift, das Parfüm, alles deutet auf eine Frau,« fiel Helene erregt ein, verletzt von dem unvorhergesehenen Widerstand, welchen ihr Fräulein Lereboulley entgegensetzte. »Nehmen wir also an, es sei eine Frau! Sie gibt heute um drei Uhr deinem Manne ein Rendezvous in der Rue de Moscou. Ich gebe auch das zu. Was aber willst du dort thun? In der Rue de Moscou warten – aber was denn erwarten?« »Das Erscheinen meines Mannes mit dieser Frau!« »Aber wenn die Frau in dem betreffenden Hause wohnt und nicht herauskommt?« »Das ist nicht der Fall! Wenn sie dort wohnte, würde sie auf der Karte die Rue de Moscou nicht besonders bezeichnet haben. Es kann nur ein Rendezvous am dritten Orte sein.« Emilie konnte ein Lächeln nicht zurückhalten. »Das ist logisch,« sagte sie, »der Gram hat deinen Verstand wenigstens nicht getrübt.« »O, er bringt mich außer mir,« rief Helene heftig, »er verzehnfacht meine Kräfte. ... Glaube ja nicht, daß ich zu den Frauen gehöre, die zu ihrer Verteidigung nur Thränen haben und keine andern Waffen kennen. Ich werde kämpfen für mich, für mein Kind und für die Ehre meines Gatten. Nicht vom Gesetze werde ich Schutz verlangen: ich will weder Trennung noch Scheidung! ... Ich will meinen Gatten, der mir gehört, den ich liebe trotz seiner Thorheiten und den ich zu mir zurückführen will. Mein Herz leidet grausam darunter, ihn von mir entfernt zu sehen, aber es würde noch viel schrecklicher leiden, wenn ich ihn für immer verlieren sollte. Nur deshalb wünsche ich alles zu wissen. Nicht um nach gerichtlichen Beweismitteln zu suchen, nicht um Gründe zu Beschuldigungen und Anklagen zu finden, sondern um die kennen zu lernen, die ich zu bekämpfen habe, und um zu lernen, wie ich sie besiegen kann.« Fräulein Lereboulley blickte mit dem Ausdruck inniger Rührung und Bewunderung auf die junge Frau, deren Augen von Mut und Entschlossenheit blitzten und von deren geistvoller Sinn die Thatkraft leuchtete. Ihre Hände zuckten kampfbegierig, in ihrem ganzen Wesen drückte sich so viel Kühnheit aus, daß Emilie aufs neue Hoffnung schöpfte. Warum sollte Helene, schön, jung, stark und mutig, nicht über diese schändliche Diana triumphieren können! Aber ach, bleibt das Laster nicht immer Sieger auf dieser schnöden Welt? Wußte sie das nicht zu gut, sie, die seit ihrer Kindheit um ihren Vater so viele Frauen sich hatte bemühen sehen, die von ihrer Schönheit lebten und dank ihrem Luxus und ihrer Eleganz überall empfangen wurden und die von der Welt, statt verworfen zu werden, gefeiert wurden? Ein Gatte, dessen Name ihr niedriges Treiben deckte, ein wenig Rücksicht auf die äußeren Formen des Anstands, und es ließ sich mitten in der Gesellschaft ein sauberes Handwerk treiben, und die verlassene Gattin, die tiefbekümmerte Mutter hatte nicht das Recht, die Frau von ihrer Schwelle zu weisen, die ihr mit schamloser Frechheit begegnete und überall Schmerz, Trauer und Elend verbreiten konnte. Und war von allen diesen verkommenen Frauen Diana nicht die furchtbarste, raubgierigste, ruchloseste? Mit ihr wollte Helene den Kampf aufnehmen, ohne einen andern Bundesgenossen, als ihren Stolz, ihre Tapferkeit und ihre Intelligenz! Verlassen von dem, der ihr Beschützer hätte sein sollen, und der selbst ihrer Feindin die Stelle verriet, wo die tödliche Wunde sein Weib treffen konnte! War aber ihre Sache nicht gerecht und groß? War der Mut, mit dem sie diesen Kampf aufnahm, anstatt sich feige in ihr Schicksal zu ergeben, nicht so edel und hoch, daß die Freundin ihr mit aller Kraft und aller Treue zur Seite stehen mußte? Emilie beschloß, vor allem einen Zusammenstoß zwischen Louis, Diana und Helene zu vermeiden. Wenn das Rendezvous wirklich für diesen Tag angesetzt war, so mußte sie um jeden Preis verhindern, daß die drei Gegner unvorbereitet zusammentrafen, vielleicht auf einer Treppe, wo sie der Neugierde der Vorübergehenden oder der Schwatzhaftigkeit der Bedienten ausgesetzt wären. Sie entschloß sich deshalb, Frau Hérault zu begleiten, um durch alle Mittel, die ihr zu Gebote standen, einem Skandal vorzubeugen. Helene ging in fieberhafter Aufregung in dem Atelier auf und ab. Fräulein Lereboulley erhob sich und sagte lächelnd: »Du willst also durchaus nach der Rue de Moscou fahren? Gut denn! Aber allein lasse ich dich nicht gehen: ich begleite dich, obwohl ich von vornherein überzeugt bin, daß du an dem bezeichneten Orte niemand treffen wirst. Auf alle Fälle will ich in deiner Nähe bleiben, um dich abzuhalten, irgend eine Thorheit zu begehen.« Helene antwortete nicht, aber sie umarmte ihre Freundin innig. Die Jungfer brachte Emilie Hut und Mantel. Sie stiegen die Treppe hinab. »Du hast deinen Wagen nicht warten lassen? Das ist eine kluge Vorsichtsmaßregel. Wir nehmen eine Droschke – es ist erst halb zwei Uhr, wir haben also noch genügend Zeit!« Bald saßen sie in einem Mietswagen und rollten in dem bekannten Droschkengaultempo der Place de l'Europe zu. Helene, welche einst mit ihrer Mutter am Boulevard de Batignolles gewohnt hatte, kannte dieses Stadtviertel sehr genau. Um ihren Ueberfall möglichst geschickt ins Werk zu setzen, wollte sie den Wagen in der Mitte der Straße halten lassen, so daß sie dieselbe nach beiden Richtungen hin vollständig überblicken konnte. Da sie gute Augen hatte, konnte sie jede Person erkennen, die entweder von der Place de l'Europe oder von dem Boulevard herkam. Wußte sie dann, in welches Haus ihr Gatte getreten war, so hatte es keine großen Schwierigkeiten mehr, Louis und seine Genossin beim Herauskommen zu überraschen. Emilie wußte keinerlei Einwände gegen diesen Schlachtplan zu erheben. Der Wagen hielt also an der von Helene bezeichneten Stelle, und beide warteten in lebhafter Spannung. Frau Hérault hielt ihre Augen unausgesetzt nach der Seite des Boulevard gerichtet, von wo, wie ein Vorgefühl ihr sagte, Louis kommen würde, Fräulein Lereboulley beobachtete durch das kleine Fensterchen im Hintergrunde des Wagens den Eingang der Straße von dem Platze her. Sie wechselten kein Wort, aber ihre hastigen Atemzüge verrieten die Aufregung, in der sie sich beide befanden. Von Zeit zu Zeit zog Helene ihre Uhr heraus, es schien ihr, als schlichen die Stunden heute in einem wahren Schneckengange. Es war gegen dreiviertel auf drei Uhr geworden, als Emilies scharfes Auge Diana erblickte, die, in einem sehr einfachen grauen Kleide, dicht verschleiert, aber an ihrem Gange leicht erkennbar, auf dem Trottoir daherkam, neben dem ihr Fiaker hielt. Sie ging gelassenen Schrittes zu dem Rendezvous, ohne jede Ueberstürzung, wie eine Person, der so etwas nichts Neues ist. Etwa zwanzig Meter von dem Wagen trat sie in einen Thorweg und verschwand in dem Hause. Emilie zuckte nicht mit einer Wimper. Sie hatte Helene das Versprechen gegeben, sie in Kenntnis zu setzen, wenn sie irgend jemand oder irgend etwas Verdächtiges erblicken würde; aber sie kam demselben absichtlich nicht nach. Wenn Louis von derselben Seite kommt, sagte sie sich, so ist für heute alle Gefahr vorüber. Heute abend habe ich dann Zeit, ihn von dem, was vorgeht, zu benachrichtigen, damit er sich nicht verrät, wenn seine Frau ihn ausfragt, und kann versuchen, ihn mit guten Worten auf den rechten Weg zurückzuführen. Ein Ausruf Helenes unterbrach sie in ihren Betrachtungen: sie wandte sich um. Ihre Freundin hatte sich in den Wagen zurückgeworfen und wies mit der Hand nach dem Boulevard. Emilie warf einen Blick nach der ihr angezeigten Richtung und bemerkte Louis, der ruhig, mit einem Lächeln auf den Lippen, die Hände in den Taschen seines Paletots, daherkam. Er ging an dem Fuhrwerk vorüber, und sein Blick schweifte achtlos über die zwei dichtverschleierten Frauen hin, die in demselben halb im Dunkeln saßen, er erkannte sie nicht und schritt gemütlich weiter. Hinter ihm beugte sich Helene zitternd aus dem Wagenfenster und sah ihn in das Haus eintreten, in dem Diana verschwunden war. Sie wollte aus dem Wagen steigen, aber Emilie faßte sie am Arm und fragte sie: »Was willst du thun?« »Ich will mich erkundigen, ich will nachforschen, erfahren. ...« »Bei wem willst du dich erkundigen? Bei den Dienstboten, bei dem Portier? Bei Leuten, die natürlich deine Aufregung bemerken, sich verwundern, erschrecken und deinen Mann in Kenntnis setzen? ... Nein! Das geht nicht! ... Laß mich für dich handeln: ich bin kaltblütig und werde alles besser und leichter erfahren, als du, ... Erwarte mich hier, ich werde nicht lange ausbleiben.« »Gut, ich werde dich hier erwarten!« Emilie stieg aus der Droschke und trat in das Haus, in welchem sie Louis und Diana hatte verschwinden sehen. Auf dem Hofe sah sie einen Stallknecht, der einen Viktoriawagen wusch; der Portier saß, den Besen zwischen den Knieen, auf einer umgestülpten Wanne daneben und schwatzte. Das junge Mädchen trat in die Portierloge, wo sie eine kleine, magere Frau mit verschlagenem Gesichtsausdruck, dem richtigen Typus der Portiersfrau eines verrufenen Hauses, sitzen sah. Als sie Emilies Eintreten bemerkte, erhob sich dieselbe. »Ich möchte Sie um eine Auskunft bitten,« sagte Emilie. Sie öffnete bei diesen Worten ihre goldmaschige Börse, nahm zwei Louisdor heraus und legte sie auf den Tisch. Die Portierfrau erhob abwehrend die Hand, ließ sie aber beim Anblick der vierzig Franken sofort wieder fallen, und ihre Augen hafteten gierig auf den Goldstücken. »Wenn es nichts Kompromittierendes ist,« sagte sie, »stehe ich Ihnen gern zu Diensten,« »Beruhigen Sie sich,« sagte Emilie, »es handelt sich um keine der alltäglichen Affairen mit Revolver oder Vitriol. ... Ein Herr ist im Augenblick hier eingetreten. ... Er hat hier eine Junggesellenwohnung, wo er eine Dame empfängt oder auch mehrere, ich weiß das nicht: es ist mir auch vollkommen gleichgültig. ... Es handelt sich einfach darum, ihm unverzüglich eine Karte zukommen zu lassen, die ich hier schreiben werde. ... Seien Sie unbesorgt ... er wird Ihnen dafür Dank wissen ...« »Soll ich auf Antwort warten?« sagte die Portierfrau. »Durchaus nicht! Ich gebe Ihnen die Karte und entferne mich dann augenblicklich.« Sie nahm eine ihrer Visitenkarten und schrieb mit flüchtiger Hand: »Deine Frau ist in einem Wagen vor der Thür dieses Hauses und wartet auf Dich. – Sorge, daß Diana dies Haus keinesfalls vor Ablauf einer Stunde verläßt. Du dagegen mußt augenblicklich aufbrechen – entferne Dich in der Richtung nach der Place de l'Europe. Bevor Du nach Hause gehst, sprich bei mir. Emilie« »Haben Sie vielleicht ein Couvert?« fragte sie die Portierfrau. Diese suchte in einer schmutzigen Schublade umher und entdeckte endlich zwischen Quittungsformularen und alten Zeitungen ein Couvert. Emilie adressierte: »An Herrn Louis«, legte die Karte hinein und reichte sie der Frau mit den Worten: »Da ist der Brief. Meinen Dank im voraus!« »Ich werde ihn augenblicklich abgeben,« sagte die Frau, durch die Haltung Emilies vollkommen von der Harmlosigkeit ihres Auftrags überzeugt. Emilie verließ das Haus und kehrte zu dem Fiaker zurück. »Nun?« fragte Helene. »Man kennt ihn in dem Hause nicht. Er kommt zum erstenmal hierher. Es wohnen nur ehrbare Bürgerfamilien in demselben. Der Wirt leidet nicht, daß in seinem ›Eigentum‹ Wohnungen an alleinstehende Damen vermietet werden so sagte mir wenigstens der Portier, ein durchaus anständiger Mann. Wir müssen uns also fragen, ob deine Befürchtungen nicht gänzlich aus der Luft gegriffen sind?« Helene beobachtete ihre Freundin scharf; dieselbe schien entschieden beruhigt – ach wie gern hätte die junge Frau sich von ihr überzeugen lassen! Aber der Brief ohne Unterschrift, der Wahlspruch, das Parfüm und die Anwesenheit Louis' an diesem Orte und zur angegebenen Stunde! Zwar eine Frau hatte sie nicht kommen sehen. Aber was konnte denn diese Verabredung andres zu bedeuten haben? Wozu diese geheimnisvolle Bestellung? »Bleiben wir noch eine Weile,« sagte sie. »Solange du willst,« antwortete Emilie, die jetzt sicher war, daß das Abenteuer den von ihr vorgezeichneten Verlauf nehmen würde. Schweigend, die Blicke unverwandt auf den Hauseingang gerichtet, blieben sie in ihrem Wagen sitzen. Nach einer Viertelstunde trat Louis ganz ruhig heraus und schritt langsam und gemächlich nach der Seite der Place de l'Europe die Straße herunter. Emilie dachte bei sich: Recht weit gebracht hat er's schon im Heucheln! Wie ein kleiner Heiliger wandelt er dahin mit seiner Unschuldsmiene! Die arme Helene wird Mühe genug haben, ihn wieder ins Geleise zu bringen. »Nun, meine Liebe,« sagte sie dann laut, »da wäre unser Mann ja gegangen! Jetzt ist es, meine ich, klar, daß hier kein zärtliches Stelldichein stattgefunden hat.« »Vorausgesetzt, daß du ihm keine Warnung hast zukommen lassen!« unterbrach Helene sie mit einem argwöhnischen Blick. »Und wie hätte ich das bewerkstelligen sollen? Wenn er in diesem Hause insgeheim eine Wohnung gemietet hätte, so würde er dies doch sicher unter einem falschen Namen gethan haben. Wie hätte ich mich in so kurzer Zeit hierüber unterrichten und ihm Botschaft zukommen lassen können? Und endlich, weshalb in aller Welt sollte ich dich zu täuschen suchen?« »Vielleicht aus Freundschaft,« sagte Helene, den Kopf schüttelnd. »Es wäre ein schlechter Beweis deiner Liebe! Nichts wäre mir entsetzlicher, als der Gedanke, vertrauensvoll mit einem Manne zusammen zu leben, der mich verrät. Er hätte das Recht, meiner zu spotten, und meine Lage wäre nicht nur schmählich, sondern auch lächerlich; eine solche Demütigung könnte ich nicht überwinden!« »Beruhige dich, mein Herz. Heute abend, wenn dein Mann heimkommt, fragst du ihn geschickt aus, vielleicht erfährst du aus seinem Munde die Lösung des Rätsels. Ich werde dich nach Hause geleiten.« Sie fuhr mit Helene nach dem Faubourg Poissonnière und blieb bis halb sechs Uhr bei ihr. Um sieben Uhr kam Louis wie gewöhnlich zum Diner und trat sofort, ohne in sein Zimmer zu gehen, in den Salon. Er küßte seine Großmutter und seine Frau, setzte sich und fragte lächelnd: »Was habt ihr denn heute angefangen?« »Ich bin im Bon Marché gewesen,« sagte die alte Frau Hérault, »und habe dort Wolle zu Armenstrümpfen gekauft, darauf habe ich eine kleine Spazierfahrt in den Champs Elysées gemacht, und da habt ihr mich.« »Und du?« fragte Helene ihren Gatten, »was hast denn du gethan?« »Mein Gott, ich bin auch wohlthätig gewesen, nur auf etwas kostspieligere Weise. Ich habe einem alten Kameraden aus der Zeit, wo ich noch ein leichtsinniger Strick war, zehntausend Franken geliehen – sehr unbesonnen natürlich. ... Er hat mir zweimal geschrieben, und ich habe mich anfangs taub gestellt ... Heute bin ich dann schließlich zu ihm gegangen und habe ihm die Summe eingehändigt.« »Wo wohnt er denn?« »In der Rue de Moscou,« antwortete Louis in gleichgültigem Tone. »Von dort bin ich nach St. Denis gefahren.« »Per Wagen?« »Nein! Ich bin von der Rue d'Amsterdam aus in einer Droschke nach dem Nordbahnhof gefahren ... Und da habt ihr mich, wie Großmutter sagt.« Die außerordentliche Genauigkeit der Antworten ihres Gatten überraschte Helene; alles stimmte so genau, daß sie gerade aus diesem Umstand Argwohn schöpfte. Sie fühlte aus ihnen eine Absichtlichkeit heraus, in der ein Schuldbewußtsein lag, und sie war überzeugt, daß sie betrogen war, und daß Louis nur hersagte, was ihm Emilie beigebracht. Ihr großmütiges Herz war weit entfernt, der Freundin, deren Beweggründe jedenfalls die besten waren, deshalb zu grollen. Sie verzieh ihr die Täuschung, nahm sich aber vor, ihre Wachsamkeit zu verdoppeln, um Gewißheit zu erlangen. Louis war in der That bei diesen seiner Frau gemachten Angaben pünktlich den Anweisungen gefolgt, die Fräulein Lereboulley ihm gegeben hatte. Nachdem er das Haus in der Rue de Moscou verlassen, war er direkt in deren Wohnung gegangen und hatte dort zwei Stunden, die ihm tödlich lang schienen, auf sie gewartet. Er war gespannt, zu erfahren, wieviel seine Frau entdeckt haben mochte, und sehr verdrießlich darüber, überrascht worden zu sein; überdies war ihm bei dem Gedanken an die Vorwürfe, die Emilie ihm machen würde, nicht sehr behaglich zu Mute. Sie fuhr wie der Blitz ins Zimmer, reichte ihm die Hand und sagte, den Salon durchschreitend, in trockenem Tone: »Komm in mein Atelier hinauf, wir können da ungestörter miteinander sprechen.« Er folgte ihr. Als sie in dem geräumigen Atelier angekommen, nahm sie ihren Hut ab, warf ihren Mantel auf den Diwan, und indem sie sich vor ihren Freund stellte, fing sie an: »Das ist ja eine recht niedliche Aufführung!« »Liebe Emilie, du kannst mich später nach Herzenslust schelten,« unterbrach er sie, »aber erst sage mir, was eigentlich vorgefallen.« »Reicht dein Scharfsinn nicht so weit, um das zu erraten? Du läßt ja deine Briefschaften überall herumfahren. Deine Frau hat ein Billet gefunden, es gelesen und – ohne mich – hätte sie dich mit Diana abgefaßt!« »Wie soll ich dir danken?« »Dazu hast du ganz und gar keinen Grund, Teuerster. Für dich hätte ich nicht einen Finger gerührt ... denn dein Betragen empört mich. Es gibt keinen solchen Narren mehr wie du. Du hast eine reizende Frau, die dich vergöttert, ein entzückendes Kind, mit einem Worte, dir ist ein Glück zu teil geworden, dessen du durchaus nicht wert bist, und das alles setzest du aufs Spiel, einer Dirne zu Gefallen, die sich über dich lustig macht.« »Emilie,« rief Louis zornig. »Ich glaube gar, du machst dir über Dianas Tugend noch Illusionen!« »Sprich nicht von ihr. ... Mach mich so schlecht, als du willst ... ich verdiene es reichlich ... aber achte die Frau, die ich liebe.« »Das ist ein bißchen viel verlangt, sie ist so gar wenig achtungswert!« Louis nahm mit einer wütenden Gebärde seinen Hut und stürmte auf die Thür zu. Emilie faßte ihn am Arme und sagte: »Wirst du wohl stand halten, Schwachkopf! Ich werde dein Zartgefühl in Bezug auf Lady Olifaunt schonen. Aber mit dir bin ich noch lange nicht zu Ende. ... Ich habe deiner Frau vorgeredet, daß man dich in dem Hause, wo du dein kleines Versteck hast, nicht kenne. Sie wird dich darüber ausfragen. Sei so gut und lüge dich geschickt heraus – Uebung hast du ja – und dies eine Mal ist der Zweck wenigstens ein guter.« »Emilie,« protestierte Louis dumpf, indem er sich niedersetzte, die Stirn in finstere Falten gezogen. »Ich will dir noch sagen, daß Helene sich bei dem Gedanken, du könntest sie täuschen, keineswegs als sanftmütig duldender Engel gezeigt hat, und daß dir von jetzt an einige Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden dürften, wenn du deine Beziehungen zu Diana aufrecht zu erhalten gedenkst. Deine Frau wird sich zu verteidigen wissen, sie hat Kraft und Mut. Nimm dich in acht! Ein Moment des Zornes kann sie fortreißen ... bedenke, sie ist sehr hübsch! Wenn sie dir Gleiches mit Gleichem vergälte, was dann?« »Sie ist dessen unfähig, sie ist eine tugendhafte Frau.« »Und deshalb beruhigt sich natürlich der edle Gatte vollständig,« rief Emilie mit bittrer Ironie. »Du und deinesgleichen, ihr seid eine nette Gesellschaft! O – wie viel mehr Rücksicht würdet ihr auf die Frauen nehmen, wenn sie weniger treu wären. ›Sie ist anständig‹ sagst du. ›Ich darf sie also ungestraft quälen; sie wird leiden, weinen, aber sie wird sich nicht rächen, sie ist ja tugendhaft!‹ Und deshalb kann mein Freund Louis treiben, was er mag! Inzwischen sitzt die arme Frau verlassen und einsam zu Hause, stillt ihr Kind, pflegt und bewacht es. Die Entdeckung ihres Unglücks kann ihr das Leben kosten – und gleichzeitig ihrem Kinde. Aber was thut das? Der Herr muß sich doch amüsieren. Pfui, das ist feig und erbärmlich!« »Das ist doch etwas stark aufgetragen, und ein bißchen theatralisch auf die Spitze getrieben,« antwortete Louis mit einem gezwungenen Lächeln. »Ich will mich durchaus nicht weiß waschen, aber wenn meine Frau ein wenig mehr meine Frau, und etwas weniger die Mutter ihres Sohnes wäre, so würde vielleicht das alles nicht vorgekommen sein.« »Hör auf!« rief Emilie, bleich vor Entrüstung, »Was du da sagst, macht dein Sündenmaß voll. Du wagst es, Helene aus ihrer Tugend ein Verbrechen zu machen! Du machst ihr zum Vorwurf, was sie in deinen Augen zu einer Heiligen stempeln müßte. Sag mir kein Wort mehr! Entferne dich! Ich war dir vordem sehr zugethan, von heute ab bin ich deine Freundin nicht mehr! Bevor du jedoch gehst, höre ein letztes Wort, einen letzten Rat von mir: Wenn dir deine Frau, wenn dir Sir James gleichgültig sind – letzteres ist allerdings vollkommen berechtigt – so nimm dich vor Herrn Lereboulley in acht! ... Er hält große Stücke auf seine Diana! ... Er hat sie nicht einmal mir opfern wollen. ... Er wird sie sich von dir nicht ohne Kampf nehmen lassen. ... Nimm dich in acht!« Und als sie Louis wegwerfend lächeln sah, fuhr sie fort: »Gewiß, er wird keinen Streit mit dir suchen! Er wird dir nicht mit der Pistole oder dem Degen in der Hand auflauern! Er hat bessre Waffen zur Verfügung – er wird dich finanziell zu Grunde richten. Hoffentlich hast du mich verstanden. So, nun kannst du gehen!« Sie drehte ihrem Freunde den Rücken, Er näherte sich ihr, aufgeregter, als er es zeigen wollte, und sagte, ihr die Hand entgegenstreckend: »Ich danke dir nochmals für das, was du für mich und Helene gethan hast. ... Aber laß mich so nicht gehen! Wir waren ja so lange Zeit gute Freunde! ... Du bist neben meiner Großmutter, meiner Frau und meinem Kinde das einzige Wesen, das ich wahrhaft liebe. Du hast mich soeben tief gekränkt; ich zürne dir nicht. Ich weiß, ich bin schuldig. Aber was kann es dir nützen, mich mit Vorwürfen zu überhäufen? ... Beklage mich, das ist besser und dürfte vielleicht auch erfolgreicher sein.« Sie sah ihn an – in seinen Augen standen helle Thränen. »Welch ein Gift flößt euch denn diese Kreatur eigentlich ein,« rief sie, mit dem Fuße auf den Boden stampfend, »um euch einem nach dem andern so alle Besinnung zu rauben? Wahrhaftig, du bist wie ein Kind, das sich nicht zu verteidigen weiß! Versuche wenigstens, etwas vernünftiger zu werden!« »Ich verspreche es dir!« »Das Versprechen eines Trunkenen,« sagte sie mit traurigem Lächeln. »Aber geh jetzt, man würde sonst besorgt sein, wenn du heute zu spät nach Hause kämst.« Er zog sie fast mit Gewalt an sich und küßte sie. Dann rief er, als ob seine Traurigkeit mit einem Schlage verschwunden wäre: »Du bist doch wahrhaftig ein treuer Kamerad!« »Und du ein richtiger Tollkopf! Adieu!« Er stieg die Treppe hinab, während Emilie ihm gedankenvoll nachschaute. Die Warnung, die sie Louis erteilt, war ernsthaft gemeint. Sie wußte, daß sobald ihr Vater erführe, daß man ihn hintergangen, sein Zorn furchtbar sein würde. Da er bei allen Geschäften des Hauses Hérault die Hand im Spiele hatte, während Louis seinerseits bei all den Kombinationen beteiligt war, mit denen Lereboulley sich befaßte, war es dem Senator leicht, Hérault mit einem Schlage ins Verderben zu stürzen. Er konnte, da er über ungeheure Mittel verfügte, ein Unternehmen nach Belieben glücken und mißglücken lassen. In seinem Groll würde er sofort auf den Gedanken kommen, seinen Gegner in seinem Vermögen zu schädigen, da er wußte, daß dies das sicherste Mittel wäre, um ihm Diana wieder abzunehmen. Emilie kannte die unheilbare Leidenschaft Lereboulleys für seine Geliebte. Lady Olifaunt hatte es verstanden, sich dem alten Manne unentbehrlich zu machen. Zu der Gefahr, die Louis von dieser Seite her drohte, gesellte sich noch eine andre, welche das junge Mädchen nur angedeutet hatte, nämlich die, welche in Thauziats Liebe zu Helene lag. Wenn er sah, wie der Gatte die Frau verriet und verließ, hätte Clement einen übermenschlichen Edelmut besitzen müssen, um sich nicht diese Verstimmung zwischen beiden zu nutze zu machen. Gewiß, Helene war eine streng moralische Frau – aber Thauziat war ein gefährlicher Mann. So sah Emilie durch Louis' Schuld die Ruhe ihrer Freunde von allen Seiten bedroht, und sie war entschlossen, alles zu thun, was in ihren Kräften stand, um ihnen über diese Klippen wegzuhelfen, an denen ihnen ihr Lebensglück zu scheitern in Gefahr stand. Wenn Frau Hérault ganz zu Hause geblieben wäre, wie sie es zu Anfang des Winters gethan, so wäre die Gefahr einer eigentlichen Katastrophe nicht sehr groß gewesen; nun aber änderte die junge Frau plötzlich ihre Taktik und erklärte, daß sie von jetzt an mit ihrem Gatten wieder in Gesellschaft gehen wolle. Ein Zusammentreffen zwischen ihr und Lady Olifaunt war unvermeidlich und damit der offne Kampf vorauszusehen. Daß die zunächst Beteiligten, vor allem Lereboulley das Zischen der herüber und hinüber fliegenden Pfeile nicht hören würden, war nicht anzunehmen, sie hätten sich denn blind und taub stellen müssen, was sie wahrscheinlich nicht im Sinn hatten. Es war also alles zu befürchten, und Louis hatte deshalb den Entschluß seiner Frau nicht gerade freudig begrüßt. Sein erneutes Junggesellendasein hatte ihm zu sehr besagt, als daß er es leichten Herzens hätte aufgeben können, allein die Einwendungen, die er nur sehr bescheiden zu erheben wagte, wurden von Helene unerschütterlich zurückgewiesen. »Mein kleiner Pierre kann mich jetzt den Abend über schon entbehren,« sagte sie, »ich will mich nicht mein ganzes Lebenlang in meine vier Wände einschließen. Es ist höchste Zeit, meine Klausur aufzuheben und es wird mir gut thun, mich ein wenig zu amüsieren.« Sie fing an, Soiréen, Bälle und Theater zu besuchen und Gesellschaft bei sich zu sehen. Das gesellige Leben der ersten Zeit ihrer Ehe wurde wieder aufgenommen, dabei aber ein größerer Luxus entfaltet, als früher. Man fühlte, daß sie gefallen wollte, und der Erfolg blieb keineswegs aus. Ihre etwas strenge Schönheit war milder geworden, ein Kreis von Verehrern bildete sich um sie und sie nahm die ihr entgegengebrachte Bewunderung und Huldigung mit einem Geist und einer Anmut hin, die fast noch mehr entzückten als ihre Schönheit. Thauziat in seinem Stolze hielt sich fern von den Schmeichlern und Hofmachern, die Helene umschwärmten, allein die Art und Weise, wie er Helene begrüßte, mit ihr sprach und sie zum Singen begleitete, sicherte der jungen Frau vollends ihre gesellschaftliche Herrscherrolle, und dabei war weder in der Haltung, noch in den Worten Clements etwas zu entdecken, was sie auch nur aufs leiseste hätte kompromittieren können. Er bezeugte ihr eine Hochachtung, wie er sie für keine andre Frau empfand. Daß er sie geliebt hatte, war für jedermann unzweifelhaft, aber er verstand es so gut, seinen vollkommenen Verzicht auf ihre Gunst zum Ausdruck zu bringen, daß die Tugend Frau Héraults allseitig als unerschütterlich betrachtet wurde. Aeußerlich ruhig bewegte sie sich in dem Getriebe, hörte die galanten Bemerkungen scheinbar gütig an, beantwortete sie mit einem offnen, heiteren Lächeln, ließ aber nicht einen Augenblick in ihrer Wachsamkeit nach. Nie verlor sie ihren Gatten aus dem Auge: keine seiner Bewegungen entging ihr, und diese rastlose Jagd nach dem Treubruch mitten durch die Pariser Salons hatte für einen scharfsichtigen Beobachter, wie Emilie, einen unsäglich schmerzlichen, und doch fesselnden Reiz. Auffallend war, daß man, seit Helene wieder Gesellschaften besuchte, Diana nie in denselben Häusern traf. Man war versucht anzunehmen, daß die schöne Engländerin von einem unbekannten Freunde stets von dem in Kenntnis gesetzt wurde, was Frau Hérault für den Abend vorhatte. Louis war nachgiebig und liebenswürdig, führte seine Frau überall hin, wohin sie wollte, und zeigte sich als musterhafter Ehemann, so daß Helene trotz ihrer Hartnäckigkeit in ihrer Aufmerksamkeit etwas nachzulassen anfing und ihre Ueberzeugung erschüttert fühlte, als plötzlich ein unvorhergesehener Zwischenfall ihr die leidenschaftlich begehrte Aufklärung zu teil werden ließ. Neuntes Kapitel Lereboulley gab, obgleich ihm selbst die Musik verhaßt war, seiner Tochter zu Gefallen jedes Jahr zwei oder drei Konzerte in den luxuriösen Salons seines Hotels. Emilie, die eine umfassende musikalische Bildung besaß und eine fanatische Verehrerin Wagners war, hatte viel dazu beigetragen, die wunderbaren Werke des Meisters in Paris einzuführen. Nachdem sie alles hatte zur Aufführung bringen lassen, was man vernünftigerweise dem französischen Geschmack von dieser großartigen, schönen, aber strengen Musik zumuten konnte, beschränkte sie sich jetzt darauf, junge talentvolle Musiker zu patronisieren, welchen es trotz ihrer Befähigung nicht gelingen wollte, ihre Werke aufgeführt zu sehen. Die Ausführung dieser Schöpfungen junger Meister war einem Eliteorchester anvertraut; die hervorragendsten Sänger übernahmen die Solopartien, und diese Soiréen, die ihresgleichen in Paris nicht hatten, versammelten überaus zahlreiche Gäste in den Räumen des Lereboulleyschen Hauses. Das erste Konzert in diesem Jahre sollte der Aufführung von Fragmenten des »Manfred«, einer Oper Lucian Wordlers, gewidmet sein, aus welcher Lady Olifaunt im vergangenen Winter mit großem Erfolg eine reizende Berceuse in den Pariser Salons gesungen hatte. Da Frau Hérault wußte, daß Diana an dem jungen Komponisten lebhaften Anteil nahm, war sie gewiß, daß sie diesmal in die Lage kommen würde, ihr zu begegnen. Dennoch hätte sie beinahe nochmals eine Enttäuschung erlebt. Der kleine Pierre, der nach gesunder Kinder Art immer lustig und vergnügt war, erwachte an diesem Morgen verdrießlich, und von heftiger Unruhe ergriffen, hatte Helene sofort zum Arzte gesandt, welcher aber erklärte, daß kein Grund zur Aufregung vorhanden sei, indem das leichte Unwohlsein einzig von den Zähnen herrühre, die mit ihren weißen Spitzen das rosige Zahnfleisch des Kleinen durchbrachen ... das war alles. Helene bestellte trotz dieser beruhigenden Versicherung den Friseur ab und schien entschlossen, nicht zu Lereboulley zu gehen. Nachdem das Kind aber gegen acht Uhr abends nach ruhig verbrachtem Tage sanft und friedlich eingeschlafen war, änderte die junge Frau ihren Entschluß. Ihre Sorge war vollkommen beseitigt, sie erklärte ihrem Gatten, daß ihre Jungfer sie ganz ebensogut frisieren könne, wie der Haarkünstler, und gab Befehl, alles für ihre Toilette vorzubereiten. Louis machte zwar einen schüchternen Versuch, sie von ihrem Beschlusse abzubringen, verlor aber, da er bei Helene auf einen energischen Widerstand stieß, bald den Mut zu weiteren Einwendungen und fügte sich seufzend in das Unabwendbare. Es war bereits elf Uhr, als sie ankamen. Der erste Teil des Konzertes hatte schon begonnen; Talazac sang eben mit Fräulein Isaac ein sehr schönes Notturno. Emilie, die in dem kleinen Salon saß, erhob sich, als sie Herrn und Frau Hérault eintreten sah, mit einem Zeichen des Erstaunens und ging ihnen entgegen. »Mein kleiner Junge befindet sich, Gott sei Dank, wieder ganz wohl!« sagte die junge Frau, »und deshalb habe ich darauf bestanden, zu kommen.« Emilie machte mit einem von Helene nicht bemerkten Wink Louis auf Lady Olifaunt aufmerksam, die in der ersten Reihe saß. Gleichzeitig entdeckte Helene die Engländerin in ihrer strahlenden, siegesgewissen Schönheit, und sie ward ein wenig bleich. In einer schwefelfarbigen Tüllrobe, die Schleppe mit jenen schönen gelben, »Goldtraum« genannten Rosen besetzt, war die lichte Blondine in der That entzückend schön. Das tief ausgeschnittene Kleid zeigte den blendend weißen Nacken und die wundervollen Schultern. Diamanten funkelten in ihren Haaren, und ihre Hand bewegte einen großen, mit prachtvollen Federn geschmückten Schildpattfächer nachlässig hin und her. Wie durch einen magnetischen Einfluß dazu gezwungen, wandten sich die Augen Dianas gerade in diesem Augenblick von den Künstlern ab und begegneten denen Helenes. Beide Frauen tauschten einen Blick aus; Diana lächelte und winkte den Neuangekommenen graziös mit ihrem Fächer einen Gruß zu. Frau Hérault neigte zum Gegengruße ernst das Haupt. Endlich also stand sie dieser Frau, auf die sie ihren Argwohn geworfen, von Angesicht zu Angesicht gegenüber, endlich war es ihr gelungen, sie mit Louis zusammen zu sehen, beide zu beobachten und aus dem Tone ihrer Worte und dem Ausdruck ihrer Züge ihr Geheimnis zu entziffern. Aber sie hatte ihre Rechnung ohne Emilie gemacht, die sie geschickt zu einer Gruppe von Frauen führte, in deren Mitte sie Helene wie in eine Citadelle einzuschließen gedachte. Lereboulley war, nachdem er Hérault begrüßt, auf Helene zugetreten, und Louis hatte den Augenblick benutzt, um sich unter der Menge von Herren zu verlieren, die feierlich und gelangweilt alle Thüreingänge des Saales besetzt hielten und so weit als möglich von der Musik entfernt unter dem vorgehaltenen Claquehut gähnten. Er hatte Thauziat und Sir James getroffen, sich aber eilig von ihnen losgemacht, um sich durch einige geschickte Manöver einen Platz zu erobern, von dem aus er Diana bewundern konnte, ohne von Helene gesehen zu werden, und sich im stillen an dem Bewußtsein zu weiden, daß diese Frau, aus welche sich aller Blicke begehrend richteten, sein eigen sei. Er hörte um sich herum die Leute von ihrer Schönheit in flüsterndem Tone sprechen, und brennendes Verlangen nach ihr erfüllte sein Herz. Sie hörte mit unschuldiger Miene den Sängern zu, ohne ihre Aufmerksamkeit ablenken zu lassen, stimmte begeistert in den lauten Beifall ein und schien einzig und allein in Musik zu schwelgen. Indessen wußte sie sehr genau, was um sie her vorging, und hatte rasch das Haupt gewandt, um Louis einen Blick zuzuwerfen. Ihren Fächer nachlässig an die Lippen drückend, sandte sie ihm einen Kuß zu, dann widmete sie wieder ihre volle Aufmerksamkeit der Musik. Sie fühlte, daß Helene sie beobachtete, und der Blick der jungen Frau lastete drückend auf ihr. Vorsichtig und stets darauf bedacht, einen Skandal zu vermeiden, nahm sie sich vor, gleich im Zwischenakt ihren Gemahl aufzusuchen und unter dem Vorwande einer Migräne ihrer Feindin aus dem Wege zu gehen. Als die letzten Takte eines Finale unter donnerndem Applaus erklangen, erhob sie sich, winkte Thauziat heran, nahm seinen Arm und sagte: »Ich fühle mich etwas angegriffen; führen Sie mich in den kleinen Salon, der für die Künstler reserviert ist; ich möchte Wordler mein Kompliment machen und ihm die Hand drücken, bevor ich gehe.« »Die Gegenwart Frau Héraults ist Ihnen wohl peinlich?« fragte Thauziat mit kalter Ironie. »Vielleicht,« antwortete Diana mit einem seinen Lächeln. »Der Vergleich mit ihr ist schwer auszuhalten, denn sie ist in der That schön. Wie dumm von ihrem Manne, eine solche Frau zu hintergehen. Aber Ehemänner sind ein für allemal dumm!« »Ausgenommen Sir James.« »O – der! Der spielt eine besondre Rolle.« »Man kann sogar sagen, eine doppelte Rolle!« »Sie sind ja heute abend erstaunlich bei Laune, Thauziat. Wenn Sie Frau Hérault ebenso geistreich unterhalten wollten, würden Sie vielleicht etwas mehr Aussicht auf Erfolg haben.« »Aergern Sie sich nicht, Diana, ich scherze ja nur,« »Ich ärgere mich nicht. Sie wissen ja, Ihnen gestatte ich alles.« Sie waren im Speisesaale angelangt, in dem ein Büffett aufgestellt war und der von Menschen wimmelte, die miteinander plauderten, stehend aßen und tranken und sich von majestätischen Hausmeistern bedienen ließen. »Sehen Sie doch zu, daß Sie für mich einige Trauben und ein Glas recht kalten Champagner bekommen,« sagte Diana zu ihrem Kavalier. Er kehrte bald zurück und brachte ihr auf einem Silberteller eine goldig strahlende Traube. »Das ist eine der schönen Edeltrauben, die wir in den Treibhäusern von Evreux bewunderten,« sagte Frau Olifaunt. »Sie ist wirklich ausgezeichnet. ... Unser Wirt ist ein Mann, der zu leben weiß,« fuhr sie fort, sich umschauend, ob nicht Louis in der Nähe sei. Aber der junge Mann ließ sich nicht blicken. Sie nahm das Glas Champagner, das Thauziat ihr reichte, und rief: »Auf Ihre Liebe, Clement!« Sie schlürfte den Wein in kleinen Zügen, wobei sie ihren reizenden Hals ein wenig zurückbog. Darauf hängte sie sich wieder an Thauziats Arm und schritt auf einen kleinen Salon zu, der in das Arbeitskabinett des Senators führte. Der Raum war fast menschenleer; im Augenblick, als sie ihn weitergehend verlassen wollten, erschien von der andern Seite her Frau Hérault am Arme Lereboulleys und hinter ihnen Emilie. Diana drückte heftig den Arm Thauziats und warf, eine Möglichkeit suchend, dieser Begegnung auszuweichen, einen raschen Blick um sich. Vergebens – es war zu spät, und das Zusammentreffen, das kluge Freundschaft zu verhindern gesucht, unvermeidlich. Die schöne Engländerin bewaffnete sich mit ihrem strahlendsten Lächeln, die himmelblauen Augen fest auf Helene gerichtet, ging sie ruhig wie eine ehrbare Frau weiter. Dennoch befand sich dieses kecke Geschöpf in einer ungewöhnlichen Aufregung; sie hatte Furcht vor Frau Hérault und bemühte sich hinter ihrem Fächer zu verbergen, wie heftig ihre Brust sich hob und senkte, Emilie hatte versucht, ihren Vater und Helene nach der Seite des Konzertsaales zu dirigieren; aber die junge Frau ließ sich nicht mehr von Lereboulley führen, sondern zog ihren Kavalier mit sich fort. Sie hatte Diana erblickt und ging auf sie los wie auf den Feind. Lady Olifaunt blieb stehen, es sollte nicht den Anschein gewinnen, als fliehe sie. Sie grüßte zuerst und ging kühn zum Angriff über, indem sie Helene anredete: »Ich habe seit jenem Tage, wo Sie in der kleinen Küche bei Evreux zu einer Madonna Modell standen, nicht mehr das Vergnügen gehabt, Ihnen zu begegnen, gnädige Frau! Was macht denn der reizende Bambino?« Helene lauschte dieser sanften Stimme, der ein leiser Anflug fremdländischen Accentes einen eigenartigen Reiz verlieh – sie konnte nichts Falsches, Unwahres in dem Klang entdecken. Sie beobachtete die Haltung Dianas und konnte nicht die geringste Spur von Verlegenheit und Unsicherheit darin bemerken. Sollte sie sich doch geirrt haben, und hatte sie den Gegenstand ihres Abscheus anderswo zu suchen? »Sie sind eine glückliche Mutter,« fuhr die schöne Engländerin fort, »und alle Frauen müssen Sie beneiden!« Sie hätte ewig weiterreden können, Helene hörte ihr nicht mehr zu, ihre Augen waren unverwandt auf den Fächer mit gelben Federn gerichtet, den Diana hin und her bewegte, sie hatte plötzlich auf einer der Schildpattstangen aus Diamanten gebildete Buchstaben blitzen sehen, die sie nicht zu entziffern vermochte. Ein Wahlspruch ohne Zweifel, aber welcher? Eine geheime Stimme rief ihr zu, daß es derselbe sei, den sie auf dem Stückchen Pergamentpapier gelesen. Einen Moment ward es Nacht vor ihren Augen, in ihren Ohren sauste es, und das Blut stieg ihr jäh zu Kopfe, sie fühlte sich dem Umsinken nah, und sich krampfhaft an Emilies Arm festklammernd, sprach sie mit entfärbten, bebenden Lippen: »Sie haben da einen sehr schönen Fächer, Lady Olifaunt. Würden Sie mir wohl gestatten, ihn einmal in der Nähe zu bewundern?« Diana reichte der jungen Frau den Fächer hin, den sie mit einem Seidenband an ihrem Gürtel befestigt trug. Helene bemächtigte sich desselben und las in fieberhafter Aufregung auf dem Fächerstäbchen die Worte: » I love and I hate. « Ein tödlicher Frost ließ ihr Blut erstarren: der lateinische Wahlspruch in englischer Uebertragung! Also diese blonde, schöne, reizvolle Abenteuerin war wirklich ihre Nebenbuhlerin. Eine wahnsinnige Wut überkam sie. Es war ihr, als ob sie diese strahlenden Augen mit ihren Nägeln auskratzen, diesen wollüstigen Mund, auf dem Louis' Lippen geruht, zerfleischen, diese sinnberückende Gestalt zu Boden schleudern und mit Füßen treten könnte. Sie hielt mechanisch den Fächer in ihren zitternden Händen fest und las mit dumpfer Stimme: » I love and I hate. « »Das bedeutet: Ich liebe und ich hasse,« sagte Diana. »Aber, wie alle Wahlsprüche, sagt auch dieser etwas mehr, als er eigentlich soll. Ich bin weder so hingebend, noch so böswillig!« » Amo et odi ,« fuhr Helene fort, »ist das nicht dasselbe?« »Allerdings,« antwortete Lereboulley. Diana fing an zu begreifen, welche Gefahr ihr drohte, sie trat einen Schritt zurück. Aber Frau Hérault folgte ihr. »Die intriganten Frauen, sagt man, sollten eigentlich nie ein geschriebenes Wort von sich geben,« fuhr sie mit einem Ausdruck vernichtender Verachtung fort. »Und dennoch geben Sie auf einem Papier, das diesen Wahlspruch trägt, meinem Manne Rendezvous!« Lady Olifaunts Gesicht verfärbte sich, sie stieß einen Ruf höchster Wut aus, und ihren Fächer den Händen Helenes entreißend, flüchtete sie sich schutzsuchend neben den verdutzt dreinschauenden Lereboulley. »Gnädige Frau,« rief der Senator, indem er sich zwischen beide Frauen warf, »kennen Sie auch die Tragweite Ihrer Worte?« »Jedenfalls besser, als dieses Geschöpf die Tragweite seiner Handlungen! Eben hatte sie die heuchlerische Frechheit, mir von meinem Kinde zu sprechen, und sie ist die Maitresse des Vaters!« »Lassen Sie es ruhig geschehen, daß man mich in Ihrem Hause beschimpft?« rief die schöne Engländerin Lereboulley zu. Und da dieser, starr vor Erstaunen, sich nicht rührte, rief sie in heftigem Zorne: »So verteidigen Sie mich doch!« Sie richtete sich wütend in die Höhe und ballte die Fäuste, in diesem Augenblicke war sie wieder das Schenkmädchen, das Thauziat aus der elenden Verkommenheit hervorgezogen. Kalt und hochmütig stand Helene vor ihr, den Blick fest auf ihre Widersacherin geheftet. Ihr Zorn war verraucht, ein unnennbarer Schmerz war an seine Stelle getreten. In ihrem Herzen schien sich ein Abgrund aufgethan zu haben, in den all ihr Glück, all ihr Stolz, all ihre Reinheit für ewig versunken waren. Ein Gefühl namenloser Bitterkeit stieg in ihr auf. Sie empfand einen tiefen Ekel vor dieser Gesellschaft und vor dieser Frau; ein brennendes Verlangen nach Stille und Einsamkeit erfaßte sie, sie wollte allein sein in ihrem Heim, bei ihrem Kinde. »Bitte, führen Sie mich zu meinem Mann!« sagte sie rasch zu dem unbeweglich und schweigend dastehenden Thauziat, nahm seinen Arm, grüßte Lereboulley und entfernte sich, von Emilie begleitet, ohne auf ihre niedergeschmetterte Rivalin einen letzten Blick zu werfen. Kaum war Helene verschwunden, als Lereboulley sich zu Lady Olifaunt wandte und ausrief: »Diana, wehe Ihnen und wehe Louis, wenn Frau Hérault die Wahrheit gesagt!« »Sie ist wahnsinnig! Wollen Sie etwa den Faseleien einer eifersüchtigen Frau Glauben schenken? Glauben Sie denn, daß ich auch nur ein Wort von dem, was sie mir gesagt, verstehe? Ihr Gatte hat mir den Hof gemacht, als er noch unverheiratet war! Er hat mich verfolgt, Sie wissen das ja! Möglich, daß sie ein Billet von mir entdeckt hat, als sie die Schränke durchsuchte. Aber ist sie deshalb berechtigt, anzunehmen, daß ich diesen Dummkopf von Hérault von seinen Pflichten abwendig mache? Weil ich die Blicke der Menschen auf mich ziehe, weil man mir huldigt, weil ihre Männer mir den Hof machen, beneiden und verwünschen mich diese Frauen! Ist das etwa meine Schuld? Ich thue ja wahrhaftig nichts, um diese Huldigungen zu erhalten. Alles das ist schändlich, erbärmlich! Und das Grausamste ist, daß Sie mich den Zornesausbrüchen dieser Unverschämten preisgeben! Sie wußten nichts bessres, als ein paar Worte herzustammeln! ... Sie lieben mich nicht. Wenn man eine Frau liebt, achtet man sie und weiß ihr Achtung zu verschaffen!« »Diana!« Sie brach in Thränen aus. Lereboulley war außer sich und versuchte sie zu beruhigen, da er in Angst war, es könne jeden Augenblick jemand eintreten. »Diana, es ist unmöglich, daß Sie glauben, was Sie sagen. Ich Sie nicht lieben! ... O beruhigen Sie sich doch ... man könnte Sie so sehen! Was soll man denken, wenn man Sie so in Thränen allein mit mir überraschte! Kommen Sie in mein Arbeitskabinett, ich bitte Sie, dort werden wir ungestört sein.« Sie ließ sich willig fortziehen und sank in dem äußerst behaglichen, stillen Zimmer mit der Grazie einer jungen Nymphe, die sich von einem Faun belauscht weiß, auf ein Sofa. Der Senator ging in großer Aufregung auf und ab, ohne sich um das Konzert, das eben wieder begann, im geringsten zu bekümmern. Er hatte keinen Gedanken mehr für die Gesellschaft, die sich in seinen Räumen hin und her bewegte, und war ganz von der Furcht beherrscht, Diana zu verlieren. »O, dieser Louis, wenn ich annehmen könnte ...« »Sie sind noch nicht von meiner Unschuld überzeugt! Nun denn, was würden Sie thun, wenn ich Ihnen plötzlich sagte: ›Ich verabscheue die Lüge, Sie wollen wissen, ob Louis Hérault mein Geliebter ist. Ja, er ist es!‹« »Diana, scherzen Sie nicht bei einer so ernsten Sache! Wenn Sie mich täuschten ... es wäre schrecklich! Meine Rache würde vor nichts zurückschrecken.« »Sie würden mir ein Leid zufügen, mir?« »Vielleicht!« »Das zu sehen wäre ich doch neugierig,« rief Lady Olifaunt, mit einem Augenaufschlag, der in einem Moment Argwohn und Zorn verscheuchte und glühendes Verlangen in ihm wachrief. »O Diana,« rief er verliebt, »wie sind Sie schön! Man könnte ein Verbrechen begehen, um Sie zu besitzen!« »Und wenn man mich besitzt, was würde man thun, um mich zu behalten?« »Gebieten Sie! Alles, was Sie fordern, wird erfüllt werden.« »Gut,« sagte die junge Frau kühl, »wir werden ja sehen. Jetzt geben Sie mir Ihren Arm, unsre gleichzeitige Abwesenheit könnte auffallen.« Sie lächelte und schmiegte sich an den Greis, der sie umschlang und seine Lippen auf ihre weiße Schulter drückte. Dann gab sie ihm einen kleinen Schlag auf die Wange und sagte, sich loswindend: »Genug, Lereboulley; denken Sie an etwas andres, lieber Freund!« Er stieß einen Seufzer aus und kehrte, die junge Frau am Arm, in den Saal zurück. Von dem Gesichte Dianas war jede Spur der Erregung verschwunden, und sie gebot wie sonst über das liebliche Lächeln und die keusche Anmut, welche sie so bezaubernd kleidete, und die sie wie ein Theaterkostüm an- und abzulegen wußte. So rasch wie Lady Olifaunt hatte Helene die entsetzliche Szene nicht verwunden. Ohne ihm ein Wort über den stattgehabten Auftritt mitzuteilen, hatte sie ihren Gatten gebeten, sie nach Hause zu bringen. Sie litt namenlos unter den Enthüllungen, welche ihr in dieser Zusammenkunft mit Diana geworden. In die Ecke des Wagens gedrückt, das Haupt mit einem Spitzenschleier bedeckt, zitterte sie heftig, ihre Zähne schlugen zusammen, ein heftiges Fieber schüttelte sie. Das Schaukeln des Wagens verursachte ihr stechende Schmerzen, und von Zeit zu Zeit war es ihr, als ob grelle Blitze vor ihren Augen zuckten. Die Fahrt, die kaum eine Viertelstunde dauerte, schien ihr endlos. Louis, den das Schweigen seiner Frau ängstigte, warf fortwährend besorgte Blicke nach der Seite, wo sie faß. »Bist du unwohl?« fragte er sie. »Fehlt dir etwas?« Sie richtete sich auf und brachte mit Mühe zwischen den zusammengepreßten Lippen das Wort »Nichts!« hervor. Der Wagen hielt vor der Freitreppe des Hotels; Helene wollte aussteigen, strauchelte aber bei den ersten Schritten und mußte sich an die gußeisernen Säulen der Marquise stützen. Erschreckt umfaßte Louis sie mit seinen Armen, hob sie auf und trug sie bis zur ersten Etage. Dort war sie wieder im stande zu gehen und sich nach ihrem Zimmer zu begeben. Als sie am Kamin in einen Stuhl sank und ihren Schleier ablegte, sah Louis erst, wie bleich sie war und wie sie von Fieberschauern geschüttelt wurde, während ihre Hände schlaff herabhingen und ihre Augen tief in den Höhlen lagen. »Mein Gott, was fehlt dir?« rief er in furchtbarster Angst aus, »Helene sprich, hast du Schmerzen?« »Ja – ein wenig!« »Aber wie ist das gekommen? Du frierst ...« »Ja, sehr ... im Herzen.« Er wollte klingeln, aber sie machte eine Bewegung, um ihn daran zu verhindern. »Nein, wecke die Dienstboten nicht auf. ... Rufe nur deine Großmutter!« Er eilte hinaus. Einige Minuten darauf war die alte Frau Hérault bei Helene. Louis zog sich schweigend zurück, die Großmutter half der jungen Frau beim Auskleiden und brachte sie zu Bett. Als sie dann sah, wie sie auch unter den Decken noch vor Frost zitterte und ihr dabei doch das Blut zu Gesicht stieg, bereitete sie ihr einen heißen Trank und that, mit leisen Schritten hin und her gehend, klug und umsichtig alles, was ihr für die Kranke nötig schien. Sie schritt durch das Zimmer des Kindes, beugte sich über seine Wiege, freute sich seines ruhigen Schlafes und ging zu Helene zurück, um ihr zu sagen: »Der kleine Pierre schläft vorzüglich, sei unbesorgt! Wenn er aufwacht, werde ich ihm heiße Milch zu trinken geben, die für dies eine Mal den Dienst auch thun wird.« Die junge Mutter lächelte wehmütig und flüsterte: »Ich danke dir, du bist so gut.« Inzwischen war Louis wieder eingetreten und erbot sich, bei Helene zu wachen. Aber die Großmutter schien zu ahnen, was in dem Herzen der jungen Frau vorging, und erklärte ihrem Enkel, daß seine Gegenwart überflüssig sei, und daß sie allein alles Notwendige besorgen würde. »Geh schlafen, mein Junge!« sagte sie. »Ich werde hier bleiben. Wir alten Leute haben den Schlaf nicht notwendig.« Und da Louis trotzdem bleiben wollte, fuhr sie fort: »Deine Frau wünscht es,« Nun trat er an Helenes Bett, faßte ihre Hand, die fieberhaft glühte, und küßte sie mit beklommenem Herzen sanft auf die Stirn. Eine bange Frage schwebte ihm auf den Lippen, aber er wagte nicht, sie auszusprechen. Er ahnte einen Zusammenhang zwischen Diana und dieser Krankheit Helenes. Das finstere Schweigen, der Wunsch, ihn zu entfernen und mit Frau Hérault allein zu bleiben, alles dies wies auf ein Erlebnis und auf eine tiefgehende Wandlung ihres Verhältnisses zu einander hin. Als die Kranke sich am nächsten Morgen nicht besser fühlte, schickte Louis nach Rameau de Ferrières. Zu dem körperlichen Leiden gesellte sich bei der jungen Frau eine entsetzliche Unruhe: sie fürchtete, ihr Kind nicht weiter stillen zu können. Sollte ihr in ihrem namenlosen Elend auch dieser letzte Trost geraubt werden? Sollte sie diesen herzigen, rosigen Jungen einer Fremden anvertrauen müssen? Der Vater hatte sie verraten, sollte ihr nun auch ihr Kind entfremdet werden? Gegen drei Uhr morgens begann sie zu phantasieren. Mit lauter Stimme sagte sie: »Wenn man meinen kleinen Pierre dieser schlechten Frau gibt, wird er sterben.« Die Großmutter erhob sich schweigend von dem Fauteuil in der Nähe des Kaminfeuers, wo sie an ihrem ewigen Strumpf gestrickt hatte, und neigte sich über die Kranke. Sie legte ihr die Hand auf die Stirn und sagte mit ruhiger Stimme: »Sei unbesorgt, mein Kind. ... Wenn du krank bist, werde ich die Pflege des Kindes übernehmen, einer Fremden wird es nie anvertraut werden.« Die junge Frau lächelte, ihre Augen leuchteten in dem Schatten der Vorhänge, sie stieß einen leisen Seufzer aus, murmelte einige verwirrte Worte und schlief ein. Als sie erwachte war es heller Tag, und der berühmte Arzt, der soeben angekommen, war in dem Nebensalon mit Louis. Er trat ein, warf seine Löwenmähne zurück und trat ans Bett. »Aber meine liebe gnädige Frau, was fällt Ihnen ein, meiner Hilfe zu bedürfen? Da wollen wir doch gleich einmal sehen, um was es sich eigentlich handelt.« Er befühlte ihren Puls, sah ihr in die Augen und maß die Temperatur ihres Körpers. Darauf wandte er sich zu Hérault und sagte: »Hat nicht viel zu sagen. Aber wir haben mehr als neununddreißig Grad und das können wir nicht brauchen.« Er zog ihn in die nächste Ecke und flüsterte ihm zu: »Sie ist dicht an einer Gehirnentzündung vorbeigeschlüpft. In ihren Augen ist die charakteristische Verengung der Pupillen deutlich bemerkbar. ...« Er sah Helene sich bewegen und trat an das Bett zurück. »Ich möchte jetzt den Säugling dieser schönen Kranken sehen.« Man brachte ihm den kräftigen, drallen Jungen, der sich lachend auf den Arm nehmen, betasten und küssen ließ. Ein angstvoll fragender Blick Helenes ruhte auf dem Arzte, als dieser den Ausspruch that: »Das Kerlchen kriegt ganz einfach die Flasche. Es ist zwar ein bißchen frühzeitig, aber er kann's auch mit guter Kuhmilch aushalten! Einverstanden, gnädige Frau?« Helene nickte schwach mit dem Kopfe, und zwei große Thränen rollten in den Batist ihres Kopfkissens. Rameau wendete sich darauf zu Louis und sagte ihm: »Wir dürfen sie nicht ermüden. ... Führen Sie mich in Ihr Zimmer, damit ich dort mein Rezept schreibe. ... Heute abend sehe ich wieder nach. ...« Sie gingen hinaus, und gleich darauf rollte die alte Frau Hérault ohne jemand zu befragen, und ohne jede Hilfe die Wiege des kleinen Pierre in das Zimmer und stellte sie dicht an das Fenster, so daß Helene sie vom Bett aus sehen konnte. Ein Blick innigster Dankbarkeit flog zu der Großmutter hinüber, Helene wollte sprechen, aber die alte Dame legte einen Finger auf den Mund, setzte sich und begann schweigend an ihrem Strumpfe weiterzustricken. Louis ging nicht aus dem Hause und fragte stündlich nach dem Befinden seiner Frau. Er führte Emilie, die sich schon früh am Morgen eingestellt hatte, zu der jungen Frau, von der sie freudig begrüßt wurde, und die in der Gesellschaft ihrer beiden Pflegerinnen, der Großmutter und der Freundin, wieder aufzuleben schien. Gegen Abend stellte sich jedoch das Fieber mit doppelter Heftigkeit wieder ein, und es war vorauszusehen, daß die Nacht sehr unruhig sein würde. Rameau verordnete ein beruhigendes Mittel und bereitete der Kranken einen Trank, der den Schlaf herbeiführen sollte. Er war durchaus nicht besorgt: die kräftige Natur Helenes mußte dem Leiden siegreich widerstehen können. Emilie blieb im Hotel Hérault, um die Großmutter am Krankenbett Helenes abzulösen. Sie leistete dem Gatten, der voll Angst um seine Frau in den verödeten Gemächern umherirrte, bei seiner Mahlzeit Gesellschaft. Zu Lady Olifaunt hatte Louis nicht gehen mögen, und einen Brief hatte er nicht von ihr erhalten. Von Sorge um seine Frau gequält, ohne Lebenszeichen von der Geliebten, steigerte er sich in eine finstere Wut gegen die ganze Welt und gegen sich selbst. Er nannte sich einen Elenden, daß er beim Krankenbett Helenes an Diana zu denken vermochte, und war doch nicht im stande, sich dem Zauber zu entziehen, den das schöne Weib, das ihm in seiner berückenden Schönheit, mit der weichen, verführerischen Stimme vor der Seele stand, auch in der Entfernung übte. Emilies Ankunft war eine große Erleichterung für ihn: einmal erfuhr er nun, was zwischen den beiden Frauen vorgegangen war, und dann konnte er mit ihr von Diana sprechen, und das war ihm eine Wohlthat, selbst wenn er sie verwünschen mußte und sich hoch und teuer verschwor, sie nie wieder aufzusuchen. Am Abend plauderte er mit Emilie in dem kleinen Salon, der vor Helenes Zimmer lag, und fluchte dem Tage, an dem er sich dem Einfluß dieses gefährlichen Geschöpfes ergeben hatte. »Denn gefährlich ist sie,« sagte er, »gefährlich wegen ihrer Kühnheit und ihrer Treulosigkeit. ... Ich kenne sie wohl. ... Sie ist die Sünde selbst!« »Und das ist es, was euch an ihr gefällt,« antwortete Emilie. »Güte, Einfachheit, Reinheit, das habt ihr an euern Frauen, euern Schwestern – Hausmannskost ist nicht pikant – die Herren der Schöpfung bedürfen andrer Reizmittel! Ihr braucht leichtfertige Personen, die euch 'was vormachen.« »Sie hat kein Herz,« fuhr Louis wütend fort, »sie ist kalt und grausam. Sie muß wissen, daß mich heute die Angst verzehrt, daß ich wissen möchte, was sie thut und denkt nach dem gestrigen Auftritt. ... Was kümmert sie das? Ich habe ihr die reizendste und beste Frau geopfert, und sie hat keinen Gedanken für mich. ... Nein, sie lacht und amüsiert sich! Nicht eine Zeile wird sie mir zukommen lassen, die herzlose, undankbare Kreatur!« »Und daran thut sie sehr wohl. Das ist's ja gerade, wodurch sie euch in der Hand hat. Wenn sie euch nicht wie Hunde behandelte, so könnte sie nichts mit euch anfangen – dressiert muß der Pudel werden! Undankbar und herzlos nennst du sie – bist du das vielleicht weniger? Was du um ihretwillen leiden magst, wiegt nicht auf, was deine Frau durch dich gelitten! Diana ist in diesem Falle nur das Werkzeug der Gerechtigkeit, die Sühne, die dir das Schicksal auferlegt! Das scheint dir zweifelhaft, weil wir heute von einer jungen, schönen Diana sprechen! Sie ist unbestreitbar sehr verführerisch, und in den Augen der Welt hast du Anspruch auf mildernde Umstände. Aber hast du dir schon einmal diese Diana gealtert und häßlich vorgestellt? Denn es kommt vor, daß Männer diese alten Dianen nicht mehr abschütteln können! Und du kannst mit Leichtigkeit in diese angenehme Lage kommen. Wenn du die Geduld deiner Frau erschöpfst, wird sie sich von dir trennen, und du wirst an deine Engländerin gefesselt bleiben und dein lebenlang Portwein trinken und mit Sir James Bezigue spielen müssen. Diese Aussicht entzückt dich ? ... Nicht? ... Nun, dann beweise einmal, mein kleiner Hérault, daß du kein Einfaltspinsel bist; gib dieser teuern Freundin, die recht vielen ganz ebenso teuer ist – das kann ich dir schriftlich geben – den Laufpaß und werde wieder ein anständiger Mensch!« »So wahr ein Gott lebt, das werde ich thun!« rief Louis. »Schwöre nicht, Louis, das ist ein schlechtes Zeichen, sondern handle! Aber morgen vormittag wird ein Brief kommen, und fort sind die schönen Vorsätze.« Sie ließ ihn allein, um Frau Hérault bei der Kranken abzulösen. Der erste Teil der Nacht verlief ziemlich ruhig, aber gegen zwei Uhr morgens wurde Emilie, die auf einem Lehnstuhl eingenickt war, durch das Geräusch einer Stimme emporgeschreckt. Sie erhob sich und in dem Halbdunkel des Zimmers sah sie Helene mit den Armen auf das Kopfkissen gestützt aufrecht dasitzen mit starren und wirren Augen, während sie laut in der Stille der Nacht phantasierte. Das junge Mädchen trat zu ihr und faßte ihre Hand. Die Kranke schien sie zu erkennen, ließ sich wieder hinbetten und sagte dann, in ihrem wirren Ideengange fortfahrend: »Wenn ich sterben müßte, würde er sie zwingen, sich von ihrem Gatten zu trennen und seine Frau zu werden. Meinen Platz würde sie in diesem Hause einnehmen, in meinen Zimmern wohnen, mein Kind würde ihr gehören. Wie begehrlich sie ihn angesehen hat... meinen kleinen Pierre ... damals in der Kirche, als ob sie ihn stehlen wollte. Alles würde ihr zufallen, was mir gehört. ... Und für mich würde nicht einmal die Erinnerung bleiben. ... Ein armseliges kleines Wort – mein Name auf einem Stein – das wäre alles!« Sie warf sich unruhig hin und her, Schweißtropfen perlten an ihrem Haar. Emilie beugte sich über sie und legte ihre kühlen Hände auf die Stirn der jungen Frau, als ob sie ein wenig von ihrer ruhigen Besonnenheit in den fieberglühenden Kopf der Kranken übergehen lassen könnte. »Deine Krankheit ist nicht gefährlich, Helene,« sagte sie sanft, »du wirst wieder gesund und glücklich werden!« »Ich werde am Leben bleiben ... ja,« rief die junge Frau mit starker Stimme, »ich werde leben, ich will leben, um die zu verteidigen, die ich lieb habe!« Sie wiederholte mehrere Male »ich will leben«, als ob ihrem durch das Fieber verwirrten Geiste nur dieses eine Wort, in dem sich ihr ganzer Charakter ausprägte, gegenwärtig wäre. Dann senkten sich unter Emilies mitleidsvollem Blick allmählich ihre Wimpern; sie schlief ein. Als Rameau früh am nächsten Morgen kam, fand er die Kranke ruhig, das Fieber hatte nachgelassen, und Helene befand sich entschieden auf dem Wege der Genesung. Auch Louis schien weniger aufgeregt und nervös. Er blieb einige Minuten im Zimmer seiner Frau und war voll inniger Zärtlichkeit. Helene nahm diese Kundgebungen seiner Liebe mit wehmütiger Freude auf; von jetzt an durfte sie ja nicht mehr rückhaltlos dem Zuge ihres Herzens folgen. Zwischen ihr und ihrem Gatten mußte immer das Bild Dianas stehen. Sie wies ihn indessen nicht zurück, gab aber Emilie ein Zeichen, ihn hinauszuführen. Sie wollte mit sich ins klare kommen, wie ihr zukünftiges Verhalten ihm gegenüber zu regeln sei, und jetzt, da sie wiederum in den Besitz ihrer Geisteskräfte gelangt, überlegen, in welcher Weise ihre traurige Lage sich am erträglichsten würde gestalten lassen. Sie anerkannte, daß Louis sich bei ihrer Krankheit aufmerksam und besorgt gezeigt hatte, und sagte sich, klug und nachsichtig wie sie war, daß er ebensogut gleichgültig hatte bleiben können. Wie immer, suchte sie auch jetzt die beste Seite an allem herauszufinden und grollte nicht mit dem Leben, das ihr so böse mitgespielt hatte. Hatte sie ja noch eine gute Mutter, eine ergebene Freundin und ein reizendes Kind: sie dankte dem Himmel dafür, ihr solchen Trost genährt zu haben, und verzweifelte noch nicht an der Zukunft. Ueber den Geistes- und Gemütszustand ihres Gatten gab sie sich sehr genaue Rechenschaft. Seine Schwäche und Unbeständigkeit waren nie ein Geheimnis für sie gewesen, aber sie hatte in ihrem stolzen Mut gehofft, Herrschaft über ihn zu gewinnen und ihn leiten zu können. Er hatte sich frei zu machen gewußt, und eine andre war glücklicher als sie gewesen und hatte diesen Unbotmäßigen sich unterworfen, um ihn auf Abwege zu führen. Dieser Einfluß mußte sehr mächtig sein, da Louis sich nicht einmal durch seinen Abscheu vor Lüge und Verrat auf den guten Weg hatte zurückführen lassen. Beargwöhnt, beobachtet, entdeckt, gedemütigt vor seiner Frau, fuhr er dennoch fort, sie zu hintergehen. Die Fäulnis mußte sein Herz erfaßt haben, und vielleicht würden glühende Eisen nötig werden, um die Wunde auszubrennen und zu heilen. Weder vor noch nach dieser heftigen Erschütterung hatte Helene auch nur eine Sekunde lang daran gedacht, ihr Mißgeschick ruhig hinzunehmen und sich zu bescheiden. Sie war entschlossen, nicht zurückzutreten vor der Maitresse, sie wollte ihre Rechte, die Rechte der Gattin verteidigen, Sie bildete sich keineswegs ein, daß ihr Unglück eine ungeheuerliche Ausnahme sei, die zum Schrei der Verzweiflung berechtige. Die Männer alle erschienen ihr schwach, von Leidenschaften beherrscht, von Lastern unaufhörlich verfolgt, sie glaubte nicht, daß Louis schlimmer sei als die andern und nahm die Menschheit hin, wie sie war: hinfällig und sündhaft. Sie war aber andrerseits überzeugt, daß es ihr mit Geduld, Energie und Nachsicht gelingen müsse, den Unglücklichen aus dem Lasterpfuhl zu retten, in den er versunken. Sie war entschlossen, ihm gegenüber kein Wort über ihren Wortwechsel mit Lady Olifaunt zu verlieren, ihm durch keine Andeutung zu verraten, daß sie von seinem Treiben genau unterrichtet sei, ihm keinerlei Szenen zu machen, sondern zu warten, bis er selbst eine Gelegenheit herbeiführen würde, bei der sie ihren Gefühlen Luft machen und einen Kampf ausfechten könnte, der nicht anders enden durfte, als mit der vollkommenen, endgültigen Niederlage ihrer Feindin – oder ihrer eignen. Als ob diese tapferen Vorsätze auch ihren Körper gekräftigt hatten, erholte sich Helene schnell von ihrer Krankheit, und nach einer Woche war sie vollkommen wiederhergestellt. Louis hatte während dieser acht Tage das Haus nicht verlassen. Er war immer liebevoll und aufmerksam, und seine anfangs gedrückte Stimmung war wieder seiner früheren herzgewinnenden Liebenswürdigkeit gewichen, Helene hatte diese Veränderung der Freude über ihre Genesung zugeschrieben; hätte sie besser im Herzen ihres Gatten lesen können, würde sie vor Scham errötet sein. Nach vierundzwanzig Stunden banger Erwartung hatte Louis ein paar Zeilen von Diana erhalten. Die junge Frau war erstaunt, ihn seit der Soirée bei Lereboulley nicht wiedergesehen zu haben, und machte ihm darüber zärtliche Vorwürfe, Obgleich sein Groll durch das Erscheinen dieser ersehnten Mitteilung sich etwas vermindert hatte, brachte er es doch fertig, ihr kurz und trocken zu antworten, daß seine Frau krank sei und er sie nicht verlassen könne. Diana hatte ihn darauf in Briefen bestürmt, zu ihr zu kommen, wenn auch nur auf einen Augenblick; wußte sie doch, daß sie ihn, sobald er bei ihr war, festhalten konnte, solange es ihr gefiel. Aber er widerstand mit großer Hartnäckigkeit ihren Bitten und Befehlen, lachte über die Heftigkeit, mit der sie ihn verfolgte, und hielt sich wohlweislich fern von ihren Verführungskünsten wie von ihren Zornesausbrüchen. Er erhielt dagegen täglich Nachricht über sie von Thauziat, der jeden Morgen kam, um sich nach dem Befinden Helenes zu erkundigen und seinem Freunde von der Erbitterung der reizenden Frau und den Qualen, die sie, um sich zu rächen, den unglücklichen Lereboulley ausstehen ließ, berichtete. Sie scherzten beide darüber; denn auch Thauziat hatte seine gute Laune wiedergefunden und wurde nur sehr ernst, wenn Louis davon sprach, Diana wieder besuchen zu wollen. In ihm kämpfte das heiße Verlangen, Louis für ewig von Helene getrennt zu sehen, und die Furcht, daß die junge Frau unter dieser Trennung furchtbar leiden werde, und schließlich kam er dahin, der Unbeständigkeit des Gatten zu fluchen und seine Leidenschaft dem Glücke derjenigen zu opfern, die er vergötterte. Er dachte und fühlte groß genug, um mehr als einmal in Versuchung zu sein, dem verblendeten Freunde zu sagen: »Thor, der du bist, nimm dich in acht; von allen Seiten bist du von Fallstricken umgeben und du kannst auf dem Wege, den du betreten, nicht einen Schritt weiter thun, ohne dein und andrer Glück niederzutreten.« Eines Tages ging er in seinem Freimut Louis gegenüber sogar so weit, ihm zu bemerken: »Du bist sehr unvorsichtig, nicht mehr an die Verteidigung deines Eigentums zu denken, als an das Plündern fremden Besitzes. Wenn deine Frau aufhörte, dich zu lieben, wer weiß, ob sie gegen die aufrichtige Liebe eines andern gewappnet wäre. ...« »Gegen wessen Liebe?« »Nun zum Beispiel gegen die meinige!« Louis antwortete lachend: »Bah, zwei Jahre sind darüber hingegangen, und diese schöne Flamme ist längst erloschen. Uebrigens scheinst du dich denn doch für ein bißchen zu gefährlich zu halten. ... Meinetwegen, mache meiner Frau den Hof, es wird sie zerstreuen! ... Ich bin ihrer sicher!« Eine tiefe Falte grub sich in Thauziats Stirn und ein verächtliches Lächeln zuckte um seine Lippen. Diese cynische Sorglosigkeit, die Louis zur Schau trug, hatte ihn nicht erfreut, sondern tief geschmerzt. Er dachte nicht an sich, sondern an die, welche von ihrem Gatten so schnöd mißachtet wurde. An dem Tage, als Frau Herault zum erstenmal das Bett verlassen und einige Schritte in ihrem Zimmer auf und ab gehen konnte, entschloß sich Louis endlich, Lady Olifaunt zu besuchen. Es war vier Uhr, als er sich in ihrem Hause einfand; Diana war soeben mit Sir James nach Hause gekommen. Auf einen Diwan in dem japanischen Salon ausgestreckt, durchblätterte sie flüchtig einen Roman; im Nebenzimmer, dessen Thür geöffnet war, hörte man Sir James verschiedene Kästen öffnen und wieder verschließen. Als die schöne Engländerin Louis erblickte, ließ sie einen unterdrückten Freudenruf hören, legte aber dann gleich einen Finger auf den Mund, als wolle sie ihm einen in diesem Hause ungewohnten Zwang auferlegen. Er blieb erstaunt stehen und fragte sich, was eigentlich vorginge, als Sir James mit einem reizenden Miniaturbild in der Hand erschien. »Ah ... Sie da, Herr Hérault,« sagte der Engländer mit kaltem Lächeln. »Freue mich unendlich, zu Hause zu sein, um Sie empfangen zu können. Setzen Sie sich doch! ... Meine liebe Diana, hier ist das fragliche Bild. ... Es stellt Fräulein de Fontanges dar und ist von Petitot gemalt. ... Die Emaille hat einen bedeutenden Wert. ... Sieh zu, ob dir diese Frisur gefällt.« »Es handelt sich um einen Kostümball,« fügte Diana, das Bild betrachtend, hinzu. »Ich glaube nicht, daß diese Locken mich gerade häßlich machen werden.« »Wir haben lange nicht das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen, Herr Hérault,« hob Sir James wieder an. »Nicht mehr seit dem Musikabend unsres teuren Lereboulley. ... Sie haben während dieser Zeit viel Sorgen und Unruhen ausgestanden. ... Hat sich Ihre reizende Frau von ihrem Unwohlsein wieder vollkommen erholt?« »Vollkommen,« erwiderte Louis, erstaunt über die Besorgnis, die der Engländer plötzlich für Helene an den Tag legte. »Freut mich ... um so mehr, als wir in vierzehn Tagen einen Ball geben werden. ... Ja ... wir haben im Sinn, all die Freundlichkeiten zu erwidern, die man uns erwiesen. ... Ich hoffe, daß Sie mit Ihrer Frau Gemahlin uns die Ehre erzeigen werden.« Diese Worte klangen Louis wie eine Kriegserklärung, Er ahnte, daß ihm von Diana und ihrem würdigen Gatten geschickt eine Falle gestellt wurde; und um zu wissen, woran er sich zu halten habe, antwortete er sehr entschlossen: »Ich werde mit dem größten Vergnügen Ihrer Einladung Folge leisten, Sir James, aber ich kann Ihnen kaum in Aussicht stellen, daß meine Frau mich begleiten wird. Ihr ist vom Arzt noch für einige Zeit die größte Schonung anbefohlen, und sie wird daher vermutlich Ihre liebenswürdige Einladung ablehnen müssen.« Das Gesicht des Engländers nahm jenen eisigen und drohenden Ausdruck an, den es zu tragen pflegte, wenn er mit Lereboulley über den Wert eines Gemäldes oder die Echtheit eines neuangekauften Kunstgegenstandes stritt. Er trat zum Kamin und sagte, indem er sich an denselben lehnte, trocken: »Das ist sehr bedauerlich für meine Frau und mich. Im höchsten Grade bedauerlich! Man hat uns von verschiedenen Seiten darauf aufmerksam gemacht, wie allgemein bemerkt werde, daß unsre Gesellschaften nur von Herren besucht seien – von einem sehr gewählten Kreis gebildeter Männer allerdings – aber schließlich eben doch nur von Männern ohne ihre Frauen, Töchter oder Schwestern. Uebelwollende haben diese Thatsache ausgebeutet und Waffen der Verleumdung gegen uns daraus geschmiedet. Lady Olifaunt und ich haben infolgedessen beschlossen, unsre verheirateten Freunde, die bei uns als Junggesellen zu verkehren pflegten, nicht mehr zu empfangen. Wir hatten uns bis jetzt ohne Bedenken dieses anregenden, vertraulichen Verkehrs gefreut, allein man darf die Meinung der Welt nicht außer acht lassen. Aus diesen Gründen ist es so sehr zu beklagen, daß Frau Heraults Gesundheitszustand sie noch an ihr Haus fesselt, und damit die uns außerordentlich wertvollen Beziehungen zu Ihnen für einige Zeit eine Unterbrechung erleiden müssen.« Louis erhob sich ein wenig bleich, und sich an Diana wendend, die unbeweglich auf ihrem Diwan ausgestreckt lag, sagte er: »Wenn ich mich nicht täusche, gnädige Frau, so gibt mir Sir James in aller Form den Abschied!« Von Dianas Lippen kam nur ein höchst undeutlicher Laut, den man ebensogut für einen Seufzer, als für ein mühsam zurückgehaltenes Lachen halten konnte. »Den Abschied?« wiederholte Sir James mit abwehrender Handbewegung. »Ich bin zu höflich, um in dieser Weise gegen einen Gentleman vorzugehen, aber Sie kennen die Welt zu gut, um meine Beweggründe nicht zu verstehen.... Uebrigens will ich es Lady Olifaunt überlassen, Ihnen die Angelegenheit noch besser auseinanderzusetzen.« Er reichte Louis seine Hand, die dieser widerwillig ergriff, und entfernte sich, nachdem er seiner Frau einen Kuß auf die Stirn gedrückt. Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen, als Diana vom Diwan aufsprang und ihrem Geliebten mit verstörtem Gesicht zurief: »Da sind Sie also endlich! Sie ahnen nicht, welch ein Leben ich seit acht Tagen führe. ... Ich habe Ihnen nicht zu schreiben gewagt, da ich ja nur zu gut weiß, wie sicher meine Briefe bei Ihnen aufbewahrt werden! ... Ich weiß nicht, welche furchtbaren Mitteilungen Sir James zugetragen worden sind. ... Er behauptet, er sei in seiner Ehre gekränkt und es sei deshalb notwendig, daß wir entweder unser Leben in Paris anders gestalten, oder nach England zurückkehren.« »Und da würde er Sie mit sich nehmen?« rief Louis. »Dann geschieht also alles mit Ihrer Einwilligung, denn er thut ja nur, was Sie befehlen!« »Er behandelt mich meist wie ein verwöhntes Kind, wenn es sich aber um ernste Dinge handelt. ... Und was kann es Ernsteres geben, als die Gerüchte, die über uns umgehen. ... Man sagt, Sie verließen unser Haus überhaupt nicht mehr. ... Die schreckliche Szene, die bei Lereboulley stattgefunden, ist ausgeschwatzt worden. ... Durch wen? Durch niemand anders, als diese abscheuliche Emilie, denn weder Ihre Frau, noch Thauziat, noch Lereboulley haben ein Wort davon verlauten lassen. ... Sie wissen, wie neidisch alle diese häßlichen, vernachlässigten Frauenzimmer auf mich sind! Diese Woche bin ich Demütigungen, Beleidigungen ausgesetzt gewesen. ... Ich kann nicht mehr ohne Herzklopfen in einen Salon treten. ... Und alles das Ihretwegen. ... Ich klage nicht. ... Aber thun Sie wenigstens Ihrerseits alles, was Sie können, um mir weitere Unannehmlichkeiten zu ersparen.« Sie hatte ihn neben sich auf den Diwan gezogen, und an ihn geschmiegt, hielt sie ihn mit ihrem weißen Arm umfangen, den der weite Aermel des phantastischen, mit einem goldnen Gürtel an der Taille geschlossenen vieux rose-Damastgewandes vollständig entblößt ließ. Ihr kleines Köpfchen mit den blauen Augen, die unter dem lockigen Goldhaar funkelten, lag an Louis' Brust, und ihre schwellenden Lippen schienen um einen Kuß zu flehen, dem sie sich aber geschickt entzog, sobald der junge Mann seinen Mund dem ihrigen näherte. Rasch und unvermittelt von der Zärtlichkeit zum Schmollen, von Fröhlichkeit zum Schmerz übergehend, schien sich in dieser einen der Reiz der verschiedensten Frauennaturen zu vereinen; unter der Glut dieser Blicke überkam Louis die alte Liebestrunkenheit, und mit heißem Verlangen zog er das berückende Geschöpf an sich. Wieder ganz in der Gewalt seiner fieberhaften Leidenschaft, hatte seine Seele nur noch Raum für Diana;, er fragte sich, wie er es fertig gebracht, ihr eine ganze Woche hindurch fern zu bleiben, und hatte keinen andern Gedanken mehr, als ihren Besitz, für den er eine Welt geopfert hätte. Zwischen ihren Liebeständeleien fing Diana immer wieder an, ihm zu beweisen, daß es nur ein sehr kleines Opfer für ihn wäre, seine Frau zu dieser Soiree mitzubringen. Es würde ja genügen, wenn sie sich nur einen Augenblick in den Salons zeigte, ein einziges Mal dort gesehen würde. Damit wäre allem Gerede die Spitze abgebrochen, man könnte jedem Verleumder entgegenhalten: »Der beste Beweis, daß Louis Hérault nicht der Geliebte Lady Olifaunts, ist, daß Frau Hérault bei ihr verkehrt.« Natürlich würde Helene ihren Stolz ein wenig beugen müssen, aber wäre es denn etwas so Entsetzliches, ihr, der tief Beleidigten, eine so kleine Genugthuung zu gewähren? All diese verräterische Klugheit wurde ihm mit so berauschenden Küssen beigebracht, daß ihr Stachel nicht bemerkbar wurde, und Louis feierlichst gelobte, seine Frau zu veranlassen, ihn zu begleiten. Die leidenschaftlichsten Liebesbezeigungen belohnten ihn für seine ehrlose Feigheit. Diana war überströmend dankbar und konnte ihren Jubel über diese ihr gebotene Gelegenheit einer Rache an Helene kaum beherrschen, ja sie vergoß sogar Thränen. Noch nie hatte sie mit solcher Wahrheit gesagt: »Ich liebe dich«, wie heute, wo dies Wort einem tödlichen Haß entquoll. Welche Niederträchtigkeit er mit diesem Versprechen begangen, daß er sich mit demselben zum Mitschuldigen einer Verschwörung gegen seine Frau gemacht, kam ihm gar nicht in den Sinn; die Leidenschaft hatte alle andern Regungen und Gedanken verschlungen – was galt ihm der Preis, wenn er sie nur befriedigen konnte! An diesem Abend kam Louis zum erstenmal seit Helenes Erkrankung nicht zu Tisch nach Hause und am nächsten Tage begegnete er seiner Frau wieder mit jener kühlen Liebenswürdigkeit, die sie schon so lange schmerzlich empfunden. Helene, die ihn jetzt scharf beobachtete, erkannte sofort die mit ihm vorgegangene, sich auf seinem Gesicht widerspiegelnde Veränderung, wie sehr er dieselbe auch zu verbergen bemüht war. Die junge Frau zerbrach sich vergeblich den Kopf, welch neues Ereignis dieses ihr jetzt fest verschlossene Herz bewegen mochte; sie befragte Emilie, aber diese wußte ihr keine Auskunft zu erteilen. Lange indes sollte die Ungewißheit für Helene diesmal nicht dauern. Sie fand eines Morgens unter den an sie adressierten Briefen folgende Einladungskarte: »Sir James Olifaunt, Baronet, und Lady Olifaunt bitten Herrn und Frau Hérault, ihnen die Ehre zu erweisen, der Soiree beizuwohnen, die sie u. s. w.« Die junge Frau las nicht weiter. Auf dem Streifen Bristolpapier hätte ebensogut stehen können: »Helene Hérault ist die Sklavin Lady Olifaunts und kann von derselben ungestraft verhöhnt, beleidigt und gepeinigt werden,« es würde sie das nicht tiefer erregt haben. Sie hörte nicht, wie Louis eintrat. Er schritt zu dem Fauteuil, auf dem sie saß, ohne daß sie sich von ihrer Erstarrung erholt hatte. »Was ist dir denn?« fragte er sie. Sie sah auf, warf einen trauervollen Blick auf ihren Gatten und reichte ihm, ohne ein Wort zu sprechen, die Einladungskarte. Er zitterte, seine Lippen preßten sich zusammen, er senkte die Blicke zu Boden und eine heftige Angst schnürte ihm das Herz zusammen, und doch stand er nicht von der Ausführung seines schändlichen Versprechens ab. Er überflog die Karte und sagte leichthin: »Eine Einladung von den Olifaunts! Richtig, ich hatte vergessen, dir etwas davon zu sagen!« »Du wußtest also, daß wir sie erhalten würden?« Mit trotziger Kühnheit erwiderte er: »Ja!« ... Dieser schwache Mensch wurde unbeugsam, wenn er erst einmal einen Entschluß gefaßt. Helene schreckte bei dieser unumwundenen, rücksichtslosen, klaren Bejahung zusammen. Das Gefühl, daß sie verlassen und geopfert war, überkam sie mit solcher Heftigkeit, daß ihr die Thränen in die Augen traten. Dennoch fuhr sie vorsichtig prüfend fort: »Du hast doch nicht zugesagt?« Sie hatte die Worte halblaut gesprochen und in einem innigen Tone, als ob sie um Gnade bäte. Sie hätte einen Henker gerührt, aber sie hatte es mit ihrem Gatten zu thun. »Ich würde lieber nicht hingehen, und vor allem hätte ich es dir gern erspart, mich dorthin zu begleiten,« sagte er, »aber ich habe mich besondern und sehr ernsthaften Rücksichten fügen müssen und habe deshalb bestimmt zugesagt.« »Aber du weißt doch, wie man von dieser Frau spricht?« wandte sie sanft ein. »Man spricht so vieles, und das Gerede der Leute ist meist so thöricht und häßlich, daß man am besten thut, nicht darauf zu achten. Lady Olifaunt wird überall empfangen. ...« »Aber man geht nicht zu ihr.« »Weil man bisher keine Veranlassung dazu gehabt hat. Es ist dies das erste Mal, daß sie viele Menschen bei sich sehen, sonst ist es immer nur ein intimer Kreis.« »Zu dem auch du gehörst,« »Zu dem zu gehören ich mich glücklich schätze! Lady Olifaunt ist eine reizende Frau, die sehr an ihren Freunden hängt.« »Und an ihren Liebhabern.« »Helene!« Der Ton der beiden Gatten war wie ihre Worte immer heftiger geworden. Empört über die gewaltthätige Herrschermiene, die Louis ihr gegenüber annahm, richtete sich Helene hoch auf. Sie zitterte vor Entrüstung: eine dumpfe Wut drängte ihr die bittersten Worte auf die Lippen, und sie fand eine schmerzliche Lust darin, in diesem entsetzlichen Kampfe Schlag auf Schlag erwidern zu können. Sie trat heftig ein paar Schritte vor und sagte mit fester, harter Stimme, wie sie Louis noch nie von ihr vernommen: »Höre, Louis ... wir stehen vor einer der schwersten Entscheidungen unsres Daseins: wir müssen den Ernst dieser Stunde erkennen und vollkommene Offenheit walten lassen. Du wirst zugestehen müssen, daß du bis jetzt nie ein Wort der Klage von mir gehört, und dennoch hätte ich Grund genug dazu gehabt. Du hast mich getäuscht, und ich habe geschwiegen,, du hast Lüge auf Lüge gehäuft, und kein Laut des Vorwurfs kam über meine Lippen, du hast mich inneren Qualen ausgesetzt, die mich auf das Krankenlager warfen und die unserm Kinde das Leben hätten kosten können ... und auch da habe ich geschwiegen. Aber heute, wo du mich zwingen willst, dem Wunsche deiner Maitresse zu gehorchen, wo du von mir forderst, daß ich ihr wie einer Freundin, einer Gleichgesinnten begegne und ihr einen Triumph ohnegleichen bereite ... heute empöre ich mich; den Kummer habe ich ertragen, niemals aber werde ich Schande und Schmach schweigend auf mich nehmen! Die Thränen, ja, wenn es schon sein muß, den Schmutz nie!« »Wie kann denn hier die Rede von einem Triumph sein, und worin sollte die Schande bestehen?« versetzte Louis mit zitternder Stimme, denn der Widerstand, auf den er stieß, war ein heftiger, und er war von Natur jedem langwierigen Kampfe abgeneigt. »Es handelt sich einfach darum, eine Stunde lang sich in einem Salon zu zeigen, wo die beste Gesellschaft von Paris versammelt sein wird.« »Angesichts derer ich diese demütigende Rolle nicht spielen werde. Als Schaustück für die unverschämte Neugierde aller Anwesenden vorgeführt werden und die Ruhe, mit der ich die mir auferlegte Erniedrigung ertrage, von fremden Menschen loben oder tadeln hören – nie und nimmermehr!« Louis schwieg einen Augenblick. Er schien zu überlegen; dann sagte er, als hatte er plötzlich neue Kraft gewonnen: »Was die Erniedrigung betrifft, so hast du an jenem Abend bei Lereboulley Lady Olifaunt eine solche auferlegt. Damals war sie als Schauspiel für die Neugierde und Schadenfreude der Menschen preisgegeben, weil du sie in Gegenwart ihrer und unsrer Freunde beschimpft hast. Dein Erscheinen in ihrem Hause wird nur einigermaßen das Unrecht, dessen du dich ihr gegenüber schuldig gemacht, und das sie nicht verdient hat, wieder gut machen. Auf was für Beweise stützen sich denn deine Anklagen? Bis heute habe ich es für überflüssig gehalten, mich zu verteidigen, sehe mich aber jetzt zu meinem Bedauern dazu gezwungen, da deine Eifersucht dich abhält, diese notwendige Sühnung deines Fehlers auf dich zu nehmen.« »Eine notwendige Sühnung – ja, das heißt eine dir zur Bedingung gemachte, und die du grausam genug bist, von mir zu verlangen, um dich eines süßen Lohnes zu versichern. Hältst du mich wirklich für so schwach, dir das zu bewilligen? ... Nun denn, so überzeuge dich, daß du dich in mir getäuscht, und gib es auf, mich noch weiter zu beschimpfen. Ich weiß, was ich zu wissen brauche, ich habe keinen bloßen Verdacht, ich habe Gewißheit. Ich habe dich zu deinem Rendezvous gehen sehen, ich habe den Brief in Händen, in dem dir dieses Stelldichein gegeben wurde, ich habe geschwiegen, nicht aus Furcht vor dir, o nein, sondern aus Liebe. Ich hoffte, daß du Einkehr in dich selbst halten würdest, wenn du sähest, wie sehr ich litt, und daß du zu der zurückkehren würdest, die dich wirklich liebt, die nur dich geliebt hat und nur dich lieben wird! Aber statt dich zu rühren, habe ich dich nur bestärkt! Da es dir so leicht gemacht wurde, bist du ruhig auf deinem Wege fortgegangen. Und jetzt verlierst du allen moralischen Halt, jetzt wagst du von mir zu verlangen, mit meiner Ehre vor der Welt die Laster der Person zu verdecken, die dich mir gestohlen hat. Du verlangst, daß ich meiner Nebenbuhlerin zum Tugendmantel diene? ... Du würdest nicht erröten, uns der Gesellschaft Hand in Hand zu zeigen? ... Deine Frau, die deinen Namen trägt, die Mutter deines Kindes, freundschaftlich an diese Dirne geschmiegt? ... Bedenke es wohl, Louis, nimm deinen Verstand zusammen, bürde mir nicht das Entsetzlichste auf! Nach dem, was ich dir soeben gesagt, kannst du ja nicht mehr auf deinem Willen beharren! ... Achtest du mich denn nicht mehr? ... O, sage mir alles; welch entsetzlicher Schwur bindet dich denn, daß du der Stimme der Vernunft, meinem heißen Flehen unzugänglich bist? Hast du dich wirklich verbindlich gemacht, mich mitzubringen?« Bleich, die Züge von innerer Qual verzerrt, vermochte Louis kein Wort hervorzubringen. Er wagte nicht, den Blick zu Helene zu erheben, und stand regungslos, die Augen starr zu Boden gesenkt, mit einem Ausdruck geistiger Verwirrung unausgesetzt eine Blume des Teppichs fixierend. Helene, der das Herz zum Zerspringen klopfte, trat auf ihn zu mit bebenden Lippen, aber vollkommen Herrin ihrer selbst, fest und entschlossen in ihrer Willenskraft. Sie nahm seine Hand und zwang ihn, die Augen zu ihr zu erheben. »Louis,« sagte sie weich, »nicht wahr, es handelt sich darum, den Ruf jener Frau zu verteidigen, zu beweisen, daß du nicht ihr Geliebter bist? Man hat dir eine Falle gestellt? Du hast es nicht abschlagen können und hast dein Ehrenwort darauf gegeben, daß ich kommen werde.« Er war nicht im stande, die Zähne auseinanderzubringen, und bejahte nur mit einer Neigung des Hauptes. »Es st gut,« sagte Helene ruhig, »selbst solchen Menschen gegenüber darfst du nicht wortbrüchig werden, ich werde kommen.« Jetzt sah er zu ihr auf, die in wunderbarer Hoheit vor ihm stand. Nichts Exaltiertes, Gewaltsames, Theatralisches lag in ihrem Wesen, sie brachte dieses Opfer ihrer Frauenwürde mit der schweigenden Selbstverleugnung eines mütterlichen Empfindens. Er wollte sprechen, aber die Kehle war ihm zugeschnürt, er streckte, Gnade flehend, die Hand aus, und in einen Fauteuil sinkend, brach er in Schluchzen aus. Tief traurig und voll himmlischer Barmherzigkeit sah sie auf den Weinenden herab und die Worte Emilies kamen ihr ins Gedächtnis: Ein Kind, ein wahres Kind! Sie war an ihn herangetreten und wischte sanft die Thränen ab, die über seine Wangen herabrannen. Da faßte Louis ihre Hand, zog sie mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit an die Lippen und fand endlich Worte für das, was in seinem Herzen vorging. »O, ich bin feige und erbärmlich, und du – du bist tapfer und hochsinnig, wie keine andre Frau! Was für ein böser Geist ist denn in mir, der mich dem Laster in die Arme treibt und gegen den nicht einmal die Liebe zu dir, die trotz alledem in meiner Seele lebt – o, du weißt es ja – mich zu feien vermag? Ich verachte die Frau ... es gibt Augenblicke, wo ich sie hasse ... und doch kann ich mich nicht von ihr losreißen! Ich werfe mir die Schändlichkeit meiner Aufführung vor, ich sage mir, wie schmählich, wie erbärmlich meine Handlungsweise ist, auf meinen Knieen möchte ich deine Vergebung erflehen, und wenn du dann einen Schwur von mir fordern wolltest, von dieser wahnsinnigen Leidenschaft zu lassen, so würde ich zum Meineidigen ... ich weiß es ja, ich konnte mein Wort nicht halten. ... O, ich bitte dich – dich, die du so stark bist, entreiße mich mir selbst, gib mir Mut und Stolz wieder. ... Warum hast du dich von mir gewendet? Warum hast du mich seit einem Jahre mir selbst überlassen? Ich würde alle diese Fehltritte nicht begangen haben, wenn du immer an meiner Seite gewesen wärest, um mich zu führen und mich zu stützen. Ich bin ein bedauernswerter, unglücklicher Mensch, ohne Energie, ohne Ehrgefühl: ich habe dich tief gekränkt, und du, die du so himmelhoch über mir stehst, hast mir kaum einen Vorwurf gemacht. O, welch ein Elender bin ich ; wie sehr bin ich deines Mitleids unwürdig! Geh, verlaß mich! Bleibe bei meiner Großmutter, auf daß sie nicht einsam sterben muß, aber ergib dich nicht länger schweigend darein, die Qual zu tragen, die meine Gegenwart dir bereitet – ich werde gehen, verschwinden.« Sie sah ihn mit einer Miene des Vorwurfes an. »Und dein Kind?« sagte sie. »Du denkst also gar nicht an den kleinen Pierre? An mir ist ja nicht viel gelegen, und aus herzlicher Zuneigung zu dir bin ich zu jedem Opfer bereit. Ich war nur eine arme, kleine Arbeiterin, die in einer Mansarde wohnte, als deine Großmutter mich in euer Haus führte und mich wie ihre Tochter aufnahm. Das werde ich nie vergessen, und ich werde durch meine Hingabe an euch, an dich und sie meine Schuld der Dankbarkeit abtragen. Schließlich kannst du dir ja sagen, daß du genug für mich gethan, indem du mir deinen Namen, dein Vermögen und ein ganzes Jahr des Glückes geschenkt! ... Aber dein Kind! Du sprichst davon, fortzugehen, zu verschwinden; du glaubst also deiner Pflichten gegen dasselbe ledig zu sein? Bedenke, daß du ihm eines Tages zum Vorbild dienen mußt. Nicht mit einem Schlage bereitet man sich für diese Aufgabe vor, man muß lange zuvor an dieselbe herangehen. Die Mutter allein genügt dem Sohne nicht, auch der Vater hat ihm gegenüber Pflichten zu erfüllen. Verzeihe mir, daß ich in diesem Tone zu dir spreche. Aber du weißt nicht, wie lieb ich dich habe und welche Opfer ich bringen würde, um einen bessern Menschen aus dir zu machen. Es fehlt dir ja nur ein wenig Vernunft und Selbstbeherrschung, denn im Herzen bist du gut und edelmütig. Versprich mir wenigstens, daß du nach Kräften gegen die Versuchung kämpfen und zu uns zurückkehren wirst, zu uns, die dich wahrhaft lieben. Wir könnten so glücklich sein! O Louis, das wäre so leicht, so einfach und so selig!« Wenn er sie hörte, dachte er, daß das freilich leicht, so einfach und beseligend wäre, daß er dann nicht mehr zu lügen und Versteck zu spielen brauchte, daß er nicht mehr unter dem drückenden Bewußtsein eines schuldbeladenen Gewissens zu leiden haben würde. Die schönen Tage von Boissise traten wieder vor seine Seele in ihrer stillen Heiterkeit und ihrer wohlthuenden Ruhe. Was verhinderte ihn, diese reizenden Tage wieder aufleben zu lassen, in denen er Geist und Herz so frei gefühlt hatte? Warum konnte er nicht mit Helene nach Italien oder Spanien, in ein Sonnenland reisen, weit fort von allen Intriguen und in Sicherheit vor allen Versuchungen? Er war im Begriff, ihr zu sagen: »Laß uns abreisen!« Aber plötzlich erschienen vor seinem inneren Blicke die blauen Augen, die rosigen Lippen und das Goldhaar der schönen Engländerin – und all die heilsamen und sonnigen Gedanken waren wie weggeblasen! Dazu gesellte sich die Stimme falschen Stolzes: »Was wird man von dir denken? Da wird es heißen: Der kleine Junge hat Schelte gekriegt, nun ist er wieder artig! Vor einer Gardinenpredigt willst du zu Kreuz kriechen und den reuigen Sünder spielen? Du bist also nicht mehr Herr im Hause? Schwachkopf, der sich von den abgedroschenen Phrasen von Familienglück bethören laßt! Kennen Männer, wie du, eine andre Regel, als ihre Launen? Sind moralische Bande stark genug, um sie zu fesseln? Gehörst du zu jenen, die sich willig zum Opfer kindischer Vorurteile machen lassen? Zählst du denn nicht zu jenen Ausnahmemenschen, die sich von jedem sozialen Zwang zu befreien wissen?« In diesem Augenblick ging eine vollständige Veränderung in seinem Geiste vor. Er nannte sich dumm und einfältig, weil er nahe daran gewesen, sich kleinlichen, hausbackenen Rücksichten zu fügen. Der Dämon trug den Sieg in seinem Herzen davon, die warme Regung bessrer Gefühle wich einer eisigen Kälte. Jede Spur von Reue war verflogen, und in seinem Herzen lebte nur der ungestüme Wunsch, seine Laune zu befriedigen. Er wagte indessen doch nicht, so schnell seine Tonart zu ändern; er nahm die Hand Helenes, drückte sie und führte sie noch einmal an seine Lippen. Die junge Frau hatte auf den Zügen ihres Gatten seinen Gedankengang verfolgt und deutlich wahrgenommen, wie er seine Kaltblütigkeit allmählich wieder erlangte. Die süßlichen Redensarten, die er vor seinem Weggehen an sie richtete, verhallten wie ein inhaltloses Geräusch in ihren Ohren, und als sie allein war, brach sie in heiße Thränen aus, über die vollkommene Nutzlosigkeit ihrer Anstrengungen. Von jetzt an hoffte sie nicht mehr, den Undankbaren, der sie verriet, durch ihre unausgesetzte Milde und ihre unerschöpfliche Hingebung zu sich zurückzuführen, und doch verlor sie den Mut nicht und änderte ihr Benehmen nicht, im Gegenteil hatte sie vielleicht noch nie so viel Reiz und Liebenswürdigkeit entfaltet, als in diesen Tagen der Prüfung. Sie hatte ihr Schicksal herausgefordert, und in diesem Kampf galt es, alles aufzubieten, um ihrem Gatten zu gefallen, ihn an sich zu ziehen und zu fesseln; selbst die Künste weiblicher Koketterie durfte sie nicht verschmähen, und es erfüllte sie mit höchster Freude, wenn es ihr gelang, alte Empfindungen in ihm zu wecken. Sie wollte ihm sein Haus angenehm machen, er sollte keinen Vorwand finden, dasselbe zu meiden. Aber dabei ließ sie es bewenden; weitergehenden Wünschen Louis' gegenüber verhielt sie sich ablehnend. Ein eintägiger Sieg, den sie vielleicht schon tags darauf in Einsamkeit und Verlassenheit beweinen müßte, wäre ihr zu teuer bezahlt erschienen. Sie konnte den Gedanken einer Teilung nicht aufkommen lassen, sie wollte ihren Gatten allein besitzen, oder gar nicht. Einstweilen aber wußte sie Ton und Haltung einer glücklichen Gattin so gut festzuhalten, daß Frau Hérault, trotz ihres vollständigen Zusammenlebens mit dem jungen Paare, keine Ahnung von den schweren Zerwürfnissen hatte, die zwischen den beiden Gatten herrschten. Seit der Szene, die zwischen ihr und ihrem Manne stattgefunden, hatte Helene kein Wort mehr über die Gesellschaft bei Lady Olifaunt fallen lassen. Sie hoffte, daß Louis im letzten Augenblick ihr sagen werde: »Wir gehen nicht!« Sollte aber dieses Gefühl sittlicher Empörung bei ihm nicht eintreten, so war sie entschlossen, ihn zu begleiten und die ihr aufgedrängte Rolle mutig durchzuführen. Sie hatte Emilie gefragt, ob sie ebenfalls eingeladen wäre. »Ja,« hatte Fräulein Lereboulley erwidert. »Diana thut es nicht anders, sie will an diesem Abend eine anständige Dame bei sich sehen!« »Nun, da hat sie ja sogar zwei: dich und mich!« Emilies Brauen zogen sich zusammen. Sie ließ nur ein »Ah« hören; aber sie hatte Helene bis in den Grund ihrer Seele geschaut. Den folgenden Tag näherte sich Thauziat in einem Salon Frau Hérault, und nach den landläufigen Redensarten sagte er plötzlich: »Ist es wahr, daß Sie morgen zu Lady Olifaunt gehen?« »Wie kommen Sie zu dieser Frage?« »Weil sie sich dessen rühmt!« »Ist denn das so ruhmvoll für sie?« »Ja – sehr ruhmvoll!« »Um so besser, wenn sie darüber befriedigt ist, ich lege kein besondres Gewicht darauf!« »Sie sind also nicht eifersüchtig?« »Ich bin es nicht mehr!« Sie war ein wenig bleich und fügte mit einem gezwungenen Lachen hinzu: »Die Meisterin Gewohnheit stumpft den Geist ab.« Die dunkeln Augen fest und traurig auf sie geheftet, sagte er ernst: »Ich beklage Sie von ganzem Herzen!« Helene warf heftig den Kopf zurück und sagte ihm fast rauh: »Worauf ich verzichte! Ich will kein Mitleid und bedarf keines Trostes!« »Und doch werden Sie mich nicht abhalten können,« antwortete er, »das Schicksal ungerecht gegen Sie zu finden und Ihnen ein Glück zu wünschen, das mir nur Schmerz bereiten könnte. Sie wissen es ja wohl, daß meine Gefühle sich nicht geändert haben: es gibt Männer, die ihrer Liebe treu bleiben.« Sie begegnete seinem Blick stolz und kalt. »Auf was hoffen Sie denn?« »Auf nichts! Aber ich liebe Sie, und ich bleibe in Ihrer Nähe, weil ich glücklich bin, wenn ich Sie sehe und wenn ich Sie höre. Ich beklage Sie, weil Sie das Unglück mit bewunderungswerter Tapferkeit tragen, und ich möchte Sie abhalten, heroische Tollkühnheiten zu begehen, die den, für welchen Sie kämpfen, nicht entwaffnen, und Sie in den Augen der Welt in ein falsches Licht setzen werden. In dem Kampfe, den Sie aufgenommen haben, werden Sie grausam zerfleischt werden, Sie kämpfen nicht mit gleichen Waffen. Ihre Gegner sind mit Gleichgültigkeit oder Bosheit gewappnet, Sie gehen mit unbewaffnetem Arm und ungepanzerter Brust in den Kampf. Ihre Gegner sind feig und verschlagen, Sie freimütig und loyal – Sie müssen unterliegen.« Er hielt inne. Sie wagte nicht zu sprechen; es war ihr, als ob man soeben das Todesurteil über sie gefällt hätte. Sie ahnte indessen, daß er noch mehr auf dem Herzen hatte, und warf ihm einen bittenden Blick zu. Er schien sie verstanden zu haben. »Sie kennen Ihren Gatten nicht,« sagte er, »und Sie haben ihn vom ersten Tage an unrichtig behandelt. Nur wer ihnen festen Widerstand leistet, stößt diesen Naturen dauernd Zuneigung und Achtung ein. Sie sind sanft und gut gewesen, und er hat Sie zur Märtyrerin gemacht! Das war unvermeidlich. Noch ist's Zeit, das zu ändern – zeigen Sie sich ihm heftig und unbeugsam, und vor allem weigern Sie sich, diese Demütigung vor ihrer Nebenbuhlerin über sich ergehen zu lassen.« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Sie wollen nicht? Dann sind wir zu Ende. Aber vergessen Sie nicht, daß ich ehrenhaft genug gewesen, Ihnen diesen Rat zu erteilen, und seien Sie versichert, daß Sie in mir zu jeder Zeit einen Freund besitzen, der Ihnen mit Leib und Seele ergeben ist.« Er stieß einen Seufzer aus, verbeugte sich vor ihr und ging. Helene kehrte in trübe Gedanken versunken nach Hause zurück. Am Morgen des verhängnisvollen Tages war Louis sehr nervös und trug eine gemachte Fröhlichkeit zur Schau. Die düstere Stimmung seiner Frau schien er nicht zu bemerken und er verbrachte den ganzen Tag auf seinem Büreau in Saint Denis, um erst zur Essenszeit zurückzukehren. Als das Mahl beendet war, erhob er sich und sagte kurz angebunden zu Helene: »Wir brechen um elf Uhr auf, nicht wahr?« Sie antwortete lakonisch: »Ja!« So war also jede Hoffnung auf eine bessre Regung in ihm dahin. Die junge Frau ging, von der Großmutter begleitet, auf ihr Zimmer und hielt sich einen Augenblick bei ihrem Kinde auf, um mit ihm zu spielen. Dort wurde sie von einer solchen Traurigkeit erfaßt, daß es ihr nicht langer möglich war, ihre Thränen zurückzuhalten. Die Großmutter trat erschreckt zu ihr, ergriff ihre beiden Hände und stellte eine Menge Fragen, die ohne Antwort blieben. Helenes Schmerz gehörte nur ihr allein, aus ihrer Liebe erwachsen, behütete sie ihn so eifersüchtig wie diese. Sie bezwang schnell ihre Thränen und begann Toilette zu machen, wobei ihr die Augen der alten Frau besorgt und unruhig folgten. Um elf Uhr war sie fertig; sie ging aber heute nicht wie sonst in den Salon hinunter, sondern erwartete Louis in ihrem Zimmer. Er kam etwas ungeduldig, weil er glaubte, sie hätte sich beim Ankleiden verspätet; bei ihrem Anblick aber blieb er wie geblendet von ihrer Schönheit stehen. Sie trug ein weißes, mit Perlen besticktes Kleid, um den schönen Hals keinerlei Schmuck, nur in den leicht gewellten Haaren funkelte stolz und vornehm eine kleine Aigrette. Sie kam ihrem Gatten ein paar Schritte entgegen, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in das Nebenzimmer, wo ihr kleiner Knabe schlummerte. Die Vorhänge auseinanderschlagend, zeigte sie ihm das Kind, das frisch und rosig wie eine Blume dalag. Louis neigte sich über seinen Sohn und betrachtete ihn schweigend, dann küßte er ihn sanft. Das Herz wollte Helene in der Brust zerspringen, sie hätte fast laut aufgeschrieen: »Aus Liebe zu ihm, bleibe hier bei uns!« Aber Louis hatte sich ruhig wieder in die Höhe gerichtet und fühlte nach, ob seine Krawatte richtig geknüpft sei. Die junge Mutter erkannte, daß ihr letzter Versuch unnütz gewesen, und nachdem sie die Vorhänge mit einer fast ehrfurchtsvollen Scheu wieder herabgelassen, als ob sie ein Heiligtum vor tempelschänderischen Blicken schlösse, sagte sie: »Gehen wir!« Zehntes Kapitel Diana hatte strahlend vor Stolz der Frau, von der sie unerhört beleidigt worden, die Hand gereicht und dem verdutzten Lereboulley das unerwartete Schauspiel gezeigt, wie Frau Hérault am Arme Sir James' ihre Salons durchschritt. Leicht wie ein Schmetterling huschte sie selbst von Gruppe zu Gruppe, um Komplimente entgegenzunehmen und lächelnde Blicke zu erhaschen. Alles, was Paris an hübschen Damen und glänzenden Lebemännern zählte, war in ihren Salons versammelt, und es bot ein reizendes Bild, diese schönen Frauen und diese eleganten Kavaliere im Tanze dahinschweben zu sehen. Die Fächer wogten auf und nieder wie Schmetterlingsflügel, die Diamanten blitzten, und in anmutigen Windungen drehten sich die Paare, wie dahingetragen von der harmonischen Flut der Melodieen des Orchesters. Lereboulleys finsteres Gesicht glänzte vor Wonne beim Anblick dieser fröhlichen Menge, in der er sich ziemlich als Festgeber gerierte. Er war immer in Dianas Gefolge, schmunzelnd über das Entzücken, das sie hervorrief, und seine Genugthuung darüber sehr unverhüllt an den Tag legend. Sir James, der an einem Spieltisch das Glück seiner Gäste auf die Probe stellte, schien heute für ihn nicht zu existieren, oder wenigstens vergaß er ihn über dem Glück, Gewißheit zu haben, daß die vermeintliche Liaison zwischen Louis und Diana nicht bestand. Frau Hérault war ja hier, lächelnd und ruhig neben Emilie in einer Gruppe junger Frauen stehend, sie hatte also den Beweis erhalten, daß ihr Verdacht nicht begründet. ... Er konnte mithin wieder frei aufatmen, sein Besitz war nicht bedroht. Zum erstenmal seit vierzehn Tagen plauderte er offen und freundschaftlich mit Louis. Er betrachtete ihn mit sichtlichem Wohlwollen und scherzte: »Mein Lieber, alle hübschen Frauen von Paris sind heute hier. Wenn ein Feuer ausbräche und niemand sich retten könnte, würden die eleganten Pariser morgen nicht wissen, was sie mit ihren Herzen anfangen sollten!« Er lachte selbstgefällig über diesen schwerfälligen Witz und ging Diana entgegen, die eben in ihre Nähe kam. Die schöne Engländerin zog ihn in eine Ecke und sagte mit der Miene triumphierender Unschuld: »Nun? Sehen Sie, daß sie doch gekommen und vortrefflicher Laune ist?« »Ja, ja, und ich bin glückselig darüber! Ich bin der Familie Hérault zwar sehr zugethan, aber meine kleine Diana geht mir doch über alles. Sie sind verteufelt schön heute abend. Louis' Frau ist die einzige, die allenfalls den Vergleich mit Ihnen aushalten kann. Wenn Sie mich im Stich ließen, würde nur sie mich über diesen Verlust trösten können.« Die Augen Dianas blitzten boshaft. »Dann würden Sie unbedingt Gefahr laufen, vor Liebesgram zu sterben,« sagte sie, »denn der Platz gehört Thauziat.« »Thauziat?« fagte Lereboulley erstaunt. »Sie sind toll, Diana. Frau Hérault ist eine anständige Frau und liebt nur ihren Gatten.« »Und was bin demnach ich, die ich Ihnen den meinen opfere?« unterbrach ihn Lady Olifaunt mit scharfer Stimme, »Recht wenig, nicht wahr?« »Sie, Diana, Sie sind die Vollkommenheit selbst. Aber Frau Hérault ...« »Sie sind mir unausstehlich mit Ihrer Frau Hérault. Eine ehemalige Nähterin, der das Glück in den Schoß gefallen ist, und die Sie wahrhaftig wie eine Herzogin behandeln. Was ist denn an ihr so Bemerkenswertes? Thauziat ist ihretwegen ein Narr geworden, und Sie können es auch noch dahin bringen! So gehen Sie doch zu ihr – es kann Ihnen ja nur von höchstem Interesse sein, zu erfahren, wieviel Milch ihr Kleiner täglich zu sich nimmt, und welch ein Ereignis der erste Zahn ist, sie wird Ihnen das haarklein erzählen, denn sie ist nicht allein eine anständige Frau, sie ist auch die beste der Mütter. Letzteres ist namentlich für ihren Gatten eine schöne Sache!« Sie lachte laut auf. »Verzeihen Sie mir, Diana, ich habe Sie gekränkt. Verzeihen Sie mir!« »Nein, ich verzeihe Ihnen nicht! Gehen Sie doch zu der anständigen Frau! Ich bin nur hübsch und besitze die Tugenden nicht, die Sie über alles schätzen.« Sie drehte ihm den Rücken und ging in den Spielsaal. Er folgte ihr mit den Blicken und sah, wie sie sich zu Louis wendete, diesen beim Arm nahm und ihm mit schmeichelnder Miene etwas ins Ohr flüsterte, worauf beide sich entfernten. Lereboulley setzte sich an einen Ecartétisch. Gewöhnlich spielte er sehr gut, aber heute machte er Fehler auf Fehler. Seine Gedanken schweiften weit vom Spiele ab. Warum hatte Diana Louis beim Arm genommen und was hatte sie ihm gesagt? Wohin waren sie gegangen? Was thaten sie jetzt? Alle diese Fragen drängten sich ihm unaufhörlich auf und er konnte keine befriedigende Antwort darauf finden. Der Aerger, den Diana ihn so unverhohlen hatte fühlen lassen, war ihm schon beunruhigend erschienen, und diese Liebenswürdigkeit gegen Louis regte ihn vollends auf. Kalte Tropfen traten dem dicken Manne auf die Stirn, wenn er daran dachte, daß Lady Olifaunt möglicherweise ihr Spiel mit ihm treibe und sich in diesem Augenblicke mit Hérault über ihn lustig mache. Er warf die Karten hin, bezahlte seinen Verlust und schritt eiligst auf die Thür zu, durch welche er das Paar, das ihm von Minute zu Minute verdächtiger erschien, sich hatte entfernen sehen. In dem kleinen von Tanzenden erfüllten Salon erblickte er weder Diana noch Louis. Frau Hérault, die heute ein wenig bleich war, saß mit Emilie plaudernd auf einem Diwan zwischen dem Kamin und der Thür, in einer heimlichen kleinen Ecke, wo niemand sie störte, Lereboulley winkte ihnen freundlich zu und ging weiter. Auch in der Galerie war keine Spur von den Gesuchten zu entdecken. Die Treppe, welche zu den Gemächern des zweiten Stockes führte, war hell erleuchtet, und das Buffett war auf einem breiten marmornen Treppenabsatz aufgestellt. Die Musik tönte nur schwach vernehmbar vom Orchester herüber. Die Paare stiegen auf und nieder, lachend und miteinander scherzend. Das Klirren der Silber- und Porzellanteller bewies, daß Sir James' Gäste seiner Küche alle Ehre erwiesen. Der Senator stieg die zwölf Stufen hinauf und trat in die Galerie, die zu dem Zimmer Dianas führte. Die Menge drängte sich um das Buffett und die Galerie lag ganz verlassen da. Durch die halb geöffnete Thür des Boudoirs fiel ein Lichtstrahl. Lereboulley fühlte, wie sein Herz stillstand! er ahnte, daß er hinter dieser Thür Louis und Diana finden würde. Ein selbstquälerisches Verlangen, sein Unglück ganz kennen zu lernen, erfüllte ihn, und doch gebrach es ihm an Mut; einzutreten. Mit angstverzerrten Zügen sank er auf eine kleine Bank in der Nähe der Thür und fragte sich, was er thun solle. Louis und Diana waren in der That denselben Weg gegangen, wie Lereboulley. Sie hatten den kleinen Salon durchschritten, ohne Helene und Emilie zu bemerken, die in ihrer Ecke verborgen saßen, waren an dem Buffett vorbeigekommen und, als sie die Galerie von allen Menschen verlassen sahen, in das von einer einzigen Lampe schwach erleuchtete Boudoir Dianas getreten. In dem traulichen, dämmerigen Räume standen sie still, tiefaufatmend in der köstlichen Frische und Stille dieses abgelegenen Ortes. Was in der Galerie noch als entferntes Geräusch vernommen wurde, drang hierher nur als leises Rauschen, und die einzelnen Accorde der Musik, die von Zeit zu Zeit herüberklangen, erinnerten allein daran, daß in dem Hause ein Fest gefeiert wurde. Lady Olifaunt stand vor dem Kamin, der Schein der Lampe fiel auf ihre Gestalt, während das Zimmer in Dunkel gehüllt blieb – sie erschien märchenhaft schön und Louis verzehrte sie mit seinen Blicken. »Sie sehen, Diana,« sprach er auf sie zutretend, »ich habe Ihnen gehorcht. Das Opfer, das Sie mir auferlegt, war das größte, das ich bringen konnte. Welche Belohnung wollen Sie mir dafür gewähren?« »Bedarf es einer Belohnung dafür, daß Sie einer Frau, die alles für Sie aufs Spiel setzt, einen Beweis Ihrer Liebe geben? Ich liebe Sie, ist das nicht genug?« »Sagen Sie mir das noch einmal!« »Zweifeln Sie daran?« »Nein. Aber es macht mich glücklich, es aus Ihrem Munde zu hören! Von Ihren Lippen hat dieses Wort einen Klang, den ich nie zuvor gehört. O, Diana, über welchen allgewaltigen Zauber gebieten Sie denn, daß Sie mich alles vergessen machen! Jedesmal, wenn ich mich von Ihnen losreißen wollte, hat eine dämonische Macht über meinen Willen triumphiert und mich wieder zu Ihrem Sklaven gemacht. Sie sagen daß Sie viel für mich aufs Spiel setzen. Aber was setze ich nicht für Sie aufs Spiel! Das Glück und den Frieden der Meinigen. Meine Schuld ist tausendfach größer als die Ihrige, o, Sie müssen mich sehr lieb haben, Diana, es ist alles, was mir bleibt!« Er hatte diese Worte mit leidenschaftlicher Hast und verzehrender Glut hervorgestoßen. Diana ging auf ihn zu, schlang ihre weichen Arme um seinen Hals und sagte sanft und schmeichelnd: »Ich liebe dich! – Ich liebe nur dich!« In dem Augenblick ließ sich ein erstickter Ausruf hören, und sich umwendend, gewahrte sie Lereboulley, der vom Schlafzimmer aus eingetreten war, auf der Schwelle des Boudoirs. Bleich, mit bebenden Lippen, schlotternden Knieen, in stumpfer Verzweiflung starrte er sie an. Er war gerade im richtigen Moment eingetreten, um Dianas Geständnis zu hören und Louis von ihren Armen umschlungen zu sehen. Wie vom Blitz gerührt, blieb er unbeweglich stehen, außer stande, dem, was in ihm vorging, Ausdruck zu geben. Furchtbar genug mußten seine Empfindungen sein, denn er ballte die Fäuste, als bereite er sich zum Kampfe. Endlich vermochte er die Lippen zu öffnen, und einen Wutschrei ausstoßend, stürzte er auf Diana zu, die ihn unbeweglich erwartete. »Elende!« rief er, »elendes Frauenzimmer!« Sie lachte ironisch auf, und ohne einen Schritt zurückzuweichen, wies sie Lereboulley gebieterisch mit den Worten die Thür: »Ich liebe es nicht, daß in meinem Hause laut gesprochen wird. Mit welchem Recht erlauben Sie sich, hier einzutreten und mir zu drohen? Sind Sie mein Gatte?« Auf diese Worte, welche ihre Auffassung der Lage sehr deutlich darthaten, antwortete der Greis nur mit einem düsteren Blicke. Er sah ein, wie falsch seine Stellung war, er begriff, daß er die Autorität, die er sich über Diana anmaßte, nur ihr allein verdankte, und daß sie dieselbe mit einem einzigen Worte vernichten könnte. In einer Sekunde ermaß er die ganze Tragweite des ihm drohenden Verlustes. Ein Leben ohne diese Frau, die seine Freude und sein Stolz war, schien ihm ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, und er fragte sich, ob es nicht besser wäre, eine feige Entschuldigung vorzubringen und alles über sich ergehen zu lassen. Indessen empörte er sich sofort gegen diesen Gedanken. Er sagte sich: Ich bin zu reich, als daß sie zwischen mir und Louis schwanken könnte. Das Blut stieg ihm zu Kopfe, und alle Vorsicht außer acht lassend, brüllte er: »Ihr Gatte bin ich allerdings nicht, aber Ihr Geliebter!« Diana ließ ihm nicht Zeit, weiter zu reden. Ihr Köpfchen mit sinnlicher Anmut auf Louis' Schulter legend, sprach sie: »Mein Geliebter? Der steht hier!« »Diana!« rief der verliebte Lereboulley, ganz fassungslos über dieses Geständnis. »Diana, noch ist es Zeit, bedenken Sie es. ... Ich habe nichts gehört ... ich will nichts wissen ... ich habe alles vergessen. Aber behandeln Sie mich nicht mit solch unmenschlicher Grausamkeit. Sie sind gereizt, Sie haben recht, der Zorn hat mich fortgerissen, ich habe mich vergessen. Sie wissen, wie ich Sie liebe, Diana!« Er sah, wie sie unbeweglich dastand und ihn mit ihren stahlharten, klaren, blauen Augen ansah. Wieder gewann seine Entrüstung die Oberhand. »O,« rief er aus, »was brauche ich mich nach all dem Guten, das ich Ihnen gethan, vor diesem jungen Menschen erniedrigen zu lassen! Niemand wird Sie lieben, wie ich Sie geliebt habe! Auf alle Ihre Launen bin ich eingegangen, glücklich, sie befriedigen zu können. All Ihren Wünschen bin ich nachgekommen. Ein Wort von Ihnen, und nichts war mir zu kostbar, um Sie zu erfreuen! Sie sind reich, Sie haben die schönsten Diamanten, einen fürstlichen Haushalt, und ich bin bereit, doppelt so viel für Sie zu verschwenden! Wären Sie mir treu geblieben, so hätte ich Ihnen nach meinem Tode einen Teil meines Vermögens hinterlassen: denn ich liebte Sie wie meine Tochter. Und ich bin alt, Sie hätten nicht lange zu warten brauchen. Diana, bedenken Sie das alles! Es lohnt sich der Mühe, es wohl zu überlegen. Habe ich erst einmal die Schwelle dieses Zimmers überschritten, so ist alles vorbei, und ich kehre nie mehr zurück.« Diana begann zu lachen, und mit einem Blick, der Lereboulley bis in sein tiefstes Innere erschauern ließ, sagte sie trocken: »Sie kommen schon wieder, sobald ich nur will. Ich brauche nur zu pfeifen!« Vor diesem unverschämten Trotze knickte er zusammen, als wäre er willens, sich auf die Kniee zu werfen. »Ja,« stöhnte er, »das ist wahr! Ich werde zurückkommen ... ich weiß es ... aber ersparen Sie mir den Schmerz, gehen zu müssen!« Er stürzte auf sie zu, faßte ihren Arm und zog sie in die Fensternische. Indem er seine flammenden Blicke auf sie gerichtet hielt, sagte er: »Was muß ich thun, um bleiben zu dürfen, was ich dir gewesen? Alles über mich ergehen lassen – selbst die Qual, von dir getäuscht zu werden? Gut, ich bin bereit dazu! Wenigstens werde ich dich so noch besitzen. ... Ich werde die Augen über das schließen, was du gethan, und du wirst es verstehen, mir wenigstens die Illusion zu retten, als sei ich noch glücklich.« Diana erwiderte hart: »Nein!« »Liebst du ihn denn?« Halblaut, einen verstohlenen Blick auf Louis werfend, sagte sie: »Ich glaube ja, solange ich seine Frau hasse.« »Er wird für dich das nicht thun können, was ich gethan. In einem Jahre ist er ruiniert.« »Um so besser, dann wird sie im Elend sein!« Lereboulley erwiderte mit grellem Lachen: »Wenn dir daran liegt – das soll schnell geschehen sein. Aber warum mich fortschicken?« fragte er in stehendem Tone. »Warum das, Diana?« »Mein Haus wird Ihnen, wie all meinen Freunden geöffnet bleiben. ... Es steht Ihnen frei, mich als solcher zu besuchen.« »Als Freund! Niemals! Ich würde zu tief darunter leiden. Hören Sie, Diana, bringen Sie mich nicht zum Aeußersten! Ich bin zu allem fähig, selbst zu einer schlechten That, um Sie ganz für mich zu behalten. ... Hüten Sie sich, oder ich setze Ihren Gatten von allem in Kenntnis!« »Thun Sie's!« »Er wird Louis niederschießen!« »Oder sich an den Zwischenträger halten!« Von ihm wegtretend, sagte sie: »Nun gehen Sie aber endlich. ... Sie langweilen mich. ... Es geht stark bergab mit Ihnen. Vor einem Jahre würden Sie keine solche Dummheiten geschwatzt haben!« Thränen der Wut und Erniedrigung entströmten den Augen Lereboulleys, Thränen, die auf seinem glühenden Gesicht sofort vertrockneten. Seine breiten Schultern bebten krampfhaft, und mit erstickter Stimme sagte er: »Leben Sie wohl, Diana!« Vor Louis, der in höchster Erregung der Szene beigewohnt, blieb er stehen, und drohend seinen dicken Kopf schüttelnd, rief er ihm zu: »Sie, mein Kleiner, Sie werden mir das entgelten!« Er ging. Als die Thür sich hinter ihm geschlossen, stürzten Lady Olifaunt und Louis einander in die Arme. Dann nahm Diana die Hand des jungen Mannes in die ihre, wie um den Pakt zu besiegeln, und sagte: »Sie haben von Opfern gesprochen, die Sie mir bringen. Ich denke, Sie haben jetzt den Beweis erhalten, daß die meinen den Ihrigen die Wage halten.« Er wollte reden, sie aber schloß ihm mit ihren schlanken weißen Fingern den Mund und sagte mit reizendem Lächeln: »Lieben Sie mich, das ist alles, was ich von Ihnen verlange!« Sie hing sich an seinen Arm und kehrte mit ihm in den brausenden Jubel des Ballsaales zurück. Von diesem Tage an lebte Louis in einer geistigen und gemütlichen Aufregung, die er bisher nicht gekannt. Er wollte Lereboulleys Rolle vollständig übernehmen und zeigte sich so verschwenderisch, wie es der Senator nur je hätte thun können. Seine Eitelkeit hatte es mit den Forderungen Dianas zu thun: es war das ein schrecklicher Kampf, in dem das Gold reichlicher dahinfloß, als das Blut auf den Schlachtfeldern. Er mußte bald einsehen, daß sein Vermögen hierzu nicht lange vorhalten werde. Die großen Börsengeschäfte waren die Quelle, aus der der Senator unaufhörlich schöpfte. Warum sollte Louis es ihm nicht auch hierin gleich thun? Was ihn bis jetzt davon fern gehalten, war nur Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit gewesen. Die Notwendigkeit, sich große Summen zu verschaffen, ließ ihn seine angeborene Trägheit überwinden, und er begann zum erstenmale in seinem Leben ernsthaft zu arbeiten. Das Laster feuerte ihn an, und da er sich bei seinen Operationen ziemlich geschickt anstellte, gelangen ihm dieselben anfangs sehr gut. Aber die Gewinne an der Börse schienen ihm doch sehr unzuverlässiger Natur. Das Glück konnte sich wenden und das gute Ergebnis des einen Tages durch das schlechte des folgenden wieder wett gemacht werden. Er suchte nach einer verläßlicheren Erwerbsquelle und fand sie auch. Die Gesellschaft, die das unterseeische Kabel gründen wollte, war ihrer Konstituierung nahe. Lereboulley hatte für seinen Plan die einflußreichsten Finanzkräfte gewonnen, und in der Börsenwelt beschäftigte man sich bereits eifrig mit diesem Unternehmen. Ganz Europa war auf das Ergebnis desselben gespannt, denn infolge der Konkurrenz mußte der Preis der Depeschen um die Hälfte billiger werden und der Handel somit aus der durch die neue Gesellschaft geschaffenen Verkehrserleichterung bedeutenden Vorteil ziehen. England zeigte sich sehr feindlich. Die Regierung hatte ihren Botschafter in Paris offiziös dazwischentreten lassen. Die englische Kabelgesellschaft schien geneigt, eine große Anzahl Aktien zeichnen zu wollen, um sich die Oberhand in der französischen Gesellschaft zu sichern, aber Lereboulley machte sich anheischig, so viel Aktien zu nehmen und in die Hände seiner Freunde zu spielen, daß das Uebergewicht in der Gesellschaft den Franzosen erhalten würde. Eine bedeutende Agiotage mußte also für diese neuen Papiere an der Börse beginnen, sobald die gesetzliche Bewilligung der Legung des internationalen Kabels von der Kammer genehmigt war. Die Abstimmung schien übrigens kaum zweifelhaft, da dem Projekte von keiner Partei Schwierigkeiten in den Weg gelegt wurden. Lereboulley hatte angekündigt, daß er in der Frage das Wort ergreifen würde, und da seine politischen Freunde die Majorität in Kammer und Senat besaßen, so mußte alles vorzüglich von statten gehen. Das Unternehmen war ja auch so vorteilhaft, so einleuchtend und so patriotisch! Auf diese Operation, die er von Grund aus kannte, rechnete Louis, durch dieselbe hoffte er mit einem Schlage genügende Summen zu gewinnen, um die Ausgaben für Diana bestreiten zu können. In den vorbereitenden Versammlungen, die allwöchentlich stattfanden, traf er mit Lereboulley zusammen, der ihm jedoch mit finsterer Miene auswich. Sie grüßten sich beim Eintritt, aber sie sprachen nicht miteinander. Eines Tages nahm Thauziat Louis beiseite und sagte ihm: »Lereboulley will dich bei dem Geschäft nicht beteiligt sehen, er hat mir erklärt, daß es ihm unangenehm sei, mit dir in persönliche Berührung zu kommen. Deshalb hat er mich beauftragt, dir folgenden Vorschlag zu machen: Du verzichtest darauf, das Kabel in deinen Wertstätten von Saint Denis anzufertigen, und du erhältst als Entschädigung fünfmalhunderttausend Franken. Die Arbeit hat noch nicht begonnen, das Geschäft ist noch nicht abgeschlossen. ... Ueberlege dir, ob du darauf eingehen willst.« »Da bedarf es durchaus keiner Ueberlegung – ich weise den Vorschlag unbedingt von der Hand. Will sich Lereboulley etwa über mich lustig machen? Die Herstellung des Kabels ist mir vertragsmäßig zugesprochen, und ich habe durch dieselbe bedeutenden Gewinn in Aussicht. Ich soll zur Hälfte in Geld, zur Hälfte in Prioritätsaktien bezahlt werden, das heißt mit andern Worten, ein Vermögen in Händen haben. Mein Vater hatte diese Spekulation in die Länge gezogen, denn sie ist bereits seit zehn Jahren auf dem Wege der Realisation. Ich werde nicht für fünfmalhunderttausend Franken auf all das verzichten, was vom Hause Hérault mühsam vorbereitet worden. Diese Zumutung ist denn doch ein wenig stark!« »Verlangst du eine größere Summe?« »Ich verlange gar nichts, als meinen Anteil an dem Unternehmen.« »Du handelst unklug. Er wird dich in Verlegenheiten stürzen.« »In welche denn?« »O! in alle möglichen! Er wird dir schlechte Materialien vorwerfen, er wird dich fortwährend schikanieren und es so weit bringen, daß du den festgesetzten Termin versäumst. ... Er wird dir Prozesse aufhalsen – und du weißt, er ist verschlagen und haßt dich tödlich. Wie zum Henker ist dir auch der Einfall gekommen, ihm Diana abspenstig zu machen? ... Ich hatte dir vorausgesagt ...« »Sie ist die reizendste Frau von Paris.« »Die reizendste Frau von Paris ist in deinem Hause und heißt Frau Hérault! ... Aber um auf unsre Angelegenheit zurückzukommen: Du willigst also nicht in dieses Abkommen?« »Nein!« »Gut! Dann sei aber auf deiner Hut! Man wird dich nicht schonen!« »Ich habe nichts zu befürchten!« »Um so besser! Jedenfalls vergiß nicht, daß ich versucht habe, dir die Augen zu öffnen! Mache mir nie zum Vorwurf, was kommen wird!« »Aber, mein Bester, du wirst ja ordentlich tragisch! Wir führen ja keinen Krieg, wir machen ein Geschäft! Es handelt sich doch nicht um Tod und Leben!« »Ich wünsche es von Herzen!« Thauziat änderte plötzlich seinen Ton und zeigte sich jetzt ebenso fröhlich, wie er bisher ernst gewesen war. »Was machst du eigentlich mit Sir James?« Louis begann zu lachen. »Das, worin er schon große Uebung besitzt!« »Spielst du mit ihm?« »Nein, er hat zuviel Glück!« »Diana wird er wohl Lereboulley schmerzlich vermissen?« »Ich glaube, daß Lereboulley Sir James noch schmerzlicher vermißt. An seinem Verhältnis zur Frau war der Gatte ihm das Angenehmste. Nun hat man diese beiden füreinander geschaffenen Wesen, die sich trotz äußerlicher Meinungsverschiedenheiten so gut verstanden haben, auseinandergerissen, jammerschade. Was meinst du, wenn man eine Versöhnung in Szene setzte? Ich meinerseits würde lieber Diana fahren lassen, als das Kabel!« »Sprichst du im Ernst?« rief Thauziat, seinen Freund scharf beobachtend. »Nein, ich scherze,« sagte Louis, plötzlich wieder kühl geworden. »Um so schlimmer.« Sie trennten sich. Trotz seiner Versicherung scherzte Louis nicht, wenn er davon sprach, Diana »fahren zu lassen«. Wenn diese ihn nicht bei seiner vorherrschendsten Eigenschaft, seiner Eigenliebe, festgehalten hätte, so hätte er vielleicht das Joch, das sie ihm auferlegte, längst für seine schwachen Schultern zu schwer gefunden. Unbeständig und veränderlich, wie er war, hatte er das Doppelleben, das er zu führen gezwungen war, rasch satt bekommen, obwohl er von den Seinen keinerlei Vorwürfe oder heftige Szenen zu erdulden hatte. Die alte Frau Hérault ahnte den traurigen Sachverhalt nicht und Helene hätte sich eher in Stücke reißen lassen, als zugegeben, daß die Großmutter von den Vorgängen auch nur das mindeste erfuhr. Seit der Auseinandersetzung vor dem Balle bei Olifaunt hatte sie kein Wort mehr verlauten lassen, das Louis als eine Klage oder einen Vorwurf hätte auffassen können. Nie war einem so haltlosen, wenig achtenswerten Manne eine Frau so stolz und hochgesinnt gegenübergestanden. Wenn sie ihr Los beweinte, so geschah es in der Stille der Nacht. Fünfundzwanzig Jahre alt, schön zu sein – und verlassen! Sie spielte nicht die Märtyrerin, sie trug ihr Mißgeschick klaglos und rief weder Gott noch Menschen zu Zeugen ihres Jammers an. Statt aller Rache, begnügte sie sich, noch sanfter, einfacher und reizender zu sein, als sie je zuvor gewesen. Sie trat den neugierigen und höhnischen Blicken der Welt ruhig entgegen, und ihre Haltung war eine so ausgezeichnete, daß viele an der Thatsache ihres Unglücks irre wurden, und sich die Teilnahme und Bewunderung der wenigen, die genauer unterrichtet waren, von Tag zu Tage steigerte. Ihre heitere Ruhe hielt jeden Schein der Lächerlichkeit von ihr fern und sie erschien wie verklärt durch ihr Unglück, das sie lächelnd trug, wie eine jener edlen Frauen der christlichen Legende, die in ihrem Glauben freudig ausharrten, auch unter Folterqualen. Dianas Stellung in der Gesellschaft war dagegen sehr erschüttert; daß sie dieselbe überhaupt mehr dem Einfluß Lereboulleys als ihrer Schönheit zu verdanken gehabt, ward ihr erst klar, als der Senator sie verlassen. Indessen brachte sie das nicht aus der Fassung; ihr Ursprung war so niedrig gewesen, daß ihr im Vergleich damit jede Stellung hoch erscheinen maßte. Ueberdies war sie sicher, in ihrer Hand einen Talisman zu besitzen, dem nichts widersteht – ein ungeheures Vermögen. Um ihre Muße auszufüllen und vor allem, um Louis noch fester in ihre Fesseln zu schlagen, war sie auf den Einfall gekommen, sich in Häuserspekulationen einzulassen. Sie hatte in dem Viertel der Champs Elysses bedeutende Grundstücke erworben und begonnen, Gebäude darauf zu errichten. Louis hatte den Bauunternehmern gegenüber Bürgschaft geleistet, und da Grund und Boden Diana gehörten, die Häuser dagegen ihm, so war er geneigt, das Unternehmen für ein sehr vorteilhaftes zu halten, was er namentlich damit begründete, daß auf diese Weise der Goldregen, den er über seine Schöne ausschüttete und der in größtem Maßstabe dazu beitrug, die zu bereichern, der sich zuvor Lereboulley als verschwenderischer Jupiter gezeigt, sich nicht in nichtigen, täglichen, wachsenden Spielereien verflüchtigte. Aber durch den Abschluß dieser Verträge lief er Gefahr, große Forderungen zu bestimmten Fristen befriedigen zu müssen, und seit einiger Zeit stieß er auf große Schwierigkeiten, sich das nötige Geld zu verschaffen. Die Unternehmungen, die Lereboulley mit seinem Vater betrieben hatte und in die er als dessen Nachfolger eingetreten war, schleppten sich plötzlich nur noch mühsam hin, wie wenn ein geheimer Einfluß sie in einen magnetischen Schlummer versenkte, und der, welcher bisher so großen Vorteil aus ihnen zu ziehen verstanden, sie mit Willen vernachlässigte. Es wurden keine Gewinnanteile mehr ausgegeben, die Dividenden verringerten sich und nichts kam mehr zu stande. Louis war über diese Stagnation ergrimmt und verkaufte eine große Anzahl Aktien. Sofort, wie von einem Zauberstabe berührt, erhielten diese neues Leben, und in kürzester Zeit wurde wieder ein schöner Gewinn erzielt. Louis mußte sich vom Augenschein überzeugen lassen, daß Lereboulley den Kampf gegen ihn mit größter Erbitterung und gefährlichen Waffen führte und daß Thauziat nicht zu schwarz gesehen hatte. Statt aber durch diese Erfahrungen belehrt und ernüchtert zu werden, geriet er nur in heftige Erbitterung. Wenn er an Diana nicht durch die allerdings sehr starken Fesseln der Leidenschaft geknüpft gewesen wäre, so würde er sie schon aus Haß gegen Lereboulley nicht verlassen haben. Der Zweikampf zwischen den beiden Männern war ein gewaltiger, aber das Resultat konnte niemand zweifelhaft bleiben, und Louis war, indem er den Senator bekämpfte, ebenso unvernünftig wie ein Zwerg, der es mit einem Riesen hätte aufnehmen wollen. Dieser David war dem Goliath nicht gewachsen, und überdies war es Diana selbst, welche seiner Hand die Schleuder entwand. Wie eine Spinne ihr Netz, wob sie ein Intriguengewebe und lauerte auf den rechten Augenblick, in dem sie den Mann, dessen aufrichtige Bundesgenossin sie hätte sein müssen, dessen Feindin sie aber im geheimen war, ganz und gar ins Verderben ziehen konnte. Sie befriedigte damit eine doppelte Rache: gegen den Mann einerseits, der sie verschmäht und erniedrigt hatte, als sie ihn geliebt, und gegen die Frau, die ihr einst den Gegenstand ihrer flüchtigen Laune entrissen. Indem sie ihn zu Grunde lichtete, traf sie auch Helene ins Herz, und auf diese Weise hielt sie ein zweischneidig Werkzeug ihres Hasses in Händen. Ihre Wut wurde durch den bewunderungswerten Stoizismus, den Helene zeigte, verdoppelt. Wenn Frau Hérault geweint und gewimmert hätte, würde Lady Olifaunt sich verachtungsvoll von ihr abgewendet haben. Aber Helene verschanzte sich mit triumphierendem Stolze hinter ihrer Mutterschaft, sie schien ihr Trotz zu bieten und ihr zuzurufen: Du hast mir zwar meinen Gatten genommen, aber mein Kind kannst du mir nicht entreißen. Oft begegnete Diana, wenn sie in ihrer prachtvollen Equipage die Champs Elysees herabfuhr, Frau Hérault in ihrem einfachen Wagen, und die Blicke beider Frauen kreuzten sich dann einen Augenblick. Nicht ein einziges Mal war es die rechtmäßige Gattin Louis Héraults, welche die Augen senkte. Sie hatte zu ihrer Seite ihren Sohn, der jetzt bereits gehen konnte, und den sie mit sich in das Gehölz von Boulogne führte. Und Lady Olifaunt, die ihr alles gestohlen hatte, das Glück der Gegenwart und die Sicherheit der Zukunft, verspürte manchmal ein Verlangen, sich auf sie zu stürzen und ihr Gesicht zu zerfleischen. Nie war Helene so schön gewesen. Der etwas herbe, stolze Ausdruck ihrer Züge hatte sich gemildert, auf ihrer hochgewölbten Stirn thronte eine sanfte Traurigkeit. Ihr scharf geschnittener, charaktervoller Mund hatte bei dem Spielen mit ihrem Kinde lächeln gelernt, und sie hatte unendlich an Liebreiz gewonnen. Es kam zuweilen vor, daß Louis, nachdem er mit seiner Großmutter und seiner Frau gespeist hatte, bei ihnen im Salon blieb, so wie in jener Zeit, wo er Helene lieben gelernt. Er setzte sich dann in die Ecke bei dem Kamin und verharrte oft lange in Schweigen, mit erstaunten Augen um sich blickend, als ob er hier ein Fremdling wäre. Die ruhige Heiterkeit und Ordnung des großen Raumes berührte ihn nach dem künstlerischen Chaos bei Lady Olifaunt wohlthuend. Er befand sich in einer friedevollen Atmosphäre, er atmete die reine und beruhigende Luft einer geregelten Häuslichkeit, die ihn nach dem Lärm der Geschäfte, dem Fieber der Spekulation und den Aufregungen einer verzehrenden Leidenschaft wahrhaft erquickte. Eines Abends setzte sich Helene an das Klavier, und nachdem sie flüchtig eine Sammlung alter Melodieen durchblättert, sang sie mit schwacher, etwas verschleierter Stimme, aber warmer Empfindung die bekannte Romanze: »Reizendes Traumbild, Bild meiner teuren! ...« Louis, der in seinen Fauteuil vergraben zuhörte, hatte sich nicht gerührt. Die Großmutter, welche die alten Melodieen an ihre Jugend erinnerten, steckte die langen Stricknadeln hinters Ohr, und als sie sah, daß die junge Frau das Klavier schließen wollte, rief sie in die Hände klatschend: »da capo!« Helene setzte sich lächelnd wieder an das Instrument und stimmte das berühmte Lied an: »Liebeslust währt nur kurze Frist.« Sie hatte das Lied nicht gewählt, das Buch hatte sich zufällig an dieser Stelle geöffnet, und sie hatte gesungen, was ihr in die Augen gefallen war. Aber während sie sang, ward ihr Ausdruck immer inniglicher und leidenschaftlicher, war es doch der Schmerzensschrei ihres eignen Herzens! Als die letzten Töne in der Stille verklangen, stieß sie einen Seufzer aus und erhob sich. Drei Schritte hinter ihr sah sie Louis stehen, das Haupt zurückgeworfen und totenbleich, während helle Thränen über seine Wangen rannen. Erregt, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, trat sie auf ihn zu, und mit ihren Augen die seinen suchend, sagte sie mit einer Stimme, die vor Mitleid bebte: »Was fehlt dir denn?« Es zuckte um seine Lippen, als ob er sprechen wollte. Dann sagte er mit einer abwehrenden Handbewegung: »Meine Nerven sind etwas angegriffen. Ich will ein wenig frische Luft schöpfen. – Guten Abend!« Als er gegangen war, setzten sich die beiden Frauen an ihre Arbeit. Aber Helene war weniger traurig als gewöhnlich. Es war ihr, als hätten diese Thränen den Bann, der auf Louis' Herzen lag, etwas gelöst, einen Teil der Sünde fortgeschwemmt. Ach, wenn sie hätte ahnen können, wie sehr dieses Herz gemartert war, sie hätte ihm alles verziehen, was sie um ihn gelitten hatte. Einige Tage darauf wurde ihr der Schleier, hinter dem sich der letzte Akt des Kampfes, in den sie verwickelt war, abspielte, einigermaßen gelüftet. Emilie, die sich im Mittelpunkt des feindlichen Lagers befand, sagte zu ihrer Freundin: »Hat dein Mann schon seit langer Zeit die Prokura für seine Großmutter?« »Ich weiß nichts davon; warum?« »Weil er soeben eine Hypothek von zwei Millionen auf die Grundstücke aufgenommen, die ihr Eigentum sind, und für eine sehr bedeutende Summe Eisenbahnaktien verkauft hat.« »Er hat das Recht, zu handeln, wie er will. Er ist Herr über dieses Geld!« »Er hat aber nicht das Recht, seine Großmutter zu ruinieren, ohne daß sie eine Ahnung davon hat, und sie Gefahr laufen zu lassen, eines schönen Morgens vom Gerichtsvollzieher auf die Straße gesetzt zu werden. Ich weiß, was vorgeht. Dein Mann ist toll geworden. Er geht mit Riesenschritten seinem finanziellen Ruin entgegen, und wird euch alle an den Bettelstab bringen. ... Du mußt mit ihm sprechen und versuchen, irgend welche Maßregeln gegen diese Verschwendung zu treffen.« »Niemals!« rief Helene mit fester Stimme. »In Bezug auf inneres Leben ringe ich nach Einfluß, in Bezug auf materielle Dinge will ich keinen haben! Soll es den Anschein gewinnen, als ob ich mir Sorgen um das Gold mache, während ich nur an mein vernichtetes Glück denke? Soll ich mich dem aussetzen, daß Louis mir Garantieen für unser Vermögen bietet, während ich mein Leben hingeben würde, wenn er mir Pfänder seiner Reue gäbe! Darein kann ich nicht willigen. Arm bin ich in dieses Haus gekommen – was gilt es mir, ob ich es arm wieder verlasse!« Sie sann einen Augenblick schweigend nach. »Ich hasse dieses Geld, welches die Quelle aller meiner Leiden ist,« fuhr sie dann fort. »Wenn Louis sein Vermögen verloren haben wird, muß er zur Vernunft und Arbeit zurückkehren! O Gott! Wenn das Elend ihn mir widergibt, so werde ich es segnen!« Emilie sah die junge Frau bewundernd an. Dann schüttelte sie den Kopf und sagte: »Wenn du es mit einem Manne zu thun hättest, ja dann würde dein Hochsinn große Erfolge haben ... in diesem Falle wirst du kein Verständnis für deine Natur finden. Wenn Louis seine Hilfsmittel erschöpft sieht, so ist er im stande, einen Gewaltstreich zu begehen. ... Er wird sich von Lady Olifaunt entführen lassen.« »Ich werde ihn zurückzuholen wissen!« »Und wenn sie, anstatt ihn zu entführen, ihn verläßt, und er in einem Moment der Entmutigung –« Helene erbleichte, aber sie erwiderte energisch: »Ich werde ihm auch diesen Entschluß an den Augen ablesen. Er kann mir nichts verbergen!« »Nimm dich in acht! Du spielst ein furchtbares Spiel!« »Kann ich anders handeln? Ich bin es wahrhaftig nicht, die es begonnen hat, aber ich werde meine Rolle zu Ende führen ohne Wanken, Der Himmel wird mich nicht verlassen.« Wie Emilie gesagt hatte, war die Lage für Louis sehr kritisch geworden. Von Woche zu Woche schloß sich der Ring enger und enger um ihn. Verzweifelt über den Widerstand, dem er bei all seinen Versuchen begegnete, wehrte er sich mit der verzweifelten Hartnäckigkeit eines Spielers. Einen Augenblick hatte Thauziat Mitleid mit ihm und versuchte Lereboulley umzustimmen. Aber der dicke Mann hatte einen solchen Haß gegen Louis, daß er selbst für den einzigen, der, nachdem Diana nicht mehr Herrscherin war, wirklichen Einfluß auf ihn hatte, in diesem Falle unzugänglich war. Er geriet in Wut und rief mit einer bei ihm äußerst ungewöhnlichen Heftigkeit: »Sind Sie verrückt, nach alledem, was er Ihnen angethan, Fürsprache für ihn einlegen zu wollen? Rächen Sie sich an ihm! Oder vielmehr lassen Sie mich ungestört handeln; ich verpflichte mich, diesen hübschen Jungen so zu Fall zu bringen, daß man nie mehr von ihm sprechen hören wird. ... Der Tausend! Es wird angenehm sein, seine Frau, wenn sie verlassen oder Witwe wird, zu trösten. ... Sie hat genug Drangsal auszustehen gehabt, sie wird nicht allzu anspruchsvoll sein.« Thauziat erwiderte nichts. Er war bereits mehr als halb gewonnen für diese niederträchtige Sache, die ihm Helene in die Arme werfen mußte, und ließ, nach Lereboulleys Rat, den Dingen ihren Lauf, obwohl er sich im stillen bewußt war, daß Louis auch jetzt noch zu retten gewesen wäre, wenn er sein ganzes Gewicht für ihn in die Wagschale geworfen hätte. Emilie, welche diese moralische Niederlage Thauziats mit ansehen mußte, war tief traurig, den von seiner Höhe herabsinken zu sehen, den sie stets über alle andern Männer gestellt hatte. Sie beschloß, sich mit ihm darüber auseinanderzusetzen, und sagte eines Abends zu ihm: »Ist's lange her, daß Sie Louis nicht begegnet sind?« Er erschrak unwillkürlich. »Sehr lange!« erwiderte er. »Sie gehen also nicht mehr zu Lady Olifaunt?« »Fast gar nicht mehr!« »Es würde Sie wohl zu traurig stimmen, den armen Jungen so in sein Verderben rennen zu sehen.« Er schwieg, warf aber einen durchdringenden Blick auf sie. »Sie haben ihn einst aus Freundschaft für mich von einer Unbesonnenheit zurückgehalten,« begann sie wiederum. »Wenn Sie heute nur wollten, würden Sie das ein zweites Mal thun können. ... Mit einem Worte könnten Sie das Treiben meines Vaters brachlegen! Mit einer einzigen Handbewegung könnten Sie die finanzielle Maschine zum Stehen bringen, welche den Unglücklichen mit ihren Rädern gefaßt hat. ... Wollen Sie das nicht thun?« Er schwieg noch immer. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit fester Stimme: »Thauziat, sind Sie nicht mehr der ehrliche Mann, den ich liebte?« Er brach in ein schreckenerregendes Lachen aus, und sein Gesicht verriet plötzlich, wie sehr die Leidenschaft ihn zerwühlt und verzehrt hatte. »Nein,« sagte er, »ich bin dieser Mann nicht mehr.« »Und was hat Sie so verwandelt?« »Die Liebe zu einem Weibe! Ich habe genug darunter gelitten, daß ich Ehrbegriffen treu bleiben wollte, die nur für mich vorhanden zu sein scheinen. Soll mir Louis etwa heilig sein, weil er mir die gestohlen, die ich liebte? Sie rufen meine Ritterlichkeit zu seinen Gunsten an! Ich soll mir das Herz aus dem Leibe reißen, um den zu retten, der mich so grausam getroffen! Aber, werden Sie mir sagen, er ist mein Freund, mein Bruder, und ich verrate ihn und stoße ihn in den Abgrund! Also bin ich ein Unwürdiger, ein Ehrloser? Und was ist er denn? Diese Frau, über deren Verlust ich mich nicht zu trösten vermag, ist sein eigen, und er hintergeht sie – ein ehrenwerter Gatte, nicht wahr, gegen den man freilich besonders rücksichtsvoll sein muß! Er hat ein entzückendes Kind, das die Freude seines Lebens sein müßte, die Hoffnung seiner Zukunft ... und er ist auf dem besten Wege, dasselbe einer Dirne zuliebe an den Bettelstab zu bringen – gewiß, solch ein bewunderungswerter Vater ist es wert, daß man ihm gegen seine eigne Tollheit zu Hilfe kommt! Diesem Menschen ist alles zu teil geworden, was das Leben an Glück bietet, er hat es in den Schmutz getreten, er hat gefrevelt an jeder Pflicht, er hat weder Achtung für die Mutter, noch Liebe für sein Kind. Und ich soll mich verpflichtet fühlen, ihm gegenüber Tugenden zu üben, die seiner Seele fremd und unverständlich sind? Ich sollte ihn der Gefahr entreißen, in die ihn seine eignen Fehler gestürzt? ... Das wäre Wahnsinn! Mag er unterliegen, da er weder klug genug war, den Kampf zu meiden, noch tapfer genug, ihn zu bestehen!« Seine Aufregung hatte sich während des Sprechens mehr und mehr gesteigert, seine hohe Stirn hatte sich mit brennender Röte bedeckt. Seine Augen warfen finstere Blitze und sein Mund krampfte sich in erschreckender Ironie zusammen. Er schien Emilie von einer satanischen Schönheit, als er alles, was Edelmütiges in seinem Herzen war, wie eine nutzlose Last über Bord warf und sich vermessenen Sinnes Thaten rühmte, die er im Grunde seines Gewissens verdammen mußte. »Also Sie kämpfen gegen ihn?« fragte Emilie. »Ja« rief er laut aus. »Gut denn, Thauziat. ... Ich sage Ihnen, Sie werden in diesem Kampfe unterliegen, denn auf seiner Seite kämpft, was Sie ins Verderben gestürzt hat, die Liebe eines Weibes.« »Wir werden sehen.« Emilie gab die Hoffnung noch nicht auf, sondern wandte sich, nachdem ihre Versuche bei Thauziat und Helene gescheitert waren, an Louis selbst. »Du weißt,« sagte sie zu ihm, »daß ich nicht unnötig Lärm schlage. Aber dein Vorgehen erschreckt mich. ... Du machst Seiltänzerkunststücke auf einem Goldfaden, und hast nicht einmal die Balancierstange bei dir ... es ist höchst wahrscheinlich, daß dir das den Hals kosten wird.« »O, nicht doch,« erwiderte er heiter, »jetzt riskiere ich nichts mehr. ... Ich setze alle meine Hoffnung auf das große Geschäft, an dessen Spitze dein Vater steht. ... Und das ist doch ein sicheres Unternehmen. ... Du wirst das Mißtrauen nicht so weit treiben, zu glauben, daß er auch dieses zu Falle bringen wird, um mir einen schlechten Streich zu spielen.« »Ich weiß nichts davon und will nicht untersuchen, was möglich oder unmöglich ist.... Aber ich bitte dich, beschränke dich auf deine industrielle Mitwirkung und spekuliere nicht in Aktien. Wer weiß, was kommen kann!« »Aber ich weiß, daß ein Bankier sich nicht selbst ruinieren wird, nur um einen Konkurrenten oder einen Feind zu Grunde zu richten. Dein Vater hat ein ungeheures Kapital in das Kabelunternehmen gesteckt.« »Ist man denn je darüber im klaren, wieweit er an einer Sache beteiligt ist? Er ist sehr vorsichtig und steht auf sicheren Füßen. ... Und er haßt dich gründlich. ... Sieh dich vor!« »Dank für deine Teilnahme. Aber ängstige dich nicht, es ist nichts zu befürchten!« In der That schienen hinsichtlich des Kabelunternehmens keine Besorgnisse nötig. Dasselbe war in der Kammer ohne den mindesten Widerstand bewilligt worden, und Louis erwartete nur noch den Ausspruch des Senates, um sich gründlich an der Haussespekulation zu beteiligen und in wenigen Tagen das Geld zu gewinnen, dessen er dringend bedurfte. Nur mit Hilfe von Abschlagszahlungen hatte er bisher die Bauhandwerker, welche die Häuser auf den Diana gehörigen Grundstücken im Viertel der Champs Elysees errichtet, zum Warten bewegen können. Die Häuser stiegen bereits aus der Erde hervor, und Sir James, der plötzlich das Baufieber bekommen, wich nicht von der Baustelle und forderte unaufhörlich von Hérault, den er »mein lieber Compagnon« anzureden pflegte, Geld für die Handwerker. Er hatte jetzt das Auktionshaus und die Kuriositätenhändler vergessen. Die ungeheuren Steinhaufen, die eine ganze Straße bildeten, waren momentan in seinen Augen die wichtigsten Luxusgegenstände und viel wertvoller als Sèvresporzellan und geschnitzte japanische Elfenbeinwaren. Aergerlich, daß er den Anforderungen der Bauunternehmer nicht nachkommen konnte, fuhr Louis nicht selten Sir James mürrisch an; aber es gelang ihm nicht, ihn los zu werden. Der Gatte Dianas nahm dann gewöhnlich die traurige Miene eines Mannes an, dessen Vertrauen man mißbraucht, und sprach oft ganze Abende hindurch kein Wort. Das wäre an und für sich erfreulich gewesen, wenn nicht die treue Bundesgenossin Louis mit zärtlichen Vorwürfen überhäuft hätte. Eines Abends beging Louis, der die ewigen Nörgeleien gründlich satt hatte, die Unvorsichtigkeit, zur Beruhigung seiner etwas bedenklich werdenden Freunde, Sir James die Pläne auseinanderzusetzen, welche er auf die Emission der Kabelaktien begründet hatte. Diana billigte dieselben höchlichst, und ihr Gatte pflichtete ihr vollkommen bei. Unglücklicherweise wollte es der Zufall, daß Sir James tags darauf, als er sich auf die Bauplätze begab, Lereboulley in den Champs Elysses begegnete. Mehreremal schon hatte er diesem sein Bedauern ausgedrückt, ihn nicht mehr in der Avenue Gabriel zu sehen. Lereboulley hatte ihm mit großer Bitterkeit erwidert, daß Lady Olifaunt ihm ihr Vertrauen entzogen, und daß er deshalb nicht mehr in ihrem Hause verkehren könne. So oft die beiden Männer sich seither an drittem Orte trafen, sprach der eine von Diana, der andre von den Bauten, was ein ergötzliches Duett ergab, aber immer zu dem Schlußsatz führte, daß Louis Hérault nicht die Mittel besäße, um die Sache zu einem glücklichen Ende zu führen, aber daß Diana keinerlei Gefahr liefe, da die Grundstücke ihr Eigentum wären. Diesmal war es Lereboulley selbst, der zuerst auf die Bauten zu sprechen kam, und sofort erging sich Sir James in langen technischen Auseinandersetzungen über das Fortschreiten derselben. »Ja, aber wie steht es mit den Zahlungen?« sagte der Senator. »Herr Hérault wird demnächst alles ins reine bringen. Er hat eine Finanzoperation eingeleitet, von der er große Ergebnisse erhofft.« »Ah,« sagte Lereboulley, die Ohren spitzend, denn er hatte seit mehreren Wochen zu seinem großen Aerger bemerkt, daß Louis sich nicht mehr an dem Börsenspiel beteiligte. »Ja, er wartet nur auf die Ausgabe der Kabelaktien.« »Da hat er recht,« sagte der Senator, dessen Stimme vor Erregung zitterte. »Das ist ein ausgezeichnetes Geschäft.« Und nachdem er Sir James die Hand gedrückt, entfernte er sich nach der Richtung der Boulevards zu. So war er denn von den Plänen Louis' durch eine Indiskretion dessen unterrichtet, der an ihrem glücklichen Ergebnisse so stark beteiligt war. Während des Gehens dachte er nach. Er wollte seinen Feind in seiner Gewalt haben. Noch wußte er nicht, wie er ihn treffen solle, aber er war entschlossen, den entscheidenden Schlag zu thun. Es mußte der letzte Gang in dem Zweikampf zwischen ihnen sein, und der entscheidende. Am nächsten Tage sollte Lereboulley das Wort im Senat ergreifen, um die Annahme des Kammerbeschlusses zu erlangen. Einen Augenblick dachte er daran, den Abschluß der Angelegenheit zu verzögern und den Antrag zu stellen, die Vorlage erst einen Monat später auf die Tagesordnung zu setzen. Auf diese Weise würde die Geldklemme, in der Louis jetzt schon steckte, in die Länge gezogen, und er hätte begründete Aussicht, ihn unter der Last, die er sich aufgebürdet, zusammensinken zu sehen. Aber es befriedigte ihn nicht, mit so kleinen, leisen Schritten zum Ziele zu gelangen – er wollte einen unmittelbaren und schnellen Schlag führen, der seinen Mann auf der Stelle niederstreckte. In seinem erfinderischen Geiste tauchte ein andrer Plan auf, dessen Ausführung sehr einfach war und der schreckliche Folgen für Louis haben mußte, wenn er glückte. Und er mußte glücken. Der Senator trat in die Börse ein, sprach einige Augenblicke mit seinem Agenten und begab sich dann in seine Büreaus. Größer noch als der Eifer, mit dem Lereboulley die Katastrophe vorbereitete, war die Angst, mit der Louis den Ausgang der Kabelaffaire erwartete. Das war sein letzter Trumpf. Wenn das Glück ihm hierbei hold war, so war er vollständig gesichert und brauchte nichts mehr zu fürchten. Wenn dagegen dieses Wagnis fehlschlug, so mußte er scheitern, und keine Rettung war mehr möglich. Von dem Vermögen, das er besessen, würde ihm nichts bleiben, als armselige Trümmer, die überdies seiner Großmutter gehörten, Landhaus und Park in Boissise, die nur Geld kosteten, statt etwas einzubringen, und das Vermögen, das vertragsmäßig Helene zugesprochen war und das die Zukunft seines Kindes darstellte. Ob er das Spiel wagen sollte oder nicht, war nicht mehr zu überlegen, er konnte nicht mehr zurück. Wenn er die Bauunternehmer nicht weiter bezahlte, jetzt, wo die Bauten fast zur Hälfte ausgeführt waren, so mußten die halbfertigen Häuser, die so viel gekostet, zu niedrigen Preisen verkauft werden, und alles war verloren. Er mußte alles auf diese eine Karte setzen, gewann er, so war er gerettet. An dem Tage, an welchem die Senatssitzung stattfand, in der die Frage endgültig entschieden werden sollte, war Louis bei Lady Olifaunt. Sie sprachen natürlich von Geschäften, denn wenn die verführerische Diana nicht schlief, um ihre Augen und ihren Teint zu erfrischen, beschäftigte sie sich gern mit ernsthaften Dingen. Sir James trat, ohne sich anmelden zu lassen, was eine außerordentliche Aufregung seinerseits verriet, ins Zimmer seiner Frau und rief gleich beim Eintritt: »Die Sache ist durchgegangen im Senat. ... Lereboulley sprach ausgezeichnet.« »Sie haben der Sitzung beigewohnt?« »Ja, ich hatte Gelegenheit, Eintritt zu erlangen, und da mich die Angelegenheit näher anging, ließ ich für heute die Bauten im Stich. Lereboulle's Rede hat großen Eindruck gemacht. Er hat eine Subvention für die Gesellschaft herausgeschlagen und wurde bei einer patriotischen Phrase lebhaft beklatsche. Ich war sehr zufrieden mit ihm.« Er hielt inne, plötzlich bemerkend, daß das Lob Lereboulleys ein Schweigen heraufbeschworen. Aber er war nicht der Mann, seine Freunde aufzugeben, um sich den »Freunden« seiner Frau gefällig zu erweisen, und zog sich mürrisch zurück. Darauf erhob sich Diana von dem Diwan, auf dem sie hingestreckt gelegen, und schlang ihre Arme um Louis' Nacken. »So ist's also entschieden! Wir wagen die große Spekulation?« »Ja – es ist entschieden!« »Und wann das?« »Sobald sich die Haussebewegung kundgeben wird.« Beide blieben noch eine Stunde zusammen. Wer sie in ihrer Jugend und Schönheit so bei einander gesehen hätte, Hand in Hand und Auge in Auge, hätte gesagt: Das sind zwei Wesen, die sich anbeten und die von ihrer Liebe sprechen. Wenn er aber näher hingehört hätte, würden nur die Worte Report, Courtage, Prämien und ähnliche sein Ohr getroffen haben. Diese Liebenden unterhielten sich wie zwei Börsenjobber, deren einzige Beschäftigung nicht die Liebe, sondern die Sorge war, Geld zu gewinnen. Um dahin zu gelangen, hatte Louis Helene verraten. Zu Ende der Woche kündeten an allen Ecken von Paris große gelbe Plakate die Ausgabe der Aktien des transatlantischen Kabels an, und die Börsenblätter machten großartig Reklame für das Unternehmen, das auch in der übrigen Presse in günstigem Sinne besprochen wurde. Es hieß einstimmig: Die Sache liegt nicht in den Händen von Schwindlern, sondern von vertrauenswürdigen Geschäftsmännern, und der Name Lereboulleys allein war eine genügende Bürgschaft für das Publikum. Louis befand sich während dieser acht Tage in fieberhafter Aufregung. Er sprach hastig und viel, oder versank in vollständiges Schweigen, offenbar von ernsten Sorgen in Anspruch genommen. Eines Morgens kündigte er ganz unerwartet beim Frühstück seiner Großmutter und seiner Frau an, daß er nach England reisen müsse. Er fuhr noch am selben Abend, nachdem er zu Hause ausdrücklich anbefohlen, unter keinem Vorwand jemand den Zweck seiner Reise mitzuteilen, nach Calais. Sein Plan war sehr einfach: Da er nicht wagte, alle seine Aufträge seinem Pariser Börsenagenten zu geben, in der Furcht, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sein Manöver zu lenken, und da er aus ähnlichen Gründen nicht nach London telegraphieren wollte, zog er es vor, in eigner Person dorthin zu reisen. Die englische Spekulation mußte seiner Berechnung nach über die neuen Aktien herfallen und sie so zum Steigen bringen. Vier Tage, nachdem er abgereist war, fiel Emilie, als sie im »Figaro« den Bericht über eine Ausstellung suchte, eine Notiz auf, die folgendermaßen gefaßt war: »Man erzählt in hohen Kreisen, daß eine in der Bildung begriffene Gesellschaft, an deren Spitze eine unsrer finanziellen und politischen Größen steht, der Gegenstand so besorgniserregender Manöver seitens einer Gruppe englischer Spekulanten ist, daß eine Interpellation in der Kammer stattfinden wird, um die Zurückziehung der vom Staate bewilligten Subvention zu beantragen. Frankreich, schon einmal in der Suezkanalfrage getäuscht, ist nicht reich genug, um sich auf Unternehmungen einzulassen, welche zu guterletzt nur die Kapitalisten Englands bereichern.« Und zwei Zeilen tiefer las sie: »Man kündigt die Reise des Herrn Lereboulley nach Rom an. Der hervorragende, einflußreiche Geschäftsmann will mit der italienischen Regierung die Bedingungen für eine Anleihe feststellen, welche durch die Ausdehnung der Kolonialpolitik notwendig geworden ist.« Emilie erkannte sofort, wie die Sache stand. Durch die erste Notiz erschütterte man das Vertrauen, welches die Subskribenten auf das Kabelunternehmen setzten – denn von diesem und keinem andern konnte die Rede sein! – und mittels der zweiten gab man sehr deutlich zu verstehen, daß Lereboulley sich nicht mehr mit der Sache befaßte, da er kurz vor der Aktienausgabe sich nach Italien begab. Erschreckt suchte das junge Mädchen unter den Börsennotizen, und wie mit Flammenlettern gedruckt, sprangen ihr die Worte in die Augen: »Rückgang der Aktien des transatlantischen Kabels um hundert Franken.« Sofort hatte sie die innere Gewißheit, daß Louis bei den neuen Aktien a la hausse engagiert war, und daß die Baisse, deren Folgen und Ursachen sie gleichzeitig erkannte, gegen ihn gerichtet war. Sie eilte zu ihrem Vater, entschlossen, ihn auszuforschen, ihn anzuflehen und ihren ganzen Einfluß über ihn aufzubieten, um ihn günstiger gegen Louis zu stimmen. Sie fand Lereboulley nicht; er war ausgegangen und hatte hinterlassen, daß er nicht vor Tisch heimkehren würde. Sie ließ anspannen und fuhr zu Frau Hérault. Dort wußte man von nichts. Ein Brief Louis', der durchaus keine Befürchtungen verriet, war eingetroffen; er kündigte in demselben seine Rückkehr an. Fräulein Lereboulley wollte Helene nicht unnötig aufregen, indem sie ihr Befürchtungen über eine Katastrophe mitteilte, deren Eintritt sie doch nicht zu hindern vermochte. Sie verließ sie deshalb, ohne ihr irgend eine Andeutung gemacht zu haben. Am nächsten Morgen suchte sie ihren Vater in seinem Zimmer auf. Der Senator saß frisch rasiert vor einem Tischchen, auf dem in silbernem Service sein Frühstück stand, und trank eine Tasse Thee, bevor er sich nach der Rue Lepelletier begab. Als er seine Tochter eintreten sah, ging er ihr entgegen, und sein wohlgenährtes Gesicht verklärte sich. »Wie – du?« rief er, sie an sich ziehend und küssend. »Was hat das zu bedeuten? Denn für gewöhnlich suchst du mich nicht so früh auf.« Zu jeder andern Zeit würde Emilie ihren burschikosen Ton angeschlagen und Lereboulley erwidert haben: »O Papa – das ist leicht erklärlich, weil du um diese Zeit meistens noch nicht zu Hause bist ...« Aber sie war heute nicht in der Laune, zu scherzen, sondern ging geradeswegs auf ihr Ziel los, indem sie sagte: »Du sollst mir erklären, was vorgeht. ... Ich habe gelesen, daß die Aktien der Kabelgesellschaft um hundert Franken gesunken sind. Was soll das heißen?« Der Senator entledigte sich rasch seines Schlafrockes, zog sein Jackett an und wandte sich dann mit lachendem Gesichte an seine Tochter: »Wie, über Börsengeschäfte willst du mich ausfragen, Emilie? Was kann dich das interessieren, meine teure Kleine? Bleibe doch auf deinem künstlerischen Gebiet, mein Herz, da bist du viel besser an deinem Platze!« »Nein, Vater, du mußt mir sagen, was dieser unerwartete Rückgang der Aktien zu bedeuten hat.« »Manöver, Intriguen der Syndikate ... was weiß ich, sicher nichts Ernstes!« »Aber die Zeitungsartikel, in denen man zu verstehen gibt, daß du die Sache fallen läßt?« »Lächerliche Enten, wie alles, was die Presse veröffentlicht. Die Wahrheit wird schon an den Tag kommen, und die Aktien werden wieder bis zu dem ihnen zukommenden Preise steigen!« »Inzwischen sind dann diejenigen, welche durch die Baisse getroffen werden, ruiniert?« »Ganz gewiß! ... Aber was willst du? Das ist nun einmal das Ergebnis der Schlachten unter Börsenleuten, wie Wunden und Tod das Resultat der Schlachten unter Soldaten sind.... Vae victis ! das ist das Losungswort eines jeden Krieges!« Emilie ging einen Schritt auf ihren Vater zu und sagte sehr ernst: »Kannst du mir dein Ehrenwort geben, daß Louis Hérault nicht zu diesen Besiegten gehört?« Plötzlich nahm Lereboulleys Gesicht einen Ausdruck an, der seine Tochter in Schrecken setzte, dann sagte er mit einer Härte des Tones, die sie an ihm nicht kannte: »Ho, ho, mein Kind, du siehst scharf und hast die Situation erkannt! Du bist um deinen Kameraden besorgt, und du fragst mich nach seinen Aussichten? So höre denn! Er hat es gewagt, mich anzugreifen, und ich habe ihn zu Boden geworfen, wie ich alle die besiegen werde, die sich erdreisten, seinem Beispiele zu folgen.« »Und seine Großmutter, seine Frau und sein Kind?« »An die zu denken, war seine Sache.« »Weil er schändlich gehandelt, ist das ein Grund für andre, ein Gleiches zu thun?« »Meine Tochter, du vergißt, zu wem du sprichst!« »O – wie gern möcht' ich es vergessen!« Bei diesen Worten, in denen eine Welt von Traurigkeit und Schmerz lag, erbleichte Lereboulley und geriet sichtlich in tiefe Bewegung, Er näherte sich Emilie, zog sie an sein Herz und sagte: »Emilie, mein teures Kind, ich bitte dich, nimm in diesem Kampfe nicht seine Partei und beurteile mich nicht nach dem äußeren Schein. Du weißt, wie ich dich liebe. ... Das, was du da eben gesagt, hat mich im tiefsten Herzen verwundet! Laß nichts sich zwischen uns drängen, weder Mißtrauen noch Groll. ... Halte dich diesen schrecklichen Intriguen fern.... Setze nicht den Fuß in diesen Schmutz, du würdest dich ganz unnötigerweise besudeln. ... Ich bin kein böser Mensch, das weißt du, und ich würde niemand, wer es auch immer sei, aus bloßer Schadenfreude unrecht thun. – Aber dieser Louis hat sich gegen mich in gemeinster Weise vergangen! er hat mich beleidigt und gedemütigt, er hat mir den größten Schmerz meines Lebens zugefügt. ... Er ist deines Mitleids unwürdig.... Wenn du wüßtest.... Aber du weißt, ich sehe es ja, und du bittest auch nur für die Seinigen. Nun wohl! Für diese thue ich alles, was du nur wünschen kannst. Ich werde nie vergessen, welche Beziehungen zwischen uns bestehen, daß sie alte Freunde sind. Ich werde ihnen ein neues Vermögen schaffen, das verspreche ich dir. Aber was ihn betrifft, er soll und muß die Schwere meines Armes fühlen, ich will meinen Fuß auf seinen Nacken setzen, oder nicht mehr Lereboulley heißen!« Er hatte seine Tochter auf seine Kniee gezogen, küßte und liebkoste sie und suchte sie zu überzeugen. Sie berechnete indessen kühl und klar die Tragweite von alledem, was sie soeben gehört hatte. »Ich hin reich,« sagte sie, sich erhebend, »das Erbe, das mir meine Mutter hinterlassen, ist nicht unbeträchtlich. ... Ich bin mündig und frei und kann Louis helfen.« »Nein, mein Herz, dazu reicht dein Vermögen nicht aus; du würdest es opfern, ohne ihn damit retten zu können,« erwiderte Lereboulley. »Alles, was er gekauft hat, habe ich verkauft. ... Ich liefere, und er muß zahlen, oder – springen!« »Mein Gott, mein Gott ... wo ist er nur, was thut er?« rief Emilie verzweifelt. »Wenn er zum Aeußersten seine Zuflucht nähme, wenn er sich eine Kugel vor den Kopf schießt! – Welch eine Last auf unsern Gewissen!« »Der – und Selbstmord!« rief Lereboulley und brach in ein lautes Gelächter aus. »Was für ein Einfall! ... Du fragst, wo er ist? Solltest du das wirklich nicht wissen? Er ist gestern aus London zurückgekehrt und bei Lady Olifaunt abgestiegen, ohne bis jetzt ihr Haus verlassen zu haben.« Emilie senkte finster den Kopf. Jetzt verzweifelte sie selbst an seiner Sache. »Wie kann ich da helfen?« fragte sie schließlich. »Sorge, daß er in sein Haus zurückkehrt, und sieh, daß er dort bleibe!« Emilie stieß einen Seufzer aus und entfernte sich ohne ein Abschiedswort für ihren Vater. Elftes Kapitel Als Louis in jenem Zustande verzweiflungsvoller tödlicher Starrheit, der auch bedeutendere Menschen befallen und lähmend auf ihre Geisteskraft einwirken kann, von London zurückkehrte, fand er Lady Olifaunt auffallend ruhig, und das Mißgeschick mit lächelnder Philosophie tragend. Wenn ihm noch ein Funken von gesundem Menschenverstande geblieben wäre, so wäre dieser Umstand wohl geeignet gewesen, ihn über die wahren Gefühle dieser Frau aufzuklären. Auch Sir James zeigte sich ihm gegenüber von einer Freundlichkeit und Güte, die sehr seltsam erscheinen mußten, wenn man in Betracht zog, welch warmen Anteil er an jenen Maurern nahm, die in soliden Granitblöcken ein Vermögen für Diana aufbauten. Louis, der auf Ausbrüche der Verzweiflung und heftige Vorwürfe gefaßt gewesen, fand augenblicklich seine Kaltblütigkeit wieder und begann seine Lage ruhig ins Auge zu fassen. Er hatte eine gewaltige Börsenoperation zu liquidieren. Der Ruin seines Vermögens war sicher, aber seine Ehre konnte unversehrt bleiben, und er sah die Möglichkeit vor sich, mit einer kleinen Nachhilfe und vollständiger Aenderung seiner Lebensweise sich allmählich wieder emporzuschwingen. Daß diese Änderungen und Einschränkungen sich in erster Linie auf Diana beziehen müßten, daß er vor allem den Lebemann abstreifen und ein geregeltes, häusliches Dasein aufnehmen müßte, sagte er sich freilich. In dem Zimmer, das man ihm im Hotel Olifaunt eingeräumt hatte, am Kamin sitzend, ließ er vor seinem geistigen Auge die Vorfälle des soeben verflossenen Jahres vorbeiziehen und begann sie klaren Blickes zu prüfen. Er gab sich Rechenschaft über die Triebfedern seiner Handlungsweise und fing an einzustehen, wie erbärmlicher Art dieselben waren: ausschließlich sinnliche Leidenschaft, bis zur Tollheit gesteigerte Eitelkeit, dafür hatte er sein Vermögen verschwendet, das Glück der Seinigen aufs Spiel gesetzt. Plötzlich traten alle die, denen gegenüber er sich so schuldig fühlte, vor sein inneres Auge – er sah sie im Salon des Faubourg Poissonnière beisammen sitzen, die Großmutter, wie sie schweigend an ihrem Strumpfe strickte, Helene, den kleinen Pierre auf ihren Knieen und ihn sprechen lehrend, die Wangen von Gram und Kummer gebleicht. Er sah das Kind, wie es den Lippen der Mutter folgte, um die Silben zu bilden, und sich bemühte, die vorgesprochenen Worte zu wiederholen; dabei lachte es und schlug seine rosigen Händchen zusammen. Es schien Louis, als ob er deutlich die Stimmen der beiden hörte: die seiner Frau traurig und ernst, die seines Kindes sanft und einschmeichelnd. Beide Stimmen wiederholten nur das eine Wort, immer wieder dasselbe, als ob sie durch ihre beständigen Bitten ihn herbeizurufen hofften: »Papa, Papa!« Er schloß die Augen, um dieses Bild nicht zu sehen, das ihn bis ins tiefste Innere erschütterte; aber in seinem Ohr klangen die beiden Stimmen immer weiter; immer dringender, immer inniger und immer flehender wurde ihr Ruf. Hérault erhob sich und blickte um sich. Das Zimmer in dem fremden Hause flößte ihm plötzlich Entsetzen ein, mit einem Male kam ihm zu Bewußtsein, daß er zu seiner Geliebten gegangen in einem Augenblick, wo er seine Frau hätte aufsuchen müssen, und angewidert, als ob er sich in einer Lasterhöhle befände, nahm er seinen Hut und eilte die Treppe hinab. Lady Olifaunt war in ihrem Ankleidezimmer damit beschäftigt, ihren rosigen Fingernägeln mit Hilfe zahlreicher Elfenbein- und Stahlutensilien die kunstvollste Pflege, angedeihen zu lassen. Sie wies mit der Hand nach einem Stuhle und sagte, ohne sich in ihrer wichtigen Arbeit zu unterbrechen: »Ah! ... Sind Sie nunmehr wieder vollkommen zur Besinnung gekommen? Gestern abend haben Sie mich wahrhaftig in große Unruhe versetzt! Sie waren ja ganz niedergeschmettert.« »Ich hatte wohl auch einige Ursache dazu,« sagte er mit schwachem Lächeln. »Haben Sie einen Entschluß gefaßt?« »Ja!« »Welchen?« »Habe ich denn eine Wahl? Ich hoffe doch nicht, daß Sie auch nur einen Augenblick annehmen konnten, daß ich meinen Verpflichtungen nicht nachkommen würde! Ich werde vor allen Dingen meine Schulden bei Heller und Pfennig bezahlen: das übrige wird sich dann erst finden.« »Ich kenne Sie zu gut, um an der Vortrefflichkeit Ihrer Absichten zu zweifeln, lieber Louis; auch dachte ich jetzt zunächst nicht an Ihre geschäftlichen Angelegenheiten; dieselben werden sich ohne Zweifel nach Wunsch gestalten lassen, besonders wenn Sie die Wahrung Ihrer Interessen einem tüchtigen Manne anvertrauen.« »Mein Notar, Herr Talamon, ist jung, thatkräftig und sehr umsichtig. Er ist mir ein wahrhafter Freund, dem ich unbeschränkte Vollmacht erteilen werde.« »So wären wir ja darüber beruhigt. Nichtsdestoweniger wird diese Liquidation furchtbar peinlich für Sie sein und viel von sich reden machen.« »Das wird die gerechte Strafe meiner Dummheit sein,« unterbrach Louis sie trocken. Diana blickte auf. Der Ton, in dem er gesprochen, deutete auf ganz andre Gedanken und Gefühle hin, als ihm gewöhnlich eigen waren. »Sir James und ich verreisen für ein paar Wochen,« sagte sie. »Wollen Sie uns begleiten?« »Das ist unmöglich,« erwiderte er bestimmt und kühl. »Weshalb?« fragte Diana, ihm näherrückend, um den Zauber ihrer blauen Augen auf ihn wirken zu lassen. »Weil sich meine Lage geändert hat und ich meine Lebensweise vollkommen anders gestalten will.« Sie legte zärtlich und mit schelmischer Anmut das blonde Haupt auf seine Schulter und sagte ihm leise ins Ohr: »Hast du mich denn nicht mehr lieb? Wenn du nur wolltest, gingen wir nach Italien und vergäßen im Sonnenglanz, am Ufer eines tiefblauen Sees, unter Rosen alles um und außer uns.« Er wiederholte: »Es ist unmöglich.« Und da sie sich immer enger an ihn schmiegte, sagte er plötzlich: »Wir werden uns lebewohl sagen müssen, Diana!« Sie machte eine heftige Bewegung, und ihn aufmerksam beobachtend, fragte sie: »Was soll das heißen, Louis, woher kommen diese neuen Impulse? Was hat man Ihnen gesagt? Was ist vorgegangen? Lohnen Sie meine Hingebung auf diese Weise?« »Ich darf diese Hingebung nicht länger annehmen, Diana. Wir müssen uns notgedrungen trennen. Wenn ich Ihnen das nicht offen sagte, würde ich Sie hintergehen, wie – die andern.« »Was gehen uns die andern an?« rief Diana heftig. »Brauchen wir uns um sie zu kümmern?« »Ich wenigstens muß es,« erwiderte Louis fest; »in dem Augenblick, wo ich gezwungen bin, die größten Opfer von ihnen zu fordern.« Das Gesicht Lady Olifaunts nahm einen harten, bösen Ausdruck an. »Deine Großmutter, nicht wahr – und deine Frau? An die denkst du, während du bei mir bist?« »Können Sie mir das zum Vorwurf machen, Diana, während jene so unglücklich sind?« Seine Stimme zitterte vor Erregung. »Sie wissen es ja, was die Ärmsten schon durch mich gelitten haben; äußerer Wohlstand, ein behagliches Dasein war alles, was sie für das wahre Glück entschädigen konnte – durch meine Schuld sind sie nun auch dieser äußern Vorteile beraubt. Wenn meine Gegenwart ihnen noch Trost bringen kann, so bin ich ihnen diesen wenigstens schuldig ... Diana,« fuhr er mit festerer Stimme fort, »ich habe Ihnen meine Frau geopfert, als sie reich und unabhängig war, und habe darin unwürdig gehandelt; aber wenn ich jetzt, wo sie arm und gedemütigt ist, ihr nicht zur Seite stünde, wäre ich der elendeste Feigling. Diese Entschädigung und diesen Trost kann sie von mir verlangen.« Die schöne Engländerin erbebte. Sie sah ein, das Louis ihr entschlüpfte und zu der zurückkehrte, die sie so sehr haßte. Der letzte Stoß, den sie ihrer Nebenbuhlerin beizubringen gehofft, war fehlgegangen; statt daß sie Helene den Gatten nahm, nahm diese ihr den Geliebten. Sie konnte diesen Gedanken nicht ertragen und sagte mit giftiger Ironie: »Wer weiß, ob diese Entschädigung ihr nicht gründlich unbequem wäre; der Trost wäre jedenfalls unnütz. ... Wenn's nur das ist, was Sie quält, können Sie getrost mit mir reisen!« Bei diesen Worten wurde Louis totenbleich, Lady Olifaunt bei der Hand fassend, rief er: »Was wagen Sie anzudeuten?« »Nichts, als was alle Welt weiß, Sie natürlich ausgenommen!« »Sie lügen!« Er drückte ihren zarten Arm so stark, daß sie einen Schmerzensruf ausstieß. Glühend vor Zorn entriß sie Hérault ihren Arm und versetzte ihm dabei mit der geballten Faust der andern freien Hand einen so derben Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte. »Wenn Sie so schwer zu überzeugen sind, so werde ich Ihnen Ihre Frau mit ihrem Geliebten zusammen zeigen.« »Wann das?« »Noch heute abend!« »Wenn Sie mich täuschen, so nehmen Sie sich in acht,« sagte er mit furchtbarer Stimme. »Und wenn ich die Wahrheit gesagt?« »Dann hält mich nichts mehr zurück – und ich folge Ihnen!« Er ging auf die Thür zu, er erstickte fast. Sie fragte ihn sehr sanft: »Wohin gehen Sie?« »In den Klub!« »Sie wollen nicht bei mir bleiben?« »Nein, auf heute abend!« Als die Thür sich hinter ihm geschlossen, blieb Lady Olifaunt einen Augenblick in Gedanken versunken, die Hand auf die Stirn gepreßt, auf dem nämlichen Fleck stehen; dann zuckte ein teuflisches Lächeln um ihren Mund, und ganz leise, als ob sie sich selbst eine Antwort gäbe, sagte sie: »Er muß sie beisammen sehen, mehr braucht es nicht. Wenn er wütend wird und Erklärungen fordert, so schießt ihn Thauziat nieder – er ist ja ein Meister im Taubenschießen,« Sie trat zu ihrer niedlichen Rokokoschreibkommode, öffnete sie und schrieb zwei Billete. Darauf klingelte sie; ihre Zofe erschien: »Diese beiden Briefe müssen augenblicklich besorgt werden; ich will nachher wissen, ob sie den Adressaten persönlich übergeben wurden.« In diesem Augenblick trat Sir James ein. Diana erhob sich, warf die Schleppe herum und studierte vor dem Spiegel die zarte, durchsichtige Haut ihrer Schläfen. Das Resultat ihrer Beobachtung mußte ein erfreuliches sein, denn sie wandte sich lächelnd an ihren Gatten: »Wir haben den armen Lereboulley schon so lange nicht mehr gesehen,« sagte sie. »Ich bin vielleicht nicht sehr liebenswürdig gegen ihn gewesen. Sie müssen nach der Rue Lepelletier gehen und ihm in meinem Auftrag eine Einladung zu Tisch überbringen.« Sir James sah außerordentlich befriedigt aus. »Endlich werden Sie wieder vernünftig,« sagte er. »Dieser liebe Lereboulley! Wie wird er sich freuen! Ich eile zu ihm.« Nachdem er seiner Frau die Hand geküßt, entfernte er sich diensteifrig. Im Hotel Hérault waren Sorge und Angst erst spät, aber dafür mit um so größerer Heftigkeit eingekehrt. Vier Tage lang war das Leben der Großmutter und Helenes regelmäßig wie immer dahingeflossen; Louis war verreist, und man erwartete ihn erst Ende der Woche zurück. Diese Reise beunruhigte niemand. Für die junge Frau war die Abwesenheit ihres Gatten kein Grund mehr zur Traurigkeit, denn er war ihr in Paris oft ferner als jetzt, wo ihn viele Meilen von ihr trennten. Emilie besuchte sie jeden Tag, und mit jedem Tage wurden ihre Fragen nach Nachrichten von Louis dringender, so daß Helene endlich doch unruhig wurde. Sie suchte ihre Freundin auszuforschen, aber diese ging auf nichts ein, und es war unmöglich, etwas von ihr zu erfahren. Daß etwas vorging, war klar, ebenso, daß Emilie davon Kenntnis hatte. Was mochte es sein? Hatte Lady Olifaunt ihn auf seiner Reise begleitet? Hatte sie Louis veranlaßt, auf dem Kanal eine ähnliche Vergnügungsfahrt mit ihr zu unternehmen, wie seiner Zeit Lereboulley auf dem Mittelländischen Meere? Sollte sich die Abwesenheit ihres Gatten, die, wie er ihr gesagt, nur einige Tage dauern sollte, noch länger hinziehen? Hatte er sich etwa verpflichtet, sie nie wiederzusehen? Was durfte man nicht von seiner Schwäche und von der Schlechtigkeit Dianas erwarten! Die bangen Zweifel, die Helene peinigten, wurden mit einem Male gehoben, aber die Wahrheit war so furchtbar, daß es vielleicht besser gewesen wäre, sie hätte sie nicht erfahren. Eines Morgens trat die alte Frau Hérault plötzlich in das Zimmer ihrer Schwiegertochter und ließ sich in einen Fauteuil fallen. Eine furchtbare Aufregung verzerrte ihre Züge, ihre Hände zitterten, sie war mit solcher Eile die Treppe heraufgekommen, daß sie noch ganz außer Atem war. »Mein Gott, was gibt es?« rief Helene, von namenloser Angst ergriffen. Die Großmutter starrte die junge Frau an und sagte dann mit zitternder Stimme: »Weißt du es denn noch nicht?« »Sprich doch, sprich doch – ich beschwöre dich – diese Ungewißheit tötet mich.« »O, mein Kind – Louis hat uns ruiniert!« Helene seufzte erleichtert auf, sie hatte Schlimmeres befürchtet. »Unser Notar, Herr Talamon, ist soeben bei mir gewesen,« fuhr die alte Frau fort, »er kam, um mich in aller Eile von Verkäufen in Kenntnis zu setzen, die mein Enkel in letzter Zeit abgeschlossen hat, und mich über neue Aufträge zu benachrichtigen, die er ihm telegraphisch erteilt hat. Er hält Geistesstörung bei Louis für wahrscheinlich und rät mir, ihm meine Prokura zu entziehen. Was soll das alles heißen? Wie sehr ich auch grüble, ich vermag es nicht zu enträtseln. Was hat er mit dem Gelde angefangen? Talamon, der uns sehr ergeben ist, hat Erkundigungen eingezogen. Er behauptet, Louis habe ungeheure Bauten unternommen. Wenn das richtig ist, wie kommt es, daß wir davon nichts wissen? Auf keinen Fall konnten ihn die Bauten ruinieren. Häuser können doch nicht fortfliegen, müßten also aufzufinden sein. Es steckt wahrscheinlich etwas andres dahinter.« Die alte Frau sprach mit scharfer Stimme und fieberhafter Hast. Ihr graues Haar sah wirr unter ihrer Haube hervor; sie, die sonst mit peinlicher Sorgfalt gekleidet war, hatte ihren Notar in dieser Unordnung empfangen und erschien, in ihrer Aufregung alles vergessend, auch so bei Helene. »Wenn er früher, als Junggeselle, solch tolle Ausgaben gemacht hätte, würde ich mir vorstellen können, wo das Geld geblieben. Aber heute, da er verheiratet und Familienvater ist ... Hast du denn nichts bemerkt?« »Nein – nichts!« »Dein Mann hat also Heimlichkeiten vor dir?« »Vielleicht wollte er es hauptsächlich vor dir geheim halten!« »Allerdings. Du siehst, mein Kind, daß ich nicht mehr weiß, was ich sage; ich verliere den Kopf.« Die alte Frau erhob sich und ging aufgeregt hin und her. Sie sah sich plötzlich in einem Spiegel und erschrak. »Mein Gott, in welchem Aufzuge bin ich hier!« Mit einer schnellen Handbewegung rückte sie ihre Haube gerade und strich sich die Haare glatt, dann eilte sie in ihr Zimmer. Nachmittags kam Emilie. Sie hatte am Morgen ihren Vater beschworen, Louis aus seiner verzweifelten Lage zu retten, statt der gehofften Zusage aber nur Aufklärungen erhalten, die ihr weiteres Forschen ersparten, sie aber völlig niederschmetterten. Der alten Frau Hérault mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe fiel sofort die Veränderung im Benehmen des jungen Mädchens auf. Sie sagte deshalb ohne weiteres: »Wie kommt es denn, daß du gar nicht nach Louis fragst?« Ohne ihre Kaltblütigkeit zu verlieren, erwiderte Fräulein Lereboulley: »Richtig, das hatt' ich ganz vergessen! Es geht ihm doch gut?« »Es geht ihm so gut,« erwiderte Frau Hérault, »daß er alles, was sein Großvater und sein Vater erworben, verschleudert hat! Wußtest du das nicht?« »Ich weiß es seit gestern ... vorausgesehen habe ich es schon lange.« »Dann weißt du wohl auch, wie und weshalb er sich in solch tolle Spekulationen gestürzt hat?« Emilie nickte bejahend mit dem Kopfe. »Sei so gut und setze mir die Geschichte auseinander, mein Kind; mein alter Kopf findet sich nicht mehr zurecht. Welche Narrheit oder welches Laster hat ihn so weit gebracht? Sprich, ich will alles wissen.« Helene schnellte empor, als ob sie sich zwischen das junge Mädchen und Frau Hérault werfen wollte. Bei dem Gedanken, daß die Großmutter die Fehltritte ihres Enkels erfahren, ihn tadeln und verachten könnte, empörte sich ihr Stolz. Er war ihr Gatte, ihr andres Ich, und es war ihr, als ob etwas von dem Tadel und der Verachtung, die ihn träfen, auf sie selbst zurückfallen würde. Durch eine flehende Gebärde bat sie Emilie um Schweigen. Der Großmutter war dies nicht entgangen, und sie wandte sich mit ungewohnter Härte im Tone an die junge Frau: »Du willst also, daß ich noch länger in Unwissenheit über das Geschehene erhalten werde? Warum? Solltest du etwa auch einen Teil der Verantwortlichkeit an unserm Unglück tragen? Hast du mich hintergangen, wie dein Mann? Bist du seine Mitschuldige? Hast du dir ebenfalls Vorwürfe zu machen?« Bei diesen ungerechten, harten Worten drang ein unwillkürlicher Schmerzensschrei aus Helenes Munde, und die Freundin gleichsam zum Zeugen nehmend, stöhnte sie: »Ich – ich.« Die vom Alter gebeugte, gebrechliche Gestalt Frau Héraults richtete sich hoch auf, ihre Züge nahmen plötzlich einen energischen Ausdruck an, und fest den Blick auf die Frau ihres Enkels heftend, sagte sie: »Wenn meine Anklage gegen dich falsch ist, so rechtfertige dich! Ich bin eure Mutter und habe das Recht, die ganze Wahrheit zu erfahren; es ist deine Pflicht, mir alles zu sagen.« »Nein, liebe Frau Hérault! Was Sie da von ihr verlangen, geht über ihre Kräfte,« warf Emilie ein, »aber aus meinem Munde sollen Sie erfahren, was sie Ihnen so stolz, so großherzig verborgen hat.« Trotz der flehentlichen Bitte Helenes schilderte Fräulein Lereboulley die Qualen, welche die junge Frau seit einem Jahre ohne Klage getragen, immer nur von der kindlich frommen Sorge erfüllt, der Großmutter die schlechten Streiche ihres geliebten Enkels zu verbergen. Sie enthüllte alles: den elenden Verrat, den offnen Treubruch, die Demütigung vor seiner Geliebten, die er der Gattin auferlegt; sie gab Rechenschaft von Helenes schweigend getragenen Schmerzen, von allen Beleidigungen, die ihr geworden, sie zeichnete mit raschen, klaren Zügen auf der einen Seite Niedrigkeit und Cynismus, auf der andern Geduld, Engelsgüte und edlen Stolz. Mit einem Schlage rächte Emilie ihre Freundin für alles, was sie erduldet. Starr vor Entsetzen und ohne ein Wort hervorbringen zu können, hatte die Großmutter diese furchtbare Enthüllung mit angehört. Seit sechzig Jahren war sie gewohnt, alle die, welche nacheinander den Namen der Hérault getragen hatten, ihren Gatten, ihren Sohn und ihren Enkel, die Häupter der Familie als höhere Wesen zu betrachten, denen Gehorsam und Achtung von Rechts wegen zukam. Alles, woran sie glaubte, alles, was ihrem Herzen teuer war, schien vernichtet, nichts Festes und Beständiges mehr konnte sie auf dieser Welt entdecken. Das Vermögen war dahin, die Ehre bedroht, das Glück zerstört. Wie ein Schiffbrüchiger, der auf hoher See, ein Spiel der Wellen, dahintreibt, warf sie einen schreckerfüllten Blick um sich und sah nichts als Helene, zwar traurig, aber gefaßt und entschlossen. Da ging die alte Mutter auf die junge Frau zu und beugte ihr weißes Haupt vor ihr. »Mein Kind, ich habe dich verkannt!« sagte sie. »Ich habe dich angeklagt und doch ward dir all das Leid, das du so mutig erträgst, durch mich. Ich habe dir Reichtum und Glück spenden wollen, und nun bist du arm und unglücklich. Ich bitte dich um Vergebung.« Sie breitete die Arme aus. Helene umschlang sie mit einem halberstickten Ruf der Zärtlichkeit. »Ich habe gehofft, dir Gutes thun zu können,« fuhr Frau Hérault fort, »und nun muß ich dir alles schulden, Zuneigung und Mitleid, denn ich weiß, daß du mir helfen wirst, den schweren Kummer zu tragen, der meinen Lebensabend verdüstert. Ich habe nichts mehr auf der Welt als dich, und du wirst mich nicht verlassen ... zu zweien werden wir mehr Kraft haben, dem Elend, das uns dieses unglückliche Kind bereitet, standzuhalten.« Sie konnte nicht weiter reden, Helene hatte ihr sanft die Hand auf den Mund gelegt. »Sei nicht so unbarmherzig,« sagte sie mit bittender Stimme, »nein! Glaube es nicht, daß Louis so ganz gesunken ist. Wir werden ihn wieder zur Vernunft bringen, wir werden ihm Ruhe und Besonnenheit zurückgeben. Selbst in den schwersten Stunden habe ich meinen Glauben an ihn bewahrt, er hat mir unsägliches Herzeleid bereitet, aber ich habe ihn lieb – und die Liebe hofft. Er hat Fehler begangen, er hat sich unbesonnener Handlungen schuldig gemacht, aber wenn wir diese Fehler vergessen, so sind ihre Spuren für alle Zeit verwischt ... und die unbesonnenen Streiche, die werden wir ihm gutmachen helfen. Niemand darf uns der Schwäche anklagen, wenn wir nachsichtig sind; er ist dein Enkel und er ist mein Gatte, und siehst du, Großmütterchen, die Frauen sind ja von Gott den Männern nur zugesellt worden, um sie zu lieben, sie zu beklagen und zu trösten.« »O, meine Tochter, du bist ein Engel von Güte,« rief Frau Hérault, die ihre Thränen nicht mehr zurückzuhalten vermochte. »Du gibst mir neues Vertrauen. Aber wo ist er? Was thut er? Er müßte bereits zurückgekehrt sein.« »Vielleicht wagt er nicht, sich hier zu zeigen, weil er vermutet, daß wir von dem Vorgefallenen unterrichtet sind! Aber beruhige dich ... wir werden bald Nachricht von ihm haben.« »Und wie werden wir ihn aus den Geldverlegenheiten retten, in denen er sich befindet?« »Du wirst alles opfern, was du besitzest, und ich alles, was er bei unsrer Verheiratung mir gesichert hat. Damit werden wir den Versuch machen, die Fabrik zu retten, die einst die Quelle eures Reichtums gewesen ist, und die, so Gott will, auch unsre Zukunft wieder gründen wird.« »Was für eine prächtige Frau du bist!« rief die Großmutter bewundernd. »Aber sage mir nur, auf welche Weise du das alles zu erreichen hoffst?« Helene lächelte ruhig und antwortete mit fester und zuversichtlicher Stimme: »Durch Willenskraft.« Und mit leiser Stimme begann sie ihre Pläne darzulegen, wie sie auf den Trümmern des von Louis zerstörten Gebäudes ein festeres und glänzenderes neu aufrichten wollten. Mitten unter den Schrecken des eben hereingebrochenen Unglücks träumte sie bereits von kühnen, neuen Unternehmungen. Diese kampfesmutige Seele zeigte sich jetzt in der ganzen Fülle ihrer Kraft und wußte damit die Befürchtungen der Großmutter einzuschläfern, Emilies regem Geist Staunen und Bewunderung abzugewinnen und durch Träume von einer schöneren Zukunft die eignen Gedanken von der trostlosen Wirklichkeit abzulenken. Gegen vier Uhr verabschiedete sich Emilie und versprach, am Abend wiederzukommen. Helene blieb allein. Der Abend brach an und mit der wachsenden Dunkelheit nahm die Stimmung der jungen Frau wieder eine düsterere Färbung an. Die Gründe, die sie zu finden gewußt, um Frau Héraults Sorgen zu verscheuchen, kamen ihr selbst nicht mehr stichhaltig vor; sie sagte sich, daß sie bisher eigensinnig die Augen vor der Gefahr verschlossen habe, und was ihre Lage Besorgniserregendes und Beunruhigendes hatte, zeigte sich ihr plötzlich in den schwärzesten Farben. Die unerklärliche Verzögerung der Rückkehr ihres Mannes, das Ausbleiben aller Nachrichten erfüllte sie plötzlich mit namenloser Angst. Was that er? Wo war er? Zu welchen Thorheiten, welcher Verzweiflungsthat hatte sich Louis in seiner Entmutigung – denn daß diese schwache Seele einer solchen anheimgefallen war, wußte Helene mit Sicherheit – hinreißen lassen? Die entschlossene und tapfere Frau fühlte urplötzlich Kraft und Mut schwinden, es durchrieselte sie kalt, eine furchtbare Aufregung bemächtigte sich ihrer, ihr Herz klopfte heftig und sie war nahe daran, um Hilfe zu rufen vor einer unbekannten Gefahr. Sie erhob sich und schritt hastig auf das Nebenzimmer zu, sie mochte nicht mehr in diesem Gemache, das ihr finster wie das Grab erschien, allein bleiben. Sofort wurde sie wieder sie selbst. Die Thür öffnete sich und das Zimmermädchen trat mit einer Lampe herein. Das Licht durchströmte das Zimmer und brach den traurigen Einfluß der Finsternis. Helene stand einige Augenblicke wie geblendet da. Dann fielen ihre Augen auf das kleine Silbertablett vor ihr, auf welchem ein Brief lag. Sie nahm ihn lebhaft auf und betrachtete die Handschrift der Adresse. Es war nicht die ihres Mannes. Enttäuscht ließ sie den Brief auf den Tisch zurückfallen. Dann setzte sie sich, trauriger noch in der Helle, die sie jetzt umgab, als vorher in dem Dunkel der Nacht. Mit gleichgültiger Hand riß sie das Couvert auf und begann zu lesen. Plötzlich belebte sich ihr finsterer Blick, eine heftige Glut überzog ihre Wangen, und sie stieß einen Schrei aus. Wie geblendet fuhr sie mit der Hand über die Augen, nahm den Brief und las: »Ihr Gatte, den Sie in London wähnen, ist seit gestern in Paris. Er hat im Sinn, morgen mit der Ihnen bekannten Dame nach Italien zu reisen. Wenn Sie ihn sehen wollen, so finden Sie ihn bei Herrn von Thauziat, wo er sich verbirgt.« Das Papier entglitt ihren Händen, und unbeweglich, betäubt durch den Aufruhr der in ihrem Hirn entfesselten Gedanken, blieb sie in der Mitte des Gemaches stehen, im tiefsten Innern getroffen, aber von Minute zu Minute Klarheit und Fassung gewinnend. Ihr erster Eindruck war der, daß jetzt alles verloren sei, jetzt, wo das so mühsam auf den Trümmern ihrer Existenz von ihr aufgerichtete Gebäude unter dem Todesstoß, den der Haß gegen sie geführt, zusammenstürzte, und wo Louis sie verließ, um sich im Triumph von ihrer Feindin entführen zu lassen. Aber die Tapferkeit kam ihr nie auf lange abhanden. Kaum hatte ihr Geist das schreckliche Bild erfaßt, ihr Gatte, der Vater ihres Sohnes, sie verlassend in dem Augenblick, wo die Ehre seine Gegenwart in dem zusammenbrechenden Hause erforderte, als sie auch schon nach Mitteln suchte, den Flüchtling zurückzuhalten. Eine Wut, die sie nicht zu bändigen vermochte, ließ sie in der Stille ihres einstigen Brautgemaches einen milden, herzzerreißenden Schrei ausstoßen. Es flimmerte ihr dunkel vor den Augen, und der Gedanke durchzuckte sie, die Nebenbuhlerin ums Leben zu bringen. War denn der Kelch ihres Unglückes noch nicht bis zur Neige geleert? Sollte sie wirklich für alle Zeit einsam und allein im Leben stehen – sollte ihr Kind des Vaters entbehren, den ein schamloses Weib von Stadt zu Stadt führte, diesen Gatten, den sie dem häuslichen Herde, diesen Vater, den sie den Seinen geraubt hatte? Mit lauter Stimme sprach sie: »Lieber wollte ich ihn tot sehen.« Aber die entsetzlichen Worte jagten einen Schauer durch ihren Körper, und sie fügte hinzu: »Nein – ich werde ihn ihr zu entreißen wissen.« Das Blut, das in ihren Adern gestockt hatte, begann ihr glühend heiß in den Schläfen zu hämmern, Leben und Thatkraft kehrten ihr zurück. Sie fühlte sich fähig, alles zu wagen und alles durchzusetzen. Ein brennendes Fieber verzehrte sie, und es war ihr unmöglich, auf einer Stelle stehen zu bleiben. Sie begann auf und ab zu schreiten, von Zeit zu Zeit entrangen sich ihren Lippen abgerissene, scheinbar zusammenhangslose Sätze. Der Gedanke, den jener teuflische Brief ihr nahelegen wollte, fing an sich ihres Geistes zu bemächtigen: sie wollte ihren Gatten aufsuchen. Er durfte nicht abreisen; sie wußte, welche Herrschaft sie über ihn besaß, sobald sie sich entschloß, dieselbe rücksichtslos zur Geltung zu bringen. Sie rief sich zurück, wie sie ihn schwach und zitternd zu ihren Füßen gesehen, als er sie weinend wie ein Kind, das sich an seine Mutter wendet, angefleht. Sie wollte vor ihn hintreten, und er würde ihr folgen, wenn sie ihm nur erst von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand – ja er mußte ihr folgen, sollte sie auch die schärfsten Mittel anwenden, um seinen Widerstand zu brechen. In ihrem Schmerz fühlte sie Riesenkräfte in sich; sie wollte ihn fortschleppen, wenn es sein müßte, in ihren Armen, nur fort, fort von diesem schlechten Weibe. Aber die Vernunft brachte ihren Zorn zum Schweigen und hielt sie von gewaltsamen Entschlüssen zurück. Wohin mußte sie ihre Schritte lenken, um den Gatten zu suchen? Der Brief sagte es: Er war in Thauziats Haus. ... Thauziat! Ein furchtbarer Verdacht stieg in ihr auf. Wenn man ihr da eine Falle stellte? Wenn der, welcher sie noch immer liebte, im Einverständnis mit dieser erbärmlichen Diana zu diesem Mittel gegriffen hatte, um sie in seine Wohnung zu locken? Sie nahm den Brief wieder auf und prüfte sorgfältig die Handschrift; die Züge waren ihr völlig unbekannt. Mit einer außerordentlichen Geschicklichkeit hatte Lady Olifaunt die Feder so zu führen gewußt, daß sie selbst das klare Auge Helenes täuschte. Welcher Freund oder welcher Feind hatte diesen Brief geschrieben? fragte sich Helene. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, Emilie um Rat zu fragen, allein sie erinnerte sich sofort, daß diese sie schon einmal getäuscht und Louis geholfen hatte, zu entschlüpfen. Weshalb sollte sie denn schließlich nicht ohne jede Begleitung zu Thauziat gehen können? Wenn Louis sich wirklich bei ihm befand, so war ja von keiner Gefahr die Rede, und wenn dies nicht der Fall, brauchte sie etwa Thauziat zu fürchten? Ein Lächeln der Verachtung glitt über ihre Züge. Konnten derartige Bedenken überhaupt in Betracht kommen, wo ihre ganze Zukunft auf dem Spiele stand? War es nicht feige, so sorgfältig alle Möglichkeiten auf die Wagschale zu legen? Sie war noch nie besiegt worden, außer durch die, welche sie liebte, und dann war ihr eignes Herz der Verbündete derselben gewesen; wenn sie aber für das Recht dieses Herzens, für ihre Liebe kämpfte, wer sollte dann stark genug sein, ihr den Sieg streitig zu machen? Sie zögerte nicht länger und gab Befehl, anzuspannen. Sie wollte nicht heimlich zu Thauziat gehen. Mit hocherhobener Stirn, ohne Maske wollte sie vor ihn treten und offen mit lauter Stimme reden. Sie warf ihren Mantel um, ordnete ihr Haar und machte sich auf den Weg. Diana hatte, als sie die Briefe abgesandt, alles genau berechnet: Clement verließ fast nie vor zwei Uhr seine Wohnung; Helene ging seit Louis' Abreise überhaupt nicht mehr aus. Beide mußten also zur rechten Stunde die Briefe erhalten, die sie ihnen zuschickte. In einem weitarmigen Fauteuil zurückgelehnt saß Thauziat in seinem Arbeitszimmer. Alter Genuesersamt – grüne Blumen auf silberdurchwirktem Grund – bekleidete die Wände des höchst ansprechenden Raumes, ein Tisch und wertvolle Truhen aus der Renaissancezeit bildeten das Mobiliar, das Tageslicht fiel durch schönbemalte Fensterscheiben gedämpft herein. Clement war in Nachdenken versunken; tiefe Trauer lagerte auf seiner Stirn; seine Lider waren gesenkt, und man hätte glauben können, er schliefe. Diana hatte ihn gebeten, das Haus nicht zu verlassen und zu warten. Und er wartete! Auf was? Er wußte es selbst nicht! Aber eine geheime Ahnung sagte ihm, daß es sich um Helene und Louis handle. Allmählich hatten ihn seine Gedanken in eine Traumwelt fortgetragen. Was ihn umgab, verschwamm vor seinen Augen, das ernste, ein wenig düstere Zimmer, wo er so viele traurige Abende verbracht, verwandelte sich in ein lachendes und helles Gemach, in das eine anmutige Frauengestalt leicht und ätherisch, Freude bringend und alles mit dem Glanz ihrer Schönheit verklärend sich bewegte. Sie trat ihm näher, und deutlich erkannte Clement ihre Züge: es war Helene. Klopfenden Herzens folgte er ihr mit den Blicken: sie zeigte ihm kein strenges Gesicht, sie war jetzt sanft, vertrauend und hingebend. Das Herz der jungen Frau war so grausam gemartert worden, daß ihre Liebe zu Louis unter unerhörten Qualen gestorben war, sie hatte erkennen müssen, daß sie auf falschem Wege war, und sich entschlossen zurückgewandt, und hatte den wiedergefunden, der sie so treu liebte, und der nun mit ihr und für sie ein neues Leben begann, ein unendlich friedevolles, ruhiges und glückseliges Dasein. Von diesem verführerischen Traumbild gefesselt, verharrte Clement unbeweglich und suchte leidenschaftlich eine Täuschung festzuhalten, die ihm so heiß begehrte Seligkeit gewährte. Der tiefe Glockenschlag einer nahen Turmuhr, der in dem schweigenden Räume widerhallte, entriß ihn diesem trügerischen Glück. Angstvoll zählte er die vier Schläge und erhob sich dann seufzend. Es war allmählich dunkel geworden in dem Gemache. Draußen herrschte noch die Dämmerung, in welcher die bereits angezündeten Gasflammen ein bleiches Licht verbreiteten. An dem Fenster stehend, betrachtete er die eilig Vorübergehenden. Eine große Aufregung hatte sich seiner bemächtigt, und er wartete in einer ihm unerklärlichen unruhigen Spannung auf etwas, das ihm nur in nebelhaften Umrissen vorschwebte, das aber seiner inneren Ueberzeugung nach dennoch eintreffen mußte. Als es fünf Uhr schlug, hielt plötzlich ein Wagen vor dem Thor seines Hauses, und ein Frauenkopf, dessen Züge sich in der schwachen Beleuchtung nicht unterscheiden ließen, beugte sich heraus. Ein Diener öffnete den Schlag und entfernte sich dann. Thauziat wollte fast der Atem vergehen. Eine innere Stimme rief ihm zu: »Sie ist es; dein Traum soll zur Wirklichkeit werden.« Siedend heiß stieg ihm das Blut in die Schläfen. Er lauschte. Die Hausglocke ertönte, und ihr Klang zitterte im Herzen Clements wieder. Ein leichter Schritt ließ sich hören, die Thür öffnete sich und ein Bedienter trat herein. Thauziat war dermaßen aufgeregt, daß er nicht zu sprechen wagte. Das Blut erstarrte in seinen Adern und die Beine versagten ihm den Dienst. Er war ungeduldig, zu erfahren, wer da sei, und dennoch scheute er sich, zu fragen. In gleichgültigem, dienstlichem Ton meldete der Diener: »Frau Hérault läßt fragen, ob Herr von Thauziat zu Hause ist und sie empfangen kann?« Ein Leuchten flog über Thauziats Stirn; sie war es! Er machte ein bejahendes Zeichen, und schritt, eine schwere Samtportière zur Seite schiebend, in den Nebensalon, wo zwei brennende Lampen auf dem Kamine standen. Dort blieb er, zitternd vor Ungeduld, Aufregung und Freude stehen. Ein Seidenkleid rauschte, ein leichter, aber energischer Schritt und das Geräusch einer leise geöffneten und sofort wieder geschlossenen Thür wurde vernehmbar, und einen Augenblick nachher standen sie sich gegenüber, Helene ein wenig bleich, Clement ernst und erwartungsvoll. Er bot ihr einen Stuhl, sie lehnte es indes ab, sich zu setzen und sagte stehend in festem Tone: »Ich habe die Nachricht erhalten, daß mein Mann sich bei Ihnen befindet. Wollen Sie ihm sagen, daß ich hier bin?« Thauziat machte eine Gebärde des Erstaunens, und ohne sich von seinem Platze zu rühren, erwiderte er möglichst ruhig und gleichmütig, um die junge Frau nicht zu erschrecken: »Ihr Gemahl, gnädige Frau? Es ist gerade acht Tage her, seitdem ich ihn zum letztenmal gesehen. Ich weiß nicht, ob er überhaupt in Paris ist, aber jedenfalls kann ich Sie versichern, daß er sich nicht in meinem Hause befindet.« Sie sah ihn mit hochmütiger Miene an. »Wer täuscht mich dann? Sie oder mein unbekannter Korrespondent?« »Ich?« rief er in einem so aufrichtigen Tone, daß Helene ihm glauben mußte. »Ich Sie täuschen, zu welchem Zwecke, in welcher Absicht?« Und da sie nicht antwortete, fuhr er in ehrfurchtsvollster Weise fort: »Befehlen Sie in diesem Hause, wie in Ihrem eignen, gnädige Frau! Klingeln Sie, lassen Sie alle meine Leute kommen, und fragen Sie sie aus! Vielleicht schenken Sie der Aussage meiner Dienerschaft mehr Glauben, als der meinigen.« Sie ließ sich auf den Sessel niederfallen, den er ihr angeboten, und sagte mit tiefer Stimme: »Verzeihen Sie mir! Ich bin tief unglücklich!« Er machte eine Bewegung, als ob er sich ihr zu Füßen werfen wollte; sie wehrte ihm aber mit der Hand und fuhr heftig atmend fort: »Sagen Sie mir die ganze Wahrheit! Ich weiß nicht, was um mich her vorgeht, aber ich fühle, daß ich trotz all meiner Gegenwehr einem Abgrunde zugedrängt werde. Vielleicht, daß ein aufrichtiger Rat, ein ehrlicher Wink hinreichen würden, mich die Gefahr vermeiden zu lassen. Ich bitte Sie, klären Sie mich auf, helfen Sie mir!« Thauziat zuckte die Achseln und erwiderte bitter: »Ist es meine Sache, Ihnen beizustehen gegen den, der von Gott und Rechts wegen Ihr Beschützer sein müßte? Welch eine Rolle muten Sie mir zu?« »Eine Rolle, deren ich Sie für fähig gehalten, die eines Mannes, der hochherzig genug ist, um selbst erlittene Kränkungen vergessen zu können!« »Glauben Sie ja nicht, daß ich so edel bin,« sagte er. »Ich habe viel gelitten und viel nachgedacht, und bin dabei um viele schöne Illusionen ärmer geworden, unter andern auch um die über mich selbst. Wenn Sie darauf gerechnet haben, daß ich ein Beispiel romantischer Selbstverleugnung geben würde – so irren Sie! Ich bin unglücklich auf eigne Rechnung gewesen, ich will es nicht auch noch auf die andrer sein.« Sie empfand eine gewisse Unruhe, bezwang sich aber und sagte mit einem nicht ganz natürlichen Lächeln: »Verleumden Sie sich doch nicht selbst! Ich bin sicher, daß Sie zu großen Opfern bereit sind, um mir einen Kummer zu ersparen.« Er sah ihr tief in die Augen und sagte mit leidenschaftlicher Betonung: »O – wie gut kennen Sie Ihre Macht über mich! Es ist wahr, ich liebe Sie so unsäglich, daß ich mein Leben dahingeben könnte, um Sie lächeln zu sehen.« Als sie fühlte, wie erregt er war, wollte sie sich erheben, allein sie mußte ja ihren Zweck erreichen, mußte alles von ihm erfahren, was er ihr mitzuteilen haben konnte, und begnügte sich deshalb mit dem Versuch, durch ihre Ruhe sein Ungestüm zu dämpfen und ihn zu einer kühleren Haltung zu veranlassen. »Ihr Leben verlange ich nun vorderhand gerade nicht,« sagte sie lächelnd, »ich wünsche nur zu wissen, wo mein Mann sich aufhält!« »Wo anders, als bei Lady Olifaunt!« Sie erbleichte, und ein nervöses Zittern irrte um ihre Lippen, aber sie verlor den Mut nicht. »Gut denn! So lassen Sie ihn holen!« »Wozu würde das wohl dienen?« »Jedenfalls zum Beweise, daß Sie mir gefällig sein wollen.« Sie hatte diese Worte mit einschmeichelnder Anmut gesprochen. Sie wollte ihn durch Liebenswürdigkeit dazu bewegen, Louis holen zu lassen. Da er stumm und schweigend stehen blieb, lächelte sie ihm zu, legte die Hände bittend ineinander und sagte: »Sollte ich mich wirklich vergebens an Sie gewendet haben?« Er entfernte sich vom Kamin, auf dessen Sims er sich gelehnt hatte, trat auf die junge Frau zu und sagte in eisigem Tone: »Genug, gnädige Frau! Bemühen Sie sich nicht weiter! Ich lasse mich von Ihnen nicht täuschen! Sie bedienen sich mir gegenüber einer Koketterie, die Ihnen widerstrebt und mich verletzt. Sie wollen sich meiner als Bindeglied zwischen sich und Ihrem Gatten bedienen. ... Aber ich durchschaue Ihr Spiel und halte es Ihrer und meiner für unwürdig.« Helenes Herz krampfte sich zusammen; sie schämte sich ihrer selbst. Wie entlarvt fühlte sie sich von diesem einen Worte. Hatte sie nicht die sündige Leidenschaft, die dieser Mann für sie im Herzen trug, anerkannt, gutgeheißen, indem sie versucht, sich dieselbe zu nutze zu machen? Sie stieß einen Seufzer aus und murmelte mit schwacher Stimme: »O – mein Gott – was habe ich noch zu hoffen?« »Daß ich Ihnen die Wahrheit sage, so schrecklich sie auch sein mag. O bleiben Sie« – sagte er, als er sie erschreckt aufstehen sah. »Sie haben Wahrheit von mir gefordert und jetzt gebricht es Ihnen an Mut, dieselbe zu hören!« Sie warf stolz den Kopf zurück. »Nein,« sagte sie. »Sprechen Sie – ich höre!« »Auf welchem Wege hat man Ihnen Mitteilung gemacht, daß Sie Louis Hérault in meiner Wohnung finden würden?« »Durch ein Billet ohne Unterschrift. Es wurde mir in demselben außerdem gesagt: Er wird heute noch mit der Ihnen bekannten Dame abreisen.« »Gut! Zur selben Stunde, als Sie diese Nachricht erhielten, wurde mir ein Brief zugestellt, in dem ich dringend gebeten wurde, meine Wohnung nicht zu verlassen.« »Es war also eine Schlinge?« sagte Helene, indem sie einen argwöhnischen Blick auf Thauziat warf. »Ja, die man Ihnen und mir gelegt hat!« »Aber wer ...« »Wer? Doch niemand, als die Frau, die ein Interesse daran hat und eine Genugthuung darin finden würde, Sie ins Verderben zu stürzen.« »Lady Olifaunt?« »Ja, Lady Olifaunt!« Und er fügte mit halblauter Stimme hinzu: »Und wer weiß, vielleicht noch ein andrer!« Die Augen Helenes blickten starr, und sie fragte zitternd vor Angst: »Gegen wen kehrt sich Ihr Verdacht? Wer ist der, den Sie nicht zu nennen wagen? Ist die Anklage so furchtbarer Art? Wer noch? frage ich Sie!« Er senkte den Kopf, als ob er sich über das schämte, was er zu sagen hatte, und flüsterte: »Ihr Mann!« Das Blut erstarrte ihr vor Entsetzen. Dieser furchtbare Verdacht war auch in ihr aufgestiegen. Auch sie hatte eine Minute lang an den gedacht, an den sie unlösbar durch ihre Liebe und Treue gefesselt war. Ihre traurige Erfahrung hatte ihr gesagt: »Er hat alles verleugnet und alles für diese hassenswerte Frau geopfert. Warum sollte er in seiner Schlechtigkeit nicht so weit gehen, zu versuchen, sich von dir zu befreien, indem er dich in einem vom Verrate gesponnenen Netze fängt.« Schaudernd vor Abscheu suchte sie sich dieses Argwohns zu erwehren. In ihrem Innern ertönte eine Stimme, die ihr sagte: »Verzage nicht! Glaube nur an das Gute, und verliere nie die Hoffnung, dann wirst du aller Schwierigkeiten Herr. Wenn du ihn nicht aufgibst, wird Louis nicht feige, nicht ehrlos werden. Nein! – Er wird wieder ehrenhaft und gut sein. Aber du mußt wollen!« Sie erwiderte, gleichsam als Antwort auf ihre eignen Gedanken: »Diese Anklage ist unsinnig!« Thauziat fuhr mit wachsender Erregung fort: »Unseligerweise ist sie nur zu wohl begründet. Wenn Ihr Mann sich von Lady Olifaunt wirklich bestimmen läßt, mit ihr zu reisen, so ist es denkbar, daß er diesen Schritt in den Augen der Welt weniger frevlerisch erscheinen lassen wollte, indem er Ihnen ein Unrecht aufbürdete, welches ihm zur Rechtfertigung dienen könnte. ... Sie können sich nicht vorstellen, was ein Mann, wie er, in den Händen einer solchen Frau werden kann. Um den Verstand hat sie ihn längst gebracht, um sein Vermögen ebenfalls, weshalb denn nicht um seine Ehre? Er hat Sie verlassen um Dianas willen, er wird Sie auch ihrem Hasse preisgeben! Ein verworfenes Geschöpf, wie sie ist, hat kein andres Verlangen, als Sie zu sich herabzuziehen ... zeigen zu können, daß Sie nicht besser sind, als sie selbst, danach steht ihr Verlangen – Sie mit dem Schlamm zu besudeln, in dem sie ihr Dasein hinschleppt, ist ihr sehnlicher Wunsch! Und in diesem Bestreben, für das ich keinen Namen finde, hat sich Ihr Mann zum Mitschuldigen dieses Weibes machen lassen. ... Die Gattin, die Mutter seines Sohnes, gibt er der tierischen Grausamkeit dieser Gefallenen preis! Sie wissen sehr wohl, daß jedes Wort, das ich Ihnen gesagt, wahr ist. Sie haben die Krallen dieser Elenden Ihr Herz zerfleischen gefühlt ... Sie haben die Besudelung ihrer Hand von sich abzuwehren, ihre Spur zu verwischen gehabt. Ich stelle keine leeren Behauptungen auf, dies alles ist handgreiflich erwiesen, zweifellos wahr ... und die schmähliche Vergangenheit bürgt Ihnen für eine schimpfliche Zukunft.« Er war dicht vor sie hingetreten, seine Gestalt richtete sich hoch empor, wahrend sein Antlitz in furchtbarer Schönheit strahlte. Seine Reden hatte Helene überwältigt, wie gebannt haftete ihr Blick auf ihm, sie konnte seinen Einfluß nicht von sich abschütteln, es war ihr, als ob sie, über einen Abgrund gebeugt, vom Schwindel erfaßt wäre. Wie sollte sie wissen, was im Innern dieses düsteren Mannes vorging? Was bezweckte er? Welche Hoffnungen hatte er auf ihr Unglück gebaut? Er war zu sehr Herr seiner selbst geblieben, um sich dazu herabzulassen, Louis anzuklagen, einzig um sich die Genugtuung zu verschaffen, seinen Nebenbuhler zu erniedrigen, – Welch einen verwegenen Plan hatte er gefaßt und welche Rache gedachte er für seine ehemalige Niederlage zu nehmen? Sie wollte nicht länger im unklaren bleiben. Es schien ihr, als müßten die Worte, die er auszusprechen im Begriffe stand, entscheidend für sie sein. Sie wollte die Lösung des Rätsels kennen, mit welcher diese furchtbare Sphynx noch zurückhielt, und kühn sagte sie: »Was sollen Ihre Worte besagen?« Er antwortete ernst: »Sie sollen Ihnen den Beweis geben, daß das Schicksal mich nicht zwecklos auf Ihren Lebensweg geworfen, und daß ich vielleicht um meiner Liebe willen so viel leiden mußte, nur damit Sie meine unerschütterliche Treue besser würdigen können. Die Ehrlosigkeit Ihrer Feinde hat uns in schändlicher Absicht zusammengeführt. Man hat Ihrer Ehre wie der meinigen den Fehdehandschuh hingeworfen: ich hebe ihn auf und nehme den Kampf an. ... Man hat mich in meiner Liebe herausgefordert – nun gut, ich nehme das Recht dieser Liebe offen in Anspruch! Wenn Ihr Gatte Sie jetzt, nachdem er Sie schmählich beleidigt, verläßt, so sind Sie wieder frei. Streichen Sie ihn aus Ihrem Dasein, wie er Sie aus dem seinigen gestrichen hat. Kehren Sie um auf Ihrem Lebensweg und löschen Sie die verflossenen zwei Jahre aus Ihrem Gedächtnisse aus. Ich biete Ihnen diese Hand, legen Sie getrost die Ihrige in dieselbe! Nicht eine Frau auf Erden wird je so geliebt sein, wie Sie von mir. Mein Leben wird nur einen Zweck haben, den, Sie die Leiden vergessen zu machen, die Sie erduldet.« Sie sah ihn einen Augenblick an, dann sagte sie sehr ruhig: »Mit andern Worten gesagt, Sie bieten mir an, mein Leben von neuem zu beginnen und Ihre Frau zu werden, nachdem ich durch eine Scheidung wieder freie Herrin über mich geworden?« »Ja!« »Wenn auch mein Gatte mich verläßt, so werde ich darum doch nicht frei,« sagte sie sanft. »Mein Kind wird mir bleiben, mein Kind, das die Liebe, die ich ihm geweiht, nicht verraten und das mein Leben ausfüllen wird.« »Er wird mein Sohn sein,« fagte Thauziat, »ich werde ihn lieben, als ob mein Blut in seinen Adern rollte, und ich schwöre Ihnen, ich werde einen Mann aus ihm machen.« »Er wird keinen andern Namen führen, als den ihm bei seiner Geburt zu teil gewordenen, und wenn sein Vater unseligerweise diesen bis dahin mit Ehren getragenen Namen in den Staub zieht, so wird mein Sohn sich eines Tages dies beste Familienerbe zurückerobern. Wenn ich mein ganzes Sein und Können ihm widme, werden Treue und Mut ihm wenigstens nicht fremd bleiben, und wenn er eine gute Mutter und eine ehrbare Frau vor Augen hat, werde ich keiner andern Hilfe bedürfen, um ihn zum Manne zu erziehen.« »Auf diese Weise werden Sie allerdings in bewundernswerter Weise Ihre Pflicht erfüllen, aber Ihr eignes Leben wird nur ein langsamer Opfertod sein. Nie, auch nicht einen Tag wird Ihnen ein vollkommenes Glück zu teil geworden sein noch werden. Sie haben dann geliebt, ohne je den beseligenden Einklang zweier Herzen, die nur füreinander schlagen, kennen gelernt zu haben, ohne zu erfahren, wie zweier Menschen Hoffen und Wollen, Streben und Freuen Eins werden kann. Und Sie sind noch so jung! Jahre um Jahre müssen noch vergehen, ehe die Zeit kommt, wo die Leidenschaften erstorben sind. Und wie können Sie wissen, ob Ihr Herz, das jetzt todwund ist, nicht gesunden, sich nicht wieder nach Liebe sehnen wird? Sind Sie so gewiß, daß Sie nie Reue empfinden werden? O, wenn Sie sich mir anvertrauen, mich über Ihre Zukunft wachen lassen wollten – ich schwöre Ihnen, ich würde Sie das Dasein wieder lieben lehren. Ich würde nur eins kennen: Ihr Glück zu sichern. Ich habe nur Sie geliebt, und seit zwei Jahren zehre ich von der Erinnerung an Sie, leide unter Ihren Schmerzen und kenne von Freuden nur noch die, Sie zu sehen, in Ihrer Nähe zu atmen, Ihre Stimme zu hören, die mir ach! so viel harte, grausame Worte gesagt. O wie habe ich dem Schicksal geflucht und diesen Glücklichen beneidet, diesen Unwürdigen, der es verstanden hat, den Schatz zu erringen, aber nicht ihn zu würdigen. Ich habe ihn beneidet, und jetzt, wo ich sehe, wie Sie trotz alledem an ihm hängen, jetzt hasse ich ihn. Ja, ich hasse ihn mit allen Fibern meines empörten Herzens! Helene, verharren Sie nicht bei dieser Thorheit! Wenn Sie für sich selbst kein Erbarmen kennen, o so seien Sie wenigstens nicht so mitleidlos gegen den, der nur für Sie lebt und der ohne Zögern alles opfern würde, um aus Ihren Augen einen weniger strengen Blick, aus Ihrem Munde ein mitleidigeres Wort zu erhaschen!« Mit ausgestreckten Händen, die Züge von glühender Leidenschaft verzerrt, ging er auf sie zu. Er wollte sie besitzen, was es auch koste, das verriet die Glut, die in seinen Augen sprühte und auf seinen Lippen brannte und welche die junge Frau mit einer heißen, verzehrenden Flamme einzuhüllen schien. Als sie ihn so bis zur Wut aufgeregt sah, überkam sie zum erstenmal ein Gefühl der Furcht. Sie erhob sich, aber er faßte den Saum ihres Gewandes, kniete vor ihr nieder und sagte, die Stirn in die Falten ihres Kleides drückend: »Ich flehe Sie an, bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung! Sie haben mir ja schon so wehe gethan, und ich habe keine Waffe Ihnen gegenüber, nichts als eine unerschütterliche Liebe. Denken Sie daran, daß der, dem Sie mich so erbarmungslos opferten, Sie verläßt, daß er sich bei dieser Frau befindet, vielleicht in diesem Augenblick in ihren Armen ruht.« »Schweigen Sie!« schrie sie auf. »Das, was Sie da sagen, ist ehrlos!« »Ehrlos ist, was er Sie erdulden läßt! Er wird mit ihr, die durch seinen, durch Ihren Ruin bereichert ist, sich vor Ihnen flüchten!« »Sie lügen!« Mit einer heftigen Gebärde befreite sie ihr Kleid aus den Händen Thauziats und sagte, indem sie auf die Thür zuschritt: »Ich werde Sie nicht länger anhören!« Er sprang auf und rief, sich vor sie stellend: »Ach – Sie treiben mich zum Aeußersten! Ich will, daß Sie bleiben!« »Werden Sie es wagen, mich gegen meinen Willen hier zurückzuhalten?« »Ich wage alles!« Sein Gesicht hatte einen düsteren und drohenden Ausdruck angenommen. Sie trat einen Schritt zurück und sagte mit beleidigender Ironie: »Denken Sie auch daran, daß, wenn Sie mich nicht gehen lassen, ich berechtigt bin, anzunehmen, daß die Schlinge, in die man mich gelockt, von Ihnen gestellt wurde?« »Glauben Sie, was Sie wollen!« »Sie flehten mich vorhin um meine Liebe an. Wünschen Sie etwa, daß ich Sie verachte?« »Meine Ehre liegt in Ihrer Hand. Bei Ihnen stand es, mich zu einem guten oder einem schlechten Menschen zu machen. Sie haben mich auf den Weg des Bösen getrieben. Wenn man Verbrecher sein muß, um Rechte in Ihrem Herzen zu erlangen, so will ich einer sein!« »Nehmen Sie sich in acht! Wenn Sie sich mir nähern, rufe ich um Hilfe!« »Sie würden dann nur um so sicherer verloren sein. ... Und wenn verloren, so sind Sie mein. ... Uebrigens kann niemand eintreten!« Er schob hastig den Riegel vor. Helene stürzte nach dem Fenster, aber Clement war zur selben Zeit dort wie sie und faßte sie in seine Arme und preßte sie an sich, daß sie den Schlag seines wild pochenden Herzens fühlte. Sie wollte sich losreißen, stemmte beide Hände gegen seine Schultern, ihn um Armeslänge von sich entfernt haltend, kämpfte sie mit wahnsinniger Wut, um sich seiner Umarmung zu entziehen. Zu schreien wagte sie nicht, aber sie stöhnte heiser, wie eine verwundete Löwin. Schon fühlte sie ihre Kraft erlahmen, schon näherte sich das entflammte Gesicht Clements dem ihren, als sich, das dumpfe Geräusch ihres Ringens übertönend, Stimmen im Nebenzimmer hören ließen. »Man kommt,« sagte die junge Frau, »noch ist's Zeit, lassen Sie mich ... und ich schwöre Ihnen, ich will vergessen.« Thauziat antwortete nicht, sondern versuchte Helene wie eine Beute in seinen Armen fortzuschleppen. In der Stille des Zimmers hörte man eine ungeduldige Hand heftig an die Thür pochen. Die junge Frau machte eine letzte verzweifelte Anstrengung und entwand sich den Armen Clements. Sie war frei und lief nach der Thür, die sie mit einem Schrei des Triumphes aufriß. Aber der Ton erstarrte auf ihren Lippen, und sie wich erschreckt zurück: ihr Gatte stand vor ihr. Bleich und zitternd stand sie zwischen den beiden Männern, die sich mit den Blicken maßen. Alles über ihre beleidigte Ehre vergessend und mehr an den Beweis ihrer Schuldlosigkeit denkend, als an ein Mittel, den Zorn zu besänftigen der in beider Männer Augen loderte, rief sie: »Louis – nur dies eine: hältst du mich für schuldig?« Louis trat auf sie zu, und als er sie so stolz und wild in ihrer beleidigten Frauenwürde vor sich stehen sah, reichte er ihr die Hand und sagte mit fester Stimme: »Nein!« Sie stieß einen Schrei der Erlösung aus, umschlang ihn jubelnd und preßte ihn an sich, als hätte er ihr ein neues Leben geschenkt. Dann aber mit Schrecken erregendem Ausdruck zu dem unbeweglich dastehenden Thauziat gewandt, rief sie: »Herr von Thauziat, Sie haben sich einer Frau gegenüber wie ein Feigling benommen; Sie sind nicht würdig, von der Hand eines Mannes einen Schlag zu empfangen.« Blitzschnell entriß sie Louis einen seiner Handschuhe und schlug damit ihrem Beleidiger ins Gesicht. Er stieß einen dumpfen Schrei aus und schien sich auf die beiden Gatten stürzen zu wollen. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung zwang er sich aber plötzlich zur Ruhe. Totenbleich neigte er sein Haupt vor Helene und sagte mit einem Lächeln voll tiefster Verzweiflung: »Das war gerecht!« »Auf morgen!« sagte Louis. »Auf morgen!« wiederholte Thauziat, wie ein unheilkündendes Echo. Helene faßte schaudernd den Arm ihres Gatten, und ohne einen Blick hinter sich zu werfen, zog sie ihn mit sich fort. Zwölftes Kapitel Es war elf Uhr vormittags; trüb und neblig war der Morgen; die Sonne schien nicht im stande, den Tag herauszuführen. In dem kleinen Salon des zweiten Stockwerkes, so weit als möglich von dem Zimmer der alten Frau Hérault, saßen Helene und Emilie angstvoll wartend. Schon seit zwei Stunden hatte Louis das Haus verlassen – der Zweikampf mit Thauziat sollte in Bagatelle stattfinden. Der Gatte, dem alle Rechte des Beleidigten zugestanden worden, hatte als Waffe gezogene Pistolen gewählt und fünfundzwanzig Schritte Distanz mit Feuer ohne Kommando zur Bedingung gemacht. Die Zeugen, sehr vertrauenswürdige, ehrenwerte und in allen Regeln der Ehrenhändel bewanderte Männer, waren von Thauziats Seite der Baron Trésorier und der Marquis de Beaulieu; Hérault hatte seinen Vetter, den Obersten Gandon, und Pierre Delarue um diesen Dienst gebeten. Nach ernstlichen, aber vergeblichen Bemühungen, die Gegner zu einem Duell mit Kommando zu überreden, hatten sich die beiderseitigen Sekundanten Louis' und Thauziats beschieden und waren auf Louis' Bedingungen eingegangen. Die wahre Ursache des Streites war keinem von ihnen bekannt. Louis hatte seinen Freunden einfach mitgeteilt, daß Clement ihn schwer beleidigt habe. Clement hatte den seinigen den Auftrag gegeben, sich vollkommen den Bedingungen des Gegners zu fügen. Da indessen Thauziat ein außerordentlicher Pistolenschütze war, so hatten die Zeugen nicht in seinem Interesse eine Milderung der Bedingungen zu erlangen versucht, sondern zu gunsten dessen, der sich seiner Pistole stellen mußte. Bei dem Duell auf Kommando war Louis die Möglichkeit geboten, davonzukommen, bei dem Feuern ohne Kommando war er von vornherein verloren. Diese Ansicht wurde allgemein ausgesprochen, und Emilie war, nachdem sie dieselbe auch von ihrem Vater hatte bestätigen hören, in größter Bestürzung zu Helene geeilt. Die junge Frau hatte ihr in kurzen Worten die Veranlassung des Duells mitgeteilt und dabei eine schreckenerregende Ruhe an den Tag gelegt. Wenn ihr Gatte mit einer undurchdringlichen Rüstung in den Kampf gezogen wäre, hätte ihre Zuversicht, ihn wiederzusehen, nicht größer sein können. Am Vorabend des Zweikampfes hatte sie sich mit Emilie auf ihr Zimmer zurückgezogen und hatte alle Besorgnisse der Freundin durch ihre fast unnatürliche Siegesgewißheit zum Schweigen gebracht. »Gott ist gerecht,« sagte sie, »und er kann mich so hart nicht treffen wollen. Zwei Jahre hindurch habe ich ihn jeden Morgen und jeden Abend angefleht, mir den geliebten Mann wiederzugeben. Sollte er mein Flehen nur erhört haben, um mir meinen Gatten in dem Augenblick, wo er bereuend und gebessert zu mir zurückkehrt, wieder zu entreißen? Nein, er verläßt die nicht, welche auf ihn vertrauen. Er hat das Opfer meiner Leiden angenommen, er hat meine Ergebenheit gesehen. Zum Entgelt für das, was ich gelitten, schuldet er mir das Leben meines Gatten, und er wird es mir schenken.« Sie sprach mit ruhiger Stimme, ohne jede Aufregung, mit einer Überzeugung, die Furcht für ihren Verstand einflößen mußte, wenn die Sache für Louis einen schlechten Ausgang nahm. Um Mitternacht bat die junge Frau ihre Freundin, nach Hause zu gehen, am nächsten Morgen aber wiederzukommen. Der Aufbruch Louis' war für neun Uhr festgesetzt. Als sie allein war, ließ sie sich in einem Gemache zwischen dem Zimmer ihres Gatten und dem ihres Sohnes nieder, indem sie die Thüren geöffnet hielt, als hoffe sie, durch den Zauber der Unschuld, der ihr Kind umgab, den Vater unverletzlich zu machen. In stiller Sammlung verharrte sie bis Tagesanbruch im Gebet. Als sie das Geräusch von Schritten in Louis' Zimmer hörte, trat sie ein. Sie sprach in ruhig heiterer Weise mit ihm, die dem Unglücklichen etwas von ihrer Zuversicht einflößte, ihn mit ihrem Mute beseelte und mit ihrem Stolze wappnete. Er sah sie mit demütiger Bewunderung an, er empfand ein heißes Verlangen, ihr das Wort zuzurufen, das in dieser Entscheidungsstunde sein Innerstes erfüllte, das Wort: »Vergebung«. Er wagte es nicht, er fühlte sich zu schuldig. Sie aber fand in ihrer heldenmütigen Entschlossenheit, ihre Todesangst zu verbergen, selbst die Kraft, zu lächeln. Sie wußte, daß, wenn sie ihre Nerven nur einen Augenblick Herr über sich werden ließ, sie sich Verzweiflungsausbrüchen hingeben würde, die ihren Gatten weich machen und ihm verhängnisvoll werden könnten. Ruhig und fest, Herr seiner selbst sollte er sein und bleiben, und wie immer, ging sie ihm auch jetzt mit ihrem Beispiel voran. Als Louis' Zeugen ihn abzuholen kamen, nahm sie den kleinen Pierre, der soeben aus seinem Schlummer aufgewacht war, aus seinem Bettchen. Sie legte ihn in die Arme seines Vaters, und beide mit einem Blicke zärtlichster Liebe umfassend, schien sie Vater und Sohn unlöslich verbinden zu wollen. »Küsse deinen Papa und sage ihm auf Wiedersehen!« sagte sie zu dem Kinde. Das sanfte, helle Kinderstimmchen wiederholte: »Auf Wiedersehen!« während die runden Händchen den Vater streichelten. Eine tiefe Bewegung durchzuckte Louis, und seinen Augen entquollen Thränen. Helene nahm darauf das Kind wieder aus seinen Armen, drückte ihren Gatten mit leidenschaftlicher Innigkeit an sich und sagte zu ihm: »Geh jetzt!« Ohne einen Seufzer auszustoßen, ohne eine Schwäche zu verraten, sah sie ihn sich entfernen. Vom Fenster aus folgte sie ihm mit den Blicken, sah, wie er in den Wagen stieg, und erst, als das Rollen der Räder sich in dem Straßenlärm verlor, eilte sie in ihr Zimmer und brach dort, unfähig sich länger zu beherrschen, in krampfhaftes Schluchzen aus. Einen Augenblick später traf Emilie ein und vereinigte ihre Thränen mit denen der Freundin. Sie verharrten eine Stunde hindurch, ohne zu sprechen, schweigend dem Ticken der Uhr lauschend, die wahrscheinlich die letzten Sekunden eines der beiden Gegner anzeigte. Emilies Herz war von den verschiedenartigsten Gefühlen zerrissen; sie wollte den Ausgang des Kampfes nicht voraussehen, sie wollte keine Wahl treffen zwischen dem Jugendfreund und jenem, den sie von allen auserkoren, weil ihr zu Mut war, als ob ihr noch so verschwiegenes Empfinden das Schicksal dessen beeinflussen könnte, dem sie im Geiste den Vorzug gab. Die Uhr zeigte in gewichtigen Schlägen die zehnte Stunde an. Helene stieß einen schmerzlichen Seufzer aus und murmelte: »Jetzt stehen sie einander gegenüber!« Sie sank auf die Kniee. Emilie blieb unbeweglich mit angstverzerrten Zügen sitzen, auf das geringste Geräusch lauschend, während ihr Herz so heftig schlug, daß sie zu ersticken glaubte. Die Stunde, die daraus verfloß, war für die beiden Frauen namenlos qualvoll, der Würfel war gefallen, das Urteil vollzogen und sie wußten nicht, wie es gelautet. Um halb elf Uhr vermochte Helene ihre Aufregung nicht mehr zu bemeistern, sie begab sich ins Erdgeschoß, öffnete das Fenster und beugte sich weit hinaus. In ihrer Ungeduld, alles zu erfahren, hatte sie auf die Straße laufen mögen, um die Nachrichten vorweg abzufassen. Und dabei empfand sie gleichzeitig ein solches Todesbangen, daß sie gewünscht hätte, sich im Dunkeln einzuschließen, um nichts zu hören und nichts zu sehen. Um elf Uhr stürzte Emilie, die bisher stumm sitzen geblieben war, außer sich herein und rief: »Was geht vor, mein Gott? Es ist furchtbar, uns so lange in Unkenntnis über das Geschehene zu erhalten. Es muß ja alles längst beendet sein!« Sie war halb ohnmächtig, aber Helene hatte keine Augen für die Freundin; ihr Blick haftete, wie durch magnetische Kraft festgebannt, an dem Eingangsthor, von wo die Entscheidung zwischen Leben und Tod kommen mußte. Endlich stieß sie einen Schrei aus, der Emilie bis in ihr Innerstes erzittern ließ, so triumphierend und gleichzeitig grausam erklang er: »Er ist's! Er ist's! Er lebt! Gott hat entschieden.« Helene hatte nicht die Kraft, einen Schritt zu thun, noch ein Wort mehr auszusprechen. Sie klammerte sich an den Fenstervorhängen fest, um nicht zu fallen, und sah auf ihren Gatten, der bleich und langsam von seinen Sekundanten und dem Baron von Trésorier aufrecht gehalten, über den Hof daherschritt. Eine furchtbare Hoffnung blitzte im Herzen Emilies auf. Hérault war verwundet – Thauziat mußte gerettet sein! Die vier Männer näherten sich, und man konnte Louis' Gesicht erkennen, dessen Züge bleich und verzerrt waren, während seine Lippen sich zusammenkniffen und seine Augen starr blickten. Sein rechter Arm hing kraftlos in einer breiten schwarzen Binde, und sein umgeworfener Paletot verbarg das Blut, mit dem sein Anzug befleckt war. Mühsam stieg er die Stufen des Vestibüls empor, fast getragen vom Oberst Gandon und Pierre Delarue. Als er eintrat, wäre er ohnmächtig hingesunken, wenn Helene ihn nicht in ihren Armen aufgefangen hätte. »Mein Gott! Welch eine Unvorsichtigkeit,« rief sie. »Weshalb denn gehen? Weshalb ist der Wagen nicht in den Hof gefahren?« »Ihr Herr Gemahl hat sich dagegen gesträubt, gnädige Frau,« sagte Delarue, »in der Furcht, Sie zu erschrecken. Er wollte, daß Sie ihn aufrecht sähen!« Louis versuchte zu sprechen; aber Helene schloß ihm sanft mit ihrer Hand den Mund. Trésorier fügte leiser hinzu: »Wir dürfen keine Minute zaudern, ihn hinaufzutragen. ... Er ist gefährlich verwundet ... die Kugel hat das Schulterblatt zerschmettert. Rameau de Ferrières wird ihm sofort einen neuen Verband anlegen.« Helene trat ein paar Schritte von ihrem Gatten weg und fragte den jungen Mann mit zitternder Stimme: »Und sein Gegner?« Trésorier senkte den Kopf: »Tot!« war das einzige Wort, das er erwiderte. Ein schmerzliches, halb ersticktes Stöhnen ließ sich bei dieser unheilvollen Kunde vernehmen; bleicher als der Verwundete stand Emilie vor dem Ueberbringer der Schreckensnachricht. Der Baron trat zu ihr und sagte, sich verbeugend: »Ich war im Begriff, mich zu Ihnen zu begeben, gnädiges Fräulein. Mein Freund, Herr von Thauziat, hat mir vor dem Zweikampf einen Brief eingehändigt, den ich ihm, wenn das Schicksal ihm günstig wäre, zurückstellen, im andern Falle aber Ihnen übergeben sollte. ... Es schmerzt mich tief, gnädiges Fräulein, meinen Auftrag in letztgenannter Weise ausführen zu müssen.« Er reichte Emilie das Schreiben. Sie nahm dasselbe, ohne eine Wort zu erwidern, entschwand wie ein Schatten vor den Anwesenden, trat in den Salon und dort, endlich allein und frei, ihrem Schmerz Ausdruck geben zu können, sank sie ohnmächtig nieder. Als sie wieder zu sich gekommen, fielen ihre halbgeöffneten Augen auf den Brief, den sie festgekrampft in der Hand hielt. Sie riß das Couvert auf, entfaltete das verhängnisvolle Blatt und konnte ihre Thränen nicht zurückhalten, als sie die festen klaren Züge jener Hand erkannte, deren Kraft nunmehr der Tod gebrochen. Sie trocknete die Thränen und, begierig zu erfahren, was der, den sie so zärtlich geliebt, ihr über seinen Tod hinaus anzuvertrauen hatte, las sie: »Ich habe die Nacht mit inneren und äußeren Vorbereitungen für den Zweikampf, dem ich entgegengehe, und der ein ernster sein wird und sein muß, hingebracht, Emilie; meine Angelegenheiten habe ich geordnet und mein Gewissen einer ernsten Prüfung unterzogen. Die erste Aufgabe war rascher erledigt, als die zweite, und es war mir leichter, Verfügungen über mein Vermögen zu treffen, als mir Rechenschaft über meine Seele abzulegen. Der Kampf, den ich gegen mich selbst gekämpft, war lang und qualvoll. Der Richter war streng, aber der Angeklagte verteidigte sich energisch, und nur mit Mühe kam der Wahrspruch zu stände, der auf ›schuldig‹ lautet. Ich habe schlecht gehandelt, und Sie hatten recht, als Sie mir dies sagten, aber die Leidenschaft riß mich fort und ihr Rat ist von jeher vom Uebel gewesen. Dreimal fühlte ich den Geist des Bösen sich meiner bemächtigen und meine Gedanken sich umnachten. Ich habe versucht, ihn mit Gewalt von mir zu weisen, ich habe gerungen in der Finsternis, ich habe mich zum Licht, zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit hindurcharbeiten wollen. Eine Kraft mächtiger, als mein Wille: meine am Gemeinen haftende Natur hat mich ins Dunkel zurückgezerrt, und ich habe mich dreier ehrlosen und schändlichen Handlungen schuldig gemacht. Die erste war, daß ich meine Hand in die des Mannes gelegt, den ich haßte, die zweite, daß ich in sein Haus trat, um seine Ehre zu stehlen, und endlich – habe ich feige Gewalt gegen eine Frau anzuwenden versucht. Ich wußte jedesmal, daß ich ein Verbrechen beging, und trotzdem that ich es. Der Reiz des Bösen war stärker als der Widerspruch meines empörten Gewissens, und ich habe die doppelte Qual ausstehen müssen, vor einem Verbrechen zurückzuschaudern und es doch zu begehen. Ja selbst an der Schwelle des Todes, wo ich Abrechnung halte über das, was geschehen, und das, was die Zukunft mir hätte bringen können, habe ich zwar die Kraft, mich zu verurteilen, aber nicht die, zu bereuen. Selbst in dem Augenblick, wo ich vielleicht für ewig dahingehen werde, überläuft mich ein Wonneschauer bei dem Gedanken, daß die, welche ich angebetet, um den Preis eines Verbrechens hätte mein sein können. Ich fluche meinem Geschick, das mich dieser Frau in den Weg geführt und mir nicht vergönnt hat, sie zu besitzen und in ihr das Glück meines Lebens zu finden. O, wie habe ich sie geliebt, und wie liebe ich sie in diesem Augenblick! Sie hat meine unermeßliche Zärtlichkeit für sie nicht würdigen können, und da ich sie ihr im Leben nicht habe beweisen dürfen, will ich versuchen, sie durch meinen Tod von der Wahrhaftigkeit derselben zu überzeugen. Nicht das Geschick, sie allein entscheidet in dem Kampf zwischen ihrem Gatten und mir – die Liebe, die sie für ihn empfindet, trägt den Sieg über meine Liebe zu ihr davon. Sie hatten es mir vorausgesagt, Sie, die Sie so wunderbar klug und gut sind: in dem Kampfe, den ich gegen die Treue und die Tugend unternommen, mußte ich unterliegen. Es bleibt mir nun nichts mehr zu thun, als meine Zeche zu bezahlen, und ich werde sie königlich bezahlen, indem ich dem Nebenbuhler mein Leben, und der, die ihn liebt, das Glück gebe. In dem Kampfe, der morgen ausgefochten wird, liegt Louis' Geschick in meiner Hand, ich bin entschlossen, ihn zu schonen. Nicht eine Thräne mehr will ich ihr erpressen, die schon so namenlos gelitten hat. Ich werde ihr Märtyrertum enden und mich zu ihrem Verbündeten machen. Leider kenne ich Louis zu gut, um nicht zu wissen, daß er von seiner thörichten Leidenschaft allein geheilt werden kann, wenn er Lady Olifaunt fern bleiben muß. Eine Kugel in die Schulter, drei Wochen Wundfieber, ein bißchen Blutverlust – und er wird nicht mehr an Diana denken. Ich werde ihm diesen Dienst erweisen. Der Verwundete wird noch mehr Sympathie erwecken, und das Wort ›Verzeihung‹ wird ihr noch leichter vom Herzen auf die Lippen steigen, ihr, die er so thörichterweise verlassen. Jetzt bin ich fertig; ich scheide aus der Welt, ohne jemand das geringste zu schulden. Ich habe ans Ende dieses furchtbaren Contos, das ich eröffnet, das Wort ›quitt‹ gesetzt. Und jetzt will ich nur noch an Sie denken, an Sie, die Sie meine aufrichtige, ergebene und weise Freundin gewesen sind, die mich betrauern wird, obgleich ich ihr viel Herzeleid bereitet. Sie haben mir eines Tages den größten Beweis der Achtung, den eine Frau einem Manne gewähren kann, gegeben, indem Sie mir Ihre Hand reichten und mich fragten: ›Wollen Sie mich zu Ihrer Gattin haben?‹ Ach – ich war Ihrer nicht würdig, und ich habe Ihnen das nur zu deutlich bewiesen. Verzeihen Sie mir den Gram, den ich Ihnen bereitet, und seien Sie versichert, daß Ihr Name das letzte Wort sein wird, das mein Mund auf dieser Welt spricht. Wenn ich nicht mehr sein werde, dann suchen Sie mich einigemal dort auf, wo ich in Schweigen und ewiger Ruhe schlafen werde. Ich habe die Blumen so sehr geliebt, schmücken Sie mit ihnen meine letzte Ruhestätte; nichts ist so traurig, wie ein verwahrlostes Grab. Wenn etwas von mir meine irdische Hülle unter dem Stein überleben sollte, so werde ich das Flüstern Ihrer Stimme erkennen – und meine Nacht wird weniger dunkel, mein Grab weniger eisig sein. Da bricht der Tag an. Lebewohl! Ich küsse Dich von ganzem Herzen.« Emilie faltete den Brief mit zitternder Hand und barg ihn in ihrem Busen. Ihre Augen waren trocken, nicht eine Thräne glitt über ihre Wangen. Sie erhob sich, klingelte, verlangte nach ihrem Mantel und ihrem Hut und ging, ohne von Helene Abschied zu nehmen, fort. Eine Viertelstunde später hielt ihr Wagen vor Thauziat's Hause. Die Thür stand weit offen, das Vestibül lag totenstill da, das junge Mädchen stieß die Treppe hinauf und trat in den Salon des ersten Stockwertes. Dort saß der Marquis von Beaulieu vor einen Tische und gab dem Kammerdiener Clements verschiedene Befehle. Als er Fräulein Lereboulley eintreten sah, erhob er sich ehrfurchtsvoll. »Sie wollen ihn sehen?« fragte er mit leiser Stimme. »Ja,« antwortete sie. Er trat einige Schritte vor, schob eine Portiere beiseite, und zog sich achtungsvoll zurück, nachdem er Emilie vorübergelassen. Der schwere Stoff fiel zurück, und das junge Mädchen stand allein in dem Zimmer. Thauziat lag vollkommen angekleidet ausgestreckt auf seinem Bette. Die rote Seide der Decke ließ die Blässe seines Gesichtes doppelt hervortreten. Seine Augen waren geschlossen, ein Lächeln schwebte um seine Lippen, als ob er dem Leben ein letztes Mal hätte trotzbieten wollen. Alles deutete darauf hin, daß er ohne Kampf, ohne Erschütterung unterlegen, daß er selbst dem Tode zu Hilfe gekommen. Seine Hände ruhten ausgestreckt und nicht im Todeskampfe zusammengeballt auf der Decke, Ein sechsarmiger silberner Leuchter, der neben dem Bette stand, beleuchtete seine stolzen und vornehmen Züge. Keine Blutspur, kein Flecken war an seinem Anzug zu bemerken. Er war gefallen, wie er gelebt, elegant und korrekt. Emilie trat zu ihm und sah ihn lange an, um dieses letzte Bild des geliebten Mannes unverlöschlich im Gedächtnis zu behalten. Dann beugte sie sich zu ihm nieder und berührte mit den Lippen diese Stirn, in der sich kein Gedanke mehr regte. Mit Mühe hielt sie einen Schrei zurück. Es war ihr, als ob die Lider Clements gezuckt hatten und eine fast unbemerkliche Bewegung über seine Wangen geglitten wäre – als ob der Kuß, den sie ihm gegeben, noch einmal den letzten Lebensfunken in ihm hätte aufsprühen lassen. Aber ein bläulicher Schatten zog an seinen Schläfen empor und umgab sie mit einer Trauerkrone. Da sank das junge Mädchen schluchzend auf die Kniee und betete.   Wie Emilie es vorausgesagt hatte, bedurfte es heißer Eisen, um das Bild Dianas aus Louis' Gedächtnis zu tilgen. Hingestreckt auf seinem Schmerzenslager, von furchtbarer Unruhe gepeinigt, wagte der unglückliche Hérault weder seiner Frau, deren Sanftmut, Ruhe und Festigkeit sich auch jetzt nicht verleugnete, noch seiner Großmutter, deren kummervolle Zärtlichkeit ihn tief erschütterte, zu befragen, und er litt unter dieser moralischen Pein mehr als unter den körperlichen Qualen. Seine Wunde war unter der liebevollen Pflege und der guten Behandlung bald auf dem Wege der Heilung. Aber wann, fragte er sich, wird meine Herzenswunde vernarben? Er hatte die Schätze verschleudert, die ihm das Glück so reichlich zugemessen; er hatte das Vertrauen seiner Großmutter getäuscht, die Liebe seiner Frau verraten und das von seinem Vater erworbene Vermögen, das er auf seinen Sohn hätte vererben müssen, leichtsinnig vergeudet. Alles hatte er seiner wahnwitzigen Leidenschaft geopfert, und trotzdem richtete niemand ein Wort des Vorwurfes an ihn, die Großmutter ging leis und sachte mit behutsamen Schritten im Zimmer hin und her und flüsterte mit der jungen Frau, das Kind spielte auf dem Teppich lachend und jubelnd. Man hatte dem Schuldigen keins seiner Privilegien und keins seiner Rechte genommen; er war geliebt und geachtet wie zuvor. Aber erwies man nicht vielleicht alle diese Huld nur dem Verwundeten? Und hatte diese Güte und diese Sanftmut einen andern Beweggrund als das Mitleid? Während er die langen Nächte schlaflos dalag und sich nicht zu rühren wagte, um seine Frau nicht aufzuwecken, die im Nebenzimmer schlummerte, dachte er über alles, was er gethan, nach, und die Vergangenheit lastete wie ein Alp auf seiner Seele. War er denn wahnsinnig gewesen? War es denn möglich, daß er für ein elendes Weib, dessen Lasterhaftigkeit er gekannt, diese schändlichen und feigen Handlungen begangen? Wenn er sein Verhalten mit dem Thauziats verglich, gelangte er dahin, jenen unschuldig zu finden. Oft erschien ihm in der Nacht das bleiche Gesicht seines Freundes, aber nicht drohend und schrecklich, sondern traurig und sanft! Die Vision war so deutlich, daß er Clement vor sich stehen zu sehen glaubte. Er brannte vor Verlangen, ihn anzureden, aber er wagte es nicht; Fieberschauer ergriffen ihn, und am andern Morgen fand man ihn dann elend und totenbleich. Eines Nachts aber sah er Clement, beim Schein der Nachtlampe, wie er sich über ihn beugte, ihn mit angstvoller Miene betrachtend, als ob er den Verlauf seiner Genesung beobachten wollte und als ob dieselbe ihm zu langsam vorschritte. Unter furchtbaren Anstrengungen richtete sich Louis in die Höhe, um ihn zu fassen, aber seine Hände griffen ins Leere. Da flüsterte der Verwundete im Schweigen der Nacht fast unhörbar: »Clement, verzeih mir!« Der Schatten legte seine eisige Hand auf die fieberglühende Stirn seines Mörders und sagte: »Ich habe dir nichts zu vergeben. ... Nicht du hast mich getötet, sondern sie.« »Warum verfolgst du mich dann, sobald die Dunkelheit hereinbricht?« »Wenn dich mein Blick aufregt, so werde ich mich nicht mehr zeigen. Aber ich werde euch stets umschweben, euch unsichtbar beschützend, denn ich bleibe auch nach dem Tode der einzigen Liebe meines Lebens treu. Liebe sie, du, den sie liebt, und sei glücklich! Noch kannst du es werden.« Er verschwand, und Louis sah ihn nie wieder; aber von dieser Stunde an besserte sich sein Zustand zusehends, und nach sechs Wochen war er im stande, das Bett zu verlassen. Am Nachmittag des Tages, wo Rameau de Ferrières seinem Patienten gesagt hatte: »Jetzt können Sie ausgehen und Ihre Geschäfte wieder aufnehmen,« befahl Helene anzuspannen. Sie bestieg mit ihrem Gatten und Frau Hérault den Wagen und befahl dem Kutscher, nach den Werkstätten von Saint Denis zu fahren. Als sie dort vor einem reizenden, von einem hübschen Garten umgebenen Häuschen angekommen, das der Direktor der Fabrik bisher bewohnt hatte, stiegen sie aus. In dem Arbeitszimmer, das dicht neben der Eingangsthür des Hauses gelegen war, fanden sie ihren Notar, Herrn Talamon, ihrer wartend. Erst jetzt nahm Helene ernst das Wort: »Mein lieber Louis,« sagte sie, »während du durch deine Wunde verhindert, warst, dich mit deinen Angelegenheiten zu beschäftigen, haben die Großmutter und ich die nötigen Maßregeln treffen müssen, um den von dir eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen. Boissise und das Haus im Faubourg Poissonnière sind verkauft; mit dem Ergebnis dieser Verkäufe und mit der Mitgift, die du mir einst bewilligt, kannst du alles berichtigen. Die Fabrik, welche die Quelle des Vermögens deines Großvaters und deines Vaters gewesen, bleibt dir schuldenfrei erhalten. Du hast nur die Schriftstücke zu unterzeichnen, die Talamon so gütig war mitzubringen, und alles ist im reinen.« Louis erbleichte, nahm seine Frau bei der Hand und zog sie ans Fenster: »Also dieses Haus ...« stammelte er. »Werden wir von nun an bewohnen.« »Und die Summe, die ich dir bei unsrer Verheiratung zuschreiben ließ?« »Habe ich zurückerstattet. Arm bin ich in dein Haus eingezogen, und arm wollte ich es wieder verlassen.« »Aber das Vermögen, das ich dir ausgesetzt, war das Erbteil deines Sohnes.« »Mein Sohn kann kein kostbareres Erbteil erhalten, als den unbefleckten Namen seines Vaters.« Louis blickte mit Thränen in den Augen auf diese so tapfere, so edelmütige, so stolze Frau und sagte: »Wie kann ich dir das vergelten?« Ruhig sah sie ihn an und erwiderte: »Dadurch, daß du ein guter, arbeitsamer und ehrenwerter Mann wirst!« Sie wies mit der Hand auf die Werkstätten, von denen das Geräusch der Hämmer herüberdrang, und sagte: »Dort ist die Rettung! Du hast das Gebäude zerstört, richte es wieder auf! Ich werde dir zur Seite stehen.« »Aber wird uns das gelingen?« »Man kann alles, wenn man will!« Sie führte ihn an den Tisch zurück. Er nahm die Feder, und ohne zu zögern, schloß er, voll Vertrauen auf eine Zukunft, die sie ihm versprach, die Rechnung der Vergangenheit ab. Ende.