C. G. Schillings Mit Blitzlicht und Büchse im Zauber des Eleléscho Die diesem Werke zugrunde gelegten Original-Ausgaben sind: Mit Blitzlicht und Büchse . Beobachtungen und Erlebnisse in der Wildnis inmitten der Tierwelt von Äquatorial-Ostafrika. von C. G. Schillings. Vierter Abdruck (22. bis 25. Tausend). Gr. 8. 558 S. Mit 302 urkundtreu in Autotypie wiedergegebenen photographischen Original-Tag- und Nachtaufnahmen des Verfassers. Der Zauber des Elelescho. Neue Beobachtungen und Erlebnisse in der Wildnis inmitten der Tierwelt von Äquatorial-Ostafrika. von C. G. Schillings. Gr. 8. 496 S. Mit 318 Abbildungen, meist photographischen Original-Tag- und Nachtaufnahmen des Verfassers, urkundtreu in Autotypie wiedergegeben. Diese Bücher sind vorläufig (1920) vergriffen. Das vorliegende Buch soll weitesten Kreisen und vor allem auch der Jugend – in deren Hände es unbedenklich gelegt werden kann – einen Hauch der Wildnis zutragen mitten in das Getriebe der hastenden technischen Zivilisation! Der ersten Auflage von: »Mit Blitzlicht und Büchse« schrieb Prof. Ludwig Heck, der bekannte Leiter des Berliner Zoologischen Gartens vor rund fünfzehn Jahren ein Geleitwort. Seine freundlichen Voraussagungen haben sich erfüllt. Heute habe ich ihm dafür zu danken. Es ist eine große Freude, auch im Ausland deutsche Auffassung von Naturbeobachtung und weidmännischer Jagd anerkannt zu sehen, so sehr ich vielleicht auch in diesen Dingen neue, eigene Wege gehe ... Meine Bücher erfreuen sich mehrerer Übersetzungen und Ausgaben im Auslande. Sämtliche Abbildungen des vorliegenden Werkes sind in Autotypie hergestellte »urkundtreue« Wiedergaben der von mir in der ostafrikanischen Wildnis gemachten Aufnahmen freilebender – nicht etwa eingehegter, gefangener oder angeschossener – Tiere. Wenn Prof. Ludwig Heck meine Tierbilder »Natururkunden« taufte, so hat dies seinen guten Grund: keine einzige dieser Aufnahmen ist nämlich durch Retusche irgendwie verändert oder »verbessert« worden, vielmehr sind alle genau so urkundtreu wiedergegeben, wie sie die Originalnegative ergaben. Eine Ausnahme hiervon macht nur die Aufnahme zweier einen Stier überfallenden Löwen (S.161), die beim Kopierverfahren im afrikanischen Lager beschädigt und infolgedessen durch Retusche an einigen Stellen um ein weniges ausgefleckt worden ist. Ich mache ausdrücklich darauf aufmerksam, daß selbst dort, wo überraschende Lichtwirkungen zum Ausdruck kommen, wie beispielsweise bei den Fernaufnahmen von Elefantenbullen mit gewaltigen weißen, weithin leuchtenden Stoßzähnen (S. 72) und den Nachtaufnahmen am Bache trinkender Löwinnen (S. 265) – wo der Reflex des Blitzlichtes die leuchtenden Augen der Raubtiere überraschend eindrucksvoll wiedergibt – daß auch bei diesen Bildern nicht die geringste Retusche vorgenommen worden ist. Hierdurch unterscheiden sich die Abbildungen des vorliegenden Werkes von fast allen bisher veröffentlichten Aufnahmen wilder Tiere im Freileben. An dieser Stelle ist es notwendig zu erwähnen, daß der Leser allen Grund hat, viele der in den letzten Jahren veröffentlichten photographischen – auch kinematographischen – Tieraufnahmen mit Mißtrauen zu betrachten! Derartige Aufnahmen, bei denen nicht wissenschaftliche Fachmänner Pate gestanden haben, stammen immer wieder von ausgestopften, gefangenen, angeschossenen oder eingehegten Tieren und sind oft nur plumpe – oft aber auch sehr geschickte – Fälschungen. Photographische »Natururkunden« aber sollen uns die wilde Tierwelt so zeigen, wie sie wirklich und tatsächlich in der Freiheit – unbeeinflußt vom Menschen – lebt und aussieht! Hierin liegt ihr Wert begründet. Man versuche es, gute photographische Aufnahmen wirklich wilder Tiere selbst zu machen und man wird staunen, wie schwierig dies ist. Der Natur der Teleaufnahmen (Fernaufnahmen) würde es entsprechen, daß der Beschauer sie nicht aus allzu großer Nähe besichtigt! Die Illusion, die künstlerische Wirkung gewinnt erheblich, wenn sie vom Auge des Lesers ein wenig entfernt werden. ... In den zurzeit vergriffenen großen Ausgaben von: »Mit Blitzlicht und Büchse« und »Der Zauber des Eleléscho« habe ich bereits ausführlich in Widmung und Vorwort einer Reihe von Protektoren und Freunden gedacht, denen ich zu großem Dank verpflichtet bin. Hier sei ganz besonders der Name des früheren Kaiserlichen Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika, Grafen von Goetzen †; genannt, der während seiner Amtszeit dem Schutze der afrikanischen Tierwelt ein sehr reges und weitsichtiges Interesse entgegenbringend stets meine Arbeiten förderte. Größten Dank schulde ich aber im besonderen meinem Freunde Herrn Kommerzienrat P. Goerz , dem Begründer der weltberühmten optischen Anstalt C. P. Goerz . Ohne seine Hilfe hätte ich meine langjährigen photographischen Versuche und Experimente niemals durchführen können. Des ferneren aber schulde ich Dank der unverdrossenen Bearbeiterin meines schwierigen photographischen Materials, Frl. Elfriede Zimmermann (Schweidnitz, Schlesien, King 18 II ). Frl. Zimmermann, die auch einer Anzahl der bekanntesten Forscher durch große Sachkenntnis und durch ihr photographisches Institut ihre Mitwirkung lieh und dauernd leiht, hat sich um meine photographischen Arbeiten und im besonderen auch um die Herstellung des vorliegenden Werkes ein großes Verdienst erworben. Meinen verehrten Mitarbeitern Herrn Professor Reichenow und ganz besonders Herrn Professor Matschie sei hier der herzlichste Dank ebenfalls ausgedrückt. Meinem Freunde Wilhelm Bölsche habe ich hier nochmals zu danken. Meines Freundes, des Stabsarztes Dr. L. Künster , muß ich nicht zuletzt gedenken, der, später ein Teilnehmer des Krieges in Südwestafrika und des ganzen Feldzuges von 1914–1918, mich in der allerschwersten Krankheit meines Lebens im fernen tropischen Urwald zusammen mit Hauptmann Merker in freundschaftlichster Weise pflegte. Der genannten und einer kleinen Anzahl von Freunden in meiner Heimat – vor allem müssen die Namen der Herren Felix Zchüll und Leo Schoeller in Düren hier genannt werden – sei hier nochmals mit besonderem Danke gedacht. Auch ohne Namensnennung werden sie wissen, wie verbunden ich ihnen bin! Schließen aber möchte ich diese Vorrede mit den Worten Professor Ludwig Hecks und Wilhelm Bölsches: »Die Erhaltung der großen lebenden Naturdenkmäler, wenigstens im photographischen Abbilde Schillings'scher Natururkunden ist wahrlich eine der dringendsten Forderungen unserer Zeit auf dem Gebiete idealer Wissenschaft und selbstloser Naturbetrachtung: Eile tut not, allzulang ist die spanne Zeit nicht mehr, die für dieses Werk gegeben ist. Das mögen sich alle diejenigen gesagt sein lassen, denen Macht und Mittel gegeben sind, arbeitsmutige Forscher zu fördern!« »In Afrika vollzieht sich heute ein wunderbares Schauspiel. Eine ganze gigantische Tierwelt geht zugrunde ...« (vgl. S. 373). Sind es vielleicht auch nur Handlangerdienste für die Wissenschaft, die so geleistet werden können, sind es doch Handlangerdienste, denen es vergönnt ist, in später Stunde Bausteine für ein Werk herbeizuschaffen, das jene formvollendeten und schönen – vielfach leider aber aussterbenden – Wesen der Schöpfung, die Tiere der Wildnis, im Bilde wenigstens kommenden Generationen erhalten soll. »Einwandfreie, zuverlässige, mustergültige, für alle Zeiten wertvolle Vorlagen für die richtige Wiedergabe der Tierwelt in Büchern und Museen« nannte der verewigte Direktor des Königl. Zoolog. Museums in Berlin, Prof. Brauer , die Tierbilder dieses Werks. In ähnlicher weise äußerten sich u. a. unser afrikanischer Altmeister Prof. G. Schweinfurth, Ernst Haeckel, R. Hertwig, Doflein und viele andere deutsche und ausländische Gelehrte. Eine ganze Anzahl neuerer Werke enthalten bereits wertvolle in Freiheit aufgenommene photographische Bilder. Die einwandfreie »urkundtreue Natururkunde« wird sich immer mehr das Feld erobern! Möge es mir auch vergönnt sein, meinen Lesern demnächst Neues und Schönes berichten zu können, neue Natururkunden vor Augen führen zu können. Der Verfasser. Vorrede zur achten und neunten Auflage. Fast ein Vierteljahrhundert ist verflossen, seit ich meinen Fuß zum ersten Male auf afrikanischen Boden setzte, den Zauber des Eleléscho kennen lernte. Mehr denn zehn Jahre jünger ist dieses Buch, das aus den großen Ausgaben meiner ersten Bücher entstanden, dazu bestimmt war, für möglichst billigen Preis auch weitesten Kreisen die afrikanische Tierwelt näher zu bringen. Ich hatte mich nicht beeilt zu schreiben. Es gibt schon allzuviel Bücher. Erst nach vier afrikanischen Expeditionen griff ich zur Feder. »Mit Blitzlicht und Büchse« hat seinen Weg gemacht. Dankbar erkenne ich das an. was mich aber am meisten, namentlich zu dieser Stunde freut, ist, daß es auch im Auslande viel gelesen wurde und besonders in England und Amerika mehrfach übersetzt ist. Daß aber meine Bücher so viel Interesse fanden, ist nicht mein Verdienst. Jedoch, ich schrieb abseits vom breiten Weg, schrieb von fernen, schönen Wesen, unter denen ein erschütterndes Drama sich gerade während unserer Tage vor den Augen des kundigen Beobachters abspielt: das Drama des Unterganges einer wundervollen, gigantischen, uralten Tierwelt. Namentlich in England weiß man, daß meine Voraussagungen, das Verschwinden dieser Tierwelt betreffend, ihre ernsteste Begründung haben. Mit vielen naturliebenden, weitvorausschauenden Angelsachsen haben meine Bücher mich in Berührung gebracht, auch mit Einwohnern der Vereinigten Staaten. Theodore Roosevelt ebnete ihnen besonders da drüben den Weg ... (Daß ich seine einigen der vorausgegangenen Auflagen angeheftete Kritik meines Buches dieser Neuauflage nicht mehr voranschicke, mögen seine Manen mir verzeihen, aber ich mußte mir das jetzt versagen ...) Vorbei sind die Zeiten, in denen ich ihm – auf seinen Wunsch – den Berliner Zoologischen Garten zeigen konnte. Vorbei die Zeiten, in denen gemeinsam Träger hoher Gedanken, Angelsachsen und Deutsche, die Tierwelt über den Erdball zu schützen sich bestrebten. Die Übervölkerung Europas hat zum grimmigsten Kriege geführt. ... Vor 1914 war das anders. In diesem Jahre lud mich Roosevelt nach London zu seinem Vortrage in der Royal Geographical Society über seine Reise im unerforschten Brasilien ein. Kurz vorher hatte mich der englische Postminister, The Honourable Hobhouse, in Berlin aufgesucht. Er war es, der soeben zum wiederholten Male einen im Oberhause bereits angenommenen Gesetzentwurf im englischen Unterhause eingebracht hatte, um das völlige Verbot jeder Einfuhr irgendwelcher Vogelfedern wilder Vogelarten nach England zu erreichen. In den Vereinigten Staaten war das seit Jahren schon – es ist dies, wie leider so vieles andere wichtige, was jenseits des Ozeans vorging, bei uns wenig bekannt geworden – erreicht worden. Während des Krieges ist dies Gesetz dem Vernehmen nach auch in England eingeführt worden mit der Einschränkung, daß die Einfuhr von Vogelfedern wilder Vögel »aus dem britischen Weltreiche stammend« nunmehr verboten ist. Näheres über diese Verordnung war bis zur Drucklegung dieser Auflage infolge der politischen Verhältnisse nicht zu erfahren. In meinem oben erwähnten, voraussichtlich 1919/20 erscheinenden Buche: »Paradiesvögel, Edelreiher und die Frau« wird der Leser näheres darüber finden. Der englische Minister sprach an demselben Tage in Berlin mit dem Kaiser. Des Kaisers Interesse für diese Dinge war geweckt worden, schon einmal hatte ich ihm vorher mit Hilfe des Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg über die in Ostafrika betriebene kurzsichtige Wildvernichtung Vortrag halten können. Ich hatte mich zu diesem Schritt entschlossen, weil im Jahre 1911 von dem damaligen Gouverneur von Deutsch-Ostafrika von der englischen Grenze bis zum Viktoriasee – man höre und staune! – unter anderm auf einem fünfzig Kilometer breiten streifen Landes sämtliches Wild vollkommen ausgerottet worden war, um eine »immune« (!?) Zone herzustellen gegen die Einschleppung der Rinderpest aus dem englischen Gebiete! Das war eines der traurigsten Vorkommnisse in der deutschen Kolonialgeschichte. Auf meinen Vortrag hin hatte der Herrscher sofort in tatkräftigster Weise nach dem von mir empfohlenen englischen Vorbilde durch eine kaiserliche Verordnung eingegriffen. Leider war indessen schon sehr großes Unheil geschehen. Ob diese Verordnung freilich lang durchgeführt worden ist, möchte ich bezweifeln. ... Jedenfalls hatte der Kaiser damals getan, was er konnte – um die Vernichtung aufzuhalten. Auf die oben erwähnte Einladung begab ich mich wenige Wochen vor dem Weltkriege nach London und suchte im Ober- und Unterhause Fühlung mit den Männern, die dort drüben für die bedrohte Tierwelt eintraten, und war der einzige Deutsche auf einer Versammlung englischer Kolonialleute, gelegentlich der ich fast sämtliche Gouverneure und Vertreter der englischen Dominions kennen lernen und mit ihnen über die einschlägige Materie sprechen konnte. Überall fand ich Verständnis, und ein Einvernehmen war gesichert. In Deutschland hatten meine Freunde auch bereits jahrelang vorgearbeitet. Der Bund für Vogelschutz in Stuttgart unter dem Vorsitz seiner hochverdienstvollen Gründerin und langjährigen Leiterin Frau L. Hähnle hatte besonders auch in England die Schutzbewegung gestützt und gefördert. Ein Buch aus meiner Feder lag bereits fast fertig gedruckt vor, das die gesamte Vogelschutzbewegung der Welt zusammenfassend, die drohende Gefahr der schnellsten Ausrottung vieler Vogelarten auch dem gleichgültigsten und ungeschultesten Leser aufs deutlichste vor Augen führte. Unter den Mitarbeitern nenne ich nur die Namen des Präsidenten Wilson, Theodore Roosevelt, Prinz Wilhelm von Hohenzollern, der Fürstin Lichnowsky, des Polarforschers Sir Shackleton. ... Kurz, auf dem Gebiete des Weltnaturschutzes war ein schönes Zusammengehn der Angelsachsen und der Deutschen gesichert. Selbst seitens romanischer, sonst dem Naturschutze wenig geneigter Nationen, fanden wir Sympathien, so in Paris, das ich auf meiner Abreise von London noch 1914 berührte, und beispielsweise seitens der Königin von Italien. ... Das war anfangs 1914. Da kam der Krieg. – – – Nicht ohne tiefe Wehmut habe ich jetzt diese Neuauflage durchgesehn. Manches war fortzulassen, denn wir haben keine Kolonien mehr. Das ist nicht zu ändern. Ideale Güter aber werden wir uns nicht nehmen lassen. Die großen, die Menschheit als Ganzes angehenden Fragen haben mit dem Schicksal der einzelnen Nation nichts zu tun . – – Wieder stehe ich im Zoologischen Garten in Berlin vor dem Käfige meines im Jahre 1903 von mir am Kilimandjaro alt gefangenen Marabu. Er allein lebt noch von all dem schönen, das ich aus Afrika lebend mitgebracht habe. Meine Löwen, Leoparden, Hyänen, Antilopen, mein Nashorn und vieles andere, sie alle leben längst nicht mehr. Der »Zoo« ist verödet, seine Quellen sind abgeschnitten und versiegt. Vor Jahren redete ich des alten verewigten Hagenbeck schönem Plane, in Berlin einen zweiten großen populären zoologischen Garten entstehn zu lassen, eifrig das Wort: »Es erscheint wahrhaftig, als wenn alle am Weltnaturschutz interessierten Kreise wieder hoffen dürften ... in einer Riesenstadt, die mit unheimlicher Schnelligkeit wachsend sich ins Gewaltigste technischer Möglichkeiten entwickelnd von Millionen von Menschen durchflutet ist ... soll das Werk entstehn. ... In einer Steinwüste. ... von vielen Tausenden von Schulkindern hat, es ist festgestellt, keines eine Lerche gesehn, keines eine Nachtigall gehört, weiß keines die Brotgetreide, Weizen und Korn, auf dem Felde zu unterscheiden. Sie alle fern von der Natur und doch durstig nach ihrem Urquell. ... Es regt sich in ihnen der instinktive Wunsch, nicht für immer in eine Kulturwüste gebannt zu sein. ...« »Unsere Zeit steht im Zeichen sozialer Gedanken, und im höchsten Sinne sozial ist, derartiges zu wollen. Sozial heißt es im höchsten Sinne handeln, wenn man dem Volk, der Menschheit, die Natur in ihren verschiedenen Ausdrucksformen erhalten will. ... Der Kern des Lebens liegt in einem gesunden Verhältnis zur Natur, und die Höhen des Lebens liegen mit Goethe in der Verehrung der Gottnatur.« Diese vor vielen Jahren geäußerten Gedanken möchte ich dieser Auflage mit auf den Weg geben. Herbst 1919. Der Verfasser. 1. Eine Löwenjagd. Abdruck aus der Jagdzeitschrift »Der Weidmann«, der der Verfasser 1897 diese unter dem frischen Eindruck der Ereignisse niedergeschriebene Schilderung zur Verfügung gestellt hatte. Mit Absicht ist nichts daran geändert worden. » Simba-Station « heißt ein Haltepunkt der Ugandabahn, die den Indischen Ozean mit dem Viktoria-Nyanza verbindet. Er liegt in der Nähe von Nairobi, und der Klang seines Namens zaubert mir den 25. Januar 1897 vor Augen, den Tag, an dem mir drei Löwen am hellichten Tage – Aug' in Aug' – beschert wurden (lange bevor dort eine Eisenbahn gebaut war). Ende Januar 1897 war ich mit einer kleinen Karawane im Lande Kikúyu angelangt. Ich kam vom Viktoria-Nyanza, wo Malaria mich monatelang ans Krankenlager gefesselt hatte. Allein und verlassen, hatte ich Schweres durchzumachen, und nur der unermüdlichen Pflege zweier englischer Offiziere, Mr. C. W. Hobley und Tomkins im Fort Mumias, war es gelungen, gegen jede Erwartung und menschliche Voraussicht das furchtbare Fieber glücklich zu bekämpfen. Im Mai vorigen Jahres war die Forschungsexpedition, der ich mich hatte anschließen können, von der deutschen Küste mit etwa 420 Mann aufgebrochen und hatte, zuweilen gänzlich unerforschte und unbetretene Länder berührend, den Viktoria-Nyanza erreicht. Die erste jemals zur Nachtzeit in Freiheit photographierte Löwin. Die Löwin tötete den Esel und wurde bei ihrem Rückzuge durch das aufflammende Blitzlicht auf die Platte gebannt. Aufnahme vom Jahre 1903. Die Schilderung der mannigfachen, teils sehr interessanten Erlebnisse dieses Teiles der Expedition ist nicht meine Sache. Ich möchte hier dem freundlichen Leser nur erzählen, was ich am 25. Januar erlebt habe, als ich auf meiner Rückreise zur Küste Kikúyu, ein erst vor wenigen Jahren bekannt gewordenes Land durchquerte, um – so war meine ursprüngliche Absicht – das Meer und Europa in Anbetracht meines fiebergeschwächten Zustandes möglichst bald zu erreichen. Waren meine Jagderlebnisse bis zur Erkrankung sehr mannigfaltige gewesen, so hatte sich bis zum Eintreffen in Kikúyu nur wenig Gelegenheit zum Jagen geboten; überdies war ich noch viel zu sehr durch das Fieber geschwächt, um überhaupt an anstrengendes Jagen denken zu können. Nachdem wir aber höher gelegene Landstriche erreicht hatten, hoben sich die Kräfte wieder, und zwar überraschend schnell, und mit diesem auffallenden Umschwunge stellte sich natürlich auch die Lebenslust und Jagdpassion von neuem ein. Auf den öden Flächen des Mau-Urwaldes mit ihren unermeßlichen Bambusdickichten und in den Wäldern zwischen dem Naiwashasee und Fort Smith in Kikúyu hatte ich nicht viel Wild angetroffen; tagelang mußte die Büchse ruhen. Am 24. Januar genoß ich die Gastfreundschaft eines englischen Stationskommandanten, der, wie dies in so wohltuender Weise in englischen Kolonien stets der Fall ist, nicht nur privatim, sondern auch amtlich in jeder Weise für den Gast und seine Karawane Sorge trug, mich mit leihweise überladenem Milchvieh, einigen Eseln und Vorräten versah und alles tat, um mich in jeder Weise zu fördern und zu unterstützen. Mr. Hall , der Kommandant von Fort Smith in Kikúyu, ein sehr liebenswürdiger Herr, ist einer der erfahrensten »afrikanischen Jäger von altem Korn«. Bald betraf das Gespräch eines der Hauptthemata dort drüben, die Jagd auf das »big and dangerous game«, das große gefährliche Wild , worunter hauptsächlich Elefanten, Rhinozerosse, Büffel, Löwen und Leoparden verstanden werden. Mr. Hall war einige Zeit vor unserer Ankunft von einem männlichen Rhinozeros, welches er angeschossen hatte, dreimal in die Luft geworfen worden. Es wurden ihm dabei mehrere Rippen zerbrochen, und monatelang mußte er das Bett hüten. Nach seiner Wiederherstellung hatte er ein Zusammentreffen mit einem ebenfalls von ihm angeschweißten Leoparden. Einer seiner Askari befreite ihn zwar durch einen glücklichen Schuß von dieser gefährlichen Katze, doch hinterließ sie leider Mr. Hall in vielen Verletzungen und der dauernden Steifheit eines Beines einen bösen Denkzettel. Solche Erfahrungen hatten den energischen Mann, der vor diesen Ereignissen Jahre hindurch ohne Unfall eine große Strecke von gefährlichem Wilde erzielt hatte, zwar nicht abhalten können, auch jetzt noch zu jagen, so viel es ihm möglich. Aber er war äußerst vorsichtig geworden und riet jedem dringend ab, allein – ohne Begleitung eines zuverlässigen zweiten Europäers – auf Löwen und anderes gefährliches Raubwild oder auf das Rhinozeros usw. zu jagen. Die Unterhaltung wurde höchst interessant. – Wir tauschten unsere Erlebnisse aus, und Mr. Hall erzählte mir, daß nur wenige Stunden vom Fort entfernt, nämlich auf den sehr wildreichen »Athiplains« (Ebenen am Athifluß), stets viele Löwen zu finden seien. Korporal Ellis (von der D'Compagnie der Royal Engineers in Chattam) bestätigte dies und lud mich ein, auf meinem Wege Halt zu machen und nach einem Rasttage im Fort in seinem Lager – etwa fünf Stunden von Fort Smith – zu übernachten, um dann mit ihm gemeinschaftlich auf Löwen zu jagen. Er selbst hatte vor vierzehn Tagen eine Löwin dicht an seinem Lager geschossen! Ich hatte nun nach vielen bisher stets vergeblichen Versuchen, auf Löwen zu Schuß zu kommen, eigentlich kein rechtes Vertrauen mehr dazu, beschloß jedoch, der freundlichen Aufforderung Folge zu leisten. Nach herzlichem Abschied von Mr. Hall erreichten wir nach mehrstündigem Marsche Korporal Ellis' Lager. Er hatte dort ein Ochsendepot der Regierung unter sich und befehligte eine große Anzahl von Askari. Ich durfte die Haut der erlegten Löwin besichtigen, und wir verabredeten, am frühen Morgen des kommenden Tages aufzubrechen. So geschah es denn auch. Als wir mehrere Stunden Weges bis zum »Mto Nairobi«, einem kleinen, zur trockenen Zeit höchst unbedeutenden Flüßchen, zurückgelegt hatten, ließ ich ein Lager aufschlagen und beorderte einige Leute, Brennholz zu holen. Dies mußte etwa vier Stunden weit herbeigeschafft werden, weil es solches inmitten der nur mit Gras bewachsenen »Athiplains« nicht gibt. Korporal Ellis riet zwar dringend ab, in dieser Gegend zu kampieren, weil seiner Ansicht nach nachts die Löwen zu gefährlich seien; ich hielt jedoch an meinem Vorsatz fest, offen gestanden immer noch zweifelnd, daß tatsächlich so viele Löwen hier vorkämen. Korporal Ellis, fünf Mann von unserer Begleitung und ich machten nun einen kleinen Bogen um den oberhalb gelegenen, etwa dreiviertel Stunde lang rechts und links mit dürftiger Deckung bewachsenen Flußlauf, dem Wasserlaufe nachgehend, und dann wieder zum Lager zurückkehrend. Auf der Ebene zeigten sich zahlreiche Gnus, Kuhantilopen, Grant-Gazellen, Thomson-Gazellen, Zebras und Strauße ; jedoch war das Wild sehr scheu. Ich muß gestehen, daß ich, als wir nun schließlich – noch dazu mit schlechtem Winde – dem Fluß folgend, zum Lager zurückgingen, mir absolut kein Resultat versprach. Wir waren etwa eine Viertelstunde unterwegs, zwei unserer Begleiter auf dem einen, wir selbst auf dem anderen Flußufer, als plötzlich der Ruf: »Simba!« »Simba!« – »Simba Bwana! Mkubwa sana!« (»Ein Löwe, Herr, ein starker Löwe!«) uns in die Ohren gellte. – Die auf dem jenseitigen Ufer befindlichen, erschreckt zurückweichenden Leute wiesen, gestikulierend, auf ein kleines Binsengebüsch am Wasser. Den Ruf vernehmen und die Flucht ergreifen, war für meine Leute das Werk eines Augenblicks, auch für meinen sonst erprobten Reservegewehrträger, einen baumstarken, viel gereisten Msuaheli. Einem ersten Impulse folgend, setzte ich ihm zehn Schritte nach, packte ihn am Halse und herrschte ihm zu, stehen zu bleiben. Er kehrte daraufhin auch um, am ganzen Leibe zitternd, ging mit mir zurück, und wir bemühten uns nun, den Löwen in den Binsen, von denen uns ein etwa vier Meter breiter Wassertümpel trennte, auszumachen. Dies war jedoch vergeblich, trotzdem die am anderen Ufer in höchster Erregung befindlichen Leute immer wieder versicherten, ein starker Löwe liege dort. Doch ziemlich gleichzeitig bewegte sich etwas in den Binsen auf Korporal Ellis zu, – ein Knall, und eine starke Löwin quittierte einen Streifschuß aus des Korporals Henry-Martini-Gewehr; – sie tat einen plötzlichen Sprung vorwärts auf uns zu! In diesem Augenblick hatte ich ihren Kopf einen Moment frei, und ein außerordentlich glücklicher flüchtiger Schnappschuß auf etwa 7–8 Schritte ließ sie im Feuer verenden. Die Kugel, wie immer ein 4/5-Mantel-Geschoß, saß seitwärts im Genick und hatte, wie stets in solchem Falle, ein sofortiges Verenden herbeigeführt. Ich bewahre sie in meiner Sammlung von 8-Millimeter-Geschossen als Denkwürdigkeit auf. Meine Freude war unaussprechlich! Der Korporal gratulierte mir herzlich, und unsere Rückkehr ins Lager rief einen Begeisterungssturm unter den Leuten wach. Zwölf Mann schafften die Beute ins Lager, und wir fanden als Mageninhalt die Reste eines Zebras. Nach einem kurzen Frühstück brachen wir wieder auf, um etwas Wild für die Küche zu schießen. Ellis, der vorausging, schoß mehrmals auf große Distanzen nach Kuhantilopen, ohne zu treffen. Inzwischen machten sich bei mir die Anzeichen eines Dysenterieanfalls bemerkbar, der, nebenbei bemerkt, erst einige Tage darauf durch eine höchst energische Hungerkur verschwand. Als ich nach etwa einer halben Stunde dem Korporal folgte, bemerkte ich bald rechts von mir in nicht allzu weiter Entfernung einen Zwerggazellenbock, den ich zu erlegen beschloß. Meinen Leuten winkend, stehen zu bleiben, pürschte ich mich an, so gut es ging. – Bald war ich von meinen drei Askari etwa 300 Meter entfernt und ihnen durch mehrere zwischen uns befindliche kleine Bodenerhebungen außer Sicht gekommen. Im Momente, als ich auf etwa 75 Meter den Bock schießen will, nehme ich etwa 100 Meter hinter ihm etwas Gelbes wahr, das ich sofort als Löwenkopf ansprach. Wiederum, im selben Augenblick, vernahm ich aber von der rechten Seite her einen mir zu gut bekannten Laut und sah, schnell herumfahrend, einen sehr starken schwarzgemähnten Löwen, der auf etwa 100–120 Meter knurrend im Grase aufstand. Allem Anscheine nach hatte er den pürschenden Jäger eräugt oder vernommen, und gewiß ist es ein Glück, daß ich ihm nicht noch näher gekommen, was leicht möglich gewesen wäre, da meine ganze Aufmerksamkeit sich ja auf die Gazelle gerichtet hatte. Ich stand wie erstarrt: Zwei Löwen auf einmal vor mir – das war doch etwas viel, zumal meine Nerven nach der schweren Krankheit noch zu wünschen übrig ließen! So war die Situation nichts weniger als angenehm; trotz aller Passion scheint in solcher Lage jeder Moment eine Ewigkeit, und dazu trat doch immer ein gewisses Bewußtsein verhältnismäßiger Hilflosigkeit. Es stand mir nur ein Schuß zu Gebot; denn zu jedem weiteren mußte ich wieder laden, und trotz aller Übung und Schnelligkeit würde ich wohl schwerlich mehrmals zu Schuß gekommen sein, falls der Löwe mich annahm. Der Repetiermechanismus der 8-Millimeter-Büchse ist (es handelte sich um die damals gebräuchliche Konstruktion) nämlich nach meinen Erfahrungen und denen zahlreicher anderer Schützen nicht zuverlässig , und man zieht daher, wenigstens in den Tropen, das Einzelladen vor, weil ein Versagen, resp. Festklemmen des Patronenrahmens die Büchse gänzlich unbrauchbar macht, eventuell bis zur oft recht schwierigen Entfernung des Rahmens. Zunächst blieb ich also ruhig stehen, mit gehobener Büchse meinem nächsten – nun, sagen wir ruhig Gegner , dem alten männlichen Löwen, Aug' in Auge gegenüber. So dauerte es geraume Zeit, – wirklich die bekannte Ewigkeit für mich, und ich genoß den trotz aller Aufregung unvergleichlich köstlichen Anblick! »Der alte Herr« äugte mich, fortwährend dumpf knurrend, an und blieb ruhig stehen, den Kopf erhoben und die Rute tief gesenkt. Der andere Löwe, anscheinend eine Löwin, blieb halbgedeckt durch einige Grasbüsche liegen. Die Antilope hatte inzwischen vom ersten Löwen auf kaum 20 Meter Wind bekommen und war natürlich sofort hochflüchtig geworden. Ich hegte nun den begreiflichen Wunsch, meine Begleiter möchten auf der Bildfläche erscheinen, und dies geschah denn auch, wie ich, nicht wagend mich umzublicken, aus ihren Zurufen schloß. Ich verstand etwas wie: »Simba« und: »kali sana!« (»Löwe« und »sehr böse!«) Langsam ging ich jetzt rückwärts Schritt für Schritt zurück und blieb, immer schußfertig, erst in der Nähe meiner Begleiter wieder stehen. Ich winkte ihnen; sie waren aber nicht eher zu bewegen, die uns noch trennenden etwa siebzig Schritte vorwärtszugehen, als bis sie von mir auf das energischste dazu aufgefordert wurden. Als ich meinen » Baruti Boy «, welcher eine Doppelbüchse Kaliber 450 bereit hielt, und meine zwei anderen Askari, »Baruti bin Ans« und » Ramadan «, dicht bei mir hatte, von denen einer eine mit Posten für den Nah-Schuß im letzten Augenblick geladene Schrotflinte Kaliber 12 trug, konnte ich mich, entgegen allen Bitten meiner Begleiter, nicht halten und sandte dem Löwen, schnell abkommend, eine Kugel zu, welche ihn jedoch nur streifte . Ich war eben doch nicht ganz Herr meiner Erregung. Aber schnell hatte ich wieder geladen und konnte auf den sich gerade etwas seitwärts wendenden Löwen einen Schuß abgeben. Auch dieser traf nicht gut, nämlich nur eine Hinterpranke etwas hoch. Sofort wendete sich der Löwe blitzschnell um, nahm mich aber doch nicht an, sondern drehte sich unter furchtbarem Gebrüll etwa zehn- bis zwölfmal im Kreise herum, wütend nach der getroffenen Pranke beißend ! Er bot fast genau dasselbe Bild wie ein keckernder, krankgeschossener Fuchs oder Schakal. Dieses »Zeichnen« des Löwen aber gewährte mir die beste Gelegenheit, ihm noch weitere drei Kugeln zuzusenden, von denen zwei sehr gut Blatt saßen. Bald brach er denn auch zusammen. Als wir uns ihm mit der solch edlem Wilde gebührenden Vorsicht genähert hatten, war er bereits verendet. Der zweite Löwe war unterdessen, ziemlich gut gedeckt, flüchtig geworden. Unser Jubel ging ins Unermeßliche! Korporal Ellis, der während meiner letzten Schüsse auf etwa 200 Schritte herangekommen und Zeuge des ganzen Vorganges gewesen war, beglückwünschte mich freudig, indem er hinzufügte, solches Weidmannsheil habe allerdings auch er nicht erwartet. Im übrigen müsse ich doch nun zugeben, daß er recht habe, wenn er den starken Löwenbestand dieses Gebietes betone. – Ich sei aber doch sehr unvorsichtig gewesen, zwei Löwen gegenüber so zu handeln, ohne auf ihn zu warten! Ebenso, wie ich morgens nach Erlegung der Löwin zwei Eilboten mit einer Nachricht an Mr. Hall ins Fort Smith zurückgeschickt, so sandte ich nun zwei andere, welche wiederum einen Brief zu überbringen hatten, und zwar war dieser für den später eventuell dieselbe Straße ziehenden Expeditionsleiter bestimmt. Ich machte ihn darin auf die »Löwen-Gelegenheit« aufmerksam, und es ist mir berichtet worden, daß genannter Herr auch tatsächlich einige Zeit später, und zwar auf fast derselben Stelle , einmal acht Löwen zusammen gesehen und erfolglos von weitem beschossen hat. – Mein zweiter Löwe war ein starker alter »blackmaned lion«, ein schwarzgemähnter Löwe, dessen narbenvolle Haut auf manchen ausgefochtenen Kampf mit seinesgleichen schließen ließ. Es sei hier bemerkt, daß die Löwen in einigen Teilen Ostafrikas, unter anderm auch flußaufwärts im Rufutale, oft überhaupt keine Mähne haben, sondern glatthaarig wie eine Löwin sind, wohingegen beispielsweise diejenigen, welche in Kikúyu leben, einem hochgelegenen, relativ kalten Lande, sehr starke und oftmals sogar schwärzliche Mähnen tragen. Es folgte nun ein Triumpheinzug ins Lager, dann sorgfältiges Streifen des zuletzt erlegten und Präparieren der Häute beider Löwen. – Korporal Ellis hielt es an der Zeit, in sein Lager zurückzukehren, weil er die Ebene gegen Abend nicht überschreiten wollte. Nur um einiges Wild für den Lebensunterhalt zu schießen, machte ich mich etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang nochmals auf, und es gelang mir auch, mehrere Thomsonantilopen zur Strecke zu bringen. Bei dieser Pürsche folgte ich einem auf sehr weite Distanz angeschweißten Kuhantilopenbock längere Zeit, doch leider ohne ihm den Fangschuß geben zu können. Wieder war ich meinen Leuten dabei außer Sicht gekommen, als ich plötzlich genau dasselbe warnende Knurren wie am Mittage vernahm und, seitwärts blickend, erst einen, dann einen zweiten, dritten und vierten Löwen – alles » gemähnte Herren « – erblickte. Von dem mir nächsten trennten mich nur etwa 125 Schritte! Diesmal »verlor ich die Nerven«, wie man zu sagen pflegt. Ich versuchte, mich zurückzuziehen, was aber zur Folge hatte, daß der nächste Löwe ein paar Sprünge vorwärts machte, dann langsam auf mich zu schlich . Ich blieb nun bewegungslos stehen, – der Löwe ebenfalls, d. h. er blieb ruhig liegen. So dauerte es lange Minuten, wenigstens zehn, wenn ich mich recht erinnere, bis endlich meine Leute in einiger Entfernung zu vernehmen waren. Als sie der Löwen ansichtig wurden und auch sofort meine Situation überblickten, war es zunächst nur mein treuer »Baruti Boy«, – kein Msuaheli sondern ein Angehöriger des im Verdachte des Kannibalismus stehenden Stammes der Wanyema –, welcher sich mit der 450-Büchse näherte. Langsam folgten ihm dann auch die übrigen; doch nur bis auf eine gewisse Entfernung wagten sie sich zu mir und waren nicht zu bewegen, ganz nahe heranzukommen. Die Löwen wurden jetzt unruhig und fingen an zu knurren: Ein majestätischer Anblick, der seinesgleichen sucht! Die gewaltigen Raubtiere zeichneten sich scharf im Scheine der zur Küste gehenden Sonne gegen den Horizont und den Boden der Steppe ab, die in welligen Formationen in weiter Ferne sich in flimmernden, ungewissen Tinten mit dem Horizonte vermählte. ... Da dieses zur Vorsicht mahnende Knurren und überhaupt das ganze Benehmen der Löwen von dem Verhalten der am Vormittage von mir angetroffenen sehr abwich, so nahm ich an, hungrige , also höchst gefährliche vor mir zu haben; – und da ich eine Reservebüchse nicht zur Verfügung und, wie schon erwähnt, nur eine Kugel zu versenden hatte, so zog ich mich zu meinen Begleitern vorsichtig zurück. Es folgte nun ein »Schauri« (eine Beratung) mit den Leuten, um sie zu veranlassen, mit mir vorwärts zu gehen. Aber vergebens! Schließlich sandte ich zwei der nunmehr auftauchenden Träger, welche, um das erlegte Wild zu holen, meinen auf die Antilopen abgegebenen Schüssen nachgegangen waren, ins Lager nach Verstärkung. Ehe diese aber eintraf, unternahm ich es doch – jetzt wieder ruhig geworden –, auf eigene Faust zu handeln, nachdem ich meine Leute so weit gebracht hatte, mit mir die Löwen bis auf etwa zweihundert Schritte anzugehen. Ich gab auf den ersten einen Schuß ab, der aber nicht traf. Sofort nahm der Beschossene uns in weiten Sprüngen an oder – besser gesagt – kam auf uns zu, blieb aber nach etwa zwanzig Sprüngen stehen, brüllte und machte dann langsam kehrt. Alsdann entfernten sich sämtliche Löwen erst im Schritt, darauf im Trabe und endlich in einem schwerfälligen Galopp, wobei zwei und zwei zusammen blieben. – Sie trennten sich später auch paarweise. Es begann nun eins der spannendsten und interessantesten Jagdabenteuer meiner ganzen Reise. Wir folgten den letzten beiden Löwen – d. h. den als letztes Paar flüchtig gewordenen beiden »Gemähnten« – wohl gegen eine halbe Stunde über die Ebene, immer der untergehenden Sonne entgegen. Der Dauerlauf wurde nur unterbrochen, wenn die Löwen stehen blieben und nach uns äugten. In solchen Augenblicken gingen wir, sonst aber liefen wir. Der Atem keuchte, nur zwei meiner besten Leute hielten mit mir aus, und in mir war der Wunsch, auch mit diesen Löwen »anzubinden«, so brennend geworden, daß ich wahrscheinlich den schnellsten und anhaltendsten Lauf meines Lebens (und die stärkste Probe auf die Konstitution meines Herzens!) ausführte, obwohl manche gerade im Dauerlauf gewonnene Wette in meiner Erinnerung lebt. Vorwärts! Nur immer vorwärts! Ich muß euch zu Schuß bekommen, – mag es biegen oder brechen! Bald verringerte sich die Distanz auf etwa 400 Schritte, bald trennten uns 500–600, aber stets ging es keuchend vorwärts über die gewellte Ebene dahin! Es schien aber doch alles umsonst: Die Entfernung vergrößerte sich wieder! Da, – ein kurzer Entschluß: Vielleicht geschieht ein Wunder, und die Kugel trifft dennoch ihr Ziel! – Deutlich sehe ich das Geschoß etwa zehn Schritte hinter dem Löwen einschlagen! Aber das nahm er doch gewaltig übel! Er drehte sich um, blieb stehen und brüllte, mit der Rute schlagend. Auch der Entferntere flüchtete nicht mehr weiter, sofort ein zweiter Schuß, – ein dritter auf den nächsten resp. letzten Löwen. Das Einschlagen der Kugel in seiner Nähe quittiert er durch jedesmaliges Stehenbleiben, Brüllen und Schlagen mit der Rute. Da! Die vierte oder fünfte Kugel scheint zu sitzen! In weiten Sprüngen nimmt er uns an; aber plötzlich bricht er vorn zusammen, – noch drei, vier taumelnde Sprünge halb schief nach vorn und plötzlich legte er sich, – in höchster Wut mehr knurrend als brüllend. Ich weiß heute noch nicht, wie es möglich war, daß mich bei diesem Anblick alle Vernunft und Vorsicht verließ; – ich lief allein näher heran, schoß auf etwa 120 Meter von vorn und – fehlte. – Und nun kam der kritischste Augenblick: Abermals mehrere wütende Sprünge; schon kniete ich nieder, um ruhiger und also im letzten Augenblicke sicherer abzukommen, aber da bricht er wiederum zusammen und legt sich! Jetzt! – auf 100 Meter etwa – ein kurzes Zielen, und mein dritter Löwe springt auf, überschlägt sich rückwärts und rührt keine Pranke mehr! Wir rannten wie unsinnig und vor Freude schreiend auf ihn zu, wiederum, jetzt durch den Erfolg begeistert, ohne Vorsicht! – Doch er war verendet: Ein noch weit stärkerer »König der Wüste«, als der am Mittag erlegte, und mit noch dunklerer Mähne! Im Nu war er gestreift, nachdem – etwa zehn Minuten später als wir – auch unser Nachtrab sich eingefunden hatte. Kopf und Pranken blieben ungestreift an der Haut. Im Magen hatte er nichts, – im Gegensatz zu den am Vormittage erbeuteten Löwen, deren Mägen, wie schon erwähnt, mit dem Wildpret von Zebras, untermischt mit großen Hautfetzen, angefüllt waren. Deshalb zeigte er sich also viel kampfeslustiger. Und nun ereignete sich etwas in Afrika (d. h. bei Afrikanern) sehr Seltenes: Die Leute verloren die Richtung, und als wir gerade bei Sonnenuntergang den Rückmarsch antraten, hatten wir uns bald verirrt. Sechs Leute schleppten – abwechselnd zu je dreien – die schwere Haut, und unser Rückmarsch gestaltete sich bei der Angst der Leute, über die »Löwen-Ebene« vorwärts zu gehen, und ihrem »Zusammendrängen wie die Schafe« höchst unbehaglich. Binnen fünfzehn Minuten war es, wie stets in den Tropen, völlig finster, und es verflossen etwa zwei Stunden, bis wir endlich, und halb durch einen glücklichen Zufall, das Lager erreichten. Ich selbst mußte währenddem wohl oder übel an der Spitze der kleinen Karawane marschieren. Als wir dann aber das Ziel erreicht hatten, war alles Leid vergessen, und Jubel empfing uns. Beim Scheine der Feuer wurde die Haut noch ausgespannt, um am nächsten Morgen gereinigt zu werden. Die Häute der drei vom Verfasser am 25. Januar 1897 erlegten Löwen. (Vor dem Zelte dieser selbst mit seinem Büchsenträger Baruti.) Die Aufnahme erfolgte in Moschi am Kilimandscharo. Vier Posten hielten in dieser Nacht wache, doch nur Löwengebrüll in der Ferne ließ sich vernehmen, sonst ereignete sich nichts von Belang. Am folgenden Morgen erschien eine Deputation meiner Leute vor mir und – taufte mich feierlichst um. Ich wurde nämlich von da ab »Bwana simba«, »Löwen-Herr«, genannt, statt »Bwana ndege«, »Vogel-Herr«, denn diesen Beinamen hatte ich schon frühzeitig an der Küste erhalten, weil ich Vogelbälge sammelte und dazu Vögel (zur Verwunderung der Männer oft im Fluge) schoß. Die treue Büchse aber, die, wie alle meine Waffen, Altmeister Reeb in Bonn mir geliefert, versah ich mit der auf den Schaft eingekratzten Inschrift: »Drei Löwen, 25. Jan. 1897«. Eine Anzahl meiner Getreuen im Jahre 1899. Wieder gingen Boten nach Fort Smith. – An Mr. Hall schrieb ich abermals Briefe, ihm nun meinerseits en revanche empfehlend, in jener Gegend zu jagen; und da ich die Absicht hatte, noch mehrere Tage dort zu bleiben, so wurde vom Fort Smith noch etwas Proviant für meine Träger hergeschafft. Mr. Hall selbst konnte auf meine Einladung hin nicht kommen, weil er den Residenten von Uganda, Mr. Barclay, welcher auf der Rückreise nach England begriffen war, am selben Tage erwartete. Ich lernte ihn später bei Kibwezi kennen und konnte ihm meine Trophäen, von denen er viel gehört, vorzeigen. Acht weitere Jagdtage in jenen Ebenen brachten mir keinen Löwen mehr zu Schuß! – Nur nächtliches Brüllen mußte mir als Schlummermusik dienen. Doch dieses Gebrüll in afrikanischer Nacht ist so großartig, daß man sich kaum einen Begriff davon machen kann. Erwähnen will ich noch, daß das Fleisch meiner drei Löwen noch in derselben Nacht von den Hyänen gefressen wurde, ebenso die Knochen: Nichts mehr fanden wir am nächsten Morgen vor! Allerdings sind in Kikuyu die Hyänen besonders starkzählig vertreten, weil die Wakikuyu (Einwohner von Kikuyu) ihre Toten nicht beerdigen, sondern von den Hyänen fressen lassen. Für mich wird der 25. Januar 1897 ein Gedenktag bleiben, stets und für immerdar, auch ohne die drei kapitalen Häute, welche, von Robert Banzers Kgl. württembergischer Hofpräparator in Oehringen (Württemberg). Meisterhand präpariert und naturalisiert, einen Schmuck meines afrikanischen Jagdzimmers bilden! 2. Der Zauber des Eleléscho. Kurze Zeit vor dem eben geschilderten Erlebnisse, in den Nachmittagsstunden des 14. Januar 1897, bewegte sich eine kleine ermüdete Trägerkarawane, etwa 50 Mann stark, über die weite Ebene entgegen ihrem langersehnten Ziele, dem Nakurosee, der endlich in weiter Ferne sichtbar wurde. Das Aussehen und die abgerissene Kleidung der Träger ließ darauf schließen, daß die Karawane eine lange Reise vollbracht hatte. Und so war es. Ich kam vom Viktoria-Njanza, fiebergeschwächt, in der Hoffnung, in höher gelegenen Gegenden schneller zu gesunden. Nach Wochen harten Schmerzenslagers fast wider Erwarten meiner freundlichen Pfleger, englischer Offiziere, vom Fieber genesen, das die Sümpfe des Njanza, die Durchquerung der wilden, damals noch nicht oder kaum betretenen Länder Sotik und Nandi mir gebracht, schien mir nach Art der Rekonvaleszenten das Leben doppelt schön und begehrenswert. Die Märsche der letzten Tage waren wieder einmal durch feindliche Stämme, aufständische Wakamássia, gefährdet gewesen, aber mit dem Eintritt in das menschenleere Gebiet des Naturo-, Elmenteita- und Naiwashasees, in dem von den Masai mit En'aiposha bezeichneten Distrikt ihrer Provinz Olbruggo gelegen, war diese Gefährdung so ziemlich überwunden. Endlose, wellenförmig sich dahinziehende Grasflächen, jedes Baumschmucks bar, hatten die letzten Märsche wenig anziehend gemacht; nun senkte sich die Grasebene merklich, ging allmählich in öde vulkanische Flächen über und gewährte dem Blick Ausschau über den in der Ferne schimmernden See. Eingebettet in eine weit ausgedehnte Mulde, lag er verheißungsvoll, sich in der Ferne verlierend, zu unseren Füßen. Am Ufer eines zu dieser Jahreszeit sich trüb und reißend in den See ergießenden Baches neben einigen dürftigen Msuăkibäumen wurde das Lager aufgeschlagen. Wenige Jahre vorher war der erste Europäer, Dr. Fischer, bis in die Nähe des Nakurosees, an den benachbarten Naiwashasee gelangt. Aber unter welch andern Umständen vollzog sich in jenen Jahren eine Reise ins unbekannte Masailand! Souverän beherrschte damals nach der Masaikrieger sein Land – war damals noch »ol open l'en gob«, Besitzer des Landes, im Sinne des Wortes. Und all die ritterliche Poesie, die uns das Schicksal der nordamerikanischen Indianer so menschlich nahegebracht hat, war auch seinem Kriegerdasein nicht fremd. Da kam der Augenblick, wo er mit den Feuerwaffen der Europäer zusammenstieß und ihm die Europäer die Rinderpest brachten. Sein Schicksal war besiegelt, wie das des Löwen und des Leoparden! ... Damals aber galt es für die Karawanen freien, kampflosen Durchzugs halber allenthalben Tribut zu entrichten. Nicht nur einige kleine Häuptlinge in der Nähe der Küste, sondern auch die Masai mußten mit reichlichem Tribut abgefunden werden! so zahlte Dr. Fischer beispielsweise an den Häuptling Sedenga in Mkarámo am Paganifluß für die Erlaubnis zum Durchzug seiner 230köpfigen Karawane: 100 Stück Zeug à 6 Armlängen, ein Beil, 100 Bleikugeln, 1 Fäßchen Schießpulver von 10 Pfund, 2 große Ringe Messingdraht, sowie 8 Pfund Glasperlen! Die 1891 in Ostafrika wütende Rinderpest hat das Vieh der Masai vernichtet, ihn selbst dezimiert, seinen Stolz geknickt. Unsere Karawane hatte im vergangenen Jahre, 1896, zum ersten Male die Masaisteppe vom Kilimandscharo über den Nguasso-Nyiro bis zum Viktoriasee, und zwar wider Erwarten ohne große Kämpfe durchziehen können. Zwar hatte uns kein geringerer als Dr. Oskar Baumann, damals österreichischer Konsul in Zanzibar, ein hervorragender Erforscher des Masailandes den Untergang prophezeit, aber die Zeiten hatten sich geändert. Der Küstenmann dünkt sich heute himmelhoch erhaben über den »wilden« Masai, der Masaikrieger wieder verachtet allerdings die lastenschleppenden Küstenleute, die er zu den Barbaren rechnet und verächtlich mit »il' meek« bezeichnet. Aber die Herrschaft der Masai ist gebrochen. Sic transit gloria mundi! Es kommt sogar vor, daß sich auch meine Leute an dem Tanz beteiligen, der bis spät in die Nacht, von den Masai veranstaltet, dauert, Gesänge der Krieger und der Weiber – 'Singōliōitin loo – 'l – muran oo loo – 'ngorōyok – ertönen in die Nacht hinaus, und der Refrain findet ein vielfaches Echo mit seinem oft wiederholten Hó! He! Hōō! Ná! He! Hōō! – Es ist Lederstrumpfpoesie, und mir scheinen sie so ähnlich, die Rothäute der neuen Welt und die Masai hier im dunklen Afrika. Die einen mußten der Zivilisation weichen, den anderen steht dieses Schicksal noch bevor. ... Niemand hegt die geringste Besorgnis für die Nacht. Ruhig wurde es den Moran gestattet, in der Nähe des Lagers zu nächtigen. Unser Zug durch die Masaisteppe, durch die wilden Bergländer der Wasotiko und Wanandi hatte uns gegen dergleichen Gefahren abgestumpft. Wir konnten nicht ahnen, welch erbitterte jahrelange Kämpfe den englischen Truppen mit diesen Völkerschaften noch bevorstanden, wie wehrkräftig und kriegerisch sie waren! Aber die Anwesenheit Hunderter speer- und keulenbewaffneter Krieger im Lager war etwas Alltägliches gewesen, und groß war später das Erstaunen der englischen Offiziere, als sie hörten, die große Karawane, der ich mich angeschlossen hatte, sei ohne Krieg glücklich durch diese Länder gelangt! Die herben wilden Reize solch eines Reise- und Karawanenlebens waren mit einem Schlage für mich durch mein schweres Krankenlager unterbrochen worden: doppelt empfänglich war ich nun wieder geworden für das beglückende Wandern in Licht und Luft, Freiheit und unendlichen Weiten – doppelt empfänglich auch für wechselnde Eindrücke, denn wochenlang hatte mich mein Marsch durch einsame Urwälder, Bambuswaldungen und Grassteppen geführt, in denen, wie mein Freund Richard Kandt, der Entdecker der Nilquellen, dies so trefflich beschreibt, jede Pflanze, jeder Stein, mir nur immer wieder das eine Wort: Öde! Öde! in der großen Einsamkeit zugerufen hatte. Doch eine Welle flutenden herrlichen Tierlebens brandete tatsächlich wiederum um die Gestade dieses einsamen Gebirgssees. Weithin spannt sich das Panorama des Nakurosees, der in seine Mulde eingebettet vor uns liegt, und zu dieser Jahreszeit unzähligen Wildrudeln an seinen Ufern frische Äsung, auf seinen Wassern aber zahllosen Mitgliedern der Ornis Herberge und Nahrung gewährt. Die Zahl des Steppenwildes Ostafrikas habe ich anderwärts kaum übertroffen gesehen! Die Ufersteppen dieses Sees waren tatsächlich bedeckt von Wild aller Art. Antilopen, Strauße, Giraffen, Nashörner zeigten sich dem Blicke des Wanderers, und die Luft war erfüllt von farbenprächtigen Flamingos und Wasservögeln aller Art. – – Die heiße Steppenluft duftete nach tierischem Leben, der Boden der Steppe war durchfurcht von Fährten und Wechseln des Wildes, und wo auch der Blick sich hinwandte, flutete eine große, warme, ursprüngliche Welle tierischen Lebens. Ich befand mich im tertiären Tierparadies. – – – Aus der Fülle der vielen, mit starkem Zauber auf mich einwirkenden Erinnerungen jener Tage taucht eine einzige, höchst eigenartige in mir auf: »Eleléscho!« Was ist »Eleléscho«? wird der Leser voller Erstaunen fragen ... »Eleléscho« Der Singular des Wortes lautet: ol 'leléshwa. ist eine Charakterpflanze, richtiger vielleicht ein Charakterstrauch, der der Flora im eigentlichen Herzen des Masaigebietes vielfach seinen Stempel aufdrückt. Höhenzüge, mit silberblättrigem Eleléscho bestanden, würziger Eleléschoduft, nach Eleléscho riechendes Wasser am Lagerplatz – folgerichtig auch nach Eleléscho schmeckender Tee, Kaffee, Kakao – das ist eine fest im Gedächtnis haftende Erinnerung an diese Heimat der Wildrudel und der Masai, jener untergehenden Nomaden, die dem Strauche den schönen Namen schenkten ... Vielleicht ist es nicht zuletzt der Wohlklang des Namens, der uns in der Erinnerung mit dem Strauche aussöhnt. Denn dieser selbst wirkt auf die Dauer eintönig, unsere Sinne nur wenig erfreuend, dafür um so stärker und eigenartiger. Aber seltsam, seine Eigenart verknüpft unsere Vorstellungen rückwirkend durch starke Bande mit den damaligen Erlebnissen, und der Klang seines Namens ruft schöne Erinnerungen – und in der Phantasie verschönte – wach. Ähnlich wie es dem Menschen nicht gegeben ist, sich intensiver, körperlicher Schmerzen genau zu entsinnen, so streicht auch die zurückblickende Phantasie wohltuenderweise vieles Harte und wenig Erfreuliche aus, das wir einst erlebten. So ist denn in der Erinnerung dieser seltsame Baumstrauch mit den silbergrauen und würzig stark duftenden Blättern geeignet, wie kaum etwas anderes, Heimweh, Heimweh nach der Wildnis in dem Gemüte des Wanderers wachzurufen, des Wanderers, der durch so viel Schönes und Schweres mit jener Steppe innerlich verknüpft ist. Wenig nur ist uns damit gedient, zu erfahren, daß der Botaniker unseren Strauch als Komposite kennt und Tarchonantus camphoratus Houtt. bezeichnet ... Auch in anderen Teilen Afrikas findet er sich, und der heute (1919) noch in jugendlicher Frische unter uns weilende Prof. Fritsch berichtet schon 1863, daß er ihn im damals noch wilden Griqualande unter dem Namen »Mohatla« fand. Es ist bedauerlich, daß nicht sein wohllautender Masainame der Nachwelt erhalten bleibt, und ich möchte das meinige tun, um »Eleléscho« vor dieser Vergessenheit zu bewahren ... Man muß dieses Wort in wohllautender Aussprache aus dem Munde eines der schönen, stolzen, schlanken Masaikrieger gelernt haben, um zu begreifen, daß zu all den unendlich komplizierten Stimmungseindrücken in fernen Landen oft anscheinend nebensächliche Dinge beitragen können, Dinge, die zum Aufbau jener Stimmungswerte dennoch von großer Bedeutung sind ... In der Region des Eleléscho aber herrscht dieser Strauchbaum etwa in der Art, wie in unserem Vaterlande Eiche, Buche und Föhre oder etwa Wacholder, Heidekraut und Ginster der Landschaft ihren Charakter aufdrücken. Größer aber und mächtiger in seiner Wirkung auf das Gemüt wirkt unsere Pflanze, weil sie in jenen Einöden so vorherrschend auftritt, daß mit dem Begriff des Eleléscho eben eine ganz bestimmte Vorstellung landschaftlichen Charakters in denen ausgelöst werden muß, die jene fernen Regionen lange Zeit bereist haben. Der starke Duft der Eleléschopflanze veranlaßte die Masai, die Blätter des Strauches ihres Wohlgeruches halber als Ohrschmuck zu tragen. Er gehört also zu den Baumsträuchern, die ihres Duftes wegen von den Kriegern und Mädchen als Schmuck verwandt werden: Il-käk ooitaa 'l muran oo 'n – doine 'I – orōpili. So treten uns mit Eleléscholaub, Eleléschozweigen geschmückte Masaimädchen und Masaikrieger vor Augen, mitleidig von dem Karawanenführer belächelt, der freilich im Gegensatz zu den Masai sehr gering von unserem Strauche denkt. Naiv ist das Verhältnis der Eingeborenen zur Natur; nur das Nächstliegende, Zweckmäßige kommt für sie in Betracht, und Eleléscho ruft jedenfalls bei meinen schwarzen Begleitern nur die Erinnerung an öde, dürftige Steppengegenden wach, Gegenden, in denen sie oft Hunger leiden und manches Ungemach erdulden mußten. Anders aber wirkte die Region des Eleléscho auf mein Gemüt. Ist mir doch dieser Strauch in der Erinnerung symbolisch verknüpft mit dem Untertauchen in menschenleeren Einöden, mit dem Sichloslösen vom Getriebe der Zivilisation, der modernen Menschheit und all ihrem Hasten und Drängen ... Ich habe mich, dem Fiebertode kaum entronnen, voll und ganz in jener Nacht des Jahres 1897 an den Gestaden des Nakurosees, als die Gesänge der Masai mir im Mondschein ertönten, dem Zauber hingegeben, dem Zauber des Eleléschostrauches, dessen Duft ich nie vergessen kann. – – So träumte ich einen wunderschönen Traum. – Als ich wieder erwachte, befand ich mich in meinem Lehnstuhl primitivster, eigener Konstruktion. Mein schwarzer Diener stand vor mir und fragte mich, ob ich nicht lieber mein Lager aufsuchen wolle. – Ich rieb mir die Augen, alles war also nur ein Traum gewesen – der Zauber des Eleléscho mußte es mir angetan haben. – Wie töricht, sich diesem Zauber hinzugeben! Das darf doch erst geschehen, wenn alles dies »historisch« geworden und die Masai-Moran und ihr Leben und Treiben gleich den Rothäuten Amerikas ihren Cooper gefunden haben! Dann mag der Eleléschozauber in sein Recht treten, mag den schlanken, sehnigen, vornehmen Masai ol morani verherrlichen, wie er im Kreise seiner Schönen, seiner »Doiye« Singular: en 'dito. den Reigen tanzt, wie er Kriege führt und die Steppe frei beherrscht. Heute aber schon trägt er an seiner Stirn den bedeutungsvollen Stempel eines unerbittlichen Schicksals – den des letzten Mohikaners ... Der Zauber des Eleléscho ist vergangen am einst so weltfernen Nakurosee. Der See ist nicht mehr weltfern. Ein eiserner Schienenweg verbindet ihn mit den Wassern des Indischen Ozeans. Vergangen ist dort heute der Zauber, den ich damals noch wachend und träumend erlebte; vorbei die Poesie der Elefantenherden, der Masai, Wandorobbo und des Karawanenlebens alter Art; verschwunden vieles, was ich dort sah. Immer weiter abseits vom Wege in die Wildnis muß der Wanderer ziehen, will er ursprüngliches Leben und Treiben kennen lernen, so der Menschen wie der Tierwelt, ursprüngliche Harmonie, die in überwältigender, eigenartiger Sprache zu ihm redet. Sie, deren Eigenart täglich mehr verschwindet, täglich in steigendem Maße vernichtet wird, ist rettungslos dem Neuen, dem Kommenden, dem nicht Aufzuhaltenden preisgegeben, das man moderne Technik, moderne Kultur nennt. Kürzlich tauschte ich alte Erinnerungen mit einem Reisegefährten, der vor mehr als 14 Jahren in der Wildnis mit mir geweilt und der nunmehr wiederum, die Eisenbahn benutzend, jene fernen Länder besucht hatte. Mein alter Freund Alfred Kaiser, ein weit gewanderter Mann, ein Kenner Arabiens unter anderem, wie wenig andere, erinnerte mich an das einst gemeinsam Erlebte, als europäischer Einfluß noch kaum unter den Binnenvölkern am Viktoriasee zu spüren war. Da sahen wir im Geiste die Bewohner der damals gefährlichen und noch kaum bekannten Sotiko- und Nándiländer Vergl. auch Theodore Roosevelt, »Afrikanische Wanderungen«, Seite 308-313, über die kriegerischen Wanándi. uns mißtrauisch zu Tausenden an ihrer Grenze empfangen. Ihre blitzenden Speere funkelten in der Morgensonne; – Herrscher, Minister und Hofdamen der Wakawiróndo erschienen in urwüchsigster Tracht im Lager, keulenbewehrte Krieger betrachteten uns mit äußerstem Mißtrauen, Kaurimuscheln und Glasperlen bildeten ihre einzige Kleidung, ihr Zahlungsmittel; Überfälle und Krieg waren an der Tagesordnung. Und jetzt, nur zehn Jahre später, fand Kaiser viele Masai bereits als englisch sprechende Kulturfexe am »Bahnhof Nakurosee« ... Etwas wie Groll erfaßt den Wanderer, der mit unzähligen Schweißtropfen seinen Weg damals hat bezahlen müssen, bei dem Gedanken, daß heute jedermann in wenigen Tagen von der Küste aus den Nakurosee erreichen kann. Allzu zahlreiche neugierige Globetrotter hält freilich die nur zu berechtigte Angst vor der tückischen Malaria und der neuerdings so erschreckend auftretenden furchtbaren »Schlafkrankheit« im Schach, sonst würde die Eisenbahnfahrt von Mombassa zum Viktoria-Njanza und den Nil herab nach Kairo eine viel benutzte Reiseroute werden. – Ich habe es versucht, in kurzen Umrissen den unheimlich schnellen Wandel der Zeit zu schildern, wie ihn die eindringende Kultur des Europäers ins Rollen bringt. Ich habe am Nakuro noch von ursprünglicher, wilder Schönheit geträumt, als sie dort kurze Zeit darauf verschwinden mußte. Heute kann man den alten Eleléschozauber dort und überall, wo der weiße Mann eindringt, nicht mehr finden. Der Reisende sieht vielleicht einen baumartigen Strauch. Er bedeckt manche Höhenzüge und die einsamen Gelände der Steppe und entsendet weithin einen würzigen Duft. » Tarchonantus camphoratus Houtt .« nennen ihn die Botaniker. Sie rechnen ihn zu den Kompositen ... Aber seinen Zauber kann er hier nicht mehr ausüben. – Der ist weit, weit ins Innere entflohen. Dorthin, wo der weiße Mann noch nicht war, dort fristet er noch sein Dasein. Wie lange noch und er ist ganz verschwunden! ... 3. Tierphotographie in der Wildnis bei Tag und Nacht. Den Zauber des Eleléscho tunlichst auch im Bilde festzuhalten, erlernte ich, da mir die Gabe des Zeichnens versagt war, die Lichtbildnerei. Es galt die afrikanische Tierwelt im Lichtbilde »einzufangen«. Das einfachste Rezept, einen Löwen zu fangen, ist jedem Leser bekannt. Man schaufelt die Sahara durch ein Sieb und – bemächtigt sich so auf mühelose Weise des Königs der Wüste. Photographieren läßt sich auf so einfache Weise der Löwe nicht. Wohl tausendmal und noch öfter bin ich gefragt worden, wie ich meine in »Mit Blitzlicht und Büchse« abgebildeten Löwen photographiert hätte. Das ist nicht so leicht zu beantworten. Rast in der Steppe während eines photographischen Ausfluges. (Auf dem Stativ einer der von mir benutzten Tele-Apparate F:20. Die neuerdings in der optischen Anstalt C. P. Poerz gebauten langbrennweitigen Fernapparate haben die Lichtstärke F:7 und gestatten dabei erheblich kürzere, bessere Augenblicksaufnahmen zu machen.) Bevor ich mit meinen ersten Aufnahmen frei lebender Tiere 1900 in die Öffentlichkeit trat, waren mir nur einige wenige wohl gelungene Nachtaufnahmen amerikanischer Hirscharten in voller Freiheit bekannt, die ein amerikanischer Rechtsanwalt und begeisterter Jäger, Mr. Shiras, in langjährigen Bemühungen zustande gebracht hatte. Nach zahlreichen fruchtlosen Versuchen gelang es diesem unermüdlichen photographischen Jäger, einige in der Nähe des Flußbettes zur Nachtzeit äsende Hirsche auf die Platte zu bringen, während er sich in einem Boot den Fluß herabtreiben ließ. Im Vordergrunde seines Fahrzeuges hatte er mehrere Kameras aufgestellt. Kam er nun mit seinem Boote in den Bereich dicht am Wasser stehender Hirsche, so ließ er sein Blitzlicht aufflammen, und erzielte nach mannigfachem Mißgeschick im Laufe von, wenn ich nicht irre, zehn Jahren einige wenige interessante Bilder, die seinen Namen in den Vereinigten Staaten bekannt machten, auf einer Pariser Weltausstellung viel Aufsehen erregten und einer goldenen Medaille für würdig befunden wurden. Ferner kannte ich einige teleskopische Tieraufnahmen Lord Delameres aus Ostafrika. Die ebenfalls höchst interessanten Tierphotographien Edward North Buxstones , meines Wissens erst im Jahre 1902 veröffentlicht, waren mir selbstredend schon aus diesem Grunde fremd. Alle in Rede stehenden Tele-Aufnahmen sind ausnahmslos solche von stehendem oder sich nur sehr langsam bewegendem Wilde; Tele -Aufnahmen flüchtigen Wildes sind mir bis zur Veröffentlichung meiner Aufnahmen und auch bis zum heutigen Tage mit nur ganz wenigen Ausnahmen nicht bekannt geworden. Der Verfasser in seinem Zelte. An sich scheint ja eine Aufnahme aus dem Tierleben nicht schwierig. Schalten wir jedoch die vielen in den letzten Jahren veröffentlichten Tierbilder aus zoologischen Gärten, Menagerien, größeren und kleineren Tierparks, Gehegen und umzäunten Revieren aus, ebenso alle die Bilder, die vielleicht im Winter an den Futterstellen erzielt werden, endlich die leider nicht selten auftauchenden Fälschungen und Künsteleien , so werden nur sehr wenige wirklich das wilde Tierleben wiedergebende Bilder übrig bleiben, die irgend einen wissenschaftlichen Wert beanspruchen können. Bei solchen Aufnahmen muß der Aufnehmende mit seinem Namen die vollste Gewähr übernehmen, daß nichts daran verändert oder retouchiert worden ist, und daß die Aufnahmen tatsächlich unter völlig einwandfreien Umständen erzielt worden sind. Alle Aufnahmen, die dieser Gewähr entbehren, würde ich mit dem größten Mißtrauen betrachten. Sie würden freilich auch die Fachgelehrten und Sachkenner nicht so leicht täuschen können. Aber welche Schwierigkeiten waren hier zu überwinden! Schon im Jahre 1863 unternahm es ein deutscher Forscher, der heutige Geheimrat Professor Dr. G. Fritsch , Tierphotographien in Südafrika herzustellen. Damals kannte man nur nasse Kollodiumplatten . Man muß staunen, daß es Herrn Fritsch gelang, alle Schwierigkeiten dieses umständlichen Verfahrens zu überwinden, fern von der Heimat und abgeschnitten von allen Hilfsmitteln. Es gelang ihm im Verlauf seiner Arbeiten sogar, die erste Trockenplatte auf ein afrikanisches Tier zu exponieren ! Seiner Güte verdanke ich es, daß ich in meinem Buche: »Der Zauber des Eleléscho« die Nachbildung dieser historischen und darum gewiß wertvollen »Natururkunde« bringen konnte. Wir sehen eine erlegte Elenantilope, damals noch ein häufiges Mitglied der mittlerweile beinahe völlig ausgerotteten Tierwelt des Kaplandes: man muß Professor Fritsch gehört haben, um ermessen zu können, welch reiches Tierleben selbst in den sechziger Jahren noch die Steppen des Kaplandes durchflutete! So sind die von ihm damals gewonnenen Aufnahmen besonders interessant und bilden den Ausgangspunkt aller bis zum heutigen Tage der Wildnis abgerungenen Photographien der so reichhaltigen afrikanischen Tierwelt. Erst etwa vierzig Jahre später unternahmen es die bereits genannten englischen Reisenden und der Verfasser, diese Arbeiten planmäßig fortzusetzen. Auf meiner dritten Reise im Jahre 1902 versuchte ich mittels zweier mir von der optischen Anstalt von C. P. Goerz zur Verfügung gestellten teleskopischen Apparate Fernaufnahmen von Tieren, auf die, der Wahrheit die Ehre zu geben, englische Reisende zuerst verfallen waren. Die Lichtstärke dieser Fernapparate war aber so gering, daß eine lange Belichtungszeit erforderlich war. So eignen sie sich in erster Linie zur Aufnahme sich nicht bewegender Objekte. Handelt es sich aber um die Aufnahme in Bewegung befindlicher Tiere, so muß man durch viele Versuche die Belichtungszeiten ermittelt haben, welche einerseits genügen, den erforderlichen Eindruck auf die Platte hervorzurufen, andererseits aber noch kurz genug sind, um die sich bewegenden Tiere nicht allzu verschwommen erscheinen zu lassen. Erfahrung und Übung allein können den photographischen Jäger zum Ziele führen. Nur so wird er es erreichen, dem Schlitzverschluß die nach den Umständen erforderliche Größe und Schnelligkeit zu geben. Ist dem Genüge getan, so erübrigt es sich nur noch, den an die Schulter genommenen Apparat auf die mehr oder minder flüchtigen Objekte zu richten und einem Gewehre gleich zu handhaben ! Auf diese weise wird man, ähnlich wie beim Schießen, den Einfluß der Eigenbewegung des Objektes ausgleichen. Mannigfache Schwierigkeiten ergeben sich da und liegen klar auf der Hand. So wird es sich, wie auch beim Schießen nach flüchtigem Wilde, um ein »Vorhalten« oder »Mitgehn« handeln. Das alles erfordert viele Übung. Zur Zeit, als ich mit den mir von C. P. Goerz gebauten Fernapparaten erfolgreich arbeitete, wurden dieser Anstalt eine ganze Reihe solcher Apparate, bis aufs kleinste genau derselben Bauart, als unbrauchbar von photographisch sehr erfahrenen Bestellern beanstandet! Hieraus lernt man viel leichter die Schwierigkeit des erfolgreichen Arbeitens mit Teleapparaten zu beurteilen, als durch langatmige Ausführungen. Nur selten wird es möglich sein, zu Fernaufnahmen einen feststehenden (Stativ-)Apparat zu benutzen. In den meisten Fällen wird man die photographische Flinte an die Schulter nehmen müssen. Es ist leicht begreiflich, welch eine Reihe von großen Schwierigkeiten sich dabei ergibt, deren Überwindung nur durch lange eindringende Übung möglich ist. So auch erklärt es sich, daß wir, schnell sich bewegenden nahen Objekten mit dem Apparate folgend, notwendig einen unscharfen Hintergrund bekommen müssen, daß wir ferner mit diesen Apparaten sehr leicht »unterexponieren«. Auch ist es klar, daß man sowohl Schnelligkeit wie Schlitzverschluß zu jeder Aufnahme vorher einstellen muß: eine stete Fehlerquelle! Dagegen hat der Teleapparat den vorteil, daß man mit der Einstellung auf rund hundert Meter den meisten vorkommenden Aufnahmen gerecht wird. Handelt es sich aber um die Aufnahme beispielsweise in der Nähe aufgehender oder vorbeistreichender Vögel, so kommt zu den oben erwähnten Handgriffen noch der hinzu, die Entfernung nach Schätzung richtig einzustellen. Auch muß man selbstredend die Sonne mehr oder weniger hinter seinen Rücken zu bringen suchen, um brauchbare Aufnahmen zu erzielen. Ausschlaggebende Hauptsache ist aber die richtige Beurteilung der in den Tropen besonders schwer beurteilbaren Lichtverhältnisse . Die aktinische Wirkung des Lichtes auf die Platte steht durchaus nicht in sicherer Beziehung zu der physiologischen Wirkung der Lichtstrahlen auf unser Auge. Mit Recht bemerkt Dr. Kuhfal-Dresden an einer Stelle, daß photographische Aufnahmen höchst selten auch nur einen Teil jener sonnigen Lichtfülle ahnen lassen, die vielleicht wirklich über einer aufgenommenen Landschaft ausgebreitet war. Weitere Schwierigkeiten erwachsen aus dem Flimmern der vom heißen Boden aufsteigenden Luftwellen, aus den Widerstrahlungen der einzelnen Staubteilchen, die die Luft erfüllen, aus der oft weiten Entfernung von den tierischen Objekten und vielem andern mehr. So können sehr leicht Aufnahmen mißraten, deren Gelingen dem Aufnehmenden sehr wahrscheinlich schien. Sind das Aufnahmen, die dem Reisenden besonders erwünscht schienen, die selten und vielleicht nur einmal erreichbare Tiere betreffen, so ist das besonders schmerzlich! Ich rate deshalb, unter solchen Umständen stets möglichst viele Platten zu belichten, denn vielleicht kommt dem Tierbildner diese oder jene Tierart nie mehr vor die Platte. Viele Aufnahmen kommen einfach deswegen nicht zustande, weil der Reisende im entsprechenden Augenblicke den Apparat nicht zur Hand hat. Es ist peinlich darauf zu achten, daß sich die Apparate stets in unmittelbarer Nähe befinden; wenige Augenblicke der Verzögerung, und eine selten oder nicht wiederkehrende Aufnahmegelegenheit ist versäumt. Sind nun auch in Afrika die bekannten Fehler falscher Einstellung, sei es der Entfernung, des Verschlusses oder des Mechanismus, welcher die Schnelligkeit der Aufnahme reguliert, unvermeidlich, so wird man zudem auch hier zuweilen vergessen, die Kassetten zu öffnen, wird eine Platte zweimal oder öfter belichten Vergleiche mein (zur Zeit vergriffenes) Buch: »Der Zauber des Eleléscho«. Leipzig, R. Voigtländers Verlag. und was dergleichen Versehen mehr sind. Dies alles ist eben menschlich, allzu menschlich! Abgesehen von allen diesen Dingen sei daran erinnert, daß es durchaus erforderlich ist, sich in einer freien Gesichtsebene zu den erwünschten Objekten zu befinden. Ein einziger zwischen dem Photographen und den Tieren befindlicher Baum, Strauch oder Ast, ja, ein einziges in unmittelbarer Nähe vor dem Objektiv befindliches Blatt kann eine hocherwünschte Aufnahme völlig verderben. Auch das Gewicht der Apparate ist ihrer Anwendung hinderlich. Es ist nicht jedermanns Sache, einen der schweren 13x18 cm-Teleapparate – eine Kanone im kleinen – zu handhaben; aber auch die Anwendung eines 9x12 cm-Teleapparates ist nicht so ganz einfach. Eine Hauptschwierigkeit besteht im Mitführen so schwerer Geräte auf Schritt und Tritt in der Wildnis, wo man oft nicht einmal imstande ist, auch nur das Allerunentbehrlichste, auch nur Wasser in genügender Menge mitzunehmen. – Auch ist große Vorsicht notwendig. Ein Ersatz der mehr oder minder empfindlichen Apparate dort drüben ist unmöglich, und doch drohen jeden Tag Unfälle, die den Instrumenten verderblich werden können. Und endlich die photographische »Jagd« selbst! Da gilt es langsames, anstrengendes und mühevolles Pirschen und Ankriechen auf sonnenglühendem Steppenboden oder in zum Ersticken heißer mit brütender Hitze erfüllter Sumpflagune oder Dickung. Wenn auch dem Tierbildner, der ähnlich wie ich eine fremdländische Fauna auf die Platte zwingen will, tausendfältige Mühe und viele hunderttausend Schritte in der endlosen Steppe erspart bleiben werden, weil er auf meine und anderer Erfahrungen bereits zu fußen vermag, so wird er dennoch mit einigem Erstaunen bemerken, daß die photographische Jagd unendlich viel schwieriger ist, als die wirkliche. Nur Bruchteile von Sekunden bedarf der geübte Schütze, um eine todbringende Kugel zu entsenden, oft durch Dick und Dünn und kaum seines Zieles ansichtig geworden! Aber wie mancherlei günstige Umstände und Verhältnisse sind erforderlich, um als photographischer Schütze zum Ziele zu gelangen! Hier handelt es sich nicht nur darum, einzelne Objekte in richtiger Beleuchtung aufs Ziel zu nehmen, sondern wir haben gewissermaßen mit einem einzigen photographischen Schuß möglichst zahlreiche Exemplare des erwünschten Wildes zu erlegen. Es ist bemerkenswert, daß sich Gelegenheiten zu guten Aufnahmen gar nicht so selten bieten, aber nur zu oft in Augenblicken, die uns unvorbereitet finden, die vielleicht nicht wiederkehrende Gelegenheit erfolgreich zu benutzen. Wie viel hundert Zufälligkeiten spielen da hinein! Wochen und Monate vergehen, ehe wir des sehnlichst erwünschten Wildes ansichtig geworden sind. Wochen- und monatelang haben wir uns immer auf den jetzt eben eingetretenen Augenblick vorbereitet – nun aber, wie durch einen Zauber, scheinen wir gelähmt zu sein, handeln wir verkehrt. Wie schwierig ist es, das erwünschte Wild, richtig beleuchtet, gewissermaßen in richtiger Pose, vor sich zu haben! Ist schon die Erscheinung der betreffenden Tiere überraschend und erstaunlich, wenn wir sie breit vor uns in behaglicher Ruhe erblicken, so wächst die Fremdartigkeit der Erscheinung, sobald wir die Tiere spitz von vorne oder von hinten sehen, oder sobald wir nur einzelne Körperteile wahrnehmen und gewissermaßen erraten müssen, was wir vor uns haben! Nur planmäßige und unermüdliche Arbeit kann zum Ziele führen, und ich möchte dem photographischen Jäger raten, sich nicht nur mit den Apparaten auf das sorgfältigste an Ort und 5telle einzuarbeiten, sondern sie auch ähnlich einer Flinte stets zur Hand zu haben. Lasse ich meine vielfältigen Begegnungen mit der tropischen Tierwelt rückblickend im Geiste vorüberziehen, so kann ich mich sehr vieler Augenblicke erinnern, in denen selbst ein gewöhnlicher Handapparat mir wundervolle Aufnahmen auf nächste Entfernung verschafft haben könnte ; – da aber wären freilich nicht selten, neben vielem anderen, Nerven von Stahl und Eisen Bedingung gewesen. Häufig ist der Apparat überhaupt im kritischen Augenblick nicht zur Hand oder die Schnelligkeit des Verschlusses ist für den betreffenden Fall nicht eingestellt, der Apparat selbst nicht gespannt oder gebrauchsfähig. Zu alledem müssen wir bedenken, daß die Bromsilberplatte in ganz anderer Weise reagiert, wie unser Auge. Sie ist nicht imstande, die Farben in ihren Helligkeitswerten wiederzugeben, da auf die Platte nur das blaue und violette Licht wirkt. Die Anwendung orthochromatischer, für grüne, gelbe und rote Lichtstrahlen empfindlich gemachter Platten wäre nun in der Tierphotographie ganz besonders erwünscht! Es ist mir jedoch nicht gelungen, Tele-Augenblicksaufnahmen von Tieren mittels farbenempfindlicher Platten zu erzielen, da ich ihre Gesamtempfindlichkeit gegen weißes Licht zu sehr vermindert fand. Neuerdings sollen indessen panchromatische Platten hergestellt werden, die nur Belichtungszeiten von etwa 1 / 50 Sekunden erfordern, und ich möchte ihrer versuchsweisen Anwendung für Tieraufnahmen aus diesem Grunde dringend das Wort reden. Erblickt aber unser Auge die Tierwelt in normaler Färbung, so gibt eine in solchen Augenblicken belichtete photographische Platte zuweilen durchaus nicht das Erwünschte. Daher hängt von der Beleuchtung der Erfolg von Tieraufnahmen ganz besonders ab. Zu einem wirksamen Bilde bedürfen wir möglichst gedrängt stehender oder sich bewegender Gruppen von Tieren; auf nahe Entfernung sieht man solche aber selbstredend recht selten. Unter Umständen kann auch dann eine überraschend gute Aufnahme gelingen, wenn man sie beispielsweise bei unter Bäumen stehenden Tieren nicht erwartet hat. Das rührt dann wohl von dem durch das Buschwerk reflektierten Blau des Himmels her, das die Bromsilberplatte günstig beeinflußt. – Nichts ist enttäuschender, wie eine Aufnahme aus dem fremdländischen Tierleben, von der wir vieles erhofft, die sich aber beim Entwickeln als mißglückt erweist. Anderseits liegt in allen diesen Schwierigkeiten ein so großer Reiz, daß er in mancher Beziehung wohl dem zweifelsohne außerordentlich großen Zauber der Jagd zur Zeit unserer Väter und Großväter entspricht. Unser heutiger Jagdbetrieb mit fernwirkenden Büchsen und weitreichenden Teleskopen gleicht ja auch nicht mehr im entferntesten der alten Jagd, bei der der Schütze nur eine Kugel zu versenden hatte, deren Flugbahn er nur durch lange Erfahrung im jeweiligen Falle richtig ermessen konnte. Dem Liebhaber kann die photographische Kamera dafür Ersatz gewähren, denn die Schwierigkeit und Gefahr ihrer Handhabung überwiegen zweifelsohne noch um ein Beträchtliches die Schwierigkeit und Gefahr der Handhabung unserer großväterlichen Büchsen ... Wie sehr bedaure ich, nicht von Anfang an die erst heute durch viele mühsam errungene Erfahrungen verbesserten Apparate zur Hand gehabt zu haben! Manch vergeblichen tierphotographischen Versuch habe ich in früheren Jahren unternehmen müssen, dessen ich noch mit stiller Wehmut gedenke. Nicht selten kam es vor, daß ich meine Apparate auf das eine oder andere plötzlich auftauchende Wild richtete – jedoch mit vollkommenem Mißerfolg. Die Erregung des Augenblicks bringt es mit sich, daß man nur allzu leicht irgend einen der notwendigen Handgriffe unterläßt, und im nächsten Augenblick ist das ersehnte Wild vielleicht auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Überschaue ich die Reihe der anfänglich von mir vergeblich aufgenommenen Objekte, so finde ich Löwen, Nashörner, Giraffen und Flußpferde nebst zahlreichen Antilopen und anderen Geschöpfen in bunter Reihenfolge auf nächste Entfernung vor mir. Was aber die mühsam zur Nachtzeit entwickelte Platte mir dann aufwies, war entweder nur ein verschwommener Schimmer des von mir am Tage Geschauten oder ein leeres durch irgend einen unglücklichen Zufall erzeugtes Nichts; desto größer war freilich auch die Freude, wenn hin und wieder mit einem kleinen Handapparat ein Bild wie das der badenden Nashörner gelang, das ich auch in diesem Buche veröffentliche. Ich habe den Grundsatz befolgt, alle mir aus irgend einem Grunde wertvoll erscheinenden Platten möglichst bald im Zelte zur Nachtzeit zu entwickeln. Nur wenn es sich um Duplikate handelte, deren Originale ich bereit durch Selbstentwickeln mir gesichert hatte, sandte ich die unentwickelten Platten nach Europa. Hier kann dem Entwickeln nicht nur größere Aufmerksamkeit zugewandt werden, sondern man erspart sich auch in der Wildnis große Mühe und Arbeit. Denn was das Entwickeln photographischer Platten bei schlechten Wasserverhältnissen, feuchtem Klima oder glühend heißer Temperatur zu besagen hat, muß man erfahren haben! Gelingen wertvolle Aufnahmen, so rate ich nicht nur, sie bald zu entwickeln, sondern auch eine Anzahl Bromsilber-Kopien herzustellen. Diese werden in verschiedenen Lasten verpackt; das Original-Negativ aber schickt man baldmöglichst in die Heimat. So hat man alles Mögliche getan, um die vielleicht nicht wieder zu erreichende Aufnahme zu sichern. Geht das Negativ auf der weiten Reise in die Heimat verloren, so hat man noch die Bromsilberkopien, von denen mit Wahrscheinlichkeit, wenn auch einzelne Lasten verloren gehen, wenigstens irgend eine erhalten bleibt. Unter allen Umstanden möge den photographischen Jäger, möge den Reisenden unter allen Schwierigkeiten das Gefühl leiten, daß jede photographische Aufnahme mehr bedeutet, als das Erlegen des betreffenden Wildes. Von großem Interesse ist es zweifelsohne, daß meine Aufnahmen fliegender Vögel nicht nur Künstler, sondern auch Laien vielfach an die Werke der Künstler des fernen Ostens, an japanische Darstellungen des Vogelflugs erinnerten. Professor Doflein Doflein , Ostasienfahrt. 1906. sagt hierüber: »Die Naturbeobachtung der japanischen Tierdarsteller steht in einem Punkte sicherlich höher als diejenige ihrer westlichen Kunstgenossen: die schnellen, rasch vorübergehenden Bewegungen der Tiere sind mit staunenswerter Geschicklichkeit gesehen und wiedergegeben ... der japanische Maler hatte lange vor Erfindung der photographischen Apparate richtig gesehn ... Der Japaner scheint über eine sehr rasche Leitung in den Nervenbahnen vom Sinnesorgan bis zum Zentralnervensystem und von diesem zum Bewegungsapparat Einen zu mir nicht vorher bekanntem Zeitpunkt in Bewegung gesetzten Zeiger vermochte ich durch Druck auf einen Hebel in 0,150 Sekunden zum Stehen zu bringen. zu verfügen. Dafür ist uns seine Kunst ebensowohl ein Beweis, wie die Schießleistungen japanischer Artillerie auf bewegter See, wie ihre Fechtweise und ihre Art zu ringen« ... Ich füge hier hinzu, daß ein erfolgreiches Arbeiten mit Teleapparaten nach meiner Ansicht nur unter obigen Bedingungen möglich ist; niemals wird ein mäßiger Schütze auf diesem Gebiete Erfolg haben! Groß aber die Freude, irgend eine schöne und brauchbare »Natururkunde« errungen zu haben; sie ist um so größer, als die Schwierigkeiten der Aufnahme um so mehr wachsen, als es sich um seltene, scheue oder in Rudeln auftretende Wildarten handelt. Da spielt die Besiegung der Scheu und Vorsicht des Wildes eine ebenso große Rolle, wie unbedingte Ruhe beim Anlegen und Abdrücken der Apparate. Ein geübter Büchsenschütze, der auf flüchtiges Wild ohne allzu viel Eigenbewegung abzukommen versteht, eignet sich zu tierphotographischen Augenblicksaufnahmen besonders. Das geringste Zucken im Augenblicke des Abdrückens verdirbt die Aufnahme unter Umständen vollkommen, wegen der geringen Lichtstärke der Objektive und der dadurch bedingten, auch bei bewegten Objekten erforderlichen relativ langen Belichtungszeit. Einen Vorteil ergeben diese bei Teleapparaten erforderlichen langen Belichtungszeiten: jene Unschärfe und Weichheit, die solchen Aufnahmen einen überaus bildartigen, künstlerischen Charakter gibt. Diese Unschärfe und Weichheit darf freilich ein gewisses Maß nicht übersteigen. Dabei ist dem Geschmack des Aufnehmenden und seiner Übung jede Gelegenheit gegeben, seine Eigenart sowohl, wie auch seine Ausdauer zu betätigen. Es sei noch erwähnt, daß derartige Aufnahmen gegen den Horizont selbstredend bedeutend kürzere Belichtungszeiten erfordern, als Aufnahmen in der Ebene und namentlich mit stark grünem Hintergrund. Ebenso sind Aufnahmen von Tieren auf dem in Ostafrika so häufigen rötlichen Lateritboden recht schwierig. Auch muß man sorgfältig auf die mehr oder minder starken, durch die Beleuchtung bedingten Schlagschatten achten. Was das Auge des Menschen beim lebenden Objekte durch Übung richtig und der Wahrheit entsprechend zu sehen vermeint, kann bei dem unter solchen Umständen hergestellten Lichtbilde ganz fremd und überraschend wirken. Einige dieser Schwierigkeiten Die neuerdings zu Wildaufnahmen angewandten langbrennweitigen Objektive ermöglichen Aufnahmen auch bei schwächerem Licht und würden dem Verfasser bedeutend bessere Dienste geleistet haben als die ihm leider s. Z. von dritter Seite empfohlenen Tele-Konstruktionen. Solche langbrennweitigen Apparate konnte u. a. Kermit Roosevelt , Dr. Berger und Major Roth neuerdings erfolgreich in Afrika benutzen, ebenso der in meinen Fußstapfen wandelnde Amerikaner Dugmore . Letzterer arbeitete in den seit 10 Jahren bestehenden »Wildreservaten« in Britisch-Ostafrika, 1909 natürlich unter ausnahmsweise günstigen Umständen! fallen freilich fort, wenn man sich, wie es neuerdings geschieht, Objektive von langer Brennweite bedienen will. Solche stehen uns freilich mit sehr erheblicher Lichtstärke zu Gebote. Dafür aber haben sie andere Nachteile; namentlich ergeben sie bei näheren Objekten einen gänzlich unscharfen Hintergrund. Fern aufnahmen aus dem Tierleben, handele es sich um Teleaufnahmen oder solche mit langbrennweitigen Objektiven, werden mehr oder weniger durch alle jene Umstände beeinflußt werden, die ich angedeutet habe. Es ist undenkbar, Aufnahmen auf hundert oder Hunderte von Metern ebenso deutlich, ebenso vollkommen zu schaffen, wie auf die gewohnten wenigen Meter. Raum und Zeit treten eben hier gebieterisch in den Weg. Aufnahmen auf nahe Entfernungen von nur wenigen Metern werden bei Tage entweder gar nicht, oder nur so selten möglich sein, daß sie praktisch kaum in Frage kommen. Das führte mich auf den Ausweg der Blitzlichtaufnahmen bei Nacht . Konnte man das Sonnenlicht durch künstliches Licht ersetzen, so wurde man nicht nur unabhängig von der Sonne, sondern es wurde auch möglich, zur Nachtzeit die geheimsten Vorgänge des Tierlebens aufzuhellen. Anfänglich, als ich meine Idee ausführen wollte, stieß ich freilich auf Widerstand und Zweifel, selbst bei den von mir befragten und um Rat angegangenen Fachleuten. So war ich auf meine erste Reise hinausgezogen in dem Wunsche, die ursprüngliche Wildnis kennen zu lernen. Ich wollte alles, was ich dort so ganz anders wie in den üblichen Darstellungen erschaute, irgendwie festhalten. Bei meinem zweiten, einjährigen Aufenthalt 1899 hatten sich die mittlerweile ersonnenen oder mir zugänglich gemachten technischen Hilfsmittel als vollkommen unzureichend erwiesen. Fast dasselbe war bei meinem dritten Aufenthalte der Fall gewesen, und sehr schwere Erkrankung kam noch dazu. Auch beim vierten Betreten der afrikanischen Küste erwiesen sich immer noch die mitgeführten technischen Hilfsmittel als so schwierig in Handhabung und Anwendung, daß selbst mein sonst nicht leicht vor einem Hindernis zurückschreckender Reisegefährte Prinz Johannes Löwenstein und mein Präparator Orgeich sich mehr wie einmal über die Erreichung des Zieles, das ich mir gesteckt hatte, schwarzseherisch äußerten. Tatsächlich hatte ja auch noch niemand mit den jetzt von mir mitgeführten Apparaten in der Praxis irgend Erfolg gehabt! Es galt zunächst die Gewißheit zu erlangen, daß nun auch wirklich die Aufnahme allerschnellster Tierbewegungen, wie z. B. die eines nächtlichen Löwenüberfalls, möglich sei. Der Pangani-Urwald weiß manches von mißlungenen Versuchen zu erzählen. Wir experimentierten nächtlich hin und her. Dabei hatten manche meiner Leute die Rolle von Löwen und anderen Tieren zu spielen und wurden so allmählich zu geschickten und brauchbaren Statisten. Der Orientale oder der Neger wundert sich grundsätzlich über nichts, aber dennoch war dieses Arbeiten mit den gefährlichen Blitzlichtmischungen für die Schwarzen tatsächlich ein Ding zur Verwunderung. Das ungläubige Lächeln meines Karawanenführers steht mir noch deutlich in Erinnerung, als er von meinen »Löwenplänen« erfuhr. »Ah, simba bali sana Bwana!« (Ja, aber die Löwen sind weit, Herr!) – so etwa war der Sinn seiner Ausführungen. Es sollte auch noch geraume Zeit dauern, und manche Enttäuschung sollte ich noch erleben, bis ich seine Zweifel entkräften konnte ... Was gibt es da alles zu bedenken und zu berücksichtigen! Der starke Tau tropischer Nächte, ein plötzlicher Regenfall kann mit Leichtigkeit die Blitzlichtmischung unbrauchbar machen, falls sie nicht sehr gut gegen Feuchtigkeit abgeschlossen ist. Auch durch andere Ursachen kann die ganze Vorrichtung bis zur vollkommenen Unbrauchbarkeit beschädigt werden, oder Ereignisse mannigfacher Art, deren Aufzählung hier zu weit führen würde, können hindernd in den Weg treten. Einmal schleppten Hyänen die leinenen Sandsäcke der Apparate fort; Mangusten trugen die Aluminiumschieber der Kassetten in ihre »Burg«, einen Termitenhügel; die Termiten selbst nagten nächtlicherweile an den Apparaten. Soll die Aufnahme selbsttätig erfolgen, so treten noch vielerlei andere hindernde Möglichkeiten hinzu. Endlich bedeutet das für jede einzelne Aufnahme nötige Blitzlichtpulver einen Wert von mehreren Mark. Auch ist mit der Zertrümmerung oder dem Diebstahl der Apparate durch Eingeborene zu rechnen, wie ich es mehrfach erfuhr, und manches andere mehr. – Warnen möchte ich aber vor allen Dingen vor einem unvorsichtigen Umgehen mit der explosiven Mischung! Selbstredend können die zu verwendenden Bestandteile nur getrennt – und so ganz ungefährlich – mitgeführt werden. Über angebliche Ungefährlichkeit gewisser fertiger, mir aber nicht bekannter Gemische, und über die Möglichkeit ihres ungefährlichen Transportes vermag ich nichts zu sagen. (Ich warne ausdrücklich vor der Anwendung der von anderer Seite empfohlenen großen Mengen von Blitzpulver.) Explosionen in Europa und zahlreiche Unglücksfälle könnte ich als warnende Beispiele anführen. Für mich galt es, jedesmal die Bestandteile mittels eines Mörsers innig zu mischen, und das ist in allen Fällen ein recht gefährliches Unterfangen. Ein kleines Sandkörnchen in der Mischung genügt, um eine Entzündung zu veranlassen, und das bedeutet eine große Gefahr. Ich selbst und andere sind bei den Versuchen um ein Haar verunglückt, und es ist jedem Photographen bekannt, daß in den letzten Jahren die Arbeit mit Blitzlichtmischungen mehrere tödliche Unfälle gezeitigt hat. Vor allen Dingen aber zeigte es sich, wie gesagt, daß die Einrichtung meiner Apparate noch vieles zu wünschen übrig ließ. Ihre Lichtdichtigkeit war nur eine bedingte, ihre Aufstellung zu Selbstaufnahmen nur in der kurzen tropischen Dämmerung möglich. Blitzlichtaufnahmen kann man auf zwei verschiedene Arten erreichen. Entweder löst der photographische Jäger selbst die Zündung aus: dann muß er zur Stelle und unausgesetzt aufmerksam sein; – oder man überläßt die Auslösung dem eine Schnur berührenden Tiere. Bevor ich meine photographischen Versuche anstellte, habe ich im dornengeschützten Versteck alle die Ereignisse, die ich später im Bilde festhielt, auch in unmittelbarer und fast körperlicher Berührung mit Löwen und anderem Wilde erlebt . Die Ausführung von Forschungsreisen inmitten einer wehrkräftigen Tierwelt wie der afrikanischen bedingt ja von vornherein eine gewisse Mißachtung der Gefahr. Die Nachtphotographie aber und der Nachtansitz, selbst auf Löwen, geschehen selbstverständlich nur in dorngeschütztem Versteck und sind bei weitem nicht so gefährlich, wie man glaubt. Gefährdeter ist man unbedingt beim Nächtigen unter Busch oder Baum mitten in der Steppe in Gesellschaft nur weniger Begleiter, wenn man von der Dunkelheit überrascht wird, wie mir das sehr häufig geschah. Dann tritt zu der Gefährdung durch Raubtiere, Elefanten und Nashörner noch die meist außerordentliche, die Wachsamkeit schwächende Ermüdung. Die vielleicht rabenschwarze Nacht hindert uns Ausschau zu halten, setzt aber die durch das kleine Lagerfeuer grell Beleuchteten heranschleichenden Feinden aus. – Immerhin ist das Wachen bei photographischen Nachtapparaten auch im geschützten Dornversteck eine recht aufregende Sache, und eine gute nächtliche Blitzlichtaufnahme erfordert unbedingt allerhand vorhergehende »Zwiesprachen« mit Löwen und anderem Wild auf unmittelbare Entfernung. – In dem interessanten Werke »Zu den Aulihans« von Graf Hoyos und in Graf Wickenburgs »Wanderungen in Ostafrika« findet der Leser interessante und authentische Berichte über nächtliche Löwenjagden, die sich mit meinen Erfahrungen decken. In jenem ersten Werke schildert Graf Coudenhove in anschaulichster Weise, wie sehr seine Nerven beim nächtlichen Erscheinen zahlreicher Löwen in so unmittelbarer Nähe gespannt waren. An dieser Stelle sei bemerkt, daß selbstredend nur Berichten zuverlässiger Reisender Glauben geschenkt werden darf, denn noch immer entstehen recht seltsame und deutlich den Stempel der Unwahrheit tragende Publikationen und Buch-Machwerke im In- und Auslande ... Führe ich hier mit Freude die so überaus sympathische und wahrheitsgetreue Art und Weise an, wie ein Mann, dessen Mut über allen Zweifel erhaben, Graf Coudenhove , den Eindruck schildert, den er beim nächtlichen Ansitz auf Löwen an sich erfahren, so möchte ich hier einem anderen Jäger, dem Grafen Hans Palffy , das Wort geben dürfen. In »Wild und Hund« 1906 sagt er: »Ich mochte etwa zwei Stunden in die Finsternis gestarrt haben, ohne auch das nur auf fünfzehn Schritt liegende (von mir erlegte und als Köder für Löwen benutzte) Nashorn sehen zu können ... als ich plötzlich einen Lärm vernahm, als wäre ein schwerer Gegenstand zu Boden gefallen, und gleich darauf knurrte der Löwe beim Luder. Ich hörte deutlich, wie der König der Tiere an seiner, oder recte meiner Beute herumzerrte und zu fressen begann ... er zog sich zurück, um alle zehn oder zwanzig Minuten auf ein und derselben Stelle sein herrliches, mit Worten absolut nicht zu schilderndes Konzert anzustimmen. Stets mit leisem Schnurren beginnend, erhob sich seine mächtige Stimme bis zu einem donnerähnlichen Getön, welches mir unvergeßlich bleiben wird, was wohl das Schönste ist, was ich je gehört habe und hören werde« ... Seien es nun ähnliche Situationen, sei es das Leben und Weben der mannigfaltigen tropischen Tierwelt, das den Jäger zur Nachtzeit umtönt, wenn er todmüde von weitem Marsch, fern vom Lager, vielleicht verirrt, unter einem Busche niedergesunken ist, – in allen Fällen sind es gewaltige Eindrücke, deren er so teilhaftig wird. Abgesehen von menschlichen Feinden können ihm diese Eindrücke nur noch in jenen Gegenden der Welt werden, in denen die ursprüngliche Tierwelt und namentlich die Raubtiere noch kaum vom Menschen gelichtet worden sind. Derartige Erfahrungen und Eindrücke aber dürfen dem photographierenden Jäger nicht fremd sein, damit er nicht nur mit sicherer Fühlung seine Apparate richten lerne, sondern vor allem den starken Trieb zu dem Versuche gewinne, allen nicht geringen, sondern recht großen Schwierigkeiten zum Trotz, der unwirtlichen Wildnis derartige Nachturkunden überhaupt abzugewinnen. Eins ist dabei gewiß: Allzu lange und allzu oft wird ein Jägersmann in den Tropen derartigem Unterfangen nicht stand halten, denn häufig versäumte Nachtruhe wird ihn, wie nicht leicht etwas anderes, in den malariadurchseuchten Gebieten nicht nur schwächen, sondern mit Sicherheit eines Tages töten ... So ist es denn doppelt empfehlenswert, den wachenden Jäger, der ja ohnehin nur in sternklaren oder mondhellen Nächten mit Erfolg seinen Apparat zu bedienen vermöchte, durch eine mechanische Vorrichtung zu ersetzen. Die Anwendung einer selbsttätigen Auslösung erscheint vielleicht dem Laien auf den ersten Blick überaus einfach. Dem ist jedoch nicht so, denn es leuchtet ein, daß ein gespannter Faden von jedem beliebigen Tiere, jeder Fledermaus, jedem Nachtkäfer ausgelöst werden kann. Den auf dem Wege der Blitzlichtphotographie zu erreichenden »Natururkunden« sind meines Erachtens sehr weite Grenzen gezogen! Meine Aufnahmen beweisen bereits, daß ein Löwen-Ehepaar gemeinschaftlich – von zwei Seiten – den Angriff auf einen Stier vollführt, daß drei Löwinnen in unmittelbarer Nähe zusammen um die Mitternachtsstunde ihren Durst löschen. Mit ein wenig Glück könnte eine Platte belichtet werden, die uns ein oder zwei Dutzend Löwen zusammen zeigt, könnte ein wundervolles Bild entstehen, auf dem wir sehen, wie eine ganze Rotte von Löwen sich auf das erwählte Opfer stürzt. Was gibt es da für Möglichkeiten! Die einer wundervollen Aufnahme beispielsweise eines riesigen afrikanischen Elefantenbullen oder mehrerer solcher auf dem Wechsel an der nächtlichen Tränke ... Noch nie ist ein solches Tier aus allernächster Entfernung, erwachsen, in seiner ganzen gewaltigen und überwältigenden Erscheinung, lebend und unverletzt auf die Platte gebracht worden. (Was ich bis jetzt in dieser Art sah, waren Aufnahmen angeschossener, keiner Gegenwehr fähigen Tiere!) Wer hat ein Rudel von Giraffen in ihren grotesken, fast unmöglichen Stellungen, in dieser Art aufgenommen, die durstige Zunge am Wasser kühlen sehen? Was wäre eine solche Aufnahme dieser aussterbenden Tierart wert?! Jede weitere auf unmittelbare Entfernung belichtete Platte, und wären es noch so zahlreiche, die uns das Leben des Königs der Tiere, des Löwen, getreu wiedergibt, wäre von großem wissenschaftlichen Werte. Allein dieser einen Tierart könnte ein Forscher sein Leben widmen. Aber jede »urkundtreue« Natururkunde, auch der kleinsten Bewohner der Wildnis, ist von großem Werte, um so mehr, wenn es sich um seltene, dem Erlöschen entgegengehende Arten handelt. Die Möglichkeiten sind zahlreiche. Ich meine, eine jede solche Aufnahme müßte weitaus den Reiz der Erlegung irgend eines jener Tiere überwiegen. Aber nicht nur für die Tierwelt Afrikas gelten meine Worte. Überall bieten sich dem Tierphotographen Tausende und aber Tausende höchst erstrebenswerte und wertvolle Ziele! Aber was müssen wir gerade heute im Jahre 1920 vielfach sehen? »Wilde« Tiere in der »Wildnis«, die nichts weiter sind als Fälschungen. Namentlich die Kinos leisten hier Erstaunliches bis zum an den Hinterbeinen angefesselten Nashorn, das Hunde in die Luft wirft, um dann von dem »kühnen« Meisterschützen durch eine »unfehlbare« Kugel getötet zu werden. Daß es vorher in einer Fallgrube gefangen wurde, zum Zwecke der kinematographischen Aufnahme, das freilich sieht nur der Kenner. Die an einem Bindfaden aus »ihrer Höhle« herausgezogene tote Riesenschlange, reiht sich als lebend dargestellt diesem Nashorne würdig an. Wer aber schafft neue wirkliche »Natururkunden«? Wer zieht hinaus, uns den Riesenelch, den Riesenbären Alaskas im Lichtbild festzuhalten? Wer schafft authentische verbürgte Natururkunden des Lebens und Treibens der arktischen Tierwelt, der Eisbären, Walrosse und Robben? Die Eiswüste der Pole müßte so gut ihre letzten Geheimnisse durch den in der Linse konzentrierten Lichtstrahl für alle Zeiten verraten, wie die unerforschten Gebirge Innerasiens uns die Wildschafe und Steinböcke im Bilde überliefern sollten. Jedes Tierparadies, das noch existiert, müßte seine letzten, allerletzten Geheimnisse preisgeben ... Alles dies läßt sich freilich nicht so leicht erreichen, wie viele Menschen vielleicht glauben, etwa die Passagiere der Nordlanddampfer, die ungeduldig ans Land drängen, um Eisbären und Renntiere zu sehen, oder die in jedem Hyänengeheul einen Löwen hörenden »Afrikareisenden«. Aber hier wäre die Aufwendung großer Geldmittel wahrhaftig am Platz! Eine solche Aufwendung findet heute für manches andere Unternehmen statt, das auch in späteren Zeiten noch ebenso erfolgreich durchgeführt werden kann. Hier aber haben wir es mit täglich sich vermindernden Möglichkeiten zu tun, bis zur Stunde, wo es unrettbar zu spät ist. Könnte man diesen Gedanken an die rechte Stelle bringen! – – –   4. Nachtphotographie unter schwierigen Umständen. In der Phantasie und nach den Erzählungen oberflächlicher Berichterstatter gibt es bekanntlich Wildtränken , zu denen in der trockenen Jahreszeit das exotische Wild unbedingt und unter allen Umständen ziehen muß, um seinen Durst zu stillen. Wäre dem so, gäbe es wirklich irgendein Wasserloch, eine Wassergelegenheit, an denen die durstigen Wildrudel unbedingt erscheinen müßten, so gäbe es wohl längst in jenen Gegenden kein Wild mehr. Der Giftpfeil des Eingeborenen, Raubtiere, die Erfindung des Pulvers hätten dann längst alles Tierleben vernichtet. Immerhin kann man unter Umständen in der trockensten Zeit mit einiger Sicherheit an gewissen Wasserstellen Wild erwarten. Dann aber spielen der Wind und andere Umstände immer noch eine genügend einflußreiche Rolle, um den Anstand zu erschweren oder erfolglos zu machen. Genügt doch beispielsweise das Erscheinen großer Raubtiere in der Nähe des Wassers, um die übrige Tierwelt eine Zeitlang von dort fernzuhalten! Ich habe dann und wann, namentlich behufs Erlangung seltener Vögel, den Anstand am Wasser ausgeübt. Geschah dies aber aus anderen Gründen, so habe ich mich meist lediglich auf die Beobachtung des Tierlebens beschränkt. Der Ansitz beim Wasser behufs Erlegung von Wild hätte in der Tat nur dann einen Reiz für mich gehabt, wenn ich dort etwa sehr starke Elefantenbullen hätte erwarten können; alles übrige Wild stand mir ja in genügender Fülle ohnehin zu Gebot. Alte gewitzigte Elefanten aber schweifen in der Trockenzeit außerordentlich weit umher, weil sie die Gefahr kennen, die mit dem häufigen Besuch ein und derselben bestimmten Wasserstelle verknüpft ist. Ebenso verhalten sich die Rudel vieler anderer Wildarten. Für den Eingeborenen freilich, für den Zeit keine Rolle spielt, bilden diese Wasserstellen zur Trockenzeit ganz besonders ergiebige Anstandgelegenheiten. Das liegt hauptsächlich daran, daß sich eine ganze Anzahl von Eingeborenen mit ihren Giftpfeilen über mehrere Wasserstellen verteilen und so die Aussichten auf ergiebige Jagd vervielfachen. Ich betone aber auch hier, daß ich diese Jagdart ebensowenig wie irgendeine andere der von Eingeborenen ohne Pulver und Blei ausgeübten Jagdarten für irgendwie bedenklich halte. Denn auf diese Weise haben die farbigen Menschen dort drüben seit Urzeiten gejagt und der Jetztzeit doch die Fülle tropischen Wildes überliefert, die unser Erstaunen und Entzücken überall da erregt, wo der Europäer seinen Fuß zuerst in ein unbekanntes Land setzt. Während meiner letzten Reise lagerte ich zum zweiten Male am Fuße des in etwa zwei Tagereisen zu umkreisenden Donje-Erók-Gebirges , nordwestlich vom Kilimandscharo im jetzt britischen Ostafrika. Der Masai-Distrikt Donje Erók-la-Matumbáto war mir bereits seit dem Jahre 1899 wohlbekannt. Vor mir war nur die Forschungsexpedition des Grafen Teleki durch jene Gegend gezogen. Sein Begleiter, der wohlbekannte Geograph Ritter von Höhnel , hatte im Jahre 1890 das Gebirge auf der Karte in seinen Umrissen eingezeichnet. Niemand aber hatte noch sein Inneres betreten, und es bildete in seiner unberührten Ursprünglichkeit ein wundervolles Gebiet für den Jäger und Forscher. Der Donje-Erók entsendet einige kleine Bäche. In der Trockenzeit werden diese allerdings schon nach kurzem Laufe vom sonnendurchglühten Boden der durstenden Steppe aufgesogen, in der nassen Jahreszeit hingegen verlieren sie sich in längerem Laufe im Steppengebiet und bilden dann eine Kette von kleinen Sümpfen. Trocknen diese schnell aus, bestehen sie nur noch aus zähem schwarzen Schlamme, so erhalten sich darin häufig die Fährten und Fußtapfen der hindurch wechselnden Wildrudel, namentlich aber der Elefanten und Nashörner. Wie in Wachs geprägt liest dann das Auge des Kundigen über jedes der Riesengeschöpfe, die dort wandelten, einen von ihm in schweren, wuchtigen Runen in den Boden gedrückten Bericht! Auch in der trockenen Zeit wird der bald versiegende Bergquell, der dem südlichen Teile des Gebirges entströmt, von zahlreichem Wilde besucht. Das war das gegebene Feld für meine Versuche, in »Natur-Selbstabdrücken« die Tierwelt im Bilde festzuhalten. Meine Karawane befand sich in einer »Qui vive-Stimmung«, als wir unser Lager endlich nach langem Marsche dort aufschlagen konnten. Wir hatten, wie ich schon früher berichtet, in der Nacht einen Überfall der Masaikrieger erlebt und glücklich abgeschlagen. So war es begreiflich, daß die Karawane sich mit einer gewissen Vorsicht in dem teilweise sehr unsichtigen Gelände vorwärtsbewegte. Aber stärker als diese Vorsicht und als die Angst vor einem neuen Überfall erwies sich doch die Ermüdung durch Strapazen, Durst und Hitze; waren doch einzelne Träger, unter ihrer Last erliegend, zurückgeblieben. Wir hatten aber freilich einen »Telekésa-Marsch« hinter uns; das heißt, die Karawane war nach möglichster Versorgung jedes Einzelnen mit Wasser vormittags aufgebrochen, bis zum Einbruch der Dunkelheit marschiert, hatte die Nacht wasserlos zugebracht und war am Morgen des folgenden Tages in der Dämmerung wieder aufgebrochen. Nun mußte das Wasser unter allen Umständen erreicht werden, und unter Dransetzung der letzten Kräfte jedes einzelnen gelang dies auch, aber erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Dieser Marsch war begreiflicherweise um so ermüdender und abspannender gewesen, als uns alle vor dem Überfall nur etwa zwei Stunden Schlaf erquickt hatten. Die zurückgebliebenen Träger wurden mit ihren Lasten durch ihnen zu Hilfe gesandte Kameraden in später Stunde glücklich ins Lager gebracht. Eine Erkundung der Umgebung am nächsten Morgen nach meiner Ankunft im neuen Lager, das durch Dornenhecken, eine sogenannte »Boma«, einigermaßen befestigt worden war, ließ uns in der Nähe, wie schon öfters, mehrere alte, stark verpalisadierte Lager eingeborener Elefantenjäger finden. Diese Lager sind kenntlich an den Überresten von Pulverfäßchen, vielleicht auch an einem in der Nähe errichteten Zauberfetisch oder ähnlichen Anzeichen. Einen Zauber konnten nur mit Feuerwaffen jagende Eingeborene errichtet haben; weder Wakámba, noch Wandorobbo pflegen meines Wissens ähnliche Künste auszuüben. Hier bestand der Zauber aus einer Anordnung mehrerer großer Schneckenschalen inmitten einer kleinen, quadratfußgroßen Umzäunung. Daß er seine Wirkung nicht verfehlt hatte, bewiesen mir die Schädel und Überreste von gegen zwanzig frisch erlegten Nashörnern. Ein solches war unter anderem offenbar aus dem palisadengesicherten Lager heraus auf eine Entfernung von nur wenigen Metern erlegt worden. – Genau in gleicher Weise hatte ich alles schon im Jahre 1900 hier gefunden. Diese konzessionierten Elefantenjäger, oder wie der gebräuchliche Ausdruck damals lautete, diese »vertrauenswürdigen Fundi« sind und bleiben eine wahre Pest. So muß der ums Jahr 1893 bis 1900 im Kilimandscharo-Gebiet mit seinen Banden tätig gewesene Elefanten-Konzessionär und politische Agent Schundi , der frühere Sklave eines Kavirondo-Häuptlings, als der Hauptvernichter des einst so reichen Elefantenbestandes am Kilimandscharo gelten. Inmitten des Dickichts stießen wir plötzlich auf ein soeben verlassenes Lager eingeborener Jäger, die aber unter Mitnahme ihrer sämtlichen Habseligkeiten bereits das Weite gesucht hatten. Es waren offenbar keine Wandorobbo gewesen, sondern gewisse Anzeichen ließen mich darauf schließen, daß anderen Stämmen angehörige Eingeborene hier dem Wilde aufgelauert hatten. Neuerdings nämlich pflegen beispielsweise auch Masai unter Umständen in der Weise der Wandorobbo der Jagd obzuliegen. Wir schlossen das aus einigen im Lager gefundenen Gebrauchsgegenständen, wie sie von den Wandorobbo nicht benutzt zu werden pflegen. Mein Hauptfund jedoch in diesem Jagdlager waren einige vierzig frisch geschossene Zebrahäute und ebensoviel Gnuhäute neben einer Anzahl von Fellen und Häuten geringeren Wildes. Diese Häute waren größtenteils mit Pflöcken auf dem Boden zum Trocknen aufgespannt. Wahrscheinlich hatten die Jäger bei ihrer Flucht noch eine Anzahl weiterer Felle und Häute mitgenommen. Ich schloß aus dem Ganzen, daß es sich um eine Art von Jägern handelte, wie sie leider neuerdings nicht selten angetroffen werden, die im Auftrage indischer, griechischer oder anderer Händler Wild erlegen. Diese Händler machen, da sie den Eingeborenen für die Häute nur ein Geringes zahlen, ein sehr gutes Geschäft ... Neuere Nachrichten aus dem Westen Afrikas und aus andern Gegenden unserer und fremder Kolonien bestätigen in überraschender, aber auch höchst bedauerlicher Weise die Richtigkeit der von mir gehegten Ansicht, wie unsagbar schädigend der mit dem Feuergewehr jagende Eingeborene in den Bestand der Tierwelt eingreift. Wann wird man endlich dieser Vernichtung großer Werte ein Ziel setzen, die politische Gefahr der Bewaffnung der Eingeborenen mit Gewehren richtig einschätzen? Nunmehr hatte ich etwa eine Woche lang zu tun, um die besten Gelegenheiten zu photographischen Nachtaufnahmen auszuspähen. Nach recht anstrengender Arbeit, nach zahllosen vergeblichen Versuchen durfte ich mir endlich sagen, daß meine noch brauchbaren Apparate bei einigem Glück etwas Erfreuliches ergeben könnten. Zunächst hatte ich jedoch noch die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Bachlauf bot dem Wilde an vielen hundert Stellen erwünschte Tränkgelegenheit, und bei so reicher Wahl wußten die Rudel mit großer Beharrlichkeit meine Apparate zu vermeiden. Eine sehr »erfreuliche« Überraschung aber wurde mir wenige Tage später. Ein Askari hatte, wie gewöhnlich bei Tagesanbruch, eine von mir aufgestellte Schakalfalle nachgesehen. Plötzlich ertönten in der Richtung der Falle, etwa zwanzig Minuten vom Lager entfernt, Schüsse. Da sie auf Wild nicht abgegeben sein konnten, denn ich handhabte in dieser Beziehung eine eiserne, unerbittliche Disziplin, so war nach meiner und meiner Leute Annahme nur ein Zusammenstoß mit Eingeborenen denkbar. Im Nu waren die Anordnungen getroffen. Meine wenigen Bewaffneten teilend, stürmte ich mit einigen Mann in der Richtung des verschwundenen Askari fort; mein Präparator jedoch übernahm mit dem Rest die unter Umständen notwendige Verteidigung des Lagers. Und was hatte sich ereignet? Es war die alte Geschichte, jedem erfahrenen Reisenden wohlbekannt, die Geschichte, wie leicht man in Kämpfe verwickelt werden kann, und wie leicht sich diese vermeiden lassen, wenn man sich richtig verhält. Mein Askari, ein sonst ruhiger und zuverlässiger Mann, ein früherer Regierungsaskari, hatte bei seinem Gange plötzlich und unmittelbar vor sich in dieser völlig menschenleeren Gegend eine große Menge speerbewaffneter Masaikrieger aus den Dornen auftauchen sehen! Die Elmoran hatten ihre Speere erhoben, wahrscheinlich unwillkürlich, erschreckt über den Anblick des Bewaffneten. Mein Askari dagegen und seine beiden unbewaffneten Begleiter glaubten in einer recht begreiflichen Ideenverbindung, daß es sich um dieselben Masai handle, die uns vor kurzem überfallen hatten, und kurz entschlossen feuerte er! Im Nu waren die Masai nach allen Windrichtungen verschwunden. Die Sache war nicht unbedenklich. Vor kurzer Zeit hatten in der Nähe meines Lagers Kämpfe zwischen Bewohnern der Landschaft Useri und Masaikriegern stattgefunden; die Gebeine gefallener Krieger bewiesen mir, daß meine Führer mich nicht falsch berichtet hatten. Auch war es noch nicht lange her, daß einige europäische Viehhändler, etwa zwei Tagereisen weiter, zur Nachtzeit von Masai ermordet worden waren. Das alles, in Verbindung mit dem nächtlichen Überfall, ließ Vorsicht notwendig erscheinen. Als ich atemlos auf dem »Kriegsschauplatze« anlangte, stellte es sich heraus, daß eine große Menge von Masai in Begleitung ihrer Weiber am Abend oder in der Nacht vorher am Bache eingetroffen waren und sich hinter den Dornenwällen eines alten vermodernden Kraals niedergelegt hatten. In diesem Versteck noch zum Schlummer hingestreckt, waren die Masai von meinem Askari gestört worden. Als sie dann plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, vor meinen Leuten auftauchten, erschreckten sie diese begreiflicherweise lebhaft. Auf dem Boden ausgebreitet waren eine Anzahl während der wilden Flucht verlorener Gegenstände, die ich zunächst sorgfältig aufsammeln ließ. Aus ihrem Inhalte war zu schließen, daß die Masai auf einer Wanderschaft nach einem ziemlich fernen Punkte begriffen sein mußten; es schien mir also irgendeine Gefahr nicht vorhanden. So begab ich mich nach kurzer Zeit zum Lager zurück, um meine Leute zu beruhigen, sandte aber von dort mehrere meiner Masaifreunde, die mich schon lange Zeit begleiteten, aus, um die Flüchtlinge zurückzurufen. Das war das einzige Mittel, um ein Verständnis zu erzielen, da andere Boten wohl ohne jeden Erfolg zurückgekehrt wären. Und ich hatte richtig gerechnet. Denn gegen Mittag erschienen meine Masai in Gesellschaft von gegen dreißig speerbewaffneten Kriegern und vielen Weibern in meinem Lager. Ich gab ihnen ihr Hab und Gut zurück und fügte als Entgelt für den ausgestandenen Schreck noch ein Geschenk hinzu, welches gleichmütig, in der Art aller Eingeborenen, aufgenommen wurde. Dann zogen die Söhne der Steppe davon, und das Mißverständnis war erfreulicherweise ohne jedes Blutvergießen aufgeklärt. Durch einen sehr seltsamen Zufall – in Anbetracht der großen Einsamkeit dieser Gegend zur damaligen Zeit – hatte kurze Zeit später mein Präparator Orgeich ein ähnlich unangenehmes Zusammentreffen mit Masaikriegern. Er hatte gegen Abend einen kleinen Ausflug in die Umgebung des Lagers gemacht und kehrte in der Dunkelheit zurück, einem ausgetretenen Wildwechsel folgend. Als er sich bis auf etwa eine Viertelstunde dem Lager genähert hatte, klirrte es plötzlich dicht vor ihm, und er erblickte im ungewissen Schimmer des Mondes eine ganze Anzahl Masaikrieger, die ihrerseits auf dem Sprunge zu liegen schienen. Seine Büchse herunterreißen, um unter dem Eindruck des kürzlich überstandenen nächtlichen Überfalles – um ein Haar – loszufeuern, war das Werk eines Augenblicks! Glücklicherweise vermochte sich der alte gediente Soldat zu beherrschen, und auch in diesem Falle hat sich nichts Schlimmes ereignet; er versichert aber heute noch hoch und teuer, alles habe an einem Haar gehangen! Man ersieht, wie unendlich leicht bei solchen Gelegenheiten Mißverständnisse von schwerwiegenden Folgen entstehen können. Unter solchen Umständen entstanden einige meiner schönsten »Natururkunden«! Ob man nun solche selbst im dornenverschanzten Versteck zu gewinnen trachtet oder den Versuch macht, sie automatisch zu gewinnen, derartige tropische photographische Arbeit ist nicht so ganz einfach geleistet!! Endlich mußte ich dennoch böse Erfahrungen mit den Eingeborenen machen. Unglücklicherweise war ein Trupp schweifender Jäger, vielleicht die aus dem »Zebralager« entwichenen und nun zurückgekehrten, auf einen meiner aufgestellten Nachtapparate gestoßen. Sie hatten alle für sie brauchbaren Bestandteile gestohlen, so daß er für mich keinen Wert mehr besaß. Leider hatten sie alsdann noch einen weiteren Apparat aufgefunden und ihn ebenfalls unbrauchbar gemacht. Ich muß aber dabei bemerken, daß sie daran nicht etwa eine blinde Zerstörungswut ausgelassen hatten, und dies ist sehr bemerkenswert! Europäer hätten sich im gleichen Falle vielleicht weniger vernünftig benommen. Die Steppenjäger hatten ausschließlich das ihnen brauchbar Erscheinende, Metallteile usw., mitgenommen, alles andere jedoch unbeschädigt zurückgelassen. Das war eine wenig erfreuliche Überraschung. Ich sah mich nunmehr gezwungen, an den einzelnen Apparaten Doppelposten aufzustellen, die, sich ablösend, die Apparate den ganzen Tag über bewachten. In der fernen Wildnis gibt es keinen Ersatz für abhanden gekommene Dinge.   5. Mit den Wandorobbo auf der Elefantenfährte. »Big game hunting is a fine education!« (»Die Jagd auf großes, gefährliches Wild ist eine gute Schule für Männer!«) Diesem Ausspruche des englischen Jägers von Ruf H. A. Bryden möchte ich vollauf zustimmen, nicht aber der ebenfalls öfters ausgedrückten Ansicht einiger Jäger, daß nämlich die Jagdgründe Äquatorial-Ostafrikas dem Jäger für alle die seiner dort harrenden Gefahren und Schwierigkeiten kein genügendes Äquivalent bieten. Diese Ansicht kann ich nicht teilen, denn gerade diese Gefahren und Schwierigkeiten erhöhen, meine ich, den Reiz der dortigen Jagd wie kaum in einem anderen Lande der Welt. Der Jäger findet eben nur im tropischen Afrika die Reste einer eigentlich schon »veralteten«, in eine andere Erdepoche gehörigen herrlichen Tierwelt. Es ist nicht zu leugnen, daß er seine Jagden buchstäblich mit außerordentlich hohem Preise bezahlen muß. Das liegt auf der Hand in einem Lande, wo jeder einzelne Gebrauchsgegenstand, bis ins Kleinste, auf menschlichen Schultern befördert werden muß, wo der Reisende keine anderen Transportgelegenheiten findet, sobald er sich tief in die Wildnis begibt. Freilich vermag ich es vollkommen zu verstehen, wenn erfahrene Männer auch ein anderes Urteil fällen. Haben manche doch so ernste Zusammenstöße mit dem von ihnen gejagten Wilde, vor allem aber so üble Erfahrungen mit dem Klima des Landes machen müssen, daß sie wohl dieser, auf die Dauer den Kühnsten abschreckenden Schwierigkeiten überdrüssig geworden sein mögen. Aus ihrem Urteile geht jedenfalls auf das deutlichste hervor, daß der Aufenthalt in der Wildnis und die Jagd auf Elefanten, Nashörner, Büffel und Löwen dort drüben kein Kinderspiel sind. Ausdrücklich möchte ich erwähnen, daß ich hierbei die zu mehreren Schützen ausgeübten Elefantenschlächtereien und Abschlachtungen anderen Wildes nicht im Auge habe. Ich spreche stets ausschließlich von der männlichen vornehmen Art, auch dem gefährlichen Wilde allein gegenüberzutreten . Allmählich hat sich freilich auch bei mir eine Abneigung herausgebildet gegen die »Aug-in-Aug-Situationen« mit Nashörnern und namentlich Elefanten! Mit diesen beiden wehrkräftigen und häufig sehr angriffslustigen Wildarten ist aber keineswegs die Liste der als Gegner nicht zu unterschätzenden Bewohner der ostafrikanischen Dschungeln erschöpft. Die gewiegtesten und erfahrensten anglosächsischen Jäger sind vielmehr ausnahmslos der Ansicht, es sei auch bei der Jagd auf Löwen, Leoparden und den afrikanischen Büffel nur eine Frage der Zeit, daß sich eines Tages das Blättchen gegen den Schützen wendet. In den letzten Jahren haben wieder eine ganze Anzahl von guten afrikanischen Jägern ihr Leben lassen müssen. Von einer der soeben genannten Wildarten erreicht werden , ist nur zu oft gleichbedeutend mit dem Tode. Es gehört wohl zu den packendsten, aber auch zu den furchtbarsten Erlebnissen, die ein Mensch sich wünschen kann, vom afrikanischen Elefanten gejagt zu werden . Der Angriff ist von unbeschreiblicher Furchtbarkeit. Er erfolgt plötzlich, unerwartet. Die gewaltige Gestalt des erzürnten Riesen – die seine Erscheinung ins furchtbar Groteske verzerrende, eigenartige Stellung der Ohren, die den gigantischen Kopf plötzlich noch unendlich größer und gewaltiger erscheinen läßt, – die unheimliche Schnelligkeit, mit der der Angriff sich vollzieht, – das schrille Trompeten des Giganten, Ol-le'ng-aina = »Der mit der Hand« ist eine Masai-Bezeichnung des Elefanten, und der Elefantenrüssel ist in der Tat eine furchtbare Waffe. – das alles wirkt in einer Weise auf den vom Jäger plötzlich zum »Gejagten« verwandelten Menschen ein, die er zeitlebens nicht vergessen kann. Wenn noch dazu, wie ich das erlebt habe, nicht ein einzelner, sondern eine ganze Elefantenherde plötzlich und mit einem Schlage »herandröhnt«, so wird es der Leser verstehen, daß, wer solches erlebte, noch nach Jahren im Traume plötzlich dieselbe Situation durchkosten muß, und mehr wie einmal mitten im Schlafe aufs höchste erschreckt sich von Traumgebilden dieser Art überrascht sieht. In der Heimat aber kennen wir ja seit Jahrhunderten wirklich gefährliche Jagden nur noch ausnahmsweise, wie das Anlaufenlassen des Keilers auf die Saufeder oder das Pürschen und Klettern im Hochgebirge. Das ist etwas ganz anderes, wenn sich Menschen, zu mehreren oder vielen vereint, zu irgend einem Zwecke in Gefahr begeben, ob jemand auf einsamem Posten sich befindet, durch fremden Befehl und Pflicht gefesselt, oder durch eigenen Willen und Wagemut getrieben. An den Einsamen treten ganz andere Anforderungen heran, er hat mit ganz anderen Versuchungen zu kämpfen, wie derjenige, den das Beispiel vieler anderer stützt und vorwärtstreibt. Aber gerade in all den Gefahren ist, wie schon gesagt, der starke und große Reiz begründet, den die tropische Jagd bietet. Noch schwieriger ist es aber für den Jäger, die Kamerajagd auf Großwild zu unternehmen und junge Tiere dieser wehrkräftigen Arten in seine Gewalt zu bringen. Monatelang hatte ich mich umsonst bemüht, sowohl Elefanten unter günstigen Lichtverhältnissen mit dem Tele-Apparat aufzunehmen, als auch einen jungen Elefanten lebend in meine Gewalt zu bringen. Nach vielen Enttäuschungen wurde ich am Morgen eines Septembertages unerwarteterweise reich entschädigt. Die durch die Giftpfeile der Wakamba offenbar höchst beunruhigten Elefanten statteten in der Nacht dem Bache an meinem Lager, aus den Schluchten des ol Donje-Erok la Matumbato niedersteigend, einen Besuch ab. Hierbei stießen sie auf die von mir ausgehangenen Scheuchen, die ich in Gestalt von weißen Papierbogen hier und da am Wasser angebracht hatte, um das Wild zu veranlassen, andere Wasserstellen aufzusuchen, in deren Nähe mir gute photographische Aufnahmen möglich waren. Alle Tiere, mit Ausnahme des Löwen, mieden diese Scheuchen; nur für die Elefanten waren sie in der hellen Mondscheinnacht geradezu ein Lockmittel. Ich sah mit höchstem Staunen, daß die Herde die Scheuchen »angenommen«, heruntergerissen und in den Schlamm gestampft hatte. Dies stimmte vollkommen mit Erzählungen der schwarzen Elefantenjäger über den oft aggressiven Charakter der dortigen Elefanten zur Nachtzeit. Die Herde hatte den Bach mehrfach durchquert und sich bis auf etwa 300 Meter meinem Lager genähert. Obwohl ich es für ganz gewiß hielt, daß sie sich den schützenden Bergen wieder zugewandt habe, folgte ich wie gewöhnlich ihrer Fährte, um ihr Tun und Treiben zu studieren. Zu meinem größten Erstaunen fand ich nach etwa einer halben Stunde, daß sie sich plötzlich in eine ziemlich ausgesprochene Linie formiert und ihre Richtung in die Steppe genommen hatte. Da gab es nun zwei Möglichkeiten. Entweder, – und ich hielt dies für das wahrscheinlichste – beabsichtigten die Elefanten, nachdem sie sich satt getrunken, die nächst gelegene, zwei Tage entfernte Wasserstelle zu erreichen. Oder aber sie hatten ihr Quartier für 24 oder 48 Stunden in die trockene Steppe verlegt, um vor den sie mit Giftpfeilen verfolgenden Wakamba sicher zu sein. Hier galt es nun schnell zu handeln. Zum Lager zurückgekehrt, war ich in wenigen Minuten marschfertig; begleitet von meinen besten Leuten und gefolgt von etwa 40 Trägern, nahm ich die Fährte auf. Die Leute mußten so viel Wasser sich einverleiben als irgend möglich und ihre Kalebassen gefüllt mitnehmen, sowie sich auch mit Stricken versehen. Aus den Fährten war die Anwesenheit von mehreren jüngeren Elefanten zu ersehen gewesen, und ich nahm mir vor, alles daran zu setzen, um eines der Jungen zu fangen, wenngleich ich mir nicht verhehlte, daß dies in der offenen Steppe in Anbetracht der großen Anzahl von Elefanten, aus der die Herde bestand, außerordentlich gefährlich werden könnte. Wir schätzten die Zahl der Herde auf einige zwanzig. Ferner war zu ersehen, daß sie aus einer Anzahl sehr starker Weibchen, sowie aus mehreren Herdenbullen bestand, letztere kenntlich an den langen und relativ schmalen Spuren der Hinterfüße. Vor uns lag auf alle Fälle ein viele Stunden langer Marsch. Es galt mit möglichster Schnelligkeit die Verfolgung aufzunehmen in der Hoffnung, die Herde vor Sonnenuntergang irgendwo unter den dürftigen Bäumen der Steppe eingestellt zu erreichen. Dann war jedenfalls die Nacht – selbstredend ohne Wasser –, in der Steppe zu verbringen und am nächsten Tage das Lager und somit das Wasser wiederum zu erreichen. Nach etwa einstündiger Verfolgung war es nun bald offenkundig, daß die Herde aus über zwanzig Elefanten bestehen müsse, denn ab und zu waren die Tiere an schwierigen Passagen – etwa durch die zeitweiligen, jetzt natürlich vollkommen trockenen Regenstrombetten – rechts und links auseinandergegangen, so daß sich ihre Anzahl annähernd feststellen ließ. Nur hier und da fand ich auf ihrem Wege eines jener ihres Saftes wegen ausgekauten Sansevieren-Bündel oder ein ebenfalls unterwegs mittels der Stoßzähne losgelöstes und ausgekautes Stück Baumrinde. Sonst hatte die Herde, ohne irgend welchen Aufenthalt und ohne zu äsen, ihren Weg unaufhaltsam eingehalten. Die Sonne brannte intensiv, und es bedurfte energischer Aufforderungen und der Einstellung tüchtiger Leute in die Nachhut, um meine lange Kolonne in der von mir angeschlagenen sehr scharfen Gangart zusammenzuhalten. Es hat etwas höchst Anziehendes, auf diese Weise stumm, nur hier und da ein leise geflüstertes Wort austauschend, die Augen fest auf die ausgetretene Fährte heftend, in die im Sonnenglast glitzernde heiße Steppe Stunde auf Stunde hinauszuziehen. Wohl weiß der Jäger, daß er nicht vor sechs bis acht Stunden Aussicht hat, die von ihm Verfolgten zu erreichen, doch jede Stunde steigert seine Erwartungen. Es könnten die Elefanten doch vielleicht, sich nunmehr sicher fühlend, angefangen haben, ihrer Nahrung nachzugehen: dann würde sich freilich die Aussicht steigern, sie etwa schon um die Mittagsstunde aufzufinden. Aber in unserem Falle zieht die Herde ihren Weg ohne Aufenthalt in die Steppe hinein. Stunde auf Stunde verrinnt, die trockenste, ödeste Steppe, scheinbar alles Tierlebens bar, dehnt sich vor unseren Blicken, monoton gefärbt, dem Auge keine Abwechselung bietend. In der Ferne im Sonnengeflimmer vor uns verschwimmende Hügel werden greifbar nahe, um nach einer Stunde wiederum im Unendlichen hinter uns zu verschwinden. Die Unwirtlichkeit, die Einsamkeit der ostafrikanischen Nyika lähmt in Verbindung mit der Gluthitze allmählich auch den Tatkräftigsten; automatenhaft werden unsere Schritte, deren sich tausend und abermals tausend immer wieder den schon zurückgelegten zugesellen... Mit weitausgreifenden Schritten gingen meine Wandorobbofreunde der Karawane voran ... Freie Kinder der Nyika sind sie unabhängig von irgend welchem Gepäck, bedürfnislos und enthaltsam, und die Steppe liefert ihnen alles, was sie zum Leben benötigen, in reicher Fülle ... Vorwärts geht es und vorwärts. Die mächtigen Fährten im Erdreich spannen den Jäger stets von neuem. Wenn er auch weiß, daß die Erreichung des Wildes mehr wie unwahrscheinlich ist –, dennoch treibt ihn die Jagdlust und die Freude an Erkundung der Eigenart der Tiere vorwärts in die Wildnis. Vielleicht führen die Fährten uns doch in die Nähe des augenblicklichen Standorts unserer Giganten. Vielleicht! Auf der Elefantenfährte im afrikanischen Reviere ist alles möglich. Wie anders liegen hier die Verhältnisse, als in Indien und Ceylon! Ist doch der Elefant in Indien ein fast geheiligtes, in Ceylon aber ein streng geschütztes Tier, dessen Erlegung man gegebenenfalls fast sicher ist. Hier in Afrika aber fiel ihm das Los, eines der am meisten verfolgten Geschöpfe unserer Erde zu sein. Das möge der Jäger im afrikanischen Dschungel nie vergessen: Der Elefant weiß , was ihm bevorsteht, und kann leicht den Spieß eines Tages umdrehen! Ein merkwürdiges Gefühl ergreift mich; ich fühle den urgeschichtlichen Zauber dieser Jagd immer stärker, mit jedem Schritt, der mich tiefer in diese Wildnis trägt. – Rüstig schreiten die Wandorobbo vorwärts. Es ist erstaunlich, welch geringen Bedarf an Waffen und Gerätschaften diese Kinder der Steppe mit sich führen, um wochen- und monatelang in der Nyika zu leben. Um die Schulter ein weich gegerbtes Fell; an einem Riemen, den sie schräg um die Schultern schlingen, einige wenige Werkzeuge, und ein Lederbeutel mit verschiedenem Kleinkram; den Bogen in der Hand; den mit Giftpfeilen gefüllten Köcher ebenfalls um die Schultern durch einen Riemen befestigt; in primitiver Scheide ein Messer! So ausgerüstet trotzen sie den Gefahren und Unbilden der Steppe und wissen ihr die besten Seiten abzugewinnen. Aber wie kennen sie diese Steppe und jeden ihrer Winkel! Um dort dauernd zu leben, dazu gehört eine vollkommene Anpassung an die gegebenen Existenzbedingungen. Wir Europäer vermögen uns jedenfalls ebenso schwer völlig in dies Leben hineinzudenken, wie unsere Wandorobbo in die Existenz eines zivilisierten Menschen. Eines jedoch vermögen diese Steppenjäger ebensowenig, wenn auch länger, zu entbehren, wie der Europäer: das Wasser. Von der Kenntnis aller Wassergelegenheiten zu den verschiedenen Jahreszeiten hängt in erster Linie die Möglichkeit ab, dieses Jagdleben erfolgreich durchzuführen. Wie die Wandorobbo in dem großen, vor ihnen aufgeschlagenen Buche der Steppe zu lesen verstehen, entspricht völlig der Fähigkeit des Zivilisierten, gedruckte Schrift zu überfliegen. Unsere neusten Erfahrungen im südwestafrikanischen Feldzuge haben es wieder einmal bestätigt und auch weiteren Kreisen gezeigt, wie die Eingeborenen die kleinsten Merkzeichen im Boden der Steppe zu lesen, blitzschnell zu deuten und ihr Verhalten danach einzurichten wissen. Dieselbe Erfahrung habe ich in meinem ostafrikanischen Gebiete gemacht. Man muß es selbst erlebt haben, um sich davon zu überzeugen, wie sehr wir Kulturmenschen es verlernt haben, unsere Augen in einer Weise zu benutzen, die uns seit langen Zeiten fremd geworden ist. Ob es sich darum handelt, Weg, Steg und Richtung zu bestimmen, Alter und Geschlecht der einzelnen Mitglieder einer soeben gefährteten Elefantenherde mit Sicherheit anzugeben, aus den sich kreuzenden zahlreichen Antilopenfährten einzelne Arten mit Sicherheit anzusprechen, das kleinste Schweißtröpfchen auf einer kranken Fährte zu entdecken, das Vorhandensein von Wasser richtig zu vermuten und vorherzusagen, honigbesetzte Bienennester zu entdecken und vieles andere mehr: – unser »Wilder« ist in allen diesen Dingen ebenso virtuos, wie man selbst ungeschickt. Mit solcher Führerschaft in die weite Nyika hinauszuziehen, dünkt uns nach einiger Erfahrung ebenso sicher, wie in Geleitschaft eines erfahrenen Bergführers schwierige Berge zu besteigen. Man hat das Gefühl der Unmöglichkeit, sich zu verirren und zu verdursten. Nur das eine Bedenken ist niemals ganz von der Hand zu weisen, daß nämlich unsere Führer uns plötzlich einmal verräterisch verlassen könnten! Das aber ist mir niemals vorgekommen, und es wird sich auch kaum ereignen, richtige Behandlung der Eingeborenen vorausgesetzt. Wesentlich kann unter Umständen unsere Freundschaft durch Schließung von Blutbrüderschaft unterstützt werden. Es muß einleuchten, daß ein solches althergebrachtes und geheiligtes Verfahren seinen großen Wert haben kann. Ich bin überhaupt sehr für die Beobachtung derartiger ehrwürdiger Gebräuche der Eingeborenen und habe mich solchen Zeremonien stets bereitwilligst unterzogen. Weiter und weiter geht es in die Steppe hinaus! Plötzlich sieht unser Auge gegen den weiten Horizont eine Gestalt, die in der Nähe einer Gruppe höherer Akazienbäume wie festgenagelt zu verharren scheint. Unser vorzügliches Glas verrät uns bald, daß es ein einsamer Giraffenbulle ist, der sich in diese Einsamkeit zurückgezogen. Näher und näher kommen wir ihm, bis er in neugierigster Haltung die verdächtigen Fremdlinge anäugend, endlich in wiegendem Paßgang unbehelligt die Flucht ergreift. Ein besonders tiefes Regenstrombett wird nun durchquert. An der Spitze meiner Leute das jenseitige Ufer gewinnend, erblicke ich plötzlich auf etwa sechzig Schritte vor mir eine dunkle Masse neben einem mäßig hohen Salvadorabusch. Im selben Augenblicke sinke ich lautlos in die Knie, was, maschinenmäßig eingeübt, augenblicklich von meinen Leuten nachgeahmt wird. In diesem Momente verlassen eine Anzahl Madenhacker zwitschernd den dunklen Punkt, sich aufs nächste Gebüsch setzend, um in merkwürdig steifer Haltung dort zu verharren, während die dunkle Masse, in der wir sofort ein Nashorn vermutet hatten, blitzschnell eine sitzende Haltung annimmt, und ein zweites, junges Nashorn – in dem von mir so sehr gewünschten fangbaren Alter, wie ich glaube –, wie aus dem Boden gestampft aus dem Grase neben ihm auftaucht. Der stets bereite photographische Apparat gleitet im selben Augenblicke auf ein Zeichen meinerseits aus den Händen seines geübten Trägers in die meinigen. Aber leider ist gerade in diesem Augenblick die Sonne von Wolken verdeckt. Doch nach einigen Minuten erwartungsvollen Harrens gelingt mir eine Aufnahme, der im nächsten Augenblick der scharfe peitschenartige Knall meiner Büchse folgt; gilt es doch, schnell entschlossen die so ersehnte Beute, ein ferneres junges Nashorn wiederum lebend zu fangen. Während die Nashornmutter, in eine Wolke von Staub gehüllt, wie eine Lokomotive fauchend und schnaubend im Kreise umhertobt, ihren Gegner suchend, finde ich Gelegenheit, sie durch eine zweite Kugel zu strecken, unmittelbar darauf mit leiser Stimme kurz und bündig meinen Schwarzen den Befehl gebend, auf dem Boden kriechend, links und rechts auszuschwärmen, um das Junge zu fangen. Meine geübten Leute versuchen denn auch meinem Befehl pünktlich nachzukommen. Aber nunmehr erweist sich das junge Tier wiederum als ein wenig zu sehr erwachsen und bereits gefährlich. Es stürzt sich auf die ihm nächsten Schwarzen, die natürlich die Flucht ergreifen. Auch mein Versuch, es zu fassen, mißlingt, und es ergreift mit charakteristisch hochgehaltenem Schwanz die Flucht. Mit schwerem Herzen sehe ich es in der Steppe verschwinden und wiederum empfinde ich den in dortigen Ländern so unerfüllbaren, darum desto heißeren Wunsch nach einem guten Pferde, das mir in kürzester Zeit das so sehnlichst begehrte Tier gesichert hätte. Es ist nicht möglich, ohne leistungsfähiges Reittier das Nashorn zu fangen, und wir müssen unter Zurücklassung von drei Leuten, die die ansehnlich entwickelten Doppelhörner der erlegten Alten ins Lager zu schaffen haben, unsere Elefantenjagd wiederum aufnehmen. Ohne Unterbrechung reiht sich nunmehr wiederum Stunde an Stunde. Endlich gegen vier Uhr nachmittags scheint alle Hoffnung vergeblich, und es wird mir zur Gewißheit, daß die Elefanten, die stets in derselben Richtung ihren Wechsel verfolgt hatten, die nächstgelegene, für mich unerreichbare Wasserstelle aufgesucht haben. Wir machen eine kurze Rast. In den Zügen meiner Leute spricht sich Enttäuschung und Entmutigung aus. Sie denken der Kochtöpfe im wasserreichen Lager! Aber einige der Situation angemessene Scherze meinerseits verfehlen, wie so oft, ihre Wirkung auf die so genügsamen Naturkinder nicht. Wir halten ein kleines »Schauri« ab mit dem Resultate, der Fährte noch einige Stunden zu folgen und dann in der Steppe zu nächtigen. Da bemerke ich zwei seltene kleine Eulen ( Pisorhina capensis A. Sm. ), die meine diesmalige ornithologische Sammlung noch nicht birgt. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, sie mittels der mich nie verlassenden Schrotflinte zu erlegen, da ich die Hoffnung, die Elefanten zu erreichen, vollkommen aufgegeben habe, – das ansteigende Terrain aber zudem sehr weit übersichtlich ist. Das zieht mir den Tadel meines alten bewährten »Almasi« zu, der die Eule als »ndege baya« (bösen Vogel) bezeichnet, dessen Erlegung mir Unglück zuziehen werde! Und wie bald hätte sich diese Prophezeiung – über die ich lächelte –, beinahe erfüllt! Nach einer halben Stunde nahmen mein Hauptführer und ich gleichzeitig einen deutlichen Elefantengeruch wahr, und unmittelbar darauf erblickten wir in der klaren tropischen Luft etwa zwei Kilometer vor uns in einem hügeligen Gelände, das vor uns anstieg, zwei dunkle Klumpen von ruhig verharrenden Elefanten. Jetzt galt es wiederum schnell entschlossen zu handeln. Die größere Masse meiner Leute mußte zurückbleiben, während ich mit drei meiner bewährtesten Leute und zwei Masai mich den Elefanten näherte. Zu meiner allergrößten Bestürzung sprang die sehr schwache Brise jetzt mehrfach um. Schon gab ich jede Hoffnung, im Grase niederkauernd, auf, als endlich wieder ein gleichmäßiger, wenn auch sehr schwacher Wind von den Elefanten zu uns herüberwehte. Die Steppe war hier fast kahl, nur mit dürren Akazien bestanden. Es gelang mir, mich bis auf zweihundert Schritte kriechend heranzupürschen und zunächst einige Fernaufnahmen aus freier Hand zu machen. Mit Anspannung aller Willenskraft nur gelang es mir, den Apparat so ruhig zu halten, daß, wie es sich später erwies, soweit es das nicht sehr günstige Licht gestattete, die Aufnahmen gelangen. Mein Glas zeigte mir, daß die Herde, nach Geschlechtern getrennt, in zwei großen Klumpen nebeneinanderstand; dicht an ihre Mütter gedrängt, nahm ich drei junge Tiere wahr, die sich ebenso ruhig wie die älteren Elefanten verhielten. Die einzige Bewegung der Elefanten war ein rhythmisches Hin- und Herklappen der gewaltigen Ohren. Die Mehrzahl stand mit dem Kopfe auf mich zu, – also mit dem Winde gerichtet, sich so möglichst unterhalb des Windes durch Ohr und Auge sichernd. Die Ruhe und Unbeweglichkeit der gewaltigen Tiermassen hatte etwas Unheimliches und Monumentales. – Eine fernere photographische Aufnahme beim zu erwartenden Flüchtigwerden hielt ich der Terrainverhältnisse halber für aussichtslos und packte daher leider meinen wertvollen und in der Wildnis unersetzbaren Apparat sorgfältig in den ihn schützenden Kasten ein, in der Voraussicht kommender, aufregender Ereignisse. Dann nahm ich kurz entschlossen meine Büchse an den Kopf, – ein näheres Anpürschen war mangels jeder Deckung unmöglich – und kam tief auf den Rüsselansatz des mir zunächst stehenden stärksten Bullen ab. Ich hatte knieend geschossen. Der Bulle quittierte die Kugel, indem er drei oder vier Schritte vorwärts tat, gleichzeitig die mächtigen Ohren fächerartig ausbreitend und den Rüssel aufwärtsschwingend. Im selben Augenblicke kam plötzlich Leben und Bewegung in die ganze Masse der zusammenstehenden Elefanten; ähnlich wie es geschieht, wenn plötzlich ein Bienennest oder eine Ameisenkolonie gestört wird, schwärmten nach allen Seiten die alten und jungen Elefanten mit überraschender Schnelligkeit aus –, mit aufgestellten Ohren und geschwungenem oder gerolltem Rüssel nach ihrem Feinde suchend. Ich konnte aus meiner knieenden Stellung, während meine Leute sich platt auf den Boden niedergeworfen hatten, noch zwei Kugeln auf den Bullen anbringen; dann nahm wie auf Kommando die ganze Herde unter Führung einer alten Kuh mit aufgerollten Rüsseln plötzlich seitwärts in mächtig förderndem Trabe die Flucht, und zwar nicht etwa in der von mir erwarteten Richtung weiter in die Steppe hinaus oder zurück auf das Gebirge zu, sondern nach rechts seitwärts an mir vorüber. Ich genoß so das großartige Schauspiel von fünfundzwanzig an mir vorüberdefilierenden Elefanten auf etwa 150 Schritt Entfernung! Mit unbeschreiblicher, unheimlicher Wucht und doch fast ohne Geräusch bewegten sich die Riesentiere vorwärts mit einer Schnelligkeit, die im höchsten Grade überraschend war! Der beschossene Bulle hielt sich etwas seitwärts näher auf mich zu und ich konnte ihm, aufspringend, eine weitere Kugel aufs Blatt setzen. Mein Schuß aber hatte zur Folge, daß die gesamte Elefantenherde plötzlich stehen blieb, die jüngeren Tiere in die Mitte nahm, und offenbar nach ihrem verborgenen Feinde ausspähte. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß, wie ich schon angeführt, die Mehrzahl der älteren Elefanten in Ostafrika auf die eine oder andere Weise schon Bekanntschaft mit Pulver und Blei – also mit der ihnen so unheimlichen Fernwirkung des Menschen – gemacht haben. Unvorsichtigerweise war ich aufgesprungen, der Wind »flatterte« im selben Augenblick wiederum ein wenig, und nun hatten mich die Elefanten entdeckt und stürmten schnell orientiert im selben Augenblicke in einer Reihe unter Führung zweier alten Kühe auf uns zu! Sofort wurde ich gewahr, daß die Situation sozusagen eine verlorene sei. – – – – Ich gab in einer mir heute noch unbegreiflichen Schnelligkeit sämtliche sechs Schüsse meiner Reservebüchse auf die führenden Elefanten ab und ergriff dann schräg seitwärts die Flucht, meinen Leuten folgend, welche bereits während meiner letzten Schüsse flüchtig geworden waren und mir zugerufen hatten, zu fliehen. Ich erinnere mich noch ganz deutlich, daß nicht ein Gefühl der Angst, sondern das einer gewissen, bis aufs äußerste schmerzhaft gesteigerten Spannung und Neugierde mich ergriffen hatte, wie ich nun umgebracht werden würde! Gleichzeitig durchzuckten mein Gehirn Tausende von sich kreuzenden Gedanken, die in äußerster Schnelligkeit abwechselten mit einer gewissen stumpfen Resignation und dem Gefühle, daß die Elefanten gar nicht so unrecht tun würden, wenn sie Rache an ihrem Angreifer nähmen. ... Jetzt mußten sie uns erreicht haben, – da vernehme ich hinter mir zwischen dem Donnergepolter der heranstürmenden Kolosse plötzlich ein markerschütterndes Trompeten und höre im selben Augenblick, wie mir einer meiner bereits weiter vorausgeeilten Leute zuruft: »Herr, sie flüchten!« – Mich herumwerfend, sehe ich dann, wie der von mir zuerst beschossene Bulle Der Kopf dieses Elefanten befindet sich jetzt als Leihgabe im Königl. Museum für Naturkunde in Berlin und kann dort besichtigt werden. im vollen Laufe zusammengebrochen ist, während die gesamte Herde in ihrer ursprünglichen Richtung seitwärts die Flucht ergreift. Angesichts dieses Anblicks eilen sofort die zuverlässigsten meiner Leute herbei, und es gelingt mir, einer sehr starken, anscheinend kranken Kuh, die den Beschluß der Herde macht, noch eine Kugel aufs Blatt zu geben, da trotz der überstandenen Todesangst der Anblick des so heiß begehrten, ihr folgenden kleinen Jungen alle Bedenken zurückdrängt. Ehe ich nun wieder geladen hatte, waren die Elefanten außer Schußweite, und ich konnte jetzt erst mit Erstaunen feststellen, welch große Geschwindigkeit die Tiere zu entwickeln vermögen. Ich wandte mich nun dem gefallenen, noch nicht völlig verendeten Bullen zu. Schnell wurden die fortgeworfenen Gegenstände, Apparate usw. aufgelesen, und ich konnte mehrere Aufnahmen des Tieres machen. Nun galt es kein Zögern. Während ich die zurückgebliebenen Leute herbeirufen ließ, gab ich Anweisung, die Kopfhaut des Elefanten abzuziehen sowie die Zähne loszulösen, und wählte dann aus meinen herbeigekommenen Leuten die sechs tüchtigsten aus, mit denen ich die Fortsetzung der Jagd zu unternehmen gedachte. Den übrigen befahl ich, bei dem Erlegten zu bleiben und die Kopfhaut samt den Zähnen am andern Morgen ins Lager zu schaffen. Ich bedauerte sehr, wegen der großen Entfernung vom Lager und der zu geringen Anzahl von Leuten nicht die ganze Haut präparieren zu können. Wenige Minuten später brach ich mit sechs ausgesuchten Leuten zur Verfolgung der übrigen Elefanten auf. Etwas vorschnell! – Denn sämtliche Stricke blieben hierbei versehentlich zurück, ein Umstand, der sich am selben Tage noch bitter rächen sollte! Wir hefteten uns nun an die Fährten der Herde. Zwei der notgedrungen beschossenen Elefanten, und zwar Kühe, wie es die Fährte verriet, schweißten (bluteten) stark, gingen aber mit den übrigen flüchtig weiter, und nach etwa anderthalbstündiger Verfolgung ganz kurz vor Sonnenuntergang fand ich sie wiederum in einem fast deckungslosen Terrain unter dürftigen Akazien eingestellt. Bewegungslos, nur mit den Ohren hin und her fächelnd, standen sie in imposanter Wucht, rötlichbraun von ihren Schlamm- und Sandbädern gefärbt, im Scheine der untergehenden Abendsonne, gleich erzenen Standbildern vor mir … Ich konnte mich auf etwa 150 Schritte heranpürschen; diesmal aber bedurfte es aller meiner Autorität, meine Reservebüchsen-Träger und die Träger der photographischen Apparate zu veranlassen, bei mir zu bleiben. Ich verlor in einem gegebenen Augenblick selbst »die Nerven«, bezwang mich jedoch, und nachdem ich mich nochmals genau mittels meines Glases über die einzelnen Tiere orientiert hatte, fand ich, daß zwei der stärksten Kühe, die von Kälbern begleitet waren und für sich allein standen, sehr krank geschossen waren. Eine photographische Aufnahme war des schwachen Lichtes halber nicht mehr möglich. Ich gebe ihnen je eine Kugel, aber aus liegender Stellung, gewitzigt durch mein unvorsichtiges Verfahren am Morgen. Sie quittierten sofort die schrägen Blattschüsse durch heftiges Klappen mit den großen gewaltigen Ohren. Zu meiner lebhaften Befriedigung einerseits, zur größten Enttäuschung andererseits hatten meine Schüsse zur Folge, daß sich die Mehrheit der Elefanten links flüchtig in Bewegung setzte, die beiden beschossenen Kühe jedoch, ohne im geringsten weiter zu zeichnen, langsam nach rechts. In sehr langsamem schiebenden Trabe verschwanden sie in einer Bodenversenkung, gefolgt von den beiden Jungen. Nachdem die Herde mit dem dritten Jungen außer Sicht gelangt war, lief ich nun mit meinen bereits sehr ermüdeten Leuten den beiden Elefanten nach und fand sie nach etwa zehn Minuten wieder auf, dabei wahrnehmend, daß die eine Kuh sehr schwer krank sei, während die beiden annähernd vierjährigen Jungen der vorangehenden Alten unmittelbar folgten. Es gelang mir, die hinterste Kuh nach etwa zwanzig Ein bei Hagenbeck in Stellingen in meiner Gegenwart erschossener Bulle bedurfte über zwanzig Kugeln zu seiner Tötung. erfolglosen Schüssen von hinten durch einen Schuß ins Ohr, auf sechs Schritt abgegeben, zu Fall zu bringen, und ebenso die unentschlossen, in einem etwas dichteren Bestande stehen gebliebene vorangehende, stark schweißende Führerin der Jungen. Nach Gewohnheit junger Elefanten blieben die beiden jungen Tiere, Bullen mit schon handlang entwickelten Stoßzähnen und etwa 1,60 Rückenhöhe bei den erlegten Elefanten stehen. Nun stürzten wir uns auf die Jungen, wurden aber im nächsten Augenblick von dem größeren in einer so ernsten und gefährlichen Weise angegriffen, daß ich schwersten Herzens gezwungen war, ihn in dem Augenblick, als er einen meiner Leute bereits zu Boden geworfen hatte, und sich bemühte, ihn mit seinen schon handlang entwickelten Stoßzähnen aufzuspießen, durch einen im allerletzten, kritischsten Moment abgegebenen Kopfschuß auf wenige Fuß Entfernung zu töten. Dann aber stürzte ich mich selbst – alles dies war das Werk weniger Sekunden – so unvernünftig dies Beginnen auch schien, auf den zweiten, konnte ihn dank meiner eigenen Körpergröße mit der linken Hand am Ohr und mit der rechten über seinen Hals fassen, ehe er noch Zeit gehabt hätte, gleich seinem Gefährten angrifflustig zu werden und schrie aus Leibeskräften meinen Leuten zu, ihn an den Hinterbeinen mittels Stricken zu fesseln. Heute noch ist es mir unbegreiflich, daß ich bei diesem Unterfangen nicht mein Leben einbüßte! Ich wurde hin und her geschleift, das junge Tier mit seinen überlegenen Kräften raste mit mir in der Steppe einher, jedoch ich ließ nicht los und bei meinem ansehnlichen Gewicht von etwa 180 Pfund vermochte ich es in der Tat, ihn über zehn Minuten festzuhalten. Meine Leute klammerten sich gleichzeitig an seinen Schwanz, jedoch konnte ich sie leider nicht dazu veranlassen, ihn gleich mir am Ohre festzuhalten. Nun aber stellte es sich heraus, daß die Stricke alle zurückgeblieben waren, und somit war es ganz unmöglich, das Tier, so wie ich es im Jahre 1900 mit einem anderen Jungen getan, an den Hinterbeinen zu fesseln. Nach etwa einer Viertelstunde waren meine Kräfte erschöpft, ich mußte loslassen und sank buchstäblich auf den Boden nieder, völlig ausgepumpt, unfähig, einen Laut von mir zu geben, mit am Gaumen klebender Zunge und in verzweifelter Stimmung. Keuchend waren meine Leute um mich her ebenfalls niedergesunken. Das sind Augenblicke, die erlebt sein wollen! Alle Mühe war umsonst, alle die Anstrengungen vergeblich gewesen! Nochmals versuchten wir ihn, nachdem ich mich seiner noch einmal bemächtigt hatte, mittels abgeworfener, in Stücke gerissener und zu einer Art Stricke gedrehter Kleidungsstücke zu fesseln, allein auch das mißlang, als er ganz plötzlich nach Art aller Elefanten seine Laune wechselnd, nun seinerseits laut trompetend zum Angreifer wurde. Meine Leute waren nun nicht mehr zu bewegen, sich ihm zu nähern, so daß ich, der ich ihn um keinen Preis hätte töten mögen, erfreut war, als er endlich in der Richtung der verschwundenen Herde hin die Flucht ergriff. Ohne den Leser länger zu ermüden, will ich hier nur erzählen, daß wir dann, zu Tode ermattet und vollständig entmutigt, in der Nähe ein Feuer anzündeten, zu dem wir uns in der Dämmerung mühsam einiges trockene Holz zusammensuchten. Aber der quälende Durst ließ keinen Schlaf aufkommen, und so unbeschreiblich groß war dieser Durst, daß wir nach etwa einer Stunde in der Dunkelheit den zuletzt erlegten Elefanten wieder aufsuchten, ihm den Magen öffneten und die unbeschreiblich duftende Flüssigkeit, die er barg, herunterschlürften. Man muß das versucht haben! Hier versagt jede Schilderung. Dann lagerten wir wiederum, als plötzlich mein alter geübter »Fundi« gegen neun Uhr aufsprang, mit dem unterdrückten Rufe »Tembo Bwana! Tembo!« Und wahrhaftig, im Mondschein ins Geisterhafte verschwindend, trotteten in ihrer geräuschlosen Art die 21 übrig gebliebenen Elefanten nicht weiter als 150 Schritte an uns vorbei, in der Richtung auf das von ihnen verlassene Gebirge zu! Offenbar waren die Elefanten bestrebt, in möglichster Stille die Dickichte in den Bergen wiederum aufzusuchen. Aufspringend hatten meine Leute blitzschnell unser kleines Lagerfeuer durch Auseinanderwerfen des Brennmaterials zu löschen gesucht, da erfahrungsgemäß Elefanten, namentlich gereizte, zur Nachtzeit zu einem Angriff durch ein Feuer verlockt werden. Ein mir bekannt gewordener Fall hat mir in dieser Beziehung einen Beweis geliefert. Einige starke Elefanten nahmen ein solches Feuer an und stampften, dasselbe austretend, alle im Lager befindlichen Gegenstände der schwarzen Jäger, am Feuer röstende Fische, kurz alles, was ihnen irgendwie fremdartig erschien, etwa eine Viertelstunde lang in den Boden; die sechs im Lager befindlichen Leute vermochten nur durch schnelle Flucht ihr Leben zu retten. Ähnlich erging es, wie der bekannte Reisende P. Niedick berichtet, diesem am oberen Nil im englischen Gebiete des Sudan; ihm wurde bei dem nächtlichen Überfall der Elefanten ein Mann hoch in die Luft geschleudert und erheblich verwundet, er selbst wurde ebenfalls verletzt. Begreiflicherweise folgten nun für uns einige Minuten allerhöchster Spannung, die sich nur schwer beschreiben lassen. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch den gewiß eigentümlichen Zufall, daß die Elefanten ihren Weg in der weiten Steppe so dicht bei unserem Lager wählten. Aber die Gefahr ging vorüber, und eine zauberhafte Mondnacht senkte sich auf die feierlich stille, unendliche Steppe herab. Als ich plötzlich, nachdem ich die ersten Stunden die wache übernommen, meine Begleiter aber geruht hatten, jäh um die Morgenstunde aus dem Schlafe emporschnellte, fand ich das Lagerfeuer fast erloschen, die Wache aber schnarchend – dies Schnarchen hatte mich aus dem Schlummer geweckt! So sehr überwindet übermäßige Anstrengung alle Angst und Bedenken vor reißenden Tieren! Nach Eintritt der Morgendämmerung folgte ein höchst schwieriger und anstrengender Marsch durch vielfach lockeren, von Nagetieren unterhöhlten Steppenboden zum zehn Stunden weit entfernten Lager in glühendstem, heißestem Sonnenbrand. Es scheint mir zweifelhaft, ob wir das Lager erreicht haben würden, hätten wir nicht unterwegs mit großem Glück, im Bette eines trockenen Regenstromes, nach langem Graben etwas Wasser gefunden. Worte genügen unmöglich, um die Fülle der gewaltigen und mächtigen Eindrücke zu schildern, die auf den einwirken, der solche Situationen erlebt. – Das Losgelöstsein von allen Hilfsmitteln, die der Kulturmensch alltäglich zur Hand hat, die unendlichen Weiten, die Fülle der ganzen gewaltigen Unendlichkeit, die die Steppe immer wieder in ihrer großartig monotonen Öde vor uns ausbreitet, die zur Überwindung der physischen Schwierigkeiten bis aufs äußerste gesteigerte Anspannung aller Kräfte, alles das wirkt da zusammen auf uns ein, und nicht zum wenigsten auch der Einfluß der tropischen Erkrankungen, die Nachwehen der Malaria und anderer Schädigungen der Gesundheit. Tritt dann noch der Kampf hinzu mit einem dem Menschen an physischer Gewalt weit überlegenen tierischen Gegner, die fast täglichen Erlebnisse gefährlicher Situationen, so zeitigt dies alles eine weit höhere Empfänglichkeit für die große, stumme und doch so beredte Sprache, in der diese ferne Welt zum eindrucksfähigen Menschen redet! Ob es der majestätische, schweigende Urwald, ob es die mit schweren Wolken verhangenen finsteren Berge, oder aber die im heißen Sonnenbrande schlafende Steppe, die nackten Felsgrate oder nicht endenwollende Sümpfe und Moräste sind, in denen der Fuß des Wanderers seine Spuren gräbt: immer wieder wirken in Verbindung mit dem gigantischen ursprünglichen Tierleben Einflüsse und Eindrücke von stets neuer und unvergeßlicher Eigenart auf uns ein, und aus alle dem resultiert jene große Sehnsucht, die die verschiedenartigst veranlagten Menschen immer und immer wieder mit geheimnisvollem Zauber und magischer Gewalt hinauszieht in diese Urwelt. – Glücklich im Lager angelangt, sandte ich am nächsten Tage einige zuverlässige Leute aus, die Zähne der beiden letzterlegten Elefanten zu holen. Die stärkste der beiden Kühe trug nur einen Stoßzahn, im für eine Kuh höchst ansehnlichen Gewicht von 28 Pfund und sich auszeichnend durch eine bereits erheblich fortgeschrittene Karies. In kurzer Zeit würde der Elefant auch diesen Zahn verloren haben. Außerdem fanden die Leute in dem Tiere zwei Eisenkugeln, wie sie die gewerbsmäßigen schwarzen Jäger zu benutzen pflegen, und zwar eine von ihnen in die äußere Wandung des Magens eingeheilt, wohl ein Beweis großer Lebenszähigkeit dieser Tierart! Noch lange Zeit aber beherrschte mich ein lebhaftes Mißvergnügen über den nicht gelungenen Fang der jungen Elefanten. – Nur der Todessturz des mächtigen, die Elefantenherde anführenden Bullen rettete uns im letzten Augenblicke aus höchster Gefahr ... unfehlbar wären wir sonst von den fünfundzwanzig aufs höchste erzürnten Kolossen zerstampft worden ... Wie nahe war ich wiederum dem ersehnten Ziele gewesen, den ersten ostafrikanischen Elefanten aus Deutsch- oder Englisch-Ostafrika nach Europa zu bringen, ein Unterfangen, welches immer noch nicht gelungen ist, und das trotz des Baues der das Herz der oberen Nilländer seit Jahren schon aufschließenden großen Ugandabahn! Es wirft dies ein Schlaglicht auf die Schwierigkeit dieser und aller Unternehmungen überhaupt in einem Lande, wo durch den Einfluß der Tsetsefliege und anderer Schädlinge die Benutzung von Pferden, Kamelen und anderen Reittieren in der Praxis meist unmöglich ist. Bis zum heutigen Tage ist nur ein einziger junger Elefant aus dem deutschen Afrika in einen heimischen Tiergarten gelangt. Es war dies ein »Kameruner«, den Herr Dominik, jetzt Major, damals Oberleutnant der Schutztruppe, von vielen Eingeborenen hatte einfangen lassen. Mit Hilfe der Askari, die ihm zur Verfügung standen, und einiger Elefantenjäger gelang es ihm, eine eingekesselte, Tag und Nacht bewachte Elefantenherde zu töten und die bei der Herde befindlichen Jungen – noch sehr kleine Geschöpfe – zu fangen. Die meisten gingen jedoch ein, und nur ein Bulle erreichte glücklich Berlin, wo er sich mehrere Jahre im Zoologischen Garten befand. Herr Dominik hat diesen Elefantenfang anschaulich in seinem »Kamerun« betitelten Werke beschrieben, und ich habe nicht ohne einen gewissen Neid die interessante Schilderung gelesen. Es wäre zu hoffen, daß Fang und Aufzucht eines ostafrikanischen Elefanten demnächst einmal gelänge; leider scheint wenig Aussicht dazu vorhanden. – Mehr vielleicht als der mißlungene Fang schmerzte es mich, daß es mir nicht gelungen war, eine Aufnahme der auf mich anstürmenden fünfundzwanzig Elefanten zu machen! Unbedenklich würde ich – auch heute noch – einen Finger meiner Hand opfern, wenn ich dafür eine gut gelungene Aufnahme jener gewaltigen erbosten Riesen in ihrem Ansturme auf mich eintauschen könnte! Im Jahre 1900 hatte ich im Dezember ein sehr ähnliches Erlebnis gehabt. Nach etwa achttägiger vergeblicher Anstrengung stieß ich in einem Teil der Steppe, der bereits einigermaßen ergrünt war, auf eine kleine Herde von sieben Elefanten, aus der es mir gelang, nach Erlegung seiner Mutter ein etwa anderthalbjähriges Junges zu fangen. Nach größten Mühen war es uns gelungen, das junge Tier dadurch zu fesseln, daß ich mich ihm – es hatte noch keine entwickelten Stoßzähne – in den Weg warf, über den Haufen gerannt wurde, und dadurch meinen Wandorobbo Gelegenheit gab, schnell einen Lederriemen an einem Hinterfuße zu befestigen. Das Tier wurde mit großen Schwierigkeiten ins Lager gebracht, aber es gelang mir leider nicht, mangels genügender Milch, es am Leben zu erhalten, obwohl mein Pflegling einige Tage gut zu gedeihen schien. Sehr junge Elefanten scheint man überhaupt nicht künstlich aufziehen zu können! Der junge Bulle war schon nach 48 Stunden, da ich ihn ausschließlich selbst pflegte, aufs innigste mit mir befreundet, was schlagender wie alles andere für den hoch entwickelten Verstand des Tieres spricht, und pflegte in einer höchst drolligen Weise mittels seines kleinen Rüssels mir Bart und Gesicht zu liebkosen. Gegen die Karawanenleute zeigte er sich dabei bösartig! Es war außerordentlich bedauerlich, daß das Tier nach einiger Zeit einging. So endeten meine beiden Versuche, ostafrikanische Elefanten nach Europa zu bringen, erfolglos, wie ja auch leider alle andern bisher gefangenen jungen Tiere dieser Art auf Stationen und bei Privaten eingegangen sind. Wiederum ein höchst ernstes Abenteuer stieß mir ungewollt und ungesucht im November 1903 zu. Meine Karawane hatte einen weiten und schwierigen Marsch von Berg zu Berg zur nächsten Wasserstelle angetreten und ich marschierte wie gewöhnlich an ihrer Spitze. Nach etwa vierstündigem Marsche erlegte ich zwei Kuhantilopen. Während meine Leute mit deren Zerlegung beschäftigt waren und ihre Lasten niedergesetzt hatten, eine größere Anzahl derselben aber noch in weiter Linie durch die Steppe zerstreut zurückgeblieben waren, war ich einige hundert Schritte weitergegangen und hatte mit einem einzigen Schwarzen, der meine Büchse trug, auf einem Felsstein Platz genommen. In Gedanken versunken, eine Melodie vor mich hinsummend, war es mir plötzlich, als wenn sich mir irgend etwas im Rücken nähere; ein Hören war sehr erschwert durch die sehr heftige Brise, welche in der Steppe wehte. Ich warf mich herum und erblickte auf etwa dreißig Schritte vor mir einen mächtigen Elefantenbullen, der in seiner fördernden, unheimlich schnellen und geräuschlosen Weise in vollem Gange direkt auf mich zukam. Blitzschnell rollte ich mich zur Seite, dasselbe tat mein Schwarzer, der das Tier ebenfalls erst jetzt erblickt hatte. Ich griff nach meiner Büchse – mir jedoch im selben Augenblicke sagend, daß es nicht nur zu spät zum Schießen sei, als auch, daß wir im nächsten Augenblicke zermalmt werden würden! Ferner schoß es mir mit Blitzesschnelle durch den Kopf, daß ich ja nur Kugeln mit Bleispitzen, also ganz zwecklose Geschosse gegen einen Elefantenbullen geladen habe! In diesem Moment tödlicher höchster Spannung erschrak der Bulle, wie es schien, vor unserem plötzlichen Erscheinen zu seinen Füßen, stieß einen durchdringenden schnarchenden Ton aus, klappte seine mächtigen Ohren nach vorne und schwenkte – uns fast berührt habend – nach links ab! Im selben Augenblicke sprangen wir auf. Ich entlud meine Büchse mit großer Schnelligkeit, lud wiederum und konnte dem verschwindenden Bullen schräg von hinten noch zwei Blattschüsse geben. Nach halbstündiger Verfolgung, bei der ich aus seinen eng zusammengestellten Fährten schließen konnte, daß er schwer krank sei, fanden wir ihn eingestellt unter einigen Akazien, und ich konnte ihn mit zwei Fangschüssen in den Kopf erlegen, nicht ohne daß er vorher noch einen Versuch, mich anzunehmen, gemacht hätte. Es ergab sich, daß eine kleine Elefantenherde, zu der dieser Bulle gehörte, in die regenbefeuchtete Steppe herabgewechselt war, von meinen Leuten Wind bekommen hatte und nun, auf die langgezogene Spitze der Karawane stoßend, derselben entlang geeilt war. Durch einen großen, eigentümlichen Zufall mußte ich daher ganz plötzlich den Bullen, wie aus der Erde gestampft, vor mir auftauchen sehen, an einem Orte, wo ich niemals einen Elefanten zu dieser Zeit vermutet haben würde! Weniger gefährlich vielleicht, doch immerhin höchst spannungsvoll, verlief eine Jagd, bei der ich in den Schluchten des Ngaptukberges in einer Dornenwildnis gegen Abend eine Herde anpürschte. Etwa vier Wochen lang hatte ich Elefanten vergeblich auf der Nordostseite des Berges gesucht. Da hatte ich eines Tages der Versuchung nicht widerstehen können, eine seltene Drossel ( Turdus deckeni Cab. ) auf dem Gipfel des Berges zu erlegen. Mein in den Schlünden des Gebirges verhallender Schuß wurde fast unmittelbar von dem gellenden Trompeten eines Elefanten weit unter mir im Tale beantwortet. – Anderen Tags umging ich einen Teil des Berges in neunstündigem Marsche und drang nun gegen Abend – obwohl ziemlich stark unter einem Dysenterieanfall leidend – zu dem von mir so zufällig entdeckten Standorte der Elefanten vor. Freilich schien es mir höchst zweifelhaft, ob die Tiere noch zu finden seien, aber heutigentags gilt es, in jenen Gegenden auch die kleinste Chance auf Elefanten auszunutzen – koste es auch tageweite Reisen. – Bei ziemlich konstantem Winde konnte ich mich der Herde nähern; zwei mittelstarke Bullen waren schließlich nur noch wenige Schritte von mir getrennt. Sie standen jedoch so ungünstig, der eine spitz von hinten, der andere hingegen spitz von vorne, und verdeckt, daß ich mich nicht entschließen konnte, zu schießen. Nach etwa dreiviertelstündigem Warten bewegten sich die Elefanten plötzlich und gaben mir Gelegenheit, den einen mittels eines Schusses zwischen Ohr und Auge, den anderen, als er mich sehr entschlossen annahm, mittels zweier Blattschüsse durchs Herz zu erlegen. Bei dieser Gelegenheit fand ich, daß jene Elefantenherde, die aus etwa einem Dutzend Tieren bestand, hoch oben im Berge in ihrer Dornenwildnis – durch meinen Schuß auf die Drossel am Tage vorher gewarnt – aufs höchste auf ihre Sicherheit bedacht war, und sich mit Ausnahme von vorsichtigem Äsen kleiner Zweige höchst ruhig und still verhielt. So mitten in einer Elefantenherde lange Zeit auf eine günstige Chance wartend, verlebt der Jäger wiederum Augenblicke höchsten Angespanntseins jeden Nerves. Es ist bei der Elefantenjagd hauptsächlich große Ruhe, Geduld und dann schnelles, energisches Handeln notwendig. Ich bin im allgemeinen ein Freund der kleinkalibrigen Waffen wegen ihrer Präzision und hohen Durchschlagskraft, ziehe aber unbedingt für Elefanten und Rhinozerosse das englische Kaliber 577 Expreß mit Stahlkugeln oder eine Elefantenbüchse Kaliber 8 oder 4 vor, wenn die Jagd auf nächste Entfernung ausgeübt werden muß, wie dies bei dichter Vegetation der Fall ist. Ich gehe darin wohl Hand in Hand mit anderen erfahrenen Jägern, und würde namentlich dem Neuling zu den schweren und sicheren Waffen raten. Sie haben indessen einige große Nachteile, ihrer Schwere, ihrer Unhandlichkeit und des Umstandes halber, daß sie nur auf ganz kurze Entfernungen sicher schießen, namentlich die beiden letztgenannten großen Kaliber. Ferner verursachen sie einen so starken Rückstoß, daß nur ein höchst kräftiger Mann sie abzufeuern vermag. Die von mir benutzten schweren Waffen entwickelten zudem einen erheblichen Rauch. Dieser Umstand veranlaßt häufig angeschossene Elefanten, diese Rauchwolke als ihren vermeintlichen Gegner anzugreifen. Freilich schützt das unter Umständen den seitwärts entrinnenden Jäger, indem die Aufmerksamkeit des Tieres eben auf die Rauchwolke gelenkt wird. Neuerdings verwendet man auch bei den schweren Elefantenbüchsen rauchloses Pulver. Es gibt für den afrikanischen Elefanten eigentlich in der Praxis nur zwei richtige Schüsse. Das sind erstens der Schuß zwischen Auge und Ohr seitwärts, um das Gehirn zu erreichen, und zweitens der Blattschuß, ebenfalls von der Seite. Von vorne ist das Gehirn nur durch einen tief auf den Rüsselansatz abgegebenen Schuß zu verletzen. Ich warne aber vor Schüssen, die beim afrikanischen Elefanten zu hoch in die enormen Knochenwulste des Kopfes gerichtet werden und für den Schützen höchst gefährlich werden müssen. Unter Umständen kann ein starker Elefant auch mit einem anderen Schusse erbeutet werden, so beispielsweise durch einen Schuß, der einen Knochen eines Beines zerschmettert, was aber nur mit sehr schweren Kalibern auf nahe Entfernung möglich zu sein scheint. Die erfahrensten Jäger sind sich darüber einig, daß die faustschlagartige Wirkung einer großkalibrigen Kugel angreifende Elefanten, auch nicht tödlich getroffene, eher zur Flucht veranlaßt, als die dolchstichartige, wenn auch vielleicht nachträglich tötende Wirkung der kleinkalibrigen Kugeln. Jedenfalls spielt bei der Erlegung der Dickhäuter, namentlich aber der Elefanten, wie stets im Leben das Glück eine große Rolle. In einigen Fällen machte sich die tödliche Wirkung meiner Kugeln erst bemerkbar, als die Tiere mich beinahe erreicht und getötet hatten. Groß ist die Zahl der Elefantenjäger, die ihr Leben durch die Angriffe des von ihnen bejagten »Tembo« lassen mußten. Je mehr man mit afrikanischen Elefanten in Berührung kommt, desto vorsichtiger wird man, und nie kann der Jäger wissen, was ein Elefant im nächsten Augenblick tun wird, ein Umstand, mit dem ja auch die Tiergärtner und Dresseure sehr zu rechnen haben! So wird mir niemals ein Erlebnis aus dem Gedächtnis entschwinden, wo ich von dem Gipfel eines Hügels aus Elefanten viele Tage beobachten konnte, vergeblich auf Sonnenblicke wartend, um die Tiere photographisch festzuhalten. Der Weg zum Hügel allein beanspruchte in der Dunkelheit gegen drei, am Tage zwei Stunden, seine Besteigung ferner die Hälfte jener Zeit. Das Erklimmen des Hügels war nicht angenehm. Jedesmal wurden wir im Busch und Gras bis auf die Haut durchnäßt, aber ein wärmendes Feuer anzuzünden, war nicht angängig, da der Rauch unfehlbar von dem gesuchten Wilde wahrgenommen worden wäre. So galt es, dort oben in nasser Kleidung Stunden und wiederum Stunden auszuharren, dabei mit angestrengtester Aufmerksamkeit die wenigen und kurzen Augenblicke wahrzunehmen, in denen die wallenden und wogenden Nebelgebilde sich teilten und einen Ausblick in die grünen feuchtigkeitstriefenden Pflanzenkulissen des Dickichts gewährten. Es mag überraschend klingen, daß unsere Riesentiere so außerordentlich schwierig wahrzunehmen sind. Wenn man aber daran denkt, daß sie, ihren Schlammbädern entstiegen, sich der Landschaft und den Baumstämmen vollkommen erdfarben außerordentlich gut anpassen, so klingt meine Behauptung wahrscheinlicher. Außerdem handelt es sich überall in den Tropen um viel bedeutendere Entfernungen, als in der Regel unser im Norden geschultes Schätzungsvermögen zugeben will, das durch die ganz anderen Lichtverhältnisse noch dazu allzu häufig getäuscht wird! Wollte mir das Glück besonders wohl, so tauchte dann und wann während eines Sonnenblicks tief unter mir im Tale die gigantische Erscheinung eines riesigen Elefanten auf. Für Augenblicke vielleicht nur. Dann wieder sah ich nichts wie das Wirrsal saftig-grüner feuchtigkeitstriefender Pflanzenkulissen und Pflanzenmauern. Die tiefen Regenschluchten im Gelände dort unten erscheinen von meinem Standort aus unbedeutend und klein. Die riesigsten Bäume gleichen Sträuchern; die abgestorbenen an dreißig Meter hohen Baumleichen aber, die hier und da aus dem Dickicht auftauchen, erscheinen wie kleine Pfähle. Man verliert im Spiele der wechselnden Lichter jede Schätzung der Größenverhältnisse und Entfernungen. Einmal teilen sich die Nebel besonders schnell; ein Windstoß treibt die Wolken vor sich her. Die Sonne bricht durch ein sich öffnendes Wolkentor. Und siehe da: eine ganze Herde Elefanten vor mir im Tale! Aber auch nicht einen Augenblick ist sie inmitten des undurchdringlichen Bewuchses da unten in den Urwaldschluchten der photographischen (im Vergleiche zu der jetzt – 1910 – angewandten) recht lichtschwachen Linse erreichbar. Als sie endlich deutlich sichtbar werden, kann ich auf weite Entfernung zwei, eine Lichtung passierende Kühe im Bilde festhalten. Deutlich zeigt sie unser Bild. Die Sonne verschwindet wieder, und nach einer Stunde habe ich sie endlich alle, die ganze Herde, gut erkennbar im Tale vor mir. Wie die kleinen winzigen Kälber von den riesigen Müttern abstechen! Wie die massigen Tiere sich lautlos vorwärtsschieben, in den Schluchten untertauchen, dann wieder erscheinen, sich auf den abschüssigen Kanten der Hügel mit einer Sicherheit bewegen, als wären es Automaten und keine Tiere! Immer wieder tauchen die braunen erdfarbenen Rücken aus dem Dickicht auf. Ein gewaltiges Bild, das mich entzückt und tief bewegt. Weiß ich doch, daß die gigantischen Mütter dort um ihre Kinder sorgen, und vor menschlichen Feinden auf der Hut sind, die ihnen mit Giftpfeilen und einer unheimlichen, feuerspeienden, dumpf dröhnenden Waffe nachstellen. Wie vorsichtig sich darum alle bewegen, den Wind mit hoch aufgehobenen Rüsseln prüfen und auf ihre Sicherheit bedacht sind, auch in bezug auf die vielerorten drohenden Fallgruben der Eingeborenen. Jede Bewegung verrät scheue Vorsicht: die alten riesigen Leittiere haben gewiß schon die eine oder andere böse Erfahrung machen müssen! Plötzlich ertönt da unten ein Warnungszeichen. Sofort verschwinden alle die Gewaltigen stumm und geräuschlos in den höheren Schluchten des Bergwaldes, dem eigentlichen regennassen »Subúgowald« der Wandorobbojäger. Stünden den Elefanten nicht derartige Subúgozufluchtsorte zur Verfügung, längst wären sie ausgerottet! Nur so erklärt es sich, daß heutigentags überhaupt noch Elefanten in Afrika leben. Ich fühle, wie schwierig es ist, ein Bild von diesem täglichen und nächtlichen Ringen, diesem gewaltigen Kampfe zwischen Mensch und Tier in Worte zu formen, den Fernstehenden auch nur einigermaßen über diesen Vernichtungsgang zu orientieren! Mit dem letzten gewerbsmäßigen Elefantenjäger wird manches Geheimnis über Leben und Treiben und – die schnelle Ausrottung des afrikanischen Elefanten ins Grab gesenkt werden. Die Zivilisation hat dann wieder einmal, im Laufe nur eines einzigen Jahrhunderts, eine große uralte Lebenswelle vernichtet. Spätere Zeiten werden reichlichen Stoff zu abfälligen und verurteilenden Betrachtungen und Abhandlungen über die Notwendigkeit solchen Tuns haben. – Kennt man aber den »Subúgo«, so begreift man, aus welchen Gründen, selbst im heute so wildarmen Südafrika Elefanten sich so lange in den Knysna- und Zitzikamawäldern halten konnten, bis man sie dort endlich tatkräftig und erfolgreich zu schützen begann. Professor Fritsch , unser deutscher Afrikaveteran, erzählt uns über den Charakter des von ihm im Jahre 1863 besuchten Knysnawaldes folgendes: »Leicht begreift es sich, wie Elefanten ungestört in diesem Walde hausen und, obwohl durch Hunderte von Personen befehdet, sich wochenlang halten, ehe einer den Verfolgern zum Opfer fällt. Es sind gewisse Plätze bekannt, von flachem Wasser eingeschlossene Inseln, wo sie sich regelmäßig aufhalten; aber niemand kann ihnen hier nachkommen und sie in diesem letzten Zufluchtsorte stören.« Freilich spricht Fritsch von Zeiten, in denen die Schießtechnik erst in den Kinderschuhen steckte. Heutigentags sind die riesigen Tiere – man vergesse das nicht – für gewissenlose Schützen auch an solchen Zufluchten vogelfrei, Schützen, die einfach mit kleinkalibrigen Büchsen überallhin knallen, und dann später vielleicht doch das erlegte »Elfenbein« zufällig irgendwo in der Nähe finden, geführt durch die Geier, die sich, weit sichtbar, auf den Kadaver der eingegangenen Elefanten niederlassen. Doch ich kehre zu meiner Schilderung zurück! – Nun kann ich vielleicht wieder stunden- und tagelang vergeblich nach Elefanten ausschauen! An manchem Morgen wurde überhaupt nichts von ihnen bemerkt; dann wieder waren sie plötzlich nachts in die Tiefe des Talkessels zur Tränke niedergestiegen oder hatten eine der beiden noch wasserhaltigen kleinen Sumpftümpel am Fuße des Hügels aufgesucht. Aber aus ihrem nächtlichen Verhalten ging hervor, daß auch in der Nähe noch andere ihnen erreichbare Wasserstellen vorhanden sein mußten. Eine Suche nach diesen Wasserstellen aber war nicht erlaubt. Wäre ich in dies Standquartier der Elefanten eingedrungen, so hätten sie am selben Tage meine Fährte aufgefunden, und dann wäre das langersehnte Wild zweifellos für Monate verschwunden gewesen, Meilen zwischen sich und den sie suchenden Tierbildner legend. So verhält sich heutzutage der ostafrikanische Elefant, der leider uns manchmal noch als »Beherrscher des Urwaldes« von kenntnisloser Seite geschildert wird! Für heute war es jedenfalls aus! Die Sonne durchbrach nur während kurzer Augenblicke die Wolkenkulisse, die massig und schwer die Urwälder bedeckte und in phantastischem, stets wechselndem Zuge immerfort Formen und Gestalten änderte. Eine Aufnahme mit dem lichtschwachen Teleapparat schien überhaupt fast undenkbar! Aber riesige Elefantenbullen zusammen mit einer Giraffe auf die Platte zu bringen, – durfte ich angesichts dieser Möglichkeit in meiner Ausdauer nachlassen? Das kam so leicht nicht wieder –es mußte gelingen! Durchnäßt und frierend wanderte ich also allmorgendlich durch das Hochgras zum Hügel hinauf und wartete und wartete ... Die Elefanten waren und blieben verschwunden; so weit ich auch meine tagelangen Streifereien auf die umgebenden vulkanischen Hügel ausdehnte, nirgends vermochte ich sie zu entdecken. Endlich gelang es mir, eine größere Herde anzutreffen; sie hatte aber ihren Standort in so undurchdringlichem Dickicht genommen, daß es kaum möglich war, der Tiere ansichtig zu werden. Nach langem vergeblichen Kriechen und Durchwinden auf den Elefanten- und Nashornwechseln der Dickung, gelang es mir, für einige Augenblicke die unsicheren Konturen einzelner Tiere zu erblicken; es war jedoch vollkommen unmöglich, über Alter, Größe oder Geschlecht irgend welche sichere Anhaltspunkte zu gewinnen. In den allermeisten Fällen wird man in Ostafrika die Elefanten unter ähnlichen unbeschreiblich schwierigen Umständen antreffen. Man kann daher nur selten und nur bei großer Erfahrung und Umsicht bestimmte Tiere, etwa nur männliche Exemplare oder starke Stoßzahnträger, aussuchen, wie wohlmeinende, aber unerfahrene Theoretiker, zu denen ich früher selbst gehörte, es verlangen. – Es hat etwas außerordentlich Aufregendes und Bedrückendes, sich in unwegsamem Dickicht den riesigen und wehrhaften Tieren unmittelbar zu nähern. Aufs äußerste sind die Sinne gespannt, um durch Auge und Ohr den Standort des Wildes zu erkunden; die schwüle Luft, der undurchdringliche Bewuchs beängstigt uns. Die unwegsame Masse der grünen lebenden Mauern, die uns umgeben und tausend Fangarme nach uns ausstrecken, hindert Schritt und Tritt. Wir können nur wenige Fuß weit Umschau halten. Der starke Geruch nach Elefant wirkt suggestiv. Kurz, es hat einen eigenen, wilden, schwer beschreiblichen Reiz, so den gewaltigsten Urwaldbewohner, den die Erde heutigen Tages noch trägt, in seinem ureigenen Heim aufzusuchen. Die Erregung steigern noch die hier und da ausgestoßenen Töne der Gewaltigen, das Brechen und Knicken von Ästen und Zweigen, die dumpf kollernden Laute, die die Tiere von sich geben, und ganz besonders ein plötzlich von einem Mitgliede der Herde gegebenes schrilles Warnungszeichen. Dieser schmetternde, drommetenartige Ton hat etwas unsagbar Wildes im stillen Urwald! Auf ein solches Zeichen hin setzt sich die ganze Herde in Bewegung, heute geräuschlos, morgen polternd in wilder Flucht. Sehr selten und gewiß erst nach stundenlangem Folgen kann man am selben Tage die Flüchtigen wieder erreichen. So gewählte Aufenthaltsorte, solche Vorsicht, schützen den Elefanten wohl noch eine Reihe von Jahrzehnten vor völliger Ausrottung besser als einstweilen irgend welche Gesetze. Bei der Unmöglichkeit, auf diese Weise und bei fehlendem Sonnenlicht ein Bild zu erlangen, verließ ich mich auf einen glücklichen Zufall und nahm wieder allmorgendlich meinen Beobachtungsposten auf dem Kimisshirahügel Der Verfasser hat diesen Hügel bisher in den großen Ausgaben von »Mit Blitzlicht und Büchse« und »Der Zauber des Eleléscho« »Kilepohügel« genannt, weil er den »Kimisshirahügel« nicht verraten wollte ! Heute, nachdem so wenig für die Erhaltung der früher deutsch-ostafrikanischen Tierwelt geschehen ist, läßt er seine Bedenken in dieser Hinsicht fallen. ein. Wohl hätte ich das eine ober das andere Exemplar dieser Herde erlegen können. Ich wollte jedoch die Elefanten nicht stören, glaubte auch annehmen zu dürfen, daß es innerhalb dieses Verbandes keine besonders starken Stoßzahnträger gebe. Aber Morgen um Morgen zog ich enttäuscht immer wieder zu meinem Hauptlager zurück, um am nächsten Tage von neuem in das Grenzgebiet des Urwaldes zu dem Beobachtungsposten auf dem Hügel zurückzukehren. Tage vergingen, und nichts zeigte sich als der gelegentlich auftauchende Kopf oder Rücken eines Elefanten innerhalb der dicht verwachsenen Vegetation des Regenwaldes, dem »Subúgo« der Wandorobbo. Und dieser »Subúgo« versteht es, seine Bewohner treu zu schützen. – Allmorgendlich dasselbe Schauspiel! Zu meinen Füßen schlafender nebeldurchwallter Urwald, und in meiner Gesellschaft drei oder vier Schwarze, denen mein Verzicht auf Erlegung von Elefanten und meine Vorkehrungen mit den photographischen Apparaten unerklärlich waren. Teilten sich die Wolken über dem Urwalde und seinen Tälern einen Augenblick, so galt es angestrengteste Umschau. Dann entdeckten wir auch gelegentlich kleinere Giraffenrudel, und in ihrer Gesellschaft ab und zu einen Elefanten, aber nur undeutlich und für wenige Sekunden sichtbar. Wieder schlossen sich die Nebelmassen. Eine große schöne Taube ( Columba aquatrix ) führte laut klatschenden Fluges, ähnlich unserem Ringeltauber, ihren Balzflug rings um den Hügel aus und ließ ihr tiefes gutturales Rucksen in der Nähe ertönen. Tief unten im Tale erklang der schöne und klangvolle, unsäglich melancholische Ruf des Orgelwürgers; Männchen und Weibchen antworteten sich wie immer so ineinander verschmolzen, daß der Ruf einem einzigen Vogel zu entstammen schien. Nichts anderes ließ sich hören und sehen. Was weiß diese Wildnis von dem Getriebe der Welt dort draußen? Tiefer Friede liegt über jenen weltfremden Tälern, nur gigantisch und wuchtig hoben sich ab und zu die Formen des gewaltigen, den Urwald beherrschenden Riesentieres aus den Nebelmassen heraus ... Aber nun! Endlich! Ich werde es nie vergessen, wie da plötzlich, in einem der wenigen Augenblicke sieghaft durchbrechenden Sonnenlichts, die mächtigen weißen Stoßzähne zweier vielleicht mehr denn hundertjähriger Elefantenbullen im Tale auftauchten, so blendend weiß, so hell im Lichte leuchtend, daß man sie geschaut haben müßte, um den mächtigen Eindruck zu begreifen und verstehen, den ihre fast stets mit einem Giraffenbullen vergesellschafteten Träger auf jenem gewaltigen Hintergrunde erzeugten. Eindrucksvoller und lebhafter von der Landschaft sich abhebend, hätte kein Maler sie auf die Leinwand bringen können. Ich begriff, warum der verstorbene A. H. Neumann , einer der kundigsten englischen Elefantenjäger, so oft hervorhob, daß er immer von neuem einen ganz überwältigenden Eindruck von diesen schneeweißen, weithin leuchtenden Elfenbeinzähnen erhalten habe. So starke Leuchtkraft haben sie, daß ich es verstehe, wenn meine Lichtbilder hier und dort für – ohne mein Wissen – retouchiert gehalten wurden. So wenig aber an irgend einer meiner Tieraufnahmen eine Retouche angebracht worden ist, so wenig an diesen in ihrer Wirkung überraschenden Bildern! Auch eine schwierige Frage, diese riesigen Waffen des afrikanischen Elefanten! Warum trug das ausgestorbene Mammut so ganz andere, nach aufwärts gebogene Stoßzähne? Warum entwickelt der indische Elefant so wenig, der ceylonische fast gar kein Elfenbein, und warum der afrikanische Zähne von so gewaltiger Schwere und Größe? Man stelle sich vor: ein Zahn über hundert Kilogramm! Das sind Naturwaffen! Bevor mir die Aufnahmen gelangen, die das gelegentliche Zusammenleben von Elefant und Giraffe unwiderleglich verbürgen, wurde ich immer wieder in die größte Versuchung geführt, die beiden mächtigen Elefantenbullen zu erlegen. Sie näherten sich öfters dem Fuße meines Hügels so sehr, daß ich viel Aussicht gehabt hätte, beide zu erbeuten, noch dazu ohne allzu große Gefahr für mich und meine Leute. Als ich jenes seltsame Trio erblickte, hatte ich – ehrlich gestanden – zwar den heißen Wunsch, die beiden vielleicht, wer kann es sagen, hundert- oder hundertfünfzigjährigen Riesen zu erbeuten. Aber dieser Wunsch trat doch erheblich zurück vor meiner Begierde, sie auf die photographische Platte zu bringen. Wenn mein Sinn so sehr nach ihrer Erlegung stand, so veranlaßte mich hierzu vor allem der Gedanke, sie in einem Museum wieder zum Leben erstehen zu sehen. Hier an dieser Lagerstelle wäre es möglich gewesen, die Häute zu präparieren. Kurz, – ich hatte einen harten Kampf mit mir selbst zu bestehen! – Aber der Wunsch nach einem Bilde siegte ob. Kein Museum der Welt hat bis heute etwas Ähnliches aufzuweisen. Das war mir ausschlaggebend. – Die vorliegenden Bilder und die der großen Auflagen zeigen uns die beiden Kolosse in verschiedenen Formen der Bewegung, teils von den Büschen und Bäumen verdeckt, teils mehr oder weniger vollkommen sichtbar. Die Giraffe verhielt sich, auf ihre Sicherung bedacht, meistens bewegungslos oder äugte neugierig zu ihren Genossen herüber. Das waren Gegensätze! Hier die massigen Kolosse in ihrem erdfarbenen Gewande, dort das schlanke turmhohe Geschöpf, in seiner Färbung ganz der Umgebung angepaßt. Wo und wann auch Giraffen sichtbar werden, immer verschwimmen sie für das Auge mit der Umgebung. Es walten bei ihnen dieselben Gesetze ob, wie bei dem Leoparden, dem besten Beispiel von Schutzfärbung eines Raubtier-Mimeten. Wie lange Hungerzeiten müssen, ganz allmählich, diesen langen Giraffenhals erzeugt haben! Am Wendepunkt der Existenz ihres Geschlechts haben sich noch einmal Vertreter dreier uralter Arten ein Stelldichein gegeben, das im Bilde alsdann zum ersten Male Millionen von Menschen zugänglich wurde. Einem ganz außerordentlich glücklichen Zufalle habe ich es zuzuschreiben, daß sie bei einer anderen Gelegenheit, wiederum während eines Sonnenblicks, auf der Waldlichtung in den Wirkungskreis meines Apparates kamen ... Meine Freude kann nur der ermessen, der wie ich weiß, welch großem Zufalle man es zu verdanken hat, wenn man heutzutage zwei Elefanten zusammen antrifft, welche, jeder einzelne für sich, mehr denn dreihundert Pfund Elfenbein tragen. Die Beobachtung gar einer so seltsamen, bis dahin nicht bekannten Freundschaft zweier so verschiedener Tierarten, wie Elefant und Giraffe, bildet für mich im Sinne des Wortes ein Lebensereignis. Wenn man bedenkt, daß schon vor mehr als siebzig Jahren der namhafte französische Forscher Le Vaillant jahrelang den Wunsch hegte, nur einmal im Leben Giraffen in ihrer Heimat beobachten zu können; daß er, hauptsächlich um diesen Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen, eine große Reise nach Südafrika unternahm, und daß er, als endlich sein Wunsch erfüllt war, sich in höchster Freude in seinem Werke ausführlich über diese Beobachtungen des seltsamen Geschöpfes ausläßt, wird man mich verstehen. Hatte ich auch schon lange wahrgenommen, daß die Giraffenrudel dieser Gegend die Elefanten durchaus nicht scheuen, so war es mir doch vollkommen neu und überraschend, daß ein alter Giraffenbulle mit zwei uralten Elefantenbullen tagelang an einer bestimmten Stelle zu gegenseitigem Schutze in völliger Symbiose zusammenlebte. Wenigstens kann ich diese Freundschaft nur auf das Bedürfnis nach gegenseitiger Sicherung zurückführen. Die Giraffe vermag aus weiter Entfernung vermittelst ihrer Augen den Sicherheitsdienst zu übernehmen, die Elefanten aber prüfen mittels ihrer Rüssel jeden leisen Windzug. Die Windrichtung wechselt innerhalb der Bergtäler sehr oft. Wie sorgfältig die in S-Form hoch über die Köpfe erhobenen Rüssel nach einem Feinde wittern! Schärfer kann sich der Kampf ums Dasein in dieser Art kaum ausdrücken und uns vor Augen geführt werden. Wie oft mag sich Ähnliches im Laufe der Jahrhunderttausende abgespielt haben, in anderen Weltteilen und im schwarzen Kontinente, ehe ich es zum ersten Male beobachten konnte. Die Aufnahmen beweisen jedenfalls den Wert photographischer Tierbildnisse in bezug auf ihre »urkundtreue« Beweiskraft gewisser Gewohnheiten der einzelnen Arten. Mir aber wird der »Kimisshirahügel« stets in der Erinnerung bleiben. Oftmals mögen noch Elefanten zu dem kleinen stillen Vulkansee, den seine wallförmigen Hügel umschließen, niedergestiegen sein, um, wie in uralten Zeiten, sich an dem erquickenden Naß zu laben. Jahrhundertelang hatten ihnen die Masai mit ihren Viehherden diese altangestammte Tränke streitig gemacht. Der weiße Mann kam ins Land und die Masai verschwanden. Wiederum stiegen die Elefanten ungestört zum Kimisshiratale nieder. Jetzt hat der weiße Mann hunderte andere Europäer, burische, meist nichts verschonende Ansiedler zum Kilimandscharo gerufen. Und damit dürfte der Tag nicht fern sein, wo der letzte Sproß jenes uralten Riesengeschlechtes, der letzte gewaltige Stoßzahnträger mit weithin leuchtendem, im Mondschein glitzernden Elfenbein zum Kimisshirahügel und seinem stillen See im Herzen des Hügels niedersteigt. Im Bilde aber werden einige von ihnen – die hier zur Anschauung gebrachten –, die wohl heute schon längst ihrem Schicksale erlegen sind, – vielleicht noch lange Jahre weiterleben ... Nachdem mir endlich diese photographischen Natururkunden, soweit es meine damaligen Apparate technisch zuließen, gelungen waren, schien nunmehr der Augenblick gekommen, wo ich die beiden Riesenbullen erlegen durfte. Den Hügel verlassend, kroch ich mit einigen entschlossenen Leuten auf engen Nashornwechseln etwa dreiviertel Stunden lang in die mit Feuchtigkeit gedrängte, dichtverworrene Pfanzenwildnis hinein. Nach Überwindung zahlreicher tiefer Schluchten gelang es uns nach unsäglichen Mühen, fast unbekleidet und mit Erde über und über eingerieben, in die Nähe der beiden Bullen zu gelangen, die langsam dem höher gelegenen Buschwald zustrebten. Die Fährte des einen aufnehmend, folgten wir ihr mit angehaltenem Atem, fast erstickend im Hochgras erwartend den Riesen jeden Augenblick auftauchen zu sehen. ... Und richtig! Dicht vor uns im Schatten einer höheren Baumgruppe konnte ich ihn ausmachen. Aber so dicht ist diese Pflanzenwildnis verworren und verwachsen, daß ich nur undeutlich die rötlich-graue Masse des Tieres auf etwa fünfzig Schritte vor mir wahrnahm, ohne imstande zu sein, eine erfolgversprechende Kugel abzugeben. Von Dornen zerrissen und zerkratzt harre ich so peinvolle Minuten in erdrückendster Dickung. Schon verschwindet das ungeheure Tier, nach links sich fortbewegend, und klopfenden Herzens, meine zwei Leute mit den Reservebüchsen dicht auf meinen Fersen, folge ich nach rechts, um womöglich auf den Elefanten zu stoßen. ... Da liegt abermals eine der tiefen, steilen, glattuferigen Schluchten vor uns; so eilig wie möglich durchklettern wir dieselbe, als beim Wiederauftauchen aus der Schlucht dicht neben uns ein leises Rascheln hörbar wird. ... Ein ganz leises Rascheln nur – sonst ist alles totenstill – doch: »Tembo Bwana!« flüsterte fast unhörbar mein Gewehrträger. »Hapana! Nyama mdogo!« antworte ich. (Herr, der Elefant! – Nein, ein kleines Wild.) O ich kluger Europäer! Im selben Augenblick teilen sich die baumartigen vom dichtesten zehn Fuß hohen Gras durchwachsenen Büsche rechts und links, krachend zersplittern die dünnen Baumstämme, auf uns niederfallend, und uns zu Boden drückend, und im nächsten Augenblick stürmt das riesige Tier auf Fußweite über uns hin, glücklicherweise die Flucht ergreifend, ohne sich weiter um uns zu kümmern! Fast genau dasselbe Ereignis mit glücklichem Ausgang gelegentlich einer Elefantenjagd in Indien hat mir Graf Thiele-Winckler berichtet. Das sind Augenblicke, in die man sich nur schwer hineinversetzen kann aus der sicheren Umgebung der zivilisierten Welt, die aber, so erschreckend sie augenblicklich sind, doch hinterher geheimnisvoll reizend und lockend in der Erinnerung wirken. Aber auch dem begabtesten Künstler der Schilderung wird es nie gelingen, dem Leser, der nicht Ähnliches erlebt, solche Situationen vollkommen treu vor die Seele zu zaubern. Selbst demjenigen, der sie erlebt, naht die Erinnerung daran mit all ihren Einzelheiten nur zur günstigen Stunde! – Ich aber betrachte mir den im zoologischen Garten gepflegten Elefanten mit ganz anderen, fast ehrfürchtigen Gefühlen, und schäme mich der gedankenlosen Gaffer im Publikum, die ihren faden Witz an dem eingesperrten Riesen üben. Wie würden sie flüchten, wenn der Eingesperrte ihnen in der Wildnis gegenüberstände! Selbst mit den vollkommensten Waffen ist man in bezug auf die schnelle und glückliche Tötung eines solchen Gegners oft dem Zufall ausgesetzt. Das sollte mir neben den Erfahrungen im afrikanischen Revier die Tötung eines riesigen indischen, etwa 40 Jahre alten Elefantenbullen im Berliner Zoologischen Garten beweisen, um die ich, da das Tier jedes Gift verweigerte, angegangen worden war. Zur schnellen und schmerzlosen Erlegung benutzte ich eine neu konstruierte Elefantenbüchse, Kaliber 10,75, die eine Ladung von vier Gramm rauchlosen Pulvers und eine Kugel mit Nickelstahlmantel verfeuerte. Der Stahlmantel schien mir mit Rücksicht auf die Örtlichkeit zu gefährlich und ich ließ ihn daher abfeilen. Über das, was sich nun ereignete, gebe ich Herrn Professor Schmaltz von der Berliner tierärztlichen Hochschule das Wort; er schreibt: »Das erste Geschoß ist zwischen der zweiten und dritten Rippe durch die Haut gefahren und dann einfach zerspritzt ! Es hat überhaupt keine nennenswerte Verletzung innerer Organe zustande gebracht, so daß mit einer solchen Verwundung ein Hirsch auf Nimmerwiedersehen flüchtig geworden wäre. Ein Stück Mantel saß auf dem Lungenfell, und nur ein einziger Spritzer war in die Lungenspitze gefahren, eine geringfügige Blutung verursachend. Der zweite Schuß hatte eine vorzügliche Stelle getroffen, nämlich genau die Lungenwurzel, hatte beide Lungenarterien und beide Luftröhrenäste zerrissen und mußte daher sofort tödlich wirken.« Die Tatsache, daß ein von so starker Pulverladung getriebenes Geschoß aus einer Entfernung von höchstens drei Meter einfach auf der Elefantenhaut zerspritzt, sagt mehr, als lange Ausführungen, und erklärt manchen Unfall draußen im wilden Revier. Meiner Büchse sind kaum ein Dutzend der Riesen zum Opfer gefallen. Einige tötete ich nur, um den leider vergeblichen Versuch zu machen, das von mir so heiß begehrte, auch bis zur Drucklegung dieses Werkes noch immer nicht nach Europa gelangte Junge des ostafrikanischen Elefanten zu fangen und aufzuziehen. Andere Exemplare schoß ich, um sie unseren Museen zuzuwenden. So hat das Königliche Zoologische Museum in Berlin die Haut eines mittleren Bullen von mir erhalten, dessen, ich darf es sagen, tadellose Präparation mir und meinen Leuten einen Aufenthalt und eine Arbeit von etwa zwölf Tagen verursacht hat. Eine ungleich größere Zahl von Elefanten aber hätte ich erlegen können und die stärksten Bullen, die wohl überhaupt heutzutage noch afrikanische steppen durchqueren, habe ich, wie schon erzählt, photographischer Aufnahmen wegen verschonen müssen. Diese Aufnahmen aber gewähren mir heute die größte Genugtuung. Ist es mir auch ein angenehmes Bewußtsein, gar manches erreichbare Stück des riesigen Wildes nicht beschossen zu haben, so hoffe ich doch noch, eines Tages einen besonders kapitalen gewaltigen, vielleicht beinahe zweihundertjährigen (denn so alt scheint der Elefant zu werden!) Zahnträger allein , weidmännisch zu erlegen. Dieser Wunsch blieb den allermeisten afrikanischen Jägern versagt, auch wenn sie ein Menschenalter drüben jagten. Zahnträger mit Zähnen von beinahe fünfhundert Pfund, wie sie eine meiner Abbildungen zeigt, gehören zu den allergrößten Seltenheiten und kamen selbst in früheren Zeiten vielleicht nur einmal in hundert Jahren vor. Wie dem auch sei, die Erlegung eines afrikanischen Elefantenbullen gehört zu den schönsten Weidmannsfreuden, und auch erfolglose weidmännische Jagden auf dieses gewaltige, imposante und hochinteressante Urwild werden sich für den echten Jäger trotz alledem stets reichlich lohnen. Zwei Tage darauf hatten die beiden Elefantenbullen zu meinem größten Erstaunen wiederum ihren Lieblingsstandort aufgesucht, aber mit Sonnenaufgang verschwanden sie inmitten der über dem Urwald wogenden Nebelmassen. Gerade inmitten derselben besonders wuchtig und majestätisch wirkend, wechselten sie bergaufwärts in der Richtung auf den Gürtelwald zu. Der Wind stand günstig. Mit Gummisohlen versehen, von einigen Leuten gefolgt und ausnahmsweise an diesem Tage in Gesellschaft von Orgeich, meinem europäischen Präparator, nahm ich sofort die Verfolgung auf, hoffend, eines der mächtigen Tiere mit der gesamten Haut präparieren zu können. Schweißgebadet in der erdrückenden Hitze des Dickichts verloren wir leider nach etwa dreiviertel Stunden auf wenige Minuten die Fährten, getäuscht durch solche, die aus der Nacht herrührten. Als wir sie wiederum aufgefunden hatten, kam ich nach etwa fünf Minuten an eine tiefe Schlucht, die in ihrer Sohle einen Schlammtümpel enthielt. Zu meinem heftigen Erschrecken sehe ich beide Elefanten aus jenem Tümpel herauskommend, in der dichten Pflanzenwelt der jenseitigen Böschung, etwa dreißig Schritte vor mir verschwinden ! Im selben Augenblicke schwankten drüben einige Bäume hin und her, an denen sich die beiden Riesen scheuerten. Ich vermochte nur dieses Schwanken der Bäume zu sehen, die gewaltigen Massen der Tiere selbst vermochte ich nicht auszumachen. Das Herz krampfte sich mir unwillkürlich zusammen! Einen Augenblick früher, und beide Elefanten wurden von mir in der Suhle auf dem Boden liegend angetroffen! Und das Tiere mit gegen zweihundertpfündigen Stoßzähnen jeder einzelne Zahn! Elefanten, wie sie Europäer überhaupt kaum je im ganzen weiten Afrika erlegt! Da, in diesem Augenblicke springt der Wind, das Schütteln der Bäume hört im selben Momente auf, ich gleite so schnell wie möglich die Schlucht hinunter am jenseitigen Ufer hinauf, komme oben an, kotbedeckt von den schlammgetränkten Zweigen, durch die die Elefanten ihren Weg genommen haben, als im selben Augenblicke krachend beide Tiere in der Dickung verschwinden, um nun zweifelsohne ihre Flucht viele Stunden hindurch anhaltend fortzusetzen. Und daß diese Vermutung nicht unbegründet, bewies mir die vergebliche, unbeschreiblich mühevolle Verfolgung, die resultatlos endete. Kaum jemals im Leben aber bin ich so schlammbedeckt und unkenntlich gewesen, wie in dieser Stunde! Als ich atemlos mir einen Weg durch das Unterholz bahnte, durch welches die Bullen ihren Weg genommen hatten, mußte ich selbstverständlich den Schlamm von den Zweigen streifen, den die Tierriesen dort hinterlassen hatten, starkduftend nach »Elefant« in einer unbeschreiblichen Art. Ich war bei dem eiligen, mit schützend vorwärts gestreckten Armen ausgeführten Eindringen ins Buschwerk bald so atemlos und schlammbedeckt und über meinen Mißerfolg so unendlich deprimiert, wie ich alles dieses zusammen genommen nur einmal in meinem Leben gewesen. Das war, als ich in knietiefem Boden in Münster in Westfalen die alte »klassische« westfälische Steeplechase, jenes verlockendste aller Jagdrennen Deutschlands, als sie noch über den alten schweren Kurs geritten wurde, beinahe gewonnen hätte – und doch verlor! So schwarz, so unkenntlich, so enttäuscht, wie hier im Urwald des schwarzen Erdteils war ich damals in Münster auf heimischer »roter« Erde! Ich überlasse es dem Leser, sich meine Stimmung auszumalen, wenn er bedenkt, daß ich wochenlang diese Elefanten, um sie photographisch aufnehmen zu können, beobachtete, mich daher so lange einer Verfolgung enthalten hatte, und nun so dicht am Ziele, so grausam enttäuscht wurde ... Denn nun waren die beiden Urwaldriesen für lange Zeit vergrämt! Bei einer anderen Gelegenheit gelang es mir, mich einigen riesigen Elefantenbullen in der furchtbarsten Dickung zu nähern. Ich hatte sie von einem Hügel aus wahrgenommen. Dort aufgestellte Leute, die ich mit Hilfe meines ausgezeichneten Fernglases von Zeit zu Zeit wieder auffand, dirigierten mich durch Schwenken eines weißen, darum durch das Glas eben sichtbaren Tuches in der von den Elefanten im Dickicht genommenen Richtung. Nach Überwindung großer Schwierigkeiten kam ich offenbar in die Nähe der Elefanten. Jetzt mußten wir sie im nächsten Augenblicke sichten. Zu meiner großen Freude befanden wir uns in einem von kleinen Blößen unterbrochenen Teile der Dickung. Noch eine Schlucht gilt es zu durchklettern ... Da eilen klatschenden Fluges, von mir aufgescheucht, eine Anzahl großer Tauben ( Columba arquatrix Tem. ), unserer heimischen Ringeltaube ähnlich, aus den schattigen Kronen einiger Vangueria-Büsche! Wie gebannt bleiben wir atemlos auf der Stelle! Wir wissen, daß die Elefanten durch die Flucht der Tauben gewarnt sind. Noch zwanzig Schritte mehr nach links, und wir müssen eine Übersicht über das nächste Terrain gewinnen. Ein abgestorbener Baumstumpf, etwa drei Meter hoch, steht vor mir. Ein gewandter Schwarzer gleitet von mir unterstützt an demselben empor, um im nächsten Augenblick die dicht vor uns stehenden Elefanten zu gewahren. Blitzschnell läßt er sich herabgleiten und ich nehme seine Stelle ein, da ich nur von dort eine Übersicht gewinnen kann. Und richtig, dicht vor mir steht ein Bulle mit großen, blendendweißen, sich fast kreuzenden Zähnen von wenigstem 80-90 Pfund das Stück, dicht neben ihm ein zweiter, der mir den Rücken zukehrt. So leise wie möglich gleite ich am glatten, nassen Baumstumpf herab und versuche vorsichtig die nächsten Büsche zu teilen. Aber im selben Augenblicke rauscht und kracht es in der Dickung vor uns und die Elefanten sind flüchtig geworden! In verschiedenen Richtungen davonbrechend, haben sie sich nach kurzer Zeit vereinigt, und eine fünfstündige Verfolgung unter den größten Schwierigkeiten bringt sie uns nicht mehr zu Gesicht. Wohl aber hat die Verfolgung das Resultat, daß unsere unteren Gliedmaßen von brennesselartigen Gewächsen, die an schattigen Stellen des Kilimandscharo-Urwaldes nicht selten vorkommen, aufs schmerzhafteste gepeinigt werden. Wiederum sind unsere langen Bemühungen fruchtlos gewesen. Leider traten einmal auch höchst bedauerliche Ereignisse für meine Begleiter bei der Verfolgung einer starken Elefantenherde im Jahre 1903 ein. Nur mit den bewährtesten Leuten aufbrechend, die zudem nur mit Stricken, Äxten und leichten Utensilien beladen waren, so daß jeder einzelne nur sechs- bis achtpfündige Lasten zu tragen hatte, hatte ich in einer wasserlosen Steppe die Verfolgung einer Herde aufgenommen. Die Leute hatten sich vor Aufbruch am Morgen mit Wasser gesättigt und solches in großen Kalebassen mitgenommen. Um die Herde möglichst zu erreichen, mußte ich ein warmes Tempo einschlagen, zu Fuß wie alle meine Leute, da meine Reitesel dem Stiche der Tsetsefliege längst erlegen waren, mein einziges Maultier aber, ein schöner von mir aus Neapel mitgebrachter Schimmel, entlaufen war und in Britisch-Ostafrika längst, wie ich später hörte, Liebhaber gefunden hatte. – – – So furchtbar aber war die brennende Hitze im November, daß ich nachmittags vier Uhr die Verfolgung abbrechen mußte, um zum Wasser zurückzukehren, da mehrere Leute vollkommen matt und hinfällig geworden waren. Zwei von ihnen weigerten sich noch zu gehen, versuchten vielmehr völlig apathisch sich hinzulegen. Ich trieb sie jedoch stundenlang vor mir her, vermochte aber bei Einbrechen der Dunkelheit dies nur noch bei einem durchzuführen, der andere blieb in der Steppe liegen. Mit allerknappster Not erreichten wir spät in der Nacht das Wasser, hauptsächlich nur dadurch, daß ich unterwegs an vielen Stellen die trockene Steppe anzünden und so ein Leuchtfeuer herstellen konnte, das uns den Marsch durch die Dornenschluchten und Dornendickichte möglich machte. Als am nächsten Morgen, so frühzeitig wie möglich, dem Liegengebliebenen Hilfe gebracht wurde, kam sie zu spät: Der Unglückliche war in der Nacht von Rhinozerossen getötet und dann von Löwen völlig verzehrt worden, wie sich aus den Fährten ergab. Er war mitten auf einem stark begangenen Nashornwechsel niedergesunken und dort liegen geblieben. Man muß hierbei in Betracht ziehen, daß zu jener Zeit alle meine Träger nur ausgesucht gute und eingeübte Leute waren. Dennoch ereignete sich so Trauriges, und ich wäre nicht imstande gewesen, durch irgend welche andere Dispositionen dieses Unheil zu verhüten! In anderen Fällen haben öfters Leute meiner Karawane, welche den Weg verloren hatten, die Nacht allein in der Wildnis verbracht, ohne Schaden zu nehmen, nicht nur auf Bäumen, sondern auch auf flachem Erdboden! Doch der Durst tötet schnell! Nicht ein einziger der Elefantenjäger, die längere Zeit in afrikanischer Wildnis das riesigste, heute lebende Säugetier des Festlandes, den »Tembo« der Waswahili, den »Ol jănĭtŏ săbŭg« Bedeutet etwa: »Das große Ding«. oder auch »Ol dŏme« der Masai, jagten, ist ohne sehr ernste Abenteuer davongekommen; – viele haben ihre Kühnheit, von dem erzürnten Giganten zertrampelt, mit dem Tode büßen müssen. Die Jagd auf den afrikanischen Elefanten, namentlich die von einem Jäger allein, nach unsern weidmännischen Begriffen ausgeübte, ist und bleibt ein Unterfangen, dem auf die Dauer nur wenige Männer gewachsen sind. Freilich wird so manches Stück dieses edelsten Wildes nicht allein und weidmännisch, sondern »mit Unterstützung« von Schwarzen niedergeknallt. – Ich habe Photographien gesehen, die eine Anzahl hingemordeter Elefantenkälber und ganz geringer junger Elefanten zeigen, in deren Mitte die betreffenden Schützen sich photographisch zu verewigen den Mut hatten! Die Zähne der Tiere werden dann im Vordergrund aufgenommen, so kann man ein Elefantenkalb für den Laien zum »Zahnträger« gestalten. ... Viele Tage beobachtete ich ein seltsames Kleeblatt: Zwei riesige Elefantenbullen, jeder an 200 Kilo Elfenbein tragend, in Gesellschaft mit einem alten einsamen Giraffenbullen. (Dieser ist oben links sichtbar, die Aufnahme erfolgte auf eine Entfernung von etwa 300 Meter.) Solche »Jagd« ausübende »Jäger« dürften freilich wenig Verständnis für das souveräne, herrliche Gefühl haben, das der allein den riesigen afrikanischen Elefantenbullen in furchtbarster Dickung beschleichende Jägersmann empfindet und das mit Worten zu schildern unsere Sprache zu arm ist. – – – – Die gewerbsmäßigen ostafrikanischen schwarzen Jäger glauben vielfach, daß nach glücklicher Erlegung von etwa fünfzehn Elefanten sich eines Tages das Blatt zuungunsten des Jägers wenden müsse. Sie ziehen es vor, von da ab nur noch »Elefanten-Daua« (Zaubermedizin) zu machen –, andere aber für sich jagen zu lassen! Ich glaube sie haben von ihrem Standpunkte betrachtet nicht unrecht. 6. Von aussterbenden Riesen. (Der afrikanische Elefant.) Einst wurden weite Gebiete der Erdoberfläche – auch unser deutsches Vaterland – tatsächlich von den verschiedenen, teilweise eine riesige Größe erreichenden Ur-Elefanten beherrscht – im Sinne des Wortes! Die meisten dieser gewaltigen Urtiere haben nur verschwindende Überreste als Urkunden ihres einstigen Daseins zurückgelassen. Viele Arten aber mögen spurlos verschwunden sein, ohne daß wir von ihnen irgendein Überbleibsel besitzen. Aus historischer Zeit sind wohl die schwarzen Granitsarkophage auf dem Totenfelde von Sakkarah in Ägypten, die die heiligen Apisstiere vor dreieinhalb Jahrtausenden aufnahmen, mit ihrem Gewicht von 65 000 Kilo jeder einzelne, die mächtigsten Denkmäler, die je von Menschen einem Tiere geweiht wurden! Dem Ptah, dem Gott von Memphis, waren Stiere geheiligt, und ihre Grabdenkmäler, – die der Ägyptologe Mariette-Bey im Jahre 1851 wieder ans Tageslicht brachte, – künden in eindrucksvoller Sprache von dem einstigen pompösen Tierkult in alter Zeit. Die beiden schwersten Elefantenzähne, die seit Menschengedenken in den Handel an der ostafrikanischen Küste gelangten, im Gewichte von gegen 450 Pfund (engl.) ca. 204 kg , Meine Bemühungen, sie für ein deutsches Museum zu retten, waren vergeblich. Es ist im höchsten Grade bedauerlich, daß diese beiden Zähne nach Amerika wanderten, da sie aus Deutsch-Ostafriia stammten, dort nach meinen Erkundigungen im Jahre 1898 von farbigen Elefantenjägern erbeutet wurden und die schwersten Zähne darstellen, die überhaupt bekannt geworden sind!) Indiens Bevölkerung huldigt heute noch stellenweise dem heiligen weißen Elefanten in ähnlicher Weise. Dem afrikanischen Elefanten, der in den letzten hundert Jahren zu Millionen von Menschenhand getötet worden ist, werden keine Denkmäler erbaut. Kaum die geringsten Überreste, außer einigen der gewaltigen Zähne, derentwegen der Mensch ihn tötete, werden in künftige Zeiten hinübergerettet werden, in Zeiten, in denen sein indischer Vetter, in den heiligen weißen Exemplaren, vielleicht noch immer verehrt werden wird ... John Hanning Speke , der mit seinem Landsmanne Grant vor wenigen Jahrzehnten den Viktoria-Njanza entdeckte, fand die Elefantenherden an seinen Ufern noch ganz harmlos. Die heute so scheuen Tiere kümmerten sich kaum darum, wenn einige getötet oder verwundet wurden: »die anderen liefen nur ein Stück fort und fingen wieder an, ihrer Nahrung nachzugehen.« Die Erfahrungen mit indischen Elefanten haben gezeigt, daß sich das kluge Riesentier, wenn es auch nur einigen Schutz genießt, durchaus nicht so wild und scheu verhält, wie der heute lebende afrikanische Elefant im allgemeinen. Denn dieser ist heutigentags eins der scheuesten und – namentlich in ausgewachsenen gewitzigten Exemplaren – am schwierigsten zu beobachtenden Tiere. Wer etwa anderer Ansicht sein sollte, den bitte ich seine abweichende Ansicht durch in der Wildnis aufgenommene Photogramme von unverletzten und nicht angeschossenen Elefanten erhärten zu wollen, Photogramme, welche uns den afrikanischen Elefanten in seiner Freiheit, in seinem Leben und Treiben zeigen! Mit Freuden würde ich mich dann eines Besseren belehren lassen. Bis dahin wird jedermann mir recht geben, wenn ich diese Natururkunden als Belege verlange zu den Erzählungen von Berichterstattern, die in Afrika Elefanten oft und nahe beobachtet haben wollen. Aufnahmen angeschossener Elefanten werden noch andauernd als »Natururkunden« wilder, unbeschossener afrikanischer Elefanten auf das unverfrorenste verbreitet. In ursprünglicher Häufigkeit kommt der afrikanische Elefant innerhalb des gesamten, gewaltigen schwarzen Erdteils wohl nicht mehr vor. Am häufigsten ist er noch in den menschenleeren Einöden zwischen Abessynien, dem Nil und den Gallaländern zu finden, ferner in den unzugänglichsten Teilen des Kongostaates, am Albert-Njanza und den Hinterländern von Nigeria und der Goldküste. Dort aber, wo die Entdecker des Viktoria-Njanza Elefanten noch zutraulich fanden, haben sich inzwischen die Verhältnisse erheblich geändert; Richard Kandt berichtet uns, daß allein ein einziger Elefantenjäger, ein später dem Klima erlegener Däne, im Russissigraben im Laufe der Jahre Hekatomben hingeschlachtet habe. Von höchster Tragik erscheint mir das Schicksal des heute noch lebenden afrikanischen Elefanten, eines von seinen indischen Vettern so wesentlich verschiedenen Tieres, das mit den nicht selten halbzahmen Rüsselträgern in Indien und Ceylon nicht zu verwechseln ist! Als Gegenstück zu einem früher auf der Insel Malta lebenden Elefanten der nur eine Höhe von etwa einem Meter erreichte, lebt nach Ansicht des erfahrenen Tierkenners Hagenbeck in Hamburg noch heute eine ähnliche Zwergform des Elefanten in noch unerforschten Gegenden Westafrikas. Das verwandte riesige Mammut wird, mit langem, dem nordischen Klima angepaßten Haarwuchs bedeckt, heute noch zuweilen wohlerhalten aus dem sibirischen Eis ausgegraben. Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen werden diese vom Eise konservierten Giganten zu einer Zeit aufgefunden, in der die Vernichtungswut gegen den verwandten Afrikaner ihren Höhepunkt erreicht hat, in der der Mensch über so unheimliche Waffen gebietet, den Tod auf so weite Entfernungen mit Sicherheit schleudert, daß dies Vernichtungswerk mit Rieseneile vor sich geht. Und seltsam! Dieser so weit vorgeschrittene Mensch mordet um des wenigen Elfenbeins halber erbarmungslos die letzten Reste des eigentlichen und wahren Beherrschers des afrikanischen Urwaldes und der afrikanischen Steppe. Er mordet ihn hauptsächlich eines Spieles halber! Man bedarf nämlich des Elfenbeins hauptsächlich, um daraus Billardkugeln herzustellen. Ist denn für diesen Zweck nicht ein dem Elfenbein gleichwertiger Ersatz herzustellen, von einer Technik, der fast nichts mehr als unmöglich gilt? A. H. Neumann , ein bekannter englischer Elefantenjäger, sagt, daß er bereits vor einigen Jahrzehnten im äquatorialen Afrika zu spät gekommen, zu spät in Mombas gelandet sei, um ohne große Mühe in Küstennähe reiche Elfenbeinernte zu halten. Er mußte bereits die fern gelegenen Gegenden zwischen dem Indischen Ozean und dem oberen Nillaufe aufsuchen, und erbeutete dort allerdings für etwa hunderttausend Mark Elfenbein während eines einzigen seiner mehrfachen Jagdzüge. Pulver und Blei arbeiteten inzwischen im schwarzen Erdteil Tag und Nacht. Es ist nicht der Weiße, der das Hauptvernichtungswerk vollbringt; nein, der Eingeborene erjagt den größten Teil des in den Handel gelangenden Elfenbeins. Schon seit geraumer Zeit steigen die Elfenbeinpreise andauernd und erreichen heute schon das Zehnfache von dem, was nach Brehms Angaben vor vierzig Jahren im Sudaan gültig war. Höchst seltsam erscheint es, daß unsere Kenntnis über die Lebensweise dieses Riesen der heutigen Tierwelt so außerordentlich gering und dürftig ist. Aus den Tagen Scipios wissen wir, daß der Mensch es vermocht hat, sich auch ihn gleich seinem indischen Vetter dienstbar zu machen. Dann aber dringt im Laufe der Jahrhunderte nur spärliche Kunde über den gewaltigen Rüsselträger zu uns, und die ungeheuren Herden trieben nach wie vor ihr Wesen ungestört in ihren weiten Gebieten. So war es bis zum Eindringen des Europäers in den gewaltigen afrikanischen Kontinent, bis zum Aufblühen der Schiffahrt unter Erschließung der Handelsverbindungen rund um Afrika. Elfenbein wurde mit einem Schlage ein allgemein begehrter Artikel. Aus unsäglich reichen Quellen schöpfte man da, und scheinbar unerschöpflich erschien der Reichtum an Elefantenzähnen. Im Westen Afrikas namentlich waren ja zweifelsohne hier und da große Schätze an Elfenbein bei Negerfürsten seit langer Zeit aufgestapelt. Aber unschwer schien es auch mit Hilfe des Feuergewehres, welches dem Menschen plötzlich eine andere Stellung der Tierwelt gegenüber gab, größte Mengen von Elefanten hinzuschlachten. Planmäßig wurde dieser Mord organisiert, und es dürfte schwierig sein, nachzurechnen, wie ungeheure Mengen von Elefanten erbeutet wurden. Bald war der Eingeborene, verführt durch den lockenden Gewinn, eifrig an dieser Vernichtung beteiligt, und seine primitiven Waffen wurden jetzt mehr denn früher in den Dienst der Elefantenjagd gestellt. In den früheren Jahrtausenden war das hier nicht geschehen, wenigstens nicht im großen Umfange; Mensch und Elefant hatten seit grauer Urzeit nebeneinander bestanden. Wozu auch hätte der Eingeborene unser Riesentier behelligen sollen, wo ihm doch so viele andere und minder wehrkräftige Jagdbeute zur Verfügung stand. Aber erst einmal mit Pulver und Blei vertraut geworden, heftete er sich an die Elefantenherden, und das Vernichtungswerk begann. So war gar bald in leicht erreichbaren Gegenden der Elefant dezimiert, und in der Neuzeit hat dann die Vernichtung ihren Höhepunkt erreicht. Ungeheuer sind die Mengen von Elfenbein, die in den letzten Jahrzehnten exportiert worden sind. Zahlen beweisen das am besten! Wurde doch der Antwerpener Elfenbeinmarkt allein gegen das letzte Jahrzehnt durchschnittlich mit den Zähnen von gegen 18 500 Elefanten jährlich versorgt, in den Jahren 1888 bis 1902 aber 3 212 700 Kilo Elfenbein dort eingeführt, während das durchschnittliche Zahngewicht etwa achtundeinhalb Kilo pro Zahn betrug und das Gesamtquantum fast ausschließlich vom Kongo herstammte. Im Jahre 1902 aber wurden allein in Antwerpen 322 300 Kilo Elfenbein verkauft!! In ähnlicher Höhe bewegt sich die Einfuhr an den übrigen hauptsächlichsten Elfenbeinhandelsplätzen der Welt, und diese Ziffern geben uns ein treues, wenn auch unsäglich trauriges Bild der Vernichtung des edlen Tieres. Ungeheuer sind die an einigen Handelsplätzen aufgestapelten Elfenbeinvorräte. Ihre späteren Eigentümer werden in kürzester Zeit – wenn erst einmal die von ihnen sehnlichst erstrebte vollkommene Ausrottung des afrikanischen Elefanten erreicht ist, diese Ware rapid im Preise heraufschrauben und zweifelsohne das heute nicht mehr sehr beliebte Elfenbein wieder als Modeartikel einzuführen wissen. – – – – Alle diese Elefanten wurden hingeschlachtet nur ihres Elfenbeins halber. Es spricht der hochentwickelten Technik unserer Zeit Hohn, daß sie nicht vermocht hat, ein Surrogat zu finden, welches Elfenbein gleichwertig zu ersetzen vermag. Ein glückliches Schicksal hat den indischen Elefanten vor dieser Vernichtung bewahrt, weil die weiblichen Tiere des asiatischen Elefanten kein oder nur sehr wenig Elfenbein tragen, und auch die Bullen nur selten eine starke Stoßzahnentwicklung zeigen. Im Gegensatz dazu stehen die enormen Stoßzähne seines afrikanischen Vetters. Die Elefantenkühe tragen in Afrika, je nach den zoogeographischen Abarten, »Pembe« von je 10 bis 30 Pfund Gewicht pro Zahn. Nur außerordentlich selten wird dieses Gewicht überschritten bis zur Höchstgrenze von etwa 40 Pfund. Dafür erreichen die männlichen Elefanten zuweilen ganz außerordentliche Zahngrößen. Allerdings variiert diese Entwicklung der Stoßzähne außerordentlich, und ein Durchschnittsgewicht von etwa einem halben Zentner der Zahn dürfte der Wahrheit sehr nahe kommen. Jedenfalls erachteten die englischen Offiziere in Britisch-Westafrika vor Jahren einen Elefantenzahn von gegen einundeinemhalben Zentner für würdig, dem damaligen Prinzen von Wales als Hochzeitsangebinde dargebracht zu werden. Nichtsdestoweniger wird dieses Gewicht in einzelnen Fällen um ein Erhebliches übertroffen. So wurde gegen das Jahr 1898 in der Nähe des Kilimandscharo von gewerbsmäßigen schwarzen Elefantenjägern ein uralter, nach meinen Erkundungen schon fast greisenhafter Bulle erlegt, der Zähne von zusammen etwa 450 Pfund trug! Beide Zähne gelangten auf den Elfenbeinmarkt in Sansibar. Leider gelang es mir nicht, sie für ein vaterländisches Museum zu retten, obwohl ich Auftrag gegeben hatte, eine namhafte Summe für diese einzigartigen Objekte zu bieten. Sie gingen vielmehr nach Amerika, und mein abermaliger Versuch, meinerseits sie für ein vaterländisches Museum zu erwerben, scheiterte an dem telegraphisch verlangten Preis von 21 000 Mark. Späterhin gelangte einer von diesen Zähnen in das Britische Museum in London. Ich glaube mich nicht allzusehr der Kritik der besten Kenner dieser Verhältnisse auszusetzen, wenn ich behaupte, daß dieser Elefant zweifelsohne der gewaltigste 1898 lebende Zahnträger im ganzen weiten Afrika war. Es haben diese Zähne seinerzeit größtes Aufsehen unter der gesamten Handelswelt der ostafrikanischen Küste gemacht. Die hundertjährigen Traditionen und die Buchführung der indischen Händlerfamilien berichten nicht ein zweites Mal von solchen Zähnen! Aus der beigefügten Abbildung ergeben sich die ungeheuren Dimensionen dieser für unser Vaterland wohl für immer verlorenen herrlichen Zähne. Hierbei tritt es uns ganz besonders wieder ins Bewußtsein, daß leider bis zum heutigen Tage kein einziges Museum der Welt einen so gewaltigen afrikanischen Elefantenbullen als Schaustück aufzuweisen hat, aus Gründen, die ich an anderer Stelle schon aufgeführt habe. Zähne von über 50 Kilogramm Gewicht kommen selten vor. Es richtet sich die Größe der Zähne nicht immer nach dem Alter und der Größe ihres Trägers; vielmehr variiert die Ausbildung der Zähne nicht nur innerhalb der zoo-geographischen Abarten, sondern verhält sich auch innerhalb der einzelnen Familien in bezug auf Größe verschieden. Es gibt Herden, welche eine geringere Zahnentwicklung zeigen wie andere. So scheint es, daß im Süden des afrikanischen Kontinents die Elefanten weder an Größe noch an Ausbildung der Zähne diejenigen des äquatorialen Afrikas erreicht haben. Für diesen Umstand spricht namentlich das Material, das gegen die siebziger Jahre vorigen Jahrhunderts aus Matabele- und Mashonaland an die Küste gelangte, Ländern, in welchen der Elefant heute völlig verschwunden ist. Soweit mir bekannt, weisen die Zahngewichte und Maße der schwersten und längsten heute bekannten Elefantenzähne in der ganzen Welt folgende Zahlen (für den einzelnen Zahn) in englischen Pfunden auf, während die Maße in englischen Fuß und Zoll gegeben seien Die Maße und Zahlen sind dem Werke »Records of Big game« von Rowland Ward entnommen. (Die Zahngewichte des Urelefanten, der unsern heute lebenden Elefanten fast um das doppelte an Größe übertraf, vermag ich leider nicht anzugeben. Jedoch übertrafen seine Zähne alle vorgenannten Arten an Größe und Gewicht sehr beträchtlich.) :   Gewicht Länge Größter Umfang Afrikanischer Elefant (Elephas africanus) 247 9 10 19¼ 226½ 10 2½ 24¼ 175 8 5 23⅞ Indischer Elefant (Elephas indicus L.) 109 6 1 – 106 6 11 15½ 100 6 0 – 81 8 9 17¼ Mammuth (Elephas primigenius) 173 11 20⅞ Alte, starke Bullen mit sehr großen Zähnen, sogenannte Einzelgänger, sind im allgemeinen nicht mehr gefürchtet als Mitglieder der Herde, sind jedoch infolge ihrer Größe und ihrer enormen Schädelausbildung ganz fraglos und erfahrungsgemäß schwieriger zu töten als geringere Tiere. In den Herden finden sich, wenn auch selten, zahnlose Kühe und noch viel seltener zahnlose Bullen, und beide gelten als besonders angriffslustig und gefährlich. Aus den Berichten der verschiedenen Elefantenjäger geht immer wieder hervor, daß unter Umständen alte, starke Elefantenbullen eine ganz unglaublich große Anzahl von Schüssen – bis zu fünfzig Kugeln und mehr – erhielten, ehe sie zur Strecke gebracht waren. Ebenso ist es eine Erfahrungssache, die ich in den Kreisen schwarzer Elefantenjäger oftmals bestätigt hörte, daß die in verhältnismäßig flachen Gegenden mit günstigen Bodenverhältnissen lebenden Elefanten im allgemeinen unbeschädigte und gesunde Zähne haben, aber solche aus bergigen Gegenden oft abgebrochene und beschädigte. Über die Ursachen dieser Zahnbeschädigungen, die bis dahin verschiedenartig erklärt wurden, entnehme ich englischen Quellen, konnte es auch selbst feststellen, daß die Tiere sich zuweilen ihre Zähne beim Herausheben oder Herausbrechen von Baumwurzeln aus dem Erdboden abbrechen. Ich selbst habe aber auch, vom Zufall begünstigt, in felsigen Engpässen den frischen Spuren – und zwar nicht etwa beunruhigter Herden – folgend, bemerkt, daß sich die Elefanten beim Passieren dieser Engpässe in den Felsen an abschüssigen Stellen Zahnspitzen und Zahnsplitter von oft erstaunlicher Größe abbrachen. Solche Stücke habe ich in meiner Sammlung aufbewahrt. Mit großem Geschick macht der Elefant Gebrauch von seinen Zähnen, indem er von Bäumen wenige Fuß über dem Erdboden Rindenstücke abstößt, um sie zu verzehren, oder auch, ihres Saftes durch Auskauen beraubt, wieder fallen zu lassen. Sind diese Baumrinden von zäher Beschaffenheit, so faßt das Tier die abgestoßenen Rindenstücke mit dem Rüssel und reißt sie vom Baumstamme in einem langen Streifen ab. In vielen Fällen aber bevorzugt er gewisse Bäume, deren Rinde, von spröder Natur, durch den Stoß des Zahnes ohne weiteres sich vom Baumstamme löst. Solches pflegen die Elefanten oft auf dem Marsche zu bewerkstelligen, ohne anzuhalten. Ich konnte oft stundenweit den Herden durch die Baumsteppe folgen, nur nach diesen weithinleuchtenden Merkmalen an den Bäumen. Oft mußte ich mich dabei unwillkürlich an Robinson Crusoe erinnern, von dem uns ja ähnliches erzählt worden ist. Auf diesen Wegen, welche die Herde durch die Steppe nimmt, begegnet man ebenso oft niedergetretenen kleinen und mittleren Bäumen, die der Elefant mit seinem mächtigen Fuße zu Boden gedrückt und auch mit seinen Stoßzähnen abgeknickt hat. Ich bin der Ansicht, daß sowohl das Abstoßen der Rindenstücke, als auch das Abbrechen der Bäume die starke Entwicklung der Stoßzähne veranlaßt, abgesehen von ihrem Gebrauch bei den Kämpfen der Bullen untereinander. In einzelnen Fällen geschah dies Umstürzen der Bäume, scheinbar ohne daß Teile des Baumes als Nahrung aufgenommen worden waren. Die Fährten der Elefanten prägen sich zur Zeit der »Masika«, der großen Regenzeit, oft außerordentlich tief aus. Die dann von den Tieren getretenen Löcher sind oft von erstaunlicher Tiefe. Im flüchtigen Staube des Steppenbodens, zur trocknen Zeit, kann man die Frische der Fährte unschwer erkennen an der ganz scharf ausgeprägten oder bereits ein wenig verwischten Struktur der Fußballen. Die Bullen sind stets kenntlich an den sehr langen, schmalen Fährten der Hinterfüße. Im Gegensatze dazu sind die Fährten der Kühe mehr gleichförmig rundlich. Als Nahrung des Elefanten habe ich in Ostafrika ausschließlich Baumzweige, Baumrinde und Baumfrüchte unter Ausschluß aller eigentlichen Gräser festgestellt. Professor Volckens , welcher in den Höhenlagen des Kilimandscharo zwischen 2000 und 3000 Meter vielfach die Losung der Elefanten untersuchte, fand dort Panicum- und Cyperusarten, also Schilfgräser, in den Resten vor. Die mir zugänglichen besten Quellen über die Lebensweise des Elefanten berichten meinen Beobachtungen entsprechend. Hingegen habe ich stets und immer gefunden, daß der Elefant mehrere Sansevierenarten ( Sanseviera cylindrica ) u. a. m. aufnimmt, daß er aber meist die ausgekauten Stengel wieder fallen läßt, die dann, von der Sonne bald weiß gebleicht, weithin auf dem Steppenboden sichtbar sind. Solche ausgekauten Bündel, deren meine Sammlung einige aufweist, sind Zuweilen von erheblicher Größe. Immerhin scheint auch ein gewisses Quantum dieser Sansevieren dem Magen einverleibt zu werden, wie es ein ebenfalls ausgeprägter Sansevierenäser, das kleine Kudu oder Schraubenantilope ( Strepsiceros imberbis Blyth. ), nach meinen Beobachtungen mit Vorliebe tut. Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß diese Sansevieren einen erheblichen Wassergehalt besitzen und gerade in den aridesten (ödesten) Steppengegenden vorkommend den Elefanten einen, wenn auch notdürftigen, Ersatz für Wasser gewähren. Der eigentliche Aufenthaltsort des Elefanten im ost-äquatorialen Afrika ist nicht etwa, wie der Laie vermuten würde, der kühle, schattige Hochwald, sondern vielmehr da, wo er sich nicht allzusehr verfolgt weiß, und namentlich in der Regenzeit die Baumsteppe, sonst aber jene dichten Bestände von außerordentlich hohem Gras, schilfbestandene Flußufer und jene Dickichte, die in einer gewissen Höhenlage der Berge einen schützenden und undurchdringlichen Aufenthaltsort bilden. Diese vom Elefanten bevorzugten Bestände liegen gemeiniglich in einer Höhenlage, die ab und zu während des ganzen Jahres einigen Regen erhält. Sie werden von den Masai und Wandorobbo allgemein mit dem Worte »subugo« bezeichnet. Von ihnen schweift der Elefant dann oft sehr weit zur Regenzeit in Wald und Steppen. Namentlich die gewitzigten alten Bullen verlassen die schützenden Bergwälder meist nur in der großen Regenzeit. Diese Bestände bilden oft ein undurchdringliches Dickicht, betretbar nur auf den von Elefanten und Rhinozerossen benutzten Wechseln. Während unsere Dickhäuter mit Leichtigkeit sich ihre Wege durch dies grüne Reich zu bahnen wissen, vermag der Mensch nur sehr mühsam in ihm fortzukommen, und namentlich, wenn angeschossene oder böse Elefanten den Menschen verfolgen, wird dieser auf Schritt und Tritt von der Vegetation an der Flucht gehindert, während Elefant und Rhinozeros, mit Leichtigkeit alle diese Hindernisse durchbrechend, dem Jäger außerordentlich gefährlich werden können. Die dem afrikanischen Elefanten zusagenden Örtlichkeiten sind somit räumlich relativ beschränkt. Da er sie in Gegenden, wo er gejagt wird – und das ist fast überall – nur zur Nachtzeit zu verlassen pflegt, so kommt es, daß Europäer oft viele Jahre lang keinen Elefanten zu Gesicht bekommen. Der frühere Kommandant eines Forts am Kilimandscharo hat, wie er mir selbst erzählt hat, während eines siebenjährigen Aufenthalts und trotz der vielfachen Expeditionen an diesem Berge niemals einen Elefanten zu Gesicht bekommen. Ähnlich ist es den meisten Europäern ergangen, und gegenteiligen Berichten ist mit Vorsicht entgegenzutreten. Aus dem Umstande aber, daß die Elefanten sehr beweglich sind, als ausgezeichnete Bergsteiger bis zu einer höhe von 3500 Meter ins Gebirge aufsteigen, und hin und her wandern, haben selbst sehr kritische und in ihren Urteilen vorsichtige Männer ganz falsche Schlüsse ziehen müssen. So spricht Prof. Hans Meyer in seinem schönen Werke »Der Kilimandjaro« von einem großen Elefantenreichtum an diesem Berge; er glaubt, daß bei rationellerer Jagd sich größere Ausbeute an Elfenbein leicht erzielen ließe! Dieses Urteil sprach er aus zu einer Zeit, als durch die gewerbsmäßigen Jäger, denen das Monopol der Jagd übertragen worden, bereits der Elefantenbestand fast ganz vernichtet war. Unter Vernichtung verstehe ich in diesem Falle die Reduzierung des Bestandes auf etwa eintausend Stück Elefanten im gesamten Bezirke des Kilimandscharo, also innerhalb eines Areals von ungeheurer Ausdehnung, das etwa begrenzt wird von einer Linie, welche, beginnend von der englischen Grenze, über Ngurumān, Eyássi-See, Umbúgwe verläuft, bis abermals zur englischen Grenze durch die Mitte des Paregebirges. In diesem Gebiete war, so vermute ich auf Grund meiner sorgfältigen Erkundigungen, noch vor wenigen Jahrzehnten ein Bestand von vielen tausend Elefanten! Heute (1920) dürften infolge der unvernünftigen Nachstellungen nur wenige Elefanten sich ständig in diesem Reviere befinden. In Südafrika ist es den Behörden gelungen, seit dem Jahre 1830 in der Kapkolonie, in den Zitzikamma- und Knysnawäldern, einige große Elefantenherden zu erhalten. Sollte dies uns an so geeigneten Örtlichkeiten wie den Wäldern des Kilimandscharo unmöglich sein? Man bedenke hierbei, daß der größte Teil des Berges im Regenschatten liegt und niemals weder Eingeborene noch Europäer als Ansiedler wird aufnehmen können. Nur schwer macht sich die kühnste Phantasie einen Begriff von der Menge dieser Tiere in vergangener Zeit. Durch die reiche Literatur, die das Leben und Treiben der Ansiedler und Jäger Südafrikas im Laufe der beiden letzten Jahrhunderte behandelt, kennen wir die Schilderungen der damaligen Verhältnisse aus der Feder einer Reihe glaubwürdiger Jäger. Damals hatten sie es mit Herden von hundert und aber hundert Elefanten zu tun, die gar bald dem Pulver und Blei der berittenen Jäger unterliegen mußten. War doch vor hundert Jahren selbst das, was man heute Deutsch-Südwestafrika nennt, noch sehr reich an Elefanten und Nashörnern, während heute beide Tierarten dort völlig ausgestorben sind. Die Jagd spielte sich damals vielfach so ab, daß einige Berittene sich an die Fersen der Herden hefteten und die angreifenden Elefanten von anderen Reitern vom Objekte ihres Angriffs abgelenkt wurden. So konnten oft ganze Herden vernichtet werden. Heute ist der Elefant aus Südafrika fast ganz verschwunden, mit Ausnahme einiger weniger Herden in sehr ungesunden Landstrichen und einer Anzahl gehegter Exemplare in der Nähe von Kapstadt. Von dem früheren Reichtum an Elefanten in Ostafrika zeugen die Angaben der Schwarzen, die bis vor kurzer Zeit in Karawanen von Hunderten von Menschen in die Masaisteppe zu gewerbsmäßigem Einhandeln von Elfenbein hinauszogen, beladen mit einer Anzahl von Tauschwaren verschiedener Art. Im späteren Deutsch-Ostafrika nahmen diese Karawanen unter anderm ihren Ausgangspunkt von dem Hafenort Pangani, jenem Emporium des Sklavenhandels, um über Arusha Chini und Arusha Djou in die Masailänder zu ziehen. Ein Jahr oder auch mehrere die Länder zwischen Küste und Viktoriasee durchziehend, tauschten sie ihre Waren gegen Elfenbein ein, das ihnen hauptsächlich von den Wandorobbo, jenem Zweigstamm der Masai, geliefert wurde, später aber, aufmerksam geworden auf den Wert des Elfenbeins, widmeten sich auch die Masai-Moran der Elefantenjagd und lieferten ebenfalls den Küstenkarawanen das begehrte Objekt. Im dornenverschanzten Lager verbrachten die Küstenleute ihre Nächte, sich so schützend gegen die Überfälle der Masaikrieger, welche stets versuchten, auch auf illegale Weise von den Fremdlingen Nutzen zu ziehen. Tagsüber aber entstand ein Handeln und Feilschen um Elfenbein. Zu solchem Beginnen gehörte Geduld, und tage-, oft wochenlang dauerte der Handel um einige Zähne. Endlich war die Karawane mit Elfenbein beladen und zog zur Küste zurück, wo dann Hunderte von Zähnen auf einmal abgeliefert wurden. Manches gab es da zu beachten. So durfte die Karawane, wie der verstorbene Dr. Oskar Baumann bekundet, kein Elfenbein über ein Bohnenfeld führen; das hätte Unheil gebracht. Auch erlag mancher Teilnehmer der Karawane den Strapazen oder endete sein Leben bei Streitigkeiten mit den Masai. Alle Leute aber waren mit Vorderladern bewaffnet. Organisiert waren diese Handelszüge von Arabern oder Indern an der Küste, welche den Karawanenleuten Vorschuß gegeben hatten und den Löwenanteil des Gewinnes für sich beanspruchten. So wurde die Steppe nach allen Richtungen durchzogen und Ende des letzten Jahrhunderts von Elfenbein und Elefanten entblößt. Märchenhaft muten den heutigen Reisenden die Elfenbeinmengen an, die allein die Masaisteppe damals lieferte! Belegt aber werden diese Angaben untrüglich durch die Zeugnisse der alten indischen Händler, deren Gedächtnis in diesen Dingen zweifelsohne mit den korrekt geführten Büchern eines europäischen Kaufmannes in Wettbewerb treten kann. Eine geschickte Kombination vereinigte Elfenbeintransport und Sklavenhandel, denn auf den Schultern geraubter und gekaufter Sklaven wurde das wertvolle Gut vielfach zur Küste befördert. Auf diese einfache Weise löste man die Trägerfrage für die begehrten Schätze. So ist es zu begreifen, daß gar bald das Elfenbein seltener wurde, zumal Pulver und Blei in Mengen als Tauschware ins Innere gebracht wurden und erst recht die Völker des Innern in den Stand setzte, Wild und Elefanten zu vernichten. Es mutet den Leser gewiß fremdartig an, wenn er hört, daß alles dieses hauptsächlich geschah, um den Billardspielern der Welt das Material für ihre Bälle zu verschaffen, wie es in schöner weicher Beschaffenheit leider hauptsächlich die afrikanische Elefantenkuh liefert. Vor sechs Jahren lagen die in Frage kommenden Handelsverhältnisse in Deutsch-Ostafrika völlig anders. Immer noch durchzogen kleinere Karawanen, ausgerüstet zu diesem Handel, die Länder, aber nur wenige größere Unternehmungen dieser Art vereinigten eine erhebliche Anzahl von Schwarzen, die dann notgedrungen außerordentlich weit ins Innere ziehen mußten. Eine solche Karawane fand ich im Jahre 1896 in Stärke von etwa vierhundert Mann. Ihr Ziel waren die Länder zwischen Rudolfsee und Nil, eine Gegend, die wenig bekannt, heute noch großen Reichtum an Elefanten birgt. Solche gewerbsmäßige Elefantenjäger durchstreiften oft weite Gebiete und räumten unter den Elefanten gewaltig auf. Sie sind ausnahmslos bewaffnet mit Vorderladern und pflegen namentlich auf starke Elefanten nur zu dreien oder mehreren vereint ihre Schüsse abzugeben. Sie jagen im eigentlichen Aufenthaltsreviere unserer Dickhäuter, der dicht verwachsenen Wildnis, da sie nur auf nächste Entfernungen schießen. Nach abgegebenem Schuß pflegen sie sofort die Flucht zu ergreifen, da der Elefant sich in vielen Fällen auf die entstehende starke Pulverwolke stürzt. Angeschossenen Exemplaren folgen sie oft viele Tage weit. Jeder Schütze bezeichnet die von ihm verwandten eisernen Kugeln, deren er nebst starker Pulverladung mehrere zu laden pflegt, mit einem Zeichen. Er ist so imstande, festzustellen, wer von den Schützen den eigentlichen tödlichen Schuß abgegeben hat. Diese sogenannten »vertrauenswürdigen Fundi«, wie sie euphemistisch vor einigen Jahren getauft worden sind, hüten und wahren ihre Geheimnisse meisterhaft und wissen den Behörden gegenüber ihre Tätigkeit im rosigsten Lichte zu schildern. Stets berichten sie von einer großen Anzahl ihnen bekannter Elefantenherden. An der Vernichtung dieser Herden sind sie dagegen völlig unschuldig! In Wahrheit spielen sie jedoch eine verderbliche Rolle. Hinter ihre Ränke und Schliche kommt nur der, der jahrelang ihren Pfaden folgt. Sie vernichten zweifelsohne die letzten Reste der Elefanten, genau so, wie der mit der Muskete bewaffnete Schwarze Mitte des 19. Jahrhunderts in Südafrika Elefant und Nashorn im Auftrage weißer Händler vernichtete. Diese Jäger tragen Amulette, auf deren Schutz sie fest vertrauen, und im Glauben an ihre Zauberkraft nähern sie sich den Elefanten oft vollkommen furchtlos. Fraglos gibt ihnen dies einen gewissen Vorteil dem die Gefahr richtig abschätzenden Europäer gegenüber. Nach Erlegung einer Anzahl Elefanten geben sie sich oft nur mit der Bereitung von Zauberkünsten für Elefantenjäger ab, organisieren die Jagden, bleiben aber selbst wohlweislich im Hintergrunde, durch böse Erfahrungen gewitzigt. Bemerkenswert ist es, daß sie in den mir bekannten Gegenden meinen, keine Frauen mit in die Wildnis nehmen zu dürfen, wenn die Jagd erfolgreich sein soll. Sie pflegen bei Annäherung an Elefanten ihre Kleidungsstücke fast völlig abzulegen und reiben sich den ganzen Körper, vor allen Dingen aber die Achselhöhle, mit Erde intensiv ein. So sehen wir hier den Jäger genau dasselbe tun, wie das von ihm verfolgte Wild. Es ist wohl zweifellos, daß das Wälzen der Nashörner und Elefanten im Schlamm und das Bestreuen ihres Körpers mit Sand von seiten letzterer, wie auch das Einreiben mit Ocker und Fett seitens des Masaivolkes hauptsächlich dazu dient, Parasiten abzuhalten. Diese Jäger haben eine große Kenntnis der Gewohnheiten des von ihnen verfolgten Wildes, aber sehr schwer ist es, ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken. Das gelingt nur, wenn man selbst gewissermaßen als »Kollege« von ihnen betrachtet wird. Andernfalls lieben sie es, die unglaublichsten Märchen zu produzieren. An einzelnen Quellen fand ich Dutzende und abermals Dutzende der von diesen »Wakúa« hingemordeten Nashörner. Auch haben sie unter den ihnen ihrer Größe wegen zur Verpflegung ihrer Karawane besonders erwünschten Giraffen erhebliche Verwüstungen angerichtet. Ähnlich ging es zuverlässigen Nachrichten zufolge in vielen anderen Teilen des Landes zur selben Zeit. Die Wandorobbo, vor allem aber die Wakamba, stellen den Elefanten mit vergifteten Pfeilen nach. Die angeschossenen Elefanten werden oft tagelang verfolgt. Solche Tiere sowohl, wie auch durch Feuergewehre erlegte, gehen nur sehr selten verloren, da die Eingeborenen mit größtem Geschick die getöteten aufzufinden verstehen, indem sie durch die sich ansammelnden Geier und Marabus buchstäblich zu ihnen hingeführt werden. Einige Wandorobbostämme pflegen auch vergiftete Stoßspeere zu benutzen, doch jagten die Wandorobbo am Kilimandscharo ausschließlich mit vergifteten Pfeilen. Ich habe zweimal bei der Verfolgung von Elefantenrudeln, die kurz vorher von Wakamba bejagt worden waren, plötzlich abgebrochene Pfeilschäfte gefunden. Fallgruben, wie sie am Kilimandscharo früher gemein waren, aber auch heute noch nicht selten angetroffen werden, weiß der Elefant häufig geschickt zu vermeiden; da sie jedoch zahlreich, meisterhaft verdeckt und an geeigneten Stellen angelegt werden, so erfüllen sie dennoch häufig ihren Zweck. Vor allem aber sind Fallgruben geeignet, die verschiedenen Wildarten, namentlich aber Elefanten, aus einem weiten Revier zu vergrämen . Bald wird der gewerbsmäßige Elfenbeinhandel zu den verklungenen Sagen gehören; der nicht sachverständige Europäer, auch der drüben sich aufhaltende, lächelt schon heute ungläubig, wenn man ihm erzählt, wie es früher gewesen. Leichter wird es mir, mich in das Einst hineinzuversetzen, wenn ich den von mir noch aufgefundenen großen Bestand an Nashörnern in Vergleich ziehe, einer Tierart, die gar bald das Schicksal des Elefanten teilen wird, und je schneller, um so mehr der Preis ihrer Hörner als Handelsware steigt. Außerordentlich bemerkenswert ist die Anpassungsfähigkeit des »Tempo«, wie die Waswahili den Elefanten nennen, an die veränderten Verhältnisse der Jetztzeit. Während nach dem Zeugnisse zuverlässiger Reisender in längst vergangenen Tagen der Elefant den Menschen verhältnismäßig wenig fürchtete, hat er heute in viel beunruhigten Gegenden sein Verhalten völlig verändert. Sich, wie schon angeführt, zur Tageszeit im Dickicht aufhaltend, wechselt er hauptsächlich bei Nacht über weite Strecken fort. Zur Regenzeit zerstreut er sich über die grünende wasserreiche Steppe. In der trocknen Zeit aber hält er sich in wenig zugänglichen, dicht verwachsenen Örtlichkeiten auf. In Südafrika haben sich die wenigen erhaltenen Herden dieser Lebensweise angepaßt. Das Auffinden einer frischen Elefantenfährte garantiert dem Jäger auch in Ostafrika in den wenigsten Fällen ein Erreichen der Herde. Sie bewegt sich vielmehr – unter Umständen – mit einer Schnelligkeit, welche der eines schnellaufenden Menschen entspricht, vorwärts bis zur nächsten Deckung, dem nächsten Sumpfe oder den nächsten Bergen, oder aber bis zu einem fast unerreichbar weit gelegenen Punkte der Steppe. Ist ein Elefantenrudel argwöhnisch geworden, so kann man ihm unter Umständen stundenlang durch die Nyika folgen, ohne aus den Fährten ausmachen zu können, aus wieviel Stücken das Rudel besteht. Ein Tier tritt fast genau in die Fährte des anderen, und dies kann sich sehr lange fortsetzen, bevor die Herde, sich sicherer fühlend, wiederum auseinandergeht. Lange Zeit auch machen Elefantenherden scheinbar niemals Rast, sondern wechseln andauernd ihren Standort so schnell, daß ein Erreichen unmöglich ist. Mit einem Scharfsinn ohnegleichen, der nur durch die erstaunlichste Witterungsfähigkeit zu erklären ist, machen Elefanten aus, daß viele Tage weit von ihrem Standorte entfernt Regen niedergegangen ist. So verschwinden sie plötzlich und halten sich nun in der Nähe von Tümpeln in der Steppe auf, erst dann die Gegend verlassend, wenn diese Wasserstellen ausgetrocknet oder die Tiere an ihnen gestört worden sind. Selbstredend kann es trotz alledem vorkommen, daß man durch Zufall hier und da – dicht an Wegen etwa – auf Elefanten stößt. Ja es scheint sogar nach meinen Beobachtungen, daß einzelne gewitzigte Tiere, in ihren eigentlichen Standorten durch Jäger beunruhigt, versuchen, in der Nähe von Ansiedlungen der Eingeborenen für Tage und selbst Wochen ihr Quartier zu nehmen, durch Erfahrung unterrichtet, daß ihnen dort nicht nachgestellt wird. Es ist interessant, zu beobachten, welches Fieber selbst Europäer ergreift, die zu Hause wohl kaum Jäger gewesen, es hier doch nicht unterlassen können, zu mehreren vereint, ihre kleinkalibrigen Waffen auf die gewaltigen Tiere zu entladen, um dann, möglichst in photographischer Aufnahme verewigt, als kühne Elefantenjäger sich abgebildet zu sehen. Gerade in der Nähe der Stationen wäre einzig und allein der Schutz jener Reliquien der Tierwelt durchzuführen, wie auch in der Nähe von Eisenbahnen. Wenn das nicht geschieht, wie kann man da verlangen, daß fernab von europäischer Kontrolle in der weiten Steppe der unbeaufsichtigte Europäer oder Schwarze die Schutzverordnungen respektiert! Ist es doch vorgekommen, daß ganze Abteilungen schwarzer Askaris unter europäischer Führung gemeinsam ein Feuer auf Elefantenherden eröffnet haben! Späterhin hatten sich die Verhältnisse dahin geändert, daß nach allen unklaren und vagen Bestimmungen früherer Jahre der Gouverneur Graf Götzen Schutzreviere eingerichtet und Verordnungen erlassen hatte, die beispielsweise im Bezirk der Station Moschi die Elefanten sakrosankt gemacht hatten. Jedenfalls waren diese Schutzgesetze mit hoher Freude zu begrüßen und halfen Mißstände beseitigen, die ein so guter Kenner in Frage kommender Verhältnisse wie Dr. Ludwig Heck vor Jahren dadurch geißelte, daß er in seinem »Tierreiche« auf die »recht befremdlichen Elefantenjagdgeschichten« aufmerksam macht, die hier und da von amtlichen Persönlichkeiten in die Presse gedrungen sind. Leider wurden die zweckmäßigen Schutzgesetze unter dem späteren Regime wieder aufgehoben. Bilden diese »Jagdgeschichten« traurige Dokumente zum Verschwinden des afrikanischen Elefanten, so schließen sie sich den Elaboraten jener Leute würdig an, die in den Jagdzeitungen leider ausführen durften, wie sie es den Nashornen ( sic !) und Nilpferden »besorgen« wollen, wenn sie erst wieder »hinüber« kommen. Leider sind diese Leute auch heute beschämenderweise noch zahlreicher, als man denken sollte. So hörte ich beispielsweise die traurige Ansicht äußern, Ostafrika könne erst dann sich wirtschaftlich heben, wenn alles »Wild« vernichtet sei. Die Schnelligkeit, welche der Elefant entwickeln kann, wenn er angreift oder flüchtig wird, ist eine ganz außerordentliche, wie ich in den Fällen beobachten konnte, in denen ich entweder angenommen wurde oder Elefanten vor mir auf flachem oder selbst auf dem zerrissensten Bergterrain flüchtig wurden. Die Fortbewegungsart des Elefanten ist ein schnellfördernder Trab und nicht etwa Galopp. Dieser Trab ist vollkommen geräuschlos , und daher wirkt das mächtige Tier namentlich zur Nachtzeit fast geisterhaft, ebenso wie das Nashorn und das Flußpferd. Nur auf dem tennengleichen Boden der Steppe zur Trockenzeit verursacht die trabende Herde ein donnerndes Poltern, sonst aber vernimmt man fast kein Geräusch der sich bewegenden Tiere. Die Elefanten sind befähigt, steile Berge zu überschreiten und sind zweifellos ausgezeichnete Bergsteiger, die im Verein mit Nashörnern in weicheren Felsen im Laufe der Jahrtausende tiefe Pfade auf steilsten Berggipfeln eingetreten haben. Sie wechseln auch über Bergrücken steilster Art, lassen sich unter Umständen auch Bergabhänge in einer halbsitzenden Stellung herunterrutschen bis zu erheblichen Tiefen. Ihre Geschicklichkeit darin konnte man in den letzten Jahren ja auch in den Zirkussen Europas bewundern, wo sie bei den so beliebten Pantomimen von der Decke des Zirkus bis in die Manege in sitzender Stellung auf einer Rutschbahn ins Wasser herabglitten. Alles in allem ist ihre Bewegungsfähigkeit zu vergleichen mit der von anscheinend korpulenten, aber doch außerordentlich gewandten Athleten, über deren schnelle Bewegungsfähigkeit trotz anscheinender Plumpheit man sich ja auch oft höchlichst wundern muß. Man muß es gesehen haben, wie ein 37 jähriger riesiger indischer Elefantenbulle aus der kleinen Schiebetür eines Spezialeisenbahnwagens sich herauswindet und dreht, um zu begreifen, wie gewandt dies anscheinend so plumpe Tier sich zu bewegen versteht; wie man es auch selbst gesehen haben muß, mit welcher Geschicklichkeit dressierte Elefanten sich auf den Kopf stellen können! Bemerkenswert ist es, daß der Elefant in gesundem Zustand in der Freiheit nur selten sich zu legen scheint. Ausnahmen von dieser Regel lassen sich meiner Ansicht nach dadurch erklären, daß es sich bei etwa liegend angetroffenen Elefanten um krank geschossene und dahinsiechende Tiere handelt. Die Elefantenjäger sind der Ansicht, daß jemand, der einen Elefanten liegend antrifft, sehr bald sterben muß. Ich vermag nicht zu sagen, ob sich der Elefant in Ländern, wo er weniger verfolgt wird wie in der Masaisteppe, vielleicht häufiger zur Ruhe hinlegt. – Die Art des Angriffs der Elefanten war in den von mir erlebten Fällen die, daß er sich mit weit vorgeklappten Ohren und unter einigen durchdringenden trompetenartigen Schreien – in zwei Fällen aber auch stumm – mit äußerster Schnelligkeit näherte. Zuverlässige, mir seit vielen Jahren bekannte Schwarze haben mir erzählt, daß der Elefant in einigen Fällen gewerbsmäßige schwarze Jäger angenommen, hingeworfen und mit den Zähnen durchbohrt habe. In einem Falle habe ein alter Bulle den Jäger vollkommen zerschlitzt, indem er mit dem Fuße seinen Kopf zertretend, den eingebohrten Zahn messerartig durch den ganzen Körper führte. Eine ganze Anzahl von Unglücksfällen mit Elefanten verliefen ähnlich; einer der tragischsten war wohl der Tod des Prinzen Ruspoli im Somallande. Es gilt als ausgemacht, daß eine Flucht, wenn möglich, seitwärts zu erfolgen habe, da der Elefant im allgemeinen geradeaus vorwärts seinen Angriff auszuführen pflegt. Das empfiehlt sich besonders deshalb, weil ja das Tier sich ausschließlich orientiert durch seinen fabelhaft ausgebildeten Geruchssinn, weniger durch sein schwaches Auge. Auch sein Hörvermögen ist außerordentlich gut. Beobachter, welche das in Zweifel ziehen, bedenken nicht, daß der Elefant in den meisten Fällen bereits durch seinen Geruchssinn über das Nahen des Feindes orientiert ist, ehe sein Gehör in Tätigkeit treten kann; ferner aber auch, daß Elefanten in der Herde vom Jäger verursachte Geräusche weniger beachten, weil sie ja an das Brechen und Knacken von Zweigen durch ihre Genossen außerordentlich gewöhnt sind. Einzelne erwachsene Elefanten aber werden auf das kleinste ihnen verdächtige Geräusch reagieren! Wenn man, wie ich, wochenlang bestimmte Elefanten hat beobachten können, begreift man erst, daß es überhaupt noch Reste dieser Tiere aus dem einstmaligen Reichtume gibt. Die von mir unten im Tale beobachteten und von meinem erhöhten Standpunkte leicht kontrollierbaren Elefanten gaben mir herrliche Gelegenheit zu sehen, wie sie mit Hilfe des hoch über ihr Haupt erhobenen Rüssels stets die leisesten Lufthauche, die ja vorzugsweise in Berggegenden wechseln, kontrollierten und so stets für ihre Sicherheit und die Sicherheit der Herde besorgt waren. In einem Falle fand ich zwei alte Elefantenbullen in Symbiose (Gesellschaft) mit einem alten Giraffenbullen. Etwa acht Tage lang konnte ich die drei befreundeten Tiere stets wieder zusammen beobachten. Offenbar unterstützten sie sich im Sicherheitsdienste, und es ergänzten sich hier die Elefanten als Tiere, die durch den Riechsinn leben, und die Giraffe als vorzüglich äugendes Tier. Meines Wissens ist das der erste Fall eines Nachweises des Vorkommens der Giraffe im dichten Bergwald zusammen mit Elefanten, während der englische Elefantenjäger A. H. Neumann Elefanten zusammen mit Grevys Zebras und Grantgazellen fand. Ich halte es nicht für Zufall, daß der Elefant vorzugsweise in bergigen Gegenden seinen Standort nimmt, weil dort je nach dem Stande der Sonne schnell ab- und zunehmende, ihre Richtung häufig wechselnde Winde auftreten und von ganz regelmäßigen Luftströmungen keine Rede ist. So ist unser Dickhäuter befähigt, stets und immer seinen feinen Geruchssinn zu Rate zu ziehen. So ungebunden und sorglos der Elefant sich dann verhält, wenn er sich sicher glaubt oder zur Nachtzeit ganz sicher weiß, so scheu und vorsichtig verhält er sich zur Tageszeit in gefährlichen Gegenden. Geräuschlos sich fortbewegend, den ganzen Tag in einem kleinen Reviere verharrend, stundenlang unter Schattenbäumen stehend, werden alte gewitzigte Tiere, mit Ausnahme der unvermeidlichen Verdauungsgeräusche, nie einen Ton vernehmen lassen. Sollte dennoch ein alter Elefant seinen Schrei ausstoßen, so wird es nur ein Zeichen des Alarms sein vor nahender Gefahr. Nur über jene Verdauungsgeräusche ist er nicht Herr, und bei dem geradezu unglaublichen Konsum an Baumzweigen und Blättern ist es leicht begreiflich, daß jenes mächtige Laboratorium, der Magen, welcher den ungeheuren Körper erhalten muß, nicht geräuschlos zu arbeiten imstande ist: ein für den sich nahenden Jäger höchst schätzbarer Umstand, der ihn in die Lage setzt, den Standort der einzelnen Tiere zu erkunden. Von Einfluß auf den Standort der Elefanten ist zweifellos auch das mehr oder minder häufige Auftreten von Schmarotzern, namentlich von Oestriden, in der Gattung Cobolldia , die unser Tier außerordentlich peinigen und quälen und vor denen er ratlos in schattige Dickichte sich zurückzieht. Die Schwarzen behaupten, daß der Elefant, wenn er auf die Fährte von Menschen kommt, sie mit seinem Rüssel prüft, auch wenn sie Stunden alt ist, und dann aus Vorsicht oft viele Meilen zwischen sich und seinen augenblicklichen Standort legt. Dies scheint mir nicht unwahrscheinlich bei der ausgesprochenen Gewohnheit der Tiere, Erde und Land mit dem Rüssel aufzunehmen. Die Richtigkeit dieser Tatsache habe ich selbst indessen nicht prüfen können, doch wahrgenommen, daß sich die Tiere bei dem leisesten Verdacht in ihrem wiegenden Schritt sofort in Bewegung setzen und, mit erstaunlicher Klugheit die Deckung des Geländes benutzend, die Flucht ergreifen. Ebenso sah ich aus der Vogelperspektive in einem bestimmten Fall eine Elefantenherde sofort flüchtig werden, als die Leitkuh den von mir mit einigen Schwarzen zwei Tage vorher betretenen Wildwechsel erreichte. Wie außerordentlich geschickt der Elefant Schlüsse aus bösen Erfahrungen zieht, weiß man seit altersher. Aber auch dem geschicktesten Dresseur gelingt es beispielsweise nicht, einen Elefanten, der einmal durch den Bretterboden einer Schaubühne brach und sich dabei verletzte, jemals wieder auf diese Bühne zu bringen. ... So meidet ein wilder Elefant vielleicht zeitlebens eine Gegend, wo er Fallgruben entdeckt hat. Es scheint, daß in den Masaihochländern gegen den Monat Oktober oft mehrere Herden in größere Verbände zusammentreten. Jede Herde wahrt aber dabei ihre Selbständigkeit. Neuerdings dürften jedoch die im Masailande so sehr dezimierten Herden in ihrem sozialen Verbande nicht mehr so streng die Trennung und Ordnung der einzelnen Altersklassen aufrecht erhalten wie früher, zur Zeit reicher Elefantenbestände. Bemerkenswert ist, daß ein Elefantenkalb, dessen Mutter erlegt wurde, sofort von anderen Kühen der Herde adoptiert und gesäugt wird, selbstredend nur dann, wenn es bereits eine Größe erreicht, die ihm eine Flucht ermöglicht. Diese auch von mir mit Sicherheit festgestellte Tatsache zeugt für den engen sozialen Verband, in dem die Herden leben, und für ihr stark entwickeltes Familiengefühl. Obgleich man nur selten Zecken an der Haut der Tiere findet, haben sie ein lebhaftes Bedürfnis, sich sehr häufig im Schlamme zu wälzen, mit Sand und Erde zu bestreuen und ihre Haut an Bäumen – sogenannten Malbäumen – zu scheuern. Daher sind die Elefanten, ähnlich wie Nashörner, oft ganz verschiedenartig gefärbt, je nach der Färbung des betreffenden Erdbodens. In Hochwaldbeständen, die sie nächtlicherweile durchstreifen, findet man Hunderte von Bäumen, an denen sie ihre Haut gescheuert haben. Solche »Scheuerstellen« geben Zeugnis von der Größe der Tiere. Am 23. Juli 1903 maß ich im Westen des Kilimandscharo eine solche Malhöhe von gegen fünfzehn Fuß. Mit Vorliebe werden Bäume benutzt, welche etwas schief gewachsen sind, so daß der Elefant sich mit voller Wucht schräg gegen dieselben lehnen kann. Treten die Tiere auf Waldlichtungen oder weite offene Flächen hinaus, so werden einzeln gelegene starke Bäume immer und immer wieder zum Scheuern der Haut benutzt, oft bis zur völligen Entblößung der Rinde. Mancher Baumriese könnte so Zeugnis geben von immer wiederholten nächtlichen Besuchen zahlloser unserer Dickhäuter im Laufe etwa eines Jahrhunderts! Die Ansicht, daß der afrikanische Elefant, ähnlich seinem indischen Vetter, gezähmt werden könne, ist wohl zweifellos richtig. Ich bin jedoch im Verein mit englischen Kennern der Ansicht, daß im äquatorialen Afrika dies nicht von Nutzen sein würde, da nicht abzusehen ist, wie zur Trockenzeit in der Steppe der Elefant ernährt werden könnte. Jedenfalls liegen die Verhältnisse in Indien und Ostafrika so verschieden, daß aus der Verwendbarkeit des Elefanten in Indien keine Schlüsse auf eine solche in Ostafrika gezogen werden können . Die Zähmung hingegen würde wohl, in die Hände sachverständiger Eingeborener aus Indien gelegt, keine unüberwindlichen Schwierigkeiten machen, wenngleich unsere Tiergärtner beobachtet haben, daß der indische Elefant leichter zu behandeln ist, als der afrikanische. Versuche dieser Art würden aber auf alle Fälle Hunderttausende verschlingen und müßten bald unternommen werden, angesichts des rapiden Verschwindens des Elefanten. Die am Kongo gemachten Erfahrungen sind übrigens recht ermutigend. Wie sich in kaum mehr denn fünfzig Jahren das faunistische Gepräge eines Landes ändern kann! Vor fünfzig Jahren waren Elefant und Rhinozeros, wie schon bemerkt, noch in den Gebieten zu finden, die wir heute Deutsch-Südwestafrika nennen, Länder, in denen es vor hundert Jahren noch von beiden Tierarten wimmelte und Elefantenherden allmählich bis an die Meeresküsten der Walfischbai wanderten. Damals schrieb ein klassischer Jäger, wie W. Cotton-Oswell ...: »Vardon was the most enthusiastic rhinoceros hunter; he filled his waggon with (rhinoceros') horns as I did mine with ivory; he used to shoot four or five every day , and there was always a freshness about the sport to him which seemed remarkable. He was an all round shot, but best at rhinoceros ...« (Vardon war der begeistertste Nashornjäger; er füllte seine Ochsenwagen mit Hörnern von Rhinozerossen, wie ich die meinen mit Elfenbein; er schoß vier oder fünf Nashörner täglich und war zu dieser Art von Jagd immer erstaunlich aufgelegt. Er schoß überhaupt recht gut, aber am besten auf Nashörner!) Das war die Zeit, in der Oswell, ein englischer Afrikajäger, und andere Monat für Monat und Tag für Tag die Elefantenherden Südafrikas dezimierten, wo die Buren tiefer und tiefer in das Herz dieser Länder eindrangen und eine Wildvernichtung getrieben wurde, die nur der für möglich halten kann, der, wie ich, noch faunistisch jungfräuliche Länder kennen lernte und aus der so gewonnenen Perspektive die einstigen Reichtümer des Tierlebens in Südafrika im Geiste zu überschauen vermag ... ... Was sich vor fünfzig Jahren in Südafrika ereignete, vollzieht und vollzog sich teilweise schon in unsern Tagen für die äquatorialen Gebiete – darüber kann sich der Kenner nicht täuschen. Sehen wir doch heutigen Tages leider im deutschen Kamerun vom Gouvernement konzessionierte schwarze Elefantenjäger, die mit Hinterladern das edle Tier hinmorden dürfen! Nur verlangsamen können wir das Vernichtungswerk, nicht aber aufhalten. Immerhin wäre es ein schöner Erfolg, auch nur jahrhundertelang den afrikanischen Elefanten zu schützen. Hier muß sich das öffentliche Gewissen regen! Geschieht dies nicht, so kann der Tag nicht mehr fern sein, an dem es heißen wird: »Quid novi ex Africa?« (Was gibt es Neues aus Afrika?) Und die Antwort auf diese wohlbekannte Frage jenes alten Römers wird lauten: »Man vernichtete den letzten afrikanischen Elefanten!«   7. Nashornjagden. (Das ostafrikanische Doppelnashorn.) Mancher Weidmann der Gegenwart ahnt nicht, ein wie häufiges Jagdwild unserer Vorfahren das Nashorn einst vor grauen Tagen auch in Europa war, zur Zeit, als noch urtümliche Höhlenjäger mit unvollkommenen Waffen einen Kampf im wahren Sinne des Wortes gegen die mächtige Tierwelt des Diluviums führten, einen Kampf, aus dem sich unsere heutige Jagd entwickelt hat ... Freilich waren es andere Arten von Nashörnern, aber sie waren den heute noch in Asien und Afrika lebenden außerordentlich ähnlich. Das plumpe schwerfällige Nashorn ein heimatliches Jagdwild? Der heutige Jäger wird sich nicht ohne Mühe in diesen Gedanken finden können wie auch in den Gedanken, daß die Nashörner den Pferden nah verwandt, in gewissem Sinne »Urpferde« sind Wer sich darüber näher unterrichten will greife zu Wilhelm Bölsches Werk »Das Pferd und seine Geschichte«. Berlin, Georg Bondi. . In der Arena der römischen Kaiserzeit ließ man Nashörner mit Elefanten kämpfen. Es ist bemerkenswert, daß mir die Eingeborenen sehr häufig von der deutlichen Abneigung beider Tierarten gegeneinander berichtet haben. Indische und afrikanische Rhinozeronten wurden damals lebend herbeigeschafft. In unseren Tagen aber gehören Nashörner zu den größten Seltenheiten des Tiermarktes und müssen fast mit Gold aufgewogen werden. Die drei indischen Nashornarten sind kaum noch zu beschaffen, das riesige »weiße« Nashorn Südafrikas ist bis auf wenige Stücke ausgerottet, nur im Innern Afrikas findet sich diese Art noch in beschränkter Zahl. Nur das Doppelnashorn Ostafrikas lebt noch in sehr großer Anzahl, die jedoch neuerdings reißend abnimmt. Wer durch jahrelange Bereisung der Masai-Nyika einen Überblick über den dort heute noch vorhandenen Bestand von Nashörnern gewonnen hat, vermag sich viel leichter wie ein anderer ein Bild von der Zahl auch der Elefanten zu machen, die früher dort Wald und Steppe bevölkerten, bevor sie gewerbsmäßig bejagt worden sind. Die Nashörner nun boten den gewerbsmäßigen Jägern ein allzu geringes Äquivalent in ihren Hörnern für die Mühen und die Gefahr ihrer Jagd; so kam es, daß sie bis in die letzte Zeit relativ wenig verfolgt und erst in den allerletzten Jahren dezimiert worden sind, weil die Elefantenjagd allzu unergiebig geworden war. Im Laufe der Jahre habe ich etwa sechshundert Nashörner mit eigenen Augen gesehen und die Fährten von Tausenden wahrgenommen. Es ist erstaunlich, wie zahlreich das Doppelnashorn heute noch stellenweise in Ostafrika zu finden ist! Reisende, die sich nur auf den Karawanenstraßen bewegen, würden höchlichst erstaunt sein, wenn sie wochen- und monatelang die Einöden durchstreifend, dort fast alltäglich eine größere Anzahl Nashörner sichten würden: ihr Erstaunen würde wachsen, wenn sie zur trockenen Jahreszeit in etwa 2000 Meter Höhe auf den Bergen der Masaisteppe an geeigneten Örtlichkeiten geradezu unglaubliche Mengen unseres Dickhäuters antreffen würden! Die Zahl dieses wehrkräftigen Wildes wird am besten beglaubigt durch die Strecken (die Zahl der Erlegten) bekannter Reisender. Auf Graf Telekis und Herrn von Höhnels berühmter Forschungsreise, welche bekanntlich zur Entdeckung des Rudolfsees und des Stephaniesees führte, erlegten die Herren vor etwa 20 Jahren 99 Nashörner , deren Fleisch zur Ernährung der Leute in der Einsamkeit dienen mußte. Dr. Kolb soll in den 90 er Jahren zuverlässigstem Berichte zufolge über 150 Nashörner getötet haben, ehe er endlich durch ein von ihm angeschossenes »Pharu« umgebracht wurde. Herr von Bastineller, der ihn lange begleitete, hat über 140 geschossen . Herr von Eltz, der erste Kommandant des Forts Moschi am Kilimandscharo, soll 60 Rhinozerosse allein in der verhältnismäßig kleinen Steppe zwischen Moschi und der Landschaft Káhe seinerzeit erlegt haben. In den letzten Jahren haben Schutztruppen-Offiziere mir von persönlich erzielten Strecken berichtet, welche diese Zahl noch übertreffen. So sah Hauptmann Schlobach in Karragwe täglich manchmal über 30 Nashörner. Eine Anzahl englischer Jäger sahen oder erlegten ähnlich viele Rhinozerosse. Diese schlagenden Zahlen dürften mehr verkünden, als lange Ausführungen es vermöchten. Sie sagen einerseits, daß noch eine geradezu erstaunliche Anzahl von Nashörnern in Deutsch- und Britisch-Ostafrika zu finden ist; andererseits wird es nicht schwer, den baldigen Untergang des Tieres auch ihnen zu prophezeien. Es ist eine eigene Sache um die Schonung des Nashorns! Vielfach wird es die dahinziehende Karawane durchbrechend, vielleicht auch gefährdend, namentlich den Neuling, geradezu zur Jagd herausfordern ! Die weittragenden modernen Geschosse und die große Zielfläche, die es bietet, werden für unser Tier in vielen Fällen verderblich werden, auch da, wo es nicht sofort auf der Strecke bleibt. Ist das sogenannte weiße Rhinozeros im Süden des schwarzen Kontinents verhältnismäßig viel primitiveren Schußwaffen in wenigen Jahrzehnten erlegen, so dürfen wir den Untergang des Doppelnashorns heute, wo die kleinkalibrigen, weittragenden Waffen ihm gegenüber angewandt werden, in noch kürzerer Zeit voraussehn. Die Jagd auf das Nashorn, wie ich sie verstehe, von einem Jäger allein und weidmännisch ausgeübt, ist und bleibt eine der gefährlichsten heute möglichen. Es ist eine müßige Frage, ob die Jagd auf Löwen, Leoparden, Büffel, Elefanten oder Nashörner unter solchen Umständen gefährlicher sei. Alles hängt von den Umständen und von den Örtlichkeiten ab, in denen diese Tiere angetroffen und gejagt werden. Auch ausgerüstet mit den zuverlässigsten Büchsen ist und bleibt die Jagd auf das afrikanische Nashorn, wenn man sie, wie ich das stets getan, allein und ohne »mitschießende« Begleitung ausführt, ein höchst gefährliches Handwerk. Der englische Reisende Thomson schildert sehr anschaulich, welche Gefühle den Jäger beherrschen, wenn er ein oder mehrere Nashörner im hohen Grase anpürscht, wissend, daß sein Leben unbedingt dabei auf dem Spiele steht. Mir ist es rätselhaft, wie Leute behaupten können, daß sie angreifenden Nashörnern gegenüber einfach kaltblütig beiseite springen, um dann den bekannten »sicheren« Blattschuß abzugeben. Ich kann aus eigener Erfahrung mit Bestimmtheit sagen, daß solches einfach zu den Unmöglichkeiten gehört. Ein Nashorn, welches wirklich einen Menschen wittert und angreift, wird seinen Gegner unter allen Umständen erreichen und auf die Hörner spießen . Geschieht dies nicht, so wurde das Tier entweder vorher im letzten Augenblick getötet, der betreffende Jäger vermochte einen Baum, Termitenhügel oder Felsblock zu erklettern, oder aber das Tier hatte nicht beabsichtigt, ihn tatsächlich anzunehmen, sondern war nur flüchtig geworden, zufällig in der Richtung des Betreffenden! Die große Expedition, der ich mich 1896 angeschlossen hatte, sah keinen einzigen Askari oder Bewaffneten jemals auf Jagd ziehn. In dieser Beziehung wurden die Leute mustergültig beaufsichtigt. Nicht anders verfuhr ich später meinen Leuten gegenüber, ohne eine Ausnahme zu gestatten; nur mein europäischer Präparator erlegte hier und da einen Wasserbock oder eine andere Antilope. Nie aber bin ich »beschützt von Mitschießenden« auf gefährliche Jagden gezogen. »Selbst ist der Mann,« meine ich, sei gerade hier die Losung. Doch habe ich viel seltsame Mären von hilfreich mitschießenden Schwarzen erfahren, und wunderbar, stets tat dann der weiße Herr, der Bwana mkubwa, den tödlichen Schuß, der das Wild zur Strecke brachte. Solch eine »Jagd« endete übrigens auch zuweilen tragisch. Der Europäer wurde durch seine eigenen Leute erschossen ... Ganz anders, allein manneswürdig ist die ohne Hilfe ausgeführte Jagd auf gefährliches Wild! Häufig schnaubt ein Nashorn in der Richtung mehrerer bewaffneter Leute heran; ein Feuer wird eröffnet, und im letzten Augenblicke weiß das bereits tödlich getroffene Tier niemanden der Schützen zu erreichen, bricht schnaubend durch die Schützenkette, um nach kürzerer oder längerer Zeit zu verenden. Solche Situationen veranlaßten das Märchen des geschickten Beiseitespringens, eines Kunststückes, das ich gerne von einem Toreador auf flachem Sandboden der Arena auch einem Nashorn gegenüber glaube – niemals aber von einem nicht stierkampfgeübten, schwer beschuhten Europäer ausführen sehn werde. Ich erfuhr vielfach, daß Menschen von dem angreifenden Tiere aufgespießt und in die Luft geworfen worden sind. Die Reihe der unter solchen Umständen Getöteten ist eine sehr große, eine ganze Anzahl Europäer verloren auf diese Weise in den von mir bereisten Gebieten das Leben. Im Jahre 1897 begegnete ich in Kikuyu einem englischen Gouvernementsarzt, der in größter Eile zu einem Schwerkranken gerufen worden war. Einer seiner Askari (schwarzer Soldat), ein Sudaaner, war kurz vor unserem Zusammentreffen von einem Nashornbullen – der von der kleinen Karawane gemeinsam beschossen worden war, – aufgespießt und in die Luft geworfen worden. Das Horn des Dickhäuters war dem Unglücklichen tief in den Unterleib gedrungen, die Wunde war schrecklich anzusehen, und der Zustand des Patienten erschien sowohl dem Arzt wie mir, dem Laien, völlig hoffnungslos. Da ich einige Zeit ganz in der Nähe zu lagern gedachte, bat mich der Arzt dringend, den verwundeten drei Tage in meinem Lager aufzunehmen, da er nicht imstande sei, seinen Transport weiter zu bewerkstelligen. So mußte ich wohl oder übel seine Pflege übernehmen in der Voraussicht, daß baldiger Tod den Mann von seinen Qualen erlösen würde. Wider Erwarten erlebte er den nächsten Tag; seine Qualen wurden aber gegen Abend so groß, daß sein Ächzen und Stöhnen kaum zu ertragen war, zumal ich ihn, der zahlreichen Löwen wegen, unter dem Sonnensegel meines Zeltes hatte betten lassen. Er bat, er flehte um Hilfe, und so gab ich ihm, damals nur mit dem Allernotdürftigsten noch versehen und selbst Rekonvaleszent, – meinen ganzen Opiumvorrat, in der Annahme, daß er auf diese Weise Ruhe finden und nicht wieder erwachen würde. Aber mit der Natur eines Schwarzen ist nicht zu rechnen! Nach abermals 24 Stunden war er immer noch am Leben, und nun machten sich die Folgen der Opiumgabe in gewisser Beziehung störend bemerklich. Wiederum flehte er mich an, ihm beizustehen. Aber da war guter Rat teuer. Meine wenigen Medikamente, die ich in diesem Falle hätte anwenden können, um die Wirkung des Opiums aufzuheben, waren längst verbraucht. Endlich verfiel ich auf den Gedanken, durch eine Flasche Salatöl, die mir noch geblieben war, einzuwirken. Es gelang; der Mann wurde tags darauf abgeholt und hat gegen alle Erwartung die schwere Verletzung, wie ich später erfuhr, vollkommen überstanden. Ähnliche Fälle endeten nicht so glücklich, führten vielmehr den Tod der Betreffenden herbei. Die Nashörner schleuderten ihre Opfer dabei, sie mit den Hörnern durchbohrend, nur einmal in die Luft oder aber kehrten in anderen Fällen zu den Angegriffenen zurück und wiederholten den Angriff von neuem. Ich selbst bin mehr denn ein Dutzend Mal aufs alleräußerste von Rhinozerossen bedrängt worden, und viele weitere Begegnungen mit Nashörnern gestalteten sich doch immerhin gefährlich und aufregend. Mein erstes Zusammentreffen mit dem »e'Munj« der Masai ereignete sich gegen Abend inmitten einer am selben Tage abgebrannten und meilenweit schwarz verkohlten Dornensteppe am Masimaniberg in der Nähe des Panganiflusses. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den die scheinbar so ungeschlachte Tiermasse, in ihrer knorrigen Plumpheit, inmitten dieser düsteren Staffage, schräg und ungewiß von der untergehenden Sonne beleuchtet, auf mich machte. Mit hocherhobenem Haupte – das gewaltige Tier hatte unser Kommen bereits wahrgenommen – die riesigen Hörner gen Himmel starrend, schien es wie verwachsen mit dem schwarz gefärbten Erdboden, gigantisch sich vom rötlichen Abendhimmel im Hintergrunde abzeichnend. Mein Herz pochte heftig und meine Hand war nicht ruhig, als ich auf hundert Schritte etwa die schwere, unhandliche Elefantenbüchse abfeuerte, nur dürftig gedeckt von einem kahlen, halb vom Feuer verschonten Dornbusch. Auf meinen Schuß schnaubt das »Pharu« heran, und erst kurz vor mir, auf meinen zweiten Schuß, ergreift es unter lautem Schnauben links in die Steppe ausbiegend die Flucht! Wie vom Boden verschwunden erschienen meine Leute. Das Ganze spielte sich in so kurzen Augenblicken ab, war von so gewaltiger Wirkung auf mich, – die anscheinende Wirkungslosigkeit meiner starken Waffe auf das große Wild war so niederschmetternd, – die von letzterem entfaltete Behendigkeit und Schnelligkeit so überraschend, daß von diesem Augenblicke an ein ganz anderes Bild des Tieres sich in meine Seele einzeichnete, als es dort eine lange Reihe von Jahren vorhanden gewesen war! Zur selben Stunde aber lag ein schwerverwundeter, am vorhergehenden Tage von einem Nashorn zweimal in die Luft geworfener und nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommener Mann im Lager … Mußten beim Betreten des schwarzen Erdteils so viele Begriffe umgewertet werden, hier trat vor allem in Erscheinung, daß kein schwerfälliger, plumper; durch lange Haft im zoologischen Garten, im engsten Gewahrsam degenerierter »Dickhäuter« mir gegenübertrat, sondern ein athletenhaft gewandtes, schnelles und gefährlich behendes Tier, so ganz anders, als ich es erwartet hatte. – Wochenlang festigte sich dieser Begriff und diese Erfahrung noch weiter durch Erblicken und Beobachten des Tieres in der Ferne. Das zweite nahe Zusammentreffen mit ihm aber stempelte alles Ebengesagte zur vollsten Gewißheit! Die Schrotflinte in der Hand, – vom damals noch nicht der Tsetsefliege erlegenen Reitesel herunterspringend, – eile ich linkerhand in eine von hohen Gräsern bewachsene Schlucht, wo ich Perlhühner hatte einfallen sehen. Wie gewöhnlich sind sie weit von der Einfallstelle weggelaufen; eilig folge ich ihnen, um sie zum Aufstehen zu bringen. Da plötzlich richtet sich dicht vor mir eine bräunlich schwarze Masse automatenhaft schnell empor, stutzt sitzend einen Augenblick: und schon macht mein damals für dieses Tier noch nicht allzu geübtes Auge die mächtigen Konturen eines Nashorns im mannshohen, felsblockübersäten Hochgrase aus! Blitzschnell arbeitet das Gehirn in solchen Augenblicken. Flach liege ich im Momente auf dem Boden; schnaubend und prustend, sich in eine Staubwolke hüllend, rast das Nashorn auf Fußbreite jetzt an mir vorbei, auf die Karawane zu, dicht vorbei an meinem Freunde Alfred Kaiser ! Er, dessen ich eben als Monate vorher verwundet im Lager liegend erwähnte, der von einem Nashorn vor kurzem zweimal aufgespießt, wunderbarerweise mit dem Leben davongekommen und monatelang schwer krank darniedergelegen hatte, übte eine merkwürdige Anziehungskraft auf Nashörner aus! Wo auch immer er sich zwecks geologischer Untersuchungen befand, stieß er auf ein oder mehrere »Pharus«! Aber lange Jahre inmitten der Beduinen des Sinai lebend, hat er stoische Ruhe gelernt; auch jetzt läßt er das Tier ungehindert die Karawane durchbrechen, in nächster Entfernung an sich vorübersausen. Nur ein unbeschreiblich starkes, arabisches Kraftwort sendet er ihm nach; eine weithin sich erstreckende Staubwolke aber kennzeichnet den Weg des flüchtigen Tieres in der Ferne. Ich aber darf mir zu einer knappen Errettung aus hoher Gefahr Glück wünschen; abermals habe ich gelernt, unter solchen Umständen vorsichtiger zu handeln, und habe den Begriff eines »narrow escape« der englischen Sprache, eines knappen Entkommens, wiederum einmal in meinem Leben illustriert gefunden. Der Anblick des gewaltigen Riesen, noch dazu, wenn er uns mit mehr denn meterlangen, vielleicht auch schwertförmig abgeplatteten, dräuenden Waffen vor Augen tritt, ist ein ganz seltsamer und gewaltiger. Er hat etwas vom sagenhaften Einhorn. Nicht etwa, daß die derart »bewaffneten« Tiere gefährlicher für den Jäger seien, aber sie scheinen es. Der Gedanke, von solch einem dräuenden, meterlangen Riesendolch durchbohrt zu werden, ist ja in der Tat wenig erfreulich! So wie ein Hirschgeweih von seltener Stärke das »Hirschfieber« im Weidmann in ganz anderem Maße erwachen läßt, als ein minder gutes Geweih; – wie der stark gemähnte männliche Löwe uns einen mächtigeren und gefährlicheren Eindruck macht als seine, doch ebenso wehrkräftige Genossin; – wie der majestätische Elefantenbulle uns unwillkürlich viel gefährlicher vorkommt, wie der tatsächlich angrifflustigere jüngere Bulle oder die Kuh; – so macht, wie schon gesagt, auch ein außergewöhnlich stark gehörntes Nashorn einen besonderen Eindruck, sowohl als Trophäe als auch in bezug auf seine Gefährlichkeit. Ein weibliches Nashorn (Cearthorhinus aff. cucullatus Wagn.) mit Jungem an der Tränke zur Nachtzeit auf wenige Schritt Entfernung im Herbst 1903 in dieser Klarheit auf die Platte bannen zu können, hätte ich mir früher niemals träumen lassen. Die Abbildung zeigt die ersten jemals in Freiheit zur Nachtzeit photographisch festgehaltenen Nashörner. Es muß unser Erstaunen im höchsten Grade erregen, wie der Koloß, trotz der hindernden Wehr, die verwachsensten Dickichte in voller Flucht zu durchqueren vermag. Das geschieht nach Art unseres europäischen Edelhirsches durch Hochheben des Kopfes und Anlegen der Hörner an das mächtige Genick. Rätselhaft bleibt es immerhin, wie unser Hirsch und viele andere Hornträger ihr weit ausladendes Geweih durch das dickste Stangenholz, die verwachsenste Dickung hindurchzudringen vermögen. So muß es uns auch mit Verwunderung erfüllen, daß die Nashörner auf ihrem Wege im afrikanischen Dschungel so wenig durch ihre Naturwaffen behindert werden. Es war nicht ganz leicht, den Tele-Apparat ruhig zu halten, da der Nashornbulle in der offenen, sonnendurchglühten, deckungslosen Grassteppe angepürscht werden mußte. Auf seinem Rücken saßen Madenhacker (Buphagus erythrorhynhus [Stanl.], jene nicht selten Nashörner begleitenden und sie bei Gefahr warnenden Vögel, so daß nur ein vorsichtiges Kriechen durch das fußhohe Gras mich zum Ziele führte. Zwei Tage nach jenem Erlebnis in der Talschlucht im Jahre 1896 lockt mich ein stark begangener Wechsel, zu einem Felsentümpel in trockenster Steppe hinführend, zum nächtlichen Ansitz. In jenen Hochsteppen wird es zur Nachtzeit bitter kalt, zuweilen bis zur Eisbildung; mit wenigen Leuten, einigen wollenen Decken, Laternen usw. ausgerüstet, breche ich abends auf, um am Rande der Schlucht einen Ansitz zu suchen. Jedoch wir haben als Neulinge nicht mit dem plötzlichen Sonnenuntergang in den Tropen gerechnet, kommen zu spät, verirren uns, und bald umfängt uns tiefe Dunkelheit, da der Mond erst gegen neun Uhr erscheinen wird. Zerstreute Felsblöcke und beschwerlich hohes Gras hindern Schritt und Tritt; es bleibt nichts übrig, als zum Lager zurückzukehren, so gut es geht. Aber auch das scheint in der Dunkelheit nicht möglich, und so sehn wir uns gezwungen, an Ort und Stelle zu warten, bis der Mond erscheint und der Rückmarsch ins Lager möglich wird. Inmitten der Felsblöcke, über die der Fuß stolpert, das Knie sich verletzt, jeder Schritt von spitzen, schmerzhaften Dornen und den rankenden, zähen Grashalmen gehindert wird, werden wir in der dunklen Nacht wie durch Zauber an die Stelle gebannt. Doch allmählich gewöhnt sich das Auge an die Dunkelheit und ist sogar imstande, die weißlichen Stämme und Äste einzelner Akazien in der Nähe auszumachen. Nach geraumer Zeit ertönt dicht vor uns ein kurzer, schnaubender Laut! Meine Leute lassen im Nu alles, was sie tragen, zu Boden fallen, und mit einer Schnelligkeit, die unmöglich zu beschreiben ist, erklimmen sie zwei mäßig hohe, in unmittelbarer Nähe befindliche kahle Bäume. Nur mein Gewehrträger, der die schwere Elefantenbüchse schleppt, stutzt einen Augenblick: »Pharu Bwana!« tönt es halblaut von seinen Lippen. (Ein Nashorn, Herr!) Ich muß ehrlich gestehen, daß sich mir damals meine Haare sträubten, und blitzschnell hatte ich die schwere Elefantenbüchse ergriffen. Jetzt nimmt das bereits an die Dunkelheit gewöhnte Auge im ungewissen Schimmer des tropischen Sternenhimmels und des mittlerweile erschienenen Mondes die ungeschlachte Masse des sich langsam nähernden Nashorns dicht vor uns wahr. Wenige Meter hinter uns gähnt die tiefe Felsschlucht, jeder Schritt wird gehemmt durch Felsblöcke, spitze Dornen, verschlungene Gräser! Lautlos, atemlos hockt die Gesellschaft meiner acht oder zehn Träger auf den Bäumen, da bewegt sich prustend das Nashorn noch einige Meter mehr auf mich zu. Ich suche das Korn gegen den Sternenhimmel, gehe, wie der Jäger sich ausdrückt, »mitten in die schwärzliche, tierische Masse vor mir hinein« – und – drücke – – Mächtig donnernd dröhnt die gewaltige, 12 Gramm betragende Pulverladung in der Felsschlucht und bricht sich an den Klippen ringsum, vielfältiges Echo erzeugend. Ich bin einen Schritt rückwärts getrieben von der Wucht der mächtigen Waffe und in die Kniee gesunken; der linke Hahn wird schnell gespannt – bei so mächtigen Kalibern geht er, wenn gleichzeitig mit dem rechten gespannt, allzuleicht mit diesem zusammen los – und jetzt erwarte ich den Angriff des Gegners! Aber schnaufend und polternd verschwindet er den Hügel hinab – im Dunkel der Nacht – tiefe Stille tritt ein – wir alle verharren regungslos und horchen! Nach einer ganzen Weile erst löst sich die Spannung, der Rückmarsch ins Lager wird angetreten; rufend und singend versuchen die Leute ein ähnliches nahes Zusammentreffen im Dunkeln nun nach Möglichkeit zu vermeiden. Am anderen Morgen aber findet sich der erlegte, starke Nashornbulle sechzig Schritte vom Anschuß verendet. Die bleigepanzerte schwere Stahlkugel sitzt mitten auf dem Blatt und findet sich auf der anderen Seite unter der Haut. Heute liegt sie auf meinem Schreibtisch … Nicht immer verlaufen solche Begegnungen mit Nashörnern zur Nachtzeit so günstig; unter Umständen greifen die Tiere vielmehr schnell unbeschossen und ungereizt an und werden höchst gefährlich. Die Regel aber ist, daß das Nashorn, wenn es rechtzeitig das Nahen von Menschen nachts bemerkt, diesen ausweicht, wie ich es später sehr oftmals selbst erfahren habe. In den Hochländern der Wasserscheide zwischen den Masailändern und dem Victoria-Nyanza hatte ich dann wieder 1896 häufiger Gelegenheit, Rhinozerosse zu beobachten, und zwar sowohl in den wilden Bergwäldern dieser Plateaus, wie auch auf den offenen Ebenen, wo die Nashörner, von weitem sichtbar, einzeln und zu mehreren sich in der freien Steppe niedergetan hatten. Das sind die Jagdreviere, in denen 1910, vierzehn Jahre später, im englischen Gebiet Präsident Roosevelt Nashörner jagte. Damals wollte der Mechanismus meiner Repetierbüchse nicht mehr recht funktionieren. Nichts ist geeigneter, den Schützen nervös zu machen als eine solche, meist in den unerwünschtesten Augenblicken eintretende Unzuverlässigkeit der Waffe, von deren unbedingter Gebrauchsfähigkeit sein Leben abhängt. So kam es, daß sich das Angehen der paarweise in der kahlen, freien, völlig deckungslosen Steppe schlummernden Nashörner höchst aufregend gestaltete. Namentlich in einem Falle darf ich von Glück sprechen, da das zweite Nashorn die Flucht ergriff, nachdem ich das erste, – nach einstündigem Herankriechen in heißem Sonnenbrande – auf hundert Meter glücklich im Feuer erlegt hatte. Allmählich so immer mehr mit der Eigenart des Tieres vertraut geworden, verliefen nach Durchquerung der Landschaften Sotiko und Kawirondo am Viktoria-Nyanza meine nächsten Begegnungen mit den gefährlichen Dickhäutern am Nakuro- und Elmenteitasee glücklich. Ich greife wiederum einzelne Episoden, die das Verhalten des Nashornes unter verschiedenen Umständen charakterisieren, aus der großen Zahl meiner Erlebnisse heraus, überzeugt, daß dem Leser auf diese Weise ein möglichst wahres und naturgetreues Bild des Tieres geboten wird. – – Unvergeßlich wird mir namentlich die Erlegung eines sehr alten Nashornbullen in Britisch-Ostafrika, unweit Kibwezi, bleiben. An einem sehr windigen Morgen erlegte ich nach einem Fehlschuß glücklich einen Grantgazellenbock mit nur einem kapitalen Horne. Im Begriff ihn abzufangen, fiel mein Blick zufällig nach links in die Steppe, wo ich eine dunkle Masse auf etwa 200 Meter bemerkte. Ich glaubte einen entwurzelten Baum zu sehen; aber kurze Zeit darauf, als ich wiederum hinblickte, war das dunkle Etwas verschwunden! Mit dem Glase überzeugte ich mich nun, daß ich es mit einem Rhinozeros zu tun hatte, das sich offenbar in seiner beliebten Weise sitzend aufgerichtet, nun aber wieder niedergetan hatte. Bei dem sehr starken und günstigen Winde gelang es mir, mich bis auf fünfzehn Schritte spitz von vorne dem Tiere zu nähern; ein kleiner Dornenstrauch gewährte mir dabei Deckung. Ich kam sorgfältig auf das Ohr des Nashorns ab, aber mit einem gewaltigen Ruck schnaubte das Tier auf mich zu, – glücklicherweise dabei fast auf der Hinterhand kehrt machend! Erst meine zweite Kugel, auf so nahe Distanz spitz von hinten abgegeben, ließ es dann wie einen Hasen im Feuer zusammenstürzen. Es war sofort verendet. Ein Glück war es jedoch, daß ich nicht vorher aufgespießt worden war! Der Anblick des erdfarbenen Riesen, wie er einem Wurzelstocke ähnelnd, gleichsam erdverwachsen in der sturmdurchwehten Steppe sich mir an jenem Tage zeigte und meine Blicke anfangs täuschte, tritt mir in plastischer Gestalt häufig vor die Seele, namentlich, wenn ich mich heimlich dabei ertappe, wie es mich mit nagender Sehnsucht hinauszieht in die ferne, weltmeergetrennte Masai-Nyika, und die Steppe mit all ihren herben wilden Reizen mich ruft und lockt … Einige Jahre später – ich pflegte längst nur noch sehr starke Stücke zu bejagen –, beschoß ich einen alten, ganz außerordentlich starken Bullen, der auf einen ungünstig sitzenden Blattschuß zwar bald flüchtig wurde, aber auf meine nächsten Schüsse in einem weiten Bogen auf mich zukam und erst zehn Schritt vor meinen Füßen zusammenbrach. Nach meiner Erfahrung ist dies Bogenschlagen eine häufig angewandte Taktik der Nashörner, da sie durch ihr schlechtes Sehvermögen gezwungen sind, sich fast ausschließlich durch ihr Witterungsvermögen zu orientieren. Der Bulle befand sich in Gesellschaft einer Nashornkuh. Auf die erste Kugel fuhren beide Tiere kämpfend mit den Köpfen aufeinander los, der Bulle wohl in dem Glauben, von seiner Gefährtin verletzt worden zu sein. Unverrückbar im Gedächtnis haftend wird mir auch hier die von den scheinbar so plumpen Tieren entwickelte Gewandtheit und Schnelligkeit bleiben. Selbstverständlich nimmt bei dieser Jagd analog des stets wachsenden Sicherheitsgefühls aller mit gefährlichen Dingen Beschäftigten, das Selbstvertrauen des Jägers um so mehr zu, als er eine Reihe von glücklichen Ausgängen seiner Begegnungen mit dem wehrkräftigen Gegner erlebt. Früher oder später aber tritt jedoch mit Bestimmtheit der gegenteilige Fall ein, und um so erfahrener der auf Löwen, Leoparden, Büffel, Elefanten und Rhinozerosse Jagende wird, um so vorsichtiger pflegt er zu werden. Am Jipe-see hatte ich unerwartet, bei der Pürsche auf kleine Schraubenantilopen, eine Begegnung mit einem Nashorn, welches, plötzlich dem Schlammbade in einer Lache entsteigend, mit dem roten Lateritschlamme der Steppe bedeckt, von den schrägen Strahlen der untergehenden Sonne getroffen, auf fünfundzwanzig Schritte vor mir stand! Instinktiv fühlte ich, daß das Tier mich annehmen würde. Im selben Augenblicke geschah dies auch, nachdem das Nashorn zwei- oder dreimal mit wiegender Bewegung den Kopf hin und her geworfen und durch den Geruchsinn meinen Standort ausgekundschaftet hatte. In diesem kritischen Momente stach meine Büchse ab ! Durch ein sogenanntes »Stechschloß« vermag man den Abzug einer Büchse so einzustellen, daß der Schuß auf den leisesten Fingerdruck losgeht. Der Verfasser, wie die meisten deutschen Jäger, benutzt diese Vorrichtung auch für flüchtiges Wild. Engländer und Amerikaner bedienen sich des Stechschlosses nicht und der Verfasser hält seine Anwendung auf gefährliches Wild nicht für empfehlenswert. Die Kugel saß infolgedessen zu hoch, aber glücklicherweise doch gut genug, um das Tier, das mich beinahe streifte, abschwenken zu machen. Mit knappster Not konnte ich, im allerletzten Augenblicke in einen dichten Dornbusch hineinspringend, mich wieder einmal vor dem Tiere retten! Mit Blitzesschnelle jagte es einen meiner Leute zweimal um eine gabelig dem Erdboden entwachsene dicke Akazie und verschwand dann in den Dornen! Ein ferneres Schießen war mir wegen der rechts und links hinter Büschen und Bäumen Schutz suchenden Leute – ich war von etwa zehn Mann begleitet – nicht möglich, und das Tier entkam. Wer das unbeschreiblich fürchterliche Gefühl des am Abzuge reißenden – auch auf flüchtiges Wild nur an gestochenes Schießen von Jugend auf gewohnten Schützen kennt, wird sich ein Bild meines Empfindens in diesen kritischen Sekunden machen können. Ein heftiges Malariafieber, das mich am anderen Morgen zwei Tage an mein Bett fesselte, machte eine Nachsuche leider unmöglich. Bei der Nashornjagd kommt es sehr wesentlich darauf an, daß man den Wind sorgfältig beachtet. Am zweckmäßigsten geschieht die Kontrolle der Luftrichtung durch ein angezündetes Streichholz; in Ermangelung eines solchen durch Niederfallenlassen von Sand oder Emporhalten des angefeuchteten Fingers. Außer der Richtung des Windes kommt jedoch sehr in Betracht, ob die Nashörner von Madenhackern ( Buphaga errythroryncha ) begleitet sind oder nicht. In vielen Fällen verläßt sich das ruhende Tier auf seine kleinen treuen Kameraden aus der Vogelwelt; sie reinigen es nicht nur von Schmarotzern, sondern warnen es auch in den von mir bereisten Gegenden unfehlbar bei nahender Gefahr. Letzteres geschieht durch schrilles Gezwitscher und eiliges Auffliegen. Durch die Vögel so gewarnt, stehen die Nashörner entweder blitzschnell auf oder nehmen eine sitzende Stellung ein, um nun je nach den Umständen und den bisher gemachten Erfahrungen flüchtig zu werden, langsam fort zu trollen, oder – in menschenleeren Gegenden – sich bald wiederum niederzutun. Kann sich der Nahende selbst, nach dem ersten Alarm, mit günstigem Winde verbergen, und hat sich das Nashorn wieder niedergetan, so fallen meistens die Madenhacker, deren Anzahl zwischen einigen wenigen und etwa zwei Dutzenden zu schwanken pflegt, wieder auf ihrem Wirttiere ein. Sobald man aber sich diesem wieder nähert, verlassen sie von neuem das Nashorn, es so wiederum alarmierend. Wir sehen so abermals eine Vereinigung – eine Symbiose – eines sehr scharf witternden Tieres mit sehr scharfsichtigen Genossen! Inwiefern eine bei fast allen von mir erlegten Nashörnern – meist an der linken Seite der Bauchflanke – aufgefundene Wunde bis zur Größe eines Fünfmarkstückes, mit der Tätigkeit der Madenhacker zusammenhängt, lasse ich dahingestellt. Die Eingeborenen behaupten, daß dieser »Dundo« (Wunde) von den Vögeln herrühre. Ich habe Hautstücke mit diesen Wunden mitgebracht, um eine Untersuchung auf eventuelle Erreger zu ermöglichen. Jedenfalls fand ich nur ein einziges Rhinozeros ohne einen dieser »Dundo«; die Rhinozerosse zeichnen sich durch solche Hautwunden vor den Elefanten aus, deren Epidermis bei gesunden Tieren stets glatt und unverletzt erscheint. Das Nashorn ist das einzige heute lebende Huftier, das an allen vier Füßen auf drei Zehen beziehungsweise Hufen läuft. Mehr wie vier »Pharus« habe ich nicht zusammen angetroffen, obwohl ich häufig bis zu acht Stück zu gleicher Zeit sichtete. In wunderbarer Weise ist bei diesen Tieren das Vermögen, sich zu orientieren, ausgebildet, und allnächtlich legen sie in der trockenen Zeit viele Stunden weite Wege bis zum Wasser zurück. Ihre Losung pflegen sie an bestimmten Stellen mit besonderer Vorliebe abzusetzen, um sie dann mit den Hinterbeinen, rückwärts scharrend, auseinanderzustreuen. Auf diese weise entstehen breite Bahnen im Boden der Steppe. Zweifellos dienen diese Ansammlungen von Losung als »Post« und Orientierungsstationen für die Tiere, mit deren Hilfe sich die weit zerstreuten auffinden können. Die Form der Hörner ist sehr individuell und variiert außerordentlich. Die Hörner der Kühe werden länger und sind stets dünner, als die mehr gedrungenen, starken Hörner der Bullen. Zuweilen sind die Hörner schwertförmig abgeplattet, und zwar in denselben Gegenden, wo runde Hörner die Regel bilden. Außerordentlich, bis fast anderthalb Meter lange Hörner von Kühen kommen hier und da bei sehr alten Stücken vor. In einzelnen, sehr seltenen Fällen finden sich mehr als zwei und bis zu fünf Hörner beim afrikanischen Rhinozeros. Umgekehrt werfen die Tiere unter Umständen eins oder auch beide Hörner ab. Ich glaube, daß zudem sehr bejahrte Stücke ihre Hörner manchmal verlieren, ohne sie zu erneuern. Ein hoch bejahrtes, alle Zeichen des Greisenalters aufweisendes, hornloses Exemplar, das ich erlegte, läßt mich das vermuten, wie auch die allerdings nur mit großer Vorsicht aufzunehmenden Berichte jagdkundiger Eingeborener. Die Entwicklung der oftmals eine gewaltige Länge erreichenden Hörner der afrikanischen Nashörner wird durch folgende Angaben am besten veranschaulicht, sie enthalten die Maße (in engl. Zoll) der längsten und bestentwickelten Hörner, die man bis heute kennen lernte. Afrikanisches Nashorn (Rh. bicornis). Eigentümer. Woher? Länge. C.G. Schillings Ostafrika 54 Dr.C.H. Orman - " - 53½ S.L. Hinde - " - 47 Kaiserl. Museum, Wien - ? - 44½ Das vor wenigen Jahren erst in Südafrika fast ausgerottete, heute nur in ganz vereinzelten Exemplaren vielleicht noch zu findende sogenannte »weiße« Nashorn – eine Art, die nur im Süden des schwarzen Kontinents heimatete, trug freilich noch längere Hörner! In folgendem seien einige Maße, wiederum in englischen Zoll, gegeben; sie sind wie die vorhergehenden Rowland Ward's Records of Big Game entnommen. Breitmäuliges (weißes) Nashorn (Rh. simus). Eigentümer Woher? Länge Col.W. Gordon Cumming Südafrika 62½ British Museum - " - 56½ Heute, wie gesagt, fast völlig ausgestorben, war dieses kolossale Geschöpf das größte Landsäugetier, das nach dem Elefanten zur Zeit unserer Väter die Erde belebte. Vor kaum einem halben Jahrhundert war es dabei noch so häufig, daß der englische Jäger Andersson gegen sechzig Stück im Laufe weniger Monate im Gebiete des Orangeflusses und des Zambesi erlegen konnte ... Neuerdings wurden wieder »weiße, breitmäulige Nashörner« (eine ähnliche Art wie das in Südafrika wohl ausgerottete Tier) von Präsident Roosevelt, Dr. Berger und andern in der Gegend von Lado am Nil erbeutet. Ich selbst habe das Horn eines Doppelnashorns in Sansibar erwerben können, das gegen 54 englische Zoll lang ist , und meine selbsterlegten Nashörner weisen unter anderem die Maße von 86, 76, 72 und 62-1/2 Zentimeter auf, während die meisten übrigen von mir erlegten freilich bedeutend weniger lang sind. Wirklich gefährlich wird das Nashorn dem Reisenden in dichtem Buschwerk, sei es in der Steppe inmitten der ausgedehnten coniferenartigen Suedabüsche, sei es auf den Plateaus der Berge inmitten jener schwer passierbaren dichten, undurchdringlichen Vegetation, welche die Bergkämme, Lichtungen und Waldlücken, inmitten des hochstämmigen, flechtenbehangenen Waldes bedeckt. Namentlich auf jenen oft nur schmalen Berghalden, in etwa 2000 Meter Höhe, und in dichter Deckung hat sich das Tier oft zahlreiche Lagerstätten unter den Büschen bereitet, die es abwechselnd aufzusuchen pflegt. Heute noch ist es mir ein Rätsel, daß ich dies Ereignis überlebte, denn, so unglaublich es klingt, im Augenblicke, als sie mich erreicht hatten, machte sich bei beiden Nashörnern die tödliche Wirkung meiner Schüsse geltend ... Mit Vorliebe hält es sich hier in Dickungen auf, die aus undurchdringlichsten Jasmin-, Smilax-, Pterolobium-, Toddelia-, Brombeeren- und anderen Sträuchern bestehend, dem Menschen kaum ein Eindringen gestatten. Zur trockenen Zeit finden sich auf jenen Bergen alle Existenzbedingungen für Elefanten und Nashörner, und die Menge der Tiere konzentriert sich zu jener Zeit auf diese Höhenlagen. Es kann dann ein Eindringen in ihre Aufenthaltsorte sehr bedenklich werden. Gehen wir mit schlechtem Winde und absichtlich möglichst lärmend , so pflegen allerdings die Tiere meist entweder dicht vor uns den Bergabhang hinabpolternd flüchtig zu werden, oder sie haben sich mäuschenstill und unhörbar bereits gedrückt, wenn wir von hundert zu hundert Schritt ihre außerordentlich zahlreichen, napfartig ausgelegenen Lagerstätten erreichen – die, wie gesagt, mit Vorliebe auf diesen Bergkämmen gelegen sind. Marschieren wir indessen mit gutem Winde, so sind Zusammentreffen auf allernächste Entfernung an der Tagesordnung, die begreiflicherweise höchst bedenklich sind, namentlich wenn es sich um mehrere Tiere handelt. Selbst die Wandorobbo und Wakamba suchen nur ungern diese Buenretiros der Nashörner auf; ich aber muß gestehen, daß ich nach einigen, höchst aufregenden Ereignissen inmitten jener Bergwildnis kein allzu großes Verlangen mehr hege, Ähnliches zu durchleben. Hier ist in der Tat der Jägersmann nicht mehr am Platze, der, wie ich dies ja selbstverständlich stets tat, das Heft selbst in den Händen hat, und sich nicht von einer Leibgarde losknallender Schwarzer »beschützen« läßt. Gilt es hier doch eventuell unter allen Umständen auf alles, was »Nashorn« heißt, um das Leben knapp zu retten, zu feuern, gleichgültig ob weiblich oder jung – in der Tat kein erfreuliches Weidwerk! Endlich gelang mir die erste Tränkung meines jungen Nashornes. Bald hatte es mich liebgewonnen und gedieh ausgezeichnet. Glücklich nach Berlin überführt, lebte es im dortigen Zoologischen Garten längere Zeit. Aber wenn auch die Begleitung »mitschießen« soll in jenen pfadlosen Dickichten – wo Mann an Mann, um nur eine Vorwärtsbewegung zu ermöglichen, dicht gedrängt hintereinanderkriecht, jede Aussicht aber versperrt ist, – selbst dann dürfte dieses vielfach beliebte System zu »jagen« leicht verhängnisvoll werden, wenn alle Mann durcheinander knallen. Erfreulicherweise werden also jene fernen Berge diesem verfolgten Großwilde noch jahrelang Zufluchtsstätten bieten. Erst dann vermögen sie ihre Bewohner nicht mehr zu schützen, wenn europäischer Erwerbssinn Handelsleute veranlaßt, eingeborene Jäger dorthin zu entsenden. Leider ist das in den letzten Jahren der Fall gewesen. – Trotz mancher im höchsten Maße kritischer Situationen, in die mich meine Nashornjagden brachten, und in die ich ebenso durch zufällige Begegnungen mit den urwüchsigen Gesellen höchst unerwarteterweise geriet: in die höchste Gefahr kam ich vorauszusehenderweise erst dann, als ich es unternahm, auch diese Angehörigen einer fast verschwundenen gewaltigen Urfauna im Lichtbilde festzuhalten. So leicht war dies Beginnen nicht. Eigentlich rege ist das Nashorn wie vieles andere Wild nur bei bedecktem Himmel; dann aber versagte mein damaliger Apparat. Grell beleuchtet in einem gewissen Winkel von der Sonne beschienen mußte ich die riesigen Tiere vor mir haben, und nicht zu weit durfte die Entfernung sein – alles schwer zu erfüllende Bedingungen! Auch mußte der Aufnehmende in solchen Augenblicken vollkommen Herr seiner Nerven sein, seine Hand durfte nicht zucken; sonst verdarb das Bild. Chiningenuß aber und Malaria disponieren in keiner Weise zu solchem Unterfangen; beides ließ meine Hand ihr Werk zuweilen unsicher vollbringen. Wer es nicht selbst erprobt hat, den Apparat in der Hand – ohne die mir persönlich unbekannten »mitschießenden« Schwarzen – Nashörner in freier Steppe anzupirschen, möge nicht vorschnell ein solches Unterfangen unterschätzen ... Dennoch gelingt es zur günstigen Stunde, alle schädigenden Einflüsse zu paralysieren, und freudig sah ich nächtlicherweise unter meinen Händen im Entwickelungsbade auf der Glasplatte erscheinen, was der starke » Zauber « im Tage vollbracht! Denn ein »Zauber« ist und blieb es damals für meine Karawanenleute, daß ihr Herr die täglichen Ereignisse so im kleinen Bilde ihnen wiederum vorführt; und das Kopfschütteln darüber nahm kein Ende. Mit dem Worte »Daua« – Zauber – erklärt der Schwarze sich alles ihm unfaßbare – – – – – – Heute kennen die Eingeborenen vielfach schon die photographische »Daua«. Schreibt doch Oblt. Weiß, daß ihm meine Masaifreunde von Leitókitok am Kilimandjaro erzählten, wie ich sie bereits früher photographiert habe. – Oblt. Weiß bemerkt dazu: »Und ich glaubte mich im wilden Afrika.« Es handelte sich hier vornehmlich um Aufnahmen von Masai, die ich schon 1899 für meinen Freund Hauptmann Merker aufnahm und die teilweise in Merker: »Die Masai« veröffentlicht sind. – Mit den Erfahrungen der bekanntesten englischen Autoritäten, wie Mr. F. C. Selous , Mr. F. J. Jackson und anderer über den Charakter der afrikanischen Doppelnashörner übereinstimmend, fand ich Rhinozerosse häufig nervös, leicht reizbar und stets im höchsten Grade unberechenbar. Die einzelnen Individuen benehmen sich sehr verschieden, und man weiß niemals, was sich ereignen wird, wenn man auf ein Rhinozeros Jagd macht! Das sollte ich zur Evidenz im November des Jahres 1903, gelegentlich meiner vierten und letzten Expedition, bestätigt finden, als es mir glückte, eine gelungene photographische Aufnahme zweier Nashörner zu machen. Ich hatte mich während des ganzen Vormittages umsonst bemüht, ein Rudel Giraffen photographisch festzuhalten; die ungemeine Scheu dieser schönen Geschöpfe hatte mein Beginnen vereitelt. Ermüdet und durstig war ich auf dem Heimwege zum Lager, als in etwa vier Stunden Entfernung von demselben zwei Nashörner sichtbar wurden, welche aus irgend einem Grunde an diesem heißen Tage noch in der Steppe rege waren. Die Entfernung betrug etwa tausend Meter; der Wind war, wenn auch außerordentlich schwach, doch ungünstig. Ich schlug daher sofort, dabei die Tiere nie aus dem Auge lassend, einen großen Bogen, und hatte die Genugtuung, beobachten zu können, wie die Nashörner sich nach etwa einer halben Stunde nebeneinander unter einem Strauchbaume niedertaten. Von nur zwei Leuten begleitet, denen sich noch zwei meiner Masai anschlossen, gelang es mir, mich mit gutem Winde auf etwa 120 Meter den Tieren vorsichtig zu nähern. Die Nashörner waren ausnahmsweise nicht von Madenhackern begleitet; ein mäßig starker Dornenstrauch, der einem nur sehr wenig hohen, verlassenen Termitenhügel entsprossen war, bot mir die letzte vorhandene Deckung. Mehrere Aufnahmen mit dem Teleapparat waren gelungen, als plötzlich aus irgend einer Ursache beide Nashörner im selben Augenblick blitzschnell, ihrer Gewohnheit entsprechend, aufstanden. Fast gleichzeitig bewegte das vorderste Tier, eine alte Kuh, mehrfach ihren Vorderkörper, Witterung nehmend, hin und her, um sofort, gefolgt von dem sie begleitenden Bullen, hocherhobenen Kopfes, in schnellem Galopp in gerader Richtung auf mich zuzustürmen. Ich hatte instinktiv gefühlt, was sich ereignen würde; die stets schußbereite Büchse war im Nu in meinen Händen, der Teleapparat hingegen seinem oft bewahrten Träger übergeben. Es gelang mir, beide Angreifer mit sechs Schuß je zweimal im Laufe weniger Sekunden zu Fall zu bringen; tiefe Furchen bezeichneten die jedesmaligen Stürze der gewaltigen Tierkörper im Sande der Steppe. Meine letzte Kugel feuerte ich im bestimmten Bewußtsein, daß nun mein letztes Stündlein geschlagen habe, auf drei Schritte der alten Kuh ins Genick, gleichzeitig nach rechts um den Dornenbusch herumspringend. Meine Leute hatten längst die Flucht ergriffen, aber einer der Masai kreuzte mich in diesem kritischen Augenblicke und sprang vor mir, unmittelbar sein laut gellendes Kriegsgeschrei ausstoßend, in den Dornenstrauch hinein! Er hatte offenbar erwartet, die Tiere noch im letzten Augenblicke fallen zu sehen, wie er es, wenn ich jagte, stets erlebt hatte. Mit einer nicht zu beschreibenden Gewandtheit folgte mir das Nashorn unmittelbar, und halb um den Busch herumschwenkend, befand ich mich einen Augenblick zwischen den beiden Nashörnern – der alten Kuh und dem Bullen. Heute noch ist es mir ein Rätsel Vergleiche Tafel 16. , daß ich dies Ereignis überlebte, denn, so unglaublich es klingt, erst in dieser allerhöchsten Gefahr machte sich bei beiden Nashörnern fast in demselben Augenblicke die tödliche Wirkung meiner Schüsse geltend. Ich war auf meiner Flucht kaum zwanzig Schritte vom Dornenbusch entfernt, als ein wahnsinnig gellendes Geschrei meiner weit entfernten Leute erscholl und mich veranlagte, mich umzuwenden. Es bot sich mir nun ein höchst eigentümlicher Anblick. Zitternd, mit verstörtem Gesichtsausdruck sah ich den Masai-Moran so weit wie möglich in den Dornenbusch gedrängt; buchstäblich gegen ihn gelehnt, stand wankend die blutüberströmte Nashornkuh; sie fast berührend, war hinter ihr der Bulle zusammengebrochen, und sein mächtiger Kopf schlug mehrfach halb im Todeskampfe auf den harten roten Lateritboden der Steppe. Das gellende Geschrei des Masai und seiner Freunde erscholl, wie stets bei diesen Männern, in einer seltsam mit den hochgewachsenen Erscheinungen dieser Krieger kontrastierenden hohen Sopranlage! So schnell wie möglich hatte ich meine Büchse geladen, und die endgültige Tötung beider Tiere erforderte dann noch der Sicherheit halber drei Fangschüsse. Trotz des starken Schweißverlustes und der gut sitzenden Kugeln hatten also die Nashörner mich um Haaresbreite getötet. – – – – Die so greifbar fürchterliche Nähe der lokomotivartig schnaubenden Angreiferin, der blutüberströmte Anblick, den sie bot, als sie mich aufgespießt hatte, verfolgte mich, ich muß es gestehen, noch längere Zeit – die geschäftige Phantasie läßt mich auch heute noch zuweilen diese Situation abermals durchleben. Das war in der Tat wiederum ein, wie die Engländer bei solchen Gelegenheiten lakonisch zu sagen pflegen: »Narrow escape!« ein »knappes Entrinnen!« Interessant war mir bei dieser Begebenheit die grenzenlose, gleichmütige Ruhe, die meine doch auch aufs höchste gefährdeten Begleiter, namentlich aber der im Dornenbusch so hart bedrängte, nach wenigen Minuten schon an den Tag legten, als die Zerlegung der Nashörner und das Aussuchen der besten Fleischstücke ihre Aufmerksamkeit vollauf in Anspruch nahm, und das übliche Streiten um besonders begehrte Wildpretstücke begann. Andere Länder, anderes Empfinden! Viele andere Erlebnisse mit dem, wie gesagt, stets unberechenbaren » e'Múnj « verliefen ähnlich, wenn auch nicht ganz so aufregend, wie das eben beschriebene. Besonderer Erwähnung verdienen zwei nächtliche Abenteuer – in des Wortes wahrster Bedeutung, – die ich mit Nashörnern erlebte und die auch anderen bekannten Reisenden hier und da zuteil geworden sind. Ganz im Widerspruch mit der sonstigen Scheu und Vorsicht dieser Tiere steht es, daß sie nächtlicherweile unter Umständen jede Angst vor dem Menschen abzulegen scheinen. In einer dicht mit Dornenwuchs bedeckten Talsenkung hatte ich bei einer Gelegenheit mein Lager aufschlagen müssen, und meine Leute hatten sich nach der Abendmahlzeit ermüdet zur Ruhe begeben. In der Nacht wurde ich plötzlich von einem meiner Boys hastig geweckt, und »Tembo bwana!« »Ein Elefant! Herr!« flüsterte er mir mehrmals hintereinander unter den Zeichen größter Aufregung ins Ohr, während gleichzeitig mehrere andere Leute meiner Karawane, sich in mein Zelt drängend, mir dieselbe Meldung angstvoll abstatteten. Aus dem Schlafe aufschreckend, sprang ich von meinem Lager – ergriff eine meiner stets bereitstehenden Büchsen, um nach den vermeintlichen Elefanten Ausschau zu halten – als im selben Augenblicke noch mehrere andere verschlafene Träger über den Boden kriechend sich an mein Zelt drängten und mit allen Zeichen des Entsetzens mit ausgestreckten Armen auf eine große dunkle Erscheinung, etwa vierzig Schritte von meinem Zelte entfernt, wiesen. Sofort erkannte ich in dem regungs- und bewegungslos wie aus Stein gemeißelt verharrenden gewaltigen Tiere ein Rhinozeros, das so mitten unter den kleinen Zelten meiner Träger sich aufgepflanzt hatte, offenbar erstaunt, plötzlich seine Weidegründe von Menschen besetzt zu finden. Vielen Tausenden von Nashörnern gewähren die ungeheuren Steppengebiete Afrikas heute noch Unterkunft und Wohnstätten. Die Überziehung eines großen Teiles von Ostafrika mit Krieg während der letzten Jahre, die Besetzung so nashornreicher Gebiete, wie beispielsweise Karragwe durch belgische Truppen, wird diesem urwüchsigen Verwandten unseres Pferdes manchen Abbruch, stellenweise völlige Vernichtung gebracht haben. Niemand vermag zu sagen, an welchem Tage das allerletzte »Pharu« dem Menschen erliegen wird; – daß aber dieser Tag nicht fern ist, daß er nach nicht allzuvielen Jahrzehnten zu berechnen, scheint mir gewiß. Mit dem letzten Nashorn wird die Zivilisation wiederum einen Lebensfaden zerschnitten haben, der seit uralten Tagen sich weiterspinnend, unzählige Millionen von Individuen erzeugte, die stark wie Riesen alle ihre Feinde überdauerten und gepanzert und gewappnet schienen auch gegen alle künftigen Feinde ... ... Aber im Buche des Schicksals stand es verzeichnet, daß diese schon in der Oligozänzeit auftauchenden Kolosse in unsern Tagen winzigen Metallstückchen erliegen sollten, die, kluge, zweibeinige Zwerge aus weiter Entfernung mit unheimlichster Zaubergewalt in die Körper der Kolosse zu entsenden verstehn.   8. Rhinozerosfang. »Dann wird es hoffentlich auch gelingen, einmal ein junges, deutsch-ostafrikanisches Nashorn lebend herüberzubringen, ein Festtag für unsern Zoologischen Garten!« ... Diese Worte schrieb Professor L. Heck 1896 in seinem vortrefflichen »Tierreiche«. In demselben Jahre betrat ich zum ersten Male afrikanischen Boden. Viele Anstrengungen sowohl in Deutsch- wie in Britisch-Ostafrika waren gemacht worden, ein junges Nashorn oder einen jungen Elefanten aus diesen Ländern und in den dort vorkommenden Arten lebend nach Europa zu bringen. Während letzteres erst sehr viel später erreicht worden ist, gelang mir ersteres erst, nachdem ich zum vierten Male den schwarzen Erdteil aufgesucht, und zum dritten Male mit einer eigenen Karawane ins Innere gezogen war. Gutem Vernehmen nach hat allein die sogenannte Straußenzucht-Gesellschaft am Kilimandscharo in früheren Jahren an die vierzehn junge Nashörner durch kenntnislose Aufzucht verloren. Der Bau der Uganda-Eisenbahn, welche Mombassa mit dem Viktoria-Nyanza verbunden und die Möglichkeit eines Transportes, auch schwerer Güter, zum Meere gegeben hat, hat erst ganz erheblich später diesen heißen Wunsch aller zoologischen Gärten erfüllt. Es muß seine guten Gründe haben, daß dem so ist, und diese Gründe liegen sowohl in der schwierigen Erlangung beispielsweise eines jungen Nashorns, als auch in der Schwierigkeit der Milchbeschaffung, bezw. in der Hinfälligkeit des Rindviehes, wenn es in Deutsch- oder Britisch-Ostafrika auf weitere Strecken von einem Ort zum anderen transportiert wird. Zum Teil aus denselben Gründen gelang es lange Zeit nicht, aus der Zahl der herrlichen Fauna Ostafrikas viele andere schöne Tiere lebend nach Europa zu bringen. Keine Giraffe oder Elenantilope, keine Oryx, keine Pferdeantilope, keine der herrlichen Grantgazellen, Impallahs und Wasserböcke, Kuhantilopen und Kudus gelangte in einen unserer Zoologischen Gärten – ganz zu schweigen von vielen kleineren Bewohnern der ostafrikanischen Nyika! Dies wirft ein schlagendes Licht auf die schwierigen, klimatisch schlechten Verhältnisse des Landes. Im Mai 1903, an der Westküste des Kilimandscharo weilend, beschloß ich wiederum, unter allen Umständen den Versuch der Nashorn-Aufzucht zu machen. Dieser Versuch erforderte freilich eigens zu erwerbende teuere Kuhherden und die unentwegte Suche nach einer Nashornmutter mit einem Jungen in fangbarem Alter, die ich beide früher – ohne zu meiner Verfügung stehendes Milchvieh – stets geschont hätte! Allein, beseelt von dem Wunsche, endlich zum Ziele zu gelangen, beschloß ich, die recht erheblichen materiellen Opfer zu bringen. – – Inmitten dickster Dornenwildnis, deren Undurchdringlichkeit jetzt unmittelbar nach der Regenzeit durch grüne Vegetation und hohe Gräser erhöht wurde, sichtete ich nach vielen vergeblichen Versuchen endlich ein altes Nashorn mit noch kleinem Jungen. Die Alte hatte mich bereits halb und halb durch ihre scharfe Witterung wahrgenommen: Jeden Augenblick konnte sie in den Dornen verschwinden; ich bin daher gezwungen, spitz nach vorne zu schießen. Sie wirft sich blitzschnell herum und verschwindet krachend und polternd – gefolgt von dem Jungen – in der Wildnis. Meine Kugel hat nicht gut gesessen, eine nur geringe Schweißfährte zeigt sich. Nun folgt eine aufregende, unsäglich anstrengende Suche, bei der meine Leute und ich mühsam zwischen den Dornen uns hindurch winden müssen. Bald sind meine Kleider zerfetzt, Arme und Hände, wie auch mein Gesicht vielfach zerschrammt und blutend; jeden Augenblick erwarte ich auf nächste Entfernung mit dem angeschossenen und wütenden Tiere zusammenzustoßen. Meine Schwarzen klettern auf Termitenhügel, um Ausschau zu halten – da – plötzlich scheint einer das Nashorn erspäht zu haben! Schnell erklettere ich selbst den Hügel, aber enttäuscht nehme ich ein anderes Nashorn, – einen Bullen nach der Kürze und Dicke seiner Hörner, – wahr. – Er darf uns jetzt nicht aufhalten! Glücklicherweise erhält er Wind und wird flüchtig; schweißtriefend und atemlos folgen wir wiederum der Fährte der Kuh, die, häufig von Fährten anderer Nashörner aus der vergangenen Nacht gekreuzt, nicht leicht zu halten ist. Jeder Augenblick ist spannend: die hier wachsende Vegetation würde uns vor einem angreifenden Nashorn keinen Schutz gewähren, wohl aber würde sie das anstürmende Tier in keiner Weise hindern, sondern von ihm wie Streichhölzer zerknickt werden. ... Die Zeit vergeht, es wird Mittag, die Hitze hat ihren Höhepunkt erreicht, und immer noch folgen wir mit angespanntester Aufmerksamkeit unter quälendem Durste so schnell wie möglich der Fährte, – durch trübe Erfahrungen gewitzigt, umspannen meine Hände die jeden Augenblick schußbereite Büchse. Stunde auf Stunde verfließt, ohne die kürzeste Unterbrechung unserer eiligen Verfolgung. Wenig Hoffnung bleibt, das ersehnte Wild zu erreichen; da gelangen wir an einen Regenwassertümpel, in dem es sich eben erst mit seinem Jungen gesuhlt und erfrischt hat. Das trübe, lehmartige, wenig angenehm duftende Wasser bietet aber auch uns Erquickung. Wir können uns orientieren, und finden, daß das Nashorn glücklicherweise einen ungeheuren Bogen, nunmehr wieder in der Richtung auf das Lager zu, geschlagen hatte! Das aufgefundene Wasser bietet mir die Möglichkeit, bis zum Einbruch der Nacht die Verfolgung fortzusetzen, wenig erfreulich ist dabei die Aussicht, unter Umständen in der Steppe übernachten zu müssen, die zur Nachtzeit von so zahlreichen Nashörnern durchquert wird. Da plötzlich in einer kleinen Akaziendickung nehme ich die aufmerksam regungslos verharrende Nashornmutter dicht vor mir wahr, und ehe sie eine Bewegung hat ausführen können, viel schneller, wie es sich erzählen läßt, liegt sie durch meinen Schuß ins Ohr getötet vor uns in den Dornen. Das Junge schreit und quiekt durchdringend, kommt einige Schritte auf mich zu und ergreift dann die Flucht. Die Alte wälzt sich noch einige Male im Todeskampf; ich gebe ihr noch zwei Fangschüsse, gleichzeitig meine Begleiter anfeuernd, sich auf das Junge zu werfen! Doch dieses wendet sich schnaubend uns entgegen, – aber da wälzt es sich schon fest von mir umarmt mit mir zusammen am Boden, und ist blitzschnell gefesselt, da jeder meiner Leute einen Strick, für diesen Zweck seit Stunden in der Hand getragen, mit sich führte. Anfänglich folgt es mir willig, der ich ihm ein Stück Haut des alten Tieres vorhalte, dann aber weigert es sich quiekend mitzugehen, schnell entschlossen lasse ich vier Mann bei ihm und sende Eilboten ins Lager, um Leute zu holen, spät am Abend kommt es dann glücklich unter großem Jubel der Träger im Lager an. Nun aber beginnen erst die großen Schwierigkeiten der Aufzucht, und ich muß noch eine ganze Anzahl von Kühen erwerben. Dann aber gewöhnt es sich an eine Ziege und, von mir wochenlang auf das sorgfältigste gepflegt und gewartet, gedeiht es nunmehr prächtig, um endlich glücklich sein Ziel, den Berliner Garten, zu erreichen, wo es, immer in Gesellschaft seiner Ziegen, sich wohl zu befinden scheint. Mit Schwierigkeiten verbunden war monatelang später sein Transport zur Küste, den es zu Fuß zurücklegte. Zur Zeit der größten Hitze war ich gezwungen, sogar nachts mit ihm zu marschieren, und ein sehr schweres Fieber verdanke ich wohl einem Übernachten ohne Moskitonetz ihm zuliebe inmitten einer sehr ungesunden Gegend an der Karawanenstraße. Endlich erreichte es glücklich Neapel. Professor Heck war ihm hier entgegengefahren und hatte von Chiasso aus einen Spezialwagen zu seinem Transporte mitgebracht. Hocherfreut war er, den so ersehnten Fremdling gesund begrüßen zu können; ebenso erregte er bei den Herren der zoologischen Station Neapel, welche ihn unter Führung von Professor Dohrn besichtigten, größtes Interesse. Nach reiflicher Überlegung zogen wir jedoch den Transport auf dem Seewege auch fernerhin vor. Der Landweg erschien uns hauptsächlich aus klimatischen Gründen jetzt im Januar ungeeignet, trotz des sehr freundlichen Entgegenkommens der italienischen Eisenbahnbehörden, welche durch die Güte des italienischen Botschafters Grafen Lanza in Berlin außerordentlich hilfsbereit waren. Unser Transport gelang denn auch glücklich, obwohl wir im Mittelmeere einen Mistral erlebten, der uns fast zwei Tage den Genuß eines Orkanes auf hoher See auskosten ließ. »Windstärke 11« und »Schiff stampft gewaltig!« war im Schiffsjournal vermerkt; 45 Grad legte sich der 6000-Tonner auf die Seite! Trotz alledem überstand das junge Tier die Reise, und in Hamburg hatte Herr Hagenbeck in freundlicher Weise alles vorbereitet, um uns die schleunige Überführung nach Berlin zu ermöglichen, wofür ich ihm besonderen Dank schuldig bin. So vermochten wir nun endlich das so interessante Tier, welches sich vor seinen schwerfälligen indischen Vettern durch Gewandtheit, relative Zierlichkeit und außerordentliche Länge der Doppelhörner auszeichnet, in der Gefangenschaft zu studieren und sein Wachstum und seine Ausbildung zu beobachten. Leider erlag das Tier einige Jahre darauf einer Krankheit. Zwei weitere junge Nashörner kamen dann noch in meinen Besitz, jedoch war ich in ihrer Aufzucht nicht so glücklich, wie bei dem ersten. In einem Falle fand ich die Fährte eines Nashorns mit seinem Jungen am Wasser. Diesmal nahm ich – ausnahmsweise begleitet von meinem Präparator Orgeich – die Verfolgung auf, die uns stundenlang über schwieriges, steiniges und hügeliges Terrain führte. Von Madenhackern gewarnt, nahm die Alte mit dem Jungen die Flucht, bevor ich schießen konnte, von einem Hügel aus konnte ich ihr Verschwinden in der Steppe lange verfolgen. Wiederum nahmen wir die Verfolgung auf, um nach abermals vierstündiger Jagd das Nashorn in einer großen, nur hier und da baumbestandenen Grasflur aufzufinden, in der es stehend »verhoffte«, durch die Verfolgung argwöhnisch gemacht. Es stand unter einem Akazienbaume. Ich kroch auf hundert Schritte heran; meine Kugel schlug durch einen dicken Ast dieses Baumes, das Tier dennoch auf dem Flecke tötend. Ich wartete, bis alle meine Leute, vorsichtig auf dem Boden kriechend, sich mir genähert hatten. Dann sandte ich die mich begleitenden fünfzig Mann nach rechts und links aus, um das Junge »einzukesseln«. Jedoch vergeblich! Es durchbrach die Reihen seiner Fänger und verschwand mit hoch emporgerichtetem Ringelschwänzchen in der Steppe. Ein fünfstündiger, scharfer Marsch führte mich zum Lager zurück, ein ebensolcher anderen Tages wieder zu dem erlegten Nashorn hin. Am nächsten Morgen fanden wir es wiederum bei der erlegten Mutter; abermals erging es uns wie am Tage vorher, obwohl mir diesmal hundert Mann zu Gebote standen. So mißlang uns dieser Fang vollkommen! In einem anderen Falle, nachdem die Verfolgung einer Fährte, sieben Stunden anhaltend fortgesetzt, endlich zum Ziele geführt hatte, erblickte ich die Nashornmutter im Scheine der untergehenden Sonne nicht weit vor mir in der Dornensteppe. Auf meinen Schuß wurde sie schwerkrank flüchtig; nach anhaltender Verfolgung in schnellstem Laufe gelang es mir aber, sie durch eine zweite Kugel zu Falle zu bringen. Wir stürzten uns auf das schon relativ große Junge, aber vergeblich; es entfloh schneller, als wir zu folgen vermochten. Bald war ich ganz allein und wartete bei dem erlegten alten Nashorn, ob etwa das junge Tier zurückkehren würde. Im Eifer der Verfolgung waren alle meine Leute ohne Ausnahme, angespornt durch die ausgesetzten Belohnungen, ihm gefolgt. Es dämmerte bereits, als endlich zunächst meine zwei Flintenträger, die die von ihnen getragenen Reservegewehre bei mir zurückgelassen hatten, zurückkamen. Niedergeschlagen machten wir uns zum Lager auf. Nichts ist niederdrückender als der Gedanke, so dicht beim Ziele wiederum enttäuscht worden zu sein und zwecklos das Muttertier getötet zu haben. Wiederum war die mühevollste Arbeit eines ganzen Tages umsonst gewesen. Am nächsten Morgen zog ich, gefolgt von allen meinen Trägern, bis auf die notwendigen Wachen im Lager, abermals zur selben Stelle, in der Hoffnung, das Junge anzutreffen. Aber nur Hunderte von Geiern und einige Marabus fand ich hier vor, angelockt durch das verendete Nashorn. So gab ich meinen Leuten Anweisung, die Hörner des Tieres loszulösen und das Fleisch ins Lager zu schaffen. Ich selbst begab mich mit nur drei Gewehrträgern einige Schritte abseits in die Nähe einer tiefen Regenschlucht, wo ich am Abende vorher einige seltene Vögel wahrgenommen hatte. Da! Nahe bei der Schlucht sprang plötzlich der junge Nashornbulle auf, dicht vor meinen Füßen! Ich hatte ihn, der, mit dem rötlichen Erdboden der Steppe durch ein Schlammbad überzogen, sich nicht von seiner Umgebung abhob, so wenig wie meine Leute wahrgenommen! Durch die Schlucht, die sich verzweigte, an einer Flucht gehindert, stürzte sich das junge Tier mit erstaunlich starkem Schnauben auf mich, den Kopf mit dem kleinen Horne tief gesenkt. Ich ergriff jedoch, so schnell ich vermochte, seinem Hornstoße ausweichend, seinen Hals, umklammerte diesen und nun wälzten wir uns beide am Boden, wobei ich nicht unerhebliche Kontusionen davontrug. Da stürzten sich aber auch meine Leute schon auf das Tier, und ein furchtbares Gebalge entspann sich. Gleich darauf hatten sich alle meine vom erlegten Nashorn herbeigeeilten Träger, hilfreiche Hand leistend, auf uns geworfen, und das junge Tier wurde glücklich gefesselt, um auf einer schnell improvisierten Tragbahre ins Lager geschafft zu werden. Einige Tage ging alles gut. Dann aber zeigte sich eine Geschwulst am Unterkiefer, die allmählich, unter starker Eiterung, einen bösartigen Charakter annahm. So verlor ich das Tier nach einigen Tagen; eine harte Enttäuschung, da es schon so gut zu gedeihen schien! Die Aufzucht junger Tiere gelingt häufig scheinbar, leider aber erlebt man bis zur völligen Eingewöhnung sehr häufig Enttäuschungen! Abermals schien mir nun das Glück günstig, und ich konnte ein Nashorn, das ein Junges führte, erlegen. Doch wiederum vermochten wir uns des Jungen nicht zu bemächtigen. Die Schußstelle war weit ab vom Lager; enttäuscht zogen wir heimwärts, um in aller Frühe am nächsten Morgen zurückzukehren, sorgfältig suchte ich mit dem Glase nach dem jungen Tiere; ich finde es nicht. Wir nähern uns der erlegten Alten. Da nimmt ein scharfes Negerauge eine Bewegung in den Büschen wahr. Mit dem Glase kann ich mich überzeugen, daß es das junge Tier ist, das sich dort aufgerichtet hat und bewegungslos, argwöhnisch lauscht. Nach einer Weile legt es sich wieder hin, völlig von Büschen verdeckt. Wir nähern uns ihm mit günstigem Winde lautlos bis auf wenige Schritt, da bricht es schnaubend aus den Büschen hervor! Schon durchzuckt mich ein freudiges Gefühl: es hat die Richtung auf mich genommen, und wiederum hoffe ich, meinen bewährten Halsgriff, ausführen zu können, als es links abschwenkt. Die ihm nächsten Leute wagten nicht zuzugreifen, und eine wilde Jagd meiner gesamten Träger folgt ihm nun wiederum in die Steppe hinaus! Noch sehe ich, wie ein besonders schnellfüßiger Träger, ein Ugandamann, es beinahe einholt und an seinem charakteristisch hochgetragenen Schwanz es fast zu ergreifen vermag; dann aber geraten Wild und Verfolger in die Dornen des Pori und nach zwei Stunden kommen alle meine Leute, aufs äußerste ermüdet, halb verdurstet und ergebnislos zurück! Derartige vergebliche Anstrengungen auf vielen Gebieten erlebt man drüben leider fast alltäglich; immer aber wieder bleibt es höchst niederdrückend, die heißersehnte Beute so nahe am Ziele verschwinden zu sehen. Ähnlich aber werden die meisten Versuche in einem Lande verlaufen, wo die Unmöglichkeit, Pferde zu verwenden, den Menschen in der Verfolgung allzusehr einschränkt. Unter Umständen kann aber ein solches Unterfangen auch einen mehr oder weniger tragischen Ausgang nehmen. In etwa zweitausend Meter höhe auf einem Berge der Masai-Nyika gewahrte ich bei den Strahlen der untergehenden Sonne ein Nashorn, von Büschen halbverdeckt, mit scheinbar noch fangbarem Jungen. Die Erlegung des alten Tieres erforderte mehrere Schüsse, wobei es mich annahm und stark bedrängte. Das Junge ergriff die Flucht; unklugerweise folgten ihm einige meiner Leute laut schreiend, wobei sich namentlich ein Mann besonders hervortat, dessen friedliche Beschäftigung – die Eselwartung – mit seinem nunmehr plötzlich entfalteten Mute erheblich kontrastierte! Ich hatte leider zu spät bemerkt – die Tiere standen halbverdeckt –, daß das Junge schon eine erhebliche Größe und dementsprechende Ausbildung der Hörner erreicht hatte. Plötzlich machte es schnaubend kehrt – die Verfolger waren zu Verfolgten geworden! Schreiend ergreifen sie ihrerseits die Flucht! Der Eselboy Hamis muß im nächsten Augenblick vom Horn des »Múnj« (Nashorn) aufgespießt werden; gellend erschallt sein Hilfeschrei. ... Auf seiner Flucht – instinktiv sucht er Schutz bei seinem Herrn – hat er mich fast erreicht: – da gelingt es mir, das angreifende Tier mit einem Genickschusse auf dem Fleck zu töten, nicht ohne daß es in seinem Falle den verfolgten Schwarzen unter sich begraben hätte! Erfreulicherweise kam er indessen ohne ernstliche Beschädigung davon. Es wird nach dem Gesagten dem Leser klar werden, daß zur Erbeutung und zur Aufzucht eines jungen Nashorns eine Reihe von glücklichen Umständen mitwirken müssen. Es wäre zu hoffen, daß in den nächsten Jahren solche hier und da zusammentreffen und auf diese Weise noch einige der seltenen Tiere lebend nach Europa gelangen möchten! In etwa vierzig anderen Fällen traf ich zwar Nashörner mit Jungen an; doch waren die letzteren entweder zu stark, um gefangen werden zu können, oder ich war zu weit vom Lager entfernt oder aus anderen Gründen verhindert, die Aufzucht zu versuchen, so daß ich selbstverständlich die Tiere, Alte wie Junge, nicht belästigte. Im allgemeinen halten sich die Nashörner, wenn sie sehr kleine, noch gut fangbare Junge haben, in so dichter Deckung auf, daß eine Erlegung ersterer wie auch ein Fang letzterer dadurch höchst gefährlich und schwierig wird. Es ist nicht leicht, sich eine Vorstellung von dem Reichtum an Nashörnern in jenen abgelegenen Bergländern zu machen! Daß die Kunde dieses Reichtums nicht schon seit einem Jahrzehnt und mehr in die Fachliteratur gedrungen und allgemein bekannt geworden, ist ein Rätsel, wie so vieles andere auf zoologischem Gebiete. Aber was wußten wir vom Okapi der zentralafrikanischen Urwälder bis vor wenigen Jahren, was ist uns heute über seine Häufigkeit und Seltenheit bekannt? Hat doch der Herzog A. F. von Mecklenburg gelegentlich seiner letzten Reise im Gebiete der Urwaldzwerge nur Okapifelle erhalten können, nicht aber das Tier lebend auffinden können. Und wer sagt uns, wieviel Wale und Walrosse im Norden, wieviel Yaks in den tibetanischen Hochländern, wieviel Riesenelche und Bären in Alaskas unzugänglichen Wäldern im Norden Amerikas heute noch leben? Es scheint das Schicksal des Großwildes der Erde in unserer Zeit zu sein, daß in der Hauptsache Nichtfachmänner dieses Wild dezimieren und vernichten, nicht Jäger, sondern gewerbsmäßige Schützen, die es abschlachten und darum vielfach über den Reichtum ihrer Jagdgründe schweigen. Hier sind englische und amerikanische Autoren, eine Autorität wie Präsident Roosevelt mit mir einig! In meiner Jugend las ich die Geschichte eines Seefahrers, in der von der Erbeutung nordischer Pelztiere berichtet wurde, die er als Pelzjäger auf abgelegenem Eilande erkundet hatte und durch deren Abschlachtung er ein Vermögen gewann. Ängstlich hütete der Seefahrer seinen Schatz, die Kenntnis jener abgelegenen Insel. Als er sie verließ, war das Leben dort erloschen, die Tierwelt vernichtet. Ähnlich ergeht es uns mit dem afrikanischen Elefanten, über dessen Abschlachtung wir so wenig erfahren und dessen Vernichtung wir nur an den gewaltigen Elfenbeinmengen messen können, die auf den Markt gelangen. Ähnlich verhält es sich mit der gewerbsmäßigen Vernichtung der Wale, der Robben der Arktis und Antarktis und vielem anderen auf diesem Gebiete. Auch von vielen Menschen erfährt man ja erst, wenn sie gestorben sind ... 9. Erlebnisse mit Flußpferden. Länger wie Elefant und Nashorn wird das Flußpferd (Kiboko der Suahelisprache – in der Mehrzahl: Viboko – und ol Măkaū der Masai – Mehrzahl: el Măkaunin) in Afrika erhalten bleiben. Nicht etwa weil es weniger verfolgt wird, wie jene, sondern weil ein großer Teil seiner Aufenthaltsorte – die riesigen Sumpfgebiete im Westen Afrikas – außerordentlich schwer zugänglich sind und noch auf lange Zeit bleiben werden. Längst sind die Zeiten verschwunden, in denen auch in Nordafrika Flußpferde häufig waren. Der Name »Nilpferd« war damals durchaus gerechtfertigt, weil das Tier im Nilflusse selbst und seinem Delta höchst zahlreich war. Heute sind Nilpferd und Krokodil, letzteres wenigstens in größeren Exemplaren, aus dem Unterlauf des Flusses verschwunden und nur oberhalb Chartum noch zu finden. Aber selbst in den großen innerafrikanischen Seenbecken, so im Viktoria-Nyanza, scheinen die Tage dieses riesigen Wasserschweines gezählt zu sein. Zwar sind Verordnungen erlassen worden, um im englischen Teil des Sees der völligen Vernichtung vorzubeugen, aber in nicht ferner Zeit wird das »Kiboko« im Viktoriasee so gut wie im Nil verschwunden sein. Von höchstem Interesse ist die vor nicht allzulanger Zeit erfolgte Auffindung einer Zwergform des Flußpferdes an der Westküste Afrikas, in Liberia. Dieses Tier erreicht nur eine sehr geringe Größe und soll, den dürftigen Angaben zufolge, die wir über seine Lebensweise besitzen, paarweise in den Strömen des Urwaldes leben. Auch das gewöhnliche Flußpferd dürfte bei näherer Untersuchung in noch mehrere Unterarten zerfallen; je nach den betreffenden Stromgebieten scheint es mir in Größe, Aussehen und Gewohnheiten zu differieren. Herodot berichtet Buch VIII Kapitel 26, daß schon damals beim Nilpferd stets Risse in der Epidermis beobachtet wurden, und spricht die Vermutung aus, daß diese durch die Schnitte scharfer Schilfgräser entstünden. Diese Risse habe ich auch zuweilen gesehen, und da ich dasselbe bei den Nashörnern – niemals dagegen bei Elefanten – gefunden habe, so möchte ich glauben, daß gewisse noch unbekannte Erreger hier eine Rolle spielen. Von den Tagen Herodots an bis zu unserer Zeit besitzen wir eine große Anzahl von Mitteilungen der Reisenden über das Flußpferd, die mehr oder minder stets übereinstimmen in der Ansicht, daß das Tier bösartig, gefährlich und angriffslustig sei. Der letzte klassische Zeuge hierfür ist unser genialer Brehm, doch dieser hatte es im besonderen mit bereits vielfach beschossenen Flußpferden zu tun. Es ist leicht erklärlich, daß ein so großes, eine angenehme und vollkommen gefahrlose Schießgelegenheit auch für den Nichtjäger gebendes, und eine so erhebliche Menge von Fleisch lieferndes Tier, von den Reisenden oder ihrer Begleitung beschossen worden ist, wann und wo es auch immer möglich war. Namentlich zur Trockenzeit, wenn die Flußpferde dicht gedrängt gewisse tiefere Tümpel im Flußbett oder kleine Seen bewohnen, bieten sie einer gewissen Sorte von »Nimroden« eine erwünschte Jagdgelegenheit. Da tödlich getroffene Tiere augenblicklich zu Boden sinken und erst in anderthalb bis zwei Stunden, je nach der Wärme des Wassers, durch die Verwesungsgase wieder an die Oberfläche gehoben werden, werden in vielen Fällen eine weit größere Anzahl dieser Tiere getötet, als selbst gute und loyale Jäger beabsichtigen. Ein Offizier der ostafrikanischen Schutztruppe, der umfangreiche zoologische Sammlungen in verschiedenen Gebieten Deutsch-Ostafrikas veranstalten konnte und außerordentlich viel Gelegenheit zur Jagd fand, hat mir selbst erzählt, daß er im Anfange seines afrikanischen Aufenthaltes zum ersten Male auf einen mit Flußpferden besetzten Tümpel stoßend, darin völlig gegen seinen Willen über dreißig Stück in kurzer Zeit getötet habe. Er wurde von dem Häuptling der betreffenden Landschaft an eine tiefere Stelle im Flußbette geführt, sah dort mehrere Flußpferde auftauchen, schoß auf sie und glaubte, da er nicht das geringste Resultat seiner Schüsse wahrnahm, sein Ziel verfehlt oder keine tödlichen Stellen getroffen zu haben. Immer wieder sah er die von ihm vermeintlich beschossenen Tiere auftauchen, bis er endlich aus Mangel an Munition sein Feuer einstellen mußte. Einige Stunden darauf trieben dann die Kadaver von über dreißig Flußpferden an die Oberfläche. Dies konnte freilich nur einem Unerfahrenen passieren. Aber wie oft wird sich Ähnliches ereignet haben und sich noch ereignen angesichts der vielfach so geringen weidmännischen Schulung neuer Ankömmlinge in den Kolonien und von seiten der gewerbsmäßigen Wildschlächter! Was hier aus wahrheitsgetreuem und ehrlichem Munde berichtet worden ist, wirft ein schlagendes Licht auf die Ursachen des Verschwindens mancher Tierarten . Die Zähne des Flußpferdes sind weit härter als das vom Elefanten herstammende Elfenbein, und eine Zeitlang wurden künstliche Zähne für Menschen aus ihnen gefertigt. Die fortschreitende Technik weiß jedoch heute bessere Zahnsurrogate herzustellen, hat aber leider noch immer nicht einen Ersatz für Elfenbein zur Herstellung von Billardbällen zu finden gewußt. Der alte Le Vaillant bemerkt schon in seinen »Reisen« vor mehr denn 100 Jahren: »Man darf sich nicht wundern, daß die Europäer, vorzüglich die Franzosen, die Zähne des Flußpferdes zu einem wichtigen Handelsartikel machen, denn durch Hülfe der Kunst ersetzen sie die Natur und glänzen auf das schönste im Munde eines artigen Frauenzimmers.« Im Jahre 1896 fand ich die Eingeborenen an den Buchten des Viktoriasees im größten Einvernehmen mit den höchst zahlreichen Flußpferden und ohne jede Scheu vor ihnen. Es war ein höchst eigentümlicher Anblick, die auf Flößen die Fischerei ausübenden Eingeborenen inmitten der zahlreich um sie her auftauchenden Flußpferde zu sehen, während sich auf den Sandbänken zahlreiche riesige Krokodile sonnten. Hier lernte ich zur Genüge und habe es später noch wiederholt bestätigt gefunden, wie es mir von Dr. R. Kandt ausdrücklich auch für gewisse Gebiete Zentralafrikas bestätigt worden ist, daß diese Tiere erst dann bösartig und aggressiv werden, wenn sie vom Menschen verfolgt und vielfach verwundet worden sind. In einem Reisebericht finde ich die Angabe, daß die Gouvernements-Askari nächtlicherweile andauernd durch Abgabe von Schüssen die Flußpferde dem Lager fernhalten mußten! Es ist eigentümlich, daß ich selbst gar niemals durch die Tiere gefährdet worden bin. Manche meiner Lager waren unmittelbar am Sumpf und an Flußufern aufgeschlagen, wenige Meter von meinem Zelt trieben sich oft stundenlang neugierig schnaufende Flußpferde im Wasser umher, jedoch keiner meiner Leute kümmerte sich um sie, da ihr Herr es ja auch nicht tat! Mehr noch! In zwei Fällen spazierte ein Flußpferd mitten in der Nacht in meinem Lager zwischen den Zelten meiner Leute hindurch, ohne irgend jemanden zu beschädigen, und nur in einem dritten Falle gab mein Posten auf ein Flußpferd Feuer, weil es tatsächlich, wie ich mich selbst überzeugt habe, mit seiner Schnauzenspitze meine Zeltleinwand neugierig berührte. Hier hatte ich allerdings mein eigenes Zelt nur wenige Meter von dem Ausstiege von Flußpferden am Sumpfe aufschlagen lassen, während alle meine Leute weiter ab vom Wasser lagerten. Ich begreife wohl, daß Reisende, die ihre Leute instruiert haben, auf jedes sich nächtlicherweile zeigende Tier zu feuern, anderer Ansicht sein werden. Da ich unweigerlich meine Posten auf das strengste zu bestrafen pflegte, wenn sie ohne Erlaubnis – selbst nachts – einen Schuß abgaben, so habe ich ein so völlig abweichendes Urteil mir bilden können. Sehr erstaunt war ich, meine Wandorobbo ohne Besinnen einen von mir einst erlegten Flußpferdbullen aus einem ganz kleinen Wassertümpel herausholen zu sehen, obwohl sich noch zwei andere »Makaita« in dem Tümpel befanden. Die Leute mußten sich dabei auf höchstens drei Meter Entfernung der Stelle nähern und die beiden überlebenden Flußpferde – die allerdings nicht von mir beschossen waren, aber doch in größter Vorsicht nur in Intervallen von etwa zwei Minuten prustend auftauchten – fast berühren!! Auch diese meine Erfahrung wird vielleicht dazu dienen, allzu phantasievolle frühere Berichte etwas einzuschränken, zumal da ich Ähnliches öfters erlebt habe. Höchst bemerkenswert ist das Verhältnis der Nilpferde zu den Krokodilen. Beide Tierarten leben im größten Einvernehmen, und auch die ganz jungen Flußpferde scheinen durch ihre Mütter so gut gegen die gefährlichen und riesigen Wasserechsen geschützt zu werden, daß sie vollkommen geborgen sind. Kaum aber ist ein Flußpferd verwundet, so ändern die Krokodile ihr Verhalten. Wenn ich ein Flußpferd erlegt hatte, erschienen die fein witternden Krokodile sofort stromaufwärts schwimmend. Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich dies beobachten und namentlich in einem Falle das hochinteressante Schauspiel einer großen Ansammlung von Krokodilen auf einem erlegten Flußpferd genießen können. Ich hatte ein altes Flußpferd geschossen, welches sofort durch die Strömung gegen eine Sandbank getrieben wurde und, durch die Wucht des Stromes auf den Sand gedrückt, über dem Wasser sichtbar war. Die zwei mich begleitenden Leute sandte ich in das eine halbe Stunde entfernte Lager, um Hilfe und Stricke zu holen; ich selbst blieb allein zurück, hinter einem Baume versteckt am Ufer des Stromes, durch nur wenige Meter reißenden Wassers von meiner Beute getrennt. – Bewegungslos lagen die mächtigen rundlichen Fleischmassen des getöteten Tieres auf der Sandbank, und die trüben Wassermassen führten höchstwahrscheinlich Schweißteilchen (Blut) weit flußabwärts mit sich, denn nach kurzer Zeit tauchten auf der ruhigen Wasseroberfläche im tiefen Unterlaufe des Stromes erst eine, dann mehrere Schnauzenspitzen von Krokodilen auf, um sofort wieder zu verschwinden. Nach überraschend kurzer Zeit aber wurde ein etwa vier Meter langes Krokodil sichtbar, äugte einen Augenblick umher, verschwand dann wieder unter dem Wasser und kletterte gleich danach auf das Flußpferd hinauf. Es war ein geradezu überwältigend unheimlicher Anblick, als aus dem rauschenden Strome so unvermittelt die gefährliche Echse auftauchte. Als sie aber nun den mit furchtbar dräuenden Zähnen bewaffneten Rachen öffnete und mit unbeschreiblicher Gier das Flußpferd zu packen versuchte, wich ich – das Ganze spielte sich nur wenige Meter von mir entfernt ab – unwillkürlich noch einen Schritt vom Flußufer hinter den Baum zurück. Da ich mich aber vollkommen unsichtbar verhielt, so wurde mir gleich darauf der grandiose Anblick, auf so nahe Entfernung ungefähr zwanzig, fast alle gleich große, gegen vier Meter lange Krokodile auftauchen zu sehen, die nun an dem Flußpferde hin und her zerrten. Es gelang ihnen freilich nicht, die zähe, undurchdringliche Haut zu durchbeißen; nur ein Ohr und Teile der Schnauze, auch den Schwanz vermochten sie abzureißen. Die auf die sonstigen Teile der Epidermis gerichteten Bisse glitten sämtlich ab; erst beim Eintreten der in den Tropen überraschend schnell beginnenden Fäulnis würden ihre Bisse von Erfolg begleitet gewesen sein. Der Anblick der sich um die Beute streitenden, auf- und untertauchenden gepanzerten Wasserbewohner war ein ebenso unheimlicher, wie in seiner Art unvergeßlicher und großartiger für den immer noch hinter dem Baume verborgenen Beobachter. Allmählich aber hatten die riesigen Tiere so sehr an ihrer Beute gezerrt, daß ich befürchtete, das Flußpferd könne von der starken Strömung dem tiefen Unterlaufe des Flusses zugeführt werden, wo es für mich verloren gewesen wäre. In großen Strömen hat es nämlich nur dann einen Zweck, »Viboko« zu erlegen, wenn nicht allzu weit unterhalb der Schußstelle Sandbänke oder seichte Stromschnellen sich befinden, welche die abwärts treibenden verendeten Tiere aufhalten. Sind solche Stellen nicht vorhanden, so sind die erlegten Flußpferde für den Schützen verloren. Ich ließ daher meine Büchse sprechen und schoß, immer vorsichtig verborgen bleibend, bis zur Ankunft meiner Leute innerhalb einer Stunde gegen fünfzehn Krokodile von dem Flußpferd herunter; im Besitze reichlicher Munition hätte ich wohl noch zehn mehr erlegen können. Die Schnelligkeit, die das »Kiboko« auf dem Lande zu entwickeln vermag, ist geradezu erstaunlich und ebenso überraschend, wie die von den Elefanten und Rhinozerossen entwickelte ungeheure Schnelligkeit und Gewandtheit, – Eigenschaften, die sehr im Gegensatz zu der anscheinend so plumpen Erscheinung dieser Dickhäuter stehen. Ich habe in nur zwei Fällen Flußpferde auf dem Lande flüchtig beobachten können, war aber überrascht von ihrer Beweglichkeit. Einmal bin ich auch von einem Flußpferd unter solchen Umständen hart bedrängt worden und nur knapp mit dem Leben davongekommen. Ich hatte das Tier gegen Abend auf dem Lande angetroffen. Gegen meine Erwartung nahm es auf eine nicht sofort tödliche Kugel seine Richtung auf einen kleinen See, der hinter mir gelegen war, und nicht auf einen größeren, der nicht weit vor mir lag. In einem unheimlich fördernden Galopp kam das Tier direkt auf mich zu. Nur dem Umstande, daß es auf eine zweite Kugel hin abschwenkte, um bald darauf verendet niederzustürzen, habe ich meine Rettung zu verdanken, denn ich mußte gerade in dieser Situation abermals ein Versagen des Repetiermechanismus für den dritten Schuß meiner Büchse erleben. In einem anderen Falle stieg ein von mir geschossenes Flußpferd wenige Meter von mir entfernt ans Land, öffnete den in des Wortes wahrster Bedeutung zähnestarrenden Rachen so weit wie möglich, sank aber dann verendet zusammen, eine Situation, die ich leider nicht im Bilde festzuhalten vermochte, da ich in diesem Augenblick über keine Platten verfügte! Bemerkenswert ist eine ausgesprochene Neugierde der Tiere, die von den Eingeborenen sogar dazu benutzt wird, dieselben in die Nähe des Ufers zu locken. Hauptmann Merker hat mir erzählt, daß die Eingeborenen des abflußlosen Gebietes der Masaisteppe an gewissen Seen die Flußpferde durch den Ruf: Makau! Makau! anzulocken pflegten, worauf dann ganze »Schulen« der Tiere dicht ans Land schwimmend erschienen seien. Ich selbst habe früher an den Merkerseen Ähnliches beobachtet. Übrigens liefert der Masainame des Flußpferdes: Makau, Plural: el Makaunin, wie mein so früh verewigter Freund Merker mir brieflich mitteilte, nach der Ansicht des Linguisten Johs. Deeg einen trefflichen Beweis der Wanderung des Masaivolkes durch das Niltal. Unter den Tiernamen keiner lebenden Semitensprache fand sich ein Wort, welches mit dem Masainamen des Flußpferdes zusammenzubringen gewesen wäre. Schließlich ergab sich des Rätsels Lösung in dem assyrischen Wort Ma – ak – ka – nu – ú (»Tier von Südägypten«). Ich kann nicht leugnen, bei meinen zahlreichen Navigationsversuchen im gebrechlichen Faltboot auf afrikanischen Flüssen und Seen eine gewisse Angst vor den »umstürzlerischen« Bestrebungen der Viboko, wie auch der Krokodile empfunden zu haben. Niemals werde ich vergessen, mit welchen Gefühlen ich mitten auf dem Strome einst zwei Flußpferdköpfe wenige Fuß von meinem segeltuchüberzogenen kleinen Fahrzeug auftauchen sah! Nur bei einer Gelegenheit haben Krokodile mein Faltboot angegriffen und es umgestürzt, wahrend Flußpferde Ähnliches nie versucht haben. Einer der weit verbreitetsten zoologischen Irrtümer ist es, zu glauben, daß sich die Krokodile so sehr dem Auge des Beschauers darbieten, wie man es nicht selten gezeichnet und gemalt findet! Gerade in dem versteckten, heimlichen, tückischen Verhalten und Auftreten des Krokodils liegt seine ganze Gefährlichkeit, und durch dieses Verhalten flößt es dem Menschen jenes Grauen ein, das man schnell empfinden lernt, wenn man erst einmal einen Menschen vom Krokodil in die gelben, gurgelnden Fluten eines afrikanischen Stromes hat ziehen sehen. – – Eine meiner glücklichsten Aufnahmen stellt ein altes, starkes Flußpferd auf dem Wechsel dar. Die erste Aufnahme eines Nilpferdes in voller Freiheit auf dem Lande erfolgte im Herbst 1903 in frühester Morgenstunde, bei hereinbrechendem Tageslicht, als das gewaltige Tier die schützenden westlichen Ndjirisümpfe wieder aufsuchte. Namentlich auf den Wassern des Rufuflusses, dessen absolute Unschiffbarkeit mir jahrelang vor ihrer behördlichen Feststellung bekannt und in dessen Uferwäldern ich einer der ersten europäischen Jäger war, habe ich mehrfache Zusammentreffen mit »Viboko« erlebt. Mit Vorliebe legen sich die Tiere auf Inseln innerhalb der Flüsse und Seen zum Schlafen nieder. Man findet auf diesen Eilanden oftmals Lagerstellen, welche anscheinend seit langer Zeit immer und immer wieder benutzt werden. Mit Geschicklichkeit verstehen es die Flußpferde, selbst an steilen Ufern emporzuklettern; tief eingetretene Wechsel, unter Umständen auch in andern Teilen Afrikas im Laufe unzähliger Jahre in weichere Steinarten gehöhlt, führen häufig zum Wasserspiegel hin. An solchen Stellen fand ich in den zum Viktoria-Nyanza führenden Flüssen schwere Fallklötze der Eingeborenen angebracht; durch die Wucht ihres Falles stoßen sie einen vergifteten hölzernen Stab in den Rücken der Tiere, welche, dem starken Gift dann bald erliegend, an die Wasseroberfläche des Flusses, in den sie sich geflüchtet, auftreiben. Außerordentlich merkwürdig ist die Gewohnheit der »el Makaunin«, ihre Losung mit ihrem bürstenartig mit kurzen, steifen Borsten besetzten Schwanz hoch an Büschen aufwärts zu schleudern. Solche Büsche bilden wohl »Poststationen«, wie bei vielen andern Säugetieren, und erleichtern das gegenseitige Auffinden der Individuen. Im Jahre 1896 waren Flußpferds noch zahlreich im Nsoiafluß und im Athifluß in Britisch-Ostafrika; damals fanden sich auch an der Küste zwischen Dar-es-Salam und Pangani Flußpferde allenthalben. Ich sah sie einige Male auch in der Brandung des Indischen Ozeans und werde nie meine Überraschung vergessen, als ich beim Ausritt aus einem Kokospalmenwald vor mir auf dem Sande des Meeres einen vermeintlichen Baumstamm sich in ein Flußpferd verwandeln und das tiefere Wasser des Meeres gewinnen sah. Transport des im Mai 1903 von mir gefangenen jungen, später im Berliner Zoo zu etwa 2/3 seiner Größe entwickelten Nashorns ins Lager. So suchen die Flußpferde, den Seeweg benutzend, die verschiedenen ins Meer mündenden Flußästuarien auf und entledigen sich im Salzwasser wohl auch gewisser Parasiten. Innerhalb des Flußdeltas an der Küste wurden dann auch seinerzeit Versuche gemacht, junge Flußpferde zu erbeuten, wobei leider unser bekanntester Tierhändler Hagenbeck seinen Sohn in kurzer Zeit den Fiebermiasmen erliegen sah. Vor vierzehn Jahren beobachtete ich noch im Hafen von Dar-es-Salam einige Flußpferde, die dort geschont wurden, und bei einem nächtlichen Ansitz in Gesellschaft des stellvertretenden Gouverneurs Herrn von Benningsen – meinem ersten Anstand in den Tropen – erschien ein Flußpferd in meiner unmittelbaren Nähe. Da unser Ansitz wilden Schweinen galt, so war ich selbstverständlich auf das höchste überrascht, so unvermittelt einen der Tierriesen Afrikas vor mir auftauchen zu sehen! Bald hatte "Fatuma", mein kleines Nashorn, mich äußerst lieb gewonnen. Das Nashorn lebte später mehrere Jahre im Berliner Zoologischen Garten. Die Aufzucht junger Nilpferde ist erheblich leichter wie die junger Nashörner und Elefanten; nichtsdestoweniger gelangten bis heute nur sehr wenige Exemplare aus Ostafrika in Gefangenschaft. Vor einigen Jahren unternahm es ein in portugiesischem Gebiete wohnender Europäer, ein altes, ausgewachsenes Nilpferd in einer Fallgrube zu fangen, um es lebend nach Europa zu bringen. Dies Unterfangen – die Fallgrube befand sich in unmittelbarer Nähe der Küste – scheiterte leider daran, daß das gewaltige Tier den Transportkasten, in den es glücklich hineinbefördert war, umwarf und dabei so zu Schaden kam, daß es einging. In allen diesen Dingen übertrafen uns die Alten; sie verstanden es, nicht nur Flußpferde, sondern auch alle anderen afrikanischen Tiere in ausgewachsenen Exemplaren in Mengen zu fangen, um sie in der Arena an ihren Kampfspielen teilnehmen zu lassen. Die Witterung der Flußpferde ist, ihrer Verwandtschaft mit dem Geschlecht der Schweine entsprechend, außerordentlich gut. Wie ungemein jedoch das Riechvermögen ausgebildet ist, wurde mir erst dann völlig klar, als ich es unternahm, die Tiere bei Nacht zu photographieren. Wurden meine Versuche nicht unter Beobachtung der allergrößten Vorsichtsmaßregeln angestellt, so vermieden die Flußpferde die Nähe der Apparate und wählten andere abgelegene Ausstiege aus dem Wasser. Wieder einmal wurde mir hier der Beweis eines überaus feinen, also hochorganisierten Geruchssinnes und seiner Anwendung bei einer Tierart gegeben, der der Laie angesichts ihrer plumpen, ungefügigen Massigkeit fein entwickelte Sinne nicht zusprechen würde. Die unendlich weite Masai-Nyika bot mir so manche Herrlichkeit und so manchen Reichtum tierischen Lebens dar. So erinnere ich mich ganz besonders jener kleinen idyllischen Steppenseen, die hier und da in der Nyika versteckt, oft fast überreiches Tierleben beherbergen. Eine besonders auffallende Art gewaltiger Säuger, die Nilpferde, finden wir so zuweilen auf kleinem Raum zusammengedrängt, der Beobachtung viel zugänglicher wie in den großen Seenbecken, in denen sie zwar zu Hunderten oder Tausenden leben, aber sich dem forschenden Auge viel leichter entziehen können. Wohl kann man da in der Ferne zahlreiche Köpfe im Wasser auftauchen, kann den ihren Nüstern entweichenden Wasserstaub in zahlreichen kleinen Fontänen in der Sonne glitzernd beobachten. Aber das eigentliche Leben und Treiben dieser Giganten der Tierwelt spielt sich zur Nachtzeit, unsichtbar unserem Auge, ab. Anders in jenen kleinen Seen! Mit Vergnügen erinnere ich mich jener Ansammlungen von Flußpferden in den vor einigen Jahren von Hauptmann Merker zwischen dem Kilimandscharo und dem Meruberge entdeckten versteckt gelegenen Seen. Ich selbst fand in diesen kleinen Seen noch im Jahre 1899 eine sehr große Anzahl von »Viboko«, wohl gegen 150 Stück. Ich hatte seinerzeit vier Stück aus der großen Anzahl erlegt, um sie zu präparieren, und hätte mit größter Leichtigkeit wohl alle töten können, wenn ich gewollt hätte. In der trockensten Zeit auf nur wenige Quadratmeter große tiefere Stellen in den kleinen Seen beschränkt, mußten die Tiere sich wieder und wieder dem Schützen exponieren. Viele Stunden lang freilich wußten sie sich dadurch zu schützen, daß sie blitzschnell nur einen kurzen Augenblick – stoßweise – ihre Nasenventile über die Oberfläche emporstreckten, um sofort wieder zu verschwinden. Unter solchen Umständen ist ein tödlicher Schuß kaum anzubringen, wohl aber dann, wenn Augen und Ohren der Tiere nach einiger Zeit gelegentlich wieder sichtbar werden. Es ist im höchsten Grade bemerkenswert, wie geschickt selbst für mehrere Stunden die Tiere es zu vermeiden wissen, irgendeinen Teil ihres Körpers, mit Ausnahme der Nasenspitzen, zu gefährden. Sie verstehen es so in den kleinsten Tümpeln überraschend gut, dem vielleicht nur einige zwanzig Schritte von ihnen entfernten Schützen lange Zeit fast unsichtbar zu bleiben. Nur ein Schnauben und Aufspritzen des Wassers hört und sieht der Jäger bei solchen Gelegenheiten; die Tiere vermögen lange Zeit mit einem Minimum von Luft hauszuhalten! Im Jahre 1899 war es noch leicht, ihr Treiben in den Merkerseen zu beobachten. Wenig scheu spielten sie dort im Wasser herdenweise vereint bei hellem Sonnenschein umher. Namentlich die noch in Begleitung ihrer Mütter befindlichen Jungen waren so wenig ängstlich, daß ich sie zuweilen fast völlig aus dem Wasser emportauchend erblickte. Auch sah man sie zuweilen auf Sandbänken am Ufer im Sonnenschein ruhen. Einige jener Wasserbecken waren von so geringem Umfang, daß die Tiere in einer Entfernung von höchstens zwanzig Metern vom Beschauer auftauchen mußten. Häufig waren sie gleichzeitig von einer ganzen Anzahl von Flußpferden besetzt. Da war es dann höchst reizvoll, von der erhöhten Warte der umgebenden, steil aufragenden Uferhügel die Tiere stundenlang zu beobachten. Sie hielten gute Gemeinschaft mit der Schar der Wasser- und Sumpfvögel, die jene Seen belebten. Wie in einem zoologischen Garten, so nahe, so anschaulich boten sich all jene Tiere dem Schauenden dar. Aufs reizvollste kontrastierten da die fischenden, rosaroten Pelikane in Schwärmen von Hunderten mit den ungeschlachten Vierfüßlern! – Fern von allem menschlichen Tun und Treiben liegen auch heute noch jene Seen in stiller Einsamkeit im Geiste vor meinem Blick. Die Abendbrise trägt den scharfen, eigenartigen Geruch dieser salzigen, natronhaltigen Gewässer zu mir herüber. Düsteres Gewölk zieht herauf, die Nähe des massigen, finsteren Meruberges verleiht auch jenem vulkanischen Seeplateau häufig einen Wolkenschleier. Wieder erklimme ich einen der steilen Uferränder, und wiederum schweift mein Blick über die Wasserflächen. Aber vergeblich, die Zahl der die Seen belebenden Wasservögel hat sich zwar nicht vermindert, doch die Flußpferde sind verschwunden! Fand ich gelegentlich meiner letzten Reise noch eine kleine Anzahl, so hörte ich von Prof. Sjöstedt, dem schwedischen Forscher, der die Seen vor kurzem besuchte, daß die Nilpferde, die die Seen unbestritten seit grauen Zeiten ihre Heimat nannten, fast verschwunden sind. Die Buren haben alle getötet Vgl. auch Professor Yngwe Sjöstedt über die Wildvernichtung der Buren am Kilimandscharo in der »Täglichen Rundschau«, Berlin 1906. Professor Sjöstedt bereiste diese Gegenden, um die Fauna behufs Aufstellung im Kopenhagener Museum zu sammeln, und besuchte behufs Erbeutung einiger Flußpferde auch die Merkerseen. – . Einen traf ich schon vor Jahren hier an, unter den Flußpferden aufräumend (er nannte sich de Wet; ich bin überzeugt, daß er nie diesen Namen geführt hat!), er war im Begriff, den Rest der noch vorhandenen Flußpferde abzuschlachten , um die Zähne der Tiere und die in Streifen geschnittene Haut zu verhandeln. Auf meine Nachricht an die Station Moschi wurde der Mann, der sich ohne irgendwelche Ausweispapiere schon sieben Jahre in allen Teilen Afrikas umhergetrieben hatte, auf Anordnung des mittlerweile vom Urlaub zurückgekehrten Hauptmanns Merker sofort verhaftet und zur Station gebracht. Hier erlegten indes seine Hinterleute die verfallenen Schußgelder. – Diese kleine Begebenheit zeigt, wie unangebracht es ist, ausweislose Ausländer, mit Munition reichlich ausgerüstet, in das Innere reisen zu lassen, wo ihre Tätigkeit in keiner Weise kontrolliert werden kann. (Professor Sjöstedt fand die Buren nicht etwa angesiedelt, sondern dem Wilde folgend im Lande umherziehend!) Das Mordwerk dieses Vorläufers haben andere erfolgreich fortgesetzt. Versuche, in ursprünglichen Gegenden Ansiedler heimisch zu machen, vertragen sich eben niemals mit einem Schutz ursprünglicher Tierwelt, sollte diese Tierwelt auch einsame Steppenseen bewohnen, die – wie es hier der Fall – noch so fern von menschlichen Ansiedlern in der Wildnis versteckt sind. »Siehe, der Behemoth, den ich neben dir gemacht habe, frißt Heu, wie ein Ochse. Seine Knochen sind wie festes Erz, seine Gebeine sind wie eiserne Stäbe. Er liegt gern im Schatten, im Rohr und im Schlamm verborgen. Das Gebüsch bedeckt ihn mit seinem Schatten und die Bachweiden bedecken ihn. Siehe, er schluckt in sich den Strom und achtet es nicht groß; läßt sich dünken, er wolle den Jordan mit seinem Munde ausschöpfen.« So berichtet das Buch Hiob. – Aber auch dieses Wunder der Schöpfung vernichtet die moderne Zivilisation. – – –   10. Die Giraffe. (Ein verschwindendes Wahrzeichen der Steppe.) Zu den seltsamsten und eigentümlichsten Erscheinungen unter den großen, heute lebenden Säugetieren gehört wohl unstreitig die Giraffe, die in verschiedenen zoo-geographischen Arten weite Gebiete Afrikas bewohnt. Die Waswahili benennen sie: »Twigga«, die Masai nach Merker ol matit == die Gefleckte; mir ist auch die Masaibezeichnung: ol'-ō-ado-gérăgătă == »Der-wo-ist-lang-Schlafplatz« dort drüben bald geläufig gewesen. Unsere heute lebenden Giraffenarten heimateten noch vor hundert, noch vor fünfzig Jahren zweifellos in vielköpfigen Herden in großen Teilen Afrikas, die das schöne Tier heute nicht mehr beherbergen. Einst mögen sie auch im Norden des Erdteils häufig gewesen sein, wie Abbildungen, die uns von den alten Ägyptern hinterlassen worden sind, vermuten lassen. Die erste Giraffe, von der uns Kunde geworden, erschien in der römischen Arena. Dann wieder wird uns berichtet, daß einige Exemplare vor etwa zweihundert Jahren nach Europa gebracht und bestaunt worden sind. Die nubischen Tierkarawanen brachten vor einigen Jahrzehnten noch eine erhebliche Anzahl der seltsamen Riesentiere in unsere zoologischen Gärten. Wer aber konnte und kann sich des Anblicks wild lebender Giraffen in ihren Heimatländern erfreuen? Als ich zuerst im Jahre 1896 die seltsamen Geschöpfe beobachten konnte, wurde es mir klar, daß alle unsere in Gefangenschaft gehaltenen Giraffen abgemagert und kränkelnd seien im Gegensatz zu den prächtigen, wohlgenährten Tieren der Freiheit. Der alte Forschungsreisende Le Vaillant berichtet in seinen Reiseberichten über das Kapland und einen Teil der Länder, die wir heute mit Deutsch-Südwestafrika bezeichnen, mit begeisterten Worten über die Eigenart und Schönheit dieser Tiere in Freiheit und erzählt uns, wie er nach mannigfacher Mühsal eine sorgsam präparierte Haut an die Küste und in sein Vaterland schaffte. Das war vor fast achtzig Jahren. Inzwischen ist mancher Europäer der immer schneller aussterbenden Riesentiere flüchtig auf weite Entfernung ansichtig geworden, aber wenig zuverlässige Kunde ist uns über sie geworden. Die zoologische Wissenschaft spaltet neuerdings viele Arten aus dem heute noch lebenden Bestande der Giraffe ab; verschiedene Arten bewohnen, wie sich erweist, verschiedene zoo-geographische Regionen. In den von mir durchreisten Gebieten fand ich eine neue, bis dahin unbekannte Art. Die auffällige Erscheinung der riesigen Tiere ragt gewissermaßen in die heutige Tierwelt hinein, wie Ruinen aus längst vergangenen Tagen, lebhaft gemahnend an eine verschwundene, unserer Anschauung nicht mehr geläufige Fauna. Neben dem erst vor kaum drei Jahren in den Wäldern Zentralafrikas entdeckten höchst seltsamen Okapi ( Ocapia Johnstoni ) dessen nächste Verwandte schon vor ungeheuren Zeitläuften ausgestorben sind, dürfte die Giraffe als die auffallendste heute lebende Erscheinung der doch so bunten und mannigfaltigen Fauna Afrikas zu bezeichnen sein. »Im Lande Ererait wohnten die Herdennomaden El gamassia ... ... Gott nannten sie Em ba und machten sich Standbilder von ihm, welche eine Giraffe darstellten, deren Kopf keine Hörner trug«; so berichtet Hauptmann Merker aus den Urzeitüberlieferungen der Masai. Vielleicht deutet dies auf das Okapi hin, dessen Verbreitung einst viel mehr nach Norden gereicht haben mag, während der Tierkult der Ägypter die Masai zeitweise während ihrer Wanderungen durch das Niltal beeinflußt haben könnte. ... Unwillkürlich prägt sich das Bild des Tieres jedem Beschauer ein, ob er es aus Abbildungen kennt, oder ob er es in der Gefangenschaft hat beobachten können. Aber wie ganz anders treten uns die Giraffen in der Wildnis, in ihrem Freileben, entgegen! Zebra, Leopard und Giraffe scheinen so auffällig gefärbt, daß man unwillkürlich erwartet, sie auch in ihrer Heimat mit Leichtigkeit wahrnehmen zu können. Aber wie schon bemerkt, finden diese drei Tierarten gerade in ihrer Färbung einen vorzüglichen Schutz; sie passen sich so vollkommen ihrer Umgebung an, daß sie vollkommen in ihr verschwimmen und mit Leichtigkeit übersehen werden können. Hierbei muß stets berücksichtigt werden, daß man selbstredend die Tiere im allgemeinen nicht etwa auf wenige Meter Entfernung, wie im zoologischen Garten, vor Augen hat, sondern auf viel weitere Entfernung ausmachen muß. Je nach der Beleuchtung, je nach der Stellung der Sonne aber verschwimmen Zebra, Leopard und Giraffe so harmonisch in ihrer Umgebung, daß selbst auf nächste Entfernung das menschliche Auge getäuscht werden kann! Nicht nur zur Zeit der großen Trockenheit, wenn vom fahlen Braun bis zum schreienden Gelb die Pflanzenwelt namentlich in allen den Farbennuancen vor uns liegt, wie sie die Giraffe in ihrem Haarkleid ihr eigen nennt, sondern eigentümlicherweise auch inmitten üppig dunkelgrüner Umgebung ist das riesige Tier bei weitem nicht in dem Maße von seiner Umgebung abstechend, wie man glauben sollte. Wie sehr aber verschwimmen, je nach der Beleuchtung, Giraffen mit ihrer Umgebung namentlich auch innerhalb üppiger Vegetation zur Regenzeit! Nur wenn die turmgleichen Gestalten sich gegen den Horizont abheben, erscheinen sie deutlicher. Auf freier Steppe aber, vom ansteigenden Hintergrunde gedeckt, gleichen sie alten, trockenen Baumstämmen, auch dann mit ihrer Umgebung verschwimmend. Stehen Giraffen gar in der Nähe solch alter, abgestorbener Baumstämme, so sind sie kaum von diesen zu unterscheiden. Überhaupt, wenn um die Mittagzeit die Steppe von tausend Lichtwellen widerstrahlt, wenn alles weit umher von blendendem Licht übergossen erscheint, vermag auch das geübteste Auge die Konturen der einzelnen Erscheinungen aus dem Reiche der Natur kaum auseinanderzuhalten. Bei solcher Beleuchtung können die alten, unter einem Schattenbaume stehenden sandfarbigen Oryxantilopen, kann der hirschartig gefärbte Wasserbock kohlrabenschwarz erscheinen; Zebras werden von Unkundigen für wilde Esel – grau in grau – gehalten, in freier Steppe ruhende Nashörner für Termitenhügel. Giraffen aber verschwimmen in dieser Stunde mit dem umgebenden Mimosenwalde in einer Weise, daß man es gesehen haben muß, um diese Tatsache für möglich zu halten. A. H. Neumann †, ein sehr erfahrener englischer Elefantenjäger, erwähnt mit Recht, daß irgendein Laut niemals von einer Giraffe vernommen worden; auch mir ist es nie gelungen, die Stimme, sei es auch nur ein Schnauben der Tiere, zu vernehmen. In der Tat scheint die Giraffe völlig stumm zu sein, eine Eigenschaft, die sie nicht mit allzuvielen Tieren, soweit mir bekannt, teilt. Dr. Heinroth , dem Direktor des Aquariums im Berliner Zoologischen Garten, einem unserer ausgezeichnetsten Tierbeobachter, verdanke ich übrigens die Mitteilung, daß er von einem dort gepflegten Giraffenbullen zuweilen einen leisen, blökenden Ton vernommen hat; ich lasse dahingestellt, ob die Giraffe diesen Ton etwa nur in der Gefangenschaft oder in der ersten Jugend von sich gibt. Die Färbung der Giraffen variiert übrigens auch innerhalb ein und desselben Rudels erheblich. Ich habe Rudel von bis zu 45 und mehr Stück angetroffen und auf nächste Entfernung die Wahrnehmung gemacht, daß ganz dunkel und ebenso sehr hellgefleckte Tiere sich darunter befanden. Alte Bullen sind indes stets mehr oder minder dunkel gefärbt. – Giraffen bewohnen im besonderen die öden Steppengegenden Afrikas, an denen dieser Kontinent ja so überaus reich ist. Etwa sieben Zehntel Deutsch-Ostafrikas würde also ein Dorado für Giraffen darstellen. Hier finden sie alle ihnen zusagenden Lebensbedingungen. Sie entfernen sich oft weite Strecken vom Wasser, dessen sie zur Trockenzeit nur mit Unterbrechungen – unter Umständen von mehreren Tagen – bedürfen, während sie zur Regenzeit die notwendige Wasserzufuhr in der Hauptsache durch die nun saftstrotzende Blätternahrung erhalten. Die Nahrung der Giraffe besteht hauptsächlich in dem Laube und in den dünnen Zweigen der verschiedenen Akazienarten; jedoch werden auch, wie ich mit Bestimmtheit beobachtet habe, die Blätter und Äste verschiedener anderer Laubbäume aufgenommen. Ich habe niemals bemerken können, daß das Tier Gras irgendwelcher Art freiwillig aufnimmt. Die anatomischen Verhältnisse, der Körperbau der Giraffe würden einer solchen Nahrungsaufnahme wohl auch nicht im mindesten entsprechen. In der Gefangenschaft ernährt man freilich, altem Gebrauche folgend, die Tiere mit Heu und frischen Gras- und Kleearten; das geschieht ja aber auch leider bei Elefanten, Nashörnern und anderen Tieren, für die Baumzweige und Laub in den von ihnen benötigten Massen eben schwer zu beschaffen sind. Nach meinen Beobachtungen – es ist dies bisher bestritten worden – leben die Giraffen durchaus nicht ausschließlich in der Steppe, sondern sie suchen, zu gewissen Jahreszeiten wenigstens, auch die Gebirgswälder bis zur Höhe von etwa 2000 Meter auf. Es geschieht dies namentlich mit Eintritt der Trockenzeit; der eigentliche Urwald, der kahle Gürtelwald, wird jedoch gemieden. Zu meinen interessantesten Aufnahmen gehören ohne Zweifel die eines sehr alten Giraffenbullen in Gesellschaft von zwei uralten männlichen Elefanten. Wochenlang habe ich dieses Trio im Mischwalde des westlichen Kilimandscharo beobachten können, begierig des Augenblickes harrend, wo ein Sonnenstrahl mir eine teleskopische Aufnahme ermöglichen würde. Aber schwere Regenwolken pflegen um diese Jahreszeit – es handelt sich um den Monat Juni – die Westseite des Bergstockes vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Nur zur Nachtzeit verflüchtigen sie sich; frühmorgens aber verhängen sie immer wieder die Berglandschaft. – Noch andere Giraffen hatten um diese Zeit ihren Standort in dem schluchtendurchzogenen, dicht verwachsenen Mischwalde genommen. Auch diese Rudel hielten sich häufig stundenlang in unmittelbarer Nahe von Elefanten auf; jene drei Tiere jedoch bevorzugten stets wieder eine ganz bestimmte, mit so hohem Gras bewachsene Stelle des Waldes, daß ein Mensch sie dort fast nicht erreichen konnte. Ich habe später unter ähnlichen Umständen noch mehrfach Giraffenrudel angetroffen, ganz besonders aber einzelne alte Bullen – diese in einigen Fällen zusammen mit den hoch ins Gebirge aufsteigenden Elenantilopen –, so daß ich behaupten darf, daß die Giraffe nicht nur Steppenbewohnerin, sondern auch zuzeiten Waldbewohnerin ist. Mit Bestimmtheit bin ich der Ansicht, daß die Tiere, namentlich alte, erfahrene Bullen, den Mischwald teils aus Schutzbedürfnis und Klugheit, dann aber auch aus dem Grunde aufsuchen, um den sie plagenden Stechfliegen, Tabaniden und anderen Schmarotzern zeitweise zu entgehen. Es gehörte zu meinen genußreichsten in Afrika verlebten Stunden, als ich die schönen und eigenartigen Tiere zum ersten Male lebend in Freiheit erblicken durfte. Ich war berichtet worden, daß damals – im Jahre 1896 – infolge der Rinderpest auch die Giraffe fast verschwunden, und nur noch höchst selten an abgelegenen Örtlichkeiten zu finden sei. Erfreulicherweise ist dem nun nicht so. Klopfenden Herzens sah ich die Giraffe, die der von mir entdeckten Art (Giraffa schillingsi Mtsch.) angehört, immer mehr und mehr dem Wasser und damit meinem Versteck sich nähern ... Ich will nicht bestreiten – obwohl ich es nicht glaube –, daß auch die Giraffe durch die Rinderpest vermindert worden ist; sichere Beweise dafür fehlen indessen meines Wissens. Wäre es aber der Fall gewesen, so hätte ich 1896, also nur fünf Jahre nach dem Wüten der Rinderpest in den Masailändern, nicht so zahlreiche Giraffen beobachten können! Leider aber traten mit der größeren Erschließung Afrikas jene Faktoren dem Tiere gegenüber vernichtend in Tätigkeit, die ja auch vielen anderen seltenen und bemerkenswerten Wildarten ein baldiges Ziel setzen werden. Der Europäer richtete seine Schußwaffen auf das kaum zu fehlende Wild, besonders aber trat der in seinem Dienst befindliche Schwarze in die Fußtapfen seines Herrn, und manche Salve dezimierte die herrlichen Tiere! – Je schwerer die Erlegung von Elefanten in Ostafrika sich erwies, je mehr Unglücksfälle die Nashornjagd mit sich brachte, um so ungefährlicher erschien die Jagd auf ein so leichte lebende Zielscheiben bietendes riesiges Wild. Wenn auch nur jeder der vielen Europäer ein oder mehrere Stücke erlegen wollte, und diesen Wunsch fand ich leider fast überall gehegt, wäre schon dies hinreichend, unter dem noch vorhandenen Bestande unersetzlichen Schaden anzurichten. Streng gläubige Mohammedaner genießen das Fleisch des Tieres nicht, sonst hätten die Sudan-Askari höchstwahrscheinlich noch größere Vernichtungen unter den Giraffen angerichtet. Eine der schwierigsten Präparationsarbeiten ist wohl die tadellose Konservierung von Giraffenhäuten. Meine in den Museen von Berlin, München, Karlsruhe u. a. O. befindlichen Giraffen erforderten wochenlange angestrengte Arbeit am Orte der Erlegung ... Auch von den Eingeborenen wird das Tier gejagt. Die Giftpfeile führen auch hier zum Ziele, und insbesondere Fallgruben wirken verderblich. Gut verblendet, können sie von der Giraffe nicht leicht vermieden werden, da diese sich ja hauptsächlich auf ihr Auge, wenig aber auf den Geruchsinn verläßt. In Südafrika ist die Giraffe seit langen Jahren ausgerottet, und leicht war sie für einen auch nur mittelmäßig berittenen Mann nach kurzer Jagd erreichbar. Ihre Haut lieferte die so sehr begehrten langen Peitschen für die Ochsenfuhrwerke der Buren. Der eben erwähnte verstorbene englische Jäger Neumann meinte, wie ich es auch glaube, daß diese wundervollen Tierriesen nur deshalb noch in großer Anzahl in den Steppengebieten Ostafrikas existieren, weil sie dort aus klimatischen Gründen nicht durch berittene Jäger verfolgt werden können. Wie so viele Wildarten, sind sie jedoch durch berittene Verfolgung in Südafrika schnell vernichtet worden. Die berittene Verfolgung wurde leider mittlerweile für alle Erdteile durch die Erfindung und stete Vervollkommnung der kleinkalibrigen Waffen in gewissem Sinne ersetzt. Durch diese rauchlosen, weitreichenden, womöglich noch mit Zielfernrohren versehenen Büchsen ist es auch in die Hand eines mäßigen Schützen gegeben, das große Ziel, welches die Giraffe darbietet, auf weite Entfernung zu erreichen. Bringt die Kugel das Tier auch nicht sofort zur Strecke, so werden auf diese Weise doch eine große Menge zu Holz geschossen: inmitten der dornigen Akazienwälder, weitab von der Schußstelle, feiern anderen Tages die schmausenden Geier und Hyänen dann ein Fest! Mr. H. A. Bryden berichtet, daß am Ngamisee in Südafrika vor etwa zehn Jahren eingeborene Jäger im Auftrage europäischer Händler in kurzer Zeit an dreihundert Giraffen hingeschlachtet haben. Wenn man hört, daß die Haut damals vier bis sechs Pfund Sterling wertete, um zu Ochsenpeitschen zerschnitten zu werden, wird man sich über diese rücksichtslose Verfolgung nicht wundern. Diese Anzahl aber war, wie Mr. Bryden ausdrücklich erwähnt, nur ein sehr geringer Prozentsatz der südlich vom Zambesi damals hingeschlachteten Giraffen! Leider sind in den letzten Jahren auch aus Deutsch-Ostafrika eine große Anzahl von in Streifen geschnittenen Giraffenhäuten nach Südafrika exportiert worden, wo sie hoch bezahlt werden. Die in Tanga erscheinende kleine Zeitung notierte längere Zeit den Marktpreis für diese seltsame Ware per Frasila (35 Pfund)!! So war es möglich, aus weiter Steppe die in Streifen geschnittenen Häute, die so dem Verderben nicht unterworfen waren, in passende Trägerlasten von sechzig Pfund die Last eingeteilt, zum Export an die Küste zu bringen. Soll die Giraffe völlig geschont werden, ist zu hoffen, daß dieser kaufmännischen Ausnutzung ein Riegel vorgeschoben werde angesichts der verhältnismäßig so geringen Anzahl noch existierender Giraffen. Allerdings werden die Zollbeamten leicht getäuscht werden können, wenn die Hautstreifen dünn geschnitten und andersartig deklariert werden sollten! Wie bei allen Tieren, finden wir auch die Giraffe scheu oder zutraulich, je nach den von ihr mit den Menschen gemachten Erfahrungen. Weitab in menschenleerer Steppe fand ich sie manchmal außerordentlich wenig scheu, so daß ich mich den Tieren bis auf etwa 200 Schritte nähern konnte. Auch gelang es mir, sie im dichten, frisch grünenden Buschwalde unmittelbar nach der Regenzeit um die Mittagstunde bis auf nächste Entfernung anzupürschen; in der Regel aber vereitelt ihre Scheu und Vorsicht solche Bestrebungen vollkommen. Das weitsichtige Tier nimmt in den meisten Fällen den Menschen schon sehr frühzeitig wahr. Ein typisches, niemals unterbleibendes Wedeln des langbebuschten Schwanzes, ein Hervortreten des Leitbullen oder der Leitkuh um einige Schritte aus dem Bereiche des schattenspendenden Baumes, unter dem das Rudel in der Mittagstunde etwa sich eingestellt, ist das Zeichen baldiger Flucht. Diese geschieht in dem bekannten eigentümlichen Paßgange, der anscheinend außerordentlich plump und wenig fördernd, dennoch das Rudel für den nichtberittenen Jäger bald außer Sehweite zu bringen vermag. Nach vielen Bemühungen ist es mir geglückt, auch flüchtige Giraffen in der schnellsten Bewegung auf die Platte zu bringen. Im allgemeinen gehören begreiflicherweise solche photographische Aufnahmen von Giraffen zu den schwierigsten Problemen exotischer Tieraufnahmen, selbst wenn der Kamerajäger die neuen, lichtstärkeren Objektive anwendet. Inmitten der einsamen, mehr oder weniger hochstämmigen Akazienwälder, die im ostäquatorialen Afrika oft ungeheure Strecken einnehmen, kann es sich ereignen, daß man um die Mittagstunde einzelner oder mehrerer – unter freilich nur dürftigen Schattenbäumen – eingestellter Giraffen ansichtig wird, die sich dort ihrer Siesta hingeben. Ich erinnere mich besonders einer Gelegenheit, in der Nähe des Geleï-Vulkans, bei der ich auf höchstens einhundertundzwanzig Schritt im Akazienwalde urplötzlich die säulengleichen Unterkörper mehrerer riesiger Giraffen erblickte. Der Wind war günstig; die Köpfe der Tiere waren in den Kronen der Mimosen verborgen. So konnte ich, die Tiere anlaufend, wenige Augenblicke später im Sinne des Wortes inmitten des Giraffenrudels sein! Jetzt freilich dröhnte der Boden, und die breiten, stahlharten Hufe dröhnten klappernd über den rissigen, von den Sonnenstrahlen ausgedörrten, tennenartig harten Boden dahin. Krachend prasselten die langgehälsten Tiere, aufs heftigste mit den langbebuschten Schwänzen wedelnd, durch das verschlungene Astwerk der nächststehenden Mimosengruppen hindurch. So leicht eine Erlegung eines oder einiger Tiere mir gewesen wäre, so unmöglich war eine photographische Aufnahme. – Glücklicher war ich beim Anpirschen einzelner Tiere. Unter sorgfältiger Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln schob ich mich katzenartig schnell – selbstverständlich allein, meine Leute zurücklassend – den erkundeten Tieren näher, brachte Bäume oder Baumgruppen zwischen sie und mich und gelangte so in einigen Fällen, immer in den glutvollen Mittagstunden, tatsächlich bis auf zwanzig Schritte an die Giraffen heran. Um das Buschwerk oder den Baum herumspringend, hinter dem sie sich befanden, gelang es mir, einigemal von den Davonpolternden brauchbare Bilder zu erzielen. Freilich bedurfte dies ganz besonderer Vorsichtsmaßregeln. Ich hatte nicht nur den Standort der Tiere, sondern auch die Stellung der Sonne auf das sorgfältigste zu berücksichtigen. Die Möglichkeit, unter solchen Umständen gelungene Augenblicksbilder der sich schnell bewegenden und in größter Eile davonpolternden Giraffen mittels des lichtschwachen Teleapparates zu erzielen, war freilich sehr beschränkt. Solche seltenen Gelegenheiten wären durch die geschickte Benutzung der heutigen verbesserten Apparate vorteilhafter auszunutzen. Immerhin gelang es mir auf diese Weise, auch die Art der Fortbewegung hochflüchtiger Giraffen photographisch einigermaßen festzulegen. Zugleich bildet mein Verfahren und meine unmittelbare Annäherung an das furchtsame Wild einen Beweis für die relative Leichtigkeit der Giraffenjagd durch eingeborene Jäger mit Giftpfeilen! Dreimal habe ich eingeborene Giftpfeiljäger im Besitz frisch erlegten Giraffenwildbrets angetroffen. So wurde es mir auch verständlich, wie Eingeborene sich in Afrika und Indien unter Umständen an Elefanten sehr nahe heranzuschleichen vermögen. In den allermeisten Fällen also verhindern Büsche und Buschwerk photographische Aufnahmen, namentlich größerer Rudel. Das kann dann oft ein sich in der weiten Steppe abspielendes Schachspiel zwischen dem photographierenden Jäger und den buntgefleckten Riesentieren werden. Stundenlang bin ich ihnen nachgefolgt, mit schußbereiter Kamera: immer wußten die Weitsichtigen meine Absicht zu vereiteln. Stehen die Giraffen auf freien Flächen, so müssen die Lichtverhältnisse außerordentlich günstige sein; der Photograph muß sich ganz besonders den Tieren nähern können, wenn eine Aufnahme des Rudels gelingen soll. Inmitten von Deckung aber wird er in den allermeisten Fällen begreiflicherweise nur einzelne Tiere des zerstreut äsenden Rudels auf die Platte bringen können; so war ich von größter Freude erfüllt, als mir endlich nach vielen vergeblichen Versuchen gute Aufnahmen mehrerer Giraffen auf einmal gelangen! Ich bin der Ansicht, daß auch in den Photographien die Schutzfärbung ganz besonders sprechend hervortritt, denn nur wenig heben sich die Tiere von ihrer Umgebung auf dem Bilde ab. Dies ist namentlich der Fall mit bezug auf die Giraffenart, welche ich so glücklich war, entdecken zu dürfen. Die Giraffa schillingsi Mtsch. trägt ein in der Färbung außerordentlich verschwommenes Haarkleid und eignet sich so zum Festhalten durch die photographische Platte weit weniger als die in ihrer Färbung außerordentlich scharf prononzierte, bei weitem auffallender gefärbte nördliche, in den Somaliländern heimatende Art. Höchst eigentümlich ist der Anblick eines flüchtigen Giraffenrudels. Ihre Flucht pflegt in schrägen Reihen vor sich zu gehen, auf dürrem, hartem Steppenboden unter vernehmlichem Poltern. Das ganze ungeheure Gebäude des Tieres schwankt beträchtlich hin und her; der Anblick mehrerer flüchtiger Giraffen erinnert an schwankende Masten auf bewegter Wasserfläche. Wieder in Schritt verfallend, verhofft das Tier von Zeit zu Zeit, den mächtigen Kopf hin und her wendend, und langsam, Schritt für Schritt, ein Bein vors andere, in eigentümlich ziehender, charakteristischer Weise setzend. Unfehlbar findet ein heftiges Hin- und Herwedeln der Schwänze statt, wenn die Giraffe flüchtig wird oder ihr Argwohn erwacht. Auf einen Schuß pflegt die ganze Gesellschaft für kurze Augenblicke in ein außerordentlich schnelles Tempo zu verfallen, immer aufs lebhafteste mit den Schwänzen schlagend. Auch auf weitere Entfernung glaubt der kundige Beschauer den eigentümlichen Eindruck zu empfinden, den die so außerordentlich sprechenden, ausdrucksvollen Augen auf nahe Entfernung auf ihn machen. Man empfindet unwillkürlich, daß das Tier sich hauptsächlich auf seine hervorragenden Sehwerkzeuge als seine beste Verteidigungswaffe verläßt. Dr. Zell folgert aus dem Umstände, daß gefangene Giraffen das künstliche Laub von den Hüten sie besichtigender Damen fressen wollen, daß ihnen jeder Geruchssinn abgeht. Wer aber, wie ich, oft erfahren, daß die Tiere sofort flüchtig werden, wenn man sie mit schlechtem Winde anpürschen will, kann dieser absoluten Negation irgendwelchen Geruchssinnes nicht beitreten. Nehmen doch auch Hirsche in Gefangenschaft begierig Papier und andere Stoffe an, und das Verlangen nach dem künstlichen Laub der Damenhüte kann sich sehr gut mit einem Heißhunger der in der Gefangenschaft ja völlig unnatürlich ernährten Giraffen nach irgendwelchen andern Futterstoffen erklären lassen. In der Nähe des "Großen Natronsees" fand ich die von mir entdeckte Giraffe (Giraffa schillingsi Mtsch.) besonders häufig in den Mimosenwäldern und konnte die ersten Fernaufnahmen der herrlichen Geschöpfe machen ... Dieses Ausdrucksvolle in der Haltung des Kopfes wird noch unterstützt durch eine dem Tierkundigen unschwer verständliche sehr verschiedenartige Stellung des ganzen gewaltigen Körpers. In Augenblicken der Neugier drückt sich diese höchst verständlich aus durch eine, ich möchte sagen verzerrte, in jeder Muskelanspannung größte Erwartung ausdrückende Pose. Dies im höchsten Grade groteske Tierbild tritt besonders dann sprechend in Erscheinung, wenn die Giraffe sich für den Beschauer gegen den Horizont scharf umrandet abhebt, nicht unähnlich einem hohen, völlig kahlen, dürren Baumstamme. Mit großer Vorsicht suchen die Giraffen, meist gegen Abend oder zur Nachtzeit, das Wasser auf, das sie jedoch, wie schon erwähnt, auch mehrere Tage zu entbehren imstande sind. Ich war erstaunt, von Löwen gerissene Giraffen zu finden; jedoch bin ich der Ansicht, daß nur rudelweise oder zu zweien jagende Löwen sich an Giraffen heranwagen. Der furchtbare Schlag der langen Läufe, namentlich der Bullen, dürfte auch einen Löwen in Schach halten. Am Gileï-Vulkan erlegte ich einen Giraffenbullen, der deutliche tiefe Kratzwunden von Löwen aufwies, und dem die Schwanzquaste frisch abgebissen war. Es folgt hieraus, daß die Überfälle des Raubtieres unter Umständen vergeblich bleiben. Giraffen halten sich im allgemeinen in Gegenden auf, in denen es auch sonst von Wild aller Art wimmelt: so mögen sie von Löwen nicht allzuoft angegriffen werden. Ist aber das Wild erst einmal in einer bestimmten Gegend erheblich durch Menschenhand dezimiert, so traf dieses Schicksal wohl zuerst die Giraffe. Trotz alledem ist ein »Löwenritt«, wie ihn ein deutscher Dichter erdacht, denkbar. Freilich würde er nur kurze Sekunden dauern – bis die gewaltigen Zähne der königlichen Riesenkatze mit furchtbarem Biß die obersten Halswirbel ihres Opfers zermalmt haben. Dafür, daß dies hier und da geschieht, kann ich mich verbürgen. In zwei Fällen fand ich frisch von Löwen gerissene starke Giraffenbullen in der Steppe. Hunderte von Geiern führten mich zu den Stätten, wo sich Dramen abgespielt hatten, wert, von eines gottbegnadeten Künstlers Hand verewigt zu werden. – Die rotschnäbligen Madenhacker, jene getreuen kleinen Freunde der Nashörner, beobachtete ich auch in Gesellschaft von Giraffen, denen sie dieselben Liebesdienste leisteten, wie jenen Dickhäutern. In gewissem Sinne sind ja aber Giraffen auch sehr »dickhäutig«. Die Haut alter Bullen hat an manchen Stellen eine solche Dicke, daß sie allen Künsten der Präparation Widerstand leistet. Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben, ohne Anwendung von Salz und Alaunbädern die Haut eines solchen Bullen in den Tropen gut zu konservieren, so daß sie in einem heimischer Museum ausgestopft werden kann. So wenig europäische Museen einen riesigen afrikanischen Bullelefanten, namentlich einen solchen aus deutschen Kolonien, ausgestopft besitzen, so wenig ist dies der Fall mit einem ganz alten riesenhaften Giraffenbullen. In zahlreichen Fällen habe ich mich bestrebt, die Häute der wunderschönen Tiere zu taxidermistischen Zwecken zu retten. Es gelang mir auch mit mehreren jüngeren und namentlich weiblichen Exemplaren; jedoch ist es mir nicht gelungen, die ganz tadellose Haut eines sehr alten Bullen zu präparieren. Die Gründe hierfür liegen in der Unmöglichkeit, große Gefäße zum Einlegen der Häute und das nötige Quantum von Salz und Alaun in die Wildnis mitzunehmen. Nur so ist die Konservierung solch dicker Tierhäute möglich; das aber übersteigt die Mittel, die mir zur Verfügung standen. Bald sah ich das Vergebliche solcher Bemühungen ein, und nachdem mir drei Häute verdorben waren, habe ich die alten Bullen ungestört gelassen und mit blutendem Herzen verzichtet, die so sehr begehrten Objekte zu konservieren. Doppelt schwer wurde mir das, da ich weiß, wie bald es heißen wird: Zu spät! Rein Gold der Erde vermag dann das seltsame Geschöpf nochmals herbeizuschaffen! Die in den Museen in Stuttgart, München, Karlsruhe und andern Orten aufgestellten, unter den Händen taxidermistischer Meister wiederum zum Leben erwachten weiblichen Giraffen beweisen erfreulicherweise, daß es mir gelungen ist, wenigstens diese in bester Beschaffenheit nach Europa zu bringen und so der Nachwelt zu erhalten. Es ist im höchsten Grade bedauerlich, daß sachkundigen Männern nicht Mittel zur Verfügung gestellt werden, welche es ermöglichen, heute, wo es noch Zeit ist, diese schönsten, größten Naturdenkmäler aus der Reihe gewaltiger Säugetiere für unsere Museen zu retten. Das wäre angebrachter, als die Giraffenhäute, wie es beispielsweise um 1909 leider von neuem geschah, als Handelsartikel in Streifen geschnitten nach Südafrika exportieren zu lassen, damit sie dort zu Ochsenpeitschen Verwendung finden können ... Die Stunde der Giraffe hat geschlagen. Undenkbar lange Zeiten ist sie mit dem Bestehen der unermeßlichen Mimosenwälder des schwarzen Kontinents verknüpft, hat sie in ihren verschiedenen Arten jene Wälder durchwandert, wie einst in längst vergangenen Epochen unserer Erde ähnliche gewaltige Erscheinungen in großen Gebieten auch unseres Kontinents ihr Wesen trieben. Giraffenähnliche Tiere waren tatsächlich damals auch Europa nicht fremd; heute aber sterben die letzten ihres Geschlechts selbst innerhalb ihrer menschenentrückten letzten Zufluchtsstätte des äquatorialen Afrika aus. Was nützt ihre Schutzfärbung gegen die neuen weittragenden Gewehre? Was ihre absolute Unschädlichkeit für den Menschen? So auffallende gewaltige Erscheinungen sind eben heutzutage der Vernichtung verfallen! Der Zufall hat es gewollt, daß eine nicht allzu entfernt verwandte Erscheinung, das erst in wenigen Exemplaren bekannte giraffenverwandte Okapi der zentralafrikanischen Urwälder erst in unseren Tagen entdeckt worden ist. Man kann mit Sicherheit voraussagen, daß nach dem völligen Verschwinden der wirklichen Giraffen dies eigenartige Tier noch lange Zeit fortleben wird. Giraffenarten, die im Norden und Süden des afrikanischen Kontinents heimisch waren, sind schon seit vielen Jahren bis auf das letzte Stück vernichtet worden. Wenn ich der wild lebenden Giraffe gedenke, tauchen mir wie Schatten die seltsam hin und her wogenden Riesengestalten unseres Tieres im dornigen Pori auf, im sonnendurchglühten Buschwalde oder auf freier Boga weit hinten am Horizonte. Sie verschwinden zwischen Bäumen und Buschwerk oder gehen vollkommen in ihrer Umgebung auf. Sie schwanken über die busch- und baumlosen Ebenen dahin und scheinen wie so manches unerreichbar. Wie riesige Bäume am Horizont aufragend, in Herden den Buschwald oder das dornige Pori durchpolternd, vielleicht neugierig und in ungeschlachten Bewegungen sich in Herden dem Lager nähernd, umspielt von der wundersamen Äquatorsonne, schemenhaft in der sonnendurchfluteten Steppe weit am Horizont verschwindend, unerwartet und plötzlich mitten im Mischwalde in einzelnen alten, einsiedlerisch lebenden Bullen auftauchend: – stets werden auf solche Weise dem afrikanischen Jäger unvergeßliche Eindrücke zuteil. – Vor zweihundert Jahren noch, in den Abbildungen jener Zeit, waren Giraffen mehr oder minder geheimnisvolle Fabelwesen; aus Fabeln und Sagen bestand die damalige Kenntnis des schönen Geschöpfes. Zieht man hinaus in unbekannte Länder, die eine fremdartige Tierwelt beherbergen, so gestaltet unsere Einbildungskraft die Erscheinung ihrer hauptsächlichsten Vertreter unwillkürlich um, ganz anders erwartet man sie vielfach zu sehen als die Wirklichkeit sie uns dann zeigt. Welch spannende Augenblicke, wenn man, meist höchst überraschend, eine neue Erscheinung der Tierwelt zum ersten Male frei in der freien Wildnis sieht, und nun gar erst so seltsame Geschöpfe wie Giraffen! Die Giraffe in ihrer heimischen Landschaft gemahnt zweifellos den tierverständigen Menschen an eine längst vergangene Zeit, in der tatsächlich seltsame Wesen aller Art, in unschätzbarer Zahl, Ebenen und Wälder belebten, inmitten einer ebenso seltsamen, heute untergegangenen Pflanzenwelt. Wie ein Mahnzeichen, ein Überbleibsel aus alter Zeit ragt der Giraffe gewaltige Erscheinung in unsere Tage hinein; ihr Anblick in der Wildnis ist schon aus diesem Grunde von eigenartigstem Reiz. Niemanden schädigt die Giraffe, niemanden fügt sie ein Leid zu! Nicht als ob die Giraffe wehrlos wäre: ein einziges Ausholen ihrer gewaltigen Läufe, auch ein seitwärts gerichteter Schlag des langgehälsten Hauptes eines alten Bullen würde ein schwaches Menschlein leicht töten! Aber unser Riesentier, das ein dem mordlustigen Tiger, dem Leoparden und Jaguar so ähnliches Haarkleid trägt, würde niemals angreifen und nur zur Verteidigung von seinen Kräften Gebrauch machen. Gerade darum ist es zu beklagen, daß ein so gewaltiges Tier, das anspruchslos, keinen Menschen schädigend, in den entlegensten Einöden sein Wesen treibt und seit Urzeiten trieb, jetzt so plötzlich und schnell verschwindet. Mittlerweile sucht man vielerorten in Afrika, so namentlich in englischen Besitztümern, vom Giraffenbestande zu retten und zu schützen, was zu schützen und zu retten ist. Aber solch gewaltige Erscheinungen tierischen Lebens in freier Steppe sind eben auf die Dauer nicht zu erhalten! Wir wollen hoffen, daß ein reichliches Material an Beobachtungen, an Abbildungen und Exemplaren für unsere Museen gerettet wird, ehe es zu spät ist. So kann das riesige Tier wenigstens in dieser Art noch lange Zeit heranwachsenden Geschlechtern zur Freude und Belehrung dienen und wird nicht das Schicksal manch anderer seltsamer Geschöpfe teilen, die kein Gold der Welt – selbst in keiner Abbildung – mehr herbeischaffen kann, die unerwartet schnell aus der Liste der Lebendigen vollkommen ausgestrichen worden sind. Mit seltsam melancholischem, wundervollem Auge schauen die Giraffen in die heutige Welt, in der für sie kein Platz mehr zu sein scheint. Wer den Ausdruck dieser schönen Augen geschaut, einen Ausdruck, der die orientalischen Dichter seit Jahrtausenden begeistert hat, der in Sage und Lied verewigt ist – wird ihn nicht leicht vergessen, so wenig wie derjenige den großen Eindruck vergessen kann, der ihm wurde, als er in der Wildnis die »serafa« der Araber schauen durfte. Die Stunde kann nicht mehr fern sein, in der sich die schönen Augen der letzten »Twigga«, wie sie die Waswahili nennen, in der Einöde schließen. Das kann keine menschliche Klugheit verhindern, trotz aller Fortschritte menschlichen Wissens und menschlicher Technik, das vermag kein menschlicher Wille zu vereiteln. Aber hinausschieben läßt sich zweifelsohne der Vernichtungsprozeß und verlangsamen! Freilich, dazu gehört Liebe und Verständnis für die Schönheit der Natur! »Als Menschen und Tiere vom Baume ›Omumborombongo‹ einst ihren Ursprung nahmen, war alles dunkel. Da machte ein Damara Feuer an, und Zebra, Gnu und Giraffe sprangen erschreckt weg, während Ochse, Schaf und Hund sich furchtlos sammelten.« So berichtete mein verehrter Freund Professor Fritsch, unser deutscher Veteran der Afrikaforschung, vor fünfzig Jahren aus den Urmythen der Ova-Herero, jener heute unter deutscher Herrschaft stehenden südwestafrikanischen Stämme. In den kleinen Kreis der Haustiere wird die Giraffe niemals eintreten; folglich muß sie verschwinden. Vielleicht schließen sich ihre Augen inmitten eines Eleléscho-Hains, dessen Zauber damit wieder um vieles sich vermindert, – als ein untergehendes Wahrzeichen alter Zeit. –   11. Zebras. Zu den im großen Publikum bekanntesten Tierarten Afrikas gehört das Zebra, welches in mehreren zoo-geographisch voneinander verschiedenen Arten im Norden Deutsch-Ostafrikas auftritt. Obwohl in den letzten Jahrzehnten durch die zahlreichen im Lande tätigen Vorder- und Hinterlader, – nicht zum wenigsten der Schwarzen – erheblich dezimiert, beleben immer noch zahlreiche Herden der schönen Tigerpferde die weiten Steppen. Das Zebra ist ein Tier der Ebene und lichten Waldungen; Urwald und Dickungen bergen es nicht, hingegen erklettert es geschickt mäßig hohe Berge. Wir finden Zebras häufig in Gemeinschaft von Straußen, Kuhantilopen und Gazellen; namentlich zeigt es eine entschiedene Vorliebe für die Gesellschaft des Gnus, und in dichtgedrängten Massen, so daß die so verschiedenen Tierarten sich körperlich fast berührten, fand ich in zahlreichen Fällen Weißbartgnu und Zebra, sowohl in Trupps freundschaftlich vereint, als auch gemeinschaftlich zur Tränke ziehend. Nichts ist falscher, wie die Angabe eines »tierkundigen« Berichterstatters, daß das Zebra wohl die »scheueste Wildart Afrikas sei«. »It is the tamest« (es ist die zahmste Tierart), antwortete mir schon 1897 lakonisch Mr. F. A. Jackson, einer der bekanntesten englischen Kenner der ostafrikanischen Fauna, als ich ihm von dieser so verkehrten Ansicht Mitteilung machte. Wie ich immer wieder betonen muß, sind alle Tiere nur dann in ursprünglichen Ländern scheu, wenn sie bereits viel gejagt wurden. Dort, wo aber beispielsweise nur Eingeborene mit Pfeilen zu jagen pflegten, ist es nicht schwer für den europäischen Jäger, sich dem Wilde so weit zu nähern, daß seine weittragenden Waffen in Aktion treten können. Jedoch einmal mit ihrer Wirksamkeit bekannt geworden, ändert die Tierwelt freilich sehr bald auch diesem gegenüber ihr Verhalten! Zebras fand ich überall zu den vertrautesten Wildarten Ostafrikas zählend; der Anblick größerer Mengen der prächtigen Tigerpferde auf den weiten Ebenen bietet wohl eines der herrlichsten Schauspiele aus dem Reiche der heute den Erdball belebenden Fauna. Die erste Nachtaufnahme wilder Zebras: Zebrastute mit Fohlen an der Tränke am Ol Donje Erok-la-Matumbato. Ganz erstaunlich ist die Tatsache, daß die so auffallende schwarz-weiß gestreifte Färbung der Zebras ihre Träger in keiner Weise von der sie umgebenden Landschaft abhebt. Je nach der Beleuchtung sehen Zebras ganz verschieden gefärbt, bis zum einfarbigen Grau, aus; selbst da, wo ihre schwarz-weiße Färbung auf nächste Entfernung zur Geltung kommen könnte, verschwimmen die Tiere in ganz außerordentlichem Maße mit der Färbung der Steppe. Aber auch dann wird uns ein höchst bemerkenswertes Beispiel von Schutzfärbung geboten, wenn Zebras um die Mittagstunde unter schattenspendenden Bäumen und Sträuchern Rast halten: die zitternden Streifen der Schatten, welche durch Baumzweige verursacht werden, mischen sich dann aufs überraschendste mit der Streifung der Zebras. Alle Nachrichten – und solche sind oft auf das bestimmteste verbreitet worden – über das vorkommen von wilden Eseln in Deutsch-Ostafrika sind lediglich auf diese Tatsachen zurückzuführen, (Wildesel finden sich nur in nördlicheren Gegenden Afrikas.) Dazu kommt noch, daß die Zebras sich häufig hier und da im Staube wälzen und dann bräunlich oder rötlich gefärbt erscheinen können. In äußerster Scheu näherte sich ein starkes Zebrarudel dem Wasser, die schönen Tigerpferde hoben sich scharf aus dem Dunkel der Nacht ab, als das Blitzlicht flammte ... Dem Reisenden wird es beim Durchqueren der ostafrikanischen Steppengebiete leicht verständlich, daß auch die Wildpferde Europas in längst vergangenen Zeiten zu den begehrtesten Wildarten der damaligen primitiven Jägerbevölkerung gehörten. Schätzt doch der ostafrikanische Träger das süßliche Zebrafleisch außerordentlich hoch und zieht es dem aller andern dortigen Tiere vor, zumal da das Zebra namentlich in den Regenzeiten in älteren Exemplaren reichlich fett ist. Unter Führung eines sorgfältig wache haltenden Leithengstes fühlen sich die Rudel verhältnismäßig sicher; seine Aufmerksamkeit gilt es zu täuschen, wenn der Jäger sich der Herde nähern will. In eine Staubwolke gehüllt, galoppiert das Rudel der offenen Ebene zu, wenn sein Mißtrauen erwacht ist; häufig hört man dann die eigentümlich hundeartig bellenden, wiehernden Laute, die auch nachts nicht selten ausgestoßen werden. Die Zebras sind außerordentlich bissige und recht bösartige Tiere; die Insassen unserer zoologischen Gärten geben uns dafür alltäglich Beweise. Überhaupt ist Wildheit und Bösartigkeit eine hervorstechende Eigenschaft freilebender Equiden (Pferdearten). Bekanntlich waren Pferde bei der Entdeckung Amerikas dort nicht mehr vorhanden; die dort wilden, ursprünglich eingeborenen Pferdearten waren vielmehr längst ausgestorben. Erst die Konquistadoren brachten aus Europa wiederum Pferde in die neue Welt; der Gefangenschaft Entronnene bildeten bald verwilderte Herden, und diese konnten sich im Laufe der Jahre außerordentlich vermehren. Wir haben es also in Amerika nur mit verwilderten Pferden zu tun. Immerhin ist beispielsweise das Texasponie (Broncho) heute noch wegen seiner ungeheuren Wildheit und fast unbesiegbaren Bosheit berüchtigt, Eigenschaften, die sich also in wenigen hundert Jahren wieder so hervorstechend entwickeln konnten. Wie Eduard Hahn in seinem ausgezeichneten Werke »Die Haustiere« berichtet, waren allerorten die bis in die Neuzeit vielfach hier und da noch vorkommenden halbwilden Pferde zwar wegen ihrer außerordentlichen Widerstandsfähigkeit hoch geschätzt, wegen ihrer Bösartigkeit und Schwierigkeit aber auch gefürchtet. Namentlich in den Hochsteppen Asiens erwiesen sich in der neueren Zeit die alt eingefangenen Wildpferde, auch in der Hand der so außerordentlich geschickten Reitervölker als unbrauchbar. In letzter Zeit wurden nun Versuche unternommen, Zebras zu zähmen und dem Menschen dienstbar zu machen; man glaubte, daß das Zebra berufen sei, in kurzer Zeit ein brauchbares Last- und Zugtier für Ostafrika abzugeben! Diese Behauptungen fanden um so mehr Beifall, als ja Pferde dem ungesunden Klima Ostafrikas in den meisten Gegenden nicht standhalten, und wenn auch hier und da eine Zeitlang existierend, doch selten im ernsten Sinne verwendungsfähig sind. Das südliche Somalland bezeichnet seit alters her die Grenze der Existenz- und Verwendungsfähigkeit von Pferden und Kamelen. Wäre das anders, so würden fraglos die berittenen Gallastämme in grauen Tagen südwärts über den Tanafluß sich in die ostafrikanischen Steppen ergossen haben. Erst mit der wohl höchst fraglichen Entdeckung unbedingter Vorbeugungsmittel gegen die Folgen des Stiches der Tsetsefliege, – vielleicht auch der Malaria und anderer Erkrankungen, – wird die Verwendung von Pferden in jenen Ländern vielleicht möglich sein. Die Versuche, Zebras in Südafrika zu verwenden, haben nun, soweit ich es habe feststellen können, immer wieder das Ergebnis gehabt, daß die Zebras wie alle anderen auf entsprechend hoher Intelligenzstufe stehenden Tiere wohl zu zähmen seien, daß aber damit noch keineswegs – wie ja das selbstverständlich ist – ein Tier in die Gewalt des Menschen gebracht war, geeignet, ähnlich unseren domestizierten Tieren dem Menschen Sklavendienste zu leisten. Ein Zebrarudel, im Vordergrund der Leithengst, stand neugierig sichernd dicht am Karawanenpfad. (Die Aufnahme erfolgte 1903 unweit der Station Mosch, am Kilimandscharo.) Weder vom Kamel, noch von unserem Rindvieh, ebensowenig vom Pferde wissen wir, wann es vom Menschen unterjocht worden und auf welche Weise die heute vorhandenen Formen herangezüchtet worden sind. In den heutigen gezähmten Pferden der ganzen Welt, das darf man mit Bestimmtheit sagen, fließt kein Tropfen Zebrablut, und keinesfalls wird dies im wahren Sinne des Wortes wilde, wehrflüchtige und böse Tier in einer oder in wenigen Generationen geeignet sein, dem Menschen in der Art unseres Pferdes oder Esels Dienste zu leisten. – In Südafrika machte man die Beobachtung, daß die Zebras sich wohl mit Ponies einspannen ließen und in ihrer Gesellschaft sich relativ gefügig zeigten, in dem Augenblicke aber – und das ist der springende Punkt –, wo harte, andauernde Arbeit in der Art des Pferdes von ihnen verlangt wurde, in diesem Augenblicke legten sie sich einfach hin und starben, wie man zu sagen pflegt, »an gebrochenem Herzen«. Daß Zebras mit Ponies als Lehrmeistern besser zu regieren sind, entspricht ihrem Charakter als gesellige Steppentiere übrigens vollkommen. Dasselbe Phänomen kann man täglich in südlichen Ländern beobachten, wo drei, vier und mehr Maultiere voreinandergespannt in neunundneunzig Fällen von hundert nur unter Führung eines Spitzenpferdes willig Arbeit leisten, nicht aber allein gehen. Von höchstem Interesse waren mir in dieser Beziehung die Erfahrungen so geschickter Pferdedresseure, wie der Zirkusdirektoren der Neuzeit. Einem mir vorliegenden Briefe eines Zirkusdirektors entnehme ich die Nachricht, daß ein Zebrahengst, welcher bereits mehrere Jahre in Gesellschaft anderer Zebras in der Manege vorgeführt worden war, für einige Stunden unfangbar blieb, als er sich losgerissen hatte und in die Manege entwichen war. Trotz der vereinigten Anstrengungen des gesamten Zirkuspersonals gelang es erst nach mehreren Stunden durch Einschränkung mit Balken und Brettern, das gefährliche Tier wieder in seinen Stall zurückzubringen! Spreche ich somit der unmittelbaren Verwendbarkeit eingefangener und »gezähmter« Zebras jede Aussicht auf wirklichen Erfolg ab , so möchte ich andererseits doch befürworten, daß umfangreiche Versuche lange Zeit hindurch mit der Umzüchtung der heutigen Zebras zu Nutztieren gemacht werden. Solches aber kann nach meiner Ansicht nur der Staat in die Hand nehmen. Bedauerlicherweise hat der Mensch seit grauen Zeiten es nicht mehr verstanden, aus dem reichen Schätze der noch vorhandenen wilden Tierwelt sich nützliche Wirtschaftsgenossen heranzubilden; die verschwindenden Ausnahmen, wie Truthahn, Kanarienvogel usw., sind kaum der Erwähnung wert. Hier aber haben wir im Augenblicke, da die Urrassen der wirklichen Wildpferde in den Hochsteppen Asiens, in ihren letzten noch vorhandenen Beständen, dem Equus przewalski (einer von dem Forschungsreisenden Przewalsky gesprochen: »Pschewalsky« entdeckten echten Wildpferdeart), ihrem Erlöschen entgegengehen, ungezählte Mengen herrlicher wilder Equiden zu unserer Verfügung. Gebieterisch – möchte ich sagen dürfen – erwächst da den Machthabenden die Verpflichtung zu dem Versuche, ob in einer Reihe von Jahrzehnten das Zebra in der Hand des Menschen sich wandlungsfähig zeigen und geneigt zeigen wird – ich zweifle daran –, in den Kreis der Haustiere einzutreten. Nur so kann das schöne Tigerpferd, kann das Punda milia der Waswahili, das ol'oitigo der Masai auf die Dauer vor völligem Hinsterben bewahrt bleiben. 12. Auf einsamer Insel im Urwaldstrom. (Büffel und Krokodile.) Im Herbste des Jahres 1899 lagerte ich am mittleren Laufe des Panganiflusses, der, am Kilimandscharo entspringend, sich bei der Stadt Pangani in den Indischen Ozean ergießt. Mein Präparator und ich waren überlastet mit der Konservierung und Verpackung der für die Museen bestimmten gesammelten zoologischen Objekte, und während eines Zeitraumes von etwa vierzehn Tagen hatte ich kaum das Lager all der Arbeiten wegen verlassen können. Seit einiger Zeit hatte ich zuverlässige Späher ausgesandt, um nach Büffeln Umschau zu halten, deren Auffindung und Erlegung seit der Rinderpest in der Kilimandscharogegend einem weißen Jäger nicht wieder geglückt war. Ich war der erste Europäer, der die ungesunden Panganisümpfe besuchte und dort jagte. Schon im Jahre 1896 aber hatte ich einige wenige Büffelfährten in der unmittelbaren Nähe der Sümpfe wahrgenommen. Wochenlang waren die von mir ausgesandten Leute stets erfolglos von ihren Streifzügen zurückgekehrt; nirgendwo hatten sie die augenblicklichen Aufenthaltsorte der Büffel entdecken können. Nun aber fanden sie plötzlich weitab von meinem Lager am Flusse zwei Eingeborene, Waseguha (Eingeborene der Landschaft Useguha), die sich dort eine Hütte gebaut und eine kleine Maisanpflanzung angelegt hatten, außerdem aber Fischfang betrieben. Es stellte sich jedoch heraus, daß sie auch durch Ansitz auf Bäumen der Jagd auf Büffel mittelst Vorderladern gelegentlich oblagen, deren außerordentlich schwierig aufzufindende Standorte, zur Trockenzeit mitten im Sumpfe, ihnen wohl bekannt waren, und deren Schädel und Hörner wertvolle Handelsware – von Europäern damals schon als »selbstgeschossen« sehr begehrt – für sie darstellten. Einer dieser Leute wurde in mein Lager gebracht. Anfänglich war aus ihm fast nichts herauszubringen; aber nachdem ich längere Zeit unterhandelt hatte, entschloß er sich, mir nähere Auskunft über die Büffel zu geben. Da aus den Mitteilungen des Mseguha (Einwohners der Landschaft Useguha) hervorging, daß eine große Büffelherde sich im Augenblicke in den unzugänglichsten Sümpfen des Panganiflusses aufhalte, entschloß ich mich kurz, sofort mein Lager in die Nähe dieser Sümpfe zu verlegen, um, koste es was es wolle, endlich einen Büffel zu erlegen. Am 2. September brach ich mit einem großen Teil meiner Leute frühmorgens auf, um nach sechsstündigem Marsche flußabwärts in der Nähe der Lafittiberge zu lagern. Während des Marsches gelang mir für meine ornithologische Sammlung die Erlegung zweier prächtiger Uhus, und sehr große Rudel von Wasserböcken, bis zu 150 und 200 Köpfen stark, wurden mehrfach in dem schönen Uferwalde flüchtig, neugierig oftmals verhoffend, ohne daß ich mich ihrethalben aufgehalten hätte. Eine über alle Beschreibungen halsbrecherische, nur mit nackten Füßen zu begehende »Brücke«, größtenteils aus Lianen geflochten, verband mein jetziges Lager mit einer außerordentlich großen Insel des Flusses, welche in ihrem unteren Teile in die ausgedehnten und undurchdringlichsten Sümpfe überging. Der nächste Tag verlief mit Erkundungen der Insel. Wasserböcke in zahlreichen Rudeln, im ganzen mehrere tausend Stück, bevölkerten sowohl den umliegenden Flußuferwald als auch die Insel. Ich hatte mir jedoch vorgenommen, tunlichst keinen Schuß abzugeben, um die schon an und für sich außerordentlich scheuen Büffel nicht noch mehr zu beunruhigen. Auf Wildpret mußte also hier verzichtet werden. Meine Karawane war reichlich mit dem leicht zu transportierenden indischen Reis versehen und ich erwartete wiederum durch eine Hilfskarawane über einhundert Lasten dieses damals – zur Zeit der Hungersnot – leider fast unerschwinglich teuren Nahrungsmittels, von der Küste her. Um ein Haar wäre ich von meinem Vorsatze, von meiner Büchse keinen Gebrauch zu machen, abgekommen, da mich auf der Insel zwei Rhinozerosse beinahe umgerannt hätten, gerade in einem Augenblick, als ich, mit Beobachtung eines Honiganzeigers beschäftigt, etwa 120 Schritte von meinen Leuten abseits gegangen war. Dem lockenden Ruf der Honiganzeiger folgt man, wo irgend möglich, mit Freude, um von den Vögeln häufig zu einem Honig enthaltenden Bienenneste geführt zu werden. Die Mühe des Folgens lohnt sich oft reich durch köstliche Honigwaben – ein Leckerbissen von größtem Werte in einsamer Wildnis. – Ich fand bald, daß die Büffel hier eine völlig nächtliche Lebensweise führten. Ein großer Teil der Grasflächen der Insel war bereits dürr und von der Sonne verbrannt. Nur an den Rändern der Sümpfe sproßte noch frisches grünes Gras, dort, wo das Wasser, langsam zurücktretend, feuchten, schwarzen, humosen Boden zurückließ. Die zwischen jenem Grase befindlichen Sumpflachen waren – noch von trübem Wasser gefüllt – im Begriff einzutrocknen; sie, wie auch die Umgebung, waren von den Fährten der Büffel vollkommen zertreten. Schwerlich kann man sich einen Begriff von einer ungesunderen Gegend machen, wie sie dieser Zufluchtsort der Büffel darstellte! Brodelnd trat das Wasser aus dem säurehaltigen Schlammboden bei jedem Tritt hervor. Eine mannigfache Sumpfvegetation wucherte üppig allerorten: über die öden Wiesen aber am Rande des Sumpfes tummelten sich mit leise klagenden Rufen Hunderte von Brachschwalben und zur Nachtzeit belief sich die Zahl der Mosquitos auf Myriaden. Auch sonst war eine reichhaltige Avifauna vertreten; von Säugetieren aber beherbergte das große Eiland, wie ich später fand, nur einige wenige Paviane und Meerkatzen, außer den starken Rudeln von Wasserböcken. Dies hatte seinen guten Grund. Die Affen hatten einst gelegentlichen Zutritt zu der Insel durch in den Strom gefallene Baumriesen erhalten; aber bald hatte wohl die Wucht der strömenden Gewässer zur Zeit der Masila (großen Regenzeit) diese zufällig geschaffenen Brücken wieder zerstört, und so waren die Affen vom Festlande abgeschnitten. Die Wasserböcke aber wechselten an seichteren Stellen durch die Stromarme hin und her. Sie und die Büffel scheuen dabei die ungeheuer zahlreichen und riesigen Krokodile nicht, oder wissen die Angriffe dieser Echsen zu vermeiden. Es war mir außerordentlich interessant, dies feststellen zu können. Kein anderes Wild mit Ausnahme der Flußpferde setzt sich meines Wissens der Gefahr eines Angriffes durch Krokodile in dieser Weise aus; es scheinen mir eben Büffel und Wasserböcke in einem ganz eigenartigen Verhältnisse zu den Krokodilen zu leben. Die von mir ebenfalls vermuteten Riedböcke waren auf der Insel nicht vertreten, obwohl sie ringsumher häufig vorkamen; hieraus darf ich wohl schließen, daß sie die Nachstellungen der Krokodile nicht so geschickt wie die vorgenannten Tierarten zu vermeiden verstehen. Fast während des ganzen Tages, vornehmlich aber zur Nachtzeit, waren die Stimmen der »Viboko« (Flußpferde) dicht vor uns im Sumpfe vernehmbar; sie mischten sich mit den zahlreichen eigenartigen Lauten der Vogelwelt. Brütendes Schweigen lagerte im übrigen über dieser weltfernen und durch furchtbare Wächter noch so besonders abgeschlossenen Insel. Wo ich auch die Ufer des Flusses aufsuchte, wurde es mir begreiflich, daß das Eiland wohl bewacht sei vor Eindringlingen: überall tauchten die spitzen Schnauzen riesenhafter Krokodile kaum wahrnehmbar aus dem Wasser, langsam mit dem Strome abwärtstreibend. Das Angeln zuweilen riesiger Krokodile gelang mir meist nur bei Nacht, doch habe ich auch bei bewölktem Himmel in den Nachmittagsstunden erfolgreich auf Krokodile gefischt. Hier, an den tiefen Stellen des Flusses, hatten sich eine außergewöhnlich große Anzahl dieser unheimlichen Panzerechsen versammelt. Wenn ich mich mit größter Vorsicht den Stellen im Flußbette näherte, wo vor meinen Augen langgestreckte Sandbänke im Sonnenscheine glitzerten, fand ich die Ungeheuer öfters dutzendweise sich sonnend. Nicht fern von ihnen hatten sich gleichzeitig zahlreiche Reiher, Ibisse, Strandläufer, Nilgänse und andere Sumpf- und Wasservögel auf den Sandbänken niedergelassen. Es konnte erstaunlich scheinen, daß sie anscheinend so wenig Furcht vor den Krokodilen zeigten; aber sie wußten jede tiefe Stelle des Stromes wohl zu vermeiden, und nur da, wo sehr flaches Wasser die Krokodile an schnellen Angriffen hinderte, waren sie zu finden. Kurz vor Sonnenaufgang streicht der Triel schwirrenden Fluges mit höchst charakteristischem gellendem Pfeifen über den geheimnisvollen Spiegel des trüben Stromes. Sein Pfeifen klingt wie: wieh wieh wieh i i i i i ih ih – immer schneller und schärfer wiederholt und die letzten Töne so scharf und laut akzentuiert, daß sie sich unvergeßlich dem Ohre einprägen. Unser Vogel brütet im März, und um diese Zeit nur wenige Minuten vor Sonnenuntergang, – aber dann um so häufiger und intensiver – laßt er seinen Jubel- und Liebesgesang inmitten der düsteren Flußlandschaft, von Sandbank zu Sandbank streichend, ertönen. Geschickt weiß er auch die unmittelbare Nähe der gefährlichen Panzerechsen, der Krokodile, zu vermeiden, ebenso wie die höchst seltsamen, von Muscheln lebenden Klaffschnäbel, die auf den Sandbänken des Flusses vor meinen Augen einfallen. Häufig trugen mich meine Leute auf diese einfache Weise geschickt durch Sümpfe ... wie Maultiere und Esel durch einen Fluß befördert werden; das Rindvieh jedoch pflegt meist selbständig Wasserläufe zu übersetzen. Verluste durch Krokodile sind dabei nicht selten. Trotz alledem glaube ich behaupten zu dürfen, daß tatsächlich auch zwischen diesen Ungeheuern der Tiefe und der Welt der Wasser- und Sumpfvögel eine gewisse Freundschaft besteht: – freilich nur eine sehr bedingte. Vom Sudan wissen wir, daß ein kleiner Vogel, der Krokodilwächter, tatsächlich mit den Panzerechsen in ausgesprochenster Geselligkeit lebt. Die klugen Enten und Gänse aber wird man niemals auf tiefen von Krokodilen belebten Gewässern schwimmend bemerken! Mehrere Tage vergingen mit vergeblichem Suchen nach Büffeln. Auf den für Menschen fast undurchdringlichen tunnelartigen Wechseln der Flußpferde drang ich in die schilfigen Gewässer ein, um die Wechsel der Büffel festzustellen. Bald aber kam ich mit von Schilfgräsern zerschnittenen Händen und von Mosquitos jämmerlich zerstochen zu der Überzeugung, daß die Tiere, ohne bestimmten Wechsel zu halten, ausschließlich zur Nachtzeit den Sumpf verließen, mit Tagesgrauen aber vorsichtig die schützenden, für Menschen nicht zugänglichen Stätten wieder aufzusuchen pflegten. In den Sümpfen selbst aber war ihnen nicht beizukommen. Das mittelste Verbindungsstück des Brückensteges wird zur Nachtzeit entfernt, um Raubtiere und Menschen den Dörfern dieser Inselbewohner (Warufu) fernzuhalten ... Zur Zeit der Masila , der Regenzeit, bereitet das Übersetzen selbst kleiner Wasserläufe Schwierigkeiten. Ich gewann mühsam, sehr große an trockenen Stellen wachsende Akazien erkletternd, eine hohe Aussichtswarte. Von ihr herab war es nicht schwer, die jeweiligen Stellen in der ausgedehnten Sumpfwildnis ausfindig zu machen, wo die Büffel sich niedergetan hatten: Hunderte von Kuhreihern schwärmten über der ruhenden Herde hin und her. Sie bezeichneten tagüber stets die Stellen, wo eine größere Anzahl von Büffeln sich befand; mochten diese nun ruhen oder in Bewegung sein: die Kuhreiher ließen sich in ihrer Beschäftigung, die Büffel von Ungeziefer zu befreien, nicht stören. Und von Ungeziefer allerdings wimmelte die Insel! Wegen der mir bekannten außerordentlichen Scheu des Büffels, da er ja hier von Eingeborenen mit Gewehren schon vielfach bedrängt worden war, hatte ich meine Leute streng innerhalb des kleinen Lagers konsigniert; selbst Brennholz durfte nur in nächster Entfernung vom Lager geholt, der mich mit dem Festlande verbindende Pfad von den Leuten jedoch nicht verlassen werden. Die Verproviantierung mit Nahrungsmitteln erfolgte auf diesem Pfade aus meinem Hauptlager. Der Lagerplatz selbst aber war sorgfältig von Gras und Büschen gereinigt worden, und zwar aus guten Gründen! Ungezählte Millionen nämlich von winzig kleinen Zecken bedeckten Gras und Büsche der Insel, dort, wo die Wasserböcke ihre hauptsächlichsten Standorte hatten, namentlich aber auch dort, wo die Hauptwechsel und Äsungsplätze der Büffel sich befanden. Es war unmöglich, die Insel zu begehen, ohne daß der ganze Körper alsbald mit Hunderten von blutgierigen, schmerzhaft fühlbaren Zecken bedeckt war. Ins Lager zurückgekehrt, entfernten meine Schwarzen entweder diese Plagegeister mit größtem Gleichmut oder wurden von ihnen gar nicht angegriffen und belästigt. Anders aber verhielten die Tiere sich uns Europäern – mir und meinem Präparator Orgeich – gegenüber! Unvorsichtigerweise hatte ich anfänglich einige durch Abreißen entfernt, wobei die Saugrüssel im Fleische verblieben waren; bösartige Entzündungen waren die Folge. Ich nahm meine Zuflucht zu Sublimatbädern in meiner Gummiwanne. Ohne jeden Erfolg! Das einzige Mittel, sich vor den entsetzlichen Plagegeistern zu bewahren, war, mich von einigen Schwarzen jedesmal nach der Rückkehr eine halbe Stunde lang absuchen zu lassen! Die jedem Besucher zoologischer Gärten bekannte Szene, wie sich Affen gegenseitige Dienste bei der Hautpflege leisten, gibt dem Leser ein Bild von den sich täglich mehrmals entwickelnden Szenen, wobei sich an meinem Körper regelmäßig eine Ausbeute von etwa 50-100 winzig kleiner, fast unsichtbarer Ixodiden (Zecken) ergab. Trotz alledem hatten die anfangs unbeachteten Blutsauger schon erhebliche, durchaus nicht unbedenkliche Entzündungen in meiner Magengegend hervorgerufen. So klein waren diese winzigen Feinde, daß ich das Ödem im Anfang anderen Ursachen zugeschrieben, Zecken aber als Erreger nicht vermutet hatte! So blieben mir in den nächstfolgenden Wochen und Monaten einige eiternde, höchst lästige und bösartige Wunden zurück, die jedes Heilversuches spotteten und erst völlig verschwanden, als ich später die hochgelegenen Gebirgsgegenden am Kilimandscharo aufsuchte. Unter solcher Pein – mein Begleiter Orgeich litt ähnlich – verflossen die Tage und namentlich schlaflose und peinvolle Nächte auf der »Büffelinsel«, der ich den Namen »Heckinsel«, zu Ehren meines Freundes, Prof. Ludwig Heck, beigelegt habe. Ich tat dies zu Ehren dieses ausgezeichneten Tierpflegers, weil die Insel eine Zufluchtstätte der Wasserböcke und Büffel in so seltsamer Abgeschlossenheit bildete und durch ihre isolierte Lage jenen Resten von Wildbüffeln während der Zeit der Rinderpest Schutz gewährt hatte. Die Büffel schienen für mich unerreichbar. Wenn ich ein Eindringen in die Sumpfwildnisse versuchte, hinderten mich gar bald tief eingeschnittene, unergründlich morastige Kanäle am Vordringen. So galt es auszuharren. Die einzige Möglichkeit schien die, frühzeitig im Morgengrauen die Büffel anzutreffen, ehe sie noch mit den ersten Lichtstrahlen des schnell anbrechenden Tages ihr Sumpfrevier aufgesucht hatten. Mehrfach schien ich diesem Ziele nahe; aber um Minuten immer wieder handelte es sich, um Minuten kam ich zu spät. Die scheue Vorsicht der gewitzigten Tiere schien unbesiegbar zu sein, und mit anbrechendem Büchsenlichte hatten sie stets die Deckung bereits aufgesucht, ein schlagender Beweis klugen Beurteilungsvermögens der Verhältnisse! Man sollte denken, daß der unheimlich starke afrikanische Wildbüffel, seiner Kraft vertrauend, weniger scheu sein müßte! Aber ob Einzelgänger, ob Rudel: die Tiere hatten den veränderten Verhältnissen Rechnung tragen gelernt und fürchteten sich vor dem Feuerblitz der europäischen Mordwaffe so gut wie vor dem lautlos schwirrenden Giftpfeil der Eingeborenen. So verfloß Tag auf Tag, aber ich beschloß auszuharren; nur so kommt der Jäger – namentlich in den Tropen – zum Ziele! Freilich erkrankte ein Mann nach dem andern an Malaria und wir Europäer verstärkten unsere Chinindosis erheblich, um einigermaßen gesichert zu sein. Während der Abende und Nächte gewährte uns ein von mir erdachter Krokodilfang erwünschte Abwechselung. Nach tagelanger Arbeit und unter Verwendung meines mitgeführten Bootes hatten meine Leute durch Fällen zweier riesiger Uferbäume, deren Kronen, von beiden Ufern gegeneinander ins Flußbett fallend, sich verfangen hatten, eine primitive Verbindung auch mit dem rechten Flußufer dargestellt. Ober- und unterhalb dieser Flußbarre sammelten sich besonders zahlreiche Krokodile an. Mittels aus London bezogener Haifischangeln versuchte ich nun dieser bestgehaßten Tiere habhaft zu werden; im Anfange jedoch vergeblich. Aber bald ersann ich ein Verfahren, welches zum Ziele führte. Mit Draht wurde ein Stück Fleisch mit Knochen an den Haken befestigt und die Angel, namentlich nachts bei Mondschein, in das Flußbett geworfen. Wurde sie von einem Krokodile ergriffen, so ließ ich etwa fünfzig und mehr Meter eines festen dünnen Taues, ähnlich wie beim Hechtfange, auslaufen; das Krokodil pflegte dann erst fest zuzufassen, war aber in allen Fällen viel zu klug, um den Haken zu verschlucken . Sorgfältig am Ufer im Gebüsch verborgen, zogen nun etwa 10-20 Leute das oft mehr denn tausendpfündige Raubtier ans Ufer. Kam es in dessen Nähe, so schäumten die Wasser wild auf, gepeitscht von den furchtbaren Schwanzschlägen des Sauriers. Jetzt galt es schnell eine gutsitzende Kugel im Mondschein in seinen Kopf zu entsenden! Die furchtbare Wirkung eines Bleispitzengeschosses aus kleinkalibriger Büchse lähmt das Scheusal mit Sicherheit, wenn sie nur irgendwo in der Nähe des Kopfes den Rumpf des Tieres trifft. Bewegungslos hängt es so an der Angel, ohne auch nur im Tode den furchtbaren Rachen zu öffnen, aber einen unerträglichen Moschusgeruch verbreitend. Mittels eines sehr starten und dicken Taues, das mit mehr oder minder großer Mühe um seinen Leib befestigt wird, gelingt es nun, die oft sehr schweren Tiere völlig aufs Land zu ziehen. Hierbei leisteten mir an langen Stangen befestigte Harpunen mit Blättern, die sich nach erfolgtem Einstoßen in die Körper der Krokodile querstellen, ausgezeichnete Dienste. Diese Fangmethode lieferte mir nächtlicherweile bis zu sechs und mehr Krokodile, darunter solche von gegen vier Meter Länge. Freilich mußte man dabei eine Anzahl von Fehlfängen in den Kauf nehmen. Hier und da ereignete es sich aber auch, daß die Haken zufällig wirklich im Rachen des Tieres gefaßt hatten, und es gelang, das sich sträubende Ungeheuer mit größter Vorsicht lebend ans Land zu ziehen und zu fesseln. Hierbei habe ich ganz besonders die furchtbare Kraft und die Gefährlichkeit ihrer Schwanzschläge kennen und fürchten gelernt. Unermüdlich war namentlich einer meiner Leute auf den Krokodilfang bedacht, der, früher einmal von einem Krokodil gepackt, damals beinahe unter Wasser gezogen worden wäre. Stundenlang hockte er bei der von mir ausgelegten Angel, um im geeigneten Momente mich zu benachrichtigen. Er hatte den Tieren Rache geschworen und frohlockte jedesmal, wenn es mir gelungen war, eines der bestgehaßten »Mamba« (Krokodile) zu fangen oder zu erlegen. Diese von mir auch bei andern Gelegenheiten zuweilen ausgeübte Methode, Krokodile zu angeln, beweist, daß ein Krokodilfang auf diese Weise wohl möglich ist. Die diesbezüglichen Versuche Professor Robert Kochs sollen dagegen, wie es heißt, keinen Erfolg gehabt haben. Sogenannte »Legangeln« auf Krokodile fand allerdings auch ich völlig unbrauchbar. Der Mageninhalt bestand bei den meisten aus Knochen von Säugetieren und Fischresten. Außerdem aber enthielt jeder Magen eine große Anzahl von Quarzstücken, die entweder bereits rund abgeschliffen aus dem Flußbette aufgenommen, oder aber in den Mägen erst abgeschliffen, jedenfalls aber zur Unterstützung der Verdauung aufgenommen worden waren. Jene Quarzstücke erreichten oft beträchtliche Größe, bis zum Umfange etwa eines Apfels. In einem der Tiere fand ich einen vollkommen unversehrt hinabgeschlungenen großen Geier, den ich erlegt und, da sein Balg verdorben war, dem Flußlaufe überliefert hatte. Die Krokodile sind also fähig, Bissen von ganz erheblicher Größe unzerteilt hinabzuschlingen. Auch während der Zeit der Dürre und Hungersnot im Jahre 1900 habe ich Krokodile erlegt, deren Mägen große menschliche Knochen enthielten, die die Tiere teils völlig unversehrt herabgewürgt hatten. Einst fand ich im Magen eines Krokodiles nur Steine und das eiserne Armband einer Eingeborenen ... Von größtem Interesse – leider aber recht schwierig – ist es, das versteckte Leben des Krokodiles zu beobachten, über dessen Gewohnheiten unser Wissen noch keineswegs reich ist. Schon junge Exemplare sind verhältnismäßig scheu und vorsichtig. Haben sie über den Spiegel der Gewässer wachsende Baumzweige erklettert, so verschwinden sie bei Annäherung des Menschen sofort durch einen Sprung ins Wasser. Je mehr das Tier nun heranwächst, um so scheuer und vorsichtiger wird es, und es hält sich stets nur in einer seiner Größe entsprechenden Wassertiefe auf, die ihm gestattet, seine Angriffe auf die übrige Tierwelt auszuführen, ohne sich selbst zu gefährden. An den Tränkstellen des Wildes und in der Nähe der Wechsel, welche zum Wasser führen, fand ich häufig riesige Krokodile völlig unter dem Wasserspiegel versteckt ihrer Beute lauernd. Ich erinnere mich namentlich einiger Fälle, bei denen ich die Art und Weise, wie das Tier zu rauben pflegt, selbst beobachten konnte. Durstig eilt nach langem wasserlosen Marsche meine Rindviehherde dem Ufer des Flusses zu. Aber seltsam! Schnaubend drängen sich die Buckelrinder hin und her, ohne zu trinken; offenbar wittern sie Gefahr. Dies veranlaßt einige meiner Leute, lärmend Steine ins Wasser zu werfen; so kann das Vieh in Sicherheit getränkt werden. In langen Zügen schlürfen die Tiere das langentbehrte Naß; dann beginnen sie in der Nähe des Flusses sprießendes Gras abzuweiden. Einige Nachzügler meiner Karawane treffen nun ein; mehrere Stücke Rindvieh befinden sich bei ihnen, die, müde geworden, langsamer nachgetrieben worden waren. Ein prachtvoller, riesiger, kohlschwarzer Stier, seiner Größe wegen von mir lange mit dem Schlachten verschont, naht sich jetzt dem Wasser. Sein Geruchsinn sagt ihm offenbar, daß er ohne Gefahr trinken kann; hat doch vorher die ganze Herde, knietief in den Uferschlamm einsinkend, sich dort erquickt ... Der mächtige Körper des Tieres sinkt mit der Vorderhand tief in den Schlamm ein. Kaum aber hat seine Schnauzenspitze die Wasserfläche berührt, als ich ein gewaltiges Krokodil aus dem trüben Gewässer auftauchen sehe, – und im selben Augenblicke verschwindet, an der Schnauze gepackt, der Stier unter der Wasserfläche! Die schräge Stellung des Ochsen, das glatte, abschüssige Ufer erleichterten der tückischen Echse ihren Raub. Immerhin spielte sich der ganze Vorgang so unglaublich schnell vor meinen Augen ab, so überraschend schnell und unheimlich ereignete sich all dieses, daß ich einen Augenblick wie gelähmt dastand, sofort aber zum Ufer hineilend, nichts weiter mehr wahrnahm, wie einige gurgelnde Blasen, die aus dem trüben Strome aufstiegen. Nichts weiter vermochte ich und vermochten meine Leute wahrzunehmen. Eilig aber liefen wir jetzt stromabwärts, und richtig, weit ab von uns, am anderen Ufer, tauchte der tote Körper des Stieres auf; in stetig zuckender Bewegung rissen an ihm wohl zahlreiche Krokodile, ab und zu den Kadaver völlig unter Wasser reißend. Eine Anzahl von mir abgegebene Schüsse vermochten die raublustigen Echsen nicht in ihrer Beschäftigung zu stören, und ich mußte ihnen ihren Raub überlassen. Ähnlich verliefen einige andere Fälle, in denen ich Vieh durch Krokodile verlor. Menschen werden genau in derselben Weise geraubt, und ich bin einmal selbst Zeuge eines solchen Vorganges gewesen. Auf dem Rückmarsche zur Küste nach glücklicher Beendigung meiner Expedition in den Jahren 1899/1900 stürzte vor unsern Augen gegen Abend ein Neger von dem Steg, welcher bei Korrogwe den Pangani überbrückte. Er wurde in dem damals reißenden Wasser sofort von Krokodilen gepackt und verschwand vor unsern Augen in den Fluten, ein Opfer des süßen Palmweines, dem er zu sehr zugesprochen hatte. Oftmals habe ich mich eines lebhaften Gefühles der Angst nicht erwehren können, wenn wir, häufig bis an die Arme durchs Wasser watend, Flüsse durchqueren mußten. Die Eingeborenen machen bei diesen Gelegenheiten einen starken Krokodilzauber, eine »Daua!« – Ich aber pflegte diese Daua stets durch eine Anzahl oberhalb und unterhalb der Furten ins Wasser abgegebene Schüsse zu unterstützen. Eine ganze Anzahl von Eingeborenen habe ich im Laufe der Jahre gesehen, die durch Krokodile verstümmelt worden waren, aber sich noch hatten retten können, weil ihre Angreifer noch verhältnismäßig klein waren. Meine Angelmethode bewährte sich nur zur Nachtzeit oder an sehr bedeckten Tagen, ganz ähnlich wie bei der Angelfischerei auf gewisse Fischarten. Unerläßliche Bedingung ist jedoch sorgfältiges Verbergen der »Angler« am Ufer hinter Buschwerk. Der Neuling kann leicht über den Reichtum an Krokodilen in den Flüssen getäuscht werden, denn nur die Schnauzenspitze, das Nasenventil der Tiere, ragt an der Oberfläche empor, auch bei großen Tieren fast unsichtbar. So treibend beobachtet das Krokodil scharf alles, was in seiner Nähe vorgeht; sein Auge ist ausgezeichnet. Liegen die Tiere auf Sandbänken oder ihren flach niedergelegenen Austrittstellen am Ufer, so verschwinden sie bei Annäherung von Gefahr sofort im Wasser. Nicht selten habe ich riesige Krokodile überrascht, plötzlich hinter der Deckung des Ufers hervortretend. Dann schien es manchmal, als wenn das gesamte unter meinen Füßen gelegene tiefe Ufer lebendig würde, als wenn moosbedeckte, in den Fluß gestürzte Baumstämme Leben gewönnen! Riesige Krokodile aber waren es, die ruhig gleitend im Strome sich in Sicherheit brachten oder auch, plötzlich überrascht, in eiliger Flucht in die Wasser stürzten, so daß diese brausend und rauschend über ihren Häuptern zusammenschlugen. Junge, eben aus dem Ei ausgekrochene Tiere fing ich im Monat März; auch sie erwiesen sich bereits als äußerst bissig. Die von mir gefangenen alten Tiere stießen häufig einen unbeschreiblich knarrenden, tiefen, halb brüllenden Ton aus, von einer schwer zu beschreibenden Wildheit, einen Ton übrigens, den ich auch in Freiheit von ihnen hier und da vernommen habe. Auch die ganz jungen Echsen geben bereits, wenn angefaßt, einen lauten quiekenden Ton von sich. Wie schon erwähnt, tötet eine Kugel aus kleinkalibrigem Gewehr – auch eine solche mit Bleispitze – das Tier auf der Stelle, wenn die Kugel den Kopf in der Nähe der Wirbelsäule trifft. Es tritt so eine Art hydraulische Wirkung auf das ganze Gefäßsystem des Tieres ein. Eine ganze Anzahl von Krokodilen habe ich erlegt, die sich nach erhaltener Kugel nicht mehr zu rühren vermochten, vielmehr auf der Stelle wie vom Blitz erschlagen liegen blieben. Mein Freund, Hauptmann Merker, erlebte eine interessante Begebenheit mit jungen Krokodilen, als er einst am vulkanischen Dschallasee im Dezember eine Anzahl Krokodileier gefunden und mit ins Fort Moschi genommen hatte. Nach acht Tagen etwa quiekte etwas in einer Zigarrenkiste in seinem Zimmer; dorthin hatte er die Krokodileier gelegt. Anfänglich glaubte er an das Vorhandensein von Mäusen; bald aber entdeckte er, daß den Eiern mehrere kleine Krokodile entkrochen waren, die mangels der liebevollen Sonnenstrahlen in den letzten Tagen der Brutperiode allerdings in ihren Lebensäußerungen einigermaßen herabgestimmt sich erwiesen. Unsere Nachrichten über das Vorhandensein einer gewissen Brutpflege beim afrikanischen Krokodil sind bis heute höchst spärlich. Bei der von mir angeführten Scheuheit des Tieres wird dies ja auch erklärlich. Ich glaube nicht, daß eine Brutpflege stattfindet. Allerdings verhalten sich die Krokodile je nach den Umständen verschiedenartig; in den großen Seen, beispielsweise im Victoria-Nyanza, zeigen sie sich manchmal weniger scheu. In den ausgedehnten Buchten im Süden dieses Sees fand ich sie höchst zahlreich auf Sandbänken. Sie und die Flußpferde lebten dort einträchtig mit den fischenden Eingeborenen scheinbar auf einem gewissermaßen freundschaftlichen Fuße. Das Bild der reichen und zutraulichen Ornis der Ufersümpfe und Wasserflächen, dazwischen Dutzende von Nilpferden und hunderte von riesigen Krokodilen; inmitten dieser buntgemischten Tierwelt aber die Schilf-Flöße fischender Eingeborener – dieses Bild paradiesischer Eintracht wird in meiner Erinnerung niemals erlöschen! Heute wird auch dieses landschaftliche Gemälde von eigenartigstem Reize mancherorts am Victoriasee der eindringenden Zivilisation bereits gewichen sein. ... Verschaffte uns das Angeln von Krokodilen zur Nachtzeit so anregende Unterhaltung im »Büffellager«, so verflossen die Tage um so einförmiger. Gelegentliche Pürschgänge aufs rechte Flußufer führten mich weit in die Berge des Randwalles der Nyika hinein. Aus dem außerordentlich reichen Bestande von Wasserböcken erlegte ich, fernab vom Standort der Büffel, gelegentlich einige besonders starke Stücke. Die Büffel jedoch anzutreffen schien mir nicht gelingen zu wollen. Endlich hatten meine Wandorobbo eine Herde von etwa dreißig Stück beim Tagesgrauen erblickt und sehr weit vom Lager beobachten können, wie sie ausnahmsweise in einem nur sehr kleinen Sumpfe sich niedergetan hatten. Nach zwei Stunden war ich zur Stelle; der Wind war an diesem Tage stark, konstant und günstig. Nunmehr versuchte ich mich dem Büffelrudel zu nähern. Jedoch vergeblich! Knietief sank ich im Sumpfe ein, zäher, schwarzer Schlamm hinderte meine Schritte. Vorsichtig versuchte ich in das Schilfmeer einzudringen. Das Schilf war jedoch von solcher Dichtigkeit, von solcher Höhe und Undurchdringlichkeit, daß es mir unmöglich schien, die Büffel zu erreichen. Nur grasgrünes, üppiges Schilfrohr bedeckte jenen Sumpf; schützende Baumstämme waren nicht in der Nähe der ruhenden Büffel vorhanden. Dennoch gewann ich es über mich, mich bis auf etwa zwanzig Schritt dem Punkte zu nähern, auf welchen ein rückwärts von mir auf einen hohen Baum gekletterter Ndorobbo lebhaft hinwies. Dies Vorwärtsdringen dauerte wohl eine halbe Stunde. Aber ich sah nun ein, daß ein Schießen nur auf Fußweite möglich, ein solches Beginnen aber sicherem Selbstmorde gleichkommen würde! Nach längerem Zögern kehrte ich zu meinen Leuten zurück und erkletterte nunmehr selbst einen hohen Akazienbaum. Aber auch von hier aus vermochte ich nichts zu entdecken, obwohl meine Wandorobbo imstande waren, mir haargenau den Lagerort der Büffel zu zeigen. Ich entschloß mich, einen Alarmschuß in die Luft abzufeuern. Da entstand ein unbeschreiblicher Tumult im Rohre; rauschend und wogend gerieten die grünen Pflanzenmassen in Bewegung, aber auch von meiner hohen Warte aus war nur hier und da einen kurzen Augenblick ein oder das andere der riesigen Hörner der schwarzen Tiere wahrzunehmen. Ein Schießen war gänzlich unmöglich, von den Büffeln selbst kaum etwas wahrzunehmen! Bald waren sie in der Schilfwildnis verschwunden. Ich sah nun ein, daß eine Jagd dort unten zur völligen Unmöglichkeit gehörte. Diese Gegenden bilden nicht umsonst ein natürliches Schonrevier für den Büffel ... Mühselig erreichte ich vom hohen Baume aus wieder den Erdboden. Es gehört nicht zu den besonderen Vergnügungen für Europäer, tropische Dornenbäume zu besteigen. Ein auch nur kurzes Verharren in ihren Zweigen läßt uns die unangenehmste nähere Bekanntschaft mit mancherlei interessanten, aber auch empfindlich beißenden Ameisenarten machen, denen gegenüber die zarte Haut des Europäers leider ganz anders reagiert, wie die Lederhaut des Schwarzen. Zwei Tage verflossen nun wieder in geduldigem Harren; erfreulicherweise waren die Büffel morgens stets wieder frisch zu spüren, und nicht etwa, wie ich gefürchtet hatte, ausgewechselt. Nachgerade unerträglich geworden aber war die Zeckenplage für uns Europäer, und zur Nachtzeit war kaum an Schlaf zu denken wegen des durch diese Parasiten verursachten Hautreizes. Zudem nahmen die schweren Malariafälle unter den Schwarzen im Lager immer mehr zu. Da endlich fanden wir – bei völlig bedecktem Himmel – eine starke Büffelherde zur Nachmittagsstunde, schon jetzt im Sumpfe auf freier Glasfläche äsend, nur wenige Meter von dichtem Schilfe entfernt. Es galt eine Anzahl der tief eingeschnittenen sumpfigen Rinnsale zu durchwaten, um die Herde zu erreichen. Abermals war von Deckung keine Rede, ich meine von schützender Deckung; nur Schilfgräser wuchsen in dieser Umgebung. Es waren Augenblicke höchster Spannung, als ich auf nahe Entfernung, umschwärmt von Brachschwalben, den imposanten Anblick genoß, einige sechzig Köpfe des leider jetzt so seltenen kapitalen Wildes vor mir zu beobachten. Unwillkürlich drängte sich die Empfindung auf, es seien zahme Rinder, allerdings von bösartigem Ansehen, und die geschlossene Masse der schwarzen gedrungenen Gestalten, wie sie so eifrig weidend dicht vor mir sich bewegten, hatte etwas Großartiges und Überwältigendes. Jetzt aber mußte ich mich zum Schusse entschließen, und klopfenden Herzens – ich gestehe es – wählte ich mir einen einzelnen Stier aus, der abseits von der Herde für sich allein äste. Die Entfernung betrug etwa 120 Meter. Auf meinen Schuß fuhr er zusammen und nahm den gewaltigen Kopf hoch, mit dem Schwanze dabei schlagend. Eine zweite Kugel ließ ihn vorn zusammenbrechen; die Herde ergriff im selben Augenblicke in überraschender Schnelligkeit die Flucht, und die schweren Tiere verschwanden mit Blitzesschnelle im nahen hohen Schilf. Es erforderte noch eine dritte Kugel, den wieder hochgewordenen Stier völlig zu strecken. So war mir endlich das begehrte Weidmannsheil der Erlegung eines Büffelstieres zuteil geworden! Sofort stürzten sich die Geier auf die Reste des Büffelstieres herab ... Fauchend und zischend kämpften sie um die Beute Das Abziehen des Büffels, der Transport der schweren Haut durch die Sümpfe ins Lager und die Präparation erforderten große Mühe; aber die Freude, meine Ausdauer von Erfolg gekrönt zu sehen, war nachhaltig groß. Acht fernere Tage auf der »Heckinsel« brachten mich nicht wieder zu Schuß; die Jagd auf den Büffel in Ostafrika ist, wie man sieht, unter Umständen keine leichte. Anders war es vor dem Jahre 1890. Wenig später aber wütete während eines Jahres die Rinderpest in Deutsch- und Britisch-Ostafrika. Mit großer Schnelligkeit durchzog die Epidemie, immer wieder verschleppt und gefördert durch das zahme Vieh, die Steppen, und der herrliche ostafrikanische Wildbüffel ist ihr fast ganz erlegen. Ein mir befreundeter englischer Beamter fand im Jahre 1891 an einem Tage etwa hundert kranke Büffel in allen Phasen des Sterbens. Ihre gebleichten Schädel, aus jener traurigen Zeit hauptsächlich herrührend, sah ich noch höchst zahlreich. Wo sind die Zeiten hin, in denen im Jahre 1887 Graf Teleki am Nguaso-Nyuki fünfundfünfzig Büffel in drei Monaten schoß; wo die Zeiten, von denen Dr. Richard Böhm erzählt, daß er in dem gebirgs- und wasserreichen Kawende zahlreiche Herden Hunderter von Büffeln im Buschwalde angetroffen habe, so daß ihr Brüllen den Reisenden aufmerksam machte! Alles dies eine verklungene Mär! Die unbarmherzige Rinderpest strich den Büffel fast aus der Reihe der ostafrikanischen Tierwelt aus! Sie strich ihn aus, wie sie der Blütezeit des Masaivolkes ein plötzliches Ende bereitet hat... Mit einem Schlage wurde seine Macht, seine Blüte vernichtet durch die von Europäern eingeschleppte Pest, jene Geißel der Viehzüchter. Oftmals fand ich noch kreisförmige Ansammlungen von Rinderknochen; weiß erglänzten diese Gebeine weithin leuchtend auf fahlem Steppenboden. Untermischt mit ihnen zahlreiche Menschenschädel – – Das sind die Lagerstätten der Masai im Jahre 1890. Immer wieder dasselbe Drama! Die Kinder erkrankten und starben hin; Heilmittel und Zauberkünste versagten ihre Macht. In wenigen Tagen war das Lager eine verpestete Stätte, und hilflos, ihrer Nahrungsquelle beraubt, starben an selbiger Stelle Männer, Weiber und Kinder dahin. Relativ spärliche Reste der so zahlreichen Masai sind erhalten geblieben. Weiber und Kinder wurden vielfach aus Not in die Sklaverei Ackerbau treibender Stämme verkauft oder verschenkt. Und wie hier dem Masaivolk und den Wildbüffeln, so erging es in Amerika dem Indianer und dem Bison. Die vorwärtshastende Zivilisation ist grausamer und unerbittlicher, denn alles andere. Wenig genug ist in den von mir genau erforschten Teilen der Masai-Nyika vom afrikanischen Büffel übrig geblieben. An den Pangani-Sümpfen kannte ich die eben erwähnte Herde; einige einzelne alte Stiere – Einzelgänger – ergänzten dieselbe. In der Nähe des Manjarasees lebte eine andere. Bei Nguruman mag noch eine kleine Anzahl vorkommen; hier und da mögen noch einige andere Herden wechseln. Das ist wohl im Norden Deutsch-Ostafrikas der ganze von einstigem Reichtum übrig gebliebene Bestand. Ein Unteroffizier berichtete mir, der Büffel, dessen Schädel ihm von einem Askari gebracht worden sei, habe ein »Dorf attackiert« und hätte deshalb erlegt werden müssen. Und in einem anderen Falle wurde mir tatsächlich kaltblütig berichtet, der Büffel, dessen Schädel ich auf einer Station frisch erlegt sah, sei von dem Askari, der ihn gebracht, »ertrunken« gefunden worden. Ein »ertrunkener« Kafferbüffel (!) und ein mit zahlreichen Patronen ausziehender, mit nur wenigen zurückkehrender Askari beweisen, daß Schonvorschriften in weit entlegenen Ländern schwer durchführbar sind. Für den schönen Wildbüffel scheinen die Tage in Deutsch-Ostafrika gezählt und bald wird er dort zu den ausgestorbenen Tierarten gehören. Erfreulicherweise lebt 1919 noch ein sehr schönes weibliches Stück des Schillings-Büffels im Berliner Zoologischen Garten, das sich schon mehrfach mit einem südafrikanischen Kaffernbüffel fortgepflanzt hat.   13. Weitere Erlebnisse mit Löwen. Das im ersten Kapitel geschilderte Ereignis habe ich mit Absicht so erzählt, wie ich es seinerzeit im »Weidmann« veröffentlicht habe. Ich hielt es für richtig, meiner damaligen Schilderung nichts hinzuzufügen, da sie unter dem noch frischen Eindruck der Ereignisse niedergeschrieben war. Im Laufe der nächsten Jahre haben andere Reisende ähnliches Weidmannsheil in den Grassteppen des Hochplateaus von Kikuyu erleben können, ja in einem Falle bin ich in der Zahl der an einem Tage von einem einzigen Schützen erlegten Löwen noch übertroffen worden. Es handelte sich in allen diesen Fällen um höchst erfahrene, gute österreichische und englische Jäger, denen ausgezeichnete Waffen zur Verfügung standen. Hätte ich solche an jenem Tage besessen, und wäre ich nicht auf meine einschüssige Büchse, der unpraktischen damaligen Konstruktion, angewiesen gewesen, so würde ich wohl eine noch größere Strecke erzielt haben. Unter so schwierigen Umständen, behindert durch die ungünstigen Verhältnisse, die unzureichende Waffe und meine fiebergeschwächte Gesundheit habe ich aber wohl Grund, meine Beute als eine in jeder Beziehung zufriedenstellende zu betrachten. Ähnliches Jagdglück ist mir, wie gesagt, nie wieder zuteil geworden. Höchst spannend aber gestaltete sich ein Erlebnis mit einem alten Mähnenlöwen, das ich im Herbste des Jahres 1899 auf dem rechten Ufer des Pangani-Flusses hatte. Seit einigen Tagen hatten sich Löwen in unmittelbarer Nähe des Lagers gezeigt; fast jede Nacht hörte ich ihr Gebrüll, meist an einer bestimmten Stelle am Flusse. Mir war daran gelegen, eine Anzahl der von mir neu entdeckten gestreiften Hyänen zu fangen, ich hatte daher einige Fallen aufgestellt, um »Kingúguas« ( Hyaena schillingsi Mtsch .) und Schakale zu erbeuten. Durch Zufall hatte ein alter Löwe das Eisen abgetreten; er hatte sich an einer Zehe seines linken Vorderlaufes gefangen und selbstverständlich die Kette des Eisens sofort zerrissen. Offenbar hatte er das Eisen deshalb nicht vom Laufe entfernt, weil jeder Versuch dieser Art ihn zu sehr schmerzte. So war er mit dem Eisen flüchtig geworden, um sich Schritt für Schritt zwei Stunden weit in das Dornenpori zurückzuziehen, das am Rande des Steilabfalles der Nyika sich hinzog. Nach und nach hatte er die Falle fast vollkommen mit den Zähnen zertrümmert; Feder aber und Bügel umklammerten nach wie vor seine Zehe. Früh am Morgen nahm ich die Fährte auf und folgte ihr, wenn auch höchst mühsam, durch den Dornenbusch, jeden Augenblick erwartend, die abgestreifte Falle zu finden ... Plötzlich vernahm ich dicht vor mir das tiefe Knurren des gereizten Löwen; klirrend wurde er im selben Augenblicke mit der Falle flüchtig! Ich war höchlichst erstaunt, daß das gewaltige Tier das so kleine Eisen nicht abzustreifen vermochte. Im dichtesten Dornengestrüpp kam ich, mit äußerster Vorsicht und mit stets schußbereiter Büchse folgend, noch fünf- oder sechsmal in unmittelbare Nähe des Löwen, der jedesmal wieder flüchtig wurde, ohne mir Gelegenheit zu einem Schusse zu geben! Einige Male wurde ich – undeutlich, aber dicht vor mir – seiner ansichtig, konnte jedoch einen sicheren Schuß nicht abgeben. Aufs Geratewohl aber schießen, wäre unter solchen Umständen fast Selbstmord gewesen. Wieder höre ich das unwillige Knurren des Flüchtlings. Jeder Nerv ist angespannt; im flimmernden Lichte des blendend vom hellen Sande der Steppe reflektierenden Sonnenlichtes verschwimmen die Konturen; die Dornen, immer dichter werdend, hindern mich aufs äußerste. Da, – ein neues wütendes und gereiztes Geknurr, – das Eisen schlägt klirrend einige Male auf den Boden auf, und mit schwerem Gepolter wird das mächtige Tier von neuem flüchtig. Aber ach! Diesmal hat der Löwe sich des Eisens mit einem Prankenschlag auf den sandigen Felsboden entledigt, und wir haben das Nachsehen! Aber meine geschickten Wandorobbo vermögen noch immer der Fährte des im Anfang zwar in weiten Sätzen flüchtigen, dann aber in ein Trollen verfallenden Tieres zu folgen; augenblicklich nehme ich die Verfolgung von neuem auf. Schweißtriefend eile ich so eine Viertelstunde vorwärts; es folgt eine zweite, und so geht es fort, bis endlich der Löwe, dessen Tatze offenbar sehr schmerzt, dicht vor mir wieder polternd und knurrend die Flucht ergreift. Man muß es erfahren haben, um glauben zu können, mit welch dröhnender Wucht sich die Flucht eines alten Löwen über harten Steppenboden vollzieht! So schnell wie möglich folge ich ihm mit fliegenden Pulsen; mehrmals wäre ich seiner beinahe ansichtig geworden. Da – endlich habe ich ihn frei auf einer kleinen Lichtung; er wendet den Kopf nach mir um; meine Büchse knallt, und der Löwe fällt zusammen, wie vom Blitz getroffen, mit dumpfem Gepolter und ersterbendem Knurren. Eine zweite Kugel, aus Vorsicht abgegeben, versichert mich der begehrten Beute, – meine Freude und Genugtuung über die königliche, so hart erworbene Trophäe ist ohne Grenzen! Jetzt erst kommt es uns zum Bewußtsein, daß wir gegen sechs Stunden dem Tiere gefolgt sind, und quälender Durst macht sich bemerkbar. Aber mit Freuden wird er ertragen; die kaum mehr erwartete herrliche Beute läßt uns die übergroße Anstrengung, den Durst und die zahlreichen blutenden schrammen und Risse der Dornen an Händen und Gesicht mit Freude vergessen. So hatte ich abermals einen starken Löwen erlegt, wenn auch unter eigenartigen Umständen. Leider allzu oft bin ich eines oder mehrerer Löwen nur ansichtig geworden: entweder nur auf einen Augenblick und außer Schußweite, oder im hohen Grase auf nächste Entfernung, ohne schußbereit zu sein, oder in Augenblicken, in denen ich die Tiere blitzschnell in der Deckung verschwinden sah. So fand ich eine Löwin in der Nähe eines von ihr gerissenen Zebras. Zahlreiche Geier, die durch die Beute der Löwin angelockt waren und sich auf in der Nähe stehenden Akazien niedergelassen hatten, führten mich zu dem Orte hin, wo die Löwin im Schatten eines Strauches frühmorgens sich gelagert hatte. Aber auf zweihundert Schritte bereits nahm sie, durch Gesträuch gedeckt, die Flucht, um über eine Berglehne hinüber sofort zu verschwinden. Wiederum fand ich unter nämlichen Umständen einen Löwen und zwei Löwinnen im hohen Grase, ebenfalls ohne einen Schuß auf sie abgeben zu können. Bei einer anderen Gelegenheit folgte ich einer Schleifspur. Ein Löwe hatte in der Nacht ein halbwüchsiges Zebra gerissen und das Tier weit durch die Steppe in eines jener periodischen Regenstrombetten geschleppt, um es dort in Ruhe zu verzehren. Eine Weile war ich der Fährte gefolgt und suchte einen Abstieg in die steile Schlucht, als ich bereits die Löwin, – eine solche war es, – fern von mir, einen Augenblick verhoffend, dann flüchtig werdend, verschwinden sah. – Spät am Nachmittage, von einer vergeblichen Suche nach Elefanten zurückkehrend, bemerkte ich im Dezember 1900 eine größere Ansammlung von Geiern in den Ästen eines kahlen Baumes. Leider mit schlechtem Winde auf sie zugehend, sah ich einen starken Mähnenlöwen in schweren gewaltigen Fluchten über eine Lichtung verschwinden. Die Entfernung betrug annähernd vierhundert Schritte. Ein schnell abgegebener Schuß verfehlte sein Ziel; seine einzige Wirkung war eine Beschleunigung der Flucht des Gewaltigen! Man kann sich schwer vorstellen, welch einen wuchtigen, imposanten und massigen Eindruck ein in voller Flucht befindlicher Mähnenlöwe auf den Jäger macht! Ich war an diesem Tage von meinem getreuen Präparator Orgeich begleitet und beschloß, obgleich wir von einem zehnstündigen Marsch bereits sehr ermüdet waren, dem Tiere zu folgen. – Augenblicklich nahmen wir die Verfolgung auf und vermochten diesmal die Fährte gut zu halten. Bemerkenswerterweise führte uns nun der Löwe in einem verhältnismäßig kleinen Revier zwei Stunden lang fast immer im Kreise herum! Oft kam ich in seine unmittelbare Nähe; stets aber wurde er wieder flüchtig, um nach kurzer Zeit wieder in Schritt zu verfallen. So sah ich mich schließlich gezwungen, die Verfolgung aufzugeben, da die Fährte infolge der vielen Kreuz- und Quergänge nicht mehr zu halten war. Mit ein wenig mehr Glück hätte ich hier zu Schuß kommen können, da der Löwe uns mehrere Male im dichten Dornenpori sehr nahe herankommen ließ. Zum Unterschiede von jenem andern von mir erlegten Löwen gab dieser jedoch während der gesamten Verfolgung keinen Ton von sich. Jener knurrte also wohl, weil er in hohem Grade durch den Schmerz gereizt war. Außerordentlich glücklich lief dann wieder ein Abenteuer mit Löwen für mich ab, das ich am 10. November des Jahres 1903 zwischen Meruberg und Kilimandscharo erlebte. Ohne Wasser hatten wir in der Steppe lagern müssen, und am nächsten Morgen strebte meine Karawane der nächsten Wasserstelle zu, um sie nach etwa siebenstündigem Marsche zu erreichen. Kurz vor Erreichung des wasserspendenden Sümpfchens bemerkte ich eine größere Ansammlung von Wild aller Art, auf das ich jedoch keine Jagd machte. Rudel von Oryxantilopen, Zebras und Grantgazellen standen in nächster Entfernung rechts und links von unserm pfadlosen Wege, und ein großes Rudel Giraffen hatte mich auf allernächste Entfernung herankommen lassen, ehe die herrlichen Tiere polternd flüchtig wurden. Ich marschierte wie gewöhnlich an der Spitze meiner Karawane, wie stets dicht gefolgt von meinen Führern und Gewehrträgern. Plötzlich deutete ein mich begleitender Ndorobbo auf eine mit trockenem, hohem Grase und stacheligen Sansevieren bewachsene Stelle links vom Wege, mit dem halblauten Ausrufe: »Lungatún!« Ich riß meine Büchse aus den Händen des Gewehrträgers. Im selben Augenblicke fuhr es mir durch den Kopf, daß sie mit Ganzmantelgeschossen geladen sei, da ich ja keine Absicht hatte, an diesem Tage zu jagen, und ich seit meinem nächtlichen Überfalle durch die Masai den Eingeborenen gegenüber in dieser Gegend vorsichtiger geworden war. – Doch hier galt es kein Zögern. Der Schwarze und ich eilten zu der Stelle, wo die Löwen verschwunden waren; starren Blickes deutete der Ndorobbo mit hocherhobenem Arme auf die Stelle hin, wo er zwei Löwen gesichtet hatte! Alles dies ging so blitzschnell, daß an einen Patronenwechsel nicht zu denken war; ich hoffte höchstens noch auf die Möglichkeit eines Schnappschusses auf weite Entfernung. Links vor uns zogen sich einige Felsenkuppen hin; davor starrte dichter undurchdringlicher Sansevierenwuchs und Dornenbüsche. Atemlos und dornenzerkratzt auf den ersteren angelangt, gewahrte ich plötzlich vor mir auf kaum fünfzehn Schritte eine kapitale Löwin im Dickicht, den ausdrucksvollen Kopf mir zugewandt und die funkelnden Lichter auf mich gerichtet! Ein herrlicher Anblick! So unbeschreiblich kurz er ist, sucht mein Auge doch mit Blitzesschnelle instinktiv in der nächsten Umgebung während des Bruchteils einer Sekunde nach weiteren Löwen – dann reiße ich die gestochene Büchse an den Kopf. Doch ehe dies geschehen, macht die Löwin eine riesige Lançade mit weitausgestreckten Tatzen vorwärts hoch in die Luft und verschwindet in der Dickung. Doch ich hatte Zeit gefunden, mit der Büchse mitgehend vor dem Blatte abzukommen, und mit dem Knalle zeichnet sie in der Luft! Es war ein Augenblick höchster Spannung für mich, denn groß war die Wahrscheinlichkeit, daß das Tier, wenn nicht tödlich getroffen, mich annehmen würde. Nur schnelltötende Geschosse mit Bleispitzen sind in solchen Situationen angebracht, Ganzmantelgeschosse aber höchst bedenklich. Aber diesmal war ich vom Glücke begünstigt. Fünfzig Schritte weiter lag die Löwin verendet, mit dem gezirkeltsten Blattschusse, den ich je im Leben abgegeben. Der männliche Löwe, welchen der Ndorobbo gleichzeitig wahrgenommen, war leider mittlerweile verschwunden. Mein Präparator, der bald darauf mit den Karawanenleuten erschien und dem ich zu raten gab, was ich wohl erlegt habe, riet mehrfach vergeblich hin und her. Seine Freude war gleich der meinen groß, als er die prächtige Löwin verendet vor sich sah. – Im Gegensatze zu meinen Erlebnissen füge ich hier die Schilderung einer »Löwenjagd« ein, wie sie aus dem Jahre 1813 Johann Campbell uns hinterlassen hat. Das waren Zeiten, in denen auch in den heute Deutsch-Südwestafrika genannten Ländern noch Elefanten, Nashörner und Giraffen vorkamen, alles andere Großwild noch nicht in seinen Beständen verringert war, wo noch den Wachen auf den Bastionen von Capetown allnächtlich die Löwen ein Konzert zum besten gaben ... ... In Südafrika waren zu dieser Zeit Löwen also noch häufig, und in der Nähe von Graaf Reynet traf der im Auftrage der englischen Missionsgesellschaft reisende Pfarrer Campbell mit seiner Reisegesellschaft zwei Löwen an, uns in folgenden Worten, an deren Ursprünglichkeit der Übersetzung ich nichts ändern möchte, die »Abschlachtung« eines derselben schildernd: »Als wir uns der Quelle naheten, zu deren Untersuchung, ob sie für eine Missions-Station passe, wir gekommen waren, so jagten zwei von unseren Leuten eiligst zu unseren Wägen, worauf der Fuhrmann unseres Wagens sagte, sie hätten einen Löwen gesehen. Sie selbst berichteten uns nun, daß zwei Löwen unten in dem Rohre wären. – Alle Wägen fuhren sogleich auf eine Anhöhe dem Platze gegenüber, wo sie lagen und die Räder wurden eingehemmt, damit das Brüllen oder die Erscheinung der Löwen die Ochsen nicht erschrecke, und mache, daß sie davon laufen, was bei dergleichen Vorfällen häufig geschieht. Hierauf näherten sich 13 Männer gegen 50 Ellen den Löwen mit ihren geladenen Musketen und wir Zuschauer stellten uns auf eine Felsenklippe gegen 50 Ellen hinter ihnen, von 3 bewaffneten Menschen beschützet, wenn die Löwen nicht oder nur schwach verwundet, sich auf uns stürzen sollten. Nachdem alles gehörig bereitet war, so gaben die Leute unten allgemein Feuer auf die Löwen, worauf der eine, das Männchen, sich davon machte, wie es schien, schwach verwundet; allein der andere war so getroffen, daß er nicht davon konnte. Die Hunde liefen nun herbei und machten einen großen Lärmen, wagten sich aber nicht näher als fünf bis sechs Ellen. Beim zweiten Feuern wurde er totgeschossen. Es war eine große und fette Löwin, mit einer fürchterlichen Miene . Sie wurde sogleich aus dem Rohr hervorgezogen und abgebalgt. Einige Zolle vom Schwanz fand man eine Flintenkugel unter der Haut, die sie schon vor langer Zeit haben mußte, weil die Wunde ganz geheilt war. Von unseren Leuten hatte sie viele Wunden erhalten, besonders eine tödliche in ihrem inneren Rachen.« – So spielte sich vor etwa hundert Jahren eine Löwenjagd in Südafrika ab. An anderer Stelle verbreitet sich der Missionar noch häufiger über die Lebensweise des Löwen, selbstredend nach Hörensagen, und erzählt unter anderem, daß der Löwe einen Ochsen auf dem Rücken forttrage, ein Schaf aber in seinem » Munde «. Er begründete dies mit der so verschiedenen Schwere der Tiere! Wenn auch zugegeben werden muß, daß in jenen Tagen die Erlegung von Löwen mit den damaligen primitiven Schießgeräten sehr viel bedenklicher war, als es heute mit vollendeten Waffen der Fall ist, so kann es doch nicht erstaunen, daß in verhältnismäßig kurzer Zeit diese Raubtiere überall vernichtet worden sind, wo der Mensch dauernd festen Fuß faßte. Wir sehen hier Europäer mit »gegen 13 Musketen« vorsichtig den Kampf aufnehmen; wieviel weniger Mut gehört dazu, als der starken Katze mit Schwert und Speer entgegenzutreten, wie dies der Eingeborene seit grauen Tagen zu tun pflegt! Meine fünfte Löwin. "Fünfzig Schritte weiter lag die Löwin verendet, mit dem gezirkeltsten Blattschusse, den ich je im Leben abgegeben." Im Jahre 1900 hatte ich ein Zusammentreffen mit drei Löwen, das leicht für mich hätte verhängnisvoll werden können. Nach fast zehnstündigem Marsche war meine Karawane in der trockensten Zeit am Fuße eines Berges eingetroffen, und die ermüdeten Leute hatten das Lager aufgeschlagen. Ich unternahm, dem Laufe eines Baches folgend, eine kleine Exkursion unterhalb des Lagers, gegen meine Gewohnheit nur mit einer Schrotflinte bewaffnet. Schöne grüne Fruchttauben, jene so eigenartig gefärbten Geschöpfe unter den afrikanischen Tauben, lenkten bald meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich folgte mehreren, die im dichten Buschwerk des Baches einer größeren Gruppe von Fruchtbäumen zugestrichen waren. So hatte ich mich etwa tausend Schritte vom Lager entfernt, es außer Sicht verlierend. Die Tauben zeigten sich äußerst scheu; plötzlich stieß ich bei ihrer Verfolgung auf die Fährten mehrerer Löwen ... Sorgfältig brachte Orgeich den jungen gefangenen Löwen lebend und geknebelt ins Lager ... Unwillkürlich folgte ich diesen, neugierig und in der sicheren Annahme, daß die Löwen nicht mehr in der Nähe seien, noch etwa zweihundert Schritte, und war gerade im Begriffe, das Bett eines Wildbaches hinabzusteigen, welcher zur Regenzeit dem Bache Wasser zuzuführen pflegte, als ich plötzlich links neben mir einen Schatten wahrzunehmen glaubte. Mich umwenden und auf eine Entfernung von etwa fünfundzwanzig Schritte eine Löwin wahrnehmen, die in ruhiger Gelassenheit mich anäugte, war das Werk einer Sekunde. Die Löwin stand auf einer kleinen Lichtung im Dornbusche; sie hatte offenbar ihr Lager dicht am Bache inmitten dichter grüner Grasbüsche gehabt. Fast im selben Augenblicke sah ich in der Nähe der Löwin, etwa sechs oder acht Schritte von ihr entfernt, und halb von Gräsern verdeckt, zwei andere Löwen sich fortbewegen. Auf so nahe Entfernung wirkten alle drei Tiere unbeschreiblich imposant und überwältigend auf mich ein. Wie gebannt verharrte ich bewegungslos an meinem Platze. Meine Schrotflinte war mit Patronen Nr. 8 geladen; andere Geschosse führte ich nicht bei mir! Einige Sekunden standen sich so Katzen und Mensch gegenüber, und in meiner kritischen Situation empfand ich den lebhaftesten Ärger, so gegen meine Gewohnheit unzureichend bewaffnet das Lager verlassen zu haben. Aber ruhig und gleichmütig wendete sich die Löwin von mir ab, machte einige Schritte am Rande der Schlucht und verschwand dann plötzlich mit einigen weiten Fluchten in den Büschen. Ihre Genossen waren schon vor ihr unsichtbar geworden. Immer noch bewegungslos wartete ich noch eine Minute auf derselben Stelle und suchte dann begreiflicherweise eiligst das Lager auf, um mich nunmehr gut zu bewaffnen. Aber die sofort unternommene Verfolgung war vergeblich, da die Fährten der Löwen nicht zu halten waren. In größter Eile errichtete ich eine Fangstelle; die Falle wurde mit einem weißen Stier geködert. Nach zehn Uhr erscholl denn auch das zornige Gebrüll des Wüstenkönigs, und am nächsten Morgen früh fand ich einen starken, gut gemähnten Löwen in der Falle, die er mehrere hundert Meter weit in die Dornen mitgeschleppt hatte. Er hatte sich nicht im geringsten mit der Kette und dem Eisen am Strauchwerk verhangen. Eine photographische Aufnahme Wiedergegeben in meinem zurzeit vergriffenen Buch »Der Zauber des Eleléscho«. Leipzig, R. Voigtländers Verlag. erwiderte er durch einen, trotz seines schweren eisernen Anhängsels, überraschend schnell und entschlossen ausgeführten Angriff; erst dicht zu meinen Füßen brachte ich ihn durch einen guten Blattschuß zur Strecke. Die nächste Nacht ergab in den Fallen zwei Löwinnen. Nach diesem gut gelungenen Fange machten sich in den nächsten Nächten keine Löwen mehr am Bache bemerkbar, so daß ich mit Bestimmtheit annehmen darf, die drei mir so nah Begegneten gefangen zu haben. Bemerkenswert war es, daß eine Löwin, bevor sie den aufgestellten Stier angriff, einen Servalluchs aus einer anderen kleinen Falle herausgeholt und verzehrt hatte. Es sei hier bemerkt, daß die Löwen, wie auch alle andern Katzen, ihre in den Fangeisen festgeklemmten Läufe wenig oder gar nicht beschädigen, im Gegensatz zu Hyänen, Schakalen, Füchsen und andern Tieren. – Den Grund hierfür sehe ich in dem verhältnismäßig ruhigen Verhalten der Katzenarten, das sie in allen schwierigen Situationen an den Tag zu legen pflegen. – Wenn ja auch der Leser meine Ansicht über die »relative« Ungefährlichkeit des Löwen in wildreichen Gegenden zur Tageszeit kennt, so muß ich doch gestehen, daß mir nach Jahren noch in ruhigen Stunden die schaffende Phantasie wieder und wieder Bilder solch spannender und kritischer Situationen hervorzaubert, ähnlich den eben beschriebenen Ereignissen. Inmitten sonnverbrannter, fahler Dornwildnis malt die Erinnerung deutlich zwei gelblich schimmernde Raubtieraugen und ihre Trägerin in unbeschreiblicher, ruhiger, kraftbewußter Gelassenheit. Inmitten ihres dornigen Reiches zeichnet sich so die Löwin, in Sprungweite vor mir, vom fahlen Hintergrunde plastisch und fast mit Händen greifbar ab! Derartige Bilder erscheinen mir besonders in Zoologischen Gärten. ... Aber leider muß der Reisende und der Weidmann, um solches in Wirklichkeit erblicken zu können, meist Jahre und Jahre drüben wandern! Auch dann noch ist es ein seltenes Glück, Ähnliches zu erleben. Selbstredend ereignen sich zuweilen Ausnahmen von dieser Regel. So erlegte der Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg auf einem seiner ersten Pürschgänge in Deutsch-Ostafrika einen kapitalen Löwen, in der Tat ein Weidmannsheil sondergleichen! Unvergeßliche Stunden größter Anspannung aller Nerven habe ich im Jahre 1899 verbracht, angesichts der Fährten von vierzehn Löwen, welchen ich fünf Stunden lang in einer mit dichtem Dornbusch und Sansevierendickichten bewachsenen Gegend folgte. Eine so bedeutende Anzahl von Löwen in einem Rudel hatte ich vorher niemals angetroffen. Die Eindrücke der mächtigen Pranken, welche, namentlich wenn die Tiere auseinander gingen, in größter Klarheit in dem mit feinem Staube bedeckten Boden der Steppe abgeprägt waren, wirkten auf das geschulte Jägerauge in einer ganz unbeschreiblich ausdrucksvollen und imposanten Weise ein, als Schriftsprache von markantester Deutlichkeit! Wie ich schon an anderer Stelle erwähnt habe, hat es etwas Faszinierendes, sich so von den Fährten verfolgten Wildes aufs Geratewohl in die weite Steppe führen zu lassen, wenn es sich aber, wie hier, um eines der stärksten Raubtiere des Erdballs handelt, packt den Jäger ein seltsam kompliziertes Gefühl von Erwartung und Spannung, – gemischt mit einem gewissen ganz leisen Bangen! Aber leider – oder vielleicht diesmal zu meinem Glücke – bemerkten mich die zahlreichen Löwen, im Schatten mehrerer Akazien ruhend, als ich im Begriff war, einen Hügel zu erklettern, und plötzlich wurde mir zwischen den Felsen der Anblick des ganzen Rudels für nur wenige Sekunden: dann waren die Tiere auch schon unsichtbar! Während eine Löwin den Stier durch einen furchtbaren Biß ins Genick tötete, stürzte ein Mähnenlöwe von hinten auf die Beute ... Einen kurzen Augenblick beleuchtete das Blitzlicht in der rabenschwarzen Nacht diese Szene aus dem Kampfe ums Dasein ... Als ich atemlos die Stelle erreichte, wo die Löwen gelagert hatten, kam ich gerade noch zur rechten Zeit, um sie tief unter mir am Fuße des Hügels im Dickicht verschwinden zu sehen. Ein intensiver Löwengeruch bewies mir neben den vielen Fährten, daß keine Halluzination mich getäuscht hatte! Solche Augenblicke sind hart für den Jäger, aber immerhin wenigstens für den Beobachter unbezahlbar, denn ganz gewiß wurde nicht allzu vielen Europäern jemals ein solch gewaltiger Anblick zuteil, und ganz gewiß war ich der einzige Mensch auf der ganzen weiten Welt, der zu dieser Zeit und in dieser Stunde den Fährten von vierzehn Löwen folgen konnte ... ... Ähnlich erging es mir, allerdings mit einer geringeren Anzahl von Löwen oder auch mit einzelnen Exemplaren, noch häufig während meines afrikanischen Aufenthaltes. Ganz besonders unglücklich aber war ich in jagdlicher Beziehung, als ich auf den allerstärksten und ältesten Mähnenlöwen stieß, den ich jemals in der Freiheit angetroffen habe. Auf Wasserböcke pürschend, gewahrte ich ein verhoffendes, von mir seltsamerweise im Augenblicke nicht richtig angesprochenes Stück Wild in der schrägen Beleuchtung der Sonne, halb vom Gebüsch verdeckt. Doch eine Sekunde darauf wußte ich, daß ein kapitaler Mähnenlöwe dort vor mir stand, der leider im selben Augenblicke sich wuchtig polternd herumwarf und flüchtig wurde. Meine Kugel kam zu spät, und nur wenig Schweiß zeigte mir, daß ich nicht ganz gefehlt hatte. Groß waren meine Enttäuschung und mein Ärger, als etwa vierzehn Tage später die Überreste eines ganz außergewöhnlich mächtigen, männlichen Löwen dicht bei jener Stelle gefunden wurden. Diese Überreste lagen in so undurchdringlichem Dornendickicht, daß sogar die Geier sie nicht aufzufinden vermocht hatten. Das Fleisch war von Maden vollkommen verzehrt, aber aus der außergewöhnlich großen Anzahl langer Mähnenhaare ersah ich, daß das Tier eine wundervolle, schwärzliche Mähne gehabt hatte. Nur der Schädel wurde mir auf solche Weise gerettet: Es ist der mächtigste Löwenschädel, den ich je erbeutet, allerdings mit einigermaßen defekten Zähnen, die mir verkündeten, daß ich es mit einem sehr bejahrten Löwen zu tun gehabt hatte. Wenn ich auch nicht mit absoluter Sicherheit annehmen darf, daß diese Reste von dem Löwen herrührten, auf den ich geschossen hatte, so ist es immerhin doch im allerhöchsten Grade wahrscheinlich. Unter den von mir gefangenen Löwen waren einige alte, starke Exemplare, die sich mit der Falle auf weiter als eine Stunde vom Fangplatze entfernt hatten. Ihre Erlegung erforderte manche schwierige und sehr gefährliche Nachsuche, da sie unter solchen Umstanden ja schließlich so viel wie möglich dichte Deckung aufsuchen. Leider standen mir zum Löwenfang unter den von mir mitgeführten Eseln und Rindern stets Exemplare zur Verfügung, die ohnehin einem qualvollen Tode durch Erstickung verfallen waren. Der Stich der Tsetsefliege ließ immer wieder neue Todeskandidaten erstehen, für die der schnelle Tod durch einen einzigen Biß der machtvollen Katzen eine Erlösung bedeutete. Oft hatten sich die gefangenen Löwen derartig in Schilf und Gras hineingearbeitet, daß ich sie selbst auf zehn Schritte Entfernung nicht ausmachen, vielmehr die Tiere erst nach Erklettern eines in der Nähe stehenden Baumes von oben her erlegen konnte. Wohl mein interessantester Löwenfang war die Erbeutung einer ganzen Löwenfamilie von neun Stück, bestehend aus drei alten Löwinnen und sechs zu mehr als zwei Drittel ausgewachsenen, jüngeren Löwen. In der ersten Nacht fingen sich drei, in der zweiten vier Löwen und in der dritten Nacht die beiden letzten Mitglieder des Rudels; dies ist der einzige Fall, in dem eine der alten Löwinnen eine Ziege annahm. Ich hatte die Falle jedoch so gestellt und die Ziege derartig mit Dornen verbaut, daß das Tier vollkommen unbeschädigt blieb, namentlich da die Löwin nach erfolgtem Fange sich weit in den nahe gelegenen, schilfigen Sumpf zurückgezogen hatte. Dort verhielt sie sich so still, daß einer meiner Leute mit einem Stock in der Hand, ohne jede Ahnung der gefährlichen Nachbarschaft, fast mit der Löwin zusammenprallte! Glücklicherweise ging dies Ereignis aber durch einen merkwürdigen Zufall ohne Schaden für den Träger ab. Von heftigstem Schrecken ergriffen, suchte der Mann jedoch das Weite, und trotz aller unserer Zurufe nahm er, wie vom bösen Geist besessen, Reißaus, um erst im Lager Halt zu machen! Man muß es freilich gesehen haben, mit welcher Schnelligkeit sich Löwen und sogar Leoparden und gefleckte Hyänen, trotz der gegen dreißig Kilo schweren Falle, deren Anker sich noch dazu überall ins Erdreich einbohrt, fortzubewegen verstehen! – – – Einige Stämme der Wanyamwesi verspeisen Löwenwildpret mit Vorliebe. Sie glauben durch den Genuß des Fleisches stark und mutig zu werden; auch schätzen sie außerordentlich das bei alten Löwen zuweilen in ansehnlicher Menge vorhandene Fett. Jene neun von mir in drei Nächten gefangenen Löwen fanden denn auch sämtlich ihr Grab in den Mägen meiner Wanyamwesi, obwohl mir ihr Obmann nach dem siebenten Löwen erklärte, daß er sich nunmehr wiederum für eine Weile anderes Wildpret wünsche! Das in Kürbisflaschen mitgeführte, ausgelassene Fett der Löwen bildete aber noch tagelang eine viel gewünschte Delikatesse meiner braven Wanyamwesi. Mannigfache Erlebnisse mit Löwen wurden mir noch zuteil. Seit dem Jahre 1896, dem Jahre meiner ersten Reisen in Ostafrika, ist ihre Zahl namentlich auch dort vermindert worden, wo ich so glücklich war, drei Löwen an einem Tage in Kikuyu, in Britisch-Ostafrika, zu erlegen. Damals führte noch kein eiserner Schienenweg ins Innere des Landes; der stählerne Gürtel der Eisenbahnschienen erzitterte noch ebensowenig, wie die ihn begleitenden Telegraphendrähte, allnächtlich in leiser Resonanz, wenn die Stimme des Wüstenkönigs ertönte. Wenig später bot der weiße Mann alltäglich und allnächtlich dem König der afrikanischen Tierwelt ein Paroli auf dem langen Wege vom Ozean bis zum größten zentralafrikanischen Seenbecken ... Eine in der Nähe meiner damaligen Reiseroute gelegene Station aber hat man später »Simba-Station« getauft. Und »Löwenstation« wurde jener Haltepunkt der Bahn mit gutem Recht genannt, weil allein unfern dieses Ortes über hundert indische Arbeiter von Löwen geraubt worden waren. Für mich nicht erstaunlich, der ich den Wildreichtum jener Gegenden schon Jahre vorher beschrieben und ein beglaubigendes Siegel der Natur unter meine Schilderungen gedrückt hatte, wie es beweiskräftiger nicht geschehen konnte. Aber trotz alledem erregte es ein gewisses Aufsehen, daß ein alter Mähnenlöwe einen Europäer zur Nachtzeit aus einem Schlafwagen raubte. In Gesellschaft zweier anderer Herren übernachtete er in einem Salonwagen, den man abends auf ein Nebengeleise geschoben hatte. Einer der Europäer schlief auf dem Boden; er hatte sich zum Schutz gegen Moskitos mit einem Tuch zugedeckt; ein zweiter ruhte auf einem erhöhten Bette. Der Löwe packte den dritten, zwischen beiden auf einem Klappbett schlafenden, tötete ihn und trug ihn von dannen. Einer der Überlebenden, Herr Hübner , dessen Jagdheim »Kibwezi« in Britisch-Ostafrika manchem Jäger Gelegenheit gegeben hat, die afrikanische Jagd kennen zu lernen, teilte mir als Zeuge des Vorganges unter anderem folgendes mit: »Die Situation war eine kritische. Die Tür, durch welche der Löwe den Salon des Wagens betreten hatte, war zugerollt. Ich sah die Bestie in Armeslänge vor mir, mit den Vorderpranken auf dem Bett meines schlafenden Freundes stehend. Dann ein plötzliches energisches Zugreifen, und ein kurzer Aufschrei meines Freundes belehrte mich, daß es mit ihm vorbei war! Die rechte Pranke traf die linke Schläfe, und die Zähne gruben sich tief in die linke Brust in die Nähe der Achselhöhle ein. Darauf herrschte für die nächsten paar Minuten Todesstille. Alsdann zog der Löwe den Körper meines Freundes von dem Bette herunter und legte ihn auf den Boden.« Das Raubtier verschwand mit dem Leichnam im Dunkel der Nacht; es wurde einige Zeit darauf, wie man annehmen darf, gefangen und erschossen. Wenngleich ich den Löwen – in wildreichen Gegenden wenigstens – nicht für so gefährlich erachte, als es vielfach hingestellt worden ist, möchte ich mich doch dem Ausspruche H. A. Breyden's anschließen, daß eine Löwenjagd, zu Fuß ausgeübt, zu den gefährlichsten Jagdhandwerken gerechnet werden muß! Auch die Erfahrung einer Autorität, wie des bekannten englischen Jägers Selous, der sogar zur Nachtzeit in der Dornboma von Löwen angegriffen worden ist, bestätigt das. In der Gegend meiner erfolgreichen Löwenjagd im Jahre 1897 hat sich im Laufe der Zeit ein Abenteuer nach dem anderen mit Löwen abgespielt und mein einstiger Gastfreund, der Kommandant des Fort Smith im Kikuyu-Lande, hat in dem Schicksal, schwer von wehrkräftigem Wilde verletzt zu werden, mehr wie einen Nachfolger gefunden. Kapt. Chauncy Hugh-Stegand erlebte gleich Mr. Hall und so manchen andern Jägern der verschiedensten Nationen unlängst kurz nacheinander mehrere Unfälle mit Nashörnern und wurde dann um ein Haar von einem Löwen getötet, den er nachts auf dem Anstande angeschossen und dann verfolgt hatte. Schwer verwundet, wie durch ein Wunder wiederum gerettet, mußte er in England Heilung suchen. »Such are the casualities of sportmen in Central and Eastafrika« (»So ergeht es den Jägern in Zentral- und Ostafrika!«), bemerkt dazu trocken Sir Harry Johnston , der einstige Gouverneur von Uganda und Verfasser der Vorrede der englischen Übersetzung der ersten großen Ausgabe dieses Werkes. Ähnliche Unglücksfälle ließen sich aus der letzten Zeit in nicht geringer Zahl anführen. Viel lag mir auch daran, ein oder mehrere alte Exemplare des Wüstenkönigs einzufangen, um sie lebend nach Europa zu bringen. Zunächst galt es, möglichst leichte und bequem tragbare eiserne Käfige herzustellen, stark genug, den verzweifeltsten Befreiungsversuchen der gewaltigen Tiere standzuhalten. Diese Aufgabe wurde in unserem Berliner Zoologischen Garten unter der Leitung Professor Hecks aufs beste gelöst. Immerhin erwies es sich als unmöglich, solche Käfige unter einhundertfünfzig Kilo Gesamtgewicht herzustellen. Zum Transport jedes einzelnen Käfigs, auseinandergenommen, bedurfte ich also der Dienste von sechs Trägern. Ich ließ denn auch mehrere solcher eisernen Kästen über See nach Tanga schaffen und nahm sie von dort aus ins Innere mit. – So hatte ich die Möglichkeit, die Gefangenen in sicheres Gewahrsam zu bringen, – Gefangene, die freilich erst gesund und unverletzt in der Wildnis überwältigt werden mußten! Durch eine etwas veränderte Anwendung gewaltiger Tellereisen vermochte ich auch diese schwierige mir gestellte Aufgabe zu lösen. Wer die Schwierigkeiten des Transports in Ländern, in denen man ausschließlich auf menschliche Schultern angewiesen ist, nicht kennt, kann sich schwerlich ein Bild davon machen, in wie große Notlagen man dabei geraten kann! So brachte mich denn auch gleich der erste gefangene, mit Ausnahme einiger Hautschürfungen, fast unverletzte Löwe in große Verlegenheit, weil mir wegen der großen Hungersnot und anderer Ursachen halber Träger fehlten. Der geknebelte Löwe, den ich lebend nach Europa zu bringen hoffte, wurde ins Lager geschafft ... meine Leute improvisierten während dieses ungewöhnlichen Transportes allerhand Gesänge ... Seit Römerzeiten ist es wohl nicht mehr gelungen, alte, wild gefangene Löwen nach Europa zu schaffen. Alle importierten Löwen sind vielmehr jung gefangen und in Gefangenschaft aufgezogen, auch die sogenannten »forest bred lions« (»im Urwald geborenen«) in England oder die als »Aufmerksamkeiten« verschenkten Löwen exotischer Machthaber. Auf welche Weise sich die Alten jener großen Anzahl von Löwen zu bemächtigen wußten, die in ihren Arenen der Schaulust dienten, ist, soviel ich weiß, nicht bekannt. Sie müssen aber in dieser Beziehung eine außerordentliche Geschicklichkeit besessen haben, denn viele Hunderte von Löwen auf einmal sind gelegentlich in der Arena getötet worden, wobei jedoch nicht ausgeschlossen ist, daß es sich teilweise auch um jung aufgezogene Tiere handelte, die bei dem damaligen noch so großen Löwenreichtum aus den weiten Provinzen des römischen Reiches zu diesem Zwecke zusammengebracht wurden. Ich hatte also einen für die dortigen Verhältnisse gut gemähnten alten männlichen Löwen in meiner Gewalt! Grimmig brüllend kündigte er sich schon bei meinem Herannahen von weitem als mein Gefangener an. Nun galt es zunächst, den Löwen aus der Falle zu befreien und in das Lager zu schaffen. Freilich, meine Transportkasten konnte ich erst in etwa einer Woche herbeischaffen! Aber ich beschloß, das Tier vorläufig mittels ausgeprobt starker Kette und mit einem eigens zu solchen Zwecken in Europa verfertigten dreifachen mächtigen Halsbande zu fesseln. Aber auch die kühnsten meiner Leute weigerten sich zunächst energisch, meinen Befehlen zu gehorchen. Es bedurfte der größten Energie, um endlich einige der mutigsten zu bewegen, mir und meinem Begleiter Orgeich hilfreiche Hand zu leisten. Wie stets, galt es, den Schwarzen mit gutem Beispiele voranzugehen. Das unheimlich dumpfe, in höchster Wut ertönende Brüllen und Knurren des Tieres, noch dazu eines alten herrlichen männlichen Löwen, muß man in solcher Lage vernommen, nur ein einziges Mal vernommen haben, um es nie wieder zu vergessen. Ohne Unterlaß grollt das mächtige Organ in unserer unmittelbaren Nähe, bald dumpf röchelnd, bald plötzlich wieder anschwellend. Der Gesichtsausdruck, der ausdrucksvolle Kopf zeigen höchste Wut und warnen zu größter Vorsicht! Splitternd zermalmt das furchtbare Gebiß das erreichbare Geäst oder droht mir halb geöffnet entgegen! Nunmehr wurden in der Nähe einige armdicke, junge Bäume gefällt, mittels deren wir versuchten, den Löwen zunächst niederzudrücken, um ihn dann zu fesseln. Anfangs gelang das nicht. Ich nahm daher meine Zuflucht zu starken Stricken, die ich ähnlich einem Lasso anzuwenden suchte. Es war ein wundervoller Anblick, wie der Gefangene, als ich glücklich seinen Kopf in der Schlinge hatte, es fertig brachte, sie mit den Zähnen zu fassen, und wie das dicke Tau nach kurzem wütenden Kauen wie mit einer Schere zerschnitten rechts und links vom Rachen herabfiel. Bei diesen Versuchen tat ich auf dem jedem »Afrikaner« bekannten glatten grasbedeckten Boden der Steppe einen Fehltritt, und wäre um eines Haares Breite in die Umarmung des wütenden Gewaltigen gefallen, wenn mich mein braver Präparator nicht noch glücklich zurückgerissen hätte. – Nach verschiedenen weiteren Bemühungen, während deren meine Leute zuweilen erschreckt Reißaus nahmen, gelang es mir endlich, sowohl Kopf wie Tatzen des Tieres zu fesseln. Mittels der Bäume wurde der Körper auf den Boden niedergedrückt, ein Knebel im Rachen angebracht, der Gefangene von der Falle befreit und an einen Baumstamm gebunden ins Lager geschafft. Alles hier mit wenigen Worten geschilderte bedurfte der Arbeit mehrerer Stunden. Es war ein seltsamer Transport, und in der Tat kein ganz alltäglicher! Einige der anschaulichsten Aufnahmen des durch meine Träger fortgeschafften ausgewachsenen Löwen habe ich leider nebst manchen anderen bei der Übersetzung eines durch Hochwasser in der Regenzeit angeschwollenen Flusses eingebüßt. Schon freute ich mich auf das Schauspiel des im Lager angefesselten Königs der Tiere. Aber zu meinem größten Leidwesen verendete der Löwe urplötzlich, wahrscheinlich am Herzschlage. Bei der Sektion wurde wenigstens keine Verletzung irgend welcher Art gefunden. Das war ein Bild von wildestem Reize, ein herrliches Ringen mit dem edlen Wild, das ich – List gegen Kraft – bereits in menschliche Gewalt gebracht hatte, das nun endgültig dem Menschen Untertan werden sollte, dessen Herz aber darob brach ... Furchtbar schön war das Brüllen und Röcheln des sich gewaltig Sträubenden anzuhören. Desto größer meine Enttäuschung, als der Tod plötzlich eintrat. Ich fürchtete, daß auf diese Weise es kaum je gelingen wird, den König der Tiere in die Gewalt des Menschen zu bringen. Richtiger scheint es mir, ihn – wie in Indien die Tiger – in großen Gitterfallen zu fangen, in denen man ihn allmählich während mehrerer Tage an den gewaltsamen Verlust der Freiheit gewöhnen kann. Solches aber bedarf umfangreicher Vorrichtungen und liegt außerhalb des Bereiches eines mit beschränkten Hilfsmitteln reisenden Privatmannes. Meine Versuche, Löwen mit Benutzung der von Eingeborenen gegrabenen Fallgruben zu fangen, sind mißlungen, weil die in die Grube Gestürzten sich stets zu befreien vermochten. Von großem Interesse war mir in diesem Falle, wie in vielen ähnlichen, auch das Verhalten der angebundenen Stiere. In den meisten Fällen benutzte ich, wie schon gesagt, zu diesen Löwenfängen krankes Vieh, meist an dem Stich der Tsetsefliege tödlich erkranktes. Die Tsetsefliege, deren nah verwandte Art dem Menschen die schreckliche Schlafkrankheit bringt, ist ja die Ursache, daß in vielen Gebieten Deutsch-Ostafrikas Vieh nur unter ganz bestimmten Bedingungen oder gar nicht gehalten werden kann. – Wenn mein Vieh, das ich zum Löwenfang verwandte, in der Regel schon einem peinvollen Tode durch die unheimliche Tsetsekrankheit verfallen war, so erschien dagegen der Tod durch die machtvolle Umarmung eines Löwen ein gnädiger. Der Löwe tötet sein Opfer durch einen einzigen gewaltigen Biß. Aber ich fand auch, daß die angebundenen Tiere stets ruhig ihr Futter zu sich nahmen und keinerlei besondere Unruhe zeigten, wenn sie in der Steppe allein ihrem Schicksal überlassen wurden. Die Tiere wußten ja nicht, was ihnen bevorstand! Ein einzelner Schütze konnte vor einigen Jahrzehnten noch im Oranje-Freistaat fünfundzwanzig Löwen erlegen, selbst noch ums Jahr 1863, als beispielsweise im Betschuanalande die Impallah- oder Schwarzfersenantilope ( Aepyceros suara ) schon sehr selten geworden war, und als in Natal längst eine scharfe Gewehrkontrolle ausgeübt wurde! Die Zeiten haben sich geändert: Im Jahre 1899 erregte es allgemeines Aufsehen, daß bei Johannisburg noch ein Löwe erlegt ward, und schon im Jahre 1883 wurde es viel besprochen, daß bei Upington am Orangefluß sich noch ein Löwe gezeigt hatte und getötet worden sei. Was Oswald und Vardon , bekannte englische Jäger, im Anfang vorigen Jahrhunderts alltäglich erlebten, was Moffat damals aus dem Betschuanalande berichten konnte, daß er nämlich bis zu neun Trupps Löwen an einem Tage umherschweifend begegnet sei, das hat sich durch meine Beobachtungen schon im Jahre 1896 als damals noch für Deutsch- und Britisch-Ostafrika zutreffend erwiesen. Die späteren Erfahrungen der englisch-deutschen Grenzkommission in Ostafrika, die Beobachtungen des Herzogs Adolf Friedrich zu Mecklenburg in letzter Zeit und die Zeugnisse vieler anderer glaubwürdiger Beobachter haben diese Tatsachen bestätigt. Noch aber hatte die Stunde des Wüstenkönigs nicht geschlagen – heute aber verschwindet auch er mit reißender Schnelligkeit. Berichtete mir doch Le père Guillemé, ein Missionar, der lange Jahre am Tanganyika tätig gewesen, daß die »Weißen Väter« dort im Laufe von vier Jahren allein siebenunddreißig Löwen getötet haben – größtenteils durch Strychnin, mit dem sie die Reste vom Löwen gerissenen Wildes vergifteten –, und sollen doch die Jagdexpeditionen in Britisch-Ostafrika im Jahre 1909 allein über 300 Löwen erlegt haben! – – – Wie ich dies auch an anderer Stelle schon angeführt, habe ich in afrikanischer Wildnis den Sinn des Goetheschen Ausspruchs: »Mein Gemüt neigt zur Devotion«, besonders oft verstehen lernen, und ich stehe nicht an zu erklären, daß mir Aug' in Aug' mit den großen gewaltigen Raubtieren und gewaltigen Dickhäutern dieser Ausspruch ebenso häufig vorgeschwebt hat, wie angesichts des Kampfes wildentfesselter Elemente, sei es gewaltiger Seestürme, sei es jener unsagbar großartigen, mit betäubendem Krachen das Lager zur Nachtzeit überflutenden, tropischen Gewitter. Es ist tatsächlich etwas Königliches, Herrliches um den wilden, freien, souveränen Löwen da draußen in der afrikanischen Steppe. Das Gefühl des Jubels und des Sieges über einen so wehrkräftigen Gegner, das des Jägers Brust unwillkürlich empfindet, wurde mir stets getrübt durch die Empfindung, daß wir heutigentags mit allzu furchtbaren, überlegenen, fernwirkenden Waffen den Gegner aus der Tierwelt bekämpfen. Dieses Gefühl stimmte mir den Triumph und die Freude des Jägers erheblich herab. –   14. Der ostafrikanische Löwe. Äquatorial-Ostafrika ist zweifellos so reich an Löwen, wie irgendein anderer Teil dieses Kontinents. Nichtsdestoweniger ist die Aussicht, dort Löwen anzutreffen oder zu erlegen, aus mehrfachen Gründen viel geringer, wie es in Südafrika der Fall gewesen und wie es in anderen Teilen des Landes, wo Pferde leben können, heute noch der Fall ist. In einigen Hochsteppen Britisch-Ostafrikas und im Somallande beispielsweise wird der Löwe gejagt, indem man, zu Pferde die weite Ebene absuchend, ihn verfolgt, bis er sich ermüdet stellt und dann erlegt werden kann. In Südafrika pflegte man ihn auch mit Hunden zu jagen und von ihnen gestellt zu erlegen. Beides ist im allgemeinen in Ost-Äquatorial-Afrika unmöglich, weil Pferde in den meisten Gegenden nicht leben können und Hunde nicht gebrauchsfähig sind. So ist der Jäger auf zufällige Begegnungen angewiesen, bei denen dann oft die Waffen nicht zur Hand sind; oder auch auf den nächtlichen Ansitz, eine Jagdmethode, welche ich im allgemeinen nicht sehr liebe. Ein solcher nächtlicher Ansitz, wobei der Jäger entweder von einem Hochsitze aus schießt, oder aber von der sicheren Dornenboma aus, führt zweifellos häufig zum Ziele. So schoß Graf Coudenhove im Somallande vor wenigen Jahren am Kadaver eines Elefanten sieben Löwen in einer Nacht. Was ich nie zu hoffen gewagt hatte, wurde hier Ereignis: Ein alter Mähnenlöwe, das königlichste Raubtier der Erde, näherte sich dem Wasser am Sumpfe und fiel mir als herrlichste photographische Trophäe zur Beute ... Noch niemals war dies bis dahin Jemandem gelungen. Auch ich habe auf diese Weise manche interessanten Einblicke in das nächtliche Leben der Tierwelt getan, aber ich muß gestehen, daß ich die Erlegung von Löwen auf nächste Entfernung aus dem sicheren Dornenverstecke heraus jagdlich nicht hoch einzuschätzen vermag. Die nächtliche Dunkelheit erfordert vielfach ein Schießen mehr oder minder aufs Geratewohl; der so unbedingt in den ungesunden Gegenden notwendige Schlaf wird verhindert, und die Tagesarbeit erleidet durch den nächtlichen Ansitz eine völlige Unterbrechung. Ich ziehe jede andere Jagdart auf Löwen dem nächtlichen Ansitze vor, selbst den Fang in schweren Tellereisen, an die sich die oft gefährliche Verfolgung des mit den Eisen oft weit flüchtig gewordenen Tieres mit all ihren aufregenden Phasen anschließt. Der Löwe führt im allgemeinen ein nächtliches Leben, am Tage unter Bäumen und im Gebüsche ruhend. So kommt es, daß man seiner zur Tageszeit höchst selten ansichtig wird. Aber selbst, wenn man ihn sichtet, hat er in den meisten Fällen den Nahenden schon erspäht und verschwindet in der Deckung, meist ehe ein Schuß abgegeben werden kann. Schon im Jahre 1896 vermochte ich auf Grund meiner Beobachtungen festzustellen, daß Löwen zu gewissen Zeiten rudelweise leben. Unsere Kunde über den Löwen stammt hauptsächlich aus dem Norden Afrikas, also Ländern, in denen er seit Menschengedenken durch die dort ansässigen Völker vermindert worden war. Zweifelsohne lebte der Löwe ursprünglich überall, so wie heute noch in Ostafrika, zeitweise in großen Rudeln vereint. Die größte Anzahl von mir in einem Rudel beobachteter Löwen betrug siebzehn Stück; über jeden Zweifel erhabene englische Beobachter aber fanden bei einer Gelegenheit siebenundzwanzig in einem Trupp! Zwei oder drei Löwinnen mit Jungen vereinen sich übrigens zuweilen zwecks gemeinschaftlicher Jagd. Es läßt sich als Regel aufstellen, daß gesättigte Löwen im allgemeinen nicht angriffslustig sind. Im wildreichen Ostafrika sind nun die Löwen selten genötigt, zu hungern. Anders aber ist es in an Wild verarmten Ländern, und hier wird der Löwe dann hauptsächlich zum Viehräuber und dem Menschen weit lästiger wie in wildreichen Ländern, in denen er sogar oft den findigen Eingeborenen durch die Reste eines von ihm geschlagenen Wildes zu einer Mahlzeit verhilft, wobei die sich aus den Lüften zu Hunderten herabstürzenden oder weithin sichtbaren, in der Nähe des »Löwenraubes« gesättigt auf den Bäumen hockenden Geier ihrerseits wiederum, wenn auch unfreiwillige, Wegweiser für die Eingeborenen abgeben. Aus dem Vorhergesagten ergibt es sich, daß die Beobachtung des Löwen im allgemeinen nicht leicht ist. Manche Reisende von Ruf, die bekanntesten Afrikadurchquerer, sind niemals eines Löwen ansichtig geworden und noch viel weniger zur eigenhändigen Erlegung eines solchen gekommen. Mr. Wallihan, mein amerikanischer »Kollege«, sagt in seinen schon erwähnten »Camera Shots at Big Game« (»Kameraschüssen auf Großwild«), daß er trotz dreißigjähriger Jagden nur einmal den amerikanischen »Löwen«, den Puma, in voller Freiheit zu Gesicht bekommen habe ! Viele hat er erlegt und mehrere in ausgezeichneten Photographien verewigt; aber alle diese waren von Hunden aufgestöbert und gestellt ! Ich erinnere hier auch an das Faktum, daß ich die von mir entdeckte Streifenhyäne ( Hyaena schillingsi Mtsch .) nur ein einziges Mal bei Tage in Freiheit sah – trotz einigen neunzig in Fallen von mir gefangenen und der zahlreichen von mir bei Nacht photographisch aufgenommenen Streifenhyänen. Einer meiner zuverlässigsten Gewehrträger, der jahrelang als Askari im Dienste des Gouvernements gestanden hatte, war niemals auf einen Löwen zu Schuß gekommen , obwohl er nach den damaligen Gepflogenheiten, die später erst durch die einsichtigen Verordnungen des Gouverneurs Grafen Götzen erfreulicherweise abgestellt worden sind, jahrelang ausschließlich mit der Erlegung von Wild beauftragt war und Tausende Stück Wild aller Art erlegt hatte. – In einigen Fällen scheinen junge Löwen sehr früh und schon im Alter von etwa zehn Monaten auf eigene Faust, getrennt von der Mutter, zu jagen. Die jungen Löwen, welche ich beobachtete oder nach Europa mitbrachte, zeichneten sich durch außerordentlich starke Fleckung aus, und ich erinnere mich eines Falles, wo ein »alter Afrikaner« mit großer »Löwenerfahrung« darauf beharrte, daß dies junge Leoparden seien! Es ist höchst bemerkenswert, daß die ostafrikanischen Löwen im allgemeinen keine so starke Entwicklung der Mähne zeigen, als gefangene Exemplare oder auch die Felle, welche aus Nord- oder Südafrika stammen. Das Problem der Verschiedenheiten der Entwicklung der Mähne ist noch nicht gelöst. Es kommen vollkommen mähnenlose männliche Löwen in Ostafrika in ausgewachsenem Zustande vor, – solche habe ich selbst erbeutet – und jedenfalls erscheint eine außerordentlich starke Mähnenentwicklung als ein Produkt der Gefangenhaltung. Angeblich haben Löwen in sehr dornigen Gegenden eine geringere Mähnenentwicklung. Dies deckt sich aber nicht mit meinen Erfahrungen. In den von mir bereisten Ländern bevorzugt der Löwe als Jagdtier hauptsächlich das Zebra, und er teilt diese Vorliebe für das Zebrafleisch mit den Karawanenträgern, die es ebenfalls allem anderen vorziehen. Erwachsene Rhinozerosse und Flußpferde – abgesehen von Elefanten – werden von ihm selbstredend nicht behelligt, alle anderen Tiere bis zur Stärke geringer Antilopen herab mit Einschluß der Jungen der erstgenannten beiden Arten jedoch gejagt. Einige Beobachter erzählen von seinen Angriffen auf Stachelschweine, die ihm oft übel bekommen sollen. Die Löwen jagen oft gemeinschaftlich, sich das Wild gegenseitig zutreibend; in vielen Fällen habe ich dies aus den Fährten und nächtlichen Beobachtungen unwiderleglich feststellen können. Durch Gebrüll scheinen sie sich dabei gegenseitig zu unterstützen. Beim Überfall von Tieren, etwa an der Tränke, vermögen Löwen oft erstaunlich weite Sprünge zu machen; solche von vierundzwanzig Fuß Weite habe ich gemessen. Mit Vorliebe nehmen dabei die Löwen ihren Standort an einem hochgelegenen Punkte, etwa dem steilen Ufer eines Baches, um von dort aus auf die Beute schräg herabzuspringen. Bäume vermögen sie nicht zu erklettern im Gegensatz zum Leoparden. An Wasserstellen zur Trockenzeit versammeln sich unter Umständen eine erhebliche Anzahl von Löwen. An dem Bache, an dem ich meine bestgelungenen Aufnahmen von Löwen zur Nachtzeit machte, hatten sich deren gegen dreißig verschiedener Stärke und verschiedenen Alters versammelt. Am frühen Morgen vermochte ich das aus den Fährten, da sie sich meist in Trupps zusammenhielten, zu erkennen. Mit Eintritt der Regenzeit verteilen sich diese Rudel, dem dann sich vereinzelnden Wilde folgend, über weite Gebiete. Vor mehr denn einem Menschenalter konnte Jules Gerard, ein Franzose, noch eine große Anzahl von Löwen in Algier, die meisten wohl aus sicherem Verstecke heraus, erlegen. Er wurde in der damaligen Zeit in Algier wie ein Heros gefeiert. Zweifelsohne war Gerard ein Mann von außergewöhnlichem Mute, wenn auch manche seiner Erzählungen in einer Weise phantastisch klingen, daß sie allzu deutlich den Stempel der Unwahrheit tragen. Namentlich seine Erzählung von den Kämpfen der Löwen um eine Löwin, wobei letztere die Rivalen zu einem sehr alten, starken Löwen hinzulocken weiß, der sie dann ihr zu Ehren umbringt, ist höchst spaßhaft, aber ich unterschreibe jede Zeile, wenn er an anderer Stelle sagt: Quiconque n'a pas vu un lion adulte à l'état sauvage, mort ou vivant, peut croire à la possibilite d'une lutte corps à corps à l'arme blanche avec cet animal. Celui qui en a vu un, sait que l'homme aux prises avec le lion est la souris dans les griffes du chat. (»Wer niemals einen alten Löwen in der Wildnis lebend oder tot geschaut hat, kann vielleicht glauben, daß ein einzelner Mann dem Könige der Tierwelt mit dem Schwerte entgegenzutreten vermöchte. Derjenige, der einen Löwen in Freiheit erblickt hat, weiß, daß der Mensch in solchem Falle nichts weiter ist als die Maus in den Krallen der Katze!«) Jedenfalls aber haben eine Anzahl von Reisenden und Europäern überhaupt sich mit der Glorie von ihnen erlebter Abenteuer mit Löwen geschmückt, die häufig in das Gebiet der Fabeln zu verweisen sind. Angeschossene oder ausgestopfte Löwen wurden photographiert und dann als mutig angepürschte »wilde« Löwen Der Verfasser verfügt über eine große Sammlung derartiger und ähnlicher Falsifikate in Wort und Bild und bittet den Leser, ihm derartige Machwerke – auch in bezug auf andere Tierarten – gelegentlich einsenden zu wollen. Adresse siehe Vorwort. in Freiheit ausgegeben! Sonntagsjäger, die, ohne je Löwen gesehen zu haben, aber mit Löwenkrallen an der Uhrkette geschmückt, Löwenjagdgeschichten erzählen und verbreiten, gibt es eine Legion! In Fallen gefangene Löwen wurden als nach hartem Kampfe Aug' in Aug' erlegt ausgegeben. Immer wieder hören wir grausige Geschichten von »menschenraubenden« Löwen. Hierbei werden aber alle Unglücksfälle durch Leoparden und selbst Mordtaten durch Menschen nicht selten den Löwen aufgebürdet, ähnlich wie es in Indien – namentlich früher – den Tigern erging! Die Tagesliteratur bringt leider häufig derartige »Erlebnisse«; für den Kenner aber tragen sie den Stempel der Unwahrheit an der Stirn! Zeit alten Zeiten wird der Löwe mit einem Nimbus umgeben, der ihn zum König der Tiere gestempelt hat. Ich teile die Ansicht erfahrener Beobachter, daß dieser Ehrentitel weit mehr dem afrikanischen Elefanten gebührt. Doch benehmen sich Löwen je nach ihren Aufenthaltsorten und den sie umgebenden Verhältnissen entsprechend, unterschiedlich; ihr Charakter zeigt sich wie bei vielen anderen Tierarten ganz verschieden, und sie bilden sich in ganz alten und erfahrenen Exemplaren wohl auch zu Menschenjägern aus, den »Maneaters« (Menschenfressern) unter den Tigern in Indien entsprechend. Auch müssen wir streng unterscheiden zwischen hungrigen und gesättigten Löwen. Erstere sind, wie auch Löwinnen, letztere namentlich zur Zeit, wo sie Junge haben, mehr oder minder angriffslustig und dementsprechend gefährlich. Ich rate, gegebenenfalls stets zuerst die Löwin, dann den Löwen zu schießen, da erstere unter Umständen den auf ihren Gatten feuernden schützen angreift. Eingeborene haben mir diese Regel häufig bestätigt. Nicht hungrige Löwen aber vermeiden in fast allen Fällen eine Begegnung mit dem Menschen sorgfältig. Auch hier aber gibt es Ausnahmen, wie die von mir geschilderte Löwenjagd auf den Hochebenen von Kikuyu beweist. In der Gefangenschaft haben die Tiergärtner und Dresseure ganz dieselben Erfahrungen gemacht: je nach Alter und Aufzucht, und je nach der mehr oder minder entsprechenden Behandlung und Pflege zeigt sich der Löwe in allen Variationen höchst gutmütig, wie auch unter Umständen sehr bösartig. Was in dieser Beziehung durch richtige Behandlung zu erreichen ist, bewiesen die geradezu fabelhaften Vorführungen des Dresseurs Havemann, der in der »Raubtierschule« des Berliner Zoologischen Gartens ohne jede Anwendung von Gewalt, lediglich durch richtige Erziehung, in geradezu freundschaftlicher Weise mit seinen Zöglingen verkehrte. Unter allen Umständen legt der Löwe nächtlicherweise eine große Gleichgültigkeit und Furchtlosigkeit vor den Menschen an den Tag; auch scheut er angezündete Feuer verhältnismäßig wenig, wenngleich diese immerhin einen gewissen Schutz gewähren. Ich habe Fälle erlebt, wo in den von mir bereisten Gegenden Eingeborene trotz angezündeter Lagerfeuer – die aber vielleicht bereits mehr oder minder erloschen gewesen sein mögen – nicht weit von meinem eigenen Lager geraubt wurden, während Überfälle meines Lagers durch Löwen nicht erfolgten. Immerhin hatten sich einzelne Exemplare zur Nachtzeit zuweilen bis auf drei oder vier Schritte meinem Lager oder meinem Zelte genähert. In einem Falle hatte ein starker männlicher Löwe während einer sehr dunklen Nacht mein eigenes Zelt beinahe gestreift, um den Bach, an welchem mein Lager aufgeschlagen war, aufzusuchen. Rechts und links hätte er viele Meilen weit das Wasser ungehindert erreichen können. Nach eingenommenem Trunke war er auf genau demselben Wege in die Steppe zurückgewechselt und hatte, etwa zwanzig Schritt von meinem Zelt, einen von der Sonne schneeweiß gebleichten großen Knochen, der dort lange gelegen haben mochte, einer genauen Untersuchung unterzogen – wie aus seiner Fährte hervorging –, ehe er sich entfernt hatte. Die am nächsten Morgen unternommene Verfolgung mußte ich nach etwa vier Stunden unterbrechen, da der Löwe schließlich in eine steinige Steppe gewechselt war, in welcher die Fährte nicht zu halten war. Ähnliche Gleichgültigkeit gegen Menschen bemerkt man beim nächtlichen Ansitze, wo die Löwen unter Umständen, unbekümmert um den im Dornenversteck sich befindenden Jäger, die angebundenen Esel oder Stiere angreifen und auf drei oder vier Schritt Entfernung erlegt werden. Nach meinen Beobachtungen, welche durch die von mir gemachten Aufnahmen zur Nachtzeit bestätigt werden, überfällt der Löwe seine Beute, nicht in einem Sprunge hoch in die Luft sich erhebend, sondern vielmehr flach über den Boden mit gewaltiger, unheimlicher Wucht und mit Blitzesschnelle sich auf sein Opfer stürzend und dasselbe ausnahmslos durch einen Biß ins Genick tötend. Eine ganz besonders interessante Beobachtung zu machen, war mir im Jahre 1900 vergönnt. Ich folgte viele Stunden lang der Fährte einiger Löwen und geriet dabei plötzlich auf ein Straußennest mit teils schon ausgekrochenen jungen Straußen, teils im Ausfallen begriffenen Eiern. Zu meinem Erstaunen hatten die Löwen anscheinend die jungen Strauße verschmäht. Nach genauester Untersuchung der Fährten aber wurde ich eines besseren belehrt. Die alten Strauße hatten in der klaren Mondnacht offenbar die großen Katzen rechtzeitig wahrgenommen und sie, wie es untrüglich aus den Fährten hervorging, durch sofort bewerkstelligte Flucht von dem bedrohten Neste hinweggelockt. Etwa hundert Schritte vor dem Neste waren die Löwen, plötzlich in weiten Sprüngen den Straußen folgend, flüchtig geworden, um, nach kurzer Zeit das Vergebliche der Verfolgung einsehend, in ihren gewöhnlichen Schritt zu verfallen. So war es den Straußen gelungen, ihre bedrohte Brut zu retten! Es war mir von höchstem Interesse, diese Beobachtung machen zu können, die mir einen Beweis lieferte, wie geschickt sich diese großen Erdbrüter vor ihren gefährlichsten Feinden zu schützen wissen. Die Erfahrungen der Eingeborenen, daß die Löwin gefährlicher und aggressiver wie der Löwe ist, wird durch meine Nachtaufnahmen bestätigt, auf welchen in allen Fällen die Löwinnen den ersten Angriff ausführen, während die Löwen erst in zweiter Linie in Aktion treten. Hier möchte ich wiederum darauf hinweisen dürfen, daß die Löwen im allgemeinen nur nachts zu jagen pflegen, am Tage aber nur während der kühleren Jahreszeit davon eine Ausnahme machen. Während großer Hitze und in den Mittagstunden ruhen sie im Schatten. Auch gefangene Löwen erweisen sich gegen größere Hitze empfindlich; die Löwendresseure müssen stets wieder die Erfahrung machen, daß an besonders heißen Tagen des Sommers ihre Zöglinge wenig zur Ausführung ihrer oft unnatürlichen »Kunststücke« (an denen leider das Publikum immer noch Gefallen findet!) geneigt sind. Eine Löwin reißt nächtlicherweile einen Eselhengst, der ohnehin, weil von Tsetsefliegen gestochen, einem qualvollen Tode verfallen gewesen wäre – drei weitere Löwen haben ihn (auf dem Bilde nicht sichtbar) von verschiedenen Seiten beschlichen. Ich erinnere dabei daran, daß höchstwahrscheinlich in nicht zu lange verflossenen Tagen in Griechenland noch Löwen vorkamen, wie sie heute in Asien, wenn auch sehr vereinzelt, noch leben. Diese Löwen ertragen dort beträchtliche Kältegrade, wenn sie auch nicht so weit nördlich gehen, wie der ihnen nahe verwandte Tiger, der in einer zoo-geographischen Abart, dem sibirischen Tiger, im Winter inmitten von Eis und Schnee lebt und sich zu dieser Jahreszeit durch einen dicken Winterpelz vor Kälte schützt! Im Berliner Zoologischen Garten bewies uns das prächtige dort lebende sibirische Tigerpaar durch sein Gedeihen, daß es, das ganze Jahr im Freien gehalten, sich mit unserem Klima ausgezeichnet abfindet, und die entsprechend weit nordöstlich heimatende asiatische Löwenabart würde sich wohl in unserm Winter ebenso wohl befinden. Auch in den ostafrikanischen Hochländern tritt zur Nachtzeit unter Umständen ein sehr erhebliches Temperaturminimum – fast bis zur Eisbildung – ein, und Löwengebrüll in lautlos kalter Steppennacht ist besonders weit und klar vernehmbar. – 15. Vom Leoparden. Unter den Raubtieren Ostafrikas spielt der Leopard unzweifelhaft die hervorragendste Rolle. Unvergleichlich viel häufiger als der Löwe ist er tatsächlich »überall und nirgends«. Seine im Käfig anscheinend so grelle und auffallende Färbung verschwimmt in der Freiheit so vollkommen mit der Umgebung, macht seinen Träger derartig unsichtbar, daß es dem Leoparden möglich ist, unbemerkt selbst am Tage Menschen in nächster Umgebung an sich vorbeigehen zu lassen. Der Leopard hat keine besonders ausgesprochene Vorliebe für bestimmte Aufenthaltsorte, jedoch sagen ihm felsige, von schroffen Bergzügen unterbrochene Örtlichkeiten mit reichlicher Deckung am meisten zu. Leoparden sind ausgezeichnete Kletterer und verbringen den Tag oftmals in der luftigen und schattigen Höhe der Baumkronen. Ich kenne einen Fall, in welchem ein einen Mangobaum besteigender Neger von einem auf ihn herabspringenden Leoparden auf der Stelle durch Aufreißen der Halsschlagadern getötet worden ist. Mehrere Ereignisse ähnlicher Art sind mir zuverlässig berichtet worden. Es ist außerordentlich schwer zu beschreiben, mit welcher Blitzesschnelle Leoparden sich fortzubewegen pflegen, sei es im Angriff, sei es, wenn sie vor dem Menschen flüchtig werden. Ich bin mit diesem so häufigen Raubtiere verhältnismäßig selten, nur zwölfmal nach meinen Tagebüchern, auf nähere Distanz zusammengetroffen, – ungerechnet die zahlreichen von mir gefangenen Leoparden; immer aber war dieses Zusammentreffen ein überraschendes. Besonders interessant war mir eine Begegnung mit einem Leoparden in unmittelbarer Nähe der Stadt Pangani, am Tage meines Ausmarsches zum Antritt meiner großen Reise 1899. Von nur einem Manne begleitet war ich nochmals zur Stadt zurückgekehrt, um noch einige Reserveträger anzuwerben. Diesen voran eilte ich gegen Abend abermals meinem Lager zu, als ich plötzlich durch das Gekreisch einer Herde von Pavianen aufmerksam gemacht wurde. Aus dem Schreien und Schelten der Affen schloß ich, daß ein Leopard ihnen nachgestellt hatte, und da unfern vom Pfade einige starke, alte männliche Paviane von einem Affenbrotbaume herab mit allen Zeichen der Wut in das Dickicht blickten und tiefe grollende Laute hören ließen, versuchte ich, mich diesem Orte zu nähern, die gespannte und gestochene Büchse in der Hand. Das Dickicht war fast undurchdringlich, und es schien mir, als ob sich der Leopard, – ein solcher konnte nach dem Benehmen der Affen nur in Frage kommen – unterhalb des Baobabs mit einem von ihm gerissenen Paviane beschäftige. Nach einigen Schritten in der Richtung der Affen hörte ich jedoch etwas im Dschungel flüchtig werden, und gleichzeitig verfolgten die Paviane, immerfort kreischend und schreiend, dieses »Etwas«, jedoch in der sicheren Höhe ihrer Baumkronen. Da das Gehölz nun etwas lichter wurde, so konnte ich meine Verfolgung schneller fortsetzen und bemerkte, im Begriffe, eine Schlucht hinabzuklettern, links von mir auf etwa dreißig 5chritte einen starken Leoparden, der tatsächlich einen halberwachsenen Pavian getötet hatte und ihn, am Genick gepackt, mit sich schleifte. Das Tier bemerkte mich im Augenblicke, als ich, durch einige Zweige gehindert, die Büchse zum Schusse hob, und war im Nu mit einem blitzschnellen Sprung verschwunden, den Affen zurücklassend. Kreischend folgte ihm die Affenherde in den Zweigen; leider mußte ich der fortgeschrittenen Zeit wegen unbedingt meinen Marsch zum Lager fortsetzen und konnte nicht durch Ansitz in der Nähe einen Versuch machen, das Raubtier zu erlegen. Übrigens wird der »Chui« seinerseits gelegentlich vom Löwen gejagt und gerissen; zwei Fälle dieser Art sind mir mit Bestimmtheit bekannt geworden. Mehrmals bin ich durch Zufall an verschiedenen Orten der Steppe in allernächste Berührung mit Leoparden gekommen, wenn ich, namentlich in den Mittagsstunden, mich ihren Lagerstätten, die meist im Hochgrase gelegen waren, genähert hatte. Einmal trat ich dabei fast auf einen Leoparden, der auf freier kahler Steppe zwischen dürftigen Grasbüscheln ruhend so dicht vor meinen Füßen flüchtig wurde, daß ich im Augenblicke heftig erschrocken unwillkürlich einen Schritt zurückfuhr, um ihn dann leider zuerst zu fehlen und mit der zweiten Kugel anzuschweißen, ohne jedoch seiner habhaft zu werden. Büchsenschüsse auf einen dergestalt flüchtigen Leoparden gehören übrigens zu den schwierigsten, die es gibt. Auch kann sich der Jäger fraglos freuen, wenn er unter solchen Umständen das Raubtier völlig fehlt, denn angeschossene Leoparden gehören in der Regel zu den allergefährlichsten Gegnern. Dennoch, – auch als ich durch Erfahrung gewitzigt und mit Leoparden, namentlich auch solchen in den Fallen, recht vorsichtig geworden war, – konnte ich mich nicht enthalten, von mir zufällig angetroffene Leoparden unter allen Umständen zu beschießen, wenngleich ich mir noch so häufig vorgenommen hatte, dies nur unter günstigen Umständen zu tun. Ein Ereignis jedoch, welches im allerhöchsten Maße für mich hätte gefährlich werden können, zeigte mir wiederum, daß der Leopard vor allem durch die Schnelligkeit seines Angriffes ein im höchsten Maße ernster Gegner werden kann. Ich hatte die Schleifspur im Sande aufgenommen, die ein, ein erbeutetes Stück Wild fortschleppender Leopard hinterlassen hatte. Vorsichtig näherte ich mich einer Regenschlucht, in welche die Fährte mich führte. Durch Umkreisen dieser sich bald verlaufenden Schlucht stellte ich fest, daß das Raubtier nirgendswo aus der Schlucht ausgewechselt war: gleich darauf nahm ich den Leoparden wahr, der sich unter dem verzweigten Wurzelwerk eines vom Regen unterwaschenen Baumstammes über der von ihm gerissenen kleinen Antilope niedergelegt hatte. Mensch und Tier erblickten sich gleichzeitig! Schlangenartig glitt der Leopard, seine Beute im Stich lassend, um eine Ecke der Schlucht, die Flucht ergreifend! Blitzschnell gelang es mir, – dabei leider etwas nach hinten abkommend, – meinen Schuß abzugeben; fast gleichzeitig kündete mir das Geschrei einiger meiner zurückgebliebenen Leute am Eingange der Schlucht, daß sie des Tieres ansichtig geworden waren. Vom Anschusse an zeigte sich reichlicher Schweiß; vorsichtig suchte ich Schritt für Schritt, vom Rande abwärts spähend, nach dem Leoparden, den ich etwas unterhalb der Schußstelle auch bald zusammengekauert, halb von einigen Wurzeln verdeckt, erblickte. Die Entfernung zwischen ihm und mir betrug fünfundzwanzig Meter. Der Rand der Schlucht war steil und schwer zu erklettern. Nunmehr ereignete sich folgendes: Im Augenblicke, wo ich, meine Büchse hebend, nach meiner Gewohnheit schnell auf das Blatt des Tieres abkommen will, saust der Leopard wie ein Blitz auf mich zu. Im nächsten Momente scheint er mich bereits zu berühren! Das Ganze ereignete sich so fabelhaft schnell, ist, – ich fühle es – so außerordentlich schwierig in Worte zu fassen, daß es Nichtaugenzeugen niemals zu verdolmetschen sein wird! Schon hat das Tier meine Füße, sich in den Rand der Schlucht krallend, erreicht, schon fühle ich es im nächsten Augenblicke an mir hängen – da springt der Leopard mit eben der Schnelligkeit, mit der er gekommen, zurück und verschwindet abermals in der Schlucht! Während des ganzen Vorganges, der nur den Bruchteil einer Sekunde umfaßte, war ich, obwohl sonst blitzschnell mit der gestochenen Büchse Bescheid wissend, nicht fähig gewesen, sie an den Kopf zu reißen! Nur mein und der zwei mich begleitenden Leute unwillkürliches Zurückprallen hatte wie durch ein Wunder das Raubtier veranlaßt, die Flucht zu ergreifen. Nie wird mir diese Situation, nie der gereizte, kurze, knurrende Ton der erbosten Katze aus dem Gedächtnis entschwinden. Nachträglich stellte ich fest, daß reichliche Schweißtropfen des krankgeschossenen Tieres wenige Zentimeter von meinen Fußstapfen im Sande verspritzt waren, dort, wo ich gestanden hatte; sogar meine Gamaschen wiesen solche Tropfen auf, Beweise, wie nahe das Tier mir gewesen. Wenige Minuten später entdeckte ich den Leoparden abermals, und diesmal verhinderte eine gutsitzende Kugel jeden weiteren Angriff. Fast genau um die Mitternachtsstunde lieferte mir mein Blitzlicht eine schwer zu erlangende Natururkunde: einen prächtigen Leoparden, in einem alten, starken männlichen Exemplare. Weder vorher noch nachher (bis zum Jahre 1901) gelang dies Unterfangen einem Tierphotographen. Ich aber sagte mir, daß nur ein außerordentlich glücklicher Zufall, nicht aber meine Geschicklichkeit mich gerettet habe. Solche Angriffe von Leoparden können höchst fatal verlaufen. Mr. Hall, mein Gastgeber im Fort Smith in Kikuyu, hat mir am Vorabende des Tages, an dem ich meine drei Löwen dort in der Nähe schoß, unter anderen interessanten Geschichten erzählt, daß er in der Nähe des Naivasha-Sees auf Antilopen jagend, durch unvorsichtiges Schießen auf einen »Chui« erheblich verunglückt sei. Er war als Rekonvaleszent kaum vom Krankenbette aufgestanden, auf das ihn ein unglückliches Rencontre mit einem Nashornbullen geworfen hatte, als er in Begleitung eines Askaris, zum ersten Male wieder jagend, auf Impallahantilopen pürschte. Ein Leopard hatte die gleiche Absicht, wurde aber von Mr. Hall in diesem Beginnen durch eine Kugel gestört. Blitzschnell warf sich das Raubtier auf den Schützen und krallte sich an ihm fest; zweifellos würde es ihn getötet haben, wenn nicht der begleitende Askari die Katze vom Leibe seines Herrn aus nächster Entfernung heruntergeschossen hätte. Wiederum hatte Mr. Hall ein längeres Siechtum zu überstehen und zerrissene Sehnen eines Beines ließen leider eine dauernde Lahmheit zurück. Bei zwei anderen Gelegenheiten bin ich von krankgeschossenen Leoparden angegriffen worden, vermochte aber in beiden Fällen die erbosten Tiere noch glücklich zu erlegen. Ich kann nur zur größten Vorsicht bei der Jagd auf diese Tiere raten. Die Eingeborenen behaupten, daß Leoparden auch zu ausgesprochenen Menschenräubern würden, ähnlich den »man-eaters« (Menschenfressern) unter den Tigern in Indien. Zweifellose Beweise dafür sind mir jedoch nicht beigebracht worden, obwohl ich durchaus nicht bestreiten will, daß einzelne gewitzigte alte Leoparden sich in dieser Richtung hin spezialisieren. Gelegentlich raubt der Leopard jedenfalls mit großer Entschlossenheit auch Menschen. Ein höchst drastischer Fall wurde mir von Herrn von Gordon erzählt, welcher in Begleitung seines Bruders und des verstorbenen Herrn von Tippelskirch in Deutsch-Ostafrika vor einigen Jahren folgendes erlebt hat. Zur Abendzeit saßen die Herren rauchend in der Nähe ihrer Zelte am Lagerfeuer, als plötzlich der dicht neben ihnen ruhende Foxterrier einen schwachen Laut ausstieß und im selben Augenblicke verschwunden war! Wie ein Blitz hatte ihn ein Leopard so dicht vor den Füßen seiner Herren entführt! Allgemeines Schießen und Geschrei führte zu nichts. Der Hund war verschwunden. Das Erstaunliche aber ist, daß am nächsten Abend, wohl von demselben Leoparden, im selben Lager ein junges Negerweib geraubt, diesmal allerdings jedoch etwa achtzig Schritte entfernt fallen gelassen wurde. Der Vorfall mit dem Hunde hatte die Lagernden veranlaßt, ihre Schußwaffen mehr zur Hand und bereit zu haben, und das Tier ließ daher, durch das schnelle Feuer erschreckt, die Unglückliche fallen – jedoch tot mit durchbissener Kehle. Die Hauptnahrung des Leoparden besteht im allgemeinen aus Affen und kleineren Antilopen und Gazellen; in bergigen Wäldern stellen sie auch den Baumschliefern, in felsigen Gegenden dagegen den Klippschliefern mit Vorliebe nach. Andauerndes Schmählen der Impallahantilopen zur Nachtzeit und das Lautgeben der Buschböcke, vor allem aber das wahnsinnig furchtsam erklingende Geschrei der auf Felsen oder hohen Bäumen nächtigenden Pavianherden wird meiner Ansicht nach stets durch die plötzlichen Angriffe von Leoparden verursacht. Zur Nachtzeit werden Angriffe auf die schlafenden Affen den schönen Räuber wohl stets zum Ziele führen, wenn auch ein ausgewachsener männlicher Pavian gewiß kein zu verachtender Gegner für ihn sein dürfte; übertreffen doch die Reißzähne eines solchen alten Affen an Länge die des Leoparden! Bemerkenswert kontrastiert der Charakter des Leoparden mit dem des Löwen. Blutdürstige, schwer zu bändigende Wildheit ist jenem eigen. Schon ganz junge Tiere bekunden dies auf das deutlichste. Junge Leoparden wurden mir im Monat Februar gebracht. Auch in Sansibar erhielt ich um dieselbe Zeit zwei Junge, welche ich mit nach Europa nahm. Die Stimme des Leoparden, ein eigentümlich knurrender, fauchender, charakteristisch katzenartiger Schrei, ist namentlich gegen Abend und zur Nachtzeit häufig hörbar; auch nachmittags habe ich sie indessen einige Male vernommen. Eine große Anzahl von Autoren behaupten, daß Leoparden nicht oder nur höchst selten Aas anzugehen pflegen, daß sie vielmehr fast ausschließlich lebende Leute rauben, um deren Blut zu trinken. Ich kenne wohl keinen drastischeren Beweis für eine immer wieder aus einem naturgeschichtlichen Buche ins andere übernommene fälschliche Behauptung in Bezug auf die Lebensweise eines Tieres. Mit mehr oder minder großem Nachdruck, beim Leser den Anschein erweckend, als ob diesen Behauptungen eigene Beobachtungen zugrunde lägen, finde ich den Lehrsatz aufgestellt: Der Leopard reißt nur lebende Tiere und verschmäht Aas. – Ich habe gegen vierzig Leoparden gefangen; diese alle wurden von mir fast ausschließlich in Tellereisen erbeutet, welche ich mit Gescheide oder irgend welchen verendeten Tieren geködert hatte. Mehr als das! Die in der Nähe derartiger Köder mit lebenden Ziegen aufgestellten Fallen reizten den Leoparden weniger als jene andern. Wie mir übrigens berichtet wurde, hat meine Fangmethode in Ostafrika Schule gemacht, nachdem ich vor Jahren schon so außerordentliche Fangresultate erzielte. Meine Fangart wurde natürlich durch die Hunderte meiner Träger überall im Lande geschildert. Mir ist mein Fangresultat aus zweierlei Gründen vollkommen erklärlich. Einesteils pflegen Leoparden nach meinen vielfach erfolgten Beobachtungen die Reste der von ihnen geschlagenen Tiere, nachdem sie die Eingeweide verscharrt, Herz und Leber aber zuerst verzehrt haben, im Astwerk der Bäume und Sträucher aufzuhängen, nicht selten in bedeutender Höhe. Diese Eigentümlichkeit des Leoparden verhilft fraglos öfters einem anderen seines Geschlechtes zu einer Mahlzeit, die dieser nicht selbst erbeutet hat. Infolge dieser Gewohnheit wird also die Aufmerksamkeit des Leoparden durch irgend welche Fleischreste, die er auffindet, stets erregt. Andererseits aber ist diese schöne Katze mit einem guten Teil von Schlauheit und Klugheit begabt, Eigenschaften, welche sie häufig längere Zeit die für sie bestimmten Fallen vermeiden lassen. Ein gut gestelltes und verblendetes Fangeisen, mit Aas geködert, wird nun seinen Argwohn weniger erregen, als eine mit einer lebendigen Ziege versehene Holzfalle. Hatte ich einen Leoparden im Eisen gefangen, so durfte ich fast mit Sicherheit auf den Gatten des Paares in den nächsten Nächten rechnen. Ich habe männliche Leoparden gefangen und geschossen, die 145 Pfund Gewicht erreichten; die Weibchen bleiben erheblich geringer. Im Fangeisen ist der Leopard ein außerordentlich gefährliches Tier. Kennzeichnend für seine Wildheit ist es, daß er sich beim Nahen des Menschen diesem so weit als irgend möglich zu nähern versucht und dabei wütend faucht und knurrt. Falls er sich unter solchen Umständen, schlecht gefangen, aus dem Eisen befreien könnte, so würde er sich zweifellos mit größter Wut auf den Nahenden stürzen. Vor kurzem erlebte dies u. a. Hauptmann Fromm in Ostafrika. Nur besonders glücklichen Umständen verdankte er sein Leben. Soweit es die Kette der Falle erlaubt, klettert der Gefangene gern an Bäumen in die Höhe. An einem Morgen wurde mir berichtet, daß ein Leopard sich in einem kleinen Eisen gefangen habe, welches mein Präparator Orgeich am Abend vorher aufgestellt hatte. »Et is jut jestellt!« meinte er lakonisch; »er wird fest sitze!« Diese im gemütlichen rheinischen Plattdeutsch abgegebene Versicherung versetzte mich in den Glauben, daß das Eisen wie gewöhnlich mittels einer Kette an einem Baumstamm befestigt worden sei. Meine Annahme erwies sich jedoch als ein Irrtum. Als ich mich der Fangstelle genähert hatte, einer wenig bebuschten Örtlichkeit im Pori, sauste plötzlich in des Wortes wahrster Bedeutung auf 150 Schritte von mir entfernt ein Leopard auf mich zu, Eisen, Kette und einen daran befestigten schweren Holzknüppel mit größter Leichtigkeit nach sich schleppend! Das alles geschah so unbeschreiblich schnell, daß ich nur mit knapper Not hinter einen kleinen Dornenbusch springen konnte, von wo ich das wütende Tier auf nicht mehr als zehn Schritte mittels eines glücklichen Schusses tötete. Bei einer anderen Gelegenheit, im Anfange meiner schweren Erkrankung 1902 an den Ufern des Panganiflusses, war ein alter, sehr starker Leopard mit dem Eisen und einem daran befestigten Anker ziemlich weit von der Fangstelle in ein Schilfdickicht flüchtig geworden, wo ich ihn erst nach längerer Verfolgung der Fährte ausmachen konnte. Der Schilfsumpf, nunmehr ausgetrocknet, war fast undurchdringlich, rätselhaft schien es mir, wie das Tier mit Eisen, Kette und Anker so weit hatte vorwärts gelangen können. Auf Schritt und Tritt war der Leopard zu erwarten. Wir, – Hauptmann Merker und ich – folgten mit einigen Schwarzen der Schleifspur des Eisens. Unseren Begleitern wurde die Situation bald unheimlich und nur unsere zuverlässigsten Leute harrten bei uns aus. In das mit erstickender Hitze erfüllte Dickicht drangen wir so mit gespanntester Aufmerksamkeit Schritt für Schritt ein, mit langen Stangen dabei von Zeit zu Zeit uns einen Weg bahnend. Plötzlich ein Knurren und ein deutlich vernehmbares Klirren der Kette!! Jetzt war guter Rat teuer! Indessen, wir zwei »Wasungu« (Europäer) drangen vorsichtig in die Schilfwildnis ein. Stabsarzt Dr . Künster stellte sich auf der andern Seite des Sumpfes schußbereit auf. Zuweilen vernahmen wir wieder und wieder das drohende Knurren und das Klirren der Kette. Bei der absoluten Trockenheit des Bodens war eine Fährte nicht auszumachen; wir glaubten daher eine Zeitlang es mit einem nicht völlig ausgewachsenen Löwen zu tun zu haben. Weiter und weiter dringen wir vorwärts. Da plötzlich ein stärkeres Knurren, und drei Schwarze entfliehen in angstvoller Hast, dabei rufend und versichernd, sie hätten deutlich den Kopf eines gemähnten Löwen gesehen!! Steif und fest bleiben sie bei ihrer Behauptung. Langsam suchen wir nun Zoll für Zoll durch Niederschlagen des Schilfes mit den Stangen freiere Aussicht zu gewinnen, Hauptmann Merker und ich mit hocherhobenen Büchsen, in der fast jede Bewegung hemmenden Örtlichkeit stets auf das Erscheinen des Raubtieres gefaßt! Aber merkwürdig – trotz des immer wiederholten Knurrens ist es uns nicht möglich, genau die Aufenthaltsstelle des Raubtieres auszumachen; ein weiteres Vordringen ist aber wegen der steigenden Undurchdringlichkeit des Schilfes jetzt nicht mehr möglich. Wir beschließen nunmehr durch Abgabe von Schüssen in der ungefähren Richtung den vermuteten Löwen zu töten. Jedoch vermochten weder der Hauptmann noch ich, so auf das Geratewohl einen erfolgreichen Schuß anzubringen. Wie es sich später herausstellte, lag der Leopard in einer durch Flußpferde ausgetretenen Morastpfütze gut verdeckt. Ich weiß nicht mehr, wie viel Munition wir – mit schwerem Herzen – vergeuden mußten! Endlich mußte es einem von uns gelungen sein, den Leoparden tödlich zu treffen, wie aus dem Schweigen des Tieres nunmehr hervorging. Jetzt dauerte es noch eine ganze Weile, bis wir, Zoll um Zoll vordringend, endlich das getötete Tier erblickten, einen kapitalen, alten, männlichen Leoparden ! Dieses Ereignis beweist wiederum deutlich, wie wenig man sich auf die immer und immer wieder phantastisch ausgeschmückten Angaben der Schwarzen verlassen kann. Hatten sie doch deutlich einen gemähnten Löwen vor sich erblickt! Den ebenfalls im Masaigebiet, wenn auch sehr selten, vorkommenden afrikanischen Geparden ( Cynaelurus guttatus Herm .), bekannt auch unter der Bezeichnung Jagdleopard, weil er in Indien in der dort vorkommenden Art zum Fang von Gazellen abgerichtet wird, habe ich nur zweimal zu Gesicht bekommen und kann daher wenig über ihn berichten. Der Leopard aber, der »Chúi« der Waswahili »ol úgaru géri« (das gefleckte Raubtier), der Masai und »Mellilta« der Wandorobbo, streift noch in unzähligen Tausenden von Exemplaren allnächtlich durch die Nyika. Er wird den letzten Löwen noch lange überleben.   16. Die Totengräber der Steppe. (Hyänen und Schakale.) Im Gegensatz zu dem so bemerkenswert scheuen, schwer erklärlichen, versteckten auftreten der gestreiften Hyäne macht sich die gefleckte Hyäne ( Hyaena crocuta ) überall in Ostafrika für jedermann bemerklich. Ihre wie: »u-i, u-i, u-uu« lautende nächtliche Stimme ist allgemein bekannt. Sie übt im Verein mit den Geiern und den Kropfstörchen eine prompte Sanitätspolizei aus. Nur selten ereignet es sich, daß ein größeres Säugetier dem Verwesungsprozesse unterliegt; stets kommen ihm die Hyänen zuvor, auch bei aufgefundenen menschlichen Leichen. Mit größter Gier packte eine aus dem Dunkel der Nacht auftauchende gefleckte Hyäne den toten Esel und schleppte ihn fort ... Die Tierwelt Afrikas wandert über weite Gebiete. Je nach den Regenzeiten und den Zeiten der Trockenheit sind die Aufenthaltsorte der Tiere sehr verschiedene – genau wie auch die des nomadisierenden Menschen! Auch die Hyänen streifen wandernd hin und her, und wo sich Hungersnöte infolge von Dürren oder kriegerischen Ereignissen einstellen, sammelt sich oft eine überraschend große Anzahl von Hyänen an. Die größeren Raubtiere, Löwen und Leopard, tragen ein gut Teil zur Ernährung dieses Tieres bei; mit ihrem unendlich feinen Geruchssinn ist die »Fiffi« schnell zur Stelle, wo die starken Katzen die Reste ihrer Leute zurückgelassen haben. Hyänen räumen mit fabelhafter Schnelligkeit selbst mit einem großen Aase auf; sie vermögen ungeheure Mengen von Fleisch und Knochen zu verschlingen, und selbst Knochen von ganz erheblicher Dicke wissen sie mit ihren machtvollen Gebissen zu zertrümmern. Ihre Lebensweise ist vornehmlich nächtlich. Heißen Sonnenschein lieben sie keineswegs; jung gefangene und gezähmte Exemplare sind, selbst ausgewachsen, nicht fähig, in sonnendurchglühter Steppe mit der Karawane Schritt zu halten. Bezeichnender und charakteristischer für die Beurteilung des Landes und seiner klimatischen Verhältnisse kann wohl kaum etwas sein! Bei bedecktem Himmel gewahrt man zuweilen die Tiere bereits am späten Nachmittage nach Beute ausgehend; im allgemeinen aber verbringen die Hyänen die Tageszeit im Schatten von Büschen, in Höhlen und unter Felsen. Junge fand ich mehrere Male in unseren Frühlingsmonaten; die Zahl, die ich in einer Höhle fand, schwankte zwischen drei und vier Stück. Die Umgebung der in die Erde gegrabenen, fuchsbauähnlich angelegten Baue ist von den Jungen platt getreten. Zahlreiche Schädel und Knochen liegen umher, und Geier sitzen mitten unter den jungen Hyänen bereits zur frühsten Morgenstunde umher, ein Zeichen, daß sie auf Bäumen am Hyänenbau übernachteten. Mehrmals habe ich gefunden, daß mit dem Haushalte der Hyänen sich eine Anzahl von Mönchsgeiern, Gänsegeiern und Kappengeiern vergesellschaftet und unbekümmert um die jungen und alten Hyänen sich bei diesen zu Gast geladen hatten. Es war ein eigenartiger Anblick, die großen Geier mitten unter den Hyänen auf dem Erdboden zu sehen. Auch am Aase bemerkte ich häufig Hyänen zur Tageszeit, unbekümmert um die hunderte von Geiern, um Marabus und Schakale. Keine dieser drei Tierarten bezeigte Furcht vor den andern, sondern alle waren bestrebt, sich tunlichst schnell am Aase zu sättigen, wobei die Schakale, aber auch die Hyänen sich an dem Kadaver größter Säugetiere mit Vorliebe in der Bauchhöhle versteckten. So habe ich in der Hochsteppe zwischen den Gileï- und Donge l'eng-ai-Vulkanen einst fünf Hyänen aus dem Kadaver eines von gewerbsmäßigen Elefantenjägern getöteten Elefanten plötzlich bei meiner Annäherung entweichen sehen. Mit Einbruch der Dunkelheit pflegen die Hyänen heulend das Lager zu umkreisen; unter Umständen scheuen sie sich auch nicht, es nächtlicherweile zu betreten, um dort aufbewahrtes Fleisch, ja selbst ungenießbare Gegenstände, wie auch Häute, Lederstücke usw. davonzuschleppen. Meine nächtlicherweile aufgenommenen Bilder zeigen, mit welcher Gier die Hyänen sich auf ausgelegtes Aas zu stürzen pflegen. Ihre dabei bekundete Kraft ist erstaunlich. So vermag eine gefleckte Hyäne einen Esel weit fortzuschleppen, wie der Leser aus der dies nachweisenden, von mir erzielten »Nachturkunde« ersehen wird. Auch menschliche Leichen sah der dem Klima erlegene Afrikaforscher Dr. R. Böhm sie in vollem Galopp fortschleifen! Bemerkenswert ist die große Scheu und Vorsicht der Hyänen, wenn man es unternimmt, sie zur Nachtzeit beim Luder von einem Ansitze aus zu erlegen oder zu photographieren. Schon der Forschungsreisende und vortreffliche Beobachter Dr. Böhm mußte dies zu seinem Leidwesen erfahren. Er machte wie ich die Bemerkung, daß die während der Anwesenheit des Jägers sich fernhaltenden Hyänen sich sofort beim Aase einstellten, wenn er seinen Ansitz, auch nur für kurze Zeit, verlassen hatte. Diese Scheu und Vorsicht überrascht indes bei einem so feinnasigen, so außerordentlich auf seinen Geruchssinn angewiesenen Tier in keiner Weise. Zuerst kam ein Schakal an die Tränke, um verhoffend vom Blitzlicht festgehalten zu werden. Junge Hyänen sind dicht und markant gefleckt; im Alter verlieren sie ihre Tupfen mehr oder minder, und die Färbung wird einheitlicher. Räudige Exemplare sind nicht selten; wahrend der Zeit der Hungersnöte, wo die Hyänen reiche Nahrung an den Leichen verhungerter Menschen finden, habe ich ganz außerordentlich feiste Hyänen erlegt. Die »Fissi« der Waswahili, »Iwiti« der Wannyamwesi, »ol ngojíne« der Masai und »arvijét« der wandorobbo, benimmt sich – ganz wie beispielsweise unser europäischer Fuchs – sehr verschieden in den verschiedenen Gegenden und unter unterschiedlichen Umständen. Manchmal sehr scheu, ist sie an anderen Orten außerordentlich frech, begnügt sich hier mit Aas und Abfällen, um dort Menschen und Vieh anzufallen. Eine Anzahl Esel habe ich durch sie verloren. In dunklen, regnerischen Nächten ist man von ihren Angriffen am meisten gefährdet. Es dürfte den Leser überraschen, daß eine der bis zum Jahre 1899 meist umstrittenen Fragen in bezug auf die Fauna Deutsch- und Britisch-Ostafrikas das vorkommen oder Fehlen einer gestreiften Hyänenart gewesen ist. Eine gefleckte Hyäne tauchte aus dem Dunkel der Nacht auf, als das Blitzlicht flammte ... Eine Autorität auf zoologischem Gebiete wie Professor Matschie vertrat mangels gegenteiligen Beweismaterials entschieden die Ansicht, daß entweder nur die Zibethhyäne ( Proteles cristatus Sparrm .) in diesen Ländern vorkomme, oder daß, wenn eine gestreifte Hyänenart dort nachgewiesen werde, dies eine für die Wissenschaft neue Art sein müsse. Auf Grund seiner über die Verbreitung der über weite Länder hin vorkommenden Tierarten aufgestellten Thesen glaubte er diese, wie sich herausstellte, richtige Ansicht vertreten zu müssen. Eine ganze Anzahl von Reisenden hatte ihre Aufmerksamkeit damals schon der Tierwelt gewidmet, einige auch das vorkommen einer zweiten gestreiften Hyänenart – außer der gewöhnlichen gefleckten Hyäne – vermutet . Der Nachweis aber war bis dahin niemanden gelungen, selbst so ausgezeichneten Beobachtern nicht, wie Dr. Richard Böhm, Hunter und anderen. Eine vom Verfasser 1899 entdeckte Hyäne (Hyaena schillingsi Mtsch.) überspringt einen Bachlauf zur Nachtzeit. Der fast dreijährige Aufenthalt des bekannten Zoologen Professor Oskar Neumann in Deutsch- und Britisch-Ostafrika schien nunmehr endgültig zu bestätigen, daß diese Teile Ostafrikas nur die gefleckte Hyäne beherbergten. Allerdings berichtete dieser Reisende nach Erzählungen von Eingeborenen vom vermutlichen Vorhandensein eines hyänenähnlichen Raubtieres, welches, paarweise vorkommend, an den Meeresküsten lebe und Fische fresse. Im Herbste 1896 an den Ufern des großen, zwischen Kilimandscharo und Viktoria-Nyanza gelegenen Natronsees weilend, beköderte ich eines Abends ein Tellereisen mit einem Kuhreiher. Am nächsten Morgen fand ich eine gestreifte Hyäne in diesem Eisen. Mein Freund Alfred Kaiser, durch seinen vieljährigen Aufenthalt am Sinai wohl vertraut mit dem Aussehen gestreifter Hyänen, bestätigte die Identität dieses Tieres mit dem ihm aus Arabien wohl bekannten. Somit schien eine selbst für Laien bei genauer Besichtigung kaum denkbare Verwechselung mit der Zibethhyäne doppelt ausgeschlossen, die feineren Unterschiede hingegen dieses Exemplares von den schon bekannten Streifenhyänen waren freilich ohne Zuhilfenahme von Vergleichsmaterial nicht zu erkennen. Meine damaligen sofortigen Mitteilungen erregten dennoch bei den Fachgelehrten Zweifel; leider waren meine Nachrichten nicht durch Einsendung des Tieres zu unterstützen. Immer noch fehlte der absolute, wissenschaftliche Nachweis; höchst eigentümlicherweise konnte dieser bis dahin auch aus Britisch-Ostafrika nicht erbracht werden, selbst nicht von so guten Beobachtern, wie F. I. Jackson, A. H. Neumann, Prof. O. Neumann, Lord Delamere und anderen. Dies war vielmehr meiner im Frühjahre des Jahres 1899 unternommenen Sammelreise ins Masailand vorbehalten. Systematisch mittels Fallen dieser Hyäne nachstellend, gelang es mir, sechsundsechzig Häute und Schädel, wie auch ganze Skelette der Untersuchung zugänglich zu machen. Nunmehr waren alle Zweifel endlich gehoben! Ein hocherfreuter Brief Professor Matschies verkündete mir, daß die Hyaena schillingsi Mtsch . nunmehr endgültig in die Reihen der wissenschaftlich anerkannten Tierarten Ostafrikas aufgenommen sei. Meine Freude war außerordentlich groß! Was ich hier berichte, beweist deutlich die große Schwierigkeit der Erforschung einer unbekannten Fauna. Man sollte sagen, daß ein so gemeines Raubtier, wie die Hyäne, sich unzählige Male dem Jäger und selbst dem Nichtjäger unter den Reisenden bemerkbar gemacht haben sollte, namentlich durch nächtlichen Raub, und daß sie vor allen Dingen den Eingeborenen wohlbekannt gewesen wäre! Von alledem war nachweislich nichts der Fall. So wenig ein so vorzüglicher Beobachter, wie Stuhlmann während seines verweilens am Semliki jemals Kunde vom späterhin entdeckten, so berühmt gewordenen Okapi erhalten, so wenig einige sehr große Antilopen, wie beispielsweise Damaliscus hunteri (Hunters Kuhantilope), ferner die fast Rindergröße erreichende westafrikanische Bongoantilope Tragelaphus euryceros u. a., Europäern bis vor kurzer Zeit zu Gesicht gekommen, so wenig war die häufig vorkommende gestreifte Hyäne nachweislich bemerkt worden. Die Erforschung der Fauna in Ländern, wie Ost- und Zentralafrika ist, wie aus diesen Tatsachen hervorgeht, eben höchst schwierig! Freilich nach meinen Feststellungen und der Aufstellung dieser Art durch Professor Matschie wurde vielfach behauptet, daß dieser oder jener das Tier längst gekannt habe! Solche Behauptungen sind recht wohlfeil. Sogar im Jahre 1919 behauptete wiederum ein Schriftsteller und guter Tierdarsteller, die Hyaena schillingsi früher schon in Deutsch-Ostafrika beobachtet zu haben. Er verwechselt sie aber leider nachweislich mit – der allgegenwärtigen gefleckten Hyäne. Das im Jahre 1899 erschienene, in meinem Buche mehrfach erwähnte englische Werk »Great and Small Game of Africa«, an welchem die vorzüglichsten englischen Kenner afrikanischer Tierwelt mit gearbeitet haben, erwähnt die gestreifte Hyäne als nur im Somallande vorkommend. Wie ist es nun möglich, daß ein so häufiges Tier sich so der Beobachtung zu entziehen wußte? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht leicht, berührt sich aber mit der Tatsache, daß man ja auch Löwen und andere Raubtiere so selten zu Gesicht bekommt. Gehörte doch auch der so berühmt gewordene Schuhschnabel ( Balaeniceps rex ), ein riesiger Sumpfvogel, auf dessen Erlegung im englischen Gebiete der oberen Nilsümpfe heute eine Strafe von 500 Mark steht, nach seiner Entdeckung in den Nilsümpfen jahrelang zu den gänzlich unerreichbaren Wünschen ornithologischer Sammler! Wie selten erspäht der Europäer auf seinen Gängen durch Wald und Feld einen Fuchs; wie stolz bin ich, in meiner Jugend sechsmal die wilde Katze ( Catus ferus L. ) in meinen heimischen Eifelbergen, in denen sie leider heute auch schon beinahe ausgerottet ist, beobachtet und sie dreimal erlegt zu haben! Bei meinem viermaligen Aufenthalte in Ostafrika habe ich ein einziges Mal die gestreifte Hyäne am Tage erblicken können! Nächtlicherweile beim Ansitze habe ich sie dann noch zweimal bemerkt; hundertunddreiundzwanzig dagegen habe ich für unsere Museen in Fallen erbeutet! Könnte ein drastischerer Beweis gegeben werden für die Schwierigkeit des Auffindens und der Beobachtung scheuer Tierarten mit nächtlicher Lebensweise!? Dabei ist allen Eingeborenen, die der Tierwelt einigermaßen kundig sind, die »Kingúgua« wohl bekannt. Zeigt man ihnen eine erbeutete, so wissen sie häufig mit dem Tiere Bescheid; Erkundigungen und Fragen aber nach diesem doch verhältnismäßig leicht und bestimmt durch Worte zu kennzeichnenden Tiere begegnen meistens erstaunlicher Unkenntnis, dann aber auch der Indolenz und dem Mangel an Neigung der Eingeborenen zu Mitteilungen Europäern gegenüber. Die »Kingúgua« ist dabei sehr viel mehr gefürchtet, wie die gefleckte Hyäne; sie steht allgemein in dem Rufe, gefährlicher und angriffslustiger zu sein. Ich lasse es dahingestellt, inwieweit dies begründet ist. Vielleicht führte die große Scheu des Tieres zu ungerechtfertigten Vermutungen über seine Wildheit, und ich habe die Beobachtung machen können, daß die Eingeborenen »meine Hyäne« im Verdachte von Viehräubereien und selbst Überfällen von Menschen hatten, wenn vielleicht Leoparden die Übeltäter waren. Eine gestreifte Hyäne nachts an den Resten meines, der Tsetsefliege erlegenen Maultieres. In Gefangenschaft sind gestreifte wie gefleckte Hyänen sehr zutraulich. Kann ich doch ein im Berliner Zoologischen Garten befindliches Exemplar selbst bei der Fütterung vom soeben gereichten Fleischstück fortrufen! Das Tier zieht dann eine Liebkosung der Stillung seines Hungers vor. Im Jahre 1902 brachte ich mit größter Mühe eine Hyaena schillingsi , die ich im Lafittigebirge fing, von dort in einem eisernen Käfig an die Küste und nach Europa. Der schwierige Transport auf den Schultern von gegen vierzig Trägern war jedoch nur durch die Energie meines ausgezeichneten »Ombascha« Ramadan durchzuführen, da ich selbst schwer erkrankt war. Jedenfalls aber habe ich unwiderleglich und mit Sicherheit festgestellt, daß die gestreifte Hyäne an manchen Orten mindestens ebenso häufig wie die gefleckte Hyäne vorkommt. In den Fallen benahmen sich die Tiere weniger angriffslustig und wütend, wie ihr gefleckter Vetter. Stets bemühten sie sich, wenn im Eisen gefangen, sich zu verstecken, in höchst charakteristischer Weise den Kopf auf die Erde drückend – gewissermaßen den »Vogel Strauß« zu spielen –, ganz im Gegensatz zu der knurrenden und sich zur Wehr setzenden gefleckten Hyäne. Eine allgegenwärtige Erscheinung in der Steppe sind die Schakale , deren Leben und Treiben sich hauptsächlich, aber keineswegs ausschließlich, zur Nachtzeit bemerklich macht. Der schön gefärbte Schabracken-Schakal ( Thos schmidti Noack ) ist überall im Masailand sehr häufig; außer diesem treuen Genossen und Kameraden der Hyänen fand ich in gebirgigen Gegenden noch eine zweite größere Art ( Canis holubi Lorenz ). Zur Nachtzeit, wenn sich tiefe Stille über die Steppe herabgesenkt hat, vernimmt unser Ohr außer dem Geheul der Hyänen die klagend-bellende Stimme der Schakale, die das Lager umkreisen und oft zur frühen Morgenstunde noch rührig sind, wenn die scheuen Hyänen bereits längst ihre Schlupfwinkel aufgesucht haben. Mit Hyänen vertragen sich die Schakale gut; unter Umständen auch scheuen sie nicht die Gesellschaft des Löwen. Freilich macht dieser, wie auch der Leopard, zuweilen von seinem Herrenrecht Gebrauch, und in knappen Zeiten fand ich zweimal Überreste von Schakalen in der Nähe der Löwenmahlzeiten. Sie kündeten mir, daß einer der allzu frechen Gesellen der königlichen Ungnade des Löwen zum Opfer gefallen war! Wie ich schon erzählte, nahm mir ein solcher auch bei einer Gelegenheit einen Serval-Luchs aus der Falle und verschmähte nicht, ihn zu verzehren. Im allgemeinen jedoch streifen die Schakale vereinzelt in der Steppe umher, und auf die weitesten Entfernungen tragen ihnen die regelmäßigen Luftströmungen des äquatorialen Afrika die Witterung zu, die ihnen verkündet, wo ein Aas ihrer harrt. Hatte ich an geeigneter Örtlichkeit einen Köder ausgelegt, so dauerte es oft nicht lange, bis einer oder mehrere Schakale, wie schnell dahinhuschende Phantome in äußerster Scheu aus dem Dunkel der Nacht (aber auch am Tage!) auftauchten, um gespensterhaft und windesschnell wieder zu verschwinden, oder auch, vertraut geworden, mit den Hyänen zusammen ihre Mahlzeiten zu halten. Wo Hyänen mit ihrem furchtbaren Gebiß den ersten Angriff auf den Kadaver eines der Tsetsefliege erlegenen Maultieres machten, wurden sie von den oft zahlreich erschienenen Schakalen unterstützt. Hyänen und Schakale sind die eigentlichen Totengräber der Steppe, und auch mit den größten Kadavern wissen sie in kürzester Zeit fertig zu werden. Meine Nachtbilder geben hierüber den besten Aufschluß! Nichts drückt der schnellen Vergänglichkeit in einsamer äquatorialer Steppe einen deutlicheren Stempel auf, als die schnelle Verwesung der Riesenleiche eines Elephanten oder andern Dickhäuters. Lag das gewaltige Tier unmittelbar nach Eintritt seines Todes in eindrucksvoller Größe vor uns: am nächsten Tage hatten die entstandenen Verwesungsgase den Körper unter dem Einflusse der tropischen Hitze bereits ins Verzerrte aufgetrieben und entstellt! Aber auch die Hyänen und Schakale hatten bereits in der Nacht ihre Angriffe versucht; hunderte von Geiern bedeckten die umherstehenden Bäume, hatten sich auf dem Aase niedergelassen, und ringsumher war das Gras der Steppe niedergetreten und durch ihr Geschmeiß weiß bekälkt. In den nächsten Nächten war dann häufig der ganze Kadaver des riesigen Tieres von den vereinten Hyänen und Schakalen verzehrt. In früher Morgenstunde setzten die Geier das Werk der Bestattung fort, so daß in kürzester Frist nur noch das von der borkigen Haut des Elefanten bedeckte riesige Skelett übrig blieb. Die nächste Regenzeit weicht die Hautreste auf und macht sie so geeignet, nun auch bis auf den letzten Rest von den Hyänen und Schakalen verzehrt zu werden. Jetzt sind nur noch die auf dem Erdboden zerstreuten Knochen übrig geblieben. Steppenbrände, dazu vorher schon der Einfluß der tropischen Glutsonne, machen die Knochen mürbe und zerfallend; nur der gewaltige Schädel widersteht eine Reihe von Jahren den Einflüssen der Witterung. Wie aber neues Leben stets aus den Ruinen emporblüht, so fand ich auch hier in den weiß gebleichten Schädeln der riesigen Rüsselträger zuweilen Vogelnester oder sorglich errichtete Nester von Mäusen, die in der Stirnhöhle des Elefanten Schutz und Zuflucht vor ihren Feinden gefunden hatten. Doch im Laufe der Jahre zerfällt auch der Schädel, und nichts mehr kündet von dem Drama, das sich zur Todesstunde seines gigantischen Trägers hier abgespielt. Auch zur Tageszeit trifft man nicht selten die Schakale an. Ihre Allgegenwart läßt es leicht begreiflich erscheinen, daß diese klugen und unendlich feinnasigen Tiere eine große Rolle in den Sagen und Märchen der Steppenvoller spielen. In unserem Vaterlande ist Reineke Fuchs die im Volksmunde poetisch ausgestaltete Personifikation von List, Klugheit und praktischer Gewandtheit im Kampfe ums Dasein. Dieselbe Rolle spielt in Ostafrika der »úmbua witu« der Waswahili, der »endéré« der Masai oder »l'eloandé« der Wandoróbbo. Hatte ich am Tage ein Wild erlegt und zog mich von den Überresten zurück, um die einfallenden Geier zu beobachten, so ereignete es sich nicht selten, daß einer oder mehrere Schakale von weitem aus der Steppe in schnurgerader Richtung herbeieilten, um sich unter die Masse der Geier zu mischen, einen Teil der Beute heischend. Dies bewies mir zur Genüge, wie unendlich fein das Geruchsorgan der Schakale ausgebildet ist. In Klappfallen unverletzt gefangene, die ich häufig im Lager längere Zeit angefesselt beobachtete, zeigten sich individuell höchst verschieden, wie dies bei einem so klugen Tiere kaum anders zu erwarten ist. Die Stunden aber, in denen ich wohlversteckt und mit günstigem Winde Gelegenheit hatte, an einem größeren Aase die Ansammlungen Hunderter von Geiern, zahlreicher Kropfstörche, einiger gefleckter Hyänen und einer Anzahl von Schakalen in ihrem Streit um die Beute beobachten zu können, gehören mit zu den genußreichsten meiner afrikanischen Tierbeobachtungen. Leider verhinderte meist die Abwesenheit jeglicher Sonnenstrahlen gerade zu diesen Stunden gelungene photographische Aufnahmen, wie denn überhaupt der Camera-Jäger allzusehr auf günstiges Licht angewiesen ist. Es war wie ein Verhängnis, daß lange begehrtes Wild mir so selten bei günstiger Beleuchtung vor mein im Gegensatz zu dem heute angewandten sehr lichtschwaches Objektiv kam. Daß andere in dieser Beziehung glücklicher sein werden, möchte ich hoffen. Ich wünsche jedem, der Ähnliches unternimmt, daß er ebenfalls und noch bessere Natururkunden erlange, wie ich sie schaffen durfte! Aber leider liegt zwischen noch so sachgemäßer Ausrüstung und noch so heißem Wünschen und Begehren wie immer im Leben noch vieles andere, vor allem ein wenig Weidmannsheil, und jeder Jäger weiß, wie oft dieses uns im Stiche läßt! Dies ist in erhöhtem Maße der Fall, wenn es sich darum handelt, mehr oder weniger unbekannte Tiergeheimnisse in ferner jungfräulicher steppe Afrikas photographisch zu belauschen.   17. Von wilden Hunden, von Wildkatzen und von Luchsen. Unter den mancherlei kaleidoskopartig in der Erinnerung vorüberziehenden Bildern aus afrikanischer Tierwelt haften mir besonders jene flüchtigen Augenblicke im Gedächtnis, wo ich die wilde Jagd der Wildhunde oder Jagdhyänen, auch Hyänenhunde genannt ( Lycaon pictus Temm. ), beobachten konnte. Meist ganz unerwartet, weit in der trockenen Steppe, aber auch am Karawanenweg in der Nähe der Küste und im Ried in der Nähe des Wassers, so habe ich an ganz verschiedenen Örtlichkeiten plötzlich die schönen Jagdhyänen flüchtige Augenblicke gesichtet, wie sie dicht hinter dem auserwählten Wilde in langen Sprüngen dahinsausten, zwei oder drei diesem dicht auf den Fersen, die übrigen aber weit zurück folgend, um bei Gelegenheit ihrem Opfer den Weg abzuschneiden. So schnell, wie das wundervolle Bild dieser Jagd sich bot, staubwirbelnd oder im Ried mehr erratbar denn sichtbar durch hier und da auftauchende Köpfe von Verfolgern und Verfolgtem – so schnell verschwindet es wie ein Phantom. – Ich habe gefunden, daß der wilde Hund in den von mir bereisten Gebieten verhältnismäßig selten ist. Das gleiche erkundeten die bewährtesten Beobachter in Britisch-Ostafrika. Wild aller Art, selbst die stärksten Antilopen, fallen dem ol oĭbor Kidongo (=Weißschwanz der Masai) zum Opfer; dicht bei der Eisenbahnstation Korrogwe sah ich sie einen Wasserbock jagen, den ein Beamter der Bahn dann vor den Hunden erlegte. Ein ganzes Rudel von vierzehn Stück fand ich einst sogar die riesige Elenantilope jagend; aber auch kleine Antilopen habe ich sie verfolgen sehen. Im Jahre 1899 war ich einst der Schweißfährte eines von mir krank geschossenen Elenbullen bereits vier Stunden weit gefolgt, als ich plötzlich, schnell vorwärtsschreitend, ein um die Mittagsstunde im Schatten einer Akazie ruhendes Rudel von Wildhunden seitwärts bemerkte. Mit eingekniffenen Ruten stoben die Hunde nach allen Richtungen davon; gleich darauf aber versammelten sie sich in flüchtigster, scheuester Haltung und bellten mich nun in auffallend hohen hundeartigen Tönen an. Die Laute klangen wie wa waú, wa waú, wa waú, in regelmäßigen kurzen Kadenzen von allen Hunden zugleich ausgestoßen, wobei sie sich mir, ähnlich sehr scheuen Haushunden, mit gespitzten Ohren bis auf fünfundzwanzig Schritt näherten, um nun wieder in unbeschreiblich flüchtiger Art seitwärts fortzuprellen und dann das Spiel von neuem zu beginnen! Ich war so gefesselt von dem seltsamen Anblick, daß ich nicht schießen wollte, vielmehr regungslos mit meinen Leuten niederkauernd verharrte und so die Hunde veranlaßte, allmählich näher zu kommen, wobei sie ihr dumpfes Bellen in hoher Tonlage immerfort hören ließen. Aus diesem Benehmen vermag ich mir die Behauptung von Angriffen auf Menschen leicht zu erklären: meine Leute behaupteten mit Bestimmheit, daß sie unbewaffnete Menschen häufig zerrissen. Das ruhige und furchtlose Verhalten meiner Leute angesichts der zahlreichen Hunde stimmte allerdings mit ihren Worten wenig überein, konnte jedoch auch vielleicht in ihrem Vertrauen auf meine Schießfertigkeit seine Begründung finden. Ich weiß nicht, wie lange dieses Spiel gedauert haben würde. Nach etwa zehn Minuten aber schienen die Hunde ihre Neugierde befriedigt zu haben; einige verschwanden im dürren Grase, und ich hielt es an der Zeit, durch eine glücklich gelingende Doublette mich zweier Exemplare zu versichern, worauf die anderen mit Blitzesschnelle die Flucht ergriffen. I. G. Millais berichtet aus den »good old days«, den »guten alten Tagen« in Südafrika, daß ein vortrefflich berittener Mann von Durchschnittsgewicht eine helle Pferdeantilope nach vier, einen Wasserbock nach drei, einen alten Kudubullen nach zwei englischen Meilen (eine englische Meile = 1609 Meter) Verfolgung durchschnittlich »Hallali« machte, selten aber nur die dunkle Pferdeantilope und das Gnu. Nach diesem Maßstabe glaube ich auch die Chance des Entkommens dieser verschiedenen Wildarten, wenn von Hyänenhunden verfolgt, einschätzen zu müssen. Die Jagdhyänen jagen sowohl auf der Fährte wie à vue (ihre Beute erblickend); durch oft wiederholte furchtbare Bisse greifen sie zunächst die Bauchwände der verfolgten Tiere an, die Eingeweide herausreißend und so auch große Antilopen überwältigend. Zweimal habe ich dies Anspringen beobachten können; englische Autoren und Eingeborene bestätigen mir zudem meine Beobachtungen. Die außerordentlich bunten Farben des wilden Hundes kommen auf eine gewisse Entfernung wenig zur Geltung. Die Tiere sehen vielmehr einfarbig dunkel aus, zeichnen sich also erheblich von ihrer Umgebung ab. Das Bedürfnis, in ihrem Haarkleide mit der Umgebung zu harmonieren, haben sie ja auch nicht, da sie ihre Beute nicht zu beschleichen pflegen, sonderen, deren Fährte aufnehmend, sie im schnellsten Laufe verfolgen. Um die Mittagsstunden fand ich einmal fünf und einmal zwei einzelne wilde Hunde im Schatten ruhend auf; ein anderes Mal kam ich gerade hinzu, als ein Rudel von ihnen eine Giraffengazelle niedergerissen hatte. Im ganzen scheinen sie, wie schon erwähnt, in den Masailändern nicht allzu häufig vorzukommen, und ich habe während meiner mehrjährigen Beobachtung der dortigen Tierwelt nicht im entferntesten die Überzeugung gewonnen, daß sie derartig schädlich sind, wie es von anderer Seite behauptet worden ist. – Ich halte es überhaupt für vollkommen verfehlt, den Sündenbock unter den »schädlichen« Tieren zu suchen. Der Kulturmensch stellt durch planmäßige Vernichtung gewisser Tierarten auch den Bestand anderer, ihm nützlicher und angenehmer Arten in Frage! Wir übernehmen bei unserem Eindringen in fremde Länder einen Bestand an Tieren, die sich harmonisch als ein Ganzes entwickelt und durch Auslese der schwächeren Mitglieder gesund, stark und schön erhalten hat. Merzen wir allzu rigoros gewisse uns unsympathische Tiere aus diesem großen Kreise aus, so schädigen wir das Ganze, denn unfehlbar tritt Degeneration ein. Der Kundige weiß, wie unser heimisches Wild durch übermäßige Hege der schwächeren und durch stete Verfolgung der starken Exemplare bereits degeneriert ist. Welcher ungeheure Wildreichtum – ich muß das stets und immer wieder betonen – findet sich überall da, wo der zivilisierte Mensch noch nicht in den Kreislauf der Dinge eingegriffen hat. Wo es aber beispielsweise viele wilde Hunde gab, da wimmelte es auch von Wild und umgelehrt! Erst die Zivilisation vernichtet so Jagdhyäne wie Wild! Gefangengehaltene Jagdhyänen zeigen neben einer außerordentlichen Wildheit und großen Bissigkeit eine ausgesprochene Abneigung gegen zahme Haushunde. Der Anblick eines Rudels Jagdhyänen in voller Fahrt erweckte mehr als alles andere in mir den Wunsch nach einem guten Jagdpferde. Unwillkürlich dachte ich der hinter der Meute verlebten Stunden in Europa, und mehr denn je trat mir das Gefühl des Gefesseltseins an die Scholle ins Bewußtsein, an die sandige Scholle, die Schritt für Schritt immer wieder abgemessen werden mußte, während die Welt der Vierfüßler sie souverän durchkreuzte und, kaum sichtbar geworden, schon in der Ferne verschwand! – – – Unter den übrigen kleineren Raubtieren Ostafrikas finden wir unter andern einige schön gezeichnete Wildkatzen und Luchse. Unter den Katzenarten übertrifft den Leoparden an Häufigkeit der Serval ( Felis serval Schreb .), e fǐmǐngǒr der Masai, eine hochbeinige auf gelbem Grunde wundervoll schwarz getupfte buschliebende Katzenart. Bei der ausschließlich nächtlichen Lebensweise der Servale erbeutete ich sie wohl häufig in Fallen, traf sie jedoch zur Tageszeit nur einige Male, zufällig von mir aufgescheucht, an. Auch erforderte es längere Zeit, bis es mir gelang, ein vollkommen melanistisches (schwarzes) Stück zu fangen. Bei meinen vielen Pürschgängen auf Elefanten an der Westseite des Kilimandscharo traf ich an einer bestimmten Stelle inmitten des dem eigentlichen Bergmassiv vorgelagerten hügligen Terrains der Hochsteppe, unmittelbar in der Nähe des Gürtelwaldes in ungefähr 2000 Meter Höhe, wieder und wieder eine schwarze scheue Katze. Der Zufall wollte es, daß ich, auf das Erscheinen der Elefanten weit unter mir in den Schluchten des Mischwaldes wartend, zwar häufig beobachten konnte, wie sie nach Katzenart die tauschweren Gräser und Baumzweige, die ihren Weg versperrten, mit eleganten Sprüngen nehmend in der Dickung wieder verschwand; nie jedoch bot sich eine Gelegenheit, sie zu erlegen. Aufgestellte Fallen führten anfangs nicht zum Ziel, denn die gefleckten Hyänen waren es, die sich in ihnen allnächtlich fingen. Doch überraschte mich eines Morgens, als ich die Fallen nicht selbst revidierte, mein Präparator mit den hocherfreuten Worten: »Da ham mer de schwarze Serval!« Und richtig! Einen wundervoll schwarz gefärbten Luchs hielt er mit diesen Worten empor. Anscheinend sind diese melanistischen Servale, wie auch die zum ersten Male von mir nachgewiesenen melanistischen Ginsterkatzen, einfarbig schwarz gefärbt. In schräger Beleuchtung aber gewahrt man deutlich die ursprünglich normale Tüpfelung der Haare; wie mir Ähnliches nur bei Pferden, bei einer gewissen Art von Apfelschimmeln, wieder bekannt ist. Am nächsten Morgen hatte sich in derselben Falle ein normal gefärbter männlicher Serval gefangen, wohl der Gatte des Paares, wie ich annehmen darf. So war ein von mir lang gehegter Wunsch erfüllt! Jene regenwolkenverhangene, große einsame Bergwelt, welche, mit fast undurchdringlichem Pflanzenwuchs bedeckt, sich wochenlang gleichsam wie ein verbotener Garten in den verschiedensten Beleuchtungen meinen Blicken darbot, – nicht rastenden Auges allmorgendlich stunden- und abermals stundenlang mit dem Glase nach Elefanten und anderen Vertretern der Tierwelt abgeäugt wurde; – jene schweigende Stille, nur manchmal unterbrochen vom unendlich melancholischen Rufe des Orgelwürgers, vom klatschenden Fluge und Gegurre des balzenden großen Taubers ( Columba arquatrix Tem .), und inmitten all der sattgrünen, tau- und regentriefenden Wildnis die Erscheinung des plötzlich auftauchenden und ebenso schnell wieder verschwindenden seltsamen großen schwarzen Luchses, – alles dies schuf ein Bild eigenartigsten märchenhaften Reizes. Das gemahnte mit zwingender Gewalt an Tage der Vorzeit: Vor mir ein gletscherbedeckter Riesenvulkan in finsterer Majestät, tief unten im Tale Riesenelefanten vergesellschaftet mit Giraffen, die schwankenden Schrittes so wenig in unsere nüchternen Tage zu passen schienen, wie die verfemten Zahnträger – dazu der kaum auftauchend schon wieder verschwundene tiefschwarze Luchs, den ich lebend bis dahin nie erschaut ... ... Seltener begegnete ich der grauen Wildkatze ( Felis aff. lybica Olivier ), die, sehr ähnlich unserer Hauskatze, langgeschwänzt und scheu, hauptsächlich in der Ebene vorzukommen scheint. Vor dem Hunde gelang es mir, ein Exemplar zu erlegen. Drei andere erbeutete ich, welche zufällig vor mir im Hochgrase flüchtig wurden. Meine Fallen lieferten sie mir ebenfalls hier und da; im ganzen jedoch wird sie der Jäger selten antreffen. Diese Katze steht in ihrem Aussehen und in ihrer Lebensweise unserer zahmen Hauskatze außerordentlich nahe, dürfte wohl auch in einer nah verwandten Art ihre Stammform darstellen. Ebenso fand ich manchmal den ostafrikanischen Wüstenluchs, den Carracal ( Caracal nubicus Fitz .) zufällig vor mir flüchtig werdend. Gelegentlich der Beobachtung von Zwergantilopen ( Madoqua kirki Gthr .) näherte sich mir ein, wohl ebenfalls aus guten Gründen für diese kleine Wildart interessierter Luchs bis auf zwanzig Schritte. Das war eine erwünschte Gelegenheit, den so selten sichtbaren Gesellen in der Freiheit ungestört zu beobachten, bis ich ihn mir durch einen Schuß sicherte. Ihm verdanke ich übrigens eine der merkwürdigsten Doubletten, die sich wohl ein Jäger im äquatorialen Afrika ausdenken kann. Im Monat März fand ich täglich dicht bei meinem Lager etwa 64 Strauße, welche, da sie sich in der Mauserzeit befanden, nicht von mir gestört, desto öfter aber mit dem Glase beobachtet wurden. An einem gegebenen Tage wollte ich jedoch einen männlichen Strauß erlegen, als Belegexemplar für die Sammlungen des Königlichen Museums in Berlin. Nach längerer mühseliger Pürsche hatte ich mich dem Strauße bis auf etwa zweihundert Schritt genähert. In dem Augenblicke, wo ich ihm eine gut sitzende Kugel gab und der riesige Vogel, wie vom Blitz getroffen, flügelschlagend zusammenstürzte, wurde ich durch ein in dem mir als Deckung dienenden Busche plötzlich entstehendes Geräusch heftig erschreckt und glaubte es schon mit einem Leoparden zu tun zu haben! Sofort aber überzeugte ich mich, daß ein Wüstenluchs, welcher in dem Busch gelagert hatte, vor mir flüchtig geworden war, und meine zweite Kugel ließ den Luchs im Feuer verendet ein Rad schlagen. – Das war eine unvergeßliche Doublette – Luchs und Strauß! – – – Ich glaube nicht, daß die Wüstenluchse in Ostafrika annähernd so häufig vorkommen, wie im Norden und Süden des Kontinentes. Schlanke und kleine, mordlustige Vertreter des Katzengeschlechts finden wir endlich in den Ginsterkatzen , die ein zur Tageszeit wohl verstecktes Leben führen und nicht selten in Fallen erbeutet werden. Sogar unter dem Wellblechdache des Verkaufsraumes eines griechischen Händlers in Moschi konnte ich eine Ginsterkatze erlegen, die sich unter dem Giebelbalken des Daches, – sichtbar für die Blicke der zahlreichen im Laden verkehrenden Menschen, – ein schlechtes Versteck gewählt hatte. Schwarze Exemplare der Ginsterkatze fand ich als Erster am Kilimandscharo und überwies sie dem Königlichen Museum für Naturkunde in Berlin. Diese geschmeidige Schleichkatze besitzt eine außerordentlich feine Witterung und ist daher in für sie aufgestellten beköderten Fallen leicht zu erbeuten. Im allgemeinen bekommt der Jäger und Beobachter alle diese kleinen Raubtiere infolge ihrer nächtlichen Lebensweise kaum im Freileben zu Gesicht, und weder Ginsterkatzen noch Honigdachse, weder die großen Ichneumone noch Zibetkatzen, welch letztere ich an der Küste beobachten konnte, und viele andere nächtliche Räuber sind zur Tageszeit leicht aufzufinden. Alles dies verhält sich in Afrika genau wie in Europa, wenn ich in vergangener Jugendzeit an den heimischen Eifelbergen im väterlichen Parke Marder, Iltis, Wildkatze, Fischotter und Fuchs zu überlisten wußte und mir hier meine Sporen für meine spätere afrikanische Tätigkeit verdiente – im Freileben gesichtet habe ich alle diese Tiere nur selten und nur für kurze Augenblicke, wer aber die Fauna eines fremden Landes völlig kennen lernen will, muß sein Leben auf fremder Erde verbringen! 18. Allerhand seltsame Steppenbewohner. (Erdferkel, Stachelschwein, Wildschweine und kleinere Säuger.) Einige höchst seltsame Bewohner der Steppe bekommt der Reisende und Jäger, sofern er nicht ausnahmsweise vom Glücke begünstigt wird, wohl niemals zu Gesicht, wenn er nicht etwa diese beiden seltsamen Gesellen mit großer Mühe und Zeitverlust aus ihren Bauten hervorgräbt. Ich meine das Erdferkel ( Orycteropus wertheri Mtch .) und das Stachelschwein ( Hystrix africae-australis Ptrs .). Einer der ausgezeichnetsten englischen Kenner der afrikanischen Tierwelt, Mr. Jackson, sagte mir vom Stachelschwein lakonisch: »Never seen!« (»Habe ich nie gesehen!«) Bei fast zehnjährigem Aufenthalt in Ostafrika war es Mr. Jackson niemals gelungen, ein Stachelschwein in der Freiheit zu erblicken, obwohl er stets eifrig nach diesen Tieren ausgespäht hatte! Der Grund ist leicht erklärlich: das Stachelschwein ist ein Nachttier, welches sich frühzeitig in seine Erdhöhlen zurückzieht und das Tageslicht scheut, so kommt es, daß ich wohl hunderte Male einzelne verlorene Stacheln dieses Tieres in Dornenpori gefunden, daß ich gar nicht selten in seine tiefen und weiten Höhlen im Hochgrase der Steppe stolperte, niemals aber, ebensowenig wie andere Reisende, das Tier selbst habe in Freiheit beobachten können. In seltenen Fällen wurde mir ein oder das andere Stachelschwein von Eingeborenen gebracht, nachdem sie das Tier aus seiner Höhle ausgegraben hatten. Die überall in der Steppe zerstreuten, oftmals außerordentlich großen und hohen Termitenhügel, besucht zur Nachtzeit – wie es scheint, allerdings nur zur feuchten Jahreszeit – aus dem Erdboden auftauchend, den Milliarden ihrer Erbauer, den Termiten, nachstellend, ein seltsames Wesen. Ein über anderthalb Zentner Gewicht erreichendes, höchst seltsam gestaltetes, langschwänziges, mit außerordentlich starken scharfen Krallen bewehrtes, langschnäuziges Tier bemüht sich, die Paläste der Termiten zu zertrümmern, und schlürft gierig die zu Hunderten an seiner fadenförmig weit hervorgestreckten Zunge kleben bleibenden Geschöpfe herunter. Professor Matschie sagt vom Erdferkel in treffender Weise, daß es den Rüssel des Schweines, den Kopf des Ameisenbären, die Ohren des Esels, die Beine des Gürteltiers und den Leib des Känguruhs zu einem der sonderbarsten Geschöpfe vereinige. Wir sehen also ein Tier nach dem Rezepte jenes Malers vergangener Tage, der aus den einzelnen Körperteilen bekannter verschiedenartiger Tiere Fabelwesen erstehen ließ – – – Das Erdferkel – en aischǐr băr der Masai – mittelst Nachtphotographie zu verewigen, wie es in der nächtlichen Masai-Nyika an den Termitenbauten sein Wesen treibt, wäre ein gewiß erstrebenswertes, ein wichtiges »Naturdokument« lieferndes – aber auch höchst mühsames Unterfangen, das mir leider versagt blieb. – Zu Hunderten finden wir an geeigneten Stellen seine großen tiefen Bauten; dutzende Male bin ich bei der Verfolgung irgend eines Wildes, wenn die Steppe mit Gras bedeckt war, plötzlich in einer dieser Röhren bis an den Gürtel versunken; aber zur trockenen Jahreszeit wäre es vergeblich, in diesen Röhren Fallen zu stellen oder die Tiere ausgraben zu wollen. Die Bauten sind nämlich weit verzweigt und reichen bis zu sehr beträchtlichen Tiefen in den Schoß der Erde herab. Auch scheinen die Tiere in der trockenen Zeit einen Winterschlaf zu halten und nur zur nassen Jahreszeit nächtlicherweile in der Steppe umherzuschweifen. Die Eingeborenen wissen sich hier und da des Tieres zu bemächtigen, und auf diese Weise gelang es mir, einige Bälge und Skelette nach Deutschland zu überführen, wo das Königliche Museum für Naturkunde in Berlin ein Erdferkel von mir erhielt. Zweimal nur begegnete ich in der Steppe dem schönen, schwarzweiß gefärbten Honigdachs ( Mellivora ratel Sparrm .), der, ebenfalls ein ausschließlich nächtliches Leben führend, nur in höchst seltenen Fällen dem Europäer zu Gesicht kommt. Mit Vorliebe nimmt der Honigdachs Aas an und wurde daher zuweilen von mir in Fallen erbeutet. Seine Lebenszähigkeit ist ganz außerordentlich und übertrifft noch bei weitem die unseres heimischen Dachses. Die Masaisprache bezeichnet den Honigdachs mit: »ol bĕlĕs«. Vor Jahren überraschte ich in der Steppe einen alten Honigdachs mit einem sehr kleinen Jungen und konnte beide fangen. Seltsam zierliche Wesen, fuchsartig, mit außerordentlich auffallenden großen Lauschern, tauchen hier und da in der Steppe auf – oder entfliehen, wenn wir ihre flach unter der Erdoberfläche angelegten Bauten betreten, eiligst vor unseren Füßen: es sind die Löffelhunde ( Otocyon megalotis Desm .). Dieses zierliche Tier lebt fast ausschließlich von Insekten, und die Mägen der von mir erlegten enthielten in allen Fällen große Mengen von Käfern. Im Juli fand ich größere Ansammlungen erwachsener Exemplare, bis zu zehn Stück, in einem Baue vor. Jedem Reisenden und jedem einigermaßen in der Beobachtung der Tierwelt Geübten müssen hier und da in der Masaisteppe nicht selten vorkommende, marderähnliche Tiere auffallen: die Ichneumonen und Mangusten . – In mehreren Arten, von der Größe des großen Wiesels bis zu dem einer Katze, leben sie teilweise in großen Gesellschaften als Aftergäste in den Termitenbauten, in denen auch häufig die Erdeichhörnchen ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. Die Mangusten, namentlich die schöne Zebramanguste: ol gĭschŏrĕn der Masai, ziehen in Gesellschaft weit in die Steppe auf Raub aus, alles Lebende überfallend, alles Genießbare verzehrend, sei es aus dem Tier- oder Pflanzenreich. So durchs Gras der Steppe dahinhuschend, oftmals dicht aneinander gedrängt, machen diese Gesellschaften unter Umständen den Eindruck einer großen grauen, unheimlich schnell dahingleitenden, vielköpfigen Schlange. ... Doch schon richtet sich hier und da eines der kleinen Wesen murmeltierartig auf, sichert, – die anderen folgen seinem Beispiel, und mit hellem Warnungspfiff eilen sie nunmehr alle blitzschnell ihrem Bau oder den nächst gelegenen Verstecken zu. Jetzt kann es lange dauern, bis das anziehende Schauspiel ihres Lebens und Treibens sich wieder unserm Blicke bietet. Haben wir jedoch, sorgfältig den Wind beachtend, ein Versteck in der Nähe des großen Termitenhügels gewählt, und harren wir eine oder mehrere Stunden auf ihr Erscheinen, so sehen wir erst eins, dann mehrere Köpfchen aus den Röhren ihrer Burgen hervorlugen, und bald ist ihr großer Erdpalast wiederum belebt von ihrem Treiben. Miteinander spielend und sich balgend, dann wieder aufgerichtet vorsichtig sichernd, huschen die kleinen Kobolde um den Termitenhügel hin und her, alle Augenblicke verschwindend und unerwartet an einer anderen Stelle wieder zum Vorschein kommend. Ähnlich verhalten sich die zierlichen Erdeichhörnchen , die nicht in großen Gesellschaften, sondern einzeln oder paarweise unter der Oberfläche des Steppenbodens ihre Röhren gegraben haben oder Termitenbauten bewohnen. So kann mitten in öder Steppe plötzlich unerwartet regstes Tierleben dem Erdboden entsteigen und dem Tierfreund reizvolle Unterhaltung gewähren! Zuweilen finden wir die Mangusten in Gesellschaft der murmeltierartigen, klugen Klippschliefer ( Procavia ), welche ebenfalls nicht selten in Termitenbauten ihre Behausung aufgeschlagen haben. Häufiger jedoch finden sich diese eigentümlichen Tiere in den felsigen Revieren der Berge, wo sie in großen Kolonien, je nach den Jahreszeiten am Fuße der Berge, in der Hochsteppe oder auch zur Trockenzeit in größeren Höhen sich aufhalten. Sie, wie auch die in Wäldern, namentlich Bergwäldern, auf Bäumen wohnenden Baumschliefer ( Dendrohyrax ) sind am nächsten unter allen heute lebenden Tieren verwandt mit den Nashörnern, eine Tatsache, die dem Laien wohl unerwartet scheint. In mehreren verschiedenen Arten bewohnen die Klippschliefer und die Baumschliefer Deutschostafrika, und alle diese seltsamen, zwerghaften Platthufer tragen nicht wenig zur Belebung der Urwälder wie der Felsenwüsten bei. In der Masaisprache werden erstere mit en gine os soĭto, letztere mit en gĭnjunjur bezeichnet. Die Eingeborenen wissen erstere mit Netzen, letztere aber mittelst Schlingen zu erbeuten. Das Benehmen der Klippschliefer ist ein murmeltierartiges; sie sind scheu, und namentlich alte, erfahrene Stücke sind nicht leicht zu berücken. Typisch durch ihr lärmendes Schnarren und eigentümliches Geschrei sind die Baumschliefer für die Hochwälder Ostafrikas. Wenn die Sonne kaum untergegangen ist, und die Lagerfeuer aufflammen, hören wir plötzlich zu unseren Häupten im Urwald ein Rascheln, ein merkwürdiges Fauchen und Kichern der dort ihr Wesen treibenden Zwerge. Gleich Kobolden huschen sie an den Stämmen der Bäume empor, und die ganze Nacht über währt zu unseren Häuptern ihr Leben und Treiben. Auch in den tiefer in die Steppe verlaufenden, bewaldeten Schluchten vernahm ich zur Nachtzeit ihren Schrei, ihr Murksen und Schelten, wenn ich mit nur wenigen Leuten, der Elefantenfährte folgend, im Freien übernachtete. Im Geäst der alten Kigelien und Sterkulien sowie anderer Laubbäume waren sie die ganze Nacht über vernehmbar, und ihre seltsamen Töne mischten sich mit denen eines Angehörigen der Ornis, des um die ersten Morgenstunden häufig seinen Ruf erschallen lassenden Centropus superciliosus Hempr . »Tippu-Tippu« nennen die Küstenleute diesen Kuckuck, dessen dut, dut – du, du, du – dut dut – du du wechselseitig von mehreren der sich antwortenden Vögel ausgestoßen durch die Stille der Nacht erklingt ... ... Auch zur Tageszeit werden die Baumschliefer häufig sichtbar, wenn man in den feierlich stillen, düsteren Urwald eintritt, dessen dichte Belaubung das Tageslicht zu einem geheimnisvollen Düster herabstimmt, so scheint zuweilen dieser Wald öde und bar allen Tierlebens. Nun aber geht plötzlich mit scharfem Warnruf eins der schönen, rotfüßigen Frankoline zu unseren Füßen auf, und, erschreckt durch seinen Warnungsruf, huschen an den Stämmen der uralten Juniperus procera und anderer Baumriesen hier und da kaninchenähnliche Tiere geschickt empor, um im selben Augenblicke in den Löchern und Rissen des Astwerks zu verschwinden. Das sind die Baumschliefer, »Peléle« der Wadschagga, deren Pelzwerk nicht nur von diesen zu Mänteln verarbeitet und geschätzt, sondern auch neuerdings von den Europäern exportiert wird. Die Eingeborenen fangen den »Peléle« in Schlingen, und ungeheure Mengen der kleinen Fellchen wurden in den letzten Jahren zur Ausfuhr gebracht. Die Verfolgung des Baumschliefers ist sogar ebenso wie die des Mbega-Affen ( Colobus ) derartig intensiv betrieben worden, daß das Tier sich schon in sehr bemerkenswerter Weise vermindert hat. Die den Eingeborenen auferlegte Hüttensteuer treibt sie dazu, der Tierwelt weit über den eigenen Bedarf nachzustellen, um durch Verkauf an Händler den Betrag der Steuer entrichten zu können. Welch ungeheure Mengen an Wildfellen in den Handelsemporien zusammenströmen, habe ich in Aden und Marseille beobachten können, in welchen Hafenstädten Tausende und Tausende, aus Antilopenfellen bestehende Ballen verladen werden. Es ist ein offenes Geheimnis, daß der allergrößte Teil dieser Felle von gewerbsmäßig jagenden Eingeborenen eingeliefert wird, im Auftrage der für europäische Firmen fungierenden Aufkäufer. Die englische Regierung hat längst den schmählichen Handel mit Antilopenhörnern auf den Aden anlaufenden Dampfern durch einen sehr hohen Ausfuhrzoll – das einzige wirksame Wildschutzmittel – unterbunden. Die Hunderttausende von Antilopenfellen aber werden ungehindert exportiert, und zwar als Viehhäute deklariert! Leicht aber konnte ich mich an den Ballen bei mehreren Sendungen überzeugen, daß es ausschließlich Wildfelle waren, die man geschickt in Kuhhäute verpackt hatte. In früheren Zeiten wurden sie ganz offen, nur etwas verschnürt, expediert; heute aber verhüllt man die Ballen mit Bastmatten. In Ostafrika aber geht es im kleinen, wie dort im großen: unzählig sind die Fellchen der »Peléle«, der Mbega-Affen und vieler anderer in Massen getöteter und verhandelter Tiere. – – – Die Bestimmungen des Wildschongesetzes und die ausrottenden Anforderungen des überseeischen Handels sind eben fast unvereinbar. Sieht man aber die Tausende und Tausende von Ballen mit als Kuhhäute deklarierten Antilopenhäuten in dem Laderaum der mächtigen Ozeandampfer verschwinden, hört man stundenlang das Klirren der Ladeketten und das Rasseln der Ladekräne, unterbrochen von den rauhen Rufen der verstauenden Mannschaft, so erscheint dies wie ein Symbol der in die fernsten Länder eindringenden modernen Zivilisation ... ... Und dann wagt man noch, von dem »Sportjäger«, von dem »zoologischen Sammelreisenden« als »Wildvernichter« zu sprechen, weil ersterer – ich habe selbstverständlich nur den fairen guten Jäger im Auge – sich seine Trophäen mühsam erjagt – weil der andere in mühevollster Arbeit eine Anzahl von Präparaten der Wissenschaft dienstbar macht? – Eine Anzahl interessanter, versteckt lebender Bewohner der Steppe und des Urwaldes führe ich nur flüchtig an: das seltsame Schuppentier, die großen Landschildkröten, die unserm deutschen Igel sehr ähnlichen Weißbauchigel und der kleine flüchtige Steppenhase bewohnen die Masai-Nyika in Mengen. Sie und manche anderen kleineren Formen, wie auch die sich der Beobachtung meistens entziehende Fischotter Ostafrikas zeigen sich aber doch immerhin dann und wann den Beobachter und erfreuen ihn. Öfter aber trifft er auf die Wildschweine in Steppe und Buschwald. Während der Norden Afrikas, dessen Küstenländer zoogeographisch zum Mittelmeergebiet gehören, eine unserm deutschen Schwarzwilde sehr ähnliche Form von Wildschweinen beherbergt, finden wir weitverbreitet südlich der Sahara andere Arten von Wildschweinen. Im Gebiete der Masailänder heimatet eine geradezu phänomenal häßliche Art, das Warzenschwein , ol bĭtĭr der Masai, dessen Name ja schon andeutet, daß es dem menschlichen Auge nicht schön erscheint. Tatsächlich bietet namentlich der mit zahlreichen Warzen und Hautprotuberanzen besetzte Kopf dieses Tieres einen ebenso grotesken wie häßlichen Anblick. Die zweite Art, das Flußschwein , hält sich mehr in der Nähe bewohnter Gegenden auf, und ich kam infolgedessen seltener mit ihm in Berührung. Das Warzenschwein aber ist namentlich in der Nähe des Kilimandscharo recht häufig zu finden, und bietet dem Jäger in starken alten Keilern ebenso erfreuliche Jagd wie auch ansehnliche Trophäen in Gestalt seiner mit stark gekrümmten Hauern versehenen Schädel. Die Wildschweine werden, wie allerorten, so auch in Afrika, Pflanzungen und Feldern außerordentlich schädlich und sind, wie überall, zur Nachtzeit nur sehr schwer von den Feldfrüchten abzuhalten. Das Warzenschwein aber ist durch sein mächtig ausgebildetes Gebräch in den Stand gesetzt, auch in der unbewohnten Steppe durch Wühlen und Brechen allerorten genießbare Stoffe aufzufinden und nimmt, wie ich dies mehrfach erfahren habe, auch Aas an, wo es solches findet. Die Schweine sind mit ungeheuer feinen Sinnen in bezug auf Gehör und Witterung begabt, während ihr Gesicht sehr schwach ist. Starke alte Keiler haben infolge ihrer Rückenmähne, flüchtig, namentlich im Hochgrase, eine bei entsprechender Beleuchtung oft täuschende Ähnlichkeit mit männlichen Löwen; mehr wie einmal wurde ich von meinen Trägern alarmiert, weil sie flüchtige Schweine für Löwen hielten. Eine Eigentümlichkeit des Warzenschweines ist es, daß es sich nicht selten in den Bauen des merkwürdigen Erdferkels aufhält, namentlich bei großer Hitze; besonders geringere Stücke findet man öfters zu mehreren in diesen Röhren. Angeschossene Warzenschweine klappen stark mit dem Gebräch und versuchen, den Schützen anzunehmen, weshalb einige Vorsicht geboten ist. In ihrer grauen einförmigen Färbung gleichen die Warzenschweine überraschend dem Boden der Steppe und sind außerordentlich schwer wahrnehmbar, wenn sie sich – selbst in dürftiger Deckung – in der Steppe eingeschoben haben. Länger wohl wie die meisten andern Angehörigen der ostafrikanischen Fauna werden die Wildschweine trotz der Verfolgung durch die Zivilisation sich erhalten. Gibt es doch heutigestags noch Schwarzwild in freier Wildbahn im übervölkerten Deutschland nicht allzu selten! In manchen fieberbedrohten Gegenden Ostafrikas mögen sie da noch manches Jahrhundert ihr Wesen treiben. – Für den tierfreundlichen Menschen hat es etwas seltsam Schönes und Anziehendes, in einem fremden, unerforschten Lande täglich Neues und Unbekanntes zu sehen, zu hören, zu beobachten und zu erleben. Je seltener eines der Mitglieder der noch so unerforschten Tierwelt ist, je versteckter es sein Wesen treibt – einen um so größeren Reiz hat es für den Forscher, ihm seine Geheimnisse abzulauschen. Afrika aber wird noch für lange, lange Zeiten dem Jäger, dem Tierfreund, dem zoologischen Beobachter in seiner Tierwelt stets neue Überraschungen bringen, neue Rätsel aufgeben! 19. Ostafrikanische Antilopen. In dem Werke »Tierreich« sagt Professor Ludwig Heck: Eine Antilope ist jeder echte Hornträger, der keine Ziege, kein Schaf oder Rind ist. Damit definiert man wohl am zweckmäßigsten die zahlreichen Arten der unter dem Sammelnamen »Antilopen« zusammengefaßten Horntiere, an denen Afrika so reich ist. Ein Pärchen der schönen Zwerggazellen (Eudorcas schillingsi Knotterus-Meyer) belohnte meine Versuche, das scheue Wild in der westlichen Masaisteppe nachts im Bilde festzuhalten. Unter den sogenannten Antilopen zeichnen sich zwei Arten besonders durch ihre Größe und stärke aus,– es ist das große Kudu ( Strepsiceros strepsiceros Pall .), auch große Schraubenantilope genannt, »ol mǎlo« der Masai, und die Elenantilope , von den Masai »os sǐrǔǎ, von den Küstenleuten »Mpófu« genannt. Das Kudu, ein hirschgroßes, dunkelgefärbtes und mit weißen Querbinden geschmücktes Wild, dessen Männchen zuweilen den größten und stärksten Hornschmuck aller afrikanischen Antilopen trägt, ist ein Bewohner bergiger Gegenden und kommt im Masaigebiet nur sehr selten vor. Im Jahre 1899 machte ich eine Reise vom Panganiflusse aus ins Paregebirge und lagerte am Fuße des mittleren Paregebirges, um auf Kudus zu pürschen. Ich traf das seltene und scheue Wild auf den mit Kandelaber-Euphorbien bestandenen Berghängen sehr vereinzelt an und fand nach mehreren vergeblichen Pürschen ein Rudel von vier Tieren mit einem Bock, den ich erlegte. Während des Tages verbargen sich die Kudus in den Euphorbienbeständen der Vorberge, und nur sehr früh am Morgen sah ich sie, äußerst scheu, an den Berghalden äsend, über die sie von weitem wechselten. Jetzt, – es war im Frühjahr, – in der heißesten Jahreszeit, waren die Bergabhänge kahl verbrannt; nur sporadische leichte Regen hatten hier und da junge Gräser und frische Blätter erzeugt, welche die Kudus aufsuchten. In der brennenden Sonnenglut, im felsen- und steinübersäeten Terrain war die Pürsche inmitten der stachlichten Vegetation höchst schwierig. Leider fand ich damals schon in jeder Hütte der Eingeborenen dieser Gegend einen oder mehrere Vorderlader, mit denen sie bereits diesem großen, eine begehrenswerte Beute bildenden Wilde so eifrig nachgestellt hatten, daß es fast ausgestorben war. Sonst habe ich die große Schraubenantilope im Masaigebiet nur noch am Gileïvulkan zu Gesicht bekommen. Sie muß aber auch am Steilabfall des »großen Grabens« am Natronsee vorkommen, da die Eingeborenen von Nguruman zahlreiche aus den Hörnern der Kudus gefertigte Bagurmas (Signalhörner) besaßen. Kuch im Süden Deutsch-Ostafrikas ist das große Kudu noch häufig, wenigstens brachte mir ein bekannter Offizier der Schutztruppe aus der Gegend von Tabora sehr viele durch Askari erbeutete Kuduhörner mit an die Küste. Ich selbst besitze einen »Record«-Kudu-Schädel mit hörnern von, 150 cm Länge. Ist meine eigene Bekanntschaft mit der großen Schraubenantilope nicht sehr umfangreich, so fand ich das bedeutend schwächere und geringere kleine Kudu ( Strepsiceros imberbis Blyth .) erfreulicherweise noch recht zahlreich. Das große Kudu, dieses herrliche, in Südafrika früher nicht seltene und in Deutsch-Südwestafrika auch heute noch häufig vorkommende Wild ist im Masaigebiet, wie gesagt, sehr selten geworden, und in Britisch-Ostafrika sogar so selten, daß man es dort längst ganz besonders sorgfältig schützt. Das vorkommen des wundervollen kleinen Kudus ist dagegen immerhin als ein sehr lokales und zerstreutes zu bezeichnen. Nach meinen Feststellungen nennen die Masai diese prächtige Wildart »os sǐrǎm«, während es die Wandorobbo mir mit »Njaigo« bezeichneten. Die schönen, weißgemähnten dunkelgefärbten Böcke und die mehr braungefärbten hornlosen Weibchen gewähren, wenn man ihrer plötzlich ansichtig geworden, einen ebenso überraschenden wie herrlichen Anblick. Die weißen Streifen auf ihrem Haarkleide lassen das Tier außerordentlich mit der Umgebung verschwimmen, so wie dies auch bei Zebras von mir beschrieben worden; die weiße Streifung des Kudus wirkt täuschend wie das durch Geäst und Gezweig fallende Sonnenlicht! Die ganz außerordentlich großen Lauscher befähigen das ausschließlich im dichten Dornbusch lebende Wild, auch das kleinste verdächtige Geräusch wahrzunehmen. Die Haltung der Böcke ist eine stolze und imposante, ganz besonders, wenn sie, des Menschen ansichtig geworden, einen Augenblick verhoffen (stutzen). An den östlichen Ndjirisümpfen war die kleine Schraubenantilope früher zweifellos ebenso zahlreich wie an anderen geeigneten Ortlichkeiten der Masai-Nyika; tragen sie doch im Munde der Masai heute noch den Namen »Ngare- ›os sǐrǎm‹« (Ngare – Wasser, os sǐrǎm = kleines Kudu). Leider wurde dies Kudu durch die 1891 in Ostafrika wütende Rinderpest sehr dezimiert. Mein Freund und einstiger Pfleger in schwerem Malariafieber (1896), der englische Offizier Mr. Hobley, sah, wie F. J. Jackson in » The Badminton Library « berichtet, im Jahre 1891 mehrere dieser entsetzlichen Krankheit soeben erlegene Exemplare im englischen Ostafrika. Das kleine Kudu ist ein Tier des Flachlandes. Bei dem steinigen Charakter der von ihnen bevorzugten Örtlichkeiten in der Steppe ist die Pürsche auf dieses Wild besonders schwierig. Sie pflegen in kleinen Sprüngen – von einem Bock und einigen Tieren – während des Tages zu ruhen, morgens und abends aber auf Äsung auszugehen. Häufig lassen sie den Schützen bis in ihre unmittelbare Nähe kommen, um dann, flüchtig werdend, oftmals in geradezu ungeheuren Fluchten auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Lange Zeit habe ich mich bemüht, eine brauchbare Aufnahme dieser Antilope zu erlangen; aber die einzige gute, die ich erzielte, ging mir durch eine Reihe von unglücklichen Umständen verloren. Da diese Antilopen meistens im Schatten von Büschen stehen oder aber bei nicht voller Sonnenbeleuchtung anzutreffen sind, so sind photographische Aufnahmen begreiflicherweise besonders schwierig. – als ich mit großem Glück einst am Kilumbin-Vulkan einen kapitalen Kudubock gewahrte, der, in stolzer Haltung verhoffend, mich auf fünfzig Schritte hatte herankommen lassen, zitterte meine Hand bei der Teleaufnahme ein wenig, und das Bild wurde verdorben: das Kudu hatte auf der Platte nur eine verschwommene Ähnlichkeit mit einer Antilope! Die Hörner alter Böcke habe ich ganz außerordentlich abgestoßen und verwittert gefunden, so daß man hätte glauben können, es mit bereits lange in der Steppe liegenden Hörnern zu tun zu haben. Das kleine Kudu wird ganz besonders häufig von Leoparden gerissen; auf Bäumen aufgehangene Reste habe ich mehrere Male gefunden. In der trockensten Zeit äst dieses Wild besonders viele Sansevieren; ich habe Mägen der kleinen Schraubenantilope zuweilen fast vollständig mit den langen Fasern dieser Pflanze angefüllt gefunden. Die größte und stärkste Antilope des schwarzen Erdteils überhaupt, die Elenantilope ( Oreas livingstoni Sclat .) erinnert in ihrem Aussehen und ihrem Benehmen sehr an ein Kind. Auf den ersten Blick wird dies namentlich beim Anblick eines der alten kapitalen, gegen 900 Kilo und mehr Gewicht erreichenden und gegen fünf Fuß hohen Bullen ins Auge fallen, die massige, imposante Erscheinung dieser gewaltigen, durch stark entwickelte Halswammen ausgezeichneten Antilopen nähert sich zweifellos am meisten dem Rindertypus. Das Herz des Jägers schlägt begreiflicherweise höher, wenn er dieses kapitalen Wildes zum ersten Male ansichtig wird! Ich fand die Weibchen und die jüngeren Tiere stets gestreift; die Bullen im späteren Alter verlieren indes die 5treifung vollkommen und nehmen eine ins ausgesprochen Bläuliche stechende Färbung an. während ich niemals unregelmäßige Hornbildung bei letzteren bemerkte, variieren die Kühe vielfach in Form, Länge und Gestaltung der Hörner; man findet bei ihnen sowohl sehr gedrehte, gewundene, als auch ganz glatte Hörner. Sie erreichen eine beträchtliche Länge, aus Portugiesisch-Ostafrika besitze ich ein paar Hörner von 1 m 4 cm Länge. Längere Zeit hindurch hatte man geglaubt, daß auch die Elenantilope durch die Rinderpest, gleich dem Büffel, seit dem Jahre 1891 in Deutsch- Ostafrika fast ausgerottet sei. Das ist erfreulicherweise nach meinen Feststellungen nicht der Fall. Die an Köpfen zahlreichste Herde fand ich im Lande Kikuyu; es waren siebenundvierzig Stück, welche jedoch, da sie in Gesellschaft von Straußen sich befanden, auf den weiten flachen Ebenen nicht anzupürschen waren. Am Nakurosee erlegte ich 1896 meine erste Elenantilope, zwei andere bei Kibwezi im englischen Gebiete; in späteren Jahren jedoch habe ich viele hunderte von Elenantilopen gesichtet, sowohl einzelne alte Bullen im Herbste unserer Jahreszeit, als auch kleinere und größere Rudel das ganze Jahr über. Die Elenantilope ist erstaunlicherweise eine ausgezeichnete Bergsteigerin. Professor Hans Meyer und Hauptmann Merkel haben sie beispielsweise in Höhen von fast 5 000 Meter auf dem Plateau des Kilimandscharo gefunden. Die Elenantilope führt, wie viele andere Säugetiere Afrikas, ein Wanderleben, sich in ihren Aufenthaltsorten den verschiedenen Jahreszeiten anpassend, und zur trockenen Jahreszeit in bedeutende Höhenlagen der Berge aufsteigend. Wie ein großer Teil der Tierwelt der ostafrikanischen Steppe in permanenter Wanderung, den oft sehr unregelmäßigen Regenzeiten entsprechend, seine Standorte ändert, heute im Gebirge oder der Hochsteppe, morgen in der Niederung oder gar an der Seeküste zu finden ist, so wandert auch die Elenantilope innerhalb eines ungeheuren Gebietes weit umher, immer frische Äsung suchend. Bei Annäherung von Gefahr pflegen sich die zerstreut äsenden »Singoita«, wie die Wandorobbo sie nennen, anfänglich zusammenzudrängen, um zuerst im Trabe, dann aber in schwerfälligem, aber förderndem Galopp flüchtig zu werden. Bevor sie in diesen verfallen, führen sie regelmäßig in höchst charakteristischer Weise einige sie hoch in die Luft erhebende Fluchten aus, die, zum ersten Male gesehen, einen erstaunlichen Eindruck auf den Beobachter machen, da er dem schweren Tiere diese Behendigkeit nicht zugetraut haben würde. Ebenso zeichnen Elenantilopen in einer ganz außerordentlich markanten Weise auf die Kugel, eine Tatsache, die ich stets und ohne Ausnahme habe feststellen können. Ich fand die Elens oft sehr weit vom Wasser entfernt; sie haben die Fähigkeit, es zwei und mehr Tage entbehren zu können. Sie nähren sich keineswegs nur von Gras, sondern auch von Stauden und Baumschößlingen; weiden aber mit Vorliebe die grasbedeckten Abhänge gewisser Höhenzüge ab. Wissend, daß die Elenantilopen Berge besteigen, war ich doch sehr überrascht, als ich sie zum ersten Male dicht am Gürtelwalde, mitten in dem aus undurchdringlichem Jasmin, Vernonien und Smilaxdickichten gebildeten Dschungel, in mehr als zweitausend Meter höhe antraf, wie sie im Begriff waren, bergaufwärts zu wechseln. Ich habe das schöne Wild dann wieder über dem Gürtelwald in der Region der Stauden wahrgenommen. Sehr häufig aber fand ich die Elenantilopen in den grasigen Lichtungen, welche auch die Nashörner lieben, aber auch im dichten Hochwalde auf den verschiedenen Bergen der Masaisteppe in Höhe von 2 000 – 2 400 Meter. Da ich um dieselbe Zeit das Tier in den Ebenen seltener fand, glaube ich, wie gesagt, annehmen zu dürfen, daß diese Antilope zur trockenen Jahreszeit die Berge zu bevorzugen pflegt. In den meisten Fällen fand ich die Elenantilopen nicht mit anderen Antilopen vergesellschaftet, die sehr alten Bullen sogar sehr häufig allein. Nichtsdestoweniger Zeichneten sich diese Antilopen, wo ich sie auch immer beobachten konnte, durch große Friedfertigkeit aus; selbst angeschossene Bullen setzten sich nur wenig zur Wehr. Ihre Hörner waren in einzelnen Fällen außerordentlich zerstoßen; ich lasse dahingestellt, ob dies durch Reiben an Baumstämmen oder durch Kämpfen mit anderen Bullen geschehen war. Das Wildpret der Elenantilope, namentlich jüngerer Exemplare zur feuchten Jahreszeit, zählt zu den ganz besonders vortrefflichen Leckerbissen unter dem dortigen Wilde. Die Häute der Bullen bedürfen einer recht schwierigen Präparation, da sie besonders am Hals von einer außerordentlichen Dicke sind und sehr leicht in Fäulnis übergehen. – Charakteristisch für den afrikanischen Kontinent sind die Gnus , »Njumbo porrini« von den Waswahili, »en gǎt« von den Masai und »Ngaita« von den Wandorobbo genannt. Wenngleich das nunmehr in seiner Heimat, Südafrika, leider nur noch gehegt lebende Weißschwanzgnu ( Connochaetes gnu Zimm .) in jeder Beziehung in seinen Eigenschaften charakteristischer und ausgeprägter erscheint, wie das blaue und das Weißbartgnu, so verleiht doch letztere zoogeographische Art, das Weißbartgnu ( Connochaetes albojubatus Thos .), den Salzsteppen der Masaihochländer einen faunistischen Stempel höchster Eigenart. – Größer und stärker als das südafrikanische Gnu, gleicht es, namentlich von weitem gesehen, sehr viel mehr dem Büffel, als sein kleinerer südafrikanischer Vetter. Der erste Anblick eines oder einiger Gnubullen, wie sie in trotzigster Haltung, unbeweglich, wie mit dem Boden verwachsen, nach dem Fremdling hinüberäugen, erweckt dem Europäer unzweifelhaft das Gefühl, Büffel vor sich zu haben, freilich nur dann, wenn er dem mächtigen afrikanischen Wildbüffel noch nicht in der Wildnis begegnet ist. Zur Zeit meiner ersten Reise war die Frage noch nicht entschieden, welche Art des Gnus die Masailänder bewohnt; heute wissen wir, daß nur das Weißbartgnu dort vorkommt. Es unternimmt weite Wanderungen, je nach den Regenzeiten, ist im höchsten Grade gesellschaftsliebend, und fast stets finden wir es zusammen mit Zebras, Straußen oder Antilopen. Ein seltsames Trio, bestehend aus einem alten Gnubullen, einer weiblichen Giraffengazelle und einem Zwerggazellenbock habe ich wochenlang an einer bestimmten Stelle beobachten und auch einmal photographieren können. Gnus wie auch Zebras begnügen sich oft lange Zeit mit salzhaltigem Wasser, welches anderen Tieren nicht zusagt. In der Trockenzeit finden wir sie monatelang in der Nähe der Natronseen, wo sie das kurze, frische Gras äsen, welches beim Eintrocknen der periodischen Jeen dicht am Wasser hervorsprießt. Eine von mir neu entdeckte Oestruslarve, die noch der Beschreibung harrt, scheint beim Weißbartgnu zuzeiten weit verbreitet; es wäre von großer Wichtigkeit, festzustellen, ob meine Beobachtung dieser Larven auch im Magen der Gnus von anderer Leite bestätigt werden kann! Es kann ja auch das von mir untersuchte Gnu diese Larven sich zufällig einverleibt haben. Näherte ich mich den Herden in abgelegenen Ländern, wo die Gnus den Europäer noch nicht kannten, so war es nicht schwierig, auf nahe Schußdistanz heranzukommen. Namentlich alte Herdenbullen ließen mich zuweilen bis auf zweihundert Schritte und weniger auf freier, flacher, deckungsloser Boga herankommen, bevor sie prustend flüchtig wurden, während ihre Herden sich einige hundert Schritte weiter entfernt hielten. Sehr alte männliche Exemplare halten sich getrennt von den Herden, einzeln oder zu zweien und dreien auf, und scheinen von den im besten Alter befindlichen Bullen abgekämpft, bzw. abgeschlagen zu werden. Solche sehr bejahrten Tiere fand ich mehrere Male mit fast ganz weißen, im Haarkleid gebleichten Köpfen. Schnaubend werden die Gnus vor dem Jäger flüchtig, um nach seltsamen Evolutionen, neckisch spielenden Luftsprüngen, neugierig Front zu machen, dieses Spiel häufig wiederholend. Es liegt dies Gebahren in einer seltsamen Eigenart aller Gnuarten begründet. Ihre Luftsprünge und Kapriolen sind höchst charakteristisch; sie führen diese auch in der Gefangenschaft aus, und man kann sie hier förmlich durch eigene Luftsprünge dazu auffordern. Allen Tiergärtnern sind die Luftsprünge der Gnus wohl bekannt. Am charakteristischsten zeigt sich dies beim südafrikanischen Gnu, dessen eigenartige Luftsprünge und Kapriolen so grotesk sind, daß sie sich mit Worten kaum beschreiben lassen. Ähnliches dürfte unter den Wiederkäuern im erwachsenen Zustand nicht wieder vorkommen. Zum großen Teil ist dieses spielende Springen auch wohl begründet in der Kampfeslust der Bullen untereinander, die sich vielfach innerhalb der Herden äußert. Das Gnu gehört, wie man in früheren Tagen im Kaplande festgestellt hat, zu dem durch einen, auch gut berittenen Mann kaum einzuholenden Wilde, dessen Zähigkeit und Lebenskraft den Jäger immer wieder in Erstaunen setzt. Bemerkenswerterweise zeigt sich das Gnu in der Freiheit dem Menschen gegenüber überaus furchtsam und ängstlich. Wollte es von seiner Kraft und seinen gefährlichen Hörnern Gebrauch machen, so würde es zweifellos dem Menschen so gefährlich oder gefährlicher als der Büffel werden können, namentlich da sein Sehvermögen recht gut ist. Bosheit dem Menschen gegenüber zeigt es immer erst in der Gefangenschaft, erreicht dann freilich an Gefährlichkeit die Pferde- und Oryxantilopen. Ich war so glücklich, die ersten lebenden, etwa zweijährigen Weißbartgnus im Jahre 1900 nach Europa bringen zu können. In Begleitung zweier Kühe, mit denen die Gnus aufgezogen waren, folgten sie meiner Karawane bis zur Küste und gelangten glücklich nach Deutschland. Da sie den Rindern frei folgten, war es nicht leicht, Flüsse mit ihnen zu übersetzen; ich mußte sie jedesmal werfen und fesseln, um sie durch die Flüsse an Stricken durchziehen zu lassen. Einen Bullen schenkte ich dem Berliner Zoologischen Garten und hoffte, die beiden anderen, damals noch ganz zahmen Tiere zu Zuchtversuchen verwenden zu können. Auf den Koppeln in Weyerhof liefen sie anfänglich frei umher. Glücklicherweise hatte ich dem Bullen beim Herausnehmen aus dem Transportkasten, – den ich nebst den beiden anderen mit meinem Präparator aus einem in der Hafenstadt Pangani gekauften alten Zaun aus europäischem Holz selbst gezimmert hatte – die dolchspitzen Hörner etwas abgestumpft. Hoch erfreut nahm sich ein bewährter Pferdepfleger der seltsamen Fremdlinge an. Seine neuen Pfleglinge selbstverständlich vom Standpunkte der Nützlichkeit aus beurteilend, meinte er: »Dat sin liebe Dierchere! Ich wett', die kann mer' nächstens melke!« Überraschend schnell jedoch änderte sich der Charakter der von den Reisestrapazen erholten, gut gepflegten Tiere. Eines Tages weigerte sich denn auch der Mann, die große Umzäunung seiner Pfleglinge, wie dies notwendig war, zu betreten. »Dat sin kein liebe Dierchere mehr, dat sin Teufele! Dat Weib, dat is ja noch brav, aber der Mann von de beide, tauch nix!« Einige Tage verreist gewesen, glaubte ich nun mit den Tieren selbst noch fertig werden zu können; mit einer langen Fuhrmannspeitsche bewaffnet, unternahm ich es, den gegen mich Front machenden Bullen in die Flucht zu schlagen. Schneller bin ich jedoch in meinem Leben nicht umgestoßen und einige Fuß hoch in die Luft befördert worden! Nur durch ein Wunder entging ich ernsten Verletzungen oder einem schlimmeren Lose. Jetzt vermochten nur noch drei oder vier energische mit Peitschen bewaffnete Männer zusammen die Tiere fortzutreiben. Nach acht Tagen jedoch respektierte der Gnubulle auch diese vereinigten Kräfte nicht mehr, zeigte sich gegen die stärksten Peitschenhiebe unempfindlich und mußte mit seiner Gefährtin in eine mit sehr starken Pfählen abgegrenzte Umzäunung gebracht werden, seine Bosheit steigerte sich hier von Tag zu Tag und verwandelte sich allmählich in eine geradezu unglaubliche Wildheit. Denselben Werdegang machte sein Reisegefährte im Berliner Zoologischen Garten durch; alle drei Tiere erlagen jedoch leider nach einiger Zeit der Tuberkulose. Unter allen Antilopenarten sind es die Gnus, die die weite offene Steppe, – die Boga – am meisten lieben und hier ihren Aufenthalt vorzugsweise nehmen. Im glühenden Sonnenbrande liegt in unendlicher Weite der hellfarbige, rötlich schimmernde Lateritboden vor unseren Blicken, und Hunderte von gedrungenen, je nach der Beleuchtung in verschiedenen Tinten dem Auge sich bietenden Tierkörpern beleben die öden Flächen. ... Wie zutraulich Wild in menschenleeren Gegenden sein kann: Schnaubend wurden die Gnus flüchtig, um nach seltsamen Evolutionen neugierig Front zu machen ... Taucht in den Mittagsgluten in der Ebene die so oftmals geschaute Fata Morgana – uns bläuliche Wasserflächen vortäuschend – auf, so scheinen die Gnus, die Zebras sich mitten im Wasser zu bewegen. ... Um die Mittagsstunde halten einzelne Gruppen von Gnus ihre Siesta unter den vereinzelten, dürftigen Dornenstrauchbäumen von Salvadora persica und andern Bäumen; zur übrigen Tageszeit aber sieht man die Wildrudel über die Ebene zerstreut. Es tritt dann so recht in Erscheinung, daß hier wie überall das Leben in der Tierwelt auch insofern ordnenden Gesetzen unterliegt, als die vereinigten in der Vollkraft der Jahre stehenden männlichen Individuen dieser Gnuherden die alten greisenhaften Stiere abkämpfen und dauernd dem sozialen Verbande des Rudels fernhalten. So sehen wir denn links und rechts die alten Bullen wie vorgeschobene Posten einige hundert Schritte abseits von der Herde, und bemerken, daß ihre Annäherung stets von den jüngeren Herdebullen zurückgewiesen wird. Kermit Roosevelt, dem Sohne des Präsidenten, gelang es 1910, schöne Aufnahmen kämpfender Gnubullen in Britisch-Ostafrika zu machen. In den Hungerjahren 1899/1900 konnte ich nicht selten eine Art ernsten Kriegsspieles zwischen Gnus und Eingeborenen in der staubdurchwirbelten Steppe zwischen Kilimandscharo und dem Meruberge aus der Vogelperspektive von einem der zahlreichen Hügel jener mit Lava besäten Steppe aus beobachten. Aber obwohl die Eingeborenen, jede Deckung benutzend, sich den Gnurudeln mit ihren Bogen und Giftpfeilen zu nähern versuchten – immer wieder wußten diese ihren Feinden zu entfliehen, gewarnt durch ihre Vorposten, alte Gnustiere, die allerorten die Rudel flankierten. – – – In den Steppengebieten, durch welche die englische Ugandabahn den Reisenden zum Viktoria-Nyanza befördert, wird man manchenorts besonders große Herden von Gnus neben vielen anderen Antilopen dicht am Schienenwege wahrnehmen. Es ist den englischen Behörden durch strengste Verordnungen gelungen, hier unmittelbar an der großen Verkehrsader mit Erfolg Wildreserven zu schaffen. Mit eiserner Energie gingen die Behörden hierbei vor, und der erste Übertreter der Verordnungen, ein höherer englischer Beamter, soll dem Vernehmen nach mit sehr hoher Geldstrafe gebüßt worden sein. Ein derartig praktisch durchführbares Vorgehen innerhalb eines kontrollierbaren Revieres ist aller Anerkennung wert. Es unterscheidet sich in bemerkenswerter Weise von dem deutschen Schutzsystem durch Verordnungen, die für weitentlegene Steppengebiete wohl erlassen, aber niemals überwacht werden können, während in der Nähe der Stationen zuweilen das Wild ausgerottet wird. Der Wildreichtum, den ich in den Steppen Britisch-Ostafrikas habe beobachten können, lange bevor ein eiserner Schienenweg den Indischen Ozean mit dem größten zentralafrikanischen See verband, ist so zum großen Teil erhalten geblieben und gibt einen deutlichen Fingerzeig, was durch zweckmäßige Anordnungen in der Nähe der zu bauenden Eisenbahnen auch im deutschen Ostafrika zu erreichen wäre! – – – Riesen unter den Antilopen heimaten außer den genannten drei Arten in manchen Teilen Deutsch-Ostafrikas; es sind die großen Pferdeantilopen , Hippotragus niger und Hippotragus equinus , beide von den Waswahili Palla-halla genannt. In den eigentlichen Masaihochländern ist erstere Art nicht zu finden; vielmehr birgt ein sich kaum über 100 Kilometer landeinwärts erstreckender Küstenstreifen der Linie Mombas-Tanga-Pangani-Sadaani hauptsächlich dieses herrliche Wild. Die verwandte Art finden wir im Süden des Landes, im abflußlosen Gebiete. Aus den zahlreichen frischen Hörnern, die ich bei den Händlern in Sansibar leider häufig fand, und die nach ihrer Aussage alle aus deutschem Gebiete stammten, ferner aber aus den Erfahrungen verschiedener Reisenden ist es festzustellen, daß die schwarze Pferdeantilope in dem Gebiete der Küste nicht allzu selten vorkommt. In den Ländern am Kilimandscharo fehlt die »Palla-Halla«. Den Eingeborenen dortselbst war sie völlig unbekannt; erst im Gebiete des Ngare-Dobasch sah ich die verwandte, helle Pferdeantilope ( Hippotragus equinus ), die ich auch später wieder unweit der Landschaft Kikumbulia einmal beobachten konnte. Ich glaube nicht, daß in den Ländern am Kilimandscharo Pferdeantilopen je vorgekommen und dann erst durch die Rinderpest ausgerottet sind; kamen sie jedoch dennoch hier vor, so haben sie wohl niemals zu den häufigen Erscheinungen gezählt. In voller Freiheit aufgenommene photographische Aufnahmen der prächtigen Pferdeantilopen wären ein jeder Weidmannskunst und -ausdauer würdiges Unterfangen, das mir leider nicht vergönnt war. Auch sind mir derartige »Natururkunden« bis heute (1920) nicht zu Gesicht bekommen. Eine im Kaplande vorzeiten heimatende Art der Pferdeantilope ist schon längst bis auf das letzte Stück durch Pulver und Blei vernichtet worden. Recht oft dagegen traf ich auf eine ebenso schöne wie scheue, hauptsächlich in den trockensten, aridesten, fern von Wasserquellen gelegenen Steppengebieten wohnende Antilope, die Oryxantilope oder Spießantilope ( Oryx callotis Thos. ). In Zahlreichen Arten in Afrika und Arabien verbreitet, erreicht diese Antilope im Süden des Kontinents in dem, leider nach neueren Nachrichten in Deutsch-Südwestafrika in den letzten Jahren sehr dezimierten »Gemsbock« (eine der törichten Burenbezeichnungen einer Antilope) der Kapländer ( Oryx gazella ) ihre stärkste Ausbildung und die ansehnlichste und längste Hornzier. Letztere ist bei den männlichen Tieren stets stärker, gedrungener und kürzer ausgebildet, wie bei den Weibchen; letztere tragen, dafür bedeutend längere, dünnere und spitzere Hörner. Eine 1900 von mir erlegte Kuh trug nur ein Horn; das zweite war abgebrochen. Diese Antilope erinnerte mich ganz auffallend an das englische Wappentier, das bekannte sagenhafte Einhorn. Die in Deutsch-Ostafrika aber vorkommende Oryxart ist die mit Haarbüschen verzierte, »schönohrige« Oryx ( callotis = schönohrig), während weiter nördlich die Beisaantilope ( Oryx beisa ) diese Ohrbüschel als Ohrschmuck nicht aufweist. Den Waswahili ist die Spießantilope unter dem Namen »Chiróa« bekannt, den Masai als »ol' gomassurok« und den Wandorobbo als »Songóri«. Bevor ich sie in den Masailändern jagte, hatte man dort wenig Kunde von ihrem Vorkommen; ich fand sie jedoch äußerst zahlreich in Herden bis zu sechzig Stück, meist aber in kleineren Rudeln und, wie bei den meisten Antilopen, alle starke Böcke vereinzelt lebend. – Ihr außerordentlich der Färbung der Steppe gleichkommendes graubraunes, sandfarbenes Haarkleid, ihre Eigentümlichkeit, fernab in der Einsamkeit zu leben, ist die Ursache, daß sie verhältnismäßig selten von Europäern beobachtet und erlegt wurde. Hat doch ein so ausgezeichneter englischer Jäger, wie F. T. Selous, wie mir berichtet worden, vor einigen Jahren mehrere Wochen vergeblich versucht, im britischen Gebiet die von ihm noch nicht erlegte »Chiróa« zu erbeuten. Auch ich habe ihre Standorte erst aufgefunden, als mir allmählich die Masai-Nyika vertrauter geworden war. Diese Antilope lebt oft wochenlang weitab vom Wasser und bedarf dessen nur selten; der nächtliche Tau und wasserhaltige Pflanzen genügen ihr zeitweise vollkommen. Nur zur größten Trockenzeit sucht sie das Wasser auf. Außerordentlich kurz und gedrungen in ihrer Erscheinung, besitzt sie in ihren langen und spitzen Hörnern ungeheuer gefährliche Waffen und dürfte darum selbst den Leoparden keineswegs zu fürchten haben. Sie ist so wenig bergliebend, wie das Gnu, vielmehr ein Tier der Ebenen. Scheuen Charakters, vermeidet sie bewohnte Gegenden nach Möglichkeit. Die Mütter sehr junger Tiere dieser Art wehrten geschickt die übrigen Mitglieder des Rudels vor allzu großer Annäherung an die Jungen ab, wie ich dies schöne Wild zuweilen auch bei einer Art Kampfspiel beobachten konnte, wobei die einzelnen Tiere gewandt mit ihren spitzen und gefährlichen Hörnern die spielenden Stöße ihrer Genossen parierten. Gleich dem Gnu zeigt sie eine besondere Vorliebe für die Gesellschaft von Zebras. Nicht selten fand ich Spießantilopen, namentlich einzelne Bullen, zur Tageszeit ruhend, selbst auf kleinen Blößen inmitten ausgedehnter Suedabüsche. Hier hatten sie sich aber stets so niedergetan, daß sie sich unterhalb des Windes durchs Auge sichern konnten; oberhalb des Windes befand sich oft außerordentlich günstige Deckung zum Anpürschen. Unmöglich aber wäre es unter solchen Umständen für Raubtiere oder den Jäger, sich ihnen des ungünstigen Windes halber zu nähern. Die Oryxantilope gehört zu den zähesten Wildarten; nur ein sehr gut sitzender Schuß bringt sie zur Strecke. Theodore Roosevelt berichtet in seinem vorzüglichen Reisewerke: »Afrikanische Wanderungen«, daß auch er die »Chiróa« 1910 in Britisch-Ostafrika scheu und schwer anpürschbar und gegen Verwundungen sehr unempfindlich fand. Auch diese schöne und interessante Antilope war lebend bis zur ersten Niederschrift dieses Buches noch niemals nach Europa gelangt. – – – Geweihtragende Wiederkäuer fehlen in Afrika vollkommen, mit Ausnahme zweier auf den äußersten Norden des Kontinents beschränkter Hirscharten. Einige Arten der über Afrika in verschiedenen Arten weit verbreiteten Wasserböcke ( Cobus ) erinnern jedoch auffallend in ihren Gewohnheiten, Haltung und Betragen an Hirsche; namentlich die weiblichen Stücke gleichen in bemerkenswerter Weise den Tieren unseres Rothirsches. Die männlichen Wasserböcke tragen einen stattlichen Kopfschmuck in Gestalt von leierförmig gebogenen Hörnern. Im allgemeinen beobachtete ich den »Curo« der Waswahili in der Nähe des Wassers und in der Nähe von Sümpfen; er tritt jedoch auch in die offene Steppe, und zieht sich während der trockenen Jahreszeit auch in Bergwälder zurück, dort gute Deckung und Schutz vor den Fliegen findend. Cobus ellipsiprymnus nennt die Wissenschaft den im Masaigebiet heimatenden Wasserbock, den die Masaisprache mit »ol' ěmaingó« und die Wandorobbosprache als »ndoi« (weich gesprochen) bezeichnet. An der Meeresküste liebt der Wasserbock besonders die Nähe der salzhaltigen Creeks. Außerordentlich zahlreich fand ich ihn in der Nähe sumpfiger Flußufer, wo die Anzahl der von mir an einem Tage beobachteten Wasserböcke – so an den Ufern des Panganiflusses – oft mehrere hundert betrug. Wie bei allen Antilopen, sondern sich auch die Wasserböcke in nach Geschlechtern getrennte Rudel ab; man findet aber zur selben Jahreszeit auch einzelne Böcke bei den oft sehr zahlreichen Rudeln von weiblichen Stücken. Ganz besonders liebt der Wasserbock in Flüssen gelegene Inseln, zu denen er, unbekümmert um die Krokodile, durch die Flußarme wechselt. Dem Wasserbock ist ein höchst charakteristischer Geruch eigen, der sich an den Standorten dieses Wildes besonders intensiv und auf weite Entfernung bemerkbar macht. Dieser teerartige Duft durchdringt auch das Wildpret, so daß dessen Genuß Europäern wenig zusagt. Die alten weiblichen Wasserböcke zeichnen sich durch große Scheu und Aufmerksamkeit aus und geben stets zuerst das Zeichen zur Flucht; der oder die bei ihnen befindlichen Böcke pflegen dann stets den Beschluß des flüchtigen Rudels zu machen. Die Lebenszähigkeit dieser Antilopen ist, wie die der meisten anderen afrikanischen Hornträger, sehr bemerkenswert. Ich glaube beobachtet zu haben, daß der Wasserbock hauptsächlich Gräser äst. Im März des Jahres 1897 zog ich allein mit einer kleinen Karawane vom Kilimandscharo der Küste zu, dem linken Ufer des Rufu folgend. Unter meinem zahmen Rindvieh befand sich auch eine schwarzweiß gefärbte Kuh. Ich bemerkte vor mir auf etwa zweihundert Schritte Entfernung plötzlich etwas Schwarzweißes und hielt dies für jene schwarzweiße Kuh, welche mit meiner Ziegenherde vorangetrieben war. Doch gleich darauf fand ich, daß es ein männlicher Strauß war, welcher zur Mittagsstunde ein Sandbad genommen hatte und nun flüchtig wurde. Kaum eine Stunde darauf sah ich zu meiner größten Überraschung, – diesmal der Karawane weit voranmarschierend, – abermals etwas Weißes vor mir durch die Büsche schimmern. Als ich mich erstaunt mit dem Glase vergewisserte, was dies sei, stellte sich das weiße Etwas zu meiner freudigsten Überraschung als ein schneeweißes weibliches Exemplar des Wasserbocks heraus. Zu meiner größten Enttäuschung fehlte ich das Tier auf weite Entfernung und in begreiflicher Aufregung. Drei Tage blieb ich nun an dieser Stelle, vergeblich nach dem seltenen Tiere suchend: – ich habe es niemals wieder zu Gesicht bekommen! Etwa ein Jahr später wurde es, wie mir berichtet worden ist, von zwei Offizieren an derselben Stelle wiederum vergeblich bejagt. Merkwürdigerweise waren weiße Wasserböcke meinem alten Karawanenführer nicht unbekannt. Vor Jahren hatte er annähernd an derselben Stelle mehrere Stück weißes Wild wahrgenommen, ebenso die ihn damals begleitenden Leute. Hier hätte mir ein glücklicher Schuß beinahe eine Rarität geliefert; ein Gegenstück zu der von mir später erlegten schneeweißen Impallahantilope! Die sogenannten Kuhantilopen , leider auch nicht selten »Hartebeester« mit ihrer häßlichen Burenbezeichnung genannt, sind in vielen Arten weit über Afrika verbreitet. Trotz ihrer stets vorhandenen, unverkennbaren Familienähnlichkeit weichen sie in der Färbung und namentlich in der Hörnerbildung sehr voneinander ab. »Punju« nannten sie meine Wanyamwesiträger; mit »Kongōni« bezeichneten sie die Küstenleute; die Masai nannten sie »Logoandi« und im älteren Idiome »ol'lojulúdjula«. Als Wandorobbobezeichnung der Tiere konnte ich »robōht« erkunden. Im Gebiete der Masaisteppe findet sich das Kongōni der Küstenleute ( Bubalis cokei Gthr. ), ein braungefärbtes, wie alle Kuhantilopen merkwürdig überbautes Tier. Niemals in dichter Deckung sich aufhaltend, ist es ein ausgesprochener Bewohner der Ebene, wo es, scheu und vorsichtig einmal rege geworden, ein außerordentliches »Stehvermögen« entwickelt und sich höchst ausdauernd erweist. Je nach den Erfahrungen, die die Kuhantilope mit dem Menschen gemacht hat, ist sie oft sehr schwer zu berücken; wird jedoch das alte Leittier eines Rudels, sei es nun ein Bock oder weibliches Stück, erlegt, so hält es leider oft nicht schwer, einige andere Mitglieder der Herde zu töten. Dieses auf den ersten Anblick so fremdartig und unschön aussehende Wild bewegt sich über den unebenen Boden der Steppe mit einer Leichtigkeit, die nicht in Worte zu fassen ist. Gleich Sprungfedern scheinen die stahlharten Läufe federnd das Tier über den Boden zu tragen; unter Umständen wird die Flucht eingeleitet durch ein höchst charakteristisches Traben, eine Art Stechtrab mit weit nach vorne geworfenen Vorderläufen. Sind die Antilopen sehr flüchtig geworden, so tragen sie den Kopf tief nach vorne gesenkt. Die Lebenszähigkeit dieses ausschließlich von Gräsern sich nährenden Wildes übertrifft nach meiner Ansicht die aller anderen afrikanischen Antilopen; ich habe alte Böcke mit vier und mehr durchaus tödlichen, schweren Schüssen sehr lange verfolgen müssen, ehe ich ihnen den Fangschuß geben konnte. Das Haarkleid dieser Wildart schimmert unter Umständen bei entsprechender Beleuchtung weißlich, wie es treffend aus einer Abbildung der großen Ausgabe dieses Werkes hervorgeht. In offenen, spärlich mit Akazien, Salvadora und Terminalien bewachsenen Bergabhängen, wie auch in der freien Ebene finden wir das »Kongoni« besonders häufig, oftmals vergesellschaftet mit Straußen, Zebras, Gnus und Grantgazellen oder anderen Wildarten. Junge Tiere dieser Antilope, nur wenige Tage alt, die ich hauptsächlich im März und April gefunden habe, vermögen mit einer Leichtigkeit die Flucht zu ergreifen, welche der Flüchtigkeit der Alten vollständig entspricht. Einem solchen, wenige Tage alten Tiere, dessen ich mich durch einen Dauerlauf bemächtigen wollte, habe ich hauptsächlich – allerdings in Verbindung mit schwerem Malariafieber –, jene qualvolle Herzaffektion zu verdanken, die meiner vorletzten afrikanischen Reise ein vorschnelles Ziel setzte. Dem Jäger gewährt diese Antilope keine besonders anziehende Jagd, da ihre Hörner keine besonderen Trophäen bieten. Längere Zeit hindurch vermag die Kuhantilope ohne Wasser zu leben, und die bemerkenswerte Fähigkeit mancher afrikanischer Wiederkäuer, mit sehr wenig Wasser existieren zu können, finden wir auch bei dieser Art besonders ausgebildet. In den zum Viktoria-Nyanza abwassernden Gebieten lernte ich in früheren Jahren noch zwei andere schöne Arten der Kuhantilopen kennen, nämlich die Leierantilope ( Damaliscus jimela Mtsch. ) und Jacksons' Hartebeest ( Bubalis jacksoni Thos. ). Auch glückte mir in Britisch-Ostafrika 1897 die Erlegung einer damals in nur zwei oder drei Exemplaren bekannten Kuhantilope ( Bubalis neumanni Rothschild ). Zu jener Zeit verfügte ich leider noch nicht über die Mittel, das afrikanische Wild im Bilde festzuhalten. – Die schöne und graziöse Impallahantilope oder Schwarzfersenantilope ( Aepyceros suara Mtsch. ), die Suara der Karawanenträger, deren Männchen mit prachtvollen leierartig ausgelegten Hörnern geschmückt ist, findet sich sowohl in kleineren Sprüngen, wie auch in großen Rudeln bis zu zweihundert Exemplaren, niemals auf den kahlen Ebenen, wohl aber in buschigem und mit lichtem Walde bestandenem Gelände. Sie ist befähigt, ungeheuer weite und hohe Fluchten zu machen, die das Tier mehrere Meter über den Erdboden erheben. Diese Fluchten werden von der Antilope meistens in dem Augenblicke ausgeführt, wo sie erschreckt das Weite sucht. Bei abgegebenen Schüssen ändert oft dies schöne Wild verwirrt mehrmals die Richtung, wobei die einzelnen Tiere, sich kreuzend, durch- und übereinander springen, – in sonnendurchfluteter Parklandschaft ein Anblick von berückendem Reize! Adel, Grazie, stählerne Spannkraft, wundervolle lebenskräftige Schönheit sind hier aufs engste vereint! , Scheu und zierlich, nimmt die Impallahantilope stets auf ihre Sicherheit sorgfältig Bedacht, und der warnende Schreckton der Böcke erklingt sowohl zur Tages-, wie auch zur Nachtzeit. Der beiden Geschlechtern eigene Warnungston läßt sich am besten durch ein sehr scharf durch Mund und Nase herausgestoßenes »Tjú« verdolmetschen. Junge Impallahantilopen fand ich im Dezember; ihre Mütter hielten sich in der Nähe der großen Rudel auf. Die Impallah liebt ganz besonders eben hervorsprießendes junges Gras; sie weiß solches auf weite Entfernungen zu erkunden. Infolge dieser Vorliebe wechselt sie sehr oft ihren Standort. In der trockensten Jahreszeit hält sie sich in unmittelbarer Nähe der Quellen und Bäche auf, wo man sie stets in den Senkungen, denen frische Gräser entsprießen, wieder auffinden kann. Die Eingeborenen benutzen das, indem sie kleine Strecken der 5teppe abbrennen, auf denen schnell junge Grastriebe wachsen. Sie aufzusuchen eilt die Antilope von weitem herbei, und häufig trifft man das schöne Wild dann zwischen den halb verkohlten Solanum-Stauden auf schwarz verbranntem Steppenboden. Im Herbst des Jahres 1899 bemerkte ich inmitten eines etwa zweihundert Stück zählenden Impallahrudels am Mto-Nyuki am Kilimandscharo ein völlig weißes weibliches Stück. Die Erlegung dieses Stückes gelang mir zu meiner größten Freude nach einer langen und wegen der Kopfzahl der vielen vorsichtigen Tiere besonders schwierigen Pürsche. Die Verfolgung gestaltete sich so schwierig, da die Niederungen an diesem Bache vielfach mit fast undurchdringlichen Sansevieren-Dickichten bedeckt sind. Erst nach der dritten Kugel konnte ich mich der so sehr begehrten Beute bemächtigen. Die erlegte Antilope war kein Albino, sondern hatte normal gefärbte Augen. Längere Zeit darauf ist hier dem Vernehmen nach durch eingeborene Jäger wiederum eine weiße Antilope dieser Art erlegt worden, die nach Europa gebracht wurde. Telebilder aus dem Leben einer ostafrikanischen Antilope ... Die trotzigen Gestalten eines Rudels Weißbartgnus wurden sichtbar. Nach längerer Pirsche auf allen Vieren richtete ich mich auf – eine Aufnahme gelang – dann zog das Rudel weiter in die offene Boga hinaus, – nun begannen die Leittiere mit den Schwänzen zu wedeln und setzten sich in Galopp ... um endlich in voller Flucht das Weite zu suchen. Das Weißbartgnu der Masaihochländer hat, aus der Ferne erschaut, eine gewisse Ahnlichleit mit dem Kafferbüffel und ist, in seiner heimatlichen Steppe beobachtet, von wilder, kraftvoller, wundervoller Schönheit. Eine von Robert Banzer in Oehringen für mich aufgestellte Gruppe zeigt dies seltene Stück von dem von mir erbeuteten melanistischen (schwarzen) Servalluchs und zwei anderen Servalen überfallen, und bildet eine höchst anziehende kontrastreiche Gruppe meines »afrikanischen« Jagdzimmers. Aus der Reihe der im westlichen Afrika in ganz besonders schönen, großen, durch meist außerordentlich stark verlängerte Hufe dem Leben im Sumpfe angepaßten Tragelaphusarten kommt im Norden Ostafrikas nur der Buschbock ( Tragelaphus masaicus Neum. ), die »Mbawára« der Waswahili vor, im Kimassai »Sárga« und von den Wakamba »Nsoia« genannt. Diese Art ist, obwohl auf die Nähe des Wassers angewiesen, wie schon aus der Bildung ihrer Schalen hervorgeht, keineswegs ein Sumpftier, sondern lebt auch in hoch gelegenen Bergwäldern und ist in ihrem Vorkommen an sehr bestimmte deckungsreiche Örtlichkeiten gebunden. Ich fand den Buschbock sowohl in der Nähe der Küste in dichtem Gesträuch, als auch an Flüssen und in 2000 Meter Höhe auf den Bergen der Masaisteppe. Unsere Antilope gibt einen eigentümlichen Schreckton, weit hörbar, von sich, läßt den Jäger zur Tageszeit oft sehr nahe herankommen, ehe sie plötzlich die Flucht ergreift, und geht frühmorgens und abends auf Lichtungen zur Äsung aus. Unter allen Umständen liebt sie sehr dichten und üppig bestandenen Busch. Alle Böcke verlieren allmählich die schöne braune Färbung und weiße Fleckung und werden im höheren Alter immer dunkler. Die Eingeborenen behaupten, daß diese Antilopenart unter Umständen, wenn verwundet, sich sehr angriffslustig und gefährlich zeige. Ich fand mehrmals, daß krankgeschossene Buschböcke ein tiefes rehbockartiges Klagen ausstießen. Einige Stämme verschmähen das Wildpret des Buschbockes. Im März beobachtete ich weibliche Buschböcke bei Arusha Chini mit geringen Kälbern. Infolge ihrer schattenreichen Aufenthaltsorte gelang es mir leider nicht, eine brauchbare photographische Abbildung zu erzielen. Eine Fülle von herrlichen Antilopenarten bieten dem Weidmann im Steppen- und Urwaldgebiet Ostafrikas Gelegenheit zu anziehenden Pürschgängen. Aber freilich, die begehrteste Trophäe des deutschen Jägers, das kapitale Hirschgeweih , muß ihm dort versagt bleiben. Dafür aber entschädigen ihn zahlreiche Hornträger in reichlicher Weise, und auch heute noch – 1920 – winken dem forschenden Jägersmann dort drüben in Urwald, Sumpf und Steppe Trophäen von höchstem Reize – unentdeckte, unbekannte Wildarten! 20. Gazellen und kleinere Antilopen. Die beiden häufigsten Gazellenarten der Masai-Nyika sind die Grantgazelle oder Riesengazelle ( Gazella granti Brooke ) und die sehr ähnlich gefärbte, aber bedeutend kleinere Thomsongazelle oder Zwerggazelle ( Gazella thomsoni Gthr. ). Die große und schöne Grantgazelle, deren Böcke prächtig geschweifte, und deren Weibchen stets ebenfalls schöne lange, wenn auch schwächere Hörner tragen, wurde erst im Jahre 1860 durch Speke und Grant in Ugogo aufgefunden und bekannt, auf ihrem Wege zum damals von ihnen entdeckten Viktoria-Nyanza. Die kleinere Gazellenart, die »Goilín« der Masai, verdankt dem englischen Reisenden Thomson erst 1883 ihre Entdeckung. In oft vielköpfigen Rudeln finden wir die stattliche Grantgazelle im ganzen Masailand, höchst selten in einzelnen Exemplaren, oft aber in größeren Herden, die entweder nur aus weiblichen Tieren und nur aus Böcken bestehen, oder auch aus einer Anzahl weiblicher Tiere mit einem oder einigen Böcken. Einzelne weibliche Grantgazellen fand ich in den Sommermonaten häufig inmitten großer Glasflächen, und es gelang mir dann zuweilen, ihre Kälber aufzustöbern, die in der Nähe verborgen waren. Sind diese etwas herangewachsen, so sucht ihre Mutter mit ihnen wiederum das Rudel auf. Beide Gazellenarten meiden den Wald, finden sich in ihm nur in der Formation lichten Buschwaldes, äsen jedoch nicht nur Gräser, sondern auch Blätter und einige Baumfrüchte, namentlich häufig die Früchte einer großen Solanumart. Die Hörner der männlichen Grantgazelle weichen sehr voneinander ab; manchmal sind sie sehr weit auseinandergebogen, aber auch wieder sehr eng zusammengestellt. Ich fand jedoch beiderlei Hörner an ein und derselben Örtlichkeit vor und sammelte eine große Reihe in allen verschiedenen Formen. Dieses Wild hat die Eigentümlichkeit, beim Flüchtigwerden außerordentlich viele Haken zu schlagen; man bemerkt dies namentlich von den weiblichen Stücken, die in der Flucht stets die Führung übernehmen, während der Bock oder die Böcke des Rudels bedächtig den Beschluß zu machen pflegen. Die Böcke sehen außerordentlich gravitätisch aus, wenn, sie, mit steif gehaltenem Hals die schwere Last der Hörner tragend, langsam fortziehend nach dem Jäger äugen; ihre Weibchen aber sind die Grazie und Beweglichkeit selbst und wissen erfreulicherweise dort, wo sie bereits viel gejagt worden, alle Listen des eingeborenen Pfeil-Jägers häufig zuschanden zu machen. Die Grantgazelle wird in unsern Frühlingsmonaten außerordentlich von einer von mir entdeckten Hypoderma nov. spec. gequält, leidet zur selben Zeit auch sehr unter den Bremsen, die ich ebenfalls in einer neuen Art ( Pangonia nov. spec. ) an ihnen fand. Die Larven des erstgenannten Schmarotzers durchlöchern die Decke des Wildes beim Verlassen ihres Wirtstieres; davon befallene Stücke machen einen außerordentlich jämmerlichen Eindruck und sind schlecht im Wildpret. Die Grantgazelle ist nicht an das Wasser gebunden, sondern man findet sie häufig außerordentlich weit von Wasserplätzen entfernt in der Steppe. Durch ein mit einem Paare stattlicher spitzer Hörner geschmücktes Grantgazellenweibchen bin ich einst in große Gefahr geraten. Mein Freund Alfred Kaiser hatte gelegentlich meiner ersten Anwesenheit in Ostafrika mit mir in der Gegend des Meruberges einen Spaziergang unternommen. Wir rasteten neben einer Fallgrube der Eingeborenen, in der sich ein Nashorn in der Nacht gefangen hatte, als wir plötzlich auf weite Entfernung auf einem Hügel vor uns eine einzelne Grantgazelle bemerkten. Mit der mir vollkommen unbekannten Büchsflinte meines Freundes bewaffnet, pürschte ich die Gazelle an und schoß auf dreihundert Schritte – ein näheres Anpürschen war nicht möglich – mit entsprechend gestelltem Visier die großkalibrige Kugel auf das Tier. Auf den Schuß wurde sie außerordentlich flüchtig und kam – ich vermute, daß ihr Junges nicht weit von meinem Standorte im Grase versteckt war – mit lautem, blöckendem Geschrei, stark schweißend, flüchtig den Hang hinab auf mich zu. Im Anfange traute ich meinen Augen nicht, merkte jedoch bald den Ernst der Situation, und es gelang mir im letzten Augenblicke, die erboste Gazelle wenige Schritte vor meinen Füßen mit dem zweiten Laufe im Feuer ein Rad schlagen zu lassen, wäre mir dies nicht gelungen, so hätte mich das Tier unzweifelhaft mit seinen Hörnern durchbohrt. Man bedenke, wie gefährlich ein zahmer Rehbock unter Umständen für Menschen werden kann! Von einem ähnlichen Betragen dieser Gazellenart habe ich nie wieder gehört; Kaiser aber und ich werden diese Szene wohl niemals vergessen. Die ähnlich gefärbte und gestaltete Thomsongazelle oder Zwerggazelle ist eine bei weitem ausgeprägtere Bewohnerin offener Glasflächen. Sie scheint fast ausschließlich auf die Masailänder beschränkt zu sein und ist nicht nur bedeutend kleiner als die Grantgazelle, sondern auch geistig ihr nicht ebenbürtig und nicht so zierlich und edel. Das Benehmen der Thomsongazellen hat vielmehr etwas, ich möchte sagen ungemein Schafartiges. Die Tiere lassen sich, wo sie noch nicht beschossen worden sind, auf offener Steppe bis auf etwa hundertundzwanzig Schritte angehen, ziehen dann langsam vor dem Schützen her und zeigen in jeder Weise ein unintelligentes Wesen. Sie sind ausschließlich Grasfresser. Die Böcke, die man nicht selten – im Gegensatz zu den Grantböcken, allein antrifft, tragen verhältnismäßig sehr lange und starke Hörner, die manchmal sehr dicht mit den Spitzen zusammengestellt sind, niemals jedoch weit auseinandergebogen verlaufen, wie bei manchen Grantgazellen. Höchst bemerkenswert ist es, daß die weiblichen Thomsongazellen fast ausnahmslos verkrüppelte und schlecht ausgebildete Hörnchen tragen; man findet auffällige Deformationen sehr häufig. Auch erlegte ich einst einen Zwerggazellenbock, der bei ganz normaler Form der Hörner und normaler schwarzer Färbung ihres unteren Teiles völlig pigmentlose weiße Hornspitzen aufwies. Deformationen der Hörner bei Böcken habe ich dagegen nie gefunden. Beim Flüchtigwerden pflegen sich diese Gazellen anfangs in einer höchst stöckrichten steifen Haltung fortzubewegen. Niemals jedoch tragen sie den Kopf bei der Flucht hoch, sondern – namentlich in voller Flucht – nach Art der Kuhantilopen auffallend tief, wobei das ganze Gebäude des Tieres flach und langgestreckt erscheint. Nur beim Traben wird der Kopf etwas höher getragen, namentlich von den Böcken. In der Nähe der von Masai geweideten Viehherden findet man häufig Zwerggazellen ganz vertraut mitten unter dem zahmen Vieh äsend, vorzugsweise unter den Ziegenherden. Wild jeder Art zeigt sich überhaupt den niemals Wildfleisch verzehrenden Masai gegenüber außerordentlich vertraut. Die Böcke fand ich zuweilen derartig eifrig miteinander kämpfend, daß ich sie fast mit Händen fangen konnte. Unsere kleine Gazelle zeichnet eine höchst auffallende Eigenschaft aus, die ich eigentümlicherweise von anderen Autoren nicht erwähnt gefunden habe. Wo und wann man nämlich auch die Tiere erblickt, bewegen sie ihre langen Wedel sehr stark und heftig hin und her, ganz besonders, wenn sie argwöhnisch nach dem sich Nahenden äugen und auch wenn sie flüchtig werden. Unter allen Umständen vermag man an diesem Schwanzwedeln die Thomsongazelle zu erkennen! Hier und da findet man sie in Gesellschaft und Gemeinschaft anderer Wildarten lebend. So habe ich einen einzelnen Bock zusammen mit einer weiblichen Giraffengazelle und einem alten Gnubullen tagelang beobachten können. Auf dem linken Ufer des Panganiflusses habe ich die Zwerggazelle niemals bemerkt, sonst aber sehr häufig gefunden. In außerordentlich großer Anzahl, nach vielen Tausenden Stück, sah ich sie am Nakuro- und Elmenteita- See im englischen Gebiete. Die Zwerggazellen bilden eine eigenartige Zierde der Salz- und Natronsteppen in der weiten Nyika. Hoffentlich bietet ihnen die unendlich große ostäquatoriale Steppe noch lange Schutz und Heim, zusammen mit den schönen Grantgazellen! Unter den Gazellen finden wir in Afrika zwei einander ähnliche Arten, die in jeder Beziehung auf das erstaunlichste, ich möchte fast sagen, übertriebenste ihren öden Aufenthaltsorten angepaßt sind. Man denke sich eine übermäßig schlanke und graziöse, fast einfarbig bräunlich gefärbte, gehörnte Minaturgiraffe, die noch dazu befähigt ist, sich nach Ziegenart auf den Hinterläufen aufzurichten, um so an Büschen und Bäumen zu äsen. Eigentümlich gestaltete Hörner schmücken die männlichen Tiere, die Weibchen sind hornlos. Die eine Art, die Clarkegazelle ( Ammodorcas clarkei Thos. ), ist bisher nur innerhalb ganz beschränkter Örtlichleiten des Somalilandes festgestellt worden; von Wißmann's Angaben sind mit Bestimmtheit irrtümlich. Das Verbreitungsgebiet der anderen Art, der sehr ähnlichen Wallersgazelle ( Lithocranius walleri Brooke ), ist bei weitem ausgedehnter und erstreckt sich nach meinen Beobachtungen weit hinein in die Steppen Deutsch-Ostafrikas. – Bis zur Feststellung dieser eigentümlichen Gazelle in Deutsch-Ostafrika im Jahre 1896 durch mich war diese den Waswahili unter dem Namen »Njogga-Njogga«, den Masai aber als »Nanjád« und den Wandorobbo als »Moile« bekannte Gazelle für jene Gebiete nicht nachgewiesen worden. Allerdings erwähnte Graf Teleki, wie von Höhnel in dem wundervollen, die große Entdeckungsreise beider Herren zum Rudolf- und Stefanie-See beschreibenden Werke ausführt, einer übermäßig schlanken, von ihm erlegten Gazelle in der Nähe des Panganiflusses, ohne indes weitere Angaben zu machen. Ich vermute, daß es sich in diesem Falle um die ihm nicht bekannte Wallersgazelle gehandelt hat. In äußerster Scheu näherten sich die graziösen Impalla- oder Schwarzfersen-Antilopen (Aepyceros suara Mtsch.) der Quelle. Als mein Blitzlicht flammte, hatte ein Bock eben das Wasser erreicht ... Zu einer meiner ersten interessanten Beobachtungen gehörte es, als ich in der Nähe von Buiko am Fuße des Süd-Paregebirges einen Bock dieser schönen Gazellenart in dem Augenblicke wahrnahm, da er sich, grell beleuchtet von der untergehenden Abendsonne, auf den Hinterläufen aufgerichtet hatte, um – zur Trockenzeit – die spärlichen Blätter niedriger Mimosen abzuäsen. Ich war überrascht von dem seltsamen, unerwarteten Anblicke, und glaubte es einen Augenblick mit einer jungen Giraffe zu tun zu haben! Hierbei muß man die Schwierigkeit richtiger Taxierung der Größenverhältnisse, namentlich unbekannter Objekte, in der klaren Luft der Steppe in Rechnung ziehen. Gleich darauf aber erkannte ich meinen Irrtum. Aus Abbildungen war mir das Aussehen der Wallersgazelle bekannt, und freudig fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, daß ich durch meine Wahrnehmung eine hier gar nicht erwartete Wildart aufgefunden hatte. Groß war mein Wunsch, der Gazelle habhaft zu werden, aber bei der unsicheren Abendbeleuchtung fehlte ich das so schmale, fast messerartig dünne Tier spitz von hinten zu meinem lebhaftesten Mißvergnügen. Auch meine zweite Kugel verfehlte das wie ein Schatten verschwindende seltene Wild. Am nächsten Morgen jedoch erlegte ein anderer Europäer ein weibliches Stück dieser Art. Zu meiner Freude wurde so meine Beobachtung bestätigt, deren Mitteilung am Abend vorher Zweifeln begegnet war – und nach Lage der Sache gerechtfertigten. – Es war dies einer der treffendsten Beweise für die damalige höchst oberflächliche Kenntnis der Verbreitung ostafrikanischer Tierarten, gerade wie meine spätere Auffindung einer gestreiften Hyäne und die Feststellung ihrer außerordentlichen Häufigkeit. Bald konnte ich beobachten, daß die Giraffengazelle relativ außerordentlich häufig und überall zerstreut vorkommt, ein nur dem kundigen Weidmann erreichbares Wild. Inmitten dickster Dornenwildnis vermag sie zu leben, weit ab vom Wasser. Dabei ist sie mit der Fähigkeit begabt, inmitten ödester wasserlosester Aufenthaltsorte dennoch genügend frische Triebe, dünne Zweige, grüne Blätter zu finden, deren sie ausschließlich zu ihrer Ernährung bedarf. Inmitten einer Vegetation von Euphorbien, Cissus quadrangularis , Sanseviera cylindrica , Sanseviera Volksenii , und Strauchakazien fühlt sich die Giraffengazelle in der hungrigsten Steppe wohl. Die früheren Angaben, daß sie sich hauptsächlich von vertrocknetem Grase in der Nähe der Regenstrombetten ernähre, habe ich absolut nicht bestätigt gefunden . So weit verbreitet diese Gazelle ist, so sehr ist sie doch an einen ganz bestimmten Charakter der Steppenflora gebunden, der weit leichter durch Erfahrung kennen zu lernen, als zu beschreiben ist. Sowohl innerhalb ausgedehnter Akaziensteppen, wie auch inmitten hügeliger Landschaften ist sie nicht selten. Üppigere Vegetation aber meidet das Tier, ebenso Wälder. Früh gegen Morgen und gegen Abend ist sie rege; die übrige Tageszeit wird im Schatten von Akaziensträuchern verbracht. Bei nahender Gefahr pflegt sie, wie in Erz gegossen, zu verhoffen, wobei ihr übermäßig langer Hals stark und gerade aufgerichtet wird. Hat sich die Gazelle über die Nahenden orientiert, so gleitet sie fast zu einer Linie ausgestreckt, mit weit vorgebogenem Halse, lautlos wie ein Schatten über den Boden zur nächsten Deckung. Erstaunt nimmt der folgende Jäger wahr, daß sie wie vom Boden verschlungen seinen Blicken entschwunden ist und bleibt, von einem Hügel aus kann man so wahrnehmen, daß sie, stets unter geschickter Benutzung der vorhandenen Deckung, außerordentlich bald aus dem Gesichtskreis entschwindet. Diese Eigentümlichkeit, ihre dem Boden so angepaßte Färbung, ihre messerartige Schmalheit und ihre Vorsicht machen es erklärlich, daß die vielen früheren Reisenden sie nicht wahrgenommen haben. Zur Mittagsstunde in der heißen Zeit pflegte ich sie besonders gern zu jagen. Es bedarf allerdings eines die furchtbare Hitze nicht scheuenden Jägers und großer Passion, um diese Jagd auszuüben; dann aber kann sie an geeigneten Örtlichkeiten höchst interessant und ergiebig werden. Wie zahlreich die Wallersgazelle im Norden Deutsch-Ostafrikas vorkommt, beweist der Umstand, daß ich in der Nähe des Kitumbin-Vulkanes zur Mittagszeit innerhalb weniger Stunden fünf Wallersböcke zur Strecke brachte und außerdem vierzehn weibliche Tiere hätte erlegen können! Diese Jagdart ist höchst anstrengend. Es gilt innerhalb des so mühsam zu durchkreuzenden Dornenrevieres möglichst lautlos und nicht zu langsam sich fortzubewegen und entweder das Verhoffen des Tieres wahrzunehmen, oder aber eine Kugel flüchtig anzubringen. Eine allzu langsam ausgeübte Pürsche wird häufig diese Miniaturgiraffe veranlassen, flüchtig zu werden, ehe der Schütze sie zu sichten vermag. Von höchstem Reize ist die Beobachtung einzelner Giraffenzellen oder kleinerer Rudel, die ich bis zur Stärke von acht Stück vereinigt fand, wenn sie gegen Abend ihrer Äsung nachgehen, und sich dabei, wie gesagt, zuweilen auf den Hinterläufen aufrichten. Das geschieht jedoch nicht allzu häufig und hauptsächlich zur trockenen Zeit, in der die Gazelle besonders rege sein muß, um ihre starken Ansprüche und Bedürfnisse in bezug auf frische Vegetation zu befriedigen. Die Zahl der Zebras, Gnus, Kuhantilopen und Gazellen spottete jeder Beschreibung, Einzelne Strauße und ein Giraffenrudel zeigten sich in weiter Entfernung. Der reine Steppenwind war mit dem starken Geruch der eigenartigen Witterung so vielen Wildes gesättigt! (Nach einer Mitteilung Hauptmann Merkers.) Dieses in so unwirtlichen Gegenden heimatende Tier vermochte bisher menschliche Hand weder lebend in der Gefangenschaft zu erhalten, noch viel weniger aber nach Europa überzuführen. Gleich dem herrlichen Kilimandscharo-Seidenaffen ( Colobus caudatus Thos .) scheint sie an so eigenartige Existenzbedingungen gebunden, daß Ersatz dafür ihr vom Menschen nur schwer geboten werden kann. So sehr auch ein Meister der Tieraufzucht, wie Menges, sich im Somalilande darum bemühte: dies schöne Ziel zu erreichen, blieb ihm versagt. Bedauerlicherweise; denn für einen zoologischen Garten in Europa gäbe es kein interessanteres Prototyp der afrikanischen Steppenfauna, als dies ihr graziöses, eigenartig schönes, so eifersüchtig bewahrtes Schoßkind. Es ist eine bedauerliche Tatsache, daß eine Anzahl der hervorragendsten Mitglieder der afrikanischen Fauna kaum je lebend nach Europa gelangen wird. Die Kinder der Steppe sind eben allzu subtil und zart trotz ihrer »unwirtlichen« Heimat! – – – Unter den Antilopen von annähernd derselben Größe wie die Giraffengazelle finden wir die Riedböcke weit verbreitet. Zwei sehr verschiedene Aufenthaltsorte ließen Riedböcke der sumpfigen Ebenen und solche der Berge entstehen; aber sowohl diese wie jene finden wir wieder sehr genau unterscheidbar, je nach ihren geographischen Wohngebieten. Eine kahle Stelle und Drüse unter dem Ohr kennzeichnet alle Riedböcke ohne Ausnahme. Eine eigenartig schöne Erscheinung in bergigen Revieren ist der Masai- Bergriedbock ( Cervicapra chanleri Rothschild ), durch Aussehen und Lebensweise wohl zu unterscheiden von den Riedböcken der Niederungen. Der Erste, der dieses schöne Wild in Deutsch-Ostafrika fand und heimbrachte, war ich. Er bildete zur Zeit der ersten Niederschrift dieser Zeilen noch eines der seltensten Objekte unserer Museen. Ausschließlich im Gebiete der Berge, mindestens aber hoher Hügel, habe ich diesen Riedbock aufgefunden. Ich muß sagen, daß sein Name kaum zutreffend ist, da er nicht im Ried lebt, sondern teils innerhalb mäßig hoher Stauden und Büsche, teils auf den Halden und Kuppen im Bergrevier. Hier finden wir ihn recht zahlreich in kleinen Sprungen bis zu fünf Stück auf den westlichen Abhängen des Kilimandscharo und auf allen Bergen der Masaisteppe. Ich kann meine Verwunderung nicht unterdrücken, daß frühere Beobachter ihn nicht bemerkt haben. Chanler's Riedbock ist nicht unbedingt ans Wasser gebunden, findet sich vielmehr auch auf trockenen, grasigen Hügeln. In solcher Umgebung hat ihn späterhin auch Lord Delamere in der Nähe des Rudolfsees erlegt. Durch große Teile Afrikas finden wir in verschiedenen Arten je einen Riedbock der Ebene und einen Riedbock, der auf Bergen lebt. Chanlers Riedbock ist die für die Masaisteppe in Frage kommende, auf Bergen lebende Art. Ausgezeichnet ist dies Wild durch einen seltsam langen Wedel, die sympathische isabell-gräuliche Färbung, die weiße Unterseite und die eigenartig lange Behaarung. Je nach der Beleuchtung erscheint das Tier verschiedenartig gefärbt, immer aber ist es durch den langen auffallenden Wedel leicht kenntlich. Der Bergriedbock bildet zusammen mit dem Buschbock ( Tragelaphus massaicus Neumann ) und dem Klippspringer ( Oreotragus schillingsi Neumann ) eine anziehende, zoologische Staffage der Berge und Höhen, und alle drei Tierarten gewähren dem unverdrossenen Jäger und Beobachter, der unter äquatorialer Sonne mit Genuß zu pürschen fähig ist, reizvolle Jagden. Gegen Abend trifft man bei vorsichtiger Pürsche die kleinen Sprünge dieses Riedbockes an den Berghängen äsend an; zur sonstigen Tageszeit werden sie hier und da vor dem Menschen flüchtig, ähnlich dem gewöhnlichen Riedbock. Die Hörner dieser Antilope erreichen niemals die Stärke ihres Vetters aus dem Ried der Ebenen und Sümpfe; seine Färbung gewährt ihm trefflichen Schutz inmitten seiner felsigen, steinigen Wohnorte. Ein naher Verwandter ist der eigentliche Riedbock ( Cervicapra wardi Thos .), der, weit über Afrika verbreitet, die Masailänder in dieser zoogeographischen Art bewohnt. Seine Größe bleibt sehr erheblich zurück hinter der der südafrikanischen Riedböcke, und seine stärksten Hörner erreichen nicht einmal annähernd die Stärke seines südlichen Vetters. Morgens und abends findet man ihn einzeln und in kleinen Gesellschaften, stets in der Nähe des Wassers in den grasigen, deckungsreichen Ebenen, wo er um die übrige Tageszeit der Ruhe pflegt. Wo erstickende Hitze brütend über den moorigen Binsenmorästen liegt, die, von einzelnen Schilfkaupen unterbrochen, sich am Flusse dahinziehen, uns nur wenige Meter weite Fernsicht gestattend – da ist das echte und rechte Reich des Riedbockes! Durchquert man die mit Hochgras bestandenen Ebenen, die von dichten Stauden bedeckten Plateaus, oder Schilf und Binsen, so wird dieser Riedbock, – der häufig den Menschen außerordentlich nahe herankommen läßt, – mit einem' plötzlichen, sehr schnellen und heftigen Sprunge flüchtig. Mehr als einmal bin ich durch ihn erschreckt worden, gefährliches Wild vermutend; immer aber ist seine Erlegung während der Flucht außerordentlich schwierig, da er mit größter Gewandtheit Haken schlägt, und, vom Hochgras verdeckt, mit der Büchse kaum zu erlegen ist. Eine Schrotflinte würde ihn leicht zur Strecke bringen, – müßte aber stets gespannt zur Hand sein! Im Panganitale verwandte ich einst einen ganzen Tag darauf, eines starken männlichen Riedbockes habhaft zu werden, um eine komplette Riedbockfamilie in diesem Saisonkleide für das Museum zusammenzustellen, bis es mir endlich gelang, eine gute Kugel in voller Flucht anzubringen. Im allgemeinen wird die Pürsche zur Morgen- und Abendstunde am erfolgreichsten sein; man hat aber sehr mit dem Umstände zu rechnen, daß die Riedböcke durch einen pfeifenden Warnungston sich gegenseitig von der Annäherung des Jägers zu verständigen pflegen. Dieser Warnungston wird auch von Wasserböcken wohl verstanden; ebenso achtet die Vogelwelt auf ihn. Erschallt der pfeifende Ton durch Schilf und Linsen, so steigen oft plötzlich erschreckte Ibisse und Reiher aus Lachen und Tümpeln in die Lüfte empor. Angeschossene Riedböcke haben die Gewohnheit, außerordentlich dichte, schützende Schilfdickichte aufzusuchen, und sind dann sehr schwer aufzufinden. Der Riedbock müßte nach seiner Lebensweise und durch seine Aufenthaltsorte ganz besonders geschützt scheinen, fähig, auch nach Eindringen der Kultur noch in größerer Anzahl zu existieren. Besser als Steppentiere, die nur auf freien Flächen zu leben vermögen, müßte er als deckungliebendes Tier imstande sein, sich auch dann noch zu schützen. Leider berichtet das ausgezeichnete Werk: »Great and small Game of Afrika« (Hochwild und anderes Wild in Afrika), daß auch der beispielsweise in Natal, Zululand und Betschuanaland einst häufige Riedbock jetzt sehr selten geworden, und auch in Transvaal und Swaziland nicht mehr häufig zu finden sei!! – – – In den Bergen der Nyika lebt eine prächtige Miniaturgemse, der Klippspringer , den ich in einer neuen Art ( Oreotragus schillingsi Neumann ) auffand. Wie ein Federball fliegt dies herrliche, mit dichtem, grau-grünlich-weißem Grannenhaar bedeckte Geschöpf von Fels zu Fels, dabei einen hellen Warnungspfiff ausstoßend. Wir steigen bergan mit den ersten Strahlen der tropischen Sonne, die schon am frühen Morgen heiß auf die Erde herabbrennt. Wild ist das Revier; schwer ist der Pfad bergauf, und häufig müssen wir seitwärts und rückwärts steigen, nur um den Ausweg zu finden aus einem Felsental, das uns gefangen genommen. Wild und eigenartig ist die Flora, die uns umgibt; kniehohes, schwieliges Gras, verwachsene Ranken und dorniges Buschwerk hindern den Weg. Rechts und links vermorschende Baumstämme, über die wir uns mühsam den Weg bahnen. Windbrüche, vom Sturmwind entwurzelte Baumriesen hier und dort; stolz in die Luft strebende Riesenstämme, stark und lebenslustig wechselnd mit Baumleichen und vermodernden riesigen Ästen, die der Sturmwind gefällt. Durch diese Urwildnis gilt es seinen Weg zu bahnen. Allmählich wird es öde und kahl um uns. Grüne Matten wechseln mit ödem Felsgestein. Höhlen und Gänge durchziehen die Felsen, hier haust der murmeltierartige Klippschliefer zu Hunderten. Doch vor dem Nahenden warnt die kleinen Gesellen ein Warnungspfiff der erfahrenen Alten, und wie vom Blitze verscheucht ist das ganze putzige Leben und Treiben. Lange kann es dauern, bis sie aus Höhlen und Klüften wieder erscheinen. Eidechsen und Leguane teilen mit ihnen dieselben Örtlichkeiten, scheinen aufeinander angewiesen und warnen sich gegenseitig. Das Bergfrankolin geht brausenden Flügelschlages zu unseren Füßen auf, lebhaft an unser schönes Haselhuhn gemahnend. Und gar nicht selten erscheint hier eine der lieblichsten Bewohnerinnen afrikanischer Bergwildnis: jene afrikanische Zwerggemse, der Klippspringer . Rätselhaft erscheint es uns, wie er über Felsen und Klüfte hinwegzusetzen vermag, gleich einem Gummiball! Wer ihn mit dem Glase beobachten kann, wer den nur selten an die Gefangenschaft zu gewöhnenden auf nahe Entfernung sieht, der nimmt mit Erstaunen wahr, daß unsere schöne kleine Antilope nicht wie andere Geschöpfe auf ihren zierlichen Hufen stehen, noch sich ihrer in der Art ihrer Verwandten zur Fortbewegung bedienen kann. Nur auf den äußersten Spitzen dieser scharfkantigen Hufe vermag sie zu ruhen. Es ist gleichsam ein Versuch der schaffenden Natur, das Säugetier vom Erdboden loszulösen, dieses Säugetier, das einen großen Teil seines Lebens tatsächlich in der Luft verbringt, von Fels zu Fels sich schwingend. Ihm fehlen nur die Flügel. Es würde uns nicht erstaunen, am Klippspringer solche zu finden. Denn unbegreiflich erscheint es uns, wie die zwerghafte Gemse es versteht, sich in so gewagten Sprüngen von Grat zu Grat zu schnellen. Bald hier, bald dort ertönt ihr Warnungspfiff und lenkt durch das Ohr unser Auge; der Blick allein vermöchte den lebenden Gummibällen in der Feldwildnis kaum zu folgen, namentlich nicht, wenn es mehrere Stücke sind, die vor dem Jäger flüchtig werden! Zebras und Weißbartgnus zeigten sich hier aufs engste vergesellschaftet, zwei Kranichgeier und eine Anzahl Impallah-Antilopen (im Vordergrunde, daher hier nicht sichtbar) vervollständigten dies tatsächlich paradiesische Tierbild ... Der Klippspringer wird von den Masai, soweit ich es erkunden konnte, »en n'gnŏssoirŭ« genannt. Ich fand diese schöne Bergantilope überall im abflußlosen Gebiete an Bergabhängen sowohl, als auch im zerrissenen, felshügelbedeckten Steppengebiete des Masaihochlandes. – – – Buschsteppe und Waldungen Ostafrikas aber sind belebt von einer Reihe anziehender Zwergantilopen . Die Schopfantilope ( Cephalolophus harveyi Thos .), der Ducker ( Sylvicapra ocularis Ptrs .), die Windspielantilope ( Madoqua kirki Gthr .), das Steinböckchen ( Raphiceros neumanni Mtsch .), das Moschusböckchen ( Nesotragus moschatus van Dub .) und andere Arten zwerghaft kleiner Gesellen unter den Antilopen habe ich oft erlegt und für unsere Museen gesammelt. Um sie aber photographisch festzuhalten, fehlte meist an ihren Aufenthaltsorten das rechte Licht! Vielleicht wird es gelingen, auch diese zierlichen Gnomen afrikanischer Wildnis, deren kameruner Verwandte vor kurzem durch Oblt. von Oertzen in zahmen Exemplaren in dazu eingerichteten Gehegen vortrefflich photographisch festgehalten worden sind, mit den jetzt verbesserten Apparaten in »Natururkunden« in voller Freiheit auf die Platte zu zaubern! Jedoch das ist diesen schnellen und scheuen Zwergen gegenüber ein besonders schwieriges Unterfangen. 21. Von ostafrikanischen Affen. Die anthropomorphen Affen, die mächtigen und noch wenig erforschten Gorillas und die Schimpansen , bis vor kurzem nur von der Küste im Westen Afrikas bekannt, wurden neuerdings auch in Deutsch-Ostafrika vereinzelt in den Wäldern seiner westlichen Grenze aufgefunden. Der Missionar Pater Guillemé, der lange Jahre am Tanganyika gelebt, alle seine Gefährten unter den Missionaren dem tückischen Klima hatte erliegen sehen und nun wiederum mit gegen zwanzig »weißen Vätern« hinauszog, teilte mir schon 1899 mit, daß am urwaldbedeckten Mzauaberge im Westen des Tanganyika in einer Höhe von gegen 1700 Meter der dort »Sóko« genannte Schimpanse vorkomme. – Ein kleines Kind spielte alltäglich mit dem großen Pavian viele Stunden lang. Auch in dem Grenzgebiete Deutsch-Ostafrikas wurde später dieser Menschenaffe aufgefunden, ein deutsch-ostafrikanischer Gorilla aber ( Gorilla berengei Mtsch .), ist erst kürzlich vom Kivusee durch Hauptmann von Beringe bekannt geworden und von Professor Matschie zu Ehren seines Entdeckers benannt worden. Diese Art unterscheidet sich, wie mir Herr Professor von Hansemann bestätigt, auch im Schädelbau wesentlich von den bisher untersuchten Gorillas der westafrikanischen Küstenländer. Unvergeßlich wird allen Besuchern der allgemeinen deutschen Geweihausstellung im Jahre 1900 der in einer westafrikanischen Pflanzung zufällig erlegte kolossale Gorilla bleiben, welcher dort in einem riesigen Exemplare ausgestellt, höchstwahrscheinlich nicht einmal die volle Größe zeigte, die dieser riesige Menschenaffe, »der Schrecken des Urwaldes«, in sehr alten Männchen zu erreichen vermag. ... Phantastische und ausgeschmückte Berichte über diesen riesigsten heute lebenden Affen besitzen wir in der Afrikaliteratur früherer Zeit zur Genüge. Einem Deutschen aber, von Koppenfels, haben wir dann wieder Nachrichten über das Tier zu verdanken, und wüßten vielleicht noch mehr über seine Lebensweise und seine Gewohnheiten, wenn der obengenannte Berichterstatter nicht, von Büffeln schwer verwundet, in die Heimat zurückgekehrt und den Folgen seiner Verletzungen erlegen wäre. Kürzlich erst aber wurde uns wiederum durch Zenkers diesbezügliche Forschungen erfreuliche Kunde über diesen Urwaldbewohner, dessen Lebensweise inmitten seiner Urwälder zu ergründen mir stets als lockendes Ziel vor Augen schwebt. ... Leider wurde in den letzten Jahren mit erlegten Menschenaffen in Kamerun ein schwungvoller Handel getrieben, der bedauerlicherweise noch fortbesteht ... Im größten Teile von Deutsch-Ostafrika und im besonderen in den von mir bereisten Gebieten, den Masaihochländern, sind weder Schimpanse noch Gorilla zu finden. Dahingegen bergen sie einige Arten einer hochinteressanten, eigentümlich gestalteten Affenart, die, einsam und zurückgezogen auf hohen Bäumen im Walde lebend, sich fast ausschließlich von Blättern ernährt. Es sind die Seidenaffen ( Colobus ), große, lang und seidenartig behaarte, mit buschigen Schwänzen gezierte, schwarz-weiße Tiere mit ernsten bärtigen Gesichtern, deren wohl zweifellos schönste Art, der »Mbega« der Eingeborenen ( Colobus caudatus Thos .), in den Bergwäldern des Kilimandscharo und des Meruberges heimisch ist. Die »Mbegas« sind daumenlos, und mit hastigen, ungestümen Bewegungen rupfen sie ihnen erwünschte Blätter von den Zweigen und führen sie zum Munde. Gefangene Exemplare pflegen niemals Beißversuche zu machen, bevor sie nicht mit den Händen ihren Gegner umklammert und dem Munde möglichst nahe gebracht haben. In kleineren und größeren Gesellschaften finden sich diese wundervoll ihren Aufenthaltsorten angepaßten, melancholischen Tiere in den Kronen der Urwaldriesen. Wo diese im Schmucke lang herabwallender, grauweißer Bartflechten dunkle Wälder bilden, heimatet der »Mbega«, in gewaltigen Sprüngen von Ast zu Ast, von Baumkrone zu Baumkrone sich fortbewegend. Lang weht sein buschiger, weißer Schwanz, und die Behaarung seines Körpers, im Sprunge sich ausbreitend, gibt dem Tiere etwas höchst Eigenartiges und ruft den Eindruck hervor, als wenn jene, ihm so ähnlichen Bartflechten plötzlich Leben gewönnen, um in Tiere verwandelt, in das Dunkel des Urwaldes zu entfliehen. ... Auf den Erdboden kommt der »Mbega« wohl nur höchst ausnahmsweise. Trinkwasser findet er genügend in den Höhlungen der alten Bäume, und infolge seiner langen Beine kann er sich auf dem Erdboden nur schwer vorwärts bewegen, dabei den Eindruck eines recht hilflosen Wesens hervorrufend. Fern von menschlichen Ansiedlungen, die keinen Reiz für ihn haben, fand ich den »Mbega« manchmal nicht besonders scheu, sogar neugierig. Leider unterliegt er, wie so viele andere Tiere, beim Eindringen der Zivilisation des Europäers einer nachdrücklichen Verfolgung, da sein Pelzwerk sehr begehrt ist. Diese Verfolgung, die mit dem Feuergewehr, von manchen Eingeborenen aber auch mittelst der lautlos ihr Ziel erreichenden Giftpfeile ausgeübt wird, hat seine Scharen schon erheblich gelichtet. Dies ist um so mehr zu bedauern, da der Mbega ein dem Menschen in keiner Weise schädliches Tier ist, – sehr im Gegensatz zu den oft empfindlichen schaden anrichtenden Pavianen und Meerkatzen. Der schöne Seidenaffe hat manches gemein mit den Stämmen wilder Völker, die dahinschmelzen vor der Berührung mit der Kultur und lieber untergehen, als ihr irgendwelche Konzessionen zu machen. Ein freier, unabhängiger Bewohner des tropischen Urwaldes, in dem Laube seiner Wohnbäume mühelos reich gedeckten Tisch findend, hat er sich gleich manchen anderen Tierarten, gleich dem Elchhirsch des nordischen Waldes, einer so bestimmten Lebensweise angepaßt und verlangt in gewisser Beziehung Lebensbedingungen so bestimmter Art, daß er nicht imstande ist, auch nur um eine Kleinigkeit von diesen abzuweichen. Sein sehr großer, fast wiederkäuerartiger Magen bedarf unglaublicher Mengen von aromatisch duftenden Blättern verschiedener Art; nur ab und zu verzehrt der »Mbega« auch Baumfrüchte. Irgendwelche andere Nahrung scheint er zu verschmähen, wenngleich hier und da Vogeleier oder junge Vögel, vielleicht auch gewisse Insekten ihm zur Beute fallen werden. Namentlich gegen Morgen, jedoch auch während des Tages läßt dieser Affe einen eigentümlichen Chorgesang hören, bestehend aus einem schwer zu beschreibenden Summen und Surren, das der Neuling niemals für die Stimme eines Affen halten würde! Wenn gegen Morgen dichte Nebel über dem feuchtigkeitsgesättigten Urwald liegen, ein alles durchdringender Tau in schweren Tropfen an Blättern und Zweigen hängt, und tiefe Stille über den Wäldern lastet, schwillt dieser Gesang, leise beginnend, zu erheblicher Stärke an, um, verstummend, plötzlich wieder von neuem zu erklingen. So vermag der Jäger, der Beobachter, den »ol goroĩ« der Masai leicht aufzufinden, und hoch oben in den gewaltigen Baumkronen der Juniperus procera und anderer Urwaldriesen sieht er dann wohl die merkwürdigen Sänger, die in alten Exemplaren von der Schnauze bis zur Schwanzspitze eine Länge von über 5 Fuß erreichend, in gigantischen Sprüngen im Schmuck ihres wallenden Haarkleides in überraschender Schnelligkeit die Flucht ergreifen und verschwinden. Außer diesem Gesang gibt der »Mbega« häufig einen kurzen, grunzenden Laut von sich. Im Herbste des Jahres 1899 konnte ich zum ersten Male feststellen, daß die Colobusaffen schneeweiß geboren werden, um sich dann allmählich umzufärben. Sie werden von einer ebenfalls damals von mir aufgefundenen Zeckenart ( Ixodes schillingsi Neum .) in manchen Wäldern außerordentlich gepeinigt. Diese Zecken saugen sich ausschließlich an den Augenlidern der Affen fest, und so entstehen sehr schlimme, eiternde Entzündungen der Augen. In den Oasen Kahe und Arusha-Chini, die durch mit hohem Baumwuchs bestandene Wasserläufe mit dem Hochwald des Kilimandscharo in Verbindung stehen, fand ich vor längeren Jahren ebenfalls eine große Anzahl von »Mbegas«, die sich aber, wie Professor Hans Meyer schon bemerkt hat, durch kürzeres Haar von den Seidenaffen der Bergmassive unterscheiden. Hier wurden diese Affen von den Eingeborenen nicht verfolgt, vielmehr, wie mir berichtet worden ist, als heilig geschützt. Den Nachstellungen der mit Hinterladern jagenden Askari (farbigen Soldaten) der Station Moschi haben diese Bestände des harmlosen Tieres nicht lange standhalten können. Die Soldaten kamen um das Jahr 1900 mit zahlreichen Patronen, öfters auf mehrere Tage, lediglich zur Affenjagd in die Oasen, und heute gehört das Tier – wenn es überhaupt in ihrem Bereiche noch zu finden ist – zu den Seltenheiten. Schon im Jahre 1900 habe ich drei Tage gebraucht, um die dem königlichen Museum für Naturkunde in Berlin sehr erwünschten »Mbegas« der Kahe-Oase in drei Exemplaren zu erlegen. Aber nicht nur hier, sondern auch überall am Berge hat neuerdings wieder eine intensive Verfolgung eingesetzt. Bei den einzelnen Händlern, sowohl Griechen wie Indern, fand ich häufig viele Hunderte von Fellen dieses Affen auf einmal, bereit zur Versendung nach Europa. Ein Missionar beschäftigte sich in seinen Mußestunden so erfolgreich – zum Verkaufen – mit der Erlegung dieses in guten Exemplaren immerhin an Ort und Stelle vier bis sieben Mark wertenden Affen, daß er, wie ich aus seinem Munde vernommen habe, in einem Monat bis zu achtzig Stück und mehr erbeutete! – – – An der Westküste Afrikas kommt eine dem Seidenaffen des Kilimandscharo sehr ähnliche Art vor, die vor Jahren bereits einmal zum »Modetier« erhoben und nach amtlichen Angaben in vielen Hunderttausenden von Exemplaren exportiert worden ist, bis endlich die englischen Autoritäten ein Ausfuhrverbot erließen. Es dürfte ohne ein solches nicht lange währen, bis die Bestände an Mbegas in den isolierten und verhältnismäßig nicht umfangreichen Wäldern des Kilimandscharo und des Meruberges vernichtet worden sind. Bei meinen Streifereien in den Bergwäldern fand ich häufig dünne, nicht viel mehr denn stricknadeldicke, eigens zur Erlegung des »Mbega« angefertigte Giftpfeile. Sie waren von den Eingeborenen vergeblich auf die Beute abgeschossen und so verloren worden. Gerade die Felle dieser Affenart, die einem ganz bestimmten Geldwerte entsprechen, werden den Händlern auf Bestellung von den Eingeborenen mit Vorliebe geliefert. Vor der europäischen Invasion aber erlegten die Eingeborenen den »Mbega« nur, um sein Fell als Fußschmuck der Masai-Moran zu verwenden. Oft hat man in früheren Jahren versucht, junge Tiere dieser schönen Affenart großzuziehen und nach Europa zu bringen. Alle diese Unternehmungen schlugen fehl; die empfindliche Natur und der delikate Charakter dieser einsiedlerischen Affen boten immer wieder neue Schwierigkeiten. Die Jungen blieben im Wachstum zurück, erreichten kaum das Meer oder bestenfalls die europäische Küste, um dort zu sterben. Auf Grund dieser Erfahrungen beschloß ich, mich in den Besitz eines alt eingefangenen Tieres zu setzen. Nach vielfältigen Schwierigkeiten und vergeblichen Bemühungen gelang es mir, ein altes Männchen durch einen Streifschuß am Kopf in meine Gewalt zu bringen. Nun aber begannen erst die Schwierigkeiten. Der Affe verweigerte aufs entschiedenste die Aufnahm irgendwelcher Nahrung. Die Pflege seiner Kopfwunde war zudem nicht angenehm. Das Tier versuchte stets, mit den Armen die Hände seines Pflegers erfassend, ihn zu sich heranzuziehen und unter unwilligem Grunzen von seinem starken Gebiß Gebrauch zu machen. Bei der Pflege der Kopfwunde wurde ich später in liebenswürdiger Weise von dem Arzte der Station in Moschi unterstützt, dessen Kunst ihre Heilung denn auch gelang. Vorher aber war es mir endlich, nach tagelangen, vergeblichen Bemühungen gelungen, den Affen dahin zu bringen, die Blätter und Triebe einer Fagara, die ich als Hauptfutter des »Mbega« erkundet hatte, anzunehmen und zu verzehren. Waren diese Blätter im geringsten welk, so verweigerte sie mein Mbegaaffe aufs energischste; oftmals am Tage mußten daher frische Fagarazweige beschafft werden, was nicht selten mit großen Schwierigkeiten verknüpft war. Die Anpassung an eine ganz bestimmte Lebensweise ist beim Colobus so sehr in bestimmte starre Bahnen gelenkt, daß das Tier ihm dargereichte Zweige stets mit hastig reißendem Griff ihrer Blätter zu entkleiden versucht, wie er das im Freileben zu tun gewöhnt ist. Langsam und bedächtig einen Gegenstand aufzunehmen, wird zudem diesem Affen schon durch die Daumenlosigkeit seiner Hände erschwert. Nur sehr langsam gelang es mir allmählich, ihn auch an Bananen zu gewöhnen. Der herkulischste und bewährteste Schwarze meiner gesamten Karawane wurde sowohl zum Pfleger als auch zum Träger des Tieres während des Marsches ernannt. Dieser Mann, ein Angehöriger des Stammes der Wadigo (Bewohner des Hinterlandes der Küstenstadt Tanga), war in seiner Jugend von den Masai in die Steppe entführt worden, zur Zeit, als diese, noch nicht durch die Rinderpest verarmt, ihre Streifzüge behufs Viehraub selbst bis nach Tanga an die Meeresküste ausdehnten. Inmitten der Masai aufgewachsen, eignete er sich besonders zur Pflege von Vieh und Tieren aller Art. Der sechs Fuß hohe Schwarze mit dem gutmütigen Kindergesicht, in der Hand einen mächtigen primitiven Sonnenschirm und unter dessen Schutz der sorglich mittelst eines Lederriemens mit ihm verbundene und in eine Decke gehüllte Mbega, der immer wieder grimmig versuchte, seinen Pfleger zu beißen – bot namentlich dann einen Anblick von erschütternder Komik, wenn Mensch und Affe, uneinig geworden, unter den spöttischen Zurufen der übrigen Träger wieder Frieden schlossen und »Feradji Bili« mit seinem Schützling endlich seinen Weg fortsetzen konnte. Aber wiederum galt es verschiedene Schwierigkeiten zu besiegen. Auf dem Marsch zur Küste gelang es mir nur mit großer Mühe, den Affen namentlich mit Schlingpflanzen verschiedener Art zu ernähren, da die ihm besonders zusagende Fagara hier nicht wuchs. Dann aber auch machten sich bei dem Tiere Fiebererscheinungen geltend, denen ich durch Chinin zu begegnen versuchte. Endlich aber gelang sein Transport zur Küste und seine Überführung nach Europa, wo er unter der Pflege meines Freundes Prof. Heck im Berliner Zoologischen Garten zwei volle Jahre als einziges bis dahin lebend nach Europa gebrachtes Exemplar lebte. Hauptmann Merker hat später durch Fällen einiger Bäume, auf die sich Colobus-Affen in der Nähe von menschlichen Ansiedlungen begeben hatten, drei schöne alte Exemplare einfangen lassen. Der wiederum von mir gelegentlich meiner vierten Rückkehr vom schwarzen Erdteil versuchte Transport dieser zoologischen Raritäten nach Europa mißlang jedoch diesmal trotz aller Bemühungen, hauptsächlich, weil die schon längere Zeit aneinander gewöhnten Tiere sich doch in der engen Haft auf dem Dampfer unterwegs plötzlich gegenseitig ernstlich beschädigten. Im Gegensatz zum Pavian und zu anderen Affen, aber auch im Gegensatz zu den zwar stets melancholischen, aber in Gefangenschaft sich ihren Pflegern außerordentlich nähernden Menschenaffen, weisen alt eingefangene Mbegas jede Annäherung zurück und leiden sichtbar unter der Trennung von ihren geliebten einsamen Bergwäldern. Ihr Benehmen hat niemals etwas Äffisches oder Komisches, ist vielmehr stets würdig, ernst, gemessen und zurückhaltend. Das Benehmen der Tiere schien mir stets ein Abglanz ihrer ernst gestimmten dunklen Wohnstätten – der mächtigen Baumkronen finsterer afrikanischer Berg-Urwälder. – – – Welch anderen Anblick gewähren sowohl im Freien wie in der Gefangenschaft die verschiedenen Arten der allbekannten Paviane! Nicht, wie der Laie vielfach glaubt, im Geäste der Bäume spielt sich in den tropischen Ländern das Leben der Pavianherden ab, sondern sie sind Bewohner der öden Steppe und der Gebirge, die sie weithin durchqueren, in der sie bestimmte ausgedehnte Reviere aufs genaueste kennen, und der sie, dank ihrer Klugheit, in den verschiedenen Jahreszeiten die besten Seiten abzugewinnen verstehen. Wir müssen unterscheiden zwischen Pavianen, die die Steppen bevorzugen, und solchen, die im Gebirge leben. Ein ausgeprägter Steppenbewohner ist der gelbe Pavian, den die Wissenschaft mit dem Namen Papio ibeanus Ogilb ., der Küstenneger mit dem Namen »Njāni«, der Masai mit »ol'dólal« und der Ndoróbbo mit »Kireije« bezeichnet. Nur in der Nacht sucht dieser im engsten sozialen Verbande großer Herden lebende Affe seine Schlafbäume auf. Am Tage durchstreift er die verschiedenen Formationen der Steppe, der Busch- und Uferwälder, um seiner Nahrung nachzugehen. Diese besteht zum nicht geringen Teile in Gräsern, dann aber auch in Baumfrüchten, Blättern, Grassamen und allen möglichen Insekten und niederen Tieren, selbstredend auch aus gelegentlich gefundenen Vogeleiern und jungen Vögeln. Ich habe niemals Anhaltspunkte dafür gewonnen, daß die Paviane, wie dies behauptet worden ist, auch erwachsenen Zwergantilopen nachstellen. Den Pavianherden folgt auf Schritt und Tritt der Leopard, ihr schlimmster Feind, und nach ihm und anderen Verfolgern spähen die höchst wachsamen älteren Tiere der Herde stets auf das sorgfältigste aus. Nichts ist interessanter, als das Treiben und Gebaren einer solchen aus hundert und mehr Mitgliedern zählenden Pavianherde zu beobachten. Auf einem umgestürzten Baumstamme, nur wenige Meter über dem Boden, haben drei oder vier erfahrene Anführer, Umschau haltend, Platz genommen. Unter ihrer Aufsicht fühlt sich die Herde vollkommen sicher. Sowohl die erstaunlich großen alten Männchen, deren Reißzähne an Stärke und Länge die des Leoparden bedeutend übertreffen, wie auch die Weibchen, an die angeklammert wir entweder kleine Junge erblicken oder denen schon erwachsenere in unmittelbarer Nähe folgen, dann aber auch eine große Anzahl mittelgroßer Tiere – sie alle ergehen sich nun sorglos in der Waldlichtung, fortwährend Grashalme auszupfend, Steine umkehrend, Heuschrecken und andere Insekten erhaschend oder auch miteinander Kurzweil aller Art treibend. ... Inmitten dieser Affenherde, nur wenige Fuß von den einzelnen Tieren entfernt, habe ich manchmal Impallah-Antilopen, auch Zwerg-Antilopen, dann aber auch Wasserböcke und selbst Strauße bemerkt. In dem sozialen Zusammenleben aller dieser Tierarten, in ihrem gegenseitigen Verständnis und Zusammenhalten ist der Antrieb immer wieder die Scheu und Angst vor den Raubtieren, deren sie sich, so vereinigt, am besten erwehren können, durch ihre verschiedene Befähigung, zu sehen , zu wittern oder zu hören . Namentlich um die Mittagstunde pflegen die mancherlei verschiedenartigen Tierarten stundenlang an ein und derselben stelle in dieser Weise ihr Wesen zu treiben. Aber plötzlich ändert sich dies Bild! Irgendeines der Tiere hat mich bemerkt oder von mir Wind erhalten – ein Honiganzeiger umflattert mich plötzlich schreiend – eine Spatelracke verrät meinen Standort durch ihr heiseres Gekrächz – und wie der Blitz stiebt all das versammelte tierische Leben staubaufwirbelnd in alle Winde! Ein aus nur wenigen quiekenden und knurrenden Tönen bestehendes Warnen hat die Affengesellschaft sofort in Bewegung gesetzt; die auf dem Baumstamm Wachhaltenden plumpsen herab, sie und die jüngeren Tiere nebst den Weibchen stürmen von dannen. Den Beschluß machen die starken, alten, wehrhaften Familienväter mit gesträubten Rückenmähnen und eigentümlich schiefgehaltenen Schwänzen, zwar unter fortwährendem Umschauen, aber im eiligsten Galopp. Dies höchst charakteristische »Umschauen« während der Flucht und ohne anzuhalten kenne ich nur von Pavianen und gefleckten Hyänen! Auf der Flucht zeigt sich ihre soziale Organisation auf leicht erkennbare Weise. Die älteren Tiere teilen den jüngeren und unerfahreneren rücksichtslos Püffe und Knüffe aus, um sie zu eiliger Flucht zu nötigen. Auf mehrere hundert Schritt sehen wir Mitglieder der Herde blitzschnell hier und da Baumstämme nur einige Fuß hoch erklimmen, um abermals Umschau zu halten, und dann kündet uns eine weit sich dahinziehende Staubwolke, daß die Herde ihr Heil in ferner Flucht sucht. – – Die Sehschärfe der Paviane muß eine ganz außerordentliche, selbst die der Naturvölker noch übertreffende sein. Meine im Lager gefangen gehaltenen Paviane erkannten mich auf unglaubliche Entfernungen, wenn ich mich, von Streifereien zurückkehrend, wieder dem Lager näherte. Von höchstem Interesse ist es ebenfalls, eine etwa gegen 4–5 Uhr nachmittags das Wasser besuchende Pavianherde zu beobachten, wie sie vorsichtig sich ihren Tränkplätzen nähert, um ihren Durst zu löschen. Hier gilt es vor allem, das tückische und gefährliche Krokodil zu vermeiden. Niemals pflegen die Paviane ihren Durst zu stillen, ohne daß einige ältere erfahrene Exemplare von Bäumen am Ufer oder vom Ufer selbst herab sorgfältig den Wasserspiegel beobachten und nach Krokodilen Ausschau halten. Beim Erblicken einer der gefährlichen Echsen erschallt sofort ein Warnungston; wie der Blitz fahren die trinkenden Tiere vom Wasserspiegel zurück, retten sich in Baum und Strauch, und ein unwilliges allgemeines Grunzen und Quieken gibt ihrem Ärger über die Störung Ausdruck, und ihrer Angst vor dem bösen verborgenen Feinde. Von ihrer hohen Warte herab halten die erfahrenen alten Paviane nunmehr jede Bewegung der Krokodile im Auge, um sich erst nach längerem Harren endlich zu entschließen, sich wieder dem Wasserspiegel zu nähern und ihren Durst vorsichtig zu löschen, übrigens tunlichst an seichten, den Krokodilen weniger Gelegenheit zum Angriff bietenden Stellen. Mit dem Eintritt in die eigentlichen abflußlosen Gebiete der Masailänder – in das Gebiet des »Großen ostafrikanischen Grabens« – begegnen wir in den Gebirgen einer ganz anderen, dunkelgrünlich gefärbten Art von Pavianen, welche Professor O. Neumann dort Anfang der neunziger Jahre entdeckt hat. Sie leben in großen Herden an Bergabhängen. Mit Vorliebe pflegen sie an steilen, höchst unzugänglichen und schroffen Felswänden zu übernachten, sich so tunlichst vor den Nachstellungen der Leoparden sichernd. Fröstelnd in der Kühle des Morgens, hocken sie aneinandergedrängt auf den Felsen, und erst langsam unter dem Einfluß der belebenden Sonnenstrahlen erwacht die Herde zu neuem, regem Leben, denn Paviane sind licht- und sonneliebende Geschöpfe. Mit einem guten Glase kann man das Tun und Treiben dieser Affenherden oft stundenlang verfolgen. Die Bergwände scheinen dann von einem primitiven Menschengeschlecht bewohnt, Gebirgsbewohnern, die sich in jene unzugängliche Felsenwelt zurückgezogen haben. Erstaunt musterten mich zuweilen die beträchtlich großen und starken Anführer der Affenherden, auf vorspringenden Felsen sitzend, während die Weibchen und die jüngeren Tiere sich in großen Mengen weiter in den Hintergrund zurückgezogen hatten. Affen zu töten, gehört nicht zu den Vergnügungen tropischer Jagden. Der Jäger richtet nur mit Überwindung, zum Zwecke wissenschaftlicher Untersuchungen, sein Geschoß auf diese Tiere. Ich erinnere mich einiger besonders unangenehmer Augenblicke, als ich einem mächtigen alten Pavian, den ich angeschossen hatte, in eine Felshöhle gefolgt war, wo ich das Tier antraf, wie es sterbend die Pfote auf die Todeswunde drückte. Bei einer anderen Gelegenheit erreichte ich an der Spitze meiner Karawane nach fast zwölfstündigem Marsche, halb verdurstet, die Ausläufer einer Bergquelle. Innerhalb der umgebenden schroffen Felsenwelt zeigte sich keine Spur von tierischem Leben, als plötzlich einer meiner Leute mit dem Ausdruck der Angst und dem Rufe »Mtu Bwana!« »Ein Mensch! Herr!« auf eine menschenähnlich sich erhebende Gestalt hinwies, die sich hinter einem Felsblock auf etwa hundert Meter in der grellen Abendbeleuchtung vor uns zeigte. Der vermeintliche Mensch aber war ein uralter Pavian, der, den Rückzug seiner Herde deckend, nach uns ausspähte, und in seiner ganzen Erscheinung dem Träger und fast auch mir den Eindruck eines sich an einem Felsblock aufrichtenden Menschen gemacht hatte. Weithin erklingen innerhalb der Felsen die Warnstimme und die empörten Ausrufe der Affen beim Anblick von Menschen. Unter Umständen wird ihr Schreien und Lärmen sehr laut und durchdringend, namentlich zur Nachtzeit, wenn die Affen sich gegenseitig vor den Leoparden warnen. Wenn plötzlich in dunkler Nacht sich dies angstvolle Schreien, die hohen Fisteltöne der Jungen, das tiefe Brummen und Knurren der alten Affen vernehmen läßt, gefolgt vielleicht für kurze Augenblicke von dem lauten Geknurr des furchtbaren Feindes der Affen, des Leoparden, so wird dies ein nächtliches Konzert, das zweifellos mit zu den eindrucksvollsten Naturlauten afrikanischer Wildnis gehört. Immer wieder läßt sich das angstvolle Aufschreien einzelner Mitglieder der Affenherde vernehmen, und selbst nach langer Zeit noch kündet uns hier und da ein einzelner Warnruf, daß die Führer der Herde auf ihrer Hut sind. ... Im Gegensatz zu den Meerkatzen, die die Masailänder in drei verschiedenen Arten beleben, und zu einigen anderen Affenarten sind Paviane höchst charaktervolle Gesellen. In der Gefangenschaft schließen sie sich aufs innigste an ihre Herren oder von ihnen bevorzugte Menschen an, hassen aber ebenso konsequent gewisse andere Leute, die ihnen nicht sympathisch sind. An einem von mir mitgebrachten Exemplare, welches mir außerordentlich zugetan war, versagten alle Künste eines der bekanntesten Tierdresseure, der unzählige andere Tiere bedingungslos seinem Willen unterwarf. Ein anderer Pavian war viele Jahre in Moschi, vor den Toren des Forts angekettet, gefangen gehalten worden. Ein Freundschaftsverhältnis innigster Art hatte sich zwischen dem großen, gefährlich aussehenden Pavianmenschen und einem kleinen, etwa anderthalbjährigen eingeborenen Kinde entwickelt. Aus der in der Nähe gelegenen Hütte kroch das Kind auf allen Vieren zu dem Affen hin, und hier spielte das kleine Wesen furchtlos mit seinem großen Freunde alltäglich mehrere Stunden in einer höchst anziehenden und possierlichen Weise. In der Weihnachtsnacht des Jahres 1899, als wir alle innerhalb der Wallmauern des Forts einen Angriff der Eingeborenen erwarteten, die gesamte Bevölkerung der Station jedoch sich gegen neun Uhr abends plötzlich einer Schafherde gleich in die schützenden Mauern gedrängt hatte, riß sich auch dieser Pavian, von Angst befallen, in einer völlig unbegreiflichen Weise von seiner Kette los und flüchtete mit dem Menschenstrom ins Fort. – – 22. Ein kriegerisches Hirtenvolk: Die Masai. Die Schreibweise Massai ist falsch. Schon im Jahre 1896 sah ich mich im Gedankenaustausch mit meinem Freunde Merker , dem späteren Hauptmann in der kaiserlichen Schutztruppe, einig in der Ansicht, daß die Masai, jenes die Steppenländer Deutsch- und Britisch-Ostafrikas bewohnende kriegerische Hirtenvolk, das bis dahin zu den »Hamiten« gerechnet wurde, in ihren Physiognomien einen ganz überraschend deutlichen und unverkennbaren semitisch-jüdischen Ausdruck zeigen. In einem stattlichen Werke Die Masai. Ethnographische Monographie eines ostafrikanischen Semitenvolkes. Berlin 1904, Dietrich Reimer. Neue Auflage 1910. hat mein Freund später die Ergebnisse langjährigen Studiums niedergelegt und seine Ansicht dahin ausgesprochen, daß die Masai lange vor der Zeit, aus der wir die ältesten ägyptischen Urkunden besitzen, aus Arabien nach Afrika gezogen sind, um sich schließlich endgültig in den ostafrikanischen Steppen festzusetzen. Ferner hat er es unternommen, zu beweisen, daß die Masai – Anhänger einer streng monotheistischen Religion – Nachkommen desjenigen nomadisierenden Semitenvolkes sind, dem das Hirtenvolk der ältesten Ebräer angehörte, und, daß dieses ostafrikanische Hirtenvolk alttestamentarische Urzeitmythen pflege und sich durch mündliche Tradition seit grauen Zeiten überliefere, die, babylonischen Ursprungs, geeignet seien, die interessantesten Schlüsse über seine Herkunft zu geben. Die Masai weisen durchweg feingeschnittene Gesichtszüge auf, haben hohe schlanke Gestalten und oft geradezu zierliche Füße und Hände. Merker tritt in seinem Werke dem noch ziemlich allgemeinen Irrtum entgegen, demzufolge Semiten mit den heutigen Juden als identisch erachtet werden; tatsächlich aber scheinen die Merkmale, welche die heutigen Juden auszeichnen, sich erst durch Vermischung ursprünglicher Semiten mit der am Mittelmeer in Kleinasien lebenden Hethiter-Rasse herausgebildet zu haben. Über solche Vermischungen, welche bereits lange vor Seßhaftwerdung der Ebräer begannen, enthält die Bibel vielfache Beläge. Es kann hier meine Aufgabe nicht sein, als Laie näher auf diese Punkte einzugehen. Jedenfalls haben wir es in dem Merkerschen Werke mit der aufopferungsvollen Arbeit eines Mannes zu tun, der wie kein Zweiter es vermocht hat, sich in die Psyche des von ihm durchforschten Volksstammes einzuleben; der mit unermüdlicher Arbeitskraft unentwegt eine lange Reihe von Jahren jede dienstfreie Stunde geopfert hat, um eine Fülle von Material zusammenzutragen, das wohl geeignet erscheinen muß, auch bei denen Bewunderung hervorzurufen, die als Fachgelehrte etwa die Merkerschen Anschauungen nicht völlig zu teilen geneigt sind. Bevor Merker sich der Erforschung der Masai annahm, gestützt auf ein bedeutendes wissenschaftliches Rüstzeug und in einer, wie mir Fachleute versichern, bewundernswerten Beherrschung der schwierigen in Frage kommenden Materien, war unsere Kenntnis über dieses interessante Volk höchst dürftig. Keiner ist so wie Merker in Sprache, Denken, Sitten und Gewohnheiten dieses räuberischen Steppenvolkes eingedrungen. Ich glaube einigermaßen imstande zu sein, die ungeheuren Schwierigkeiten zu beurteilen, die er bewältigen mußte, um sein Ziel zu erreichen. Waren doch die wenigsten bis dahin imstande gewesen, auch nur einige Worte aus der Sprache der Masai zu verstehen! Merker ist der Ansicht, daß die Masai vor vielen tausend Jahren aus Asien nach Ostafrika eingewandert sind Professor Hommel-München, der Vertreter der Merkerschen Anschauungen, glaubt eine Einwanderung über die Meerenge von Bab-el-Mandeb annehmen zu sollen. . Durch Jahrtausende haben sie sich ihre Traditionen, ihre Urzeitmythen, erhalten, gipfelnd in den Anschauungen, die uns im Alten Testamente vermittelt sind. Es ist hier nicht der Ort, näher auf die Einzelheiten des Merkerschen Werkes einzugehen; das Für und Wider müssen die Fachgelehrten kritisch abwägen. Aber soviel ist gewiß: seit langer Zeit beherrschte der ol morani, der Speerkrieger des Masaivolkes, die Steppenländer! Mit Schild und Speer bewaffnet schweiften die Kriegerhorden weit umher, immer wieder ihre Viehherden ergänzend durch Raub aus dem Bestande der ansässigen Völkerschaften. Ähnlich dem Indianer Nordamerikas sahen die Masai in der schrankenlosen Freiheit ihr höchstes Gut. Militärisch straff in ihrer Art nach Altersklassen organisiert, hielten sie alle ansässigen Volksstämme im Schach. So führten sie Tausende von Jahren ein herrliches, freies Kriegerleben, bis endlich das Eindringen des weißen Mannes ihrer Herrschaft ein Ziel setzte und sie als Volk zweifellos bald dem Untergang entgegenführen wird. So wie den nordamerikanischen Indianern das Zusammentreffen mit den Bleichgesichtern verderbenbringend gewesen ist, so auch dem kriegerischen Volke der Masai. In der Tat, ihr Leben und Treiben in den Steppen ist nicht vereinbar mit der eindringenden Zivilisation. Aber so wie es kaum einen heranwachsenden Jüngling in Europa gegeben hat, der nicht in seinen Mußestunden sich an den Lederstrumpf-Erzählungen begeistert hat; wie ich bedeutende Männer gekannt habe, die selbst im höheren Alter noch in dieser Lektüre Erholung von den allzu komplizierten Einflüssen des hochgespannten modernen Kulturlebens suchten, – so können wir auch dem Masaivolke eine gewisse verständnisvolle Sympathie nicht versagen. Sehen wir doch ein Volk vor uns, das viele tausend Meilen weit aus seiner Urheimat ausgewandert, sich mühsam durch viele fremde Völker unter den Unbilden eines fremdartigen Klimas hat durchkämpfen müssen; – ein Volk, das unter Einsetzung des Lebens jedes einzelnen männlichen Individuums in schrankenloser Freiheit ein ideales Kriegerdasein geführt hat. Finden wir doch heute noch in dem maßlosen Stolze der Masaikrieger und in ihrer Verachtung des nicht wehrkräftigen Gegners das Zeichen, das uns sagt, wie hoch männliche Tugend, Einsetzung des Lebens und Verachtung der Gefahr durch Jahrtausende von diesem in seiner Art ritterlichen Steppenvolke geschätzt worden ist. Und wie sehr sind die Masai mit der Nyika verwachsen! Hätte ich nicht erlebt, daß ein kaum sechsjähriges Masaikind, von meinem Lager aus sich verirrend, mutterseelenallein den zwei Tagereisen entfernten Kraal, mitten durch pfadloses Dornenpori – in ihm ohne Unfall übernachtend – aufgefunden und glücklich erreicht hätte – ich würde solches schwerlich glauben! Und nun muß dieses Volk, – wie auch die Tierwelt der Steppe, – an einer ihm unverständlichen, unsympathischen modernen Zivilisation und an ihren Wirkungen zerschellen! Die weittragenden Feuerwaffen gaben dem eindringenden Europäer auch den Masai gegenüber eine solche Überlegenheit, daß deren ursprüngliche Waffen, Speer und Schwert, versagten. Aber mehr noch brachen furchtbare Seuchen ihre Macht und gaben das Volk dem Verderben preis. Die Rinderpest, die vor etwa zwei Jahrzehnten die ostafrikanischen Steppen durchwütete, vernichtete in kürzester Zeit fast den gesamten Viehbestand des Masaivolkes; Männer, Frauen und Kinder starben oft in wenigen Tagen den Hungertod. Nur eine kleine Anzahl Masai sind erhalten geblieben; unfähig, sich irgend einer anderen Lebensweise von heute auf morgen anzubequemen, werden auch sie in absehbarer Zeit erlöschen. Wir haben hier ein Beispiel, wie schnell ein Volk vom Erdboden verschwinden kann. Erlebten doch die Masai vor nunmehr etwa hundert Jahren noch eine Ära höchsten Gedeihens unter ihrem mächtigen, bereits sagenumwobenen Häuptling Mbātyan . Es hat etwas unendlich Wehmütiges für den Reisenden, heute beobachten zu müssen, wie die Reste dieses Heldenvolkes, – denn ein solches waren sie, solange nicht das Schießgewehr ihrem Treiben ein Ziel setzte – den Verzweiflungskampf um ihr Dasein führen. Kein Einsichtiger, der dieses Volk näher kennen gelernt, wird ohne Interesse an ihm vorübergehen können. Wir haben es nicht zu tun mit einem bereits durch Kultureinflüsse in seinen Lebensgewohnheiten veränderten und ein im höchsten Grade unsympathisches Mischgepräge zur Schau tragenden Volksstamme, wie beispielsweise es manche Stämme in Süd- und Südwestafrika geworden sind, – sondern mit einem mit zäher Urwüchsigkeit an seinen althergebrachten Gewohnheiten hängenden vornehmen Kriegervolke. Tage- und wochenlang habe ich inmitten der Masai in der Nähe ihrer Kraale zugebracht und das Volk in seiner Eigenart in vieler Beziehung schätzen gelernt. Ihre Gesänge, ihre Tänze, ihr Leben und Treiben bot immer wieder eine Fülle von Neuem und Anziehendem. Meine Führer waren stets Masaikrieger. Oft beschlich mich, ich wiederhole es, ein wehmütiges Gefühl, wenn ich zur Abendstunde die herrlichen, aristokratischen Kriegergestalten an meinen Lagerfeuern beobachten konnte, uralte Melodien, kriegerische Gesänge vor sich hinsummend. Schild und Speer stets zur Hand, hockten die bronzefarbenen sehnigen Krieger im magischen Scheine meiner Lagerfeuer. Mehr als einmal mußte ich mir sagen, was ich wohl mit meinen Leuten gegen sie hätte ausrichten können, wenn ich mit gleichen Waffen sie hätte bekämpfen müssen! Und selbst inmitten kriegerischer Situationen, bedroht von den El Moran, hat mich niemals ein Gefühl der Abneigung gegen dies Volk erfüllt. Kämpften sie doch für ihre Ideale, so wie wir Europäer dies täglich für die unsrigen tun, und warten sie doch, wie ich von meinem Freunde Merker erfahren, mit Inbrunst auf den Tag, wo nach einer Prophezeiung ihres großen Häuptlings Mbātyan, ein Held, ein großer Häuptling in ihrer Mitte wieder entstehen würde, sie zu befreien vom Joche der Fremdherrschaft ... Meine schüchternen ersten Versuche, einen der gefährlichen Masaispeere zu handhaben, erregten die Heiterkeit meiner Masaifreunde ... Auf zweifache Weise hatte ich den Nashornbullen zur Strecke gebracht – klopfenden Herzens in der deckungslosen Steppe mit der Camera und dann erst mit der treuen Büchse ... Prinz Johannes Löwenstein, der sich 1902/1903 für einige Monate meiner Expedition angeschlossen hatte, übte sich mit großem Eifer im Präparieren ornithologischer Objekte ... Wie sehr die Masai an ihren uraltererbten Gewohnheiten hängen, beweist aufs schlagendste folgender Fall. Ein Masaiknabe war als Diener eines Beamten mit seinem Herrn mehrmals in Deutschland gewesen, und beherrschte die deutsche Sprache und sogar den Berliner Jargon in staunenswerter Vollkommenheit. Als aus dem ol aijóni, dem Knaben, ein ol barnotti geworden war und der junge Mann längst seinen Dienst verlassen hatte, fand ein Europäer ihn eines Tages statt in europäischer Kleidung über und über mit rotem Ocker beschmiert, das wieder langgetragene und gesträhnte Haar mit dem »ol daiga«-Zopf von Fett triefend, in Gesellschaft anderer Masai im Schmuck seiner Kriegertracht. Auf die erstaunte Frage des Herrn, was das bedeute, erwiderte der Masai im reinsten Berliner Deutsch: »Ick habe et vorjezogen, wieda mang meene Landsleute zu leben!« Nie werde ich vergessen, was einer meiner Masaifreunde meinen Trägern zur Antwort gab, als er furchtlos und geschickt mit seinen nackten Armen die Schätze eines Bienennestes aus einem Termitenhügel hervorholte und die goldklaren Honigwaben freigebig unter meine Träger verteilte. »Warum stechen dich die Bienen nicht?« fragte einer meiner Leute vergnügt kauend, den Krieger. »Eure Sache ist es, Lasten zu tragen,« antwortete der ol Morani, »meine ist es, in der Steppe zu schweifen. Dich stechen Bienen, mich aber lieben sie.« Dabei traf den neugierigen Träger ein Blick unendlicher Verachtung. Die Masai kennen die Institution der Sklaverei nicht. Vor Jahren dienten mir zwei Masaimänner namens »Loumbardié« und »Kipueto« als Führer während eines Jahres, und ich zahlte ihnen, da sie mir bis zur Küste folgten, dort ihren Lohn aus. Die ganze summe benutzten sie jedoch sofort zum Freikaufen einer in Pangani im Besitze eines Negers lebenden, schon recht bejahrten Masaisklavin. Sie gehörte zum Stamme meiner Führer; das genügte ihnen als Antrieb zu einer Handlungsweise, die eine selbstlos vornehme Gesinnung beweist. Ich brauche dem wohl nicht hinzuzufügen, daß ich nicht nur Sorge trug, daß der Freibrief der Sklavin für eine entsprechend billige Summe ausgestellt wurde, sondern daß ich auch die Leute für ihren Edelmut noch ansehnlich belohnte. Hier sei noch bemerkt, daß ich in einer ähnlichen Sache auf entschiedensten Widerstand stieß. Mein alter Karawanenführer »Maftar«, ein Suaheli, weigerte sich, sich von mir in Anerkennung seiner treuen vieljährigen Dienste freikaufen zu lassen: Den Kummer, ihn verlieren zu müssen, wolle er seinem alten arabischen Herrn nicht antun! Andere Völker, andere Sitten! Eine gelbliche wie Erbsensuppe aussehende, nach Natronsalzen schmeckende Flüssigkeit diente uns zur Labung ... der Geschmack dieses Wassers ist schwer zu beschreiben ... Wasser! Wasser! Endlich wieder Gelegenheit zu einem erquickenden Bade! Ähnliche Züge vornehmer Denkungsweise habe ich noch mehrfach erfahren und auch von Missionaren, bei denen ich Gastfreundschaft genoß, bestätigen hören. ... Selbst in den Nächten, in denen Masaihorden mich überfielen, und ich mit knapper Not mit meinen Leuten dem Verderben entging, selbst da habe ich ihnen keinen Augenblick jenen Groll entgegenbringen können, den man für einen unvornehmen Gegner fühlt. Und ein mir sehr nahestehender Freund – Hauptmann Merker – hat mir einst aus dem Herzen gesprochen, als er sagte: »Wäre ich nicht ich, ich möchte wohl ein Masai ol Morani der guten alten Zeit sein.« Die Erforschung des Masaivolkes durch Merker, die Monographie, die er über diesen Volksstamm veröffentlicht hat, dürfte wohl eine der gründlichsten Studien darstellen, die bis heute über ein ostafrikanisches Semitenvolk veröffentlicht worden sind. Dem Andenken meines dem tückischen Malariafieber im Dienste für das Vaterland und für die Wissenschaft früh erlegenen lieben Freundes Merker, dessen sterbliche Reste heute an den Gestaden des Viktoria-Nyanza bestattet ruhen, möchte ich dieses Gedenken widmen dürfen. Er liebte sein Afrika und sein Forschungsgebiet über alles, und seine Freunde erleben die Genugtuung, daß Jahre nach seinem Tode (1910) in der neu erschienenen Auflage seines Werkes eine Autorität wie Professor Hommel in München in dem von ihm verfaßten Vorworte für die Richtigkeit der Merkerschen Forschungen aufs entschiedenste eintritt. Der Umstand, daß die mündliche Tradition der Masai einzig und allein durch sehr bejahrte Leute gepflegt wurde, macht eine Erforschung ihrer Urzeitmythen ganz besonders schwierig, denn im Jahre 1891 erlagen die Masaigreise, die Träger der Traditionen ihres Volkes, fast alle der Rinderpest. Mir aber ist es eine liebe Aufgabe und eine Ehrenpflicht, des Freundes zu gedenken, der ein vornehmer Mensch war, ein deutscher Offizier und ein genialer Forscher zu gleicher Zeit, und der ein aufopfernder Freund sein konnte! Das letztere war er mir, der ich schon in der ersten Auflage dieses Buches vor Jahren für ihn eintreten durfte. – 23. Masai-Nyika. In unerhörter Plastik mächte ich sagen, tritt uns Form und Sein der sonnendurchfluteten Steppe, der Masai-Nyika, der vielen, so fernen und doch – anscheinend – so greifbar nahen Gebirgszüge ins Bewußtsein. Greifbar nah! Alles so leicht erreichbar anscheinend und so fern doch und weit. Immer wieder täuscht unser Auge die klare staublose Atmosphäre, die durchscheinend reine Luft. Wie weit unser Auge trägt in dieser durchsichtig klaren Luft, und welch ein weites Gebiet wir zu überschauen vermögen! Auch nach Wochen und Monaten, selbst Jahren, vermochte ich der mich bestrickenden Täuschung über Entfernungen bei tropischer Beleuchtung nicht Herr zu werden; stets erschien mir das von meinem Auge beherrschte Gebiet viel weniger umfangreich, als es war. Immer wieder täuschen uns zitternde Luftspiegelungen, so daß wir Gnus für Elefanten, Strauße für Nashörner, Zebras für Wildesel halten und lange Zeit in unserem Irrtum verharren können. Erschien diese unendliche Steppe und ihre Tierwelt vor Jahren dem neu Ankommenden gleich einem verschlossenen, geheimnisvoll versiegelten Rätsel in nicht endenwollender Ausdehnung – heute, nachdem in Steppe, Berg, Sumpf und Urwald Millionen und abermals Millionen Fußtapfen des Wanderers stehen, hat er ihre Schriftsprache entziffern und in der großen, über alle Begriffe majestätischen Einsamkeit oftmals immer neue und reiche Befriedigung finden dürfen. Die Steppe verrät indes die Geheimnisse ihrer Lieblinge nicht wohlfeil; zahllose Schweißtropfen verlangt sie dem ab, der auch nur wenige davon ergründen will; – ängstlich hütet sie dieselben vor profanen Blicken! Wer in sie eindringt, darf vor allem nicht ihre Schrecken fürchten. Durst, Entbehrungen und die Schauer der Malaria muß er in den Kauf nehmen, freiwillig oder unfreiwillig diese Opfer bringen. So ist es keine Vermessenheit, wenn der Jäger, der Beobachter, der solches tat, sich sagen darf, daß er ein gewisses Recht erworben, zu verdolmetschen, was er erkämpft und erschaut. Unmöglich vermöchte dies jemand, ohne viele große Mühsal und Beschwerde auf sich genommen zu haben. – – Das Geheimnis tief harmonischer Wirkung ist der gewaltigen Wildnis nicht fremd; wer ihre Gunst errungen, lange in ihr weilend und den von ihr verlangten Tribut entrichtend, dem offenbart sie sich in voller Schöne. Ich spreche hier von einer Schriftsprache, und tatsächlich, wie mit einem Griffel eingezeichnet, finden wir die vielerlei Fährten und Spuren der Tierwelt im losen flüchtigen Staube der Steppe, im zähen Laterit, im Sumpfboden geformt: ein nicht leicht zu lesendes, aber immer wieder reizvolles Buch, dessen Studium auch nicht eine einzige Stunde der Langenweile aufkommen läßt. In Riesenschrift redet die Nyika zu uns von einst Entstandenem, Gewesenem, und gleichzeitig vom alltäglich Gegenwärtigen, in einer lapidaren Schrift, die in schneebedeckten Vulkanen so gut zu uns spricht, wie in Spuren und Fährten riesiger an die Vorzeit gemahnender Geschöpfe. Und da, wo diese Riesen der Tierwelt ihre gigantische Kraft an Baum- und Strauchwerk ausgelassen, in Sumpflachen und Schlammbädern eingeprägt haben, finden wir gleichsam Interpunktionszeichen dieser Schriftsprache von gewaltigster , imposantester Wirkung! Es ist ein für den Nordländer anfänglich höchst überraschender Anblick, diese Hunderttausende von Wildfährten, die die afrikanische Steppe in der Trockenzeit getreulich wochenlang bewahrt und noch länger. Die Giganten der Tierwelt hinterlassen ihre gewaltigen Fußstapfen – Löcher, in denen man unter Umständen ein Bein brechen kann – manchmal fast ein Jahr lang. Aber auch die Fährten geringeren Wildes stehen lange Zeit in der Steppe. Wo sich im Gebüsch zu ihnen der intensive Teergeruch der Wasserböcke gesellt, in der Steppe der Hauch der großen Wildrudel, im Urwald und der schwül-heißen Dickung aber der starke Geruch nach Elefant oder Nashorn, im Schilfdickicht die Witterung der Büffel, da steigert sich die Sprache der Steppe zu größter Wirksamkeit auf unsere Sinne! Das ist dann oft ein Chaos von Fährten, von tennenartig platt getretenen, sich kreuzenden und wieder vereinigenden Wildwechseln, daß die Suggestion zahmer Herden, wie schon angeführt, keine weit hergeholte ist! – Wie Strohhalme geknickt sind Bäume von ansehnlicher Stärke, rechts und links von unserem Pfade, da, wo eine Elefantenherde ihren Weg genommen hat, – und die zur Regenzeit entstandenen Elefantenfährten gleichen erstaunlich tiefen Gruben, die ein Jahr und mehr sichtbar bleiben, und in die zu stolpern im dichten Grase nicht ungefährlich ist. Wo auch der Wanderer seinen Fuß hinsetzt, immer Neues, immer Lehrreiches findet er auf seinem Wege. Außer den Elefantenherden, die vielleicht schon vor Monaten ihren Weg durch die Steppe genommen haben, prägen die Spuren und Merkmale eines anderen großen Dickhäuters, des Nashorns, sich ganz besonders aus. Zu den einzelnen Wasserplätzen führen viele Kilometer weit ausgetretene, sich kreuzende Wechsel, welche in der Nähe des Wassers besonders bemerkbar, sich in der weiten Steppe allmählich verlieren. Gleich dem Elefanten haben die Nashörner an vielen Stellen an den holzigen Stauden und Dornsträuchern ihren Zoll erhoben, und einzelne Sträucher finden wir mehr oder minder gänzlich ihrer Zweige beraubt. – – Die ostafrikanische Steppe zeigt sich uns in ganz verschiedenen Formen, bald flach, bald wellig, oder schroff durchbrochen von mehr oder minder sich erhebenden Höhenzügen, schroffen Felsgraten, Hügeln und Kuppen. Im vulkanischen Gebiete des Bergriesen Kilimandscharo Kilimandscharo – die leider eingeführte Schreibweise; richtiger würde man schreiben: Kilima 'Ndjaro (Kilima = Berg). erheben sich auf ihrem Höhentableau eine ganze Reihe von Bergen. Während der Kilimandscharo selbst in seiner größten Erhebung, dem Kibo, über 6000 Meter Höhe erreicht, und in diesem Berggipfel, als höchster deutscher Berg, von ewigem Schnee und Eise starrt, ist seine zweithöchste Erhebung, der Mawenzi, nur zeitweilig von Schnee bedeckt. Seine schroff in die Lüfte ragenden Felszinken sind durch ein gewaltiges, fast 5000 Meter hohes Sattelplateau mit dem Kibo verbunden. Als vor rund einem halben Jahrhundert der Missionar Reebmann die erste Kunde einer Gletscherwelt unter äquatorialer Sonne nach Europa brachte, erklärte die gelehrte Welt dies für ein Phantasiegebilde. Eis und Schnee unter dem Äquator! Heute sind wir über die Genesis, die Entstehung des Vulkanriesen genau unterrichtet: Das ganze Massiv des Berges, das so vereinzelt aus dem Steppengebiete aufragt, hat Professor Hans Meyer in mehrfachen, bewunderungswürdig durchgeführten Expeditionen zu seinem Forschungsgebiete gemacht, und seine hierüber veröffentlichten Werke werden dem jene Gebiete Durchstreifenden reiche Belehrung über die geologischen Verhältnisse dieser Gegend und hohen Genuß gewähren. Die Bodengestaltung der Steppe erfolgte durch vulkanische Ursachen, und mit Recht sagt mein Freund Merker, daß dies am Kilimandscharo, Meru und Ol'Dónjo-l'eng-aī besonders drastisch hervortritt. In der Nähe des letzteren noch tätigen Vulkanes zwischen dem Steilabfall des Mutiek-Plateaus, des Gileï- und Timbatigebirges reiht sich Berg an Berg, jeder die Ruine eines Kraters tragend und ein Landschaftsbild darstellend, wie wir es aus Mondphotographien kennen. Etwa zwei Tagereisen entfernt, erhebt sich dem Kilimandscharo benachbart der finstere, fast 5000 Meter Höhe erreichende Meruberg, und weiterhin in der Richtung des Viktoria-Nyanza reihen sich vereinzelte zahlreiche Berge und Vulkane jenen an. In weit mehr als 1000 Meter Höhe über dem Meere gelegen, dehnt sich zwischen dieser Bergwelt die Hochsteppe in unermeßlicher Ausdehnung im hellen, blendenden Sonnenglanze vor uns aus. Je nach der Jahreszeit, je nachdem wir uns in der Masika, der großen Regenzeit, oder in der Trockenzeit befinden, liegt die Nyika im grünen Schimmer neu entstandenen Grasschmuckes – meilenweit auch wasserbedeckt – von einzelnen Regenstrombetten silbern durchflutet – oder auch tennenartig öde fahl und braun mit erstorbener Vegetation vor uns. Im letzteren Falle gewähren unserem Auge nur hier und da die Depressionsstellen Ruhepunkte, wo Akazien, Terminalien oder andere Bäume und Sträucher so viel Grundwasser erreichen, daß sie längere Zeit im Blätterschmucke zu verharren vermögen. Schwer dürfte es dem Nichtbotaniker werden, den Charakter der Pflanzenwelt der Steppen treffend zu schildern. In seinem Werke »Der Kilimandjaro« hat indes Professor Volkens dies meisterhaft und bis heute unübertroffen vermocht. Wir haben es bald zu tun mit öden, freien Flächen, die zur Regenzeit überschwemmt, auftrocknend weißliche, salzinkrustierte Flächen bilden, nur spärlichen Grasbüschen Leben gewährend, wiederum auch mit unübersehbaren grünen oder fahl verbrannten Grasfluren, dann wieder mit Akazienhainen in unermeßlicher Ausdehnung oder mit Dornbäumen, die für das Laienauge Ähnlichkeit mit Obstbäumen haben und auch treffend Obstgartensteppen genannt wurden. Da, wo die Steppe mit dichtem Akazienbestande bewachsen ist, können diese natürlich hochstämmig sein oder, in jüngeren Exemplaren, mehr strauchartig. Auch mit Sträuchern und Stauden verschiedener Arten kann die Steppe bedeckt sein, zwischen denen mannshohes Gras zur Regenzeit aufsprießt und stachel- und dornbedeckte Pflanzen aller Art zwischen den Bäumen und Baumsträuchern sich finden. Mannigfache Euphorbienarten, auch dem Laienauge schnell kenntlich, geben dem Ganzen ein tropisches Gepräge. Stauden aber und Stachelsträucher seltsamster Art, graugrüne Knollen von mehreren Fuß Dicke, – anscheinend lose auf dem Erdboden aufliegend – bilden eine weitere Form dortiger Steppenvegetation. Zur Regenzeit senden sie Stacheläste und Ranken aus, zur trockenen Zeit anscheinend völlig abgestorben, entledigen sie sich aller dieser Lebenszeichen. Besonders trockene und regenlose Steppenformationen sind es, in denen die sogenannten Succulenten vorherrschen, Pflanzen, welche derartigen Daseinsbedingungen besonders angepaßt, auch mehrjährige Regenlosigkeit zu überleben wissen. Immer wieder stoßen wir in der Nyika mehr oder minder häufig auf einen jener gewaltigen, bis zu mehreren Metern Höhe und bedeutender Breite ausgebauten Termitenhügel. Unermüdlich sind die Termiten, jene geschickten kleinen Baumeister, tätig, zur Nachtzeit ihre Burgen, die eisenhart fest ineinandergefügt sind, auszubauen und zu erhöhen. Mit Eintritt der Regenzeit entsteigen die nunmehr geflügelten Termiten in außerordentlichen Mengen dem Erdboden, ihre weite Reise in die Lüfte antretend, um allerorten die Grundlage zu neuen Kolonien zu bilden. In eiliger Hast kommen sie aus dem Erdboden hervor. Die meisten wissen, obzwar zum ersten und einzigen Male in ihrem Leben der finsteren Tiefe entsteigend, im Reiche der feuchten Abendluft sofort meisterhaften Gebrauch ihrer weißen kleinen Schwingen zu machen. Einige aber zappeln am Boden, ihre Flugwerkzeuge sind offenbar verletzt: sie werden die erstrebte Reise niemals antreten können! Doch was will das Milliarden gegenüber besagen, die ihre Bestimmung erfüllen werden! Charakteristisch schmückt hier und da die Steppe der wohlbekannte Affenbrotbaum. Grotesk und bizarr durch seine Erscheinung, erreicht er oft, in leuchtend grauglänzender Rinde gehüllt, einen Umfang von vielen Metern, urweltlich mutet er uns an. Der Reisende lernt ihn aber bald schätzen; denn manchmal birgt er in seinem hohlen Innern reichliche Wasservorräte, die aus der Regenzeit stammen und oftmals das einzige Wasser auf viele Tagereisen im Umkreise bilden ... ... Haben wir einen erhöhten Standpunkt eingenommen, so fällt uns besonders eins auf: von höheren Bäumen begleitete, die Steppe weithin durchziehende Einsenkungen; das sind periodische Regenstrombetten, die häufig schluchtenartig schroff vertieft die Landschaft durchqueren. Liegen sie monate- und jahrelang trocken und durstend da, ein plötzlich eintretender gewaltiger Regenguß vermag sie in reißende Ströme zu verwandeln, die der Karawane ein unüberschreitbares Hindernis zu bereiten vermögen. In ihren oft weitausgedehnten Betten wäre es zur Regenzeit daher nicht ratsam, das Lager aufzuschlagen. – – Liegt die Steppe in flimmerndem, das Auge blendendem Sonnenglanze, wie ein offenes Buch vor uns, so schweift der Blick in ungemessene Weiten, und ein Gefühl von Freiheit und Sehnsucht, all das Unbekannte zu erkunden, zu erforschen, ergreift den wissensdurstigen Wanderer. Wieviel hundertmal habe ich mir, in den schwarzen Erdteil zurückgekehrt, eine hohe Warte gewünscht, ein Luftschiff, das mich über Steppen und Einöden tragen würde, und von dem aus ich all die Geheimnisse der exotischen Tierwelt hätte ergründen können, statt an die Scholle gefesselt mühselig, oftmals nur automatisch Schritt für Schritt im Sonnenbrande wandern zu müssen. – Wenn dieser Wunsch sich eines Tages wird erfüllen lassen, so ist aber wohl jene Tierwelt in ihrer Pracht und Schönheit zum großen Teil verschwunden ... Ist die Masai-Nyika grün und wasserreich zur großen Regenzeit, so reist es sich in ihr ohne besondere Schwierigkeit, außer der Mühe, die es macht, den Weg zwischen den Dornen, den Büschen oder den lang rankenden, scharfen und oft mannshohen Gräsern sich zu bahnen. Anders aber ist es zur Trockenzeit. Dann ist es nicht geraten, in sie hinauszuziehen, ohne verläßliche Kenntnis der sicheren nächsten Wasserstelle. Kunde, die über den Wasservorrat noch vor kurzer Zeit uns wurde, ist nicht zuverlässig; denn schnell dahinsiechend in dem Gluthauche der Sonne und der Steppenwinde kann das begehrte Naß in kurzen Tagen verschwunden und vertrocknet sein! Mit den beladenen Trägern, welche, ihre sechzigpfündigen Lasten auf dem Kopfe, frühmorgens aufgebrochen sind, vermögen wir wohl bis zu 30 Kilometer und mehr an einem Tage zurückzulegen, wenn wir sicher waren, am Abende Wasser zu erreichen. Ist das nicht der Fall, so sehen wir uns gezwungen, uraltem, zweckmäßigem Gebrauche folgend, einen sogenannten »Telekésamarsch« zu machen. Nach Mittag bricht die Karawane auf und geht bis zum Abende ihrem Ziele entgegen. Mit Eintritt der Dunkelheit wird an einer beliebigen Stelle der Steppe ohne Wasser gelagert. War der Tag heiß, lastete die Hitze sengend und brennend über unseren Häuptern, führten die plötzlich eintretenden Wirbelwinde gewaltige, Staub und Sand aufrührende Tänze in der Ebene aus, kreuz und quer wirbelnde Sandhosen bildend, so harrt jeder Mann bei seiner Last hingekauert des nächsten Morgens, um in aller Frühe, – bei Mondschein und nicht allzu ungünstigem Terrain oft noch in der Nacht aufbrechend, – so eilig wie möglich dem ersehnten Wasser, der nächsten Lagerstelle, zuzustreben. Oft kann dieses Ziel erst am Abend erreicht werden. So lange vermag ein wohlgenährter und eingeübter Träger dort drüben mit seiner schweren Last auszuhalten, kaum aber länger. Unter gewöhnlichen Verhältnissen wird er niemals seine Last im Stiche lassen; alte Tradition verbietet ihm dies, und so fest verläßlich ist er in dieser Beziehung, daß ich oftmals neben ihrer Last niedergesunkene Leute auffand, kaum aber je erlebt habe, daß sie, ihre Last verlassend, etwa das Wasser zu erreichen versucht hatten. Wohl aber ist es »testuri« (Sitte, Überlieferung), daß die zuerst am Lagerplatz Angekommenen ihren »rafiki« (Freunden) die gefüllte Kürbiskalebasse oft stundenweit rückwärts entgegentragen, um sie so zu erquicken. Hier, wie bei der freigiebigen Zustellung von Speise untereinander, handeln die Träger höchst brüderlich und sich gegenseitig helfend und unterstützend. Wie aber auch die Verhältnisse liegen mögen, ob zur Regen- oder Trockenzeit, bewundernswert wissen die Schwarzen, verstehen es namentlich aber die Jagdnomaden, der so menschenfeindlichen Steppe die angenehmsten Seiten abzugewinnen, verborgene Wasserpfützen aufzufinden, die seltenen beerentragenden Sträucher zu erspähen, Brennholz zu finden, wo anscheinend weit und breit kaum solches zu erschauen war, ihr Lagerfeuer zweckmäßig anzufachen und sich mit ihren dürftigen Tüchern oder Gewandungen schattige oder windgeschützte Lagerstätten zu bereiten. Ganz besonders verstehen sie es auch, durch aromatisch duftende Kräuter sich insektenfreie Lagerstätten zu schaffen, deren starken Düften indessen europäische Nerven kaum gewachsen sind. Alfred Brehm sagte einst von dem asiatischen Gegenstück der Masai-Nyika, der Tundra, der sibirischen Moossteppe, nachdem er viel Hartes und Schweres dort erlebt und ihre Tücken kennen gelernt: »Zur Tundra ziehe ich nicht wieder!« Vor der Nyika habe auch ich ein gewisses Bangen; niemals wird ein Nordländer, wird ein Deutscher, will er anders bleiben was er ist , dort für die Dauer Fuß fassen. Aber mit geheimnisvoller Kraft lockt sie dennoch den, der sie kennen gelernt, immer und immer wieder zu sich zurück. – – – 24. Steppenbrände. Über weite Gebiete der ostafrikanischen Steppe hinweg rast alljährlich die alles vernichtende Glut der Steppenbrände. Baumleichen künden – auch zur Zeit der »Masika«, der Regenzeit, wo alles frisch und grün erscheint – schwarz verkohlt dem Wanderer, daß noch vor kurzem sengendes Feuer das Gebiet durchflutet hat. Mit beginnender Trockenzeit schimmert aus weiter Ferne hier und da beim Eintritt nächtlicher Dunkelheit ein Feuerschein; oftmals erglüht nächtlicherweile stets wieder ein und derselbe, weit entfernte Punkt rötlich am Horizonte. – Das sind ferne Steppenbrände an Orten, wo das Gras schon dürr geworden; sind weit abgelegene Bergterrassen, deren Graswuchs der Feuersbrunst erliegt, viele Nächte hintereinander als gigantische Fackeln weit hinausleuchtend in die Lande. ... Überall, wo Savannen in Afrika sich finden, spielt sich wieder und wieder dieser Vorgang ab. Mein als Held 1918 gefallener Freund, der Geheime Regierungsrat Dr. Rich. Kandt, der Entdecker der Nilquellen, berichtet aus dem Herzen des schwarzen Erdteiles in seinem herrlichen Werke Richard Kandt, Caput Nili . Berlin 1904, Dietrich Reimer. von denselben Vorgängen, die ich im Osten beobachtet habe. Ist die Dürre allgemein geworden, so wird nicht nur der Eingeborene allerorten, nein auch der Reisende Feuer anlegen, sei es, um sich leichter einen Weg durch die verschlungene Graswildnis bahnen zu können, sei es, um wie der Eingeborene durch diesen »Feuerzauber« in kurzer Frist, nach dem ersten plötzlichen Regen frische grüne Weide zu erhalten. – Nicht etwa mit verheerender Schnelligkeit, so daß Mensch und Tier kaum zu entrinnen vermögen, rasen diese Steppenbrände einher – wie dies so oft in Reiseschilderungen erzählt und in erdachten Abbildungen gezeichnet worden, – aber, oft recht schnell vorrückend, stunden-, tage-, selbst wochenlang pflanzen die gewaltigen Feuer sich fort, die trockenen Gräser verzehrend, Sträucher vernichtend und selbst Baumriesen durch die jahrelang immer wiederkehrenden züngelnden Flammen zu Fall bringend. Ist ein großer Baumstamm durch die Wirkung des Feuers gestürzt: der nächstjährige Steppenbrand findet ihn bereits dürr und ausgetrocknet auf dem Boden liegend vor. Dann sieht ihn der Reisende einige Tage später, wenn nicht heftige Winde wehten, eingeäschert mit allem Geäst und seinem ganzen Kronenwerk getreulich auf dem Erdboden hingezeichnet: ein memento mori seltsamster Art! – Der nächste Wind verstreut dann die Aschenreste spurlos, und nichts verrät uns das Geschehene. – – Wälzt die feurige Lohe sich durch die Steppe, oft viele Stunden in der Ausdehnung, so ist der große Festtag vieler Tiere erschienen: Marabus, Störche, die Kranichgeier, Raubvögel aller Krt, vor allem die Schmarotzermilane stürzen sich herab auf die ihnen nun leicht zur Beute fallenden Heuschrecken und andere niedere Tiere aller Art. Aber auch die schön gefärbten Racken, verschiedene Schwalbenarten, die schwarzen Trauerdrongos sieht man mit größter Geschicklichkeit – anscheinend unmittelbar aus den züngelnden Flammen – ihre Beute herausholen. Alle diese Tiere bekunden durch ihr Verhalten, daß ihnen die Brände nichts Erschreckendes, sondern etwas Gewohntes sind: etwas, aus dem sie tunlichsten Nutzen zu ziehen wissen. Die Säugetiere der Steppe fliehen entweder geschickt vor den Flammen, um nach kurzer Zeit zu den Brandstätten zurückkehrend dort frischsprießendes Gras zu finden, oder verkriechen sich in den Erdboden und lassen die Flammen ohne Schaden über sich hinwegziehen. Von größtem Interesse war es mir, beobachten zu können, wie diese afrikanische Tierwelt gleich Mephistopheles das Flammenmeer als ein »freundlich Element« betrachtete! Namentlich die Pavianherden kümmerten sich wenig um die Steppenbrände, und es scheint mir gar nicht unverständlich, daß in grauer Urzeit der Urmensch sich mit dem Feuer zu befreunden vermochte. Dies geschah dann gewiß in der Nähe von Vulkanen und zu einer Zeit, als die geotektonischen Kräfte noch ungleich häufiger denn heute feurige Glut auf der Erdrinde – aus dem Innern des Erdballs – zerstreuten ... Unzweifelhaft schädigen diese Brände die Baumbestände unter Umständen erheblich, vielleicht haben sie zur Entwaldung vieler Gebiete Ostafrikas, – seit der Mensch des Feuers Herr geworden – ein gut Teil beigetragen. Hatte die Regierung auch einige Jahre hindurch dies »Feuern« untersagt, so ist es neuerdings wieder erlaubt worden. Zweifellos werden nämlich durch diese Brände unendlich viel schädliche Tiere vernichtet und Krankheitskeime zerstört. Auch war das Verbot praktisch nicht durchführbar. Doch unterfange ich mich nicht, die Wirkung dieser alljährlich ungeheure Gebiete Ostafrikas überziehenden Brände abzumessen. Professor Volkens legt ihnen aber, wie ich glaube, eine allzu geringe Bedeutung bei. Das immer wiederkehrende Feuer fällt selbst die hochstämmigsten Baumriesen langsam, aber sicher, und ich vermag nicht einzusehen, daß diese afrikanischen Brände in gewisser Beziehung nicht ebenso zerstörend auf die Waldbestände einwirken sollen, wie dies in Europa der Fall ist. ... An kleinen Steppenseen zwischen dem Kilimandscharo und Meruberg, die von Krebstierchen wimmelten, waren Flamingos im November zahlreich, in ungeheuren Mengen aber fand ich diese "herrlichen lebenden Seerosen" am Nguasso-Nyiro (Großen Natronsee) ... Dem Reisenden können die Brände bei einiger Vorsicht kaum gefährlich werden. Naht sich bei heftigem Winde ein solches Feuer, so heißt es in der Nähe des Lagers »vorbrennen«. – So kann man den gefräßigen Flammen die Nahrung entziehen. Einmal bin ich im Jahre 1897 am Victoria-Nyansa aus Unvorsichtigkeit, im Begriffe ein von zwei Seiten sich begegnendes Steppenfeuer zu durchschreiten, beinahe erstickt, als ich die Augen des Rauches wegen schließend, die Richtung verloren hatte. Mit dem Schrecken und verbrannten Schuhen und Kleidern kam ich noch glücklich davon! Ein anderes Mal entstand in der Nähe meines in der Eile zur Abendstunde aufgeschlagenen Lagers mitten im trocknen Schilf ein so heftiges und schnelles Feuer, daß wir das Lager und uns selbst nur mit knappster Not zu retten vermochten; ich büßte aber dabei eine erhebliche Anzahl unersetzlicher Objekte ein. Dazu kam, daß ich, auf dem Rückmarsch an die Küste begriffen, mehrere hundert zur damaligen Aufstandszeit zu meiner Sicherung mitgeführte Patronen fortgeworfen hatte und diese nun, vom Feuer erreicht, anfingen zu explodieren. Die kohlschwarz versengte Erde, ebensolche Hügel und Bergrücken, tage- und selbst wochenlang schwelende und langsam glimmende Baumstämme sind eine oftmals wiederkehrende Signatur ostafrikanischer Steppe. Bei Windstille fand ich in Flußwäldern einzelne Baumstämme öfters mehr denn eine Woche lang, – am Tage rauchend und schwelend, – zur Nachtzeit aber hell ihre Umgebung erleuchtend, fortglimmen und -brennen. Gleich Laternen mit rötlichem Lichte dienten mir diese Naturleuchten nicht selten als Wegweiser in der Dunkelheit. An den Armen aber, Gesicht und Händen, wie auch an der Kleidung des Reisenden haftet oftmals die rußige schwarze Farbe der verkohlten Zweige, Stengel und Stauden und bildet schwer zu entfernende Merkmale seiner Wanderungen durch die verbrannte Steppe, wenn, was ja oft der Fall, das Wasser selten und kostbar ist und kaum zum Trinken ausreicht. ... Wem der Anblick des Vesuvs zur Zeit lebhafter Tätigkeit nächtlicherweile zuteil ward, kann sich einen Begriff machen vom grandiosen Anblick eines jener gigantischen, allnächtlich wiederum sichtbar werdenden fernen Steppenbrände. Erblicken wir sie etwa von einem Berge herab nur einige Meilen weit, wie das Feuer langsam in Zickzacklinien hier und da heller aufflackernd, seinen Weg teilweise durch mächtige Dampfwolken verdeckt, verfolgt, so gehört nicht viel Phantasie dazu, sich nach Europa versetzt zu glauben und in dem Aufleuchten der Lichter da unten das Getriebe der Bahnhofsanlagen einer der großen Weltstädte oder der Industriezentren Europas vor sich zu sehen. Diesen Gedanken sprachen einst mein verewigter Freund Hauptmann Merker und ich zusammen in Moschi am Kilimandscharo aus, als uns ferne Steppenbrände leuchteten. ... Mächtig aber, grandios und imposant in seiner Gesamtwirkung steht mir das Bild eines brennenden Berges, das Bild einer gewaltigen Feuersbrunst vor der Seele, die tagelang wütend, durch die Felsenschlünde, Talmulden und Bergmatten des 2000 Meter hohen Longidoberges (Ngaputúk) raste und in dunklen Nächten mein am Fuße des Berges gelegenes Lager taghell erleuchtete. Jetzt in der Trockenzeit trug das Gebirge ein völlig nordisches Gepräge in seiner durch die ruhende Pflanzenwelt kaum verhüllten nackten Dürftigkeit. Gewährte der Berg in seinem kühnen, schroffen Aufbau der Westseite schon an und für sich ein Bild wilder Schönheit, so vereinigte sich diese Szenerie mit dem Anblick des rötlich züngelnden Flammenmeeres zur Nachtzeit, mit dem Knattern, Zischen und prasseln der windgepeitscht durch die Talhalden fortrasenden Feuersglut, der hier und da vernehmbar werdenden Stimmen der aufgescheuchten Tierwelt zu einem der mir unvergeßlichsten Schauspiele aus afrikanischer Wildnis. Aus afrikanischer Wildnis – die ja hier, wie manchmal auch anderen Orts ein so nordisches Aussehen aufweist, daß der Wanderer sich in der Heimat glauben muß. ... Es war, als ob der Berg, lebe und in wildem Aufruhr phantastische nächtliche Erscheinungen, aus Dampfwolken gebildet, dort oben in wildem Ringen sich bekämpften. Tobten eben noch prasselnd und sausend die Flammen, in schnellem Laufe die Bestände an trocknem Hochgrase vernichtend, so verhüllten nun wieder gewaltige Rauchmassen dampfend die Berggipfel, um dann wiederum verschwindend abermals einem über alle Beschreibung gewaltig zum Himmel auflohenden Flammenmeere Platz zu machen, in dessen weitleuchtendem Scheine sich die kühnragenden Felsgipfel des Berges majestätisch dräuend aus der schwarzen Nacht des Horizontes abzeichneten ... ... Riesen aber der Tierwelt, die gewaltigsten Wildarten der Erde, kamen unbekümmert um das Flammenmeer zu den nahegelegenen Wassertümpeln – und nur wenig entfernt von meinem Lager hockten halbnackte dunkle Kriegergestalten, hockten meine befreundeten Masai-Moran, mit Schild, Speer und Schwert bewaffnet, wie in der Urzeit uralte Schlachtgesänge vor sich hinsummend. ... Das war der »Feuerzauber«, wie er nur geträumt werden kann; das »Auf Dein Geheiß entbrenne ein Feuer!« trat mir allabendlich wieder und wieder vor die Seele, und stundenlang, während dort droben im Reiche der Berge die Flammenmeere tosten, zogen an meinem Geiste die Gestalten des fernen nordischen Sagenkreises vorüber, die jener gewaltige Geistesheld zu neuem Leben erweckt hat. Lebten doch die Masaikrieger in meinem Lager noch in derselben Zeit des Schwertes, des Kampfes und der Naturanschauung wie die Gestalten Richard Wagners im »Ring des Nibelungen«.   25. An den Ndjiriseen. Plötzlich und überraschend, wie die große Regenzeit eingesetzt, hatte sie ihr Ende erreicht. Im Laufe dreier Wochen jedoch hatten sich ungeheure Wassermassen über die durstige Steppe ergossen, hatten Pfützen und Lachen gefüllt, wie mit Zauberhänden aus dem tennenartig öden oder auch schwarz verbrannt vor uns liegenden Steppenboden üppiges Grün hervorgezaubert, Bäume und Büsche aus ihrem Winterschlafe zum Leben erweckt, die Rinnsale und Regenstrombetten jedoch in rauschende, wenn auch schnell vergängliche Ströme verwandelt. Im Senkungsgebiete am Westfuße des Kilimandscharomassivs, dessen tiefste Stellen die westlichen und östlichen Ndjirisümpfe Als erster Europäer hatte ich diese Sümpfe schon im Aufstandsjahre 1899 genau erkundet und ihren Umfang festgestellt. Ich möchte hier betonen, daß die Wasserflächen dieser Seen wie auch ihr Inundationsgebiet je nach der Stärke der Regenzeiten großen Schwankungen unterliegen. Mit Bezug auf die Ndjiriseen habe ich das schon 1899 feststellen können und im Jahre 1897 bereits (siehe Veröffentl. der Geographischen Gesellschaft in Berlin) gefunden, daß der von Dr. Oskar Baumann im Gebiete der Kibaya-Masai eingezeichnete Kiniarók-See nicht als dauernde Wasserfläche existiert. – Diese Tatsache bestätigt 1906 Herr Dr. F. Jäger. bilden, haben sich die Wassermassen, schnell verlaufend, in diesen Sümpfen vereint, und weit und breit die umliegenden tieferen Teile der Steppe in periodische Seen verwandelt. Wochenlang hatte sich ein großer Teil der Tierwelt über die nun allenthalben wasserreiche, mit jungem, zartem Grün von neuem bedeckte Steppe verteilt; auch die fernsten, abgelegensten Gegenden waren für Tier und Mensch nunmehr für kurze Wochen zugänglich geworden. Weit schweiften die Elefanten, die Nashörner, Antilopen und andere Säuger umher, und schwierig war es nun für den eingeborenen Jäger, reiche Beute zu machen, denn allzusehr war das Tierleben zerstreut durch die unendlichen Gebiete. ... Aber mit überraschender Schnelligkeit reiften die Gräser heran, hatte die ephemere (kurzlebige) Vegetation ihren Höhepunkt überschritten! Die Wasserstellen trockneten ein, das Grün wurde unschmackhaft, und wiederum zog sich die Tierwelt zurück nach jenen wassergesegneteren Gebieten, ihren Hauptaufenthaltsorten zur Trockenzeit. – – Die an Sumpf und Wasser gebundene Vogelwelt dieser Steppen aber fand nunmehr eine reich gedeckte Tafel auf den Seen der Ndjirisümpfe, die langsam eintrocknend, eine Anzahl von schwimmenden, samenreichen Wasserpflanzen hatte heranreifen lassen. Ungeheure Scharen von Gänsen und Enten bedeckten die Flächen der Seen. An ihren Ufern hatten sich Tausende von Gnus und Zebras zusammengerottet, und weit aus der Steppe herwechselnd, suchten allnächtlich die Nashörner wiederum ihre Tränkstellen an den Sümpfen auf, während sich Kuhantilopen, Wasserböcke, Warzenschweine und einige wenige Büffel jetzt ebenfalls in die Nähe des Sumpfgebietes und in letzteres selbst wiederum zurückgezogen hatten. Verlockend war es für den Jägersmann und lockend für den Beobachter, nunmehr im Sumpfgebiet dem Tierleben und seinem Treiben zu folgen und es zu beobachten. Aber gleich gewissenhaften Hütern des Wildes lauerten Myriaden von fieberbringenden Moskitos in dem Röhricht und den Papyrusdickichten jener Sumpfwelt. Doch das Fieber darf der Beobachter und der Jäger in tropischen Ländern nicht fürchten; auch weiß er, daß hier, fernab von menschlichen Wohnstätten, die Mücken weniger gefährlich, weniger verderbenbringend sind, als in der Nähe bewohnter Örtlichkeiten und in der Nähe der Karawanenstraßen, wo die kleinen Unholde stets Gelegenheit haben, sich mit Fieberkeimen zu infizieren. – – So verlegte ich mein Lager in die baum- und strauchlosen, salzinkrustierten, weißschimmernden Flächen in der Nähe der binsenbewachsenen Seen und Sumpflagunen, alles Entbehrliche zurücklassend, vor allem Esel und Rindvieh, welche von den Mücken zu Tode gepeinigt worden wären. Weither muß das notwendige Brennholz und süße Wasser am Tage geholt werden. Der Boden ist nur hier und da bedeckt mit dürftigen Gräsern, die beetartig wachsend von vollkommen kahlen Bodenflächen unterbrochen werden. Dünenartig ist der Sand durch das Spiel der Winde gewellt; isolierte kleine Seen, vollkommen vegetationslos, liegen weit zerstreut um das Lager umher. Aus dem Schilfwuchs der eigentlichen Sümpfe aber, an deren periodischen Ausläufern die Zelte aufgeschlagen sind, schwärmen, wie schon gesagt, allabendlich Wolken von Stechmücken auf Beute aus. Im Zelte finden sich auch tagüber viele Hunderte von ihnen, die sich kaum verscheuchen lassen. Sie und die mit leisem Ruf in der Nähe des Lagers die Luft belebenden Brachschwalben sind treue Begleiterscheinungen dieses einsamen Sumpfaufenthaltes. Beginnt zur abendlichen Stunde die hier besonders mühevolle Arbeit des Photographen, so ist dies nur möglich in einer nordpolfahrerartigen Kleidung. So gegen die Stiche der allzu blutgierigen Insekten einigermaßen geschützt, heißt es dann noch Gesicht und Hände gegen ihre Angriffe verteidigen. Dutzende von Stichen müssen aber dennoch allabendlich in den Kauf genommen werden. Meine Schwarzen, obwohl stets im Rauche der schwelenden Lagerfeuer hingestreckt, vermögen in der Nacht kein Auge zu schließen. Tagüber versuchen sie sich dafür tunlichst an kahlen, sandigen Stellen, im Sonnenbrand in der Nähe des Lagers hingestreckt, zu entschädigen. Unter solchen Umständen ist »Carpe diem« (Nütze die Zeit!) die Losung. Aber für alle Unbill findet sich reichlich Entschädigung in der Fülle anziehendster Beobachtungen zur Tageszeit. Dort, wo das Wasser langsam zurücktretend frische Gräser entsprießen läßt, finden sich in den Erdboden eingegrabene Vertiefungen, Ansitze der Jagdnomaden, in denen hingekauert, sie zuzeiten mittels Giftpfeilen ihren Tribut aus den großen Gnu- und Zebraherden erheben, die zur Tränke ziehen. In den zahlreich angebrachten Gruben finden sie je nach Bedürfnis und je nach der Richtung des Windes Deckung, und selbst Elefanten und Nashörner pflegen sie von da aus, zu mehreren vereint, beim Scheine des Mondes zu erlegen. ... Das verkünden mir in der Sonne blendend weiß gebleichte Schädel dieser Riesen in der Nähe der Ansitzgruben ... ... Jetzt aber ist kein Ndorobbo, kein Mkamba (Einwohner der Landschaft Ukamba) weit und breit zu sehen, und vertraut ziehen die von mir nicht gestörten Wildmengen zur Tränke. Tagelang gab ich mich nur mit photographischen Versuchen ab, brachte die zahlreichen Wildmengen auf die Platte und erreichte es so, daß ohne Unterbrechung tagüber Hunderte und Hunderte von Gnus und Zebras nicht weit von meinem Lager, zahmen Herden gleich, sich aufhielten. ... Hier ästen sie in Gesellschaft von Flügen der schönen Kronenkraniche und Nilgänse; Hunderte von Zwerggazellen »weideten« gleich »Schafen« dazwischen, und wo auch das Auge hinblickte, stieß es auf die knorrige, dunkle, markante Silhouette der alten, einzeln von den Herden getrennt äsenden Gnubullen. ... Das waren Tage für den Jäger, für den Ornithologen, Beobachter und Photographen. ... Keine Untiefe unterbricht auf viele Stunden die Wasser dieser Seengebiete. Dort, wo sich Kanäle, aus der Steppe verlaufend, zum eigentlichen Sumpfe hinziehen, reicht uns das Wasser bis zum Gürtel; nur wenige Fuß tief ist es im übrigen. Binsendickichte säumen die Ufer weit ausgedehnt ein, jene von mir hier aufgefundene europäische Schwimmpflanze Potamogeton, so zum ersten Male für Deutsch-Ostafrika nachgewiesen, bedeckt die Wasserfläche, soweit das Auge reicht; nur ihre Samenkapseln erheben sich wenige Millimeter über den Wasserspiegel. Stundenweit war ich oftmals mit meinen Begleitern in diese Seenwelt eingedrungen; wo auch das Auge hinblickt, sehen wir die schönen weißen Edelreiher, die schwarz-weißen »heiligen« Ibisse, den unserm Fischreiher ähnlichen schwarzköpfigen Reiher, die kleinen weißen Kuhreiher, Hunderte und Tausende von Nilgänsen und die großen schwarz-weißen Sporngänse, in weiter Ferne aber säumen die Uferränder Hunderte von prächtigen, rötlich schimmernden Flamingos gleich lebenden Seerosen. Tauchenten ( Nyroca capensis [Cuv.] Less .), viele andere Entenarten, die schönen Witwenenten, Wasserhühner, Steißfüße, Strandreiter und zahllose andere Vogelarten mehr nimmt unser Auge in Fülle wahr, über unsern Häuptern aber zieht der prächtige Schreiseeadler seine Kreise und läßt seine gellende Stimme erschallen. An den Ufern schwirren Strandläufer in Flügen hin und her, – verirrte Mitglieder vielleicht aus den Scharen hochnordischer Wintergäste – die weißflüglige Seeschwalbe stößt auf das Wasser nieder. Jetzt aber fesselt uns ganz besonders ein seltsam sich gebarender Vogel, den unser Erscheinen in dieser Einöde sichtbar in hohem Grade ängstigt! Es ist der schöne Säbelschnäbler, auch Avocette genannt, ( Recurvirostra avocetta L .), ein Vogel, der einst auch an deutschen Meeresküsten brütend, heute kaum mehr dort zu finden und ausgerottet ist. ... Hier finde ich ihn zum ersten Male – dies für Deutsch-Ostafrika nachweisend – als Brutvogel. An diesen salzigen und alkalischen Steppenseen hat er seine Jungen aufgezogen, und im höchsten Grade anziehend und eigentümlich ist sein Gebaren, wenn er Nest oder Junge in Gefahr weiß! Unter fortwährendem, hellem Locken fliegt er hoch über unsern Häuptern hin und her, läßt sich im Wasser nieder, duckt sich dort platt auf den Wasserspiegel und läuft in dieser Stellung von Binseninselchen zu Binseninselchen, zuletzt aber so weit ins offene Wasser hinaus, als es die Tiefe erlaubt. So verrät er den Kommenden untrüglich die Jungen. Höchst anziehend sind dabei die fluggewandten schwarz-weißen, so ängstlich um ihre Nachkommenschaft besorgten Gesellen, wie sie sich scharf vom wolkenlos blauen Himmel, wenig nur vom hellen Ufersande und dem schmutziggrauen, von Milliarden kleiner Lebewesen getrübten Wasser jener Steppenseen abheben! Die tief herabhängenden Ständer vermehren das Eigenartige des ganzen Vogelbildes; zu alledem haben die abgebrochenen Locktöne der Avocette allgemeinen Aufruhr in der Vogelwelt hervorgerufen, und namentlich der schöne Trauerkibitz ( Hoplopterus speciosus [Lcht.] ) schließt sich ihr an, gaukelnden Fluges über den Störenfried eifrigst scheltend! Welche Fülle von blendendem Licht, majestätischer erhabenster Einsamkeit und tiefinnerster, wunderbare Gefühle auslösender, unendlicher Weite und schrankenloser Ferne. ... Wie weltfern sind diese einsamen Seen ... Laufend suchen sich jetzt die von uns erspähten, noch nicht flugfähigen jungen Avocetten landeinwärts zu retten, und ihr schwarz-weißes Gefieder macht sie, wenn sie sich auf den Boden mit weit vorgestrecktem Hals und Schnabel niederdrücken, fast völlig unsichtbar; schimmert doch das Gelände hier blendend weiß von Salzen wie im Neuschnee! Dort, wo die weiten blanken Wasserflächen in die tieferen Gewässer der permanenten Sümpfe übergehen und anfänglich lichte, aber immer dichtere und undurchdringlichere Schilfwälder sich erheben, sehen wir fast jedes Fleckchen Wasser mit Vertretern der Vogelwelt besetzt. In den Schilfkaupen surrt und zwitschert es von den Stimmen der Rohrsänger und der eigenartigen kleinen Sumpfhühnchen; die streitsüchtigen Wasserhühner erheben sich fliegend über die Blänken, zahlreiche Sumpfhühner, einzelne Zwergsumpfhühner und die eigenartigen Blatthühnchen ( Actophilus africanus Gm .) zeigen sich unseren Blicken. Brütend, in erstickender Schwüle lagert die Sonnenglut über der wie mit einem Teppich von Wasserpflanzen überzogenen Wasserfläche; fester Landfläche gleichend, ziehen diese trügerischen Pflanzenmassen sich hier über die Oberfläche der Seen dahin, und wir vermögen nur mühsam, Schritt für Schritt, durch sie vorwärts zu dringen. Dort, wo auf Sumpfinselchen einzelne Akaziensträucher sich erheben, haben sich Scharen von Zwergcormoranen, mit ausgebreiteten Flügeln ihr Gefieder trocknend, niedergelassen; aber diese Fischfeinde, mit allen ihren Genossen aus dem Reiche der Tierwelt, vermochten seit grauen Zeiten dennoch nicht die Zahl der Fische zu dezimieren. Überall und überall wimmelt es hier von Welsen. Wo wir auch unsere Schritte hinlenken, vor uns auf freien Wasserflächen kündet die Bewegung der Oberfläche, kleine Wirbel und Strudel, die ihre Beute erschnappenden Welse an! Eine ausgeworfene Angel bringt im Laufe einer halben Stunde eine so reiche Anzahl bis zu fünf- und mehrpfündiger Welse, daß vier Mann die schwere Last kaum zum Lager schleppen können. Und dies alles, trotzdem Dutzende von prächtigen Seeadlern ihre Kreise über den Sümpfen ziehen, ihren hellklingenden, schönen Ruf, eine der schönsten Raubvogelstimmen, die ich kenne, häufig ertönen lassend! Mit nur wenigen Leuten im Schilfe versteckt, bis an die Arme im Wasser verborgen, ist es nun hier ein Hochgenuß, dem Leben und Treiben der Vögel zu lauschen. Wäre es nicht um der Moskitos und gewisser kleiner, in Auge, Ohr und Nase kriechender, uns unendlich peinigender Fliegen willen, wir vermöchten tagelang hier auszuharren. Da gleitet plötzlich ein unendlich zierliches Blatthühnchen über das Wasser dahin. Ist es eine junge Parra? Aber augenscheinlich ist das nicht der Fall, und hocherfreut darf ich zum ersten Male das entzückende Zwergblatthühnchen ( Microparra africana capensis [A. Sm.] ) bewundern! Die fabelhaft verlängerten Zehen dieses winzigen Tierchens haben anscheinend das Problem des Laufens über dem Wasserspiegel vollkommen gelöst: Der Vogel ist befähigt, mit Benutzung selbst geringster schwimmender Vegetationsteilchen als Stützpunkt auf dem Wasser über dessen Oberfläche hinwegzueilen. ... Schwirrend und zwitschernd umgeben uns allenthalben geradezu zahllose Rohrsänger; neugierig nähern sie sich uns bis auf nächste Entfernung. Plötzlich aber fesselt eine Spitzmaus hier mitten im feuchten Reiche zu unsern Füßen meine Aufmerksamkeit, – jenes minutiöse Raubtier mit dem für seine Größe furchtbaren Gebiß – und als vollendeter Gegensatz zur Erscheinung dieses Zwergleins aus der Tierwelt erschallt nunmehr das dröhnende Grunzen des riesigsten Wasserbewohners dieser Sümpfe, des Nilpferdes, an unser Ohr. ... Freilich nicht immer wird uns der friedliche Genuß stiller Beobachtungen so ungestört zuteil! Das Gebiet der Ndjirisümpfe war mir als frei von Krokodilen bekannt. Diese Tatsache ist an und für sich verwunderlich, da die permanenten Sümpfe süßes, trinkbares Wasser enthalten, und nur die periodischen Inundationsflächen salzhaltiges Wasser bergen. Im Begriff, im Anfange meines Aufenthaltes an den Sümpfen einen jener periodischen Seen zu durchqueren, entstand, als ich bereits etwa zehn Minuten vom Ufer entfernt war, plötzlich vor mir im Wasser eine überaus heftige Bewegung. Weithin pflanzten sich die entstandenen Wellen fort, und im größten Durcheinander entflohen meine Leute rückwärts aufs Ufer zu, mich im Stiche lassend, mit dem Rufe Mamba! Mamba! Ich glaubte auch tatsächlich zwei große Krokodile vor mir zu erblicken, die sich auf mich zu bewegten, – nicht wissend, mit welcher Anzahl ich es zu tun hatte, ergriff ich nun auch schleunigst die Flucht! Diese war indessen für meine Leute sowohl als für mich in dem drei Fuß tiefen Wasser begreiflicherweise höchst anstrengend. In seichteres Wasser gelangt, versuchte ich meine Leute zum Stillstand zu bringen. Das hatte jedoch bei ihrer großen und gerechtfertigten Angst vor den gefährlichen Wasserechsen nicht den geringsten Erfolg. Am Ufer hielt ich eine Beratung mit einigen meiner Masai ab, und nunmehr gewann ich die Überzeugung, daß es nicht Krokodile, sondern riesige Schlangen gewesen, die uns so erschreckt hatten. Von neuem näherte ich mich der Stelle, wo wir die Tiere bemerkt hatten, und erlegte hier mitten im Wasser nach längeren Bemühungen dann auch drei außerordentlich große, etwa vier Meter lange Pythonschlangen, welche wohl den Eiern der Sumpfvögel und diesen selbst nachgestellt hatten. Höchst genußreich war auch der abendliche Anstand auf kleinen Inseln inmitten der Wasserflächen. Flach auf den Boden hingestreckt wartete ich der schwirrend und flatternd allabendlich erscheinenden Enten und Sumpfvögel aller Art. Besonderen Reiz erhielten diese Jagden durch die stete Möglichkeit, von Flußpferden, – unter solchen Umständen in flachen Wassern gefährlichen Gegnern – überrascht zu werden. Zur Tageszeit hielten diese Tiere sich freilich innerhalb der tieferen Sumpfgewässer auf, gegen Abend aber streiften sie weit über das Gebiet der periodischen Seen hinaus. ... Gewährte der leider in den Tropen allzu kurze »Abendstrich« reiche Genüsse, so boten die bald nach Sonnenaufgang aus fernen Steppenteilen herbeieilenden, in der klaren Luft schon weit sichtbaren herrlichen Sandhühner allmorgendlich reizvolle Bilder. Einzeln und in größeren Flügen kommen sie reißenden Fluges, mit weithin vernehmbarem, lebhaftem Locken zum Wasser, um in hastigen Zügen zu trinken und wiederum ihren fernen Wohnsitzen zuzueilen. Ihre herrlichen Flugbilder und ihr lebhaftes Locken werden sich jedem Naturfreund unvergeßlich einprägen. Die fliegenden Flamingos boten ein herrliches Schauspiel! Ihre rosa gefärbten Federn hoben sich kontrastreich vom blauen Himmelszelte ab ... Meilenweite grasgrüne Binsenwälder bedeckten die Ufer des Natronsees, schneeweiße Edelreiher, jener vornehmste ornithologische Schmuck einer Landschaft, den ich kenne, und schwarzweiße heilige Ibisse belebten die weiten Flächen. Arbeitsreiche Tage verflossen in diesen Sumpflagern unter Beobachtungen und Aufnahmen. Die Jagd trat dabei sehr in den Hintergrund und verlor um so mehr an Reiz, als die Menge tierischen Lebens und Treibens zunahm. Selbst die Nächte jedoch boten nicht selten Neues und Spannendes! Waren es während einer dunklen, wolkenverfinsterten Nacht die Löwen, die für Schlummermusik während Stunden sorgten, so besuchten dann wieder ein oder mehrere riesige Nashörner mein schlafendes Lager. Die riesigen dunklen Dickhäuter stehen mir für alle Zeit unverrückbar in der Erinnerung – massig und imposant auf salzweiß im Mondschein schimmernder Steppe sich abzeichnend! Das waren für mich, wenn ich, plötzlich in tiefer Nacht von der Wache aus dem Schlummer geweckt, fröstelnd nach ihnen ausschaute, die Nashörner der Urzeit im Neuschnee Europas! Zwei gewaltige "Riesenschlangen" (Pythonschlangen), jede gegen vier Meter lang, traf ich hier im Wasser der Ndjirisümpfe an ... (Das Märchen von den Riesenschlangen, die Menschen angreifen und töten, wird wohl unausrottbar bleiben!) Im glühenden Sonnenbrande dehnte sich die Steppe endlos vor uns aus, Wasser war erst nach 24 Stunden zu erlangen, und Mann an Mann marschierte meine 135 Träger starke Karawane vorwärts, da die Eingeborenen sich unruhig gezeigt hatten ... In der Nacht wurde dann auch das Fort Moschi angegriffen ... Denn Schnee und Eis sind selbst dem Äquator nicht fremd: In weiter Ferne badete sich zu unsern Häuptern in einsamer, weltferner Majestät die gletschergepanzerte Kaiser-Wilhelm-Spitze des gewaltigen Kilimandscharo in den zauberischen Mondstrahlen.   26. Ein Abend im afrikanischen Sumpf. Wunderbar ist ein solcher Abend, eine solche Nacht im äquatorial-afrikanischen Sumpfe! Immer wieder wird der Nordländer überrascht durch das schnelle, ihm ungewohnte dämmerungslose Verschwinden des Sonnenballes am Horizonte. Mit dem Eintritte der Dunkelheit tauchen Tausende van Leuchtkäfern – »Kimurri-múrri« der Küstenleute – auf, Zikaden vollführen eine auf die Dauer ohrenbetäubende Musik und mischen ihren Gesang mit dem für uns Europäer merkwürdig hölzern klingenden Gequak der Frösche. Letztere geben einen kurzen, schnell wiederholten, gleichförmigen Ton von sich – ins Unendliche wiederholt. – – – – In diesen Chor der Tierwelt mischt sich das Gesumme der Moskitos, die in Myriaden hier ihre Wohnstätte haben und blutgierig aus dem Papyrusdickicht ausschwärmend ihre Opfer suchen. Ungeschützt gegen ihre Angriffe vermöchten wir unmöglich an unserem Standorte zu verharren. Die sorglich mitgenommenen Mückennetze gewähren auch nur bedingten Schutz, ermöglichen es uns aber immerhin, auf unserem Beobachtungsposten zu bleiben, wenn auch durch die unsere Kleidungsstücke durchdringenden Stiche aufs ärgste gepeinigt. – Lebhafter und geschäftiger wird das Treiben der Mücken, ihr Gesumme stets intensiver, sie selbst zudringlicher. Ihr Konzert vereinigt sich mit den Lauten jener Sumpfvögel, deren Haupttätigkeit sich erst zur Nachtzeit entfaltet. Ein merkwürdiges Glucksen und Kichern in schneller Reihenfolge trifft unser Ohr. Ein kleines, schwarzes Sumpfhühnchen ( Limnocorax niger Gm .) ist es, das so in den allgemeinen Chor einstimmt. Auch am Tage vernimmt man sein geheimnisvolles Gekicher, sein unbeschreibliches Murmeln und Summen. »Es unterhält sich mit den Fischen!« meint einer meiner Leute. »Ja, so ist es, Herr,« stimmen die andern bei. Dem ist nun nicht so, aber immerhin sind diese Vogellaute von höchster Charakteristik für den Sumpf. Der Umstand, daß ein dort lebender welsartiger Fisch, wenn gefangen, sehr ähnliche Laute von sich gibt, veranlaßt wohl die Eingeborenen zu dem Glauben an eine Unterhaltung zwischen Vogel und Fisch. – Ein Gewirr vieler Stimmen, vom rauhen Krächzen des früher auch in Europa nicht seltenen Nachtreihers ( Nycticorax leuconotus Wagl .) bis zum monotonen Geplärre der kleinen Rohrsänger und dem warnenden Rufe der Wasserhühner schließt sich alledem an. Fern flackern meine Lagerfeuer auf, die matte Sichel des Mondes erhebt sich aus den Abendwolken – da ertönt anscheinend in unmittelbarer Nähe aus der Sumpfwildnis erschallend eine Stimme, deren schon die Bibel, – wie Brehm schreibt, – als einer der mächtigsten Tierstimmen alter Zeiten Erwähnung tut. »Und wenn Behemoth,« so nennt der Ebräer das Flußpferd, »seine Stimme erhebet« – – – – Ja, wenn »ol Makao« der Masai, »Kiboko« der Waswahili seine Stimme erhebt, so bebt tatsächlich der Erdboden! Es ist ein Laut von so gewaltiger Stärke, daß er auf den, der ihn zum ersten Male hört, ganz überraschend und erschreckend einwirkt. In langen Intervallen donnert so der alte Nilpferdbulle über sein Königreich, den weiten Sumpf, hin, und niemand wird sich dem eigenartigen Zauber entziehen können, – der durch die weite düstere Landschaft nur verstärkt wird. Er ist ein Zeichen, daß sich die Flußpferde nunmehr auf ihren glatt ausgetretenen, oft tunnelartig durchs Gebüsch führenden Pfaden und Wechseln aufs feste Land zur Äsung begeben werden. – – Kurz vor Sonnenuntergang hat sich noch ein reizvolles, höchst bewegtes Bild unserem Auge geboten. In drängender Hast eilten pfeilschnellen Fluges Hunderttausende von finkenartigen Vögeln und Webervögeln scharenweise zum Sumpfe, um ihren Abendtrunk einzunehmen und dann im schützenden Papyrusdickichte ihr Nachtquartier in Sicherheit aufzuschlagen. – Hastigen Fluges, in langen, wellenartig sich hebenden und senkenden Massen sind sie herbeigeeilt, sich dem Niveau der Papyruswälder in Schlangenlinien genau anpassend und so ganz den Eindruck einer riesigen Schlange im ungewissen Dämmerlicht des Abends hervorrufend. Diese Flüge begleitet ein gewaltiges Brausen, so laut und stark, daß es unter Umständen nicht nur den Neuling zu erschrecken vermag. Mit genauester Einhaltung ganz bestimmter Flugrichtungen stellen sich diese Vogelmengen allabendlich ein. War es mir schon bei früheren Gelegenheiten, bei Beobachtung schnell in dichtgedrängten Scharen fliegender Vögel aufgefallen, welch inniger Konnex zwischen den einzelnen Individuen herrscht, – hier wurde es mir fast zur Gewißheit, daß sich die Vögel mittelst Zeichen, die unsern menschlichen Sinnen nicht mehr wahrnehmbar sind, miteinander verständigen und so imstande sind, blitzschnell gleich Automaten alle Flugschwenkungen und Evolutionen auszuführen, die die Führer oder Leiter dieser Schwärme für nötig erachten. Zugleich sind unzählige Tauben verschiedener Arten, scheu und vorsichtig hin und her flatternd, am Wasser erschienen; nach eingenommenem Trunke begeben auch sie sich in der Nähe des Sumpfes zur Nachtruhe. Die Luft ist erfüllt vom Geflatter der Tauben, in so großen Mengen erscheinen sie in verschiedenen Arten hier am Wasser! Ihnen schließen sich Perlhühner, fliegend und laufend oft aus weiter Entfernung herbeigeeilt, in großen Mengen an. Auf kahlen im Sumpfe stehenden Bäumen aufgebäumt, heben die einzelnen großen Vögel sich scharf vom rotvioletten Horizonte ab. Aber schon wieder ein neues Bild! Schweren Fluges, gespensterhaft sich abzeichnend von dem nun in all den unsagbar schönen Tinten des äquatorialen Sonnenunterganges wechselnden, schon halb verdüsterten Abendhimmel, naht sich ein Trupp der wundervollen Kronenkraniche ( Balearica regulorum gibbericeps Rchw. ), ihre sicheren Schlafplätze auf kleinen Inseln im Sumpfe aufzusuchen. Abend für Abend treffen diese prächtigen Vögel auf die Minute genau hier ein. Ein Knarren wie von ungeölten Wagenrädern begleitet ihren Flug, wohl eine der groteskesten mir bekannten Vogelstimmen. Merkwürdige Laute lassen die Flüge unseres scheuen und schönen Vogels öfters auch in klaren Mondnächten stundenlang vernehmen. Nunmehr haben sie sich auf ihren Schlafbäumen niedergelassen, und ihre mächtigen Silhouetten bilden ein prachtvolles Glied der ornithologischen Staffage. Tiefer senkt sich die Dunkelheit herab. Überraschend schnell vollzieht sich der äquatoriale Sonnenuntergang. Große Flüge von Gänsen und Enten erheben sich zum abendlichen »Strich« in die Lüfte, seltsame Laute im Sumpfe verraten fortdauernd die Anwesenheit vieler versteckten Sumpfbewohner aus der Vogelwelt, und das Spinnen der zahlreichen Ziegenmelker (Nachtschwalben) erreicht seinen Höhepunkt. ... Ist uns die Stunde ausnahmsweise günstig, so trifft unser Ohr schon jetzt ein langgezogener, dröhnender, in dumpfen Intervallen dahinrollender, langsam ersterbender Laut. Der König der Tiere rüstet sich zum Beutezuge, und seine mächtige Stimme verleiht für kurze Minuten dem tropischen Abende seinen höchsten Zauber, seinen größten Reiz. Wo auch das Auge hinblickt, schimmern gleich den Leuchten einer unsichtbaren Gnomenwelt, schaukelnd und auf und nieder schwebend, Hunderte von großen, lebhaftes Licht verbreitenden Leuchtkäfern über der allmählich in rabenschwarze Dunkelheit versunkenen Sumpflandschaft. Tiefe Stille wechselt mit den vielartigen Lauten aus zahlreichen tierischen Kehlen. – Es ist Zeit, uns zum Lager zu begeben. Eine der nun schon rege gewordenen gefleckten Hyänen heult in der Richtung desselben. Sie hat sich schon früh auf ihren Beutezug begeben. ... Zwei Schakale antworten in der Nähe. Auf dem Heimwege wird dicht vor uns, fast zu unseren Füßen, in riesigen Fluchten ein Stück Wild rege, um, einen Augenblick verhoffend, im Ried zu verschwinden. Aus dem schnaubenden Schreckton können wir auf einen Riedbock (Cervicapra) schließen. Durch das gurgelnd zu unseren Füßen aufquellende seichte Sumpfgewässer führt uns nun unser pfadloser Weg aus Nacht, Sumpf und Wildnis zum sicheren Lager, dessen zahlreiche Feuer, in der Ferne aufflackernd, freundlich als Wegweiser dienen. Eine jener zauberhaften afrikanischen Mondnächte hat sich auf mein Lager herabgesenkt, das abendliche Lärmen der Träger, ihr geschäftiges Treiben, ihr Hin und Her im Lager ist verstummt, meine Arbeiten sind erledigt, ich selbst aber sitze, meiner Gewohnheit gemäß, noch eine ganze Weile am flackernden Lagerfeuer. Dann wandere ich von Feuer zu Feuer, um mit den einzelnen Gruppen meiner Leute einige Worte zu wechseln, ihre Stimmung zu erkunden, ihre Wünsche kennen zu lernen und um manches, das ich gerne erfahren hätte, über Herkunft und Heimat, über Lebensschicksal und Erlebnisse der einzelnen Leute, zu erfragen. Um diese Stunde sind die Menschen auch in der Wildnis am mitteilsamsten. Wird nicht Ruhe geboten, so spinnt sich die Unterhaltung noch lange aus, in die Nacht hinein ... Es ist etwas seltsam Schönes um diese Karawanennächte in der Wildnis. Da entsinne ich mich eines Lagers am Fuße des Geleï-Vulkans, in der Nähe einer malerischen, felsigen Schlucht. Steil sich erhebend, barg sie an ihrem Fuße eine, wenn auch zur heißen Jahreszeit nur in Tropfen rinnende Wasserader. Die Quelle befand sich inmitten eines ausgedehnten Akazienwaldes, der auf der einen Seite sich in die öde offene Boga verlor, auf der andern von dicht bebuschten, mit Eleléscho bestandenen und von dornigen, euphorbienbewachsenen Berghängen begrenzt wurde, die für Menschen beinahe undurchdringlich, dem Wild, selbst Elefanten erwünschte Aufenthaltsorte boten. Am Tage vorher hatte ich bei einem Streifzuge bemerkt, daß vor kurzem Masaikrieger in der Nähe gelagert, das auf einem Raubzuge erbeutete Rindvieh teilweise geschlachtet und dann wohl ihren Beutezug weiter fortgesetzt hatten. Ein Überfall durch schweifende junge Masaikrieger war also keinen Augenblick unwahrscheinlich und namentlich zur Nachtzeit möglich. Auf viele Tagereisen weit wohnen dort keine Menschen. Wochenlang würde man in den meisten Himmelsrichtungen keine menschliche Seele finden, außer vielleicht wenigen schweifenden Jagdnomaden. – Die große Öde der Wildnis, die damals in der trockenen Jahreszeit fast keinen grünen Baum, kein grünes Blatt zeigte, ausgenommen die der staubigen Steppe so trefflich angepaßten immergrünen Hungerpflanzen, – mein malerisches und romantisch gelegenes Lager, eine herrliche, nur zeitweise durch drohende, die bald herannahende Regenzeit ankündende Wolkenbänke verdunkelte Vollmondnacht, – die Unsicherheit der Lage, – alles das vereinte sich zu einer nächtlichen Lagerszenerie von stimmungsvollstem Reiz. Tiefschwarz, schweigend und geheimnisvoll war die Nacht hereingebrochen. Die nicht rastende Einbildungskraft wünschte aus dem lastenden Dunkel, aus der großen Stille, dem ahnungsschweren Schweigen heraus beinahe eigensinnig ein plötzliches Ereignis, eine Unterbrechung des unheimlich großen, schweren, die Seele bedrückenden und umstrickenden Schweigens. Diese fast unnatürliche Ruhe erscheint wie die Stille vor dem Sturme, als ob jeden Augenblick mit elementarster Gewalt etwas unheimlich Gewaltiges, feindlich Drohendes losbrechen wollte. Jedes Knistern, jedes Rascheln wird dem lauschenden Ohre vernehmbar, Stimmen, die am Tage schweigen, sprechen jetzt laut. Die Welt der Kleinen tritt in ihr Recht; überall raschelt und knistert es im Grase, im Ried und Gezweig. Sind es Käfer, sind es Mäuse oder ist es der Schritt eines schleichenden Feindes? Selbst in meinem Zelte wird es nun lebendig. Ratten treiben ihr verwegenes Spiel, dem meine Fallen hier und da ein Ziel setzen. Ein merkwürdiges Getriebe kleinen Tierlebens umgibt mich so auch zur Nachtzeit. Auch Emin Pascha berichtete Ähnliches, wie nämlich kleine Siebenschläfer, die auf den schönen Sterkulien an seinem Lager hausten, ganz vergnügt an seiner Zeltleinwand nächtlicherweile auf und ab kletterten: da mögen sie denn, wie das auch mir geschah, mit ihren großen, schwarzen Augen erstaunt den seltsamen weißen Mann betrachtet haben. Zuweilen aber schweigen auch die Stimmen der Tierwelt! Die gesamte gewaltige Natur ringsumher scheint nun wieder in geheimnisvolles Brüten versunken. Doch der Sang der Nachtschwalben raunt und klingt jetzt wieder ringsumher; leisen, unhörbar-gespenstischen Fluges, flatternd und schwebend, durchschneidet der Vogel die Luft und den Feuerschein des Lagers; von allen Seiten erklingt nun wiederum sein melancholisch-einförmig Lied. Über den Glutschein aber des Lagerfeuers hinaus versagt unser Auge; keine Umschau ist möglich. Das erhöht das spannende Gefühl der Ungewißheit über das, was sich, selbst in unserer unmittelbaren Nähe, außerhalb des Lagers ereignet. Das Gefühl der Unsicherheit ist um so größer, als ich sehr wohl weiß, mit welcher Schnelligkeit, wie unerwartet die großen Katzen oft ihre Überfälle bewerkstelligen! So erklären sich die vielfachen Verluste an Menschenleben durch Löwen und Leoparden. Man muß hören, wie höchstwahrscheinlich ein und derselbe Leopard am ersten Abend den kleinen Hund zu den Füßen seines Herrn, am nächsten eine junge farbige Frau aus dem Lager raubte, – beides, ohne daß die zahlreichen Lagerinsassen es verhindern konnten – um zu begreifen, mit welcher unheimlichen Geschwindigkeit diese gewandten Raubtiere ihre Überfälle ausführen. Habe ich doch selbst erlebt, daß in unmittelbarer Nähe meines Lagers Eingeborene auf diese Weise von Löwen zur Nachtzeit geraubt worden sind. – – Ein paar alte Bäume unweit meines Zeltes sind reich mit Lianen bewachsen; jetzt scheint es mir, als ob deren lang herabhängende Zweige sich geheimnisvoll regen. Es ist, als ob die Bäume, als ob die Lianen erhöhtes Leben gewönnen. Die Gestalten der uralten Stämme verschwimmen im phantastischen Schein der Flammen und werfen gespenstische Schatten. Nur der leise Schritt der Wache ruft uns ins prosaische Dasein zurück. Jetzt entschleiert sich der Mond, und mit einem Schlage ergießt sich sein blendendes Licht weit über die Steppe. Es ist, als sei ein schwerer Mantel von uns fortgezogen. Mit den Silberstrahlen des Mondlichtes wandern die Gedanken weit hinaus in die Steppe, suchen auch jetzt ihr nächtliches Geheimnis zu ergründen und verlieren sich endlich in der Weite. Sie wandern hinaus zu der silbernen Scheibe des Mondes, zum nächsten prächtig schimmernden Sternbilde, und flattern von dort aus über Länder und Meere, dem Zugvogel gleich in die Heimat. Ist es nicht seltsam, daß die Gedanken heimwärts wandern wollen, hier inmitten all dieser wunderbaren Schönheit und Einsamkeit der Nacht? Aber nirgend empfindet man den Zwiespalt der menschlichen Natur stärker, als im Augenblicke des hohen und lange Jahre vielleicht erwünschten Genusses. Doch niemand wird ganz sich diesem großen, herrlichen und doch mit so einfachen Mitteln wirkenden Zauber verschließen können; man muß sich nur ihm hingeben und hingeben wollen. Wen meine Schilderung lockt, sich noch mehr in ihn zu versenken, der greife zu meines verewigten Freundes Richard Kandt , des Entdeckers der Nilquellen, herrlichem Werke »Caput Nili«. Da findet er Naturschilderungen, künstlerische Stimmungsmalerei von fast unübertrefflicher, unmittelbar packender Eigenart. Man ahnt, welch ein wundervoller Zauber in der Einsamkeit immer und immer wieder zu diesem Manne sprach, der sowohl eines der gewaltigsten geographischen Probleme der Welt, das Jahrtausend alte Problem der Nilquellen, erfolgreich lösen, als auch in so schönen und poetischen Worten die Stimmung der afrikanischen Wildnis wiedergeben konnte. Diese Schilderungen sind ein Kunstwerk. Für den mit der Natur noch auf vertrautem Fuße stehenden Menschen ist es im allgemeinen leichter, sich ihrer heimlichen Reize zu erfreuen, ihre stets wechselnde Stimmung zu empfinden, als in Worten auch nur andeutungsweise die mächtigen Eindrücke auszumalen, die dem einsamen Wanderer werden. Das erfordert tiefes künstlerisches Empfinden, künstlerische Gestaltungskraft. Ja, wunderbar schön sind diese hell leuchtenden afrikanischen Lagernächte! Ihr Glanz und Schimmer hat sich mir unvergeßlich eingeprägt. Das ist ein Schimmern, ein Flimmern, ein Leuchten von Reflexen, ein Spielen und Weben der ungewiß hin und her huschenden Lichter! Wie arm und dürftig sind im Gegensatz zu diesen Nächten die Mondnächte in unseren Breiten! Mit kühnem Wagemut schafft sich die webende Einbildungskraft herrlich schimmernde Bilder, impressionistische Zaubergemälde. Sie wachsen an, entund verwickeln sich und werden dann plötzlich jäh von der rauhen Wirklichkeit wieder zerstört. Man lebt in einer fernen, selbst geschaffenen Welt. Eine einzige dieser Mondnächte erscheint mir in der Erinnerung wie eine Schatzkammer, aus der ich immer von neuem Schönes und Begeisterndes zu schöpfen vermag, deren reine, keusche Schönheit, deren großer, milder Zauber sich unvergeßlich in die Seele niedersenkte. Jetzt ist das Firmament plötzlich von Licht übergossen: eine Feuerkugel, wie ich sie nie wieder erschaut, flammt im Südosten am Himmelszelte auf und erlischt über unsern Häuptern ... Wer vermag zu sagen, welch kosmisches Ereignis diesen Schein verursachte, ob er nicht das Aufflammen eines zerstörten Weltkörpers war, das ich so erschaute ... Durch das nachtschlafende Lager aber, dessen zahlreiche Feuer glimmend und schwelend in ersterbender Glut aufleuchten, wandelt fast unhörbaren Schrittes der wachthabende Askari, ein alter, oft von mir erprobter Mann. Schon vor Jahren hat er sich verschworen, nicht wieder mit einer »Safari« (einer Karawane) in die Wildnis hinauszuziehen. Und jedesmal, wenn ich den schwarzen Erdteil wieder betrat, lockte auch ihn der Zauber des wilden Lebens, der Zauber der Steppe wieder hinaus, jener Zauber, der im flimmernden Mondlicht heute nacht über den uns umgebenden endlosen Eleléscho-Hainen sein Wesen treibt ... Jetzt kommt der alte Soldat zu mir und meldet, wie so oft: »Herr, hörst du die Löwen dort in der Ferne?« Dann geht er zum großen Lagerfeuer in der Mitte des Lagers und wirft neue Scheite in die Glut. Die Flammen lodern auf, und ihr unsicherer Schein vermählt sich mit den Strahlen dieser herrlichen, wundervollen Mondnacht im einsamen afrikanischen Lager ... 27. An der Wildtränke. Nächtlicher Ansitz. Jeder Beschreibung spottend ist die Reichhaltigkeit der sich zur großen Trockenzeit in der Nähe der Wasserplätze Ostafrikas zuweilen zusammendrängenden Tierarten. Man muß nur nicht etwa glauben, daß an irgend einem beliebigen wasserhaltigen Tümpel in der Steppe Tag für Tag und Nacht für Nacht Mengen des verschiedenartigsten Wildes erscheinen, dem Beobachter oder Jäger reichste Auswahl und Leute liefernd! Auch hier wissen die Tiere vielmehr vorsichtig und geschickt ihre Feinde nach Kräften zu vermeiden, indem sie oft über weite Strecken von Wasserstelle zu Wasserstelle wechseln, nicht aber etwa eine einzige unter allen Umständen aufsuchen. Bei Störungen an einer Tränke oder beim Verdachte von Feinden, seien es Menschen oder Tiere, suchen die Wildrudel sofort andere Tränkplätze auf, vermeiden wohl auch eine bestimmte Tränke, – etwa zur Nachtzeit, um sie vielleicht am nächsten Tage, – nun etwa um die Mittagsstunde aufzusuchen. Unvergeßlich werden mir stets jene Ansammlungen der exotischen Tierwelt bleiben, welche ich namentlich im Herbste 1903, gelegentlich meiner vierten Reise in Ostafrika beobachten konnte. Zwischen steilen Felsen mündet der Bach, in dessen Nähe ich lagerte, in die Steppe ein, um nach wenigen Kilometern plötzlich zu versiegen. Während seines Laufes inmitten der schroffen Bergtäler war er dem Wilde kaum zugänglich, dafür aber fand ich zahlreiche höchst betretene Wechsel, welche alle zum Bache während seines Steppenlaufes führten. Der Bach war teils von Dornengestrüpp, teils von hohem Gras und Rohr umgeben, und zahlreiche Löwen hielten sich zu dieser Zeit in seiner Umgebung auf. Da, wo er in seinem Unterlaufe zur Zeit bereits vertrocknet war, dehnten sich Schilfwälder von beträchtlicher Ausdehnung aus, zur Regenzeit sumpfige Seen bildend. Diese Rohrwälder boten während des Tages den Löwen sowohl wie auch Nashörnern erwünschte Aufenthaltsorte, nachts aber belebte sich der Bachlauf von durstigem Wilde aller Art und dem es verfolgenden Raubzeuge. Früh morgens bereits eröffneten den Reigen der durstigen Gäste aus der trockenen Steppe große Flüge und Ketten von Sandhühnern. Unter einem gewaltigen Affenbrotbaume (Adansonia digitata) hatte ein Rudel Gnus und Zebras Schutz vor den Sonnenstrahlen gesucht, wurde aber bei meiner Annäherung flüchtig. Gewaltige Sandhosen und Wirbelwinde – "Kyniamkéra" der Träger – durchrasten die Steppe und staubwirbelnd verschwanden die Wildherden aus dem Gesichtskreis ... (Diese Aufnahme beweist, welche malerische Wirkungen unter besonders günstigen Umständen mittelst des Teleapparates erzielt werden können.) In drei schön gefärbten Arten ( Pterocles gutturalis , decoratus und exustus ) kommen diese prächtigen Flughühner hier vor. Am Tage halten sie sich oft außerordentlich weit entfernt vom Wasser in den trockensten Örtlichkeiten der Nyika auf. Pfeilschnellen Fluges eilen die Ketten erstgenannter Art, sich hoch in die Lüfte erhebend, nach Sonnenaufgang zum Wasser. Diese Flüge zählen bis zu dreißig und mehr Stück; unter lebhaftem, weither vernehmbarem Locken, das sich mit »Gle gle gle lá gak, gle gle gle lá gak« am besten verdolmetschen läßt, streichen die herrlichen Tiere reißend schnell dahin; das Flugbild ist dabei nicht unähnlich dem unserer Waldschnepfe. Schnell und plötzlich lassen sie sich zum Wasser nieder. Mit den großen Flügen dieser Sandhühner kommen öfters einzelne Exemplare des mit lanzettförmigen Schwanzfedern geschmückten kleineren Flughuhnes Pterocles exustus . In schnellen, hastigen Zügen sättigen sich die Durstigen nun an der Quelle, um sich darauf hoch in den Lüften wieder in ihre Aufenthaltsorte zurückzubegeben. Die Sandhühner sind nicht eigentlich zutraulich, klatschenden Fluges erheben sie sich bei Annäherung des Menschen. Allmorgendlich wiederholt sich das herrliche Schauspiel der regelmäßig an bestimmten Stellen erscheinenden Flughühner; während des Tages dagegen bietet der Wasserlauf ebenfalls ohne Unterbrechung vielen Mitgliedern der Ornis Erquickung. Lautlos treibt der seltsame, düstergefärbte Schattenvogel ( Scopus umbretta ) – jene allgegenwärtige Begleiterscheinung wasserreicher Tümpel, Tränken und Gräben, – ein den Reihern nicht fernstehender Vogel, hier sein Wesen. Er hat seinen erstaunlich großen dreikammerigen Horst nicht weit vom Wasserspiegel über dem Bache in den gabligen Ästen einer Akazie gebaut, drei weiße Eier hier bebrütend. Stets wieder stöbern wir ihn, der mit manchem Aberglauben der Waswahili verknüpft ist, auf; an Tümpeln und Lachen, wie an Flußufern oder andern passenden Orten finden wir ihn während der ganzen Reise. Obwohl wir dieses Paar seiner Eier zu Sammlungszwecken beraubten, scheint es seinen Nistort nicht verlassen zu wollen. Leisen Fluges geht das Tier vor unseren Füßen auf, um an einem Wasserlaufe in der Nähe in geduckter Haltung auf knorrigen Ästen großer alter Bäume einzufallen, uns immer wieder in seinem Wesen an den Nachtreiher erinnernd. Unbeschreiblich groß war meine Freude, als es mir gelang, zu nächtlicher Stunde drei am Bache trinkende alte Löwinnen auf die Platte zu bringen Nilgänse hielten sich in einzelnen Exemplaren auf dem Bach auf, schnatternd hin und her streichend; Geier und Marabus aber hatten ihre bestimmten Bade- und Tränkplätze. Außerordentlich zahlreiche Kleinvögel und Vögel aller Art lockte die Umgebung des Baches an. Wir fanden prächtig gefärbte Würger, unter denen der fast ganz schwarze Trauerwürger ( Dryoscopus funebris Hartl. ) besonders auffiel. Sein sonorer melodischer Pfiff wird von dem Gatten eines Paares begonnen, um vom Weibchen so schnell und exakt beantwortet zu werden, daß man stets den Eindruck hat, nur einen Vogel zu hören. Glasglockenartig tönt uns diese Unterhaltung der schönen Vögel vom dichten Ufergebüsch des Baches entgegen. Wo dieser metallische Pfiff ertönt, findet sich Wasser, und was diese Gewißheit dem Durstenden bedeutet, weiß nur der, der wirklichen marternden Durst in den Tropen kennen lernte. – – – Jubelnd erschallt jetzt ein öfters wiederholtes »Türie-é, türie-é, türie-e« aus der Krone einer Akazie. Die eindringliche, charakteristische, jubelhelle Strophe wird von der Tschagra ( Telephonus senegalus L. ), einem würgerähnlichen Vogel, vorgetragen. Hier wie überall vereinen sich für den durch Auge, Ohr und alle andern Sinne empfänglichen Beobachter eine Fülle von Tönen, Farbenreizen und mannigfachen Eindrücken, unter der Einwirkung eines fremdartigen, feindlichen Klimas, – so daß, wie Prof. Hans Meyer an einer Stelle dem Sinne nach ausführt, aus alle dem ein unendlich komplizierter, eindrucksvoller, aber schwer definierbarer Stimmungsinhalt von höchster Eigenart resultiert. Sonne und Licht, Wolken, Schatten, die Bodenformationen, endlich die mir allmählich immer vertrauter gewordenen, verständlicheren und liebgewordenen Mitglieder der Fauna und Ornis – die Flora dieser Steppe – alles das vereinigt sich zu Bildern und Eindrücken harmonischster Wirkung. – Während des Tages finden wir in der Nähe des Bachlaufes von Säugetieren fast ausschließlich die mehr denn rehgroßen, braunen Impallahantilopen ( Aepyceros suara Mtsch. ); die anderen größeren Säugetiere suchen das Wasser zur Nachtzeit auf. Dies geschieht namentlich dann, wenn Jagdnomaden, den ergiebigen Ansitz an der Tränke benutzend, an den verschiedensten Stellen am Bachlaufe geschickt versteckte Schirme aus Reisig und Buschwerk angebracht und von ihnen aus mit ihren Giftpfeilen Wild erlegt haben. Wurde jedoch das Wild nicht beunruhigt, so zeigen sich die einzelnem Arten wesentlich vertrauter. Die Impallahantilopen äsen das in unmittelbarer Nähe des Wassers, in den kleinen Bodensenkungen frisch emporsprießende Gras überall ab; wir finden zu dieser Jahreszeit Rudel von 50, 100 und mehr Stück beisammen, und zwar beide Geschlechter vermischt. Bald darauf sondern sich einzelne weibliche Stücke ab, um in dichtem Gestrüpp und hohem trockenen Gras ihre Jungen zu setzen. Bei Annäherung des Menschen werden die Impallahs in ganz außerordentlichen Sätzen flüchtig. Ihre Fluchten sind erstaunlich hoch und weit, der Anblick eines flüchtigen Rudels gehört für ein Jägerauge mit zu dem Schönsten, das man wünschen könnte! Ihre stahlharten Läufe tragen die graziösen Tiere bis 2½ Meter hoch über den Boden, dann wieder verhoffen sie plötzlich, um langsam fortziehend, gleich darauf wieder hochflüchtig zu werden. Häufig vernimmt man den bellenden Schreckton der Böcke, der weithin vernehmbar, ganz entfernt an das Schmälen unseres Rehbockes erinnert. Er wird von beiden Geschlechtern gleicherweise ausgestoßen. Gegen Abend zeigt uns eine unternommene Pürsche zunächst hier oder da rege gewordene Zwergantilopen ( Madoqua kirki Gthr. ). Die zierlichen Tiere haben mit ihren feinen Sinnen fast stets die Annäherung des Menschen schon wahrgenommen; um die verhoffenden mit dem Blicke zu erfassen, bedarf der Europäer längerer Übung. Ihre Färbung verschwimmt ganz außerordentlich mit der Umgebung. Ich erinnere mich mit Vergnügen, daß ich ganz im Anfang, trotz meiner für die nordische Fauna geübten Augen, ein solches Zwergböckchen nicht ausmachen konnte, obwohl ein Schwarzer auf das Tier hinwies, das höchstens 20 Meter von meinem Standorte in der Dickung verhoffte. Einzeln, aber auch zu zweien und dreien, führt dieses schöne Geschöpf sein Gnomenleben inmitten der stachlichten Dickung; wenige Sprünge bringen es in seinem schwer zugänglichen Reiche in Sicherheit. An ihrem Standorte, gut versteckt und mit günstigem Winde ihr Tun und Treiben zu beobachten, gehörte stets zu meinen besonderen Vergnügungen. Die feinen Muffeln, aufmerksam suchend, nach allen Richtungen hin und her wendend, gewähren diese großäugigen, zierlichen Gesellen dem Tierfreund einen wundervollen Anblick. Ebenso reizvoll ist es, vom Glücke begünstigt, die an denselben Örtlichkeiten, in der etwas freieren Grassteppe vorkommenden Steinantilopen ( Raphiceros neumanni Mtsch. ) – in ihrer rehbraunen Färbung für das menschliche Auge besser sichtbar wie die ebengenannten Windspielantilopen – in ihrem Treiben belauschen zu können. Je mehr die Sonne zur Küste geht, um so vielfältiger belebt sich die Umgebung durch Gäste aus der Tierwelt. Meine bevorzugten Freunde, die klugen Kropfstörche, haben sich in Gesellschaft von Geiern verschiedener Art auf kahlen Ästen hoher Bäume in der Nähe niedergelassen. Hier und da hat auch ein einzelner Raubadler aufgeblockt. Große Ketten von Perlhühnern tauchen laufend im Gestrüpp auf; im Scheine der Abendsonne fliegen die wundervoll gefärbten Racken eifrig hin und her. Es gilt vor Anbruch der Nacht noch ihrer Insektenjagd obzuliegen. Die helle Stimme des kleinen Wald-Frankolins ( Francolinus granti Hartl. ) läßt sich allenthalben vernehmen, und laut und schneidend dagegen ruft das so häufige große, gelbkehlige Frankolin ( Pternistes leucoscepus infuscatus Cab. ) in die Steppe hinaus. Über die welligen, nächst gelegenen Hügelketten, aus welchen zahlreiche Wildwechsel zu den einzelnen tennenartig flach ausgetretenen Tränkstellen am Wasser führen, tauchen jetzt schon ganz langsam, unter Führung alter bewährter Leittiere heranziehend, Trupps der herrlichen Tigerpferde, der Zebras auf. Sie haben aufgehört zu äsen, und durstig ziehen sie zur Tränke. Aber ihre Vorsicht läßt sie nicht im Stich. Geschickt suchen sie eine unter dem Winde gelegene Stelle am Bache auf, langsam und vorsichtig erkunden sie durch Nase und Auge, ob dort ihnen Feindliches verborgen sei. Entweder in ihrer Gesellschaft oder meist etwas später, in einzelnen Rudeln, folgen die grotesken Gnus. Auch sie halten anfänglich meist die weit aus der Steppe herbeiführenden Wechsel ein. Hier und da zeigen sich kleine Gesellschaften von Zwerggazellen. Mehr und mehr senkt sich die Sonne; langsam und vorsichtig haben die Zebras und Gnus nunmehr das Wasser erreicht. Die Leittiere stutzen einen Augenblick; dann überwindet der brennende Durst ihre Scheu, und in langen Zügen beginnen sie zu trinken. Nunmehr in Sicherheit gewiegt, eilen auch die letzten Mitglieder der Rudel herbei, und das Bett des Baches ist nunmehr gedrängt voll von etwa hundert der herrlichen Tiere. Ein unvergleichlicher Anblick! Die letzten Strahlen der im dunstigen Horizonte verschwindenden Sonne beleuchten mir das so oft geschaute, immer wieder im höchsten Maße reizvolle und fesselnde Bild. Einige der Zebras fangen an, mit den Vorderhufen im Wasser zu scharren; mit unwilliger Kopfbewegung wehrt ein Gnu ein sich allzu dicht herandrängendes Zebra, – ohne es doch zu verletzen – ab! Zwei der grotesken Schlangengeier und eine durstige Riesentrappe hatten lange vor Ankunft des Wildrudels das Wasser aufgesucht und sich dann schweren Fluges in die Lüfte erhoben. Dafür haben nun auf abgestorbenen Ästen mächtiger Ficusbäume viele Dutzende von Geiern aufgeblockt. Ihre dunklen Silhouetten heben sich für kurze Zeit scharf umrandet vom rötlich flammenden Abendhimmel ab. – Alle Zebras und Gnus sind nunmehr getränkt, – da weht ein Lufthauch von den Bergen zu den Tieren herüber. Er streift meinen Standort; ein prustender Schreckton eines Leithengstes der Zebras ertönt, im selben Augenblicke spritzt das Wasser hoch auf, und mit donnerndem Getöse gewinnt die ganze Herde die Uferböschung, augenblicklich dabei in eine Wolke von Staub sich hüllend. Mit dröhnendem Hufschlag nehmen sie alle in wilden Fluchten den nächsten Abhang der Steppe, und gleich darauf, in sicherer Entfernung verhoffend, ertönt die merkwürdig bellende Stimme – das Wiehern – des Leithengstes zu mir herüber. Von verschiedenen Punkten der Steppe wird ihm Antwort und zeigt mir, daß noch mehrere andere Herden der schönen Tigerpferde in der Nähe sind. Über den harten Steppenboden galoppieren sie in sicherer Entfernung abseits vom Bache; Dunkelheit ist – wie stets unter dem Äquator – schnell eingetreten und veranlaßt mich, meinen Beobachtungsposten aufzugeben. Als ich im Lager anlange, umgibt mich bereits finstere Nacht. Aber nach einiger Zeit wird es hell, und eine der herrlichsten Mondnächte legt sich mit ihrem ganzen Zauber über die schlafende Steppe. Bald wird es rege in ihr. Viele Schakale lassen ihr klagendes Bellen vernehmen, und die gefleckten Hyänen geben ihren unserem Ohre so vertrauten, wenn auch unschönen Laut von sich. So vertraut sind diese langgezogenen tierischen Signale meinem Ohre geworden, daß mir in Afrika etwas zu fehlen scheint, wenn nicht zur Abendstunde sich der Hyänenschrei mit der hereinbrechenden Dunkelheit vermählt. – Doch darf der Leser nicht vergessen, daß ich hier aus der einsamen Wildnis berichte, und er muß in Afrika die nicht zivilisierte Einöde aufsuchen, will er Ähnliches erleben. – – – Einige Impallahantilopen schmählen plötzlich, wohl einen Leoparden witternd, nicht allzuweit vom Lager, und wieder tritt minutenlange Stille ein. Jetzt wieder vernehmen wir an mehreren Stellen das Wiehern der Zebrahengste, und über den Boden schallt abermals das Trappeln flüchtiger Wildrudel zu uns hin. Aber vergebens erwarteten wir bisher das großartigste Konzert, das menschlichen Ohren dort werden kann. Doch wir wissen: vor Mitternacht wird es schwerlich ertönen! Aus den Fährten und Spuren der Löwen, die am Bache ihr Quartier aufgeschlagen, konnte ich erkunden, daß gegen dreißig dieser Herrscher im Reiche der Tierwelt allnächtlich ihren Jagden hier oblagen. Außer einzelnen alten Herren hatten auch ganze Rudel teils geringerer Löwen und Löwinnen sich hier ein Stelldichein gegeben. Meine Fallen waren bisher nicht in Tätigkeit getreten, und in dem sehr zerrissenen Gelände und bei der sehr reichen Deckung dieses Revieres war mir zur Tageszeit ein Zusammentreffen mit dem königlichen Wilde hier noch nicht zuteil geworden. Doch wohlweislich wartete ich des Augenblickes, wo mir mehr als schnell vergängliches Jagdglück hier werden sollte; lag es doch in meiner Absicht, aus nächster Entfernung zur Nachtzeit den König der Wüste auf meine photographische Platte zu zwingen! Dazu aber mußte ich geduldig die Wechsel und Gewohnheiten der Tiere an diesem Orte erkunden. Nicht umsonst donnerten polternd in dieser Nacht wiederum die Wildherden hin und her. Ich wußte, nunmehr waren auch die ungestalten, aber für mich wenigstens eigenartig schönen Kuhantilopen, vielleicht auch die scheuen Oryx nebst den riesigen Elenantilopen aus der Steppe zum Wasser gezogen: Alle aber fürchteten den gewaltigen Erbfeind, den Löwen, der hier und da auf ihren Fährten war oder im Röhricht verborgen der Kommenden lauerte! Zauberhaft glitzerten die Mondstrahlen, tausendfach sich widerspiegelnd auf den hellen von weißen Quarzstücken übersäten Felskuppen in der Nähe des Lagers; lebhafter und reicher wurde das Leben und Weben der Tiermengen in der Nähe des Baches. Mehr zu ahnen, ich möchte fast sagen zu fühlen, war es, als auf andere Weise wahrzunehmen. Da aber! – Was war das? – Wir haben uns nicht getäuscht, die markerschütternde, über alle Beschreibung imposante Stimme des Löwen erhebt sich! Fast unmittelbar fallen mehrere andere Löwen in der Nähe in den Chorus ein! Wie aus dem Erdboden hervorquellend, schwillt der mächtige Ton hier und dort stärker ertönend an, um übergehend in ein tiefes, unheimlich sich auf die Seele des lauschenden Menschen legendes Stöhnen zu verhallen ... Ein Konzert, ursprünglich und von gewaltigster Wirkung! Mag der Großstädter auch mit ihm vertraut sein, mag er es oftmals vernommen haben, allmählich vielleicht mit einem Lächeln! Ihn trennten ja sichere Gitter von der gewaltigen Katze. Selbst dann nach habe ich beobachtet, daß selbst Männer, geschweige denn Frauen einen Schritt zurückwichen, daß ihre Mienen sich sichtlich veränderten, als der Tierkönig – jetzt Sklave des Menschen – seine Stimme erhob! Wem aber, wie mir, viele Nächte es vergönnt war, diesem elementaren Laute im zerbrechlichen Zelte zu lauschen, wenn nicht ein, vielmehr ganze Rudel von Löwen so in der Wildnis in unmittelbarer Nähe in märchenhafter tropischer Mondscheinnacht, mit ganzer Lungenkraft ihre Stimmen erschallen ließen, der wird, wenn er überhaupt eindrucksfähig, es mir zugeben, daß ein solches Erlebnis an Großartigkeit in seiner Art nicht übertroffen werden kann. Ich habe vielerlei erlebt, kenne aber nichts, was ihm gleichkäme. Es löst Empfindungen aus, die gemeiniglich und namentlich inmitten des Treibens der Kulturwelt gänzlich ruhen. Wer das fühlen und verstehen will, muß immer wieder weit ab vom Menschen und seinem Treiben hinausziehen in die freie Wildnis, die täglich in gewaltiger Sprache zu ihm redet – erst dann wird er fähig sein, das Große, das Gewaltige verstehen zu lernen, das so auf ihn einwirkt ... Einen Augenblick schien die ganze nächtliche Tierwelt der Stimme ihrer Gebieter zu horchen, und wiederum hört man ringsumher die flüchtigen Rudel, die angstvoll die freie Steppe aufsuchen, um, durstgequält, immer wieder an einer anderen Stelle zum Bach zurückzukehren. Mehr wie sieben Löwen auf einmal habe ich nie zusammen vernommen. Hier am Bache konnte ich so viele, aber deutlich und sicher ansprechen, da sie von ganz verschiedenen Örtlichkeiten aus ihr grandioses nächtliches Konzert hören ließen. – Losgelöst vom alltäglichen, so leicht verflachenden Getriebe der modernen Zivilisation, angesichts solcher Ereignisse in tropischer, fast tagheller Mondnacht, wird es nicht schwer, sich in das Leben des Höhlenmenschen der Eiszeit in unserem Vaterlande zu versetzen, des Urmenschen, der allnächtlich Ähnliches erlebt haben mag! Wie mag erst die Stimme des mächtigen, längst ausgestorbenen Höhlenlöwen grollend über die Stätten gedonnert haben, die heutigentags seit langem keinem Raubtiere mehr eine Zuflucht gewähren. Längst sind diese Stätten mit »Wechseln« des Homo sapiens des Menschen, in Gestalt von Chausseen, Wegen und Promenaden versehen, ein Verschönerungsverein hat sie dem Auge des zivilisierten Menschen »gefällig« ausgeschmückt; singend und lärmend ergießen sich Menschen in Menge über sie hin – ohne Scheu und Angst vor einem wilden Tiere! Wer von ihnen ist sich bewußt, daß auch in Deutschland einst der Mensch mit dem Löwen um die Herrschaft rang? So spinnen sich die Gedanken des einsamen Mannes im kleinen Zeltlager weiter und weiter in die Ferne aus; Flügel der Phantasie tragen ihn in die Heimat; unmerklich versinkt er aus dem Sinnen in Schlaf und Traum; aber nicht lange währt es, und abermals wecken den Schläfer jene elementaren Laute der raubgewaltigen Riesenkatzen! Diesmal erklingt das Brüllen bedrohlich nahe; verschlafene schwarze Gestalten ermannen sich und schüren die Lagerfeuer zu flackernder Glut. Allzuweit an der Peripherie des Lagers Ruhende suchen sicheren Schutz in der Mitte, und der wachthabende Askari verdoppelt seine Aufmerksamkeit. – Mehr noch ist letzteres der Fall in den nächsten Nächten: Denn nur wenige Schritte von der Stelle, wo einige Träger heute schlummerten, werden am nächsten Morgen die Abdrücke mächtiger Pranken entdeckt. – Hätte ich nicht an dieser, durch nahes Gebüsch besonders bedrohten Flanke des Lagers einen Dornenverhau aufhäufen lassen, – wer weiß, was in dieser Nacht sich ereignet hätte!? – Den hergebrachten Begriffen entspricht – ich muß dies hier ausdrücklich hervorheben – eine solche Ansammlung von Löwen freilich nicht. Einer der ersten Beobachter der neueren Zeit war ich, der ihr rudelweises Vorkommen feststellen konnte. Es kam mir gerade in jenem Lager die große Anzahl der Löwen sehr gelegen, und nunmehr mußte ich allen Scharfsinn aufbieten, sie zu zwingen, zur Nachtzeit auf nächste Entfernung sich meinem Apparate zu nähern. Meine Versuche ergaben anfänglich keine befriedigenden Resultate; so sann ich auf eine Methode, die mich zum Ziele führen konnte. Daß mir die Lösung aller entgegenstehenden Schwierigkeiten gelungen, beweisen die diesem Werke beigefügten Abbildungen. Aus ihnen geht zunächst hervor, daß die Löwen ihren Angriff wenn möglich flach über den Boden ausführen, nicht aber in hohen Sprüngen. Ferner scheint die Löwin stets der aggressivere Teil zu sein. Auch auf den Bildern, welche nur einzelne Löwinnen angreifend zeigen, waren mehrere andere in unmittelbarster Nähe; sie hatten, wie aus den Fährten hervorging, ihre Opfer umkreist und näherten sich von verschiedenen Seiten. Es könnte grausam scheinen, Stiere und Esel dem Löwen so zu opfern, allein mir standen ja leider stets Exemplare zur Verfügung, die durch den Stich der Tsetsefliege dem Verderben ohnehin geweiht, einem qualvollen Tode durch Ersticken entgegensahen: andererseits aber töten Löwen schnell und sicher , durch einen einzigen Biß ins Genick, ohne ihre Opfer zu quälen. Wenn ich verborgen, in Dornen versteckt, diesem Vorgange beiwohnte, vollzog sich Überfall und Tötung blitzschnell , stets auf dieselbe Weise. So vorsichtig schleichen sich die Löwen an ihre Beute heran, daß ihr Opfer vor dem Überfall nicht geängstigt wird, – erst im allerletzten Momente versucht es zu fliehen. Tiefe Stille lagert über der Steppe, in der dunkeln Nacht raschelt es nur hier und da in dürrem Laube und Geäste in der Nähe. Plötzlich vernimmt das Ohr ein polterndes mächtiges Etwas , und unbeschreiblich wuchtig erfolgt der Überfall: Die Opfer zeigen nur einige Schrammen auf der Oberfläche des Körpers, stets hat ein zermalmender Biß ins Genick sie getötet. Sogar so getötete Menschen haben vielfach keinen Laut vernehmen lassen; die Erfahrungen zuverlässiger anderer Berichterstatter decken sich in diesem Punkte mit meinen Erlebnissen. Das waren Tage und Nächte voll spannender Erwartung, voller Hangen und Bangen! Der nächtliche Ansitz auf Wild im äquatorialen Afrika hat jedoch manches gegen sich, so verlockend er in Europa auch erscheinen mag. In vielen Fällen ist es nicht möglich, einen Hochsitz auf Bäumen herzurichten. Dann aber sind viele Wildarten – unter Umständen auch Löwen – zu scheu, um sich einem unmittelbar auf der Erde befindlichen Ansitze zu nähern, und der Schütze hängt in diesem Falle allzusehr vom günstigen Winde ab. Die Angriffe von Insekten verschiedenster Art, vor allen Dingen der Ameisen, sind ein sehr erheblicher Übelstand. Nichts aber schwächt in den Tropen den Körper mehr und disponiert ihn mehr zu Fieberanfällen, als die Entziehung des so notwendigen Schlafes. Immerhin rate ich jedem, der zum ersten Male das ursprüngliche Tierleben dort drüben beobachtet, einige Male die unendliche Beschwerlichkeit, aber auch den unbeschreiblichen Reiz eines Ansitzes zur Nachtzeit durchzukosten. Ja, von größtem Reize ist solches Beginnen! Fernab vom Lager, in der mondscheindurchwebten einsamen Wildnis, inmitten von unbekanntem und neuem Tierleben unerwarteter Ereignisse und Erscheinungen harren zu dürfen, – welchem Weidmann würde das nicht anfänglich in hohem Maße verlockend dünken! Ich habe sowohl den Hoch-Ansitz, wie auch den nächtlichen Ansitz im Dornenverhau verborgen versucht. Weniger die dabei erzielten Jagdresultate, als vielmehr die Fülle der gewonnenen Beobachtungen haben mich für alle Mühen belohnt. Leuchtende Löwenaugen in der Dunkelheit, die ich vom Lager aus erblickte, haben einen seltsamen Reiz. Man betrachte meine Aufnahme der drei am Bache trinkenden Löwinnen! Ich selbst habe dies Leuchten mehrmals in der Wildnis erlebt, wenn auch nur vorübergehend. Es sei mir gestattet, einem Fachmanne das Wort zu geben, der 1906 in der Kilimandscharo-Gegend beobachtete und sammelte. Professor Yngve Sjöstedt , ein ausgezeichneter schwedischer Gelehrter, erblickte in einer Nacht in unmittelbarer Nähe seines Lagers die wie Lichter aufflammenden Augen von mindestens zehn Löwen! In der alten Literatur finde ich darüber eine Stelle, welche folgendermaßen lautet: »... diese (die Jäger), wissen auch zu sagen, gleich ich es selbsten angesehen habe, daß die hellen und feurigen Augen des Löwen, seine Nacht-Reise überall verraten, weil man sie als zwei Lichter bei der Nacht so weit sehen und daraus abnehmen kann, ob ein solcher Löwe nach jemandem zukommet oder sich von ihm entfernet.« (M. Peter Kolbe. Vollst. Beschr. d. Afrik. Vorgebürges d. g. Hoffnung, Nürnberg 1719.) Die photographische Kamera, die schnell vergängliche und vielleicht nie wiederkehrende Ereignisse in allen Einzelheiten im Bilde bewahrt, zeigt uns diese Raubtieraugen aufs deutlichste. Sie wirken aber unter Umständen doch unvergleichlich stärker auf den Jäger, der in der Tropennacht den Löwen auf dem Ansitz erwartet. Vgl. Graf Hoyos: »Zu den Aulihans.« Wie Graf Coudenhove in diesem Buche des Grafen Hoyos mit schlichten Worten zugesteht, – daß er so »das Fürchten gelernt habe«, – so ist es mir ähnlich mehrfach ergangen. Der Leser folge mir freundlich in Begleitung eines erprobten Schwarzen in mein sorglich hergerichtetes Dornenversteck, dessen Eingang von einigen Leuten durch Dornenzweige fest verschlossen wird, und in dem wir dann allein gelassen werden. Drei nach verschiedenen Seiten ausmündende Luken erlauben mir nach verschiedenen Richtungen zu feuern. Wir machen es uns durch mitgebrachte Decken so bequem wie möglich, und sind bald allein in der großen stillen Einsamkeit. Ich habe mein Versteck so gewählt, daß ich sowohl auf das Erscheinen von Löwen, als auch von zur Tränke ziehendem Wilde verschiedener Arten – selbst auf Rhinozerosse rechnen kann. Nach einer Weile – die Sonne ist schon fast verschwunden – erscheinen vor uns im dürren Gras, hochaufgerichteten Hauptes, drei große gelbkehlige Frankoline ; die klugen Vögel haben uns jedoch bald erspäht und verschwinden laufend mit erstaunlicher Schnelligkeit in einiger Entfernung. Tauben, die sich in Menge in der Nähe der Tränke zur Ruhe begeben haben, flattern unaufhörlich hin und her, um geeignete Schlafplätzchen innerhalb der dornigen Äste zu suchen. Jetzt erschallt der Ruf eines kleinen Perlkauzes ; fast genau der Tonleiter folgend, ruft er mit heller Stimme seine Kadenz in die Mondlandschaft hinaus. Fledermäuse umschwirren uns in großer Zahl und die Nachtschwalben spinnen ihr Lied ... Leider erstrahlt die Mondscheibe noch nicht in ihrem vollen Glanze. Immerhin erhellt sie uns die Umgebung in der klaren tropischen Luft derartig, wie es nur bei Vollmond in heimatlichen Breiten möglich wäre. Die unsicheren Lichter der Mondscheinnacht tanzen nun in Bäumen und Zweigen; nächtliche Insekten schwirren umher in summendem Fluge. Ringsumher raschelt es im Laube und im dürren Holze. Gellend ertönt über unsern Köpfen das Gelächter einer nunmehr rege gewordenen Nachtaffenfamilie . Die Kronen einer kleinen Baumgruppe dienen diesen Lemuren zum ständigen Aufenthalt für viele Wochen, und die ganze Nacht hindurch erklingt ihr merkwürdiger Schrei durch die Mondlandschaft ... Eine Weile vergeht in gespannter Aufmerksamkeit. Der in unmittelbarer Nähe angebundene große Stier hat sich nunmehr an seine Umgebung gewöhnt; er beginnt das ihm vorgeworfene Gras zu fressen, offenbar auch beruhigt durch unsere Nähe. So vergeht eine Stunde. In verschwommenen Konturen zeichnen sich vom dunklen Hintergrunde des Schilfdickichts am Wasser ein Rudel Antilopen ab. Es scheinen Wasserböcke zu sein, die aus ihren Verstecken auf die offene Fläche zur Äsung ausgetreten und bald im Hintergrunde verschwinden. Eine gewisse Müdigkeit macht sich bei mir geltend, aber ich bekämpfe sie und darf auch meinem Begleiter keinen Schlaf gestatten; das unvermeidliche Schnarchen des Negers, ja selbst ein zu lautes Atemholen könnte von den feinen Sinnen nächtlicher Besucher aus dem Reiche der Tierwelt vernommen werden. Wiederum vergeht eine gewisse Zeit. Plötzlich erblicke ich rechts von mir, ziemlich nahe, einen vorher nicht bemerkten großen dunklen Gegenstand, der sich leise, vollkommen geräuschlos , meinem Ansitze und der Wasserstelle nähert. Ohne Aufenthalt kommt die gewaltige dunkle Masse näher und näher, und gleich darauf unterscheide ich deutlich zwei solcher Gestalten, die, sich unmittelbar folgend, mir nunmehr auf etwa 150 Schritte gegenüberstehen. Längst habe ich sie im unsichern Mondlicht erkannt: es sind Nashörner , wie es scheint, zwei ausgewachsene Tiere, die hier zur Tränke wollen. Wie gigantisch groß erscheinen die Tiere im Mondlicht! Eine alte Kindererinnerung wird urplötzlich wieder wach in mir: der hochbetagte Förster Schlömer meines Vaters, der Hasen auf dem Anstand fehlte, weil er sie, wie er entschuldigend bemerkte, stets zu »stark«, – groß, wie Kamele sah. Schräg an mir vorüber, dem Wasser zu wechselnd, sind sie mir jetzt auf höchstens hundert Schritte nahegekommen und verhoffen nochmals, dann treten sie zum Wasser, um gleich darauf im Schilf und Sumpf zu verschwinden. Eine Weile höre ich sie noch plätschern; dann kann ich nichts mehr wahrnehmen. Für mich nicht überraschend, erstaunlicher aber für den Unkundigen muß die vollkommene Stille sein, mit der diese gewaltigen Dickhäuter auf festem Boden sich zu bewegen verstehen; auch das feinste menschliche Ohr würde ihr Nahen nicht bemerkt haben! Unsichere Konturen eines kleinen Säugetieres, wahrscheinlich eines Schakals, heben sich nicht lange darauf in der Nähe des Wassers vom Boden der Steppe ab, und nach einiger Zeit läßt klagendes Gebell in derselben Richtung meine Vermutung gerechtfertigt erscheinen. Die erwarteten Antilopenrudel scheinen jedoch heute einen anderen Tränkplatz aufzusuchen. So vergehen einige Stunden, nur unterbrochen durch das Geräusch des immer noch gleichmäßig seine Gräser kauenden Stieres. Nun aber schnaubt er, urplötzlich zweimal kurz und erschreckt; eine graue, pfeilschnell und polternd über den Boden dahingleitende Masse schießt auf ihn zu, und Stier und Löwe, – denn der König der Steppe erheischt seinen Tribut! – wälzen sich im nächsten Augenblicke in eine Staubwolke gehüllt vor meinen Blicken!! Undeutlich fühle ich, daß noch ein zweiter Löwe von der anderen Seite ebenfalls in den kurzen Kampf eingreift. Dann wird ein Röcheln und Stöhnen hörbar, der Stier liegt am Boden und über ihm die beiden Raubtiere, die sofort ihre Mahlzeit beginnen. Aber als ob ein Zauberer seine Hand im Spiele hätte, verfinstert sich der Mond nun plötzlich durch eine vor seine Sichel tretende Wolkenbank. Alles um mich her ist in tiefe Dunkelheit gehüllt; nur das Krachen der Knochen, das Zerren und Zerreißen des Fleisches unter den Zähnen der beiden Löwen ist für mich vernehmbar. Rings umher herrscht tiefe nächtliche Stille. Unbekümmert um das Drama aus dem Tierleben, das sich da soeben abgespielt hat, schreit nun plötzlich einer der kleinen Nachtaffen gellend und lachend in die Nacht hinaus. Was kümmert ihn im Schutze seiner Baumkronen das Getriebe außerhalb seines luftigen Reiches, da unten am Erdboden! Summend und surrend benutzen die Moskitos die Gelegenheit, erneut über mich herzufallen; unerträglich werden ihre Stiche. Nichts aber kann die Löwen in ihrer Mahlzeit stören, und mich selbst hat ein eigentümlich kompliziertes Gefühl gefangen genommen, aus Neugierde, Erwartung und tausend sich kreuzenden Ideen zusammengesetzt! So vergeht Minute auf Minute. Endlich wird die Mondscheibe wieder sichtbar, und nun, da ich neue Beobachtungen nicht mehr machen kann, benutze ich die Gelegenheit, auf einen der Löwen Feuer zu geben. Aber ich habe heute kein Glück. Mit dem Knall verschwinden beide Löwen in der Dunkelheit, während ich in höchst deprimierter Stimmung in meinem Verstecke zurückbleibe. Vergeblich sind die nächsten Stunden des Wartens; es ereignet sich nichts mehr. Selbst die sonst doch überall anzutreffenden Hyänen scheinen heute abwesend zu sein, und als der Morgen anbricht, kehre ich wie zerschlagen zum Lager zurück, zerstochen von Moskitos, und mit jenem eigentümlichen Gefühle, welches untrüglich bald herannahendes Fieber kündet. Dies Gefühl hat mich auch nicht getäuscht, und bald darauf bin ich zwei Tage durch einen heftigen Malariaanfall an mein Lager gefesselt. Am dritten Tage wird die von mir angeschossene Löwin weitab vom Lager als Skelett gefunden; alles andere ist bereits von den Geiern und Hyänen verzehrt worden. – – – Ähnlich werden in den Tropen häufig nächtliche Ansitze auf Löwen und anderes Wild verlaufen; so reizvoll sie auch dem Weidmanne zu Hause erscheinen, so bald wird er in afrikanischer Wildnis von ihnen abstehen müssen. Gewiß habe ich auf diese Weise manch interessanten Einblick in das nächtliche Leben und Treiben der Tierwelt getan. Aber eine Jagd, auf wenige Schritte aus sicherem Verstecke ausgeübt, hat mir nie besonders zusagen können. Mehr reizte es mich, auf diese Weise zur Nachtzeit Löwenüberfälle im Lichtbilde festzuhalten. Allein, wie der Leser ersieht, das hat seine Schwierigkeiten, gleichviel, ob man den Apparat selbst auszulösen versucht, oder die Aufnahme durch Löwen auslösen läßt. Immer wieder mißlangen meine nachtphotographischen Versuche. Masaikrieger zeigten sich in der Nähe; ein Apparat wurde mir von ihnen geraubt. Seit dem nächtlichen Überfall vor wenigen Wochen schien äußerste Vorsicht geboten; sich ablösende Doppelposten bewachten bei Tage die Apparate aufs sorgfältigste. Durch ein Mißverständnis entstand zwischen einer Horde von Masaikriegern und meinen Leuten abermals ein, wenn auch unblutiges Gefecht. Da galt es mit größter Geduld immer und immer wieder zu versuchen, bis endlich das gewünschte Ziel erreicht worden ist. Unbeschreiblich aber war die Freude, als, zu später Nachtstunde eingeprägt, sich jene großartigen Bilder ursprünglichsten Lebens und Webens des mächtigsten Raubwildes der Erde auf der kleinen Glasplatte unfehlbar getreu und dokumentarisch offenbarten. Selbst die sonst geistigen Genüssen nicht geneigten Schwarzen waren hoch erfreut, und längere Zeit hindurch bildeten diese Ereignisse ihren Gesprächsstoff am Lagerfeuer. Bezeichnend für die Schwierigkeit des Antreffens von Löwen zur Tageszeit und völlig beweisend in dieser Hinsicht ist die Tatsache, daß ich gerade in jenen Tagen von all den zahlreichen Löwen schußmäßig zur Tageszeit keinen zu Gesicht bekam! Eine Anzahl Löwen freilich verschmähten nächtlicherweise dargebotene Stiere vollkommen, näherten sich denselben zwar bis auf wenige Schritte, – hielten sich aber Nacht für Nacht an ihre gewohnte Beute, die Wildherden der Steppe. Tage und Wochen waren so vergangen, als Regenwolken in der Ferne auf Niederschläge in den Steppen schließen ließen. Und wie mit einem Schlage war die gewaltige Konzentration tierischen Lebens an der Quelle verschwunden. In alle Winde zerstreuten sich die Bewohner der Steppe, denen ihre feinen Sinne sofort verraten hatten, daß in weiter Ferne frisches junges Gras zu finden sei und Regentümpel, die sie unabhängig machten vom Besuche der von Verderbnis umlauerten Bergquelle. –   28. Pürschgänge in der Nyika Viele hundert erfolgreicher, aber auch erfolgloser Pürschgänge habe ich in der Masai-Nyika erlebt. Ich bitte nun den Leser, mir im Geiste auf einigen solchen Gängen zu folgen, die ich herausgreife, um tunlichst genau ein Bild aus meinen Erlebnissen wiederzugeben. Mit Tagesanbruch verlasse ich in Begleitung von einigen dreißig Trägern das Lager. Jeder Mann führt nur eine Kalebasse mit Wasser mit sich. Lautlos, in einer Reihe, folgen sie mir und den Wandorobbo-Führern. Unmittelbar hinter mir gehen die Träger meiner photographischen Apparate und meine Büchsenträger. Alle Mann sind daran gewöhnt, – es erfordert dies allerdings viel Übung und Geduld – auf ein lautloses Zeichen von mir sofort auf den Boden niederzufallen und sich möglichst unsichtbar zu machen. – Beim Verlassen des Lagers ist es unmöglich, zu wissen, ob nicht die Notwendigkeit eintreten wird, weitab, irgendwo in der Steppe zu nächtigen; Streichhölzer werden daher sorglich stets in einer kleinen Tasche mitgeführt. Sind die Streichhölzer, »Kiberiti« von den Trägern genannt, einmal nicht vorhanden, so müssen wir freilich durch die Masai und Wandorobbo das Feuer auf ihre primitive Art erzeugen lassen. Ein Holzstab wird so lange zwischen beiden Händen gequirlt, bis seine Spitze durch die Reibung auf einem zweiten hölzernen Stabe, die nun durch heftiges Hin- und Herschwenken angefachte, und in Verbindung mit leicht brennbarem trockenen Grase oder Laube aufflammende Glut entstehen läßt. Ein zuverlässiger Mann trägt meinen Rock, andere aber einige kleine Beile und Stricke. Ich selbst pflege nie während des Tages einen Rock zu tragen; ein bodenfarbiges rohseidenes Hemd, weit geöffnet, die Ärmel aufgekrempelt, sagt mir dort unterm Äquator am meisten zu. Sehr weite, starke und schwere, scharf benagelte Schnürschuhe allerbesten Machwerkes, zwei paar Strümpfe übereinander gezogen, um die Hitze möglichst abzuhalten, weiche Ledergamaschen, erdfarbiges Beinkleid und ein doppelter, sehr breitrandiger, gut ventilierter Filzhut vervollständigen meine höchst einfache Gewandung. Einen Tropenhelm habe ich im Innern nur ganz selten getragen. Der grelle Sonnenbrand bleicht alle Kleidungsstücke allmählich gleichmäßig aus. Wenn die Kleidung durch manche Strapazen mehr oder minder zerfetzt und immer erdfarbiger geworden ist, um so mehr erreiche ich eine mir erwünschte Schutzfärbung. Je mehr der Jäger sein Äußeres der Landschaft anpaßt, um so mehr wird er fähig sein, sich den aufmerksamen Augen der Tierwelt, die er belauschen will, zu entziehen. Es wäre unmöglich, sich durch Dornen und Dickicht durchzuwinden und durch sie in oft sehr scharfem Tempo den Weg zu nehmen, wenn nicht die Rücksicht auf alle Äußerlichkeiten fortfallen würde. Auch die leider erforderliche Brille und ein langer Vollbart verschönern das Äußere des Jägers nicht gerade. Meine Brille, mit bestem Goldgestell versehen, ist freilich eine Quelle von Unzuträglichkeiten, wenn sie, durch die Transpiration trübe geworden, mich im Sehen behinderte. Ich mußte daher nicht selten auch ohne sie fertig zu werden versuchen. Tröstend aber wirkte dabei der Umstand auf mich ein, daß nach augenärztlichem Gutachten meine Sehschärfe mit korrigiertem Auge die der allerscharfsichtigsten Europäer völlig erreicht und an die Sehschärfe der Naturvölker angrenzt. Diesem Sehvermögen habe ich selbstredend manche gelungene Beobachtung zu verdanken. Wasser für meinen Gebrauch führte ich jahrelang in doppelten leinenen Säcken mit; ich kann diese nur auf das dringendste empfehlen. Tunlichst pflege ich das Wasser abkochen zu lassen, habe aber auch in unzähligen Fällen mit dem Inhalt irgendeiner trüben Sumpflache vorlieb nehmen und mich daran erquicken müssen. Erbsensuppe-ähnliche Flüssigkeiten, mehr oder weniger aromatisch duftend, bilden trotz ihrer organischen und anorganischen Beimischungen oft tagelang die einzige vorhandene Erquickung in der ostafrikanischen Nyika. Sowohl ich wie mein Präparator haben niemals geistige Getränke irgendeiner Art mitgeführt oder genossen, bis auf kleine Quantitäten in Krankheitsfällen; ich kann diese Enthaltsamkeit, die leider nur von sehr wenigen geübt wird, aus vollster Überzeugung empfehlen. Selbst das wenige, was ich an alkoholischen Getränken bei mir hatte, ist meistens von mir in Krankheitsfällen an dritte Personen fortgegeben worden. Freilich durchlebte ich auch einige böse Wochen, in denen nur der mir ungewohnte, mit größter Mühe beschaffte, über alle Beschreibung schlechte, teure und dennoch auf mich wie ein Zaubermittel wirkende Wein in Verbindung mit sehr großen Gaben von Strophantus und Digitalis mein Leben erhalten mußte ... Der Sonnenball hat sich aus dunstigen Fernen erhoben; kurz, wie immer in den Tropen, aber prächtig schön war das Schauspiel des Sonnenaufganges. Klar, scharf umrandet sich vom Horizonte abhebend, frei und wolkenlos liegt vor uns das gewaltige Bergland der höchsten deutschen Alpenwelt, des Kilimandscharo. Aber am Fuße des mächtigen Bergriesen ballen sich schon einzelne Wölkchen und Wolken zu dichteren Massen; wie es nach Sonnenaufgang fast stets der Fall, wird ein Wolkenmeer bald den Bergstock unseren Blicken entziehen. In klarer Morgenfrische aber zeichnen sich die dräuend dunklen, öden Felsdome des Mawenzi, jener zweithöchsten Erhebung des Kilimandscharo, ab. Messerscharf vom Himmel sich abhebend, zieht sich der fast 5000 Meter hohe Gebirgssattel hin, der den Mawenzi mit dem Kibogipfel verbindet. Dieser liegt vor uns eisumgürtet und schneebedeckt in der kalten, feierlichen Gewandung seiner Gletscher, gerötet von den Morgensonnenstrahlen in der kühlen, klaren Morgenluft, in ruhiger, gewaltigster, unnahbarer Majestät. Sehnsüchtig heftet sich der Blick an jene einsamen Welten; welche Fülle von Naturschönheit breitet sich hier vor unseren Augen aus, welche Fülle von organischem Leben aller Art mag zwischen unserem Standorte weit draußen in der Steppe und jenen Bergesgipfeln leben und weben! Die immerwährende Bewegung aber der Wolken und Nebel dieser Hochgebirgslandschaft, der Wechsel in Farben und Schatten, Stimmungen und Reflexen zaubert uns ein landschaftliches Theater vor Augen, das in erhabenster, keuschester Reinheit auf den empfänglichen Beschauer einwirkt. Aber unsere Aufgabe ist es heute, viele Stunden weit in die Steppe einzudringen. Wir müssen uns von dem reizvollen Anblick alpiner tropischer Majestät trennen; auf Schritt und Tritt aber gemahnen uns die zerstreuten Lavablöcke, wie diese öde Steppengegend einst der Schauplatz gigantischer Kraftäußerungen jenes Vulkanriesen gewesen ist. Ungeheure geotektonische Kräfte, das Antlitz der Erde umgestaltend, türmten hier gewaltigste Vulkane auf. Diesen Kräften, die – nach Professor Hans Meyer – zur Eozänzeit gewaltig einzusetzen begannen, ist im späteren Verlaufe die Bildung der »großen afrikanischen Grabensenke« zuzuschreiben, des abflußlosen, mit Vulkanen besetzten Gebietes, das wir seit Jahren nun durchstreifen. Nach demselben Autor aber birgt der Kilimandscharo heute keine nordischen Formen der Säugetierwelt, wie die abessinischen Alpenländer, weil die »Woge borealen (nordischen) Lebens« in der Diluvialzeit, – während der eine überall nachweisbare stärkere Vergletscherung der Hochgebirge universell nachweisbar ist, – nicht bis zum Äquator vordringen konnte. Die feuerspeienden Schlünde des Kilimandscharo sandten einst weithin in die Runde Lavamassen, die bis auf den heutigen Tag Zeugen sind jener unheimlichen und vielerorten keineswegs erloschenen Kraftäußerungen unserer Erdrinde. – – Zu unserer Rechten dehnen sich papyrusbestandene Sümpfe aus, die westlichen Ndjirisümpfe, in einer tiefen Depressionsstelle der Steppe gelegen. Die Abhänge des Kilimandscharo führen ihnen zur Regenzeit große Wassermassen zu, auf viele Meilen die umgrenzende Gegend in einen See verwandelnd. Die Eingeborenen behaupten, daß unterirdische Zuflüsse vom Bergplateau her den Sümpfen immerwährend neue Lebensadern zuführen. Der von mir im vulkanischen Gestein plötzlich versiegend gefundene »Mológhbach« läßt diese Behauptung wahrscheinlich erscheinen; der permanente Zufluß der östlichen Ndjirisümpfe, vielleicht aus dem kristallklaren, kalten Bachlaufe des »Ngare Rongai« durch unterirdischen Lauf herstammend, gibt dieser Vermutung neue Nahrung. Ein seltsames Kleeblatt, das ich während mehrerer Tage zusammen antraf: Gnubulle, Thomsongazelle und Giraffengazelle [f]. (Die Schwierigkeit dieser Aufnahme mittelst meines lichtschwachen Teleapparates war, wegen der verschiedenen Bewegungsphasen der drei Tierarten, besonders groß.) Schweifwedelnd verschwanden in weit ausgreifendem, polterndem Paßgang die Giraffen in der Steppe ... (Auf diese 1903 von mir gemachte Teleaufnahme flüchtiger Giraffen sei ganz besonders aufmerksam gemacht!) Tausende von Gnus bedeckten 1903 die Salzsteppen an den westlichen Ndjiirisümpfen ... Gewaltige Wildmengen belebten noch 1903 die weite Steppe zwischen dem Kilimandscharo und dem Meruberg. Heute – 1920 – dürften diese Wildmengen vernichtet sein! Die ganze Nord- und Nordwestseite des Gebirges ist unbewohnt, menschenleer und zur Trockenzeit völlig wasserarm, denn sie liegt im Regenschatten des Berges. Die Niederschläge kondensieren sich das ganze Jahr über auf der anderen 5eite des Massivs, wo sich infolgedessen Eingeborene ansiedeln konnten. Die Gesamtzahl der Eingeborenen am Kilimandscharo ist übrigens nach meiner Ansicht seit Jahren bedeutend überschätzt worden und wird noch immer zu hoch gegriffen. Durch salzinkrustierte, weißschimmernde, sumpfige Grassteppen führt mich mein Weg am Rande der Sümpfe vorbei. Ungeheure Papyruswälder wuchern dort, wo permanentes Wasser in den tieferen, nie austrocknenden Sumpfbecken das Jahr über auch einer sonst überaus reichen Sumpfflora die Bedingungen zum Gedeihen gewährt. Die eigenartige Pistia stratiotes , »Jungejunge« der Waswahili, ist hier besonders häufig, während Ceratophyllum und die von mir aufgefundene nordische Schwimmpflanze Potamogeton überall zu finden ist. Letztere hat bereits offenbar einige endemische (eingeborene) Mitglieder der Flora mehr und mehr unterdrückt. Längst ist die Vogelwelt erwacht. Im Dickicht eines Akazienwaldes vernimmt mein Ohr die gleichmäßige wohlbekannte Strophe eines farbenprächtigen, geschickt sich im Geäst verborgen haltenden Würgers . Seine viertönige, gleichmäßig ansteigende, »Kütü tititi« klingende Kadenz läßt er häufig von neuem vernehmen. Nashornvögel (Lophoceros erythrorhynchus Tem.) fliegen in sicherer Entfernung vor uns her von Baum zu Baum, neugierig die fremdartigen Erscheinungen betrachtend. Eine Weih (Circus ranivorus Daud.) gleitet über den Sumpf; wundervoll gefärbte Racken (Coracias caudatus L.) streichen schreiend hin und her. Eine Trappe (Otis gindiana Oust.) erhebt sich geschickten, seltsam hin und her schwankenden Fluges und verschwindet mit lautem Rágga-ga-rágga, rágga-ga-rágga in der Richtung der Steppe. Diese Trappe weiß die seltsamsten Flugkunststücke auszuführen; sie überschlägt sich in der Luft, wie unsere zahmen Tümmlertauben dies zu tun pflegen, schwenkt nach oben und unten und scheint aus dem Flug ein Spiel und einen Sport zu machen, wie ich es ein zweites Mal von keinem Mitglied der Ornis (Vogelwelt) kenne! Der charakteristische, so tausendfach vernommene Ruf dieser Trappe wie der mancher anderer Charaktervögel der ostafrikanischen Steppe bildet eines der mnemotechnischen Hilfsmittel, mittelst derer ich mich autosuggestiv jederzeit zurückzuversetzen vermag in die Fülle von Licht, Wärme, Weite und Einsamkeit, von unberührter Natur dieser Steppe ... Trotz der Morgenstunde liegt hier am Sumpfrande brütende Wärme über der Landschaft. Eine Fülle von Erscheinungen aus der Vogelwelt zeigt sich auf Schritt und Tritt; der Boden aber ist in der Nähe des Sumpfes belebt von jungen Taufröschen . Eine merkwürdige, blindschleichenartig aussehende Wurmschlange – Melanoseps ater nennt sie die Wissenschaft – wird eingesammelt und zum Lager zurückgeschickt, gleich darauf aber einer gegen fünf Meter langen, gewaltigen Pythonschlange der Rückzug in die Dickung abgeschnitten. Sie wird getötet, um ihrer Haut sofort entkleidet zu werden. Rüstigen, weitausgreifenden Schrittes bewegt sich meine kleine Karawane vorwärts. Zur Linken zieht sich nun ein weithin ausgedehntes, von Wechseln der Flußpferde durchkreuztes Buschwerk der seltsam monotonen Suedabüsche ( Sueda masaica ) hin. Jetzt plötzlich aus einer kleinen Sumpflache hervorstürmend, die binsenbestanden sich gegen die Steppe hinzieht, wird ein ganzes Rudel der eigenartig häßlichen Warzenschweine gegen die Steppe hin flüchtig, von uns bei der Morgensuhle gestört. – Schnell reicht mir der geübte Gewehrträger meine Büchse; ich entsichere, steche, und es gelingt mir, aus der kleinen Rotte einen Überläufer zur Strecke zu bringen, der in hastender Flucht fast schon die schützenden Suedadickichte erreicht hatte. Sofort wird ein Mann, den ich aus der Reihe der mir Folgenden hervorsuche, beauftragt, das Schwein ins Lager zu bringen, woselbst es mir einen erwünschten Braten liefern wird, Decke und Schädel aber meine Sammlung bereichern werden. Ohne Aufenthalt schreiten wir weiter. Zahlreiche Flußpferdwechsel kreuzen nun allenthalben die sumpfigen Gelände; einige sind frisch begangen und zeigen mir auch die Fährten eines alten Tieres mit seinen noch ganz geringen Jungen. Diese riesigen Bewohner des Sumpfes aber haben sich längst beim Morgengrauen in die sichere Tiefe der Gewässer zurückbegeben. Ein heller, jauchzend über die Sümpfe gellender Schrei aus einer Vogelkehle ertönt über unseren Häuptern. Jener herrliche Charaktervogel ostafrikanischer wasserreicher Gegenden, der Schreiseeadler ist es, der so das Morgenlicht begrüßt, mit hellklingendem Gliü gli gli, gliü gli gli. Ein zweiter in der Nähe auf einem kahlen Baume aufgeblockter Adler läßt uns vertraut dicht herankommen, ehe er abstreicht. »Nyáma Bwana!« flüstert jetzt mein Gewehrträger, und richtig: ein Riedbock zeigt sich in einiger Entfernung, auf einer freien grasigen Stelle äsend. Noch hat uns die schöne, gelblich gefärbte, über rehgroße Antilope nicht bemerkt, und minutenlang kann ich sie beobachten, wie sie junges, an den Sumpflachen entsprossenes Gras äst, von Zeit zu Zeit verhoffend, aufmerksam auf ihre Sicherheit bedacht. Es ist ein weibliches Stück und ihre Erlegung hat für mich keinen Reiz. Wir schreiten weiter, und in hohen Sätzen wird der Riedbock unsichtbar. ... hier fand ich die scheue Oryxantilope (Oryx callotis Thos.) vergesellschaftet mit der großen Gazelle (Gazella granti Brooke) ... letztere, wie aus der Aufnahme ersichtlich, jetzt im Juni von Oestriden (Bremsen) sehr geplagt ... ich entdeckte eine noch unbekannte Hypoderma-Art an denselben ... Bald darauf wird mir der verhältnismäßig seltene Anblick einer einzelnen Kudu- oder kleinen Schraubenantilope. Es ist ebenfalls ein Weibchen, und das schöne Geschöpf ist gleich darauf in wenigen Fluchten im nahen Dickicht verschwunden, bevor mir noch eine photographische Fernaufnahme gelungen war. – – – Freier und öder wird die Salzsteppe und ärmer an tierischem Leben. Nur einige Trauerkiebitze verfolgen uns in ruckendem Fluge, dabei ihren außerordentlich leisen, eigenartig weichen, melancholischen Lockton von sich gebend. Jetzt, in unserem Herbste, finden meine zahlreichen Leute nach emsigem Suchen, vom Glück begünstigt, nach kurzer Zeit zwei Gelege zwischen den Binsen, und ich sende sie durch einige Leute ins Lager zurück. Es vergeht im weiteren Marsche eine Stunde; immer mehr dringen wir in die Steppe ein, den Ufern des Sumpfes folgend, als dicht vor uns einer der großen, scheuen, herrlichen, lebhaft gefärbten Sattelstörche aufmerksam nach uns hinüberaugt, fast gleichzeitig aber auch sein Heil in der Flucht sucht. Dort, wo den Storch seine mächtigen Schwingen in Sicherheit gebracht haben, werden nicht weit vom Wasser zwei kleine Gazellen flüchtig; sie prellen mehrmals höchst charakteristisch nach rechts und links und ziehen dann langsam, Schritt für Schritt, in die Steppe hinaus, lebhaft mit den Wedeln hin und her schlagend. Es sind Thomsongazellen ( Gazella thomsoni Gthr .). Neugierig äugen sie zu mir hinüber; von Zeit zu Zeit senken sie äsend ihre Köpfe, um sie jedoch plötzlich wieder zu erheben. Jetzt erblicken wir weiter im Hintergrunde auf der ausgedehnten Ebene eine größere Anzahl der schönen braunen, mit schwarzen Hüftbinden geschmückten Tiere. Es ist nicht zu verkennen, daß ihr Benehmen ein in mancher Beziehung ziegenartiges ist. Ihre Scheu ist keineswegs groß, und wir freuen uns, das wohlbekannte Wild wiederum so vertraut zu erblicken. Bis auf fast 150 Schritte lassen sie uns heran, um dann in einer mit Worten kaum zu schildernden, stöckrigen, steifen Haltung ihr Heil in der Flucht zu suchen, die gar bald in ein Traben mit bei den Böcken steif erhobenem Kopfe übergeht. Aufmerksam geworden durch die flüchtigen Thomsongazellen, – die »Goilín« der Masai, – äugen jetzt eine Anzahl der ihnen nah verwandten, prächtigen Grantgazellen zu uns herüber. Mehrere weibliche Stücke scharen sich um einen prächtigen, mit anderthalb Fuß langen, leierförmig ausgelegten Hörnern geschmückten Bock. Jetzt werden sie flüchtig, und mehrmals in der Flucht die Richtung wechselnd, schlagen sie plötzlich einen Bogen um mich und meine Begleitung, um nun in unserem Rücken mit gutem Winde die fremdartigen Besucher zu mustern. Ein dunkler, auf einer Stelle in der Steppe unbeweglich verharrender Punkt, etwa einen Kilometer von uns, wurde von mir längst als ein alter, einsamer Gnubulle angesprochen. Spitz von vorn, das mächtige Haupt uns zugewandt, sucht das Gnu zu ergründen, was sich ihm nahe. Nur ein heftiges Hin- und Herschlagen mit dem buschigen Schwanze verrät seine Neugier. Nun aber erheben sich nach anfänglichem Laufen fünf oder sechs der dem Jäger über alle Begriffe verhaßten Spornkiebitze über unsere Köpfe in die Luft, nach ihrer Gewohnheit lärmend und scheltend hin und her streichend. Ringsumher dienen sie allen Tieren als Warner vor nahender Gefahr. Noch immer verharrt der Gnubulle in ausgesprochen neugieriger Haltung. Wir nähern uns ihm immer mehr, scheinbar jedoch rechts von ihm abbiegend; ich gebe Befehl, daß alle meine Leute nicht nach ihm hinblicken . Doch die Kiebitze verlassen uns nicht; der Gnubulle wird durch sie allmählich gewarnt und wird nun flüchtig steif gesenkten Kopfes, in anscheinend kurzen, aber doch sehr fördernden Sprüngen. Von Zeit zu Zeit macht er Halt und wirft sich mit einer jähen, plötzlichen Bewegung herum, immer mit dem Schwanze heftig schlagend und zu uns herüber äugend. Die lästigen Kiebitze haben uns nun endlich verlassen, und langsam versuche ich mich von neuem seitwärts an den Bullen »heranzudrücken«. Nach einiger Zeit gelingt mir dies auch, und ich habe Gelegenheit, auf das große, scharf sich von dem hellen Steppenboden abzeichnende Wild eine Kugel auf 200 Meter anzubringen. Das Gnu ruckt zusammen und zeichnet gut auf meinen Schuß, wird aber sofort auf drei Läufen flüchtig. Ich sehe, daß meine Kugel zu weit nach hinten sitzt. Sofort nehme ich die Fährte des angeschossenen und zwischen Akaziensträuchern verschwundenen Wildes auf. In diesen Teilen Afrikas, wo weder Pferde noch Hunde dem ungesunden Klima standhalten können, gibt es nur ein Mittel, krankgeschossenes Wild zu erlangen: das ist die sofortige Aufnahme der Verfolgung, dieselbe Jagdart, die in nördlichen Ländern bei Elchen angewandt wird. Denn schon in kürzester Zeit macht der Sonnenbrand die Schweißfährte fürs Auge unkenntlich; rege gewordenes Wild kreuzt die Fährte, und Geier und Schakale schneiden das eingegangene Stück an, ehe der Jäger zur Stelle sein kann. So folge ich eine halbe Stunde der gut sichtbaren Schweißfährte, als sie uns in einen ziemlich bedeutenden Sumpfarm führt. Mit Benutzung der Wechsel von Flußpferden und Wasserbecken hat das Gnu seinen Weg gesucht und zwingt uns, knietief im Wasser watend, ebenfalls den hier seichten Sumpfarm zu durchqueren. Inmitten desselben, auf einer größeren, sich aus dem Wasser erhebenden Fläche, wird, verdeckt durch dichte Vegetation, das Gnu plötzlich wieder flüchtig, ohne daß es mir möglich wäre, einen Schuß anzubringen; – jetzt weiß ich, daß eine sehr lange Verfolgung notwendig sein wird! Es muß dem guten Jäger eine Ehrenpflicht sein, angeschossenes Wild zur Strecke zu bringen, bevor er auf weiteres Wild jagt. Angeschossene Gnus gehören zu den zähesten und widerstandsfähigsten Wildarten Afrikas. An und für sich ist die Widerstandskraft und Unempfindlichkeit der meisten afrikanischen Wildarten Verwundungen gegenüber eine ganz erstaunlich große. Diese Tatsache wird von allen erfahrenen Jägern ohne Ausnahme zugegeben. Die Lebenskraft afrikanischer Tierarten ist bei weitem höher als die europäischen Wildes. Sie ist so erstaunlich viel höher, daß ich oftmals nach den Gründen gesucht habe. Eine hinlängliche Erklärung finde ich nur in einer gewissen Degeneration der heimischen Tierwelt, bei der bereits seit langer Zeit die natürliche Auslese der schwachen Mitglieder durch unnatürliche Hege und Pflege und Ausschaltung von Bär, Wolf und Luchs mehr oder minder ausgeschaltet ist. Wie mir scheint, wird diese Degeneration gerade durch das so verschiedene Verhalten afrikanischen und europäischen Wildes prägnant bewiesen. Entsprechend diesem Verhalten der Tiere zeigt uns ja auch der afrikanische Mensch, abgesehen von einer unglaublichen körperlichen Leistungsfähigkeit, selbst bei schwersten Verwundungen ein »Heilfleisch«, welches den Neid jedes Europäers und das Erstaunen der Ärzte erregen muß. Weiter folgen wir der Gnufährte. An trockeneren Stellen verfolgen unsere Schritte mit einem Ruf stets ein oder mehrere Männchen des schönen schwarz-weißen Trauerkiebitzes . – Jedes Paar dieser Kiebitzart beherrscht um diese Zeit im Sumpf ein gewisses abgegrenztes Revier, sein eignes kleines Reich, aus dem es jeden Nebenbuhler eifersüchtig vertreibt. Irgendwo innerhalb dieses seines Gebietes bebrütet das Weibchen die schön gefleckten Eier; die Sorge und der Argwohn des Männchens angesichts der fremden Erscheinungen ist uns daher wohl verständlich. Jetzt nimmt uns wiederum die trockene Steppe auf, und vorwärts durch Bestände von Salvadora, Akazien und Terminalien gelangen wir in ein hier und dort wenigstens einige Deckung gewährendes Steppengebiet. Aber das schon einmal auf der Schweißfährte rege gemachte Gnu hat gleichmäßig seinen Weg fortgesetzt, immer auf drei Läufen. Längst jedoch hatte ich mir zur Regel gemacht, einer einmal aufgenommenen Fährte auch hier in Afrika unter allen Umständen zu folgen, solange sie zu halten und das Folgen möglich war. So geht es eine fernere Stunde in die Steppe hinaus, als endlich die scharfen Augen meiner Begleiter das Gnu zu bemerken glauben, etwa anderthalb Kilometer vor uns langsam sich vorwärts bewegend. Sie haben sich nicht getäuscht. Die nächste Viertelstunde zeigt mir mehrere Stellen, wo der Verfolgte halt gemacht und ziemlich viel Schweiß (Blut) verloren hat; auch zwei Knochensplitter werden gefunden. Jetzt beginnt eine Region monotoner Suedabüsche; gedeckt von ihnen, meine Leute weit zurücklassend, gelingt es mir, mich an das Gnu heranzupürschen und einen glücklichen Fangschuß auf das flüchtige Wild abzugeben. Meine Träger eilen herbei. Eine Anzahl von ihnen häuten unter meiner Leitung vorsichtig das erlegte Tier ab; Haut und Schädel mit den Hörnern wandern zurück ins Lager, um dort sorgfältig präpariert und konserviert zu werden. Andere Träger werden mit dem Wildpret heimgesandt. An den Resten des Gnus aber sammeln sich, nachdem wir uns eine kleine Strecke weit zurückgezogen haben, bald eine Anzahl von Geiern und Marabus. Neugierig schwebte bereits längere Zeit über meinem Haupte einer der fast nirgends fehlenden Schmarotzermilane , sich uns häufig auf nur wenige Meter im Fluge nähernd. Diese Vögel verfolgen den Menschen, wissend, daß sie irgendeine Beute durch ihn zu erwarten haben. Während der Milan, dem sich bald noch zwei andere hinzugesellen, auf den Boden stoßend, kleine Fleischreste aufnimmt, braust es in den Lüften, und schräg herab aus Wolkenhöhe saust ein dunkler, vogelartiger Klumpen auf die Reste des Gnus nieder. Kurz vor dem Boden erst breitet der Geier seine Schwingen aus, gleichzeitig dabei seine Fänge vorwärtsstreckend; geschickt mildert er so die Wucht des Sturzes. Gierig, mit hüpfenden, ungeschickten Bewegungen eilt er alsdann zu den Überresten meiner Beute. Ihm folgen aus verschiedenen Himmelsrichtungen sich niedersenkend andere und wieder andere seiner Artgenossen. Gleich großen Fallschirmen seltsam die langen Ständer vorwärts streckend, ohne Flügelschlag, lassen sich Kropfstörche , die Marabus, zu den Geiern hinab. Niemals aber landen sie etwa auf dem sie lockenden Kadaver selbst; vorsichtig vielmehr erreichen sie den Erdboden in einer gewissen Entfernung von ihm. Geier auf Geier saust nun pfeifenden Fluges aus der Höhe herab; außer den kleinen, fast stets zuerst ankommenden Mönchsgeiern ( Neophron monachus Tem .), die mit ihren schwachen Schnäbeln zerstreute Fleischbrocken auflesen und schüchtern an größeren Stücken zerren, sind jetzt auch ihre großen, starken Verwandten aus luftigem Reiche erschienen. Der stattliche Rüppelsgeier ( Gyps rüppelli Bp .) in seinem einfachen, sandfarbigen Federkleide, der lebhaft gefärbte und, wie schon sein Name andeutet, gehäubte Kappengeier ( Lophogyps occipitalis Burch .), und der von mir entdeckte Gänsegeier ( Pseudogyps schillingsi Erl .) schließen sich in mehreren Exemplaren ihnen an. Wiederum ein neuer, mächtiger Vogel läßt sich aus hohen Regionen in der eben beschriebenen Weise pfeilschnell und sausend nieder! Es ist der mächtige Ohrengeier ( Otogyps auricularis Daud .), dessen vorkommen in Deutsch-Ostafrika ich zuerst feststellte, und der der größte und stattlichste seiner Artgenossen ist. In unglaublicher Hast zehren nun all die versammelten Vögel an den Resten, die sie lockten. Mitten in ihr streitendes und flügelschlagendes Getriebe stoßen geschickt die Schmarotzermilane hernieder; sie fangen die im Kampfgewimmel hin und her fliegenden Fleischbrocken aus der Luft auf, zerkleinern sie in den Lüften mit Schnabel und auch Fängen und verzehren sie so. Die Kropfstörche sichern sich ihren Anteil an der Beute. In kaum glaublich kurzer Zeit haben die versammelten Vögel, deren keifende, zischende Laute der Wind zu uns herüberträgt, reinen Tisch gemacht. Die gesättigten laufen mit kleinen, hüpfenden Schritten etwas abseits und erheben sich dann in die Lüfte, um schweren Fluges mit gefülltem Kropf nahgelegene Bäume aufzusuchen und sich dort in Ruhe dem Verdauungsgeschäfte hinzugeben. In der Nähe verborgen, gelang es mir, mannigfache, fesselnde Aufnahmen dieses Lebens und Treibens der Geier zu machen. Aber auch, wenn ich mich nur der Beobachtung dieser reizvollen Szenen aus dem Kampf ums Dasein hingab, waren die Bilder, die sich mir boten, immer wieder neu und fesselnd. – Die kurze Rast war uns zustatten gekommen; nach etwa einer Viertelstunde setze ich meinen Weg in fernere Steppengebiete fort. Nunmehr breitet sich eine Ebene kahl und lang hingezogen aus, deren Grasvegetation längst vertrocknet und deren Oberfläche allenthalben untergraben und unterhöhlt erscheint. Über unsern Häuptern schwebt ein Pärchen der schönen Gaukleradler ( Helotarsus ecaudatus Daud .), jener wundervollsten Flieger, die ich kenne. Sie beherrschen das Reich der Luft in souveränster, unvergleichlichster Weise und bieten namentlich zur Paarungszeit dem Auge des Wanderers die herrlichsten Flugschauspiele. In der Nähe der dürftigen Sträucher und Stauden verschwinden hier und da die murmeltierartig lebenden, schlanken und behenden Erd-Eichhörnchen , langgeschwänzt und in ihrer Färbung aufs vortrefflichste dem rötlichen Steppenboden angepaßt. Vorsichtig Umschau haltend nach den Nahenden, richten sie sich auf den Hinterläufen auf, um eiligen Laufes ihre Schlupflöcher zu erreichen. Nun sichern sie aufgerichtet nochmals, um dann in der Tiefe für längere Zeit zu verschwinden. Die Erbeutung der keineswegs seltenen, ja stellenweise außerordentlich häufigen Tiere ist infolge ihrer Vorsicht keineswegs leicht. Manche Arten bewohnen mit Vorliebe verlassene Termitenhügel. Haben sie sich in die schlotförmigen Röhren dieser ihrer Hochburgen zurückgezogen, so dauert es meistens längere Zeit, bis sie vorsichtig wiederum am Tageslicht erscheinen. Nur bei gutem Winde und unter Beobachtung aller Vorsicht gelingt es nun, sie für die Sammlung zoologischer Objekte zu überlisten. Lange Zeit pflegen sie nur das Köpfchen aus ihren Röhren hervorzustecken und so, Umschau haltend, zu verharren. Gibt man, ehe sie wiederum ganz zum Vorschein kommen, auf sie Schüsse ab, so verschwinden die Beschossenen unweigerlich in der Tiefe der Hügel; dort sind sie, bei der außerordentlichen Festigkeit der Termitenbauten, stets für den Schützen verloren. Wie erwartet, werden nun Mengen solcher größerer Säugetiere sichtbar, die sich zur Tageszeit fern vom Wasser aufzuhalten pflegen. In dem hügeligen Terrain stoßen wir von Zeit zu Zeit auf jene Dünentälchen, in welchen die schon bei leichteren Regenfällen sich sammelnde, nach stärkerem Regen länger anhaltende Grundfeuchtigkeit frischere Gräser erzeugt als die weite, durstende, trockene Steppe. Kleine Rudel von Riesengazellen ( Gazella granti, Brooke ) finden sich, sowohl solche, bestehend aus einigen weiblichen Stücken nebst einem schön gehörnten Bock, als auch Ansammlungen von ausschließlich männlichen oder weiblichen Tieren. Sie zeigen sich vertraut, ziehen langsam vor uns her und schlagen, flüchtig geworden, charakteristische Haken, immerfort ihre Richtung dabei ändernd. Dies anscheinend zwecklose Beginnen führt aber die Gazellen fast stets in weitem Bogen unterhalb unseres Windes, und ich halte dies Verhalten daher für eine dieser Gazellenart eigene Taktik. Zieht ein Rudel Grantgazellen trollend vor uns her – die weiblichen Stücke, graziös und elegant, so recht die Verkörperung einer idealen Gazelle – so pflegen die Böcke steif gehaltenen Hauptes, würdevollen Schrittes den Beschluß zu machen. Ihre schwere, weit ausgelegte Hornlast auf dem außerordentlich starken, robusten, kurzen Halse gibt ihnen etwas Selbstbewußtes und Würdiges. Den weiblichen Gazellen dieser Art ist stets eine größere Vorsicht und Scheu eigen; nach meinen Beobachtungen führen sie das ganze Jahr hindurch Junge, die, wenn noch gering, im Hochgrase versteckt liegend; von der sich nunmehr abgesondert haltenden Mutter gesäugt werden. Die Jungen pflegen sich auf den Boden ausgestreckt zu drücken, wenn eine Gefahr droht; genau wie die Alten werden sie flüchtig, indem sie mannigfache Haken schlagend, anfänglich in den Wind flüchten, später aber im Kreise abschwenken und so unterhalb des Windes gelangen! In einer der tiefer gelegenen Stellen der Steppe verhofft nunmehr ein ganzes Rudel braunrötlich gefärbter großer Antilopen. Es sind Kuhantilopen ( Bubalis cokei Gthr .), jene bemerkenswert häßlichen, überbauten Antilopen, die in Lebenskraft und Unempfindlichkeit gegen Schüsse womöglich das Gnu noch übertreffen. Die Kuhantilopen jener Gegend haben für mich ein spezielles Interesse, da wir heute noch nicht genügend über die Verschiedenheit der lokalen Arten unterrichtet sind. Daher unternehme ich eine mühselige Pürsche auf das Rudel, schleichend, streckenweise auch schlangenartig über den Boden kriechend, nähere ich mich ihnen. So in unmittelbarer Berührung mit dem glühendheißen Erdboden empfinden Knie und Hände des Kriechenden auf das empfindlichste die ungeheure dem Boden entstrahlende und von ihm reflektierte Hitze. So heiß ist die Erde, daß die Hand kaum die Hitze zu ertragen vermag, trotzdem meine Hände längst abgehärtet, durch die photographischen Manipulationen ohnehin rissig geworden und nicht gerade verwöhnt sind. – Meine Hände, die stets freigetragenen Arme und mein mit Ausnahme der heißesten Stunden ebenfalls nicht selten gänzlich unverhüllt den Einwirkungen des Tagesgestirns dargebotener Oberkörper haben seit langem eine bräunliche Färbung angenommen, so zwar, daß sie bei den Rückfahrten aus dem schwarzen Erdteil nicht selten selbst das Erstaunen alter gebräunter Seefahrer erregt haben. Eine halbe Stunde wohl dauert meine Pürsche; neugierig äugen die Leittiere der Antilopenherde immer noch nach jener Stelle, wo auf kilometerweite Entfernung meine Leute im Schatten einer Euphorbie zurückgeblieben sind. Während meines Antriechens stoße ich zwei Hasen ( Lepus victoriae Thos .) aus ihrem Lager heraus; viele Haken schlagend, suchen diese nur etwa kaninchengroßen Tiere ihr Heil in der Flucht. Endlich bin ich auf Schußweite herangekommen, und eine Doublette (zwei Stück) lohnt meine Mühe. In langen, gleichmäßigen Fluchten, die Köpfe tief zur Erde gesenkt, in eine Staubwolke gehüllt, verschwinden die überlebenden zehn Antilopen in der Ferne. Diesmal gelang es mir ausnahmsweise, die so lebenszähen Tiere mit je einer Kugel zur Strecke zu bringen. Wiederum entspinnt sich das bereits bei der Erlegung des Gnubullen beschriebene Bild der Abhäutung und der Entsendung ins Lager, und ebenso das Erscheinen der Geier. Ich aber dringe mit den fünfzehn übrigbleibenden Leuten immer weiter in die Steppe vorwärts. Nach einiger Zeit erblicke ich zwei der so merkwürdigen überschlanken Giraffengazellen . Mein Gewehrträger hat sie zuerst erspäht und mich mit den Worten: »Nyáma Bwana!« auf die Tiere aufmerksam gemacht. »Ndio, Njogga-Njogga,« antworte ich ihm mit Benutzung der Kisuahelibezeichnung der Giraffengazellen. Unmittelbar darauf sind beide Gazellen auch schon flüchtig geworden. – – – Viele tief ausgetretene Wechsel der Nashörner kreuzen sich an einzelnen Stellen, alle zu den Ndjirisümpfen führend; sie erglänzen weithin im Sonnenlicht, da die auf den Wechseln frühzeitig niedergetretenen Gräser heller und bleicher von der Sonne ausgedörrt werden, wie die mehr dunkelgelblichen Gräser der Steppe rechts und links von den Nashornwechseln. Diesen bequemen, von zahlreichen »Pharus« frisch begangenen Pfaden folge ich nun für eine weitere Stunde und nehme nach geraumer Zeit die von der Nacht herrührende frische Fährte eines ausnahmsweise starken Nashornes auf. Das Tier hat den Wechsel verlassen und wird meiner Vermutung gemäß in einer Entfernung von nicht unter drei, vielleicht aber auch fünf und mehr Stunden in der Steppe sich niedergetan haben. Nach Rücksendung der verschiedenen Leute ins Lager sind nur ausgesucht gute Träger zurückgeblieben, denen ich jede Leistung zumuten, auf die ich mich vollkommen verlassen kann. Es ist eine eigentümliche Sache um die Brauchbarkeit der Karawanenleute bei schwierigen Unternehmungen, die mit ihrem eigentlichen Berufe als Träger nichts zu tun haben. Außer meinen, mir seit Jahren bekannten, immer wieder mitgenommenen Leuten fanden sich auf meinen verschiedenen Reisen stets wieder neue, brauchbare, teilweise auch sehr fährtenkundige Schwarze; so waren es fast immer dieselben Leute, die mich auf schwierigen Unternehmungen zu begleiten hatten. – Ich glaube bestimmt beobachtet zu haben, daß die Fähigkeit, Durst zu ertragen, ganz verschieden bei den unterschiedlichen Stämmen und Völkerschaften ausgebildet ist, je nachdem sie in wasserreichen oder wasserarmen Gegenden heimisch sind. Zuverlässige Beobachter haben mir erzählt, daß das arabische Pferd bis zu drei Tagen wirklich dursten kann und doch noch leistungsfähig bleibt, wenn auch freilich bedingt. Solcher Anspruchslosigkeit in bezug auf Wasser kann sich selbstredend kein europäischer Pferdeschlag rühmen, weshalb ich auch die Verwendung europäischen Pferdematerials beispielsweise in Südwestafrika für unzweckmäßig halte. ... Heuschrecken zeigten sich in ungeheuren Mengen, denen Marabus (Leptopilos crumenifer [Less.]) in langen Reihen planmäßig in den Grasebenen nachstellten und sich, grenadiermäßig ausgerichtet, oft dabei mit europäischen, hier im Winterquartier befindlichen Störchen (Ciconia ciconia [L.]) vergesellschaftet zeigten ... Die sonst außerordentlich brauchbaren und von mir sehr geschätzten Wanyamwési, also Einwohner des verhältnismäßig stark bevölkerten und gut bewässerten Landes Unyamwézi, konnten den Durst niemals so lange ertragen, wie meine an Entbehrungen aller Art gewöhnten, kriegerischen Masai-Morán (Masai-Krieger) und Wandoróbbo. In Abstufungen verschiedener Art fand ich unter meinen Leuten die verschiedenste Fähigkeit, mehr oder minder längere Zeit ohne Wasser leben zu können und leistungsfähig zu bleiben. Ich selbst freilich vermochte es auch mit den bedürfnisvollsten in dieser Hinsicht nicht aufzunehmen; wie hätte dies auch anders sein, wie hätte der Mensch aus kaltem wasserreichen Norden mit einem Neger um die Wette dursten können! Hierbei kommt vor allem in Betracht, daß der durstende Eingeborene, wenn auch erheblich unter den Qualen des Durstes leidend, dennoch zur Nachtzeit sich mit stoischer oder stumpfsinniger Ruhe dem Schlafe hinzugeben vermag, während der durstende Europäer, soweit ich beobachten konnte, nicht fähig ist, den ihn stets beherrschenden Gedanken nach Wasser auszuschalten und so die Wohltat des Schlafes zu genießen. Wasser! Ich fühle deutlich, wie schwierig es ist, wirklichen, ernsten, brennenden, furchtbaren Durst jemandem zu schildern, der ihn, wie die meisten Europäer, niemals empfunden hat. Die Qualen des Durstes steigen je nach den Temperaturverhältnissen in dem Maße, als die brennende Sonnenhitze und die trockene Wärme den Körper transpirieren läßt und ihm so Wasser entzieht. Ruhig im Schatten irgendwo lagernd, würde der Mensch selbstredend viel länger dursten können, als der in der Sonnenhitze vorwärts schreitende Wanderer. Aber lagernd kommt man nicht ans Wasser, und Durstende werden daher stets gezwungen sein, so schnell wie möglich das nächste Wasser zu erreichen. Wenn ich nicht irre, ist es Slatin Pascha, der mir berichtet, der später von Lord Kitchener of Chartoum besiegte Mahdi habe seine Feinde dadurch vom Leben zum Tode befördert, daß er sie verhungern ließ, aber unter Darreichung von Wasser. Die Todesqualen pflegen sich, wie es scheint, dann unter normalen Verhältnissen erst um den siebzehnten Tag einzustellen. Von diesem Tage ab erschien der Mahdi mit seinem Gefolge in den Kerkern, um sich an den letzten Qualen seiner Gegner zu ergötzen. ... Ein neu entdeckter vom Verfasser jung aufgezogener Geier: Pseudogyps africanus schillingsi Erl., auf einem Nilpferdschädel. Der Durst aber tötet, je nach den Temperaturverhältnissen, Menschen schon in zwei bis höchstens drei Tagen, wie ich es leider durch Erfahrung bestätigt gefunden habe. Aber unter ungünstigsten Verhältnissen genügt schon ein kurzer, sehr heißer Tag, um auch einen nicht beladenen Eingeborenen zum Niedersinken zu bringen. Es hat mir einen großen Eindruck gemacht, daß gut geschulte Suaheliträger es fast ohne Ausnahme als Ehrenpflicht betrachteten, unter solchen Umständen bei den ihnen anvertrauten Lasten auszuharren und sie nicht zu verlassen. »Testuri Bwana mkubwa!« (»Es ist Sitte, Herr!«) war stets ihre einzige Antwort, als ich sie belobte. ... Der Verfasser befragt einen ol'morani über die Lebensgewohnheiten der Strauße. In Europa, in wassergesegneten Ländern ist das unentbehrliche Naß (wenn auch nicht immer in der Form einfachen Wassers, sondern als Mineralwasser, Bier, Kaffee usw.) etwas so Selbstverständliches, so Alltägliches, daß es dort wohl niemand so leicht zum Bewußtsein kommt, wie hochgeschätzt Wasser an manchen Punkten unserer Erdoberfläche ist. Dreimal habe ich selbst ernstlich und sehr erheblich unter Wassermangel leiden müssen. Das erstemal hatten im Jahre 1896 kriegerische Verhältnisse die Karawane, der ich mich damals hatte anschließen können, in der Gegend von Nguruman am Nguasso-Nyiro einige Tage aufgehalten. In heißestem Sonnenbrand hatte ich jagend und beobachtend den ganzen Tag die Steppe durchzogen und eine Anzahl von Trägern wildpretbeladen ins Lager zurückgesandt. Um zehn Uhr vormittags erquickte meine durstende Kehle das wenige letzte brühwarme Wasser aus der großen Feldflasche. Nunmehr hieß es, bis zum Abend zu dursten, wo ich gewiß war, im weit entfernten Lager frisches, klares Wasser zu finden. Stunde auf Stunde verrann; immer reichere Erscheinungen aus dem Tierleben fesselten den damaligen Neuling gegenüber afrikanischem Tierdorado und ließen mich meinen Durst vergessen. Auf dem Rückwege trat das seltene Ereignis ein, daß meine zwei letzten Begleiter sich verirrten; in schnell hereinbrechender Dunkelheit gerieten wir in die tausendfachen Irrgänge eines Dornendickichts, und zur Nacht, bereits von Dornen zerstochen und verletzt, war es unmöglich, weiter vorwärts zu dringen. Wir hatten die Richtung verloren, waren zuletzt im Kreise umhergeirrt, und nunmehr wurde es mir klar, daß wir inmitten des dornigen Pori die Nacht verbringen mußten. Auf einer wenige Fuß breiten, vegetationslosen Stelle kauerten wir nieder, und als mein Fuß an einen harten Gegenstand stieß, erwies sich dieser als ein wohl von der Rinderpest des Jahres 1891 herrührender, halb vermoderter Büffelschädel. In der Hoffnung, im Lager gehört zu werden, und in der fälschlichen Annahme, wir befänden uns in seiner Nähe, verfeuerte ich unvorsichtigerweise fast alle meine Patronen, jedoch vergeblich; es erfolgte keine Antwort. Todmüde, von Dornen zerkratzt, in zerrissenen Kleidern, die Zunge buchstäblich am Gaumen klebend, kauerte ich nun unter einem von zahlreichen Lianen durchwachsenen astreichen Baumstrauche nieder, meine Büchse mit den letzten vier mir gebliebenen Schüssen umspannend. Ein Nachtaffe ließ sein gellendes Geschrei vernehmen, eine Eule antwortete ihm. In die vollkommene Finsternis mit gespanntester Aufmerksamkeit hinaushorchend vernahmen unsere Ohren allenthalben um uns her ein Knistern und Rascheln im Laub und im dürren Geäst. Zum Ersteigen geeignete Bäume waren nicht vorhanden; kein Schritt vorwärts wäre im stachligen Dickicht möglich gewesen. Aneinandergekauert, auf dem Büffelschädel sitzend, verfloß uns so Minute auf Minute; endlos dehnten sich die Stunden aus. Obwohl das Ohr nichts vernommen hatte, fahren wir jetzt in höchstem Schrecken auf! Nicht weiter als zehn Schritte von uns entfernt, erschallt plötzlich das Geheul einer uns unsichtbaren, unvernehmbar herangeschlichenen Hyäne! Schon hebe ich die Büchse, aber da fährt mir der Gedanke durch den Kopf, daß ich meine wenigen Patronen vielleicht für ernstere Gegner brauche. Durch Rufen und Werfen mit abgebrochenen Stücken des Büffelschädels und Erdbrocken vertreiben wir das Tier aus unserer Nähe. Aber die »Fiffi« entfernt sich nicht weit, umkreist uns vielmehr heulend Stunde um Stunde, ab und zu von uns durch Rufen fern gehalten. Eine seltsame Zwiesprache zwischen Raubtier und Mensch dort in einsamer Wildnis! Das Nahen der Hyäne hat mich daran erinnert, wie lautlos Löwen und Leoparden uns zu beschleichen vermöchten, und lebhaft malt sich die erregte Phantasie derartiges immer wieder aus. Aber wiederum überwiegen die Qualen des Durstes alle anderen Gefühle. Die Schläfen pochen, kurz und heftig hämmert das Herz, subjektive, höchst wundersame Halluzinationen lösen sich aus, das Blut ist verdickt, und immer brennender und zehrender verlangt der Organismus nach Wasser. Aber warum mußte ich auch gerade heute im Sonnenbrande mehrere Dauerläufe hinter angeschossenem Wilde machen und so meinen Organismus im Zinne des Wortes ausdörren ! Unter den tausenderlei Gedanken und Ideen, die fieberhaft mein Hirn durchkreuzen, tritt immer wieder der Hauptgedanke in den Vordergrund: Wasser, Wasser! Was gäbe ich jetzt für einen Becher Wasser! Besäße ich eine gewisse Summe Geldes – sagt sich die Phantasie – und nichts weiter, wäre diese Summe mein ganzer Besitz, so würde ich gern ein Drittel, nein, die Hälfte um einen Schluck Wasser geben! Nicht doch! Bedingungslos die ganze Summe! – Rauschende, kühle Quellen, Wassernixen, und tausend ähnlichen Spuk zaubert das gequälte Gehirn sich hervor. Aber alles ist nutzlos und ich, wie meine in dumpfer Resignation dahinbrütenden Schwarzen müssen dursten, dursten. – – – Immer kleiner, immer unfühlbarer und schneller wird der Pulsschlag, quälender der Durst – wir selbst lethargischer. – – – Der einzig wertvolle Besitz zu dieser nächtlichen Stunde ist die Waffe und das Gefühl, unter Umstanden mit für andere eintreten , den Farbigen aber ein Beispiel geduldiger Überwindung des Durstes geben zu müssen, obwohl sie nicht annähernd so leiden, wie ich selbst. – So verrinnt schleppend und schleichend langsam Stunde auf Stunde. Die Hyäne weicht nicht von hinnen, bis wir sie schließlich kaum noch beachten. Als hätte sich alles gegen uns verschworen, bleibt der Nachthimmel hier in der Nähe der Bergzüge wolkenverhangen und lichtlos. Drückend heiß und schwül bleibt infolgedessen die Temperatur; die brennende Hitze, die die Erdrinde am Tage aufgesogen, wird nicht im geringsten durch Ausstrahlung zum Weltenraum hin vermindert. Da endlich trifft ein wohlbekannter Ton aus Vogelkehle mein Ohr: ein kleiner Fliegenfänger grüßt den nahenden Morgen mit leisem Zwitschern. Noch aber lastet Dunkelheit über der Steppe. Doch nun verschwindet sie schnell, und wir können, immer noch umherirrend, immer noch ohne Ahnung über die einzuschlagende Richtung, wenigstens wieder vorwärtsschreiten! Nach stundenlangem Umherirren in der dicht verwachsenen Dornenwildnis, Erklimmen von Bäumen behufs Orientierung, finden wir endlich den trocknen Bachlauf, der, hier bereits versiegt, am Fuße des Berges unser Lager mit reichlichem Wasser speist. Atemlos folgen wir seinem Laufe aufwärts, und die erste geringe Wassermenge, die wir in seinem Bette antreffen, gewährt uns endlich die über alles ersehnte Labung. Es klingt vielleicht schwer verständlich: aber ich habe mich an diesem Morgen im Lager gebadet, habe immer und immer wieder mit Händen ins Wasser gegriffen, habe immer wieder getrunken und mich an dem köstlichen Naß erfreut, wie im Märchen der Geizhals am aufgestapelten Goldschatz. Von einem englischen Forschungsreisenden, dem ich dies später erzählte, habe ich gehört, daß er Ähnliches erlebt und ähnlich gehandelt hat. Es gleichen sich die auf gleicher Entwickelungsstufe stehenden Menschen sehr, und ähnliche Ursachen lösen bei ihnen ähnliche Empfindungen und ähnliche Handlungen aus. Durst dieser Art unter der Äquatorsonne muß man selbst empfunden haben, um ihn zu verstehen und um beurteilen zu können, wie sehr man unter seinen Qualen leidet. – – – Doch zurück zur Schilderung meiner ferneren Erlebnisse an jenem Jagdtage: Die Fährte des Nashorns führt mich nunmehr in durchaus öde, anscheinend jedes höheren tierischen Lebens bare Teile der Steppe. Da wir zuweilen längere Zeit die sich kreuzenden, mehr oder minder undeutlicher werdenden Wechsel benutzen, so leitet uns die Fährte Stunde um Stunde weiter vom Lager ab. Auch das ist dem Europäer ein recht unbekanntes Gefühl, daß er jeden Schritt, den er wandernd vorwärts tut, heimkehrend unweigerlich zu Fuß abermals hinter sich bringen muß! Eine andere Art der Rückbeförderung gibt es in der afrikanischen Wildnis nicht. Hier klingt ihm nicht das langgezogene Signal: »Jagd vorbei!« Erst wenn das Lager erreicht ist, und selbst dann nicht immer, darf er den Jagdzug des Tages als beendet erachten. Nur so weit darf die Verfolgung einer Fährte ausgedehnt werden, daß das Lager oder eine Wasserstelle erreicht werden kann. Zuweilen hat das Nashorn, welches wir verfolgen, seinen Tribut von Dornensträuchern, namentlich von den Zweigen der Salvadora persica und von Capparidae-Zweigen erhoben, auch stachelige Aloepflanzen hier und da aufgenommen. Aber es war anscheinend schon gesättigt, als es sich hier weit in die Wildnis zurückzog, sorgfältig auf seine Sicherheit bedacht. Vielleicht ein dutzendmal kann ich es unterwegs erwarten, dort, wo sich innerhalb der Regenstrombetten üppigerer Pflanzenwuchs findet, in mit Vernonien und Mpele-Mpelesträuchern bewachsenen Oasen; – schnaubend kann es jeden Augenblick dicht vor mir erscheinen! – – – Aber stumm und schweigsam müssen wir immer weiter der Fährte folgen, nicht wissend, ob es möglich sein wird, unser Ziel zu erreichen. Doch, da der Wind dauernd günstig weht, gebe ich die Verfolgung nicht auf; nicht oft steht eine Fährte so gut und gibt so die Möglichkeit der Verfolgung! Jetzt stoßen wir auf zwei taubengroße Sandhühner Eine kleinere Art ( Pterocles exustus Tem .) wie die früher beschriebenen und in ihrem Locken völlig verschieden! , die hier weitab vom Wasser vor uns aufgehen und lautklatschenden Fluges mit lautem »Dj'-ödjö'- djö-wīe« nicht weit von uns wieder einfallen. Wo aber mag der ersehnte Dickhäuter sich niedergetan haben? Schon fallen die Sonnenstrahlen schräg, als plötzlich an einer sehr freien Stelle unter einem kleinen Akazienbaum unser Wild sichtbar wird, nach seiner Gewohnheit mit dem Hinterteile dicht am Stamm und den Kopf nach vorn niedergetan. Nunmehr die Nerven zusammengenommen! Nur von meinem zuverlässigsten Büchsenträger begleitet, nähere ich mich dem Tiere so vorsichtig wie möglich; da das Rhinozeros ausnahmsweise nicht von Madenhackern begleitet ist, gelingt es mir kriechend, mich auf sechzig Schritte heranzupürschen. Wendet man sich bei solchen Gelegenheiten rückwärts, um dem Gewehrträger irgend welche Befehle im leisen Flüsterton zu geben, so ist es von höchstem Interesse, seine starren erregten Mienen zu beobachten, die um so drastischer auf den Europäer einwirken, als das Weiße der Augen sich in der Physiognomie des Farbigen unter solchen Umständen besonders abhebt. Noch immer schlummert das Nashorn ohne Ahnung einer Gefahr. Der Unkundige könnte es für einen Termitenhügel, die mächtigen Hörner für dürre, abgebrochene Baumäste halten. Die Färbung des Tieres zeigt uns wieder einmal, wie sehr Nashörner (und Elefanten!) die Farbe des Bodens, auf dem sie sich wälzen, annehmen, und warum die Buren in früheren Zeiten in Südafrika das breitmäulige Nashorn »weißes Nashorn« getauft haben! Die rötliche Färbung dieses vor mir ruhenden Tieres, das sich unterwegs mehrere Male in dem Staube der Steppe gewälzt hat, deckt sich vollkommen mit der roten Farbe des Laterits in seiner Umgebung; die spitzen Ohren, »Lauscher« in des Wortes wahrster Bedeutung, wehren durch lebhaftes Hin- und Herbewegen automatisch die kleinen zudringlichen Fliegen ab und verraten so, daß Leben in dem Koloß ist. Das Tier wird wie gewöhnlich von sehr kleinen stechenden Fliegen geplagt, die wahrscheinlich eine neue Gattung repräsentieren, am nächsten mit Lyperosia Rond . verwandt und im Jahre 1903 von mir in einer neuen, unbekannten Art aufgefunden worden sind. Am Mto Nairobi fand ich bereits 1899 die Nashörner sehr geplagt von Östriden-Larven, die in einer bisher unbekannten Form oft zu vielen Hunderten ihre Metamorphose im Magen ihrer gewaltigen Wirtstiere durchmachten. Wenn man bedenkt, daß diese ekligen Schmarotzer bis zu 32 Millimeter lang und 14 Millimeter breit werden, so begreift man, wie sehr sie die Nashörner unter Umständen peinigen können, und wie diese bestrebt sind, wenigstens ihre Quälgeister, die Fliegen, abzuwehren, denen sie u. a. diese Larven verdanken. – Mein Nashorn hat von dem nahenden Feind noch nichts gemerkt. Ich werfe abermals einen Blick auf meine Büchse; sie ist längst gestochen und in Ordnung. Auch zwischen das Visier hat sich nichts geklemmt; von den schrägen Sonnenstrahlen beleuchtet, bietet mir das gewaltige Wild ein gutes Ziel. Doch es muß fallen, ehe es uns etwa angreifend erreicht; schützende Deckung für uns ist nicht vorhanden. Aber schlafend soll es nicht gemordet werden; ein kurzer lauter Ruf, von mir ausgestoßen, erschallt. Fremdartig mutet mich die eigene Stimme in dieser weltfremden Einsamkeit an. Wie vom Blitz getroffen, mit unglaublicher Schnelligkeit springt das Nashorn auf, die Lauscher spitz nach vorn gerichtet, halb schräg mir eine gute Gelegenheit zum Blattschuß bietend. Mein Schuß ertönt! Fauchend und schnaubend wie eine Dampfmaschine wirft sich das Tier, seinen Feind suchend, zweimal im Kreise herum, schneller wie selbst ein wendiges Pferd unter dem Reiter es vermöchte! (Der Leser muß nicht vergessen, daß die Nashörner sehr nah mit den Pferden verwandt sind und beispielsweise das von mir dem Berliner Zoologischen Garten mitgebrachte Nashorn dort später an einer Krankheit starb, an der sonst allein Pferde eingehen.) Aber schon hat meine Büchse ein zweites Mal gesprochen, und mit dem Knall bricht das mächtige Wild zusammen; nur der schwere Schädel schlägt im Todeskampfe dröhnend noch einige Male auf den steinigen Boden der Steppe auf. Vorsichtig nähere ich mich dem Erlegten; die kleinen blinzelnden Lichter veranlassen mich zu einem Fangschuß ins Ohr, und schwache Reaktionen noch vorhandenen Lebens werden durch ihn – wie ich erwartete – ausgelöst. Eine auf diese Weise allein ausgeübte Jagd auf so wehrkräftiges Wild gewährt dem Jäger einen hohen Genuß! Nunmehr lasse ich die Kopfhaut abziehen, die Hörner aber loslösen, eine Arbeit, bei der meine Beile und Seitengewehre gute Dienste leisten. Mindestens eine Stunde erfordert die kunstgerechte Loslösung der beiden langen, an der Basis sehr dicken Hörner. Ick habe einen sehr bejahrten Bullen erlegt, dessen Hörner im allgemeinen niemals so lang und dünn sind, wie die einer Kuh, an Umfang dafür aber erheblich stärker und klotzartig massiver gestaltet. Die Träger beladen sich nunmehr mit den besten Fleischstücken; dann wird der Rückmarsch zum Lager angetreten. Spät nach Mitternacht wird dieses erreicht; etwa 72 000 Schritte zeigen meine Schrittmesser an, eine gute Leistung in Anbetracht des Klimas, und nur möglich für jemanden, der sich monatelang »eingegangen« hat. In der Morgendämmerung eines Oktobertages verlasse ich abermals mit einer Anzahl meiner Leute das Lager, um die Höhenzüge des Donje-Erók-la-Matumbáto in ihren südlichen Ausläufern zu besteigen. Seit einiger Jeit lagerte ich am »Ngare na lálla« im Masaidistrikte Matumbáto in der Nähe des Kilimandscharo. Lange folgen wir dem Bache. Dann führt ein pfadloser Weg durch die von vielen periodischen Regenstrombetten durchschnittene, langsam ansteigende Hochsteppe zum Fuß der Hügel, die im Süden dem finstern Donje-Erók vorgelagert sind. Zahlreich sind die Fährten und Spuren der Tiere, die in der Nacht ihre Tränkstellen am Bache aufgesucht haben und nun wieder in die weite Steppe zurückgewechselt sind. Kleine Rudel von Grantgazellen, Thomsongazellen und Impallahantilopen werden hier und da flüchtig, auch stoße ich auf zwei oder drei scheue zierliche kleine, vollkommen rot gefärbte Antilopen. Es sind Steinantilopen ( Raphiceros neumanni Mtsch .), die, in ihrer Färbung dem roten Steppenboden vorzüglich angepaßt, uns sehr nahe herankommen lassen, ehe sie plötzlich – viele Haken schlagend, – flüchtig werden, um eilig im dürren Steppengrase zu verschwinden. In wolkenloser Bläue wölbt sich das Firmament über unseren Häuptern; der Tag wird zweifellos drückend heiß werden! Jetzt aber ist die Tierwelt noch überall rege und namentlich in der Nähe des Bachlaufes tun wir ein paar der riesigen Hornraben , von den Masai ol Mungŭk genannt, auf, dann eine Menge von Frankolinen und auch zwei große Ketten von Perlhühnern . Letztere lassen beim Aufgehen ihrer vielköpfigen Scharen ihr schwer wiederzugebendes, lautes eigentümlich metallisch klingendes Locken vernehmen, etwa wie Rschrschek-grrrr-ek-ek-ek-ek-ik-ik-ig-ig-ig ... lautend. Die klugen Tiere fallen nach einigen hundert Schritten wieder ein und bringen sich dann in überraschend schnellem Laufe in Sicherheit. Seltsame Vögel erregen jetzt meine Aufmerksamkeit, es sind die scheuen, an den Baumstämmen häufig mit dem Kopf nach unten herumkletternden und flatternden Spotthopfe ( Irrisor senegalensis somaliensis Grant ), die el'gonōni der Masai, deren gelles Gelächter weithin durch die Buschsteppe erklingt, um von den charakteristischen, hundegebellartigen und blökenden Tönen des Lärmvogels ( Chizaerhis leucogastra Rüpp ) beantwortet zu werden, dessen Stimme den Unkundigen stets veranlassen würde, nach verirrten Lämmern einer Schafherde Ausschau zu halten. In einer Entfernung von zweihundert Schritten bemerken wir jetzt drei der riesigen Trappen ( Otis kori Burch .). Scheu und vorsichtig äugen sie nach uns hinüber, sich Schritt für Schritt, in langsamem Laufe, dabei in eigentümlich steifer Haltung entfernend. Als wir jedoch schnellen Schrittes uns den Vögeln nähern, gehen sie schweren und gewichtigen Fluges auf. Dabei nehmen sie anfänglich auf dem Boden einen Anlauf, dann aber trotz ihrer Schwere mit ihren mächtigen Schwingen mit überraschender Leichtigkeit die Luft durchsegelnd und sich in Sicherheit bringend. Die Riesentrappe beobachtet man niemals in großen Gesellschaften wie die europäische Trappe, aber ihre auffallende Erscheinung bildet einen besondern Schmuck der ostafrikanischen Steppe. Um die Mittagszeit der heißen Periode des Jahres ist unser Vogel unschwer mit der Büchse zu erlegen, zu den andern Tageszeiten aber zeigt er sich recht vorsichtig. Keine der geschauten Wildarten vermag mich heute in meinem Marsche aufzuhalten. Nur hier und da verharre ich einige wenige Minuten, um irgend welche mich besonders interessierende Tiere eine kurze Weile zu beobachten. So fesseln die zierlichen Windspielantilopen ( Madoqua kirki Gthr .), in Sprüngen von zwei oder drei Stück vereinigt, meine Aufmerksamkeit. Meine gut eingeübten Leute – geschlossen Mann an Mann marschierend – versinken währenddessen in den Erdboden: So schnell kauern sie sich auf ein leises Zeichen nieder und verharren vollkommen regungslos, bis ein neues Zeichen von mir ihnen gestattet, sich wieder aufzurichten. Nach zweistündiger Wanderung und Überwindung einer ganzen Anzahl der öfter mehr denn zehn Meter tief eingeschnittenen schroffen Regenstrombetten zeigen sich plötzlich im felsigen und dornigen Revier der ersten, dem Gebirgsabfall vorgelagerten Hügel zwei in eiligen Fluchten dahinhuschende, grünlich grau gefärbte Antilopen, deren Erscheinung erheblich von dem Wild der Ebene absticht. Es sind jene prachtvollen, die Gemsen in Afrika vertretenden kleinen Bergantilopen, die Klippspringer , von den Masai nach meinen Erkundungen »en 'ngnóssoirú« genannt. Die einzige Antilopenart Europas, die Gemse, findet sich in Afrika nicht, das prächtige Steinwild dagegen in einer Steinbockart nur im Norden des Erdteils. Über weite Gebiete des schwarzen Kontinents jedoch verbreitet, belebt die Berge der in ein eigentümlich starres granenartig gebildetes Haarkleid gehüllte Klippspringer. Den Jäger zwingt diese eigenartige Miniaturgemse zu höchst anstrengenden Pürschen in der afrikanischen Bergwelt und bietet ihm daher reizvolle Jagdgelegenheit. Meine Karawane durchklettert eine Felsschlucht. Unsere Miniaturgemsen leben in kleinen Sprüngen bis zu sechs und acht Stück, auch paarweise, sowohl an den schroffen Berghängen als auch zuweilen in der zerklüfteten Hochsteppe überall da, wo Ansammlungen von Felsen und Steinen, selbst Lavablöcken ein ihnen zusagendes Revier bilden. In Abessynien fand man den Klippspringer in Höhen von über 3000 Meter. Wie hoch er ins ostafrikanische Hochgebirge hinaufsteigt, vermag ich nicht zu sagen; aber wo schroffe Felswände von steilen Tälern unterbrochen sind, wo eine dornige dürftige Flora zwischen Felsgestein und Felsblöcken in einer Höhe von mindestens 1200 Metern über dem Meeresspiegel gedeiht, da ist der Klippspringer in seinem Reich. Wie Gummibälle, fürs Auge mehr fliegend wie springend, bewegen sich die geschickten und graziösen Tiere von Felsblock zu Felsblock, plötzlich bewegungslos geraume Zeit mit dicht zusammengestellten Läufen verharrend, dann wieder mit einem hellen Warnungspfiff schattengleich in den Berghalden verschwindend – um nun abermals von einer neuen eilig erreichten Felswarte aus Umschau nach dem Störer ihres Bergfriedens zu halten! Heute zeigen sich die Klippspringer besonders scheu und entschwinden zwischen den dürren Gräsern meinen Blicken. Nur ein Bock, von meinen unterhalb aufsteigenden Leuten auf seiner Flucht fortprellend, kreuzt plötzlich meinen Weg und gibt mir, als er einen Augenblick auf einem Felsblock nach mir hinüberäugt, Gelegenheit zum Schusse. Über das uns trennende Tal hinüber erreicht ihn auf fast zweihundert Meter meine Kugel. Ich sende zwei zuverlässige Träger mit der Beute ins Lager zurück, wo die Haut mit besonderer Vorsicht präpariert werden muß, da die Haare allzu locker sitzen und bei der geringsten Unvorsichtigkeit auszugehen pflegen. Nunmehr müssen wir, oft auf Händen und Füßen, uns mühevoll im heißen Sonnenbrand an der Berglehne aufwärts arbeiten. Die Felsblöcke sind bereits von der Sonne sehr erwärmt. Neugierig beäugen uns Eidechsen und Geckonen, um gleich darauf im Grase oder in Felslöchern dicht vor uns zu verschwinden. Je höher wir steigen, um so mehr Pflanzen und Gräser finden wir, die noch nicht völlig von den Sonnenstrahlen verdorrt sind. Das Jägerauge gewahrt nun bald zwischen den Felsblöcken große Ansammlungen von kaninchenartiger Losung, welche auf das Vorhandensein von zahlreichen Klippschliefern schließen lassen. Und in der Tat ist diese Bergwildnis aufs reichste belebt von jenen Miniaturhuftieren, deren schon die Bibel aus grauen Zeiten Erwähnung tut, und die der Zoologe seltsamerweise als Verwandte des gewaltigen Nashornes klassifizieren muß. ... Verschiedenartig haben sich die Schicksale dieser so verschiedenen »Verwandten« gestaltet. Dank ihrer Größe und Kraft beherrschten die Nashörner in mehreren Arten durch Hunderttausende von Jahren ihre weiten Gebiete; lange trat ihnen kein ebenbürtiger Gegner im Kampf ums Dasein entgegen. Aber anfänglich mit Hilfe des tückischen Pfeilgiftes – jener ingeniösen raffiniert erdachten Jagdart der Giftschlangen in der Hand des Menschen – und heutigentages mit Hilfe nur wenige Millimeter großer, aus weiter Entfernung in den Körper der Tiere entsandter Metallstücke gelang und gelingt es den Menschen, diese Riesen zu dezimieren; bald wird er sie vernichtet haben. Da haben die unscheinbaren, in unzugänglichen Felswildnissen heimatenden Vettern der Nashörner, die Klippschliefer, ein besseres Los gezogen. Kaninchenartig lebend, scheu und vorsichtig, wenigstens in alten Exemplaren die Geduld des menschlichen Jägers auf harte Proben setzend, werden sie noch lange, lange Zeiträume das letzte Nashorn des Erdballes überdauern ... Den Jägersmann kann dieses kleine Wild nicht besonders interessieren, es sei denn, daß er einen Büchsenschuß auf einen der sich in der Morgensonne wärmenden alten Klippschliefer versucht. ... Will man sich, etwa zum Zwecke der zoologischen Sammlung, einer größeren Anzahl der verschiedenen Altersstufen bemächtigen, so heißt es, mit der Schrotflinte bewaffnet, sich geduldig dem Ansitze widmen, denn Stunden können verrinnen, bevor die erfahrenen alten Tiere ihre Verstecke wiederum verlassen und sich dem Schusse darbieten. Auch dann noch müssen die Getroffenen vor Erreichung ihrer Felshöhlen verenden; anderenfalls sind sie für den Jäger rettungslos verloren. Die Jagd auf Klippschliefer scheint mir daher manche Ähnlichkeit mit der auf das Murmeltier unserer Alpen zu haben. Wie das Murmeltier in frühern Zeiten, suchen heute die Klippschliefer zur Regenzeit tiefer gelegene Gebiete der Steppe auf. Zur trockenen Jahreszeit ziehen sie sich in ihre Bergreviere zurück, wo sie dann stets an Gräsern, Blattwerk und Stauden Äsung, wenn auch dürftige, finden. Die Klippschliefer achten sehr auf den warnenden Pfiff der Klippspringer , der afrikanischen »Zwerggemse«, und man beobachtet beide Tierarten in nächster Nähe nebeneinander, offenbar in Freundschaft zusammenlebend. Häufig habe ich beobachten können, wie die Raubadler ( Aquila rapax Tem .) Jagd auf junge Klippschliefer machten. Beim Erscheinen eines dieser die Berghänge abstreifenden Adler verschwinden die Klippschliefer blitzschnell und für längere Zeit in ihren Bauten. Auch haben sie gewisse, große Sicherheit bietende Felshöhlungen, in die sie sich bei nahender Gefahr gemeinschaftlich, oft in größerer Zahl, zurückzuziehen pflegen. Weiter und weiter führte mich mein Weg bergaufwärts; die Hitze macht sich immer mehr geltend, und mühsam gilt es, sich durch die dornenbewachsenen Täler bergaufwärts einen Weg zu suchen. Aber endlich haben wir den Kamm der ersten Hügelkette erreicht, und schon bietet sich eine wundervolle Fernsicht in die weite Wildnis. Zu unseren Füßen liegt inmitten der fahlen Steppe lang dahingezogen ein grüner Streifen; es ist der Lauf des Baches, an dem ich mein Lager aufgeschlagen habe. Weit in der Ferne, in der Richtung seines unteren Laufes, künden in einer sich langgestreckt hinziehenden Senkung des Steppengebietes, nun vergilbte, trockene Schilfwälder, uns jene periodischen Sumpfseen an, die zur Regenzeit von den Wassern des Baches gebildet werden. Darüber hinaus und überall, wohin unser Auge reicht, schimmert die unendliche Steppe in zitterndem Licht, aufs grellste beleuchtet von den flimmernden Sonnenstrahlen. Die aufsteigenden, heißen Luftwellen lassen das ganze ungeheure Gebiet in ein strahlendes, das Auge blendendes Geflimmer getaucht erscheinen. Immer wieder muß die Erfahrung, muß der Verstand die vermeintliche Wahrnehmung unseres Auges korrigieren, die sich über die Entfernungen, über die Größenverhältnisse und die Plastik der unermeßlichen Steppe täuschen will. Und in der Tat, während das Auge vermeint, dort unten Wildherden zu erblicken, vermögen wir mit bloßem Auge kaum – fast nur mit dem Glase – die großen Flächen unserer Zelte da unten inmitten des Lagerplatzes wahrzunehmen. Interessant ist es, daß die mit Kupferoxyd grün gebeizten Zeltwände sich im Sonnenlicht so deutlich von ihrer Umgebung abheben. Trotzdem ich weiß, daß die am Lager stehenden Akazien gegen neun Meter in die Höhe messen, erscheinen sie mir strauchartig klein, und von den das Lager belebenden Menschen vermag ich kaum einen einzigen mit bloßem Auge zu erfassen. Eine nicht in Bewegung befindliche Elefantenherde würde dort unten kaum sichtbar sein. – Wie klein, unbedeutend und hilflos erscheint der Mensch wieder einmal hier oben in der freien, herrlichen, großartigen Natur, in deren stiller, erhabener Unendlichkeit er fern und abgeschnitten von allen menschlichen, modernen Verbindungen sich allein überlassen ist, – im Kampfe mit diesen unendlichen Entfernungen, die er allein durch das Spiel und die Kraft der eigenen Muskeln überwältigen muß –, im Kampfe auch vielleicht mit feindlichen, unholden und für andere Ideale in den Tod gehenden Menschenrassen – im Kampfe endlich mit einer ursprünglichen Tierwelt, den er noch dazu herausfordert, und mit den tückischen Gefahren eines Klimas, das ihm, dem Nordländer, nicht günstig ist. Aber wiederum löst diese weltferne Einsamkeit in ihrer furchtbar feierlichen Stille alle jene Empfindungen höchsten, befriedigendsten Genusses aus, den die beschauliche Betrachtung erhabenster und reinster Schönheit gewähren kann. Nie habe ich stilleren, erhabeneren und heiligeren Waldfrieden erlebt, nie die unendliche Schönheit und ursprüngliche Harmonie unberührter Natur tiefer empfunden, wie auf den weltfernen Berggipfeln der einsamen, unendlichen Masai-Nyika. Herrlich violett gefärbte Blumenbeete, wie ich solche im Gürtelwalde des Kilimandscharo beispielsweise von einer schönen Balsamine, einer Impatiensart gebildet fand, sah ich freilich in diesen Wäldern nicht, dafür aber bieten die mit Hymenophyllaceen, Moosen und Flechten bewachsenen und behangenen Bäume einen um so eigenartigeren Anblick. Neben den undurchdringlichen Bambuswäldern in andern Teilen Afrikas haben mir diese im geisterhaften bleichen Schmuck langer, wallender Bartflechten vegetierenden Baumhaine den größten Eindruck gemacht. Und sie vegetieren tatsächlich nur, denn wie Professor Volkens ausführt, ersticken diese Kryptogamen in der Tat in vielen Fällen ihre Wirte ... ... Doch nicht lange dürfen wir uns unseren Gedanken überlassen. Auf dem Kamme der Vorberge gilt es, nunmehr auf den ausgetretenen Elefanten- und Nashornwechseln mit größerer Leichtigkeit, vorwärts schreitend, in die eigentliche finstere Bergwelt des 2000 Meter hoch sich isoliert auf dem Masai-Hochplateau erhebenden Donje-Erók einzudringen. Da gilt es, jede Muskel anzuspannen; Ströme von Schweiß müssen fließen, bis das Ziel erreicht ist – – Wiederum empfinde ich die Wohltat meiner eigenartigen Kleidung. Wie stets ist mein Oberkörper nur von einem seidenen Hemd bedeckt, das Arme und Brust frei läßt. Aber Bergsteigen im zerrissenen Hochgebirge unter der Äquatorsonne ist kein Kinderspiel und stellt die höchsten Anforderungen an die nordische Konstitution und den Organismus. Kein anderer Den Gipfel des Ngaputúkberges und die verschiedenen Gipfel des Donje-Erók-la-Matumbáto darf ich annehmen als erster Europäer 1899 bestiegen zu haben. Europäer vor mir hat diese schweigenden Bergwälder aufgesucht; nur Graf Teleki und von Höhnel haben am Fuße des Berges vor langen Jahren, auf ihrem denkwürdigen Entdeckungszug zum Rudolf- und Stephaniesee, gelagert. Doppelt begehrenswert, doppelt anziehend und verheißungsvoll scheint mir daher eine Erforschung dieser Bergwelt und ein Eindringen in ihre Geheimnisse. Zu unserer rechten Seite ziehen sich langgedehnte, grasbewachsene Hügelketten hin, von steil eingeschnittenen, jetzt trockenen Bachbetten unterbrochen. Wiederum stoßen wir auf eine in der Steppe nicht vorkommende Wildart. Erst ein, dann zwei und nun ein viertes Stück Wild wird plötzlich vor uns flüchtig! Alle vier Antilopen ästen offenbar in jenem Tälchen, als unser Erscheinen sie plötzlich überraschte. Es ist der schöne und eigenartig behaarte, durch außerordentlich lange Wedel ausgezeichnete, in Sonnenbeleuchtung fast weiß schimmernde Bergriedbock ( Cervicapra chanleri Rothschild ), diese vor mir in Ostafrika nur von dem amerikanischen Reisenden Chanler aufgefundene Wildart. Eine Doublette auf einen Bock und ein Tier verschafft mir zwei prachtvolle Stücke für meine Sammlung: Kaum ein einziges europäisches Museum durfte sich bisher des Besitzes dieser gleichwohl in gewissen Höhenlagen der ostafrikanischen Bergwelt gar nicht seltenen Antilope rühmen. Wiederum sondere ich zwei Leute meiner Karawane behufs Transportes des erlegten Wildes ins Lager ab. Mit den andern schreite ich nun südwärts weiter, in der Richtung der höchsten Erhebung des eigentlichen Bergmassivs. Nach einer halben Stunde zeigt mir mein Auge unterhalb unseres Standortes in einer Talmulde einige deutlich von der Grasfläche abstechende große Geschöpfe, die ich alsbald als Elenantilopen erkenne. Doch eine Pürsche auf diese kapitalen Antilopen würde mich allzusehr von meinem Wege abbringen. So schreiten wir vorwärts, noch einige Male auf Klippspringer und Bergriedböcke stoßend, und in einem der durchkletterten Täler auch zwei flüchtige Buschböcke einen Augenblick innerhalb der Stauden wahrnehmend. Von einer gewissen Höhe an finde ich die Bergkuppen immer mehr vegetationsbedeckt, anfänglich mit Baumstauden, dann aber mit hochstämmigem, flechtenverhangenem Walde. Fast unvermittelt führt mich plötzlich der von mir eingehaltene, wohl seit urgrauen Tagen ausgetretene Elefanten- und Nashornwechsel in den kühlen, schattigen Hochwald ... ... Überall schon auf unserem Wege fand sich die frische Losung, fanden sich frische Fährten zahlreicher Nashörner; auch Elefanten haben offenbar vor einigen Wochen hier ihren Weg genommen. Aber nun, mit dem Eintritt in den eigentlichen Hochwald, mehren sich diese Spuren allenthalben. Sobald wir von einem der aussichtsfreien, höheren, nackten Felsgrate einen Ausblick gewonnen haben, sehen wir die Bergrücken des Donje-Erók sich vor unsern Augen hinziehend, im Süden steil nach der Steppe abfallend, nordwestlich aber in einer Anzahl flacher Hügel in die Steppe übergehend, in zahlreichen und viel verzweigten, waldbedeckten Kämmen, und von Tälern durchfurcht. Zwei Bäche ergießen sich in der Richtung nach Norden und Osten, beide jedoch um in der trockenen Zeit sehr bald am Fuße des Berges zu versiegen. Wochenlang müßte der Wanderer das Gebirge durchklettern, um sich einigermaßen über dessen eigentlichen Aufbau zu orientieren. Wo wir nun, einem der Bergrücken folgend, das hier und dort auftretende, dichte Unterholz durchschreiten, stoßen wir fast auf Schritt und Tritt, wie ich das früher ausgeführt, auf die zahlreichen Lagerstätten der Nashörner. Bevor ich aber noch einen jener hier so gefährlichen Dickhäuter antreffe, werden plötzlich dicht vor mir zu meiner größten Überraschung einige riesige Tiere mitten in der Dickung flüchtig, und halblaut ruft mein Büchsenspanner hinter mir. »Umbogo Bwana!« »Büffel, Herr!« Doch es sind keine Büffel, obwohl ich in ähnlichen Höhenlagen auf anderen Bergen der Steppe Büffelschädel, wohl aus dem Jahre 1891, dem Jahre der Rinderpest, auffand, sondern wiederum Elenantilopen . Diesmal erlege ich einen kapitalen Bullen aus dem Sprunge von mehreren Stück. Auf meinen Blattschuß springt er steif mit allen vier Läufen in die Luft, bricht nach einigen Fluchten zusammen und gibt uns Gelegenheit, uns mit vortrefflichem Wildpret reichlich zu verproviantieren. Acht Leute bezeichne ich, welche die Haut und die Hörner zum Lager zu schaffen haben. Es bleiben mir reichlich genug Träger, an zwölf Mann, um meinen Marsch und die Erkundung des Bergwaldes fortzusetzen, ohne mich lange mit dem erlegten Wilde aufzuhalten. Doch seltsamerweise stoße ich nun, an der Spitze meiner Leute marschierend und vorsichtig durch Busch und Gesträuch meinen Weg suchend, bereits nach wenigen Minuten unverhofft auf das erste Nashorn , einen Bullen, den ich dreißig Schritte vor mir, eben aus seinem Lager aufstehend, wahrnehme! Ich kann nur seinen Kopf mit den Hörnern erblicken. Das Tier steht unbeweglich und sucht sich über die Nahenden zu orientieren, da der Wind für uns günstig steht. So unmittelbar nach meinem Schuß auf die Antilope hätte ich kein »Pharu« hier vermutet! Allerdings lag es in einer Senkung in seinem Lager, und die uns umgebende Dickung mag wohl den Knall des Büchsenschusses vollständig gedämpft haben, oder der Schall war von dem Nashorn, das an den Schall des Donners der Berggewitter gewohnt war, nicht beobachtet worden. Instinktiv verharren meine Leute wie die Salzsäulen, da ich außer dem blitzschnellen Griff nach meiner Büchse keine Bewegung mache. Da wirft das »Pharu« sich herum; polternd und krachend wird es den Bergabhang hinab flüchtig und unseren Blicken unsichtbar. Ich hatte weder die Absicht gehabt, es zu erlegen, noch auch konnten mich seine nicht sehr starken Hörner besonders reizen. Aber vorsichtig geworden, setzen wir nunmehr Schritt für Schritt unseren Weg durch die Dickung fort, auf das sorgfältigste ausspähend und unser Ohr soviel wie möglich anstrengend. Bald stoßen wir auf eine ganze Anzahl frischer Lagerstätten von Nashörnern, in der Art von Straußennestern in den Boden ausgehöhlt und vielfach mit frischen Spuren der Benutzung. Die meisten der Nashornlager befinden sich unter schattenspendenden Sträuchern, einige aber auch völlig im Freien; letztere werden wohl hauptsächlich bei bedecktem Himmel und kühler Temperatur benutzt. Jetzt heißt es, ganz besonders vorsichtig Schritt für Schritt vorwärts dringen. Jedes vor uns aufgehende Wild – Buschböcke pflegen dort nicht selten zu sein – läßt uns selbstverständlich mit angehaltenem Atem stehen bleiben, bis wir uns überzeugt haben, daß es nicht Nashörner sind. Wo der dichte Pflanzenwuchs lichter wird, können wir sorgloser, immer den Bergkämmen folgend, die die einzelnen Felsgipfel des Gebirges verbinden, voranschreiten. Aber immer wieder treffen wir auf den Kämmen der Berge auf dichtes Buschwerk, in dem, wie gesagt, Lagerplatz an Lagerplatz der Nashörner sich befindet. Die Dickungen sind vielfach mit der von den Masai ol Orianéne genannten Waldrebe ( Clematis sunensis ) bewachsen, deren fedrige, perückenartige, weiße Fruchtbestände allenthalben sichtbar sind. Auch verschiedene, von Elefanten mit Vorliebe aufgenommene Kompositen und eine von den Wandorobbo »Mukúnja« genannte, von Baumschliefern gern angenommene Leguminose sind besonders häufig. Dort, wo sich freie Aussicht in die Steppe bietet, sehen wir die schweigende, gewaltige Steppe sonnenerglüht zu unseren Füßen liegen. Über uns wölben die mit phantastischen, langwallenden, weißlichen Bartflechten gezierten, hochstämmigen Bäume ihre Kronen – Ruhe und heiliger Frieden herrscht in diesen dunklen Bergwäldern ... ... Selbst die Vogelwelt ist nur spärlich vertreten, und außer Buschböcken erblicken wir nur selten aus der Welt der Antilopen die kleinsten und heimlichsten Zwerge, die Duckerantilope ( Sylvicapra ocularis Thos .). Bewegungslos, mit ihren fabelhaft großen Lauschern fremdartig ausschauend, äugen sie einen Augenblick im Unterholz den Eindringling an und verschwinden dann in dichtem Strauchwerk. Jetzt ganz plötzlich, an einer ziemlich freien Stelle, schnaubt es unter uns im Tale. Zwei Rhinozerosse, die offenbar unser Nahen bereits bemerkt hatten, aber nun erst durch ihren fabelhaften Geruchssinn genau über die Ankömmlinge orientiert wurden, brechen gleich Dampfmaschinen schnaubend – anfänglich unmittelbar auf mich los stürmend, dann aber plötzlich abschwenkend – quer über unseren Pfad und verschwinden in der jenseitigen Talsenkung. Beide Kolosse, mit charakteristisch hoch erhobenen, hin und her geworfenen, mit riesigen Doppelhörnern geschmückten Köpfen, rasen so über eine völlige freie Lichtung, nicht weiter als fünfzig Schritte an mir vorbei. Die Büchse fest umspannt, warte ich, während meine Leute rechts und links hinter Baumstämmen Deckung suchen, ihres Angriffs. Aber ich bin erfreut, als ein solcher nicht erfolgt. Krachend, polternd und schnaubend hören wir noch eine ganze Weile beide Tiere bergabwärts flüchtig werden, und mit immer größerer Vorsicht kann ich meinen Weg fortsetzen. Aber will es nun der Zufall, daß ich die nächsten beiden Stunden nicht mehr unmittelbar auf Nashörner stoße, oder haben die Tiere unser Nahen bemerkt und sind flüchtig geworden, bevor wir ihre Lagerstätten erreichen? Eine der höchst gelegenen Felsenkuppen erklimmend, gebe ich mich eine halbe Stunde dem Genusse hin, die unendlich prächtige Fernsicht in die weite Steppe zu bewundern. Kaum aber habe ich meinen Weg in der Richtung auf einen zweiten Berggipfel verfolgt, als wir plötzlich in ein so unbeschreiblich dicht verwachsenes Strauchwerk geraten, daß uns nunmehr tatsächlich jede Aussicht, auch nur wenige Fuß weit, versperrt ist. Wir winden uns, mühselig die Richtung einhaltend, durch die Dickung. Gerade als ich im Begriff bin, auf Händen und Füßen kriechend, mich unterhalb einiger quergewachsener Sträucher durchzudrängen, schnaubt es rechts und links von mir auf nächste Entfernung und kracht es in den Büschen. Ich kann mit unerhörtem Glück einem auf mich eindringenden, riesigen Nashorne einen Schuß fast genau ins Ohr entgegensenden, der das riesige Tier auf der Stelle tötet, als im selben Augenblick zwei andere Nashörner unmittelbar an mir vorbeistürmen, um jedoch, plötzlich regungslos, heftig schnaubend, mitten in der Dickung zu verhoffen. Wenige Meter von mir, linker Hand, liegt der nur noch in konvulsivischen Zuckungen begriffene Riese. Die Büchse habe ich für alle Fälle auf seinen Kopf gerichtet, nicht wissend, ob noch eine Fangkugel nötig sei; gleichzeitig spähe ich mit Anspannung aller Sinne nach den beiden anderen Tieren aus! So vergehen einige Sekunden höchster Spannung. Wiederum kracht es im Dickicht vor mir, aber keiner der beiden Kolosse versucht einen neuen Angriff, sondern beide poltern flüchtig rechts ins Tal hinab. Mit unbegreiflicher Schnelligkeit war ein Teil meiner Leute trotz des Dickichts und des schier undurchdringlichen Staudenwerkes, wie vom Erdboden verschlungen. Nun kriechen sie von allen Seiten wieder herbei, aber in ihren Mienen malt sich Bestürzung, und sie versuchen mir vorzustellen, daß eine Fortsetzung meines Weges unmöglich sei, da ja selbst die Wandorobbo und Wakamba nicht wagten, in dieses Dickicht einzudringen. Aber ich beharre auf meinem Plane, ich gestehe es – mit beträchtlicher Selbstüberwindung, und dringe weiter vor, nachdem die Hörner des erlegten Nashorns abgelöst worden sind. Die Nashornfamilie bestand offenbar aus einer Kuh, einem schon erwachsen Jungen und dem von mir erlegten Bullen. Ich versuche nunmehr eine andere Methode, um ungefährdeter meinen Weg einhalten zu können. Durch hier und da abgefeuerte Büchsenschüsse versuche ich die Nashörner vor mir fortzutreiben. Eine Weile gelingt dies auch, aber in fernen Ländern ist jede Patrone von unberechenbarem Wert. Außerdem werde ich richtig nach zwei weiteren Stunden wieder von drei Nashörnern attackiert – diesmal jedoch in höchst unangenehmer, sehr ernster Weise. Fast bis zur körperlichen Berührung hatten die Tiere, welche vom Lager bereits aufgestanden waren, uns in der Dickung herankommen lassen. Wohl nur dem Umstande habe ich meine Rettung zuzuschreiben, daß der Wind vollkommen günstig war. So gelang es mir im letzten Augenblicke, zwei der Angreifer durch Genickschüsse zu Boden zu strecken, während das dritte zum großen Glücke kurz an mir vorbei flüchtig wurde. Diesmal aber habe ich nicht verhindern können, daß die vier mich begleitenden, bewaffneten Askari in ihrer Todesangst ebenfalls ihre Büchsen abfeuerten, und meine Leute sind nun nicht mehr zu bewegen, mich weiter zu begleiten. Seltsamerweise kann ich ihnen an den erlegten Nashörnern den genauen Nachweis führen, daß ihre Mauserkugeln das Ziel vollkommen verfehlt haben; nur eine hatte getroffen, aber viel zu weit hinten, an einer nicht tödlichen Stelle. Ich fühle, daß mein Schilderungsvermögen nicht ausreicht, eine solche Situation dem Leser anschaulich zu machen. Die unendlich komplizierten Stimmungen, die eigenartigen Verhältnisse, die tatsächlich mehr als ernsten Situationen innerhalb einer jeden Schritt hemmenden Vegetation , all die vielerlei sich blitzschnell abspielenden, einzelnen Phasen solcher Erlebnisse könnten vielleicht durch die Hand des Künstlers in einer ganzen Anzahl von Bildern verewigt, aber kaum mit Worten geschildert werden. Noch mehr! Man kann Hunderte von Hindernisrennen mit angesehen haben; aber welche Fülle ungeahnter und kompliziertester Seelenstimmungen durchlebt man, wenn man sein erstes, seine ersten öffentlichen Rennen über eine schwierige Bahn, vielleicht sogar auf einem schwierigen Pferde selbst reitet! Da der Fallwind vom Gebirge um diese Tagesstunde, wie ich mit Bestimmtheit wußte, dauernd günstig war, konnte ich mich den badenden Nashörnern bis auf 15 Schritte im Schilfe nähern und so eine meiner schönsten "Natururkunden" gewinnen. Ähnlich soll es auch unsern modernen Luftschiffern ergehen, die sich mit Flugmaschinen in die Lüfte erheben. Ich lade jeden ein, unter den von mir hier beschriebenen Umständen – nicht etwa wie ich dies in der Erzählung des Missionars aus alter Zeit an anderer Stelle über Löwen anführte –, »von vielen Musketen der mitschießenden Begleitung beschützet,« auf Nashörner allein zu jagen. Wir werden uns dann gewiß verstehen. – – Die genaue Schilderung aller dieser Gefühle, ihre detaillierte Ausmalung könnte nur einem psychologischen Meister gelingen, und meine bescheidene Feder versagt mir hier aufs kläglichste ... ... Ich gestehe offen, daß nun auch meine Nerven etwas nachließen, und daß eine gewisse Wut auf die Dickhäuter sich meiner bemächtigte. Diese Gefühle aber paarten sich mit einer Empfindung des Mißbehagens, so nutzlos töten zu müssen, und so suchte ich denn eine Stelle in einem der bachdurchrauschten Waldtäler auf, um dort zu nächtigen. Zu meiner Überraschung hatten sich schon eine ganze Weile Wolken zusammengezogen, – denn auch in der trockenen Jahreszeit hat dies hohe, bewaldete Gebirge die Fähigkeit, Feuchtigkeit zu kondensieren. Plötzlich rauscht aus finstern Regenwolken ein kurzer, aber ergiebiger Platzregen nieder, der selbstverständlich zu dieser Jahreszeit nur auf den Höhenzügen dieser Bergwelt niedergeht, nicht aber über die durstige Steppe. Schnell wie der Regenschauer entstand, hat er geendet. Aus angesammelten, trockenen Baumzweigen wird ein großes Feuer entfacht, und ich genieße mit Behagen ein erfrischendes Bad an einer tümpelartigen Stelle des Waldbaches. Nun aber werden zunächst die vielen, von allen Seiten das Tal durchkreuzenden Nashornwechsel einige hundert Schritte von unserer Lagerstelle auf verschiedene Weise verwittert und überall um unser Lager machen einige mich begleitende Wandorobbo ihren Zauber, um die Nashörner und andere Tiere zur Nachtzeit von uns abzuhalten. Sie spucken gekautes Holz nach verschiedenen Richtungen aus und wissen sich nun gesichert. Ein frugales, aber nach den Anstrengungen wohlschmeckendes Abendmahl wird aus dem am Spieß gebratenen Wildpret der Elenantilope hergestellt, und erquickender Schlaf umfängt mich und die nicht Wachthabenden in kurzer Zeit. Hier oben in der reinen Luft des Bergwaldes, die sehr absticht von der meines Lagers in der fieberschwangeren Steppe, schläft es sich doppelt gut. Aber nicht weniger als dreimal in der Nacht werden wir alle durch in der Nähe schnaubende Nashörner plötzlich geweckt, springen auf und jedesmal vergeht längere Zeit, bis die erzürnten Dickhäuter sich auf unsere Zurufe entfernt haben, unter oft wiederholtem, prustendem, unheimlich aus dem tiefen Waldesdunkel erklingendem Schnauben. – – – Der nächste Morgen führt mich dann auf anderen Wegen bergabwärts zum Lager zurück. Wir klettern diesmal am Steilabfall im Süden des Gebirges talabwärts. Mehr wie je kommt es mir bei diesem Abstiege und dem Eintritt in die glühend heiße Steppe ins Bewußtsein, welch merkwürdige klimatische Gegensätze die afrikanische Tropengegend aufweist. Klippschliefer und Klippspringer werden sichtbar, auch zwei große Pavianherden; und jetzt, wo ich kein Verlangen mehr hege, Hochwild zu erlegen, darf mir auch die Vogeljagd einige schöne Stücke für meine Sammlung liefern. Prachtvoll gefärbte Turakos vor allem tummeln sich in den Laubbäumen und werden erbeutet. Als ich halbwegs an einem Felsplateau halt mache und mit einem scharfen Goerz-Glase die Steppe unter mir absuche, gewahre ich denn auch bald zahlreiche sich bewegende Pünktchen: große Wildrudel. Einige hundert Meter tiefer am Fuße des Berges angelangt, ziehen um die Mittagsstunde große Mengen von Gnus, Zebras, Kuhantilopen und Impallahantilopen, auch einige Oryxantilopen zur Tränke und lassen mich, da ich sie nicht bejage, auf wenige hundert Schritte an sich vorübergehen. Mehr als einmal habe ich die Höhenzüge des Donje-Erók la Matumbáto durchstreift, aber endlich habe ich es abgeschworen. Allzu schmerzlich ist es für den richtig denkenden Jäger, zu seiner Selbsterhaltung so mörderisch zu verfahren, und dennoch würde er selbst heute oder morgen im Dickicht sicherem Tode entgegengehen! – Wiederum wurde mir begreiflich, daß die Elefanten auch indirekt manchen Schutz genießen, den selbst der Kenner nicht ohne weiteres vermuten würde. Die Nashörner, die nach übereinstimmender Aussage aller Eingeborenen als einsiedlerische Tiere mit Elefanten keineswegs auf besonders freundschaftlichem Fuße stehen, verhindern durch ihre zahlreiche Anwesenheit in manchen Bergwäldern der Steppe eine erfolgreiche Pürsche auf Elefanten! Ein einziger, durch jene Bergwelt dröhnender und in vielfachem Echo sich brechender Schuß auf Nashörner genügt, um die klugen Elefanten weit und breit in geräuschlose Bewegung zu versetzen und sie zu veranlassen, viele Meilen zwischen sich und den Jäger zu bringen. In der Regenzeit wird man kaum ein Nashorn auf den Plateaus des Berges antreffen; dann haben sie sich in der Steppe verbreitet. Zur trockenen Jahreszeit aber ist ein Eindringen in die Dickungen jener Bergwelt fast unmöglich, wie die Schilderung dieses von mir unternommenen Pürschganges und dieser Bergbesteigung beweist. Niemals hätte ich mir einen solchen Reichtum von Nashörnern im entferntesten träumen lassen, aber für den der Literatur kundigen Zoologen werden meine Mitteilungen nicht das geringste Überraschende haben. Denn sie decken sich mit den Schilderungen eines Thomson, Grafen Teleki, Chanler, Donaldson-Smith, des schließlich durch ein angreifendes Nashorn schwer verunglückten von Höhnel und vieler anderen Reisenden, die alle in gewissen Gegenden eine Anzahl von Nashörnern angetroffen haben, die dem Laien unglaublich erscheinen muß. Was ich hier vom Donje-Erók berichte, galt für alle entsprechenden Bergzüge der Masai-Nyika und Ndasekéra, und der Donje-Erók la Matumbáto war keineswegs etwa besonders reich an »Pharus«. ... Wie schwer aber diese Verhältnisse zu beurteilen sind, beweist aufs schlagendste die Tatsache, daß ein so guter Beobachter, wie Prof. Volkens in fast zweijährigem Aufenthalt am Kilimandscharo mehrere Jahre vor meiner ersten Expedition niemals ein Nashorn zu Gesicht bekommen hat, obwohl seine botanischen Streifzüge ihn rings um den Berg führten. Aber allerdings hatte dort schon einige Jahre vor ihm der erste Kommandant von Moschi, Eltz, in der Steppe bei Moschi an die sechzig Doppelnashörner erlegt. Nach ihm aber hatten jahrelang die täglich jagend umherschweifenden Gouvernements-Askari diesem großen Wilde nachgestellt. Wiederum können wir hieraus aufs deutlichste ersehen, wie unheimlich schnell gerade die hervorragendsten Mitglieder der heute lebenden Fauna verschwinden! Es wäre von größtem Interesse, zuverlässige Berichte über den heutigen Bestand an Nashörnern des Revieres auf dem Donje-Erók und in seiner Nähe zu erhalten. Falls, wie berichtet wird, kaum ein Stück mehr zu finden ist, wenn auch alles andere Wild dezimiert ist, so wäre der Beweis erbracht, wie verkehrt es ist, Einwanderern wie den Buren, die kein Schongesetz achten, mehr oder minder freie Hand in bezug auf Wildabschuß oder vielmehr Wildabschlachtung zu lassen. Das ist leider während langer Jahre geschehen. Wer von meinen Lesern besucht und berichtet uns wieder einmal zuverlässig über alles dies, – über das wehrkräftige, schöne Urjagdwild, das Nashorn aber im besondern, in »meiner« fernen Bergwelt des Donje-Erók la Matumbáto? – Ich fürchte, ein solcher Bericht dürfte bald einem Nekrologe gleichkommen. ...   29. Die Symphonie der Steppe und des Urwaldes. Der deutsche Weidmann kennt den geheimnisvollen Zauber, der zu dem Horchenden spricht, wenn im Frühlingswalde die Waldschnepfe murkst, die Balz der Waldhühner ertönt und wenn im Herbst der Brunfthirsch schreit. – Das müssen zähe und uralte Einflüsse sein, denen der Lauschende da untertan wird, Einflüsse, die aus grauer Urzeit stammen und mit zwingender Macht plötzlich wieder lebendig werden und wirken. Wer diesen Zauber versteht, der folge mir in die äquatoriale Wildnis zu dem Singen und Klingen, das ich dort vernahm. Wir wollen dies Singen und Klingen die Sprache der Nyika nennen. Sie tönt dort allenthalben in ursprünglicher Mannigfaltigkeit bei Tag und Nacht. Freilich, um diese Sprache ganz zu verstehen, müßte man König Salomos Zauberring besitzen, der seinen Träger der Sprache der Natur kundig machte, oder müßte gleich Siegfried die Hand im Blute des Lindwurmes genetzt haben, um vogelstimmenkundig zu werden ... So viel ist gewiß: in afrikanischen Wildnissen klingt noch jene Ursprache. In heimischen Revieren sind Auerochs, Wisent, Steinbock, Bär, Luchs und Wolf völlig verstummt und auch viele andere Stimmen ureingesessenen Wildes so gut wie verklungen. Wer kann sich ihrer Stimmen, ihrer Sprache entsinnen? – Ich habe gewiß nur wenige Worte der Sprache der afrikanischen Steppe verstehen können, wenn ich auch vieltausendfaches Tönen vernahm. Aber von diesem Tonbilde möchte ich wenigstens berichten, so gut ich es vermag ... Wie groß und gewaltig wirkt diese Welt der Töne zu manchen Tages- und Nachtstunden auf den Wanderer ein! Jede Gegend, jede Formation des Geländes hat ihr eigenes typisches Konzert. Es ertönt nicht immer, – hängt vielmehr von Jahres- und Tageszeiten ab, von der wechselnden Gunst und Ungunst der Witterung und vielem mehr! Wem diese verschiedenen Stimmen auch nur teilweise vertraut und geläufig geworden sind, der genießt dieses Tönen, diese Tonsprache der Nyika mit hohem Genuß und stets wachsendem Verständnis. Zuweilen ist es unbeschreiblich schwierig, die Namen einzelner der Mitwirkenden zu erfahren. Sie verhalten sich manchmal ziemlich still, geben gleichsam nur Gastrollen, tauchen plötzlich auf und verschwinden wieder auf lange Zeit, ohne sich mehr bemerkbar zu machen. Da kann der Forschende oft lange vergeblich nach dem spurlos verschwundenen Sänger Umhör halten! Aber nicht nur der Genuß, den die Solisten in diesem gewaltigen Naturkonzerte uns bieten, ist von so großem und fremdartigem Reize. Auch die Gesamtwirkung all der zu einer gewaltig eindrucksvollen Symphonie vereinigten Naturstimmen hat auf mich einen so unvergeßlichen Eindruck gemacht, daß ich versuchen will, ihn dem Leser mit schwachen Kräften zu schildern. Diese Tonsprache der Steppe ist an sich schon gewaltig, reich und eindrucksvoll, wird es aber in verstärktem Maße noch für den, der mit den Augen des Sehers die Dinge schaut und weiß, daß viele von den hier ertönenden Stimmen nicht mehr lange erschallen werden. Wie lange, lange Zeiten durch die Jahrhunderttausende, auch alltäglich und allnächtlich das Tongewirr vernehmbar war, bald werden diese Stimmen oder doch viele unter ihnen, Opfer der Zivilisation, für ewig schweigen. 5ie vergehen und mit ihnen auch viele der klangschönen Bezeichnungen der Stätten und Örtlichkeiten, mit der die Eingeborenen alle die Punkte bezeichnet haben, die der eindringende Europäer sich mehr oder minder häufig umzutaufen bemüßigt fühlt. Es könnte scheinen, als wenn ich selbst dieser Sünde nicht frei wäre. Habe ich doch jene Insel, jenes vor zwanzig Jahren von mir aufgefundene Naturreservat des wahrscheinlich heute (1920) schon dort ausgerotteten Wildbüffels im Panganiflusse, Professor Ludwig Heck zu Ehren »Heckinsel« getauft. Aber die Eingeborenen hatten bis dahin der Insel keinen Namen gegeben! Traurig gemutet es, wenn wir bei einem Blick über die Karte Afrikas auf die vielen Verunglimpfungen althergebrachter Namen stoßen, die, in keiner Weise gerechtfertigt, Zeugen sind von einer überschnellen und gewaltsam hereinbrechenden Zivilisation. »Die Buren sind keine naturwissenschaftlich denkenden Leute,« sagte irgendwo ein Schriftsteller. Und tatsächlich, was ist beispielsweise unter ihren Händen aus den wohlklingenden Bezeichnungen der verschiedenen heute schon teilweise ausgestorbenen Wildarten Südafrikas geworden! Kurzerhand belegten sie das Wild mit heimischen Bezeichnungen So sehr der Verfasser die Buren in mancher Beziehung schätzt, so sehr muß er sich gegen gewisse burische Elemente wenden, die rücksichtslos Deutschostafrika durchschweifend, dort mörderisch und verheerend unter der Tierwelt gewütet haben und noch (um 1910) wüteten. – Bedauerlicherweise sind die lächerlichen, ungerechtfertigten und unschönen Namen Gemsbock, Hartebeest, Wildebeest u.a. allmählich allgemein adoptiert worden. \<. So wurde aus der Oryxantilope ein Gemsbock, aus der Kuhantilope – weil sie zählebig und nicht leicht zu töten war – ein »Hartebeest«! Das Gnu wurde wegen seiner Wildheit »Wildebeest« getauft, die Trappe »Pauw«, die Hyäne »Wolf«, die Giraffe unglaublicherweise »Kamel«! Hand in Hand damit ging die Verunstaltung der Ortsbezeichnungen: wir lesen von »Hartebeests Fontain«, »Olifants River«, »Kameeldorn«, »Swartkopp« und finden auch noch eine Reihe weit häßlicherer, teilweise recht unästhetischer Namen, die unter Verdrängung der ursprünglichen wohllautenden Bezeichnung den einzelnen Örtlichkeiten beigelegt worden sind. So verschwinden nicht nur die ursprünglichen Bewohner des Landes, sondern auch ihre Namen verwehen im Winde ... Zahllos sind die Stimmen, die in der Tageszeit in der Nyika ertönen. Geheimnisvoller aber und wunderbarer noch für den, der ihnen lauscht, ihn noch inniger mit der Natur verkettend, reden die Stimmen der Nacht. Aus der Fülle dieser Stimmen greife ich eine einzige heraus. Alte Erinnerungen tauchen da in mir auf! Es ist im Jahre 1896; ich bin eben gelandet und sitze an einer Meeresbucht bei Dar-es-Salaam auf nächtlichem Anstand. In das Summen der Moskitos mischt sich ein Konzert nächtlicher Vogelstimmen. Ein seltsames Rufen wird da immer wieder wahrnehmbar. Unendlich traurig und monoton klingt der eigentümliche Laut über die Wasser der Meeresbucht hinaus; in der Ferne wird ihm da und dort Antwort. Ich habe damals nicht geahnt, daß ich fast ein Jahr brauchen würde , um untrüglich sicher zu sein, daß dieser Laut von einem freilich sehr scheuen und unsteten Kuckuck ausgestoßen wird. – Auf mich hat dieses Tönen in afrikanischer Nacht später im Laufe der Jahre im Innern des schwarzen Kontinents in einsamer Öde stets den stärksten Eindruck gemacht, ist mir unvergeßlich geblieben! Alles, was man da hörte, aus der Nähe, aus meilenweiter Ferne, fand seinen Ursprung nicht aus Menschenkehle oder war von Menschenhand erzeugt, sondern mußte aus der vielfach unerforschten Tierwelt Reihen stammen. Da galt es zu deuten, zu vermuten, zu kombinieren. Oft traf man es richtig; oft genug aber auch war die angenommene Deutung falsch, und dann war die Neugierde doppelt groß, das Richtige zu erforschen. Ohne Mühe deutete ich mir das zum erstenmal vernommene Geschrei der vom Leoparden zur Nachtzeit geängstigten Affen, ein Schreien unvergeßlicher Art, voll unverkennbar höchster Angst. Das erstmalig vernommene Rufen des Zebrahengstes war schon schwieriger zu erkennen, und das Brüllen und Kollern des Straußes wirkte anfangs noch fremdartiger. – Als ich aber erst die Zebras einige Male hatte rufen hören, wurde es mir klar, daß das ausgestorbene Quagga Südafrikas seinen Namen von seinem Rufe haben müßte. Legt man den Ton bei dem Worte »Quagga« auf die zweite Silbe, und das g in weicher Aussprache tief in die Kehle, so hat man – oft wiederholt – eine erstaunlich gute, wundervolle Verdolmetschung auch des Rufes der von mir beobachteten Zebraarten. Schade nur, daß sich das alles nicht in einem Apparat aufspeichern ließ, einem riesigen Phonographen! Aber von dieser Möglichkeit sind wir leider wohl noch weit entfernt. Niemanden kann es wundern, wenn ich jenes unendlich melancholischen nächtlichen Kuckucksrufes besonders gedenke. Wie öde und leer wäre der deutsche Wald ohne Kuckuck und Kuckucksruf! Der afrikanische Urwald freilich vernimmt diesen uns so lieb gewordenen Ruf nicht . Unser in wenigen Tagen vom Norden zum Äquator wandernder Kuckuck hastet hier ruhelos durch Urwald und Steppe; aber er schweigt ! Sein Ruf ertönt nur in der Heimat. Im ostafrikanischen Pori rufen aber unter vielen andern zwei dort heimische Kuckucksarten um die Wette: der Sichelkuckuck – Tipi-Tipi der Swahili – ein überall aus Busch, Ried und Schilf anscheinend mühselig aufflatternder rotbrauner Gesell, und der menschenscheue einsame Kuckuck (Cuculus solitarius Step.) , dessen Ruf mich so lange irreführte. Jener auch nur einige Male gehörte, nie wieder vergeßbare, unendlich weiche Ruf des Sichelkuckucks – wie Dut-dút-dududu-dut-dút klingend, – am Tage wie auch in tiefer Nacht vernehmbar, kontrastiert aufs schärfste mit dem kräftig harten, deutlich betonten Ruf unseres europäischen Kuckucks. Diese Stimme scheint mir in ihrer dumpfen, matten, weichgedehnten Klangfarbe, im Gegensatz zu dem harten Rufe des nordischen Verwandten, so ganz angemessen seiner geheimnisvollen tropischen Heimat. Der Sichelkuckuck kennt denn auch ihre letzten Geheimnisse, denn kein zweiter Vogel streift so unermüdlich durch das verschlungenste Dickicht, die unzugänglichsten Gelände. Aus jedem noch so heimlichen, öden und vergessenen Winkel flatterte er, oft mich erschreckend, zu meinen Füßen auf. Auch aus dem Kamerungebiet Westafrikas berichtet mir der ausgezeichnete Beobachter Professor Yngwe Sjöstedt von dem eigenartigen Rufe einer nah verwandten Kuckucksart. So war es mir, als wolle der Vogel Kunde geben von neuentdeckten Geheimnissen, wenn sein Dut-dút-dududu-dut-dút bald hier, bald dort, weich, sanft und melodisch zu mir herüberklang, am Tage bei brütender Mittagshitze und ebenso um die Mitternachtsstunde. Ihm sekundiert, wie schon erwähnt, auch zur Nachtzeit, sein scheuer Vetter mit immer wiederholten Ki-kü-kü – – Ki-kü-kü, das monoton in der Weite verklingt. Ein seltsamer Reiz, immer wieder diese Stimme zu hören, ohne den Sänger zu kennen; ein Triumph, endlich diesen erkannt zu haben. »In schlafloser Nacht,« sagt Richard Wagner, »trat ich einst auf den Balkon meines Fensters, am großen Kanal in Venedig; wie ein tiefer Traum lag die märchenhafte Lagunenstadt im Schatten vor mir ausgedehnt. Aus dem lautlosesten Schweigen erhob sich da der nächtliche rauhe Klageruf eines soeben auf seiner Barke erwachenden Gondoliers ... bis aus weitester Ferne der gleiche Ruf den nächtlichen Kanal entlang antwortete: Ich erkannte die uralte, schwermütige, melodische Phrase ... an sich gewiß so alt, als Venedigs Kanäle mit ihrer Bevölkerung. Nach feierlichen Pausen belebte sich endlich der weithin tönende Dialog, und er schien sich im Einklang zu verschmelzen, bis aus der Nähe wie aus der Ferne sanft das Tönen wieder im neu gewonnenen Schlummer erlosch. Was konnte mir das von der Sonne bestrahlte, bunt durchwimmelte Venedig des Tages von sich sagen, das jener tönende Nachttraum mir nicht unendlich tiefer, unmittelbarer zum Bewußtsein gebracht hätte.« Schnell war das Lager aufgeschlagen, und mein Präparator Wilhelm Orgeich teilte Messer zum Präparieren an seine "Fundi" aus. Meine alt gefangenen Marabus liefen frei im Lager umher und hielten mit den Geiern gute Freundschaft ... (Der im Vordergrunde befindliche Marabu befindet sich, auch heute – 1919 – noch, im Berliner Zoologischen Garten.) Wer vermöchte mit gleich herrlichen Worten den Eindruck zu schildern, den das Tönen und Singen der nächtlichen Wildnis , ihre seltsam düstere und doch so herrliche Tonsprache in unserer Seele hervorzaubert. Da kann Fremdes, anfangs Beängstigendes nach und nach zur lieben Gewohnheit werden. – Wo sind sie heute, während ich dies niederschreibe, die seltsamen Töne und das Stimmengewirr der Steppe? Werde ich sie wieder einmal vernehmen können? Wer weiß es! Ich will daher versuchen, auszumalen, was ich so oft gehört; will versuchen, in kurzen Skizzen die Stimmen wiederzugeben. – Jetzt sind wir plötzlich mitten im Urhochwald. Riesige Podocarpus- und Juniperusstämme streben zum Himmel an. – Es ist kühl und düster rings um uns her; wir atmen feuchte, nicht selten modrige Luft. Das Sonnenlicht umspielt nur die Kronen der Urwaldriesen, vermag jedoch nur spärlich, in zitternden tanzenden Lichtern an den Stämmen herabgleitend, den hier unten fast kahlen Erdboden zu erhellen. Hoch oben wölben sich diese Urwaldriesen, ein gewaltiges lebendes grünendes Dach bildend, ihre Wipfel verflechtend. Nur dort, wo Lichtungen den Baumbestand unterbrechen, flutet ein Meer von Lichtwellen herab zum Erdboden, Lichtwellen von solcher Stärke, daß unser an die Dämmerung, das geheimnisvolle Halbdunkel des Urwaldes gewöhntes Auge geblendet wird, daß wir uns unwillkürlich alter biblischer Gemälde erinnern, die eine ähnliche Fülle von Licht vom Himmel zur Erde niederstrahlen lassen. Ein Gewirr von Lianen, Bäumen und Strauchwerk, dazwischen umgestürzte, modernde Baumstämme; der Erdboden schwarz, nicht selten morastig; kein Weg und Steg weit und breit, nur hier und da die Wechsel und Pfade der Elefanten und Nashörner, die den Urwald seit uralter Zeit durchkreuzen. – Tiefes Schweigen ringsumher. Wenn der Wanderer stille steht und den Atem anhält, lastet dieses Schweigen mit unheimlicher Wucht auf seiner Seele. Es ist in solchen Augenblicken, als ob irgend ein Unheil drohe, irgend etwas Böses und Gefährliches sich heranschleiche. Plötzlich ein Quieken und Murksen! Schattengleich huscht es an den Stämmen herauf und herab, und wieder wird ein seltsames Fauchen und Murmeln vernehmbar. Umfing uns eben noch eine Stimmung, wie sie Böcklins unsagbar meisterhaft der Natur abgelauschtes »Schweigen des Waldes« darstellt; erwarteten wir jeden Augenblick, daß das mit genialster Kraft im Bilde festgehaltene Märchen hier Wirklichkeit werden solle, glaubten wir hier Nymphen und Dryaden belauschen zu können, – verschwunden schon ist der Zauber: die Gnomen des Urwaldes, die Baumschliefer, haben das Schweigen verscheucht. Wie wundersam! Zwerghafte Huftiere , die nächsten heute lebenden Verwandten der Nashörner , klettern hier wie Eichhörnchen an den uralten Baumstämmen auf und ab! Von allen Seiten, Ecken und Enden ertönte eben noch das seltsame Rufen – und schon wieder schweigt es ringsumher. Hier, weit im Innern des Urwaldes, hat die Vogelwelt scheinbar keine Heimstätte mehr. Aber da! Ein seltsames Schwirren wird vernehmbar, und ich erblicke über mir auf einem kahlen Aste einen der farbenprächtigsten afrikanischen Vögel, den Bindentrogon (Heterotrogon vittatum Shell.) , der, einen höchst eigentümlichen Laut ausstoßend, ein eigenartiges Spiel mit den herrlichen Flügeln schlagend vollführt. Laut schallende, trompetenartige Töne lassen sich vernehmen! Wir hören ein Rauschen in der Luft, und große, gewaltig geschnäbelte Nashornvögel segeln, wie ich aus den Stimmen entnehmen kann, durch die Lüfte und lassen sich in der Krone eines der riesigen Juniperus procera nieder. Auch sie verschwinden nach einiger Zeit, ihr Trompeten verhallt in der Ferne und wieder schweigt es in der Runde. Diese Stimmen und die der färbenprächtigen Helmvögel verleihen dem afrikanischen Urwalde einen seltsam-eigenen Reiz. Jetzt aber schallt plötzlich ein merkwürdig anschwellender und wieder abnehmender Ton an mein lauschendes Ohr, ein seltsames Getön von höchster Eigenart. Es ist das mit Worten nicht zu beschreibende Singen der Seidenaffen . Eine Gesellschaft dieser wundervollen Geschöpfe scheint gut gelaunt, denn ihr Gesang erschallt andauernd und in steigender Stärke im Chor zu mir herüber. Murúh-murúh-murúh-rrrrrrrmúh rrrrrrrmúh-murúh quoi-quo-quo-quo-rrrrr – tönt es bald stärker anschwellend, bald milder verklingend. Auch Todgeweihte sind es, die hier ihren uralten Gesang, der in unseren Tagen nur zu leicht ein Sterbegesang wird, vernehmen lassen; denn die Seidenaffen werden ihres schönen Felles wegen hart verfolgt, und ihr Singen verrät sie dem beutegierigen Jäger. Verlorene Giftpfeile, die ich zufällig finde, stricknadeldünn, einst vergeblich nach den großen seltsamen Affen verschossen, wissen davon zu erzählen. – – – Und wiederum fand ich den lichteren Hochwald verklingend und widerhallend von unzähligen Vogelrufen, so wie einst in Nordamerika das Locken der Milliarden heute fast ausgerotteter Wandertauben erklang, und wie einst – das ist für mich kein Zweifel – das Gurren unserer Ringeltaube in den heimatlichen Buchen- und Eichenwäldern sich vernehmen ließ in tausendfältigem Widerhall, wenn die Baummast geraten war ... Die heiligen Ibisse strichen dicht über mein Versteck. Streichende Nilgänse. An den einsamen menschenleeren Westabhängen des höchsten deutschen Bergriesen, des Kilimandscharo, sind gewisse Waldfrüchte in Fülle gediehen. Da ertönt allenthalben ein starker wohllautender Taubenruf , ähnlich dem unserer Ringeltaube! Zu vielen, vielen hat sich da eine herrliche große Waldtaube (Columba aquatrix Tem.) versammelt. Das Klatschen der Flügel ihrer aufgehenden und einfallenden Schwärme mischt sich in ihr herrliches Locken und Rufen; nichts anderes vernimmt unser Ohr. Stimme, Gestalt und Betragen erinnern so sehr an unsere Ringeltaube, daß es nicht erst des allerdings nur in gewissen Höhenlagen so wenig tropischen, vielmehr nordischen Wesens des Kilimandscharo bedarf, um sich plötzlich in weite Ferne entrückt zu fühlen. Wie seltsam; dieser Vogelruf versetzt den Wanderer mit einem Schlage in die Heimat. Wahrlich, es liegt ein Zauber im Laut ; mit geringen Hilfsmitteln, schwachem Rüstzeug weiß die schaffende Phantasie im Nu eine Brücke zur Heimat zu schlagen! Der hier allenthalben ertönende Lockruf der schönen Taube, das liebetrunkene Aufsteigen des Taubers hoch in die Luft über die Kronen der Urwaldriesen, setzt sich in Traumbilder um, läßt mich plötzlich Buchenduft atmen; ich bin im nordischen Frühlingswald, kühle und würzige nordische Luft umweht mich. Aber ach, Tausende von Meilen, Länder und Meere trennen mich von dort, und der kühl wägende Verstand rechnet nur mit der Möglichkeit, nicht aber mit der Gewißheit, die Heimat wieder zu schauen. – Und dennoch wirkt diese schöne Einbildung stärkend und tröstend; sie verscheucht nagendes Heimweh – ein schlimmes Ding! Manch andere Stimmen kann man noch im Urwald vernehmen. Die aber, die sich ganz gewiß fest in die Erinnerung einprägen, sind: der seltsame Ruf der Baumschliefer, die eigenartige Stimme der Nashornvögel, jener Taubenruf, der merkwürdige, über alle Beschreibung eigenartige Chorgesang der Mbega-Affen und – das Trompeten des Herrschers im Urwald, des Elefanten ... Ein anderes Tongemälde, ein Frühmorgen am Wasserplatz in der Steppe. Es ist in der Nacht empfindlich kalt gewesen, aber die schnell wärmenden Sonnenstrahlen der Äquatorsonne haben bald reges Leben in die Tierwelt gebracht. Ein Rufen und Locken der Frankoline allenthalben. Aber den Hauptteil am Frühkonzert haben die Tausende, von allen Seiten zum Wasser eilenden Turteltauben . Ein Rucksen und Gurren allüberall, das der Masai so unübertrefflich mit dem Namen der Turteltaube in seiner Sprache: »Ndurguljú« wiederzugeben weiß. Dazu als Begleitung das Sausen und Flügelschlagen all der gefiederten Gäste am Wasser. Gegen Abend ist die Luft in der Nähe stark besuchter Trinkplätze tatsächlich von diesen schönen und fluggewandten Vögeln erfüllt; das Sausen und Flügelschlägen der eiligen Vögel bildet ein Konzert für sich allein: Lagerplätzen, die den Namen »Taubenwasser« oder »Taubenlager« führen, begegnete ich nicht selten. All die vielfältigen Stimmen der zahlreichen Taubenarten, die die Nyika beherbergt, klingen im Ohre des Wanderers noch nach Jahren wieder. Sei es die seltsame Stimme der Papageitaube, die mit dumpfem Krūh-Krūh und merkwürdigen darauffolgenden Tönen das Konzert einleitet, – sei es der melancholische Ruf der kleinen Stahlflecktaube, der aus dem Dickicht zu uns dringt, – oder das starke, kräftige Liebeswerben der bereits erwähnten, unserer Ringeltaube so ähnlichen Columba arquatrix Tem. , – seien es vor allem die zutraulich sanften Stimmen der vielen kleinen Arten von Turteltauben – all diese Stimmen, das Schwirren, Flattern und Flügelklatschen, das belebte Flugbild all dieser schönen Vögel gehört unzertrennbar zum Wesen und Sein der Nyika. Wenn die Turteltauben mit sanftem Gurren den Morgen begrüßen, wird ihren Rufen aus der Ferne Antwort, in den eigenartig gutturalen Tönen schnell durch die Lüfte segelnder, wie gle-gle-lágak-glé-ága-ága rufender, ebenfalls zum Wasser hastender Steppenhühner. Ihnen hat Brehm in seinem »Leben der Vögel« schon ein poetisches Denkmal in schöner Strophe gesetzt. Ich aber könnte mir das Morgenkonzert der Vogelwelt in der Nyika nicht ohne den so seltsamen Laut der Sandhühner, nicht ohne das Gurren der Tauben denken, und das von keiner anderen mir bekannten Vogelart übertroffene eigentümliche Flügelklatschen der vom Ruheplatz aufstiebenden Steppenhühner prägt sich so fest und bestimmt dem Ohre ein, wie das Kláck-Kláck-Kláck der aufgehenden Waldschnepfe dem Ohre des deutschen Weidmannes. Der Steppenhühner wundervoller Flug, ihr Locken und Rufen, Drängen und Hasten zog mich immer wieder von neuem an: es war mir stets, als wenn die weite Steppe liebevoll gehegte Schoßkinder als Sendboten hier erscheinen ließe, mit der Aufgabe, kund zu tun, daß auch jetzt, zur öden, trockenen Zeit, das Leben in der fernsten Wüste nicht erloschen sei ... So sehe und höre ich sie im Geiste wieder, schön, scheu und voll Lebenslust; so beleben sie die afrikanische Steppe wie die unendlichen asiatischen Tundren zu Millionen. – Tiefe, langgezogene, glasglockenähnliche Töne klingen an mein Ohr; brütende Mittaghitze ringsum; die Sonne steht im Zenith, und fast kein Laut läßt sich sonst in der Runde vernehmen. Die Steppe liegt unter der heißen Sonnenglut wie erstorben vor meinen Blicken; meine müden Träger haben sich jetzt, wo ich, seit Stunden mit wenigen Leuten unterwegs, endlich raste, dem Halbschlummer hingegeben. Vor mir eine grell von der Sonne bestrahlte Miniaturbergwelt. Eine schroff sich erhebende Felspartie, so charakteristisch für die Masainyika, in der Ferne sich verlierend. Die Kandelaber-Euphorbien strecken ihre seltsamen Formen dem Lichte entgegen, in bizarren Gruppen und vereinzelt dem Felsen vor mir entwachsen, und sein anorganisches Wesen und Sein gewissermaßen in ihrer Form, ihrem Wesen wiedergebend. – Mitten aus dieser Steinwüste tönen mir die merkwürdigen Laute entgegen. Geheimnisvoll scheinen sie die Stimmen der Felsen und Steine zu sein. Nirgends entdeckt das Auge den erwartungsvoll gesuchten Sänger, der dies gongartige melodische Klingen von sich gibt. Und doch entstammen diese Töne Vogelkehlen. Es sind wieder Nashornvögel , die eigenartigen Sänger, die ihren Liebes- und Werbegesang in dieser Wildnis ertönen lassen. Ich habe ihnen stundenlang lauschen können, mich in Träumen verlierend, und vermag nicht zu sagen, warum gerade diese Vogelstimme von mir mit der Stimme der afrikanischen Sphinx identifiziert wurde, der sagenhaften Sphinx, die schon so manchem sang und manchen immer wieder lockte, bis er nicht mehr heimkehrte. So oder ähnlich mag das Klingen und die Stimme alter Heiligtümer Nordafrikas einst zustande gekommen sein. Immer wieder aber mußte ich, wenn ich sie vernahm, jener Männer gedenken, die mit brennender Sehnsucht im Herzen hinauszogen in den schwarzen Kontinent, um ihm die Geheimnisse seiner Fauna zu entreißen, dies Unterfangen aber mit ihrem Leben bezahlen mußten ... Brennende Sonnenglut, flimmerndes Licht in überwältigender Fülle, die öde Felswüste – in ihr jene tiefen, geisterhaften Metallklänge, die gewissermaßen als ureigenste Sprache der Wildnis unvermittelt auf den Wanderer einwirken! – Wie vermöchte ich das alles mit Worten zu schildern? Um solche Augenblicke in der Wirkung noch zu steigern, muß obendrein die Stimme des gewaltigsten Vogels ertönen, den heute noch die Erde trägt. Ich meine den aus der Ferne erklingenden Ruf des Straußenhahnes , dem ich jetzt mit höchster Spannung lausche ... Das seltsame Duett ist nun längst verklungen. Aber es entsteht mir häufig wieder im Getriebe der Kulturwelt und geleitet mich auf den Flügeln der Phantasie hinaus in die herrlich schöne Wildnis ... Aber es bedarf nicht einmal jener ungeschlachten tropischen Sänger, um diese Stimmung heraufzubeschwören. Eine kleine unscheinbare Lerche , ganz allein, vermag mir den Reiz der einsamen Nyika wie mit einer Wünschelrute heraufzuzaubern. Wie das zugeht, will ich dem Leser erzählen. Wir müssen eine weite Rundreise machen. Jetzt sind wir im Norden, in unserem Vaterlande, mitten im Frühling auf den weit sich dahinziehenden Feldmarken der deutschen Heimat. Der Gesang der Lerche erfüllt die Luft, ihr Trillern läßt unser Herz sich weiten. Wir versetzen uns auf öde Heide. Ein Trillern und Jubeln anderer Art, wehmütig von seltsamer Süße, vor allem in der Nacht: der Sang der Heidelerche. Ich muß es gestehen: der Lerchengesang auf deutscher Flur ist mir ans Herz gewachsen wie kaum eine zweite Vogelstimme, welche die deutsche Kultursteppe, die Feldmark, verschönt und belebt. Nun aber folge mir der Leser auf die kleine Insel Helgoland. In dem Lichte des Leuchtfeuers, das seine in diesem Falle verderbenbringenden Strahlen in die Weite sendet, schwirren und wogen unzählige Lerchen ratlos in finsterer Herbstnacht voll Angst und Bangen umher. Tausende verfallen in finsterer regnerischer Oktobernacht dem unterm Turme lauernden Tode durch Menschenhand. Ihre kleinen Schwingen haben sie sicher über den Ozean nach dem kleinen Eiland getragen. Aber da vernehmen wir keinen Jubelgesang. Nein, es klingt wie ein angstvoller Hilferuf, aus schwacher Kehle in höchster Todesnot! ... Millionen von Lerchen fluten so alljährlich südwärts und nordwärts, dem geheimnisvollen Wandertrieb gehorchend, der sie in diese Bahnen lenkt. – Das sind Lerchengesänge und Lerchenrufe ganz verschiedener Art. Dem Kundigen bedeuten sie ein Lied von Lenz und Seligkeit und wiederum Hilferuf in Todesnacht. Wie kommt es, daß ich hier von dem Laut aus heimischen Vogelkehlen spreche, an ihn denken muß? Einfach, weil dort drüben die Phantasie sich oft und gerne den Zugvogel als Boten, als Vermittler von Gedanken an die Heimat vorstellte und mit seinem Erscheinen und Schwinden ihr Wünschen und Sehnen verknüpfte. In wenigen Tagen und Nächten ziehen im Herbst die edelsten unserer nordischen Sänger bis zum innersten Herzen des schwarzen Kontinents, entschwinden sie diesem im Frühling, um in den Norden zurückzukehren, über Steppen und Wüsten, Sümpfe, Gebirge und Meere. Der Kuckuck, den vor wenigen Tagen noch eines nahestehenden Menschen Auge in nordischer Heimat geschaut, heute schon sehe ich ihn in afrikanischer Steppe als unsteten flüchtigen Gast. Da brachte er mir Grüße, wie unser Pirol sie mir gebracht, unsere Nachtigall und viele andere Kinder der Heimat. Daß sich an sie alle und ihr Treiben in dieser Einsamkeit unser Denken knüpft, kann niemanden wundern. Um so weniger, als sie alle laut redende Zeugen jener erstaunlichen Tatsache sind, daß so schwache Geschöpfe auf so schwachen Schwingen zweimal jährlich Welten durcheilen und Meere besiegen ... Der heimischen Lerchen und ihres Frühlingsliedes mußte ich denken, wenn wir mitten im wilden Afrika Lerchengesang vernehmen, der in der Steppe zum Wanderer so eindringlich spricht, als solle auch damit die herbe Eigenart der Nyika in einem Tongebilde meisterhaft wiedergegeben werden. Es ist ein Tönen ganz eigener Art. Wenn ich es vernehme, muß ich in der Nyika an die schwachen gebrechlichen heimatlichen Verwandten dieses Sängers denken, die zu dieser Stunde vielleicht, einem unbezwingbaren Drange folgend, auf der kleinen Insel im Nordmeere ihren Tod finden, demselben Drange gehorchend, der Myriaden ihrer Genossen immer wieder polwärts oder zum Äquator treibt. Denn wie der nordische Lerchengesang den milden elegischen Zauber lachender Fluren wachruft, so redet der herbe, aber geheimnisvolle und noch so wenig entschleierte Zauber der Nyika in der seltsamen Tonsprache dieser seltsamen kleinen Lerche ... Klein und unscheinbar erhebt sie sich in die Lüfte. Das Auge bemerkt sie kaum, und bald verschwindet sie am Firmament. Da, plötzlich klingt deutlich vernehmbar, scharf akzentuiert und markant dicht vor uns, der jetzt schon oft vernommene fremdartige Ton. Ein scharfes rhythmisches Klappen von seltsamster Eigenart, als würden kleine Brettchen oder Fischbeinstäbe aufeinandergeschlagen. Er tönt vom Baume, dicht vor uns herab. Keine Täuschung scheint möglich. Aber vergeblich forscht das Auge nach dem Erzeuger dieser Töne! Stets wieder kann und wird man der Täuschung unterliegen. Wer sollte auch darauf kommen, daß dieser kleine ferne Vogel dort, dies kaum wahrnehmbare Pünktchen am Horizont, diese seltsame Musik hervorbringt. Knáck! Knáck! Knáck! klingt es laut und scharf nun wieder zu uns herüber, und immer wieder: unsere kleine unscheinbare Sängerin wird nicht müde, ihren eigenartigen irreführenden Gesang von sich zu geben. Es ist eine Art Balzgesang der Lerchenart, die, von Fischer Dr. Fischer, ein verdienstvoller Ornithologe, erlag leider frühzeitig dem afrikanischen Klima. vor etwa fünfzehn Jahren entdeckt, den Namen des längst Verewigten trägt: » Mirafra fischeri Rchw .« Vgl. Prof. Dr. A. Reichenow, Die Vögel Afrikas. ist ihr wissenschaftlicher Name. Ihr Knacken und Schnarren gehört unstreitbar zu den Reizen einer Wanderung durch gewisse Gegenden der Masai-Nyika. Selbst im Zelte, im relativ starken Lärm des Lagergetriebes meiner vielköpfigen Karawane, vernahm ich das Klappern und Schnarren dieser Lerche. Viele hundert Meter entfernt, stieg sie nach Art unserer Feldlerche gen Himmel und durchschwebte die Lüfte, so laut und deutlich knarrend, daß ich sie, ohne Kunde ihrer Eigenart und Gewohnheiten, stets dicht vor meinem Zelte suchte. Dieser Täuschung ist schwer Herr zu werden. Stets glaubt man den Vogelruf aus unmittelbarster Nähe zu vernehmen, diesen Klang, der wohl in ähnlicher Weise entsteht, wie das Meckern der Bekassinen. – – – Noch ein zweiter seltsamer Lerchenruf tönt mir im Ohr: ein melancholisch klagender, zarter und feiner Ruf, der mir, wie so viele andere, bisher unbekannt war. Allnächtlich ertönte dies Rufen und Locken rings um mein Lager. Niemals hätte ich geglaubt, daß es Lerchen seien ( Mirafra intercedens Rchw .), die so zur Nachtzeit sich vernehmen ließen, ähnlich wie in den heimatlichen Mondnächten unsere Heidelerche. Den Ursprung dieser Stimmen zu ergründen, erforderte angestrengtes Nachforschen. Untrennbar von der Erinnerung an die ostafrikanische Steppe ist ferner die seltsame Stimme eines andern Vogels. Die Xerophytenflora, die weit ausgedehnten dornigen Mimosenwälder beherbergen ein eigenartiges Schoßkind aus dem Reiche der Ornis, ein Schoßkind, das sie in ihren Kronen und ihren stacheligen Zweigen getreu vor allen Gefahren schützen. Ich spreche von einer eigenartigen, graugefärbten, grüngeschnäbelten, langgeschwänzten und mit einer Haube gezierten Musophagidenart. Rastlos schweift dieser seltsame Gesell umher, ein Vogel von etwa Hähergröße, den Wanderer durch seine Stimme auf die seltsamste Weise täuschend. Chizaerhis leucogastra Rüpp . nennt ihn die Wissenschaft, die deutsche Sprache hat ihn Lärmvogel getauft. Er trägt seinen Namen mit vollem Recht. Bis zur völligen Täuschung ertönt in unserer Nähe bald das Bellen und Knurren eines jungen Hundes, bald das Blöken von Schafen. Spähen wir, dem Rufe folgend, nach dem Urheber, so finden wir unseren Vogel, der, geschickt in den Kronen der Dornen und Akazien umherhüpfend, die spitzen Dornen seiner Wohnbäume nicht im geringsten zu scheuen scheint. Mit einer ans Wunderbare grenzenden Gewandtheit weiß er seinen Weg zu finden, geschützt vor den Angriffen von Raubvögeln und Raubtieren und, im Bewußtsein der Sicherheit seines Aufenthalts, gewissermaßen aller Feinde spottend. So täuschend ist sein Ruf, daß ich anfänglich, namentlich in der Nähe von Ansiedlungen Eingeborener, stets nach Schafen und ihren Hirten Umschau hielt. – – – Noch manch andere typische Vogelstimme wird in meiner Erinnerung wach. Ich höre die eigentümlich klagende, so recht der Einöde angepaßte Stimme der großen Kormorane , die an den einsamen Salzseen der Steppe ihr Fischerhandwerk betreiben. Das geheimnisvolle Schwirren und Schnattern des kleinen Sumpfhühnchens dringt aus Lagunen und vom Ufergesträuch stiller Urwaldströme an mein Ohr, eine so seltsame Vogelsprache, daß die Eingeborenen glauben, der Vogel unterhalte sich mit den Fischen des Flusses. Ich höre das Schnattern der klugen Nilgänse, die stets in Unterhaltung begriffen scheinen, und deren treu verbundene Ehepaare sich warnend und mahnend auch im Fluge allerlei zuzurufen haben. Wo ihr Ruf ertönt, vernimmt man häufig auch den des wundervollen Trauerkiebitzes ; klagend und melancholisch legt er sich auf die Seele des Horchenden. Ganz anders wirkt das lärmende Geschrei seines buntgefärbten, die trockene Steppe bewohnenden Vetters (Stephanibyx coronatus Bodd.) auf uns ein. Schrill und gellend ertönt dieser Vogelruf, ein Alarm- und Wachruf zur Tages- wie zur Nachtzeit, wenn er in klaren Mondnächten scharenweise mit schrillem Lärm über das Lager streicht. Schwärme dieser aufmerksamen Vögel, dieser Steppenpolizei im Federkleide, umkreisen den Nahenden. Sie verderben ihm die Pürsche auf Wild, und der gellende Schrei, auf den alle anderen Tiere achten, verfolgt den Wanderer noch lange, wie auch das Locken und Rufen des groß- und gelbäugigen Triel , eines Bewohners der einsamsten Öden. Die flachen Ufer afrikanischer Seen aber und die Meeresküste sind mir undenkbar ohne den Lockruf weit gewanderter, im fernen Norden beheimateter Strandläufer . Im Winter ertönt ihr leiser, klagender Ruf bei Schritt und Tritt; aber auch im Sommer vernimmt ihn das geübte Ohr hier und da; einzelne dieser nordischen Irrgäste findet man so das ganze Jahr über in der Fremde, während ihre Stammesgenossen glücklich den Weg in die Polarländer zurückgefunden haben, ihre eigentliche Heimat. Der Ruf der zierlichen Avocette (Recurvirostra avocetta L.) , einer der lieblichsten uns bekannten Erscheinungen aus der Vogelwelt, hoch über meinem Haupte, versetzt mich mit Zaubergewalt an die entlegenen, kleinen, so unendlich melancholischen Steppenseen des Masailandes. Was die Zwergtrappen (Otis gindiana Oust.) sich zurufen mit ihrem immer wieder wiederholten Rágga-ga-rágga ist nicht zu ergründen. Aber ihr die Phantasie der Eingeborenen von alters her beschäftigender Ruf gehört so untrennbar zu den mit Hochgras bestandenen Steppengegenden, wie das Locken und Rufen der Sandhühner, Frankoline und vor allem das knarrende Geschrei der Perlhühner zur Steppe überhaupt. Alle die vielfältigen Stimmen der Tauben, der Kuckucke, Papageien, der Nashornvögel, Bienenfresser, Würger, Pirole und Stare, der Finken, Weber, Sylvien u.v.a., sie sind lockend, jubelnd, jauchzend, warnend und klagend mir verwoben mit der Erinnerung an schöne und schwere Tage. So klingt noch in mein Ohr der Dreischaller des bis zum Überdruß gleich unserem Sperling allgegenwärtigen gelbgrauen Büllbüll (Pycnonotus layardi Gurn.) . Das wundervolle, höchst merkwürdige freundschaftliche Spiel, das ein herrlich gefärbter Glanzstar (Spreo superbus Rüpp.) mit einem Starweber (Dinemellia dinemelli [Hart.] Rüpp.) in schmetterlingsartigem Fluge vollführt, tritt mir um so leibhaftiger vor die Seele, je deutlicher ich mich der eigenartigen Töne entsinne, die diese beiden so eng befreundeten, so großen Gefallen aneinander findenden und doch nur wenig verwandten Vögel äußern. Das merkwürdige Zwitschern des Honiganzeigers (Indicator indicator Gm.) , der die ihm folgenden Menschen häufig zu einem Nest wilder Bienen geleitet, prägt sich ebenfalls dem Ohr des Reisenden leicht für die Dauer ein. – Noch manch andere Vogelstimme erfreut den klangfrohen Menschen in reizvollster Weise. Doch nur wenige der markantesten Tonbilder, die in der Nyika zum Wanderer reden, kann ich hier erwähnen. Noch aber muß ich einiger Sänger gedenken, die mir einen ganz besonders starken Eindruck gemacht haben. Wenn silbernes Mondlicht sich über das Lager ergießt, schnurren und spinnen überall in der Steppe die Nachtschwalben (vornehmlich Caprimulgus fossei [Verr] Hartl. ) ein merkwürdiges Lied. Wo in noch so öder abgelegener Wildnis der Reisende sein Haupt zur Ruhe niederlegt, lassen die Ziegenmelker sich vernehmen, wirkt ihr Ruf schon in der Heimat in einsamem Walde stark auf uns ein, so noch mehr in der fernen äquatorialen Steppe. Mit unhörbarem leisem Flügelschlag gleitet der Vogel über uns hin; fast berühren uns seine Schwingen. Wenn er sein Lied spann, sein einförmig einschläferndes Lied, konnte ich ihm stundenlang zuhören. Am Tage geht er da und dort plötzlich vor dem Wanderer vom Erdboden auf, und läßt dabei einen unbeschreiblich weichen, nicht wiederzugebenden Laut hören; im nächsten Augenblick verschwindet er wie ein großer Nachtfalter, und selbst das schärfste Auge vermag ihn zwischen dürrem Geäst und Laub oder auch an den Felsboden angeschmiegt, nicht zu erkennen. Der Sang der Nachtschwalbe ist eine meiner ausgeprägtesten Erinnerungen an afrikanische Vogelstimmen. In der Nähe des Wassers aber, wo es auch sei, und im dichten Gestrüpp, soweit die ostafrikanische Wildnis sich erstreckt, rufen und locken seltsame Vogelstimmen. Metallisch und sonor erklingt ein tiefer Doppelpfiff durch die Stille, sich dem Ohre unvergeßlich einprägend. Das ist der Ruf des prächtigen Orgelwürgers (Laniarius aethiopicus Gm.) . Die in innig verbundener Ehe lebenden Würger lassen diesen Ruf stets in so naher Reihenfolge ertönen, daß man anfangs glaubt, nur einen einzigen Vogel zu vernehmen. Wo diese schöne Vogelstimme auch erklingt, deutet sie auf die Nähe von Wasser und gewinnt deshalb in jenem Lande eine ganz besondere Bedeutung. Keines Lautes aus Vogelkehlen endlich aber entsinne ich mich so deutlich und immerwährend, wie des Gesanges unseres nordischen Sprossers (Aedon philomela [Bchst.]) . In manchen Gegenden des Kilimandscharo vernahm ich in unseren Wintermonaten diesen herrlichen Nachtigallgesang sehr häufig; als ich ihn einst zum ersten Male unerwartet vernahm, hat er mich auf das tiefste ergriffen. Vor einem Jahrzehnt erklang er mir während eines Tagemarsches in den Waldschluchten des Riesenvulkanes so andauernd, laut, voll und schön, wie ich in den Tropen diese nordische Vogelstimme niemals erwartet hätte. Als ich später in beträchtlicher Höhe im Kilimandscharo-Urwald lagerte, begrüßte mich das Locken nordischer Zugvögel, die den Berg umkreisend seine ewigen Schneefelder zu überfliegen schienen. Das war ein seltsames Zusammentreffen in jenen Weihnachtstagen: Nordischer Nachtigallengesang und nordische Wandervögel unterm Äquator! Bemerkenswert ist es, daß diese Stimme des Sprossers der einzige echt nordische Vogelgesang war, den ich jemals in Afrika vernahm. Daß auch dort unserer Nachtigall die Ehefreuden nicht mangeln, beweist die Auffindung ihres Nestes durch den verewigten Dr. Fischer. Nach ihm war ich der erste, der den heimischen Sprosser in Ostafrika auffand. Das Geheimnis der von Fischer beobachteten mit ihrer nordischen Schwester so außerordentlich übereinstimmenden Nachtigall muß noch gelöst werden, doch glaubt mein verehrter Freund Professor Reichenow, daß es sich hier um die in Persien heimatende, den Winter in Ostafrika verbringende Nachtigall handelt. Doch auch noch andere Sänger, andere Stimmen läßt die ostafrikanische Steppe in Legionen zu Wort kommen! Blütenbedeckte Büsche haben eine Unzahl von großen brummenden Käfern angezogen; schwerfälligen Fluges eilen sie herbei. Auf dem Boden betreiben Skarabäen in Menge ihr so eigenartiges Handwerk. Die unendlich feinen Stimmchen der Zikaden singen ihr ewiges Lied. Durch alle Nüancen setzt es sich fort, dies millionenfältige Schwirren und Summen der niederen Tierwelt. Dazu erklingen die vieltausendfältigen Stimmen der Ornis, erdröhnen die gewaltigen Stimmen der großen Sänger durch Steppe und Busch, durch Sumpf und Urwald, Täler und Höhen. Schweigt das Konzert der gefiederten Sänger urplötzlich, vielleicht weil der rauhe Schrei des Leoparden ertönt, weil das mächtige dumpfgrollende Brüllen des Königs der Wüste über den Erdboden donnert, weil die trompetenartigen Rufe des Elefanten durch den Wald zittern, weil rauher Kriegsruf aus Menschenkehlen, Schlachtgesänge ursprünglicher Menschen sich vernehmen lassen: – unbekümmert erklingen auch in diesen Augenblicken Tag und Nacht die feinen Stimmen all der Myriaden von Kleinen unter den Tieren. Das pfeift und singt um uns her, in nie ermüdendem Getön, schweigt nirgends und ist stets vernehmbar. Aber empfängliche Sinne muß der haben, der in die Wildnis dringt, um ihre volle Schönheit zu begreifen; für ihn erklingt eine Symphonie überall, wo die ursprüngliche Tierwelt ihr Wesen treibt. Jetzt abermals ein geheimnisvolles Tönen! Als sich die Brise gegen Abend mehr und mehr hebt, beginnt in meiner unmittelbaren Nähe ein mir vertrautes, seltsam schönes Konzert. Der Hügel, von dem aus ich Umschau halte, ist bis zu seinem Gipfel mit dürftigen Flötenakazien bestanden. Wie nun der Wind immer stärker über die durchlöcherten Gallen, die jene Bäume tragen, streicht, ertönt dort oben durch die einsame Stille ein seltsames Klingen, eine seltsame Tonsprache, die nur der Klang von Äolsharfen ein wenig versinnlichen könnte. Jene Gallen der Akazien sind durchlöchert und werden in vielen Fällen von kleinen Ameisen bewohnt; stört man diese, etwa durch Klopfen an ihrer eigenartigen Behausung, so schwärmen sie aus, um den Störenfried zu bekriegen! Nicht allzu häufig stört sie ein menschliches Wesen in ihrem Tun und Treiben; doch heute geschieht dies! Der spähende Beobachter freut sich nicht nur am Klange jener seltsamen Musikinstrumente, sondern auch an dem Gedanken, daß sie einen Mikrokosmos beherbergen, einen eigenartig organisierten kleinen Staat lebender Wesen, ebenso wie die große unendliche Steppe zu seinen Füßen einen Staat des mannigfaltigen Großwildes! – – – Herrlich und schön auch ist die Sprache der Natur, wenn sie selbst ihre ursprünglichste, an kein wahrnehmbares Leben gebundene Stimme erhebt. Das sind die Stunden gewaltiger nächtlicher Gewitter , wenn in Steppe und Urwald und über den Berghalden am kleinen Lagerplatze der Donner erdröhnt, wenn die krachenden Blitze im Zickzack niederfahren. Dann redet der grollende Donner, das Rauschen der Wasserfluten, das Brausen des Sturmwindes in einer über alle Beschreibung eindrucksvollen Weise. Dann, in ihrer Todesstunde, gewinnen auch die Riesen des Urwaldes, die gewaltigen uralten Baumstämme, plötzlich eine laut vernehmbare Sprache. Sie stöhnen in der Umarmung der Windsbraut und krachen unter ihrer Wucht donnernd zu Boden, wenn dann die Erde und das Gestein unter unseren Füßen zu beben scheint, wenn alle Gewalten der Naturkraft entfesselt sind, wenn das schwache Menschlein im kleinen Zelt inmitten all dieser Gewalten einsam und verlassen ihre Sprache vernimmt, einsam und verlassen wie der Seefahrer auf schwacher Planke inmitten des tobenden Ozeans, dann singt die Wildnis ihr großes, erhabenes, wundervolles Lied. Wie aber erst, wenn sich alle die Stimmen zu einer gewaltigen Symphonie vermählen: das Grollen des Donners mit dem markerschütternden Drommetenton der Elefanten, mit dem Brüllen des Löwen und all den zahllosen anderen Naturstimmen der Wildnis! – Immer wieder mag der Wanderer in die afrikanische Steppe hinausziehen; – er wird stets von neuem die Tonwelt der »Kleinen« unter den afrikanischen Tieren vernehmen. Die Zikaden werden ihn in Schlummer lullen und die Moskitos werden ihn daran hindern. Ihr Zirpen und Summen wird Zeugnis davon ablegen, daß diese Lebenswelle unbekümmert und unbeschädigt um die eindringende Zivilisation fortbesteht. Manch andere Stimmen aber werden seltener werden. Das Trompeten der Elefanten, die Stimme des Löwen, das Brüllen der Flußpferde, das schon die Bibel erwähnt, wird in absehbarer Zeit nicht mehr zu vernehmen sein. Noch aber kann man all das Tönen vernehmen, dem unsere Ururvorfahren alltäglich und allnächtlich lauschten, als in Europa noch eine sehr ähnliche tertiäre Fauna lebte, wie wir sie heute absterbend in Ostafrika finden. Da tönen am Tage und in der Nacht manche bekannte und manche geheimnisvolle Tierstimmen in Baum und Busch, Sumpf und Ried. Das Vogellied begleiten die Frösche mit monoton betäubendem Chor. Selbst im Zelte des Wanderers zirpen die Grillen, und die Nachtschwalbe spinnt und spinnt und erzählt und raunt vom nächtlichen Tun und Treiben der Tierwelt in einförmig geheimnisvollem Sang. Wenn der Abendstern leuchtet, hält ein Schakal Zwiesprache mit ihm. In dunkler Nacht läßt sich der tiefe Baß der Hyäne vernehmen; dann wieder lacht sie auf, unheimlich und grell in schreiendem Diskant. Dieses selten ausgestoßene, aber markerschütternde Lachen ist nicht zu vergessen; es quält uns in fieberhaften Nächten noch in der Erinnerung. Niemand soll darüber spotten, der es nicht selbst gehört hat. Wer es vernimmt, begreift, daß die Araber Hyänen für verzauberte Bösewichte halten Es ist bezeichnend für die Tatsache, welch unkundige Schriftsteller über die Tierwelt berichten, daß in allerletzter Zeit erst wieder die Behauptung aufgestellt wurde, dies Lachen der Hyäne gehöre in das Reich der Phantasie. Es wäre besser, wenn Tierunkundige lieber die Tierwelt literarisch in Frieden lassen wollten. (In seinem ausgezeichneten, 1910 erschienenen Buche »Afrikanische Wanderungen«, berichtet dagegen zu meiner Genugtuung u. a. auch Theodore Roosevelt , daß er in einer Nacht das unheimliche Lachen der Hyänen vernommen habe.) . Erhebt nun endlich der Löwe seine gebietende Stimme, so fehlt dem ganzen nächtlichen Zauber nur noch eins: das polternde Getrappel zahlreicher scheuer und geängstigter Zebraherden und anderer Wildrudel. Klingt aber der im Sonnenbrand gehärtete Boden der Steppe wieder vom dröhnenden Hufschlag der Tigerpferde, versagt in der Dunkelheit das Auge, und empfindet nur unser Ohr in den zahlreichen Tönen die mächtig flutende, uns umbrandende Lebenswelle, dann erst kommt es dem Lauschenden voll zum Bewußtsein, wie reich noch die Tiersprache der ostafrikanischen Nyika ist ... Nirgendswo mehr in der Welt von heute erklingen all die Stimmen einer uralten – einer aussterbenden – Tierwelt so eindrucksvoll und stark, und wer dieser Sprache lauscht, kann sich geheimnisvollem Zauber nicht entziehen: dem Zauber des Eleléscho! – 30. Im Steppenlager. Zu den glücklichsten Stunden meines Lebens rechne ich die Tage, in denen ich mit meiner Karawane weit draußen in der afrikanischen Nyika lagerte. Fast stündlich waren da neue Beobachtungen zu machen, oft sogar unmittelbar von meinem Zelte aus, nicht nur an der Tierwelt überhaupt, sondern auch an jenen seltenen Tieren der Wildnis, die ich gefangen oder durch Eingeborene erhalten hatte, und die nun mein Lager durch ihr Tun und Treiben belebten. Wenn selbst unseren hervorragendsten Museen noch viele der auffallendsten Vertreter der afrikanischen Fauna in ausgesuchten Stücken oder überhaupt fehlen, so gelangten lebend viele höchst interessante afrikanische Tiere selbstredend bis zum heutigen Tage niemals nach Europa. Wer sie kennen lernen will, muß in die Wildnis hinausziehen, um sie in ihrer eigenen Heimat zu beobachten. Mein Lager war zuzeiten ein eigenes kleines Reich. Ein großer Teil meiner Leute zog fortgesetzt aus, um in oft wochenlanger Abwesenheit von ackerbautreibenden Stämmen Früchte des Bodens einzutauschen und herbeizuschaffen. Mit den übrigen blieb ich allein in der Wildnis, jagend, sammelnd und beobachtend. Da mehrten sich meine Sammlungen täglich; die Zeit verfloß wie im Fluge unter all den mannigfaltigen Präparationsarbeiten, all den Maßnahmen zur zweckmäßigen Aufbewahrung und Versendung der gesammelten Naturalien. Das urpatriarchalische Getriebe des Lagerlebens brachte dem Beobachter trotz seiner scheinbaren Eintönigkeit viel Interessantes. Einen kleinen Staat gab es da zu beherrschen und in Ordnung zu halten. Ich vermochte das beglückende Gefühl auszukosten, im Verkehr mit einfachen Naturmenschen all die verwickelten Sorgen der Zivilisation zu vergessen, all die vielen, ich möchte sagen, persönlichen Beziehungen zur Natur aber, die ich mir schon in früheren Jahren hatte erwerben können, pflegen zu können. Da habe ich den eingeborenen Menschen schätzen gelernt! Freilich nicht nach dem Maßstabe europäischer Zivilisation gemessen, nicht von einem einseitigen Standpunkte aus beurteilt, aber einer ganzen Anzahl braver Charaktere unter meinen ständigen Begleitern werde ich mich stets mit Genugtuung erinnern können! Flüchtige scheue Jagdnomaden, seltenem Wilde vergleichbar, tauchten zuweilen im Lager auf, – das Tierleben aber umbrandete und umflutete nicht selten in ursprünglichem Reichtum diese in der Einöde so plötzlich entstandene »Kulturinsel« ... Meine Lasten, meine Habseligkeiten wurden in einem selbsterbauten, mit Rohr oder Steppengras bedeckten »Hause« vor Regen und namentlich vor den Sonnenstrahlen einigermaßen geschützt. Allerdings war das »Haus« einfachster Bauart, aber es genügte unsern Anforderungen! Solch eine einfache Behausung schützte nicht nur die zoologischen Sammlungen gegen die dörrenden, alles versengenden Sonnenstrahlen, gegen Regen und Wind, sondern sie erwies sich auch besonders schätzenswert für die photographischen Arbeiten. Zahlreiches Groß- und Kleinvieh, das ich sowohl zur Ernährung meiner Leute, als auch zur Aufzucht junger wilder Tiere mitführen mußte, wurde zur Nachtzeit in einem Dornenverhau untergebracht, meine Leute aber bauten sich unter Büschen und Bäumen mehr oder minder geschickt hergestellte Behausungen. So entstand eine Miniaturstadt, deren uneingeschränkter Herrscher ich war. Die Besuche der weit umherschweifenden jagenden Eingeborenen, jener Naturkenner sondergleichen, gaben mir Gelegenheit, Freunde unter ihnen zu werben, die mich unter Umständen auch längere Zeit auf meinen Zügen begleiteten. Für mich gibt es keine »Wilden«! – Die Zeit wirklich »wilder« Menschen ist schon viele, viele Jahrtausende vorbei. Wo auch der einsichtsvolle Mensch heute auf ihm unbekannte Völkerstämme stößt, so wird er, wenn er überhaupt fähig ist, sich einen tieferen Einblick in ihre ihm so anders und fremd erscheinenden Verhältnisse zu verschaffen, erkennen, daß sie ihre eigenen Gesetze, ihre eigenen ganz bestimmten Sitten haben, und daß sie diesen für sie feststehenden und ihnen werten Einrichtungen gemäß ihr Dasein regeln und den Kampf mit dem Leben bestehen. Er wird nicht verlangen, daß die Eingeborenen sich von heute auf morgen den ihnen völlig fremden und unverständlichen Anordnungen der Weißen ohne weiteres fügen und deren Sitten und Gewohnheiten annehmen. So schnell jene meine Freundschaften mit Eingeborenen oft geschlossen waren, so schnell lösten sie sich wieder. Es widerstrebt dem Wesen dieser Nomaden, längere Zeit an einem Orte zu weilen; auch treten sie nicht gern in irgend ein abhängiges Verhältnis zu einem Europäer oder zu irgend jemand anderem. Eines schönen Morgens finden wir ihre Schlafplätze plötzlich leer; sie selbst sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Irgend welchen Zwang hier anzuwenden, selbst wenn er uns zu Gebote stände, wäre vergeblich; diese »Wilden« sind eben nicht seßhaft zu machen. Kinder des Augenblicks, Kinder der Wildnis, müssen sie innerhalb letzterer schweifend ihr Leben verbringen. Ich war nicht so frei wie jene, – höchstens einmal auf einige Tage, denn mancherlei gab es in meinem Lager anzuordnen und zu befehlen! Ich hatte vielerlei Funktionen: ich war mein eigener Sicherheitskommissar, leitete das Verpflegungsamt, war Arzt und Richter, versah auch alle anderen nötigen Ämter und übte außerdem eine Reihe von Handwerken aus. Mit Stolz nannte ich mich gleich Hans Sachs zuzeiten einen Schuster; dann wieder war ich Schneider, Tischler oder Schmied – kurz, mein ach so bescheidenes Wissen und Können auf all diesen so weiten Gebieten, auf denen der Lehrling, der Einäugige unter Blinden, sich hier in der Wildnis Meister nennen durfte, fand erstaunlich vielseitige Verwendung! Welch salomonische Urteile habe ich unter anderm da gefällt! Einmal brach zwischen einem meiner besten Leute, einem Askari, und seiner Gattin Streit aus! Lärm und das Geräusch fallender Schläge in ihrem Zelte ließen über den ernsten Charakter der Zwistigkeit keinen Zweifel aufkommen. Der Mann wollte sich von seiner besseren Hälfte trennen. »Warum schlugst du deine Frau?« – Der früher als deutscher und englischer Askari »gediente« Mann steht stramm. »Weil sie böse war – ich mag sie nicht mehr – ich schicke sie fort!« – »Aber, warum – rafiki yangu – mein Freund? Das kommt zuweilen vor, sieh, das ist nicht so schlimm! Wer soll für dich sorgen, wer dir dein Essen bereiten? Und sieh sie dir noch einmal an, sie ist doch sehr hübsch, meinst du nicht auch? Und sie kocht gewiß gut.« (Schon lächeln beide Parteien und die Umstehenden.) – »Geht, vertragt euch wieder!« Und sie gingen und vertrugen sich. – Eine Abordnung der Wapare (Einwohner des mittleren Paregebirges) erscheint 1897 im Lager. Sie kauern neben meinem Zelte nieder und bitten um einen »Regenzauber«, da ihre Felder verdursten. Ihnen ist schwer zu helfen. Aber, obwohl ich ihre Geschenke, die Gegengabe für den »Zauber«, durch wertvollere Gegengeschenke aufwiege, gelingt es mir doch, durch den Barometer orientiert, ihnen Regen richtig vorauszusagen. Mit Bewunderung betrachten sie später den Zauberer und sein Zaubermittel, kommen von weitem wieder her, um beide ihren Freunden zu zeigen ... So ketten sich zahllose ähnliche Ereignisse aneinander, und auch die Alltagsschönheit des einfachen Lagerlebens hat, wie man sieht, ihre Reize. – Von Tag zu Tag mehrt sich die Tierwelt in meinem Lager. Heute sind es junge Löwen, morgen eine Hyäne, ein Schakal, ein Pavian, dann wieder Marabus, Geier und andere Bewohner der Steppe, die ich in meine Lagergemeinschaft aufnehme und mit denen ich mich anzufreunden versuche. Und meine Bemühungen haben manchmal überraschend günstige Erfolge. In früher Morgenstunde entdeckten wir eine große Herde Paviane, die auf hohen Bäumen die Nacht zugebracht hatten. Es war kühl; der kaltfeuchte Morgennebel entwickelte sich zu einem leichten staubartigen Regen; die Tiere drängten sich noch frierend aneinander. Erst später werden sie ihrer Nahrung auf dem Erdboden nachgehen, vorsichtig stellen wir uns, als hätten wir die Affen nicht bemerkt. Aber außerhalb ihrer Sehweite organisiere ich ein sich immer mehr verengendes »Kesseltreiben«, das glücklich verläuft und mehrere Junge verschiedenen Alters in meine Gewalt bringt. Anfänglich setzen die drolligen Geschöpfe allen Zähmungsversuchen eigensinnigen Widerstand entgegen; bald aber gewinnen sie ihren Pfleger lieb und schließen sich ihm innig an. Nach Art mancher Hunde nur ihrem Herrn ergeben, sind sie böse und abweisend gegen andere Menschen. Deutlich geben sie manchen Fremden gegenüber ausgesprochener Abneigung Ausdruck. Es berührte mich stets seltsam, wenn ich nach ermüdendem Schweifen in der Steppe in das Lager zurückkehrend jedesmal von den in der Nähe meines Zeltes angeketteten Pavianen mit Ausbrüchen der Freude empfangen wurde. Schon aus weiter Entfernung vermögen sie ihren in der Steppe auftauchenden Herrn zu erkennen, richten sich auf den Hinterbeinen auf, geben Laute der Freude von sich und bekunden diese Freude auch auf mannigfaltige andere ausdrucksvolle Weise. Unter Umständen aber schlossen sich auch noch andere Bewohner meines Lagers diesen Ausbrüchen der Freude bei meinem Erscheinen an. In der überraschendsten Weise war dies namentlich der Fall bei einem Marabu, den ich als altes erwachsenes Exemplar in meine Gewalt gebracht hatte. Da er beim Fang ein wenig beschädigt worden war, ich selbst mich aber längere Zeit verschiedener Umstände halber ans Lager gefesselt sah, pflegte ich ihn selbst aufs sorgfältigste und erlebte zu meiner großen Genugtuung seine völlige Wiederherstellung. Von der Genesung an war der Vogel mir offenbar treu ergeben, verließ das Lager nicht mehr, obwohl er sich darin in voller Freiheit bewegen durfte, und wurde nur zur Nachtzeit gefesselt! Bald hatte er sich zum Herrscher des Lagers aufgeschwungen, traktierte ihm mißliebige Menschen und Tiere mit Schnabelhieben, saß fast stets gravitätisch in der Nähe meines Zeltes und begrüßte mich bei meiner Heimkehr durch Kopfnicken und Flügelschlagen. Das war ein Schnabelklappern, ein gravitätisches Hin- und Herschreiten! Erst wenn ich ihn geliebkost hatte, gab er sich zufrieden. Nach einiger Zeit begann er sich dicht bei meinem Zelte, unter einem großen Schattenstrauche, ein Nest zu erbauen, das allmählich recht erheblichen Umfang annahm. Diesen Horst verteidigte er auf das energischste und duldete weder die Annäherung meiner Schwarzen, noch auch die irgend welcher tierischer Lagergenossen. Da gab es oft Kämpfe, aber stets schlug er seine Gegner in die Flucht, selbst zufällig in die Nähe seines Nestes geratene dickfellige Lastesel. Wir wollen es wohl beachten: Es handelt sich hier nicht um jung aufgezogene Außer Elefanten, Marabus und vielleicht noch wenigen andern Tierarten dürften sich alt gefangene wilde Tiere kaum jemals schnell an den Menschen in dieser Weise anschließen! , vom frühesten Tage an auf den Menschen angewiesene Vögel, sondern um alt eingefangene, vielleicht schon dreißig, vierzig Jahre oder noch viel ältere Tiere – denn Kropfstörche erreichen ein sehr hohes Alter, – ähnlich wie große Raubvögel, Geier, von denen einer über 100 Jahre in Gefangenschaft unter ungünstigen Vedingungen lebte! Manche der freundschaftlichen Beziehungen zu meinen damaligen Pfleglingen haben sich erhalten. So erkennt und begrüßt mich auch heute, (1919), noch dieser Marabu im Berliner Zoologischen Garten mit größter Freude, sehr zum Ärger seines weder mir noch sonst jemanden wohlwollenden, gleichartigen indischen Nachbars im Nebenkäfig. Vieles andere könnte ich in dieser Hinsicht noch über die Klugheit dieser Vögel berichten; ich muß mich aber hier einschränken und möchte nur erzählen, daß Prof. Ludwig Heck, dem doch Tausende von fremdländischen Tieren aller Art zugänglich waren, aufs äußerste betroffen war, als er in Neapel auf dem Dampfer selbst beobachten konnte, mit wie inniger Zuneigung mein Marabu an mir hing. Abends kam dann die Schar meines Rindviehes, meiner Schafe und Ziegen nach Hause, unter denen auch einst mehrere Gnus friedlich weideten, die ich glücklich als erste ihrer Art lebend nach Europa brachte. Begrüßten die Tiere die ihrer harrenden Kälber und Zicklein, so bot sich ein wundervolles Bild patriarchalischen Lagerlebens. Da war es denn immer wieder interessant, die Geschicklichkeit der Masaihirten in der Behandlung des Viehs zu bewundern. Auch unter Tages bot sich da manchmal ein Bild reich gemischten Tierlebens. Kühe, Rinder, Schafe und Ziegen, mein Nashorn, junge Löwen, Hyänen, Schakale, Servale und Affen, Frankoline und Marabus, Geier und andere Tiere der Steppe liefen im Lager teils frei, teils angefesselt umher, und da gab es mancherlei kleine Zwistigkeit und manches Interessante zu sehen. Unter improvisierten Gesängen wurde der von mir erlegte Leopard ins Lager geschafft. Meine Wanyamwesi bestätigten mir, daß jedermann, der in früheren Jahren den mit Leopardenfell geschmückten Thronsessel ihres Häuptlings berührte dessen Sklave wurde ... Meine zum Fischfang ausgesandten Leute kehrten mit mehreren Zentnern großer Welse zurück. (Trotz aller Fischfeinde aus dem Tierreich wimmeln die afrikanischen Gewässer von Fischen! Das sollten sich die Vernichter unserer heimischen Reiher, Eisvögel, Wasserstare, Haubentaucher usw. gesagt sein lassen!) Meine Feldküche war von zahmen Geiern und Kropfstörchen umgeben, die mit dem Koch im besten Einvernehmen lebten. Es gewährte einen grotesken Anblick, die klugen Marabus gewissermaßen als Gehilfen des Kochs walten zu sehen, gravitätisch neben ihm hockend und jede seiner Bewegungen beobachtend. Oftmals wiederum lockten die in meinem Lager befindlichen zahmen Tiere wild lebende Genossen an: Kropfstörche und Geier ließen sich in der Nähe nieder, und manchmal war es da kaum zu unterscheiden, was zahme und was wilde Tiere seien. Nicht selten konnten wir vom Lager aus Wild verschiedener Art beobachten, oft in unmittelbarer Nähe; selbst Nashörnern habe ich so mit dem Glase lange Zeit folgen können. Alles das kann man erleben, wenn man nicht in der Nähe des Lagers knallt und schießt! Alle meine zahmen Tiere bewegten sich friedlich durcheinander und hielten gute Gemeinschaft mit meinen zahmen Hühnern, die mit Vorliebe in meinem eigenen Zelt und in denen der Träger ihre Eier abzulegen pflegten. Zuweilen pflegte ich meinen Hühnern Eier von Frankolinen anzuvertrauen. (Fast keine der vielen schönen ostafrikanischen Frankolinenarten ist bisher lebend nach Europa gelangt.) So hatte ich einmal wochenlang den Genuß, das sonst so scheue schöne gelbkehlige Frankolin ( Pternistes leucosepsus infuscatus Cab. ) völlig zahm unter den übrigen Tieren des Lagers umherlaufen zu sehen. Idyllische Szenen aus dem Leben meiner seltsamen Tiergesellschaft konnte ich oft beobachten! Namentlich das Gebaren meiner jungen »Rarität«, meines »Nashörnchens«, interessierte mich auf das höchste. Es war das meist gehätschelte Sorgenkind meiner Karawane, und ich war auf seine erfolgreiche Aufzucht sehr stolz, zumal ich zwei Jahre vergeblich auf solch ein junges Tier gehofft und, um eines habhaft zu werden, unverhältnismäßig große materielle Opfer gebracht hatte. Fast zwanzig Jahre war es nicht mehr gelungen, ein junges Nashorn aus dem weiten Afrika lebend nach Europa zu bringen. Da sagte ich mir, daß es die nach Trennung von der Mutter erfolgte Vereinsamung war, welches das Dahinsiechen jener vielen jungen Nashörner veranlaßt hat, die man nach Erlegung der Mütter hat aufziehen wollen. Ich ersetze die Mutter durch eine Ziege. Nach einigen Tagen hat das junge Nashorn sich mit der Ziege befreundet. Durch die Geburt eines Zickleins entstand ein Trio, das sich äußerst zugetan war. Oft benutzte der junge Ziegenbock das Nashorn als Ruheplatz, und alle drei Tiere waren unzertrennlich. So große Mühe mir auch die Aufzucht meines Sorgenkindes machte, so entschädigt sah ich mich durch diese eigenartigen Szenen, namentlich während der ersten Wochen seiner Gefangenschaft, sorgfältig gehütet machte das Tier mit seinen Ziegen und zwei meiner besten, zuverlässigsten Leute häufig kleine Ausflüge in die unmittelbare Umgebung des Lagers. Dabei gelang es mir ganz allmählich, seine bevorzugten Futterpflanzen zu ermitteln, eine für die fernere Aufzucht sehr wichtige Tatsache! war das kleine Tier gut gelaunt, so pflegte es in der Art eines Hundes mit mir zu spielen und unter possierlichen, gewandten Sprüngen im Lager umherzurennen, wobei es häufig sein charakteristisches Schnauben hören ließ, solche fröhlichen Spiele wechselten dann wieder mit Stunden der Sorge, in denen ich mich nicht nur gezwungen sah, allerhand Medikamente bei meinem Pflegekinde anzuwenden, sondern auch einen nachdrücklichen Kampf gegen die Sandflöhe ( Sarcopsylla penetrans L. ) führen mußte, jene schlimmen, einst aus Amerika nach Afrika übertragenen Plagegeister, die auch die Füße des Nashorns nicht verschonten. Ich kann nur sagen, daß sich das junge Nashorn in wenigen Wochen an mich angeschlossen hatte, eine große Anzahl mit ihm in Berührung kommender Menschen aufs feinste unterschied und ihnen ganz verschieden entgegenkam, daß es seine Begleitziege geradezu liebte, daß es ihr auf Schritt und Tritt folgte und auch später noch in Gefangenschaft nicht von ihr und ihrem mittlerweile geborenen Sprößling getrennt sein wollte. Ein seltsamer Anblick, das gewaltige Nashorn und die beiden ostafrikanischen Ziegen in Gefangenschaft im Berliner Zoologischen Garten! Das konnte sich nun das Publikum – namentlich das der billigen Sonntage unseres Zoologischen Gartens – gar nicht erklären! Hunderte Male waren da merkwürdige Ausrufe zu vernehmen, wie z. B.: »Det is nu det kleene Nashorn, und seht mal, Kinder, die beeden Ziejen, die frißt es nu uff! Det is aba jrausam!« So gerne ich nun auch in gewissem Maße meinen Trägern Fleisch zur Verfügung stellte, hielt ich dennoch strengstens darauf, daß jeder Mann täglich ein entsprechendes Maß von Vegetabilien erhielt und ich habe diese Absicht – oft mit den größten Schwierigkeiten und Kosten – durchzuführen gewußt. Leider geschah solches seitens der Karawanenführer nicht immer ... So die Erklärung biederer Familienväter ihren Angehörigen gegenüber. Es wollte den Braven nicht in den Kopf, daß ein schreiendes Bedürfnis nach Anschluß an irgend ein mitfühlendes Herz sich in dem ungestalten Bewohner der Steppe regen könne! Irgend ein Verständnis seiner Eigenart findet der riesige Dickhäuter hier in Gefangenschaft unter vielen Tausenden der so hoch über ihm stehenden Menschen nicht. Aber der so denkende Familienvater überragt doch noch gewaltig jene ebenfalls nicht seltenen Erklärer der eigenartigen Tiergruppe, welche, das Schild mit der Aufschrift »Ostafrikanisches Nashorn« lesend und jenen gedruckten Worten, wie dies ja so häufig geschieht, blind vertrauend, kurzweg die Erklärung vom Stapel ließen: »Nu seht mal hier die kleenen Nashörner, die olle Mutter mit zwee kleene Junge!« Für diese Besucher handelt es sich hier eben um drei junge Nashörner, und warum sollten junge Nashörner nicht in ihrer Jugend wie Ziegen aussehen? Es wäre in der Tat dringend zu wünschen, und es wäre eine schöne soziale Tat, die Kenntnis der Natur der Jugend besser zu vermitteln, als es bisher geschah. So wenig Tierkenntnis und Verständnis für die Natur ist leider vorhanden, daß derartige Dinge, wie ich sie eben schilderte, sich tatsächlich ereignen können. – Meine kleinen Versammlungen konnte ich bei der Art meiner Reise immer nur wenige Wochen beherbergen. Zog ich weiter, so pflegte ich die Tiere irgendwo in bevölkerter Gegend unter der Bewachung zuverlässiger Schwarzer aufzubewahren, um sie später, bei meinem Rückmarsch zur Küste, wieder meiner Karawane einzuverleiben. Das Getriebe der Tierwelt im Lager hat mir während solcher Wochen und Monate stets den höchsten Genuß bereitet. Ein schon beträchtlich herangewachsener halbwüchsiger Löwe, den ich längere Zeit in meinem Lager beherbergte, machte sich namentlich zur Nachtzeit häufig so bemerkbar, daß die Wache mich mit der Angabe weckte, es sei ihm aus der Wildnis von anderen Löwen Antwort geworden. Da mußten freilich für die Nacht tunlichste Vorsichtsmaßregeln getroffen werden, und meine Menagerie wurde im Innern des Lagers, umgeben von den Zelten meiner Leute, so gut wie möglich in Sicherheit gebracht. Auch stellten sich sogar einige Male Nashörner und Flußpferde nächtlicherweile zum Besuche ein, deren mächtige Fährten sich am nächsten Morgen sogar innerhalb des Lagers deutlich wahrnehmen ließen, und Hyänen und Schakale kamen recht häufig, in einzelnen Fällen auch Löwen bis auf geringe Entfernung zu dem nachtschlafenden Lager. Tausende von Menschen entfliehen heutigen Tages den Mauern der Städte und suchen Erquickung und neue Spannkraft in der freien Natur. Wenige aber kennen die freie Natur und ihre Bewohner aus der Tierwelt genauer. – Vermag mir der Leser nachzufühlen, daß es etwas Herrliches war, mitten in der Wildnis sich mit ihren Bewohnern zu umgeben, Geschöpfen, die teils noch fast unerforscht und unbekannt, mir so täglich neue kleine Geheimnisse enthüllten über ihr Leben und Dasein? Es waren schöne Tage! wer aber in die Wildnis zieht, versuche ein Gleiches zu tun! 31. Feindliche Mächte. Dem inmitten des Verkehrs lebenden, in der Brandung der modernen Zivilisation sich wohl fühlenden Europäer muß es fremdartig und verwunderlich erscheinen, wenn ich behaupte, daß jahrelanges Reisen, unter Beförderung aller notwendigen Gepäckstücke ausschließlich auf den Schultern menschlicher Träger, weder besonders umständlich, noch auch lästig erscheint – wenn man es einmal kennen gelernt hat. – Dies ist aber freilich nur möglich, wenn man ein so vorzügliches, durch Jahrhunderte herangebildetes Trägermaterial zur Verfügung hat, wie es heutigentages noch manche ostafrikanische Stämme liefern. Höchst erfahrene Reisende haben mir erzählt, daß sie lange wissenschaftliche Reisen, mit vielfältigem und kompliziertem Gepäck beschwerte Expeditionen weit lieber mit diesem Trägermaterial vollbringen, als, wenn dies angängig sein würde, Kamele zu benutzen. Das klingt vielleicht verwunderlich, wer aber die vorzüglichen ostafrikanischen Träger kennen gelernt hat, die stets auf dem Posten, in kindlicher Freudigkeit und Ergebenheit ihrem Herrn gegenüber, ihre sechzig- und mehr pfündigen Lasten tagaus, tagein gern schleppen; wer diesen einfachen Transport mit der Schwierigkeit und Umständlichkeit der aus Lastkamelen bestehenden Karawanen vergleicht, wird meinen Gewährsleuten beipflichten müssen. Nach meiner und auch anderer Reisenden Ansicht bildet daher unser ostafrikanisches Trägermaterial ein ideales Transportmittel für das ungesunde Ostafrika, ganz besonders aber, solange dort allgemein Lasttiere wegen ihrer Hinfälligkeit nicht verwendet werden können. Es war mir besonders erfreulich, daß ich bei meinen wiederholten Reisen immer wieder einen Teil meines alten Trägerstammes früherer Reisen, soweit die Leute sich überhaupt an der Küste befanden, zum Mitgehen willig und bereit fand. Eine der schwierigsten Fragen bildet stets die Verpflegung der Träger, namentlich für einfache Privatreisende! Außer seiner sechzigpfündigen Last, seinem Kochgerät und seinen wenigen Habseligkeiten vermag ein Mann bestenfalls Vegetabilien für etwa 14 bis 20 Tage mitzuführen. In der Praxis wird er freilich schon nach zwölf oder vierzehn Tagen nichts mehr davon haben. Daher gilt es, alle Reisedispositionen so zu treffen, daß die Verpflegung stets gesichert wird. Wasser muß selbstverständlich täglich, mindestens aber alle 48 Stunden angetroffen werden. Freilich hängt die Leistungsfähigkeit der Träger sehr von der Witterung ab, und in der heißen Zeit vermag ein Mann ohne Wasser seine Last kaum länger als einen Tag zu befördern. In der guten alten Zeit durchzog man die Steppe, dem Vernehmen nach, unter Umständen sich lediglich auf die Verpflegung durch erlegtes Wild verlassend. Die Leute schwärmten, im Lager angelangt, nach allen Zeiten in die Steppe aus, um sich Antilopen und anderes Wild zu erlegen. Wenn ich auch in gewissem Maße meinen Trägern Fleisch zur Verfügung stellte, hielt ich dennoch stets strengstens darauf, daß jeder Mann täglich ein entsprechendes Maß von Vegetabilien erhielt. Ich habe dies – oft mit den größten Schwierigkeiten und Kosten – stets durchzuführen gewußt. Leider tun das die Karawanenführer nicht immer, sondern es wird auf das Wild zuweilen in unverantwortlicher Weise losgeknallt... Hatte ich ein Lager für längere Zeit aufgeschlagen, so sandte ich viele Träger zurück, um Vegetabilien einzutauschen. Mit Reserve- und Ergänzungslasten beladen, kehren die Leute dann in die Steppe zurück – oft erst nach Wochen oder Monaten. Eine der Hauptschwierigkeiten zoologischer Sammelreisen liegt in den mühevollen Präparierarbeiten, namentlich größerer Objekte, viele Tage lang müssen oft alle Mann an der Zubereitung der Häute von Büffeln und Giraffen, Elefanten und Nashörnern tätig sein. Hat sich dann endlich genügendes Material aufgespeichert, ist dies alles auf das sorgfältigste etikettiert und in Lasten verpackt, so muß es endlich unter sorgfältigster Berücksichtigung etwa unterwegs eintretender Regenzeiten an die Küste gesandt werden. Die Träger müssen, auch in den kleinsten Nebensächlichkeiten, kontrolliert und angeeifert werden. Dann aber leisten sie – namentlich bei engster Begrenzung der einem jeden im besonderen zugewiesenen Tätigkeit – sehr Zufriedenstellendes. Der bittere Ernst, welcher Reisen in jenen Ländern begleitet, macht sich jedoch mit Sicherheit früher oder später geltend. Die Tsetsefliege sticht und tötet die mitgenommenen Reittiere und einen Teil der Lastesel; sie und das Rindvieh erliegen allerhand Seuchen. Schlimmer aber noch ist es, wenn wir etwa Gegenden durchqueren müssen, in denen beispielsweise die schwarzen Pocken im Gefolge einer Hungersnot aufgetreten sind. Im Jahre 1899 war ich gezwungen, Ortschaften zu durchreisen, in denen die »ndúi« geherrscht hatten. Nach etwa drei Wochen bemerkte ich im Lager an meiner linken Hand eine kleine dunkle Beule, wohl eine durch den bei der Präparation von Tierhäuten verwandten Arsenik herbeigeführte Entzündung. Ich zeige sie meinem Präparator Orgeich. »Dat will ich dem Herr sage, wat dat is! Dat sin die schwarze Pocke!« Auf meine Frage, wie er zu dieser Ansicht komme, erklärte er mir kurz und bündig, daß seit mehreren Tagen sich ein schwerleidender, an Menschenpocken erkrankter Träger im Lager befinde. »Ich wollt' de Herr nit bang' mache!« erklärte er mir tapfer und lakonisch und begründete so, warum er mir keine Meldung von der Erkrankung gemacht hatte. Diese im gemütlichen rheinischen Idiom erstattete Meldung wirkte auf mich wenig erfreulich. Ich überzeugte mich denn auch, daß ein über und über mit Blattern bedeckter Träger sich mitten im Lager befand! Selbstverständlich ließ ich ihn isolieren, ihm am Flusse eine für Raubtiere undurchdringliche Dornenumzäumung herstellen, und erstaunlicherweise trat auch kein weiterer Pockenfall in der Karawane auf. Eine spätere ärztliche Untersuchung des geheilten Patienten ergab die Nichtigkeit meiner Diagnose. Leider machte ich mehrere Male weit schlimmere Erfahrungen mit unter den Trägern ausgebrochener Dysenterie . Es ist etwas Unheimliches, wenn sich plötzlich, etwa nach Infizierung durch eine Wasserstelle, auf die man unbedingt angewiesen ist, diese furchtbare Krankheit im Lager verbreitet, gegen die sich auch der Europäer, durch sorgfältig kontrolliertes Abkochen des Trinkwassers, nur relativ schützen kann. Zweimal habe ich selbst an Dysenterie gelitten und weiß aus Erfahrung, wie schmierig eine durchgreifende Heilung zu erzielen ist, und wie schwer es fällt, Diätfehler während der Rekonvaleszenz zu vermeiden. Mit Recht wird Dysenterie mehr gefürchtet als Malaria. Bricht die Krankheit unter den Trägern aus, so kann dies unter Umständen die Weiterreise in Frage stellen. Für Wochen muß man auf die Dienste besonders brauchbarer Leute verzichten, und die oft schon in wenigen Tagen eintretenden Todesfälle bilden keine angenehmen Episoden während der Reise. »Amekufa Bwana!« »Er ist gestorben, Herr!« meldet dann der Karawanenführer; in der Nähe wird ein Grab geschaufelt und eine eilige Bestattung, – durch die Temperaturverhältnisse dringend geboten, – findet statt. Neben der Dysenterie bilden natürlich die häufig auftretenden Malaria erkrankungen weitere eingreifende Hindernisse dortiger Reisen. In der Nähe der Karawanenstraße und in der Nähe der bevölkerten Gegenden trat die Malaria unter meinen Leuten häufiger und bedenklicher auf, als in der weiten, menschenleeren Steppe, obwohl auch diese sich sehr ungesund für den Europäer und die eingeborenen Bergbewohner zeigt. An gewissen Lagerplätzen erkranken plötzlich zehn, zwanzig und mehr Leute an leichterer und schwereren Malariaanfällen, deren sie jedoch im allgemeinen bald Herr werden. In Europa ist vielfach die Ansicht verbreitet, daß die Eingeborenen nicht unter der Malaria zu leiden hätten. Dem ist jedoch nicht so, sondern namentlich die Einwohner der bergigen Gegenden unterliegen schweren Anfällen, wenn sie in die Steppe hinabsteigen. Ich habe es erlebt, daß zum Kalkbrennen in die Ebene beorderte Wadschagga (Eingeborene am Kilimandscharo in der Gegend der Station Moschi) der Mehrzahl nach ungemein stark an Malaria erkrankten, als sie in ihre Wohnstätten nach mehrtägigem Aufenthalte in der Niederung zurückkehrten, und daß eine sehr große Anzahl der Leute binnen wenigen Tagen dem Fieber erlag. Wapare, Einwohner des Paregebirges, vermochte ich während des Hungerjahres 1899 unter keinerlei Versprechungen geneigt zu machen, meine zoologischen Sammelobjekte an die Küste zu befördern, trotzdem die Leute begierig waren, etwas zu verdienen. Sie erklärten sich vielmehr nur bereit, meine Lasten bis zu einem gewissen Punkte in der Nähe der Küste zu bringen; der Anblick des Meeres aber würde für sie Tod bedeuten! Diese Anschauung entbehrt nicht einer gewissen Begründung, denn überall, wo die Bewohner der Berge in die Niederungen herabsteigen, unterliegen sie, wie schon gesagt, vielen und schweren Fieberanfällen. Verwundungen verschiedener Art, Fußleiden, namentlich auch Verletzungen der Schienbeine machen ab und zu die Träger dienstunfähig. Eine fernere, erst neuerdings bis zur ostafrikanischen Küste vorgedrungene, schlimme Landplage sind die Sandflöhe ( Sarcopsylla penetrans I .). Aus Südamerika wurden diese Schmarotzer vor wenigen Jahrzehnten nach der Westküste Afrikas übertragen. Sie verbreiteten sich, den Karawanenwegen folgend, allmählich bis an die zentralafrikanischen Seen, wo ich sie im Jahre 1896 schon in großen Mengen fand. Der winzig kleine Sandfloh dringt, zuerst unbeachtet, in die Zehen der Füße oder in die Glieder der Finger ein, schwillt allmählich bis zur Größe einer Erbse an und verbreitet sich, wenn nicht rechtzeitig entfernt, in zahlreichen Individuen immer weiter, bis allmählich die betroffenen Glieder in Fäulnis übergehen und abfallen. Überall, wo der Sandfloh auftrat, sah ich zahlreiche Eingeborene, denen eine oder alle Zehen des Fußes fehlen, an Stöcken umherwanken. Es ist erstaunlich, wie wenig man die Sandflöhe im Anfange empfindet, und wie schnell die nach ihrer Entfernung in den Zehen entstandenen Höhlungen wieder ausheilen. Die »Fundi ya funza«, auf deutsch »Sandflohdoktoren«, verstehen es ausgezeichnet, mit kleinen Hölzchen geduldig die Plagegeister ziemlich schmerzlos zu entfernen. Der Sandfloh nistet sich nicht nur in Menschen, sondern auch in Affen, Hunden und anderen Tieren ein. Selbst mein später im Berliner Zoologischen Garten befindliches junges Rhinozeros wurde während der Aufzucht von zahlreichen Sandflöhen befallen, und es gehörte eine nicht geringe Geduld dazu, das kleine Geschöpf während seiner Siesta von den gefährlichen Parasiten zu befreien. Hier und da habe ich trotz aller Vorsicht auch am eigenen Leibe diese Plage empfinden müssen. Am schlimmsten aber litt ich einst nach langer Bettruhe bei schwerem Fieber unter diesen Schmarotzern: nicht weniger als sieben erbsengroße Sandflöhe entfernte einer meiner schwarzen Boys aus meinen Zehen! Hunde und in Gefangenschaft gehaltene Affen wissen sich übrigens der lästigen Plagegeister geschickt zu entledigen, werden aber nicht selten wieder neu infiziert. – Wenn die Karawane Halt gemacht hatte und das Lager aufgeschlagen war, nahten sich stets eine Anzahl Patienten, meine Hilfe zu erbitten. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals auch nur einen Mann abgewiesen zu haben, obwohl dabei die Geduld des Reisenden, wenn er selbst ermüdet oder leidend ist, oft auf eine harte Probe gesetzt wird. »Bwana kubwa, nataka daua!« Herr, ich möchte Medizin! klang's immer und immer wieder. Da heißt es bald Aloe-, bald Dowersche Pillen, Rizinus, Ipekakuanha, Augensalbe oder Verbandwatte und vieles andere verteilen, und ein dazu bestimmtes Gefäß steht stets mit Lysollösung bereit, um Wunden und Verletzungen zu behandeln. Im allgemeinen aber heilen Wunden bei dem ausgezeichneten «Heilfleische« der Eingeborenen und bei entsprechender Behandlung schnell und gut. Ätzungen mit Karbolsäure erwiesen sich namentlich wirksam gegen die auch bei den Masai häufig auftretenden Unterschenkelgeschwüre, die, von eingeborenen Heilkundigen behandelt und mit Baumrinde bedeckt, oft einen schlimmen Anblick bieten. Ich habe während meiner mehrjährigen afrikanischen Reisen von Fliegen , – mit Ausnahme der Tsetsefliegen – niemals besonders zu leiden gehabt und die Fliegenplage nicht so störend empfunden, wie etwa an der Somalküste. Immerhin machen sich gewisse Stechfliegen arten während ihrer Schwarmzeit sehr bemerkbar. Das Reich der Dipteren und Odonaten Ostafrikas im allgemeinen ist ein noch wenig durchforschtes. Ich habe während meiner letzten Reise allein zwei neue Arten von Stechfliegen, die bis dahin unbekannt waren, heimbringen können. Für den Menschen am störendsten ist unzweifelhaft die Tsetsefliege , die für Pferde, Maultiere und Esel gleich tödlich ist und zu gewissen Jahreszeiten auftritt. Ich vermag mich der Ansicht nicht anzuschließen, daß gewisse Teile der Steppe tsetsefrei sind. Mit Ausnahme der Höhenlagen, in denen die Tsetsefliege fehlt, fand ich sie bemerkenswerterweise auch an Örtlichkeiten, die bis dahin als nicht von ihnen bewohnt erachtet wurden, beispielsweise überall am Panganiflusse im März und April. Lästige und nicht seltene Gäste im Zelt sind Skorpione , deren Giftigkeit im allgemeinen jedoch übertrieben wird; freilich ist ihr Stich stets von unangenehmen Folgen begleitet. Einige meiner Träger machten sich ein besonderes Vergnügen daraus, große von ihnen eingefangene Skorpione auf ihren nackt rasierten Schädel zu setzen, um die Tiere dort unter dem Gelächter der übrigen Leute eine Weile umherspazieren zu lassen. Unter den Zerstörungsversuchen der Termiten hat der Reisende besonders oft zu leiden. Hatte ich für längere Zeit ein Lager aufgeschlagen, so fand ich oft die Unterseite meiner Lastenkisten schon nach einigen Tagen von den Termiten zerstört! Einst zerbissen sie mir in einer einzigen Nacht sämtliche Schnüre der Etiketten meiner aufgestapelten, zoologischen Präparate, mir so großen Schaden und Verdruß bereitend. Ich erinnere mich noch, wie mein zeitweiliger Reisegefährte, Prinz Johannes Löwenstein, die Fahne seines Zeltes in einer Nacht völlig zerstört sah. Sehr unangenehm sind auch nächtliche Überfälle von Ameisen . Durch das Moskitonetz sich durchfressend, greifen sie unter Umständen den Schläfer im Zelte an. Die Gattin eines mir bekannten Bezirksamtmannes wäre in früheren Jahren einmal beinahe von Ameisen getötet worden. »Siafu!« erklingt oft während des Marsches der Karawane der warnende Ruf der Voranschreitenden, so die nachfolgenden Träger vor den Zügen der großen Treiberameisen warnend, die namentlich in bevölkerten, feuchten Gegenden ihren Weg über den Karawanenpfad genommen haben! Ebenfalls stark übertrieben scheint mir in den meisten Fällen die Schlangenplage zu sein. In der Tagespresse pflegen wir alljährlich Berichte über eine große Anzahl der in Indien von Schlangen und Tigern getöteten Menschen zu lesen. Es ist mir mitgeteilt worden, daß das dort herrschende Prämiensystem diese Zahlen unter den Prämien einheimsenden Händen der untergeordneten eingeborenen Behörden weit über das Maß des Tatsächlichen anschwellen läßt. Ich habe während meiner afrikanischen Reisen nur zwei Leute durch den Biß der Puffotter verloren. Selbstredend sind jedoch die auf den Plantagen arbeitenden Eingeborenen den Giftschlangen bei weitem mehr ausgesetzt, als das Land durchziehende Träger. Über die unter Umständen ganz entsetzliche Plage, die durch Zecken herbeigeführt wird, habe ich in dem Kapitel über Büffeljagd genauer berichtet; in gewissen ungesunden Gebieten können die Zecken dem Europäer in der Tat den Aufenthalt unmöglich machen. Unter allen Hemmnissen, die dem dauernden Aufenthalt und der Arbeit des Europäers in jenen Ländern entgegenstehen, ist und bleibt jedoch die Malaria an erster Stelle zu nennen. Jeder Laie weiß, daß nur wenige begnadete Naturen längere Zeit in jenen Ländern auszuharren vermögen, ohne ernste Malariaanfälle durchmachen zu müssen. Die große Anzahl der Europäer unterliegt aber von Zeit zu Zeit heftigen Anfällen. Das sollte niemals vergessen werden! Die heute im Schwunge befindliche Chininprophylaxe, also die regelmäßige Einnahme größerer Mengen von Chinin, hat zweifellos auf das Nervensystem einen höchst schädlichen Einfluß, und die durch die vielfachen Einflüsse des tropischen Klimas gesteigerte Nervosität wird durch die Chininwirkung sehr erhöht. Zu den hier skizzierten Schwierigkeiten und Mühsalen, die sich dem Reisenden entgegenstellen, gesellt sich jedoch als Hauptfeind der Mangel an Wasser – ein bitterer Mangel –, den der Europäer immer und immer wieder empfinden wird. Ich habe an anderer Stelle bereits die Qualen des Durstes näher geschildert und gesagt, daß solche nur schwer dem wasserverwöhnten Nordeuropäer klargemacht werden können, der Wasser als etwas Selbstverständliches erachtet. Vielfach findet man in weiten Kreisen falsche Ansichten über Reisen im mehr oder weniger unbekannten Afrika verbreitet. Auch zur Zeit der völligen Unkenntnis jener Länder war es ihren Entdeckern einleuchtenderweise nicht möglich, aufs Geratewohl dem Kompasse folgend ins Unbekannte hinauszuziehen. Führer waren vielmehr stets Bedingung, es sei denn, daß man Flußläufen folgen konnte und so des Wassers sicher war. Lange bevor unsere größten Entdeckungsreisenden Afrika durchquerten, hatten die Araber mit Sklavenkarawanen den Kontinent durchwandert ! So waren längst traditionelle Karawanenstraßen entstanden, als Europäer begannen, ins dunkelste Afrika einzudringen. Diese Straßen sind auch vielfach bei jenen Unternehmungen benutzt worden. Ich fand oft Eingeborene, welche imstande waren, von der Ostküste bis zum Kongo aus dem Kopfe jede einzelne Etappe des Karawanenweges anzugeben. Sie wußten, welche Nahrungsmittel die einzelnen Distrikte und Völker zu liefern imstande waren; sie kannten die Wasserplätze und Terrainschwierigkeiten, kurz alles in Frage Kommende, auf das allergenaueste. Bei näherem Nachfragen entdeckt man dann vielleicht zu seiner größten Verwunderung, daß diese Leute schon vor langen Jahren mit arabischen Händlern oder auch auf andere Weise jene Reise zurückgelegt haben. Ein Wandern aufs Geratewohl hinaus ins Land ist nur in wasserreichen Gegenden und während der Masika, der großen Regenzeit, möglich. Zu jeder anderen Zeit, insbesondere in der Zeit der großen Trockenheit, wäre solches gleichbedeutend mit sicherem Untergang der Karawane binnen kürzester Frist. Schon wenn ein einziges Mal die erhoffte Wasserstelle ausgetrocknet oder nicht genügend ergiebig ist, kann man in allergrößte Bedrängnis geraten; in kürzester Zeit kann ein Teil der Karawanenleute oder auch die ganze Expedition dem Durste erliegen. Es ist daher notwendig, sich stets mit eingeborenen Führern zu versehen oder aber auf alle Fälle genaueste Erkundigungen über die Wasserverhältnisse einzuziehen. Dabei ist sorgfältig zu beachten, daß bei großer Hitze Wasserpfützen mit ganz erstaunlicher Schnelligkeit durch die Gluthitze der Sonne ausgetrocknet werden. Bei Reisen, ähnlich den meinigen, wird man jedoch trotz aller Vorsicht, heute oder morgen, durch Wassermangel in schwierige Lagen kommen. Doch auch ein »Zuviel« an Wasser kann verderblich werden! Im schwanken Faltboote den Fluß übersetzend, verloren ich und zwei Schwarze im Dornengewirre der über das Flußufer hängenden Baumzweige durch Verlust eines Ruders die Herrschaft über unser Fahrzeug, und im nächsten Augenblicke flogen wir pfeilschnell in der Mitte des Flusses eine Stromschnelle hinab. Unterhalb derselben befand sich eine tiefe ruhige Strecke Wassers, in der eine Unzahl großer Krokodile auf Beute lauerten. Unglücklicherweise kippte unser Boot, auf einen Felsen auffahrend, in der Mitte der Stromschnelle plötzlich um und nur dem Umstande verdanken wir unsere Rettung, daß sowohl meine Leute als ich wohlvertraut mit dem Wasser, – dann aber auch von sehr erheblicher Körpergröße waren. Dies ermöglichte uns, auf den Felsen im Wasser stehend, das umgeschlagene Boot festzuhalten, ohne jedoch imstande zu sein, uns fortzubewegen, da rechts und links tiefes reißendes Wasser uns daran hinderte. Alles dieses geschah unmittelbar unserem Lager gegenüber. Blitzschnell waren die Soldaten und Träger alarmiert, und erstere eröffneten mit meinem Präparator ein Feuer aus ihren Mausergewehren auf den Wasserspiegel, um die Krokodile von einem Angriff abzuhalten. Während so die Kugeln um unsere Köpfe sausten, stürzte sich Prinz Löwenstein, ohne einen Augenblick zu zögern, in den Fluß, um uns Rettung zu bringen. Diese Handlung verdient die höchste Anerkennung, wenngleich der Prinz allein nicht fähig gewesen wäre, uns zu retten. Dies erforderte vielmehr das Zusammenwirken einer großen Anzahl unserer Leute, welche mit Stricken verbunden, sich uns näherten und uns unter dem andauernden Feuer unserer Askari ans Land beförderten. Immerhin haben wir unsere Rettung aus dieser schwierigen Lage hauptsächlich der Initiative des Prinzen zu verdanken. In solchen Augenblicken lernt man seine Reisegefährten besser kennen und schätzen, als vielleicht durch langen Verkehr inmitten der Zivilisation. Zu den nicht erfreulichen Erinnerungen meiner afrikanischen Reisen gehören die Gewitternächte in den hochgelegenen Bergländern, in denen Sturmwind, Wasserfluten und Kälte, vereint mit den in unbeschreiblich großartiger Heftigkeit auftretenden elektrischen Erscheinungen in kürzester Zeit Unheil und Schrecken in die Karawane tragen. Der schlimmste Feind der Träger ist nasse Kälte. Wenn sich oft urplötzlich bei Eintreten der Dunkelheit Regenwolken dräuend zusammenballen, das Firmament von Blitzen durchzuckt wird und Wirbelstürme sich erheben, dann aber prasselnde Regenfluten schon in wenigen Minuten das Lager unter Wasser setzen, – wenn im Nu die jüngeren Tiere der mitgeführten Herden, wie auch etwa mitgenommene Hühner ertrunken sind, die Menschen aber fröstelnd und halb erstarrt, von ihrem dürftigen Zeltchen kaum gegen den Regen geschützt, sich am Boden hinkauern; – wenn die Wut der Elemente einen Höhepunkt erreicht, der von unbeschreiblicher Großartigkeit ist, – so wirkt alles dies, wenn auch öfters erlebt, immer wieder aufs furchtbarste und großartigste auf den Menschen ein. Ich erinnere mich solch einer tropischen Gewitternacht im britischen Ostafrika in den Ländern der Wasserscheide zwischen dem Viktoria-Nyanza und den zum Indischen Ozean abwässernden Gebieten, also in einer recht beträchtlichen Höhe über dem Meere. In kurzen Minuten durchlebte ich damals so viel schaurig Gewaltiges, daß ich wohl nicht fähig bin, auch nur einen Teil davon mit Worten wiederzugeben. Damals vereinigte sich mit der Wut der entfesselten Elemente auch noch die Spannung, welche eine prekäre von Feinden bedrohte Situation im Reisenden hervorruft. Aufständische Gebirgsbewohner bedrohten die Karawanenstraße, die seit jenen Tagen durch einen Schienenweg ersetzt worden ist. Die englische Regierung hatte damals wie heute nur die Sicherung dieses Karawanenweges im Auge und kümmerte sich gerechtfertigterweise mit Absicht wenig um das, was rechts und links im Lande geschah; wären doch zur Aufrechterhaltung einer Ordnung im europäischen Sinne ungezählte Soldaten und Beamte notwendig gewesen! Der kommandierende Offizier des Forts von Nandi konnte mir daher nur acht Sudan-Askari als Begleitwache für die gefährdete Strecke zur Verfügung stellen. Steten Angriffs gewärtig, lagerte ich mit nur wenigen Leuten. So erlebte ich es, während des Gewittersturmes binnen wenigen Minuten das Lager unter Wasser gesetzt zu sehen, die Kälber meiner mitgeführten Kühe aber und eine große Anzahl von Gegenständen in den Wasserfluten zu verlieren. Meine halberstarrten Leute suchten zwar, so gut sie es vermochten, Schutz im Lager; aber jene Nacht legte den Grund zu Krankheiten verschiedener Art, die bald darauf ihre Opfer heischten. Mit einer unbeschreiblichen Heftigkeit wüteten Wasserfluten im Verein mit Wirbelwinden. Im Nu war mein Zelt umgelegt, ich selbst unter der nassen Leinwand begraben, und fast alle meine mitgeführten zoologischen Objekte waren teils fortgeschwemmt, teils vollkommen verdorben. Die Heftigkeit der elektrischen Erscheinungen war unbeschreiblich; Blitz auf Blitz, gefolgt von furchtbaren Donnerschlägen, wechselten in unheimlicher Schnelligkeit miteinander ab, so daß die ganze Atmosphäre mit Elektrizität geladen schien. Der Verlust meiner Kälber bedeutete für mich nichts Geringes. Erst kürzlich vom schweren Siechenlager und Fieber erstanden, war es mir mit größter Diplomatie gelungen, von einem Häuptlinge in Mumia am Viktoria-Nyanza, unter Aufopferung meiner irgendwie entbehrlichen persönlichen Habseligkeiten, einige Kühe gegen alte Anzüge einzutauschen; nur so war der Häuptling zur Hergabe einigen Viehs zu bewegen gewesen. Der Verlust meiner Kälber nun bedeutete gleichzeitig das Versiegen der Milch meiner Kühe, denn die Zeburinder, welche sich allmählich dem seuchenreichen ostafrikanischen Klima einigermaßen angepaßt haben, – Afrika nennt keine Rinder, nur Büffel ursprünglich sein eigen, und das vermeintlich »afrikanische« Rindvieh stammt aus Indien – geben in den meisten Fällen nur dann Milch, wenn man die Mutter erst melkt, nachdem das Kalb eine Zeitlang getrunken hat. Müssen dann nach solchen eisig kalten Regennächten auch während des Tages Gegenden durchzogen werden, deren hoher Graswuchs von Tau und Regen durchtränkt ist und bleibt; vermögen die belebenden Sonnenstrahlen die Regenwolken nicht zu durchdringen, und folgt solches vielleicht mehrere Tage hintereinander, so schimmeln dem Reisenden mit überraschender Schnelligkeit alle Bedarfsartikel und verderben pilzdurchwuchert. So hat man das Gefühl, in einem unendlichen Grasmeere zu versinken, dessen Halme tropfenbeschwert über den Köpfen der Karawane zusammenschlagen, während alles, Mensch und Traglasten, bis zum kleinsten Gegenstand von Wasser trieft, mit Wasser gesättigt ist ... Wochenlang kommt der Reisende unter solchen Umständen nur mit feuchten Kleidern, feuchten Betten, kurz nur mit feuchtkalten Sachen in Berührung, und jetzt zeigt es sich, ob in unserm Körper Fieberkeime der Entwicklung harren: mit Sicherheit werden sie durch die unerhörten Strapazen solcher Tage und Wochen ausgelöst ... So sehen wir hier ein Land der schärfsten Gegensätze: die ödesten trockensten Durstländer, die zu anderen Jahreszeiten wiederum weiten, kaum passierbaren Sümpfen gleichen! Ich glaube in vieljähriger Führung größerer Privatexpeditionen bewiesen zu haben, daß man imstande ist, als mit bewaffneter Macht reisender Privatmann in Ostafrika auf das ausgezeichnetste mit den Eingeborenen friedlich auszukommen. Schwierigkeiten irgend welcher Art sind mir persönlich auch niemals erwachsen, und Übergriffe meiner Leute pflegte ich so streng zu bestrafen, daß ihnen die Lust verging, sich ein zweites Mal am Eigentum der Eingeborenen zu vergehen. Nichtsdestoweniger bin ich zu nächtlicher Zeit zweimal von Masai überfallen worden, welche die Absicht hegten, mein Vieh zu stehlen.– – – Im September 1896 lagerte die große und wohlbewaffnete Expedition, der ich mich damals hatte anschließen können, am Meruberge, einige Tage vom Kilimandscharo entfernt inmitten von Bananenhainen, mangels jedes anderen Platzes, an einer fraglos strategisch ungünstigen Stelle. In Abwesenheit des Expeditionsleiters befand ich mich allein im Lager mit meinem geschätzten Freunde Alfred Kaiser Später Leiter der Agençe commerciale de la Suisse in Alexandrien. – einem Manne, der ein vieljähriges Leben unter den Beduinen Arabiens und auf dem Sinai hinter sich hat, – als gegen Abend eine Deputation von Greisen, geführt von dem damaligen Agenten der Station Moschi, einem Neger namens »Schundi«, ins Lager kam und um eine Unterredung bat. Selbstredend wurde dieses »Schauri« gewährt, und in malerischer Gruppierung hockten die Leute im Zelte Kaisers nieder, der in arabischer Sprache – wir waren damals des Suaheli noch nicht mächtig – durch einen Dolmetscher die Beratung leitete. Kaiser und ich erinnern uns jeder Kleinigkeit der Vorgänge jenes Abends. Als die Eingeborenen den Vorschlag machten, eine große Anzahl ihrer jungen Speerkrieger in unser Lager zu senden, um dasselbe in Gemeinschaft mit den Bewaffneten der Karawane gegen einen eventuellen Angriff der Loitamasai zu verteidigen, lehnten wir das Ansinnen auf das bestimmteste ab. Die Begründung, daß nämlich die Masai sie selbst zu überfallen beabsichtigten, erschien uns allzu durchsichtig und verdächtig. Wir vermuteten beide ein Doppelspiel des politischen Agenten, der uns schon seit geraumer Zeit nicht sehr sympathisch war, und über dessen zweifelhaftes Verhalten in jener Nacht uns auch später volle Gewißheit wurde. Mein Freund Kaiser wurde bei seiner sofortigen Entschließung über das Ansinnen der Eingeborenen vor allem unterstützt durch seine vielfältigen und mannigfachen Erfahrungen unter fremden Völkern, und in mir war ein plötzlicher, durch verschiedene Beobachtungen wachgerufener Argwohn aufgestiegen. So verfloß die Nacht ereignislos, wohl hauptsächlich deshalb, weil Herr Kaiser und ich den Posten befohlen hatten, auf jeden sich zeigenden Eingeborenen unbedingt Feuer zu geben, und weil dieser Befehl von uns den abgesandten Greisen nachdrücklich eröffnet worden war. – Viel später, nach Monaten, wurde es uns beiden klar, daß in jener Nacht unser Leben wohl nur an einem Faden gehangen hatte. ... Kurze Zeit nach dem damaligen Ereignisse erschien nämlich der Kommandant des Forts von Moschi am Kilimandscharo in Begleitung zahlreicher Regierungsaskari am Meruberge, um zur Niederlassung zweier Missionare der Leipziger Missionsgesellschaft, der Herren Ovis und Seegebrock, ein Grundstück auszuwählen. Gegen Abend warnten ein Häuptling und eine alte Frau die Europäer, es sei Gefahr im Verzuge. Ihre Warnung stieß auf Unglauben – indes nicht bei den Sudaanaskari, die ohne besondere Befehle, die geladenen Waffen unterm Arm, schlaflos die Nacht verbrachten. In den ersten Morgenstunden vernehmen diese kriegsgewohnten und mit kriegerischen Instinkten begabten Männer ein Rascheln in den umgebenden Bananenhainen. Es wird ihnen klar, daß etwas im Gange ist. Ohne Überlegen eröffnen sie ein Feuer. Da klirrt es von Waffen und rauscht von anstürmenden Kriegern in der Dunkelheit – in so dichten Massen hatten sich die feindlichen Krieger bereits an das Lager herangeschlichen, daß die aufgehende Sonne am nächsten Morgen über dreißig tote eingeborene Krieger in nächster Entfernung vom Lager beleuchtete. ... Ein oder zwei Schüsse waren gleichzeitig in dem nur wenige Minuten entfernten Lager der Missionare vernommen worden ... ... Ein mutiger Schwarzer erbietet sich nach Abweisung des Angriffes, über einen Bach, der beide Lager trennte, ins Missionslager zu kriechen, um zu sehen, was sich ereignet habe. Der Mann verschwindet in der Dunkelheit und nach einiger Zeit kommt er zurück. Alles dort drüben im Lager Befindliche war tot, beide Missionare von unzähligen Speerstichen durchbohrt, ihre Habseligkeiten bis aufs kleinste zertrümmert. ... Es folgte nun ein großer Strafzug, und lange herrschte dann wiederum scheinbarer Frieden. – – –   Etwa drei Jahre später zog ich wiederum zum Kilimandscharo und fand dort alles scheinbar im tiefsten Frieden. Auch den Missionaren war von neuen feindseligen Absichten der Bergbewohner nicht das geringste bekannt geworden. Kurze Zeit nach meinem Abmarsche aus Moschi erlebte ich nächtlichen Alarm. Ich hatte den Abend als Gast der katholischen Mission verbracht und war, wie gewöhnlich, mit größter Liebenswürdigkeit bewirtet worden. Ins Lager zurückgekehrt, war ich kaum entschlummert, als ich unsanft geweckt wurde ... ... Eine große Anzahl Eingeborener waren plötzlich und schattengleich in mein Lager eingedrungen, aber bei dem sofort gegebenen Alarmsignal hatten sie sich ebenso schnell in die Dunkelheit geflüchtet. ... Blitzschnell, ehe es sich beschreiben läßt, hatten mein Präparator und ich ein Karree mit unsern Askari gebildet. Scharfe Kommandorufe gellten durch die helle Mondnacht – – – Monate vergingen wieder ohne Zwischenfall. Als ich jedoch am Schlusse meiner damaligen Reise im Jahre 1899, von den Ndjirisümpfen kommend wiederum zum Fort Moschi zog, ahnte ich nicht, daß ich mitten aus tiefstem Frieden plötzlich in die kriegerischsten Ereignisse eintreten sollte. – In der Nacht vor meinem Einzuge hatten die Eingeborenen nämlich versucht, nächtlicherweile das Fort zu überrumpeln. Die von der Besatzung in dieser Nacht abgegebenen etwa 500 Schuß belehrten mich über den Ernst der Situation. ... Wir verbrachten nun, die Büchse unter dem Arm, einige höchst spannungsvolle Tage und namentlich Nächte, in denen auch meine gesamten bewaffneten Privat-Askari und Mannschaften auf dem Hofe des Forts konsigniert und zur Verfügung des stellvertretenden Kommandanten Oberleutnant Merker gestellt wurden. Dieser hatte in Abwesenheit des Befehlshabers mit größter Umsicht alles Notwendige veranlaßt, um fernere nächtliche Überfälle abweisen zu können. In der Weihnachtsnacht gegen neun Uhr abends flüchtete denn auch von neuem die ganze Bewohnerschaft der Ansiedlung mit Weibern und Kindern in die schützenden Mauern des Forts. Es kam jedoch nicht mehr zu einem nächtlichen Angriff, da die Eingeborenen nunmehr ihre Pläne verraten wußten. Die nachfolgende Strafexpedition, die Überziehung der Bergbewohner mit Krieg, die Hinrichtung von neunzehn Häuptlingen an einem Tage zum warnenden Exempel werden den Ernst der Situation vollkommen darlegen ... Zu meinem großen Bedauern wurde mir seitens des Kommandanten eine Teilnahme an dem Feldzuge nicht ermöglicht, obwohl ich mich zur Verwendung in irgend einer Qualität, sei es auch als Krankenpfleger, gemeldet hatte. Nie wird diese Weihnachtsnacht meinem Gedächtnis entschwinden. Nun wurde mir auch klar, was die nächtliche Szene zu bedeuten gehabt, welche ich in Kidoscho zur Nachtzeit bei meinem Ausmarsche erlebt hatte ... Offenbar hatten die Eingeborenen damals schon verräterische Absichten, die nur durch die Wachsamkeit meiner Leute vereitelt worden waren. Während des sich damals abspielenden Strafzuges der Schutztruppe, die von der Küste aus wesentlich verstärkt worden war, ereigneten sich übrigens einige bemerkenswerte Fälle heldenmütigen Benehmens einzelner Aufständischer. Ein Krieger des Meruberges antwortete lakonisch auf die Vorhaltung, ob er sich denn nicht fürchte, umsonst gegen die übermächtigen europäischen Waffen zu kämpfen: »Ich kenne keine Europäer, ich kenne nur mich, meinen Speer, meine Weiber und meine Viehherden.« Einer der hinzurichtenden Häuptlinge aber, Meli, ließ sich nicht erst von den Askari vom Brette am Galgen herabstoßen, sondern sprang, die Schlinge um den Hals, selbst in den Tod mit einem dem Kommandanten zugerufenen »Kwaheri Bwana!« (»Lebewohl!«) ... Wiederum vier Jahre später, im Herbste des Jahres 1903, befand ich mich jenseits des Kilimandscharo weit draußen in der Steppe mit meiner gegen 120 Mann zählenden, mit gegen dreißig Hinterladern bewaffneten Karawane. Es war mir nicht unbekannt, daß Masai-Moran vor etwa Jahresfrist unfern meiner Lagerstelle eine aus drei griechischen Händlern und einer Anzahl Schwarzer bestehende Karawane nächtlicherweile niedergemetzelt und die Viehherden dieser Karawane geraubt hatten. Nur einer dieser Griechen, ein alter Mann, hatte die Geistesgegenwart, sich tot zu stellen, als er einen Speerstich durch den Oberschenkel bekam. Im Nu hatten die Masai geschickt das Vieh in der dunklen Nacht weggetrieben. Nach einiger Zeit kroch der Verwundete, als er nichts mehr vernahm, an eines der Lagerfeuer, wärmte sich notdürftig in der kalten Nacht und wurde dann am nächsten Morgen von einigen ebenfalls dem Tode entronnenen schwarzen Begleitern zum Fort am Meruberge getragen. Jedenfalls war hier in der Steppe, dicht an der englischen Grenze, die den feindlichen Masai Gelegenheit gab, sich über dieselbe in Sicherheit zu bringen, Vorsicht geboten. Es war vielleicht allzu vertrauensselig von mir, daß ich wochenlang einer immer mehr anwachsenden Menge von Masaikriegern in meinem Lager Obdach gewährt hatte. Die Anwesenheit der Leute war mir aber zum Studium dieses seltsamen Volkes sehr erwünscht gewesen. Erst als ihre Anzahl allzusehr anschwoll, eröffnete ich ihnen, daß ich über zehn Mann fernerhin in meiner Nähe nicht mehr dulden würde. Daraufhin waren sie plötzlich in alle Winde zerstoben und nur einige ältere Leute hatten sich mir auch fernerhin angeschlossen. Einige recht schwierige und weite Märsche standen mir nun bevor. Es galt »Telekésamärsche« zu machen, um wasserlose Strecken zu überwinden. Am 20. August war ich gegen 1 Uhr mittags aufgebrochen und hatte nach anstrengendem Marsche bei Eintritt der Abenddämmerung inmitten einer dürftig mit Terminalien und Akazien bestandenen hügeligen Steppe das Lager aufgeschlagen. Die Lasten waren zusammengelegt und mein Vieh, einige neunzig Stück, in einen schnell hergestellten Dornenverhau – »Boma« genannt – eingeschlossen worden. Ringsumher lagerten die sehr ermüdeten Träger, trotz ihres Durstes bald in tiefen Schlaf fallend. Das Zelt meines Präparators und mein eigenes waren ohne Sonnensegel in der Eile notdürftig aufgestellt worden. Wie gewöhnlich schliefen meine Bewaffneten zusammen an einem der Lagerfeuer, und ein Posten patrouillierte rings ums Lager. Auch uns Europäer hatte bald tiefer Schlummer umfangen, als mitten in der Nacht ein plötzlicher Angriff der Masai, die uns in die Einöde verfolgt hatten, erfolgte. Die Angreifer – einige hatten bereits das Lager erreicht – wurden indes zurückgeschlagen, und blitzschnell folgte Salve auf Salve in die Dunkelheit hinaus, während die feindlichen Krieger waffenklirrend die Flucht ergriffen. Alle meine unbewaffneten Leute hatten sich, wie dies häufig von mir eingeübt worden war, auf den Boden geworfen, wir Europäer jedoch mit den Bewaffneten ein Karree gebildet. Alles das war das Werk weniger Augenblicke gewesen ... Nun folgten spannungsvolle Stunden in völliger Dunkelheit, nur unterbrochen von hier und dort hin gerichteten Schüssen in der Richtung, wo irgend ein Geräusch den Feind vermuten ließ. Aufs äußerste spannten wir unsere Sinne an, und seltsam kontrastierte die tiefe Stille der sich auf den Boden duckenden Leute mit dem Brüllen des geängstigten Viehes und dem Knattern der Salven. Längst waren die Lagerfeuer, die mangels Brennholzes schon beim Überfalle sehr niedergebrannt waren, völlig ausgelöscht worden. Da vernahmen wir alle deutlich nochmals, nicht weit vom Lager, ein Klirren wie vom Anstoßen von Speeren gegen Steine. Sofort erfolgten einige Schüsse in der Richtung des vernommenen Geräusches. Unter solchen Unterbrechungen verging die Nacht. – Am nächsten Tage wurden sehr weit von der marschierenden Karawane zahlreiche Masai wahrgenommen, die nach uns ausspähten, aber auf einige Schüsse sofort die Flucht ergriffen. Es ist bezeichnend für die Schlauheit der Masai-Moran, daß sie gerade jene Nacht zum Überfalle benutzten, in der weder ich noch meine Leute einen solchen erwartet hätten, da in jenem Teile der Steppe wegen ihrer Wasserlosigkeit kein menschliches Wesen vermutet werden konnte. Jedenfalls waren wir mit knappester Not dem Schicksale der vor Jahresfrist niedergemetzelten Karawane entgangen . Wir hatten um so mehr von Glück zu sagen, als die Nacht absolut dunkel und schwarz war und somit die speerbewaffneten Moran im Nahkampf unseren wenigen Schußwaffen gegenüber sehr im Vorteile gewesen wären. In einigen mir bekannten Fällen hatten die Masai stets versucht, geräuschlos den Viehbestand fortzutreiben, worin sie eine erstaunliche Meisterschaft besitzen. Erst als sie Widerstand fanden, hatten sie, alles Lebende blitzschnell niederstoßend, von ihren Speeren Gebrauch gemacht. Nur mein ganz außerordentlich schnell gelungener Alarm dürfte uns gerettet haben, und mein System, mit mehreren stets völlig schußfertigen Repetierbüchsen und Mauserpistolen umgeben zu schlafen, meine Leute aber neben der geladenen Büchse schlafen zu lassen, halte ich für gut. Ich muß gestehen, daß solche Überfälle in schwärzester Dunkelheit nicht gerade zu den ausgesuchten Vergnügungen afrikanischer Reisen zu zählen sind, zumal da beim Gebrauche von Schußwaffen unter solchen Umständen gegenseitige Tötung und Verwundung der eigenen Leute kaum zu vermeiden sind. In ähnlicher Weise verliefen wohl die meisten Überfalle der Masai, – fast ausnahmslos zur Nachtzeit. Ich habe jedoch niemals erlebt, was einige Reisende in früheren Jahren, als die Rinderpest noch nicht gewütet hatte, erlebt haben, andere erlebt haben wollen: Den mutig in offener Schlacht mit Speer und Schild europäischen Feuerwaffen gegenüber stehenden Masaikrieger! Selbstverständlich war ich von nun an höchst vorsichtig geworden, und eine größere Anzahl eiligst vom Fort erbetener und gelieferter Mauserbüchsen mit Munition gewährleisteten meiner Karawane denn auch für die Folge eine größere Sicherheit. Mit welcher Gewandtheit das Masaivolk selbst mit den größten Viehherden fertig zu werden versteht, wie geschickt und schnell die Masaihirten Vieh zu treiben verstehen, davon lieferte mir einen drastischen Beweis ein Vorkommnis, das mir heute noch unerklärlich ist. Um die Mittagsstunde kehrte ich einst in Begleitung einer ganzen Anzahl von Leuten zu meinem Lager zurück, als wir plötzlich – es war auf dem rechten Ufer des Panganiflusses – eine größere Viehherde und eine ganze Anzahl von Masai bemerkten. Sehr wahrscheinlich hatten wir Masaikrieger vor uns, denen ein Viehraub in der benachbarten Landschaft Useguha gelungen war, und die nun zu ihren Wohnsitzen an den Sogonoibergen zurückkehrten. Die Entfernung zwischen uns und den Masai betrug etwa anderthalb Kilometer. Sofort eilte ich mit meinen Leuten so schnell es möglich war auf die Krieger zu. Wir mußten eine Talsenkung durchschreiten, die uns einige Minuten die Aussicht versperrte. Als wir an Ort und Stelle angelangt waren, waren jedoch Masai und Vieh wie vom Erdboden verschlungen, und obwohl wir sofort nach allen Richtungen im allerdings ziemlich dichten Buschwerk des Flußufers ausschwärmten, gelang es uns nicht, die Gesuchten abermals zu Gesicht zu bekommen. Erst spät am Nachmittage fanden wir, daß die Flüchtlinge in einer nicht von uns vermuteten Richtung das sämtliche Vieh – vereinzelt – flußaufwärts getrieben hatten. Die Verfolgung war schon deshalb aussichtslos, weil der steinige Boden, der die Flüchtlinge aufgenommen hatte, keine Spuren ihres Weges aufwies. Angesichts so mancher bedauerlicher Streitigkeiten und Kämpfe von Reisenden mit den eingeborenen Stämmen kann ich nicht umhin, meine Ansicht dahin auszusprechen, daß viele dieser Verwicklungen sich wohl bei einigermaßen gutem Willen der Europäer hätten vermeiden lassen. Freilich wird hierdurch das Reisen in diesen unerforschten Ländern bei weitem teurer . In der »guten alten Zeit« war es freilich leicht, »billig« zu reisen, ausgerüstet mit zahlreichen Patronen, ohne jede weiteren Vorräte! Merkwürdigerweise fingen unter solchen Umständen die Eingeborenen stets Streitigkeiten an, – ein verräterischer Pfeil flog den Ankömmlingen entgegen, – Salven wurden abgegeben; die Bewohner der Ortschaften ergriffen die Flucht – und alle ihre Vorräte waren nun den »Siegern« bedingungslos preisgegeben. Ist aber der Reisende auf friedlichen Tauschverkehr angewiesen, so muß er begreiflicherweise eine große Menge von Tauschwaren mit sich führen, um die Verpflegung seiner Leute zu bewerkstelligen, und in Zeiten der Dürre und Teuerung verlangen die Eingeborenen gerechtfertigterweise für ihre Feldfrüchte weit mehr als in normalen Zeiten, da sie ja selbst bis zur nächsten Ernte ausschließlich auf die Erzeugnisse ihrer Scholle angewiesen sind. So wurde das Hungerjahr 1899/1900 für mich ein außerordentlich teures, da ich, wie schon mehrfach erwähnt, meine Karawane hauptsächlich mit Vegetabilien ernährte und nur nebenbei den Leuten in Gestalt von Wildfleisch eine Zugabe zu ihrem täglichen »Poscho« (tägliche Verpflegung) bewilligte. Mit ostafrikanischen Trägern zu reisen, mit den Eingeborenen dort auf friedlichem Wege auszukommen, ist, vorläufig noch, wahrhaftig kein schwieriges Unterfangen, und wenn ich auf irgend etwas mit Befriedigung zurückblicke, so ist es der Umstand, daß ich niemals persönlich das Blut eines Schwarzen habe wissentlich vergießen müssen. – 32. Wildschutz und Schutz der Naturdenkmäler in Afrika und in der Heimat. Das innige, schöne Verhältnis, das der deutsche Jäger zur Natur seines Vaterlandes einnimmt, wird hoffentlich noch lange, lange Zeit von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, imstande sein, den alten herrlichen Zauber des Waldes und des Wildes zu erhalten und zu bewahren. Der Begriff deutscher Jagdgerechtigkeit hat sich in einem so edlen und vollkommenen Sinne entwickelt, wie der Begriff fairen Sportes in England. Beide Begriffe können nur aus einem schiefen Gesichtswinkel mißbilligend beurteilt werden. Englische Auffassung des Sports erobert sich die Welt – deutsche Auffassung der Jagd sollte sie erobern! Aus einer guten deutschen hirschgerechten Weidmannsschule hervorgegangen, schätze ich mich glücklich, eine so wundervolle Tierwelt wie die afrikanische kennen gelernt zu haben. Dem Einflusse dieser Schule darf ich es wohl zweifellos zuschreiben, daß meine Auffassung des Erlebten und Geschauten eine so verständnisvolle und dankbare Aufnahme im In- wie im Auslande finden konnte. Es ist etwas wunderbares um die deutsche Jagd! Ursprünglich liegt der Jagdtrieb wohl in jedem Menschen. Man muß nur ein einziges Mal die Aufregung erlebt haben, die innerhalb einer Versammlung von Tausenden von Menschen Platz greift, wenn sich plötzlich ein Hase oder ein ähnliches Wild zeigt. Fast ohne Ausnahme bemüht sich in solchen Augenblicken ein jeder, diesem Wilde nachzustellen, ohne Überlegung, und selbst in dem Bewußtsein, daß ihm die Beute auf keinen Fall gehören wird. Hier spricht eben ein starker, tief im Menschen wurzelnder Trieb. Aber wie schön und herrlich hat sich das, was wir unter Weidgerechtigkeit verstehen, aus diesem ursprünglichen Triebe in unserem Vaterland entwickelt! Schon in uralten Zeiten muß sich eine gewisse Organisation des Jagdbetriebes herangebildet haben. Erzählen uns doch Forscher von Ruf aus dem Leben der nomadischen Jäger verschiedener Länder, daß die einzelnen Stämme und Familienverbände nur ganz bestimmte abgegrenzte Gebiete bejagen und diese Grenzen bei Leibe nicht überschreiten dürfen. Ähnliches ist mir von den Wandorobbo und anderen jagenden Steppennomaden Afrikas aus eigener Anschauung bekannt. So wird es sich wohl allenthalben verhalten haben, von den Zeiten her, in denen primitive Menschen, Höhlenbewohner, die mächtige Tierwelt der Vorzeit zu bekämpfen begannen, bis in unsere Zeit, wo der Jagdbetrieb immer mehr organisiert wurde, bis er endlich ausschließlich den Grundeigentümern anheimfiel. Aus diesen Rechten entstand das Streben nach Schutz sowohl dem fremden eindringenden Jäger gegenüber, als auch in bezug auf das Wild. Die fortschreitende Erkenntnis lehrte den Jäger, daß er nicht über ein gewisses Maß von Wild erlegen dürfe, ohne es auf seinem Gebiete vollkommen auszurottend Die Hudsons Bay Company brachte im Jahre 1891 nach 1358, im Jahre 1901 nur noch 271 Stück Moschusochsenfelle ( Ovibos moschatus ) in den Handel. Kanadische Biber verkaufte eben diese Gesellschaft im Jahre 1878 noch 102 715, im Jahre 1892 nur nach 44 200! Ein ausgezeichnetes Beispiel übertriebener Ausnutzung der Jagdgründe! . Aus alledem bildete sich dann wieder unser heutigentags so kompliziertes Jagdrecht und der Wunsch nach möglichst rationeller Ausbeutung der Jagdgründe. Dies Problem ist in Deutschland in ausgezeichneter Weise gelöst worden. Die deutsche Jagd ist von wichtigem Einfluß auf die Volkswohlfahrt. Zahlreiche Männer erstarken leiblich und seelisch durch die Ausübung der Jagd, und bedeutende Summen fließen dem Volksvermögen durch sie zu. In Deutschland leben nach mäßiger Schätzung über eine halbe Million Jäger ; es werden gegen 40 000 Stück Rot- und Damwild Diese vor etwa zehn Jahren niedergeschriebenen Sätze hat der Verfasser mit Absicht nicht geändert. , gegen 200 000 Rehe, vier Millionen Hasen, vier Millionen Feldhühner, 400 000 Enten alljährlich erlegt, alles in allem gegen 25 Millionen Kilogramm Wildpret, das einen Wert von 25 Millionen Mark hat und beinahe ein v. H. der gesamten deutschen Fleischnahrung darstellt. Die Jagdpachten bringen gegen vierzig Millionen jährlich ein Diese Angaben entnahm ich, neben anderen Quellen, dem interessanten Artikel von C. Brock in der Zeitung »Die Jagd«. – Der Verfasser berechnet die jagdlich genutzte Fläche im Deutschen Reiche auf 54 Millionen Hektar, die Zahl der auf jagdbares Wild im Jahre abgegebenen Schüsse auf 16 Millionen und die Zahl der auf nicht jagdbare Tiere abgegebenen auf 6 Millionen! Er nennt mit Recht den gesamten Jagdbetrieb einen »Verlustbetrieb« für den einzelnen, aber einen Gewinnbetrieb für die Gesamtheit. . Solche Werte liegen heutigentags im deutschen Jagdbetriebe. Aber diese Jäger, die eine so große Menge von Wild alljährlich erlegen, müssen gleichzeitig auch Beschützer und Heger dieses tierischen Lebens sein. So überraschend es klingt: viele Arten von Wild wären ohne Jäger längst ausgerottet! Aus zwingenden Gründen muß der Verfolger gleichzeitig die Rolle des Beschützers übernehmen. Dieser Gedanke sollte aber viel weiter greifen, als es noch der Fall ist . Keine Nation hat, wie gesagt, die Jagd und den jägerischen Sinn so praktisch schön und poetisch auszugestalten gewußt, als gerade die deutsche. Aber nicht zu leugnen ist, daß diese so vollkommene Einrichtung, eben wegen ihrer Vollkommenheit, in gewissem Sinne einseitig geworden ist, einseitig, weil die Jägerei ihren Schutz und ihre Hege nur auf gewisse Tierarten beschränkt, einseitig aber auch, weil sie ihre Aufgabe in gewissem Sinne allzu zünftig auffaßt. Darin liegt ja eine große Stärke, aber auch eine gewisse Gefahr, jetzt, wo im Laufe der hastenden Zivilisation auf allen Gebieten des Lebens Veränderungen so sehr viel schneller eintreten als in früheren Zeiten. Ich muß offen gestehen, daß ich mich mit den heute bei uns geltenden Ansichten über gewisse »schädliche« und »nützliche« Tiere nicht ganz befreunden und sie vielfach nicht teilen kann. Der Mensch greift meines Erachtens überall auf der Erde viel zu radikal in ursprüngliche, harmonische und gesetzmäßig gewordene Verhältnisse des Werdens und Vergehens ein. Er glaubt sich berechtigt, ihm im Augenblicke schädlich vorkommende Tierarten auf die Proskriptionsliste zu setzen, und verödet so die Natur in einer Weise, die heute schon vielfach den Unwillen kundiger Naturfreunde erregt! Mußten sich doch bereits auch in Deutschland Bünde zur Erhaltung der Naturdenkmäler bilden. Naturdenkmäler sind ein weiter Begriff, umfassend nicht nur Landschaften, im weitesten Sinne, sondern auch Pflanzen und Tiere. Über die wilde Tierwelt sitzt heute der Weidmann zu Gericht, er diktiert ihr die Gesetze, ist ihr Herr über Leben und Tod. Was er traditionell in festen Normen vorgeschrieben hat, ist den Jüngern Dianas heilig und unantastbar. Kann sich aber, wie gesagt, unser Vaterland rühmen, in seiner »teutschen Jägerey« eine altehrwürdige Institution zu besitzen, wie sie in gleicher Weise heute in anderen Ländern kaum mehr zu finden ist, so sind – ich wage das offen und frei auszusprechen – viele Jäger in allzu rigorosen Verdammungsurteilen zahlreichen reizvollen Erscheinungen unserer deutschen Tierwelt gegenüber befangen! Mit Pulver und Blei, mit Fallen und selbst dem tückischen Gifte glauben sie sich berechtigt, dem »Raubzeug« entgegenzutreten, welches den ihnen zu Jagdzwecken genehmen Wildarten nachstellt. Ausschaltung der Auslese der Schwächeren und darauf unerbittlich sich einstellende Degeneration ist die Folge! Jäger und Fischer verlangen unbedingte Vernichtung aller ihnen schädlich scheinenden Tierarten. Dies Verlangen bringt die Vernichtung vieler formschönen und einen Schmuck der Landschaft bildenden Tierarten mit sich. Folgerichtig müßte der Jäger als Forst- und Landwirt die Vernichtung auch des Wildes verlangen, das doch aus Forst und Feld seine Nahrung zieht. Das verlangen die Jäger natürlich nicht, sondern sie müssen sich, soweit angängig, von höheren Gesichtspunkten leiten lassen. Das geschieht auch schon vielfach. Als Kennzeichen intensiven, nach wissenschaftlichen Grundsätzen geleiteten Jagdbetriebes haben wir beispielsweise neuerdings die wertvolle Idee des Forstmeisters Grafen Bernstorff zu begrüßen, wonach jungen Rehen und jungem Rotwild kleine, die Tiere nicht belästigende Marken, sogenannte »Wildmarken«, an den Lauschern (Ohren) befestigt werden. So kann man ihr Verbleiben, ihre Wanderungen, ihre Entwicklung genau verfolgen ... Wir leben also tatsächlich schon in der Zeit, in der die einzelnen Stücke Wild gewissermaßen eine Nummer tragen. So interessant und wertvoll derartige Maßnahmen sind, sollten wir unsere liebevolle Fürsorge auch auf die nicht jagdbare, unsere Heimat verschönende und belebende Tierwelt ausdehnen! Einige bekannte Großgrundbesitzer gehen hierin mit leuchtendem Beispiel voran, so in Ungarn, wo es Reviere gibt, in denen Wolf und Bär nicht völlig vernichtet werden, und in Deutschland, wo eine relative Schonung des Fuchses, des Uhus u. a. da und dort stattfindet. Die Folge war eine bedeutende Zunahme in der Stärke der Hirschgeweihe und Rehgehörne der betreffenden Reviere. Englische Grundbesitzer geben einem Wanderfalkenpaar, einem Paare Steinadler eine Freistatt, um diese schönen Vögel nicht völlig ausrotten zu lassen ... Nicht nur der Jäger, auch der Fischer maßt sich dasselbe Recht an des zu Gerichtsitzens über Leben und Tod in bezug auf alle »Fischfeinde«, und wenn wir so weiter gehen, müßte der Imker die ihn schädigenden Schwalben vernichten, dürfte der Weinbauer Drosseln, Grasmücken und andere Singvögel töten. Schwerlich gibt es irgend ein Lebewesen, dem sich nicht gewissen menschlichen Erwerbsquellen gegenüber eine Schädigung nachweisen läßt. Aber soll nun der Ausüber jenes Erwerbes gleich berechtigt sein, auf Vernichtung der betreffenden Tiere zu dringen? Unsere deutschen Meere, Seen, Teiche und Flüsse bargen aber beispielsweise in alten Zeiten – in denen ungezählte Fischräuber, vom Otter bis zum Reiher und Eisvogel, ihr Wesen trieben – einen Fischreichtum, der unbeschreiblich groß war im Gegensatz zu den heutigen Verhältnissen. Nichts ist lehrreicher und interessanter als die Tatsache Auf diese Tatsache weist der Verfasser mit vollstem Nachdruck hin. , daß die von Fischfeinden jeder Art, Krokodilen, Wasserschildkröten, Fischottern und einem Heer von fischfressenden Vögeln belebten Sümpfe, Flüsse und Seen Afrikas förmlich von Fischen wimmeln. Oft war es unmöglich, Badewasser zu schöpfen, ohne daß junge Fische sich in den Gefäßen vorfanden, und sehr häufig fand ich in meinem Zelte, photographischen Arbeiten obliegend, Fischbrut in den zum Entwickeln bestimmten Gefäßen! Aber dennoch setzen heutigentags die Fischereivereine Prämien aus auf Fischottern, Reiher, Möwen, Kormorane, Taucher und selbst die lieblichen Eisvögel und Bachamseln. ... So glauben sie die durch Kanalisation, gewerbliche Absperrung der Flußläufe und chemische Abwässer vergifteten Flußläufe wiederum reich mit Fischen bevölkern zu können ... Der Jäger aber vernichtet den Fuchs, den Marder, den Iltis, das Wiesel, die wilde Katze, den Dachs, den Fischotter und im Reiche der Vögel »alles Raubzeug mit Krallen und krummen Schwingen«, wie ein alter Forstmann sich mir gegenüber drastisch ausdrückte. Hand in Hand mit dem Fischer erstrebt er dabei noch die völlige Streichung der Kormorane, Fischadler und vieler anderer Tiere aus der Liste der Lebendigen. Beide, der Jäger sowohl wie der Fischer, vergessen dabei, daß der Ackerbauer denselben Einwurf machen könnte, dasselbe Verlangen hegen dürfte, wie sie es in ihrem Reiche zu tun belieben: schädigen doch fraglos die »Jagdtiere« manchenorts den Ackerbauer erheblich! Man kann über die allgemein herrschenden Anschauungen in bezug auf »Raubwild« mindestens verschiedener Ansicht sein! Schützt man nicht nur einseitig das gejagte Wild, sondern auch die übrigen Säugetiere und Vögel, so wird man damit herrliche Erscheinungen aus dem Reiche der Natur vor dem Aussterben bewahren, und es vermeiden, sie einseitigen Interessen für immer zu opfern. Es müßte doch zu denken geben, daß man in ursprünglichen Ländern – wie ich es vielfach in Afrika beobachten konnte – einen Urreichtum an Tieren aller Art vorfindet, der erstaunlich ist. Diesen Urreichtum jagt der Urmensch mit seinen einfachen Waffen seit grauer Zeit, ohne ihn in seinem Bestande allzusehr zu vermindern. Ein drastisches Beispiel, daß der Eingeborene dem Wildstande nicht schädlich wird, sondern nur der Europäer selbst, oder der in seinem Auftrage mit dem Gewehr jagende Eingeborene, zeigt das Schicksal des nordamerikanischen Büffels, der Wale, Walrosse und Robben in den Eismeeren, endlich das des afrikanischen Elefanten im einzelnen betrachtet, das Schicksal der südafrikanischen Fauna aber als Gesamtbild. – Wir sollten daher in der Ausschaltung unserer sogenannten »schädlichen« Tiere nicht so rigoros vorgehen. Es gibt nur wenige wirklich allgemein »schädliche« Tiere – die meisten Tiere dagegen sind an einem Orte der Welt nützlich – am andern wieder schädlich, und dementsprechend müssen wir Menschen auch unser Verhalten ihnen gegenüber einrichten! Die Gesamtheit der Tierwelt aber sollten wir schützen aus ethischen Gründen nicht nur, als auch aus Geboten der Klugheit! In Südafrika bestehen sogar schon sogenannte »Poisoning clubs«, die sich die Ausrottung schädlicher Tiere durch Gift zur Aufgabe gemacht haben. Durch gesetzliche Vorschrift sollte die Anwendung von Gift – mit Ausnahme vielleicht für wissenschaftliche Zwecke – in unserm Vaterlande vollkommen untersagt werden. Die Strychninbüchse, deren Benutzung nur dem wissenschaftlichen Sammler in Ausnahmefällen erlaubt sein sollte, taucht heutigentags überall auf dem Erdball auf. Aus den fernsten Ländern ist mir von ihrer leider allzu erfolgreichen Anwendung berichtet worden So fand sie mein Freund Professor Haberer in Ostasien zur Vernichtung der dort harmlosen Bären angewandt. . Ist ihr schon längst der letzte Lämmergeier Im Norden Afrikas kann man sich leicht überzeugen, ein wie unschädlicher Aasfresser der »Lämmergeier« ist! der deutschen Alpenwelt zum Opfer gefallen, so räumt sie heute unter dem Bestande der für den Menschen harmlosen Bären Ostasiens und anderer Länder erschreckend auf. In unserem Vaterlande aber hat sich eine vollkommene »Giftindustrie« entwickelt, die etwas höchst Bedenkliches hat. Ebenso möchte ich warm für das gesetzliche Verbot der Anwendung von Pfahleisen eintreten, denen unsere Eulen und Raubvogelarten in grausamster, abscheulichster und empörendster Weise zum Opfer fallen. Fahren wir in dieser Weise fort, so kann der Zeitpunkt nicht mehr fern sein, wo wir mehrere interessante Angehörige unserer heimischen Tierwelt aus der Liste der Lebendigen zu streichen haben. Schon sind der Auerochs, Wisent, Elch, ferner der Steinadler, Uhu, der schwarze Waldstorch, der Kolkrabe in unserm Vaterlande teils vollkommen, teils bis auf geringe Reste ausgerottet! In Nordamerika sind u.a. folgende Tierarten in letzter Zeit teils ausgestorben, teils außerordentlich selten geworden: Kalifornischer Grizzlybär ( Ursus horribilis californicus ), San Joaquin Valley-Elk (Wapiti), ( Cervus nannodes ), Stones Renntier ( Rangifer stonei ), Gabelantilope ( Antilocapra americana ), Pallas' Kormoran ( Phalacrocorax persipillicatus ), Labradorente ( Camptolaimus labradorius ), Elfenbeinspecht ( Campephilus principalis ), Waldente ( Aix sponsa ), mehrere andere Vogelarten und endlich die amerikanische Waldschnepfe. – Letztere fällt hauptsächlich den zahllosen gewerbsmäßigen Jägern zum Opfer, welche sie in den südlichen Winterquartieren zu vielen Hunderten täglich jeder einzelne zu erlegen pflegen. »This list could perhaps be extended« (Diese Liste könnte vielleicht noch erweitert werden), fügt Herr R. Rathbun, der Sekretär der Smithsonian Institution, dessen Freundlichkeit ich diesen Bericht verdanke, lakonisch seinem Schreiben hinzu. Seine Mitteilungen haben mich besonders auch aus dem Grunde interessiert, als sie alte Erinnerungen in mir wachriefen. Mein Vater erhielt in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen Brief aus Nordamerika, in dem ihm mitgeteilt wurde, daß er dort, wo sich das heutige New York ausgebreitet hat, Waldschnepfen zu Hunderten an einem Tage, erlegen könne, daß also dort die amerikanische Waldschnepfe noch so zahlreich sei, wie sie in Deutschland vielleicht im frühsten Mittelalter noch gewesen sein muß. Und heute steht die amerikanische Waldschnepfe bereits auf der Liste der »Aussterbenden«!! – Ich selbst aber pflegte in meiner Jugend einen farbenschönen, damals höchst zahlreich nach Europa gelangenden nordamerikanischen Sittig, der mittlerweile fast ausgerottet, heute nicht mehr zu beschaffen ist! Conurus carolinensis , Karolinasittig heißt diese schöne, ebenfalls auf der Ausrottungsliste Nordamerikas stehende Papageienart. Man beginnt denn auch dort drüben Schutzbestrebungen kraftvollen Ausdruck zu verleihen. In Sanktuarien, wie dem Yellowstonepark, ist das Tierleben, auch das der Raubtiere vollkommen geschützt, sind die Bären so zahm geworden, daß sie den Besucher auf wenige Schritte herankommen lassen ... Graf E. Bernstorff, der Gelegenheit hatte, im Staate Wyoming vor nicht langer Zeit noch einige der dort gehegten Bisons zu jagen, berichtet: »Man wolle es sich zur Lehre dienen lassen, noch bestehende urwüchsige Wildbestände, besonders in Afrika, besser zu schützen, als die amerikanische Tierwelt geschützt wurde. Man muß aber den Amerikanern und ihrem edlen Präsidenten, einem braven Weidmann, lassen, daß jetzt alles Mögliche in dieser Beziehung geschieht.« – Roosevelt, ein zweifelsohne mit einem ganz außergewöhnlichen Seherblick für manche Dinge begabter Mann, trat in der Tat für weitgehenden Schutz aller »Naturdenkmäler«, im besonderen der Tierwelt, mannhaft in die Schranken, und suchte durch Wort und Schrift für diese großen und schönen, allen Menschen Freude, Nutzen und Genugtuung bringenden Ideen zu wirken. In der Schule deutscher Weidgerechtigkeit aufgewachsen, habe ich später meine Ansicht in bezug auf den Begriff von »schädlichen Tieren« und »Raubwild« selbständig vollkommen umwerten müssen: in afrikanischer Wildnis wimmelt es von Raubtieren und wimmelt es von Nutzwild !! In afrikanischen Gewässern wimmelt es von Fischfeinden und wimmelt es von Fischen !! Wir sollten daher nicht so engherzig und schulgemäß verfahren, sollten nicht den letzten Fuchs, den letzten Edelmarder verfolgen wollen. Unser Gefühl empört sich den Südländern gegenüber, die schonungslos unter den Singvögeln aufräumen. Aber handeln wir etwa anders? Das langgestreckte Italien wird alljährlich zweimal von den Fluten der in nordischen Ländern brütenden Singvögel durchwandert. Aus den Millionen dieser Sänger verschafft sich das dichtbevölkerte Land seinen Tribut, – leider neuerdings selbst Elektrizität und raffinierteste moderne Technik anwendend. Aus urgrauen Tagen stammt dieser Brauch, aus Tagen, in denen der Mensch noch nicht gewohnt war, das Für und Wider kritisch abzuwägen, in denen er dem Vorteil des nächsten Tages – so wie heute noch der Neger – alle anderen Erwägungen aufopferte ... Bei uns in Deutschland hat sich die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß wir wenigstens der Welt der Singvögel Schutz angedeihen lassen müssen: das stark entwickelte Gemüt des deutschen Volkes sprach dabei zugunsten der lieblichen Sänger ein gewichtiges Wort! Aber um dem Südländer gegenüber vollberechtigt allmählich unsere ängstlich gehegten Sänger mit einem schützenden Freipaß für ihre ferne Reise ins Winterquartier ausstatten zu dürfen, müßten wir selbst konsequenter sein in unserem eigenen Verhalten der immer seltener werdenden heimischen Tierwelt gegenüber! Niststätten der Reiher und Kormorane werden immer seltener, die Horste des schönen schwarzen Waldstorches im deutschen Vaterland sind fast an den Fingern einer Hand zu zählen, ebenso beinahe die Horste seltener Raubvögel. Die Erlegung einer Wildkatze ist bereits ein Ereignis geworden, ebenso die eines Uhu. Aus der Fülle einschlägiger Literatur der letzten Zeit greife ich ein einziges Werk heraus. In einer sehr lesenswerten Schrift »Der Uhu in Böhmen«, führt der königliche Forstmeister Kurt Loos aus, daß diese interessante und schöne Großeule noch vor wenigen Jahren in etwa fünfzig Brutpaaren in fünfunddreißig Bezirken dieses Landes heimatete; heute leben dort nur noch achtzehn Paare in zehn Bezirken! Der Verfasser fordert den Schutz der noch vorhandenen Uhupaare als »Naturdenkmäler« und tritt mit warmem Herzen für seinen Gedanken ein. Sogar Röntgen-Photographien begleiten die interessante Arbeit, und drängen den Gedanken auf, daß in einer Zeit, in der man mit so vorzüglichen Hilfsmitteln zu arbeiten vermag, um so mehr die gedankenlose Preisgabe von Vermächtnissen ursprünglicher Naturschönheit vermieden werden solle. Zahlreiche andere Beispiele über die rapide Abnahme gewisser Tierarten in unserem Vaterlande ließen sich hier anführen. Bedauerlicherweise haben wir sogar vorläufig nicht einmal das Recht, den Südländern einen uneingeschränkten Vorwurf ihres systematisch betriebenen Vogelmordes halter zu machen; üben wir doch selbst noch immer die Erlegung der Drosseln und die Frühjahrsjagd der Waldschnepfe aus. Da kann kein Zweifel sein: würden wir unsere Waldschnepfe mit der Frühjahrsjagd verschonen, so würde dieser dem deutschen Jäger so sehr ans Herz gewachsene Vogel recht häufig im deutschen Walde brüten. Mit Freude erinnere ich mich der Beobachtungen, die ich in den heimischen Eifelwäldern über ihr Vorkommen als Brutvogel angestellt habe. Auch in den Bergwäldern badischer Reviere habe ich sie als Brutvögel beobachten dürfen, und es ist bedauerlich, daß der sonst so peinlich gewissenhaft weidmännischen Gebräuchen gehorchende deutsche Jäger diesen Vogel mit der Frühjahrsjagd nicht verschont, obwohl er damit einen im heimischen Reviere brütenden Insassen seiner Jagdgefilde dezimiert. Die Waldschnepfe Nordamerikas ist im Aussterben begriffen, weil sie in ihren Brutgebieten mit der Jagd nicht verschont wird und ebensowenig in ihren Winterquartieren dem Jäger entgeht. So gehört sie zu den aussterbenden Vögeln Nordamerikas, während unsere europäische Waldschnepfe vorläufig weder in ihren teils unzugänglichen Brutgebieten des Nordens, noch auch während ihres Winteraufenthalts von planmäßigen Nachstellungen so sehr geschädigt wird. Aber es ist eben sehr schwierig, alt eingewurzelte, nicht mehr zeitgemäße Gebräuche abzustellen! »Che vuole, signore, il piacere della caccia!« antwortete ein Italiener einem Fremden, der ihm Vorhaltungen über die außerordentlich mörderische umfangreiche Taubenjagd mittels Netzen in Oberitalien machte. Dasselbe würden wohl die Mönche Über die Vernichtung unserer heimwärts wandernden Turteltaube ( Turtur turtur L. ) während der Zugzeit in Griechenland siehe: Otmar Reiser , Kustos a. Bosn.-Herzeg. Landesmuseum, »Materialien zu einer Ornis Balcanica«. Auf Syra erlegt ein Schütze bis zu Hundert an einem Tage; auf Paxos werden sie nach Erzherzog Ludwig Salvator massenhaft erlegt; die Oberfläche der Strophadeninseln aber ist völlig zum planmäßigen Massenabschuß der »Trigones« durch Fallbäume und Schießstände umgestaltet. Wenn der Ruf »Trigones!« ertönt, wird überall in Griechenland ein Feuer auf die Ankömmlinge gerichtet. – Wie vor den meisten andern »Naturdenkmälern« aus dem Tierreich, so macht die Schießwut auch in unserm Vaterlande nicht einmal immer Halt vor dem Hausstorch! Tötet er gelegentlich einige junge Hasen, so vernichtet der Jäger, wenn auch gegen das Gesetz verstoßend, den heiligen und von der Volksgunst getragenen Storch rücksichtslos! gewisser Inseln des Mittelmeeres zur Antwort geben, wenn sie, altem Gebrauche folgend, auf ihren Eilanden Jahr für Jahr während der Zugzeit unzählige Mengen von Turteltauben töten, einen ihrer bevorzugten Leckerbissen, die sie eingemacht weithin versenden. So auch wird es schwer halten, vom deutschen Jäger die völlige Abkehr von der so reizvollen Frühjahrsjagd auf die Waldschnepfe zu erlangen. Durch die sehr interessanten Experimente des Duke of Northumberland, der junge Waldschnepfen zeichnen ließ, hat es sich ergeben, daß sie zweifellos in großer Anzahl in England überwintern. Sei es nun, daß Professor Boettger und Wilhelm Schuster recht haben, wenn sie aus ähnlichen Beobachtungen anderer Vogelarten auf eine wiederkehrende Tertiärzeit schließen, sei es, daß die beobachteten Vogelarten auch früher nicht selten bei uns zu überwintern pflegten, jedenfalls wäre ein erweiterter Schutz der Waldschnepfe außerordentlich angebracht. Auch die betriebsame Ausbeute der Möwenkolonien, In dieser Beziehung sind seit dem Jahre 1914 und besonders seit 1918 die allertraurigsten Verhältnisse eingetreten. die planmäßige Ausraubung der Kiebitznester, durch die eine große Anzahl andere unsere Meeresküsten belebende Vogelarten geschädigt wird, wäre erheblich einzuschränken. Geschieht dies nicht, so werden wir in absehbarer Zeit eine noch bedauerlichere Verödung unter unseren Strand- und Wasservögeln beobachten können. Und wie dankbar erweisen sich manche Arten für einen Schutz! Wo auch immer er ihnen wird, beleben sie in der ansprechendsten Weise die Landschaft. So hat man gefunden, daß einzelne Möwenarten sich bereits einer Art Nachtleben in der Nähe großer Hafenstädte angepaßt haben ... Als ganz besonders schutzbedürftig, als wundervolle Schmuckstücke im deutschen Landschaftsbilde, für deren Erhaltung jeder denkende Mensch eintreten sollte, seien hier genannt Fischadler, Schlangenadler, Bussard, Wespenbussard, Turmfalke, Baumfalke, beide Milanarten, Kolkrabe, Uhu, Kranich, Reiher, schwarzer und weißer Storch, Haubentaucher, Teich- und Wasserhühner. – Alle diese beleben und verschönen das Landschaftsbild in hervorragendem Maße und dürften einseitigen Interessen nicht geopfert werden! Weit verbreitete Irrtümer gilt es hier zu bekämpfen! So glaubt man vielfach unsere Eulen seien Vernichter der Vogelwelt. Wer sich davon überzeugen will, wie grundfalsch diese Ansicht ist, gebe sich die Mühe, die vorbildlichen Vogelschutzanlagen des Königl. Forstmeisters Dr. Schinzinger, Dozent der landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim (Württemberg) zu besichtigen. Hier wird er einen Reichtum an Singvögeln finden, der ganz außerordentlich ist, nebst einer Anzahl ebenfalls gehegter Eulen, die jeden Eulenfeind bekehren müßte. Ich kannte einen alten königlichen Hegemeister, Märker von Geburt, der ein Menschenalter hindurch sein Revier in meiner Heimat pflegte und mit ihm verwachsen war. Er schützte »sein« Wild und freute sich über den Milanhorst und über den Dachsbau in seinem Walde. Viele Jahre lang hat er eine uralte Eiche, die stärkste der ganzen Gegend, zu schützen gewußt, die er im Jahre 1870 »Kaisereiche« getauft hatte. Heute brütet kein Raubvogel mehr in diesem Revier; der uralte Dachsbau ist verfallen, und die Kaisereiche hat man pietätlos geschlagen. Der Alte aber hat, als seine Dienstzeit aus war, »sein« Revier nie mehr mit einem Fuß betreten, obwohl er in der Nähe seinen Lebensabend verbrachte ... Carl Schneider Verfasser der »Pürsche auf den Rehbock«, Verlag Neumann in Neudamm. hieß dieser hirschgerechte preußische Forstmann, dessen Schüler auf jagdlichem Gebiet in früher Jugend gewesen zu sein ich mich freue! Das war ein Mann, dem das richtige pietätvolle Gefühl für den Schutz des althergebrachten Schönen und Ehrwürdigen angeboren war, und der die Naturdenkmäler liebte und schützte, wo nur möglich, ein Mann, der es aus innerstem Herzen begriffen hatte, daß jeder alte, ehrwürdige Baum, jedes heimische Mitglied der Tierwelt auch ein Recht auf einen gewissen vernünftigen Schutz hat. – – – Werfen wir doch endlich einmal die strenge Trennung der Begriffe »schädlich« oder »nützlich« über Bord und schützen wir innerhalb gewisser vernünftiger Grenzen die gesamte Tier- und Pflanzenwelt! Das wäre edelster Jagdschutz im weitesten Sinne des Wortes. Neuerdings gewinnen diese von mir schon vor Jahren ausgesprochenen Ansichten erfreulicherweise immer mehr Anhänger. Ich wage es, diesen Gedanken hier Raum zu geben, wissend, daß sie von einer großen Anzahl von Männern und Frauen geteilt werden. In den deutschen Jagdschutzvereinen haben wir Vereinigungen, die sich große Verdienste um die Erhaltung heimischen Tierlebens erworben haben. Eine Ausdehnung der Bestrebungen jener Verdienste auf Schutz der einheimischen Fauna und Flora überhaupt würde ganz gewiß den mittlerweile sehr veränderten Verhältnissen entsprechen. Nähern wir uns doch allgemach dem Zeitpunkte, in dem jedes Stück Wild unserer Heimat von Kennern registriert und in eine Liste eingezeichnet worden ist! Nähern wir uns doch allmählich in unseren Jagdrevieren dem Begriffe großer wohlgepflegter Gärten, in denen keine Wildnisse mehr existieren. Ich führe als Beispiel fürs Ausland den Präsidenten Roosevelt an. Er gab dem Gedanken Ausdruck, daß es doch weniger auf die Erzielung großer Strecken einzelner Wildarten ankommen könne, als vielmehr auf Erhaltung ursprünglicher Schönheit von Wald und Wild. Mit Freude gedenke ich meiner Jugend, in der ich zu der Zeit, als mein Vater im Verein mit anderen Hegern den Jagdschutzverein der Rheinprovinz begründete, Gelegenheit hatte, noch ursprüngliche Verhältnisse in dieser Beziehung kennen zu lernen. Meine heimatliche Eifel barg noch Schwarzwild, Uhu, Wildkatze und manche andere Seltenheiten in freier Wildbahn! Hier lernte das Ohr des Knaben jeden Laut der heimatlichen Fauna kennen und lieben. Roosevelt sagt mit Recht, daß gar manche amerikanische Tierstimme, so der Eulenruf, fälschlich als unschön bezeichnet werde; wer sie genau kenne, der gewinne sie lieb und wolle sie im allgemeinen heimischen Tierkonzert nicht vermissen. Allmählich und immer mehr sieht man das ein auch im deutschen Vaterlande. Der deutsche Weidmann sollte dem Auslande ein leuchtendes Beispiel sein im Schutz aller Insassen seines Reviers. Seiner Pflege befohlen sei die gesamte deutsche Tierwelt im weitesten Umfange! Die Erreichung eines Schutzes dieses herrlichen deutschen Naturschatzes wäre eine Aufgabe, die den Dank jedes Naturfreundes, den Dank von Millionen Menschen bringen würde. Der deutsche Weidmann als berufener Schützer und Heger des heimatlichen Wildes, müßte auch der Schutzherr des gesamten Tier- und Pflanzenlebens seiner Heimat werden; er sollte sich sein heimisches Revier in voller Ursprünglichkeit erhalten. Berauben wir aber im Vaterlande rücksichtslos gegenüber der überwiegenden Welt der Nichtjäger und gegenüber den vielen naturfreudigen und naturverständigen Menschen unsere Fauna und Avifauna ihrer hervorragendsten Zierden, wie kann man unter solchen Umständen erwarten und verlangen, daß in fernen wilden Ländern, wo auch der Europäer meist im härtesten Kampfe ums Dasein, im Ringen um die täglichen, selbst stündlichen Bedürfnisse des Lebens begriffen ist, Vorschrift und Gesetz beachtet werden – während man sich doch im eigenen Vaterlande so rücksichtslos von kleinen, ephemeren Interessen leiten läßt?! Genügen schon im Vaterlande die Jagdgesetze kaum, ein Revier von Wilderern frei zu halten, bedarf es vielmehr überall des Tag und Nacht wachenden Aufsehers –, wie denkt man sich da das Verhalten vielfach weder jagd-, noch tierkundiger und auf diesem Gebiete ganz interesseloser, aber fast immer mordlustiger Europäer in Afrikas tiefster Wildnis, gegenüber den unermeßlichen Schätzen der dortigen Tierwelt? Der bekannte englische Schriftsteller Clive Philips-Wolley sagt, daß erfreulicherweise der alte englische Jägergeist nicht ausgestorben sei, daß die weit entlegenen wildesten Reviere der Welt, zu deren Aufsuchung äußerste Energie und Mut gehöre, immer noch von Angehörigen des englischen Volkes aufgesucht würden, wie in alten Zeiten. England verdanke einen großen Teil seiner Kolonien unternehmungslustigen Männern, die als Jäger in unbekannte Wildnisse drangen, und der englische Jäger habe durch seinen Mut und seine Entschlossenheit unter fremden Völkern stets eine gute Rolle gespielt. Rücksichtsloses oder richtiges Benehmen von Reisenden in fremden Gegenden und unter fremden Völkerschaften genüge oft, in den Augen dieser Völker eine ganze Nation herabzusetzen oder als bewunderungswürdig erscheinen zu lassen. Ferner führt Philips-Wolley aus, daß die Erreichung großer Strecken in ausländischen Revieren Expeditionen sind in menschenleeren Gegenden zuweilen auf Verproviantierung durch Wild angewiesen oder sammeln im Auftrage wissenschaftlicher Institute gewisse Tiere in größerer Zahl. Derartige Sammlungen werden zuweilen in unverständiger Weise kritisiert. (Die gewerbsmäßige Abschlachtung der Tierwelt sollte endlich einmal verhindert werden!) nicht von heimischen Gesichtspunkten aus betrachtet werden dürfe, sondern von dem Standpunkte, den Kenner der betreffenden Reviere einnehmen würden. Welch großer jägerischer Reiz liegt in der Bejagung exotischer Reviere! Freilich, die Verhältnisse haben sich seit Jahrzehnten so sehr verändert, daß die alten Jäger, sagen wir der fünfziger Jahre, vielleicht der heutigen Jagd nicht mehr den großen Reiz abzugewinnen vermöchten, den sie zu ihrer Zeit empfanden. Es war etwas ganz anderes, dem gefährlichen Wilde Afrikas mit einfachen Waffen, mit den Vorderladern jener Zeit entgegenzutreten! Zwar hatten die afrikanischen Jäger, die Professor Fritsch gegen die sechziger Jahre im Kaplande kennen lernte, schon recht weittragende Gewehre. Sie bedienten sich der lange Bolzengeschosse schießenden »Small bore rifles«, die bis zu fünfzehnhundert Schritte trugen. Diese Büchsen waren für die nächtlichen Jagden mit Elfenbeinhorn und Silberstrich eingerichtet. Ein Jäger, Namens Lanard, wurde damals durch die Erlegung eines Straußen auf siebenhundertundfünfzig Schritte im Kaplande berühmt! Aber die Leistungen dieser Büchsen lassen sich mit der Treffsicherheit, dem Durchschlag, der Rauchlosigkeit, geringen Knall und Leichtigkeit der heutigen Waffen gar nicht vergleichen. Zudem benutzt der heutige Tropenjäger meistens Repetierbüchsen mit fünf und mehr Schüssen. Doch sollte gerade in dieser Vervollkommnung der Jagdwaffen die Garantie liegen, weniger Wild nur anzuschießen – das beschossene sollte vielmehr auch tunlichst zur Strecke kommen. Niemand ist geeigneter, abgelegene, schwer zugängliche und ungesunde koloniale Länder zuerst kennen zu lernen, als der Weidmann, der gerade in solchen Landstrichen sich wohlfühlen wird. Neben dem mehr oder minder großen Reiz, den die Jagd selbst bietet, wird ihm da manches andere erkundenswert, schön und begehrenswert erscheinen. Hat er eine Karawane zusammengestellt, so genießt er zunächst das Gefühl ursprünglichen ungebundenen Lebens in der Wildnis. Sehen wir doch, daß selbst unter den Angehörigen der höchst entwickelten Kulturvölker sich gerade in unseren Tagen das Bedürfnis eines wenn auch bescheidenen Abglanzes dieses natürlichen Lebens bemerkbar macht. So ziehen, namentlich in Amerika, viele Städter einige Tage in Wald und Prärie hinaus, um dort in Zelten eine Zeitlang die Freude des »Camplebens« zu genießen. In einem Gefahren aller Art bergenden Lande wie Afrika müssen wir alle Bedenken zu Hause lassen. Gerade der Reiz der Gefahr muß den Jäger locken. Er hat das Vertrauen der ihm Folgenden, seiner Begleiter, zu rechtfertigen; die Eingeborenen, mit denen er in Berührung kommt, werden nach seinem Auftreten, seinem Benehmen, alle seine Landsleute, sein gesamtes Vaterland beurteilen. So erwächst ihm die Pflicht, sich als Vertreter seines Volkes zu fühlen. Ist er auch berechtigt, wenn es darauf ankommt, sich bis aufs Blut seiner Haut zu wehren, so wird er doch, soweit irgend möglich, mit den eingeborenen Völkern in gutem Einvernehmen auszukommen suchen. Viele Gegenden Afrikas wird der Europäer mit ganz überlegenen Waffen durchreisen, Länder, deren Bewohner noch mit beinahe denselben Waffen kämpfen, die die prähistorischen Völkerschaften führten. Kaum kann man sich größere Gegensätze denken, und oftmals wird nur allein die absolute Überlegenheit der Waffen es dem Europäer ermöglichen, seine Reise durchzuführen, denn groß, sehr groß ist der Eindruck, den ihre Fernwirkung macht. Das habe ich immer wieder bestätigt gefunden! – Das heutigen Tages in Deutschland als Krone der Jägertrophäe betrachtete Hirschgeweih kann der Jäger im äquatorialen Afrika nicht erbeuten. Dafür winken ihm aber von ähnlichen Beutestücken die imposanten Büffelhörner, die wuchtig-knorrigen Hörner der Elenantilope, die mächtig aufgebaute spiralige Kopfzier beider Schraubenantilopen, die vielgestaltigen Hörner der Kuhantilopen, die säbelartigen Dolche der Oryxantilopen, alle die übrigen zierlichen mannigfaltig gestalteten Antilopen- und Gazellenhörner, und manch anderer Kopfschmuck, der als Trophäe dem so manche fremde Länder beherrschenden Briten schon lange von großem Reize erscheint, und um so höher bewertet werden wird, je mehr Weidmänner ins Ausland hinausziehen und je mehr diese oft schwer zu erlangenden Schätze in Deutschland bekannt werden. Die weiß in der Sonne glitzernden gewaltigen Waffen des Elefanten, die ungeschlachte Kopfwehr des Nashorns wie des Flußpferdes, der drohende Büffelschädel, der zähnestarrende Kopf eines Riesenkrokodils, das schlichte und doch so begehrte Kleid des Wüstenkönigs, wie das schreiend-bunte des Leoparden – das alles sind Erinnerungen und Trophäen für den Jäger von höchstem Reiz. Von höchstem Reize und Wert, wenn er sie selbst erbeutet hat und nicht, wie Roosevelt dies in scharfen Worten geißelt, sie hat erbeuten lassen ... Alle diese Trophäen sollte der wirkliche Weidmann namentlich unjägerischen Elementen wie den Buren (ich meine die schlechten Elemente unter ihnen), die leider am Kilimandscharo das Wild zum Teil ausrotten durften, streitig machen; ihm gebühren sie bei weitem mehr, wie jenen. Deutsche Jäger brauchten sich aber nicht zu fürchten, in den dortigen Wildbestand weidmännisch einzugreifen, denn auch im deutschen Auslande hätten sich allmählich, wie in Ceylon und Indien längst geschehen, jagdliche Gebräuche herangebildet, der Eigenart des Landes angepaßt. In einer lesenswerten Veröffentlichung des Hauptmanns Schlobach war vor Jahren berichtet, daß die Militärposten Olgoß und Sonjo in der Masaisteppe ständig am Hungertuche nagten und sich mangels anderer Nahrungsmittel in der letzten Zeit leider oft nur mit Wildpret verproviantiert hätten!! Was würden deutsche Jäger, die noch dazu große Summen in die Kolonie hineingetragen haben, darum gegeben haben, wenn sie dieses Wild hätten erlegen können, um auch im Auslande dem Begriff der deutschen Jagd, der deutschen Weidgerechtigkeit zur Anerkennung und zum Siege zu verhelfen! Wie erschreckend schnell der Vernichtungsprozeß der afrikanischen Tierwelt vor sich geht, beweist die mir gewordene Mitteilung meines Freundes, des Königl. bayerischen Forstmeisters Dr. Escherich. Dr. Escherich fand bereits vor etwa 20 Jahren in Abessinien an 400 000 französische Lebel-Hinterlader, fand deren Patronen an Stelle von Geld als Zahlungsmittel eingefühlt und bezeichnet die gesamte, gewaltige Fauna Abessiniens als sozusagen in wenigen Jahren ausgerottet und verschwunden . – Allmählich nimmt unsere Kenntnis der ausländischen Tierwelt so erfreulich zu, daß wir überall verstärktes Interesse für die ausländische Tierwelt und ihre Jagdreviere finden. In unsern bisherigen Kolonien ist in letzter Zeit viel zur Aufklärung der bisher verschleierten Geheimnisse des Tierlebens geschehen. Bedenkt man aber, wie verschiedener Ansicht selbst heimische Autoritäten im Vaterlande in bezug auf manche die einheimische Fauna betreffende Fragen sind, so wird man manche scharfe tropische Kontroverse dieser Art milder beurteilen. Aber nicht von gegenseitiger Bekämpfung wegen verschiedenartiger Ansicht ist Ersprießliches zu erhoffen; alle Männer in der weiten Welt, die sich Sachkenntnisse auf diesem schwierigen Gebiete erwarben, sollten sich vielmehr in gemeinsamer Arbeit vereinigen und gemeinschaftlich etwas Zweckmäßiges zu erreichen suchen. Der Leser findet am Schlusse dieses Werkes die Gutachten zweier unserer ersten zoologischen Autoritäten. Ihre Ansichten decken sich mit den meinen. England schützt längst auf Grund langer, langer Erfahrungen seine koloniale Tierwelt durch vortreffliche Gesetze! Mögen in Bälde wieder möglichst viele deutsche Weidmänner in tropische Reviere hinausziehen und sich jenem Zauber tropischer Jagd hingeben! Mögen sie vor allen Dingen dort auch lernen, ein wie reiches Tierleben sich in ursprünglichen Revieren vorfindet, wie dort trotz aller sogenannten »Raubtiere« Schätze von tierischem Leben sich finden, die uns Bewohnern überzivilisierter Länder zu denken geben sollten. Was aber im heimischem Reviere beim Rauschen der Eichen- und Buchenwälder, was auf heimischer Heide und Flur zu ihrem Herzen redet, das werden sie inmitten der fernen Wildnisse in noch viel höherem Maße finden, in weit stärkerem Maße empfinden, jenen »Zauber des Eleléscho«! Noch in der letzten Auflage dieses Buches konnte ich deutschkolonialem Wildschutz das Wort reden. Das kann ich leider heute nicht mehr, nunmehr sind andern Mächten die Pflichten zur Erhaltung jener Wunder der Tierwelt geworden ... 33. Eine Tragödie der Zivilisation! In rasendem Siegeslaufe hat sich der moderne Mensch mit Hilfe seiner fortgeschrittenen Technik mehr und mehr den Erdball im vergangenen Jahrhundert bis in die abgelegensten Gebiete erobert. Ein eisernes Netz von Schienenwegen führt uns in Länder, deren Erreichung noch vor kurzer Zeit Monate und Jahre beansprucht haben würde, und in wenigen Wochen tragen uns immer schnellere Schiffe bis an die fernsten Küsten. Anderthalb Jahrzehnt aber nach dem ersten Erscheinen dieses Buches überflog man die Ozeane, fuhr in einem Tage von Europa bis fast ins Herz Afrikas gleich schnellen Zugvögeln. ... Überall versteht es der Mensch, neue Hilfsquellen sich selbst dort zu erschließen, wo er sie der Natur nur mit großer Mühe abzuringen vermag, und rastlos bemüht er sich, neue Werte zu schaffen und seine technische Kultur und seine Zivilisation überall zu verbreiten. Aber Hand in Hand mit diesem Vorgehen wird vieles vernichtet, was bis dahin ungestört im Laufe der Zeit sich herangebildet und in harmonischem Ineinandergreifen entwickelt hat. Fernab von den geräuschvollen Zentren der Zivilisation, ihrem Hasten und Drängen, ihren nie ruhenden, pochenden und lärmenden Maschinen, spielt sich gerade in unseren Tagen eine Tragödie ab, erschütterndster, ernstester Art, wie sie wohl ihresgleichen suchen kann! Der moderne Mensch, rücksichtslos die Herrschaft überall an sich reißend, vernichtet teils direkt, teils indirekt alles, was sich seinem Siegeslaufe entgegenstellt. Die Urbevölkerung ganzer Lander, die es nicht vermag, sich dem Neuen anzupassen, muß untergehen. Mit ihr zusammen verschwindet eine reiche und schöne Fauna, die durch Jahrtausende jenen Urvölkern die Existenz ermöglicht hat, nun aber, oft in wenigen Jahren, rücksichtslos hingemordet wird. In solcher Schnelligkeit dürfen wohl niemals – sehen wir von der Möglichkeit gewaltiger, universell auf dem Erdball wirksamer Katastrophen ab – eine Reihe von Tierarten vernichtet worden sein – fast alle die einbegreifend, die irgendwie durch Größe und Stärke sich auszeichneten. Der Fauna folgt die Flora. Urwälder werden vernichtet oder zum mindesten gelichtet, und waldbedeckte Länder oftmals wiederum in künstliche Steppen verwandelt. Mit dem zivilisierten Menschen, der das Urvolk verdrängt, werden Tiere in die neuen Länder eingeschleppt, welche die dort heimisch gewesene Fauna verdrängen, und die Pflanzenwelt wird teilweise durch eine neue ersetzt. Nutzpflanzen, aber auch sogenannte Unkräuter breiten sich überall aus und drücken so der Flora einen neuen Stempel auf. Mit allen diesen Verhältnissen Vertraute können sich keinem Zweifel hingeben über das, was kommen wird. Das Ende dieses Prozesses wird zweifellos sein, daß der moderne Mensch, alles unter seine Herrschaft zwingend, ihm tatsächlich oder scheinbar Feindliches oder Wertloses vernichtend, nur die Fauna und Flora zu erhalten versucht, die ihm nützlich oder angenehm erscheint. Beweise für diesen nivellierenden Werdegang ergeben sich bedauerlicherweise aller Orten. Die Indianer Nordamerikas, viele Stämme Polynesiens seien hier angeführt: ihre spärlichen Reste gehen unaufhaltsam dem völligen Verschwinden entgegen. Seit Jahrhunderten führte der zivilisierte Mensch einen Vernichtungskampf gegen die Pelz- und Trantiere der Eismeerländer. Die Hudsonbay-Company hat in den amerikanischen Polarländern unter den Pelztieren dieser Gegenden gewaltig aufgeräumt. Das Fell eines Seeotters wertet heute schon viele Zehntausende von Mark, eine vollständige Haut dieses Tieres aber, zur Aufstellung in einem Museum geeignet, ist seit Jahren nicht mehr zu beschaffen ! Den gewaltigsten Säugetieren der Erde in unseren Tagen, den Walen, deren populäre Bezeichnung als Walfische wohl unausrottbar erscheint, war längst der Krieg bis aufs Messer erklärt. Lange Zeit vermochten die Wale dennoch sich völliger Vernichtung in den eisgepanzerten Polarländern zu entziehen: ihre Erbeutung erforderte in den Tod entschlossene Männer, die oftmals ihren Untergang im Kampfe mit den Riesen fanden. Seit aber die Harpune nicht mehr von der Hand des erfahrenen Walers geschleudert, sondern die furchtbare Waffe durch eine Kanone in den Körper des Wales gesandt wird, seit bis aufs kleinste mit allen Hilfsmitteln raffiniertester modernster Technik ausgerüstete Großbetriebe die Jagdzüge der Walfänger abgelöst haben, wird gar bald der letzte Groß-Wal verschwunden sein. »Gar bald!« Was bedeutet die kurze Spanne Zeit einiger Jahrhunderte oder auch mehr den unendlichen Zeitläufen gegenüber, deren diese Meeresriesen zu ihrer Entwickelung bis zur heutigen Vollkommenheit bedurften. Noch treiben zahlreiche »Schulen« von Walen ihr Wesen in den Eismeeren der Erde, noch röten sich die Gewässer ihrer entlegenen Wohnplätze alljährlich wieder und wieder vom Herzblute dieser Tierriesen, verspritzt im vergeblichen Kampfe gegen den allzu mächtigen Feind! Aber bald wird alles dies zu den verklungenen Sagen und Märchen gehören, und mit Erstaunen wird der Mensch der Zukunft vor den armseligen Resten in den Museen der Welt stehen, die zur guten Stunde noch der Fürsorge einzelner Weniger ihre Erhaltung verdanken. Dem, was ich hier vom Wale erzähle, schließt sich eine Kette von Erscheinungen aus der dem Verschwinden geweihten Fauna an, erschreckend und erschütternd in ihrer Zahl und Art. Vor Jahrzehnten noch beherrschten Millionen des amerikanischen Büffels, des Bisons ( Bison americanus Gm .) die weiten Prärien seines Heimatlandes; heute sind jene Millionen mit dem größten Teile der auf sie angewiesenen Indianerstämme in die ewigen Jagdgründe gewechselt. Man befürchtete nämlich eine Störung des Betriebes der Pacificbahn durch die Büffelherden, wie Heck dies im »Tierreich« ausgeführt hat. Ich bin geneigt zu glauben, daß diese angebliche Befürchtung die Hinschlachtung vor der Öffentlichkeit rechtfertigen sollte ... So mußten die Millionen von Büffeln den Eisenbahnen weichen. Die Zahlen der um die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts verhandelten Häute des Bisons grenzen ans Unglaubliche. Wenige tausend Stück lebender Bisons nur sind der uns erhaltene Rest aus so unvergleichlich reichem Bestande. Sinn- und planlos wurden sie dahingemordet! Ihnen werden gar bald eine Reihe anderer herrlicher Erscheinungen der dortigen Fauna folgen. Theodore Roosevelt selbst, der frühere Präsident der amerikanischen Union, verschloß sich dieser Ansicht nicht, und begünstigte daher alles, was diesen betrübenden Prozeß zu verlangsamen geeignet erscheint. Durch die Einführung der Stacheldrahtzäune werden namentlich in Amerika viele Hirscharten ausgerottet; in Australien müssen die Känguruhs den Nachstellungen der Farmer weichen. In Asien geht der Vernichtungsprozeß vieler Tierarten unaufhaltsam seine Wege. Die indischen Nashörner, Wildschafe, Wildziegen, die Wildpferde der inneren asiatischen Hochsteppe und viele andere Arten werden rücksichtslos vertilgt. In unserem eigenen Vaterlands verschwand schon lange der Auerochs, jenes sagenumwobene Wild der Germanen. Er verschwand so schnell und klanglos, daß wir nicht einmal mehr wissen, wie dieser Schmuck des germanischen Urwaldes aussah! Wer von den Spaziergängern im Berliner Tiergarten erkennt ihn in seinem dort aufgestellten, künstlerischer Phantasie entsprossenen ehernen Denkmal? Es ist kaum möglich, in unseren Tagen sich noch eine Vorstellung dieses herrlichen Wildes zu machen, so wenig Material über ihn ist erhalten. Der Wisent ( Bison europaeus Osw .), sein gewaltiger Vetter – der ganz allgemein mit dem längst ausgestorbenen Auerochsen verwechselt wird –, lebte bis 1914 nur noch sorgfältig geschützt in geringen Herden. Wie es heute – 1920 – mit ihm steht, vermag niemand zu sagen. Der Steinbock im Gebiet der Alpen ist ausgerottet; nur eine kleine Anzahl fristet noch, von königlicher Hand geschützt, in Italien ihr Dasein in den Tälern von Aosta. Der Elch ( Alces palmatus ) verschwand längst in unserem Vaterlande bis auf wenige hundert Köpfe. Auch ihn schützte bisher in spärlichen Resten nur königliche Fürsorge in geringer Zahl, ebenso den merkwürdigen Biber im Gebiet der Elbe. Auch über die Erhaltung dieser beiden »Naturdenkmäler« lassen sich jetzt keine zuverlässigen Angaben machen. Erschütternd aber und als furchtbares Beispiel eine laute Sprache redend war das Verschwinden der Tierwelt unter der Hand des modernen Menschen in Südafrika! Ungezählt lebten vor kurzem noch im Kaplande die Scharen herrlicher Wildarten. Schritt für Schritt mußten die eindringenden Buren ihrer Zeit sich die fremde Scholle beinahe erkämpfen durch Vertilgung der Wildherden, die dort grasten. Den eingeborenen Menschen vermochte die Zivilisation dort nur einzuschränken, nicht auszurotten wie die Indianer Amerikas. Vielfach sogar nahm auch er das Vernichtungswerk auf, mittels der ihm von den eindringenden Europäern gelieferten Waffen und im Auftrage der weißen Händler, die ihn zum Vernichtungswerke ausrüsteten. So verschwand das Gnu ( Connochaetes gnu Zimm .), der Bontebock, der Bleßbock, das Quagga, das Bergzebra, die herrliche blaue Pferdeantilope, der Kap-Büffel, der Elefant, das gewaltige sogenannte »weiße« Rhinoceros ( Rhinoceros simus Burch .), – und zwar letztgenannte Arten vollständig, die drei erstgenannten bis auf wenige gehegte Stücke. Das Doppelnashorn, Giraffe, Flußpferd und Strauß sind auch beinahe schon ganz verschwunden. Märchenhaft mutet uns an die Zahl der noch ums letzte Drittel vorigen Jahrhunderts dort heimatenden Tiere, fast unglaublich aber erscheint uns die ursprüngliche Menge, die vor etwa hundert Jahren noch dort ihr Wesen getrieben hat. Seit Menschengedenken lebten die Stämme der farbigen Einwohner zusammen mit jenen Tiermengen. Gleich dem Indianer Nordamerikas heimsten sie ihren Zoll aus der Tierwelt ein, aber sie verminderten den Reichtum nicht. Erst dem sinn- und planlosen Hinmorden europäischer Zivilisation war es auch dort vorbehalten, das Unglaubliche zu vollbringen und öde Leere an Stelle des einstigen Lebens zu setzen. Ich halte die Mythe vom Paradiese und der ehemals herrschenden Eintracht unter seiner Tierwelt für seherhaft wahr! Was die glaubwürdigsten Männer aus den hochpolaren Gegenden unserer Erde erzählen, daß sie dort die ausnehmend klugen Seelöwen und Robben, Renntiere und Vögel antrafen, die, nicht einen Zoll vor dem Menschen zurückweichend, keine Spur von Angst bezeigten, hat vor der beginnenden Vorherrschaft des Menschen für unsern gesamten Planeten gegolten. Was jene Männer in den menschenleeren polaren Wüsten geschaut, habe ich in den Wüsten des in seiner blendenden Lichtfülle zu Unrecht mit dem Namen des schwarzen Kontinents bezeichneten Erdteiles noch heutigen Tages oftmals beobachten dürfen. In der Gemeinschaft einer einzigen ungeheuren Herde drängten sich Fried- und Raubtiere zu gewissen Zeiten in den Steppengegenden zusammen. Wo der Eingeborene nicht jagt und die Tierwelt verfolgt, tritt sie in ein so freundschaftliches Verhältnis zum schwarzen Menschen, wie bei uns die gehegten Arten, wie Singvögel und zahmes Wild, wie Storch, Schwäne, Eichhörnchen und all die andern mancherorts dem Menschen vertrauenden, von ihm beschützten Tiere. Ähnlich großer Reichtum an tierischem Leben in überwältigender Anzahl, wie es einst im Süden Afrikas sich fand, treffen wir heute in den äquatorialen Steppengegenden dieses Kontinents an. Freilich mit jenem verschwundenen einstigen Tierparadiese des südlichsten Afrikas kann sich der Reichtum der inner-afrikanischen Steppenfauna nicht völlig messen. Allzusehr sind bereits die Reihen der Elefantenherden gelichtet und die Büffelherden durch das Wüten der vom Europäer eingeschleppten Rinderpest dezimiert. Dennoch aber habe ich wochen- und monatelang zu gewissen Jahreszeiten Wildmengen vereint gefunden, deren Artenzahl und Mengen der Individuen die kühnste Phantasie überschreitet; und ich vermag mich daher im Geiste in die Zeiten Südafrikas, die längst vergangen, zu versetzen. Ich kann nicht genug hervorheben, um welch unendlichen Reichtum einer großen herrlichen Tierwelt es sich da handelt, und möchte meine Stimme erheben dürfen, um alle, die die Macht in Händen haben, zu veranlassen, zu retten und zu erhalten, was noch zu retten ist! Hierunter verstehe ich zweierlei, sowohl die mögliche Erhaltung der noch vorhandenen Schätze als auch ein baldigstes und intensives Sammeln von Exemplaren der einzelnen Arten durch sachverständige Hände für unsere Stätten der Volksbildung, die Museen! Heute ist es für viele Arten noch Zeit, in wenigen Jahren aber rettungslos zu spät! Ich darf eine Reihe klangvoller deutscher Namen auf dem Gebiete der Geographie und Tierkunde anführen, wie Professor Schweinfurth, Professor Ernst Haeckel, Professor R. Hertwig, Professor Brauer, Professor Fritsch, Professor Doflein, Professor Ludwig Heck, Professor Paul Matschie, Professor Schalow, Professor Tonwentz, Wilhelm Bölsche, Professor Günther-Freiburg, Professor von Waldeyer, Professor Salomon-Wien, die alle meine Ansicht in diesem Punkte teilen. Leider kannten wir die Tierwelt unserer kolonialen Besitztümer um den Anfang dieses Jahrhunderts erst höchst unvollkommen, um so größere Genugtuung gewährte es, sie zu erforschen. In mehreren deutschen Museen finde ich manches von mir gesammelte Stück »meiner« Tierwelt der afrikanischen Steppe von taxidermistischen Meisterhänden belebt von der kleinsten Zwergantilope bis zur Giraffe, vom Klippschliefer bis zum Nashorn und Elefanten: als einzig möglicher Ersatz der Wirklichkeit für alle jene, denen das Leben und Treiben der exotischen Tierwelt mit eigenen Augen zu schauen versagt bleiben muß. Das ist dem Sammler eine große Freude! Heute schon sind eine Reihe der Insassen unserer zoologischen Museen aus dem Buche der Lebendigen gestrichen, die noch zur Zeit unserer Väter zu Millionen unsern Planeten belebten. Die Vernichtung durch die menschliche Hochkultur aber schreitet mit reißender Schnelle fort. Neuerdings haben sachgemäß angestellte Versuche ergeben, daß sich aus dem amerikanischen Bison ( Bison americanus Gm .) mit der Zeit vielleicht ein sehr wertvolles Haustier hätte gewinnen lassen. Es ist um so kurzsichtiger, die reiche afrikanische Fauna kurzerhand irgendwelchen augenblicklichen Interessen der Zivilisation aufzuopfern, als diese letzteren vielfach problematischer Natur sind. Der reiche afrikanische Wildbestand aber ist etwas Gegebenes und er hat einen großen und gar nicht hoch genug zu schätzenden Wert. Ziel- und planlose Vernichtung durch Menschenhand! Immer wieder finde ich diesen Gesichtspunkt durch das Schicksal der heutigen Tierwelt wie einen roten Faden sich hindurchziehend, wo wir uns auch über den ganzen Erdball mit der einschlägigen Materie beschäftigen. Theodore Roosevelt, der frühere Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, sagt in seinem Werke: »Outdoor Pastimes of an American Hunter« (Jägerfreuden): »The most striking and melancholy feature in connection with American big game, is the rapidity, with which it has vanished« ... (Die hauptsächlichste und schmerzlichste Tatsache mit Bezug auf das amerikanische Großwild ist die Schnelligkeit, mit der es von Menschenhand vertilgt wurde.) Er untersucht diese betrübende Tatsache kritisch, tritt für seine Person in jeder Weise für Schongesetze und die Errichtung von Wildreserven ein, stellte sich an die Spitze aller Bestrebungen, die auf möglichsten Schutz der Tierwelt und Natur hinzielen, und zeigte uns durch Wort und Tat, wie man in kurzer Zeit Außerordentliches auf diesem Gebiete erreichen kann. Dabei redet der Präsident auf jeder Seite seines vortrefflichen Werkes einer fachgemäßen Ausübung des Weidwerkes das Wort und stellt sich nicht etwa auf die Seite extremer Schwärmer! Seine Bestrebungen waren höchst verdienstvoll und haben sich in Nordamerika, das infolge eigenartiger Verhältnisse, bis vor kurzem ohne Bedenken seine Naturschätze verwüstet hat, zweifellos auch außerordentlich erfolgreich erwiesen. Die Schaffung des Yellowstone Nationalparkes ist größtenteils das Werk des Präsidenten; seine Einrichtungen in bezug auf Schutz der Tierwelt sind mustergültig. Kein Schuß darf in diesem riesigen Territorium fallen. Es bildet ein unantastbares Nationalheiligtum, innerhalb dessen Grenzen alles Leben geschützt ist. Mehrere ähnliche Reservate sind bereits entstanden oder im Entstehen begriffen. Strenge Schongesetze sind teils überall in Nordamerika eingeführt, teils werden sie je nach Lage der Verhältnisse vorbereitet, ganze Länder, z. B. Alaska, werden durch Gesetz auf Jahre dem Jäger verschlossen. Kurz, auf eine Periode sinnlosen Wütens ist ein Zeitpunkt des Aufsichselbstbesinnens gefolgt mit einer Schnelligkeit, wie sie nur unter amerikanischen Verhältnissen gedacht werden kann ... Die angeführten Tatsachen geben zu denken. Wenn in so großen Teilen der Welt derartige Maßnahmen sich notwendig erwiesen, müssen gewichtige Gründe dafür sprechen. Und in der Tat – die ursprüngliche Natur, die Naturdenkmäler sind in den Vereinigten Staaten so gut gefährdet wie an vielen anderen Orten der Welt ... Das Niederschlagen ungeheurer Walddistrikte und die Vernichtung der stattlichsten Vertreter der Tierwelt erfolgte in Amerika mit Rieseneile. Die fast völlige Ausrottung des prächtigen amerikanischen Bisons, der zu Millionen einst die amerikanischen Prärien bedeckte, bildet eine der erschreckendsten Tatsachen in bezug auf Wildvernichtung durch eindringende Kultur und hat nicht wenig zu all den großen Maßnahmen beigetragen. Solche Maßnahmen sind in einem Lande wie Amerika möglich, nützlich und durchführbar, auch in anderen Ländern mit geordneten Verhältnissen sind ähnliche Verordnungen aller Arten in der letzten Zeit im Entstehen begriffen. So schützen jetzt z. B. strenge Gesetze die Reste der eingeborenen australischen Tierwelt. Ganz anders und weit schwieriger liegen die Verhältnisse innerhalb des ungeheuren Kontinents, den wir Afrika nennen. Wie nirgendwo, ist es da an der Zeit, Schutzmaßregeln zu treffen. Aber wie können diese Maßregeln, wenn auch noch so wohl ersonnen, durchgeführt werden? Als erschreckendes Beispiel muß uns das Verschwinden der südafrikanischen Tierwelt infolge der überaus schnellen Ausbreitung der Kultur vor Augen stehen! Wir vermögen heute, unterrichtet durch einige glaubwürdige Autoren, die einzelnen Phasen der Tiervernichtung innerhalb des letzten Jahrhunderts zu überschauen und uns ein Bild zu machen von dem, was in dieser Beziehung anderen Teilen Afrikas mit dem Eindringen der Kultur bevorsteht. Gewichtige Stimmen zum Schutze der afrikanischen Tierwelt haben sich ganz neuerdings namentlich in England erhoben. Hier ist es vor allen Dingen Edward North Buxstone, der auf einschneidende Schutzmaßregeln für die afrikanische Tierwelt innerhalb der weiten Besitzungen oder Interessensphären des britischen Weltreiches drang. Im besonderen für die Vogelwelt erhob der englische Postminister The Honourable Hobhouse erfolgreich seine Stimme. Auch sind in England viele Stimmen laut geworden, die die Ansicht vertreten, daß selbst relativ schädliche Tiere eines gewissen Rechts auf Schutz durch den Menschen nicht entbehren dürfen. So sagt Sir H. H. Johnston, der frühere Gouverneur der Uganda-Provinz in Zentralafrika, in der von ihm verfaßten Vorrede zu der englischen Ausgabe meines Buches »Mit Blitzlicht und Büchse«, daß nach seiner Ansicht das Wiesel, die Eule, als uralte britische »Bürger« der dortigen Fauna, nicht völlig einem zwar schönen, aber doch immer fremdartig bleibenden »Eindringling« wie dem asiatischen Fasan aufgeopfert werden dürfen; daß der Silberreiher, Paradiesvogel, Chinchilla, Seeotter und ähnliche Geschöpfe ebenso ästhetisch wirken und dieselbe Existenzberechtigung haben, wie eine auf Kosten dieser Tiere schön gekleidete Frau! Bahnbrechend auf diesem Gebiete war in England der hochherzige Entschluß der Königin Alexandra, sich an die Spitze des zum Schutze des durch Ausrottung bedrohten Edelreihers begonnenen »Anti-osprey-movement« (Vereinigung gegen das Tragen von Reiherfedern auf Damenhüten) zu stellen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die völlige Ausrottung irgend einer Tierart bei jedem denkenden Menschen ein unbehagliches und mißliches Gefühl auslösen muß, und daß völlige Vernichtung gewisser Tierarten nur dann ein von allen Menschen geteiltes und allgemeines Interesse haben kann, wenn uns diese Tiere ausschließlich Schaden und keinerlei Nutzen, welcher Art er auch immer sei, bringen. Keine Epoche der Weltgeschichte kann sich gleich der unsrigen rühmen, im Laufe von nicht vielen Jahrzehnten fast täglich neue Fortschritte und Verbesserungen in bezug auf Technik, Kultur und alle Gebiete des menschlichen Wissens erlebt zu haben; keine Epoche aber auch war mehr durchdrungen von dem großen Gedanken fortschreitender Humanität. Die intensive, immer geschicktere und immer kompliziertere Ausnutzung aller dem Menschen von der Natur gebotenen Hilfskräfte scheint ihn indessen blind zu machen für einige große Sünden, die er gerade heutigentags zu begehen im Begriffe ist ... Diese großen und nicht leicht wieder gutzumachenden Sünden gegen die Harmonie, die Ordnung der uns überkommenen Natur finden wir in der Verunstaltung und der Verseuchung der Flußläufe, Verunreinigung der Luft, in der Verwüstung eines Teiles der Pflanzenwelt, namentlich der Wälder , und der Vernichtung eines Teiles der mit uns lebenden Tierwelt! Wir scheuen uns nicht vor der rücksichtslosesten Ausbeutung uralter uns überkommener Wälder: der tief im Schoße der Erde vergrabenen Steinkohlenschätze nämlich, und der Fachmann vermag es mit großer Sicherheit auszurechnen, daß in wenigen hundert, im Höchstfalle tausend Jahren diese Schätze erschöpft sein werden. Die siegreich fortschreitende Technik mag uns, wenn es so weit gekommen, vielleicht einen Ersatz, vielleicht weit Besseres zu bieten; jene hochentwickelten Organismen aber aus der Tier- und Pflanzenwelt, die heute der Mensch rücksichtslos aus der Liste der Lebendigen streicht, die lebenden Wälder und ihre Fauna, wird uns keine Technik, keine Wissenschaft jemals wieder neu gebären. Wir retten mit peinlicher Gewissenhaftigkeit jedes Restchen vergangener Kunst; je älter Dokumente aus früheren geschichtlichen Epochen sind, um so sehnlicher sind sie uns erwünscht, um so höher werden sie bewertet. Bereitwillig zahlen unsere Sammler für einen alten Papyrus, ein altes Bild, Zierstück, oder eine Marmorstatue die höchsten Summen. Und wer bürgt uns dafür, wie mit Recht bemerkt wurde, daß nicht einst ein neuer Phidias, einer neuer Michel Angelo, ein neuer Praxiteles aufersteht und Ebenbürtiges, ja noch weit Vollkommeneres schafft? Dies rückhaltlos zu verneinen, würde gleichbedeutend mit der Leugnung irgend welchen Fortschrittes der Menschheit sein. Derselbe Mensch aber, der so konservativ und pietätvoll auf der einen Seite handelt, sieht mit verschränkten Armen zu, wie Schätze vernichtet werden, die gerade heute, im Zeitalter der Erkenntnis des großen Wertes aller Naturwissenschaft, mit besonderer Liebe und Sorgfalt behütet werden müßten. Wir organisieren mit außerordentlich hohen Kosten Expeditionen zur Vermessung und Erforschung weiter Länderstrecken; wir senken in die größten Meerestiefen unsere sinnreich erfundenen Schleppnetze und studieren rastlos die kleinsten Organismen, die sie uns ans Tageslicht befördern. Wir sinnen über den Lauf der Sterne und berechnen immer genauer ihre weltfernen Wege; wir enthüllen täglich neue Geheimnisse und haben fast verlernt uns darüber zu wundern, daß uns jeder Tag etwas Neues, etwas Unerhörtes bringt. Vieles, was da geschieht, um alte Schätze zu bergen, könnte ebenso gut in späteren Jahren geschehen. Aber vieles, das wir unterlassen, kann späterhin nie mehr gut gemacht werden , denn wir dulden auf der anderen Seite das Hinschlachten und die Ausrottung der merkwürdigsten, der interessantesten und unbekanntesten Formen unter den hochorganisierten Mitbewohnern unseres Erdballs! Ein mit furchtbarer Deutlichkeit redendes Beispiel dieses Prozesses ist, wie schon ausgeführt, das heute von so vielen Europäern bewohnte Südafrika im weiteren Sinne. Dort sind fast alle größeren Tiere verschwunden, die einst zu Milliarden die weiten Ebenen belebten. Wer die Berichte früherer, zuverlässiger Reisender studiert, wer da liest, daß vor kaum hundert Jahren der Anblick von einhundert, selbst einhundertfünfzig Nashörnern an einem Tage, von Hunderten, den Menschen kaum scheuenden Elefanten, von unzähligen Antilopen nichts Seltenes war, der fragt sich, wie es möglich sein konnte, daß all die Fülle von Leben in so kurzer Zeit verschwand. In unseren Tagen wertet eines jener riesigen südafrikanischen , damals noch in so großer Anzahl lebenden breitmäuligen Nashörner ein kleines Vermögen und ist in Deutschland in keinem Museum zu finden und überhaupt kaum mehr zu beschaffen! Jener einstige Reichtum ist heute nur wenigen bekannt, solchen nur, die sich näher mit der einschlägigen Materie beschäftigen, und ihnen wird es dann auch mit erschreckender Deutlichkeit klar, daß dieser Prozeß sich überall dort abspielen muß , wo ähnliche Verhältnisse sich entwickeln werden, wie einst in Südafrika ... Da kann kein Zweifel sein: In abermals hundert Jahren werden weite Strecken im einst so dunkeln Afrika mehr oder minder kultiviert sein, und die Fülle des reizvollen tierischen Lebens, welche heute noch dort beobachtet werden kann, hat der Macht der Zivilisation weichen müssen. Das ist dann die Zeit, wo die glücklichen Besitzer von Hörnern und Häuten nun ausgestorbener afrikanischer Antilopen, die Besitzer von Elefantenzähnen, Schädeln und Überresten aller Art, sich alles dies mit Gold aufwiegen lassen werden, wo man es nicht begreifen wird, daß man zu unserer Zeit so wenig bedacht war, alles dies wertvolle Material in ausreichender Menge wenigstens für die Wissenschaft zu retten, anstatt es in seiner Gesamtheit den Interessen des Handels und den rücksichtslosen neuen Besiedlern des Landes preiszugeben. Denn rücksichtslos und ohne weiten Blick müssen diese hart mit der Notwendigkeit des Lebens und seiner Bedürfnisse ringenden Menschen handeln; auch werden sie häufig ein Land in Besitz nehmen, ehe eine Regierung die Befolgung ihrer Verordnungen, seien sie auch noch so gut gemeint, erzwingen kann, bevor geordnete Verhältnisse dort eintreten. So wird es denn kommen, daß man plötzlich nicht mehr imstande sein wird, auch nur die europäischen Museen mit je einem Paar des riesigen Elefanten zu versehen oder ähnliche große Formen eben diesen Instituten zu Schauzwecken einzuverleiben. (Einzig das Senckenbergmuseum meiner Mutterstadt Frankfurt am Main besitzt heute, im Jahre 1920, einen von Rudolf von Goldschmidt-Rothschild gespendeten afrikanischen, majestätischen Bull-Elefanten als Lehrmittel in einem einwandfreien Exemplar. Ein von mir erlegter Elefantenbulle, den ich dem Berliner Zoologischen Museum übergeben konnte, ist bis heute dagegen noch nicht ausgestopft bzw. aufgestellt worden.) Und nicht nur in bezug auf diese großen Arten, nein, auch in bezug auf viele andere wird es sich dann ähnlich verhalten. Die Königin-Mutter Alexandra von England hat, wie schon bemerkt, vor einiger Zeit den Wunsch ausgesprochen, daß keine Dame vor ihr mit Reiherfedern auf dem Hut erscheinen möge. Um 1918 Vergl. Anmerkung Seite 7. wurde dann in England die Einfuhr von allen wilden Vogelfedern »aus dem britischen Weltreich« nach dem Vorgange der nordamerikanischen Union, wie es heißt, verboten. Diese Tat ist auf das freudigste zu begrüßen. Wird doch unsere Vogelwelt in einer Weise vernichtet, von der nur wenige Kundige eine Ahnung haben. Wüßten unsere Damen, daß sie durch die Mode der mit Vogelfedern »geschmückten« Hüte ganze Arten von Vögeln ausrotten, so würden sie zweifelsohne dieser verderblichen Mode nicht mehr huldigen. Dieser Vogelmord geht etwa in folgender Weise vor sich. Die führenden Firmen kommen überein, diese oder jene »Vogelmode« einzuführen. Damit ist das Todesurteil mancher seltener Vogelarten gesprochen. Die über die ganze Welt zerstreuten Händler geben den gewerbsmäßigen Jägern aller Orten Auftrag, beispielsweise Reiherfedern zu beschaffen. Wie geht nun diese Beschaffung vor sich? Der Edelreiher, ein scheuer und schöner Vogel, ist nicht so leicht zu beschleichen. Die begehrten Schmuckfedern trägt er nur zur Nistzeit! Doch der gewerbsmäßige Jäger weiß Rat: er vernichtet ihn einfach zu Tausenden und abermals Tausenden an den Nistständen ! Die Elternliebe treibt das scheue schöne Geschöpf, wenn die Jungen ein geringes Alter erreicht haben, unfehlbar vor das verderbenbringende Rohr des lauernden Jägers, und dieser mordet kaltblütig die zu Tausenden vereint brütenden Vögel. Unzählige Tausende muß er morden, unzählige Tausende junge, hilflos ihrer Eltern beraubte Nestvögel müssen elend verschmachten, ehe eine für menschliche Schulter berechnete Trägerlast solcher Federn beisammen ist. Nun werden die Händler der ganzen Welt verproviantiert, damit eine vielleicht nur wenige Jahre währende Mode der Putzsucht einige Genüge leiste! Bis in die abgelegensten Sümpfe Amerikas, Asiens und Australiens, der transkaspischen Länder, und wo nur irgend Edelreiher brüten, kann man den gewerbsmäßigen Jäger verfolgen, seine schreckenerregende mörderische Tätigkeit beobachten. Das Ende ist ewiges Schweigen. Eine seltene Vogelart ist gar bald ausgerottet. Im vorigen Jahrhundert allein sind gegen zwei Dutzend Arten von Vögeln vollkommen ausgestorben ; fast ein Dutzend Vogelarten sind in diesen unseren Tagen vom Aussterben bedroht ! Dies ist nach den Veröffentlichungen der »Smithsonian Institution« ganz besonders in Nordamerika in bezug auf ebensoviel Arten der Fall. Die wundervollen Paradiesvögel hingegen, die letzte amerikanische Damenhut-»Zierde«, Bewohner der abgelegenen Inseln der Südsee, sind ebenfalls im höchsten Grade gefährdet, vielleicht teilweise schon ausgestorben. Aller Orten diese betrübliche Tatsache. Es ist wahrhaftig hohe Zeit, hier helfend einzugreifen. Ich denke mir, daß ein Appell an alle edlen Frauen, an die heranwachsende Jugend hier das förderlichste sein müsse! Auch in Afrika habe ich ein Beispiel des Verschwindens einer Vogelart bereits wahrgenommen: Jeder Europäer gibt sich Mühe, in den Besitz der so geschätzten Marabufedern zu gelangen. Schon im Jahre 1900 habe ich mich als Teilnehmer an der Internationalen Wildschutzkonferenz Der Verfasser glaubt hier seine Ansichten über Schutz der Naturdenkmäler nicht besser zum Ausdruck bringen zu können, als durch auszügliche Wiedergabe eines Berichtes über das Vorkommen des Storches im Kreise Soldin, von Herrn M. Kurth . Dieser schreibt in der »Jagd«, Illustrierte Wochenschrift für deutsche Jäger, vom 13. Mai 1906: »Zum Abschuß des Storches, der durch den zuständigen Bezirksausschuß für die Kreise Soldin, Landsberg und Ost-Sternberg auf die Zeit vom 1. März bis 15. Juni festgesetzt ist, sei bemerkt, daß die Meinungen der Jäger über die Schädlichkeit des Storches bezüglich der Niederjagd doch weit auseinandergehen, und ob nicht doch vieles auf Rechnung des Bruder Langbein geht, was das Konto anderer Räuber entlastet. Der Ort Balz bei Dietz an der Ostbahn fällt durch seine vielen Storchnester auf, denn es befinden sich dort fast auf jeder der vielen Scheunen zwei, an jedem Ende des Daches eins. So war es schon vor dreißig Jahren, und so ist es heute noch, doch ist es den Eigentümern der Scheunen niemals eingefallen, die Nester der Störche zu zerstören oder der Ansiedlung der zutraulichen Vögel zu wehren. Wie viele werden aus purer Schießlust – allerdings sind das keine weidgerechten Jäger – aber leider anderwärts oft genug das Feuerrohr auf den unschuldigen Vogel richten? Wo bleibt hier die Kontrolle! Dann vergesse man nicht, daß die Störche sich bei uns im Warthebruch in der ersten Aprilwoche zu Hunderten einfinden, um sich dann in die Umgegend zu verteilen. Am liebsten rasten sie dann in den Viehkoppeln, um sich dem menschlichen Auge so viel wie möglich zu entziehen. Es ist zu wünschen, daß nun niemand annimmt, der Storch tritt hier »massenhaft« auf, darum »hineingefunkt«. Einige Jahre würde sich derselbe das vielleicht gefallen lassen, dann aber würde er die Gegend meiden, und unser Landschaftsbild wäre um eine anmutige Vogelerscheinung ärmer, wie mir es leider mit dem Fischreiher und dem Kormoran in unserer Gegend erfahren haben. Wir wollen hoffen, daß es mit dem Storch, mit dessen Erscheinen doch ein gut Teil der Poesie unsrer Kindheit zusammenhängt, und um das wir nicht beraubt sein möchten, nicht so weit kommt! Welch anmutiges Bild, wenn Bruder Langbein gravitätischen Schrittes die Schnitter beim Heumachen begleitet, so zutraulich und furchtlos! Wir möchten ihn auf dem grünen Wiesenplan nicht missen. Und welche Freude bei groß und klein, wenn der erste Storch seine Kreise über dem heimatlichen Ort zieht, wenn er zum erstenmal sein altes Nest aufsucht und mit freudigem Geklapper seine Ankunft meldet? Muß es nicht jeden fühlenden und denkenden Naturfreund mit Schmerz und Unwillen erfüllen, wenn man kleiner Räubereien wegen einen so lieben, die Ebene so anmutig schmückenden Vogel, vielleicht durch Mutwillen oder bloße Vertilgungswut, aus einer Landschaft vertreiben wollte! Es märe doch wahrhaftig eine Versündigung an dem landschaftlichen Charakter unserer Heimat, an der uns umgebenden Natur, wenn wir aus engherzigem Eigennutz Störche, wie auch in letzter Zeit den farbenprächtigsten unserer Vögel, den vermeintlichen »großen« Fischräuber, den Eisvogel, vertilgen. Liebe zur Natur und Freude an derselben ist aber ein wertvolles Stück deutschen Gemütes, und darum, lieber Weidmann, bewahre deutsche Art und Tugend!« in London nach Kräften bemüht, einen Schutz, auf dem Papiere wenigstens, für den Marabu zu erwirken, einen Vogel, der mir nicht nur persönlich wegen seiner außerordentlichen Klugheit ans Herz gewachsen ist, sondern der eben darum schon in den klassischen Zeiten des Altertums allgemein beliebt war. Umsonst! Das will aber nichts mehr und nicht weniger als die Vernichtung dieses großen, auffälligen und relativ leicht zu erbeutenden Vogels bedeuten, dessen Vermehrung noch dazu eine äußerst geringe ist, dessen Federn so leicht und unbemerkt in Briefen versandt werden können. Aus allen diesen Gesichtspunkten sei ein Anschluß an den Bund zum Schutze der Vogelwelt in Deutschland warm empfohlen. Anmeldungen dazu sind an seine überaus verdienstvolle langjährige Vorsitzende Frau L. Hähnle, Stuttgart, Jägerstraße 34 zu richten. In England haben alle diese Gründe den Zusammentritt der »Society for the Preservation of the Wild Fauna of the Empire« (Verein zur Erhaltung des wilden Tierlebens) herbeigeführt, die sich den Schutz des gesamten Tierlebens des britischen Weltreiches angelegen sein läßt. Verfolgen wir nun einmal an der Hand der englischen Literatur etwas genauer den Vernichtungsprozeß der südafrikanischen Tierwelt. Dies betrübliche Ereignis hat sich mit großer Schnelligkeit im Laufe von nur etwa hundert Jahren abgespielt. Soweit ich aus zahlreichen englischen Quellen und den Veröffentlichungen der oben genannten Gesellschaft habe ermitteln können, wurde schon um das Jahr 1800 der letzte »Blaauwbok« ( Hippotragus leucophaeus Pall ) der Buren in der Kapkolonie getötet. Aus den erhaltenen Abbildungen dieses Wildes geht hervor, daß es eine etwas kleinere Art der heute noch in anderen Teilen Afrikas lebenden prachtvollen Pferdeantilope war. Während der nächstfolgenden fünfundsiebzig Jahre wurde die Ausrottung vieler anderer Tierarten planmäßig betrieben, und genau achtzig Jahre später wurde das letzte Quagga, eine Zebraart ( Equus quagga ) von den Buren getötet. In ganz England ist ein einziges, noch dazu in recht schlechtem Zustande befindliches Exemplar dieser Art im Britischen Museum in London erhalten geblieben. Hauptsächlich gewerbsmäßige Jäger betrieben die Ausrottung des Wildes, um Felle und Häute der erlegten Tiere zu verhandeln. Ein ferneres Opfer der eindringenden Europäer bildete das riesige, breitmäulige, sogenannte »weiße« südafrikanische Nashorn ( Rhinoceros simus Burch .) ein gewaltiges Geschöpf, das einst in Menge die Grasebenen Südafrikas belebte. Die Länge der von ihm getragenen »Nashörner« wird auf bis zu sechs Fuß neun Zoll nach englischem Maße angegeben! Noch gegen das Jahr 1884 konnte ein einzelner Händler vierhundert Angehörige des Matabelestammes mit Waffen und Munition ausrüsten, auf Nashornjagd aussenden und ganze Berge von »Nashörnern« aufhäufen. Heute sind einzelne Exemplare dieses Tieres für Museen kaum mehr aufzutreiben und werden fast mit Gold aufgewogen! Kunde, die uns in der letzten Zeit geworden, läßt vermuten, daß eine ganz geringe Zahl dieses riesigen Tieres, vielleicht nicht mehr als fünfunddreißig Stück, im Zulu- und Mashonalande zwischen unzugänglichen Sümpfen ihr Wesen treibt, in einem Distrikt, der den Europäern wegen seines verderbenbringenden Klimas fast verschlossen ist. Dennoch hat die Regierung von Natal erfreulicherweise auf die widerrechtliche Erlegung eines solchen Tieres eine Strafe von 6000 M. gesetzt. Ein klassischer Zeuge der Wildvernichtung, die inzwischen ohne schriftliche Zeugnisse weiter vor sich gegangen sein mag, ist für Südafrika im Jahre 1836 der Engländer Kapitän (später Sir) William Cornwallis Harris . Die Buren mögen Hekatomben von Wild hingeschlachtet haben: bis zu jener Epoche fehlt uns nähere schriftliche Kunde darüber. Dieser Vorgang deckt sich mit den Ereignissen unserer Tage in bezug auf die Vernichtung des Elefanten, des Nashorns und anderer Tiere im weiten Afrika. Die Vernichtung geht in der Stille vor sich, und nur wenige Männer, die diese Verhältnisse einigermaßen überschauen, tragen darüber Kunde in weitere Kreise, andere aber schweigen, vielfach aus guten Gründen ... Die Nachwelt verdankt alle Kunde über den damaligen Wildreichtum Südafrikas nur den englischen Jägern jener Tage. Wären nicht unter ihnen einige Männer gewesen, die auch die Feder zu führen vermochten, so wäre uns wohl kaum zuverlässige Kunde aus dieser Zeit geworden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich dem nicht selten fälschlich geschmähten englischen »Rekordjäger« insofern das Wort reden, als ich ihn als vielfach nur in der Phantasie bestehendes Fabelwesen bezeichnen muß. Jedenfalls dürfen englische Auffassung von 5port als vorbildlich gelten, ebenso die Maßregeln, die von englischer Seite zum Schutz der Tierwelt ergriffen werden. Die Schilderungen eines Harris, Oswell, Vardon, C. J. Andersson und ihrer Zeitgenossen geben einen Begriff, welch ungeheure Wildmengen die südafrikanischen Ebenen damals durchfluteten. Wir sind leicht geneigt, den faunistischen Reichtum früherer Epochen zu unterschätzen . Seit undenklichen Zeiten spielt sich der Prozeß der Tiervernichtung durch die Hand des Menschen ab. Seit Tausenden von Jahren hat der Mensch die Fauna immer mehr und mehr zurückdrängen müssen, und sie ist diesem ungleichen Kampfe gewichen. Dieser Vorgang spielt sich so langsam und unmerklich ab, daß uns nur noch die dürftigen Relikte aus früheren Zeiten eine Schätzung des Reichtums ermöglichen, der längst verschwunden ist. Das sind keine leeren Phantasien: alle die einsam gelegenen Eilande der Weltmeere, die wenig betretenen Polarländer und alle menschenleeren Einöden und Steppen geben uns auch heute noch Kunde davon. Nicht nur aus dem Munde von Cornwallis Harris, sondern auch einiger seiner Zeitgenossen sind uns Schilderungen über den einstigen Reichtum an Wild im Kaplande Südafrikas geworden. Damals war das Land im Sinne des Wortes bedeckt mit zahllosen Herden von Kapbüffeln, Weißschwanzgnus, Bleßböcken, Bonteböcken, Zebras, Quaggas, Bergzebras, Kuhantilopen, Elenantilopen, Pferdeantilopen, Oryxantilopen, Wasserböcken, Pallahantilopen, Springböcken und Straußen. Herden von Hunderten von Elefanten wurden sichtbar; Nashörner, sowohl die weiße, jetzt fast ausgestorbene Art, wie auch das schwarze Doppelnashorn konnten an einem Tage in vielen Dutzenden gesichtet werden, die Giraffen zu vielen Hunderten; jeder Sumpf, alle Flußläufe waren von Flußpferden im Sinne des Wortes übervölkert. Alle anderen heute noch spärlich vorkommenden Wildarten, wie das große schöne Kudu und alle die verschiedenen Krten kleineren Wildes waren in großen Mengen vertreten! Obwohl der Süden Afrikas seit dem Jahre 1652 in immer steigendem Maße von Buren besiedelt worden war, hatten alle diese Schätze sich immer noch in reichlicher Menge erhalten können bis zu dem Zeitpunkte, wo vor etwa hundert Jahren der Hauptvernichtungskrieg begann. Viele Ursachen spielten da mit: die steigende Zahl der Ansiedler, ihr immer weiteres Vordringen in abgelegene Gebiete und vor allen Dingen die Verbesserung der Feuerwaffen. Die Eingeborenen, obwohl in Südafrika höchst zahlreich, hatten, wie überall, die Tierwelt dem das Land erobernden Europäer in reicher Zahl übergeben. Ihm war es vorbehalten, den Vernichtungskrieg in kurzer Zeit zu Ende zu führen. Ein wahrhaft trauriges Schauspiel! Mit treffenden Worten hat mein Freund Wilhelm Bölsche (gelegentlich der Besprechung der großen Ausgabe meines Buches) diesen Vorgang geschildert: »In Afrika vollzieht sich heute vor unseren Augen ein wunderbares Schauspiel. Eine ganze gigantische Tierwelt geht zugrunde. Es ist der Hauptrest der großen Säugetierentwicklung der Tertiärzeit. Einst über Europa, Asien, Nordamerika in gleicher Fülle verbreitet, geht diese überaus merkwürdige Lebenswelle jetzt auch in ihrem letzten Asyl rapid nieder. Alles wirkt zusammen: Menschenkultur, Menschenunverstand, Krankheit. Wenn für so etwas einmal die Stunde ist, hilft alles mit besiegen. Um ein Beispiel anzugeben: An einer belanglosen Tatsache, daß wir beim Billardspielen elfenbeinerne Kugeln benützen, geht der afrikanische Elefant zugrunde. Der einzelne kann das nicht aufhalten. Aber was er kann, das ist: Für einen Spezialzweig der Naturwissenschaft vor Toresschluß noch Material retten. Die letzten Elefanten, Wildbüffel, Giraffen noch einmal beobachten in ihrem uralten Milieu, dieses letzte lebende Stück der Tertiärzeit! « Von großer Wichtigkeit für unsere Kenntnis des einstigen Tierreichtums in Südafrika sind vor allen Dingen die Aufzeichnungen Le Vaillants, eines in seinen Tagen sehr bekannten französischen Reisenden, welcher um das Jahr 1780 von Kapstadt aus seine Reise ins Innere antrat. Sie sind um so interessanter für uns Deutsche, als er auch Teile des heutigen Deutsch-Südwestafrika bereiste und uns über die damaligen Verhältnisse in seinem Buche unterrichtet. Auch er erzählt von geradezu unglaublich großen Mengen der verschiedensten Wildarten, stößt allenthalben an den Ufern des Orangeflusses auf große Elefanten- und Giraffenherden und weiß nicht genug von dem erstaunlichen Tierreichtum zu berichten. Für den heutigen Kenner Deutsch-Südwestafrikas werden seine Berichte von ganz besonderem Interesse sein. Er veranstaltete große Sammlungen, die er mit in sein Vaterland brachte, und darf allem Anschein nach als einigermaßen vertrauenswürdiger Gewährsmann betrachtet werden, wenn er sich auch, nach Art vieler damaliger und späterer Reisender, leider hier und da bedauerliche Münchhausiaden gestattet. So z. B. berichtet er an einer Stelle, daß er ein von ihm angeschossenes Zebra versuchsweise eine lange Strecke weit bis zu seinem Lager geritten habe! Etwa fünfzig Jahre später zur Zeit der Reisen des Kapitän Sir William Cornwallis Harris, der als unbedingt ernst und glaubwürdig in jedem Worte betrachtet werden muß, herrschten, wie bereits angeführt, noch ähnliche Verhältnisse in bezug auf den Wildreichtum wie in den Tagen Le Vaillants. Die Belästigung der Reisenden durch Löwen war z. B. etwas ganz Alltägliches. Der Vaalfluß wimmelte damals noch von Flußpferden. Die Umgebung des heutigen Pretoria war van einer Anzahl von Nashörnern belebt, die dem Reisenden geradezu lästig wurden: »Aus jedem Busch schaute der häßliche Kopf eines solchen Geschöpfes hervor.« Aus der Umgebung von Mafeking berichtet er, daß die Ansammlungen von Zebras und Weißschwanzgnus tatsächlich die ganze Ebene bedeckten, daß er wohl an fünfzehntausend Stück Wild gleichzeitig mit eigenen Augen sah! An einer anderen Stelle erzählt er uns von einem geradezu überwältigenden Anblick. Er sah über dreihundert Elefanten zu gleicher Zeit; die Ebene bildete nach seinem Bericht eine einzige lebende bewegte Masse. – Der von mir bereits als Gewährsmann erwähnte William Cotton Oswell, der erst im Jahre 1893 starb, lernte die südafrikanischen Länder zur Zeit Livingstones kennen und berichtete in ähnlichem Sinne wie sein Vorgänger Harris. Er fand einmal über vierhundert Elefanten in einer Herde vereinigt in der freien Steppe! Leider hat er, gleich so vielen anderen, nur höchst spärliche Aufzeichnungen veröffentlicht. Gordon Cumming, ein aus Brehms Tierleben auch dem deutschen Publikum bekannt gewordener Reisender, hat aus jenen Tagen ebenfalls Aufzeichnungen hinterlassen, die sich mit den Schilderungen seiner Zeitgenossen decken. Aus dem Jahre 1860 wird uns da berichtet, daß im Orangefreistaat ein großes Treiben veranstaltet worden war. Man schätzt die Zahl des durch die Eingeborenen zusammengetriebenen Wildes, sowohl Zebras, wie Quaggas, Gnus, Kuhantilopen, Bleßböcke, Springböcke und Strauße, auf über fünfundzwanzigtausend Stück. Die an diesem Tage gemachte Beute wurde auf zirka sechstausend Geschöpfe berechnet, und eine Anzahl Eingeborener wurde von den Wildherden zu Tode getrampelt. Um jene Zeit gab es noch gewerbsmäßige europäische Elefantenjäger in Südafrika. Heute gibt es weder Elefanten nach sonst irgendwelches Wild in nennenswerter Anzahl in den sonst so reich besetzten Revieren. Alles ist im Laufe von hundert Jahren hingeschlachtet worden. Wo einst Hunderttausende von Gnus ihr Wesen trieben, gibt es nur wenige hundert sorgsam behütete und gehegte Stücke. Mit allen anderen Wildarten verhält es sich ähnlich. Viele andere sind völlig und für immer verschwunden. Langsam, aber sicher wird sich ein ähnlicher Prozeß überall da im weiten Afrika abspielen, wo die Zivilisation ihren Einzug hält. Eine Möglichkeit nur gibt es, das schöne afrikanische Wild auf die Dauer zu erhalten, die nämlich, daß der Jäger sich der Hege und Schonung annimmt . Mit Recht sagt ein so erfahrener Kenner einschlägiger Verhältnisse wie der verstorbene A. H. Neumann, wohl einer der erfahrensten, leider aber gewerbsmäßigen englischen Elefantenjäger, daß das Vorhandensein vieler afrikanischer Wildarten sich mit der fortschreitenden Kultur nicht verträgt. Er führt aus, daß nur dort einigermaßen auf sicheren Schutz des Wildes gerechnet werden könne, wo Wildreserven nicht nur errichtet, sondern auch Europäern und Eingeborenen gegenüber hinreichend kontrolliert werden können. In den britischen Kolonien Afrikas hat man mit großem Erfolge Wildreserven eingerichtet, die für Britisch-Ostafrika, den Sudan und Somaliland, endlich für Britisch-Zentralafrika zusammengenommen etwa die fünffache Größe des Viktoriasees haben mögen. Nach möglichst genauen Berichten der Distriktverwalter hat man Schätzungen angestellt über die Zahl des vorhandenen Wildes, hat bei Anlage der Wildreserven die weiten Wanderungen der afrikanischen Tierwelt möglichst in Betracht gezogen und durch strenge Schutzmaßregeln mannigfacher Art höchst Erfreuliches erreicht. Auch in der Transvaalkolonie ist ein Schonrevier zwischen dem Elefantenfluß und der portugiesischen Grenze in der Nähe von Barberton bestimmt worden. Wer in dieser Reserve unberechtigt jagt, verfällt einer Strafe von zweitausend Mark oder sechs Monaten Gefängnis. Von großem Interesse ist der amtliche Bericht über die Insassen dieser Wildreserve. »Sie enthält ein altes Rhinozeros (»mit Blei von früher gespickt«), eine kleine Herde Elefanten, einen ansehnlichen Bestand von Straußen, fünf bis neun Giraffen, einen befriedigenden Bestand von Gnus, ebenso von Schwarzfersen oder Impallahantilopen, zwei bis drei kleine Büffelherden, mehrere Zebraherden, eine gute Anzahl Klippspringer, zahlreiche Wasserböcke, Kudus und eine kleine Anzahl Pferdeantilopen. Ob hingegen Oryxantilopen und Elenantilopen noch vorhanden sind, erscheint dem Berichterstatter höchst fragwürdig.« In den weiten Wildreserven, die hingegen in Britisch-Afrika und namentlich im englischen Sudan errichtet worden sind, treiben noch eine große Anzahl all der formenschönen Bewohner der Wildnis ihr Wesen, die das Herz jedes Jägers entzücken müssen. Es ist zu hoffen, daß durch die Errichtung derartiger mit Erfolg zu überwachender »Heiligtümer« (Sanctuaries) Wie durchgreifend Präsident Roosevelt in Nordamerika mit Bezug auf die Errichtung van Schongebieten verfuhr, ersieht der Leser aus dem Umstand, daß er beispielsweise in Kalifornien und Oregon solche in einer Ausdehnung von 250 Quadratmeilen schuf, die niemand mit Schießwaffen betreten darf. Ein warnendes Beispiel: In einem anderen amerikanischen Schonrevier, den »Hawaian Islands Reservation«, töteten japanische Federjäger unerlaubterweise über 250 000 Albatrosse, um sie auf den Markt für Vogelfedern nach London über Japan zu verschiffen. , wie der Engländer sie nennt, ein Weg gefunden ist, ähnlich wie in Amerika, so auch in Afrika das eingeborene Tierleben noch lange zu schützen. Mit Interesse verfolgte ich seit Jahren alle einschlägigen Ereignisse, und eine ausgebreitete Korrespondenz mit Kolonial-Offizieren, -Beamten und Privatleuten gestattete mir den Schluß, daß man sich vielerorts nach Kräften regte. Freilich stießen wir Deutsche dabei bei diesen Bestrebungen auf große Schwierigkeiten. So scheint es, daß die (mißglückte) Burenansiedlung am Kilimandscharo in Ostafrika, zuverlässigen und zahlreichen Berichten nach zu schließen, äußerst verderblich für den einst so herrlichen Wildbestand jener Gegenden gewesen ist. Aber freilich, eine Ansiedlung von Buren; eines Volkes, das einst so gründlich mit dem Wilde Südafrikas aufräumte, wird sich mit einer Erhaltung dieses Wildbestandes schwer vereinigen lassen. Man sieht, wie schwierig die Regelung dieser Dinge für die Regierung war. Doch hatte der Verfasser hier schon frühzeitig seine warnende Stimme erhoben und seine Bedenken gegen diese Ansiedlung ausgesprochen. Vergessen wir ferner nicht, daß die Fortschritte der Waffentechnik so außerordentliche sind, daß der heutige Schütze dem Wild unter ganz anderen Bedingungen nachstellt, wie der Jäger vor einem halben oder einem Vierteljahrhundert. Aber nicht der einzelne sportliche oder wissenschaftliche Jäger, – ihm verdanken wir fast ohne Ausnahme die erste Kunde, die Kenntnis vieler Bewohner der Wildnis aus dem Tierreiche! – nicht der Mann, der so unsere Aufmerksamkeit erst auf die fremde Fauna lenkt, darf als der Vernichter exotischer Faunen betrachtet werden, sondern all die machtvollen Verhältnisse zusammengenommen, die den Fortschritt der Zivilisation allerorten ausmachen. War doch eine völlige Ausrottung des ostafrikanischen Wildes allen Ernstes von ärztlicher Seite bereits in Anregung gebracht worden, um hierdurch der Tsetsefliege oder andern Schädlingen beizukommen, die Krankheiten vom Wilde auf das zahme Vieh übertragen können. Und das, bevor man mit Sicherheit sagen kann, ob diese Erreger nicht auch von einer Anzahl sehr kleiner und unausrottbarer Tiere aus übertragen werden können!! – Wir haben zunächst die Aufgabe, die fremden Faunen genau kennen zu lernen. Dazu müssen wir Material herbeischaffen, das unseren wissenschaftlichen Instituten das Studium jener fremden Tierwelt ermöglicht, das ihnen gestattet, weiten Kreisen eine Anschauung von all den reichen Schätzen zu geben und dadurch Liebe und Verständnis im Herzen der ausziehenden Kulturpioniere zu erwecken. Gleichzeitig müssen wir auf ausführbare Schutzmaßregeln sinnen. Das ist ein weites Feld der Arbeit. Der Jäger muß einen vernünftigen Tierschutz in die Hand nehmen. Dieser Schutz muß den andersartigen Verhältnissen angepaßt sein, die die weiten exotischen Jagdgründe aufweisen und darf nicht von heimischen Gesichtspunkten allein betrachtet werden. Nicht damit ist es getan, über die Ausrottung der Tierwelt zu wehklagen, auch nicht damit, dem einzelnen Jäger seine Jagdfreude zu unterbinden, sondern nur dadurch kann Ersprießliches erreicht werden, daß alle ins Ausland reisenden Europäer ihre Erfahrungen austauschen, Material sammeln und sich nach Kräften bemühen, in gemeinsamer Arbeit Maßregeln zu ersinnen, die der drohenden Vernichtung tunlichst Einhalt gebieten. Das ist ein großes und schönes Ziel. – Die internationale Wildschutzkonferenz, welche schon 1900 von den in Afrika interessierten Großmächten nach London zusammenberufen worden war, um gewisse Grundlagen zur Schonung und Erhaltung der afrikanischen Tierwelt zu schaffen, und zu der der Verfasser als Sachverständiger seitens der deutschen Regierung entsandt war, hatte bereits eine Anzahl dahin zielender Bestimmungen getroffen, welche je nach Lage der Verhältnisse in den einzelnen Teilen Afrikas ausgebaut und ergänzt werden sollten. Leider sind diese Beschlüsse in der Folge entgegen dem Wunsche einiger Großmächte niemals ratifiziert worden. Seit jener Zeit sind die Hoffnungen, es könnten auf internationaler Basis zweckmäßige Schutzbestimmungen eingeführt werden, nicht erfüllt worden. Möchten sich diese Hoffnungen Der Verfasser bittet, ihm möglichst viel authentisches Material über Tiervernichtung und Ausrottung in Afrika wie auch in andern Weltteilen (und auch in der Heimat!) zugänglich zu machen. Für alle diesbezüglichen Mitteilungen ist er im Interesse der Sache sehr dankbar. Zuschriften wären an mich unter der Adresse meines Herrn Verlegers zu richten und werden auf Wunsch streng vertraulich behandelt. in einer nahen Zukunft dennoch erfüllen, ehe es zu spät ist! – 34. Endwort Langsam und sicher schreitet die Erforschung, schreitet die Aufschließung der entlegensten Länder des Erdballes fort. Vor nicht vielen Monden sind wieder einige der letzten Bollwerke gefallen, das altehrwürdige Institutionen aufgerichtet hatten und das Naturgewalten schirmten, die keinem Angehörigen der modernen Kulturwelt zugänglich waren: das sagenumwobene Tibet mußte den Briten seine Pforten öffnen, die Pole wurden bezwungen. – So wußte das seit uralten Zeiten kulturdurchflutete Asien länger noch einen der eindringenden modernen Zivilisation gegenüber unzugänglichen Hort sich zu bewahren, wie der noch vor kurzen Jahrzehnten so undurchforschte schwarze Erdteil, und Asien und Afrika überraschten in letzter Stunde noch die zoologische Wissenschaft mit je einem erst in unseren Tagen bekannt gewordenen, großen Säugetier, von dessen Existenz niemand etwas ahnte: Asien mit dem eigentümlichen Budorcas taxicolor Hodgs . – der seltsamen »Gnuziege« – Afrika aber mit dem zebragroßen Okapi Sir H. H. Johnston, der frühere Gouverneur des Ugandaprotektorates und glückliche Entdecker dieses – 1919 zum allerersten Male lebend in Antwerpen gezeigten – zebragroßen, merkwürdigen, in den zentralafrikanischen Wäldern lebenden Geschöpfes, ist der Verfasser der Vorrede der englischen Ausgabe von »Blitzlicht und Büchse«. In England erschienen meine Bücher bei Hutchinson u. Co. London, in den U. S. bei Doubleday, Page a. Co. , Newyork. Die bei Harper's in Newyork erschienene Ausgabe ist dagegen vom Verfasser nicht autorisiert und völlig fehlerhaft. – ! Gibt es aber im schwarzen Erdteil große geographische Rätsel nicht mehr zu lösen, so harren dafür der Forschung dort ungezählte und schwierigste Fragen auf allen Gebieten der Wissenschaft, besonders aber der zoologischen Wissenschaft. Niemand vermag dies besser zu verstehen und zu begreifen, als der Wanderer, der jahrelang dort drüben in der Wildnis lebte und, wenn auch mit bescheidenen Kräften, so doch mit Hingebung bestrebt war, den weiten, verschwiegenen Steppen, den Sümpfen und Urwäldern Geheimnisse abzuringen, die bis dahin menschlichen Augen verborgen waren ... Eile tut not, hier zu erforschen und für die Nachwelt zu retten: denn unter dem Hauche der Kultur schwinden manche eingeborene Völker, schwindet ihre Sitte und Eigenart, schwindet die ursprüngliche Tierwelt mit unheimlicher Schnelle. Ungeahnte Bahnen wandelt der Mensch unserer Tage, derselbe Mensch, der, wo er zur gleichen Stunde noch hier und da im Urzustand lebt, noch immer mit den Riesen der Tierwelt im Kampfe liegt. Immer mehr vergeistigt er sich und alles, was ihn betrifft. Aber kraft dieser Erkenntnis sollte er nicht vorschnell, allzu vernichtend eingreifen in die ursprüngliche Harmonie der Natur. Die Tendenz dieses Buches ist in kurzen Worten: Tunlichster Schutz den Naturdenkmälern, Schutz dem auf diesem Gebiete Althergebrachten, Liebgewordenen und mit der Volksseele Verwachsenen! – Dies fordern heute unsere Besten im In- und Auslande! Und nicht nur ideale Gesichtspunkte, nein, auch kühl wägender, nüchterner Verstand, vor allem auch ein Blick in die Zukunft sollte uns lehren, die Natur nicht mehr zu veröden, als es unbedingt im Kampfe ums Dasein erforderlich ist. Alle unsere »Naturdenkmäler« bedürfen des Schutzes. Den Schutz der Tierwelt aber, die uns hier beschäftigte, sollte der Jäger in der ganzen Welt im weitesten Sinne in die Hand nehmen. Ihm zunächst erwächst die Pflicht, nicht nur nach rechnerischen Gesichtspunkten allein zu handeln: ist doch beispielsweise deutsches Weidwerk ein Symbol der Liebe zur Scholle, zum Vaterlande im engeren, zur schönen herrlichen Natur im weiteren Sinne. Das aber kann und darf nicht das bewußte, das beabsichtigte Ziel sein, dem wir zusteuern: Völlige Vernichtung zahlreicher, formschöner Tierarten der übermäßigen Vermehrung einiger weniger »Nutzwildarten« halber! Wer die erschreckende Liste der – vielfach nur so genannten – »schädlichen«, Jahr für Jahr in Deutschland abgeschossenen und gefangenen Tierarten durchgeht, muß sich betrüben über die Vernichtung so vielen tierischen Lebens, das einen Schmuck der heimischen Fluren bildete, eine Vernichtung, die leider zuweilen noch in übergroßem Umfang durch Gewährung von Prämien an die Schützen belohnt wird Im Winter 1919/20 zahlt der Pelzhandel in Leipzig bereits 300 Mark und mehr für den Balg eines deutschen Fuchses oder Marders. ! Die freie Natur darf nicht allein dem Jäger gehören; er sollte vielmehr als ihr Verwalter den Millionen von Naturfreunden Rechenschaft schuldig sein, über die Erhaltung jenes prächtigen Kunstwerkes der Natur, der Fauna und Flora des Vaterlandes in ihrer Gesamtheit ! Möge das ursprüngliche, »wilde« Revier, in dem jener Hauch ursprünglicher Frische weht, jener Hauch des wundervollen tertiären Tierparadieses, der mich unter dem Zeichen des Eleléscho lehrte, wie schön und reich auch im Vaterlande die Urwildnis einst gewesen sein muß, noch lange erhalten bleiben ! – – – Es ist ein merkwürdig Ding um dieses Weberschifflein des Lebens, das heute vielgestaltige Form den Elementen gibt, die morgen bereits zum All zurückkehren, um immer neue Formen anzunehmen. Der Kampf mit den Riesen der Tierwelt hat den Menschen durch die Jahrtausende in Atem gehalten; heute hat er sie beinahe vernichtet. Nun kämpft er mit derselben Kraft gegen die Zwerge , die ihm oder seinen Nutztieren und Pflanzen Krankheiten bringen, jene unsichtbaren Lebewesen, die schlimmer noch, wie die großen Raubtiere in alter Zeit, ihm schaden und ihn gefährden. Auch sie versucht er nun völlig auszuschalten. Ob er auf die Dauer ohne diesen Kampf wird bestehen können – ob er gerade dieses Kampfes nicht bedarf um stark, schön, gesund zu bleiben, ob nicht der Mensch einen Pyrrhussieg hier nach ewigen Schicksals-Walten erkämpfen muß – wer vermöchte das, in die Jahrtausende, die Jahrhunderttausende vorausschauend, mit Sicherheit zu verkünden ...   Es drängt mich, an dieser Stelle der afrikanischen Getreuen zu gedenken, die als meine Begleiter Freud und Leid tausendfach mit mir geteilt haben. Kaum einen einzigen Mann fand ich nicht immer wieder mit Freuden bereit, mit mir eine neue Reise ins ferne Innere anzutreten, und die große Mehrzahl waren mir treu ergebene und dankbare Diener und Gehilfen. Meines braven und getreuen Präparator Wilhelm Orgeich aber muß ich hier besonders gedenken. Auch die sollen für mich nicht vergessen sein, die in meinem Dienst ihr Leben ließen und deren Gebeine unter der Äquatorsonne bleichen ... ... Die Jahre, die ich drüben verlebte, tauchen vor meinem Geiste auf als Tausende von Stunden höchsten, freudigsten Genusses, weil höchster und größter Anspannung aller Kräfte. Durchflutet von Licht und Sonnenschein, – geheimnisvoll von Mondschein durchwebt, liegt die Steppe vor meinen inneren Blicken, erfüllt vom Leben und Weben ursprünglicher Kraft. Seine besten Kräfte hat der Wanderer vielleicht der Nyika und ihrem Klima – wie so viele andere – geopfert. Mit magischer Kraft zieht es und lockt es aber den in die zivilisierte Welt Zurückgekehrten täglich und stündlich zurück in die herrliche, unendliche, unvergeßliche – einst deutsche – Masai-Nyika! – – – Den weitesten Kreisen und vor allem der heranwachsenden Jugend möchte ich, wie schon eingangs gesagt, dies Buch in die Hände legen. Der eine oder andere meiner Leser wird vielleicht, selbst eines Tages in fernen Landen weilend, der Stunden gedenken, in denen ihn »Blitzlicht und Büchse« im Geiste in die einsame Wildnis führte. Ich würde mich freuen, wenn mir dann Nachricht und Kunde würde, daß dieser oder jener dasjenige, was ich hier zu schildern versuchte, empfand: Den Zauber der herrlichen Urwildnis, den Zauber des Eleléscho! –   Über die von Herrn Professor C. G. Schillings in Ostafrika gesammelten Vogelarten nebst einem Mahnruf zum Schutz der afrikanischen Vogelwelt. Vom Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. A. Reichenow. Zweitem Direktor des Zoologischen Museums in Berlin. Die von Herrn Prof. C. G. Schillings hauptsächlich gelegentlich seiner drei letzten nach Ostafrika unternommenen Reisen zusammengebrachte und bereits teilweise dem Königlichen Museum für Naturkunde in Berlin geschenkweise überlassene Vogelsammlung Mittlerweile ist auch der Rest der Sammlung in den Besitz des Staates übergegangen. umfaßt weit über l000 Bälge in 355 Arten und ist eine der umfangreichsten, die jemals in jenen Ländern veranstaltet worden ist . Leder gingen dem Reisenden außer den hier aufgeführten noch eine Anzahl von Bälgen – gegen 350 Stück – während des Versandes nach Europa verloren. Eine größere Anzahl sind durch ihn zum erstenmal für das bereiste Gebiet nachgewiesen, andere Arten waren bisher nur in einem oder wenigen Stücken bekannt. Außer sechs neuentdeckten Arten, wie z. B. der große Geier: Pseudogyps africanus schillingsi Erl ., den der verstorben Afrikaforscher Freiherr C. von Erlanger beschrieben hat, Ploceus schillingsi Rchw . usw., sammelte Professor Schillings auch viele Arten, wie die Finkenmeise, Parus fringillinus und andere, die bisher nur in einem oder wenigen Stücken bekannt waren und besonders wertvolle Altersstufen u. a. von Anatiden und Frankolinen. Wie sich aus der vorstehenden Aufzählung ergibt, ist die Anzahl der von Herrn Prof. Schillingz gesammelten und beobachteten Vogelarten im Verhältnis zur Gesamtzahl der aus Ostafrika bekannten Arten eine recht bedeutende, da man berücksichtigen muß, daß sich die Forschungen nur auf einen kleinen Teil Deutsch-Ostafrikas beschränkt haben. Aus dem ganzen Schutzgebiet, das Faunengebiete sehr verschiedenen Gepräges umfaßt, kennen wir gegenwärtig etwa 800 Vogelarten. Diese Zahl wird sich allerdings noch wesentlich durch fernere Untersuchungen erhöhen; denn die ornithologische Erforschung Deutsch-Ostafrikas kann noch lange nicht als abgeschlossen betrachtet werden, weite Landstrecken sind noch gänzlich unerforscht. Leider ist der Vogelbestand zuweilen auch dort, wo man noch einer jungfräulichen Natur zu begegnen wähnt, schon bedroht. Auch in Deutsch-Ostafrika machen sich stellenweise schon die Folgen menschlicher Vernichtungswut bemerkbar, und es möge deshalb an dieser Stelle eine Mahnung um Schutz und Erhaltung der hochinteressanten Vogelwelt des Schutzgebietes Raum finden . Allenthalben werden gegenwärtig in unserem Vaterlande Maßnahmen zur »Erhaltung der Naturdenkmäler« getroffen. In manchen Fällen haben wir leider zu spät einsehen gelernt, wohin unnachsichtige Verfolgung der Tierwelt führt, wie unsere Wälder und Auen ihres schönsten Schmuckes beraubt werden. Das sollte eine Warnung und Mahnung sein, rechtzeitig Vorbeugungsmaßnahmen gegen die Ausrottung der Vogelwelt in unseren Schutzgebieten zu treffen. Für Vögel, die eine weite Verbreitung und die Möglichkeit haben, während ihrer Brutzeit den Nachstellungen sich zu entziehen und im verborgenen ihre Brut aufzuziehen, ist die Gefahr der Vernichtung nicht vorhanden, weil die starke Vermehrung auch ausgedehnte Nachstellungen auszugleichen vermag. Aber Arten mit beschränkter Verbreitung und von auffallendem Aussehen, das ein Verbergen beschränkt, oder solche Vogelarten, die nicht verborgen und in einzelnen Pärchen, sondern in Kolonien beisammen nisten, sind bei unnachsichtiger Verfolgung der Vernichtung preisgegeben. Das betrifft insbesondere in Neuguinea die Paradiesvögel, in Ostafrika wie in anderen ostafrikanischen Gebieten die Schmuckreiher. Mehrfach schon haben Kundige darauf aufmerksam gemacht, daß auch an der deutsch-ostafrikanischen Küste den Schmuckreihern zu Zwecken des Federhandels derart nachgestellt wird, daß diese Vögel stellenweise bereits ihrem Aussterben entgegengehen. Die Reiher tragen ihre Schmuckfedern, derenwegen sie der Verfolgung ausgesetzt sind, nur während der Brutzeit , werden also gerade während der Brut geschossen. Da sie in Kolonien beisammen nisten, sind ihre Brutplätze leicht zu erkunden, und mit jedem getöteten Reiherpaar wird selbstverständlich auch dessen Brut vernichtet, die der Ernährer beraubt elendiglich verhungern muß . Wie leicht Kolonienbrüter vernichtet werden können, beweisen die an den deutschen Küsten innerhalb weniger Jahrzehnte ausgerotteten Kormorane, deren es vor 30 Jahren noch Kolonien von Hunderten von Paaren gab, deren dürftige Reste heute aber als »Naturdenkmäler« unter obrigkeitlichen Schutz gestellt werden sollen. In absehbarer Zeit wird es den Schmuckreihern in Ostafrika wie leider auch anderwärts ebenso ergehen, wenn nicht bald Schutzmaßregeln getroffen werden. Möge die Mahnung an maßgebender Stelle rechtzeitige Beachtung finden! Einige Worte über die von Herrn Prof. C. G. Schillings in Ostafrika gesammelten Säugetiere nebst einem Mahnruf zum Schutz der afrikanischen Tierwelt. Von Professor Paul Matschie . Kustos am Zoologischen Museum in Berlin. Es ist eine sehr betrübende Tatsache, daß in vielen Gegenden Ostafrikas der Wildbestand in bedrohlicher Weise abnimmt. In erster Reihe werden aber davon solche Gebiete betroffen, die der Zivilisation erschlossen werden. In der Nähe derjenigen Orte, wo sich Europäer in größerer Zahl angesiedelt haben, verschwindet selbstverständlich das Schalenwild verhältnismäßig schnell, weil man ihm seine Zufluchtsstätten nimmt und weil es dort zu sehr beunruhigt wird. Auch die von regelmäßig besuchten Karawanenstraßen durchschnittenen Gebiete erleiden eine merkbare Einbuße in ihrem Wildbestande, zumal da, wo die Expeditionsführer so viele Antilopen abschießen lassen, daß mit dem Fleisch ein schwunghafter Tauschhandel zur Erlangung der für die Träger nötigen Vegetabilien getrieben werden kann. Dazu kommt das törichte Vorgehen schießwütiger, auch europäischer , Unholde, die aus dem Verkauf von Elefantenzähnen, von Rhinozeroshörnern, von Gehörnen und Fellen ihren Beutel füllen und in unsinniger Mordlust ganze Herden edlen Wildes vernichten. Die Engländer haben aus der Geschichte gelernt. Sie wissen, daß Südafrika seine herrlichen Wildbestände durch die Unvernunft der Europäer binnen 50 Jahren fast ganz verloren hat und suchen ein ähnliches Unheil von ihren Besitzungen im Osten des Erdteiles abzuwehren dadurch, daß sie vernünftige Jagdgesetze geschaffen haben. Man sollte sich überall in Afrika die englischen Wildschutzverordnungen zum Vorbild nehmen. Weshalb sorgt man nicht dafür, daß der Bestand des Wildes geschützt wird? Wer bestrebt ist, die Naturdenkmäler – und dazu gehört auch das Wild – zu erhalten und die für den Haushalt des Menschen wertvollen Fleischtiere für die wirtschaftliche Verwertung zu bewahren, der muß zunächst einmal sicher wissen, welche Arten er schützen will und wie diese Arten leben, damit er einen möglichst wirksamen Schutz darbieten kann. Dazu ist es nötig, daß Zoologen sich mit der Erforschung der Tierwelt beschäftigen; auf ihren Untersuchungen muß weitergebaut werden, damit die Hege des Wildes in die rechten Bahnen geleitet werden kann. In englischen Kolonien geschieht in diesen Beziehungen bemerkenswertes und Schillings' Bestrebungen haben namentlich auch in England und in Amerika bei dem Präsidenten Theodore Roosevelt sehr warmen Widerhall und Anerkennung gefunden. Derartige Arbeiten sind nur in großen Museen möglich, wo die Gelegenheit geboten wird, die in fernen Ländern zusammengebrachten Tiere mit vielen ähnlichen in anderen Gegenden gesammelten zu vergleichen und ihre besonderen Merkmale festzustellen. Erst dann kann man ergründen, wie weit eine jede Art verbreitet ist, ob sie überall in ihrem Verbreitungsgebiet die gleichen Merkmale zeigt oder vielmehr in einer größeren oder geringeren Anzahl von geographischen Rassen vorkommt, wie sie lebt und welche Bedeutung sie vielleicht für den Menschen gewinnen wird; erst dann kann man die nötigen Hinweise für eine planmäßige Fortsetzung der begonnenen Durchforschung des Landes den draußen wirkenden Sammlern geben, um die vorhandenen Lücken unserer Kenntnis auszufüllen. Prof. Schillings hat seine Ausbeute in großherziger Weise der wissenschaftlichen Bearbeitung zur Verfügung gestellt und dafür gesorgt, daß der beträchtlichste Teil seiner Sammlungen in großen Museen aufbewahrt bleibt. Namentlich das Berliner Zoologische Museum, aber auch die Museen in Stuttgart, München, Wien, Karlsruhe u. a. sind reichlich beschenkt worden, haben eine sehr bedeutende Vermehrung durch diese wertvollen Schätze erfahren und sind um eine ganze Reihe großer afrikanischer Säugetiere bereichert worden. Wer vor einer ausgestopften Giraffe oder einem ausgestopften Nashorn in einem solchen Museum steht, kann sich nur schwer einen Begriff davon machen, welche Schwierigkeiten besiegt werden mußten, ehe ein solches Riesentier seinen Platz in einer öffentlichen Sammlung einnehmen konnte. Weit im Innern von Ostafrika, zwischen dem Kilimandscharo und den zum Viktoria-Nyanza abwässernden Gebieten gelang es dem Sammler nach mühevoller, oft sehr gefährlicher Jagd das Wild zur Strecke zu bringen. Nun werden die Träger und Präparatoren herbeigeholt; sie mußten mehrere Stunden laufen, um zu dem erlegten Wilde zu gelangen. Zahlreiche Neger waren tätig, um das Fell abzuziehen, um es vom Fett zu reinigen, so dünn zu schneiden, daß es fortgeschafft werden kannte, und mit den jede Fäulnis verhindernden Mitteln zu behandeln. Auch der Schädel und das Knochengerüst müssen von den Fleischteilen möglichst gereinigt werden. Mit diesen Arbeiten ist die ganze Karawane mehrere Tage hindurch beschäftigt. Dann tritt eine ebenso schwere Sorge an den Sammler heran, die Versendung der Beute nach Europa. Die gewaltige Last muß durch Menschenhände auf schlechten Wegen, oft durch Sümpfe und unwegsames Dickicht, über zahlreiche Wasserläufe hinweg zur Küste geschafft werden. Feuchtigkeit und schädliche Kerbtiere bedrohen täglich die kostbare Beute. Mehrere Wochen vergehen unter beständiger Unruhe und Sorge, bis endlich das Ziel erreicht ist. So werden wir begreifen, daß jede große Haut eines Huftieres, ehe sie den kunstfertigen Präparatoren eines Museums überliefert wird, eine gewaltige Menge an Mühen und Gefahren und einen beträchtlichen Kostenaufwand erfordert. Schillings hat nun nicht nur ein einziges solches großes Tier nach Europa gebracht, sondern es ist ihm gelungen, mehrere Giraffen, Büffel, Nashörner, Elefanten, eine ganze Anzahl großer Antilopen und ein nach vielen Hunderten zählendes Material von Fellen und Bälgen, wie auch Skeletten aller Art, in gut konservierten Stücken den Museen zu übergeben . Durch seine Tätigkeit ist es möglich geworden, festzustellen, daß diese großen Huftiere im Masailande und am Kilimandscharo wesentlich anders aussehen, als in anderen Gegenden Afrikas, daß alle diese Gattungen nicht in einer einzigen Art vom Kap bis zur Sahara verbreitet sind, sondern daß sie Merkmale zeigen, die nur den in einer bestimmten Gegend lebenden Exemplaren eigentümlich sind. Ich habe feststellen können, daß sogar innerhalb Deutsch-Ostafrika die Giraffe in mehreren Arten auftritt. Schillings hat zwei verschiedene Formen gesammelt; die eine lebt östlich vom Kilimandscharo, die andere bewohnt das Gebiet des Pangani. Eine von ihnen trägt jetzt den Namen des Entdeckers, Giraffa schillingsi . Noch immer ist die sorgfältige Durcharbeitung der von Prof. Schillings gemachten Sammlungen nicht ganz vollendet. Es läßt sich aber jetzt schon voraussehen, daß alle im Panganigebiet erbeuteten Tiere von denen des Masaigebietes unterschieden werden können. Zwischen dem Kilimandscharo und der Küste lebt ein anderer Pavian, ein anderer Löwe, ein anderes Zebra, ein anderer Büffel usw. als in den Masailändern. Diese Feststellung ist von großer Wichtigkeit, und Prof. Schillings hat sich dadurch ein erhebliches Verdienst um die Wissenschaft erworben. Neuere Untersuchungen haben sogar mit Sicherheit erwiesen, daß z. B. die Kuhantilopen, welche Schillings heimgebracht hat, am oberen Pangani wesentlich anders aussehen, als an den Ndjiri-Sümpfen nördlich des Kilimandscharo, und wieder anders am Natron-See und wieder anders am Athi-Flusse. Ähnliches gilt für die Zwerggazelle und die Riesengazelle und wahrscheinlich auch für viele andere Gattungen. Es hat sich herausgestellt, daß zwischen dem Rowuma und Wami, zwischen der Küste und den größeren Seen eine ganze Anzahl kleinerer Gebiete unterschieden werden muß, deren jedes besondere klimatische Verhältnisse zeigt und eine ihm eigentümliche Tierwelt aufweist. In jedem sind der Büffel, die Giraffe, der Elefant und sämtliche Antilopen durch besondere Merkmale ausgezeichnet. Im Masailande sieht z. B. jede Art von Schalenwild etwas anders aus als im Süden des Schutzgebietes. Man kann aus der Gestalt eines Büffelgehörns mit Sicherheit erkennen, ab der Büffel vom Rowuma, vom Pangani, aus dem Masailande, vom Nyassa oder Nyanza herstammt. Auch von vielen Antilopen kennt man schon solche Rassen, deren Merkmale nicht nur in der Färbung und im Aufbau des Gehörns hervortreten, sondern sich auch in der Gestalt, im Knochenbau, im Schädel und in der Lebensweise ausprägen. In ähnlicher Weise wie die Menschen sind auch die Säugetiere in zahlreiche Stämme verteilt, die sich durch deutliche Merkmale unterscheiden. Wenn man die Liste der von dem Reisenden gesammelten Säugetiere betrachtet, ja fällt sofort die ansehnliche Zahl der erbeuteten Arten auf. Prof. Schillings hat mehr verschiedene Formen gesammelt als irgendein anderer Reisender vor ihm. Es ist ihm gelungen, fast drei Viertel derjenigen Arten zu sammeln, die für das Gebiet zu erwarten waren. Durch seine Forschungen sind mehrere Gattungen in Deutsch-Ostafrika und in seiner nächsten Umgebung festgestellt worden, die bis dahin dort nicht vermutet worden sind. Großes Aufsehen erregte die Erlangung einer gestreiften Hyäne, die zwar schon von mehreren Reisenden vermutet, aber noch niemals gesammelt worden war. Es ist die von mir beschriebene Hyaena schillingsi . Schon im Jahre 1896 in einem einzigen, leider damals nicht konservierten Exemplare von Schillings erbeutet, besitzt das Museum für Naturkunde heute eine ganze Reihe Felle und Schädel dieses Tieres, die der Reisende in den Jahren 1899/1900 in den Masaihochländern einsammelte. Auch eine neue Bergantilope, ein Klippspringer, befindet sich unter den Sammlungen; Prof. Oscar Neumann gab diesem Tiere den Namen Oreotragus schillingsi Neum. – Buffelus schillingsi Mtsch. (der Pangani-Büffel), Bubalis schillingsi Mtsch. et Zukowsky (Schillings' Kuhantilope) und die Zwerggazellen: Eudorcas schillingsi, E. ndjiriensis und E. sabakiensis Kottnerus-Meyer sind weitere durch Prof. Schillings neu aufgefundene Arten. So bieten seine Sammlungen eine Fülle der interessantesten Entdeckungen. Ich wünschte nur, daß auch in anderen Ländern Afrikas in ähnlicher Weise gesammelt würde!